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Lars Burkart

Galaxy Kids 1

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Impressum neobooks

Kapitel 1

Lars Burkart

Galaxy Kids

Roman

Kapitel 1

„Gib doch ab, Mann! Gib ab!“, bellte Robin außer Atem. Er war eben über den halben Platz gesprintet, hatte eine Anspielstation bieten wollen, und dann spielte Mike nicht ab, sondern versuchte es selbst! Natürlich war Robin sauer deshalb, denn das wäre ein astreines Tor gewesen. Oh ja, der Torhüter hätte keine Chance gehabt, nicht mal die leiseste! So aber flog der Ball meterweit daran vorbei.

„Warum hast du mir den nicht zugespielt?“

„Weil ich es selbst probieren wollte“, entgegnete Mike, ebenfalls außer Atem. Er grinste trotzdem bis über beide Ohren.

„Ich hätte ihn rein gemacht.“ Freilich konnte Robin das nicht wissen, aber er hatte so ein Gefühl, dass er den Ball versenkt hätte.

„Und wenn schon“, entgegnete Mike und trottete zur Mittellinie. Seine Schuhe knallten über den Beton. Ja, es war ein Betonplatz, doch das störte hier niemanden. Sie waren froh, am Abend vor dem Essen noch ein bisschen kicken zu können.

Robin war einen Kopf größer als Mike und mit seinen vierzehn Jahren auch etwas älter. Er trug sogar schon einen leichten Flaum über der Oberlippe. Obwohl er erst seit etwas über einem Jahr im Heim war, sah er sich als der Anführer an. Und warum auch nicht? Er hatte das nötige Selbstbewusstsein, war kräftig, war der Älteste und auch der Größte. In seiner Phantasie sah er sich seine Truppe durch einen wilden Dschungel kommandieren. Rundherum wimmelte es von bis an die Zähne bewaffneten Feinden, aber er, der ruhige und coole Anführer, wusste auf alles eine Antwort. Seine Truppe … das war natürlich ein Witz. Kinder, Teenager, keiner von ihnen älter als vierzehn. Nicht die Truppe, die man sich als Kommandierender wünscht. Aber in seiner Phantasie genügte es.

Robin blickte Mike entgeistert hinterher. Es stieß ihm sauer auf, dass er ihm so einfach den Rücken zugewandt und weggegangen war.

Mike hatte natürlich recht. Es war ja nur ein Spiel. Aber ein Spiel, das Robin unbedingt gewinnen wollte. Obwohl ihre Mannschaft schon drei Tore Vorsprung hatte, ärgerte ihn die verpatzte Gelegenheit.

Wobei der Gegner kein wirklicher Gegner war. Ein paar Knaben, die ihm selbst nur bis zur Schulter reichten und ein Mädchen – das aber deutlich besser kickte als die anderen Jungs ihrer Mannschaft zusammen.

Robin wollte dennoch unbedingt gewinnen.

Langsam machte auch er sich auf in Richtung Mittellinie, denn der Torwart bereitete sich auf seinen Abstoß vor. Es hatte etwas gedauert, da er erst den Ball hatte holen müssen, den Mike soweit gedroschen hatte.

Der Ball flog pfeilschnell in die gegnerische Hälfte, wo Nicole, das Mädchen, ihn gekonnt annahm und zu einem Sprint ansetzte. Ihre Zöpfe flatterten im Wind, und ihr sommersprossiges Gesicht war grimmig entschlossen. Ihre Augen fixierten den Ball. Sie kam dem Tor immer näher und konnte scheinbar von niemandem aufgehalten werden. Egal, wer sich ihr in den Weg stellte, sie dribbelte vorbei, schlug Haken, täuschte an und versenkte den Ball schließlich im Tor. Linke obere Ecke. Der Torwart hatte keine Chance.

Nicole, das einzige Mädchen, war richtig gut. Sie machte sich einen Spaß daraus, selbst die großen Jungs auszudribbeln und stehen zu lassen. Außerdem brachte sie gehörig Würze in das Spiel. Sie hatte den Abstand auf zwei Punkte verringert. Langsam holten sie auf.

Nicole war eine der längsten Bewohner des Waisenhauses. Sie gehörte sogar zu den wenigen, die sich noch nicht einmal an ihre Eltern erinnern konnten. Sie waren ein halbes Jahr nach ihrer Geburt bei einem Autounfall gestorben. Damals hatte sie mit im Wagen gesessen und das Unglück als einzige überlebt. Seit diesem Tag lebte sie im Heim, denn sie hatte keine Geschwister oder andere Familienangehörige, die sich um sie hätten kümmern können.

Doch an so was dachte sie jetzt nicht, als sie jubelnd über den Platz rannte und sich von den anderen für ihr Tor feiern ließ. Sie dachte auch sonst nicht oft an ihre Eltern. Sie hatte sie ja kaum kennen gelernt. Nur in den dunklen, einsamen Stunden der Nacht, wenn sie nicht schlafen konnte, vermisste sie sie. Dann war es auch egal, ob sie sie nun gekannt hatte oder nicht. Schließlich braucht ein Kind seine Eltern. Und ein junges Mädchen sowieso. In diesem Moment war das jedoch alles unwichtig. Jetzt zählte nur dieses Spiel. Und das wollte sie gewinnen.

„Na los, Leute“, spornte sie den Rest ihrer Mannschaft an, bevor sie sich wieder auf dem Platz verteilten, „die paar Punkte kriegen wir auch noch!“

Auch Robin, der den Sieg sicher glaubte, verlangte noch einmal alles von seiner Truppe ab.

Obwohl es den Kindern aufs Schärfste verboten war zu fluchen, konnte sich Robin ein „Verdammt noch mal!“ nicht verkneifen. Sie hatten das Spiel verloren. Nicole hatte noch drei Tore geschossen, und dann war es ihnen nicht mehr gelungen, den Rückstand aufzuholen.

„Verdammt, wie konnte das passieren? Wir lagen doch in Führung!“

Schon wieder hatte er geflucht. Natürlich wusste er um das Verbot und hätte auch nie einen Fluch in den Mund genommen, wenn ein Erzieher, schlimmer noch, Mom, in Hörweite gewesen wäre. Mom hatte Ohren wie ein Luchs. Sie konnte eine Stecknadel aus hundert Metern Entfernung fallen hören. Doch jetzt war keiner von ihnen da und Robin genoss das Fluchen wie eine verbotene Frucht.

Er lief abseits der anderen vom Platz. Mike eilte zu ihm, legte ihm den Arm über die Schulter und redete wie ein Wasserfall auf ihn ein.

„Junge, Junge, was für ein Spiel! Das hat richtig Laune gemacht! Schade, dass es schon vorbei ist. Ich hätte leicht noch eine Stunde oder zwei so bolzen können. Mindestens. Was meinst du? Das war doch geil, oder etwa nicht?“

Am liebsten hätte Robin sich aus der Umarmung gerissen und Mike in den Hintern getreten. Doch er besann sich. Er hatte schon früh begriffen, dass nicht alle seinen Siegeswillen teilten, dass für viele der Spaß wichtiger war als das Ergebnis. Er tat sich damit immer noch schwer. Dennoch sah er zu ihm rüber, blickte ihm in die Augen. Dabei sah er noch einmal, wie Mike die hundertprozentige Chance verspielt hatte und seufzte. Aber es nützte nichts. Schließlich ließ er sich von ihm mitreißen und schloss zu den anderen auf.

Nachdem Abendessen hatte auch Robin das Spiel vergessen. Er aß mit Bärenhunger und nahm sich sogar zweimal Spaghetti Bolognese nach. Jetzt war er pappesatt. Sein Magen fühlte sich an, als hätte er Briketts geschluckt, ein riesiger, schwerer Klumpen, der seine Magenwände dehnte.

Schmatzend und sich den Bauch haltend, spazierte er in den Gemeinschaftsraum, wo Mike bereits am Tisch saß. Schnurstracks ging er zu ihm. Sein schmerzender Bauch bereitete ihm Mühe, aber das würde vorbeigehen.

„He, Mike! Was liegt an?“

Viel zu langsam hob er den Kopf. Auf Robin wirkte es so, als säße da ein achtzigjähriger Greis, nicht ein Junge von gerade einmal dreizehn. Seine Augen blickten müde und traurig. Wo waren die Freude und Ausgelassenheit vom Bolzplatz? Aber Robin brauchte nicht zu fragen. Er ahnte, was seinen Freund bedrückte. Ihm selbst ging es an manchen Tagen nicht anders. Gerade eben war man noch fröhlich und ausgelassen, und dann plötzlich war da eine Erinnerung, ein Gedanke, ein bekannter Geruch, etwas, das einem das Bild der verloren gegangenen Familie in den Kopf rief und unvermittelt alle Fröhlichkeit aus einem herausspülte. Wie ein Gebirgsbach, der auf seinem Weg ins Tal alles mit sich reißt und im Laufe der Zeit den harten Fels blank poliert.

„Ich hatte wieder diesen Traum.“

Das war nicht das, was Robin erwartet hatte. Er stoppte mitten in der Bewegung. Dieser Traum, immer wieder dieser verdammte Traum! Ein Glück, dass man in seinen Gedanken soviel fluchen konnte, wie man wollte.

Hinter ihm betraten jetzt weitere Kinder das Zimmer und brachten jede Menge Geräusche mit: lachen, kichern, gackern, erzählen, grölen. Dazu das Stapfen von Füßen und das Rascheln von Kleidung. Insgesamt einundzwanzig Kinder lebten in dem Heim, die sich jetzt alle langsam versammelten, um noch ein bisschen zu spielen, Bilder zu malen oder sich etwas zu erzählen.

Doch keines dieser Geräusche drang bis zu Robin durch. Er stand noch immer mitten in der Bewegung erstarrt und glotzte seinen Freund an.

Und Mike glotzte zurück, wobei in seinen Augen eine Frage stand: Was hat dieser Traum zu bedeuten?

Nur langsam gelang es Robin, sich aus der Starre zu befreien und weiter auf Mike zuzugehen. Hinter ihm, zu seiner Rechten und Linken, wurde der Lärm immer lauter. Eben war ein Knirps, nur halb so groß wie er selbst, an ihm vorbei gerannt und hatte ihn angerempelt. Robin konnte nicht erkennen, wer es gewesen war, es war ihm auch egal. Endlich erreichte er seinen Freund und setzte sich mit weichen Knien neben ihn.

„Erzähl mir von dem Traum!“

„Das habe ich doch schon ein paar Mal.“

„Egal. Erzähl es mir noch mal!“

Eigentlich hatte Mike keine Lust. Es genügte doch, wenn er jede Nacht davon träumte, da wollte er wenigstens am Tag seine Ruhe haben!

Vor drei Wochen hatten die Träume angefangen. In der ersten Nacht war der Traum noch spannend gewesen. Da hatte er noch geglaubt, es wäre ein Traum wie jeder andere. Am Morgen konnte er sich bis ins kleinste Detail an ihn erinnern. Das fand er sogar gut, denn es war ein spektakulärer Traum gewesen. Als er dann in der nächsten Nacht denselben Traum gehabt hatte, fand er das merkwürdig, hatte sich aber noch nichts dabei gedacht. Und dann kam der Traum jede Nacht wieder, so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Und mit jedem Mal wuchs seine Unruhe. Mike konnte sich das nicht erklären. Warum träumte er ein und denselben Traum über mehrere Wochen? Der Traum veränderte sich nicht. Kein bisschen. Vom Anfang bis zum Ende blieb er immer haargenau gleich. Immer derselbe Ablauf.

Unruhig rutschte Mike auf seinem Stuhl hin und her. Ihm behagte die Situation nicht. Warum hatte er es auch ausgesprochen? Warum ausgerechnet hier, im Gemeinschaftsraum, wo so viele Ohren mithören konnten? Warum nicht woanders? Wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibgut klammerte er sich an diesen Gedanken. Ja, warum nicht woanders? Obwohl es müßig war, das zu tun, zerbrach er sich den Kopf darüber. Warum nicht an einem besser geeigneten Platz, oben, auf dem Dach beispielsweise?

Weil die Wesen in meinem Traum das so wollen.

Es erschreckte ihn, wie er diesen Gedanken einfach so dachte. Weil die Wesen das so wollen. Die Endgültigkeit, die hinter diesem Gedanken steckte, machte ihm Angst.

„Ich verstehe nicht …“, begann er und sah sich dann um wie ein scheues Tier. Konnte man ihn hören, wurde ihr Gespräch belauscht? Es hatte sich nichts verändert. Die Kinder, die an den Tischen gesessen und sich mit Spielen beschäftigt hatten, saßen noch immer an den Tischen und spielten noch immer. Sie beachteten sie nicht. Auch die Kinder, die auf dem Boden saßen und Bilder malten, saßen noch immer auf dem Boden und malten noch immer Bilder.

„Ich verstehe einfach nicht, wie man ein und denselben Traum immer und immer wieder haben kann … Das ist mir ein Rätsel.“

„He, du Blödmann!“, grölte ein Junge am Nachbartisch einen Mitspieler an und riss Mike aus seinen Gedanken. „Wenn du eine Vier würfelst, kannst du auch nur vier Felder vorrücken und keine fünf!“

„Hab ich doch gar nicht“, verteidigte sich der Angesprochene. Seine Stimme klang weinerlich. Er war ein kleiner Junge, rotblondes Haar und eine Brille, die fast so wuchtig wirkte wie ein Mikroskop.

„Von wegen! Ich hab doch genau gesehen, dass du fünf Felder vorgerückt bist statt vier!“ Der Junge stand auf und hielt ihm die vier Finger seiner rechten Hand vor die Brille. „Hier, du Blindschleiche, kannst du zählen? Das sind vier Finger! Nicht fünf, sondern vier!“

Unter der dicken Brille begann es zu arbeiten. Die Mundwinkel zuckten wie verrückt, die Nasenflügel flatterten, als wolle er gleich abheben, und in den Augen sammelten sich Tränen, die durch die Gläser wie dicke Tropfen wirkten. Dann sprang er plötzlich auf, wischte das Spiel vom Tisch und rannte aus dem Zimmer. Noch während die Spielfiguren mitsamt Würfel über den Boden rollten, war er schon durch die Tür.

„Okay, okay, okay, das war’s für heute! Packt die Spiele zusammen! Zeit, auf eure Zimmer zu gehen!“ Moms Stimme war wie immer wie ein Donnergrollen. Sie klatschte in die Hände und scheuchte die Kinder wie Hühner vor sich her.

Jedes Kind, das neu im Heim war, lernte eines als allererstes: Mom hatte immer und überall das Sagen. Wenn sie sagte „Schluss für heute!“, bedeutete es auch haargenau das. Da gab es kein „Oh, ich will aber noch …“, und auch kein „Oh, bitte, nur noch ein paar Minuten …“ Nein, was Mom sagte, war Gesetz. Und so war nur fünf Minuten später der Gemeinschaftsraum wie leergefegt.

Mike lag auf seinem Bett. Das Licht war aus, aber mittlerweile hatten seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt und er starrte an die Decke. Er starrte sie an, ohne sie tatsächlich zu sehen. Sein Blick wanderte von der Decke geradewegs ins Leere. In der Dunkelheit war das Bücherregal ein großer, schwarzer Fleck. Durch das Fenster fiel zwar etwas Mondlicht, aber das genügte keineswegs, um die Konturen zu schärfen. Auch sein Schrank am Fußende war nur ein großer schwarzer Fleck. Kleinen Kindern mochte diese Dunkelheit Angst bereiten. Aber ihm natürlich nicht. Aus dem Alter war er raus. Er glaubte nicht mehr an den Schwarzen Mann, an das Monster unterm Bett und an das Biest aus dem Schrank.

Nein, ihn ängstigten ganz andere Dinge. Ihn ängstigte dieser Traum. Gar nicht einmal sein Inhalt, sondern vielmehr die Regelmäßigkeit, mit der er jede Nacht wiederkehrte.

Dieser vermaledeite Traum …

Er geht mit weichen Beinen eine Straße entlang, die sich scheinbar bis zum Horizont erstreckt. Sie ist kerzengerade. Die Laternen, die in einem Abstand von nicht mal fünf Metern an beiden Seiten stehen, brennen, obgleich es heller Tag ist. Dazu brennen zwei Sonnen vom Himmel. Die kleinere ist nur halb so groß wie ihre Schwester, dennoch ist auch sie gewaltig. Die Sonnen brennen vom Himmel und lassen die Luft über der Straße flirren.

Es ist heiß und er schwitzt aus jeder Pore, dennoch schreitet er zügig voran. Links und rechts der Straße erstreckt sich so etwas wie eine Wüste. Genauer zu erkennen ist es nicht, weil er nie die Mittellinie verlässt, geschweige denn die Straße. Ab und an wächst eine Pflanze aus dem rostroten Sand. Es sind merkwürdig aussehende Pflanzen, in derselben Farbe wie der Sand, über und über bewehrt mit Dornen, mannshoch und die Blätter mit Mäulern bestückt, mit denen sie nach Insekten schnappen.

Er erhöht sein Schritttempo. Bei diesen Pflanzen will er lieber kein Gärtner sein.

Nun rennt er fast, trotz der Hitze. Er spürt keine Angst, nur Anspannung und Aufregung. Das Rennen strengt ihn auch nicht an. Er hat fast die Kondition eines Marathonläufers. Er kann rennen und rennen, ohne aus der Puste zu kommen.

Schließlich endet die Straße, und er findet sich mitten auf dem rostroten Sand wieder, inmitten dieser sonderbaren Pflanzen, deren Maulbewehrte Blätter sich langsam im Wind wiegen.

Der Sand knirscht unter seinen Füßen. Doch als er nach unten sieht, ist es plötzlich kein Sand mehr, sondern Eis. Verwundert blickt er auf und kann die Umgebung nicht mehr erkennen. Die Pflanzen sind verschwunden, mit ihnen der Sand und, wie er jetzt an einem Frösteln erkennt, auch die Hitze. Die beiden Sonnen scheinen noch immer vom Himmel, jetzt jedoch nicht mehr über seinem Kopf, sondern viel tiefer, in der Nähe des Horizonts. Fast ist es, als könne er mit der Hand nach ihnen greifen. Sie strahlen auch nicht mehr so hell.

Die Kälte durchdringt ihn bis auf die Knochen, und augenblicklich sehnt er sich zurück in die wohlige Hitze der Wüste. Er beginnt zügiger zu laufen, um sich warm zu machen. Das Eis unter seinen Füßen knirscht, als drohe es jede Sekunde unter ihm zu bersten. Dennoch fürchtet er sich nicht. Er weiß, es arbeitet nur. Außerdem glaubt er nicht, dass unterhalb des Eises Wasser ist. Nein, das Eis unter seinen Füßen existiert bereits seit Jahrtausenden und erstreckt sich bis zu einem tiefen Grund.

Die Umgebung ist zerklüftet und hügelig. Hier und da erheben sich mächtige Türme aus Eis vor ihm, die er mühevoll umrunden muss. Es gibt auch tiefe Spalten. In einer besonders großen und breiten versucht er den Boden auszumachen, doch es gelingt ihm nicht, sie ist zu tief. Ein beunruhigender Gedanke. Er macht, dass er Abstand zwischen sich und der bodenlosen Spalte bekommt.

Inzwischen fühlt die Kälte sich gar nicht mehr so eisig an. Kann man sich etwa an sie gewöhnen, so wie die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen?

Ein Heulen durchbricht die Stille und lässt ihn zusammenzucken. Es kann keineswegs vom Wind herrühren, egal wie heftig er weht. Nein, es hat einen anderen Ursprung. Es klingt irgendwie … tierisch.

In der zerklüfteten Landschaft kann er nicht sehr weit sehen, egal in welche Richtung er blickt. Einen Augenblick überlegt er, einen der Eisberge zu erklimmen. Sie sind im Grunde nicht besonders hoch, vier, fünf Meter. Würde das etwas nützen? Wahrscheinlich sähe er dann die Landschaft aber nur von einer höheren Warte aus, mehr nicht. Also nur noch mehr Eisberge. Und was ist, wenn er auf dem eisigen Untergrund ausrutscht und abstürzt? Wer würde ihm helfen, wenn er hier, in dieser trostlosen Einsamkeit, daliegt, sich vielleicht sogar ein Bein gebrochen hat? Nein, diese Idee ist Unsinn.

Jetzt ertönt das Heulen von neuem. Und es scheint sogar näher gekommen zu sein, denn es klingt lauter. Jetzt beginnt das Eis zu knirschen. Nicht nur an einer Stelle, sondern überall. Das Knirschen und Knacken beginnt direkt hinter ihm, überholt ihn kreischend (es knirscht und knackt direkt unter seinen Füßen), und dann breitet es sich weiter nach links und rechts und nach vorn aus. Von einem Eisberg direkt zu seiner Rechten bricht jetzt ein Brocken ab und fällt scheppernd zu Boden.

Er sieht dabei zu und erwartet, dass er in tausend Stücke zerspringt. Doch das tut er nicht, sondern bleibt ganz. Der Brocken rutscht nur ein Stück über das Eis und bleibt dann liegen.

Jetzt bekommt er es doch mit der Angst zu tun. Da muss etwas sehr Großes unterwegs sein, etwas, das groß und schwer ist. Und es bewegt sich direkt auf ihn zu …

Mike beschleunigt seinen Gang. Er nimmt es sogar in Kauf, auf dem glatten Boden auszurutschen und hinzufallen. Das ist ihm lieber, als mit diesem … diesem näher kommenden Ding Bekanntschaft zu machen.

Als das Heulen erneut ertönt, rennt er bereits. Wieder ist es lauter geworden. Lauter und damit auch näher? Er will es nicht auf einen Versuch ankommen lassen und beschleunigt noch mehr. Sein Herz hämmert ihm in der Brust. Die Angst hat vollständig von ihm Besitz ergriffen. Immer öfter dreht er sich um, blickt über die Schulter, während er weiter rennt.

Und dann plötzlich sieht er eine riesige, haarige Tatze nach einem Eisberg greifen. Er schreit panisch auf.

Und dann wird sein Schrei ein Gellen, denn in diesem Moment stürzt er in eine der riesigen Spalten.

Während er fällt, sieht er überall um sich herum nur Eis. Dann wird es dunkel, doch er fällt immer noch. Er fällt und fällt. Seine Gedanken überschlagen sich: Hier komme ich nie wieder raus. Hier werde ich für ewige Zeiten gefangen sein. Dass er diesen Sturz unmöglich überleben kann und das alles keine Rolle mehr spielt, kommt ihm nicht in den Sinn.

Sein Schrei dröhnt in seinen Ohren und lässt sie klingeln.

Nach einigen Sekunden in absoluter Dunkelheit wird es wieder etwas heller. Verschwommen nimmt er neben sich eine riesige Steilwand wahr, in der er sich selbst in die Tiefe stürzen sieht. Schließlich ist es so hell, dass er sogar sein Gesicht erkennen konnte. Seltsamerweise ergibt das, was er da sieht, nicht den geringsten Sinn. Denn im Gesicht seines Spiegelbildes steht keine Angst. Es wirkt vielmehr gefasst, ruhig.

Dann hat er das Gefühl, dass sein Sturz sich verlangsamt, als ließe die Fallgeschwindigkeit irgendwie nach, als bremse etwas seinen Sturz. In seinem Spiegelgesicht erkennt er jetzt eine gewisse Neugier. Was geschieht hier? Warum und wodurch wird sein Sturz abgebremst? Was bedeutet das? Schließlich fällt er so langsam, dass er an eine schwebende Feder denken muss. Es ist jetzt mehr ein Abwärtsgleiten als ein Hinunterfallen.

Seine Angst ist jetzt gänzlich verschwunden. Sie hat der Neugier Platz gemacht. Irgendetwas sehr Merkwürdiges geschieht hier, und er ist mächtig gespannt, was das sein kann …

Schließlich setzt er sanft auf den Boden auf. Er landet bequem auf den Füßen wie eine Katze.

„Fürchte dich nicht“, ertönt eine Stimme von irgendwoher, sie klingt freundlich, „es wird dir nichts geschehen.“

Er sieht sich um. Er ist in einer riesigen Höhle. Über seinem Kopf herrscht Finsternis, aber um ihn herum ist es taghell. Ebener Boden erstreckt sich zu seinen Füßen, scheinbar kilometerweit. Eis. So wie alles hier unten. Die Wand, in der er beim Fallen sein Spiegelbild beobachtet hat, wächst direkt hinter ihm in die Höhe, und vor ihm erstreckt sich eine weite, scheinbar endlose Ebene. In der Ferne verschmilzt sie zu einem hellen Fleck.

„Fürchte dich nicht“, wiederholt die Stimme noch einmal. Sie klingt auch diesmal freundlich.

„Wo bist du? Wer bist du? Zeig dich endlich!“

Ganz schön viele Forderungen, wie er findet, aber durchaus angebracht. Schließlich passiert einem so was nicht aller Tage.

Plötzlich beginnt die Luft an einer Stelle zu flirren und zu flackern, und dann verändert sich dort alles: Eben war da noch eine glatte Eisfläche, und jetzt stehen da drei Gestalten. Es verschlägt ihm die Sprache, obwohl er eigentlich noch etwas fragen will.

„Fürchte dich nicht.“

Irgendetwas hier ist seltsam– einmal abgesehen davon, dass er den dramatischen Sturz ohne Kratzer überstanden hat. Er kommt aber noch nicht gleich darauf, was es ist.

Er steht stocksteif da und ist zu keiner Bewegung fähig. Er starrt nur auf die drei Gestalten und schafft es nicht, auch nur einen Gedanken zu Ende zu bringen. Erst als sich einer der drei aufmacht und nähert, weiß er es endlich. Nur einen Moment lang schiebt er es auf die Sichtverhältnisse und das Eis; dann begreift er, dass er wirklich das sieht, was er da sieht.

Die Gestalt, die sich auf ihn zu bewegt, wirkt … irgendwie merkwürdig. Schon ihre Proportionen muten seltsam an. Sie scheint sehr groß zu sein, etwas über zwei Meter. Der Hals ist etwas länger, auch das Gesicht und die Arme sind lang. Auch die Finger sind langgliedrig. Die Haut ist ebenso weiß wie bei ihm selbst, nur das Gesicht, das ist… Den Rest kann er ja noch darauf schieben, dass die Gestalt unglaublich groß ist und eine gute Zukunft als Basketballspieler haben könnte ... Aber mit diesem Gesicht wäre das nicht möglich. Aus dem spricht die … die ganze Wahrheit. An ihm erkennt er, was für ein Wesen da auf ihn zukommt …

Es hatte schon einige Male geklopft, ehe Mike es registrierte. Er hatte nicht geschlafen, nur auf dem Bett gelegen, an die Decke gestarrt und an diesen Traum gedacht. Er richtete sich auf und fühlte seine müden Knochen.

„Was ist?“, fragte er durch die Tür hindurch.

„Mike, ich bin’s, Robin! Mach schon die Tür auf!“

„Wenn’s denn sein muss …“

Robin huschte durch den Türspalt.

„Sag mal, hast du gepennt? Du siehst aus wie …“

„Nein, Mann“, unterbrach er ihn, „ich hab nicht geschlafen. Was ist denn los?“

„Ich wollte nur fragen, ob du mit hoch aufs Dach kommst.“

„Jetzt noch?“

„Na klar, der Himmel ist sternenklar, und es ist angenehm warm. Wenn du natürlich weiterschlafen willst …“

„Ich hab doch gar nicht … ach, vergiss es!“

Eine Minute später waren sie auf dem Korridor und schlichen an den Zimmern der anderen vorbei. Vor einigen Monaten waren die beiden in den Besitz des Schlüssels gekommen. Nicht irgendein Schlüssel, sondern der Hauptschlüssel. Der, der alles auf- und zuschließen konnte. Mit dem sie Türen öffnen konnten, die ihnen sonst verschlossen blieben. Dieses gute Stück war so etwas wie die goldene Master Card. Er musste dem Hausmeister oder einem Erzieher aus der Tasche gefallen sein. Vielleicht war er sogar von Mom? Wie auch immer, als sie ihn fanden, hatte er unter einem Tisch im Speisesaal gelegen, da, wo das Heimpersonal seine Mahlzeiten einnahm.

Mike und Robin hatten Glück. Es war zwar der Hauptschlüssel, aber obwohl er verschwunden war, wurden nicht sämtliche Schlösser ausgetauscht. Das wäre ein enormer Aufwand gewesen und obendrein noch richtig teuer. Doch es gab ja nichts Wertvolles in dem Heim: keine alten Gemälde, keine Statuen längst verstorbener Meister, kein Schmuck im Tresor. Es war nur ein ganz normales Kinderheim.

Seitdem Fund des Schlüssels gehörten Robin und Mike zum engen Kreis derjenigen, die Zutritt zu allen Räumen des weitläufigen Gebäude hatten. Und sie machten regen Gebrauch davon.

Schon allein der riesige Keller erfreute ihr Abenteurerherz. So viele Räume! Sie entdeckten Zeitungsausschnitte, fünfzig Jahre alt, Fotos, teilweise noch älter, viele davon vergilbt, uralte Sportmatten, von Mäusen zerfressen, Klamotten, nicht besser aussehend. Nachdem sie den Keller erforscht hatten, machten sie sich an das Dachgeschoß, und auch hier wurden sie fündig: uralte Spielsachen mit abbröckelnder Farbe, Zeitschriften, begraben unter einer fingerdicken Staubschicht, Schularbeiten und Klausuren von Kindern, die hier vor vierzig, fünfzig Jahren gelebt hatten.

Als es auch dort nichts mehr zu entdecken gab, fanden sie die Tür zum Dach, und seither war das ihr Lieblingsplatz. Der Schlüssel und das Dach– das waren zwei Geheimnisse, die nur sie beide kannten.

Wie schon unzählige Male zuvor waren sie so leise geschlichen wie auf Katzenpfötchen, darauf bedacht, kein verräterisches Geräusch zu machen, niemanden zu wecken. Erst nachdem die Tür zum Dach sich hinter ihnen geschlossen hatte, atmeten sie aus.

Dutzende Male waren sie unentdeckt geblieben, Dutzende Male hatten sie ihr Geheimnis bewahren können– diesmal aber war man ihnen auf den Fersen. Freilich wussten sie das nicht.

Als sie auf dem flachen Dach standen, tief die warme Nachtluft einatmeten und über sich den sternklaren, wolkenlosen Himmel sahen, fühlten sie sich glücklich. Anfangs waren Keller und Speicher noch spannend gewesen und aufregend, doch mit der Zeit war es dort langweilig geworden. Hier oben aber, auf dem Dach, fühlten sie sich wohl, egal welches Wetter herrschte. Hier konnten sie ihre Gedanken schweifen lassen. Hier waren sie frei.

Sie legten sich auf den Beton, der von der Sonne des Tages noch warm war und blickten hinauf in den Himmel. Die Sterne funkelten, und der Mond leuchtete wie eine satte Kugel. Irgendwo zwitscherten Vögel; wahrscheinlich kamen die Geräusche aus dem nahe gelegenen Park.

„Erzähl mir von deinem Traum“, forderte Robin seinen Freund auf.

„Ich …“ Dann stockte Mike schon. Wollte er das eigentlich? Wollte er seinem Freund wirklich alles erzählen? Darüber musste er erst nachdenken. Sicher, sie kannten sich jetzt knapp ein Jahr. Hin und wieder gab es Reibereien, wie das üblich ist, aber im Großen und Ganzen waren sie echte Freunde. Dennoch … diesen Traum zu offenbaren, das war etwas ganz anderes. Doch vielleicht … wenn er es tat, wenn er Robin davon erzählte, vielleicht änderte sich der Traum ja dann? Vielleicht verschwand er sogar?

Dann gab er sich einen Ruck und fing einfach an.

„Da ist diese Wüste. Und vom Himmel scheinen immer zwei Sonnen …“

Als Mike endete, herrschte einen Augenblick lang Schweigen. Nur die Vögel zwitscherten. Schon während Mike noch berichtete, änderte sich Robins Gesicht: Zuerst war da Neugier gewesen, dann aber kam Unglauben hinzu, und schließlich wurden seine Augen schmal, sein Gesicht verkniffen und faltig, und schließlich sprach aus ihm Fassungslosigkeit und Entsetzen. Seine Augen waren nur noch Schlitze, und sein Gesicht sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. Einen Augenblick überlegte er, ob Mike ihn veräppeln wollte. Aber wie hätte er das tun sollen? Woher hätte er wissen sollen, dass er selbst haargenau denselben Traum träumte? Seit ebenso langer Zeit?

„Ich …“, mehr brachte er nicht heraus, während Mike ihn erwartungsvoll ansah.

„Nun“, fragte Mike, während er ihn noch immer anblickte, „was hältst du davon? Was könnte der Traum bedeuten?“

Mike wirkte äußerlich gelassen, aber innerlich tobte in ihm ein Veitstanz. Einerseits tat es ihm gut, den Traum erzählt zu haben, aber andererseits wollte er sich nicht lächerlich machen. Robin war zwar sein Freund, aber nichtsdestotrotz wusste er nicht, ob er sich auf ihn verlassen konnte. Gut, auf ihren nächtlichen Exkursionen durch das Gebäude waren sie dicke Kumpel gewesen, auch auf dem Bolzplatz waren sie füreinander da, aber wie das jetzt mit dem Traum aussah, musste sich erst noch zeigen!

Robin trug nicht gerade dazu bei, dass Mike sich entspannen konnte. Er starrte ihn immer noch an mit großen Augen, und sein Mund war geformt zu einem„O“. Sonst kam außer einem weiteren „ich …“ nichts von ihm.

„Mensch, Alter, jetzt sag endlich was!“

Mike wälzte sich unruhig auf dem warmen Beton herum, und seine Kleidung raschelte. Schließlich setzte er sich auf und sah in den Nachthimmel, während seine Füße über den Beton scharrten. Robin blieb so liegen. Mike wollte seinem Freund etwas sagen, doch er wusste nicht, wie er es tun sollte. Immer wieder öffnete er den Mund und schloss ihn wieder und sah dabei aus wie ein Fisch an Land.

„Ich … ich kenne diesen Traum“, schallte plötzlich eine Stimme über das Dach.

Mike und Robin zuckten zusammen wie vom Blitz getroffen, dann sprangen sie gleichzeitig auf, so dass ihre Köpfe fast gegeneinander knallten. Fassungslos blickten sie in Richtung Tür. Sie lag im Dunkeln, aber deutlich konnten sie erkennen, dass jetzt Nicole aus ihr trat.

Nicole machte noch einen Schritt und blieb dann stehen. Hinter ihr kamen noch zwei Kinder aus der Dunkelheit, ein Junge und ein Mädchen, deren Namen Mike gerade nicht einfiel. Das Mädchen war etwas kleiner als Nicole und wirkte schüchtern; sie schien sich regelrecht hinter ihrer Freundin zu ducken. Ihr Blick wanderte immer wieder zu Boden, sie trat mit den Füßen unablässig auf, knetete ihre Hände und kaute auf ihrer Unterlippe rum.

„Na los doch, Eisenmaul, erzähl’s ihm!“

Eisenmaul war der Spitzname des Jungen, weil er immer eine Spange im Mund trug. Ihn störte der Spitzname nicht, im Gegenteil, er schien ihn sogar zu mögen, denn mittlerweile hörte er kaum noch auf seinen richtigen Namen. Auch das war ein Grund, warum er Mike partout nicht einfallen wollte.

„Ich kenne diesen Traum auch.“

Der Satz vertrieb alle anderen Gedanken, da war er noch gar nicht richtig ausgesprochen. Erst jetzt registrierte Mike, dass auch Nicole etwas Ähnliches gesagt hatte. Auch sie kannte also diesen Traum. Das hatte sie doch gesagt, oder? Oder bildete er sich das nur ein?

„Und du, Jenni? Was ist mit dir?“

Schüchtern hob die Angesprochene den Kopf. Ihre Augen leuchteten selbst in der Dunkelheit grün. Ihre Haut war sehr hell, regelrecht blass, und ihr Haar rot und kurz. Dann nickte sie langsam, als bewege sie sich in Zeitlupe. Schließlich sagte sie mit leiser Stimme: „Ja, ich kenne diesen Traum. Ich träume ihn jede Nacht.“

Das hörte Mike nun schon zum dritten Mal, dennoch schlug es noch immer ein wie eine Bombe. Er schnappte nach Luft. Die warme Nachtluft strömte in seine Lungen und tränkte seinen Körper mit Sauerstoff. Er war hellwach.

In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Vor nicht einmal einer Minute hatte er noch geglaubt, nur er träume diesen Traum, hatte befürchtet, verrückt geworden zu sein. Und jetzt … jetzt waren da schon drei andere Kinder, die dasselbe erlebt und gesehen hatten. Beiläufig fragte er sich, wie die drei eigentlich hier hinaufgekommen waren, doch er verdrängte die Frage gleich wieder. Stattdessen blickte er ihnen so fest in die Augen, als hänge sein Leben davon ab. Sogar Jenni hielt seinem Blick stand; sie schaute nicht zu Boden.

Insofern er sich von den anderen Kindern eine Antwort erhofft hatte, warum sie diesen Traum träumten, war er enttäuscht worden. Das schien niemand von ihnen zu wissen. Auch in ihren Blicken standen nur Fragen.

„Ich … ich auch“, stammelte Robin jetzt verlegen.

Mike war auf die drei Neuankömmlinge zugegangen; jetzt drehte er sich fassungslos um zu Robin. Wie er so dastand im Mondlicht, wirkte er fast verloren. Seine Arme hingen schlaff an ihm herunter, als hätte er keine Kraft mehr.

„Was?“ Mike sprach energischer, als er es beabsichtigt hatte, aber er bereute es nicht. Schließlich hatte er ihm erst vor wenigen Minuten das Herz ausgeschüttet und Robin hatte nur geschwiegen. Da konnte seine Stimme ruhig etwas derber rüberkommen. Er lief zwei Schritte auf ihn zu, blieb stehen und sah ihn herausfordernd an.

Robin wand sich unter seinem Blick. Auch die anderen schauten ihn verlegen an. Trotzdem hatte Mike kein Mitleid mit ihm. Warum auch? Schließlich hatte Robin sich das selbst eingebrockt. Hätte er gleich zu Anfang mit offenen Karten gespielt, wäre es ihm erspart geblieben. Er trat von einem Bein aufs andere, als müsse er dringend pinkeln und blickte unschlüssig von einem zum anderen.

„Ich … ich …“

„Ja?“, versuchte Mike ihn zu animieren.

„Ich… kenne diesen Traum auch.“ Jetzt seufzte er, als koste ihn dieses Eingeständnis Überwindung. „Ja, ich träume ihn auch immer. In den letzten drei Wochen jede Nacht.“ Schweiß stand ihm auf der Stirn.

„Du also auch?“

„Ja, aber ich … ich konnte einfach nichts sagen“, kam Robin seiner Frage zuvor. Was sollte er auch erwidern? Ja, er hätte seinem besten Freund gern davon erzählt, aber irgendetwas hatte ihn immer davon abgehalten. Er konnte nicht sagen, was. Wie eine unbekannte Macht hatte es ihn zurückgehalten, immer und immer wieder. Bis jetzt. Als wäre …Ja, als wäre es irgendwie beabsichtigt, dass die fünf Kinder sich hier oben trafen. Aber das war Quatsch. Wie sollte das möglich sein? Robin beeilte sich, nicht allzu lange darüber nachzudenken. Die Richtung, die das einnahm, gefiel ihm nämlich nicht. Das wäre alles nur ein blindes Herumstochern im Nebel ohne wirkliche Antwort. Nein, das alles konnte nur Zufall sein, weiter nichts.

Dennoch … irgendetwas war seltsam. Schließlich waren da immer noch die fünf Kinder, die genau denselben Traum träumten. Wie ging das zu? Was steckte dahinter?

„Wie seid ihr eigentlich hierher gekommen“, fragte er Nicole.

„Oh, das war nicht schwer. Wir sind einfach denselben Weg gegangen wie ihr“, antwortete sie mit verschmitztem Lächeln.

„Das meinte ich nicht.“

„Ich weiß. Ich wollte auch nur einen Scherz machen, dich etwas auflockern. Du wirkst so verkrampft. Hast du einen Besenstiel verschluckt?“

Mike sprang ein. „Du hast unser Gespräch im Gemeinschaftsraum belauscht, stimmt’s?“

„Nun …belauscht würde ich nicht sagen. Zufällig mitgehört.“

„Aha“, entgegnete Mike trocken. Was hatten sie alles gehört? Was wussten sie?

„Und nicht nur einmal haben wir euch zugehört! Was das Tuscheln angeht, da seid ihr nämlich blutige Anfänger! Na ja, wir Mädels können das eben viel besser.“ Nicole kicherte und Jenni fiel mit ein. Das Kichern klang hier oben, im fahlen Mondlicht, seltsam fremd.

„Es wundert mich, dass nicht das ganze Heim Bescheid weiß …“

„Waren wir wirklich so laut?“

Statt einer Antwort winkte Nicole mit der Hand, als verscheuche sie eine lästige Fliege. Robin und Mike verstanden die Geste; sie schienen tatsächlich recht laut gewesen zu sein, obwohl sie geglaubt hatten, nur zu flüstern.

„Außerdem haben wir hinter unseren Türen gelauscht, als ihr eben hoch geschlichen seid. Wenigstens dabei ward ihr leise.“

„Pah, genützt hat es uns nichts. Ihr seid trotzdem hier“, schnaubte Robin und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ja, sind wir. Was willst du dagegen tun?“ Jetzt schaltete sich Jenni in das Gespräch ein. Robin wurde ihr zu unwirsch. Was glaubte der denn, wer er war? Dieser Ort hier gehörte doch nicht nur ihm!

„Ihr dürft genauso wenig hier sein wie wir!“

„Leute, Leute, lasst das doch! Seht euch um! Dieses Dach ist doch groß genug für uns alle!“ Jetzt räusperte sich der Junge mit der Zahnspange. „Und vergesst nicht, wir haben was gemeinsam!“

Hatten sie das? Hatten sie etwas gemeinsam? Konnte das Träumen von ein und denselben Dingen eine Gemeinsamkeit sein? Und worin bestand sie?

„Marcel hat recht.“ Nicoles Stimme klang laut.

Jetzt wussten endlich auch Robin und Mike, wie der andere Junge hieß. Egal, Eisenmaul gefiel ihnen wesentlich besser.

„Wir haben nun mal diese Gemeinsamkeit“, fuhr Nicole unbeirrt in gleicher Lautstärke fort, „und vielleicht sollten wir, statt zu streiten, lieber darüber nachdenken. Irgendeinen Grund muss es ja geben.“

„Zufall, weiter nichts“, sagte Robin sofort, aber seine Stimme klang schwach.

„Das ist kein Zufall, Robin. Nie und nimmer!“ Nicoles Stimme klang wesentlich überzeugter.

Auch Mike schüttelte den Kopf.„Hier stimmt was nicht“, sprach er mit finsterer Stimme, „so was gibt es einfach nicht. Es kann nicht sein, dass Menschen das Gleiche träumen, noch dazu Menschen, die sich kennen. Nein, irgendetwas ist … Es ist … ich finde, es ist, als wollten diese Träume uns etwas sagen. Nur was, können wir noch nicht erkennen. Wir werden es aber bald wissen. Ich glaube … ich glaube, wir wurden manipuliert.“ Er sah, wie Jenni tief Luft einsog, sprach aber mutig weiter: „Aber irgendetwas sagt mir, dass keine Gefahr für uns besteht.“

Mike sagte das nicht nur, um Jenni zu beruhigen, er sagte es auch zu sich selbst. Er fürchtete nämlich die Richtung, in die das ging, jetzt, da seine Gedanken auf Freigang waren. Und das verunsicherte ihn. Er war kein Hasenfuß, doch er spürte, wie sein Atem schneller wurde, sein Herz pochte und ihm der Schweiß ausbrach.

„Wie kommst du darauf, dass wir das bald erfahren?“, fragte Jennie.

„Weil wir hier oben sind.“

Zuerst sahen ihn alle verständnislos an, doch langsam verschwand das Fragende in ihren Augen und machte Wissen Platz. Oh ja, jetzt verstanden sie. Sie waren hier oben. Einen besseren Beweis, dass sie manipuliert worden waren, gab es nicht.

„Ich glaube übrigens nicht, dass es außer uns noch andere gibt.“

Mike wusste selbst nicht, warum er das sagte, er wusste nur, es war ein tiefes Gefühl der Überzeugung.

„Nein, das glaube ich auch nicht“, stimmte Nicole zu und sah ihm in die Augen.

„Ich auch nicht“, sagte Jenni mit ihrem piepsigen Mäusestimmchen.

„Und ich auch nicht“, meinte Marcel und grinste breit, sodass seine Spange entblößt wurde. Das Mondlicht spiegelte sich auf dem Metall; er musste sie inbrünstig geputzt haben. Sie glänzte wie Gold.

„Ich hab keine Ahnung, warum“, warf Robin ein, „aber ich glaube es auch nicht.“

Der Wind hatte zugelegt, er zog jetzt heftiger an ihren Klamotten. Auch kühler war es geworden, aber das war ja auch kein Wunder, immerhin musste es auf Mitternacht zugehen. Wenn sie hier oben entdeckt würden, egal zu welcher Zeit, würde Mom ihnen aber ein paar Takte erzählen!

„Wie geht es jetzt weiter?“

Eine interessante Frage, die Nicole stellte. Sollten sie wieder auf ihre Zimmer gehen und alles so lassen, wie es war? Konnten sie etwas anderes tun? Konnten sie morgen Abend wieder gegeneinander kicken, als wäre das heute nicht geschehen? Und würden sie sich jetzt jede Nacht hier oben treffen, um über ihre gemeinsamen Träume zu diskutieren, sich danach ins Bett zu legen, um wieder diese Träume zu haben? Ein endloses Spiel …

Im Kreis standen sich die fünf gegenüber und starrten sich fragend an. So recht wusste keiner eine Antwort.

Über ihren Köpfen zogen die Wolken sich zusammen, doch das merkten sie nicht. Als sie hier oben angekommen waren, war der Himmel noch sternklar gewesen, der Mond satt und die Luft warm und ruhig. Eine laue Sommernacht. Jetzt verdichteten sich die Wolken, der Himmel wurde langsam schwärzer, die Sterne verschwanden, und der Mond wurde immer schwächer. Es mutete so an, als braue sich ein Gewitter zusammen, jedoch ohne fernes Donnergrollen oder zuckende Blitzen am Horizont. Sogar die Temperatur war in den letzten Minuten um einige Grad gefallen, doch davon bemerkten sie nichts.

Dennoch kündigte sich da etwas ganz und gar Außergewöhnliches an. Die sich nähernde Wolkenfront war keineswegs ein normales Gewitter. Dieses Gewitter brachte weder Regen noch Blitz noch Donner, weder Sturm noch Hagel. Es brachte etwas anderes. Es brachte Antworten.

Mike war der erste, der den Blick nach oben richtete. Hinterher konnte er nicht einmal mehr sagen, warum. Es war auch egal, denn was er sah, ließ seinen Unterkiefer nach unten klappen. Seine Augen traten aus ihren Höhlen, und, hätte er nicht den Kopf in den Nacken gelegt, wären sie womöglich herausgerutscht und über den Boden gerollt. So aber starrte er nur nach oben, unfähig, sich zu bewegen oder ein Wort zu sagen. Nur ein stummes Schlucken brachte er zustande.

Eigentlich hätten es auch die anderen sehen müssen. Sie standen in einem Kreis, sahen einander an und waren keine zwei Meter voneinander entfernt. Sie hätten sehen müssen, dass Mike seinen Blick schon einige Zeit starr nach oben gerichtet hatte.

Der Wind wurde noch kühler, und als Nicole zu frösteln begann, war es, als erwachten sie alle aus einem Traum. Nacheinander hoben sie die Köpfe und sahen hinauf in den Nachthimmel. Der Mond war jetzt völlig verschwunden.

Auch den anderen klappte der Unterkiefer runter. Nicole und Jenni schnappten nach Luft wie ein Tieftaucher, der gerade noch den Aufstieg geschafft hat und gierig seine Lungen füllt. Marcel stieß ein „Scheiße, was ist das denn?“ aus und Robin ein „Autsch!“, weil ihm ein Halswirbel geknackt hatte.

Über ihren Köpfen, nicht einmal zwanzig Meter darüber, schwebte ein Raumschiff.

Kapitel 2

Kapitel 2

Das Raumschiff stand bewegungslos über ihren Köpfen, schwebte ohne ein Geräusch an derselben Stelle. Nicht einmal ein Summen war zu hören. Von hier unten sah es aus wie ein riesiger Diskus. In der Mitte, die sich direkt über ihren Köpfen befand, war es am dicksten, und von dort ausgehend wölbte sich seine Oberfläche zu einem äußeren Rand, den sie jedoch nicht sehen konnten. Die Oberfläche war silbern und glatt; sie schien regelrecht auf Hochglanz poliert zu sein. Robin, Mike, Nicole, Jenni und Marcel sahen ihre eigenen Spiegelbilder in der glatten Oberfläche, so genau und deutlich, dass sie trotz der knapp zwanzig Meter Abstand die Fassungslosigkeit in ihren Augen sahen.

„Das ist doch nicht zu glauben“, hörte Mike jemanden sagen, ohne zu wissen, wer. Er konnte nicht mal ausmachen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war.

„Verdammt, was ist das denn?“

Plötzlich begann das Raumschiff zu sinken. Es sank tiefer, ganz langsam, behutsam. Falls in diesem Moment noch einer von ihnen geglaubt hatte, es wäre zufällig hier, musste er seine Meinung spätestens jetzt überdenken. Dieses Raumschiff hatte ganz eindeutig sie als Ziel ausgemacht.

Der Wind hatte sich wieder gelegt, doch das bemerkten sie nicht, da sie gebannt nach oben starrten, den Blick auf ihre Spiegelbilder gerichtet, die größer und größer wurden. Hätten sie ihren Blick in diesen Sekunden abgewendet und auf die Bäume der Umgebung gesehen, wäre ihnen aufgefallen, dass jenseits der Zone, wo sie standen, nach wie vor ein starker Wind blies. Die heftig hin und herwogenden Kronen sahen in der Dunkelheit aus wie fette, unförmige Geister. Nur unterhalb des Raumschiffes war es windstill. Und auch wärmer. Es war ganz deutlich wärmer geworden, schätzungsweise zehn oder zwölf Grad mehr. Das lag bestimmt an seinem Antrieb, irgendwie musste dieses Ding ja auch fliegen oder seine Position halten, auch wenn sie keine Form eines Antriebes erkennen konnten, weder Düsentriebwerke noch irgendeine Art von Propeller.

Mittlerweile schwebte das Raumschiff nur noch fünf Meter über ihren Köpfen. Ihre Spiegelbilder waren jetzt beinahe lebensgroß. Sie konnten sich selbst dabei zusehen, wie sie dem Raumschiff die Köpfe entgegenstreckten. Seltsamerweise machte keiner von ihnen Anstalten zu fliehen, obwohl dies alles doch unheimlich genug war.

Nein, sie spürten keine Angst. Aus irgendeinem Grund spürten sie keine Angst. Vielleicht war es einfach zu surreal, zu unglaublich, zu phantastisch, was sich da über ihren Köpfen abspielte?

Verstohlen, beinahe schüchtern, schlich sich eine kleine Hand in die von Mike. Im Spiegelbild sah er, dass es die von Jenni war. Auch Nicole fasste nach der von Robin. Zwischen den Mädchen stand Marcel, der nun auch eine Hand bekam, und schließlich wanderte auch Robins Hand in die von Mike. So standen sie da, hielten einander fest und starrten empor.

Als das Raumschiff nur noch eine Armeslänge über ihnen schwebte und die Welt um sie herum nicht mehr zu existieren schien, wurden sie unruhig. Es war jedoch keine Angst. Vielmehr war es eine Nervosität wie vor einer Prüfung, auf die man sich nicht genug vorbereitet hat.

Plötzlich explodierte die Umgebung in einem gleißenden Ball aus Licht. Alles wurde blendendhell, als hätten sie sich der Sonne genähert und stürzten in sie hinein. Sie schlossen die Augen. Dann verloren ihre Füße den Kontakt zum Boden, als würden sie in die Luft gehoben. Kurze Zeit fühlten sie sich schwerelos. Ihre Innereien rutschten nach oben, der Magen fühlte sich an, als beginne er direkt unterhalb des Halses, und das Herz pochte ihnen im Kopf. Dann verschwand das Gefühl ebenso plötzlich, wie es gekommen war. Sie hatten wieder festen Boden unter den Füßen. Auch das blendende Licht ließ nach; das sahen sie jetzt durch die geschlossenen Lider hindurch. Öffnen konnten sie die Augen jedoch noch nicht, dazu musste es erst noch dunkler werden.

Es war still, ganz still. Nicht einmal ihr eigener Atem drang zu ihnen. Sie spürten nichts als die Hand des anderen.

Wie lange sie so dastanden, einander haltend, mit geschlossenen Augen, konnten sie hinterher nicht mehr sagen. Irgendwann war es Mike, der als erster wieder die Augen öffnete – und etwas Phantastisches erblickte.

Phantastisch und erschreckend zugleich.

Sie waren nicht mehr auf dem Dach. Das konnte er mit Bestimmtheit sagen. Allerdings hatte er keinen Schimmer, wo sie jetzt waren. Möglicherweise wusste er es doch, wollte es aber nicht wahrhaben. Wo sollten sie denn auch sonst sein, wenn nicht …?

Die Umgebung sah anders aus, ganz anders. Die schwarze Nacht, die sie eben umgeben hatte, war verschwunden. Der Boden, der eben noch das Dach gewesen war, war jetzt ein anderer. Die Schornsteine waren weg. Stattdessen war da eine ebene Fläche, gleichförmighell, die auch nicht die kleinste dämmrige Ecke aufwies. Sogar die Luft war anders. Eben noch frisch und kühl, eine laue Sommernacht eben, war sie jetzt warm und trocken.

Doch die Helligkeit war der auffälligste Unterschied. Sie nahm alles ein, füllte alles aus. Wie ein Lichtmonster mit tausenden Tentakeln angelte sie nach jedem Fetzen Finsternis und zerstörte ihn. Sie war so grell, dass die Kinder die ersten Sekunden ihre Augen zusammenkneifen mussten.

Die Helligkeit war warm, ein ansprechender Farbton, irgendetwas zwischen gelb und weiß, jedoch mehr zum Gelben hin. Ein weiches Gelb, das sogar beruhigend wirkte. Unwillkürlich ließen sie ihre Hände los. Eben schälte sich Jennis Hand aus Mikes, und trotz der Helligkeit glotzte er sie mit großen Augen an. Doch Jenni hatte ihm bereits den Rücken zugekehrt und machte sich daran, die fremde Umgebung zu erkunden. Auch die anderen standen nicht mehr eng auf einer Stelle, sondern liefen umher. Jeder ein kleines Stückchen in die eine, dann wieder in die andere Richtung.

Dann spürte es auch Mike. Eine unbändige Neugier. Sie packte ihn und ließ ihn nicht mehr los. Es war unmöglich, sich ihrem Griff zu entwinden, selbst wenn er es gewollt hätte. Er wollte wissen, wo er hier eigentlich war.

Mal hierhin und mal dorthin gingen sie, jeder für sich, jeder neugierig und gespannt auf das, was sich ihm hier bieten mochte. Doch etwas Außergewöhnliches oder einen klaren Hinweis auf ihren Aufenthaltsort fanden sie nicht. Hier gab es einfach nichts, nicht einmal das kleinste bisschen. Dieser Raum, wenn es denn ein Raum war, war absolut leer.

Robin war der erste, der gegen eine unsichtbare Wand lief. Danach geschah es noch Nicole auf der gegenüberliegenden Seite. Von da an waren sie vorsichtiger. Sie tasteten sich wie die Blinden voran.

Als sie schließlich wieder beisammen standen und sich mit fragenden Blicken ansahen, mussten sie sich eingestehen, dass sie keinen Funken schlauer waren als zuvor. Sie wussten nur, dass der Raum, in dem sie sich befanden, eher klein war, kaum zwanzig Quadratmeter groß, rund und offenbar absolut leer.

„Was ist denn hier nur los?“, fragte Marcel leise.

„Ja, was ist hier los? Wo sind wir?“, wollte Jenni wissen. Auch ihre Stimme klang leise, doch bei ihr schwang noch etwas anderes mit, nämlich die ersten Ausläufer beginnender Angst. Dann griff sie wieder nach Mikes Hand, der sie bereitwillig nahm und fest drückte. Die Neugier der Kinder wurde immer kleiner, ihre Angst dagegen wuchs. Ganz klein hatte sie begonnen, unbedeutend, aber mittlerweile war sie greifbar geworden. Es war nicht zu verleugnen: Sie hatten Angst. Sie wussten nicht, wo sie waren und wie sie hierher gekommen waren.

„Hier gibt’s noch nicht mal eine Tür!“, klagte Robin.

„Was?“, wollte Jenni wissen, als hätte sie es nicht schon beim ersten Mal verstanden.

„Hier gibt’s keine Tür!“

„Aber … aber … wie sind wir denn hier hineingekommen? Und … und wie kommen wir hier wieder raus?“ Jetzt klang ihre Stimme weinerlich, fast panisch. Die Angst war jetzt nicht mehr klein, sondern ausgewachsen und riesig. Sie zerfraß ihre Gedanken wie ein Monster.

Mike stand kurz davor, Jenni anzufahren, sie solle doch endlich ihren Mund halten und aufhören, so viel Angst zu verbreiten. Doch er tat nichts dergleichen. Er atmete langsam ein und wieder aus und sagte dann mit ruhiger Stimme. „Ich weiß es nicht. Wir werden hier wieder rauskommen. Ich verspreche es.“

Sie umfasste seine Hand noch fester; die Kraft, mit der sie das tat, war unglaublich. Mike empfand Schmerzen. Doch er ließ es geschehen und dachte nur: Unglaublich, wie Angst einen beflügeln kann. Während er diesen Gedanken noch zu Ende brachte, begann ein Teil der Wand zu ihrer Linken hochzufahren. Es geschah geräuschlos und dauerte nur einen Augenblick.

Dann geschah eine ganze Menge.

Zuerst rückten die Kinder noch näher zusammen. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie auf die entstandene Öffnung, wo eben noch eine undurchdringliche Wand gewesen war. Ihre Blicke sagten alles und nichts. Was war das? Was geschah hier? Ihre Augen waren so groß wie Untertassen, und ihr Atem glich dem Hecheln eines Hundes in der Sommerhitze. Sie waren jetzt so nah zusammengerückt, dass kaum ein Blatt zwischen sie gepasst hätte. Die Jungen hatten die Hände der Mädchen gepackt und umklammerten sie. Ihre Gesichter waren starr vor Anspannung, ihre Körper steif, ihre Augen noch immer riesengroß und ihre Lippen zitterten. Binnen Sekunden sog ihre Kleidung sich voll mit Schweiß.

Sie standen da, starrten auf das eben entstandene Loch und waren außerstande, etwas zu sagen. Da hatten sie doch ihre Tür, durch die sie den Raum verlassen konnten! Doch was kam dann? Was erwartete sie auf der anderen Seite der Wand? Nein, sie machten keine Anstalten, sich der Tür zu nähern, geschweige denn, durch sie hindurchzugehen.

Dann bewegten sich Schatten. In der Dunkelheit des Raums da drüben bewegte sich etwas. Einzelne Schatten kamen auf die Tür zu, näherten sich ihnen.

Mike schluckte laut. Auch die anderen hatten es registriert, denn auch sie schluckten hörbar. Marcel konnte sich ein gepeinigtes Stöhnen nicht verkneifen.

Nur Sekunden später hatten die Besitzer der Schatten die Tür erreicht. Und dann kamen nacheinander drei … drei Gestalten herein.

Im Moment waren sie noch schlecht zu erkennen. Irgendwie gelang es den Ankömmlingen, sich so vom Licht anstrahlen zu lassen, dass ihre Gesichter und Körper kaum zu erkennen waren. Dieses Licht kam aus dem Raum, in dem die Kinder waren, aber sie konnten beim besten Willen nicht sagen, aus welcher Quelle. Die Ankömmlinge schienen dieses Licht regelrecht anzuziehen wie einen Nebel; wo sie sich befanden, war es viel heller als in der Umgebung.

„Fürchtet euch nicht“, sagte einer der drei.

„Ihr braucht keine Angst zu haben“, fügte ein anderer hinzu.

„Wer … wer seid ihr?“ Mike war der erste, bei dem sich die Schockstarre löste. Er erhielt tatsächlich eine Antwort. Allerdings ganz anders, als er es erwartet hatte. Das Licht, das sich auf den drei Ankömmlingen bündelte, ließ nach. Jetzt konnten sie sie besser sehen. Ein Anblick, auf den sie gern verzichtet hätten.

Die fremden Wesen hatten menschenähnliche Züge, Augen, wohin sie gehörten, eine Nase und einen Mund. Auch die Ohren waren, wo sie sein sollten, aber es waren dennoch keine Menschen. In ihren Gesichtern war alles glatt, wie mit einem Bügeleisen glatt gezogen. Sie hatten keine Haare, weder auf dem Kopf noch im Gesicht. Augenbrauen und Wimpern gab es nicht. Ihre Haut hatte einen leicht bräunlichen Ton. Ihre Körper waren menschenähnlich, verfügten über zwei Arme und zwei Beine, nur etwas länger als bei Menschen. Sie trugen silbern glänzende Anzüge, die sich eng an ihre Körper schmiegten.

„Ihr müsst keine Angst haben.“

Jetzt konnten sie sehen, wer gesprochen hatte: der in der Mitte.

„Was … wer seid ihr?“ Wieder war es Mike, der zuerst die Fassung zurück gewann.

„Wir kommen als Freunde zu euch.“

Darauf starteten sie einen neuen Versuch, sich den Kindern zu nähern, aber die wichen ängstlich zurück.

„Ihr müsst wirklich keine Angst haben“, sagte der in der Mitte und hob beschwichtigend eine Hand. Sie hatte sechs langgliedrige Finger. Oh nein, das waren definitiv keine Menschen!

„Wo … woher kommt ihr? Was seid ihr für … für Wesen?“

Nicole machte einen Schritt nach vorn. Nicht, weil sie besonders mutig war, sie wollte nur ein bisschen Platz hinter ihrem Rücken bis zur nächsten Wand wissen, falls sich dort wie aus dem Nichts die nächste Tür öffnete. Sie starrte die Hand mit großen Augen an. Du liebe Güte, das waren aber mal lange Finger! Sie waren beinahe doppelt so lang wie bei einem Menschen.

„Wir kommen von einem anderen Planeten.“

Kapitel 3

Kapitel 3

„Ihr seid an Bord eines Raumschiffs.“

Das schlug ein wie eine Bombe. Es presste ihnen die Luft aus den Lungen und ließ ihre Beine weich werden wie Gummi. Dann schnappten sie wie Fische an Land nach Luft.

„Ihr braucht keine Angst zu haben. Wir sind hier, weil wir eure Hilfe brauchen.“

Doch dieser Satz verklang ungehört. Die Kinder waren zu sehr mit ihrer Angst beschäftigt, als dass sie darauf geachtet hätten. Ihre Gedanken überschlugen sich: Sie kommen von einem fremden Planeten. Wir sind an Bord eines verdammten Raumschiffs. Ihres Raumschiffs. Sie haben uns eiskalt entführt. Wir werden die Erde nie wieder sehen. Was erwartet uns jetzt? Sklavenarbeit an Bord? Sklavenarbeit auf ihrem Planeten? Medizinische Versuche?

Das schnappende Lufteinsaugen ging über in ein stöhnendes Ausatmen. Es kam aus dem tiefsten Teil ihrer Lungen, dort, wo die verzweifelten Geräusche entstehen, wenn es keinen Grund zur Hoffnung mehr gibt. Sie rückten noch enger zusammen und umklammerten ihre Hände.

„Ihr müsst euch nicht fürchten.“

„Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Was wollt ihr von uns?“

Mike war erstaunt über soviel Mut. Seine Stimme verfügte über eine Stärke, als rede er jeden Tag mit Bewohnern eines anderen Planeten. Sie strotzte geradezu vor Selbstvertrauen. Obwohl er noch immer eine Heidenangst verspürte, drückte seine Stimme nichts davon aus. Sie quoll über vor Mut, Selbstbewusstsein und Dominanz.

Das Wesen in der Mitte verzog den Mund zu einer Art Lächeln. War das ein Lächeln? Wie kam er darauf? Es konnte ebenso gut eine Fratze voller Wut und Abscheu sein, kurz bevor es sich auf sie stürzte, um sie zu zerfleischen. Schmale Lippen, die kaum Lippen genannt werden konnten, spannten sich und wurden noch schmaler und präsentierten dabei Zähne, die … die … die menschlichen Zähnen gar nicht unähnlich waren. Gott sei Dank, keine Haifischzähne, dachte Mike, ich würde durchdrehen, wenn sie Haifischzähne gehabt hätten. Warum er ausgerechnet daran denken musste, wusste er nicht.

„Dein Mut ist beeindruckend, Mike.“

„Woher kennst du meinen Namen?“ Seine Stimme klang trotzig. Es schwang keine Angst mehr mit. Nur noch Neugier, Spannung und Mutwillen. Aber er empfand immer noch Angst, es gelang ihm jedoch, sie nicht in seine Stimme zu lassen.

„Oh, wir kennen die Namen von euch allen.“ Dabei wanderte der Blick des Wesens nacheinander von einem zum nächsten; bei Nicole begann er.

„Nicole“, hörte sie aus seinem Mund und zuckte beim Klang ihres Namens zusammen. Weiter ging es zu Jenni, die ebenfalls erschrak, dann kam Marcel an die Reihe, der sofort käseweiß anlief, anschließend hörte Robin seinen Namen, wobei er die Stirn runzelte, und schließlich gelangte das Wesen wieder zu Mike. „Und du bist also Mike.“

„Woher …“

Weiter kam er nicht. Er musste es erst einmal verdauen, dass diese Wesen seinen Namen kannten!

„Wir wissen noch viel mehr über euch. Aber genug davon! Ihr sollt auch etwas von uns erfahren. Wir kommen von einem Planeten, der sich nach euren Maßstäben einhunderttausend Lichtjahre von hier entfernt befindet. Wir sind hier, weil wir eure Hilfe benötigen.“

„Ihr braucht unsere Hilfe?“

Mike klang verdutzt. Warum sollte jemand, der fähig war, eine derart gigantische Entfernung zu überwinden, ausgerechnet ihre Hilfe brauchen? Seine Augen waren riesig, diesmal jedoch nicht vor Angst, sondern aus Neugier. Er machte einen Schritt aus der Gruppe heraus und lief auf die Ankömmlinge zu. Nicht mal zwei Meter trennten sie jetzt voneinander.

„Ja, die brauchen wir.“

Der Außerirdische sprach leise und ruhig.

„Auf unserem Heimatplaneten herrscht Krieg. Seit vielen …“, er stockte, schien nach den richtigen Worten zu suchen.

Mike bewegte den Kopf leicht zur Seite. Auch die anderen beiden schienen zu suchen.

„Seit vielen … herrscht Krieg“, begann er von neuem, aber das entscheidende Wort war ihm immer noch nicht eingefallen. „Seit vielen Runden ist das nun schon so.“

„Runden?“ Mike verstand nicht. Er hörte, wie sich von hinten Schritte näherten, drehte sich aber nicht um.

„Eure Sprache … sie ist … verwirrend …“

„Nun, bislang habe ich alles verstanden“, munterte Mike ihn auf. Die Schritte kamen näher, jetzt war es aber mehr ein Schlürfen als ein Laufen.

„Wie nennt ihr es, wenn euer Planet um die Sonne fliegt?“

„Umrundung“, sagte Nicole, die eben zu Mike aufgeschlossen hatte. Es waren also ihre Schritte gewesen, die er gehört hatte.

„Umrundung“, wiederholte der Außerirdische neugierig. Er schien das Wort regelrecht zu kauen.

Umrundung, Runden?

„Wenn die Erde einmal um die Sonne fliegt, dann nennen wir das eine Umrundung“, erklärte Nicole.

„Sehr interessant“, die Augen blickten sie freundlich an. „Eine Umrundung. Wirklich sehr interessant. Aber nicht ganz das, was ich meine. Ich meine nicht den Vorgang an sich, sondern den Zeitraum, den dieser Vorgang in Anspruch nimmt.“

„Ein Jahr“, kam es von Marcel wie aus der Pistole geschossen. „Aber natürlich, das ist ein Jahr!“ Dann folgte er Mike und Nicole. „Die Zeit, die die Erde benötigt, um einmal die Sonne zu umrunden, nennen wir ein Jahr. Oder dreihundertfünfundsechzig Tage.“ Jetzt hatte er zu den beiden aufgeschlossen.

„Auch bei uns ist es nicht viel anders. Wir nennen es Runde und meinen damit den Zeitraum, den unser Planet braucht, um seine zwei Sonnen einmal zu umrunden.“

„Ihr habt zwei Sonnen?“, kam es von Jenni, dann stockte sie etwas, setzte sich schließlich aber doch in Bewegung. Zuerst zögerlich, dann immer schneller. Neben ihr lief Robin. Sie schlossen gemeinsam zu den anderen auf.

„Seit vielen Rund … Jahren wird unser Planet vom Krieg erschüttert. Ixin“, er deutete auf den Begleiter rechts neben sich, „kämpft in diesem Krieg von Anfang an. Er fliegt auch dieses Raumschiff.“

„Ist Ixin sein Name?“, wollte Robin wissen.

„Ja, das ist er. Ich heiße Oxo. Und mein zweiter Begleiter heißt Yxynon.“

Reichlich komplizierte Namen, wie Mike fand, aber wenigstens wussten sie jetzt, wer ihre Besucher waren. Sie wussten aber immer noch nicht, woher sie genau kamen. Doch alles zu seiner Zeit, alles zu seiner Zeit! Etwas anderes machte ihm mehr Sorgen – nämlich dieser Krieg. Er war aber noch nicht imstande, diese Bedenken auszudrücken.

Stattdessen sprach Oxo weiter: „Wir wollen euch nichts Böses, wir wollen wirklich nur eure Hilfe! Ja, wir sind hilflos ohne euch. Ihr seid unsere letzte Hoffnung. Wir wissen nicht mehr weiter.“

„Hör mal“, begann Jenni und machte noch einen Schritt auf die drei Außerirdischen zu. Sie stand ihnen jetzt am nächsten; hätte sie einen Arm ausgestreckt, sie hätte einen anfassen können.

„Warum verstehen wir eure Sprache so einfach? Warum können wir uns so einfach unterhalten?“

„Oh, das ist alles andere als einfach“, begann Yxynon. Es war das erste Mal, dass er etwas sagte, und komischerweise klang seine Stimme genauso wie die von Oxo. Sie hatte auch nicht die kleinste Abweichung, nicht die kleinste Nuance, alles absolut identisch.

„Auf diesem Schiff ist in jeder Wand, in jeder Decke ein Übersetzer eingebaut. Ich kann euch nicht erklären, wie die funktionieren, das wäre zu langwierig, ich kann euch aber sagen, dass jedes gesprochene Wort zeitgleich in die gewünschte Sprache übersetzt wird. Im selben Moment, in dem in der einen Sprache gesprochen wird, wird es in die andere Sprache übersetzt und ausgestrahlt. Das geschieht ohne Zeitverlust, sodass wir uns normal unterhalten können.“

„Potz Blitz!“, kam es von Robin.

„Potz Blitz?“, wollte Yxynon wissen. „Was heißt das? Was ist potz Blitz?“

„Das heißt gar nichts“, sagte Nicole und knuffte Robin in die Seite. „Das ist nur ein Kraftausdruck, mit dem man seine Verwunderung, seine Überraschung, seine Anerkennung und so was ausdrücken will. Es hat eigentlich keine Bedeutung, es ist nur dazu da, um überhaupt etwas zu sagen.“

„Potz Blitz“, sagte daraufhin Ixin. „Potz Blitz“, sagte auch Oxo, alle beide mit derselben Stimme.

Daraufhin begannen die Kinder zu lachen, zuerst nur leise und schüchtern, dann aber lauter, und schließlich stimmten auch die drei Außerirdischen mit ein. Zumindest machten sie Geräusche, die man durchaus als Lachen interpretieren konnte, es klang wie ein fröhliches Glucksen, als stürze Wasser in rasantem Tempo einen Wildwasserfluss hinunter, es gluckste und gluckerte. Bis auf Mike lachten alle. Er wälzte immer noch das Problem mit dem Krieg. Kurze Zeit später hielt es ihn nicht länger.

„Hört mal“, setzte er an, „wir wollen mit einem Krieg nichts zu tun haben.“

Seine Worte hatten die Wirkung eines Schalters– eines Lach-Ausschalters, denn es erstarb augenblicklich. Alle Augen richteten sich auf ihn, auch die der Außerirdischen.

Die plötzliche Stille war unangenehm, denn sie brachte den Kindern ihre missliche Lage zurück ins Bewusstsein. Sie waren schließlich immer noch an Bord eines fremden Rauschiffs und damit auf Gedeih und Verderb der Gunst der Außerirdischen ausgeliefert. Am liebsten hätte Mike seine Aussage wieder rückgängig gemacht, die Zeit zurückgedreht, aber natürlich war das unmöglich.

Ihm begann von neuem der Schweiß zu triefen. Schon nach wenigen Augenblicken war sein T-Shirt klatschnass, seine Hose klebte ihm an den Beinen und von der Stirn strömte es nur so hinab. Sein Herz raste ihm in der Brust, sein Magen brannte und der Wunsch, die Zeit zurückzudrehen, wurde übermächtig. Was hatte er sich da nur eingebrockt?

Er richtete die nächsten Worte nur scheinbar an seine vier Freunde. Er sah sie an, aber eigentlich sollten sie nur die Außerirdischen erreichen. Er wagte es jedoch nicht, sie anzusehen, nicht bei dem, was er zu sagen hatte.

„Hört mir mal zu! Wir sind Kinder. Der Älteste von uns ist gerade einmal vierzehn Runden alt. Vierzehn Runden, damit stehen wir noch am Anfang unseres Lebens. Wir sind Kinder. Wir können nicht in einem Krieg kämpfen. Selbst wenn wir es könnten, wir wollen es nicht. Wir wollen nichts mit einem Krieg zu schaffen haben. In der Schule behandeln wir gerade den Zweiten Weltkrieg, nein danke, nicht mit mir! Damit will ich nichts zu tun haben.“

„Du verstehst uns falsch“, sagte Oxo beschwichtigend, doch das hätte er ebenso einem Stuhl sagen können. Mike reagierte gar nicht. Er wurde wütend. Was bildeten die sich denn ein, dachte er. Glauben die wirklich, ich ziehe in den Krieg für die? Was soll ich denn daran falsch verstehen?

„Oh nein, ich verstehe das verdammt richtig! Wir sollen für euch in einen Krieg ziehen! Aber da mache ich nicht mit, verdammt noch mal! Ich habe keinen Bock, mich über den Haufen schießen zu lassen, das geht mir am Arsch vorbei, versteht ihr das?“ Unglaublich, dachte er, als seine Worte noch durch den Raum schallten, kaum sind wir nicht mehr unter Moms Fittichen, schon fluchen wir wie die Kesselflicker. Er hatte keine Ahnung, was das bedeutete, doch er fand den Spruch saucool.

„Du verstehst uns falsch“, wiederholte Oxo. „Wir sind kein kriegerisches Volk. Ganz im Gegenteil, wir sind sogar äußerst friedliebend. Wir leben für die Forschung, für unsere Wissenschaft waren wir weit über unseren Raumsektor bekannt. Auch die Landwirtschaft wurde bei uns groß geschrieben. Bis zum Ausbruch des Krieges konnten wir mit vielen Planeten regen Handel treiben, soviel bauten wir an. Jetzt können wir nicht einmal mehr unser eigenes Volk ernähren. Krankheiten, die wir längst ausgemerzt zu haben glaubten, breiten sich aus. Wir können nichts gegen sie unternehmen, es fehlt uns an Medikamenten. Unsere Labore wurden vernichtet, und mit anderen Planeten können wir nicht handeln, da die Barriere um unsere Heimat beinahe lückenlos und undurchdringlich ist.“

„Und wie seid ihr durch sie hindurch gekommen?“

„Wir haben alles riskiert, weil wir es mussten. Wir mussten zu euch gelangen, weil wir auf eure Hilfe angewiesen sind. Fremde Völker, ganz besonders, wenn sie mit Handelsschiffen kommen, haben keine Chance, diese Barriere zu durchdringen. Uns selbst ist es nur mit großen Anstrengungen und einem Ablenkungsmanöver gelungen. Zu euch zu gelangen hat uns ein ganzes Schiff gekostet. Viele haben dafür ihr Leben gelassen.“

Mike musste schlucken, damit hatte er nicht gerechnet. Auch die anderen hatten daran zu knabbern.

„Versteht uns bitte“, fuhr Oxo fort, „wir sind keine Aggressoren. Wir sind die Belagerten, die Unterdrückten, deren Existenz bedroht ist! Unsere Lebensgrundlagen schwinden. Und wir würden uns nicht an euch wenden, wenn es nicht unbedingt nötig wäre. Doch das ist es nun einmal. Ohne eure Hilfe wird unsere Rasse in wenigen Runden ausgelöscht sein.“

„Aber warum? Woher kommt diese Barriere?“, fragte Jenni und legte Oxo dabei tatsächlich eine Hand auf die Schulter, als wären sie seit Jahren Freunde und würden sich nicht erst seit wenigen Minuten kennen. Mike starrte sie mit offenem Mund an; soviel Mut hatte er ihr nicht zugetraut.

„Oh, die ist keineswegs natürlichen Ursprungs. Sie wurde künstlich erschaffen. Yxyndor ist verantwortlich dafür.“

„Wer?“, fragten Jenni und Mike fast gleichzeitig.

„Yxyndor“, antwortete Oxo, als verstünde er die Frage nicht. Wieso kannten sie Yxyndor nicht? Jedes Kind kannte ihn!

„Und wer ist dieser Yxyndor?“, fragten sie noch einmal.

„Der Herrscher eines Nachbarplaneten. Von dort aus will er uns vernichten. Und mit dieser Barriere wird es ihm auch gelingen. Seit sie existiert, ist der überlebenswichtige Handel nahezu zum Erliegen gekommen. Unser Planet bekommt nur noch das, was er selbst anbaut. Da Yxyndor immer öfter Angriffe fliegen lässt, die unsere Nahrungsmittelproduktionsstätten zum Ziel haben, können unsere Bewohner kaum noch mit dem Nötigsten versorgt werden. Früher beschränkte er sich auf die Vernichtung unserer wissenschaftlichen Labore, aber dann änderte er seine Strategie und … mit dieser Barriere zieht er die Schlinge um unseren Hals enger.“

„Das klingt schrecklich“, sagte Mike, seine Stimme klang belegt. Was er hörte, ging ihm nahe. Dieses Volk schien wirklich keine kriegerischen Ambitionen zu haben. Offenbar litt es unter der Willkür eines einzelnen. Es verdiente, für seine Freiheit zu kämpfen. Auch auf der Erde gab und gibt es derartige Kriege, wusste er. Er fragte sich nur, ob er den Mut hätte, in einem solchen Krieg zu kämpfen. Auch die anderen fragten sich das, denn offenbar war es genau das, was die drei von ihnen wollten.

„Das klingt wirklich schrecklich“, sagte jetzt auch Jenni, und in ihren Augen stand Mitleid.

„Ja, unser Volk steht vor dem Exodus. Wir können kaum noch etwas bis zur Erntereife anbauen. Handeln können wir aber auch nicht. Die Prognose, nach der wir nur noch wenige Runden haben, ist mehr als positiv. Es ist aber auch möglich, dass wir schon in der nächsten Runde nichts mehr zu essen oder zu trinken haben. Unser Volk steht in der finstersten Stunde seiner Existenz. Darum sind wir hier. Wir haben viel Energie aufgewandt, um euch zu finden. Wir brauchen euch.“

„Aber wir sind doch noch Kinder! Wir können in keinem Krieg kämpfen!“

„Doch, das könnt ihr. Das Orakel hat es prophezeit. Es hat offenbart, dass wir fünf Kinder finden müssen. Fünf Kinder, die auf einem fremden, weit entfernten Planeten leben. Fünf Kinder. Mike, Robin, Marcel, Jenni und Nicole, diese Namen hat uns das Orakel genannt. Jene fünf, die nicht wissen, dass sie die Zukunft eines ganzes Planeten bedeuten.“

„Ein Orakel hat gesagt, dass wir das sein sollen?“ Mike klang amüsierter, als er wollte. „Soso, und besteht denn nicht die Möglichkeit, dass dieses Orakel gar nicht uns meint, sondern andere Kinder von einem anderen Planeten, die obendrein kämpfen können? Die ganz scharf darauf sind? Von einem Volk, das immer kämpfen will?“

„Nein, es meint euch. Dessen sind wir uns sicher.“

„Warum?“

„Weil die Daten auf euch zutreffen.“

„Welche Daten?“

„Das Orakel nannte uns einige Dinge, die uns die Suche nach euch erleichtern würden. Es nannte uns diesen Raumabschnitt …“

„Im All?“

„Ja, diesen Raumabschnitt im All“, antwortete Oxo pflichtschuldig.

„Na, da haben wir doch den Fehler! Das All ist riesig. Ich meine, wir reden hier immerhin von der Unendlichkeit des Alls. Es meinte bestimmt einen anderen Teil.“

„Nein.“

„Woher wollt ihr das wissen?“

„Oh, ich glaube, das kann ich beantworten“, begann Marcel. „Wenn es in Abschnitte unterteilt ist, beispielsweise in Koordinaten, dann kann das Gebiet noch so groß sein, du findest trotzdem jede noch so kleine Stecknadel. Du brauchst nur die richtigen Koordinaten.“

Mike starrte Marcel zweifelnd an.

„Ja, es ist wie auf einem Ozean. Wenn du genaue Koordinaten hast, findest du jede noch so winzige Insel wieder.“

„Genauso ist es“, bestätigte Oxo. „Das Orakel nannte uns präzise die Koordinaten im All und eure Position auf diesem Planeten. Der Rest war dann mehr oder weniger einfach.“

„Und jetzt? Was wird jetzt?“, wollte Robin wissen. Die anderen fragten lieber nicht. Sie glaubten zu wissen, was jetzt kommen würde.

„Wir wollen, dass ihr uns begleitet und mit uns gegen den Tyrannen Yxyndor kämpft. Werdet ihr mit uns kommen?“

Die Worte kamen Oxo zügig über die dünnen, kaum sichtbaren Lippen, aber die fünf meinten sehen zu können, wie schwer es ihm fiel. Sein Körper zitterte vor Anspannung, und seine Augen blickten ängstlich von einem zum anderen. Offensichtlich fürchtete er die Antwort mehr als die Kinder die Frage.

Oxo, Yxynon und Ixin ließen sie für einige Minuten allein. Beim Verlassen des Raums waren ihre Blicke hoffnungsvoll, aber auch ängstlich. Oh ja, sie fürchteten die Antwort. Schließlich konnte sich diese Reise auch als absoluter Misserfolg herausstellen!

„Also, was denkt ihr?“, wollte Nicole wissen.

„Ich will ganz ehrlich sein, ich weiß es nicht“, begann Jenni. „Einerseits ist die Geschichte schrecklich und ich würde ihnen gern helfen. Andererseits, ich bin ein Kind. Ich sollte mit meinen zwölf Jahren nicht in einen Krieg ziehen. Andere Mädchen spielen mit Puppen oder quatschen über Facebook mit ihren Freundinnen.“

„Ich weiß, was du meinst. Auch mir geht es so“, kam es von Marcel. „Ich bin schon zufrieden, wenn mir in der Schule keiner das Pausenbrot klaut, versteht ihr? Ich bin immer das Opfer. Doch ich bin das gewöhnt. Ich schreibe Einser, meine Zeugnisse bestehen außer in Sport nur aus Einsen. Ich bin nicht sportlich. Ich habe nicht einmal die körperlichen Voraussetzungen, um zu kämpfen. Seht mich nur mal an! Ich bestehe nur aus Haut und Knochen. Ich habe weniger Muskeln als ein Spatz Krampfadern. In einer Schlacht überlebe ich doch keine zwei Minuten. Ich werde definitiv nicht mitgehen. Ich bin nur Ballast, für sie und auch für euch.“ Damit verschränkte er die Arme vor die Brust, wie um seine Aussage zu bekräftigen.

„Nicht so schnell! So weit sind wir noch nicht. Keiner hat gesagt, dass wir sie begleiten.“

„Ich glaube, ich werde es tun.“

„Was? Was sagst du da?“ Jenni starrte Nicole mit großen Augen an, als traue sie ihren Ohren nicht.

„Ich glaube, ich werde mitgehen“, wiederholte Nicole und sah selbstbewusst in die Runde, während die anderen fassungslos blickten. Ja, dachte sie, ich werde mitgehen. Es fühlt sich richtig an. Gut und richtig. Ja, ich werde mitgehen.

„Ich …“, begann Mike, aber dann schloss er den Mund wieder, weil ihm nichts einfiel.

„Nicole, du … du bist dir ganz sicher, ja?“ fragte Jenni mit bebender Stimme. „Du kannst vielleicht nie zurück.“

„Na und? Was gibt es denn hier? Was sollte mich halten? Ich bin eine Waise, ich habe keine lebenden Verwandten. Dort kann ich Abenteuer erleben, richtige Abenteuer. Und das Wichtigste ist, ich kann etwas bewirken. Oh ja, ich habe mich entschieden. Ich werde sie begleiten.“

Nicoles Worte bewirkten einige Sekunden Schweigen. Alle dachten darüber nach, was sie gesagt hatte. Da war wirklich etwas Wahres dran. Ein Leben voller Abenteuer winkte ihnen. Das hatte schon eine gewisse Wirkung auf sie. Aber deshalb gleich den Planeten wechseln?

„Ich bin dabei“, beendete Mike sein Schweigen.

„Ich auch“, kam es fast gleichzeitig von Jenni. „Wenn Nicole geht, gehe ich auch.“

Jetzt hatten sich also schon drei entschieden, fehlten nur noch Robin und Marcel.

„Ich kann das nicht“, sagte Marcel, „ich … kann … das … nicht.“

„Aber warum denn, Marcel?“

„Warum? Das fragt ihr noch? Schaut mich doch an! Ich überlebe keine fünf Minuten. Nein, ich werde sterben. Ich … ich habe Angst.“

Robin räusperte sich; dann begann er zu sprechen. Seine Stimme schien nur ein Flüstern zu sein, sie hatte nichts gemein mit der kraftvollen Stimme auf dem Bolzplatz.

„Ich werde auch mitkommen. Ich weiß nicht, warum, aber ich werde es tun. Ich muss den Verstand verloren haben, das ist der totale Wahnsinn. Wir werden auf einen fremden Planeten fliegen, mit einem Raumschiff durch das All. Wenn das kein phantastischer Scheiß ist!“ Mit jedem Wort wurde seine Stimme kräftiger.

Also würde nur Marcel nicht mitkommen.

Jenni ging langsam auf ihn zu. Sie wollte sein „Nein“ nicht so einfach hinnehmen, auch wenn seine Gründe natürlich gewichtig waren. Er war nun mal sehr schmächtig, seine Oberarme waren dünner als die der Mädchen. Für körperliche Aktivitäten war er einfach nicht geschaffen. Wenn es auf dem Bolzplatz um die Zusammenstellung der Mannschaft ging, wurde er immer als letzter gewählt. Dennoch wollte Jenni das nicht hinnehmen. Schließlich hatte das Orakel doch alle ihre Namen genannt, auch seinen.

Sie legte ihm den rechten Arm über die Schulter, sagte kein Wort, ließ nur die Geste wirken. Sie war seine Freundin; sie alle waren seine Freunde.

„Ich …“Marcels Stimme versagte, doch dann probierte er es noch einmal. „Ich kann das nicht.“

Er ließ offen, was genau er damit meinte: War es nur, dass er nicht mit ihnen mitgehen würde? Oder meinte er, dass er ihnen nicht alles sagen konnte? Dennoch nahm er nicht ihren Arm von seiner Schulter, dazu genoss er ihre Nähe, ihre Wärme, ihren Duft viel zu sehr. Er mochte diese Berührung, sie machte, dass sein Herz schneller schlug. Trotz seiner Panik entspannte er sich etwas.

Dann kamen auch die anderen näher: Robin und Jenni, aber auch Mike und Nicole drängten sich um ihn, nahmen ihn in ihre Mitte.

„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Mike.

„Genau“, sagte auch Nicole und legte ihm von der anderen Seite den Arm über die Schulter. Jetzt hatte Marcel die Arme beider Mädchen auf den Schultern, und sie wanden sich wie zwei Schlangen um seinen Nacken. Es fühlte sich gut an.

„Wir lassen nicht zu, dass dir was passiert!“

„Das ist wirklich nett von euch. Aber ihr könnt mir nicht helfen. Nein, meine Entscheidung steht fest. Ich bleibe hier.“

Keiner sagte mehr ein Wort. Sie schwiegen und warteten ab, bis sich schließlich die Tür wieder öffnete. Die Mienen von Oxo, Ixin und Yxynon wirkten besorgt, als sie wieder zurückkehrten. Offenbar ahnten sie, dass nicht alles so verlief, wie sie es sich erhofft hatten. Mitten in der Bewegung hielten sie inne, und die Wand schloss sich wieder hinter ihnen. Ihre langgliedrigen Finger zitterten. Ihr ganzer Körper bebte, doch sie blieben ruhig stehen, rührten sich nicht und warteten ab. Die Entscheidung war gefallen, das wussten sie.

Wie lange die Kinder und die Außerirdischen sich so gegenüberstanden, konnte niemand genau sagen. Die Zeit war zu etwas Unmessbarem, Gefühllosem geworden.

Schließlich brach Nicole das Schweigen.

„Seid ihr gekommen, um eine Antwort zu hören?“

Ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Eigentlich wollte sie nur sagen, dass sie sich entschieden hatten. Aber ihre Stimme klang genervt, ungeduldig, bösartig. „Wir sind zu einem Entschluss gekommen …“

Jetzt achtete sie mehr auf ihren Klang, konzentrierte sich.

„Es ist vielleicht nicht ganz das, was ihr euch erhofft habt …“

Endlich klang sie so, wie sie wollte: freundlich, besonnen, entspannt.

Oxo ging einen Schritt auf sie zu. Seine Augen fixierten sie, bohrten sich in sie hinein. Sein Körper bebte vor Aufregung; das Zittern seiner Finger hatte sich über seinen ganzen Körper ausgebreitet.

„Ihr werdet uns nicht begleiten, nicht wahr?“ Verzweiflung schwang mit. Auch seine beiden Begleiter, die ein Stück hinter ihm geblieben waren, stöhnten auf.

„Nein, nein, nein, nein …“, Nicole hob abwehrend die Hände, „nein, nein“, begann sie noch einmal, „wir werden mit euch gehen.“

Augenblicklich schlugen Traurigkeit, Enttäuschung, Angst und Verzweiflung um in Freude und Dankbarkeit. Eben noch hatten sie am ganzen Leib gezittert, doch jetzt machte einer von ihnen (Nicole glaubte, es war Ixin, sicher war sie sich aber nicht, es konnte auch Yxynon sein) vor Freude einen Luftsprung. Dann setzte er noch ein Quieken hinterher, wie ein Frischling, der nach der Muttersau ruft. Oxo machte noch einen Schritt auf sie zu, dann war er bei ihnen und umarmte alle. Auch die beiden anderen umarmten sie herzlich.

„Leider müssen wir euch aber sagen“, begann Nicole, während sie von Yxynon in die Arme geschlossen wurde, „dass nicht alle euch begleiten werden.“

„Was …?“

„Aber … warum …?“

„Wer …?

Die Ruhe, die einen Augenblick lang herrschte, war schneidend. Kein Geräusch, kein Ton. Nicht einmal ein Atmen oder Seufzen.

„Es ist …“, begann Nicole.

„Ich werde hier bleiben. Ich kann nicht mit euch gehen.“ Ruckartig schnellten alle Köpfe in Richtung Marcel.

„Aber warum?“, fragte Oxo, „warum du?“

Auch Yxynon fragte: „Warum ausgerechnet du?“

„Oh nein, bitte nicht, Marcel! Bitte nicht du! Wir brauchen dich doch!“ Ixins Stimme war nur noch ein weinerliches Glucksen. „Nicht du! Bitte, du musst es dir noch mal überlegen! Das Orakel …“

„Still jetzt!“ Es war das erste Mal, dass Oxo seine Stimme erhob.

„Aber das Orakel …“

„Still! Wir können ihn nicht zwingen. Wir dürfen es nicht.“

„Aber das Orakel hat doch gesagt …“

„Ich kenne die Prophezeiung.“ In seiner Stimme schwang jetzt Ungeduld mit.

„Willst du behaupten, es hat sich geirrt?“

„Nein. Das Orakel hat sich noch nie geirrt. Es hat sich auch mit Marcel nicht geirrt.“

„Wenn er uns nicht begleitet, wie kann es dann die Wahrheit gesagt haben? Wie ist es dann mit der Prophezeiung?“

„Das werden wir schon sehen. Schweig jetzt! Wir werden auch dafür einen Weg finden.“

Nur widerwillig fügte sich Ixin. Es beschäftigte ihn immer noch, das stand deutlich in seinem angespannten Gesicht.

Die Diskussion mit Ixin hatte Oxos ganze Aufmerksamkeit gefordert, sodass ihm entging, wie die Kinder unruhig wurden. Was beinhaltete diese komische Prophezeiung eigentlich genau? Bislang kannten sie nur einen Teil: Dass fünf Kinder von einem fremden Planeten den der Außerirdischen retten konnten. Steckte noch mehr dahinter?

„Nun gut, Marcel“, begann Oxo, „du hast dich also entschieden, nicht mit uns zu gehen. Das ist wirklich schade.“

„Was besagt diese Prophezeiung eigentlich genau?“ Nicole sah Oxo und Ixin herausfordernd an.

„Ich …“, druckste Ixin herum. Ihm brannte die Antwort auf der Zunge, das war deutlich. Dennoch hinderte ihn etwas. Nur was?

Oxo rieb sich mit beiden Handflächen heftig die Stirn und schien angestrengt nachzudenken. Nicole hoffte für ihn, dass es etwas mit der Prophezeiung zu tun hatte. Wenn nicht … nun, sie waren immer noch auf der Erde! Ein Wort von ihr, und auch sie würde hier bleiben. Wenn die nicht ehrlich zu mir sind, dann weiß ich nicht, warum ich denen helfen sollte. Dann können die mich mal!

„Wir …“, begann Oxo, mittlerweile hatte er die Hände wieder gesenkt, seine Stirn war feuerrot.

„Ja?“, spornte Nicole ihn an und wedelte aufmunternd mit der Hand. „Nur zu! Ich warte!“

„Wir können …“

„Ja?“

„Es ist …“

„Ja?“, wiederholte Nicole.

Endlich schaltete sich Yxynon ein.

„Hör mal, Oxo! Wir sind diesen weiten Weg geflogen, haben die Mühen der Reise auf uns genommen, weil wir der Prophezeiung glauben. Nur deshalb sind wir hier. Findest du nicht, dass wir ihnen zumindest den Teil nennen, den wir kennen?“

„Was soll das heißen? Was meinst du mit dem Teil, den wir kennen?“ Mikes Stimme war schneidend. Die anderen spitzten die Ohren.

Yxynon blickte auffordernd zu Oxo. Nun sag es ihnen schon, verriet dieser Blick. Du willst doch auch, dass sie uns vertrauen, oder? Also werden wir alles offen legen müssen, was wir wissen.

Oxo dachte nach. Er rieb sich jetzt wieder mit den Handflächen über die Stirn. Diese ziemlich menschliche Geste hatte ihm schon vor Minuten rote Striemen beschert. Nun ging es von Feuerrot über ins fast Schwärzliche.

Endlich ließ er davon ab, seine Hände sanken nach unten, und dabei ballte er sie immer wieder zu Fäusten; schließlich drang ein Seufzen aus seiner Kehle.

„Ich … ich sehe es ja ein. Gut, ich sage euch, was ich weiß. Aber erwartet nicht zuviel!“

Yxynon ging einen Schritt zurück, während Oxo ein letztes Mal seufzte.

„Na schön“, begann er, „offenbar geht es nicht anders. Wie ihr wisst, wurden eure Namen in der Prophezeiung genannt. Was ihr jedoch noch nicht wisst, ist, dass die Prophezeiung noch etwas anderes vorhersagt. Etwas, das Marcel allein betrifft. Marcel wird ein besondere Rolle zuteil. Er wird eines Tages etwas sehr, sehr Wichtiges tun. Nach der Prophezeiung wird er ein großes Opfer bringen, damit unser Planet wieder erblühen und zu früherem Wohlstand gelangen kann.“

„Ich?“

„Ferner besagt das Orakel, dass du dieses Opfer aus freien Stücken und bereitwillig geben wirst.“

Marcel öffnete den Mund, doch da ihm plötzlich alles entfallen war, was ihm auf der Zunge lag, schloss er ihn wieder und sah Oxo, Yxynon und Ixin mit großen Augen an.

„Es heißt jedoch, die Prophezeiung sei nicht vollständig.“

„Was … was heißt das jetzt wieder?“, fragte Nicole entgeistert.

Marcel, um den es doch eigentlich ging, sagte nichts. Er hatte jetzt einen Blick, als ginge ihn das alles nichts an.

„Leider offenbart das Orakel nicht, wie es zu alledem kommen wird. Es verrät auch nicht, was für ein Opfer er aufbringen wird.“

„Ich …“ Marcel sah aus, als wäre er eben aus einem Traum erwacht. „Ich werde also ein Opfer bringen, das die Zukunft eines ganzen Planeten bedeutet? Habe ich das richtig verstanden?“

„Ja“, antwortete Oxo; seine Stimme zitterte.

„Und ich werde dieses Opfer freiwillig bringen?“

„Ja.“ Das Zittern wurde stärker.

„Ich werde zu nichts gezwungen?“

„Das Orakel sagt, du fällst diese Entscheidung aus freien Stücken und aus eigener Überzeugung.“ Aus dem Zittern war ein Beben geworden, und da jede Wand im Raumschiff wie eine Übersetzungsmaschine wirkte, schien dieses Beben von überallher zu kommen: aus der Wand, aus der Decke, ja sogar aus dem Fußboden.

„Es ist also mein Schicksal?“

„Wenn du es so nennen willst.“ Jetzt schwang Hoffnung in Oxos Worten mit.

„Und worin dieses Opfer besteht … wurde das wirklich nicht gesagt?“, fragte Marcel noch einmal.

„Nein, wurde es leider nicht. Bitte vertraut mir. Ich habe euch alles gesagt, was ich weiß.“

Marcel fühlte sich plötzlich allein. Seine vier Freunde schienen verschwunden, und auch Oxo, Yxynon und Ixin waren nicht mehr da. Die Luft fühlte sich stickig an und muffig. Reflexartig atmete er tiefer, schneller. Einen Augenblick lang hatte er den Eindruck, nicht mehr richtig Luft zu bekommen– so, als füllten sich zwar seine Lungen, doch er könnte keinen Sauerstoff aus ihr gewinnen. Merkwürdigerweise verfiel er nicht in Panik, sondern versuchte, seine Situation objektiv einzuschätzen. Das erste war, dass seine Freunde in sein Sichtfeld zurückkehrten. Das beruhigte ihn. Er sah zu ihnen hinüber und sah, dass ihre Atmung sich nicht verändert hatte: Sie atmeten ganz normal weiter, tief in die Lungen hinein und kurze Zeit später wieder aus. Niemand machte Anstalten zu ersticken. Es war nur eine Reaktion seines Körpers, die nichts zu sagen hatte. Es geschieht alles nur in meinem Kopf, sagte er sich. Vielleicht bin ich ja doch nicht so ein Angsthase.

Na schön, das war jetzt eine Sache, aber auf einen anderen Planeten zu gehen und da zu kämpfen, eine andere. Ebenso, wie eine dunkle Prophezeiung zu erfüllen, die er nur zu Hälfte kannte. Er war dennoch überrascht, wie ruhig er blieb.

„Siehst du?“, fragte ihn Oxo und lächelte wissend.

„Was meinst du?“

„Na, deine Reaktion!“

„Ich… ich verstehe nicht?“

„Doch, das tust du.“ Jetzt richtete Oxo seine Worte an alle. „Meine Freunde, ihr seid wahrhaftig die, von denen das Orakel gesprochen hat. Ich weiß es jetzt. Wenn ihr Angst habt oder an euch zweifelt, dann dürft ihr nicht verzagen und nicht aufgeben! Mut bedeutet nicht, dass man vor nichts Angst hat. Nein, es bedeutet, dass man seine Angst besiegt hat. Darum seid ihr auserwählt. Ihr werdet eure Ängste besiegen, denn ihr seid Kämpfer. Auch du, Marcel. Du wirst ebenso mutig sein, wenn es darauf ankommt. Du warst es eben, und du wirst es wieder sein. Das Orakel kann sich nicht irren.“

„Ich …“, stotterte Marcel.

„Ja, begleite uns!“ Nicole griff nach seinen Händen. „Auch wir haben Angst, Marcel, das kannst du uns glauben. Wir alle. Aber wir spüren, dass wir dazu bestimmt sind. Spürst du es nicht auch? Es ist unser Schicksal.“

„Ja, ich spüre es auch“, kam es fast kleinlaut von ihm.

„Jeder von uns hat Angst. Doch gemeinsam werden wir sie besiegen.“

„Ja, das werden wir!“ Synchron traten Nicole, Jenni, Mike und Robin vor, als hätten sie es abgesprochen und wie eine Tanzgruppe einstudiert. „Freunde fürs Leben!“, sagten sie wie aus einem Mund.

„Freunde fürs Leben!“, stimmte jetzt auch Marcel mit ein.„Okay, wir fliegen auf diesen verdammten Planeten und retten ihn.“

Kapitel 4

Kapitel 4

Still, unglaublich still war das Weltall. Still und kalt.

Ihr Weg hatte sie längst aus dem Sonnensystem der Erde geführt. Den letzten bekannten Punkt hatten sie vor Tagen passiert: den Planeten Neptun.

Unglaublich, wie weit sie sehen konnten! Die ersten Tage hatten die Kinder nur immer hinter Yxynon gestanden und aus dem Cockpit heraus in den unendlichen Weltraum gestarrt. Aber mit der Zeit war es ihnen langweilig geworden. Es war ja immer dasselbe, und bei ihrer Geschwindigkeit ließ sich sowieso nichts Interessantes entdecken; noch bevor sie etwas ins Auge fassen konnten, waren sie vorbei.

Marcel war der einzige, der nach fast zwei Wochen Flug noch immer im Cockpit ausharrte. Er fand es unglaublich spannend, selbst wenn er so gut wie gar nichts erkennen konnte.

„Weißt du“, bemerkte Yxynon nach einigen Tagen, „dass wir nur wegen dir mit offenen Augen fliegen?“

„Offene Augen? Ich verstehe nicht.“

Yxynon stand aus seinem Pilotensessel auf und deutete auf die Scheiben, hinter denen sich der dunkle Weltraum öffnete.

„Ach so“, sagte Marcel und sah hinaus.

„Normalerweise sind unsere Augen geschlossen. Wir fahren einen Schild herunter.“

„Warum tut ihr das? Ist es gefährlich, so … so mit offenen Augen zu fliegen?“

„Nein, gar nicht. Wir fliegen schon seit vielen hundert Runden durch den Raum, sodass wir die Reise gar nicht mehr so interessant finden. Für uns ist das Ziel einer Reise viel interessanter.“

„Das Ziel“, wiederholte er träumerisch. Obwohl es wie eine Frage klang, war es keineswegs eine. Yxynon deutete es richtig. Ihm war Marcels verträumter Blick aufgefallen und er wusste, was das bedeutete. Er hatte auch einmal diesen Blick gehabt, nachdem er das erste Mal im offenen Raum ein Schiff gesteuert hatte. Seither waren viele Runden vergangen und seine Begeisterung hatte etwas nachgelassen. Dennoch fand er es immer noch aufregend.

Das Ziel, hatte er gesagt. Das Ziel. Wie viele fremde Planeten hatte Yxynon wohl schon gesehen? Wie viele fremde Kulturen und Völker? Dann frag ihn doch einfach, donnerte da eine Stimme in Marcels Kopf. Frag ihn, und du wirst es wissen!

Yxynon hatte bereits wieder auf seinem Sessel Platz genommen und beobachtete aufmerksam die Instrumente. Auf der guten alten Erde hatte Marcel schon Fotos von Flugzeugcockpits gesehen und von Raumschiffen. Aber hier sah alles anders aus. Es gab keine Instrumente. Zumindest keine im herkömmlichen Sinne. Zunächst war er fast erschrocken gewesen, aber schnell hatte er begriffen, dass er umdenken musste.

Vor Yxynons Pilotensessel schwebte eine Art Pult – so, dass der Pilot von seiner Position aus bequem darauf sehen konnte. Allerdings war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, welche Funktion es hatte. Es war eigentlich nur ein grauer Block ohne Anzeigen, Knöpfe, Hebel oder Instrumente. Nichts, da war gar nichts. Nur ein grauer Block.

„Warum steht dieser komische Kasten da vor deiner Nase“, hatte Marcel gefragt.

Yxynon sah ihn lächelnd an, „Mit diesem komischen Kasten fliege ich das Raumschiff.“

„Was denn? Damit? Wie denn das? Ich kann mich ja irren, aber braucht man zum Steuern nicht wenigstens ein paar Knöpfe, Schalter, Anzeigen? Ich meine, irgendwas, mit dem du den Motor anmachst, die Richtung vorgibst, beschleunigst, bremst ... Ich sehe davon hier nichts.“

„Du irrst dich, mein lieber Freund. An diesem Multifunktionsterminal kann ich alles abfragen, was ich wissen will. Damit steuere ich alles im Schiff.“

„Aber wie? Ich … ich verstehe das nicht. Wie geht das?“ Er trat näher an das Terminal, seine Augen blickten ratlos.

„Schau!“ Yxynon deutete mit einer Handbewegung darauf. „So machen wir das.“

Die Oberfläche des Pultes veränderte sich; plötzlich erschienen Anzeigen auf ihr. Wo eben noch die graue, nichts sagende Oberfläche gewesen war, waren jetzt jede Menge bunte Linien, Lichter und Symbole. Jetzt verstand er gar nichts mehr.

„Das sind die Armaturen, die du suchst. Das sind meine Anzeigen, meine Steuereinheiten, meine Instrumente.“

„Ich …?“

„Sie sehen nicht so aus, wie du es erwartet hattest, nicht wahr?“

„Das kannst du laut sagen. Sie haben überhaupt keine Ähnlichkeit mit solchen Anzeigen, wie ich sie von der Erde her kenne. In unseren Flugzeugen und Raumschiffen sieht das komplett anders aus.“

„Natürlich. Unser Planet hat eine ganz andere Entwicklung hinter sich als eurer. Unsere Technik befindet sich außerdem auf einem ganz anderen Niveau.“

Marcel beschimpfte sich im Stillen selbst. Das hätte er doch wissen müssen. Warum war er nicht von allein darauf gekommen? Du bist so ein Idiot, sagte er sich.

„Pass auf“, erklärte Oxo, „ich steuere das Schiff mit meinen Gedanken. Ich programmiere mit ihnen den Kurs, rufe an dem Terminal die Instrumente mit ihnen auf und überwache hier alle Vorkommnisse.“

„Alles an diesem Terminal?“

„Ja.“

„Einzig mit deinen Gedanken?“

„So ist es.“

„Das ist … echt beeindruckend“, meinte Marcel. Fragen zu stellen lohnte sich tatsächlich! Also stellte er gleich noch eine.

„Wie viele Völker hast du bislang kennen gelernt? Und Wie viele Planeten hast du schon besucht?“

Yxynon sah ihn vom Pilotensessel aus an und dachte einen Augenblick nach. „Nun, Planeten habe ich unzählige besucht. Sowohl bewohnte als auch unbewohnte. Das kann ich dir wirklich nicht genau sagen. Fremde Völker waren es sechsunddreißig.“

Marcel staunte mit offenem Mund. Sechsunddreißig! Wow! Wahnsinn! Er selbst hatte keine einzige … Stopp! Stopp! Stopp! So stimmte das ja jetzt nicht mehr. Mittlerweile hatte er sehr wohl eine fremde Rasse kennen gelernt, schließlich flog er gerade in ihrem Raumschiff zu ihrem Planeten. Aber sechsunddreißig? Junge, Junge, das waren echt viele!

„Mit vielen von ihnen trieben wir regen Handel. Sie besuchten uns, und wir besuchten sie. Mit manchen dieser Völker konnten wir das aber nicht. Teilweise fanden wir Welten, die noch zu unterentwickelt waren dafür. Einmal landeten wir auf einem Planeten, dessen Bevölkerung war noch so rückschrittlich, dass sie einander mit Steinen bewarfen. Sie hatten noch gar nichts, keine Landwirtschaft, keine Viehzucht, keine Industrie. Sie wohnten noch in Höhlen, aßen, was sie fanden, Beeren, Wurzeln, Früchte. Dieses Volk zu beobachten war sehr interessant, weil es noch so primitiv war. Für uns war es aber wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Vor vielen, vielen zehntausend Runden waren auch wir so.“

„Das war bei uns auch so.“

„Ich weiß.“

„Warum treibt ihr nicht mit allen Völkern, denen ihr begegnet, Handel? Ihr könnt ihnen euer Wissen anbieten, eure technischen Errungenschaften, euren Fortschritt.“

„Oh nein, das können wir nicht. Wir können nur Kontakt aufnehmen, wenn sie mehrere Kriterien erfüllen. Zum einen müssen sie bei der Raumfahrt schon soweit fortgeschritten sein, ihr eigenes Sonnensystem zu verlassen. Allerdings nicht mit einem Flug, der ein ganzes Leben dauert, sondern allerhöchstens wenige … wie sagt man bei euch? Minuten? Natürlich muss es auf diesem Planeten eine gemeinsame Regierung geben. Bestenfalls ist es sogar ein vereinigter Planet. Im Falle einer Staatenbildung, wie bei euch, wo es noch viele verschiedene Länder gibt, ist ein Kontakt oder gar ein Handel ausgeschlossen.“

„Aber warum?“

„Nun, ganz einfach: Wenn wir mit einem Land handeln, mit einem anderen aber nicht, entsteht ein Ungleichgewicht, das diesen Planeten im schlimmsten Fall in einen Krieg stürzen kann.“

„Oh, ich verstehe. Das hatte ich nicht bedacht …“

„Und zu guter Letzt muss ihr technischer Fortschritt ungefähr dem unseren entsprechen. Auch das ist wichtig. Wir wollen nicht, dass ihre Technik und ihre Wissenschaft einen rasanten Sprung erfährt, mit dem sie selber nicht klarkommen und für den sie auch noch nicht bereit sind.“

„Okay, darum weiß also unsere Welt nichts von eurer.“

„Genau, ihr seid … ihr seid noch nicht soweit.“ Yxynon sah Marcel durchdringend an. „Bitte versteh! Wir müssen diese Regeln einhalten, sie sind das oberste Gebot.“

„Aha“, sagte Marcel und verschränkte die Arme vor der Brust. „Euren Wissenstand wollt ihr nicht mit uns teilen, aber unsere Hilfe braucht ihr? Erklär mir das mal! Warum einmal so und einmal so? Warum sind wir, wenn es darum geht, euch zu helfen, plötzlich ebenbürtig? Wenn es aber um den Wissensaustausch geht, sind wir es nicht?“

„Weil das zwei verschiedene Dinge sind. Eure Hilfe wollen wir, weil ihr die Auserwählten seid. Den Wissensaustausch aber müssten wir mit den Wissenschaftlern eures Planeten durchführen. Und da gibt es jene Gebote, die dagegen sprechen.“

„Und wenn wir uns nun querstellen?“ Marcel presste die Arme noch fester auf die Brust.

„Ich verstehe nicht.“ Dennoch rutschte Yxynon unruhig auf seinem Sessel herum. Er schien es sehr wohl zu verstehen.

„Wenn wir jetzt sagen, wir helfen euch doch nicht? Schließlich wollt ihr ja auch nichts für uns tun!“

„So stimmt das nicht. Wir wollen sehr wohl etwas für euch tun. Das ist überhaupt kein Problem. Aber wir können es nicht für die gesamte Menschheit. Versteh doch: Ihr seid noch nicht soweit. Es würde zu einem Ungleichgewicht führen. Es würde die ganze Erde ins Chaos stürzen.“

„Wir würden lernen, damit umzugehen“, antwortete Marcel trotzig.

„Doch auch das würde nichts ändern. Stell dir nur mal vor, ein Mensch aus dem Mittelalter würde plötzlich in eure technisierte Welt kommen. Es würde ihn vollkommen überfordern.“

„Und doch könnte er es lernen. Wir würden es lernen.“

„Es ist dennoch nicht dasselbe. Ihr müsst den Weg selbst gehen, der euch dorthin führt. Nur so lernt ihr, damit umzugehen. Ihr müsst Niederlagen einstecken, Triumphe feiern und umkehren, wenn ihr in einer Sackgasse steckt. Nur so entsteht echter Fortschritt.“

„Aber wir …“

„Nein, Marcel“, die Unruhe, die ihn kurz gepackt hatte, war verschwunden, „es ist so. Wir können und werden eurem Planeten nicht helfen. Es tut mir leid. Und wenn ihr jetzt meint, ihr könnt uns nicht mehr helfen, tja, dann ist es eben so. Dann brauchst du es nur zu sagen und wir fliegen euch zurück zur Erde.“

„Nein, so war es nicht gemeint. Wir stehen zu unserem Wort. Auch wenn ihr uns nicht helfen wollt …“

„Versteh doch! Es geht nicht.“

„Aber …“

„Kein aber, Marcel. Ich kann eurem Planeten nicht helfen. Wir können ihm nicht helfen.“

Marcels Gesicht wurde aschfahl. Die Endgültigkeit in Yxynons Stimme war ihm nicht entgangen. Und als sich dieser sogar wieder umdrehte und auf seine Instrumente blickte, begriff er, dass die Diskussion beendet war. Für Yxynon war das letzte Wort gesprochen.

Einige Augenblicke blieb er neben ihm stehen, beobachtete ihn, wie er die Instrumente abfragte und überlegte, ob er gehen sollte. Einfach umdrehen und gehen. Wie ein trotziges Kind. Das Dumme war nur, er verstand diesen Standpunkt durchaus. Er verstand ihn und konnte demzufolge auch nicht enttäuscht sein.

Mit einem Ruck wendete er seine Gedanken in eine andere Richtung. Schließlich flogen sie mit einem Raumschiff durchs All!

„Wie schnell fliegen wir eigentlich, Yxynon?“

„Zur Zeit mit sechsundneunzigfacher Lichtgeschwindigkeit. Warum?“

„Was? Wie schnell?“ Marcel glaubte, sich verhört zu haben.

„Sechsundneunzig Mal schneller als das Licht.“

Wahnsinn, dachte Marcel, das Licht legt dreihunderttausend Kilometer in der Sekunde zurück und wenn wir jetzt sechsundneunzig Mal schneller sind, dann bedeutet das ja, dass wir … ich hab keine Ahnung, das muss ich erst einmal nachrechnen!

Yxynon kam ihm zuvor. „Das sind knapp achtundzwanzig Millionen Kilometer in der Sekunde. Wir fliegen extra so langsam, um euch an diese Geschwindigkeit zu gewöhnen.“

„Langsam? Hä, ich muss mich wohl verhört haben! Das Sechsundneunzigfache der Lichtgeschwindigkeit nennt ihr langsam? Was ist dann rasend schnell für euch?“

„Ab dem Tausendfachen sprechen wir von Hyperlicht. Das ist schnell.“ Und Yxynon starrte ihn an, als verstünde er nicht. Marcel starrte zurück, allerdings aus einem anderen Grund.

„Willst du mir erzählen, wie könnten tausend Mal schneller als das Licht sein?“

„Um genau zu sein, einhunderttausend Mal so schnell. Das ist das Maximum an Geschwindigkeit, zu dem wir in der Lage sind.“

Einhunderttausend Mal schneller als das Licht. Und das in einer einzigen Sekunde! Das Universum wirkte plötzlich gar nicht mehr so riesig.

„Wie ist das möglich?“

„Tut mir leid, das kann ich dir nicht sagen. Das musst du schon unsere Wissenschaftler fragen. Diejenigen, die diese Antriebe entwerfen.“

„Meine Güte“, dachte Marcel laut, „hunderttausend Mal schneller als das Licht! Unsere Raumschiffe schaffen gerade mal knapp sechsunddreißigtausend Kilometer in der Stunde. Das ist schon beachtlich, zumindest für unsere Verhältnisse. Jetzt verstehe ich langsam, warum ihr eure Technik nur mit ebenbürtigen Partnern teilen wollt! Davon sind wir noch … Millionen Lichtjahre entfernt.“

„Ihr werdet es eines Tages auch schaffen, da bin ich sicher. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.“

„Mal was anderes, du sagtest eben, wir fliegen nicht schneller, damit wir uns daran gewöhnen können. Warum? Was passiert, wenn wir das nicht tun?“

„Mach dir keine Sorgen.“

„Ich mache mir keine Sorgen. Ich bin nur neugierig.“

„Bis zum Hyperlicht ist es durchaus möglich, im Wachzustand zu sein. Ab dieser Geschwindigkeit aber muss man in einen künstlichen Schlaf versetzt werden. Die Auswirkungen auf den Körper sind nicht zu unterschätzen.“

„Was geschieht denn mit mir, wenn ich bei dieser Geschwindigkeit wach bin?“

„Oh, die Auswirkungen können ganz unterschiedlich sein. Obwohl man selbst nichts von der Geschwindigkeit bemerkt, kommt es häufig zu Müdigkeit, Benommenheit, gesteigerter Aggression, Desinteresse oder Leichtsinn. Das kann teilweise soweit gehen, dass man das eigene Leben für Kleinigkeiten riskiert. Des Weiteren können die Organe plötzlich ihre Funktion einstellen, und auch die Sprachfähigkeit geht verloren.“

„Und woher wisst ihr das?“

„Weil die ersten Hyperlichtflüge damals natürlich im wachen Zustand gemacht wurden. Dabei kam es aber immer wieder zu Katastrophen, bei denen ganze Schiffe zerstört wurden. Die gesamte Crew starb. Fortan forschten unsere Wissenschaftler angestrengt, wie sie diese körperlichen Auswirkungen in den Griff bekommen konnten. So kamen sie nach einigen Anläufen auf die Schlafkammern, und seither ist der Hyperflug nur dann möglich, wenn die Mannschaft in den Schlaf gefallen ist.“

„Ein richtiger oder ein künstlicher?“

„Natürlich ein künstlicher. Niemand kann mehrere Tage durchgehend schlafen. Die Astronauten liegen während des gesamten Flugs in ihren Schlafkammern. Sie erwachen erst, wenn der vorprogrammierte Zielpunkt erreicht und das Raumschiff unter Hyperlicht gegangen ist.“

„Haben wir solche Kammern an Bord? Ich würde sie wirklich gern sehen.“

„An denen ist nichts Besonderes. Es sind nur weiße Kisten, in die man sich legt, nicht mal sehr bequem.“

„Das macht nichts. Haben wir denn welche an Bord?“

„Ja …“

Marcel merkte, dass Yxynon am liebsten das Thema gewechselt hätte. Irgendetwas schien ihn zu bremsen. Er redete auf einmal nicht mehr so frei.

„Kann ich sie sehen?“

„Äh … ein andern Mal, okay?“

„Warum nicht gleich?“

Wieder rutschte Yxynon unruhig auf seinem Sessel herum. Marcel hatte keine Ahnung, ob sein Gegenüber schwitzen konnte, aber wenn ja, musste er Rotz und Wasser schwitzen. Yxynon war unruhig, richtig aufgeregt. Er konnte seine Hände nicht stillhalten, sein Blick schwankte wild herum, und auch sein Kopf kippte mal nach links, mal nach rechts. Merkwürdig. Hatten er und die beiden anderen etwas zu verbergen? Und wenn ja, was? Angefangen hatte es mit der Erwähnung der Schlafkammern. Aber warum? Immerhin hatte er doch selbst damit angefangen. Hätte er das getan, wenn da irgendwas nicht stimmen würde? Wohl kaum. Nein, es musste was anderes sein. Nur was?

Oder hatte es vielleicht doch damit zu tun?

Oh Mann, jetzt wusste er gar nichts mehr! Es wurde immer verwirrender.

Yxynons Unruhe übertrug sich auf ihn. Sein Herzschlag wurde schneller, seine Hände ballten sich zu Fäusten und sein Blick hetzte wild herum. Schweiß lief in Strömen. Er hatte das Gefühl, dass seine Wäsche ihm förmlich am Leib klebte.

Was hatte es mit diesen Schlafkammern auf sich? Es musste etwas mit ihnen zu tun haben. Da bestand kein Zweifel. Sie waren der Grund für diese plötzliche Verschlossenheit. Warum nur? Warum?

Er wandte den Blick von Yxynon ab, hob den Kopf und blickte durch die Cockpitscheiben nach draußen. Allerdings stellte er schnell fest, dass es dort draußen nichts zu sehen gab. Die Geschwindigkeit ließ alles verschwimmen, als flögen sie durch einen schwarzen Tunnel. Ab und zu raste ein heller Lichtpunkt auf sie zu: entfernte Sonnen, die auf sie zuschnellten und einen Wimpernschlag später auch schon wieder verschwunden waren.

Nachdenklich sah er Yxynon an.

„Kannst du bitte den Sichtschirm schließen?“

Nach einigen Sekunden verstand er endlich: Auf dem Steuerpult wechselten die Anzeigen und Instrumente, dann drückte er einen Knopf, der vorher noch nicht da gewesen war (unglaublich, dieses System!), und dann senkte sich der Sichtschirm.

Außerhalb des Raumschiffs rasten jetzt ganze Sonnensysteme vorbei, ohne dass es hier drinnen jemand registrierte, größere und kleinere. Vielleicht waren sogar bewohnte darunter? Vielleicht entwickelte sich auf einigen von ihnen Leben, selbst wenn es nur Bakterien sein würden. Doch die meisten würden wohl auch in einer Milliarde Jahre noch tote Planeten sein …

Marcel hatte die letzten Sekunden genutzt, um etwas zu verschnaufen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte seine Gedanken schweifen lassen, aber nun war es an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.

„Okay, Yxynon, was ist mit den Schlafkammern? Nun sag schon!“

„Was soll mit ihnen sein?“ fragte er und es gelang ihm sogar, seine Stimme unbefangen klingen zu lassen. Das verwirrte Marcel. War er auf dem Holzweg? Irrte er sich doch, was die Schlafkammern anging? Vermutete er etwas, wo gar nichts war? Waren seine Nerven, seine Phantasie durch die Ereignisse der letzten Tage so überspannt, dass er überall Zweideutigkeiten vermutete?

Nichts da, sagte er sich. So schnell gebe ich nicht auf!

„Ich glaube, du weißt genau, was mit ihnen ist.“

Flüchtig meinte er etwas in Yxynons Gesicht wahrgenommen zu haben. Nur einen Augenblick hatte es gedauert, ein Zucken der Muskeln in der rechten Gesichtshälfte, ein kurzes Flattern des Nasenflügels. Nicht zuletzt der verstohlene Blick nach rechts. Oh ja, er war auf der richtigen Fährte. Irgendetwas war mit diesen verdammten Schlafkammern!

„Hör mal“, begann er, „entweder sagst du es mir jetzt oder ich trommle die anderen zusammen. Und ich weiß nicht, ob die dann immer noch sagen, dass sie euch helfen. Vertrauen ist uns Menschen sehr wichtig. Verstehst du? Du hast die Wahl.“

Yxynon begann sich zu winden. Marcel registrierte es zufrieden. Er sah ihn herausfordernd an, sagte aber kein weiteres Wort.

„Na schön. Da du ja anscheinend keine Ruhe gibst, werde ich dir die Schlafkammern zeigen.“ Er tippte einige Befehle in sein Steuerpult, dann erhob er sich.

„Folge mir.“

Die Gänge im Raumschiff sahen alle irgendwie gleich aus: kahle, viereckige Röhren, aus denen in unregelmäßigen Abständen Türen irgendwo hinführten. Ab und an erreichten sie auch Schleusen, die sich leise öffneten, wenn sie sich ihnen näherten. Marcel hatte immer noch Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden; es sah alles gleich aus. Schon ein paar Mal hatte er sich verlaufen und war irgendwo herausgekommen, nur nicht da, wo er hingewollt hatte.

Endlich standen sie vor den Schlafkammern – und Marcel war verwirrt. Es waren kastenartige, weiße Gebilde, ähnlich wie ein Sarg. Sie waren rundherum geschlossen; nur von oben konnte man in sie hineinsehen. Ein Raumfahrer hatte in ihnen Platz. Sie waren fest in den Boden eingelassen, nur der Deckel schien beweglich zu sein. Wortlos drehte sich Marcel um und suchte Yxynons Blick. Nur einen Moment später sahen sie einander in die Augen.

„Das sind sie“, unterbrach Yxynon das Schweigen.

„Aha“, entgegnete Marcel, um etwas zu sagen. Er kam sich plötzlich albern vor und kindisch.

„Siehst du? Es ist alles in Ordnung mit den Kammern. Wir nutzen sie nur momentan nicht. Den Grund dafür sagte ich ja bereits.“

„Damit wir uns an die Geschwindigkeit gewöhnen können.“

„Genau.“

Marcel kam sich mit jeder Sekunde dümmer vor. Wie hatte er nur annehmen können, dass etwas nicht stimmte? Nur weil Yxynon verlegen gewirkt hatte, glaubte er, einer Verschwörung auf der Spur zu sein. Wie dumm!

Yxynon ahnte seine Gedanken „Es war richtig, dass du gefragt hast. Du warst wachsam und vorsichtig. Dafür musst du dich nicht schämen. Im Gegenteil, du kannst stolz sein. Du hast Mut bewiesen.“

„Ich …“ Marcel wusste nicht, was er sagen sollte.

„Können wir wieder ins Cockpit? Das Schiff fliegt zwar automatisch, ich sitze aber gern hinter meinem Pult, wenn es das tut.“

„O … okay.“

Marcel war jetzt alles recht. Yxynon hätte auch sagen können, lass uns raus in den Weltraum gehen und ein bisschen über die Außenhaut des Schiffs spazieren.

„Sag mal“, begann Marcel, nachdem sie sich im Cockpit ein paar Minuten angeschwiegen hatten, „fliegt neben dir noch jemand dieses Raumschiff?“

„Ich bin der einzige.“

„Aber was passiert, wenn du nicht hinter dem Pult sitzt?“

Mit einem Schmunzeln sah Yxynon ihn an. „Ich bin zwar der Pilot, aber der Großteil meiner Arbeit bezieht sich darauf, den vorprogrammierten Kurs zu überwachen.“

„Also kann auch auf dich verzichtet werden.“ Das klang wesentlich gröber, als Marcel es beabsichtigt hatte. Er war erleichtert, als Yxynon fortfuhr, ohne auf die Anfeindung zu reagieren.

„Nein, nein“, meinte er lachend, „so einfach ist es nun auch wieder nicht! Zuerst müssen die Flugdaten programmiert werden, dann überwache ich die einzelnen Phasen des Fluges, die Instrumente, den Antrieb, den aktuellen Status aller Systeme. Auf den Piloten kann keinesfalls verzichtet werden.“

„Ist es schwer, das zu lernen? Ich meine, wie lange brauchtest du, bis du das alles konntest?“ Jetzt war die Neugier wieder zurück.

„Mehrere Runden, Marcel. Ich musste viele Runden lernen.“

„Oh“, entgegnete Marcel enttäuscht.

„Warum fragst du?“

„Ich dachte, ich …ich …“

„Du möchtest das Raumschiff auch mal steuern, stimmt’s?“

„Ich …“, krächzte Marcel. Seine Augen strahlten so hell, wie es gewiss keine Sonne im Universum geschafft hätte. „Ich … das wäre …“

„Warum sagst du das nicht einfach?“

„Ich …“ Sein Stottern wurde schlimmer. Sollte das denn so einfach sein? Brauchte er wirklich nur zu fragen?

Wie zur Antwort erhob sich Yxynon und bot Marcel den Pilotensessel an.

Nervös ließ er sich darauf nieder. Yxynon zeigte ihm, welche Anzeigen wichtig waren, welche Instrumente er im Augenschein behalten musste und wie er das Pult vor sich einsetzen konnte. Während Marcels Herz raste, ihm der Schweiß ausbrach und seine Finger zitterten, steuerte er das Raumschiff. Er steuerte es durch die Unendlichkeit des Alls, durch weit entfernte Sonnensysteme, zwischen Planeten und Sternen hindurch. Natürlich steuerte er es nicht wirklich selbst, denn es flog ja seinen einprogrammierten Kurs, aber da er auf dem Pilotensitz saß und die Instrumente nach Belieben abfragen konnte, war es so, als flog er tatsächlich. Das Gefühl war unvergleichlich, mit nichts zuvor Erlebtem zu vergleichen. Es war mehr als nur Glück oder Spaß. Er war glücklicher als je zuvor in seinem Leben. Er hatte das Gefühl, hierher zu gehören. Hierher, in den Pilotensessel, in dieses Raumschiff, auf Kurs zu diesem Planeten. Es war … es war sein Schicksal.

Als Marcel ein paar Stunden später in sein Bett kroch, fiel es ihm schwer, einzuschlafen. Er erinnerte sich noch einmal an alles. Und plötzlich wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Es war seine Bestimmung. Er gehörte hierher.

Kapitel 5

Kapitel 5

Zwei Monde leuchteten vom dunklen Himmel. Der Rechte war beinahe doppelt so groß wie sein Bruder, der ungefähr die Ausmaße des Erdmondes besaß. Er schien allerdings weiter entfernt von seinem Planeten zu sein, da sich keine Konturen auf ihm entdecken ließen. Der Erdmond sah durch die Krater, Gebirge und Täler auf seiner Oberfläche manchmal aus wie ein Gesicht. Derartige Spuren waren hier nicht zu sehen. Die Oberfläche der Monde wirkte glatt und eben. Allerdings war die des größeren keineswegs ganz glatt. In sternklaren, wolkenlosen Nächten ließ sich mit bloßem Auge erkennen, wie uneben, zerklüftet und rissig er war.

Wie ein riesiger Ball schwebte er am Nachthimmel. Um ihn herum lag ein Gürtel aus Licht, und um ihn herum war der Himmel voller Sterne. Natürlich sah er ganz anders aus als der Himmel, den sie kannten. Sie waren ja in einer fremden Galaxie, demzufolge gab es hier auch andere Himmelskörper zu sehen. Es schienen weitaus mehr Sterne zu sein, als die, die sie vom Nachthimmel der Erde kannten, Millionen mehr. Der Himmel war ein leuchtendes, wogendes Sternenmeer.

Sie waren soweit von der Erde entfernt, dass sie von der Sonne nicht einmal das kleinste Fünkchen Licht sehen konnten. Dennoch starrten sie alle zu einem bestimmten Punkt am Nachthimmel und glaubten offenbar, dies sei die Richtung, in der die Erde lag. Merkwürdigerweise blickten sie alle unwillkürlich dorthin und bemerkten erst später, dass die anderen in die gleiche Richtung blickten. Dann jedoch sahen sie sich an, als wäre es das Normalste der Welt. Und wahrscheinlich wäre es das auch gewesen (fünf Kinder, die gemeinsam in den Nachthimmel starren), wenn sie nicht alle fünf geträumt hätten. Sie träumten den gleichen Traum. Sie träumten von diesem Nachthimmel und vermuteten dabei die Erde in dieser Richtung.

Natürlich konnten sie das nicht wissen, denn jeder träumte diesen Traum für sich selbst. Doch selbst wenn sie es gewusst hätten, hätten sie sich nicht gewundert. Dass die Außerirdischen ihre Träume beeinflussen konnten, ahnten sie ja längst.

Langsam änderte sich die Perspektive. Sie standen an einem Meer, und das Wasser zu ihren Füßen war schwarz, bis auf die weißen, schaumigen Wellen, die an die Küste spülten. Aufbrausend und stürmisch war es. Als brächen dicke Baumstämme, so laut donnerte die Brandung ans Ufer. In ihren Ohren dröhnte es. Und inmitten dieses Infernos stand Oxo. Die mächtigen Wellen reichten ihm bis an die Schultern, und oft tauchte er ganz unter. Doch er stand da, völlig unbeeindruckt von den Wassermassen. Jetzt tauchte er wieder auf, denn eine besonders heftige Welle hatte ihn vollständig überspült. Dennoch sagte er, während er das geschluckte Wasser ausspuckte, ruhig: „Es geht los.“

Obwohl das Tosen und Toben alle Geräusche erstickte, drangen die drei Wörter deutlich bis zu ihnen durch: Es geht los.

In der Ferne, weit hinter dem Horizont, schwollen jetzt weitere Geräusche an. Ein Kreischen, ein Bersten, ein Explodieren.

Dann verschwamm das Traumbild zu einer Masse ohne Konturen.

Ein ansteigendes Heulen riss ihn aus seinem Traum. Zuerst sträubte Robin sich dagegen. Er wollte unbedingt wissen, was dieses Es geht los bedeutete. Wie ein Affe am Baum klammerte er sich daran fest. Um nichts auf der Welt (weder auf dieser noch auf einer anderen) wollte er aufgeben.

Doch das Heulen wurde lauter, durchdringender, und der Traum wurde immer unschärfer, schwächer. Er stöhnte laut– und wusste dabei nicht einmal, ob er tatsächlich stöhnte oder es nur im Traum war. Das Stöhnen wurde leiser. War es vielleicht doch nur in seinem Traum gewesen? Er wusste überhaupt nichts mehr, und eine Unruhe packte ihn. Was war hier nur los? Irgendetwas stimmte nicht!

Er warf sich wild herum, wie um etwas abzuschütteln, als hätte ihn etwas Gefährliches eingehüllt, das er unbedingt loswerden musste.

Mit einem Mal war er wach. Die Erinnerung an den Traum begann bereits zu verblassen, und das ohrenbetäubende Heulen schwoll an zu einer Lautstärke, die in den Ohren schmerzte.

Und dann ging alles ganz schnell. Ohne zu überlegen schnellte er aus dem Bett. Normalerweise trödelte er nach dem Aufwachen immer noch ein bisschen rum, zögerte das Aufstehen um ein paar Minuten raus, aber nicht jetzt. Wie von der Tarantel gestochen sprang er aus dem Bett.

Der Raum war eingehüllt in einen Schleier aus rotem Licht. Doch das bemerkte er nur eine Sekunde, dann gewann seine Angst die Oberhand. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die heulende Sirene, das rote Licht, etwas war geschehen!

Ohne einen weiteren Gedanken sprang er in Jeans und T-Shirt. Dann rannte er auf den Korridor. Auch hier war dieses rote Licht. Und dieses laute Heulen.

Seine Angst wuchs immer mehr. Ihm war heiß, er schwitzte und sein Herz schlug wie wild in seiner Brust. Er glaubte, dessen Schläge bis hinauf in die Stirn zu spüren. Dennoch bewahrte er einen kühlen Kopf. Hinterher sollte er sich nicht einmal selbst erklären können, wie ihm das gelungen war. Trotz seiner Panik dachte er besonnen und absolut ruhig über seine Situation nach. Er analysierte sie und wog sein weiteres Vorgehen genau ab. Und er tat es ohne Hektik oder Stress.

Dieses rote Licht, dieses verdammte rote Licht, und dazu diese heulende Sirene! Was war geschehen? Waren sie mit einem Kometen kollidiert? Nein, das war unwahrscheinlich, denn dann wäre das Raumschiff pulverisiert worden. Nein, es musste etwas anderes passiert sein. Nur was? Ängstlich machte er sich auf den Weg zu den Quartieren der anderen.

Die Korridore wirkten schmaler als sonst. Entweder wegen des infernalisch brüllenden Alarms oder wegen des roten Lichtes. Er hatte den Eindruck, als liefe er durch eine enge Röhre, die sich vor ihm immer stärker verjüngte. Wie sollte er sich durch dieses Nadelöhr quetschen? Wie, zum Geier? Doch er lief weiter, durchquerte Korridor um Korridor und erreichte schließlich die Quartiere von Jenni und Nicole. Die Türen standen offen, und seltsame Laute drangen nach draußen, als finde dort ein Kampf statt. Selbst durch den Alarm hindurch hörte er ein Schnaufen, als würde sich jemand schnell bewegen … oder angestrengt kämpfen.

Robin beschleunigte seinen Schritt. Er musste den Mädchen helfen! Mit Heldenmut hatte das wenig zu tun; er wollte nur nicht, dass ihnen etwas geschah.

Nach wenigen Schritten hatte er die erste Tür erreicht, doch das Zimmer war leer. Die Geräusche kamen aus dem Nachbarzimmer. Er rannte weiter. Die merkwürdigen Geräusche wurden lauter, aber jetzt sah er, dass sie nicht von einem Kampf herrührten.

Nicole und Jenni diskutierten mit Oxo, gestikulierten dabei wild mit den Armen. Ihre Gesichter waren angespannt.

„Wir müssen das so machen, es ist eure einzige Chance!“, kam es gerade von Oxo.

„Das ist doch verrückt!“, sagte Nicole.

„Ihr werdet alle umkommen!“, jammerte Jenni.

„Was ist hier los?“, wollte Robin wissen.

Nicole und Jenni blieben stehen wie zur Salzsäule erstarrt. Jenni hatte die Hände auf Oxos Schulter abgelegt und Nicole ihre abwehrend vor sich gehalten. Und Oxo, der den Kopf leicht geneigt hielt und die Schultern hängen ließ (als täte ihm irgendetwas sehr leid, was er jedoch nicht ändern konnte), blickte ihn mit großen Augen an.

„Was ist hier los?“, wiederholte Robin.

„Wir sollen …“, begann Jenni, wobei ihre Stimme überging in ein Schluchzen.

„Wir sollen in die Schlafkammern!“, beendete Nicole den Satz für ihre Freundin. In dieser Sekunde kamen endlich auch Mike und Marcel herein.

„Was?“, schaltete sich Marcel ein. Er hatte nur den halben Satz gehört, aber schon dabei schrillten seine Alarmglocken. Da waren sie wieder, die verdammten Schlafkammern! Er hatte doch gleich gewusst, dass damit irgendwas nicht stimmte …

Jenni nahm die Hände langsam von Oxos Schultern und fuchtelte wild vor seinem Gesicht herum.

„Wie ich den beiden bereits erklärt habe, müsst ihr in die Schlafkammern gehen. Nur so habt ihr eine Chance.“

Marcel hatte also recht behalten. Sie verfolgten ihn. Yxynon hatte es gewusst, es ihm aber verheimlicht. Jetzt begriff er, warum sie so ein Geheimnis um die Kammern gemacht hatten. Warum war er nicht früher darauf gekommen? Es war doch so offensichtlich: fünf Schlafkammern. Und sie waren zu fünft. Er selbst, Mike, Nicole, Jenni und Robin. Fünf Kinder. Aber was würde mit den anderen geschehen? Mit Yxynon, mit Oxo, mit Ixin? Was war mit denen? Würden denn …?

„Was ist hier passiert, zum Teufel? Was bedeutet dieser Alarm?“ Robin schrie fast.

„Eine Explosion“, erklärte Oxo, „wir hatten eine Explosion an Bord.“

„Was?“, stöhnte Jenni. „Wie kann das geschehen? Ich denke, es ist sicher?“

„Eine Bombe“, antwortete Oxo.

Die nächsten Augenblicke sagte niemand etwas. Nur der Alarm heulte weiter und das rote Licht zuckte gespenstisch über ängstliche Gesichter.

Robin war der erste, der seine Sprache wieder fand.

„Eine … Bo … Bombe?“ Auch wenn es nur ein Stottern war, immerhin war es etwas. „Wie kommt eine … eine Bombe … an Bord?“

„Hier … Bombe … wie …“ Jenni hingegen schaffte nur ein Unzusammenhängendes Stammeln.

„Wir hatten Glück. Wir waren weit unter Hyperlicht, sonst wäre das Raumschiff zerrissen worden. Yxynon versucht es jetzt Notzulanden.“

„Eine Notlandung? Auf einem fremden Planeten?“

Panik schwang in Jennis Stimme mit.

„Es ist alles in Ordnung, Jenni. Wir kennen diesen Planeten, auf dem wir runtergehen. Er befindet sich in unserem Heimatsonnensystem.“

„Sind wir etwa schon da?“

„Ja, das sind wir. Das Raumschiff wurde bereits gebremst, als die Bombe explodierte.“

„Und was ist mit Yxynon? Geht es ihm gut?“

In den letzten Tagen war so etwas wie eine Freundschaft zwischen Marcel und Yxynon entstanden. Marcel spürte eine tiefe Sympathie für den Raumschiffpiloten, fast wie zu einem großen Bruder. Er machte sich Sorgen um ihn.

„Keine Angst, es geht ihm gut. Wir hatten alle viel Glück. Wenn die Bombe früher explodiert wäre …“ Er stockte. Dieses Szenario wollte er vor den Kindern nicht weiter ausbreiten. „So aber können wir jetzt auf diesem Planeten notlanden. Dazu müsst ihr aber in die Schlafkammern gehen!“

„Okay“, entgegnete Marcel, „und was ist mit euch?“

„Mit uns? Ich verstehe nicht…“

„Doch, das tust du. Ich habe die Schlafkammern gesehen. Yxynon hat sie mir gezeigt. Es sind nur fünf.“

„Und was ist das Problem?“, warf Mike ein.

„Wir sind fünf, oder nicht?“

Da fiel es Mike wie Schuppen von den Augen: Die Schlafkammern waren nur für sie. Oxo, Yxynon und Ixin sollten leer ausgehen. „Aber …“, begann er stotternd, weiter fiel ihm nichts ein. Er wusste nicht, was er dazu sagen sollte.

„Es ist okay“, sagte Oxo. „Wir wussten, worauf wir uns eingelassen haben. Wichtig ist nur, dass ihr zu Yxus gelangt. Was mit uns geschieht, ist unwichtig.“

„Das ist totaler Scheißdreck!“, entgegneten Jenni und Nicole wie aus einem Mund.

„Es ist aber so“, antwortete Oxo, mit einem Lächeln. Dann fuhr er den beiden liebevoll mit der Hand über das Haar. „Ihr solltet jetzt in die Schlafkammern gehen. Die Zeit wird knapp.“

„Aber … aber … was wird mit euch? Wie werdet ihr euch schützen?“

Marcel war außer sich. Er konnte und wollte nicht glauben, dass es das gewesen sein sollte. Noch nie zuvor in seinem Leben hatte er sich hilfloser gefühlt. Würden die drei sich etwa opfern, damit sie überleben konnten? Nein, das wollte er nicht wahrhaben!

„Es ist gut, so wie es ist.“

„Nein, verdammt, da mache ich nicht mit. Vergesst es!“

Marcel war drauf und dran, einfach aus dem Quartier zu stürmen … Aber was dann? Was geschah dann?

Robin packte ihn und versuchte ihn aufzuhalten. Seine kräftigen Arme legten sich wie eine Schraubzwinge um ihn, doch Marcel rüttelte und zerrte an ihm wie ein wildes Tier im Käfig. Auch Mike versuchte ihn festhalten; dennoch konnte er sich immer weiter befreien.

„Marcel, es muss sein!“, stöhnte Mike außer Atem.

„Marcel, es ist gut, so wie es ist“, erklang plötzlich Yxynons Stimme ganz deutlich, obwohl er gar nicht im Raum war.

Nachdem sie verklungen war, herrschte Stille. Nicht einmal ein Atmen oder Keuchen war zu hören. Selbst Marcel blieb stumm und bewegte sich nicht.

Eine der Wände war zu einem Großbildschirm geworden. Über die gesamte Fläche der Wand war Yxynons Gesicht zu sehen. Es sah aus, als blicke sie ein Hollywoodstar in einem Megablockbuster von der Kinoleinwand herab an.

„Marcel, ich weiß, dass du mich sehen kannst. Sag bitte ein Wort!“

„Ich …“ Dann glotzte er wieder wortlos mit großen Augen den übergroßen Yxynon an.

„Es ist okay“, fuhr dieser fort. Er blickte Marcel direkt in die Augen. „Wir wussten, worauf wir uns einlassen. Ja, diese Schlafkammern sind ausschließlich für euch. Sie sind bei einer Notlandung der sicherste Ort. Es ist wichtig, dass ihr Yxus erreicht.“

„Aber … was ist mit dir … mit euch?“

Diesmal antwortete Yxynon nicht sofort.

„Keine Sorge, uns wird es gut gehen. Wir kennen uns aus mit solchen Situationen.“

„Aber das Schiff … es stürzt ab!“ Marcel bewegte sich wieder heftiger in seiner Umklammerung.

„Nein, Marcel, wir stürzen nicht ab. Es ist richtig, dass wir eine Bombe an Bord hatten, aber wir stürzen nicht ab. Wir bereiten uns nur auf eine Notlandung vor. Dafür ist es wichtig, dass ihr in die Schlafkammern geht. Bitte“, er beugte sich vor, und sein Gesicht wurde größer, „bitte, ich will mir keine Sorgen um dich machen. Geht jetzt in die Kammern. Ihr müsst euch beeilen! Oxo wird euch leiten. Er weiß, was zu tun ist.“

Mit diesen Worten verschwand das Gesicht. Die Wand war jetzt wieder eine Wand, weiter nichts.

Marcel stand immer noch da und starrte die Wand an, als erwarte er, Yxynon noch einmal zu sehen. Doch er würde nicht kommen. Das wusste Oxo, das wussten auch Mike, Robin, Nicole und Jenni. Selbst Marcel wusste es. Dennoch konnte er sich nicht von der Wand trennen, auf der eben noch sein Gesicht zusehen gewesen war. Die Sekunden verstrichen.

„Ich …“, begann Marcel.

„Du hast gehört, was er gesagt hat. Er will, dass wir in die Schlafkammern gehen. Und genau das tun wir jetzt!“

Robin sprach mit fester Stimme. Er drückte seinen Rücken durch, um größer zu wirken und Marcel einzuschüchtern. Er sollte nicht einmal im Traum an Widerstand denken. Doch Marcel hatte das gar nicht mehr im Sinn, er war plötzlich viel zu müde. Yxynon hatte ihn überzeugt. Er würde in die Schlafkammer gehen.

Die Korridore sahen fürchterlich aus. Überall hingen Wandverkleidungen herunter. Kabel pendelten wie Lianen von der Decke und erschwerten das Vorankommen, grelle Funken sprangen umher, Dutzende Feuer brannten.

Die Kinder sahen sich unsicher an. Das hier war nicht geplant. Hier lief etwas schief, gewaltig schief.

„Wir kommen nie heil an“, jammerte Mike, während er sich zwischen herunterhängenden Kabeln hindurchzwängte.

Doch Oxo verzog keine Miene. Stur spulte er sein Programm ab, trieb die Kinder voran, den Schlafkammern entgegen. Würden sie es überhaupt noch bis dorthin schaffen?

Ein kreischendes Knarren und Reißen lief durch den Rumpf des Schiffes. Sie mussten sich die Ohren zuhalten, so schmerzte es. Augenblicklich blieben die Kinder stehen; aus ihren Gesichtern sprang nackte Panik. Nur Oxo hielt sich nicht die Ohren zu. Er war auch nicht stehen geblieben. Er lief weiter, als hätte er nichts gehört.

„Verflucht, was ist das?“, fragte Mike. Seine Ohren dröhnten wie ein Glockenturm von dem Knarren und Klingeln.

Doch Oxo lief noch einige Schritte weiter, ehe er sich umdrehte. Er wirkte überrascht, als hätte er gar nicht gemerkt, dass die anderen stehen geblieben waren.

„Was ist denn?“, fragte er.

„Hörst du das nicht?“, wiederholte Mike. „Dieses Reißen und Knarren, als würde irgendwas im Schiff kaputtgehen!“

„Ach so, das. Ja, das höre ich.“

„Was ist das? Was sind das für Geräusche?“

Nachdenklich sah Oxo sich im Korridor um: Verkleidungen waren heruntergerissen, Kabel hingen lose herunter und Funken stoben.

„Das Schiff verformt sich“, antwortete er nüchtern, als wäre es das Normalste der Welt.

„Und das macht dir keine Angst?“

Er drehte sich zu ihnen um und begriff endlich, dass sie Angst hatten.

Oxo atmete langsam aus und ging ein paar Schritte zurück auf die Kinder zu.

„Nein, das macht mir keine Angst. Ich habe Vertrauen in Yxynon. Ich weiß, er schafft das. Er ist der beste Pilot des Sonnensystems.“ Oxo legte Jenni und Nicole eine Hand auf die Schulter und sah den Kindern fest in die Augen. „Macht euch keine Sorgen. Yxynon bringt uns sicher runter.“

„Und wenn wir es gar nicht so weit schaffen?“

Oxo starrte Marcel mit großen Augen an. Entweder hatte er die Frage nicht verstanden oder er hatte sie zu gut verstanden.

„Ich meine, was ist, wenn wir es nicht bis zur Oberfläche schaffen? Wenn das Schiff vorher auseinander fällt?“

„Das wird nicht geschehen.“ Oxos Stimme schwankte für eine Sekunde.

„Und doch kann es geschehen, oder etwa nicht?“

In Oxos Gesicht begann es zu arbeiten wie die Meeresoberfläche während eines heftigen Sturms. Langsam zog er die Hände von Jennis und Nicoles Schultern und ließ sie locker an sich herunterfallen. Dann strich er sich mit ihnen die Hosenbeine gerade. „Hört mir zu“, begann er, „ich gebe zu, wir sind in einer gefährlichen Situation. Wir müssen eine Notlandung versuchen. Unser Schiff trudelt, der Antrieb ist ausgefallen. Aber wir hatten Glück, denn die Bombe ist erst explodiert, als unsere Geschwindigkeit schon sehr gering war. Wir sind bereits in unserem System. Wir schaffen es aber nicht mehr bis Yxus. Ein Notruf wurde abgesetzt, die Rettungsmannschaft ist unterwegs, und wir steuern auf einen Mond am Rande unseres Sonnensystems zu. Er verfügt über Atmosphäre und normale Temperaturen. Allerdings wird die Landung hart. Umso wichtiger, dass ihr endlich in die Schlafkammern geht. Nur dort ist garantiert, dass ihr die Notlandung übersteht. Jetzt lasst uns endlich weitergehen. Ein ganzer Planet zählt auf euch.“

Eigentlich wollte Marcel noch etwas sagen, so etwas wie: „und was wird aus euch, wie werdet ihr die Notlandung überstehen?“, doch Oxos Augen blickten so flehend, dass er schwieg.

„Um die nächste Ecke und wir sind schon da. Da ist der Raum mit den Schlafkammern.“

Der Raum war hell erleuchtet und intakt. Hier drin sah es aus, als gäbe es die gefährliche Situation gar nicht, als wäre sie draußen vor der Tür geblieben, ausgesperrt. Das einzige, was noch an die Gefahr erinnerte, war ein rotes Warnlicht und der Alarm.

Die Schlafkammern standen auf einer Art Podest mitten im Raum. Marcel, der ja schon einmal hier gewesen war, lief schnurstracks auf eine zu. Die anderen blieben ungefähr einen Meter davor stehen und blickten sich ängstlich um. Sie wünschten wirklich, sie hätten nicht gesehen, was sie jetzt gerade sahen. Denn eigentlich waren die Schlafkammern nur Kästen, etwa so groß wie ein Bett, und fast glichen sie Särgen. Ein durchsichtiger Deckel verschloss sie, wenn man drin war. Und das war es, mehr nicht. Sie wussten wirklich nicht, wie diese Dinger sie schützen sollten. Sollten sie sich da etwa reinlegen? In diese Kisten?

„Es ist soweit“, sagte Oxo.

„Da sollen wir wirklich rein?“

„Ja“, antwortete Oxo, „natürlich.“

Plötzlich gab es einen Schlag. Sein Ursprung war nicht auszumachen; scheinbar kam er von überall. Er klang wie ein Peitschenschlag. Die Kinder und Oxo machten einen Ausweichschritt nach vorn.

„Was … was war das eben?“ Jennis Stimme zitterte.

„Die künstliche Schwerkraft ist einen Moment ausgefallen“, erklärte Oxo, auch er klang angespannt und unsicher. Seine Stirn war runzlig wie ein vertrockneter Apfel, und er sah sich hektisch um. „Ihr müsst euch beeilen!“

„Aber ich will da nicht rein!“, protestierte Nicole.

„Wir müssen aber“, sagte Marcel, ging einen Schritt auf sie zu und nahm behutsam ihre Hände. Ein Schauer erfasste ihn. Sie war eiskalt. „Es ist sicher …“

„Ja, wir müssen es tun!“ Robin war der erste, der sich anschickte, sich in eine Schlafkammer zu legen. Dabei sah er ein bisschen so aus, als ginge er zu Bett. „Uns bleibt keine andere Wahl!“

Hm, gar nicht unbequem. Die Liegefläche schmiegte sich regelrecht an seinen Körper; er lag weich und bequem, obwohl es eng war.

Endlich setzte sich auch Nicole in Bewegung, und die restlichen drei taten es ihr gleich.

Oxo entspannte sich erst, als sie alle in den Schlafkammern waren. Jetzt wirkte sein Gesicht so erleichtert, als hätten sie alle Gefahren schon gemeistert. Strahlend ging er auf die Wand zu, an der sich die Steuereinrichtung befand. Seine Schritte waren ausladend, denn obwohl er jetzt deutlich gelöster war, wusste er, dass die Kinder noch lange nicht in Sicherheit waren. Er kam an Marcel vorbei und sah ihn kurz an. Marcel lag flach auf dem Rücken und lächelte. Oxo lächelte zurück, nur kurz, es drängte ihn weiter.

Nach wenigen Schritten stand er vor der Steuereinrichtung und begann hastig Knöpfe zu drücken. Seine Finger rasten, bewegten sich immer schneller. Er prügelte die Befehlssequenzen regelrecht hinein. Sein Atem ging schnell.

„Ich schließe jetzt die Deckel. Legt euch bitte ganz flach!“

Eigentlich hätte er sich das sparen können, denn die Deckel schlossen sich so langsam, dass es nicht bedrohlich wirkte. Dennoch sagte er es laut und deutlich. Sie sollten sich nicht erschrecken.

Marcel hob den Kopf und blickte an sich hinunter, sah, wie der Deckel sich über den Fußteil nach unten schob. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er sich ganz gesenkt hatte. Es beruhigte ihn, dass er durchsichtig war. So konnte er nach draußen sehen, obwohl er in einer geschlossenen Kiste lag.

„Ihr werdet gleich schlafen“, hörte er Oxos Stimme neben seinen Ohren, so nah, als wäre er mit ihm hier drinnen. Er schaffte es nicht, seinen Kopf zu wenden.

Wie ein dunkler, schwarzer, alles verschlingender Schleier umgab ihn plötzlich eine Müdigkeit, die er nie zuvor gefühlt hatte. Sie war anders, ganz anders. Kurz glaubte er zu sterben, doch dann war sein Gehirn nicht mehr fähig, einen Gedanken zu Ende zu bringen. Sein Blick verschleierte sich, wurde schwarz, obwohl er die Augen immer noch geöffnet hielt.

Dann stürzte er in einen tiefen Schlaf.

Oxo ließ die Instrumente, die die Schlafphasen anzeigten, nicht aus den Augen. Danach hatten die Kinder eben die Einschlafphase abgeschlossen und befanden sich nun in der Tiefschlafphase. Die Einschlafphase hatte sich heikler gestaltet als erwartet. Die Schlafkammern waren auf die Anatomie seiner Gattung eingestellt, nicht auf die eines Menschen. Er hatte improvisieren müssen und sogar ein paar Grundeinstellungen verändert. Aber nun war die kritische Phase überstanden; die Kinder schliefen.

Wobei der Begriff Schlaf nur im weitesten Sinne zutraf, aber davon hatte er ihnen nichts erzählen wollen. Für einen einfachen Schlaf war er zu tief. Sämtliche Vitalfunktionen waren auf ein Minimum reduziert: Blutdruck, Herzfrequenz, Atmung, alles war heruntergefahren. In gewisser Weise war dieser Schlaf wie eine Art Tod– wie ein Tod aber, aus dem die Kinder wieder erwachen würden. Oxo atmete erleichtert aus. Ihm fiel eine schwere Last von den Schultern. Dennoch gönnte er sich nur zwei Sekunde Ruhe, dann ging es schon weiter. Er drückte einen Knopf an der Steuereinheit und Yxynons Kopf erschien an der Wand. Er saß im Pilotensessel und wirkte konzentriert, gleichzeitig auch ruhig. „Schlafen sie jetzt?“

„Ja“, kam es von Oxo, ebenso kurz angebunden.

Jetzt musste alles sehr schnell gehen. Das Raumschiff war soweit abgebremst, dass sie es wagen konnten, durch die Barriere zu fliegen. Ein Vorgang, der schon mit einem tadellos funktionieren Schiff riskant war, mit einem beschädigten aber war es ungleich schwieriger: Yxynon würde es kaum noch steuern können. Wie ein Papierschiffchen in einem reißenden Fluss würde es dahin treiben. Doch sie mussten durch die Barriere durch. Yxynon konnte keinen Planeten außerhalb mehr ansteuern. Er konnte ja nicht einmal mehr das Schiff steuern. Er konnte es nur noch trudeln lassen. Durch die Barriere hindurch und dann auf den Mond zu. Dort konnten die Kinder überleben, bis der Rettungstrupp kam.

„Bereite dich vor, Oxo! Wir erreichen jetzt die Barriere!“

Damit endete die Verbindung. Die Wand war jetzt wieder nur eine Wand.

Ein weiteres Reißen lief durch den Rumpf. Mit jedem Mal wurde es lauter, länger. Irgendwo in der Außenhaut musste ein Riss entstanden sein, und er schien ständig größer zu werden. Würde er irgendwann so groß sein, dass das Schiff auseinanderbrach?

Doch Oxo stand vor der Steuereinheit und reagierte nicht auf die Geräusche. Seine Augen waren auf die Instrumente gerichtet, fixierten sie. Er wandte seinen Blick nicht für die Dauer eines Wimpernschlages ab.

Kapitel 6

Kapitel 6

Alles in allem war dieses Raumschiff eine robuste Konstruktion. Seine Erbauer waren weit über ihr Sonnensystem hinaus bekannt für ihre Schiffsbaukunst. In Friedenszeiten hatten sie mit diesem Raumschifftyp Galaxien erkundet, regen Handel mit anderen Planeten getrieben und ihre Wissenschaft und Technik ständig weiterentwickelt. Über Generationen hinweg war es ihnen gelungen, immer schnellere, bessere und sicherere Raumschiffe zu bauen. So war es ihnen auch gelungen, die Schiffe immer zuverlässiger zu machen und gegen die Gefahren des Alls zu schützen. Strahlung konnte ihre Außenhaut ebenso wenig durchdringen wie durch den Raum fliegende Splitter oder Kometenschwärme. Sie prallten einfach ab wie Bälle. Selbst Waffenbeschuss konnte bis zu einem bestimmten Maße abgewehrt werden.

Wogegen es jedoch noch keiner Schutz gab, war eine Bombe, die im Inneren des Schiffes detonierte. Was nützte der beste Panzer außen, wenn die Gefahr aus dem Inneren kam? Niemand wusste, an welcher Stelle die Detonation stattgefunden hatte und weder Oxo, noch Ixin und schon gar nicht Yxynon hatten die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Da Yxynon inzwischen über keine Kontrolle über das Schiff mehr verfügte, war es wahrscheinlich, dass die Bombe in der Nähe der Antriebseinheiten platziert gewesen war.

In zweierlei Hinsicht war das gravierend: Zum einen konnte das Schiff ohne die Antriebseinheiten nicht gesteuert werden, und zum anderen befanden sich diese Einheiten im Heck. Es konnte also sein, dass sie nicht nur ein riesiges Leck im Rumpf hatten, sondern dass ihnen das ganze Heck fehlte. Aber auch damit setzte sich niemand auseinander, nur Yxynon ging es kurz durch den Kopf, als er vergeblich versuchte, das Schiff zu steuern, irgendwie noch den Kurs zu beeinflussen. Doch nur einen Wimpernschlag später dachte er nicht mehr daran. Seine volle Aufmerksamkeit war auf etwas anderes gerichtet: darauf, den Mond anzusteuern und sicher zu landen.

Yxynon gab sich keinen Illusionen hin. Wahrscheinlich lief es auf eine Bruchlandung hinaus. Und damit hätten sie noch Glück. Es war keineswegs unwahrscheinlich, dass das Schiff schon vorher zerbrach und sie es gar nicht bis zur Oberfläche schafften. Aber auch damit befasste er sich nicht. Für ihn war nur wichtig, dass die Kinder in ihren Schlafkammern waren, dass Marcel dort war. In den letzten Tagen war er ihm sehr ans Herz gewachsen. Seine Neugier, seine Schüchternheit, vor allem aber seine Begeisterung für den Raumflug hatten ihm gefallen. Wenn er ihn ansah, sah er sich selbst, wie er als junger Mann gewesen war. Er hätte ihn gern noch besser kennen gelernt. Aber leider würden sich ihre Wege schon bald trennen …

Yxynons Stirn lag in tiefen Falten, Schweiß stand ihm im Gesicht. Dennoch wirkte er hochkonzentriert, er zeigte auch nicht die Spur von Angst. Im Gegenteil, er lächelte sogar, zuerst nur verhalten, aber dann immer deutlicher. Oh nein, er hatte keine Angst vor dem, was jetzt kommen würde. Er war vorbereitet und wusste, wofür er es tat.

Der Sichtschutz war jetzt ganz heruntergefahren. Allein nach den Instrumenten konnte er nicht fliegen, aber auch die waren seit der Explosion ohnehin unbrauchbar. Er steuerte das Schiff gar nicht mehr; es gehorchte jetzt den Gesetzen der Natur, schlingerte hierhin und trudelte dorthin. Zusätzlich schienen sie auch noch Frachtgut durch das Loch im Heck zu verlieren, was sich jede Sekunde anders auf das Gleichgewicht auswirkte.

Jetzt spürte er, wie sie ins Anziehungsfeld des Mondes gerieten. Ein kurzer Ruck lief durch das Schiff, gefolgt sogleich von einem weiteren Reißen und Quietschen des Rumpfs.

Auch Oxo hatte alle Hände voll zu tun. Seine wichtigste Aufgabe war es jetzt, den Schlaf der Kinder zu überwachen. Vor allem musste er sicherstellen, dass der Energiefluss zu den Kammern nicht abriss. Elektrizität war unabdingbar; nur mit ausreichend Energie erhielten die Systeme diesen tiefen Schlaf aufrecht. Wenn der Energiezustrom abriss, gelangten die Kinder nach wenigen Sekunden in die Aufwachphase. Aufwachen durften sie aber erst, wenn das Raumschiff gelandet war – auf die eine oder andere Weise.

Bis jetzt verlief es noch nach seiner Zufriedenheit. Er wusste aber, dass es jede Sekunde anders werden konnte. Schon der nächste Riss in der Außenhaut konnte eine Energieleitung beschädigen. Dann musste er schnell reagieren und die Energie aus einem anderen Teil des Schiffes abziehen. Das Dumme daran war nur: Er wusste nicht, ob es diesen Teil des Schiffes überhaupt noch gab.

Oxo kauerte vor der Steuereinheit und fixierte krampfhaft die Instrumente. Er ließ sich nicht ablenken– weder von den immer öfter auftretenden Geräuschen noch von den Stößen und Schwankungen, die durch den Rumpf liefen.

Auch Yxynon saß angespannt im Pilotensessel und starrte aus dem Fenster. Es war ihm mittlerweile gelungen, das Raumschiff einigermaßen in eine stabile Lage zu bringen. Es schlingerte nicht mehr so. Hin und wieder gab es zwar noch Ausreißer nach links oder rechts, aber im Großen und Ganzen war er zufrieden.

Der Mond war mittlerweile größer geworden; er nahm jetzt schon fast das gesamte Blickfeld des Sichtschirms ein, und Yxynon konnte nun auf seiner Oberfläche nach einer geeigneten Stelle zur Landung suchen. Sie musste möglichst eben sein, ohne Berge oder Täler. Bäume machten nichts, die würden sie einfach niedermähen wie eine Mähmaschine den Rasen, aber Flüsse, hohe Berge oder breite Täler waren Gift für das geplante Manöver.

So saß er also da, stocksteif, mit durchgedrückten Rücken, als hätte er einen Besenstiel im Kreuz, das Gesicht nah an das Fenster gerückt und mit weit geöffneten, suchenden Augen, die ihm fast aus den Höhlen quollen.

Yxynon konnte allerdings keineswegs alle Plätze ansteuern, die viel versprechend aussahen, denn dazu hätte er den Flug des Schiffes steuern können, was aber nach wie vor unmöglich war. Zwar war es ihm durch das Zünden der seitlichen Hilfstriebwerke gelungen, einigermaßen stabil zu bleiben, aber von einer echten Steuerung konnte keine Rede sein.

Sie fielen allerdings nicht wie ein Stein vom Himmel. Die Atmosphäre des Mondes bremste ihren Sturz. Vielmehr rutschten sie mit immer noch enormer Geschwindigkeit durch die Schichten der Atmosphäre, wurden gebremst und sanken immer tiefer. Ihre Hoffnung ruhte in den Atmosphärentriebwerken. Wenn die noch intakt waren, konnte Yxynon das Raumschiff in der tieferen Atmosphäre des Mondes vielleicht noch lenken; dann würde die Notlandung nicht ganz so heikel werden. Sollten sie aber auch defekt sein, dann fielen sie wie ein Stein vom Himmel …

Ein kurzer Schub mit den seitlichen Hilfstriebwerken, um den Abstiegswinkel etwas anzupassen. Sie waren immer noch viel zu schnell. Zum einen war das natürlich gut, denn ihnen lief die Zeit weg; das Raumschiff zerbrach ihnen förmlich unter dem Arsch. Zum anderen war es möglich, dass auch die Atmosphärentriebwerke den Flug nicht mehr korrigieren konnten, wenn sie so schnell in die Atmosphäre eintauchten.

Oxos Finger jagten über die Steuereinheit. Er konnte nicht nur schnell komplexe Zusammenhänge begreifen, sondern verfügte auch über ein weitreichendes Fachwissen auf nahezu jedem Gebiet, sei es nun Weltraumforschung, Geschichte, Medizin oder Technik. Schon ein paar Mal hatte er eine Energieumleitung vornehmen müssen. Bis eben ging das noch: Ein paar Befehlssequenzen hier, ein paar Tastenanschläge da, und ein neuer Energiezufluss war aufgebaut.

Aber jetzt war der Energielevel in allen Kammern abgestürzt, von einem Augenblick auf den anderen. Ein sehr großes Teil des Schiffs musste zerstört worden sein oder herausgerissen. Oxo glaubte zu wissen, welches Teil sie eben verloren hatten: das Heck. Denn dort lag nicht nur der Antrieb, sondern auch eine ganze Reihe an Energiespeichern. Die Heftigkeit, mit der die Energie nachgelassen hatte, sprach für diese beunruhigende Annahme.

Oxo hatte rasend schnell reagieren müssen. Mit einem Energieabsturz in allen Schlafkammern zugleich hatte selbst er nicht gerechnet. Es hatte einige Zeit gedauert, ehe der Energiefluss wieder aufgebaut war; fast wäre es zu spät gewesen. Er wusste, dass das Raumschiff nicht nur im Heck über Energiespeicher verfügte, noch an sechs weiteren Stellen gab es sie. Auf einen davon griff er zu. Aber zunächst funktionierte es nicht. Oxo checkte noch einmal alle Verbindungen– tadellos. Eigentlich müsste er Energie beziehen. Doch es kam nichts an. Er checkte es noch einmal– gleiches Ergebnis. Entweder war der Speicher leer (was er sich nicht vorstellen konnte) oder er war schlicht nicht mehr vorhanden. Aber das wollte er sich lieber nicht vorstellen, denn das bedeutete, dass das Loch im Rumpf weitaus größer war als vermutet. Der Speicher lag mittschiffs auf der linken Seite. Wenn er tatsächlich verschwunden war, dann … Doch diesen Gedanken wollte er nicht zu Ende denken. Mit hastigen Befehlssequenzen in die Tastatur versuchte er, eine neue Verbindung aufzubauen. Diesmal griff er auf einen Speicher im vorderen Teil des Schiffs zu. Hoffentlich bekam er diesmal Energie!

Der Sinkflug wurde langsamer. Die dichter werdende Atmosphäre bremste das Schiff. Dennoch waren sie immer noch viel zu schnell. Bei dieser Geschwindigkeit würden sie auf dem Boden zerschellen wie eine Kaffeetasse, die vom Tisch fällt. Hoffentlich funktionieren die Atmosphärentriebwerke, dachte Yxynon und blickte auf die wenigen Instrumente, die ihren Dienst noch nicht eingestellt hatten. Eins davon zeigte die Außentemperatur der Hülle an: Zweitausend Grad bereits, und sie nahm noch zu. Normalerweise machten hohe Temperaturen beim Eintritt in die Atmosphäre den Raumschiffen keine Probleme, denn sie verfügten über leistungsstarke Schutzschilder. Doch er wusste nicht, ob der Schild überhaupt noch aktiv war. Auch nicht, wie sehr das Schiff beschädigt war. Die riesige Hitze konnte durch das Loch im Rumpf eindringen und das Schiff von innen heraus verbrennen …

Die Temperatur auf der Außenhaut nahm fast sekündlich zu. Jetzt war sie schon bei zweitausendeinhundert Grad.

Yxynon registrierte das Problem, dennoch drehte er sich von dem Instrument weg und blickte in Richtung Höhenmesser: noch achtunddreißig Kilometer.

Sein Blick wanderte über Instrumente, die sich etwas abseits seines Gesichtsfeldes befanden, Anzeigen über die Beschaffenheit der Atmosphäre. Normalerweise erhielt er sie vom Computer, aber der war ja seit der Explosion defekt. Glücklicherweise gab es für alle flugsicherheitskritischen Systeme zwei oder mehr Ausführungen, also mindestens ein System in Reserve. Im Falle eines Systemausfalles konnte auf das zweite oder sogar das dritte zugegriffen werden. Sie funktionierten mit einem unabhängigen Energiesystem.

Yxynon dankte in Gedanken denen, die sich dieses System ausgedacht hatten – und verfluchte sie gleichzeitig, weil sie dennoch nur einen Computer installiert hatten. Aber im selben Moment begriff er, wie unsinnig dieser Einwand war: Das ganze Schiff war im Grunde nichts als ein riesiger Computer. Und diesen Computer abzuschalten war eigentlich nicht möglich …

Er starrte auf die Instrumente und überschlug es im Kopf: Vierunddreißig Kilometer noch, eine verflucht weite Strecke bis zum Boden. Für den Einsatz der Atmosphärentriebwerke war es immer noch zu früh. Die Luft war noch nicht dicht genug; wenn er sie jetzt schon einsetzte, verfeuerte er ihre Energie sinnlos. Sie würden dennoch tiefer stürzen.

So sehr er es auch drehte und wendete: Die Anzeigen waren deutlich. Es war noch zu früh. Er musste warten.

Auch Oxo musste warten. Allerdings war sein Warten wesentlich entspannter. Der Stromfluss war stabil. Sein Ausweichplan hatte funktioniert: Die Speichereinheit im vorderen Teil des Schiffes war noch vorhanden und intakt gewesen. Dennoch starrte er auf die Instrumente und wertete blitzschnell ihre Anzeigen aus. Er wollte bereit sein, falls er wieder einschreiten musste. Der Schweiß auf seiner Haut war mittlerweile verdunstet. Auch sein Atem ging wieder normal. Er wirkte erstaunlich ruhig; selbst als es ein-, zweimal kritisch wurde und er einschreiten musste, blieb er gefasst. Er zeigte keine Anzeichen von Stress. Wäre eines der Kinder bei ihm gewesen, hätte es sich gewiss gewundert. Selbst einem abgebrühten, Todesverachtenden Draufgänger mussten in dieser Situation die Nerven blank liegen. Aber nicht Oxo. Ihm schien das alles nichts auszumachen. Ihm zitterten noch nicht einmal die Finger. Diese Rasse schien wirklich ganz anders mit Angst und Stress umzugehen als Menschen es taten …

… Doch es lag nicht an der Rasse. Nur Oxo allein hatte diese Fähigkeit.

Yxynon dagegen schwitzte ganze Sturzbäche. Insgeheim beneidete er Oxo um seine Gelassenheit – natürlich wusste er davon und auch, warum es so war. Allerdings hätte er nicht mit ihm tauschen wollen. Was war denn das für ein Leben? So frei von allen Regungen? Nein, das wollte er nicht. Auch wenn er ihn jetzt, in diesem Moment, darum beneidete. Denn ein weiterer Blick auf den Höhenmesser ließ seine Angst panikartig ansteigen: nur noch achtundzwanzig Kilometer bis zum Boden. Aber immer noch zu hoch für die Atmosphärentriebwerke.

Etwas anderes bereitete ihm fast noch mehr Sorgen als die Höhe: Immer mehr Feuer brachen aus, teils durch die freiliegenden elektrischen Leitungen, teils als direkte Folge der Explosion. Mehrere kleine Feuer schlossen sich zu größeren zusammen und fraßen gierig um sich. Die Feuer selbst wären nicht das Problem gewesen, das hätte er durch Absaugen des Sauerstoffes beheben können; in wenigen Sekunden wären sie erstickt. Aber das konnte er nicht, denn die entsprechende Steuerung war ausgefallen – vermutlich eine Folge der verdammten Explosion. Wütend schlug er auf die Steuereinheit. Was nützte sie ihm, wenn mehr als die Hälfte des Schiffes tot war?

Er versuchte Oxo zu kontaktieren. Er wusste nicht, ob dieser von den Bränden wusste und wollte ihn davon unterrichten; auch erhoffte er sich, von dessen Steuereinheit aus auf die Sauerstoffversorgung zugreifen zu können. Vielleicht hatten sie ja Glück? Yxynon drückte einige Schalter und schaute erwartungsvoll auf den Bildschirm. Doch es geschah nichts. Er blieb durchsichtig und stumm. Er versuchte es ein weiteres Mal, hämmerte erneut auf die Schalter ein. Doch es änderte sich nichts.

Verdammt! Wenn er keinen Kontakt zu Oxo aufbauen konnte, erschwerte das die Situation noch mehr! Er wusste ja nicht, wie der Status bei ihm war. War das Feuer vielleicht schon bei ihm eingedrungen? Brannte der Raum mit den Schlafkammern längst lichterloh? Waren die Kinder etwa bereits gefangen? Verbrannten sie gar bei lebendigem Leib, während Oxo längst nichts mehr dagegen unternehmen konnte?

Yxynon hämmerte noch einmal auf die Schalter ein, fing sich dann aber wieder. Dass er nicht wusste, wie der aktuelle Status war, änderte nichts an seiner Aufgabe. Er musste immer noch das Raumschiff auf die Notlandung vorbereiten.

Noch fünfundzwanzig Kilometer.

Oxo war ruhig, obwohl um ihn herum das Chaos tobte. Das Schiff drohte auseinander zu brechen; das Reißen und Quietschen von berstendem Metall, das sich in seine Ohren fräste, das Arbeiten und Keuchen der Stützen und Streben, die sich unter den ständigen Bewegungen des Schiffes verwarfen, dies alles verhieß nichts Gutes. An seinem Steuerpult waren neben den Instrumenten zur Schlafphasenüberwachung auch solche, die ihm die Situation im Schiff anzeigten. Und die war alles andere als rosig: Direkt vor der Tür tobte ein Feuer. Schon als sie in den Raum gegangen waren, hatten kleinere Feuer auf dem Gang gelodert, aber daraus war inzwischen ein einziges, großes geworden. Den immer höher kletternden Temperaturanzeigen zufolge schien es seinen Hunger noch lange nicht gestillt zu haben. Sollten sie die Notlandung überleben, würde er sich ernsthaft damit befassen müssen. Aber noch nicht jetzt. Jetzt forderte etwas anderes seine gesamte Aufmerksamkeit: die konstante Energieversorgung der Schlafkammern, in denen die Kinder lagen.

Als der Höhenmesser zwanzig Kilometer anzeigte, war endlich eine ausreichende Dichte in der Atmosphäre erreicht. Er konzentrierte sich auf die Triebwerke, streckte sich auf seinem Sessel, dachte ein letztes Mal an Marcel, hoffte, dass es ihm gut ging – mehr als hoffen konnte er ja nicht, und dann war er wieder bei seiner Aufgabe. Es lag an ihm, das Schiff sicher zu landen. Nur er konnte das. Es war seine Aufgabe, seine Bestimmung.

Yxynons Brustkorb hob und senkte sich langsam. Er hatte Angst vor dem, was ihm bevorstand. Ein tadellos funktionierendes Raumschiff zu landen, war einfach, aber ein navigationsunfähiges, eins, in dem noch ein riesiges Loch klaffte – das war etwas völlig anderes. Als würde er versuchen, eine Holzkiste nur mit dem Flattern seiner Arme und mit verbundenen Augen zu landen. Er würde sein gesamtes Wissen und Können aufbieten müssen. Er war der beste Pilot, er verfügte über die größte Erfahrung. Wenn einer es schaffen konnte, diese Kiste so zu landen, dass die Kinder überlebten, dann war er es.

Hatte ihn das Orakel deshalb ausgesucht? Weil er der beste war?

Aber diese Gedanken verdrängte er schnell wieder aus seinem Kopf. Sein Blick konzentrierte sich vielmehr auf die Mondoberfläche. Jetzt, bei nunmehr nur noch achtzehn Kilometern Höhe, konnte er schon erkennen, in welchen Gegenden eine Landung unmöglich war und wo es vielleicht gehen würde. Für etwas Definitives war es jedoch noch zu hoch.

Auf dem Steuerpult erschienen die Instrumente und Anzeigen für die Atmosphärentriebwerke. Alles schien einsatzbereit zu sein, zumindest keine Störmeldung. Doch er mochte sich auf die Anzeigen nicht verlassen, denn die Schäden am Schiff waren mittlerweile so gravierend, dass auch diese gewiss nicht mehr zuverlässig arbeiteten.

Die Raumflugsicherheitsprotokolle empfahlen, wie er wusste, bei Unsicherheiten oder unbekannten Risiken einen kompletten Check aller Systeme. Doch dafür fehlte ihm die Zeit. Wenn die Systeme einsatzbereit waren, würden sie sich einschalten lassen … und wenn nicht, wenn sie so tot blieben wie ein Stein … tja, dann würde eine ohnehin schon harte Landung wohl noch um einiges härter.

Gut, dachte Yxynon. Mit einem letzten Gebet an das Orakel machte er sich daran, die Triebwerke einzuschalten.

Sechzehn Kilometer trennten sie jetzt noch von der Oberfläche. Die mittlerweile dichte Atmosphäre bremste ihren Sturzflug rapide. Die Temperatur der Hülle des Raumschiffs erreichte Bereiche, bei denen es ihm heiß und kalt wurde: mehr als dreitausend Grad. Er sah immer öfter auf die Anzeigen, und mit jedem Mal wurde seine Miene sorgenvoller: Fünftausend Grad, sechstausend Grad, siebentausend … Achttausend. Das waren schon jetzt fünfhundert Grad mehr, als die Hülle standhielt. Und die Temperatur stieg weiter an. Der Schutzschild schien also wirklich etwas abbekommen zu haben. Aber vielleicht würde er ja nicht mehr ganz so stark ansteigen, wenn die Atmosphärentriebwerke liefen? Yxynon blieb nichts anderes übrig, als das zu hoffen. Mit dieser Hoffnung im Hinterkopf begann er die Startprozedur.

Auch Oxo hatte alle Hände voll zu tun. Der Energiefluss zu den Kammern brach immer öfter ab. Bislang war es ihm immer wieder gelungen, eine neue Quelle aufzutun, aber lange würde das nicht mehr gut gehen. Die Energie war beschränkt und immer mehr Systeme an Bord stellten ihren Dienst ein.

Eben erst hatte er versucht, Yxynon zu erreichen. Erste Flammen züngelten durch die Tür und Wände hindurch. Zuerst hatte es an den Stellen ausgesehen, als schmölzen sie wie das Wachs einer Kerze, Blasen hatten sich gebildet, die schnell größer wurden, und dann wurde die Wand regelrecht flüssig, zuerst nur langsam und zäh, aber schließlich floss sie in immer größer werdenden Tropfen zu Boden. Dann brachen plötzlich die ersten Flammen hindurch.

Oxo hatte Yxynon darüber in Kenntnis setzen wollen, kam aber nicht zu ihm durch. Allerdings verschwendete er keinen Gedanken daran, warum das so war. Er widmete sich einfach wieder seinem Steuerpult und leitete weiter soviel Energie zu den Kammern, wie er finden konnte.

Sie sprangen nicht an. Die verdammten Atmosphärentriebwerke sprangen nicht an. Schon zum dritten Mal hämmert Yxynon jetzt die Befehlssequenzen für das Hochfahren der Triebwerke ein, doch sie reagierten einfach nicht. Er versuchte es noch ein viertes und sogar ein fünftes Mal – immer mit demselben Ergebnis.

Alle Instrumente zeigten Bereitschaft an, alles war okay, doch sie sprangen einfach nicht an. Seine schlimmsten Befürchtungen hatten sich bestätigt: Jetzt hatte er nicht nur ein manövrierunfähiges, halbzerstörtes Schiff, jetzt kam auch noch hinzu, dass sie unkontrolliert abstürzten. Yxynon hatte alle seine Hoffnungen in diese Triebwerke gesetzt.

Jetzt musste er umdenken, denn ohne die Triebwerke hatten sie keine Chance, den Absturz zu überleben. Sie flogen immer noch so schnell, dass das Schiff beim Aufprall zerrissen würde. Selbst die Kinder in den gepanzerten Schlafkammern waren dann nicht hundertprozentig geschützt …

Yxynon versuchte zu überschlagen, wie schnell sie noch sein würden, wenn sie aufschlugen. Das war nicht weiter schwer; er musste nur die Dichte der Atmosphäre nehmen und wie sie bis zum Boden hin zunahm. Das Ergebnis zerstörte sein letztes Fünkchen Hoffnung.

Sie waren zu schnell, viel zu schnell.

Wenn er die Triebwerke nicht zum Laufen bekam, würden sie beim Aufprall platzen wie die Früchte eines Zynomonbaumes. Alles war umsonst gewesen: die langwierige Reise zur Erde, das Aufspüren der Kinder und die gefährliche Rückreise. Am schlimmsten aber war, dass die Hoffnung seines Volkes, seines ganzen Planeten, sterben würde. Mit den Kindern würde alles enden …

Nein! Soweit durfte es nicht kommen! Irgendetwas muss ihm einfallen!

Nur was?

Immer mächtigere Flammen durchbrachen die Wände. Die Tür war schon fast geschmolzen, und auch die Wände wurden langsam zu einer blubbernden Masse. Es war jetzt so warm, dass selbst die Decke im Begriff war zu schmelzen.

Teile von ihr tropften bereits zu Boden. Doch Yxynon wich nicht von der Steuereinheit. Auch dann nicht, als die Flammen sich durch die Wand gefressen hatten und mit voller Wucht in den Raum tobten. Er wusste: Wenn ihn etwas retten konnte, dann die Steuereinheit.

Weniger als fünfzehn Kilometer Höhe jetzt. Die Anzeigen zeigten ihm aber auch, dass fast im gesamten Schiff Feuer tobten. Das bereitete ihm keine Sorgen, auch um die Kinder machte er sich keine Sorgen: Oxo war bei ihnen. Oxo würde eine Lösung finden. Er sorgte sich wegen der Landung. Wenn es ihm nicht gelang, ihren Sturz abzubremsen, würde auch Oxo sie nicht schützen können. Dann war allein er, Yxynon, für das Scheitern der Mission verantwortlich. Dafür, dass sein Volk weiter unter der Unterdrückung leben musste.

Noch zehn Kilometer Höhe, viel Zeit blieb ihm nicht.

Er spielte noch einmal alle Möglichkeiten durch: Das Schiff befand sich mehr oder weniger im freien Fall. Er konnte den Sinkflug nur wenig beeinflussen. In den Weltraum konnten sie nicht zurück, dazu bräuchten sie funktionstüchtige Triebwerke. Und mit dem Wegfall der Atmosphärentriebwerke war auch schon die letzte Möglichkeit ausgeschöpft. Wenn diese verdammte Bombe nur nicht das halbe Heck weggesprengt hätte …

Plötzlich schnellte er hoch und stand kerzengerade da. Wie ein Blitzschlag kam ihm die Erkenntnis. Sie jagte durch sein Hirn und setzte ihn buchstäblich unter Strom. „Aber ja, das könnte klappen!“ Dann begann er laut zu lachen.

Oxo war nicht zum Lachen zumute. Die Feuer wüteten mit immer größerer Wucht. Die Wände waren jetzt verschwunden; nicht einmal ein Gerüst war noch vorhanden. Von seiner Position aus konnte er nun fast das halbe Schiff überblicken, weil Decken, Wände, Korridore und Wohneinheiten einfach geschmolzen waren. Sie waren geschmolzen wie Kerzenwachs unter einer lodernden Flamme. Oxo stellte die Klimaanlage so ein, dass sie die ausgeblasene Luft gegen die Flammen drückte. So verschaffte er sich einige Augenblicke Zeit. Aber nur Augenblicke, schnell vergangene Momente, denn wenn sich die Flammen weiter so rasant ausbreiteten, würden sie auch die Reste der Klimaanlage zerstören. Und würden schließlich auf die Schlafkammern der Kinder übergreifen …

Yxynon lachte noch immer. Endlich hatte er auch wieder Grund dazu. Natürlich wusste er nicht, ob es klappen würde, aber es war allemal besser als untätig herumzusitzen und auf den Tod zu warten. Zum ersten Mal seit langem sah er nicht auf die Instrumente vor ihm. Er fürchtete, sie könnten ihn nervös machen. Wenn sie ihm anzeigten, dass er nur noch acht Kilometer hatte bis zur Oberfläche (wie sich plötzlich alles verändert hatte: Noch vor wenigen Sekunden war er froh gewesen, nicht mehr so hoch zu sein, und jetzt wünschte er sich tatsächlich wieder ein paar Kilometer höher!) wäre eine größere Höhe vorteilhaft. Ja, es war lächerlich einfach. Warum war er nicht schon viel früher darauf gekommen? „Ganz einfach“, sagte er sich selbst, „weil so was noch nie gemacht wurde. Du bist der erste. Du bist der erste, der verrückt und verzweifelt genug ist.“

Noch einmal besann er sich, dachte an das, was vor ihm lag (er zweifelte nicht daran, er glaubte tatsächlich, dass es funktionieren konnte, wenn das Schiff nicht vorher auseinander riss), dann machte er sich mit rasenden Fingern an die Arbeit. Normalerweise kannte er die Steuersysteme des Schiffes sehr genau. Er wusste im Schlaf, wo sich alles befand und wie er dorthin gelangte. Aber diesmal betrat er Neuland. Für das, was er vorhatte, gab es keine Befehlsfolge oder Tastenkombination. Improvisation war das Geheimnis. Dennoch waren seine Finger blitzschnell, als hätte er das schon tausende Male getan. Vor seinen Augen sprangen die Bilder der Systeme des Schiffs umher wie verrückt gewordene Karnickel. Aus jedem einzelnen holte er sich das heraus, was er brauchte, fügte es zusammen mit anderen Systemkomponenten und machte sich gleich wieder ans nächste. Hoffentlich blieb ihm noch genug Zeit!

Seine Idee war relativ simpel, zugleich aber genial. Ihm war folgender Gedanke gekommen; wenn er das Schiff wegen des riesigen Lochs im Heck nicht fliegen konnte, musste er es eben mit einplanen. Gelang es ihm, das Schiff so zu drehen, dass es mit dem Loch voran flog, würde die hereinströmende Luft es abbremsen wie bei einem Fallschirm. Die Luft würde sich im Inneren des Schiffs sammeln, stauen und den Sturz bremsen. Gleichzeitig würde sie die Feuer löschen.

So sah es in seiner Theorie aus – ob es aber auch in der Praxis funktionierte, blieb abzuwarten.

Noch immer war Yxynon mit den Sequenzen beschäftigt. Er wollte so viele Kommandoeinheiten wie möglich in einem Arbeitsschritt speichern und mit der Aktivierung dieses Schrittes das Raumschiff dann zum Drehen bewegen. Dafür musste er allerlei Sequenzen finden und aktivieren: Nicht nur die Steuerung der Atmosphärentriebwerke (obwohl sie nicht einmal funktionierten), auch die Inhalte sämtlicher Flüssigkeitstanks an Bord leitete er so um, dass es zu einer enormen Gewichtsverteilung kommen würde – und damit idealerweise zu einer Drehung des Schiffs. Das erforderte viel Kreativität; schließlich waren das alles Systeme, die für die Flugsicherheit nicht wirklich relevant waren. Er musste immer wieder von vorn anfangen, weil sie tief versteckt im Computersystem waren, der nur noch halb funktionierte.

Dann blickte er doch einmal auf den Höhenmesser. Sechs Kilometer. Verdammt, nur noch so wenig! Warum, in aller Welt, war ihm die Idee nicht schon früher gekommen? In zwanzig, fünfundzwanzig Kilometern Höhe?

Dann plötzlich ruhten seine Hände abrupt. Er hatte, was er brauchte.

Yxynon atmete noch einmal tief ein. Jetzt war es soweit. Jetzt gleich würde sich herausstellen, ob seine Idee funktionierte. Ob er dem Vertrauen, welches das Orakel in ihn gesetzt hatte, gerecht wurde.

Noch eine Sekunde verstrich, dann aktivierte er die mühevoll synthetisierte Sequenz.

Doch es geschah – nichts. Voller Wut schrie Yxynon das Steuerpult an.

Doch dann endlich tat sich etwas. Zuerst nur langsam, sodass es ihm fast entgangen wäre. Ja, das Schiff bewegte sich! Es veränderte seine Lage. Er konnte es deutlich erkennen, wenn er durch das Sichtfenster nach draußen blickte: Die Oberfläche des Mondes kippte nach links weg. Das Sichtfenster drehte sich allmählich dem Himmel zu. Und das konnte nur bedeuten, dass… dass sein Plan aufging. Diesmal war sein Schrei ein Schrei der Begeisterung und der Freude.

Ungeduldig sah Yxynon dem Mond zu, wie er mehr und mehr aus seinem Sichtfeld schwand. Schon sah er mehr Himmel als Boden, und jetzt schob das letzte Stück Mond sich aus seinem Blick. Der Himmel dahinter war strahlend blau, und die Sonne eine riesige grelle Kugel im Zenit. Yxynon lief eine Träne die Wange herunter. Er wusste: Die Chancen, dass er das hier überlebte, er noch einmal die Sonne sehen durfte, waren mehr als schlecht. Das hier war ein Abschied. Er blickte nicht mehr auf die Instrumente, sondern nur in die Sonne. Fast glaubte er, ihre warmen Strahlen noch einmal auf seiner Haut zu spüren.

Allmählich drehte sich das Raumschiff in die von Yxynon beabsichtigte Lage, und nach einigen Augenblicken flog es tatsächlich mit dem Heck voran. Das riesige Loch, wo einmal das Heck mit den Triebwerken gewesen war, füllte sich mit Luft und staute sich im Inneren. Durch die immer noch hohe Fallgeschwindigkeit wurde die einströmende Luft zu einem tosenden Orkan, der die Feuer sofort ausblies wie eine Kerzenflamme.

Yxynon konnte den Sturm hören. Die Luft brauste mit ohrenbetäubender Lautstärke durch das Schiff. Sie grollte und donnerte, dass es ihm in den Ohren schmerzte. Doch er begrüßte diesen Schmerz; zeigte er ihm doch, dass sein Plan funktionierte. Und dass er noch am Leben war.

Allmählich wurde der Fall langsamer. Um das zu wissen, brauchte er nicht auf die Instrumente zu sehen. Sie wurden langsamer, das spürte er deutlich.

Aber er spürte auch noch etwas anderes, und das beunruhigte ihn: Das Schiff begann zu schlingern. Es fing langsam an, zuerst nur mit einem leichten Zittern, mal in die eine, dann in die andere Richtung. Doch es wurde schnell offensichtlich: Das Schiff driftete.

Damit hatte er gerechnet. Schließlich war es nicht für derartige halsbrecherische Flugmanöver konstruiert worden.

Er öffnete eine Frachtluke im Bug, das jetzt freilich als Heck fungierte. So konnte ein Teil der Luft nach hinten entweichen. Vielleicht reichte das ja, dem schlingern entgegenzuwirken?

Mittlerweile wusste er nicht mehr, wie hoch sie noch waren. Dafür hätte er die Instrumente ansehen müssen, aber das wollte er nicht. Er ließ den Blick lieber auf die Sonne gerichtet. Sie strahlte so schön, als wäre alles in bester Ordnung.

Yxynon saß kerzengerade im Pilotensessel, und sein Blick ging nach draußen. Das Schiff schlingerte immer noch etwas, aber nicht mehr so sehr, als er plötzlich mit unglaublicher Kraft in den Sitz gedrückt wurde. Nur einen Augenblick spürte er es; dann begannen die Schmerzen in seinem Körper und er begrüßte die Ohnmacht, die sich über ihn legte.

Das Raumschiff bohrte sich in den Boden. Das Heck, das ja schon nach der Explosion nur noch ein Trümmerfeld gewesen war, löste sich vollends auf. Der Lärm des Aufpralls und seine Wucht wurden freilich von niemandem bemerkt, da alle inzwischen ohne Bewusstsein waren. Yxynon war es gelungen, das Schiff soweit abzubremsen, dass es nicht völlig pulverisiert wurde. Außerdem war es seinen fliegerischen Künsten zuzuschreiben, dass es trotz seiner Manövrierunfähigkeit in einem Gebiet niedergegangen war, das für eine Notlandung gut geeignet war: Sie waren in einer Wüste gelandet, und in dem weichen Untergrund hatten sich die Zerstörungen in Grenzen gehalten.

Wie ein langer, überdimensionaler Dorn ragte das Schiff jetzt aus dem Sand. Die Sonne spiegelte sich auf seiner glatten Oberfläche. Allerdings war sie jetzt bedeckt von tiefen Rissen und Kratzern, und teilweise klafften in ihr sogar tiefe, schwarze Löcher. Die Feuer, die durch den Sturm gelöscht worden waren, brachen wieder aus. Die Glut war noch immer glühend, und da der Wind jetzt nicht mehr tobte, hatten die Flammen leichtes Spiel. Überall aus dem Schiff stieg schwarzer, dichter Qualm.

Kapitel 7

Kapitel 7

Nur langsam verschwammen die Traumbilder; zäh wie Morgennebel lösten sie sich auf. An jedem noch so kleinen Vorsprung krallten sie sich fest, als wollten sie dem Tageslicht nicht weichen. Doch je stärker die Sonne wurde, umso schwächer wurde der Nebel. Die Bilder stürzten übereinander, ergaben schon lange keinen Sinn mehr und lösten sich immer mehr auf …

Nicole wollte ihren Traum nicht aufgeben. Sie wusste, sie schlief, und alles, was sie sah, war nur ein Traum. Dennoch mochte sie ihn nicht enden lassen. Doch er stürzte immer schneller in sich zusammen. Die Farbe wich aus ihm, und seine Konturen verschwammen. Schon jetzt war es nur noch ein schwarzweißer Fleck, sich immer weiter auflösend.

„Nein“, sagte sie, ohne zu wissen, ob sie das tatsächlich gesagt oder nur geträumt hatte. Ihre eigene Stimme kam ihr merkwürdig vor, dumpf und schwach, gar nicht so wie sie es in Erinnerung hatte.

„Nein“, kam es noch einmal von ihr. Diesmal war sie davon überzeugt, es gesagt zu haben.

Sie begann zu frieren. Ihr Körper wurde kalt, als wäre sie in einen zugefrorenen Teich gebrochen und kämpfte gegen eisiges Wasser. Ihr war kalt bis auf die Knochen, als bestünde sie nur aus Eis. Ihre Muskeln zitterten; sie wusste nicht, ob es eine Reaktion auf die Kälte war oder etwas anderes. Vielleicht wollten ihre Muskeln durch das Zittern nur Wärme produzieren, vielleicht geschah es aber auch aus einem anderen Grund.

Langsam wurde ihr Schlaf flacher. Sie spürte ihren Körper. Das Zittern ihrer Muskeln hatte offenbar dazu beigetragen, dass das Leben in sie zurückkehrte, ihre Augen juckten und zwickten. Wenn sie blinzelte, glaubte sie in einen Tunnel zu blicken, an dessen Ende ein helles Licht glomm. Sie blinzelte immer schneller. Das Jucken und Zwicken nahm zu, als würde durch das Licht noch das letzte bisschen Feuchtigkeit aus ihren Augäpfeln gezogen. Mit jedem Blinzeln schien das Licht näher zukommen.

Dann plötzlich war es direkt vor ihr. Und es war tausendmal heller als am Tunnelende.

Was sie sah, verwirrte sie. Es war, als blickte sie durch eine transparente Fläche, wie eine Glasscheibe, allerdings war die Fläche kaum zu ahnen. Sie sah sie nur, weil sie wusste, dass sie da war. Kurz fragte sie sich, woher sie das wusste, als sie merkte, dass die Fläche direkt über ihr war.

Sie blinzelte erneut, doch das Bild änderte sich nicht: Sie schaute von unten her durch die transparente Fläche. Inzwischen war sie wacher geworden, sodass sie sich zu fragen begann, warum sie so etwas sah. Sie ahnte längst, dass sich dieses Erwachen anderes gestaltete, als sie es gewohnt war. Aber warum? Und da begriff sie es endlich. Es hatte eine Weile gedauert, jetzt war alles wieder da: Die Außerirdischen. Ihr Anliegen. Das Raumschiff. Aber auch die Gefahr, in der sie gewesen waren. Die Schlafkammern. Und dass sie sich in eine davon gelegt hatte, um ihr zu entrinnen. Das alles stürzte auf sein ein wie eine Lawine über eine unvorsichtige Skifahrerin, die trotz aller Warnhinweise die sichere Loipe verlassen hat.

Als sich die transparente Fläche über sie zu bewegen begann, war sie hellwach. Sie sah nicht, dass sie sich bewegte. Sie spürte nur, wie ein Schwall Luft sie umwehte. Die Luft war keineswegs frisch, im Gegenteil, sie roch nach Rauch und verbraucht. Endlich war die Glasfläche soweit verschwunden, dass sie sich aufrichten konnte. Ihre Muskeln wollten ihr den Dienst verweigern, doch sie biss die Zähne zusammen und zwang sich, den Oberkörper aufzurichten. Nur langsam gelang es ihr, aber als sie endlich aufrecht saß, wünschte sie sich, sie hätte nicht so verbissen gekämpft.

Zuerst konnte sie nicht begreifen, was sie sah. Vielleicht hätte sie einfach liegen bleiben sollen? Was sie sah, kam einer Katastrophe gleich. Jetzt wusste sie, warum es hier so verbrannt roch. Es sah aus, als hätte bis eben noch ein infernalisches Feuer getobt. Sämtliche Decken, Wände und Türen waren geschmolzen. Auf dem Boden hatten sich kürbisgroße Blasen gebildet. Die Wände waren verschwunden, sodass es keine Abgrenzungen zu den anderen Räumen mehr gab. Sie konnte über mehrere Ebenen sehen. Und sie konnte auch sehen, wie Robin, Mike, Jenni und Marcel auf sie zukamen. Die vier waren also schon auf. Sie wichen den Blasen auf dem Boden aus und kamen zielstrebig näher. Auch Oxo war bei ihnen. Wie hatte er dieses Inferno überleben können?

„Endlich bist du wach“, sagte Jenni, gleich darauf waren auch die anderen bei ihr. Ihre Gesichter waren sorgenvoll.

„Was ist los?“, wollte sie wissen.

„Wir sind abgestürzt.“

„Was?“, spie Nicole aus, als hätte sie etwas Schlechtes gegessen.

„Wir sind abgestürzt.“

In ihrem Gesicht wechselten Entsetzen, Fassungslosigkeit, Schock, Panik und Begreifen einander ab, und ihre Augen weiteten sich.

„Wie …?“, weiter kam sie nicht. Die Sprache kam ihr abhanden, als hätte sie sie plötzlich verlernt. Langsam wanderte ihr Blick in die Augen der anderen. Sie erhoffte sich, aus ihnen etwas zu erfahren. Vielleicht entpuppte sich alles ja als ein großer Witz? Vielleicht wollten sie sie nur verschaukeln? Aber ihre Augen sagten ihr, dass es sich nicht um einen schlechten Scherz handelte.

Wie zur Bestätigung trat Oxo an sie heran, blickte ihr in die Augen und sagte, „wir müssen hier raus!“

„Was ist mit Yxynon?“, wollte Marcel wissen. Erst jetzt dachte er an den Piloten. Doch Oxo schüttelte nur langsam den Kopf.

„Was … was soll das heißen“, spie er Oxo ins Gesicht.

„Er hat es nicht geschafft.“

Marcels Augen weiteten sich, sodass selbst Nicoles Augen dagegen klein wirkten. Was sollte das heißen? Was sollte das Gerede? Er war sein Freund! Er musste es geschafft haben!

Jenni ging einen Schritt auf Marcel zu und legte ihm einen Arm um die Schultern. Doch Marcel machte einen Satz nach vorn und stieß sie weg.

„Nein!“, spuckte er aus.

„Wir müssen hier raus“, gab Robin zu bedenken.

„Ich will zu ihm! Ich will ins Cockpit! Vielleicht lebt er ja noch!“

„Vergiss es!“, entgegnete Robin im Befehlston. „Wir machen jetzt, dass wir hier rauskommen! Du hast doch gehört, was Oxo gesagt hat!“ Seine Stimme überraschte alle. Sie klang ungewöhnlich hart und dominant, wie die Stimme eines Generals, der vor seiner Truppe spricht und von allen blinden Gehorsam verlangt.

„Ich … wir können doch nicht … wir müssen doch wenigstens nach ihm sehen!“ Marcels Blick wanderte zu Nicole, die sich eben anschickte, aus ihrer Schlafkammer zu klettern. „Vielleicht lebt er ja noch … vielleicht ist er nur verletzt und braucht unsere Hilfe!“ Jetzt trat Nicole auf ihn zu und legte ihm ihrerseits den Arm auf die Schulter. Diesmal sprang er nicht beiseite, sondern ließ es geschehen.

„Robin hat recht. Wir müssen hier raus“, flüsterte sie leise.

Da brach es schließlich aus Marcel heraus. Er weinte bitterlich um seinen neuen Freund, mit dem er viel zu wenig Zeit hatte verbringen können und von dem er sich noch nicht einmal verabschiedet hatte.

Doch für seine Trauer war jetzt keine Zeit. Sie mussten aus dem verdammten Wrack raus, das einmal ein Raumschiff gewesen war. Seit einiger Zeit schon loderten wieder die Flammen. Doch diesmal würden sie nicht mehr gelöscht werden. Sie würden brennen, bis ihre Nahrung aufgebraucht war. Bis alles Brennbare innerhalb des Schiffs von ihrem Hunger aufgezehrt war …

Robin ängstigte sich vor diesen Gedanken. Er wusste gar nicht, warum er sie dachte. Und schon gar nicht, warum er wusste, dass noch vor wenigen Minuten hier schon einmal Flammen getobt hatten, die aber durch ein brillantes Flugmanöver gelöscht worden waren. Wieso wusste er davon? Schließlich hatten er und die anderen Kinder in den Schlafkammern gelegen. Unwillkürlich erinnerte er sich an all die nächtlichen Gewitter, die er verschlafen hatte. Er hatte sie nie bemerkt und sich morgens auf dem Weg zu Schule dann immer über die nassen Straßen gewundert, über umgestürzte Bäume, Strommasten und abgedeckte Dächer. Also … warum wusste er so genau Bescheid?

Auch die anderen Kinder dachten darüber nach. Auch sie hatten das Gefühl, dass der Absturz nicht unbemerkt an ihnen vorbeigegangen war. Diese Gedanken fesselten sie so sehr, dass sie einen Augenblick lang sogar vergaßen, dass sie immer dieses gefährliche Schiff verlassen mussten …

Ausgerechnet Oxo brachte sie darauf zurück.

„Wir müssen hier raus! So schnell wie möglich! Es gibt noch so viele Energiezellen in dem Schiff, dass wir soweit wie möglich von ihnen entfernt sein sollten, wenn sie explodieren. Und sie werden explodieren!“

Hindernisse gab es wenige. Entweder hatte das Feuer sie verbrannt oder sie waren durch das Loch im Rumpf ins Vakuum des Alls gesaugt worden. Sie brauchten dennoch lange, denn das Schiff war groß.

Die Energiezellen …

Oxo kam nicht umhin, sich Sorgen zu machen. Er war der einzige, der um die Energie wusste, die sich noch in ihnen befand. Die Zerstörungsgewalt, wenn sie explodierten. Es waren wahre Wunderdinger, diese Energiezellen – man konnte mit ihnen riesige Raumschiffe auf phantastische Geschwindigkeiten beschleunigen, aber wie alle Medaillen hatten auch sie zwei Seiten: Wenn sie nicht mehr gekühlt wurden (durch ein System, das mindestens ebenso komplex war wie die Zellen selbst) liefen sie schnell heiß und explodierten in einem Feuerball. Selbst wenn sie leer und verbraucht waren, ging noch eine erhebliche Gefahr von ihnen aus. Oh ja, die erste Explosion war schon schlimm gewesen, denn immerhin hatte sie den Absturz zur Folge. Aber die zweite würde ungleich schrecklicher und vernichtender ausfallen …

„Wir müssen schneller werden!“, mahnte Oxo, als sie endlich das nächstgelegene Schott erreicht hatten.

„Noch … schneller?“, hechelte Mike. Er und Robin waren die sportlichsten der Truppe; bei ihnen hatte sich bislang nur der Atem beschleunigt. Bei Nicole sah es ähnlich aus. Bei Marcel und Jenni allerdings war es anders: Sie schwitzten wie die Ackergäule. Und sie hechelten so, dass sie nicht einmal mehr stammeln konnten. Sie standen zwar noch aufrecht, aber mussten ihre Oberkörper abstützen, indem sie die Hände auf die Schenkel stemmten. Dabei machten sie einen Buckel, bei dem jede Katze neidisch geworden wäre.

„Ja, noch schneller“, entgegnete Oxo unbeeindruckt. Er wirkte weder erschöpft von der Anstrengung noch schien er sie überhaupt zu empfinden. Wie war das möglich?

Eben begann er die nächste Luke zu öffnen, ergriff das Rad, das sie verschloss. Augenblicklich rieben in ihrem Inneren Räder aneinander und schienen sich ineinander zu verbeißen. Es klang wie morsches Holz, das aufeinander geschlagen wurde, aber nicht zerbrechen wollte. Es sah aus, als müsste Oxo seine ganze Kraft aufbringen. Wie in Zeitlupe drehte er an dem Rad, und Millimeter um Millimeter bewegte es sich. Dennoch zeigte sein Gesicht keine Zeichen von Anstrengung. Es war weder rot noch wirkte es müde; selbst Schweiß floss nicht. Nicht einmal seine Muskeln traten hervor.

Mike, der neben ihm stand und ihn dabei beobachtete, wie er langsam die Luke aufstemmte, fragte sich, warum das so war. Warum schwitzt der Kerl nicht? Warum arbeiteten seine Muskeln, ohne dass man es sehen konnte? Und wie hatte er überhaupt dieses alles vernichtende Feuer überleben können? Er glaubte nicht, dass die Anatomie der Außerirdischen so beschaffen war, dass sie zu alledem fähig wären. Wem dem so wäre, wozu bräuchten sie dann sie? Dann wäre doch alles in bester Ordnung! Sie wären unverwundbar und könnten nicht verletzt werden …

In diesem Moment schwang die Luke auf und warme, frische Luft strömte herein. Erst jetzt merkten sie, wie abgestanden und verbraucht sie im Inneren des Schiffs gewesen war. Das Feuer hatte viel Sauerstoff verzehrt und nur stinkende, giftige Abgase hinterlassen.

„Los jetzt! Raus hier!“ Oxo deutete mit einem Kopfnicken auf Jenni und Nicole. Seine Hände umpackten noch immer das Rad, mit dem er die Luke öffnete. „Ihr beiden zuerst!“

Jenni und Nicole beeilten sich, nach draußen zu kommen, und gleich nach ihnen folgte Marcel. Anschließend waren Mike und Robin an der Reihe. Auch sie vergeudeten keine Zeit. Die Drohung mit den möglicherweise explodierenden Energiezellen hatte Wunder bewirkt. Wenn das geschah, wollten sie weit weg sein.

Nach fast drei Wochen im Raumschiff wirkte die Sonne wie ein Glutofen. Die Kinder kamen sich vor wie Ameisen unter einer Lupe, die von grausamen Teenagern verbrannt wurden. Es war sengend heiß und so hell, dass sie, obwohl sie die Unterarme an die Stirn pressten, die Augen zusammendrücken mussten. Alle fünf waren hilflos der Sonne ausgeliefert. Nur nicht Oxo. Er hatte keine Probleme. Er konnte ohne Schwierigkeiten in die Sonne sehen. Ihm machte das alles nichts aus. Und während die Kinder sich nicht an die neue Umgebung gewöhnen konnten (geschweige denn wussten, wo sie waren!), war er schon wieder hellwach und konzentriert.

„Wir müssen weiter! Seht ihr die Berge da hinten?“

Sie hoben den Kopf, doch wegen der grellen Sonne sahen sie nur graue Schatten. Weder sahen sie die Konturen der Berge noch, wie weit sie entfernt waren. Wie weit mussten sie gehen? Und würden sie dort sicher sein?

„Da müssen wir hin!“, fuhr Oxo unbeirrt fort.

Kapitel 8

Kapitel 8

Wenn sie nicht nur mit Oxo, sondern mit mehreren seiner Artgenossen dort gestrandet wären, hätten die Kinder schnell gemerkt, dass seine Unempfindlichkeit keineswegs normal für diese Rasse war. Selbst im Vergleich etwa zu Yxynon oder Ixin war Oxo ungewöhnlich. Niemand konnte das, was er konnte. Kein anderer verfügte über diese Kräfte.

Im Grunde genommen war er gar keiner von ihnen. Er gehörte aber auch keiner anderen Rasse lebender, denkender und atmender Individuen an. Er war insofern anders, als er gar kein lebendes, denkendes und atmendes Wesen war. Er war – eine Maschine, ein Roboter. Oder ein Androide, wie er selbst sich bezeichnet hätte.

Yxynon und Ixin hatten das natürlich gewusst. Aber Mike, Robin, Marcel, Jenni und Nicole wussten es nicht. Woher auch?

Es gab nicht viele seiner Art. Selbst für dieses fortschrittliche Volk, das zu fernen Planeten reiste und fremde Kulturen besuchte, war es ein schwieriges Unterfangen, Androiden zu bauen. Jahrelange (oder, wie einer von ihnen sagen würde, rundenlange) Forschungsarbeiten waren nötig, um sie so zu konstruieren, dass sie in ihrem Speicher nicht nur Wissen speichern konnten, sondern auch fähig waren zu lernen. Denn genau darauf kam es an: Die Androiden sollten lernen. Sie sollten nicht nur mit monotoner Stimme das herunterbeten was sich in den Gehirnen ihrer Schöpfer befand, sondern sollten eigenständig lernen. Natürlich hatten sie ihr Aussehen ihnen selbst angepasst. So erklärte es sich, dass die Kinder keinen Unterschied zu Yxynon oder Ixin bemerkt hatten.

Kapitel 9

Kapitel 9

Die Sonne brannte, und von Minute zu Minute schien es noch heißer zu werden, als liefen sie in einem gigantischen Ofen, bei dem eine riesenhafte Köchin alle paar Minuten die Temperatur höher drehte. Glaubte sie vielleicht, dass das Mahl, das sie durchgaren wollte, nur so richtig schmackhaft wurde?

Der Schweiß lief ihnen in Strömen, und das Laufen wurde immer schwerer. Sie hatten kein Wasser dabei (Wie denn auch? Ihr Aufbruch war mehr als überstürzt gewesen) und hatten seit Stunden nichts mehr gegessen. Dennoch mussten sie weiter. Auch wenn sie immer öfter vor Schwäche stolperten.

Oxo schob sie regelrecht vor sich her. Er trieb sie wie ein Bauer seinen Ochsen mitsamt Pflug. Er hatte schon vieles gelernt in der kurzen Zeit, die er existierte. Aber wie sich Erschöpfung, Mattheit und Müdigkeit anfühlten, davon wusste er nichts. Darum drängelte er die Fünf so. Er konnte nicht nachfühlen, wie es ihnen ging.

Mittlerweile hatten sie die Hälfte des Weges geschafft, und er fragte sich, warum die Energiezellen noch immer nicht explodiert waren. Die Kühlung hätte doch nie so lange standhalten können …

Vor ihm hechelte Nicole wie ein Hund in der Mittagshitze; jetzt stolperte sie und fiel hin. Sie versuchte nicht einmal, sich mit den Händen abzufangen, sie fiel einfach um. Direkt auf ihr Gesicht.

„Wir brauchen … eine Pause“, sagte Marcel. Seine Stimme war ein einziges Hecheln.

„Ja, verdammt!“, stimmte Robin zu. Seit sie die Erde verlassen hatten, hatte er sich das Fluchen angewöhnt.

„Heilige Scheiße, ja!“, sagte auch Mike mit matter Stimme. „Ich kippe gleich aus den Latschen!“

Oxo drehte sich um und schätzte die Entfernung, die sie bereits zwischen sich und das Raumschiff gebracht hatten. Dann überlegte er einen Augenblick und sagte mit fester, aber seltsam teilnahmsloser Stimme, „Nein, das können wir nicht. Wir sind noch zu nah dran. Wir müssen weiter. Das reicht noch lange nicht.“

Robin drehte sich der Kopf. Ihm war schwindelig, er war müde, ausgebrannt, desorientiert – und allmählich wurde er wütend. Was sollte das alles? Warum rannten sie wie die Bescheuerten in dieser sengenden Hitze? Waren sie denn wirklich immer noch nicht weit genug entfernt? Was, wenn die Energiezellen gar nicht explodierten? Rannten sie dann solange, bis sie alle einen Hitzschlag bekamen? Wenn wirklich die Gefahr bestand, dass sie explodierten, hätten sie es doch längst getan, oder?

„Okay“, begann er und lief trotz seiner müden, schweren Beine auf Oxo zu. „Wir sind kaputt! Deine saublöden Dinger gehen sowieso nicht hoch, und außerdem brauchen wir jetzt eine Pause.“ Und dann, er hatte ungefähr den halben Weg zwischen sich und Oxo geschafft, ließ er sich einfach fallen. Er plumpste auf den Hosenboden, saß da im Schneidersitz, verschränkte die Arme vor der Brust, sah Oxo trotzig an und sagte: „Ich jedenfalls bewege mich kein Stück weiter. Ich mache jetzt Pause! Basta!“

„Genau“, begann auch Mike den Aufstand zu proben. Auch er machte einen Schritt nach vorn und ließ sich neben seinen Freund nieder. „Wir brauchen eine Pause! Wir können keinen Schritt mehr gehen!“

„Die Jungs haben recht“, mischte sich jetzt auch Nicole ein, flach atmend.

In Oxos Speicher begann es zu arbeiten (das war der Grund, warum die Entwicklung der Androiden so lange gedauert hatte: Sie sollten nicht nur ihre gespeicherten Eingaben runterbeten, sondern durch Abwägen von Chancen und Risiken abschätzen, was möglich war und was nicht. Darauf war es den Erbauern angekommen.). Er überlegte (Konnte man das so sagen? Konnte man „überlegen“ sagen? Ja, wahrscheinlich schon. Schließlich beanspruchte er seine Speichereinheit, um zu einem Ergebnis zu kommen. Es konnte so oder so ausfallen. Es lag ganz bei ihm. Oh ja, das ließ sich getrost als überlegen bezeichnen.). Und dabei schwankte er hin und her.

Zum einen war da immer noch die nicht ganz unwichtige Sache mit den Energiezellen. Nach wie vor war er der Überzeugung, dass sie bald hochgehen würden. Eigentlich war das längst überfällig. Er begrüßte jede Sekunde, jede Minute, die es sich verzögerte. Jeder Schritt, den sie weg vom Raumschiff schafften, brachte sie den Bergen näher. Er drehte sich noch einmal um und wog die Entfernung ab. Dann zog er die Energiezellen in Erwägung, von denen er glaubte, dass sie noch im Schiff waren und überschlug es im Kopf. Schon nach wenigen Augenblicken kam er zu einem Ergebnis. Er legte es beiseite und rechnete von vorn, doch diesmal setzte er die Anzahl der Energiezellen an, von denen er wusste, dass sie noch an Bord waren. Die beiden Ergebnisse verglich er miteinander, und siehe da…

„Es reicht nicht. Wir müssen weiter“, sagte er schließlich. Die ganze Rechnerei hatte nur wenig länger gedauert als ein Wimpernschlag. Die Sache war für ihn klar. Für eine Pause gab es keine Zeit. Was er jedoch nicht mit einkalkuliert hatte, war die angeborene Sturheit der Kinder, denn sie waren ja Menschen. Diese war so tief greifend und endgültig, dass alles, „Es reicht nicht, wir müssen weiter“, nichts nützte. Es war keinen Fliegenschiss wert. So einfach war das.

„Wir müssen weiter!“

Er blickte zum Raumschiff zurück, das jetzt schon einige Kilometer hinter ihnen lag. Die Sonne spiegelte sich in seiner Außenhaut. Von hier aus konnte er den Schaden nicht sehen, aber er wusste, er war da.

„Und du bist dir ganz sicher, dass sie explodieren?“, schaltete sich jetzt Jenni ein. Ihre Stimme klang noch erschöpfter als die der anderen, und sie fühlte sich auch so: In ihren Muskeln zuckten dumpfe Schmerzen, ihr Kopf schmerzte von der Hitze, vom grellen Sonnenlicht, und dazu hatte sie Durst, brennenden Durst.

Oxo sah sie einen Moment lang an, seine Augen bohrten sich tief in ihre. Sie merkte, dass er seine Augen nicht zusammendrücken musste. Ihm schien das grelle Sonnenlicht nichts auszumachen.

Einige Sekunden stand Oxo einfach nur da und sah Jenni an. Er brauchte ein bisschen, um über ihre Frage nachzudenken. Seine Speichereinheit arbeitete auf Hochtouren. Er rechnete und rechnete …

„Er weiß es also nicht!“, kam es da plötzlich von Robin, der immer noch im Schneidersitz hockte und provozierend nach oben blickte. Seine Rechte lag schützend über den Augen, und seine Stimme klang angriffslustig. „Er weiß es …“

Genau in diesem Augenblick ertönte ein dumpfer Knall.

Erschrocken drehten sich alle um, auch Oxo. Und sie alle sahen, wie sich ein riesiger Feuerball dort ausbreitete, wo eben noch das Raumschiff im Sand gesteckt hatte. Luft rauschte von hinten an ihnen vorbei und wurde zu einem heftigen Wind, der bis zum Sturm anschwoll. Die Luft wurde von der Explosion angesaugt. Sie hatten noch nie einen Tornado gesehen, aber in dieser Sekunde glaubten sie, dass es sich so anfühlen musste. Ihre Kleider flatterten wie Herbstlaub, das Haar der Mädchen stand waagerecht in der Luft, und das Rauschen und Toben des Sturms war fast unerträglich.

Als der Sog nachließ, bewegte sich eine riesige Feuerwand auf sie zu. Sie breitete sich nach oben und in alle Richtungen aus und bestand nur aus Feuer. Gelbe, rote und blaue Flammen rasten mit atemberaubender Geschwindigkeit in den Himmel, über den Boden und kamen mit jeder Sekunde näher.

Jenni und Nicole kreischten. Mike und Robin, noch immer im Schneidersitz im Wüstensand, starrten der Feuerhölle stumm entgegen, die Münder überrascht aufgerissen. Marcel war kreidebleich, seine Augen schreckensweit. Er war der einzige, dem ein Kommentar gelang: „Scheiße.“

Auch Oxo hatte das flammende Inferno gesehen. Doch sein Blick ging jetzt nicht mehr dorthin. Direkt nach dem ohrenbetäubenden Knall und der Feuersäule hatte er damit begonnen, die Chancen und Möglichkeiten abzuwägen. Er rechnete schneller als jeder irdische Computer. Er nahm sich alles vor, bedachte alles, rechnete, überschlug, schätzte, analysierte die Umgebung und bezog das, was er sah, in seine Überlegungen mit ein. Seine Gedanken hetzten wie ein gejagtes Wild durch seinen Speicher. Er rechnete und rechnete. Doch ihm wollte einfach nichts einfallen. Sollte es hier enden? Sollte alles umsonst gewesen sein?

Da tat Oxo etwas, was selbst seine Erbauer überrascht hätte. Obwohl er auf keine Lösung kam, die ein Überleben garantierte, begann er intuitiv zu handeln. Vielleicht war es auch so etwas wie schlichter Überlebenswille? Keine hundert Schritt von ihnen entfernt glänzten Dünen in der Sonne. Da die Feuersäule immer höher stieg, hatten auch sie einen goldroten Farbton angenommen. Wenn er über den Scheitelpunkt der Düne blickte, konnte er sehen, dass sich hinter ihr noch viele weitere erstreckten. Das war die Chance – oder zumindest das, was in seiner Speichereinheit grell zu blinken begonnen hatte.

„Da hin!“ Seine Hand deutete zu den Dünen.

Marcel, Nicole und Jenni waren schon unterwegs, da war die zweite Silbe noch nicht verklungen. Nur Mike und Robin brauchten etwas länger, sie mussten sich ja erst aus dem Schneidersitz hochreißen. Als Letzter flüchtete Oxo vor der Flammenwand.

Die Kinder rannten und schrieen wie am Spieß. Die Müdigkeit, die sie eben in den Sitzstreik getrieben hatte, war verschwunden. Sie legten ein Tempo vor, dass man meinen mochte, ihre Füße berührten nicht einmal mehr den Boden, und ihre Schreie wurden lauter und lauter. Aber von hinter ihnen kam ein weitaus lauteres Geräusch: ein Donnergrollen, ein Rumoren, Reißen und Fauchen. Oxo war der einzige, der sich kurz umdrehte.

„Schneller!“ Er musste schreien, sonst wäre er nicht gegen den Lärm angekommen.

Die Flammenwand kam immer näher. Sie hatte sich hoch in den Himmel gehoben, aber ebenso schnell breitete sie sich in der Ebene aus. Es sah nicht gut aus.

„Schneller! Schneller!“, mahnte er. Seine Stimme klang ruhig, aber die Kinder bemerkten es gar nicht. Ihre Angst trieb sie ohnehin schneller und schneller voran. Sie schrieen, stöhnten und hechelten so laut, dass selbst die Feuerwand kaum noch zu hören war. Als wollten sie mit ihrer eigenen Stimme gegen das Inferno ankämpfen.

Oxo war der erste, der die Hitze hinter sich spürte. Schon so nah? Noch einmal drehte er sich um und erschrak. Die Feuerwand war unglaublich schnell; sie musste zehnmal schneller sein als sie.

Nur noch ein paar Schritte bis zum Fuß der Düne!

Die ganze Zeit über arbeitete es in seinem Speicher. Er rechnete und analysierte. Sie waren weiter gekommen, als er befürchtet hatte, aber lange nicht so weit, wie es möglich gewesen wäre. Noch schneller! Noch schneller! Noch schneller! Noch schneller!

Die Hitze nahm zu. Oxo spürte zwar keinen Schmerz, seine Sensoren übermittelten ihm aber sehr wohl die Anwesenheit von Hitze. Er wusste genau, dass sie dicht hinter ihm war und schnell aufholte. Nur noch wenige Momente, und sie würde ihm mit gierigem Appetit verschlingen …

Oxo drehte sich jetzt nicht mehr um. Seine Gedanken (wenn man sie denn so nennen wollte) liefen ganz rational. Seine Sensoren zeigten immer stärkere Hitze an. Nur noch ein paar Schritte. Sie hatten es tatsächlich bis hierher geschafft, aber es schien umsonst gewesen zu sein. Nicoles und Jennis Schreie verrieten, dass sie genau das dachten. Sie waren wie von Sinnen auf die Düne zugerast, ohne zu wissen, warum und weshalb. Einfach nur, weil Oxo es ihnen befohlen hatte. Jetzt waren sie kaum noch einen Steinwurf entfernt. Wie würde es weitergehen? Das Schreien lenkte wenigstens davon ab, dass sie es nicht wussten.

Dann, als Oxo meinte, dass es an der Zeit war, beschleunigte er seine Schritte so sehr, dass er augenblicklich die vor sich her rennenden Kinder erreichte. Er packte sie alle, einer nach dem anderen, als würde er alle fünf umarmen. Er schlang seine Arme um ihre Taillen, hob sie an und erstürmte die Düne; dabei benutzte er seinen Rücken als Schutzschirm.

Die Hitze war inzwischen so stark, dass die Sensoren auf seinem Rücken durchschmorten. Seine Füße rasten die Düne hinauf, und unter ihm spritzte der Sand wie Wasser unter einem Motorboot. Jetzt schaffte Oxo mehr als ein Dutzend Schritte in einer Sekunde. Doch die Kleidung auf seinem Körper begann erst zu schwelen und dann zu qualmen …

Auf der anderen Seite ging es die Düne in noch größerem Tempo herunter. Noch immer hielt Oxo die Kinder mit seinen Armen umschlungen, aber ihre Füße rieben jetzt über den Sand. Seine Energie ließ langsam nach. Am tiefsten Punkt, da, wo bereits die nächste Düne anzusteigen begann, ließ er sie los.

Wie Murmeln purzelten sie über den Boden. Sie waren von der Beschleunigung und dem abrupten Abbremsen so geschockt, dass sie sich nirgendwo halten konnten und mit dem Gesicht in den Sand stürzten oder auf den Rücken fielen und wie Käfer strampelten.

Auf dem Scheitel der Düne wälzte sich jetzt die Feuerwalze heran, so schnell, dass sich das Feuer nach oben ausbreitete und der Steigung der Düne auch dann folgte, als diese längst verschwunden war.

„Nur noch wenige Sekunden“, sagte Oxo, während sein Blick nach oben wanderte. Keine dreißig Meter über ihren Köpfen war der Himmel eine gigantische Feuerwalze. Er drehte den Kopf um hundertachtzig Grad und sah wieder zu Boden. Die Kinder sahen es nicht. Sie blickten voller Angst und Panik auf die rötlichgelbe Feuersbrunst über ihren Köpfen.

„Nah zusammen!“, befahl er, „hinlegen! In den Sand!“

Seit das Feuer den Himmel füllte, waren kaum zwei Sekunden verstrichen. Nicole und Jenni schrieen noch immer, auch Marcel hatte zu jammern begonnen. Es dauerte trotzdem viel zu lange, bis sie alle im Sand lagen.

Dann sprang Oxo mit einem Satz auf die fünf zu. Doch sein Sprung wurde auf halbem Weg gebremst. Er wurde langsamer, und dann begann um sie alle herum die Luft zu flirren.

Oxo hatte ein Kraftfeld errichtet. Ob es dem Feuersturm standzuhalten vermochte? Er wusste es nicht. Explosionen von Energiezellen entwickelten eine solche Wucht, dass er das nicht mit Gewissheit sagen konnte. Doch er rechnete sich Chancen aus. Sie waren weit weg vom Herd der Explosion und befanden sich im Tal der Düne, sodass das Feuer sie nur abgeschwächt erreichen konnte … wer weiß? Vielleicht hatten sie wirklich eine Chance?

Und dann kamen die ersten Flammen zu ihnen. Dann tobte das Feuer wie ein Orkan.

Kapitel 10

Kapitel 10

Energiezellen waren eine heimtückische, aber unverzichtbare Sache. Zum einen waren sie für Industrie und Technik unverzichtbar. Energieknappheit gab es nicht mehr; sie gehörte seit vielen Runden der Vergangenheit an. Nur dank dieser Zellen konnten sie mit dieser phantastischen Geschwindigkeit durchs All reisen. Sie waren nicht mehr wegzudenken: Sie trieben Maschinen und Fahrzeuge an, beheizten Wohnungen, kurz: Sie versorgten alles mit Energie.

Doch sie waren nicht nur ein Segen. Ihr größter Nachteil war, dass sie lückenlos gekühlt werden mussten. In den Kraftwerken, die es auf Yxus gab, wurden sie rund um die Uhr bewacht. Einmal war es dennoch zu einer Explosion gekommen, vor vielen, vielen Runden. Seither wurden sie nicht nur doppelt und dreifach überwacht, sondern ein Dutzend Mal. Für alles gab es mehrere Sicherheitsvorkehrungen. Es sollte verhindert werden, dass so etwas noch einmal geschah. Das Gebiet war jetzt noch, Hunderte von Runden später, unbewohnt.

Auf einem Raumschiff dieser Klasse war das natürlich komplizierter. Aber auch hier wurden Sicherheitsprotokolle eingebaut, doch sie nutzten natürlich nichts, wenn sämtliche Sicherheitseinrichtungen und Protokolle zerstört waren.

Die Explosion war schlimm, auch das danach wütende Feuer, aber ein anderer Umstand war noch schlimmer: die schier unendliche Energiekapazität der Energiezellen. Schließlich wurde aus gerade einmal zwei winzigen Atomen eine unvorstellbare Menge an Energie gewonnen. Die beiden Atome, waren sie erst einmal eine Verbindung eingegangen, an deren Ende die gewonnene Energie stand, konnten ohne weiteres mehrere hundert Runden lang Energie erzeugen. Und wenn die Kettenreaktion einmal begonnen hatte, konnte auch das Feuer, das daraus resultierte, lange, lange Zeit brennen ohne Abschwächung.

Das Kraftfeld hielt.

Noch.

Oxo spürte, wie seine Energie sank. Ein Kraftfeld in dieser Größe zu erzeugen und es dann auch noch eine längere Zeit aufrecht zuhalten, fraß eine Menge Energie. Natürlich konnte er seinen Energievorrat jederzeit abfragen. Doch das ließ er lieber sein. Was hätte es ihm auch genützt? Er musste das Kraftfeld solange aufrecht halten wie nötig. Entweder ließ das Feuer nach, oder … oder das Kraftfeld.

Die Flammen rauschten um sie wie ein wütender Tornado. Oxo verfluchte seine Erbauer dafür, dass sie das Kraftfeld nicht geräuschisolierend konstruiert hatten. So wäre ihnen das wütende, fauchende erspart geblieben.

Mittlerweile schrieen sie alle wie am Spieß, auch Robin und Mike. Wie lange mochte dieses verdammte Feuer wohl noch brennen?

Irgendwann hörten die Kinder auf zu schreien. Aber nicht, weil die Gefahr nachgelassen hätte oder sie weniger Angst hatten, nein, einfach nur, weil ihre Hälse kratzig und trocken wurden. Sie konnten schlicht und einfach nicht mehr. In ihren Mündern sammelte sich ein seltsam metallischer Geschmack, als bluteten sie dort. Ihre Schädel dröhnten vom pausenlosen Schreien, von der Anstrengung des schnellen Laufens und weil der Sauerstoff langsam weniger wurde. Sie atmeten tiefer und tiefer ein, aber mit jedem Atemzug bekamen sie weniger Luft. Es blieb ihnen nur noch die, die in dem Kraftfeld war. Und nicht einmal Oxo konnte sagen, wie lange sie noch halten würde. Er selbst brauchte keine Luft; er hatte zwar einen Brustkorb, der sich regelmäßig hob und senkte, aber darin war keine Lunge. Seine Erbauer hatten ihn so konstruiert, damit er möglichst lebendig wirkte. Doch die Kinder brauchten Luft, sie war für sie lebensnotwendig. Aber nicht einmal er konnte ausrechnen, wie lange sie noch reichte. Er wusste ja nicht einmal, wie viel sich noch innerhalb des Kraftfeldes befand.

Das Feuer machte keine Anstalten, schwächer zu werden. Es rauschte über ihre Köpfe hinweg, dass man glauben mochte, die Hölle habe ihren jährlichen Betriebsausflug. Es fauchte, grölte, tobte und brodelte.

Wie lange waren sie jetzt in dem Kraftfeld? Robin sah in die schmutzigen Gesichter der anderen. Sie waren schwitzig und bedeckt von einer gleichmäßigen Schmutzschicht; Asche oder Wüstenstaub. Glänzende Spuren liefen von den Augen bis hinunter zum Kinn, dort glänzte die Haut. Sonst war sie über und über mit Schmutz bedeckt. Auch ihre Kleider waren schmutzig.

Robin versuchte sich mit diesem Gedanken jedoch nur vom viel näher liegenden abzulenken, nämlich, dass der lebenswichtige Sauerstoff immer weniger wurde. Immer schwerer fiel es ihnen zu atmen, denn der Anteil der verbrauchten Luft stieg immer weiter.

Auch ihm selbst machte es zu schaffen. Er spürte, wie er seine Lungen füllte, doch nach jedem Atemzug hatte er das Gefühl, nicht genug Sauerstoff bekommen zu haben. Fühlte es sich so an, zu ersticken? Er fühlte sich immer schläfriger. Auch die anderen hatten Mühe, die Augen offen zu halten. Nur ein kleines Nickerchen, ein klitzekleines, dann bin ich wieder hellwach, dachte Robin…

Doch Oxo drückte ihm in die Seite, und augenblicklich war er wieder wach.

„Nicht schlafen!“ Oxo blickte ihm fest in die Augen. „Du musst wach bleiben! Ihr müsst alle wach bleiben!“

„Ich kann nicht“, maulte Marcel, „ich bin so müde.“

„Nur ein bisschen schlafen“, kam es von Jenni, deren Augen schon geschlossen waren.

Oxo wusste, dass diese Müdigkeit das erste Anzeichen für akuten Sauerstoffmangel war. Er wusste aber auch: Wenn die Kinder jetzt einschliefen, wenn es ihm nicht gelang, sie wach zu halten, würden sie nie mehr aufwachen.

Er boxte Jenni in die Seite, doch sie reagierte erst beim zweiten Schlag und wurde selbst dann nicht richtig wach, sondern sah ihn nur müde und genervt an, wie ein Kind, das mitten in der Nacht geweckt worden ist. Ihre Augen waren nur noch schmale Schlitze.

„Nicht schlafen!“ Oxos Stimme klang jetzt viel lauter. Aber reden allein nützte hier nichts mehr. Allein mit Worten konnte er sie nicht mehr wach halten, dazu war der Sauerstoffmangel zu weit fortgeschritten. Er boxte sie nacheinander unterhalb des Rippenbogens in die Seite. Unter anderen Umständen hätte es wahrscheinlich komisch gewirkt, wie Oxo immer wieder in ihre Seiten schlug und die Kinder daraufhin immer wieder aufschreckten, müde die Augen öffneten und maulten.

Davon hatte das Orakel nichts gesagt. Nichts davon, dass die Kinder die Bombenexplosion überlebten, den Absturz überstanden, dem alles vernichtendem Feuer entkamen, um dann doch an Sauerstoffmangel zu sterben. Nein, davon hatte es nichts gesagt.

Oxos Hoffnung schwand.

Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er gesagt, dass sich in seinem Denken so etwas wie Verzweiflung ausbreitete.

Und dann war das Feuer endlich vorbei. Es endete nicht langsam und gemächlich, sondern abrupt, von einer Sekunde auf die andere. Eben noch war der Himmel ein einzelnes Flammenmeer gewesen, dann plötzlich war da nur noch blauer Himmel. Vereinzelte Rauchwolken schwebten darin als letztes Überbleibsel der Flammen, und dann lösten auch sie sich auf.

Oxo starrte blinzelnd in den Himmel. Es überraschte ihn, wie schnell das Feuer sich gelegt hatte. Er war sogar so überrascht, dass er Robin noch einmal in die Seite knuffte, obwohl auch er schon in den Himmel blinzelte.

„Hey“, stöhnte dieser entrüstet und rieb sich die Seite, „warum boxt du mich? Was soll das denn?“

Jetzt, da das Feuer nicht mehr brannte, brauchten sie auch das Kraftfeld nicht mehr, und Oxo konnte endlich seinen Energievorrat überprüfen. Anzeigen oder Instrumente brauchte er dafür keine; es genügte, wenn er in sich hineinhörte. Zwölf Prozent Reserve nur noch. Er hatte sage und schreibe achtundachtzig Prozent seiner Energie für die Aufrechterhaltung des Kraftfeldes ausgegeben! Er musste sich dringend aufladen!

Frische Luft umströmte ihre heißen Gesichter und kühlte sie. Nur eine Sekunde später begannen die Fünf jämmerlich zu husten.

Oxo richtete derweil seine Aufmerksamkeit auf andere Dinge: Sie mussten das Gebirge erreichen. Das hatte oberste Priorität.

Oxo hatte eine Sekunde gezögert mit dem Abbau des Kraftfeldes, denn er hatte nicht gewusst, ob die Luft so kurz nach dem Feuer schon wieder zu atmen war. Schließlich hatten die Flammen sich vom Sauerstoff genährt und nur giftige Gase hinterlassen. Aber so wie er die Windverhältnisse auf diesem Mond kannte, vermutete er, dass sich schon wieder ausreichend Sauerstoff in ihrer Umgebung befand. Der steife Wind, der ihm entgegenwehte, nachdem das Kraftfeld verschwunden war, bestätigte seine Theorie. Auf diesem Mond wehte immer ein kräftiger Wind, und dieser hatte die schlechte Luft bereits weggeblasen.

Dennoch wurde ihr Husten nicht besser. Hatte er sich doch verschätzt? Hätte er noch etwas länger ausharren sollen?

Wenigstens schlugen sie die Augen auf. Sie schwitzten immer noch, aber der Wind trocknete schnell ihre Haut.

„Was … was ist passiert?“, wollte Nicole wissen. Sie hustete nach jedem Wort wie ein Kettenraucher.

„Ja … was …?“, hustete auch Marcel. Seine Augen tränten und seine rechte Wange zitterte. Sie litten offenbar noch unter den Auswirkungen des Sauerstoffmangels.

„Ich kann mich kaum noch an was erinnern“, sagte Mike. „Ich weiß nur, du hast uns irgendwie vor den Flammen geschützt. Aber … aber wie?“

„Bei mir ist es genauso. Alles undurchsichtig und verschwommen, wie hinter einem Schleier.“

„Wie sind wir eigentlich hierher gekommen?“

Alle starrten sie Nicole an. Ja, sagten ihre Blicke, wie sind wir über diese Düne gekommen? Daran erinnerten sie sich beim besten Willen nicht.

„Ich hatte das Gefühl zu fliegen“, stotterte Marcel. Er wusste nicht, wie er es sonst beschreiben sollte und kam sich ein bisschen albern dabei vor, aber genauso war es gewesen: wie fliegen.

„Das ist lächerlich“, schnaubte Robin. Doch in der gleichen Sekunde musste er sich eingestehen, dass es das nicht war. Sein eigenes Gefühl war ähnlich. Seine Beine schienen den Boden nicht berührt zu haben. Er schien über den Boden … was? Ja, geflogen zu sein …

Jenni setzte sogar noch einen drauf: „Wir sind in Oxos Armen drüber geflogen.“

„Was? Du spinnst doch!“

Allerdings klang das keineswegs überzeugend.

„Wir sind was?“, kam es von Nicole, aber auch sie klang alles andere als überzeugt.

„Ja. Wir sind in seinen Armen drüber geflogen. Ich weiß es genau. Fragt mich nicht, woher. Ich weiß es eben.“

„Drüber geflogen? In seinen Armen?“ Mike grinste. Für ihn klang das wie ein Ammenmärchen.

„Bitte“, begann Oxo, „wir müssen weiter. Wir dürfen nicht länger als nötig hier bleiben!“

„Das ist doch Schwachsinn! Wie soll das möglich sein?“ Mike wollte es auf keinen Fall wahrhaben. Er lief einen Schritt auf Jenni zu, die Hände zu Fäusten geballt und das Gesicht verzogen zu einer verbissenen Fratze.

„Woher soll ich wissen, wie das möglich ist? Keine Ahnung! Ich weiß nur, dass es so war!“

Jenni ließ sich nicht einschüchtern. Sie machte einen Schritt auf ihn zu, ballte ihre Hände zu Fäusten und blickte ihn feindselig an. Wie zwei Kampfhähne gingen sie aufeinander zu …

Marcel, der erst langsam begriff, dass sein neuer Freund Yxynon wirklich nicht mehr lebte, begann zu weinen. Nein, diese Explosion hatte er nicht überleben können. Vielleicht hatte er den Absturz überlebt, aber diesen Feuerball nie. Nein, er hatte keine Chance gehabt.

Aber eben weil er das so sah, begann er sich zu fragen, wie sie hinter diese Düne gekommen waren. Und das in so kurzer Zeit. Natürlich stimmte er Mike zu: Einer allein konnte nicht über eine solche Kraft verfügen, selbst als Außerirdischer nicht. Dennoch war da etwas in ihm, das Jenni zustimmen wollte. Irgendetwas. Er meinte auch ein Bild irgendwo in seinem Kopf abgelegt zu haben, auf dem genau das zu sehen war: Er hatte an sich hinuntergesehen, und war da nicht dieser Arm gewesen, der sich um seinen Oberkörper geschlungen hatte? Spürte er nicht sogar noch immer sein Gewicht und seine Kraft? Dann hatte dieser Arm ihn also doch emporgehoben? War es nicht so? Ein Stückchen, oder? Zehn, fünfzehn Zentimeter über den Boden. Und gleich darauf hatte er das Gefühl einer intensiven Beschleunigung gespürt, als wäre er aus einer Kanone geschossen worden. Ja, genauso war es gewesen. Für die Dauer eines Wimpernschlages hatte er geglaubt, zu fliegen… Und gleich darauf waren sie auf der anderen Seite der Düne gewesen.

„Jenni hat recht. Es war so.“

Mit Genugtuung registrierte er Mikes entgeisterte Blicke. Das Gefühl, dass es so gewesen war, wurde stärker. Er konnte sich zwar immer noch nicht genau erinnern, aber dieses Bild vor seinem inneren Auge überzeugte ihn, dass es nur so gewesen sein konnte.

„Seid ihr denn alle verrückt geworden? Weltraumkoller! Ja, das muss es sein. Ihr habt ja den Weltraumkoller!“

Mikes Stimme überschlug sich fast. Er war so eifrig dabei, Gründe zu finden, warum es nicht so gewesen sein konnte, dass er nicht eine Sekunde lang erwog, dass es vielleicht doch so gewesen war.

„Wir müssen hier jetzt wirklich weg …“

Oxo sprach viel zu leise, um gehört zu werden. Was er sagte, kam nicht an gegen die Lautstärke der Kinder. Sie wurden immer aufgeregter.

„Weltraumkoller? Was ist denn das für’n Quatsch?“ Nicole lachte hysterisch.

Sie stellte sich neben Jenni, worauf Mikes Gesicht noch finsterer wurde. Auch Marcel trat neben die beiden Mädchen. Das Bild in seiner Erinnerung war viel zu detailreich, als dass es nicht so gewesen sein konnte.

„Wir müssen hier wirklich weg!“

Oxos Lautstärke hatte sich noch nicht verändert. Er hatte auch noch nicht gemerkt, dass er gegenüber den Kindern nur ein Flüstern zustande brachte.

Nur Robin wirkte noch unentschlossen. Er war weder der einen noch der anderen Partei beigetreten. Auf der einen Seite Mike, mutterseelenallein, und auf der anderen Marcel, Nicole und Jenni, die überzeugt davon waren, dass es so gewesen war. Es interessierte ihn auch gar nicht. Er beachtete die vier anderen nicht. Es war ihm einerlei, wer Recht behalten sollte. Er war auf etwas ganz anderes konzentriert.

Kurz nachdem das Kraftfeld verschwunden war und er ein paar tiefe Atemzüge Luft eingesaugt hatte (Herrgott, war das ein Gefühl gewesen, als die frische, unverbrauchte Luft in seine Lungen geströmt war!), hatte er darüber nachzudenken begonnen, warum Oxo so begierig darauf war, sie zu diesem Gebirge zu bringen. Warum eigentlich wollte er jetzt, dass sie schnellstmöglich weiter zogen? Er stand direkt neben ihm, und er war der einzige, der ihn hören konnte. Er fragte sich, warum er so leise und langsam sprach. Als wäre er müde … nein, nicht müde, als wäre seine … seine … ja, seine Batterie verbraucht.

Darüber dachte er nach.

Aber auch über andere Dinge.

In gewisser Weise dachte er also sehr wohl darüber nach, welche der beiden Parteien Recht hatten. Er ging allerdings noch einen Schritt weiter; Er fragte sich nicht, ob es so gewesen war oder nicht. Er fragte sich vielmehr, wie es möglich war.

Schon vorher waren ihm Merkwürdigkeiten aufgefallen. Da war der Punkt, dass Oxo den Absturz überlebt hatte, ohne in eine Schlafkammer zu gehen. Zum anderen hatte ihm das Feuer während des Absturzes nichts ausgemacht (und er und auch die anderen hatten gesehen, wie es danach in dem Schiff ausgesehen hatte). Nein, eigentlich hätte das kein Lebewesen überleben können … Dennoch war Oxo hier und erfreute sich bester Gesundheit.

Wenn er sich richtig erinnerte, hatte er ihn nicht mal schwitzen sehen. Diese Rasse konnte schwitzen. Bei ihrer ersten Begegnung hatte er Ixin schwitzen sehen, daher wusste er es. Aber Oxo schwitzte selbst jetzt nicht, obwohl sie in einem Affentempo durch die Wüste gerannt waren, das Feuer über sie gewütet hatte und die Sonne erbarmungslos auf sie nieder brannte. Das war nicht normal. Zu guter Letzt seine Stimme, seine Sprechweise … Sie klang, fiel ihm ein, tatsächlich ein bisschen wie ein MP3-Player, kurz bevor die Batterie den Geist aufgibt …

„Wir müssen hier wirklich weg“, appellierte Oxo abermals mit dünner Stimme. Zum wievielten Mal jetzt nun schon?

„Und ich sage euch, das ist Quatsch! Wir sind da nicht drüber geflogen!“

Mike deutete mit der Rechten auf den höchsten Punkt der Düne. „Schaut doch nur mal, wie hoch das ist, verdammt!“ Auf seiner Stirn hatten sich Schweißperlen gebildet.

Oxo schwitzte immer noch nicht.

„Na und? Das beweist gar nichts.“

Nicole spuckte ihm fast entgegen. Sie konnte seine Engstirnigkeit nicht fassen. Warum glaubte er das denn nicht? Warum wehrte er sich so dagegen?

„Hast du eine andere Erklärung“, fragte Robin ihn mit sachlicher Stimme. Er merkte, dass er der einzige war, der noch einigermaßen ruhig war. Die anderen waren aufgeregt und wütend. Das sah er deutlich in ihren schweißnassen Gesichtern.

Oxo schwitzte nicht.

„Was?“ Mike sah ihn fassungslos an. Entweder weil er erst jetzt merkte, dass Robin auch noch da war, oder weil es ihn erstaunte, das er nicht auf seiner Seite war. Aber, überlegte er, wir sind doch Freunde! Wir sind doch sonst immer einer Meinung!

„Was?“, fragten jetzt auch Jenni und Marcel wie aus einem Mund.

„Wie?“, wollte auch Nicole wissen und klatschte sich mit der Hand an die Stirn. Wie konnte ich nur so verbohrt sein? Natürlich! Warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Wenn Mike so vehement darauf besteht, dass wir uns irren, wie ist denn seine Theorie? Sie blickte zu Robin, der immer noch Mike anstarrte.

„Und was ist deine Erklärung?“

„Ich … ich …“ Er stockte. Die Frage schien ihn zu bremsen; auch seine Fäuste lösten sich. Die Anspannung schwand aus seinem Körper.

„Erklär mir deine Theorie!“

„Ich … ich kann nicht.“

„Gib es doch zu! Du hast gar keine!“ Das kam von Jenni, die immer noch wütend war. „Ich will dir mal eins sagen …“

„Nein“, fuhr ihr Robin in die Segel, „es wurde genug gesagt. Wirklich.“

Langsam schloss Jenni den Mund wieder und blickte ihn erwartungsvoll an. Auch die anderen sahen ihn an. Sogar Mike.

„Wir sollten machen, dass wir hier wegkommen. Das ist jetzt das Wichtigste. Ist es nicht so, Oxo?“

„Ja“, entgegnete dieser. Mike, Jenni, Nicole und Marcel erschraken beim Klang seiner Stimme. Erst jetzt registrierten sie, wie leise er sprach. Es war fast nur noch ein Flüstern. Robin erschrak nicht. Er ahnte längst, was der Hintergrund war, aber war klug genug, es vorerst dabei zu belassen. Schließlich mussten sie dringend in die Berge. Dorthin wollte Oxo sie bringen, und er hatte bestimmt gute Gründe dafür.

Oxo schwitzte nicht.

„In den Bergen … gibt es Höhlen. Einige … sind so tief, dass man uns nie finden kann … Da … sind wir sicher.“

„Sicher? Vor wem?“

„Still!“, befahl Robin. Irgendwie gelang es ihm, die Situation unter Kontrolle zu bringen. „Wir gehen jetzt in diese Richtung“, seine Hand deutete über die Dünen. „Ihr seht, es ist nicht weit. In zwei Stunden können wir da sein. Dann können wir uns ausruhen.“

Ohne ein weiteres Wort stapfte er drauflos. Der Sand rieselte unter seinen Füßen den Abhang hinunter, und schon nach wenigen Sekunden hatte er den Scheitel der Düne erreicht.

„Worauf wartet ihr?“, bellte er von oben herunter. „Wollt ihr da vielleicht Wurzeln schlagen?“ Dann drehte er ihnen den Rücken zu und stieg die andere Seite hinunter.

Auch diesmal hörten sie ohne ein weiteres Wort auf ihn und machten sich an den Aufstieg.

Oxo schwitzte nicht.

Aber auch er machte sich an den Aufstieg.

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Дата выхода на Литрес:
18 августа 2025
Объем:
550 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783753184395
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Правообладатель:
Bookwire
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