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JANINE M. SENKEL

Rabenschreie

Janine M. SENKEL

Rabenschreie

Deutschsprachige Erstausgabe April 2015

Copyright

Rabenschreie© 2015 by Janine M. SENKEL

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

ISBN 978-3-7375-4391-0

RABENSCHREIE

Ich widme dieses Buch meiner Freundin Sylvia, die ich schon

eine halbe Ewigkeit kenne und mit der ich so viel erlebt habe.

Ich danke ihr für all diese schönen Augenblicke und hoffe,

dass dieses Buch ihr auch einige schöne Momente beschert.

Was bisher geschah

Nachdem Shania herausgefunden hatte, wer hinter dem Tod

von Ian, dem damaligen Oberhaupt des Rabenclans, steckte,

hätte ihr Freund Raven der nächste Anführer werden sollen,

doch nachdem er Shania einen Heiratsantrag gemacht hatte,

beschloss der Rat zunächst, seinen Bruder Kris dafür

auszuwählen, da ein Oberhaupt ein anderes Clanmitglied

heiraten musste. Für Saya und Kris bedeutete es das Ende

ihrer kurzen Beziehung und nachdem die Vampirin eine

letzte Nacht mit ihrem Rabenmann verbracht hatte, traf sie

Eric, einen kleinen Jungen, der von grausamen Blutsaugern

gequält und schließlich verwandelt wurde. Er war nicht das

einzige Opfer der drei Vampire. Bald schon fanden Saya,

Shania und Aniola noch weitere Kinder, denen das gleiche

Schicksal widerfahren war. Ohne lange zu fackeln,

entschied Saya sich, eine Vampirschule zu gründen, um die

Kinder zu lehren, mit ihrer neuen Situation umzugehen. Es

war ein voller Erfolg und ihre Schützlinge machten große

Fortschritte. Um zu verhindern, dass es noch mehr Kindern

so gehen würde, machten die Freundinnen sich auf die

Suche nach den Tätern und begegneten dem Erzengel

Gabriel, so wie seinem Sohn Aleksiel, einem gefallenen

Engel. Gabriel hatte eine besondere Anziehung auf Saya

und da diese Kris um jeden Preis vergessen wollte, ließ sie

sich auch ein Stück weit auf ihn ein, vor allem nachdem sie

von Rebecca, Kris Exfreundin, erfahren musste, dass sie es

war, die er heiraten sollte. Der Rat hatte es beschlossen und

es traf auch diese beiden unerwartet. Niemals hätten sie ihre

Beziehung nochmals aufwärmen wollen, doch der Rat sah

das anders. Bevor sich Saya allerdings komplett auf den

Erzengel einlassen konnte, funkte besagter Rabe dazwischen

und wollte mit ihr reden, jedoch hatte Saya noch andere

Verpflichtungen und stürzte sich erstmal in die Arbeit mit

ihren Schützlingen und die Vorbereitung für Shanias

Hochzeit. Als Aleksiel, Gabriels Sohn und mittlerweile ein

guter Freund von Saya, auftauchte und ihr von neuen Spuren

erzählte, versammelten sich alle umgehend im ‚Bat in the

Moon‘, ihr Stammlokal in Harrow on the Hill. Gerade als sie

Pläne schmiedeten, die Täter auszuschalten, hörten sie ein

Kind schreien und als sie hinausrannten, trafen sie

ausgerechnet auf die drei Blutsauger. Es war ein harter

Kampf und die Vampire waren so stark, dass sie beinahe alle

von ihnen außer Gefecht setzten. Saya war am Ende als

Einziges übrig, doch sie war von den Erinnerungen an ihre

Vergangenheit wie gelähmt. Ihr war es genauso wie den

Kindern gegangen. Auch sie war von Vampiren gefoltert,

gewandelt und zurückgelassen worden. Das Trauma drohte

sie zu beherrschen und sie konnte nicht kämpfen. Bevor der

Vampir sie jedoch töten konnte, tauchte Kris aus heiterem

Himmel auf und besiegte ihn. Saya brach vollkommen

erschöpft zusammen. Nachdem sie wieder vollkommen

genesen war, stand Shanias Hochzeit an und es war ein

wundervolles Fest. Auf der Party, nahm Kris sie beiseite und

erklärte ihr, dass Rebecca den Rat überzeugen konnte, die

Bräuche zu ändern und sich der modernen Zeit anzupassen.

Im Umkehrschluss bedeutete das, dass Kris sie nicht

heiraten musste und mit Saya zusammen sein konnte. Raven

würde nun wieder seinen rechtmäßigen Platz als Nachfolger

einnehmen. Freudig fielen sich die beiden um den Hals,

doch sie wurden von Raven unterbrochen, der aufgelöst auf

sie zukam. Shania war verschwunden. Nach der Hochzeit

hatte sie keiner mehr gesehen. Was war mit ihr geschehen?

1

Raven schritt im Wohnzimmer auf und ab. Er konnte keinen

klaren Gedanken mehr fassen. Shania war nun seit einem

halben Jahr wie vom Erdboden verschluckt. Kein

Lebenszeichen. Nichts. Als sie nach der Hochzeit nicht mehr

auffindbar war, gingen alle davon aus, dass es sich um eine

Brautentführung handelte, aber da sonst niemand fehlte und

auch keiner Bescheid zu wissen schien, glaubte Raven nicht

daran und er hatte Recht behalten. Sie war noch immer

verschwunden und alle machten sich große Sorgen. Er

konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr essen, er musste die

ganze Zeit daran denken, was ihr alles zugestoßen sein

konnte. Einige verbreiteten das Gerücht, sie wäre mit einem

anderen Mann durchgebrannt, aber Raven wusste, dass sie

das niemals getan hätte. Abgesehen davon wäre es ziemlich

unklug, das erst nach der Hochzeit zu machen. Verzweifelt

ließ er sich die Wand entlang nach unten gleiten, bis er

zusammengesunken am Boden kauerte. Tränen rannten

seine Wangen hinab und tropften lautlos auf den

Holzfußboden. Er konnte nicht mehr stark sein, sich

zusammenreißen und so tun, als würde ihm das alles nichts

ausmachen. Er gab sich vollkommen seinen Gefühlen

hin. Verzweiflung, Angst, Trauer, Schmerz, all das empfand

er und es drohte ihn zu zerreißen.

Ein schrilles Läuten riss ihn aus seinen Gedanken und ließ

ihn aufschrecken. Hastig wischte er die Tränen aus seinem

Gesicht und eilte zur Tür. Diese quietschte leise, als er sie

langsam öffnete und hinausspähte. Sein Gesicht entspannte

sich und seine ganze Haltung wurde lockerer. Jeder einzelne

Muskel, der angespannt war, schien nun wieder zu

erschlaffen. Ein Hoffnungsschimmer huschte über Ravens

Gesicht, als er die Frau erblickte, die vor der Tür stand.

Sicherlich wäre er glücklicher gewesen, wenn er Shania

gegenüber gestanden hätte, aber er war sich durchaus

bewusst, dass dies nicht einfach so geschehen würde. Er war

sich ziemlich sicher, dass sie in Gefahr war, zumal ihm ihre

beste Freundin erzählt hatte, was sie von dem Vampir

erfahren hatte, mit dem sie vor einem halben Jahr gekämpft

hatte. Es war einer von drei abtrünnigen Vampiren gewesen,

die Kinder gefoltert und sie in Vampire verwandelt hatten.

Der Codex der nachtwandelnden Geschöpfe verbot es

ausdrücklich, sich an Kinder zu vergreifen, da diese niemals

altern könnten, aber manche Vampire hielten sich nicht an

die Gesetze. Vor allem nicht, wenn sie, wie diese drei

Blutsauger süchtig waren. Sie waren aber nicht einfach

süchtig nach Blut, nein, es war viel schlimmer. Sie hatten

Engelsblut gekostet und das war die stärkste Droge, die es

für Schattenwesen gab. Nichts konnte einen Vampir mehr

abhängig machen, als das Blut eines Engels. Warum

ausgerechnet Engelsblut wusste Raven auch nicht, das hatte

ihn Saya nicht erklärt. Es war möglich, dass auch sie es nicht

wusste. Die drei Blutsauger haben sich aber nicht nur des

Blutrausches wegen an den Kindern vergriffen, wie er nun

erfahren hatte. Es steckte jemand viel Mächtigeres dahinter,

der eine Armee aus Vampirkindern aufstellen wollte. Junge

Vampire ohne Erfahrung und Kontrolle waren stark und sehr

gefährlich, gerade wenn sie noch Kinder waren. Der

Überlebensinstinkt trieb sie an und das wollte man

ausnutzen. Bisher konnten sie noch nicht herausfinden, wer

dahintersteckte, aber es war ziemlich sicher, dass es mit

Shanias Verschwinden zu tun hatte, schließlich war es

unmittelbar nach diesem Fall geschehen. Vermutlich wollte

jemand verhindern, dass man ihm auf die Spur kam, oder

womöglich hatte seine Ehefrau und Hexe bereits was

herausgefunden und musste deswegen aus dem Weg

geräumt werden. Er mochte gar nicht daran denken. Schnell

schob er die schrecklichen Gedanken beiseite und

betrachtete die junge Frau, die vor seiner Tür stand.

Rotbraune Haare hingen ihr ins Gesicht und sie hatte sich

offenbar nicht die Mühe gemacht, sich großartig schick zu

machen, denn sie steckte lediglich in einfachen schwarzen

Jeans und einem grau-schwarzen Top, dass sich lässig an

ihren Körper schmiegte. Ohne sie weiter zu mustern, trat er

auf die Seite und bat sie hinein. Ruhig schritt Saya an dem

Ehemann ihrer besten Freundin vorbei, eilte schnurstracks

aufs Wohnzimmer zu und ließ sich auf die Couch nieder.

Nur wenige Sekunden später stand auch Raven im Raum

und setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Mit betrübter

Miene starrte er sie an und sie erwiderte seinen traurigen

Blick. Sie traf es nicht weniger schlimm, dass ihre Freundin

verschwunden war und sie machte sich auch Vorwürfe, weil

sie sie in die Sache mit den Vampiren hineingezogen hatte.

»Hast du Neuigkeiten?« Hoffnungsvoll sah er die Vampirin

an, diese schüttelte jedoch ein wenig geknickt ihren Kopf.

»Leider nein.« Beide seufzten unisono und Saya beugte

sich ein wenig nach vorne, ihren Kopf auf ihre Hände

gestützt. »Allerdings habe ich mit den anderen gesprochen

und wir haben uns entschlossen, dass untätiges Herumsitzen

nichts bringt-« Raven nickte zustimmend. »-und wollen

deswegen eine Suchaktion starten.«

Die Augen des Rabenmannes weiteten sich, als er von dem

Plan hörte. »Wie wollt ihr das anstellen?« Wäre es

umgekehrt gewesen und eine der Vampirfrauen wäre

verschwunden, so dass Shania nach ihnen hätte suchen

wollen, wäre das sicherlich kein Problem gewesen. Als Hexe

hatte sie ihre Methoden, bestimmte Personen ausfindig zu

machen. Für einen Vampir war das Ganze bei Weitem

schwieriger. Sie haben zwar einen ausgeprägten

Geruchssinn und auch alle anderen Sinne waren bei den

Schattenwesen ausgeprägter, als bei anderen, aber dennoch

half es in diesem Fall nicht viel weiter. »Ehrlich gesagt,

wissen wir das auch noch nicht so wirklich« Kleinlaut

gestand die Vampirin, dass ihr Plan Lücken hatte, doch als

sie seinen entmutigten Blick sah, fügte sie noch etwas hinzu.

»Aber wir werden eine Lösung finden. Das tun wir immer.«

Raven nickte, doch Saya konnte sehen, dass er nicht gerade

zuversichtlich war. Es verletzte sie. Nicht nur, weil er der

Mann ihrer besten Freundin war, sondern auch weil er

seinem Bruder so ähnlich sah. Dem Bruder, den sie über

alles liebte und der genau in diesem Augenblick bei ihr

zuhause auf sie wartete und sich ebenfalls den Kopf

zerbrach, wie man Shania finden könnte. Sie, die durch die

Nacht wandelte, wollte keinerlei Zeit verlieren und zu ihm

zurückkehren, weswegen sie Raven noch ein letztes Mal

aufmunternd auf die Schulter klopfte, bevor sie sich

abwandte, um aus der Tür zu entschwinden. Kurz bevor sie

die Schwelle erreicht hatte, hielt sie die Stimme ihres

Schwagers in Spe zurück. »Kannst du bitte nach Aniola

sehen? Ich habe sie ewig nicht mehr gesehen und mache mir

Sorgen. Ich weiß doch, wie sehr Shania an ihren

Freundinnen hängt und sie würde es mir nie verzeihen, wenn

ich mich nicht ausreichend um euch gekümmert hätte.« Saya

drehte sich noch einmal kurz herum, setzte ein zaghaftes

Grinsen auf und nickte. Dann verschwand sie endgültig und

ließ Raven in seiner tiefen Trauer zurück. Er stützte sich an

der Wand ab, um nicht wieder zusammenzubrechen. Er

würde der Anführer seines Clans werden, er durfte keine

Schwäche zeigen. Doch das gelang ihm nur mit größter

Mühe, denn Shania bedeutete ihm alles und ihr

Verschwinden riss ihm den Boden unter den Füßen weg. Es

gab nur eine Person, die verstand, wie er sich fühlte und das

war sein Bruder Kris. Denn dieser hatte vor einem halben

Jahr genauso gelitten, wie er, als er dachte, er hätte Saya für

immer verloren. Als er annahm, er müsste eine andere Frau

heiraten – Rebecca, wie der Rat entschieden hatte – und es

gäbe keinen Ausweg. Doch den gab es. Ihnen war es

schließlich gelungen, den Rat davon zu überzeugen, dass die

alten Bräuche längst verstaubt wären und so hatte dieser

entschieden, dass man nicht innerhalb des Clans heiraten

müsste, weswegen nun auch wieder Raven der Nachfolger

seines Vater war und nicht Kris. Doch im Augenblick fühlte

sich der Rabe alles andere als ein Anführer. Er war schwach

und gebrochen. Eine leichte Beute für Feinde. Er schüttelte

sich. Er durfte nicht im Selbstmitleid versinken, dass würde

Shania auch nicht helfen. Saya hatte Recht. Sie konnten

nicht einfach tatenlos zuhause herumsitzen, während ihre

Freundin – beziehungsweise Ehefrau - womöglich in großer

Lebensgefahr schwebte. Wenn er doch nur wüsste, wie es

ihr ging. Wenn er nur die leiseste Ahnung hätte, wo sie war.

Er malte sich aus, wie sie in einer kalten verlassenen

Lagerhalle auf einem Stuhl gefesselt und geknebelt saß und

mehrere zwielichte Personen um sie herum lungerten.

Vermutlich planten sie schon das Erpresservideo oder

dergleichen. Unsinn, dachte er sich. Wäre es um Lösegeld

gegangen, hätten sich die Täter doch schon längst gemeldet

und sich nicht erst ein halbes Jahr Zeit gelassen. Aber was

war dann der Grund für all das? Egal was es war, sie

mussten sie finden, bevor ihr die Entführer etwas antun

konnten, Hoffentlich war es noch nicht zu spät, dachte

Raven verzweifelt.

*

Es war nass und feucht und es tropfte sogar von der Decke

herab. Seit einer halben Ewigkeit war sie nun schon in

diesem trostlosen Loch eingesperrt. Sie kauerte in der

hintersten Ecke auf einer alten modrigen Matratze, die auf

dem Boden lag und weinte zahlreiche Tränen in die Ärmel

ihres Oberteils. Die Beine eng an sich gezogen und fest

umschlungen, saß sie nur da und schluchzte vor sich hin. Es

war schon ein Wunder, dass sie überhaupt noch genügend

Flüssigkeit besaß, um zu weinen. Seit etlichen Monaten

hatte sie kein Tageslicht mehr erblickt. Sie wünschte sich so

sehr, die Sonne auf ihrer Haut zu spüren. Im Gegensatz zu

Vampiren, konnten Hexen in der Sonne wandeln, doch auch

sie bevorzugten die Dunkelheit und als Windmagierin,

mochte Shania kühleres und vor allem stürmisches Wetter

sowieso viel lieber. Der Herbst war ihre Jahreszeit. Doch im

Augenblick wollte sie einfach nur die Sonne auf ihrer Haut

fühlen. Sie stellte sich vor, wie die Strahlen sie wärmten und

alles in helles warmes Licht tauchten. Nie hätte sie geglaubt,

dass sie die Sonne so vermissen würde, doch das tat sie. Wie

mussten sich dann erst die Vampire fühlen. Sie konnten sich

der Sonne niemals wieder aussetzen. Es sei denn, sie wollten

unbedingt verbrennen, aber das war dann doch eher selten

der Fall. Ihre Handgelenke brannten höllisch und sie konnte

den metallischen Geruch von Blut riechen. Die engen

Fesseln hatten sich ganz tief in ihr Fleisch gebohrt und es

war noch schlimmer geworden, als sie anfangs versucht

hatte, sich daraus zu befreien. Das hatte sie inzwischen

längst aufgegeben. Viel zu lange war sie hier bereits

gefangen. Es mussten Wochen – nein, Monate sein. Sie hatte

jegliches Zeitgefühl verloren und die Schmerzen trieben sie

beinahe in den Wahnsinn. Es waren nicht nur ihre

Handgelenke, die durch die Fesseln wund waren, ihr Rücken

pochte und schmerzte, als hätte man sie mit einer

Eisenstange geschlagen und ihr alle Rippen gebrochen. Die

ständige Dunkelheit machte ihr ebenfalls zu schaffen.

Manchmal war sie sich nicht einmal sicher, ob es wirklich

immer dunkel war, oder sie ihr Augenlicht verloren hatte.

War es Tag oder Nacht? Sommer oder Winter? Sie wusste es

nicht und es machte sie wahnsinnig. Ob ihre Freunde sich

Sorgen machten? Ob sie nach ihr suchten? Oder hatten sie

sie schon aufgegeben? Sie wusste noch nicht einmal genau,

was geschehen war. Sie erinnerte sich an ihre Hochzeit.

Tränen rannten ihre Wangen hinab, als sie an den Tag

dachte und daran, dass sie ihren frisch gebackenen Ehemann

womöglich nie mehr wiedersehen würde. Das einzige, was

sie noch wusste, war, dass sie sich auf der Party nach der

Zeremonie etwas zu essen holen wollte und dann wurde

alles schwarz. Als sie wieder aufwachte, fand sie sich

gefesselt wieder an diesem dunklen Ort. Sie wusste noch

nicht einmal, ob es ein Keller, ein Lagerraum, eine Garage

oder sonst etwas war. Ab und zu kam en zwei Männer

herein. Vampire. Das hatte sie vom ersten Moment an

gespürt. Bestätigt wurde es ihr, als sich ihre langen

Fangzähne in ihr Fleisch bohrten. Sie diente ihnen als

Nahrungsquelle. Eingesperrt in einem dunklen Raum, nur

um Vampiren ihr Blut zu geben, wenn diese gerade hungrig

waren. Sie schluchzte. Wo war sie da nur hineingeraten? Als

sie an Nahrung dachte, wurde ihr wieder der Schlauch

bewusste, der in ihrer linken Hand steckte und über den sie

künstlich ernährt wurde, um am Leben gehalten zu werden.

Super! Nicht einmal die Hoffnung, dass sie verhungern

würde und dann endlich frei von diesem Ort wäre, könnte

wahr werden. Seufzen. Sie hatte zudem großen Appetit auf

richtiges Essen. Das konnten diese Schläuche bei Weitem

nicht ersetzen. Wenn sie irgendwann doch befreit werden

würde, dann wollte sie erstmal eine große Portion Cottage

Pie verspeisen.

Dann hörte sie plötzlich Schritte. Schritte, die ihr nur allzu

gut bekannt waren und von den Männern stammten, die sie

tagtäglich besuchten. Zumindest dachte Shania, dass sie

jeden Tag, beziehungsweise jede Nacht, kamen. Man verlor

so schnell jegliches Zeitgefühl, wenn man für lange Zeit in

einem dunklen Raum eingesperrt war. Sie hörte, wie der

Schlüssel sich im Schloss umdrehte und sich die schwere

Tür quietschend öffnete. Gänsehaut breitete sich am ganzen

Körper der Hexe aus. Sie wusste, was passieren würde, denn

es war jedes Mal das Gleiche. Sie konnte sie nicht sehen,

aber dennoch nahm sie den modrigen Geruch war, der von

den beiden Männern ausging. Sie kannte sie nicht. Sie

wusste nicht, wer sie waren, aber ihre Auren waren düster

und kalt. Shania wusste nicht wieso, aber sie hatte seit

Anfang an das Gefühl, dass mehr hinter der Sache steckt.

Mehr als nur diese beiden Blutsauger, die sie als

Nahrungsquelle nutzten. Sie musste rausbekommen, um was

es hierbei ging und für wen sie arbeiteten. Vermutlich hatte

es mit dem Fall zu tun, den sie zuvor bearbeitet hatte. Die

drei Vampire, die sich an Kinder vergriffen hatten. Waren es

ihre Freunde gewesen? Wollten sie Rache? Doch Shania

konnte diese Gedanken nicht weiter ausführen, denn schon

waren die zwei dunklen Gestalten bei ihr und sie konnte die

Fangzähne an ihrem Hals spüren. Sie sagten keinen Ton.

Das taten sie nie. Weinend und schmerzerfüllt brach sie

zusammen, als die Vampire sich erneut an ihr labten.

2

Es war eine wunderbar angenehme milde Frühlingsnacht.

Eine leichte Brise wehte durch Aniolas Haar und sie konnte

die Blumen riechen, die auf den Wiesen erblühten.

Manchmal wünschte sie, sie könnte wenigstens einmal noch

einen Tag erleben. Sehen, wie die Pflanzen in voller Pracht

erstrahlten, die warme Sonne auf ihrer Haut spüren, Kinder,

die auf den Wiesen Fußball spielten und alles, was sie

nachts nie zu Gesicht bekam. Sie mochte ihr Dasein als

Vampir wirklich und nach 250 Jahren hatte sie sich auch

sehr gut daran gewöhnt, aber dennoch überkam sie ab und

an ein wenig Wehmut bei dem Gedanken, was sie alles

verpasste, was sie nie wieder machen konnte. Sie

schlenderte die Straße entlang. Kein Auto fuhr um diese Zeit

mehr durch Pinner, nur Busse kamen ab und zu vorbei. Es

war sehr ruhig in dieser Nacht. Alle schienen zu schlafen

und kein Licht brannte mehr in den Häusern. Sie lief an

sämtlichen Altersheimen vorbei, die es in dieser Gegend wie

Sand am Meer gab. Alle wurden strengstens bewacht,

überall waren Kameras angebracht und Schilder, auf denen

verdeutlicht wurde, dass man sich nicht auf das Grundstück

zu begeben hatte, wenn man nicht berechtigt dazu war.

Vampire gab es hier kaum welche. Diese versteckten sich

alle ein Stück weiter in Harrow. Sie wären auch äußerst

dumm gewesen, hier auf Jagd zu gehen, wenn die Kameras

alles aufzeichnen würden. Die Menschen durften auf keinen

Fall etwas von Vampirangriffen oder ähnlichem

mitbekommen, denn das würde die ganze Gemeinschaft der

übernatürlichen Wesen erschüttern und Chaos würde

ausbrechen. Der Codex verbot jegliche Taten, die

Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten. Natürlich hielten

sich nicht alle Vampire an diese Regeln, wie zum Beispiel

die drei Blutsauger, die vor einem halben Jahr Kinder

gewandelt hatten, was ebenfalls strengstens verboten war. In

solchen Fällen gingen Aniola und ihre Freundinnen auf

Jagd, auch wenn es seltsam für sie war, Artgenossen zu

töten, aber wenn sie die Gesetzte missachteten, musste das

sein. Shania war vor ihrem Verschwinden diejenige

gewesen, die sich um all das gekümmert hatte, denn als

Hexe war es ihre Aufgabe, sich um die Belange aller

übernatürlichen Wesen zu kümmern, die Geheimnisse zu

wahren, Streitereien zu schlichten und sie vor der

Entdeckung zu schützen. Als sie spurlos verschwunden war,

hinterließ das ein großes Loch. Von der emotionalen Leere,

die sie bei Aniola und en anderen hinterlassen hatte,

abgesehen, war es auch ein großer Verlust für die

Gestaltwandler, Vampire und andern Wesen. Aniola, Shina

und Saya kümmerten sich so gut es ging, um die wichtigsten

Angelegenheiten, aber auch sie hatten ihre Grenzen. Sobald

es um etwas ging, wobei Magie eine Rolle spielte, mussten

sie passen. Aniola hoffte sehr, dass sie Shania bald finden

würden. Saya hatte den Plan nach ihr zu suchen, doch sie

fragte sich, wo man mit dem Suchen denn anfangen sollte.

War sie denn überhaupt noch in London? Sie wussten doch

noch nicht einmal, ob sie noch lebte und warum sie

verschwunden war. Saya vermutete eine Entführung und

Aniola war im Großen und Ganzen auch davon überzeugt,

aber sie wussten es nicht hundertprozentig, denn schließlich

hatte sich nie jemand bei ihnen gemeldet und wollte

Lösegeld oder dergleichen. Aniola wusste nur, dass sie alles

dransetzen mussten, ihre Hexenfreundin so schnell wie

möglich zu finden. Bevor sie sich aber weitere Gedanken

darüber machen würde, wie sie das anstellen könnte,

brauchte sie erste einmal Nahrung. Als der nächste Bus

direkt neben ihr an einer Bushaltestelle stehen blieb, zog die

Vampirin ihre Oyster Card hervor und stieg ein. Sie hatte

keine Lust mehr durch ganz Pinner zu laufen, bis sie Harrow

erreichte. Sie war zwar als Vampir sehr schnell, aber die

Kräfte wollte sie sich lieber für die Jagd aufsparen,

außerdem war die Gefahr sehr groß, dass eine der Kameras

zufällig aufzeichnen könnte, wie sie in extrem schnellem

Tempo die Straße hinunterpreschte und das wollte sie nicht

riskieren. Einige Minuten später erreichte sie auch schon

Harrow & Wealdstone. Ein paar Lichter ringsum waren

noch an, ansonsten war es stockfinster. Nicht einmal die

Sterne waren zu sehen, oder der Mond. Aniola starrte

nachdenklich Richtung Himmel und sah dann auf das

Display ihres Handys. Tatsächlich, dachte sie, es war

Neumond. Sie war nicht vom Mond abhängig, aber trotzdem

interessierte sie sich für die verschiedenen Mondphasen, da

es für sie einen gewissen mystischen Reiz hatte. Außerdem

wusste sie, dass der Mond dennoch einen großen Einfluss

auf die Natur und auch auf einige übernatürliche Wesen

hatte. Das hatte ihr zumindest Shania einmal erzählt. Bei

dem Gedanken an die Hexe schnürte es ihr die Kehle zu.

Was sollte sie bloß tun?

Bevor sie jedoch weiter darüber nachdenken konnte, kam ihr

ein schäbig aussehender Mann entgegen. Er trug zerrissene

Jeans und einen alten schmutzigen Mantel, der einige

Löcher und Flicken hatte. Mit einer Bierflasche in der

rechten Hand taumelte er ganz dicht an ihr vorbei und

Aniola spürte sofort, wie er in ihre Jackentasche griff und

den kleinen schwarzen Geldbeutel herauszog. Elender

Taschendieb, fluchte sie in sich hinein! Normale Menschen

hätten es gar nicht bemerkt, schon gar nicht, weil er besoffen

an einen vorbeitorkelte, dass man es nicht weiter

verwunderlich fand, wenn er einen streifte, doch Aniola war

kein Mensch. Ihre Vampirsinne waren geschärft und sie

bemerkte so etwas sofort. Sie sog die Luft tief ein und ihr

fiel außerdem auf, dass der Mann überhaupt keine

Alkoholfahne hatte. Dennoch stolperte er durch die Gegend,

sang und lallte. Das passte nicht zusammen und sie musste

kein Detektiv sein um zu erkennen, dass die Trunkenheit nur

gespielt war und als Tarnung für den Taschendiebstahl

fungierte. Nun stieg Zorn in ihr auf. Sie verabscheute solche

Menschen. Im nächsten Moment bemerkte sie einen Laut,

der aus den Tiefen ihres Magens kam und realisierte, dass

sie in dieser Nacht noch überhaupt keine Nahrung zu sich

genommen hatte und eigentlich hier war, um jagen zu gehen.

Sie warf den angeblich besoffenen Mann einen Blick

hinterher, der gerade singend auf die Tube Station

zutaumelte. Ein Grinsen breitete sich auf dem Gesicht der

Vampirfrau aus. Sie hatte ihr Opfer gefunden. Nur den

Bruchteil einer Sekunde später stand sie auch schon vor dem

Mann, der abrupt stehen blieb und sie fassungslos ansah.

Noch immer versuchte er den Schein zu wahren und den

Besoffenen zu mimen, doch sein schockierter Blick verriet

ihn. Wäre er betrunken, hätte er keine oder nur wenig

Reaktion gezeigt. Hungrig und immer noch ein wenig zornig

über den Diebstahl ihres Geldbeutels sah sie ihn mit grünlich

funkelnden Augen an. Der Mann begann zu schwitzen, umso

länger Aniola ihm in die Augen sah und sein ganzer Leib

zitterte, so sehr, dass er sogar die leere Bierflasche fallen

ließ. »Wir spielen also den verwahrlosten Säufer, um andere

heimlich auszurauben, ja?« Die Missbilligung in ihrer

Stimme war deutlich rauszuhören. Ängstlich starrte der

Mann sie an, seine Augen weit aufgerissen und er bekam

kaum ein Wort heraus. »W-wer wer s-sind S-sie?« Doch

dieses Gestammel war das Letzte, was aus seinem Mund

kam, denn schon hatte Aniola ihre Zähne in sein Fleisch

gebohrt und stillte ihren Hunger an seinem köstlich süßen

Blut. Sie war ganz froh, dass er nichts getrunken hatte,

sondern nur so tat, denn erstens hatte sie selbst jetzt keine

Lust auf einen Rausch, da sie noch einiges zu erledigen hatte

und zweitens schmeckte durch Alkohol verunreinigtes Blut

einfach nicht so gut. Sie musste zugeben, das Blut dieses

Kleinganoven war gar nicht so übel, wie sie gedacht hatte.

Zwar hatte sie schon besseres getrunken, aber es war

dennoch rein und nicht durch irgendetwas verunreinigt. Es

war nicht einmal fettig, obwohl sie hätte schwören können,

dass er sich hautsächlich von Burger ernähre. War wohl bloß

ein dummes Vorurteil. Sie spürte, wie ihre Kräfte wuchsen

mit jedem Schluck, den sie nahm. Sie fühlte sich plötzlich

wieder so lebendig und voller Energie. Energie, die sie jetzt

sehr gut gebrauchen konnte, denn sie würde sich sofort auf

den Weg zu Saya machen und mit ihr die weitere

Vorgehensweise bezüglich Shania besprechen. Als sie genug

Blut zu sich genommen hatte, ließ sie den schlaffen Körper

auf den harten Boden fallen. Leblos krachte er auf den

Asphalt. Seine Haut war bleich und die Augen standen noch

immer vor Entsetzen weit offen. Aniola sah auf die Leiche

des Mannes herab, den sie gerade komplett ausgesaugt und

somit getötet hatte. Normalerweise nahm sie nur so viel

Blut, wie sie benötigte, doch in dieser Nacht brauchte sie all

das Blut und der Mann war ein Verbrecher, der es ihrer

Meinung nach auch nicht anders verdient hatte. Ok, Mord

war vielleicht etwas heftig, aber immerhin war er kein

Unschuldiger. Sie wusste aber auch, dass es nicht gut wäre,

ihn hier einfach blutleer und mit Vampirbissen am Hals

liegen zu lassen, denn das würde nur die Aufmerksamkeit

auf sich ziehen und das war etwas, was kein Wesen wollte.

Entdeckt werden. Es war sogar strengstens verboten,

irgendetwas zu tun, was zur Enthüllung ihrer Spezies oder

einer der anderen führen könnte. Also hob sie den schlaffen

Körper des Mannes wieder hoch und warf ihn über ihre

Schulter. Sie sah sich noch schnell nach links und rechts um,

ob sie auch keiner beobachtete und huschte dann in

Richtung Harrow on the Hill davon. Als sie oben an der

Schule ankam – ein sehr teures privates College übrigens,

das sehr beliebt war und schon als Drehorte für einige Filme,

wie auch Harry Potter diente – beschloss sie, die Leiche

einfach dort im Hof zu vergraben. Jetzt wäre Shanias Magie

wirklich praktisch gewesen, aber auch sie war nicht ganz

machtlos. Hinter dem Gebäude fand sie sogar einige

Gartengeräte, unter anderem eine Schaufel. Überall war nur

Kies, aber das machte nichts. Den konnte sie danach wieder

so verteilen, dann würde das gar nicht auffallen und niemand

würde auf die Idee kommen, dass darunter eine Leiche

begraben war. Sie grub und grub und das so schnell, wie es

nicht einmal ein Maulwurf hinbekommen hätte.

Schnelligkeit war eben auch eine Fähigkeit von Vampiren.

Als das Loch groß genug war, warf sie den blutleeren

Taschendieb hinein und schaufelte die Grube anschließend

wieder zu. Dann verteilte sie die Steine wieder gleichmäßig

und sah zu, dass alles ebenerdig aussah und es nicht

auffallen würde. Sie stellte die Schaufel wieder zurück und

rieb sich die Hände. Shania wäre stolz auf sie. Sie hatte nach

ihrer Tat aufgeräumt und dafür gesorgt, dass niemand hinter

das Geheimnis kommen würde. Stolz auf sich selbst und

vollkommen satt und gestärkt machte sie sich schließlich

auf den Weg an den Stadtrand von Harrow, wo Saya in

einem abgelegenen Haus wohnte.

*

Fünfzehn Minuten später erreichte sie auch schon die

entlegene Hütte ihrer Artgenossin. Hoffentlich war sie auch

zu Hause, dachte sich Aniola, schließlich hatten sie sich

nicht verabredet. Wie auch sie, ging Saya selbstverständlich

auch auf die Jagd, außerdem besuchte sie momentan öfters

Raven, der seit Shanias Verschwinden am Boden zerstört

war und keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte,

geschweige denn sich um Angelegenheiten wie etwas

einkaufen, essen und Haushalt zu kümmern. Sicherlich war

Kris auch noch da, aber da er die meiste Zeit bei Saya

verbrachte, war es natürlich von Vorteil, wenn sie zu den

beiden nach Hause ging, denn so waren sowohl sie, als auch

Kris für den verzweifelten Rabenmann da und außerdem

konnte Saya sich um den Haushalt kümmern. Sie wollte

zwar nicht unbedingt in das Schema Hausfrau gesteckt

werden, aber in dem Fall war es dringend notwendig. Aniola

wusste das, denn auch sie hatte Raven seitdem schon

besucht und gesehen, wie er zu verwahrlosen drohte. Er

hätte auch schon längst als neues Oberhaupt „gekrönt“

werden sollen, aber in seinem momentanen Zustand war er

nicht in der Lage, seinen Clan anzuführen. Somit waren die

Raben noch immer ohne Anführer und man konnte nur

hoffen, dass kein anderer Clan eine Fehde anfangen würde,

denn dann hätten sie ein Problem. Zum einen keinen starken

Anführer, der sie beschützte und zum anderen keine Hexe,

die den Streit schlichten könnte. Eine absolute Pattsituation.

Aniola seufzte laut und eine junge Frau, die gerade den

einsamen Waldweg entlang ging, offenbar auf den Weg zu

einer Party, so wie sie gekleidet war – kurzer Rock, hohe

Schuhe, viel Bling-Bling -, sah sie skeptisch und auch ein

wenig herablassend an. Die Vampirlady verdrehte ihre

Augen. Die jungen Frauen heutzutage, dachte sie, alles

eingebildete Tussen! Sie hätte sie locker überrumpeln und

aussaugen können, wenn sie gewollt hätte. So schnell hätte

sie überhaupt nicht geschaut. Sie atmete tief durch, um sich

nicht weiter darüber aufzuregen. Das war es doch überhaupt

nicht wert. Außerdem sollte sie doch besser auf sich

schauen, denn in dem Aufzug solche abgelegenen Wege

entlangzugehen, ganz alleine, das war auch nicht gerade

ungefährlich. Gerade wenn Vampire und die anderen Wesen

unterwegs waren. Von deren Existenz wusste sie natürlich

nichts, aber selbst normale Menschen könnten ihr auflauern

und sie überfallen, oder schlimmeres. Schnell verdrängte sie

das wieder und versuchte sich zu erinnern, wo sie gerade mit

ihren Gedanken gewesen war. Ach genau, Raven und die

Tatsache, dass er noch nicht zum Oberhaupt ernannt wurde.

Ja, eine wirklich schlimme Sache. Sie mussten Shania

schnellstmöglich finden, damit alles endlich mal geregelt

werden konnte. Nicht, dass sie am Ende doch wieder Kris

zum Anführer erklären würden. Zwar würde das diesmal

nicht wieder die Beziehung zu Saya gefährden, da der Rat

die Gesetze diesbezüglich geändert hatte, aber trotz allem

war es nicht die Position, die er haben wollte, das hatte ihre

Freundin ihr schon des Öfteren erzählt. Kris wollte nie das

Oberhaupt sein und das obwohl es sein rechtmäßiger Platz

war, als ältester Sohn. Dennoch war von Anfang an klar,

dass Raven derjenige sein würde, denn jeder vom Clan, auch

der Rat, wusste, das er dazu auserkoren war und die ideale

Besetzung für diese verantwortungsvolle Aufgabe. Obwohl

Kris der ältere der beiden Brüder war, kam Raven meistens

erwachsener und vernünftiger rüber, selbst im Moment, wo

er nicht ganz er selbst war. Denn dieser Tiefpunkt war nur

allzu gut nachvollziehbar. Doch nun hatte sie lange genug

in ihren Gedanken geschwelgt. Langsam wurde es doch

etwas kühl hier außen. Es war zwar eine angenehme

Frühlingsnacht und Vampire waren Kälte gegenüber auch

nicht zu empfindlich, aber längere Zeit ruhig an einem Fleck

stehen, wenn es nicht gerade richtig warm war, war dann

doch nicht so ganz ohne. Also schob sie all ihre Gedanken

beiseite, hoffte, dass Saya zuhause war und klopfte an.

Dreimal hämmerte sie lautstark gegen die dunkle Holztür,

damit sie sie auch nicht überhören konnte. Tatsächlich nahm

sie kurze Zeit später Schritte war und mit einem knarzen

ging die Tür auf, vor der Aniola stand. Zu ihrer

Überraschung sah sie aber nicht in das Gesicht ihrer

Vampirfreundin. Stattdessen schaute sie die Person, die ihr

öffnete, verdutzt an.

3

»Was machst du denn hier? Die Verwirrung war ihr deutlich

anzusehen. Die junge Frau, die ungefähr ein Meter sechzig

groß war, braune asiatische Augen hatte und dunkles Haar,

das ihr lässig und glänzend über die Schulter hing, sah sie

freudestrahlend an. Offenbar hatte sie sie bereits erwartet.

»Saya wusste, dass du vorbekommen würdest. Komm doch

erstmal rein.« Sie trat zur Seite. Aniola, noch immer leicht

irritiert, trat ein, umarmte ihre Freundin kurz und schritt

dann schnurstracks auf das Wohnzimmer zu. Auf dem

halben Weg blieb sie allerdings stehen. »Du hast aber meine

Frage noch immer nicht beantwortet, Todesengel.« Den

Spitznamen Todesengel hatte Aniola ihrer halbjapanischen

Freundin vor einigen Wochen gegeben, als diese ihr erzählt

hatte, dass die Silbe Shi im Japanischen ebenfalls Tod

bedeuten konnte. Es kann zwar ebenfalls vier bedeuten und

es gibt noch so einige Übersetzungen, das kommt immer auf

die Zeichen und den Zusammenhang an, aber Tod ist eben

auch eine Bedeutung davon. Aniola fand das gleich so

interessant, dass sie ihr zum Spaß diesen Spitznamen

verpasst hatte. Shina nahm das Ganze mit Humor und so

lächelte sie auch diesmal über den Kommentar. Sie zog

allerdings eine Augenbraue nach oben wegen der Frage, die

sie ihr stellte. »Was meinst du? Was habe ich noch nicht

beantwortet?« Aniola stemmte ihre Hände in die Hüften und

stieß ein wenig Luft aus ihrer Nase aus. »Na, was du hier

machst?« Nun lachte die kleine Halbjapanerin. »Darf ich

jetzt nicht einmal mehr eine Freundin besuchen?« Sie kam

nun einige Schritte auf die Vampirin zu und hatte dabei die

Eleganz einer Raubkatze. Ganz der Werleopard, der sie war.

Den Kopf hatte sie leicht in ihren Nacken gelegt und sah

Aniola mit durchdringendem Blick an. Ein Lächeln lag auf

ihren Lippen und sie schien leicht amüsiert. Auch Aniola

konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Du hast ja Recht.

Eine blöde Frage. Entschuldige!« Shina tat das allerdings

mit einer lässigen Handbewegung ab, die so viel bedeutete,

wie ‚Vergiss es!‘, drehte sich wieder um und machte sich

wieder auf den Weg zum Wohnzimmer, wo sie Saya

vermutete. Und tatsächlich, da saß sie, ihre Schwester der

Nacht und starrte auf das Display ihres Handys. Als sie die

Schritte hörte, die sich ihr näherten, hob sie sofort den Kopf

und strahlte Aniola liebevoll an. Die zweihunderfünfzig-

jährige Vampirlady kam auf ihre Freundin zu, die bequem

im Sessel sitzen blieb und umarmte sie. Auch wenn sie um

einige Jahre jünger war – Saya wurde erst vor knapp sechs

Jahren verwandelt und war damals Mitte zwanzig, somit

jetzt also kaum älter wie dreißig – waren die beiden auf

einer Wellenlänge und verstanden sich super. Aniola war

froh noch einen anderen Vampir im Freundeskreis zu haben,

obwohl sie natürlich alle sehr ins Herz geschlossen hatte.

Ansonsten wäre Shanias Verschwinden für sie sicherlich

nicht so schwer, wie es ist. Sie vermisste die Hexe und ihre

guten Ratschläge. »Moin! Na, wie sieht’s aus? Hast du einen

Plan.« Aniola kam gleich zur Sache, ohne lange herum zu

quatschen. Sie hatten ein Ziel und das galt es jetzt zu

verfolgen. Doch Saya schüttelte nur betrübt den Kopf.

»Leider nein, Ani. Ich weiß einfach nicht, wo wir zu suchen

anfangen sollen. Leider haben wir trotz unseres

Vampirdaseins leider nicht die Fähigkeit, uns in

Fledermäuse zu verwandeln, so wie in manchen Filmen, und

die Gegend abzusuchen. Wir sind zwar sehr schnell, aber

was bringt es uns in dieser Situation?« Ratlos schüttelte sie

den Kopf. Die engelsgleiche Frau musste ihrer Freundin

Recht geben. Sie hatten keinerlei Anhaltspunkt. »Wir wissen

leider gar nichts. Weder was dahinter stecken könnte, noch

wer-« Saya sprang urplötzlich auf und unterbrach so den

Redefluss ihrer Freundin. »HALT! Das ist es! DAS IST

ES!« Irritiert musterte Aniola sie. »Was ist was? Wovon zur

Hölle redest du?« Saya fasste sich an die Stirn. »Da hätte ich

sofort dran denken sollen. Warum bin ich nicht gleich darauf

gekommen?« Noch immer sah ihre Freundin sie fragend an,

die Fragezeichen standen ihr förmlich ins Gesicht

geschrieben und ihre Augenbrauen waren nach oben

gezogen. Als Saya dies bemerkte, begann sie endlich alles

zu erklären. »Also, pass auf! Du erinnerst dich an die drei

Vampire, die wir gejagt haben und die sich an den Kindern

vergriffen hatten?« Kopfnicken. »Ok, also, der letzte der

drei, derjenige, der am schwierigsten zum Ausschalten war,

mit dem habe ich am Schluss noch ein paar Worte

gewechselt und er meinte, es stecke noch jemand anderes

dahinter. Etwas Größeres.« Aniola begriff langsam. »Du

meinst also, dass jemand Shania entführt hat, damit sie nicht

hinter das Geheimnis kommt?« Diesmal war Saya es, die

zustimmend nickte. Nachdenklich seufzte die kleine

dunkelhaarige Vampirfrau. »Das wäre schon denkbar, aber

inwiefern hilft uns das bei der Suche jetzt weiter?« Die

rothaarige Vampirin grinste, als hätte sie nur auf diese Frage

gewartet. »Ich habe den Namen des Vampirs am Schluss

herausbekommen. Es stand auf seinem Anhänger. Sein

Name war Sven. Ich vermute er kam ursprünglich aus

Skandinavien oder Deutschland. Ich denke, dass dort eine

Verbindung sein könnte. Immerhin hatte er abgeblockt, als

ich ihn auf seinen Namen angesprochen habe.« Aniola

kratzte sich am Kinn, wobei ihr Strähnen ihres

dunkelbraunen fast schwarzen Haars ins Gesicht fiel. »Eine

durchaus einleuchtende These. Außerdem ist es unser

einziger Anhaltspunkt und wir wüssten sonst nicht, wo wir

zu suchen anfangen sollten. Das heißt, wir suchen die

skandinavischen Inseln und Deutschland ab? Und wenn sie

da nicht ist? Beziehungsweise, wenn wir sie da trotz allem

nicht finden können?« Saya zuckte mit den Achseln. »Dann

weiß ich auch nicht weiter. Wir können ja nicht jeden Fleck

auf der Erde absuchen.«

»Stimmt. Aber es bleibt auch noch die Frage, wie wir da so

schnell hinreisen wollen und wir müssen ja auch Stadt für

Stadt absuchen. Wie sollen wir das anstellen? Vor allem da

es für uns auch nur nachts möglich ist.« Wieder erhielt

Aniola nur ein Achselzucken als Antwort. Doch in diesem

Moment klingelte es erneut an der Tür.

Diesmal war es Saya, die aufstand und zur Tür eilte. Shina

blieb am Türrahmen stehen und lehnte sich dagegen, ihr

Blick auf ihre Vampirfreundin gerichtet.

»Erwartet Saya noch jemanden?« Aniolas Frage galt der

Leopardenfrau, doch diese schüttelte ahnungslos den Kopf.

»Nein. Nicht, dass ich wüsste.« Achselzuckend schlich die

untote Frau aus dem Wohnzimmer heraus in Richtung

Haustür, um herauszufinden, wer der unerwartete Besucher

war. Genau in diesem Moment kam Saya zurück und hinter

ihr-

»Aleksiel!« Aniola war überrascht ihn zu sehen. Sie wusste

zwar, dass Saya und er befreundet waren, hätte aber

trotzdem nicht mit seinem Auftauchen gerechnet und schon

gar nicht auf diese Art und Weise. »Du klingelst? Kannst du

nicht einfach hineinteleportieren, oder wie auch immer du

das machst.« Bei diesem Kommentar fing der gefallene

Engel lauthals an zu lachen.

»Aniola, so amüsant wie eh und je.«

Zornesröte stieg der Vampirfrau ins Gesicht. Wie konnte

dieser Verstoßene es wagen, sie so zu demütigen. Er dachte

wohl, weil er einst ein Engel gewesen war, machte ihn das

zu einem besseren Menschen, oder in seinem Fall, zu einem

besseren Vampir, aber das war er nicht. Er war nicht besser,

wie jeder andere. Eher noch schlimmer. Aniola ballte ihre

Hände zu Fäusten und die Nägel bohrten sich schon in ihr

Fleisch. Der Schmerz ließ sie wieder einigermaßen klar im

Kopf werden.

»Nun, Aleksiel, dann erklär mir doch, wie du das machst.

Schließlich tauchst du doch oft einfach wie aus dem Nichts

auf.«

Die Miene des Ex-Engels wurde ernster und das Lächeln

erlosch.

»Es ist nicht ganz so einfach. Engel sind dazu bestimmt,

über bestimmte Gegenden zu wachen und damit man schnell

an einem Ort sein kann, wenn es von Nöten ist, können wir,

wie du es nennst, teleportieren. Ich würde es eher

„wunschmaterialisieren“ nennen, denn genauso funktioniert

es eigentlich. Wir denken an den Ort, an dem wir am

meisten auf der Welt sein wollen, wir wünschen uns dort zu

sein und dann lösen wir uns in unsere einzelne Atome und

Moleküle auf und diese setzen sich an dem Wunschort

wieder zusammen. Das funktioniert auch nur deswegen, weil

Engel eigentlich keine feste Gestalt haben. Wenn man fällt,

so wie ich, ist das etwas anders. Denn als gefallener Engel

wird man sterblich und man hat einen festen Körper.

Dennoch bleiben uns die Fähigkeiten, die wir als Engel

hatten, weiterhin erhalten. Allerdings ist es um einiges

schwieriger sich zu materialisieren, oder zu

dematerialisieren. Ich habe einige Zeit gebraucht, um in

dieser Gestalt das Wunschmaterialisieren zu erlernen, doch

nun ist es, als wäre es vollkommen normal.«

Aniola nickte und sah den dunklen Engel mit einem Blick

der Bewunderung an. Auch Shina und Saya schauten ihn

ehrfürchtig an. Sie schienen sich über das Thema zuvor

keinerlei Gedanken gemacht zu haben, aber Aniola hatte es

schon immer brennend interessiert, wie es den Engeln

möglich war, plötzlich zu verschwinden oder aufzutauchen.

Nun, hatte sie ihre Antwort. Auf einmal schoss ein Gedanke

durch ihren Kopf. Wie ein Blitzschlag traf sie die

Erkenntnis. Das war die Lösung, dachte sie sich tief in ihrem

Inneren und sie musste Aleksiel diese eine Frage stellen.

»Wenn du in dieser Gestalt, in diesem realen Körper,

materialisieren kannst, könnte das dann auch jemand

anderes? Oder sagen wir mal so, könntest du beim

Wunschmaterialisieren jemanden mitnehmen?«

Die Frage traf den Vampirengel scheinbar vollkommen

unvorbereitet und so sah er Aniola nur mit weit

aufgerissenen Augen und Mund an. Regungslos stand er da

und starrte die Vampirdamen, völlig überrascht über ihre

Frage. Seine Stirn legte sich in Falten und er rieb sich das

Kinn. Er machte den Eindruck, als würde er über diese Frage

ernsthaft nachdenken.

»Hm. Also, ehrlich gesagt, habe ich mir darüber noch

überhaupt keine Gedanken gemacht. Materialisieren können

nur Engel, so viel weiß ich, aber ob man jemanden

mitnehmen kann – ich weiß es wirklich nicht. Ich hatte

eigentlich gelernt, dass es nicht möglich ist, da es ja nur

geht, wenn man keinen festen Körper hat. Da ich jetzt aber

einen Körper habe und weiterhin materialisieren kann,

ändert das natürlich alles. Ich kann mir durchaus vorstellen,

dass es möglich ist.« Aniola runzelte die Stirn ein wenig und

hatte den Eindruck, dass er vielmehr laut dachte, als wirklich

auf ihre Frage zu antworten. Zumal er sie dabei nicht einmal

beachtete. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, ergriff Saya

das Wort.

»Wir könnten es doch einfach mal testen.« Der dunkle,

flügellose Engel hob seinen Kopf und betrachtete die Frau,

die ihm eine gute Freundin geworden war, ganz gespannt. Er

erwiderte nichts, sondern schien zu warten, dass Saya erneut

zu sprechen begann, was diese auch nur wenige Sekunden

später tat.

»Worauf warten wir denn noch?« Die junge Vampirin

schnappte sich seine rechte Hand und sah den Vampirengel

erwartungsvoll an. Auch Aniola betrachtete Aleksiel

gespannt. Würde es wirklich funktionieren? War eine

gemeinsame Materialisierung möglich? Konnte ein Engel,

oder auch ein gefallener Engel, so wie Aleksiel, jemanden

bei einer Wunschmaterialisierung mitnehmen? Und dann

war es soweit. Ein helles Licht umgab Aleksiel und –

Aniolas Augen weiteten sich vor Staunen – es breitete sich

auch um Saya aus und beide Gestalten wurden blasser, bis

sie ganz plötzlich verschwunden waren. Es war, als wären

sie nie dort gestanden. Aniola starrte weiterhin auf die

Stelle, wo ihre Freundin und Aleksiel eben noch gestanden

hatten und wo jetzt nichts weiter als ein leerer Fleck übrig

geblieben war. Leere und Stille erfüllte nun diesen Raum,

doch dann spürte die Vampirfrau etwas. Es war ein warmer

Schleier, direkt hinter ihr. Sie drehte sich ruckartig herum

und da war es wieder, das Licht, das die beiden kurz vor der

Dematerialisierung umgeben hatte. Das Licht strahlte heller

als zuvor und es ging eine angenehme Wärme davon aus.

Aniola sah genauer hin und konnte Umrisse wahrnehmen.

Umrisse, die immer klarer wurden und im nächsten

Augenblick standen dort wieder der Engel und die

Vampirin, als wäre nichts gewesen.

4

»Es funktioniert!« Aniola grinste die beiden Vampire vor

sich beeindruckt an. Saya erwiderte ihren Blick, jedoch

machte sie einen verblüfften Eindruck. Sie wollte einen

Schritt vorwärts gehen, doch musste sich sofort an Aleksiel

festhalten, der sie auch gleich stützte, als er bemerkte, wie

wackelig sie auf den Beinen war. Aniola ging auf sie zu. »Ist

alles ok mit dir?« Die junge Vampirin nickte zaghaft, doch

ihr Gesicht war bleich. Vampire hatten von Haus aus einen

blasseren Hautton, da sie kein Sonnenlicht abbekamen, doch

Saya war weiß wie Schnee. Aniola ging an ihre linke Seite,

packte ihren Arm und warf ihn sich über die Schulter.

Aleksiel tat das Gleiche mit Sayas rechten Arm und während

sie die Vampirfrau stützten, gingen sie auf das Sofa zu, wo

sie sie vorsichtig hinlegten. Aniola schnappte sich ein

Kissen, das am Rand des Sofas lag und legte es unter Sayas

Beine. Sie hatte in ihrem Menschenleben zwar niemals einen

Erste-Hilfe-Kurs besucht, weil es das vor über zweihundert

Jahren noch nicht gegeben hatte, aber sie hatte dennoch

mitbekommen, dass man bei Kreislaufproblemen – was hier

der Fall zu sein schien – die Beine nach oben legen sollte.

Prompt bekam die junge Blutsaugerin auch schon ein wenig

Farbe ins Gesicht. Schnurstracks huschte Aniola zum

Kühlschrank und schnappte sich eine Konserve A Positiv,

die sie sofort aufriss und in ein Glas goss. Mitsamt dem Glas

eilte sie zurück ins Wohnzimmer, wo Aleksiel besorgt neben

seiner guten Freundin saß und ihr durchs Haar fuhr. Wenn

sie es nicht besser gewusst hätte, wäre sie davon

ausgegangen, dass zwischen den beiden etwas lief. War

Aleksiel eventuell schwul? Schließlich heißt es ja immer,

dass schwule Männer die besten Freunde von Frauen wären.

Sie hatte leider noch keinen getroffen. Ein schwuler bester

Freund, mit dem sie shoppen gehen könnte und eventuell

noch auf Jagd, wenn er auch ein Vampir war, das wäre

großartig, dachte sie. Bei Aleksiel fände sie es aber schade,

denn der Exengel sah wirklich zum Anbeißen gut aus. Er

jedoch schien keinerlei Interesse an ihr zu haben, was

bedeutete, dass er entweder vergeben war, doch etwas für

Saya empfand oder tatsächlich vom anderen Ufer war. Keine

der drei Möglichkeiten gefiel ihr so richtig, aber das dritte

wäre ihr noch am liebsten, da es dann zumindest nicht

bedeutete, dass sie unattraktiv wäre. Das war sie auch nicht.

Aniola war eine zweihunderfünfzig-jährige Vampirin, die

wie Mitte zwanzig aussah, dunkles seidig glänzendes Haar

hatte, das gerade bis kurz über die Schulter reichte und sich

glatt an sie schmiegte. Ihre Augen waren eine Mischung aus

braun, grau und grün, die je nach Sonneneinstrahlung eine

andere Dominanz hatten. Ihr Hautton war trotz

Vampirdasein nicht so blass, wie der von Saya und manch

anderen Vampiren. Sie hatte einen leicht goldenen Farbton.

Ihre polnische Abstammung verlieh ihr noch eine besondere

Note.

»Hier, trink das!« Sie hielt Saya das Glas mit dem Blut hin

und diese leerte es in einem Zug. Aniola stellte es auf den

Couchtisch, neben dem sie stand und betrachtete ihre

Freundin mit Sorge. »Dir scheint das Materialisieren nicht

sonderlich gut bekommen zu sein.« Saya schüttelte den

Kopf und setzte sich auf. Aleksiel versuchte sie wieder aufs

Sofa zu drücken, doch vergeblich. Das Blut hatte seine

Wirkung entfaltet und die Vampirin war wieder bei Kräften.

»Ja, komisch. Ich habe eigentlich überhaupt nicht

mitbekommen, dass wir weg waren. Ich bemerkte nur, dass

ich an einer anderen Stelle im Raum stand und dann wurde

mir auf einen Schlag ganz flau im Magen. Vielleicht lag es

aber auch daran, dass ich mich heute noch nicht genährt

hatte.«

»Was? Das ist deine erste Mahlzeit heute?« Aniola starrte

sie entsetzt an und deutete mit ihrem rechten Zeigefinger auf

das leere Glas, auf dem rote Rückstände von Blut zu

erkennen waren.

Diesmal nickte die junge Vampirin und Aniola verzog ihr

Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Das würde

so einiges erklären.

»Dann wundert mich das natürlich nicht.« Aleksiel hatte das

Wort ergriffen. »Materialisieren benötigt sehr viel Energie

und wenn du noch kein Blut zu dir genommen hattest, bist

du zu schwach dafür. Jetzt weiß ich auch, warum wir sofort

wieder aufgetaucht sind. Eigentlich hatte ich vor uns weiter

materialisieren zu lassen, aber dafür hatte deine Energie

offenbar nicht gereicht.«

Aniola sah ihn mit einem erkenntnisvollen Blick an.

»Verstehe. Das bedeutet, dass du zwar lenkst, wenn du beim

Wunschmaterialisieren jemanden mitnimmst, aber die Kraft

beider Personen benötigt wird und nicht nur deine eigene.«

Ein stummes Kopfnicken bestätigte ihre Vermutung.

»Offenbar ist es so. Ich konnte es vorher auch nicht wissen,

da es das noch nie gab. Noch nie, wurde jemand dabei

mitgenommen. Engel reisten grundsätzlich alleine und

mussten auch nicht mitgenommen werden. Es war auch gar

nicht sicher, dass es überhaupt funktioniert.« Aniola sah

nachdenklich zu Boden und rieb sich das Kinn. Nach einigen

Sekunden blickte sie wieder auf und sah von Saya zu

Aleksiel hin und her. »Wenn man aber genügend Nahrung

zu sich nimmt und bei Kräften ist, sollte das Ganze aber

doch kein Problem darstellen, oder?« Aleksiel zuckte

unentschlossen mit den Achseln. »Ich kann es nicht

hundertprozentig sagen, aber ich denke die

Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es da keinerlei Probleme

geben würde.«

»Gut.« Aniola schien sichtlich erleichtert. Sie spürte den

fragenden Seitenblick von Saya, die offenbar keine Ahnung

hatte, was ihre Vampirfreundin damit bezweckte. Da sie nun

alle nötigen Informationen hatte und die beiden nicht länger

auf die Folter spannen wollte, beschloss sie, mit der Sprache

herauszurücken.

»Dann können wir uns ja auf die Suche nach Shania

begeben.« Sowohl Aleksiel, als auch Saya rissen ihre Köpfe

herum und starrten Aniola mit aufgerissenen Augen an.

»Was?!« Dieser verblüffte Aufschrei kam unisono aus ihrer

beiden Münder.

Fassungslos starrten die beiden sie an, ihre Münder vor

Entsetzen aufgerissen und Ratlosigkeit stand auf ihren

Gesichtern.

»Wie meinst du das, wir können jetzt nach Shania suchen?

Wo willst du sie denn suchen? Und was hat das Ganze denn

jetzt damit-« Saya brach ab. Sie ahnte offenbar, worauf ihre

Freundin hinauswollte. Ihr Blick war jedoch missbilligend.

»Das ist nicht dein Ernst, Aniola?!« Sie schrie die ältere

Vampirin förmlich an. Aleksiel stand nur ratlos daneben und

hatte keinen blassen Schimmer, was vor sich ging. »Wovon

zum Teufel sprecht ihr zwei denn da bitte?« Ungeduldig trat

er von einem Fuß auf den anderen und sah die beiden Frauen

eindringlich an. Aniola erwiderte seinen Blick und

bemerkte, wie seine dunklen braunen Augen vor Neugier

funkelten. Ihr fiel ein leicht bläulicher Schimmer auf, der ab

und an, je nach Lichteinfall, in seinen Augen aufblitzte. Sie

schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder

voll und ganz auf das aktuelle Thema. Saya hatte ihrem

Kumpel nur einen kurzen Blick zugeworfen und sich sofort

wieder Aniola zugewandt. Sie hatte ihre Hände in die Hüften

gestemmt und baute sich nun vor ihrer Freundin auf. »Du

hast doch gerade eben gesehen, was es mit mir gemacht hat,

oder etwa nicht?!« Aniola nickte, zuckte aber gleichzeitig

mit den Achseln, was allerdings nicht bedeuten sollte, dass

ihr die Angelegenheit gleichgültig war. »Saya, ich verstehe

deine Bedenken. Natürlich habe ich gesehen, wie fertig du

warst. Deswegen habe ich doch nochmal nachgefragt und es

lag doch offenbar nur daran, dass du dich nicht ausreichend

genährt hattest.« Die junge Vampirin schien das kein

bisschen zu besänftigen. »Mag sein, trotzdem ist es

gefährlich!« Aniola sah ihrer Freundin tief in die Augen und

legte ihr eine Hand auf die Schulter. Saya entspannte sich

bei dieser Geste ein klein wenig. »Ich weiß.« Ganz ruhig

kamen diese Worte aus ihrem Mund. Kein Schreien, keine

Zickereien. Einfach nur ein Eingeständnis. Ruhig und

gelassen. »Aber ganz ehrlich, Say. Ist Shania dieses Risiko

nicht wert.« Wieder riss die Blutsaugerin in den Zwanzigern

ihre Augen auf und sah ihre Freundin entsetzt an. Sie machte

ein nachdenkliches Gesicht, rieb sich das Kinn und senkte

ihren Blick dann ein wenig beschämt. Ihre Schultern hingen

schlapp herunter und sie sagte keinen Ton mehr. Aniola

bemerkte das Glänzen auf ihren Wangen und beim

genaueren Hinsehen konnte sie kleine Tränen erkennen, die

aus ihren bereits feuchten Augen quollen und ihr Gesicht

hinabliefen, bis sie schließlich lautlos auf den Boden

tropften. Nun legte Aniola auch ihre andere Hand auf Sayas

Schulter und drückte sie fest an sich. Tröstend nahm sie ihre

Freundin in die Arme. Sie wusste, dass ihr Shanias

Verschwinden schwer fiel und sie damit zu konfrontieren

war nicht gerade das Einfühlsamste, was sie hätte machen

können. »Aniola, es gibt da etwas, das ich dir erzählen muss.

Etwas, das ich bis jetzt keinem gesagt habe, das jedoch von

Bedeutung sein könnte.« Saya schniefte und sah ihre

Artgenossin ein wenig schuldbewusst an. Aniola nickte und

sah ihre Freundin gespannt und erwartungsvoll an. Auch

Aleksiel schien neugierig zu werden, kam einige Schritte

näher und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Saya

schickte ihn nicht hinaus, was offenbar bedeutete, dass auch

er ihr Geheimnis erfahren durfte.

»Ein halbes Jahr habe ich es geheim gehalten. Nur Raven

habe ich davon erzählt. Frage mich bitte nicht, wieso ich das

getan habe. Shanias Verschwinden schockte mich so sehr,

dass ich alles andere vergaß und sicherlich zog ich es in

Erwägung, da ich mir sicher bin, dass alles zusammenhängt,

aber dennoch ist da diese Angst. Die Angst davor, wohin

alles führt. Was dahinter steckt. Aniola, es ist wirklich

gefährlich, glaub mir!« Saya schluchzte und überschlug sich

beim Reden. Aniola hatte nicht verstanden, was ihre

Vampirfreundin ihr mitteilen wollte. Die junge Frau schien

sehr aufgeregt, ihr Herz raste, das konnte Aniola deutlich

hören und sie zitterte am ganzen Leib. Aniola hatte noch

immer ihre Hand auf Sayas Schulter und streichelte ihr jetzt

beruhigend über den Rücken.

»Ganz ruhig, meine Liebe. Alles ist gut. Erzähl mir doch

bitte ganz langsam, worum es hier geht. Was weißt du? Gibt

es einen Grund, wieso Shania verschwunden ist? Ich meine,

einen ernsthaften Grund?«

»Sie wurde tatsächlich entführt, habe ich nicht Recht?«

Bevor Saya etwas dazu sagen konnte, meldete sich Aleksiel

zu Wort. Die beiden Frauen sahen erstaunt auf. »Ich

vermute, es hat mit dem Fall zu tun, den ihr als letztes

bearbeitet habt. Den, mit den Vampiren und den Kindern.

Wurde sie deswegen entführt? Ist einer übrig geblieben, den

wir nicht zur Strecke gebracht haben und der Rache wollte?«

Saya seufzte laut auf.

»Ganz so einfach ist es nicht, Alex.« Saya nannte den

gefallenen Engel, der mittlerweile ihr bester Kumpel war,

meist einfach nur Alex. Aleksiel wurde ihr auf die Dauer zu

lange und da sein Name doch sehr an Alexander erinnerte,

wählte sie diese Kurzform für ihn.

»Im Grunde hast du schon Recht. Es hat tatsächlich mit

diesem Fall vor einem halben Jahr zu tun. Mit den

Vampiren. Doch, es ist nicht einfach nur ein anderer

Vampir, der Rache will. Es steckt etwas viel Größeres

dahinter.« Shina, die sich die gerade von der Toilette kam

und die letzten Wortfetzen mitbekommen hatte, stieß einen

spitzen Schrei aus. Aniola erschauderte. Die Vorstellung,

dass eine noch stärkere Macht hinter all dem stecken könnte,

jagte ihr einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter. »Du

meinst, so eine Art Mafia?« Die polnische Vampirin wollte

es nun genau wissen. Saya nickte nur und wandte sich ihr

zu. »So etwas in der Richtung, ja.« Sie wirkte bedrückt. »Als

ich mit dem letzten Vampir gekämpft hatte, hat dieser mir

gesagt, dass sie nur angeheuert wurden und jemand hinter

allem steckt, der viel stärker ist, als sie, oder auch wir.« Nun

drehte sie sich wieder zu Aleksiel um. »Verstehst du, Alex?

Es ist eine Nummer zu groß für uns. Shania wurde entführt,

weil sie bei der ganzen Sache mitgemischt hatte. Ich bin

schuld an all dem. Sie wollte mir nur helfen und ich habe sie

in alles hineingezogen. Ich habe sie in diese Lage gebracht.

Was bin ich nur für eine Freundin?« Tränen rannten ihr die

Wangen hinab, die junge Vampirin vergrub ihr Gesicht in

ihren Händen und weinte. Aniola nahm sie ganz fest in den

Arm und versuchte sie zu trösten, aber Saya hörte nicht auf

zu schluchzen. Aleksiel sah sie voller Sorge an und ging

einen Schritt auf die beiden Frauen zu. »Saya, du darfst dir

auf keinen Fall die Schuld daran geben. Sie hat dir doch

freiwillig geholfen. Ihr habt ihr doch auch schon oft

geholfen. Als Hexe gerät sie immer zwischen die Fronten

und hatte schon einige Situationen, die gefährlich waren. Du

kannst nichts dafür. Es war richtig, den Kindern zu helfen

und ihr habt es doch auch geschafft. Jetzt gilt es die

Hintermänner zu finden und sie dingfest zu machen, damit

so etwas nicht noch einmal geschehen kann und damit

Shania in Sicherheit ist. Wir werden sie finden und retten

und dann vernichten wir diejenigen, die ihr das angetan

haben.«

Saya hob langsam ihren Kopf und sah ihn dankend an. Sie

schien seine Worte zu schätzen, doch Aniola sah, dass noch

immer Verzweiflung in ihren Augen lag. »Das ist lieb, dass

du das sagst, Alex, aber so einfach ist das wirklich nicht.

Wir wissen nicht, in welches Wespennest wir gestochen

haben. Wir wissen nicht, was uns erwartet, mit welchen

Gegnern wir es hier zu tun haben.« Aniola spürte bei diesen

Worten den Kloß in ihrem Hals. Es machte ihr ein wenig

Angst, trotz allem wollte sie ihre Freundin nicht so ohne

weiteres im Stich lassen. »Das wissen wir doch nie, Say.«

Sie versuchte, ihrer Freundin wieder ein wenig Mut zu

machen, auch wenn sie selbst nicht ganz von dem überzeugt

war, was sie ihr dann sagte. »Wir haben schon so viel

überstanden, schon so viel gesehen. Kann es wirklich

schlimmer werden, als all das, was wir bis jetzt erlebt

haben? Und selbst wenn die Hintermänner mächtiger sind,

als all diejenigen, die wir bisher besiegt haben, sind wir es

nicht mittlerweile auch? Wir sind doch auch stärker

geworden, haben uns entwickelt. Ich denke, wir können es

mit einem starken Gegner aufnehmen. Wenn wir

zusammenhalten, schaffen wir alles und wir haben

schließlich auch noch einen dunklen Engel, der uns hilft.«

Als sie Aleksiel ansprach, zwinkerte sie ihm zu. Der

Exengel grinste sie verschmitzt an und schien sich innerlich

schon auf das neue Abenteuer vorzubereiten. Saya trocknete

ihre Tränen und machte dann einen entschlossenen

Eindruck. »Du hast Recht, Aniola! Egal, was uns erwartet,

wir schaffen das und wir müssen Shania zuliebe dieses

Risiko in Kauf nehmen!.« So schnell konnte die Vampirin

gar nicht schauen, war Saya aus dem Sessel aufgestanden

und stand nun kampfbereit da, so als erwarte sie ihre Gegner

bereits. Aniola konnte sich nur mit Mühe ein Lachen

unterdrücken. Sie war von der Mission zwar nicht mehr ganz

so überzeugt, wie sie es vor Sayas Geschichte war, aber

immerhin hatte sie es geschafft, ihre Freundin wieder ein

wenig aufzumuntern und zu motivieren. Das war schließlich

die Hauptsache. Doch nun sollten sie keine Zeit mehr

verschwenden und mit der Suche anfangen. Wenn sie doch

nur einen Anhaltspunkt hätten, wo sich Shania aufhalten

könnte. Wo die Entführer sie versteckt haben könnten.

Aniola verabschiedete sich nach einer Weile und ging nach

Hause. Shina begleitete sie ein Stück, bis sich ihre Wege

schließlich trennten und auch Aleksiel verschwand. Wohin,

wusste keiner.

Als die Vampirin zuhause ankam, ging bereits die Sonne auf

und sie verzog sich schleunigst in ihr abgeschottetes

Schlafgemach, wo sie Schutz fand und legte sich hin.

5

Ein Schrei hallte durch den Raum und mit einem Satz stand

Aniola kerzengerade auf beiden Beinen neben ihrem Bett.

Glücklicherweise hatte sie beim Aufstehen ihre Bettdecke

mitgerissen, so dass sie darin eingehüllt da stand und nicht

splitterfasernackt, wie sie unter dieser Decke nun einmal

war. Ihre Augen waren noch immer vor Schreck geweitet

und ihr Herz pochte so laut, dass sie das Gefühl hatte, es

würde jeden Moment aus ihrem Brustkorb springen. Sie

versuchte, ruhig zu atmen und sah sich dann langsam im

Raum um. Sie wurde von einem Geräusch geweckt und

wollte nun herausfinden wer oder was- ihr stockte der Atem

und ihr Kopf lief von jetzt auf gleich knallrot an. Einerseits,

weil sie peinlich berührt war, andererseits vor Zorn. »Wer

hätte gedacht, dass du so schrill schreien kannst.« Hörte sie

die Person sagen, die im Dunkeln vor ihr stand. Sie musste

kein Licht anmachen, um ihn zu erkennen, denn ihre

Vampirsinne erlaubten es ihr, in der Nacht perfekt sehen zu

können. Sie kniff ihre Augen wütend zusammen und

funkelte ihren unverhofften Besucher an. »Was machst du

hier?« Ihre Stimme war noch höher und schriller, als der

Schrei zuvor. Sie war außer sich und konnte sich kaum

beherrschen. Am liebsten hätte sie irgendetwas nach ihm

geworfen. »Wieso werde ich eigentlich immer so begrüßt?«

Er wirkte schon fast beleidigt, doch Aniola empfand

keinerlei Mitgefühl. Wie konnte er es wagen, einfach in

ihrem Schlafzimmer aufzutauchen und dann auch noch,

während sie schlief? Sie zog ihre Augenbrauen nach oben.

»Das fragst du noch? Von Privatsphäre hast du auch noch

nie etwas gehört, oder?« Empört schnaubte sie auf, doch der

Mann, der im Schatten ihres Zimmers verborgen stand

zuckte nur unbekümmert mit den Achseln. »Weißt du, Saya

ist es mittlerweile von mir gewöhnt.« Aniola verschränkte

ihre Arme und sah ihn eindringlich an. »Wie Saya damit

umgeht ist mir vollkommen egal, Aleksiel, aber bei mir hast

du gefälligst durch die Vordertür zu kommen-« Der

Vampirengel öffnete den Mund, um etwas darauf zu sagen,

doch Aniola ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. »-und

selbst dann hast du nicht um diese Uhrzeit aufzukreuzen. Ich

brauche auch meinen Schlaf. Du bist doch auch ein Vampir.

Du solltest das doch eigentlich verstehen.« Wieder bekam

sie nur ein Achselzucken als Antwort. Das regte die

Vampirin noch mehr auf. Nun war ihr alles egal. Sie wollte

ihn einfach nur aus ihrem Zimmer haben. Doch solange sie

in ihre Bettdecke gehüllt dastand, konnte sie sich nicht

bewegen, geschweige denn einen starken groß gewachsenen

Kerl aus ihrem Schlafgemach werfen. Sie fackelte nicht

lange und ließ ihre Hüllen fallen. Aleksiel klappte der

Unterkiefer herunter und starrte sie an, jedoch ließ sie ihn

nicht genügend Zeit, sie intensiv zu mustern, denn im

nächsten Augenblick stand sie schon neben ihm, hatte ihn

am Arm gepackt und schleifte ihn nach außen. Im

Normalfall hätte er sich ohne weiteres dagegen zu Wehr

setzen können, doch so schnell wie Aniola handelte, konnte

er gar nicht reagieren. Darauf war er nicht gefasst gewesen

und noch immer starrte er sie an. Sie spürte seine Blicke auf

ihrem Körper und sie wusste nicht, ob sie sich geschmeichelt

fühlen, oder sich über seine Spannerei ärgern sollte.

Andererseits hatte sie es provoziert, weswegen sie sich kaum

aufregen konnte, wenn er Blicke riskierte. Er war schließlich

auch nur ein Mann und sie wusste nicht, wie es bei Engeln

mit Sex und alldem aussah. Andererseits mussten andere

Engel auch irgendwie entstehen. Immerhin wusste sie, dass

er der Sohn von Gabriel war, was bedeutete, dass Gabriel

mit einer anderen Frau, beziehungsweise ein anderer Engel

vermutlich- Nein, eigentlich wollte sie diesen Gedanken

nicht weiterspinnen, denn das wollte sie dann doch nicht so

genau wissen. Sie schüttelte all das ab und konzentrierte sich

wieder auf das hier und jetzt. Kaum hatte sie Aleksiel aus

der Tür befördert, huschte sie auch schon wieder ins

Schlafzimmer und zog sich schnell etwas über. Sie zog ein

kurzes dunkelblaues Sommerkleid aus ihrem Schrank. Das

war für diese Jahreszeit zwar noch nicht ganz passend, aber

besser als nackt und in ihren vier Wänden war es schließlich

angenehm warm. So leicht fror sie als Vampir auch nicht,

das war ein weiterer Vorteil. Sie war froh, dass sich der

gefallene Engel nicht einfach wieder ins Zimmer

materialisiert hatte. Vermutlich war er von ihrer Reaktion

noch zu sehr geschockt. Das schadete ihm nichts. Was fiel

dem Kerl auch ein, einfach so im Schlafzimmer einer Frau

aufzutauchen? Bei Saya schien er das ja öfters zu machen,

was er erwähnt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass

Kris das sonderlich gefiel, wenn ein anderer Mann

auftauchte und seine Freundin womöglich noch nackt sah.

Sie öffnete die Tür und ging wieder nach draußen, wo

Aleksiel ungeduldig auf sie wartete, als wäre nichts

geschehen. Aniola hatte sich mittlerweile wieder

einigermaßen beruhigt, ihr Herz schlug wieder normal – im

Vergleich zu einem Menschen, war normal in dem Fall eher

ziemlich langsam. Das Herz eines Menschen schlug zehnmal

schneller, als das eines Vampirs – und war bereit, ein

vernünftiges Gespräch mit dem Exengel zu führen. Sie

hoffte nur, dass er auch einen guten Grund hatte, bei ihr

aufzutauchen. »Also, Aleksiel-«

»Alex.«

»Was?« Die engelsgleiche Vampirin sah ihn verwirrt an.

»Nenn mich doch einfach Alex, so wie Saya. Aleksiel ist

doch so förmlich und ein Engel bin ich eigentlich sowieso

nicht mehr. Also, nicht mehr so richtig.«

Aniola schaute ihn nur fassungslos an. Ihre Augenbrauen

wanderten noch weiter nach oben, dass sie schon fast ihre

Haarspitzen berührten. Nach einigen Sekunden fand sie dann

ihre Sprache wieder.

»Wenn, dann nenn ich die Alek, das gefällt mir besser.

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich nach deinem

Verhalten auf gut Freund mit dir machen soll.«

Aleksiel lächelte sie charmant an und seine rehbraunen

Augen funkelten, als wären alle Sterne darin gefangen. Er

setzte fast schon einen Hundeblick auf und schaute ihr ganz

tief in die Augen. Aniola spürte die Gänsehaut, die sich auf

ihrem ganzen Körper bildete, all ihre Haare stellten sich auf,

ein warmer Schauer durchfuhr sie und ihr stockte der Atem.

Sein Lächeln war bezaubernd und seine Augen – ein Traum.

Sie musterte ihn heimlich, versuchte aber sich nichts

anmerken zu lassen. Vorsichtig ließ sie ihren Blick seinen

Oberkörper entlang schweifen. Er hatte starke

durchtrainierte Arme, die beide komplett tätowiert waren.

Die Tattoos standen ihm wirklich sehr gut. Sie mochte

Tätowierungen. Sie selbst besaß auch eines, auf dem linken

Schulterblatt. Dann spähte sie weiter hinunter und bemerkte

in der engen schwarzen Hose, die er anhatte, eine eindeutige

Beule. Wieder spürte sie die Röte in ihrem Gesicht und ihre

Augen fixierten wieder sein Gesicht. Noch immer hatte er

dieses Lächeln aufgesetzte. Ein Lächeln, das selbst das

kälteste Herz zum Schmelzen brachte. Er hätte damit Nord-

und Südpol binnen Sekunden schmelzen können. Sein

langes Haar war wie üblich zu einem Pferdeschwanz

gebunden, was ihm wirklich sehr gut stand, wie Aniola

dachte. Sie mochte langes Haar und sie verspürte das

Bedürfnis, seinen Haargummi zu lösen und durch sein

langes leicht welliges Haar zu fahren. Sie wollte es

berühren. Nur mit größter Mühe, konnte sie sich davon

abhalten. Sie spürte ein leichtes Zucken zwischen ihren

Schenkeln, doch versuchte sich weiterhin

zusammenzureißen. Ihr Herz begann erneut zu pochen und

ihre Atmung wurde flacher. Hätte sie nicht so eine große

Beherrschung, würde sie vermutlich anfangen zu sabbern.

Das wäre peinlich geworden. Sie bemerkte, dass eine

unangenehme Stille zwischen ihnen herrschte und versuchte

sich zu erinnern, worüber sie als letztes geredet hatten. Es

ging darum, wie sie ihn nennen sollte. Sie schob alle

erotischen Gedanken beiseite und all das, was sie sich

bereits ausgemalt hatte, mit ihm zu machen – sie wusste jetzt

schon, was sie träumen würde, sobald sie zu Bett ging – und

sah ihn mit ernster Miene.

»Na, schön, dann nenn ich dich Alek, in Ordnung?« Sie

seufzte. Aleksiel nickte zufrieden »Nun, gut, Alek. Dann

erklär mir doch bitte mal, was es so Wichtiges gibt.« Jetzt

wollte die Vampirin natürlich auch wissen, weswegen er

eigentlich hier war. Hoffentlich nicht nur, um sie zu

verführen, denn wenn er so weitermachen würde, gelänge

ihm das noch und das wollte sie im Grunde genommen

eigentlich nicht. Das würde alles nur unnötig komplizieren

und da sie in der Zukunft sicher öfter miteinander zu tun

hatten, wäre es eine unangenehme Situation für beide – nun

gut, zumindest für sie.

Aleksiel, noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen,

öffnete seinen Mund und begann ihr die Situation zu

schildern.

»Es geht um die Idee, nach Shania zu suchen. Nachdem, was

Saya erzählt hatte, scheint die kleine Hexe in großeer Gefahr

zu schweben, weswegen wir uns umgehend auf die Suche

machen sollten.« Zustimmend nickte Aniola. Da war sie voll

und ganz seiner Meinung. Sie durften keine Zeit mehr

verschwenden, wenn sie ihre Freundin heil und gesund

zurück haben wollten. »Das sehe ich auch so, aber wo ist das

Problem? Dann machen wir uns bei Anbruch der Nacht

gleich auf den Weg.« Aleksiel schüttelte leicht betrübt den

Kopf. »Es ist so, dass Saya nicht mitkommen kann?«

»Was?« Aniola starrte ihn ungläubig an. »Das glaube ich

nicht. Für sie ist es doch genauso wichtig, Shania zu finden,

wenn nicht sogar wichtiger, wie für uns alle.« Kopfnicken

von Aleksiels Seite. »Ja, das stimmt, aber sie kann ihre

Schützlinge nicht solange alleine lassen. Die Suche ist ja

nicht nach einem Tag abgeschlossen. Wir werden vermutlich

Wochen, wenn nicht Monate nach ihr suchen müssen, bis

wir eine konkrete Spur haben und sie tatsächlich finden.

Shania wollte Saya beim Unterrichten eigentlich

unterstützen und was soll aus den Kindern denn werden,

wenn Saya auch noch weg wäre.« Das leuchtete Aniola

durchaus ein. Die Kinder wurden von gewissenlosen

Vampiren gefoltert und gewandelt und dann einfach

zurückgelassen. Sie brauchten ein stabiles Umfeld und

Unterstützung, um sich richtig zu entwickeln und sich

kontrollieren zu können. Somit fiel Saya für die Suchaktion

tatsächlich schon einmal weg. »Und was ist mit Raven?«

Shanias frisch gebackener Ehemann machte sich die größte

Sorgen um seine Frau und gerade ihm müsste die Suche sehr

am Herzen liegen. Doch auch da schüttelte Aleksiel seinen

Kopf. »Leider geht auch das nicht. Er ist der Anführer des

Rabenclans. Er ist zwar noch nicht offiziell gekrönt worden,

da er auf die Rückkehr seiner Frau warten möchte, aber

dennoch braucht der Clan sein Oberhaupt. Stell dir vor, was

für ein Chaos herrschen würde, wenn er weg wäre und was

würde erst werden, wenn ihm bei der Suche womöglich

noch etwas zustoßen würde.« Daran hatte die Vampirlady

noch überhaupt nicht gedacht. Sein Bruder Kris konnte ihn

schließlich auch nicht vertreten, da er nicht der Anführertyp

war und es hatte schon für große Aufregung gesorgt, als er

ursprünglich zum Nachfolger ernannt hätte werden sollen.

Nun, dann blieben nicht mehr viele Personen übrig, die bei

der Suche helfen konnten und Aniola traute sich gar nicht,

nachdem restlichen zu fragen, da sie befürchtete, dass auch

da die Antwort negativ ausfallen würde. Statt noch weitere

Personen ihres Umkreises aufzuzählen, entschied sie sich

also dafür, Aleksiel ganz direkt zu fragen. »Nun, Alek, da

ich befürchte, dass du mir bei allen anderen Leuten, die ich

kenne, die gleiche Antwort geben wirst, nämlich, dass sie

nicht helfen können, sag mir doch bitte einfach, wer denn

übrig ist. Wer kann und wird sich auf die Suche nach Shania

begeben?« Aleksiel atmete tief ein, doch sagte keinen Ton.

Stattdessen streckte er seinen rechten Arm aus und deutete

auf sie. Ja, genau, sein Finger zeigte eindeutig in ihre

Richtung. Aniola sah sich um, ob nicht hinter ihr noch

irgendwer stand, aber das war eigentlich unsinnig, denn wer

sollte denn da stehen? Sie sah wieder zu Aleksiel und ihre

Augen waren weit aufgerissen. »Ich?« Um diese Frage noch

zu verdeutlichen, zeigte sie nun selbst mit dem Finger auf

sich. Aleksiel nickte bloß. »Ich bin die Einzige, die nach

Shania suchen wird?« Ein erneutes Kopfnicken bestätigte

ihre Vermutung. »Ja, so ist es.«, erwiderte der schwarze

Engel. »Naja, eigentlich wir beide. Schließlich brauchst du

mich für die Materialisierung.«

Wunderbar, das hatte ihr noch gefehlt. Alleine mit diesem

starken, gutaussehenden Macho. Sie schrie innerlich auf,

doch ließ sich nach außen nichts anmerken. Sie setzte ein

gespieltes Lächeln auf, als wäre alles in Ordnung. »Nun, gut,

dann machen nur wir uns auf die Suche. Wir werden sie

schon finden!« Diese Entschlossenheit war nur gespielt, aber

sie versuchte dennoch ein wenig optimistisch zu sein.

Immerhin hatte sie zusammen mit dem ehemaligem Engel

und Sohn eines Erzengels eine Chance – wenn auch nur eine

geringe – ihre verschwundene Hexenfreundin zu finden.

*

Aniola saß am Küchentisch bei ihrer Freundin Saya und

schlürfte seit einer gefühlten Stunde an einem Glas A

Positiv. Sie fuhr sich mit ihrer rechten Hand durch ihr seidig

glänzendes Haar und kräuselte es immer wieder mit ihren

Fingern zu kleinen Löckchen. Saya und sie wollten einen

Plan ausarbeiten, wo sie mit dem Suchen anfangen sollte.

Ihre Vampirfreundin musste bald in die Schule und somit

hatten sie nicht mehr lange Zeit. Aleksiel wollte schon in

dieser Nacht mit ihr aufbrechen. Bei dem Gedanken bekam

sie weiche Knie. Alleine mit diesem umwerfenden dunklen

Engel. Eine wirklich heiße Vorstellung. Sie schüttelte

innerlich den Kopf. Sie durfte sich dadurch auf keinen Fall

von der Mission ablenken lassen. Shania war wichtiger.

Aniola fasste sich an die Ohren, an denen Flügel

herabhingen. Silberne Flügel als Ohrringe, die zudem noch

von einer großen schwarzen Perle geschmückt wurden. Die

gleichen schwarzen Perlen zierten auch Sayas Ohren.

Dazwischen waren noch silberne Anhänger in S-Form

angebracht. Shania hatte ihnen diese Ohrringe zu

Weihnachten geschenkt. Nicht dieses Weihnachten, sondern

das davor. Schließlich war sie seit Herbst verschwunden und

sie mussten das Fest ohne sie feiern. Es gab eigentlich keine

richtige Feier, denn alle waren zu traurig, über das

Verschwinden der Hexe und alles andere, als in

Partystimmung. Aniola seufzte und nahm den letzten

Schluck. Sie stellte das leere Glas in die Spüle und sah zu

Saya, die ebenfalls mit leerem Blick am Tisch saß.

»Nun, was meinst du? Wo könnte sie versteckt sein?«

Die junge Vampirin zuckte mit den Achseln, sah nun

allerdings auf. »Ich weiß es nicht, Ani. Ich-« Sie stockte.

Plötzlich schien der blutsaugenden Brünette – eigentlich war

ihr Haar eher rotbraun – etwas eingefallen zu sein. Ihre

Augen funkelten und ein zufriedenes Grinsen huschte über

ihr Gesicht. »Das könnte es sein!« Fragend sah Aniola ihre

Freundin an. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich mit dem

einen der drei Vampire gesprochen habe und dass er mir von

Hintermännern erzählt hat, die sie engagiert hatten, ja?«

Aniola nickte lautlos. »Hör zu! Mir ist gerade wieder

eingefallen, dass er eine Kette mit Runen um den Hals hatte.

Ich hatte die Runen entziffert. Es war sein Name. Er war-«

Saya machte ein nachdenkliches Gesicht und rieb sich das

Kinn. »Moment. Mir fällt es sicher gleich wieder ein.

Letztens wusste ich seinen Namen noch. Ich hatte es Raven

erzählt. Vielleicht weiß er ihn noch. Oder, warte, ich glaube,

sein Name war Sven, oder so ähnlich. Jedenfalls war es ein

nordischer Name. Ich bin mir ziemlich sicher. Ich hatte mit

Raven schon darüber gesprochen, dass er aus Skandinavien

gewesen sein und Shania auch dort versteckt sein könnte.

Das würde auch zu seinem Äußeren und seinem Akzent

passen. Er hatte ganz komisch reagiert, als ich ihn darauf

angesprochen hatte und ich denke wirklich, dass sich in der

Gegend die Hintermänner aufhalten könnten. Und wenn

diese Leute Shania haben, dann ist sie mit Sicherheit dort.«

Aniolas Augen weiteten sich vor Erstaunen und sie ging

einige Schritte auf Saya zu. »Du meinst-« Sie redete nicht

weiter, denn sie verstanden sich auch so. Saya nickte und

Aniola lächelte zuversichtlich. Nun hatten sie einen

Anhaltspunkt. Sie würden nach Skandinavien reisen. »Ich

würde in deine Suche aber auch Deutschland

miteinbeziehen.« Erstaunt über diese Aussage, schaute

Aniola ihre Vampirgenossin fragend an. Ihre Augenbrauen

waren leicht nach oben gezogen. »Sven ist ein Name, der

auch in Deutschland weit verbreitet ist. Schließlich ist es

nicht so weit von den skandinavischen Inseln fort und der

Akzent unterscheidet sich auch nicht großartig. Zumindest

nicht für unser Gehör. Sicher ist sicher.« Aniola stimmte ihr

voll und ganz zu. Irgendwie breitete sich etwas in ihr aus,

das ihr mehr und mehr das Gefühl gab, dass sie Shania in

Deutschland finden würde. Vielleicht wäre es sinnvoll dort

mit der Suche zu beginnen. Es schien ihr eine kluge

Entscheidung zu sein, aber das musste sie erst mit Aleksiel

besprechen.

»Ich hoffe, wir werden sie bald finden« Die

zweihundertfünfzig-jährige Vampirin starrte mit leerem

Blick in das Glas, das vor ihr stand. Saya nickte nur, stand

dann auf und ging Richtung Wohnzimmer. Aniola schaute

ihrer Freundin nach, bis diese im Raum verschwunden und

nicht mehr zu sehen war. Nur einige Augenblicke später,

kehrte sie wieder zurück, ein neues Smartphone in der Hand.

»Sag bloß, du hast dir schon wieder ein neues Handy

geholt?« Aufgeregt nickte die junge Vampirin und ihr

Gesicht strahlte nur so. Aniola schüttelte fassungslos den

Kopf. Woher sie nur immer das Geld für all die Sachen

nahm. Schließlich verdiente sie mit ihrem Internat nichts, da

die Schüler ihr sicher nichts bezahlen konnten. Als hätte

Saya ihre Gedanken mitbekommen, erläuterte sie ihr sofort,

woher sie das Geld nahm. »Weißt du, ich habe neue Schüler

bekommen.« Fragend und neugierig drehte sich Aniola nun

zu ihr um und sah ihr direkt in die Augen, gespannt darauf,

was sie ihr als nächstes erzählen würde. »Einige Eltern von

Gestalwandlerkindern sind auf mich zugekommen und-»

»Gestaltwandler?« Aniola klappte der Unterkiefer weg. Sie

hatte ihre Freundin nicht einmal aussprechen lassen, doch

das verschlug ihr wirklich die Sprache. »Aber ich dachte,

das sei ein Vampirinternat?« Kopfnicken. >Ja, du hast ja

Recht, so war es ursprünglich geplant, aber offensichtlich

gibt es unter den Gestaltwandlern auch einige Kinder, die

nicht so ganz mit ihren Kräften und ihrer Verwandlung

umgehen können-« Wieder ließ sie Saya nicht zu Ende

erzählen.

»Dafür sind doch aber ihre Eltern da.« Auch jetzt erhielt

Aniola ein Kopfnicken als Antwort.

»Das stimmt, aber viele sind damit überfordert oder haben

keine Zeit, deswegen haben sie mich gefragt, ob ich das

nicht übernehmen könnte, da ich den Job mit den

Vampirkindern so gut mache.»

»Du bist ja auch ein Vampir.«

»Ja, aber durch Kris, Shania und Shina habe ich auch viel

Erfahrung mit anderen übernatürlichen Wesen. Jedenfalls

soll ich diese unterrichten. Neue Vampirkinder kamen im

Übrigen auch dazu.«

Bei der letzten Bemerkung runzelte Aniola ihre Stirn. »Wie

das? Die kinderschändenden Monster haben wir doch

erledigt.« Saya zuckte unbekümmert mit den Achseln. »Das

hat auch mit dieser Sache nichts zu tun.» Ihre Stimme klang

bedrückt. »Es gibt wohl ab und an auch Unfälle, wo

Vampire Kinder unfreiwillig verwandeln.« Aniola konnte

nicht glauben, was sie da hörte. »Unfreiwillig? Du willst mir

tatsächlich erzählen, dass das Verwandeln von Kindern ein

Unfall ist? Du scherzt, nicht wahr?« Saya schüttelte den

Kopf. »Leider nein. Es kommt immer wieder vor, dass sie

im Blutrausch erst gar nicht bemerken, was sie da tun und

dass es sich um ein Kind handelt und andere wollen den

Kindern nur helfen.« »Wie wollen sie ihnen so denn

helfen?« Nun schaute Saya ihrer Freundin tief in die Augen,

ihr Blick war ernster, als je zuvor. »Was würdest du tun,

wenn ein Kind, womöglich noch ein engeres

Familienmitglied aus deinem vorherigen Leben im Sterben

liegen würde? Wenn es todkrank wäre, oder verbluten

würde?« Mehr musste Saya nicht sagen. Aniola verstand

sofort und ihre Miene wurde ebenfalls ernst. Sie war über

zweihundert Jahre alt, von ihrer Familie, die sie einst hatte,

war kein einziger mehr übrig. Sie war lange vorher fort

gegangen. Sie hätte es nicht ertragen, mitansehen zu müssen,

wie sie vor ihren Augen starben und sie alle überlebte. Der

Gedanke stimmte sie sehr traurig und ihr Magen zog sich

zusammen. Sie kämpfte gegen Tränen an, die sich in ihren

Augen zu bilden drohten. Ja, vermutlich hätte sie in diesem

Fall auch ein Tabu gebrochen. Hätte sie gesehen, wie ihre

Schwester, oder einer ihrer Brüder gelitten hätte und im

Sterben lag, hätte sie höchstwahrscheinlich auch gegen den

Codex verstoßen und ihr Vampirgift eingesetzt, um sie zu

wandeln. Sie bekam kein Wort heraus und ihr Hals brannte.

So ging es ihr immer, wenn sie etwas zutiefst mitnahm.

Anstatt zu antworten, nickte sie Saya nur verständnisvoll zu,

die sie nun voller Sorge ansah. Natürlich hatte ihre Freundin

die plötzliche Veränderung wahrgenommen, die Trauer und

der Schmerz, der in ihr hochkroch. All das war ihr

anzusehen, zumindest für diejenigen, die sie kannten. Sie

nahm ihre Freundin in den Arm und sie redeten die ganze

Nacht lang, bis die Sonne aufging.

6

Es war eine angenehme Frühjahrsnacht, der Wind flüsterte,

die Bäume tanzten sachte und es duftete nach frisch

blühenden Blumen. Die kühle Luft wehte durch sein

Gefieder, während er immer weiter himmelwärts flog und

die Erde hinter sich ließ. Die Häuser und Bäume wurden

immer kleiner und er fühlte sich so unendlich frei. Er flog

immer weiter und weiter, der Wind wurde stärker, je näher

er der Themse kam und als er das Gewässer unter sich

schimmern sah, ließ Raven sich langsam wieder

hinuntergleiten. Es war Vollmond und die Nacht war hell

erleuchtet. Das Licht des Mondes reflektierte in der Themse

und ließ diese erstrahlen, als wären alle Sterne darin

gefangen. Raven landete auf der Tower Bridge, der Ort, wo

sein Vater tot aufgefunden wurde und genau der Ort, wo er

Shania das erste Mal getroffen hatte. Bedrückt starrte er

hinunter zum Fluss und dachte an seine verschwundene

Frau. Er wusste, dass Aniola sich auf die Suche machen

würde und hoffte, dass sie sie finden und heil zu ihm

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242 стр. 4 иллюстрации
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9783737543910
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