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Jaqueline Merlin

Elisa

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Elisa

PRÉLUDE AN ELISA - 1. KAPITEL -

FRAU RITURN UND DEBORAH - 2. KAPITEL -

KERAMIK & ANTIQUITÄTENHANDEL - 3. KAPITEL -

EINE UNVERHOFFTE BEGEGNUNG - 4. KAPITEL -

IM RESTAURANT KOPJE - 5. KAPITEL -

DAS KLAVIERKONZERT - 6. KAPITEL -

ANKUNFT IN LONDON - 7. KAPITEL -

HOCHZEITSREISE NACH FLORIDA - 8. KAPITEL -

CANDYLAND, CHOPIN & KERAMIK - 9. KAPITEL -

EIN GESPRÄCH MIT ANTON - 10. KAPITEL -

DAS PRESSEGESPRÄCH - 11. KAPITEL -

EINE NEUE EXISTENZ - 12. KAPITEL -

DIE LANDAUKTION - 13. KAPITEL -

DAS EINGESTÄNDNIS - 14. KAPITEL -

SCHLAFLOS OHNE ELISA - 15. KAPITEL -

DER BRIEF MEINER MUTTER - 16. KAPITEL -

WIEDERSEHENSFREUDE - 17. KAPITEL -

DER PARADIESVOGEL - 18. KAPITEL -

IN TRANCE - 19. KAPITEL -

EIN TELEFONAT NACH KOPENHAGEN

SCHATTEN DER VERGANGENHEIT

EIN UNERWARTETER GAST - 22. KAPITEL -

OFFENBARUNG - 23. KAPITEL -

DIE FAHRT INS UNGEWISSE - 23. KAPITEL -

IM KRANKENHAUS - 24. KAPITEL -

DIE GERICHTSVERHANDLUNG - 25. KAPITEL -

WIEDER ZUHAUSE - 26. KAPITEL -

- 20. KAPITEL -

- 21. KAPITEL -

Impressum neobooks

Elisa

Für Merlin in bleibender Liebe !

PRÉLUDE AN ELISA - 1. KAPITEL -

„Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, sagte ich, als er mich voran trieb

auf dem Heimweg, während er meine Haare zerzauste und mein Hemd aufblies.

Er war so unfassbar wie Elisa. Manchmal stürmisch, manchmal seicht oder still.

Sie wirkte einfach, gleich einer natürlichen Erscheinung, mehr als einer Person.

Ein empfindsames Wesen, das sich im ständigen Wechselspiel einer Welt zeigte,

die für viele andere kaum zugängig war im Bewusstsein ihres flüchtigen Alltags.

Vielleicht war es eine Konzentration, vielleicht die Aufmerksamkeit des Kindes.

Elisa war gegen Wind, Sonne und Regenwetter anfälliger als die Wasserjungfer.

An nieselnden Abenden öffnete sie die Veranda-Tür, um das stete Geräusch wie

den satten Duft von Pflanzen, Blüten und feucht modriger Erde herein zu lassen.

Auf dem Piano antwortete sie mit dem langatmigen, melancholischen Largo auf

das Niederprasseln schwerer, grauer Wolken am dicht verhangenen Himmel, die

sich auflösten bis ergossen in die dunkle Nacht ohne rötlichen Sonnenuntergang.

Für diese Jahreszeit, mitten im Hochsommer, blieb das Wetter sehr unbeständig.

Als ich nach Hause kam, sah ich zwischen glitzerndem Geäst eine Singdrossel in

glänzendem Federkleid, die ihr Abendlied erhob, und hörte das Prélude Chopins.

Nach heftigem Wind war stetiger, sättigender Regen gefallen auf die Stockrosen,

Lilien, Magnolien, ein Sommergruß für die Eichen, Kastanien und Weizenfelder.

Bei meinem Eintritt verstummte das Prélude von Chopin. Elisa lächelte mich an,

brach ihr Stück ab, nahm ihre Hände von der Tastatur und öffnete ihre Arme mit

einer großzügigen Geste, die Wärme und Willkommen ausstrahlte mit ehrlichen

Zeichen der Freude, ihres Dankes für all das, was sie umgab, als wollte sie mich

zugleich einladen, auffordern, dies Geschenk einer engen Umarmung zurück zu

empfangen. An jenen Abenden verschmolzen unsere Körper ohne Antrieb oder

Steuer. Sie hielten sich umklammert und glitten in einen Fluss der Freude hinab,

hinein in eine milde Strömung des Begehrens und strandeten wieder hervor mit

dem wechselseitigen Schauder unserer Flanken. Dann hörten wir wieder Regen,

als hätte er uns, noch schwach auf den Beinen, wieder zur Erde zurückgebracht.

Der Geruch des nassen Gartens und auf der nahen Wand die bewegten Schatten

unserer Körper sowie der Kastanienblätter direkt vor dem Fenster. Der schwach

glitzernde, gelbe Sonnenuntergang dabei. Wie könnte ich deshalb nicht weinen?

Gestern schlief ich zu Mitternacht ein. Ich träumte, ich würde von einem feinen,

kaum hörbaren, fremden Geräusch wie Klirren aus dem Erdgeschoss erwachen.

Das Klirren bunter Glasfiguren als Mobile, die man im Garten aufhängen kann,

um freche Vögel von frischer Aussaat und den Baumfrüchten zu verscheuchen.

Mir war, als steige ich hinab in den Salon, wo die Porzellanschränke waren mit

ihren Kostbarkeiten, antiquarischen Raritäten, die allein an ihrem Platz standen.

Diese Vitrinen zeigten zart bemalte Porzellanfiguren, die Schiffschaukel, wilde

Tiere, ein rotes Kettenkarussell und die kleine Fee, die auf ihrem Tukan thronte.

Ein schwarzer Tukan mit einem waagerecht riesigen, orange farbigen Schnabel.

Sie saß auf seinem Schnabel sowie auf einer Schaukel. Er schaute sie frech an

aus den blauen Augen im weißen Kopfgefieder über die schwarzen Flügelfedern.

Aber die Figuren weinten, zerfielen in feinste Sandkörner auf dem grünen Samt,

der auf dem Bord lag. Sie waren kaum noch erkennbar, während ich mit weinte.

Winzige Kristalle hatten wie Schneeflocken den dunklen Stoff bedeckt. Ihr Rest

waren in Farben und Formen, in Verzierungen und der Glasur nicht zu erkennen.

Ich fiel auf den Boden, weinte bitterlich, während ich rief: “Kommt doch zurück!“

Mit Schrecken erwachte ich in finsterer Nacht aus dem Traum und eilte hinunter,

um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung sei mit einer Antiquitäten-Sammlung,

die über Jahre schon unversehrt geblieben war hinter der gläsernen Vitrinen-Tür.

Natürlich wusste ich in meinem Wissen, dass meine Sammlung nicht zerstört war.

Doch musste ich mir beweisen, dass es noch einen guten Grund gab, warum ich

mitten in der Nacht aufstand, und durch dies Haus stromerte in Gedenken an sie.

Ich nahm einige Figuren heraus und begutachtete sie. “Meine Fee auf dem Tukan“

und die Schiffschaukel, die hoch ausschwenkt, wie von der heftigen Böe ergriffen.

Dann stellte ich sie zurück auf den Platz, schloss ab und knipste das Licht aus. In

früher Morgendämmerung, die jenen Raum erhellte, legte ich mich ruhig schlafen.

MEINE KINDHEIT

Wahrscheinlich kann ich nicht einmal behaupten, dass ich jene Kunst in Keramik

seit je geliebt hätte, aber schon als kleiner Junge faszinierte mich das sehr ernst

ausgesprochene Berührungsverbot: „Sei ein lieber Junge, rühr' mir das nicht an!“

Ihr Unberührbares trug etwas Heiliges und Schönes an sich in den Glas-Vitrinen.

Das glich einem Tabernakel oder Museum, einer fremden, schönen Erscheinung.

Mein Vater hatte Zeit seines Lebens mit dem Porzellan- & Keramik- Geschäft in

London seine Existenz bestritten, eine vierköpfige Familie und zwei Angestellte.

Eine davon hieß Miss Bird, ein altes Fräulein, das auf Stöckelschuhen im Laden,

der mit Marmor gefliest war, laut hörbar im Schritt die Glas-Regale abklapperte.

Dort reihten sich ein sich aufbäumendes Pferd, ein stolzer Hirsch mit erhobenem

Geweih, die ruhende Kuh, ein springendes Reh und dies Weibchen mit dem Kitz

aneinander. Ich nannte das kleine Reh Bambi, das nah des Häschen-Rudels lag.

Ich glaubte, diese konnten nur aus einer wunderbaren Arche Noah aus Porzellan

entsprungen sein und machte mich unversehens auf die Suche nach einer Arche,

die ich nicht fand. Tatsächlich fragte ich dabei sogar Miss Bird, wo die jetzt sei?

Aufbewahrt an einem für andere unzugänglichen Ort, dachte ich, zur Sicherheit.

„Die brauchen gar keine Arche, junger Mann,“ antwortete sie. „Die Flut ist längst

vorüber. Gott hat versprochen, dass es keine zweite mehr geben wird-, niemals!

Sei ein lieber Junge, und rühre sie mir ja nicht an!“ Mit dem obligatorischen Satz

beendete sie meine Unschlüssigkeit und eilte davon, einen dringlichen Kunden zu

bedienen, der Pelz umhüllt wartete, ein blaues Tafelservice gezeigt zu bekommen.

Dieses Berührungsverbot, das ich intuitiv als strikt auffasste, regte mich eher auf,

als dass es mich frustrierte. Es zeigte, wie es sich um wertvolle Dinge zu handeln

schien, da sogar erwachsene Kunden höflichst dazu ersucht wurden, nichts allein

zu berühren. Zuhause sah ich eines Tages meine Mutter den Tränen nahe, als sie

aus Versehen die Röschen auf dem Deckel des Porzellan-Döschens abgebrochen

hatte, das auf ihrem Frisiertisch stand. “Man kann das kleben, Liebling, da bin ich

ganz sicher,“ sagte sie, wobei ich nicht gefragt hatte. Dann machte sie sich daran,

auch die noch so kleinsten Bruchstücke in einem Umschlag zu sammeln, kostbar.

Ich wusste, dass wir von den Kostbarkeiten, diesen zerbrechlichen Dingen lebten.

Der Laden unterschied sich von anderen Läden durch den frischen, reinen Geruch,

Gediegenheit bei klarem Tageslicht und gläserner, weitläufiger Räumlichkeit, dem

leichten Segment der hölzernen Verpackungskästen von Holzspäne zu Sägemehl.

Er lag in der City Londons. Exklusiveres, was man sich als eigene Kultur wünscht.

Vermutlich war ich stolz auf den Laden meines Vaters ohne dabei nachzudenken.

Stolz auf seine Vielfalt, Sauberkeit und Einzigartigkeit, die dieser Zerbrechlichkeit

seiner sanft schimmernden Kostbarkeiten ausmachte. Sacht erinnere ich mich an

ein Mahagoni farbiges, Glas getäfelte Kassenpult, aber es musste verschwunden

sein, als ich drei oder vier Jahre alt war. Dies war ein kleiner Teil von alldem, was

meine Kindheit ausmachte.

Ich war nicht oft dort. Wir lebten in einem Dorf, östlich der Stadt Northhampton,

ein paar Kilometer nördlich von London. Mit seinem urwüchsig, ländlichen Flair

als Kontrast zu der noblen Atmosphäre in der City war es immer mein Zuhause.

Dieses Haus mit seinem Ziegeldach, halber Holzverschalung und seinen Giebeln

trug den Namen Candyland. Nicht, weil das aus Zuckerguss war, sondern lieblich

anzusehen, einfach zum Wohlfühlen. Ich hatte nie ein anderes Zuhause, gar den

Wunsch, woanders heimisch zu sein. Wenn ich in warmen Sommernächten wach

lag bei geöffneten Fenstern, hörte ich das ferne Rangieren der Züge in der Stadt,

ein schwaches Schlagen der Rathausuhr, das dumpfe Läuten der Kirchenglocke.

Drei unterschiedlichen Geräusche gehörten wie zu meiner lauschenden Routine,

auf die ich schon wartete vor dem Einschlafen, wie auf unser Gute-Nacht-Gebet,

was ich jeden Abend mit meiner Mutter sprach: “Ich bin klein, mein Herz ist rein,

soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“ Manchmal war eine sirrende Mücke

eine willkommene Ausrede, noch einmal ihre Aufmerksamkeit zu erhaschen, die

bereits im Türschließen verschwand. “Mutti, in meinem Zimmer ist ein Brummer,

der mich pieken will. “Man konnte den Angriffen des Brummers auch trotzen mit

einem Sprung aus dem Bett und sich quer über die Fensterbank legen. Der Blick

fiel dann oft auf einen rötlichen Abendhimmel, in dem sich weite Berge näherten

und manchmal eine Eule seicht im Tiefflug über sommerlichen Heu-Puppen glitt.

Im August ging dann gigantisch der Erntemond auf, der sich über jene Felder hin

streckte, die von Strohgarben gekrönt waren und unter silbernen Licht erstrahlten.

Alte, knorrige Eichen warfen gespenstige Schatten, der bei Vollmond schauderte.

EIN VOGELPARADIES

An grünen Märzabenden schrien Drosseln von den Spitzen der Silberbirken, die

die Ränder des Rasens säumten. Mein Vater sprach mit ihnen manchmal zu laut.

Dann rief er ihnen zu: “Ja, ich höre euer freches Gekreische, mit dem ihr angebt.

Da lobe ich mir eine ganz alltägliche Amsel.“ Der halb verwilderte, große Garten

war voller Vögel, denen er das ganze Jahr über seine ungeteilte Aufmerksamkeit

widmete. Im Sommer lag er in einem Liegestuhl auf dem Rasen, und die Zeitung

auf seinen Knien war nur ein Vorwand, um desto besser beobachten wie lauschen

zu können. “Irgendwo da hinten im Gezweig steckt ein Weidenlaubsänger“, sagte

er und wies rüber, wenn ich kam, um ihn zum Tee zu bitten. “Sehen kann ich den

Burschen nicht, aber hören. “Dann lehrte er mich das Absacken des Liedes hören.

wie unterscheiden von ausklingendem Gesang der Amsel, was charakteristisch ist

für die Weidenlaubsänger. „Man muss in der Lage sein, Vögel in den Gebaren zu

erkennen, mein Junge.“ Nie benutzte er sein Fernglas, aber oft setzte er sich die

Brille auf, erhob sich und ging behutsam zu dem Kleiber oder Baumläufer in den

Kiefern hinter den Rhododendren. „Wenn der Schlingel im Gegenlicht sitzt, wird

es schwierig, ihn gut zu Gesicht zu bekommen, weißt du.“ Es regte ihn auf, wenn

diese Dompfaffen auf den Pflaumenbäumen, grüne Knospen anpickten. Nie nahm

er etwas in die Hand, sie zu verscheuchen. Er sah ihnen zu und schimpfte sie aus.

Meine drei Jahre ältere Schwester und ich hängten den Meisen Ringe auf und den

Staren und Bachstelzen streuten wir harte Brotkrumen und Speckschwarte-Stücke,

die über den Pfützen bedeckten Rasen rannten. Einmal flog ein junger Buntspecht

mit ganzer Wucht an die Fensterscheibe am Ende der Veranda und verstarb einige

Minuten später in der Hand meines Vaters. Seither habe ich keinen mehr gesehen.

MEINE INTERNATSZEIT

Während der fünf Jahre, in denen ich in Northampton zur Schule ging, bekam ich

gewöhnlich Ende März eine Postkarte von meinem Vater, auf der nichts stand als:

„Ich habe den Weidenlaubsänger gehört.“- Das heißt, wenn man in einem Internat

nicht herum gestoßen werden will, muss man sich durchsetzen. Ich kann für mich

nicht sagen, dass es zutraf. In meiner Schulzeit gab es zwei Rektoren, die Strenge

nicht besonders erstrebenswert hielten, was den Ton angab, bei Lehrern wie auch

Schülern. Ohnehin haben Jungen einen natürlichen Respekt und die Fähigkeit zur

Einordnung in einer Gruppe. Rektoren und Lehrer gehörten zu humanen Männern.

Sicher müssen sich aggressive und eingebildete Jungen den besonderen Respekt

verschaffen. Aber einer wie ich, der sich in vielem genügt, wird meistens in Frieden

gelassen, weil er bis auf die eigene Würde keine großen Ansprüche für sich erhebt.

Ich nahm die Menschen fast immer so, wie ich sie vorfand, und dabei beließ ich es.

Damit verbrachte ich dort fünf ruhige und ereignislose Schuljahre, obwohl ich zwei

bis drei Freundschaften schloss, spürte ich kein drängendes Verlangen, die gerne

nach meinem Weggang fortzuführen,- anderen empfanden das eindeutig genauso.

Heute weiß ich, dass mir die Wärme und Bestimmtheit fehlten, um Pfeile in andere

Herzen einnisten zu können, nie kam es mir in den Sinn, dies einmal zu versuchen.

Im Sommersemester gab es an der Public School zwei halbe Ferientage je Woche.

Kricket war kein Pflichtfach mehr nach Beendigung des zweiten Schuljahres. Somit

konnte man in der Umgebung nach Belieben mit oder ohne Fahrrad umherstreifen.

Es machte mir nichts aus, allein zu sein. Ich erhielt gar eine offizielle Anerkennung

für meine Eigenart. Als ich die Wildblumen und Vögel zu fotografieren begann, auf

ihren Nestern, erntete ich großes Lob verschiedener Lehrer und gewann den Preis

auf der jährlichen Wissenschaftsschau: Ein Reiher, der sich in dem Nest niederlässt.

Für Mannschaftsspiele hatte ich weder Fähigkeit noch Neigung. Fechten mochte ich

gern in der Riege. Der Säbel bedeutete mir wenig, aber in der delikaten und präzisen

Disziplin des Floretts und Degens fand ich Befriedigung sowie eine introvertierte Lust.

Der maskierte Opponent, mehr reziprok als gegnerisch, das Rechteck aufmerksamer

Kampfrichter, dieses metallische Blitzen auftreffender Klingen, der plötzliche „Stopp“-

Schrei, das detaillierte Resümee mit dem kontrollierten Beschluss der Schiedsrichter.

All dies würdig, formell, diszipliniert,- was für mich der Inbegriff des Fecht-Sports war.

Auch mein Schwimmen machte mir großen Spaß. Ich war kein Wettschwimmer, aber

eine Neigung für die Einsamkeit, den Rhythmus langer Strecken, einem Spaziergang

vergleichbar. An einem schönen Sommermorgen stand ich oft um 6 Uhr auf, um dann

vergnügt durch die Wiesen hinunter zu marschieren und eine halbe Meile in dem fast

leeren Bad zu schwimmen. Kein Geräusch drang zum Ohr vom planschend bewegten

Wasser, nichts störte das streckende Spiel von Gliedmaßen und Atem. Beim aus dem

Wasser Steigen bildete ich mir manchmal ein, ich hätte das Schwimmen erfunden, so

dass es allein in einem unantastbaren, persönlichen Pantheon stand wie ein Gemälde.

Schach lernte ich ebenfalls und verwandte einige Mühe darauf, wohingegen mich das

gesellige Bridge kaum reizte. Man hätte sagen können, ich lernte in Northampton, ein

Niemand zu sein, wobei ich in einer Art natürlicher Schüchternheit keine Gelegenheit

ausließ, mich auszuzeichnen, Rasse zu zeigen. In Hartnäckigkeit ließ ich wirklich alle

mir gebotenen Chancen aus, zu beweisen, dass ich ungewöhnliche Fähigkeiten hatte.

ASSISTENZLEHRER ROBIN

Es geschah dann Folgendes:

In meinem dritten Sommer, als ich sechzehn war und mich neusprachlich orientierte,

ließ der Assistenzlehrer Robin verlauten, er sei an Hellsehen interessiert und suche

freiwillige Schüler, die ihm bei ausgewählten Experimenten behilflich sind. Die große

Anzahl der Schüler wurde von Robin schnell abgelehnt.

Er wollte keine Spaßvögel, die ihm die Glaubwürdigkeit an seinen Experimenten leicht

verspielten. Klare Kühnheit seiner wissenschaftlichen Arbeit sollte erhalten bleiben mit

Sachverstand und geprägten Wesenszügen.- Reife Jungen, die Ungewöhnliches nicht

zu dem eigenen Abenteuer machen, sich darin als explizite Superhelden widerspiegeln.

Mein Fachbereich war moderne Sprachen. Doch hatte ich in meiner Freizeit schon viel

in Naturwissenschaften erlebt, dass Robin es selber war, der mich im Labor ansprach:

“Ich brauche zuverlässige, nicht zu leicht erregbare sowie äußerst vernünftige Schüler.“

Er verdrehte mir sozusagen den Arm, warb besonnen um mich und redete auf mich ein.

Ich konnte seiner Sache keine Begeisterung schenken, willigte nur ihm zu Gefallen ein,

aber ohne Euphorie und Verständnis. Einfach, um von ihm in Ruhe gelassen zu werden.

Ich entsinne mich schwach an einige Tests mit markierten Karten und ein paar Würfeln.

Robin war schweigsam, ähnlich wie ein Arzt, der dich über gewisse Symptome befragt,

doch sorgsam bedacht ist, keine Reaktionen auf deine Antworten zu zeigen. Ich war nie

aber gläubig. Doch dass es nur Schau war, was seine wirklichen Ergebnisse anging und

dass etwas Besonderes dabei herausgekommen war, glaubte ich nicht. Vielleicht war er

vom Rektor in dieser Sache ermahnt worden, uns nicht gänzlich den Kopf zu verdrehen.

Wie auch immer, diese ganze Angelegenheit langweilte mich schon, als er einen Schüler

aus dem Nachbargebäude namens Tim Hopkins und mich an einem Freitag zu sich nach

Hause einlud für den Samstagnachmittag zu einem Tee mit seiner Frau. Robins Frau galt

als auffällig hübsches Mädchen, das am College regen Anteil nahm, und von den Ältesten

verehrt wurde. Sie machte uns einen hervorragenden Tee und war zu uns sehr angenehm.

Während sie die Tassen abräumte, plauderte Robin weiter. Offenbar wartete er nur, dass

sie wieder herein käme, um mit uns zwei außergewöhnliche Experimente durchzuführen.

„Ich weiß nicht, ob Sie schon davon gehört haben, dass es Leute gibt mit der auffälligen

Fähigkeit, Ereignisse mit tödlichem Hintergrund, die im Zusammenhang von dem Bösen

stehen, auf unerklärliche Weise zu erfassen, das galiläische zweite Gesicht vom Unheil.“

Dann berichtete Robin weiter von einem Mord-Seher im 18. Jahrhundert, der die Polizei

befähigt hätte, ein Verbrechen in Barcelona bis nach Paris zu verfolgen. Geographischer

sowie staatlicher Art über Grenzen hinaus, die keine Beamten hätten erkundigen können.

Vage Erklärungen stammten von Robin. Ich hatte nie Lust, Genaues darüber zu erfahren.

„Keine Angst, Sie brauchen keinen Mord prophezeien“, sagte er beschwichtigend. „Was

viel Harmloseres liegt in meinem Sinn. Ich bitte dazu Schüler David einmal vor die Tür,

während wir mit Schüler Tim arbeiten.“- Dreizehn Minuten später holte mich Tim herein

und runzelte seine Stirn. „Völliger Blödsinn! Der Tee war aber gut und erst Frau Robin!“

Robin ging mit mir durch den Salon zurück in einen Raum, in dem auf einem Tisch fünf

identische Labor-Gläser standen, die bis zur Hälfte mit der farblosen Flüssigkeit gefüllt

waren, die ich erfassen sollte. „David, vier sind mit Wasser, eines ist mit Schwefelsäure.

Meine Frau wird nacheinander aus jedem einzelnen Glas trinken. Sie weiß so wenig wie

Sie, womit sie gefüllt sind. Melden Sie sich, wenn sie meinen, dass es Schwefelsäure ist.

Wenn nicht, werde ich es natürlich tun.“ Robin zog seine übliche Schau ab, man schalte

den Willen aus und mache den Verstand zu einem unbeschriebenen Blatt und ähnliches.

Was folgte, war nicht dramatisch. Ich hatte keine Vorahnung, "Visionen" von Frau Robin,

die sich in Todeskrämpfen wand, sondern sah zu, wie sie aus jedem dieser Gläser trank.

Als sie einen weiteren Schluck aus dem zweitem Glas nahm, hatte ich das vage Gefühl,

dass es besser sei, wenn sie das nicht täte. Sowie man die Bahn-Tür öffnen will und eher

sein lässt, weil man ahnt, dass sich auf dem Gleis zurzeit etwas Ungewöhnliches aufhält.

Wie man einen heißen Pott nicht abstellt, weil einem klar wird, dass man sich verbrennt.

Ich hob den Arm und sagte: „Äh!“ “Richtig, das ist die Schwefelsäure!“, antwortete Robin.

„Können Sie mir genau sagen, was Ihnen durch den Kopf schoss, David“, fragte Robin.

„Nichts, Sir!- Wirklich nichts Genaues. „Ist dies tatsächlich Schwefelsäure?“, fragte Tim.

Robin riss einen Streifen blaues Lackmuspapier ab und stippte ihn in das Glas: knallrot.

Dieser Papierstreifen wurde so schnell rot, wie man es sich nur hätte wünschen können.

„Möchten Sie es noch einmal versuchen, David?“, fragte mich Robin. Ich verspürte mit

dem Erfolg keine besondere Freude, Befriedigung oder Genugtuung. Ich überlegte, wie

ich Tim dazu bewegen konnte, im College den Mund zu halten und es nicht zu erzählen.

Aber ich konnte schlecht nein sagen und ging wieder hinaus, während Robin es erneut

aufbaute. Beim zweiten Mal fühlte ich mich völlig gelangweilt und genoss einen Anblick

von Frau Robin. Ich saß einfach nur da wie unbeteiligt und hatte vergessen, warum wir

uns hier eigentlich versammelt hatten. In der Sache wurde mir klar, dass Frau Robin im

Trinken der Flüssigkeiten schon beim fünften Glas angekommen war, ohne dass etwas

geschehen war. Vermutlich hatte ich Anzeichen von Unruhe gezeigt, weil Robin zu mir

angesprungen kam und mir eine Hand auf die Schulter legte. „Keine Sorge um Wasser,

David! Diesmal war überall nur Wasser drin.“ In seltsamer Weise beobachtete ich Frau

Robin, wie sie sich vorbeugte, um jene Gläser wegzuräumen, als mich Robin ansprach.

„David, können Sie mir diesmal sagen, was in Ihnen ablief, sich nicht von mir täuschen

zu lassen?“ “Nein, Sir, nichts, kann ich nicht.“ Ich antwortete zu brüsk für einen Jungen,

der seinen Lehrer vor sich hatte. „Außerdem will ich auch keine weiteren Experimente.“

FRAU ROBIN

Ich hatte plötzlich ein vages Gefühl, zunächst einer Angst, wenn ich auch nicht wusste,

wovor, dass Robin kein moralisches Recht hätte, die Sache mit mir zu veranstalten, die

mir aus irgendeinem Grund zu viel wurde, zu nah ging. Ich dachte, es sei selbstsüchtig,

wenn es ihm vielleicht auch gar nicht bewusst war, mich in seinem Interesse zu nutzen.

Vielleicht war das für ihn wirklich nur ein Experiment, und er war sich seiner Sache gar

nicht bewusst. Peinliche Stille entstand, Robin geriet in Verlegenheit. Seine Frau nahm

sich dieser Sache an. Sie stand auf, setzte sich neben meinen Stuhl und legte mir sanft

ihre Hand auf die Stirn. „Ist Ihnen nicht gut, David?“ fragte sie. „Es gibt keinen einzigen

Grund zur Besorgnis. Es ist ein allgemein anerkanntes Phänomen, das wir eines Tages

wissenschaftlich erklärt bekommen werden. Sie brauchen in nichts Angst davor haben.“

Auf diese unverhoffte Nähe in körperlicher und verbaler Art reagierte mein Puls heftig.

Eine unbeabsichtigte Berührung mit ihrer Brust, ich konnte Wärme, weiche Festigkeit,

den Duft parfümierter Seife gemischt mit frischem Eigengeruch ganz nahe empfinden.

Fremde Vibration entlud sich in meinem Körper gegen meinen Willen.- Ich war nervös.

Urplötzlich, fernab eigener Selbstkontrolle bekam ich eine Erektion, wie es oft Jungen

passiert, die sich darin noch nicht erfahren durften. Ich sprang auf und musste husten.

Frau Robin sah mir in die Augen und lächelte, als seien wir ganz allein in einem Raum.

Sie trug eine weiße, luftige Bluse in einem enganliegenden, schmalen Rock mit Schlitz.

„Können Sie noch ein einziges Experiment mit mir machen, nur für mich allein, David?

Es muss nicht sein, doch mir zu Gefallen wäre es großartig, wenn Sie es noch können.“

EIN WEITERES EXPERIMENT

In dem Moment war ich mir sicher, dass Mrs. Robin die treibende Kraft war für diese

fragwürdige Veranstaltung, wenn er ihr selbst nicht gleichgültig gegenüber stand. Als

eine Art Vermittler für sie. Das bereitete ihr Vergnügen, ihre Anziehungskraft auf mich

auszurichten und zu erproben. Wenn ich ihr Spiel auch nicht als frivol bezeichnen will

und mir die Erfahrungen fehlten, das gleiche abzuwehren, hatte keiner das Recht dazu.

Ich verlor den Boden unter den Füßen und sah verschwommen zwei schöne Gesichter.

Der Unterschied zwischen uns war, dass ich nervös war und sie nicht, Druck ging aus.

Sie waren unheimlich selbstsüchtig wie aus Gewohnheit, nur wegen eines Kitzel oder

einer heimlichen Eigenfreude,- mich irgendeine gefährliche Tat vollbringen zu lassen.

Wie verzogene Kinder was herausfordern müssen oder eine orientalische Prinzessin

ihren jungen Höfling bezwingt, um ihre eigene Macht an ihm zu erkunden ohne einen

Sinn und um jeden Preis. Zum reinen Amüsement ihrer selbst, Macht auf ihn zu üben.

Trotz Zögern willigte ich ein, wie hätte ich ihr denn einen Gefallen abschlagen können?

Sie begann von einem Professor Gaylord Morris zu berichten, der die Fähigkeit besaß,

Gedanken und Gegenstände zu erraten, die Freunde in ihrer Abwesenheit ausmachten.

Es erinnerte mich an das Kinderspiel: „Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist -!“

Natürlich willigte ich ein, weil es mir weitaus harmloser schien als Schwefelsäure von

Wasser unterscheiden zu können. Der Professor hatte das eigentlich zum Zeitvertreib

gemacht. In ernsten Situationen verweigerte er seine Eingebung auf bestimmte Dinge.

Doch stellte ich schnell fest, dass ich mich geirrt hatte. Die Übung war ein Fehlschlag.

Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie ich mit der Aufgabe, die man mir aufgebürdet

hatte, fertig werden sollte. Ob ich auf der Suche nach einer Art Botschaft auf die Erde

schauen sollte oder in ihre Augen in Hingabe zu einer Eingebung, die wissentlich war.

Ob ich meine Gedanken äußern oder mich leiten lassen sollte,- wie in Trance stehen,

bis der Blitz der Offenbarung mich traf. Nichts passierte. Narzisse, erinnerte ich mich,

war die erste ihrer Vorstellung. Doch an die zweite Idee erinnerte ich mich nicht mehr.

DAS LETZTE EXPERIMENT

Schnell hatte ich Tims Gegenwart durch eindringlichem Blick um Aufruhr und Hilfe

gefunden, als Frau Robin meinte: „Wir können es noch ein letztes Mal versuchen.“

Als ich wieder ins Zimmer zurückkam, fühlte ich mich verlegen und erleichtert, weil

eine Sache, die sie an mir erproben wollten, anscheinend nicht richtig funktionierte.

Bald würden Sie mich in Ruhe lassen. Ich könnte hinunter zum Fluss angeln gehen.

Der College-Tee, an dem jeder Schüler teilnehmen musste, begann in einer Stunde.

Ich stand unschlüssig im Raum vor dem Fenster. Mein Blick fiel auf ein Rosenbeet.

Eine Harke, mit der die Erde frisch aufgeworfen worden war, stand hochkant davor.

Ohne zu wissen warum, blieb mein Augenmerk an der Harke haften wie an seltsam

erscheinende Dinge, die es zu erkunden gab. Früher war es ein Stieglitz im Strauch.

Hatte sich dieser Vogel verirrt? Denn üblicher Weise war dies nicht sein Aufenthalt.

Diese Harke wurde der ausschließliche Gegenstand meiner Aufmerksamkeit sowie

meines Interesses, wobei Dinge um mich herum wegsanken, ausgeblendet wurden.

Danach überrollten mich Ekel und Furcht, Widerwärtigkeit wie die eines Horrorfilms.

Meine Gefühle, soweit ich sie noch im Gedächtnis habe, glichen der Verbliebenen,

der durch das Fenster ein Telegramm gereicht wird, während sie den Inhalt bereits

weiß. Ich schien völlig allein zu stehen in einer verlassenen Stille meines Wissens.

Die aufrechte Harke wurde zu meinem Albtraum, der mich mit seinem würgenden

Brechreiz erfüllte. Der Garten mit dem Rosenbeet war nur Schein und verbarg den

Leichenhaufen unschuldiger, hilfloser Opfer, deren wollüstige Ermordung Garten-

Idylle zunichte machte wie die weichen Brüste von Frau Robin und kühlen Hände.

Dies Himmelszelt brach über mich zusammen mit der Schwere hängender Falten.

Ich sah die Würmer hervor kriechen, die sich gefräßig und schleimig schlängelten.

Die Welt war nur ein öder Ort, eine gemeine, schmutzige Grube, deren Bewohner

aus keinen anderen Grund und Zweck als des einander Quälen verbunden waren.

Verdammt bis in alle Ewigkeit einer Hölle des Grauens, über das Gras gewachsen

war. Denn die Lust in der Grausamkeit war ein böses Eden, das Gegenbild Adams

eine ekelige Travestie als Verhöhnung zu Gottes inkarnierter Reinheit und Reiche.

Jetzt sah ich es genau,- bloße Lügen, brutale Phantasien, um Mädchen sowie Frau

Robin zu täuschen, bis ihre Körper, gewürgt, gekrallt, geschändet, dann vergraben

werden konnten. Dies Zerrbild dessen Name – Ich fiel auf den Boden, erbrach den

Tee auf dem Teppich, trommelte mit meinen Fäusten,- keuchte lauthals: „Winfried!“

Es war vier Jahre her, dass eine Kreatur „Winfried“, ein Massenmörder an Frauen

und Mädchen wegen Schändung und Mord an sieben Frauen und einem Mädchen

neutralisiert worden war, wie sie es nannten. Ein Scharfschütze hatte es geschafft,

ihn zu erschießen, als „Winfried“ gegen die Polizei ein Feuer zündete, um wieder

zu entkommen. Man hatte Jahre nach ihm gesucht in Furcht vor weiteren Morden.

Robin zog sich gut aus der Affäre. Er riss mich augenblicklich vom Boden auf die

Füße und brachte mich sofort an die frische Luft. Mein Gesicht säuberte er eiligst

mit einem Handtuch, das er wie im Vorübergehen von einem Stuhl fassen konnte.

„David, reißen Sie sich zusammen! Er riss Unkraut aus frischem Rasen und hielt

es mir vor die Nase. „Da, riechen sie es? Zählen Sie die Telefondrähte da oben!“

Meinen Kopf zog er in den Nacken und forderte mich auf: „Los, zählen Sie diese.“

Mir klapperten die Zähne, mir war kalt. Doch tat ich, was er sagte und zählte laut.

Als wir wieder drinnen waren, war Tim verschwunden. Frau Robin hatte geweint.

„Das tut mir furchtbar leid, David!“ sagte sie traurig. „ Können Sie mir verzeihen?“

Sie irritierte mich. Für mein Alters von 16 Jahren hätte ich gemeint, dass ich derjenige

sei, der sich doch bei ihr hätte entschuldigen müssen, weil ich die Harmonie zerbrach.

Sie hatte den Schmutz beseitigt in der kurzen Zeit, in der ich mit ihrem Mann draußen

war. Ich säuberte mich, nahm von der Mundspülung, die im Bad stand, gurgelte lange

und spuckte aus, was ich zuvor erlebt hatte. Robin brachte mich zurück zum College.

Nach ein paar Schritten sagte ich: „War es das, was Sie suchten?“ „Klar doch!“, sagte

er knapp in dem Ton, als wollte er keine weitere Silbe darüber verlieren. „David, hören

Sie, eine ungewöhnliche Fähigkeit oder Begabung ist Ihnen zu eigen. Wie auch immer

man es nennt, ich will Ihnen nur raten, davon die Finger zu lassen!- Versuchen Sie nie,

das herauszufordern oder so etwas noch einmal zu tun, verstanden?

ERKENNTNIS UND WARNUNG

Die Nachmittagssonne stand im September schon niedrig und tauchte das Stoppelfeld

golden, durch das unser Feldweg führte. Robin zupfte eine vergessene Weizenähre ab

und drückte ein Korn heraus. „Dies war mal der Anfang des Feldes. Sie können dieses

eine Korn zerbeißen, an einer ganzen Ähre würden Sie ersticken. Dies ganze Feld wär

sogar für Sie unbegreiflich wie unüberwindbar.“ Dann steckte er sich das Weizenkorn in

den Mund und kaute drauf. „Tim hat meiner Frau in die Hand versprochen, niemandem

davon was zu erzählen. Sie und ich werden auch schweigen. Es wäre gut für Sie, wenn

Sie nirgendwo mit keinem über diesen Vorfall sprechen.“ Er überlegte. „Es gilt für heute,

morgen sowie für alle Zeit Ihres Lebens!“

Ich war Robin dankbar für sein Verhalten und versicherte ihm, das als erledigt zu betrachten.

Mir war auch bewusst, wie ihm es ergangen wäre, wenn das an die Ohren des Rektors oder

meiner Eltern gedrungen wäre. Sie hätten es ihm zum Vorwurf gemacht, was ich nicht wollte.

Doch blieb mein außergewöhnliches Erlebnis nicht ganz verborgen. Mir war immer noch übel,

kalt und zittrig. Nach dem College-Tee ging ich zur Hausmutter hoch, die Untertemperatur bei

mir feststellte und mir die Lektion über „nasse Füße beim Fischen“ erteilte, womit sie mich am

nächsten Tag ins Bett steckte. Ich war froh, nicht der Neugierde ausgeliefert zu sein, die in der

Abwesenheit bei meinen Mitschülern entstanden war, ob es gut war bei Robin und seiner Frau?

Ihnen brühwarm ausgesetzt zu werden und all ungewollten, aufdringlichen Fragen ausgeliefert,

fühlte ich mich jetzt nicht gewachsen. Ich blieb ein wenig geschwächt,- was reine Erkältung für

sie war. Eine willkommene Ausrede, die überall selbstverständlich angenommen wurde, basta!

Trotzdem musste etwas durchgesickert sein, als mich Nike ein paar Tage später im Speiseraum

am Arm festhielt und fragte: „Nun sag‘ schon, wie war es, mit Frau Robin nachmittags Tee zu

trinken?“ Schon damals schien es mir als klassisches Beispiel der Projektion eigener Begierde

auf die andere Person. Eine Tatsache war, dass ich Schmerz und Erniedrigung empfand, nicht

für meinen hysterischen, unkontrollierten Anfall in Robins Salon, sondern wegen meiner recht

schändlichen Reaktion auf diese Berührung von Frau Robins Hand. Mir war das lange peinlich.

Wenn ich in der Angelegenheit sensibel, wenn nicht puritanisch war, lag es in meiner Kindheit.

Der Grund war ambivalent schroff und zugleich schützend, der angab, dass ich körperlich kein

wenig anziehend, wenn nicht hässlich war. In meiner Phantasie eine Art Vertrauter, der mir oft

auf den Fersen war. Ich glaubte dies selbst vor dem Spiegel und fühlte das gleiche bei anderen.

„Wie schade, dass kein schöner Junge aus ihm geworden ist,“ hörte ich eine Nachbarin auf der

Sommerterrasse, als ich acht Jahre alt war. „Wobei doch die Mutter so reizend aussieht,“ sagte

die Dame gegenüber, die bei ihr zu Besuch war. Ein Jahr später bot ich einer Klassen-Schönen,

einem verzogenen, blondgelockten Mädchen, zögernd einen Sahnebonbon an, worauf sie kund

tat: „Danke, Schweinsgesicht!“ Sie lutschte diesen Bonbon erst in meiner Abwesenheit,- und wie

sie es gesagt hatte, war ich fest im Glauben, dass auch die anderen mich so hässlich benannten.

Kurz und knapp hatte sie es gesagt, aber nicht unfreundlich. Ich wendete mich wortlos von ihr ab.

Ich betrachtete es als meine Bestimmung und mied jede körperliche Berührung im Sinn der Liebe.

Doch lag auch ein Stolz darin, sowie ein Gelähmter es umgeht, eine Hand oder Stütze gereicht zu

bekommen. Jene Menschen, die ich liebte, auch meine Mutter, hielt ich auf schützendem Abstand.

Wenn sie mir selbst wahre Freude und Übermut zeigten, mich im Gesicht küssten oder umarmten,

erstarrte ich wie ein Hase auf freiem Feld, der den Flügelschlag des Habicht über sich wahrnimmt.

Sofort meldete sich mein innerster Vertrauter, der mich vor weiteren Verletzungen schützen sollte.

In mir war verankert, dass jegliche Tändelei und Zärtlichkeit in verschlossener Requisitenkammer

bleiben werden. Ich würde den Ball spielen, wie er käme, ohne Berührung der Hände oder Lippen.

Lange bevor die Zeitbombe meines ersten unverhofften Orgasmus im Schlafsaal explodierte, war

ich mir sicher, dass kein Mädchen und keine Frau an mir körperlichen Gefallen finden dürfte, wie

ich nicht an ihr. Was bis in meine frühe Kindheit zurückreichte, war die Gewissheit des Schweins-

Gesichts und der nicht Attraktivität, in mir hatte sich kompensierend zum Äußeren mein Innerstes

hoch entwickelt, womit ich wiederum niemanden belästigen wollte.- Ich genügte mir selbst alleine.

Die Schönen merken oft gar nichts von ihrem Reichtum, der süßer ist, als sie es nur ahnen können.

Sie sind es gewöhnt, betrachten das als selbstverständlich, sich überall im Licht zeigen zu können.

Dass man Zweifel an der eigenen physischen Anziehungskraft hat, scheint ihnen sehr befremdlich,

ähnlich wie ein Eingeborener. Doch im Urwald wird man ihm das nicht anmerken, dort ist er echt.

Mit sechzehn Jahren hatte ich mich an den Komplex gewöhnt, mit dem ich lebte sowie Diabetiker

mit ihrem Handicap. Menschen, die nicht schwindelfrei sind, sie können Süße und Höhen meiden.

BIRGIT UND DAS GRIECHISCHE THEATER

Paradoxerweise lernte ich dann doch für zwei Jahre ein sehr lebendiges Mädchen kennen in einer,

wie man sagt, platonischen Beziehung, die dem Namen Ehre machte, weil sie in engem Bezug zu

dem griechischen Theater stand. Wir entwickelten beide unsere Leidenschaft für Aischylos‘ Werk

'Agamemnon'. Birgit, ein dickes, dänisches Mädchen, das nicht besonders ansehnlich war, vertrat

die Meinung, dass Klytämnestra eine kaltblütige, selbstsüchtige Mörderin war, die Agamemnon in

eigenem Interesse umgebracht hatte, um sich in den Schutz ihres Liebhabers Aigisthos zu stellen.

Sie glaubte, dass sie niemals befürchtete, ihr Verbrechen könnte danach ans Tageslicht kommen.

Zwiespalt trat in mir auf, als ich dies pauschale Urteil, ein viel zu leicht gestricktes Muster, von ihr

vernahm. Dazu war das griechische Theater zu hintergründig in der stilistisch sicheren Wort-Welt.

Ich saß neben ihr mit dem Textbuch in der Hand und las den gesamten zweiten Teil einer Trilogie,

'die Totenspende', um heraus zu bekommen, ob Aischylos dies wirklich so schuldig gemeint hatte.

Fühlte sich Klytämnestra in ihrer königlichen Macht unantastbar, dass sie sich zu dieser Tat erhob?

Lange Zeit nach diesem Mord war es Orest, der Sohn von Klytämnestra, der von Mykene geflohen

war, um seinen Vater Agamemnon zu rächen. Orest kehrte als Fremder zurück, um seine Mutter zu

ermorden. Ich fragte den Regisseur Raybird, ob Klytämnestra ihren Sohn vorher erkannt hatte, und

warum sie kein Wort verlauten ließ in seiner Gegenwart. „Natürlich hatte sie Orest erkannt. Für sie

gab es nichts mehr zu sagen. Das war die Allmacht der Götter, der sie sich in dem Moment beugte.“

Ihr blieb nichts anderes mehr übrig, als ihre Würde zu bewahren. Birgit war in dieser Hinsicht ganz

anderer Meinung. Sie widersprach, dass man zum Schluss Sympathie für die blutrünstige Mörderin

empfinden sollte. Wir stritten uns nicht unbedingt über das Thema. Ich mochte ihre Hartnäckigkeit.

Trotzdem fragte ich nochmals Raybird in Regie, woran sie Orest erkannt hatte? „Ihr Gewissen war

es, das sie verriet. Jahre lang trug sie das Geheimnis in sich und hatte auf Orest beinahe gewartet.“

Birgit war die Nichte der Frau des Hausmeisters, die ihre Tante gelegentlich besuchen kam. Ich sah

sie später als eine Art Leidensgenossin, die nicht in den Respekt von Aphrodite kam und fühlte wie

sie, wenn auch ohne einer Berührung, was sich mein Mitschüler lästernd zur Angriffsfläche machte.

Ich stieß ihn ohne ein Zögern den Hang einer Böschung hinab,- was niemand vorher gedacht hätte.

Ein Junge namens Bill stand in seiner Clique, die lang ausgestreckte Zungen über kalte Eiskugeln

zogen, auf dem Hang und rief mir lauthals hinterher: „Dort kommt der dänischer Torten-Bäcker als

Götterbote Paris und schwebt dem griechischen Theater unter Ausschluss von Aphrodite hinüber.“

Ich hätte es ihm nie zugetraut. Doch statt seine Frotzeleien zu ignorieren oder zu kontern, verübte

ich etwas Unerwartetes aus einem spontanen Gefühl heraus, dass es im Gelände bekannt wurde.

Der Hausmeister, dem ich viel Sympathie entgegen brachte, sprach mich wenige Tage danach an.

„Hallo David, auf dem Weg zu ihrer Freundin, um sich dem griechischen Theater ehrend nützlich

zu machen?“ - “Ja, Sir“, antwortete ich kurz im Vorübergehen. Er hielt mich am Ärmel fest, indem

er mich sachte an sich heranzog. „Nur ruhig Blut“, sagte er. „Wissen Sie, solch Frotzeleien, wenn

die auch nicht nett sind, muss man nicht gleich mit derart drastischen Maßnahmen beantworten.“

Wir lächelten uns an. „Tut mir leid, Sir. Das wird nicht wieder vorkommen“, sagte ich schlicht wie

begreifend. Ich erfuhr von ihm, dass sich Bill beim rasanten Absturz seinen Arm gebrochen hatte.

Zum Glück gab es einen Zeugen in der Clique, der klar bestätigte, dass dies Bill angestiftet hatte.

Mich verwunderte die Aussage eines Kameraden,- doch musste ihn mein Gefühl verdutzt haben.

Als würde man in eine andere Welt versetzt werden, wenn ein Fisch gefühlvoll zu Jungen spricht.

Das Image am College nahm die Kehrwende vom schüchternen Einzelgänger zum respektierten

Mitschüler, der im Vergleich zu anderen eine Freundin hatte,- die in der Reife Mädels voraus war.

VORAHNUNGEN

Ich erfuhr viel Interessantes über Dänemark, dass ich ihr versprach, sie in den Semesterferien zu

besuchen, um mir den Dom des 13. Jahrhunderts unter anderen Sehenswürdigkeiten anzusehen.

„Vielleicht gelingt es mir sogar schon vor Jahresende zu Weihnachten, wenn ich meine Eltern in

diesem Jahr nach Weihnachten wiedersehe. „Es wäre wunderbar, doch bin ich Jahresende nicht

dort.“- “Hast du nicht gesagt, dass du Weihnachten in Dänemark feierst?“ “Das habe ich niemals.“

Ich wunderte mich. Ich war davon überzeugt, dass ich dies gestern aus ihrem Mund gehört hätte.

„Das habe ich nicht gesagt!“ bekräftigte sie wiederholt ihre Worte mit einer üblichen Willensstärke.

„Dann hat es dir jemand anderes gesagt.“ Ich überlegte, dass ihr Onkel es mir nicht gesagt haben

konnte. Letzte Zeit hatte ich ihn als Hausmeister, sowie auch sonst nicht weiter mehr gesprochen.

Woher sollte ich das wissen? Wer hatte mir das gesagt, was sich bei ihr als Gerücht herausstellte.

Ich erinnerte mich an eine ähnliche Situation, als ich elf Jahre alt war und meinte, eine Bekannte

meiner Mutter im Restaurant eines Nachbarortes gesehen zu haben, als ich mit meinem Fahrrad

unterwegs war. Frau Whitle, die kurz zu uns zum Tee herein gekommen war, beteuerte, dass sie

nicht in Newstown gewesen sei, und ich mich irrte. Ich war felsenfest überzeugt, dass sie es war.

Meine Mutter schickte mich in den Garten, ein Bund Petersilie zu pflücken und fing mich dann ab.

Auf der Veranda, als ich mit einem Büschel vor ihr stand, sagte sie: „David, ich bin mir sicher, du

hast Recht. Doch aus einem bestimmten Grund will sie es uns nicht sagen.“ “Warum nicht, Mutti?“

„Ich weiß es nicht. Doch sollten wir es dabei besser belassen.“ Sechs Wochen später wurde Frau

Whitle geschieden und war zusammen mit ihrem Liebhaber nicht mehr in dieser Region ansässig.

Sie verließ uns mit ihm. Natürlich war ich in dem Alter nicht in der Lage, diese zwei Ereignisse zu

verbinden. In einer Sache, Birgit in Dänemark zu treffen, lag das aber anders als bei Frau Whitle.

Was sollte mich darin täuschen wollen und wofür? Auch hier war ich mir absolut sicher, dass ich

es gehört hätte, dass Birgit zum Jahresende in der Heimatstadt sein würde, verflixt wie zugenäht.

Sie war es selbst, die zaghaft den Vorschlag gemacht hatte, dass ich Dänemark besuchen sollte.

Doch gab es noch einen anderen Grund, der mich davon abhielt, darin weiter zu forschen. Dabei

spürte ich deutlich diese Angst vor Unheilvollem, wenn auch nicht bewusst. Als sei ich gestolpert

über den Stein, den ich besser liegen ließ. Wie ein Kind, das Böses ahnt, ohne real zu verstehen.

Da war etwas Irritierendes an der Sache, was mir intuitiv im Gefühl kund gab, es nicht zu wissen.

Als Agamemnon gelaufen war, trafen wir uns nur selten, bis ich sechs Wochen vor Semesterende

erfuhr, dass ich meine Eltern in Spanien besuchen musste mit dieser erregenden Aussicht auf ein

Stipendium für Oxford. Die letzte Zeit im Internat verlief flüchtig, verging in Windeseile, mit ganzer

Konzentration auf mein Ziel: in Deutsch und Französisch mein Diplom zu schreiben. Während ich

mich von Birgit zunehmend entfernte, vergaß ich dies, sie in Kopenhagen einmal wiederzusehen.

Unerwartet zu Beginn des Herbstsemesters bekam ich in Oxford Post von dem Hausmeister aus

Blessfill. Er schrieb mir ein paar kurze Zeilen, dass er hoffe, dass es mir gut ginge und lud mich

ein zum „Abendessen der Ehemaligen“ im November. Ob ich nicht Lust hätte, mit dabei zu sein

und mir eine neue Inszenierung von Raybird anzusehen. Pflichtbewusst tauchte ich auf und war

gespannt auf das Schauspiel der neuen Internatsschüler. Wie bei solchen Gelegenheiten es alter

Brauch war, gehörte auch der neue Schulsprecher dazu, ein Neusprachler und früher Bekannter.

Nach dem Abendessen ergab sich ein Gespräch zwischen uns, das für mich aufschlussreich war.

„Ist das nicht jammerschade um dieses arme, dänische Mädchen, David! Sie waren befreundet?“

Ich runzelte die Stirn und wusste nicht, worauf er hinaus wollte. „Birgit, nun gut, was ist mit ihr?“

„Was denn, Sie wissen von nichts?“-“Nein, ich habe nichts mehr von ihr gehört. Was soll sein?“

“Leukämie! Sie hat offenbar Leukämie. Es sah schlimm aus um sie, als man sie sofort mit dem

Ferienbeginn nach Hause schickte. Am ersten Abend des neuen Semesters riefen riefen Eltern

an, baten mich, die Mitbewohner des Internat-Gebäudes ohne Aufwand darüber zu informieren.“

Ich habe nie erfahren, was aus ihr geworden ist. Ich weiß es heute nicht einmal und will es nicht.

Es gab keine stichhaltigen Gründe, zu mindestens nicht für Dritte oder dafür eine Erklärung, ich

hätte eine Vorahnung gehabt. Als ich in jener Nacht wach lag und an Birgit dachte, erinnerte ich

mich an den Spaziergang für Agamemnon und wie ich davon überzeugt war, dass sie im Herbst

nicht mehr hier im Internat sein wird. Das Wissen beruhte nicht auf die Aussagen, die ich gehört

hatte, sondern auf eine innere Furcht in Vorahnung. Ich war fassungslos. Ob es sich wiederholte,

wusste ich nicht. Eine innere Unruhe überkam mich. Sollte das gleiche mal wiederkehren? Dann

legte ich diese Angelegenheit ad acta und dachte über Birgit nach, wie über meine gute Freundin

beim Theater. Ihr kurzes „Tak“, wenn ich ihr einen Terpentin-Lappen zuwarf, zum Reinigen farbig

verschmierten Hände. Das unbewusste, feste Zusammenpressen der Finger, nachdem der 3. Akt

zu Ende war, wir auf diesen schrecklichen Todesschrei 'Agamemnons' warteten, bis er hörbar war.

Aus dem Inneren des Palastes ertönte der dritte Chor, und ein Bühnenbild löste sich langsam auf.

Dann und wann musste ich dran denken, was wir auf dem Weg zum Internat besprochen hatten.

Sie wollte im Herbst noch bis Jahresende hier bleiben und wie ich ihr darin widersprochen hatte.

Es lief mir ein kalter Schauer den Rücken herunter. Doch versuchte ich, es besser zu vergessen.

Ich behielt sie in Erinnerung, wie die Birgit, die ich einmal gerne gemocht hatte und weiter nichts.

MEIN OXFORD-STUDIUM

Fortan widmete ich meine ganze Aufmerksamkeit einem neusprachlichen Studium in Oxford, das

mich völlig vergessen ließ, womit ich meine Freizeit im Internat verbrachte und ob ich die Fische

im Bach gefangen hatte. Ich musste mich anstrengen, für meine Doktorarbeiten Neues zu lernen.

Neben Deutsch und Französisch lernte ich ein brauchbares Italienisch, es war leicht zu sprechen.

Dänisch hingegen ist eine schwierigere Sprache. In Dänemark spricht man oftmals auch Englisch.

Mir ging Dänemark nicht mehr aus einem Sinn, was ich trotzdem persönlich kennen lernen wollte.

Vielleicht hatte mich Birgits Erscheinung ja mehr berührt, als ich es für mich wahrhaben konnte.

Nach zwei Jahren Oxford, die ich glücklich verbrachte, was meine Examina und Freizeit betraf,

machte ich mir Gedanken, womit ich in der Zukunft meinen Lebensunterhalt begleichen konnte.

Mein Vater hatte für meine Schwester Georgia und mich ein halbes Vermögen in unsere Studien

investiert. Georgi, wie wir sie nannten, hatte mit Bestnoten in Geschichte abgeschnitten und war

wie geschaffen für das Lehramt. An einer Oberschule verdiente sie sich bereits unabhängig Geld.

Wenn unser Vater es mit etwas Taschengeld besiegelte, so weil er auch seine Tochter verwöhnte.

Georgi war drei Jahre älter als ich und verheiratet. Sie hatte ihre vierjährige Tochter Beatrice, kurz

Trixi genannt. Wir hatten ein gutes und leider entferntes Verhältnis, dass uns andere als Kick & Ei

benannten. Es ging nicht überall so harmonisch zu in einer Familie wie bei uns, was ich anderswo

erlebte. Ich war froh darum und hielt es in Ehren. Georgia hatte ihr Staatsexamen für Oberschüler.

Sie war mir stets drei Jahre voraus, egal ob sie nicht mehr auf das Töpfchen ging, eingeschult war,

zur Oberschule wechselte, ihren Ehemann kennen gelernt hatte und ihre Tochter bekommen hatte,

wie sie vor zwei Jahren das Lehramt für Geschichte und Latein einnahm, als Beamtin unabhängig

von anderen finanziellen Zuwendungen. Ich war lebenslang an Sie gewöhnt als ihr kleiner Bruder.

Unser Vater war Ende der Fünfziger, gesundheitlich schwächer geworden, jedoch nicht kränkelnd.

Ich machte mir manchmal Gedanken um sein Antiquitäten-Geschäft in London, das er immer gut

alleine führte. Jahrzehnte lang hatte er sich Wissen angeeignet, um die anspruchsvollen Kunden

zufrieden zu stellen und zu bewahren Es wäre schade drum, wenn jener Laden in fremde Hände

kommen würde. Ich freundete mich mit meiner Vorstellung an, ihn an seiner Stelle weiterzuführen.

In Oxford fing ich Feuer für neue Sprachen, kaufte mir von meinem Taschengeld die Grammatiken

Französisch, Italienisch und Deutsch, einige Sprach-Cassetten für die Aussprache. Dänisch einzig

als Reiseführer mit üblichen Redewendungen, die einem den Reise-Aufenthalt im Land erleichtern.

Doch mit Sprachen konnte man im geschäftlichen Sinn nicht besonders viel anfangen, wie ich fest-

stellte. Sie waren hilfreich bei Auslandsreisen, in der Korrespondenz im Export- und Importhandel,

stellten allein keine Grundlage dar für die gewinnbringende Wirtschaftlichkeit, die einen versorgte.

Ich befand mich in dem Stadium, in dem junge Mädchen in Pferde vernarrt sind, jede freie Minute

dafür nutzen, sie zu striegeln, zu füttern, den Stall zu säubern, in einer Runde führen und ausreiten,

ohne sich bewusst zu sein, ob sie ihre Liebe in Richtung Trabrennbahn, Sechstagerennen, Galopp,

Sport, Dressurreiten oder für die Pferdezucht verwenden. Ob sie Pferdepfleger werden oder Traber.

MEINE NACHFOLGE IM KERAMIKHANDEL

Ich hatte bis jetzt nichts anderes erlebt als das Antiquitäten-Geschäft meines Vaters für die Familie

und neue Sprachen in eigener Vorliebe mit Begeisterung. Ich versuchte, darin eine Schleife binden.

Natürlich fehlte es mir bislang an grundlegendem Fachwissen für den Antiquitäten-Handel. Jedoch

war ich mir sicher, dass ich es nirgends schneller lernen könnte als in dem Geschäft meines Vaters.

An einem Sonntagnachmittag, als unsere Familie zum Kaffee auf der Veranda saß mit dem typisch selbstgebackenen, englischem Kuchen, der eine Tradition war, ein altes Rezept meiner Großmutter,

eröffnete ich feierlich zum ersten Mal die Überlegungen, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten.

Ich saß neben Georgi, meiner hübschen, warmherzigen Schwester, die mich bereitwillig anlächelte.

Unsere Mutter blickte auf die gemähten Ernte-Hügel des Hochsommers und wurde nachdenklicher

als sonst. Sie besaß die vollkommene Art der ‚First Lady‘. Sie wusste, wann schweigen besser war

als reden. Ich hätte gern gewusst, was in dem Moment in ihr vorging, der tiefe Verbundenheit war.

Keiner von ihnen hatte irgendeinen Einwand. Die Frage meines Vater erprobte nur eine Sicherheit,

ob ich den Wunsch wirklich aus freien Stücken hege und nicht aus dem Pflichtgefühl seines Sohns.

„Vielleicht ist es eine dumme Frage, David, aber du bist dir sicher, dass du das später nicht bereust

als Oxford-Absolvent? Dass sich nicht ein Gefühl von Standesbewusstsein, oder wie man es nennt,

dem alltäglichen, einfachen Kaufmanns-Dasein entgegen gesetzt wird? Dass du was untergräbst?“

„Um Himmelswillen, Vater, nein!- Das glaube ich nicht! Ich fühle eher Stolz bei diesem Gedanken.

Schließlich war es schon die englische Handelsflotte, die ihre Kapitäne Tradition werden ließ, und

dabei stetig wieder neue Ufer anstrebte im kämpferischen Wettbewerb des Handels, Ihre Majestät!“

Mein Vater lachte laut und herzlich. Jetzt zeigte er Genugtuung, worin sich seine Familie einreihte.

Ob mir der Wind stärker um die Ohren blies als zuvor, konnte ich feststellen, wenn ich darin stand.

Ich hatte ihn mir lange Zeit um die Nase wehen lassen, bis Georgi mir erneut vorangegangen war.

Wir plauderten bis in den Abend hinein, small talk, wie man in England sagt, über unsere Ahnen.

Scharlatanerie und Hexerei, Französische Revolution, ein Urenkel meines Urgroßvaters, in 1749.

Ein Bauer, der das Wetter vorhersagen konnte, den Ausfall einer Ernte und die Babys bestimmte,

wurde mit seinen eigenen Waffen geschlagen, als er eine Frau verriet, die ihr Baby getötet haben

sollte oder beseitigt hätte. Er brachte es der französischen Polizei näher. Im Gericht gab sie kund,

dass er zurzeit der Geburt ihres Babys ihr Liebhaber gewesen sei, wenn nicht vielleicht der Vater.

Mich interessierten dabei der Seher und die vorher Ahnungen mehr als jenes unerwünschte Baby.

Unser Ladengeschäft mit Keramikkunst sei bei meinem Großvater entstanden, unser Urgroßvater

hätte schon Anteile gehabt, der unterstützte das Geschäft seines Sohnes, wie Vater es bei mir tat.

Ein Jahr später war es offiziell. Mir gehörten eigene Anteile vom Keramikgeschäft meines Vaters.

Mit meinem zweiten Staatsexamen, das sich so gut sehen lassen konnte wie dieses von Georgi,

war ich täglich in London und beriet die langjährige Kundschaft für Antiquitäten selber im Laden.

Frühere Kunden kannten mich von klein auf. Sie zeigten offensichtliche Freude am Wiedersehen.

Es waren erst zwei Monate vergangen, und ich wusste, dass die Töpferkunst meine Berufung ist,

weil ich mich allen Kunstwerken des alltäglichen Gebrauchs gewidmet hätte, ohne damit Geld zu

verdienen. Dies ging am Geschäftssinn vorbei, doch beflügelte es meine Arbeit.

Meine ganze Seele lag darin, wenn ich mir diese verschiedenen Motive von Tieren, Ornamenten,

Pflanzen, Blumen oder Skulpturen ansah, die oft schöner aussahen als in der realen Wirklichkeit.

Letztendlich hatte der Mensch dem Tier voraus, dass er gern dekorierte und edle Ambiente schuf.

Wenn die Vögel mit ihrem Gesang der Musik nahestehen, gar Lust, Werbung und Befriedigung in

langgezogenen Vokallauten, Höhen und Tiefen im rhythmischen Wechsel als Takt in der Melodie

wiedergeben, so bleibt Dekorieren, Zeichnen und Malen den Menschen überlassen in ihrer Kunst.

Diese Welt, in der Ton herausgegraben, in Schmelzöfen gebrannt, emailliert sowie glasiert wurde,

war die gleiche, in der die Phönizier das Geld erfunden hatten, in Folge des Tauschhandels zuvor.

Ich musste zwei Perspektiven auseinander halten und erfuhr, dass sie sich hervorragend ergänzten.

„Der Vertrieb lebt mit einer Seele, die Buchhaltung ist das Herz des Geschäfts!“, betonte mein Vater.

Er wies mich darauf hin, dass diese bewundernswerte Haltung jenseits des schnöden Profits, auch

beinhaltet, dass in der Töpferei meist in den einfachen Gegenständen wie dem Feuer festen Teller

oder der braun glasierten Teekanne mit Stövchen eine bessere Handelsspanne liegt als bei selten

teuren Utensilien für die Vitrine. Unsere Vorgänger wussten das schon in der gelungenen Auswahl.

Indem sie Nutzen und Zweckmäßigkeit vor dies Ausstellungsstück in Rarität gestellt hatten, hätten

sie das beachtliche Lager geschaffen, das einem Geschäft die Möglichkeit zu Besonderem verlieh.

Mein Vater klärte mich in den kleinen, wichtigen Details genauso auf, sowie er mir die Grundlagen

des soliden, seriösen Kaufmanns beibrachte. Die Raffinesse des Verkaufens und die Buchhaltung.

Meine eigene erste Sammlung war nicht kostspielig. Sie enthielt die schönen Dinge aus Keramik,

die sich ein Auszubildender leisten kann. Dies Gedeck mit Blumen für das Frühstück, eine Schale,

aus der man Obst anbieten und Porridge essen konnte, oder den großen Landschafts-Wandteller,

der unsere „grüne Insel“ darstellte. Ein Schmuckdöschen mit einem Rosen verzierten Deckelchen

als Geburtstagsgeschenk für meine liebe Mutter. Sie bewahrte darin den wertvollen Schmuck auf,

womit sie außerdem den besonderen Wert meines ersten, selbst verdienten Geschenkes achtete.

Traditionelle, englische Keramik hatte es in sich, wenn man im Verkauf kompetent beraten wollte.

Ich lernte Original und Fälschung unterscheiden wie die Kopie von dem Kunstwerk richtig deuten.

War dies Original glaubhaft, musste ich es katalogisieren zur neuen Bestellung für Interessenten.

Ich arbeitete hart. Bald hatten mein Vater und ich zwei Roover, da er gerne den Abend vor dem

Sonnenuntergang im Garten zwischen seinen Vögeln genießen wollte oder bei einem Earl Grey

einen seiner mächtigen Wälzer. Er besaß eine eigene Bibliothek, die bis zur Decke hoch reichte.

Währenddessen studierte ich verschiedene Epochen, in denen Keramik bemalt worden war, um

den Kunden gerecht zu werden und anspruchsvolles Publikum in der Kunst Wissen darzubieten.

Das war ähnlich wie in der Musik, dass man zwischen Klassik, Musicals, Folklore, Schlager und

Symphonien unterscheiden lernen musste, dass „Die kleine Nachtmusik“ von Mozart war, sowie

'Die Zauberflöte' eine Oper und nichts gemeinsam hatte mit 'Den lustigen Weibern von Windsor'.

Oder wie ein Motiv zum Symbol wurde für die Formen in der Keramik, weil dies Feuer gefangen

hatte bei seinem Publikum, wie ein Ohrwurm populär wurde, weil ihn Sänger mit summten beim

ersten Ton der Melodie, dass diese von den Dächern gepfiffen wurde, egal ob von Spatzen oder

von Jungen. Das könnte man ein Lieblingsmotiv nennen. Man sah es bald auf jeder Tasse, Vase

oder Untertasse. Ein Motiv wurde zum Symbol für viele und erschien auf einem Deckel als Rose.

Dazu gehörten ein Rotkehlchen, ein Fasan mit goldenem Schwanz, der Kuss von Gustav Klimt.

Ein blaugrünes Pfauen-Auge stellte einen Schutz dar und war beliebt für den ritterlichen Kelch.

Die Quelle des Charmes war dabei ihre verspielte Unvollkommenheit, die man hier überall sah.

Letztendlich blieb das oft Handarbeit, die Töpferkunst, geformt, modelliert, bemalt und verziert.

Mir machte meine Arbeit Spaß. Kein äußerer Druck zwang mich, mehr dafür zu tun als nötigst.

Erst recht nicht mein Vater, der mit Gelassenheit beobachtete, wie ich in seinem Keramikladen

aufging und schon nach einem Jahr die Führung übernahm. Bald zeigten sich fremde Sprachen

nützlich, die ich sonst kaum brauchte. Meine Reisen führten nach Paris, Rom und Kopenhagen.

MEIN ERSTER BESUCH VON KOPENHAGEN

Sieben Jahre später, nachdem ich von Birgit Abschied genommen hatte, traf ich in Kopenhagen

ein. Es wurde mir wieder bewusst, als ich mit eigenen Augen sah, wovon sie mir lebhaft erzählt

hatte. „Das musst du unbedingt einmal in Wirklichkeit erlebt haben!“, gab mir mein Gedächtnis

sofort kund. „Von höchster Präzision sind die Kunstwerke, die Statuen, die großen Kathedralen

und natürlich auch „Die kleine Meerjungfrau,“ das Wahrzeichen von Kopenhagen“, schwärmte

sie mit leuchtenden Augen. „Erlebt, sage ich, mit einer Seele, die in unser griechischen Theater

passt, nicht mit dem Blick der eiligen Touristen wie erfasst sondern von Grund auf verstanden.“

Es waren mal Birgits Worte. Nun stand ich am Kai mit dem weiten Meer in ihrem Kopenhagen.

Neben „Der kleinen Meerjungfrau“ dachte ich an sie zurück wie an meine ehemalige Prophetin.

Sie hatte Recht gehabt. Ich verliebte mich beinahe in den ungezwungenen, natürlichen Charme

einer Stadt mit barocken Denkmälern und Baustilen und mit dem feinsten Porzellan, das ich sah,

ohne dass von ihrem zarten Flair so etwas wie Prunk ausging gleich dem Schloss von Versailles.

Paris, Barcelona, Rom, Florenz und Venedig waren sich der Schönheit wie Berühmtheit einfach

zu bewusst, die ihnen Scharen von Touristen täglich widerspiegelten. Kopenhagen blieb Jungfer.

dahingegen, trug im Vergleich zu diesen protzigen Städten etwas Unberührtes und Edles an sich.

Keine andere Stadt schien mir so freundlich und herzerwärmend zum unbeschwerten Flankieren.

Das war für mich ein Vergnügen, die Gesellschaft der Dänen zu erleben. In einem Porzellanladen

schloss ich überraschend neue Bekanntschaft mit interessierten Kunden, die ich einladen musste.

Sie wollten sich in England nach klassischem Porzellan, Vasen, ursprünglicher Keramik umsehen.

Es erinnerte mich an Mekka-Pilger, die das letzte Geld hergeben, um einmal da gewesen zu sein.

Ich glaube, es gibt dabei nichts Besonderes zu sehen. Doch nicht auf das, was sie sehen, kommt

es an, sondern darauf, was sie im Herzen fühlen, das ganz Besondere lag in den eigenen Herzen.

Meine ungeahnten Errungenschaften waren reisende Händler, die für Antiquitäten-Händler weiter

fuhren als ich, um ihnen Kostbarkeiten in ihre Geschäfte zu bringen, die nirgendwo zu bekommen

waren. Dies war weitaus mehr als eine Kopenhagener Porzellan-Manufaktur mit ihrer Ausstellung.

Meine Gefühle waren zwar weltlicher Art im Vergleich zu jenen gläubigen Mekka-Reisenden,

doch im Sinn der unbedingten Leidenschaft zu dem, was man tut, waren sie sich recht ähnlich.

Die Menschen in London wussten zu wenig über klassisches Porzellan und moderne Keramik.

Das sollte sich ändern. Ob ich damit Geld machte oder nicht, spielte hierbei keine große Rolle.

Einzig und allein die Lebendigkeit und Notwendigkeit meiner Arbeit war wichtig, alles andere

blieb zweitrangig. Das Kapital und Geschäft gehörten nicht mir, und ich stand erst am Anfang.

Mit gutem Gewissen konnte ich es nicht verantworten, dass sich mein Vater jetzt nach dreißig

Jahren seiner Geschäftsführung neu orientieren sollte. Ich hatte mich mit ihm jederzeit bestens

verstanden. Er war von meiner Begeisterung und mit meiner harten Arbeit zufrieden, dass ihm

keine Einwände einfielen, als ich ihm klarmachte, dass ich mir ein Kapital mit einem Zinssatz

von 15 Prozent ausleihen müsste, um meine Ziele zu verwirklichen, was ich bis in drei Jahren

zurückzahlen wollte. Ich hoffte, dass sich dann diese Reise-Unternehmungen investiert hätten.

Mein Vorhaben, außerhalb Londons und Englands Antiquitätenhändler aufzusuchen, war klar.

Ich begann ziemlich bald, von Kopf bis Fuß sachgemäß ausgestattet, die Auktionen außerhalb

Londons zu besuchen und die Kontakte zu reisenden Händlern anderer Länder zu pflegen, die

an Antiquitätenhändler weiter verkauften. Außerdem reservierte ich im Laden in der Eingang-

Nähe, wo es die Kunden sehen mussten, den Extra-Platz für klassisches Porzellan & Keramik.

EIN SELTSAMER VOGEL

In jenen Jahren bezog sich mein Interesse an Mädchen allein auf das Gesellschaftliche, was

in seiner Art und Weise befremdenden Charakter hatte. „Ein ganz seltsamer Vogel“, hörte ich

eine Dame verlauten, was kein Lästern sondern ihre Verwunderung war. Mein Verhalten war

für sie recht unnatürlich. Ich fühlte mich darin vollauf zufrieden, in Ruhe gelassen zu werden.

Zweifellos musste etwas von der kindlichen Überzeugung, ich sei körperlich nicht anziehend,

tief in mir vergraben liegen, wenn ich mir darin auch wenig bewusst war, sondern es gut fand.

Ich wurde selten von einem Begehren geplagt und empfand dieses nicht als Unzulänglichkeit.

Vielmehr war ich stolz auf meine genügsame Lebensweise, ohne darüber groß nachzudenken.

Ich ging absolut auf in meiner Arbeit, die ich in Leidenschaft ausübte, liebte meine Familie und

wenige beste Freunde, mit denen ich meine einzelgängerischen Freizeit-Aktivitäten ausführte.

Soweit ich mal darüber nachgedacht hatte, einem Mädchen besondere Zuwendung zu zeigen

sowie ihr meine Aufmerksamkeit zu widmen, schien mir das als nicht lohnenswert im Ergebnis.

Sollte mir jenes geschehen, müsste sie eine erhebliche Mauer an Schüchternheit durchstoßen.

Mir erschien dieses wie eine Ablenkung zu meiner Arbeit und die Erschwernis im weiteren Tun.

Meine Eltern versuchten nicht, mich zu beeinflussen. Vielleicht hatten sie es auch nicht so eilig,

meine Gefühle umherschweifen zu sehen. Jetzt weiß ich, dass ich in jener Hinsicht altmodisch,

sowie altbacken gewirkt haben musste, ein orthodoxer Christ. Viel eigensinniger, abgehobener

als Freidenker, vielleicht hochgeschraubt, der sich mit den unsicheren Gefühlen nicht befasste.

Obwohl ich mit allen Menschen immer gut zurecht kam und an Freunden keinen Mangel hatte,

waren schöne Dinge einfacher und verlässlicher, berechenbarer und deswegen befriedigender.

Porzellan war meine Verfeinerung der fehlbaren, oft enttäuschenden Wirklichkeit eines Dasein.

Damit keine Missverständnisse aufkommen, jener Stil oder die Raffinesse von Frauenkleidern

entzückten mich durchaus, dass ich hinstarrte, all die unwichtigen Detail in mich aufzunehmen.

Doch auf frivole Art kamen mir ihre Besitzerinnen launisch, trivial und äußerst anstrengend vor

in Hinblick auf diese kühle Freude, die aus dem Töpfergut oder einem Kontrapunkt entströmte,

sie zu vergiften oder zu verschütten. Als die sechziger Jahre revolutionierten und keine realen

Werte mehr galten, die lange Zeit von Bestand waren, merkte ich, dass ich außerhalb der Zeit

stand mit einem anderen Geist, der sich lieber im Einklang seiner Handwerkskunst befand als

in den Turbulenzen des Marktgeschehens der rebellischen Welt, besser zuhause untermauert.

MEIN PRIESTER-FREUND ANTON

Anton Wild und seine Frau Bonny waren meine besten Freunde. Anton war zwei Jahre älter als ich.

Als er Mitte der sechziger Jahre in unserer Gemeinde eintraf, war er in seiner Art kein Prediger von

Schuld und Sühne, gar der freundliche Angepasste, der es jedem in allem recht machen will. Er war geradeheraus, unkonventionell, intellektueller als erlaubt, was ältere Gläubige erschrecken ließ und

brachte frischen Wind in den Puritanismus. Mit einer warmherzigen und sehr vernünftigen Haltung,

die überraschend das Gegenteil vertrat, von dem, was man erwartet oder gewohnt war vom Priester,

gewann er schnell vielerorts Vertrauen bei Menschen und in Gegenden, die nicht christlicher waren

als Jesus bei Maria Magdalena oder der Ehebrecherin, die zur Steinigung angeschleppt worden war.

Lebhaft habe ich in Erinnerung, wie wir an einem Sommerabend von unserem sportlichen Wettlauf

kamen, als in dem Vorraum der Kirche drei junge Hippies standen, die aus London getrampt kamen

und schon zwei Stunden auf uns gewartet hatten, um für einen Freund Hilfe zu suchen, der mit dem

Gesetz und der Polizei aneinander geraten war. Anton lud die drei unverzüglich zum Abendbrot ein.

Ehe sie mit ihren Schilderungen beginnen konnten, wendete er ein: „Ihr müsst doch Hunger haben.“

Am Montag fuhr er sie in seinem Wagen selbst zurück nach London und sprach bei der Polizei vor.

Ich musste mir eingestehen, dass ich dem gegenwärtigen Protest und halbgarem Mystizismus einer

unruhigen Zeit, weniger gewachsen war, als ein Geistiger mit steifem Kragen und langem Gewand.

Seine herausfordernden Gedanken und Reaktionen entgegen der Erwartung überraschten mich sehr.

Es war meine pessimistische Sicht eines Jahrzehnts mit Fröhlichkeit und ernst zu nehmendem Eifer.

Ich selbst war ein Feigling in einer Festung, dem man nichts anhaben durfte in seiner Sicherheit des

Wohlstands. Es gab Momente, in denen ich meine paar Bemerkungen machte über eine neue Mode,

ihre Macken, die immer verrückter werden, dass mir Anton mit liebevollem Lächeln an das Herz legte:

„David, dein Moralismus wird dich selbst nochmals einholen zum Trotz dieser Niedrigkeit einer Welt

und dem Stolz derjenigen, die aufbegehren.“ Wir lächelten beide. Ich merkte, dass er das so meinte.

Als in den Jahren das Vertrauen meines Vaters wuchs und gleichermaßen meine Erfahrungen, auch

mein Standvermögen, beteiligte er sich immer weniger in der aktiven Geschäftsführung. Er sagte in

vielen Fällen: „Tu, was du für richtig hältst, mein Sohn.“ Ich wollte ihn nicht verdrängen, sonst anders

wettstreitig machen. Wir verstanden uns gut und hatten keine geschäftliche Auseinandersetzung im

Sinne der Konkurrenz oder anderes. Ich brachte ihm viel Respekt und ehrliche Zuneigung entgegen.

So sprach er öfter den Wunsch aus, am Nachmittag lieber im Garten zu bleiben, um Jimy zu helfen.

Jimy war unser „Mädchen für alles“. Er mähte und sprengte sehr große Rasenflächen, brachte auch

Proviant mit nach Hause, wenn meine Eltern nicht einkaufen fuhren, empfing täglich den Postboten,

kümmerte sich liebevoll um unseren Jagdhund Winny und die Geschwister-Katzen Betsy und Sally.

Beide rühmten sich schon eines hohen Alters wie unsere zwei langjährigen Angestellten in Pension.

FRAU RITURN UND DEBORAH - 2. KAPITEL -

Unser altes Fräulein Bird und ihre Kollegin waren gegangen und wurden abgelöst von einer jungen,

frechen Schulabgängerin Maggi mit dem ortsfremden Dialekt, an dem „My fair lady“ Freude gehabt

hätte. Ein alter Zobel als Sprachprofessor, der eine Göre zur Lady kürt mit der Kunst der Sprechens.

„Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.“ - “Ich glaub‘, jetzt hat sie‘ s!“ - “Es grünt so grün.“

Maggi oder Margitta hätte ihm Spaß bereitet und war eine Attraktion in diesem alten, feinen Laden.

Sie wirkte herzlich, erfrischend und nahm ihre Ausbildung wichtig, einzig ihr fremder Dialekt fiel auf.

Dazu kam Frau Riturn, die man lieben oder hassen musste, wenn man sie erlebte als Besonderheit.

Auf seltsame Weise gab sie sich und übriges kund. Eine Rarität, die man so nirgendwo erlebt hatte.

Hätte ich sie über Bord geworfen, hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Ließ ich es gewähren,

was sie ausmachte, wurde ich mit vielen Irritationen konfrontiert, die ihrem Eigensinn entsprachen.

Frau Riturn war die Empfehlung einer Arbeitsvermittlung, die nicht hier am Ort tätig war, sowie sie.

Ich vergesse nicht den Aprilmorgen, an dem Deborah Lennard durch Frau Riturn im Laden eintraf.

Allerdings weniger aus dem Grund, dass sie es war, als mehr im Zutun unserer neuen Sekretärin,

Frau Riturn, weshalb sie plötzlich erschien. Eine heilige Närrin nannte sie mein fürsorglicher Vater.

Frau Riturn konnte gute Briefe schreiben, hatte eine vornehme Wortwahl gegenüber den Kunden

und feine Manieren beim Bedienen. Sie konnte nicht mit Geld umgehen, dass auf ihrer Bank war

und von mir überwacht wurde mit einem Taschengeld, das ich ihr gab, mit dem sie nicht auskam.

Hätte ich ihr freie Hand über ihr Konto gelassen, wäre sie obdachlos geworden, davor verhungert

und verdurstet und hätte bei einigen Firmen im Inkasso gestanden. Ihre Tochter lebte beim Vater,

wohin das Schulmädchen geflüchtet war, was kein richterliches Urteil war sondern Sandys Wille.

Das Gericht hatte im Nachhinein erkannt, dass es sein Fehler war und gewährte die Entscheidung.

Verständlicherweise kam die junge Maggi nicht besonders gut mit Frau Riturn aus. Doch hatte in

manchen Dingen das Geschäft Vorrang. Ich versuchte ihr zu erklären, dass dies im Verkauf dazu

gehörte, mit den Kolleginnen genauso auszukommen wie mit den Kunden. Wenn ich öfter meine

Worte an Frau Riturn richtete zu einem Gespräch, das jeder mit anhören konnte, so weil ich mich

nicht unglaubwürdig machen wollte vor meiner Auszubildenden, weil ich nicht von ihr verlangen

konnte, was ich nicht selbst bewerkstelligte. Währenddessen goss Frau Riturn zum Beispiel diese

Farnpflanzen, die bei ihr bestens gediehen. Sie ordnete die Krüge im Bord neu an und staubte die

Regale zuvor ab. Selten sah sie mich an, wenn ich mit ihr über Geschäftliches sprach. Sie begriff

meine Taktik nicht, sondern nahm mein Beisein als besondere Aufmerksamkeit für sich selbst an.

Sie war sehr von sich überzeugt auf der unantastbaren Art und Weise, die undurchdringlich blieb.

Manchmal traf mich doch ein Blick von ihr, der mich an Mutter Theresa oder Madonna erinnerte.

Eines Morgens hatte ich beim Betreten des Geschäfts an zahlreichen Regalen und auch in meiner

Antiquitäten-Ecke am Eingang gedruckte Karten vorgefunden, auf denen groß geschrieben stand:

Aus Ton gestanzt,

im Ofen gebrannt,

fällt ‘s aus der Hand,

so wird es verbannt.

Ich fragte Maggi verwundert, woher diese Karten kämen. „De kamen heut‘ morjen mit de Post un

Frau Riturn hat se uff jemacht un ran jepappt. Ick nehm‘ an, SIE hat se ham wolln für de Kunden.“

Auf der Rückseite dieser Karten in Größe üblicher Ansichtskarten stand ein Lieferanten-Vermerk:

„Mit freundlicher Empfehlung“. Ich erklärte Frau Riturn, dass ich es im Prinzip für eine gute Idee

hielte, der Text jedoch besser, spezifischer auf das Geschäft und die Waren bezogen sein sollte.

EINE FREUNDIN

In dem Moment bemerkte ich Deborah Lennard an meiner Seite, wie sie mich amüsiert anlächelte.

„Stör ich, David?“ fragte sie. „Falls du zu tun hast, schau ich mich gerne mal um, bis du Zeit hast.“

„Wenn du ein lautes Scheppern und Klirren hörst, brauchst du nur herüberrufen: „Es ist verbannt!“

„Nett, dich hier wiederzusehen, Deborah“, begrüßte ich sie erfreut. Frau Riturn lief beherrscht den

Glas-Weg hinunter und sammelte im Vorübergehen ihre Karten ein, ohne die leise Schadenfreude,

die Maggi zeigte, anzunehmen.“ Darf ich dir ein 42-teiliges Tafelservice anbieten oder einen Napf

für deine Katze, Deborah?“ “Meine Mutter hat am Sonnabend Geburtstag, David. Ich dachte, dass

sie sich vielleicht über ein schönes Stück Porzellan freuen würde. Ich habe gehört, dass du so was

jetzt neben deiner Keramik führst. Ehe ich los dampfe und in Auktionsfallen tapse, nehme ich das

lieber von dir zum reellen Gegenwert.“ Was sie kaufte, war eine Tasse mit Untertasse aus dem 18.

Jahrhundert, die mit einer besonderen Farbkombination auffiel. Sie war facettenreich bunt bemalt.

Ich kannte Deborah Lennard, so wie man in einer Geschäftsstraße voneinander weiß. Ihr Vater an

der Ecke, wenige Läden weiter, handelte mit Sportmode. Ich hatte von ihm meine neue Badehose.

Die Lennard-Familie hatte ihr Gelände nördlich von London nah bei uns. Sie galt als wohlhabend

und fuhr einen Mercedes, oft von Deborah gelenkt. Sie war schlank und hübsch mit zartem Teint,

der gar unecht wirkte und wunderbar mit dem Rotblond harmonierte als schulterlange Haarpracht.

Ich wusste von ihr nicht viel mehr, als dass sie ein nettes Mädchen war, das ich im Konzert erlebt

hatte, wo sie unentgeltlich gesungen hatte für eine lokale Gesellschaft in einer Opern-Aufführung.

Sie gefiel mit ihrer Lebendigkeit und praktischen Art und zeigte besonderes Gefallen an Keramik.

In der nächsten Woche kam sie wieder und kaufte einen blauen Krug, den sie wegen einer Form

mochte, auch wenn er keinen antiquarischen Wert hatte. Sie wollte ihn mit Maiglöckchen füllen.

Das zeigte gutes Urteilsvermögen und ich lieh ihr ein Handbuch über die englische Töpferkunst.

Am folgenden Wochenende lud ich sie in das Restaurant Bill ein. Wir redeten über erste Töpfer,

Künstler in London, und wie Manufakturen im Zeitalter der industriellen Revolution entstanden.

„Wie können wir überhaupt etwas wissen über sie?“ “Es gibt da Hinweise im Gemeinderegister.“

„Wenn manche Namen nicht richtig waren, kann es sein, dass der Gemeindesekretär diese nicht

richtig schreiben konnte oder zum ersten Male im Leben gelesen hatte von wegen Auswärtigen?“

„Also die Arbeiter, auch Handwerker und Angestellten kamen von überall in die Manufakturen.“

„Der Sekretär war zu stolz, Einwanderer nach der richtigen Schreibweise zu fragen“, glaube ich.

Als der Sommer mit dem Weidenlaubsänger kam, die Forsythien schon verblüht waren, sah ich

Deborah wöchentlich und verbrachte mit ihr mehr Zeit, als ich derzeit mit Birgit verbracht hatte.

Mein Vater mochte sie besonders gern, dass er ihr sogar mal ein weißes Alpenveilchen schenkte

für ihr Gewächshaus, was sonst nicht seine Art war. Er verstand das sonst als buhlen und wollte

in Anbetracht des Gentleman, der englischen Höflichkeit der jungen Dame nicht zu nahe treten.

Ein Nachbar von uns der einstigen Grafschaft wurde von seiner Gattin nur wegen seines Geldes

geheiratet. Seitdem versuchte er, auf ähnliche Weise an die Liebe junger Mädchen zu gelangen.

Deborah bekam sein weißes Alpenveilchen mit, weil es ihr so ausgesprochen gut gefallen hatte.

Eine Galanterie zu dem Mädchen, das seine Tochter hätte sein können, wäre würdelos gewesen.

Von der englischen Land-Töpferkunst ging Deborah auf das feine Porzellan über und begleitete

mich auf Auktionen. Einmal triumphierte sie bei ihrer Ersteigerung eines Tellers zum günstigen

Preis als angepriesen. Sie sprang fröhlich hoch und gab mir rechts und links einen Wangenkuss.

Das war für mich nichts anderes als das Applaudieren in sichtbarer und hörbarer Versteigerung.

Sonst zeigte sie in ihrem Benehmen nicht irgendetwas Zärtliches oder sogar Besitzergreifendes,

was in meine Gedankenwelt zu ihrer Person eindrang. Sie schien ungebunden und ihr Verhalten

war gleichbleibend freundlich und nichts, was sie sagte oder tat, wies darauf hin, dass sie unsere

Beziehung enger hielt als andere, die sie kannte, zu Opernfreunden, Freunden ihrer Internatszeit.

AM SEE

Eines schönen, warmes Sommerabend holte ich sie von einer Gesangprobe ab und fuhr uns zum

leichten „after-eight-dinner“ in ein kleines Lokal. Anschließend badeten wir in einem nahen See,

was sonst wie verboten war, nur zur Erfrischung. Die Schwüle der Jahreszeit überwanden wir, so

dass es uns danach gleich besser ging nach dem anstrengenden Tag mit einem letzten Auftakt im

stickigen Pub-Lokal, das sonst recht angenehm war. Doch heute blieben diese Casablanca stehen.

Es war eine ihrer spontanen Ideen, ein gemeinsames Bad im wenig besuchten Teich mit Forellen.

Eine halbe Stunde später saß Deborah fröhlich neben mir und frottierte sich energisch ihre Haare.

Plötzlich warf sie das Handtuch über die Schultern, schlang beide Arme um meinen Hals, wobei

sie mich auf den Mund küsste und mit Spontanität rief: „David, ich liebe dich! Wie sehr ich dich

liebe!“ Die Aufrichtigkeit und Emotionalität waren schön und offenbar sowie ein blühender Baum.

„Ich würde alles für dich tun, ja alles! Du bist einfach wunderbar! Ich will dir meine Liebe zeigen!“

Es war richtig zu erkennen, dass es sich um keinen geplanten Feldzug handelte, der schon lange

Zeit im Voraus feststand. Ich vermutete, dass es sie selbst überraschte, sich mir so zu offenbaren.

Was hielt mich zurück? Warum erschreckte es? Was nur? Aber nein, das gibt es nicht. Es wirkte.

Die Situationen, wenn eine Birne durchknallt oder ein Hund zubeißt, wie die Ahnung, wenn man

das auch nicht bewusst gesehen hat, dass man wusste, warum das passierte ist wie Vorwissen.

Keine moralischen Gründe hielten mich ab und keine Vorurteile zu einer liebenswerten Freundin.

Liebe ist etwas, für das du dich nicht mit der Waage entscheidest, sagte mir meine innere Stimme.

Es ist das, was dich ergreift und in Besitz nimmt, auf Gedeih und Verderben wie alles oder nichts.

Es war eine spontane Eingebung aus meinem eigenen Selbst und überraschte mich mehr als sie.

Ich kann mich an die nächsten Worte nicht erinnern. Ich glaube, ich sprach von dem Abenteuer,

dass meine Gefühle Tiefgang bräuchten, wenigstens unberechenbarer sind als so ein Erlebnis.

Es gab keine Kränkungen, kein Aufruhr, keine Tränen ihrerseits, dazu war Deborah viel zu nett.

Jenem aufrichtigen Mädchen, das körperlich anziehend war, hatte ich ihr Liebesangebot entsagt.

Wie schon erwähnt, sie war aufrichtig, reizend, unabsichtlich in ihrer Inbrunst und Hilflosigkeit.

Sie hatte Besseres verdient. Aber wie höflich und rücksichtsvoll sie war, dass sie meine Abkehr

tapfer ertrug und nichts Verletzendes erwiderte, sollte sie sich wirklich derart beherrscht haben?

Der Künstler versteht selten ganz das Material, aus dem er schöpft. Das war in ihrem Fall nicht

vorhanden oder zu erkennen. Ein hilfloses Blatt im Wind, das plötzlich aufgewirbelt worden ist.

Ich spürte im Körper und Kopf viel von dem, was auch Deborah fühlte, aber das ging nicht tief.

Es lag oberflächlicher. Ob als Glück oder Unglück betrachtet, wollte ich mehr, als sie aufzeigte.

Die zwingende Erregung des Unbekannten, die zitternde Faszination ganz nah der Befremdung,

im Juni ein junger Mann und sein Mädchen, das ihn zum Prinzen erkor, baden heimlich im See.

Das war es nicht, weder für mich noch ganz für sie. Darum hatte ich keine Verlegenheit für uns.

Mein Widerwille erschien mir selbst wie ein Schock oder Mysterium. Ich hatte sie so abgelehnt.

Was für ein Snob. Ich war kein Snob. Der Snob ist oberflächlich. Ich blieb genau das Gegenteil.

Es war enttäuschend, wahr, schmerzlich. Wir sollten es so schnell wie möglich vergessen haben.

Unsere Beziehung war natürlich nicht mehr wie vorher. In welche Richtung hätte sie nun gehen

sollen? Es stellte sich immens heraus, dass meine Grübeleien von diesem ernsthafteren Ereignis,

überschattet wurden, was anderes zur Seite schob. Im Hochsommer wurde mein Vater todkrank.

DER TOD MEINES VATERS

Ich kann es kaum ertragen, mir diesen Jammer nur kurz in mein Gedächtnis zurückzurufen oder

meine letzten Erinnerungen an die Krankenhauszeit in der Gegenwart meines Vaters zu wecken.

Ich schnitt ihm Zeitungsartikel aus, um die er mich bat, sie ihm vorzulesen, bis er dann abbrach:

„Für heute ist es genug, mein Sohn. Ich bin jetzt zu müde, um andere Neuigkeiten aufzunehmen.

Ich danke dir für dein Kommen und freue mich, dich morgen zu sehen.“ Dies gab es nicht mehr.

Die behutsamen Worte des Oberarztes, dass es für Vater auch eine Erleichterung gewesen wäre.

Dieses oft sowie unverhoffte „nur mal auf den Sprung Vorbeikommen“ von Anton, der sich sorgte.

Der berührende, Tränen lose Mut meiner Mutter, der von Georgia mitgetragen wurde. Sie reiste kurzentschlossen zu uns mit einem Stapel von Prüfungsarbeiten, die von ihr zensiert und zurück

gesendet werden mussten. Es war vor Ende des Schuljahres, während sich andere auf die Ferien

freuten. Der Krankenhausgeruch, an den ich mich gewöhnt hatte, den ich mit nach Hause nahm.

Stetig und ständig das Gefühl, dass wir in den Strom geraten sind, der uns immer weiter abtreibt

und alles von uns wegträgt. Soweit, bis es kein Entrinnen mehr gibt, bis er über jenes Wehr zieht

und wir gleich Borken im Strom vergehen, ohne zu wissen, wann für uns ein neues Ufer kommt.

Woche für Woche verging, und mein Vater wurde weniger und weniger. Es war nicht der Mann,

den wir einmal gekannt hatten. Es war wie das Grinsen einer Katze,- und das, verdammt, behielt

er bei, bis er war wie der letzte Sonnenrand am Meereshorizont. Ehe sein endgültiges Ende kam,

hatten wir genügend Zeit, uns an die Situation zu gewöhnen. Der Standesbeamte, Anton so gütig

und verständig, der Bestattungsunternehmer, die Briefe entfernter Verwandter. – Ich war mit der

Zeit auf sie alle gefasst. Am Morgen des Begräbnisses trat ich hinaus und schnitt die Dahlien ab,

jede einzeln stehende Rose. Es geschah nicht in voller Absicht. Eher gehorchte ich einer inneren

Eingebung. So etwa wie ein unbewusstes Echo auf die alten Griechen, die sich ihr Haar schoren.

KERAMIK & ANTIQUITÄTENHANDEL - 3. KAPITEL -

Der Verlust eines Elternteils katapultiert einen in die nächste Generation rein. Mich belastete zu

wissen, dass es bald aufwärts gehen musste, wenn nicht das Ganze ins Rutschen kommen sollte.

Ich meine, es war Einstein, der Arbeit als eine willkommene Schmerzlinderung bezeichnet hatte.

Der König ist tot. Dem tröstlichen Prinzen täte es gut, sich zusammen zu raffen, bevor die Hölle

los ist. Neue Anforderungen an mein Dasein bedeuteten, übrige Dinge nicht entgleiten zu lassen.

Ich sortierte einen Stapel liegen gebliebener Rechnungen nach Faktura, die zu begleichen waren.

Zuerst überwies ich eine beträchtliche Summe an das Bestattungsunternehmen dieser Gemeinde.

Dann beantwortete ich die Beileidsbriefe. Erklärte Frau Riturn den Unterschied von Händlern zu

Privatpersonen, die ein Kaffee-Service los werden wollten, weil es ihnen jemand geschenkt hatte,

der ihren Geschmack nicht kannte oder dies Service an die Schwiegermutter erinnerte, die keiner

leiden konnte. Ich lud meine Mutter zu einem Konzert ein und wollte mit Georgia zum Abschied

von unserem Vater sein Lieblingsstück: „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi noch einmal erleben.

Ich grub die Astern aus, düngte das Beet neu und bereitete die Erde für winterharte Pflanzen vor.

Es war harter Boden, den ich mit der Hacke auflockerte, bis ich den Spaten fest ansetzen konnte.

Ich brachte Frau Jane das Buch zurück, das sie mir vor sechs Monaten geliehen hatte und dankte

Sonntagsvormittag Anton für die Umsicht und Anteilnahme in dieser sehr langen, traurigen Zeit.

Außerdem dankte ich für den schönen Blumenkranz der Gemeinde auf dem Grab meines Vaters.

Es war ermüdend, ein Haufen Arbeit, der gleichzeitig die Nutzlosigkeit und Trivialität des Tuns,

das nach einem Verstorbenen folgt, widerspiegelte. Ein Fortgang im Gedächtnis, der Erinnerung

einer geliebten Person, der man noch einmal gerecht werden will und der bloßen Selbsterhaltung.

Wer jemals damit zu tun hatte, weiß, was ich damit sagen will. Falls solches Verhalten jene tiefst

empfundene Reaktion auf den Verlust des Vaters zu sein scheint, kann ich nur sagen, das war so.

Ich habe Schlimmeres gehört, die Ehefrau seines Stammkunden hätte nach dem Tod ihres Vaters

sein altes Auto, das sich 20 Jahre als solide Familien-Kutsche bewährt hatte, schrottreif gefahren.

In dem Roover seien ihre beiden Kinder groß geworden. Ein Vorfahrt-Fehler, und es krachte nur

so, dass einzig zerknautschtes Blech übriggeblieben wäre. Die Versicherung zahlte noch 1000,-€.

In einem anderen Fall hätte die Mutter eines Auktionärs gänzlich drei Schachteln Schlaftabletten

geschluckt mit einer Flasche Weißwein. Drei Tage später wachte sie auf, weil sie zwar schon im

Koma, doch am Leben war, die Pillen erbrochen hätte, bevor sie wirkten. Sie vertrug diese nicht.

Mein Vater war und bleibt der beste Mensch, den ich kennen gelernt habe. Wäre er zu einer Zeit

gestorben, nicht zu dieser, wäre es in etwa anders gekommen. Die Uhren wurden zurückgestellt,

bis zum nächsten Frühling konnten wir eine Stunde länger schlafen. Chrysanthemen verblühten.

Die zielbewusste Natur kann weit kommen und Hindernisse überwinden mit dem Heiligen Geist.

Langsam kehrte die Normalität wieder. So begriff ich, dass ich Nachfolger eines Geschäfts war,

das mir mein Vater anvertraut hatte. Es war solvent mit jenem großen Lager und reichen Kapital.

In Jahren hatte ich Zuversicht gewonnen, mit Investitionen, Gläubigern, Schuldnern umzugehen.

Neu war für mich das Gefühl, ein Steuerrad und das Kommando überreicht bekommen zu haben.

Mein Vater war ein vernünftiger und bewundernswerter Geschäftsführer gewesen. Ich zweifelte,

ob ich genauso gut sein würde. Doch was war gut, fragte meine innere Stimme. Keramik ist eine

Gabe des Menschen an Gott. Die Kunst, die wir ihm zurückgeben aus der uns anvertrauten Erde.

MUTTERS ANGEBOT

Ich war dafür verantwortlich, dass der Mensch das Beste bekam und lernte, was es überhaupt ist.

Es dauerte bis zum nächsten Frühling, dass ich mein neues Projekt wagte, die Hälfte des Ladens,

des Kapitals sowie Zeit in hochwertige Keramik und Antiquitäten zu investieren. Ich besprach es

mit meiner Mutter, weil das auch ihren Lebensunterhalt bestritt. Ihr Glaube an mein Gelingen im

Ganzen bestärkte mich. Sie erinnerte mich daran, den wichtigen Geschäftsteil nicht zu vergessen.

Wir wussten beide, dass unser neues Vorhaben in der Umsetzung schwierig sein würde, einfache

Steingut-Ware als Partien für den Einzelhandel und Antiquitäten, Rares auf Auktionen ersteigert.

Das wäre die Verbindung eines Außendienstlers mit einem Einzelhändler in seinem Geschäft, ob

das überhaupt ginge und nicht Überanstrengung sei mit der Azubi Maggi und der wirren Närrin?

Meine Mutter setzte sich auf die Sessellehne und strich mir über den Kopf wie als kleiner Junge.

„Ich wüsste da einen, der für den Laden geeignet wäre“, sagte sie. „Eine Witwe, die in Wahrheit

nicht den ganzen Tag allein herum sitzen will. Sie hat schon einige Erfahrungen auf dem Gebiet,

wenn das auch schon dreißig Jahre her ist. Ich glaube nicht, das man sie dafür bezahlen müsste.“

Als sie mich ansah, fügte sie hinzu: “David, sei nicht kindisch. Es gibt keinen Grund zu Tränen.“

INTERNATIONALES GESCHÄFT

Ich inserierte in allen Lokalzeitungen der Umgebung und in Fachzeitschriften für Antiquitäten, die

von internationalem Rang waren. Sie wurden in London sowie in den USA gelesen. Die Kontakte,

die damit geschlossen wurden, waren Gold wert. Meine Mutter und ich bekamen Einladungen und

Besuche von Amerikanern, die eine Leidenschaft für meine Sammlungen zeigten, die sich allerorts

sehen lassen konnten. Maggi erlebte bei den Amerikanern einen Aufstieg, weil ihre einfache, naive

Art in der Beratung sehr beliebt war. „Sen se mal, det nennt man hier Falter wie „Batterflei“ un det

Blumen wie „Flauer“. Sie waren fasziniert von ihr. Maggi steckte oft ihr großzügiges Trinkgeld ein

und bedankte sich mit einem kleinen Knicks und breitem, natürlichen Smiling. Man hätte sie gern

in ein schickes Kostüm gepackt, dass sie dem amerikanischen Kitsch genauer entsprochen hätten.

Wie glücklich scheinen mir heute jene Tage. Wie schnell waren alle Ängste und Zweifel vergessen,

dass ich es nicht schaffen würde in der Zeit. Wenn ein Unternehmen nach zwei Jahren Fuß gefasst

hat in seiner neuen Orientierung und man rückblickend unverhoffte Erfolge verbuchen konnte, sind

die Anstrengungen wie verflogen, kaum noch wahrnehmbar in dem Bewusstsein des wachen Eifers,

die Trefferquote zu erhöhen. Im tiefen Schlaf und in meinen Träumen spiegelte sich anderes wieder.

EIN ALBTRAUM

Es war Frau Robin, die ich seit meiner Internatszeit nicht mehr gesehen und vergessen hatte, die

im Traum splitternackt, wunderschön wie früher, mir entgegen getaucht kam in dem tiefen Wasser.

„Hallo, David“, rief sie. „Können Sie nicht noch mal tauchen,- nur für mich? Sie brauchen es nicht,

wenn Sie nicht wollen. Doch ich hoffe, Sie tun es.“ Gieriges glitzerte auf ihrem Körper und Gesicht

wie damals in ihrem Salon, mit einem Gefühl von gleichzeitiger Erregung und bösester Vorahnung,

die für mich nicht begreifbar war, tauchte ich nur ihr zuliebe noch einmal hinab. „Tiefer“, schrie sie

und „Ja, richtig! Oh, Sie sind wunderbar!“ Während sie es ausrief, befand ich mich auf dem Grund,

dem Meeresboden, der mit Trümmern von zerschmetterter Porzellanware übersät war, Schiffbruch

meines Geschäfts mit zerstreuten Rechnungen, offenen Schränken, zerbrochenen Fenstergläsern.

Ich fand das nicht toll und tauchte schleunigst wieder hinauf. Darauf erblickte ich eine zweite Figur

in dem wolkigen Dunst, die augenscheinlich in dem Unrat herumkroch und krabbelte wie ein Kind.

Es war nicht Frau Robin sondern ein dreijähriges, kleines Mädchen, das sich seinen Weg bahnte.

Als ich näher geschwommen kam, hörte ich ein bitteres Weinen. „Wer bist du?“ fragte ich. „Was?“

„Der Weg ist so weit durch das Meer. Ich suche meine Mutter“, klagte sie jämmerlich. Dann sah

ich Verwesung an ihrem kleinen Körper sowie blauschwarze Flecken seiner üblen Misshandlung.

Sie musste schon Wochen unter Wasser sein. Ich ergriff diese Hand, die nicht mehr fassbar war.

„Komm‘, ich führe dich zu deiner Mutter.“ Ich drehte mich um und sah nur noch ein Quallen-Bild.

Kreischend wachte ich auf. Auf der Bettkante saß meine Mutter und versuchte, mich zu beruhigen.

„David, du bist überarbeitet, du brauchst unbedingt Ruhe, wach‘ auf.“ „Du hörst es nicht“, rief ich.

Ich erzählte ihr den Traum, wobei ich wie ein Kind schluchzte. Sie beruhigte mich, wie sie konnte,

schüttelte mein Kopfkissen auf, brachte mir heiße Milch mit Rum und verharmloste diesen Traum.

„Du darfst dich von einem Traum nicht ängstigen lassen, David, Träume sind oftmals unwirklich.“

Sie hielt eine Tasse Tee in der einer Hand. Mit der zweiten drückte sie zuversichtlich meine Hand.

„Du solltest dich erholen von den letzten Anstrengungen. Vielleicht schläfst du einfach bei mir für

zwei Nächte. Da ist niemand, der uns auslachen könnte.“ Daraus wurden drei Nächte, die mit Puh,

dem Bären und dem zusammen Lesen in Fix & Foxi- Heften vor dem Licht ausknipsen tatsächlich

halfen, meine innere Ruhe wiederzufinden. Ich schlief viel tiefer und fester bei ihr, was mir gut tat.

Zwei Jahre stand ich ständig unter Entscheidungsdruck mit der Angst zu versagen oder das Kapital

falsch anzulegen. Wenn da nicht meine Mutter gewesen wäre. Sie wusste, welche Sorgen es waren,

die mich vereinnahmten, dass ich gereizt reagierte auf den Durchzug, nervös nicht schlafen konnte.

Abstoßend ekelig nagte der Traum an meinem Verstand. Ich sprang am Schreibtisch vom Stuhl auf

und rief aus: “Moment mal, so nicht!“ Als wollte ich das Traumbild wie einen Spiegel zerschlagen,

meine unerträglichen Gedanken mit aller Gewalt unterbrechen: „Moment, so doch wirklich nicht!“

Zeitweise dachte ich ernsthaft darüber nach, den Psychiater aufzusuchen, der Träume deuten kann.

GEORGIAS HOCHZEIT

Das schönste Ereignis in diesem Sommer war Georgias Hochzeit, die schon Monate vor dem Tod

meines Vaters stattgefunden hätte, da sie, in Maggis Worten gesprochen, „ in festen Händen war“.

Jeder mochte Henry York, den beliebten Lehrer, der das Zeugnis zum künftigen Schulrektor hatte,

und ein vortrefflicher Golfspieler war. Ich konnte mit ihm eine Unendlichkeit von Zeit vergeuden,

ohne dass mir langweilig wurde. Nachts brüteten wir vor einem Schachbrett, bis Schachmatt kam.

Wenn für Georgia natürlich keiner gut genug gewesen wäre, machte ich bei Henry die Ausnahme.

Meine Mutter bemerkte: „Ihn würde sogar ich heiraten!“ Henry war Vater in seiner Art ähnlicher,

als wir es vorher gemerkt hatten. Anton hielt große Stücke auf ihn und führte eine Predigt leichter

im Inhalt, als es sonst bei Hochzeiten üblich ist, dass einige Gäste anfingen, über beide zu lachen.

Kein Schwermut, kein Bann des Lebens, keine Verlegenheit, ohne wenn und aber, viel lustiger.

Vielleicht hätten ihre eigenen Schüler darüber gelacht. Doch lag ihre Hochzeit in den Schulferien.

Er meinte, dass sie in der unvollkommenen Welt gewiss nichts Besserem mehr begegnen würden,

als sich selbst zur Vervollkommnung wie geschaffen und zur Freude ihrer Kinder. Vierzig Kinder

der Gegenwart hätten sie bereits als Schüler glücklich gemacht. Das Zehntel käme vielleicht dazu.

Gott wollte von Abraham ein Zehntel. Er schützte seinen einzigen Sohn Isaak auf dem Opferaltar.

Manchmal war es für die Gläubigen schwierig, die Aussagen von Anton richtig nachzuvollziehen.

Georgia war von dem Tod unseres Vaters genauso betroffen gewesen. Nicht mal unsere Mutter in

ihrem ganzen Leben hätte ihn mehr geliebt haben können als sein kleines, zierliches Töchterchen.

Die Hochzeit war ihr persönlicher, neuer Auftakt in ihrem Leben mit einem Gloria an ihren Vater.

Als Georgia aus dem Hauptportal der St. Christophorus Kirche trat und der Glockenturm bebte in

dem stürmischen Dreiklang, dass mit nachhaltigem Echo bis zu dem Nachbar-Dorf an dem Hügel

seine Einwohner wussten, meine Schwester Georgia hatte geheiratet, war sie sehr glücklich dabei.

Der frische Wind hatte diese Nachricht herüber geweht und man hörte die Glocken noch im Dorf.

Nachdem sie still geworden waren, starteten Auto-Kolonnen, laut hupend, die jenem Paar folgten.

Das Auto, dessen Steuer ich hielt, rollte an einem Hügel gemeinsamer Kindheitserinnerungen für

Georgia vorbei, während ich meiner Mutter zuflüsterte: “Du hast heute Glück und darfst weinen!

Deine Georgia hat uns heute die Ehre bereitet wie an dem Tag, als ihr einfiel, zu uns zu kommen.“

Nachdem alle gegangen waren an diesem Abend und wir ein leichtes Nachtmahl zu uns nahmen,

sagte meine Mutter zu mir: „Ich hoffe, deine Hochzeit wird mal genauso schön wie diese, David.“

Dann hielt sie inne wie oftmals, wenn sie merkte, dass es sich nach Beeinflussung anhören sollte.

Sie fügte beiläufig in Nonchalance dazu: „Ich meine, wann immer das auch sein wird oder nicht.“

Sie hat sich verhaspelt, dachte ich. Sie wäre nicht drauf gekommen, dass ich vielleicht überhaupt

nicht heiraten werde, weder früher noch später, doch ich ließ das einfach mal so im Raum stehen.

MEINE VERWIRKLICHUNG

Ich war hinter etwas Wertvollerem und Wichtigerem her, wie es sich bald für mich heraus stellte.

Dies Glücksspiel hatte nichts mit Geld zu tun und nichts mit irgendeiner Art Standesbewusstsein.

Vier Jahre nach dem Tod meines Vaters war ich aus dem Gröbsten heraus und arbeitete gelassen,

nicht weniger sondern entspannter. Dieser Drang, das unbedingt zu erreichen, hatte sich beruhigt.

Mein wahres Ziel kam näher in neuem Bewusstsein,- in reiner Arbeit aufzugehen, nicht im Profit.

Unser Umsatz war beträchtlich zurückgegangen, weil wir ein kleines Lager führten von Keramik

als Haushaltsgeschirr,- Gläser und Nippes für den alltäglichen Gebrauch. Doch auch, weil es sich

herum gesprochen hatte in unserer Gegend, dass wir uns für soliden Bedarf kaum noch zuständig

fühlten. Ich war so abgesichert, wie es ein Antiquitätenhändler nur sein konnte ohne Eigenbedarf.

Ich trug alte Kleidung und kaufte mir kaum Neues. Aus unseren zwei Autos war eines geworden.

Kleine Extravakanz stellte ich ein, sowie diese meines Vaters, jedes Jahr neue Dahlien zu kaufen.

In den 14 tägigen Briefen von Georgia fragte sie mich: „Gesund geschrumpft?“, die wir bejahten.

Gewiss hatte ich Kapital, eine beträchtliche Summe sogar. Die hielt ich wie Munition zusammen,

und achtete darauf, dass jeder Schuss mein Treffer wurde. Mittlerweile wusste ich über Porzellan

aus früheren Jahrhunderten bestens Bescheid, mehr als manche Historiker und erfahrene Händler.

Ich lernte, mein neues Wissen gezielt einzusetzen, um es international „an den Mann zu bringen“.

In der Zeit kaufte ich eine bekannte Statue, die beschädigt war, das Milchmädchen von Reinecke

und verzichtete auf eine Restauration der abgebrochenen Einzelteilen wie Hände und Kuhhörner.

Meine Entwicklung verlief sehr individuell, womit ich in aller Welt die Kunden als Freunde gewann.

Der Welt die eigene, persönliche Freude zu verkaufen und davon zu leben, egal ob bescheidener,

erträglicher oder wohlhabend, gibt es ein größere Freude? Ich freute mich auf meine Besuche bei

Bekannten in Kopenhagen. Ich brauchte auch kein Hotel mehr, sondern wurde eingeladen, direkt

in ihrem Haus im Oberstübchen zu übernachten. Morgens beim gemeinsamen Frühstück redeten

wir über die selbst gemachte Rhabarber-Marmelade, die ich mir auf frischem Toast in den Mund

schob, über die seichte Brise, die in Meeresnähe oft weht, über die beste Auswahl an königlicher

Porzellan-Ware aus Kopenhagen und dass ich eine Sekretärin bräuchte, die deutsch, dänisch und

englisch spricht sowie in Kurzschrift schreibt, gleichermaßen das Maschine schreiben beherrscht.

Es war zum Vorteil, dass ich fließend dänisch sprach. Eine Korrespondenz in drei Sprachen wäre

sehr zeitaufwendig gewesen in Anbetracht des Stapels von Geschäftsbriefen, die prompt Antwort

erwarteten, weil sie direktes Kaufinteresse zeigten für eigene Sammlungen im Antiquitätengenre.

HERR LARSON

Jani und Lotta Dahl gehörten zu meinen besten Freunden in Kopenhagen, ein dänischer Verleger.

Ich wollte vor unserer Fahrt ins Blaue, zum Meer und den Dünen nach Fünen, aus der Stadt raus,

die Lotta für ein langes Wochenende arrangiert hatte, meine Korrespondenz noch erledigt haben.

Jani setzte sich mit einem Carl Larson in Verbindung, einem Exporteur für Landwirtschaftliches,

der ein alter Bekannte von ihm war. Er hatte mit dem Künstler Carl Larson nichts zu tun. Bei der

Bilder-Ausstellung seien sie sich begegnet in der Komik eines Namensvetters dieses Schwedens.

Es war ein Beispiel für die dänische Kontaktfreudigkeit, die im Prinzip Länder übergreifend war.

Jani meinte, dass er jemanden wüsste. Ein Mädchen für englische, dänische und deutsche Briefe,

wenn er nicht zu schnell diktierte. Ich dankte und machte mich auf den Weg zu Herrn C. Larson.

Er war in heiterer Stimmung, grauhaarig und von kräftiger Statur. Mit Neugierde blickte er mich an.

Jani sprach ansonsten salopp von Calle, der gern feiert und keine Partys oder Events auslässt.

Genauso erlebte ich ihn. Äußerlich in keinem Businessdress, sondern lässig elegant und herzlich

in seinem Willkommen, er wirkte, als wenn ihm die sture Arbeitsweise genauso verhasst sei wie

unpersönliche Treffen. Seine Geschäfte mochten aus very good connections bestehen, important.

Gesellschaftliche Verbindungen, die erst im Nachhinein gutes, wirtschaftliches Interesse zeigten.

Er sprach Englisch nur etwas schlechter als Dänisch: „Sie werden Frau Fröhlich hervorragend

finden. Sie spricht besser englisch als ich. „Aber nein!“ “Lange ist es her, da war ich in London.“

Wir schwatzten in beiden Sprachen und unterhielten uns bestens. Als ich an die Arbeit erinnerte,

„Haben Sie viele englische Briefe?“ “Vier oder fünf sind es.“ “Vielleicht sprechen Sie langsamer.“

„Übrigens, was die Bezahlung angeht und Ihre -“ „Es kommt nicht in Frage, ganz und gar nicht.“

„Aber ja doch! Wirklich, ich muss wenigstens Ihnen oder ihr etwas bezahlen -“„Kommt nicht in

Frage, auf keinen Fall, das ist das Wenigste, wenn wir einem Engländer und Jani helfen können.“

In meinem Gedächtnis machte ich mir die Notiz, dass ich ihm eine Flasche Bordeaux mitbrächte.

Was nur für Frau Fröhlich? Ein Parfum? Ein Seidentuch? Warum ließ er mich sie nicht bezahlen

im Stundenlohn oder in einem Pauschalpreis? Besser, ich fragte Jani nochmals, was man solcher

Dame schenken könnte. Wenn sie so gut in englisch war, ohne in England gewesen zu sein, eine

Antiquität für ihre Vitrine? Vielleicht war sie von alter Schule, vornehmer Zunft oder verwöhnt?

Carl Larson führte mich in ein Zimmer, das an sein Geschäft erinnerte mit Büchern über Rinder-

Zucht und Getreide-Anbau. Antike Möbel füllten den Saal, in dem ich sie gleich erwarten sollte.

Als es an der Tür klopfte, sagte ich: „Kom ind!“ Und dann, um kein Missverständnis -, „Herein!“

EINE UNVERHOFFTE BEGEGNUNG - 4. KAPITEL -

Was waren meine ersten Gefühle und Gedanken, als sie den Raum betrat? Wahre Gefühle lösen

Gedanken aus. Rückblickend redet man sich alles Mögliche ein, was durch spätere Erfahrungen

hinzu gedichtet wird, meist wird dies dramatischer, als es im Vorfeld war. Das liegt im Menschen,

seine Sensationslust und Dramaturgie, egal ob auf dem mittelalterlichen Schauplatz, derzeitigen

Medien oder in Shakespeares Dramaturgie. Was hätte Shakespeare ohne das banale Verlangen

gemacht? Well, ich war solch ein Engländer, der im Prinzip schlecht an Shakespeare vorbeikam.

Trotzdem muss ich sagen, dass ich schon damals was verspürte, das schwer zu beschreiben ist.

Vielleicht ein Bewusstseinssprung auf eine andere Ebene, einen plötzlichen Wechsel im wahren

Geschehen. Sowohl in der Eigenart meiner Aufmerksamkeit als auch im unmerklichen Moment

und Verstreichen eines Augenblicks, rückte die tatsächliche Umgebung, das Arbeitszimmer wie

dieser Stapel Briefe auf meinem Tisch in den Hintergrund, dass die Zeit wie durch eine Linse in

die Vergangenheit führte aus der Gegenwart, als ob ein Duft oder Klang nicht nur an die frühere

Zeit vor fünf Jahren oder an die Kindheitszeit erinnert, sondern uns wirklich dahin zurück bringt.

Der Blick durch ein Kaleidoskop oder durch eine Linse in die Ewigkeit, die uns sonst fremd war.

Es war nicht mehr der Tag und Ort, den ich gerade zu erleben meinte, sondern ganz woanders.

Lautlos war die nie erprobte Linse eingerastet auf die vorher niemals wahrgenommene Realität.

Ich blinzelte mit offene Augen und sah durch das helle, verblendende Licht, dass sie schön war.

Ich habe später über dreißig Leute gehört, die gesagt haben, dass sie schön sei. Sicher bin ich

einigen Frauen begegnet, deren Schönheit ich distanziert wahrgenommen hatte, für einen Sinn

und die Augen. Wegen des guten Tons wurden sie oft gelobt, sowie ein Konzert in Anwesenheit

des Publikums von der unmusikalischen Person gehört wird. Sie waren schön, wie es üblich war.

Nicht nur ihr Gesicht und Körper waren schön, ihre Haltung und Bewegungen galten königlicher

als am Hofe. Sie war graziös und elegant in aufregender Erscheinung unheimlicher Weiblichkeit.

Doch auch das hätte nicht den Riss durch den Tag in jenem Arbeitszimmer verursachen können.

Etwas Überwältigendes umhüllte sie wie ein unsichtbarer Schleier, der undurchdringlich blieb in

seiner Unfassbarkeit. Woraus bestand dieser Nimbus? Aus dem abgehoben Sein des entfernten

Jenseits, das mich zu ihr aufblicken ließ, wobei ich schon von meinem Stuhl aufgesprungen war.

In ganzer Erregung beobachtete ich sie wie durch ein Fernrohr und nahm die innere Fröhlichkeit

sowie äußere Wachsamkeit wahr, sie belustigte sich insgeheim über mitmenschliche Reaktionen.

Und da gab es noch etwas anderes, Zigeunerhaftes, Heidnisches, beunruhigend, mehrdeutig, das

sich nicht vom Diktat einer zivilen Bürgerlichkeit unterdrücken ließ, ohne Barmherzigkeit wie ohne

einen Skrupel würde es sich nicht einem erzwungenen Zusammenleben freiwillig unterordnen. In

dieser Hinsicht glich sie einem Leoparden, dessen Schönheit gleichermaßen gefährlich wurde für

denjenigen, der ihm zu nahe kam. Es wäre lebensbedrohlich, ihn wahrhaftig einfangen zu wollen.

Sie habe die Peitsche, gewiss, doch sie wären besser auf der Hut. Denn das Wunder, das ihnen

in die Falle gehen soll, um ihnen Gewinn zu bringen, ist tödlich. Es teilt ihre raffgierige Sicht nicht.

Keiner weiß, was es denkt, wie es fühlt, kennt nichts von der Vorsicht und Abwägen von Kosten.

Niemand weiß, wovon es weiß, wenn es gleichgültig an den Stäben vorübergeht sowie abwesend.

Zum Teil ist es erschreckend wachsam und weiß genau um den Einbruch mörderischer Unschuld.

Doch in diesem Moment waren jene Dinge lauter explodierende, zerberstende Teile einer Rakete,

die wie zu Sylvester als bunte, leuchtende Sterne am Himmel verschwanden im nebeligen Schein.

Ich hätte im Nachhinein nicht sagen können, wie viele Sterne es waren oder gar in welcher Farbe,

nachdem die Rakete verglüht und mich geblendet zurück gelassen hatte. Nur eines war mir dabei

klar, die Gegenwart dieses Schreibmädchens war die unermessliche Gunst, die mich ja erstmalig

im Leben eine Frau sehen und erleben ließ und deren Umkehrschluss, ich sah noch nie eine Frau.

Ich habe nicht die geringste Erinnerung an ihre Kleidung. Sie sprach mich zuerst auf englisch an:

„Sie sind Herr David?“ Mir war nicht klar, ob sie meinen Nachnamen nicht kannte oder sie jenen

absichtlich unerwähnt ließ, gar vergessen hatte. „Ja, das ist richtig. Und Sie sind Frau Fröhlich?“

„Sehr nett, dass Sie mir bei jenen Briefen helfen wollen.“ “Mit Vergnügen.“ “Bitte setzen Sie sich.“

Alltägliche Wörter, geeignet wie andere auch, um sich einander bekannt zu machen, Konventionen.

Diese Neonfische im Aquarium von Carl Larson flimmerten vor meinen Augen. Während sie umher

schossen, versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen und sah ihnen genau zu, wie sie die Bahnen

in dem Aquarium zogen. Das waren Streckenschwimmer, keine Taucher, sie zogen die Bahnen wie

bunte Bänder und hielten mich bei Atem. Ihre Bewegungen steigerten jede Konzentration, dass ich

meinen Blick auf die Fische ausrichtete, das waren Zierfische in orange-neonblau-gelbgrün-knallrot.

„Womit wollen Sie anfangen, Frau Fröhlich? Zuerst die englischen Briefe? Könnte Ihnen Englisch

mehr Schwierigkeiten bereiten, dass wir damit beginnen?“ “Das ist mir völlig egal.“ Sie schlug ihre

Beine übereinander und legte den Block auf das Knie. Dazu lächelte sie, nicht zu mir, sondern wie

zu einem unsichtbaren Begleiter oder wie zu sich selbst. Sie deutete an, dass die Kommunikation,

die wir gerade führten, gänzlich uninteressant sei im Licht der anderen, die sie selbst herbei führen,

die außerhalb meiner Kontrolle stattfinden würde. „Ich bin ein Mann, Sie sind eine Frau, und beste

Voraussetzung für eine Übereinstimmung.“ Es schien ohne ihrer Selbstkontrolle abzulaufen. Wenn

es flirten war, dann so wenig wie bei Blumen oder Hummeln. Ich muss erwähnen, dass es derzeitig

für mich unklar war, wer die junge Frau war. Ich wusste noch nicht, dass es sich um Elisa handelte.

An dem Morgen brachte ich mein Erlebnis keineswegs mit mir, meinen Plänen, meinen Absichten,-

meiner Realität in Beziehung. Es war, als wenn ich auf einem Spaziergang einer Blume oder einem

Vogel begegnet wäre. Dieser Tag, an dem ich zum ersten Mal einen Pfau ein Rad aufschlagen sah.

Einzige Erlebnisse genügen sich selbst und löschen im Gedächtnis beiläufige Nebensächlichkeiten,

die einen von der Wahrnehmung des wirklichen Ereignisses ablenken würden. So treten sie zurück.

Es stimmt immer noch nicht im Ganzen. Jede Art der erfundenen Analogien treffen nicht den Kern.

Das Erlebnis, das einem Edelstein glich, war nicht anorganisch. Ich selbst begriff dies dabei zuletzt.

Ich diktierte jene Briefe leicht abwesend. Wenn sich Gedanken in Phantasien auch nicht woanders

als in dem Arbeitsraum bewegten, so stellte ich doch Außerirdisches bei Frau Fröhlich fest oder im

Sinn jener Person, die vor mir saß. Mir war dabei nicht klar, ob sie sich selbst dessen bewusst war.

In Stenographie hatte sie jedes Detail notiert, die für meine Geschäftsbriefe von Wichtigkeit waren.

Als ich ihr zum Abschluss die Tür aufhielt, sagte ich: “Besten Dank, Frau Fröhlich. Ich bin freitags

wieder hier. Dann können wir die Briefe nochmals durchsehen, wenn Sie nicht zu beschäftigt sind.“

Diesmal lächelte sie mich direkt an und erwiderte: „Ich werde nicht zu beschäftigt sein. Good bye.“

Es schien so, als spräche sie nicht von irgendwelchen Briefen. Es hörte sich an wie die Antwort im

Sinn des Vorangegangenen: „Ich habe Zeit zum Wiedersehen für denjenigen, der mich an-erkennt.“

Noch ziemlich verwirrt kehrte ich bei Carl Larson ein und folgte seiner Einladung zum guten Drink.

„Na, alles paletti?“ fragte er. „Sicher doch. Den Beweis haben wir, wenn die Briefe vor uns liegen.“

Ich stutzte, wie ich ihm meine Empfindungen nennen könnte. „Frau Fröhlich wirkt sehr anziehend.“

„Ja nett, nicht wahr?“ antwortete er. „Sie bringt sozusagen einiges Licht in unsere Räumlichkeiten.“

Himmel, er weiß nichts. Wie ist das möglich? Ich konnte es nur dabei belassen. Aber wo belassen?

„Möchten Sie einen Sherry oder Gin oder lieber etwas Scotch?“ “Einen Gin, wenn Sie mich fragen.“

Der Ausflug danach zum Meer nach Fünen war wunderschön bei sonnigem Wetter. Die Fähre dort

überquerte uns mit Leichtigkeit. Ich besichtigte den gotischen Dom, in dem „Knud“ begraben liegt,

direkt unter dem Altar, der Erbauer des mittelalterlichen Kunstwerkes zur Zeit reinen Formalismus.

Nächsten Tag machten wir mit Lotta und Jani ein Picknick in den Dünen bei frischer Meeres-Brise.

Während der ganzen Fahrt konnte ich unfreiwillige sowie ungenaue Erinnerungen an Frau Fröhlich

nicht beiseite schieben, ihr Anblick im Sessel, wie sie die Beine übereinander geschlagen hatte und

nach vorne gebeugt, dass ich nicht ihr Gesicht erkennen konnte, die vergessenen Titel zu Melodien.

Darin war ein Gefühl gegenwärtig, das sich kaum in Worte fassen ließ. Ich wäre hier nicht wirklich

da, vorhanden, wie ich mich im Auto erlebte. Ich konnte mich nicht einmal an ihr Gesicht erinnern.

Zugvögel merken das im Herbst. Bald kommt die Zeit der Rückkehr,- die Rückkehr zum Ursprung.

Freitagmorgen besuchte ich Herrn Larson zum zweiten Mal mit einer Flasche Bordeaux und Pernot.

Ich war gespannt auf die Briefe und noch vielmehr auf Frau Fröhlich. In einer großen Geschenktüte

trug ich die lustig verpackten Weinflaschen mit bunten Bändern, die sich um die Bäuche kringelten.

In London hätte man die Flaschen solide in der Tasche verstaut, in Kopenhagen wurde ohne Frage

ein Geschenk draus. Beladen wie ein Esel, denn ich hatte noch gleich fürs Wochenende eingekauft

und war drauf vorbereitet, dass wir im Büro zusammen frühstückten mit Brötchen, Butter und Käse

auf dänisch, betrat ich in den Raum. Natürlich war alles frisch geholt von mir, Brötchen noch warm.

Diese Geschenke sollten weder aufdringlich sein oder protzen noch eine Bescheidenheit heucheln

und am Sinn der Gastfreundschaft vorbeigehen, sondern meine bleibende Erinnerung hinterlassen.

Der gute Ruf der Engländer ist mehr als Höflichkeit, einer von ihnen wollte es hier geltend machen.

Ich dachte nicht ganz uneigennützig. Vielleicht gäbe es in Zukunft noch einmal Briefe zu schreiben.

Im Stillen hoffte ich es beinahe. Für Frau Fröhlich hatte ich ein filigranes Goldarmband ausgesucht.

Herr Larson begrüßte mich sehr erfreut und strahlte mit einer vertrauten Gemütlichkeit Wärme aus.

„Wie war Ihr Ausflug mit unseren Freunden?“ “Danke, herausragend, das lag nicht nur am Wetter.“

Als ich meine Geschenktüte auspackte, wehrte er stark ab. “Oh nein, das hätten Sie nicht tun sollen.

Der Bordeaux ist gut, das wissen Sie! Doch ob die Briefe so gut sind, das können Sie nicht wissen.“

Er überreichte mir eine Briefmappe. „Schön, hier sind sie. Die sind alle fertig geschrieben worden.“

Es kam zu unerwartet. Ich konnte mein Erschrecken nicht verstecken, plötzlich trat Angst auf, dass

ich sie nicht wiedersehen könnte. Wo sonst? Hätte ich dazu überhaupt eine Chance oder ein Recht?

Erst jetzt kam es mir in den Sinn, dass ich kein einziges Mal in Erwägung gezogen hatte, ich würde

die Briefe nicht persönlich von Frau Fröhlich überreicht bekommen, zu mindestens im Beisein von

Herrn Larson. War es nicht anerkennender, dass er sich als Chef dafür seine Zeit genommen hatte?

Als ich die Briefmappe von ihm entgegennahm, drückten wahre Enttäuschung und Verwirrung auf

mich herab wie eine schwere Wolkendecke. Herr Larson merkte es zwar, aber begriff nichts davon.

Geduldig wartete er, bis ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Das ist wirklich freundlich von

Ihnen, Herr Larson. Ich – äh -, meinen Sie nicht, dass ich auch Frau Fröhlich begrüßen sollte, denn

ich habe – äh,- auch ihr ein kleines Geschenk mitgebracht.“ “Sie sind zu nett. Soll ich es ihr geben?

Ich weiß nur nicht, ob sie heute morgen zu unserem zweiten Büro hinüber gegangen ist, wo sie ist?

Sie hatte heute morgen etwas vor, sagte man mir.“ Unglaublich, er weiß von nichts, durfte, konnte

es überhaupt wahr sein? Jetzt spürte ich Erleichterung. Wenn er so kurzsichtig ist, wird es leichter,

kann ich mich unbefangener vor ihm bewegen, jetzt wusste ich, dass ich sie wiedersehen musste in

jeder Hinsicht. Alles war mir egal, wenn man mich zum größten Narren Dänemarks gemacht hätte.

Das bewusst zu erkennen, half mir über die Befangenheit hinweg, und ich meinte zu Herrn Larson:

„Ich würde sie gern persönlich sprechen, nur mal kurz. Sie hat sich wirklich große Mühe gegeben.“

In dem Augenblick kam die Sekretärin von Herrn Larson, um Neues mitzuteilen, dass er sie fragte:

„Ach Christina, wissen Sie, ob Frau Fröhlich heute morgen hier ist oder in unserem anderen Büro?“

„Sie ist grade zurück gekommen, Herr Larson. Wollen Sie sie sprechen?“ “Ja, bitten Sie sie herein.“

Nachdem Herr Larson mich ermuntert hatte, die Briefe vorher anzusehen, öffnete ich diese Mappe.

sie waren viel besser als erwartet. Die deutschen Briefe waren absolut fehlerfrei. Zu den dänischen

Briefen kann ich nur sagen, dass sie mein unbeholfenes Dänisch im Abtippen selbst geändert hatte.

In der Tat hatte sie meine schlechteren Dänisch-Kenntnisse in sehr viel besseres Dänisch übersetzt.

Bei den englischen Briefen gab es wenige Fehler. Besonders nett schien mir die Verwechslung des

bridal-path/Brautpfad und bridle-path/Reitweg. Dies hätte auch eine englische Sekretärin geschafft.

Während ich ihre Briefe gerne unterschrieb und Herrn Larson versicherte, wie dankbar ich ihm sei,

trat Frau Fröhlich durch die Tür. Ich stand auf und fühlte mich sogleich verlegen, weil Herr Larson

natürlich sitzen blieb. Schon wollte er sprechen, als sie ihm zuvor kam. Mit einem aparten Lächeln

ging sie quer durch das Zimmer und reichte mir ihre Hand: „Guten Tag, Ihr Ausflug war gelungen,

hoffe ich. Sie wollten mit Ihren Freunden wegfahren?“ Ja, danke, ein wunderschönes Erlebnis.“

Ich atmete zarten Lotus-Duft. Als sie mir ihre Hand gab, berührte ihr Armband kurz meine Finger.

ELISAS ERSCHEINUNG

Jetzt sah ich, dass weder ihre Kleidung noch die Schuhe kostspieliger gewesen sein konnten als

der günstige Rock mit weißer Bluse. Sie sah wie eine Prinzessin darin aus, die Prinzessin, die mit

Rücksicht auf die Untertanen, deren Gastfreundschaft sie in Anspruch genommen hatte, ja, deren

Mittel sie nicht übersteigen wollte. Eine Prinzessin, die sich gern zum Volk zählte, wie wir es sind.

„Danke“, erwiderte ich. „Ja, war sehr schön.“ Ich hätte ihr gern viel mehr über den Ausflug erzählt.

„Ich wollte Ihnen für die Briefe danken. Sie sind ausgezeichnet verfasst, eine große Hilfe für mich.“

„Ach die, mit kurzem Fingerschnippen tat sie diese ab und erklärte die Sache für erledigt wie nicht

erwähnenswert. Prinzessinnen haben ihre Tugenden, sind nicht auf ein Lob bedacht wie Sterbliche.

Es wäre beinah schlechter Geschmack, es zu erwähnen, als hätten sie was mit Sterblichen zu tun.

„Sie müssen nun bald wieder zurück nach England?“ “Ja,- zu schade, am Montag, müssen trifft zu,

ich reise stets ungern aus Kopenhagen ab.“ “Haben Sie dort keine Freunde in England?“ Frechheit

war das nicht sondern reine Ironie, die einem Test glich. Würde ich ihn nicht gut bestehen, herrsche

für fünf Tage Regenwetter.“ “Doch, mein Herz lasse ich in Kopenhagen zurück, das wird so schwer,

dass ich mir teure Extrakosten für das Gepäck kaum leisten kann.“ “Dagegen können wir etwas tun

und dafür sorgen, dass Sie in Kopenhagen bleiben dürfen. Herr Larson ist ein so netter Arbeitgeber

und wird gewiss für Ihr Herz den richtigen Job finden.“ Während Herr Larson eine ausschweifende

Hymne an die Engländer kund tat, wie glücklich er sich schätze, the real gentlemen nahe zu wissen,

traf mich die nackte Wahrheit, dass ich ein Mann war, der unter Strom stand, seinen Zug jetzt nicht

zu verpassen. Gleich würde dies Mädchen den Raum verlassen. Wenn du nun nichts unternimmst,

ist es höchstwahrscheinlich, dass du sie nie wiedersiehst, dieser Gedanke erschien mir unerträglich.

Es gab rein gar nichts in meinem Leben, was ich mir heftiger wünschte, als sie bald wiederzusehen.

Wenn ich sie nicht wiedersähe, würde „graue Asche vom Himmel regnen“. Heute in Gram, morgen

bereits Trauer, in zwei Tagen nicht auszudenken, Weltuntergangsstimmung, was Vernichtung wäre.

Ich erlebte meine Gefühle als brennendes Inferno, rein animalisch betrachtet, war es tierische Lust.

Der eine Moment, in dem Instinkt, zwingende Treibjagd, unmittelbare, intensive Lust vorherrschen.

Doch die Anwesenheit von Herrn Larson wirkte beklemmend auf mich. Trotz seiner Freundlichkeit

schaffte ich es nicht, irgendetwas zu sagen. Plötzlich brachte ihm die Sekretärin die nette Nachricht,

dass Herr Admire auf ihn warte und ob sie ihn herein holen solle. Herr Larson kramte einige Akten,

die auf seinem Schreibtisch lagen, zusammen und verließ den Raum. „Sie entschuldigen mich bitte.

Ich kann Sie doch für ein paar Minuten allein lassen. Ein vertrauter Kunde darf nicht lange warten.“

Jetzt oder nie, dachte ich. Jetzt könnte ich es tun. Jetzt muss ich sie fragen, ob sie sich mit mir trifft.

Wenn ich sie einlade, wohin? Wann? Wie? Ich hatte darin keinerlei Übung, was Rendevous angeht.

Ich würde gern, Frau Fröhlich - “ Sie war kurz abgelenkt, weil sie Herrn Larson nachblickte, wie er

zur Tür hinaus eilte. Mit leicht überraschtem Gesichtsausdruck drehte sie sich um und wendete sich

mir wieder zu. Ich saß nun mit halber Pobacke auf einer Ecke des Schreibtisches von Herrn Larson,

während meine Worte nur so heraus schossen. „Würden Sie heute Abend mit mir essen gehen, falls

Sie nichts anderes vorhaben? Es wäre die sehr große Freude für mich, Sie dazu einladen zu dürfen,

ein Restaurant Ihrer Wahl.“ Ich sollte noch lernen, dass Elisa ihren eigenen Gesetzen folgte mit der

Antwort, die nicht damenhaft war, dafür bezaubernd. Sie lächelte nachsichtig, zog die Schultern im

Sinn des unterdrückten Lachens hoch und atmete aus: „Ist des ein feines, vornehmes Restaurant?“

Es war ein Wink und bedeutete „Ja!“ wie „Du bist ganz schön aufgeregt, mein Verehrer, ich auch!“

„Ein Restaurant Ihrer Wahl, mir ist es egal. Sagen Sie bitte, wo, welches Ihnen am liebsten wäre?“

„Ich kenne mich in Restaurants nicht aus.“ Als hätte sie Leute, die dies sonst übernähmen für sie.

Ich war einer. „Im Kopje,- nah vorm Kai.“ „Mit dem größten Vergnügen. Wie freundlich von Ihnen!“

„Soll ich Sie anrufen? Um welche Uhrzeit?“ Da kam blitzartig und sicher eine scharfe Entgegnung,

die mich genauso unvorbereitet traf. In der Sache, wusste sie, was sie wollte, um es durchzusetzen.

„Ach nein, ich komme lieber alleine. Ich treffe Sie im Restaurant um, – Moment bitte,- um acht Uhr!“

„Ist dies nicht zu spät?“ „Nein, dies ist okey. Ich freue mich darauf.“ „Ich auch, also dann im Kopje!“

Ich sage dem Oberkellner Bescheid, dass er Sie zum Tisch begleitet.“ Sie lächelte: „Hervorragend.“

Prächtig! Jenes lief besser, als ich erwarten konnte. Ich kam mir bei Herrn Larson wie ein König vor,

als er sich nochmals blicken ließ, um sich von mir zu verabschieden. Es war seine kleine Prinzessin,

mit der er mich gekrönt hatte. Er kannte sich in manchem aus, ohne sich darin ganz bewusst zu sein.

Erst als ich auf die Straße trat, bemerkte ich wieder meine Frühstücks-Tasche, die ich bei Jani leerte

zum Abendbrot für Lotte und ihn. Sie hatten nichts gekocht, freuten sich über diese Aufmerksamkeit

und nahmen es selbstverständlich, als ich vorgab, eine spontane Einladung mit Bekannten zu haben.

Es hätte nichts ausgemacht, wenn ich gesagt hätte, dass ich mit dem Mädchen, das mir meine Briefe

getippt hatte, zum Abendessen verabredet war. Wegen eines aber gläubigen Widerwillen ließ ich es.

Mein Treffen hätte Lotte und Jani geschmeichelt. Lotte war nicht zu neugierig, nun, doch lieber nicht.

IM RESTAURANT KOPJE - 5. KAPITEL -

Unser Kopje am Kai war voll, was mich nicht überraschte. Mittags hatte ich telefonisch einen Tisch

bestellt und mich mit dem Oberkellner abgesprochen in der Auswahl eines Weines zum Kaltstellen.

In Dänemark gibt man das Trinkgeld nicht im Voraus und kann Speis und Trank am Telefon ordern

nach Lust und Laune. Dies bedeutet, dass man nicht lange auf Essen und Getränke warten muss.

Mein reservierter Tisch befand sich im hinteren Teil des Restaurants vor der Spiegelwand mit Sims.

Zehn Minuten vor acht nahm ich Platz und bestellte mir einen Tee. Ich saß gegenüber vom Eingang

und hatte so freie Sicht. Zehn Minuten nach acht wurde ich nervös, dass ich mich beruhigen musste.

Abwarten und Tee trinken. Ich blätterte in der Tageszeitung, konnte mich nicht in irgendeine Sache

wirklich rein lesen. Es war nur Schau wie das frühere Versteck meines Vater‘ s im Garten, wenn er

seine Vögel beobachtet hatte. Wie lange Zeit solche veralteten Gepflogenheiten überdauern können.

Kurz danach sah ich sie – im Spiegel – draußen, während zwei Männer ohne Begleitung die Glastür

durchquerten. Sie hatte ihre Hand schon am Türgriff, als sie die wieder zurücknahm und die Herren

ihr mit unverhohlener Bewunderung die Tür weit aufhielten und nachblickten. Der eine nahm seine

Zigarre aus dem Mund, weil sie sonst herausgefallen wäre. Sie ging durch sie hindurch, blickte erst

zum einen und schenkte ihm ein Lächeln, dann zum anderen mit einem zweiten anmutigen Lächeln.

Beide verharrten kurz in Faszination, als sie direkt zum Oberkellner hinüberging und ihn ansprach.

Elisa erschien in einem cremeweißen Cape, das bis über ihre Knie ein dunkelblaues Kleid bedeckte.

Ihr schwarzes Haar fiel locker darüber und wurde von einer kleinen, Perlen besetzten Spange direkt

an ihrem linken Ohr gehalten. Ein Täschchen stellte sie auf den Tisch und fragte den Oberkellner in

amüsanter Art, dass er zu lächeln begann und seine steife Haltung verlor, wo hier die Garderobe sei.

Er verbeugte sich kurz und führte sie hin. Er nahm ihr das Cape ab, wartete ein paar Minuten, bis es

vor dem Spiegel stimmte und geleitete sie zu meinem Tisch. Quer durch das Restaurant, wobei sich

einige Gäste nach ihr umdrehten, folgte sie dem Oberkellner in einem azurblauen Kleid, das Taillen

nahe geschnitten war mit weit fallender Glocke. Das Chiffontuch harmonisierte farblich nicht genau.

Sie trug es wie den letzten Mode-Hit. Ein Band am linken Handgelenk ergänzte es mit dem goldenen

Armband, das sie von mir bekommen hatte. Das Kleid hätte man überall wie von der Stange kaufen

können. Wenn daraus eine Kreation geworden war, so weil sie es anders trug mit schickem Zubehör.

Es sah aus, als würde sie über den Laufsteg flankieren, während die meisten zum Publikum wurden.

Im Gegensatz zu ihr wirkten andere solide gekleidet, einfach und bieder bis hin zur festlichen Robe.

Als sie mit dem Oberkellner meinen Tisch erreicht hatte, erhob ich mich rasch und begrüßte sie auf

deutsch: „Guten Abend, Frau Fröhlich.“ Sie reichte mir ihre Hand und erwiderte auf englisch: “Das

tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.“ „Ach wirklich?“ „Nein, nicht richtig.“ Ihre Zungenspitze

tauchte kurz zwischen den Lippen auf, wie bei einem leicht spöttischen Witz, der ihr gelungen war.

Die Ellenbogen auf dem Tisch, das Kinn auf die Finger abgelegt, saß sie mir gegenüber. „Madame

möchten einen Drink?“ fragte der Kellner. Ich zog die Augenbrauen hoch. „Was soll ich nehmen?“

„Gin Tonic? Martini? Sherry?“ „Aber das sollen Sie doch sagen.“ Ich bestellte einen roten Martini,

holte ein Päckchen Zigaretten hervor und hielt ihr eine hin. „Ich rauche nicht. Sie doch auch nicht.“

„Nein, woher wissen Sie das?“ „Ich weiß es einfach.“ „Dann kann ich dieses Päckchen weggeben.“

„Ein wunderschönes Cape, das Sie soeben getragen haben.“ „Och, das gehört mir nicht. Ich habe

es nur ausgeliehen, David.“ Weite Augen, leichtes Kopfschütteln, als hätte ich das wissen müssen.

„Sie kennen meinen Namen?“ „Und Sie meinen nicht?“ „Nicht ganz, ich möchte ihn gerne wissen.“

„Elisa Fröhlich“, sie spickte mit ihrem Finger zweimal in die Luft: „FRÖHLICH mit zwei Pünktchen!“

Der Oberkellner, der uns gewiss übernommen hatte, brachte zwei überdimensional große Karten.

Sie streckte gleich die Hand nach einer aus, damit sie uns nicht die Sicht versperrte. Ich war nun

gespannt, ob sie sich auch das Essen von mir aussuchen lassen würde. Sie ging die Speisekarte

ausführlich durch und entschied sich für das Cordon bleu mit Kartoffelkroketten und den Chefsalat

mit hartgekochten Eiern, nachdem sie sich ausführlich nach den einzelnen Zutaten erkundigt hatte.

Als sie endlich fertig war, den Kellner nach unzähligen, überbackenen Gemüsesorten zu befragen,

bestellte ich mir einen großen Teller Weinbergschnecken in Knoblauch und jenen Mixed Grillteller.

„Ihr Englisch ist ausgezeichnet, Elisa. Wo haben Sie es gelernt?“ „In Kopenhagen spricht doch fast

jeder bestes Englisch, finden Sie nicht?“ „Also leben Sie schon eine ganze Weile hier in der Stadt?“

„Kopenhagen ist doch wirklich eine wunderschöne Stadt. Es muss hier schöner sein als in London.

Sind Sie darum lieber hier? Zum Glück wohne ich nicht mitten in London sondern nördlich davon.“

„Woher aus Deutschland kommen Sie?“ „Och, ich vergesse oftmals, dass ich aus Deutschland bin.

Kleine Dinge vermisse ich manchmal - wie Weihnachten oder das Winzerfest. Ja, wenn alles geht.“

„Sagten Sie,- wenn alles geht?“ „Ja, oft glaube ich es sogar.“ „Dann sollten Sie auf ein Winzerfest.“

Sie aß auf deutsche Art mit ernstem Vergnügen und unbefangener Gier, bis auf den letzten Bissen,

sehr gründlich gekaut, den Teller leer. Meine Weinbergschnecken interessierte sie wie Exotisches,

was, das sie so nirgendwo gesehen hatte und folgte meiner Gabel vom Gehäuse bis in den Mund.

„Escargots?“ Sie war erstaunt über den Namen. Falten legten sich auf die Stirn. „Schnecken, Elisa.“

„Richtige Schnecken, die man essen kann?“ „Ja,- probieren Sie mal!“ Ich reichte ihr meine Gabel.

Sie nahm sie mir nicht aus der Hand, sondern aß direkt von der Gabelspitze mit höchstem Genuss.

„Hm, die hätte ich mir auch bestellen sollen.“ Ich rief den Kellner. „Es lässt sich sofort nachholen.“

„Doch wollte sie lieber nicht mehr essen und war froh, dass wir beide Knoblauch gegessen hatten.“

Sie machte sich wieder über den Chefsalat her und inspizierte konzentriert diverse Gemüsesorten.

Trotzdem ließ sie mit einem Lächeln und Kopfnicken den Kellner erneut an jenen Tisch kommen.

Einmal bestellte sie eine Scheibe Schwarzbrot mit Butter für die Salat-Eier, das weitere Mal einen

größeren Teller, weil ihr Gemüse übereinander lag, ohne dass sie die Sorten unterscheiden konnte.

„Es tut mir leid, Madame. Ich glaube, der hier ist der größte Teller, den wir haben.“ „Besten Dank!“

„Dann bringen Sie mir bitte einen heißen Teller für das Cordon bleu. Und die Gemüseplatte bleibt

hier auf dem Tisch.“ Ich weiß, wie es mir ergangen wäre, hätte ich solch ein Anliegen empfangen.

Der Oberkellner ließ die anderen Gäste nicht aus seinen Augen und ging den Extravaganzen nach.

Als er Elisa fragte, ob es jetzt zu ihrer Zufriedenheit geregelt sei, antwortete sie mit vollem Mund:

„Jetzt ist alles ganz wunderbar.“ Er freute sich über die Aufmerksamkeit, die sie entgegen brachte.

Mir selbst fiel es schwer, etwas zu essen. Denn ich musste jede Geste und Mimik von ihr mitessen.

Anders kann ich das kaum beschreiben. Ich registrierte alles von ihr, jeden Wink, jedes Wimpern-

Zucken und Fingerschnippen, jedes Stirnrunzeln und Lächeln, ihren Lachanfall und Kopfschütteln.

Jeder wäre überfordert gewesen, sich außerdem auf ein Essen zu konzentrieren, dass der Mixed-

Grill-Teller noch halbvoll war mit Steaks, Würstchen, Schinken, Lamm-Hackfleisch in Bällchen wie

in Finger-Form, die milden mit Kräuter und die scharfen mit Chili. Diese brauchte ich nur schlucken.

Trotzdem war noch genug darauf zu sehen, dass Elisa mich ermunterte: „Ja David, ein Mann muss

essen!“ Stattdessen beobachtete ich sie wie die Farben des Regenbogens mit der Angst, dass die

augenblicklich erlöschen konnten. Elisa hatte ihr Champagner-Glas mit dem letzten, kräftigen Zug

geleert, dass der Kellner ihr sofort nachschenkte. Sie lachte: „Es wird mich betrunken machen wie

schwankend, sagt man bei Ihnen so? Schwankend?“ Er stimmte ihr lächelnd zu: „Ja, schwankend.“

Nachdem er die Champagner-Flasche in einen silbernen Sekt-Kühler gestellt hatte, verschwand er.

Mit dem Dessert-Wagen kam er zurück an unseren Tisch und schnitt eine große Scheibe von dem

Apfelstrudel ab, die er auf einen Glasteller legte. Elisa krönte ihr Dessert mit einem riesigen Löffel

Schlagsahne. Dann fragte sie den Kellner nach Weintrauben. „Madame, sicher haben wir Trauben

in der Küche.“ Während er die holen ging, zeigte ich ihr meine Verwunderung, was sie mit diesen

Weintrauben vorhatte. „Elisa, Apfelstrudel mit Rosinen benötigt doch keine zusätzlichen Trauben.

Du hast einen eigenartigen Geschmack.“ „David, die Weintrauben sind auch für den Champagner.

Du wirst es gleich selber sehen.“ Der Kellner kam mit der Rebe Weintrauben an, von der er so ein

dutzend Trauben abschnitt und sie auf den Teller legte. Sie zerkaute diese gründlich, bis die Kerne

blitzblank waren. Dann warf sie zwei bis fünf in ihr Champagner-Glas und amüsierte sich, wie sie

im Glas zusammen mit den Sektperlen auf - und abstiegen. „Das ist wie Fahrstuhl fahren für diese

Kerne.“ Kaum traten die einen an die Oberfläche, sanken die anderen wieder ab auf den Abgrund.

Ich dachte in dem Moment, ein kleines, spielendes Mädchen vor mir zu haben, das sich entzückte.

Sie irritierte mich ständig, mir wurde unwohl in der Haut, wenn mir zugleich bewusst war, dass es

nur noch kurze Zeit war. Dann sei das Ganze für uns beide zu Ende, weil ich bald abreisen musste.

„Wo haben Sie denn das gelernt?“ „Och, im Schlaraffenland, kannten Sie dieses Spiel noch nicht?“

Sie lehnte sich zurück ans Sims wie die Kaiserin, die bis obenhin gesättigt und voll zufrieden war.

Oder wie eine ausgestopfte Puppe, die äußerst weich und knuddlig wirkt, so ein Kinderspielzeug.

Ihr Abbild wechselte sekundenschnell, ich nahm eine Diva wahr und das Mädchen mit Lieb-Reiz.

Zwei Drittel meines Steak-Tellers hatte ich geschafft. Ich beugte mich vor zu der Worcester-Soße,

als ich ihren Duft einatmete, der gemischt war mit dem Chartreuse, den sie gerade schlürfte. „Hm,

herb.“ „Soll er doch auch sein.“ „ Schwankend bin ich auch,- sehr schön.“ „Kann ich dich morgen

wiedersehen, Elisa?“ Jetzt war es raus. „Vielleicht.“ Sie lachte und warf ihren Kopf in den Nacken.

„Sollen wir morgen nach Helsingor fahren zum Lunch? Nein, ernsthaft, nicht vielleicht, bestimmt.

Elisa, nicht vielleicht, bitte - !“ Sie schnitt mir schnell das Wort ab. „Ich ruf‘ Sie an, geht das gut?“

Bei Jani und Lotte? Meine nicht existierenden Keramik-Bekannten. Ich musste selbst dazu lachen.

„Ja, das geht. Wann ungefähr?“ „Och, etwas eine halbe Stunde nach dem Aufwachen. - Schreiben

Sie mir bitte Ihre Nummer auf.“ Als wir draußen auf der Straße waren, begegneten wir fröhlichen

Dänen in einer Gruppe. Ein Mann kam zu uns mit einer roten Rose in der Hand. Er fragte höflich:

„Mister, Ihre Lady trägt keine Blume. Darf ich sie ihr geben?“ Er überreichte die Rose mit Würde

in angemessenem Abstand, ohne aufdringlich zu sein. Sie dankte ihm mit einem warmen Lächeln.

„Wow, what wunderful, magical, warm smile you have.“ Er machte galant eine tiefe Verbeugung.

Sie suchte nach etwas in ihrer Tasche, bis sie fort waren. Ich wollte sie ihr anstecken, doch wehrte

sie ab. „Nein, brechen Sie ihren Stiel nicht ab. David, ich trage sie in der Hand. Sie ist sehr schön.

Das ist hier außerdem Stil. Darum ist der junge Däne gekommen. Sie wussten es nicht, aber jetzt.“

„Soll ich ein Taxi rufen?“ „Ich brauche keines, danke. Es ist nicht weit.“ „Gehen wir nun zu Fuß?“

„Nein, ich sage Ihnen jetzt gute Nacht. Es gibt da einen Bus, die Immer-Linie, weil ich ihn immer

nehmen muss, da steige ich gleich ein.“ „Aber Elisa.“ Sie nahm meine Hand. „Danke schön, alles

war ganz wunderbar. Es hat mir viel Spaß gemacht. Und wir riechen heute beide nach Knoblauch.

Gute Nacht.“ Ich sah ihr nach, wie sie diese Straße hinunter ging in ihrem cremeweißen Cape, die

behandschuhten Fingern an der roten Rose. Sie roch ab und zu in der geschlossenen Duftknospe.

EIN AUSFLUG AM MEER

Der Kanonenturm von Helsingor oder die Plattform auf den Zinnen am sonnigen, warmen Maitag.

Elisa in einem weißgelben Kleid mit marineblauer Strickjacke, keine anderen Lebewesen in Sicht.

„Guck‘ mal, da ist Helsingborg in Sicht, David. Da drüben in fünf Kilometern auf der Küstenseite.

Wir könnten in zwei Stunden hinüber schwimmen. Wir kämen in jene Strömung, die viel kälter ist

als hier, wir würden in Kullen landen auf dem Grund und könnten den Weg nach England zu Fuß

zurück gehen. „Trotzdem wäre es schön. Schwimmen Sie gerne, Elisa?“ „Ich liebe es. Ich bin viel geschwommen, einmal gar acht Kilometer.“ „Wo?“ „Och, weit weg im Süden, da, wo es warm ist.“

Sie schwieg, blickte auf den blauen Sund, hoch zu dem Trompeter-Turm, sie schwärmte weiter so.

„Ich würde um die Welt schwimmen, wenn ich könnte. In die Tropen, in denen es immer warm ist.“

„Ja, da würde ich mitkommen.“ Ich erzählte ihr von dem Fluss in Oxfort und von der Schleuse bei

Iffley, wie ich dort von dem aufschäumenden Wasser herum geworfen wurde in ihrem starken Sog.

„Ja, natürlich, so was ist schön.“ Sie stützte beide Hände auf die Brüstung und lehnte sich hinaus,

wieder nach Helsingborg hinüber schauend. „Kamen Sie mit Ihrem Antiquitäten-Handel auch mal

dorthin?“ “In Stockholm bin ich schon gewesen. In Helsingborg aber noch nie. Und Sie?“ „Einmal

mit der Fähre hinüber, nur so zum Spaß.“ „Und hat es Spaß gemacht? Die Stadt sieht schön aus“,

hat man mir gesagt. „Die Stadt ist langweilig und öde. Aber die Gärten waren hübsch, da war ich.“

„Ganz alleine?“ „Ja, fast.“ Sie schwieg. „Ja, fast. Ja, allein. Sofiero war herrlich.“ Ich lachte sie aus.

„Elisa, wie kann man fast allein sein?“ Sie wendete sich um und sah mich lächelnd an. „David, Sie

sind eifersüchtig?“ „Nun, ich könnte es fast werden.“ „Bitte, wenn Sie fast eifersüchtig sein könnten,

dann kann ich auch fast allein sein. Tragen Sie draußen immer diesen Feldstecher mit sich herum?“

„Fast immer. Wissen Sie, ich – oh hoppla.“ Sie wickeln mich in meiner eigenen Sprache ein, muss

ich sagen.“ „Sie haben noch kein einziges Mal hindurch gesehen.“ „Vielleicht war ich doch zu sehr

beschäftigt, Sie anzusehen. Schiffe und Vögel kann ich mir immer noch ansehen.“ „Sie haben mir

gesagt, Sie wollen die Schnitzereien in der Kapelle sehen.“ „Ich weiß, aber hier oben ist es sonnig

und warm. Die Kapelle ist innen, außerdem bin ich faul und träge.“ „Das passt gar nicht zu Ihnen.“

„Woher wollen Sie das wissen? Sie kennen mich doch gar nicht.“ „Ich weiß es eben, darum basta.“

Sie hatte recht. Wenn ich sonst einen Ausflug mit jemandem und mir plante, musste ich mir etwas

ansehen, anhören und festhalten. Einfach nur so an der Brüstung herumzutrödeln, war mir fremd.

„Heute haben Sie den Kopf abgenommen und vergessen, ihn wieder aufzusetzen. Es ist genauso.“

Dies ging dicht an der Wahrheit vorbei. Wenn ich sonst mit einer Bekannten einen Ausflug machte,

peilte ich ein Ziel an, die Besichtigung einer Kathedrale, der Besuch eines Restaurants sowie des

Konzerts. Es betraf nicht nur Deborah, sondern auch andere Bekannte, einfach herumzutrödeln an

der Stadtmauer wie in Kronborg, war mir bislang fremd, etwas Selbstvergessenes ohne Programm.

Wir hatten uns weder die Holzschnitzereien in der Kapelle noch die noblen Wandteppiche aus dem

sechzehnten Jahrhundert angesehen, ich hatte keine Lust mehr dazu. Die Schlossbesichtigung fiel

buchstäblich ins Wasser, als wir dem Meer nachsannen, über unsere gemeinsame Leidenschaft des

Schwimmens redeten und den Möwen nachschauten. Elisa brauchte keinen anderen Zweck, als gut

daran zu tun, dass ich ihre Anwesenheit leichtfertiger genoss, als hohe Deckengemälde anzusehen.

Der Königssaal wurde uninteressant für mich. Nur wir zwei zählten im Hier und Jetzt, dabei Sonne

tanken und Zeit verschwenden im Anblick dieses wunderschönen Mädchens war eine helle Freude.

Elisa genügte sich selbst, die Inkonsequenz wurde zu meiner Tugend, wenn sie mir beibrachte, den

Augenblick bewusst zu genießen, viele Erlebnisse wie Konzentration einer anderen Wahrnehmung.

Was mich bisher langweilte oder irritierte, gewann an natürliche Bedeutung. Stolzer Pragmatismus

verlor an Wert im Vergleich zur Schwerelosigkeit in ihrer Nähe,- bei ihr konnte alles von Wert sein,

was sie hier in diesem Moment erlebte. Es war wohl schon an diesem Ausflugstag, also recht früh,

dass in mir jenes Bild von Elisa wuchs, dass sie allein mit ihrer Gegenwart überall den Augenblick

verzaubern konnte. Ohne Ziel und Zweck stand sie ganz natürlich im Mittelpunkt mit einem Selbst

sowie das Wirken der Bäume samt dem Rascheln ihres Blattlaubs, wie eine angeborene Autorität.

„Oh, sehen Sie doch, David, ein Käfer, wie schön!“ Ein leuchtend grasgrüner Käfer, dessen Augen

dunkel aus beiden Seiten seines Kopfes hervortraten, sonnte sich auf der Brüstung auf dem Stein.

So nah bei ihr, dass sie ihn behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, und auf die Hand

setzte. Ihre Finger waren wunderschön geformt, die ovalen Nägel wölbten sich, glichen Perlmutter

Muscheln in der glatten und glänzenden Farbe. „Es macht Ihnen nichts aus, wenn so ein Käfer auf

Ihrer Hand sitzt?“ „Nein, warum?“ fragte sie überrascht. „Die meisten Mädchen haben etwas gegen

Insekten.“ „Ach,- pff“, mit einem Fingerschnippen. „Ich habe hier noch nie einen so schönen Käfer

gesehen.“ „Der grüne Sandläufer, cincindela campestris, in England ist er weit verbreitet, der sonnt

sich. Sie fliegen schnell weg, wenn man sie stört. Wie er hierher gekommen ist?“ Der Käfer öffnete

seine Deckflügel und brummte davon. „So ist er hergekommen.“ Er drehte seine Schleife, landete

wieder auf ihrem Ärmel. „Sehen Sie doch, von wegen Sonne genießen, mich mag er.“ Dann flog er

weit weg, zu dem Graben, der Gras bewachsen war und ihm ein gutes Versteck bot.

Ich lehnte mich über die Brüstung und schaute ihm lange nach, bis mir jenes alte Gedicht einfiel.

„Wie ein Käfer in die See nickt über seinem Fuß.“ „Was bedeutet das? Erklären Sie es mir, bitte.“

Jetzt hatte ich den Käfer aus den Augen verloren. Ich konzentrierte mich auf die weiteren Verse:

„Wie wenn es hin zur Flut euch lockt, mein Prinz,

vielleicht zum grausen Gipfel jenes Felsens,

der wie ein Käfer nickt über seinem Fuß?

Und dort in andere Schreckgestalt sich kleidet,

die der Vernunft die Herrschaft rauben könnte,

Und euch zum Wahnsinn treiben?“

Ich dachte schon, sie würde mich deshalb aufziehen, weil ihr das zu anmaßend klang, aber ich

lernte noch, dass Elisa sich niemals über was lustig machte, was dem anderen von Bedeutung

war. „Das klingt schön. Diese Schreckgestalt, wer war es?“ “Ein Geist, der kam , um Rache zu

üben.“ „Erzählen Sie mir mehr davon und lassen Sie uns nach unten gehen. Als wir über diese

Brücke gingen, die ein Ende des Tunnels war, stolperte sie und fiel beinahe über. „Wie dumm,

dass ich mir den Fuß verletzt habe.“ Sie lehnte sich kurz an mich, wobei ihr Haar mein Gesicht

streifte. „Ich ziehe auch den zweiten Schuh aus und schnappe mir einfach ihren Arm zum Halt.“

Ich hatte eine Gelegenheit, sie zu stützen, nachdem sie sich den zweiten Schuh ausgezogen

hatte und auf Perlonstrümpfen weiterlief. „Oh, die Pfuscher!“ schimpfte sie, als sie den Absatz

in der Hand hielt, der von ihrem Schuh abgebrochen war, der Schuh sah billig und brüchig aus.

„Ich werde mich beschweren gehen.“ Dann hakte sie bei mir ein und ging leichtfüßig den Weg

an meiner Seite, ohne zu klagen, wehleidig zu wimmern. Dort war am Schlossgraben ein See

mit Schwänen. Kurzweilig stoppte sie mich, um ihnen nachzusehen und atmete tief. Ich meine,

dass Passanten auf der anderen Seite nicht merkten, dass sie auf Strümpfen war. Eine Straße

führte in hundert Metern zu meinem Auto auf einem Kiesweg. Ich hielt ihr die Tür auf, während

sie sich auf den Beifahrersitz fallen ließ. „Jetzt haben Sie die schöne Aufgabe, mir diese Steine

von den Füßen abzulesen, David“, sagte sie und hielt mir ihr bestrumpftes Bein hoch entgegen.

Als ich es tat und ihren Fuß unter dem zerrissenen Strumpf untersuchte, zuckte sie zum ersten

Mal zusammen, dass sie quiekte: „Hu, das kitzelt.“ Dabei zog sie schnell ihr Bein an sich, dass

ich es fast ins Gesicht bekommen hätte. „Oh, dies tut mir leid, David! Kommen Sie, ich mache

es wieder gut.“ Sie strich mit ihrem Fuß über meine Wange, wobei ihr Perlonstrumpf knisterte.

Es war zwar kein Drei-Tage-Bart, doch hätte ich mich trotzdem vorher rasieren sollen. Bei der

Untersuchung des zweiten Fußes stellte ich eine tiefe, blutige Wunde fest. „Tut das nicht weh?“

„Nein.“ Sie schenkte dem keine Bedeutung, machte sich nicht einmal die Mühe, sie überhaupt

anzusehen. „Die Wunde muss gesäubert werden.“ Kein Wasser weit und breit, der Kanister in

dem Kofferraum war leer, den ich vergessen hatte zu füllen, weil ich hier in einer Fremde war.

„Finger anlecken!“ Ich zögerte. „Na los!“ So reinigte ich die blutende Wunde mit Spucke, wie

sie es sich im Sinne des umsorgt Werdens gern gefallen ließ, als hätte sie dies zuvor nie erlebt.

Ich fuhr danach in die Apotheke, um Verbandszeug zu kaufen. Sie amüsierte sich fast darüber.

„Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, David!-Aber das wäre nicht wirklich nötig gewesen.

Trotzdem ist es ein wunderbares Gefühl, wenn sich einer sehr um einen kümmert und bemüht.“

Ich wollte sie erst einmal nach Hause fahren, bevor wir neue Unternehmungen starteten, doch

lehnte sie es strikt ab. „Wir können nach Kopenhagen fahren zu einem Schuhgeschäft, in dem

ich mir neue Schuhe kaufe. Dann kann ich von da aus nach Hause gehen. „Elisa, ich fahre Sie

dann nach Hause.“ „Nein, es ist nicht nötig, ich komme allein nach Hause.“ Sie schüttelte den

Kopf. Ich war verwundert. „Ja, soll ich Sie dann später abholen?“ „Heute Abend geht das nicht.“

„Sie meinen, Sie können heute Abend nicht mit mir essen gehen?“ „Ich denke, nein, es geht

nicht, so schön das hier wäre.“ Ich lenkte den Wagen rechts ein. „Und morgen vielleicht zum

Abendessen?“ „Morgen? Nein, morgen habe ich außerhalb von Kopenhagen zu tun, es geht

morgen nicht, so leid mir dies tut, wie schade!“ Sie lächelte, und ich schwieg. „Ich meine, ich

muss am Montag wieder abreisen!“ „Ich weiß, es geht jedoch wirklich nicht, heute Abend und

morgen, wenn das bestimmt wunderschön gewesen wäre.“ Ich war sehr verwundert,- dachte,

so ein Mädchen muss viele Verehrer haben. Ich wusste schon gar nicht mehr, warum ich das

machte. Ich war in dem Thema kein Profi. Wie es aussieht, will sie mich nicht wiedersehen.

Verdammt,- wenn ich das überhaupt beurteilen kann, hörte sich ihre Absage nicht glücklich

an. Heute morgen war sie noch übermütig und aufgekratzt, nun klang sie niedergeschlagen.

Es blieb nicht mehr viel Zeit. Das war das Dumme. Ich wusste nicht, was ich nun tun sollte.

Vielleicht musste sie die kranke Mutter pflegen oder den invaliden Vater versorgen, wovon

ich nichts wusste. Ach,- viel wahrscheinlicher war es, dass sie sich mit ihrem festen Freund

traf. Sie hatte Spaß gehabt an dem Ausflug und gerne mit mir geflirtet,- doch war vergeben!

Es könnte mir egal sein, schließlich wollte ich mit ihr nicht ins Bett. Ich war sehr enttäuscht,

was mich selbst am meisten wunderte, nur zu gern hätte ich sie noch einmal wiedergesehen.

Als wir Kopenhagen erreicht hatten, schlug ich ihr zwei Schuhgeschäfte vor und bat sie, ihr

ein Paar neue Schuhe kaufen zu dürfen. „Nein,- dies ist sehr freundlich von Ihnen. Ich weiß

genau, wohin ich will. Dort setzen Sie mich bitte ab, und ich sage Ihnen „Auf Wiedersehen!“

Würden Sie bitte an der nächsten Ampel links abbiegen, weiter geradeaus.“ Sie hatte wenig

Spielraum, dachte ich mir. Ohne Schuhe konnte sie nicht nach Hause laufen und auch nicht

den Immer-Bus nehmen. Sie musste sich von mir chauffieren lassen und dirigierte mich ins

aufregend öde Einkaufs-Center, das unheimlich überladen war mit billigen Ramsch-Sachen.

Auf einer Schaufensterscheibe stand in Leuchtziffern: „Heute 30% Rabatt auf alles Weiße!“

Ich stieg aus, als sie meinte: „Lachen Sie nicht, David, ich habe hier schon schön Tragbares

ergattert, wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.“ Sie lächelte mich verlegen an, wie

es mir schien. „Ich lache gar nicht. Solch Center ist bestimmt eine gute Quelle und hat auch

Schuhgeschäfte, insbesondere für jene, die Ihnen abgebrochen sind.“ Dies war ganz ätzend.

Ich schämte mich ein wenig. „Das war die Enttäuschung und Wut, weil Sie so gefallen sind.

Ich fand die Schuhe hübsch. Ich war war nur denen böse, die Sie hereingelegt haben, das

ist alles.“ „Ich werde mich beschweren gehen.“ „Dafür fehlt jetzt Zeit. Außerdem hat dieser

Laden dicht.“ „Ich habe da schon viele schöne Sachen gekauft“, sagte sie entschuldigend.

Erst einmal war Elisa mit ihrem Latein am Ende. Als wir wieder in mein Auto stiegen, kam

es zu einer kurzen, unbeabsichtigten Berührung. „Ich bin auf eine Idee gekommen, Hippie!

Ich gehe barfuß nach Hause, ganz modern!“ sagte sie fröhlich. Ich war nah am Verzweifeln.

Zuerst dachte ich, ich höre nicht richtig.- „Elisa, mit der offenen Schnittwunde auf dreckigen

Bürgersteigen, nur ein Pflaster! Machen Sie bitte keine weiteren Einwände, wenn ich Ihnen

neue Schuhe kaufen möchte.“ Sie zögerte einen kleinen Moment, dann gab sie nach. „Es ist

reizend von Ihnen, David. Das ist wirklich äußerst nett von Ihnen.“ Dann fuhr ich sie zu Illum,

einem bekannten Schuhgeschäft in Kopenhagen, in dem Sie gewiss zwei Dutzende Schuhe

ausprobierte zum sichtbaren Verdruss einer schwer beladenen Verkäuferin. Sie lief stets im

Wandspiegel auf und ab, mit Entzücken über die Eleganz ihrer Füße, die sie zur Schau trug.

Nach einer Stunde entschied sie sich endlich für die hochhackigen, marineblauen Sandalen,

die ich mit Kredit-Karte bezahlte. Darin durfte ich sie bis zur Immer-Bushaltestelle begleiten.

Inzwischen wusste ich, dass es sinnlos war, sie umzustimmen. Sie wirkte traurig in Bedacht

auf Körperhaltung und Selbstkontrolle. Ihre Stimme bebte, als sie in Trivialitäten schwatzte,

mit der Selbstsicherheit, die ihr anscheinend nie abhanden kam, wie ich feststellen konnte.

Sie war betrübt. Ich hatte keine Lust zu Smalltalk. Ich sagte ihr traurig, wie sehr ich erhoffe,

dass wir uns wiedersehen, wenn ich nächstes Mal in Kopenhagen bin, ich wünschte es mir.

Ich dankte ihr für ihre Briefe und drehte mich kurz um zum Winken.- Dann fuhr der Bus los.

Ich sah ihm nicht nach, sondern verschwand wie rasch aus der Affäre in einer Seitenstraße.

Jani und Lotte hatte ich gesagt, dass ich am heutigen Abend nicht da sei. Obwohl es nichts

ausgemacht hätte, widerstrebte es mir, das nicht einzuhalten. Ich entschloss mich für einen

Kinofilm. Worum es dabei ging, kann ich beim bestem Willen nicht mehr sagen. Das Gute

daran war, dass mir eine Kinogesellschaft Beistand gewährte in dieser trostlosen Situation.

MEINE ENTSCHEIDUNG

Als ich Sonntagmorgen in der Badewanne lag, beschloss ich, dass ich Montag noch bleibe.

Kopenhagen würde ich zwei Tage später verlassen. Jani und Lotta flogen ins Ausland zum

Baden und Entspannen am Meer, sie machten in Spanien Urlaub. Ich müsste mir ein Hotel

suchen für die nächste Zeit. In Wahrheit wusste ich selbst nicht genau, wie dies weiterging.

Der Umtauschkurs der dänischen Kronen zu den englischen Pfund war teuer, die Hotels in

Kopenhagen auch. Ich verschwieg es Lotta und Jani, obwohl sie es verstanden hätten, aber

Glaube hinderte mich daran. Ich hatte Vertrauen zu ihnen und Bedenken ihres zu verlieren,

wenn sie meinen verlängerten Aufenthalt in Kopenhagen erfuhren und es nicht verstanden,

warum ich ihn geheim gehalten hatte. Kopenhagen wäre die letzte Stadt gewesen, in der es

verwunderlich wäre, wenn man einfach sagte, dass man sich in ein Mädchen verliebt hätte.

Dass man sich zu ihm hingezogen fühlt und nicht, weil man ihm Schuhe neu gekauft hätte.

Unser Ausflug war vorgestern. Meine Entscheidung entsprang aus reiner Phantasie heraus.

Nachdem ich Lotta und Jani zum Flughafen gefahren, ihnen gewinkt hatte, suchte ich nach

einem soliden Hotel. Ich stornierte meinen Flug, der eine Stunde später wäre, aß zu Mittag

und fuhr zurück nach Kopenhagen zum Krone-Hotel, in dem ich ein kleines Zimmer buchte.

„Spreche ich mit Elisa?“ „Oh, David, Sie sind nicht schon im Flugzeug nach London?“ Ich

wunderte mich über ihre aufgeschlossene Haltung, die keinerlei Teilnahmslosigkeit zeigte.

„Nein,- äh, ich habe hier noch Geschäftliches zu erledigen, ich bleibe noch kurze Zeit hier.

Wie geht es Ihrem Fuß?“ „Meinem Fuß? Oh, meinen Fuß hatte ich schon ganz vergessen,-

dem geht es gut.“ „Schön, Elisa, können Sie heute Abend mit mir essen gehen?“ „Nein, es

geht leider nicht heute Abend. Es tut mir leid, David. Doch bitte bedrängen Sie mich nicht.“

„Und morgen Abend, geht es morgen?“ Pause - „Moment, lassen Sie mich nachdenken. Ja,

morgen müsste es sich einrichten lassen. Ich denke schon, am besten, ich rufe nochmals an

im Krone-Hotel. Heute Abend melde ich mich zwischen sieben und acht Uhr abends. Aber

jetzt muss ich unser Telefonat beenden. Hier ist jede Menge los. Ich muss an meine Arbeit.“

„Gut, dann warte ich. Ich nehme den Hörer ab, bevor Sie zum zweiten Mal klingeln, Elisa.“

„David?“ „Ja? Machen Sie sich keine Bedenken. Ich glaube schon, dass das klappen wird.

Also dann, auf Wiedersehen, für heute Abend auf Wiederhören, ich freue mich schon sehr.“

Dreißig Stunden, die ich ohne sie durchhalten musste. Dreißig Stunden, in denen ich lieber

als Siebenschläfer überwintert hätte, als Motte im Schrank und als Raupe bis zu der letzten

Entpuppung, meiner endgültigen Entfaltung, die mich als Schmetterling davon fliegen ließ.

Dreißig Stunden, die ich gern als geschnürtes Paket in den See geworfen hätte. Ohne Elisa,

meinen Neuwagen und ohne positive Gesellschaft hatte ich keine Lust, irgendetwas zu tun.

Auch nicht auf Zerstreuung, ich konnte nicht den ganzen Tag durch viele Geschäfte laufen

oder mir Filme ansehen, die mich nicht interessierten. Gewiss hätte ich die dreißig Stunden

sinnvoll nutzen und mir Fachbücher ansehen können, die ich vor meiner Reise ins Gepäck

gesteckt hatte: Über königliche Porzellan-Manufaktur der Dänen und Engländer, Meißener

Porzellan-Malerei, die KPM in Berlin. Nein, das Fatale war, dass ich mich nicht einmal an

meinem beruflichen Interesse erfreuen konnte. Ein Dauerzustand durfte es nicht werden in

Anbetracht meiner Selbständigkeit. Im frühen Zustand bereitete mir das noch keine Sorgen.

Konnte ich überhaupt etwas tun, dann fiel mir genau das ein, was ich mit ihr gemacht hatte.

Ich fuhr nochmals zum See, ließ mir frischen Wind um die Nase wehen und ging spazieren.

Wie ein Eremit saß ich an einer ruhigen Stelle des Seeufers und versuchte meine Gedanken

zu sammeln. Auf einem langen Grashalm neben mir ließ sich ein gelber Zitronenfalter nieder,

der mich auf die richtige Idee brachte. „Oh, schau‘ nur, was für ein bildschöner Schmetterling!

Wie nennt man ihn auf englisch? Sie sind ein Mann, der immer etwas ganz Bestimmtes vorhat

und alles plant.“ Genauso war es. Bald würde ich im asiatischen Imbiss zu Mittag essen gehen.

Dieser schüchterne Einzelgänger, der keine Liebeserfahrung hat, war dem brillant schillernden

Schmetterling ins Netz gegangen? Nein, hinterher gesprungen auf einer Frühlingswiese bunter

Blumen, wie er sich von einer Blüte zur anderen schwang. Wenn dies Herr Larson auch nicht so

erkannt hatte, war das Mädchen eine phantastische Schönheit, was andere Männer auch sahen.

Meine Vermutung, dass sie haben konnte, wen sie wollte, war einfach klar. Dass ausgerechnet

ich, jener unerfahrene Liebhaber und geschäftstüchtige Junggeselle von ihr auserwählt werden

würde, war unwahrscheinlich. War ich wirklich verliebt? Wie konnte ich in ein mir völlig fremdes

Mädchen, von dem ich nichts wusste, das ich vor einer Woche zum ersten Male gesehen hatte,

verliebt sein? Ich war hier Ausländer und kannte mich in vielen Dingen nicht aus. Dies konnte

ein Reiz für sie sein. Vielleicht spielte sie einfach nur mit meiner Unwissenheit in jenem Land,

das sie kannte in all seinen Gebräuchen, aber ich nicht. Vielleicht machte das ihre Vorliebe für

mich aus? Die anderen könnte sie jederzeit haben. Doch nur einmal angenommen, ich war nun

wirklich verliebt, machte ich eine Narrenkappe aus mir, könnte man diesen Fortgang als reinste

Selbstquälerei bezeichnen. Was hatte ich bei Herrn Larson gesagt? Selbst, wenn ich mich zum

größten Narren Dänemarks machen würde, müsste ich unbedingt dieses Mädchen wiedersehen.

Doch wozu? Ich war kein Schmetterling-Experte .Warum hier bleiben und sich selbst weh tun?

Wäre es nicht besser, nach dem morgigen Treffen Kopenhagen zu verlassen und nach England

abzureisen? Noch bevor sie sagen konnte: „Lieber David, das war alles wunderschön! Sie sind

ein wahrhaftiger Gentleman. So schrecklich leid es mir auch tut, muss ich Ihnen sagen, dass es

kein weiteres Treffen mehr geben darf. Ich danke Ihnen ganz herzlich und wünsche Ihnen alles

Gute!“ Sie konnte bestimmt sein, das hatte sie bereits gezeigt. Dann wäre es zu spät für mich in

der Entscheidung, die ich nun treffen sollte. Ich warf Stöckchen ins Wasser, die kein Hündchen

zurück holte. Ich trat gegen gefällte Baumstämme, was ich bei lebenden Bäumen nicht gemacht

hätte. Da wurde es mir bewusst. Wir hatten auch manches gemeinsam, unsere Liebe zur Natur.

Als ich so nach 16 Uhr zurückfuhr, kam ich unerwartet in dichten Berufsverkehr mit zusätzlicher

Schwierigkeit,- auf der Gegenfahrbahn links zu lenken. Rechtsverkehr war für mich ungewohnt.

Das ließ mich eine Nebenstraße verpassen, in die ich einbiegen musste. Ich lenkte nach rechts

und machte die Dreipunkt-Wendung. An der nächsten Kreuzung nahm ich die erste Ausfahrt in

die Parkstraße. Es war der Park in der Nähe des Hotels, als ich plötzlich zwei junge Frauen auf

einer Bank nebeneinander sitzen sah, nur kurz, schon war ich dran vorbei. Eine der Frauen war

nach meinem vagen Gefühl Elisa, für einen flüchtigen Augenblick, der durch Sträucher auf eine

Grünfläche fiel, auf dem zwei kleine Mädchen spielten. Ein so schöner, milder Abend, die Kinder

streunten, Spaziergänger zwischen den Blumenbeeten, dann wieder eine Bank, auf der sich die

Parkbesucher erholten und plauderten. An jener Bank hatte eine Linde gestanden, was für mich

ein unumstößliches Erkennungsmerkmal war. Ich rannte durch den Park, dass es beinah auffiel.

Doch als ich endlich an der Linde angekommen war, war keiner mehr dort. In weiter Entfernung,

fast aus der Sichtweite, sah ich verschwommen die Silhouette der beiden Frauen. Ich legte jetzt

nochmal zu einem Endspurt an, was vor einem Abendessen nicht zum Nachteil war. Als ich bei

der Hecke angekommen war, hinter der ich zwei Mädchen verschwinden sah, konnte ich außer

einem Parkwächter niemanden mehr entdecken. Ich fragte ihn, ob er junge Damen, die hier vor

kurzem vorbeigelaufen seien, gesehen hätte. Er lächelte mich durch die gespreizten Finger der

Hand an und sagte: „Sehr viele junge Damen sind hier heute im Park vorbeigelaufen.“ Ich gab

endlich auf und ging zu meinem Wagen zurück. Wenigstens fand ich keinen Strafzettel auf der

Frontscheibe wegen dreißig Minuten unerlaubten Parkens im uneingeschränkten Halte-Verbot.

DAS KLAVIERKONZERT - 6. KAPITEL -

„David?“ „Elisa, hatten Sie einen erfolgreichen Tag?“ „Kennen Sie einen Trick, den Montag in einen

erfolgreichen Tag zu verzaubern?“ „Aber ja, ich kann ihn jetzt rüber senden, falls Sie es wünschen.“

„Oh, das wäre sagenhaft. Ich glaube, das geht nicht. Ich habe heute schon mal früher versucht, Sie

zu erreichen. Sie waren leider nicht da.“ „Das hätte ich wissen sollen. Ich war in Soreg.“ „In Soreg,

wie schön!“ „Mit Ihnen zusammen wäre es noch schöner gewesen.“ „Sie sind ein Glückspilz. Ich war

nur im Büro, nicht mehr. David, hören Sie, ich kann morgen Abend. Im Jiol gibt es ein Klavierkonzert.

Wäre das nicht schön?“ „Es wäre wunderbar. Ob ich dafür noch Karten bekomme?“ „Vielleicht über

das Hotel?“ „Da gibt es sicher jemanden, der für Ausländer die Tickets besorgt. Sie hängen sich eine

Kamera um, spielen amerikanisch.“ „Vielleicht bekomme ich es auch auch ohne dieser Verkleidung.“

„Also zehn Minuten vor acht Uhr im Foyer.- Bis dann!“ „Kein Essen vorher?“ „Nein, lieber danach.

David, ich muss mich beeilen. Die Sprechzeit läuft ab.“ „Sie rufen aus einer Telefonzelle an?“ „Jah.“

„Wenn Sie keine Karten mehr bekommen, melden Sie sich bitte im Büro für die neue Verabredung.“

„Natürlich, Elisa, ich habe Sie heute schon mal gesehen.“ „Mich? Wo?“ „Im Park auf einer Bank an

der Linde. Ich wollte zu Ihnen. Doch ich fand so schnell keinen Parkplatz. Plötzlich waren Sie weg.“

Ich hatte sie verpasst und war sehr enttäuscht.“ „Oh!“ Kurzes Schweigen. „Dann müssen Sie auch -

piiep – gesehen haben. Piiep, piiep, piiep, piiep. Als es aufhörte, sagte Elisa noch: „Morgen Abend!“

Dann war die Leitung tot.

Elisa kam grade rechtzeitig, dass wir unsere Plätze finden konnten, bevor das Orchester einstimmte.

Die Ouvertüre in ihren ersten Klängen, als wir vorn im Parkett Platz nahmen, wo sie sich umschaute.

Die Atmosphäre nahm sie in sich auf wie der Garten Eden den Regen. Im Foyer war sie noch in Eile.

Glücklich suchte sie meinen Blick, der mir sagte, dass es wunderbar sei, was sie beobachten könne.

Ihre Hand lag auf meiner und mit seichtem Druck flüsterte sie: „David, ich danke Ihnen von Herzen!“

Als der Dirigent seinen tosenden Applaus bekam, während er auf sein Podium stieg, half ich ihr aus

dem Cape. Sie legte es sorgsam gefaltet über die Lehne des Sitzes, wo sie sich in Freuden-Seufzer

nieder ließ. Die kleine Tasche, die sie im Kopje-Restaurant trug, nahm sie auf ihren Schoß. Darunter

legte sie das Programmheft, das ich ihr hinreichte, ohne einen Blick hinein zu werfen. „Himmelwärts“,

jubelte sie leise, da endloses Applaudieren den Dirigenten mit Orchester daran hinderte zu beginnen.

Während Cello und Kontrabass in tiefer Brandung anhoben, merkte ich, wie sich Musik neben dieser

Frau erleben lässt, die darin gänzlich aufgeht ohne Worte und einer Bewegung, als nur dem Symbol,

dass sie mir gleich davon schwimmen würde, darin untertauchen, um an ein neues Ufer zu stranden.

Zum Ende des ersten Musikstücks klatschte sie mit dem Publikum laut Beifall und neigte sich mir zu:

„Ist das nicht schön? Man meint, man könnte drin schwimmen.“ „Das wäre Norden, ganz schön kalt!“

„Haben Sie denn gar kein Blut in den Adern?“ Der Dirigent ersparte mir meine Antwort mit C-Moll für

Mozart‘ s Tutto, das noble, erste Thema einer Tragödie, es prophezeite die bessere Welt im Jenseits.

Vielleicht war es der Auftakt zum jüngsten Gericht. Diese Vervollkommnung in seinen Kompositionen

hätten Komponist und ausführendes Konzert nicht besser darbieten können. Manchmal stehen wir in

der geheimnisvollen Macht, die Nähe Gottes zu spüren. Als würden wir wie Vögel gegen diese blick-

durchsichtige Scheibe fliegen und könnten kurz ins Himmelsreich schauen, wobei wir gleichzeitig in

Anbetracht der Fensterscheibe daran abprallen. Wir haben ein Licht wahrgenommen, das dann auch

bleibt, wenn wir wieder zurückgefallen sind. Nicht aus einem Leid, aus einer Freude erschien das hell.

Seit Beginn des Konzerts war ich auf diese Musik eingestellt. Elisa war eingetreten in die andere Welt

wie ein Taucher am Algengrund. Meine Aufmerksamkeit wurde neben ihr höher, schweifte niemals ab,

manchmal hörte ich drei bis vier Dinge gleichzeitig, was mich Mozart gewiss auch hören lassen wollte.

Seine Musik und ich waren deckungsgleich. Dort gab es einen Stern, der tanzte, darunter war ich mal

geboren. Damit ging die spontane Gefühlsreaktion des Kindes einher. Darunter sind wir alle geborgen.

Als das Larghetto in strahlender Schlichtheit ausgeklungen war und eindringliche Moll-Variationen des

letzten Satzes begannen, merkte ich die körperliche Veränderung. Im Augenwinkel warf ich Elisa einen

Blick zu, sie weinte lautlos ohne Regung. Ich berührte sanft ihren Arm. Sie blinzelte selbst verleugnend

durch ein leises Lächeln und flüsterte mir zu: „Er sagt, es geht zu Ende. Es muss sein und geschehen!“

Nachdem der Dirigent gebührend den verdienten Applaus mit Bravo-Rufen entgegengenommen hatte

und auch die Hand der ersten Geige und den übrigen, die in ein Blickfeld gerieten, vernahm, fragte ich

Elisa, ob sie in der Pause zur Erholung oder zum Drink hinausgehen möchte. Sie schüttelte ihren Kopf,

legte sich zurück in die Stuhllehne und rieb sich daran die Schultern. „Müssen wir irgendwo hingehen?“

Wir unterhielten uns über die Musik in England. Ich erzählte von der Festspielhalle. „Man kann da den

Zug nicht hören, obwohl er draußen nur fünfzig Meter entfernt ist, da vorbeifährt an der Festspielhalle?“

„Nein, aber drinnen hört man das leiseste Geräusch. Die Proportionen der schwarz-weißen Logen sind

so aufgeteilt, dass sie aussehen wie die Berg- und Talfahrt auf dem Jahrmarkt. Wie bei einer Kommode,

bei der alle Schubladen offen stehen.“ „Es ist lustig. Dann können große Menschen oben sitzen und die,

die bald heiraten, unten.“ Ich musste unwillkürlich lachen, was ich nicht zurückhalten konnte in meinem Erstaunen. „Elisa,- so schnell können Sie einheimische Gewohnheiten in fremder Sprache verstehen?“

Ich war total verblüfft. „Bei uns heißt dies: „Wenn scheint die helle Sonne, dann ist mein Leben Wonne.

Können Sie übersetzen?“ “Auf englisch heißt das: „When the bright sun is shining, then life is delight. Is

pure delight.“ „Na, es ist meine Wonne, Albernheiten zu sagen, wenn sie mir erscheinen. Aber gibt es in

England nicht noch eine zweite sehr berühmte Konzerthalle?“ fragte sie, ehe ich auf das Erste reagieren

konnte. “Ich habe in einer Illustrierten darüber gelesen.“ „Benjamin Britten Snape.“ „Richtig, ich hatte den

Namen vergessen.“ „Das ist die beste Halle, die es überhaupt geben kann! Bei jedem Festival verfällt die gesamte Umgebung der Musik von den Kirchen über Gemeinden bis zu den Kindergärten. Alle lösen sich

auf in Tanz mit Gesang. Berühmte Künstler aus der ganzen Welt kommen. Sollten Sie bald nach England kommen,“ Ich unterbrach plötzlich meinen Satz und hielt inne. „ Ja, David?“ Lachend gab sie ihrer Tasche

mit den Knien einen kleinen Schubs und fing sie wieder auf. „Na ja, ich wollte nur sagen, wenn Sie jemals

nach drüben kämen, werde ich mit Ihnen hinfahren, wie ich es mit den anderen Freunden gemacht habe.“

„Das wäre schön“, erwiderte sie ernst. „Ich würde sehr gern zu euch und eurer Musik kommen.“ Nach der

Pause folgte jene Suite von Mendelssohns. Ich interpretierte diese bekannte, italienische Symphonie, die gediegener war als die vorherige Sonate, wie für den fürstlichen Salon gemacht. Seit jener Pause blieben

die Plätze neben Elisa frei, dass sie ihr Cape darüber legte. Sie hatte jetzt mehr Platz, ihr Entzücken über Kompositionen mit ihrer Gestik auszudrücken sowie eine natürliche Erscheinung. Klang etwas beschwingt, wippte sie leicht, bei dem langsamen Rhythmus wog sie sich sowie Ähren seicht im Wind, neigte den Kopf

und schloss die Augen. Die nächste Komposition hätte mein Vater betitelt als „Balzruf der Amsel“, als hätte

sich eine Amsel ihre Kehle herausjubiliert. Daraufhin folgte eine Art Pilger-Prozession auf dem Jakobsweg.

Die Musikauswahl war so abwechslungsreich, dass für jeden Geschmack etwas dabei war und endete mit

einer Blechbläser-Suite, die in strahlenden Klängen eine Wärme und Wonne heraus posaunten, die sogar

mich in Euphorie versetzten, ein überraschendes Konzertende, das für mich den ganzen Abend über blieb.

Ich beteiligte mich an diesem endlosen Applaus, der auf ein Dakapo hoffte und seinen lauten Bravo-Rufen.

Elisa ließ unzählige Gäste an sich vorbeigehen, um sich dann wieder zu setzen und zu seufzen: „Und jetzt müssen wir wieder auf die Erde zurück.“ „Ja, doch mit vollster Zufriedenheit! Es war eine wundervolle Idee,

in dieses Konzert zu gehen.“ „Was hat Ihnen am besten gefallen davon?“ „Das sage ich nicht, weil man so

etwas auch nicht fragen sollte. Wie kann man das Beste fallen lassen aus dem Besten? Es heißt, wenn ich

Ihre Frage beantworte, wird davon etwas einbüßen. Was machen wir jetzt?“ „Wir könnten etwas essen und trinken gehen.“ „Etwas? Wir sollten uns ernähren, David. Nur ein wenig? Wir gehen ein ganzes Abendmahl essen. Etwas reicht nicht aus.“ „Und wir brauchen neue Gespräche. Sie haben heute noch gar nichts von

sich erzählen können.“ „Bin ich eine Plaudertasche oder ein Plapper-Kasten?“ „Ein süßer Pralinen-Kasten!“

„Süßer Kasten voll Konfekt“, wie der Dichter sagt. Ich sage, dass ich Ihnen heute nicht mal zuhören konnte,

da ich dem Konzert gelauscht habe.“ „Dann muss ich Ihnen etwas vorsingen beim Abendbrot“, jauchzte sie

in ihrer warmen, weichen Stimme. Während des Essens, das mir im Sinne eines Kontostandes so langsam Kopfzerbrechen bereitete, sprach sie von nichts anderem als über Freundinnen, Stricken und Aquaristik an

langen Abenden im Zusammenhang der letzten Ferien in Amsterdam, vom Kochen, der fremden Rezepten.

Es hörte sich an wie der Gesang eines Vogels. Als Mensch musste sie Wörter dazu benutzen, doch war es unwichtig. Ich, ihr Zuhörer konnte nicht genug davon bekommen. Ich hörte ihr gerne zu. Plötzlich sagte sie:

„Sie haben mich gestern im Park in der Nähe des Hotels gesehen?“ „Ja, unter einer Linde.“ „Dann müssen

Sie auch Anne gesehen haben und das kleine Mädchen.“ „Mag sein, ich habe eine junge Frau neben Ihnen sitzen gesehen. Es wird dann Anne gewesen sein, da sie sich mir nicht vorgestellt hat, kann ich nicht sagen,

ob sie es war. Kleine Kinder habe ich gesehen, aber ein besonderes kleines Mädchen war nicht erkennbar.“

„Ach so, nun gut, wir sind mit ihr in den Park gegangen.“ „Wie alt ist Annes kleine Tochter?“ „Drei Jahre, fast vier.“ „Ich sollte es ganz genau wissen. Anne ist vielleicht ihre Freundin?“ „Sie wohnt im Erdgeschoss.“ „Und,

sie ist verheiratet?“ „Nein.“ „Ach.“ Ich lächelte. „Dann hat sie nur dieses kleines Mädchen?“ „Ja.“ Sie wandte sich um und rief den Kellner: „Tjener!“ Als er gekommen war, bat sie ihn um ein neues Kännchen Kaffee mit

Milch und Zucker. Sie schenkte mir und sich ein, gab Milch und Zucker zu, rührte um, kostete ab, gab mehr Milch dazu, sprach weiter. „Doch gibt es da jemanden, der sie heiraten möchte, und sie glaubt, dass sie ihn nehmen würde.“ „Wie schön für Anne, wollen Sie damit sagen, dass er nicht der Vater jenes Mädchens ist?“

„Nein, ein anderer.“ „Er hat nichts dagegen, das kleine Mädchen zu übernehmen?“ „Sollte er?“ „Ja, natürlich nicht. Nein, wobei ich nicht glaube, dass es mir besonders gefallen würde. Vermutlich könnte es mich sogar völlig aus der Fassung bringen. Ich denke, neue Umstände können manches ändern, ich kenne weder Anne noch den Mann oder dieses kleine Mädchen. Ich hoffe, sie werden alle glücklich. Lassen Sie es mich wissen, wann die Hochzeit stattfindet. Sie werden doch schreiben? Ja? Ich wollte Sie fragen, ob ich Ihnen schreiben darf? Wenn ja, ob Sie es mir auch beantworten, Elisa?“ „Vielleicht!“ Sie schwieg eine kurze Zeit. „Oh, es war

ein schöner Abend. So schade, dass er zu Ende gehen muss. Er kommt zurück, er kommt immer zurück. Ja,

ob ich zur Hochzeit gehe, weiß ich noch nicht. Aber jetzt muss ich nach Hause.“ „Aber warum, so spät ist es doch gar nicht. Bleiben Sie noch. Ich fahre Sie nach Hause, keine Sorge.“ „Nein, ich muss jetzt gehen, doch

Sie können mitkommen zum Immer-Bus.“ Als ich ihr ins Cape half, trafen sich unsere Blicke im Garderoben-Spiegel. „David, warum die Stirnfalten? Sie sehen ernst aus. Was ist?“ „Entschuldigung, ich war gedanklich

beim Mozart-Konzert. In gewisser Weise ist das eine ziemlich schwierige Sonate.“ „Wirklich? Warum?“ „Der

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450 стр. 1 иллюстрация
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9783753185071
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