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Joseph Zoderer

Der Schmerz der Gewöhnung

Roman

Mit einem Nachwort von Peter Hamm

und einem Beitrag zur Textgenese und

Rezeption von Irene Zanol

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

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Anhang

Peter Hamm

Ein einheimischer Fremder

Lobrede auf den Südtiroler Dichter Joseph Zoderer

Irene Zanol

„daß Du eines Tages zurückgehen wirst zu Deinen besonderen Problemen, die Dir das Land aufzwingt“

Zur Entstehung, Veröffentlichung und Rezeption des Romans

Anmerkungen

Editorische Notiz

Joseph Zoderer

Zum Autor

Impressum

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Für meine Tochter Brenda

1

Bald nach Natalies Tod hatte dieses Kopfweh begonnen, eigentlich mit dem Knarren des Friedhofstors, als es ins Schloss fiel. Vor vielen Jahren jedenfalls schon. Ein dumpfer Druck, der plötzlich einsetzte, wenn er alles wieder vor sich sah. Auch mitten in der Nacht. Obwohl er nicht dabei gewesen war, eine Woche vor ihrem neunten Geburtstag. Aber er sah alles vor sich, als ob er zugeschaut hätte, sah auch das durchsichtige, leicht chlorisierte bläuliche Wasser.

Durch das offen stehende Fenster drang die kühle Nachtluft ins Zimmer, aber noch nicht genug Dämmerlicht, dass er Maras Gesicht auf dem Kissen neben sich hätte betrachten können. Er hörte eine Weile ihrem leisen Atmen zu, dann streckte er den Rücken durch, legte die Hände flach auf den Bauch, dachte sich als Embryo, halb eingerollt in seinem Bauch. Das Kopfweh ließ nicht nach, es musste schon im Schlaf da gewesen sein und war stärker und stärker geworden, bis es ihn geweckt hatte. Ein dumpfes Drücken, von innen gegen sein Schädeldach. Ohne die Lampe anzuknipsen, schob er die Beine zum Bett hinaus, tastete nach der Tür. Im Bad machte er Licht, sah auf die Armbanduhr: halb vier. Sein Gesicht sah ihn im Spiegel forschend an, er hatte nicht getrunken, seit Wochen, Monaten hatte er nicht mehr getrunken. Jetzt, da er vor dem Spiegel stand, ließ der Kopfdruck nach; er trat auf die Terrasse hinaus: Durch einen dichten Hochnebelschleier schimmerte ein halber Mond. Es würde ein sonniger Tag werden, ein heißer Spätsommertag. Langsam gewöhnte sich sein Blick an das Dämmergrau, er atmete tief durch. Die Kopfschmerzen waren verschwunden – die frische Luft, sagte er sich, aber als er wieder im Bett lag, auf dem Rücken, war der Druck erneut da.

An diesem Morgen, Nebelschwaden hingen noch über den Wiesen, begleitete ihn Mara zum Waldkopf hinauf. Der Hund sprang auf den ersten Metern kläffend um sie herum, ließ sich tätscheln und lief ihnen schließlich weit voraus. Der wilde Kirschbaum am Waldrand verlor schon die ersten gelb und rot verfärbten Blätter. Mara ging vor ihm her, solange der Weg für zwei zu schmal war. Als sie aus dem ersten Waldstück heraustraten, zeigte er auf zwei, drei Raben auf der gemähten Wiese: Die sehe ich da jeden Morgen, und dann sagte er: Ich werde wegfahren. Sie durchfurchten mit ihren Schuhen das taunasse Gras, das knöchelhoch auf dem Weg stand. Mara hielt nicht an, schien nicht überrascht, fragte im Gehen: Wohin fährst du?

2

Noch einmal. Er war ja nicht alt, es war doch keine Ewigkeit her, dass er auf einem rotschotterigen Hirtenweg am Meer entlangwanderte auf der Insel Kalymnos, ein dreistündiger Fußmarsch von Myrthies zum Hafen, rechter Hand aufsteigende Felswände, von gelbblühendem Maiginster überwuchert, abgetrocknete Riffe, hin und wieder der Pfiff eines Hirten, das Gemecker von Ziegen, unten das Blau des Wassers und über ihm der weißwolkige Himmel, das war doch erst vor einiger Zeit, oder? dass er mit dem blonden Berliner Sozialversicherungsbeamten (diplomiert in Altgriechisch) und Ines, seiner ersten großen Liebe, zu der winzigen Insel Telendos in einem Fischerboot hinübergerudert und nach einer Tritonschnecke getaucht war?

Schließlich von Kalymnos nach Naxos und von Naxos nach Mykonos. In dem schmalen, weißgetünchten Zimmer (mit zwei Eisenbetten), fünf Uhr nachmittags, vor dem offenen Fenster flimmert heiß die Sonnenluft, er schaut auf die blauen und weißen Häuser des Hafens hinunter, auf die Windmühlen und das glitzernde Meer; Motorboote kommen von Delos, das stoßweise Trompeten eines Esels hört er, unter seinem Fenster blühen Zitronenbäume und scharlachrot die Granatäpfel, eine leichte Brise weht den Duft des Geißblattes ins Zimmer.

Am Abend waren er und Ines mit einem jungen Schweizer Maler, den er Dionysos Stürmli nannte, durch die engen Gässchen des Ortes gezogen, und in einer Straßenkneipe hatten sie Wein getrunken; der Schweizer hatte mit den Männern getanzt, die Hände auf ihren Schultern, hatte den immer schnelleren Rhythmus mitgetanzt, bis er plötzlich auf den Kneipenboden hinklatschte, Schaum auf den Lippen. Wie alt war heute dieser Dionysos Stürmli? Er hatte ihn nie mehr gesehen. Vielleicht war er längst schon fünfzig, vielleicht noch älter als er.

Während Jul einen Koffer mit dem Allernötigsten vollpackt, denkt er: Hier werden eben die Holunderbeeren schwarz. Von den Birken und Kirschbäumen fliegen gelb und rot die Blätter auf die Herbstwiesen, aus den Radiomeldungen fliegen ihm die Jahre entgegen und weg: Bin doch noch jung. Und fahre noch einmal. Noch einmal mit dem Koffer in kleinen Hotelzimmern sich zusammenducken (vor dem Abenteuer) vor dem Alleinsein. Das letzte oder vorletzte Mal (war das eben / oder doch schon vor Jahrzehnten?) stand er in dunkelblauem Blazer mit blitzenden Nickelknöpfen und viereckigem Köfferchen am Highway. Und erst in Kanada hatte er sich um fünf Dollar eine kurze Jeansjacke gekauft, blassblau und gespenstisch neu. Aber in Mexiko schon ohne Jacke und die Schuhe bald ohne Schnürsenkel, schmutzverkrustet, schließlich in Bastsandalen, das Khakihemd immer verschwitzt, aber den Schweiß nicht mehr gerochen in der Hängematte. Zuerst in der Hängematte geschlafen, aus Vorsicht und aus Furcht vor Ratten, vor Skorpionen, Giftspinnen und Schlangen, auch aus Ekel vor der Spucke auf dem Lehmboden, doch schließlich (um ausgestreckt auf festem Untergrund schlafen zu können) auf dem ausgelegten Schlafsack und nicht mehr an Ratten und Skorpione gedacht, nicht einmal mehr an Spucke, und das Gesicht und das Geschlecht nur noch im Pazifik gewaschen, da war er endlich frei, freier war er nie mehr gewesen. Und hatte plötzlich Hände gehabt, die reden konnten, mit allen ohne Furchtsamkeit, mit Indios, mit Indiofrauen, mit grauhaarigen Mexikanern, mit halbnackten verdreckten Kindern, mit völlig fremden Mädchen. Ohne Spiegel hatte er sich sein Gesicht ruhig und hell vorgestellt. Er lachte viel, sah auf Mangobäume, durch die offene Tür seiner Hütte auf Mangos und auf Bananenbüschel, fuhr in einem umgebauten, zu einem Wohnhaus umgebauten Lastwagen über Tausende Meter hohe Vulkanberge und badete in einem verwunschenen Indianersee; in Guadalajara kaufte er einem Mädchen aus Cleveland, Ohio, sieben rosagelbe Pfirsiche. Als Dank für Liebe.

Er packt seine paar Klamotten ein, ohne Streit, im Gegenteil, Mara hat ihn auf das Gelbwerden des Lärchenwaldes auf der anderen Talseite aufmerksam gemacht, an den Wipfeln verfärben sich die Bäume, auch Natalie hatte dies einmal gesehen; jetzt war die Zeit des Schulbeginns, wenn Natalie heimkam und gleich nach dem Essen hinauslief mit einem Nylonsack, um die roten Kirschblätter einzusammeln und die zitronengelben der Espen. Auf den Feldwegen lagen sie heute Morgen klitschnass, manche schon faulig. In der vorhergehenden Nacht dieser wütende Regensturm. Tagsüber dann der Himmel wolkenschwer, alles (sein Kopf, die Landschaft, sein Schweigen) zugedeckt von einem tiefhängenden Dach. Morgen wird es dieses Dach nicht mehr geben, morgen wird es nicht mehr regnen, nicht im Zug, und auch im Flugzeug nicht. Schlaftabletten hat er eingepackt, er muss sich ja vor sich selbst hertreiben, er sieht, wie er (mit einer Filmpistole im Rücken) sich zur Tür hinaustreibt, immer die eigene Pistole im eigenen Rücken (er spürt den Druck), bis zum Zug, die Leute schauen, greifen aber nicht ein, er steigt über zwei Stahltreppchen in den Zug, und der Zug rollt los. Und da ist die Pistole weg. Mara ist weg.

3

Die nächste Nacht verbrachte Jul in einer Pension „Ferrara“. Die hohe Flügeltür ließ sich nicht abschließen, und auch wenn er den Schlüssel umdrehte, genügte ein Ruck gegen die Klinke, dann war für jedermann der Eintritt frei. Er schob einen Stuhl formhalber gegen die Tür. Da sah er einen handgeschriebenen Zettel hängen, keinen Preiszettel oder Ähnliches, sondern einen mit blauem Kugelschreiber sorgfältig geschriebenen Beschwerdebrief irgendeines Vorbewohners, und keine Putzfrau hatte ihn bemerkt oder es wert gefunden, ihn an die Pensionsinhaber weiterzureichen. Der Schreiber beklagte sich im Übrigen ja auch, dass er in den acht Tagen, die er das Zimmer benützt habe, nie eine Reinemachfrau gesehen hätte, und die Urin-, Kot- und Spermaspuren auf dem Fliesenboden seien immer die gleichen geblieben. Nun, Jul war froh, endlich wieder ein Bett hinter vier Wänden für sich zu haben. Er war den ganzen Tag gefahren, mit dem Zug und dem Flugzeug, wollte eigentlich in Catania noch den Nachtbus erreichen nach Agrigent, schaffte es aber nicht, sein Flug war wegen technischer Probleme mehrmals verschoben worden. Als er endlich landete, war der letzte Bus schon weg. Jedenfalls war die Bettwäsche, soweit er bei dem mageren Lampenlicht sehen konnte, wohl unbenützt. Das nächste Hotel beim düsteren Bahnhof war, wie der junge Portier sagte, schon völlig belegt, was Jul wunderte, er wischte sich den Schweiß vom Gesicht, eine Nacht wie eine warme Sommernacht am Meer, zweiunddreißig Grad tagsüber, meinte der Portier, der ihm zu einem Bett verhelfen wollte und ihn deshalb durch eine Tür, auf der „Privat“ zu lesen war, und über eine Kellerstiege in einen Raum hinunterführte, in dem zwei Betten mit Matratzen (aber ohne Wäsche) standen und dessen zweite offene Tür, eine Art Garagentor, den Blick auf einen dunklen Hinterhof oder Lagerraum freigab. Also zog Jul mit Dank weiter, durch menschenleere, smoggraue Straßen. Dreck auf den heruntergelassenen Geschäftsrollos, er fragte werkelnde Straßenkehrer, konnte nicht glauben, dass es in Bahnhofsnähe kein zweites Hotel geben sollte, fragte auch bei einem Zeitungskiosk, alle wiesen ihn weiter „geradeaus, dann links, dann rechts“ – schließlich irrte er durch finstere Gassen, aber die Punks, die er vor einer schließenden Pizzeria fragte, gaben sich sehr freundlich: Wieder links, geradeaus und dann rechts, bis er endlich am Ende aller Straßen auf diese Pension „Ferrara“ gestoßen war.

Eine vier Meter hohe Jalousientür ließ sich öffnen, davor ein schmales Balkönchen, dessen Stangengeländer ihm gerade bis zum Bauchnabel reichte. Er sah auf ein Gässchen, halb zugedeckt von niederen Hausdächern, nicht weit entfernt ragte eine pompöse Barockfassade auf, wohl eine Kirche. Bis zum Morgen hin hörte er immer wieder einmal das Husten eines Mannes und von Zeit zu Zeit eine keifende Frauenstimme – alle Schlafzimmerfenster bei dieser Hitze wohl wie seines geöffnet. Dann rumpelten die Mülleimer durch die Gasse. Er hatte Glück: Um sechs fand er ein Taxi, das ihn zum frühesten Autobus nach Agrigento brachte.

4

Im Bett, in dem Maras Vater gestorben war, hatte er Natalie gezeugt. Ein kleines Zimmer, fast quadratisch, ein oder zwei Bilder an den weißen Wänden, Luftheizung, die in der Nacht aufgeregt röchelte, trockene Halswehluft im Winter. Aber damals war Mai.

Dieses Haus gibt es nicht mehr. Und vielleicht ist es gut, wenn die Mauern der Erinnerung einfallen oder geschleift werden. Auch wenn damals der Löwenzahn die Wiesen rund um das Haus in gelbe Teppiche verwandelt hatte.

Ein Doppelbett mit weichen Matratzen, grüne Fensterläden, ein Blick auf biedere, einzeln stehende Familienhäuser und ferne Bergkonturen.

Von dem Mann, der in diesem Bett nach einem Herzinfarkt aufgehört hatte zu atmen, war ihm oft und immer wieder erzählt worden, meist für ihn Unbedeutendes, aber doch liebevoll Erinnertes. Jul hatte zugehört und dabei gedacht oder sich vorzustellen versucht, dass dies Maras Vater gewesen war und vor allem der tote Großvater von Natalie.

Es war kalt in jenem Haus, wie es hinter den Mauern dieses Hauses immer bis zum Sommer kalt war, auch wenn die Luftheizung fauchte. Im Wohnzimmer hing sein Fotoporträt, schlohweiße Haare auf dem Kopf eines erst Fünfzigjährigen. Mit verhaltenem, gleichbleibendem Fotoblick schaute er auf den Stubentisch herab, grüngraue Augen, eine starke Nase mit weitgeschwungenen Nasenflügeln, ein sanftes Lächeln auf den geschlossenen Lippen. Wäre er noch am Leben, hättest du diese Türschwelle nie überschritten, meinte bald einmal Maras Schwester Teresa auf einer Art Familiengericht in jenem ersten Sommer.

5

Was für ein staubblauer Südhimmel, unter dem er an Orangenfeldern vorbei auf sanfte Hügelwellen zufuhr, sandgelbe und bräunlichrote Dünen, zu Hügeln gehärtet, längst beackert bis zum Kamm hinauf: abgeerntete Weizenfelder, stoppelig oder schon wieder für die nächste Saat umgepflügt. Weit der Raum und unermessliches Licht, hier schien jede Einengung unmöglich. Trotzdem, dachte Jul, oder seltsam, dass Maras Vater von hier aus in die engen Tiroler Bergtäler gegangen war, sein halbes Leben dort verbrachte, umgeben von einer völlig anderen Sprache, von völlig anderen Menschen, mit einer deutschen Tirolerin Seite an Seite schlief. Links und rechts der Autobahn über weite Strecken Eukalyptusspaliere, rosa blühender Oleander auf dem Mittelstreifen. Schwarze magere Kühe weideten auf fast erdigen Wiesen. Vom fahrenden Bus aus vermochte Jul kein Gras auszunehmen, auf den Wiesen zu Hause gewiss noch grüne, saftige Weide.

In Caltanisettas Morgenverkehr sah er mehrmals ein Riesenplakat mit einem Herrensakko plus Krawatte, statt eines Kopfes stand darauf: PRIGIONE. PASSIONE TOTALE (Gefängnis. Leidenschaft total). Auf der anderen Seite der Stadt wurde die Straße von Mandelplantagen begleitet. Und an den Hügelhängen Weinäcker, die unter ihren Plastikplanen wie Wasserflecken glänzten. Das Wort PRIGIONE blieb in ihm haften, ließ ihn nicht los, auch das Wort TOTALE nicht. Ich schreib mir das auf, sagte er sich und schrieb die zwei Wörter auf die Rückseite seiner Flugkarte. Schon im Halbdämmer des Morgens in der Pension „Ferrara“ hatte er gedacht: Ich sollte diese Geräusche festhalten, auch die Gerüche, die durch die angelehnten Balkonjalousien ins Zimmer drangen.

Mehr und mehr grub sich die Fahrbahn in die karstiger werdende Landschaft ein, Ohrenkakteen, Agaven, Felsbrocken, manchmal ein Streifen mit Eukalypten. Im Winter würde hier alles verwandelt sein, der Karst sich wohl mit leuchtenden Farben schmücken. Das schwarze, schmiedeeiserne Gitter des Friedhoftors schloss sich mit einem knarrenden Geräusch, eine blonde, weißblonde oder grauweiße Frau zog es zu. Jetzt war Natalie tot. Aber er konnte sie doch nicht in dem Erdloch zurücklassen. Komm, hörte er Maras Stimme, komm. Sie hing an seinem Arm, und sie vermochten sich beide nicht von der Stelle zu rühren.

6

In seinem Hotelzimmer (weißgekalkte Wände, drei mal vier Meter, und brauner Fliesenboden) hält er die Außen- und Innenläden geschlossen, bis auf einen Spalt, und lässt die Neonlampe an der Decke eingeschaltet. Er sitzt halbnackt hinter den Fensterläden, durch den offen gelassenen Spalt strömt ein greller Strahl. Die Sonne brennt von neun Uhr morgens auf seine Fensterwand, eine Hitze wie im Hochsommer, auch wenn Oktober ist. Ich bin tot, bin wie Natalie, denkt er, dann murmelt er diese Worte vor sich hin wie ein Gebet. Ich bin gestorben, ich bin nicht hier für ein anderes Leben.

Ein kleines Hotel, ein fröhlich zwinkernder, untersetzter Portier mit Weinfahne. Und vor dem Hotel ein dreieckiger Platz, nicht groß, ins abschüssige Gelände geschnitten, früher ein Fischmarkt (erzählt der Portier), heute vollgestopft mit Autos, ein Pflastersträßchen führt in engem Bogen aufwärts und abwärts vorbei, gleich neben dem Hoteleingang die Trattoria „Da Totuccio“ mit japanisch geschriebener Speisekarte neben der italienischen und englischen im Glaskasten. Statt abwärts zog es Jul aufwärts, trotz mittäglicher Hitze, die Via Sapponara hinauf zur „Madonna dei Greci“, ein Tempel einstmals, dann hatten die Normannen und Spanier mit den Tempelquadern und römischen Ziegeln weitergebaut, eine stille museale Kirche mit einem ummauerten winzigen Garten, in dem jetzt eine riesige Palme und eine Zypresse standen. Er konnte diese sonnige Verlassenheit kaum fassen, beim Auf- und Abstieg durch all die schmalen Verwinkelungen, mit immer neuen winzigen Nebengässchen und Durchgängen in der Kreuz und der Quer, manchmal sah er eine Hausfrau mit Einkaufstasche, oder eine schwarzgekleidete Greisin steckte den weißhaarigen Kopf aus einer Tür; sonst alles wie ausgestorben, aber Radiomusik oder TV-Sprecherstimmen aus offenen Fenstern. Da und dort hockte eine Katze oder ein alter Mann auf der Türschwelle.

Er kaufte sich in einer Tabaccheria eine Zeitung, bloß um sie unter den Arm zu nehmen, lief an einem graublau Uniformierten mit Maschinenpistole vorbei, wieder abwärts einem öden Gebäude entlang, so lang wie die ganze Gasse, Via Bac Bac, und an der Ecke wieder ein Uniformierter mit Baskenmütze und in beiden Händen diese Maschinenpistole. Und auf dem Platz, der sich vor ihm auftat, eine Reihe blauer Polizeiautos. Die Schrift über dem Gebäudeportal unübersehbar: Palazzo di Giustizia. Sein Hotel klebte an der Rückseite des Gerichtsgebäudes von Agrigent, überragte es sogar ein wenig. In der Bar Eden, zwischen dem Kriegsveteranenklub und dem Gerichtseingang, trank er sein erstes Bier in der Geburtsstadt von Maras Vater. Von hier weg führte die Via Atenea in sanfter Neigung hinunter zum Piazzale Aldo Moro, sie war der Laufsteg der Stadt, wie er schon nach weniger als einer Stunde feststellen konnte. Diese Straße ging er in den nächsten Tagen immer wieder hinauf und hinunter, auf ihr verkürzte sich, schrumpfte die Welt. Dabei war er am ersten Abend wie betrunken, als er auf einem weißen Plastikstuhl vor dem Café Patti saß (dort wo die Via Atenea begann) und das hundert-, ja tausendfältige Gezeter der Spatzen in den dunkelgrünen Laubkronen der Bäume hörte. Das hob seine Stimmung, er trank seinen Campari Soda mit zwei Schlücken aus. Als würde etwas Besonderes in den nächsten Minuten geschehen, standen die Männer in Gruppen herum, in weißen kurzärmeligen Hemden die Älteren, die Jungen in modischen T-Shirts, kahlgeschoren oder nur rasiert bis zum Haarkranz auf der Schädeldecke. Und an ihnen vorbei, zu dritt und zu viert, die Mädchen, die sich um alles, nur nicht um das Spatzenkonzert kümmerten. Ungerührt, mit abendlichem Gleichmut die glänzenden, schwarzen Gesichter der Afrikaner, die rund um den Park auf dem Trottoir des Viale Gioeni, aber auch auf dem diagonal den Park durchkreuzenden Spazierweg ihre Taschen, Uhren, Gürtel und Handys auf schwarzen Tüchern ausgebreitet hatten und mit der Geduld von Anglern scheinbar vor sich hin dösten. Es ist gut, dass ich hier bin, dachte Jul, es ist der beste Ort für mich. Auf der Salita della Madonna degli Angeli, gleich das erste aufsteigende Gässchen rechts von der Via Atenea, setzte er sich an einen Gassentisch (auf fünf breit ausladenden Terrassenstufen standen weißgedeckte Tischchen) und bestellte eine Pizza siciliana und dazu Rotwein. In dieser kurvig aufsteigenden, sich windenden Gasse musste Maras Vater seine ersten Schritte auf- und abwärts erprobt haben – Mara hatte immer wieder diesen Straßennamen genannt –, aber es war ein Gässchen; das andere Haus seiner Kindheit soll dort gestanden sein, wo der Bahnhof sich jetzt ausdehnte mit zwei Bahnsteigen und zwei Rangiergeleisen. Vom Bahnhofsplatz konnte Jul bis zum Meer sehen – die Oliven- oder Mandelfelder und die weitflächigen Ackervierecke, die bis zum Strand zu reichen schienen.

7

Er fühlte sich angekommen. Und er wusste nun auch, warum es gut war, hier zu sein. Hier, woher Maras Vater kam und daher auch Maras andere Welt, von hier aus wollte er die Entfernung messen, die Meter seines Lebens, nicht nur das mit Mara und Natalie. Auch wenn er den Koffer noch immer nicht ausgepackt, sondern nur aufgeklappt am Bettende deponiert hatte, sagte er sich: Ich bin da. Lag ausgestreckt auf dem Bett oder saß auf dem einzigen Stuhl zwischen Bett und Duschraum und starrte auf den gelblichweißen abblätternden Wandverputz, auf die haardünnen Risse, die sich zu einem Netz ausbreiteten, aus dem Gesichter auftauchten, je nachdem, wie er die Augenlider bewegte, sie leicht oder fester zusammenzog.

Er hatte in einem Schreibwarengeschäft, das eigentlich ein Souvenirladen war (mit den girgentischen Tempelruinen in Gips oder Kork), ein paar blaue Schulhefte gekauft und wollte darin – wann und solange er konnte oder mochte – einiges notieren, was sein Leben ausgemacht hatte, was immer ihm einfiel, auch das scheinbar Unwichtige.

In der Nacht wachte er regelmäßig nach zwei, drei Stunden Schlaf auf und später mindestens noch zweimal, und jedes Mal schien ihm, nun müsse er bis zum Morgen wach bleiben. Manchmal setzte er sich dann an das Tischchen, im Mauerwinkel zwischen Fenster und Badetür, und schrieb ein paar Zeilen, meistens war er zu mehr nicht imstande – doch es kam auch vor, dass er kaum aufhören wollte. Einerseits, weil er den Schmerz nicht ertrug, wenn das Erinnern … aber anderseits lebte er auf, lebte noch einmal ein Stück Zeit. Und manchmal legte er gerade deshalb den Kugelschreiber weg und schluckte Tabletten. Um zu vergessen, um zu verdrängen, versuchte er an alles Mögliche zu denken, an Fußball, ja sogar an die nächsten Parlamentswahlen in Schweden. Nur um wegzudenken von Mara und Natalie. Und auch, warum er zu keinem Facharzt gegangen war. Tatsächlich schlief er irgendwann wieder ein, bis um sechs oder halb sechs, dann schaffte er es nicht mehr. Der Druck in seinem Kopf. Als ob sich in seinem Schädel etwas verknäuelte (ein Reptil). Er sprang aus dem Bett, schob einen Fensterladen auf, stellte sich unter die Dusche.

Am Sonntagmorgen um halb sieben ging er durch eine tote Stadt; die Sonne schien schon auf die Hausdächer der Hauptstraße (die gerade breit genug war für die Durchfahrt der kleinen städtischen Busse), niemand überholte ihn, niemand kam ihm entgegen, kein Tabakladen, kein Zeitungskiosk, keine Bar oder Pasticceria geöffnet. Ja, drei Arbeiter räumten eine Wohnung im ersten Stock über einem Laden aus, einer warf das Zeug in großen Pappkartons herunter, einer seiner zwei Kollegen fing die Schachteln jeweils auf. Kurz bevor Jul auf den Platz gelangt mit dem Magnolienbaum, den Stechpalmen und Kakteen und all den anderen mediterranen dunkelgrünen Blätterbäumen, aus denen die Spatzenscharen schon längst zu diesem Tag ausgeschwärmt sind, vertreten ihm plötzlich zwei Männer den Weg und fragen ihn, ob er schon einmal von „Geova“ gehört habe, und bevor er im Weitergehen weiß, was sie meinen, haben sie ihm ein Faltblatt zugesteckt, auf dem er lesen kann: dass Jehova das verlorene Paradies wiederherstellen werde auf Erden für alle jene, die bereit sind, ihm zu gehorchen wie Kinder („Er wird jede Träne in ihren Augen trocknen und es wird den Tod nicht mehr geben“). Im Park hat ein Zeitungskiosk geöffnet und ebenso das Pavilloncafé „Milano“. Er setzt sich unter einen Spatzenbaum, lässt sich einen Cappuccino mit Cornetto bringen und liest, dass der Brasilianer Ronaldo endlich wieder ein Tor geschossen hat für Inter Mailand und: „Hunderttausende betroffen von Reaktorunfall in Tokaimura“. Am Nachbartisch sitzen zwei ältere Männer – einer mit Spazierstock scheint gehbehindert, jedenfalls gebrechlich – und ein etwas jüngerer mit dichtem schwarzen Haargewuschel und Sonnenbrille; die Sonnenbrille ist immer wieder auf Jul gerichtet. Doch jetzt will er nicht mehr den Platz wechseln, will in Ruhe sein Cornetto kauen und lesen. Das litaneienhafte, mundartliche Reden am Nebentisch kann er so und so nicht verstehen, aber er sieht, wie zu dem Gebrechlichen von Zeit zu Zeit ältere Herren hinzutreten, auch junge Burschen, und ihn respektvoll begrüßen, manche küssen sogar seine Hand. Ein beliebter alter Mann (oder ein Boss?) in unansehnlicher Kleidung, cremig helles, kurzärmeliges Hemd und kaffeebraune Hose.

Die Stadt ist eine Kasbah, ein labyrinthisches Winkelwerk, mit Gässchen, die sich ständig verzweigen, man kommt, wenn man sich nicht auskennt, nie dorthin, wo man will, doch immer wieder tut sich unerwartet eine Verbreiterung auf, ein abgeschiedenes Plätzchen (cortile) mit dem Duft nach frischgebackenem Brot und neben dem Panificio ein Gemüseladen und manchmal auch die Officina eines Handwerkers. Die meisten Häuser sind mit diesen ockergelb bräunlichen Quadern aus Tuffstein gebaut (an einem sah er die noch grünen Blätter wilder Weinreben bis zu den Fenstern des vierten Stockes hinaufranken), darunter Palazzi aus der Renaissance und aus dem Barock mit monumentalen, von Wind und Salzluft zerfressenen Portalen (und in den Stockwerken darüber nicht selten diese Romeo-und-Julia-Balkönchen mit Eisengeländer). Über dem Schild eines Dentisten (Franco Siracusa) las er auf einem zweiten Schild: „Qui riceve la maga di Caldea“ (Hier empfängt die Magierin von C.). Wenn er jetzt zu Natalie hätte sagen können: Ich weiß, wo die Zauberin von Caldea wohnt. Er konnte von einer Terrasse des Aldo-Moro-Platzes auf den Bahnhof, auf das Dach der Bahnhofshalle und auf die Geleise schauen. Aber er stieg nicht hinunter.

8

Es war ja alles schon längst vergangen. So viele Jahre und doch wie gestern, dass er Natalie die moosige Lichtung im Wald gezeigt hatte an einem Märztag, dieses Wasserloch mit den Gelbbauchunken, nicht weit von ihrem Berghaus entfernt. Jetzt hörte Jul sich jeden Abend das Konzert der zeternden Spatzen in den Bäumen am Moro-Platz an. Unter der größten Magnolie hockte er in einem dunkelgrünen Plastiksessel und hörte den Spatzen zu. Wenn der letzte Sonnenstrahl am letzten Zweig verlöschte, verstummten sie jäh. Dann war wieder vereinzeltes Autohupen zu hören, der Motorenlärm von der Piazza Vittorio Emanuele und natürlich das Debattieren der Männer an den Bar-Tischchen und auf den Bänken des Parks. Durch das lockere Geflecht eines weißblühenden Zierstrauchs sah er ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, das vorbeispazierenden Männern Aschenbecher aus glänzendem Metall um tausend Lire zum Kauf anbot. Mit überkreuzten Beinen saß diese Schwarzhaarige auf einer Bank und kreischte jeden Vorbeigehenden an, dabei lachte sie so seltsam über das ganze Gesicht, griff sich mit der freien Hand immer wieder ins dunkle, über die Schulter fallende Haar. Jul blickte auf ihre dicksohligen geschnürten Schuhe, sie schien ausgerüstet für kühlere Nächte im Freien, mit einer lackschwarzen Lederjacke und schwarz-weiß gestreiften Mephistohosen. Die Männer in seiner Nähe waren auch auf sie aufmerksam geworden, mehrmals hörte er den einen und anderen sagen: Una bella ragazza. Und ein schönes Mädchen war sie, solange sie nicht ihren Mund verzerrte, was sie von Zeit zu Zeit aber tat, indem sie die Lippen jäh nach oben oder in die Breite verzog.

Es war Nachmittag gewesen – ein wolkengrauer Nachmittag, sagten sie später im Dorf. Und Mara hatte Natalie zu deren Freundin Manuela gebracht, in dieses kleine Hotel an der Straße (mit Restaurant und Hallenbad). Während er, Jul, unterwegs war in Passau für eine Radio-Reportage (Suizid unter Jugendlichen). Tags darauf wusste er, dass Mara nicht allein mit Natalie zu dem Hotel gefahren war, sondern in Begleitung eines ortsfremden Italieners.

Die Kacheln im Schwimmbecken waren blau, blaues Wasser bis zu den Knien beim Einstieg, doch der Beckengrund neigte sich bis zu zwei Meter Tiefe am Beckenende. Und dort gab es eine kleine Leiter zum Ausstieg mit weißen Sprossen, die Natalie nicht mehr erreichte.

Ihm fehlt Maras Schweigen. Als ob er ohne eine Haut aus Wald und Gras und ohne Schnee und Regen und das Feuer in seinem Ofen nicht leben könnte. Es würgt ihn, die untergehende Sonne erwürgt ihn, es interessiert ihn nicht, dass Maras Vater irgendwann einmal an diesen Magnolienbäumen hier als Kind vorbeigelaufen oder als junger aufstrebender Mussolini-Faschist in der schwarzen Uniform eines Federale mit wadenengen Lackstiefeln die Via Atenea herunterparadiert ist. Er will nicht daran denken, will von dieser dröhnenden, muffigen Vergangenheit nichts wissen. Er möchte –, ja, was möchte er?

Jetzt, wo er das Meer sehen kann, läuft er nicht zum Meer hinunter, er könnte in einen Bus steigen, nach Porto Empedocle oder San Leone fahren, doch er möchte durch das vermodernde Herbstlaub zum Wald hinauf, stumm mit seinem Hund durch das Heidelbeerkraut, mit geducktem Kopf durchs Unterholz und zwischen den hohen wartenden Fichten und Föhren hindurch. Und weiß, dass ihm das nicht helfen kann, dass er seinen Kopf in den breiten Stamm eines alten Baumes müsste drücken können, aber er wäre auch dort nicht geborgen.

Dieses Hallenbad war der Stolz eines kleinen Hotels an der Straße, da oben auf dem Berg, so weit weg vom Meer. Und es gehörte Manuelas Großeltern, und Manuela war Natalies beste Freundin –, die Fliesen der Hallenwände schimmerten weiß.

9

Tagsüber, manchmal auch noch nach Mitternacht, drängten Stimmen an seine Tür, dann wurde diese Tür zunehmend dünner, eine durchlässige Haut, die ihn gerade noch vor Blicken schützte, nicht aber vor den schrillen oder herausgekehlten Worten auf dem Korridor. Am Vormittag waren es fast nur Arbeitsrufe zwischen dem Portier Mario und dessen Bruder Salvatore oder zwischen Mario und Lucia, der unauffälligen Putzgehilfin, die jedoch von den pensionierten, siebzig- und achtzigjährigen Gerichtsbeamten, Buchhaltern und Geometern, den Dauergästen des Hotels, bei jedem Sichtkontakt im Stiegenhaus oder im Gang oder unten in der Halle wie eine Schönheitskönigin begrüßt („Buon giorno, bellissima“) und mit geschnurrten oder geglucksten Komplimenten überhäuft wurde. Niemand in diesem Hotel dachte offenbar daran, dass sich irgendjemand von lautem Gerede gestört fühlen könnte. Tatsächlich fühlte auch Jul sich nie davon gestört, schon gar nicht erschreckt, im Gegenteil, diese Stimmen waren für ihn wie Lebensgesang. Er versuchte nicht, die einzelnen Worte zu verstehen – sie waren wie das Heranklatschen der kleineren und größeren Wasserränder am Meer (oder als hörte er Radio während des Rasierens, auch wenn er weder Radio noch Fernsehen in seinem Zimmer hatte). Das Auf und Ab der Stimmen war so etwas wie ein Taucherschlauch, an dem er in der Tiefe hing. Sogar dann, wenn sie mitten in die Nachmittagsstille hinein plötzlich durch die Wände hereinbrachen, keifende Frauenstimmen, japsende Altmännerwut, ein Hin- und Hergezerre zwischen Fisteltönen und Raucherbass, nicht selten noch spät nach Mitternacht – besoffenes Gezänk, Hurengekeife.

Es hatte ihn einige Überwindung gekostet, bis er nach Tagen Maras einzige Verwandte in dieser Stadt anrief, Zia Delia, die Witwe ihres Onkels Vincenzo, der der ältere Bruder ihres Vaters gewesen war. Zunächst schien es die Hausnummer gar nicht zu geben, schließlich fand er heraus, dass er auf der falschen Straßenseite suchte, dort wo die ungeraden Nummern waren, sie aber hatte eine gerade. Es war ein fünfstöckiges Haus oberhalb des pompösen Post- und Telegrafenpalasts aus der Duce-Zeit, an einer guten Straße gelegen, ein graugrün gestrichenes Haus mit einer marmorierten Treppe. Den Lift benützte er nicht, lief schwitzend das Stiegenhaus hinauf, bis endlich im letzten Stock schon eine Wohnungstür offen stand. Keine gebückte runzelige Frau in schwarzem Kleid und schwarzem Kopftuch gab ihm die Hand, nein, Zia Delia wirkte eher wie eine Dame, großgewachsen, silberhaarig kam sie ihm in einem metallblauen, um die Hüften gefältelten Kleid entgegen, schritt wortlos lächelnd vor ihm her über den Fliesenboden ins Wohnzimmer: fünf Meter hohe Wände, drei gleich große, gleichfarbige (blaurötlichgraue) schmale Perserteppiche, ein langes Kanapee, Glastischchen und zwei Polstersessel. Jul trocknete mit einem Taschentuch sein Gesicht, blickte vom Kanapee auf diese fremde Frau, die abwartend ihm gegenüber in einem der goldbezogenen Polstersessel saß. Was sollte er reden? Warum er hier war? Um Grüße von ihrer Nichte Mara zu bringen. Fast fühlte er einen Anflug von Scham, ein Fremder für sie zu sein, dazu noch ein deutscher Fremder, und war doch ein auf Sizilianisch sehr ernst genommener Verwandter: Du bist Maras Mann, also gehörst du zur Familie, auch wenn du noch so deutsch bist, schnaubte Delia freundlich empört. Vor Jahren war er schon einmal in dieser Stadt gewesen, damals mit Mara, er wunderte sich, dass Delia sich daran erinnerte. Sie war eine pensionierte Lehrerin, hatte vierzig Jahre, wie sie selbstironisch zugab, Mathematik unterrichtet. Jetzt wollte sie von ihm auf ihr Alter geschätzt werden, sie sah wie Mitte siebzig aus, aber er wusste, dass sie zehn Jahre älter war, und heuchelte. Dem Kanapee gegenüber ein hoher gerahmter Spiegel über einer ebenholzschwarzen Konsole, eigentlich ein Flügelkästchen, rechts davon (in seinem Blick) das gemalte Porträt einer sehr schönen jungen Frau, die schwarzen Locken zu einer Haarkrone aufgesteckt, von der zu beiden Seiten geringelte Strähnen auf die Schultern fielen. Er musste immer wieder auf dieses Ölbild schauen, auf diese sinnlich vollen Lippen und die dunklen Augen, die nicht lächelten. Zia Delia folgte seinem Blick: Maras Urgroßmutter, sagte sie (la bisnonna di tua Mara), deren Mann habe sie gemalt. Ja, ja, er war Maler. Das wusste er schon, dass Maras Großmutter einen malenden Vater gehabt hatte. Und dass sie geheiratet wurde von einem Kapitän der Handelsschifffahrt, der mit achtundvierzig Jahren starb, der Vater von Maras Vater. Zia Delia bot Jul einige Aperitifs zur Auswahl an, und er nahm sich ein Glas Chinotto. Eigentlich wollte er Delia fragen, wie sie sich an Maras Vater, ihren Schwager, erinnere, wie sie ihn gesehen, erlebt habe. Aber er fragte nichts von alldem, ja, ob der Bahnhof und das Postgebäude in den zwanziger Jahren, zu Mussolinis Zeiten gebaut … Natürlich, so sahen sie doch aus, besonders das Postgebäude mit den in den Himmel reichenden Säulen und dem kolossalen Krieger-Fresko. Auch das Gebäude der Banca d’Italia war zu dieser Zeit errichtet worden. Auf dem jetzigen Bahnhofsareal sei ein Familiengrundstück enteignet worden, murmelte Delia. Eine kalte Gleichgültigkeit lähmte ihn. Um nicht unhöflich zu sein, versprach er, sie noch einmal in dieser Woche anzurufen: Vielleicht könnten wir gemeinsam das De-Pasqua-Familiengrab besuchen? Sie nickte ihm mehrmals zu: Sì, sì, warum nicht!

Statt den Lift zu benützen, rannte Jul die Treppen vier Stockwerke hinunter, lief zum einzigen Kino der Sechzigtausendeinwohnerstadt und verschlang Kubricks „Eyes Wide Shut“, er war von jedem nackten Frauenarsch auf der Breitleinwand hingerissen.

10

Mara schrie unter ihm, wie er sie nie mehr, auch in Jahrzehnten nie mehr, vor Lust hatte schreien gehört. Er wusste, dass ihr Vater in diesem Bett zum letzten Mal geatmet hatte.

Es war kalt in diesem Haus, wie es hinter diesen Mauern immer, auch im Sommer, kalt war. Die Wände kahl oder behängt mit belanglosen, zugetragenen Souvenirartikeln, da und dort eine fabriksmäßig gefertigte Indianerpfeife oder Indianermaske, Geschenke einer Tante in Brasilien.

Dieses Familiengericht spielte sich in ihrem ersten gemeinsamen Sommer ab, nach dem ersten gemeinsam verbrachten Meeresurlaub (während Nixons Napalmbomben den vietnamesischen Wald entlaubten). Mara und Jul waren mit einem alten Kleinwagen an die kroatische Küste gefahren, sie hatten wie Kinder gelebt, genügsam, hatten anfangs sogar nur ein winziges Parterrezimmer gemietet mit einer Fensterluke ohne Blick auf das Meer, aber es gefiel ihnen alles, sie lagen tagsüber auf der Betonmauer eines Anlegeplatzes für Fischerboote, blickten in blitzblaues Wasser, tauchten hinunter und sonnten sich auf der wassernahen Mauer (erst nach Tagen merkten sie, dass nur zwanzig Meter entfernt ein offener Müllberg angelegt war). Sie aßen, was immer ihnen in dem staatlichen Gastbetrieb angeboten wurde, meistens Sardinen mit Bratkartoffeln oder Nudeln mit Gulaschsoße. Mara war schwanger, nur sie zwei wussten es und redeten davon auch nicht nach ihrer Rückkehr. Er erinnert sich an das Gartentürchen (auf Nabelhöhe und mit Karbolineum dunkelbraun gestrichen), dahinter – eben herbeigeeilt – Maras Mutter, noch nicht geblondet, mit ihren natürlich grauen Haaren, laute, freudig sich überschlagende Begrüßungsrufe für Mara, in die er eher zufällig mit einem Kopfnicken einbezogen schien, dann der Empfang im Hausinneren durch Maras Schwester Teresa und ihren schwammgesichtigen Mann Carlo. Ein Familiengericht bei Nachmittagstee. Ja, Mara und er waren am Nachmittag zurückgekommen, an einem heißen Julitag. Und Maras Schwester verkündete schon nach einer Stunde das Urteil: Lebte unser Vater noch, hättest du nie diese Türschwelle überschritten. Dass Mara und er allein, also ohne Anstandsbegleitung, ans Meer gefahren waren und also auch die Nächte miteinander verbracht hatten … Für Teresas Entrüstung lieferte Jul tatsächlich mehr als einen Grund – allem anderen voran musste er sich noch von Ines scheiden lassen. Aber da war ja noch das eine: Er war weder Kaufmann noch Rechtsanwalt noch Arzt, er war nichts als ein lose beschäftigter, sogenannter freier Journalist. Außerdem – er war ganz und gar nicht karrieresüchtig, war nicht ehrgeizig. Er verstand – mit den Augen Teresas war es absurd, ihn neben Mara zu sehen.

11

Maras Vater, den er nie lebendig gesehen hatte, nur als Foto, war an einem Ersten Jänner an Herzinfarkt gestorben. Zu Tode gehetzt, wie Jul sich später dachte, wenn Mara ihm das Ende ihres Vaters erzählte, den sie liebte, obwohl er ein Faschist gewesen war. Jul hatte Mara zum ersten Mal in einer linken Diskussionsrunde gesehen. Dass sie ihren Vater liebte, fand er völlig natürlich, auch wenn er ein Faschist gewesen war. Mara, die achtzehn Jahre alt war, als ihr Vater starb, hatte von ihm nur den zärtlichen Teil an Erinnerungsbildern bewahrt, und darauf beharrte sie. Zum Beispiel: ihr Betreten des Arbeitszimmers des Vaters, der, vertieft ins Aktenstudium, erst nach einer Weile aufblickte und sie heranließ, ihr dann sogar bei der Lösung von Rechenaufgaben behilflich sein wollte, aber dabei schnell die Geduld verlor. Im Rechnen sei er nicht besonders sicher gewesen, erzählte Mara, sie habe ihm in späteren Jahren, in ihrer fortgeschrittenen Studienzeit, sogar rechnerische Arbeiten abnehmen müssen. Mara sprach beinahe ehrfürchtig von ihrem Vater, so dass Jul sie auf Zehenspitzen in das Studio, das Arbeitszimmer eines Advokaten, hineintrippeln sah. Für Papà sei sie die kleine Tänzerin gewesen, Papà habe sie manchmal auf das Knie gehoben, doch ihr jüngerer Bruder Carmine sei darauf versessen gewesen, dem Vater, wo immer es ihm möglich war, die Aktentasche zu tragen. Nach dem Mittagessen, bei dem es meistens sehr laut zugegangen sei – Papà habe sich leicht und schnell geärgert, habe jähzornig geschrien, aber sich ebenso rasch wieder beruhigt –, sei er in seinem Studio verschwunden und dort auf dem Kanapee in einen kurzen, tiefen Schlaf versunken; so tief und fest sei der gewesen, dass sie sich – wenn Mutter es wollte – risikolos dem über eine Stuhllehne geworfenen Sakko nähern und daraus die Geldtasche des Vaters habe herausholen können. Die Mutter habe sich einige Scheine genommen, und sie, Mara, habe das Portemonnaie wieder in Papàs Tasche zurückgesteckt, und dieser Vorgang sei kein Einzelfall geblieben, zu genau könne sie sich daran erinnern, Vater aber habe nie etwas davon bemerkt.

In den Sommer- und Winterferien kam er immer am Donnerstagabend, erzählte Mara, von der Stadt, mit seinem erbsengrünen Fiat 600. Zuvor habe er einen dunkelblauen Fiat 1100 E gefahren, aus zweiter Hand, das heißt, von einem seiner Schwäger erworben. Ein altes Modell, erinnerte sich Mara mit einem Auflachen: Wir mussten es meistens anschieben, Mutter, meine Geschwister und ich, wir stemmten unsere Hände gegen den gewölbten Kofferraum hinten, drückten und schoben, und Vater fluchte, ich höre ihn noch, wie er Onkel Stefan, von dem er den Fiat gekauft hatte, beschimpfte, weil der Motor nicht anspringen wollte; das Auto rollte hundert und mehr Meter weit das ziemlich geneigte Straßenstück lautlos hinunter und ließ meistens erst kurz vor dem Einbiegen in den Dorfplatz endlich die ersten Motorgeräusche hören.

Trotzdem: Wenn der Vater zu Hause war, sei jeder Tag zu einem Festtag geworden. Wenn Papà am Donnerstagabend von der Stadt kam, habe er immer unglaublich stark nach Fisch gerochen, jedes Mal mehrere Kilo toter Meerestiere mitgebracht und sei sehr stolz auf seine Auswahl gewesen. Er habe der Mutter bis in alle Kleinigkeiten erklärt, wie sie die verschiedenen Fische zubereiten musste, habe sich natürlich als Fischkenner gebärdet, er, der am Meer aufgewachsen war, während Mutter für ihn eine Gebirglerin gewesen sei, die sehr gut Knödel kochte. Wenn Vater zu Hause war, habe er sozusagen das ganze Haus ausgefüllt, alles habe sich nach ihm ausgerichtet. Ich weiß nicht, aber das Haus war tatsächlich immer voll, wenn er da war, am Freitag trafen seine Gäste ein, um Fisch zu essen, manchmal oder meistens waren wir eine zwanzigköpfige Tischgesellschaft, erinnerte sich Mara. Der Sohn des Bauern, der die Wiese rund um das Ferienhaus mähte, erzählte ihm, Jul, später einmal, das „walsche Herumkommandieren“ des Advokaten mit seiner Frau sei oft bis in die Nachbarhäuser hinein zu hören gewesen, ebenso das Gejohle seiner Gäste.

Alles drehte sich um Vater, wenn er da war, sagte Mara. Meine Mutter schickte uns Kinder um Pfifferlinge und Pilze in den Wald, weil sie Papà so schmeckten, schon am Mittwoch, also am Tag vor seiner Ankunft, gingen wir um Erdbeeren in den Wald (perché piacciono a papà), weil Papà sie so gern hat, ermunterte uns Mutter. Wir aßen immer sehr gut, wenn Vater zu Hause war. Aber selber ging er nie in den nahen Wald, er, der Meeresmensch. Er las lieber zu Hause den „Corriere della sera“; die einzige Wegstrecke zu Fuß ging er am Sonntagvormittag – die hundert Meter zur Kirche. Aber nie ein Spaziergang in den Wald, der für mich, sagte Mara, eigentlich genauso geheimnisvoll ist wie das Meer.

Ein einziges Mal habe der Vater sie in den Wald begleitet, und ich war, sagte Mara, sehr stolz darauf: Da zeigte er mir die Grenzsteine eines Waldstückes, das unserer Familie gehörte. Es sei ein komisches Gefühl gewesen. Ich bewegte mich zwischen den Fichten, als ob ich sie zählen sollte, und schaute sie dementsprechend ganz anders an; das Waldstück war sehr licht, es war durchsonnt, und die Schwarzbeeren schmeckten wie in anderen Teilen des Waldes. Später habe sich der Vater immer wieder einmal bei ihr nach diesem Waldstück erkundigt, habe sie, wenn es Pfifferlinge zu Tisch gab, gefragt, ob sie diese „Fifferlinghe“ in dem von ihm gezeigten Wald gefunden habe; ein andermal: ob noch alle Fichten dort vorhanden wären, und: ob neue Bäume nachgewachsen seien. Ich, lachte Mara, fühlte mich auf einmal für diesen Wald zuständig. Dabei wüsste ich heute nicht mehr, ob ich dieses Waldstück noch finden könnte, heute bräuchte ich dazu wohl einen Grundbuchauszug oder einen Forstbeamten.

Mit ihm, Jul, war Mara oft und immer wieder durch die Wälder der Umgebung gewandert. Für ihn bedeuteten diese Wälder hier, aber auch die Wiesen und die von Flechten grauen Holzzäune, ein Zurückfinden in Winkel abhandengekommener Vertrautheiten. Es war das letzte Mal, dass er sich fast vollkommen in unscheinbar kleine Momente seiner Kindheit zurückversetzen konnte, er erlebte sie hier noch einmal, wenn er vor der verwitterten Lattenwand einer abgelegenen Heuschupfe stand und in die Brennnesseln schaute, die unter dem Holunderstrauch wucherten, sogar die Sandmulden in den Wegbiegungen waren ihm wie Schlafbilder vertraut. Und die endlosen Kukuruzäcker, die sich vor Maras elterlichem Ferienhaus im Sommer ausdehnten. Im Frühherbst lief er mit Mara auf schmalen Feldwegen durch dieses Maiskolbenmeer, die Schaftspitzen über den Köpfen.

12

Dieses Landhaus war Maras Erinnerungshaus, hier hatte sie ihren ersten Hund gehabt, auch ihren ersten Hasen in einer Kiste, hier grub sie sich im Garten mit ihren Geschwistern ein Haus unter der Erde („ich rieche noch die lehmfeuchte Erde, und es war finster, weil wir Bretter über das Loch gelegt hatten, mein älterer Bruder Raffaele rauchte mit Freunden gestohlene Zigaretten, und wir spielten Karten“).

Das Landhaus hatten sie nach dem letzten Weltkrieg gebaut, ein Häuschen, eine Zwergenvilla. Der Vater hatte diesen Maurer aus Sizilien gefunden, Calogero. Sehr früh am Montagmorgen kam Calogero in blauem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte, zog sich hinter einem Bretterverschlag um und schuftete, bis es Nacht wurde. In wenigen Wochen hatte er die Mauern samt Decken stehen. Für unseren Vater wohl der schönste Lebensabschnitt, war Raffaele immer überzeugt, es war sein erstes selbstgebautes Haus, das nur er (und nicht seine sizilianische Familie oder die deutsche seiner Frau) finanziert hatte, ein kleines Haus, das er Ziegel um Ziegel und Brett um Brett bis zum First hinauf mit seinem selbstverdienten Geld hatte bauen lassen. Damals, in den frühen fünfziger Jahren, hatte er, der Meeresmensch, sogar die fixe Idee, sich – wenn schon nicht als Tiroler Bauer, so doch als eine Art Agrarunternehmer – eine zusätzliche Einkommensquelle zu schaffen, vielleicht auch, um der deutschen Verwandtschaft seiner Frau etwas wie ländliche Verbundenheit zu beweisen. Kaum war die Villa gebaut, ließ er ein Waldstück roden, die Wurzelstöcke sprengen und den Boden zu einem großflächigen Erdäpfelacker umpflügen. Zeitweilig beschäftigte er bis zu achtzehn Landarbeiter für das Setzen und Ausgraben der Erdäpfel, wobei auch die Frau und die Kinder mithelfen mussten. Die schönste Stunde am Tag war, erzählte Mara, wenn Mutter zu Mittag mit den Maccaroni in Paradeissoße auftauchte.

Tatsächlich konnten schon im ersten Erntejahr drei Waggons Erdäpfel verkauft werden, aber nach dem zweiten Jahr rebellierte Maras Mutter – sie hatte ihre Kinder und den Haushalt zu betreuen und sollte dazu noch die Arbeitskräfte im Dorf suchen, sie beaufsichtigen und bewirten, während der Advokat in der Stadt hinter dem Studiotisch saß oder in der Toga im Gerichtsgebäude große oder kleine Reden hielt. Also gab Maras Vater das Erdäpfel-Projekt auf und ließ Pfefferminze auf den Äckern säen und später Lavendel. Dazu brauchte es nur von Zeit zu Zeit einen Landarbeiter. Er habe die geernteten Kräuterberge in großen Tüchern fassen und bündeln lassen, erinnerte sich Mara, ja, einmal sei sie selbst mit Vater nach Bozen gefahren, das Auto sei innen bis zum Dach hinauf vollgepresst gewesen mit Kräuterbündeln. Im Süden der Stadt, in der Nähe der Etsch, habe der Vater die Duftbündel in einer riesigen Lagerhalle abgeliefert, also wohl auch verkauft, sagte sie. Aber das hat sich ja alles nicht ausgezahlt, Maras Mutter schüttelte noch in späteren Jahren als Witwe den Kopf, Mitleidslachen um den Mund.

Auf den ehemaligen Erdäpfel- und späteren Minze- und Lavendelfeldern ließ der Vater schließlich Pappeln setzen, ähnlich wie es unter Mussolini in den versumpften Etschauen südlich von Meran geschehen war, Pappeln wie in der Poebene und wie in Teilen von Sizilien, Maras Meeresmenschvater ließ dort, wo er Jahre zuvor, um seine Erdäpfeläcker anlegen zu können, Fichten, Föhren und Lärchenbäume fällen und deren Strünke hatte sprengen lassen, dort ließ er nun Pappeln pflanzen, die schnell wachsen und daher schnell wieder für Bauholz abgeschnitten werden sollten. Zum Schutz vor Rotwild oder Baumdieben ließ er den Jungpappelwald mit einem hohen Stacheldrahtzaun absichern. Aber gerade der Stacheldrahtzaun war das Einzige, erzählte Mara, auf das die Diebe es abgesehen hatten in der abgelegenen Gegend, der Draht wurde ratenweise, Länge für Länge, abgezwickt und fortgebracht. Ihren Vater habe dies tief gekränkt, am Anfang habe er geradezu getobt, zuletzt sei es ihm schon egal gewesen, was mit dem Pappelwald geschah, ob die Pappeln nun wuchsen oder verkamen. Es wurde jedenfalls auch nichts aus der Pappelplantage; in kurzer Zeit sprossen die angeflogenen Samen von Fichten und Föhren, und bald wuchs wieder ein Tiroler Bergwald heran, vor allem Föhren zwischen den südländischen Pappeln, und gediehen so prächtig, dass sie die Laubbäume mehr oder weniger schnell abwürgten. Die Platanen erstickten in wenigen Jahren in einem immer finsterer werdenden Nadelgehölz, und zuletzt war der ursprüngliche Wald zurückgekehrt, den Maras Vater Jahre zuvor mit forstamtlicher Genehmigung, einer mühevoll erkämpften, erstrittenen Genehmigung, abholzen und bis auf die Wurzelstöcke hatte wegputzen lassen. Was davon übriggeblieben war, bekam Jul von Mara auf einem ihrer frühen Spaziergänge durch die Kukuruzfelder und über Wiesenpfade gezeigt: die „Grub’n“ – eine fast bis zur Grenze der Bezirksstadt Bruneck sich hinunterziehende breite Mulde, die streckenweise von einem talwärts plätschernden Bergbach durchschnitten wird. Jul sah ein langgezogenes Stück Wiese, die überging in einen zuerst schütteren, dann immer dichter verwachsenen Wald, und nach längerem Hinsehen, angespornt von Mara („Schau da links unten, und hier auch! gleich neben dem, nein, zwischen den zwei dicken Föhren dort, siehst du?“). Ja tatsächlich, er konnte, zwar mit Mühe, aber nach längerem Hinsehen konnte er vereinzelt ein paar verkümmerte Laubbäume zwischen dem Föhren- und Fichtenwald erkennen, die grünweiße Rinde von schmalen, verhungerten Pappelstämmchen.

13

Maras Vater war Faschist gewesen, ein ranghoher faschistischer Funktionär, nicht irgendeiner, der Mussolini nur verehrte. Und Jul hatte Mara in einer antifaschistischen, außerparlamentarischen Bewegung kennengelernt. Er sah sie während nächtelanger Diskussionen in einer Garage ohne Autos, in einem italienischen Viertel Bozens, nicht allzu weit von der historischen, deutsch-österreichischen Altstadt entfernt, unter einem der schnell gebauten Nachkriegshäuser. Ich sah zuerst, Mara, deine scheinbar ins Ferne schauenden Augen, die mir riesengroß und blau vorkamen.

Aber Mara saß ja immer ziemlich weit weg und das elektrische Licht mag ihn getäuscht haben, auf jeden Fall hatte sie in all der Zeit, in der er sie nur stumm beobachtete, blaue Augen, erst als er mit ihr zu reden anfing, bemerkte er, dass ihre Augen braun waren, braun wie polierte Milchschokolade. Er wusste damals nichts von ihr, außer wie sie aussah und was ihn anzog an ihr – das Italienische, das Fremde, ja, für ihn war sie ein italienisches Mädchen, also etwas Fremdes, das Andere. Er wusste nicht, kümmerte sich nicht, wer ihre Eltern waren, woher sie kam, tatsächlich erschrak er beinahe, als er erfuhr, dass sie eine deutsche Mutter hatte, und zwar eine Mutter, die sich erkundigte, wer das war, der da nach Mara gefragt hatte. Doch Jul hatte lange keine bestimmten Fragen im Sinn. Er hörte der politischen Debatte in dem Garagenkeller abends bis weit über Mitternacht zu, war im Großen und Ganzen einverstanden, wenn es um den Sinn oder die Notwendigkeit von Veränderung ging (ich hätte gerne an einer Veränderung mit Hand angelegt – wie auch immer – ich hätte an jeder Art, Versuchsart von Revolution mitgemacht, ich weiß nicht … hab mir nie im Einzelnen Gedanken gemacht, ob das meine Haut gekostet hätte oder anderer Leute Blut, ich war jedenfalls bereit, auf der anderen Seite zu stehen, auf der Seite jener, denen nicht zugeklatscht wurde, ich wollte was tun für eine andere, natürlich gerechtere Zukunft). Aber konkrete Vorstellungen zu irgendeiner Veränderung gewann er nicht, sah keine Möglichkeit zur Verwirklichung all dieser Dinge, die sie in den nächtlichen Diskussionsrunden besprachen, es ging tatsächlich nicht so sehr um bestimmte Vorschläge oder Pläne, sondern vielmehr um die Erfassung und die Beurteilung der erlebten gesellschaftlichen Situation. Gegen Mitternacht überkam ihn zunehmend Müdigkeit, sein Schlafwiderstand ließ nach, es fiel ihm von Minute zu Minute schwerer, die Augen offen zu halten. Die Garagenwände waren kahl, rau in ihrer betonierten Nacktheit, nicht einmal ein Plakat, kein Poster, kein Manifest hingen daran, alles Klebbare löste sich nach einem Tag oder schon in einer Nacht von den Wänden und fiel zu Boden, rollte sich ein. Jul schaute auf diese grauen Wände, hörte die düsteren Analysen und verglich Maras Augen mit den Augen der anderen.

Er weiß nicht den Tag und auch nicht, wo er erfahren hat, dass Maras Vater Faschist gewesen war, wahrscheinlich hatte Mara es ihm gesagt, aber dass sie die Tochter eines toten Faschisten war, störte seine Gefühle nicht. Dass er und sie zusammen auf die Straße gingen, um auf der Seite der anderen zu sein, der Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen, vielleicht löschte das für sie die Vergangenheit ihrer Väter aus: Auch Juls Vater war ein Nazi gewesen, kein großer und kein kleiner Funktionär, aber doch einer von den vielen Mitläufern.

14

Als sie sich zum ersten Mal alleine in einer Großstadt trafen, in Rom, kam Mara in blauverwaschenen Jeans und einer Strohtasche, worin sie ihre paar Sachen hatte, aus ihrer Universitätsstadt Mailand, nach Tagen von Straßenkämpfen mit der Polizei (in ihrer Hochschule hatten sie Arbeitslose und Obdachlose zu Hunderten einquartiert und sich mit ihnen verbarrikadiert). Sie kam mit dem Morgenzug kurz nach sieben. Er wartete am Ende des Bahnsteigs im Gewühl der Ankommenden und Abreisenden und sah sie trotzdem sehr schnell, ihr weißes, schmales Gesicht, fast ohne Lächeln, die Augen scheinbar gesenkt, da kam sie mit müde geschwenkter Strohtasche, ihrem einzigen Gepäck, auf ihn zu. Sie liebten sich in einem rottapezierten Attica-Zimmer, das man nur über einer offenen Dachterrasse des Hotels erreichen konnte. Und nachdem sie auf ausgebreiteten Zeitungen, noch immer auf dem Bett, Wurst und Käse, auch kalte Hühnerstücke, zusammen mit Oliven und Essiggurken gegessen und Wein dazu getrunken hatten, lasen sie gemeinsam in dem Roman „Vogliamo tutto“. Ein wenig irritierte, ja befremdete ihn dieses Buch oder das Lesen darin, andererseits aber verstärkte diese Mischung von intimer Existenz und politischer Solidarität sein Daseinsgefühl, vor allem diese Liebe, und ließ ihn alles intensiver erleben, bewusster und weltverbundener.

Sonntags sonnten sie sich auf der Treppe der Piazza di Spagna, mit der Zeitung in der Hand, lasen von den Rückschlägen der Amerikaner in Vietnam, bummelten durch die Via Babbuino zur Piazza del Popolo, tranken unterwegs in einer Bar ein Glas Martini dry mit grüner Olive, schauten durch das Auslagenglas der Feltrinelli-Buchhandlung und lasen später auf den Marmorquadern des Forum Romanum wieder in „Vogliamo tutto“.

Wie das alles zugedeckt, so tief vergraben werden kann, sagte Mara damals in Rom, ich merke, wie unfähig ich bin, die Bilder wiederzufinden für meinen Vater. Oder hat man, fragte sie sich, mit einem Vater doch nicht viel Gemeinsames? Ihr Vater sei für sie vor allem abwesend gewesen, die meiste Zeit einfach nicht da gewesen, und wenn er zu Hause war, habe er gearbeitet —, und da mussten wir alle auf Zehenspitzen gehen. Ihr Vater habe sie oft in sein Arbeitszimmer gerufen, auf dessen Boden ein ockerfarbener Teppich lag, die Vorhänge aus goldglänzendem Damast (für Mara waren sie aus goldener Seide, damals). Hinter dem Tisch die Bücherstellage aus Nussholz, an der Wand gegenüber ein altes Madonnenbild aus seiner Geburtsstadt Agrigento. Auf dem im Barockstil nachgemachten Tisch – er hatte Holzwurmlöcher, worauf der Vater stolz gewesen sei wie auf einen Altertumsbeweis – musste Mara für den Vater multiplizieren und dividieren. Oft eine halbe, manchmal auch eine ganze Stunde lang. Sie tat dies nicht besonders gerne, ihr Vater habe sehr schnell die Geduld verloren, habe sie angeschrien: Rechne genau, kontrollier noch einmal, bist du ganz sicher, dass alles so stimmt, hast du dich nicht verrechnet? Sie sei ihm gegenüber gesessen an dem schweren Tisch, auf dem sich immer Berge von Papieren getürmt hätten. Er habe ihr nur kleinformatige Blätter gegeben, eine Art Blockzettel, es sei auch wenig Platz gewesen auf diesem Tisch zwischen den Aktentürmen. Während ich rechnete, erzählte Mara, stand er meistens auf und sah mir über die Schulter oder er ging auf und ab, und wenn ich mit allem fertig war, sagte er: Geh jetzt. Wahrscheinlich überdachte er, was herausgekommen war, und wollte nicht gestört sein.

Wann immer Mara von ihrer Kindheit erzählte, stand stets der Vater im Vordergrund, und vor allem sein Tod, der ihr den ersten und größten Verlust zugefügt hatte: An jenem Jahreswechsel im winterlichen Ferienhaus, mitten in den Vertrautheitstagen zwischen Weihnachten und Neujahr, plötzlich dieser Herzinfarkt und kein Arzt zu erreichen in dieser Feiertagszeit, genau an Silvester.

Damals, als Mara das letzte Jahr in die Oberschule ging, sprachen die italienischen Sportlehrer in Bozen den Namen ihres Vaters noch fast ehrfürchtig aus. Sein Name stand hier für das Erziehungssystem der Jugend unter Mussolini, er war für die Ausbildung der jungen Faschisten, für ihre sportliche und geistige Entwicklung verantwortlich gewesen. Aber Mara behauptete, sie habe sich nie besonders um die Vergangenheit ihres Vaters gekümmert. Als Jul sie einmal (noch vor Natalies Geburt) fragte, ob sie in ihrer Schulzeit etwas von der faschistischen Karriere des Vaters zu spüren bekommen habe, sagte sie mit einem halben Lächeln: Meine italienische Turnlehrerin behandelte mich besonders streng, anscheinend weil ich die Tochter von dem und diesem war, ich sollte wohl so etwas wie ein sportliches Vorbild abgeben. Ganz anders sei es ihr in der Volksschule ergangen, die sie in deutschen Klassen am Fuße des Skiberges „Kronplatz“ besucht hatte. Sie habe sich von Anfang an als etwas anderes als ihre Mitschülerinnen gefühlt, nicht als etwas Besseres oder Minderes, bloß als etwas anderes: Ich spürte, dass ich irgendwas nicht gemeinsam mit den anderen hatte, wusste aber nicht, was, später dachte ich – weil ich keinen deutschen Vater hatte.

Maras jüngerer Bruder Carmine, den Jul ebenfalls in der Garage kennengelernt hatte als einen linken Aktivisten, auch Carmine hatte sich angeblich nie belastet gefühlt von der Vergangenheit seines Vaters. Das Erste, was mir in den Sinn kommt, wenn ich an meinen Vater denke, hatte er zu Jul gesagt, ist sein Brüllen, sein Schreien, Papà war einer, der immer laut sein musste, jedenfalls bei uns zu Hause. Und einer, der – ganz gleich, ob in der Stadtwohnung oder im Ferienhaus am Land – sich stets mit vielen Menschen umgab, Freunden, Bekannten, Geschäftspartnern, immer schleppte er Gäste an, und Mama kochte und kochte, und wenn irgendetwas nicht so war, wie er es haben wollte, dann brüllte er los.

Carmine erzählte das in einem Tonfall, der ohne Vorwurf war, eher etwas wie Verständnis, auch Zuneigung anklingen ließ. Seine Augen zwinkerten belustigt. Carmine sprach von seinem Vater wie von einem, der in der Familie ein geliebter Kauz (oder ein geliebter Fremder?) gewesen war, einer, den man gern hatte und doch belächelte, jedenfalls jetzt, lange nach seinem Tod. So unbefangen wie Mara erzählte, dass sie sich auf Wunsch der Mutter in das Studio geschlichen habe und, während Papà dort sein Mittagsschläfchen hielt, aus seiner über einen Stuhl gehängten Jacke die Geldtasche herausstibitzte, so erzählte Carmine schmunzelnd von dem Barometer, auf dem sie dem Vater mehr als einmal Schönwetter-Aussichten herbeigeschwindelt hätten, Papà habe nämlich eine Art meteorologischen Tick gehabt und sich einen Dosenbarometer ins Speisezimmer gehängt, morgens, mittags und abends, vor und nach jeder Mahlzeit habe er einen prüfenden Blick darauf geworfen, und da er sich bei Schlechtwetteraussichten immer ärgerte, hätten sie manchmal heimlich die drehbare der zwei Lanzetten so eingestellt, dass Papà sich auf einen Sonnentag habe freuen können, wenigstens ein paar Stunden lang.

Eine andere Marotte sei die Absicherung der Besitzgrenzen gewesen, im Besonderen rund um das Ferienhaus. Papà habe zu diesem Zweck eines Tages eine große Anzahl von riesigen, leeren Blechdosen herangeschafft, Dosen, die einmal zehn Kilogramm Marmelade gefasst hatten, er, Carmine, habe sie (und wie stolz er auf diese Aufgabe gewesen sei!) mit Zement und Wasser füllen müssen – als eine Art Marksteine hätten diese Betondosen den Besitz abgrenzen sollen, da sie aber nie in die Erde versenkt worden seien, hätten die Nachbarn sie beliebig verrücken können.

Über Politik hatte Carmine angeblich nie mit seinem Vater geredet. Carmine war sechzehn, als sein Vater starb. Meine Freunde, gab er beim Mittagessen an einem Sonntag in ihrem Berghaus, kaum zwei Jahre nach Natalies Tod, zu bedenken, waren Italiener wie ich, keine deutschen Südtiroler, und sie hatten eigentlich alle ehemalige Faschisten als Väter. Mussolini hat nun einmal keine Kommunisten heraufgeschickt, um das deutsche Etschland zu italianisieren. Wie hätte ich Söhne von italienischen Kommunisten oder Sozialisten meines Alters kennenlernen können? Er war sich in diesem Augenblick seiner Distanz zur Vatervergangenheit so gewiss, dass er lachen konnte.

Carmine hatte eine begeisternde Pfadfinderzeit hinter sich, war mit sechzehn ein Oberfuchs gewesen. Schon ein paar Jahre zuvor waren in einer Herzjesu-Nacht (was Herzjesu für Andreas-Hofer-Tiroler bedeutete, begannen die Italiener im Lande erst damals allmählich zu erfahren) Dutzende von Strommasten in die Luft geflogen, die Landeshauptstadt Bozen war ohne Strom, Licht und Telefon. Und dann explodierten nicht nur Hochspannungsleitungen, sondern auch fast fertiggestellte Wohnbauten, die für italienische Zuwanderer aus dem Süden geplant waren.

Italien hatte den Südtirolern nach dem Zweiten Weltkrieg ihre kulturellen Rechte als Minderheit garantieren müssen, hatte aber dieses Versprechen dann die längste Zeit nicht eingehalten. Carmine wusste davon nichts, er wusste nur von den Anschlägen auf die Brenner-Bahnlinie, auf die „heiligen Gebeinhäuser“ der angeblich in Südtirol gefallenen Italiener und von den Anschlägen auf Carabinieri- und Finanzpolizeiposten. Also demonstrierte er mit seinen italienischen Freunden vor dem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen („Von hier aus haben wir / die anderen / durch Sprache, Gesetze und Künste / veredelt“) gegen die Südtiroler Terroristen, gegen die Deutschen (Daitschn/crucchi) und marschierte mit Hunderten von grölenden MSI-Faschisten durch die Museumstraße zum Obstmarkt und schrie mit den anderen: „Siamo in Italia – Il Brennero è nostro – Qui si parla italiano!“ Und denk, was du dir heute denken magst oder musst: Aber ich habe drei Monate nach der letzten Anti-Südtirol-Demonstration mit meinen italienischen Mitschülern das italienische Lyzeum besetzt. Da war Papà noch nicht lange tot. Wir Söhne von Ex-Faschisten haben unsere Schule besetzt, und unser Vorbild war Rudi Dutschke. Von da an hatte ich auch Südtiroler Freunde, viele sogar, und sie sprachen wie meine Mutter deutsch. Eigentlich habe er sich, meinte schließlich Carmine, im Grunde nicht anders benommen als sein Vater. Denn wie er habe er sich gesellschaftlich einmischen wollen, etwas tun wollen, nicht abseits stehen, und sei so aktiv geworden in der außerparlamentarischen Bewegung. Natürlich seien Vaters Jugendzeiten anders gewesen, dennoch sei Papà Idealen gefolgt und einer der jüngsten politischen Führer seiner Stadt geworden, auch wenn freilich als Federale, als Parteiführer des Duce in seiner Stadt Agrigento, während er, Carmine, als Oberfuchs nur für zwanzig, später aber immerhin für vierzig Pfadfinder Verantwortung getragen habe – trotzdem.

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Es war ein heller Morgen, ein blauer Südhimmeltag, als er Zia Delia mit dem Taxi abholte zum Friedhof über dem Tal der Tempel. Die Leute standen auf den Trottoirs herum, zwischen den Palmen im Park, im Schatten der Magnolien, vor den Fischgeschäften, in den Bars; die Autos rollten Stoßstange an Stoßstange ohne irgendein Gehupe. Er führte Zia Delia am Arm, bemerkte erst jetzt, dass sie gar nicht so eine hochgereckte Riesin war, sondern ihm eben noch bis über die Schulter reichte, und einen leicht geneigten Nacken hatte sie auch. Das Taxi ließen sie vor dem großen Tor der Totenstadt warten. Zwanzig Minuten etwa, sagte Delia zu dem Fahrer, der ihr mit auffälligem Respekt aus dem Auto geholfen hatte. Einen bunten Strauß in der linken Hand, spazierte Jul mit Delia am rechten Arm langsam in die Nekropole hinein, tatsächlich eine Stadt mit Straßenfluchten und beidseitig aufragenden kleinen Totenhäusern. Flachgräber sah er nur wenige, auf jeden Fall nicht in dem Teil, durch den Zia Delia ihn dirigierte. Kuppelhäupter von Pinien, in denen ein feiner Meereswind wedelte. Und da sah er, noch bevor Delia ihn darauf hinweisen konnte, aus einem Augenwinkel Maras Familiennamen in großen schwarzen Buchstaben auf einem der größten Grabhäuser prangen. Ein etwa sieben Meter hohes und fünf Meter breites Mausoleum, die Stirnwand mit grauweißen Marmorplatten bedeckt, und zwei marmorne Stufen zur drei Meter hohen vergitterten Glastür. Zia Delia sperrte das Schloss auf, Glas hinter schwarzen Metallstangen, und Jul trat in einen Kapellenraum mit Altartisch, zwei dreiarmigen Kerzenständern und einem Kruzifix. Darüber ließ ein Glasfenster, auf dessen blauem Grund weiße grünblättrige Blumen gemalt waren, blässlich gefiltertes Licht herein. Acht braune Kaffeehausstühle luden vor dem Marmoraltärchen zum geruhsamen Meditieren ein. Er setzte sich neben Delia und las die Namen auf den Marmorplatten an der linken Wand, hinter der Maras sizilianische Toten lagen. Zehn Kammern zählte er, sechs davon schon belegt: die Eltern ihres Vaters und vier von deren Kindern. Maras Vater lag nicht hier, er lag in Bozen auf dem St. Jakobsfriedhof unter der Smoghaube der Industriezone, aber beschützt von den so hohen Tiroler Bergen. Als Zia Delia das Familienmausoleum wieder schloss – das Taxi wartet, sagte sie –, ging Jul noch die wenigen Meter zum Ende dieser Totenstraße und hatte den weiten blauen Horizont im Blick, das Meer, über das die Kartharger gekommen waren und die Griechen und die Araber, er sprang auf die niedere Mauerbrüstung und sah unter sich das Tal der Tempel, schüttere Mandelbaumwäldchen, Olivenhaine, und dahinter den langgezogenen Sandstrand zwischen San Leone und Porto Empedocle. Das Licht, die rasende Helligkeit, machte ihm Herzklopfen, Lebenslust.

Damals, als Maras Stimme aus der Telefonmuschel zu ihm drang (und dieser eine Satz, mit dem er alles erfuhr), hatte er sich wie weggerissen von ihr gewusst statt zu ihr hingerissen.

Jul brachte die alte Frau nach Hause und flanierte dann über die sonnengrelle Via Gioeni hinunter zur Porta di Ponte, von dort schlenderte er zwischen Autos und dahintrödelnden Passanten gemächlich die Via Atenea hinauf. Bevor er aber in sein Hotelzimmer zurückkehrte, sah er kurz in die Bar „Arlecchino“ des Benito Peri hinein, obwohl er wusste, dass ihn dessen fensterlose, muffige Bude kaum weiter aufmuntern würde: staubige Flaschen und alte Keksschachteln und vor der Theke kein anderer Kunde. Der schlohweiße Barinhaber mit dem niedlichen Vornamen des einst (und von nicht wenigen noch heute) hochverehrten Duce Benito saß auf einem Stuhl (auf der anderen Seite des Gässchens, das kaum zwei Meter breit war) gegenüber der offen stehenden Bartür und erhob sich erst, als Jul bereits an der unbeleuchteten Theke stand. Vor sich hin summend ließ der rotwangige Benito eine Neonröhre aufflammen und fragte ihn dann in fast verschwörerischem Ton nach seinem Wunsch. Campari? Kein Problem, sogar mit limone, aber ohne Eis.

Ein andermal würde Jul mit dem Alten auch ein paar Worte wechseln, nur heute nicht.

Von einem deutschen Bahnhof aus hatte er – nein, er wusste es genau, es war in Passau gewesen, er hatte am Tag zuvor Studenten interviewt, ein Junge, gerade sechzehn, war aus einem Fenster gesprungen, auf den Platz vor der Nibelungenhalle, Kopf voraus und offenbar freiwillig –, Jul war am Morgen (ohne Frühstück) zu Fuß vom Hotel zum Bahnhof, wollte mit dem ersten Zug über München nach Hause, er hatte zwanzig Minuten bis zur Abfahrt, trank einen Kaffee, kaufte Zeitungen (las mit Wut und Verachtung Reagans neuesten Einsparungsplan im Sozialbereich bei gleichzeitig beschlossener Erhöhung der Rüstungsausgaben) und rief dann aus einer gelben Telefonkabine Mara an. Gestern Mittag hatte er noch Natalie im Ohr gehabt, sie war eben von der Schule heimgekommen –, jetzt war sie tot.

16

Als Mara und Jul sich im Bett des Vaters liebten, waren die Wiesen rund um dieses Ferienhaus gelb von Löwenzahn. Sie redigierten Artikel für ein unregelmäßig erscheinendes, außerparlamentarisches Informationsblatt, entwarfen auch den sogenannten Spiegel – die Aufteilung der Artikel und überhaupt das Erscheinungsbild der Zeitung – und die Überschriften. Zwischendurch kochten sie, spazierten über die Feldwege, durchstreiften die nahen Waldstücke.

Zum ersten Mal aber hatte er Mara ein Jahr zuvor – daran konnte sie sich später kaum noch erinnern – auf einem der eher seltenen gemeinsamen Ausflüge ihrer Gruppe angesprochen, einem Polentafest oben an einem der Berghänge, die die Stadt umlagern. Vierzig oder fünfzig deutsche und italienische compagni hockten oder lagen im Gras, tranken Wein, Bier und Obstsäfte aus Pappbechern; der eine und die andere kümmerten sich um das Holzfeuer, einige um die Würste und die Polenta. Jul sah, wie Mara sich über den Kessel beugte und mit einem langstieligen Löffel rührte, aber er weiß nicht mehr, ob sie da schon miteinander redeten, er fuhr sie jedenfalls in einem Kleinwagen, einem fünfhunderter oder sechshunderter Fiat, den er von einem compagno ausgeliehen hatte, die engen, steilen Kurven der Bergstraße hinab, sie wollte den Zug nehmen nach Mailand, allerdings musste er sie zum Haus ihrer Mutter bringen, nicht zum Bahnhof (ich merkte mir nicht die Hausnummer, eine italienische Häuserfront, nicht weit von der Innenstadt, fuhr weg, ich weiß nicht mehr, wohin, vielleicht wieder den Berg hinauf, zurück zum Polentafest, zum Kumpel, dem das Auto gehörte). Mara mag sich geängstigt haben während seiner halsbrecherischen Fahrt die Bergstraße hinunter, aber er hatte sich grandios gefühlt, er liebte das schnelle Fahren im Gebirge.

Mara gestand ihm später, dass er ihr an diesem ersten Tag gar nicht sympathisch gewesen sei; ihr sei er irgendwie zu laut und zu direkt vorgekommen, nicht gerade prahlerisch, aber doch so ähnlich, und im Übrigen habe er sie nicht mit einem geliehenen Fiat eines compagno, sondern im Autobianchi 121 ihrer Mutter wie ein Verrückter die abschüssige, damals geländerlose und schwer überschaubare Bergstraße hinunter nach Hause gefahren, und vor der Haustüre habe er das Auto verlassen und sei zu Fuß irgendwohin weggegangen.

Als Mara ihm dies mit lächelnder Sachlichkeit sagte, erinnerte er sich plötzlich selbst an eine andere Einzelheit dieses Polentafestes: Er hatte mit Mara abseits auf einem Wiesenstück gesessen oder auch gelegen, wie man irgendwo in der Sonne an einem Meeresstrand liegt, und hatte zu ihr von seinem interpunktionslosen, antiautoritären Text gesprochen, der eben erst in einer ausländischen Zeitschrift abgedruckt worden war, und er weiß nun wieder, wie enttäuscht er war, dass dieses Mädchen Mara sich dafür ganz und gar nicht interessierte.

Sie verloren sich wieder aus den Augen, weil keiner den anderen gesucht hatte, ja, Jul wusste, dass Mara in einer Art Zeltgemeinschaft mit Freunden in Kalabrien unterwegs war, freilich wusste er nicht, dass der so sympathische, schweigsame compagno Luca immer neben ihr im Zelt lag, er, Jul, lebte seinen eigenen Sommer, und in den folgenden Herbst- und Wintermonaten sah er Mara hin und wieder an dem Versammlungsort in der Garage, er hörte den Reden zu, wahrscheinlich sah er auch immer wieder einmal Maras geweitete Augen oder ihm fiel ihr ernsthaftes Notieren auf, er sah auch die graukahlen Betonwände und die Hundertwattbirne über dem rechtwinkeligen Tischviereck. Irgendwo draußen, über ihren Köpfen oder seitlich davon, auf jeden Fall über ihnen, rumorte der Verkehrslärm, rumorte das Leben. Er musste täglich schon um fünf Uhr früh in der Radioredaktion sein, er ging seine eigenen Wege, wie im Übrigen auch sie.

Erst im neuen Jahr, Mitte oder Ende Jänner, begann er plötzlich Mara zu suchen, das heißt, er wollte von einem Tag auf den anderen wissen, wo sie wohnte, wer ihre Familie war, wie er sie tagsüber einmal treffen könnte, er wollte mit ihr reden. Tatsächlich kannte er nur ihren Vornamen, so wie von den meisten, mit denen er in der Garage die Abende verbrachte. Ein compagno wusste Maras Familiennamen und dass sie bei ihrer Mutter wohne, wenn sie von Mailand nach Hause kam, ihr Vater sei schon vor einigen Jahren gestorben. Bei einem Glas Wein in einer Bar erzählte der Kumpel ihm auch, dass Mara sehr gut Ski fahren könne. Jul hatte in diesem Winter mit viel zu langen, unerfahren gekauften Skiern ein paar Anfängerstunden absolviert auf einem der stadtnahen Berge, der Seiser Alm, und er wollte nicht alleine Ski laufen gehen. Noch in der Bar fand er im Telefonbuch die Nummer ihrer Familie und rief sofort an. Er war erstaunt, als sich eine deutsche Frauenstimme meldete, schrill und neugierig, es war ihre Mutter, die ihn wissen ließ, dass Mara sehr wahrscheinlich am nächsten Samstag von Mailand kommen werde. Er werde dann wieder anrufen, versprach Jul, und er rief auch wieder an. Als er Maras Stimme aus der Telefonmuschel hörte, wusste er plötzlich nichts mehr von ihrem Gesicht. Sie wusste ihrerseits nicht, mit wem sie sprach, er vergaß oder vermied es, sie daran zu erinnern, dass er vor mehr als einem halben Jahr mit ihr über eine Bergstraße talwärts gerast war. Später erzählte sie ihm, sie habe nur verstanden, dass er ein compagno sei, der mit ihr einen Skiausflug machen wolle, und dagegen fiel ihr nichts ein.

Jul hatte damals in einem der neuesten Wohntürme eine piekfeine Garçonnière mit Bad und Balkon und einem freien Blick zum Wald des Kohlerer Berges, und wenn er sich scharf nach links wandte, konnte er hinter den Smogwolken die Bergkette des „Rosengartens“ ausmachen. Um die Einrichtung des Appartements hatte er sich aber kaum gekümmert. So stand die Küche völlig leer mit geweißelten Wänden da, ohne Herd oder Abstellregale. Er benützte den Wasserhahn in der Küche nur, um zu trinken oder sich heißes Wasser über einen Löffel Nescafé rinnen zu lassen. Auch schlug er manchmal (fast immer am Morgen) ein rohes Ei am Rand des Wasserhahns auf, um es im Stehen auszuschlürfen. Im geräumigen Zimmer, das zum Balkon hin eine Glaswand hatte (sein großes, sein einziges Fenster), waren die Seitenwände auch leer, nichts als weiß, am Boden war längs der Wand, gegenüber dem Balkonfenster, eine Matratze gebreitet und davor auf umgekippten leeren Äpfelkisten eine rotgestrichene Pressplatte, auf der seine Schreibmaschine und ein paar Bücher lagen. Das war alles. Im angrenzenden, bis in Brusthöhe weißgekachelten Bad ragte seine Zahnbürste aus einem Glas unter dem Spiegel und auf einem Hocker bauschte sich seine Toilettentasche. Es war, als lebte er in einer äußerst bequemen Felsnische über den Dächern der Stadt, und er war nicht einmal allein, er hatte eine Katze, eine Siamesin, die ihn schon seit Jahren begleitete.

Im Vorraum neben der Tür standen seine Blizzard-Ski, zwei Meter zehn. Er war schon startbereit, im schwarzen Skianzug (mit einem weißen Lastexstreifen an den Außenseiten der Hosen, Gustav-Thöni-Look), als seine Wohnungsklingel, wie vereinbart, um acht Uhr morgens losschrillte. In der Nacht hatte es stark geschneit, Jul trat mit seinen Moonboots auf den Schneeteppich des Balkons hinaus: Unten stand Mara mit roter Wollmütze neben einem Kleinwagen, dessen Dach vollgepackt war mit Skiern. Sie schwenkte einen Arm, als sie ihn erblickte, und er hätte ihr gerne ein paar Schneebälle hinuntergeworfen, er rief aber nur: Ich komme, vengo subito! Irgendwie war er enttäuscht oder doch irritiert, dass sie nicht allein gekommen war, sondern sich typisch italienisch (wie er dachte) abgesichert hatte mit einer Begleitung. Im Autobianchi saßen ihr jüngerer Bruder Carmine mit seiner Verlobten und ein gemeinsamer Jugendfreund, Luca, ein compagno, den Jul von der Garage her kannte, ohne zu wissen, dass er für Mara mehr als ein Kindheitsfreund war, mit dem sie nicht nur die letzten Zeltferien in Kalabrien verbracht hatte. Und wie hätte er den Tod seiner noch nicht geborenen Natalie mit diesem milde lächelnden Weltfreundgesicht Luca in irgendeine Ahnungsnähe bringen sollen, und überhaupt das Unglück seiner (damals noch nicht vorstellbaren) Ehe. Jul gab allen die Hand und setzte sich vorne neben den chauffierenden Bruder. Jedenfalls trug Mara eine geranienrote Jacke und über der roten Wollmütze eine Skibrille, die ihr in seiner Erinnerung ein wenig das Aussehen eines sportlichen Maikäfers verlieh. Sie fuhren auf den Karerpass, und zwar zur Paulinerpiste, von der er routinierte Skifahrer schon hatte schwärmen gehört. Wahrscheinlich hatte er nicht viel geredet während dieser Autofahrt hinaus aus der selten so weiß wattierten Stadt. Zum ersten Mal, dass er mit Mara in einem engen Raum eingepfercht war, in diesem kleinzylindrigen Wagen, und dennoch fühlte er sich gleichgültig bis zur Glücksverachtung. Ihren geranienroten Jackenrücken und ihren ebenso grellroten Mützenhinterkopf im Blick, zuckelte er später hinter Mara in einem blechernen Liftsessel zur Pauliner Höhe hinauf. Solange sie zwischen Bäumen hindurchschaukelten, weideten sich seine Augen vor allem an den dickgepolsterten, von Schnee niedergedrückten Zweigen, kleinere Bäume waren fast ganz in der tiefen Neuschneeschicht versunken und gerade noch erkennbar als Kuppen oder weiße Kegel. Bisher war er nur auf glatt präparierten Skipisten gefahren, aber hier war alles anders. Sie waren unter den Ersten, die an diesem Tag die Bergstation erreichten; man hatte eine Slalomrinne durch den meterhohen Neuschnee gezogen, jeder Rechtsschwung oder Linksschwung führte um einen aufgetürmten Schneehügel herum – für Jul eine schwer zu meisternde Herausforderung. Außerdem sah er sich, kaum dass er mit angeschnallten Skiern aus dem Sesselkübel gerutscht war, nur zwei Meter entfernt vom Rand eines Sturzhanges: Ein unvermeidbarer Raketenstart, dachte er, und Mara war schon gestartet, mit lockerem Schwung, die anderen bereits vor ihr abwärts gewedelt, aber er konnte nicht anders als kerzengerade hinunter, schaffte nicht einmal den ersten Linksschwung, oder vielleicht doch, den zweiten nach rechts jedenfalls nicht mehr, da steckte er schon in einem der Schneehaufen, im ersten oder zweiten, immerhin fand er noch seine Brille und warf sich wieder nach unten, weit kam er freilich nicht, lag sehr bald mit dem Gesicht im Neuschnee der letzten Nacht, ziemlich tief eingebettet, und hatte nur mehr einen Ski angeschnallt und keine Brille mehr, grub nach der Brille, fand den anderen Ski und schließlich sogar seine Augengläser –, weit und breit keine Mara. Damit war für ihn dieser Skiausflug oder überhaupt das Abenteuer mit Mara erledigt. Er trocknete mit dem Schnäuztuch die Brille, schulterte seine gelben Blizzard und stapfte quer über die Piste durch den Pulverschnee. Ihm war alles egal, er konnte nicht Ski fahren, Mara wusste nun Bescheid, und so wollte er diesen Tag hinnehmen, wie er eben verlief. Jul versank bis über die Knie im Schnee, aber es war ein blauer Himmel mit wenigen bauschig-weißen Wolken über ihm, die Sonne machte ihn schwitzen, er öffnete den Reißverschluss der Jacke, wollte so schnell wie möglich talwärts kommen zu einer Straße oder zu einer Hütte. Schließlich sah er geparkte Autos schräg unter sich und das Dach einer Gastwirtschaft, eine dieser schnell und hübsch hingebauten Heuschupfenkopien. Minuten später saß er auf einem steilen Hocker in der morgendlich leeren, doch gut gewärmten Stube an der Schank und staunte nicht wenig, dass ihn vor dem Hintergrund der reich bestückten Flaschenwand ein bekanntes Mädchengesicht anlachte. Seine Brille war noch etwas dampfbeschlagen von der jähen Wärme, trotzdem lachte ihn untrüglich Martina an, eine der Sekretärinnen aus seiner Redaktion. Sie helfe ihrem Bruder, dem Wirt hier, manchmal am Wochenende aus, klärte sie ihn augenblinzelnd auf. Es war wohl erst halb zehn, und Jul hockte da an der Theke mit schneegepudertem Skianzug, jedenfalls in den ersten Minuten, dann lösten sich auch die Eiskruspen von seinem Bart, und er zog die wasserdichte, tropfende Jacke aus. Er ließ sich Whisky einschenken mit viel Soda, und bald danach noch einmal. Anfangs war er sogar ein wenig wütend auf Mara und die compagni, die hinuntergesaust waren, ohne sich zu kümmern, ob er ihnen folgen könnte, doch bald war ihm klar, dass er sich höchstens über sich selbst hätte ärgern müssen, jedenfalls wusste er, dass er vor Mara eine lächerliche Figur abgegeben hatte und damit diesen Flirtversuch auf Skiern vergessen sollte. Martina nahm sich, über die Budel gelehnt, Zeit für ihn, hörte ihm zu, schäkerte. Und sie lachten beide viel, besonders als er sein Herumwühlen im Schnee auf der Suche nach der Brille schilderte, sein Aufstehen und erneutes Starten und erneutes Brillensuchen. Je länger er Martinas Lachen im Ohr hatte, desto selbstverständlicher schien ihm schließlich ihr Vorschlag, zusammenzubleiben, miteinander zu Mittag zu essen, dann habe sie ihre Nachmittagsruhe, könne tun, was sie wolle in ihrem Zimmer im Haus nebenan, ihr Bruder, der die Gastwirtschaft führe, sei nicht pingelig. Sie könnten morgen früh mit ihrem Wagen ins Büro fahren, sagte sie. Draußen lag der Schnee meterhoch unter der Vormittagssonne, allmählich füllte sich die Gaststube mit fröhlich geröteten Gesichtern. Ein italienisch-deutsches Stimmengewirr umrauschte ihn. Martina musste nur die Gäste bedienen, die sich an die Theke setzten, so dass er sie dauernd vor seinen Augen hatte, witzelnd und mit lustiger Zunge. Da hörte er plötzlich hinter sich seinen Namen rufen, wandte sich um und sah Mara in der aufgerissenen Tür stehen, wie aus einer Schneemulde aufgetaucht, mit aufgeschnallten Skischuhen, in der geranienroten Jacke und vor allem mit der energisch über die Mützenstirn hochgeschobenen Riesenbrille: Finalmente, da bist du ja! schnaufte sie, und er bemerkte, wie von ihren glänzend roten Hartgummischuhen die Schneereste wegschmolzen. Sie wollte nichts trinken, lehnte seine Einladung auf einen Whisky ungläubig lachend ab: So früh am Morgen? Sie stand in der Tür und winkte ihm zu kommen. Und so murmelte er ein paar entschuldigende Worte zu Martina hin und rutschte vom Hocker herunter. Damit war alles entschieden, weiß er jetzt. Mara hatte ihn gesucht, war, wie sie ihm erzählte, kreuz und quer über die Piste gefahren, war den Kübellift hinauf und wieder herunter, und schließlich hatte sie angefangen, die umliegenden Imbissstuben und Einkehrhütten abzuklopfen. Wenn er daran dachte, sah er blitzartig immer eine Tür aufgehen, hörte das kurze, polternde Geräusch schwerer Skischuhe und sah Maras Gesicht – forschend, erfreut, empört. Bisher hatte er sie meistens stumm erlebt, still und zurückhaltend. Ihre Scheu zog ihn an. Und jetzt hatte er sie wütend gesehen.

Einige Meter von der Kneipenhütte entfernt warteten die anderen im Auto. Erst lange danach kam ihm der Gedanke, dass Mara ihn damals nicht wie einen gesucht haben mochte, den sie in ihrer Nähe haben wollte, sondern einfach wie einen, für den sie sich verantwortlich fühlte, da er im Auto ihrer Familie auf den verschneiten Berg gefahren war. Sie saßen aneinandergepresst im Fond des Kleinwagens, und vermutlich redete er – vom Whisky beflügelt – in seinem holzhackerischen Italienisch zu laut und zu viel, und deshalb wohl hinterließ die Erinnerung ihm kein einziges Wort, so als wären sie in stummer Nähe den Berg hinuntergerollt, durch Kurven und Tunnels und an Schneerändern vorbei, bis sie sich in der Stadt unten die Hände drückten und auseinandergingen. Sie gingen auseinander ohne irgendeine Verabredung, und sie sahen sich erst nach Wochen wieder bei einer Versammlung in der Garage.

17

Ein Lawinenunglück, bei dem sieben Alpini, italienische Gebirgssoldaten, unter den Schneemassen erstickt waren, brachte sie erneut zusammen. Das Unglück war – nach Analyse und Urteil in der Garage – durch Verantwortungslosigkeit, Ehrgeiz, Leichtsinn und Ignoranz von Offizieren verursacht worden, von Offizieren, die eine militärische Routineübung trotz amtlicher Lawinenwarnung hatten durchführen lassen: Eine Kompanie war über einen gefährdeten Hang marschiert und hatte einen enormen Schneeabgang ausgelöst, sieben junge Männer konnten nur mehr tot aus dem Schnee gezogen werden. In der Garage wurde beschlossen, in allen größeren Orten des Landes eine Flugblattaktion durchzuführen, eine Art pazifistische, jedenfalls gegen die militärische Obrigkeit gezielte Gegeninformation, gegen „Offiziersdünkel“, „Kriegsspielerei“, „verantwortungslose Karrieregeilheit“, der das Leben junger Menschen ausgeliefert worden sei. Und Mara meldete sich (an einem Wochenende, das sie zu Hause bei ihrer Mutter verbrachte) ebenso wie Jul zum Flugblattverteilen in einem der Seitentäler, dem Pustertal, das ihm am fremdesten, ihr aber am vertrautesten war.

Sie fuhren mit noch zwei anderen Gesinnungsfreunden los – wieder im Kleinwagen, der Maras Mutter gehörte, den diese aber nie benützte, weil sie aus Angst vor dem eigenen Fahren sich lieber in einen Zug oder Bus setzte. Mara und Jul waren sich nicht mehr fremd, aber irgendwie benahmen sie sich noch so. Mara ging die Aktion sehr gelassen an, er auch. Er saß neben ihr im Auto, und sie lenkte, während auf den Rücksitzen Bruna und ein compagno über die Lawinentragödie sprachen; Mara und er murmelten manchmal auch ein Wort nach hinten, noch öfter aber machten sie beide einander auf das eine oder andere in der vorbeifliegenden Landschaft aufmerksam: Schneereste auf kahlem Baumgeäst, ein Rabe, der steif auf einem in die Erde gerammten Stock hockte, und die Eiskristallruten über dem Flüsschen Rienz.

Sie parkten das Auto in den Dörfern wenn möglich auf dem Platz vor der Kirche und begannen in den umliegenden Straßen und Gassen den ihnen entgegenkommenden Leuten die Informationszettel entgegenzustrecken. Einige nahmen das Blatt entgegen, Überrumpelte, die keine Zeit zu überlegen hatten, andere rannten aus dem gleichen Grund wie verängstigt weiter.

Jul blieb bei Mara. Ohne dass sie es verlangt hatte, wollte er sie nicht allein lassen. Sie begnügten sich damit, die Flugblätter einigen Passanten in die Hand zu drücken und ein paar Blätter an das Glas einer Auslage oder an eine Hauswand zu kleben, aber sie ließen kein Gasthaus oder Café aus. In Welsberg wurden sie, kurz nachdem sie in einem behäbigen Wirtshaus am Hauptplatz ihre Zettel an ein paar Männer an der Schank verteilt hatten, auf der Straße von einem italienischen Polizeibeamten angehalten und ins nahe gelegene Bezirksgericht geführt. Dort, über ihre Personalien befragt, erklärte Jul sich kurz entschlossen als Maras Bräutigam, außerdem als Korrespondenten einer ausländischen Zeitung, der, auf Besuch bei seiner Verlobten, diese bei Ausübung ihrer bürgerlichen Rechte begleitet habe. Mara hatte das Abgeführtwerden und die Befragung unaufgeregt, beinahe gleichgültig hingenommen, überrascht und verwirrt wurde sie aber ganz offensichtlich durch seine Behauptung, ihr Verlobter zu sein. Wieder auf freiem Fuß, lachten sie alle vier lauthals im Auto auf der Rückfahrt. In ihrem Übermut parkten sie sogar in unmittelbarer Nähe eines Militärpostens (eines mit Stacheldraht umzäunten Häuschens, nur wenige Meter entfernt von der Mühlbacher Klause), zwischen und unter zwei winterkahlen Straßenlinden pinkelten Mara und er in den abgasgrauen Schnee und warfen auch ein paar Flugzettel auf die Böschung; dabei kicherten sie so laut, dass ein Uniformierter sich hinter dem Stacheldrahtzaun aufpflanzte und über die Straße schrie: Wer ist da? Sie sprangen ins Auto und fuhren unbehindert davon.

18

Jul wusste, dass er sich bei der Festnahme in Welsberg komisch benommen hatte, aber ihm hatte sich nicht so sehr die Demütigung eingeprägt als vielmehr dieses neue Gefühl des Ausgeliefertseins mit Mara, dieses jähe öffentliche Zusammengehören, auch wenn es List war seinerseits, ein Gewaltakt, diese Erfindung von Nähe, erlogene, aufgezwungene Vertrautheit, er bereute davon nichts. Ja, er hatte Mara überrumpelt, er hatte sich in Maras Kopf als ein möglicher Verlobter hineingedrängt.

Auf jeden Fall hatte sich ihr Verhältnis verändert, auch wenn sie mit den zwei compagni im Wagen fast ausschließlich wieder über politische Themen sprachen. Von diesem Tag an verband Mara und ihn etwas Bestimmtes, ebendieser Vorfall. Sie wollten sich wiedersehen und vereinbarten ein anderes Wochenende zum Skifahren. Diesmal in nächster Nähe der Wälder und Wiesen, wo Mara ihre Kindheit während der Sommer- und Weihnachtsferien verbracht hatte, eben auf dem Berg über dem kleinen Landhaus ihres Vaters.

Sie waren nicht allein, sondern in Gesellschaft von Maras älterem Bruder Raffaele und ihrer Schwester Teresa, die von ihrem Mann Carlo begleitet war. Jul genoss die Minuten, die er oben auf der Bergkuppe (zwischen Gondelstation und dem nächsten Hüttenausschank) ohne Ski an den Füßen verschnaufen konnte – den Rundblick und die Sonne –, dann allerdings suchte er an eine Theke zu kommen, und während Mara sich auf der Toilette vermutlich Sonnencreme auf den Wangen verstrich, trank er ein großes Glas Grappa. Mara liebte den Nordhang mit Blick auf den Talkessel, ein Schattenhang mit schnellerem Schnee, eine mit riesigen Schneewarzen übersäte, breite Piste vom Start weg, und Mara vergnügte sich, wedelte in kurzen Schwüngen hinunter, er stürzte ihr mit angeschnapster Kühnheit nach, manchmal schaffte er es, einem Schneehügel auszuweichen, meistens nicht, aber diesmal wartete Mara jedes Mal in freundlicher Entfernung, bis er sich wieder aufgerappelt hatte. Ihre Geschwister kümmerten sich zum Glück nicht um ihn, waren längst woanders unterwegs. Es war schön, hinter Maras Schwüngen herzustürzen, in weitem, aber scharfkantigem Zickzack, und dann aufwärts gezogen zu werden von einem Schlepplift, im Blick immer Maras schwarzes, auf den Jeanshintern genähtes Perlonherz. Und es war schön, mit ihr längs einer Glaswand des Berggasthauses Spaghetti alla Bolognese zu essen bei einer Flasche Rotwein. Sie fuhren am frühen Nachmittag sogar die ganze Länge der Silvesterpiste hinunter, von wo Maras väterliches Ferienhaus dann zu Fuß schnell erreichbar war.

Damals war er zum ersten Mal durch das dunkelbraune Gartentörchen gegangen, über den verschneiten Gartenrasen und hatte zum ersten Mal Maras Mutter gesehen, eine schöne, feingesichtige Frau mit kurzgeschnittenen, silbergrauen Haaren und einem fast ängstlich lachenden Gesicht, einem Dauerlächeln, das wie eine Schutzschicht über Neugier und Sorge gezogen schien (erst später bemerkte er die hoch angesetzten Wangenknochen, die ihrem Ausdruck beinahe slawische Züge verliehen). Er wurde in eine laute Herzlichkeit hereingeholt und fühlte sich dennoch eher wie ein abgetastetes Objekt, ein betrachteter Gegenstand. Vielleicht war es dies, warum Mara und er sich bald verabschiedeten. Er weiß nicht mehr, ob er Mara durch einen Blick oder ein zugerauntes Wort aufgefordert hat oder ob sie beide es gleichzeitig wollten, jedenfalls unternahmen sie allein mit dem Auto noch eine Spazierfahrt in die Umgebung. Wahrscheinlich tranken sie auch etwas in einer Bar oder einem Gasthof, um schließlich nur mehr so durch die verschneiten Felder zu laufen. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass er Maras Haare berühren durfte und auch ihr Gesicht. Sie blieben auf einer Brücke stehen, lauschten auf das Lärmen des Wassers, und Jul zog den Ehering seiner toten Mutter von seinem Finger und warf ihn in den Bergbach, um Mara näher zu sein.

Seither begann Mara ihm aus Mailand zu schreiben, auf kuriosem Format, Kärtchen, die in vier mal sechs Zentimeter kleine Kuverts hineinpassten, witzige Sätze, zum Beispiel: Ich bin heute Morgen einer Bürste begegnet.

Jul hatte kein Telefon. Aber eines Tages klingelte die Wohnungsglocke, und als er die Tür öffnete, sprang die Siamkatze von seiner auf Maras Schulter, kaum dass sie ihre Arme um ihn gelegt hatte. Er lachte voll Stolz auf seine Katze, die sich über Maras leicht gebeugten Nacken schmiegte, es war das erste Mal, dass Mara seine Garçonnière betrat. Sie hatte es ihm zuletzt versprochen (als der Ring in den sprudelnden Bach geflogen war). Trotzdem war er überrascht, denn Mara war vom Bahnhof direkt zu ihm gekommen, ihre Mutter wusste nicht, dass sie in der Stadt war. Er ließ das heiße Wasser in das Waschbecken der Küche laufen, schöpfte Nescafépulver in zwei Gläser und sah dann, wie Mara daran nippte und zurückzuckte, sie lächelte und sah sich zwischen Zimmer und Balkon um, er nahm ihr das Kaffeeglas aus der Hand. Es war ihr erstes Geheimnis: dass sie da auf dem Betonbalkon standen und über die Häuser schauten, Mara vielleicht auch in Richtung des Hauses ihrer Mutter blickte, die sie jetzt in Mailand vermutete.

Juls Matratzenbett überragte vielleicht um zwanzig Zentimeter den Parkettboden; seine Siamkatze schlief am liebsten auf dem Kopfpolster, aber sie verschwand sofort, als Mara sich auf der Decke niederließ. Wahrscheinlich vergingen Minuten, möglicherweise auch eine Viertelstunde, bis ihm Maras Veränderung auffiel, eine Veränderung ihrer Haut, zuerst sah er diese winzigen roten Flecken an ihrem Gesicht, dann auf ihrem Hals und auf den Brüsten, ihr ganzer Körper war übersät von diesem Scharlachrot. Er erschrak und dachte, Maras Körper reagiere auf ihn allergisch, auf seinen Bart oder weiß was sonst. Mara atmete schwer, er zog sie hoch, und sie atmete auch stehend nur mit Mühe, hustete, röchelte, er wagte sie nicht mehr mit einer Fingerspitze anzurühren. Sie musste möglichst schnell zu einem Arzt gebracht werden, aber Mara wollte nichts von Ambulatorium oder Krankenhaus hören, sie sagte, ihre Familie habe seit jeher einen Hausarzt, und dem werde sie sich anvertrauen, daher müsse sie, und zwar gleich, zu ihrer Mutter. Es waren ja nur hundert oder zweihundert Meter bis zu ihrem Haus, Jul begleitete sie, aber sie wollte allein mit dem Aufzug in den dritten Stock fahren – er könne sie am Abend anrufen.

Ihr Hausarzt war schon ein älterer Herr, wahrscheinlich einer, der Maras Vater noch aus früheren Zeiten gekannt hatte. Er diagnostizierte bei Mara eine akute Rippenfellentzündung und verordnete zwei Wochen strengster Bettruhe und täglich eine Penicillinspritze. Und so bekam Mara ein gutes Dutzend Ampullen injiziert, obwohl sie keinerlei erkältungsbedingte Entzündung hatte, sondern, wie sich später herausstellte, eine asthmatische Allergie, verursacht und ausgelöst durch Pulcinella, Juls Siamkatze.

Als er am Abend anrief, bekam er nicht Maras ruhige Stimme zu hören, sondern eine Unglückslitanei vonseiten ihrer Mutter, mit freundlich hoch angesetzter Stimme, die sich öfters überschlug, aber ohne Vorwurf ihm gegenüber. Jul begann Mara zu besuchen, betrat zum ersten Mal dieses Haus am Gerichtsplatz, das ihr Vater nicht lange vor seinem Tod gebaut hatte. Ein nüchternes, unauffälliges Wohnhaus der frühen sechziger Jahre, auf italienische Weise rational, mit schmalen, langgezogenen Balkonen und einem Aufzug. Maras Mutter führte ihn zu einem Zimmer, das wie eine Zelle zwischen zwei anderen in einer Art Klostergang lag, einem Seitenarm der großen Wohnung. Plötzlich sah Jul nicht mehr aus einer Garagenperspektive auf ein großäugig vor sich hin sinnierendes Mädchengesicht, sondern stand vor einem fremden Bett, sah auf Mund und Augen, die in Polster versinken wollten. Er war jäh in eine Nähe gerückt und fühlte sich ratlos, auch irgendwie schuldig.

Er kam jeden Tag und er war Maras Mutter dankbar, dass sie ihm so selbstverständlich die Wohnungstür öffnete und ihn die paar Schritte bis zu diesem Zellenzimmer allein weitergehen ließ. Obwohl ihm bewusst war, dass er aus der Sicht dieser Frau wahrscheinlich wie ein Unglück durch die Tür hereintrat. Er war um einiges älter als Mara und hatte eine völlig andere Welt hinter sich. Und schon seine erste Annäherung hatte Mara krank gemacht. Aber Jul tat, was er tat, mit der Leichtigkeit eines Menschen, der sich auf Essen und Trinken freut, aus einer Notwendigkeit, die wie Atmen war. Von jetzt an gehörten sie zusammen. Als Mara sich wieder erholt hatte und nach Mailand zurückfuhr, verabredeten sie, sich Mitte März in Rom zu treffen.

19

Er hatte einen Kaffee am Bahnhofsbuffet in Passau getrunken und eine Buttersemmel mit Käse gegessen, bevor er Mara anrief. Maras Stimme wird er für immer im Ohr haben: Ich kann es dir nicht sagen, ich kann es dir nicht sagen. Nun sag schon endlich, was ist – hatte er in die Telefonmuschel geschrien. Und wusste doch schon alles.

Als hätte er etwas versäumt, als müsste er etwas suchen, rannte Jul aus dem Hotel hinaus und durch die verwinkelten Gangliengassen die Salita della Madonna dei Greci hinauf, über die Scaletta Gubernante, hörte am helllichten Sonnenwerktag singende Frauenstimmen aus der Kirche und schlappte an Arbeitern vorbei, die oben auf dem bischöflichen Hügel den Tuffstein an den Mauern der Kathedrale sauberkratzten. Er stieg über die weitgeschwungenen Steinstufen zum Hauptportal hinauf. Es war verschlossen, und so drehte er dem Dom wieder den Rücken zu, ja, er schwenkte seine Arme wie Flügel, weit und breit kein Tourist, kein Passant. Zwischen den Hausdächern blitzte das Meeresblau auf, und rechter Hand sah er tief unten das von Straßenbändern durchzogene Hügelland, Flecken von gedämpftem Mandelbaumgrün, auch Olivenhaine und Weinäcker, vor allem aber die graubraunen, viereckigen Flächen der abgeernteten Weizenfelder. Wo immer er Dörfer ausmachte, waren sie an Hügelhänge oder an die Flanke eines Bergrückens hingeduckt. Bist du mit deinem Leben zufrieden? hatte er unvermittelt Zia Delia gefragt. Wie oder was hätte sie darauf antworten sollen? Sie zuckte die Schultern, drehte ihre nach oben gerichteten Handflächen hin und her. Hab keine Wahl, sagte sie mit erstaunten (oder erschrockenen?) blaugrauen Augen, und er hatte sie zu verstehen geglaubt: Hab nie viel auswählen können. Ihr Mann habe immer jede Wahl gehabt, mehr als genug Frauen und Mädchen, sagte sie und schüttelte ihre hochgehobene Hand.

Mehrmals umrundete Jul die Piazza Don Giovanni Minzoni unterhalb der Kathedrale, trank in der Bar „Duomo“ einen Campari, den der Bruder des Barkeepers erst aus dem Magazin-Verschlag vom Hinterhof holen musste. Langsam, als könnte er so den latenten Druck in seinem Kopf wenigstens im Gleichgewicht halten, schlug Jul dann (mit gerecktem Oberkörper) den Vicolo Seminario hinunter zum Stadtzentrum ein, es wäre auch die Richtung zum Meer gewesen. Vor einem einst wohl häufig aufgesuchten Ladeneingang blieb er stehen: Eine verrammelte Holztür, die bräunlichrote Farbe in winzigen Äderungen zersprungen, blätterte ab, an der Mauer links von der Tür konnte er auf einem verrosteten Blech noch „burro naturale“ entziffern. Als er von dem Vicolo Seminario in die Via Lo Cicero einbog, mit diesem ungebremsten Abwärtsschritt, erschrak er – fast wäre er auf eine kauernde Männergestalt aufgelaufen. Vor einem dieser links und rechts sich immer wieder einmal öffnenden kleinen Hinterhöfe, eigentlich Vorhöfe (cortili), mit oft mehr als einem Stiegenaufgang, also halb auf der Gasse, halb schon innerhalb eines solchen cortile (c. Balletti oder cortile Aranciario), blickte er auf einen gekrümmten Männerrücken, und erst im zweiten Moment begriff er, dass ein schwarzstoppeliger, eher junger Mann über einer Katze kniete. Nach einem flüchtigen Blick wollte Jul schnell vorbei, aber da wandte sich der Fremde ihm zu und hob ihm sogar die Katze entgegen: Verletzt, si è fatto male, sagte er in gutem Italienisch, nicht im Dialekt, auch wenn die Aussprache ihn als Sizilianer auswies. Als ob er ihn als Zeugen erwartet hätte, führte er Jul vor, wie schlecht es der Katze ging, genauer einem Kätzchen, das Jul auf zwei oder drei Monate schätzte. Das Tier zog eine Hinterpfote schlapp über das Pflaster, konnte er deutlich erkennen, aber der junge Sizilianer wollte ihn die Verletzung noch genauer sehen lassen, reckte ihm das braunweiß gefleckte Kätzchen mit einer Hand entgegen, und da sah Jul die Bisswunde, eigentlich die Abbisswunde: Am rechten Hinterbein fehlte die Pfote. Eine Kanalratte vielleicht, kaum ein Hundebiss, meinte der Schwarzstoppelige mit strengem Ernst im Gesicht. In diesem Moment hörte Jul sich reden, sah geradezu, wie er sich an die Stirn griff, weil er so Unwichtiges daherredete: Er sei ein Katzenliebhaber, sagte er, habe jahrelang eine Siamkatze bei sich gehabt, hier freilich sei er ein Fremder, rief er aus und hob die Arme, er kenne in dieser Stadt keinen Veterinär. Da streckte ihm der junge Mann die katzenfreie Hand hin und stellte sich vor: Angelo. Diese Katze müsste zu einem Tierarzt gebracht werden, sagte Jul. Und Angelo, der eine rostighelle Lederjacke trug, nickte zustimmend, andiamo! forderte er sich, die Katze und Jul auf, als ob sie sich nicht zufällig, sondern fix verabredet in dieser Via Lo Cicero getroffen hätten. Aber sie gingen nicht zu einem Veterinär, und vielleicht gab es in dieser Stadt auch keine Tierklinik, immerhin trug Angelo die Katze behutsam an seiner Brust und achtete nicht einmal auf die Blutflecken, die seine Lederjacke abbekam. Am Ende der Gasse überquerten sie die Via Atenea und stapften die abschüssige Via Bagli hinunter, wobei Jul immer wieder den Meereshorizont hinter der einen oder anderen Biegung in den Blick bekam. Der Platz, von dem eine enge Betontreppe zu Angelos Behausung hinaufführte, war auf einer Seite flankiert von vielstöckigen Büro- und Wohntürmen und auf der anderen Seite von einer Kirche mit Glockenturm. Vor seiner Wohnungstür angekommen, reichte Angelo ihm die Katze. Und dann stand Jul mit dem verletzten Tier in den Händen in einem Maleratelier und sah von einem Fenster auf diesen Parkplatz mit Tankstelle hinunter. Während er Angelo half, die Bisswunde, also die Amputationsstelle, zu versorgen (Angelo goss eine Desinfektionsflüssigkeit darüber, Jul hielt die Katze fest umklammert, bis sie, vielfach bandagiert, in eine Kartonschachtel gelegt wurde, die Angelo mit einem Pullover ausgelegt hatte), blickte Jul, ob er wollte oder nicht, auf großflächige Ölbilder, auf Schiffskiele, die in popartiger Ausführung bis auf Handbreite aufeinander zuzustreben schienen. Es war nicht so, dass Angelo ihm seine Arbeiten vorgeführt hätte. Im Gegenteil, er stand nicht neben ihm, lehnte auch nicht an einer Wand und wies ihn nicht auf dieses oder jenes Detail hin. Nein, er winkte ihm zu folgen und führte ihn über eine winkelige Stiege auf eine kleine Dachterrasse über dem Atelier und genoss sichtlich Juls Staunen über den großartigen Ausblick. Tatsächlich glaubte Jul das Meer zu seinen Füßen zu haben, so prall leuchtete das Blau des Wassers bis zum Horizont. Unter sich sah er freilich auch die Tankstelle, davor die daran vorbeiziehende Via Empedocle und direkt unter dieser Straße Zuggeleise, dahinter eine Häuserkulisse, die aber den Meereshorizont nicht zu verdecken vermochte.

Angelo bot ihm ein Glas Rotwein an aus einer grünen Gallonenflasche. Und sie begannen zu reden. Tranken und redeten mitten am Tag, redeten über alles, auch über Angelos Vater, den er früh verloren habe, aber von dem er wusste, dass er dort oben im Norden, in diesem Alto Adige, seine Rekrutenzeit verbracht und sich verliebt hatte in eine Südtirolerin (una ragazza tedesca). Seine Geschichte ist auch meine Geschichte, murmelte Angelo, wenigstens soweit sie seinen Vater zu einem glücklichen oder zu einem unglücklichen Menschen gemacht habe.

Dobbiamo vederci quanto possibile – hatte Angelo irgendwann am Nachmittag gesagt. Und Jul versprach ihn anzurufen. Aber er wusste schon in diesem Moment, dass es zumindest halb gelogen war.

20

Natürlich wusste Mara bereits (wie vermutlich viele seiner Freunde in der Garage), dass er verheiratet und noch nicht geschieden war, er selbst hatte es ihr auf dem Spaziergang erzählt, als er den Ring seiner Mutter in den Bach warf. Und später in Rom hatten sie lange darüber geredet, während das erste Frühlingsgewitter, das sie gemeinsam erlebten, sich mit Blitz und Donner über der Stadt entlud; vom Bett aus sahen sie durch die offene Mansardentür, wie die dicken Regentropfen auf den Fliesen der Terrasse aufsprangen und zerplatzten. Er war schon fast drei Jahre von seiner Frau getrennt, hatte sich aber in all dieser Zeit nie ernsthaft Gedanken über eine Scheidung gemacht. Es war früher Nachmittag, als Mara und er dem Regentrommeln in Rom zuhörten, und Jul schwor sich wortlos, diese Nähe mit Mara für immer zu bewahren.

Mein Vater erzählte gerne, aber welche Geschichten? fragte Mara sich selbst in diesem römischen Hotelzimmer. Besonders erinnerte sie sich, dass er vom Krieg erzählte, und zwar vom Krieg in Albanien, doch sogar davon war ihr nur seine oft wiederholte Beschreibung der kahlen Berge in Erinnerung geblieben. Er wollte immer, sagte sie, dass ich Tänzerin würde, ich war noch sehr klein und durfte auf seinem Schoß sitzen, ich wollte ihn nicht enttäuschen und tanzte auf dem grauen Teppich in der Stube, bis ich schwindlig wurde und hinfiel. Später malte ich Bilder für ihn, er legte sie in eine Schublade, und als er starb, gab mir Mutter einige davon, und ich habe sie verloren.

Mara und Jul gingen nicht tanzen, das heißt, sie gingen nie auf einen Ball oder in ein Night, aber sie tanzten miteinander auf dem gemeindeeigenen Wiesenstück gegenüber dem väterlichen Ferienhaus. Sie tanzten auf dem Kirchweihfest im Juni, auf der Bretterbühne und zu den üblichen Schlagerschnulzen, deutschen Marsch- und Foxtrottrhythmen. Nein, sie gingen nie am Abend aus, um zu tanzen. Obwohl sie viel getanzt haben auf ihre Weise, wollte ihm scheinen, sogar wenn sie sich stocksteif gegenübersaßen und nichts als redeten.

Mara erzählte gerne von ihrer Kindheit, vom Leben in den Wäldern und auf den Wiesen rund um das Landhaus, aber sie erzählte auch gerne von den frühen Jahren in der Stadt, zuerst in dem villenartigen Haus hinter dem Corso d’Italia, an einem schmalen Wiesenkanal gelegen, in den sie ihre Füße hineintauchen konnte, an dem sie und ihr jüngerer Bruder Mühlen bauten und Bootsanlegestellen und in den sie einmal hineingerutscht und beinahe darin ertrunken wäre; dieser Stadtbach durchquerte kaum fünfzig Meter hinter dem Corso damals noch Wiesen mit Kirschbäumen und Weinpergeln. Nicht weit davon entfernt hatte ihr Vater eine ganze Häuserzeile errichten lassen, eine solide Miethäuserfront. Und das erste Haus davon stand, als es fertig war, für eine längere Zeitspanne beinahe idyllisch allein da; auf den Weinäckern an seiner Rückseite wurden im Frühherbst noch Trauben geerntet, während die Frontseite auf einen weiten, noch unasphaltierten Platz sah, den zwei protzige Gebäude aus der Faschistenzeit flankierten (mit breit angelegten Treppenaufgängen): der Justizpalast und das Finanzamt. Ich ging in die erste Klasse der Mittelschule, als wir von der Villa am Bach in das Haus am Gerichtsplatz zogen, erinnerte sich Mara. Links und rechts ihres Hauses sei noch an den anderen (vom Vater finanzierten) Häusern gebaut worden. Wir Kinder lebten zwischen Baustellen, es gab große Erdhügel, auf denen wir kurvige Bahnen für Murmeln anlegten, und auf der damals noch nicht geteerten, sondern mit weißem Splitterkies bedeckten Piazza spielten wir den Giro d’Italia nach. Der große, weite Platz sei für sie und für ihren jüngeren Bruder aber nicht nur Spielplatz, sondern im buchstäblichen Sinn auch ein Schauplatz gewesen, so etwas wie eine Kino- oder Theaterbühne, auf die sie vom Küchenfenster des dritten Stockes in schulfreien Stunden hinuntergeschaut hätten, zum Beispiel am Sonntag, wenn die Erwachsenen auf dem Kies „tamburello“ spielten, eine Art Schlagballspiel.

Später, sagte Mara, als aus der Piazza ein Parkplatz geworden sei, habe sie oft gegen Abend am Küchenfenster sitzend auf das Auftauchen von Vaters Auto gewartet. Immer wieder einmal habe sie mit ihrem Bruder Carmine die Autos gezählt, die vom Corso zum Gerichtsplatz einbogen. Und sie hätten gewettet, wer der Anzahl von Autos am nächsten käme, die innerhalb von einer oder von zwei bis drei Minuten auf den Parkplatz einfahren würden. Es war immer am Abend (er sah Maras Lächeln noch jetzt im Erinnern), und wir dachten nur an Vater und fragten uns, ob er jetzt oder in fünf Minuten oder wann endlich er mit seinem Fiat in den Platz einböge. Er war ja viel unterwegs, aber am Freitagabend kam er immer von Bruneck nach Hause, in Bruneck hatte er nach dem Krieg eine Kanzlei in der rötlichbraun getäfelten Stube unserer Großmutter, seiner Schwiegermutter, eingerichtet. Das Erste, was wir sahen, wenn er aus dem Auto stieg, war seine dicke, schwarze Aktentasche, die er aus der Tür hinausreckte, dann erst tauchte vorsichtig seine Stirnglatze auf, die weißseidigen Haare. Carmine rannte das Stiegenhaus hinunter, um Papà die Aktentasche abzunehmen, aber viel an Papier war darin nie, eher etwas zum Essen, oft ein großes Stück Speck, das er von einem bäuerlichen Klienten bekommen hatte. Wenn er guter Laune gewesen sei, habe Papà nach dem Abendessen meistens etwas erzählt, Carmine habe die Pantoffeln geholt und ihm die Straßenschuhe von den Füßen gezogen, und sie, Mara und Carmine, hätten links und rechts des grüngepolsterten Sessels sitzen dürfen, aber auf diesem Polstersessel sei Vater leider schnell müde geworden und eingeschlafen. Wir Kinder durften dann im Wohnzimmer nur mehr auf Zehenspitzen gehen, hatte Mara sich nicht nur im Hotelzimmer in Rom erinnert, sondern ihm auch noch später mehrmals erzählt: Mama ließ uns dort nicht einmal lesen oder die Schulaufgaben machen, ich habe noch heute Papàs Schnarchen nach dem Essen im Ohr.

Wirklich fröhlich sei Vater ausnahmslos an Sonntagen und Feiertagen gewesen, da habe Mama ja besonders üppig und köstlich gekocht, rotoli alla siciliana zum Beispiel, und dazu habe Papà meistens Freunde eingeladen. Wir Kinder, zürnte (im Nachhinein) Mara, auch wenn vergebungsvoll, durften dann aber am Tisch nicht dabei sein, wir hörten sie nur hinter der Wand kreischen, schreien, diskutieren, und sie aßen sehr lange und sehr viel.

An gewöhnlichen Tagen jedoch sei Vater oft müde und dann ein ganz anderer gewesen. Schon wenn Geringfügiges am Gewohnten gefehlt habe, sei er außer sich geraten. Nun ja, er habe Gemüse geliebt, habe Knoblauch sogar am liebsten zehenweise in den Mund geschoben, gekaut und geschluckt, besonders gerne habe er coste gegessen, weißgrünes Rippenmangold, in Wasser mit Knoblauch gesotten. Wehe aber, sagte Mara, es war einmal nicht richtig gesalzen oder nicht mit dem richtigen kleinen Maß Olivenöl angemacht, da konnte er jäh explodieren: Er kippte den Teller, schüttete alles auf den Boden, auf den Teppich des Speisezimmers. Ähnlich sei es mit seinem Pfeifenbesteck gewesen (dafür sei sie zuständig gewesen, nicht Carmine, betonte Mara fast noch mit Stolz), wenn diese läppische Nettapipa einmal nirgends zu finden gewesen sei, da habe Papà augenblicklich die Nerven verloren. Und dann sei dieses Zeug doch immer wieder unter seinen Papieren im Studiozimmer gelegen. Aber wir wussten ja auch, sagte Mara, dass es weder die zu wenig gesalzenen Mangoldstängel noch die verlegten Pfeifenbürsten waren, sondern irgendetwas uns Unbekanntes, das der Vater am liebsten auf den Teppich hingeschüttet hätte, um darauf herumzutrampeln. Anderseits, gab Mara zu bedenken, hielt Vater uns Kindern keine Predigten, dafür war Mama zuständig, aber er kümmerte sich sehr um unsere Ausbildung, hielt sich auf dem Laufenden, wie es in der Schule ging. Uns erzählte Mutter, dass sie im Krieg, als Vater unter anderem auch für die Ausspeisung in den Schulen zuständig war, immer mit den wenigen zugeteilten Lebensmittelkarten habe auskommen müssen; oft sei zu Hause keine Butter mehr gewesen, trotzdem habe Papà, der viele Lebensmittellager zu verwalten hatte, nie ein Stück mitgenommen und der Familie gebracht.

Er war auch nicht außerordentlich eitel, meinte Mara, allerdings legte er Wert darauf, gut gekleidet zu sein, er ging zum Schneider, weil er klein und dick war, und er kaufte auch den Stoff jeweils selbst. Und so wie er nur maßgeschneiderte Anzüge trug, ließ er sich die Schuhe von einem Schuster in Bruneck anfertigen, er freute sich über Solides. Leider, sagte Mara, rauchte mein Vater sehr viel, sie habe ihn oft in der Früh husten gehört, sei beinahe regelmäßig gegen fünf aufgewacht, weil er draußen auf dem Wohnungsflur gehustet habe, ein tiefes, röchelndes Husten.

21

Maras Vater kam aus Agrigent in dieses deutschsprachige, seltsame Bergland Südtirol, das die Faschisten (wie schon Napoleon) Alto Adige nannten – Oberetschland. Dieses österreichische Alpengebiet sollte nach Mussolinis Willen schnell italianisiert werden, möglichst von heute auf morgen. Maras Vater kam als Vizefederale, war Centurione (bei Kriegsende General), verantwortlich für die Jugend, die oberste Autorität für Erzieher, vor allem für Turnlehrer, er war für nichts weniger als für die Faschisisierung der Kinder und Jugendlichen zuständig: Die Italianisierung der Südtiroler Zukunft hatte er zu erledigen. Wenn er erfolgreich sein wollte, musste ihm die Verwandlung von (verschiedenartigen) tirolischen Dialekt sprechenden Berg- und Talkindern in italienisch parlierende Faschisten glücken.

Caetano de Pasqua war als Halbwaise herangewachsen, eine von sechs Halbwaisen, die sein Vater zurückgelassen hatte, als er achtundvierzigjährig an Nierenversagen starb. Keine arme Familie, in der Maras Vater mit zwei Schwestern und drei Brüdern groß wurde. Sein Vater hatte das Kapitänspatent der Handelsschifffahrt erworben, war auch Mitbegründer einer Bank und schließlich Direktor an dem hochangesehenen Istituto Tecnico seiner Heimatstadt. Nein, keine arme Familie.

Maras Vater trug, als er nach Bozen kam, den damals so bewunderten Streifen, der die Rom-Marschierer ehrenvoll kennzeichnete, auf dem Ärmel seiner imposanten schwarzen Uniformjacke. Er war einer der jüngsten faschistischen Gauleiter, mit vierundzwanzig Jahren hatte er bereits als Federale in seiner Geburtsstadt Agrigento Befehlsgewalt. Auf einem Foto, das Mara nach seinem Tod von der Mutter gezeigt bekam, sah sie einen kleinen, gertenschlanken jungen Mann, der vor einer auf zwanzigtausend Köpfe geschätzten Menschenmenge sprach, in der Stadt, in der er nur wenige Jahre zuvor noch in die Oberschule gegangen war.

Dass Maras Vater auch Natalies Großvater war – dieser Gedanke hatte Jul nie beschäftigt. Als Natalie geboren wurde, ein Kilo sechzig leicht, war Fasching, eigentlich noch Winter, aber über den Talferwiesen strahlte ein blitzblauer Vorfrühlingshimmel. Ein Engerling war sie, eine überdimensionale Schmetterlingspuppe in einem Terrarium ohne Erde, aber aus Glas. Jul konnte mit hautdünnen Gummihandschuhen durch zwei runde Löcher in den Brutkasten hineingreifen und Natalie berühren.

Dass auch Maras Vater sie hätte berühren dürfen, und sei’s mit Gummihandschuhen wie er, das war Jul über all die Jahre nie in den Sinn gekommen. Erst recht nicht damals in Rom (wie hätte es anders auch sein können), als Mara und er auf umgestürzten, im Gras liegenden Säulensegmenten des Forum Romanum hockten, im Blick großflächige Akanthusblätter, das warme Märzblau des südlichen Himmels und den Vesta-Tempel, und dann doch wieder weiterlasen in dem Buch über die Arbeitskämpfe in den Turiner Fiatwerken. Mara hatte kurzes, aber dichtes, dunkelbraunes Haar, das sie gerne hinter das linke oder rechte Ohr strich, sie war fast knabenhaft schlank. Wenn sie sich berührten, machten sie es wie Verschwörer, als könnten sie damit jemandem einen Streich spielen.

22

Wann immer Mara nun an Wochenenden nach Bozen kam, fuhren sie in die Wälder um den Montiggler See, wanderten auf den Traktorwegen der Weinäcker, saßen auf nachmittäglich heißen Gasthofterrassen unter Weinlauben. Sie kauten Speck und Käse, tranken Kalterer oder Magdalener oder Lagreindunkel. Er redete mit Mara italienisch, weil sie für ihn eine Italienerin war. Auch wenn sein Italienisch wohl hölzern klang, mit deutschem Akzent. Aber er liebte Maras italienisches Reden wie eine Geheimsprache, die ihre gemeinsame Nähe nach außen absicherte.

Was ihn verwunderte und irgendwann auch ärgerte, war, dass ihre deutsche Südtiroler Mutter auch italienisch mit ihr sprach, nicht viel weniger hölzern als er und ebenso mit diesem deutschen (Crucco-)Akzent. Denn Mara konnte Deutsch sprechen, lesen und schreiben, ihr sizilianischer Vater hatte sie als einzige seiner Kinder in eine deutsche Volksschule geschickt. Trotzdem redeten ihre Mutter und auch Jul italienisch mit Mara – die Mutter vielleicht aus einer Art Treue zu ihrem Mann, während Jul glaubte, dass Maras Gedanken und Gefühlswelt durch und durch italienisch sein müssten, möglicherweise, weil er sie zuerst nur Italienisch reden gehört und überhaupt unter Italienern kennengelernt hatte. Tatsächlich war Maras Deutsch anfangs vielfach ein italienisches Deutsch. Sie übersetzte spontan italienische Denkweise zu wörtlich ins Deutsche und beging auch entsprechende kleine grammatikalische Sünden, von denen sie einige nie endgültig ausmerzen sollte. Aber für Jul waren diese Sprachabweichungen oder Redeeigenheiten (Mara sagte zum Beispiel, wenn sie vom Ehemann einer Frau sprach, statt ihr Mann immer wieder einmal sein Mann) von einem besonderen, fast exotischen Reiz, sofern sie überhaupt deutsch miteinander sprachen, was in der ersten Zeit selten geschah, und wenn, war es wie Ballspielen, auch eine Art Liebesspiel oder der wechselseitige Versuch, hinter die Grenze des anderen zu gelangen, einzudringen in das Andere, in das abenteuerliche Unbekannte. Er liebte an Mara die Fremde oder überhaupt das Fremde.

Und so wanderten sie, Italienisch sprechend, auch durch ihren ersten Mai, der kühl war zu Füßen des Skiberges und windig, aber für Stunden, wenn die Sonne durchbrach, öffneten sich die Löwenzahnblüten, und die leicht geneigten oder welligen Wiesen verwandelten sich in wogendes Gelb. Es war schön, aufwärts dem Waldgrün entgegenzugehen, dann den Bach zu überqueren, auf die kugeligen, weißgrauen Steine hinunterzuschauen, im Ohr das Aufglucksen, Aufsprudeln des abwärtsdrängenden Bergwassers, und irgendwann abzubiegen, an friedlich geduckten Häusern vorbei, zwischen Stadel, Stall, Misthaufen und dem Wohngebäude eines Gehöfts hindurch, schließlich ins unbewohnte Freie der Wiesen, streckenweise noch an grau verwitterten Lattenzäunen entlang, erdig und in der Mitte mit Grasnarben besetzt die Wege, manchmal durchschnitten vom mageren Lauf eines Wiesenbächleins, Holunderbüsche erst im Ergrünen. Für Jul ein Wandern durch die Gerüche seiner Kinderwünsche, die er in einem anderen Dialekt gedacht, geträumt oder auch ausgesprochen hatte, jetzt versuchte er sie zu übersetzen, sie Mara auf Italienisch nahezubringen, so wie sie ihm die Baumgruppen oder auch einen einzelnen Baum zeigte: am Waldrand die dickstämmige Lärche, unter deren zum Teil blankliegenden Wurzeln sie Höhlenhäuser, Rindenhäuser, Grashäuser gebaut und eingerichtet hatte. Möglicherweise war es hier oder doch in dieser Zeit, dass sie plötzlich deutsche Wörter einschob und dann auch halbe Sätze, schließlich ganze und ihn anlachte, als wollte sie die gemeinsame Berechtigung, diese Wiesen und diese Bäume als Heimat zu haben, in sein Bewusstsein bringen.

Auf dem Weg nach Lamprechtsburg nahm er in winzigen Portionen Besitz von Maras zwiespältiger Heimat, und sie verwandelte sich allmählich, je öfter sie ihre Kindheitswege gemeinsam gingen, von einer italienischen Italienerin in eine deutsche Italienerin (von einer aus Mailand oder Bozen gekommenen Italienerin in eine deutsche Italienerin) und von einer deutschen Italienerin in eine italienisch-deutsche Südtirolerin, in jedem Fall verwandelte sie sich in eine andere – zum einen war sie ein Pustertaler Mädchen, das vom frühesten Kleinkindalter hier durch diese Wiesen gelaufen war, in diesen Wäldern Beeren und Pilze gesucht und gepflückt hatte, mit ihren Händen in diese Erde eingetaucht war zu den Erdäpfeln ihres Vaters, das mit den Bauernkindern gespielt und auf die Gipfelzacken der Ahrntaler Berge geschaut hatte wie ihre Mutter, deren Mutter von einem armseligen Bauernhöfl in Taisten als Kellnerin in dieses Bergstädtchen Bruneck gekommen war und dort Maras Großvater geheiratet hatte, diesen Kirchenkuppel klempernden, Milch- und Waschschüssel herstellenden Schmied, Witwer und Sonntagsjäger, auch Kartenspieler – zum anderen war Mara für Jul die sizilianische Italienerin oder überhaupt die Sizilianerin, deren Vater als Kind und als Erwachsener auf die Reste einer griechischen Tempelstadt schaute, an der Südküste der größten italienischen Insel geboren, mit vielleicht griechischen, normannischen und arabischen Ahnen im Blut, ein hochrangiger Befehlsvollstrecker, nach Südtirol gekommen, um diese alpine Habsburgerwelt in ein faschistisches Stück Italien zu verwandeln. Jul begann Mara von einem Mal zum anderen verschieden zu erleben, wurde allmählich zum Mitwisser ihrer Verschiedenheit. Aber sie lebten jetzt, am Anfang und auch lange danach nur im Jetzt.

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Дата выхода на Литрес:
17 апреля 2022
Объем:
360 стр. 18 иллюстраций
ISBN:
9783709939314
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