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Noch mehr Fußball!


Jürgen Roth

Noch mehr Fußball!

Vorfälle von 2007 bis 2010

Mit einem Anhang zu sonstigen Sportgeschehnissen


Jürgen Roth, geboren 1968, lebt als Schriftsteller in Frankfurt am Main. In jüngerer Zeit sind von ihm im Verlag Antje Kunstmann drei Hörspiel-CDs erschienen (Stoibers Vermächtnis, Der Untergang des Bayernlandes und Mit Verlaub, Herr Präsident …, die ersten beiden zusammen mit Hans Well von der Biermösl Blosn) sowie bei Zweitausendeins der Band Schrumpft die Bundesrepublik! (zusammen mit Michael Rudolf und F. W. Bernstein). Im Oktober Verlag liegen von ihm diverse Titel vor, darunter Anschwellendes Geschwätz, Fußball! (Buch und CD), Die Poesie des Biers (2., korrigierte, überarbeitete und stark erweiterte Auflage) und die CD Cowboys * Birken * Fußball – »Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu« (zusammen mit Alexandra Ihrig und Bernd Maier).

© 2010 Oktober Verlag, Münster

Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des

Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster

www.oktoberverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Claudia Rüthschilling

Umschlag: Tom van Endert unter Verwendung eines Photos von photocase/complize

Photo auf der Umschlagrückseite: Jürgen Roth

Herstellung: Monsenstein und Vannerdat

ISBN 978-3-941895-00-3

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Inhalt

Vorbemerkungen

Gerechtigkeit für Nürnberg

Allerschlimmste Irreführung

Wie der 1. FCN Pokalsieger wurde

Leere Köpfe

Kein Pardon bei Chips

Mein Bein weinte

Lachmund oder: Das Zaudern der Radiorecken

Edmund Stoibers Welt des Fußballs

Beckenbauers Berufung

Kein Davonkommen mehr

Was denn noch?

Kulturkwatsch oder: Der Straßenkehrer in mir

Bertholds Blutwurstgrätsche

Hinfort mit Hitzfeld!

Der Elfmeterpunkt

Eschatologische Epiphanie

Der Himmel weinte

Zum Lobe des Deutschen Meisters FC Bayern München

Auftakt

Entscheidung

Unfugsballung

Chapeau!

Steinerweicher

Bleisatzgewitter

Prüfung

Ewiges Córdoba

Der Vierfünftelgeniale

Orwellsch

Wortentwürdiger

Ghostdenker

Was hilft

Meckern

Die Sonne

Eine Bitte

Riesiger Regen

Der ungläubige Demagoge

Kargheit und Grandezza

Das Sportjahr 2008 – Eine Dummheitsbilanz

Rauschhafte Ruhe

Bayern basht Buddhababbler

Unter Rappelköpfen

Danke, Fußball!

Party mit Prügelprinz

Da lachen die Hähne

Totale Verschiedsrichterung

Über die Beliebtheit von Lobesreden bei zwei Künstlern

Dumm gelaufen

Ein Mann weint, bettelt, fleht und spinnt

Aristotelischer Fußball und Luftgelddepots

Der babylonische Blödheitsturm und die Meise des Herrn Lehmann

Zehen im Schnee

Unsere Angstgruppengegner

Fußball im Sozialgewürge

Die besten Traineranekdoten

Eine Liebesgeschichte

Epiphanie und Form

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Anhang

Kakao-TV

Total angekickte Gesäße – Eine olympische Zwischenbilanz

Nach dem Gesetz

Monsterfröhlich

Schreien, brüllen, stecken

Schwer verhauen, wa?

Der neue Zimmermann

Rote Sonne im Herzen

Fortsetzung des Nichtberichts

There is Beachvolleyball

Offener Brief an Mr. Formel 1, Bernie Ecclestone, England

Der Sportkasper des Jahres 2002

Schleim oder Seim

Nagelneue Epik – Heute: Der Beachvolleyballroman

Formel Fernsehen

Doping, ach ja und na und

Von Athen in die Ardennen

Mentaler Kolbenfresser

Der Sturz des Zorbonauten

Im heißen Herzen des Saubuschs

Franzis Finale

Wonne

Umgehender Geist

Boxerbux

Ultraheißes Einsteinjahr

Tja

Fetter Fisch

Gratulationskur

Alles abstrahieren

Die Hausener Handballhausse

Physiognomie des Wagemuts

Entsorgte Emotionen

Ein sanftes Schauspiel

Wie man einen Ausflug macht

Mit Gottes Hilfe durch die Hölle

Revolution und Ringelpiez

Rückkehr eines Genies

Jesus reborn

Idioten und Idiotien

Höhere Gefühle niederster Art

Nachweise

Vorbemerkungen

Immer diese Vorbemerkungen … Na ja, sie müssen halt sein.

Am 2. Oktober 2009 fand in der Nürnberger Tafelhalle zum vierten Mal die Gala zur Verleihung des von der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur, vom kicker und von einem Geldinstitut gestifteten Deutschen Fußball-Kulturpreises statt. In der Kategorie »Fußballbuch des Jahres« wurde Péter Esterházy für seinen Roman Keine Kunst (Berlin 2009) ausgezeichnet, sehr zu Recht und natürlich nicht allein deshalb, weil in ebendiesem Buch auf Seite 149 zu lesen ist: »Die Spitze der Literatur erreichte ich in ihren Augen, als die deutsche Fußballakademie ein Lob zweiten Grades für mein Buch aussprach und ich bei dieser Gelegenheit am Nürnberger Galaabend die Hand des großen Franz Beckenbauer schütteln durfte. Mein Sohn hat Beckenbauer die Hand geschüttelt, sie lotete die Situation aus, dann bin ich also die Mutter dessen, der Beckenbauer die Hand geschüttelt hat. […] Der Franz und mein Sohn, seufzte sie glücklich, mein Held! […]«

Einer meiner Fußballhelden, ja der von mir vielleicht am meisten verehrte Fußballheld ist César Luis Menotti. »El Flaco«, »der Dürre«, ist ein großer, großer Mann – nicht nur des Sports. Er ist ein aufrechter Humanist und Sozialist, auch dafür adoriere ich ihn, und manchmal bin ich sogar geneigt, Diego Maradona beizupflichten, der sagte: »Der Dürre ist Gott.«

Menotti erhielt an diesem Abend im Oktober 2009 den »Walther-Bensemann-Sonderpreis«, eine Auszeichnung »für außergewöhnliches Engagement mit Mut und Pioniergeist, für gesellschaftliche Verantwortung, Fair play und interkulturelle Verständigung im Umfeld des Fußballs«.

Eine bessere Wahl hätte die Jury kaum treffen können, vor allem deshalb, weil ich mich an diesem 2. Oktober 2009 zwei Stunden oder länger im selben Raum aufhalten durfte, in dem Menotti war – ein schüchtern wirkender, taktvoller Mann, dem bei seinen Dankesworten Tränen in den Augen standen. Es waren unbeschreiblich würdevolle Momente.

Péter Esterházy, dem ich später die Hand schütteln durfte, offenbarte gegenüber der Nürnberger Zeitung: »Mit César Luis Menotti auf einer Bühne zu stehen, da habe ich eine kindliche Freude. 2006 war ich auch bei der Gala, da traf ich Franz Beckenbauer. Mir bedeuten diese Namen viel mehr, als es normal ist. Ich erinnere mich, als ich das erstemal Ferenc Puskás getroffen habe. Das war, als ob ich mich mit Goethe treffen würde.«

Spät am Abend, als wir in kleinem Kreis im Hotel Le Méridien zusammensaßen, lugte Menotti noch einmal in die Bar hinein. Ich wollte aufstehen, um ihm kurz die Hand zu schütteln, aber ich traute mich nicht, und dennoch maße ich mir an, diesen Vorbemerkungen den inoffiziellen Titel »Wie ich einmal César Luis Menotti traf« zu geben.

*

Zu den hier in der Reihenfolge ihres Ersterscheinens zusammengestellten Texten sind nähere Hinweise nicht vonnöten, finde ich – vielleicht außer jenen, daß sie hie und da überarbeitet und daß kleinere Fehler korrigiert und Doppelungen, soweit mir das angebracht schien, gestrichen wurden.

Manch ein Leser mag sich aber fragen, wieso er in einem Fußballbuch über Vorfälle aus dem Zeitraum zwischen 2007 und 2010 einen recht umfänglichen Anhang zu sonstigen Sportgeschehnissen findet, einen Anhang, in dem zum Teil »olle Kamellen«, wie der Verleger meint, herumgammeln. Ich sag’ mal so: Derjenige, der sich ausschließlich für Fußball interessiert, kann dieses Buch vor dem Anhang problemlos für abgeschlossen oder abgeschossen erklären, die Seiten des Anhangs herausrupfen und irgendeiner Verwertung zuführen. Derjenige, der den »Fußballbetrieb, diese große, laute Entertainmentmaschine« (Spiegel 53/2009), verzahnt wähnt oder weiß mit der noch größeren Entertainment- und Kapitalmaschine des allgemeinen Sport- und Medienbetriebs, mag eventuell doch einen Blick in jene Texte werfen, die sich mit winter- und sommersportlichen Absurditäten, mit der Formel 1 und mit dem generellen Wahnsinn auf dem Felde der Leibesübungen beschäftigen (und die partiell aus den Jahren vor 2007 stammen, was ihre mögliche Relevanz allerdings nicht oder nicht sonderlich berührt). Ich zumindest kenne nicht wenige Zeitgenossen, die den modernen Sport als Gesamtheit verstehen und über die Ränder der Fußballplätze hinausschauen.

Man kann es freilich mit dem Linguisten und Politaktivisten Noam Chomsky halten und bündig behaupten: »Sport ist dazu da, dumme Menschen aus der Politik fernzuhalten.« Da er aber nun einmal da ist (wie die dumme Religion und die eine oder andere systemische oder anthropologisch bedingte Verblendung mehr), darf man sich auch mit ihm befassen.

Ich widerspreche in diesem Punkt vorsichtig den klugen Anmerkungen von Andreas Rüttenauer in der taz vom 28. Dezember 2009. Unter der Überschrift »Kick, kick, hurra« legt Rüttenauer dar, daß der Fußball, der »von einer Sportart zum großen Gesellschaftsspiel mutiert« sei und dem Publikum »beinahe Tag für Tag als Superprodukt präsentiert wird«, auf Grund seiner medialen Vorrangstellung und anderweitiger Vorgänge sämtliche konkurrierenden Sportarten niedergewalzt oder verdrängt habe: »Tennis lag schon im Sterben, als das Jahrzehnt begann. Handball war nur kurz lebendig, eine Weltmeisterschaft lang. Der Radsport ist in Blutbeuteln ertrunken. Die Leichtathletik wurde in einem kalifornischen Chemielabor abgewickelt. Vor kurzem ist der Eisschnellauf an erhöhten Retikulozytenwerten eingegangen. Und wenn Magdalena Neuner bei den Olympischen Spielen genauso schlecht schießt wie im vergangenen Jahr, dann wird auch der Biathlonsport nicht mehr lange leben. Zum Ende der nuller Jahre steht fest: Deutschland ist keine Sportnation mehr. Es gibt nur noch Fußball.« Kurzum: »Das ist das sportliche Ergebnis des ersten Jahrzehnts im neuen Jahrtausend: Fußball, Fußball über alles, über alles in der Welt!«

Ich schätze die Lage etwas anders ein. Die Tour de France wird weiterhin ebenso weggeglotzt wie die komplette Palette der Wintersportdisziplinen, unvermindert weggeguckt werden Boxkämpfe, Michael Schumachers Renneinsätze, Leichtathletikveranstaltungen und meinetwegen Pokerrunden. Sollte Rüttenauer trotzdem richtigliegen, begreife ich den Anhang dann eben als kurze Chronik der Spätphase einer untergegangenen Sportepoche.

Wohlan, widmen wir uns also dem Fußball. Fürs erste.

Gerechtigkeit für Nürnberg

Wünschen würd’ ich den Marsch in die Verdammnis der zweiten Liga ja mindestens all diesen unleidlichen Berliner, Dortmunder, Hannoveraner und Wolfsburger Vereinen, aus vielerlei schwerwiegendsten Gründen und zumal der Tatsache wegen, daß sie allesamt schon allzulang unsere Augen beleidigen. Aber treffen wird es ja leider wieder die zugegebenermaßen dummen und doch braven Gladbacher, die Aachener und den FSV Mainz 05. Ein Großteil des Aachener Kaders ist halt eher dem Biertrinken als dem Training zugeneigt, und Kloppo vom Bruchweg freut sich bereits jetzt so sehr über ein ruhiges Fußballeben zwischen Augsburg und Jena, daß ihm sein Wunsch erfüllt werden möge. Würde aber allen Prognosen zum Trotz doch noch die Frankfurter Eintracht den »schweren Gang« (Sabine Töpperwien) ins Unterhaus antreten müssen, wäre das acht Jahre nach dem skandalösesten Abstieg der Fußballgeschichte, als der 1. FC Nürnberg am letzten Spieltag von Platz zwölf ins Bodenlose stürzte und die Eintracht die Klasse hielt, immerhin gerecht – würde meine Gewährsfrau in Fußballfachfragen, die Frankfurt-Fanatikerin Katja Thorwarth, dann auch wehklagen, daß einem das Herz erweicht.

Allerschlimmste Irreführung

»Ich glaube, wenn man den Fußball zur Professorenarbeit macht, verliert man seine Wurzeln.« Diesen Satz von Lothar Matthäus stellen Jürgen Mittag und Jörg-Uwe Nieland dem Vorwort des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes Das Spiel mit dem Fußball – Interessen, Projektionen und Vereinnahmungen (Essen 2007) als Motto voran – sei es gewissermaßen entschuldigend gemeint, sei es, um zu signalisieren, sich der gängigen Reserviertheit gegenüber einer unterdessen umfänglichen wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Fußball bewußt zu sein.

Die insgesamt empfehlenswerte sechshundertseitige Anthologie, die den einzigen ubiquitären Massensport unter historischen, politischen, medien- und kulturtheoretischen sowie ökonomischen Aspekten in seiner Ganzheit darzustellen versucht, bestätigt mitunter die Bedenken des größten Mittelfranken aller Zeiten – etwa wenn das »ästhetische Potential des Fußballs« allzu uninspiriert synoptisch verhandelt und dann auch noch ein ahnungsloser Allschwätzer wie Peter Sloterdijk zustimmend zitiert wird. In solchen Momenten wird deutlich, daß die Fußballwissenschaft in eine Phase eingetreten ist, in der sich die Geisteswissenschaften seit Jahren befinden: in jene der Redundanz, in der nicht selten Scheinprobleme gewälzt werden, die längst hinreichend beschrieben und diskutiert sind.

Gleichwohl, Das Spiel mit dem Fußball ist weitenteils beachtlich sorgfältig gearbeitet und besticht nicht nur dort, wo es etwa um die »Talkshowisierung des Fußballs« geht und treffend heißt: »Tatsächlich hat der Sportjournalismus durch die kommerziellen Veranstalter und ihre flotten Sprücheklopfer ohne erkennbare fachliche Kompetenz die bundesdeutsche Medienlandschaft kräftig aufgemischt.« Vor allem die Aufsätze zur Geschichte des deutschen Fußballs sind äußerst lesenswert. Lutz Budraß weist zu Recht darauf hin, »daß sich die nationalsozialistische Politik im Fußball – wie in anderen Teilen der deutschen Gesellschaft auch – am stärksten in der Unterdrückung, im Ausschluß und schließlich der Vernichtung der jüdischen Vereine und der jüdischen Fußballspieler niederschlug«. Und Rudolf Oswald beleuchtet in seinem Essay zum »Ursprung der deutschen Fußball-Tugenden im Volksgemeinschaftsideal« jene »Gemeinschaftsmetaphorik«, die schon die Fußballpublizistik der zwanziger Jahre dominiert und einen antiindividualistischen, militärisch konnotierten Gruppenmythos propagiert hat, der den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstand. »Weshalb Nils Havemann in seiner vom DFB in Auftrag gegebenen Studie vom ›Untergang des deutschen Fußballsports im Dritten Reich‹ spricht, bleibt wohl das Geheimnis des Autors«, schreibt Oswald. »Wahr ist vielmehr, daß ebendieser Fußball bereits Ende der 1940er Jahre mit nahezu gleichem Personal wieder auf der Bühne des deutschen Sports präsent war. Nicht zuletzt für den Sektor der Presse läßt sich dieser Befund bestätigen. Auch die Karrieren der meisten Fachjournalisten wurden durch die Zäsur des Jahres 1945 lediglich unterbrochen, nicht aber beendet. Und mit den Köpfen überlebte die Gesinnung.«

Vermißt habe ich in Das Spiel mit dem Fußball trotz der beeindruckenden Faktenfülle zwar die Erkenntnis von Ludwig Wittgenstein: »Fußball hat Tore, Völkerball nicht.« Dafür wurde ich jedoch durch ein Thomas-Bernhard-Zitat entschädigt: »Wer für den Sport ist, hat die Massen auf seiner Seite, wer für die Kultur ist, hat sie gegen sich, hat mein Großvater gesagt, deshalb sind immer alle Regierungen für den Sport und gegen die Kultur.«

Das hat sich neuerlich durch die Vergabe der Fußballeuropameisterschaft 2012 an Polen und die Ukraine bestätigt. »Wieder einmal ist der Fußball der Politik voraus«, schrieb die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (22. April 2007) und lobte die Entscheidung der UEFA als eine »von seltener Hellsicht«, denn die weiten Ebenen zwischen Oder und Don würden nun durch den Fußball erst so recht zu einem Teil eines friedlichen, geeinten Europas.

Was das für die kulturellen oder gar die sozialen und politischen Verhältnisse in Polen und der Ukraine bedeuten wird, erfuhr man nicht. Immerhin präsentierte die FAS aber »abschreckende Zahlen« in anderer Hinsicht: »Wenn bei der Fußballeuropameisterschaft 2012 die Fans durch die polnisch-ukrainischen Steppen von Stadion zu Stadion fahren, werden sie im Durchschnitt 12,5 Stunden unterwegs sein. Wer lieber auf die wildromantischen Züge der Staatsbahnen setzt, muß gar [mit] 17,5 Stunden kalkulieren.«

Ja, man hätte vorher nur öfter mal Thomas Bernhard lesen sollen. Dann hätte man gewußt, daß die landschaftliche Weite in Polen und der Ukraine vom Abscheulichsten ist. Die erschreckende Weite, die geistferne, ja geistlose Leere der Steppen der Ukraine und Polens ist vom Fürchterlichsten, ist eine ungeheuerliche und durch nichts aufzuwiegende Zumutung, ist ein Ausdruck lebensfeindlichster, entsetzlichster Verwirrung.

Von »Direktflügen« zu reden, gab die FAS zu, käme der allerschlimmsten Irreführung gleich. Direktflüge, so die FAS, gebe es »kaum«. Und selbstverständlich könne in einer solchen Gegend, in einer derart verlassenen – und das heißt verkommenen – Gegend von Hotels, die den Namen Hotel verdienten, keine Rede sein, »die Hotels stellen die Ansprüche der UEFA ›nicht zufrieden‹«, hieß es.

In dieser durch und durch ausweglosen, lähmenden, infamen Situation ist jedoch auch Positives zu vermelden: »Der polnische Fußball droht nämlich in einer Korruptionsaffäre zu versinken, seit ein Schiedsrichter der ersten Liga gutgläubig genug war, aus dem Kofferraum einer Limousine ein Handgeld von etwa 25.000 Euro entgegenzunehmen, ohne zu merken, daß der Bote ein Polizist war.«

Der Fußball also ist, das dürfen wir abschließend erleichtert sagen, in ganz Europa in guten Händen.

Wie der 1. FCN Pokalsieger wurde

Einer recht geläufigen These zufolge ist der »Widerspruch zwischen Fußball und Kultur«, wie der Publizist Helmut Böttiger wiederholt behauptete, in Deutschland derart eklatant, daß das »Unbehagen in der Fußballkultur«, das Leiden an der Diskrepanz zwischen künstlerischem Ausdruck und körperlicher Ertüchtigung, nicht zu beheben und nicht zu kurieren sei.

Zweifellos haftet allein dem Begriff der Fußballkultur, der die alte Dichotomie von Geist und Soma aufheben will, etwas Halbseidenes, hybrid Schwiemeliges an. Um das Mantra mancher Feuilletonisten, der Fußball sei unvereinbar mit den ziselierten Anstrengungen der Hochkulturleister, quasi offiziell zu widerlegen, wurde im Oktober 2004 von der Stadt Nürnberg in Kooperation mit dem kicker die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur gegründet, die »dem Phänomen Fußball ein einzigartiges Forum bieten« möchte, »umfassend im Ansatz, mit durchgängigem ›Spielplan‹, einzelnen ›Spitzenspielen‹ und deutschlandweiter Vernetzung« – eine Art Fortsetzung des WM-Kulturprogramms mit ähnlichen Mitteln also.

Daß im Beirat Spitzenspieler wie Edmund Stoiber und die Goethe-Instituts-Präsidentin Jutta Limbach sitzen, mag ein wenig verwundern, und auch die Akademiemitgliedschaften der ausgewiesenen Bolzkapazitäten Guido Knopp und Renate Künast – von Fedor Radmann zu schweigen – können durchaus geringfügig befremdlich dünken. Aber dem Ziel der Unternehmung, den Fußball »mit Kulturprogrammen, Diskussionen, Lesungen, Promi-Talks und ballorientierten Events« vom Ruch schierer Intellektfeindlichkeit zu befreien, darf man uneingeschränkt Sympathie entgegenbringen – vor allem wenn, wie am Samstag, die 2005 von Thomas Brussig (Leben bis Männer) ins Leben gerufene Deutsche Nationalmannschaft der Schriftsteller auf dem Trainingsgelände des 1. FC Nürnberg in Vorbereitung auf die Autoren-WM in Malmö gegen eine Auswahl der Akademie antritt und – komplett verdient 3:1 gewinnt.

Daß Dichter dem Fußball frönen, ist gleichwohl nicht neu. Es gibt Photos, auf denen Mitglieder der Gruppe 47 das Leder über den Rasen scheuchen, und Ror Wolf hat mir mal erzählt, wie er sich als Torwart am Strand von Marathon die Knochen brach. Albert Ostermaier (»Ode an Kahn«), der Keeper des Teams rund um Stürmer Moritz Rinke, die Mittelfeldcracks Jan Böttcher und Klaus Döring sowie Neuzugang Sönke Wortmann (kicker-Note: 2 minus), »will für jedes reingelassene Tor hundert Euro in die Mannschaftskasse zahlen«, verrät mir derweil der multipel verletzte Wolfgang Herrndorf. Der zwischenzeitliche Ausgleich durch einen Schlenzer von Jochen Wagner (Evangelische Akademie Tutzing) ist allerdings nicht der vorabendlichen Kneipentour geschuldet, und insbesondere der Dramatiker Christoph Nußbaumeder, der »letzte Nacht schwer gesoffen« habe, setzt die Vorgaben von Coach Hans Meyer knüppelhart um und rackert an der Seite des vorbildlichen Kettenrauchers Jörg Schieke wie ein Wahnsinniger.

Dagegen sieht die Akademieelf mit Günther Koch (auch auf dem Platz rhetorisch nicht zu bremsen), Rainer Holzschuh, der seinem Namen Ehre macht, Ex-HSV-Profi Manfred Wasner und Jürgen Kaube nicht allzu jung aus. Denn »die Schiedsrichter sind auf unserer Seite«, hatte Hans Meyer vor dem Anpfiff zudem erläutert und die Devise ausgegeben: »Wenn wir zurückliegen, lassen wir endlos weiterspielen.«

Wie der Club DFB-Pokalsieger wurde, ist somit geklärt. Daß auf einem Spruchband der Akademie-Aficionados zu lesen war: »Nicht denken – versenken« – das gibt einem hinsichtlich der fragilen Beziehung zwischen Fußball und Literatur jedoch abermals äußerst, ja arg: zu denken.

Leere Köpfe

Huhu, Herr Hartmann! Waldemar Hartmann! Hallo! Wir sind’s! Ja, genau. Seit Jahren schau’n wir Ihrem Treiben ja sehr gerne intensiv zu, und vorgestern abend, nach dem wenig erquicklichen »Zufallsfußball« (R. Beckmann) und Qualifikationsgeacker gegen die Slowakei, haben wir uns zusammen mit Ihnen ab 23.30 Uhr wieder mal eine halbe Stunde lang amüsiert wie Bolle. Königlich! Köstlich!

Oder anders gesagt: Weil Waldis WM-Club, jener herausragende Tiefpunkt in der Geschichte des deutschen Fernsehens, den wir vor exakt einem Jahr bewundern konnten, laut ARD angeblich bis zu 5,5 Millionen Zuschauer vor den Schirm gelockt hat, darf uns der unerreicht gackerfidele Quatschimoderator mit der Neuauflage Waldis EM-Club dieses Jahr nun fünfmal auf den Geist, den Senkel und den Keks gehen.

»Ich freue mich, daß es wieder losgeht. Damit können wir die Fußballabende für die Zuschauer perfekt abrunden«, hatte Hartmann im Vorfeld mitgeteilt, und diesen einzigartigen Perfektibilitätsgedanken des ehemaligen Augsburger Kneipiers fanden am Mittwoch Senderangaben zufolge 1,7 Millionen Menschen derart plausibel, daß sie einschalteten.

Geändert hat sich erfreulicherweise nichts. Waldis »Vereinsheim« (ARD) ist nach wie vor mit vielen bunten Wimpeln und Fußbällen ausstaffiert, und neben dem sagenhaft ironieresistenten »VfBäh-Fan« (Waldi) Hartmut Engler (Pur) und Atze Schröder, der auf Grund einer getönten Brille und einer bekloppten Dauerwelle immer noch als Komiker durchgewinkt wird, sitzt schon wieder Paul Breitner da und zerbricht sich den Schädel über »sehr viele leere Köpfe« in der deutschen Fußballnationalmannschaft.

»Schräge Gespräche und überraschende Erkenntnisse« hatte uns der BR versprochen, und das Gewiehergewitzel des Protagonisten, dieses verquallt-rumpeligen Stammtischdirigenten, zog sich erwartungsgemäß hin, zäh wie Zungenbelag, ranzig wie Friteusenfett.

Hirn rausschrauben und dann einschalten – so werden wir auch die nächsten vier Folgen überstehen.

Kein Pardon bei Chips

Achim Greser und Heribert Lenz leben in Aschaffenburg-Leider. In ihrer Zeichnerwerkstatt produzieren sie unablässig »Witze für Deutschland«. Nebenher beobachten die unbeugsamen Anhänger des 1. FC Nürnberg, des Clubs, akribisch den deutschen und den Weltfußball.

Wie habt ihr die Sommerpause überstanden? Mit Waldläufen? Curling?

Heribert Lenz: Welche Sommerpause? Die Biathlonsommerpause?

Es gibt Menschen, die die Fußballsommerpause schwer verfluchen.

Achim Greser: Geht mir auch so. Ich hab’ mir alles angeguckt und alle Informationen reingezogen über die Mannschaftsneubildungen und Zugänge und Abgänge und Formkurven. Hier fand ja auch die Aschaffenburger Stadtmeisterschaft statt, die einem über ein paar Tage hinweggeholfen hat, und Andy Möller ist jetzt unser Trainer bei der Viktoria. Das hat für eine interessante Nachrichtenlage wenigstens im Lokalen gesorgt.

Wurde Möller als Frankfurter willkommen geheißen?

Greser: Mittlerweile hat er sich schon den Nimbus eines Heilsbringers erworben.

Ein neuer Christoph Daum?

Greser: Nee. Möller ist charakterlich anders disponiert. Wichtig für die Aschaffenburger ist, daß er wohl bereits erhebliche Sponsorengelder rangeschafft hat. In dieser Hinsicht hat Möller bis dato offenbar mehr erwirkt als bei der Mannschaftskonstruktion. Aber gegen Schalke haben sie nur 1:3 verloren.

Lenz: Sie hätten auch ein Unentschieden rausholen können.

Greser: Ein Tor aberkannt, einen Elfmeter versiebt. Und gegen den SC Freiburg haben sie in der letzten Minute 1:2 verloren.

Schalke ist doch kein Maßstab.

Greser: Weiß ich nicht. Es gibt ja immer die Ausreden, daß sie aus dem Trainingslager kommen und müde sind vom Konditionsbolzen. Aber das haben die anderen ja auch gemacht, denk’ ich mal. Die werden ja nicht blöd sein und nicht trainieren.

Bei der Eintracht geht es seit Wochen drunter und drüber. Wie schätzt ihr das ein?

Greser: Das ist eine Folge der zunehmenden öffentlichen Aufmerksamkeit, die der Fußball allgemein erfährt. Jede Regung wird aufgeplustert, gerade in Zeiten, in denen keine Ergebnisse zu vermelden sind.

Also hat Friedhelm Funkel recht, wenn er sich in Rudi-Völler-Manier echauffiert über die Bild, die eine ganze Seite mit Lesermeinungen gebracht hat, und zwar des Tenors, es sei eine Frechheit, welche Spieler Bruchhagen und Funkel verpflichtet hätten, früher sei die Eintracht eine Diva gewesen, heute sei sie eine graue Maus und so weiter?

Greser: Ich bin nicht sehr vertraut mit den Vorgängen rund um die Eintracht. Die hat in den vergangenen Jahren zu meinem Leidwesen gegen den Club immer sehr gut abgeschnitten. Allerdings ist sie seit dem letzten DFB-Pokalhalbfinale ein verläßlicher Punktelieferant für unser Konto.

Lenz: Ähem. Laß mal die ersten zwei Spiele vorbeigehen. Wenn die Eintracht dann zwei Punkte hat, wird wieder vom Europacup geträumt. Dann ist das ganze Geschwätz Makulatur.

Eine typische Frankfurter Nörgelei – in dieser Stadt der Aufschneiderei und Hybris?

Lenz: Klar.

Greser: So haben wir das immer wahrgenommen. Die Erwartungshaltung ist leicht hochzutreiben.

Woher die Unzufriedenheit? Die haben doch in der vergangenen Saison gut gespielt, waren im UEFA-Cup, im DFB-Pokalhalbfinale, haben vierzig Punkte geholt …

Greser: Das ist halt nichts mehr. Ich fand am Frankfurter Publikum früher immer beeindruckend, daß es einen enormen kollektiven Sachverstand besaß und den Wunsch nach schönem Fußball nicht preisgab. Die rein defensive Ausrichtung des Saisonziels ist dagegen zuwenig – die Verhinderung aller möglichen Übel. Das ist nicht im Sinne eines gestandenen Eintracht-Fans, zumindest nicht aus unserer Generation.

Lenz: Das ist wie in Nürnberg. Man träumt dauernd von den goldenen Zeiten. Hölzenbein, Grabowski …

Greser: Hölzenbein und Grabowski, die Nürnberger Meistermacher von ’68! Nein, man verkennt in Frankfurt einfach, daß die Hochkapitalisierung des Fußballs von einigen Vereinen früher ernstgenommen wurde. Die Bayern haben durch jahrelange Erfolgsserien Geld aufgetürmt und hatten plötzlich einen Riesenkonkurrenzvorsprung.

Aber Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre war die Eintracht doch eine Topmannschaft. Man hat den UEFA-Pokal gewonnen … Greser: Aber es gab keine garantierten Einnahmen von zehn oder wie vielen Millionen Euro wie heute in der Champions League.

Also seht ihr langfristig keine Chance für die Eintracht, zu den oberen vier, fünf Bundesligisten aufzuschließen?

Greser: Die Wahl des Spielerpersonals ist auch eine große Glückssache. Einen aus dem internationalen Niemandsland zu holen, der zum Brecher wird, wie diesen Gekas zum Beispiel, das ist Zufall. Hertha BSC war ja auch lange Zeit ein Verein, der nur von seiner Vergangenheit gelebt hat, und dann haben sie den Sprung unter die ersten fünf geschafft.

Mit der Hertha ist es allerdings heute nicht mehr weit her. Das ist ja ein Pfeifenverein sondergleichen – über fünfzig Millionen Euro Schulden, was die Mitglieder nicht daran hindert, den genialen Manager Dieter Hoeneß im Amt zu bestätigen.

Greser: Zu Dieter Hoeneß kann ich eine Geschichte erzählen. Wir haben gute Freunde bei Hertha, die sich als arme Studenten aus Fanleidenschaft VIP-Dauerkarten vom Maul abgespart haben, um dem Getriebe ihres Herzensvereins näher zu sein – mit dem Erfolg, daß einer von denen jetzt im Präsidium hockt, was für uns schon mehrfach von Vorteil war. Wir haben Karten gekriegt für das WM-Spiel gegen Ecuador und das Pokalfinale.

Ihr seid ja gnadenlos korrupt!

Greser: Für Leidenschaften gibt man doch alles!

Lenz: Eben.

Greser: Und über diesen Kontakt haben wir versucht, einen alten Traum zu verwirklichen, nämlich daß einmal eine Zeichnung von uns auf der Stadionanzeigetafel gezeigt wird. Deshalb haben wir angeboten, für das Stadionheft zu jedem Heimspiel einen Witz zu zeichnen – durchaus auch zu aktuellen Problematiken der Hertha –, verbunden mit der Hoffnung, daß er dann auf der Anzeigetafel landet. Wir haben zwei Probewitze abgeliefert, die sind an den Pressesprecher weitergeleitet worden. Ein Witz hat den Alleinherrschaftsanspruch von Dieter Hoeneß thematisiert – nicht nur den Anspruch, der ist ja verwirklicht, Hoeneß mischt sich offenbar in alles ein und läßt sich über jeden Kleinstvorgang unterrichten. Wir hatten die Wäschefrau gezeichnet, die bei Hoeneß vorstellig wird und ihn fragt: »Herr Hoeneß, werden die Heimtrikots bei dreißig oder sechzig Grad gewaschen?« Es ist dann nicht zu unserem Engagement gekommen. Der Pressereferent hat sich nicht getraut, dem Dieter Hoeneß diesen Witzvorschlag vorzulegen. Na ja, der Wunsch, in dieser sagenhaften Wunderwelt Fußball mal an so prominenter Stelle plaziert zu werden, der war eigentlich auch korrupt, weil wir mit der Hertha, was die fußballerische Herzensseite anbelangt, absolut nichts am Hut haben.

Eckhard Henscheids »Hymne auf Bum Kun Cha« flimmerte Anfang der Achtziger mal über die Anzeigetafel des Waldstadions.

Greser: Das war in gewisser Weise Vorbild. Es waren allerdings andere Zeiten. Denn ein Bedenken des Pressemannes war zudem, daß man das durchschnittliche Hertha-Publikum mit Witzen, wie wir sie üblicherweise machen, überfordert.

Da dürfte er nicht falschgelegen haben.

Greser: Ja. Vielleicht war das damals bei der Eintracht aber auch ein einmaliger Fall, daß der Universitätspräsident Achaz von Thümen gleichzeitig Vereinspräsident war und die Intellektuellen der Stadt an den Klub gebunden oder wenigstens dafür gesorgt hat, daß der schöne Auftritt der schönen Henscheid-Hymne zustande gekommen ist. Was findet heute im Fußball an Kultur statt? Es gibt die vereinsindividuellen Fangesänge. Das ist aber alles von unglaublicher Nichtigkeit und auf dem Niveau von Lustigen Musikanten und Schlagerparade.

Geht ihr noch zur Eintracht?

Lenz: Ich war vor einem halben Jahr im Stadion und mußte eine von diesen unsäglichen Zahlkarten lösen, um eine Bratwurst kaufen zu können. Ich hab’ auf dem Kartenkonto immer noch zwischen 1,50 und zwei Euro liegen. Es würde mich schon interessieren, was die mit dem Geld angefangen haben.

Die haben davon den Mahdavikia gekauft.

Lenz: Dann müßte immer noch was übrig sein. Funkel hat betont, man habe mit Mahdavikia und Inamoto zwei »Knaller« geholt. Findet mit der starken asiatischen Fraktion – Takahara gehört ja noch dazu – jetzt eine Anknüpfung an die Zeiten mit dem holden Bum Kun Cha statt?

Greser: Meine Leidenschaft für die Eintracht ist ziemlich abgekühlt, zumal weil in unserer Familie der Graben zwischen Nürnberg- und Eintracht-Fans tief ist. Die Tochter ist erfolgreich auf Nürnberg umgepolt worden, aber der Bub’ hält, vielleicht auch aus purer Opposition zu mir, zur Eintracht. Zu meinem Verdruß.

Lenz: Bei mir liegt der Fall etwas anders. Ich hätte mir gewünscht, daß die Eintracht mehr schwarze Spieler holt. Man erinnere sich an die Saison ’91/’92 mit Yeboah und Okocha. Davon hätte ich mir mehr versprochen …

Greser: … als von den asiatischen Batteln, auf die sie sich jetzt kaprizieren.

Warum bringt der Asiate keine gescheiten Fußballmannschaften her? Die Asienmeisterschaften waren dem Hörensagen nach unterirdisch.

Lenz: Richtig.

Woran liegt das? Daran, daß etwa die Iraner um Mahdavikia kein Bier trinken dürfen?

Greser: Der Iran ist halt nach wie vor ein Schwellenland, zivilisatorisch.

Und Fußball hat was mit zivilisatorischer Entwicklung zu tun?

Greser: Es gibt ja permanente Verfeinerungen in der Spielerbetreuung, Spielerausbildung, taktische Veränderungen – das kommt immer aus Europa oder Südamerika. Wissenschaftlich betrachtet ist die Fußballspitzenforschung dort beheimatet.

Hans Meyer, der unbezweifelbar ein Genie ist, hat die zunehmende Verwissenschaftlichung des Fußballs dergestalt kommentiert, das sei ein grober Unfug. Das einzige, was man mit wissenschaftlichen Verfahren verbessern könne, sei die Athletik, das mache zehn Prozent der Arbeit aus. Der Rest müsse wie vor achtzig Jahren angegangen werden.

Greser: Meyer hat ja auch fast dogmatische Vorstellungen vom Spielsystem – drei Stürmer, davon ein klassischer Strafraumstürmer. Deshalb hat er so viel Wert darauf gelegt, mit Charisteas einen adäquaten Ersatz für Markus Schroth zu bekommen, so einen langgewachsenen Knaller in der Mitte. Zum anderen sind die Spieler, wie man hört, sehr angetan von der Individualisierung der Trainingsmethoden, von der gezielten Bekämpfung individueller Defizite. Mit dem Waldlauf in der Lemmingherde oder dem Hin-und-her-Schmeißen von Medizinbällen hat das nichts mehr zu tun. Klinsmanns Konzept war ja von Erfolg gekrönt.

Meyer behauptet, Übungen mit Gummibändern et cetera seien bei Carl Zeiss Jena schon 1969 gemacht worden. Und im gleichen Atemzug hat er gesagt: »Ich habe mal ein Lehrbuch von Reichstrainer Otto Nerz gelesen, Jahrgang 1936. Fast alles, was da drin stand, stimmt heute noch.« Was sagt ihr jetzt?

Greser: Vielleicht ist Hans Meyer auch überschätzt.

Lenz: Zumindest hat er zur Attraktivität der Pressekonferenzen beigetragen. Er ist einigen Reportern intellektuell und verbal weit überlegen. Es macht einfach Spaß, dem Mann zuzuhören.

Greser: Es ist Teil seines Images, daß er sich als Fundamentaloppositionist gegen irgendwelche Zeitgeistreden stellt.

Lenz: Er bestätigt nicht gern, was ihm die Reporter in den Mund legen wollen.

Greser: Er ist ein Grunddialektiker, der sich sträubt, Vorgaben zu erfüllen, und erst mal die Antithese formuliert.

Ein Hegelianer des Fußballs?

Greser: Das macht ihn so sympathisch.

Er hat des öfteren geäußert, daß er die grauenhafte Fußballphraseologie verabscheut und deshalb Sprüche klopft, die, wie er selber sagt, mitunter noch dämlicher sind als die Fragen, die ihm gestellt werden.

Lenz: Das stimmt.

Greser: Das Gerede ist ja oft unerträglich. Es wird sich aber nicht ändern.

Es wird immer schlimmer. In dem Maße, in dem der Fußball verwissenschaftlicht wird, wird die Fußballsprache immer dusseliger.

Lenz: Es gibt wirklich dumme Leut’ mit unglaublich dummen Fragen, auch bei Premiere. »Wie fühlen Sie sich?« – direkt nach dem Sieg im Pokalfinale!

Miserabel.

Greser: Obwohl ich zu Premiere anmerken muß, daß da einige jüngere Leute agieren, die mit Sachverstand brillieren, die bei der Sache bleiben und nicht das, was sie sich in Homestorys an nichtigen Boulevardinformationen angelesen haben, loswerden wollen. Die sind fix genug, eine Spielentwicklung zu erkennen und zu beschreiben. Da besteht also doch Anlaß zur Hoffnung. Und vor fünfundzwanzig Jahren, muß man sagen, war es auch nicht viel besser. Einen Eberhard Stanjek würde man heute auch nicht mehr ertragen.

Ich erlaube mir einen Schwenk zum Weltfußball. Bernd Schuster, der neue Trainer von Real Madrid, verbietet den Spielern jetzt auf Reisen das Tragen von Kopfhörern und das Hantieren mit Chipstüten.

Lenz: Aus welchem Grund?

Er will die Disziplin verbessern. Ist das der richtige Weg, um Real Madrid wieder an die europäische Spitze zu führen – keine Chips und keine Kopfhörer?

Greser: Tja. Wenn sie nach der Saison zwei, drei Pokale in Händen halten …

Lenz: So erfolglos waren die doch gar nicht. Real ist Meister geworden.

Greser: Es ist wahrscheinlich in jedem mittelständischen Betrieb so. Wenn ein neuer Produktionsleiter kommt, dann …

Lenz: … wechselt der erst mal die Biermarke aus.

Greser: Dann werden die Eisenspäne ordentlich weggefegt. So macht’s auch der Schuster, um sich als zurechnungsfähiger neuer Mann zu präsentieren. Er muß ja hochselbstbewußte Menschen führen, die alle mehr verdienen als er. Das größte Problem ist wohl, den Sauhaufen beieinanderzuhalten. Hat sich nicht sein Vorgänger, der Capello, zum Grundsatz gemacht, einen Euro mehr verdienen zu müssen als der teuerste Spieler? Fand ich gut.

Dann wird Bernd Schuster ordentlich verdienen, denn Real will Kaká für hundertvier Millionen Euro vom AC Mailand holen und ihm ein Jahresgehalt von dreizehn Millionen zahlen. Über solche Summen muß man nicht den Kopf schütteln, oder?

Greser: Wer weigert sich, ins Kino zu gehen, wenn er erfährt, daß …

Lenz: … Tom Cruise …

Greser: … genau, daß mittelmäßige Kameraden wie Tom Cruise für einen Film zwanzig Millionen kriegen? Was soll denn das?! Der Gladiator, der den Löwen erwürgt hat, hat auch mehr gekriegt als derjenige, der einen nicht satisfaktionsfähigen Gegner, einen halbverhungerten Christen niedergerungen hat. Das ist doch eigentlich gerecht – in gewisser Weise.

In gewisser Weise gewiß. Warum aber ist Sepp Blatter für euch nicht satisfaktionsfähig? Er taucht auf keinem eurer vielen Fußballblätter auf.

Greser: Weil es bloß so ein Geraune um ihn herum gibt, er leite eine hochkorrupte Organisation, die sich zum Geldscheffelbetrieb umfunktioniert hat und öffentlich nur in Erscheinung tritt bei karitativen Angelegenheiten, mit deren Hilfe auch jeder Altölstinkebetrieb sein Image zu retten versucht. Inwieweit bei der FIFA wirklich der Wurm drin ist, weiß man aber eigentlich nicht. Hier beim TuS Leider, einem Bezirksligisten, hat der Schiri mal eine fragwürdige Entscheidung getroffen, und da ist einer der Vorstandskollegen auf den Platz gerannt und hat den Schiedsrichter von hinten so gestumpt, daß er umgefallen ist. Da mußte ich so lachen! Das hat mich so gefreut, daß da einer jede mittlerweile auf dem Fußballplatz geforderte Korrektheit hat fahrenlassen und sich im Dienste und Sinne des Vereins sehr weit aus dem Fenster gelehnt hat. Das Spiel wurde abgebrochen und für den Gegner gewertet, samt saftiger Geldstrafe, aber der Mann ist vom Verein geschützt worden, und das fand ich eine gute Art von Verhalten für einen Fußballverwaltungsverantwortlichen.

Fußball wird dann komisch, wenn sich die Leute inkorrekt verhalten?

Greser: Ja. Aber es wird den Leuten sukzessive ausgetrieben. In England ist das schon sehr weit vorangeschritten. Die Geldsummen, die in England für Spieler eingesetzt werden, haben zur Folge, daß die Ticketpreise zwecks Refinanzierung bizarr hoch sind, mit dem Nebeneffekt, daß ein einfacher Kuttenträger, der sein Leben über Jahrzehnte dem Verein geopfert hat, sich das nicht mehr leisten kann. Und tendenziell merkt man das auch in den neuen Super-WM-Arenen. Im Eintracht-Stadion saß vor mir ein Pärchen, das eher den unteren gesellschaftlichen Schichten anzugehören schien. Die haben so verloren gewirkt in diesem Rund. Solche Fans sind beim Bau der neuen Stadien nicht mehr berücksichtigt worden. Wie sollen die sich wehren gegen diese Entwicklung?

Lenz: Die dienen noch als Geräuschkulisse. Dafür braucht man sie noch. Sonst wären die längst rausgekickt und weitere VIP-Lounges gebaut worden. Übrigens fällt mir auf, daß sich der Fußball unheimlich ernst nimmt. Wir haben mal ein lustiges Fernsehinterview gegeben, nach dem hat sich Uli Hoeneß wahnsinnig aufgeregt. Die haben regelrecht Angst, daß ihr riesiger Wirtschaftsbetrieb nicht richtig ernst genommen wird. Das ist alles ein unglaublicher Quatsch. Diese furchtbar ernsten sonntäglichen Fernsehdiskussionsrunden zum Beispiel – was für ein Blödsinn!

Greser: Aber es ist auch ein Abbild der Gesellschaft, insofern alles unter so einer Korrektheitsdunstglocke gehalten wird. Die Geschäfte müssen halt laufen. Die Menschen sind ja mittlerweile auch bereit, dieses Argument zu fressen und sich hochflexibel zu zeigen, wenn es darum geht, einen neuen Arbeitsplatz zu finden und so weiter. Die nehmen ja jede Last auf sich, um an dem Betrieb des großen Geldflusses teilzuhaben. Witz und Ironie – Hoeneß ist diesbezüglich uns gegenüber mehrfach aufgefallen – stören die Ruhe, das Image muß sauber und rein bleiben.

Der Verlust der Ironiefähigkeit auf allen Ebenen – bei den Spielern, den Funktionären und so fort – ist ein Zeichen dafür, wie weit die Ökonomisierung des Fußballs fortgeschritten ist?

Lenz: Ganz sicher.

Greser: Jede Form von Ironie stellt eine anarchische Gefahr dar, die einen Geist mobilisieren kann, der den Geschäftsinteressen zuwiderläuft.

Lenz: Unfreiwillig komische Momente entdeckt man allerdings, wenn man zum Beispiel Jugendmannschaften zuschaut. Wie die jungen Kerle jubeln – das haben die alles aus dem Fernsehen. Neulich habe ich hier beim TuS Leider einen Schiedsrichter gesehen – ein ganz junger Kerl –, der hat Gesten gemacht haargenau wie der Collina! Der hat Collina gespielt! Unglaublich komisch.

Greser: Nur noch Klone. Individualität ist nicht mehr gefragt. Jetzt verbieten sie sogar den Trainern das Rauchen – unter freiem Himmel!

Lenz: Ist doch irre!

Greser: Bei dem erwähnten Vorbereitungsspiel von Viktoria Aschaffenburg saß ich auf der Tribüne und hab’ mir eine Zigarette angesteckt. Mein Nebenmann war empört. Er hat nichts gesagt, aber aus jeder Pore ausgeschwitzt, wie widerlich er das fand. Da bist du heute sofort als Schwein klassifiziert. Eine Katastrophe. Wohingegen von Felix Magath, der ja hier aus der Nachbarschaft stammt, an den Stammtischen schöne Geschichten überliefert werden. Der hat’s sehr bunt getrieben. Der war mit einem überragenden Talent ausgestattet, das es ihm erlaubt hat, in seiner Zeit bei Viktoria Aschaffenburg gern auch mal besoffen aufzulaufen. In der Halbzeit hat er in die Kabine gekotzt, ist dann wieder raus und hat schnell das Spiel entschieden. Und geraucht hat er auch. Jetzt ist er Konvertit – und wie viele Konvertiten ein hundertfünfzigprozentiger Verweigerer dieser Genüsse.

Ich muß noch mal auf Sepp Blatter zurückkommen. Neulich hat er am Rande der Copa América vorgeschlagen, die Verlängerung abzuschaffen. Seit es kein Golden Goal mehr gebe, sei es sinnlos, eine Verlängerung zu spielen. Man solle gleich zum Elfmeterschießen schreiten. Das laut dem Magazin 11 Freunde größte Fußballspiel aller Zeiten, das WM-Halbfinale 1982 gegen Frankreich, wäre ohne Verlängerung niemals das gewesen, was es war. Spinnt der Blatter?

Greser: Ja. Eindeutig.

Lenz: Deutschland – Italien 1970. Wahnsinn!

Greser: Da hab’ ich ein Fußballfantrauma erlitten. Ich war neun Jahre alt, und nachdem Schnellinger kurz vor Schluß durch eine lange Grätsche den Ausgleich erzielt hatte, haben mich meine Eltern ins Bett geschickt, so daß mir die Verlängerung des Jahrhunderts entgangen ist.

Lenz: Das ist dramatisch. Da muß man doch rebellieren!

Greser: Mit neun?

Andererseits hat Blatter der aktuellen Ausgabe von 11 Freunde zufolge mitgeteilt, er wolle in Zukunft auf das Elfmeterschießen verzichten und statt dessen die Anzahl der Spieler während der Verlängerung nach und nach reduzieren, früher oder später fiele dann schon ein Tor.

Greser: Wäre es nicht eher umgekehrt logisch, daß die Anzahl der Spieler erhöht werden müßte?

Lenz: Auch gut.

Greser: Dreiundsiebzig gegen dreiundsiebzig in der 117. Minute.

Lenz: Was will der Blatter denn? Soll der Fußball attraktiver werden? Wird er doch nicht! Warum soll man denn daran was ändern? Ich versteh’ das nicht.

Greser: Vielleicht gibt’s Beschwerden seitens der geldgebenden TV-Anstalten, daß sie mit ihren Programmschemata durcheinandergeraten, wenn pausenlos diese endlosen Verlängerungen gespielt werden. Und wer weiß, was in Familien passiert, in denen die Interessenlage so disparat ist, daß sich die Frau für Fußball absolut nicht interessiert. Wenn es dann noch zur Verlängerung kommt … Ich verstehe Blatters Vision als Maßnahme zur Befriedung der Gesellschaft.

Lenz: Die Scheidungsrate schnellt hoch, wenn die Verlängerung bleibt?

Die Deutsche Meisterschaft 2008 jedenfalls ist entschieden, auch ohne Befehl von Blatter.

Greser: Man muß es fast befürchten.

Lenz: Ach was! Ich würd’ gerne mal wissen, wieviel Prozent Glück eigentlich dabei ist.

Greser: Glück kann man kaufen. Tore kann man kaufen.

Ottmar Hitzfeld hat Franck Ribéry als »Glücksfall« bezeichnet.

Greser: Hm. Er wird jetzt hochgelobt. Mal gucken. Muß sich halt einer hergeben und ihm in den ersten Spielen ein paar auf die Socken hauen.

Beim Club würdet ihr den auch mit offenen Armen …

Greser: Ich muß mal grundsätzlich sagen, daß ich’s nicht verstehe, wie man als Mensch, der Fußballfreundschaft mit Herzenswärme verbindet, Fan des FC Bayern sein kann.

Das ist aber starker Tobak.

Lenz: Damit ist das Gespräch beendet.

Greser: Zu einer gesunden Ausstattung als freier Bürger gehört doch, den Verdacht hochzuhalten und zu schüren gegen jede Form von Monopolismus.

Aber ist der FC Bayern nicht auch ein Verein der Herzenswärme? Man denke nur daran, wie Uli Hoeneß den größten Fußballer aller Zeiten, Gerd Müller, vor dem Untergang bewahrt hat.

Greser: Ja, ja. Und er organisiert auch Benefizspiele. Die russischen Oligarchen werden auch aufgefordert, Brosamen ihrer Milliardenverdienste in den russischen Sozialbetrieb zu stecken, sonst werden sie eingesperrt. Jeder vernünftig operierende Vorstandsvorsitzende einer deutschen Firma, die Verdächtiges oder Übles produziert, wird sich einlassen auf die öffentlich mit Pomp vorgetragene karitative Zahlung. Das ist kein Zeichen von Herzenswärme, sondern von geschäftstüchtiger Heuchelei.

Lenz: Wenn ich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank wäre, würde ich mir doch nicht einen Mann durch die Lappen gehen lassen, der bei der Dresdner Bank ist und gut ist. Den kauf’ ich weg! Ist doch klar! Mit der Herzenswärme ist es doch seit dreißig Jahren vorbei.

Greser: In deiner Argumentation treffen sich Mitglieder der kriminellen Organisation Bankwesen und der kriminellen Organisation monopolistischer Fußballvereine.

Lenz: So seh’ ich’s.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen?

Lenz: Herzenswärme im Fußball ist seit vierzig Jahren passé.

Greser: Ja, sicher. Ich sprech’ ja auch von den Menschen, die sich als Fans zeigen, und unterstelle den Bayern-Fans einfach puren Opportunismus.

Die sind seelisch verkrüppelt?

Greser: Ja. Das sind diese auftrumpfenden Winnertypen, die panzerartig durch diese Gesellschaft fuhrwerken und Spuren hinterlassen, von denen sie nicht ahnen, wie breit sie sind – wie unangenehm und wie trostlos und wie blutig.

Ihr habt beim Club mit Michael A. Roth auch einen Spitzenmoralisten an der Spitze.

Greser: Uli Hoeneß hat den Club mal auseinandergekauft, als er eine junge, aufstrebende Mannschaft hatte, die sogar völlig überraschend den Einzug ins UEFA-Pokalgeschäft gepackt hatte. So weit reicht mein Fangedächtnis noch, daß ich ihm das nicht durchgehen lasse. Die Bayern haben sich bei Leverkusen bedient, bei Bremen, Gladbach haben sie auseinandergekauft.

Klose wollte weg aus Bremen. Bescheinigt man dem SV Werder nicht zu Unrecht immer wieder, er sei ein vernünftiger, sympathischer Klub? Gegen Klose muß es erhebliche Sticheleien und Rempeleien gegeben haben. Die Bayern macht man systematisch als den Gangsterverein schlechthin schlecht, die Bremer werden systematisch als das Gegenmodell in den Fußballolymp gehoben. Das kann’s nicht sein.

Lenz: Das ist wie im Kasperletheater. Uli Hoeneß ist das Krokodil.

Und der Kasper ist Klaus Allofs?

Greser: Der Kasper ist Franz Beckenbauer.

Oder ein anderer Mann mit B – David Beckham. Habt ihr den Zirkus rund um seinen Dienstantritt in L. A. verfolgt? Oder ignoriert ihr das, weil da der Fußball als gesamtgesellschaftlicher Unfug endgültig auf den Begriff gebracht ist?

Greser: Vermutlich ist damit ein Zeichen gesetzt worden für die Perspektive des Fußballs. Es gilt jetzt möglicherweise noch als britische, exzentrische Spinnerei, aber daß das nichtige Promiboulevardgetue den Fußball komplett beherrscht, dazu wird es bei uns schon auch noch kommen. Die Verwahrlosung der Sitten und der Verfall einer, wenn man davon überhaupt sprechen kann: Kultur, der Bedeutung, die Fußball als gesellschaftlich bindende Angelegenheit hat, das alles wird dann durch sein. Beckham hat ein Zeichen gesetzt, indem er zu einem Verein gewechselt ist, der fußballerisch weniger hergibt als der TuS Leider, und sich in der Sphäre der übersportlichen, weltweiten Topschluriprominenz niedergelassen hat. Hat der eigentlich schon Silikon an sich? Silikonwaden?

Bei Ludwig Wittgenstein hab’ ich kürzlich zufällig gelesen: »Fußball hat Tore, Völkerball nicht.« Stimmt das?

Greser: Ich versteh’ den Satz nicht.

Ich auch nicht.

Greser: Ach, Tore im Sinne von Idioten? Völkerball ist doch das viel diskriminierendere Spiel! Da wird man zum Abschuß freigegeben und ist dann weg vom Spielfeld – ein archaisches Ausleseprinzip aus der Neandertaler- oder Raubritterzeit. Dagegen ist Fußball demokratisch, zivilisiert.

Dann bleiben wir bei Gerd Müller und dem Titel seiner Autobiographie: »Tore entscheiden«.

Greser: Der hat mir, als ich ein Bub’ war, mal ein Autogramm verweigert. Seitdem ist mein Verhältnis zu ihm auch gestört.

Lenz: Das tut ihm heute sicher sehr leid.

Ihr habt gemeinsam auch mal ein entscheidendes Tor erzielt, aus hundertzwanzig Metern.

Greser: Es waren nur achtzig. Abwurf Heribert, es war ein sehr kurzer, verunglückter Abwurf, aber ich stand als Verteidiger an der eigenen Strafraumgrenze und hab’ ein Achtzig-Meter-Kopfballtor erzielt, zum Jubel unserer Würzburger studentischen Fußballfreunde. Das war das entscheidende Tor, das uns die Prämie eines Kastens Bier eingebracht hat – mehr wert als jeder Goldcup.

Lenz: So war’s. Prima.

Mein Bein weinte

Es war Horst Martin, der Propagandachef des Deutschen Filmmuseums, der die beknackte, die fürwahr unglaublich knorke Idee hatte.

Wir standen, wie immer vollkommen sinnlos, am Tresen des Kyklamino, meiner Stammkneipe im Frankfurter Gallusviertel, als Horst ein Gedanke durchfuhr und er ihn umgehend unserem Lieblingswirt Apollo vor den Latz ballerte.

»Apollo, wir organisieren ein Fußballspiel!« – »Was soll der Scheiß?« knurrte Apollo. Horst ließ sich nicht beirren. »Du bildest ein Team, und Jürgen und ich stellen eins zusammen. Dann werden wir sehen, wer die Hosen anhat. Das wird das größte Ereignis im Gallus seit 1985!«

»Meinetwegen. Aber ich bin Spielertrainer«, sagte Apollo, »damit ich Jürgen die Schienbeine polieren kann.« Ich nahm einen Schluck Bier und schwieg aus taktischen Gründen.

Die folgenden Wochen verbrachten wir mit endlosen technischen Vorbesprechungen über Grill- und Auswechselmodalitäten. Apollo warb für seine Truppe »Apollo 11« unterdessen allerhand Granaten aus dem engeren Tresenumfeld an, während Horst und ich wild durch die Gegend rekrutierten, um »Hermann United« zu komplettieren.

Unser Coach Hermann, der Happel vom Main, verordnete uns vorsorglich ein striktes Catenaccio-Konzept, sagte jedoch wegen einer »Familienfeier« eine Woche vor dem »Spiel des Jahres um den leeren Gallus-Pokal« ab. »Verflucht, was nun?« fragte mich Horst. Ich schwieg und engagierte am nächsten Tag Katja als Ersatztrainerin. Sie ist Eintracht-Fan, aber was soll man machen. Dafür legte sie uns einen detaillierten Ernährungsplan vor: »Pommes rot! Wir haben ja wohl auch rote Trikots.«

Horst wollte T-Shirts mit zwei Säulensätzen des Fußballs bedrucken lassen: auf der Brust »Fußball hat Tore, Völkerball nicht« von Ludwig Wittgenstein, auf dem Rücken »Tore entscheiden« von Gerd Müller. Damit wäre uns der Sieg nicht mehr zu nehmen, auch wenn Apollo versuchte, uns mit allerlei miesen Psychotricks aus der Bahn zu werfen: Sprechverbot am Tresen, großspurige Erzählungen über seine angeblichen »biologischen Begegnungen« mit unseren Frauen.

Die Sonne knüppelte auf den Kleinfeldplatz gegenüber den Redaktionsgebäuden der FAZ. Ich zog mich um und war groggy. »Wieso fehlt der Name Wittgenstein auf den Trikots?« fragte ich Horst. »Wittgenstein hätte noch mal sechzehn Euro gekostet«, sagte er.

Fipps und Joachim am Grill reichten Apollos Mannen regelwidrig frische Bratwürste. Apollo stolzierte mit einem albernen Klemmbord herum und erteilte Anweisungen auf türkokroatisch. Berry, mein Erzfeind in Apollos Lumpenelf, rief derweil unverbrauchte Kräfte an. »Transferschluß ist um 13.30 Uhr«, intervenierte Horst.

Katja malte eine kubistische Aufstellung auf einen Zettel und motivierte uns: »Jungs, macht euch mal lokker, raucht eine und trinkt ’n Bier.« Dann spähte sie hinüber zu den die Kluft der Three Lions tragenden Gangstern. »Bei denen hat noch keiner geraucht!«

Nach dem Auflaufen erklang unsere Hymne, die Marseillaise. Dem Gegner hatten wir die Internationale genehmigt, wegen seines russischen Damenanhangs. Mein Plan war, nach dem Shake-Hands den Anstoß auszuführen und mich anschließend auf Grund von Kräfteverschleiß auswechseln zu lassen.

Apollo, der Berlusconi des Gallus, hatte allerdings, wie wir plötzlich merkten, heimlich vier Spitzenstürmer aus der A-Jugend von Kickers Offenbach eingekauft. Ich steckte deshalb Sybille, der Schiedsrichterin, augenblicklich fünf Euro zu, die ich im Arschtascherl bei mir trug, rammte Berry beim ersten Laufduell den linken Ellbogen in die Rippen, versiebte eine Riesenchance und floh im fliegenden Wechsel das Geschehen.

Horst, Daniel Meuren, Ali, unser marokkanischer Ailton, Rasha, ein ehemaliger jugoslawischer Jugendnationalspieler, Michael, Stefan und Martin traten uns daraufhin 6:1 beziehungsweise eher 2:0 in Führung, praktisch uneinholbar jedenfalls. Aus unerklärlichen Gründen stand es zur Pause, nach zwanzig Minuten, dann 5:5. »Wär’ doch ein schönes Endergebnis«, schnaufte Stefan. Auch so ein Eintracht-Fan. »Das ist Unentschiedendefätismus!« wies ich ihn zurecht.

»Sie sind jünger, sie sind flinker. Aber wenn wir gewinnen wollen, gewinnen wir«, heizte Ali den Teamspirit an. Jetzt wollte ich gewinnen. Kurz nach dem Wiederanpfiff rannte ich einem Steilpaß auf halbrechts hinterher, segelte über ein gegnerisches Schienbein, zerfetzte mir das Knie und bewunderte die Flugbahn meiner Brille. »Jürgen, raus!« brüllte Katja. Ich hörte Apollo häßlich lachen.

Als ich total untrainierter Affe vom Platz kroch, wuchs an meiner rechten Wade in Sekundenschnelle ein handtellergroßes Ei. Unter der linken Kniescheibe floß das Blut. Katja schmiß aus Solidarität ihre Brille in den Sand und wechselte zwei Minuten vor Schluß wie eine Blinde. Prompt fiel das 7:8. Mein linkes Bein vergoß rote Tränen, der rechte Unterschenkel lief blau an.

»Ich möchte deiner Verletzung nicht zu nahe treten«, sagte Daniel wenig später. »Aber da muß man dreimal fest drauftreten.« – »Ihr habt verloren! ›No comment!‹ heißt das bei uns«, höhnte Apollo vom Grill herüber. Martin wollte das Resultat »bei der FIFA anfechten« und dekretierte im Hinblick auf eine etwaige Revanche: »Bedingung: Jeder muß vorher zwei Bier trinken.«

»Ich trinke schon das zweite Bier«, sagte Horst und trat dem Bierkasten in den Arsch. »Biertrinken ist doch leichter als Fußballspielen«, sagte ich und versprach: »Wir haben ihnen den Pokal bloß geliehen. Das nächste Mal rufe ich wirklich Nia Künzer an. Und dann gnade ihnen Griechenlands größter Gott: Apollo!«

Damit das mal klar ist.

Lachmund oder: Das Zaudern der Radiorecken

Am 29. Juni feierte Ror Wolf seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Aus diesem hohen Anlaß las Christian Brückner im Großen Bismarcksaal der Mainzer Sektkellerei Kupferberg wunderbar bedachtsam aus Ror Wolfs Prosa- und lyrischem Werk, und danach saßen wir, wie es sich gehört, lange und vergnüglich in kleiner Runde beisammen, auch, um über Fußball zu plaudern.

Ror Wolf ist – vollkommen zu Recht – wiederholt als »Deutschlands Fußballpoet Nummer eins« gerühmt worden, und Bundespräsident Horst Köhler ließ es sich nicht nehmen, ihm zum Wiegenfest ein Glückwunschschreiben u. a. folgenden Wortlauts zu schicken:

»Sehr geehrter Herr Wolf, zu Ihrem Geburtstag sende ich Ihnen alle meine guten Wünsche. Mit Ihrem Werk haben Sie sich in der deutschen Literatur eine einzigartige Stellung erschrieben. Ihr Ton ist unverwechselbar. Niemand sonst vermag es so wie Sie, im Alltäglichen und Trivialen das Komische, Absurde und auch Abgründige zu sehen und darzustellen. […] Nicht zuletzt dem Fußball haben Sie unvergeßliche literarische Denkmäler gesetzt – und in Ihren Hörspielen nicht nur die Sprache des Fußballs seziert und neu montiert, sondern, quasi nebenbei, die Stimmen der Reporter bewahrt, die uns in jüngeren Jahren die Bundesliga im Radio erleben ließen.«

Das ist alles weithin korrekt und schön gesagt, doch müssen wir uns mit wachem Blick auf die Gegenwart, das heißt im Hinblick auf die neue, die fünfundvierzigste Fußballbundesligasaison gewissenhaft ein paar nicht-präsidiale Fragen stellen. Was hat sich verändert, seit Ror Wolf in den siebziger Jahren seine fabelhaften O-Ton-Collagen produzierte? Wo steht der Bundesligafußball heute? Ist er besser als vor dreißig Jahren? Und wie sieht es mit den allgemeinen Bodenverhältnissen aus?

Früher sind die Bodenverhältnisse im Fußball stets ein Thema von übergeordneter Bedeutung gewesen. Oft war mit ihnen nicht sonderlich zu spaßen, nein, nicht selten war es, wie wir in Ror Wolfs akustischen Kunststücken erfahren, um sie durchaus ganz und gar fürchterlich bestellt.

Der »Boden – Ohoo! Rohrbach geht zu Boden. Ooohooo!« –, der Boden zum Beispiel in Bremen war außerordentlich tückisch. »Hier in Bremen ist das Weserstadion, ist der Rasen hier natürlich glatt und rutschig«, hieß es, denn: »Es regnet auch jetzt wieder hier in Bremen, der Boden ist glatt und rutschig.«

Selbstverständlich änderte sich an diesen Bremer Bodenbedingungen im Grunde nie etwas: »Es regnet jetzt in Strömen hier in Bremen, die Bodenverhältnisse werden immer schlechter, der Rasen ist glatt und rutschig.«

Aber auch jenseits von Bremen fristete die Bundesliga ein bedrückendes Dasein: »Dunkle, tiefe Regenwolken liegen über dem Wuppertaler Zoostadion. Man rutscht mir ein wenig zuviel da auf dem nassen Rasen, auf dem glatten, auf dem tiefen Boden hier, und ich darf Ihnen noch sagen, daß dieser Boden recht schwer bespielbar ist.«

Heutzutage haben wir dank der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr überall beste Bodenverhältnisse und von Gelsenkirchen bis Frankfurt Stadiondächer, durch die kein Regen rinnt und dringt – vorbei mithin die Zeiten, in denen die Reporter ausdauernd ihr Bedauern zum Ausdruck bringen mußten:

»Oh, es ist sehr glatt da unten, ja, die Männer dort unten auf dem Rasen tun mir leid.«

Wer an den modernen, griffigen Rasen in Dortmund oder an den gerollten, gewickelten, gestriegelten Rasen auf Schalke denkt, erkennt sofort, welche Fortschritte der Bundesligafußball also zu machen vermochte. Doch nicht nur der Rasen hat sich stark verbessert, auch in klimatischer Hinsicht ist für die oberste Spielklasse eine segensreiche Epoche angebrochen.

»Ungünstige Verhältnisse, am Vormittag Schneeregen, dann Schneefall, unangenehm kühle Temperaturen, ein schneebedeckter, glitschiger Rasen«, das war einmal. »Tief, sehr tief ist jetzt das Gras hier geworden nach diesem pausenlosen Regen seit heut’ morgen, gelegentlich schon gestern«, so hörte sich das an. Und wenn der Himmel gelegentlich seine Schleusen schloß, mußte von anderen Mißlichkeiten berichtet werden. »Die Nässe verdampft«, vernahm man dann deprimiert, scheußlich schwül war’s plötzlich, schwer lagen die Dunstglocken über den Fußballfeldern – bis es wieder von vorne losging:

»Und es regnet in Düsseldorf, es regnet seit etwa sechs, sieben Minuten.« – »Es werden Schirme aufgespannt. Es regnet, es regnet erneut, auch das noch!« – »Wie ein Perlenvorhang hängt der Regen hier vor unserem Tribünendach herunter«, »der Ball erstickt im Wasserstrudel«, »die Tiefstrahler sind immer noch an und täuschen uns einen Sonnenschein auf dem Grün des Rasens vor.«

Kurzum, »einmal regnet’s, einmal schneit’s, einmal scheint die Sonne«, das war die traurige Wetterregel, und das Klagen kannte kein Ende: »Wäre der Boden doch trockener – diesen Seufzer müssen wir immer wieder tun.«

Ror Wolf hat der unermeßlichen Ausweglosigkeit der einstigen Wetterverhältnisse auch einen Vierzeiler gewidmet: »es schneit, dann fällt der regen nieder, / dann schneit es, regnet es und schneit; / dann regnet es die ganze zeit, / es regnet, und dann schneit es wieder.«

Heute müssen wir Gott sei Dank nicht länger mit einem derart ungebührlichen, wechselhaft-wetterwendischen Wetter hadern. Angela Merkel sorgt ganz im Sinne von Franz Beckenbauer, Franz Müntefering und Max Merkel sel. ganzjährig für nahezu gleichbleibend schönes, gutes, wahres Fußballwetter. Im Winter schneit es nicht mehr, und es fallen keine Spiele mehr aus – etwa wegen nimmer endenden Schnür- oder Sturzregens –, so daß wir während der gesamten Spielzeit 2007/2008 beseelt werden ausrufen können:

»Mein Gott, welches Wetter!«

Gleichfalls in der Frage der Spielernamensnennung sind, die Interjektionen, die begeisterten Ausrufe der Reporter, hier beiseite lassend, ungeheure Verbesserungen erzielt worden. Lange haben wir uns begnügen müssen mit »Müller. Grabowski. Müller. Grabowski. Grabowski.« – »Weber. Oder Cullmann. Oder wer auch immer.« Oder einfach mit: »Hoeneß.« Beziehungsweise mit solch schlichten Stafetten: »Das ist die Nummer sechs, das ist Brei! Und jetzt ist Rummenigge – nein, Beckenbauer ist es!« – »Jetzt wieder mit Dürnberger, nein, das ist Hoeneß!« – »Nein, das ist Dürnberger.« – »Zu Vogts. Zuu Overath. Zuu Hoeneß. Zu Breitner.«

Breitner, Dürnberger, Brei – was für einfallslose Namen, ohne Schwung, ohne Esprit! In den aktuellen Kadern der Oberhäusler hingegen glänzen haufenweise magisch-mondäne Namen wie Ribéry, Altintop, Ottl und Bommel, Gledson und Osorio, Pischorn, Perchtold und Pfertzel, Pander und Lövenkrands, Wiese und Mertesacker, Glauber und Auer, Degen und Heerwagen, Wallschläger und Fahrenhorst, Huszti, Pinto und Zizzo und viele andere mehr.

Während die Namensqualität in der Bundesliga demzufolge um dreiundsiebzig Prozent gestiegen ist, hat sich auch das Verhältnis zur Zeit verändert – zum Besseren, versteht sich. Machten uns die Männer an den Mikrophonen ehedem durch eine gewaltig zu nennende Verwirrung im Geflecht der Zeitkategorien kirre – »Wir haben noch neun Minuten zu spielen. Noch etwa sieben Minuten zu spielen. Noch neunzig Sekunden zu spielen, wenn hier nicht nachgespielt wird«, »noch fünfzehn Minuten sind zu spielen, wobei ich wirklich nicht weiß, weshalb«, »52. Minute, äh, nee, 72. Minute muß es ja wohl heißen« –, so gehen unsere gegenwärtigen Mediencracks die Angelegenheit mit der Zeit abgeklärt und souverän an, denn sie haben allein bei geschätzten hundertzwanzig Fußballfernsehübertragungs stunden pro Woche viel mehr Zeit, sich mit der Zeit zu beschäftigen, und bringen deshalb die Minuten und Sekunden überhaupt nicht mehr durcheinander.

Das kommt der allgemeinen geistigen Reife und Stabilität ungemein zugute. In den Köpfen der Altvorderen herrschte unablässig eine furchtbare Konfusion, kombiniert mit einer erheblich gestörten Realitätswahrnehmung:

»In diesem Moment sehe ich es. Ja, es scheint so. Und ich bin nicht sicher, und ich muß erst einmal schauen, jeder hat einen anderen Standpunkt, ganz gleich, woher er auch immer kommen mag. Wer weiß es schon, wer kann es von hier oben beurteilen. Ich muß einmal schauen. So sieht es von hier aus. Jedenfalls optisch sieht das alles so aus.« – »Und Apel ist es gewesen, wenn ich es richtig gesehen habe. Apel, damit wird das Ganze natürlich noch einmal interessant, oder es kann auch Herget gewesen sein. Ich muß es noch einmal genau – Herget ist es gewesen.« – »Von hier, unserem Standpunkt aus, konnte man, glaubte man, erkennen zu können. Das ist jetzt auch geklärt.«

Das Zaudern, das lausige Lavieren der Radio- und Fernsehrecken ist endlich und endgültig passé. Heute becircen uns televisionäre Zupacker und Klarsprecher wie Waldemar Hartmann, Hans Waldmann, Wolf-Dieter Poschmann und Reinhold Beckmann.

»Warum nicht ein wahres Wort dort, wo es angebracht ist?« lautet ihr Motto, und ihre Unbestechlichkeit, gepaart mit Sachverstand und Wortgewandtheit, hat die Fußballreportage und -moderation auf eine nie gekannte zivilisatorische Stufe gehoben.

»Eine Meldung ist eben eingetroffen, in der es heißt: Am Wochenende tut sich gar nichts« – mit einer solch faden Nachricht werden wir im Verlauf der gerade angelaufenen Saison 2007/2008 nicht behelligt werden, und unser irisierendes, prächtiges Fußballfernsehdecoderzeitalter wird auch nicht mehr aufwarten mit schmählichen Peinlichkeiten, wie sie Ror Wolf, der große, melancholische Historiker des deutschen Fußballs, in seinem Hörspiel Schwierigkeiten beim Umschalten leider, leider hat verewigen müssen:

»Verbunden bin ich wieder mit meinem Kollegen Fritz Danko im Moselstadion in Trier. Wie lautet das Endresultat? – – Fritz Danko? – Ja, hier ist Lachmund! Ich möchte wählen hier am Apparat! – Oh, ja, dann ist das eine Fehlschaltung. – Das is’ ’ne Fehlschaltung, ja. – Dann entschuldigen Sie bitte. – Bitte. – Äh. – Hallo? – Ja, Fritz Danko? – Hallo? – Hallo? – Ja, ich hör’ Sie. – Jaa, äh, wir hatten eine Fehlschaltung eben, äh, wie, äh, lautet das Schlußresultat? – Die Tore nannte ich Ihnen bereits, ein verschossener Elfmeter von Blechschmidt in der ach … – Hallo? Ja, also, meine Damen und Herr’n, ich glaube, da im Trierer Moselstadion klappen die Leitungen … – zu diesem 3:0 gekommen ist, man muß sagen, sondern es ist eben psychologisch einfach heute alles gelaufen, und aus diesem Grunde hatte [N. N.] auch nicht mehr die Mittel, gegen diese Betondeckung der Trierer erfolgreich zu sein, zumal … – Ja, schönen Dank, Fritz Danko! – … ein hervorragender Mann im Tor stand. – Ja, schönen Dank für diesen Kurzbericht.«

Nichts zu danken. Denn früher war wirklich alles schlechter.

Edmund Stoibers Welt des Fußballs

Der Vorletzte kriegt vom Letzten einen Tritt in die Achillesferse verpaßt. Das ist das Gesetz des Lebens, und weil sich der Fußball im Leben spiegelt, ist es das Gesetz des Fußballs.

Der natürliche Zusammenhang zwischen Hack- und Sozialordnung war Edmund Stoiber aufgegangen, nachdem er auf der Penne nach einer herben Niederlage im Zicken, einer Art Schulbankfußball, die er im Grunde ordentlich beherrschte, anständig einen auf die Mütze gekriegt hatte. Seither lautete sein Motto: »Kämpfen, kämpfen, kämpfen.«

Edmund, der sich geschworen hatte, nie mehr zu verlieren, merkte geschwind: »Es wird besser, es wird besser, es wird besser!« Und plötzlich, nämlich ein paar Jahrzehnte später, konnte er konstatieren: »Wir spielen absolut in der Champions League.« Woraus er ableitete: »Ich lasse mich nicht von Vereinen, die in der zweiten Liga spielen, kritisieren.«

Vereine, die im Unterhaus des deutschen Fußballs herumkrebsten – wie die Münchner Löwen, der Lieblingsklub seines besten Freundes Theo Waigel –, gingen Edmund Stoiber, dem Vorsitzenden des Verwaltungsbeirates des FC Bayern, verständlicherweise ziemlich auf den Senkel. »Schulden, Schulden und noch mal Schulden« machten die, ein Umstand, aus dem der Chefvisionär der deutschen Champions League die Konsequenz zog: »Für diese Politik darf es keine Verlängerung geben!«

Die Grundfragen des Fußballs, des Lebens und der Politik drängten sich Edmund Stoiber, der ein echter Crack im Torwandschießen war, auch während seiner Wahlkampfreisen auf, die er als seine »persönlichen Fußballweltmeisterschaften« bezeichnete. »Wo is’ na des Tor eigentlich?« brummte er, bei diversen Kicks vor Kameras Entspannung suchend, des öfteren in Richtung seiner Karin, die er einst am Fußballplatz in Geretsried kennengelernt hatte. Da wies sie dann auf ein Tor zehn Meter vor ihm, und Edmund hatte die Orientierung wiedergefunden: »Ich will da rein.«

Aus der Haut fahren konnte der politische Libero Edmund Stoiber, der freie Mann vor den Ausputzern Beckstein, Sauter, Söder und Huber, wenn man die deutsche Nationalelf allzu heftig und deftig schlechtmachte und in Grund und Rasen redete. »Verwechseln Sie bitte Deutschland nicht mit Botswana!« rief der talentierte Ski- und Rhönradfahrer die Miesmacher zur Räson, und den notorischen Gammlern aus dem Milieu der Globalisierungsgegner erklärte er während einer Wahlkampfrede am 10. August 2005 in Hamburg: »Wer Weltmeister werden will, muß Brasilien schlagen und nicht gegen Brasilien demonstrieren!«

Um den ersten WM-Sieg einer deutschen Auswahl gegen die Seleção vor Ort mitzuerleben, war der ehemalige A-Klassen-Libero vom ASV Kiefersfelden und vom Ballclub Farchet drei Jahre zuvor zum Finale der Fußballweltmeisterschaft im Yokohama International Stadium gereist. Anders als Kanzler Schröder, der in der Ehrenloge der Großkopferten dieser Welt herumfläzte, gesellte sich Edmund Stoiber, der Mann des kleinen Mannes, mit Schlachtenbummlerschal und zwei Deutschlandpapierfähnchen zu den Passivsportlern auf einer hundsnormalen Tribüne.

Als Bernd »Schnix« Schneider in der ersten Halbzeit zum wiederholten Mal vielversprechend schneidig aufs brasilianische Tor zuschnurrte, raunte der Kanzlerkandidat, der, wie die Zeit geschrieben hatte, »den Doppelpaß verhindert hatte«, seinem linken Nebenmann – und potentiellen Wähler – ins Ohr: »Schröder hat zu der jetzigen Chance nichts, aber auch gar nichts beigetragen.« Und nachdem Miroslav Klose etwas eigennützig eine weitere Gelegenheit versiebt hatte und die deutsche Anhängerschar in ein großes Wehklagen verfiel, mußte er ihr wirklich ins Gewissen reden: »Sie haben hier eine unverantwortliche Kakophonie.«

Ronaldo bereitete, wie man weiß, dem Spuk durch zwei Treffer ein Ende. »Rimini oder Hannover ist wirklich nicht die deutsche Schicksalsfrage«, durchwehte den FCB- und Deutschlandfan Edmund R. Stoiber kurz vor dem Abpfiff ein gewichtiger Gedanke. Aber der Kanzlerschaftsanwärter, der daheim in Wolfratshausen jeden Sonntag im Garten einen Birnbaum ausspielt und eine Hecke ins Leere laufen läßt, riß sich am Riemen und sinnierte flugs: Das hier ist ja Yokohama! Und sprach wehmütig zu sich selbst: »Das Spiel ist aus!«

Ja, das Spiel war aus.

»Wir ham verloren gegen Frankreich, wir ham verloren gegen Italien, wir ham verloren gegen Dänemark, ja sogar gegen Portugal und gegen Griechenland«, wir hatten verloren gegen »die Griechen, die Italiener, die Spanier« und jetzt auch gegen die Brasilianer. Da tat Erklärung not: »Wer ein Trio vorne hat wie Ronaldo, Ronaldinho und, äh, äh, äh, und, äh, die andern Brasilianer, Carlo, äh, Roberto Carlos, das ist, äh, das ist, äh, Rivaldo dazu noch, Rivaldo, äh, äh, äh, Rivaldo und, äh, Ronaldinho und Ro-, Ronaldo, also, das dann verloren zu haben, das ist zwar bitter, aber nicht so bitter.«

Edmund Stoiber resignierte also nicht. Das war seine Art nicht. Er war ein Kämpfer, immer voller Einsatzbereitschaft, wo immer er auftrat. Noch im Juli 2002 hatte er im oberpfälzischen Kötzing beim Torwandschießen eine ältere Frau mit einem satten Spannschuß zu Boden gestreckt, auf daß Sanitäter der blutenden Dame zu Hilfe eilen mußten. Schützenfest mal anders!

Pantha rei, alles fließt, die Welt ist in Bewegung. »Die Welt um uns herum ist in Bewegung«, der Ball rollt, wohin er will, und manchmal ist er ein Spielball finsterer Mächte.

»Ich sage hier einen sehr deutlichen Vorwurf«, sagte deshalb der Große Vorsitzende des Verwaltungsrates, nachdem der Schiedsrichter Robert Hoyzer den Deutschen Fußball-Bund im Jahre 2005 beinahe zugrunde gerichtet hatte: »Alle diejenigen, die sich damit, äh, involviert haben, müssen meines Erachtens lebenslänglich aus der Fußballszene verschwinden.«

Und an ihre Stelle wird treten ein Erlöser und erklären: »Ich will jetzt Nationaltrainer werden!«

Mach et, Edmund!

Beckenbauers Berufung

Ab und an fragt man sich schon, wieso die Menschen heutzutage praktisch sämtliche Angelegenheiten des gewöhnlichen Lebens mit Leidenschaft abwickeln müssen. Ohne Leidenschaft geht offenbar nichts mehr. Es gibt, wie ein flüchtiger Blick ins Leitmedium Internet verrät, die »Leidenschaft für Sekt«, die »Leidenschaft für die Freiheit«, die »Leidenschaft für Qualität«, die »Leidenschaft für das Mittelmaß«, die »Leidenschaft für Gott«, die »Leidenschaft für Flammen«, die »Leidenschaft für Architektur«, die »Leidenschaft für Außenpolitik« und weitere achthundertvierundsiebzigtausend Leidenschaften. Nicht zu vergessen, daß die Deutsche Bank laut ihrem Werbeslogan »Leistung mit Leidenschaft« abliefert.

Bloß, was soll man sich eigentlich beispielsweise darunter vorstellen, Sekt mit Leidenschaft, mit Schwung und Elan zu trinken? Reicht es nicht, ihn einfach in sich hineinzuschütten? Muß ein solch banaler Akt Passionen wecken, mit etwaigem Sinn aufgeladen werden, an sportive Dynamik gemahnen?

Menschen, die Dinge leidenschaftlich verrichten, neigen oft zur Verblendung, bisweilen wähnen sie sich sogar erleuchtet. Oder sie attestieren in ihrem autoritären Bedürfnis nach leidenschaftlicher Bindung und Führung medial aufpolierten Witzfiguren, über die Fähigkeiten von sogenannten Lichtgestalten zu verfügen, die jene in die Lage versetzen, die Geschicke des Lebens positiv zu beeinflussen.

Ob sich des Deutschen Lieblingslichtgestalt, Franz Beckenbauer, als Auserwählter fühlt, weiß man nicht. Seine von ihm selbst hartnäckig beförderte Dauerpräsenz im öffentlichen, im medial deformierten Leben allerdings läßt vermuten, daß er an die auratische Größe, die ihm die Medien seit Jahrzehnten nimmermüd’ andichten, tatsächlich glaubt.

Franz Beckenbauer »leuchtet und wacht über den deutschen Fußball«, hat ein wahnsinniger Redakteur des Bayerischen Rundfunks mal psalmodiert, und jetzt hat man auch jenseits der Grenzen des dreifachen Fußballweltmeisters beschlossen, den Verstand endgültig in den Wind zu schießen und den Turbogolfer und Neusalzburger Franz Beckenbauer im Rahmen irgendeiner kreuzüberflüssigen »Golf- und Tennis-Mannschafts-Trophy« am Wolfgangsee zum sage und schreie »Botschafter der Leidenschaft« für die EM 2008 zu ernennen.

»Botschafter der Leidenschaft« – der hatte unserer leidenschaftstrunkenen, depperten Zeit noch gefehlt. Beckenbauer solle »mithelfen«, ist aus dem erlauchterleuchteten Österreich zu hören, »das Bewußtsein für die Fußball-EURO 2008 zu stärken«. Das Bewußtsein für eine EM stärken? Warum? Und wie? »Liebe Freunde des Fußballs, denken Sie jeden Tag ganz bewußt daran, daß nächstes Jahr in Österreich und der Schweiz eine Fußballeuropameisterschaft stattfinden wird« – wird es so oder so ähnlich in Bälde täglich aus des Beckenbauers gebenedeiten Munde strömen, und wir alle werden nicken und in uns gehen und uns sagen: »Ja, er hat recht, nächstes Jahr findet in Österreich und der Schweiz eine Fußball-EM statt, das muß ich mir jeden Tag aufs neue bewußtmachen«?

Der hehre Herr Beckenbauer hat die sagenhafte Ernennung zum »Botschafter der Leidenschaft« mit den Worten angenommen: »Die EURO 2008 ist eine einmalige Chance für Österreich, da braucht es Leidenschaft und Mut.« Äh – Mut? Den Mut, die EURO 2008 in neun Monaten dann auch durchzustehen und zu ertragen, mit einem unablässig auf allen Kanälen passioniert herumfranzelnden Heroenexperten und -botschafter, der einst als Trainer den unantastbaren Satz emittierte: »Das, was ich sage, ist richtig«?

Nicht eines Funken Mutes jedenfalls bedarf es, um schon heute leidenschaftslos zu konstatieren: Der Botschafter der Leidenschaft Franz Beckenbauer ist ein Botschafter, der Leiden schafft.

Kein Davonkommen mehr

Wie bitte? Eine Akademie für – Fußballkultur?

Eine Bekannte aus Frankreich staunt nicht schlecht, als sie von der Existenz der im Oktober 2004 in Nürnberg gegründeten Deutschen Akademie für Fußball-Kultur hört. Bei ihr zu Hause in Frankreich, sagt sie, unterhalte man Akademien für alles mögliche, was im engeren Sinne mit Kultur in Verbindung zu bringen sei, aber eine Akademie für – Fußballkultur? In Frankreich undenkbar, sagt sie.

In Deutschland indes, und daran ist die WM im vergangenen Jahr nicht schuldlos, besteht offensichtlich ein unvermindert wachsendes Bedürfnis, die Leitsportart Fußball durch allerlei kulturbetriebliche Aktivitäten medial zu veredeln. An die Spitze dieses nicht abreißenden Trends gesetzt hat sich, indem sie ihn zugleich quasi institutionalisiert, die von der Stadt Nürnberg in Kooperation mit dem Hochkulturblatt kicker und einer Bank getragene Akademie. Ihr Ziel ist, wie es heißt, als »neues Kompetenzzentrum« »eine zentrale Anspielstation auf dem Feld der Fußball-Kultur im ganzen Land« zu werden.

Der Begriff der Fußballkultur allerdings dünkt einem zumindest zweifelhaft, zwingt er doch zwei Dinge zusammen, die im landläufigen Verständnis wenig miteinander zu tun haben – Fußball und Kultur. Aber Akademiemitglied Stefan Erhardt, Redakteur des 1995 aus der Taufe gehobenen Fußballmagazins Der tödliche Paß, das in Kürze zum fünfzigsten Mal erscheint und sich seit der ersten Ausgabe kontinuierlich mit kulturellen Konnotationen des Fußballs beschäftigt, entkräftet solche Bedenken:

»Na, ich denke, die Begriffe ›Fußball‹ und ›Kultur‹ können schon zusammenkommen, wenn man das will und wenn man jetzt nicht künstlich versucht, da Beziehungen herzustellen, die per se dem Fußball nicht inhärent sind. Daß Fußball in Kulturen verankert ist, ist ja schon mal entwicklungsgeschichtlich etwas, was die letzten gut zweihundert Jahre auch zurückverfolgt werden kann. Was den Fußball auch mit der Kultur verbindet, jetzt im allgemeinsten Sinne, ist natürlich seine Organisation – Ligabetriebe, Wirtschaftsunternehmen, Spielerverträge, das ist so das, was die wirtschaftskulturelle Seite ausmacht –, und auf der anderen Seite aber ist es ein Bestandteil, ja, ich möcht’ schon fast sagen: der Folklore, jetzt im guten Sinne, also etwas, was das gemeine Volk zwangsläufig immer berührt, weil’s eine Sportart ist, die sich weltweit so verbreitet hat, daß eigentlich niemand mehr, sagen wir mal mit Ausnahme der USA, davonkommen kann.«

Es gibt kein Entrinnen mehr vor dem Fußball, vor dem, wie in der Selbstdarstellung der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur betont wird, »populärsten Kult unserer Zeit«. Dem Kult – einer ritualisierten, blind beglaubigten Handlungsausprägung von Kultur – zu huldigen, ist jedoch keineswegs das Ansinnen der Akademie, in deren Beirat hochwürdige Körperschaften wie das Goethe-Institut, das Adolf-Grimme-Institut und der Bayerische Rundfunk vertreten sind. Man wolle die Manifestationen der Fußballkultur »in ihrer gesellschaftspolitischen Dimension« betrachten, unterstrich Akademie-Projektleiter Günter Joschko kürzlich auf dem Akademietreffen »Perspektiven 2008«, das im Anschluß an die Gala zur Verleihung des Deutschen Fußball-Kulturpreises stattfand, und Stefan Erhardt präzisiert, auf welchen Feldern die fußballkulturelle Reflexion unter dem Dach der Akademie vorangetrieben werden könnte:

»Ich glaube, die Akademie sollte sich nicht erschöpfen darin, jedes Jahr Preise zu vergeben und eine, ja, wie auch immer, gute oder schlechte Gala zu organisieren, sondern versuchen, Menschen zu ermöglichen, über Fußball nachzudenken, über Fußball zu forschen meinetwegen auch, oder eine Plattform sein, um über Fußball reden zu können, sich austauschen zu können – jenseits von den Stätten, wo Fußball sowieso schon stattfindet, also eben außerhalb des Stadions, außerhalb der Fußballkneipen. Und da sollte die Akademie auch wesentlich größere Unterstützung bekommen. Es muß jetzt nicht sein, daß man jetzt unbedingt das angestrebte Fußballmuseum hier in Nürnberg verwirklicht, das halte ich gar nicht mal für so wichtig. Museal gibt’s da ohnehin schon zu viele Dinge, die den Fußball einfach nur in eine Tradition stellen wollen. Aber Fußball ist eine sehr lebendige Angelegenheit, die sich auch tagtäglich weiterentwickelt. Und was die Akademie da leisten könnte, wäre eben wirklich, ja, ein Haus zu bieten, wo die unterschiedlichsten Veranstaltungen dann auch stattfinden könnten. Das kann bildende Kunst sein, das können tatsächlich Symposien sein, das kann aber auch ein Zentrum sein, wo man tatsächlich Forschung betreiben kann. Also, ich könnte mir zum Beispiel sehr gut vorstellen – etwas, was es in Deutschland meines Wissens noch nicht gibt –, daß man versucht, ein Archiv aller möglichen und unmöglichen Fußballzeitschriften – Magazine, Zeitungen – mal zusammenzustellen, so vollständig, wie das eben auch möglich sein kann. Oder ein anderer großer Bereich, der auch noch sehr lohnenswert wäre, da etwas hineinzuforschen, wäre Fußball so im Kinder- und Jugendbereich – also ganz konkret auch bei Kinderbüchern, Jugendbüchern, Bilderbüchern über die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg.«

Die Akademie hatte vor drei Jahren begonnen, durch Podiumsdiskussionen zwischen Otto Schily und Edmund Stoiber, Paul Breitner und Urban Priol oder Jürgen Klinsmann und Klaus Theweleit öffentliche Aufmerksamkeit zu mobilisieren. Mittlerweile habe sich, führt Günter Joschko aus, neben regelmäßigen Veranstaltungen aller Art die Website www.fussballkultur.org zum »Internetportal zu Fußball und Kultur schlechthin« gemausert, dessen Bedeutung sich etwa an den zahlreichen Linklisten sowie an den »Themen des Monats« ablesen lasse, seien dies Debattenbeiträge über die wuchernde Kommerzialisierung, den Rassismus auf den Rängen, die Entwicklung des Frauenfußballs, die zunehmende Zahl von Stadionverweisen – oder sei es auch mal eine Polemik gegen den FC Bayern.

Zentrales Thema der Akademie aber scheint vorerst die Frage zu sein, wie man mit dem Deutschen Fußball-Kulturpreis weiter verfährt, der dieses Jahr zum zweiten Mal ausgelobt worden war und sich als geeignetes Vehikel zur Generierung von Öffentlichkeit erwiesen hat. Unstrittig unter den zur Zeit dreiundsiebzig Akademiemitgliedern ist lediglich, die mit jeweils 5.000 Euro dotierten Sparten »Fußballbuch des Jahres« und »Lernanstoß – der Fußballbildungspreis des Jahres«, mit dem pädagogische Programme an Schulen und in Vereinen prämiert werden, sowie den doppelt so hoch dotierten »Walther-Bensemann-Sonderpreis« beizubehalten. Doch die Verleihung der letzteren Auszeichnung, die Persönlichkeiten des Fußballs ehren soll, die sich »mit Mut und Pioniergeist für mehr gesellschaftliche Verantwortung, Fair play und interkulturelle Verständigung« engagieren, im vergangenen Jahr an ausgerechnet Franz Beckenbauer und heuer an den millionenschweren Altweltstar Alfredo Di Stéfano rief bei etlichen Akademiemitgliedern im nachhinein regelrecht Empörung hervor. Der Sportwissenschaftler Dieter Jütting hätte post festum wohl am liebsten beide Entscheidungen annulliert, und Volker Goll von der Koordinationsstelle Fan-Projekte bei der Deutschen Sportjugend bekannte, während der Zeremonie »nah am Zwischenruf« gewesen zu sein.

Was Beckenbauer und Di Stéfano mit der wie auch immer umrissenen Kultur des Fußballs am Hut haben, bleibt ein Rätsel, auch wenn Jochen Hieber von der FAZ dafür plädierte, den »Fußballkulturbegriff« sehr, sehr weit zu fassen und den »Glamour- und Medienfaktor« nicht geringzuschätzen. Ob künftig, wie auf dem Akademietreffen erwogen, Preise für Fußballkurzfilme oder -jugendbücher vergeben werden, wird sich weisen. Daß man, versicherte Günter Joschko, auf keinen Fall »die beste Stadionbratwurst« als Beleg für eine erfreulich ziselierte Fußballbratwurstkultur dekorieren werde, beruhigt immerhin. Doch jenseits der Preisverleiherei bliebe gewissermaßen prinzipiell zu fragen, ob die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur – neben der angeregten stärkeren Unterstützung klassisch-akademischer Forschungsprojekte – in den Fußball selbst zurückzuwirken und womöglich Tendenzen zu beeinflussen vermag, die im Sinne der Fußballkultur abträglich erscheinen. Stefan Erhardt ist da eher skeptisch:

»Ich fürchte: im Moment nicht. Dadurch, daß eben der, ja, jetzt gehen wir mal vom Populärfußball aus, sprich also vom Profifußball, daß der stark eingebunden ist und da auf absehbare Zeit auch so schnell nicht mehr rauskommen wird – eingebunden ist in die rein manchesterkapitalistischen Strukturen –, wird’s so sein, daß sich die Vereine eher vom Geld beeinflussen lassen als von einer Akademie. Wo die Akademie wirken könnte, wäre auf längere Sicht vielleicht, einen Gegentrend gegen diese Geldmaschine Fußball zu setzen – und das zu erreichen, was ja viele in England auch mit diesem ›Reclaim the game‹-Slogan vor Jahren schon ins Leben gerufen haben: nämlich ’ne Bewegung zurück zum eigentlichen Spiel, und da ein Bewußtsein zu schaffen.«

Das läßt im begrüßenswert altmodischen Sinne auf mehr Autonomie, auf Kritik und Aufklärung hoffen:

»Das ist ja, denk’ ich auch, meines Wissens und meines Verständnisses nach ’ne Aufgabe von einer Akademie, die ja unabhängig auch sein soll: Kritik im Sinne zu üben nicht, daß man Dinge schlechtmacht, sondern daß man Zusammenhänge aufzeigt, erhellt, daß man Abhängigkeiten verdeutlicht, die Zustände erklärt und dadurch auch versucht zu verbessern. Also, es ist schon ein, wenn man so will, aufklärerischer Anspruch, den ich zumindest mit ›Akademie für Fußballkultur‹ auch verbinde.«

Und der, der aufklärerische Anspruch, könnte sich vielleicht sogar an die Akademie selbst richten. Denn wenn man sieht, daß Ronny Blaschke, der mit seinem Reportagenband Im Schatten des Spiels – Rassismus und Randale im Fußball den Fußballbuchpreis 2007 gewann, einerseits Akademiemitglied ist, andererseits in der Jury für die Auszeichnung »Fangesang des Jahres« sitzt, in welcher zudem das Akademiemitglied Christoph Biermann hockt, der seinerseits den Silberplatz in Sachen Fußballbuch belegte; und daß, zum dritten, der dito untadelige FAZ-Mann Christian Eichler als Akademiemitglied neben anderen für die Nominierung des »Fußballspruchs des Jahres« geradestand und in dieser Funktion eine Sentenz von sich höchstselbst in die Finalrunde befördern mußte – dann möcht’ man sich schon mal drei, vier Sekunden lang die Augen reiben.

Und das sagt notabene jemand, der selber auf dem schmählichen dritten Buchrang gelandet und deshalb natürlich neidisch und zutiefst gekränkt ist.

Was denn noch?

Die Sklaverei wird abgeschafft? Man führt die allgemeinen Menschenrechte ein? Der Homo sapiens erobert den Mond?

Was für schäbige Marginalien im Vergleich zu der Tatsache, daß ab der kommenden Saison ein Mann das Cheftraineramt beim eingebildetsten Fußballklub Mitteleuropas bekleiden wird, der in der Welt des in Virilio-artigem Tempo hysterisierten Hochleistungssports bis dato zumal durch das Tragen ochsenteurer Anzüge, den im Neosprech der neoliberalen Gutsherren propagierten Einsatz von Strampelhosen und Gummibändern sowie die wissenschaftliche Auswertung von Strandspaziergängen auffällig zu werden vermochte. Und, natürlich, durch die von Sönke Wortmann in dem quarkigen Rührstück Deutschland – Ein Sommermärchen dokumentierten Spitzensportsmannparolen etwa dergestalt, man werde sich von den Polen, den alten Kartoffelsäcken, nicht »das Butter« (Edmund Stoiber) vom Brot nehmen lassen – oder so ähnlich.

Jürgen Klinsmann war, das hatte man dem Post-WM-Jahr 2007 hoch angerechnet, nach dem dritten Platz von der Bildfläche weitgehend verschwunden; hatte sich kurzzeitig als arena-Experte wieder blikken und hie und da, in England und in den USA und sonstwo, als Vereins- oder Nationaltrainer ins Spiel bringen lassen – jedoch selber vorbildlich gehandelt insofern, als er sämtliche Offerten abschlägig beschied und uns mit seinem widerwärtig weltverzaubernden Grinsen und seinem daueroptimistischen Automatengeplapper in Frieden ließ.

Aber jetzt – ist er eingetreten, der worst case. Ich muß das aus Sicht eines unverbrüchlichen FC-Bayern-Fans so sagen. Beinahe jeden hätten wir hingenommen, achselzuckend oder neugierig oder vielleicht sogar ein wenig erwartungsfroh: den im Grunde gutmütigen, leider allzuoft falschberatenen und irgendwie auch an seiner eigenen wackeligen Persönlichkeitsstruktur laborierenden Matthäus Lothar; den bisweilen zur Bubenmasche seiner selbst verkommenden Jürgen Klopp; das Monster Mourinho, den Rotzflegel Rijkaard (den eigentlich am allerliebsten), den italienischen Betonmischer Lippi, meinethalben selbst den nachgewiesenermaßen ziemlich unfähigen niederländischen Bondscoach Marco van Basten.

Doch Nachfolger des gentilen Ottmar Hitzfeld wird ausgerechnet Jürgen Klinsmann – jener Ex-Bayern-Profi, der schon von 1995 bis 1997 jedem halbwegs moralisch und geistig gerüsteten FCB-Anhänger mit seinem permanent stolz durch die Gegend getragenen Spießerrevoluzzertum auf den Senkel gegangen war und in seinem affig-egozentrischen Gebaren auf dem Platz jede humane Anmutung vermissen ließ.

Abgesehen davon, daß wir uns doch fragen, wer den neuen Jogi Löw an seiner Seite geben könnte (denn Klinsmann, das vergißt man gerne, ist gar kein Trainer, sondern ein Suppenverkäufer), erschaudern wir bereits jetzt angesichts der neuen Stufe, die die mediale Eskalation in München erklimmen wird. All den läppischen, zum Teil aufs würdeloseste inszenierten Krawall, den Hoeneß und der zerebral offenbar durchgebrutzelte Rummenigge anzetteln werden, sobald Klinsmanns Team »einmal in Folge« (Diego G. Buchwald) verloren haben wird, malen wir uns als Mischung aus Heavy-Metal-Musikantenstadl, Kegelvereinsjahreshauptversammlung, Gemeinderatssitzung in Dachau-Süd und vor allen Kameralinsen der Republik live ausgetragenem Kabinettszickenzoff im Stile Merkel contra Beckibär aus. Und moderieren darf den ganzen Schlamassel Dieter Bohlen.

Ich sitze gerade in Lissabon und lese Fernando Pessoa. »Im heutigen Leben gehört die Welt nur den Narren, den Grobschlächtigen und den Betriebsamen«, schrieb er im Buch der Unruhe. Was soll man denn noch sagen?

Kulturkwatsch oder: Der Straßenkehrer in mir

Nach einem mal wieder zu kühnsten Träumen Anlaß gebenden Sieg der Eintracht gammelten wir zu fünft vor der Gaststätte Kyklamino im Gallusviertel herum und rauchten.

Wir nahmen den Unfug der Raucherbekämpfung und -demütigung vergleichsweise gelassen, denn der Fußball, der laut einer These des Adorno-Schülers und Soziologen Dieter Bott die Herrschaftsunkultur der »Sportifizierung« sämtlicher Alltags- und Lebensbereiche in den vergangenen Jahren am nachdrücklichsten durchgesetzt hat, verkleistert die Sinne und den Verstand. Massenkultur homogenisiert nahezu stets und ist deshalb ein nie stockender Motor der Vernebelung und Formierung des Bewußtseins.

Wir plauderten, ergebnisbedingt zwischenzeitlich versöhnt mit der widrigen Wirklichkeit, über die Auspizien der Adler, da zog Heike ein paar Kärtchen aus der Jacke und verteilte sie. Rote Kärtchen. »Müll macht schlechte Laune«, stand auf der Vorderseite, und auf der Rückseite war zu lesen: »Wer seinen Mitmenschen Schmutz vor die Füße wirft, wird zukünftig zur Kasse gebeten. Da gibt es kein Pardon.«

Ich dachte kurz an die Zeitschrift pardon, aber hier handelte es sich nicht um einen Scherz. »Ausgeleerter Aschenbecher 35 €«, »Essensreste 35 €«, »Einwickelpapier 20 €«, »Zigarettenkippe 20 €«, »Handzettel 20 €« – Frankfurt, daran besteht kein Zweifel mehr, Frankfurt, die ehemalige Stadt der antiautoritären Revolte, mausert sich gerade zum Paradies für habituelle Blockwarte, und über die pestilenzialische Semiotik des Fußballs – die Rote Karte – wird uns diese segensreiche Entwicklung vor Augen geführt.

»Was kostet es, seinen ganz persönlichen Atommüll auf die Frankenallee zu pfeffern?« fragte Stefan. Heike wußte es nicht.

Das ist unsere Zeit, das ist von Frankfurts Tradition einer profunden Skepsis gegenüber den alltags- und politkulturellen Zumutungen geblieben. Der »progressive Alltag« (Chlodwig Poth) wird von sportiven Spießern, von engagierten Müllinspektoren und -sammlern beherrscht, deren Triebenergie sich darauf richtet, den Raum, der den Banken und Konzernen und ihren Handlangern gehört, sauberzuhalten, um den Schein von Zivilität zu wahren. Als zeigte die nicht weggeworfene Bierdose oder die nicht weggeschnippte Zigarettenkippe anderes an als den Triumph der Hörigkeit, des Straßenkehrers in mir.

Wahrscheinlich kriegen wir hier demnächst auch noch eine »Neue Müllkultur« verabreicht. Das wird überdauern von der Kritischen Theorie – via Habermasens »Neue Unübersichtlichkeits«-Diagnose. Sehr schön. Endlich Ordnung. Wie bei der Eintracht.

Bertholds Blutwurstgrätsche

Unsere Zeit, die vor sich hin gurgelnde Gegenwart, gibt einem ja ohne Unterlaß Anlaß genug, schon nach dem Aufwachen derart grandios gelaunt zu sein, daß man die Abwicklung der Existenzpflichten mal wieder einen Tag lang lieber bleibenlassen möchte. Wenn einen dann obendrein aus dem zwecks Ablenkung von den Verwehungen in der eigenen verkarsteten Rübe eingeschalteten Frühstücksfänseh, dieser grausamsten aller zivilen Foltermaschinen, irgendein brillanter Bundesligamanager anquakt oder irgendeine akute Trainertristessevisage anrempelt, ist bereits um 8.37 Uhr endgültig alles zu spät. Da hilft im Grunde nur noch der Nottrunk, dem man sich geflissentlich nicht anheimgibt, oder die durchlauchtige Depression.

Aber dann passieren manchmal seltsam schöne Dinge, ja wenden dieselben sich zum Besten, an Abenden etwa, an denen man mit den Kollegen Stefan Gärtner von der Titanic und Martin Maria Schwarz vom gelobten Kulturkanal des Hessischen Rundfunks in der Frankfurter High-End-Apfelweinwirtschaft Klabunt auf dem kleinsten Lesepodium der Welt hockt und stundenlang forciert unsinnig über Fußball babbelt – unter Zuhilfenahme allermodernster und simultan -marodester Videoprojektions- und CD-Einspielungstechnologie sowie in Begleitung allerfeinster Stargäste.

Soviel Selbstbehudelung muß hier leider sein: Die »Blutwurstgrätsche«, wie die unregelmäßig organisierte, traditionell mit einem Sack schlechter Offenbach-Witze gespickte und im Auftrag der Robert-Hoyzer-Stiftung runtergerobbte Veranstaltung heißt, ist mir zum Labsal geworden. Bislang waren u. a. Rudi Brückner, Horst Tomayer, Dragoslav Stepanović und Nia Künzer zu Gast, und neulich beehrte uns Weltmeister Thomas Berthold, der Hanau-Frankfurter Bub, der als technisch hochbeschlagener, gleichwohl allzeit splitterholzunerbittlicher Verteidiger an drei WM-Endrunden teilnahm, in dreihundertzweiunddreißig Bundesligapartien immerhin zweiundzwanzig Tore schoß und ungezählte Rekorde im Einstreichen von Roten Karten aufstellte.

Seinen berühmtesten, ja eindrucksvollsten Platzverweis fuhr er im WM-Viertelfinale gegen Mexiko am 21. Juni 1986 in Monterrey ein, nachdem er seinen widerspenstigen Widersacher nach einem Laufduell mit der Manschette, die seinen wahrscheinlich vom Bierkrugstemmen lädierten rechten Arm zierte, im Fallen niedergestreckt hatte. Berthold kommentierte die Szene bei uns ausgelassen selbstironisch und heiter und setzte im Verlauf des ausufernden Geplauders eine gelungene Pointe nach der anderen. Der ehemals zum arroganten Stinkstiefel par excellence erkorene Weltklassemanndecker, der bei der Eintracht, bei Hellas Verona, beim AS Rom, bei Bayern München und beim VfB Stuttgart diente, ist ein Erzähl- und Unterhaltungsnaturtalent, das sich nicht scheut, vor Publikum in Anspielung auf seine FCB- und Bernhard-Langer-Tribünensaison 1992/93 Minigolf mit einem Kochlöffel und einem Ball aus Aluminiumfolie zu spielen, die furchtbaren WM-Songs von 1986 (»Mexico mi amor«), 1990 (»Wir sind schon auf dem Brenner«) und 1994 (»Far Away In America«) über sich ergehen zu lassen, die Thomas-Berthold-Ähnlichkeitsmedaille für kühnes Kaugummikauen während des Abspielens der Nationalhymne zu verleihen und aus dem Bauchladen des Spitzenspielerlebens zu schnacken.

1990 habe man, erzählte Berthold, den WM-Titel ohne eine einzige Taktikbesprechung gewonnen. Bekkenbauer habe gewußt oder einfach behauptet, daß man unschlagbar sei – und fertig. 1994 hingegen, unter seinem Nachfolger Berti Vogts, sei bereits während der desaströsen Vorbereitung klar gewesen, daß die USA-Reise frühzeitig enden würde. Einen unfähigeren Trainer als Vogts, so Berthold, habe er vorher nicht und danach nicht mehr erlebt.

Die offizielle Darstellung der Weltmeisterschaft 1986 bedürfte gleichfalls erheblicher Ergänzungen. Denn dazumal lief offenbar wirklich alles wunderbar aus dem Ruder. Nachdem sich Beckenbauer für Toni Schumacher als Nummer eins im Tor entschieden hatte, habe Uli Stein, versicherte Berthold, vor versammelter Mannschaft verkündet, ab sofort Urlaub zu machen – und anschließend auf der Bank hingebungsvoll sonnengebadet und nach Herzenslust geraucht, ohne daß Beckenbauer eingeschritten sei. Der Kaiser besaß schlichtweg keinen Mumm dazu.

Das hoffnungslose Unterfangen, den Laden zu disziplinieren, oblag dem Assistenten Vogts. Dem tanzten allerdings sogar die braven Förster-Brüder auf der Nase herum, und im Anschluß an das völlig überraschend gegen Frankreich gewonnene Halbfinale seien im Bus auf der Fahrt vom Stadion ins Hotel dreihundert Flaschen Bier geleert und durch die Fenster auf die Straße befördert worden. Das Endspiel, so Berthold, habe man denn auch einzig und allein wegen der nie endenden Sauferei vergeigt.

Am dollsten trieb es, berichtete Berthold, Hans-Peter Briegel. Um den unerträglichen Vogts zu demütigen, hatte der Pfälzer Brecher zum Beispiel eine Riesenpfanne anfertigen lassen, in der er sich spätabends fünfzig (!) Spiegeleier aufs Zimmer bringen ließ, wo eine Kartenrunde tagte, die bis zum Morgengrauen ihre Blätter drosch. Als der Korschenbroicher Berti mal wieder versuchte, die Einhaltung der Ernährungsregeln und des Zapfenstreichs zu kontrollieren, und an die Tür von Briegels Gemach klopfte, öffnete der Athlet mit der Statur eines Zehnkämpfers, schaute auf den Gnom herab und bellte ihn an: »Was willst du hier? Ich hab’ ein Superblatt! Laß dich hier nie wieder blicken!«

Ich freue mich mittlerweile auf jede neue »Blutwurstgrätsche«, denn da sind Schnurren zu hören, die zeigen, daß die Geheim- oder Realgeschichte des deutschen Fußballs noch geschrieben werden müßte. Merkwürdigerweise hat aber just an der wahren Historie des Fußballs, an seiner »Geschichte von unten«, der durch Boulevardschleim verschlammte Medienapparat nicht das geringste Interesse – obwohl Tratsch und Klatsch prinzipiell in seinen Zuständigkeitsbereich fielen.

»Es ist doch immer dieselbe Suppe, die hier rumschwimmt«, sagte Thomas Berthold neulich in einem Interview mit dem Magazin 11 Freunde, gefragt, was er von der hiesigen Fußballjournaille halte. Und weil man als Freund des Fußballs diese Suppe permanent auslöffeln muß, ereilt einen nebst der morgendlichen auch noch die abendliche Schwermut, kauernd vor der Stammkneipen-Gonorrhöe-Glotze, aus der das nichtige Moderatoren-, Experten- und Kommentatorengesabber herausschwappt, bis sich die Seele der Sintflut des Schwachsinns hingibt.

Wer müßte sich da nicht besinnungslos betrinken – beziehungsweise besinnungslos trinken?

Hinfort mit Hitzfeld!

Im Verlauf des UEFA-Cup-Achtelfinalhinspiels zwischen dem RSC Anderlecht und dem FC Bayern München fiel es uns am Kneipentisch nach dem 0:4 simultan wie Schuppen von den Zehennägeln: Hitzfeld muß weg! Ottmar Hitzfeld muß gefeuert werden! Und zwar sofort! Was für ein Versager, was für ein beschissener Trainer, dieser Hitzfeld! Höchste Zeit, daß Henke ihn ablöst. Oder Horst Hrubesch. Bis Klinsmann am 1. Juli das Ruder übernimmt. Hitzfeld? Hinfort mit ihm! Ein bißchen subito!

Ich mein’, der Mann beziehungsweise die von ihm betreute Mannschaft hat in dieser Saison bislang immerhin eins (in Zahlen: 1) von neununddreißig Pflichtspielen verloren, steht im DFB-Pokalhalbfinale, führt die Bundesliga an, hat in dreiundzwanzig Ligapartien elf Tore kassiert, gewann zum erstenmal seit zehn Jahren auf Schalke, feierte in Brüssel den »höchsten Auswärtssieg der glorreichen Europapokalgeschichte« (Financial Times Deutschland) und …

Nun, gut, sicher, in der Oberliga NOFV-Nord kommt Spitzenreiter Hertha BSC II in sechzehn Begegnungen gleichfalls auf gerade mal eine Pleite, dasselbe gilt für den SC Renault Brühl in der Landesliga Mittelrhein – Staffel 1 (bei achtzehn Spielen) und Holstein Kiel II in der Verbandsliga Schleswig-Holstein (bei einundzwanzig Partien). Und in der sackstarken belgischen Jupiler League verließ Standard Lüttich in vierundzwanzig Begegnungen noch kein einziges Mal als Loser den Platz, genauso wie Wisla Krakau in neunzehn Matches in der phänomenal besetzten polnischen Ekstraklasa. Aber was heißt das schon?

Nichts. Oder, im Gegenteil, halt: daß gehandelt werden muß! Denn nachdem der FC Bayern am 8. November des vergangenen Jahres gegen Bolton Wanderers nur ein 2:2 erreicht hatte und zwei Tage später in Stuttgart mit 1:3 untergegangen war, konnte der weise Vorstandsboß Brummelknigge gar nicht anders, als den Lörracher Lehrmeister öffentlich zurechtzuweisen (»Fußball ist keine Mathematik«), das Rotationsprinzip zur Disposition zu stellen und Hitzfeld in der Folgezeit so lange zu piesacken, bis der ankündigte, am Ende der Saison zu verduften.

Auf www.uefa.com war jetzt zu lesen: »Ein 5:0-Sieg ist natürlich immer ein gutes Ergebnis. Doch der Erfolg des FC Bayern München beim RSC Anderlecht im UEFA-Pokal hat aber noch einige angenehme Nebeneffekte. Wieder einmal durfte sich Trainer Ottmar Hitzfeld für sein Rotationsprinzip feiern lassen, das dem Verein schon 2000/01 den ganz großen Triumph in der UEFA Champions League bescherte.« Welch eklatante Fehleinschätzung! Hitzfeld, das liegt seit den Novembertagen 2007 auf der Hand, ist eine Riesenflasche, sein Rausschmiß dringender denn je geboten. Es wäre eine ähnlich vernünftige Entscheidung wie die durch den großartigen Teppichhändler Michael A. Roth veranlaßte Entlassung Hans Meyers in Nürnberg.

Sehen wir uns die Fakten an. Seit Hitzfeld wieder an der Säbener Straße regiert, ist Oliver Kahns Torquote dramatisch gesunken. Insgesamt gleicht der Quotient aus erzielten Toren und Zuschauerdurchschnitt einem Offenbarungseid. Bei geschätzten 67.000 Zuschauern pro Bundesligaspiel in der Allianz-Arena und elf Begegnungen trafen die Roten vor in toto 737.000 Fans bis dato ganze einundzwanzigmal, woraus ein Quotient von 2,85 mal zehn hoch minus 5 resultiert. Auf jeden Zuschauer kommen mithin bloß 0,0000285 Tore – der schlechteste Wert seit 1933!

Das liegt auch daran, daß Hitzfeld in seiner zweiten Amtsperiode an der Isar Giovane Elber kein Vertrauen mehr schenkt. Der Brasilianer hat heuer kein einziges Tor geschossen! Zu schweigen von der kläglichen Korrelation zwischen Abseitspositionen und einsilbigen Spielernamen. Ottl, Lahm, Lell und Kroos – allesamt Deutsche! – tappten dreiundachtzigmal in die Falle, obwohl sie es zusammen auf lediglich siebzehn Buchstaben bringen. Berechnen Sie, lieber Leser, den beschämenden Wert selber! Wir sagen (und leiten diese Worte insbesondere an Karl-Heinz Rummelbummel weiter): Herr Hitzfeld, Sie haben keine Ausreden mehr!

Was dito gerne vergessen wird: Ottmar Hitzfeld ist ja seit jeher vom Habitus her ein Fluch, handelt er doch im heute so bedeutsamen medialen Umfeld nach einem Motto des gleichermaßen unsäglichen Journalistenverächters Ernst Happel, der mal bekannte: »Ich bin nicht auf Sensationen aufgebaut.« Deshalb stimmt uns wenigstens froh, daß auf den Schwarzwälder Hitzfeld im Sommer ein Schwabe vom glamourösen Kaliber eines Hegel folgen wird – Jürgen Klinsmann, der mit einem Salär von acht Millionen Euro pro Jahr und einem Betreuerstab in Bataillonsstärke in den nächsten zwei Jahren seinen Ruf als »Modernisierer« (www.spiegel.de) untermauern und »ein Energiefeld aufbauen« will, »das den Spielern ziemlich Spaß machen wird«.

Energiefeld statt Hitzfeld – na endlich. Hitzfeld, dieses Relikt aus einer Epoche, die von Rauchfeldern oder -meldern wie Menotti und Minetti und Ornella Muti und eben auch dem Zigarrenjongleur Heizfeld oder Heidfeld oder halt Hitzfeld geprägt wurde, Hitzfeld, dessen Fähigkeiten, die vergangenen Wochen haben es gezeigt, vielleicht reichen, um Energie Cottbus in die zweite Liga zu geleiten, hat abgewirtschaftet, hat den großen FC Bayern zum Gespött der Fußballwelt gemacht. Schluß damit! Werft ihn raus! Und holt, bis Klinsmann in München landet, meinethalben Lattek! Oder Olm. Oder Zebec.

Und dann laßt uns mit Franz Beckenbauer in die Zukunft schauen. Der nämlich äußerte Ende Januar auf dem sechzigsten Niedersächsischen Landespresseball in Hannover: »Ich kann nur hoffen, daß Jürgen Klinsmann die zwei Jahre durchhält.« Andernfalls kehrt wer zurück?

Hitzfeld. Hossa!

Der Elfmeterpunkt

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

was sagen Ihnen die Namen Loy – Eigenbrodt, Höfer – Stinka, Lutz, Weilbächer – Kreß, Sztani, Goethe, Lindner, Pfaff?

Eben.

Und wer pfiff?

Klar. Schiedsrichter Asmussen aus Flensburg pfiff. Mit Ernst Huberty zu raunen: »Asmussen, ein Name, den man sich merken muß.«

Und Asmussen pfiff hervorragend an jenem 28. Juni 1959 im Berliner Olympiastadion, denn er pfiff, weil er langsam mal nach Hause wollte und es deshalb höchste Zeit für eine Vorentscheidung wurde, in der ersten Minute der Verlängerung Elfmeter, und zwar einwandfrei für die richtige Mannschaft.

Dort drüben, jenseits des Mains, in einer Stadt called Offe’bach, hat man sich mit der historischen Wahrheit bis heute nicht anfreunden mögen, aber es war unbestreitbar so, daß ein Spieler namens Lichtl den großen Richard Kreß – übrigens der älteste Akteur beim Start der Bundesliga 1963 – im Strafraum zu Fall gebracht hatte, und Asmussen zeigte auf den, mit Manni Breuckmann zu reden, »ominösen Punkt«.

Wie wir alle wissen, verwandelte Goethe den Strafstoß zum psychologisch äußerst wichtigen 3:2, und … Halt! Stop!

Ich fange noch mal von vorne an.

Sagt Ihnen der Name Peter Handke etwas? Handke? Nicht Mike Hanke! Peter Handke hat die später zu allem Überfluß auch noch von Wim Wenders verfilmte Erzählung Die Angst des Tormanns beim Elfmeter zu verantworten, ein ziemlich dubioses Opus, für das der Torwächterpartisan Petar Radenković die lobenden Worte gefunden haben soll: »So ein Unsinn!« Beziehungsweise: »Nix viel über Fußball.« Beziehungsweise war ihm, überlieferte Hellmuth Karasek, dazumal Kulturredakteur beim Spiegel, das Buch von der Redaktion zur Rezension geschickt worden. Radenković lehnte brieflich ab: »Titel ist Bledsinn! Torwart hat nicht Angst beim Elfmeter. Hält er, ist er Held. Hält er nicht, ist Schütze Idiot.«

Hält er, ist er Held. Dito ein Satz, den man sich merken muß.

Handke indes hatte exakt zehn Jahre nach dem besten Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft aller Zeiten überdies den Lyrikband Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt veröffentlicht, in dem das Gedicht »Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968« zu lesen war:

Wabra

Leupold – Popp

L. Müller – Wenauer – Blankenburg

Starek – Strehl – Brungs – H. Müller – Volkert

Tja. Das heißt: Auch hier war Handke ein gravierender Fehler unterlaufen. Nicht Leupold hatte neben Popp als linker Verteidiger agiert, sondern Hilpert. Leupold wiederum hatte in der 76. Minute Blankenburg ersetzt. Verstehe einer diesen Dichter!

Ich allerdings verstehe meine Entscheidung recht gut, Feigenspan, der dazumal die Eintracht auf die Sie-gesstraße führte, durch Goethe substituiert zu haben. Vom f zum g ist es im Alphabet nur ein winziger Schritt, und beide sind große Frankfurter. Im Verbund mit einem dritten, dem Volksgenie Anton Hübler, bilden sie eine strahlende Trinität, vollkommen stimmig und einträchtig im Alphabet neben- oder hintereinander aufgereiht: f – g – h. Feigenspan – Goethe – Hübler. Die Umbenennung der SGE in FGH Frankfurt – Freunde Großer Helden Frankfurt –, sie sei hiermit bei der Stadt beantragt, wenn die denn für so was zuständig sein sollte.

Anton Hübler, den wir hier nochmals mit großer Freude und großem Applaus begrüßen –, Anton Hübler ist wahrscheinlich der einzige Zeugwart der Welt mit Legendenstatus. Ein Eintracht-Fanklub trägt seinen Namen – das »Kommando Anton Hübler« – und ehrt dergestalt das Wirken eines Mannes, der 1954 auf dem Arbeitsamt in Langen auf eine Anzeige gestoßen war. Die Eintracht suchte einen Gärtner, Anton Hübler bewarb sich, bekam die Stelle, und fünf Jahre später legte er geraume Zeit vor dem Finale im Riederwald ein Geranienbeet an, auf dem die von Fans und Händlern aus der Großmarkthalle spendierten Blumen den Schriftzug »Deutscher Meister Eintracht Frankfurt« bildeten. So gewinnt man Titel, werte Offenbacher!

Völlig einleuchtend lebt Anton Hübler heute in Urberach einen Steinwurf entfernt vom dortigen: Waldstadion – und hält als jemand, der vierzig Jahre lang treu und integer der Diva diente, die Erinnerung an Zeiten wach, in denen Stadionsponsoring und ähnliche Krämpfe nicht zum dieser Tage oft mühsalbeladenen Fußballalltag gehörten.

Der Name »Waldstadion«, er gemahnt zudem an die lauschigen, idyllischen Passagen in Goethes lyrischem Œuvre, etwa an das Gedicht »Ich ging im Walde so vor mich hin«, in dem das lyrische Ich auf eine Blume stößt, deren Schönheit es beinahe dahinschmelzen läßt: »Ich wollt’ es brechen, / Da sagt’ es fein: / Soll ich zum Welken / Gebrochen sein? // Mit allen Wurzeln / Hob ich es aus / Und trug’s zum Garten / Am hübschen Haus. // Ich pflanzt’ es wieder / Am kühlen Ort; / Nun zweigt und blüht es / Mir immer fort.«

Berücksichtigen wir obendrein, daß der Goethe-Forscher und -Herausgeber und, notabene, Eintracht-Fan F. W. Bernstein die Hüblersche Geranienepisode zu seinem »schönsten Eintracht-Erlebnis« erkor – noch vor Hölzenbeins Auftritten, Holz »ging«, sagt Fritz, immer »wie Kaltwasser durch die Verteidigung« –, dann ist vollends verständlich, warum der heute einzuweihende Anton-Hübler-Pfad, mit dem die sogenannte Landschaftslücke des GrünGürtels zwischen Ostpark und Mainufer vorläufig geschlossen wird, dem bedeutenden Bundesligabotaniker und Zeus unter den Zeugwarten gewidmet ist. Wir verneigen uns!

Und wir ziehen noch zwei weitere Hüte: vor Henner Drescher und Fritz Weigle. Fritz hat nicht bloß die Zeichnungen des Zyklus »Goethe und die Eintracht« zur Verfügung gestellt, die den Anton-Hübler-Pfad unter dem hochhumanistischen Motto »Hier bin ich Fan, hier darf ich’s sein« auf siegestrunken wehenden Fahnen zieren; Fritz hat obendrein der Stadt Frankfurt und den Fans des GrünGürtels ein neues komisches Kunstwerk geschenkt: den Elfmeterpunkt aus der Sicht der Innenwelt des Feigenspan vorm Abschluß mit dem Außenspann.

Beziehungsweise: Was sagt derjenige, der die Installation »Der Elfmeterpunkt« entworfen und zusammen mit Henner Drescher in allen drei Raumdimensionen dieser Welt realisiert hat? Ich schalte um zu Fritz Weigle: »Die Erdachse wird in den GrünGürtel verlegt, und zwar in den Ostpark. Dort ist ein Biotop freilaufender Fußballspieler. Am Rande des Spielfeldes ragt jetzt die Erdachse, und sie trägt an ihrer Spitze den Elfmeterpunkt, der sonst vor dem Tor flachliegt. So wird der Rasen zugleich geschont und geschmückt.«

Auf dem Elfmeterpunkt liegt der Ball, ein klassischer WM-Ball aus Fünfecken wohlgemerkt, ein Ball, wie ihn Bernd Hölzenbein 1974 vor sich her trieb, bis ihn Wim Jansen von den Hölzenbeinen holte und Holz somit einen nicht ganz unbedeutenden Elfmeter rausholte. Dieser Ball aber liegt nicht eigentlich, sondern ragt – in den Himmel. Er ist, auf die Erdachsenfahnenstange gepfropft, gewissermaßen ein Fingerzeig, ein Hinweis auf die metaphysischen, ja numinosen Dimensionen des Elfmeters, auf das Inkalkulable des Strafstoßes (geht er rein – oder nicht?), auf die Abhängigkeit eines Spiels von der protogöttlichen Befugnissen geschuldeten, unumkehrbaren Entscheidung des Referees, auf die Verdichtung der menschlichen Existenz auf einen einzigen Augenblick, in dem das Befinden der Außenwelt, also der Zuschauer, auf Gedeih und Verderb der Verfassung der Innenwelt des Schützen ausgeliefert ist (hat er die Hosen voll, oder versenkt er die Pille eiskalt?). Ja, der Bernstein/Dreschersche »Elfmeterpunkt«, ist er nicht die zeitgemäße Antwort auf Michelangelos Fresko »Erschaffung Adams durch Gott«, ein Zitat des Motivs des ausgestreckten Fingers, ein Verweis auf den Funken (nicht Funkel!), der einer Mannschaft in einer verloren geglaubten oder auf der Kippe stehenden Partie neues Leben einhaucht – qua Elfmeterpfiff? Ist der aufgerichtete, im Winkel der Flugbahn eines Space Shuttles gen Firmament sich streckende Elfmeterpunkt samt Ball nicht ein Sinnbild des Strebens nach Höherem, nach Vollendung, ein Sinnbild der Sehnsucht, der Ebene, den Flachheiten des Lebens zu entkommen? Wollte nicht Goethe die Welt aus den Angeln heben, und war nicht der archimedische Elfmeterpunkt das geheime Zentrum seiner Studien und Schriften? Kreisten Goethes Sinnen und Trachten und Dichten und Denken nicht einzig und allein um die Idee, den erdgebundenen Menschen im Unendlichen, im Ewigen, im Triumph des Wahren, Schönen und Guten, das heißt im Moment, da die Eintracht die Deutsche Meisterschaft gewinnt, zu veredeln?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wie soll ich aus dieser Nummer wieder rauskommen? Mit der Hilfe von Henner Drescher. Ich schließe mit einer Strophe aus seiner »Lobeshymne auf Anton Hübler« und bitte Sie, sie genauso auswendig zu lernen wie den Fünfzeiler »Loy / Eigenbrodt, Höfer / Stinka, Lutz, Weilbächer / Kreß, Sztani, Feigenspan, Lindner, Pfaff / Ersatz: Goethe«:

»Vor Toni Hübler wußt’ man nicht / so recht, was ist des Zeugwarts Pflicht, / da Toni ist so aufgegangen, / so glorreich und so unbefangen, / träumt man heute vom Modell / Power-Toni aktuell.«

Ich danke Ihnen.

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9783941895461
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