Читать книгу: «Wolken über Spanien»
DIE KÜHNE REISENDE
Kate O’Brien, Farewell Spain
© John O’Brien & Donough O’Brien, Trustees of the copyright of the late
Kate O’Brien, 1937
Kate O’Brien, geboren am 3. Dezember 1897 in Limerick, Irland, starb am 13. August 1974 in Faversham, England. Sie ist eine der wichtigsten irischen Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Zu ihren bekanntesten Büchern gehören die Romane That Lady (1946) und Mary Lavelle (1936). Letzterer wurde mit Penelope Cruz verfilmt. 1951 erschien Teresa of Avila, O’Briens Biographie der heiligen Theresa von Ávila.
Klaudia Ruschkowski, Autorin, Kuratorin, Dramaturgin und Übersetzerin, lebt in Volterra, Italien und in Berlin. Sie konzipiert Kunst- und Literaturprojekte und ist als Hörspielautorin tätig. Sie übersetzt aus dem Italienischen und Englischen, zuletzt Etel Adnan, Margaret Fuller, Enrico Deaglio, Vincenzo Latronico.
Susanne Gretter studierte Anglistik, Romanistik und Politische Wissenschaft in Tübingen und Berlin. Sie arbeitet als Verlagslektorin in Berlin. Sie ist Herausgeberin der Reihe DIE KÜHNE REISENDE.
Kate O’Brien
Wolken über Spanien
Eine Reise vor Ausbruch des
Bürgerkriegs
Aus dem Englischen
von Klaudia Ruschkowski
Mit einem Nachwort von Susanne Gretter


Kate O’Brien (1897–1974)
»… was immer ich auch sehe,
ich werde nie wieder eine Landschaft
auf Erden so lieben,
wie ich die spanische geliebt habe.«
Kate O’Brien
INHALT
ADIÓS, TURISMO
VERDRIESSLICHKEIT
LA MONTAÑA
ROMANISCH UND NEOLITHISCH
PELAYOS SCHWERT UND DIE KNOCHEN DES HEILIGEN JAKOBUS
DER BARBIER VON SALAMANCA
SANTA TERESA
NO PASARÁN
KÜCHENSALZPREDIGT
BLONDINEN UND BRUNNEN
VORWIEGEND PERSÖNLICH
ARRIBA, ESPAÑA!
NACHWORT
ADIÓS, TURISMO
Gelegenheiten zur Hemmungslosigkeit sind selten, da können Moralisten sagen, was sie wollen; und wenn die Verfasserin ihre eigenen Erinnerungen an Spanien als eine solche ausgeben will, muss sie wohl riskieren, von anderen als eine Art Nero betrachtet zu werden.
Ich schreibe wirklich ungeniert als Eskapistin von dem, was vergeht und noch halbwegs in Erinnerung ist. Für Voraussagen bringe ich kein Talent und wenig Neugier auf. Aber Tod und Abschied fesseln mich, wie es die hellsten Hoffnungen der Menschheit nie vermocht haben. Während also das europäische Chiaroscuro, in dem wir alle aufgewachsen sind, zum Blackout wird und seinen in die Länge gezogenen Selbstmord hinnimmt, während das Schicksal den Leichtsinn zum Schweigen bringt und die Beherzten sich ins Zeug legen, um zu sehen, was der morgige Tag an Zerreißproben bringt, schaue ich also noch immer zurück, ganz hemmungslos. Das Morgenlicht, selbst wenn einige von uns es erleben sollten, selbst wenn es strahlt, es wird ernüchternd sein; wenn überhaupt etwas dran ist an menschlicher Verheißung, an politischem Kampf, wird es gleichförmig sein und abwechslungslos. Was die verrückt gewordene Welt jetzt suchen muss, ist die Gerechtigkeit einer vernünftigen Einheitlichkeit. Wie unerreichbar das scheint, wenn man es hinschreibt, und wie elementar notwendig! Dass es nach unserer Sintflut so kommen möge, muss unsere zentrale Hoffnung für die Nachwelt sein, wie ungewiss, wie fraglich auch immer. Wenn einige von uns einstweilen nicht den persönlichen Wunsch aufbringen, es so zu sehen, sollte ihnen diese Schwäche verziehen werden.
Lasst uns, die wir nichts anderes können, die Zeit vertun. Und da das individuelle Leben weitergeht, da Gesichter und Erinnerungen nach wie vor wichtig sind, wie sehr auch die Dunkelheit zunimmt, da es noch Wein zu trinken gibt und die nächste Zigarette ein zwingendes Vergnügen bleibt, werden wir, wenn wir gescheit sind, unseren immer gleichen kleinen Marotten nachgehen, werden essen und trinken (wenn wir die Mittel dazu haben), werden stricken, Schreibmaschine schreiben, Bilder machen und Geld und Liebe. Denn was haben wir davon, diese schreckliche Gegenwart, die uns bestimmt ist, zu durchleben, wenn wir unseren egoistischen Mut verlieren, weiter wir selber zu bleiben. Indem ich also den meinen beschwöre, schreibe ich zu meinem eigenen Trost, in einem Stil, der während der letzten zweihundert Jahre überstrapaziert wurde – aber womöglich als eine der letzten, die ihn pflegt, und vielleicht resultiert aus dieser Vermutung eine besondere Befriedigung. Ich schreibe als sentimentale Reisende über ein Land, das lange schon unter derartigen Reisenden leidet. Aber Spanien muss den letzten Nachzüglern unter seinen fremden Liebhabern verzeihen, wie es den ersten verziehen und sich zu ihnen herabgelassen hat. Es wird keine sentimentalen Reisenden mehr geben – nirgends. Ihre Entschuldigung und ihr Spielraum werden an jenem Tag der Einheitlichkeit, den wir übereinstimmend als einzige Hoffnung für die verstörte Welt betrachten, dahin sein. Tourist ist schon ein veraltetes Wort für die Vernünftigen, die, wenn sie noch nach Russland fahren, es nur tun, um herauszufinden, wie die zweite Hälfte des Jahrhunderts aussehen wird, nicht nur in Moskau, sondern überhaupt. Sie fahren dorthin, um sich Experimente und Modelle anzuschauen, um Versuche zu begutachten, die uns alle betreffen und berühren, die aber natürlich in den aufziehenden Stürmen des Nationalismus noch verscherzt werden können, ehe die wahre Gestalt der Dinge, die auf uns zukommen, in Erscheinung tritt. Trotzdem sind diese Russlandreisen, wie aufschlussreich auch immer, nicht Reisen im alten Sinn des Worts. Sie folgen einem neuen Impuls. Sie reagieren auf unsere kommende Einheitlichkeit, sind keine eskapistische Suche nach dem Neuem, nach Individualismus oder Vergangenheit. Sie sind der Arbeitsurlaub für Soziologen und Moralisten, keine Unterhaltungstrips für Müßiggänger, die ihr Vergnügen suchen.
Letztere – das soll nochmal gesagt sein – sind überholt. Und am Ende wird sich auch der Arbeitsurlaub überholt haben. Wenn die europäische Gesellschaft ihre nächste Krise überlebt, wenn die Wissenschaft, die uns zerstört hat, es zulässt oder uns vielleicht sogar dazu verdammt, noch einmal zu leben, dann ist es ein ganz neues Leben, das den Völkern winkt. Denn da die Wissenschaft die Musik bezahlt hat, bestimmt sie mit Sicherheit, was gespielt wird, und diejenigen von uns, die nie vorhatten, nach ihrer Pfeife zu tanzen, können dankbar sein, dass sie zum Zeitpunkt ihrer größten Machtentfaltung still gestellt sind, ganz taub.
Es bringt dann nichts, loszugehen, um nach einem schwankenden Rohr zu suchen. Die Leiden und Schönheiten, die durch Unterschiede in Sprache, Glauben und Klima die Landkarte bislang geprägt haben, werden nicht mehr von Belang sein, denn selbst wenn sie noch Potential besitzen – sie werden von der Wissenschaft, diesem internationalen Diktator, der durch Flugreisen, Radio und Fernsehen ohnehin alle nur möglichen Neuerungen zu langweiligem Kamingespräch macht, kontrolliert und überwacht. Die Welt wird flach und eng, wenn das Goldene Horn nur noch einen Steinwurf von Golden Gate entfernt und hinter keinem Hügel mehr etwas Unbekanntes ist. Die menschenleere Antarktis wird zur Wochenendspritztour und unsere Nachkommen – sollten irgendwelche Aufzeichnungen überdauern, die ihre Aufmerksamkeit erregen – werden sich über unser naives Interesse für unsere Nachbarn wundern und lächelnd feststellen, dass sich die Gewohnheiten eines Arabers einmal von denen eines Holländers und die eines Tibeters von denen eines Schotten unterschieden haben. Schon jetzt singt man in den spanischen Dörfern bereits keinen Cante hondo mehr, um einem Durchreisenden eine Freude zu machen – man sucht im Radio nach »Big Ben« oder einem Song von Henry Hall1.
Sollte das Ziel der Wissenschaft tatsächlich in einem vernünftigen Überleben der Menschheit bestehen, wird sie gut daran tun, darauf hinzuarbeiten, allen Grundsätzen, die einer ausgewogenen internationalen Einheitlichkeit dienen, erbarmungslos zu folgen und die romantischen Unterscheidungen zu zertreten, durch die die Geschichte, oder unser Begriff davon, uns zu dem Schlachtfeld des zwanzigsten Jahrhunderts geführt hat. In der wiederhergestellten Welt sollte es besser keine Geschichte geben. Lasst sie ganz kahl beginnen, ohne ein Haar – ohne einen einzigen Zahn. Oh, wie eifrig die Wissenschaft versuchen wird, ihre neuen Gesundheitsregeln durchzusetzen. Soll sie nur! In der Zwischenzeit warten wir darauf, dass unsere alte, zerzauste, mangelhafte Welt in einem letzten Anfall explodiert. Und wir zählen unsere unseligen Segnungen – den Ramsch, den wir angehäuft und so besessen geliebt und zu vermehren gesucht haben. Tempel, Paläste, Kathedralen; Bibliotheken voller Unsinn; Bilder, um Tote zu feiern, seltsame Legenden, noch seltsamere individuelle Konzeptionen; Lieder, um Gott zu preisen, oder eine Idee, die wir besaßen und Liebe nannten; Gräber und Buntglasfenster; Symphonien, Sonette, flügellose Siegesgöttinnen – Krimskrams aus zweitausend blödsinnigen Jahren, in denen es der Individualismus nach einer Menge beachtlicher Aufregung schließlich fertig gebracht hat, sich an seiner langen Leine zu erhängen. Es wird hoffentlich nie wieder zweitausend so derangierte oder sinnlos ertragreiche Jahre geben.
Mit diesen paar Worten der Selbstherabsetzung – denn wir sind alle Teil unserer beklagenswerten und schuldigen christlichen Ära –, mit diesen paar Worten, mit denen wir die Fortschrittlichen besänftigen, die Vernünftigen beschwichtigen wollen, lassen wir die Jalousien wieder herunter und richten uns von Neuem in unserer alten Behaglichkeit ein. Lasst uns die persönliche Erinnerung preisen, die persönliche Liebe.
Behaglichkeit! Während ich schreibe, brennt Irún. Die Times brachte heute Morgen ein Foto von der kleinen Plaza mit den niedrigen Stühlen aus Eisen und den gestutzten Platanen – der alltägliche Ort jeder spanischen Stadt. Das Café an der Ecke ein Haufen zerborstener Steine. Ein paar Männer mit Gewehren stehen niedergeschlagen herum. Die Zeitungen von gestern zeigten uns Frauen an der Küste von Hendaye, die zusehen, wie ihre Häuser auf der anderen Seite der Flussmündung in Flammen aufgehen. Dieser Spanienkrieg, der mit dem uralten spanischen Willen geführt wird, den Tod mit zeremonieller Grausamkeit zu erleiden oder zu vollstrecken – dieser Krieg ist nur ein Geschwür in einer mit Geschwüren übersäten Welt. Aber die individuelle Fantasie – wie die ethnische auch – ist nichts als Selbstschutz, und obwohl niemand, der eine Spur von Vernunft besitzt, über den universellen Terror von Nationalismen, Diktaturen und rassistischer Feindseligkeit hinwegsehen kann, ganz zu schweigen von der absurden Politik der versiegelten Lippen, obwohl niemand bestreiten kann, dass eine Welt, die außerstande ist, Slums, Arbeitslosigkeit, Giftgas oder Minenexplosionen abzuschaffen, dass eine Welt, die sich in der Gewalt von Dürren, Überschwemmungen, Streiks, manipulierten Märkten, Geheimabkommen, privaten Monopolen und Rüstungswettrennen befindet, eine dem Bösen und dessen Konsequenzen preisgegebene Welt ist – trotzdem dringt all das nur dann wirklich durch unser schützendes Phlegma, zehrt es nur dann wirklich an unseren Nerven, wenn das, was wir persönlich erfahren haben, das, was uns selbst berührt hat, für eine Weile im Rampenlicht steht. Wir sind also für unsere Sünden gemacht, und weil wir so gemacht sind, sind unsere Sünden Berge an Unmenschlichkeit. Doch genau wie Mr. Salteena2 davon sprach, dass er kein Gentleman sei – daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern. Die persönliche Note, der sentimentale Individualismus, hat uns so weit gebracht, dass nur etwas Wesensfremdes und Schreckliches das Leben retten kann, indem wir, die wir leben, uns selber zerstören.
Während China Not leidet, es in Lancashire zu Hungermärschen kommt, Bildungsbehörden im Kindergarten Gasschutz-Übungen veranstalten und Mussolini den Faschistengruß nicht einmal Vierjähriger entgegennimmt, beklagen Touristinnen, die sich für den Winter nach Hampstead, Neuilly und Brooklyn zurückgezogen, die neue Regenschirme gekauft und ihre Koffer verstaut haben, mehr als jede andere Katastrophe den Brand von Irún. Beklagen ihn als einen traurigen Fall, der an ihre persönliche Erinnerung rührt.
Sie sahen Irún das erste Mal an einem verregneten Augustmorgen. Nie werden sie ihre Enttäuschung vergessen. Die Nacht im Liegewagen zweiter Klasse war die Hölle gewesen; es war ihnen nicht gelungen, von überlasteten, schlecht gelaunten Schaffnern einen Kaffee zu bekommen; in Bayonne hatte eine alte Frau sie beim Kauf von Birnen übers Ohr gehauen. Einmal auf der anderen Seite der Brücke, würden sie den Zug wechseln und es mit einer Schar von Zollbeamten aufnehmen müssen. Sie würden nass werden bis auf die Knochen. Sie konnten kein Wort Spanisch. Würde ihnen jemand den exakten Wechselkurs der Pesete nennen? Du lieber Himmel, hatte man je einen solchen Regen gesehen?
Offensichtlich gab es in Irún sonst nichts zu sehen – außer einem Mann in Schwarz, gleich hinter der Brücke. Er stand ganz ruhig auf der Straße, mit dem Rücken zum Zug. Ein solider, etwa fünfzigjähriger Mann von respektablem Äußeren, der seinen schwarzen Mantel wie ein Cape umgeworfen hatte. Er trug auch eine schwarze Baskenmütze. Den Zug nahm er offenbar nicht zur Kenntnis, das Wetter schien ihm egal zu sein.
An jenem Morgen sahen sie diesen immer gleichen Mann, denn wo und wie man auch nach Spanien hereinkommt, er ist das erste lebendige Wesen, das einem ins Auge fällt. Wenn das Linienschiff an einem warmen, schönen Abend in den Hafen von Coruña einläuft, steht er zwischen den Felsen auf einer Landzunge, den Mantel wie ein Cape um die Schultern, die Baskenmütze auf dem Kopf – nachdenklich und standhaft. Wenn man in den frühen Morgenstunden auf den Bahnsteig von Madrids Nordbahnhof hinaustritt, ist er schon da, haargenau der gleiche. Auch sieht man ihn immer am Südende der Bidasoa-Brücke.
In den Erinnerungen eines jeden Touristen steht er in vorderster Front, jener nüchterne, nachdenkliche Mann.
Aber zu Irún. Am Abend zuvor saßen die Touristinnen in einem Café in der Nähe des Quai d’Orsay, aufgeregt – und vielleicht ein bisschen zu geschwätzig. Spanien am Morgen, die spanische Grenze. Die Pyrenäen, die resoluten Basken, Fuenterrabia, »wo Karl der Große mit seiner ganzen Peerage fiel«3. Der Jakobsweg nach Compostela. Pamplona, wo Ignatius von Loyola sich seine schwere Wunde zuzog. Die Fasaneninsel, wo es zu der einen und anderen vergessenen Verhandlung zwischen der einen und anderen vergessenen Persönlichkeit kam.4 Die Fluchten der Bourbonen, hin und her. Wellingtons Siege über General Soult. Die Carlistenkriege. Das Pelota-Spiel. Der schreckliche Stierkampf. Oder sollten sie sich doch einfach einmal einen ansehen? Bis man So-und-So, der immer noch über die Franken nachsann, vor sich hinmurmeln hörte: Dieu! que le son du Cor est triste le soir, au fond des bois!5 Wodurch er den Rest der Gesellschaft verwirrte, was missmutig hochgezogene Brauen zur Folge hatte. Wollte So-und-So sich auf der Reise als echter Langweiler erweisen?
Sie wurden also nass bis auf die Knochen. Irún ist ein schlecht organisierter Bahnhof. Auf ihrem Weg zwischen Zug, Zollschuppen, Kantine und dem anderen Zug wurden sie wirklich furchtbar nass. Ebenso ihr Gepäckträger, ein stiller, friedfertiger Mann mit hellen, blauen Augen. Überhaupt kein spanischer Typ, bemerkten die Touristinnen. Sie verließen Irún mit Unbehagen und ohne auch nur einmal an die Peerage Karls des Großen gedacht zu haben. Wirklich ohne irgendeinen Eindruck – abgesehen vom Regen und dem stillen Gepäckträger. Er hatte selbst sein Trinkgeld schweigend eingesteckt.
Ohne irgendeinen Eindruck – und obwohl sie seitdem oft in Irún gewesen, die Promenade, den Paseo, entlangspaziert waren, sich in seinen Cafés unterhalten, den kleinen Zug nach San Sebastián genommen hatten, dachten sie jetzt, wo es brannte, zuerst an jenen ersten unerfreulichen Morgen – den Mann in Schwarz an der Brücke, den Regen und die Stille. Sonderbar, diese Erinnerung an die Stille – ein Grenzbahnhof zur geschäftigsten Tageszeit kann eigentlich kein ruhiger Ort sein. Und doch erinnern sich die Touristinnen, die ihn am behaglichen Kamin vor ihrem inneren Auge aufscheinen lassen, an eine Atmosphäre der Stille und an eine Glocke, die inmitten regennasser Bäume schlug. Und das war alles, was Spanien ihnen bei ihrem ersten Halt gegeben hatte.
Die Touristinnen seufzen, rühren in ihrem Getränk. Denn danach hatte es ihnen so viel gegeben – sie waren aufrichtig entflammt. Echte Touristen. Sie gehörten zur Kategorie derer, denen das Leben selbst das Herz viel mehr erfüllt als die schönsten Theorien oder Experimente. Spanien war also ganz nach ihrem Geschmack. Und jetzt stand das Grenzland in Flammen. Toledo von Kugeln durchsiebt, Burgos ein Kriegsschauplatz, die Sierra de Guadarrama ein Schlachtfeld. Ortega, der Stierkämpfer, vor Kurzem erschossen. Bomben fielen auf den Bahnhof Atocha, gefährlich nah beim Prado. Die Touristinnen finden ihr Getränk ungenießbar und gehen zu Bett. Doch bei aller Niedergeschlagenheit, und weil das am einfachsten ist, glauben sie, dass sie ihrer Liebe wiederbegegnen werden. Die Spanier haben ihnen den Reiz und die Ausflucht des »mañana« gezeigt, und dass es sich dabei um einen neuen Tag handelt. Aber wie neu, in unserer Zeit? Das ist wahrhaftig eine Frage. Während man auf Antwort wartet, ist es doch jedenfalls etwas, das letzte und angeregteste Jahrzehnt in der Geschichte des Tourismus durchlebt zu haben.
Etwas – persönlich betrachtet. Denn international scheint es wenig wert gewesen zu sein, wie die zukünftige Welt zu Recht zeigen wird, wenn die geschäftigen und sich selbst verleugnenden Bevölkerungen – keine Nationen mehr – all die alten Quellen gegenseitiger Neugier, all die Vorwände, dem Vergnügen nachzugehen, all die Entschuldigungen für den Genuss ungetrübter und insofern verderblicher Träume beseitigt haben werden.
Pervers genug wiederhole ich trotzdem, dass ich zu meinem persönlichen Vergnügen schreibe. Auch wenn das Schicksal über mich hereinbricht, bin ich froh, dass ich nicht im Tausendjährigen Reich gelebt habe. Ich bin auch froh, so lange nach der Zeit der Grand Tour gelebt zu haben – etwas Derartiges wäre mir bei meinem bescheidenen Los nie vergönnt gewesen. Froh, dass ich die rauen Segnungen der Touristenkabine, des einfachen Fahrscheins und den Autobus kennenlernte. Denn das unbeschwerte Reisen, wie es für meine Generation erschwinglich und ohne übertriebenen Aufwand möglich war, zählte mit Sicherheit zu den größten und geheimsten aller persönlichen Freuden. Für mich hieß das nicht unbeschwertes Reisen hier, dort und irgendwo – mein Herz ist eng –, sondern unbeschwertes Reisen durch Spanien.
Wenn es zulässig und nicht hochgradig gefährlich ist, zu diesem Zeitpunkt Pater6 zu zitieren, riskiere ich es, diese viel zu oft bemühten Worte hier noch einmal zu wiederholen: »Die Kunst kommt zu dir, indem sie offen erklärt, nichts anderes zu geben als deinen Augenblicken, die dahingehen, höchste Qualität – einfach um dieser Augenblicke willen.«
Eine einschränkende Aussage, aber es gibt Leute, die genau in deren Akzeptanz irgendeine Art funktionierender persönlicher Wahrheit gefunden haben – falls sie den Mut hatten, sie zuzulassen. Künstler, ob sie dieser Bezeichnung gerecht werden oder nicht, oder überhaupt durchscheinen lassen, dass sie mit dem Stigma behaftet sind, kennen sich selbst. Sie kennen ihre Handicaps und, mitunter vielleicht etwas selbstgefällig, auch ihre Stärken. Viele von ihnen lehnen Paters ästhetisches Diktum ab und können es durch ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen widerlegen und bleiben doch unbestreitbar Künstler. Aber für andere hält es stand. Nicht, dass sie versuchten, abgeschottet damit zu leben – außer sie wären Freaks – oder dass ihre ganze Geschichte darin enthalten wäre. Aber sie erfahren, oft genug ernüchtert und zu ihrem Bedauern, dass es sich um die Erkenntnis handelt, die sie am ehesten verstehen, und machen die Entdeckung, dass deren Kollision mit anderen inneren Prinzipien diese aus der Bahn wirft. Oft zu Unrecht oder unangenehmerweise. Und der Rest von uns, an welcher Stelle im Register wir uns auch befinden – wird nicht auch auf uns gelegentlich in Bezug auf Paters Aussage verwiesen? Werden nicht auch wir, wie sporadisch und unzulänglich auch immer, von diesem »erregenden Lebensgefühl«, diesem »vervielfachten Bewusstsein« heimgesucht, das das tägliche Brot des Künstlers ist? Sodass wir beunruhigt, aber zugleich beglückt von dieser Heimsuchung, zaghaft von neuem und wann immer wir können nach ihr suchen?
Nicht als Droge. Die Fortschrittlichen, die keine Grabschriften lesen und in zerfallenem Stein nur eine einzige Botschaft entdecken, müssen bitte glauben, dass gewisser Leute gedankenversunkene Beschäftigung mit Ramsch kein Laster ist, wie sie es sehen, sondern in ihrer Absage an jeden Utilitarismus vielmehr eine Quelle der Kraft und des Mutes. Indem sie uns mit dem kalten Hauch des Todes konfrontiert – das heißt, mit dem von Zeitlosigkeit und Distanz –, verhilft sie uns immer mal wieder kurzfristig zu Immunität gegenüber dem derzeitigen Radau, während sie zugleich zu Geduld damit rät. Einmal war der Aquädukt von Segovia ein Spektakel, eine lebendige, praktische, städtische Idee, und jetzt steht es keinesfalls schlechter um ihn, und genau darin liegt der Kern seiner Würde. Der Kern, nicht das Ganze. Denn er wurde zu einer Potenz, die mehr umfasst als den Wasserbedarf einer Stadt. Kein Bedarf an Phrasen. Entweder geht einem bei seinem Anblick das Herz auf, oder nicht; entweder kommt es zu dem »erhöhten Bewusstsein«, das einem Augenblick, der dahingeht, die höchste Qualität verleiht, oder wir bemitleiden die schwere körperliche Arbeit der Sklaven und gratulieren uns zu Stahl und elektrischer Energie. Nicht, dass letztere die Freude nicht verdienten, die wir an ihnen haben. Es ist außerdem möglich, dass in zweitausend Jahren die himmelstürmende Fassade des Empire State Building ein prächtigeres und ergreifenderes Spektakel abgeben wird als heute – wenn solche Relikte denn stehenbleiben dürfen. Was unwahrscheinlich ist. Und während wir dieser Befürchtung noch ausweichen, denken wir traurig darüber nach, dass Macaulays Neuseeländer7, der uns in der Schule so begeistert hat, mit größter Wahrscheinlichkeit nie auf der Westminster Bridge stehen wird, um die Ruinen von St. Paul’s zu betrachten – (a) weil zu diesem Zeitpunkt kein Mensch, der etwas auf sich hält, in solch einem Ausflug einen Sinn sehen wird und (b), weil Ruinen aus Gründen der physischen und geistigen Hygiene nicht geduldet werden.
Was sie dann an mutigen Dingen unternehmen, mit welcher Lasur sie ihre Spießigkeit überziehen und wie sie ihre persönlichen Varianten von Schmerz und Irrationalität am Ausbruch hindern werden, bleibt ihr Geheimnis. Du und ich kommen zurecht, gut oder schlecht, so wie wir eben können – indem wir nach Strohhalmen greifen. Ein Buch, eine Hand, ein erstklassiger Witz; ein Gebet zu Gott oder die Geburt eines Kindes; die Flucht in die Einsamkeit oder in wildes Nachtleben; ein Arbeitsanfall, eine Attacke romantischer Liebe oder ehelichen Friedens; ein Theaterbesuch; ein guter Brandy oder ein kühles Bier. Oder eine Reise ins Ausland – um einmal alles hinter sich zu lassen, wie man so sagt.
Alles hinter sich lassen! Eines unserer Klischees, das für unsere Urenkel in ihrer uniformen Welt erst Bedeutung haben wird, wenn sie sterben. Etwas, das wir tun können und sie nicht für möglich halten werden – alles hinter sich zu lassen. Unsere Schwäche ist eine Stärke, die sie wahrscheinlich vermissen werden, es sei denn, sie wären wirklich Übermenschen. Wenn sie nach unseren entsetzlichen Picknicks alles aufgeräumt und aus der Welt einen utopistischen Distrikt gemacht haben – was dann? Oh, Himmel, hab Mitleid mit ihnen!
Sofern die Hypophyse nicht ein monströses Wunder vollbringen kann, wie es sich nicht einmal das alte Christentum hat träumen lassen, werden unsere Nachkommen, wie ich fürchte, entdecken, dass sie unglücklich sind – falls sie dieses Wort kennen. Eine glückliche Entdeckung, wage ich unbeirrt zu glauben. Glücklich, selbst wenn sie haarsträubend, ja, unwiderruflich ist – außer man verjubelte den Distrikt. Und irgendeiner könnte sogar zu dieser regressiven Maßnahme greifen, denn abgesehen davon, was dessen vorbildliche Bürger auch immer sein mögen, ihr Same – kontrolliert, konditioniert, nenn es, wie du willst – könnte immer noch von Adam stammen. Oder ist so eine sentimentale Folgerung schmerzlich veraltet?
Einstweilen leben wir, die Eskapisten, die Umstürzler, noch inmitten unserer Slums und Ruinen und halten an unserer alten, grauen Vorstellung fest, dass das Leben von etwas bestimmt wird, das niemals in ein Reagenzglas geht. Während wir Kinder der langen Schatten des Individualismus hauptsächlich aus menschlichem Respekt einen schüchternen Kniefall vor unserer Hirnanhangsdrüse machen, wie unlängst vor unseren Reflexen und erst kürzlich vor unseren Komplexen, hören wir noch immer ein Rauschen in der Muschel, für das wir keinerlei äußere Erklärung brauchen. Es erstirbt vielleicht, aber es bleibt dabei, dass wir es unbedingt hören möchten. Wir suchen den intensiven Sinn des Lebens, die Zufälle, die die Fantasie beflügeln, hält doch ein jeder von uns das Leben in seiner Brust für sein eigenes und nicht für ein Bauteil im bewundernswerten soziologischen Schema eines anderen. Wir sind wirklich hoffnungslose Fälle, die von Zeit zu Zeit darauf bestehen, alles hinter sich zu lassen.
Zu den anderen guten Dingen, die mit uns sterben werden, gehört also auch der Tourismus. Jedem sein eigenes Refugium, seine eigenen Ferien. Italien war bekanntermaßen die Herzensheimat von Millionen. Griechenland ebenso; und alle Mittelmeerinseln. China und das Ostchinesische Meer bedeuten weite Flüge auf der Suche nach einem Glückstreffer, aber viele haben auch das auf sich genommen. Es gibt Mexiko, Afrika, die menschenleere Antarktis und die gefährlichen Länder um den Amazonas. Es gibt Irland und Finnland und die Arabische Wüste – alle sind sie auf die eine oder andere Weise müßiger Betrachtung ausgesetzt und dem tiefen selbstsüchtigen Genuss von Augenblicken, die dahingehen – alle tragen sie aus verschiedenen unerforschlichen klimatischen, historischen und ethnischen Gründen zu jener individualistischen Aufregung bei, die dem Herzen die beste Ruhe verschafft; alle verweisen sie dreist auf die hartnäckige Schönheit des Lebens.
Für einige von uns gab es Spanien. Zunächst das Spanien, das wir uns vorstellten – ein Ort, an den wir uns jetzt nicht mehr erinnern können –, und dann das Spanien, das wir vorfanden. Es gab viele Überraschungen in diesem zweiten Spanien, viele Erschütterungen und Längen und Zeitspannen, in denen wir uns beinahe so träge und verdrießlich fühlten, als wären wir zu Hause. Aber irgendwie kehrten wir immer wieder zurück. Wir haben es einigermaßen kennengelernt – nach Art der Reisenden – und bemerkt, dass uns egal war, ob wir ein anderes Land je auch nur halb so gut kennenlernen würden. Wann immer wir etwas Geld übrig hatten, nahmen wir den Zug nach Irún oder, falls das zu kostspielig war, ein Schiff nach Santander oder Coruña. Und wenn wir gemächlich in diese Häfen einliefen – oh, die endlos langen Ankünfte! –, waren wir trotz möglicher kleiner Irritationen mit uns im Reinen. Obwohl keiner der beiden Häfen atemberaubend ist, selbst wenn die gleißende Sonne auf Coruñas verglaste Balkone trifft oder der Morgennebel federleicht von den schläfrigen, dunklen Hügeln hinter »La Magdalena« aufsteigt. Auf dieser vorgelagerten Halbinsel uns zur Rechten der hässliche Palast von Alfons XIII.8 – heute eine Sommerschule – und viele andere Bausünden. Am Kai von Coruña ein paar wirklich scheußliche Palmen und ganz in der Nähe Sir John Moores9 unansehnliches Grab. Und an beiden Orten die hohe Wahrscheinlichkeit, dass es in Strömen regnet. Aber wir kennen das alles, wir sind alte Hasen. Unser Vergnügen besteht einfach darin, dass wir dort angekommen sind, wo wir hinwollten. Da ist der Mann mittleren Alters in Schwarz, wie immer nachdenklich, der seinen Mantel wie ein Cape um die Schultern schlingt. Die dürren, grindköpfigen Jungs, die Frauen, die gebrannte Mandeln in Tüten verkaufen. Die närrischen Mädchen, die zu dritt oder viert schrill singend auf und ab spazieren, begeistert von sich selbst und ihrer aberwitzigen Aufmachung. Und wie immer ist da auch der tragisch blickende Gepäckträger, der schweigend auf uns zutritt, um uns die Taschen abzunehmen. Wir sind wirklich wieder da – in dem Land, in dem wir gerne sind, dem Land, das wir unkritisch, doch, wie wir denken, illusionslos und offenen Auges lieben.
1Henry Hall (1898–1989), populärer britischer Musiker und Bandleader, dessen Tanzmusik zwischen 1920 und 1960 im BBC Radio lief.
2The Young Visiters oder Mister Salteena’s Plan (1919) ist ein in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr erfolgreicher Roman der englischen Schriftstellerin Daisy Ashford (geb. 1881), den sie als Kind im Alter von neun Jahren geschrieben hat.
3Kate O’Brien zitiert den englischen Dichter John Milton (1608–1674): »Charlemagne, with all his peerage, fell / By Fontarabbia«, Paradise Lost (1.573–87).
4Nach langwierigen Verhandlungen unterzeichneten Ludwig XIV. von Frankreich und Philipp IV. von Spanien 1660 auf der Fasaneninsel den Pyrenäenfrieden.
5»Gott! Wie traurig ist doch der Klang des Horns am Abend, in den Tiefen des Waldes!«, aus Alfred De Vignys (1797–1863) Gedicht Le Cor über das heldenhafte Ende von Ritter Roland.
6Walter Horatio Pater (1839–1894), englischer Essayist und Kritiker. Zitat aus Studien zur Geschichte der Renaissance (1873).
7Der britische Historiker, Dichter und Politiker Thomas Babington Macaulay, 1. Baron Macaulay (1800–1859), goss die Vorstellung eines zukünftigen Besuchers antizipierter Ruinen1840 in ein bestimmtes Bild: den Neuseeländer. Ein scheinbar gebildeter Neuseeländer bereist das untergegangene Großbritannien. Mit dieser Figur hatte Macaulay einen Nerv der Zeit getroffen. Der Neuseeländer bestimmte im 19. Jahrhundert das Bild des zukünftigen Touristen.
8Alfons XIII. (1886–1941) war von Geburt an de jure König von Spanien. Bis 1902 führte seine Mutter Maria Christina von Österreich die Amtsgeschäfte. Seine Regierungszeit fiel in die Ära der politischen Restauration in Spanien. Er wurde kritisiert, dass ihm eine echte Vision für sein Land fehlte. Im April 1931, nachdem in Madrid die Republik ausgerufen worden war, ging er ohne formelle Abdankung ins Exil, zunächst nach Paris, dann nach Rom. Erst wenige Tage vor seinem Tod verzichtete er zugunsten seines Sohnes Juan de Borbón y Battenberg auf den Thron.
9Der britische General Sir John Moore (1761–1809) spielte eine Schlüsselrolle zur Unterstützung der Spanier bei La Coruña in der Schlacht vom 16. Januar 1809 zwischen der französischen Besatzungsarmee und einem britischen Expeditionskorps.
VERDRIESSLICHKEIT
Wo ließen wir die sentimentalen Touristinnen am Ende des letzten Kapitels an Land gehen? Sagen wir in Santander, um keine Zeit zu verschwenden. Der Himmel weiß, dass schon genug verschwendet wurde, seit wir uns zuletzt mit diesen Geschöpfen beschäftigten. »Die Zeit schreitet voran«, wie sie uns neuerdings unnötig salbungsvoll in der Kinowochenschau mitteilen. Wo wir auch erfahren, dass die Arbeiterarmee ebenfalls voranschreitet und dass Francos Männer in Erwartung der Mauren10 und ironischerweise ausgerechnet in Toledo den Alcázar mehr als sechzig Tage lang gegen die Kastilier gehalten haben. Das aber ist kein Reisebericht, sondern gerade »Aktualität«, wie ein Spanier sagen würde, und die Zeit hat nichts von ihrer Härte verloren. Aber Santander ist vergleichsweise sicher, um dort Erinnerungen nachzuhängen. Auch lebendig. Lebendig genug, um es der Autorin zu erleichtern, den störenden Touristinnen aus dem Weg zu gehen. Lassen wir sie also ziehen – es wurde langweilig mit ihnen. Jetzt sind wir selber dran.
Kurz und gut, liebe Leser – aber werden Sie mir diese altmodische Anrede gestatten? Eine Freundin sagte mir einmal, als sie das Werk eines bedeutenden und unterkühlten Essayisten auseinandernahm, dass »größere Autoren als Alice Meynell11 sie mit ›liebe Leserin‹ angeredet hätten«, also gehe ich ganz bescheiden das Risiko ein, zu diesen gezählt zu werden. Liebe Leser, ich konfrontiere Sie direkt mit der ersten Person Singular. Ich werde Sie mitnehmen auf meine eigene Reise und in direkter Rede von allem erzählen, woran ich mich erinnere und was ich gern wiedersehen möchte. Ich glaube, so ist es am besten.
Meine Reise wird allerdings ein Patchwork aus vielen Reisen sein und ohne überflüssigen chronologischen Bezug. Die Route wird sich aus vielen Routen zusammensetzen; Jahreszeiten und Städte werden nach meiner Erinnerung folgen, ziemlich sicher war es in Wirklichkeit nicht so; Begleiterinnen oder zufällige Reisebekanntschaften werden in ungenauer Reihenfolge auftreten, sich einschalten, verschwinden und wiederkehren, ganz ohne Absicherung durch all die nützlichen Tagebücher, die ich nie führe. Ihre Rollen, an den entsprechenden Orten, werden so getreu sein, wie die Erinnerung sie gestalten kann – so lange niemand nach dem Datum fragt.
Ich befinde mich also in Santander, und sagen wir einfach, dass es sich um eine Zeit handelt, die mehr als zwei Jahre zurückliegt und weniger als drei. Und während ich im üblichen Café vor dem Regen Schutz suche und in die Hände klatsche, um Eduardo auf mich aufmerksam zu machen, höre ich neben mir aufgeregtes englisches Gerede und stelle bestürzt fest, dass die Schornsteine, die sich draußen im Hafen schwach abzeichnen, die der »Cordillera« oder der »Reina del Pacífico« sein müssen, und dass soeben eine neue Ladung von Urlaubern, knapp bei Kasse und ahnungslos, auf den klatschnassen Paseo de Pereda gekippt wurde – Urlauber, die ganz aus dem Häuschen sind, jetzt endlich in Spanien zu sein – »in Spanien, meine Liebe!« – und dreizehn Sommertage vor sich zu haben.
Mir wird schwer ums Herz. Denn mir scheint, dass sie getäuscht werden, und Spanien nicht minder. Es verhält sich nämlich folgendermaßen: Die Leute, die in der Touristenklasse von Southampton oder Dover zu einem der nähergelegenen spanischen Häfen aufbrechen, sind hauptsächlich hart arbeitende Lohnempfänger, denen die jährliche vierzehntägige Freiheit sehr kostbar ist, und die alle eher wenig Reiseerfahrung haben, da ihnen seit der Schulzeit nur vierzehn Tage pro Jahr fürs Reisen zur Verfügung stehen. Mit dem zunehmenden Tourismus sind sie bemerkenswert unternehmungslustig geworden – dafür, dass sie so wenig Geld und Zeit haben, können sie erstaunlich weit wegfahren. Und in diesem Jahr ist Spanien dran. Man kann die Gespräche förmlich hören, in Ein-Zimmer-Wohnungen und Bungalows, in den Reiseagenturen. »Die Peseta steht dies Jahr so günstig, und die Schiffe sind fantastisch. Hat mir Mabel gesagt. Pro Strecke etwa sechsunddreißig Stunden – genau das Richtige für dich. Und Spanien! Komplett was anderes. Der Arzt sagt, du musst einmal alles hinter dir lassen, Liebling, die Kinder und alles. Sie werden wunschlos glücklich sein in Broadstairs, bei Mutter. Du weißt, wie sehr sie es liebt, sie mal für sich zu haben. Spanien! Was könnte aufregender sein! Bestimmt werden wir uns einen schönen Sonnenbrand holen. Oh, es ist also nicht ganz so heiß im Norden? Die Hotels sind in Ordnung, nehme ich doch an? Das hier scheint mir sehr günstig zu sein. Oh, ich denke, das ist eine fabelhafte Idee, George. Wo liegt Toledo? Sollen wir uns Toledo ansehen – oder die Alhambra? Ach, egal. Spanien ist Spanien. Und wir werden immerhin dreizehn Tage dort sein. Besorg besser einen Sprachführer, Daisy …«
Würden sie mit den Kindern nach Broadstairs fahren, dann wäre das für sie nicht sehr aufregend, aber sie kämen in den Genuss bestimmter Annehmlichkeiten und Freuden, die ihnen vertraut sind – das übliche Strandglück, das sich bei den meisten Menschen todsicher einstellt. Aber wenn sie plötzlich sagen: »Der Arzt meint, ich muss einmal alles hinter mir lassen«, und: »Spanien! Wie herrlich!«, verlangen sie etwas, das, sofern überhaupt käuflich, nicht für ihre wenige Zeit und für ihr Geld zu haben ist. Sie verlangen Zutritt zur Welt der Plakate, einer Welt aus Kunststoff und Kobaltblau, aus Singen und Nichtstun, mit einer Nelke im Mundwinkel. Sie möchten – da die Peseta so günstig ist – endlich sehen, was sie sich in ihrer Kindheit vorgestellt haben und was in ihnen lebendig geblieben ist.
Aber Spanien – wie man jetzt vielleicht mitbekommt – ist keine Kinderfantasie, nicht die Welt der Plakate. Es ist ein Land mit Tiefe, sehr real und mit verstörenden Schatten. Und Santander, wohin so viele Ahnungslose in Scharen strömen, auf der Suche nach ihrem so nötigen Ferien-Glamour-Intermezzo, Santander ist vielleicht die nüchternste, die am wenigsten theatralische aller spanischen Hafenstädte. Sie besitzt nicht einmal Coruñas Atmosphäre närrischer Verwegenheit oder Bilbaos pockennarbige Erscheinung, völlig ruiniert durch den pausenlosen Ringkampf zwischen Gier und Elend. Nein, Santander ist eine schlichte, nüchterne Stadt von respektabler Bedeutung und Redlichkeit. Sie ist die Hauptstadt einer sehr interessanten Provinz, schön gelegen, blickt auf eine beachtliche Geschichte zurück, hat einige berühmte Kinder und kämpft nun, wie das restliche Spanien, mit akuten sozialen Problemen. Das regnerische und gemäßigte Klima gleicht dem von Devon oder Kerry; die Landschaft ist grün, fruchtbar und beschaulich; die Stadt liegt an der Biskaya, nicht am Mittelmeer. Die Menschen, aufgewachsen zwischen Bergen und Küste, besitzen in der Regel die Gesundheit, wie solche Bedingungen sie mit sich bringen, und den entsprechenden Mut. Sie sprechen ein gutes Kastilisch, sind zuvorkommend, humorvoll und freundlich; sie und ihre Lebensweise sind muy español, sehr spanisch, wie sie sagen würden.
Aber werden das auch die Dreizehn-Tage-Ausflügler sagen? Nein, denn sie haben keine Zeit herauszufinden, ob es stimmt. In diesen Ferien werden sie nur die Zeit haben, die Welt ihrer Plakate zu verlieren und nichts Realeres zu finden, um sie zu ersetzen. Denn solange man nicht sehr viel länger hier ist und vielleicht ein wenig Spanisch spricht, solange man sich nicht vorab richtig informiert, gut vorbereitet und keine sture, vorgefasste Meinung zu Spanien hat, solange wird man wenig Neues oder Denkwürdiges in La Montaña, wie die Region um Santander genannt wird, entdecken. Ist man allerdings Bergsteiger und weiß Bescheid, dann wird man sich gerade einmal für einen kurzen Drink auf dem Paseo aufhalten – gleich darauf den ersten Bus nach Reinosa oder Potes nehmen und dort seine Vorkehrungen treffen, um sich in den prachtvollen Picos de Europa den Hals zu brechen; als halbwegs aufgeweckter Tourist hat man auf der Landkarte entdeckt, dass man sich in der Nähe einer Perle Kastiliens befindet – Burgos –, und man wird den Bus nehmen – nicht den Zug – und dort mindestens eine Nacht verbringen; wenn man malt, hat einem sicher jemand von der Höhle von Altamira erzählt; ist man aber ein Träumer, ein melancholischer Jaques12, ein Eskapist, wird man an den verlorenen Ort San Vicente de la Barquera fliehen und seine zwölf Tage damit verbringen, dem Meer dabei zuzuschauen, wie es sich an den lecken Booten bricht, die Bögen der makellosen Brücke zu zählen und über die Schönheit der umherwimmelnden hungrigen, wilden Kinder zu staunen.
Aber angenommen, man ist ein völlig zielloser Urlauber, weiß nichts, außer dass man in Spanien gelandet ist, und versteht nichts von dem, was um einen herum vorgeht. Man hat vielleicht ein Zimmer irgendwo an einem der kleinen Strände von La Magdalena oder El Sardinero gebucht, Küstenvororten Santanders, die vor einigen Jahren von Alfons XIII. entdeckt wurden und denen die Stadt die anhaltende Beliebtheit als Urlaubsort verdankt. Man wird sein Hotel finden, und ich wette, man wird angenehm überrascht sein. Sollte man nicht wirklich Pech haben, ist es weiß gekalkt, sauber und karg wie ein Kloster. Im Zimmer gibt es fließend Wasser, und auch wenn das, was aus dem Warmwasserhahn kommt, nicht immer warm ist, so wird es doch fließen – und draußen vor dem großen Fenster erstreckt sich das Meer, blaugrau und freundlich wie das Meer vor Scarborough. Aber wenn man hinausgeht und in Richtung Casino und Musikpavillon, die man von der Straßenbahn aus sah, als man auf die Küste zufuhr, wenn man das große Café entdeckt, das über den Strand hinausragt, dann gibt es dort nur einen einzigen weiteren Gast – einen Mann in deutscher Tweed-Kleidung, der sich niedergeschlagen an seiner Kamera zu schaffen macht. Und wenn man auf der zugigen Terrasse sitzt und den dünnen Tee möglichst vorsichtig durch ein entsetzlich kleines Sieb gießt, das von der Tülle baumelt, wenn man sich laut über den leeren Musikpavillon wundert und den einsamen Strand, dann stellt sich vielleicht heraus, dass der Kellner mit der ernsten Miene in Chicago gelebt hat und einem erklären kann, dass die Saison noch nicht begonnen habe, oh nein, erst in ein paar Wochen – man sei zu früh dran. (In den kantabrischen Ferienorten ist man immer zu früh dran für die Saison. Nie war eine Wartezeit so schwer totzuschlagen.) Ja, wird ihnen der Kellner sagen, morgens sind Leute am Strand, Einheimische – die schicken Madrileños noch nicht. Zu früh für sie. Das Casino öffnet erst, wenn sie auftauchen – zum Tanzen, Señorita. In Spanien gibt es kein Glücksspiel. Und die Musik spielt samstags im Pavillon – oh ja, die Señorita wird schon sehen, gran baile, gran verbena. Ein großes Fest. Hier auf der Terrasse, ja. Wie schade, dass die Señores so früh gekommen sind. Und der Kellner geht. George und Daisy schauen sich an und befinden, dass es kühl ist, sie sollten besser ein Stückchen laufen. Sie spazieren zwischen Tamarisken und Fackellilien im kleinen Park über dem Meer. Sie haben ihn für sich, bis auf einen Jungen, der sie damit quält, irgendetwas mit dem Messinggriff an einem merkwürdigen, rot lackierten Gefäß zu tun, das er vor sich her trägt. Er öffnet es und zeigt ihnen die seltsamen Kekse darin – aber sie haben noch immer keine Ahnung, warum sie am Griff drehen sollen. Er seufzt und geht. Sie schauen aufs Meer und denken an die Kinder in Broadstairs, bei Mutter. Sie beschließen, noch einmal mit der Straßenbahn nach Santander hineinzufahren und ein wärmeres Café zu suchen, wo man drinnen sitzen kann. Von der Straßenbahn aus sehen sie, wie das Schiff, das sie an diesem Nachmittag hergebracht hat, ohne sie wieder ablegt. Vielleicht gibt es ein Kino in Santander.
Das gibt es. Sie finden ein besonders luxuriöses, wo ein Film läuft, den sie beide ein Jahr zuvor im »Granada« in Tooting genossen haben. Und wieder gefällt er ihnen. Auch ihr Abendessen genießen sie – sie sind ziemlich hungrig, als es endlich auf dem Tisch steht – es ist zehn Uhr. Sie genießen ihre Flasche Rioja und ihnen gefällt, dass sie so billig ist. Und anschließend, in Stimmung, gehen sie zum Café oberhalb des Strands, trinken Likör und sprechen mit dem unbeschäftigten Kellner, der früher einmal in Chicago gelebt hat. Während sie reden und die flackernden Lichter der Sardinenboote in der Bucht beobachten, hören sie in weiter Ferne die Stimme eines Jungen, ein wilder, ungewöhnlicher Gesang. Sie wissen nicht, dass es sich um einen Flamenco handelt. Er macht Daisy traurig und George nervös.
Aber der nächste Morgen ist schön und warm, so schön und warm wie vor drei Sommern in Ilfracombe. Erinnerst du dich, George? Und es sind Leute am Strand – wie es der Kellner vorausgesagt hatte. George und Daisy schlüpfen in ihre Bademäntel und gesellen sich dazu.
Von nun an hängen ihre zwölf Tage ausschließlich von ihrer Persönlichkeit ab. Wenn sie initiativ genug sind und ihre Befangenheit in den Griff bekommen, werden sie am Ende dieser Zeit feststellen, dass sie eine Reihe wirklich interessanter Dinge unternommen und ein Stückchen des wirklichen Spaniens entdeckt haben, das an die Stelle des Spaniens ihrer Fantasie treten kann. Und auch wenn sie lediglich Beobachter sind und sich dabei nicht in Vorurteilen verfangen, werden sie ebenfalls viel gelernt und sich gut durch das beste aller Schauspiele unterhalten haben, das sich einem überall bietet – alltägliches Leben, menschliches Leben wie es Leute, deren Gewohnheiten und Eigenschaften unserem Auge neu sind, deren Wesen sich jedoch nicht beängstigend von dem unseren unterscheidet, eben so leben. Aber Initiative und Übersicht sind nicht unbedingt die beiden Dinge, die wir zwangsläufig einpacken, wenn wir planlos und aufgekratzt zu zwei kurzen Wochen aufbrechen, die vor promptem Vergnügen, pittoreskem Nervenkitzel und dem Glanz und Rausch eines kurzen, kostbaren Urlaubs überquellen sollen. Deshalb bin ich eigentlich der Meinung – und ich habe in Santander mit vielen Touristen gesprochen –, dass die vierzehn Tage an der kantabrischen Küste ein Reinfall sind, und wenn die Urlauber ganz ungeduldig zur »Orinoco« zurückdrängen, sind ihnen wahrscheinlich zwei Dinge widerfahren, mit denen sie nicht gerechnet haben – sie wurden in ihrer unschuldigen Suche nach Ferienvergnügen enttäuscht und zum Ausgleich in ihrer unseligen nationalen Selbstgefälligkeit gestärkt. Zwei schlechte Dinge – das zweite noch schlechter als das erste. Wenn ich also sehe, wie sie die Gangway ihres Linienschiffs hinunterstürmen, wenn ich ihre erwartungsvollen, noch ganz frischen Stimmen im Café del Boulevard höre, stimmt mich das traurig, für sie und für Spanien.
Während ich nun die Shrimps aus ihren hübschen Schalen befreie, lausche ich dem Geplapper dieser neuen Schar. Ich mag Shrimps nicht besonders – obwohl ich sie früher gern gefangen habe –, doch hier in Santander gehören sie zum Aperitif fast zwangsläufig dazu. Die Leute aus Sevilla erzählen einem, sie seien bei ihnen besser als im Norden. Dass die camarones, die Garnelen aus Santander, aber weltberühmt sind – und Eduardo sagt, das sind sie –, geht auf einen durchreisenden Bischof zurück, der im vierzehnten Jahrhundert vom Bürgermeister der Stadt verköstigt wurde und feststellte, dass er sie vergnügt und ohne Angst vor Folgen in großen Mengen verspeisen konnte. Worauf er ihre Brut für immer und ewig segnete. Während ich meine Finger mit diesen geweihten Meeresfrüchten beschmutze, noch immer unsicher, ob sie der Segnung des Bischofs oder meiner Mühe wert sind, höre ich, wie die Neuankömmlinge Pläne machen. Ein paar von ihnen – jugendlich, mit kurzgeschorenen Haaren oder mit Knickerbockern, was die örtlichen Señoritos begeistern wird, die derzeit Gefallen an diesen unvorteilhaften Hosen finden – wollen die Sommerschule besuchen. Eine gute Idee. Der Unterricht ist einwandfrei und international ausgerichtet, und sie werden dort so viele Schweizer und Deutsche treffen, dass es für sie bald keine Rolle mehr spielt, ob sie in Spanien sind oder nicht. Einige andere wollen »sonnenbaden und braun wie die Spanier werden und das schöne warme Meer am liebsten gar nicht mehr verlassen«. Jemand hat ein Skizzenbuch zur Hand. Einer der jungen Männer überlegt, Gitarre spielen zu lernen. Bis auf die Studenten sind alle auf Glamour aus, oder das, was sie sich darunter vorstellen. Und alle wollen den Konsul sehen. Ja, wir müssen den Konsul finden.
Das wird ein ewiges Rätsel der Auslandsreisen bleiben. Was wollen die Briten nur immer von ihrem armen Konsul? Der Konsul in Santander ist wirklich ein sehr freundlicher und zuvorkommender Mann, aber wie oft – vielleicht ganz unnötig – habe ich ihn bemitleidet. Schwärme junger Mädchen, die keinen Ton herausbringen, in Cafés begleiten, sie in Straßenbahnen setzen; magenkranke Städter zur englischen Apotheke führen; Marmelade für britische Matronen besorgen; erklären, dass Briefmarken nicht im Postamt gekauft werden – ja, sehr sonderbar – und dass das Wasser Marke Solares genauso gut ist wie Vichy. Ein aufgewecktes zehnjähriges Kind könnte all diese Entdeckungen innerhalb von zwölf Stunden in einer fremden Stadt ganz allein machen und drauf los leben – aber nein. Wir müssen den Konsul finden. Plagen andere Nationen ihre bevollmächtigten Vertreter im Ausland auch in so infantiler Weise? Nun – ich werde ihnen nicht sagen, wie sie den Konsul finden. Gebt dem Mann eine Chance. Das ist seine Hochsaison.
Ein Guardia Civil geht vorbei, mit Gewehr und gelbem Bandelier. Gebeugt und zusammengeschrumpft, kein fesches Exemplar der Träger des berühmten Lacklederhutes, doch der zukünftige Gitarrenspieler, der die anderen Touristen über ihn lächeln sieht, tadelt diese. Die Guardia Civil ist eine prachtvolle Vereinigung von Männern, hat er gehört. Ein englischer Bursche unten am Kai – irgendein Kerl, der für seine Firma hier ist – hat ihm gesagt, dass diese Männer, die Bürgergarde, augenblicklich die einzigen Menschen sind, die zwischen Spanien und der absoluten Anarchie stehen. Alle sehen sehr beeindruckt aus.
Du lieber Gott! Die Guardia Civil hat wirklich eine lange Tradition der Loyalität zum Boss und darin, ihn rücksichtslos zu verteidigen und seine Gegner zu attackieren. Aber hat niemand diesem jungen Menschen, der für seine Firma hier ist, von der paramilitärischen Guardia de Asalto erzählt, der Sturmgarde, deren Einrichtung die junge Republik für nötig hielt? Auf diese neue Polizeieinheit, gegründet allein auf der Tradition spanischer Männlichkeit, soll die spanische Bevölkerung sich nun verlassen, sie soll sie vor den Übergriffen der Bosse bewahren? Abgesehen davon ist es keine irgendwie geartete Polizeitruppe, egal, welchen berühmten Hut sie auch trägt, die zwischen Spanien und den Ideen steht, auf deren Erprobung es aus sein könnte. Das komplizierte spanische Temperament ist nicht von der Gnade eines Polizisten abhängig. Es kämpft mit sich selbst und zwar einen Kampf des Geistes. Und wenn es die Absicht hat, diesen Kampf nach außen zu tragen, dann wird es das tun, wie hoch der Preis auch sein mag – wie wir ja gerade sehen. Würde es einen Engländer freuen, wenn Spanier, die Manchester besuchen und einen Bobby auf Streife sehen, einander belehrten, dass nur Leute wie er zwischen England und der absoluten Autokratie stünden? Überhaupt, »absolute Anarchie« – oh, mein Freund, der du das Gitarrenspiel niemals lernen wirst, weißt du nicht, dass jene unmögliche Lebenslage der Himmel wäre – der Himmel auf Erden?
Ich sollte diese Leute zu einem bestimmten Leuchtturmwärter mitnehmen – keine tausend Kilometer entfernt von dort, wo wir uns gerade befinden. Don Ángel, der dickste Mann in La Montaña. Als ich einmal an der Küste entlangwanderte, sah ich ihn neben seinem Leuchtturm in der Sonne sitzen und fragte ihn, ob ich zum Lampenhaus hinaufsteigen könnte. Ein seriöser älterer Herr – ein Journalist aus Saragossa – hatte gerade dieselbe Bitte geäußert. Also stiegen wir hinter Don Ángel hinauf, dessen Körperfülle es uns unmöglich machte, die nächste Windung abzusehen, oder auch nur den nächsten Schritt vor uns auf der Treppe. Endlich standen wir oben auf der Plattform des Lampenhauses und beugten uns über die hohe Brüstung. Die Plattform war schmal, und Don Ángel klemmte wie ein weicher Ballon zwischen Lampenhaus und Brüstung. Ich bin keine Nymphe, und auch der Herr aus Saragossa war nicht der schlankste. Wir müssen einigermaßen komisch ausgesehen haben, da oben auf der Plattform, aber da war niemand, der über uns hätte lachen können. Don Ángel ist ein sehr ernsthafter Mann, und er und der andere Gentleman vertieften sich in ein Gespräch über politische Theorien. Von denen Don Ángel keine einzige besaß. Er ist ein Anarchist, und während ich ihm zuhörte, dachte ich, dass der großzügige Chesterton13 begriffen hätte, dass es sich bei ihm, zumindest seiner Rede nach, um einen Heiligen handelte. Trotzdem, wegen seines verrückten Traums von Perfektion würde er die gnadenlose Zerstörung aller Zeitalter Spaniens mit ihrer konfusen und herrlichen Kultur, ihrem uransässigen und unbeschreiblichen Glauben befürworten. Spanien muss verschwinden, sagt Don Ángel, es muss den Märtyrertod sterben, es muss in Blut ertränkt werden. Ich brachte gerade genug Spanisch zusammen, um ihm zu widersprechen, aber der Journalist aus Saragossa schüttelte nur den Kopf. Die anarchistische Idee bringt keinen nüchternen Spanier aus dem Konzept. Und während Don Ángel weiterredete, von Dezentralisierung, von der Beseitigung der Obrigkeit und ihrer Symbole, von Lenins schweren Vergehen, von der Bedeutung eines jeden einzelnen Menschen und der Herrlichkeit und Freiheit des Todes sprach, dachte ich weiter über den Katholiken Chesterton nach und darüber, wie man ebenso an Anarchie wie an die Idee des Katholizismus glauben kann, schlicht und einfach deshalb, weil es unmöglich ist. Wie ein Mensch in Christus vernarrt sein mag, so mag er auch in seinen Mitmenschen vernarrt sein, und wenn er verrückt ist nach der Liebe zu Gott, so auch verrückt nach der Liebe zum Menschen. Credo quia absurdum – ich glaube, weil es absurd ist – ein tautologisches Axiom. Du glaubst nicht an den Faschismus. Du hast ihn vor Augen, und es ist schwer, so mystisch damit zu verfahren wie der ältere Herr, der eine Giraffe betrachtete und heftige Zweifel an ihrer Existenz äußerte. Du kannst den Faschismus mögen, wenn es das ist, was du magst. Aber du musst dich nicht dazu zwingen, an ihn zu glauben. Genauso wenig musst du an den Kommunismus glauben. Aber, wie Don Ángel sagte, niemand hat je das Reich Gottes gesehen. Keine menschliche Institution hat je den Beweis dafür erbracht, deshalb kann man nur daran glauben. »Es wird Tote geben, und Blut wird fließen«, sagte Don Ángel sehr freundlich. Und der Gentleman aus Saragossa, ein besorgter Anhänger von Azaña14, schien mit ihm einer Meinung zu sein.
Nun, in jenem Sommer waren Samper15 und die CEDA an der Macht, und es gab weiß Gott genug Probleme, die in Spanien hochkochten. Der Herbst sollte uns das zeigen. Doch der Sommer war schön und die Spanier so zuvorkommend und humorvoll wie immer. Die Basken machten wegen einiger ihrer alten Rechte gegen die Zentralregierung Front, und alle baskischen Bürgermeister wanderten ins Gefängnis, jeder war auf ihrer Seite und ganz einverstanden. Eine einzelne Fremde allerdings, deren Spanisch binnen Kurzem vor den langen politischen Leitartikeln in El Sol kapitulierte, zog es vor, die Berichte über den Stierkampf zu lesen oder die Bilder in der Zeitschrift Estampa zu betrachten. Man war sich in diesem Sommer – oder, Gott vergib, selbst wenn man im darauffolgenden wiederkam – nicht bewusst, ob man beim Sterben zuschaute, oder bei einer riesigen unabsehbaren Geburt. Es war herrlich, in jenen Nächten vor einem bestimmten kleinen Gasthaus zu sitzen, dem sanften Rauschen der Wellen zu lauschen und zu spüren, wie der Verbenenzweig einem sanft über die Stirn strich, während die Dorfjungen – jede Nacht dieselben drei oder vier – an der Veranda lehnten und einander neue Flamencos beibrachten. Der Brandy war spanisch und brannte auf der Zunge, der Gesang wild, doch Spanien schien ganz ruhig, obwohl wir uns gar nicht weit von Asturien befanden. No pasa nada, dachten wir. Es wird schon nichts passieren.
Und im Hotel – wir lachten über zimperliche alte Damen aus Barcelona mit ihren katalanischen Banditengeschichten, wir sprachen mit dem gebildeten Don Perú über französische Literatur, wir hörten teilnahmsvoll zu, wenn uns Consuelo, das hübscheste Zimmermädchen, das je einen Staubwedel in der Hand hatte, von ihrem Bräutigam in den baskischen Bergen erzählte, von seiner Konditorei und seiner Mutter und von der Hochzeit, die zu Ostern geplant war. Und wir diskutierten mit enttäuschten Touristen und versuchten, sie auf genüssliche Wege zu lenken.
Einige hatten ihr Vergnügen. Es gab einen Engländer und seine Frau, die ihr Vergnügen daran hatten, sich nicht zu vergnügen. Und einen Iren und seine Frau, die gerade begannen, die Zeit zu genießen und sich wie Urlauber zu fühlen, als ihr unbarmherziger Dampfer eintraf, um sie nach Hause zu bringen. Aber sie waren eben keine normalen Kurzreisenden. Erstens hatten sie mehr als einen Monat Zeit, und zweitens – sie kamen aus Dublin – waren sie freundlich gesinnt und geneigt, das Leben so nehmen, wie es kam. Anfangs waren sie scheu. Die Gäste, die Señora, der Portier, der Page, die reizende Consuelo, wirklich alle saßen sie auf der Veranda und unterhielten sich, sofern es nichts anderes zu tun gab, was das Kommen und Gehen für einen Fremden, der die Skala aller Arten von Begrüßungen und Höflichkeiten durchlaufen musste, ohne durch Besseres als ein Lächeln oder ein vages si oder ah gewappnet zu sein, durchaus unangenehm machen konnte. Harry, der Ire, fragte mich eines Tages ziemlich gereizt: »Warum fangen sie immer an, über Hochzeiten zu reden, wenn sie meine Frau und mich sehen?« Das Ola! Qué tal el matrimono? der alten Señora hieß nichts anderes als »Hallo! Wie geht’s dem Ehepaar?«. Auf Englisch mag das ein wenig anzüglich klingen, im Spanischen dagegen in keiner Weise, aber bei Harry kam es so an, als wolle sie mit ihm eine Diskussion über das Verheiratetsein führen. Harry und seine Frau kamen aber gut mit den Spaniern aus, und es war schön zu sehen, wie munter sich der Mann mit den fünf oder sechs Brocken, die er gelernt hatte, verständigen konnte.
Die beiden waren unternehmungslustig. Sie machten sich zu Picknicks auf, nahmen die Fähre nach Pedrosa, fuhren nach Solares und weiß Gott wohin. Sie bereiteten ihren Tee in Maisfeldern und Eukalyptuswäldern zu. Sie saßen in Tavernen und lernten von Arbeitern, wie man Wein aus der langen Tülle des porrón trinkt. Sie begleiteten die Señora und mich in den Zirkus, und noch immer höre ich amüsiert Harrys Stimme, als er der alten Dame gegenüber die Limousine lobte, die sie für unseren Ausflug gemietet hatte. »Chrysler coche – sehr bonito.« Sie gingen zum Tanzen ins Casino. Die schwer zu beschreibende sagenhafte Saison, an die Harry seinen Glauben beinahe schon verloren hatte, fing gerade an, als sie abreisen mussten. Sie verbrachten einen ausgelassenen Tag bei einer Romería in einem der Bergdörfer. (Ein Volksfest für einen örtlichen Heiligen, alles inbegriffen, man kommt und geht, wie und womit man will. Romería heißt Wallfahrt.) Sie kauften einen niedlichen Blaumann als Mitbringsel für ihren kleinen Sohn. Ich half ihnen dabei und hoffe, dass sie ihn immer noch haben, obwohl sie ihren Sohn nun vielleicht lieber nicht mehr darin sehen möchten. Ich fürchte, dass Harry nie auf der Seite der kämpfenden Arbeiter stehen wird.
Gemeinsam gingen wir zu einem Stierkampf. Ich war bis dahin noch bei keinem einzigen gewesen – hatte mich nie dazu entschließen können. Hemingways »Tod am Nachmittag« lag ungelesen in meinem Koffer – und würde noch eine Zeit lang ungelesen bleiben. Es handelte sich nur um eine Novillada, einen Kampf mit Jungstieren. Unter den Matadoren war außerdem eine Frau – Juanita Cruz16. Die Ängstlichen hielten es vermutlich für die einfachste Art des Stierkampfs. Ohne Pferde. Kleine Stiere. Eine Frau unter den Matadoren. Ruth, ein siebzehnjähriges englisches Mädchen, bat mich, sie auch mitzunehmen. Ich überlegte, was ihre Mutter, eine sehr liebe Freundin, wohl dazu sagen würde. Heutzutage allerdings eine etwas altmodische Überlegung. Ich nahm sie mit.
Ich hatte bis dahin noch nie etwas über den Stierkampf gelesen, außer bei D. H. Lawrence in Die gefiederte Schlange. Bei meinen Aufenthalten in Spanien hatte ich mich bislang geweigert, mir einen Stierkampf anzusehen. Nun gut, wir gingen hin, Harry und seine Frau, Ruth und ich. Ich erinnere mich, wie ich vor Beginn auf meinem Platz saß und mich kläglich fragte, was in aller Welt mich bloß dazu getrieben hatte, hierherzukommen. Und hörte Ruth, die all den sonnenbeschienenen Flitter ringsum betrachtete, in stiller Verwunderung vor sich hinmurmeln: »Ich bin wirklich in einer spanischen Stierkampfarena.«
Ehrlich gesagt war es ein schlechter Kampf, obwohl Juanita sich wirklich gut schlug und drei von uns sehr feministisch wurden und sich für sie stark machten. Aber es gab viel törichtes Zeug und einen jungen Matador, der sich blamierte. Schwer zu glauben, dass man nach der Erfahrung jenes Nachmittags Lust gehabt hätte, noch eine Corrida zu sehen. Harry hatte keine mehr. Das stand fest. Er betrachtete die Sache als Sportler, und nach den nationalen Jagdregeln und so weiter lehnte er den Stierkampf als dumm und brutal ab. Ich war interessiert und hingerissen ab dem »Los!«. Ruth war still und, wie ich vermute, verunsichert, aber ihre Fantasie kapitulierte, während sie noch mit sich selbst verhandelte. Harrys Frau war völlig aus dem Häuschen, aufgeregt, begeistert und auch amüsiert, als wäre sie eine Spanierin. Sie ließ sich alles erklären und bejubelte Juanita wie verrückt. Sie mussten am Abend der großen feria mit fünf kompletten Corridas abreisen, worüber sie sich sehr ärgerte. Ich hoffe, sie erinnert sich noch an ihre einzige Novillada und wie sich Harry angesichts der Brutalität der drei ihn begleitenden Damen empörte. Nun, sie fuhren zur festgesetzten Zeit auf ihrem Dampfer davon – »Adiós, el matrimonio!« Mir tat es leid, sie gehen zu sehen. Ich frage mich, ob sie in dem regnerischen, alles andere als extravaganten Spanien, das sie erlebten, irgendeine dauerhafte Entschädigung für das Postkartenspanien fanden, nach dem sie gesucht hatten.
Das Theater in Nordspanien ist zuweilen bemerkenswert. Wenn es in Madrid zu heiß wird, um den Schauspielern noch eine ordentliche Zuschauerzahl zu bescheren, zieht es einige der erstklassigen Truppen an die etwas kühlere Küste, und ich sah in Santander eine köstliche Aufführung von Benaventes Lo Cursi. Es handelt sich um eines seiner früheren Stücke, eine zugestandenermaßen etwas altmodische Comédie des mœurs, doch in den verschiedensten Verkleidungen werden die Schwächen, die Benavente in dieser Sittenkomödie aufs Korn nimmt, über die Generationen hinweg weitergetragen, sodass der Schwung, der Reiz und die unterschwellige Bosheit des Stücks das Publikum auf ewig unterhalten wird. Ein anderes seiner Stücke, El Pan Comido en La Mano, konnte ich nicht wirklich beurteilen, denn da es neu und noch nicht veröffentlicht war, hatte ich keine Chance, vorab den Text zu lesen, und durch die extrem naturalistische Spielweise konnte ich der Aufführung sprachlich nur schwer folgen. Das Stück war ernster und emotionaler als die frühe, hinreißende Satire. Die Spielweise wirkte in beiden Fällen wunderbar ausgeglichen, wenn auch ein wenig verhalten und etwas zu sehr à la Du Maurier17.
In jenem Sommer wurden in Santander auch Musikkomödien gegeben. Ich erinnere mich an eine, oder vielmehr erinnere ich mich daran, eine abgesessen zu haben. Ein importiertes, ins Spanische übersetztes Ding, das in Madrid das ganze Frühjahr lang für Aufsehen gesorgt hatte. Die Sache war so langweilig wie Musikkomödien es nun mal sind. Die Handlung erinnerte vage an No, No, Nanette18, aber die Melodien leider nicht. Ich erwähne das nur, um Santander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, da solche Vergnügungen, nach allem, was ich weiß, zu den Attraktionen der Stadt zählen. Mir ist das bequeme neue Kino lieber, wo sie den Film in der Mitte unterbrechen – wie Gielgud19 den Hamlet unterbrochen hat – und man köstliche Eiscreme bei hübschen kleinen Jungs kaufen kann. In diesem Kino gibt es im Freien ein schattiges Café mit einem Brunnen und breiten Sofas, auf denen, als ich da war, Novios mit ihren sagenhaft herausgeputzten, seltsamerweise durch die Bank blonden Queridas tuschelten.
Aber die Erinnerung an diese untadelige Stadt wird langsam langweilig. Zeit, den Touristen und dem quirligen Paseo zu entfliehen, der sich breit und lang zwischen den Hafenbecken und den hohen, mit Balkonen besetzten Häusern erstreckt. Zeit, diesem verflixten Musikpavillon zu entfliehen. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Spanier nach Lärm dürsten. Sie können nie genug davon bekommen. Was sonderbar ist, wenn man bedenkt, wie auffallend ruhig sie sind und wie leise sie sprechen, Mann für Mann. (Nicht Frau für Frau. Die spanischen Frauen sind von Natur aus Rowdies, sie mögen mir das verzeihen.) Man findet keinen spanischen Mann, der einfach nur zum Vergnügen Lärm macht. Ein Grund dafür könnte sein, dass man ihn nie betrunken sieht; die Spanier sind die nüchternsten Menschen, die man sich nur vorstellen kann – wenn aber mehrere oder auch nur ein paar von ihnen zusammenkommen, wird irgendwie oder aus einem nur ihnen bekannten Grund Lärm gemacht. Sie produzieren ihn nicht selbst – sie sorgen dafür, dass er gemacht wird. Menschengruppen, das Geklingel der Straßenbahnen, Pfeifkonzerte, Autohupen, Akkordeons, Frauen – und jetzt noch ihre allgegenwärtigen Lautsprecher. Ich glaube, es gibt keinen einzigen Baum mehr in Spanien, an dem nicht so ein fürchterlicher altavoz befestigt ist. Sie sind verrückt nach Radio. Es ist äußerst schwer, sie zu einem vernünftigen Umgang damit zu bringen, ohne ihnen großen Kummer zu bereiten.
Allerdings habe ich noch nie einen altavoz in Santillana20 wahrgenommen. Ich stehe jetzt auf und gehe. (Und man halte mich jetzt bitte nicht für einen Fan des »Früher war alles besser«, ich bin auch keine Verfechterin der Kunsthandwerks-Bewegung, eine, die die Uhr zurückdrehen will. Nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin durchaus für die Annehmlichkeiten unserer modernen Welt – genau wie die Spanier auch. Aber meine Beziehung zum Radio ist wie die zu einer guten Toilette – und ich schätze es da, wo es hingehört, und selbst dann nicht so wie eine gute Toilette.)
Die Toiletten in Santillana sind in Ordnung, wenn man weiß, wo man sie findet und ein paar Peseten hat. Doch selbst, wenn das nicht der Fall wäre, man würde Santillana ganz gewiss verzeihen. Dieser Stadt müsste man selbst dann noch verzeihen, wenn sie ihre altavoces noch rund um das Sanktuarium der Collegiata befestigte. Ich wünschte, ich hätte Harry und seine Frau nach Santillana mitgenommen – obwohl Architektur nicht ihr Fall zu sein schien, und der Ort nichts anderes ist als ein verregnetes, zerbröckelndes, schmutziges Museum aus romanischen und Renaissancegebäuden.
Der Bus verlässt den Paseo in Santander. Er hält vor der Statue von Concha Espina21, eine bedeutende und nun in die Jahre gekommene Tochter der Gegend, deren gefeierte Romane ich seit Ewigkeit lesen will. Irgendwie mag ich ihre Statue – sie hat mich zu vielen schönen Ausflügen aufbrechen sehen. Weiter unten auf dem Paseo steht ein zweites furchterregendes Monument – das Denkmal für einen anderen Romancier, Pereda, ein stattlicher Vertreter des neunzehnten Jahrhunderts. Ich besaß die Kühnheit, zwei oder drei seiner Bücher zu kaufen. Er schrieb Heimatromane über die Montaña, und ich glaube, die Spanier halten ihn immer noch für einen großen Schriftsteller. Er war muy regional, sagen sie stolz. Er war es, würde ich sagen und schätze einmal – aufgrund meiner beträchtlichen Kenntnis weniger bedeutsamer Seiten –, dass er zu sehr moralisierte, dass er in seinem Regionalismus übertrieb, und dass er sentimental war. Aber seine Statue ist bemerkenswert. Er steht hoch oben auf einem großen Granitbrocken der Montaña, ganz rau und realistisch, und um den unbequemen Hügel drängen sich die Früchte seiner Feder – bärtige Bauern, weinende Mädchen, Vögel und Strohgarben, Fischernetze, Sicheln, Greisinnen. Alles aus Granit. Aber es gibt in Spanien jede Menge interessante Statuen dieser Art.
Mein Bus gondelt gerade an Pereda vorbei. Adiós, Santander! Wie das Mädchen in dem Lied weiß auch ich, wohin die Reise geht. Sie geht durch deine schöne, sittsame genügsame Provinz, wo ich dein verlorenes Juwel22 besichtigen werde.
10Es handelt sich um die maurischen Einheiten, die »Regulares«, ein Elitegroßverband des spanischen Heeres, damals rekrutiert aus der einheimischen Bevölkerung von Spanisch-Marokko, die im Spanischen Bürgerkrieg (Juli 1936 – April 1939) auf Seiten der faschistischen Aufständischen unter Francisco Franco (1892–1975) kämpften.
11Alice Meynell (1847–1922), englische Dichterin, Schriftstellerin und Literaturkritikerin.
12Der »melancholische Jaques«, eine Art Anti-Narr, ist eine der Hauptfiguren in Shakespeares um 1599 verfasster Komödie Wie es euch gefällt.
13Der englische Schriftsteller und Journalist Gilbert Keith Chesterton (1874–1936), bekannt vor allem durch seine Kriminalromane um »Pater Brown«, setzte sich zu seiner Zeit so intensiv mit modernen Philosophien und Denkrichtungen auseinander, dass seine Denkweise plakativ als »geistiger Husarenritt« bezeichnet wurde.
14Manuel Azaña y Diaz (1880–1940), von Mai 1936 bis April 1939 zweiter und letzter Präsident der Zweiten Spanischen Republik.
15Ricardo Samper y Ibañez (1881–1938) war vom 28. April bis zum 4. Oktober 1934 spanischer Ministerpräsident mit der Confederación Española de Derechas Autónomas, der Spanischen Konföderation der Autonomen Rechten.
16Die »Torera« Juana oder Juanita Cruz (1917–1981) gilt als Pionierin der weiblichen spanischen Stierkampfkunst. Mit 15 kämpfte sie zum ersten Mal in der Arena und erhielt gleich darauf Auftrittsverbot durch die Regierung. Zwei Jahre später hatte sie sich unter Berufung auf die spanische Verfassung – Gleichberechtigung der Geschlechter und freie Berufswahl – durchgesetzt.
17Anspielung auf die britische Schriftstellerin Daphne du Maurier (1907–1989), die 1931 schon mit ihrem ersten Roman Der Geist von Plyn einen großen Erfolg bei Publikum und Kritik erzielte, obwohl – vielleicht auch weil – ihr Stil zeitlebens als melodramatisch galt.
18No, No, Nanette ist ein berühmtes Musical – Musik: Vincent You-mans, Liedtexte: Irving Caesar und Otto Harbach –, das nach einer Aufführungsserie 1924 in Amerika in einer Neufassung am 11. März 1925 im Londoner Palace Theatre seine eigentliche Uraufführung erlebte.
19Der britische Schauspieler John Gielgud (1904–2000) stand 1930 zum ersten Mal als Hamlet auf der Bühne und galt bald als einer der bedeutendsten Interpreten der großen Shakespearefiguren.
20Santillana del Mar ist eine kleine Stadt im nordspanischen Kantabrien am Golf von Biskaya, eine Station am Jakobsweg.
21Concha Espina (1869 o. 1877 o. 1879–1955), geboren in Santander, war eine berühmte spanische Schriftstellerin, die 1928 für den Literaturnobelpreis nominiert wurde.
22Kate O’Brien bezieht sich womöglich auf ein kurzes Poem von Emily Dickinson, The Lost Jewel: »I held a jewel in my fingers / And went to sleep. / The day was warm, and winds were prosy; / I said: ›T will keep.‹ // I woke and chid my honest fingers, – / The gem was gone; / And now an amethyst remembrance / Is all I own.«
LA MONTAÑA
Da ich mich also auf den Weg mache, möchte ich ein paar mehr oder weniger zutreffende Worte über die verschiedenen Arten des Reisens auf der Halbinsel verlieren. Eigentlich sind es Ratschläge. Für lange Reisen auf gut erschlossenen Strecken sollte man natürlich den Zug nehmen. Und die Züge sind in Ordnung. Vielleicht nicht so schnell, aber praktisch. Es gibt Platz und große, schöne Fenster. Man kann in den Zügen gut essen – gut, das heißt, wie Zugmahlzeiten im Allgemeinen so sind. Ich halte es übrigens nicht für Zeitverschwendung, bei Tag zu reisen. Es ist nie Zeitverschwendung, die spanische Landschaft an sich vorüberziehen zu lassen. Ich empfehle, selbst dann bei Tag zu reisen, wenn es sehr heiß ist. Es wäre zu schade, Spanien im Dunkeln zu durchreisen. Wenn Sie sich nach einem schattigen Platz umschauen und still dort sitzen bleiben – die spanischen Züge sind selten überfüllt –, werden Sie nicht vor Hitze sterben. Und selbst, wenn das der Fall sein sollte, so wird der letzte Blick auf diese Welt ein sehr prächtiger gewesen sein. Aber der Schaffner wird Sie nicht umkommen lassen. Bei jedem Halt versorgt er Sie mit dem kühlsten, besten Bier, das Sie je getrunken haben. Sie müssen ihm aber eine Zigarette anbieten und durchblicken lassen, dass es Ihnen eine Ehre wäre, wenn er sie in Ihrem Waggon rauchen und ein wenig mit Ihnen plaudern würde. Denn unter den kultivierten Menschen der Halbinsel ist im täglichen Miteinander nichts von jener Verlegenheit zu spüren, die in anderen Teilen der Welt noch immer zwischen einer »Colonel’s Lady und Judy O’Grady«23 besteht. Soweit man feststellen kann, hat es das in Spanien nie gegeben. Daran ändern auch die Schwierigkeiten nichts, die es jetzt dort gibt – der Klassenkampf. Es ist tatsächlich ein Klassenkampf, ganz genau. Aber seine Ursache, seine Ursachen existierten Seite an Seite mit jener natürlichen Leichtigkeit, die ein jeder im Umgang mit jedem zeigt. Die Kriege und Ungerechtigkeiten, das Elend und die Rückständigkeit, die Spanien viel zu lange verrückt gemacht haben, konnten diesem tiefen individuellen Gefühl von Stolz und der damit einhergehenden Höflichkeit nichts anhaben, weder Unterdrücker noch Unterdrücktem würde es jemals einfallen, es anzutasten. Das lässt sich schwer erklären, aber es gibt viele dieser spanischen Paradoxe, die trotz allem wahr bleiben. In jedem Fall sollte der sozial gehemmte Nordländer auf die unkomplizierte Höflichkeit spanischer Portiers, Wäscherinnen und Zeitungsjungen vorbereitet sein. Ich habe einmal beobachtet, wie eine distinguierte englische Lady vor stotternder Verlegenheit fast erstickte, als sie von einer englischen Bäuerin, die sich während einer Autopanne eine improvisierte Mahlzeit zubereitete, gefragt wurde, »ob sie zu ihrem Tee vielleicht etwas Salat dazu haben wolle«. Warum es einem vernünftigen, gebildeten Engländer nicht gegeben sein soll, so einen guten Vorschlag anzunehmen, weiß ich nicht, aber es gibt Leute, die sich unter gar keinen Umständen überraschen lassen wollen. Seien Sie also gewarnt – denn wenn der schmutzigste und unkultivierteste Alte in Santiago de Compostela (und er wird schmutzig und unkultiviert sein) Ihnen die Tasche von Ihrer Unterkunft zum Bus trägt, wird er beim Abschied Ihre Hand ergreifen und sie voller Wärme und Herzlichkeit schütteln. Vorausgesetzt, Sie sind ihm sympathisch. Und ganz egal, wie vornehm oder elegant Sie aussehen, er wird Ihre Hand schütteln und Ihnen auf die Schulter klopfen – vorausgesetzt, Sie sind ihm sympathisch. Wenn der botones, der Boy Ihres Hotels, Sie gelangweilt auf der einsamen Veranda sitzen sieht, wird er sich zu Ihnen setzen und Ihnen interessante Dinge über sein Leben daheim und seine komische alte Großmutter erzählen und Ihnen Fragen über das Leben in England stellen. Und wenn Sie – wie es mir tatsächlich einmal passierte – erschüttert über den Inhalt eines Briefes, den Sie gerade postlagernd abgeholt haben, und so unvorsichtig sind, sich auf eine Parkbank zu setzen und in Tränen auszubrechen, so wird sich eine Frau, die Süßigkeiten verkauft, neben Ihnen niederlassen, Ihnen einen Kuss geben und ein Päckchen gebrannter Mandeln in die Hand drücken.
Aber zurück zu meinen Ansichten über die verschiedenen Arten des Reisens. Für Strecken, die man in zwei, drei oder auch vier Stunden zurücklegen kann, nehmen Sie in Spanien am besten den Bus. Busse fahren überall hin, und sie kosten nicht viel. Die meisten sind recht komfortabel und, wie die Züge auch, selten überfüllt. Sie werden dort amüsante Bekanntschaften machen, obwohl Ihnen das natürlich auch im Zug passiert. Aber um von Santander nach Burgos zu kommen: Auf direktem Weg ist es mit dem Bus, soweit ich mich erinnere, eine Sache von drei Stunden und kostet erster Klasse etwa achtzehn Peseten. Zehn Schilling. Den Fahrpreis für den Zug habe ich vergessen, aber die irrwitzige Distanz, die man zurücklegt, macht die Fahrt um ein gutes Stück teurer – und Sie sind den ganzen Tag unterwegs. Neun Stunden – oder vielleicht auch zehn. Sie zuckeln dahin, Stunde um Stunde, bis Sie zu einem erstaunlich uninteressanten Ort namens Venta de Baños kommen. Dort verlassen Sie den Zug – aber nicht etwa, um ein Bad zu nehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass je jemand so unbekümmert war, um in Venta ein Bad zu nehmen. Sie verbringen drei, vielleicht auch vier Stunden in einem heruntergekommenen kleinen Gartencafé gegenüber vom Bahnhof. (Venta besteht nur aus diesem Café und einer Tanksäule.) Mit Sicherheit findet in diesem Café gerade eine Hochzeitsfeier statt. Dort fotografieren Sie auf Wunsch die ganze Gesellschaft und notieren die einzelnen Adressen der Porträtierten. Wenn es damit genug ist, gehen Sie zum Bahnhof hinüber und fragen Ihren freundlichen Gepäckträger noch einmal nach Zügen nach Burgos. Er schüttelt nur belustigt den Kopf. Sie probieren eine manzanilla in der Bahnhofskantine und überlassen sie nach dem ersten Schluck den Fliegen. Sie fragen nach dem Schlüssel für die »Señoras« (oder die »Caballeros«, je nachdem). Ein hoher Beamter mit goldenen Tressen überquert mit Ihnen die Gleise, den Schlüssel in der Hand. Der lässt sich nicht im Schloss drehen. Ein paar nicht ganz so hohe Beamte kommen hinzu und machen Vorschläge. Ein paar Frauen eilen zu Hilfe. Ein paar Kinder versuchen es auch. Ihr Gepäckträger verrät Ihnen stolz, dass es sich um seine Kinder handelt. In dem Moment, wo die Tür zu den »Señoras« aufspringt, fährt Ihr Zug ein. Zum Glück, muss man sagen. Sie kommen mitten in der Nacht in Burgos an – zu spät, um zu sehen, wie sich die hübschen mädchenhaften Turmspitzen sanft zwischen zitternden Bäumen erheben.
Während ich hier Ratschläge erteile, rumpelt mein Bus weiter. Die Hügel hinauf und hinab, durch Dörfer, bitter geadelt durch Jahrhunderte des Hungers, über den Fluss Paz, wo man, wie ich erfahre, köstliche Forellen fangen kann. Die Maisfelder sehen größtenteils öde und hässlich aus, was Kohlfeldern mit ihren unendlichen Rosetten nie passieren kann. Seltsam schräg zur Sonne geneigt, erscheinen sie hier und da wie Felder aus blauen Schwertern. Eukalyptuswälder klettern elegant über die Hügel, und Pinienhaine stehen sehr ansehnlich und gelassen da, alle parat für John Nash24. Regenwolken jagen von Norden, vom Meer auf uns zu. Weit vor mir, im Westen und Süden, glitzern die schneebedeckten Spitzen der großartigen Picos.
Die Architektur der kantabrischen Häuser zählt zu Spaniens kleineren Errungenschaften. Jeder, der die Straße von Irún nach Oviedo nimmt, oder die nach Vigo, wird von der Schönheit, der harmonischen Vielfalt und Funktionalität der alten Bauernhäuser, Landsitze und Katen, an denen er vorüberkommt, beeindruckt sein. Die baskische Architektur weist ganz besondere Eigenheiten auf, und hier in Montaña, wo sich das Wetter von der regnerischen, unsicheren Seite zeigt, was den Weiden und der gemischten Landwirtschaft gut bekommt, scheint es vernünftig gewesen zu sein, sich treu wie die Pfarrkirche an handfeste romanische Strenge und Robustheit zu halten und sie durch gezielte Vorschläge des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts in Form von Balkonen, Arkaden und geschützten Höfen zu mildern, denn die Sonne, so oft sie sich hier zeigt, muss genutzt und genossen werden. Wie makellos erweist sich doch in diesen Dörfern die jahrhundertealte Geschicklichkeit, mit der die Bauern dem Grau, Blaugrau und Blaugrün des Landes, dem toten Putz der parroquia mit einer Mischung aus bläulicher Kalkfarbe und weißlichem Blau begegnen! In dieser Gegend kann man Hofeinfahrten sehen und an den Bauernhäusern Veranden, die einen so vollkommenen und schönen Eindruck machen, dass man angesichts ihres Alters, weswegen sie in absehbarer Zeit unweigerlich ersetzt werden müssen, besorgt aufstöhnt. Denn auch hier in Spanien ist man vom obligaten Baufieber befallen und zwar genauso schlimm – ich benutze absichtlich dieses Wort – wie anderswo. Auf der ganzen Halbinsel baut man erbärmliche Häuser –, und selbst dort, wo noch einigermaßen ordentliche Häuser entstehen, sind sie nicht das Gelbe vom Ei, wenn man mich fragt. Wir reden heutzutage ständig von Funktionalismus, als ob wir ihn erfunden hätten – um Himmels willen –, wo wir nichts anderes tun, als ihn uns unter den Nagel zu reißen. Wir denken, dass eine 1936 in Wladiwostok gebaute Schuhfabrik, vorausgesetzt, dass sie so aussieht und arbeitet, wie man es von einer Schuhfabrik erwartet, nicht anders sein sollte, wenn sie in Torquay gebaut wird, angenommen, man bräuchte dort eine Schuhfabrik. Wir trennen die Funktion völlig von ihren äußeren Bedingungen. Und damit hoffen wir, die Welt internationaler und einheitlicher zu machen, und sie, wie ich meine, in eine Zwangsjacke zu stecken. Um Himmels willen! Im achtzehnten Jahrhundert wussten die Engländer eine Menge über die Funktion eines Hauses, bezogen auf England. Ebenso wie die spanischen Feudalherren der Renaissance, bezogen auf Kastilien. Und auch wie viele Amerikaner des zwanzigsten Jahrhunderts, und wenn die Welt noch eine Weile durchhält, werden sicher ein paar weitere gute Methoden gefunden, um Häuser für spezielle Bedingungen zu bauen. Ich bin aber der Meinung, dass es für die Vielzahl der Möglichkeiten, ein Haus, einen Laden oder eine Garage zu gestalten, eine Grenze geben muss. Und daher fürchte ich die Konsequenzen, wenn man zulässt, dass friedliche Regionen auf der ganzen Welt durch Armeen von Massenware produzierenden Kitschfabrikanten ihres traditionell guten Geschmacks beraubt werden, Fabrikanten, die den Ängstlichen und Ahnungslosen im Laufe einer Generation ungeniert Grundvorstellungen nehmen, die sich ganz selbstverständlich über Hunderte von Jahren gehalten haben, um ihnen dafür ein paar Ideen zu geben, die höchstwahrscheinlich überall verfehlt wären und zehn zu eins so, wie und wo sie zur Anwendung kommen, schlicht unsinnig sind.
Die Leute der Montaña könnten ihre neuen Häuser jetzt gut selber bauen, so wie es ihre Vorfahren getan haben, wenn man sie nur machen ließe. Nicht in sklavischer Nachahmung, sondern indem sie aus sich selbst heraus, ohne Getue, ihre Idee eines angemessenen Hauses für die Montaña umsetzen. Es gibt jedoch keine Spur von Hoffnung, dass es dazu kommen wird. Gräuel sprießen überall hervor – unsere scheußlichen neuen Ideen sind weit verbreitet –, Gräuel und Bastarde, ohne Stabilität und Bestand oder eine Spur von Grazie oder Frische. Überall sieht man Gemäuer aus allen möglichen absurden Backstein- und Ziegelarten, die von Gott weiß woher in das Land des Granits und Sandsteins geschafft wurden.
Gerade fahren wir durch Torrelavega – eine kleine, wüste Industriestadt in einem ausgedehnten, schlammfeuchten Tal. Praktisch im Besitz eines belgischen Unternehmens, das die ein oder andere Chemikalie aus dem Flussbett gewinnt. Das belgische Unternehmen hat hier Häuser für seine belgischen Angestellten und Vorarbeiter gebaut. Damit sie sich mehr wie zu Hause fühlen. Komische kleine Reihen flacher, schmaler Häuser aus rotem Backstein, mit schieferfarbenen Fensterläden. Genau dieselben kleinen flachen Häuser, wie man sie vom Zug aus in den eintönigeren Vororten von Brüssel und Antwerpen sieht. Häuser, die ordentlich an einer ordentlichen Straße in einem ordentlichen kleinen Land stehen. Sie wirken exiliert und machen einen kläglichen Eindruck, hier in diesem lehmigen, fruchtbaren spanischen Tal. Torrelavega selbst ist ein armer und verlorener Ort, doch stabil gebaut, geräumige Arkaden umsäumen den großen Platz, seine Arbeitercafés sind großzügig bemessen und warm. Und wenn im Winter der Regen über das offene Terrain fegt und Platanen auf die Dächer schlagen, wird, so nehme ich an, bei den Belgiern, die durch den Schlamm in ihre kleinen, gebrechlichen Häuser schleichen, der Verdacht aufkommen, dass die wilden Spanier in ihren alten, schäbigen Gebäuden mit den dicken Mauern, den ausladenden Vorbauten und tiefliegenden Fenstern mehr Wärme und Geborgenheit vorfinden als sie.
Sei’s drum – in einer Minute sind wir in Santillana, wo seit Langem kein Stein mehr auf den anderen gesetzt wurde.
23Letzte Zeile aus Rudyard Kiplings Gedicht The Ladies (1922): »For the Colonel’s Lady an’ Judy O’Grady / Are sisters under their skins!«
24John Nash (1752–1835), ein englischer Architekt, entwarf zunächst Landhäuser, arbeitete mit Landschaftsarchitekten zusammen und erhielt 1811 vom späteren König George IV. den Auftrag, das heutige Stadtgebiet Marylebone Park in London neu zu gestalten.
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