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Kerstin Teschnigg

Und du bist nicht da

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Ich schließe meine Augen und presse meine Lippen aufeinander. „Sag nichts…Sei einfach still…Beruhige dich“, sage ich mir in Gedanken vor. Wenn ich nicht ruhig bin, macht er weiter. Es gelingt mir nicht meine Lippen so fest aufeinander zu pressen, dass sie nicht wie von selbst beginnen zu zittern. Kurz schnappe ich schluchzend nach Luft. Er sieht mich abfällig an, ich senke meinen Blick. Ich habe Angst. Doch da ist auch Wut und Ohnmacht nichts dagegen tun zu können. Ohne ein Wort zu sagen dreht er sich um und geht aus dem Zimmer. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich will nicht weinen, aber ich kann nicht anders. Langsam sinke ich zu Boden. Wann hört es auf? Wann wird es endlich aufhören? Ich bin wütend auf mich selbst und alles um mich herum und trotzdem schluchze ich still in mich hinein. Mein Leben ist nichts wert…Ich kann nichts und ich bin nichts. Genau wie er es sagt.

Kapitel 1

Anna – Der erste Sommer

„Es ist doch noch nicht einmal acht. Musst du echt schon gehen?“ Ella sieht mich fast flehend an noch zu bleiben, während ich meine Sachen in meine Badetasche stopfe. Es kommen gleich noch ein paar Mädels aus unserer Klasse, ich würde echt gern bleiben, aber es geht einfach nicht. Ich schüttle den Kopf.

„Ja…Echt…Ich muss mich sowieso schon beeilen damit ich pünktlich daheim bin.“ Ich atme durch und schlüpfe in mein Kleid, zum Ausziehen von meinem nassen Bikini habe ich keine Zeit mehr. „Du weißt doch…“, seufze ich.

Ella erzwingt sich ein aufmunterndes Lächeln. „Sehen wir uns morgen? Es soll ja wieder so heiß werden.“

„Ich glaube schon“, nicke ich und erwidere ihr Lächeln.

Wir umarmen uns freundschaftlich zum Abschied, Ella lässt sich wieder auf ihr Badetuch fallen. Sie ist seit dem Kindergarten meine allerbeste Freundin. Ich würde wirklich noch gerne bleiben, aber ich will einfach keinen Stress. Die Liegewiese ist heute dem schönen Wetter geschuldet immer noch ziemlich voll. Es sind Ferien, dementsprechend chillig ist die Stimmung. Der See ist ruhig, die Sonne verschwindet zwar langsam, aber genau das macht diese besondere Sommerstimmung aus. Echte Sommervibes eben. Aus den Boxen der angeschlossenen Beach Bar strömt coole Musik, genau mein Beat. Mein Blick schweift auf dem Weg Richtung Ausgang nach links. Viele Badegäste haben es sich bereits an der Bar gemütlich gemacht und genießen den immer noch sehr warmen Abend bei ein paar Cocktails. Janine klebt am Schoß eines Burschen und befummelt ihn auf eine Art, die mir allein beim Zusehen peinlich ist. Ella hat mir erzählt er und seine drei Freunde kommen aus England. Sie wohnen seit ein paar Tagen im kleinen Bauernhaus vom Weingut Herzog nicht weit von hier. Anscheinend machen sie eine Tramptour quer durch Europa. Keine Ahnung. Ist mir eigentlich auch egal. Für mich sind sie typische Touristen. Bier trinken und sich befremdlich benehmen. Den anderen Mädels scheint das aber zu gefallen. Einige „Dorfschönheiten“ scharen sich um die Burschen. Ich verdrehe für mich selbst die Augen. Janine ist in ihrem Element. Sie kennt keine Zurückhaltung. Dabei bemerkt sie nicht einmal, dass sie ausgenutzt wird. Welche ernsthaften Absichten können junge Männer die vermutlich noch nicht einmal zwanzig Jahre alt sind schon haben? Die Burschen sind doch bald wieder weg und keiner von ihnen wir sich an sie erinnern. Dann ist sie nicht mehr als eine von vielen auf einer Reise durch Europa. Wobei, wahrscheinlich will sie genau das. Sie lässt keine Chance auf Körperkontakt aus und nachdem sie im Dorf schon fast alle Typen durchhat, müssen es jetzt eben diese Jungs sein.

„Bis Morgen Anna!“, lächelt mich Finni, die bei der Eintrittskasse sitzt, an und reißt mich aus meinen Gedanken.

„Bis Morgen“, erwidere ich freundlich und gehe zu meinem Fahrrad. Wenn ich pünktlich zu Hause sein will, muss ich mich jetzt wirklich beeilen. Ich klemme meine Badetasche auf den Gepäcksträger und fahre los. Ein Stück muss ich auf der Hauptstraße fahren, dann biege ich in die schattige Seitenstraße gesäumt von Apfel- und Birnbäumen ein. Ich genieße den lauen Fahrtwind der durch meine feuchten Haare weht. Es duftet nach frisch gemähtem Heu, das langsam durch die abendlichen Sonnenstrahlen trocknet. Ich amte tief ein. Mein selbst versursachter Wind verschafft mir ein wenig Abkühlung, die zwischen den hohen Maisfeldern erfrischend angenehm ist. Hier staut sich die schwülheiße Luft und der Schotterweg ist von der Wärme des Tages ordentlich aufgeheizt. Die letzten Tage war es echt heiß. Ein richtig toller Sommer. Ich genieße den Lufthauch der unter mein Kleid fährt, bevor es ein Stück bergauf geht. Nach einigen Metern ist der kühle Wind von gerade eben vergessen. Ich trete angestrengt die letzten Meter des Hügels hoch, ich darf nicht schieben, sonst schaffe ich es niemals mehr pünktlich nach Hause. Langsam bilden sich Schweißperlen auf meiner Stirn und mein Dekolletee fühlt sich schweißfeucht an. Ich spüre wie ein paar Schweißtropfen meinen Rücken hinunterrinnen und am Saum meines Bikinihöschens stoppen. Nur noch ein Stück, dann geht es endlich bergab und den Rest bis nach Hause bleibt das so. Hinter mir höre ich Motorengeräusche aus der Ferne. Gerade als ich die Anhöhe geschafft habe, donnern drei Vespas an mir vorbei.

„Hey Baby!“, pöbelt mich einer der Fahrer lautstark an, aber ich sehe nicht zur Seite. Stehen bleiben muss ich jetzt aber doch, weil diese Idioten mit voll Speed die Schotterstraße hochgefahren sind. Dabei haben sie so viel Staub aufgewirbelt, dass ich kaum Luft bekomme. Alle drei Typen haben ein Mädchen mit dabei. Ich schätze es sind die Engländer, denn der Herzog Hof liegt nicht weit von hier. Ich schiebe kurz bevor ich wieder aufsteige und es endlich bergab geht. Ich lasse die Räder laufen, dann beginne ich wieder zu treten um den Schwung nicht zu verlieren. Als ich mich umdrehe, weil ich bemerke das etwas mit dem Hinterrad nicht stimmt ist es schon zu spät. Ich will noch bremsen, doch das gelingt mir nicht mehr. Der Hinterreifen blockiert so abrupt, dass es mir den Lenker verschlägt und ich kopfüber stürze. Alles geht so schnell, ich befürchte es dauert nicht länger als eine Zehntelsekunde. Es macht einen dumpfen Knall. Dann ist es leise.

„Hey…Mach deine Augen auf…“, höre ich eine weit entfernte Stimme. Langsam und beschwerlich folge ich dieser Aufforderung. Mein Kopf tut weh und mein Bein auch. Doch ich blicke direkt in die außergewöhnlichsten blauen Augen die ich jemals gesehen habe. Auch wenn ich komplett benommen bin, diese Augen sehe ich so klar, wie selten zuvor etwas. Sie sind nicht einfach blau. Eher hellblau. So hellblau, dass es fast schon unnatürlich ist. Alles dreht sich. Ich spüre zart eine Hand über meine Wange streichen. Ich schnappe nach Luft, der Sturz hat mir die Fähigkeit normal zu atmen genommen.

„Aua…Scheiße…“, murmle ich und fasse mir an meine Stirn. Zeitgleich fällt mir ein, dass ich jetzt definitiv zu spät komme. Eine befremdliche Panik baut sich in mir auf. Ich will mich aufrichten, doch die blauen Augen hindern mich daran.

„Warte, geht das? Are you ok? Du blutest. Ich kann einen Krankenwagen rufen, oder den Arzt.“ Er dreht sich zu Seite. „Wo ist denn hier der Doktor? I think she needs a doctor.“

Janine beugt sich über mich und grinst schadenfroh. „Brauchst du die Rettung?“

Ich schiebe den blauäugigen Typen zur Seite und richte mich etwas schwerfällig auf.

„Nein, ich brauch die Rettung nicht. Es geht schon“, murmle ich und versuche Janine dabei nicht anzusehen, wäre sie nicht aufgetaucht, würde ich nicht so schnell aufstehen wollen. Ich blicke auf mein Schienbein, das eine ordentlich Schürwunde ziert, in der Schotter klebt, gleich wie in meinen Ellbogen. Mein Arm lässt sich etwas schwer abbiegen, aber ich glaube es ist nichts gebrochen. Mein Fahrrad liegt im Straßengraben. Kurz verschaffe ich mir einen Überblick über das was gerade passiert ist. Mist. Mir ist schwindelig und ich fühle mich komisch. Trotzdem muss ich jetzt weiter. Darum stehe ich auf und putze den Staub von meinem Kleid, auch wenn das nicht viel bringt. Ich will das Rad hochheben, doch der junge Typ meint er hilft mir und zieht es für mich aus dem Graben.

„Aber ich bring dich nach Hause? Wo wohnst du?“, fragt er und sieht mich musternd an. Fast als glaube er nicht, dass ich wirklich ok bin. Zu den blauen Augen und dem musternden Blick gesellt sich ein strahlendes Lächeln. Wow…auch noch schöne Zähne.

„Das ist nicht nötig…Danke…“ Ich greife nach meinem Fahrrad. Er zieht den Schulterriemen meiner Tasche aus einer Speiche.

„Der hat sich eingefangen“, stellt er fest.

Ich sehe ihn kurz an, er ist einer der Engländer, spricht aber ziemlich gut Deutsch. Er hat zwar einen Akzent und manche Wörter kommen etwas schief daher, aber es reicht um ihn gut zu verstehen.

„Verfangen“, bessert ihn Janine aus, während ich ihn immer noch ansehe.

Ich ignoriere sie, ich hasse es, wenn man so herablassend ausbessert, aber von ihr kann man nichts anderes erwarten. Sie ist zwar hübsch, unumstritten, aber sie ist blöd wie ein Ballen Stroh.

„Bist du sicher? Du blutest.“ Er greift sich an die Nase um mir zu signalisieren, dass meine nicht ok ist.

Ich fasse darunter und sehe auf meine blutigen Finger.

„Warte.“ Er dreht sich um und geht zur Vespa, die er ein paar Schritte von meiner Unfallstelle abgestellt hat.

„Die anderen warten bestimmt schon auf uns, Anna wohnt doch gleich da vorn“, beschwert sich Janine und zappelt ungeduldig herum.

„Let them wait…“, murmelt er und kramt im Fach der Vespa. Er kommt mit einem sauberen Taschentuch zurück und drückt es mir unter die Nase.

„Danke“, sage ich etwas verlegen ohne ihn anzusehen.

Ich fühle mich immer noch benommen von dem Sturz und mir ist es total peinlich hier so zu stehen. Ich weiß nicht recht was ich sagen oder tun soll. Das kann auch wirklich nur mir passieren. Janine verdreht genervt die Augen.

„Danke“, wiederhole ich um aus dieser blöden Situation zu entkommen. Ich nehme meine Tasche vom Gepäcksträger, hänge sie mir über die Schulter und will mein Fahrrad losschieben, als er mich am Arm sanft zurückhält.

„Ich kann dich nach Hause fahren. Wo wohnst du?“

Janine atmet hörbar ungeduldig durch.

Ich schüttle den Kopf. „Nein. Es geht schon“, sage ich etwas eindringlicher und gehe los.

„Kommst du jetzt? Es geht ihr doch gut“, beschwert sich Janine. Ich schließe kurz meine Augen und atme durch.

„Anna?“, sagt er mir etwas lauter hinterher.

Ich drehe mich um.

„Bist du sicher?“ Er blickt abwartend zu mir.

Ich nicke und lächle ihn an. Keine Ahnung warum. Weil er sich Sorgen um mich macht. Weil er Janine ignoriert. Weil er süß ist. Ziemlich süß sogar.

„Danke, ja, es sind doch nur ein paar Kratzer.“

„Ok…Wenn du sicher bist?“ Er fährt mit der Hand durch seine dunkelblonden Locken, die im Rest der abendlichen Sonne fast goldig schimmern.

Erneut nicke ich. „Tschüss…“

Ich gehe wieder los und versuche nicht zu humpeln, auch wenn ich das lieber tun würde, weil mein Bein echt weh tut, aber ich will nicht den Anschein machen empfindlich zu sein.

„Bye…“, höre ich ihn noch sagen.

Janine motzt etwas, dann höre ich nicht mehr was sie sprechen, weil er die Vespa wieder startet. Er rollt langsam an mir vorbei. Ich muss einfach noch einmal zu ihm sehen. Unsere Blicke treffen sich, wieder lächelt er und wieder erwidere ich es. Verlegen. Mir wird kurz heiß. Vermutlich bin ich jetzt rot. Dann fährt er an mir vorbei, Janine dreht sich noch einmal um und schlingt ihre Arme fast demonstrativ um seinen Bauch. Sie ist so eine blöde Schlampe. So eine blöde Schlampe... Ich atme durch. Auch wenn ich schon viel zu spät bin, schiebe ich mein Fahrrad den restlichen Weg. Erstens weil ich glaube, dass der Vorderreifen vom Sturz einen Achter hat, zweitens weil mir der Kopf weh tut und drittens hoffe ich, dass der Unfall mein Zuspätkommen zu Hause rechtfertigt. Erst jetzt merke ich wie weh mir alles tut. Die Schürfwunden brennen ordentlich. Ich lehne mein Fahrrad an die Holzwand vom Schuppen und gehe über den Hof ins Haus. Ich bin auf alles eingestellt. Viel schlimmer als mein Sturz kann es heute auch nicht mehr werden. Ich gehe hinein und schlüpfe aus meinen Flip Flops. Mama schaut aus der Küche.

„Anna! Ach du meine Güte…Was ist passiert?“

Ich zucke mit den Schultern. „Ich bin gestürzt. Mit dem Fahrrad.“

„Komm, setz dich in die Küche. Das müssen wir sauber machen. Da sind ja überall kleine Steinchen in den Abschürfungen. Da ist aber nichts gebrochen oder?“

Nein…Kann ich das nicht unter der Dusche machen?“, seufze ich.

Mama schüttelt den Kopf und meint der Schotter muss aus der Wunde. Ich sehe auf die Küchenuhr. Fast halb neun.

„Ist er nicht da?“, frage ich vorsichtig.

„Er musste noch einmal weg.“ Mama streicht durch meine Haare und über meine Wange. Ich amte erleichtert aus und lehne mich zurück. Sie holt das Desinfektionsspray und gibt mir ein kaltes Tuch für meine immer noch blutende Nase.

„Wie ist denn das passiert?“, fragt sie als ich zusammenzucke, weil das Spray fürchterlich brennt.

Ich schließe kurz meine Augen. „Der Riemen von meiner Tasche hat sich verfangen.“

Es lässt sich nicht verhindern, dass ich trotz dem Brennen lächeln muss. Ich habe noch nie solche Augen gesehen. Wunderschöne, fast durchscheinend und aus seinem Gesicht stechende hellblaue Augen. Er ist echt nett. Aber was will er mit Janine? Das verstehe ich absolut nicht.

„Ich glaube mein Fahrrad hat einen Achter…“, murmle ich.

Mama seufzt, sagt sonst aber nichts mehr. Nach ein paar Minuten hat sie alles sauber gemacht und ich bin froh endlich unter der Dusche zu stehen. Die Schürfwunden brennen zwar ordentlich, aber das vergesse ich gleich wieder, wenn ich an das schöne Lächeln denke. Ich weiß nicht einmal wie er heißt. Ich hätte freundlicher sein können. Dankbarer. Ich hätte ihn nach seinem Namen fragen sollen. Mein Gesicht unter den Wasserstrahl haltend schüttle ich den Kopf. Mist. Selbst wenn ich die Augen schließe ist er noch da. Ich seufze und greife an die Stelle an meiner Wange über die seine Finger strichen.

Kurz nach neun liege ich im Bett. Mir tut alles weh und trotzdem schlafe ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.

Kapitel 2

Anna

Ich wach auf und versuche mich vorsichtig durchzustrecken. Wie erwartet tut mir heute noch immer alles weh. Wenn ich ehrlich bin, sogar mehr als gestern. Ich steige aus dem Bett und gehe zum Fenster um den Vorhang zu öffnen. Meine Schürfwunden sehen nicht wirklich gut aus. Es zieht und brennt fürchterlich. Ich reibe mir die Augen und wuschle meine Haare mit den Händen durch. Nachdenklich streiche ich mit dem Zeigefinger über meine Wange. Ich schließe meine Augen und lächle.

Kurz nach acht gehe ich nach unten in die Küche und mache mir eine Tasse Kakao. Durch das offene Küchenfenster sehe ich Mama die im Garten arbeitet. Es wird heute wieder heiß, die Sonne strahlt schon ausgelassen und der Duft der warmen Luft fährt durch meine Nase. Ich nippe an meiner Tasse. Keine Ahnung ob ich so zum See kann. Mir tut alles weh, vermutlich wäre es besser im Haus zu bleiben.

„Guten Morgen“, lächelt mich Mama an, die mit einer Schüssel voll Gemüse in die Küche kommt.

„Guten Morgen“, erwidere ich ihr Lächeln. Sofort sieht sie musternd auf meine Wunden.

„Das sieht nicht so gut aus Anna.“

„Das ist nichts. Es sieht schlimmer aus als es ist.“

„Dein Vater meinte er muss den Vorderreifen von deinem Rad tauschen. So kannst du nicht mehr damit fahren.“

Ich nicke wortlos und bin froh darüber ihm weder gestern Abend, noch heute Morgen begegnet zu sein.

„Du solltest heute aber sowieso nicht in die Sonne gehen und schon gar nicht ins Wasser.“

„Ich kann mich in den Schatten setzen. Ella wartet doch auf mich.“

Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Du bist auch ganz blass. Bleib heute besser zu Hause.“

Auch wenn ich es nicht zugeben will, Mama hat vermutlich Recht. Die Sonne und die Hitze würden mir heute nicht wirklich guttun. Ich seufze hörbar. Gerade heute möchte ich so gerne wie selten zuvor an den See. Nachdem ich Ella angerufen habe, die es ziemlich schade findet, dass ich nicht komme, aber froh ist, dass bei meinem Sturz nicht mehr passiert ist, stelle ich mich unter die kalte Dusche. Das kühle Wasser läuft über meine Schultern, ich greife mir an den Kopf der immer noch ein bisschen weh tut. Ob er heute auch wieder am See ist? Er hat so ein schönes Lächeln. Ich schließe meine Augen und amte durch. Es ist doch gar nicht wichtig ob er dort ist oder nicht. Ich sollte mich nicht damit beschäftigen. Wozu auch? Ich steige aus der Dusche und betrachte mich in ein Handtuch gewickelt vor dem Spiegel. Ich bin froh, dass meine Haare nach einer mir heute unverständlichen Aktion vor ein paar Monaten wieder länger geworden sind. Damals habe ich mir eingebildet sie müssen abgeschnitten werden. Ich bin nach der Schule in einen Frisörsalon in Graz gegangen. Einfach so. Ohne viel darüber nachzudenken. Es waren bestimmt mehr als fünfzehn Zentimeter. Mein Vater hat fast durchgedreht, als ich so nach Hause kam. Nein, nicht fast, er hat definitiv durchgedreht. Jetzt sind sie zumindest wieder soweit nachgewachsen, dass ich sie zusammenbinden kann. Ich würde so gerne ein paar Strähnchen in mein fades dunkelbraun machen lassen, aber auch das würde bei meinem Vater nicht gut ankommen. Ich schüttle den Kopf und sehe dabei mein Spiegelbild an. Ich bin jetzt fast achtzehn und komme mir vor wie ein Baby. Wie ein Vogel eigensperrt in einem goldenen Käfig. Ja ich habe alles was ich brauche, eigentlich sogar mehr. Doch was ich will, bekomme ich nicht. Meine beiden Brüder sind lange aus dem Haus, beide sind viel älter als ich. Als Nachzüglerin sitze ich jetzt in diesem Haus und hasse mein Dasein manchmal wirklich. Ich beneide meine Brüder die im Ausland leben. Paul ist Kellermeister auf einem großen Weingut im französischen Burgund und Sebastian lebt schon lange in New York, wo er für ein große Softwarefirma arbeitet. Er hat eine Amerikanerin geheiratet und inzwischen ein kleines Mädchen, das ich noch nie live gesehen habe. Die beiden sehen wenig Anlass zurück in die Steiermark zu kommen. Meine Mama leidet sehr darunter. Sie würde ihre Enkelin gerne sehen und ihre Söhne auch. Keine Ahnung ob ich auch weg gehe wenn ich die Matura in der Tasche habe. Ich bin schon froh, dass ich auf die Ortweinschule gehen durfte. Mama musste Papa dafür wochenlang gut zureden. Kunst und Design, was für ein Blödsinn hat er immer wieder gesagt und er ist bei seiner Meinung geblieben. Ich hätte besser etwas Bodenständiges machen sollen. Künstler. Fotos machen. Wozu soll das gut sein? Das höre ich fast jeden Tag. Ich liebe allerdings genau das. Es macht mir Spaß die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen und durch die Linse einer Kamera lässt sich das sehr gut umsetzten. Die Welt ist so viel mehr als man mit den Augen sehen kann. Viele Dinge sind schön, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennt.

Ich helfe Mama ein bisschen in der Küche, danach verkrieche ich mich in meinem Zimmer. Der Tag scheint endlos zu sein, die Zeit vergeht einfach nicht. Gerade als ich in den Garten gehen will, weil es ein bisschen kühler geworden ist, klopft es an meiner Tür. Ella steckt den Kopf ins Zimmer.

„Hey…Wie geht es dir?“, fragt sie und zieht beim Anblick meiner Schürfwunden die Augenbrauen hoch.

„Hey…Geht schon…Wie schön, dass du vorbeikommst!“ Ich springe auf und falle ihr um den Hals.

„Scheiß Fahrrad…“, murmelt sie und mustert meine Verletzungen. „Kommst du morgen wieder mit zum See?“

„Ich wäre heute schon gern gekommen, aber Mama meinte das wäre nicht so gut.“

Ella nickt seufzend.

„War etwas Besonderes heute?“, frage ich vorsichtig, während wir nach unten gehen. Ich nehme zwei Eis für uns aus dem Gefrierfach, bevor wir in den Garten gehen. Wir setzen uns auf die Bank unter dem schattigen Kirschbaum. Ella schüttelt den Kopf.

„Nein…Ohne dich ist es ja sowieso fad.“

Ich nicke. „Waren die Jungs die am Herzoghof wohnen auch wieder dort?“ Meine Stimme ist ganz leise und die Frage fast beiläufig.

„Ja. Die waren auch dort.“

„Aha. Janine auch?“

„Ich glaub schon. Seit wann interessiert dich Janine?“

„Sie interessiert mich nicht.“

Ella beugt sich neugierig zu mir. „Und darum fragst du mich nach ihr?“

Verlegen zupfe ich an meinem Shirt. „Einer von den Jungs hat mir gestern geholfen nach dem Sturz.“ Ich merke wie meine Wangen heiß werden.

„Ok…Und?“, Ella sieht mich grinsend an.

„Er war nett“, füge ich hinzu.

„Nett…Ach so. Und darum bist du jetzt so rot geworden?“

Ich zucke mit den Schultern. „Ja…Nett.“

Sie grinst weiter und verdreht die Augen.

„Er wollte mich sogar nach Hause bringen“, schwärme ich. „Aber das ging nicht. Du weißt doch, mein Vater hätte durchgedreht, wenn mich ein Bursche herbringt. Obwohl…Er war gar nicht zu Hause.“

Ella grinst immer noch breit. „Er gefällt dir. Es ist also der, der mit Janine herumhängt. Wie kann er nett sein, wenn er mit dieser Schlampe etwas anfängt?“

Wieder zucke ich mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es ist sowieso Zeitverschwendung darüber nachzudenken. In ein paar Tagen ist er wieder weg.“

„Ja, stimmt. Aber wenn er so nett ist.“ Ella gibt mir einen kleinen Schubs.

Ich muss lächeln. Trotzdem versuche ich der Sache nicht mehr Bedeutung als nötig zu schenken. Ella bleibt noch ein bisschen, aber wir reden nicht mehr über das Vorgefallene. Ich beschließe sie noch ein Stück zu begleiten. Sie schiebt ihr Fahrrad, wir schlendern unsere Auffahrt hoch. Papa biegt ein und hält neben uns an.

„Servus Ella“, begrüßt er sie, während er mich musternd ansieht. „Servus Anna. Mama hat mir von deinem Unfall gestern erzählt. Wie geht denn das auf einer kerzengeraden Straße?“

„Hallo…Ja… Weiß ich auch nicht.“ Ich senke meinen Blick.

Er verdreht genervt die Augen. „Das Fahrrad habe ich heute in den Ort zum Reparieren gebracht, jetzt musst du halt ein paar Tage ohne auskommen.“

Ich nicke. „Danke…Ja… Ich gehe zu Fuß.“

„Oder du bleibst einfach daheim.“

Ohne meine Antwort abzuwarten fährt er weiter. Ich schließe kurz meine Augen. Das wäre ihm das Liebste. Mich daheim einsperren. Sicher. Ella kommentiert die Ansage meines Vaters nicht, sie kennt ihn lange genug.

„Ich kann meine Mama morgen fragen ob sie uns zum See fährt, wenn du willst.“

„Es geht auch zu Fuß. So weit ist es ja nicht. Treffen wir uns vorne an der Kreuzung zur Hauptstraße?“

Sie nickt und drückt mich zum Abschied. Gerade als sie losradeln will, höre ich ein Moped. Ich höre es schon ehe ich es sehe und trotzdem beginnt mein Herz sofort schneller zu schlagen. Ella bleibt noch einmal stehen und sieht mich mit großen Augen an.

„Vielleicht ist er das?“ Ihre Augen verdrehen sich dabei vielversprechend.

Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hat, weiß ich das er es ist. Ich erkenne ihn.

„Er ist es…“, murmle ich leise.

Ella schmunzelt und fährt los. Ich will ihr noch hinterherrufen wie sie mich jetzt einfach so allein hier stehen lassen kann, doch da ist sie schon dahin und die Vespa hält neben mir. Er nimmt seinen Helm ab, fährt sich durch die Haare und lächelt mich an. Ich muss zusehen, dass mir der Mund nicht offensteht.

„Hi“, lächelt er immer noch. Dabei strahlen seine Augen, mir wird ganz komisch.

„Hallo“, erwidere ich und habe Angst, dass meine Stimme versagt.

„Bist du ok? Ich habe dich heute nicht am See gesehen.“ Er sieht auf mein Bein.

Ich nicke zaghaft und weiß nicht Recht was ich sagen soll. In einer klaren Sekunde fällt mir ein, dass ich mich bedanken sollte.

„Danke für deine Hilfe gestern. Das war echt nett.“

„Ich habe nicht wirklich geholfen. Du wolltest dir ja nicht helfen lassen.“

„Doch…Es war echt nett von dir. Ist ja nichts passiert.“

Er legt seinen Kopf zur Seite. Seine Augen strahlen. Wow….

„Anna, nicht wahr?“

Das Anna sagt er dabei nicht wie es hier bei uns ausgesprochen wird, sondern mit seinem englischen Akzent. Das klingt irgendwie besonders. Ich nicke.

„Kommst du mit? Wir wollen noch grillen bei unserem Ferienhaus.“

Mir bleibt fast das Herz stehen. Ich? Mit ihm mitfahren? Gott…

„Ich?... Ich kann nicht…Leider…aber Danke für die Einladung“, sage ich fast ein bisschen zu schnell.

Er zuckt etwas enttäuscht mit den Schultern. Ich würde schon gern. Ja. Sicher. Zwar nicht in meinem Aufzug und nicht ganz so spontan, aber natürlich will ich ja sagen.

„Darf ich dich denn heute nach Hause bringen?“

Ein weiterer Stich. Ich bekomme fast keine Luft. Möglichst unbemerkt hole ich Luft.

„Ich habe nur ein paar Meter“, sage ich dann schnell.

„Ok.“ Wieder scheint er enttäuscht über meine Abfuhr zu sein.

Er setzt seinen Helm auf und ich befürchte gerade alles falsch gemacht zu haben. Eine seltsame Panik steigt in mir auf. Wenn er jetzt wegfährt, was dann?

„Aber ich komme morgen wieder zum See“, sage ich darum schnell. Es klingt so plump, dass mir sofort die Schamesröte ins Gesicht steigt.

„Morgen?“ Er lächelt wieder. Zum Glück. Ich nicke.

„Ok. Dann sehen wir uns morgen“, meint er.

Wieder nicke ich. Vermutlich viel zu offensichtlich und euphorisch. Ich kann nichts mehr sagen und meine Knie fühlen sich etwas wackelig an. Er startet die Vespa, ich bekomme kaum Luft, so komisch fühle ich mich.

„Ich heiße übrigens Julian“, sagt er noch und zwinkert mir dabei zu. „Bis morgen Anna.“

Ich kann nichts mehr sagen. Er fährt los. Julian. Nicht wie Julian, sondern wie das englische Julian. Ich sehe ihm perplex hinterher. Er dreht sich noch einmal um und winkt mir zu. Verlegen erwidere ich es. Wie von selbst gehe ich los. Julian. Wow… Er sieht so gut aus. Braungebrannt. Coole Haare. Lässige Shorts. Unglaublich schöne Augen. Wow…

Kapitel 3

Anna

Auch wenn ich nur zum See gehe, habe ich heute mehr Zeit als sonst damit verbracht mein Outfit auszusuchen. Sogar meine Haare habe ich besonders schön geföhnt. Auch wenn das vermutlich nicht viel bringt, weil ich bei der Hitze und dem Fußmarsch zum See sowieso gleich zu schwitzen beginne. Aber egal. Ich bin nervös. Nervös, aufgeregt und aufgedreht. Ella wartet wie abgemacht bei der Kreuzung auf mich. Sie grinst mir schon von weitem entgegen.

„Und? Was hab ihr geredet?“, fragt sie voller Neugier.

„Nicht so viel…“, lächle ich.

„Nicht so viel? Dafür strahlst du aber ganz schön.“

„Er hat gefragt ob ich ihn zum Herzog Hof begleite, zum Grillen.“

„Echt? Cool. Du bist aber nicht mitgefahren“, sie seufzt.

Ich schüttle den Kopf.

„Aber er ist auch heute wieder am See.“ Ich muss immer noch lächeln. Es lässt sich irgendwie nicht abstellen.

„Darum hast du dich heute so rausgeputzt.“ Sie gibt mir einen kleinen Schubs.

„Vielleicht“, schmunzle ich.

„Na dann. Setz dich auf den Gepäcksträger, bevor sich Janine wieder an ihn ranschmeißt.“

Janine, die hatte ich schon ganz vergessen. Sie passt gar nicht zu ihm. Glaub ich zumindest. Vielleicht war er auch nur nett zu mir wegen dem Fahrradunfall. Ich setze mich auf den Gepäcksträger und hoffe das und so keiner sieht. Zumindest ist es angenehmer als bei der Hitze zu laufen. Beim See angekommen bin ich richtig nervös. Ich sehe mich kurz um, aber von den Vespas keine Spur. Er ist also noch gar nicht hier. Etwas enttäuscht gehen wir durch den Cafebereich über die große Liegewiese zu unserem gewohnten Platz. Wir sind früh dran, heute sind noch gar nicht viele Leute hier. Er kommt bestimmt noch. Ich lege mein Handtuch im Schatten auf, meine Schürfwunden sehen heute auch noch schlimm aus. Es haben sich dicke Krusten gebildet, ganz und gar nicht sexy. Zumindest mein neuer Bikini ist sexy. Glaub ich zumindest. Ich habe ihn vor ein paar Wochen in Graz gekauft. Er ist türkis und hat einen tollen Schnitt, weil ich schon ziemlich braun bin, sieht es echt gut aus.

„Anna…Sag mal, heißes Teil!“ Ella kneift mir in den Po, was mich kurz aufquietschen lässt.

Ich zupfe am Oberteil. „Nicht zu knapp?“

Sie beißt sich lasziv auf die Unterlippe. „Heiße Möpse Baby“, grinst sie.

Ich schüttle den Kopf und lasse mich aufs Handtuch fallen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wie ich mich dabei erwische immer wieder zum Eingang zu schielen. ob er kommt. Ich bin normal nicht so. Es gab zwar so manchen Burschen der mir in der Vergangenheit gefiel, aber es war nie wirklich etwas Ernstes. Wenn ich an Julian denke, bekomme ich Herzklopfen. Das ist komisch, ich kenne ihn ja gar nicht. Ich ziehe mein Buch aus der Tasche und versuche nicht mehr an ihn zu denken. Ella ist ins Wasser gegangen, ich habe keine Lust und lege mich stattdessen auf den Bauch um die Sonnenstrahlen auf meinem Rücken zu genießen und meine Schürfwunden zu schonen. Ein bisschen Sonne wird schon nicht schaden. Ich schließe meine Augen und lausche der Geräuschkulisse die mich umgibt. Eine Mischung aus Pommes und Sonnenmilch strömt durch meine Nase. Ich atme tief ein und aus, als ich vor Schreck zusammenzucke, weil etwas Kaltes meinen Rücken berührt.

„Ella!“, beschwere ich mich und sehe auf. Aber es ist nicht Ella. Es ist Julian. Er hält zwei Eis in der Hand und lächelt mich an. Mit dem Eis hat er scheinbar meinen Rücken berührt.

„Hi…“, stammle ich überrascht und hoffe mein Bikinioberteil ist nicht verrutscht. Darauf bedacht es schnell zurecht zu zupfen setze ich mich auf.

„Hi Anna.“ Er hält mir das Eis vor die Nase. „Twinni oder Jolly?“

„Für mich?“, frage ich und merke wie sich meine Mundwinkel wie von selbst nach oben verziehen. Er sieht auch heute wieder so toll aus.

„Ja, für dich. Also?“ Er wackelt verführerisch mit dem Eis vor einer Nase.

„Twinni bitte.“

Er gibt mir das Eis und steht immer noch neben mir.

„Ach so… Setz dich doch“, sage ich verlegen.

Er lässt sich nicht zweimal bitten, ich mache etwas Platz auf meinem Badetuch und er setzt sich neben mich. Ich bin so nervös, dass ich gar nicht weiß wie ich das Eis essen soll. Aus dem Augenwinkel sehe ich ihn an. Weil es mich total aus dem Konzept bringt das er nichts sagt, frage ich einfach etwas.

„Du bist doch aus England, wie kann es sein, dass du so gut Deutsch sprichst?“

„Meine Mutter kommt vom Bodensee. Aus Lindau.“

„Oh. Ach so. Bodensee. Voll schön. Warum machst du nicht dort Urlaub? Da ist doch viel mehr los als bei uns in der Steiermark am Land.“

„Wir sind schon fast drei Monate unterwegs und auf der Rückreise von Italien hier hängen geblieben.“ Er lächelt mich an. „Ich finde es hier ziemlich schön. Es ist warm und trotzdem alles grün. Ich komme übrigens nicht aus England, sondern aus Schottland.“

„Schottland?“ Ich finde er sieht nicht aus wie ein Schotte. Schotten stelle ich mir anders vor. Rothaarig und bärtig oder so. Er ist cool und lässig. „Du bist Schotte und deine Mutter kommt aus Deutschland. Wie geht denn das?“, frage ich neugierig.

„Meine Eltern haben sich bei einem Kongress kennen gelernt. Sie kommen beide aus Hoteliers Familien. Sie haben sich verliebt und so ist meine Mum nach Schottland gezogen.“

Ich lächle ihn an und packe meine Eisstäbchen ins Papier. „Echt? Romantisch. Ihr habt ein Hotel?“

Er nickt.

„Dann machst du bestimmt etwas im Hotelwesen, oder?“

„Nein…das ist gar nichts für mich…“, er verdreht die Augen. „Ich studiere Maschinenbau für Flugzeugtechnik.“

„Sehr spannend. Flugzeugtechnik.“ Ich sehe ihn bewundernd an und bemerke wie meine Wangen heiß werden als sich unsere Blicke treffen. Flugzeugtechnik. Wie cool ist das denn bitte?

„Ja, spannend. Und du?“

„Nicht so spannend, ich gehe noch zur Schule. Ich mache Matura.“

Er nickt interessiert. „Das ist Abitur?“

„Ja genau.“

Er lässt sich zurückfallen und schaut in den Himmel. Ich bin überfordert und weiß nicht was ich tun soll. Ella winkt mir zu, sie scheint ganz entzückt zu sein. Scheinbar um uns nicht zu stören geht sie Richtung Bar.

„Du wirst rot an deiner Schulter“, meint Julian und zeigt auf die gemeinte Stelle.

„Was? Nein…“

„Doch. Hast du ein Sunlotion? Ich mach sie dir drauf.“

Habe ich schon, klar, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das aushalte. Es scheint mir auch ein wenig Anmache zu sein. Ich schiele über meine Schulter, aber er hat Recht, ich werde wirklich rot. Ich nehme die Creme aus meiner Tasche und reiche sie ihm etwas zögerlich. Er setzt sich wieder auf, ich weiß nicht wie ich mich verhalten soll. Aber bevor ich zum Überlegen komme streicht er schon meine Haare aus dem Nacken und trägt die Sonnenmilch auf. Ich halte die Luft an. Seine Hände streichen sanft über meine Schultern, eine Gänsehaut überzieht meine Arme. Er stoppt an meinem Schulterblatt.

„Was hast du da gemacht?“

„Nichts…“, murmle ich.

Er streicht über die Narbe die ich dort seit einiger Zeit habe.

„Sieht nicht aus wie nichts…“ Noch einmal streicht er sanft über die Stelle.

„Ist aber nichts“, wiederhole ich ohne mich umzudrehen. Er sagt nichts mehr darauf und verschmiert den Rest der Creme.

„So schon fertig.“ Er lässt sich wieder auf das Handtuch fallen und ich atme endlich aus und vorsichtig wieder ein.

„Danke“, sage ich fast ein bisschen piepsig.

Wieder lächelt er mich an. Wieder Gänsehaut.

„Was meinst du, eine Runde schwimmen? Es ist echt heiß.“ Er sieht mich abwartend an.

„Ja…ok“, sage ich fast von selbst.

Er steht auf und greift nach meiner Hand um mir hoch zu helfen. Das Wasser kommt mir heute kalt vor, oder es ist weil ich so nervös bin. Es brennt auch ein wenig an den Schürfwunden. Zaghaft setze ich einen Fuß vor den anderen, während Julian schon längst drinnen ist.

„Kalt?“, grinst er mich an als ich es endlich geschafft habe.

„Ein bisschen…“, grinse ich zurück.

Wir schwimmen ein Stück hinaus. Er sagt nichts. Ich auch nicht. Irgendwann muss ich aber wieder etwas sagen, ich halte die Stille kaum aus.

„Wo sind deine Freunde heute?“

„Hangover.“

„Von der Grillparty gestern?“

Er nickt.

„Du nicht?“, frage ich nach.

„Nein.“

„Und Janine?“ Die Frage ist mir rausgerutscht. Auch wenn es mich interessiert warum er so viel mit ihr herumhängt, wollte ich das nicht so offensichtlich fragen.

Er zieht die Augenbrauen hoch. „Was meinst du?“

Super. Was soll ich jetzt sagen?

„Na ja… Ihr seid viel zusammen…“, stammle ich.

Jetzt grinst er. „Jetzt bin ich aber gerade hier.“

Ich kann diese Ansage nicht richtig einordnen. Es klingt fast so, als wolle er mir damit sagen, er könne sich die Mädels aussuchen, je nach Laune. Das gefällt mir nicht. Ich schwimme ohne Kommentar weiter und lasse ihn zurück.

„Anna?“, ruft er mir hinterher, was ich ignoriere. Er holt auf und ist wieder neben mir.

„Janine ist nicht deine Freundin, oder?“, fragt er nach.

Ich schüttle den Kopf ohne ihn anzusehen. Wir sind schon weit draußen, ich will wenden um wieder zurück zu schwimmen, als er mich an meiner Hand zurückhält. Er zieht mich ein Stück zu sich und greift nach meiner anderen Hand. Da ist er wieder. Dieser Blick. Es ist als würden kleine Blitze durch meine Körper fahren. Seine Hände halten meine etwas fester, wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Sein Gesicht kommt näher an meines.

„Ich bin nicht wie Janine“, sage ich als er stoppt, kurz bevor sich unsere Nasen berühren. Er weicht wieder zurück. „Ich bin auch nicht wie die Mädchen die ihr so jeden Tag von hier abschleppt“, füge ich noch hinzu. Mein Ton ist kühl. Fast zu kühl.

Er sieht mich verwundert an. Mein Herz klopft. Auch wenn ich jetzt mit Sicherheit alles zerstört habe, was ich so gerne gehabt hätte, bin ich froh es gesagt zu haben. Seine Hände halten meine aber immer noch, doch er sagt nichts. Gerade als ich noch etwas sagen will, zieht er mich an meinen Händen hinunter und taucht mit mir unter Wasser. Zwar nur kurz, aber es war so überraschend, dass ich Wasser in die Nase bekommen habe und nach dem Auftauchen ordentlich husten muss.

„Was machst du denn?“, beschwere ich mich, muss dann aber lachen, weil er es auch tut.

Immer noch lachend greift er wieder nach meiner Hand, mit der anderen streicht er meine Haare die mir wirr ins Gesicht hängen zur Seite. Ich schließe kurz meine Augen. Gott…Warum habe ich es nicht einfach zugelassen. Er kommt wieder näher an mein Gesicht, lächelt mich an und streicht mit seinen Händen meine Arme hoch, seine Beine berühren meine unter Wasser. Ich bekomme kaum Luft und bin unglaublich froh unter Wasser zu sein, denn ich spüre wie sich meine Brustwarzen aufrichten, was mit Sicherheit nicht vom kalten Wasser ist.

„Ich weiß schon, dass du nicht wie Janine bist“, flüstert er in mein Ohr, ehe er mich unerwartet loslässt. „Komm, schwimmen wir zurück!“

Was? Zurückschwimmen? Jetzt? Ein wenig enttäuscht schwimme ich ihm hinterher. Bis wir am Ufer sind, hat sich mein Puls beruhigt und ich hoffe meine Brustwarzen auch. Vorsichtshalter verschränke ich meine Arme bis ich mich in mein Handtuch wickle.

„Du hast kein Handtuch“, stelle ich fest und sehe Julian an wie ihm das Wasser von der Nase tropft. Ich greife in meine Tasche und gebe ihm eines von mir. Es ist zwar klein, aber besser als keines.

„Danke. Darf ich noch bei dir bleiben?“, fragt er.

Ja…Das wäre schön“, lächle ich ihn an, gerade als auch Ella zu unserem Platz zurückkommt. Ohne dass es Julian sieht, zwinkert sie mir aufgeregt zu.

„Hi“, begrüßt er sie und streckt sich auf meinem Liegetuch aus.

„Hi…“, meint Ella und hält ihm die Hand entgegen. „Ich bin Ella.“

„Julian.“

Ich rubble verlegen meine Haare ab.

„Wollt ihr allein sein?“, flüstert Ella in mein Ohr.

„Nein…“, schüttle ich den Kopf.

Sie verdreht belustigt die Augen und schnappt sich ihr Handtuch. „Ich geh ein bisschen weiter in die Sonne.“

Irgendwie weiß ich nicht wie ich mich jetzt hinlegen soll, nach kurzem Überlegen versuche ich aber nicht mehr nachzudenken und lege mich einfach neben ihn. Am Bauch liegend drehe ich meinen Kopf zu ihm. Er hat seine Hände unterm Kopf verschränkt und die Augen zu. Seine Brust ist braun, glatt und er ist sportlich. Ich sollte da zwar nicht hinsehen, aber vom Nabel abwärts säumen seinen Bauch dunkelbraune Haare. Ein paar Wassertropfen tanzen noch auf seiner Haut. Ich würde gern darüberstreichen, traue mich aber nicht. Ich schließe meine Augen.

„Wie alt bist du Anna?“, reißt er mich aus meinen Bestaun Modus.

Ich sehe auf und hebe meinen Kopf ein wenig an. „Ich werde achtzehn im Herbst. Und du?“

„Am Samstag einundzwanzig.“

Einundzwanzig. Am Samstag. Er dreht sich zu mir und lächelt mich schon wieder an. Meine Halsschlagader pumpt.

„Da drüben am anderen Ufer soll es ganz schöne Plätze geben. Kennst du die?“, fragt er mich.

„Ja. Da muss man aber ein Stück durch den Wald“, erkläre ich.

Er nickt und scheint etwas zu überlegen. „Zeigst du es mir? Morgen?“

„Morgen?“, frage ich ungläubig nach. Hat er mich gerade gefragt etwas allein mit ihm zu machen?

„Ja morgen“, bestätigt er.

„Nur wir zwei?“

Er nickt und streicht mit dem Zeigefinger über die Schürfwunde an meinem Ellenbogen.

„Ok…“, hauche ich und spüre wie sich schon wieder alles in meinem Bauch zustimmend zusammenzieht.

Es ist ein perfekter Tag. Einfach perfekt. Auch wenn er mich nicht geküsst hat, was ich ja selbst verbockt habe. Die Zeit vergeht so schnell und hätte mich Ella nicht erinnert, dass es bald acht ist, würde ich heute schon wieder zu spät nach Hause kommen.

„Du musst echt schon gehen?“, fragt mich Julian ungläubig und hilft mir die Handtücher zusammen zu legen.

„Ja, leider. Aber wir sehen uns doch morgen.“

Er nickt nicht ganz zufrieden. „Aber heute bring ich dich nach Hause. Keine Widerrede.“

Ich kratze mich nervös am Kopf. Ella sieht aus dem Augenwinkel zu mir. „Nein…Danke… Ich…“

„Warum denn nicht?“, unterbricht er mich hartnäckig.

„Weil ihr Vater ein Tyrann ist“, mischt sich Ella auf einmal ein. Shit. Warum macht sie das?

„Dein Vater? Er will nicht das dich ein Mann nach Hause bringt? Noch dazu irgendein Typ der bald wieder verschwindet.“ Er zuckt mit den Schultern und sieht mich fast mitleidig an. „I understand…“, murmelt er noch.

„Nein, das verstehst du nicht.“ Ich nehme meine Tasche und werfe Ella einen bösen Blick zu. „Danke dafür“, murmle ich ihr zu.

„Es ist doch die Wahrheit Anna“, verteidigt sie sich.

Julian greift nach meiner Hand. „Ist schon gut Anna.“

„Nein…Nein…Du verstehst das nicht“, ich sehe direkt in seine Augen. „Ich will nicht über meinen Vater reden. Kannst du mich ein Stück vor unserer Hofeinfahrt absetzen?“

Jetzt lächelt er wieder. „Sicher kann ich das.“ Fast als hätte er Angst ich würde es mir gleich wieder anders überlegen nimmt er schnell meine Tasche und geht los. Ich verabschiede mich noch von Ella, dann gehen wir über die große Wiese. Sanft streift er mit seinen Fingern meine Hand. Weil hier immer noch so viele Leute sind, traue ich mich aber nicht diese zu umfassen. Ich sehe schüchtern zu Boden. Draußen reicht er mir den Helm, als ich mich aufs Moped setzte durchströmt mich ein seltsames Gefühl. Jetzt bin ich auch nicht besser als Janine. Julian dreht sich zu mir um.

„Alles klar?“

Ich zucke mit den Schultern. Nein. Gar nichts ist klar.

„Ich fahre nicht so schnell, keine Sorge“, lächelt er meine Zweifel weg. Er greift nach meinen Händen. „Halt dich fest.“

Zögerlich halte ich mich an seinen Hüften fest. Der Fahrtwind ist herrlich und es ist total lustig so zwischen den Maisfeldern durchzubrausen. Ein wohliges Gefühl durchströmt mich. Ich bin nicht wie Janine. Ganz und gar nicht. Wir kommen für meinen Geschmack viel zu schnell an die Stelle an der er mich absetzten soll. Ich könnte noch ewig mit ihm über den Feldweg cruisen. Ich nehme den Helm ab und steige von der Vespa. Er stellt den Motor ab und nimmt auch seinen Helm ab.

„Treffen wir uns morgen hier. So um zehn?“

„Ja. Um zehn“, nicke ich.

„Machen wir ein Picknick? Ich kann etwas mitbringen?“, schlägt er vor.

„Klingt gut. Ich packe auch ein paar Sachen ein“, stimme ich zu.

Er greift nach meiner Hand und sieht mich ein paar Augenblicke an. Jetzt bin ich es, die einen Schritt auf ihn zugeht. Eine Handbreite vor ihm stehend senke ich nervös meinen Blick. Doch er zieht mich schnell dicht an sich, hebt mein Kinn mit seinem Zeigefinger an und nähert sich langsam meinem Gesicht. Jetzt sage ich nichts mehr. Sanft schließen sich seine Lippen um meine. Ich kann nicht atmen. Es ist anders als alles was ich bisher erlebt habe. Kurz habe ich das Gefühl umzufallen. Er legt seine Hände um meine Hüften und ich instinktiv meinen Kopf ein wenig zur Seite. Der Kuss dauert nicht besonders lang, aber es ist unglaublich. Seine Lippen sind weich und feucht, seine Zunge ist heiß. Er schmeckt himmlisch. Ich bin wie elektrisiert als er sich von meinem Mund löst. Benommen sehe ich in seine Augen, die plötzlich anders aussehen. Dunkler. Intensiver. Meine Hände schwitzen ein bisschen.

„Du musst jetzt gehen, ich will nicht, dass du zu spät kommst“, haucht er und küsst mich noch einmal kurz.

Ich kann nichts mehr sagen. Nur noch ein kurzes, kehliges „Bis morgen“, schaffe ich. Dann gehe ich los, er fährt. Ich bin froh über den restlichen Fußmarsch, weil ich total durcheinander bin. Vorsichtig greife ich an meine Lippen. Irgendwie muss ich es schaffen nicht komplett durchzudrehen, auch wenn ich mich gerade fühle als würde ich gleich vor Freude aus allen Nähten platzen. Ich bin so zappelig und aufgedreht, dass ich mich kaum selbst bremsen kann. Mama sitzt auf der Bank vor dem Haus und putzt Bohnen. Heute bin ich nicht zu spät, sondern sogar eine Viertelstunde zu früh.

„Hallo Anna. Hast du noch Hunger?“ Mama sieht mich an, ich habe das Gefühl kaum verbergen zu können, dass ich gerade geküsst wurde.

Ich schüttle den Kopf. „Nein. Ich mag nichts mehr.“

„Gut“, lächelt sie.

Ich gehe auf mein Zimmer und lasse mich auf mein Bett fallen. Langsam schließe ich meine Augen und fahre noch einmal meine Lippen mit dem Zeigefinger nach. Ich blicke auf meine Badetasche und ziehe das Handtuch mit dem er sich abgetrocknet hat heraus. Es ist ein bisschen krank, aber ich muss einfach meine Nase darin versenken. OH MEIN GOTT. Ich sauge den Duft intensiv ein und atme genüsslich wieder aus. Mein Herz klopft. Ich lasse mich zurückfallen, schließe meine Augen und kuschle mich in das Handtuch.

Kapitel 4

Anna

Julian. Das war mein erster Gedanke als ich heute früh meine Augen öffnete, und es hat sich bis jetzt nicht geändert. Es ist schon bald zehn und ich bin mir immer noch nicht sicher ob mein Outfit stimmt. Normalerweise mache ich da nicht so ein Drama, aber heute will ich einfach gut aussehen. Meinen Bikini habe ich schon an, ich schlüpfe in meine kurze weiße Jeansshorts und das pink-weiße Tanktop. Ich überlege noch ob diese Kombi nicht doch zu knapp ist, als ich meinen Vater von unten rufen höre.

„Anna!“

Ich zucke kurz zusammen. Was will er denn genau jetzt? Ich muss gleich los, Julian warten zu lassen kommt nicht in Frage. Ich öffne meine Zimmertüre.

„Ja?“

„Komm runter, wir fahren in den Ort, dein Fahrrad ist fertig!“, ruft er herauf.

Ich atme kurz ein. Dafür habe ich jetzt absolut keine Zeit mehr.

„Jetzt? Ähmmm...Ich kann auch selbst vorbeischauen, wenn ich zum See gehe“, rufe ich hinunter.

„Komm jetzt runter, wir fahren hin, oder willst du mit mir diskutieren?“ Seine Stimme klingt genervt über meinen Einwand.

Shit. Wenn ich jetzt mit ihm zum Fahrradgeschäft fahren muss, komme ich mit Sicherheit zu spät zu meiner Verabredung. Ich kann Julian nicht einmal Bescheid sagen, ich weiß gar nicht wie ich ihn erreichen kann. Mist – Mist – Mist. Ich schnappe meine Badetasche und laufe die Stiege hinunter. Mein Vater sieht mich mit einem Blick an, der mir kurz den Atem stocken lässt.

„Wie schaust du denn aus? Was hast du vor?“, meint er musternd.

„Nichts…Warum? Ich gehe baden… Wie immer“, stammle ich.

Er schüttelt den Kopf. „Keine Ahnung wie deine Mutter einverstanden sein kann, dass du dich so anziehst. Kürzer und enger geht nicht mehr?“

Bevor ich etwas dazu sagen kann, schaut Mama aus der Küche.

„Geh Heinrich…Es ist Sommer und sie ist ein junges Mädchen. Schau doch wie hübsch sie ist“, meint sie mit weicher Stimme.

Mein Vater zieht schnaufend die Augenbrauen hoch. „Ich kann dir genau sagen was mit den Mädchen passiert, die so rumlaufen.“

Ich sage nichts darauf und blicke zu Boden.

„Gar nichts passiert Heinrich“, verteidigt mich Mama immer noch, aber er lässt nicht locker.

„Und ich muss diesen Aufzug auch noch finanzieren.“ Er schüttelt abwertend den Kopf. „Los. Fahren wir.“

„Kann ich das Fahrrad nicht allein abholen? Ich muss sowieso in die Richtung…“

Er unterbricht mich. Die Tonlage seiner Worte ist jetzt ein bisschen erhoben. „Du fährst jetzt mit mir. Was ist denn heute los mit dir? Und was ist das für ein grauslicher Lippenstift?“

Ich versuche ruhig zu blieben. Kein Streit. Nur Lipgloss, es ist nur Lipgloss. Wortlos schlüpfe ich in meine Flip-Flops und wische meinen Mund in ein Taschentuch. Mama lächelt und streicht über meine Schulter. Immer noch wortlos folge ich ihm zum Auto und steige ein. Es ist fünf Minuten vor zehn. Ich schaffe es niemals mehr pünktlich mit dem Fahrrad vom Dorf zurück an die Stelle an der wir uns treffen wollen. Er wird denken ich komme nicht. Mein Magen fühlt sich komisch an. Mein Herz auch. Meine Knie sind ein wenig weich.

„Angurten Anna“, blafft mich mein Vater an.

Ich lege den Gurt an und versuche mir nichts anmerken zu lassen, auch wenn ich am liebsten schreien würde. Er fährt hoch und verlässt unsere Einfahrtsstraße. Ich schaue vorsichtig auf. Mein Herz klopft. Scheiße. Julian steht bereits an dem Platz wie ausgemacht. Ich bekomme kaum Luft.

„Was macht denn der da?“, murmelt mein Vater.

Ich sage nichts, könnte ich gar nicht, mein Puls pumpt unregelmäßig im Hals. Ich senke meinen Blick. Im letzten Moment bevor wir an ihm vorbeifahren, hebe ich meinen Kopf und sehe ihn an. Unsere Blicke treffen sich kurz. „Mach jetzt nichts… Bitte mach nichts…“, flehe ich wortlos in meinen Gedanken. Schnell senke ich meinen Blick wieder. Er steht nur da. Keine Reaktion. Ich riskiere einen Blick in den Seitenspiegel, er sieht uns nach. Ich bekomme kaum Luft.

„Kennst du den?“, fragt mein Vater und sieht dabei mit verengtem Blick in den Rückspielgel.

Ich schüttle den Kopf. Meine Hände schwitzen und zittern.

„Sprichst du heute nicht?“

„Doch…Sicher…“, murmle ich uns sehe wieder kurz in den Seitenspiegel. Langsam verschwindet er in der Ferne. Scheiße. Keine Ahnung was er jetzt denkt.

„Solltest du nicht besser mit dem Mathe lernen anfangen, statt jeden Tag am See herumzuhängen? Wir hatten doch eine Abmachung?“

Ich nicke ohne ihn anzusehen. Eine Abmachung. Mein Zeugnis war sehr gut. Ich bin eine der besten Schülerinnen meiner Klasse. In Mathematik habe ich allerdings das Gut knapp verfehlt. Der Stoff der letzten Schularbeit lag mir gar nicht und darum habe ich meine Jahresnote versaut. Ein Befriedigend. Sonst habe ich lauter Sehr gut. Mathe lag mir noch nie. Er ist ausgezuckt. Ich würde zu viel herumfliegen statt zu lernen und mich ablenken lassen. Ich wollte ja schließlich unbedingt auf diese Schule, die sowieso keinerlei Zukunftsperspektive verspricht. Also muss ich lernen, keine miesen Noten. Kein Befriedigend in Mathe.

„Ich lerne. Wie abgemacht“, sage ich leise.

Er nickt seufzend. Vorsichtig riskiere ich wieder einen Blick in den Seitenspiegel. Mein Herz bleibt fast stehen, als ich Julian etwas entfernt hinter uns herfahren sehe. Er kommt immer näher, ich schaue nicht mehr zurück, aber ich höre, dass das Geräusch der Vespa immer weiter zu uns aufschließt. Papa schaut in den Rückspiegel. Bevor er etwas sagen kann, fange ich schnell ein Gespräch an.

„Kann ich im Herbst mit dem Führerschein anfangen?“

„Ja. Habe ich doch gesagt.“

Ich nicke und versuche zu lächeln. „Dann würde ich mich demnächst bei der Fahrschule anmelden.“

Er nickt und fährt auf die Ortsstraße. Wir biegen rechts ab, aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Julian links abbiegt. Richtung See. Fuck. Er glaubt bestimmt, ich will nichts mehr von ihm wissen oder so. Ich fühle mich bei dem Gedanken daran ganz schlecht. Mein Magen krampft sich zusammen. Wir parken vor dem Fahrradgeschäft und steigen aus, meine Knie sind ein bisschen wackelig. Ich gehe mit gesenktem Blick hinter meinem Vater her. Wenn ich mein Fahrrad habe, werde ich einfach zum See fahren. Er ist bestimmt dort. Hoffentlich ist er nicht böse, weil ich ihn aus dem Auto kaum angeschaut habe, aber ich werde es ihm erklären.

„Anna, sag mal was ist denn heute nur los mit dir? Was trödelst du so?“ Er schiebt mich genervt in das Geschäft.

„Ich komme schon“, murmle ich.

Ich habe das Gefühl es dauert ewig bis wir dran sind. Im Laden ist es schwülwarm und mir inzwischen fast ein wenig schlecht. Endlich bringt ein Lehrling mein Fahrrad. Es war ziemlich kaputt und die Reparatur entsprechend teuer.

„Danke Papa“, sage ich als er mir das Fahrrad vor das Geschäft schiebt.

Er zieht die Augenbrauen hoch und nickt. „Pass jetzt besser auf. Wenn du so mit dem Auto umgehst, überlege ich mir das mit dem Führerschein noch einmal.“

„Ich pass auf“, sage ich kleinlaut. Ich passe immer auf meine Sachen auf, aber für den Fahrradunfall konnte ich wirklich nichts, es ist einfach passiert. Ob es mir gut geht, hat ihn gar nicht interessiert.

Wieder nickt er.

„Kann ich jetzt zum See?

„Fahr schon“, murmelt er.

Meine Knie zittern wieder. Ich steige auf und fahre los. Das Fahrrad läuft einwandfrei. In meinem Kopf dreht sich alles wirr. Wenn er jetzt mit seinem Freunden am See ist, weiß ich nicht, ob ich mich traue hinzugehen. Was wenn Janine auch wieder dort ist? Vielleicht will er jetzt gar nichts mehr von mir wissen und ignoriert mich. Ich biege zum See ein.

„Anna!“, höre ich meinen Namen. Ich bremse ab und halte an. Julian. Das ist seine Stimme. Das „Anna“ klingt aus seinem Mund so besonders. Sofort schlägt mein Herz Purzelbäume. Er steht unter der großen Eiche im Schatten und lächelt mich an. Ich steige ab und schiebe mein Fahrrad ihn seine Richtung. Er kommt mir entgegen. Ich lächle auch, was er weiterhin erwidert.

„Hi…Entschuldige…Ich…“, stammelnd suche ich nach Worten.

„Wolltest du mich versetzen?“, fragt er vorsichtig.

Ich schüttle schnell den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Mein Vater…“

„I was shocked…You ignored me…“, murmelt er und atmet dabei durch.

„Nein, ich konnte nicht. Tut mir leid.“ Ich senke meinen Blick. Mein Herz klopft. Dann sehe ich vorsichtig wieder auf und lächle ihn an. Ich lächle so, dass er einfach spüren muss, wie sehr ich in mag. „Fahren wir jetzt zu dem Platz am See?“

„Wenn du das noch willst?“, meint er schulterzuckend.

„Ich habe mich so darauf gefreut.“ Ich spüre wie sich meine Wangen röten. „Wirklich.“

Er legt seinen Kopf zur Seite und sieht mich an. „Ich mich auch Anna.“

Etwas erleichtert atme ich durch.

„Fährst du nicht mit mir?“, fragt er und schaut auf mein Fahrrad.

„Doch…Würde ich schon gerne. Mein Vater wollte es unbedingt heute holen fahren. Darum konnte ich auch nicht pünktlich bei unserem Treffpunkt sein.“ Wieder senke ich meinen Blick. „Er würde nicht erlauben, dass ich mich mit dir treffe und schon gar nicht, dass ich mit dir fahre.“

Julian nickt zaghaft, so als ob er nicht ganz versteht, aber er sagt nichts.

„Ich lasse es an der Wegzweigung die zum See führt stehen, dann fahre ich bei dir mit“, meine ich darum schnell.

„Ok“, entgegnet er. „Ich fahre langsam vor und warte dort auf dich. Du meinst ein Stück nach vor und dann links, oder?“

„Ja genau“, nicke ich.

„Then let´s go!“, fordert er mich auf.

Ich fahre los, er fährt langsam an mir vorbei. Ich glaube er ist etwas angepisst über die Tatsache, dass ich vorhin im Auto einfach weggeschaut habe. Das erkenne ich an der Tonlage seiner Worte und auch am Ausdruck seiner Augen. Und er lächelt mich heute nicht so an wie sonst. Aber was hätte ich denn tun sollen? Mir ist so warm vor Aufregung und das schwüle Wetter lässt mich zusätzlich schwitzen. Es ist nicht weit bis zu der Stelle an der er schon auf mich wartet. Ich steige vom Fahrrad, stelle es in den Fahrradständer und sperre es ab. Um an den Platz am See zu kommen, müssen wir durch ein kleines Waldstück fahren, eine Schotterstraße führt dort hin. Er reicht mir den Helm, ich steige auf und bin plötzlich irgendwie erleichtert, auch wenn mein Herz immer noch klopft.

„Halt dich fest“, sagt er und fährt los.

Ich schließe meine Hände um seine Hüften, sein Shirt ist ein bisschen feucht, es ist aber auch wirklich schwül heute. Er greift nach meiner Hand und zieht sie ein Stück weiter um seine Mitte. Ich gehe darauf ein und schlinge meine Hände ganz darum. Diese Geste erleichtert mich ein wenig, vielleicht ist er doch nicht böse auf mich. Es ist toll. Der Fahrtwind, auch wenn man auf der ungefestigten Straße nicht so schnell fahren kann, ist angenehm und kühlt meine erhitze Haut ein wenig.

„Bleib da vorne stehen“, rufe ich ihm zu.

Ich kenne eine tolle, ganz ruhige und wunderschöne Badestelle ein paar Meter von hier. Er hält an, ich steige ab. Er nimmt den Helm ab, mein Blick hängt an ihm. Vor allem an seinen Augen. Wie immer.

„Hier ist es so schön“, zeige ich ihm den Platz und gehe ein paar Schritte voraus. Er kommt mir nach und nickt bestätigend.

„Bleiben wir hier?“, frage ich nach.

„Ja…“ Er wirft seine Sachen zur Seite, schlüpft aus seinem Shirt und der kurzen Hose und läuft Richtung Wasser. „Ich muss da jetzt rein…Es ist so heiß“, stöhnt er.

Ich sehe ihm hinterher und stelle meine Tasche ab. Er stürzt sich förmlich ins Wasser, ich muss kopfschüttelnd lachen. Langsam fällt ein wenig Anspannung von mir ab. Ich packe erst einmal mein Handtuch aus und lege es auf eine schöne sonnige Stelle in der Wiese.

„Anna! Komm schon rein!“, ruft er und taucht erneut unter.

Irgendwie bin ich aber trotzdem nervös. Ganz allein mit ihm hier. Ich kenne ihn doch gar nicht, auch wenn er so süß ist. Zögerlich ziehe ich mein Top über den Kopf und zupfe an meinem Bikinioberteil.

„What are you waiting for?“Julian hebt fragend seine Hände, kommt dann aber aus dem Wasser und auf mich zu.

„Ich komme ja schon.“

Schnell schlüpfe ich aus meiner Shorts. Er greift nach meiner Hand und zieht mich zum Wasser. Ich habe gar keine Zeit zu überlegen ob es kalt ist, denn ich bin so schnell drinnen und habe gleichzeitig Julians Hände an meinen Hüften, dass es keine Zeit zum Nachdenken gibt. Er presst seinen Oberkörper an meinen. Ich bekomme eine Gänsehaut, aber nicht vom kalten Wasser. Ohne Vorwarnung presst er seine Lippen auf meine, zuerst etwas zu stürmisch für meinen Geschmack, doch dann wird der Kuss sanft und innig. Die Gänsehaut ist immer noch da. Er drückt sich noch etwas fester an mich. Ich bekomme kaum Luft. Seine Hände streichen meinen Rücken sanft hoch, langsam löst er seine Lippen von meinen, vorsichtig öffne ich meine Augen. Er streicht zärtlich über meine Wange.

„Ich habe dich nicht ignoriert“, sage ich leise und lege vorsichtig meine Hände an seinen Hüften ab. „Tut mir leid…“

„Ist schon ok. Was ist mit deinem Vater?“ Er zieht mich wieder fester an sich.

„Das ist kompliziert…Er ist streng und hat seine Prinzipien.“

„Prinzipien?“ Er zieht die Augenbrauen hoch.

„Control Freak“, seufze ich.

„Oh. Ok.“ Er streicht sanft durch meine Haare und lächelt mich wieder an. Ich könnte schmelzen bei diesem Blick.

„Now you are here“, flüstert er und küsst mich erneut.

Keine Ahnung wie lange wir im Wasser bleiben. Lange. Mir ist schon kalt, aber es ist so schön ihm nahe zu sein. Nachdem wir uns endlich irgendwie von einander lösen können, wickle ich mich in mein Badetuch und lege mich in die Sonne.

„Erzähl mir etwas von deiner Familie“, frage ich ihn.

Er legt sich neben mich und streicht mit seiner Hand über meine.

„Was willst du denn wissen?“

Ich zucke mit den Schultern. „Alles.“

Er schmunzelt und verdreht dabei die Augen. „Meine Mum kommt aus Deutschland, das habe ich dir ja schon erzählt. Sie hat sich in meinen Dad und sein Hotel verliebt, damals gehörte es allerdings noch meinen Großeltern. Inzwischen führen sie es in dritter Generation am Loch Leven. Kennst du das?“

Ich schüttle den Kopf.

„Ein schöner See in den schottischen Lowlands. Unser Hotel ist nicht weit vom See. Ich habe eine ältere Schwester, Catriona. Sie studiert noch, arbeitet aber schon im Hotel mit und wird es einmal weiterführen. Wie du ja schon weißt, interessiere ich mich nicht so für die Gastronomie. Ich möchte einfach nur mein Studium so schnell als möglich abschließen und dann neue Flugzeugtechniken entwickeln.“

Ich hänge an seinen Lippen. Es ist fesselnd wie er erzählt. Mit seinem Akzent und den manchmal etwas verdrehten Worten klingt einfach alles aus seinem Mund zauberhaft.

„Und du? Hast du Geschwister?“

„Ja. Zwei Brüder. Paul und Sebastian, aber die arbeiten beide im Ausland und sind viel älter als ich.“

„A little sister…“, grinst er und sieht mich dabei lange an.

Ich nicke etwas schüchtern, was dem intensiven Blick zu schulden ist.

Er schaut mich noch kurz an, dann zieht er sein Handy aus der Hosentasche seiner Shorts die neben ihm liegt.

„Schau, so sieht es bei mir zu Hause aus.“

Er öffnet die Fotogalerie und zeigt mir ein paar Bilder vom Hotel und der Umgebung. Es ist unglaublich. Wie aus einem Fotoband. Ich stelle mir vor, welche tollen Fotos man dort machen kann. Das Licht ist atemberaubend.

„Wow…Und du machst Urlaub in der Steiermark? Das ist doch traumhaft“, stelle ich fest.

„Ja…aber es immer wo anders schöner als zu Hause. Ich finde die Steiermark wunderschön. Es ist grün und trotzdem warm wie im Süden. Ich mag, wie es hier riecht und die Menschen sind freundlich.“ Er streicht sanft über meine Haut. „Und ich mag dich.“

Ich spüre wie sich meine Wangen röten. Mich. Er mag mich.

„Gibst du mir deine Handy Nummer? Dann kannst du mich das nächste Mal anrufen, wenn es Troubles mit deinem Control Freak Dad gibt.“

Ich seufze hörbar. „Ich habe Handyverbot.“

„Was hast du?“ Er richtet sich ein Stück auf.

„Kein Handy im Moment.“ Ich schließe etwas beschämt meine Augen. Keine Ahnung was er von mir denken wird. Handyverbot. Als hätte ich sonst etwas angestellt.

„Warum?“, fragt er vorsichtig nach.

„Eine schlechte Note in Mathe. Mein Vater meint, ich muss mich mehr auf die Schule konzentrieren, als auf meine Freunde. Ich lasse mich zu sehr ablenken.“

„Was heißt schlechte Note? So schlimm?“

„Eine drei“, murmle ich.

„Seriously? Das ist nicht wahr, oder? Ich war schon froh eine drei geschafft zu haben in manchen Fächern. In Mathe war ich allerdings immer gut. Ich kann dir Nachhilfe geben, obwohl ich finde, bei einer drei braucht man keine Nachhilfe.“ Er zuckt verständnislos mit den Schultern.

Ich seufze erneut.

„Ist doch egal“, meint er bestärkend.

„Nein ist es nicht. Ich habe sonst nur gute Noten, aber ich habe mich nicht genug angestrengt.“

„Hast du bestimmt. Und eine drei ist eine gute Note.“ Er greift wieder nach meiner Hand, aber diesmal so, dass ich mich über ihn beugen muss, weil er mich an sich zieht. „You are perfect Anna…“

Ich muss lächeln. Er ist perfekt. Er zieht mich noch weiter an sich und zum ersten Mal ergreife ich die Initiative und küsse ihn. Es ist wunderbar ihn zu küssen. Wie seine Zunge um meine spielt, wie er schmeckt, wie er sich anfühlt. Ich sauge ihn auf und kann mich schon wieder kaum von ihm lösen. Seine Hände gleiten zart über meine nackte Haut am Rücken. Ich schaffe es einfach nicht eine Gänsehaut zu unterdrücken.

„Ist dir noch kalt?“, fragt er vermutlich darum.

„Nein…Das machst du…“, entgegne ich verlegen und löse mich von ihm.

Meine Worte scheinen ihm zu gefallen. „Oh…Ich?“, grinst er.

Ich nicke nur und verdrehe dabei die Augen. Der Tag mit ihm allein ist traumhaft und vergeht für meinen Geschmack viel zu schnell. Wir haben viel geredet, aber auch viel geschmust. Sehr viel geschmust. Meine Lippen sind schon ganz taub, aber das nehme ich auf jeden Fall ganz locker in Kauf. Wir fahren zurück zum Platz an dem mein Fahrrad steht. Jetzt schmiege ich mich wie selbstverständlich an ihn. Ganz fest umarme ich ihn. Ich will ihn nicht loslassen, auch wenn ich weiß, dass es nur noch ein Stück ist. Ich will mich nicht von ihm trennen. Sanft drücke ich meine Nase in seinen Rücken und atme ein. Er riecht so gut. Unglaublich gut. Viel zu schnell sind wir bei meinem Fahrrad. Ich steige ab und gebe ihm den Helm, er steigt auch ab und nimmt seinen ebenfalls ab.

„Sehen wir uns morgen wieder?“ Sein Blick macht mich wahnsinnig.

„Ja sicher. Ich würde auch jetzt lieber bei dir blieben“, murmle ich etwas verlegen, was ihn zum Lächeln bringt.

„Dann bleib doch bei mir“, flüstert er.

Ich zucke mit den Schultern und atme durch.

„Schon gut Anna. Ich weiß. Dein Dad.“

Ich nicke wortlos und lege gleichzeitig meine Arme um seinen Hals.

„Ich mag dich auch Julian. Sehr sogar“, hauche ich.

Dann küssen wir uns lang. Es fällt mir schwer mich von ihm zu trennen und trotzdem mache ich es irgendwann. Wie in Trance strample ich nach Hause. Es ist ein ganz warmes Gefühl in meinem Bauch. Ein Gefühl, das ich so nicht kenne. Ich versuche nicht zu vergessen wie er riecht und wie er sich anfühlt. Ich will auch nicht vergessen, wie sich seine Hände auf meiner Haut anfühlen. Mein Herz klopft und es zieht in meinem Bauch. Ich mag ihn nicht nur, ich bin verliebt. Ziemlich verliebt.

Kapitel 5

Anna

Heute ist der dritte Tag an dem ich mit Julian allein unterwegs war. Die Zeit ist wieder viel zu schnell vergangen und ich möchte wie die vergangenen Tage lieber bei ihm sein, als nach Hause zu fahren.

„Wie spät ist?“, murmle ich nach einem endlosen, aber unglaublich sinnlichen Kuss etwas benommen. „Ich glaub wir müssen jetzt los…“

„Du bist fast achtzehn…Es ist doch nicht ok, dass du so früh zu Hause sein musst. Die können dich nicht einsperren. Und dann noch Handyverbot…Crazy…“

Julian fährt fast quälend langsam und ganz zart mit seiner Nase meine Wange hinunter. Am Hals angekommen spüre ich seine Lippen ganz sanft immer weiter hinuntergleiten. Seine Küsse reihen sich eng aneinander und erreichen ziemlich bald mein Dekolletee. Er wird immer offensiver und mutiger was die körperliche Nähe betrifft und es gefällt mir. Nein – es ist mehr als ein gefallen. Es macht mich wahnsinnig. Ich amte flach und schließe meine Augen. Als seine Lippen immer weiter nach unten gleiten und schon fast an der Stelle zwischen meinen Brüsten, die zwar mein Bikinioberteil bedeckt angekommen sind, atme ich tief ein.

„Julian…“, hauche ich mit dem Ausatmen. „Bitte…“

Er sieht auf und lächelt. Seine Augen und dieses Lächeln. Ich bin unfähig etwas zu sagen, oder zu tun. Langsam löst er sich von mir und richtet sich auf. Von mir aus könnte er weiter machen, aber es geht eben nicht. Er streckt mir seine Hand entgegen um mir aufzuhelfen.

„Komm schon, ich bring dich nach Hause.“

Ich nicke zaghaft und fange an meine Sachen zusammen zu kramen. Ich bin ganz wackelig und irgendwie planlos. Das macht er. In seiner Nähe fühle ich mich wie besoffen. Besoffen vor Glück. Berauscht von seiner Nähe und den zärtlichen Berührungen die er mir entgegen bringt. Außerdem ist er klug, witzig und auch noch sehr verständnisvoll. Wir haben viel geredet, über alles Mögliche. Er hat mir von seinem Studium in London erzählt, von seiner Familie und was er sonst so treibt, außer den Urlaubstouren quer durch Europa. Man kann toll mit ihm reden. Er ist besonders. Ich glaube schon, dass er mehr wollen würde als herumschmusen, aber keine seiner Berührungen fühlt sich plump, oder gar aufdringlich an. Im Gegenteil, er ist irgendwie vorsichtig, so als würde er bei jeder Annäherung abwarten wie ich reagiere. Das ist anders und eben besonders.

„Hast du alles?“, fragt er und nimmt mir meine Tasche ab, weil ich schon wieder dastehe und nichts anderes tun kann, als ich anzusehen.

„Ja…“

Wie in Trance gehe ich ihm hinterher.

„Übermorgen ist mein Geburtstag. Da musst du kommen. Kannst du nicht mit deiner Mum sprechen?“

„Ja…Ich werde es versuchen“, murmle ich.

Er hält mich sanft zurück. „Das muss einfach gehen Anna…Bitte…Es ist mein Geburtstagswusch.“

Ich zucke mit den Schultern. Geht das? Keine Ahnung. Es muss. Ich lasse mir etwas einfallen. Er hat Recht, ich bin fast achtzehn.

„Ja klar. Ich freue mich schon darauf“, lächle ich, obwohl ich in Gedanken daran gar nicht lächeln kann. Es wird nicht so einfach sein.

Wir fahren zum Platz an dem ich mein Fahrrad abgestellt habe. Jeden Tag fällt es mir schwerer mich von ihm zu lösen. Ich umarme ihn so fest ich kann und reibe dabei meine Nase an seinem Hals. Er riecht so gut, ich könnte ihn auffressen. Es ist kein Parfum oder künstlicher Duft. Es ist einfach er. Ich fühle mich berauscht davon, bevor ich mich unfreiwillig von ihm löse, sauge ich ihn förmlich auf. Fast als wolle ich ein Depot in meinem Gehirn anlegen, um ihn bis morgen früh dann nach und nach abrufen zu können, genau so lange, bis ich ihn wiedersehe.

„Bis morgen Anna. Wir sehen uns doch morgen wieder?“, fragt er leise nahe an meinen Lippen.

„Ja…Natürlich…Ich hoffe es ist schnell wieder morgen“, murmle ich und schließe noch einmal meine Augen um ihn zu küssen.

Auf dem Heimweg bin ich in Gedanken. Immer nur Julian. Alles dreht sich in meinem Kopf um ihn. Es ist ein seltsam gutes und vereinnahmendes Gefühl. Ich war schon einmal verliebt, aber anders. Alles ist mit Julian anders. Mein Blut kribbelt in den Adern, wenn er in meiner Nähe ist. Ich biege auf unsere Einfahrtsstraße ein. Die Stunden ohne ihn kommen mir endlos vor. Ich rufe schnell seinen Blick in meinen Gedanken ab. Kurz fasse ich einen klaren Gedanken: Er wird nicht ewig hier sein. Im Gegenteil – Er wird bald wieder weg sein. Was dann? Ein paar Stunden ohne ihn kommen mir schon ewig lange vor. Ich sollte mich womöglich nicht so hineinsteigern. Kurz schließe ich meine Augen. Seine Hände auf meiner Haut, seine Lippen, sein Atem. Shit. Ich kann meine Gefühle nicht einfach abstellen. Mama schließt gerade den Hühnerstall ab, als ich vom Fahrrad steige.

„Hallo Mama“, begrüße ich sie.

„Servus. Stimmt etwas nicht?“, fragt sie mich und sieht mich musternd an.

Es lässt sich nicht scheinbar nicht verbergen wie ich mich fühle. Ich fühle mich fürchterlich. Einerseits fürchterlich gut, andererseits fürchterlich nachdenklich. Ich schiebe diesen Zustand kurz beiseite. Da mein Vater noch nicht da zu sein scheint, nutze ich die Gelegenheit um mit Mama zu sprechen.

„Nein…Alles ok. Mama…Ich muss dich etwas fragen…“, stammle ich.

„Ja, was denn Anna. Ist etwas passiert?“

Ich zucke mit den Schultern und schiebe mein Fahrrad in den Schuppen.

„Anna, los raus damit. Was ist denn?“ Sie greift nach meiner Hand und lächelt mich mild an. Sie weiß, dass ich nichts Unüberlegtes tue. Sie kennt mich. Da ist so viel Wärme und liebe in ihrem Blick.

„Da ist ein Junge…“, sage ich leise und senke meinen Blick. „Also ein Junge ist er nicht mehr wirklich…Er hat am Samstag Geburtstag und ich würde gerne hingehen…“, stammle ich nervös.

„Aha. Komm. Setzen wir uns auf die Bank“, meint sie neugierig.

Ich folge ihr und lehne mich an die kühle Hauswand.

„Wie alt wird er denn?“, fragt sie vorsichtig.

„Einundzwanzig. Er macht Urlaub. Am Herzoghof.“ Ich sehe sie an und lächle kurz, was sie erwidert. „Ich habe mich in ihn verliebt“, sage ich so leise, dass man es kaum hört.

Sie nickt und lächelt immer noch. Sie lässt mir kurz Zeit, dann fragt sie genauer nach. Ich erzähle ihr alles, was wirklich guttut.

„Papa wird das nicht erlauben“, seufze ich und senke meinen Blick.

Mama seufzt auch. „Bestimmt nicht. Würdest du weiter gehen, als das was du mir gerade erzählt hast? Ich meine, er ist vermutlich bald weg. Auch wenn ich ihn nicht kenne, Männer vergessen danach gerne alles schnell.“

Würde ich weiter gehen? Keine Ahnung. Ich könnte es mir vorstellen, auch wenn ich nicht genau darüber nachgedacht habe bis jetzt.

„Ich möchte einfach gerne auf die Geburtstagsfeier“, murmle ich. „Ich habe nicht vor irgendetwas in der Richtung zu tun Mama.“

Sie nickt. „Aber er vielleicht.“

„So ist er nicht.“

Wieder nickt sie. „Ich lasse mir etwas einfallen Anna.“ Jetzt lächelt sie wieder.

Wir sitzen noch ein bisschen so da. Ohne über Julian zu sprechen. Ich bin froh es ihr erzählt zu haben. Vorsichtig lege ich meinen Kopf auf ihre Schulter.

„Danke Mama…“, murmle ich mich an sie schmiegend.

Kapitel 6

Anna

Heute ist Julians Geburtstag. Der Tag hat schon so toll begonnen. Er hat mich zum Frühstück eingeladen. Wir sind in den Nachbarort gefahren und lange im kleinen Café im Ort gesessen. Er hat immerzu meine Hand gehalten. Ich bin verliebt und ich glaube er ist es auch. Sein Blick. Ich schließe kurz meine Augen. Ich freue mich total ihn gleich wieder zu sehen. Jetzt bin ich allerdings wieder zu Hause und warte. Mama hat sich etwas überlegt. Ich habe zwar kein gutes Gefühl dabei, aber das muss ich jetzt wohl ausblenden. Sonst ist mein Vater Samstag abends immer irgendwo unterwegs, aber heute ist er natürlich zu Hause. Als würde er spüren das etwas im Gange ist. Mama meint ich soll warten bis es ein bisschen später ist und mich dann raus schleichen.

„Anna!“, ruft mich mein Vater kurz nach acht. Gut, dass ich noch nicht umgezogen bin. Ich öffne meine Zimmertüre.

„Ja?“, rufe ich hinunter.

„Deine Mathe Übungen für die Woche? Du hast sie mir noch nicht gezeigt“, ruft er zurück.

„Das kann sie doch auch morgen machen“, fällt Mama ihm ins Wort.

„Gabi. Das ist unsere Sache“, stellt er sie wie gewohnt ab. „Misch dich da nicht ein.“

Ich atme durch. Shit. Ich habe noch gar nicht alles fertig. Mir fehlen noch ein paar Beispiele für die ich diese Woche einfach keine Zeit hatte und auch keinen Kopf. Weil mein Kopf voll mit Gedanken an Julian ist.

„Ja…Ich weiß… Ich mach´s gleich fertig“, rufe ich hinunter und haste zu meinem Schreibtisch.

Ihm wird nicht auffallen, wenn ich irgendetwas hinschreibe. Für den Stoff reicht sein IQ nicht. Trotzdem habe ich Angst, ihn zu bescheißen. Heute tue ich es trotzdem. Ich schreibe irgendwelche Phantasie Gleichungen neben die Rechnungen. Ein leichter Wind kommt auf und weht angenehm in mein Zimmer. Es ist fürchterlich schwül heute. Hoffentlich kommt kein Gewitter. Es klopft an meiner Tür die zeitgleich schwungvoll aufgeht. Ich zucke zusammen. Papa kommt ins Zimmer und bleibt neben mir stehen. Er atmet durch.

„Immer am letzten Drücker“, sagt er leise aber bestimmt.

Ich lege den Stift weg und presse meine Hände auf den Tisch, da ich vor Angst über meinen Betrug erwischt zu werden zittere.

„Ich bin schon fertig“, sage ich leise.

Er nimmt mir das Blatt aus der Hand und sieht mit verengtem Blick darauf. Ich senke meinen Blick und halte kurz die Luft an. Er sieht länger als gewohnt darauf. Mir wird warm. Er kennt sich nicht aus, das weiß ich, trotzdem überfällt mich eine innere Panik die ich mühsam verberge.

„Im nächsten Jahr hast du Matura. Streng dich mehr an. So wird da nichts“, sagt er und legt das Blatt wieder hin.

Ich nicke zaghaft und atme vorsichtig aus. Er verlässt mein Zimmer wieder. Mein Hals fühlt sich komisch an. Als würde man mir die Luft abdrücken. Ich hasse mein Leben in diesem Haus. Warum kann ich nicht einfach wie alle Mädchen in meine Alter samstags weggehen? Ich lege mich auf mein Bett und könnte schreien. Ich sollte einfach hinunter gehen und sagen was Sache ist. Oder abhauen. Für immer. Ich schnappe nach Luft. Das kann ich nicht. Mama braucht mich. Darum warte ich und bin still. Wie immer. Ein leises Klopfen reißt mich auf. Shit. Ich bin eingeschlafen. Mama schaut ins Zimmer. Es reißt mich auf. Schnell werfe ich einen Blick auf meinen Wecker. Kurz nach elf. Mist…Er wird denken ich komme nicht.

„Wir gehen jetzt schlafen. Gute Nacht Anna“, sagt Mama und zwinkert dabei.

„Ja…Gute Nacht“, sage ich und stehe zeitgleich auf. „Ich muss noch ins Bad.“

Sie nickt als ich an ihr vorbei gehe. „Viel Spaß“, flüstert sie und gibt mir einen Kuss auf die Wange.

Da ich nicht viel Zeit verschwenden will, muss duschen und ein hübsches Kleid ausreichen. Ich schleiche mich wie mit Mama ausgemacht aus dem Haus und versuche über den Hof zu gehen, ohne dass das automatische Licht angeht. Mein Fahrrad habe ich schon so abgestellt, dass ich nur noch losradeln muss. Es ist stockdunkel, meine Lampe erhellt die Nacht nur schwach. Je näher ich zum Herzoghof komme, umso nervöser werde ich. Ich höre schon leise die Musik und das Reden und Lachen der Leute. Der Hof ist recht abgelegen, darum stört sich hier auch niemand an einer Party. Die letzten Meter schiebe ich mein Fahrrad. Um meinen Puls zu regulieren und nicht komplett atemlos anzukommen. Ich lehne es an eine Scheunenwand und gehe schüchtern durch die Partygäste. Ich kenne zwar die meisten, auch wenn ich nicht wirklich etwas mit ihnen zu tun habe. Mich nach Julian umsehend, merke ich wie meine Knie ein wenig schlottern. Vielleicht ist es ein Fehler mich weggeschlichen zu haben. Hier sind alle schon so gut drauf, ich passe gar nicht dazu. Außerdem wäre es doch gut gewesen etwas Makeup aufzulegen, wenn ich die anderen Mädchen ansehe, komme ich mir viel zu normal vor. Gerade als ich weiter zu zweifeln beginne sehe ich Julian. Ich gehe auf ihn zu und plötzlich fällt alles von mir ab. Er sieht auf und lächelt mich an.

„Hey…Ich dachte schon du kommst nicht mehr…“ Er zieht mich direkt in seine Arme und küsst meinen Hals. Das ist überraschend offensiv zwischen den ganzen Leuten, aber er scheint auch schon ordentlich etwas getrunken zu haben. Doch ich sehe darüber hinweg. Es ist sein Geburtstag und ich bin um Stunden zu spät.

„Sorry…es ging nicht früher“, entschuldige ich mich und greife nach seiner Hand.

„Komm, was trinkst du?“ Er zieht mich zur Seite und schenkt mir etwas ein. Ich nehme das Getränk und lächle ihn an. Dann nehme ich einen Schluck. Plötzlich nimmt er mir das Glas aus der Hand und umarmt mich fest. Sehr fest. Ich erwidere es. Dann küsst er mich erneut zwischen den ganzen Leuten. Die Blicke der anderen sind mir jetzt aber egal.

„Du bist betrunken“, schmunzle ich uns streiche dabei durch seine Haare.

„Nicht so sehr…“, haucht er nahe meinem Mund und küsst mich erneut.

Wir tanzen und es ist perfekt. Ich liebe es ihn nahe an meinem Körper zu spüren. Meine Hände umklammern ihn fest. Irgendwann reißen seine Freunde ihn von mir weg, aber das macht nichts. Schließlich sind da auch noch andere Gäste. Ich lehne mich an eine Holzwand und genieße das laue Lüftchen, das unter mein Kleid weht. Zuerst sieht Julian immer wieder zu mir, doch dann verliere ich ihn aus den Augen. Mit den anderen Mädels kann ich mich nicht wirklich unterhalten, weil ich nicht weiß was ich mit ihnen reden soll. Nach einiger Zeit sehe ich mich nach ihm um. Da gibt es scheinbar ein Trinkspiel. Ich gehe näher. Julian muss Schnaps trinken. Viel Schnaps. Das gefällt mir nicht. Den anderen gefällt es aber außerordentlich gut wie es aussieht. Da sind auch die Mädchen vom See, auch Janine. Sie amüsiert sich augenscheinlich perfekt. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. Es kommt nie etwas Gutes heraus, wenn zu viel getrunken wird. Ich mag das einfach nicht und brauche es auch nicht um gut drauf zu sein. Eine Zeitlang sehe ich zu, er bemerkt mich nicht einmal mehr. Das tut unerwartet weh. Ja es ist sein Geburtstag, aber ich bin wegen ihm gekommen. Ich zupfe an meinem Kleid und überlege was ich tun soll. Dann drehe ich mich um und gehe an ihm vorbei. So, dass er mich sieht. Als ich schon am Weg zu meinem Fahrrad bin, höre ich ihn mir nachrufen.

„Anna! Was ist denn?“ Er lallt gewaltig und als ich mich umdrehe kann ich nur die Augen verdrehen. Er wankt auch ordentlich.

„Ich fahre wieder“, sage ich leise ohne ihn anzusehen.

„Warum denn? Bist du böse?“

Ich schüttle den Kopf und gehe weiter. Enttäuscht. Ich bin enttäuscht, aber auch das behalte ich für mich.

„Anna…Komm schon…“ Er schließt auf und erwischt mich an meiner Hand. „Anna“, sagt er jetzt leiser und zieht mich an sich.

Ich atme durch. So gefällt er mir nicht. Naja schon, aber ohne den Vollrausch finde ich ihn viel süßer. Er beginnt mich zu küssen, auch wenn ich den Schnapsgeruch dabei ausblenden muss ist es schön. Der Kuss wird inniger, er drückt mich an die Schuppenwand und streicht durch meine Haare, seine Lippen saugen an meinem Hals. Ich muss ihn bremsen, weil ich befürchte sonst einen Knutschfleck zu bekommen, das kann ich so gar nicht gebrauchen.

„Nicht…Lass das Julian“, sage ich und drehe mich zur Seite. Er sieht mich kurz an, dann küsst er mich weiter. Er ist atemlos und ich überfordert. Seine Hände wandern meine Taille hoch und streichen über meine Brust. Das macht er sehr bewusst ich schiebe sie wieder weg. Auch wenn ich seine Berührungen mag, so gefällt mir das nicht. Es ist nicht zärtlich und er betrunken. Er lässt sich allerdings nicht abbringen, jetzt schiebt er mein Kleid hoch und gleichzeitig sein Bein zwischen meine und seine Hände sind plötzlich unterm Kleid an meinem Po. Das ist zu viel.

„Nein! Bitte!“, stoße ich ihn energisch zurück.

„Was hast du denn?“, meint er verständnislos.

„So nicht Julian!“

Er schüttelt den Kopf, fast als fände er meinen Einwand lächerlich. „Wie denn dann? Wie willst du es haben?“

Ich reiße mich von ihm los und sehe ihn geschockt an, dabei schnappe ich nach Luft. „Spinnst du?!“

Er zieht die Augenbrauchen hoch und schmunzelt. Ich senke mit gekränktem Blick mein Gesicht und schüttle enttäuscht den Kopf. Dann gehe ich ohne ein weiteres Wort zu sagen zu meinem Fahrrad.

„Sorry Anna! Komm schon…Bleib stehen! “, ruft er mir noch nach, doch ich reagiere nicht mehr darauf. Alles fühlt sich ganz falsch an. Schmerzlich und falsch. Ich schnappe nach Luft. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Nachdem ich ein Stück gefahren bin, bleibe ich an der Hofausfahrt stehen und versuche mich zu sammeln. Doch es gelingt nicht. Tränen laufen über meine Wangen. Habe ich mich wirklich so getäuscht? Warum? Mein Magen dreht sich fast um, als mich das Krachen eines lauten Blitzes, gefolgt von einem mächtigen Donner zusammenschrecken lässt. Der Wind nimmt zu, die Blätter der angrenzenden Bäume beginnen zu rascheln, als ich auch schon große Tropfen spüre. Mist. Ich steige schnell wieder auf und radle im immer weiter zunehmenden Gewitterregen los. Es blitzt und donnert und ich bekomme Angst, weil ich mitten in diesem Inferno unterwegs bin. Aber es ist nicht mehr weit, darum trete ich einfach weiter. Als ich unsere Einfahrt hinuntertrete, schrecke ich erneut zusammen, weil die Sirene lautstark losheult. Vermutlich hat irgendwo der Blitz eingeschlagen. Ich stelle mein Fahrrad ein und kann immer noch keinen klaren Gedanken fassen, ich bin einfach nur froh wieder zu Hause zu sein. Alles in meinem Kopf ist wirr und durcheinander. Gerade als ich den Schlüssel unter der Matte vor der Tür hochheben will, öffnet sich diese. Mein Vater stoppt ab und sieht mich an. Die Sirene. Fuck. Ein Feuerwehreinsatz. Ich schließe kurz meine Augen. Oh mein Gott…

„Anna! Bist du wahnsinnig? Was macht du denn?“, schreit er mich an und packt mich am Arm.

Ich kann nichts sagen, reiße mich los und laufe panisch an ihm vorbei, die Stiege hinauf in mein Zimmer. Atemlos lehne ich mich an die Tür und höre wie er wegfährt. Ich reibe mir die Schläfen, wieder laufen Tränen über meine Wangen. Ich muss nachdenken. Shit.

„Anna?“ Mama klopft an die Tür.

Ich öffne diese langsam. „Entschuldige…Er hat mich gesehenen…“

„Keine Angst, ich mach das schon“, beruhigt sie mich.

Ich nicke schluchzend, auch wenn ich ihr glauben will, weiß ich jetzt schon, dass es nichts helfen wird. Sanft streicht sie über meine Wange. „War es denn schön?“

Schön? Es hätte schön sein können. Ich hätte besser zu Hause bleiben sollen. Wortlos lege ich meine Hände vors Gesicht und kann nicht aufhören zu weinen.

„Ach Anna…“, beruhigt mich Mama und hilft mir aus dem nassen Kleid zu schlüpfen. „Schlaf jetzt, morgen sieht die Welt ganz anders aus.“

Auch das glaube ich nicht. Denn ich weiß, was auf mich zukommt. Ich schlüpfe kraftlos unter meine Decke, sie bleibt noch ein bisschen bei mir dann geht sie aus dem Zimmer. Mein ganzer Körper zittert und ich kann mich nicht beruhigen. Ich weiß, dass mein Vater ausrasten wird, wenn er wieder zurück ist, Mama wird das nicht verhindern können. Außerdem geht mir Julians Verhalten nicht aus dem Kopf. Er war doch nie so. Geht es ihm wirklich nur darum? Will er nur Sex? Mich ausnutzen und dann wieder abhauen? Ich denke lange darüber nach, kann es aber einfach nicht verstehen.

Laute Worte reißen mich auf. Ich bin eingeschlafen. Irgendwann. Es wird schon hell. Ich habe so viel geweint, dass ich meine Augen kaum aufmachen kann. Sie sind ganz zugeschwollen. Mein Wecker zeigt kurz nach fünf.

„Lass sie jetzt schlafen und leg dich auch noch hin“, höre ich Mama ruhig aber bestimmt sagen.

„Sag mal spinnst du? Was ist denn los mit euch Weibern?“, schreit mein Vater. „Sie führt sich auf wie eine Schlampe! Ich dulde das nicht! Nicht unter meinem Dach!“

Ich kenne die Tonlage seiner Stimme. Nach dem Feuerwehreinsatz ist es nicht bei einem Bier geblieben. Das kann ich deutlich hören. Ich liege regungslos da, aber mein Herz klopft. Ich höre ihn die Stufen heraufpoltern. Jetzt bin ich auf alles eingestellt. Ich weiß was passieren wird.

„Nein habe ich gesagt! Lass sie!“, schreit Mama ihn an. Er ist schon fast vor meiner Tür.

„Nein…Nein…Bitte nicht“, bettle ich in Gedanken. „Bitte lieber Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir jetzt.“

Meine Tür öffnet sich schwungvoll. Mama zerrt an seinem Arm und ich habe Angst, er wird sie gleich wegschubsen. Ich springe aus dem Bett und schüttle hysterisch den Kopf.

„Lass bitte Mama!“, flehe ich und sehe in seine geröteten Augen. Ich kann den Alkohol riechen und seine Wut auf mich spüren. Die Ader an seinem Hals ist hervorgetreten, ich sehe wie sie pumpt. Ich will noch etwas zu meiner Verteidigung sagen, doch da habe ich seine flache Hand schon im Gesicht. Einmal. Zweimal. Dreimal. Ich schnappe nach Luft. Meine Wangen beginnen zu glühen, so fest hat er zugeschlagen. Mama schreit ihn an.

„Sei ruhig!“, schreit er zurück und stößt sie kraftvoll aus dem Zimmer.

„Lass Mama“, wiederhole ich. Während dieser Worte schlägt er wieder auf mich ein.

„Wo warst du denn? Am Herzoghof? Willst so werden wie die Flittchen aus dem Dorf? Schau dich an wie du aussiehst in deinen knappen Hosen! Das ekelt mich an!“, schreit er nahe an meinem Gesicht.

„Was weißt du schon!“, schreie ich emotionslos zurück und bereue meine Worte sofort. Wieder schlägt er mir direkt ins Gesicht.

„Was ich weiß?! Ich weiß das du mit irgendwelchen Typen im Café im Nachbarort herummachst! Die Frau vom Pichler Franz hat dich gesehen! Geschmust hast du mit ihm, in aller Öffentlichkeit! Bist du total übergeschnappt?!“

Erneut trifft mich seine Hand kraftvoll an der Wange, ich kann nichts mehr sagen, denn jetzt hört er nicht mehr auf. Immer wieder schlägt er auf mich ein. Mama weint laut und versucht ihn davon abzuhalten. Ich mache es wie immer. Ich schalte ab. Irgendwann ist es vorbei, ich versuche mich gedanklich wegzubeamen. Da ist nur noch mein Körper auf den er einschlägt, ich bin eine leere Hülle. Es ist als würde ich aus mir herausschlüpfen und alles aus sicherer Entfernung beobachten. Es tut nicht weh, ich lasse den Schmerz nicht an mich heran. Ich halte das aus, Mama nicht. Sie ist zu schwach dafür. Ich bin stark. Genau jetzt. Ein Schlag trifft mich noch an der Schulter, einer neben der Nase. Dann ist es vorbei. Auf Knien kauernd stütze ich mich mit meinen Händen am Holzboden ab und sehe ihm nach wie er das Zimmer verlässt und Mama und mich zurücklässt. Die Tür fliegt schwungvoll ins Schloss. Etwas Blut aus meiner Nase tropft auf den Boden. Mama lässt sich auf den Boden sinken und zieht mich in ihre Arme. Sie weint laut, ihr ganzer Körper bebt.

„Mama…“, murmle ich mit erstickter Stimme. „Bitte nicht weinen…“

Kapitel 7

Anna

Ich liege im Bett und sehe zu wie der Minutenzeiger sich unaufhörlich im Kreis bewegt. Es ist kurz nach zwölf. Mein Gesicht fühlt sich heiß an, in meiner Nase pocht es. Mein Kissen ist ein wenig blutig. Mama hat mir vorhin eine Suppe auf den Tisch gestellt, aber ich mag nichts. Irgendwie würde ich gerne duschen, aber ich habe Angst mich im Spiegel anzusehen. Darum bleibe ich liegen. Kurz denke ich an Julian. War es nur der Alkohol, oder macht er sich wirklich nichts aus mir? Bin ich wirklich das Flittchen für das mich mein Vater hält? Ich drehe mich auf die Seite, meine Schulter tut weh. Dann schließe ich meine Augen.

Schritte in meinem Zimmer wecken mich. Ich öffne ganz vorsichtig meine Augen, als ich sehe, dass es mein Vater ist, schließe ich sie schnell wieder und stelle mich weiterschlafend. Er legt etwas auf meinen Schreibtisch. Dann kommt er zum Bett und bleibt neben mir stehen. Ich halte die Luft an. Geh weg. Geh einfach weg. Er atmet hörbar durch und streicht über meine Schulter. Es kostet mich viel Überwindung sie nicht wegzuziehen und weiter ruhig zu bleiben. Dann geht er aus dem Zimmer. Ich atme durch und richte mich auf. Mein Handy liegt am Schreibtisch. Schlechtes Gewissen. Toll. Wie kann man nur so ein Mensch sein? Mit seinem Verhalten hat er schon meine Brüder aus dem Haus vertrieben, wie kann es sein, dass man so ignorant ist? Mama sagt, er war nicht immer so. Es hat mit dem Trinken angefangen. Dann fing er an zu spielen. Wir haben darum fast den Hof verloren. Früher hatten wir einen großen Weinbetrieb mit viel Grundbesitz. Es ist alles drauf gegangen. Zum Glück konnten wir das Haus behalten. Ich habe von all dem nicht viel mitbekommen, weil ich noch zu klein war, aber ich kann mich immer nur an den autoritären Vater erinnern, wobei das noch freundlich ausgedrückt ist. Er hat mich noch nie liebevoll angesehen, oder in den Arm genommen. Da war kein nettes Wort oder gar ein Lob aus seinem Mund. Es ist schrecklich, aber ich hasse ihn. Wie kann ich Hilfe von Gott erwarten, wenn ich meinen eigenen Vater hasse?

Mühsam krabble ich aus dem Bett und stecke mein Handy an das Ladekabel. Es ist schon fast fünf Uhr geworden. Ich brauche dringend eine Dusche. Wehmütig schaue ich aus dem Fester. Wofür das alles? Ich sehe meinen Vater wegfahren. Es ist wie ein schwerer Stein der von mir abfällt. Er muss auf eine Baustelle in der Nähe von Wien. Das bedeutet, dass er erst Ende der Woche wieder zurückkommt. Ein paar Tage Ruhe. Ich gehe ins Badezimmer und putze ohne in den Spiegel zu sehen meine Zähne. Dann steige ich unter die Dusche. Mir tut alles weh, mein Gesicht brennt. Das warme Wasser tut trotzdem gut. Ich wickle mich in ein großes Badetuch und mache einen Handtuchturban auf meinem Kopf. Dann nehme ich allen Mut zusammen und schaue in den etwas beschlagengen Spiegel. Ich halte die Luft an. Meine Nase ist aufgeschlagen und unter dem rechten Auge bin ich ein bisschen blau, sonst nur rot. Meine Schulter verfärbt sich auch bläulich. Ich senke meinen Blick. Diese Woche werde ich also nicht aus dem Haus gehen. So nicht. Es ist nicht der Schmerz der mich demütigt, es ist mein Anblick.

„Du weinst jetzt nicht mehr“, sage ich meinem Spiegelbild und versuche alles wie immer zu machen. Ich creme mich ein und trockne meine Haare. Dann ziehe ich mich an. Mama sitzt in der Küche. Sie sieht mich kurz an, ihre Augen füllen sich sofort mit Tränen.

„Anna…Ich…“, stammelt sie, ich unterbreche sie sofort.

„Nein Mama…Hör auf…Du kannst nichts dafür. Es ist ja nicht so schlimm.“

„Nicht so schlimm?“ Mama schüttelt den Kopf. „Es ist schrecklich, fürchterlich. Nicht im Worte zu fassen und ich kann dir nicht helfen. Mir bricht es das Herz Anna. Ich kann dich gar nicht ansehen.“

Ich setze mich neben sie und lege meinen Kopf auf ihre Schulter. Sagen tue ich nichts mehr.

„Es geht so nicht weiter. Ich will, dass du einen Internatsplatz in Graz bekommst, damit du zumindest unter der Woche ein normales Leben führen kannst. Ich kann nicht für dich sorgen, so wie ich das tun sollte.“

Ich sehe auf und schüttle den Kopf. „Natürlich kannst du das, das darfst du nicht sagen. Du kannst nichts dafür! Ich will nicht ohne dich sein. Außerdem würde er es gar nicht erlauben, das weißt du doch.“

Sie seufzt und drückt mich wieder an sich. „Du hast nichts gegessen. Ich mach dir schnell etwas warm.“ Sie streicht sanft über meine schmerzende Wange.

Ich löffle ein bisschen Suppe und Mama erzählt mir, dass Sebastian angerufen hat. Lilly, seine Tochter hat angefangen zu laufen. Ganz stolz erzählt sie mir alles.

„Ich werde sehen, dass du nach der Matura zu ihm fliegen kannst“, meint sie wehmütig.

Ich nicke nur. Ja das wäre toll. Amerika. New York. Vielleicht. Träumen kann man ja. Aber heute habe ich einfach keine Kraft darüber nachzudenken. Ich habe ewig nicht mehr ferngesehen und nachdem Mama und ich allein sind, lege ich mich aufs Sofa und zappe ein bisschen herum. Es tut fast nicht mehr weh, nur noch mein Herz schmerzt. Seufzend wickle ich mich in die Kuscheldecke. Mama hat mich vorhin gefragt was war, aber ich will nicht darüber sprechen. Bald ist er sowieso weg.

Kapitel 8

Julian

Shit. Mein Kopf tut weh und mir ist schlecht. Langsam drehe ich mich zur Seite. Das Licht ist erbarmungslos grell. Oh Fuck... Ich schließe meine Augen schnell, mache sie dann langsam wieder auf und hoffe das Bild, das sich mir offenbart ändert sich, aber sie ist immer noch da. Vorsichtig sehe ich unter die Decke und halte kurz die Luft an. Ich bin nackt. Nein… Habe ich das wirklich getan? Janine rekelt sich und grinst mich triumphierend an. Ich weiß nicht ob es Absicht ist, dass sie mir ihren nackten Busen schonungslos präsentiert. Mir ist unglaublich schlecht und alles beginnt sich zu drehen. Ich springe aus dem Bett und übergebe mich im angrenzenden Badezimmer. Krampfend würge ich alles Mögliche herauf. Was zur Hölle ist passiert? Ich hänge noch über dem Klo, als Janine ihren Kopf zur Tür hereinsteckt.

„Alles ok? Klingt nicht gut?“, meint sie und verzieht dabei ihr Gesicht.

„Raus…“, blaffe ich sie an. Sie verdreht die Augen und schließt die Tür wieder. Ich stehe auf und lasse kaltes Wasser über meine Pulsadern laufen. Mühevoll versuche ich mich zu erinnern. In meinen Schläfen pocht es. Ich wasche mein Gesicht und schaue in den Spiegel. Anna. Ich erinnere mich an Anna. Lächelnd schließe ich meine Augen. Sie war so schön und sie roch so gut. Wie immer.

„Kommst du jetzt mal raus?“, beschwert sich Janine und klopft dabei für meinen Schädel zu laut an die Tür. Ich ignoriere es.

Anna…Warum ist sie gegangen? Ich denke angestrengt nach. Shit. Weil ich Mist gebaut habe. Und jetzt steht Janine vor der Tür. Fuck. Fuck. Fuck. Anna hätte neben mir im Bett liegen sollen, nicht sie. Ich wickle mir ein Handtuch um. Zögerlich öffne ich die Tür. Janine sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Haben wir…“, frage ich vorsichtig, weil ich mich absolut an nichts erinnere.

„Was?“, fragt sie mit einem spitzen Ton, der mir im Kopf wehtut. „Sicher haben wir. Was ist denn los mit dir?“

Ich lasse mich aufs Bett sinken. „Scheiße…“, murmle ich.

„Was SCHEISSE?“, schreit sie mich an.

Ich sehe auf und atme durch. „Keine Ahnung warum und wie das passierte, aber das wollte ich nicht. Ich war betrunken und erinnere mich an nichts.“

„Du wollteste es nicht? Das fühlte sich aber ganz anders an. Und jetzt?“

Ich zucke mit den Schultern. „Du hast doch mitbekommen, dass ich und Anna…“

Sie unterbricht mich und gibt mir einen ordentlichen Stoß an die Schulter. „Anna?! Ernsthaft?! Vor ein paar Stunden, da hast du nicht an deine Anna gedacht. Im Gegenteil! Ich kann dir gern erzählen was du alles mit mir gemacht hast! Sag mal tickst du noch richtig?“

Ich schüttle den Kopf. „Bitte hör auf. Es tut mir leid…“

Wieder unterbricht sie mich. „Leid? Mir tut es leid! Du bist echt ein Arschloch!“

Dann packt sie wutentbrannt ihre Sachen und verlässt das Zimmer. Ich amte durch und lasse mich aufs Bett zurückfallen. Scheiße. Was mache ich denn jetzt? In meinem Kopf sticht es dermaßen, dass ich kaum klar denken kann. Doch eines ist ganz klar, wenn ich an Anna denke, zieht es in meinem Bauch und das halte ich fast nicht aus. Was soll ich ihr denn jetzt sagen? Ich schließe meine Augen. Wie sie lächelt…Ihre Lippen…Wie sie küsst…Wie sich ihre Haut anfühlt. Was genau ist heute Nacht passiert? Ich habe sie geküsst, aber sie wollte es nicht. Angestrengt denke ich nach. Warum habe ich nur so viel getrunken, ich mache das doch sonst nie? Ich drehe meinen Kopf ins Kissen, dabei wird mir wieder schlecht. Es riecht nach Janines Parfum. Schwer und bestimmerisch. So wie sie ist. Wie konnte ich mich nur auf sie einlassen? Ich springe auf, kurz dreht sich alles, doch ich nehme mich zusammen und ziehe das Bettzeug vom Polster und der Decke, außerdem reiße ich das Laken fast panisch von der Matratze. Danach bin ich so fertig, dass sich Schweißperlen auf meiner Stirn gebildet haben. Ich werfe die Schmutzwäsche vor meine Tür und stelle mich unter die Dusche. Zuerst drehe ich warm auf, dann eiskalt. Mein Herz pumpt. Meine Hände zittern. Plötzlich fällt es mir ein. Sie hat nein gesagt und ich habe sie blöd angemacht. Ich wollte sie gar nicht so anfassen. Warum habe ich es trotzdem getan? Ich kann nicht verstehen, was mit mir los war. Und dann Janine. Ich senke meinen Kopf und sehe an mir hinab. Daran kann ich mich absolut nicht erinnern, selbst wenn ich mich noch so sehr anstrenge. Ich kann doch nicht einfach mit ihr vögeln…Es würgt mich. Keine Ahnung was Anna jetzt von mir denkt. Dabei bedeutet sie mir so viel. Ich bin nicht hierhergekommen um mich zu verlieben. Es sollte einfach ein unbeschwerter Sommer werden. Doch dann habe ich sie gesehen. Wie sie ihre Augen aufgeschlagen hat nach dem Fahrradunfall. Wieder zieht es in meinem Bauch. Sie ist anders. Ganz anders. Sie ist so klug und besonnen. Und hübsch, auf eine ganz besondere natürliche Art und ohne den üblichen Kleister im Gesicht. Sie hat eine tolle Figur, nicht so skinny wie es jetzt scheinbar in ist, genau das gefällt mir. Sie strahlt eine mädchenhafte Leichtigkeit aus, die ich so nicht kenne. Ja…Sie ist anders…Ich muss lächeln. Papa hat sich auch in Mama verliebt und sie waren weit auseinander. Heute sind sie glücklich. Es ist also nicht ausgeschlossen. Nichts ist unmöglich. Ich muss mit ihr reden, mich entschuldigen. Während ich mich abtrockne, überlege ich wie ich das anstellen könnte. Ihr Vater ist streng. Er wird mich davonjagen, aber das muss ich riskieren. Ich werde ihm sagen, dass ich ehrliche Absichten habe. Ich bin kein Typ der seine Tochter nur flachlegen will, ich bin anders. Ich seufze für mich selbst. Nein…Bin ich nicht. Janine durchquert meine Gedanken wieder. Das kann ich ihr auf keinen Fall erzählen, sie würde es mir nicht verzeihen und ich kann das sogar verstehen. Nachdem ich mich angezogen habe, gehe ich hinüber zum Bauernhaus. Auf dem Weg dorthin offenbart sich mir ein ziemliches Chaos. Die nächsten Stunden ist wohl aufräumen angesagt. Frau Herzog lächelt mich an.

„Na? Ausgeschlafen? Da sieht aber wer noch nicht ganz frisch aus?“, meint sie schmunzelnd.

„Nein…Nicht so richtig. Darf ich das Bettzeug bitte tauschen?“, frage ich kleinlaut.

„Sicher. Magst du einen Teller Suppe? Es ist noch etwas übrig vom Mittagessen“, meint sie.

Ich nicke und setze mich an den großen schweren Holztisch. Heute komme ich mir so klein vor, es ist schrecklich. Selten wünsche ich mir meine Mum wäre jetzt hier, aber heute tue ich es. Sie weiß immer Rat.

„Wo sind denn deine Freunde?“, fragt mich Frau Herzog und stellt mir einen dampfenden Teller Leberknödelsuppe hin. Mir ist immer noch schlecht, aber ich denke die Suppe wird helfen. Darum löffle ich langsam die heiße Brühe.

„Ich glaube die schlafen noch.“ Ich werfe einen Blick auf die Küchenuhr. Es ist schon fast drei Uhr nachmittags. Keine Ahnung wie lange die Party überhaupt gedauert hat. „Kennen Sie Anna?“, frage ich leise.

„Anna? Welche Anna denn?“, meint sie neugierig.

„Sie wohnt in der Nähe von der Kreuzung oben am Ende der Straße.“

Sie überlegt kurz, lächelt dann aber. „Du meinst die Anna Adler.“

Ich nicke. Ja ich glaub sie sagte mir, dass ihr Nachname Adler wäre.

„Das ist ein sehr nettes Mädchen“, nickt sie.

Ich nicke auch. „Und der Vater, kennen Sie den auch?“

Sie zieht die Augenbrauen hoch und atmet durch. „Durchaus. Ja.“

„Der ist wohl nicht so nett…“, murmle ich.

„Ich würde sagen, geh ihm aus dem Weg. Er ist nicht der angenehmste Zeitgenosse hier im Dorf. Warum fragst du?“

Mir wird wieder schlecht. „Nur so…Ich mag Anna.“

Jetzt schmunzelt sie ziemlich breit. „Kann ich verstehen.“

Ich nicke wieder, senke meinen Blick danach aber und denke nach. Kein angenehmer Mensch. Shit. Aber ich muss dahin, ich will Anna sehen und mich bei ihr entschuldigen.

Nach der Suppe geht es mir etwas besser. Ich gehe zurück zum Ferienhaus und beginne unmotiviert aufzuräumen. Die anderen sind inzwischen auch munter. Daniel verdreht grinsend die Augen und Sam kann es auch nicht lassen blöde Andeutungen wegen Janine zu machen.

„Haltet einfach die Klappe“, murre ich. „Das ist alles ein riesen Shit.“

Es dauert gefühlt ewig bis alles halbwegs aufgeräumt ist. Ich bin wieder komplett durchgeschwitzt und mein Kopf tut immer noch weh. Kurz nach sechs Uhr stehe ich frisch geduscht vor dem Spiegel und sehe mich an.

„Ich fahre jetzt dahin. Ich muss sie sehen. Ich muss mit ihr reden. Sonst drehe ich durch. Ich darf kein Schisser sein. Ich bin ein Mann.“ Ich senke meinen Blick. „Ich bin ein Idiot.“

Allen Mut zusammennehmend gehe ich hinaus und an meinen Kumpels die gerade eine Bretteljause essen vorbei. Mir dreht es schon wieder fast den Magen um.

„Willst du nichts essen?“, meint Sam.

„Nein. Ich fahre zu Anna“, sage ich bestimmt.

„Zu Anna?“

Ich bleibe stehen und nicke. „Ja. Ich habe Scheiße gemacht. Keine Ahnung wie ich das gutmachen soll.“

Sam verdreht die Augen, natürlich kann er nicht verstehen wie ich mich fühle, ich verstehe es ja selbst nicht. Ich fahre langsam vom Hof, an der Weggabelung an der es zu Annas Haus geht bleibe ich kurz stehen. Da unten wohnt sie. Wieder das Gefühl in meinem Bauch, das es mir schwer macht klar zu denken. Ich fahre weiter. Ich werde das wiedergutmachen.

Kapitel 9

Anna

Ich schaue unmotiviert irgendeinen Film, Mama stickt an ihrer Tischdecke, als es an der Türe klingelt. Mama sieht verwundert auf.

„Kann das Ella sein?“, meint sie und legt das Stickzeug weg.

„Glaub ich nicht, sie ist heute zu ihrer Oma nach Graz ins Heim gefahren.“

„Vielleicht die Nachbarin, sie hat gemeint sie braucht ein paar Eier.“ Sie steht auf und geht zur Tür, ich wickle mich noch ein bisschen fester in meine Decke. Meine Schulter tut weh, darum weiß ich nicht recht wie ich mich hinlegen soll.

Mama schaut ins Wohnzimmer. „Anna…Da ist ein Julian Knox für dich“, sagt sie ruhig. „Kommst du bitte.“

Mir verschlägt es kurz den Atem. Julian? Hat sie das wirklich gerade gesagt? Ich setze mich auf und sehe sie erschrocken an.

„Wer?“

Sie lächelt und nickt dabei. „Du hast schon richtig gehört. Kommst du raus, oder soll ich ihn hereinbitten?“

Ich schüttle fast ein wenig hysterisch den Kopf. Wie kann er sich nur erlauben hierher zu kommen, wo ich ihm doch oft genug gesagt habe, wie mein Vater ist?! Zum Glück ist er nicht hier, sonst würde das ganze Theater von vorne losgehen. Ich habe genug von den Schlägen für die nächste Zeit.

„Nein Mama! Schick ihn weg! Er soll mich so nicht sehen und ich habe auch gar nichts mehr mit ihm zu bereden!“, sage ich bestimmt.

Sicher?“, meint Mama mild und legt ihren Kopf zur Seite.

„Ja sicher, er soll verschwinden!“

Sie seufzt und dreht sich um. Ich springe auf und gehe bis zur Küchentür und lausche.

„Ich gehe aber nicht weg bevor ich mit ihr gesprochen habe. Tut mir leid, wenn ich Sie belästige, aber das muss sein. Es ist wirklich wichtig“, sagt Julian sehr bestimmt zu meiner Mutter.

Mama seufzt. „Sie wird nicht rauskommen.“

„Dann warte ich. Irgendwann muss sie rauskommen. Ich habe ja Zeit.“ Er lässt nicht locker.

Ich atme genervt durch und gehe zur Tür. „Ich mach das schon Mama“, sage ich und atme dabei durch. Mama streicht über meine Schulter und geht zurück ins Haus.

„Was willst du denn?“, frage ich ihn vielleicht ein wenig zu laut.

Kurz erscheint mir sein Blick erfreut darüber mich zu sehen, doch dieser Ausdruck schwenkt schnell um. Er schaut mich entsetzt, vielleicht sogar erschrocken an.

„Anna…Was ist dir passiert?“, fragt er vorsichtig.

„Nichts ist passiert. Julian, bitte geh wieder. Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht hierherkommen sollst.“ Ich versuche seinem Blick auszuweichen.

„Ja…Schon, aber…Oh dear…“ Er atmet durch. „Bist du gestürzt? Mit dem Fahrrad? Ist dir das am Heimweg zugestoßen?“

Ich senke meinen Blick. „Nein.“

Er kommt einen Schritt näher, ich sehe wieder auf und schüttle den Kopf. „Geh bitte.“

Plötzlich öffnet sich sein Mund als müsse er nach Luft schnappen, er schüttelt ungläubig den Kopf. „Das war er, oder? Dein Vater…Fuck…“, flüstert er.

„Geh jetzt bitte“, sage ich erneut und schließe kurz meine Augen. Nicht weinen. Nicht weinen. Jetzt nicht.

„Bin ich daran schuld?“ Seine Stimme versagt fast bei diesen Worten.

Ich schüttle den Kopf. „Ich bin selbst schuld. Was willst du denn noch?“, frage ich und merke wie sich immer weiter ein Druck in meiner Brust aufbaut, den ich bald nicht mehr unter Kontrolle haben werde.

„Keine Ahnung…“, murmelt er. „Ich wollte mich entschuldigen…Ich habe dich nicht gut behandelt heute Nacht…Es tut mir leid…“

Er stammelt nach Worten suchend und kann mich dabei nicht mehr ansehen. Ich kann auch nicht mehr, weil mich sein Anblick fertig macht. Mein Bauch tut wieder weh und ich fühle mich nicht klar genug um rationell zu denken.

„Ist schon gut. Du musst jetzt gehen…“, sage ich daher und sehe ihn noch einmal an.

Er nickt nur, seine Augen sehen anders als sonst aus. Überhaupt sieht er heute anders als sonst aus. Unrasiert. Mitgenommen. Erschöpft. Keine Ahnung, ich kann jetzt einfach nicht mehr darüber nachdenken, es ist zu viel.

„Anna…I´m so sorry…“, flüstert er noch während ich mich schon umdrehe.

„Mach´s gut“, ist alles was ich noch herausbringe, dann gehe ins Haus und schließe die Tür hinter mir.

Alles was ich gerade noch hinuntergedrückt habe, kriecht langsam meinen Hals hoch. Tränen laufen über meine Wangen und ich kann vor Schmerz nur schluchzen. Mama kommt aus der Küche und schüttelt den Kopf.

„Geh Anna…Was ist denn los? Das ist doch so ein netter junger Mann.“ Sie nimmt mich in den Arm. „Und gut schaut er aus.“ Sie streicht über meine Wange und lächelt dabei.

Ich zucke mit den Schultern. „Ja…Schon…Es geht halt nicht…“ Meine Stimme ist ganz erstickt von den vielen Tränen.

„Hat er dich so gekränkt?“, meint sie und schiebt mich in die Küche. „Ich mach dir eine warme Milch mit Honig, das hilft immer.“

„Das ist es nicht, ich bin nicht gekränkt, also nicht so schlimm. Es ist, weil es sowieso nichts bringt. Er ist bald weg und ich weiß nicht wie ernst er es meint. Außerdem…Papa wird mich erschlagen…“, murmle ich in mich hinein.

„Jetzt ist er einmal nicht da. Ich kann das nicht mehr mitansehen. Du hast auch ein Recht auf Liebe und du bist doch verliebt, oder?“

Ich nicke zögerlich.

„Dann denk nicht so viel nach, rede noch einmal mit ihm. Schlaf eine Nacht darüber und dann schaust du weiter.“

Wieder nicke ich.

„Julian…“, lächelt Mama. „Schöne Augen hat er…sehr schöne Augen…“

„Ja ich weiß“, seufze ich.

Kapitel 10

Julian

Ich bin nicht gleich zurück zum Herzoghof gefahren. An der Weggabelung musste ich anhalten. Immer noch versuche ich mich zu fangen. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich Annas Gesicht. Die Wangen gerötet, unter dem Auge ein blauer Fleck, die Nase aufgeschlagen. Ich kann es einfach nicht glauben. Was ich gerade gesehen habe, übersteigt alles was ich bisher erlebt habe. Ich habe sie gefragt, ob ihr Vater ihr das angetan hat. Sie hat nicht darauf geantwortet, doch ich bin mir sicher. Wie kann man so etwas tun? Ich atme tief durch. Niemals hat mein Vater gegen mich oder meine Schwester die Hand erhoben, selbst wenn es dazu hin und wieder Anlass gegeben hätte. Niemals…Je mehr ich darüber nachdenke umso weniger verstehe ich es. Anna ist so ein besonders Mädchen. Überlegt und keinesfalls rebellisch oder sonst etwas, kein Grund der solch ein Handeln nur Ansatzweise rechtfertigen könnte. Ich möchte nicht, dass ihr jemand wehtut. Ich muss zurück. Sie muss weg von dort, ich kann und darf das nicht hinnehmen. Ich setze den Helm wieder auf und starte die Vespa, doch dann halte ich inne. Er wird ihr wieder wehtun, besonders wenn ich dort auftauche. Es war wohl ein Glück, dass er gerade vorhin nicht zu Hause war. Darum wollte sie nicht, dass ich sie nach Hause bringe oder abhole. Jetzt verstehe ich alles. Ich hätte es spüren müssen und wenn ich jetzt darüber nachdenke macht es auch Sinn. Sie hat wirklich Angst vor ihrem Vater. Ich erinnere mich an ihrem Blick, als sie an mir vorbeifuhren. Da war so viel Verzweiflung, dass es mir augenblicklich fast den Magen umdreht. Aber ihre Mutter ist nett, doch wie kann sie das alles mitansehen, oder gar dulden? Ich verstehe es nicht. Wenn ich sie zumindest anrufen könnte…Sie fehlt mir. Es zieht wieder in meinem Bauch. Ich muss nachdenken. Überlegen. Langsam rolle ich zurück zum Herzoghof. Meine Kumpels sitzen bei einer Flasche Wein vor dem Haus. Es ist ein lauer Abend, nicht so schwül wie die letzten Tage, aber das ist durchaus angenehm. Ich bin an diese schwülheißen Nächte nicht gewöhnt.

„Trinkst du auch ein Glas? Frau Herzog hat ihn vorhin herübergebracht“, fragt mich Sam und zeigt auf den leeren Platz neben ihm.

Mir ist absolut nicht nach Wein und das nicht nur, weil mir der Alkohol der vergangenen Nacht immer noch in den Knochen sitzt. Ich fühle mich mies und von Stunde zu Stunde kommt etwas dazu, dass mich noch mehr fertig macht. Der Kater, Janine, dass ich Anna blöd angemacht habe und sie jetzt auch noch so verletzlich, nein verletzt zu sehen, das halte ich nicht aus.

„Nein…Ich geh schlafen“, murmle ich und gehe an den Jungs vorbei.

„Hat wohl nichts gebracht bei Anna, was?“, ruft mir Daniel nach.

Ich kommentiere seine Frage nicht und gehe direkt auf mein Zimmer. Die letzten Wochen waren toll. Ich habe soviel gesehen und erlebt. Es war lustig und wir haben echt nichts ausgelassen. Dann kamen wir hierher. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Abstecher auf dem Nachhauseweg werden, doch jetzt gefällt es uns allen so gut, dass wir noch ein bisschen bleiben wollen. Ein Grund bei mir war Anna. Sie weiß was sie will. Keine Ahnung ob sie mich auch gleich so wollte wie ich sie. Sie war schon ziemlich verschlossen, aber seit heute glaube ich den wahren Grund dafür zu kennen. Ich lasse mich samt Klamotten ins Bett fallen. Es wäre besser sie in Ruhe zu lassen. Ich mache ihr Schwierigkeiten. Ihr Gesicht und die Schmerzen hat sie bestimmt mir zu verdanken. Das will ich nicht…Nein…Ich atme aufgeregt durch und lege dabei meine Hände vors Gesicht. Wenn ich sie nicht gehen gelassen hätte heute Nacht, dann wäre das nicht passiert. Ich seufze tief. Ich kann sie nicht in Ruhe lassen. Es geht einfach nicht. Es ist noch gar nichts passiert zwischen uns außer vielen Küssen und ein paar wundervollen Berührungen, aber das ist auch gar nicht wichtig. Ich weiß, dass ich sie liebe. Gott…kann das sein? So ein Gedanke ist mir noch nie eingekommen. Noch nie. Ich schließe meine Augen und atme ruhig. Mama sagt immer, am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht zu Ende. „Alles wird gut Anna“, murmle ich und drehe mich zur Seite.

Kapitel 11

Anna

Der Tag verging schleppend. Mein Gesicht schaut heute noch ein bisschen schlimmer als gestern aus, aber damit habe ich gerechnet. Der zweite Tag ist immer der Schlimmste, danach wird es besser. Ja, es ist traurig, aber ich kann inzwischen aus Erfahrung sprechen. Zumindest habe ich heute den ganzen Tag Mathe gepaukt und meine gefakten Bespiele gelöst. Langsam verstehe ich diese öden Gleichungen. Ich schließe mein Heft und starre ein Loch in die Luft. Allmählich wird es dämmrig. Heute war ein schöner Tag, aber mit dem Baden am See wird es auch die nächste Zeit nichts werden. Ich lehne mich zurück und amte durch. Er fehlt mir. Sofort krampft sich mein Herz gefolgt von meinem Magen zusammen. Ich stehe auf und gehe hinunter, Mama sperrt gerade den Hühnerstall ab.

„Kannst du mich hinfahren?“, frage ich vorsichtig.

„Wohin Anna?“, meint Mama und putzt sich die Hände ab.

„Zu Julian, auf den Herzoghof.“

Sie lächelt, dann nickt sie. „Sicher. Willst du dich noch umziehen?“

Ja, ich bin nicht im Datelook, aber das ist auch nicht nötig. Ich bin wie ich bin, darum schüttle ich den Kopf. „Ich hole nur noch mein Handy.“

Meine Haare bürste ich doch noch schnell durch. Mama wartet schon im Wagen und lächelt immer noch. Mein Herz klopft. Ich möchte ihm sagen, dass ich seine Entschuldigung von gestern Abend annehme. Es ist nicht fair unhöflich zu sein. Er war nie so wie an dem Abend, darum will ich mal nicht so sein. Mein Puls wird immer schneller, je näher wir zum Hof der Herzogs kommen.

„Soll ich dich dann später wieder abholen kommen?“, fragt Mama und hält in der Hofauffahrt an.

„Ich ruf dich an, aber ich weiß nicht ob das ziemlich schnell sein wird, oder doch länger dauert.“

Sie streicht sanft über meine Wange. „Das macht nichts. Ruf einfach an. Bis später.“

„Ja…Bis später.“ Ich steige aus und winke ihr noch kurz hinterher. Meine Knie sind wackelig. Sehr wackelig. Langsam gehe ich Richtung Ferienhaus. Es ist leise, aber ich höre Stimmen je näher ich komme. Julians Freunde sitzen vor dem Haus und unterhalten sich, er ist allerdings nicht dabei. Schüchtern gehe ich näher.

„Hi Anna!“, begrüßt mich einer von ihnen. Weil es schon dämmrig ist, bleiben meine Verletzungen im Gesicht unentdeckt, worüber ich froh bin. Ich hasse diese Blicke, vor allem wenn sie mitleidig sind.

„Hi…“, grüße ich freundlich zurück.

Bevor ich fragen kann, meint er sofort, Julian wäre im Haus. Zweites Zimmer links. Ich soll gleich durchgehen. Ich nicke nur und hoffe alles richtig verstanden zu haben, schließlich spricht er nicht deutsch so wie Julian. Zögerlich gehe ich ins Haus. Vor der zweiten Tür links bleibe ich stehen. Mein Herz pumpt und meine Hände schwitzen ein bisschen. Ich klopfe leise an.

„Get off“, höre ich ihn motzen. Toll. Ich klopfe noch einmal und öffne die Tür vorsichtig ein Stück. Bevor ich sie ganz öffnen kann, reißt er sie von innen auf und beginnt wütend auf Englisch etwas zu stänkern. Als er aufsieht, hält er sofort inne. Er lächelt sogar ein bisschen.

„Anna…Sorry…Ich dachte es ist schon wieder Sam…“, entschuldigt er sich.

Ich lächle auch ein bisschen, aber verlegen.

„Läuft nicht so zwischen uns beiden im Moment, was?“, fügt er noch hinzu und senkt seinen Blick.

„Nicht?“, frage ich leise nach.

Er zuckt seufzend mit den Schultern. „Komm doch rein…Ich finde in deiner Gegenwart irgendwie nicht die richtigen Worte“, meint er, und befreit einen Stuhl auf den ich mich offensichtlich setzten soll von Klamotten. Keine Ahnung ob ich mich hinsetzen will, darum bleibe ich stehen, gleich wie er. Ich möchte etwas sagen, doch bevor ich das tun kann greift er nach meiner Hand.

„Nein…Warte…Zuerst ich. Ich habe dich blöd angefasst, das wollte ich nicht, also ich will dich schon anfassen, aber nicht so und ich glaub ich habe Dinge gesagt, die sind anders aus meinem Mund gekommen als ich es wollte…“

Ich habe Schwierigkeiten seinen Worten zu folgen. Deutsch und Englisch mischen sich, alles geht Durcheinander. Er ist ganz verwirrt. Ich muss lächeln und drücke seine Hand etwas fester. Er hält inne und sieht mich an.

„Ich weiß…Ich bin dir nicht mehr böse…Ist schon gut…“, sage ich leise.

Er atmet erleichtert aus. „Ich trinke normalerweise nie so viel…Es ist mir peinlich…“

„Nein…Vergiss es“, schüttle ich den Kopf.

„Aber was ist passiert? Dein Vater? Er war das doch? Warum?“, fragt er vorsichtig.

Ich senke meinen Blick. „Er hat mich erwischt, als ich mitten in der Nacht nach Hause kam. Können wir bitte nicht mehr darüber reden.“

Kurz ist es ganz still. „Oh Anna…“, amtet er dann hörbar aus und zieht mich zeitgleich in seine Arme. Er drückt mich ganz fest an sich und auch wenn meine Schulter dabei ein bisschen wehtut, ist es das beste und schönste Gefühl der vergangenen Tage. Er schmiegt seine Wange an meine und reibt zärtlich meinen Rücken. Er ist immer noch unrasiert, was ungewohnt ist. Dann löst er sich und streicht über meine blaue Stelle im Gesicht. Immer noch sagt er nichts und ich bin froh darüber, aber er lächelt ein wenig, auch wenn ich in seinen Augen erkenne, dass er Mitleid hat. Auch wenn ich das nicht will, ich fühle mich plötzlich so geborgen. Ich lächle auch. Dann küssen wir uns. Lange. Zuerst ganz sanft, dann intensiver. Irgendwann sieht er nervös auf.

„Ich möchte nicht, dass du wegen mir Schwierigkeiten bekommst, du solltest vermutlich nicht hier sein.“

„Er ist die ganze Woche nicht da. Alles ist gut.“

Er sieht mich nachdenklich an. „Alles ist gut? Ich weiß nicht?“

„Doch Julian. Alles ist gut. Bringst du mich jetzt trotzdem nach Hause, oder soll ich meine Mutter anrufen, damit sie mich abholt?“

„Sicher bring ich dich, aber morgen sehen wir uns doch wieder?“

„Ich hoffe schon. An den See will ich aber so nicht.“

„Das macht nichts. Ich muss auch nicht hin.“ Er streicht wieder über meine Wange und hält dabei meine Hand. „Überleg dir einfach etwas anderes.“

Auf dem Weg nach Hause umschlinge ich ihn ganz fest. Ich möchte ihn eigentlich nie wieder loslassen, auch wenn ich weiß, dass es unausweichlich ist. Ich will ihn gar nicht danach fragen wie lange er noch hier ist. In seiner Nähe ist alles besser. Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich mich noch nie so gefühlt zu haben. Es ist ein gutes Gefühl. Ein atemberaubendes Gefühl. Ich drücke meine Nase in seinen Rücken und schließe kurz meine Augen, als wir auch schon da sind. Ich steige ab, er auch. Mama schaut kurz aus dem Fenster und lächelt wieder.

„Wenn dein Vater nicht hier ist, darf ich dich morgen abholen kommen?“

„Ja, das wäre toll. So um zehn? Oder komm doch schon um neun. Dann können wir zuvor noch gemeinsam frühstücken. Ich mach uns Spiegeleier“, schlage ich vor.

Er zieht seine Augenbrauen ungläubig hoch, nickt dann aber. „Das klingt ganz toll. Ich freue mich jetzt schon darauf.“

„Ich mich auch“, etwas verlegen über seinen Blick kratze ich mich an der Stirn.

Er nimmt mir den Helm ab und umarmt mich. Ich will ihn nicht gehen lassen. Ich erwidere seine Umarmung und lasse ihn danach zögerlich los. Schnell gibt er mir noch einen Kuss.

„Dann bis morgen“, hauche ich noch, als er schon wieder aufsteigen will, doch er kommt noch einmal näher.

„Anna…Ich…“, stammelt er.

„Ja? Was denn?“

Er greift nach meiner Hand und schließt kurz die Augen, dann öffnet er sie wieder.

„I love you Anna…“

Mir steht bestimmt der Mund offen und ich bekomme kurz keine Luft. Darum atme ich ganz vorsichtig durch.

„Was?“, frage ich mit piepsiger Stimme.

„Ich liebe dich Anna“, wiederholt er und lächelt dabei zufrieden.

Meine Wangen fühlen sich heiß an, heute im positiven Sinne und in meiner Stirn pocht es seltsam, so als würde das Blut wie wahnsinnig durch meinen Körper rauschen. Ich kann nur nicken und ich glaube ich lächle auch. Es ist, als hätte die Erde sich für einen Moment nicht gedreht. Dann lässt er meine Hand los und fährt weg. Einmal dreht er sich noch um, ich hebe immer noch perplex meine Hand. Dann gehe ich hinein und lehne mich an die Haustür. Ich bekomme fast keine Luft. Er liebt mich. Er liebt mich!?

„Anna?“ Mama schaut aus der Küche. „Alles ok?“

Ich nicke in Zeitlupe. „Ja…Alles ok.“

„Habt ihr euch ausgesprochen?“

Wieder nicke ich. Sie kommt näher und verdreht die Augen.

„Anna Schatz“, säuselt sie und sucht meinen Blick.

Ich versuche wieder zu mir zu kommen und gehe an ihr vorbei an die Küche.

„Ja, ja, alles perfekt. Ich habe ihn zum Frühstück eingeladen, ist das ok?“

„Natürlich. Hast du noch Hunger?“, meint sie und mustert mich immer noch.

„Nein…Kein Hunger. Ich geh schlafen.“

Ich bin total in Trance und dieses Gefühl verändert sich auch den Rest des Abends nicht. Er liebt mich. Ich schlafe mit einem Lächeln ein.

Kapitel 12

Julian

Anna sieht mich ein wenig schüchtern an. Ich könnte sterben für diesen Blick. Wie sie ihre dunklen Wimpern aufschlägt und mich so zaghaft anlächelt, während sie ihr Spiegelei isst. Ich glaube es ist, weil ich ihr gestern gesagt habe, dass ich sie liebe. Ich liebe sie wirklich und was ich in ihrer Nähe fühle bestätigt meine Worte.

„Schmeckt sehr gut Anna“, lächle ich ebenfalls.

Sie nickt, immer noch ein bisschen schüchtern. „Die Eier sind von unseren Hühnern.“

„Toll“, nicke ich und schiebe mir die letzte Gabel voll in den Mund.

„Magst du noch etwas?“

Ich lege meine Hand auf ihr Knie unterm Tisch. Ja…Ich möchte vieles…Essen ist gerade nicht dabei auch wenn das Frühstück lecker war.

„Danke ich bin satt“, himmle ich sie an. Ihre Wangen werden ein bisschen rot.

Da ihre Mutter in Nebenzimmer ist, nehme ich meine Hand wieder von ihrem Bein. Ihre Mum ist nett. Anna sieht ihr ähnlich. Ich kann gar nicht verstehen, wie sie dabei zusehen kann, was ihr Mann seiner Tochter antut. Vermutlich hat sie keine Wahl. In der Grundschule war ein Mädchen in meiner Klasse die auch geschlagen wurde. Auch ihre Mutter wurde regelmäßig verprügelt. Ich erinnere mich dumpf an die blauen Flecken auf den Schienbeinen des Mädchens. Schon damals konnte ich es nicht verstehen. Wenn ich in Annas Gesicht blicke, fühle ich so viel Wut auf diesen mir unbekannten Mann. Wie kann man so etwas tun? Im Grunde ist er schwach, auch wenn er seine Stärke an ihr auslässt. Nur schwache Männer schlagen Frauen. Er ist ein Arschloch.

„Wollen wir fahren?“, reißt sie mich auch meinen Gedanken.

„Ja sicher. Was machen wir denn?“, antworte ich schnell und versuche meinen Groll hinunterzuschlucken, was beim Blick auf die blaue Stelle unter ihrem Auge nur schwer gelingt.

„In der Nähe gibt es so einen tollen Aussichtsfelsen. Ich dachte wir könnten da hin wandern. Hast du ordentliche Schuhe an?“

„Turnschuhe“, entgegne ich neugierig.

„Ja das geht. Also wollen wir?“

Ja ich will. Egal was. Ich würde einfach alles mit ihr und für sie tun. Gestern Abend habe ich noch mit Mama telefoniert. Ich habe ihr von Anna erzählt. Keine Ahnung ob sie mir glaubt wie ernst es mir ist. Trotzdem war sie neugierig. Ja es ist mir ernst, nur weiß ich noch nicht, wie sie von ihren Qualen in diesem Haus befreien kann.

Kapitel 13

Anna

Ich werfe mich fast weg vor Lachen, Julian verdreht ebenfalls amüsiert die Augen.

„Ich verstehe das Spiel nicht…Sorry…“, murmelt er und schaut in seine Karten.

Ich versuche ihm schon den ganzen Nachmittag „Schnapsen“ beizubringen. Ein Naturtalent ist er nicht gerade, aber genau das finde ich so lustig. Es ist nicht schwer gegen ihn zu gewinnen. Grinsend schaue ich über seine Hand in die Karten.

„Aber schau, das wäre doch gegangen“, erkläre ich ihm immer noch ein bisschen grinsend.

Etwas unmotiviert legt er die Karten auf den Tisch und seufzt gespielt. „Dazu muss man wohl Steirer sein um das zu kapieren. Magst du etwas trinken? Ein Glas Wein?“

Ich schüttle den Kopf. Wir sitzen schon seit dem frühen Nachmittag beim Tisch vor dem Ferienhaus. Wir haben viel geredet und eben Karten gespielt. Je mehr wir reden, desto besser wird sein Deutsch, das finde ich ganz toll. Er bemüht sich wirklich. Die anderen Jungs sind am See, obwohl ich glaube, dass es bald zu regnen beginnt. Es grummelt immer wieder und der Himmel ist mystisch grauschwarz verfärbt. Der laue Wind ist auf jeden Fall angenehm, denn es ist wieder einmal ziemlich schwül. Irgendwer hat gemäht. Der satte Duft vom grünen Gras gepaart mit der pappschweren Luft zieht vorbei.

„Nein, kein Wein. Ich habe mein Wasser“, meine ich und mische die Karten noch einmal. „Ich zeig es dir noch einmal. Wenn ich es verstehe, kannst du es allemal.“

„Du setzt hohe Erwartungen in mich.“ Er legt seine Hand auf meinen Oberschenkel. Das hat er heute schon öfter gemacht. Gestern auch. Es gefällt mir. Ich lächle ohne aufzusehen. Auf jeden Fall dürfte er bemerken, dass es mir gefällt.

„Der Wein vom Herzoghof ist aber ganz passabel. Zumindest der Weißwein. Den Schilcher mag ich nicht. Ich glaub der hat meine Sicherungen am Abend bei der Geburtstagsparty durchgebrannt“, meint er und schüttelt dabei den Kopf.

„Das war der Schnaps und die Kombination aus vielen giftigen Drinks“, meine ich.

„Ja. Vermutlich.“

„Aber du hast Recht, der Wein von den Herzogs ist gut. Muss er ja auch sein, die haben unsere Weingärten abkauft, also eigentlich ist das ein bisschen Adler Wein“, erzähle ich nebenbei. „Früher hatten wir einen Weinbaubetrieb.“

„Echt? Abgekauft? Warum denn?“ Julian sieht mich interessiert an.

„Na ja…sagen wir so. Es war die Rettung, damit wir zumindest unser Haus nicht verloren haben. Mein Vater hat alles verspielt und das Trinken hat es nicht gerade besser gemacht. Du verstehst jetzt vielleicht, warum ich nicht so auf den Alkohol stehe. Es kommt nie etwas Gutes raus, das Trinken verändert die Menschen.“ Ich senke meinen Blick und teile die Karten aus. Julian stoppt mich und hält seine Hand auf meine.

„Ich kann einfach nicht glauben was du schon alles miterleben musstest. Es nimmt mir die Luft zum Atmen Anna.“

Ich sehe auf und lächle. „Das muss es nicht. So ist mein Leben. Weißt du, Mama sagt immer man muss zuerst durch den Regen gehen damit man den Regenbogen sieht.“

Julian will noch etwas sagen, als der Wind ziemlich unsanft in die Karten fährt und es gleichzeitig blitzt und donnert. Ich zucke zusammen. Schnell greift er nach den Karten.

„Ich glaub wir sollten rein gehen“, meint er und sieht in den bedrohlich verfärbten Himmel. Die Äste des Baumes unter dem der Tisch steht biegen sich im Wind. Ich nehme schnell die Gläser und spüre schon die ersten Tropfen. Drinnen schließe ich noch schnell das Fenster und sehe nach draußen.

„Ich ruf meine Mama an, dass ich hier bin damit sie sich keine Sorgen macht.“

Julian nickt und wirft sich ins Bett. Mama meint, es wäre kein Problem, ich soll inzwischen bei Julian bleiben, oder sie holt mich später ab.

„Komm zu mir.“ Er streckt seine Hand nach mir aus und ich kuschle mich nur zu gerne an ihn. Ich drücke meinen Kopf fest auf seine Brust und lausche. Blitz. Donner. Wieder Blitz. Ich zähle die Sekunden dazwischen. Julian streicht sanft durch meine Haare.

„Wie oft hast du schon ich liebe dich gesagt?“, frage ich in einer Donnerpause.

„Was?“, meint er ein wenig amüsiert.

„Wie oft?“, wiederhole ich.

„Ich habe es zu meiner Mum gesagt und zu meiner Schwester.“ Er streicht sanft über meine Wange. „Und zu dir habe ich es auch gesagt.“

Ich sehe auf und lächle.

„Und falls du das hören willst, sonst habe ich es noch nie gesagt, denn ich kann das nur sagen, wenn ich es auch so meine.“

Mir wird warm. Keine Ahnung ob es an der schwülen Luft und am geschlossenen Fenster liegt, oder an seinen Worten. Er zieht mich fester an sich und küsst mich.

„Ach, ich muss noch etwas fragen“, murmle ich in seinen Mund. Er verdreht ein bisschen belustigt seine Augen.

„Du hast gesagt du würdest mich schon gerne anfassen. Wo genau?“ Mir wird immer wärmer. Julian zieht die Augenbrauen hoch.

„Du stellst heute viele ungewöhnliche Fragen.“

Ohne zu überlegen ziehe ich mein Kleid über den Kopf. Dann küsse ich ihn.

„Also wo?“, hauche ich nahe an seinem Ohr.

„Überall Anna“, flüstert er zurück.

Ich sehe ihm tief in die Augen. „Dann tu es bitte…“

Er scheint mir plötzlich etwas angespannt über meine Worte. „Was soll ich tun?“

Ich schiebe sein Shirt hoch und streiche ganz zart über seine Brust bis zu seinem Bauchnabel, was ihn tief einatmen lässt, kurz schließt er sogar seine Augen.

„Alles…“, murmle ich und beginne seinen Hals abwärts zu küssen. „Ich hoffe du bist vorbereitet.“

„Nein…Ich bin gar nicht vorbereitet…Not at all…“, atmet er aus und zieht mich auf sich.

Ich greife nach seinen Händen und lege sie auf meine Hüften. Sagen tue ich nichts mehr. Alles was ich will ist ihn fühlen, spüren und lieben. Ich habe viel darüber nachgedacht in den letzten Tagen. Er ist es mit dem ich es tun will und jetzt ist genau der Moment. Mein Herz klopft unregelmäßig und ich bin nervös, weil ich nicht weiß was ich machen soll, aber das versuche ich zu verdrängen. Ich lasse ihn spüren, dass ich ihn jetzt nicht mehr loslassen werde. Ich lasse ihn spüren, was ich will, doch er zögert. Darum sehe ich noch einmal auf.

„Weißt du…Ich wollte genau das mit jemanden zum ersten Mal machen den ich wirklich liebe. Darauf habe ich gewartet und jetzt bist du hier.“ Ich streiche durch seine Locken und über seine Wange. „Ich liebe dich Julian.“

Er sieht mich wortlos an, dann fasst er meine Hände und dreht mich auf den Rücken und drückt sich auf mich. „Du willst es wirklich tun? Mit mir? Jetzt?“

Ich nicke und schließe meine Augen, dann spüre ich seine Lippen an meinen. Seine Hände streichen sanft über meine Arme während sein Mund meinen Hals hinunter wandert. Zuerst bin ich sehr nervös, ich würde sogar sagen unentspannt, doch dann taue ich langsam auf und will immer mehr. Als er meinen BH öffnet bekomme ich kurz keine Luft. Seine Fingerkuppen gleiten sanft über meinen Busen und meine Brustwarzen, eine Reaktion darauf lässt sich nicht vermeiden. Ich atme geräuschlos aus, eine Gänsehaut überzieht mich. Langsam kann ich nicht mehr richtig denken, ich bin nicht sicher ob das gut ist oder nicht. Er streicht über den Saum meines Höschens. Ok. Es ist gut. Sogar unbeschreiblich gut. Besser ich denke also nicht. Doch - kurz muss ich noch denken.

„Julian…Hast du denn ein Kondom?“, frage ich leise, irgendwie klingt das peinlich, und unpassend, aber es nun einmal wichtig.

„Yes…Ja…Ich mach das…verlass dich auf mich…“, murmelt er fast gehaucht und schiebt seine Hand in mein Höschen. Ich halte die Luft an und schließe meine Augen.

Jede seiner Berührungen ist voller Zärtlichkeit. Sanft und liebevoll, ich fühle mich so besonders und das obwohl ich nackt bin, aber auch darüber denke ich nicht mehr nach. Ich lasse meine Augen zu. Wie sich seine warme nackte Haut an meiner reibt, wie er mich küsst und berührt, es ist perfekt. Dann hält er kurz inne und streicht über meine Wange. Ich öffne zögerlich meine Augen. Er lächelt. Ich auch.

„Immer noch sicher?“, haucht er nahe an meinen Lippen. „Wir können auch noch warten.“

„Ja ich bin sicher…Warten kann ich jetzt wirklich nicht mehr“, entgegne ich leise und ein bisschen verlegen.

„Ok…Ich bin vorsichtig…“

Jetzt klopft mein Herz wieder. Ein unbekanntes Gefühl durchfährt mich. Ich habe zwar keine Ahnung davon, aber irgendwie weiß ich doch was zu tun ist. Wir sehen uns in die Augen, er fixiert meinen Blick und ich finde es wunderschön ihm genau in diesem Moment anzusehen. Diese Augen…Dann tut es weh. Zuerst ein bisschen, dann kurz mehr, dann fast gar nicht. Es ist weniger schlimm als erwartet und besser als gedacht. Ich mache meine Augen wieder zu. Er ist sanft und hört nicht auf mich zu küssen. Vorsichtig schiebe ich mich ihm etwas entgegen. Das verstärkt sein Atmen, meines auch. Es ist unglaublich schön und sinnlich. Ich ziehe meine Beine ein wenig an.

„Ok für dich?“, fragt er mich leise in mein Ohr.

„Ja…“, hauche ich und verstärke den Druck meiner Hände an seinem Rücken und das Tempo seiner Bewegungen in mir. Es ist sogar ganz und gar ok. Er atmet leise, aber tief mit leicht geöffnetem Mund nahe an meinem Ohr. Sein Atem ist heiß, das ist so erotisch, dass ich gar nicht weiß wie ich mich noch beherrschen soll. Es lässt ich nicht zurückhalten, dass ich vielleicht ein wenig zu laut nach Luft schnappe. Auch wenn es ein ungewohntes Gefühl ist, diese Kombination aus Lust, Leidenschaft und Liebe schraubt meinen Körper irgendwo hin, wo ich keine Kontrolle mehr über ihn habe. Ich sauge noch einmal den Duft seiner Haut ein und mit dem Ausatmen kann ich nicht mehr. Julian greift nach meinen Händen und presst sie fest in die Matratze, ich glaub er kann auch nicht mehr. Ein herrlich warmes und gleichzeitig prickelndes Gefühl, als würden tausend Ameisen durch meinen Körper schießen durchfährt mich. Ich öffne meine Augen und suche seinen Blick. Sein Mund ist leicht geöffnet, dann lächelt er. Ich auch. Danach fallen meine Lider schwer zu. Julian ist dicht neben mir. Dass es beim ersten Mal so gut ist, damit hätte ich nie gerechnet. Meine Atmung wird langsam wieder regelmäßig. Ich bin müde. So müde.

Ein Geräusch gefolgt von einem kühlen Lufthauch der über meinen Rücken weht weckt mich. Ich sehe auf, es ist schon dämmrig geworden, regnen tut es immer noch. Julian hat das Fenster geöffnet und ist wie es aussieht aus dem Zimmer gegangen. Keine Ahnung wie lange ich geschlafen habe. Ich richte mich auf und strecke mich durch, als er wieder hereinkommt.

„Wolltest du dich aus dem Staub machen?“, witzle ich als er sich wieder zu mir legt und sich dicht an mich schmiegt. Er schiebt meine Haare zur Seite und küsst mich hinterm Ohr.

„Nein…Ich werde dich nicht allein lassen. Niemals“, haucht er in mein Ohr.

Ich seufze. „Doch wirst du. Sehr bald sogar.“

„Nein…“, wiederholt er und dreht mein Gesicht zu sich. „Und? Wie fühlst du dich?“ Er schmunzelt ein wenig und reibt dabei seine Nase an meiner.

„Echt gut…Ich fühle mich echt gut“, schmunzle ich zurück. „Und du?“

„Auch echt gut.“

„Ich dachte es wird wehtun und so…aber es war ganz toll und alles hat gekribbelt“, sage ich etwas schüchtern.

Sein Blick wechselt auf zufrieden glaub ich. „Okay…Ich bin sicher es geht noch mehr als Kribbeln.“

Er schlingt seine Arme fest um mich und küsst mich, was ich nur zu gerne erwidere. Das Klingeln meines Handys holt mich in die Realität zurück. Ich blicke auf das Display, es ist meine Mama. Sie meint es hört nicht auf zu regnen, darum kommt sie mich abholen, auch wenn ich noch lieber bei Julian bleiben will, wird das wohl das Beste sein. Ich kann mich echt schwer von ihm lösen, denn ich weiß, dass ich mich bald ganz von ihm trennen muss. Er wird zurück nach Hause gehen und ich werde hier zurückbleiben. Dieser Gedanke fühlt sich ganz schrecklich an, darum schiebe ich ihn für heute weit nach hinten und kuschle mich noch einmal an seinen nackten Oberkörper bevor mich Mama gleich abholen wird.

Kapitel 14

Julian

Ich streiche sanft über Annas Rücken. Es ist so wunderbar sie zu berühren. Ich kann gar nicht damit aufhören. Und es ist unglaublich mit ihr zu schlafen, auch damit kann ich gar nicht aufhören. Sie ist schon viel lockerer geworden und ich glaube es ist mehr aus dem Kribbeln vom ersten Mal geworden. Zumindest hatte ich gerade eben das Gefühl es hätte ihr ziemlich gut gefallen. Ihr Körper hat gebebt, das war so heiß, ich konnte mich kaum beherrschen. Ich küsse sanft ihre Schulter, ja ich weiß was ihr gefällt. Mein Blick fällt auf die Narbe die sie am Schulterblatt hat. Das war sicher ihr Arschloch Vater. Vorige Woche war so toll, weil es für ihre Mum kein Problem war, wenn sie mal länger bei mir blieb. Doch jetzt ist er wieder da und ich möchte auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Er soll auch nicht wissen, dass wir uns immer noch treffen. Sie dreht sich zu mir und lächelt mich an. Immer wieder zieht sich bei ihren Blicken alles in mir zusammen, es ist fast unheimlich, aber ich kann es nicht abstellen. Ich streiche noch einmal über ihr Schulterblatt.

„War er das?“, frage ich leise.

Sie schließt die Augen, was eine Antwort überflüssig macht.

„Warum?“

„Wegen der Mathe Note“, sagt sie und beginnt sanft mit ihrem Zeigefinger über meine Brust zu streichen. „Es war eine spitze Kante an der ich aufgekommen bin. Ich bin eine Enttäuschung für ihn hat er gesagt, das hat viel mehr wehgetan als das Loch in meiner Schulter.“

Ich weiß, dass meine Fragerei für sie nicht angenehm ist und mich schmerzt jedes Wort, trotzdem will ich es wissen.

„Schlägt er deine Mutter auch?“

„Jetzt nicht mehr. Sie war sehr krank.“ Wieder schließt sie ihre Augen und atmet dabei durch. „Sie wäre fast gestorben.“ Ihre Stimme ist ganz erstickt. Ich greife nach ihrer Hand und ziehe sie auf meine Brust. „Brustkrebs“, fügt sie noch hinzu. „Mama würde es nicht schaffen, wenn er sie wieder so zurichten würde. Ich pass auf sie auf.“

In mir baut sich ein schreckliches Gefühl auf. Es ist wie ein Druck, der sich über mich legt. Was ist denn nur los? Wie kann es so etwas überhaupt geben? Ich weiß gar nicht was ich darauf sagen soll.

„Warum verlässt sie ihn nicht?“, entkommt mir auf einmal. Ich weiß sofort, dass es eine blöde Frage ist.

„Weil sie niemanden hat. Er würde sie fertig machen. Sie hat Angst.“

„Ich habe auch Angst. Angst um dich“, flüstere ich und küsse ihre Stirn. „Ich werde dich mitnehmen.“

Sie sieht auf und zieht die Augenbrauchen hoch. „Wohin denn?“

„Zu mir nach Hause. Es würde dir gut gehen. Ich liebe dich und kann keinen klaren Gedanken fassen, schon gar nicht, wenn ich daran denke was ist, wenn ich weg bin.“

Sie schmunzelt ein wenig. „Wir kennen uns doch noch gar nicht richtig. Was soll ich in Schottland machen? Ich muss meine Schule hier abschließen und meine Mama braucht mich. Außerdem, du studierst doch in London. Es ist echt schön wie du dich sorgst, aber es ist nun einmal wie es ist. Ich gehöre hierher. Du kommst aus einer anderen Welt, auch wenn ich keine Luft bekomme beim Gedanken daran, dass du bald nicht mehr bei mir sein wirst.“

„Nein Anna…Deine Welt ist anders. Es ist nicht fair...“ Ich atme tief durch. „Ich lass dich nicht hier zurück.“

Sie zuckt seufzend mit den Schultern.

„Und Anna, sag nicht wir kennen uns nicht. Ich hatte noch nie das Gefühl jemanden so zu kennen wie dich, auch wenn ich täglich etwas Neues an dir entdecke und ich entdecke auch genauso oft etwas Neues an mir. Das machst du.“

Sie lächelt, aber ich bin ein wenig gekränkt. Ihre Worte fühlen sich komisch an, so als würde bald alles vorbei sein. Ich bin mir sicher, meine Mum würde sie sehr gerne aufnehmen, wenn ich erst erzähle was hier abläuft.

„Wir sollten nicht den ganzen Tag im Bett liegen. Es ist so schön draußen. Fahren wir zum See?“, meint sie plötzlich. Themenwechsel. Das passt zu ihr. Immer wenn ihr ein Thema zu tiefgründig wird tut sie das.

„Ich könnte schon den ganzen Tag mit dir im Bett verbringen. Es ist schließlich so, dass ich ein Ziel habe“, schmunzle ich.

„Ein Ziel?“ Sie sieht mich neugierig an.

„Das Kribbeln ausbauen, außer es ist mir heute schon zufriedenstellend gelungen? Also?“

Sie lacht ein bisschen und zieht sich die Decke über den Kopf. „Du bist albern.“

Ich stecke meinen Kopf ebenfalls zu ihr unter die Decke und küsse sie stürmisch. „Nein…Das ist wichtig.“

„Julian…Ich liebe dich“, haucht sie und sieht mir tief in die Augen, dann zieht sie meine Lippen an ihre. „Und ja…Ich hätte nie gedacht, dass Sex so gut sein kann.“

„Sex mit mir“, füge ich hinzu.

Sie verdreht belustigt die Augen. „Natürlich.“

Anna ließ sich einen Besuch am See nicht ausreden. Sie hat wie es aussieht Ella versprochen, dass wir hinkommen. Ich wäre zwar lieber mit ihr allein, aber ich kann ihr auch keinen Wunsch abschlagen. Sie ist selbst mit dem Fahrrad hingefahren, bei mir mitfahren ist zu riskant. Schließlich fällt den Leuten hier im Dorf alles auf, irgendwelche Idioten erzählen es dann wieder ihrem Vater und wenn der sie noch einmal anfasst, gibt es hier Tote. Besser gesagt einen Toten. Ich parke die Vespa unter dem schattigen Baum beim Eingang und warte auf sie. Es ist so warm und jetzt muss sie auch noch mit dem Fahrrad herstrampeln. Ich seufze für mich als mich eine Stimme aufreißt.

„Wo ist denn dein Mäuschen?“ Janine sieht mich böse an und geht an mir vorbei. Ich hatte sie die letzten Tage komplett verdrängt. Scheiße. Ich hoffe nur, sie macht nichts Unüberlegtes. Kurz denke ich darüber nach etwas zu ihr zu sagen, doch sie sieht sich nicht mehr um und Anna kommt angefahren. Plötzlich steigt ein schrecklich schlechtes Gewissen im mir auf. Anna schließt ihr Fahrrad neben dem Mofa ab.

„Puhh…Es ist so heiß. Ich muss dringend ins Wasser“, stöhnt sie.

„Ja…“, murmle ich und gehe ihr hinterher.

„Was hast du denn?“, meint sie und bleibt stehen.

„Nichts…Gar nichts…Ja…Es ist heiß“, stammle ich.

Am Seegelände sehe ich Janine dann nicht mehr. Zum Glück. Anna geht mit Ella gleich ins Wasser, wie es aussieht gibt es viel zu besprechen. Sie haben sich wegen mir auch nicht oft gesehen die letzten Tage. Ich beschließe uns ein Eis zu holen. Als ich zurückkomme und sehe, dass Janine bei Anna steht, bekomme ich fast einen Herzinfarkt. Panisch versuche ich nicht gleich durchzudrehen. Sie wird schon nichts sagen. Ich atme ein und aus. Anna sieht mich erst an als ich neben ihr stehe. Ich würde ihr gerne gleich das Eis geben, aber ich glaube meine Hände zittern.

„Hi“, sage ich daher möglichst lässig zu Janine, die in gewohnt herablassender Art ihre Augenbrauen hochzieht. Scheiße was ist mir nur dabei eingefallen mit ihr zu pennen? „Und? Alles klar?“, füge ich noch etwas zu cool hinzu.

„Tja sicher. Bei dir auch?“, grinst sie.

„Ja…“ Ich muss aufpassen, dass meine Stimme nicht kippt. Ich gebe Anna das Eis, sie lächelt mich an. Etwas Anspannung fällt von mir ab. Wie es aussieht, hat sie nichts gesagt.

„Ok…Ich geh dann mal wieder. Ach ja…Julian…Erzähl doch Anna was noch so alles passiert ist. Du weißt schon, auf deiner Party, nachdem sie gegangen ist.“ Mir stockt der Atem und gleichzeitig habe ich das Gefühl mein Mageninhalt will meinen Hals hoch. Es ist, als hätte man mir gerade eine Kugel mitten in den Schädel gejagt. „Warum bist du denn überhaupt so früh gegangen?“, meint sie noch schulterzuckend zu Anna. Bevor diese eine Antwort darauf gehen kann, geht sie grinsend davon. Anna hält ihr Eis in der Hand und sieht mich an. Ich kann ihren Blick nicht einordnen und habe keinen Plan was ich jetzt tun oder sagen sollte. In meinem Hals pumpt das Blut. Sie sinkt nachdenklich auf ihr Badetuch.

„Was war denn?“, fragt sie leise.

Ich versuche unbemerkt nach Luft zu schnappen. „Nichts. Dein Eis wird warm“, lächle ich und setze mich neben sie. Jetzt zittern meine Hände definitiv.

„Darum bist du jetzt so rot?“ Sie sieht mich komisch an. Ich kann sie nicht anlügen, ich darf sie nicht anlügen, aber ich habe ganz schrecklich Angst davor ihr die Wahrheit zu sagen, auch wenn es absolut nichts bedeutet hat und ich mich noch nicht einmal daran erinnere. Ich reibe mir die Stirn und überlege wie ich anfangen soll, doch sie wird langsam ungeduldig.

„Julian. Was war? Janine kommt nicht so aus Freundschaftlichkeit zu mir, also, los raus damit!“

Ich sehe sie an und streiche über ihre Wange. Ich hoffe mich zu täuschen, aber etwas tief in mir sagt mir, dass gleich alles anders sein wird. Warum habe ich es ihr nicht einfach aus freien Stücken vor ein paar Tagen erzählt. Auch wenn es damals schon Scheiße geklungen hätte, jetzt ist es eine katastrophale Scheiße.

„Ich kann mich nicht erinnern…“, stammle ich nach den richtigen Worten suchend. „Keine Ahnung…“

„Woran erinnerst du dich nicht?“ Ihr Blick verengt sich und sie wird ungeduldig. Shit.

„Sie lag am Morgen nach der Feier neben mir. Ich kann mich nicht erinnern aber…“ Ich kann den Satz nicht zu Ende sprechen, weil sie mich unterbricht.

„Hast du mit ihr geschlafen?“ Ihre Worte sind ruhig, aber so wie ihre Augen weit geöffnet in meine blicken weiß ich, sie ist nicht ruhig.

„Sie sagt ja.“ Ich senke meinen Blick, weil ich sie beim Gesagten nicht anschauen kann, aber ich kann hören wie sie durchatmet. „Es hat nichts bedeutet und ich erinnere mich gar nicht“, versuche ich irgendwie die Kurve zu bekommen. Doch das scheint nicht zu wirken. Im Gegenteil. Sie steht auf, beginnt ihre Sachen zusammen zu suchen und stopft alles in ihre Tasche. Ich greife nach ihrem Arm, doch sie schüttelt mich ab.

„Anna…Bitte, schau mich an. Ich hätte es dir sagen sollen, aber…“

„Aber was?“ Plötzlich ist ihre Stimme laut. Bebend. Tränen sammeln sich in ihren Augen. Ich habe das Gefühl sie bringt kein Wort mehr heraus und schüttelt darum nur gekränkt ihren Kopf.

„Bitte…“, murmle ich. „Lauf jetzt nicht weg, meine Gefühle für dich sind echt, das weißt du doch.“

Ihr Mund verzieht sich zu einem gekünstelten Grinsen, sagen tut sie nichts mehr darauf. Ich will sie noch einmal zurückhalten, doch ihr Blick gibt mir zu verstehen, dass das keine gute Idee ist.

„Was ist denn los?“ Ella sieht zuerst Anna, dann mich fragend an als sie vom WC zurückkommt. Anna stapft wütend davon, jetzt laufen Tränen über ihre Wangen. In mir krampft sich alles zusammen, ich muss etwas tun. Ich laufe ihr hinterher.

„Anna…Ich weiß…Ich habe einen Fehler gemacht.“ Sie dreht sich nicht um. „Ich liebe dich doch“, das sage ich so laut, dass sich ein paar Leute schmunzelnd umsehen, nur sie nicht. Ich bleibe stehen. Ella läuft ihr nach. Jetzt bin ich es, der ihr wehgetan hat. Keine Ahnung was ich jetzt tun soll. Vielleicht beruhigt sie sich ja wieder. Ich schließe kurz kopfschüttelnd meine Augen. Fuck.

Kapitel 15

Anna

Ich knülle den Zettel mit meinen Gleichungen zusammen und werfe ihn wütend an die Wand. Diese Scheißrechnungen…Ich werde es nie kapieren. Aus dem Augenwinkel sehe ich auf mein Handy das summt. Seit drei Tagen bin ich jetzt nur noch auf meinem Zimmer. Seit drei Tagen kann ich niemanden ertragen, nicht einmal Ella. Jedes Wort strengt mich an, jeder Gedanke tut mir weh. In meinem Kopf ist alles durcheinander. Wieder eine SMS von Julian. Eine von unglaublich vielen, alle mit demselben Inhalt. Ich lese sie nicht mehr. Eigentlich kann ich froh sein. Jetzt ist es vorbei und zwar einfacher als erwartet. Ihm böse zu sein macht es mir leicht ihn zu vergessen. Ich hätte sowieso Abschied nehmen müssen in ein paar Tagen, so ist es eben früher passiert. Nein…Es tut aber so weh…Ich stütze meinen Kopf zwischen meine Hände. Und es ist auch nicht einfach. Warum? Wie konnte er das tun? Wenn er besoffen mit jeder Schlampe in die Kiste springt, ist er doch auch nicht besser als mein Vater, der im Rausch um sich wütet. Zumindest tut es genauso weh. Ich schüttle den Kopf. Es tut noch mehr weh. Alles tut mir weh. Ich drehe das Handy um und schreibe eine neue Gleichung auf. Ich liebe ihn, aber ich werde ihm das nicht mehr sagen. Es wird aufhören. Irgendwann tut es nicht mehr weh.

Kapitel 16

Julian

Die Jungs packen gerade alles zusammen, nachdem das Wetter die letzten Tage nicht so toll war, wollen sie bis zum Ende der Woche aufbrechen und vielleicht noch einen kurzen Stopp irgendwo im Norden machen. Keine Ahnung ob ich mit ihnen zurückfahren soll. Wenn, dann fliege ich direkt nach Hause. Ich würde so gerne noch bei Anna bleiben, aber sie reagiert auf nichts mehr. Mir ist schmerzlich klar geworden, dass sie das Geschehene nicht einfach hinnimmt und mir verzeiht. Warum habe ich es nicht gleich gesagt? Naja…Vielleicht hatte ich so zumindest noch ein paar schöne Tage mit ihr. Mein Gott, was ist nur los mit mir? Wie egoistisch bin ich eigentlich? Ich kann einfach nicht mehr. Wenn sie sich weiterhin nicht meldet, will ich nur nach Hause, auch wenn mich das zerreißt. Keine Ahnung wie es ihr geht. Ob ihr Vater ihr auch nichts antut. Er wird ihr wieder wehtun, das weiß ich und ich ertrage es nicht. Einmal versuche ich es noch und wähle ihre Nummer. Es klingelt lange. Keine Reaktion. Ich versuche es mit einer Nachricht:

Hi Anna…Ich höre auf mit den Sorry SMS…Ich weiß es gibt keine Entschuldigung. Du fehlst mir so sehr. Ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen, denn alles was für mich zählt bist du. Wenn du mir nicht verzeihen kannst, werde ich am Ende der Woche nach Hause fliegen. Trotzdem würde ich dich noch gerne einmal sehen und mich von dir verabschieden. Ich liebe dich. Ich werde dich immer lieben. Julian.

Kapitel 17

Anna

Ich liege im Bett und starre schon eine gute Stunde auf die Nachricht von Julian. Wenn du mir nicht verzeihen kannst…ich schließe meine Augen und atme durch. Es ist einfach mich um Vergebung zu bitten, aber es schwer für mich zu verstehen warum es überhaupt so weit kam. Ein leises Prasseln klopft an die Fensterscheibe. Es regnet schon wieder, so wie die letzten Tage. Der Sommer gibt langsam auf, ich habe schon aufgegeben. Ich lese die Nachricht noch einmal durch, dann tippe ich auf antworten:

Du hättest immer gehen müssen, doch ich bin unglaublich traurig darüber wie alles gekommen ist. Es war perfekt, aber jetzt ist es vorbei. Irgendwann werden wir darüber lachen, auch wenn das im Moment noch sehr weit weg scheint. Keine Ahnung ob ich dir böse bin, auf jeden Fall will ich es nicht sein, denn ich wünsche dir nur Glück. Komm gut nach Hause. Anna.

Während ich diese Worte wie von selbst tippe, obwohl ich das meiste davon selbst nicht glaube, rollen schon wieder Tränen über meine Wangen. Ich würde so gerne schreiben ich liebe dich, geh nicht, halt mich fest – doch ich bin stark.

In zwei Wochen beginnt die Schule wieder, darum versuche ich so gut als möglich noch den Mathe Stoff durch zulernen. Ich versuche mich abzulenken, da ist mir sogar Mathe recht. Die Zeit ist heute schnell vergangen, darum nehme ich meine Tasche und laufe nach unten.

„Mama…Ich treffe mich jetzt mit Ella auf ein Eis!“, rufe ich über den Hof zum Garten wo Mama irgendetwas aberntet.

„Ja! Ist gut!“, winkt sie mir zu.

Sie versteht gar nicht, was auf einmal mit mir und Julian los war. Ich wollte es ihr auch nicht erzählen. Ella hat mir gesagt, dass sie gehört hat, dass die Jungs gestern mit dem Zug vom Hauptbahnhof in Graz abgereist sind. Es fühlt sich ganz seltsam an. Taub. Gefühllos. Beklemmend. Ich werde ihn vermutlich nie wiedersehen. Ich steige auf mein Fahrrad und trete Richtung Ort. Vielleicht hätte ich mich doch verabschieden sollen. Er wird immer besonders sein für mich, egal was er getan hat. Ich will ihn nicht verteidigen, aber Janine ist eine grässliche Schlampe, sie hätte seinen Zustand nicht auch noch ausnutzen müssen. Im Moment kann ich nicht glauben, dass ich jemals aufhören werde ihn zu lieben. Ich trete um die Kurve, vorbei am Fahrradgeschäft, als mich das Rufen meines Namens fast einen Salto mit dem Drahtesel schlagen lässt. Das ist seine Stimme. Ich bremse ab und bleibe stehen. Mein Herz pumpt. Er steht gegenüber unter der großen Buche bei der Trafik und sieht mich an. Ich senke meinen Blick und versuche ruhig zu atmen, was mir nicht gelingt. Dann sehe ich wieder auf. Er lächelt gequält. Ich kann meine Gefühle gerade nicht einordnen, sind da Tränen die herauswollen, oder ist es Freude, dass er doch noch da ist. Ist es Wut, oder Liebe, oder beides? Ich steige vom Rad und schiebe es über die Straße. Mit etwas Abstand bleibe ich vor ihm stehen.

„Du bist noch hier“, sage ich leise.

Er nickt. „Ich fliege heute Abend.“

„Bist du nicht mit den anderen gefahren?“

Er schüttelt den Kopf. „Ich will einfach nur nach Hause.“

Ich kann ihn nicht ansehen, es ist kaum zu ertragen, alles kommt in mir hoch. Jede Berührung, jedes Wort, jeder Blick.

„Anna…“, flüstert er.

Anna. Es klingt so besonders wie er es sagt. Ich sehe ihn an. Seine Augen. Seine Locken. Seine Haut.

„Es ist besser so“, murmle ich.

„Nein es ist nicht besser und das weißt du genauso gut wie ich. Scheiße…Ich will, dass du mit mir kommst, oder zumindest später nachfliegst. Was passiert ist kann ich nicht Ungeschehen machen, aber es bedeutet nichts, nur du bist wichtig. Nur du.“ Er streckt seine Hand nach mir aus. Ich kann sie nicht annehmen. Es geht einfach nicht. Nicht weil ich sie nicht ergreifen will, sondern weil ich nicht möchte, dass es noch mehr wehtut.

„Ich komme nicht mit dir und ich komme auch nicht nach. Mein Leben ist hier.“ Ich lächle ihn noch einmal an. Zu gerne würde ich noch einmal seine Lippen auf meinen spüren, doch es ist vorbei. „Do well Julian“, sage ich noch leise und warte seine Reaktion nicht mehr ab, sondern steige schnell auf und radle weg. Ich höre noch einmal meinen Namen den er mir bedrückt hinterherruft, aber ich sehe mich nicht mehr um. Ich biege neben der Kirche ein, der Druck der sich in mir aufgebaut hat, platzt wie aus einem übervollen Luftballon aus mir heraus. Am liebsten würde ich laut schreien und auf irgendetwas einschlagen, doch ich schnappe nur nach Luft wie nach einem Schnellsprint. Meine Hände zittern und in meinem Bauch bildet sich ein schmerzhafter Knoten. Nach ein paar Minuten atme ich noch einmal durch und schließe meine Augen. Alles wird gut. Irgendwann.

Kapitel 18

Julian

Mein Vater hat mich abgeholt. Ich bin froh wieder zu Hause zu sein, auch wenn ich nicht daran denken will, was ich zurücklassen musste. Doch ich muss daran denken. An sie. Pausenlos. Seit ich in den Wagen gestiegen bin, habe ich fast nicht gesprochen, ich sehe nur auf meine Hände und zupfe an meinem Fingernagel.

„Aussehen tust du ja gut, aber auch wenn du es jetzt schon mehrfach betont hast das es nicht so wäre, mit dir stimmt doch etwas nicht Julian“, meint Dad und fährt direkt in die Garage.

Ich seufze. Mir ist nicht gut. Gar nicht gut. Alles fühlt sich Scheiße an. Von Scheitel bis zur Sohle.

„Ich bin müde und ich fühle mich gerade nicht so. Sonst nichts“, murmle ich und steige aus.

Jetzt noch alle begrüßen, erzählen, gemeinsam essen. Ich weiß nicht ob ich das schaffe. Mum ist zum Glück noch bei irgendeinem Termin, auch wenn ich mich schon freue sie zu sehen.

Nachdem ich eine gefühlte Ewigkeit unter der Dusche stand und so halbwegs alle Taschen ausgeräumt habe, gehe ich nach unten. Auf der Treppe bleibe ich stehen und sehe nach draußen, hinüber zum Hotel. Es ist wie immer toll beleuchtet, wir haben es wirklich schön. Im Vergleich zur Steiermark ist es hier wie gewohnt nicht besonders warm. Morgen werde ich hinunter zum See gehen, ich liebe die Ruhe dort. Ich atme ein und vorsichtig aus. Es bleibt mir nicht erspart alles über die Reise zu erzählen. Mum lächelt mich immer wieder an. Mit dem Mum Lächeln. Ich bin mir sicher, sie hat schon bemerkt, dass es mir Scheiße geht, auch wenn ich nichts sage. Catriona geht gleich nach dem Essen auf ihr Zimmer, wie immer muss sie noch dringend telefonieren. Ihr Freund Tim der in London lebt fehlt ihr, auch wenn sie in Kürze sowieso wieder dort sein wird. Wenn alles gut geht wird sie im nächsten Jahr ihren Abschluss machen und dann im Hotel mitarbeiten. Plötzlich verstehe ich sie, wie es sich anfühlt den Menschen den man liebt nicht an seiner Seite zu haben. Ich weiß nicht wie ich es ohne Anna aushalten soll. Die letzten Tage waren schon Horror. Jetzt bin ich auch noch tausende Kilometer weit von ihr entfernt, zusätzlich will sie nichts mehr von mir wissen. Wieder dieser Schmerz in meinem Bauch. Ich starre in mein Wasserglas, als Dad mir einen Whisky vor die Nase stellt. Das macht er normalerweise nie. Mum setzt sich auch wieder an den Tisch und lehnt sich abwartend zurück.

„Also?“, sagt sie mild.

Ich sehe sie an, dann schließe ich kurz meine Augen.

„Anna…Es ist wegen Anna…“

„Das Mädchen aus der Steiermark, du hast mir ja am Telefon schon von ihr erzählt. So ernst?“, meint Mama.

Ich nicke wortlos und nehme einen großen Schluck vom Whisky der etwas brennt. „Sie ist so unglaublich, so besonders.“ Kopfschüttelnd sehe ich auf. „Mum…Dad…Wenn ich in den letzten Jahren undankbar war, dann tut mir das leid. Ihr seid tolle Eltern, mir geht es gut, ich habe immer alles was ich brauche…“

Dad unterbricht mich. „Julian, du machst mir Angst.“

„Nein Dad…Anna…Ihr Vater, ich habe sie gesehen…Was er ihr antut und ich kann nicht helfen…Ich wollte sie mitnehmen…Aber…“ Jetzt bringe ich kein Wort mehr heraus. Alles bricht zusammen. Mum steht auf und reibt mir den Rücken.

„Beruhige dich bitte. Was tut ihr Vater ihr an?“

Ich atme durch und erzähle meinen Eltern alles. Was Anna durchmacht und wie ich mich in sie verliebt habe, wie wichtig sie mir ist. Dad nickt, so als würde er mich verstehen, Mum hält meine Hand.

„Das ist ja fürchterlich“, murmelt sie. „Und du glaubst sie würde hierherkommen? Sie geht doch noch zur Schule, so einfach ist das nicht. Volljährig ist sie ja auch noch nicht.“

„Sie wird nicht herkommen“, stoße ich mit letzter Kraft aus. „Weil ich so ein Volltrottel bin. Ich habe mit einer anderen geschlafen, also nicht gleichzeitig, aber zu dem Zeitpunkt war schon so viel mehr zwischen uns. Ich erinnere mich nicht einmal daran, weil ich total besoffen war an meinem Geburtstag. Ich hatte Angst sie zu verlieren, deshalb habe ich nichts erzählt.“

„Oh…Nicht gut…“, Dad gießt noch einmal Whisky nach. „Ich nehme an sie hat es dann doch herausbekommen und das kam nicht gut an.“

Ich nicke und wische mir mit dem Handrücken eine Träne weg. Komischerweise fühlt es sich jetzt ein klein wenig leichter an, auch wenn sich immer noch alles zusammenkrampft sobald ich an Anna denke. An ihr hübsches Gesicht, ihre zarte Haut, ihre seidigen Haare. Ein warmer Schauer läuft mir den Rücken hinunter, ich kippe den letzten Schluck Whisky hinunter.

„Lass ihr ein paar Tage, dann ruf sie noch einmal an. Vielleicht denkt sie dann anders.“ Mums Worte klingen beruhigend, doch ich glaube nicht daran, dass sich in den nächsten Tagen etwas ändert. Anna will bei ihrer Mutter sein, das verstehe ich sogar, auch wenn die Opfer die sie bringen muss komplett irre sind. Sie wird achtzehn und denkt wie eine erwachsene Frau. Ihr fehlt die Leichtigkeit für gewisse Dinge, die Freude ihr Leben wie eine hübsche junge Frau zu erleben. Ohne Angst etwas falsch zu machen, ohne Sorgen und vor allem ohne die Demütigungen die sie mitmacht. Auch wenn ich selbst noch nicht auf eigenen Beinen stehe, ich wäre gerne der Mann, der ihr die Liebe und Wärme schenkt, die sie braucht. Ich werde es versuchen. Irgendwie muss ich es schaffen, auch wenn ich weiß wie sehr ich sie enttäuscht habe.

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9783752929393
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