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Fürstin des Nordens
Chronik in drei Teilen
Die jüngste Fürstin
1
Der Soldat taumelte die letzten Schritte auf die Kante der Klippen zu. Am Rande des Abgrunds fiel er auf die Knie. Weit unter ihm breitete sich die weite Schneeebene aus. Während die Sonne sank, ließ er den Blick über die vereiste und felsige Landschaft schweifen, ein Spiegelbild seiner Seele. Aus dieser Höhe sah er, dass viele seiner Kameraden wie er auf die gleiche Idee gekommen waren – hinweg über Meilen einer fast schon geraden Fläche lagen die gefallenen Körper seiner Legion. Zwischen den zahllosen blauen Tupfern stachen auch größere, braune Flecken auf: berittene Einheiten hatten dem Feind nichts entgegenzusetzen vermocht.
Es war ein von Gott verfluchtes und dämonisches Land. Sie hätten niemals herkommen sollen.
Der Mann namens Francesco de Palma riss sich den Soldatenhelm vom Kopf und schleuderte ihn hinter sich. Im Licht der letzten Sonnenstrahlen stieß er sein Schwert tief in den kalten, harten Boden. Der Knauf mit dem Zeichen der Neuen Republik und das Heft bildeten vor dem Hintergrund der sinkenden Sonne ein Kreuz.
Der Mensch betete um Erlösung, um Vergebung, um Errettung.
Er war ein Soldat aus dem Süden des Kontinents, der zusammen mit seiner Armee im Auftrag seines Landes dieses nördliche Land namens Norfesta einnehmen sollte. Mit seinen eigenen Händen hatte er vor einer Woche den Dörflern am Rande der Grenze die Kehlen aufgeschlitzt. Seine Einheit hatte geraubt und geplündert – die notwendigen Begleiterscheinungen eines Feldzuges gegen das Königreich Norfesta, das seinem Land schon immer den Reichtum neidete - doch die Menschen waren nicht das Problem gewesen. Vor wenigen Minuten hatten sie dem wahren Herrscher des Landes ins Antlitz gesehen. Die Schreie seines letzten Kameraden hatten ihn bis zu diesem Vorsprung oben auf der Klippe verfolgt.
Aber schließlich waren alle verstummt.
Das Gemetzel war vorüber.
Das war also Norfesta.
Der Mann schüttelte ungläubig den Kopf über die Tatsache, dass er sich noch vor einigen Wochen über Langeweile beschwert hatte. Zusammen mit seinen Männern schwelgte er darin, was sie mit ihren Reichtümern anfangen würden; voller großen Ideen und großer Träume. Als sie davon hörten, dass sie das nördliche Norfesta von seinen Werwölfen befreien und in die Republik eingliedern sollten, hatten sie sich im Recht gesehen und über die dummen Tiere gelacht, die es gegen eine ganze Legion aufnehmen würden.
Von wegen dumme Tiere!
Jetzt konnte er zurückkehren. Statt mit Truhen voller Reichtümer und Wundern im Gepäck, das eines Königs würdig war, würde er allein zum nächsten Hafen gelangen müssen. Dort wartete bestimmt ein Boot, das ihn in seine Heimat zurückbrachte. Dort würde er seiner Garnison Bericht erstatten und einfach auf den nächsten Befehl warten. Geduldig alle Fragen beantworten. Zum Beispiel, warum er als Einziger überlebt hatte.
„Sie sind flink, wenn sie ihrem Tod ins Gesicht sehen.“
Es war die dröhnende Stimme eines sehr großen Mannes, die ihn erschauern ließ. Hinter ihm lösten sich Gestalten aus den Schatten und kamen hinter großen Felsbrocken hervor. Es waren Männer und Frauen – ausnahmslos nackt, beharrt und groß – und ihre Leiber glänzten von Schweiß und Blut der gewonnen Schlacht. Sie brauchten keine Rüstung und keine Waffen. Mit eigenen Augen hatte der Mann gesehen, mit welcher Leichtigkeit nur einer dieser verfluchten Geschöpfe in der Lage war! Eine Armee aus Monstern, die sich die Kraft der Wölfe teilte… geschaffen aus Wut, Zorn und bestialischer Kraft.
Er erbleichte und wich zurück; jetzt wusste er, dass er tatsächlich verflucht war.
Die wahren Herrscher Norfestas näherten sich ihm.
Gekommen, um ihn in die Hölle zu zerren.
Der Größte von ihnen sprang zu ihm hin, stieß ihm das Schwert aus der Hand und packte ihn am Kragen, als wäre er ein Kind mit einem Stock. Mit nur einem Arm hob er ihn hoch, die Krallen bohrten sich ohne Mühe in seinen wattierten Waffenrock und Francesco gellte schmerzerfüllt auf. Der Hüne ließ sich Zeit. Seine gelben Augen ruhten auf den Mann, taxierten ihn und schienen mit ihrem unheimlichen Schein ein stummes Versprechen zu senden.
Die Beute schloss die Augen und erwartete den Tod.
Mit einem Ruck landete er im Dreck und bibberte vor Furcht, als die Scharr näher und näherkam. Männer und Frauen starrten nicht ihn an, sondern den Hünen, der sich ihnen zuwandte. „Holt Claudile her“, ächzte er grollend.
Lange geschah nichts.
Dann kam sie. Ein Mädchen.
Schmal und nackt, nicht älter als zehn vielleicht zwölf Lenze und weit von der Reife einer Frau. Ihre Haar, schulterlang und flammendrot, bewegten sich wie wallend über ihre Schultern. Sie würde in ein paar Jahren eine schöne und begehrenswerte Frau werden – doch für derlei Gedanken hatte der Soldat gerade keine Zeit. Ihre Augen glühten nicht weniger unheilvoll, und da wusste er, was die Stunde geschlagen hatte.
„Töte ihn“, grollte der Hüne und blickte sie streng und mitleidlos an.
Der Mann wich vor ihr zurück, doch hinter ihm war die Klippe und vor ihm die Monster aus seinen Alpträumen, die ihn bald nicht mehr heimsuchen würden. Mochte sie noch ein Kind sein – der Soldat zweifelte nicht daran, dass sie ihn mit Leichtigkeit töten würde. Er schluckte hart und wimmerte laut – nicht aus Kummer, weil er wusste, dass er heute sterben würde. Sondern weil er versagt hatte. Norfesta würde sich niemals beugen.
Gnadenlos, unaufhaltsam kam das Kind auf ihn zu.
Sein Schrei zerriss die Nacht, aber alles, was Francesco de Palma hörte, war ein kleines Wort.
„Nein.“
Er blinzelte verwirrt, machte die Augen auf und blickte zu dem Mädchen, das ihn traurig ansah.
„Nein“, wiederholte sie und stellte sich dem Hünen entgegen, der sie funkelnd anstarrte.
Ein Ruck ging durch die Menge. Während der einsame Soldat sich vor Schmerzen wand, bekam er mit, wie die Wölfe sich teils sprachlos teils verwirrt ansahen. Die Gesichtsfarbe ihres Anführers wechselte ins Dunkelrote.
„Was… hast du gesagt!?“
FÜNF JAHRE SPÄTER
Es war ein Tag, an dem man sich wünschte, dass er nie vergeht. Die Luft war kristallklar, von den Hügeln im Osten konnte man bis zu den schneebedeckten Bergen im Westen blicken und eine frische Brise wirbelte das tote Herbstlaub der Eschen auf. Von den Bergen aus zog sich der Fluss Freen zweihundert Meilen südwärts bis zum Meer. Am Anfang, dort wo er die steilen Hänge der Gebirgsläufer hinunterstürzte, war sein Lauf schnell, verlangsamte sich aber, je näher er dem Vonsingh-See kam, in dem er sich strudelnd ergoss, um dann in den tiefen Höhlen am Südufer zu verschwinden aus denen er in einer Kaskade wie der Schwall aus einem Krug hervorsprudelte und zwanzig Faden tief in das Becken darunter stürzte.
Eine schwarze Kutsche rollte über eine Straße, gezogen von schwarzen Pferden, die den Weg auch ohne den Kutscher kannten. Das Wappen des Hauses Alemont – zwei Hermeline auf blutroten Grund – prangte als Zeichen für alle Bewohner Norfestas sichtbar auf den Wagentüren. Die älteste und wahrscheinlich bekannteste Familie von Werwölfen und bekanntermaßen ein Machtfaktor in der Region, baute ihre Beziehung zu den anderen Regionen aus. Im Innern saßen zwei Personen, so verschieden wie Tag und Nacht: ein Soldat namens Francesco de Palma aus dem Süden und seine Schülerin und einzige Tochter des Hauses Alemont.
Claudile Alemont wippte unruhig auf ihrem Sitz hin und her, während der Mann vor ihr sie scharf ansah. Der wache, unruhige Blick, der energische Zug um ihren Mund und die kleinen, zielbewussten Bewegungen; das war alles ein Mädchen, das die Welt bereisen und von ihr lernen wollte. Ein Werwolf.
„Sitzt stehts aufrecht“, mahnte er und schlug zum wiederholten Male ein Buch auf, das den bedeutungsschweren Titel trug: Adelshäuser und ihre Sitten – rund um Norfesta und drüber hinaus. „Wiederhole, was wir heute durchgenommen haben.“
Claudile stöhnte leise und wischte ihre widerspenstigen roten Locken vor dem Gesicht fort – ein Zeichen, das Francesco nur zu gut kannte. „Auch wenn es Eure Ladyschaft heute an Geduld mangelt.“
„Francesco“, murmelte sie leise quengelnd und ruckte hin und her. „Ich will raus aus diesem Käfig.“
„Das Buch der Etikette ist gewiss sehr anstrengend zu lernen“, sagte der Privatlehrer, und sein Blick fügte lautlos hinzu: Und was zum Teufel geht mich das an?
„Wir sind seit einer Woche auf der Straße“, begann sie nach einer Weile, als Francesco keine Anstalten machte, von sich aus das Gespräch zu eröffnen. „Ich will raus und neben dem Karren laufen. Ein bisschen jagen oder vielleicht schwimmen. Sind wir nicht eben an einem See vorbeigekommen? Lass mich raus!“ Ihre gelben, großen Augen blickten ihn an und aus den Augenwinkeln konnte der Mann sehen, wie sich ihr Nackenfell am Haaransatz sträubte – untrügliche Zeichen, die er auch gelernt hatte zu deuten.
„Was sollen eure Untergebenen denken, wenn Ihr wild und mit Grasflecken auf dem Kleid an eurem neuen Stammsitz ankommt? Die Fürstin von Blaqrhiken, die Herrscherin des Nordens, tollt mit Füchsen und Hasen herum!“ Er suchte einen Moment krampfhaft nach Worten. „Eure Mutter, die ehrwürdige und gewaltige Schattenprinzessin selbst, hatte wirklich das Gefühl, dass Ihr so weit seid. Zum Herrschen!“
Claudile machte eine wegwerfende Handbewegung und lächelte. „Du schuldest mir was, Francesco. Stell dir nur vor, meine Brüder hätten dich statt Meiner erwischt.“
Der Mann erinnerte sich gut an ihre Brüder, Zurric und Pjotr, die ihrem Vater Miquel Alemont an Wildheit und Kraft in nichts nachstanden und daran gewohnt waren, ihre Lehrer einfach aufzufressen, wenn ihnen danach war.
Er stöhnte leise und legte kurz das Buch beiseite. „Darf ich Euch daran erinnern, dass ich euch den Rücken deckte, als Ihr mal … ganz kurz… auf das Fest im Dorf gehen wolltet? Eure Mutter hätte mich fast gehäutet, während Ihr mit einigen Bäuerinnen über die neueste Sommermode geschwatzt habt. Ich konnte mich gerade noch im Schrank verstecken!“
„Sommermode“, wiederholte sie und lächelte schief. „Ich vermisse das bunte Treiben. Ich will raus! Kannst du das nicht verstehen?“ Ihre Finger zupften am engen schwarzen Brokatkleid, das ihr jeden Bewegungspielraum nahm. „Ich bekomme keine Luft mehr...!“ Sie hechelte leise. Das Tier in ihr windet sich, stellte er kühl fest. Trotzdem war er lieber mit ihr hier drin als mit ihrer Verwandtschaft. Ihre Mutter Cesarel, eine stolze und große Frau, hatte ihn in der Wut gegen das Bett geschleudert. Werwölfe hatten in der Regel wenig Geduld mit Menschen.
Das Königtum Norfesta erstarkte vor 890 Jahren, zerfiel aber unter einem blutigen Kampf um die Krone in kleinere Fürstentümer – einem losen Bund aus kleineren Reichen, die sich fast zweihundert Jahre lang nicht auf einen König einigen konnten. Wenngleich sich noch lange Zeit danach keine „norfestische Identität“ entwickelte, verband alle Menschen eine Abneigung gegen Andersartige – wie Zwerge, Hexen, Elfen und Werwölfe. Nicht überliefert, aber dennoch factum, war, dass Elfen, Zwerge und Hexen systematisch vertrieben wurden. Der letzte Elf starb in der Ersten Republik vor zwei Jahren an Altersschwäche. Seine Werke über die Pogrome zählten bis zu 36 Bänden und gehörten zu den meistgelesenen Werken der Republik. Francesco de Palma hatte sie als Kind lesen müssen. Damals eine anstrengende Pflichtlektüre, heute sein Garant für ein recht bequemes Leben als Privatlehrer am Hofe des Adels von Norfesta, das in der Regel keine Gefangenen machte.
Seit 600 Jahren teilen sich die Menschen Norfestas mit den Werwölfen die Wälder, die bis dato in Rudeln oder vereinzelt für Schrecken sorgten. Erst nach der Krönung des ersten Königs Grosny („Grosny, der Pfähler“) begann die Nacht der Blitze, in der Jägerkolonnen gezielt Jagd auf die Wölfe machte. Nach dem Tod des menschlichen Königs verlor das Königtum Norfesta an Macht und Einfluss und die Zeit des Khanats begann. Die Werwölfe unter der Führung des Khans der Blutklauen begannen die Silbermienen und die Depots der Armeen systematisch anzugreifen und zu schließen. Seit 5 Jahren war der ungekrönte Khan, Claudiles Vater, verschwunden, doch die Khane der Acht Regionen hielten noch immer das Reich stabil und pflegten lose diplomatische Beziehungen zu den Vampiren im Süden. Momentan war das Königtum in einem Wandel: die Werwölfe waren bestrebt die Monarchie weiter auszubauen. Die neuen Herrscher waren offenbar sehr bestrebt, sich mit neuen Wappen zu schmücken und sich für Etikette und Manieren am Hofe zu interessieren.
Claudile kratzte sich mit den Hinterpfoten am Nacken.
„Bitte nicht wieder!“ ermahnte er sie. „Wir haben bloß noch das eine Kleid. Wollt ihr nackt vor den Dörflern stehen?“
„Diese dumme Kutsche“, maulte sie und fuhr mit einem heftigen Nicken fort: „Habe ich etwa darum gebeten, Fürstin zu sein? Auch noch im Norden. Da ist nichts, Francesco.“
„Stopp“, ermahnte er erneut und hob dabei den Finger. „Was haben wir gestern gelernt?“
„Nein, nicht…“
„Doch. Es muss sein.“
„Ich kann es doch…“
„Eure Ladyschaft“, begann er streng. „Was macht Blaqrhiken aus?“
Claudile seufzte, starrte eine Sekunde an Francesco vorbei ins Leere und zwang sich dann zur Ruhe. Aufrecht sitzend und beide Hände im Schoß, psalmierte sie: „Der Ort Blaqrhiken ist der nördlichste und entfernteste Ort in Norfesta. Jetzt, wo es für sein Sägewerk bekannt ist, sind es seine traumhaften Pasteten, für die Blaqrhiken so berühmt ist. Jeder köstliche Bissen ist wie eine warme Umarmung, aber das Besondere an dem Ort sind die Menschen, für die Nachbarschaft noch echte Werte besitzen. Diesen Geist verdanken die Stadt ihrem Wohltäter, Baron Ferou Hronghard der Dritte, der nach seinem Tode den Bürgern sein Vermögen überließ.“
„Wie viele Einwohner?“
„Zweiunddreißig Familien. Das Sägewerk, drei Lager, vier Ärzte, Tischler, Blechschmiede, Bäcker und so weiter und so fort. Dazu noch das Forstamt, die Burg und ungefähr sechzehntausend Hektar Fichtenwald.“
„Wie heißt der Stadtvogt?“
„Lyren. Mattes Lyren. Ihn soll ich als Erstes treffen.“
„Einer von euch, wie ich meine.“ Francesco hegte keinen Groll gegen Werwölfe. Er hatte sich damit abgefunden, seine Heimat nie wieder zu sehen und Herren zu dienen, die den Mond anheulten und wilde Jagden als angenehmen Zeitvertreib betrieben. In der Monarchie gab es bei den Menschen im Westen Könige und Fürsten, die ihre Untergebenen mit Pacht, Steuern und willkürlichen Zwangsversteigerungen das Leben unerträglich machten – gab man hier einem Werwolf die Gelegenheit zur Jagd, war er schon zufrieden. Baron Glofort im Süden, beispielsweise, konnte mit Gold nichts anfangen und ließ sich von seinen Untergebenen in Hasen auszahlen. Doch über Lyren erzählte man sich etwas anderes: „Seine Lordschaft wird nicht erbaut sein, dass Ihr seinen Platz einnehmt. Er soll ungehobelt und brutal sein, wenn Ihr mir die Bemerkung gestattet.“
„Ist hiermit stattgegeben“, meinte Claudile und bewegte ihre Hand frei nach der Etikette, wie es sich einer Dame am Hofe gebührte. „Mir scheint, dass es dem Lord an Manieren mangelt“, bemerkte sie spitz gekünstelt. „Welch Affront!“
Francesco konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Ihr sollt es auch nicht übertreiben. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Versteht ihr?“
Sie nickte knapp.
An den Fenstern zog die Landschaft dahin. Das Rumpeln und Krachen der Räder mischte sich mit dem gelegentlichen Wiehern der Pferde. „Eine Lady muss lange Zeit still und duldsam sein können. Sie ist die Repräsentantin des Hauses, wenn der Herr nicht Zuhause ist. Sie hütet die Kinder, übt sich in Geduld um dann ihrem Gemahl zu Diensten zu sein.“
Eine Bremse flog durchs Fenster, begutachtete die potenzielle Opfer und entschied sich für das Falsche. Behutsam landete sie auf ihren Nacken.
„Sie näht die Kleidung, stopft die Socken, wäscht die Wäsche und organsiert die gesellschaftlichen Pflichten, die da wären...?“ Francesco sah sie über das Buch kritisch an. Er konnte förmlich spüren, wie ihre innere Unruhe wuchs.
„Die Geburtstage merken, natürlich die örtlichen Gegebenheiten wie Feste…“ Claudile verscheuchte das Insekt kurz und bemühte sich um Kontrolle. „Die Lakaien müssen stehts an ihre Pflichten erinnert werden. Müßiggang ist der Zerfall eines jeden Haushalts. Bestrafungen fallen in das Amt des Gatten…“ Für einen Moment hielt sie inne, als wäre ihr ein neuer Gedanke gekommen. „Wen soll ich heiraten? Will ich das überhaupt!?“
„Einen stattlichen Werwolf, möchte ich meinen.“ Francesco lächelte belustigt, als er ihre großen Augen sah. „Die Alemonts sind eine hochgeachtete Familie und eine lohnende Partie, möchte ich anmerken. Euer Vater hat schließlich die Khane der Reiche verbunden. Euch zur Frau zu nehmen, bedeutet, dem Thron einen gewaltigen Schritt nahe zu sein. Eure Mutter und eure Brüder wählen den Richtigen aus…“
Das Insekt stach.
Claudile wand sich, fauchte wie wild und schlüpfte schnell aus dem Kleid, bevor es zu einer Katastrophe kommen konnte. Francesco kannte diesen Ausbruch zur Genüge, drückte sich, soweit es ging, in die hinterste Ecke und verschloss die Augen, während die Natur ihr Recht einforderte.
Unsichtbare Kräfte formten Fleisch und Muskeln neu, während Sehnen sich wie Drahtseile wie ein Mantel um die Verwandelte legte. Sie waren die Quelle ihrer Macht und auch der Grund für ihre Unverwundbarkeit. Manches Schwert hatte sich schon an Werwolfshaut etliche Scharten zugezogen. Horn wuchs rasend schnell über ihre Finger- und Fußnägel, formten sie neu, während sich Fell um das rote Haar herumbildete. Sekunden nur – dann sprang ein Blitz aus Muskeln und Kraft aus der Kutsche.
„Eure Ladyschaft“, sagte Francesco gedehnt und schlug das Buch zu, während draußen die Pferde wild vor Angst zu wiehern anfingen. Äste brachen, irgendwo gellte ein Tier panisch auf. Francesco konnte es ihm nicht verdenken.
Die Kutsche war zum Halten gekommen. Der ehemalige Soldat stieg aus und begutachtete die Landschaft um sich herum. Mehrmals streckte er sich, während es um ihn herum im Geäst hier und da knackte.
Der Kutscher drehte sich verärgert zur Seite. „Schon wieder, was? In dem Tempo kommen wir nie an.“
„Schon wieder, ja“, bemerkte Francesco lächelnd. „Geben wir Ihrer Ladyschaft etwas Zeit.“ Er schlug die Tür hinter sich zu und setzte sich auf den Kutschbock.
Der Kutscher reichte einen Flachmann. „Unter uns: ich hasse sie alle.“
„Nicht so laut.“
„Die Werwölfe sind unnatürlich“, begann er leise. „Einer von ihnen hat meinen Vetter gefressen.“
Erinnerungsbilder huschten an Francescos inneren Auge vorbei. Vor allem Mahlzeiten aus der Zeit, als er ihr noch nicht gesagt hatte: das gehört sich nicht.
„Deshalb kann ich sie nicht ausstehen“, meinte der Kutscher und gab mit den Zügeln das Zeichen weiter zufahren. „Es heißt zwar, einen Wolf könnte man zähmen, aber ich finde, ein Wolf bleibt ein Wolf. Man darf ihnen nicht trauen. Die Bosheit liegt in ihrer Natur, stimmt´s? Sie können praktisch jederzeit zu einem wilden Tier werden.“ Dem Kutscher fröstelte es. „Es heißt, im Süden leben Menschen und Vampire in einer Republik. Seid Ihr schon einem Vampir begegnet? Können nicht so schlimm sein, finde ich.“
Anders als in Norfesta lebten in der Ersten Republik tief im Süden Vampire und Menschen zusammen – zumindest auf dem Papier. Es existierte nachweislich eine Aristokratische Republik, die von einem geschlossenen Kreis von Patrizierfamilien bestimmt wurde. Unter der Führung der Großen Gilden wurde seit zweihundert Jahren eine Erbmonarchie erfolgreich verhindert. Der letzte König war Brunoq Gediman III., der genau vor 213 Jahren in die Verbannung ging. In der Silent Ages, die fast 130 Jahre anhielt, hielt sich die Erste Republik aus den Machtkämpfen zwischen den Königen des Nordens und des Ostens heraus und baute ihr Machtzentrum weiter aus. Heute war sie eine reiche See- und Wirtschaftsmacht, die im Südosten mit der Grauen Schar und einem losen Piratenbund zu kämpfen hatte.
„Man sucht sich seine Herren nicht aus“, bemerkte Francesco und gab den Flachmann wieder zurück. „Ich stamme aus Lornti de la Vogh, das liegt nördlich an der Hauptstadt. Dort bin ich mal einem Vampir begegnet.“
„Wie war es?“ Interessiert rückte der Kutscher näher.
„Sie sind… alt. Die meisten von ihnen. Die jungen bewegen sich wie Elfen…“ Er dachte an das eine Mal zurück, als seine Familie Besuch von einem sehr alten und mächtigen Vampir bekommen hatte. Jener Baron, der über die Ländereien wachte und eines Abends an der Schwelle stand. Hochaufgerichtet, fein gekleidet und dünn. Aber von einer Aura umgeben, die Francesco bis heute nachdenklich stimmte: Seht meine Herrlichkeit! Ich schenke euch Leben oder Tod. Meine Berührungen sind wie kühles Wasser, meine Worte verwandeln jedes Bauernlied in eine Oper, ich bin dem Himmel und der Hölle näher als die Erdgebundenen! Er schluckte trocken. „Unser Meister verlangte jedes Jahr einen Blutzoll. Ich hatte eine Schwester, und…“ Er unterbrach sich und schaute den Kutscher von der Seite aus an. „Man kann Werwölfe nicht mit Vampiren vergleichen. Die Welt ist, wie sie ist.“
„Elfen kann ich auch nicht leiden.“
„Gibt auch nicht mehr viele von ihnen.“ Er griff in seinen alten Soldatenmantel und holte Pfeife und Tabaksbeutel hervor. Er begann, sie umständlich zu stopfen. „Aber etwas Gutes haben sie ja.“
„So? Und was?“
„Schaut euch um.“ Francesco entzündete seine Pfeife und schmauchte große Kringel, bevor er fortfuhr. „Norfesta hat keine Banditen mehr.“
Beide beobachteten, wie weit vor ihnen ein Grizzly aus dem Unterholz brach und kurz in ihre Richtung schaute, bis er sich beeilte fortzukommen.
„Die Kleine ist ja nett und so“, gurgelte der Kutscher, indem er sprach und gleichzeitig sich den letzten Rest seines Alkohols einverleibte. Er hustete kurz, dann fuhr er fort: „Claudile soll kein echter Werwolf sein, sagt man sich. Hat nur Flausen im Kopf. Sucht ständig die Nähe von Menschen. Ist vielleicht ein Seitensprung, so sagt man. Hatte wohl ein rothaariger Bauer ein Treffen mit der Königin…“
„An deiner Stelle wäre ich vorsichtig“, mahnte Francesco und sah ihn übertrieben scharf an. „Claudile ist scharfsinnig. Sie hat Feuer. Aber sie ist definitiv die Tochter vom Großen Khan der Wölfe. Glaub nicht alles, was die Leute reden.“ Die beiden älteren Brüder, Zurric und Pjotr, waren als Barone tätig. Ihre Mutter Cesarel war als „Schattenprinzessin“ die Anführerin des Rudels und als konservative Adelige und als Diplomatin ständig im Gespräch bei Hofe. Solche Reden – ob von Mensch oder Wolf – bedeutete mehr als nur Ungemach.
„Gleich behauptest du noch, das Ding hätte Gefühle“, ächzte der Kutscher schwer und bedeutete den Pferden anzuhalten, als eine völlig verdreckte, nackte Frau aus den Büschen trat und Anstalten machte einzusteigen.
Nein, dachte Francesco bedrückt, Claudile hat ein ganz anderes Problem.
2
Einige Meilen weit verlief die Straße breit und eben in östlicher Richtung durch das Weite Tal. Sie führte schnurgerade durch den Wald am Rande der Hochwasserebene des nördlichen Flussufers entlang, wo die Bäume hoch und ungehindert wuchsen. Den Reisenden bot sich ein freier Blick auf den Gebirgsfluss, und nicht selten konnten sie die Tiere des Waldes sehen, die zum Flussufer kamen, um zu trinken.
Die Wildheit eines Wolfes zu zähmen bedeutet Geduld und Selbstdisziplin aufbringen zu müssen. Die menschliche Form halten können, bedeutete, Herr über das eigene Schicksal zu sein und galt bei den Aufgeklärten als höchste Form. Ein verwandelter Mensch verspürte immerzu dieses Jucken, dieses Zerren, den Trieb sich zu verwandeln. Es war, als hätte man eine schlecht verheilte Narbe auf dem Rücken, an der man nur schwer hinkam, um sich mal richtig zu kratzen. Doch all die Selbstbeherrschung nützte nichts, wenn der Vollmond zu sehen war. Dann war das Verlangen da und die Nacht verwandelte sich in Farben und Gerüche, die nur ein Wolf verstehen konnte.
Erschöpft aber sichtlich zufrieden hatte Claudile es sich in der Kutsche bequem gemacht, während um sie herum die Welt wieder ihre normale Fülle an Geräuschen und Gerüchen annahm. Tiere flohen vor ihr, selbst die Gefährlichen. Einmal hatte sie eine Bärenfamilie aufgestöbert, die ihr Territorium verteidigen wollten. Nun, ihre Felle hingen zuhause am Kamin. Werwölfe diskutierten nicht.
Sie schlief langsam ein und träumte von der Jagd.
Je mehr sich die Straße dem östlichen Rand des Tales näherte, desto weiter entfernte sich sie sich vom Fluss, wurde immer schmaler, ging erst in einen Karrenweg über, dann in einen Feldweg und endete schließlich in einem Trampelpfad, der so überwuchert war, dass der Kutscher gelegentlich davon abkam.
Zur Mittagszeit erreichten sie Blagrhiken, das in einem Hochtal unweit einer Weggabelung lag. Die meisten Hütten waren nichts anderes als Bretterbuden, manchmal erblickten sie auch kleine Zelte dazwischen, nur über Stöcke gespannte Planen. Im Gegensatz dazu überragte eine große Burg aus festem Gestein alle anderen Gebäude. Zwei aus Kragsteinen gesäumte Türme ragten, wie zum Gruß erhobene Arme, neben der heruntergelassenen Zugbrücke auf. Sonnenschein fing sich in den an den Fahnenstangen aufgezogenen Bannern und glitzerte auf der silbernen Oberfläche des Burggrabens. Als sie näherkamen, meinte Francesco, es müsste ihnen eine Schar von Rittern zur Begrüßung entgegenkommen.
Doch es kamen keine Ritter. Es gab keine Begrüßung. Je näher sie dem Dorf und der Burg kamen, umso mehr wich seine Freude und Erleichterung einem Gefühl des Unbehagens der unheilvollen Ahnung. Unter den Kiefern sangen keine Vögel. Kein Tier regte sich in den Feldern und Wäldern.
Ein ärmliches Dorf mit rauen Gestalten, die misstrauisch alles und jeden beäugten. An diesem Ort, der grau und wenig einladend schien, lächelte niemand und erklang keine Musik. Eine Gruppe von Männern saß an einem schwelenden Feuer und tranken mürrisch vor sich hin. Drei Waschfrauen grummelten leise, als sie die Kutsche ankommen sahen und tuschelten aufgeregt. Zwei Kinder sahen neugierig rüber und klaubten einige Steine vom Boden auf.
Francesco erinnerte sich gerade rechtzeitig an seine Pflichten und kletterte umständlich nach hinten, um nach ihr zu sehen. „Wir sind bald da. Jetzt wird sich angezogen!“
„Das Kleid ist… gerissen. Ich kann nichts dafür.“ Die Stimme klang fast weinerlich hinter zugezogenen Gardinen.
„Das muss doch anders gehen. Warte mal“, ächzte jemand im Innern. „Das muss dorthin, und hier stecken wir etwas fest…“
„Das tut weh! Sieh nur, es fällt von alleine ab! Es sollte halten, aber das tut es nicht.“
„Das ist doch Mist!“
„Ich kann nichts dafür!“
Der Kutscher hielt den Wagen an und klopfte aufs Dach. „Ähm, wir sind da“, erklärte er überflüssigerweise. Als Mann von Welt ignorierte er die fragenden Blicke der Bürger und starrte unverwandt auf die schiefe Mauer der Burg.
Eine Weile passierte garnichts. Einige Neugierige versuchten einen Blick ins Innere zu erhaschen.
Dann ging endlich die Tür auf.
Die Menge holte erwartungsvoll Luft.
Claudile spazierte im Soldatenrock, Männerhose und einem blauen Hemd und die Haare lässig über die Schulter gelegt auf die Straße und sah sich um. Zum Glück vermied es Francesco auszusteigen. Es wäre nicht gut ausgegangen.
„Hallo, liebe Bürger“, sagte sie und reichte dem ersten Mann die Hand. „Ich bin Claudile.“
Der Kutscher drehte den Kopf herum. „Ja, so geht es natürlich auch.“
Die Menge war im ersten Moment so verblüfft, dass niemand reagieren konnte. Alte wie Junge, Männer wie Frauen hatten sich eingefunden und blickten abwechselnd zur Kutsche und zur…Frau in Männerkleidern. Es waren verhärmte Gesichter, gealtert vom Last der Entbehrungen und der Arbeit, die ihr Leben bestimmte. Sie verstanden die Botschaft nicht, … wenn es eine war. Und der Zirkus kam äußerst selten in die Stadt.
Ein einsamer Wind stöhnte durch die Reihen. Jemand hüstelte leise.
„Das ist also Blagrhiken“, stellte Claudile fest und nickte zur Bestätigung.
„Wer seid ihr?“ wollte jemand wissen. Jemand holte einen Knüppel aus einem Eimer. Forken wurden gereicht. Die Blicke bekamen etwas Bedrohlicheres.
„Ich bin Claudile Alemont, eure Fürstin vom heutigen Tage.“ Sie wartete auf Reaktion, und als nichts kam, drehte sie sich um und sah zur Kutsche. „Francesco! Schau doch mal…“ Dabei wischte sie nervös ihre Haare fort und ihr Fellansatz im Nacken wurde zufällig sichtbar.
Die Menge stöhnte leise auf. Sofort rutschten wenige beiseite, machten Platz während Knüppel und Forken hastig versteckt wurden. Als sich Claudile umdrehte, hatte sich das Bild verändert: die erste Reihe kniete umständlich. Frauen verbeugten sich während Kinder große Augen bekamen. Ganz kleine Kinder fingen an zu weinen.
Sie lächelte und reichte dem ersten Mann wieder die Hand.
Es handelte sich hierbei um einen Schmied des Dorfes; einen breitschultrigen Mann mit gerötetem Gesicht und Armen wie Schiffstaue. Als sich die Menge zurückzog, sah er sich in der ersten Reihe und riss sich selbst die Kappe vom Kopf. „Ich habe nichts getan“, murmelte er hastig.
„Was meinst du?“ fragte Claudile.
Er war groß und… nun, gewaltig. Wenn der Schmied durch die Straßen wankte, wirkte er wie ein kleiner Eisberg und konnte schnell und hart zupacken. Doch vor der kleinen Frau verlor er fast die Fassung. „Nichts“, erwiderte schließlich. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass allgemeines Leugnen besser war als Abstreiten.
„Freut mich“, sagte Claudile und ergriff seine Pranke noch bevor er sie wegziehen konnte. „Ich bin von nun an eure Fürstin. Ich wünsche euch allen einen angenehmen Tag. Ist das deine Schmiede?“
Sie deutete über seine Schulter auf das Gebäude, wo in einer Esse glühende Kohlen langsam erkalteten.
Falten bildeten sich auf seine Stirn, als er herauszufinden versuchte, in welche Richtung die Frage zielte. „Nein. Das gehört mir nicht.“
„Ach?“
„Sie gehört Euch, wollte ich sagen.“
„So?“
„Ich habe immer die Steuern bezahlt“, betonte er und war fast den Tränen nahe. Alle anderen wandten sich weiter und weiter von ihnen fort. In der Schmiede starrten eine Frau und ein Kind herüber. „Muss Papa jetzt sterben?“ fragte der Bube leise.
Claudile war kurz verwirrt, lächelte aber und schien guter Dinge. „Nun, da ich nichts vom Schmieden verstehe, überlasse ich dir den Rest. Möge dein Stahl stehts gerade und deine Esse heiß sein!“ Sie lachte leise. Niemand fiel mit ein.
Claudile hüstelte verlegen. „Gute Leute, kann mir jemand sagen, wo ich den Stadtvogt treffen kann?“
„Bist du… seid Ihr wirklich die Fürstin?“ wollte der Schmied wissen. Er schien sich ein wenig zu entspannen. „Wir haben den Baron seit Wochen nicht mehr gesehen. Er wohnt dort in der Burg. Seht ihr?“ Er wies auf das graue Gebäude mit der Mauer und den Türmen, an die sich Claudile fast anlehnen konnte. „Dieser Hurensohn… ich meine, dieser Kerl kommt nicht vor der Tür! Verzeiht, Mylady, ich bin es nicht gewohnt mit Euresgleichen zu reden.“ Er wirkte jetzt weitaus weniger besorgt als am Anfang.
„Ja, das fällt auf.“ Claudile wandte sich um, zuckte mit den Schultern und erkannte ein Schild in der Nähe, dass einen Hammer und einen Gartenzaun präsentierte. Das musste die Stadtwache sein.
Vor der Wache am LangenBrunnenPlatz hatte sich eine kleine Menschenmenge eingefunden, als Hauptmann Gaver sich zum Mittagsschläfchen auf seinen Stuhl setzte. Bis dahin war es ein netter, sonniger Morgen gewesen. Er blieb sonnig, wurde aber weniger nett. „Das sind Fremde, weil sie nicht von hier sind“, stellte er ungerührt fest und stocherte mit seinem kleinen Finger in seine Nase. „Die sollten sehen, das sie weiterkommen, nja. Das ist meine Meinung.“
Gaver war ein breiter Mann, nicht besonders muskulös und schwitzte stark beim Gehen, so dass er seinen Dienst am Liebsten auf seinen Platz draußen an der Tür tat. Seine einzelnen Barthaare neben den Leberflecken zitterten, während er versuchte sich herumzudrehen, um über die Menschenmenge zu sehen. Neben ihm trat Korporal Axel mit zwei Bechern Wein aus der Tür und lehnte sich an die Tür. Wenn man Gaver und Axel nebeneinander patrouillieren sah, wirkten sie wie der Rosenkohl und die Rose. Axel war schlank, hatte zarte Hände und schien die meiste Zeit nur Beobachter zu sein, was Gaver sehr gefiel. Er stupste seinen Freund und Kollegen an und deutete mit dem popelverschmierten Finger nach vorne. „Da ist doch eine Kutsche vorgefahren mit einem komischen Kerl, der lange Haare trägt. Schneid sie ab, sage ich, nja! Das sind Störenfriede. Nicht so schlimm wie die Zwerge früher, aber wir sollten schon mal die Knüppel holen, sage ich. Oder was meinst du, Korporal?“
Axel schirmte seine Augen vor der Sonne ab und blinzelte. „Da ist ein Wappen auf der Kutsche.“
„Kann nicht wichtig sein, sage ich! Vielleicht haben sie die Kutsche nur gestohlen, nja. Können nicht wissen, was ihnen blüht. Nun, wir werden mal schauen, was es da zu schauen gibt.“ Gavers schweinsgleiche Augen verrenkten sich fast, während er angestrengt nachdachte. „Könnten Banditen sein, nja.“
Axel stöhnte genervt auf, stellte seinen Becher ab und nahm Haltung an. Die braven Bürger von Blagrhiken hatten sich schon lange darauf geeinigt, dass ihre Ortschaft eine Stadtwache brauchte. Und da niemand sonst die Arbeit machen wollte, erschien Gaver als die perfekte Person um das Tor zu bewachen. Gaver war nicht etwa böse – er war einfach nur Gaver.
Axel salutierte knapp, als Claudile näherkam. „Entschuldigt bitte“, sagte Claudile und versuchte, ihre Nackenhaare daran zu hindern, sich aufzurichten. „Ich bin Fürstin Claudile Alemont und suche den Stadtvogt. Bitte zeigt mir den Weg.“
„Fürstin Alemont“, sagte Axel mit tiefer Stimme. Dabei vermied er es ihre Kleidung anzusehen. „Ihr wurdet schon vor zwei Tagen erwartet. Wir hoffen, Ihr hattet eine angenehme Reise.“
Claudile nickte höflich ihm zu, während sich Gaver umständlich aufzusetzen versuchte.
Als Werwolf nahm sie eine ganze Reihe von Gerüchen wahr: sie sah die Spur des Bäckers, wie er jeden Morgen zum Brunnen ging und erschnupperte den Geruch von Mehl, der noch zart in der Luft hing. Die Esse brodelte vor dunkler Energie und knisterndes Feuer versprühte ein dunkles Ambiente, während die feine Seifennote des Wachmanns vor ihr sich wie ein Blumenbouqette über allen legte. Naja, fast, denn die ungewaschenen Socken des dickeren Wachmanns sprachen eine ganz andere Sprache.
Claudile verzog das leicht das Gesicht und schnupperte erneut. Dort war noch etwas anderes…
„Ist der Baron öfters hier gewesen?“ wollte sie wissen.
Beide Männer warfen sich erstaunte Blicke zu.
„Können Sie sich ausweisen, nja?“ schnarrte Gaver wichtigtuerisch, während er umständlich sich die Hose hochzog.
Axel schüttelte nur den Kopf, trat vor und verbeugte sich leicht. „Sehr oft, sogar“, bestätigte er und führte sie kurz weg von seinem Kameraden. „Nehmt es ihm nicht übel, Eure Lordschaft. Mit der Zeit werdet ihr verstehen, wie Gaver denkt. Er ist harmlos.“ Er deutete auf die Burg vor ihnen. „Es stimmt, was Ihr sagt. Der Herr kam gelegentlich zu einem Kartenspiel. Aber ich fürchte, dass der Hohe Herr nicht zugegen ist. Wir haben ihn seit Tagen nicht gesehen.“ Er rang sich ein Lächeln ab. „Es ist uns eine Freude, euch willkommen zu heißen.“
Claudile nickte zufrieden. „Danke. Wie ist Euer Name?“
„Axel, Maam. Zu Euren Diensten.“
„Angenehm.“
Er wies auf die Burgtore, die sich langsam der anrollenden Kutsche näherten. „Ihr seid ein Werwolf, oder?“ In seinem Blick lag eher Neugier als Furcht. Das empfand sie als beruhigend. „Ganz recht.“
„Die Leute haben Angst. Vor euch. Wir haben… Erfahrungen gemacht. Mehr sage ich nicht dazu.“
Sie nickte zur Bestätigung.
„Wir sind dazu angehalten, euch durch die Stadt zu führen und euch alles zu zeigen. Aber bestimmt wollt Ihr euch vorher frisch machen.“
„Danke, Axel. Ich komme darauf zurück.“ Etwas verlegen strich sie sich über die Kleidung.
Er salutierte knapp und wandte sich ab.
Sie schnupperte nochmal, schloss die Augen und spielte mit den Dufttönen. Unter dem Seifengeruch verbarg sich etwas anderes. Als es ihr einfiel, errötete sie leicht und ging fort.
3
Die Burg war in keinem guten Zustand. Claudile wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah moosbefallene Steine, roch fauliges Stroh und witterte Wasserschaden am Dach. Zum ersten Mal bedachte sie den Ort um sich mit Argwohn, als wäre ihr jetzt erst aufgefallen, dass Blagrhiken wirklich hoch im Norden lag.
Mit einem Tuch bekleidet stieg Francesco aus. „Das ist also Euer neues Zuhause“, stellte er ungerührt fest. „Was denkt Ihr?“
„Der Ort stinkt vor Furcht. Alte Klamotten, alte Gewohnheiten und viel Hunger.“ Sie nickte ernst und starrte auf den Boden. Die frische Luft im Hof konnte nicht verbergen, dass der Ort krankte. Es lag Misstrauen in der Luft- sprichwörtlich.
Er nickte knapp. Die Nase eines Werwolfes lag selten falsch. „Es gibt viel zu erledigen.“
„Meinst du… oh, ich verstehe.“
„Ja, genau. Ich werde mich mit dem Haushalter auseinandersetzen.“
Beide starrten zur großen Tür, die knarrend aufging.
„Der Hohe Herr ist nicht zugegen.“ Auf dem Hof eilte eine kleine Gestalt auf sie zu, die mit einer dicken Brille und einem Stock sich den Weg ebnete. Ein alter, sehr alter Mann mit Halbglatze und schlotterweißem Haar, dessen dünne Gelenke vor Arthritis quietschten. „Oh, Ihr seid es! Welche Freude, euch hier anzutreffen.“ Er blickte verwirrt zu Francesco, aber vermied es direkte Fragen zu stellen. „Ihr müsst Lady Claudile sein, die ehrwürdige Tochter des großen Khans, unserem Herrn und Meister.“ Er holte Luft. „Fürstin Claudile Salacia Aminata Urnie von Alemont. Ich heiße Fritz. Euer Haushalter.“
„Danke, Fritz“, sagte Claudile. „Du kennst dich gut aus.“ Claudile nahm den trockenen Grabesgeruch von Büchern wahr.
„Warum gehen wir nicht rein“, fragte Fritz leise und bedeutete ihm zu folgen. „Der Herr ist seit Tagen verschwunden. Ich befürchte das Schlimmste, Herrin. Jedoch wollen wir bei einem Plausch mit Gewürzkuchen, Fleischpastete und Wein von etwas anderem reden.“ Kurz darauf erreichten sie einen Saal, dessen Dunkelheit und Stille einen starken Kontrast zum Licht und Lärm auf dem Hof bildeten. Als sich ihre Augen an das Halbdunkle gewöhnt hatten, bemerkte sie Flaggen und alte Ölgemälde an den hohen Wänden. Es gab einige Fenster, aber die Spinnenweben und toten Fliegen davor ließen nur matte Gräue in den großen Raum hinein. „Die Burg wurde vor sechzig Jahren von Baron Ferou Hronghard der Dritte, gebaut, der nach seinem Tode den Bürgern sein Vermögen überließ. Der Ort Blaqrhiken ist der nördlichste und entfernteste Ort in Norfesta. Er ist bekannt für sein Sägewerk und seine Pasteten.“ Er humpelte langsam zu einem Tisch und hob ein Tuch von einem Tablett. „Wir haben leider keine Köche, so dass ich vor zwei Tagen diese herrlichen Pasteten vom Bäcker holte. Sind leider kalt.“
„Jeder köstliche Bissen ist wie eine warme Umarmung, aber das Besondere an dem Ort sind die Menschen, für die Nachbarschaft noch echte Werte besitzen.“ Claudile zwinkerte Francesco zu, der ihr begütigend zunickte.
Fritz nickte beeindruckt. „Gut gesagt, Herrin. Ihr versteht es mit Worten umzugehen.“ Er blinzelte glücklich und zeigte auf mehrere Schriftrollen auf dem Tisch. „Wenn Ihr es wünscht, kann ich euch die Geschichte der Heraldik der Burg Blaqrhiken erzählen. Sie ist lang und kurzweilig.“
„Ein anderes Mal“, bemerkte Francesco kühl. „Sagt, wo sind die Angestellten? Warum brennt kein Feuer im Kamin? Das Schloss ist in einem schlechten Zustand, Mann. Warum sieht es hier aus, als würde hier niemand leben?“
Fritz kam näher und besah sich den Sprecher aus nächster Nähe an. „Wer seid Ihr, dass ihr nackt und bloß mit mir sprecht? Hat Eure Herrin ein Herz für bemitleidenswerte Geschöpfe?“
„Er ist Francesco de Palma, mein Lehrer und Vertrauter“, half Claudile aus. „Ich wollte diese Frage auch stellen. Was ist hier passiert?“
„Wohl kein Geld mehr“, grunzte böse Francesco. „Der Narr hat alles ausgegeben.“
Fritz Gesicht verzog sich, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. „Nein, mein Herr. Wir haben Geld, aber… der Hohe Herr … war eigen. Die Kammern sind voll, aber es wurde nicht gehandelt. Keine Löhne gezahlt. Ich wünschte, er wäre hier. Nach dem schrecklichen Mordfall und dieser einen Sache“, stieß er mühsam hervor. Plötzlich hielt er inne. „Das ist alles so schrecklich. Das arme Mädchen.“
„Ich versteh kein Wort.“
Die Gestalt und die Dunkelheit wichen zurück. „Bitte, grollt mir nicht, Herrin. Ich bin nur der Haushalter. Als alle gingen, bliebe ich hier. Was sollte ich sonst tun? Ich bin Haushalter seit vielen Jahren und habe viele Kommen und Gehen sehen. Doch niemand war wie Baron Lyren.“ Er wackelte zu einem Gemälde und deutete mit dem Stock auf eine bedrohlich wirkende Person, die mit straffen Muskeln und freiem Oberkörper mit einem Bären kämpfte. Schwarzes Haar bedeckte sein rundes Gesicht, das hart und teilnahmslos zusah wie der Bär unter ihm sein Leben aushauchte. Diese Art der Selbstdarstellung war unter Werwölfen üblich. Sie sollte ihre Dominanz bezeugen. „Das ist Mattes Lyren, Baron von Blaqrhiken, der 745 ein ganzes Heer aus dem Süden mit seinen Pranken vertrieb. Der Schwarze Wind, wurde er genannt! Beachtet das Blut an seinen Stiefeln. Er watete vierzehn Wochen durch das Blut seiner Feinde und schützte die Grenzen. Er ist ein Held. Gewiss kennt Eure Ladyschaft die Geschichte. Kämpfte er doch mit Miquel Alemont Seite an Seite gegen die Neue Republik. Dieser verflixte Süden! Ich spucke auf sie. Sie sollen verfaulen.“ Langsam hielt er inne, als wäre ihm ein neuer Gedanke gekommen. „Woher kommt Ihr, sagtet ihr?“
„Süden“, zischte Francesco.
Inzwischen hatten sich Claudiles Augen an das flackernde Licht gewöhnt. Bücher füllten den Raum. Sie standen nicht in Regalen aufgereiht, sondern bildeten hohe Stapel. Neben dem Kamin stand ein alter Sessel. Sie kam langsam näher und nahm den Geruch wahr: ein herber Geruch von Erde und Moschus, Kiefernharz und einer Spur Traurigkeit. Sie schnupperte erneut. Nun, das war bedenklich.
„Hatte er Kummer“, fragte sie leise. Sie nahm ein zerfleddertes Buch hoch. Jemand hatte es in der Mitte durchgerissen. Das wäre nicht nötig gewesen, dachte Claudile. Und dann dachte sie, dass es auch nicht nötig gewesen wäre, die Burg verkommen zu lassen. Die Menschen schlecht zu behandeln. Menschen heilten zwar, im Gegensatz zu Büchern, aber sie vergaßen nicht.
„Das… ähm, es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, Herrin“, antwortete Fritz pflichtbewusst und wackelte zu einem weiteren Tablett, von dem er ein Tuch zog. „Probiert diesen besonders schönen Roten, aus unserem eigenen Anbau. Wir pflegen am Südhang eine besondere Rebe, die Wintertraube. Natürlich gehört das alles euch. Ich hole schnell einen Korkenzieher.“
„Ist es üblich, dass ein Baron auch das Amt des Stadtvogts einnimmt“, wollte Claudile wissen.
„Es musste sein, schließlich sah sich der Stadtvogt außerstande sein Amt weiter zu bekleiden.“
„Warum?“
„Weil unser Herr ihn tötete.“
Aller Anfang…
1
Die Sonne ging unter. Von hohem Südturm hatte man einen herrlichen Blick auf das Grün der Kieferwälder, die nur von den felsigen Schiefergebirgen im Norden und dem grauen Matsch unterhalb der Burg unterbrochen wurde. Das Sägewerk weit hinten am Fluss arbeitete scheinbar ohne Pause. Einzelne Lichter und das Geräusch von Menschen und harter Arbeit drangen bis zu ihr. Claudile Alemont saß betrübt auf einer Zinne und dachte nach.
Sie witterte zwei Rehe, wie sie vorsichtig durchs Unterholz liefen und den einzelnen Wolf, der knapp vierhundert Schritte ihre Fährte aufgenommen hatte. Fern der Stadttore unterhielten sich schnatternde Gänse in einem künstlich angelegten Teich, während Kühe und Schafe auf einer Weide zur Ruhe kamen. Eine Hasenfamilie huschte durch dichtes Blattwerk am Rande der Mauer. Das und noch viel mehr nahm Claudile war. Sie konnte nicht anders.
Francesco machte sich keine Mühe leise die Treppe nach oben zu gehen. Mit Pfeife und einem Tablett mit einem Glas Wein kam er oben an und blickte sie kritisch an. „Eure Ladyschaft“, begann er langsam, „ich habe wiederholt darauf hingewiesen, dass die Etikette am Hof geachtet werden muss. Ihr trag noch immer meine Uniform.“
„Ich weiß, dass du es gesagt hast“, maulte sie leise.
„Warum macht Ihr es mir so schwer?“
„Männerhosen tragen sich gut. Wen, bitte schön, soll ich hier beeindrucken!?“
Francesco stutzte kurz und reichte ihr den Becher. „Guter Punkt“, gab er zu und stöhnte behaglich, als er auf den Schindeln sich zurücklehnte. „Wie denkt Ihr darüber?“
„Dieser Ort ist grauenhaft. Über allem liegt Angst wie ein nasses Segeltuch. Sie fürchten sich. Der Ort macht mich krank.“
Francesco nickte ernst. Er kam aus der Gosse, zugegeben. Beim Militär hatte man ihm Selbstdisziplin, das Marschieren und den Umgang mit Waffen beigebracht. Seit seinem erzwungenen Dienst als Privatlehrer hatte er sich daran gewöhnt jeden Tag zu Baden. Daheim am Hofe des Werwolfskönigs hatte selbst er Diener gehabt, die ihm jeden Tag die Kleider zurechtgelegt hatten. Man kochte für ihn, man putzte ihm die Stiefel und Geld spielte keine Rolle. Aus offensichtlichen Gründen. Zu seinem Glück interessierten sich die Werwölfe seit langem für höfische Etikette. Das hatte ihm einen gehobenen Lebensstil eingebracht. Jetzt stand er wie Claudile sprichwörtlich im Matsch und musste für sich selbst sorgen. Denn Diener gab es hier nicht. Noch nicht, berichtigte er sich.
„Die Koffer sind ausgepackt und der Kutscher hat die Rückreise angetreten.“ Er beugte sich etwas vor. „Der Baron hat die Leute terrorisiert. Über Jahre fürchteten sie seine Willkür. Er nahm sich alles, was er brauchte…“
„Genug.“
Francesco gehorchte.
Nach einer Weile sah sie ihn traurig an. Ihre gelben Augen stachen beeindruckend durch die aufkommende Düsternis des Abends. „Ich will das nicht. Ich will heim, Francesco.“
„Wenn Ihr geht, bekommen wir beide Ärger, vergesst das nicht. Die Königin hat uns aufgetragen, dieses Land zu halten. Es ist, wie es ist.“
„Mir gefällt das nicht“, entgegnete sie knapp und beobachtete die Rehe, wie sie vor dem Wolf Reißaus nahmen. Sie hatten seine Witterung aufgenommen. Anfänger, dachte sie säuerlich. „Heute auf dem Platz roch ich ihre Angst. Sie werden in ihren Häusern bleiben und sich verschanzen. Wie sollen sie mich lieben?“
Und da haben wir das Problem, dachte Francesco säuerlich.
Kein Mensch kam auf die Idee, sich offen gegen die dominante Spezies zu stellen. Tat man es doch, waren die letzten Sekunden gezählt. Sie mussten keine Rücksicht nehmen. Selbst, wenn alle Burgen verfallen und alle Dörfer menschenleer waren, so konnten die Werwölfe weiter durch die Wälder streifen. Es änderte sich kaum etwas für sie. Und dann war da Claudile…
Claudile nahm die Leiden und Sorgen der Menschen persönlich. Sie wollte alles besser machen, für jeden. Aber wenn man ein Werwolf war, durfte man sich nicht mit dem Menschen auf eine Stufe stellen.
Jeder hing seinen Gedanken nach.
„Haben wir Gold?“ fragte sie nach einer Weile.
„Die Kammern sind voll, möchte ich meinen. Wir haben genau vierzehntausend und sechshundertdreiundreissig Norfesta-Münzen. Sowie eine ansehnliche Sammlung an Perlenketten, erlesenen Büchern und Ölgemälden. Entweder ist der Baron ein Meister in Kalkulation gewesen, oder er hat sich nicht um die Rechnungen gekümmert. Sicherlich müssten einige Schulden beglichen werden. Sein Arbeitszimmer ist ohne System, aber da arbeite ich mich schon rein.“
„Wir werden die Leute bitten, wieder zurückzukommen.“
„Das wird nicht einfach.“
„Wir sollten ein Fest geben.“ Ihr Gesicht hellte sich etwas auf. „Ich will Musik und Tanz.“
„Eure Ladyschaft“, begann Francesco langsam aber hielt in einem neuen Gedanken inne. „Ich meine, Ihr seid jetzt Fürstin von diesem Ort. Wir werden gemeinsam dieses Problem lösen, aber bedenkt, dass Ihr eine höhergestellte Person seid! Von nun an delegiert Ihr. Ihr seid nicht wie die. Wie ich“, fügte er leise hinzu. „Menschen haben zu gehorchen!“
„Ich fange morgen an, eine Fürstin zu sein.“ Sie stand auf – nicht wie ein Mensch, sondern fliesend wie ein Werwolf mit der Grazie einer Antilope. Einer Antilope mit Zähnen. „Jetzt will ich jagen.“
Francesco stöhnte leise. „Seid aber pünktlich wieder zuhause. Und lasst Euch nicht von anderen Tieren provozieren.“
Claudile zog den Soldatenrock und die Stiefel aus und stand nun barfuß und nur mit Unterhemd und Hose bekleidet dar. Von weitem konnte man sie fast für einen jungen Mann halten, der seine Haare wild und lang wachsen ließ. Von sehr weit weg.
Sie wandte sich kurz um und nickte ihrem Freund zu. Dann ließ sie sich nach hinten fallen.
Der Mann lächelte knapp, griff zum Becher und blieb noch ein bisschen auf den Schindeln liegen. „Bleibt mehr für mich.“
Wie ein Geschoß flog sie in die Tiefe, passierte das Ende der Mauer und drehte sich im richtigen Moment, um sich kurz vor dem Aufprall abzurollen und sofort wieder wie ohne Blessuren stramm stehen zu können. Wie die meisten Werwölfe hatte sie das Maximum ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit längst erreicht und als Sprinterin und Jägerin sich den Respekt ihres Rudels verdient. Das kurze Donnern ihres Sturzes verklang schnell. Sofort nahm sie den Wald war, seine Geheimnisse, seine zahllosen Fährten. Und ihre Beute.
Vor ihr duckte sich der Wolf hin und knurrte leise, als sie sich ihm näherte. Er schnupperte aufgeregt und versuchte den neuen Geruch einzuordnen.
Wir sind viele, vernahm sie mit ihren Sinnen. Du bist anders – nicht wie er!
Der Jungwolf heulte leise.
Geh weg, signalisierte sie. Das ist mein Revier.
Zwei weitere Augenpaare erschienen im Dunklen. Lefzen wurden gezogen, und sie begannen ihr Spiel, indem sie sie umkreisten. Knurrend bewegten sie sich vorwärts.
Claudile kannte das Genüge. Wölfe waren nicht dumm. Sie spürten Gefahr, aber sie forderten auch gerne heraus. Zähne wurden gebleckt. Wenn sie weglief oder aufgab, war ihre Dominanz dahin. Der Wald hatte ein Gedächtnis.
Wir beißen. Wir reisen. Du wirst dein Rudel nie wieder sehen.
Triumphierend bellten die männliche Wölfe und machten sich zum Sprung bereit.
Claudile lächelte und griff an.
Die Bewohner von Blaqrhiken duckten sich auf ihren Schlaflagern, als sie das Gebell hörten. Wenige schliefen weiter. Die meisten konnten nicht schlafen, horchten in der Dunkelheit und fürchteten die Geräusche, die nichts Gutes brachten. Der Wald bot keinen Schutz für Menschen, sondern war eine grüne Mauer um sie herum – mit einem Monster in ihren Reihen. Kinder wichen näher an ihre Eltern heran, wimmerten leise. Begütigende Laute der Eltern brachten nicht den ersehnten Frieden, da ihre eigenen Stimmen zitterten. Der Wald hatte ein Gedächtnis.
Und er wusste, wo es gefahrlos Fressen gab.
Das Mädchen des Försters lag in ihrem Bett und kauerte hilflos in einem Wulst aus Decke und Kissen. Das Trippeln von Pfoten auf dem Dach hatte sie aufgeschreckt. Es kam vor, dass Wölfe des Nachts kamen und nach Beute Ausschau hielten. Nie die erste Wahl für einen Wolf – wie gesagt, sie waren nicht dumm – aber eine lohnende Sache für den Jäger. Das Mädchen richtete sich auf, lauschte ins Dunkle ihres Zimmers und rüttelte hastig an der Schulter ihres Vaters. Langsam kam er hoch und starrte zu der Stelle des Zimmers.
Und dann bewegte es sich in das hereinfallende Licht des Mondes, so dass man ihn gerade eben erkennen konnte, ein Schatten aus einem Alptraum: Canis Lupus – ein Wolf.
Immer wieder prüfte er den Raum. Mit seinen unnatürlich glatten Wänden und dem menschlichen Gestank, der nach Furcht roch. Die Krallen scharrten über den Boden, und alles in ihm drängte daran, wieder raus in den Wald zu laufen. Auf der anderen Seite saßen zwei Menschen und sahen ihn nahen. Aber sie flohen nicht. Sie gaben selten ein Geräusch von sich, sahen sie nie kommen, sondern standen bloß da. In regelmäßigen Abständen gingen sie schlafen, standen wieder auf und taten, was Menschen tun. Die Menschen merkten nie etwas. Sie lasen keine Spuren, sondern trampelten über sie hinweg. Sie machten Lärm, aber konnten nicht kämpfen. Sie bemerkten sie nie. Sie waren dumpf, verweichlicht und langsam. Im Rudel konnten sie gefährlich werden, mit ihren Spitzen und dem Feuer, um das sie sich gerne scharrten. Aber jetzt nicht. Der Mann war kein Problem – ein schneller Sprung an seine Kehle und dann das Kind. Es würde schnell gehen.
Die Menschen sprachen miteinander.
Er fragte sich, ob ihre Knochen so zerbrechlich waren wie die eines Kaninchens. Er fragte sich, ob sein Blut so warm war wie das des Rehs, dass vor wenigen Tagen das Pech hatte, ihm zu begegnen.
Genug des Wartens.
Plötzlich hielt er inne. Ein unerwartetes, plötzliches Chaos. Krieger, die schreiend starben. Dort flammte es auf, rauschte über die Bäume und hielt auf ihn zu. Kein Mensch. Kein Tier. Nein, es war schlimmer.
Der Wolf blinzelte verwirrt. In seinem Kopf wirbelten Fragmente von Erinnerungen und Instinkten herum, die er nicht einordnen konnte. Der alles durchdringende Schmerz des Verlustes, eines unwiederbringlichen, betäubenden Verlustes strömte durch seinen Körper. Er bedeutete nichts und alles.
Das Fenster gab nach, etwas Schweres und sehr Kraftvolles landete vor ihm auf den Boden und rollte sich perfekt ab. Der Wolf duckte sich weg – nicht wegen der Kraft eines ausgewachsenen Bären oder der Schnelligkeit einer Schlange, sondern wegen dem Geruch. Der Geruch von etwas sehr Altem, das sich behaupten konnte. Etwas wölfischem, aber dazu etwas Kaltem und sehr Scharfem.
Sie.
Die Meister waren nicht willkommen. Sie gehörten nicht zum Wald – nicht zu diesem Revier weit hoch im Norden. Das Licht und die Kraft. Mehr Kraft als Mensch. Mehr Licht als Wolf. Aber sie gehörten nicht hierher…
Mein Revier, bellte er.
Gewesen, sagte die Präsenz.
Er jaulte leise, als er die Meisterin erkannte.
Ihre strukturelle Perfektion wurde nur noch von ihrer Feindseligkeit übertroffen. Sie war eine Überlebende, die sich weder durch Bewusstsein, Gewissen oder moralische Illusionen behindern ließ.
Der Wolf legte sich hin und jaulte seine Zustimmung.
Was blieb ihm anderes übrig?
2
„Der Wald ist unruhig. Die natürlichen Pfade werden nicht mehr gegangen. Es wird Wochen dauern, bis sie wissen, wie es zu laufen hat“, sagte Claudile am nächsten Morgen, als sie allein mit Korporal Axel über die Straße zum Marktplatz ging. Sie trug gemäß der Etikette ein doppelgewebtes Kleid mit Rüschen, die an sich schon übertrieben vornehm wirkten. Zum Glück war das ganze Kleid blutrot, so dass niemand den Prunk auffallen würde. Über ihre Augen trug sie eine dunkelglasige Brille, die ihre Augen vor dem Licht der Sonne schützen würde. Nach einer anstrengenden Nacht beliebten es die Herren, sich zu schonen. Sie wirkte sehr müde; und nicht nur in körperlicher Hinsicht. Sie hatte schweigend zugehört, als der Korporal berichtete, was die Leute in aller Frühe auf dem Marktplatz gefunden hatten. Leichen.
Von Wölfen.
Er blickte sie von der Seite aus an. „Wölfe haben des Öfteren uns heimgesucht.“
„Ja, sie brauchten einen Denkzettel.“
Er schluckte als Antwort.
Sie deutete auf die Blutlachen vor sich. „Lyren hat als Wolf versagt – das ist schlimmer als seine Verbrechen gegen euch. Er darf kein Mitleid erwarten.“ Sie spazierten rüber zu einem Fleischerstand, der zufälligerweise Wolf im Angebot hatte. Es waren nur drei gewesen, erinnerte sich Claudile dumpf, die sich hässlich ihr gegenüber geäußert hatten. Der Rest war über die Berge verschwunden. „Die Wölfe werden euch nicht mehr behelligen, denke ich.“
„Denkt Ihr, so.“ Der Korporal blickte sie zweifelnd von der Seite an.
„Ja, könnte natürlich sein, dass ein weiterer Jungwolf mich herausfordern will. Ich denke, kurz vor dem Winter solltet ihr achtsam sein.“
„Wir Menschen?“
„Ja. Aber genug davon. Führt mich herum.“
„Na schön, wie Ihr wollt.“
Aus der Nähe betrachtet war Blaqrhiken noch schlimmer als befürchtet: Berge aus Müll stapelten sich in den Gassen, Kinder mit verdreckten Gesichtern liefen durch gefrorenen Matsch und spielten mit einer toten Ratte während Erwachsene sich an starkem Selbstgebranntem erfreuten.
Axel bewegte sich ganz wie ein Gentlemen und deutete auf die Gasse vor ihnen. „Dort leben die Schwestern des Schmieds, den ihr gestern getroffen habt. Sie haben den Blechschmied Erich geheiratet. Das heißt, nur Eine von ihnen, aber die andere fühlt sich sehr wohl im Haushalt und jetzt muss Erich für sie beide sorgen. Seht Ihr den hageren, kleinen Mann hinter seinem Arbeitsplatz? Das ist Erich. Heh, Erich!“ Er winkte dem Mann zu, der mit offenem Mund halb zu schlafen schien. Er wirkte blass und völlig ausgelaugt. „Armer Kerl. Sie nehmen ihn zu hart ran…“
„Ihr meint, …“ Claudile errötete leicht.
„Schrecklich, nicht wahr?“ Axel wirkte ehrlich mitfühlend. „Sie wollen, dass er doppelt so hart arbeitet. Ich weiß aber, dass die beiden die ganze Zeit nur in ihrem Laden sitzen und über die Leute herziehen. Sie sind das Sprachrohr der Gemeinde, könnte man sagen.“
„Ach so.“ Die Fürstin nickte dem Mann mitfühlend zu. „Er wirkt auch nicht glücklich.“
Alle Häuser und Zelte spotteten der Beschreibung Behausung. Was dieser Ort brauchte, waren Handwerker. Aber die kosteten Geld, und wie es um die Finanzen stand, bemerkte sie, als sie am Stand des Bäckers die Auslage sah: graue Klumpen erinnerten in der Ferne an Brot. Das Brot sein sollte, aber kaum als Nahrungsmittel durchging. Probeweise nahm sie eins in der Hand und witterte Wasser, etwas altes Mehl, Sägemehl und braune Brocken, die sie nicht identifizieren wollte. „Was soll das sein?“
„Brot.“
„Wo sind die Pasteten, für die ihr so bekannt seid?“
Der Bäcker starrte sie aus einer Mischung aus Wut und Verwunderung an. Er selbst wirkte, als hätte er selbst seit Wochen nicht mehr richtig gegessen.
„Vergesst die Frage“, beeilte sich Claudile zu sagen und eilte schnell hinter Axel weiter.
„Seht Ihr das Haus am Ende der Gasse? Dort oben wohnt die Glückliche Bettina. Sie ist mit Erich, dem Müllkutscher verheiratet und hat sechszehn Kinder. Ja, Ihr habt richtig gehört. Wissen nicht, wie sie alle ernähren können, aber ihre Liebe ist schon legendär. Lassen sich praktisch nie aus den Augen. Sehr romantisch, findet Ihr nicht?“
Claudile ächzte beinahe unter der Vorstellung und unterdrückte ein Grinsen. „Sechszehn! Das ist erstaunlich, sage ich nur.“
„Dort in dem Ziegelhaus leben und arbeiten die Ghrosnik-Brüder. Drillinge, um genau zu sein. Und die besten Holzfäller, die es gibt. Tun keiner Fliege etwas zu Leide, aber wenn sie beim Bärendrücker waren, dann gehe ich ganz bewusst nicht auf Streife, wenn Ihr versteht, was ich meine.“
„Bärendrücker? Eine Taverne“, fragte sie.
„Ja, sie ist dort drüben. Bester Schnaps aus gegorenen Kartoffeln. Der Wirt lässt anschreiben. Seine Spezialität sind Kartoffelscheiben in der Pfanne mit Ei und Wurst.“
„Wirklich?“
„Vor Jahren schon.“
So ging es weiter und weiter. Korporal Axel kannte alles und jeden, und jeder kannte ihn. Axel vermied es, auf die hervorstechenden Probleme zu weisen sondern erfüllte seine Pflicht als Stadtführer vorbildlich.
Der gutaussehende Mann nahm keinen Anstoß an ihrem wahren Wesen. Aber die Reaktionen der anderen Leute blieben nicht ohne Einfluss auf Claudile. Es bereitete ihnen Unbehagen, sie in ihrer Mitte anzutreffen. Nach einer Weile sprach sie es doch an: „Warum hungern die Menschen?“
„Sie wurden nicht bezahlt. Der Bäcker mischt gemahlene Nüsse in das Mehl, das zuvor mit Sägemehl gestreckt wird. Natürlich kein Vergleich zum alten Brot, aber von irgendetwas müssen die Menschen leben.“ Er blickte ernst zu ihr. „Es ist nicht erlaubt zu Jagen. Nicht nur Hirsche, sondern auch Wildschweine und Hasen. Versteht ihr das Problem?“
„Sie sind hiergeblieben – warum?“
„Wo sollten wir hin?“
„Hinter den Bergen im Westen beginnt das Königreich der Menschen.“ Ganz ohne Werwölfe, dachte sie, und erzähl mir nicht, das hätte niemand versucht.
Axel schien zu überlegen. „Könntet Ihr mit eurer Familie zwei Tage durch einen dichten Wald flüchten, nur um dann an einer Gebirgskette stehen zu bleiben? Es führt kein Weg über das Gebirge. Der Westen ist versperrt. Der Norden soll nur Eisflächen bieten, und der Osten ist dichtes Waldgebiet. Man erzählt sich, dass Menschen tagelang umhergeirrt sind, bevor sie schließlich an Erschöpfung starben. Wir sind nur Menschen, Herrin. Die Wölfe und Bären leben dort.“
„Mmh.“
„Sich gegen die Wünsche eines Werwolfs zu stellen, bedeutet den Tod zu wählen, Herrin.“
„Ah, ja. Nun, bei mir nicht“, antwortete sie selbstbewusst. „Bei mir darf jeder sagen, was er zu sagen hat.“
Claudile sah zur Seite und sah aus einem verfallenen Gebäude einen grauhaarigen, kräftig gebauten Mann treten, der sie bei den Worten missbilligend anstarrte. Er trug einen dunkelbraunen Leinensack mit schmalen, dunklen Streifen auf Schultern und Ärmeln und hatte ein kantiges Gesicht und einem schlotterweißen Bart, der ihm fast bis zum Bauchnabel reichte. „Als Herrin eurer Ländereien solltet Ihr euer Volk zu ernähren wissen!“ schimpfte er laut und kam näher. Ohne Furcht stellte er sich offen vor ihr hin und maß sie mit seinen dunkelbraunen Augen, als wäre sie ein Ärgernis, das er zurechtrufen müsste. „Seht die großartige Fürstin, wie sie durch unsere Reihen stolziert!“
Claudile war verblüfft.
Korporal Axel kam zur Hilfe. „Das ist Pater Brain. Er wacht über den Seelenfrieden der Gemeinde. Hör mal, Brain, das muss…“
Claudile wollte eine Frage stellen, aber Pater Brain bedeutete ihr zu schweigen. „Habt Ihr das ernst gemeint? Das jeder offen sprechen darf?“ grollte er mit tiefer sonorer Stimme.
„Ja, aber…“ Sie unterbrach sich für einen Moment. „Ihr seid verstimmt, …“
„Aber was kümmert es den Bauer, was die Schweine denken“ sagte der Pater laut, so dass es alle hören konnten. „Mächtige Männer werden immer mächtiger, reiche Männer immer reicher. Welche Macht wählt aus, wer arm ist und wer reich?“ Sein Blick war eisig, als er sie musterte.
„Ich war nie besonders religiös“, gab Claudile zu und kämpfte gegen den Drang an, laut zu bellen. „Ist das nicht euer Gebiet?“
Pater Brain verzog das Gesicht, als hätte er auf einen Stein gebissen. „Die Menschen ertragen unerträgliches Leid. Sie haben die Grenze schon längst überschritten. Bevor ihr daran denkt, mich zu häuten, so sage ich, dass ich selbst nichts mehr zu verlieren habe.“
„…“
„Ihr schweigt, und Ihr tut gut daran. Ihr kommt daher mit eurer Kutsche und all eurer Macht und glaubt, Ihr könntet über uns befinden, wie Ihr es für richtig erachtet. Diese Kreaturen haben uns einen Herrscher gesandt, der Nacht für Nacht aus dem Dunkeln geschlichen kam, um sich an den Schwachen zu ergötzen. Lyren war ein brutaler Mann, der jede Frau zur Witwe machte, die ihm gefiel. Die Rechnungen wurden nicht bezahlt. Fürchtet die Wölfe! Fürchtet sie!“ blaffte er laut und blickte auf seine offenen Händen, die tiefe Schwielen aufwiesen. „Das brachte ich meinen Kindern bei, kurz bevor sie … auch verschwanden.“
„Ich bezweifle nicht, dass ihr Schlimmes erdulden musstet“, antwortete Claudile kalt, „doch ich werde mein Bestes geben…“
„Jetzt ist Lyren verschwunden. Wie sieht euer nächster Schritt aus, Hoheit? Eure Ladyschaft? Gepriesene Fürstin von allem, was Ihr seht?“ höhnte der Geistliche und grinste selbstgefällig in die Runde. Von allen Seiten kamen immer mehr Leute, um sich das Schauspiel nicht entgehen zu lassen. „Steuern erhöhen? Mit der Begründung, dass Norfestas Armee Pfeile in den Köchern braucht, um die schurkischen Südländer in Schach zu halten? Oder für eine neue Brücke, die bis heute nicht gebaut wurde?“
„Nein, ich…“
„Vielleicht das Recht der Ersten Nacht? Lyren war ein großer Verfechter...!“
„Ein Fest“, beeilte sie sich zu sagen, wusste aber gleich, dass sie damit einen wunden Punkt getroffen hatte. Die Menge stöhnte leise auf. Man musste kein Intellektueller sein, um zu wissen, dass Pater Brain die Punkte holte.
„Was!?“ schimpfte er und ragte noch bedrohlicher auf als bisher. „Ein Fest? Wem zu Ehren, Teuerste? Wir brauchen Essen. Nur einer Sache verdankt Ihr eurer Macht: dem Bösen selbst. Ich sehe keine glorreichen Geschöpfe des Waldes – nur ein Kind mit zu viel Macht.“
Das saß. Perplex nahm sie ihre Brille ab, wollte tief Luft holen doch… kein Wort kam über ihre Lippen.
Hilflos sah sie sich um. Die verhärmten Gesichter wirkten anklagend.
Er winkte herrisch ab und wirkte plötzlich müde und ausgelaugt. Theatralisch breitete er die Arme aus und kniete sich hin.
Er kniete tatsächlich. Claudile fühlte sich mehr als nur überrumpelt. Sie war in die Ecke gedrängt worden – von einem Geistlichen, von einem Menschen. Wie konnte er es wagen?
„Und jetzt schlagt mir den Kopf ab oder verschwindet auf eurer Burg. Macht, was ihr wollt. Ich kann euch nicht mehr sehen…“, beendete er müde sein Plädoyer.
Die Menge ächzte leise. Alle Blicke wandten sich ihr zu. Jetzt kam es auf sie an.
Ein Schlag mit der Hand, zischte das Tier in ihr. Niemand redet so mit uns! Töte es! Mach schon!
Hätte jemand in dem Moment nach einem Knüppel gegriffen, hätte der Tag schrecklich geendet.
Der schwere Eichenstuhl flog um die eigene Achse und zerschellte mit einem Knall an der Mauer. Claudile raste vor Zorn, während Korporal Axel und Francesco aus sicher Entfernung zusahen, wie sie die Einrichtung zerdepperte. „Wie kann er es wagen“, gellte sie auf, während sich ihre Haut ums Gesicht gefährlich rot verfärbte. Hände wurden zu Klauen, die im Gestein tiefe Furchen hinterließen.
Francesco hielt sich die Ohren zu. „Seid Ihr verstimmt, Mylady?“
„Dieser kleine Geistliche hat mich lächerlich gemacht! Dieser… betrunkene Mönch…!“
„Daran ist nichts zu ändern…“
„Wie bitte?“
„Er hat recht. Ich fürchte, mit allem.“ Francesco bedeutete dem Korporal zu schweigen und sich nicht zu bewegen, während er langsam zu ihr trat. „Das war zu erwarten. Jede Stimme will gehört werden…“
„Ich bin die Tochter des Großen Khans“, fauchte sie ungestüm und knallte mit der Rechten auf den Eichentisch, der bedenklich zu zittern anfing. In ihr glomm eine kalte Wut, die sich schwer beherrschen ließ.
Fritz erschien mit einem Tablet voller Bechern, verharrte kurz am Eingang und drehte sich ohne ein Wort um. Er war schlimmeres gewohnt.
„Das kann er nicht machen…“, jaulte sie bestürzt und riss sich einen Ärmel ab. „Ich bin kaum einen Tag im Amt, und jetzt das!“
„Es war klar, dass es nicht ausreicht, ein paar Wölfe zur Ordnung zu rufen. Noch schlimmer wäre es gewesen, wenn Ihr ihn an Ort und Stelle getötet hättet.“
Korporal Axel war sichtlich unwohl in seiner Haut, versuchte er doch sich weiter wegzubewegen. „Wenn Ihr mich nicht mehr braucht, Mylady“, begann er und erschrak, als sie ihren Kopf in seine Richtung drehte.
Sie bedeutete ihm zu bleiben.
Tief durchatmen, sagte sie sich. Das ist nicht das Ende der Welt. Er hat dich nur beleidigt – nicht gleich angegriffen. Es war die Tat eines Mannes, der viel… durchlebt hatte. „Also schön“, sagte sie sichtlich erschöpft und winkte dem Korporal zu sich. „Gut, dann betrachten wir die Sache mal aus einer gewissen Distanz heraus. Habe ich recht, Francesco?“
Francesco nickte eifrig. „Sehr gut, Mylady. Einen kühlen Kopf bewahren.“
„Schön.“ Sie dachte kurz nach. „Erzähl mir alles über ihn, Axel.“
„Über Pater Brain?“
Sie nickte geduldig.
„Er kam vor zwanzig Jahren mit seiner Frau und seinen Kindern hierher und baute eine recht große Gemeinde auf. Er trank nicht, bis… nun ja. Er hat sie alle verloren. Seitdem ist er verstimmt.“
Claudile ließ ihn ausreden. Nach mehreren Minuten sah sie wieder klar. Plötzlich änderte sich das Bild in ihr von dem Pater. Bedrückt starrte sie auf ihre Hände. „Ich glaube, ich verstehe.“
Francesco bot seine Hilfe an. „Wir können es auf die Art der Werwölfe erledigen, oder auf die Art der Fürsten und Barone.“
Er fuhr als Erklärung mit dem Zeigefinger über seine Kehle.
„Oder… Ihr handelt wie ein Mensch.“
Wutentbrannt zog sich Claudile zurück.
Sie brauchte Raum zum Atmen. Freiraum.
Schnell nahm sie ein Dutzend Stufen auf einmal – es gab jede Menge Treppen in der Burg – und kam nach wenigen Momenten in ihrem Privatgemach an. Dort wurde es auch nicht besser.
Schrank, Kommode, Bett, Spiegel, Stuhl. Menschenmöbel. Hah!
Ihre Klauenhand formte sich zu einer beeindruckenden Pranke, die mit Leichtigkeit den Stuhl an der Lehne packte und wie Papier zerknüllte.
Sie atmete schwer und starrte an sich herunter. Sie dachte zurück an früher: das Rudel beschützte sie, pirschte sich an die Beute heran, Vater und Mutter an ihre Seite und ihre Brüder deckten den Rücken. Fressen, wenn man Hunger hat. Trinken, wenn man Durst hat. Töten, wenn man… in Gefahr war.
Doch sie war nicht in Gefahr.
Langsam beruhigte sie sich etwas. Nein, sie musste das Problem genau erfassen. Das ging nicht, wenn sie sich ständig bedroht sah. Abstand gewinnen. Von oben betrachten.
Sie ging auf den Balkon und setzte sich auf die Wehre.
Sie zog ein Notizbuch hervor und starrte auf die Kritzeleien, holte einen Stift hervor und markierte.
-Stadt ist arm; Menschen unruhig
Ja, das passte. Wer konnte es ihnen verdenken? Es hieß, es gab Gesetze für die Reichen und Gesetze für die Armen, aber das stimmte nicht. Es gab keine Gesetze für jene, die Gesetze schufen, auch nicht für Werwölfe, die sich Barone nannten und auf ihrem Land Menschen schlecht behandelten. Claudiles Mutter, die „Schattenprinzessin“ und Oberste aller Werwölfe, hatte erst reagiert, als der Schatzmeister berichtete, dass Blaqrhiken verlassen war. Claudile hatte sich nichts dabei gedacht, als sich ihre Mutter in dem Moment umdrehte und sie zu sich rief.
Du hast eine Aufgabe, mein liebes Kind.
Welche, Mutter?
Herrsche.
Sie schluckte trocken und notierte weiter.
-Wald ist in Aufruhr; Keine Ordnung. Wölfe greifen an.
Nein, das war erledigt. Sie zog einen Strich.
Was hatte Korporal Axel gesagt?
-Wo ist der Baron?
-Offene Feindschaft; Gefahr einer Revolte
-Sägewerk = lukrativ?
-Müll in den Straßen
-Totes Mädchen?
Beim letzten Punkt stutzte sie. Wer hatte davon gesprochen? Ihr fiel Fritz, den netten, sehr alten Haushalter ein, der nur in einem Satz bemerkte, dass etwas Schreckliches passiert war. Jemand war gestorben. Sie merkte, dass sie etwas auf der Spur war und schrieb weiter:
-Keine Arbeit, kein Lohn
-Burg im desolaten Zustand; Schmutz, brauchen Menschen um sauber zu machen
Sie fuhr mit dem Finger über die Wehre. Selbst draußen war dieser Schmutz zu spüren. Widerlich. Baron Mattes Lyren war nicht sehr geschickt gewesen. Er hatte sich zu sehr dem Tierischen hingegeben, hatte gemordet und seine Herde nicht im Griff gehabt.
Ja, Werwölfe herrschten über die Menschen – aber sie dezimieren nicht die Herde, weil es ihnen gerade in den Kram passte. Wie ein Bauer, der seine Kühe schlug oder ein Reiter, der sein Pferd die Flanken blutig schlug. Das war Irrsinn.
Er musste dafür bezahlen.
Die Welt war in einem grässlichen Zustand, fand Claudile. Francesco meinte, die Sanftmütigen würden sie einst erben. Welche Sünden hatten ihre Untergegebenen begangen, dass sie diese verdienten?
Sie wandte sich um, ging durch ihr Gemach und steuerte auf das Arbeitszimmer zu.
Menschenmöbel. Papiere, Bücher und Staub.
Lyren hatte hier gearbeitet.
Tja, was man so Arbeit nannte.
Die Tinte in dem Tintenfass war getrocknet, der Federkiel zerbrochen. Mahnungen und Rechnungen lagen zerknüllt auf dem Boden und neben dem Tisch lagen Flaschen. Probeweise hob sie eine auf und besah sich das Etikett. Schnaps. Viele leere Flaschen, einige lagen im Kamin und viele standen auf dem Schrank. Sie rümpfte die Nase und witterte.
Der Geruch war kaum wahrnehmbar, aber er hatte hier gesessen und getrunken. Viel getrunken.
Warum trank ein Werwolf Alkohol?
Hatte er Kummer?
Im Teppich witterte sie getrocknete Schnapsflecken. An der gegenüberliegenden Wand bemerkte sie Glassplitter und die Reste einer Flasche. Er war kein dezenter Trinker gewesen.
Der natürliche Ernst dieser Situation litt ein wenig unter dem Umstand, dass gerade jetzt Claudile den Geruch von Blut wahrnahm. Eine frische Spur, jedoch nicht von einem Menschen…
Harzig. Moschus. Sehr alt.
Der Werwolf hatte geblutet.
Interessant, dachte sie und folgte der Spur. Jede weiter sie der Spur folgte, desto mehr vernahm sie auch den beißenden Geruch von Furcht war. Aber nicht menschlich. Tropfen von Tränen. Seine Tränen. Claudile schüttelte es, als die Erkenntnis sich Bahn brach. Ungeheuerlich. Werwölfe weinten nicht. Vielleicht klagten sie, aber nur kurz. Tränen waren ein Zeichen von Schwäche.
Hatte er Kummer?
Vor einigen Jahrhunderten hatte das neue Reich die Pax Magnis erzwungen. Sie ließ sich mit den Worten zusammenfassen: „Kämpft nicht, oder wir töten euch.“ Aber wie ließ sich das bewerkstelligen, wenn Werwölfe trauerten?
Schwäche wird nicht geduldet.
Warum, Mutter?
Weil sie sich sonst erheben.
Mit einem Mal wurde es ihr klar: der Werwolf hatte seine Herde geschunden und sich dann zurückgezogen, um zu trauern. Er hatte Schwäche gezeigt. Auf zweierlei Arten: zuerst hatte er maßlos gewütet und die Herde unruhig gemacht – und sich dann seiner Schwäche ergeben.
„Du kannst ruhig hervortreten, Fritz“, murrte sie leise und sah zur Tür.
„Herrin, ich“, begann der alte Mann und verbeugte sich umständlich. „Der Herr ist nicht da“, erklärte er überflüssigerweise.
„Das Volk steht kurz vor der Revolte“, bemerkte sie spitz und überlegte sich ihre nächsten Worte sehr genau. „Du wirst mir alles sagen.“
„Da war ein Mädchen“, stammelte Fritz und wich an die Wand zurück, während seine Drüsen Angstpheromone produzierten. Claudile schnupperte und unterdrückte ein Schütteln. Widerlich.
„Und weiter?“ knurrte sie.
„Der Herr… war besorgt um sie.“
„Was hat sie gemacht??“
„Was sie gemacht hat? Nichts, nehme ich an. Ihre Mutter hatte nur neun Kinder großgezogen, in zwei Zimmern, die einmal genug Platz bieten, um sich ganz auszustrecken. Sie nähte Hemden für zwei Cent das Stück. Die ganze Familie arbeitete rund um die Uhr, so auch die Tochter Alexandra Häberlein. Ja, so war ihr Name“, brabbelte der alte Mann hilflos und sah ihre Krallen bedrohlich näherkommen. „Er wollte sie haben. Sie war die Tochter des Tünchers, er versuchte sie vor ihm zu verbergen doch der Herr wollte sie. Er besuchte die Familie, und…“
„Still“, mahnte sie und sah sich nochmal um. Etwas hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Ja, da waren Kratzspuren im Holz, in den Steinen. Überall. Der Baron war unruhig geworden. „Er konnte sie nicht haben“, schloss sie zusammen. „Sie liebte ihn nicht. Wie frustrierend für einen mächtigen Mann, nicht wahr?“
Sie nahm am Schreibtisch Platz, nahm erneut ihr kleines Buch und notierte:
-Alexandra Häberlein??
„Wo ist sie jetzt?“
Erneut schien er mit sich zu ringen, während seine Augen unstet hin und her gingen. „Vermutlich tot… nach dem Brand…“
„Brand?“ fragte sie.
„Das ganze Haus in der Tuchmüllenstraße. Niemand weiß es. Ich schwöre es, Herrin.“
Erneut schien ihr irgendetwas an dem Haushalter sonderbar, aber sie konnte beim besten Willen nicht sagen, was.
Francesco trat durch die Tür.
„Er hat das hier gelesen, oder?“
Claudile schaute auf. In seinen Händen eine Art Buch, ein zerfleddertes Irgendetwas. Als es Fritz sah, geschah etwas Seltsames: er wurde kreidebleich.
„Was ist das?“ fragte sie und nahm es entgegen.
Fritz wollte etwas sagen, schwieg aber schnell.
Es waren Notizen auf Pergamentpapier, die mit einem einzelnen Faden zusammengehalten wurden. KLÄRUNG DER SINGULARITÄT. Ein Regelwerk für die Töchter der Einen.
Claudile stutzte kurz, und blätterte.
Die Erde muss von Wahnsinn, Krieg und Verbrechen befreit und eine Zivilisation ermöglichen werden, in der es geistige Gesundheit und Frieden gibt. Um dies tun zu können, müssen sie dem Einzelnen helfen, sich von seinen individuellen spirituellen Belastungen zu befreien und die dem Menschen grundlegend innewohnende Güte wiederzuerlangen. Zu diesem Zweck müssen wir uns läutern lassen von der Einen, die Alles sieht, die Alles kennt und die das Grün bevorzugt.
„Es war im Zimmer des Barons“, bemerkte Francesco kühl und maß Fritz mit unverhohlener Verachtung: „Es kommt dir bekannt vor, oder Fritz?“
Fritz fuhr sich mit der Zunge über die trocknen Lippen. Seine Augen verengten sich und seine angespannte Haltung sprach eine deutliche Sprache.
Claudile blätterte weiter. Es war nicht nur ein Regelwerk, sondern mehr eine schwulstige, nicht besonders gut verfasste Offenbarung. Eine Zukunftsvision, die keine Werwölfe duldete. Und ein Hohelied auf die „Eine“.
„Die Eine“, las sie laut vor, „ist das Gesamte der ganzen Kraft, die seit Tausenden von Jahren über alles Grün herrschte. Wir sind nur Staubkörner in ihrem Wesen, aber wenn wir befolgen, was sie befiehlt, wird sie uns vom Joch befreien.“ Sie schloss kurz die Augen und fasste für sich zusammen: „Er las ein Buch, dass eine Welt verspricht, in der die Werwölfe nicht existieren? Wer ist diese „Eine“?
„Hat dieser Geistliche etwas damit zu tun“, herrschte Francesco den Mann an. „Religionen sind nicht gestattet!“
Fritz straffte sich. Seine unterwürfige Körperhaltung veränderte sich zunehmend als wäre eine Verwandlung vorgegangen. Hochaufgerichtet und schweratmend starrte er sie beide an. „Der Herr… fand dieses Buch bei einem der Dorfbewohner. Er nahm es an sich. Mehr weiß ich nicht. Wenn Ihr nichts dagegen habt, würde ich mich gern zurückziehen.“
Claudile beobachtete ihn genau. Er lügt. Ich weiß nicht, warum aber er lügt.
„Ja, sicher. Geh nur.“
Francesco schüttelte ungläubig den Kopf. „Fritz weiß mehr, als er zugibt.“
„Lass ihn. Wir haben andere Probleme.“
Sie lehnte sich langsam zurück und überflog ihre Notizen.
Jede Menge Probleme.
„Sie hassen uns“, sagte sie bedrückt und starrte aus dem Fenster. „Das wird in einem Unglück enden, sage ich dir.“
Francesco kam näher, stellte sich neben sie und folgte ihrem Blick. „Wieso uns? Ich bin ein Mensch.“
Sie wandte sich ihm zu.
„Nur ein Scherz.“ Er lächelte sanft und tätschelte ihre Schulter. „Ich schlage vor, dass wir zu Arbeiten beginnen. Ich werde Personal auftreiben und sehen, welche Rechnungen noch nicht bezahlt wurden. Ich nehme an, dass ich über das Geld verfügen darf, Eure Ladyschaft?“
„Selbstverständlich.“ Sie knabberte an ihren Fingernägeln.
„Und Ihr macht am besten das, was Ihr am besten könnt.“
„Herrschen?“
„Jagen“, stellte er klar und fuhr sich mit dem Finger über die Kehle. „Holt Euch den Mistkerl.“
Claudile trat ins Schlafzimmer des Barons und war nicht überrascht, dass es ähnlich wirkte wie das Arbeitszimmer. Krallenspuren, Dreck und überall der unverkennbare Geruch von Angst und Kummer. Blutstropfen. Sein Blut. Er hat sich selbst verletzt. Warum?
Die Angelegenheit wurde immer merkwürdiger.
Lyren war ein brutaler Mann, der jede Frau zur Witwe machte, die ihm gefiel. Die Rechnungen wurden nicht bezahlt.
Das Fenster stand weit auf und zeigte zum Wald hin. Die Spur war unverkennbar. Es war Zeit, den Herrn zu Rede zu stellen.
Behände sprang sie aus dem Fenster, rollte sich am Boden ab und ging gleich in ihre natürliche Form über: Muskeln, Sehnen und Fell. Die Spur war wie ein glühender Faden vor ihr, die es nicht zu Verlassen galt.
Als Wolf trippelte sie erst langsam los, ging über in einen schnellen Galopp und raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch den Wald, das Vögel entsetzt aufstoben. Nach einer Weile begleiteten sie ein Rudel Wölfe.
Sie ahnten, dass es was zu sehen gab.
In der Krone einer stattlichen Kiefer hatten geschäftige Hände einen sicheren Hort gebaut. Von außen kaum zu erkennen und vor allem sehr schwer zu erreichen. Die einzige Person, die dort im Schatten kauerte, unterbrach ihr Mahl und beobachtete dem Werwolf, wie sie schnell Richtung Nordosten lief. Sie trug eine engansitzende Lederkleidung und einem dunkelgrünen Mantel – ganz nach der Art der Waldläufer. Aber sie war kein Waldläufer.
Die Gestalt lächelte sanft, beendete das Mahl und nahm Stift und Pergament um sich Folgendes zu notieren: „14/10/43: Die Fürstin ist angekommen. Tochter von Alemont. Sie schnüffelt.“ Die Gestalt runzelte die Stirn und strich den letzten Eintrag. „Geht auf die Jagd und hat Wölfen Grenzen aufgezeigt.“ Schrieb sie stattdessen. Nun gut, es war kein Roman aber dennoch haltbar. Die Frau schirmte ihr Gesicht von den einfallenden Sonnenstrahlen ab und fluchte dezent, als Licht auf ihre kalkweiße Haut traf. Sofort kräuselten sich die Haare und der Geruch von verbranntem Haar machte sich breit.
Sie musste unbedingt die Stelle ausbessern, nahm sie sich vor. Sonst würde sie eines Morgens als Häufchen Asche aufwachen und das war mehr als nur störend.
Dennoch lächelte sie hinter ihrer Kapuze. Die Fürstin würde interessante Dinge tun.
3. Kapitel Neue Besen
Die Tür wurde geöffnet.
„Oh, guten Tag“, sagte die Glückliche Bettina freundlich und lächelte sanft Francesco an. „Entschuldige bitte die Störung. Du hast bestimmt viel zu tun, aber ich muss etwas fragen: Stimmt es, dass ihr Personal sucht? Mir fällt die Decke auf den Kopf.“
Francesco öffnete weiter die Tür und zählte sechszehn Kinder, die teils stoisch teils unruhig sich nach allen Seiten umsahen. Es waren verdreckte Gestalten unterschiedlichen Alters. Er blinzelte verstört. „Ich sehe, dass sich Nachrichten schnell verbreiten. Was kannst du so?“
„Alles.“
„Sind das deine Kinder?“
„Alle.“
„Was können sie?“
„Alles.“
Bettina gehörte zu den Frauen, die sich ganz ihrem Schicksal ergaben und einem Nachschlag verlangten. Ihr Becken war gewaltig, ihre Hände schwielig und das Kreuz von Gram gebeugt. Trotzdem lächelte sie auf eine Art, als würde sie als Mutter des Jahres einer Jury vorsprechen wollen. Francesco zweifelte nicht daran, dass diese Frau noch viele Kinder bekommen würde. Sie gehörte zu den Frauen, die selten Nein sagten.
Er nickte wissend. „Mmh, ich könnte eine Dienstmagd gebrauchen. Oder eine Küchenmagd. Oder eine Dienstbotin.“ Er überlegte kurz. „Eigentlich kannst du es dir aussuchen.“
„Gut“, sagte sie und zwängte sich an ihm vorbei. „Montag ist mein Ruhetag. Ich putze, wasche, koche, grille und stopfe Socken. Vier Cent pro Socke, Fünf Cent pro Hose, Zehn Cent pro Hemd und Waschen wird einzeln abgerechnet.“
„Du müsstest auch hier wohnen“, überlegte Francesco laut und sah sich um. „Ich glaube, wir haben noch Betten. Die Kinder bleiben draußen.“
„Nein“, widersprach Bettina. „Ganz ausgeschlossen.“
„Nein, sagst du.“
„Nein, sage ich.“ Bettina holte kurz Luft. „Klaus bekommt bald seinen ersten Zahn, Michel zahnt noch und braucht jeden Abend einen Wickel aus Kräutern. Isabelle kann nicht gut mit Mopsie, darum muss sie in meiner Nähe bleiben, aber sie hilft beim Kochen aus, Ferdinand tollt gerne herum und braucht eine starke Hand aber ihr Papa ist Müllkutscher und kommt erst spät nach Hause, darum ist er lieber in meiner Nähe, weil ich es so möchte. Jedes Kind ist ein Geschenk, aber jedes Geschenk ist einzigartig, wenn du verstehst, was ich meine, Herr. Die drei Kleinen da vorne können sich selbst beschäftigen, aber wenn ihre Mutter nicht in der Nähe ist, flechten sie sich gerne die Haare, Herr. Habt ihr schon mal versucht geflochtene Haare zu waschen? Es ist kein Vergnügen, Herr. Dann wären da noch Bubsie, Semmel, Knödel und Gustav. Sie können putzen, Herr. Wir brauchen nur Lappen. Und wir nehmen es in bar und sofort.“ Ruckartig ging ihre Hand zur Seite und erwischte einen Jungen dabei, wie er gerade auf Schatzsuche in seiner Nase ging. „Lass das, Björn. Mutter mag das nicht.“
Die ganze Zeit lächelte sie unverwandt und starrte Francesco an. Dieser starrte zurück. In ihren Augen glühte eine Art Wahnsinn, der nicht bösartig war, sondern diejenigen befahl, die sich mit ihrer ganzen Existenz einer Sache verschrieben hatten. Wie ein Briefmarkensammler, der beim Postamt arbeitete. Oder ein Schuster, der sich größte Mühe bei seiner Arbeit gab und auf der Straße jedem vorbeilaufenden Kunden zuerst zu den Füßen schaute, ob es den Schuhen auch gutging.
Er schluckte hart.
„Wir sind uns einig?“ flötete sie.
„Wir sind uns einig“, flüsterte er kleinlaut und machte Platz. „Ich hatte ja keine Ahnung…“
„Kann vorkommen, Herr“, antwortete sie und ging durch die Halle. „Zeig mir die Küche, Herr. Wir brauchen Lebensmittel, Kernseife und Nadel und Faden. Viel davon. Nur auf Vorkasse, Herr. Meine Spezialität sind Aufläufe. Ich weise daraufhin, dass ich nur die allerbesten Ratten verwende“, rief sie über die Schulter und ging mit ihrem Pulk voran. „Große, dicke Exemplare von erlesenen Orten! Keine Latrinenviecher oder so! Und die sind schwer zu finden, das kann ich Euch sagen!“
„Ich kümmere mich um alles“, sagte er und wandte sich um. Nach ein paar Schritten blieb er stehen. „Moment, was...?“
3
Tiefer Wald.
Niemand wusste so recht, wie groß die Wälder von Norfesta waren und was sich alles in ihnen verbarg. Meilen über Meilen konnte hier nichts gefunden werden, was nicht gefunden werden wollte. Die Bäume wuchsen unbeeindruckt in die Höhe und wiegten sich im kalten Wind des Nordens, während ein dichter Teppich aus Gestrüpp und Ranken manchen Weg einfach enden ließ. Leben und Tod waren hier anzutreffen. Auf vielerlei Arten.
Es war später Mittag, als endlich Claudile die Stelle fand. Die Wölfe neben ihr hechelten laut und bewegten sich langsam um sie herum. Geduckt und vorsichtig. Sie jaulten leise.
Böser Ort, vermittelte der Leitwolf. Dunkel, grau. Mit Metall. Nicht gut.
Claudile nickte verstehend. Langsam verwandelte sie sich wieder zurück in einen Menschen.
Die Spur führte zu einem tiefen Loch in der Erde, das meterweit in die Dunkelheit reichte. Doch da war noch mehr. Die Angst hatte hier überhandgenommen und vermischte sich mit Schmerz. Tiefen, langanhaltenden Schmerz. Ein stechender Geruch, der auch die Wölfe nervös machte.
Ein sterbender Gott unter Wölfen war hierhergekommen, um…
Vorsichtig nahm sie einen Stock vom Boden und schlug damit gegen die Wand. Sie witterte Metall, nein es war eine ganz besondere Ader von…
Silber!
Fauchend wandte sie sich ab.
Der Leitwolf jaulte leise.
Ströme von Blut. Er will leiden. Warum? Werwolf verrückt.
Die anderen stimmten zu. Es war ihnen ein Rätsel.
„Ich versteh das nicht“, sagte Claudile leise und trat näher an die Höhle heran. Der Gang führte weiter und immer weiter durch eine Art Stollen. Mit ihrer Hand schob sie den Dreck beiseite und fuhr zurück, als sie das Silber berührte. Die Wunde am Zeigefinger stach vehement und schien infiziert von innen heraus zu brodeln. Gottverdammtes Silber!
„Warum tut er das?“, sagte sie unter Schmerzen und fauchte leise.
Die Wölfe duckten sich weg und stoben auseinander. Die Jagd war vorbei.
Sie ließ sie gewähren und blickte mit unheilvollen Gedanken zum Loch. Kein Werwolf suchte freiwillig eine Silbermine auf – außer, er wollte…
„Oh, verdammt“, hauchte sie leise und trat den Rückzug an.
Jeder hatte einen Ansatzpunkt. Oft war es Habgier, eine altbewährte Sache. Oder auch Stolz. Francesco hatte viel als Soldat gesehen und erlebt, aber noch mehr gelernt als er in die Dienste eines Werwolfs trat: als dienender Mensch beobachtete er die Bürger von Norfesta und verstand sehr schnell, was sie am meisten begehrten: sie wollten ihre Würde behalten. Mochten Dutzende von Monstern auch über sie herrschen – die Würde durfte man ihnen nicht nehmen, sonst verloren sie allen Mut.
Die Glückliche Bettina wollte sich frei entfalten und unbedingt ihre Kinder schützen, man sah es in ihren Augen. Wenn man den richtigen Ansatzpunkt gefunden hatte, war alles ein Kinderspiel.
„Meinst du, wir bräuchten mehr davon?“ fragte Francesco unschuldig und deutete auf einen Sack Mehl. „Du musst es nur sagen. Ich kenne mich damit nicht aus.“ Er breitete hilflos die Arme aus.
Die mehrfache Mutter hatte die Ärmel hochgekrempelt und bearbeitete den Teig mit beiden Händen. Kurz warf sie ihm einen Blick zu, der folgendes zum Ausdruck brachte: Natürlich weißt du das nicht. Darum bin ich eine Frau. Eine Frau weiß alles. „Wäre nicht schlecht“, meinte sie nur und lächelte auf ihre besondere Art.
Die Küche war ein Tummelplatz voller Leiber, die emsig ohne zu Fragen an die Arbeit gegangen waren. Vier Kinder hatten Wasser aus einem Brunnen geholt und warfen dreckige Kleider in einen Trog, indem sie gleich auch reinsprangen und wie wild mit den Füßen traten, als würden sie Wein treten wollen. Francesco war sich sicher, dass Wäsche so nicht gewaschen werden sollte, schwieg aber lieber. Es war nicht seine Sache.
Ein Mädchen schnippelte Kartoffeln, während ein anderes Mädchen Zwiebeln schälte. Zwei Jungen putzten die Fenster mit ihren eigenen Klamotten und spuckten hingebungsvoll in ihre Handflächen. Ein Junge befeuerte den großen Kamin, während ein anderes einen großen Kessel an dem Haken hängte. Es waren sechszehn kleine Kinder und sie alle reagierten ohne zu murren. Die Glückliche Bettina hatte alles im Griff und schaute kaum auf, als Francesco beschloss zu gehen. Er hatte ihr Geld dagelassen – von jetzt an würde es laufen.
„Wir brauchen Holz.“
„Kriegst du.“
„Ich war so frei und habe meinen Schwestern gesagt, dass sie auch kommen sollen. Die Burg ist ziemlich groß und so. Das stört dich doch nicht, oder?“
„Wie viele Schwestern hast du?“
„Drei.“
„Oh, einverstanden.“ Ja, das konnte nicht schaden, wenn…
„Auch sie haben Kinder.“ Oh, Mist.
„Ich habe Vertrauen, Frau Bettina“, sagte Francesco und straffte die Gestalt.
In dem Empfangsaal hatte sich eine Menge eingefunden. Er wusste bereits: Die Bürger von Blaqrhiken besaßen ein hervorragendes Informationsnetz. Jedermann hasste die Werwölfe und der alte Baron schuldetet ihnen allen Geld, aber wenn der Magen knurrte, wollte man etwas dagegen tun.
Francesco nahm sich einen Stuhl, stellte sich darauf und formte mit den Händen einen Trichter vor dem Mund. „Meine Damen und Herren“, rief er laut. „Wir brauchen einen Gärtner, einen Förster und Leute, die etwas vom Putzen verstehen. Wer Arbeit sucht, soll sich links von mir aufreihen.“ Ihm kam ein bedrückender Gedanke. „Ähm, … wem das Fürstentum Geld schuldet, kommt am besten zu mir!“
Er war nicht überrascht, als sich sogleich alle auf den Weg zu ihm machten. Damit hatte er gerechnet. Langsam stieg er von dem Stuhl herunter und machte sich an dem großen Tisch an die Arbeit.
„Das Forstamt bekommt noch die Löhne von drei Monaten!“
„Ihr schuldet der Bäckerei noch vierhundert Münzen!“
„Das Sägewerk kann seine Arbeiter nicht bezahlen!“
So ging es drunter und drüber. Francesco bedeutete zu warten, holte Schreibmaterial und einen Sack Münzen, trat wieder vor den Schuldnern und griff zu einem Federkiel.
„Kann losgehen“, sagte er gedämpft und begann.
Schweratmend kam Claudile an der Burg an. Sie witterte Veränderung in der Luft, konnte aber nicht sagen, woher und vor allem was sich veränderte. Der Wald war alt, aber etwas war dort gewesen, erinnerte sie sich. Eine Präsenz, die sich nicht klar definieren ließ. Etwas war im Gange und schien sie zu beobachten. Sie drehte sich um die eigen Achse und schnupperte probeweise. Nichts. Und doch war da etwas.
Ein Frösteln durchlief ihren Körper. Das war neu.
Sie kam nicht weiter. Der Baron war in dem Loch gewesen, aber die Spur verlor sich. Und sie musste schnell handeln, bevor sich die Spur verflüchtigte.
Sie brauchte Hilfe.
Wer wäre besser geeignet als die Stadtwache?
Sie nickte sich selbst zu ihrem Entschluss zu, betrat ihre Burg auf dem gleichen Weg wie sie gegangen war und zog sich eiligst um. Kurz zuvor betrachtete sie das auffällige Rüschenkleid und die Hose von Francesco. Das Kleid war unnatürlich. Es engte sie ein und ließ sie aussehen, als wäre sie eine Menschenfrau mit einem viel zu breiten Becken. Zum Teufel, damit!
Ohne den Tumult im Saal beachtend kletterte sie auf die Mauer und sprang geduckt in den Graben, wo sie wenig später an der Wache ankam. Zu ihrem Glück trat Korporal Axel gerade aus der Tür.
„Einen schönen Abend, Herrin.“
„Ich habe ein Problem“, begann sie und erklärte ihm alles auf dem Weg. „Darf ich dich kurz begleiten?“
Axel nickte. „Es ist nur der übliche Rundgang. Es könnte eher langweilig werden.“
„Nein, schon gut.“
„Wie Ihr wollt.“
„Hast du denn keine Angst?“ fragte sie ihn, als sie durch die Düsternis des aufkommenden Abends durch die Gassen schlenderten.
„Nein.“
„Aber es könnten überall Schurken und Halunken auf der Lauer liegen.“
„Oh, ja. Aber ich bin schon seit einer ganzen Weile nicht mehr belästigt worden.“
„Fürchtet man vielleicht deine Uniform?“
„Möglich“, räumte Axel ein.
„Vermutlich haben die Leute gelernt, Respekt davor zu haben. Ich finde Gefallen an Männerhosen. Könnte ich mir ein paar Hosen von euch leihen?“
„Nicht die von Gaver, oder?“
Beide lachten ungezwungen. Claudile schüttelte den Kopf. „Wie lange bist du schon hier?“
„Ich kam erst vor einem Jahr hier an.“
„Vor einem Jahr verschwand auch Alexandra Häberlein“, erwiderte sie beiläufig und blickte interessiert in ein Schaufenster, das frischen Wolfspelz anbot.
Er zuckte leicht zusammen.
„Äh… entschuldigt bitte, aber… Ihr kamt mit einem Problem zu mir?“
„Schön, dass du fragst“, sie lächelte knapp. „Ich bin der Spur des Barons gefolgt, so gut es ging. Sie verliert sich in einem alten Silberstollen. Nur, damit ihr von der Wache Bescheid wisst. Er wird seiner Strafe nicht entgehen.“
„Das… ist gut zu wissen.“
„Mir wurde heute gewahr, dass sich wohl eine kleine Religionsgemeinschaft gebildet haben könnte“, erklärte sie wie beiläufig. „Du weist nicht zufällig etwas darüber?“
„Nein.“
Sie forschte in seinem Blick und fand nichts anderes als Aufrichtigkeit. „Gut, dann belasse ich es dabei. Wo wohnst du?“
„Ich wohne bei meinem Onkel“, sagte Axel.
„Man braucht einen Ort, wo man sich selbst entfalten kann. Wie ist es da so?“
„Ach, nicht sehr gemütlich. Mein Onkel ist Gerber und redet von nichts anderem. Vom Geld machen und so.“
„Ich dachte, Menschen lieben Gold.“
Axel verharrte kurz und suchte offensichtlich nach Worten. Dann erklärte er: „Nicht alle. Ruhe und Frieden sind auch sehr wichtig.“
„Familie, möchte ich meinen.“ Sie lächelte kokett ihm zu. „Es muss schön sein, eine Familie zu haben. Aber es gibt bestimmt auch interessantere Themen wie Familie und Geld.“
„Zum Beispiel?“ fragte er lauernd und blickte sich um. „Wo sind wir?“
Sie standen beide am Scheideweg einer kleinen Kreuzung.
Claudile hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und blickte vielsagend zu einem Schild, das an der Mauer eines Hauses genagelt war.
Tuchmüllenstraße.
Axel starrte sie an und sagte kein Wort.
„Wie tragisch. Es muss schlimm gewesen. Eine große Familie stirbt in den Flammen. Vor einem Jahr.“ Claudile schaute nach links und rechts und witterte kurz. Sie waren allein. Kein Zweifel. „Seltsam, dass ein Stadtwächter diese Straße nicht kennt“, bemerkte sie höflich. „Wir könnten auch über Frisuren reden. Oder Kleidung. Ver…kleidung.“
Axel Gesicht gefror zu einer starren Maske. Langsam erschlafften seine Schultern.
„Mich stört es nicht. Du beweist Einfallsreichtum.“
„Das habt Ihr extra gemacht!“
„Ja, das wollte ich geklärt wissen“, meinte sie jovial und trat näher heran. „Es liegt am Geruch, musst du wissen. Den Baron Mattes Lyren konntest du täuschen, wahrscheinlich weil er die meiste Zeit betrunken und seine feine Nase schon fast taub war von dem billigen Fusel.“
Axel errötete und nahm seine Mütze ab. „Alexandra Häberlein, Euch zu Diensten.“
Hauptmann Gaver starrte auf die Menge vor sich im Saal. Auf der Liste der Dinge, die er besonders gut konnte, kam Starren an zweiter Stelle, direkt nach reglosem Hocken. Er brachte immer die besten Leistungen, wenn es darum ging, nichts zu tun. Einfach wie erstarrt dasitzen – das war seine größte Stärke. Er war auf eine besondere Art Dumm, die eine gewisse Faulheit voraussetzte. Zu seinem Glück gab es unter den Leuten keine nennenswerten Verbrechen.
Als die Menge sich nach und nach lichtete, und die meisten mit Säcken voller Geld verschwanden, trat er vor und versuchte sein Glück.
Francesco sah ihn fragend an.
Gaver nickte. Ganz in seinem Universum vertieft.
„Du musst schon etwas sagen, wenn du etwas willst“, knurrte Francesco leise.
„Ich komme von der Stadtwache, Herr.“ Er bearbeitete beim Sprechen eine Lücke im Zahn, hinter der sich etwas vom Mittagessen verkrümelt hatte. Er wartete geduldig, bis die Zunge das Stück loseisen konnte und nickte glücklich.
„Und?“
Gavers Handfläche tauchte auf. Er hatte wohlweislich etwas aufgeschrieben. „Nja, Ich bin Gaver“, las er tapfer ab. „Wir benötigen ein neues Sitzkissen.“
Francesco starrte ihn an.
„Was-?“
„Die Sitzkissen sind ganz durchgescheuert, also besser zwei oder drei. Lavendel finde ich schön. Aber du solltest wissen, Herr, nja, dass wir nicht nur arbeiten!“
„Ach?“
„Wir brauchen eine neue Pfanne, Herr.“ Er schniefte leise. Etwas hatte sich in seinem linken Nasenloch gebildet. Starr vor Staunen beobachtete Francesco wie sich sein Finger hob. „Und der Winter naht, Herr. Ein neuer Ofen wäre nicht schlecht, nja. Etwas Kohle dazu, eine neue Pfanne und ich mache die besten Speckkartoffeln, die du dir vorstellen kannst. Ist kein Witz, Herr.“
„Bitte benutz ein Taschentuch. Willst du Geld, Mann? Schulden wir euch Gehalt? Wenn ja, wieviel?“
Gaver erstarrte, blickte Francesco aus großen Augen an und hob langsam die rechte Hand, um davon abzulesen. „Wir… haben… Gehalt von Juli bis August… und das kann ich nicht lesen!“
„Gibt es eine Mama oder einen Papa, mit dem ich reden dürfte?“ half Francesco aus und spürte, wie sich sein Nacken verspannte. „Jetzt verstehe ich, warum du als Letzter kommst.“
Das letzte Haus in der Tuchmüllenstraße war ein einsames, bis auf die Grundfesten niedergebranntes Gemäuer. Die Balken waren schief und krumm, aus der Asche sprossen vereinzelt Setzlinge. Nach über einem Jahr hatte niemand daran gedacht eine Neues zu bauen. Zum Glück der Stadt war es an der Mauer gelegen, so dass die Flammen kaum Chancen hatten, überzugreifen. Brände in Städten konnten alles zerstören – das war kein Geheimnis.
Alexandra Häberlein setzte sich schweratmend auf einen Stein und starrte in die erkaltete Asche. Mehr und mehr sackte sie in sich zusammen, bis sie ihr Gesicht verbarg. Lautes Schluchzen ließ Claudile dazu herab, sich zu ihr zu setzen. „Er war so gemein“, schniefte sie leise und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. „Meine Brüder und meine Mutter! Wir haben versucht ihn festzuhalten, doch er war zu stark. Er hatte schon viel getrunken und dann…“
Claudile stöhnte leise mitfühlend und tätschelte ihr die Schulter. „Es war bestimmt anstrengend, die ganze Zeit einen Mann zu spielen, was?“
„Ihr habt ja keine Ahnung“, brachte sie hervor. „Die Idee hatte mein Onkel. Wir sahen keinen anderen Ausweg. Also nahm ich die Schere und schnitt mir alles ab. Mit einem Laken band ich mir das Oberteil fest und versteckte mich für einige Wochen bei den Holzfällern im Ort. Dort nahm man mich auf und ich lernte zu gehen und zu sprechen wie sie. Ich wusste nicht weiter! Immerzu diese Maskerade.“
Claudile nickte mitfühlend. „Er hat dich nie gefunden. Du bist jetzt frei.“
Sie blickte mit ihrem verquollenem Gesicht auf: „Frei? Sagtest du frei!? Ich bin schon so lange ein Mann, dass ich nicht mehr weiß, was ich eigentlich bin!“
Wer wüsste das besser als ein Werwolf? Gefangen in einem Körper, der weder zur einen noch zur anderen Seite gehörte. „Als würde man zwischen einem Spiegel leben. Die eine Seite verlangt ihr Recht, sowie die andere Seite.“
Beide blickten traurig in die Reste des Hauses, das einst so voller Leben war. „Wir hatten immer genug zu essen, bis der Baron kam. Er lief durch die Straßen und setzte sein Recht durch wie ein…wie ein…,“
„…wie ein Werwolf“, half Claudile aus und nickte beklemmend. „Das wolltest du doch sagen, oder?“
„Baron. Wie ein Baron. Verzeihung“, schniefte sie leise.
„Nein, du hast recht“, gab sie bekümmert zu. „Warum war er hinter dir her? Komm, mir kannst du es sagen“, versuchte sie zu trösten und nahm sie in den Arm. „So ist es gut. Ja, jetzt wird alles gut.“
Alexandra wandte sie um und sah sie ängstlich an. „Ihr dürft es niemanden sagen, Herrin. Bitte, ich beschwöre euch!“
Sie stutzte, aber nickte schließlich. „Gut, verstanden.“
Alexandra nickte zaghaft und schluckte trocken. „Jungfrau.“
„Mmh.“ Claudile wusste, dass sich manche Männer von den Unberührten angezogen fühlte. Offenbar galt das auch für männliche Werwölfe. „Verstehe. Hast du...?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Gut, äh… ist besser so.“ Sie hustete trocken. „Sind deine Eltern… standesgemäß beigesetzt worden“, fragte sie leise und strich ihr übers Haar.
„Darum hat sich Pater Brain gekümmert“, antwortete sie leise. „Er ist ein guter Mann, Herrin. Er schimpfte und tobte, aber wenn er mich sah vergoss er immer Tränen. Seine Grabesrede war gut. Ich mag ihn sehr.“
Mich mag er nicht, dachte Claudile böse. „Könntest du ein gutes Wort für mich einlegen?“
Alexandra lächelte und kuschelte sich näher heran.
So saßen sie eine Zeitlang beisammen.
Die Glückliche Bettina hatte alle Pflichten wie üblich erfüllt, ihre Kinder zu Bett gebracht und einen Teller mit Gewürzgurken, einigen Scheiben Käse und etwas Trauben gemacht. Zufrieden mit sich und der Welt gelangte sie zum Saal, um den netten Mann eine kleine Stärkung zu bringen. Sie erblickte Gaver und Francesco. Sie ahnte gleich, dass das nicht gut ausging.
„Hütet euch vor den Hexen! Vertraut ihnen nicht. Weist sie an euren Türen ab. Sie sind nichts als ein Zufall der Kräfte, ungeschrieben und unsauber, das blasse, neidische Echo lebender, denkender Geschöpfe. In ihren Herzen ist ein Stein. Sie bauen nicht an, sie gründen nicht, sie pflanzen nicht und ernten nicht. Ihre Entstehung war ein Akt des Stehlens, und sie stehlen von Menschen und entehren die Natur. Der einzige Zweck ihres erbärmlichen Lebens ist ihr Ende. Es ist kein Mord, eine Hexe zu töten. Nja, schlimmstenfalls ein Akt der Nächstenliebe!“ So sprach Gaver voller Inbrunst, aber ohne Betonung so dass sich die einstudierte Rede wie ein Singsang eines dummen Kindes anhörte.
Einige wenige Städter hatten sich in Gruppen zusammengefunden und flüsterten hinter vorgehaltener Hand, während Francesco noch immer mit dem Federkiel in der Hand an seinem Platz saß und ihn anstarrte. Langsam ging ihm die Geduld aus.
„Das habe ich in der Sonntagsschule gelernt“, half Gaver nach und nickte befreiend. „Man kann die Worte austauschen, nja. Statt Hexe sagt man Werwolf, Zigeuner, Diebe, …“
„Ich frage dich zum dritten Mal“, zischte er mühsam beherrscht, „ob wir dir Geld schulden. Es sollte ein Gesetz geben, das schwachsinnige Narren verbietet!“
„Wenn es eins gäbe, müsste ich jeden Tag Überstunden machen, Herr.“
„Das gebe ich dir recht, Gaver.“ Francesco lehnte sich zurück und presste die Fingerspitzen aneinander. Er atmete hörbar ein und lächelte kühl: „Lass uns die Situation betrachten, in der ein eifriger und sehr kleiner Mann einen erstaunlichen Plan entwickelt. Er weiß, dass er Gehalt bekommen sollte aber statt die Fürstin zu fragen, steht er ohne eine Ahnung vor mir und hält die Hand auf. Und so geht es los, und unser Freund hält sich nicht mit Zahlen auf, sondern redet sich um Kopf und Kragen. Denkst du, ich wüsste nicht, dass die Stadtwache nutzlos ist? Den letzten Handtaschenräuber habt ihr vor einem Jahr gehängt. Du bist eigentlich nur da, um das Stadttor zu bewachen. Ich möchte den Tag erleben, an dem es nicht mehr da sein wird. Und dein Gesicht dann sehen.“
Bettina stellte den Teller ab. „Eine kleine Stärkung, Herr.“
Gaver grinste blöd und langte zu.
Sie schlug ihm blitzschnell auf die Hand. „Nicht für dich, Gaver“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Es klang wie das Fauchen einer sehr gereizten Leopardin. Schnell wandte sie sich wieder Francesco zu und trug wieder ein sorgenfreies Lächeln zur Schau. „Herr, ich würde Euch kurz sprechen wollen.“
Er nickte widerwillig und ließ sich von ihr mitziehen. Hinter einer Säule flüsterte sie ihm ins Ohr: „Das ist Gaver! Er ist nicht ganz richtig, der Arme. Seid er als Kind vom Kutschbock gefallen ist, ist er etwas langsam. Außerdem trinkt er. Und viel. Eigentlich ist es kein Trinken mehr, sondern ein Saufen. Wir lassen ihn glauben, dass er für Recht und Ordnung sorgt.“
Francesco hörte geduldig zu und nickte ernst. „Ja, verstehe. Eine Frage nur: warum?“
„Könnt Ihr euch vorstellen, wie er auf dem Feld arbeitet oder wie er Lachse fängt? Wir haben alles versucht. Glaubt mir“, sie faltete die Hände und machte ein trauriges, sehr trauriges Gesicht.
„Aber…“
„Bitte. Es ist besser so.“
„Na schön“, stöhnte Francesco und blickte in Gavers Richtung, wie er langsam, ganz langsam sich eine Gurke vom Teller nahm und sie sich in die Hosentasche steckte.
Widerwillig setzte er sich wieder. „Na schön. Du bekommst das Gehalt von vier Monaten plus eine Pfanne aus der Küche. Das ist mein letztes Angebot.“
„Und den Stuhl.“
„Welchen Stuhl?“
„Den Stuhl.“ Gaver zeigte in die Ferne.
„Gaver“, Francesco verbarg den Kopf in seine Hände „das ist ein Thron.“
Das uralte Spiel
1
„Waren viele hier?“ fragte Claudile und sah sich um. Schlammbespritzte Schuhe hatten dutzende Spuren auf dem Parkett hinterlassen, sowie auf dem Läufer, der vom Eingang des Saals bis zum großen Eichentisch führte. Es mussten dutzende gewesen sein.
Francesco sah sie an. Dunkle Ringe hatten sich um seine Augen gebildet. „Die Rechnungen wurden bezahlt. Vergebt mir, Herrin, aber ich möchte nicht darüber sprechen.“
Claudile starrte Korporal Axel an und zuckte mit den Achseln. „Na schön. Das sollte die Leute etwas beruhigen.“ Sie trat vor und deutete mit einem Nicken zu ihrer Begleitung. „Das ist Korporal Axel. Sie… Er würde gerne eine Nacht hierbleiben.“ Sie scharrte mit den Füßen. „Ich wollte mich nicht an dir vorbeischleichen.“
Francesco blickte sie an. Langsam verarbeitete er die Information und sah zum Korporal. „Eure Ladyschaft“, begann er etwas betrübt. „Ihr seid etwas zu jung, um jungen Männern eine Bleibe anzubieten. Das könnt Ihr doch verstehen? Eine Dame ist stehts um Ihren Ruf bemüht. Also wirklich.“
„Er kann ja unten schlafen.“
Francesco beugte sich vor. „Gewisse Dinge werden hier nicht vorkommen! Wisst Ihr was? Ich hatte einen recht anstrengenden Tag. Es dürfte euch freuen zu hören, dass wir die Glückliche Bettina zu unseren Inventar begrüßen dürfen. Ich meine, Personal. Vergebt mir.“ Er massierte sich die Schläfen. „Das Fürstentum im Norden bedauert Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir heute geschlossen haben.“
„Fein, fein.“ Claudile scharrte mit den Füßen. „Ich… gehe dann nach oben.“
„Aber ohne Korporal Axel!“
„Was? Nein.“
„Eure Ladyschaft! Es reicht!“
Claudile malte mit den Kiefern und gab klein bei. „Wer ist hier eigentlich die Fürstin? Schön, ist ja gut.“ Sie wandte sich ihrer Begleitung zu. „Du hast es gehört. Wir sehen uns morgen.“
Beide sahen sich an. Ein Kuss wurde ausgetauscht. Dann verschwand Korporal Axel und winkte ihr lächelnd zu.
„Es freut mich, dass Ihr wenigsten Freude an diesem ereignisreichen Tag hattet.“ Francesco trat näher heran und legte seinen Arm um sie. „Hütet Euch vor der Liebe. Sie kann verbrennen oder erkalten.“
Sie setzen sich an den Kamin.
„Fassen wir zusammen“, begann Francesco nach einer Weile. „Der Baron verliebt sich in ein Mädchen, wird krank vor Liebe und tötet die Familie des Mädchens. Weil er sie in den Flammen umkommen sieht, wird er beinahe verrückt vor Kummer und betrinkt sich. Er trinkt viel, unser Baron. Er wird übellaunig, ungerecht und tyrannisiert die Bewohner. Er kümmert sich nicht mehr um den Wald und die Leute. Rechnungen werden nicht bezahlt. Er verfällt in eine trübsinnige Stimmung. Er wird wahnsinnig vor Kummer und lässt alles hinter sich. Versteckt sich in eine Silbermiene, was gewiss schmerzhaft ist. Habe ich etwas vergessen?“
Claudile starrte in die Flammen. „Nein, das ist alles.“ Alexandra Häberlein bleibt tot. Vergib mir, mein Freund, aber ich habe es versprochen.
„Ihr habt Ihn nicht erwischt?“
„Die Spur führte zur Silbermiene, aber nicht von dort fort. Ich konnte nicht runtergehen und nachschauen.“
„Aus offensichtlichen Gründen. Gut gemacht.“
„Es ging eben nicht.“
„Schon gut, das war keine Kritik. Vergessen wir ihn.“
Sie blickte auf, holte ihr Notizbuch hervor und schlug es auf. „Von jetzt an sollte es einfacher werden. Hast du Fritz gesehen?“
Bei dem Gedanken an den kleinen Mann zog Francesco seine Stirn in Falten. „Ich habe ihn nicht mehr seit heute Mittag gesehen. Er sagte, er wolle seine Tante besuchen.“
Sie nickte ernst. „Hast du sein Gesicht gesehen? Er kennt das Buch, das der Baron gelesen hat.“
„Da wäre noch eine Kleinigkeit, Eure Ladyschaft“, begann Francesco ernst. „Ich habe es bislang nicht für nötig erachtet, Euch darauf hinzuweisen, aber es gibt gewisse Dinge, die ich ansprechen muss. Ich habe Verpflichtungen nicht nur Euch gegenüber, sondern auch Eurer Mutter. Sie würde es nicht gutheißen, wenn die Dinge ungesagt im Raum stehen würden. Wir sind allein in einem Land, das uns nicht braucht. Das ist Fakt. Sind wir uns da einig?“ Er blickte streng zu ihr. „Wir müssen von nun an wirklich zusammenhalten und das Reich ganz im Sinne des Khans regieren. Fehler, wie sie Baron Lyren beging, sollten Euch nicht passieren.“
Mucksmäuschenstill saß sie da und knabberte unruhig an ihren Fingernägeln. Feine Schweißperlen breiteten sich auf ihrem Gesicht aus. Er weiß es. Oh, ich Schaf! Natürlich weiß er es. Er ist Francesco de Palma, einer der schlausten Männer, die ich kenne und natürlich…
Francesco griff zu einem Becher Wein und betrachtete die rote Fläche. „Die Gefahr einer Revolte liegt in der Luft. Meint Ihr nicht auch?“
Sofort entspannte sie sich. „Oh, ja. Natürlich.“
„Woran habt Ihr gedacht?“
„Nichts.“ Sie mahlte mit dem Kiefer. „Was würde im schlimmsten Falle passieren?“
„Die Unzufriedenen rotten sich zusammen, es werden Stimmen laut und dann greifen die ersten zu Steinen und Messern. Sobald sie die Hemmung verloren haben, werden sie in einer Meute den Schuldigen suchen und ausfindig machen. Und sie werden einen Schuldigen finden!“ Er blickte gedankenverloren ins Feuer. „Es herrschten vor langer Zeit sogenannte Pogrome in einigen Städten. Andersartige wurden aus ihren Häusern gezerrt und gesteinigt. Ein Mob von sagen wir ein Dutzend Leuten ist zu allem fähig. Sobald sich Frust und Zorn Luft machen, können selbst Ritter in ihrer Rüstung mit Schild und Schwert kaum etwas ausrichten. Ihr seid ein Werwolf, Herrin, aber gegen einen Mob kommt auch Ihr nicht an.“
Sie zog die Beine eng an ihren Körper. „Du wärst überrascht…“
„Nein, Claudile“, sagte er leise. „Ich wäre in dem Moment äußerst enttäuscht, denn wir haben es jetzt in der Hand. Stellt euch eine Mutter vor, die ihr Kind verloren hat und ihr Mann schließt sich solch einem Aufstand an, und stirbt. Sie würde niemals Eure dargereichte Hand entgegennehmen. Und wenn nur zum Schein. Wir müssen handeln. Nicht mit Härte. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir es gut meinen. Ihr wollt von allen geliebt werden? Das ist nur natürlich, aber dann müssen wir den armen Menschen das geben, was sie am meisten begehren…“
„Geld.“
„Würde“, verbesserte er. „Ich erinnere mich an den Ausspruch eines Zwergenkönigs: Wenn wir nicht unsere eigenen Gesetze einhalten, sind wir nicht besser als die Schlimmsten. Wir müssen ihnen ein Vorbild sein. Noch heute Abend sollten wir ihnen die Hand reichen. Leider“, er trank aus und beugte sich weit vor, „muss ich Euch um einen Gefallen bitten. Es wird hart sein, fürchte ich. Wir reden mit ihnen auf ihrem Boden und reichen unsere Hand. Selbst wenn sie auf sie spucken, müssen wir es von Neuem versuchen. Wieder und wieder.“
„Ich bin… Fürstin. Sollten sie nicht das tun, was ich Ihnen befehle?“
„Was hat es ihnen bis jetzt gebracht? Einen Werwolf als Baron, der sie tyrannisierte. Sie werden sich daran erinnern, glaubt mir. Aber wenn Eure Ladyschaft es versucht, werden sie sich auch daran erinnern. Werdet ein besserer Herrscher. Und ich weiß, Ihr könnt gar nicht anders.“
„Du denkst sehr menschlich“, meinte sie lauernd. „Es gibt in meiner Familie Personen, die dagegen waren, dass du mein Privatlehrer wirst.“
„Wir dürfen nicht zu lange warten, Herrin“, mahnte Francesco. „Wenn es eine Revolte geben wird, wird sie sich um den Pater herumbilden. Da bin ich mir sicher. Ich schlage vor, dass wir ihn aufsuchen und ihn auf unsere Seite ziehen. Für alle sichtbar und auf eine Art, die jeden zufriedenstellen wird. Keine Gewalt, sondern mit einem Trick. Und viel Bargeld.“
Claudile stöhnte gequält auf. „Wir sollen ihn kaufen? Ich glaube nicht, dass er es zulässt.“
Er grinste breit. „Wie gut könnt Ihr Kartenspielen?“
„Bitte?“ Claudile verstand kein Wort. „Ziemlich gut. Was hast du vor?“
Er erklärte es ihr.
Claudile massierte sich den Nacken und stöhnte genervt auf.
2
Fritz steuerte sein Pferd zu den äußeren Wegen westlich des Sägewerks an, passierte den Waldlauf zum Morast und hielt eine halbe Stunde im Galopp auf die Berge zu, bis er den kleinen Trampelweg verließ und das Pferd am Zügel durch das Dickicht des Waldes führte. Hierher verirrten sich wenig Männer des Sägewerks, denn die Kiefern, die hier wuchsen waren noch zu jung und zu dünn und wurden vom Ostwind der Berge klein gehalten. Tatsächlich war er sich sicher, dass niemand die Stelle kannte. Die kleine Berghütte war verfallen, lag im Schatten eines Findlings und roch nach Moder und schlechtem Stroh. In Sichtweite der Hütte band er das Pferd mit den Zügeln an einem Baum und machte vorsichtshalber einen Doppelknoten. Das Pferd scheute immer, wenn der Wind den Geruch des einzigen Bewohners herüberwehte. Mit dem Korb in der Hand ging er auf die Gestalt zu, die draußen auf einer Bank die Sonne genoss.
Er packte Essen und eine Flasche Wein auf den Tisch und setzte sich zu ihm. „Wir haben neue Gäste in der Burg“, sagte Fritz und kramte in seiner Tasche nach Pfeife und Tabak. „Ich gebe ihnen zwei Wochen. Solche Burschen kenne ich. Große Leute aus großen Städten. Wir holen sie schnell vom hohen Ross. Was meinst du?“
Die Gestalt stöhnte leise und beugte sich weit vor, damit ihn Fritz gut verstehen konnte. Die Verbände um Kopf und Körper schränkten seinen Radius ein. Ein Flüstern entrang sich seiner Brust. Fritz nickte verstehend.
„Ja, kann man wohl sagen. Die kleine Welpe versteht was vom Delegieren, aber sie ist zu großspurig. Sie wird es lernen. Wir werden ihr einen Dämpfer verpassen und ihr zeigen, wie es bei uns zugeht…“
Der Bärendrücker war eine Kaschemme. Das einzig Vornehme war der Name, der allerdings nicht einmal Überbleibsel aus besseren Zeit, sondern schlicht und einfach dem Ölgemälde des verhassten Baron Mattes Lyren nachempfunden war. Das Lokal bot normalerweise Platz für dreißig, mit viel guten Willen auch vierzig Gäste, aber der Wirt sorgte dafür, dass selten weniger als siebzig anwesend waren. Die Luft war so dick und verräuchert, dass es völlig sinnlos war, dem Mann hinter der Theke seine Bestellung zu verstehen zu geben; man musste schon brüllen, um sich Gehör zu verschaffen. Was allerdings nur die wenigsten taten. Es hätte auch nicht viel Sinn gehabt – es gab nur die Wahl zwischen lauwarmen Bier und Kartoffelschnaps.
Heute gab es etwas zu feiern. Einige Männer hatten darauf bestanden, Pater Brain auf einen Drink einzuladen – wer sonst hatte den Schneid gehabt, einem Werwolf mal anständig die Meinung zu geigen?
Jemand witzelte, dass, wenn der Pater nicht aufpasste, dieser Tag als Feiertag in die Geschichte eingehen würde. Die Stimmung war gut, denn jeder war sich einig, dass sie mit der neuen Herrscherin nicht viel anzufangen wussten.
Pater Brain saß nach einem anständigen Gelage spät an seinem Platz und betrachtete in Gedanken versunken sein Bier im Becher, als es mit einem Schlag ruhig wurde. Zu ruhig.
Selbst der Wirt beendete seinen Schankdienst und starrte mit offenem Mund zur Tür.
„Frauen sind hier nicht“, begann der Wirt, verstummte aber schnell als Claudile ihm einen warnenden Blick zuwarf.
Die Fürstin und ihr Vertrauter warteten nicht lange ab, sondern bahnten sich einen Weg durch die Menge, bis sie vor Brains Tisch standen. In ihrer Hand einen großen Beutel.
Brain verzog das Gesicht und maß sie mit einem dreisten Blick.
„Falls Ihr mal nicht wissen solltet, was Ihr anziehen müsst“, bemerkte er leise, „dann könnt Ihr die Frauen im Ort fragen, was tres chic ist. Männerhosen sind für Männer – das sagt schon der Name.“
Die Männer grinsten, obwohl niemand wusste, was tres chic eigentlich bedeutete.
„Sehr spaßig“, bemerkte die Fürstin kühl und deutete auf den Stuhl vor sich. „Darf ich mich setzen?“
Er blickte sie aus geröteten Augen an. „Ich weiß nicht recht. Dürft ihr?“
„Ihr meint, weil mir sowieso alles hier gehört? Nun, ich erbitte mir die Gelegenheit euren Verlust wieder wettzumachen.“
Der Pater wollte etwas erwidern, verstummte aber als sie ein Kartenspiel auf den Tisch legte. „Bei einem Spiel?“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Wie soll das gehen?“
„Wir beginnen mit einer Goldmünze. Ich lege euch das Kapital aus. Was ihr gewinnt, behaltet ihr und verfügt frei darüber. Ich habe genug dabei.“ Als Unterstreichung wurde der Sack auf den Tisch gelegt. Feine Ohren hörten es verdächtig klimpern.
Ihre Blicke trafen sich. Pater Brain lachte laut auf. Claudile lächelte. Die anderen Männer, die dringend lachen wollten, lachten ebenfalls. Na bitte, wir sind alle Freunde. Nichts schlimmes wird passieren.
Schlagartig wurde Brain ernst. „Das bringt mir meine Familie nicht wieder zurück.“
„Habe ich nie behauptet. Aber die Genugtuung“, erklärte Claudile laut und setzte sich ungefragt hin. „Die Genugtuung, einem Werwolf bei einem einfachen Kartenspiel zu besiegen.“ Sie wandte den Kopf zu den anderen Männern. „Machen wir es doch spannender: Ihr spielt für diese Männer. Wenn ihr gewinnt, bekommt jeder in diesem Raum eine Münze.“
„Pro Spiel?“
„So ist es.“
Francesco, der sich die ganze Zeit ruhig im Hintergrund gehalten hatte, klappte der Kiefer nach unten. „Was?“ gellte er laut auf.
„Und der Wirt führt Buch. Er ist unparteiisch.“
„Einen Moment, Eure Ladyschaft.“
Alle Blicke wechselten zwischen der Fürstin und ihrem Vertrauten.
„Das ist ein Trick“, bemerkte Brain zweifelnd. „Das könnt Ihr nicht ernst meinen!“
Sie zuckte mit den Achseln und lehnte sich zurück. „Ich kann auch gehen und nehme den Sack wieder mit. Dann hast du deine Chance verpasst. Und die Männer gehen leer aus. Es ist deine Wahl. Geht als reiche Männer nach Hause, oder tretet mir nie wieder unter die Augen.“
Stille.
Alle blickten sich verwundert an. Konnte das wahr sein?
„Eure Ladyschaft!“ Francesco beeilte sich nach vorne zu gelangen. „Ich habe im Kopf mal eben überschlagen, wie viele Leute hier sind. Das geht über unsere Finanzen. Ich bitte euch!“ Er hob flehend die Arme und wollte den Sack an sich nehmen. „Wir sollten darüber schlafen. Bitte…“
Pater Brain betrachtete ihn wie ein Insekt, dass sich zu nahe an seine Fliegenklatsche wagte. „Du, Bursche. Verpfeif dich!“
Claudiles Hand hielt den Sack fest, während sie unverwandt Brain anstarrte. „Ja, genau. Verpfeif dich!“
„Hohe Herrin“, Francesco schien einer Ohnmacht nahe. „Ich flehe Euch an…“
„Mein Geld“, stellte sie klar. „Meine Regeln.“
Der Geistliche und die Fürstin starrten sich an. Taxierten einander.
Die Menge hielt den Atem an.
Langsam wuchs ihm ein diabolisches Grinsen im Gesicht, bis Claudile meinte, einer Teufelsfratze gegenüberzusitzen. „Poker, sage ich. Ihr legt aus. Den Einsatz zuerst!“
Claudile malte mit dem Kiefer und nickte ernst. „Abgemacht.“
Die Menge schnaufte vor Begeisterung.
Schnell hatte es sich im ganzen Dorf herumgesprochen. Selbst zur nachtschlafenden Zeit beeilten sich Frauen wie Kinder eilig zur Kaschemme zu gelangen, um etwas von dem Wettbewerb mitzubekommen. Fenster wurden weit geöffnet, damit auch jeder zusehen konnte. Verschlafene Kinder starrten durch den Zigarrennebel verstört zu einem ungleichen Kampf der Klassen: Werwolf gegen Bürger. Und es gab etwas zu gewinnen. Für jeden, der nur zuschaute, gab es eine Münze. Das war mehr als ein Tagessold im Sägewerk. Einzig und allein Francesco blickte niedergeschlagen in die Runde – sehr zum Vergnügen der Menge. Ihr Grinsen wuchs besonders in die Breite, wenn er sich mit einem Taschentuch über die Stirn fuhr.
Karten wurden gemischt und verteilt.
Das erste Spiel.
Brain gewann, und Francesco verteilte den Gewinn unter den Leuten.
Das zweite Spiel.
Claudile gewann. Sie bekam eine Münze.
Und so weiter.
Pater Brain sah auf seinen Stapel mit fast sechzehn Münzen und ihren Stapel mit fast vier Münzen. Es konnte ewig so weitergehen. Die einzig wahren Gewinner waren die Schaulustigen, die sich gegenseitig auf die Schultern klopften und stolz die Münzen zeigten. Sechszehn Gewinne. Es waren fast achtzig Leute zugegen und jeder bekam eine Münze pro gewonnenes Spiel. Rechnet es selbst aus.
Die Menge wurde mutiger, je voller ihre Geldbeutel wurden. Fast stoisch ließen sich die Fürstin und ihr Berater die hämischen Bemerkungen über sich ergehen. Zum ersten Mal fühlten sich die Menschen von Blaqrhiken erhaben.
Pater Brain achtete im Moment aber weder auf das Gedränge rings um ihn herum noch auf den sichtlich nervösen Mann hinter der Fürstin. Er konzentrierte sich voll und ganz auf das Blatt in seiner Hand.
Es war ein Full House. Dazu das schönste Full House, das er seit Jahren gesehen hatte. Drei Asse und zwei Könige, die er auf die Hand bekommen hatte, ohne ein einziges Mal tauschen zu müssen: eine Eins-zu-einer-Million-Chance. Im Übrigen schienen ihm die Karten Hold zu sein. Er war kein Narr und betrachtete sie mit einem bohrenden Blick, der ihm in anderen Landen einen Kopf gekostet hätte.
Sein Gegenüber schien etwas in dieser Art zu befürchten, denn die Blicke, mit denen sie ihn durchbohrte, waren in den letzten Minuten immer nervöser geworden.
Die Menge beobachtete das stumme Duell gespannt. Einen Einsatz wie diesen erlebte man hier nicht jeden Tag. Claudile selbst hatte den Überblick verloren, wie viele Münzen sie an diesem Abend verlieren würde. Einmal wechselte sie einen verzweifelten Blick zu Francesco, der fast schon apathisch die Münzen verteilte, als wären sie Bonbons. Sehr zum Vergnügen der Leute grummelte er Verwünschungen.
Claudiles Augen hatten sich geweitet, auf ihrer Stirn perlte Schweiß, und die Hände, mit denen sie ihre Karten hielt, zitterten. Sie lächelte sogar nicht, als der Wirt mit einem Schnapsglas herüberkam und es ihr hinstellte. Ihre langen Fingernägel kratzten nervös über das furnierte Holz. Niemanden entgingen diese kleine Gesten.
Und dann… Dann hatte es sie wohl beide erwischt, wie man so schön sagt.
Dieses eine Spiel dauerte fast zwei Stunden, und sie hatten sich gegenseitig hochgeschaukelt. Aus dem erbitterten Ringen war ein freundschaftlicher Zweikampf geworden. Keiner von ihnen hatte ein Wort gesprochen, aber die Spannung war beinahe ins Unerträgliche gestiegen.
Claudile legte die Karten aus der Hand und griff in den Beutel, um noch Münzen zu holen. Das hatte sie in der letzten halben Stunde immer häufiger getan, und der Beutel war immer dünner geworden, bis sie die letzte Münze herausfischte. Sie betrachtete das nicht ohne Sorge. Die Menge kommentierte dies mit einem „Oh“.
„Ihr solltet aufhören, Fürstin“, sagte Pater Brain zum ersten Mal.
Claudile wischte sich die schweißnassen Hände ab, knackte mit dem Nacken und legte bedeutungsschwer die letzte Münze hin.
„Tut das nicht. Ihr ruiniert euch, meine Liebe.“
Claudile blickte ihn fast hasserfüllt an, nahm den Beutel und legte ihn auf den Stapel, so als wäre dieser auch etwas wert. „Hälst du mit oder steigst du aus?“
Nervös geworden legte er die zugedeckten Karten vor sich hin und lehnte sich zurück. „Nur, um das zu verstehen, Fürstin“, bemerkte er nachdenklich. „Ihr habt nicht vor, die Steuern zu erheben um die verlorene Barschaft wieder reinzubekommen, oder? Das wäre selbst für einen Wolf unter aller Würde – nicht, dass wir nicht schon etwas anderes erlebt hätten!“
Zustimmendes Gemurmel. Plötzlich blickten nicht Wenige finster drein.
Claudile hatte mit der Frage gerechnet, legte auch ihre Karten weg und holte ein kleines Büchlein hervor. Fachmännisch schlug sie eine Seite auf. „Nach den Büchern habt ihr bis jetzt anständig und regelmäßig die Steuern bezahlt.“
Dagegen gab es nichts einzuwenden. Jeder nickte sich zu. Ja, sie waren alle brave Steuerzahler.
„Das heißt nicht, dass du es nicht tun würdest!“ blaffte Brain und kippte noch einen Schnaps hinter die Binde. Fairerweise sei gesagt, dass auf beiden Seiten sich die leeren Gläser stapelten.
„Ich muss Buch führen“, erklärte sie langsam und steckte das Büchlein wieder weg. „Einmal im Jahr kommt der Schatzmeister und überprüft die Zahlen. Findet er auch nur eine Münze unter dem Teppich, könnte ich alles verlieren. Du kennst meine Mutter nicht“, fügte sie leise hinzu. „Dein Gott vergibt, aber nicht sie.“
Er nickte verstehend. „Aber du könntest es tun, oder nicht?“
„Nein, selbst wenn ich wollte. Und warum sollte ich!?“ Sie grinste angeheitert und lehnte sich weit zurück. „Ich brauche nur den Wald und die Freiheit.“
Brain war ein desillusionierter Mann, der in allem nur Schlechtes sah.
„Ihr Werwölfe“, grummelte er leise und bedachte sie plötzlich feindselig. „Was habt ihr aus diesem Land gemacht!?“
„He, he, he“, protestierte sie. „Du versuchst, mich rauszudrängen.“
Brain zuckte gleichmütig mit den Achseln. „Wer hoch spielt, sollte genug Bargeld mithaben.“
„Gut, dann beenden wir das Spiel. Du hast gewonnen. Und ich habe verloren“, sagte sie gedehnt und stand auf.
Sie wollte Francesco ein Zeichen geben, der gerade an einigen Kindern Münzen verteilte, als plötzlich Brain die Hand hob und abwinkte. „Spar dir die Mühe, Mädchen“, sagte er.
Claudile setzte sich wieder und sah ihn fragend an.
Der Geistliche wirkte ein bisschen verlegen. Offensichtlich taten ihm seine eigenen Worte bereits wieder leid. „Entschuldige“, sagte er leise. „Selbstverständlich kannst du nichts dafür. Willst du mithalten?“
Claudile nickte.
Sie spielten weiter. Es wurde mucksmäuschenstill. Selbst Francesco blickte über die Schultern der Leute und versuchte zu erhaschen, was die beiden eigentlich machten.
Mensch und Werwolf starrten sich lange an.
„Der Baron“, begann Brain stockend und scharrte mit den Füßen, „kam des Nachts und war betrunken. Er hatte tags zuvor den Stadtvogt in zwei Hälften geteilt, als wäre er ein Fisch, den man ausnehmen könnte. Wütend grabschte er nach meiner Frau und ich ging dazwischen.“ Sein Blick ging ins Leere, und für einen Moment erhaschte sie einen Blick in seine Seele. Er schnaufte leise. „Natürlich hatten wir keine Chance. Schließlich… ließ er von uns ab. Das war das letzte Mal, das ich ihn sah.“
Claudile nickte ernst und legte die Karten beiseite. „Ich werde ihn finden.“
Schnell hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Was macht ihr mit Euresgleichen?“, fragte er knapp.
„Das Schlimmste.“
„So schlimm?“
„Schlimmer.“
Brain nickte zufrieden, und legte auf.
Full House.
Das war der Moment, in dem die Menge vor Jubel explodierte.
3
Es wurde noch ein langer Abend.
Getränke wurden gereicht, Lieder wurden gespielt und munter dazu gesungen. Die Fürstin schüttelte betrübt den Kopf, nickte aber wacker zum Verlust ihres Vermögens und ging von Tisch zu Tisch, um den Männern zu ihrem Sieg zu beglückwünschen. Alles in allem, so meinten die Leute, nahm sie es gut auf. Die Werwölfe waren besiegt- jene verhassten Feinde, die man all der Zeit ertragen musste. Kein blutiger Kampf, sondern durch ein Spiel, das überwiegend von Glück und Kalkulation bestimmt wurde. Es schien nur passend, dass die Hohen Herren durch die Intelligenz der Menschen besiegt wurden. Aber was noch wichtiger war als der Goldschatz in jedermanns Beutel: die Fürstin hatte sich zu einem Wettstreit von ihrem Thron zu ihnen bemüht und fair gespielt. Natürlich fair. Wer spielte schon falsch, nur um zu verlieren?
Wenn man den richtigen Ansatzpunkt gefunden hatte, war alles ein Kinderspiel. Bei den Bürgern war es die Würde.
Der Morgen graute fast, als Claudile mit dröhnenden Schädel zu Pater Brain hinübersah. Er lächelte knapp ihr zu, und nickte wissend.
Er weiß es, dachte sie und nickte zurück. Er weiß es genau, aber er sagt nichts.
Natürlich war es ein gut geplantes Schauspiel. Wo die Münzen herkamen, gab es noch viel mehr und irgendwie schien das jeder zu wissen, aber keiner sprach es laut aus. Denn das hätte den Traum zerstört.
Sie erwachte mit den schlimmsten Kopfschmerzen ihres Lebens und auf dem Rücken liegend auf dem Bett. Sie hatte noch immer die Soldatenhose an, die mittlerweile Löcher und Risse aufwies – und getrocknetes Erbrochenes – das war das erste, was sie registrierte. Das Licht brannte, und jemand saß auf der Kante ihres Bettes und presste ihr ein angefeuchtetes, eiskaltes Tuch über Stirn und Augen.
Als sie die Lider hob, lief ihr Wasser in die Augen. Sie blinzelte, hob den Arm und versuchte das Tuch samt der Hand, die es hielt, beiseite zu schieben.
„Bleibt liegen, Herrin“, sagte Francesco, als sie sich automatisch in die Höhe stemmen wollte. Die Sorge in seiner Stimme war echt, ebenso wie die Besorgnis in seinem Blick, die nicht geschauspielert war.
In ihrem Kopf erwachte, ein grausamer, pochender Schmerz, der so heftig war, dass ihr für einen Moment übel wurde.
„Ich habe kein Mitleid mit euch“, stellte ihr Freund klar und verschränkte die Arme vor der Brust. „Heute haben wir etwas gelernt. Ihr vertragt keinen Alkohol. Nach dem Geruch, der an Euch haftet, möchte man meinen, Ihr hättet darin gebadet.“
„Kein Wort mehr“, befahl sie schwach mit belegter Stimme und fühlte Schwindel und Übelkeit. „Ich will sterben…“
Sein Blick wurde etwas versöhnlicher. „Das habt Ihr gut gemacht. Obwohl ich der Meinung bin, dass einige Leute durch die Tür kamen, sich das Geld holten, dann aus dem Toilettenfenster klettern – nur, um sich dann wieder anzustellen. Der Verlust hält sich in Grenzen. Aber wir sollten das nicht jeden Abend machen, denn sonst ist das Fürstentum am Ende des Monats bankrott.“ Zufrieden stand er auf, ging zum Fenster und riss die schweren Vorhänge beiseite. „Nun, ein neuer Tag bricht an. Was habt Ihr heute vor?“
Hinter Claudiles Stirn wirbelten Bilder und Erinnerungsfetzen durcheinander, ohne im ersten Moment einen Sinn ergeben zu wollen.
Sie blickte ihn an, bekam plötzlich große Augen und schaffte es gerade noch den Kopf zur Seite zu drehen.
„Gute Güte“, schniefte Francesco. „Das mache ich nicht weg.“
Um zwölf Uhr fand Claudile die nötige Kraft und die Energie, um endlich aufzustehen und sich zu waschen. Als sie zurück in ihr Zimmer kam, war das Malheur bereits verschwunden – nur ein feuchter Fleck auf dem Teppich zeugte von ihrem ungezügelten Nachtleben. Auf dem frisch gemachten Bett lagen frische Klamotten, ein Tablett mit einem Kräutertee und frisches Brot vom Vortag. Sie schnüffelte kurz.
Sie hatte Fritz richtig eingeschätzt. Der Mann überlebte, weil er ein Wetterhahn war und immer darauf achtete, wohin der Wind wehte, und derzeit wehte er in ihre Richtung. Er hatte sogar an Socken und Unterhose gedacht, obgleich das nicht zu seinen Aufgaben gehörte. Eine aufmerksame Geste.
„Möchtet Ihr Frühstück, Herrin?“ Fritz sah sie von der Tür freundlich an und deutete hinter sich auf die Treppe nach unten. „Ich kann euch etwas zubereiten, wenn Ihr wollt.“
„Danke, Fritz. Aber ist das nicht eher die Aufgabe von Bettina?“
„Darüber wollte ich mit Euch reden“, sagte der Haushalter. „Die Glückliche Bettina ist wohl kaum die Richtige. Ich würde mich mit einem Schreiben nach Hrolung aufmachen, um dort an der Städtischen Schule für Zofen und Hebammen eine geeignete Magd mit tadellosem Ruf suchen zu lassen. Es würde nur zwei Wochen dauern, …“
„Ich sehe dazu keine Veranlassung.“
„Sie ist eine Bürgerliche…“
Ein leises Stöhnen entrang sich ihrer Brust.
„Das sind Mägde im Allgemeinen“, wies Claudile zurecht. „Ich brauche keine Küchenmagd mit blauem Blut, ich brauche jetzt eine geeignete Kraft. Die Glückliche Bettina wurde von Francesco gestern eingestellt.“ Sie besah sich im Spiegel und zupfte an ihren roten Locken. „Schockiert, Fritz?“
„Erstaunt, Herrin.“ Sein Lächeln löste sich allmählich auf. „Wir müssen an der Etikette festhalten. Und diese vielen Kinder! Empfindet Ihr das nicht als störend?“
Die Art, wie er „Kinder“ sagte, gefiel ihr nicht.
Ganz und gar nicht.
„Nein.“
„Warum?“
Claudile richtete sich kerzengerade auf. Langsam ging ihr Fritz wirklich auf die Nerven.
„Wenn ich Francesco richtig verstanden habe, haben wir gestern viele aus der Stadt eingestellt. Ich beabsichtige nicht in nächster Zeit eine Dinner-Party zu geben, nur um dann mit dem Finger auf die Küchenmagd zu zeigen und zu sagen: Wusstest ihr schon, dass unser Personal eine tadellose Ausbildung hat? Es kümmert mich nicht.“
„Nein, offensichtlich nicht“, murrte Fritz und versuchte es sogleich anders: „Dürfte ich in einer delikaten Angelegenheit mit Euch sprechen?“
Claudile schmerzte noch immer der Kopf. „Nein, Fritz. Jetzt gerade nicht. Ich gehe nach draußen auf den Markt. Bisschen frische Luft schnappen.“
„Ihr würdet mit den gewöhnlichen Bürgern auf einem Platz sein“, platzte es aus ihm heraus.
Claudile wandte sich vom Spiegel ab. „Keine Sorge, Fritz. Sie werden mich schon nicht auf ihr niedriges Niveau herabziehen. Du musst lernen, die Angelegenheit etwas entspannter zu sehen.“
Sie wandte sich um, doch da war Fritz schon verschwunden. In der Ferne hörte sie ihn immer schneller gehen.
Ein richtig mieser Tag
1
Die Glückliche Bettina gehörte zu den Menschen, die mit wenigen Dingen im Leben sehr zufrieden waren. Wenn die Ernten gut waren, alle Familienmitglieder gesund und alles seine Ordnung hatte, war es gut. So einfach. Die Mutter von sechszehn Kindern reichte Claudile ein gegrilltes Eichhörnchen am Spieß: „Die Stände sind gut gefüllt - wie die Münzbeutel der Leute. Eure Ladyschaft habt ein schweres Erbe angetreten“, sie biss von Spieß ab, kaute lange und schluckte langsam, bis sie hinzufügte: „Wie kommt Ihr mit den Leuten zurecht?“
Claudile starrte kurz zum Eichhörnchen am Spieß. „Mehr kann ich nicht tun, als ihre Sorgen etwas zu lindern.“
„Seid Ihr glücklich hier?“
„Ich erledige meine Pflichten genauso, wie wir es von euch erwarten.“
„Das ist keine Antwort.“
„Du bist erstaunlich offen mir gegenüber…“
„Verzeiht, Fürstin.“ Sie lächelte entschuldigend. „Als Mutter weiß ich, wann es Zeit ist zu reden. Das ist der einsamste Ort der Welt, wenn man keine Freunde hat. Darum solltet Ihr Euch fragen, ob Ihr hier seid, um anderen etwas zu beweisen, oder um Euch etwas zu beweisen?“
Claudile schluckte kurz, sah auf den Spieß und gab ihn weiter an eines der Kinder von Bettina, die wie Entenküken stets an ihrer Seite zu weilen schien. Das Kind gluckste fröhlich und grabschte nach dem Spieß. „Mir selbst.“
„Das ist gut“, bemerkte Bettina und zeigte auf ein Mädchen, das etwas abseits stand. „Das ist meine Tochter dort drüben. Isabelle kommt jetzt in ein Alter, in der sie vermittelt werden muss. Sie kann gut kochen, saubermachen und auf die anderen Kinder aufpassen. Sie ist in letzter Zeit immer etwas zerstreut. Es gibt manchmal Dinge, die man einer Mutter nicht anvertraut.“
Claudile sah zu ihr herüber. Eine kleine schmächtige junge Dame mit glatten schwarzen Haar starrte zum Himmel und schien ganz in ihrer Welt versunken. „Du willst, dass ich mal mit ihr spreche?“
„Wenn Ihr kurz Zeit hättet“, beeilte sich Bettina hinzuzufügen. „Vielleicht bringt Euch das auch auf andere Gedanken.“
Claudile fuhr sich über den schmerzenden Kopf und wollte am liebsten nur fort von hier – irgendwo, wo der Schmerz einfach aufhörte. Trotzdem ermahnte sie sich selbst, sich zu zeigen. Sie nickte verstehend, schlenderte herüber und setzte sich zu dem Mädchen. „Woran denkst du?“
Isabelle verneigte sich knapp. „An die Welt, Herrin.“
„Wie es dort draußen ist?“
Ihre Blicke wanderten zum Himmel. „Kann ich auch Fürstin werden?“
Das war es also. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben. „Ich weiß, es ist schwer hinzunehmen, aber du wirst nie Fürstin sein, denn dein Blut definiert dich. Du bist hier geboren, du wirst hier arbeiten und du wirst hier heiraten und Kinder bekommen.“
Ein Schatten legte sich auf ihren Zügen. „Werde ich hier sterben?“
„Eines Tages, ja. Aber du hast eine große Familie, eine gute Mutter und einen guten Vater. Du weißt, wo sie sind. Willst du wissen, wo mein Vater ist?“
Isabelle blickte sie fragend an.
„Mein Vater ist der Große Khan von Norfesta. Er ist fort. Er verschwand einfach. Ich vermisse ihn.“
„Das ist ungerecht.“
„Ja.“ Claudile stand auf und sah sie prüfend an. „Ich beneide dich, Isabelle. Aber das ist ein Geheimnis zwischen uns, einverstanden?“
Das Mädchen nickte zaghaft.
„Geh nun, und habe Spaß. Es reicht, wenn sich die Erwachsenen Gedanken über diese Welt machen.“
Das Mädchen zögerte kurz. „Darf ich Euch etwas fragen?“
Claudile nickte.
„Wie ist es so?“
„Ein Werwolf zu sein?“
„Fresst ihr Menschen?“
Claudile stöhnte besorgt. „Nein, ich glaube nicht.“
„Ihr glaubt nicht...?“
„Ich tue es nicht“, stellte sie klar. „Meine Brüder sehen das anders, aber ich mag Reh oder mal ein Huhn. Wildschwein ist auch nicht zu verachten. Aber einen Menschen habe ich noch nie gegessen. Stelle dir vor“, sie setzte sich wieder und zeigte auf den nahen Wald, dessen Kiefern sich sanft im Wind bewegten, „du fühlst den Wald und den Wind um deinen Körper. Du riechst die Spuren der Tiere und musst nichts fürchten, denn selbst die Bären fürchten deinen Zorn. Du atmest schneller, kannst selbst die Vögel im hohen Geäst hören und die Kälte des Winters ist nichts als ein zarter Winterhauch. Freiheit. Kraft. Dominanz.“ Sie blickte das Mädchen vor sich an und strich ihr sanft über das Gesicht. „Einsamkeit. Du ahnst nicht, wie einsam man ist. Selbst in einem Rudel gibt es Streit und Neid. Das ist der Preis.“
„Klingt schrecklich.“
„Ich habe nicht darum gebeten. Genauso wenig wie du für deine Stellung. Aber wenn ich wählen dürfte“, sie nickte bedeutungsschwer mit dem Kopf. „wäre ich gerne an deiner Stelle.“
Das Mädchen starrte sie betroffen an, nickte schließlich und ging zurück zu ihrer Familie.
Claudile streifte über den Markt.
Hier und da vermieden die Leute es, in ihre Richtung zu sehen. Sie konnte spüren, dass man ihr misstraute. Das ist in Ordnung, dachte sie bei sich. Ich an eurer Stelle würde mich zuhause einschließen und mich nicht mal auf die Straße trauen. Kein Wunder, dass Pater Brain voller Gram ist und auch kein Wunder, dass Alexandra es vorzieht, als ein Mann von der Stadtwache durchzugehen.
Wo wir gerade davon sprechen…
An einem Stand bemerkte sie den Geistlichen, wie er mit einer Schürze um den breiten Bauch Kisten mit Fisch stapelte. Sein langer Bart glänzte vor Fischschuppen. An den Blicken der Leute bemerkte sie, dass der ältere Mann von allen geachtet und geschätzt wurde. Sie schlenderte langsam heran und besah sich die Auslage.
Als er sie bemerkte, lächelte er grimmig und zog langsam ein Messer zum Fischausnehmen hervor.
„Ich will nichts stehlen.“
„Du würdest auch nichts finden“, grummelte er spöttisch, schnappte sich einen Heilbutt und schlitzte ihn fachmännisch auf. „Man muss ja schließlich von etwas leben.“
„Keine Angst.“
„Ich habe keine Angst! Ich bin zu alt, um mich zu fürchten.“ Mit zwei Fingern holte er die Innereien heraus und warf sie in einen Eimer. „Was willst du?“
„Die Stadt braucht einen Stadtvogt.“
Brain hob eine Augenbraue. „Hah! Ich habe deine Tour gestern zu spät durchschaut. Du bist ein kluges Mädchen – wirfst mit ein paar Münzen um dich und machst dich Liebkind beim Volk. Sogar mich hattest du überzeugt.“ Mit beiden Fingern packte er den Fisch bei den Kiemen und hielt ihn hoch. „Du spielst den Leuten vor, dass wir beste Freunde wären, aber sobald ich dir den Rücken zukehre, reißt du mich in Fetzen und behauptest anschließend, es wären Ganoven gewesen.“
Die Spitze hatte gesessen. „Auf die Idee bin ich noch gar nicht gekommen.“
„Siehst du! Von mir kannst du noch etwas lernen.“ Brain packte den Fisch in eine Tüte, griff unter dem Tisch und stellte mit seinen von Blut besudelten Fingern zwei Becher und eine Flasche Selbstgebrannten auf den Tisch vor ihm. „Willst du einen Drink?“
Claudile nickte, ganz der höfliche Gast. Brain schüttete ihr und sich etwas ein und reichte ihr ein Glas. Nachdem er geleert hatte, sah er sie prüfend an: „Warum solltest du das tun? Warum sollte ich das tun? Wir sind keine Freunde!“
„Die Leute sehen zu dir auf. Sie brauchen Hilfe.“ Sie kippte die ölige Flüssigkeit in einem Zug herunter. „Ich bin neu hier, und Francesco war früher Soldat. Er gibt sich Mühe aber das können wir nicht allein. Du bist der Einzige, der uns die Stirn geboten hat. Ja, du hast nichts mehr. Also auch nichts zu verlieren.“ Himmel, das Gesöff war stark genug um beschlagenes Silber glänzend zu machen! „Du stehst jeden Morgen auf und leerst die Spänebottiche im Werk. Du gehst bei deinem Freund Michel auf dem Fischmarkt aushelfen und isst jeden Mittag dort Fisch, den du umsonst bekommst. Die paar Münzen reichen gerade mal so für die Miete. Du hast Kraft und du bist überzeugt davon im Recht zu sein.“
Brain runzelte die Stirn und sah sie aufmerksam an.
Für Claudile ergab die Wahl Sinn – für sie war Brain ein Querulant, ein alter Mann mit einer Vorgeschichte, der sicherlich von jedem in der Stadt akzeptiert wurde. Er war aber auch erfahren und nahm kein Blatt vor dem Mund. Er würde immer die Wahrheit sagen. Darauf baute sie. Wenn sie ihm Freiraum gab, konnte er ihr noch nützlich sein. Schlaue Tiere ließen sich leichter zähmen.
Brain fiel nicht darauf rein. „Ich arbeite nicht für dich! Für einen Werwolf arbeiten!?“
Claudile ließ sich nicht so leicht abschrecken. „Mmh, das erschwert die Sache. Ich könnte auch jemand anderen fragen“, bemerkte sie beiläufig. „Unser Haushalter würde sicherlich nicht Nein sagen.“
Brains Miene wurde eine Spur dunkler. „Fritz!? Diese kleine Ratte kriecht nur zu gerne in andere Leute Ärsche. Er ist kein moralischer Mensch.“ Brain merkte, dass Claudile ihn unter Druck setze. „Mmh, ich gebe dir Bescheid.“
„Wann?“
„Wenn ich so weit bin, verstanden?“ blaffte er. Mit seiner schwieligen Hand fuhr er sich über den langen Bart. „Ich traue ihm nicht.“
„Wem?“ fragte Claudile unschuldig.
„Fritz.“ Er bedeutete ihr näherzukommen. „Hat sich schon früh für die hohen Herren auf der Burg interessiert. Ich kenne ihn noch aus einer Zeit, in der wir beide noch grün hinter den Ohren waren. Wollte immer wie sie sein. Ganz oben. Kaum war er als Lakai eingestellt, grüßte er niemanden mehr. Irgendwann kam er nicht mehr in die Stadt. Das geht jetzt schon seit Jahren so. Mit dem Baron Mattes Lyren war er dicke.“ Er nickte bedeutungsschwer. „Sie waren Freunde, so scheint es. Es kam mir immer so vor, als wolle er lieber einer von euch sein.“
„Ein Werwolf!? Er?“ Claudile lachte trocken. „Tja, er scheint sich dafür zu interessieren. Hat ein Buch über eine Art Gottheit. Ein sakraler Führer oder so.“ Sie warf dem Geistlichen einen Blick zu. „Seltsam, oder?“
Er rümpfte mit der Nase. „Das Buch würde ich gerne mal sehen. Ich denke über deine Bitte nach. Und jetzt geh! Du vergraulst mir die Kunden!“
Claudile ließ sich nicht so leicht abschrecken. „Warte nicht zu lange“, brummte sie mit widerstrebender Zufriedenheit.
„Ah, junge Dame“, sagte Hauptmann Gaver, als er sie fast umlief. „Ist es nicht ein schöner Tag?“
Bis zu diesem Moment, dachte Claudile, und ging rasch einen weiteren Schritt zurück als ihre gesteigerten Sinne seine Abneigung gegen das Waschen mitteilten. „Du musst Gaver sein, stimmt es?“
„Ja, so ist es, nja. Hauptmann Gaver für dich, fürchte ich“, sagte Gaver und räusperte sich mit böser Vorbedacht. „Habe gehört, dass gestern Abend im Bärendrücker Glücksspiel“, für einen Moment überlegte er, bis ihm das passende Verb einfiel, „gespielt wurde. Dabei tauchte eine junge Dame mit deiner Beschreibung auf. Gestehe!“
Claudiles gelbe Wolfaugen richteten sich auf Gaver.
Gaver bedachte Claudile mit einem strengen Blick. Er sollte folgende Botschaft vermitteln: Wir wissen alles über dich, und deshalb solltest du uns alles über dich erzählen. Aber er war nicht besonders gut darin. „Dort wurde um Geld gespielt. Um eine ziemlich große Summe, fürchte ich. Du hast ziemlich viel Geld verloren, nja, das ist schade, aber du bist selbst schuld. Glücksspiel ist seit der Satzung, nja, nach der Bengelsbacher Rechtsprechung vierzehn B verboten. Angesichts der angespannten Lage wäre das genug für die Todesstrafe.“
Brain, der zufällig noch in Hörweite war, konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Hah! Gaver, zeig es ihr!“
Langsam drehten sich die Leute zu ihnen beide um. Einige wisperten, wenige tuschelten aufgeregt. Aber sie bemerkte zu ihrem Vergnügen, dass manche auch grinsten. Und sie lachten bestimmt nicht über sie.
Claudile erwiderte den Blick ungerührt. „Ich gestehe.“
„Wie lautet dein Name?“ fragte Gaver, als er begriff, dass sie der bessere Starrer war.
Claudile lächelte in die Runde und sprach deutlich und laut. „Ich gebe dir ein Rätsel auf, Hauptmann: was hat gelbe Wolfsaugen, einen Kater und hat heute noch nicht gefrühstückt?“
Kichern. Selbst Brain grinste verschmitzt.
„Nja, das Witzereißen wird dir noch…OH!“
Einige Passanten lachten hinter vorgehaltener Hand. Brain schüttelte schließlich den Kopf und zeigte Gaver einen Vogel.
„Verdammt und zugenäht“, hauchte Gaver.
„Verdammt und zugenäht, Herrin“, sagte Claudile. Wendig wie eine Viper schoss ihre Hand vor und packte seinen Arm. Noch bevor Gaver vor Schreck und Schmerz quicken konnte, hatte sie ihn schon in eine Gasse gezehrt.
„Es ist nützlich, dich zu kennen“, flüsterte Claudile. „Da bin ich mir sicher.“
„Nja, denke schon“, sagte Gaver und stand auf den Zehenspitzen.
„Du hälst Augen und Ohren offen, wie? Kennst jeden in der Stadt, was?“ Ohne den Griff zu lockern strich sie ihm mit ihrer Klauenhand über die Wange. „In jeder Stadt gibt es einen Hauptmann, der jeden Kniff kennt. Der seine Pflichten ernst nimmt. Der sich um das Wohl der Bürger sorgt.“
„Nja, ja, Herrin.“
„Ich habe einen Auftrag für dich, Gaver.“ Sie erhob sich und drehte den Kopf, als wolle sie sich vergewissern, dass auch niemand zuhörte. „In dieser Stadt gibt es eine Religionsgruppe, die im Geheimen operiert. Mit mir will niemand darüber sprechen, aber du bist aus einem anderen Holz geschnitzt.“
„Religion?“
„Ja. Halte die Ohren am Boden und hör dich mal um. Bis morgen Abend will ich was hören, Gaver. Ich weiß, dass ein Mann wie du das kann. Und es springt auch etwas für dich heraus, Gaver.“
„Was denn, Herrin?“ fragte Gaver, der Claudiles Griff als unangenehm empfand.
„Meine Freundschaft“, sagte Claudile. „Sie ist selten und kostbar.“
„Verstanden, nja.“
„Sehr gut, Gaver.“ Sie nickte ihm freundlich zu und richtete ihn wieder auf. „Du wirst es noch weit bringen. Vielleicht ernenne ich dich sogar zum Leitenden Hauptmann. Würde dir das gefallen?“
Gaver schluckte. „Sehr gerne, Herrin. Mit Vergnügen, Herrin. Nja, Ihr könnt Euch auf mich verlassen!“
„Gut, dann gehe ich mal.“ Und wasche mich gründlich.
Gaver salutierte eifrig und hüpfte davon.
Als sie zum Brunnen ging um sich die Hände im kalten Wasser zu waschen, blickte sie zum grauen Himmel. Ein Wind aus dem Norden kündigte einen Wetterwechsel an. Es war kein plötzlich aufleuchtendes Signal, wie eine aufflammende Kerze in einer mondlosen Nacht, sondern ein Sog aus der Ferne, der kontinuierlich anschwoll, sich langsam aufbaute. Tiere spürten es nahen. Das taten sie jeden Herbst. Nicht ohne Grund zogen viele Tiere in den Süden.
Ihre gute Laune verblasste, als sie zur Nordwand des nächsten Berges blickte. Menschen sahen eine weiße Wand aufragen, schräg und steil, und voller Schnee und Eis. Der Wolf in ihr witterte eine knackende Fläche voller Versprechungen. Nicht heute, nicht morgen… aber sehr bald.
Hoch im Norden kam der Winter schneller und mit weiten Schritten heran, und er würde lange anhalten, das wusste sie aus Erzählungen. Die Unterredung mit Gaver und all die kleinen Ereignisse der letzten Tage bekamen plötzlich eine ganz neue Bedeutung, als sie an Schnee und eiskalte Nächte dachte. Und an Lawinen.
Eine bedrohliche Wahrheit.
Nicht für sie. Werwölfe litten kaum Hunger und würden selten an Unterkühlung sterben.
Nein, es kam etwas aus dem Norden und wehe dem, der nicht vorsorgen konnte.
„Verzeihen Sie“, sprach sie eine ältere Frau an, die zufällig des Weges kam. „Wie lange dauern die Winter hier?“
Sie hörte geduldig zu. Langsam bekam sie eine Ahnung, von dem, was bald unweigerlich bevorstand. Ein eisiger Winter.
Feuer und Nahrung sollte die Menschen am Leben erhalten. Sofern genügend davon vorhanden war.
Sofern…
Sie warf einen prüfenden Blick auf die breiten Giebelhäuser der Stadt, auf die vermoderten Wände und die undichten Fenster. Anders als bei Menschen witterte sie die Vorboten des beinahe sicheren Todes, aber sie widerstand der Versuchung Alarm zu schlagen. Das wäre unangebracht gewesen. Trotzdem mussten sie sich beeilen. Sonst würde Claudile Alemont bald Fürstin eines Totenreichs sein.
Sie schluckte hart, als unweigerlich in ihrem Blickfeld eine einzelne Schneeflocke sacht und sanft zu Boden sank.
2
Die Tage zogen sich hin.
Die Speisekammer der Burg füllte sich mit zunehmender Geschwindigkeit – großen Dank an die Glückliche Bettina, die viele Suppenrezepte kannte und peinlich genau darauf achtete, das von allem genug da war. Ja, es würde für die Hohen Herren ausreichen. Nicht aber für die Stadt, wie Claudile im Kopf überschlug.
Mit dem Geld aus der Schatzkammer ließ sie einen vertrauenswürdigen Boten mit der Kutsche schicken, der im nächsten Ort Winterkleidung in großer Zahl sowie Mehl und gedünsteten Fisch einkaufen sollte. Gottlob verfügte die Burg über einen abschließbaren Keller, in dem die Sachen gelagert wurden. Kurzerhand ernannte Claudile zwei Männer zu Burgwächter, um Menschen in Not nicht in Versuchung zu führen. Immer öfter nahm sie bei ihren Vorbereitungen Brain in die Pflicht, der nach langen Überlegungen endlich zugesagt hatte, der neue Stadtvogt zu werden. Zu ihrem Glück nahmen die Leute ihre Befürchtungen über den nahen Winter sehr ernst. „Wir haben zwei Friedhöfe“, stellte Brain selbst klar. „Den an der Nordseite und den auf der Ostseite. Wir kennen die Kälte. Diejenigen, die nicht vorbereitet sind, liegen dort.“ Kurz und knapp.
„Wir brauchen sauberes Stroh und lassen es in der Halle auslegen“, ordnete Claudile an. „Jedem, dem kalt ist, soll sich in der Burg einfinden. Das Feuer im Kamin brennt immerzu und an Holz soll es nicht mangeln. Zur Not bitte ich die Küche ruhig ein paar Gerichte mehr zuzubereiten.“
„Man wird Euch Claudile, die Barmherzige nennen“, witzelte der neue Stadtvogt. „oder Claudile, die Übervorsichtige. Sucht es euch aus.“
Der Fürstin war nicht zum Lachen. Sobald sie aus dem Fenster sah, konnte sie eine leichte Schneeschicht draußen sehen. „Der Schnee wird zunehmen. Da bin ich mir sicher.“
„Viele sind zu stolz, um in der Burg nach einer Schlafstätte und Brot zu betteln“, bemerkte Brain. „Viele würden lieber erfrieren.“
„Haltet Ihr meine Maßnahmen für übereilt, Stadtvogt?“
„Nicht ein bisschen, verehrte Fürstin“, stimmte Brain zu. „Schaffe in der Zeit, dann hast du in der Not, sagen die Bauern. Manchmal kommen Lawinen herunter. DANN zeigt sich wirklich, wer vorgesorgt hat.“ Zusammen gingen sie durch die weiten Regale voller Pullover, Hosen, Decken und eingelegtem Fleisch und Säcken voller Mehl. „Ganz beachtlich“, meinte Brain anerkennend. „Aber es mangelt an Grog. Weiß hier niemand den Zauber von heißem Grog zu schätzen?“
Claudile warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Alkohol verwandelt Männer in Bestien. Das ist keine Taverne, sondern immer noch meine Burg.“
„Zweiunddreißig Familien“, überlegte Brain laut. „Ich kenne das vom Krieg. Man kann so gut planen wie man will, aber am Ende sitzen alle um einen Topf und kochen ihre Stiefel. Was ist das für ein Radau?“
Claudile horchte in der Ferne, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten die Treppe hinauf.
Draußen auf dem Hof traf sie Francesco, der gerade mit großen Schritten vom Stadttor auf sie zuhielt. Er lächelte geistesabwesend und fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Obwohl es recht kühl war, schien er zu schwitzen.
Im Hintergrund fuhr gerade eine Kutsche durch den Torbogen.
„Wir haben Besucher“, fragte Claudile geistesabwesend.
„Der Magistrat“, entgegnete Francesco kühl und hielt auf die Burg zu. „Er kommt viel zu früh.“
Claudile runzelte die Stirn. „Wieso habe ich noch nie etwas von einem Magistraten gehört?“
„Er ist ein Experte, wenn es um Adelsangelegenheiten geht. Komm bitte mit. Es eilt.“ Ein Hauch von Entsetzen huschte über sein Gesicht.
Die Kutsche fuhr den pflasterten Weg am Brunnen vorbei, passierte den breiten Marktplatz und rollte auf den Schotterweg zur Burg. Von nur einem einzelnen Pferd gezogen wirkte die Kutsche gewöhnlich – aber was hatte Francesco so in Sorge versetzt? Claudiles beeilte sich über den Platz zu kommen.
Als die Kutsche anhielt, war sie überrascht als ein einzelner Mann ausstieg. Der Geruch von Büchern, Mottenkugeln und strenger Wasser-Brot-Diät ging von ihm aus, sowie das hohe Alter. Tiere witterten über den Geruch Alter, Geschlecht und sogar ansteckende Krankheiten. Der Geruch vom Magistrat war reines Pergament, unverfälschtes Studium von Büchern und steriler Sauberkeit eines Klosterkämmerchens. Nur ein Mensch.
Nein, da war noch mehr.
Eine Autorität.
„Mein Name ist Sir Reynold Huckstebull Fleming“, stellte sich der Mann vor, der eine besonders breite fliehende Stirn besaß. „und ich bin Magistrat für Heraldik und Adelsgeschichte.“
„Claudile“, sagte sie und reichte ihm die Hand.
Sir Reynold schüttelte nur den Kopf. „Nein, so geht das nicht. Eine Dame von Welt stellt sich anderen immer mit dem vollen Titel vor. Versuchen wir es nochmal.“ Er öffnete ein großes in Ledergeschlagenes Buch und las daraus vor: „Ihr seid Lady Claudile, die ehrwürdige Tochter des großen Khans, unserem Herrn und Meister.“ Er sah sie kurz an. „Fürstin Claudile Salacia Aminata Urnie von Alemont.“
Claudile verzog das Gesicht. „Auch bei meinen Freunden?“
Sir Reynold schloss das Buch und seufzte. „Ihr beliebt zu scherzen. Gleichwohl möchte ich hinzufügen, dass das Amt für Heraldik und Adelsgeschichte entscheidet, wer wirklich zum Adeligen taugt oder nicht. Jene, die tun, was getan werden muss, ernsten selten Lohn. Dafür gibt es viele Beispiel, und leider lässt sich nichts daran ändern.“ Seine Stimme verlor ihren kummervollen Klang, als er fortfuhr: „Ich habe schon viele Werwölfe in unserem Reich unter die Lupe genommen, wenn ich es mal so ausdrücken darf, und nur die wenigsten haben sich Mühe gegeben, den Ansprüchen gerecht zu werden.“
„Das heißt, ihr entscheidet, ob ich zur Fürstin tauge oder nicht. Und wenn ich euren Ansprüchen nicht gerecht werde?“
„Zwei meiner Vorgänger wurden getötet, weil den neuen Herren ihr Urteil nicht gefiel“
„Ich frage mich, warum.“
„Nichtsdestotrotz steht und fällt mein Urteil mit Eurem Betragen. Lasst mich nur hier und da einige Beobachtungen machen, um gerecht zu urteilen. Gemäß dem Fall, das ihr gewogen, gemessen und begutachtet werden und das Urteil negativ ausfällt, wird Euch der Titel aberkannt. Dann gehe ich wieder und könnt weiterhin hier residieren, wie es Euch beliebt. Doch die Konsequenzen würden… sich bemerkbar machen.“
Claudile war schlau genug, nicht zu fragen, was genau dann passieren würde. Bestenfalls würde man sie einfach gegen einen neuen Fürsten austauschen. Schlimmstenfalls davonjagen. Sie hatte genug Vorstellungskraft, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Plötzlich wurde ihr heiß und kalt.
Sie verbeugte sich leicht und bemühte sich um einen unterwürfigen Ton: „Ich denke, ich habe verstanden.“
Er nickte knapp und sah sie von unten bis oben an. „Interessante Garderobe, die Ihr da habt.“
„Nun, wisst ihr…“
„Frauen sind in der Adelshierarchie nie selbstständige Menschen. Wenn sie auch nicht Sklaven sind, so sind sie auf sozialer Ebene und auch juristisch eher als unfreie Menschen zu betrachten. Sie werden immer nur in Bezug auf die umgebende Familie gesehen und bewertet, das ist das Ergebnis des ersten Kapitels von Stüversand aus seinem Werk. Ein Ausbrechen aus dem vorgegebenen Rollenbild wurde und wird negativ bewertet, eine Erfüllung der gewünschten Rolle wird nicht nur positiv gesehen, sie hat auch rechtliche Auswirkungen: Je mehr Kinder einer Frau das Erwachsenenalter erreichten, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Frau das „ius liberorum“ zuerkannt wurde: Sie wurden frei von der sogenannten Geschlechtsvormundschaft.“
„Meint er, ich solle viele Kinder bekommen? Nur, um dann über mich selbst bestimmen zu können?“
„Das wäre gesellschaftlich akzeptabel.“ Er nickte freundlich und deutete auf ihre Männerhose. „Beginnen wir doch mit dieser unangemessenen Tracht. Wo ist eure standesgemäße Bekleidung?“
„Die Gesellschaft kann mich mal“, platzte es aus ihr heraus.
Francesco stand hinter Sir Reynold und machte mit Gesten deutlich, was er von ihrer Äußerung hielt.
Sir Reynold verzog keine Miene dabei. „Adelige sind unter anderem auch „Ordnungshüter“. Wenn nicht eine Instanz da ist, die dafür Sorge trägt, dass geltende Gesetze eingehalten werden, dann hat die Gesellschaft ein Problem! Ich verweise auf Marta III. aus dem Königsgeschlecht und Fürst Philipp den Jakobiner als Beispiel. Beide hielten die Normen nicht ein, fordern damit lautstark die Ordnung heraus. Ihre Geschichte nahm ein schnelles Ende.“
„Wie meint er das, Francesco?“
„Er meint, dass du als Vorbild fungierst.“
„Bemüht Euch ruhig redlich“, warf Sir Reynold lächelnd ein. „Ich werde noch den ganzen Tag hier sein. Nun gut, dann besichtige ich jetzt die Burg. Euer Zuhause.“
Gewogen, gemessen…
Verdammter Mist! Ausgerechnet.
Der Finger des Aristokraten strich prüfend über einen Bilderrahmen. „Ihr seid noch nicht lange hier tätig?“ Mit angewiderten Gesichtsausdruck begutachtete er das Resultat und runzelte leicht die Stirn. „Wo sind Eure Angestellten? Die Küchenmagd, ein Diener, der Gärtner…“, er vollführte eine Geste und drehte sich einmal im Kreis. „Alles wirkt so… unfertig.“
„Wie kommt es, das hier jetzt hier auftaucht?“
„Mir wurde zugetragen, dass ich baldmöglichst erscheinen darf“, antwortete er knapp. „Wie kommt es, dass Ihr nicht vorbereitet seid?“
Ich dachte, ich hätte noch Zeit, dachte Claudile bitter. Oh, das geht böse aus!
Francesco versuchte es mit Heiterkeit. „Wie wäre es mit einem schönen Wein und wir besprechen das alles bei einem lodernden Feuer im Kamin?“ Nach den Schweißperlen aufs einer Stirn verstand Francesco sehr gut, was hier gerade passierte. Das war eine Prüfung – vielleicht die Prüfung ihres Lebens, und Claudile hatte sich nicht genügend darauf vorbereitet.
Das war nichts, das man mit roher Gewalt oder mit schönen Worten beheben konnte.
Natürlich wurde es noch schlimmer.
Just in dem Moment wurde es laut. Infernalischer Lärm drang aus der Küche und ließ Claudile hochschrecken. Was denn jetzt?
In der Küche wurden sie fündig. Auf der einen Seite standen die Glückliche Bettina und ihre sechszehn Kinder und ein Mann, der sie im Arm hielt und auf der anderen Seite Fritz, der Haushalter, wie er Töpfe und kleine Fässchen vor sich auf dem Tisch aufgereiht hatte.
Claudile, Francesco und der Magistrat sahen sich fragend an und stellten sich dazu.
„Ich habe nichts dergleichen gestohlen“, sagte gerade Bettina. Die Farbe in ihrem Gesicht wechselte ins Fleckige. Der Mann neben ihr musste ihr Gatte sein, mutmaßte Claudile, denn er nahm sie beschützend in den Arm und versuchte sie zurückzuhalten.
Fritz stützte die Fingerknöchel auf den Tisch vor sich und beugte sich vor. „Ach, jetzt habe ich wohl keine Augen mehr im Kopf, wie? Was für eine Frechheit! Die meisten von euch können froh sein, dass ihnen jemand überhaupt eine Arbeit gibt. Halunken, Diebe, Schnorrer! Mir reicht es endgültig mit euch!“
„Alles ist ruhig und friedlich!“ beeilte sich Claudile zu sagen und wollte den Gast hinausbegleiten, doch mit unverhohlenem Interesse wich er ihrem Arm aus und stellte sich näher zum Haushalter. Sein süffisantes Lächeln wirkte sehr entmutigend. „Probleme mit der Belegschaft, guter Mann?“
„Ich war von Anfang an dagegen, diese“, Fritz holte tief Luft und deutete auf die Familie, als wäre sie Abfall in seinen Augen, „diese Taugenichtse einzustellen! Ich weiß, was sich gehört! Ich hatte darauf bestanden, nur ausgebildetes Personal einzustellen. Aber hat man auf mich gehört? Nein, natürlich nicht…“
„Sehr bedauerlich“, pflichtete Sir Reynold bei.
„Was ist denn passiert?“ fragte Francesco.
„Genau das meine ich! Ein fauler Apfel verdirbt den ganzen Korb!“
„Wohl eher eine Tonne Äpfel“, hörte sich Claudile sagen und fragte sich im nächsten Moment, warum sie das gesagt hatte. „Jetzt wollen wir uns erstmal beruhigen. Was ist passiert?“
Die Glückliche Bettina wirkte überhaupt nicht glücklich. Ihre Kinder drängten sich ängstlich in einem Pulk um sie herum. „Er behauptet, wir würden Essen stehlen. Das haben wir nicht nötig, sage ich.“
„Wo ist der Zucker hin?“ fragte Fritz drohend und zeigte wie es schien aufs Geratewohl auf eines der Kinder. „Du da! Du kaust doch die ganze Zeit! Hast wohl dir heute den Bauch vollgeschlagen, was?“
Der Mann an ihrer Seite – Claudile erinnerte sich, dass er als Müllkutscher arbeitete – erhob sich zu seiner ganzen Größe und krempelte beim Sprechen die Ärmel hoch: „Jetzt hör mal zu, du Floh! Wenn meine Frau sagt, sie hat nichts gestohlen, dann hat sie nichts gestohlen!“
Bettina warf ihrer Herrin einen flehentlichen Blick zu. „Ich schwöre bei meinen Ahnen! Sowas tun wir nicht. Ihr müsst mir glauben!“ Sie war den Tränen nahe.
Claudile wollte ihr glauben – Ach, was! Sie glaubte ihr. Und eigentlich war es ihr egal, denn die Speisekammer war mit frischem Essen zum Bersten voll und Geld gab es genug. Aber der Zeitpunkt… war mehr als schlecht gewählt.
Der Zeitpunkt. Etwas in ihrem Kopf klingelte verschwörerisch, aber der Gedanke hielt sich hartnäckig hinter Panik, denn der lauernde Blick des Magistraten sprach bereits Bände.
„Da reicht man ihnen die Hand – und sie reißen dir jeden Finger ab!“, triumphierte Fritz dabei. „Mir tut es leid, dass Ihr das mit ansehen musstet, Herr.“
Der Magistrat bedachte ihn spöttisch und deutete mit einem Blick zu Claudile zur nächsten Tür. „Ich denke, das wird heut ein kurzer Besuch. Können wir?“
Völlig überrumpelt stand sie da. Was passiert hier gerade?
Zu Schnell. Viel zu schnell.
Und gerade in dem Moment, als Claudile dachte, es könne nicht mehr schlimmer kommen, bewegte sich die Erde.
3
Es begann mit einer kleineren Rutschung leise und schleichend und hatte den bekannten Domino-Effekt. Vor vierzig Jahren hatte sich eine ähnliche Rutschung ereignet und ließ jeden Bergbewohner in Gedanken daran das Blut in den Adern gefrieren. Das hier war schlimmer.
Oberhalb des Bergmassivs löste sich eine Eisplatte und rutschte nach unten. Ehemals stabile Eisfelder hatten sich wie Adern jahrhundertelang in den Sedimenten gebildet und wurden durch das Schmelzwasser mehr und mehr ausgehöhlt, bis alles zusammenbrach. Der Prozess hatte schon im Frühling begonnen und durch den nahenden Winter – fast ein halbes Jahr später – den Ablauf beschleunigt. Die Kälte der Nordwinde festigte nicht den Grund, sondern beschwerte die obere Fläche mit zunehmenden Neuschnee, was zum Einsturz der Sedimente führte. Während immer neuere Schichten kollabierten setzte eine Kettenreaktion ein, die nicht mehr aufzuhalten war. Die letzten stabilen Strukturen wurden just gegen Mittag von den herunterstürzenden Massen zermalmt und der ganze Südhang geriet in Aufruhr. Zum Südwesten hin fiel die Bergwand in mehreren Terrassen zwar senkrecht in die Tiefe, was die Wucht der Lawine erheblich abmildern würde aber bei den Massen gab es kein Halten mehr: der Berg würde reagieren und würde das Schrecklichste aller Ungeheuer losschicken.
Eine Lawine war das schlimmste von allen Ungeheuern. Es versetzte auch den abgeklärtesten Verstand in Panik, denn sie brachte Tod und Zerstörung und ließ sich nicht aufhalten. Wer dem Schauspiel zusehen konnte und sich dazu entschloss, sich in der sicheren Stadt zu bringen, brachte über sich selbst das Todesurteil. Der entstehende Sog des Bruchs zermalmte Steine wie auch Bäume und die Wellen rasten ringförmig nach allen Seiten los. Die gesamte Geröllmasse geriet in Schwingung und konnte bis an die vierhundert Stundenkilometer erreichen. Die erste Welle transportierte eine Million Tonnen Schnee und eine entsprechende Menge Energie. Kurz vor der Stadt Blagrhiken wurde der Boden flacher, was die Masse abbremste aber nicht verlangsamte. Die Schneemassen türmten sich auf, da der Boden flacher wurde und die Welle erreichte eine Höhe von zwanzig Metern. Gewöhnliche Lawinen von zwei Metern Höhe waren keine Aufregung wert und hätten nur dafür gesorgt, dass das die Bewohner sich eiligst in ihre Häuser verzogen und auf den nächsten Tag warten mussten. Als die ersten Alarmglocken schrillten, wussten nur die wenigen Eingeweihten, dass mit der Lawine der Tod kam.
Die Burg war solide aus festem Stein erbaut worden, doch es war nicht nur weicher Schnee, der mit der Gewalt von Riesen auf die Mauern eindrosch: Bäume und Steine trommelten ein Stakkato, das die Menschen dahinter fast taub wurden. Baumstämme rasten durch die Fenster, zerstörten das Mobiliar als wären sie aus Pappe und begruben alles unter sich mit Schnee. Wer nicht erschlagen oder aufgespießt wurde, wurde von dem Sog mitgerissen und lief Gefahr gegen die Wände geschleudert oder zermalmt zu werden. Wer sich unter Tonnen von Schnee und mit heiler Haut widerfand, lief Gefahr zu ersticken oder zu erfrieren.
Claudile sah die tosende Wut durchs Fenster kommen, stieß den Magistraten beiseite und hechtete zur Familie hin, um sie zu schützen – im gleichen Moment wusste sie, dass sie nichts ausrichten konnte. Nur Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt bohrte sich der Stamm einer Kiefer in den Boden, während um sie herum alles dunkel wurde. Mit Mühe hielt sie sich an der Mauer fest, um nicht in den Flur mitgerissen zu werden, doch ihre Kraft versagte gegen die Kräfte der Natur. Ihre Muskeln spannten sich, die Krallen kratzten über Stein und hinterließen tiefe Spuren – umsonst. Die Lawine begrub sie unter sich und trug sie durch die Tür und hinunter in den Keller.
Schließlich wurde es um sie herum alles schwarz.
Sie konnte nicht aufhören zu schreien, starrte ins Pechschwarze und fühlte sich eingeklemmt. Das Tier und die Frau in ihr gellten panisch um Hilfe, wollten ausbrechen und alles zerfetzen. Ihre Ohren klingelten wie verrückt, während ihre Lungen nach Sauerstoff lechzten und brannten. Was sollte sie jetzt tun? Was wurde von ihr, dem dressierten Hund, erwartet? Sie ahnte, dass um sie herum es anderen ähnlich erging. Sie wollte nicht sehen, was in der Stadt gerade los war. Und sie wusste auch nicht, ob sie überlebt hatte.
Ihre Klauenhand bekam einen Balken zu fassen und sie zog sich heran, während Schnee, Eis und Geröll um sie knirschten. Sie konnte mit ihrer Kraft zehn Männer töten – und fühlte sich jetzt so hilflos wie ein Kätzchen unter einem feuchten Berg Wäsche. Ganz gleich, was sie tat: es würde nicht genug sein. Es würde nicht reichen. Gib es zu! Es hat niemals gereicht.
Ihr wurde bewusst, was sie fühlte. Sie hatte es gefühlt, als sie gezwungen war, ihren ersten Menschen zu töten, als ihre beste Freundin gestorben war, das Gefühl, das es Zeit war zu gehen, dass es ihr besser ginge, wenn sie tot war.
Es beherrschte sie wieder völlig, als ob es sie nie richtig verlassen hätte. Etwas in uns wollte immer sterben. Keine Vergebung – es gab nie Vergebung im Leben. Was sagte es über eine Person aus, die all die Personen, die sie geliebt hatten, überlebt hatte?
Sie bekam den Kopf frei und stieß gleich mit ihm an die Decke. Gierig saugte sie die Luft ein und verschluckte gleich jede Menge Staub, der sich auf der Eisfläche wie Puderzucker zu haften begann. Sie hustete stark und spürte ihre Beine nicht. Kälte kroch langsam in ihre Knochen – ungewöhnlich für einen Werwolf, denn selbst nackt konnten sie im höchsten Norden Nächtelang ohne Schutz ausharren. Eine neue Erfahrung – jetzt bekam sie wirklich Panik!
Ein unrühmliches Ende für eine der reinsten Geschöpfe unter den Werwölfe. Sie hatte immer geglaubt im Kampf zu sterben oder alt im Kreis ihrer Familie langsam zu entschlafen. Pustekuchen! Tief im Keller unter Tonnen von Schnee und Geröll. Das war ihr Grab.
Oder auch nicht…
Francesco. Alexandra. Mutter. Brain.
Gut, vielleicht nicht Brain.
Sie wollte sie wiedersehen. Um jeden Preis.
Leben.
Sie verfiel in Raserei, bis sie schwitzte. Knackend und knarrend gab die Decke nach und sie schaufelte sie nach draußen. Unbeirrbar. Die nutzlosen Beine hinter sich herziehend.
Verdammte Etikette.
Verdammtes Fürstentum.
Die neue Wut über alles verlieh ihr zusätzliche Kraft und sie stemmte sich gegen die Masse, bis die Zähne knirschten. Dann… Licht!
Hände griffen nach ihr, packten sie an den Armen und an den Schultern und zogen sie heraus.
Sie hatte es geschafft.
Mit einer Decke um die Schulter saß sie frierend da und blickte wild um sich, während überall das reinste Chaos herrschte. Aufgeregt liefen Menschen herum, doch sie verstand kein einziges Wort. Noch immer klingelten ihre Ohren und sie fühlte sich verletzlich. Allein.
Francesco brachte sich in ihr Gesichtsfeld und wedelte mit den Armen. Formte seinen Mund, als wolle er sprechen. Während sie gebannt auf seinen Mund blickte, dachte sie daran, dass er wie ein Fisch aussah. Er wollte etwas sagen.
Langsam kam ihr Gehör zurück.
„… Glück. Wir hatten unverschämtes Glück. Vor allen Dingen du! Kannst du mich hören?“
Sie starrte ihn sprachlos an. Dann ergriff sie seine Schultern und zog ihn an sich heran. Hielt ihn fest.
Und weinte leise in den Armen ihres besten Freundes.
Sie wunderte sich über sich selbst. Sie hatte noch immer Angst eingesperrt zu sein, obwohl sie über sich den freien Himmel sehen konnte. Ihr wurde speiübel bei dem Gedanken daran.
Langsam stand sie auf. Gottlob gehorchten die Beine wieder, was ein Glück war. Außer Schrammen und einigen Prellungen hatte sie sich nicht getan. Als sie ihren Blick wandern ließ, bemerkte sie, dass sie zu den wenigen Glücklichen gehörte.
Sie war auf dem Marktplatz und um sie herum schrien und weinten Menschen, während manche Häuser heil und manche gar nicht existent waren. Um sie herum zu viel Gewusel, zu viel Bewegung, zu viel Geschrei. Sie schloss die Augen und presste die Hände auf die Ohren.
Mach, dass es aufhört!
Sie schrie.
Mit einem Mal wurde es still. Sie öffnete die Augen.
Alle starrten sie an.
Sie konnte sich kaum aufrichten. Ihre Muskeln zitterten.
„Hört her“, sagte sie laut und erschrak, wie brüchig sich ihre Stimme anhörte. „Hört her!“
Jetzt lauter.
„Wir… müssen die Verwundeten in die Burg bringen. Wir haben dort Decken, Stroh und Nahrung. Wir werden den Kamin anmachen und unsere Kräfte sammeln. Wir sind vorbereitet. Und wir werden nach Überlebenden suchen.“ Die Menge sah sie stumm an.
Dann bewegten sie sich plötzlich Richtung Burg. Gut so. Geht ruhig.
Sie sah ihnen nach und spürte, dass es das Richtige war.
„Die Leute kommen in Gruppen zu zweit oder dritt in die Burg und berichten, dass in der Stadt noch Menschen sind, die zu erschöpft sind oder zu viel Angst haben, sich zu rühren. Es sind achtzig Menschen gerade in der Burg und Francesco gibt Anweisungen, nach Überlebenden zu suchen.“ Brain, seines Zeichens Stadtvogt und Geistlicher, bekreuzigte sich und blickte ängstlich zum Himmel hoch. „Wir hatten unverschämtes Glück.“
„Unverschämtes Glück“, wiederholte Claudile und blickte auf die Schneise der Verwüstung, die sich mitten durch die Stadt gefressen hatte: Balken, Ziegel, Holz und Stein zeugten von ehemaligen Menschenbehausungen. „Die Stadt ist tot, Brain. Sie dich doch mal um“, krächzte sie heiser.
Der Mann vor ihr strich sich über den langen Bart. „Quatsch.“
„Bitte?“
„Sie waren alle auf dem Markt, Claudile“, gab er schroff zurück und fasste sie hart an den Schultern. „Du begreifst offensichtlich nicht, wie es gerade um uns steht. Wir haben bis jetzt drei tote Männer geborgen und wir suchen immer noch. Das Sägewerk hat wie durch ein Wunder alles überstanden. Unsere Ärzte sind schon an der Arbeit. Du hast vorgesorgt. Verstehst du denn nicht?“
Claudile starrte apathisch an ihm vorbei.
Er stöhnte leise, als er sich neben sie setzte. „Du bist zu streng mit dir.“
„Gut möglich, dass ich bald keine Fürstin mehr bin.“
„Warum?“
Sie erklärte es ihm stockend.
Er nickte knapp und dann tat er etwas, mit dem sie nicht rechnete. Er nahm sie beiseite. Hielt sie fest. So hatte sie ihr Vater immer gehalten. Fester Griff um Schultern und der kratzige Bart im Nacken.
Sie lächelte dankbar.
Es war, als ob sie jahrelang fort gewesen sei, fern aller Menschheit. In der Burg angekommen, begegnete sie vielen Menschen, und alle wollten auf einmal reden. Auch gut, sie hatte sowieso nichts zu sagen. Sie fürchtete sich vor Erklärungen, die sie würde abgeben musste.
Die Burg war voller Stimmen. Überall trafen sich kleinere Gruppen und redeten immerfort, oder aßen schweigend, was die Küche bereithielt.
„Wie geht es Euch?“
„Gut. Mir geht es gut.“
„Wir verteilen Essen und Kleidung. Sie werden alle über Nacht bleiben wollen.“
„Mir ist das gleich.“ Das war es wirklich. Sie wollte nur noch ins Bett und den ganzen Tag am liebsten vergessen. Sie hörte Stimmen von oberhalb des ersten Stocks, selbst durch die Mauern. Die Tür öffnete sich vor einer Wand aus Menschen. Jemand hatte die Fackeln in den Wandhalterungen angemacht, sowie den großen Kamin befeuert. Gut, dazu waren sie ja da. Sie erkannte die kleine Isabelle und ihre Mutter, wie sie mit Tabletts herumliefen, dann war noch Brain da, der mit dem Magistrat sprach und noch viele andere Gesichter, die sie im Laufe der letzten Tage gesehen hatte. In einer Ecke nahm sie Fritz war. Wie er sie anstarrte und mit verschränkten Armen ausdruckslos wie ein Beobachter aussah. Fritz.
Irgendetwas war mit Fritz. Etwas in ihrem Kopf wollte sich Gehör verschaffen, aber ihr wollte nicht einfallen, was. Sie nickte ihm knapp zu.
Er reagierte nicht darauf.
„Wie fühlt Ihr euch?“ wollte ein Medicus wissen und besah sich fachmännisch die zahlreichen Schrammen und Schürfungen an. Erst jetzt merkte sie, dass sie fast buchstäblich nackt war. Die Hose und das Hemd lagen in Fetzen.
„Gut. Ich will nur schlafen.“
Oben in ihrem Zimmer hörte sie nur noch das leise Hallen der Stimmen im Saal und wusste, dass sich von nun an alles selbst regeln ließ. Suchgruppen würden losziehen und die Leute zur Burg bringen. Die Küche würde bis spät in die Nacht kochen und die Menschen bewirten. Müde und Verletzte würden hier eine sichere Bleibe finden. Sie konnte nichts mehr tun.
Müde und erschlagen ließ sie sich aufs Bett fallen.
Doch sie war nicht allein.
Sie schnüffelte kurz, und lächelte.
Alexandra legte sich zu ihr. „Ich dachte, du wärst tot.“
Wenigstens war sie nicht allein. Tier und Mensch in ihr begrüßten den Gast mit zurückgeschlagener Decke und beide teilten sich die Wärme.
Ermittlungsarbeit
1
Hauptmann Gaver hatte seine lange Kaffeepause beendet und schlenderte langsam über die Straße um seine alte Uniform zu lüften. Er ging wie ein Mann, der den ganzen Tag Zeit hatte. Nach außen hin wirkte Gaver auf die Städter wie immer – die Inkarnation von liebenswürdiger Inkompetenz und immer etwas zerstreut. Doch was kaum jemand ahnte, war die Tatsache, dass es momentan in seinem Verstand knisterte und knarrte. Er hatte einen Auftrag. Eine Mission. Einen Fall, der einen ganzen Wachmann bedurfte.
Gaver erinnerte sich gut an den Auftrag der Fürstin, wie sie ihm auftrug, nach einer geheimen religiösen Vereinigung zu suchen. Irgendwo in der Stadt wurde hinter vorgehaltener Hand also gebetet; sprich gegen das Gesetz der Werwölfe strikt verstoßen.
In vielen Teilen der Stadt gab es Gruppen von Männern und Frauen, die umhergingen oder still an einem Ort standen. Gaver hatte wie sonst auch seine Ohren offengehalten und war seinem Tagwerk nachgegangen. Wie üblich hatte ihn kaum jemand bemerkt, denn Gaver war wie für die Städter wie eine stadtbekannte streunende Katze, die hier und dort mal auftauchte und dann wieder verschwand. Er gehörte zum Stadtbild irgendwie dazu.
Nach wenigen Tagen kam der wichtigste Mann der Stadtwache zur folgenden Erkenntnis: es gab keine religiöse Gruppierung und wenn es sie gab, dann operierte sie im geheimen und war vor aller Augen verborgen.
Am nächsten Morgen, einen Tag nach der Lawinenkatastrophe von Blagrhiken, legte Gaver seine Lieblingslektüre „Tante Agathe und die Suche nach dem Pantoffeldieb“ zurück in das einzige Bücherregal der Stadtwache – neben ähnlich zerlesenen Werken wie „Almanach für junge Wächter“, „StGB Blagrhiken“ und seinem persönlichen Meisterwerk „Was hinter verschlossenen Türen so passiert“. Viele dieser Bücher wiesen Teeflecke, abgenutzte Seiten aber vor allem handschriftliche Zettel auf, die wie Zungen aus den Büchern ragten.
Gedankenverloren starrte er aus der offenen Tür raus auf die Straße, während sein bester Freund und Kamerad Korporal Axel Tee kochte.
Gaver klopfte sich an die Nase. „Ein Sturm zieht auf, Axel.“
„Wenn du das sagst, Gaver“, erwiderte Axel und schaute auf die Trümmer der ehemals so belebten Stadt. „Möglich, dass er schon da war.“
„Nja, im übertragenen Sinn, Axel.“ Der Hauptmann rekelte sich in seinem Thron und setzte eine gewichtige Miene auf. Gewisse Vorkommnisse erschienen ihm nun klar wie Kloßbrühe. „Ich denke, da draußen gibt es jemanden, der nicht mit offenen Karten spielt.“
„Wie kommst du darauf?“ fragte Axel.
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Axel eigentlich Alexandra Häberlein hieß.
„Die Fürstin war sehr deutlich, Axel.“ Er nickte seinen Korporal beiläufig an. „Ist dir etwas aufgefallen?“
„Was… meinst du?“
Er schnalzte mit der Zunge. „Du musst lernen, hinter den Fassaden zu schauen, nja. Dort draußen beten Menschen zu Götter. Aber ich weiß nicht, wer. Ist gegen das Gesetz. Das will sie nicht. Was tun?“
„Sag ihr, dass du nichts gefunden hast“, bemerkte sein Korporal geduldig und schüttete ihm Tee in seine Tasse ein. Und damit wäre wieder einmal ein Fall beendet gewesen – auf eine Gaver-typische Art: Der Schuldige ist nicht zur Wache gekommen und hat sich ergeben – also ist der Fall nicht zu lösen.
Diesmal nicht. Ehrgeiz machte sich im Oberstübchen des Hauptmanns breit und ließ ihn nicht mehr los. „Warum betet jemand zu einem Gott?“
„Weil er etwas will, schätze ich.“
„Etwas, das er vorher nicht hat? Nja, möglicherweise“, grummelte er leise und versuchte analytisch vorzugehen. „Meine Großmutter betete zu Lofl, dem Gott der Waisen. Lofl war ein guter Gott, der die Barmherzigen mit Gold und die Waisen mit Süßigkeiten belohnte. Dann wurde der Tempel geschlossen. Schade, eigentlich. Nja, leckere Schokoladenplätzchen.“ Er wischte sich mit dem Ärmel kurz über den Mund.
„Worauf willst du hinaus?“
„Die Leute beteten zu Lofl, damit er die Waisen beschützte und ihre Großzügigkeit honorierte. Aus Eigennutz. Hat mich nie gestört. Faszinierender Gedanke. Denkst du, die Leute von Blagrhiken beten zu einem Gott?“
Der Korporal hielt in seiner Arbeit inne. „Welcher Gott sollte das sein?“
„Zuerst die Frage, was wollen sie?“ flüsterte Gaver und versuchte angestrengt auszusehen. „Seit die Fürstin hier ist, geht es uns allen gut. Das sagen alle.“
„Ja, das stimmt.“
„Sie ist freundlich und hat den Leuten vieles abgenommen, nja. Warum sollten sie zu einem Gott beten?“
Jetzt kam Axel nicht mehr mit. „Du denkst, dass es keinen Grund dafür gibt? Dann sag ihr das. Sag ihr, dass ein Gott überflüssig ist, wenn alle glücklich sind.“
„Nja, wer hätte was davon?“
Der zweitwichtigste Mann der Wache schüttelte nur den Kopf. „Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken.“
„Brain war erst sauer, aber jetzt wirkt er zufrieden, nja. Er war doch mal Geistlicher. Gehen wir die Liste der Verdächtigen durch.“ Er holte einen gefalteten Zettel aus einer seiner Taschen und legte ihn offen vor sich auf dem Tisch. In ungelenker Handschrift standen Namen aller Personen, die zurzeit in Blagrhiken wohnten und einer Tätigkeit nachgingen. Gaver dachte an die Gräfin Agathe aus seinem Lieblingsbuch, die sich stehts viele Notizen machte und war in dem Moment stolz auf sein detektivisches Geschick. Mit all dem Hintergrundwissen fühlte er sich bereit das Verbrechen des Jahrhunderts aufzuklären. Zugegeben, es mangelte an Leichen oder an gestohlenem Gut, aber das stellte Gaver nicht vor einem Problem.
„Die Frage ist“, fachmännisch legte Gaver seine breiten Finger aneinander und wippte mit dem Stuhl. „wer immerzu unzufrieden ist. Er könnte uns sagen, nja, wer Interesse daran hat, eine religiöse Gruppierung zu bilden.“
Axel dachte über diese profunde Frage nach und prüfte sie aus verschiedenen Blickwinkeln. „Äh… ja,“ antwortete er schließlich.
„Fällt dir jemand ein, der immerzu unzufrieden ist“, fragte Gaver plötzlich lauter, langte nach einem Stift und kreiste den Namen ein. Dann zeigte er das Blatt Papier.
„Du meinst…“
„Er beschwert sich immerzu. Die Leute reden schon. Ich bin mir fast sicher!“
„Ein fast reicht da nicht, Gaver“, bemerkte Axel trocken. „Du brauchst Beweise.“
„Ich werde ihn im Augen behalten, Axel. Das könnte der Fall meines Lebens werden!“
Axel – eigentlich Alexandra Häberlein – war kein gebildeter Korporal und konnte weder schreiben noch lesen. Doch selbst wenn er in einer viel aufgeklärteren Zeit gelebt und viele Kriminalromane gelesen hätte, so würde er wie jetzt zum folgenden Schluss kommen: man brauchte Indizien, ein Motiv und vor allen einen begründeten Verdacht um gegen eine Person zu ermitteln. Gaver war einem Inspektor des Scottland Yard gedanklich und fachmännisch so weit entfernt wie eine Kuh dem Mond. Und doch ahnte niemand, dass Gaver einmal in seinem Leben voll ins Schwarze getroffen hatte.
Es wurde Zeit gegen Fritz, den Haushalter zu ermitteln.
2
Als erstes besuchte Claudile die Küche und war froh, die Glückliche Bettina nebst Anhang arbeiten zu sehen. Ihre besorgten Mienen erinnerte sie an die Gesichter von Menschen, die viel Leid und Elend gewohnt und sowohl mit Stolz als auch mit Armut gestraft waren. „Bitte setz dich zu mir.“
Die mehrfache Mutter und Küchenmagd blickte zu ihren Kindern, die zu Claudile sah und dann nickte. Sie war intelligent genug, den Unterschied zwischen einer Bitte und einer Anweisung zu erkennen.
„Ihr möchtet sicherlich, das wir gehen, Herrin.“
„Zeig mir zuerst die Speisekammer.“
Der Raum war nicht besonders groß, doch die Regale vom Boden bis zur Decke waren voller Einmachgläser, frisch geräucherten Würsten und Schinken, Körbe voller Obst und frisch gebackenem Brot. Claudile rechnete in Gedanken die Menge der Arbeit in Stunden, subtrahierte das Ergebnis durch den Umstand, dass gestern fast einhundert Männer und Frauen essen wollten und kam zu dem Schluss, dass jemand ununterbrochen arbeitete – entweder das, oder die Glückliche Bettina wurde des nachts von Mainzelmännchen besucht.
„Diese hier sind für Eure Ladyschaft reserviert“, gab Bettina kurz angebunden zurück und faltete die Hände im Schoß. Schwielige Hände, die so manchen Teig gerührt hatten.
Claudile schloss die Tür und wandte sich um.
„Ich glaube, dass manchmal… Vergünstigungen mitgenommen werden.“
Es wurde still.
„Weist du, woher ich das weiß?“
„Nein, Herrin.“
„Weil ich es so machen würde.“ Claudile kratzte sich ungelenk am Rücken und stöhnte verdrießlich. „Ich meine, da liegt das ganze schöne Essen und wird möglicherweise schlecht und jedes Kind weiß, dass Werwölfe viel lieber auf die Jagd gehen. Gestern hatte ich zuletzt zwei Kaninchen, als ich… unterwegs war. Ab und zu hole ich mir einen Apfel hier aus der Küche. Die schmecken köstlich. Zuerst das rohe Fleisch, und dann das Süße“, sie wischte sich kurz über den Mund um den Speichelfluss zu unterbinden. „Verstehst du, was ich sagen will?“
„Verliere ich meine Stellung, Herrin?“
Es wurde still.
„Hier, nimm mein Taschentuch“, sagte Claudile und reichte es ihr. „Ich weiß es, und du weist es. Ich rechne sogar damit, einverstanden? Niemand verliert seine Arbeit.“
„Danke, Herrin. Ich ahnte schon das Schlimmste.“ Sie schnäuzte sich geräuschvoll die Nase. „Es ist nicht leicht mit so vielen Kindern und bis jetzt konnten wir uns nicht beschweren. Im Gegenteil. Meine Kleinen sind gerne hier. Hier ist es warm und gemütlich.“
„Bleibt, solange ihr wollt.“ Sie grunzte leise, als sie an Fritz denken musste. „Kann es sein, dass euch der Haushalter nicht leiden kann?“
„Komisch, dass du fragst“, antwortete Bettina ein bisschen mutiger und reichte das benutzte Taschentuch. „Der blöde Gaver war heute Morgen früh hier und hat genau dasselbe gefragt.“
„So? Bitte behalte das Taschentuch…“
„Ah, hier gibt es Frühstück“, sagte eine vertraute Stimme und der Schrecken des gestrigen Tages legte sich übers Claudiles anfangs gute Laune.
Sir Reynold spazierte fröhlich durch die Küche und tätschelte eins der Kinder den Kopf. „Da sind wir gestern noch mal mit dem Schrecken davongekommen, wie? Meiner Treu und sapperlot, sage ich! Was für ein Desaster!“
Bettina gesellte sich zu ihm, machte höflich einen Knicks und machte sich sogleich ans Werk.
„Auf ein Wort, Verehrteste“, sagte er.
Jetzt geht es los, dachte Claudile grimmig und spürte, wie ihr die Knie weich wurden. Es waren nur ein paar Meter zum Tisch, doch der Gang fiel ihr schwer. Der Magistrat wirkte wie jemand, der gute wie schlechte Neuigkeiten mit derselben Begeisterung verkünden konnte.
Als sie sich setzte, bemerkte sie jetzt erst den Verband um seinen Arm. „Es ist nichts“, meinte er gelassen. „jemand hat mich zur Seite geschubst und ich habe mir den Kopf gestoßen.“
„Tut mir leid“, erwiderte sie schroff.
„So überlebte ich. Ich bin nicht blind, wisst ihr?“ Er lächelte Bettina zu, die ihm einen Teller mit Rührei und Speck brachte. „Danke. Ich hatte gestern Zeit über alles nachzudenken. Wisst ihr, warum es Adelige gibt?“ Dabei sah er sie fragend an, während er emsig futterte.
Was soll das jetzt, dachte sie. Findet er Gefallen daran?
„Nein.“
„Dann will ich Euch aufklären“, begann er zwischen zwei Bissen. „Die Götter haben uns den Grund und Boden vermacht, auf dem wir sähen und ernten. Der Grund und Boden ist es, den ihr im Auftrag der herrschenden Klasse verwaltet. Ihr seid also ein Verwalter. Ihr tragt Verantwortung für die Menschen. Der Adel ist die herrschende Klasse und die Bauern stehen Euch zur Verfügung.“ Er wackelte belustigt mit dem Kopf und schien sich zu amüsieren. „Denkt Ihr etwa, das eine geht ohne das andere? Ich habe viele Adelige beraten. Ich bin ein Berater, der still darauf wartet, dass die Adeligen dann auch entsprechend ihrer Verantwortung reagieren. Herzogin Ludmilla, beispielsweise, ist eine perfekte Aristokratin, die mich sofort überzeugt hatte. Stehts manierlich, immer entsprechend gekleidet und natürlich eine Werwölfin. Kennt Ihr sie?“
„Ja. Vom Sehen.“
„Seht Ihr? Es geht auch anders.“ Er wischte mit einem Stück Brot den Teller sauber und sah ausgesprochen zufrieden aus. „Eine gute Köchin habt Ihr da. Haltet Sie Euch nahe. Wo war ich? Ach ja, aber Ludmilla machte einen entscheidenden Fehler. Wollt Ihr wissen, welchen?“
Unruhig geworden nickte sie ihm zu. Jetzt sag schon, was du zu sagen hast!
„Nun, Ludmilla streifte sich die Klamotten ab, sobald ich vom Hof war und ging auf die Jagd. Sie tötete vor meinen Augen einen ihrer Dienstboten, aus mir unverständlichen Gründen. Heute ist sie keine Adelige mehr. Ich hatte mich in Ihr getäuscht. Eine nette, kleine Geschichte, nicht wahr?“
Claudile wusste nicht so recht, wohin das führen sollte. Sie nickte zaghaft.
„Ihr dagegen“, er schnalzte mit der Zunge und blickte zur Decke, als hätte jemand den folgenden Satz in die Decke graviert. „Fürstin Claudile Salacia Aminata Urnie von Alemont. Tochter des Großen Khans, stammt direkt von den Blutklauen ab. Aber ihr kleidet euch profan, gebt Euch dem Pöbel hin und haltet wenig von Etikette. So scheint es zumindest. Doch wenn man hinter der Fassade schaut, erkennt man eine wahre Fürstin.“
Sie stutzte. „Aber… ich dachte, dass…“
„Die Umstände, werte Fürstin“, erklärte Sir Reynold ruhig und lächelte. „Ihr habt vorgesorgt. Ihr ward bemüht, euren euch anvertrauten Volk in der Stunde der Not zu helfen. Sie achten und sie lieben euch. Und das macht doch schlussendlich einen Anführer aus.“ Er wischte sich mit seiner Serviette den Mund ab, stand auf und nahm Haltung an:
„Nach der „Consolatio ad Marciam“ von Seneca, nach welchen Maßstäben sich eine Frau auszurichten hat, kann ich Folgendes über Claudile Salacia Aminata Urnie von Alemont sagen: Vom heutigen Tage an wird von Eides her berichtet, dass sie „eine Frau von geistiger Größe, von großer seelischer Stärke und sittlicher Kraft, mit einem lauteren Charakter“ ist und das Amt der Fürstin mit Fug und Recht behalten soll.“
Sein Gegenüber glotzte. Sir Reynold stöhnte leise und führte aus. „Ich habt mit weiser Voraussicht und zum Wohle aller gehandelt. Das bedeutet, ja. Ihr seid wahrlich eine Fürstin. Vom heutigen Tage und für immerdar.“
Claudile grinste erst leicht, dann sprang sie auf, jubelte und klatschte in die Hände.
3
„Wie, um alles in der Welt, hast du das geschafft?“ Francesco starrte wie verzückt auf das versiegelte Dokument und zeigte es Brain, dem Stadthalter, der sich gänzlich unbeeindruckt gab, während Claudile immer noch breit grinste. „Ist nur ein Stück Papier.“
„Haltung bewahren“, flüsterte Francesco, während der Magistrat seine Kutsche vorfahren ließ. „Er ist noch da.“
Claudile starrte Brain an. „Ist nur ein Stück Papier“, äffte sie leise nach. „Denkst du, ich hätte nicht mitbekommen, dass du gestern mit ihm gesprochen hast?“
Brain strich sich über den Bart und starrte auf eine Stelle in der Ferne. “Du musst dich irren.“
„Du hast dich für mich eingesetzt.“ Tränen der Rührung kamen auf.
Brain schaute demonstrativ weg. „Das bildest du dir ein.“
Claudile ließ nicht locker. „Du bist ein wahrer Freund.“
„Soweit würde ich nicht gehen.“
„Sag, was du willst, du alter Griesgram!“ Sie schniefte leise und versuchte stramm Haltung einzunehmen.
Vor ihnen fuhr die Kutsche vor.
Langsam und würdevoll öffnete der Magistrat die Tür und stellte seine Tasche mit dem in Leder gebunden Buch ab, bevor er mühsam mit seinem verletzten Arm einstieg. Kurz bevor er die Tür zumachte, verbeugte er sich leicht.
„Ich denke nicht, dass wir uns je wiedersehen, Fürstin“, sagte er gutgelaunt und lächelte huldvoll. „Ich wünsche Euch alles Gute.“
„Der Magistrat könnte jetzt wirklich langsam verschwinden“, presste sie leise hervor und erwiderte das Lächeln.
„Ganz meine Meinung, Eure Ladyschaft“, sagte Francesco leise. „Aber trotzdem müssen wir uns weiter mit der Etikett befassen. Es kommen gesellschaftliche Pflichten auf uns zu. Bälle, gesellschaftliche Treffen anderer Art und dergleichen. Wir fangen gerade erst an.“
„Nein, ich denke nicht.“
„Es wird so passieren.“
„Alles Blödsinn“, grollte Brain.
Sie blickten gemeinsam zur Kutsche und waren glücklich. „Danke“, flüsterte Claudile leise und beide Männer fühlten sich angesprochen.
Korporal Axel und Hauptmann Gaver sahen der Kutsche nach, die klackernd über das Kopfsteinpflaster holperte, begleitet von gelegentlichem Schnalzen des Kutschers.
„Jetzt wissen wir, dass Fritz Briefe geschrieben und dem Kutscher gegeben hat“, bemerkte Axel zweifelnd. „Aber was bedeutet das schon?“
Gaver tippte sich mit dem Zeigefinger an die eigene Nase. „Du musst lernen über den Tellerrand zu sehen, Junge. Er ist ein emsiger, kleiner Mann. Lässt nichts unversucht, nja. Oh, er denkt, er wäre schlau. Aber wir sind schlauer. Oh, mein Junge, jetzt wird es kriminell.“
„Wir stellen doch nichts Unerlaubtes an?“
„Nja, die Verbrechen geschehen im Dunkeln. Die Kerze der Gerechtigkeit hüllt sie bald in helles Licht.“ Gaver bemerkte die Fürstin, wie sie der Kutsche nachwinkte und beeilte sich, sie schnell zu erreichen. „Auf ein Wort, Fürstin“, japste er schwer, denn selbst ein kurzer Dauerlauf war nicht seine Stärke. „Ich hätte eine Frage.“
Sie runzelte die Stirn und sah kurz zu Korporal Axel, der nur mit den Schultern zuckte. Gaver wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Ich hörte, dass Ihr vor kurzem bei einer Silbermiene ward. War es zufällig die Miene des Alten Boris?“
Claudile sah sich verzweifelt um. „Sie liegt etwa zwei Stunden von hier entfernt in südlicher Richtung, wenn das deine Frage beantwortet.“
„Korporal Axel erzählte mir davon, weißt du? Wir gehen einer Spur nach.“ Er hob und senkte gewichtig den Kopf.
„Schon möglich“, sagte sie ernst und versuchte erst gar nicht zu verstehen, was Gaver eigentlich damit bezweckte. „Aber ich warne euch! Zuletzt vernahm ich dort die Spur des Barons. Er könnte tot sein, aber…“ Eigentlich keine schlechte Idee, dachte sie bei sich. Zwei Menschen sehen in der Silbermiene nach dem Rechten. Hätte auch mir einfallen können.
„Vielen Dank. Auf geht’s, Korporal Axel!“
„Pass auf dich auf.“
„Oh, danke“, erwiderte Gaver über die Schulter und stupste seinen Kollegen an. „Siehst du? Sie mag mich.“
„So wird es sein“, bemerkte Axel lächelnd und zwinkerte der Fürstin zurück.
Sie blickte beiden nach und schüttelte den Kopf.
Mumme Mandan
1
Fritz war vollkommen frustriert. Wütend stapfte er durch die Hütte und warf den Kessel um, während die bandagierte Person zusammenzuckte. „Das ist nicht fair!“
Der Bandagierte knurrte etwas leise und hob beschwichtigend den Arm. Doch davon wollte Fritz nichts wissen. „Was muss ich denn noch tun!?“ schrie er gellend auf. „Es war perfekt geplant. Ich hatte alles bis ins Kleinste durchdacht, und dann macht eine verdammte Lawine alles zunichte. Es ist, als wollten die Götter selbst uns daran hindern.“
Der Bandagierte flüsterte leise. Es schien Fritz so, als wolle er die Verluste minimieren und sich aus dem Staub machen. Doch davon wollte Fritz nichts wissen. „Nein, mein Freund. Der Thron steht dir zu. Es ist dein angestammtes Recht zu herrschen, sowie es meins ist, dir zu dienen. So war es schon immer.“ Er hörte auf die leisen Worte, aber übertönte sie sofort. „Wir müssen uns mehr anstrengen. Nur ein paar Kerzen werden nicht reichen, sage ich. Wir müssen tiefer graben.“
Sein Gegenüber nahm seine Worte offenbar sehr ernst. Sein Blick wanderte zwischen dem Buch und seinem Freund hin und her. Dann hob er flehentlich den Arm und streichelte Fritzs Wange. „Ein letztes Opfer, Freund“, knurrte Fritz und zog ein Messer. „Du musst es tun. Das wird reichen.“
Baron Mattes Lyren starrte auf das Silbermesser.
„Du kommst als Neuerweckter ins Leben zurück.“
So fühlte es sich für Baron Mattes Lyren an. Für immer:
Die ersten Jahre genoss er Tod und Mord und sonnte sich im Ruhm seiner Taten. Doch zu viel Blut und Leid können schwächen, und als er erkannte, dass seine Liebe wegen ihm brannte, kam der Schmerz. Eine nicht endende Welle aus Selbstmitleid, Zorn und Trauer. Dann die Selbstverstümmelung. Die Selbstkasteiung. Die Welle in seinem Inneren brannte jetzt und würde immer brennen. Die Vergebung blieb aus und zurück blieb nur die Welle. Ein Teil von ihm würde immer noch in der Burg sitzen und sich schlimme Vorwürfe machen, neben Hunderten von leeren Flaschen Alkohol, während die Dämonen der Vergangenheit sein Innerstes auszehrten. Selbst nach Tagen in der Silbermiene verebbte die Welle nie und er hörte immerzu seinen Atem. Es war ein schwerer, zischender Atem, der an bereits wunden Nerven kratzte. Aber er konnte nicht aufhören zu atmen. Oder vergessen.
Er erinnerte sich an alles.
Du hast es getan. Du bist für alles verantwortlich.
In diesem lodernden Moment erkannte er die Falle des Teufels, und sein letzter Lebenswille erlosch. So fühlte es sich an Baron Mattes Lyren zu sein.
Für immer.
Mit stumpfer, verbrannter Hand nahm er das Silbermesser und holte aus.
Eine einzelne Träne rann aus seinem gesunden Auge, als er an Alexandra Häberlein dachte. Die süße, junge Alexandra. Er wünschte, dass er sie im Elysium wiedersah.
Das Ritual begann.
Fritz hatte sich um alles gekümmert und alle Vorkehrungen getroffen. Viele Jahre hatte er die alten Werke gelesen, gängige Lehren und Theorien über das Diesseits wie auch die verbotenen Werke studiert, die hohe Blutzölle verlangten. Jahre des Studierens und er war immer noch ein Neuling.
Stell dir einen Pianisten vor, der Klavierspielen nur anhand der Noten lernte aber ohne Instrument. Eine geringe Chance überhaupt Erfolg zu haben. Er war ein blutiger Laie, ein Affe an einer Schreibmaschine. Ein Hochstapler, der ein Meisterwerk versuchte.
Sein Ehrgeiz kannte keine Grenzen. Und die Götter würfeln.
Nun, selbst ein blindes Huhn…
Irgendetwas befahl ihr aufzuwachen. Sie ignorierte es. Wenn sie erstmal wach war, dann würden ihre Träume wahr werden. Wenn sie wach war, würde sie wieder existieren, und nicht zu existieren hatte ihr Frieden gebracht.
Irgendetwas befahl ihr aufzuwachen. Sie wehrte sich.
Die Alten und Neuen Götter existierten allein vom Glauben. Hier in der Zwischenwelt waren manche stark genug, um den Sprung zu schaffen. Sich neu fortzupflanzen und die Gläubigen als Leiter zu benutzen. Es war keine exakte Wissenschaft, sondern dass Eine Gesetz der Mächte, die mit den Menschen spielten, wie es ihnen beliebte. Hier in der Zwischenwelt schwebten sie als Dunst zwischen den Sphären – manche gut, manche böse. Manche subtil und verschlagen, manche brutal und eigennützig. Nur die wenigsten gaben ihre Kraft gerne weiter, um Leben zu erhalten.
Der Alte Gott Wotan hatte Jahrhunderte lange an Stärke gewonnen, weil die Barbarenstämme der Stohl-Ebene ihm mit Blutzoll Respekt zollten. Er hatte sich schließlich manifestiert und sich an den Opfern gütlich getan. Hatte sich berauscht an dem Geruch der Tränen und des Schmerzes. Die Zeiten waren vorüber, denn die Stämme waren zivilisiert geworden. Die Opfer blieben aus, und so schwebte Wotan wieder als geistlose Masse in der Zwischenwelt. Ein Kommen und Gehen.
Der Neue Gott Mammon hatte jüngst Erfahrung gewonnen, dass er wuchs, je mehr Händler und Kaufleute die goldenen Scheiben als Zahlungsmittel hin- und hertauschten. Er verstand nicht, warum. Das war nicht nötig, denn er lebte in jedem Herzen eines jeden Menschen und wurde als namenloser Gott präsent und verehrt. Er spürte früh, dass er ewig so existieren konnte.
Ganz anders die Göttin der Liebe: Schon seit Urzeiten liebten Mensch und Tiere. Selbst kleine Feldmäuse vergaben ihre Liebe an ihre Kleinen, selbst der hässlichste Skorpion achtete auf die Wünsche seiner Gemahlin. Ihre Macht rauschte wie ein Sturzbach und würde nie versiegen. Momentan war ihre Balance so ausgeglichen, das sie mal als Mensch, mal als Tier über die Erde wandelte und absolute Freiheit genoss.
Und dann gab es die Schatten.
Jene Seelen, die vor Äonen mit blankem Trotz und voller Wut den umgekehrten Weg gegangen waren. Sie waren nicht in den Kreislauf zurückgekehrt, sondern waren wie eine eiternde Wunde, die nie heilte. In Ewigkeit verdammt zu treiben und sich selbst zu verzehren. So eine Seele war die Mumme namens Mandan. Uralt und verschlagen. Verraten und gesteinigt von jenen, die vor Jahrhunderten ihrer Macht neideten.
Langsam und verschwommen begann sie etwas wahrzunehmen. Ein kurzer Ruf, ein Echo vielleicht. Etwas außerhalb von ihr. Ein Teil von ihr spürte enorme Erleichterung, ein anderer eine unglaubliche Wut. Jemand kratzte von außen an ihrem Kokon, rief sie zu sich.
Dann verstand sie.
Zwei Wesen, unterschiedlich in ihrer Form, teilten den Kummer über ihre Welt und wollten sie. Ausgerechnet.
Sie beobachtete, wie sie unbeholfen die Worte sprachen. Tumbe Wesen mit der Grazie eines Frosches. Die Formel war schwierig, der Preis bereits gezahlt. Das Opfer verlangte den Gegenwert.
Ein Werwolf. Verwundet. Leidend. Wahnsinnig. Gut.
Ein alter Mann. Traurig, aber voller Rachsucht. Gut.
Sie blinzelte und drehte sich in ihrem Kokon, beobachtete neugierig die Narren, die nach ihr verlangten.
Sie nahm Anlauf, als Baron Mattes Lyren das Messer gegen sich selbst erhob.
Und sprang…
Fritz wandte sich voller Abscheu ab, so verstörend und widerlich war der Anblick der Sumpfhexe Mandan, deren Buckel gigantisch und deren Kopf haarlos und die Nase lang und gebogen war. Ihre weiten, fast pupillenleeren Augen waren tief in den dunkle Höhlen gesunken, ihr Mund zuckte in einer Grimasse entsetzlichen Wahnsinns. Bar jeder Würde und Anmut hatte sich der Körper verkrampft, ihre Bewegungen waren angespannt und hastig wie die abscheulichen Zackenwesen in der Gischt des Ozeans. Geduckt wandte sie sich an ihren Jünger: „Ja, ihr fandet Mumme Mandan. Urzeitalte Zauberweise. Unheil bringe ich von Ferne. Lasst fahren euren Mute.“ Ihre Stimme klang hoch, unmenschlich gar und zeugte von viel zu vielen dunklen Taten, die das Innerste aufzerren.
Kaum war die Hand seines Freundes um das Messer erschlafft, wusste Fritz, dass er einen entsetzlichen Fehler begangen hatte.
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