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Ludwig Bechstein
Bechsteins schönste Märchen
Märchen - Tiergeschichten
Saga
Bechsteins schönste MärchenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1845, 2020 Ludwig Bechstein und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726692846
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Ludwig Bechstein Der Schmied von Jüterbog.
Im Städtchen Jüterbog hat einmal ein Schmied gelebt, von dem erzählen sich die Kinder und Alten ein wundersames Märlein. Es war dieser Schmied erst ein junger Bursche, der einen sehr strengen Vater hatte, aber treulich Gottes Gebote hielt. Er machte grosse Reisen und erlebte viele Abenteuer, dabei war er in seiner Kunst über alle Massen geschickt und tüchtig. Er hatte eine Stahltinktur, die jeden Harnisch undurchdringlich machte, welcher damit bestrichen wurde. Er gesellte sich dem Heere Kaiser Friedrichs 1. zu, wo er kaiserlicher Rüstmeister wurde und den Kriegszug nach Mailand und Apulien mitmachte. Dort eroberte er den Heer- und Bannerwagen der Stadt und kehrte endlich, nachdem der Kaiser gestorben war, mit vielem Reichtum in seine Heimat zurück. Er sah gute Tage, dann wieder böse, und wurde über hundert Jahre alt. Einst sass er in seinem Garten unter einem alten Birnbaum, da kam ein graues Männlein auf einem Esel geritten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes Schutzgeist bewiesen hatte. Dieses Männlein herbergte bei dem Schmied und liess den Esel beschlagen, was jener gern tat, ohne Lohn zu fordern. Darauf sagt das Männlein zu Peter, dem Schmied, er solle drei Wünsche tun, aber dabei das Beste nicht vergessen. Da wünschte der Schmied, weil die Diebe ihm oft die Birnen gestohlen, es solle keiner, der auf den Birnbaum gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter können — und weil er auch in der Stube öfters bestohlen worden war, so wünschte er, es solle niemand ohne seine Erlaubnis in die Stube kommen können, es wäre denn durch das Schlüsselloch. Bei jedem dieser törichten Wünsche warnte das Männlein: „Vergiss das Beste nicht!“ und da tat der Schmied den dritten Wunsch: „Das Beste ist ein guter Schnaps, so wünsche ich, dass diese Pulle niemals leer werde!“ — „Deine Wünsche sind gewährt,“ sprach das Männlein, strich noch über einige Stangen Eisen, die in der Schmiede lagen, mit der Hand, setzte sich auf seinen Esel und ritt von dannen. Das Eisen war in blankes Silber verwandelt. Der vorher arm gewordene Schmied war wieder reich und lebte fort und fort bei gutem Wohlsein; denn die nie versiegenden Magentropfen in der Pulle waren, ohne dass er es wusste, ein Lebenselixier. Endlich klopfte der Tod an, der ihn solange vergessen zu haben schien. Der Schmied war scheinbar auch gern bereit, mit ihm zu gehen, und bat nur, ihm ein kleines Labsal zu vergönnen und ein paar Birnen von dem Baum zu holen, den er nicht selbst mehr aus grosser Altersschwäche besteigen könne. Der Tod stieg auf den Baum, und der Schmied sprach: „Bleib droben!“ denn er hatte Luft, noch länger zu leben. Der Tod frass alle Birnen vom Baum, dann musste er fasten, und vor Hunger verzehrte er sich selbst mit Haut und Haar, daher ist er jetzt nur noch ein so scheusslich dürres Gerippe.
Auf Erden aber starb niemand mehr, weder Mensch noch Tier, darüber entstand viel Unheil, und endlich ging der Schmied hin zum klappernden Tod und kam mit ihm überein, dass er ihn fürder in Ruhe lasse, dann liess er ihn los. Wütend floh der Tod von dannen und begann auf Erden aufzuräumen. Da er sich an dem Schmied nicht rächen konnte, so hetzte er ihm den Teufel auf den Hals, dass dieser ihn hole. Dieser machte sich flugs auf den Weg, aber der pfiffige Schmied roch den Schwefel voraus, schloss seine Tür zu, hielt mit den Gesellen einen ledernen Sack an das Schlüsselloch, und wie Herr Urian hindurchfuhr, da er nicht anders in die Schmiede konnte, wurde der Sack zugebunden, zum Ambos getragen, und nun ganz unbarmherzig mit den schwersten Hämmern auf den Teufel losgepocht, dass ihm Hören und Sehen verging, und er ganz mürbe wurde und das Wiederkommen auf immer verschwur. Nun lebte der Schmied noch gar lange Zeit in Ruhe, bis er, wie alle Freunde und Bekannte gestorben war, des Erdenlebens satt und müde wurde. Er machte sich deshalb auf den Weg und ging nach dem Himmel, wo er bescheiden ans Tor klopfte. Da schaute der heilige Petrus herfür, und Peter, der Schmied, erkannte in ihm seinen Schutzpatron und Schutzgeist, der ihn oft aus Not und Gefahr sichtbar errettet und ihm zulegt die drei Wünsche gewährt hatte. Jetzt sprach Petrus: „Hede dich weg, der Himmel bleibt dir verschlossen; du hast das Beste zu erbitten vergessen: die Seligkeit!“ — Auf diesen Bescheid wandte sich Peter um und gedachte, sein Heil in der Hölle zu versuchen, und wanderte wieder abwärts, fand auch bald den rechten, breiten und vielbegangenen Weg. Als aber der Teufel erfuhr, dass der Schmied von Jüterbog im Anzuge sei, schlug er ihm das Höllentor vor der Nase zu und setzte die Hölle gegen ihn in Verteidigungsstand. Da nun der Schmied von Jüterbog weder im Himmel noch in der Hölle Zuflucht fand, und es ihm auf Erden nimmer gefallen wollte, so ist er hinab in den Kyffhäuser gegangen zum Kaiser Friedrich, dem er einst gedient. Der alte Kaiser, sein Herr, freute sich, als er seinen Rüstmeister kommen sah und fragte i ihn gleich, ob die Raben noch um den Turm der Burgruine Kyffhäuser flögen; als Peter das bejahte, da seufzte der Rotbart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der reitenden Fräulein beschlägt, bis des Kaisers Erlösungsstunde auch ihm schlagen wird. — Und das wird geschehen, nach dem Munde der Sage, wenn dereinst die Raben nicht mehr um den Berg fliegen, und auf dem Ratsfeld nahe dem Kyffhäuser ein alter, dürrer, abgestorbener Birnbaum wieder ausschlägt, grünt und blüht. Dann tritt der Kaiser hervor mit all seinen Rittern, schlägt die grosse Schlacht der Befreiung und hängt seinen Schild an den wieder grünen Baum. Hierauf geht er mit seinem Gesinde zur ewigen Ruhe.
Ludwig Bechstein, Muttergottesgläschen.
Es hatte einmal ein Fuhrmann seinen Karren festgefahren, der mit Wein schwer beladen war, so dass er ihn trotz aller Mühe nicht wieder losbringen konnte. Nun kam gerade die Mutter Gottes des Weges daher, und als sie die Not des armen Mannes sah, sprach sie zu ihm: „Ich bin müd’ und durstig, gib mir ein Glas Wein, ich will dir deinen Wagen freimachen.“ — „Gerne,“ antwortete der Fuhrmann, „aber ich habe kein Glas, worin ich dir den Wein geben könnte.“ Da brach die Mutter Gottes ein weisses Blümchen mit roten Streifen ab, das Feldwinde heisst und einem Glase sehr ähnlich sieht, und reichte es dem Fuhrmann. Er füllte es mit Wein, und die Mutter Gottes trank ihn, und in dem Augenblick war der Wagen frei, und der Fuhrmann konnte weiterfahren. Das Blümchen heisst noch immer Muttergottesgläschen.
Ludwig Bechstein. Der kleine Däumling.
Es war einmal ein armer Korbmacher, dem hatte seine Frau sieben Jungen geschenkt, und einer war immer kleiner als der andere, und der jüngste war bei seiner Geburt nicht viel über Fingers Länge, daher nannte man ihn Däumling. Zwar ist er hernach noch um etwas gewachsen, doch nicht gar zu sehr, und den Namen Däumling hat er behalten. Doch war es ein kluger und pfiffiger Knirps, der an Gewandtheit und Schlauheit seine Brüder in den Sack steckte.
Den Eltern ging es erst gar übel, denn Korbmachen und Strohflechten ist keine so nahrhafte Beschäftigung wie Semmelbacken und Kälberschlachten, und als vollends eine teure Zeit kam, wurde dem Korbmacher und seiner Frau himmelangst, wie sie ihre sieben Würmer sattmachen sollten, die alle mit äusserst gutem Appetit gesegnet waren. Da beratschlagten eines Abends, als die Kinder zu Bette waren, die beiden Eltern miteinander, was sie anfangen wollten, und fassten den Entschluss, die Kinder mit in den Wald zu nehmen, wo die Weiden wachsen, aus denen man Körbe flicht, und sie heimlich zu verlassen. Das alles hörte der Däumling an, der nicht schlief, wie seine Brüder, und schrieb sich die übeln Ratschläge der Eltern hinter die Ohren. Er grübelte auch die ganze Nacht, da er vor Sorgen doch kein Auge zutun konnte, wie er es machen sollte, sich und seinen Brüdern zu helfen.
Frühmorgens lief der Däumling an den Bach, suchte die Kleinen Taschen voll weisser Kiesel und ging wieder heim. Seinen Brüdern sagte er von dem, was er erhorcht hatte, kein Sterbenswörtchen. Nun machten sich die Eltern auf in den Wald, hiessen die Kinder folgen, und der Däumling liess einen Kieselstein nach dem andern auf den Weg fallen, das sah niemand, weil er als der Jüngste, Kleinste und Schwächste stets hintennach trottelte. Das kannten die Eltern schon nicht anders.
Im Walde machten sich die Eltern unvermerkt von den Kindern fort, und auf einmal waren sie weg. Als das die Kinder merkten, erhoben sie allzumal, Däumling ausgenommen, ein Zetergeschrei. Däumling lachte und sprach zu seinen Brüdern: „Heult und schreit nicht so jämmerlich! Wir wollen den Weg schon allein finden.“ Und nun ging Däumling voran und nicht hinterdrein, sichtete sich genau nach den weissen Kieselsteinchen und fand auch den Weg ohne alle Mühe.
Als die Eltern heimkamen, bescherte ihnen Gott Geld ins Haus; eine alte Schuld, auf die sie nicht mehr gehofft hatten, wurde von einem Nachbar an sie abbezahlt, und nun wurden Esswaren gekauft, dass sich der Tisch bog. Aber nun kam auch die Reue, dass die Kinder verstossen worden waren, und die Frau begann, erbärmlich zu schluchzen: „Ach, du lieber, allerliebster Gott! Wenn wir nur die Kinder nicht im Wald gelassen hätten! Ach, jetzt konnten sie sich dicksatt essen, und so haben die Wölfe sie vielleicht schon im Magen! Ach wären nur unsere lieben Kinder da!“ — „Mutter, da sind wir ja!“ sprach da ganz ruhig der kleine Däumling, der bereits mit seinen Brüdern vor der Tür angelangt war und die Wehklage gehört hatte, öffnete die Tür, und herein trippelten die kleinen Korbmacher — eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Die Freude war gross, dass die Kinder wieder da waren, und es wurde gelebt, dies ist armer Handarbeiter Gewohnheit.
Nicht gar lange währte es, so war in des Korbmachers Hütte Schmalhans wieder Küchenmeister, und an einem Kellermeister mangelte es überdies, und es erwachte anfs neue der Vorsatz, die Kinder im Walde ihrem Schicksal zu überlassen. Da der Plan wieder als lautes Abendgespräch zwischen Vater und Mutter verhandelt wurde, so hörte auch der kleine Däumling alles, das ganze Gespräch Wort für Wort, und nahm sich’s zu Herzen.
Am andern Morgen wollte Däumling aus dem Häuschen schlüpfen und Kieselsteine auflesen, aber o weh, da war’s verriegelt, und Däumling war viel zu klein, als dass er den Riegel hätte erreichen können; da gedachte er, sich anders zu helfen. Als er fortging zum Walde, steckte Däumling Brot ein und streute davon Krümchen auf den Weg, um ihn dadurch wiederzufinden.
Alles begab sich wie das erstemal, nur mit dem Unterschied, dass Däumling den Weg nicht fand, dieweil die Vögel alle Krümchen rein aufgefressen hatten. Nun war guter Rat teuer; und die Brüder machten ein Geheul in dem Walde, dass es zum Steinerbarmen war. Dabei tappten sie durch den Wald, bis es ganz finster wurde, und fürchteten sich über die Massen, bis auf Däumling, der schrie nicht und fürchtete sich nicht. Unter dem schirmenden Laubdach eines Baumes, auf weichem Moos, schliefen die sieben Brüder, und als es Tag war, stieg Däumling auf einen Baum, die Gegend zu erkunden. Erst sah er nichts als nur Waldbäume, dann aber entdeckte er das Dach eines kleinen Häuschens; merkte sich die Richtung, rutschte vom Baum herab und ging seinen Brüdern tapfer voran. Nach manchem Kampf mit Dickicht, Dornen und Disteln sahen alle das Häuschen durch die Büsche blicken und schritten guten Muts drauflos, klopften auch ganz bescheiden an die Tür an. Da trat eine Frau heraus, und Däumling bat gar schön, sie doch einzulassen, sie hätten sich verirrt und wüssten nicht wohin. Die Frau sagte: „Ach, ihr armen Kinder!“ und liess den Däumling mit seinen Brüdern eintreten, sagte ihnen aber auch gleich, dass sie im Hause des Menschenfressers wären, der besonders gern die kleinen Kinder frässe.
Das war eine schöne Zuversicht! Die Kinder zitterten wie Espenlaub, als sie dies hörten, hätten gerne lieber selbst zu essen gehabt und sollten nun statt dessen gegessen werden. Doch die Frau war gut und mitleidig, verbarg die Kinder und gab ihnen auch etwas zu essen. Bald darauf hörte man Tritte, und es klopfte stark an die Tür; das war kein anderer als der heimkehrende Menschenfresser. Dieser setzte sich an den Tisch zur Mahlzeit, liess Wein auftragen und schnüffelte, als wenn er etwas röche, dann rief er seiner Frau zu: „Ich wittere Menschenfleich!“ Die Frau wollte es ihm ausreden, aber er ging seinem Geruch nach und fand die Kinder. Die waren ganz hin vor Entsetzen. Schon wetzte er sein Messer, um die Kinder zu schlachten, und nur allmählich gab er den Bitten seiner Frau nach, sie noch ein wenig am Leben zu lassen und aufzufüttern, weil sie doch gar zu dürr seien, besonders der kleine Däumling. So liess der böse Mann und Kinderfresser sich endlich beschwichtigen. Die Kinder wurden zu Bett gebracht, und zwar in derselben Kammer, wo ebenfalls in einem grosse Bette Menschenfressers sieben Töchterlein schliefen, die so alt waren wie die sieben Brüder. Sie waren von Angesicht sehr hässlich, jede hatte aber ein goldenes Krönlein auf dem Haupte. Das alles war der Däumling gewahr geworden, machte sich ganz still aus dem Bette, nahm seine und seiner Brüder Nachtmützen, setzte diese Menschenfressers Töchtern auf und deren Krönlein sich und seinen Brüdern.
Der Menschenfresser trank viel Wein, und da kam ihn seine böse Luft wieder an, die Kinder zu morden, nahm sein Messer und schlich sich in die Schlafkammer, wo sie schliefen, um ihnen die Hälse abzuschneiden. Es war aber stockdunkel in der Kammer, und der Menschenfresser tappte blind umher, bis er an ein Bett stiess, da fühlte er nach den Köpfen der darin Schlafenden. Da fühlte er die sprach: „Halt da! Das sind deine Töchter. Bald hättest du, betrunkenes Schaf, einen Eselsstreich gemacht!“
Nun tappte er nach dem andern Bette, fühlte da die Nachtmüssen und schnitt seinen sieben Töchtern die Hälse ab, einer nach der andern. Dann legte er sich nieder und schlief seinen Rausch aus. Als der Däumling ihn schnarchen hörte, weckte er seine Brüder, schlich sich mit ihnen aus dem Hause und suchte das Weite. Aber wie sehr sie auch eilten, so wussten sie doch weder Weg nach Steg und liefen in der Irre herum voll Angst und Sorge, nach wie vor.
Als der Morgen kam, erwachte der Menschenfresser und sprach zu seiner Frau: „Geh und sichte die Krabben zu, die gestrigen!“ Sie meinte, sie solle die Kinder tun wecken und ging voll Angst um sie hinauf in die Kammer. Welch ein Schrecken für die Frau, als sie nun sah, was geschehen war; sie fiel gleich in Ohnmacht über diesen schrecklichen Anblick, den sie hatte. Als sie nun dem Menschenfresser zu lange blieb, ging er selbst hinauf, und da sah er, was er angerichtet hatte. Seine Wut, in die er geriet, ist nicht zu beschreiben. Jetzt zog er die Siebenmeilenstiefel an, die er hatte; das waren Stiefel, wenn man damit sieben Schritte tat, so war man eine Meile gegangen; das war nichts Kleines. Nicht lange, so sahen die sieben Brüder ihn von weitem über Berg und Täler schreiten und waren sehr in Sorgen; doch Däumling versteckte sich mit ihnen in die Höhlung eines grossen Felsens. Als der Menschenfresser an diesen Felsen kam, legte er sich darauf, um ein wenig zu ruhen, weil er müde geworden war, und bald schlief er ein und schnarchte, dass es war, als brause ein Sturmwind. Als der Menschenfresser so schlief und schnarchte, schlich sich Däumling hervor wie ein Mäuschen aus seinem Loch, zog ihm die Meilenstiefel aus und zog sie selber an. Zum Glück hatten diese Stiefel die Eigenschaft, an jeden Fuss zu passen wie angemessen und angegossen. Nun nahm er an jede Hand einen seiner Brüder, diese fassten wieder einander an den Händen, und so ging es, hast du nicht gesehen, mit Siebenmeilenstiefelschritten nach Hause. Da waren sie alle willkommen, Däumling empfahl seinen Eltern, ein sorglich Auge auf die Brüder zu haben, er wolle nun mit Hilfe der Stiefel selbst für sein Fortkommen sorgen, und als er das kaum gesagt, so tat er einen Schritt und war schon weit fort, noch einen, und er stand über eine halbe Stunde weit auf einem Berge, noch einen, und er war den Eltern und Brüdern aus den Augen.
So hat der Däumling mit seinen Siebenmeilenstiefeln sein Glück gemacht und viele grosse und weite Reisen, er hat vielen Herren gedient, und wo es ihm nicht gefallen hat, ist er spornstreichs weitergegangen. Kein Verfolger, zu Fuss noch zu Pferde, konnte ihn einholen, und seine Abenteuer, die er mit Hilfe seiner Stiefel bestand, sind nicht zu beschreiben.
Ludwig Bechstein. Das Tränenkrüglein.
Es war einmal eine Mutter und ein Kind, und die Mutter hatte das Kind, ihr einziges, lieb von ganzem Herzen und konnte ohne das Kind nicht leben und nicht sein. Aber da sandte der Herr eine grosse Krankheit, die wütete unter den Kindern und erfasste auch jenes Kind, dass es auf sein Lager sank und zu Tode erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte, weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kinde; aber es starb. Da erfasste die Mutter, die mi allein war auf der ganzen Gotteserde, ein gewaltiger und namenloser Schmerz, und sie ass nicht und trank nicht und weinte, weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören und rief nach ihrem Kinde. Wie sie nun so voll tiefen Leides in der dritten Nacht fass, an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Tür auf, und die Mutter schrak zusammen; denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Das war ein seliges Engelein geworden und lächelte süss wie die Unschuld und schön wie in Verklärung. Er trug aber in seinen Händchen ein Krüglein, das war schier übervoll. Und das Kind sprach: „Oh, lieb Mütterlein, weine nicht mehr um mich! Siehe, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du um mich vergossen hast; der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäss gesammelt. Wenn du nur noch eine Träne um mich weinest, so wird das Krüglein überfliessen, und ich werde dann keine Ruhe haben im Grade und keine Seligkeit im Himmel. Darum, o lieb Mütterlein, weine nicht mehr um dein Kind, denn dein Kind ist wohl aufgehoben, ist glücklich, und Engel sind seine Gespielen.“ Damit verschwand das tote Kind, und die Mutter weinte hinfort keine Träne mehr, um des Kindes Grabesruhe im Himmelsfrieden nicht zu stören.
Ludwig Bechstein Das Märchen vom Schlaraffenland.
Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher auswandern, wüsste er, wo es läge und eine gute Schiffsgelegenheit. Aber der Weg dahin ist weit für die Jungen und für die Alten, denen es im Winter zu heiss ist und zu kalt im Sommer. Diese schöne Gegend heisst Schlaraffenland, auf welsch Cucagna. Da sind die Häuser gedeckt mit Eierkuchen, und Türen und Wände sind von Lebkuchen und die Balken von Schweinebraten. Was man bei uns für einen Taler kauft, kostet dort nur einen Pfennig. Um jedes Haus steht ein Zaun, der ist von Bratwürsten geflochten und von bayrischen Würsteln, die sind teils auf dem Rost gebraten, teils frisch gesotten, je nachdem sie einer so oder so gern ist. Alle Brunnen sind voll Malvasier und anderer süsser Weine, auch Champagner. Die rinnen einem nur so in das Maul hinein, wenn man es an die Röhren hält. Wer also gern solche Weine trinkt, der beeile sich, dass er in das Schlaraffenland hineinkomme. Auf den Birken und Weiden wachsen frischgebackene Semmeln, und unter den Bäumen fliessen Milchbäche. In diese fallen die Semmeln hinein und weichen sich selbst ein für die, die sie gern einbrocken. Das ist etwas für Frauen und für Kinder, für Knechte und Mägde! Holla Gretel, holla Steffel! Wollt ihr nicht mit auswandern? Macht euch herbei zum Semmelbach und vergesst nicht, einen grossen Milchlöffel mitzubringen.
Die Fische schwimmen in dem Schlaraffenlande oben auf dem Wasser, sie sind schon gebacken oder gesotten und schwimmen ganz nahe am Ufer. Wenn aber einer gar zu faul ist und ein echter Schlaraff, der braucht nur zu rufen: Bst, bst! — so kommen die Fische auch heraus aufs Land spaziert und hüpfen dem guten Schlaraffen in die Hand, dass er sich nicht zu bücken braucht.
Das könnt ihr glauben, dass die Vögel dort gebraten in der Luft herumfliegen, Gänse und Truthähne, Tauben und Kapaunen, Lerchen und Krammetsvögel. Und wem es zu viel Mühe macht, die Hand danach auszustrecken, dem fliegen sie schnurstracks ins Maul hinein. Die Spanferkel geraten dort alle Jahre überaus vortrefflich. Sie laufen gebraten umher, und jedes trägt ein grosses Messer im Rücken, damit, wer da will, sich ein frisches, saftiges Stück abschneiden kann.
Die Käse wachsen in dem Schlaraffenlande wie die Steine, gross und klein. Die Steine selbst sind lauter Taubenkröpfe mit Gefülltem oder auch kleine Fleischpastetchen. Im Winter, wenn es regnet, so regnet es lauter Honig in süssen Tropfen. Da kann einer lecken und schlecken, dass es eine Lust ist, und wenn es schneit, so schneit es klaren Zucker, und wenn es hagelt, so hagelt es Würfelzucker, untermischt: mit Feigen, Rosinen und Mandeln.
Im Schlaraffenland legen die Rosse keine Rossäpfel, sondern Eier, grosse, ganze Körbe voll und ganze Haufen, so dass man tausend für einen Pfennig kauft. Und das Geld kann man von den Bäumen schütteln wie Kästen (gute Kastanien). Jeder mag sich das Beste herunterschütteln und das weniger Wertvolle liegen lassen.
In dem Lande gibt es auch grosse Wälder, da wachsen im Buschwerk und auf Bäumen die schönsten Kleider, Röcke, Mäntel, Hosen und Wämser von allen Farben, schwarz, grün, gelb (für die Postillous), blau oder rot, und wer ein neues Gewand braucht, der geht in den Wald und wirft es mit einem Stein herunter oder schiesst mit dem Bolzen hinauf. In der Heide wachsen schöne Damenkleider von Sammet, Atlas, Seide, Brokat und anderen kostbaren Stoffen. Das Gras besteht aus Bändern von allen Farben. Die Wacholderstöcke tragen Broschen und goldne Nadeln, und ihre Beeren sind nicht schwarz, sondern echte Perlen. An den Tannen hängen sehr kunstvolle Damenuhren und Ketten. Auf den Stauchen wachsen Stiefel und Schuhe, auch Herren- und Damenhüte, Reisstrohhüte und allerlei Kopfputz mit Paradiesvögeln, Kolibris, Brillantkäfern, Perlen, Schmelz und Goldborten verziert.
Dieses edle Land hat auch zwei grosse Messen und Märkte mit schönen Freiheiten. Wer eine alte Frau hat und mag sie nicht mehr, weil sie ihm nicht mehr jung und hübsch geung ist, der kann sie dort gegen eine junge und schöne vertauschen und bekommt noch ein Draufgeld. Die alten und garstigen (denn ein Sprichwort sagt wenn man alt wird, wird man garstig!) kommen in ein Jungbad, womit das Land begnadet ist, das ist von grossen Kräften. Darin baden die alten Weiher etwa drei Tage oder höchstens vier, da werden schmucke Dirnlein daraus von siebzehn oder achtzehn Jahren.
Auch viel und mancherlei Kurzweil gibt es in dem Schlaraffenlande. Wer hierzulande gar kein Glück hat, der hat es dort im Spiel und Luftschiessen wie im Gesellenstechen. Mancher schiesst hier all sein Lebtag daneben und weit vom Ziel. Dort aber trifft er, und wenn er der Allerweiteste davon wäre, doch das Beste. Auch für die Schlafsäcke und Schafpelze, die hier von ihrer Faulheit arm werden, dass sie bankrott machen und betteln gehen Müssen, ist jenes Land vortrefflich. Jede Stunde Schlafens bringt dort einen Taler ein, und jedesmal Gähnen einen Doppeltaler. Wer im Spiel verliert, dem fällt sein Geld wieder in die Tasche. Die Trinker haben den besten Wein umsonst, und von jedem Trunk und Schluck drei Groschen Lohn, sowohl für Frauen wie für Männer. Wer die Leute am besten necken und aufziehen kann, bekommt jeweils einen Taler. Keiner harf etwas umsonst tun, und wer die grösste Lüge macht, der hat allemal eine Krone dafür.
Hierzulande lügt so mancher drauf und drein und hat nichts für diese seine Mühe. Dort aber hält man Lügen für die beste Kunst, daher lügen sich wohl in das Land allerlei Prokura-, Dok- und andere toren, Rosstäuscher und ähnliche Handwerksleute, die ihren Kunden stets aufreden und nimmer Wort halten.
Wer dort ein gelehrter Mann sein will, muss auf einen Grobian studiert haben. Solcher Studenten gibt’s auch bei uns zulande, sie haben aber keinen Dank davon und keine Ehren. Auch muss er dabei faul und gefrässig sein, das sind drei schöne Künste. Ich kenne einen, der kann alle Tage Professor werden.
Wer gern arbeitet, Gutes tut und Böses lässt, dem ist jedermann dort abhold, und er wird aus dem Schlaraffenlande verwiesen. Aber wer tölpisch ist, gar nichts kann und dabei doch voll dummen Dünkels, der ist dort als ein Edelmann angesehen. Wer nichts kann als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Der aber, den das allgemeine Stimmrecht als den Faulsten und zu allem Guten Untauglichsten erkennt, der wird König über das ganze Land und hat ein grosses Einkommen.
Nun wisst ihr des Schlaraffenlandes Art und Eigenschaft. Wer sich also auftun und dorthin eine Reise machen will, aber den Weg nicht weiss, der frage einen Blinden. Aber auch ein Kummer ist gut dazu, denn er sagt ihm gewiss keinen falschen Weg.
Um das ganze Land herum ist aber eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer hinein oder heraus will, muss sich da erst quer durchfressen.
Ludwig Bechstein, Das Märchen von den sieben Schwaben.
Es waren einmal sieben Schwaden, die wollten grosse Helden sein und auf Abenteuer wandern durch die ganze Welt. Damit sie aber gute Waffen hätten, zogen sie zunächst in die weltberühmte Stadt Augsburg und gingen sogleich zu dem geschicktesten Meister allda, um sich mit Wehr und Waffen zu versehen. Denn sie hatten nichts Geringeres im Sinne, als das gewaltige Ungetüm zu erlegen, das zur selben Zeit in der Gegend des Bodensees gar übel hauste. Der Meister staunte sehr, als er die Sieben sah, öffnete aber flugs seine Waffenkammer, die für die wackeren Gesellen eine treffliche Auswahl bot. „Bygott!“ rief der Allgäuer, „send des au Spiess? So oaner wär mer grad reacht zume Zahnesliehrer. For mi ischt e Spiess von siede Mannslengene noh net lang gnueg.“ — Darauf schaute ihn der Meister wiederum an mit einem Blick, der den Allgäuer beinahe verdross. Denn dieser lugte zurück mit grimmigen Augen, und bei einem Haar hätt’s etwas gegeben, wenn der Blitzschwab nicht just zur rechten Zeit sich ins Mittel gelegt. „Hotz Blitz!“ rief er, „du hoscht reacht und i merk doin Maining: Wie älle Siebe for Din, so for älle Siebe noh oin Spiess.“ Dem Allgäuer war dies nicht ganz klar, aber weil’s den andern just eben recht, so sagte er: „ Joh.“ Und der Meister fertigte in weniger als einer Stunde den Spiess, der sieben Manneslängen mass. — Ehe sie aber die Werkstatt verliessen, kaufte sich jeder noch etwas Besonderes: der Knöpfleschwab einen Bratspiess, der Allgäuer einen Sturmhut mit einer Feder darauf, der Gelbfüssler aber Sporen für seine Stiefel, indem er bemerkte: solche seien nicht nur gut zum Reiten, sondern auch zum Hintenausschlagen. Als der Seehas sich endlich einen Harnisch gewählt, pflichtete ihm der Spiegelschwab zu solcher Vorsicht vollkommen bei, meinte aber, es sei besser, den Harnisch hinten als vorn anzulegen, und kaufte sich ein altes Barbierbecken aus der Rumpelkammer des Meisters, gross genug, um seine unterste Kehrseite zu bedecken. „Merk’s: han i Courage und gang i voran, noh brauch i koan Harnisch, goht’s aber hintersche und fällt mer d’ Courage anderswohnah, noh ischt der Harnisch an sein’n reachte Platz.“
Und nachdem die sieben Schwaden, wie ehrliche Leute, alles sichtig bis auf Heller und Pfennig bezahlt, auch als gute Christen bei St. Ulrich eine Messe gehört und zuletzt noch beim Metzger am Göppinger Tore gute Augsburger Würste eingekauft hatten, da zogen sie zum Tore hinaus ihres Weges weiter. Den Spiess aber hielten sie alle Sieben und gingen in einer Reihe hintereinander, dass sie beinahe aussahen, wie angespiesste Lerchen. Voran ging der Herr Schulz, der Allgäner, als der männlichste unter ihnen. Dann kam der Jockele, genannt der Seehas, hierauf der Marle, genannt der Nestelschwab, dem folgte der Jerkle, der Blitzschwab geheissen, hernach ging der Michel, Spiegelschwab genannt, dann kam der Hans, Knöpflesschwab, und zuletzt kam Veitle, das war der Gelbfüssler. Der Herr Schulz wurde der Allgäuer geheissen, weil er aus Allgäu gebürtig war; der Seehas hatte am Bodensee gesessen; der Nestelschrab führte darum seinen Namen, weil er statt der Knöpfe Nesteln (Bänder) hatte, er musste aber bei den Hosen fast immer mit der Hand nachhelfen und halten, dieweil die Nesteln oftmals abgerissen waren. Der Blitzschwab hiess so, weil er sich die Redensart: „Hotz Blitz!“ angewöhnt hatte. Der Spiegelschwab hatte die Gewohnheit, seine Nase allzuweit an dem Vorderteil seiner Jacke abzuputzen, die davon einen gewissen Spiegelglanz annahm; das schaffte jenem den saubern Namen. Knöpflesschwab war ein Mann, der verstand, gute Knöpfle oder Spätzle zu kochen, das ist im bayerischen Deutsch Knödel, und im sächsischen Deutsch Klösse. Der Gelbfüssler endlich war aus der Bopfinger Landschaft, deren Einwohner die Umwohner Gehlfiessler schimpften, weil sie einstmals einen Wagen soll Eier, den sie ihrem Herzog als Abgabe bringen mussten, recht voll stampfen wollten und die Eier mit den Füssen festgetreten, wovon denn die Eier etwas zerbrochen wurden, und die Füsse der Bopfinger gelb wurden.
So zogen nun die Sieben allesamt guten Mutes mit ihrem Spiess dahin, kamen eines Heumondtages in der späten Dämmerung über eine grüne Wiese; da hob sich eine Horniss nicht weit von ihnen mit feindlichem Gebrummel hinter einer Dornhecke hervor und flog vorüber. Darob erschrak der Schulz, der Allgäuer, mächtig und begann, Angstschweiss zu schwitzen und schrie seinen Kriegsgesellen zu: „Horchet! horchet! der Feind drommelt schon!“ Da schmeckte der Jockele, der dicht hinter dem Schulzen ging, einen übeln Geruch und rief: „Wohl! wohl! ’s ist ebbes in der Näche! I schmeck schaun ’s Pulver!“ Da nahm der Herr Schulz Reissaus, liess den Spiess fahren und sprang über einen Zaun, kam aber gerade auf die Zinken eines Rechens zu springen, und da fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm einen tüchtigen Schlag. Der Schulz vermeinte, der Feind haue auf ihn ein, und schrie: „Gib Bardohn! i ergeb me.“ Die andern Sechs waren nachgesprungen über den Zaun, und da sie ihren Anführer also schreien hörten, so schrien sie alle: „Ergibscht du de, noh ergeb i me au! Ergibscht du de, noh ergeb i me au!“ Aber es war niemand vorhanden, der die sieben Schwaben gefangennehmen wollte; und da sie das merkten, schämten sie sich ihrer wenigen Herzhaftigkeit und verschwuren sich, diese ihre erste Heldentat nicht weiter zu erzählen.
Dann kamen die sieben Schwaben auf ihrem Zuge in einen Hohlweg, und wie sie so tapfer darauf losmarschierten, merkten sie nicht, dass ein grossmächtiger Bär im Wege lag, bis der Allgäuer fast mit der Nase an ihn stiess. Als er ihn nun sah, war er hin vor Schreck, stolperte und stiess mit dem Spiesse geradezu auf den Bären los, wofür er aber nichts konnte, und schrie dazu gottesjämmerlich: „E Bär! e Bär!“ Und meinte, sein letztes Brot wäre gebacken und bereits verzehrt. Doch rührte sich der Bär nicht, dieweil er maustot war. Darüber war der Allgäuer hoch erfreut, schaute nun nach seinen Brüdern und sah mit neuem Schreck, dass alle mäusleinstill für tot auf dem Boden lagen, meinte, er habe sie gar mit dem Spiesse hinterrücks erstochen und erhob ein Wehgeschrei. Als die am Boden Liegenden bemerkten, dass der Bär den Allgäuer nicht aufgefressen, denn sie waren nur vor Schreck hingepurzelt, lugten sie vorsichtig in die Höh’, und als sie sahen, dass der Bär tot war, erhoben sie gesund, traten um den Bären herum und auf ihn und untersuchten, wie tief wohl die Wunde sei, die der Spiess ihm beigebracht, fanden aber keine, und der Blitzschwab sagte: „Hop Blitz! der Bär ischt verreckt und scho lang tot.“ — „Joh, joh!“ sprach der Jockele, „mer schmeckt de Brohde.“ Sie wurden eins, dem Bären das Fell abzuziehen und als Siegeszeichen mit sich zu führen, das Aas aber liegen zu lassen. „Jetzt kennet d’ Schoof de Bäre fresse, wie er d’ Schoof gfresse hod!“ sprach einer unter ihnen, und so zogen sie fürbass mit ihrem Bärenfell und ihrem Spiess.
Sie kamen nun just in einen Wald und gerieten tiefer und tiefer in die Stauden hinein, bis sie darin stecken blieben. Die Bäume standen zuletzt so dicht, dass des Fortkommens kein Gedanke war, bis der Allgäuer endlich vor einem derben Stamme stehen blieb, den Spiess hob und wie ein Löwe brüllte! „Bygott! durch muss e!“ Sprach’s und rannte den Spiess mit solcher Gewalt zur Seite des Baums in den Boden, dass der Knöpflesschwab zwischen Baum und Spiess eingeklemmt wurde wie ein Treibkeil, und sich weder rühren noch regen konnte. Und das war eben kein Kinderspiel, denn jetzt stockte der Zug vollends, keiner konnte vor- noch rückwärts. Zwar machten die Gesellen einige mächtige Versuche, den Knöpflesschwab aus der Klemme herauszuziehen, aber es war vergebliche Mühe: der Hans fass fest und waukte nicht. Dat war es plötzlich, als ob dem Allgäuer ein grosser Gedanke durch das Hirn dämmerte; er schaute um sich und rief: „Bygott! i miesst’s Teufels sei, wenn mer Gott net helfe dät!“ Und er sagte: „Hui, Ochs!“ und packte den Baum mit gewaltiger Faust und riss ihn heraus samt Wurzel, Stumpf und Stiel. Der Knöpflesschwab, mehr tot als lebendig, schnellte heraus, just wie der Ball beim Pritschenschlagen, flog sechs Klafter himmelwärts und plumpste hernieder, dass die Erde davon wackelte. Die fünf andern aber schauten gar ehrerbietig zu dem Allgäuer empor, denn erst jetzt ging ihnen ein Licht auf, welchen Fund sie an dem Herrn Schulz getan.
Um ein Weniges weiter zeigte sich’s abermals, dass der Allgäuer das Herz nicht im Sprungriemen trug; denn als die Sieben sich aus den Sträuchern herausgefunden, kam ein Bauer aus München des Wegs, der trieb ein Rudel Borstenvieh vor sich her, und man konnt’s ihm auf hundert Schritt ansehen, welches Landes Kind er war. Blieb gross und breit stehen, als er die Sieben mit dem Spiess erblickte, und zog ein Gesicht, als wollt’ er die wackern Leut’ aus lachen. Gleich war der Blitzschwab vor ihm und fragte protzig: „Was luegscht, Gsell? hoscht du noh koan Schrode gseah?“ — „O genug,“ gab jener zurück, „bei mir daheim auf der Malzharre laufen sie zu Tausenden herum.“ Meinte spottweise die schwarzen Käfer, von denen keine Menschenseele weiss, warum sie so heissen. Das war genug, um dem Blitzschwab, der zuzeiten giftig war wie ein Maifrosch, die Laus über die Leber laufen zu lassen. Machte sich an den Bayer heran und gab ihm flugs eine Watchel, dass jenem die Augen hell aufblitzten und die Ohren summten just ebenso wie die grosse Horniss. Der Bayer, nicht faul, langte mit den Armen weitmächtig aus, um dem Schwäblein auch eine zu verlegen; und es wär’ auch eine gewesen, an die er sein Lebtag gedacht hätte. Nun war aber der Blitzschwab ein putziges Kerlchen, drehte sich auf einem Beine siebenmal herum und hatte sein Lebtag nichts besser gelernt als das Ausreissen. So kam es, dass der Bauer gar mächtig in die Luft schlug, sich tim und um drehte wie ein Kreisel, stolperte und zu Boden stürzte wie ein Wiesbaum. Das half ihm zum Garaus; der Blitzschwab stürzte über ihn her wie ein Queckenhamster und packte ihn an de während die andern Hände und Füsse hielten und lustig darauf lostrommelten. Er wäre ihrer aber doch zuletzt noch Herr geworden, weil er ein grosser, starker Kerl war, wäre nicht auch der Allgäuer über ihn hergefallen wie ein Kartoffelsack. Da musste er Abbitte tun, wohl oder übel, denn das Häuflein liess nicht eher locker.
Und es geschah, dass die guten Gesellen auf ihrer Weiterreise an einen weiten blauen See kamen, so dünkte es sie, denn es war alleweil etwas dämmrig geworden, der schlug Wellen im Wind, und droben an seinem Abhang standen die sieben Schwaben und schauten hinunter, wie sie wohl am geschwindesten über diesen See kommen möchten. Es war aber kein Wasser da drunten, sondern ein Feld voll Flachs, der so recht in seiner schönsten blauen Blüte stand.
„Hon Blitz!“ rief der Blitzschwab, „was ischt doh z’tuan? Ueber des wild Wasser müsset mer nüber.“
„Allgäuer, trag du es nüber, wie der hoilich Krischdorf de Pilgersleut,“ sagte der Seehas. — „Bygott!“ antwortete der Allgäuer, „ins Wasser gieng i wohl, wenn’s net tiefer gieng als an de Hals.“ Der Nestelschwab griff mit der Hand an seinen Hosenbund, das edle Kleidungsstück festzuhalten, dass es ihm nicht entfalle, während er mit der andern Hand schwimmen täte; dem Knöpflesschwab war das Ding gar nicht einerlei, er blickte scharf aus, ob kein Haifisch, Walfisch oder Krokodil im Wasser hause; und so standen auch die andern ganz verlegen da, bis der Blitzschwab sich hinter ihnen herumdrückte und ein paar hinunterstiess, indem er ausrief: „Frisch gewogt, ist halb gschwomme.“ Da die nicht untersanken, fasste sich auch der Gelbfüssler ein Herz und tat einen Sprung hinunter; ihm folgte der Blitzschwab und der Nestelschwab mit besserem Vertrauen, und zuletzt ritt der Allgäuer auf dem Spiess hinab, und drunten plumpste einer auf den andern, bis sie merkten, dass sie mit der Nase ins Feld gefallen waren, und allmählich mit etwas gequetschten Rippen sich wieder aufmachten, den Spiess auffischten und an ihm wiederum fürbass schritten.
Bis zur Stunde hatten die Sieben einträchtig, an dem Spiesse gehalten, es war weder Unrecht noch Unfried’ zwischen ihnen vorgekommen. Da kam der böse Feind und säte Zwietracht zwischen den Blitzschwab und den Spiegelschwab mitten hinein. Das trug sich folgendermassen zu: als die Schar ein gut Stück weiter kam, war es schon Nacht, und der Mond ging eben auf. Da wurde es dem Spiegelschwab wunderlich zumute, just wie daheim, und er meinte: „Jetzt hent mer’s gwonne, Memmenge ischt nemme weit.“ Da schaut ihn der Blitzschwab verwundert an und fragt, wie er das wissen könne. Der Spiegelschwab lachte pfiffig: „Werd joh doch de Memmenger Mond kenne.“ Drob lachte jener, dass ihm das Wasser aus den Augen rann und schrie: „Hos Blitz! Gsell, wie bischt du so blitzdumm!“ Nun vertrug zwar der Spiegelschwab einen derben Puff, hatten ihn oft schon so geheissen, aber für dumm gelten wollte er nicht. Das war eben seine empfindliche Seite. Kaum war dies gesagt, hatte der Blitzschwab auch schon seine Ohrfeige. Fuhren nun zusammen, die beiden, gerade wie ein paar Metzgerhunde und verdroschen sich hier um die Wette, den andern zur Kurzweil, bis endlich der Seehas den Allgäuer bat, Frieden zu stiften. Der liess sich nicht lange bitten, sondern packte sogleich den Blitzschwaben am Hosenbündel und hielt ihn in die Luft wie einen Frosch; er mochte zappeln, wie er wollte. Inzwischen liess der Spiegelschwab nicht nach, den Blitzschwaben aufs Brett zu klopfen; daher ergriff der Allgäuer auch diesen und hielt ihn am Leide unter der Gurgel so steif und fest, dass er bockstarr dastand und nicht mucksen konnte. „Bygott!“ rief der Herr Schulz, „i will euch Mores lehre, ihr donnderschlechtige Strohkerle.“ Schüttelte den einen und drosselte den andern immer ärger und ärger, bis sie endlich einander das Wort gegeben, dass sie wieder gut Freund sein wollten, was sie denn auch geblieben sind von der Zeit an bis an ihren Tod.
Es zeigte sich auch bald, dass der Spiegelschwab gar nicht so dumm gewesen, wie der Blitzschwab allermeist geglaubt, denn als sie zwei Viertelstunden gegangen, kamen sie richtig nach Memmingen, wie jener aus dem Monde prophezeit hatte. Aber als ob just dieses Städtlein dem Spiegelschwaben heut nur Unglück bringen sollte, so geschah es alsbald wieder, dass es dem Armen zu Haut und Haaren ging. „Durch Memmenge ganget mer net,“ hatte er gesagt, und als man ihn nach der Ursache gefragt, hatte er den Kopf geschüttelt und gemeint, er wisse das selbst am besten! Gingen deshalb rings um die Stadtmauer, die Sieden, um just am andern Ende wieder die Heerstrasse zu gewinnen. Aber da hat sich’s denn wiederum augenfällig gezeigt, dass der Mensch seinem Schicksal nicht entgehen kann. Denn ehe sich’s der Spiegelschwab versehen, sprang aus einem Hopfengarten ein Weib auf ihn zu, eine rechte Runkunkel, und schrie in einem Ton, der durch Mark und Bein ging: „Bischt endlich wieder doh, du Schlingel? Wo bischt so lang rumkalfaktert, du Galgenstrick?“ Dem Spiegelschwab wurde es grün und gelb vor den Augen; und er meinte, sein Ende sei gekommen, denn die Alte war niemand anders als seine liebwerte Ehehälfte, die er mirnichtsdirnichts sitzen gelassen hatte, als er mit den andern Gesellen auf die Wanderschaft hinausgezogen war. Hier galt’s, nicht lange zu überlegen, er war daher Flugs mit einem Sasse hinüber in den Hopfengärten zum grossen Jubel der andern, die schier bersten wollten vor Lachen. Aber die Alte, schnell wie eine Bachstelze auf den spindeldürren Füssen, war hurtig hinterdrein, und es hätte wohl einen argen Strauss gegeben zwischen den beiden, wenn dem Spiegelschwaben nicht gerade zu guter Stunde ein Schelmenstückchen eingefallen wäre. Er hatte nichts zu tragen, weil er nichts hatte als das Bärenfell, das tat ihm nun guten Dienst. Eilig warf er es über den Kopf, schlüpfte behend in die Tatzen und lief nun auf allen vieren, nicht anders als ein leibhaftiger Bär, rannte brummend auf das Weib zu, umfing sie mit den scharfen Krallen und drückte und herzte sie, dass ihr Hören und Sehen verging. Die Alte war froh, als sie dem Schalk entronnen, der nun freudig mit den andern von dannen zog. Von Stund an aber schreibt sich der Brauch, dass böse Männer von ihren Ehehälften gar häufig Brummbären genannt werden.
„Uf Leid folgt Freid!“ rief der Allgäuer und zeigte nach dem Leutkircher Tor, wo ein Wirtshaus stand, über dessen Tür zu lesen war: „Hier schenkt man Märzenbier aus!“ War keiner unter den Sieden, der nicht gern einen Trunk Bier geschenkt genommen hätte, sie sichteten daher im Nu ihre Schritte nach dem Wirtshaus und langten mit dem Spiesse in dem Hausflur an in demselben Augenblick, wo der dicke Brauer vor die Türe trat, nach dem Wetter auszuschauen. Als der die Schar erblickte mit dem furchtbaren Spiess, wurde es ihm eben nicht warm ums Herz, er zog aber schnell sein Käppchen und fragte Höflich nach ihrem Begehr. „Se wellet e bissle sei Bier probiere,“ sagte der Allgäuer und schritt schnurstracks mit den Gesellen in die Zechstube. Da ward’s dem Wirt klar, dass die Gesandtschaft mit dem Spiesse abgeschickt sei von der schwäbischen Kreisregierung, wie es wohl zuzeiten geschieht, um das Bier zu kosten und zu prüfen, ob es preiswürdig sei. Rannte daher spornstreichs in den Keller und holte ein Körble vom Besten herauf, was er nur für sich und seine Leute gebraut. Das Körble war leer im Umsehen, das zweite in noch kürzerer Zeit, und als die Sieben in weniger als zwei Stunden fast einen halben Eimer getrunken, meinte der Wirt, er sehe, dass es ihnen schmecke. Der Blitzschwab aber, der immer das Maul vorweg hatte, sagte: „’s kennt besser sei, wenn net z’ wenig Malz und Hopfe drin wär.“ — „Das ist nicht wahr,“ versetzte der Wirt, der ein Schalk war, „Hopfen und Malz ist nicht zu wenig darin, aber zu viel Wasser.“ Da merkte der Blitzschwab, dass er seinen Meister gefunden, trank noch ein Mässle und sagte den Spruch, der ihm einfiel:
„In Langefalz, in Langefalz
(kennt au Memmenge hoisse, sagt er)
Braut mer drui Bier aus oinem Malz;
Es erschte hoisset se de Kern,
Des trinket d’ Burgemoischter gern;
Es andere hoisst es Mittelbier,
Des setzt mer der gmoane Leut fir;
Es dritt des hoisst Covent,
Drink di potz Sapperment!“
Zogen dann allesamt fürbass, und der Wirt in Memmingen schwört heute noch Stein und Bein, dass das Häuflein nichts andres gewesen, als des Memminger Kreises Oberbierbeschauer.
„Uf Leid folgt Freid!“ hatte der Allgäuer gesagt, ohne zu bedenken, dass das weise Sprüchlein umgekehrt sich noch bei weitem häufiger bewahrheitet. Es sollte nun einmal Regen und Sonnenschein auf der abenteuerlichen Fahrt der sieben Gesellen fast immer abwechseln, drum war’s eben kein Wunder, dass das arme Häuflein gar bald wieder in die Tinte geriet. Noch drehte und wirbelte es in ihren Köpfen von dem überreichlich genossenen Märzenbier, da harrte ihrer schon wieder das tückische Geschick. Sie zogen eben bei Kronberg vorüber, da schaute der gestrenge Herr Junker aus dem Fenster. Mochte ihm nicht recht geheuer vorkommen mit der lustigen Schar, die auch dem Aeussern nach nicht eben allzu ansehnlich einherzog. Er rief deshalb seinen Schergen und sagte: „Sieh einmal nach den Landstreichern da drüben — scheint mir eine saubere Sippschaft zu sein.“ Der Scherg nahm sieben Bullenbeisser mit sich, jeder gross genug, um zur Not mit einem Bären kämpfen zu können, und stieg hinab, Jagd auf die unglücklichen Schwaben zu machen. Er hatte sie bald ereilt, und da der Blitzschwab vorwitzig war, wie immer, machte der Haltmichfest kurzen Prozess und nahm das Häuflein mit sich. Zwar wollte der Allgäuer nicht so ohne weiteres mitgehen, aber als die Hunde gar grimmig knurrten, da senkte er den Spiess mit den Ohren zugleich und trabte hinterdrein. Wurden nun sämtlich vor den Junker von Kronberg geführt, der ein strenges Verhör begann. Der Seehas machte den Sprecher für alle und erzählte getreulich: wie in der Gegend am Bodensee ein schreckliches Tier hause, und da hätten sie sich denn als brave Landleute und biedere Männer zusammengetan aus allen schwäbischen Gauen, um das Land vom Ungeheuer zu befreien.
Das aber glaubte der Junker nicht, sondern blieb bei seiner Meinung, sie seien Strolche und Diebsgesindel, und liess sie in das Häusle, das ist ist ins Gefängnis, stecken.
„So geht’s in Schnitzlebutz Heusle,
Do singet und tanzet die Meusle,
Und bellet die Schnecken im Heusle.“
hat der Blitzischwab im Häusle gesungen, aber ganz still wie ein Mäusle.
Es hatte aber der Junker erst tags zuvor, da ihn das Zipperlein plagte, den löblichen Entschluss gefasst, ein Zuchthaus zu stiften zum Schrecken aller Gauner und Tagediebe, zu Nutz und Frommen der Bürgerschaft und zur Aufklärung des gemeinen Volkes. Da kamen ihm die sieben Schwaben eben recht. Sonst war er ein gar frommer und milder Herr, der sogar seinen eigenen Bauern nicht mehr Wolle abschor, als er eben nötig hatte, um sich selbst warm zu kleiden. Er befahl daher auch, dass man den Gefangenen Nahrung reichen solle, soweit sie des bedürften. Der Spiegelschwab aber, der ihn wohl kannte und musste, dass Schmalhans in dessen Küche und Keller hauste, legte seinen Plan darauf an, den er den Gesellen mitteilte. Wie also der Wächter mittags eine grosse Pfanne voll kleiner Klösse brachte, die sie Mehlspätzle nennen, sprach der Blitzschwab zum Knöpflesschwaben: „Die ghairet wohl for di!“ Der Wächter meinte, das sei wohl für alle genug. Der Knöpflesschwab aber sagte, er wolle sehen, ob’s für ihn lange, setzte sich und ass die Pfanne allein aus, so dass kein Krümchen noch Bröckchen übrig blieb. Der Wächter erschrak und lief zum Junker und meinte, man müsse für die Landstreicher eine ganze Braupfanne voll Spätzle auf einmal kochen, und das sei, dünke ihn, noch nicht genug. Da ging der Junker von und auf Kronberg in sich und meinte, er sei dem schwäbischen Kreis und der Menschheit kein so grosses Opfer schuldig, dass er sich aushungern lassen sollte in seinem Schloss um einiger weniger Strolche willen. Stracks wurden die Sieben in Freiheit gesetzt, nur dass ihnen der Junker noch einen Steckbrief mit auf den Weg gab, um andere Behörden und Kerkersknechte pflichtschuldigst vor des Knöpflesschwaben grosser Fresssucht zu warnen.
Nach mehr als einem andern Abenteuer, das zu viel wäre zu erzählen, gelangten die Schwaben an einen grossen See, und da sagte der Seehas, der ihn gleich erkannte: „Des ischt der Bodesee.“ An dessen Ufern sollte, wie die Sage ging, das gefährliche Ungeheuer hausen, das zu bekämpfen und zu erlegen die sieben Schwaben sich bekanntlich fest vorgenommen hatten. Da sie nun des Sees ansichtig geworden und zugleich des Waldes, in dem das Ungeheuer sich aufhielt, — man wusste nicht, war es ein gräulicher Lindwurm oder ein feuerspeiender Drache, — so fiel ihnen zumeist das Herz in die Hosen, sie machten Halt und zündeten ein Feuerlein an, auf dass der Knöpflesschwab noch zu guter Letzt (denn wer konnte wissen, ob das Untier sie nicht allesamt mit Haut und Haar verschlingen werde, mit oder ohne Spiess), eine Mahlzeit Knöpfle oder Spätzle bereite, und stellten während des Essens Todesbetrachtungen an. „Joh,“ sagte der Allgäuer und seufzte recht von unten ’rauf, „’s ischt e Sach, wenn mer bei sich so recht bedenkt, dass mer zum letzten Mol in seim Leben z’ Mittag isst.“ Und wieder seufzte er und sagte: ,,’s ischt es Sach!“ und der Knöpflesschwab fing an, still vor sich hin zu flennen, wobei er jedoch das Essen nicht vergass. Als aber der Allgäuer zum drittenmal ganz schrecklich tief seufzte und sagte: „’s ischt e Sach!“ da fingen sie alle an, so erbärmlich zu flennen und zu heulen, dass es einen wilden Heiden hätte erbarmen können. Der Nestelschwab allein liess sich das Sterben nicht zu Herzen gehen. „Denn,“ sagte er, „meine Mutter hat mir oft gesagt, dass mein Stündlein gar niemals kommen würde.“ Heulte aber dennoch mit aus gutem Willen zur Gesellschaft. Als sie aber endlich nicht mehr konnten, fiel’s ihnen doch ein, dass es Zeit sei, ihre Schlachtordnung herzurichten; dabei gab es allerlei Zank und Zwietracht. Der Allgäuer sagte, er sei bislang „emmer der Vorderscht gwe, s wäre jetzt Zeit, dass er au emohl der Henterscht sei, und es soll der Blitzschwob voran.“ Der meinte aber: „Courasche han i gnueg em Leib, aber net Leib gnueg for de Courasche und for dehs Beescht von Ongheuer.“ Der Spiegelschwab wischte sich die Nase am Aermel und tat den Vorschlag, es solle doch wohl besser sein, wenn einer für alle sterbe, und meinte, der Knöpflesschwab könne ihnen diesen kleinen Gefallen tun; der aber schrie Zetermordio, als habe ihn das Ungeheuer schon am Kragen. Und so sprachen und stritten sie noch eine Weile hin und her, bis sie sich friedsam einigten und hurtig mit ihrem Spiesse vorwärts schritten, gerade auf den Wald zu, wo das Untier hausen sollte. Ehe sie den erreichten, kamen sie an einen Rain davor, da sass ein Has und machte Männchen und streckte die langen Löffel in die Höhe; das war den Schwaben gräulich anzuschauen, sie hemmten darum ihren Schritt, hielten Rat und besannen sich, ob sie vorwärtsrücken und aufs Untier einrücken sollten; doch hielt jeder fest am Spiess. Da nun der Veitle hinten am meisten in Numero Sicher war, schwoll ihm der Kamm, und er schrie dem Schulzen zu, der vorne stand:
„Stosst zue in äller Schwobe Name,
Sonst wünscht ih, dass ihr möcht erlahme!“
Der Hans, des Veitle Gelbfüsslers Vordermann, Knöpflesschwab, spottete der Courage des Veitle, indem er sagte:
„Beim Element, du hoscht guat schwätze,
Du bischt der Letscht beim Drachahetze!“
Dem Michel sträubte die Herzhaftigkeit das Haar empor, er blickte gar nicht hin nach dem Ungeheuer, sondern sprach mit abgewandtem Gesicht, indem er den Aermel seinem Gesicht näherte:
„Es wird net fehle um a Hoar,
So ischt es wohl der Teufel gar!“
Jergle sah dem Michel ins Gesicht und schaute auch gar nicht hin nach dem Biest von Ungeheuer, indem er zaghaft beistimmte:
„Blitz! ischt er’s net, so ischt’s sei Mueder,
Oder ’s Teufels sei Stiefbruder!“
Dem Marle Nestelschwab, der sich schon ziemlich weit vorn am Spiess befand, daran die Schwaben gingen, gefiel sein Platz nicht, und er hatte einen guten Einfall; er kehrte sich auch um, da er nicht für nötig fand, das Ungeheuer anzusehen, und rief dem Veit zu:
„Gang, Veitle, gang, gang du vorahn,
I will dohente for dir stahn!“
Veitle drückte aber auf seine Ohren und tat, als hörte er nicht, worauf der Marle zu Jockele sagte:
„Gang, Jockel, gang, gang du vorahn,
Du hoscht Sporn und Stiefel ahn,
Dass di der Drach net beisse kahn!“
Aber Jockele fand seinen Trost darinnen, dass der Allgäuer an der Spitze des Spiesses der sieben Schwaben und des zu bestehenden Abenteuers stand und sagte:
„Der Schulz, der muess der Erschte sei,
Denn ehm gebiehrt die Ehr allei!“
Schulz Allgäuer fasste sich ein Herz und sprach mutig, da es nun einmal in die unvermeidliche Gefahr ging:
„So zieht denn herzhaft in de Streit,
Dohran erkennt mer tapfre Leut.“
Und so ging es in Gottes Namen und im Sturmschritt auf das Ungeheuer los, und als dem Schulzen das Herz klopfte, konnte er sich seiner Angst nicht erwehren und schrie: „Hau huelhau! hau, hauhau!!“ Da erschrak der Has und gab spornstreichs Fersengeld querfeldein und lief, was er laufen konnte. Jetzt rief Schulz Allgäuer freudig:
„Potz Veitle, luag, luag, was ischt das?
Es Ohngeheuer ischt noh e Has!“
„Hoschts gsehe? hoschts gsehe?“ fragten sich nun die andern untereinander. „Hotz Blitz! E Ding wie en Kalb!“ rief der Blitzschwab. Der Nestelschwab tat seinen grössten Fluch: „Mit Verlaub! dass dih es Meusle beiss’! E Tier wie en Mastochs!“ — „Oho!!“ rief der Knöflesschwab, „en Elefand isch noch e Katz gegen des Ohntier.“ — „Boykott!“ erwiderte der Allgäuer, wenn des koa Has geweh ischt, no woiss i de Dreimänner-Wei vom Racheputzer net z’ unterschaide!
„Noh, noh!!“ vermittelte der Seehas, „Has her! Has hin! E Seehas ischt halt gresser und gremmiger als elle Hase im heilige remische Reich.“ — „Wie der Seewei seurer und herber als älle Wei im heilige Reich,“ sagte hinten der Gelbfüssler, und über diese Anzüglichkeit hätte ihm der Seehas fast ein paar Watscheln gegeben, denn es kränkte ihn schwer, dass der Veitle über den Seewein spottete, der ihm von Kindesbeinen an geschmeckt.
Mit den Seeweinen verhält es sich aber also: es gibt ihrer drei Arten, zum ersten den Sauerampfer, schmeckt nur ein wenig besser als Essig und verzieht das Maul nur ein bisschen, zumal wenn man sich daran gewöhnt hat. Die zweite Gattung ist Dreimännerweit geheissen, steht im Geschmack noch 10 Grad unter Essig und wurde so getauft, weil man behauptet, dass der, der ihn zu trinken verurteilt ist, von zweien gehalten werden muss, während ihn ein dritter eingiesst. Die dritte Sorte, der Rachenputzer, hat die rühmliche Eigenschaft, dass er Schleim und alles andere abführt, es tut aber dabei not, dass, wer sich mit dem Wein im Leib schlafen legt, in der Nacht sich wecken lasse, damit er sich umkehren möge, sonst möchte ihm der Rachenputzer ein Loch in den Magen fressen.
Da nun das Abenteuer mit dem Ungeheuer von den sieben Schwaben so glücklich bestanden war, so wurden sie eins, nunmehr von ihren Taten auszuruhen und friedlich wieder heimzuziehen. Zuvor aber tat es not, ein Siegeszeichen zu errichten, das der Mit- und Nachwelt ihren Triumph auf ewige Zeiten vermelde. Da es nun unmöglich war, wie vorzeiten tapfere Ritter getan, die Drachenhaut in einer Kirche aufzuhängen, dieweil kein Drache sein Fest zu Markte getragen, und der Has in seinem Balg wohlbehalten entkommen war, so wurden die guten Gesellen dahin eins, ihr Bärenfell und ihren Spiess als eine Trophäe der nächstgelegenen Kapelle zu stiften, die hiess man hernach die Kapelle zum schwäbischen Heiland. Dort wird wohl der Spiess noch hängen, das Bärenfell aber haben die Motten verzehrt, und die Sperlinge haben die Haare in ihre Nester getragen.
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