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Blackwood
Den Wahnsinn im Blut
von Lena Knodt
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erschienen im Talawah Verlag
2. Auflage 2021
© Talawah Verlag
Text: Lena Knodt
Umschlaggestaltung: Jaqueline Kropmanns,
www.jaqueline-kropmanns.de
Lektorat: Sascha Eichelberg
Satz: Julia Antonia Reimann
Julia Antonia Reimann - Buchsatz | Facebook
unter Verwendung von: © Pixabay
Illustration der Kapitel: Nemesis Forsa
Korrektorat: Anette Brauer
ISBN: 978 394 7550 593
Blackwood
Den Wahnsinn im Blut
Von Lena Knodt
Vorwort
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Vorwort
Liebe Leser_innen, stolz und aufgeregt präsentiere ich euch meinen sechsten Roman Blackwood – Den Wahnsinn im Blut. Bevor ich ein paar inhaltlich einleitende Worte verliere, möchte ich zunächst meinen Dank aussprechen an all die Menschen, die an diesem Buch mitgewirkt haben: Meine Testleser_innen, meinem Lektor Sascha Eichelberg, der Coverdesignerin Jaqueline Kropmanns und Annette Brauer und Julia Reimann, die sich um Korrektorat und Buchsatz gekümmert haben. Das mir größte Anliegen war und ist es immer, mich bei denen zu bedanken, die mir im privaten Bereich kompromisslos zur Seite stehen und die mich jeden Tag zum Durchhalten und Weitermachen motivieren – eine Tatsache, die ich niemals als selbstverständlich annehmen kann und will: Ich danke meiner wunderbaren Familie. Dieses Buch habe ich für euch geschrieben! Aber was erwartet euch Leser_innen auf den nächsten 300 Seiten? Blackwood ist düsterer als meine bisherigen Bücher, aber auch nachdenklicher, vielleicht ein wenig bildhafter. Die Idee zu Blackwood kam mir durch ein Lied und durch die Beschäftigung mit Schauerliteratur wie Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, was sich immer noch in den zentralen Motiven des Romans widerspiegelt.
Der Schreib- und Überarbeitungsprozess war dabei ziemlich aufwendig, da ich immer genau so viele Informationen preisgeben wollte, dass es spannend blieb, aber nicht zu unübersichtlich wurde. Innerhalb des Buches gibt es einige genretypisch etwas düsterere Szenen, die Themen behandeln, die für manche Menschen belastend sein könnten. Eine Aufzählung dieser Themen findet ihr am Ende des Vorworts. Jetzt bleibt mir nichts anderes, als euch viel Spaß beim Lesen zu wünschen, bei eurer Suche nach dem Geheimnis der Blackwood-Familie und eurer Reise ins kleine aber gar nicht so verschlafene Westingate.
Ich bin wahnsinnig gespannt, wie es euch gefallen wird – danke, dass ich euch mit auf diese Reise nehmen darf. Für Anregungen, Rezensionen, Meinungen und Fragen kontaktiert mich gerne!
Lena Knodt
www.lena-knodt.de
Inhalts-Hinweise: Mord, Alkoholsucht, Verlust, Gewalt im Kindesalter
Prolog
Nebelschwaden ruhten auf dem Wald wie eine weißgraue Decke. Verklebt in den Spitzen der Bäume, vor dem Morgen nicht zu weichen bereit.
Ezra schaute aus dem schmalen Turmfenster hinab auf das trostlose Bild, das sich ihm bot. Seine zitternden Finger kratzten über das Fensterbrett und er zog sie in eine Faust, in der Hoffnung, sie ruhig zu stellen.
Auch er selbst fühlte sich trostlos. Rastlos zwar, merkwürdig aufgeregt, aber trostlos. Schon den ganzen Tag hatte er das Gefühl gehabt, sein Herz schlüge schneller als sonst. Das Gefühl, als hätte ihn jemand gepackt und aus dem Rahmen gerissen, in den er eigentlich gehörte.
Ezra drehte sich um, humpelte, ignorierte den stechenden Schmerz in seinem Bein, in dem vor wenigen Stunden noch bis zum Anschlag ein Messer gesteckt hatte. Der Verband war bereits von rotem Blut durchtränkt und mit jedem weiteren Tropfen floss auch ein bisschen Wärme aus seinem Körper. Ein Stück Wille, ein Stück der Barriere, die er so hartnäckig aufrechterhielt. Die er aufrechterhalten musste, um jeden Preis.
Nicht mehr lange.
Nur noch ein paar Minuten.
Schmerz zog sich in seiner Bauchhöhle zusammen, ätzte in sein Fleisch. Die Gefühle, die er die letzten Wochen, ja Monate hatte verdrängen müssen, suchten sich nun einen Weg nach draußen. Angst und Schuld. Trauer und Panik. Doch schnell schob er sie an den Rand seines Bewusstseins, bevor sie seinen Geist schwächten. Jeder kleinste Riss in seiner Selbstbeherrschung konnte tödlich sein.
Er drehte sich um und schritt in die Mitte des Raumes bis an den Teppich, auf dem ihr kalter Leichnam lag.
Reine Schönheit. Die Konturen, ihre weiche Haut. Perfektion, nur zerstört von ihrem starren Blick, den panisch aufgerissenen Augen. Von dem Blut in ihrem Haar. Und von der zerfetzten Kehle.
»Und so geht es zu Ende, Röschen«, flüsterte Ezra. Jedes Wort kratze in seinem Hals. Die Erinnerung drohte, ihn jeden Moment zu überwältigen. Aber er war standhaft. Und er hatte sich daran gewöhnt.
Ein Blick auf seine Taschenuhr verriet ihm, dass es kurz vor Mitternacht war. Schnell warf er seinen Mantel über und wollte nach dem Zylinder greifen, bevor er verharrte. Es war ihm, als spürte er ihren Blick im Nacken. Brennend, vorwurfsvoll. Er wusste nicht, was ihn dazu verleitete, aber am Ende stieg er ohne Kopfbedeckung hinab und verließ das Haus.
Der Garten war im grausigen Licht des Mondes nichts als ein Meer aus Schatten. Bedächtig ging er weiter. Seine Schritte das einzige Geräusch in der stillen Nacht.
Er sah seinen Freund schon von weitem. Er stand auf dem gepflasterten Platz vor dem Brunnen und hatte ihm den Rücken zugewandt. Als Ezra einige Meter von ihm entfernt stehen blieb, drehte er sich um. Auf seinen Lippen ein Lächeln, das seiner sonstigen Erscheinung nicht entsprechen wollte. Sein Mantel war leicht geöffnet und ein weißes, zerknittertes Hemd schaute daraus hervor. Er war unrasiert, seine Tränensäcke angeschwollen. Eine Hand hatte er halb hinter dem Rücken versteckt und ... Ezra erstarrte.
»Du bist gekommen«, sagte sein Freund. Langsam hob er die Hand und richtete den Lauf der Pistole zitternd auf das Gesicht seines Gegenübers. »Wo ist sie?«
»Was soll das?«, fragte Ezra. Die Mündung der Pistole übte eine seltsame Faszination auf ihn aus. Er musste sich zwingen, seinem Freund ins Gesicht zu sehen und nicht auf das verheißungsvolle schwarze Rohr der Waffe.
»Du weißt, dass es besser so ist.«
Ezra sah, dass die Stirn seines Freundes nass von Schweiß war.
Wut stieg in ihm auf, Wut über diese Dummheit. Sein Freund wusste genau, dass eine Kugel ihn nicht besiegen konnte.
Unter seinen Fingerkuppen begann es zu kribbeln. Langsam breitete es sich aus, über die einzelnen Glieder bis in die Handflächen. Er wollte es unterdrücken, aber gleich darauf gab er auf. Nicht heute. Heute hatte er keine Kraft dafür.
Ein unangenehm drückendes Gefühl breitete sich in Ezras Kopf aus, doch er hielt seine Miene unbewegt. Es durfte nur nicht die Maske durchbrechen, die er nach außen hin aufrechterhielt.
Dann Ruhe.
Verharren.
Ein Moment der Verheißung, der Hoffnung. Ein Moment des letzten Atemzugs.
Dann explodierte es in seinem Kopf.
In Wellen aus Hitze breitete es sich weiter aus, sammelte sich in seinem Nacken und kletterte in quälender Langsamkeit seine Wirbelsäule hinab.
Ezras Finger verkrampften sich, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. Und doch stand er aufrecht. Die Frage war nur, wie lang.
»Blackwood«, raunte sein Freund. »Was tust du da?«
Doch er war nicht mehr Blackwood. Nicht mehr Ezra. Und er besaß nicht mehr die Macht über seinen eigenen Körper.
Er wurde zurückgedrängt, als sich die brennende Masse durch seine Glieder schob, sich durch seine Blutbahnen wand, bis sie zu zerplatzen drohten. Es blieb kaum mehr als ein Funke seines Bewusstseins. Und selbst um diesen Funken musste er kämpfen wie ein wildes Tier.
Er sank auf die Knie und seine Finger bohrten sich zwischen die Bodenpflaster, sein ganzer Körper verkrampfte sich. Er hustete, Blut spritzte über den Stein.
Dann ein Schuss.
Mit Wucht schleuderte er ihn zurück, doch Ezra spürte keinen Schmerz. Nur Angst und Panik. Die Barriere um sein Herz zerbrach. Erst zeigten sich nur Risse, doch sie breiteten sich in rasender Geschwindigkeit aus, bis der Wall in sich zusammenstürzte.
Nun schlugen all die Empfindungen über ihm zusammen. Es gab keinen Grund mehr, sie zurückzuhalten. Er sah wieder ihr Gesicht, blass. Ihre Lippen, grau. Die Augen aufgerissen. Augen aus Glas.
Ein zweiter Schuss.
Verdammt.
Es war anders als sonst. Es fiel ihm schwerer, den Funken zu erhalten, der ihn ausmachte. Der ihn immer wieder zurückgeführt hatte.
Es war stärker.
Dieses Mal würde es ihn zerreißen.

Kapitel 1
Haltlos prasselte der Regen auf den Asphalt, als hätte der Himmel beschlossen, seine Schleusen zu öffnen und all die angestaute Wut auf sie hinabzuschütten. Dicht aneinandergedrängt eilten Jack und Lively über den Gehsteig, vorbei an gewundenen Gaslaternen, bis sie das verrostete Tor erreichten.
Es war nur angelehnt, also packte Jack das Metall und zog es auf. Sein Mantel lag schwer und von Wasser vollgesogen auf seinen Schultern. Hastig schob er sich die klatschnassen Strähnen aus dem Gesicht und trat voran durch die entstandene Lücke.
Das Kinderheim St. Alberts lag inmitten eines kleinen Parks, in dem man den vorgegebenen Weg zwischen all den wuchernden Pflanzen und Bäumen erst suchen musste. Vor allem, da das Wetter die Sicht noch verschlechterte.
Jack presste die Lippen aufeinander. Beklemmung ergriff von ihm Besitz. Eine Spannung, die er kannte. Ein wohlbekannter Geruch stieg ihm in die Nase. Er konnte ihn nicht benennen, ihn keinem speziellen Gegenstand oder keiner Person zuschreiben, doch er brachte die Erinnerungen zurück, als würde ihm jemand mit geballter Kraft ins Gesicht schlagen.
Er stolperte. Er sah Frauen in dunklen Kutten. Lange Stöcke in ihren Händen. Kinderschreie. Dann Kinderlachen. Stundenlange Versteckspiele im Park, bis man nicht mehr wusste, ob die anderen überhaupt noch suchten. Eintöniges Essen in kleinen grauen Schalen. Gespräche, viele Gespräche.
Ein kalter Raum im Keller. Ein noch kälterer Stuhl.
»Jack?«, fragte Lively sacht und legte ihm eine Hand auf den Rücken. »Alles in Ordnung?«
»Natürlich«, antwortete er etwas zu schnell. Er fuhr sich durch das Gesicht und zwang sich zu einem Lächeln. »Ich habe mich nur an die Versteckspiele mit Will erinnert.«
Lively betrachtete ihn skeptisch, fragte jedoch nicht weiter nach. Er war nur ihretwegen mitgekommen, denn eigentlich hatte er sich geschworen, nie wieder einen Fuß auf dieses Grundstück zu setzen. Doch als Lively von der baldigen Schließung ihres alten Kinderheims erfahren hatte, hatte sie ihn beinahe angefleht, mit ihr hierher zu gehen. Es wunderte ihn nicht, dass er nachgegeben hatte. Sie war schon immer seine größte Schwachstelle gewesen und würde es immer bleiben. Aber wenn er sie betrachtete, ihre vor Aufregung geröteten Wangen und ihre Hände, die sie immer wieder nervös in eine Faust zog und lockerte, bereute er es nicht. Er würde diese Erinnerungen schon überleben.
Schweigend stiegen sie die Stufen hinauf, bis sie vor der riesigen Tür aus schwarz angemalter Eiche standen. Jack plusterte die Backen auf und hielt für einen Moment die Luft an. Seit fünf Jahren hatte er dieses Gebäude nicht mehr betreten. Doch auch wenn er es in den Momenten des Schmerzes kaum geglaubt hatte – mit den Jahren verblasste er.
Lively drehte sich das letzte Mal mit einem nicht zu deutenden Gesichtsausdruck zu ihrem Bruder um. Die dunkelblonden Haare klebten an ihren Wangen. Dann hob sie die Hand, umfasste den Türklopfer aus Messing und schlug ihn dreimal heftig gegen das Holz.
Stille antwortete ihnen. Einige Sekunden starrten sie auf die Tür, dann warfen sie sich einen fragenden Blick zu. Nicht einmal Schritte waren auf der anderen Seite zu vernehmen.
»Vielleicht ist doch keiner mehr da«, flüsterte Jack. Aus irgendeinem Grund hatte er das Gefühl, die Stimme senken zu müssen.
Lively schüttelte den Kopf. »Doch, ich bin mir sicher.« Sie bediente den Türklopfer ein weiteres Mal. »Ist hier jemand?«, rief sie und versuchte, einen Blick durch eines der schmutzigen Fenster zu werfen.
»Macht nicht solch einen Lärm.« Eine Stimme ließ sie herumfahren. Jack musterte die Frau, die wie aus dem Nichts hinter ihnen aufgetaucht war. Sie trug eine schwarze Kutte und die Haare unter einem Tuch zusammengefasst, auf dem Regentropfen glitzerten. »Schwester Josepha«, sagte er und seine Mundwinkel hoben sich. Die Frau musterte sie einige Sekunden lang schweigend.
»Mr. und Miss Harpins«, sagte sie und ein Meer aus Falten überzog ihr Gesicht, als sie lächelte. Trotzdem war Jack nicht sicher, ob sie sich wirklich über ihren Besuch freute.
»Schwester!« Lively schob sich an Jack vorbei und reichte der älteren Frau die Hand. Diese umschloss sie mit ihren und drückte sie. »Wir dachten schon, alle hätten das Haus verlassen. Es schließt aber doch erst Ende der Woche, oder? Jedenfalls haben sie das im Pub erzählt.«
»Dem Geschwätz kannst du nicht glauben, Liebes.« Schwester Josepha machte eine wegwerfende Handbewegung. Man konnte ihr den Missmut bei Livelys Erwähnung des Pubs deutlich ansehen. »Die Kinder sind schon Anfang der Woche in ein neues Heim gebracht worden und auch die Plünderer haben sich bereits über das Inventar hergemacht.« Sie spuckte das Wort förmlich aus, obwohl sich Jack sicher war, dass sie nicht wirklich Plünderer meinte, sondern die Angestellten der Kirche, die das Haus noch nach Nützlichem abgesucht hatten.
»Nur ich bin noch da«, fuhr sie fort, untermalt von einem langen Seufzen. »Gerade habe ich mich von dem kleinen Garten verabschiedet. Es ist ein Jammer: Jahrelang habe ich ihn gepflegt und jetzt muss ich ihn der wilden Natur übergeben.«
Jack bekam unwillkürlich Mitleid mit der untersetzen Frau, auch wenn man diesen Garten selbst mit viel Wohlwollen nicht als gepflegt bezeichnen konnte. Er lächelte Schwester Josepha schmallippig an. Dann ließ er den Blick über die von dunklen Tannen umgebenen Beete schweifen und ein weiterer Schwall von Erinnerungen überströmte ihn. Hier hatte er als Kind gespielt, hier hatte er sich manchmal stundenlang vor seinen Peinigern versteckt. Meist waren sie zu langsam und schnell gelangweilt gewesen, sodass er sich nur hinter einen Busch hatte hocken und dort für eine Zeit verharren müssen. Es hatte nicht immer geklappt, das hatten die Spuren auf seiner Haut nur zu Genüge gezeigt.
Wieder musterte Josepha sie auf merkwürdige Weise und ein Glitzern trat in ihre Augen. »Ich würde euch gerne auf eine Tasse Tee einladen, Kinder.« Es klang mehr nach einem Befehl als einer Bitte.
Jack blickte zu Lively, doch seine Schwester zögerte keine Sekunde.
»Sehr gerne, Schwester. Heute ist die letzte Gelegenheit, in der wir in Erinnerungen an die Vergangenheit schwelgen können.«
Jack verengte die Augen und starrte seine Schwester von der Seite an, doch diese ging nicht darauf ein und folgte Josepha, die unter leise murmelnden Worten das Haus umrundete. Lively packte Jack ohne einen Blick in seine Richtung am Arm und zog ihn mit sich.
»Lively, ich weiß nicht ...«
»Sei still und komm mit«, entgegnete sie und starrte auf den Boden. Jack folgte ihrem Blick und versuchte, nicht über eine der Wurzeln zu stolpern, die die Steine des Gehwegs schon vor Jahrzehnten aufgebrochen hatten. Wahrscheinlich hatte die Kirche Recht, dass sie in diesen Ort hier kein weiteres Geld investieren wollte. Er sehnte sich nach dem Sessel am Kamin, in dem nur ein gutes Buch und keine unliebsamen Erinnerungen auf ihn warteten.
Er entriss seinen Arm Livelys klammerndem Griff und zog den Kragen seines Mantels um den Hals zusammen, um sich vor aufmüpfigen Regentropfen zu schützen.
Eine kleine Tür führte seitlich in die Räumlichkeiten, die Schwester Josepha gemeinsam mit den anderen Angestellten des Kinderheims bewohnt hatte. Sie betraten den schmalen Flur, der von einer brennenden Kerze auf einem Seitentisch schwach beleuchtet wurde.
Lively schälte sich aus ihrem nassen Mantel und hängte ihn an die Halterung neben der Tür. Jack zögerte einen Moment, hätte er seinen Mantel doch lieber anbehalten, um schnellstmöglich wieder aufbrechen zu können. Doch der strenge Blick seiner Schwester zeigte ihm, dass es keine Chance auf Entkommen gab. Mit einem Seufzen legte auch er seine Jacke zur Seite, während Lively der ehemaligen Heimleiterin in die Küche folgte. Seinen Zylinder legte er darunter ab.
Jack ging auf die Tür zu, bis sein Blick an der Kerze hängenblieb. Sie flackerte wild und beschien die hölzerne Marienfigur hinter ihr beängstigend. Die Schatten im Gesicht der heiligen Jungfrau sahen aus, als würde sie schwarze Tränen weinen.
Jack erschauderte und wandte sich von der Figur ab. Seit er das Kinderheim verlassen hatte, hatte er nie wieder eine Kirche von innen gesehen.
Als er die kleine Wohnküche betrat, hatte Josepha den Feuerherd bereits mit ein paar weiteren Scheiten bestückt und eine gusseiserne Kanne auf die Oberfläche gestellt. Es roch leicht nach Kamille, einem Duft, der auch der Ordensschwester immer anhing. Jack erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie früher jedes Wehwehchen mit einem ihrer Kräuteraufgüsse behandelt hatte – von Prellungen bis Übelkeit. Das schien sich in den letzten Jahren nicht geändert zu haben, denn von der Decke hingen die verschiedensten Pflanzen getrocknet und ordentlich in kleinen Büscheln nebeneinander.
Jack zog den Kopf ein, bevor er sich seiner Schwester gegenüber an den Tisch fallen ließ. Er verengte die Augen und warf ihr einen halb scherzhaften bösen Blick zu, doch Lively verdrehte nur die ihren und grinste ihn herausfordernd an.
Josepha kehrte zu ihnen zurück, den Rücken gebeugt. Die Sorgenfalten auf ihrer Stirn verrieten, dass sie etwas beschäftigte. Mit einem energischen Kopfschütteln ließ sie sich auf dem freien Stuhl nieder. »Einfach geschlossen.« Sie senkte den Blick auf ihre Finger, die sie ineinander verschränkte. »Sie haben es einfach geschlossen. Wir sind ihnen vollkommen egal. Die Kinder sind ihnen vollkommen egal. Das Einzige, was ich bekommen habe, war ein Brief. Sie hatten noch nicht einmal den Anstand, es mir persönlich mitzuteilen.«
»Und wo werden Sie jetzt hingehen?«, fragte Jack und Mitleid regte sich in ihm. Für Schwester Josepha war dieses Kinderheim alles. Sie hatte es in jungen Jahren von ihrer Vorgängerin übernommen und es seitdem mit eiserner Hand und einiger Bestimmtheit geführt. Auch wenn er keine schöne Zeit hier verbracht hatte, hatte das sicher nicht an Schwester Josephas Engagement gelegen.
Josepha stieß einen herzzerreißenden Seufzer aus. »Ich gehe zurück ins Kloster. In mein Heimatkloster.« Ihrem Gesichtsausdruck zufolge war Heimat hier nicht mit positiven Gedanken behaftet.
»Wo liegt das?«, fragte Lively.
»In Barrytroot«, antwortete Josepha und kniff die Lippen so fest zusammen, dass alles Blut aus ihnen wich. Nun konnte Jack ihren Unmut noch besser nachempfinden. Barrytroot war eine winzige Hafenstadt, weit abgelegen und den Erzählungen nach zu urteilen der Inbegriff von Langeweile. Ein Exil, das nichts mit dem Trubel des Kinderheims gemein hatte.
»Sicherlich wird es nicht so schlimm, wie Sie denken. Sie können alte Freunde wiedertreffen und ...«
»Alte Freunde.« Schwester Josepha spuckte die Worte aus wie eine Beleidigung. »Dass ich nicht lache. Eher Speichellecker und hirnlose Gottesanbeterinnen.«
Jack stutze. Was für eine Ausdrucksweise für eine Nonne!
»Gott im Himmel! Ich war froh, ihnen und ihren beschränkten Welten entkommen zu sein. Und nun kehre ich zurück. Gescheitert.«
»Es ist doch nicht Ihre Schuld, dass das Waisenhaus schließen musste.« Lively rückte das Haarband auf ihrem Kopf zurecht. »Jeder weiß, was Sie hier für eine gute Arbeit geleistet haben.«
»Ja, das sagen sie auch. Das stand auch in dem Brief.« Sie seufzte und erhob sich, um das Teewasser vom Herd zu nehmen. »Aber in Wahrheit gibt es doch keinen anderen Grund. Ich hätte es besser machen müssen. Ich hätte es verhindern können.«
»Das wissen Sie doch gar nicht.« Lively richtete sich auf ihrem Stuhl auf. »Das kann alle möglichen Gründe haben, die Sparmaßnamen der katholischen Kirche voran ...«
Josepha hob eine Hand und Lively verstummte. Jack schmunzelte, denn es war schon eine Seltenheit, dass sich seine Schwester von jemandem maßregeln ließ.
Die Nonne lächelte ihr milde zu, griff nach der Kanne und goss den Tee in drei Becher. Danach brachte sie sie zum Tisch. Skeptisch betrachtete Jack die Brühe in dem Gefäß vor ihm, hob es hoch und roch probehalber daran. Nebenbei sah er, wie sich Lively wieder über den Tisch und in die Richtung von Schwester Josepha vorbeugte. Dieser Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.
»Und nun ist das Haus leergeräumt? All die Möbel, die Bücher ... die Akten?«
Fassungslos starrte Jack sie an und bemerkte erst nach wenigen Sekunden, dass sein Mund offenstand. Wie dreist konnte man sein? Er blickte zu Schwester Josepha, die jedoch von Livelys offensichtlichen Hintergedanken nichts mitbekommen zu haben schien.
»Sie haben alles mitgenommen.« Schwester Josepha nickte bestätigend. »Alles, was sich noch zu Geld machen lässt.« Nachdenklich nahm sie einen Schluck Tee. »Die Akten holen sie in den Abendstunden ab. Ich muss sie noch in Kisten packen.« Bei diesen Worten schüttelte sie den Kopf.
»Nur die Akten der aktuellen Kinder oder auch der ehemaligen?«
Jack legte den Kopf schief, verengte die Augen und fixierte seine Schwester, die ihn jedoch geflissentlich ignorierte. Wieso wollte sie die Akten haben? Was erhoffte sie darin zu finden? Eine Dokumentation über all die Streiche, für die sie im Kinderheim bestraft worden war?
»Alle Akten«, antwortete Josepha. »Ich bin mir aber sicher, dass sie die alten verbrennen werden. Was kümmert sie meine jahrelange Arbeit und Sorgfalt?«
Jack hob den Becher an seine Lippen und nippte an der heißen Flüssigkeit. Sie schmecke nicht so schlecht, wie er Josephas Kräutervariationen im Gedächtnis gehabt hatte. Er fixierte seine Schwester. Noch wusste er nicht ganz, was sie im Schilde führte, aber er würde es sicherlich bald herausfinden.
»So ein Ärger. Diese verdammten Kirchenbeamten ...« Lively schüttele übertrieben empört den Kopf, doch Schwester Josepha verengte die Augen und fixierte sie.
Sie schwieg einige Sekunden, dann hoben sich ihre Mundwinkel. Ihre Stimme war fast beängstigend ruhig. »Es tut mir leid, Liebes. Aber ich werde euch eure Akten nicht geben.« Sie neigte den Kopf wie zur Bestätigung und nahm einen tiefen Schluck aus ihrem eigenen Becher.

Kapitel 2
Einige Sekunden lang starrte Lively die Frau ertappt an. Verdammt, sie war so kurz davor. Sie spürte es einfach. »Wieso nicht? Es würde niemandem auffallen.«
»Sie sind nicht für eure Augen bestimmt.«
Lively schnaubte und richtete sich auf. In ihr brodelte es und die Nonne sollte sich lieber in Acht nehmen. Sie wollte diese Akten, sie waren der verdammte Grund, wieso sie hierhergekommen war. Also würde sie sie bekommen. »Schwester Josepha, ich bitte Sie. Es ist fünf Jahre her, dass wir dieses Heim verlassen haben. Wir werden verkraften, was Sie über uns vermerkt haben.«
Der Blick in Josephas verengten Augen traf ihren. Er war so kalt und berechnend, dass sie selbst kurz erschauderte. Wie hatte sie sich nur einbilden können, diese Frau zu täuschen? Sie kannte sie besser als die meisten anderen.
»Ich weiß, dass es die Informationen über eure Herkunft sind, auf die du aus bist.«
Ein Anflug von Triumph wallte in ihr auf. Sie schlug mit einer Hand flach auf den Tisch. »Ich wusste es! Es gibt doch welche.« Tee schwappte über den Rand ihres Bechers und spitzte auf ihre Hand. Sie zog sie zurück und ignorierte den Schmerz. »Sie haben uns immer gesagt, dass über unsere Eltern nichts bekannt war.«
Josepha schnaubte. »Das sagen wir jedem.«
Lively spürte, wie Hitze ihren Hals hinaufkroch. Sie zog die Hand auf dem Tisch zitternd in eine Faust. Wenn diese Frau ihr nicht bald …
»Lively«, sagte Jack beruhigend. Ihr Blick zuckte kurz zu ihm, aber sie beachtete ihn nicht weiter.
»Wir haben ein Recht darauf, zu erfahren, wo wir herkommen.«
»Vielleicht habt ihr das.« Josepha ließ sich von Livelys Wut nicht aus der Ruhe bringen. »Doch es gibt Bestimmungen, an die ich mich halten muss.«
Das reichte! Lively sprang auf und krachend landete der Stuhl hinter ihr auf dem Boden. »Nach allem, was sie Ihnen angetan haben, halten Sie eher zu diesen Bürokraten als zu uns? Sie haben uns aufgezogen! Sie kennen uns besser als die meisten. Und das ist Ihnen nichts wert?«
Josepha schnaubte. »Ich bin nicht eure Mutter. Aber was viel wichtiger ist: Ich weiß, dass euch die Erkenntnis nicht glücklich machen wird. Ihr habt es über zwei Jahrzehnte ohne eure Eltern geschafft. Wenn ihr jetzt in eurer Vergangenheit grabt, kann das Dinge hervorbringen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind. Manches bleibt lieber im Verborgenen.«
»Aber es ist unsere Entscheidung!«, rief Lively aufgebracht. Es gelang ihr nicht mehr, die Verzweiflung aus ihrer Stimme fernzuhalten.
»Ja.« Jack streckte seine Hand aus und umfasste ihre. Nun wandte sie ihm doch den Blick zu. »Es ist unsere Entscheidung. Nicht deine allein.«
Fassungslos starrte Lively ihn an. Sie war so nah, so verdammt nah und jetzt war es Jack, der sich ihr in den Weg stellte? Ihr eigener Bruder? Dabei hatte sie die Akte doch nicht nur für sich, sondern für sie beide haben wollen. Forschend glitt ihr Blick über sein Gesicht. War er denn gar nicht neugierig? Sie spürte, dass seine Finger zitterten. Er hatte Angst. Trotzdem hätte er sich nicht so gegen sie stellen müssen.
Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte Jacks Griff ab. Dann schaute sie wieder zu Josepha. Vielleicht war noch nicht alles verloren. »Wollen Sie ihnen nicht eins auswischen? Der Kirche meine ich. Wie viele Jahre haben Sie für sie gearbeitet und nun treten sie Sie mit Füßen. Wenn eine Akte fehlt, werden sie das kaum merken. Aber es wäre eine stille Rebellion.« Sie wartete nicht, bis Josepha antwortete, sondern überquerte den Schritt, der sie trennte und umfasste die Hand der alten Nonne.
»Schwester Josepha«, sprach sie so eindringlich, dass sie sich nicht sicher war, ob es albern wirkte. »Wir sind erwachsen. Wir haben das Recht, selbst zu entscheiden, was mit unseren Leben geschieht. Sie sind nicht mehr die Kinderheimmutter, die ihre schützende Hand über uns halten muss. Wir sind frei. Und bevor Sie ins Exil geschickt werden, kann es Ihre letzte Tat sein, uns ein komplett freies Leben zu ermöglichen.« Lively lächelte und versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen, während sie ihren Kopf weiter nach Argumenten durchsuchte, die die Nonne überzeugen konnten. »Wie heißt es noch gleich in der Bibel?«, fragte sie. »Man soll Vater und Mutter ehren. Wie sollen wir das tun, wenn wir noch nicht einmal wissen, wer sie sind - oder wer sie waren?«
Josepha lachte trocken auf. »Wie ehrenhaft, Lively. Dabei hatte ich nie den Eindruck, du hättest der heiligen Mutter Kirche viel Aufmerksamkeit geschenkt. Schön, dass sich das in den letzten Jahren geändert hat.« Sie streifte Livelys Hände ab und erhob sich, um ihre Tassen einzusammeln. »Also gut«, sagte sie plötzlich. »Ihr bekommt die Akte.«
»Was?«, fragten Jack und Lively wie aus einem Mund. Sie konnte sich den Anflug eines Grinsens nicht verkneifen, auch wenn sie sah, dass sich in Jacks Gesicht das Gegenteil von ihrer Begeisterung spiegelte. Oder gerade deswegen.
»Unter einer Bedingung«, ergänzte die Nonne schnell.
Lively stöhnte auf, verdrehte die Augen und ließ sich wieder auf ihren Stuhl sinken. Das wäre ja auch zu einfach gewesen. »Was sollen wir tun? Unsere erstgeborenen Kinder der Kirche opfern?«
»Sarkasmus steht dir immer noch nicht«, entgegnete Josepha trocken. »Nichts dergleichen. Aber dein Bruder hat recht. Es geht nicht nur dich etwas an, mein Kind, sondern auch ihn. Ihr werdet die Akte bekommen, wenn ihr beide zustimmt. Vor heute Abend natürlich, denn da wird sie wie all die anderen abgeholt. Danach habe ich mit diesem Kinderheim abgeschlossen.«
Lively schaute von Schwester Josepha zu ihrem Bruder, der mit überschlagenem Bein am Tisch saß und nachdenklich an die gegenüberliegende Wand starrte. Er sah blass aus.
»Ich will es nicht wissen«, sagte er leise. Seine Stimme zitterte.
»Aber wieso nicht?«, fragte Lively. »Jacky, es geht um unsere Vergangenheit. Es geht darum, wer wir sind.« Es machte sie verrückt, dass die Chance auf die Antwort auf all ihre Fragen direkt vor ihrer Nase baumelte, der Dickkopf ihres Bruders jedoch dafür sorgte, dass sie unerreichbar für sie wurde.
»Ich weiß, wer wir sind«, entgegnete Jack mit eben der Ruhe, die sie jedes Mal schier wahnsinnig werden ließ. »Wir sind Jack und Lively Harpins. Und auch wenn nur irgendeine Behörde uns diesen Namen zugeteilt hat, kann ich damit doch mehr verbinden als mit dem Namen unserer Eltern, wenn wir ihn denn herausfinden würden. Es gibt einen Grund, wieso wir nicht bei ihnen aufgewachsen sind. Einen Grund, wieso wir hier in diesen trostlosen Wänden unsere Kindheit verbracht haben und nicht in einem behüteten Zuhause. Und egal, wie er aussieht - ich glaube, es ist mir lieber, ihn nicht zu wissen. So kann ich mir jedenfalls einbilden, dass sie dazu gezwungen waren, uns wegzugeben. Dass andere Umstände der Auslöser dafür gewesen waren und nicht ...« Er schluckte.
Seine Fassade bröckelte und Lively sah, dass ihn dieses Gespräch mehr bewegte, als er es zugeben wollte. Sanft drückte sie seine Hand. Sie kannte Jack. Er war vorsichtig, er hasste Veränderungen, aber sie wusste, dass er tief in seinem Innern genauso neugierig war wie sie. Aber wenn er der Meinung war, sie beide zu beschützen, konnte er das leicht untergraben. »Aber ich will es wissen«, sagte sie leise. »Verbau mir nicht die Chance auf meine Vergangenheit. Ich werde die Akte lesen und dir nichts davon verraten, wenn du es nicht willst.«
Jack seufzte vernehmlich und führ sich mit der Hand durch das Gesicht. Lively erkannte Ringe aus Falten um seine Augen. Wieso sah er so müde aus? »Wir beide wissen, dass du das kaum für dich behalten können wirst.«
»Ich bin kein Kind mehr, Jack«, entgegnete Lively. »Wenn ich dir sage, dass ich dir nichts verrate, dann kannst du dich darauf verlassen. Und du kannst deine Meinung jederzeit ändern.«
»Genau das macht mir ja Angst.« Er schüttelte vehement den Kopf. »Meinetwegen. Nimm die Akte, wenn es dich glücklich macht. Grabe so viel in der Vergangenheit, wie du willst und buddel alle Leichen aus, die dir zwischen die Finger kommen. Aber lass mich aus dem Spiel.« Er verengte die Augen. »Keine Andeutungen.«
»Keine Andeutungen«, echote Lively.
»Kein verräterisches Lächeln.«
»Kein verräterisches Lächeln.« Lively lächelte und verdrehte die Augen. »Manchmal denke ich, ich bin in deinen Augen immer noch das kleine Mädchen, das dir im Heim Streiche gespielt hat.«
»So ist es auch«, entgegnete Jack. Er erhob sich und musterte sie auf eine merkwürdige Art und Weise. Dann nickte er in Schwester Josephas Richtung. »Gebt ihr die Akte.«
Er drehte sich um, griff beim Hinausgehen nach Mantel und Hut und flüchtete in den Regen.

Kapitel 3
Jack setzte sich im Gehen den Zylinder auf den Kopf und zog die Krempe tief über seine Augen. Das Herz wummerte in seiner Brust und die Gefühle, die in ihm tobten, waren ihm vollkommen fremd.
Seine Schritte gingen im Prasseln des Regens beinahe unter. Er spürte, wie die Feuchtigkeit unter seinen Mantel drang und wünschte sich, er wäre bereits zu Hause.
Zweiundzwanzig Jahre. Zweiundzwanzig Jahre, in denen er nicht gewusst hatte, wo er herkam. In denen er nicht gewusst hatte, wer er war.
Es wäre gelogen, zu behaupten, dass er sich nie nach Eltern gesehnt hatte. Dass er nie vor dem Spiegel gestanden und sich gefragt hatte, ob seine schiefe Nase eher von seinem Vater oder von seiner Mutter abstammte. Ob einer von beiden auch Probleme damit gehabt hatte, die leicht gelockten Haare zu bändigen. Ob sie ihm als Kind vorgesungen hatten und ob sie ihn überhaupt angeschaut hatten, bevor sie ihn im Heim abgegeben hatten. Oft hatte er andere Kinder mit neidischen Blicken verfolgt, wenn er sie mit ihren Eltern in der Stadt gesehen hatte, wie sie Hand in Hand durch die engen Gassen schlenderten oder auf den Feldern neben der Stadt Drachen steigen ließen.
Aber im Gegensatz zu den anderen elternlosen Kindern im Heim war Jack nie einsam gewesen. Dank Lively. Jedes Mal, wenn er gedacht hatte, dass ihm etwas fehle, hatte er nur seine Schwester ansehen müssen, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.
Er war wahnsinnig glücklich, sie zu haben. Sie gehörten zusammen, sie ergänzten sich. Genau deswegen wollte er nicht in ihrer Vergangenheit herumstochern. Er hatte Angst, dass es irgendetwas zwischen ihnen ändern würde.
Trotzdem fragte Jack sich, ob er sich nicht falsch entschieden hatte. Ein winziger Teil von ihm wollte auch wissen, was in dieser Akte stand, die Neugierde machte ihn fast wahnsinnig. Aber wenn er es ignorierte, wenn er so tat, als sei nie etwas gewesen, vielleicht konnte er Lively und sich selbst dadurch schützen. Er wusste nicht, was auf sie wartete, welche Enthüllungen, welche Geheimnisse. Verdammt, sie waren doch zufrieden! Sie hatten ein beschauliches Leben, er hatte eine Arbeit und konnte sie beide ernähren. Wieso wollte Lively das aufs Spiel setzen?
Aber vielleicht reagierte er auch über. Vielleicht stand in den Akten gar nichts, nur irrelevante Informationen, die Livelys Neugierde beruhigen würden und dafür sorgten, dass sie diesen Gedanken an ihre Herkunft für immer begrub. Wie es auch ausging: Jack war sich sicher, dass er es früher oder später erfahren würde. Denn wenn seine Schwester eines nicht konnte, dann ein Geheimnis für sich behalten. Vor allem, wenn es sich um ein Geheimnis von solcher Bedeutsamkeit handelte. Der Teil von ihm, der es wissen wollte, war aufgeregt. Aber er wusste nicht, was er denken sollte.
Eine Pferdekutsche preschte an ihm vorbei und schleuderte Wasser von der Straße auf den Gehweg vor ihm. Wie automatisch steuerten seine Schritte weg von dem Kinderheim. Er musste fort von hier, fort von den erdrückenden Erinnerungen, die an seinen Gedanken zupften und sich einen Weg in sein Bewusstsein bahnten. Wenn er ein bisschen Abstand zwischen sich und das Gebäude gebracht hatte, ging es ihm sicher besser. Er trat auf die Straße und stieß die Luft aus. Nachdenklich hob er das Gesicht zum Himmel und genoss den feinen Regen, der seine Haut besprenkelte. Er schloss für einen Moment die Augen und dachte an gar nichts.
Die Luft wog schwer von der Feuchtigkeit und das Geräusch des niederprasselnden Wassers überspielte den Lärm der Stadt. Trotz allem war da etwas in ihm, das sich nach Veränderung sehnte. Aber vielleicht entstammte diese Regung nicht ihm selbst, denn es war ihm, als gierte jeder Mensch im Moment danach, dass etwas passierte. Als läge eine zittrige Erwartungshaltung in der Luft, die er mit jedem Atemzug tief in seinen Körper aufnahm.
Mit einem Mal ergriff eine seltsame Spannung von ihm besitz. Ein Jucken, das sich von seinem Nacken den Rücken hinab ausbreitete. Er senkte den Kopf, rückte den Hut zurecht und schaute sich um. Er fühlte sich beobachtet. Sein Blick glitt die Straße hinauf und hinab. Die verschmutzte und aufgebrochene Straße. Schlamm, der sich an der seitlichen Rinne sammelte und bergabwärts lief. Aber keine andere Person außer ihm selbst. Er drehte sich um die eigene Achse und blickte zurück auf das Tor des Kinderheims, das er hinter sich geschlossen hatte. Doch auch von Lively war keine Spur.
Das Gefühl wollte nicht vergehen. Aus dem Augenwinkel sah er einen Schatten auf dem Bordstein, festgeklebt wie ein Fleck von ausgelaufenem Öl. Er drehte sich um, doch sobald sein Blick klar wurde, war er verschwunden.
Er stutzte. Hatte er sich das gerade nur eingebildet? Vielleicht war es aber auch nur eine schwarze Katze gewesen, die sich auf seine ruckartige Bewegung hin ins Gebüsch geflüchtet hatte. Beiläufig zuckte er mit den Schultern, doch in diesem Moment erklang ein Geräusch. Ein Lachen, leise. Kurz. Doch so nah, als würde jemand direkt hinter ihm stehen und ihm ins Ohr flüstern. Jack zuckte zusammen und wirbelte herum. Doch niemand war da. Niemand stand auf dem Bordstein und machte sich einen Spaß daraus, ihm Angst einzujagen.
Er schnaubte und schüttelte den Kopf über seine eigene Schreckhaftigkeit. Scheinbar hatten die Geister der Vergangenheit noch immer nicht von ihm abgelassen. Jack vergrub die Hände tief in den Taschen seines Mantels. Je schneller er Raum zwischen sich und dieses verdammte Heim brachte, desto besser. Zwischen sich und seine Schwester, die gerade diese verdammte Akte las.
Und wenn er ihr auch noch den Rest des Tages aus dem Weg gehen konnte, umso besser.

Kapitel 4
Lively bearbeitete ihre Unterlippe mit den Schneidezähnen und musterte Jack, der vollkommen in das Buch in seinen Händen vertieft war. Er ignorierte sie, hob einen Finger an den Mund und befeuchtete die Kuppe mit der Spitze seiner Zunge. Dann verharrte er einen Moment, seine Augen flogen über die Buchstaben, bevor er umblätterte. Den Bruchteil einer Sekunde schweifte sein Blick nach oben und streifte sie, bevor er sich wieder den Zeilen vor ihm zuwandte. Seine Augenbraue hob sich.
Lively beugte sich vor, stützte die Unterarme auf ihre Oberschenkel und musterte ihren Bruder weiter. Ihr Herz pochte zu schnell und ihr war so furchtbar heiß, dass sie am liebsten das Feuer im Kamin gelöscht hätte. Es prasselte unaufhörlich vor sich her und warf Schatten in dem kleinen Raum. Es war bereits dunkel draußen, nur schwach schien der Mond durch das einzige Fenster hinein.
»Lively«, sagte er nach einer Weile ruhig, ohne aufzusehen. »Ist alles in Ordnung?«
Ruckartig lehnte sie sich in dem ramponierten Sessel zurück, verschränkte ihre Hände im Schoß, umschloss die eine mit der anderen. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf und schweiften immer wieder zu der schwarzen Mappe. Der schwarzen Mappe, über die dringend Redebedarf bestand. Doch sie hatte ein Versprechen gegeben.
Mit einem genervten Stöhnen erhob sie sich und streunerte durch den Raum. Nicht nur, dass sie die Papiere in dieser verdammten Mappe gelesen hatte und daraufhin den ganzen Nachmittag durch die Stadt gestreift war, sie war auch der einzigen Person über den Weg gelaufen, die sie nicht hatte treffen wollen: Randly. Diesem verdammten Bastard, mit dem sie geschlafen hatte, um bei der Armee arbeiten zu dürfen. Der ihr die Sterne vom Himmel versprochen hatte, nur damit er ihren Körper unter seinen Händen spüren konnte.
Es war nicht so, dass sie es nicht genossen hatte. Randly war ein Soldat durch und durch. Aber sie hasste es, wenn man sie belog. Wenn sie sich wie ein naives, leichtgläubiges Mädchen fühlen musste, nur weil sie einmal Vertrauen in einen Menschen gesetzt hatte. Aber die Armee stand Frauen nicht offen, da konnte sie so viele Soldaten verführen, wie sie wollte. Sie fragte sich, wie sie nur für einen anderen Moment etwas anderes hatte denken können. Frauen gehörten in den Haushalt, arbeiteten als Dienstbotinnen oder stellten Kleidung her. Lively hasste diesen Umstand. Das war nicht das Leben, das sie sich für sich selbst wünschte. Sie wollte raus, wollte Abenteuer erleben. Aber es war, als band die Gesellschaft ihr tonnenschwere Gewichte an die Knöchel, nur weil sie eine Frau war.
Sie trat an den Kamin und umfasste die Dose mit dem Tabak mit einer Hand. Gott, sie musste fort aus dieser Stadt. Hier war sie niemand, nur die kratzbürstige junge Frau, die ihrem Bruder auf der Tasche lag. Hier war sie ein Nichts und versank von Tag zu Tag tiefer in der Bedeutungslosigkeit.
»Geht es dir gut?«, erklang die Stimme ihres Bruders hinter ihr. Natürlich wusste er, dass dem nicht so war. Dass sie genauso litt, wie er es vorausgesagt hatte.
»Bestens«, presste sie hervor und drehte sich um. Sie zwang ihre Mundwinkel hoch zu einem Lächeln. »Ist dein Buch spannend?«
»Durchschnittlich«, antwortete er und sein Blick glitt forschend über ihr Gesicht. Seine Augen blitzten. Machte er sich über sie lustig? Der Morgen war eine Folter gewesen, als er auf der Arbeit gewesen war, doch seine Anwesenheit machte alles noch schlimmer. Er hatte so recht gehabt. Ihr Blick strich über seine Züge, seine Nase und die dichten Augenbrauen, die seinem Gesicht eine markante Note verliehen. Er erwiderte ihren Blick geduldig.
»Zwei Stunden von hier«, stieß sie hervor und hasste sich im selben Moment dafür.
»Was?«, fragte Jack und eine seiner Brauen wanderte höher. Seine Unterlippe zuckte.
»Sie kommen aus einem Dorf, kaum zwei Stunden entfernt von hier«, flüsterte Lively, als würde die fehlende Lautstärke ihren Worten die Bedeutung nehmen.
Einige Sekunden lang starrte Jack sie an, dann schlug er sein Buch geräuschvoll zu. Er presste die Lippen aufeinander. »Wieso überrascht mich das nicht?«
»Du wusstest davon?«, fragte sie, wandte sich ihm vollständig zu.
Jack schnaubte. »Als ob. Es überrascht mich nicht, dass du es ausgeplaudert hast. Das passt zu dir.«
Kurz wallte Wut in Lively auf, die sie jedoch schnell wieder unterdrückte. Wenn dieses Gespräch in einen Streit ausartete, würde er ihr nie zuhören, geschweige denn die Mappe anschauen. »Du musst es wissen«, sagte sie nur. »Glaub mir. Wenn du wüsstest, was ich weiß, würdest du mir zustimmen.« Sie überwand den Abstand zwischen ihnen und umgriff die Handgelenke ihres Bruders. Er versuchte, sich ihr zu entziehen, gab sich jedoch nicht genug Mühe. Einige Sekunden hielt sie ihn fest, bis er die Gegenwehr einstellte, dann schaute sie hinauf in sein Gesicht. Hinter seinen hellgrauen Augen tobte ein Sturm, den sie selbst ausgelöst hatte. Sie war sich sicher, dass es hinter ihren genauso aussah. Diesen Sturm teilten sie sich - und das nicht nur in den letzten Tagen.
»Jack«, wiederholte sie und dämpfte ihre Stimme. »Hör mir zu. Ich brauche dich. Ich muss es dir erzählen.« Damit hatte sie ihn. Jack musterte sie und seine Züge wurden weich. Kurz hasste sie sich dafür, seine Gefühle so gegen ihn auszuspielen, doch ihre Worte waren nicht gelogen.
Sanft löste er seine Gelenke aus ihrem Griff und strich ihr abwesend über den Handrücken. Dann ließ er sich mit einem Stöhnen in seinen Sessel sinken. Tiefe Falten durchzogen seine Stirn. »In Ordnung. Sag es mir.«
Lively lächelte halb und setzte sich ihm gegenüber. »Sie wohnten in einem kleinen Dorf namens Westingate.«
»Wohnten?«, wiederholte Jack. Er verzog keine Miene, doch seine Stimme klang tonlos.
»Sie sind tot.« Lively nickte. »Sie waren es bereits, als wir im Kinderheim abgegeben wurden.« Die Worte lösten in diesem Moment dasselbe in ihr aus, wie in dem Moment als sie sie gelesen hatte: Gar nichts.
Jack nickte. Langsam lehnte er den Kopf auf die eine Seite. Doch auch er wirkte nicht sonderlich schockiert. Lively glaubte zu wissen, was er dachte. Vielleicht ist es besser so. Das wäre es auch, wenn die Geschichte an diesem Punkt zu Ende wäre. »Es steht nicht viel in der Akte. Wir wurden im Alter von fünf Monaten bei der Kirche abgegeben. Man legte uns nicht einfach auf der Schwelle ab, sondern eine Frau brachte uns her, sie war jedoch nicht mit uns verwandt. Niemand suchte uns danach noch auf. Niemand fragte nach uns.«
»Weiter?« Jack beugte sich vor. Seine Miene zeugte von Skepsis, doch es schien, als überwog nun die Neugierde. Mit der Spitze der Zunge befeuchtete er seine Lippen.
Lively hob zögerlich die Schultern. »In der Akte steht der Name unseres Vaters.«
Er schloss die Augen und stieß langsam die Luft aus. »Sein Name?«, flüsterte er. Dann öffnete er die Augen und sah sie flehentlich an.
Livelys Mundwinkel zuckten. »Es ist nur sein Name. Nur ein Name, den ich selbst noch nie gehört habe. Wenn wir dieser Sache nicht nachgehen, bedeutet er nichts.«
»Er bedeutet alles«, entgegnete Jack.
Kurz biss sie sich auf die Lippe, doch ließ sie gleich darauf wieder los. »Blackwood.«
Jack schluckte und schüttelte den Kopf. Der Blick in seinen Augen war trüb.
»Aber es scheint, als haben wir noch Verwandte, nicht weit von hier. In Westingate, dem Dorf, in dem wir geboren wurden. Vielleicht können sie uns unsere Fragen beantworten und uns sagen, woran unsere Eltern starben ...«
»Liv, ich weiß nicht ob das eine gute Idee ist.«
»Stell dir vor, Jacky! Wir haben vielleicht Geschwister oder Großeltern! Vielleicht auch ein Zuhause!«
»Liv!«, unterbrach sie Jack energischer. Bedauern stand in seiner Miene und er überlegte lange, bevor er die Worte wählte. »Wir wurden in ein Kinderheim gegeben. Das wird einen Grund gehabt haben und bedeutet sicher nicht, dass da irgendwo unbekannte Verwandte auf uns warten und uns herzlich willkommen heißen werden.«
»Wir sollten hinfahren. Du musst mit mir kommen, Jack. Ich werde morgen früh fahren und ich will nicht allein gehen müssen.«
Mit offenem Mund starrte Jack sie an. »Ich ... ich weiß nicht, Liv.« Er klappte das Buch zu und wollte es ins Regal stellen, doch seine Finger zitterten so, dass es ihm aus der Hand glitt und zu Boden fiel.
Sie konnte sich nicht erinnern, ihren Bruder jemals so verwirrt gesehen zu haben. Normalerweise war er ruhig und wusste für alles eine Lösung. Schnell schloss sie den Mund und schluckte die Worte herunter, die sie noch hatte sagen wollen.
»Verdammt«, murmelte Jack und stand ruckartig von seinem Stuhl auf. Er durchquerte den Raum und riss seine Jacke vom Haken. Mit einer Hand auf der Klinke drehte er sich wieder um. Er hatte nicht mal seinen Zylinder mitgenommen. »Sie haben uns weggegeben, Lively. Sie ... sie wollten uns nicht mehr. Das musst du akzeptieren.« Unsicher warf er einen Blick auf sie und verließ die Wohnung.
Stumpf sah Lively ihm hinterher. Sie war wütend, weil er einfach abhaute, aber lange sauer konnte sie ihm nicht sein. Er würde draußen seine Runden ziehen, bis es dunkel wurde und dann zurückkehren. Manchmal brauchte er das – vor allem ein Mensch wie er, dessen Kopf zu jedem Zeitpunkt mit Sorgen, Ängsten und Überlegungen bis zum Bersten gefüllt war. Trotzdem hoffte sie, dass er sie begleiten würde.

Der Zug fuhr um fünf Uhr in der Früh. Es war einer dieser Tage, an denen die Kälte unter die Klamotten kroch und sich bis auf die Knochen durchbiss. Auch Livelys dicker Wintermantel, der sie im letzten Jahr die Hälfte von Jacks monatlichem Gehalt gekostet hatte, schützte sie nicht davor. Sie ließ den Blick den trostlosen Bahnsteig hinauf und hinab wandern. Außer ihr waren zwei Männer hier, die sie flüchtig kannte und die sich nur auf den Weg in das nächste Dorf machten. Auf sie wartete jedoch eine Zugfahrt von zwei Stunden. Sie warf einen Blick über die Schulter, doch die Straße hinter ihr war leer. Ein Teil von ihr hoffte noch immer, dass es Jack sich anders überlegen und sie begleiten würde. Doch nach ihrem Gespräch am letzten Abend war er lange nicht zurückgekehrt. Und auch danach hatte er kein Wort mit ihr gesprochen. Wie so oft.
Sie hatte das Gefühl, dass ihr Bruder lieber gar nicht kommunizierte, als zu streiten. Am Morgen war er wieder verschwunden gewesen. Sie hatte ihm einen Zettel auf dem Tisch zurückgelassen und sich dann an seiner Geldbörse bedient. Jack musste jeden Gedanken noch tausend Mal hin und her wälzen, aber sie für ihren Teil konnte nicht mehr warten. Etwas in ihr wühlte sie auf, zerrte sie nach Westingate. Ein gieriges Brennen, das nur mit Informationen gestillt werden konnte.
Mit einem Schnauben drehte sie sich um und blickte sehnsüchtig das Gleis entlang in die Richtung, aus der der Zug kommen würde. Bisher war sie noch nie mit der Eisenbahn gefahren und ihr Herz pochte in kindlicher Vorfreude.
Früher hatte sie manchmal die Züge beobachtet. Der Bahnhof lag unweit des Kinderheims und laute, Dampf ausstoßende Kolosse wirkten auf Kinder ungemein faszinierend. Wenn sie sich umdrehte, konnte sie das St. Alberts hinter den Spitzen der Bäume sehen.
Die Akte in dem Koffer in ihrer Hand wog plötzlich das Doppelte. Das Geräusch der nahenden Eisenbahn drang an ihr Ohr und sie schloss kurz die Augen. Sie presste die Lippen aufeinander. Sie war noch nie so weit von zu Hause fort gewesen. Oft hatte sie davon geträumt, sich jedoch immer erhofft, dass es unter besseren Umständen geschehen würde. Es fühlte sich wie ein Aufbruch an, ein Umsturz von allem, was ihr Leben bisher ausgemacht hatte.
Auch wenn Lively ansonsten eher pragmatisch veranlagt war, konnte sie der Faszination einer herannahenden Eisenbahn nicht widerstehen. Das Rattern der Reifen, der dicke Qualm, der aus dem Stahlrohr der Lock strömte. Das Quietschen von Metall auf Metall. Sie kannte sich mit der Mechanik nicht aus, die es benötigte, um solch einen Riesen aus Eisen zu bewegen und Menschen damit zu transportieren, doch sie fand den Gedanken daran hochgradig faszinierend. Es war berauschend, darüber nachzudenken, was die Menschheit sonst noch alles erreichen konnte. Mit kreischenden Rädern hielt die Eisenbahn vor ihr, rutschte einige Meter weiter. Lively widerstand dem Drang, die Hände auf ihre Ohren zu pressen. Als die Eisenbahn vor ihr hielt, warf sie einen letzten Blick über die Schulter. Gerade, als sie sich wieder umdrehen wollte, sah sie am Ende der Straße eine kleine Gestalt mit einer Tasche in der Hand, die stetig näherkam.
Ein Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Sie war sich sicher gewesen, dass er kam, und er enttäuschte sie nicht. Lively wusste, dass sie Jacks Schwäche war. Bei weitem nicht seine einzige, mit Sicherheit aber seine größte.
Schnell wandte sie sich dem Schaffner zu, der sich den Aufstieg zum Abteil herunterschwang und dann neben ihr auf dem Boden zum Stehen kam. Es war ein junger Mann mit flachsblonden Haaren. Nachdem die beiden Männer vor ihr eingestiegen waren, musterte er sie betont langsam.
»Wo will die hübsche Dame denn hin?« Ein schmieriges Lächeln verzerrte seine Lippen.
Lively ignorierte den Kommentar und schenkte dem Mann einen Augenaufschlag, der nicht von Herzen kam, seinen Zweck aber erfüllte. »Könnten Sie noch einen Moment warten?« Sie nickte in Jacks Richtung, der schnellen Schrittes näherkam.
Das Lächeln des Schaffners verblasste. »Wir haben einen Zeitplan einzuhalten«, sagte er knapp und drehte sich um.
»Warten Sie.« Livelys Hand zuckte vor und schloss sich um den fadenscheinigen Ärmel des Mannes. Sie hörte Jacks Schritte hinter sich. Hatte er sich keinen früheren Zeitpunkt für seinen dramatischen Auftritt wählen können?
Der Schaffner schenkte ihr einen wütenden Blick, doch Lively setzte ihrerseits den Fuß auf die unterste Stufe und schob sich betont langsam hinein. Schnell ließ sie den Ärmel wieder los und versuchte, den Mann mit einem weiteren Lächeln zu besänftigen, doch der beachtete sie nicht weiter.
Sie hörte Jacks keuchenden Atem hinter sich und die gestammelte Entschuldigung, die er dem Schaffner zuwarf, als er hinter ihr den Wagen betrat. Lively lächelte in sich hinein, betrat dann das nächste Abteil und ließ sich auf einer der hölzernen Bänke nieder.
Jack verstaute seine Tasche in dem Fach über ihren Köpfen und ließ sich dann ihr gegenüber sinken. Sein Gesicht war gerötet und sein Atem ging stoßweise. Trotz der merkwürdigen Situation musste er lächeln. »Das war knapp.«
Lively presste die Lippen aufeinander und hob die Mundwinkel. »Das nächste Mal solltest du mich nicht so lange warten lassen.« Sie musterte ihn, seine zerwuschelten dunklen Haare. Sie sahen sich kaum ähnlich dafür, dass sie Zwillinge waren. Nur die Augenfarbe, das dunkle Braungrün, war gleich.
Jacks Miene wurde ernst. »Es tut mir leid. Deine Worte gestern, dieser Name ... irgendwie hat mich das überwältigt. Als wäre ich nicht mehr Herr über meine Gefühle gewesen.« Er ergriff ihre Hand. »Hast du wirklich gedacht, ich komme nicht?«
»Ich hätte es verstehen können, wenn du Angst gehabt hättest.«
Jack sah aus dem Fenster. Der Zug rollte an und nach und nach wurden die tristen Häuser ihrer Heimatstadt durch eine nicht weniger triste Landschaft abgelöst. »Habe ich auch. Aber das ist unwichtig.«
Dann schaute er ihr in die Augen und Lively las die wahre Bedeutung der Worte aus seinem Blick. Sie wusste, wie Jack zu ihr stand. Dass er trotz ihrer Differenzen das Gefühl hatte, jede Sekunde mit ihr auskosten zu müssen. Weil sie das Einzige war, was er hatte. Weil er dauerhaft mit der Angst lebte, dass sie irgendwann fort sein könnte. Lively wusste nicht, woher diese Angst kam, denn sie selbst verspürte sie nicht. Sie liebte ihren Bruder, aber der Drang nach Neuem war größer als das Gefühl, ihn an sich binden zu müssen.
Jack drückte ihre Hand. »Diesen Weg gehen wir gemeinsam.« Kurz schloss er die Augen, schwieg und stieß dann Luft durch seine Nase wieder aus. Er lächelte halb.
Lively erwiderte sein Lächeln und strich mit ihrem Daumen über seinen Handrücken. »Danke.« Selbst wenn er ihr zuliebe mitkam, konnte er nicht leugnen, dass er selbst interessiert war - auch wenn er es niemals zugegeben hätte.
Jack hatte immer darunter gelitten, nicht zu wissen, wieso ihre Eltern sie fortgegeben hatten. Jetzt hatte er die Gelegenheit, diese Ungewissheit aus seinem Leben zu streichen.
Trotzdem glaubte sie, dass dieser Ausflug für sie selbst viel mehr bedeutete. Denn Jack hatte eine Arbeit, er bezahlte ihre Wohnung – er war ein Mann. Aber sie hatte nichts, so lange sie nicht heiratete. Ein kleiner Teil von ihr klammerte sich an die Hoffnung, dass sich das ändern würde, wenn sie herausfand, wo sie herkam. Wenn sie wusste, wer ihre Eltern waren – vielleicht wusste sie dann endlich, wer sie selbst war.
Ihr Bruder lehnte sich zurück, nahm endlich den lächerlichen Zylinder ab und platzierte ihn vor sich auf dem Tisch.
»Also willst du jetzt die restliche Akte sehen?«, fragte Lively.
»Ich würde es lieber aus deinem Mund hören.«
Lively schmunzelte und hob die Hand wieder auf den Tisch, die bereits zu ihrer Tasche gewandert war. »Sehr viele Informationen gibt es leider nicht. Der Name unserer Mutter fehlt, aber der unseres Vaters ist vermerkt.«
»Blackwood«, flüsterte Jack.
»Ezra. Ezra Blackwood.«
»Ezra?« Jack runzelte die Stirn. »So einen Namen habe ich noch nie gehört.«
»Er ist hebräisch.« Nun zog Lively doch die Mappe hervor und legte sie flach vor sich auf den Tisch. »Ich habe mich ein bisschen umgehört.«
»Also war unser Vater Jude?«
Sie schüttelte den Kopf. »In der Akte steht, dass wir Christen sind. Vielleicht waren unsere Großeltern nur experimentierfreudig, was die Namen ihrer Kinder anging.«
»Ihrer Kinder?« Jack lehnte sich vor. »Das heißt, dass unser Vater Geschwister hatte?«
Lively musste ein Lächeln unterdrücken. Es machte ihr Spaß, sich von Jack jede Information einzeln entlocken zu lassen. Das war die Rache dafür, dass er anfangs gar nicht hatte wissen wollen, was in der Akte stand.
»Ich weiß es nicht«, gab sie zu. »Hier sind zwei weitere Namen vermerkt.« Sie schlug die Mappe auf und blätterte, bis sie die entsprechende Stelle fand. Schnell fuhr sie mit dem Finger die Zeile hinab und verharrte unter den entsprechenden Worten.
»Einmal Milla Herrins, die Frau, die uns ins Kinderheim gebracht hat.« Sie hob den Blick. »Schwester Josepha meinte, dass es eine Haushälterin oder ein Zimmermädchen gewesen sein musste. Als du weg warst, habe ich mich noch ein wenig mit ihr unterhalten.«
»Und der andere?«
»Edith Blackwood.« Lively schaute wieder hinab. »Und bei ihrem Namen ist die Adresse vermerkt, die wir zuerst aufsuchen werden.«
»Edith Blackwood«, murmelte Jack. »Wer mag sie wohl sein? Unsere Tante? Oder eine entferntere Verwandte?«
Lively lächelte beim Anblick ihres Bruders. Sie wusste, dass sie ihn spätestens jetzt am Haken hatte. Jack liebte die Abenteuer, die er in seinen Romanen erlebte, aber am meisten liebte er Kriminalgeschichten. Und was war besser, als eine Kriminalgeschichte, die das echte Leben schrieb?
»Was steht da noch?«, fragte Jack, als Lively die Akte zuschlug. »Komm schon. Das kann doch nicht alles gewesen sein.«
»Leider doch, Herr Kommissar.« Sie ließ die Mappe wieder in ihrer Tasche verschwinden. Sie lehnte ihren Kopf an die Scheibe der Eisenbahn und schaute hinaus in die Landschaft. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Geräusche des Zugs, das gleichmäßige Ruckeln unter ihnen und das hohe Quietschendes aufeinandertreffenden Eisens.
»Das meinst du nicht ernst«, entgegnete Jack und verschränkte die Arme. »Gib mir die Akte.«
»Glaub mir ruhig.« Sie legte eine Hand auf ihre Tasche.
Glücklicherweise kam gerade in diesem Moment der blonde Schaffner, der sie mit missbilligendem Blick musterte. »Wohin geht die Reise?«
»Westingate«, antwortete Lively und griff schnell nach der kleinen Geldbörse, in der sie die geklauten Münzen von Jack aufbewahrte. Mit einem entschuldigenden Blick in Richtung ihres Bruders bezahlte sie ihre beiden Karten und sah dann dem Schaffner hinterher, der sich aus ihrem Abteil entfernte.
»Ich wusste nicht, wo ich sonst Geld herbekommen sollte«, sagte sie und schenkte ihn ein Lächeln, das ihn versöhnlich stimmen sollte.
Doch trotz seiner in Falten gelegten Stirn sah sie an seinen zuckenden Mundwinkeln sogleich, dass er ihr nicht böse war.
»Es sind etwa zwei Stunden bis nach Westingate«, sagte Lively, froh, das Thema auf etwas anderes lenken zu können. Geld war ihre Schwachstelle.
Jack nickte. Dann schaute er aus dem Fenster. »Ich habe ewig in keinem Zug mehr gesessen. Das letzte Mal als ...«
»Ich weiß, Jacky«, unterbrach sie ihn.
Ihr Bruder lächelte. Die Haare hingen ihm durcheinander ins Gesicht, plattgedrückt von dieser Kopfbedeckung, die er dauerhaft trug, obwohl Lively ihm schon hunderte Male gesagt hatte, dass er dafür viel zu jung war. Ein seliger Ausdruck lag auf seinen Zügen. Lively betrachtete ihn und Wärme breitete sich in ihrer Brust aus.
Eins wusste sie: Auch wenn er es immer war, der sie beschützen wollte, so war es in Wirklichkeit andersherum. Denn er war es, der beschützt werden musste.

Kapitel 5
Jack hatte nie viele Gedanken an den Ort verschwendet, an dem er geboren worden war. Es hatte ihn nie interessiert – und doch war es ein merkwürdiges Gefühl, nun hier zu stehen, den davonfahrenden Zug im Rücken.
Dunkel, war das erste Wort, das ihm in den Sinn kam. Die Häuser waren klein, eng aneinandergepresst. Der Bahnhof lag etwas weiter oben, sodass sie einen guten Blick auf die Kleinstadt hatten. Vier Laternen säumten den gepflasterten Weg, der bereits nach wenigen Metern in festgetretene Erde überging.
Der dichte Wald im Hintergrund dominierte das Bild, nur durchbrochen von einer spitz zulaufenden Senke, in die sich die Häuser schmiegten. Er fragte sich, wieso dieses Dorf überhaupt einen eigenen Bahnhof hatte. Ein auf einem Abstellgleis geparkter Güterwaggon lieferte ihm die Antwort, gepaart mit dem schwarzen Staub, der auf dem Pflaster haftete: In der Nähe musste es eine Kohlemiene geben.
Über die Hausdächer hinweg erkannte Jack den zackigen Turm einer Kapelle, aber abgesehen davon glich jedes Haus dem anderen. Grau in Grau duckten sie sich nebeneinander. Die Sonne war bereits aufgegangen und die Arbeiter schienen bereits das Dorf verlassen zu haben, denn die Straßen wirkten wie leergefegt.
Jack klopfte sich den Staub vom Mantel und rückte seinen Hut zurecht. Lively ging bereits los in Richtung der Häuser und drehte sich nach wenigen Schritten ungeduldig zu ihm herum. »Kommst du?«
Jack nickte. »Also gehen wir zuerst zu dieser Edith Blackwood?«
Lively bedachte ihm mit einem strengen Blick und schaute sich um. Neben den Gleisen standen ein Mann und eine Frau, die sie mit skeptischen Blicken musterten.
Ein etwas breiterer Weg schlängelte sich vom Bahnhof fort hinein in das bedrückende Dorf. Die Luft war kühl und sauber, kein Qualm erschwerte das Atmen und keine Fabrikschornsteine verschmutzten den Himmel. Dafür stank es unerbittlich nach Exkrementen, sobald sie zwischen die mit Mörtel zusammengeklebten Bruchsteinhäuser traten. Kohlestaub klebte an den Wänden und ließ die ganze Welt um sie herum eine Nuance dunkler erscheinen, als würde er durch eine schmutzige Brille schauen.
Westingate stand auf dem schiefen Schild neben der Hauptstraße. In der Akte war eine Adresse zu Edith Blackwoods Haus vermerkt gewesen, aber sie fanden die Straße trotzdem nicht. Nach einigen Minuten des Umherirrens sprach Lively einen Mann an, der mit einem enormen Reisigbesen Laub vom Weg kehrte.
»Entschuldigen Sie. Wissen Sie, wie wir zum Haus von Edith Blackwood finden?«
Der Mann hob langsam den Kopf und musterte sie. Hinter seinem buschigen Bart waren seine Gefühlsregungen nur schwer zu erkennen. Er zwinkerte zweimal, bevor er antwortete. »Edith Blackwood, hm?« Er warf Lively nur einen kurzen Blick zu, bevor er Jack ausgiebig musterte. »Wer seid ihr?«
»Tut das zur Sache?«, fragte Lively verärgert, doch Jack trat sogleich neben seine Schwester, um die Situation zu entschärfen.
Er nahm den Hut ab. »Mein Name ist Jack Harpins und das ist meine Schwester Lively. Wir sind auf der Durchreise und wollten unsere Verwandte besuchen.«
Der Straßenkehrer wandte den Blick nicht ab. Es dauerte einige Sekunden, bis er antwortete und seine Stimme klang zögerlich. »Ihr seid fast da. Die Straße runter und das letzte Haus auf der Ecke.« Er klappte den Mund noch einmal auf, als wolle er etwas hinzufügen, doch dann schloss er ihn schnell wieder. Er gab ein merkwürdiges Grunzen von sich und wandte ihnen demonstrativ den Rücken zu.
»Warum hast du ihm unseren Namen verraten?«, zischte Lively ihm zu, als sie nebeneinander die Straße hinabgingen.
»Warum sollte ich nicht? Ich weiß nicht, wo dein Misstrauen herkommt. Wir tun doch nichts Verbotenes.«
Lively schnaubte, sagte aber nichts mehr. Als sie das Dorf fast ganz durchquert hatten, kamen sie in einen Teil, in dem die Häuser hochwertiger wirkten als im Rest der Ortschaft. Das beschriebene Haus war von einer niedrigen Steinmauer umgeben und besaß sogar einen kleinen Vorgarten. Es sah gepflegt aus, die Hecken waren vor kurzem geschnitten worden und einzelne Zweige lagen noch auf der Wiese. Es hatte zwei Stockwerke und Efeu rankte an der Tür vorbei bis unters Dach.
Jack atmete tief ein und trat durch die Lücke in der Steinmauer. Er versuchte, einen Blick durch die kleinen Fenster zu werfen, aber sie waren nicht erleuchtet. Seite an Seite standen sie vor dem Türsturz. Niemand traute sich, eine Hand zu heben und zu klopfen.
»Du«, sagte Lively bestimmt.
»Wieso ich? Das war deine Idee«, gab er zurück, doch sie ignorierte ihn und starrte weiter geradeaus gegen das Holz. Rechts neben der Tür stand eine alte Holzkiste mit Essensresten – Kartoffelschalen wahrscheinlich.
Jack warf seiner Schwester noch einen giftigen Blick zu, dann räusperte er sich, hob die Hand und klopfte dreimal fest gegen das Holz.
Erst begegnete ihnen nichts als Stille. Dann hörten sie Stimmen und ein Rumpeln. Kurz darauf ein weinendes Kind. Jack musterte Lively, doch die hob die Schultern, ohne seinen Blick zu erwidern. Ihre Wangen waren von der Kälte gerötet.
Die Stimmen schwollen an, dann polterte jemand näher und die Tür wurde aufgerissen.
Eine Frau stand im Rahmen, ein paar Jahre älter als sie, und trug ein schreiendes Kind im Arm. Ihre Schürze war schmutzig, genauso wie ihre Hände. Rhythmisch wippte sie mit der Hüfte auf und ab, bis das Kind mitten im Schrei innehielt und nur noch ein leises Wimmern von sich gab.
»Wer seid ihr?«, fragte sie und musterte sie mit scharfem Blick. Auch wenn der Rest ihres Gesichtes müde wirkte, ihre Augen waren es nicht.
»Ich bin Jack und das ist meine Schwester Lively. Es tut uns leid, Sie zu stören, aber wir suchen nach einer gewissen Mrs Blackwood. Edith Blackwood.«
Die junge Frau blickte sie einige Sekunden durchdringend an, ihre Pupillen weiteten sich fast unmerklich. »Da muss ich Sie enttäuschen. Mrs Blackwood ist schon vor einigen Jahren verstorben.«
Jack fluchte innerlich. »Aber Sie haben sie gekannt?«
Die Frau nickte nur und musterte sie weiter mit scharfem Blick. Das Kind auf ihren Armen kam langsam zur Ruhe und drückte den kleinen Kopf in die rötlich-braunen Locken seiner Mutter. »Meine Mutter hat für sie gearbeitet. Mrs Blackwood hat bis zu ihrem Tod in diesem Haus gelebt.«
»Wann ist sie gestorben?«, fragte Jack.
Die Frau warf ungeduldig einen Blick ins Hausinnere. »Vor einigen Jahren. Kann ich Ihnen sonst irgendwie weiterhelfen?«
Jack räusperte sich wieder, um die Sekunden zu überspielen, die er dafür brauchte, seine Frage korrekt zu formulieren. »War ihnen dann auch ein gewisser Ezra Blackwood bekannt?«
Augenblicklich erstarrte die Frau in ihrer Bewegung, worauf das Kind wieder zu schreien anfing. Sie würdigte es diesmal jedoch keines Blickes. »Ezra Blackwood ist ebenfalls tot. Wieso wollt ihr das wissen?« Langsam schaute sie von Jack zu Lively und dann wieder zu Jack.
Er tauschte einen Blick mit seiner Schwester, die ihm zunickte. »Wir haben vor kurzem erfahren, dass Ezra Blackwood unser Vater ist.«
»Nein«, flüsterte sie. Schnell warf sie einen Blick die Straße hinauf und wieder hinab. »Kommt mit ins Haus«, sagte sie schnell und wich dann zurück in den Türeingang.
Jack folgte ihr und auch Lively zögerte nicht. Einen Bruchteil einer Sekunde glaubte er sogar, ein winziges Lächeln auf ihren Lippen zu erkennen.
Die Frau schlug die Tür hinter ihnen mit unnötiger Härte ins Schloss.
»Aileen, wer ist das?«, fragte eine dunkle Männerstimme und Jack wirbelte herum. Ein bärtiger Mann, nicht sonderlich groß, aber mit umso breiteren Schultern, kam ihnen durch den Flur entgegen.
»Erkläre ich dir später«, schnitt ihm die junge Frau, Aileen, das Wort ab, drückte ihm das immer noch schreiende Kind in den Arm und führte Jack mit einem entschuldigenden Lächeln weiter.
Er duckte sich unter den bohrenden Blicken des Mannes und folgte Aileen in ein Zimmer zu ihrer Rechten. Hinter Lively schloss sie die Tür und ging mit schnellen Schritten zu den Vorhängen, um sie zuzuziehen.
Das diesige Licht des Raumes enthüllte, was Jack niemals hier erwartet hätte: wandhohe Regale voller Bücher. Ungeordnet und bis zur Unkenntlichkeit verstaubt zwar, aber zweifelsohne eine Sammlung von hohem Wert.
Eine alte Ledergarnitur stand in der Mitte des Raumes und Aileen ließ sich mit einem Seufzen darauf nieder. Jack warf seiner Schwester einen unsicheren Blick zu, doch die stellte ihren Koffer ab und setzte sich bereits der fremden Frau gegenüber.
»Wie lauteten eure Namen?«, fragte Aileen, noch bevor Jack ganz Platz genommen hatte.
»Lively«, erwiderte seine Schwester. »Und das ist Jack.«
»Und ihr seid ...« Auf einmal klang Aileens Stimme nicht mehr ganz so kraftvoll. Auch ihr Blick ließ nach. Sie schien nach Worten zu suchen, die sie nicht fand.
» Die Kinder von Ezra Blackwood. Auch wenn wir es selbst erst kaum einen Tag lang wissen.« Lively lehnte sich vor, stützte ihre Ellbogen auf die Knie und das Kinn auf die Hände. Sie musterte Aileen eindringlich.
Die junge Fremde lachte auf. Es begann klein, doch nach wenigen Sekunden warf sie ihren Kopf zurück und das Lachen ließ ihren ganzen Brustkorb erbeben. »Ich kann es nicht glauben«, flüsterte sie. »Obwohl es vorauszusehen war, dass ihr eines Tages auftauchen würdet, habe ich immer gehofft, dass ihr es nicht tun würdet.«
»Wieso das?«
Jack hätte Aileen gerne mehr Zeit gegeben und gewartet, dass sie von sich aus erzählte. Doch das entsprach in keiner Weise dem Vorgehen, das seine Schwester pflegte.
»Die Kinder von Ezra Blackwood.« Aileen verengte die Augen. »Ihr solltet mit dem Namen Blackwood auf den Straßen von Westingate nicht hausieren gehen.«
»Was meinen Sie?« Nun wagte sich auch Jack vor. »Sie müssen wissen, meine Schwester und ich haben keinerlei Informationen über unsere Familie. Deswegen sind wir hier. Wir hoffen, etwas mehr zu erfahren. Vielleicht weitere Verwandte zu treffen.«
»Da muss ich euch leider enttäuschen. Ihr seid die einzigen beiden, die noch den Namen Blackwood tragen.«
Ein Stich durchfuhr Jacks Brust und hinterließ eine merkwürdige Leere.
»Und Edith Blackwood?«
»Sie war eure Großmutter. Ezras Mutter.«
Jack schluckte. Er wusste nicht, was er noch sagen sollte und schaute Lively an.
»Woran ist unser Vater gestorben?«, fragte sie, als hätte sie nur auf ihren Einsatz gewartet.
Aileen wich ihrem Blick aus und schaute auf ihre Hände. »Ich fühlte mich nicht wie die Person, die euch das erzählen sollte.«
»Wer dann? Zu wem können wir gehen?«, fragte Jack schnell, bevor Lively auf sie einreden konnte.
Langsam schüttelte sie den Kopf. »Die Familie Blackwood war nicht wie die anderen. Die Geschichte eurer Geburt ist dunkler, verworrener. Ihr solltet euch gut überlegen, ob ihr darin eintauchen wollt. Noch habt ihr die Gelegenheit, Westingate einfach hinter euch zu lassen.«
»Nein«, sagte Lively laut. »Sie können nicht darüber bestimmen, was wir hören wollen und was nicht. Es geht um unsere Familie!«
Jack rückte etwas vor und legte Lively beruhigend eine Hand auf das Knie. »Sind Sie ohne Eltern aufgewachsen?«
Aileen weitete leicht die Augen und schüttelte den Kopf. Jack mochte ihre weichen Gesichtszüge, den eleganten Schwung ihrer Lippen.
»Schon seit wir denken können, gibt es in uns diese Leere. Die Frage danach, wer unsere Eltern waren und warum sie uns weggegeben haben. Es ist wie ein unstillbares Verlangen, das danach dürstet, zu wissen, wie sie waren, wie sie gelebt haben.« Das war ein wenig übertrieben, vor allem, weil dieses Verlangen bei ihm in den letzten Jahren ziemlich verblasst war. Aber Aileens Augen weiteten sich und er hatte das Gefühl, etwas bei ihr zu erreichen. Fieberhaft suchte er nach weiteren Argumenten.
Wieder sprang Lively ein, als habe sie gefühlt, dass er mit den Worten rang. »Als wir fünf oder sechs Jahre alt waren, bekamen wir im Kinderheim Besuch von einem Mann mit Zylinder. Er war groß und dunkelhaarig und irgendwie war Jack danach vollkommen besessen von der Vorstellung, dass dieser Mann unser Vater war. Er bastelte sich einen Hut aus Zweigen und trug ihn stundenlang, während er vorne am Eingang saß, durch die Eisengitter starrte und darauf wartete, dass er uns abholen würde.«
Jack versuchte, den Kloß zu überspielen, der sich gerade in seinem Hals bildete. Das hatte er bis gerade vollkommen vergessen.
Aileen lehnte sich zurück und strich sich fahrig eine Strähne aus den Augen. »Das tut mir leid. Aber glaubt mir: Egal, wie euer Leben vorher aussah. Es ist besser als das, was euch bevorsteht, wenn ihr weiter in der Vergangenheit wühlt.«
Lively presste die Lippen aufeinander, bis das Blut aus ihnen wich.
»Wir hatten nicht vor, irgendwelche düsteren Geheimnisse aufzudecken. Wir haben lediglich den Namen unseres Vaters erfahren und wollten herausfinden, wer er war«, sagte Jack vorsichtig.
Aileens Blick verdüsterte sich und sie warf einen Blick zum Fenster, als hätte sie Angst, die anderen Dorfbewohner würden durch den Schlitz zwischen den Vorhängen linsen. »Wie bereits gesagt, Ezra Blackwood ist schon seit vielen Jahren tot. Und mein Rat an euch ist, ihn in Ruhe im Boden verrotten zu lassen.«
»Wo ist er begraben?«
Sie schnaubte. »Wohl kaum auf dem heiligen Boden der Kirche.«
Jack sah Lively aus dem Augenwinkel zucken. Lange würde sie sich nicht mehr zurückhalten können. Und er wusste, dass es besser nie soweit kam, dass seine Schwester die Beherrschung verlor. Jedenfalls nicht, wenn fremde Personen oder zerbrechliche Gegenstände in der Nähe waren. Er schielte auf die Vase mit den getrockneten Blumen vor ihm auf dem Tisch und rückte unauffällig ein Stück näher an sie heran. Aber auch Aileen wirkte alles andere als entspannt.
»Ich war noch ein Kind, als es passierte«, führ sie nun etwas leiser fort. Mit den Fingernägeln fuhr sie ihren Kiefer entlang, bis hin zu ihrem Nacken. »Trotzdem denke ich beinahe jeden Tag daran.«
Jack drückte Livelys Knie, um ihr zu signalisieren, dass sie sich zurückhalten sollte. »Als was passierte?« Dann fiel ihm etwas ein. »Kennen Sie zufällig auch Milla? Die Frau, die uns ins Kinderheim gebracht hat? Vielleicht kann sie uns mehr erzählen.«
Aileens Mundwinkel senkte sich. »Sie war meine Mutter. Und sie kann nichts mehr erzählen.«
Jack nickte langsam. »Das tut mir leid.«
Dumpf erwiderte sie seinen Blick. »Es tut mir leid, aber ihr solltet gehen. Zu eurem eigenen Schutz.«
Lively erhob sich und ballte eine Hand zur Faust. »Verdammt, nein! Sagen Sie uns endlich, was es mit den Blackwoods auf sich hat.« Auch ihre Stimme war gedämpft, aber brodelte hörbar am Siedepunkt. Die Sehnen an ihrem Hals traten hervor. »Wir sind nicht hierhergekommen, um dem großen Sammelsurium an Rätseln um unsere Herkunft noch weitere hinzuzufügen.«
Aileens Blick glitt an Livelys Gestalt empor bis zu ihrem Gesicht. »Nein«, hauchte sie. »Es war falsch, euch überhaupt hineinzubitten. Verschwindet und verlasst die Stadt.«
»Wir werden nicht gehen, bis wir Antworten haben. Wer ist Edith Blackwood? Was hat unser Vater getan? Was ist mit unserer Mutter?« Bei jeder Frage wurde Lively lauter, sodass sie die letzten Worte beinahe herausschrie.
Aber Aileens Moment der Schwäche war vergangen. Sie sprang auf die Füße, jeder Muskel ihres Körpers gespannt. »Verschwindet, und zwar sofort. Ihr werdet es mir danken. Verlasst diese Stadt, denn noch weiß niemand, dass ihr hier seid.« Mit erhobenem Finger deutete sie auf die noch immer verschlossene Tür.
Jack griff nach seinem Zylinder und richtete sich auf. »Verzeihen Sie uns, dass wir Ihre Zeit gestohlen haben.«
Lively schaute ihn nicht an, aber er sah, wie die Wut in ihr förmlich pulsierte.
»Raus«, sagte Aileen nun bestimmt. »Ansonsten rufe ich meinen Ehemann. Mit zwei Stadtkindern wie euch wird er leicht fertig.«
Sanft umfasste Jack Livelys Unterarm. »Lass uns gehen, Liv. Wir erreichen hier nichts mehr.«
Wütend fixierte seine Schwester weiterhin Aileen, ließ sich aber von ihm in Richtung Tür ziehen. Jack drückte die Klinke herunter und ging hinaus. Aileens Mann stand im Flur, ohne den Säugling, dafür mit vor der Brust verschränkten Armen. Sein finsterer Blick verleitete Jack dazu, seinen Schritt noch weiter zu beschleunigen.
Er zog die Haustür auf, schob seine Schwester hinaus und drehte sich dann noch einmal im Rahmen um.
Aileen fixierte ihn mit klarem Blick, aus dem Entschlossenheit, aber auch Bedauern sprach. Als Jack sich nicht rührte, kam sie ein paar Schritte auf ihn zu.
»Es tut mir leid«, sagte sie nur. »Aber ihr müsst mir vertrauen und verschwinden.« Sie warf ihm ein halb entschuldigendes, halb ängstliches Lächeln zu, dann schloss sie die Tür vor ihrer Nase.
»Was zu Hölle war das?«, murmelte Jack.
»Zur Hölle mit ihr!«, entgegnete Lively, drehte sich mit geballten Fäusten um und stampfte zurück zur Straße.

Kapitel 6
Gottverdammt, diese eingebildete, herablassende Kuh!« Wütend trat Lively gegen einen Stein und katapultierte ihn einige Meter durch die Luft, bevor er auf dem Boden auftraf und schließlich zum Liegen kam. Wut brannte in ihrer Brust wie ein Schmiedefeuer.
»Ich fand sie weder eingebildet noch herablassend«, entgegnete ihr Bruder »Sie hatte Angst.«
»Sie hat dauerhaft um den heißen Brei herumgeredet. Wir sind kein Stück schlauer als vorher. Reine Zeitverschwendung.«
»Wir wissen jetzt, wer Edith Blackwood war.«
Sie schnaubte. Jack hatte zwar Recht, aber sie brauchte ein Ventil für ihre schlechte Laune. Und dafür eignete sich der Gedanke an diese Aileen recht gut.
Seite an Seite steuerten sie auf die kleine Kirche zu – Kapelle könnte man sie wohl eher nennen – die am Rand des Dorfes aufragte.
Das Gemäuer hatte schon bessere Tage gesehen – und die lagen mindestens zweihundert Jahre zurück. Putz bröckelte von allen Seiten, das Portal war mehr morsch als intakt und der Glockenturm war durch den Lauf der Zeit so schief geworden, dass man jeden Moment, den man vor ihr verbrachte, das Risiko eingehen musste, von tonnenschwerem Gusseisen erschlagen zu werden. Neben der Kapelle grenzte ein kleiner Eisenzaun den Friedhof ein. Er war so niedrig, dass man getrost mit etwas Anlauf über ihn springen konnte. Trotzdem nahmen sie das offenstehende Tor.
Auch wenn der Friedhof aus kaum mehr als vier Reihen von Gräbern bestand, legte sich sofort ein beklemmendes Gefühl auf Livelys Schultern, das nur diese Art von Orten auslösen konnte. Es war kein partout schlechtes Gefühl. Eher wie ein dunkler Mantel der Stille. Einengend, aber auch beruhigend. Schwer und trotzdem erleichternd. Obwohl es taghell war, hatte sie das Gefühl, Finsternis würde sie umgeben.
»Edith Blackwood«, sagte Jack leise und ging die Reihe entlang, den Blick auf die Inschriften geheftet.
Lively schlug die andere Richtung ein, setzte einen Fuß vor den anderen und folgte der Linie der Gräber. Murmelnd bewegten sich ihre Lippen, als sie die Namen vorlas. Die Daten. Sie zwang sich dazu, die Geburtsjahre nicht von den Sterbejahren abzuziehen, denn aus Erfahrung wusste sie, dass das einem nur die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen führte.
Am Ende der Reihe hab es ein Grab ohne Namen. »Timothy« stand darauf geschrieben, in dicken Buchstaben. Darauf nur ein Jahr, vermutlich das Jahr seines Todes. Es war das Geburtsjahr von ihr und ihrem Bruder. Ein kalter Schauer lief Lively den Rücken hinab, doch sie schalte sich gleich innerlich dazu, die Nerven zu bewahren. Ein Jahr war lang und das hier sagte gar nichts aus.
»Ich habe es gefunden!« Jacks Ruf hallte zu ihr herüber und sie wandte sich von dem viel zu nackten Grabstein ab. Mit schnellen Schritten schlängelte sie sich durch die Gräber auf ihren Bruder zu, der in der Mitte des Friedhofs stand und auf sie wartete. Er hatte den Hut abgenommen und drehte ihn in seinen Händen. Schweigend nickte er zu dem Grabstein vor seinen Füßen.
»Edith Blackwood«, murmelte er. »Gestorben vor zehn Jahren.«
»Sie wurde sechzig Jahre alt«, vervollständige Lively. Sie hockte sich hin und musterte die Ruhestätte genauer. Es war irgendein Naturstein. Die Buchstaben waren nicht ganz sauber hineingemeißelt. Das Wiesenstück vor dem Stein war von flachen Kieselsteinen eingerahmt und ein vertrockneter Blumenstrauß lag darauf.
»Sie scheint nicht sonderlich viele Verehrer in diesem Dorf zu haben.« Jack hockte sich neben sie und stupste den Blumenstrauß an.
Wortlos erhob sich Lively und umrundete den Stein. Was sie dort sah, ließ sie erstarren. »Ganz im Gegenteil, befürchte ich«, murmelte sie. Auf der Rückseite prangten Worte, die in den Stein geritzt und mit rotbrauner Farbe noch einmal hervorgehoben worden waren. Unsauber, als hätten die Täter unter Zeitdruck arbeiten müssen.
»Teufelspack«, las Jack vor, als er sich neben Lively gesellt hatte. »Ganz schön harte Worte auf heiligem Boden.«
»Was auch immer unser Vater getan hat, es scheint auf sie abgefärbt zu haben. Vielleicht haben sie auch zusammengearbeitet.«
»Das glaube ich nicht«, warf Jack ein. »Jedenfalls nicht aktiv. Aileen hasst unseren Vater, aber von Edith hat sie mit Respekt gesprochen.«
Lively nickte. Sie war froh, dass ihr Bruder mitgekommen war. Er war schon immer der Klügere von ihnen gewesen.
Jack sah sie von der Seite her an und sie spürte seinen warmen Blick auf ihrer Wange. »Aber wahrscheinlich hat Aileen recht«, fuhr er fort. »Wir sollten in diesem Dorf nicht damit hausieren gehen, von wem wir abstammen.«
Lively lachte schnaubend. »Zum Glück haben wir ja noch einen anderen Nachnamen.« Aber eigentlich war ihr nicht nach Humor zu Mute. Die Anspannung in ihr wuchs nur weiter, je mehr halbgare Informationen sie bekam. Es war fast beängstigend, wie sehr sie dieser Drang immer mehr einnahm und sie so reizbar machte, dass sie Aileen eben am liebsten ins Gesicht gesprungen wäre. Aber Jack wollte sie davon nichts sagen, er machte sich ohnehin genug Sorgen.
Sie schaute zum Himmel, der von dunkelgrauen Wolken verhangen war, als würde auch an ihnen der Kohlestaub kleben. Es war kalt und sie brauchte dringend ein Dach über dem Kopf und etwas im Magen.
Zwei Straßen weiter gab es eine kleine Wirtschaft mit dem einprägsamen Namen »Zum hungrigen Raben«. In Ermangelung einer anderen Idee blieben sie vor der Tür mit dem wetterschiefen Schild stehen und traten ein.
Der Schankraum war winzig, nur drei Tische drängten sich unter drei kleine Fenster. Hinter einer hölzernen Theke stand ein bärtiger Mann und polierte Gläser.
»Wer seid ihr?«, fuhr er sie an.
»Zwei Reisende, die hoffen, hier eine warme Suppe zu bekommen. Oder ist das keine Wirtschaft?«
Der Mann musterte sie einige Sekunden lang, dann schnaubte er wieder. »Setzt euch.«
Jack steuerte auf den Tisch neben der Tür zu.
»Nicht da«, ranzte der Wirt. »Da hinten.« Mit dem Polierlappen deutete er auf den Tisch in der hintersten Ecke. Jack warf Lively einen vielsagenden Blick zu, verdrehte leicht die Augen und ging dann auf den Tisch zu, um sich an ihm niederzulassen.
Lively schälte sich aus ihrem Mantel, hing ihn über die Lehne und nahm ihrem Bruder gegenüber Platz. »Wie liebevoll.«
Ein Lächeln umspielte Jacks Lippen. »Dörfler eben.« Sein Blick zuckte in Richtung Theke, um sich zu vergewissern, dass der Wirt sie nicht belauschte.
Doch dieser hatte ihnen betont den Rücken zugedreht und polierte weiter seine Gläser. Lively wusste nicht, ob er ihren Wunsch nach Suppe ignorierte oder im hinteren Raum jemand in der Küche stand, der sie gehört hatte.
Sie legte die Hände flach auf den Tisch und atmete langsam aus. »Wir müssen überlegen, wie wir jetzt weiter vorgehen. Wir wissen nicht viel mehr als vorher.«
Jack fuhr sich durch das Gesicht, über die Nase und das unrasierte Kinn. »Vielleicht sollten wir einfach auf Aileen hören.« Seine Stimme klang unsicher. Halbherzig, als wäre er von seinen eigenen Worten selbst nicht überzeugt.
»Was meinst du?«
»Vielleicht sollten wir es einfach auf sich beruhen lassen und gehen.«
Lively schnaubte. »Ist das dein Ernst?«
Ihr Bruder hob die Schulter. »Ich weiß es nicht. Aber ich habe keine Lust, mich in Dinge zu verstricken, die ich später bereuen werde.«
Ein Lächeln hob Livelys Mundwinkel und wieder einmal wurde ihr bewusst, wie unähnlich sie sich waren. Denn sie hatte verdammt große Lust, sich in Dinge zu verstricken, selbst wenn sie sie später bereuen würde. Zum Glück wusste sie genau, welche Knöpfe sie bei ihrem Bruder drücken musste, um ihn zu überzeugen. »Wenn wir jetzt gehen, wird uns die Neugierde irgendwann umbringen. Wir sind hier in der Stadt, in der unser Vater gelebt hat und wahrscheinlich auch unsere Mutter. Hier sind sie gewandelt, hier haben sie gewohnt. Vielleicht haben sie auch mal an diesem Tisch gesessen und sich über den unsäglich unfreundlichen Wirt beschwert.« Sie lächelte. »Jacky, jeder Mensch will wissen, wo seine Wurzeln sind. Auch du.«
Die Miene ihres Bruders verdüsterte sich. Doch als er nach ihrer Hand griff, wusste sie, dass sie ihn hatte. »Wir brauchen das nicht, Liv. Wir haben doch uns.«
»Bitte Jack, tu es für mich. Lass uns hierbleiben. Nur zwei Tage.«
Jack stieß langsam die Luft aus. »Zwei Tage. Aber wenn wir dann nichts gefunden haben, reisen wir ab.«
»Natürlich.« Lively lächelte. Sie fühlte sich nur kurz schlecht bei dieser Lüge.
»Und was hast du nun vor? Unsere einzige Spur führte uns gegen die Mauern von Aileens Schweigen. Ediths Grab hat uns gezeigt, wie verhasst die Blackwoods hier sind und wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand im Dorf uns Auskunft geben wird.«
Lively lächelte. »Es wird jemanden geben, der darüber redet. Menschen sind nicht nur sensationsgierig, sondern auch heiß darauf, über andere zu tratschen.« Sie fuhr mit den Fingern die grobe Maserung des Tisches nach und warf einen Blick über die Schulter. »Wir müssen nur die richtige Person finden. Eine Person, die einmal angelockt redet wie ein Wasserfall.«
Jack straffte die Schultern und trommelte dann mit den Fingerkuppen auf dem Tisch. »Und wo finden wir diese Person?« Er schaute zur Theke. »Ob der Wirt uns wirklich ignoriert? Vielleicht solltest du meinen Geldbeutel auf den Tisch legen.«
In diesem Moment wurde die Tür mit einem Knall aufgestoßen und kalter Wind wehte hinein. Sie hörten Lachen und eine laute und aufdringliche Stimme. Der Wirt richtete sich auf und tatsächlich zeigte sich etwas auf seinem Gesicht, das entfernt an ein Lächeln erinnern könnte.
Drei Männer betraten den Raum und legten ihre Mäntel ab. Laut scherzend nickten sie sich zu und nahmen dann an dem Tisch platz, den Jack eben angesteuert hatte.
»Drei Krüge Bier«, orderte der kleinste von ihnen und der Wirt nahm sogleich eifrig Gläser vom Regal.
»Scheinbar ist ihr Geld mehr wert als unseres«, sagte Jack spitz, doch Lively reagierte nicht auf ihn. Neugierig musterte sie die Neuankömmlinge.
Der linke Mann war klein und drahtig, hatte strohblondes Haar und ein wettergegerbtes Gesicht. Der Mittlere sah ihm so ähnlich, dass sie Brüder sein mussten. Nur der rechte stach hervor. Er war größer als die beiden und hatte feine Züge, die fast jugendlich wirkten. Seine Haare waren schwarz und standen ihm in alle Richtungen vom Kopf ab. Als er lachte, überzog sich sein ganzes Gesicht mit Falten. Sein markanter Kiefer wirkte im Zusammenspiel mit seinen klaren Augen durchaus attraktiv, doch das war es nicht, was Lively interessierte. Es war eher eine Ahnung, ein sanftes Ziehen in ihrer Brust, das ihr sagte, dass sie diesem Menschen ihre Aufmerksamkeit schenken sollte.
Wieder legte er den Kopf in den Nacken und lachte. Er hatte ein einnehmendes Lachen, das jeden Winkel der Wirtschaft erfüllte. Ein Lachen, das sagte: »Hier bin ich«. Ein Lachen, das gehört werden wollte.
Der Wirt kam mit drei gefüllten Bierkrügen an. Er knallte sie auf den Tisch, sodass der Schaum zu beiden Seiten spritzte.
Lively wandte den Blick ab, bevor ihr Starren auffiel.
Jack hatte scheinbar nicht mitbekommen, wie abgelenkt sie gewesen war. Er starrte nur verträumt zur Theke.
Nun kam der Wirt mit zwei gefüllten Tellern aus einer Kammer hinter dem Schankbereich hervor und steuerte tatsächlich auf sie zu. Wortlos schob er sie auf den Tisch, sodass ein Drittel von Livelys Suppe auf dem Holz der Tischplatte landete.
»Danke«, sagte Jack, aber sie schwieg. Solch unhöflichen Menschen waren ihrer Meinung nach freundliche Worte nicht wert. Und es war schon etwas außergewöhnliches, wenn sie Menschen als unhöflich bezeichnete, denn ihre Messlatte lag wirklich nicht hoch.
Ihr Bruder machte sich gleich über das warme Essen her, aber sie würdigte es keines Blickes. Möglichst unauffällig beugte sie sich nach hinten, schob den Stuhl ein paar Zentimeter und versuchte zwanghaft, die Worte der drei Männer zu verstehen. Doch es lagen einige Meter zwischen ihnen und das Klappern von Jacks Löffel brachte sie immer wieder aus dem Konzept. Genervt warf sie ihm einen Blick zu, schluckte die giftigen Worte aber herunter.
»Sie ist meine Schwester, Chase. Sprich nicht so über sie.« Das war die Stimme des Mannes mit den schwarzen Haaren. Lively erkannte sie sofort, denn sie war ähnlich eindringlich wie sein Lachen. Unauffällig rückte sie ein weiteres Stück nach hinten, bis sie mit der Lehne gegen einen Stuhl des Nachbartisches stieß.
»Hab dich nicht so. Willst du nicht auch, dass sie langsam einen Mann fürs Leben findet?«
»Sicher, aber nicht dich.«
Lively konnte die Stimmen der beiden anderen nicht unterscheiden, was es ihr schwer machte, dem Gespräch zu folgen.
»Nur weil ihr in eurem Schlösschen wohnt, macht euch das nicht zu Adligen, Adrian. Deine Familie ist nicht besser als meine.« Das musste einer der Blonden sein. Obwohl seine Stimme am Anfang scherzhaft geklungen hatte, war sie jetzt ehrlich verärgert.
Adrian. War das sein Name? Und was meinte der andere mit Schlösschen? Sicher nichts in diesem Dorf. Eine Ahnung machte sich in ihr breit und sie zwang sich, genauer hinzuhören.
»Mag sein, trotzdem ist meine Schwester zu gut für dich. Abgesehen davon, dass sie sowieso noch nie Interesse an dir gezeigt hat und es nie tun wird.«
»Das denkst du vielleicht. Wenn du wüsstest, was sie mir in deiner Abwesenheit für lüsterne Blicke ...« Es folgte ein Schmerzensschrei und lautes Fluchen. Hoffentlich hatte er ihn gut getroffen.
Nun schaltete sich auch der dritte wieder ein und Lively schaffte es nicht mehr, das Stimmengewirr auseinanderzuhalten.
»Liv?«
Sie zuckte zusammen und schaute zu Jack, der mit seiner Hand vor ihren Augen herum wedelte.
»Was?«, fragte sie barsch.
»Bist du noch bei mir? Du hast dein Essen nicht angerührt.«
Wortlos beugte sich Lively über den Teller und schaufelte die Suppe in sich hinein. Sie schmeckte nach kaum mehr als Wasser, nur die winzigen Klöße verbreiteten etwas Aroma. Die drei Männer hinter ihr scherzten weiter und sie filterte die Informationen, die sie gerade bekommen hatte: Irgendwo in der Nähe dieses Dorfes musste es eine Art Anwesen geben, in dem Adrian und seine Schwester wohnten.
Lively hatte keine Ahnung, ob und in welcher Weise ihr das noch nützlich sein würde, aber sie gab die Hoffnung nicht auf. Dieses Dorf war nicht sehr groß, es gab nicht annähernd so viele Einwohner wie in der Stadt, in der sie lebten – es konnte also eigentlich jeder in diese Geschichte verstrickt sein, über die sich Aileen so vehement zu reden weigerte. Außerdem war da immer noch dieses merkwürdige Ziehen in ihr.
Sie hörte hinter sich Stühlerücken und warf einen schnellen Blick über die Schulter. Ihr Herz machte einen kleinen Sprung, als sie sah, dass sich tatsächlich Adrian erhob, seinen Begleitern zunickte und sich auf den Weg zur Tür machte, wahrscheinlich, um sich zu erleichtern.
»Ich bin gleich wieder da«, zischte sie Jack zu. Ihr Bruder hob eine Augenbraue, fragte jedoch nicht nach. Sie würde ihm später alles erklären.
Lively wartete noch ein paar Sekunden, damit es nicht allzu auffällig war, und ging dann zur Tür und nach draußen.
Kalter Wind schlug ihr entgegen und sie verfluchte sich dafür, den Mantel drinnen gelassen zu haben. Suchend sah sie sich um und erkannte Adrian, der gerade um eine Ecke verschwand.
Sie atmete die klirrende Luft tief ein und lief ihm nach. Es lag Schnee in der Luft. Vor der Ecke bremste sie ab, umrundete sie dann und stieß fast mit Adrian zusammen, der mit verschränkten Armen auf sie wartete.
Langsam hob er eine Augenbraue, bis sie unter seinen unordentlichen Haaren verschwand. »Verfolgst du mich?« Sein Kiefer bewegte sich hin und her.
»Ja«, antwortete Lively. Es gab Situationen, in denen auch Lügen nichts mehr half.
Schweigen. Adrians Augen glitten forschend an ihr hinab und augenscheinlich versuchte er, sich daran zu erinnern, woher er sie kennen konnte. Als er einige Sekunden länger auf ihrer Oberweite verharrte, fragte er sich vermutlich, ob sie schon eine Liebschaft miteinander gehabt hatten.
»Du kennst mich nicht.«
Adrian verzog keine Miene. Er sah ihr in die Augen und sein Blick war so intensiv, dass ihr ein Schauer den Rücken hinablief. »Und was willst du dann von mir?« Er nickte nach hinten. »Eigentlich hatte ich hier draußen etwas anderes vor als zu plaudern.«
»Ich will nicht plaudern«, sagte Lively, ohne auf seine erste Frage einzugehen. »Ich wollte dich fragen, wer du bist. Und was das für ein Schlösschen ist, von dem deine Kumpanen geredet haben.«
Adrian sah sie sichtlich irritiert an. Zu recht, wenn man bedachte, wie wenig feinfühlig sie gerade vorgeprescht war. »Bist du irgendeine Verrückte?«, fragte er.
»Wie man es nimmt.« Lively legte den Kopf schief, lächelte und kam einen weiteren Schritt auf ihn zu. »Also?«
Die Maske der Irritation in seinem Gesicht löste sich auf und er lachte laut auf. Ein Schauer lief über Livelys Rücken und kurz war sie stolz, dass sie es war, der dieses Lachen galt. Ihre Mundwinkel hoben sich, jedoch kaum so, dass er es sehen konnte. Vielleicht musste sie das Spiel etwas anpassen, wenn sie noch zu einem Ergebnis kommen wollte. Sie brauchte nur ein nachvollziehbares Anliegen.
»Wir sind im Auftrag eines großen Verlagshauses unterwegs und sammeln Sagen und Legenden aus Nordengland.«
»Meine Familie ist zugezogen. Wir interessieren uns nicht für Geschichten, die die Dorfbewohner erzählen.«
»Aber bei einem Bier wird natürlich nicht geplaudert?«
Adrians Mundwinkel verzogen sich ärgerlich. »Wer bist du überhaupt?«
Lively setzte das breite Lächeln auf, dessen Wirkung sie sich durchaus bewusst war. »Es tut mir leid, ich wollte dich nicht verärgern. Ich bin nur verdammt neugierig und hatte das Gefühl, du kennst dich hier aus.«
Die Züge ihres Gegenübers glätteten sich wieder.
»Ich habe einen Teil eures Gesprächs am Tisch aufgeschnappt. Dein Freund hat dich aufgezogen, in einem Schloss zu wohnen. Was meinte er damit? In diesem Dorf habe ich bisher nichts gesehen, was auch nur ein bisschen edel aussieht.« Sie verengte die Augen und suchte seinen Blick. Adrian wirkte irritiert über den plötzlichen Themenwechsel, war aber scheinbar dankbar dafür.
»Ich wohne auf Whitefir-Mansion. Das ist ein Herrenhaus im Wald. Und das Einzige hier im Umkreis.« Er lachte leise und rückte seinen smaragdgrünen Hemdkragen zurecht. »Dieses Dorf macht wirklich nicht viel her. Was verschlägt euch ausgerechnet hierhin?«
Lively lächelte breit, doch weniger wegen seinen Worten als wegen der Informationen, die sie bekommen hatte. Ihre Ahnung hatte sich bestätigt. Whitefir-Mansion – auch das hatte in der Akte gestanden. Sie sah ihn noch einen langen Moment an. »Der Wald«, antwortete sie schlicht. »Man erzählt sich einiges über den Wald.« Sie neigte den Kopf ein wenig. »Ich will dich nicht länger aufhalten. Danke für die Erklärung.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und kehrte in die Wirtschaft zurück.

Kapitel 7
Jack liebte seine Schwester, wirklich. Er hatte zweiundzwanzig Jahre Zeit gehabt, ihre Attitüden kennenzulernen und mit ihren Eigenheiten klarzukommen. Lively hatte viel für ihn getan. Mehr als einmal hatte sie den Hals für ihn hingehalten, besonders in der Zeit im Kinderheim.
Aber manchmal konnte er sie nicht ausstehen. Das waren noch nicht einmal die Momente, in denen sie dieses gefährliche Glitzern in den Augen hatte, nein. Es waren die Momente, in denen sie schwieg. Ihm jede Kommunikation versagte und einfach vor sich hin starrte, ohne den Versuch zu unternehmen, sich ihm mitzuteilen.
Er wusste, dass sie ihm nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Dass es Informationen in dieser Akte gab, die sie ihm vorenthalten hatte. Er hatte nichts gesagt, weil er diese zwei Tage einfach nur hinter sich bringen wollte. Er wollte nach Hause zurück, jedenfalls redete er sich das die ganze Zeit ein. Das Lächeln um die Lippen seiner Schwester sagte ihm aber, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, dass sie von dieser ganzen Sache ablassen würde. Ein Teil von ihm war froh darüber und wollte auch wissen, was es mit der ganzen Heimlichtuerei, den ganzen Andeutungen auf sich hatte. Aber er hatte Angst, es zu bereuen, wenn sie hierblieben.
Mit einem Seufzen zog er ihren halbleeren und inzwischen eiskalten Teller Suppe zu sich und stellte die Schale in seine eigene. Wäre er nicht so satt gewesen, hätte er sie leer gegessen. Zwar nagten sie nicht am Hungertuch, Geld im Überfluss hatten sie aber auch nicht.
Lively schaute weiter auf die Tischplatte und reagierte nicht, als er sich erhob.
»Lass uns gehen.«
Sie nickte nur abwesend und tat es ihm nach. Als sie den Mantel über ihre Schultern streifte, warf sie einen langen Blick über die Schulter zu den drei Männern, die kurz nach ihnen die Wirtschaft betreten hatten. Als Außensteher hatte man beinah denken können, dass sie an einem von ihnen interessiert war, aber Jack wusste es besser: Lively heckte irgendetwas aus und es hatte mit diesen Männern zu tun.
Jack ging zum Tresen und legte den Betrag für die zwei Teller Suppe auf das Holz. Der Wirt wischte das Geld in seine Hand und zählte es sogleich nach.
»Entschuldigung, erlauben Sie noch eine Frage?«
Der ältere Mann brummte.
»Vermieten Sie Zimmer?«
»Ich dachte, ihr seid Reisende.« Ah, scheinbar besaß er doch eine Zunge.
»Auch Reisende müssen irgendwann mal ausruhen.«
Lively gesellte sich neben ihn und trommelte mit den Fingern nervös auf den Tresen.
»Hören Sie«, begann Jack noch einmal »Geben Sie uns nun ein Zimmer für eine Nacht oder sollen wir uns etwas anderes suchen?«
Der Wirt hob eine Augenbraue. »Eine Nacht?«
Jack nickte und zwang sich, nicht die Augen zu verdrehen.
Immer noch missmutig dreinblickend kramte der Wirt unter der Theke einen Schlüssel hervor und drückte ihn Jack in die Hand. Er nannte den Preis und Jack bezahlte sofort. Mit Schrecken stellte er fest, dass sich das Geld in seiner Börse zusehends dem Ende zuneigte.
»Die Treppe hoch und dann rechts«, brummte der Wirt.
Jack warf Lively einen auffordernden Blick zu, aber sie bemerkte ihn nicht. Sie beobachtete noch immer die drei Männer.
»Liv?«
Seine Schwester schreckte auf und folgte ihm.
Die Treppe in den zweiten Stock war steil und an einigen Stellen so morsch, dass sich Jack zu Sicherheit zu beiden Seiten mit den Händen absicherte.
Oben gab es nur drei Zimmer, die alle verschlossen waren. Da weder der Schlüssel, noch die Zimmer mit Nummern ausgestattet waren, musste Jack die Schlösser durchprobieren. In das zweite glitt der Schlüssel ohne Widerstand und sie betraten eine kleine Kammer.
Es gab nur ein Bett und einen winzigen Nachttisch.
»Hübsch«, sagte Lively trocken.
»Hast du eine andere Idee, wo wir heute die Nacht verbringen sollen? Immer her mit deinen Vorschlägen«, entgegnete Jack genervt. Er stellte seine Tasche ab und ließ sich auf das Bett sinken. Lively nahm neben ihm platz, ohne ihn anzuschauen.
Schweigend starrten sie einige Sekunden lang auf die löchrigen Holzdielen.
»Was war das eben?«
»Was?«, entgegnete Lively.
»Diese drei Männer. Du hast sie angestarrt, als wolltest du sie zum Frühstück verspeisen.«
Seine Schwester lachte freudlos auf.
»Was war los?«
Lively antwortete ihm zunächst nicht. Als Jack das Schweigen schon selbst wieder brechen wollte, sah sie ihn von der Seite an.
»Ich war nicht ehrlich zu dir, was die Akte anbelangt.«
»Was du nicht sagst.« Jack schaute zu ihr. Wider seines Erwartens zog sie nicht die Mappe heraus, um ihm ihr Versäumnis zu zeigen, sondern verschränkte die Hände auf dem Schoß, Finger für Finger.
»Als unser Geburtsort war nicht Westingate vermerkt, sondern ein Ort namens Whitefir.«
Fassungslos starrte Jack sie an. »Und was tun wir dann hier? Sollten wir dann nicht lieber in unserem Geburtsort suchen?«
Lively schüttelt langsam den Kopf. »Ich war in einer Bücherei. Es gibt keine Ortschaft mit dem Namen Whitefir hier in der Nähe, wahrscheinlich in ganz England nicht. Der Archivar meinte zu mir, dass als Geburtsort auch ein Anwesen genannt werden kann, wenn die Kinder denn vor Ort zur Welt gekommen waren. Da unsere Unterlagen ja wohl auf Millas spärlichen Angaben beruhen, kam mir das relativ wahrscheinlich vor.«
»Aber hast du hier irgendetwas gesehen, das wie ein Anwesen aussieht? Der Ort ist doch relativ leicht zu überblicken.«
Nun umspielte ein kleines Lächeln Livelys Lippen, das sich weiter ausbreitete, bis sie ihre Zähne zu einem breiten Grinsen entblößte. »Der rechte Mann. Er kam mir gleich anders als die anderen vor. Gehobener.« Sie drehte sich zu Jack um und verengte die Augen. »Und wie der Zufall es will, wohnt er mit seiner Schwester in einem Anwesen namens Whitefir-Mansion. Es liegt im Wald.«
Jack schwieg. Hatte sie den Mann abgefangen, als sie draußen gewesen war? Oder hatte sie ihn nur belauscht? Er traute ihr beides zu.
»Dort müssen wir hin«, flüsterte sie und umfasste seinen Arm. »Dort sind wir geboren.«
Jack schaute hinab auf die Hand seiner Schwester, die feingliedrigen Finger. »Und wieso? Haben unsere Eltern dort gearbeitet?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, Jacky. Aber es ist höchste Zeit, genau das herauszufinden.« Sie strich noch einmal über seinen Unterarm und erhob sich dann schwungvoll.
Jack verdrehte die Augen und stöhnte auf. »Jetzt?«
»Jetzt. Schließlich haben wir nur zwei Tage.«

Kapitel 8
Am Rande des Dorfes führte ein breiter und von Pferdekutschen-rädern zerfurchter Weg genau in den Wald hinein. Zu beiden Seiten ragten die Tannen wie düstere Torwächter auf. Obwohl die Sonne noch hoch am Himmel stand, war es kalt zwischen den Bäumen. Schwere, nadelbeladene Äste verschränkten sich über ihren Köpfen zu einer dichten Decke aus Dunkelheit.
Sie gingen in vollkommenem Schweigen nebeneinander her. Die Aufregung kroch Lively in alle Knochen, ließ ihr Herz schneller schlagen und ihren Puls flattern. Sie war begierig darauf, mehr zu erfahren, begierig auf jede kleinste Information. Auch wenn sie mit den Geschichten aus Jacks Büchern immer wenig hatte anfangen können, kam sie sich wie einer seiner Kommissare vor.
Verdammt, es fühlte sich so wahnsinnig gut an, etwas zu tun zu haben. Nicht mehr den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und die brave Hausfrau zu spielen, die sie niemals hatte sein wollen. Endlich füllte sie ihr Leben mit einem Sinn, mit einem prickelnden, aufregenden Sinn.
»Wie weit ist es noch?«, fragte Jack nach einigen Minuten. Wie ein Kleinkind. Sie konnte seine schlechte Laune nahezu riechen und unterdrückte ein Augenrollen. »Keine Ahnung.«
Sie hörte ihn Luft holen und zu einer Antwort ansetzen, aber dann vernahm sie ein anderes Geräusch. Ein Rattern, das zügig näherkam. Schnell sprang sie zur Seite, packte Jack am Ärmel und zog ihn zwischen die erste Tannenreihe. Sie stolperte über irgendetwas am Boden und krallte sich in dem Stoff von Jacks Mantel.
»Vorsicht«, zischte er und zog sie wieder hoch.
Lively fand festen Stand und zerrte ihrem Bruder einige Schritte weiter.
Die Geräusche wurden lauter und entpuppten sich als das stetige, stumpfe Trappeln von Pferdehufen auf festgetretener Erde. Mit ansehnlicher Geschwindigkeit preschte eine schwarze Pferdekutsche an ihnen vorbei. Lively konnte einen blonden Mann auf dem Kutschbock erkennen, dann war sie wieder aus Sichtweite. Sie fuhr weiter in Richtung Dorf.
»Wofür war das jetzt?« Jack stapfte wieder in Richtung der Straße und wischte sich Tannennadeln und Dreck vom Mantel.
»Sie sollen nicht wissen, dass wir kommen.« Lively folgte ihm und warf einen weiteren forschenden Blick die Straße hinauf und hinunter. Das Hufgetrappel wurde immer leiser. Als es verklungen war, atmete sie aus.
»Was ist dann dein Plan? Wir laufen einfach zu diesem Haus, klopfen an und fragen: ´Guten Tag der Herr, könnte es sein, dass vor zweiundzwanzig Jahres einer ihrer Bediensteten Zwillinge geboren hat? Nämlich uns?´«
»Wenn es so war, wird sich irgendjemand daran erinnern können«, erwiderte Lively trocken, aber in Wahrheit hatte sie selbst noch keine Ahnung, was sie tun würden, wenn sie dort waren. Aber ihr Gefühl sagte ihr einfach, dass es die richtige Entscheidung war. Sie musste ihm vertrauen – und Jack ihr.
Lively folgte ihm in einigem Abstand. Sie zwirbelte eine ihrer Haarsträhnen um einen Finger und strich sie dann hinter das Ohr. Sie mochte den Geruch dieses Waldes. Leicht herb, erdig, aber frisch. Als sie den Blick über die Bäume zu ihrer Seite schweifen ließ, fiel ihr auf, wie merkwürdig leise es hier war. Sollte man nicht zumindest Vögel singen oder Kleintiere im Unterholz rascheln hören? Das einzige, das sie hier vernahm, waren ihre eigenen Schritte auf der dick von Tannennadeln bedeckten Erde.
Nach einigen weiteren Minuten machte die Straße plötzlich einen scharfen Knick nach rechts. Noch bevor sie an diesem angekommen waren, beschleunigte sich Livelys Herzschlag. Sie hatte da so ein Gefühl. Das Gefühl, dass sie endlich am Ziel angelangt waren.
Als sie um die Ecke bogen, bot sich ihnen ein überwältigender Anblick: Whitefir-Mansion erhob sich auf einer kleinen Anhöhe und blickte herrschaftlich auf den Wald hinab. Den Weg hinauf zierten kurze, dicke Tannen, deren Nadeln wie von einem seltsamen weißen Film überzogen schienen. Auf halben Weg nach oben befand sich ein eisernes Tor.
Das Haus selbst war ganz in schwarzem Stein gehalten, überzogen mit weißen, leicht verschnörkelten Mustern um die Fenster herum. Es war riesig, mindestens so groß wie ihr altes Kinderheim. An der ein oder anderen Ecke sah man ihm sein wohl beträchtliches Alter an, doch ansonsten wirkte es gepflegt. Durch die Tannen hindurch konnte man eine ordentliche Gartenanlage erkennen, die sich um das ganze Haus zu ziehen schien. Lively stockte der Atem. Sie konnte nicht genug von diesem Anblick kriegen. Sie merkte, dass sie wie automatisch stehengeblieben waren. Auch Jacks Blick wirkte nicht minder bewundernd.
»Wahnsinn«, hauchte er. »Wie viele Menschen mögen hier wohnen?«
»Wahrscheinlich nur eine einzige Familie mit ihren Bediensteten.« Es war recht unwahrscheinlich, dass Adrian hier mit seiner Schwester allein wohnte – sicher war nicht er der Herr dieses Hauses, sondern sein Vater oder gar sein Großvater. Aber Lively wollte keine unbegründeten Vermutungen aufstellen. Sie würden es früh genug erfahren.
Fast liebevoll strich ihr Blick noch einmal über die Fassade, dann riss sie sich los. »Wir sollten es herausfinden.«
Sie lief los und geradewegs auf das Eingangstor zu. Einige Sekunden später hörte sie Jacks Schritte hinter ihr, die sie verfolgten.
Der Weg die Anhöhe hinauf war nicht sonderlich breit und bis auf die Rillen der Pferdekutschen festgetreten.
Das Tor war offen und wurde nicht bewacht. Hier, tief im Wald und weiter weg von der nächsten Siedlung, war das kaum nötig. Die wilden Tiere hielt der knapp zwei Meter hohe Zaun ab.
Am Tor angekommen spähte Lively durch die engen Gitterstäbe. Vor dem Haus gab es einen großen runden Platz aus Kies, in dessen Mitte ein kleiner Brunnen stand. Es war weit und breit niemand zu sehen, trotzdem machten ihr die großen Fenster Sorgen. Der spärliche Einfall der Sonne hinderte sie daran, hineinzusehen, doch für die andere Richtung musste das nicht gelten.
»Bleib dicht bei mir«, zischte sie Jack zu. Das Tor quietschte kaum, war also scheinbar noch vor Kurzem geölt wurden. Sie schob es nur so weit auf, dass sie sich beide hindurchzwängen konnten, dann sah sie sich um.
»Hier rüber.« Sie schlug den Weg scharf nach links ein und lief hinter den Tannen weiter. Sie standen nicht sehr dicht, boten aber trotzdem immerhin etwas Sichtschutz. Jack folgte ihr in einigem Abstand.
Hinter dem letzten Baum blieben sie stehen. Von hier aus konnten sie am Haus vorbei die weitläufige Anlage betrachten. Akkurat geschnittene Büsche reihten sich aneinander, nur durchbrochen von einigen Bänken, die zum Verweilen einluden. Wer auch immer hier wohnte, hatte definitiv Geschmack und viel, viel Geld.
Sie ließ den Blick über den Garten schweifen und konnte niemanden entdecken. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen und schlich auf die Seite des Herrenhauses zu. Sie trat nah an die Wand, sodass sie von den Fenstern aus nicht zu sehen sein konnten. An der Ecke verharrten sie wieder. Lively beruhigte ihren klopfenden Herzschlag und beugte sich vor. Immer noch niemand. Inzwischen kam es ihr fast unheimlich vor, wie ausgestorben es hier wirkte.
»Jack«, zischte sie. »Siehst du die Tür?« Ein paar Schritte vor ihnen führte eine Treppe steil nach unten und endete nach rechts in einer kleinen hölzernen Tür. Sie stand einen Spalt breit offen.
»Nicht so voreilig.« Jack trat an sie heran und legte ihr beruhigend eine Hand zwischen die Schulterblätter. Es hatte genau die gegensätzliche Wirkung.
»Wieso?«, fragte sie gereizt.
»Eine Tür wird nicht ohne Grund offenstehen. Sicherlich ist jemand dahinter oder hat sie zu einem bestimmten Zweck offen gelassen. Außerdem kannst du nicht einfach hier einbrechen. Das ist viel zu gefährlich.«
Sie schluckte. Natürlich hatte er recht. Wenn sie jemand erwischte, der ihnen nicht wohlgesinnt war, konnte alles passieren. Vor allem ihr als Frau würden viele keine Gnade entgegenbringen. Aber sie konnte einfach nicht anders. Das Ziehen in ihren Bauch wurde so stark, dass sie nicht widerstehen konnte. Wie ein unstillbarer Durst, ein maßloses Verlangen.
Also ignorierte sie den Einwand ihres Bruders, warf einen Blick über die Schulter und rannte los. Hinter sich hörte sie ihn entnervt aufstöhnen, aber er folgte ihr trotzdem.
An der Treppe angekommen, rannte sie die ausgetretenen Stufen hinunter, riss die Tür auf und stolperte ins Dunkle. Dann wies sie sich selbst zur Vorsicht. Jack schloss hinter ihr langsam die Tür.
Verdammt, es war wirklich dunkel. So dunkel, dass Lively erst einige Sekunden bewegungslos stehenblieb, bis sich ihre Augen so weit an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, dass sie den Schemen des fensterlosen Ganges erahnen konnte.
Lively tastete sich vor und langte wie automatisch nach dem Griff der ersten Tür, der ihr zwischen die Finger kam. Verschlossen. Frustriert rüttelte sie daran und ließ ihn dann los.
»Was nun? Willst du ...« Ein ohrenbetäubendes Brüllen erschütterte den ganzen Gang und übertönte Jacks letzte Worte. Lively zuckte zusammen und wich von der Tür zurück, die sie zuvor hatte öffnen wollen. Es war ein grausames Geräusch, langgezogen und heulend, doch gleichzeitig so tief, dass der Boden unter ihren Füßen vibrierte. Es erzitterte in jedem ihrer Knochen. Sie starrte nur die Tür an, unfähig zu atmen, unfähig, sich zu bewegen.
Jack reagierte geistesgegenwärtiger als sie. Grob packte er sie am Arm und zerrte sie zu einem breiten Besenschrank einige Meter weiter. Er riss die Tür auf, schubste sie hinein und folgte ihr dann nach.
Das Brüllen ließ nach und hinterließ nichts als beängstigende Stille, in die ihr lautes Keuchen scharf hineinstach. Sie spürte Panik in sich aufsteigen. Aber sie musste sich wieder beruhigen.
»Leise!«, zischte Jack. Lively spürte, wie sich ein Arm um ihre Schulter schlang und sich seine Hand sanft, aber bestimmend auf ihren Mund und ihre Nase legte.
Schritte.
Schwere Schritte von dick bestiefelten Füßen. Sie kamen näher. Schnell, aber nicht gehetzt.
Sie liefen an ihnen vorbei und in Richtung der Tür, aus der dieses bestialische Brüllen geklungen war. Dort verharrten sie für einige Sekunden.
»Na, aufgeregt?« Die Stimme klang beinahe sanft.
Livelys Herz pochte immer noch schnell, aber Jacks Handfläche dämpfte die Geräusche ihres Atems. Der Mann im Gang schien nicht im Traum daran zu denken, dass jemand hier eingedrungen sein könnte. Genau das war wohl ihre Rettung.
Hitze stieg ihr den Hals hinauf. Es war so verdammt eng in diesem Schrank. Ihr Rücken war hart gegen Jacks Brust gepresst. Mit der freien Hand streichelte er beruhigend über ihre Schulter.
Sie hörten das Schaben einer Tür. Dann fiel sie ins Schloss.

Kapitel 9
Langsam stieß Jack die Luft durch die Nase aus, schloss die Augen und lehnte den Kopf an die Hinterwand des hölzernen Schrankes. Dann löste er die Finger von Livelys Mund und ließ die Hand zu Boden sinken.
»Was war das?«, fragte Lively halblaut. Ihre Stimme zitterte und sie räusperte sich.
Jack antwortete nicht. Sein Arm war irgendwo hinter ihrem Rücken eingeklemmt und sein Fuß steckte in etwas Weichem, wahrscheinlich in einem Haufen Putzlumpen. Die Schritte waren schon lange verklungen und trotzdem traute er sich nicht, die Schranktür auch nur einen Spalt breit zu öffnen. Das hier waren definitiv genug Abenteuer für die nächsten Jahre gewesen.
»Jack«, murmelte Lively. »Meinst du, sie halten hier unten wilde Tiere?«
»Ich habe keine Ahnung.« Er stöhnte und drehte sich so, dass Livelys Haare ihn am Kinn kitzelten. Er schaute auf sie hinab – oder besser gesagt dorthin, wo er ihr Gesicht vermutete. Seine Stimme wurde leiser, eindringlicher, und er lehnte sich noch ein Stück näher an seine Schwester heran, in der Hoffnung, sie mit seinen Worten zu erreichen. »Wir sind in ein Haus eingebrochen, Liv. Wir verstecken uns gerade in einem fremden Besenschrank. Das hat doch nichts mehr mit unserem Vater oder unserer Herkunft zu tun. Für uns gibt es jetzt keinen anderen Weg als hinaus aus dieser Tür und hinaus aus diesem Haus.«
Lively schnaubte und Jack presste die Lippen aufeinander. Er hasste dieses Schnauben. Gott, er hasste es so sehr.
»Ich mache nicht mehr mit«, zischte er, bevor sie ihn wieder mit ihren Worten um den Finger wickeln konnte. Mit der Hand, die sich sowieso halb um den Körper seiner Schwester geschlungen war, packte er ihre Schulter.
»Schön«, entgegnete Lively schnippisch und entwand sich seinem Griff so weit, wie es eben ging, ohne die Tür aufzustoßen. »Dann mache ich ohne dich weiter. Ich war von Anfang an bereit, allein in diesen Zug zu steigen.«
Jacks Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, denn er wusste, dass sie recht hatte. Egal, was er tat oder sagte, Lively würde weitermachen. Und dieser Gedanke bereitete ihm so Bauchschmerzen, dass er sie am liebsten gepackt und zurück nach Hause geschleppt hätte. Aber das schaffte er ohnehin nicht. »Mach, was du willst«, sagte er und verlieh seiner Stimme alle Kälte, zu der er fähig war. Aber er war wütender auf sich selbst als auf sie. Wieso hatte er nicht gleich die Reißleine gezogen, sondern sich von seiner Neugierde hierherlocken lassen?
Lively starrte ihn ein paar Sekunden lang an. Trotz der Dunkelheit spürte er ihren Blick förmlich auf seiner Wange brennen. Dann stieß sie die Tür auf und stakste aus dem Schrank hinaus in den spärlich beleuchteten Flur. Sie klopfte ihre Kleider aus und richtete sich auf. Dann erstarrte sie, weitete die Augen und fixierte einen Punkt hinter dem Schrank den Gang weiter entlang.
»Guten Abend.«
Jack stolperte nach draußen und sprang schützend vor seine Schwester. Auffordernd starrte er dem Mann entgegen, der sie mit hinter dem Rücken verschränkten Armen betrachtete. »Wir wollten gerade gehen.«
»Wolltet ihr das? Deine Frau ist da wohl anderer Meinung. Zumindest, wenn ich euer Gespräch richtig mitbekommen habe.« Er hob langsam eine Braue unter dem dichten schwarzen Haar. Irgendwie kam er Jack bekannt vor, doch er konnte nicht sagen, woher. Vielleicht war er ihm heute im Dorf begegnet oder ... im Wirtshaus!
»Du!« Nun hatte auch Lively ihn erkannt. »Adrian, nicht wahr?«
Der Angesprochene zuckte beim Klang seines Namens zusammen und verengte die Augen. »Du bist diese Verrückte, die mich vor dem Hungrigen Raben angesprochen hat. Die Sagensammlerin.« Langsam legte er den Kopf schief und sah sie nachdenklich an. »Du hast mich ausgehorcht. Wieso? Was wollt ihr hier? Uns bestehlen? Auf eigener Faust nach den Geschichten dieses Hauses suchen?«
»Wir haben uns nur verirrt«, entgegnete Jack in Ermangelung einer anderen Ausrede. Jeder Muskel seines Körpers war angespannt. Sie mussten hier verschwinden, so schnell wie möglich. Er hielt sein Gegenüber fest im Blick und je mehr sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, desto schärfer nahm er die Gesichtszüge wahr.
»Ist das so?« Der Mann trat einen Schritt auf sie zu und Jack baute sich weiter vor seiner Schwester auf. Er hasste es, dass dieser Adrian seine Hände weiter hinter dem Rücken verschränkt hatte.
Lively trat einen Schritt zur Seite und schob seinen Arm weg, sodass sie neben ihm stand. »Hör zu, Adrian.«
Der klare Blick des Mannes legte sich nun auf Jacks Schwester. Ein winziges Lächeln umspielte seine Lippen. Adrian schien nicht wirklich wütend über ihren Einbruch zu sein. Trotzdem entspannte sich Jack nicht. »Es gefällt mir nicht, dass du meinen Namen kennst, aber ich nicht euren«, sagte Adrian.
»Den verraten wir sicherlich nicht dem Mann, in dessen Haus wir gerade eingebrochen sind«, entgegnete Lively trocken. Jack presste die Lippen zusammen. Konnte sie nicht einmal ihre Klappe halten? Sie spielte gerade mit ihrem Leben.
Adrian lachte leise. »Verständlich.« Er fixierte sie wieder nacheinander. »Dann würde ich jetzt vorschlagen, dass ihr verschwindet. Ihr seht mir nicht aus wie Verbrecher und ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich sonst mit euch anstellen soll. Mein Vater hat genug Probleme, ohne dass ich ihm zwei wahnsinnig schlechte Einbrecher vorführe.«
Jack sah aus dem Augenwinkel, wie Lively den Mund öffnete, um noch etwas zur erwidern. Bevor es dazu kommen konnte, packte er sie am Oberarm und schob sie in Richtung Tür. Er fasste sich an die Krempe seines Zylinders. »Vielen Dank für Ihre Nachsicht, Sir. Das wird sicher nicht nochmal vorkommen.
»Komm jetzt, Liv«, zischte er, als seine Schwester sich sträubte.
»Hör auf deinen Mann.«
»Das würde ich nicht einmal, wenn er mein Mann wäre«, entgegnete Lively giftig, aber eher an ihn gewandt als an Adrian. Sie entriss sich seinem Griff, stapfte dann aber ohne einen Blick zurück auf den Eingang zu.
»Und lasst dieses Mal die Finger von Türen, die euch nichts angehen«, rief Adrian ihnen nach und schickte Jack damit einen kalten Schauer den Rücken hinab. »Ich hoffe, ich sehe euch hier nicht wieder.«
»Da kannst du dir sicher sein«, murmelte Jack beim Hinausgehen.
Wie sich herausstellte, hatte er Unrecht.

Kapitel 10
Dieses Kribbeln. Ausgehend von ihrem Herzen schlich es sich durch ihren ganzen Körper, bis in ihre Fingerspitzen, sodass sie es am liebsten hinaus in die Welt geschrien hätte.
Verdammt, war das ein berauschendes Gefühl. Das Wissen, etwas Großem auf der Spur zu sein, etwas Geheimnisvollem. Adrian hatte gesagt, dass sein Vater mit ihm in Whitefir-Mansion wohnte. Wer wohl noch zur Familie Musgrave gehörte? Vielleicht hatte er mehr Geschwister als die Schwester, über die die Männer im Pub gesprochen hatten.
Es war ein Reiz und ein Antrieb gleichsam. Und es stieg an, je mehr sich die verbliebene Angst in ihren Adern in pure Verzückung verwandelte.
Auf dem Weg zurück ins Dorf schwieg sie und ignorierte die halbherzigen Versuche ihres Bruders, ein Gespräch anzufangen oder sie darüber zu belehren, wie gefährlich der Einbruch eben gewesen war. Doch nicht, weil sie wütend auf ihn war, sondern weil ihre Gedanken mit weitaus Wichtigerem beschäftigt waren. In ihrer Vorstellung steckte sie bereits inmitten eines Abenteuers, das in Wahrheit erst angefangen hatte.
Adrian war der Schlüssel. Oder jedenfalls der Weg zu einem Schlüssel. Bei ihm musste sie ansetzen. Sie musste ihn noch einmal erwischen, am besten, ohne dass ihr Bruder in der Nähe war und alles verdarb. Sie musste sein Vertrauen gewinnen, vielleicht auch ihre weiblichen Reize spielen lassen. Um ihm dann, Wort für Wort, seine Geheimnisse zu entlocken.
Sie sah es schon fast bildlich vor sich.
»Liv?«
Sie zuckte zusammen und schaute zu Jack. So, wie er sie ansah, hatte er sie gerade nicht zum ersten Mal beim Namen genannt.
»Ja?«
Er seufzte und betrachtete sie mit einem schwermütigen Blick. Seine Mundwinkel zuckten unsicher. »Fahren wir nach Hause?« Seine Stirn legte sich in Falten. »Bitte?«
Lively schaute weg. Sie hasste es, wenn Jack sie so ansah. Mit diesem Blick wie ein ... bemitleidenswerter Hundewelpe.
»Wir haben das Zimmer schon bezahlt«, sagte sie leise.
»Das ist egal.«
»Du hast mir zwei Tage versprochen.«
Jack schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß, aber ich will nicht weiter zusehen, wie du dich von einer gefährlichen Situation in die andere manövrierst. Ich habe Angst um dich, Liv. Du bist eine Frau. Die Leute hier könnten dir wer weiß was antun, wenn du ihre Grenzen verletzt, und es würde niemanden scheren.«
Lively blieb ruckartig stehen. Sie spürte, wie Wut ungewohnt heftig in ihr hochstieg und ihre Kehle zuschnürte. »Dann fahr heim.«
»Was?«
Sie drehte sich zu ihm um. »Dann fahr heim, verdammt! Setz dich in den nächsten Zug und pflanz dich zu Hause mit einem deiner Bücher vor den Kamin.« Mit jedem Wort wurde ihre Stimme lauter und versuchte das schlechte Gewissen zu unterdrücken, das sich immer quälender in ihr meldete. »Damit dein Leben genauso weitergeht wie bisher. Derselbe Trott, Tag für Tag, von heute an bis du stirbst. Ist es das, was du willst?« Sie ballte eine Hand zur Faust und trat so dicht an ihn heran, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Noch immer pulsierte die Wut kochend heiß durch ihre Adern. »Wenn es so ist, dann geh, aber verlang das nicht von mir. Ich würde mich eher an einem dieser Bäume aufknüpfen, als so weiterzumachen wie bisher.«
Jack wich nicht zurück. »Was erhoffst du dir, Liv? Selbst wenn wir herausfinden, wer unser Vater war. Selbst wenn wir dieses ganze Geheimnis lüften. Am Ende werden wir aller Wahrscheinlichkeit nach sowieso zurückkehren.«
Lively erwiderte seinen Blick. Schaute in diese warmen, aber traurigen Augen. »Ich habe keine Ahnung«, flüsterte sie. »Aber dann hätte ich zumindest irgendetwas in meinem Leben erlebt.«
Sie standen noch einige Sekunden so da und schauten sich an. Irgendwann drehte sich Lively um und stapfte weiter. Kurz danach hörte sie Jacks Schritte, die ihr folgten.
Als das Dorf wieder in Sichtweite kam, dämmerte es bereits. Sie steuerte auf das Wirtshaus zu, denn sie glaubte, dass Jack nicht wirklich ohne sie fahren würde. Sie wusste es sogar.
Sie fixierte die Spitze ihrer Stiefel, die vor ihr beim Gehen rhythmisch auf und ab wippte. Beinahe hypnotisierend.
Als sie wenige Meter vor der Gaststätte den Blick hob, zuckte sie zusammen. Eine Gestalt stand im schwachen Licht neben der Tür.
»Aileen«, sagte Jack, bevor Lively sie ganz erkennen konnte.
Die junge Frau neigte den Kopf. Sie war allein, ohne Mann und ohne Kind. »Habt ihr ein Zimmer hier gemietet?«
Jack nickte.
»Können wir dann dort weiterreden?«
Wortlos schob Lively die Tür auf und trat hinein. Es war warm im Schankraum und um einiges voller als noch am Mittag. Sie schenkte den dicht besetzten Tischen jedoch keinen Blick, sondern trat an dem Wirt vorbei auf die kleine Treppe zu den Gästeräumen zu.
»Ihr habt nur für zwei gezahlt«, raunzte der Wirt und musterte Aileen abschätzig.
»Krieg dich wieder ein, Hector. Du weißt genau, dass ich hier kaum schlafen werde. Ich wohne zwei Straßen weiter«, entgegnete diese.
Gemeinsam stiegen sie die Treppe hinauf und betraten ihr Zimmer. Wie schon vorhin nahm Lively auf dem schmalen Bett Platz, Jack daneben. Aileen schlug die Beine ineinander und ließ sich ihnen gegenüber auf den Boden fallen. Dann stützte sie die Ellbogen in die Kniebeugen und das Kinn auf ihre Hände.

»Ihr wart bei Whitefir-Mansion«, begann Aileen geradeheraus.
»Ich dachte, du willst nicht mit uns reden«, entgegnete Lively spitz und spürte sogleich, wie sich die warme Hand ihres Bruders beruhigend auf ihren Oberschenkel legte. Manchmal würde sie sich gerne eine Scheibe von seiner Geduld abschneiden.
»Was weißt du darüber?«, fragte er.
»In etwa so viel wie über euren Vater. Gerüchte, Erinnerungen und Wahrheiten.«
»Und wieso bist du hier?« Jacks Hand glitt von ihrem Oberschenkel und er lehnte sich vor.
Aileen ließ die Hände in ihren Schoß sinken und richtete den Blick darauf. »Der Gedanken an euch ließ mir keine Ruhe. Ihr seid seine Kinder. Vielleicht sollt ihr erfahren, was geschehen ist.« Sie seufzte langgezogen. »Oder zumindest das, was ich weiß.«
»Der Meinung bin ich allerdings auch«, sagte Lively. Sie hatte keine Lust mehr darauf, dieser Frau jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen zu müssen.
Aileen ignorierte sie gekonnt und schaute weiter ihren Bruder an. Aber das war Lively relativ egal. Hauptsache, er würde sie dazu bewegen, ihnen Antworten zu geben. Zwar konnte ihr Bruder Leute nicht so gut manipulieren wie sie – er konnte aber wahnsinnig charmant sein, wenn er wollte.
»Wenn du dich dazu entschließt, uns davon zu erzählen, werden wir dir zuhören.«
Lively sah aus dem Augenwinkel, wie Jack seine Hände nervös ineinander drehte.
Aileen fixierte einen Punkt an der Wand hinter ihnen. »Ich war vier Jahre alt, als es geschah.« Sie verstummte. Mehrmals setzte sie an, formte Silben mit ihren Lippen, dann sprach sie weiter. Ihre Stimme war leise, ihre Wangen blass. »Meine Mutter, Milla, arbeitete als Edith Blackwoods Hausmädchen auf Whitefire-Mansion.«
Lively richtet sich auf. »Moment einmal. Whitefir-Mansion war in der Hand der Blackwoods?«
»Lass sie ausreden, Lively«, sagte Jack mit mahnendem Unterton in der Stimme.
Aileen schien sie aber gar nicht gehört zu haben. Ihr Blick wanderte weiter bis zu einem unbestimmten Punkt an der Decke. »Sie nahm mich oft dorthin, wenn sie niemanden fand, der auf mich aufpassen konnte. Dann lief ich durch die verschiedenen Räume und spielte Verstecken mit mir selbst.« Sie hob die Hand und fuhr ihr Kinn entlang. »Neben Edith Blackwood wohnte dort noch ihr Sohn, Ezra. Ich habe nicht viele Erinnerungen an ihn, außer, dass er ein freundlicher Mann gewesen war, der sogar das ein oder andere Mal bei meinen Spielen mitgemacht hat.« Sie hob den Blick und sah uns entschuldigend an. »Verzeiht mir, ich erinnere mich an wenig, was für euch von Relevanz ist. Das meiste stammt aus den spärlichen Erzählungen meiner Mutter und von Edith Blackwood.«
»Dafür musst du dich nicht entschuldigen.«
Wie konnte Jack nur so verdammt ruhig bleiben? Lively wäre am liebsten aufgesprungen und hätte sie angefahren, dass sie zum Punkt kommen sollte. Nur schwer konnte sie diesen Drang unterdrücken. Was war nur los mit ihr? Langsam kam sie sich selbst fremd vor.
»Etwa ein Jahr, bevor es geschah, nahm sich Ezra eine junge Dame zur Frau. Sie kam von weiter weg, manche sagten aus Frankreich. Edith liebte ihre Schwiegertochter abgöttisch. Als sie dann bereits nach wenigen Monaten schwanger wurde, schien ihr Glück perfekt.«
Lively schluckte. Ihre Kehle fühlte sich so trocken an, dass sie ein Husten unterdrücken musste. Diese Frau, von der Aileen sprach. Diese Frau war ihre Mutter. Dieses dünne, blasse Bild, das sich nun mit jedem Wort deutlicher vor ihren Augen abzeichnete, ersetzte die Leere, die dort all die Jahre verkehrt hatte. Ersetze die Träume und Wünsche und Vorstellungen, die keinerlei Bezug zur Realität gehabt hatten.
»Sie brachte euch beide zur Welt – Zwillinge – doch zu diesem Zeitpunkt war es bereits zu spät. Ezra veränderte sich. Manch einer sagt, er sei durchgedreht, ein anderer, dass er getrunken hat. Er zerstritt sich mit Edith, die daraufhin in das Haus zog, in dem wir jetzt wohnen. Und dann, eines Nachts ...« Ihre Stimme wurde leise, zittrig. So dünn, dass Lively die irrationale Angst verspürte, ihre Worte würden jeden Moment zerbrechen. Sie griff nach Jacks Hand und drückte sie. Sie zitterte genauso wie ihre eigene.
»Ezra tötete eure Mutter. Meine Mutter war im Nachbarzimmer und als es geschehen war ... als sie sie fand, floh sie mit euch beiden zu eurer Großmutter.«
Lively starrte sie nur an, wortlos. Ihr Gesicht kribbelte, doch die gerade gehörten Worte wollten doch nicht in ihren Kopf dringen. Sie wollte begreifen, wollte verstehen, aber da gab es nichts. Diese Enthüllung schlang sich um ihr Herz wie ein dickes Seil und drückte zu.
Sie waren die Kinder eines Mörders. Kinder eines alkoholsüchtigen Mannes, der ihre Mutter im Suff umgebracht hatte. Wenn Milla nicht mit ihnen geflohen wäre, vielleicht hätte er vor ihnen nicht Halt gemacht.
Zögerlich schlang sich Jacks Hand um ihre Finger und drückte zu. Sie schaute auf. Sein Gesicht war leichenblass und genauso taub fühlte sie sich auch.
Ezra.
Nicht ihr Vater. Er musste nicht ihr Vater sein, wenn sie es nicht zuließ. In ihren Gedanken konnte er einfach Ezra bleiben. Ezra Blackwood. Ein fremder Mann, mit dem sie nichts zu tun hatte und auch niemals zu tun haben würde.
Ein Mörder. Mehr nicht.
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