Читать книгу: «Rabenschreie»
JANINE M. SENKEL
Rabenschreie
Janine M. SENKEL
Rabenschreie
Deutschsprachige Erstausgabe April 2015
Copyright
Rabenschreie© 2015 by Janine M. SENKEL
Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-4391-0
RABENSCHREIE
Ich widme dieses Buch meiner Freundin Sylvia, die ich schon
eine halbe Ewigkeit kenne und mit der ich so viel erlebt habe.
Ich danke ihr für all diese schönen Augenblicke und hoffe,
dass dieses Buch ihr auch einige schöne Momente beschert.
Was bisher geschah
Nachdem Shania herausgefunden hatte, wer hinter dem Tod
von Ian, dem damaligen Oberhaupt des Rabenclans, steckte,
hätte ihr Freund Raven der nächste Anführer werden sollen,
doch nachdem er Shania einen Heiratsantrag gemacht hatte,
beschloss der Rat zunächst, seinen Bruder Kris dafür
auszuwählen, da ein Oberhaupt ein anderes Clanmitglied
heiraten musste. Für Saya und Kris bedeutete es das Ende
ihrer kurzen Beziehung und nachdem die Vampirin eine
letzte Nacht mit ihrem Rabenmann verbracht hatte, traf sie
Eric, einen kleinen Jungen, der von grausamen Blutsaugern
gequält und schließlich verwandelt wurde. Er war nicht das
einzige Opfer der drei Vampire. Bald schon fanden Saya,
Shania und Aniola noch weitere Kinder, denen das gleiche
Schicksal widerfahren war. Ohne lange zu fackeln,
entschied Saya sich, eine Vampirschule zu gründen, um die
Kinder zu lehren, mit ihrer neuen Situation umzugehen. Es
war ein voller Erfolg und ihre Schützlinge machten große
Fortschritte. Um zu verhindern, dass es noch mehr Kindern
so gehen würde, machten die Freundinnen sich auf die
Suche nach den Tätern und begegneten dem Erzengel
Gabriel, so wie seinem Sohn Aleksiel, einem gefallenen
Engel. Gabriel hatte eine besondere Anziehung auf Saya
und da diese Kris um jeden Preis vergessen wollte, ließ sie
sich auch ein Stück weit auf ihn ein, vor allem nachdem sie
von Rebecca, Kris Exfreundin, erfahren musste, dass sie es
war, die er heiraten sollte. Der Rat hatte es beschlossen und
es traf auch diese beiden unerwartet. Niemals hätten sie ihre
Beziehung nochmals aufwärmen wollen, doch der Rat sah
das anders. Bevor sich Saya allerdings komplett auf den
Erzengel einlassen konnte, funkte besagter Rabe dazwischen
und wollte mit ihr reden, jedoch hatte Saya noch andere
Verpflichtungen und stürzte sich erstmal in die Arbeit mit
ihren Schützlingen und die Vorbereitung für Shanias
Hochzeit. Als Aleksiel, Gabriels Sohn und mittlerweile ein
guter Freund von Saya, auftauchte und ihr von neuen Spuren
erzählte, versammelten sich alle umgehend im ‚Bat in the
Moon‘, ihr Stammlokal in Harrow on the Hill. Gerade als sie
Pläne schmiedeten, die Täter auszuschalten, hörten sie ein
Kind schreien und als sie hinausrannten, trafen sie
ausgerechnet auf die drei Blutsauger. Es war ein harter
Kampf und die Vampire waren so stark, dass sie beinahe alle
von ihnen außer Gefecht setzten. Saya war am Ende als
Einziges übrig, doch sie war von den Erinnerungen an ihre
Vergangenheit wie gelähmt. Ihr war es genauso wie den
Kindern gegangen. Auch sie war von Vampiren gefoltert,
gewandelt und zurückgelassen worden. Das Trauma drohte
sie zu beherrschen und sie konnte nicht kämpfen. Bevor der
Vampir sie jedoch töten konnte, tauchte Kris aus heiterem
Himmel auf und besiegte ihn. Saya brach vollkommen
erschöpft zusammen. Nachdem sie wieder vollkommen
genesen war, stand Shanias Hochzeit an und es war ein
wundervolles Fest. Auf der Party, nahm Kris sie beiseite und
erklärte ihr, dass Rebecca den Rat überzeugen konnte, die
Bräuche zu ändern und sich der modernen Zeit anzupassen.
Im Umkehrschluss bedeutete das, dass Kris sie nicht
heiraten musste und mit Saya zusammen sein konnte. Raven
würde nun wieder seinen rechtmäßigen Platz als Nachfolger
einnehmen. Freudig fielen sich die beiden um den Hals,
doch sie wurden von Raven unterbrochen, der aufgelöst auf
sie zukam. Shania war verschwunden. Nach der Hochzeit
hatte sie keiner mehr gesehen. Was war mit ihr geschehen?
1
Raven schritt im Wohnzimmer auf und ab. Er konnte keinen
klaren Gedanken mehr fassen. Shania war nun seit einem
halben Jahr wie vom Erdboden verschluckt. Kein
Lebenszeichen. Nichts. Als sie nach der Hochzeit nicht mehr
auffindbar war, gingen alle davon aus, dass es sich um eine
Brautentführung handelte, aber da sonst niemand fehlte und
auch keiner Bescheid zu wissen schien, glaubte Raven nicht
daran und er hatte Recht behalten. Sie war noch immer
verschwunden und alle machten sich große Sorgen. Er
konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, er musste die
ganze Zeit daran denken, was ihr alles zugestoßen sein
konnte. Einige verbreiteten das Gerücht, sie wäre mit einem
anderen Mann durchgebrannt, aber Raven wusste, dass sie
das niemals getan hätte. Abgesehen davon wäre es ziemlich
unklug, das erst nach der Hochzeit zu machen. Verzweifelt
ließ er sich die Wand entlang nach unten gleiten, bis er
zusammengesunken am Boden kauerte. Tränen rannten
seine Wangen hinab und tropften lautlos auf den
Holzfußboden. Er konnte nicht mehr stark sein, sich
zusammenreißen und so tun, als würde ihm das alles nichts
ausmachen. Er gab sich vollkommen seinen Gefühlen
hin. Verzweiflung, Angst, Trauer, Schmerz, all das empfand
er und es drohte ihn zu zerreißen.
Ein schrilles Läuten riss ihn aus seinen Gedanken und ließ
ihn aufschrecken. Hastig wischte er die Tränen aus seinem
Gesicht und eilte zur Tür. Diese quietschte leise, als er sie
langsam öffnete und hinausspähte. Sein Gesicht entspannte
sich und seine ganze Haltung wurde lockerer. Jeder einzelne
Muskel, der angespannt war, schien nun wieder zu
erschlaffen. Ein Hoffnungsschimmer huschte über Ravens
Gesicht, als er die Frau erblickte, die vor der Tür stand.
Sicherlich wäre er glücklicher gewesen, wenn er Shania
gegenüber gestanden hätte, aber er war sich durchaus
bewusst, dass dies nicht einfach so geschehen würde. Er war
sich ziemlich sicher, dass sie in Gefahr war, zumal ihm ihre
beste Freundin erzählt hatte, was sie von dem Vampir
erfahren hatte, mit dem sie vor einem halben Jahr gekämpft
hatte. Es war einer von drei abtrünnigen Vampiren gewesen,
die Kinder gefoltert und sie in Vampire verwandelt hatten.
Der Codex der nachtwandelnden Geschöpfe verbot es
ausdrücklich, sich an Kinder zu vergreifen, da diese niemals
altern könnten, aber manche Vampire hielten sich nicht an
die Gesetze. Vor allem nicht, wenn sie, wie diese drei
Blutsauger süchtig waren. Sie waren aber nicht einfach
süchtig nach Blut, nein, es war viel schlimmer. Sie hatten
Engelsblut gekostet und das war die stärkste Droge, die es
für Schattenwesen gab. Nichts konnte einen Vampir mehr
abhängig machen, als das Blut eines Engels. Warum
ausgerechnet Engelsblut wusste Raven auch nicht, das hatte
ihn Saya nicht erklärt. Es war möglich, dass auch sie es nicht
wusste. Die drei Blutsauger haben sich aber nicht nur des
Blutrausches wegen an den Kindern vergriffen, wie er nun
erfahren hatte. Es steckte jemand viel Mächtigeres dahinter,
der eine Armee aus Vampirkindern aufstellen wollte. Junge
Vampire ohne Erfahrung und Kontrolle waren stark und sehr
gefährlich, gerade wenn sie noch Kinder waren. Der
Überlebensinstinkt trieb sie an und das wollte man
ausnutzen. Bisher konnten sie noch nicht herausfinden, wer
dahintersteckte, aber es war ziemlich sicher, dass es mit
Shanias Verschwinden zu tun hatte, schließlich war es
unmittelbar nach diesem Fall geschehen. Vermutlich wollte
jemand verhindern, dass man ihm auf die Spur kam, oder
womöglich hatte seine Ehefrau und Hexe bereits was
herausgefunden und musste deswegen aus dem Weg
geräumt werden. Er mochte gar nicht daran denken. Schnell
schob er die schrecklichen Gedanken beiseite und
betrachtete die junge Frau, die vor seiner Tür stand.
Rotbraune Haare hingen ihr ins Gesicht und sie hatte sich
offenbar nicht die Mühe gemacht, sich großartig schick zu
machen, denn sie steckte lediglich in einfachen schwarzen
Jeans und einem grau-schwarzen Top, dass sich lässig an
ihren Körper schmiegte. Ohne sie weiter zu mustern, trat er
auf die Seite und bat sie hinein. Ruhig schritt Saya an dem
Ehemann ihrer besten Freundin vorbei, eilte schnurstracks
aufs Wohnzimmer zu und ließ sich auf die Couch nieder.
Nur wenige Sekunden später stand auch Raven im Raum
und setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Mit betrübter
Miene starrte er sie an und sie erwiderte seinen traurigen
Blick. Sie traf es nicht weniger schlimm, dass ihre Freundin
verschwunden war und sie machte sich auch Vorwürfe, weil
sie sie in die Sache mit den Vampiren hineingezogen hatte.
»Hast du Neuigkeiten?« Hoffnungsvoll sah er die Vampirin
an, diese schüttelte jedoch ein wenig geknickt ihren Kopf.
»Leider nein.« Beide seufzten unisono und Saya beugte
sich ein wenig nach vorne, ihren Kopf auf ihre Hände
gestützt. »Allerdings habe ich mit den anderen gesprochen
und wir haben uns entschlossen, dass untätiges Herumsitzen
nichts bringt-« Raven nickte zustimmend. »-und wollen
deswegen eine Suchaktion starten.«
Die Augen des Rabenmannes weiteten sich, als er von dem
Plan hörte. »Wie wollt ihr das anstellen?« Wäre es
umgekehrt gewesen und eine der Vampirfrauen wäre
verschwunden, so dass Shania nach ihnen hätte suchen
wollen, wäre das sicherlich kein Problem gewesen. Als Hexe
hatte sie ihre Methoden, bestimmte Personen ausfindig zu
machen. Für einen Vampir war das Ganze bei Weitem
schwieriger. Sie haben zwar einen ausgeprägten
Geruchssinn und auch alle anderen Sinne waren bei den
Schattenwesen ausgeprägter, als bei anderen, aber dennoch
half es in diesem Fall nicht viel weiter. »Ehrlich gesagt,
wissen wir das auch noch nicht so wirklich« Kleinlaut
gestand die Vampirin, dass ihr Plan Lücken hatte, doch als
sie seinen entmutigten Blick sah, fügte sie noch etwas hinzu.
»Aber wir werden eine Lösung finden. Das tun wir immer.«
Raven nickte, doch Saya konnte sehen, dass er nicht gerade
zuversichtlich war. Es verletzte sie. Nicht nur, weil er der
Mann ihrer besten Freundin war, sondern auch weil er
seinem Bruder so ähnlich sah. Dem Bruder, den sie über
alles liebte und der genau in diesem Augenblick bei ihr
zuhause auf sie wartete und sich ebenfalls den Kopf
zerbrach, wie man Shania finden könnte. Sie, die durch die
Nacht wandelte, wollte keinerlei Zeit verlieren und zu ihm
zurückkehren, weswegen sie Raven noch ein letztes Mal
aufmunternd auf die Schulter klopfte, bevor sie sich
abwandte, um aus der Tür zu entschwinden. Kurz bevor sie
die Schwelle erreicht hatte, hielt sie die Stimme ihres
Schwagers in Spe zurück. »Kannst du bitte nach Aniola
sehen? Ich habe sie ewig nicht mehr gesehen und mache mir
Sorgen. Ich weiß doch, wie sehr Shania an ihren
Freundinnen hängt und sie würde es mir nie verzeihen, wenn
ich mich nicht ausreichend um euch gekümmert hätte.« Saya
drehte sich noch einmal kurz herum, setzte ein zaghaftes
Grinsen auf und nickte. Dann verschwand sie endgültig und
ließ Raven in seiner tiefen Trauer zurück. Er stützte sich an
der Wand ab, um nicht wieder zusammenzubrechen. Er
würde der Anführer seines Clans werden, er durfte keine
Schwäche zeigen. Doch das gelang ihm nur mit größter
Mühe, denn Shania bedeutete ihm alles und ihr
Verschwinden riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Es
gab nur eine Person, die verstand, wie er sich fühlte und das
war sein Bruder Kris. Denn dieser hatte vor einem halben
Jahr genauso gelitten, wie er, als er dachte, er hätte Saya für
immer verloren. Als er annahm, er müsste eine andere Frau
heiraten – Rebecca, wie der Rat entschieden hatte – und es
gäbe keinen Ausweg. Doch den gab es. Ihnen war es
schließlich gelungen, den Rat davon zu überzeugen, dass die
alten Bräuche längst verstaubt wären und so hatte dieser
entschieden, dass man nicht innerhalb des Clans heiraten
müsste, weswegen nun auch wieder Raven der Nachfolger
seines Vater war und nicht Kris. Doch im Augenblick fühlte
sich der Rabe alles andere als ein Anführer. Er war schwach
und gebrochen. Eine leichte Beute für Feinde. Er schüttelte
sich. Er durfte nicht im Selbstmitleid versinken, dass würde
Shania auch nicht helfen. Saya hatte Recht. Sie konnten
nicht einfach tatenlos zuhause herumsitzen, während ihre
Freundin – beziehungsweise Ehefrau - womöglich in großer
Lebensgefahr schwebte. Wenn er doch nur wüsste, wie es
ihr ging. Wenn er nur die leiseste Ahnung hätte, wo sie war.
Er malte sich aus, wie sie in einer kalten verlassenen
Lagerhalle auf einem Stuhl gefesselt und geknebelt saß und
mehrere zwielichte Personen um sie herum lungerten.
Vermutlich planten sie schon das Erpresservideo oder
dergleichen. Unsinn, dachte er sich. Wäre es um Lösegeld
gegangen, hätten sich die Täter doch schon längst gemeldet
und sich nicht erst ein halbes Jahr Zeit gelassen. Aber was
war dann der Grund für all das? Egal was es war, sie
mussten sie finden, bevor ihr die Entführer etwas antun
konnten, Hoffentlich war es noch nicht zu spät, dachte
Raven verzweifelt.
*
Es war nass und feucht und es tropfte sogar von der Decke
herab. Seit einer halben Ewigkeit war sie nun schon in
diesem trostlosen Loch eingesperrt. Sie kauerte in der
hintersten Ecke auf einer alten modrigen Matratze, die auf
dem Boden lag und weinte zahlreiche Tränen in die Ärmel
ihres Oberteils. Die Beine eng an sich gezogen und fest
umschlungen, saß sie nur da und schluchzte vor sich hin. Es
war schon ein Wunder, dass sie überhaupt noch genügend
Flüssigkeit besaß, um zu weinen. Seit etlichen Monaten
hatte sie kein Tageslicht mehr erblickt. Sie wünschte sich so
sehr, die Sonne auf ihrer Haut zu spüren. Im Gegensatz zu
Vampiren, konnten Hexen in der Sonne wandeln, doch auch
sie bevorzugten die Dunkelheit und als Windmagierin,
mochte Shania kühleres und vor allem stürmisches Wetter
sowieso viel lieber. Der Herbst war ihre Jahreszeit. Doch im
Augenblick wollte sie einfach nur die Sonne auf ihrer Haut
fühlen. Sie stellte sich vor, wie die Strahlen sie wärmten und
alles in helles warmes Licht tauchten. Nie hätte sie geglaubt,
dass sie die Sonne so vermissen würde, doch das tat sie. Wie
mussten sich dann erst die Vampire fühlen. Sie konnten sich
der Sonne niemals wieder aussetzen. Es sei denn, sie wollten
unbedingt verbrennen, aber das war dann doch eher selten
der Fall. Ihre Handgelenke brannten höllisch und sie konnte
den metallischen Geruch von Blut riechen. Die engen
Fesseln hatten sich ganz tief in ihr Fleisch gebohrt und es
war noch schlimmer geworden, als sie anfangs versucht
hatte, sich daraus zu befreien. Das hatte sie inzwischen
längst aufgegeben. Viel zu lange war sie hier bereits
gefangen. Es mussten Wochen – nein, Monate sein. Sie hatte
jegliches Zeitgefühl verloren und die Schmerzen trieben sie
beinahe in den Wahnsinn. Es waren nicht nur ihre
Handgelenke, die durch die Fesseln wund waren, ihr Rücken
pochte und schmerzte, als hätte man sie mit einer
Eisenstange geschlagen und ihr alle Rippen gebrochen. Die
ständige Dunkelheit machte ihr ebenfalls zu schaffen.
Manchmal war sie sich nicht einmal sicher, ob es wirklich
immer dunkel war, oder sie ihr Augenlicht verloren hatte.
War es Tag oder Nacht? Sommer oder Winter? Sie wusste es
nicht und es machte sie wahnsinnig. Ob ihre Freunde sich
Sorgen machten? Ob sie nach ihr suchten? Oder hatten sie
sie schon aufgegeben? Sie wusste noch nicht einmal genau,
was geschehen war. Sie erinnerte sich an ihre Hochzeit.
Tränen rannten ihre Wangen hinab, als sie an den Tag
dachte und daran, dass sie ihren frisch gebackenen Ehemann
womöglich nie mehr wiedersehen würde. Das einzige, was
sie noch wusste, war, dass sie sich auf der Party nach der
Zeremonie etwas zu essen holen wollte und dann wurde
alles schwarz. Als sie wieder aufwachte, fand sie sich
gefesselt wieder an diesem dunklen Ort. Sie wusste noch
nicht einmal, ob es ein Keller, ein Lagerraum, eine Garage
oder sonst etwas war. Ab und zu kam en zwei Männer
herein. Vampire. Das hatte sie vom ersten Moment an
gespürt. Bestätigt wurde es ihr, als sich ihre langen
Fangzähne in ihr Fleisch bohrten. Sie diente ihnen als
Nahrungsquelle. Eingesperrt in einem dunklen Raum, nur
um Vampiren ihr Blut zu geben, wenn diese gerade hungrig
waren. Sie schluchzte. Wo war sie da nur hineingeraten? Als
sie an Nahrung dachte, wurde ihr wieder der Schlauch
bewusste, der in ihrer linken Hand steckte und über den sie
künstlich ernährt wurde, um am Leben gehalten zu werden.
Super! Nicht einmal die Hoffnung, dass sie verhungern
würde und dann endlich frei von diesem Ort wäre, könnte
wahr werden. Seufzen. Sie hatte zudem großen Appetit auf
richtiges Essen. Das konnten diese Schläuche bei Weitem
nicht ersetzen. Wenn sie irgendwann doch befreit werden
würde, dann wollte sie erstmal eine große Portion Cottage
Pie verspeisen.
Dann hörte sie plötzlich Schritte. Schritte, die ihr nur allzu
gut bekannt waren und von den Männern stammten, die sie
tagtäglich besuchten. Zumindest dachte Shania, dass sie
jeden Tag, beziehungsweise jede Nacht, kamen. Man verlor
so schnell jegliches Zeitgefühl, wenn man für lange Zeit in
einem dunklen Raum eingesperrt war. Sie hörte, wie der
Schlüssel sich im Schloss umdrehte und sich die schwere
Tür quietschend öffnete. Gänsehaut breitete sich am ganzen
Körper der Hexe aus. Sie wusste, was passieren würde, denn
es war jedes Mal das Gleiche. Sie konnte sie nicht sehen,
aber dennoch nahm sie den modrigen Geruch war, der von
den beiden Männern ausging. Sie kannte sie nicht. Sie
wusste nicht, wer sie waren, aber ihre Auren waren düster
und kalt. Shania wusste nicht wieso, aber sie hatte seit
Anfang an das Gefühl, dass mehr hinter der Sache steckt.
Mehr als nur diese beiden Blutsauger, die sie als
Nahrungsquelle nutzten. Sie musste rausbekommen, um was
es hierbei ging und für wen sie arbeiteten. Vermutlich hatte
es mit dem Fall zu tun, den sie zuvor bearbeitet hatte. Die
drei Vampire, die sich an Kinder vergriffen hatten. Waren es
ihre Freunde gewesen? Wollten sie Rache? Doch Shania
konnte diese Gedanken nicht weiter ausführen, denn schon
waren die zwei dunklen Gestalten bei ihr und sie konnte die
Fangzähne an ihrem Hals spüren. Sie sagten keinen Ton.
Das taten sie nie. Weinend und schmerzerfüllt brach sie
zusammen, als die Vampire sich erneut an ihr labten.
2
Es war eine wunderbar angenehme milde Frühlingsnacht.
Eine leichte Brise wehte durch Aniolas Haar und sie konnte
die Blumen riechen, die auf den Wiesen erblühten.
Manchmal wünschte sie, sie könnte wenigstens einmal noch
einen Tag erleben. Sehen, wie die Pflanzen in voller Pracht
erstrahlten, die warme Sonne auf ihrer Haut spüren, Kinder,
die auf den Wiesen Fußball spielten und alles, was sie
nachts nie zu Gesicht bekam. Sie mochte ihr Dasein als
Vampir wirklich und nach 250 Jahren hatte sie sich auch
sehr gut daran gewöhnt, aber dennoch überkam sie ab und
an ein wenig Wehmut bei dem Gedanken, was sie alles
verpasste, was sie nie wieder machen konnte. Sie
schlenderte die Straße entlang. Kein Auto fuhr um diese Zeit
mehr durch Pinner, nur Busse kamen ab und zu vorbei. Es
war sehr ruhig in dieser Nacht. Alle schienen zu schlafen
und kein Licht brannte mehr in den Häusern. Sie lief an
sämtlichen Altersheimen vorbei, die es in dieser Gegend wie
Sand am Meer gab. Alle wurden strengstens bewacht,
überall waren Kameras angebracht und Schilder, auf denen
verdeutlicht wurde, dass man sich nicht auf das Grundstück
zu begeben hatte, wenn man nicht berechtigt dazu war.
Vampire gab es hier kaum welche. Diese versteckten sich
alle ein Stück weiter in Harrow. Sie wären auch äußerst
dumm gewesen, hier auf Jagd zu gehen, wenn die Kameras
alles aufzeichnen würden. Die Menschen durften auf keinen
Fall etwas von Vampirangriffen oder ähnlichem
mitbekommen, denn das würde die ganze Gemeinschaft der
übernatürlichen Wesen erschüttern und Chaos würde
ausbrechen. Der Codex verbot jegliche Taten, die
Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten. Natürlich hielten
sich nicht alle Vampire an diese Regeln, wie zum Beispiel
die drei Blutsauger, die vor einem halben Jahr Kinder
gewandelt hatten, was ebenfalls strengstens verboten war. In
solchen Fällen gingen Aniola und ihre Freundinnen auf
Jagd, auch wenn es seltsam für sie war, Artgenossen zu
töten, aber wenn sie die Gesetzte missachteten, musste das
sein. Shania war vor ihrem Verschwinden diejenige
gewesen, die sich um all das gekümmert hatte, denn als
Hexe war es ihre Aufgabe, sich um die Belange aller
übernatürlichen Wesen zu kümmern, die Geheimnisse zu
wahren, Streitereien zu schlichten und sie vor der
Entdeckung zu schützen. Als sie spurlos verschwunden war,
hinterließ das ein großes Loch. Von der emotionalen Leere,
die sie bei Aniola und en anderen hinterlassen hatte,
abgesehen, war es auch ein großer Verlust für die
Gestaltwandler, Vampire und andern Wesen. Aniola, Shina
und Saya kümmerten sich so gut es ging, um die wichtigsten
Angelegenheiten, aber auch sie hatten ihre Grenzen. Sobald
es um etwas ging, wobei Magie eine Rolle spielte, mussten
sie passen. Aniola hoffte sehr, dass sie Shania bald finden
würden. Saya hatte den Plan nach ihr zu suchen, doch sie
fragte sich, wo man mit dem Suchen denn anfangen sollte.
War sie denn überhaupt noch in London? Sie wussten doch
noch nicht einmal, ob sie noch lebte und warum sie
verschwunden war. Saya vermutete eine Entführung und
Aniola war im Großen und Ganzen auch davon überzeugt,
aber sie wussten es nicht hundertprozentig, denn schließlich
hatte sich nie jemand bei ihnen gemeldet und wollte
Lösegeld oder dergleichen. Aniola wusste nur, dass sie alles
dransetzen mussten, ihre Hexenfreundin so schnell wie
möglich zu finden. Bevor sie sich aber weitere Gedanken
darüber machen würde, wie sie das anstellen könnte,
brauchte sie erste einmal Nahrung. Als der nächste Bus
direkt neben ihr an einer Bushaltestelle stehen blieb, zog die
Vampirin ihre Oyster Card hervor und stieg ein. Sie hatte
keine Lust mehr durch ganz Pinner zu laufen, bis sie Harrow
erreichte. Sie war zwar als Vampir sehr schnell, aber die
Kräfte wollte sie sich lieber für die Jagd aufsparen,
außerdem war die Gefahr sehr groß, dass eine der Kameras
zufällig aufzeichnen könnte, wie sie in extrem schnellem
Tempo die Straße hinunterpreschte und das wollte sie nicht
riskieren. Einige Minuten später erreichte sie auch schon
Harrow & Wealdstone. Ein paar Lichter ringsum waren
noch an, ansonsten war es stockfinster. Nicht einmal die
Sterne waren zu sehen, oder der Mond. Aniola starrte
nachdenklich Richtung Himmel und sah dann auf das
Display ihres Handys. Tatsächlich, dachte sie, es war
Neumond. Sie war nicht vom Mond abhängig, aber trotzdem
interessierte sie sich für die verschiedenen Mondphasen, da
es für sie einen gewissen mystischen Reiz hatte. Außerdem
wusste sie, dass der Mond dennoch einen großen Einfluss
auf die Natur und auch auf einige übernatürliche Wesen
hatte. Das hatte ihr zumindest Shania einmal erzählt. Bei
dem Gedanken an die Hexe schnürte es ihr die Kehle zu.
Was sollte sie bloß tun?
Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, kam ihr
ein schäbig aussehender Mann entgegen. Er trug zerrissene
Jeans und einen alten schmutzigen Mantel, der einige
Löcher und Flicken hatte. Mit einer Bierflasche in der
rechten Hand taumelte er ganz dicht an ihr vorbei und
Aniola spürte sofort, wie er in ihre Jackentasche griff und
den kleinen schwarzen Geldbeutel herauszog. Elender
Taschendieb, fluchte sie in sich hinein! Normale Menschen
hätten es gar nicht bemerkt, schon gar nicht, weil er besoffen
an einen vorbeitorkelte, dass man es nicht weiter
verwunderlich fand, wenn er einen streifte, doch Aniola war
kein Mensch. Ihre Vampirsinne waren geschärft und sie
bemerkte so etwas sofort. Sie sog die Luft tief ein und ihr
fiel außerdem auf, dass der Mann überhaupt keine
Alkoholfahne hatte. Dennoch stolperte er durch die Gegend,
sang und lallte. Das passte nicht zusammen und sie musste
kein Detektiv sein um zu erkennen, dass die Trunkenheit nur
gespielt war und als Tarnung für den Taschendiebstahl
fungierte. Nun stieg Zorn in ihr auf. Sie verabscheute solche
Menschen. Im nächsten Moment bemerkte sie einen Laut,
der aus den Tiefen ihres Magens kam und realisierte, dass
sie in dieser Nacht noch überhaupt keine Nahrung zu sich
genommen hatte und eigentlich hier war, um jagen zu gehen.
Sie warf den angeblich besoffenen Mann einen Blick
hinterher, der gerade singend auf die Tube Station
zutaumelte. Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht der
Vampirfrau aus. Sie hatte ihr Opfer gefunden. Nur den
Bruchteil einer Sekunde später stand sie auch schon vor dem
Mann, der abrupt stehen blieb und sie fassungslos ansah.
Noch immer versuchte er den Schein zu wahren und den
Besoffenen zu mimen, doch sein schockierter Blick verriet
ihn. Wäre er betrunken, hätte er keine oder nur wenig
Reaktion gezeigt. Hungrig und immer noch ein wenig zornig
über den Diebstahl ihres Geldbeutels sah sie ihn mit grünlich
funkelnden Augen an. Der Mann begann zu schwitzen, umso
länger Aniola ihm in die Augen sah und sein ganzer Leib
zitterte, so sehr, dass er sogar die leere Bierflasche fallen
ließ. »Wir spielen also den verwahrlosten Säufer, um andere
heimlich auszurauben, ja?« Die Missbilligung in ihrer
Stimme war deutlich rauszuhören. Ängstlich starrte der
Mann sie an, seine Augen weit aufgerissen und er bekam
kaum ein Wort heraus. »W-wer wer s-sind S-sie?« Doch
dieses Gestammel war das Letzte, was aus seinem Mund
kam, denn schon hatte Aniola ihre Zähne in sein Fleisch
gebohrt und stillte ihren Hunger an seinem köstlich süßen
Blut. Sie war ganz froh, dass er nichts getrunken hatte,
sondern nur so tat, denn erstens hatte sie selbst jetzt keine
Lust auf einen Rausch, da sie noch einiges zu erledigen hatte
und zweitens schmeckte durch Alkohol verunreinigtes Blut
einfach nicht so gut. Sie musste zugeben, das Blut dieses
Kleinganoven war gar nicht so übel, wie sie gedacht hatte.
Zwar hatte sie schon besseres getrunken, aber es war
dennoch rein und nicht durch irgendetwas verunreinigt. Es
war nicht einmal fettig, obwohl sie hätte schwören können,
dass er sich hautsächlich von Burger ernähre. War wohl bloß
ein dummes Vorurteil. Sie spürte, wie ihre Kräfte wuchsen
mit jedem Schluck, den sie nahm. Sie fühlte sich plötzlich
wieder so lebendig und voller Energie. Energie, die sie jetzt
sehr gut gebrauchen konnte, denn sie würde sich sofort auf
den Weg zu Saya machen und mit ihr die weitere
Vorgehensweise bezüglich Shania besprechen. Als sie genug
Blut zu sich genommen hatte, ließ sie den schlaffen Körper
auf den harten Boden fallen. Leblos krachte er auf den
Asphalt. Seine Haut war bleich und die Augen standen noch
immer vor Entsetzen weit offen. Aniola sah auf die Leiche
des Mannes herab, den sie gerade komplett ausgesaugt und
somit getötet hatte. Normalerweise nahm sie nur so viel
Blut, wie sie benötigte, doch in dieser Nacht brauchte sie all
das Blut und der Mann war ein Verbrecher, der es ihrer
Meinung nach auch nicht anders verdient hatte. Ok, Mord
war vielleicht etwas heftig, aber immerhin war er kein
Unschuldiger. Sie wusste aber auch, dass es nicht gut wäre,
ihn hier einfach blutleer und mit Vampirbissen am Hals
liegen zu lassen, denn das würde nur die Aufmerksamkeit
auf sich ziehen und das war etwas, was kein Wesen wollte.
Entdeckt werden. Es war sogar strengstens verboten,
irgendetwas zu tun, was zur Enthüllung ihrer Spezies oder
einer der anderen führen könnte. Also hob sie den schlaffen
Körper des Mannes wieder hoch und warf ihn über ihre
Schulter. Sie sah sich noch schnell nach links und rechts um,
ob sie auch keiner beobachtete und huschte dann in
Richtung Harrow on the Hill davon. Als sie oben an der
Schule ankam – ein sehr teures privates College übrigens,
das sehr beliebt war und schon als Drehorte für einige Filme,
wie auch Harry Potter diente – beschloss sie, die Leiche
einfach dort im Hof zu vergraben. Jetzt wäre Shanias Magie
wirklich praktisch gewesen, aber auch sie war nicht ganz
machtlos. Hinter dem Gebäude fand sie sogar einige
Gartengeräte, unter anderem eine Schaufel. Überall war nur
Kies, aber das machte nichts. Den konnte sie danach wieder
so verteilen, dann würde das gar nicht auffallen und niemand
würde auf die Idee kommen, dass darunter eine Leiche
begraben war. Sie grub und grub und das so schnell, wie es
nicht einmal ein Maulwurf hinbekommen hätte.
Schnelligkeit war eben auch eine Fähigkeit von Vampiren.
Als das Loch groß genug war, warf sie den blutleeren
Taschendieb hinein und schaufelte die Grube anschließend
wieder zu. Dann verteilte sie die Steine wieder gleichmäßig
und sah zu, dass alles ebenerdig aussah und es nicht
auffallen würde. Sie stellte die Schaufel wieder zurück und
rieb sich die Hände. Shania wäre stolz auf sie. Sie hatte nach
ihrer Tat aufgeräumt und dafür gesorgt, dass niemand hinter
das Geheimnis kommen würde. Stolz auf sich selbst und
vollkommen satt und gestärkt machte sie sich schließlich
auf den Weg an den Stadtrand von Harrow, wo Saya in
einem abgelegenen Haus wohnte.
*
Fünfzehn Minuten später erreichte sie auch schon die
entlegene Hütte ihrer Artgenossin. Hoffentlich war sie auch
zu Hause, dachte sich Aniola, schließlich hatten sie sich
nicht verabredet. Wie auch sie, ging Saya selbstverständlich
auch auf die Jagd, außerdem besuchte sie momentan öfters
Raven, der seit Shanias Verschwinden am Boden zerstört
war und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte,
geschweige denn sich um Angelegenheiten wie etwas
einkaufen, essen und Haushalt zu kümmern. Sicherlich war
Kris auch noch da, aber da er die meiste Zeit bei Saya
verbrachte, war es natürlich von Vorteil, wenn sie zu den
beiden nach Hause ging, denn so waren sowohl sie, als auch
Kris für den verzweifelten Rabenmann da und außerdem
konnte Saya sich um den Haushalt kümmern. Sie wollte
zwar nicht unbedingt in das Schema Hausfrau gesteckt
werden, aber in dem Fall war es dringend notwendig. Aniola
wusste das, denn auch sie hatte Raven seitdem schon
besucht und gesehen, wie er zu verwahrlosen drohte. Er
hätte auch schon längst als neues Oberhaupt „gekrönt“
werden sollen, aber in seinem momentanen Zustand war er
nicht in der Lage, seinen Clan anzuführen. Somit waren die
Raben noch immer ohne Anführer und man konnte nur
hoffen, dass kein anderer Clan eine Fehde anfangen würde,
denn dann hätten sie ein Problem. Zum einen keinen starken
Anführer, der sie beschützte und zum anderen keine Hexe,
die den Streit schlichten könnte. Eine absolute Pattsituation.
Aniola seufzte laut und eine junge Frau, die gerade den
einsamen Waldweg entlang ging, offenbar auf den Weg zu
einer Party, so wie sie gekleidet war – kurzer Rock, hohe
Schuhe, viel Bling-Bling -, sah sie skeptisch und auch ein
wenig herablassend an. Die Vampirlady verdrehte ihre
Augen. Die jungen Frauen heutzutage, dachte sie, alles
eingebildete Tussen! Sie hätte sie locker überrumpeln und
aussaugen können, wenn sie gewollt hätte. So schnell hätte
sie überhaupt nicht geschaut. Sie atmete tief durch, um sich
nicht weiter darüber aufzuregen. Das war es doch überhaupt
nicht wert. Außerdem sollte sie doch besser auf sich
schauen, denn in dem Aufzug solche abgelegenen Wege
entlangzugehen, ganz alleine, das war auch nicht gerade
ungefährlich. Gerade wenn Vampire und die anderen Wesen
unterwegs waren. Von deren Existenz wusste sie natürlich
nichts, aber selbst normale Menschen könnten ihr auflauern
und sie überfallen, oder schlimmeres. Schnell verdrängte sie
das wieder und versuchte sich zu erinnern, wo sie gerade mit
ihren Gedanken gewesen war. Ach genau, Raven und die
Tatsache, dass er noch nicht zum Oberhaupt ernannt wurde.
Ja, eine wirklich schlimme Sache. Sie mussten Shania
schnellstmöglich finden, damit alles endlich mal geregelt
werden konnte. Nicht, dass sie am Ende doch wieder Kris
zum Anführer erklären würden. Zwar würde das diesmal
nicht wieder die Beziehung zu Saya gefährden, da der Rat
die Gesetze diesbezüglich geändert hatte, aber trotz allem
war es nicht die Position, die er haben wollte, das hatte ihre
Freundin ihr schon des Öfteren erzählt. Kris wollte nie das
Oberhaupt sein und das obwohl es sein rechtmäßiger Platz
war, als ältester Sohn. Dennoch war von Anfang an klar,
dass Raven derjenige sein würde, denn jeder vom Clan, auch
der Rat, wusste, das er dazu auserkoren war und die ideale
Besetzung für diese verantwortungsvolle Aufgabe. Obwohl
Kris der ältere der beiden Brüder war, kam Raven meistens
erwachsener und vernünftiger rüber, selbst im Moment, wo
er nicht ganz er selbst war. Denn dieser Tiefpunkt war nur
allzu gut nachvollziehbar. Doch nun hatte sie lange genug
in ihren Gedanken geschwelgt. Langsam wurde es doch
etwas kühl hier außen. Es war zwar eine angenehme
Frühlingsnacht und Vampire waren Kälte gegenüber auch
nicht zu empfindlich, aber längere Zeit ruhig an einem Fleck
stehen, wenn es nicht gerade richtig warm war, war dann
doch nicht so ganz ohne. Also schob sie all ihre Gedanken
beiseite, hoffte, dass Saya zuhause war und klopfte an.
Dreimal hämmerte sie lautstark gegen die dunkle Holztür,
damit sie sie auch nicht überhören konnte. Tatsächlich nahm
sie kurze Zeit später Schritte war und mit einem knarzen
ging die Tür auf, vor der Aniola stand. Zu ihrer
Überraschung sah sie aber nicht in das Gesicht ihrer
Vampirfreundin. Stattdessen schaute sie die Person, die ihr
öffnete, verdutzt an.
3
»Was machst du denn hier? Die Verwirrung war ihr deutlich
anzusehen. Die junge Frau, die ungefähr ein Meter sechzig
groß war, braune asiatische Augen hatte und dunkles Haar,
das ihr lässig und glänzend über die Schulter hing, sah sie
freudestrahlend an. Offenbar hatte sie sie bereits erwartet.
»Saya wusste, dass du vorbekommen würdest. Komm doch
erstmal rein.« Sie trat zur Seite. Aniola, noch immer leicht
irritiert, trat ein, umarmte ihre Freundin kurz und schritt
dann schnurstracks auf das Wohnzimmer zu. Auf dem
halben Weg blieb sie allerdings stehen. »Du hast aber meine
Frage noch immer nicht beantwortet, Todesengel.« Den
Spitznamen Todesengel hatte Aniola ihrer halbjapanischen
Freundin vor einigen Wochen gegeben, als diese ihr erzählt
hatte, dass die Silbe Shi im Japanischen ebenfalls Tod
bedeuten konnte. Es kann zwar ebenfalls vier bedeuten und
es gibt noch so einige Übersetzungen, das kommt immer auf
die Zeichen und den Zusammenhang an, aber Tod ist eben
auch eine Bedeutung davon. Aniola fand das gleich so
interessant, dass sie ihr zum Spaß diesen Spitznamen
verpasst hatte. Shina nahm das Ganze mit Humor und so
lächelte sie auch diesmal über den Kommentar. Sie zog
allerdings eine Augenbraue nach oben wegen der Frage, die
sie ihr stellte. »Was meinst du? Was habe ich noch nicht
beantwortet?« Aniola stemmte ihre Hände in die Hüften und
stieß ein wenig Luft aus ihrer Nase aus. »Na, was du hier
machst?« Nun lachte die kleine Halbjapanerin. »Darf ich
jetzt nicht einmal mehr eine Freundin besuchen?« Sie kam
nun einige Schritte auf die Vampirin zu und hatte dabei die
Eleganz einer Raubkatze. Ganz der Werleopard, der sie war.
Den Kopf hatte sie leicht in ihren Nacken gelegt und sah
Aniola mit durchdringendem Blick an. Ein Lächeln lag auf
ihren Lippen und sie schien leicht amüsiert. Auch Aniola
konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Du hast ja Recht.
Eine blöde Frage. Entschuldige!« Shina tat das allerdings
mit einer lässigen Handbewegung ab, die so viel bedeutete,
wie ‚Vergiss es!‘, drehte sich wieder um und machte sich
wieder auf den Weg zum Wohnzimmer, wo sie Saya
vermutete. Und tatsächlich, da saß sie, ihre Schwester der
Nacht und starrte auf das Display ihres Handys. Als sie die
Schritte hörte, die sich ihr näherten, hob sie sofort den Kopf
und strahlte Aniola liebevoll an. Die zweihunderfünfzig-
jährige Vampirlady kam auf ihre Freundin zu, die bequem
im Sessel sitzen blieb und umarmte sie. Auch wenn sie um
einige Jahre jünger war – Saya wurde erst vor knapp sechs
Jahren verwandelt und war damals Mitte zwanzig, somit
jetzt also kaum älter wie dreißig – waren die beiden auf
einer Wellenlänge und verstanden sich super. Aniola war
froh noch einen anderen Vampir im Freundeskreis zu haben,
obwohl sie natürlich alle sehr ins Herz geschlossen hatte.
Ansonsten wäre Shanias Verschwinden für sie sicherlich
nicht so schwer, wie es ist. Sie vermisste die Hexe und ihre
guten Ratschläge. »Moin! Na, wie sieht’s aus? Hast du einen
Plan.« Aniola kam gleich zur Sache, ohne lange herum zu
quatschen. Sie hatten ein Ziel und das galt es jetzt zu
verfolgen. Doch Saya schüttelte nur betrübt den Kopf.
»Leider nein, Ani. Ich weiß einfach nicht, wo wir zu suchen
anfangen sollen. Leider haben wir trotz unseres
Vampirdaseins leider nicht die Fähigkeit, uns in
Fledermäuse zu verwandeln, so wie in manchen Filmen, und
die Gegend abzusuchen. Wir sind zwar sehr schnell, aber
was bringt es uns in dieser Situation?« Ratlos schüttelte sie
den Kopf. Die engelsgleiche Frau musste ihrer Freundin
Recht geben. Sie hatten keinerlei Anhaltspunkt. »Wir wissen
leider gar nichts. Weder was dahinter stecken könnte, noch
wer-« Saya sprang urplötzlich auf und unterbrach so den
Redefluss ihrer Freundin. »HALT! Das ist es! DAS IST
ES!« Irritiert musterte Aniola sie. »Was ist was? Wovon zur
Hölle redest du?« Saya fasste sich an die Stirn. »Da hätte ich
sofort dran denken sollen. Warum bin ich nicht gleich darauf
gekommen?« Noch immer sah ihre Freundin sie fragend an,
die Fragezeichen standen ihr förmlich ins Gesicht
geschrieben und ihre Augenbrauen waren nach oben
gezogen. Als Saya dies bemerkte, begann sie endlich alles
zu erklären. »Also, pass auf! Du erinnerst dich an die drei
Vampire, die wir gejagt haben und die sich an den Kindern
vergriffen hatten?« Kopfnicken. »Ok, also, der letzte der
drei, derjenige, der am schwierigsten zum Ausschalten war,
mit dem habe ich am Schluss noch ein paar Worte
gewechselt und er meinte, es stecke noch jemand anderes
dahinter. Etwas Größeres.« Aniola begriff langsam. »Du
meinst also, dass jemand Shania entführt hat, damit sie nicht
hinter das Geheimnis kommt?« Diesmal war Saya es, die
zustimmend nickte. Nachdenklich seufzte die kleine
dunkelhaarige Vampirfrau. »Das wäre schon denkbar, aber
inwiefern hilft uns das bei der Suche jetzt weiter?« Die
rothaarige Vampirin grinste, als hätte sie nur auf diese Frage
gewartet. »Ich habe den Namen des Vampirs am Schluss
herausbekommen. Es stand auf seinem Anhänger. Sein
Name war Sven. Ich vermute er kam ursprünglich aus
Skandinavien oder Deutschland. Ich denke, dass dort eine
Verbindung sein könnte. Immerhin hatte er abgeblockt, als
ich ihn auf seinen Namen angesprochen habe.« Aniola
kratzte sich am Kinn, wobei ihr Strähnen ihres
dunkelbraunen fast schwarzen Haars ins Gesicht fiel. »Eine
durchaus einleuchtende These. Außerdem ist es unser
einziger Anhaltspunkt und wir wüssten sonst nicht, wo wir
zu suchen anfangen sollten. Das heißt, wir suchen die
skandinavischen Inseln und Deutschland ab? Und wenn sie
da nicht ist? Beziehungsweise, wenn wir sie da trotz allem
nicht finden können?« Saya zuckte mit den Achseln. »Dann
weiß ich auch nicht weiter. Wir können ja nicht jeden Fleck
auf der Erde absuchen.«
»Stimmt. Aber es bleibt auch noch die Frage, wie wir da so
schnell hinreisen wollen und wir müssen ja auch Stadt für
Stadt absuchen. Wie sollen wir das anstellen? Vor allem da
es für uns auch nur nachts möglich ist.« Wieder erhielt
Aniola nur ein Achselzucken als Antwort. Doch in diesem
Moment klingelte es erneut an der Tür.
Diesmal war es Saya, die aufstand und zur Tür eilte. Shina
blieb am Türrahmen stehen und lehnte sich dagegen, ihr
Blick auf ihre Vampirfreundin gerichtet.
»Erwartet Saya noch jemanden?« Aniolas Frage galt der
Leopardenfrau, doch diese schüttelte ahnungslos den Kopf.
»Nein. Nicht, dass ich wüsste.« Achselzuckend schlich die
untote Frau aus dem Wohnzimmer heraus in Richtung
Haustür, um herauszufinden, wer der unerwartete Besucher
war. Genau in diesem Moment kam Saya zurück und hinter
ihr-
»Aleksiel!« Aniola war überrascht ihn zu sehen. Sie wusste
zwar, dass Saya und er befreundet waren, hätte aber
trotzdem nicht mit seinem Auftauchen gerechnet und schon
gar nicht auf diese Art und Weise. »Du klingelst? Kannst du
nicht einfach hineinteleportieren, oder wie auch immer du
das machst.« Bei diesem Kommentar fing der gefallene
Engel lauthals an zu lachen.
»Aniola, so amüsant wie eh und je.«
Zornesröte stieg der Vampirfrau ins Gesicht. Wie konnte
dieser Verstoßene es wagen, sie so zu demütigen. Er dachte
wohl, weil er einst ein Engel gewesen war, machte ihn das
zu einem besseren Menschen, oder in seinem Fall, zu einem
besseren Vampir, aber das war er nicht. Er war nicht besser,
wie jeder andere. Eher noch schlimmer. Aniola ballte ihre
Hände zu Fäusten und die Nägel bohrten sich schon in ihr
Fleisch. Der Schmerz ließ sie wieder einigermaßen klar im
Kopf werden.
»Nun, Aleksiel, dann erklär mir doch, wie du das machst.
Schließlich tauchst du doch oft einfach wie aus dem Nichts
auf.«
Die Miene des Ex-Engels wurde ernster und das Lächeln
erlosch.
»Es ist nicht ganz so einfach. Engel sind dazu bestimmt,
über bestimmte Gegenden zu wachen und damit man schnell
an einem Ort sein kann, wenn es von Nöten ist, können wir,
wie du es nennst, teleportieren. Ich würde es eher
„wunschmaterialisieren“ nennen, denn genauso funktioniert
es eigentlich. Wir denken an den Ort, an dem wir am
meisten auf der Welt sein wollen, wir wünschen uns dort zu
sein und dann lösen wir uns in unsere einzelne Atome und
Moleküle auf und diese setzen sich an dem Wunschort
wieder zusammen. Das funktioniert auch nur deswegen, weil
Engel eigentlich keine feste Gestalt haben. Wenn man fällt,
so wie ich, ist das etwas anders. Denn als gefallener Engel
wird man sterblich und man hat einen festen Körper.
Dennoch bleiben uns die Fähigkeiten, die wir als Engel
hatten, weiterhin erhalten. Allerdings ist es um einiges
schwieriger sich zu materialisieren, oder zu
dematerialisieren. Ich habe einige Zeit gebraucht, um in
dieser Gestalt das Wunschmaterialisieren zu erlernen, doch
nun ist es, als wäre es vollkommen normal.«
Aniola nickte und sah den dunklen Engel mit einem Blick
der Bewunderung an. Auch Shina und Saya schauten ihn
ehrfürchtig an. Sie schienen sich über das Thema zuvor
keinerlei Gedanken gemacht zu haben, aber Aniola hatte es
schon immer brennend interessiert, wie es den Engeln
möglich war, plötzlich zu verschwinden oder aufzutauchen.
Nun, hatte sie ihre Antwort. Auf einmal schoss ein Gedanke
durch ihren Kopf. Wie ein Blitzschlag traf sie die
Erkenntnis. Das war die Lösung, dachte sie sich tief in ihrem
Inneren und sie musste Aleksiel diese eine Frage stellen.
»Wenn du in dieser Gestalt, in diesem realen Körper,
materialisieren kannst, könnte das dann auch jemand
anderes? Oder sagen wir mal so, könntest du beim
Wunschmaterialisieren jemanden mitnehmen?«
Die Frage traf den Vampirengel scheinbar vollkommen
unvorbereitet und so sah er Aniola nur mit weit
aufgerissenen Augen und Mund an. Regungslos stand er da
und starrte die Vampirdamen, völlig überrascht über ihre
Frage. Seine Stirn legte sich in Falten und er rieb sich das
Kinn. Er machte den Eindruck, als würde er über diese Frage
ernsthaft nachdenken.
»Hm. Also, ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch
überhaupt keine Gedanken gemacht. Materialisieren können
nur Engel, so viel weiß ich, aber ob man jemanden
mitnehmen kann – ich weiß es wirklich nicht. Ich hatte
eigentlich gelernt, dass es nicht möglich ist, da es ja nur
geht, wenn man keinen festen Körper hat. Da ich jetzt aber
einen Körper habe und weiterhin materialisieren kann,
ändert das natürlich alles. Ich kann mir durchaus vorstellen,
dass es möglich ist.« Aniola runzelte die Stirn ein wenig und
hatte den Eindruck, dass er vielmehr laut dachte, als wirklich
auf ihre Frage zu antworten. Zumal er sie dabei nicht einmal
beachtete. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, ergriff Saya
das Wort.
»Wir könnten es doch einfach mal testen.« Der dunkle,
flügellose Engel hob seinen Kopf und betrachtete die Frau,
die ihm eine gute Freundin geworden war, ganz gespannt. Er
erwiderte nichts, sondern schien zu warten, dass Saya erneut
zu sprechen begann, was diese auch nur wenige Sekunden
später tat.
»Worauf warten wir denn noch?« Die junge Vampirin
schnappte sich seine rechte Hand und sah den Vampirengel
erwartungsvoll an. Auch Aniola betrachtete Aleksiel
gespannt. Würde es wirklich funktionieren? War eine
gemeinsame Materialisierung möglich? Konnte ein Engel,
oder auch ein gefallener Engel, so wie Aleksiel, jemanden
bei einer Wunschmaterialisierung mitnehmen? Und dann
war es soweit. Ein helles Licht umgab Aleksiel und –
Aniolas Augen weiteten sich vor Staunen – es breitete sich
auch um Saya aus und beide Gestalten wurden blasser, bis
sie ganz plötzlich verschwunden waren. Es war, als wären
sie nie dort gestanden. Aniola starrte weiterhin auf die
Stelle, wo ihre Freundin und Aleksiel eben noch gestanden
hatten und wo jetzt nichts weiter als ein leerer Fleck übrig
geblieben war. Leere und Stille erfüllte nun diesen Raum,
doch dann spürte die Vampirfrau etwas. Es war ein warmer
Schleier, direkt hinter ihr. Sie drehte sich ruckartig herum
und da war es wieder, das Licht, das die beiden kurz vor der
Dematerialisierung umgeben hatte. Das Licht strahlte heller
als zuvor und es ging eine angenehme Wärme davon aus.
Aniola sah genauer hin und konnte Umrisse wahrnehmen.
Umrisse, die immer klarer wurden und im nächsten
Augenblick standen dort wieder der Engel und die
Vampirin, als wäre nichts gewesen.
4
»Es funktioniert!« Aniola grinste die beiden Vampire vor
sich beeindruckt an. Saya erwiderte ihren Blick, jedoch
machte sie einen verblüfften Eindruck. Sie wollte einen
Schritt vorwärts gehen, doch musste sich sofort an Aleksiel
festhalten, der sie auch gleich stützte, als er bemerkte, wie
wackelig sie auf den Beinen war. Aniola ging auf sie zu. »Ist
alles ok mit dir?« Die junge Vampirin nickte zaghaft, doch
ihr Gesicht war bleich. Vampire hatten von Haus aus einen
blasseren Hautton, da sie kein Sonnenlicht abbekamen, doch
Saya war weiß wie Schnee. Aniola ging an ihre linke Seite,
packte ihren Arm und warf ihn sich über die Schulter.
Aleksiel tat das Gleiche mit Sayas rechten Arm und während
sie die Vampirfrau stützten, gingen sie auf das Sofa zu, wo
sie sie vorsichtig hinlegten. Aniola schnappte sich ein
Kissen, das am Rand des Sofas lag und legte es unter Sayas
Beine. Sie hatte in ihrem Menschenleben zwar niemals einen
Erste-Hilfe-Kurs besucht, weil es das vor über zweihundert
Jahren noch nicht gegeben hatte, aber sie hatte dennoch
mitbekommen, dass man bei Kreislaufproblemen – was hier
der Fall zu sein schien – die Beine nach oben legen sollte.
Prompt bekam die junge Blutsaugerin auch schon ein wenig
Farbe ins Gesicht. Schnurstracks huschte Aniola zum
Kühlschrank und schnappte sich eine Konserve A Positiv,
die sie sofort aufriss und in ein Glas goss. Mitsamt dem Glas
eilte sie zurück ins Wohnzimmer, wo Aleksiel besorgt neben
seiner guten Freundin saß und ihr durchs Haar fuhr. Wenn
sie es nicht besser gewusst hätte, wäre sie davon
ausgegangen, dass zwischen den beiden etwas lief. War
Aleksiel eventuell schwul? Schließlich heißt es ja immer,
dass schwule Männer die besten Freunde von Frauen wären.
Sie hatte leider noch keinen getroffen. Ein schwuler bester
Freund, mit dem sie shoppen gehen könnte und eventuell
noch auf Jagd, wenn er auch ein Vampir war, das wäre
großartig, dachte sie. Bei Aleksiel fände sie es aber schade,
denn der Exengel sah wirklich zum Anbeißen gut aus. Er
jedoch schien keinerlei Interesse an ihr zu haben, was
bedeutete, dass er entweder vergeben war, doch etwas für
Saya empfand oder tatsächlich vom anderen Ufer war. Keine
der drei Möglichkeiten gefiel ihr so richtig, aber das dritte
wäre ihr noch am liebsten, da es dann zumindest nicht
bedeutete, dass sie unattraktiv wäre. Das war sie auch nicht.
Aniola war eine zweihunderfünfzig-jährige Vampirin, die
wie Mitte zwanzig aussah, dunkles seidig glänzendes Haar
hatte, das gerade bis kurz über die Schulter reichte und sich
glatt an sie schmiegte. Ihre Augen waren eine Mischung aus
braun, grau und grün, die je nach Sonneneinstrahlung eine
andere Dominanz hatten. Ihr Hautton war trotz
Vampirdasein nicht so blass, wie der von Saya und manch
anderen Vampiren. Sie hatte einen leicht goldenen Farbton.
Ihre polnische Abstammung verlieh ihr noch eine besondere
Note.
»Hier, trink das!« Sie hielt Saya das Glas mit dem Blut hin
und diese leerte es in einem Zug. Aniola stellte es auf den
Couchtisch, neben dem sie stand und betrachtete ihre
Freundin mit Sorge. »Dir scheint das Materialisieren nicht
sonderlich gut bekommen zu sein.« Saya schüttelte den
Kopf und setzte sich auf. Aleksiel versuchte sie wieder aufs
Sofa zu drücken, doch vergeblich. Das Blut hatte seine
Wirkung entfaltet und die Vampirin war wieder bei Kräften.
»Ja, komisch. Ich habe eigentlich überhaupt nicht
mitbekommen, dass wir weg waren. Ich bemerkte nur, dass
ich an einer anderen Stelle im Raum stand und dann wurde
mir auf einen Schlag ganz flau im Magen. Vielleicht lag es
aber auch daran, dass ich mich heute noch nicht genährt
hatte.«
»Was? Das ist deine erste Mahlzeit heute?« Aniola starrte
sie entsetzt an und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger auf
das leere Glas, auf dem rote Rückstände von Blut zu
erkennen waren.
Diesmal nickte die junge Vampirin und Aniola verzog ihr
Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Das würde
so einiges erklären.
»Dann wundert mich das natürlich nicht.« Aleksiel hatte das
Wort ergriffen. »Materialisieren benötigt sehr viel Energie
und wenn du noch kein Blut zu dir genommen hattest, bist
du zu schwach dafür. Jetzt weiß ich auch, warum wir sofort
wieder aufgetaucht sind. Eigentlich hatte ich vor uns weiter
materialisieren zu lassen, aber dafür hatte deine Energie
offenbar nicht gereicht.«
Aniola sah ihn mit einem erkenntnisvollen Blick an.
»Verstehe. Das bedeutet, dass du zwar lenkst, wenn du beim
Wunschmaterialisieren jemanden mitnimmst, aber die Kraft
beider Personen benötigt wird und nicht nur deine eigene.«
Ein stummes Kopfnicken bestätigte ihre Vermutung.
»Offenbar ist es so. Ich konnte es vorher auch nicht wissen,
da es das noch nie gab. Noch nie, wurde jemand dabei
mitgenommen. Engel reisten grundsätzlich alleine und
mussten auch nicht mitgenommen werden. Es war auch gar
nicht sicher, dass es überhaupt funktioniert.« Aniola sah
nachdenklich zu Boden und rieb sich das Kinn. Nach einigen
Sekunden blickte sie wieder auf und sah von Saya zu
Aleksiel hin und her. »Wenn man aber genügend Nahrung
zu sich nimmt und bei Kräften ist, sollte das Ganze aber
doch kein Problem darstellen, oder?« Aleksiel zuckte
unentschlossen mit den Achseln. »Ich kann es nicht
hundertprozentig sagen, aber ich denke die
Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es da keinerlei Probleme
geben würde.«
»Gut.« Aniola schien sichtlich erleichtert. Sie spürte den
fragenden Seitenblick von Saya, die offenbar keine Ahnung
hatte, was ihre Vampirfreundin damit bezweckte. Da sie nun
alle nötigen Informationen hatte und die beiden nicht länger
auf die Folter spannen wollte, beschloss sie, mit der Sprache
herauszurücken.
»Dann können wir uns ja auf die Suche nach Shania
begeben.« Sowohl Aleksiel, als auch Saya rissen ihre Köpfe
herum und starrten Aniola mit aufgerissenen Augen an.
»Was?!« Dieser verblüffte Aufschrei kam unisono aus ihrer
beiden Münder.
Fassungslos starrten die beiden sie an, ihre Münder vor
Entsetzen aufgerissen und Ratlosigkeit stand auf ihren
Gesichtern.
»Wie meinst du das, wir können jetzt nach Shania suchen?
Wo willst du sie denn suchen? Und was hat das Ganze denn
jetzt damit-« Saya brach ab. Sie ahnte offenbar, worauf ihre
Freundin hinauswollte. Ihr Blick war jedoch missbilligend.
»Das ist nicht dein Ernst, Aniola?!« Sie schrie die ältere
Vampirin förmlich an. Aleksiel stand nur ratlos daneben und
hatte keinen blassen Schimmer, was vor sich ging. »Wovon
zum Teufel sprecht ihr zwei denn da bitte?« Ungeduldig trat
er von einem Fuß auf den anderen und sah die beiden Frauen
eindringlich an. Aniola erwiderte seinen Blick und
bemerkte, wie seine dunklen braunen Augen vor Neugier
funkelten. Ihr fiel ein leicht bläulicher Schimmer auf, der ab
und an, je nach Lichteinfall, in seinen Augen aufblitzte. Sie
schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder
voll und ganz auf das aktuelle Thema. Saya hatte ihrem
Kumpel nur einen kurzen Blick zugeworfen und sich sofort
wieder Aniola zugewandt. Sie hatte ihre Hände in die Hüften
gestemmt und baute sich nun vor ihrer Freundin auf. »Du
hast doch gerade eben gesehen, was es mit mir gemacht hat,
oder etwa nicht?!« Aniola nickte, zuckte aber gleichzeitig
mit den Achseln, was allerdings nicht bedeuten sollte, dass
ihr die Angelegenheit gleichgültig war. »Saya, ich verstehe
deine Bedenken. Natürlich habe ich gesehen, wie fertig du
warst. Deswegen habe ich doch nochmal nachgefragt und es
lag doch offenbar nur daran, dass du dich nicht ausreichend
genährt hattest.« Die junge Vampirin schien das kein
bisschen zu besänftigen. »Mag sein, trotzdem ist es
gefährlich!« Aniola sah ihrer Freundin tief in die Augen und
legte ihr eine Hand auf die Schulter. Saya entspannte sich
bei dieser Geste ein klein wenig. »Ich weiß.« Ganz ruhig
kamen diese Worte aus ihrem Mund. Kein Schreien, keine
Zickereien. Einfach nur ein Eingeständnis. Ruhig und
gelassen. »Aber ganz ehrlich, Say. Ist Shania dieses Risiko
nicht wert.« Wieder riss die Blutsaugerin in den Zwanzigern
ihre Augen auf und sah ihre Freundin entsetzt an. Sie machte
ein nachdenkliches Gesicht, rieb sich das Kinn und senkte
ihren Blick dann ein wenig beschämt. Ihre Schultern hingen
schlapp herunter und sie sagte keinen Ton mehr. Aniola
bemerkte das Glänzen auf ihren Wangen und beim
genaueren Hinsehen konnte sie kleine Tränen erkennen, die
aus ihren bereits feuchten Augen quollen und ihr Gesicht
hinabliefen, bis sie schließlich lautlos auf den Boden
tropften. Nun legte Aniola auch ihre andere Hand auf Sayas
Schulter und drückte sie fest an sich. Tröstend nahm sie ihre
Freundin in die Arme. Sie wusste, dass ihr Shanias
Verschwinden schwer fiel und sie damit zu konfrontieren
war nicht gerade das Einfühlsamste, was sie hätte machen
können. »Aniola, es gibt da etwas, das ich dir erzählen muss.
Etwas, das ich bis jetzt keinem gesagt habe, das jedoch von
Bedeutung sein könnte.« Saya schniefte und sah ihre
Artgenossin ein wenig schuldbewusst an. Aniola nickte und
sah ihre Freundin gespannt und erwartungsvoll an. Auch
Aleksiel schien neugierig zu werden, kam einige Schritte
näher und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Saya
schickte ihn nicht hinaus, was offenbar bedeutete, dass auch
er ihr Geheimnis erfahren durfte.
»Ein halbes Jahr habe ich es geheim gehalten. Nur Raven
habe ich davon erzählt. Frage mich bitte nicht, wieso ich das
getan habe. Shanias Verschwinden schockte mich so sehr,
dass ich alles andere vergaß und sicherlich zog ich es in
Erwägung, da ich mir sicher bin, dass alles zusammenhängt,
aber dennoch ist da diese Angst. Die Angst davor, wohin
alles führt. Was dahinter steckt. Aniola, es ist wirklich
gefährlich, glaub mir!« Saya schluchzte und überschlug sich
beim Reden. Aniola hatte nicht verstanden, was ihre
Vampirfreundin ihr mitteilen wollte. Die junge Frau schien
sehr aufgeregt, ihr Herz raste, das konnte Aniola deutlich
hören und sie zitterte am ganzen Leib. Aniola hatte noch
immer ihre Hand auf Sayas Schulter und streichelte ihr jetzt
beruhigend über den Rücken.
»Ganz ruhig, meine Liebe. Alles ist gut. Erzähl mir doch
bitte ganz langsam, worum es hier geht. Was weißt du? Gibt
es einen Grund, wieso Shania verschwunden ist? Ich meine,
einen ernsthaften Grund?«
»Sie wurde tatsächlich entführt, habe ich nicht Recht?«
Bevor Saya etwas dazu sagen konnte, meldete sich Aleksiel
zu Wort. Die beiden Frauen sahen erstaunt auf. »Ich
vermute, es hat mit dem Fall zu tun, den ihr als letztes
bearbeitet habt. Den, mit den Vampiren und den Kindern.
Wurde sie deswegen entführt? Ist einer übrig geblieben, den
wir nicht zur Strecke gebracht haben und der Rache wollte?«
Saya seufzte laut auf.
»Ganz so einfach ist es nicht, Alex.« Saya nannte den
gefallenen Engel, der mittlerweile ihr bester Kumpel war,
meist einfach nur Alex. Aleksiel wurde ihr auf die Dauer zu
lange und da sein Name doch sehr an Alexander erinnerte,
wählte sie diese Kurzform für ihn.
»Im Grunde hast du schon Recht. Es hat tatsächlich mit
diesem Fall vor einem halben Jahr zu tun. Mit den
Vampiren. Doch, es ist nicht einfach nur ein anderer
Vampir, der Rache will. Es steckt etwas viel Größeres
dahinter.« Shina, die sich die gerade von der Toilette kam
und die letzten Wortfetzen mitbekommen hatte, stieß einen
spitzen Schrei aus. Aniola erschauderte. Die Vorstellung,
dass eine noch stärkere Macht hinter all dem stecken könnte,
jagte ihr einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter. »Du
meinst, so eine Art Mafia?« Die polnische Vampirin wollte
es nun genau wissen. Saya nickte nur und wandte sich ihr
zu. »So etwas in der Richtung, ja.« Sie wirkte bedrückt. »Als
ich mit dem letzten Vampir gekämpft hatte, hat dieser mir
gesagt, dass sie nur angeheuert wurden und jemand hinter
allem steckt, der viel stärker ist, als sie, oder auch wir.« Nun
drehte sie sich wieder zu Aleksiel um. »Verstehst du, Alex?
Es ist eine Nummer zu groß für uns. Shania wurde entführt,
weil sie bei der ganzen Sache mitgemischt hatte. Ich bin
schuld an all dem. Sie wollte mir nur helfen und ich habe sie
in alles hineingezogen. Ich habe sie in diese Lage gebracht.
Was bin ich nur für eine Freundin?« Tränen rannten ihr die
Wangen hinab, die junge Vampirin vergrub ihr Gesicht in
ihren Händen und weinte. Aniola nahm sie ganz fest in den
Arm und versuchte sie zu trösten, aber Saya hörte nicht auf
zu schluchzen. Aleksiel sah sie voller Sorge an und ging
einen Schritt auf die beiden Frauen zu. »Saya, du darfst dir
auf keinen Fall die Schuld daran geben. Sie hat dir doch
freiwillig geholfen. Ihr habt ihr doch auch schon oft
geholfen. Als Hexe gerät sie immer zwischen die Fronten
und hatte schon einige Situationen, die gefährlich waren. Du
kannst nichts dafür. Es war richtig, den Kindern zu helfen
und ihr habt es doch auch geschafft. Jetzt gilt es die
Hintermänner zu finden und sie dingfest zu machen, damit
so etwas nicht noch einmal geschehen kann und damit
Shania in Sicherheit ist. Wir werden sie finden und retten
und dann vernichten wir diejenigen, die ihr das angetan
haben.«
Saya hob langsam ihren Kopf und sah ihn dankend an. Sie
schien seine Worte zu schätzen, doch Aniola sah, dass noch
immer Verzweiflung in ihren Augen lag. »Das ist lieb, dass
du das sagst, Alex, aber so einfach ist das wirklich nicht.
Wir wissen nicht, in welches Wespennest wir gestochen
haben. Wir wissen nicht, was uns erwartet, mit welchen
Gegnern wir es hier zu tun haben.« Aniola spürte bei diesen
Worten den Kloß in ihrem Hals. Es machte ihr ein wenig
Angst, trotz allem wollte sie ihre Freundin nicht so ohne
weiteres im Stich lassen. »Das wissen wir doch nie, Say.«
Sie versuchte, ihrer Freundin wieder ein wenig Mut zu
machen, auch wenn sie selbst nicht ganz von dem überzeugt
war, was sie ihr dann sagte. »Wir haben schon so viel
überstanden, schon so viel gesehen. Kann es wirklich
schlimmer werden, als all das, was wir bis jetzt erlebt
haben? Und selbst wenn die Hintermänner mächtiger sind,
als all diejenigen, die wir bisher besiegt haben, sind wir es
nicht mittlerweile auch? Wir sind doch auch stärker
geworden, haben uns entwickelt. Ich denke, wir können es
mit einem starken Gegner aufnehmen. Wenn wir
zusammenhalten, schaffen wir alles und wir haben
schließlich auch noch einen dunklen Engel, der uns hilft.«
Als sie Aleksiel ansprach, zwinkerte sie ihm zu. Der
Exengel grinste sie verschmitzt an und schien sich innerlich
schon auf das neue Abenteuer vorzubereiten. Saya trocknete
ihre Tränen und machte dann einen entschlossenen
Eindruck. »Du hast Recht, Aniola! Egal, was uns erwartet,
wir schaffen das und wir müssen Shania zuliebe dieses
Risiko in Kauf nehmen!.« So schnell konnte die Vampirin
gar nicht schauen, war Saya aus dem Sessel aufgestanden
und stand nun kampfbereit da, so als erwarte sie ihre Gegner
bereits. Aniola konnte sich nur mit Mühe ein Lachen
unterdrücken. Sie war von der Mission zwar nicht mehr ganz
so überzeugt, wie sie es vor Sayas Geschichte war, aber
immerhin hatte sie es geschafft, ihre Freundin wieder ein
wenig aufzumuntern und zu motivieren. Das war schließlich
die Hauptsache. Doch nun sollten sie keine Zeit mehr
verschwenden und mit der Suche anfangen. Wenn sie doch
nur einen Anhaltspunkt hätten, wo sich Shania aufhalten
könnte. Wo die Entführer sie versteckt haben könnten.
Aniola verabschiedete sich nach einer Weile und ging nach
Hause. Shina begleitete sie ein Stück, bis sich ihre Wege
schließlich trennten und auch Aleksiel verschwand. Wohin,
wusste keiner.
Als die Vampirin zuhause ankam, ging bereits die Sonne auf
und sie verzog sich schleunigst in ihr abgeschottetes
Schlafgemach, wo sie Schutz fand und legte sich hin.
5
Ein Schrei hallte durch den Raum und mit einem Satz stand
Aniola kerzengerade auf beiden Beinen neben ihrem Bett.
Glücklicherweise hatte sie beim Aufstehen ihre Bettdecke
mitgerissen, so dass sie darin eingehüllt da stand und nicht
splitterfasernackt, wie sie unter dieser Decke nun einmal
war. Ihre Augen waren noch immer vor Schreck geweitet
und ihr Herz pochte so laut, dass sie das Gefühl hatte, es
würde jeden Moment aus ihrem Brustkorb springen. Sie
versuchte, ruhig zu atmen und sah sich dann langsam im
Raum um. Sie wurde von einem Geräusch geweckt und
wollte nun herausfinden wer oder was- ihr stockte der Atem
und ihr Kopf lief von jetzt auf gleich knallrot an. Einerseits,
weil sie peinlich berührt war, andererseits vor Zorn. »Wer
hätte gedacht, dass du so schrill schreien kannst.« Hörte sie
die Person sagen, die im Dunkeln vor ihr stand. Sie musste
kein Licht anmachen, um ihn zu erkennen, denn ihre
Vampirsinne erlaubten es ihr, in der Nacht perfekt sehen zu
können. Sie kniff ihre Augen wütend zusammen und
funkelte ihren unverhofften Besucher an. »Was machst du
hier?« Ihre Stimme war noch höher und schriller, als der
Schrei zuvor. Sie war außer sich und konnte sich kaum
beherrschen. Am liebsten hätte sie irgendetwas nach ihm
geworfen. »Wieso werde ich eigentlich immer so begrüßt?«
Er wirkte schon fast beleidigt, doch Aniola empfand
keinerlei Mitgefühl. Wie konnte er es wagen, einfach in
ihrem Schlafzimmer aufzutauchen und dann auch noch,
während sie schlief? Sie zog ihre Augenbrauen nach oben.
»Das fragst du noch? Von Privatsphäre hast du auch noch
nie etwas gehört, oder?« Empört schnaubte sie auf, doch der
Mann, der im Schatten ihres Zimmers verborgen stand
zuckte nur unbekümmert mit den Achseln. »Weißt du, Saya
ist es mittlerweile von mir gewöhnt.« Aniola verschränkte
ihre Arme und sah ihn eindringlich an. »Wie Saya damit
umgeht ist mir vollkommen egal, Aleksiel, aber bei mir hast
du gefälligst durch die Vordertür zu kommen-« Der
Vampirengel öffnete den Mund, um etwas darauf zu sagen,
doch Aniola ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. »-und
selbst dann hast du nicht um diese Uhrzeit aufzukreuzen. Ich
brauche auch meinen Schlaf. Du bist doch auch ein Vampir.
Du solltest das doch eigentlich verstehen.« Wieder bekam
sie nur ein Achselzucken als Antwort. Das regte die
Vampirin noch mehr auf. Nun war ihr alles egal. Sie wollte
ihn einfach nur aus ihrem Zimmer haben. Doch solange sie
in ihre Bettdecke gehüllt dastand, konnte sie sich nicht
bewegen, geschweige denn einen starken groß gewachsenen
Kerl aus ihrem Schlafgemach werfen. Sie fackelte nicht
lange und ließ ihre Hüllen fallen. Aleksiel klappte der
Unterkiefer herunter und starrte sie an, jedoch ließ sie ihn
nicht genügend Zeit, sie intensiv zu mustern, denn im
nächsten Augenblick stand sie schon neben ihm, hatte ihn
am Arm gepackt und schleifte ihn nach außen. Im
Normalfall hätte er sich ohne weiteres dagegen zu Wehr
setzen können, doch so schnell wie Aniola handelte, konnte
er gar nicht reagieren. Darauf war er nicht gefasst gewesen
und noch immer starrte er sie an. Sie spürte seine Blicke auf
ihrem Körper und sie wusste nicht, ob sie sich geschmeichelt
fühlen, oder sich über seine Spannerei ärgern sollte.
Andererseits hatte sie es provoziert, weswegen sie sich kaum
aufregen konnte, wenn er Blicke riskierte. Er war schließlich
auch nur ein Mann und sie wusste nicht, wie es bei Engeln
mit Sex und alldem aussah. Andererseits mussten andere
Engel auch irgendwie entstehen. Immerhin wusste sie, dass
er der Sohn von Gabriel war, was bedeutete, dass Gabriel
mit einer anderen Frau, beziehungsweise ein anderer Engel
vermutlich- Nein, eigentlich wollte sie diesen Gedanken
nicht weiterspinnen, denn das wollte sie dann doch nicht so
genau wissen. Sie schüttelte all das ab und konzentrierte sich
wieder auf das hier und jetzt. Kaum hatte sie Aleksiel aus
der Tür befördert, huschte sie auch schon wieder ins
Schlafzimmer und zog sich schnell etwas über. Sie zog ein
kurzes dunkelblaues Sommerkleid aus ihrem Schrank. Das
war für diese Jahreszeit zwar noch nicht ganz passend, aber
besser als nackt und in ihren vier Wänden war es schließlich
angenehm warm. So leicht fror sie als Vampir auch nicht,
das war ein weiterer Vorteil. Sie war froh, dass sich der
gefallene Engel nicht einfach wieder ins Zimmer
materialisiert hatte. Vermutlich war er von ihrer Reaktion
noch zu sehr geschockt. Das schadete ihm nichts. Was fiel
dem Kerl auch ein, einfach so im Schlafzimmer einer Frau
aufzutauchen? Bei Saya schien er das ja öfters zu machen,
was er erwähnt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass
Kris das sonderlich gefiel, wenn ein anderer Mann
auftauchte und seine Freundin womöglich noch nackt sah.
Sie öffnete die Tür und ging wieder nach draußen, wo
Aleksiel ungeduldig auf sie wartete, als wäre nichts
geschehen. Aniola hatte sich mittlerweile wieder
einigermaßen beruhigt, ihr Herz schlug wieder normal – im
Vergleich zu einem Menschen, war normal in dem Fall eher
ziemlich langsam. Das Herz eines Menschen schlug zehnmal
schneller, als das eines Vampirs – und war bereit, ein
vernünftiges Gespräch mit dem Exengel zu führen. Sie
hoffte nur, dass er auch einen guten Grund hatte, bei ihr
aufzutauchen. »Also, Aleksiel-«
»Alex.«
»Was?« Die engelsgleiche Vampirin sah ihn verwirrt an.
»Nenn mich doch einfach Alex, so wie Saya. Aleksiel ist
doch so förmlich und ein Engel bin ich eigentlich sowieso
nicht mehr. Also, nicht mehr so richtig.«
Aniola schaute ihn nur fassungslos an. Ihre Augenbrauen
wanderten noch weiter nach oben, dass sie schon fast ihre
Haarspitzen berührten. Nach einigen Sekunden fand sie dann
ihre Sprache wieder.
»Wenn, dann nenn ich die Alek, das gefällt mir besser.
Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich nach deinem
Verhalten auf gut Freund mit dir machen soll.«
Aleksiel lächelte sie charmant an und seine rehbraunen
Augen funkelten, als wären alle Sterne darin gefangen. Er
setzte fast schon einen Hundeblick auf und schaute ihr ganz
tief in die Augen. Aniola spürte die Gänsehaut, die sich auf
ihrem ganzen Körper bildete, all ihre Haare stellten sich auf,
ein warmer Schauer durchfuhr sie und ihr stockte der Atem.
Sein Lächeln war bezaubernd und seine Augen – ein Traum.
Sie musterte ihn heimlich, versuchte aber sich nichts
anmerken zu lassen. Vorsichtig ließ sie ihren Blick seinen
Oberkörper entlang schweifen. Er hatte starke
durchtrainierte Arme, die beide komplett tätowiert waren.
Die Tattoos standen ihm wirklich sehr gut. Sie mochte
Tätowierungen. Sie selbst besaß auch eines, auf dem linken
Schulterblatt. Dann spähte sie weiter hinunter und bemerkte
in der engen schwarzen Hose, die er anhatte, eine eindeutige
Beule. Wieder spürte sie die Röte in ihrem Gesicht und ihre
Augen fixierten wieder sein Gesicht. Noch immer hatte er
dieses Lächeln aufgesetzte. Ein Lächeln, das selbst das
kälteste Herz zum Schmelzen brachte. Er hätte damit Nord-
und Südpol binnen Sekunden schmelzen können. Sein
langes Haar war wie üblich zu einem Pferdeschwanz
gebunden, was ihm wirklich sehr gut stand, wie Aniola
dachte. Sie mochte langes Haar und sie verspürte das
Bedürfnis, seinen Haargummi zu lösen und durch sein
langes leicht welliges Haar zu fahren. Sie wollte es
berühren. Nur mit größter Mühe, konnte sie sich davon
abhalten. Sie spürte ein leichtes Zucken zwischen ihren
Schenkeln, doch versuchte sich weiterhin
zusammenzureißen. Ihr Herz begann erneut zu pochen und
ihre Atmung wurde flacher. Hätte sie nicht so eine große
Beherrschung, würde sie vermutlich anfangen zu sabbern.
Das wäre peinlich geworden. Sie bemerkte, dass eine
unangenehme Stille zwischen ihnen herrschte und versuchte
sich zu erinnern, worüber sie als letztes geredet hatten. Es
ging darum, wie sie ihn nennen sollte. Sie schob alle
erotischen Gedanken beiseite und all das, was sie sich
bereits ausgemalt hatte, mit ihm zu machen – sie wusste jetzt
schon, was sie träumen würde, sobald sie zu Bett ging – und
sah ihn mit ernster Miene.
»Na, schön, dann nenn ich dich Alek, in Ordnung?« Sie
seufzte. Aleksiel nickte zufrieden »Nun, gut, Alek. Dann
erklär mir doch bitte mal, was es so Wichtiges gibt.« Jetzt
wollte die Vampirin natürlich auch wissen, weswegen er
eigentlich hier war. Hoffentlich nicht nur, um sie zu
verführen, denn wenn er so weitermachen würde, gelänge
ihm das noch und das wollte sie im Grunde genommen
eigentlich nicht. Das würde alles nur unnötig komplizieren
und da sie in der Zukunft sicher öfter miteinander zu tun
hatten, wäre es eine unangenehme Situation für beide – nun
gut, zumindest für sie.
Aleksiel, noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen,
öffnete seinen Mund und begann ihr die Situation zu
schildern.
»Es geht um die Idee, nach Shania zu suchen. Nachdem, was
Saya erzählt hatte, scheint die kleine Hexe in großeer Gefahr
zu schweben, weswegen wir uns umgehend auf die Suche
machen sollten.« Zustimmend nickte Aniola. Da war sie voll
und ganz seiner Meinung. Sie durften keine Zeit mehr
verschwenden, wenn sie ihre Freundin heil und gesund
zurück haben wollten. »Das sehe ich auch so, aber wo ist das
Problem? Dann machen wir uns bei Anbruch der Nacht
gleich auf den Weg.« Aleksiel schüttelte leicht betrübt den
Kopf. »Es ist so, dass Saya nicht mitkommen kann?«
»Was?« Aniola starrte ihn ungläubig an. »Das glaube ich
nicht. Für sie ist es doch genauso wichtig, Shania zu finden,
wenn nicht sogar wichtiger, wie für uns alle.« Kopfnicken
von Aleksiels Seite. »Ja, das stimmt, aber sie kann ihre
Schützlinge nicht solange alleine lassen. Die Suche ist ja
nicht nach einem Tag abgeschlossen. Wir werden vermutlich
Wochen, wenn nicht Monate nach ihr suchen müssen, bis
wir eine konkrete Spur haben und sie tatsächlich finden.
Shania wollte Saya beim Unterrichten eigentlich
unterstützen und was soll aus den Kindern denn werden,
wenn Saya auch noch weg wäre.« Das leuchtete Aniola
durchaus ein. Die Kinder wurden von gewissenlosen
Vampiren gefoltert und gewandelt und dann einfach
zurückgelassen. Sie brauchten ein stabiles Umfeld und
Unterstützung, um sich richtig zu entwickeln und sich
kontrollieren zu können. Somit fiel Saya für die Suchaktion
tatsächlich schon einmal weg. »Und was ist mit Raven?«
Shanias frisch gebackener Ehemann machte sich die größte
Sorgen um seine Frau und gerade ihm müsste die Suche sehr
am Herzen liegen. Doch auch da schüttelte Aleksiel seinen
Kopf. »Leider geht auch das nicht. Er ist der Anführer des
Rabenclans. Er ist zwar noch nicht offiziell gekrönt worden,
da er auf die Rückkehr seiner Frau warten möchte, aber
dennoch braucht der Clan sein Oberhaupt. Stell dir vor, was
für ein Chaos herrschen würde, wenn er weg wäre und was
würde erst werden, wenn ihm bei der Suche womöglich
noch etwas zustoßen würde.« Daran hatte die Vampirlady
noch überhaupt nicht gedacht. Sein Bruder Kris konnte ihn
schließlich auch nicht vertreten, da er nicht der Anführertyp
war und es hatte schon für große Aufregung gesorgt, als er
ursprünglich zum Nachfolger ernannt hätte werden sollen.
Nun, dann blieben nicht mehr viele Personen übrig, die bei
der Suche helfen konnten und Aniola traute sich gar nicht,
nachdem restlichen zu fragen, da sie befürchtete, dass auch
da die Antwort negativ ausfallen würde. Statt noch weitere
Personen ihres Umkreises aufzuzählen, entschied sie sich
also dafür, Aleksiel ganz direkt zu fragen. »Nun, Alek, da
ich befürchte, dass du mir bei allen anderen Leuten, die ich
kenne, die gleiche Antwort geben wirst, nämlich, dass sie
nicht helfen können, sag mir doch bitte einfach, wer denn
übrig ist. Wer kann und wird sich auf die Suche nach Shania
begeben?« Aleksiel atmete tief ein, doch sagte keinen Ton.
Stattdessen streckte er seinen rechten Arm aus und deutete
auf sie. Ja, genau, sein Finger zeigte eindeutig in ihre
Richtung. Aniola sah sich um, ob nicht hinter ihr noch
irgendwer stand, aber das war eigentlich unsinnig, denn wer
sollte denn da stehen? Sie sah wieder zu Aleksiel und ihre
Augen waren weit aufgerissen. »Ich?« Um diese Frage noch
zu verdeutlichen, zeigte sie nun selbst mit dem Finger auf
sich. Aleksiel nickte bloß. »Ich bin die Einzige, die nach
Shania suchen wird?« Ein erneutes Kopfnicken bestätigte
ihre Vermutung. »Ja, so ist es.«, erwiderte der schwarze
Engel. »Naja, eigentlich wir beide. Schließlich brauchst du
mich für die Materialisierung.«
Wunderbar, das hatte ihr noch gefehlt. Alleine mit diesem
starken, gutaussehenden Macho. Sie schrie innerlich auf,
doch ließ sich nach außen nichts anmerken. Sie setzte ein
gespieltes Lächeln auf, als wäre alles in Ordnung. »Nun, gut,
dann machen nur wir uns auf die Suche. Wir werden sie
schon finden!« Diese Entschlossenheit war nur gespielt, aber
sie versuchte dennoch ein wenig optimistisch zu sein.
Immerhin hatte sie zusammen mit dem ehemaligem Engel
und Sohn eines Erzengels eine Chance – wenn auch nur eine
geringe – ihre verschwundene Hexenfreundin zu finden.
*
Aniola saß am Küchentisch bei ihrer Freundin Saya und
schlürfte seit einer gefühlten Stunde an einem Glas A
Positiv. Sie fuhr sich mit ihrer rechten Hand durch ihr seidig
glänzendes Haar und kräuselte es immer wieder mit ihren
Fingern zu kleinen Löckchen. Saya und sie wollten einen
Plan ausarbeiten, wo sie mit dem Suchen anfangen sollte.
Ihre Vampirfreundin musste bald in die Schule und somit
hatten sie nicht mehr lange Zeit. Aleksiel wollte schon in
dieser Nacht mit ihr aufbrechen. Bei dem Gedanken bekam
sie weiche Knie. Alleine mit diesem umwerfenden dunklen
Engel. Eine wirklich heiße Vorstellung. Sie schüttelte
innerlich den Kopf. Sie durfte sich dadurch auf keinen Fall
von der Mission ablenken lassen. Shania war wichtiger.
Aniola fasste sich an die Ohren, an denen Flügel
herabhingen. Silberne Flügel als Ohrringe, die zudem noch
von einer großen schwarzen Perle geschmückt wurden. Die
gleichen schwarzen Perlen zierten auch Sayas Ohren.
Dazwischen waren noch silberne Anhänger in S-Form
angebracht. Shania hatte ihnen diese Ohrringe zu
Weihnachten geschenkt. Nicht dieses Weihnachten, sondern
das davor. Schließlich war sie seit Herbst verschwunden und
sie mussten das Fest ohne sie feiern. Es gab eigentlich keine
richtige Feier, denn alle waren zu traurig, über das
Verschwinden der Hexe und alles andere, als in
Partystimmung. Aniola seufzte und nahm den letzten
Schluck. Sie stellte das leere Glas in die Spüle und sah zu
Saya, die ebenfalls mit leerem Blick am Tisch saß.
»Nun, was meinst du? Wo könnte sie versteckt sein?«
Die junge Vampirin zuckte mit den Achseln, sah nun
allerdings auf. »Ich weiß es nicht, Ani. Ich-« Sie stockte.
Plötzlich schien der blutsaugenden Brünette – eigentlich war
ihr Haar eher rotbraun – etwas eingefallen zu sein. Ihre
Augen funkelten und ein zufriedenes Grinsen huschte über
ihr Gesicht. »Das könnte es sein!« Fragend sah Aniola ihre
Freundin an. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich mit dem
einen der drei Vampire gesprochen habe und dass er mir von
Hintermännern erzählt hat, die sie engagiert hatten, ja?«
Aniola nickte lautlos. »Hör zu! Mir ist gerade wieder
eingefallen, dass er eine Kette mit Runen um den Hals hatte.
Ich hatte die Runen entziffert. Es war sein Name. Er war-«
Saya machte ein nachdenkliches Gesicht und rieb sich das
Kinn. »Moment. Mir fällt es sicher gleich wieder ein.
Letztens wusste ich seinen Namen noch. Ich hatte es Raven
erzählt. Vielleicht weiß er ihn noch. Oder, warte, ich glaube,
sein Name war Sven, oder so ähnlich. Jedenfalls war es ein
nordischer Name. Ich bin mir ziemlich sicher. Ich hatte mit
Raven schon darüber gesprochen, dass er aus Skandinavien
gewesen sein und Shania auch dort versteckt sein könnte.
Das würde auch zu seinem Äußeren und seinem Akzent
passen. Er hatte ganz komisch reagiert, als ich ihn darauf
angesprochen hatte und ich denke wirklich, dass sich in der
Gegend die Hintermänner aufhalten könnten. Und wenn
diese Leute Shania haben, dann ist sie mit Sicherheit dort.«
Aniolas Augen weiteten sich vor Erstaunen und sie ging
einige Schritte auf Saya zu. »Du meinst-« Sie redete nicht
weiter, denn sie verstanden sich auch so. Saya nickte und
Aniola lächelte zuversichtlich. Nun hatten sie einen
Anhaltspunkt. Sie würden nach Skandinavien reisen. »Ich
würde in deine Suche aber auch Deutschland
miteinbeziehen.« Erstaunt über diese Aussage, schaute
Aniola ihre Vampirgenossin fragend an. Ihre Augenbrauen
waren leicht nach oben gezogen. »Sven ist ein Name, der
auch in Deutschland weit verbreitet ist. Schließlich ist es
nicht so weit von den skandinavischen Inseln fort und der
Akzent unterscheidet sich auch nicht großartig. Zumindest
nicht für unser Gehör. Sicher ist sicher.« Aniola stimmte ihr
voll und ganz zu. Irgendwie breitete sich etwas in ihr aus,
das ihr mehr und mehr das Gefühl gab, dass sie Shania in
Deutschland finden würde. Vielleicht wäre es sinnvoll dort
mit der Suche zu beginnen. Es schien ihr eine kluge
Entscheidung zu sein, aber das musste sie erst mit Aleksiel
besprechen.
»Ich hoffe, wir werden sie bald finden« Die
zweihundertfünfzig-jährige Vampirin starrte mit leerem
Blick in das Glas, das vor ihr stand. Saya nickte nur, stand
dann auf und ging Richtung Wohnzimmer. Aniola schaute
ihrer Freundin nach, bis diese im Raum verschwunden und
nicht mehr zu sehen war. Nur einige Augenblicke später,
kehrte sie wieder zurück, ein neues Smartphone in der Hand.
»Sag bloß, du hast dir schon wieder ein neues Handy
geholt?« Aufgeregt nickte die junge Vampirin und ihr
Gesicht strahlte nur so. Aniola schüttelte fassungslos den
Kopf. Woher sie nur immer das Geld für all die Sachen
nahm. Schließlich verdiente sie mit ihrem Internat nichts, da
die Schüler ihr sicher nichts bezahlen konnten. Als hätte
Saya ihre Gedanken mitbekommen, erläuterte sie ihr sofort,
woher sie das Geld nahm. »Weißt du, ich habe neue Schüler
bekommen.« Fragend und neugierig drehte sich Aniola nun
zu ihr um und sah ihr direkt in die Augen, gespannt darauf,
was sie ihr als nächstes erzählen würde. »Einige Eltern von
Gestalwandlerkindern sind auf mich zugekommen und-»
»Gestaltwandler?« Aniola klappte der Unterkiefer weg. Sie
hatte ihre Freundin nicht einmal aussprechen lassen, doch
das verschlug ihr wirklich die Sprache. »Aber ich dachte,
das sei ein Vampirinternat?« Kopfnicken. >Ja, du hast ja
Recht, so war es ursprünglich geplant, aber offensichtlich
gibt es unter den Gestaltwandlern auch einige Kinder, die
nicht so ganz mit ihren Kräften und ihrer Verwandlung
umgehen können-« Wieder ließ sie Saya nicht zu Ende
erzählen.
»Dafür sind doch aber ihre Eltern da.« Auch jetzt erhielt
Aniola ein Kopfnicken als Antwort.
»Das stimmt, aber viele sind damit überfordert oder haben
keine Zeit, deswegen haben sie mich gefragt, ob ich das
nicht übernehmen könnte, da ich den Job mit den
Vampirkindern so gut mache.»
»Du bist ja auch ein Vampir.«
»Ja, aber durch Kris, Shania und Shina habe ich auch viel
Erfahrung mit anderen übernatürlichen Wesen. Jedenfalls
soll ich diese unterrichten. Neue Vampirkinder kamen im
Übrigen auch dazu.«
Bei der letzten Bemerkung runzelte Aniola ihre Stirn. »Wie
das? Die kinderschändenden Monster haben wir doch
erledigt.« Saya zuckte unbekümmert mit den Achseln. »Das
hat auch mit dieser Sache nichts zu tun.» Ihre Stimme klang
bedrückt. »Es gibt wohl ab und an auch Unfälle, wo
Vampire Kinder unfreiwillig verwandeln.« Aniola konnte
nicht glauben, was sie da hörte. »Unfreiwillig? Du willst mir
tatsächlich erzählen, dass das Verwandeln von Kindern ein
Unfall ist? Du scherzt, nicht wahr?« Saya schüttelte den
Kopf. »Leider nein. Es kommt immer wieder vor, dass sie
im Blutrausch erst gar nicht bemerken, was sie da tun und
dass es sich um ein Kind handelt und andere wollen den
Kindern nur helfen.« »Wie wollen sie ihnen so denn
helfen?« Nun schaute Saya ihrer Freundin tief in die Augen,
ihr Blick war ernster, als je zuvor. »Was würdest du tun,
wenn ein Kind, womöglich noch ein engeres
Familienmitglied aus deinem vorherigen Leben im Sterben
liegen würde? Wenn es todkrank wäre, oder verbluten
würde?« Mehr musste Saya nicht sagen. Aniola verstand
sofort und ihre Miene wurde ebenfalls ernst. Sie war über
zweihundert Jahre alt, von ihrer Familie, die sie einst hatte,
war kein einziger mehr übrig. Sie war lange vorher fort
gegangen. Sie hätte es nicht ertragen, mitansehen zu müssen,
wie sie vor ihren Augen starben und sie alle überlebte. Der
Gedanke stimmte sie sehr traurig und ihr Magen zog sich
zusammen. Sie kämpfte gegen Tränen an, die sich in ihren
Augen zu bilden drohten. Ja, vermutlich hätte sie in diesem
Fall auch ein Tabu gebrochen. Hätte sie gesehen, wie ihre
Schwester, oder einer ihrer Brüder gelitten hätte und im
Sterben lag, hätte sie höchstwahrscheinlich auch gegen den
Codex verstoßen und ihr Vampirgift eingesetzt, um sie zu
wandeln. Sie bekam kein Wort heraus und ihr Hals brannte.
So ging es ihr immer, wenn sie etwas zutiefst mitnahm.
Anstatt zu antworten, nickte sie Saya nur verständnisvoll zu,
die sie nun voller Sorge ansah. Natürlich hatte ihre Freundin
die plötzliche Veränderung wahrgenommen, die Trauer und
der Schmerz, der in ihr hochkroch. All das war ihr
anzusehen, zumindest für diejenigen, die sie kannten. Sie
nahm ihre Freundin in den Arm und sie redeten die ganze
Nacht lang, bis die Sonne aufging.
6
Es war eine angenehme Frühjahrsnacht, der Wind flüsterte,
die Bäume tanzten sachte und es duftete nach frisch
blühenden Blumen. Die kühle Luft wehte durch sein
Gefieder, während er immer weiter himmelwärts flog und
die Erde hinter sich ließ. Die Häuser und Bäume wurden
immer kleiner und er fühlte sich so unendlich frei. Er flog
immer weiter und weiter, der Wind wurde stärker, je näher
er der Themse kam und als er das Gewässer unter sich
schimmern sah, ließ Raven sich langsam wieder
hinuntergleiten. Es war Vollmond und die Nacht war hell
erleuchtet. Das Licht des Mondes reflektierte in der Themse
und ließ diese erstrahlen, als wären alle Sterne darin
gefangen. Raven landete auf der Tower Bridge, der Ort, wo
sein Vater tot aufgefunden wurde und genau der Ort, wo er
Shania das erste Mal getroffen hatte. Bedrückt starrte er
hinunter zum Fluss und dachte an seine verschwundene
Frau. Er wusste, dass Aniola sich auf die Suche machen
würde und hoffte, dass sie sie finden und heil zu ihm
Бесплатный фрагмент закончился.
