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Jaan Kross

Gegenwindschiff

Bernhard Schmidts

Roman

Aus dem Estnischen von

Cornelius Hasselblatt und

Maximilian Murmann

Mit einem Nachwort von

Cornelius Hasselblatt


Titel der Originalausgabe

Vastutuulelaev Tallinn: Eesti Raamat 1987 Copyright © Heirs of Jaan Kross

Die Arbeit der Übersetzer am vorliegenden Text

wurde vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

Der Verlag dankt dem Eesti Kultuurkapital

für die finanzielle Unterstützung

durch das Traducta-Programm.

Erste Auflage 2021

© der deutschsprachigen Ausgabe Osburg Verlag Hamburg 2021 www.osburgverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg

Korrektorat: Mandy Kirchner, Weida

Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg

Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95510-254-8

eISBN 978-3-95510-263-0

Inhalt

Vorwort des Autors

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Nachwort

Vorwort des Autors

Dieses Vorwort verfolgt drei Aufgaben: Zunächst soll es versuchen, das Genre des vorliegenden Buchs zu bestimmen. Zweitens soll darin mit einigen Zeilen auf die Entstehungsgeschichte eingegangen werden. Drittens soll darin zumindest den wichtigsten jener zahllosen Menschen gedankt werden, die mir beim Schreiben des Werks unter die Arme gegriffen haben.

Nun, das Buch, das Sie vor sich haben, ist keine Biografie Bernhard Schmidts im wissenschaftlichen oder populärwissenschaftlichen Sinn. Legt man den Begriff weit genug aus, könnte man das vorliegende Buch vielleicht als romanisierte Biografie bezeichnen. Aber nach Meinung des Autors handelt es sich trotzdem in erster Linie um einen Roman. Das bedeutet im Grunde, dass historische Fakten und Ausgedachtes zwischen den Buchdeckeln gleichermaßen real sind. Zum Beispiel sind meine Unterhaltungen mit den Menschen, die ich in der Bundesrepublik Deutschland getroffen habe (wo ich mit ihnen über Bernhard Schmidt sprach) genauso real wie meine Gespräche mit Erik Schmidt auf Mallorca (wohin zu reisen sich als zu kompliziert herausgestellt hatte, weshalb ich überhaupt nicht dort gewesen bin). Nebenbei hat der Gedankenaustausch mit Erik Schmidt zumindest teilweise auch außerhalb der Romanebene per Post oder Telefon stattgefunden.

Ein Roman also. An den ich mich nur dank gewisser Umstände gewagt habe. In einem Interview der Kulturzeitschrift »Sirp ja Vasar« aus dem Jahr 1980 wurde ich gefragt, ob es in der estnischen Kulturgeschichte noch viele Figuren gäbe, über die man einen Roman mit einem biographischen Ausgangspunkt schreiben könne. In meiner nicht ganz ernst gemeinten Antwort zählte ich zehn Namen auf, über deren Biografie man einen – oder warum nicht auch mehr als einen – Roman schreiben könnte oder gar sollte. An zehnter Stelle führte ich Schmidt an, »einen übersensitiven, einzelgängerischen Insulaner mit Erinnerungen an Kiesel und Quallen, der die 1920er und 30er Jahre mutterseelenallein in Deutschland verbrachte, allein in dem immer stärker tosenden Strudel jener Zeit, einzigartig durch seine wundersame Hand, mit der er unermüdlich, unablässig, unnachgiebig Linsen und Spiegel schliff, um den Sternen näherzukommen.«

Diese etwas romantische Tirade wurde zufälligerweise gelesen von dem Mathematikdoktoranden Peeter Müürsepp aus Tartu, dessen größtes Verdienst darin besteht, Schmidt in populärwissenschaftlichen Publikationen bekannt zu machen. Er schrieb mir. Wann ich mit der Arbeit an dem Roman beginnen würde? Ich antwortete ausweichend. Er suchte mich auf und weckte mein Interesse für das Thema. Und legte mir mit seiner selbstlosen Manier über Jahre hinweg all das erforderliche Material, an das er gelangt war, auf den Tisch. Folglich möchte ich als Erstes Peeter Müürsepp danken. Nicht weniger danke ich der Gegenwindfamilie des Bergedorfer Observatoriums. Besonders Prof. Dr. Arthur A. Wachmann, der mir großzügigerweise Zugang zu seinen beachtlichen Schmidtiana gewährt hat. Und natürlich den Verwandten von Bernhard Schmidt, allen voran seinem Neffen Erik Schmidt für die bereits erwähnten Briefe und Telefonate, Bernhard Schmidts Nichte, Dagmar Siitam in Tartu, für die zahllosen Einblicke in die Familie, und den vielen älteren Bewohnern von der Insel Naissaar, zu Deutsch Nargen, für ihre Erinnerungen, die sie freundlicherweise mit mir teilten. Sowie Dutzenden von Menschen aus Tallinn, Hamburg, Helsinki und Tõravere, die sich die Mühe machten, meine Fragen zu beantworten und sich über kurz oder lang mit meinen Problemen beschäftigten. Dr. Seppo Kuusisto aus Helsinki danke ich für die herausragende Quellenkenntnis zu Bernhard Schmidts letzten Lebensjahren. Dem Physikdoktoranden Uno Veisman danke ich für die zahllosen Präzisierungen technischer Details, die sich in meinem Text finden. Sowie dem Wissenschaftler Jaan Einasto für die flüchtigen, aber im Verlauf meiner Arbeit essenziellen Ermutigungen.

J. K.

Tallinn, November 1986

1

Das ist nun zwei Jahre her – ich war gerade aus Lappland zurückgekehrt –, wir standen im Stadtpark unter den Glaskugeln, die ich dort in den Bäumen zweihundert Meter von den Fenstern meines Arbeitszimmers entfernt zur Kontrolle meiner Spiegel aufgehängt hatte (die Polizei hatte sich in den zehn Jahren seit Ende des Krieges an sie gewöhnt und ertrug sie nun). Wir standen da in der Dämmerung eines Juliabends, und ich nahm deine Hand in die meinige, deine glatte, weiche, für eine Frau kräftige und große, schicksalhaft mit mir verbundene Hand, die auf dem Handrücken – ich brauchte gar nicht mehr hinzuschauen und hätte ohnehin nichts mehr gesehen, weil die Dämmerung zu weit fortgeschritten war – ein kleines Mosaik von Sommersprossen hatte. Wie die Plejaden, wie das Siebengestirn, auf den ersten Blick sieht man zehn oder elf Sterne, aber bei sorgfältigem Hinschauen sieht man ein halbes Tausend. Ich nahm deine Hand in die meinige und sagte: Johanna, ich gehe jetzt nach Hamburg. Für immer. Und bevor du ausrufen konntest ›Meine Güte, dann packe ich meine Koffer und komme mit!‹, sagte ich: Aber komm nicht mit. (Nicht ›Komm vorerst nicht mit‹, sondern ›Komm nicht mit‹.) Bleib hier, in Mittweida.

Du zogst deine Hand aus meiner und sagtest ganz leise: Nun gut.

Das ist nun zwei Jahre her, und ich habe viel darüber nachgedacht. Du weißt, dass ich vielerlei Gründe hatte. Ich habe mich hundertmal gefragt, in welcher Proportion diese Gründe zueinander stehen. Manchmal überfällt mich diese Frage während der Arbeit. Dann sitze ich hier in dem kühlen Keller der Bergedorfer Sternwarte, trete die Pedale und lasse meine Hand über den sich drehenden Spiegel gleiten. In höchster Konzentration, äußerst aufmerksam. Vom Zentrum zum Rand und vom Rand wieder zum Zentrum. Bisweilen sind meine Augen aufs Äußerste angespannt, bisweilen ganz geschlossen. Um jeden hundertstel Millimeter Abweichung mit den Fingerspitzen zu erhaschen (schließlich sind es die einzigen Finger auf der ganzen Welt, die das können). Und dann frage ich mich plötzlich:

Warum habe ich ihr das angetan?

Zu wie viel Prozent war mein Entschluss dadurch bedingt, dass Professor Schorr mir hier mehr oder weniger ausreichende Unabhängigkeit bot? Oder basierte er überhaupt nicht darauf? Natürlich nicht. Wie kann man nur so unlogisch denken! Wäre einzig Schorrs Angebot der Grund gewesen, hätte ich dich ja mitgenommen. Also: Zu wie viel Prozent basiert mein Entschluss auf dem Wunsch, von dir unabhängig zu sein? Um, sagen wir, mehr Raum zu haben für meine sogenannten großen Ideen, von denen insbesondere eine mein Lieblingsthema geworden war? Einzig und allein deswegen? Oder etwa, weil ich zwanzig Jahre älter bin als du? Oder zu zwanzig Prozent wegen unseres Altersunterschieds, weil ich im Vergleich zu dir relativ verschlissen bin, aber achtzig Prozent deswegen? Weil ich ein Invalide bin? Und es für dich höchste Zeit wird, einen Mann zu finden und ein Heim und eine Familie et cetera zu gründen? Einen solchen Mann zu finden, der dir wenigstens die Kohlensäcke in die Küche trägt (in Mittweida hattest du schließlich keinen Elektroherd) und den Kleiderschrank von der einen Wand an die andere rückt, wenn du es wünschst. Übrigens wäre ich damit durchaus fertiggeworden. Nur ein winziges technisches Problem. Filzstückchen unter die Schrankfüße. Eine Schlaufe aus dickem Draht mit drei Ansatzpunkten und der entsprechenden Form. In der Werkstatt eine Frage von Minuten. Und dann eine behutsame Schlittenfahrt über den Fußboden. Aber du brauchst doch einen Mann, der dich mit dem Auto herumkutschiert. Mit mir hättest du zeit deines Lebens selbst am Steuer sitzen müssen. Was du auch getan hast, nicht wahr? Mir machte das nichts aus. Ich stand vollkommen darüber. Es war sogar lustig. Du sahst einfach großartig aus an dem großen gelben Lenkrad meines alten klapprigen Opels.

Also warum nun wirklich? Um dich zu befreien? Oder um mich von dir zu befreien? Verzeih mir, dass ich das, nun, so direkt frage. Aber ich frage nicht dich, sondern mich. Und doch habe ich auf eine klare Frage keine klare Antwort. Unsere Spiegel spiegeln die Nebel ideal. Wir selbst spiegeln unsere Ideale ziemlich vernebelt. Siehst du, der höchst wortkarge Sonderling ist zu solchen Wortspielen in der Lage, wie man sie scharfsinniger kaum findet. Und weißt du was, Johanna, vor genau derselben Frage bin ich voriges Jahr auf die Philippinen geflohen. Um die Sonnenkorona zu fotografieren, das natürlich ebenfalls. Um das freundliche Angebot von Professor Schorr zu nutzen. Klar. Denn die Sonnenfotos, die ich in Lappland gemacht hatte, waren mittlerweile anerkannt als die besten, die je gemacht worden waren. Also fuhr ich nicht zuletzt deswegen auf die Philippinen. Aber gleichzeitig wegen dieser anderen Sache: um meiner eigenen klaren Frage zu entfliehen.

Denn ich glaubte, ich würde sie hier zurücklassen. Ich fahre weg, und sie bleibt hier. In meinem Arbeitszimmer im Keller. Wie ein mit der Fingerspitze in den Glasstaub der Schleifbank gezeichnetes Fragezeichen. Oder in meinem Junggesellenzimmer im Beamtenwohnhaus der Sternwarte. Wie ein Blatt weißes Papier, das unter den grünen Bezug des Zeichentisches geschoben worden ist. Worauf dein Profil gekritzelt ist: die schöne kleine griechische Nase, die vollen Lippen und das Haar, das auf der Stirn glatt ist und im Nacken gewellt. Oder dass ich diese verdammte Frage wenigstens hier im alten Restaurant »Land« zurücklassen kann. Wie einen überflüssigen Strich auf dem Pappstück in der Tresenschublade, auf dem ich meine Gläser verzeichne. Ich habe mit Herrn Land dasselbe System vereinbart wie bei Mutti Minna in Mittweida. Aber ich konnte meine Frage nirgendwo zurücklassen. Im Gegenteil. Ich hatte entsetzlich viel Zeit, über ihr zu brüten. Denn was für eine Seereise ist das schon mit den heutigen Dampfschiffen? Faulenzerei.

Ich erinnere mich, wie wir neben all den anderen Seefahrten in meiner Kindheit jeden Herbst, im September, mit Vaters Lotsenboot von Naissaar nach Aksi zum Geburtstag einer Großtante segelten – Vater oder später Onkel Frans, Mutter und August, und manchmal auch die Mädchen. Sobald ich etwas älter war, ging ich als echter Segelsetzer durch. Bis zu meinem Unfall. Manchmal war die See herbstlich rau. Wenn dann bei hartem Nordwest auf einem offenen Segelboot das Wasser spritzte, dass einem der Atem stockte, die Wellen zehn Fuß hoch über Deck schlugen und unter dem Bug zeitweise eine entsetzliche Höhle klaffte (und unter den Herzen der Männer ebenso) – dann war das eine Seefahrt. Diese dreißig oder vierzig Kilometer waren jedenfalls eine deutlich maritimere Angelegenheit als meine jetzige Reise um die halbe Welt.

Ich sage: Faulenzerei. Da schwimmt so ein schläfriges, brummendes Siebentausend-Tonnen-Hotel umher. Gibraltar, Port Said, Aden, Colombo. Unsere »Münsterland« war zum Glück in erster Linie ein Frachtschiff. Trotzdem gab es zwei Dutzend Reisende an Bord. Nebst Baade und mir. Das Ziel unserer Expedition war diesmal so weit weg, dass das Geld nur für zwei Mann reichte. Im Vergleich dazu war Lappland von Hamburg aus praktisch um die Ecke, dort waren wir vor zwei Jahren zu acht gewesen. Aber ans andere Ende der Welt wurden nur zwei geschickt. Also sagte ich zu Baade – gut, ich verstehe, alles ist relativ. Deutschland schickte acht Leute nach Lappland, Estland drei, Öpik, Livländer, Simberg. Auf die Philippinen fuhren von Deutschland aus zwei Männer, aber aus Estland kein einziger. In Estland kam man wahrscheinlich gar nicht auf die Idee, jemanden so weit wegzuschicken –, trotzdem sagte ich zu Baade: Weil Deutschland so arm ist, verfügt unsere diesjährige Expedition nicht einmal über einen kompletten Affen, statt vier Händen haben wir drei!

Glücklicherweise gab es nicht so viele Reisende. Baade und ich bekamen im Speisesaal einen Zwei-Personen-Tisch. Mir gelang es also, während der ganzen Reise praktisch mit niemandem Bekanntschaft zu schließen, zu plaudern oder Höflichkeiten austauschen zu müssen. Bloß, was hatte das für einen Nutzen?! Wir waren unterwegs. Die Instrumente waren verpackt. Man konnte keinerlei Beobachtungen oder Messungen durchführen. Man stelle sich vor – zweimal anderthalb Monate. Arbeiten konnte man in der Kajüte auch nicht richtig. Ein bisschen rumkritzeln. Rechnen. Ansonsten ein entsetzlich geistloses Herumhängen in den Gängen und an Deck. Ins Kielwasser starren, als würde das dem Schiff helfen, schneller voranzukommen. Auf der Hinfahrt hatten wir, als wären Langeweile und Hitze nicht genug gewesen, zu allem Überfluss noch Sturm von Ceylon bis Penang. Baade lag drei oder vier Tage flach. Ich war nicht seekrank und begab mich regelmäßig zu den Mahlzeiten in den weitgehend leeren Speisesaal. Trotzdem konnte man sich wegen des Schwankens nur mühselig fortbewegen, Suppe wurde zum Essen nicht serviert, und die Teller mit dem Hauptgericht drohten über die Tischkante zu rutschen, obwohl es Vertiefungen in den Tischen gab, die sie fixieren sollten. In der Zwischenzeit lag ich einfach in meiner Koje und las, wozu ich sonst kaum komme. Ein paar Dinge aus der Schiffsbücherei, Wells’ Zeitmaschine und was weiß ich noch. Doch jedes Mal, wenn ich das Buch in die Nachttischschublade stopfte (denn vom Nachttisch wäre es heruntergefallen), fiel mir meine Frage, das heißt deine Frage, wieder ein. Hatte ich dich so behandeln dürfen, wie ich es getan habe? Es war eine völlig hoffnungslose Frage, im Bergedorfer Keller genauso wie auf dem Indischen Ozean. Von deinem Standpunkt aus betrachtet (mit meinen Augen) hatte ich einerseits so eine Art, hol’s der Teufel, Heldentat begangen. Andererseits eine große egoistische Sauerei. Von der Arbeit aus betrachtet – ach, weiß der Teufel. Aber eine Idee schoss mir durch den Kopf, als wir irgendwo zwischen der Andamanensee und der Straße von Malakka im Sturm schaukelten.

Wir reisten möglichst preiswert, weswegen sich unsere Kajüten auf dem untersten Deck befanden. Das heißt direkt über den Frachträumen, in denen die zweiundfünfzig eisenbeschlagenen Kisten mit unserer Expeditionsausrüstung ruhten. Das war im Übrigen ein derartiger Ballast, dass ich mir die ganze Zeit Sorgen darüber machte, wie wir damit in Manila und auf Cebu fertigwerden würden. Gewiss, in den Häfen wird es Träger geben, fragt sich bloß, wie vorsichtig die sind, aber wir werden ein Auge auf sie haben, und es wird schon klappen. Aber an unserem Bestimmungsort werden wir kaum sofort Hilfskräfte zur Hand haben. Wie wir dann in unserer Dreiviertel-Orang-Utan-Zusammensetzung zurande kommen …, nun, das wird sich zeigen.

Jedenfalls befanden sich unsere Kajüten an Steuerbord so niedrig über der Wasserlinie, dass bei Südsturm die Wellen beinahe regelmäßig über mein Bullauge schwappten. So war es in meiner Kajüte abwechselnd halbdunkel und hell, halbdunkel und hell, halbdunkel und hell. Das Halbdunkel dauerte ungefähr sieben Sekunden, die Helligkeit ungefähr fünf Sekunden. Der senkrecht auf die Schiffsseiten aufschlagende Wind war so stark, dass die Wassertropfen auf dem Glas des nassen Bullauges, sobald es auftauchte, auseinanderflossen und für einen Augenblick am Innenrand des Fensterrahmens eine Art Verdickung des Fensterglases bildeten, ehe sie in der Luft verschwanden. Währenddessen schien sich das Glas des Bullauges zu einem gewissen Grade Richtung Kajüte zu wölben. In Wirklichkeit bewegte sich das fünfundzwanzig Millimeter dicke Glas natürlich kein bisschen. Jedenfalls schoss mir plötzlich ins Bewusstsein, welche Form eine Korrekturlinse haben müsste, die den größten Nachteil eines Teleskops beheben würde – seine sphärische Aberration. Ich sagte, es schoss mir in den Kopf. Zufällig. Nun, natürlich nicht völlig zufällig, denn ich hatte schließlich monatelang darüber nachgedacht. Jeden Tag in den Stunden, in denen ich am frischsten war, vor den laufenden Arbeiten. Sowie während der laufenden Arbeiten. Und nachts, wenn ich schlief, sowieso, entsprechend dem tagsüber erteilten Auftrag. So gesehen hätte jedes kreisförmige Glas meinen Gedanken den notwendigen Anstoß geben können. Ich begriff natürlich sofort, dass die Linse, die ich brauchte, deutlich dünner sein müsste als das Glas meines Bullauges, aber mir war plötzlich klar geworden, wie das Profil seiner spiegelseitigen Oberfläche beschaffen sein müsste. Du kannst dir denken, du kannst dir aus eigener Erfahrung denken, dass ich wie auf glühenden Kohlen saß, bis ich die Möglichkeit erhielt, meine Idee zu überprüfen. Denn das war vor meiner Rückkehr nach Hamburg vollkommen unmöglich. Ich musste also gute Miene zu einem höchst widerwärtigen und zermürbenden Spiel machen und weiter Richtung Manila tuckern und mir Baade anhören, der mir erklärte, sobald er von seiner Seekrankheit genesen war, wie sehr er sich um seine halbfertigen Arbeiten Sorgen mache, und wie großartig ich gegen derartige Sorgen durch mein estnisches Phlegma gefeit sei.

Am Morgen des 28. März trafen wir in Manila ein.

Der große Ozeanhafen liegt an einer großartigen Bucht und gleichzeitig in der Mündung des Pasig sowie wundersamerweise mitten im Zentrum dieser zu einem Viertel europäischen und zu drei Vierteln asiatischen Stadt. Jedenfalls reicht der Wirrwarr der Läden, Autos, Rikschas und Fahrräder bis an die Füße der immensen Hafenkräne. Ein paar Herrschaften vom deutschen Konsulat und einige Herren der Wetterstation von Manila holten uns am Hafen ab. Es stellte sich heraus, dass unsere Ausrüstung auf einen Küstendampfer umgeladen werden musste, der ebenfalls in der Mündung des Pasig lag, aber im zwei Kilometer entfernten Südhafen, der über die Landungsbrücken zu erreichen war. Die Leute vom Konsulat und die Herren von der Wetterstation wollten uns zunächst ins Hotel bringen. Sie hielten es für normal, dass wir uns erst mal ein paar Tage die Stadt anschauen würden und so weiter. Denn bis zur Sonnenfinsternis sei ihrer Meinung nach noch so viel Zeit. Kurzum, sie schlugen uns vor, unsere Ausrüstung im Hafen einzulagern und erst in einer Woche nach Cebu weiterzureisen. Dann würde das kleine Dampfschiff »Mactan« seine nächste Linienfahrt dorthin unternehmen. Nun würde es bereits übermorgen ablegen, und das würden wir ohnehin nicht schaffen.

Baade war einverstanden mit diesem Vorschlag, aber ich protestierte. Ich bildete mir ein, meine Wartezeit bis zur Rückkehr nach Hamburg abkürzen zu können, wenn wir uns beeilten. Ich argumentierte Baade gegenüber – und das übrigens direkt an Ort und Stelle im Beisein der örtlichen Herrschaften (was, wie mir später schien, nicht gerade taktvoll war) –, dass er sich gar keine Vorstellung davon mache, in was für einem Land wir seien und was für unerwartete Verzögerungen auf dem Wege sowie was für zeitraubende und unvorhersehbare Arbeiten am Zielpunkt beim Aufbau unserer Apparatur auftreten könnten. Sodass am Ende alle nachgaben. Wir beschlossen, auf dem Schiff zu übernachten. Die Herren vom meteorologischen Dienst besorgten einen Lastwagen. Aus dem Nichts tauchten Packer auf, nette tagalische Jungen mit gelben Gesichtern und blitzenden Augen, die Winden fingen an zu knirschen, und unsere Kisten wurden teils auf den Kai, teils direkt aufs Auto gewuchtet. Ich weiß nicht, wie viel Baade für den Transport zahlen musste, denn ich hatte darum gebeten, mich mit Geldangelegenheiten zu verschonen. Damit befasse ich mich nur, wenn es unumgänglich ist, also wenn es meine eigenen Geldangelegenheiten sind.

Jedenfalls fuhr ich am gleichen Tag mit diesem Auto dreimal, am folgenden Tag sechsmal über die Uferkais und Straßen einen Kilometer hinauf und über die von den Spaniern gebaute Steinbrücke und über das Nordufer zum Landungshafen, wo unsere »Mactan« lag. Das Auto war ein Renault aus dem Weltkrieg mit steinharten Vollgummireifen und donnerte wie ein Wildschwein über den hubbeligen Asphalt. Bei der »Mactan« wurden unsere Kisten mit der Winde an Deck gehievt, und nachdem ich die Packer auf Englisch, Deutsch, Schwedisch, Russisch und Estnisch ordentlich herumkommandiert hatte, konnte man hoffen, dass unser Zeug mehr oder weniger heil an Bord war.

Am Nachmittag spazierte ich ein wenig durch die Stadt. Ich war auf der spanischen und auf der chinesischen Seite. In diesen Stadtteilen kann man ganz klar sehen, wie der neue, um sich greifende amerikanische Stil beide vollkommen durchdringt und überwuchert. Wenn dann noch genug vom Genius Loci dazukommt, bildet sich, wer weiß, vielleicht so etwas heraus, was künftig als philippinischer Stil bezeichnet wird. Natürlich war so ein eiliger Spaziergang kaum informativer als etwa das Durchblättern eines Bildbandes mit Stadtansichten. Ich gebe also gerne zu: Sollte ich Anwandlungen bekommen, etwas Geistreiches über die Philippinen von mir zu geben, so geschieht das gegen meinen inneren Willen. Denn ich weiß nichts über sie. Auf solch Journalistenwissen, bei dem leeres Stroh gedroschen wird, kann man verzichten. Wenn ich überhaupt von irgendeinem Land etwas weiß, dann von Deutschland, wo ich über zwanzig Jahre beinahe ununterbrochen gelebt habe. Und von Naissaar natürlich. Dessen Produkt ich in chemischer wie in traditioneller Hinsicht bin. Was aber die Philippinen betrifft, so muss ich sagen, dass ich durch die paar Bücher, die ich mir vor unserer Reise in Hamburg durchgelesen hatte, mehr gelernt habe als an Ort und Stelle von den dunkelgrauen Mauern der spanischen Altstadt und dem Bratölgeruch der winzigen Speisehütten auf der chinesischen Seite.

1898 jagten die Philippiner unter Ausnutzung des wegen Kuba ausgebrochenen Krieges zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien die Spanier mit amerikanischer Hilfe davon. Das bedeutete das Ende einer vierhundertjährigen Kolonialherrschaft. Aber sofort stellte sich heraus, dass die Yankees den Philippinern keinesfalls wegen ihrer schönen schwarzen Augen geholfen hatten. Die Vereinigten Staaten benötigten in diesem Teil des Ozeans Flottenstützpunkte und pflanzten sich nun anstelle der Spanier den Philippinern – wie Onkel Frans auf Naissaar es ausdrücken würde – mit dem Arsch ins Gesicht. Vor der Weltöffentlichkeit wirkte das überdies beinahe normal: Schließlich waren die Filipinos bislang immer unter jemandes Herrschaft gewesen (ihre ein paar Wochen währende Republik von 1898 war ja nicht der Rede wert), sie würden gewiss auch in Zukunft jemanden brauchen, der sie anstelle ihrer selbst beherrschte. Gleichzeitig trat das von den Vereinigten Staaten besiegte Spanien die Inselgruppe in einem Friedensvertrag explizit an die Sieger ab.

Selbstverständlich fanden die Amerikaner unter dem einheimischen Bürgertum Anhänger. Wie Geld es immer tut. Trotz aller Aufstände blieben sie da. Bis heute. Obwohl sie ihre neue Kolonialherrschaft mit einer Beinahe-Autonomie verschleiert haben. Sodass, wie Herr Heckermann von der hiesigen Wetterstation versicherte, der Herr Senatspräsident Manuel Quezón von den Amerikanern sogar die baldige Ernennung zum Staatspräsidenten erwarten konnte. Warum auch nicht. Mitarbeiter einer Wetterstation sind schließlich Spezialisten in Vorhersagen.

Am Abend des 29. war ich gezwungen, mich den gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu beugen, und saß mit Baade und den anderen Herren in einem chinesischen Restaurant in der La Escolta-Straße, aß Trepangsuppe und trank Reiswein. Als ich dann Herrn Heckermann, einen kleinen Mann mit schwarzem Schnurrbart, der einen niederländischen Vater und eine Visaya-Mutter hatte, fragte, was für Wetter er uns für den 9. Mai vorhersagt, antwortete er durch das Geklingel einer Tamburinkapelle hindurch:

»Zweite Woche Mai an der Ostküste von Cebu – ui, ui, ui … Ich sage Ihnen: Völlig unmöglich, da etwas zu sagen. Alles ist möglich. Noch schönes klares Frühlingswetter. Nordostwind. Fünfunddreißig Grad. Oder bereits Sommerwetter. Südwestwind. Vierunddreißig Grad. Aber Wolken bis zur Erde und peitschender Platzregen. Aber es könnte ebenso gerade der erste Taifun kommen, der den Frühling ablöst und den Sommer einläutet. Am neunten Mai ist an der Ostküste von Cebu alles möglich.«

»Aber die Wahrscheinlichkeit, Herr Heckermann? Die statistische Wahrscheinlichkeit Ihrer Erfahrung nach?!«

»Dreimal dreiunddreißig Komma drei, Herr Professor.«

Dieses »Herr Professor« war wieder so ein alberner Bluff, ein aufs Geratewohl verliehener Titel, der mir seit Langem und in letzter Zeit immer häufiger angehängt wird, sodass das jedes Mal zwar nicht bei mir, aber in der Atmosphäre um mich herum einen Schub Peinlichkeit, Enttäuschung, Scham und Proletarierstolz durcheinander erzeugt. Weil sie nicht darauf kommen, dass ein einhändiger Mann, wie ich es bin, ein Handwerker sein kann – der ich bin. Er muss Professor sein!

Für die Nacht begaben wir uns auf die »Mactan«, und früh am Morgen fuhren wir ab.

Ich muss zugeben, dass ich ein wahres Bild dessen, wie grenzenlos groß diese kleine eigene Welt, die Philippinen, tatsächlich ist, auf dieser Reise durchaus bekam. Es mag sein, dass ich eine, wie soll ich es sagen, Annäherung an entfernte Größen berufsbedingt relativ intensiv erfahre. Jedenfalls habe ich nicht nur angesichts astronomischer, sondern auch bei irdischen Dingen häufig das Gefühl, dass sie sich vor dem, der sich ihnen nähert, wundersam öffnen und den Detailreichtum und die Weite einer Welt für sich annehmen. Das ist nicht nur bei Naissaar der Fall. Da natürlich sowieso. Denn Naissaar ist auf gewisse Weise (auf eine lächerliche Weise, deren Lächerlichkeit ich deutlich verspüre, sodass ich doppelt schmunzeln muss) Maßstab für alle anderen Welten. Nicht nur die Insel als solche. Sondern auch zum Beispiel eine durchsichtige Qualle, die in den Küstengewässern der Insel zwischen den Steinen der Kapellenlandzunge im kühlen Augustwasser liegt. Mit ihrer sternförmigen lila Äderung geradezu wie ein Spiralnebel, der zur Größe der Milchstraße anschwillt, wenn man mit dem entsprechenden Mikroskop in ihn eindringt.

Und jetzt drangen wir auf unserer »Mactan« in einen siebentausendinseligen Archipel ein.

Johanna, ich wäre ein Narr, wenn ich dir das jetzt alles detailliert beschreiben wollte. Erstens weißt du, wie wenig mir an Beschreibungen liegt. Zweitens könnte ich es dir gar nicht beschreiben – denn ich bin in Hamburg, und du in Mittweida. Ich bin gerade aus der »Ollen Klinke« nach draußen getreten und habe auf der Uferbank am Schleusengraben Platz genommen, und ich betrachte das schwarze Wasser und den Schimmer Hamburgs am Horizont, der uns in letzter Zeit die Fotos verdirbt, sowie den völlig bewölkten Himmel, der morgen noch zugezogen zu sein verspricht, sodass jedwedes Fotografieren der Sonne oder der Sterne nachts wie tags unmöglich sein wird. Mit einem Wort, während ich hier bin, du aber dort. Selbst wenn wir die Distanz eben vergessen. Sie ist völlig egal. Ein Krümchen, wie man auf Naissaar sagt. Luftlinie dreihundertfünfzig Kilometer. In Lichtjahren – beinahe eine glatte Null. Moment, rechnen wir es aus. Ein Lichtjahr, das brauchen wir nicht auszurechnen, das haben wir im Kopf, sind 9,46 × 1012 Kilometer. Nun müssen wir diese verfluchten 350 Kilometer durch diese Zahl dividieren. Das ist dann 0, und ans Ende kommt unsere wuuuunderschöne runde Zahl 37. Und zwischen das Komma und die siebenunddreißig – eins, zwei, drei, vier, fünf – ja, zehn Nullen. Meine Entfernung von dir beträgt 0,000000000037 Lichtjahre. Verzeih mir, so eine Rechnerei, das ist mir schon klar, ist einfach ein bisschen schwachsinnig. Das hast du mir so manches Mal gesagt. Ich erinnere mich nicht mehr daran, was ich dir daraufhin geantwortet habe, aber jetzt antworte ich: Verzeih mir, aber so eine Rechnerei macht mir einfach Spaß, weil sie mir mit solch schwachsinniger Leichtigkeit gelingt. Wahrscheinlich noch besser als dem Hannes von Uude. Wer das war? Der Neffe meiner Großmutter, Johannes Klamas. Aus Estland. Von der Insel Aksi. Geboren 1847. Das Todesjahr weiß ich leider nicht. Ein einfacher Fischer. Den man vor lauter Schlauheit für verrückt hielt. Denn er wusste aus dem Kopf, wie viele Pfosten jemand in seinem Zaun und Balken in der Wand und Dielen auf dem Zimmerboden hatte. Und wie häufig auf welcher Seite der Bibel »ja« und wie häufig »nein« stand. All diese Zahlen und noch viele andere hatte er fehlerfrei miteinander multipliziert und durcheinander geteilt. Es ist bei uns also eine Familienkrankheit, und in Lichtjahren bist du praktisch neben mir. Noch näher als neben mir. Aber welchen Nutzen hat das, wenn du inzwischen vermutlich Frau Brandt bist? Die Gattin des ehrlichen und gewissenhaften und strebsamen Buchhändlers Werner Brandt. Die zu werden, glaube ich, in einer entscheidenden Minute dein wahres Lebensglück zu sein schien.

Hm.

Wir stießen tiefer hinein in diesen siebentausendinseligen Archipel.

Von Manila nach Cebu ist es eine Wegstrecke von achthundert Kilometern. Oder eigentlich Wasserstrecke. 0,000000000085 Lichtjahre. Sobald wir die Bucht von Manila verlassen, uns nach Osten gewandt und die Meerenge zwischen Luzon und Mindoro erreicht hatten, befanden wir uns auf jenem grenzenlosen Binnenmeer zwischen den Inseln, über das unsere achthundert Kilometer lange Fahrt führte. Unser kleines Schiff, ein einst weiß getünchtes, mittlerweile aber ziemlich rostfarbenes Gefährt, mit rund hundert Reisenden an Bord, in der ersten Klasse ein Dutzend Europäer und ein paar philippinische Plantagenbesitzer, unter Deck eine undefinierbare Auswahl der übrigen neunzig Völkerschaften, tuckerte mit uns bei einer Geschwindigkeit von zehn Knoten überaus friedlich auf dem Kurs OSO. Die blaue See funkelte, und der klare Himmel versprach bestes Wetter für die Beobachtung der Sonnenfinsternis. Inseln entfernten sich und kamen näher, Meerengen verschmälerten und weiteten sich, stellenweise so, dass sich die bergigen Küsten beinahe bis zum Horizont zurückzogen. Das Binnenmeer war seinerseits durch Archipele in weitere Meere untergliedert: im Nordwesten, am größten, die Sibuyan-See, im Zentrum die Visayas-See und im Südwesten die Camotes-See, die schon die Meerenge zwischen Cebu und Leyte bildete.

Mich erinnerte die Landschaft, soweit man sie sehen konnte, von allem, was ich gesehen hatte (und das ist weiß Gott nicht sonderlich viel), am ehesten an die Schärenwelt und Fjorde der norwegischen Küste, die ich vor zwei Jahren besucht hatte. Aber doch nur oberflächlich und aus angemessener Entfernung. Von weiter weg drängten sich die großen und verhältnismäßig jungen Vulkangipfel der Binneninseln zu prominent in den Vordergrund, von näher war der tropische Charakter des Bewuchses erkennbar: Palmenhaine, Regenwälder, Mangrovenufer.

Die kegelförmigen Berge der ehemaligen und teilweise noch aktiven Vulkane verleihen diesen Inseln einen eigenen Charakter. Für einen Flachländer wie mich war das ein schöner, aber befremdlicher Charakter, und für einen Mann, der aus einer ziemlich unseismischen Gegend kommt, sogar – und sei es nur im Unterbewusstsein – ein wenig gefährlich. Die Erde soll auf diesen Inseln viele hundert Male im Jahr beben. Im Übrigen hatten wir detaillierte Landkarten bei uns, und auf Karten sind so manche Dinge viel übersichtlicher als in der Natur. Baade und ich falteten oben auf dem Sonnendeck der ersten Klasse unsere Philippinenkarte im Maßstab eins zu anderthalb Millionen auf und verfolgten unsere Reise stückweise von Insel zu Insel. Ich glaube, die ganze Sibuyan-See ist ein ehemaliger hundertzwanzig Kilometer breiter Krater mit einem zweitausend Meter hohen sekundären Kraterkegel in der Mitte, der Insel Sibuyan.

Am ersten April machten wir am Kai der gleichnamigen Hauptstadt der Insel Cebu fest.

Professor Schorr hatte auch hier in unserer Angelegenheit umsichtige Briefe vorausgeschickt. Wiederum empfing uns jemand direkt am Hafen, der stellvertretende Direktor irgendeiner Hamburger Firma (Meyer und Behn oder dergleichen – keine Ahnung, was das für eine Firma ist), ein gewisser Herr Moll. Dieser Moll, ein Herr mit leicht ergrauten Haaren, der ansonsten aber das Äußere von Harry Piel hatte, verfügte über große Erfahrungen hierzulande und war eine beinahe aufdringlich sorgsame Person. Als Erstes brachte er uns zu einem Hotel. Nun, ein Luxushotel im europäischen Sinne war es sicher nicht. Vielleicht gab es so etwas in ganz Cebu nicht, oder aber Meyer und Behn war über unsere finanziellen Möglichkeiten entsprechend korrekt informiert. Denn als Vorstadtabsteige konnte man unser Hotel auch wieder nicht abqualifizieren. Es befand sich in relativer Nähe zum Hafen und erwies sich als ein großes zweigeschossiges bungalowartiges Holzhaus, das in einem Garten mit Palmen und allen möglichen anderen Bäumen stand.

Wir nahmen in dem halbleeren Hotelrestaurant zu dritt unser Abendessen ein und besprachen ungeachtet unserer Müdigkeit die Arbeiten für den nächsten Tag. Herr Moll versprach, sich um ein Auto zu kümmern und damit um zehn (ich wollte um acht Uhr, aber Baade wünschte sich zehn Uhr) vor dem Haus zu warten. Wir wollten über die Uferstraße Richtung Norden fahren und den Observierungsort auswählen. Tatsächlich hatten die Herren aus Manila bereits die beiden günstigsten Punkte der Totalitätszone ausgewählt, zwei Dörfer oder, wie man’s nimmt, Flecken fünfzig Kilometer nördlich von Cebu, und uns blieb die Entscheidung vorbehalten, welcher von beiden uns besser passte: Catmon oder Sogod. Catmon oder Sogod – zunächst wussten wir von ihnen nichts außer den soeben gehörten Namen. Auf Basis des Namens hätte ich Ersteres vorgezogen – wenn es zulässig ist, auf solch alberner Grundlage eine Auswahl zu treffen. Denn Catmon klang meiner Meinung nach würzig, und später fiel mir ein, dass ich das möglicherweise wegen der klanglichen Nähe zu Kardamom, das auf Naissaar Kardemon genannt wurde, dachte. Während sich dagegen hinter dem Namen von Sogod etwas Soßiges und Sumpfiges zu verbergen schien. Blödsinn natürlich, wie er aber hin und wieder auch durch die hellsten Köpfe schießt.

Nach der morgendlichen Landungshektik und dem Auf- und Abladen am Tag, an dem es konstant dreiunddreißig oder vierunddreißig Grad waren, und nach der Tamburinmusik während des Abendessens und unserem müden, aber hastigen Gespräch spürte ich, dass ich mühsam einschlafen und eine unruhige Nacht haben würde. Bevor wir uns von der Tafel erhoben, nahm ich, wie Onkel Frans sagte, als Schlafmütze noch einen ordentlichen Schluck »Johnnie Walker«, von dem uns Herr Moll eine Flasche bestellt hatte, aber ich wusste, dass das nicht viel helfen würde.

Mein Zimmer war eine niedrige Schachtel mit weiß getünchten Wänden. Zwei quadratische Fenster mit einer Jalousie aus Bambusstäben als Sonnenschutz, ein paar Korbstühle, ein Schreibtisch aus rotem Holz, der recht abgenutzt aussah, obwohl er kaum für etwas anderes als zum Berechnen der Ergebnisse beim Whistspiel oder der Erlöse aus dem Kopraverkauf oder zur Addition von Reiswein- und Nuttenpreisen benutzt worden sein wird. Wenn nämlich, wie Herr Moll erzählte, die Koprabarone oder Plantagenaufseher in die Stadt fahren, um Erledigungen zu machen und zu feiern. Nun ja. Die Barone stiegen höchstwahrscheinlich in nobleren Hotels ab, aber die Aufseher eben in so einem. Schließlich gab es in meinem Zimmer noch ein Bett für anderthalb Personen mit einem niedrigen, geschnitzten Kopfende und ganz ohne Füße.

Ich zog mir das Jackett mit den durchgeschwitzten Achselhöhlen aus, und mir fiel mit lächerlicher Verspätung ein (wie das bei solchen Dingen häufig der Fall ist), dass ich es lieber heute Morgen gar nicht angezogen hätte, dann hätte ich den lieben langen Tag halb so viel geschwitzt, aber ich bin einfach nicht darauf gekommen.

Ich zog mich splitternackt aus. Ich riss mir sogar jene schwarze Trikotsocke (ich kann schlecht Handschuh sagen, nicht wahr?) herunter, die ich auf meinem rechten Armstumpf trage, damit er nicht so ins Auge sticht. (Johanna, erinnerst du dich noch, wie wir diese Socke unter uns nannten? Sicherlich tust du das: Er war in unserer Intimsprache mein Präservativ. Du wolltest nicht glauben, dass sie nur zwischen uns diesen Namen hatte. Du machtest ein Gesicht, als wäre es dir nicht wichtig, aber in Wirklichkeit war es dir wichtig. Und glauben können hättest du es auch, denn es entsprach der Wahrheit.)

Ich erfrischte mich in der Duschecke, die hinter einer Bretterwand verborgen war und einen Betonfußboden hatte, mit einem lauen Tropfen Wasser, den der kümmerliche Sprinkler hergab, und klappte die Jalousie vorm Fenster über dem Fußende des Bettes hoch, in der Hoffnung, etwas frische Luft hereinzulassen. Aber die schwarze Hitze draußen war keinen Deut besser als die im Zimmer. Also ließ ich die Jalousie wieder herunter und warf mich aufs Bett.

Ich bin kein sonderlich großer Mann, nur 179 Zentimeter, das weißt du, aber das Bett war überraschend kurz für mich. Um mir die Schädeldecke nicht am Kopfende aufzureiben – mein Scheitelpunkt war ohnehin recht schütter –, stützte ich die Fußsohlen an die Wand unterm Fenster. Der Verputz fühlte sich an den Fußsohlen überraschenderweise angenehm kühl an, und ich wartete auf dem Rücken liegend auf den Schlaf, obwohl ich wusste, dass ich nicht einschlafen würde. Obwohl ich aus Erfahrung ahnte, was kommen würde.

Ich habe das jahrelang, fünfunddreißig Jahre lang, über hundertmal, womöglich zweihundertmal durchgemacht. Insofern ist es gar nicht mehr beängstigend. Das im Voraus spürbare Fallen, dann ein plötzliches Erstarren in halbwachem Zustand, aus Anspannung und Erregung, um anschließend im Halbschlaf, im Viertelschlaf alles noch einmal zu durchleben. Das ist infolge der Wiederholung und weil man weiß, was kommt, ziemlich abstrakt. Wie wenn man eine verblichene, grau gewordene Fotografie mit dem abgebildeten Ereignis selbst vergleicht – aber man muss es sich einfach anschauen. Ein Bild, auf dem zusätzlich zu allem längst Bekannten jedes Mal etwas Neues auftaucht. Gewöhnlich etwas Nebensächliches, Absurdes, Unwahrscheinliches, etwas, was es nie gegeben hat und wovon ich nicht erfassen kann, woher es plötzlich kommt.

Und dann liege ich wieder am Waldrand unter den Wacholderbüschen im Blaubeergestrüpp bäuchlings auf der Erde. In meinem schon grau gewordenen Viertelschlaf gibt es wundersam lebendige, seltsam farbenfrohe Flecke. Ich habe das Gefühl, dass ich mich separat an jedes feuchte grüne Blaubeerblatt und die dunkelrosa Wacholderblüte vor meinem Gesicht erinnere, und dass ich in meinem Nacken den heißen Atem des Klaamann-Jungen spüre, als wir durch die Blüten hindurch den großen rötlichen Findling in der Schneise in einer Entfernung von zwanzig Klaftern beobachten. Die Schneise kommt direkt aus der Mitte der Insel, durchschneidet den Südrand des Mastkiefernwaldes und endet auf der offenen Fläche am Meer westlich des Dorfes. Der Felsbrocken ruht auf der Schneise zwischen zwei Waldmauern. Ich habe ihn speziell ausgewählt, weil seine dem Land zugewandte Seite beinahe völlig glatt ist, so glatt, wie eine derartige Steinoberfläche in der Natur überhaupt sein kann, wenn es sich nicht gerade um einen Kristall handelt. Und weil er in einem Winkel von beinahe exakt fünfundvierzig Grad aus den ausgeblühten Weidenröschenbüschen Richtung Meer ansteigt. Ein Steigungswinkel von fünfundvierzig Grad, soviel weiß ich aus der Ballistik, lässt einen Flugkörper am weitesten fliegen.

Wir starren durch das Blaubeergestrüpp unentwegt auf das zehn Zoll lange und einen Zoll dicke schwarze Eisenrohr, das auf der glatten Schrägseite des Findlings in Schneisenrichtung aufs Meer hin ausgerichtet ist. Die Spitze des Rohres habe ich in der Scheune mit dem Lötkolben von Onkel Frans (ich wünsche so sehr, dass mein Experiment gelingt, dass ich Stiefvater Frans sage, beinahe Vater Frans …) zugelötet und zur Verringerung des Luftwiderstandes mit einer konischen Blechhaube versehen. Das Innere des Rohres ist gefüllt mit einer sorgfältig dosierten Mischung aus Schießpulver und Schießbaumwolle. In Fingerhutportionen habe ich mir das Material von den Männern aus dem Dorf zusammengeschnorrt – das Schießpulver aus ihrem Vorrat für die Seehundsbüchsen und die Schießbaumwolle aus ihrem Felssprengstoffvorrat. Die Explosionsgeschwindigkeit von Schießpulver beträgt vierhundert, die von Schießbaumwolle siebentausend Meter pro Sekunde, das weiß ich. Ich weiß ebenfalls, dass das Rohr bei der Explosion birst, wenn die Mischung zu viel Schießbaumwolle enthält. Wenn zu viel Schießpulver in der Mischung ist, fliegt das Rohr nicht weiter als bei den letzten Malen – vierzig, fünfzig, achtzig Klafter. Aber wenn die Mischung richtig ist – und sie muss richtig sein –, wird es diesmal mindestens bis zu den Wallbergen fliegen und vielleicht über sie hinaus bis zum Strandschotter. In dem Fall weiß ich noch nicht recht, ob ich mein Rohr, meine Rakete, dann zu einer neuartigen und perfekteren Leuchtrakete für Schiffbrüchige weiterentwickele oder zu einer nie dagewesenen Waffe gegen feindliche Schiffe, die es wagen, sich Naissaar zu nähern. Wahrscheinlich sowohl als auch, obwohl Gott, falls er existiert …

Aber warum knallt es denn noch nicht? Warum knallt es noch nicht?! Wir ersticken hier noch, der Klaamann-Junge und ich, wenn wir ununterbrochen den Atem anhalten und warten! Oh nein, offenbar ist die Zündschnur ausgegangen! Obwohl es eine schöne Netzschnur aus Hanf war, sorgfältig in Lampenpetroleum getränkt. Aber nach dem morgendlichen Nieselregen sind Sand, Moos und Gras feucht. Offensichtlich ist die Schnur erloschen. Das muss ich kontrollieren. Logisch, dass ich es tue. Schließlich ist es mein Experiment. Den Klaamann-Jungen habe ich nur so mitgenommen. Wenngleich er fünf Jahre älter als ich und folglich schon zwanzig Jahre alt ist. Von Mechanik und Chemie hat er keine Ahnung. Wohingegen ich, wie man sich im Dorf erzählt … Obwohl mein ewiges ich-ich-ich für Gott, wenn es ihn denn gibt, vielleicht … Da hilft nichts. Ich muss aufstehen und nachschauen. Was für eine Gefahr ist dabei? Praktisch überhaupt keine. Wenn die Mischung stimmt. Und wenn man sich dem Rohr zumindest auf dem letzten Abschnitt von der Seite her nähert. Sodass der Gasstrahl, falls die Explosion doch stattfindet, am Ankömmling vorbeifliegt. Bloß kann ich, wenn ich von der Seite komme, die Zündschnur nicht mit den Fingern kontrollieren.

Ich springe auf. Ich laufe zwanzig Meter auf das Rohr zu und schmeiße mich wieder hin. Meine Bewegungen sind vor Aufregung flink und hastig. Aber Angst habe ich nicht. Ich sehe, wie die Zündschnur sich rechts von meiner rechten Hand über das Moos zum Stein schlängelt. Ich ergreife sie mit den Fingern. Sie zerbröselt in meinen Fingern zu schwarzer Asche. Das bedeutet, dass sie näher beim Rohr ausgegangen sein muss. Ich springe erneut auf. Auf einem Erinnerungsniveau sind meine Bewegungen leicht und schnell. Auf einem anderen sind sie voll bleierner Erstarrung. Auf dem anderen bewege ich mich mit ungeheurer Anstrengung auf das Rohr zu, kriechend, so wie man in einem Traum vor einem herannahenden Zug wegkriecht. Oder dem Zug entgegen. Nur damit das geschehen kann, was geschehen muss.

Dann bin ich auf allen vieren beim Findling, im Schatten des Findlings. Ich strecke meinen Arm aus – ich erinnere mich, den linken Arm – und greife nach der Zündschnur, die hinter den braunen Weidenröschenstängeln an der Seite des Steins vor meinem Gesicht nach oben läuft. Die Schnur zerbröselt. Seltsam, denke ich, bis zum Rohr ist doch nur noch ein Meter Schnur. Sie muss also bis zum Ende aufgebrannt und dann erloschen sein. Eine andere Möglichkeit gibt es praktisch nicht. Die zweite Möglichkeit – dass das Feuer auf diesem Meter in diesem Moment noch brannte – ist zu unwahrscheinlich. Das wäre eins zu hundert, eins zu tausend. Auf alle Fälle warte ich noch zwanzig Sekunden. Das ist die Brandgeschwindigkeit von einem Meter Zündschnur. Jetzt beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Explosion eins zu zehntausend. (Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie exakt ich das schon bei jenem ersten Mal berechnet hatte und wie viel die späteren Male dazu beigetragen haben. Aber bestimmt dachte ich: Vorsicht – gewiss, aber wenn sie in Ängstlichkeit ausartet, was für ein Erfinder und Erneuerer der Technik soll dann aus dir werden?!) Ich stehe auf. Ich muss den Gefahrenmoment, den winzigen Gefahrenmoment passiert haben. Vor Klaamann, vor mir selbst, vor der Welt. Es gibt keinen Ausweg. Ich nehme das Rohr in die rechte Hand. Interessant, die Zündschnur zerbröselt. Dann hat sie also bis zum Rohr gebrannt? Und ist dann ausgegangen? Unglaublich! Das muss ich mir sofort anschauen …

Ich höre den Knall nicht. Ich verspüre keinen Schlag und keinen Schmerz. Nur eine schreckliche Blendung. Danach Dunkelheit. Tatsächlich befindet sich das alles auf der anderen Seite einer hundertfachen Bleimauer aus Schlaf. Bis auf eines: der Moment der Gewissheit, von dem sich mein Herz bis heute zusammenzieht und dessen Schmerzstich vom Herz bis in die Eingeweide reicht. Die Gewissheit, die ich sofort, einen Augenblick später erlange, als ich zu Bewusstsein komme und das kreidebleiche Gesicht des Klaamann-Jungen über mir sehe. Ich sehe ihn deutlich, denn mein linkes Auge ist völlig in Ordnung, nur das rechte ist zunächst voller Blut, aber das begreife ich nicht. Ich sehe deutlich die vor Aufregung abstehenden blonden Haare des Klaamann-Jungen und seinen zitternden Unterkiefer. Dann, ich erinnere mich, strecke ich meinen Arm aus, ich kann nicht sagen, ob ich es tue, weil ich ihm auf die Schulter klopfen und ›Macht nichts, Juhan, das geht vorüber‹ sagen will, oder weil ich ›Verzeih, meine Schuld‹ sagen will. Irgendwas in der Art will ich sagen. Dann sehe ich, dass meine rechte Hand nur noch an ein paar blutigen Sehnen und Hautfetzen am Handgelenk hängt. Dem Stumpf, der aus dem kaputten und blutigen Jackenärmel baumelt, fehlen der Daumen und die ersten beiden Finger. Ich weigere mich, das zu begreifen. Und kapiere doch, dass ich meine Hand verloren habe. Unwiederbringlich. Solange ich lebe. Durch diese Gewissheit durchzuckt mich ein Schmerz vom Herz bis in die Eingeweide. Zuckt immer noch. Bis heute. Jedes Mal, wenn ich daran denken muss. Egal auf welchem Erinnerungsniveau. Insbesondere, wenn die beiden einander überschneiden, meine leichte und schnelle Wacherinnerung und jene andere, unbestimmte Erinnerung, die bleischwer vom Schlaf und heftig ist. Immer noch. Mit einem Schmerzstich. Sodass ich davon aufwache. Dieses Mal in der stickigen Luft dieses dunklen Hotelzimmers.

Für einen Moment kam es mir wie eine Befreiung von der schicksalhaften Betonwalze der Erinnerung vor. Aber der Mensch ist ein undankbares Tier: Eine Minute später war sogar diese schwüle Dunkelheit drückend. Sodass ich mit meiner Hand den Nachttisch abtastete und das Licht anmachte.

Johanna, du erinnerst dich, manchmal habe ich mir Dinge ausgedacht. Dinge, die gar nicht geschehen sind. Oder genauer gesagt, die zwar geschehen sind, aber nur teilweise und ein wenig anders. Ich glaube, alle machen das, also auch ich. Ich flunkerte, um mich für dich interessant zu machen. Übrigens hast du dafür eine großartige Erklärung gefunden. Sie war nicht nur taktvoll, sondern vielleicht ganz einfach die richtige. Ein Beispiel? Nun, ich habe dir erzählt, ziemlich am Anfang unserer Bekanntschaft, dass ich vor Mittweida in Göteborg studiert habe, am Chalmers-Institut. In gewisser Hinsicht stimmte das. Später kam ans Licht, dass ich dort nicht drei Semester gewesen war, wie du gedacht hattest – wie ich dich hatte denken lassen –, sondern drei Wochen. Aber du sagtest daraufhin mit einem wunderbaren Lächeln, das ich niemals vergessen werde: ›Ach, Benn, bei dieser grausamen Genauigkeit, die du dir bei deiner Arbeit abverlangst, ist es doch natürlich, dass du anderswo ein bisschen freier sein musst.‹ Aber im Moment fantasiere ich nicht. Ich habe zwar gerade eben in der Holtenklinke meinen dritten Korn genommen, um mich endlich wieder frei zu fühlen, nachdem ich drei Wochen lang mehr oder weniger Tag und Nacht gearbeitet habe. Aber in dieser Sache, die mir damals in dem Hotel in Cebu widerfuhr, fantasiere ich kein bisschen. Wozu auch? Wenn du dich zu mir in einer in Lichtjahren ausdrückbaren Entfernung befindest! Es war wahrhaftig genau so.

Ich hatte die Lampe auf dem Nachttisch so gedreht, dass mir das Licht nicht ins Gesicht schien. Es fiel auf das Fenster über meinen Füßen und auf die Wand um das Fenster. Und auf meine bloßen Füße, die sich immer noch am Verputz der Wand abstützten, die Zehen zu beiden Seiten gespreizt. Da sah ich, wie sich auf der Mitte der Fensterbank, in Höhe der ersten Lamelle der Bambusjalousie, direkt auf der Längsachse meines Körpers, etwa zwanzig Zentimeter über meinen Zehen, etwas bewegte. Etwas Schwarzes, das aus diesem merkwürdigen Blickwinkel heraus schwer zu identifizieren war. Bis ich plötzlich begriff: Es war ein Skorpion.

Ich muss zugeben, ich gehöre zu den Menschen, die gegenüber Spinnen und Spinnenartigen einen instinktiven Ekel verspüren. Ich weiß nicht, was für ein Atavismus das ist. Ich habe mir wiederholt Gedanken darüber gemacht, aber keine Zeit gehabt, Literatur darüber zu suchen. Die wird es kaum geben. Ein bisschen habe ich mich dieses Ekels geschämt. Weil er mir weiblich vorkam, da ich ihn hauptsächlich bei Frauen festgestellt habe. Junge Mädchen kreischen vor Schreck, wenn ihnen eine Kreuzspinne über die Hand läuft. Ich kann meinen Ekel natürlich jedes Mal überwinden. Aber er ist unverhüllt vorhanden. Wenn ich plötzlich auf meinem Handrücken beispielsweise nur eine Wespe spazieren sehe, lasse ich sie das ungestört tun, begreife ihren Mut und ihren Vertrauensbeweis und versuche (obwohl das etwas lächerlich klingt), ihr meinerseits mein Vertrauen einzuflößen. Dann genieße ich die imaginäre Beiderseitigkeit des Vertrauens. Aber wenn es eine Spinne oder nur ein Weberknecht ist, muss ich mich für eine Sekunde zusammenreißen, um nicht zusammenzuzucken, es kostet mich eine gewissen Anstrengung, mich zu sachlicher Langsamkeit zu zwingen, bevor ich das Tier von meiner Hand blase. Meine Abscheu verhält sich übrigens proportional im Quadrat zur Größe des Tieres. Der Skorpion auf der Fensterbank war, in der Schrägansicht, wie ich ihn sah, gut und gerne zwölf oder dreizehn Zentimeter lang. Ein derartiges Tier wirkt, als halbes Insekt, das es ist, allein aufgrund seiner Größe pervers. Ich schaute ihn mir eine Sekunde lang sehr genau an. Er hatte seine Vorderhälfte, sozusagen sein Gesicht, mir zugewandt, wenngleich ich auf der schwarzen Fläche dieses Gesichtes aus dieser Entfernung keine Augen ausmachen konnte. Sein Körper war zum größten Teil von seinem linken Vorderbein oder seiner Vorderklaue oder Kralle verdeckt. Überhaupt machte er den Eindruck eines kleinen Schiffsmodells aus Bronze, wie ich es Gott weiß wo einmal gesehen habe. Wie ein zerbrochenes Kriegsschiff aus Odysseus’ Zeiten. Vier oder fünf Paar Beine als Ruder und der hohe, nach vorne gebogene Schwanz wie ein antikes Heck. Dann machte das Schiff mit einer unbegreiflichen Ruderbewegung einen merkwürdigen drei Zentimeter weiten Sprung und hielt am Rande der Fensterbank an. Ich bin kein Fachmann, aber ich war mir ziemlich sicher, dass der Stich eines solchen Schwanzes einen Menschen zwar nicht unbedingt zu töten bräuchte, es aber tun könnte.

Nun, ich überwand meine Schockstarre und traf meine Wahl zwischen möglichst schnellen und möglichst langsamen Bewegungen. Zugunsten der möglichst langsamen. Ich hatte keine Ahnung, wie viel das Tier in einer Entfernung von anderthalb bis zwei Metern sieht und wie es reagiert. Ich weiß ja nichts von der Psyche eines solchen Wesens. Wir kennen den Skorpion weniger als sein Sternbild. Jedenfalls bewegte ich meine Hand ganz langsam zum Nachttisch und nahm, ohne meinen Kopf zu wenden, das aufgeklappte Taschenmesser vom Nachttisch, mit dem ich mir vor einer halben Stunde die Zehennägel geschnitten hatte. Es war ein sehr scharfes Messer mit einem steifen Scharnier. Ein Federmesser, wie man früher sagte. Angefertigt von meinem Urgroßvater Jakob auf Naissaar in seiner eigenen kleinen Werkstatt, und geschenkt hatte es mir mein Vater zu meinem zehnten Geburtstag, kurz vor seinem Tod. Wenn sich einer mit diesem Messer gegen das Tier verteidigen konnte, dann war ich das. Ich weiß nicht, wie gefährlich das Tier für mich war, aber für das Tier war ich in der gegebenen Situation auf jeden Fall der gefährlichste Gegner unter Zehntausenden, womöglich unter Hunderttausenden. Denn ich hatte jahrelang unermüdlich alle möglichen Handfertigkeiten trainiert. Inklusive Geigenspiel. Was ich dennoch aufgab. Wenn ich zur Befestigung des Bogens eine Klammer, die ich mir dazu ausgedacht hatte, am Ende meines Stumpfes festmachte, konnte ich zwar auf dem Niveau eines Bauerntanzfestes spielen, sagen wir den »Roslagen-Walzer« oder »Für des Vaterlandes Freiheit«, aber zu mehr reichte es nicht. Von der Geige hatte ich also widerstrebend Abschied genommen. Aber Zielwerfen mit dem Messer habe ich endlos trainiert. Mit Entfernungen von einem bis zwanzig Schritt. Mit allen erdenklichen Messern. Inklusive Besteck-, Küchen-, Jagd-, Fisch- und Robbenhäutungsmesser, Finnendolche mit einer Klingenlänge von zwei bis fünfzehn Zoll, wie es sie auf der Insel gab, und Taschen- oder Federmesser jeden Gewichts mit allen möglichen Klingen und Griffen. Ich hatte Millionen von Würfen absolviert. Meine Hand wählt bis heute unfehlbar den Schwerpunkt, an dem sie ansetzen muss, und den Schwung, den sie dem jeweiligen Messer auf das jeweilige Signal hin geben muss.

Ich hob die Hand ganz langsam ans linke Ohr, drückte das Messer zwischen Daumen und Zeigefinger, zielte – und zögerte. Der Skorpion an der Wand gab ein extrem unbestimmtes Ziel ab. Seine Beine waren ziemlich dünn, sein Körper in der Vorderansicht nur ein Dutzend Millimeter dick, und er befand sich ein Stück weit vor der Jalousie. Wahrscheinlich würde ich ihn treffen, gewiss. Trotz der schlechten Wurfposition. Aber der Schlag wird nicht schwerer sein als sein eigenes kümmerliches Gewicht. Das Messer schleudert das Tier einfach zur Seite und bleibt in der Bambusjalousie stecken. Ich vermag nicht zu sagen, ob ich sofort oder erst später dachte: Der Skorpion fliegt zur Seite und fällt von der Fensterbank oder schafft es sogar hinunterzuspringen, denn er ist ein teuflisch flinkes Tier, und dann landet er auf meinem nackten Fuß und wird vor Schreck unweigerlich seinen Stachel in meinen Spann rammen. Ich zögerte also einen Moment. Und dann geschah das Unglaubliche. Die kaputte Bireme des Odysseus vollzog abermals eine blitzschnelle Bewegung. Ich konnte nicht sehen, wie das vor sich ging, aber plötzlich war er nicht mehr auf der horizontalen Fensterbank, sondern an der Wand, auf dem weißen Putz, direkt in jenem gleichschenkligen Dreieck, dessen Spitze der Mittelpunkt der Fensterbankkante war, während die Endpunkte der Basis von meinen großen Zehen gebildet wurden. Jetzt befand er sich in der idealen Position für einen Treffer: Das Messer würde seinen hinreichend breiten, wenigstens zwanzig Millimeter breiten Vorderleib durchbohren und ihn an die mürbe, verputzte Wand nageln. Vielleicht stellte ich mir eine Sekunde lang vor, als sich die Sehnen meines Handgelenks anspannten, wie der getroffene Skorpion versucht, den eisernen, vom langen Benutzen ganz glatt gewetzten Handgriff von Urgroßvaters Messer abzubeißen. Aber ich zögerte immer noch. Offenbar aus einem anderen Grund. Weil ich begriff, dass an diesem Tier irgendetwas anders war, als es sein sollte, anders als bei den anderen. Es dauerte zwei Sekunden, bevor ich begriff, was es war: Er war nicht symmetrisch, was sie normalerweise sind; und nach einer weiteren Sekunde sah ich, dass das durch seine fehlende rechte Vorderklaue kam. Da bemerkte ich, dass ich immer noch zögerte, und verstand, warum. Weil ein behinderter Mann sich schämte ein behindertes Tier zu töten. Unsere Behinderung (ich verstehe, wie schwachsinnig es klingt, von einem Skorpion und mir selbst als »uns« zu sprechen, zumal ich nicht mal im Sternzeichen des Skorpions geboren, sondern Widder bin), unsere Behinderung verband uns. Ich begriff, dass wir vom Standpunkt des Ideals her beide mangelhaft waren. Wir müssen versuchen zu leben und einander zu verzeihen. Das war ein großartiger Augenblick, einerseits so dämlich (oh nein, ich wage bis heute nicht zu sagen, dämlich), dass er den Verstand verblendete, andererseits so süß, dass er den Verstand überstieg. Ich weiß nicht, was es war. Jedenfalls legte ich das Messer zurück auf den Nachttisch. Leise. Aber wahrscheinlich nicht so leise, wie ich es ergriffen hatte. Und nicht ohne Kopfbewegung. Denn als ich wieder Richtung Skorpion blickte, war er weg.

Hahaha! Der Moment der Erleuchtung war vorüber. Ich stöberte eine Stunde lang im Zimmer herum. Nicht um ihn zu erschlagen, sondern um ihn aus dem Zimmer zu jagen. Ich verschob den Kleiderschrank, rückte das Bett von der Wand und drehte die Matratze um. Er war nirgendwo. Obwohl ich – ich kann einfach nicht umhin, von »uns« zu sprechen –, obwohl ich unter dem Eindruck unserer kürzlichen Begegnung oder des anstrengenden Tages, der ungewohnten Hitze, der Flut an Eindrücken, der Müdigkeit und des Whiskeys für einen Moment glaubte, dass das absolute Vertrauen gegenüber einem Skorpion um denjenigen, der vertraut, eine Blase der Unberührbarkeit bildet, die der Skorpion nicht durchstechen wird (so wie ein absoluter Glaube Berge versetzt), spürte ich gleichzeitig schmunzelnd meine europäische Unfähigkeit sowohl zu so einem absoluten Vertrauen wie auch zum Glauben. Also ließ ich das Bett mitten im Zimmer stehen und das Licht für alle Fälle an und versank allein dank meiner außerordentlichen Müdigkeit in einem tiefen Schlaf bis zum Morgen.

Ansonsten geschah in Cebu nichts Besonderes mehr. Wir klapperten am nächsten Tag die nördlichen Punkte ab und entschieden uns doch nicht für Catmon, sondern für Sogod. Das liegt 56 Kilometer nördlich von Cebu, beinahe direkt an der Küste der Camotes-See, wo ein angenehmer Passat für Abkühlung sorgt, und ist mit Cebu durch eine Landstraße verbunden, über die Herr Moll versicherte, dass sie eine der besten Autostraßen hierzulande sei. Nun ja, vorsichtig fahrend schafften wir unsere Ausrüstung heil dorthin, aber um mein Hinterteil machte ich mir zeitweise ernsthaft Sorgen.

Sogod war, wenn man es aus angemessener Entfernung betrachtet, die reinste Postkartenidylle: Eine alte Kirchenbaracke, katholisch natürlich, im Herzen des Fleckens, Herrenhäuser der Plantagen, das heißt ein paar weiße Bungalows und dergleichen unter Kokospalmen, drum herum gräuliche und bräunliche Hütten mit hohen gelben Strohdächern für das einfache Volk inmitten des vieltönigen Grüns der Mais- und Tabakfelder, zur Rechten das blaue Meer, zur Linken die hügeligen Felder des Binnenlandes, die sich weiter hinten zu Bergen ausweiteten. Aus der Nähe betrachtet war der Flecken ein ziemlich schmuddeliger und verfallener Ort, unglaublich voll mit halbnackten Visayakindern und den Büffeln der Dorfbewohner, Kleinvieh und Hühnern. Einstweilen konnte man sich nur ausmalen, in was für ein Schlammfeld der tropische Regen die lila schimmernde, von Hufspuren übersäte Erde dieser Straßen verwandeln würde.

Ich weiß nicht, ob die örtliche Schule speziell für uns geräumt worden war oder ob bei ihnen bereits die Sommerferien begonnen hatten, jedenfalls wurde uns das Schulhaus zur Verfügung gestellt. Das war ein einfacher Bretterschuppen mit zwei Klassenzimmern und Nebenräumen. In dem einen Raum richteten wir mein Arbeitszimmer ein, in dem zweiten meinen Wohnraum, der Rest war Lagerraum. Unser Beobachtungsplatz war der Schulhof, genaue Lage 10°45’ nördliche Breite und 124°0’ östliche Länge.

Und weiter nichts. Wir mussten für unsere Geräte drei Betonsockel gießen und legten ordentlich Hand an. Die vier von Herrn Moll geschickten Visayajungen waren tüchtiger als erwartet. Am achten April fingen wir mit dem Aufbau der Instrumente an. Am zweiundzwanzigsten war unsere Beobachtungsstation fertig. Abgesehen von der letzten Justierung der Geräte. Übrigens hatten wir vor der Sonnenfinsternis für eine Woche umfangreiche Aufnahmen der südlichen Milchstraße geplant, aber daraus wurde nichts. Denn wie verhext zog sich der Himmel jeden Tag gegen sechs, sieben Uhr zu und klarte erst wieder nach den allmorgendlichen heftigen Gewittergüssen auf. So blieb uns nichts anderes übrig, als den neunten Mai abzuwarten und hinsichtlich des Wetters am Tag der Sonnenfinsternis voller Hoffnung und Sorge zu sein. Ach ja, dann bekamen wir noch Besuch von den Amerikanern.

Ihre Expedition, nicht zwei, sondern an die zwanzig Mann, wollte die Sonnenfinsternis bei Iloilo auf der Insel Panay fotografieren, von uns aus hundertfünfzig Kilometer Luftlinie nach Westen. Wenn ich sage zwanzig Mann, dann ist das noch vorsichtig ausgedrückt. Genauso gut könnte man sagen, zweihundert. Denn zu uns auf die Reede von Sogod reisten die Amerikaner mit einem Kreuzfahrtschiff an, das sicher seine zweihundert Mann an Bord hatte. Matrosen in blauweißen Zebrashirts ruderten den wissenschaftlichen Stab an Land, und zwei Stunden lang hallten und schallten unsere Schulbaracke und unser Beobachtungshof von den raumgreifenden Stimmen der Yankees. Übrigens konnte man sie so schwer verstehen, dass ich nicht begreife, wie ich mit meinem Englisch Band für Band ihre wissenschaftlichen Bücher gelesen und meiner Meinung nach großartig verstanden habe, worum es ging.

Dann nahmen die Amerikaner unsere Apparatur in Augenschein. Im Zusammenhang damit blieb mir einer von ihnen besonders in Erinnerung. Obwohl ich nicht mal seinen Namen richtig in Erfahrung gebracht habe. Ein gewisser Link oder Flink oder Hink. Ich fragte ihn nicht: ›How do you spell it?‹ Ein Mann mittleren Alters mit einem Stiernacken, hellem Bürstenhaarschnitt und blonden Wimpern. Er betrachtete unseren Horizontalspiegel mit der 55-Zentimeter-Öffnung und insbesondere dessen Regulierungsvorrichtung, die ich für unsere Lapplandexpedition konstruiert hatte, und fragte:

»Aber warum haben Sie denn dieses Spielzeug aus Ihrem Hamburg bis hierher geschleppt? Kann man damit etwas Vernünftiges unternehmen?«

Ich sagte: »Spielen bestimmt …«

Aber Baade fragte grausam sachlich, ob die Herren amerikanischen Kollegen zufällig unsere Sonnenaufnahmen gesehen hätten, die wir vor zwei Jahren in Jokkmokk gemacht haben. Natürlich hatten sie sie gesehen. Sie hatten sie sogar detailliert studiert. Der gleiche Drink oder Prink sagte:

»To be sure! These are the best ever made!«

Und Baade zog seine etwas kurz geratene Oberlippe hoch, sodass seine breiten Zähne blitzten, und verkündete, sodass ich gleichzeitig peinlich berührt war und triumphierte:

»Eben. Sie alle sind das Werk von Herrn Schmidt und von ebendiesem seinem Apparat.«

Daraufhin rief derselbe Herr Flink »Incredible!« und bot mir eine Zigarre an, die ich ausschlug.

Zum Schluss tranken die Amerikaner auf dem Balkon des Schulhauses einen Whiskey auf unseren Erfolg und boten uns davon an (die Matrosen oder Küchenjungen des Kreuzfahrtschiffs in den Zebrashirts hatten Eiskisten mit Sodawasser dabei). Dann fuhren sie weg, und Baade schickte sich an, die Eindrücke ihres Besuches zu erörtern. Da er keine anderen Partner hatte, musste er dies mit mir tun, obwohl ich seine Kommentare nicht kommentierte. Letztendlich doch bedeutungsloses Gewäsch. Ein Mensch kann in Gedanken alles Mögliche erörtern. Die irrsinnigsten Dinge, wenn es ihm Spaß macht. Aber warum soll man für alle hörbar etwas erörtern? Also hörte ich ihm stumm zu. Bis auf einen Moment. Da sagte ich:

»Doktor, es war nicht nötig, ihnen unter die Nase zu reiben, dass die Jokkmokk-Fotos mit diesem Apparat gemacht worden sind. Man hätte sie in dem Glauben belassen sollen, dass wir hier mit Spielzeug spielen.«

Ich gebe zu, dass ich nicht ganz aufrichtig war, als ich das sagte. In Wirklichkeit war es eine Lüge. Eine Lüge aus übertriebener Zurückhaltung. Möglicherweise gar ein Versuch, von Baade noch einmal Lob für meinen Apparat und meine Arbeit zu erheischen. Offenbar hatte meine Seele das immer noch nötig. Weswegen es mir in Wahrheit trotz aller peinlichen Berührtheit überhaupt nicht gegen den Strich ging, dass Baade meine Arbeit den Amerikanern gegenüber gelobt hatte. Aber für diese Unaufrichtigkeit bekam ich augenblicklich die Quittung. Baade sagte (und er war natürlich überaus aufrichtig):

»Nein, nein, werter Kollege. Das war notwendig. Begreifen Sie denn nicht? Das erforderte die Reputation der deutschen Wissenschaft!«

Und ich fürchte, dass mir für einen Moment vor Überraschung der Unterkiefer runterklappte. Niemand hatte mir das jemals gesagt, selbst habe ich nie – ich glaube wirklich niemals – darüber nachgedacht: Ich war also, zumindest nach Baades Auffassung, ein deutscher Wissenschaftler? Und wahrscheinlich nicht nur nach seiner Auffassung. Ich spürte, wie etwas in mir aufzuckte und protestieren wollte. Aber gleichzeitig begriff ich, dass er von seinem Standpunkt aus betrachtet recht hatte. Denn welchen Landes Wissenschaftler war ich denn in erster Linie? Wenn ich beinahe dreißig Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet hatte? Zwar mit Unterbrechungen auf Naissaar und in Tallinn, aber überwiegend doch in Deutschland. Deutsche Auftraggeber und deutsche Instanzen haben mir meinen Brotverdienst gegeben. Deutsche Wissenschaftler waren es, die mit meinen Objektiven und Spiegeln den Himmel erforschten – Schwarzschild, Vogel, Schorr und wie sie alle hießen, nur Deutsche. Abgesehen von einigen Amateuren, einer in Pärnu, einer in Göteborg, ein paar in Frankreich. Eine andere Frage ist, welchen Landes Wissenschaftler ich gerne gewesen wäre. Überhaupt war die Sache nicht so einfach. Ich hatte beinahe achtzehn Jahre mit einem russischen Pass und zehn Jahre mit einem estnischen Pass in Deutschland gelebt. Für meinen estnischen Pass bin ich mitten in einer hektischen Arbeitsphase von Mittweida nach Berlin zu Eduard Wilde gefahren – der Herr Schriftsteller war damals für kurze Zeit estnischer Botschafter in Deutschland. Der Pass der neuen Republik wurde mir in der Hildebrandstraße ohne viel Palaver ausgestellt. Oder genauer gesagt: gerade mit gehörigem Palaver. Denn der alte Herr – er schien seine sechzig auf dem Buckel zu haben, aber ich weiß nicht genau, wann er geboren ist –, der alte Herr geruhte in seiner unzufriedenen Langeweile sich eine Stunde lang mit mir zu unterhalten. Was für ein Mann ich sei, und was ich hier in Deutschland täte und warum ich unverzüglich hier aufgetaucht sei, um einen Pass der Republik Estland zu beantragen. Also gab ich Erklärungen, nicht ohne mich meinerseits nach dem einen oder anderen zu erkundigen. Dass ich aus Naissaar gebürtig sei und dass Naissaar nun ein Teil der Republik Estland sei, wie mir Mutter ganz deutlich geschrieben hatte. Es sei also in jeder Hinsicht das Natürlichste von der Welt, wenn ich Bürger der Republik Estland würde. Wenn nun einmal überraschenderweise eine solche Republik geboren sei. Aber dass mich gleichfalls außerordentlich interessiert, was für ein Staat das genau ist oder werden will.

Mir scheint, soweit ich mich daran erinnere, dass der Herr Botschafter in dieser Sache Probleme hatte, die er nicht mit einem Wildfremden erörtern wollte. Stattdessen lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, betrachtete mich durch seinen goldenen Kneifer mit den ovalen Gläsern (ein großes Gentlemangesicht mit einem ruhigen Ausdruck, aber nervöser Haut und einem angegrauten Schnurrbart) und sagte:

»Ach, Sie stammen aus Naissaar? Sieh an. Da bin ich mal gewesen. Ein einziges Mal. Aber, das muss ich sagen, ein einprägsames Mal.«

Und dann erzählte er. Wie er als Einundzwanzigjähriger in Gesellschaft der Schauspieler des Deutschen Theaters nach Naissaar ins Grüne gefahren sei. Mit einem Segelschiff von Kalarand aus. Junge Herren mit steifen Kragen und Schnurrbärten und Fräulein in Turnürekleidern. Ein Dutzend Menschen, mit Weinflaschen, Bierkörben und Butterbroten. Er sagte: »Das wissen Sie natürlich selbst, Naissaar war damals kein populärer Ort für Fahrten ins Grüne. Für die Stadtbevölkerung war es ein ziemlich unbekannter und nach Meinung der meisten etwas merkwürdiger Ort. Aber genau deswegen hatten ihn sich die Schauspieler ausgesucht. Theaterleute haben ja immer etwas sonderbare Ideen. Besonders, wenn es sich mehrheitlich um bloße Amateure handelt, die sich verpflichtet fühlen, den Eindruck besonders origineller Geister zu hinterlassen.«

Weiter erzählte er, wie sie im Bootshafen des Süddorfs an Land gegangen waren, sich auf die Ufersteine gesetzt und eine Stärkung zu sich genommen hatten und dann sieben oder acht Werst durch den prächtigen Mastkiefernwald gewandert waren. Im Norddorf hatten sie auf einem Bauernhof, er erinnerte sich nicht mehr, auf welchem, zu Mittag gegessen, und gegen Abend sei das Ganze zu einem Gelage ausgeartet. Wilde sagte: »Sie verstehen doch selbst, was zieht so junges Volk denn sonst an so einen abgelegenen Ort? Doch nur wegen der Romantik. Besonders, wenn da eine Sofie mit prächtigen kupferfarbenen Haaren und grünen Augen ist. Nennen wir sie Sofie –«, sagte er. »Eine Bekannte eines unserer Schauspieler, von Feldmann oder Bürger« (»Nennen wir sie Feldmann oder Bürger, nicht wahr?«, sagte er), »aus Tallinn, aus den Tagen der Nähschule.« Jedenfalls hatte diese Sofie den Schauspielern – ich weiß nicht, ob im Hause ihres Vaters oder in der Stube eines der Nachbarhäuser – die Tafel gedeckt, sich zumindest zeitweise zu ihnen an den Tisch gesetzt und den Deklamationen von Herrn Feldmann oder Herrn Bürger zugehört, während ihre grünen Augen auf das Tischtuch gerichtet waren und das Abendlicht auf ihren kupferfarbenen Haaren und den kräftigen Jochbeinen leuchtete (ein solches Bild habe ich vor Augen). Möglicherweise sagte Wilde statt Deklamieren auch Kokettieren. Denn auf den Spaziergang zum großen Laubwald an der Ostküste in der Abenddämmerung ist sie nicht mit diesen Herren mitgegangen. Sondern war mit dem Herrn Walden dorthin gekommen. Ja. Unter diesem Namen war er im Deutschen Theater aufgetreten, sagte er, Wilde also. Im Deutschen Theater in Tallinn und damals auf Naissaar ebenfalls. Ehrlich gesagt habe ich später die Einzelheiten dieser Geschichte vergessen. Aber als er sie erzählte (wenn ich mich recht erinnere, war die Sache mehr oder weniger auf eine Duellforderung seitens Herrn Feldmanns oder Herrn Bürgers hinausgelaufen), als er sie erzählte, erkannte ich die Eckpunkte seiner Geschichte. Sie waren alle Schauspieler. Besagter Laubwald, in dem sie spazieren gingen, war der Garten des dänischen Königs. Jene jungen Herren, die ihn loswerden wollten, hatten vor einiger Zeit Rosencrantz und Güldenstern gespielt. Er, also der junge Herr Walden, hatte zwar nicht Hamlet gespielt. Der junge Wilde war von dieser Rolle meilenweit entfernt, soweit ich in diesen Angelegenheiten im Bilde bin. Aber damals, im gesetzten Alter, flocht er diese zufälligen Motive um sein jugendliches Ich so kunstvoll zusammen, dass man seine Freude dran hatte. Wenn ich mich nicht irre, blitzte in seiner Geschichte noch der Name des Dorfältesten auf. Zwar nicht Claudius, nein, aber Klaus hieß er auf jeden Fall. Und du meine Güte, war der Klaus aus Rävasaare in meiner Kindheit nicht tatsächlich Dorfältester? Sodass ich voll Verwunderung dachte: Wieso hat Wilde diese Geschichte nicht zu einer seiner berühmten Novellen ausgearbeitet? Sie mag bedeutungsvoller als so manch andere sein. Aber vielleicht hat er es ja getan, und sie befindet sich unter seinen Novellen. So genau kenne ich sie nun auch wieder nicht. Weiter dachte ich, dass manche Männer im Alter anscheinend ihr Jugend-Ich problematischer sehen wollen, als es tatsächlich war. Ich mache es, glaube ich, gerade umgekehrt. Was um Gottes willen nicht bedeutet, so hoffe ich, dass ich die Naivität meiner Jugend betone, um als Fünfzigjähriger einen umso problematischeren alten Herrn abzugeben. Also wirklich, wer so etwas über mich zu behaupten wagt, dem sage ich direkt ins Gesicht: ›Werter Herr oder werte Frau oder wer immer Sie zu sein belieben: Scheren Sie sich, mit Verlaub, zum Teufel!‹ Denn was bedeuten Probleme in persönlich-menschlichem Sinn überhaupt? Sie sind zu unbestimmt, als dass man über sie plaudern könnte. Zu delikat. Viel zu einmalig, als dass man sie als Probleme bezeichnen könnte. Wissenschaftliche Probleme kann ich begreifen, ihnen kann man sich systematisch annähern. Aber was Cebu betrifft, bekamen wir es da nicht mehr mit ihnen zu tun. Denn sobald sie sich abzeichneten, war alles vorbei.

Das Wetter war während unserer Wartewochen besorgniserregend instabil geworden. Die Ankunft der Regenzeit lag in der Luft, und am Nachmittag stieg die Luftfeuchtigkeit jeden Tag in verdächtige Höhen. Aber dazwischen gab es immer noch tadellose Tage, und am Morgen des neunten Mai sah es so aus, als würde der neunte genauso einer werden.

In der letzten Woche hatten uns zwei Professoren der technischen Abteilung der Universität von Manila unterstützt. Hyde und Melchor. Ohne jegliche Erfahrung auf dem Gebiet astronomischer Beobachtungen, aber angenehm lernfähige Kerle. Sodass unsere Artillerie am Morgen tipptopp justiert war, diese Arbeit kontrollierte ich persönlich, wir waren in Schlachtaufstellung und gefechtsbereit.

Die Sonnenfinsternis musste um 14.26 Uhr Ortszeit beginnen. Um eins war der Himmel, würde ich sagen, tadellos. Nur ein gaaanz klein wenig milchig. Aber um vierzehn Uhr entstand um die Sonne herum ein strahlender regenbogenfarbiger Ring. Kaum merklich, aber nicht wegzudiskutieren. Er zeigte eine Verdichtung der Wassertropfen in der für Cirrostratus typischen Höhe. Die anderen hatten es noch nicht bemerkt, und ich sagte niemandem etwas. Aber ich hatte ein Vorgefühl, dass dadurch unsere ganze Unternehmung scheitern würde. Die totale Finsternis war um 15.45 Uhr und 48 Sekunden. Während der achtzig darauf zugehenden Minuten blieb die Sonne zwar von einer Wolkendecke befreit, aber fleckenweise bildete sich Cirrostratus, und die Umgebung der Sonne verschleierte sich gleichmäßig, mit dem Auge kaum wahrnehmbar, aber das Fotografieren störte es auf verfluchte Weise. Dieser Stand herrschte noch während der ersten Minute der totalen Finsternis. Wir standen, saßen, hockten zu fünft – Herr Moll war uns zu Hilfe gekommen – hinter unseren fünf Apparaten. Wir hielten konzentriert den Atem an und fotografierten aus allen Rohren. Hauptziel: beim Aufkommen und während der totalen Finsternis die innere Korona der Sonne als die vielsagendste Zone im Sinne der Erforschung der Sonne abzulichten. Unsere Apparate klickten in regelmäßigen Abständen, um uns herum eine merkwürdige aschfarbene, lila getönte Dämmerung, die bald ihre maximale Dichte erreichte. Eine unwirkliche Dämmerung, in der alles entsetzlich konturenlos ist, man aber gleichzeitig spürt, dass jedes zitternde Blatt am Baum deutlicher sichtbar ist als am helllichten Tag, oder wenn nicht sichtbar, so doch deutlicher vorhanden. Während ich in mein zehn Meter langes Rohr starrte und fotografierte, bemerkte ich eine Gruppe junger Männer aus Sogod, die hinter dem Bretterzaun der Schule umherschlichen, und ab und zu erhoben sich graulila Gesichter über den Rand, die sich über unsere Aktivitäten wunderten. Wir waren schließlich die Sehenswürdigkeit des Dorfes. Während gleichzeitig die Alten und Greise und teilweise selbst die Kinder rechtzeitig in die Kirche geeilt waren, und aus der geöffneten Kirchentür erklang nun in die mittägliche Nacht hinein das Miserere einer asthmatischen Orgel, mit der der Herr gebeten wurde, seine Hand auszustrecken und die Furcht daran zu hindern, über die Menschen zu kommen. Obgleich ich in Gedanken in den Choral einfiel (damit er seine Hand vor die Wolkendecke halte, die sich vom Westen auf den Mond und die Sonne zubewegte), half es nichts: In der zweiten Minute der totalen Finsternis verschluckte der sich verdichtende Cirrostratus Mond und Sonne gleichzeitig und endgültig. Am Ende der totalen Finsternis (das war ungefähr viereinhalb Minuten nach Beginn) war der Himmel wie durch abscheuliche Hexerei von dicken Regenwolken verhangen. Sodass wir das Ende der Sonnenfinsternis nicht verfolgen konnten. Zu der Zeit zogen wir im strömenden Regen das Ölzeug über unsere Geräte.

Baade schrieb später, ich weiß nicht, wen er trösten wollte, wahrscheinlich sich selbst, dass das vom Cirrus erzeugte Streulicht sich zwar sehr ungünstig auf diejenigen Fotos ausgewirkt habe, die Details der äußeren Sonnenkorona zu erfassen versuchten, dass die Fotos der kraftvollen Details der inneren Korona uns aber tadellos gelungen seien. Bah. Mag sein, dass man anderen Menschen in Notlagen Mut zuspricht, aber Selbsttrost kann ich nicht ausstehen. Ich sage also direkt: Auch die Fotos der inneren Korona sind uns nur befriedigend gelungen. Was bedeutet, dass man es ebenso gut hätte bleiben lassen können. Aber ich muss zugeben, dass mir das aus zwei Gründen leichter fiel als Baade. Erstens war er es, nicht ich, der vor allen Behörden und Stiftungen, die uns finanziert und auf die Reise geschickt hatten, den Eindruck erwecken musste, dass wir wenigstens einen wesentlichen Teil unseres Programms trotz allem erfüllt hatten. Zweitens interessierte mich jetzt nur noch meine Bullaugenvision von der Andamanensee: meine Platte.

In der folgenden Woche demontierten wir in den Pausen der sich verdichtenden Sommerregenschauer die Beobachtungsstation und packten alles ein. Am Zweiundzwanzigsten wurde sie nach Cebu zurücktransportiert. Am Achtundzwanzigsten gingen wir bei einem heftigen Regenguss an Bord der »Dardanus« und am übernächsten Tag im gleichen Regen in Manila an Land. Hapags funkelnagelneue, letztes Jahr zu Wasser gelassene »Duisburg« brachte uns über Hongkong, Singapur und Colombo zurück nach Hause. Mit für diese Schiffsklasse völlig normalen 13,5 Knoten. Aber doch tödlich langsam.

2

»Sie wollen also einen Roman über Bernhard Schmidt schreiben?«

Der Mann mit dem lebhaften Gesicht eines Siebzigjährigen, der in Wirklichkeit über achtzig ist, trommelt mit den Fingern neben seinem Wermutglas auf den Tisch.

Ich nicke.

Unser Gespräch findet zehn Kilometer südlich von Gernsheim statt, in den Weinbergen entlang des Rheins, im Garten, wo über der Rhododendronhecke das schmiedeeiserne Tor zu sehen ist. Die Klingel und das Bronzeschild sind nicht zu sehen. Auf dem Schild steht: »Friedrich Kelter, Dr. rer. nat.« Aber der schmiedeeiserne Bogen mit den schmiedeeisernen Buchstaben ist deutlich zu sehen. Vom Garten aus erscheinen die Buchstaben spiegelverkehrt: SOLNEKLOW ALLIV. Von außen liest man: VILLA WOLKENLOS.

»Warum auch nicht?« Mein Gastgeber lächelt sein sauber rasiertes, sehniges, gerötetes Lächeln, »Schmidt hat sich bei uns ja gewissermaßen – wie soll ich sagen – in eine mythologische Figur verwandelt.«

»Lassen wir den Mythos mal beiseite«, entgegne ich, »aber Sie sind dem echten, leibhaftigen Schmidt begegnet. Sie kannten ihn. Aus diesem Grund …«

»Ja, was heißt ›kannte‹? Oberflächlich gewiss. Und lediglich ihn, aber keinesfalls sein Leben. Das macht ja einen Unterschied. Besonders für einen Romanautor. Von seinem Leben bekam ich nur so viel mit, dass ich meine Zweifel habe, ob es überhaupt genug Stoff für einen Roman hergibt. Aber ich bin natürlich nur ein Geschäftsmann. Und auch ein wenig Physiker. Demnach weiß ich nicht viel über ihr Medium. Abgesehen von dem alten Klischee«, er rührt mit seinem Strohhalm die Eiswürfel um und nimmt einen Schluck Cinzano, »dass ein fähiger Mann aus dem Leben so ziemlich jedes Menschen wenigstens einen Roman herausholen könne.«

Ich entgegne, dass dazu im vorliegenden Fall überhaupt keine speziellen Fähigkeiten nötig seien. Besonders, wenn mir Herr Doktor gnädigerweise mit seinen Erinnerungen unter die Arme greifen würde. Was umso leichter sein dürfte, da seine Erinnerungen mit denen seines Vaters eine Einheit bildeten, und meines Wissens war sein Vater Schmidt gegenüber recht wohlgesonnen. Wenn er jetzt doch bitte …

»Jaja. Wohlgesonnen ist sogar noch vorsichtig formuliert. Sehen Sie, mein Vater war kein Gefühlsmensch. Er war Unternehmer. Und Professor, das auch. Aber nebenbei bemerkt hatte er den Titel nicht von irgendeiner Universität bekommen. Er war ihm von der Regierung Preußens für seine wissenschaftlichen und unternehmerischen Leistungen verliehen worden. In erster Linie für den Aufbau und die Leitung seines Unternehmens. Die Firma Kelter war vielen ein Begriff, wie man sagt. Woran denken wir etwa beim Namen Zeiss? Natürlich an eine herausragende Produktion. Das schon. Aber in Massen. Objekte, die individuelle Lösungen erforderten, ultrapräzise und gleichzeitig großformatige Gegenstände, wissenschaftliche Ausrüstung, aber nicht nur, sondern Geräte, die sowohl in der Astronomie als auch beim Militär Verwendung fanden, Sie verstehen, wurden bei ›Kelter‹ in Auftrag gegeben. Zahlenmäßig waren wir kein großes Unternehmen. Aber in der Branche trotzdem sehr angesehen. Einhundertfünfzig Angestellte. Einige davon herausragende Ingenieure. Die präzisesten Kärger-Drehbänke zum Schleifen und Polieren. Hinter den Maschinen die erfahrensten Meister. Und an der Spitze mein Vater. Mit allen per Du. Er war nach Amerika gereist und hatte seine preußische Steifheit abgelegt. Weshalb ihn sogar Arbeiter, gestandene Sozialdemokraten duzten. Das will was heißen. Ich kann Ihnen versichern: eine großartige patriarchale Stimmung, ganz im Geiste der alten Berliner Gesellschaft. Gebildete Techniker und fähige Arbeiter, Hand in Hand, eine Arbeiteraristokratie, würde ich sagen. In der Tat: Das wäre Stoff für einen Roman! Aber ich bitte um Verzeihung. Sie kommen ja von drüben. Es dürfte Sie nicht interessieren, welche Vorbilder es im Bereich der Industrieorganisation irgendwo auf der Welt vor Ihrem Lenin gab.«

Ich stimme zu: »Entschuldigen Sie, Doktor Kelter, aber Sie haben in der Tat vollkommen recht: In diesem Augenblick interessiert mich vor allem Bernhard Schmidt.«

»Jaja!«, ruft Herr Kelter amüsiert aufgebracht, »ich verstehe schon: Romanschreiber sind Sonderlinge – verzeihen Sie mir meine Direktheit – und interessieren sich für Sonderlinge. Denn sonderbar war Ihr Schmidt zweifellos.«

»Erzählen Sie mir, inwiefern.« Ich schalte den Recorder mit einer fragenden Geste ein. Er nickt, es scheint ihn überhaupt nicht zu stören.

»Nun, vielleicht insofern, als er dreißig Jahre in einem Loch wie Mittweida lebte. Das würde ich verstehen, wenn er Philosoph gewesen wäre. Dessen Welt sich in seinem Kopf befindet. Wenn es keine Rolle gespielt hätte. Wie Kants fünfzig Jahre in Königsberg, Husserls fünfundzwanzig Jahre in Freiburg. Oder wenn er selbst Schriftsteller gewesen wäre. Denen ist es offenbar auch egal, in welcher Umgebung sie fabulieren. Aber er war Techniker. Ich verstehe, dass solch ein blinder handwerklicher Individualismus vor zweihundert Jahren noch fruchtbar gewesen sein mochte. Aber im zwanzigsten Jahrhundert?! Wo die ganze technische Entwicklung von Kontakten und Informationen abhängt?! Wie kann ein vernünftiger Techniker – heute wird er bisweilen sogar als Genie bezeichnet – sich für dreißig Jahre in Mittweida vergraben? Mir kommen nur zwei Gründe in den Sinn, und keiner der beiden ist besonders ehrenwert. Erstens: Trägheit. Er blieb dort hängen, wo er zufällig gelandet war. Schlicht aufgrund eines provinziellen Minderwertigkeitskomplexes. Wer aus der einen Peripherie kommt, macht sich nicht die geringste Mühe, die andere zu verlassen. Die zweite Möglichkeit: Blinde Überheblichkeit. Ich bin Bernhard Schmidt von der Insel Nargen, ich brauche euer Berlin und euer München nicht. Egal wo ich sitze, ich arbeite, schwitze, schufte, poliere mich nach oben. Bis ihr alle zu mir kommt. Halt, halt, halt. Ich sehe Ihnen an, dass meine extremen Überlegungen Sie irritieren. Aber Sie wissen aus eigener Erfahrung, dass beide Elemente in der Natur des Menschen vorhanden sind. Natürlich nicht in ihrer chemischen Reinform, also entweder dieses oder jenes. Sondern stets in praktischen Kombinationen. Und überhaupt: Ich bin in keiner Weise mit Ihrer Mentalität da drüben vertraut. Das ist Sache der Sowjetologen. Aber ich habe den Eindruck, dass es Ihresgleichen an unserer objektiven, gleichzeitig messerscharfen und – wenn es Anlass dazu gibt – anerkennenden, unmittelbaren, etwas geschwätzigen Art, kritisch zu denken, fehlt. Bei Ihnen heißt kritisches Denken entweder, etwas zu vernichten oder es in den Himmel zu heben. Und Schmidt gehört bei Ihnen seltsamerweise zu denen, die man in den Himmel hob. Ist es nicht so?«

»Herr Kelter, meine Antwort hat für Sie keinerlei Bedeutung. Schließlich haben Sie weder vor, eine sowjetologische Abhandlung zu verfassen, noch einen Roman über Bernhard Schmidt. Erlauben Sie mir also die Frage: Könnten Sie nun ausführen, wann und unter welchen Umständen Sie seinerzeit nach Mittweida fuhren?«

»Also, es war, glaube ich, im Jahr 1925. Ja. Im Frühjahr 1925. Ich erinnere mich, dass die Inflation vorüber war, und Vater die Fabrik retten konnte. Folglich war nicht die gesamte deutsche Industrie in den Taschen von Stinnes und seinesgleichen gelandet. Wir hatten angefangen, ein neues Haupthaus zu errichten und erste Aufträge vom Staat erhalten. Und dann begann mein Vater, sich schlichtweg dafür zu interessieren, was für ein Mann dieser Schmidt war.«

»Schmidt war zu dieser Zeit also schon ein Begriff?«

»Nun, das nicht. Aber er hatte schon vor dem Krieg für das Potsdamer Observatorium einige überraschend ausgereifte Geräte angefertigt.«

»Und Ihr Vater fuhr im Frühjahr 1925 nach Mittweida, um sich selbst einen Eindruck von Schmidt zu machen?«

»Exakt.«

»Womöglich, um ihn für die Firma anzuheuern?«

»Nein, nein. Nicht doch. Oder vielleicht, hätte er sich als besonders tauglich herausgestellt, wenn Sie verstehen.«

»Und Sie begleiteten Ihren Vater?«

»Ja. Ich studierte Physik an der Technischen Hochschule Berlin. Im dritten Semester. Und half meinem Vater in der Firma. Planung. Korrespondenzen. Auf Dienstreisen trat ich als sein Sekretär auf. Günstiger und vertrauenswürdiger als irgendein bezahlter Fremder.«

»Und weiter?«

»Wissen Sie, ich habe keine Ahnung, wie dieses Mittweida heute unter Honecker ist. Aber damals, zu Eberts Zeiten war es ein bedrückendes provinzielles Nest. Wir bekamen im besten Hotel der Stadt ein Zimmer mit Kakerlaken und machten uns auf die Suche nach Schmidt. Seine Adresse kannten wir. Und je weiter wir gingen, desto überzeugter waren wir davon, dass es in dieser Stadt absolut nichts Interessantes gab.«

»Nun, immerhin gab es das berühmte Technikum. Wo auch Schmidt studiert hatte.«

»Wissen Sie, wenn es sich bei Mittweida um ein siebtklassiges Nest handelte, dann war dieses Technikum eine, sagen wir, fünftklassige Lehranstalt. Also nicht viel besser als die Stadt selbst. Wussten Sie das nicht? Nach heutigem Verständnis war es einfach eine Berufsschule. Inhaltlich. Nun, vielleicht ein wenig effektiver, wie alle Lehranstalten zu jener Zeit, aber im Grunde eine Berufsschule. Heute lernen diese sechsjährigen Rotzlöffel in der ersten Klasse die Grundlagen der Mengenlehre. Damals wurde noch das Einmaleins gelehrt. Damals hielt man Adam Riese noch in Ehren. Und die Ergebnisse waren im Verhältnis – ich sage, im Verhältnis, Sie verstehen – besser als heute. Aber was das Technikum Mittweida betrifft – es produzierte trotzdem nur Spezialisten mit mittelmäßigen Fähigkeiten, denen man Ingenieurdiplome gab. Aber deshalb waren sie noch keine Ingenieure mit einer akademischen Bildung. Und Schmidt hatte nicht einmal solch ein Diplom in der Tasche.«

»Sind Sie sich da sicher?«

»Absolut. Mein Vater hat die Unterlagen in der Kanzlei des Technikums später persönlich überprüft.«

»Mit welchem Ziel?«

»Hm, ganz einfach. Er wollte Schmidt kennenlernen. Und dabei ging er mit deutscher Gründlichkeit vor.«

»Und weiter?«

»Nun, ich sagte bereits, dass wir seine Adresse hatten. Vergleichsweise nah am Bahnhof. In der Wilhelmstraße, wenn ich mich nicht irre. Ein dreigeschossiges Mietshaus, dem man die Verwahrlosung aus der Kriegszeit ansah. Das Gartentor verbogen. Im Erdgeschoss ein genossenschaftlicher Kindergarten oder dergleichen. Lärm und Geschrei aus den geöffneten Fenstern. Eine schmale, von Zwiebeldunst erfüllte Treppe in den zweiten Stock. Im dunklen Eingang zur Wohnung kleinbürgerlicher Naphthalingeruch und eine ältere Frau mit toupiertem Haar. An ihrem Blick war zu erkennen, dass der Mieter nichts für Besuch übrighatte. Außerdem war der Mieter nicht zu Hause. Er musste in seiner Werkstatt sein. Aber vielleicht auch nicht. Wie die Frau schwammig formulierte. Wir ließen uns den Weg erklären und suchten die Werkstatt auf. Diese lag in drei- oder vierhundert Metern Entfernung. Nebenbei bemerkt: Dreißig Jahre lang spielte sich Schmidts gesamtes Leben innerhalb dieser dreihundert Meter ab. Das Mietzimmer. Das vegetarische Lokal ›Sanitas‹ in der Nachbarstraße. Weiter zur Werkstatt. Dahinter der Aussichtspunkt. Und unmittelbar neben der Werkstatt das Restaurant ›Lindengarten‹. Also wortwörtlich dreißig Jahre und dreihundert Meter!«

Ich verkneife mir, ihn zu korrigieren, dass es von Schmidts Bleibe bis zu seiner Beobachtungsstation immerhin sechshundert Meter quer durch Mittweida waren. Aber ich ergänze:

»Herr Kelter – zumindest vor dem Ersten Weltkrieg besaß er auch ein Auto, was es ihm in jeden Fall erlaubte …«

»Was erlaubte ihm das?!«, ruft Kelter und schenkt uns großzügig Wermut nach. »Gelegentliche Fahrten mithilfe von Freunden. Er selbst konnte ja nicht fahren. Und das war in der Tat davor. Dann kam der Krieg, und Schmidt wurde interniert. So auch seine Freunde. Als Bürger eines Feindesstaates, nicht wahr? Als er freikam, herrschte Krieg. Das war nicht die Zeit zum Herumfahren. Darauf folgten die Not der Nachkriegszeit und die Inflation. Er verkaufte sein Auto für fünfhundert Milliarden Mark und bekam dafür eine Woche später drei Laib Brot!«

»Hat er Ihnen das persönlich erzählt?«

»Nein, nicht er persönlich. Und auch nicht mir. Aber jemand hatte es meinem Vater erzählt. Nun, dann standen wir jedenfalls vor der Tür zu seiner berühmten Kegelbahn. Ich erinnere mich an die kalten Betonwände und die schmutzige Kellertreppe. Vater klopfte mehrmals und rüttelte an der Klinke. Keiner antwortete und die Tür war verschlossen. Ein Nachbar kam die Treppe herunter und äußerte die Vermutung, dass Schmidt bei Bretschneider sein könnte, das heißt im ›Lindengarten‹. Offenbar war das sein Stammlokal. Also gingen Vater und ich dorthin. Es war eine kleine Provinzkneipe. Aber makellos sauber. Die Wirtin wischte mit einem Lappen über den Tresen und musterte uns beiläufig. Nein, Herr Schmidt war an diesem Tag noch nicht bei ihr gewesen. Wenn er sich nicht in der Werkstatt aufhielt, dürfte er bei dem Aussichtspunkt sein. Die Wirtin begleitete uns zur Tür und lotste uns zu einem Garten auf der anderen Straßenseite.

›Da, links können Sie seine Röhren und Apparate sehen.‹

Hinter Himbeersträuchern erschienen zwei Holzbuden und dazwischen ein Teleskop, offenbar mit einer Öffnung von 30 Zentimetern und recht solide. Aber es stand nicht wie üblich auf einem normalen Stativ aus Metallröhren, sondern auf einem seltsamen selbstgefertigten Dreibein aus Holz. Die Hütten waren verschlossen und der Furnierstuhl hinter dem Teleskop leer. Wir gingen zurück zum Restaurant. Keine Spur von Schmidt. Wir fragten die Wirtin, ob er vielleicht in diesem vegetarischen Lokal aufzufinden sei. Die Wirtin sagte, dass er sich nachmittags ab fünf nie dort aufhielte. Seine Mittagspause dürfte zwischen eins und zwei sein – an den Tagen, an denen er zu Mittag aß, fügte die Wirtin hinzu. Mein Vater beschloss, noch einmal im Kegelkeller nachzusehen. Wir standen hinter der Kellertür. Vater klopfte lange und rief: ›Herr Schmidt! Hören Sie mich? Hier ist Professor Kelter aus Berlin. Ich würde gerne mit Ihnen sprechen.‹ Aber niemand antwortete. Ich sagte, dass er womöglich trotzdem da drinnen hockte, denn man hatte uns erzählt, dass dergleichen schon vorgekommen sein soll. Vater war sich jedoch sicher, dass er nicht in der Werkstatt sein konnte: ›Wenn er hier wäre, hätte er beim Namen Kelter aufgemacht.‹

Wir beschlossen, ins Hotel zu gehen – es lag in der Nähe des Bahnhofs, in derselben Straße, in der sich Schmidts Lebenspendel bewegte. Wir wollten also ins Hotel gehen und ein verspätetes Mittagessen zu uns nehmen. Doch auf halbem Weg erinnerte ich mich an die Kakerlaken und schlug vor, zurück in den ›Lindengarten‹ zu gehen und dort zu speisen. Vielleicht würde Schmidt währenddessen auftauchen. Wir kehrten um und gingen zu Frau Bretschneider – und stellen Sie sich vor – Schmidt saß bereits da! Somit bestand kein Zweifel mehr: Er hatte sich die ganze Zeit in der Werkstatt aufgehalten, während wir klopften und riefen, doch er machte uns nicht auf.

Wir erkannten ihn sofort an der fehlenden rechten Hand, und Vater ging zu seinem Tisch, um sich vorzustellen.«

»Herr Kelter – wie war Ihr erster Eindruck von Schmidt?«

»Nun, er wirkte jünger, als er war. Er war damals immerhin schon über fünfundvierzig Jahre alt, aber ich hätte ihn auf unter vierzig geschätzt. Weil er so dünn war und in gewisser Weise durchsichtig. Wie ein, sagen wir, Tuberkulosekranker. Obwohl er meines Wissens nicht an dieser Krankheit litt. Und sein Gesicht, würde ich sagen, war das Gesicht des Menschen, der er war – ein störrisches Landei, das sich als Intellektueller gerierte. Blass, ausgeprägte Wangenknochen. Ein skeptischer, vielleicht sogar einfühlsamer Mund. Ein kleiner rötlicher Schnauzer. Kurz geschorenes, kastanienfarbenes Haar. Eine spitze, dreieckige Nase. Graue, vergleichsweise tiefliegende und doch irgendwie hervorstechende Augen mit einem starren Blick. Dünne Brauen. Aber die Brauen eines Menschen, mit dem zu diskutieren nicht angenehm ist.«

»Herr Kelter – ich muss sagen, Sie sind ein wahrer Gedächtnisfotograf. All das auf Grundlage von ein, zwei Begegnungen …«

»Nun, wissen Sie, ich habe sein Foto oft genug sehen. Im Büro meines Vaters hingen all die Fraunhofers, Abbes, und wie sie heißen, in einer Reihe an der Wand. Und später auch Schmidt. Aber was ich noch sagen wollte: Dass er sich angeblich nicht um sein Äußeres scherte, ist nicht ganz korrekt. Zumindest meinem Eindruck nach. Und auch dem Foto nach. Obwohl man sich für ein Foto gewöhnlich herausputzt. Aber ich glaube nicht, dass Schmidt sich besonders herausgeputzt hätte. Denn ich spreche aus meinen Erinnerungen. Ich würde wetten, dass er direkt von der Arbeit zu Bretschneider gekommen ist. Sein Anzug war natürlich weder neu noch fein. Das stimmt. Ein billiger grauer Anzug von der Stange. Ein wenig verstaubt, offensichtlich vom Glasschleifen, und stark verknittert. In manchen Erinnerungen war von seiner Bügelfalte die Rede, soll heißen, von deren Nichtvorhandensein. Die Hosen schlackerten ihm stets um die Beine. Aber das war zumindest in Mittweida nicht so wild. Vielleicht deshalb, weil es da eine Frau in seiner Nähe gab. Aber was ich sagen wollte: Seine Kleidung hatte, wenn man so will, zwei Elemente proletarischer Eleganz, die einem unmittelbar ins Auge stachen. Er trug eine billige gestrickte Krawatte zu einem blütenweißen Hemd mit einem steifen Kragen. Und seine Schuhe waren trotz des scheußlichen Aprilwetters tipptopp poliert.«

Herr Kelter hebt mit der rechten Hand sein Glas und führt sich den Strohhalm in den Mund. Dann fällt ihm noch ein Detail ein, offenbar hat ihn der Titel des Gedächtnisfotografen angespornt. Er hebt den Zeigefinger seiner Linken und nimmt den Strohhalm aus dem Mund:

»Und nebenbei: Er hatte eine Kragenweite von neununddreißig, würde ich sagen, aber das weiße Hemd, von dem ich sprach, hatte einundvierzig oder sogar zweiundvierzig. Hahaha.«

»Herr Kelter – erinnern Sie sich an seine Hand? Sie gaben ihm doch die Hand?«

»Ja. Hören Sie, das war ziemlich hakelig. Wie jeder Handschlag zwischen links und rechts.«

»Und weiter? Sie haben sicher besonders auf den Handdruck geachtet. Schließlich hatte er ja eine außergewöhnliche Hand – für jemanden mit Ihrem Fachwissen?«

»Ach, hören Sie, ich sage Ihnen gleich, dass ich nichts davon halte, Schmidt zu mythologisieren. Auch jetzt nicht, wo andere dies tun. Und noch weniger habe ich davon gehalten zu der Zeit, als der Mythos noch gar nicht existierte. Und ich selbst ein junger Mann war im, wie soll ich sagen, denkbar unmythologischsten Alter. Weshalb mir nichts Besonderes auffiel. Eine gewöhnliche, eher zierliche und nervöse Hand. Soweit ich mich erinnere. Ja … Womöglich hatte ich den Eindruck, dass seine Hand sensibel und ausgesprochen dünnhäutig war. Aber das wäre nur mehr als verständlich gewesen.«

»Wie verlief Ihre Unterhaltung?«

»Wie gesagt, mein Vater stellte sich vor, und sprach davon, dass wir eigens nach Mittweida gekommen seien, um ihn zu treffen, und bat um Erlaubnis, an seinem Tisch Platz zu nehmen. Die Erlaubnis bekam er. Nicht mit übermäßigem Respekt, aber dennoch. Er hatte ein halb volles Schnapsglas und einen Aschenbecher mit einer halben Zigarre vor sich. Vater fragte, was er ihm bestellen dürfe. Er spreizte die Finger in der Luft und wies das Angebot zurück. Für ihn – nichts. Übrigens gestikulierte er mit seiner einzigen Hand deutlich mehr, als man in Anbetracht seiner Wortkargheit erwartet hätte. Vater fragte, ob er auch ein vegetarisches Hors-d’œuvre ablehnen würde. Das tat er. Vater fragte, was er trank, und bestellte zum Abendessen eine Flasche Korn. Obwohl er sonst nie Korn trank. Schmidt ließ sich von Vater aus unserer Flasche nachgießen. Und dann begann Vater sein Gespräch mit Schmidt.«

»Aber zuvor noch eines, Herr Kelter, sagen Sie: Was veranlasste Ihren Vater dazu, mit Schmidt Kontakt aufzunehmen?«

»Neugier. In erster Linie. Mein Vater konnte nicht glauben, was man sich über Schmidt erzählte. Dass die außerordentlich präzisen Geräte, die er für Potsdam und anderswo angefertigt hatte, mit den primitivsten Mitteln hergestellt worden waren. Dazu noch von einem einhändigen Mann. Als Werkzeug benutzte er Gerüchten zufolge irgendwelche Kuriositäten aus Holz und Blech, die er sich selbst zusammengebastelt hatte. Außerdem eine alte Drehbank mit Pedalantrieb. Sowie Glasstücke und Lappen aus Sämischleder. Aber die Präzision seiner Arbeit war, hm, fast die gleiche, wie bei unseren brandneuen Bänken von Kärger.«

»So gut? Oder vielleicht noch besser?«

»Hmmmm … Wissen Sie, mal so, mal so.«

»Und worüber haben Sie sich damals unterhalten?«

»Nun, mein Vater war aufgrund seiner Lebenserfahrung in den verschiedensten Annäherungsmethoden zu Hause. Und er verfügte auch über eine gewisse Menschenkenntnis. Aber bei Sonderlingen hatte all das keinen großen Nutzen. Und ich will meinen Vater auch nicht idealisieren. Es kam auch vor, dass er sich bei der Wahl seiner Annäherungsmethode mal vergriff. Sich auf nicht überprüfte Informationen stützte. In der Vorstellung, dass er sich ein gewisses Maß an Improvisation erlauben könnte, da ihm das psychologische Gespür des erfahrenen Redners zu Gebote stand. Im Fall von Schmidt nahm er offenbar an, dass man einen Provinziellen nicht bedrängen, nicht mit der Tür ins Haus fallen dürfe, wie es so schön heißt. Um Vertrauen zu gewinnen, muss man nach alter Manier einen Bogen schlagen, also fing er damit an, dass wir, die Familie Kelter, auch in gewisser Weise Deutschbalten seien. Haha. Hoffentlich konnte ich schon mit zwanzig eine unbewegte Miene aufsetzen. Damit Schmidt meine Überraschung nicht bemerkte. Denn alle Kelters stammten aus Brandenburg und mit den Balten hatten wir nicht mehr gemeinsam, als dass eine von Vaters Tanten mit einem kurländischen Forstmeister verheiratet war und ihr Leben in Mitau verbrachte. Vater konnte das Thema unserer baltischen Wurzeln nicht weiter ausführen, denn Schmidt blies ihm Zigarrenrauch ins Gesicht – ohne Absicht, versteht sich – und sagte:

›Die Deutschbalten sind bei uns in Estland ein recht unbeliebtes Völkchen.‹

Vater sagte: ›Äußerst bedauerlich. Ich kann mir vorstellen, dass sensiblere Menschen es inmitten dieser Intoleranz von Zeit zu Zeit schwer haben. Demnach würde ich es vollkommen verstehen, wenn Sie sagen, dass die Intoleranz vor Ort der Grund für Ihren Umzug nach Deutschland war.‹

Daraufhin nahm Schmidt die Zigarre aus dem Mund und sagte: ›Hören Sie, ich bin kein Deutschbalte! Ich bin stattdessen einer der … Intoleranten, wenn Sie wollen.‹ Somit konnte Vater nichts anderes sagen als Ach so – mit langem O, ganz nach seiner Art – und sich in Gelächter retten. Ich war nach unserem Malheur ein wenig beschämt und fuhr dazwischen: ›Herr Schmidt kommt meines Wissens von der Insel Nargen bei Reval, nicht wahr?‹

Vater nutzte den Moment – natürlich wusste er das selbst – und lenkte die Unterhaltung auf die Charakterfestigkeit von Menschen, die von der Küste, insbesondere von einer Insel, stammten. Und so weiter und so fort. Nicht übertrieben ausführlich, sondern überlegt, beinahe wortkarg, sodass sich die Zweckmäßigkeit nur eingeweihten Zuhörern erschloss. Nebenbei war diese Eigenart von Schmidt – seine Nargennarrheit – schon seinerzeit bekannt. Und wissen Sie, das sticht auch bei seinem Mythos ins Auge. Als Sie mich anriefen und erzählten, dass Sie mit mir über Schmidt sprechen wollen, sah ich in unserem Archiv nach (das wir beim Brand der alten Fabrik 1943 glücklicherweise retten konnten) und ging die Unterlagen zu Schmidt durch. Die Insel Nargen, seine Narreninsel, wie ich sagen würde, spukt bis heute in den ganzen Schmidtiana umher. Ja, ja. In dem einseitigen Nachruf, den Professor Schorr nach Schmidts Tod vor fünfzig Jahren für die Zeitschrift »Astronomische Nachrichten« verfasst hat, wird Nargen zweimal erwähnt. In der feierlichen Eröffnungsrede der wissenschaftlichen Konferenz, die anlässlich Schmidts 100. Geburtstages stattfand, erwähnte der Rektor der Universität Hamburg – ich kann mir den neumodischen Kram nicht merken, wie so einer jetzt heißt – Nargen zweimal. Und so weiter. Ganz zu schweigen davon, dass Nargen als Schmidts Geburtsort in den Grabstein aus Granit gemeißelt wurde, den ihm seine Kollegen aufstellen ließen. Ich frage: Weshalb erwähnen Menschen, die im Grunde überhaupt keine Ahnung davon haben, immer wieder diese Insel in Verbindung mit seinem Namen? Meine Antwort: Weil er selbst ununterbrochen davon sprach. Das ist natürlich relativ gemeint, nicht? Denn, verstehen Sie, in Anbetracht seiner Wortkargheit musste einem diese ständige Nargen-Leier ins Auge stechen. Oder besser gesagt ins Ohr. Dieses Steckenpferd – seine Steckeninsel, wenn Sie wollen – hatten mehrere aufmerksame Kollegen meinem Vater gegenüber erwähnt, und Vater nutzte diese Gelegenheit. Er erklärte, dass wir, die Familie Kelter, nämlich auch in gewisser Weise Inselmenschen seien. Woraufhin ich mir dachte: Woher zum Teufel hat er das nun wieder?! Wir haben mit Inseln nichts zu schaffen, außer dass wir ein altes und seit Urzeiten vermietetes Sommerhaus auf dem Kaninchenwerder im Schweriner See besaßen … Aber genau das war es, was Vater im Sinn hatte. Mehr brauchte er nicht! Und ich kann bestätigen: Er sprach vollkommen sachlich und überzeugend davon, wie ihm seine Besuche auf der kleinen Insel bei organisatorischen und wissenschaftlichen Problemen geholfen hatten, wie er dort zu Erquickung und Konzentration gefunden hatte. Er fügte vorsichtig hinzu: ›Unter unseren Fenstern gab es natürlich kein Meeresrauschen wie bei Ihnen, sondern nur das Plätschern des Sees. Dafür aber selbst im tiefen Herbst späte Sommergäste beim Spazieren. Ja, und doch kann ich Ihre Zuneigung für Nargen bestens nachvollziehen. Besonders, wenn ich daran denke, wie sehr das bisschen mehr an Individualismus, das die Insel bietet, meine eigene Fantasie angeregt hat. In der Tat. So muss ich meiner Insel für meine immer noch recht agile Vorstellungskraft danken …‹ Derlei unerwartete Assoziationen waren typisch für meinen Vater. Und umso typischer, je dringender er etwas erreichen wollte. In diesem Fall besonders, da Schmidt – ich befürchtete, er würde die Ausführungen meines Vaters jeden Moment belächeln – der Inselfantasie meines Vaters durch den Zigarrenqualm hindurch lauschte, und das nicht nur ohne zu lachen, sondern sogar recht gewogen.

Vater schob seinen leer gegessenen Teller Rinderbraten beiseite und goss Schmidt und sich selbst die Schnapsgläser voll. Frau Bretschneider brachte uns Kaffee, Vater erhob das Glas auf Schmidt, sie stießen an, und daraufhin legte Vater die Karten auf den Tisch:

›Aber Herr Schmidt, trotz dieser ausreichend agilen Vorstellungskraft, von der ich eben sprach, bleiben Sie mir ein Rätsel. Ja. Trotz der Tatsache, dass ich ein Spezialist bin, gut, verglichen mit Ihnen eher in theoretischer Hinsicht, oder gerade praktischer, ganz egal, aber ein ernstzunehmender Spezialist, nicht wahr. Trotzdem – oder auch gerade deswegen bleiben Sie mir ein Rätsel.‹

Schmidt zog an seiner Zigarre und schwieg. Vater sprach weiter:

›Sie fragen sich: Inwiefern? Ich werde es Ihnen erklären. Sehen Sie, bei Ihren verschiedenen Arbeiten, die es zu Bekanntheit gebracht haben – nehmen wir als Beispiel die trivialsten, also etwa Korrekturen, die Sie an astronomischen Spiegeln großer Firmen vorgenommen haben – kann ich nicht glauben, dass sie so gemacht wurden, wie man sich hier und da erzählt. Soll heißen, mit den primitivsten Mitteln, die man sich nur vorstellen kann. Mit einer uralten Drehbank und Glasstücken, nicht wahr? Andererseits kann ich auch nicht glauben, dass die entgegengesetzten Geschichten stimmen: Dass Sie sich bislang unbekannte Berechnungs- und Schleifmethoden angeeignet haben sollen. Also, Herr Schmidt, wollen Sie mir nicht verraten, worin Ihr Geheimnis besteht?!‹

Schmidts Mund wurde von den Fingern, die die Zigarre hielten, verdeckt, weswegen ich beim besten Willen nicht ausmachen konnte, ob unter seinem Schnauzer ein Schmunzeln aufblitzte oder nicht. Er überlegte einen Augenblick:

›Was für ein Geheimnis soll das sein? Die Werkzeuge sind alt. Aber die Methode natürlich neu.‹

›Ja?!‹, rief Vater aufrichtig begeistert, ›das klingt ja äußerst geheimnisvoll. Erklären Sie doch, was das heißt! Was für eine neue Methode ist das?‹

Wie gesagt, wir hatten gehört, dass Schmidt angeblich so gut wie niemanden in seine Werkstatt ließ. Fremde schon gar nicht. Aber der Name von Professor Kelter war ihm natürlich nicht fremd. Und Vaters Interesse für seine Methode erschien Schmidt verdammt echt – und das war Herrgottnochmal auch der Grund, weshalb Schmidt auftaute. Nun, das kam nicht ganz unerwartet. Man kann es sich vorstellen: Das aufrichtige Interesse eines namhaften Experten und der geheim gehaltene Sachverstand eines Eremiten treffen bei einem Glas Schnaps aufeinander. Schmidt winkte Frau Bretschneider herbei:

›Schreiben Sie drei Korn auf meine Rechnung.‹

›Aber Herr Schmidt, ich habe Ihnen doch nur einen gebracht‹, korrigierte ihn die Wirtin.

›Zwei habe ich aus der Flasche von Professor Kelter genommen. Streichen Sie die zwei von seiner Rechnung.‹

Vater versuchte zu protestieren, aber Schmidt war bereits aufgestanden: ›Kommen Sie und schauen Sie es sich an.‹

Schmidt ging voran. Vater beglich eilig die Rechnung und schnappte sich die Flasche Korn vom Tresen, als er an der Wirtin vorbeiging, und steckte sie ein. Schmidts Keller lag gleich nebenan. Eine Minute später schloss er in unserer Anwesenheit die Tür des einstigen Kegelkellers auf und machte das Licht an.

Ein langer flacher Raum. Wie zu erwarten war. Die Kegelbahn, gut eineinhalb Meter breit und ein Dutzend Meter lang, wie das so ist, nahm den Großteil des Raums ein. An den schmutzigen Putzwänden hingen Sternenkarten, Drahtrollen, Chronometer, obskure Instrumente, diverse Skizzen von Linsen, Spiegeln und Reflektoren, manche eher schief und schematisch, einige Holz- und Blechpropeller verschiedenster Größe, teils von Booten, teils von Windmaschinen, sowie zwei alte Strohhüte. Die Kegelbahn selbst war in der Mitte durchgesägt worden. Ein Stück von einem Meter Breite war entfernt worden, sodass eine Art Durchgang entstanden war. Das dem Eingang zugewandte Ende der Kegelbahn, Sie verstehen, war mit kleinen Beinen behelfsmäßig um vierzig Zentimeter erhöht worden. Daraus war ein langgezogener Arbeitstisch entstanden, übersät mit Apparaten, Büchern und Zeichnungen. Auf der tieferliegenden Seite der Kegelbahn standen offenbar selbstgebaute Geräte ohne eindeutige Funktion, jedenfalls keine Schleifgeräte, das war klar.

Vater fragte, aus welchen Gründen sich Schmidt für so einen ungewöhnlichen Raum als Werkstatt entschieden hatte. Schmidt erklärte, dass er viele Vorteile bot: eine günstige Miete, reichlich Quadratmeter, eine mehr oder weniger horizontale Fläche, dort wo die Kegelbahn verlief.

Vater sagte: ›Aber es ist unsagbar kalt.‹

›Aber konstant kalt. Wenn man die Heizkörper ausgestellt lässt. Das ist die wichtigste Voraussetzung für präzises Schleifen‹, sagte Schmidt.

Er marschierte vorneweg ins Innere des Raums und deutete auf das große Wandregal. Darauf lagen in Reihen, allerdings nicht besonders ordentlichen Reihen, Lappen aus Sämischleder und Glasstücke, unterschiedlich in ihrer Form und offenbar auch in ihrer Härte und Qualität.

›Bitte‹, sagte Schmidt, meinem Eindruck nach ein wenig naiv und triumphierend, ›mein Instrumentarium.‹

›Und das ist wirklich alles?!‹, fragte Vater.

›Natürlich noch eine Bank‹, Schmidt deutete auf die pedalbetriebene Drehbank vor dem Regal.

Vater rief: ›Aber das Ding ist ja sicher fünfzig Jahre alt – um nicht zu sagen aus Spinozas Zeiten?!‹

›In der Tat‹, sagte Schmidt, ›gute fünfzig Jahre. Nur habe ich sie selbst justiert.‹

Vater sah sich ungläubig um und blickte zu Schmidt, weil dessen Antwort seiner Meinung nach absurd war. Auch meiner Meinung nach. Weshalb Vater nochmals fragte:

›Und das ist wirklich Ihr ganzes Instrumentarium?‹

›Ja. Natürlich inklusive meines Hauptinstruments‹, sagte Schmidt – wissen Sie, und deutete dabei ein eigenartiges, leicht rüpelhaftes Grinsen an. ›Und das ist nicht viel neuer. Es ist sechsundvierzig Jahre alt …‹

›Um welches Instrument handelt es sich?‹, fragte Vater.

Schmidt sagte: ›Um dieses‹, und streckte seine eine Hand meinem Vater recht unhöflich unter die Nase.

Natürlich nahm mein Vater es ihm nicht übel. Dafür interessierte Schmidt ihn zu sehr, verstehen Sie? Also begann er zu lachen und sagte:

›Gut, gut. Dieses Instrument, selbstverständlich. Aber das hat doch jeder Handwerker, bei manchen ist es natürlich etwas genauer als bei anderen. Die zentrale Frage ist in solchen Fällen doch die nach der Methode. Sie sagten ja selbst, dass Sie eine neue Methode hätten. Erklären Sie, worin diese besteht!‹

Schmidt blickte Vater direkt in die Augen und spitzte die Lippen, und ich konnte nicht beurteilen, wie ernst oder unernst man seine Antwort nehmen konnte. Er formulierte es, wenn ich mich recht erinnere, etwa so:

›Die Methode ist selbstverständlich neu. Oder eben sehr alt. Die älteste. Nur wird sie selten praktiziert.‹

Er schwieg und Vater ließ nicht locker: ›Das ist verdammt interessant. Worum geht es also?‹

›Es geht darum, dass ich das Glas frage.‹

›Fragen? Wie das?‹

›Ich frage das Glas. Ob ich den richtigen Weg eingeschlagen habe oder mich verrenne.‹

›So? Und das Glas antwortet?‹

›Mhm.‹

›Und dann?‹

›Dann tue ich das, was es mir sagt.‹

Vater lachte schallend: ›Und welche Sprache benutzen Sie?‹

Schmidt lächelte, sicher, aber ich beobachtete ihn aufmerksam, und mir schien, dass er in gewisser Weise wirklich durcheinander war:

›Hm, darüber habe ich noch nie nachgedacht … Glassprache … Oder vielleicht Estnisch. Ja, gewiss Estnisch‹, sagte er mit fast schon kindlicher Heureka-Freude, wie mir schien.

Vater lachte: ›Das muss ja eine recht spiegelhafte Sprache sein!‹ Er setzte sich auf den Rand der langen Werkbank, als sei er zu Hause und begann damit, Schmidt konkrete Fragen zu stellen: Etwa, ob es der Wahrheit entspreche, dass er, Schmidt, wie man sich erzählte, in der Lage sei, mit seiner Hand zonale Abweichungen von Tausendstel Millimetern auf der Oberfläche eines Parabolspiegels zu fühlen. Schmidt bestätigte, dass dies der Wahrheit entsprach. Vater sagte, verzeihen Sie, Herr Schmidt, aber das glaube ich Ihnen nicht. Schmidt ging zur anderen Seite der Werkbank und zog zwei, drei große Schubladen heraus. Darin lagen konkave Spiegel mit verschiedenen Durchmessern, von fünfzehn bis dreißig Zentimetern:

›Suchen Sie sich einen aus, Professor. Das sind Arbeiten der Glashütte Goerz. Allesamt ungleichmäßig.‹

›Einverstanden‹, sagte Vater, ›ich nehme den in der Mitte. Und was nun?‹

›Nehmen Sie das Eichmaß hier. Sie prüfen mit dem Eichmaß die Abweichungen und schreiben sie auf. Wie bei einer Zielscheibe. Uhrzeit und Punkte. Und die Größe der Abweichung. Wenn wir sie gefunden haben. Ich prüfe sie mit der Hand. Und schreibe meine Ergebnisse selbst auf. Danach vergleichen wir unsere Notizen und kontrollieren die Ergebnisse.‹

Wissen Sie, die beiden haben sich eine Stunde lang mit diesem Spiegel abgemüht. Soll heißen, Vater mühte sich eine Stunde mit dem Eichmaß ab. Und fand natürlich fünf oder sechs kleine Abweichungen.«

Herr Kelter gibt mir und sich Eiswürfel ins Glas. Und ich frage mich: Sammelt er gerade Kraft für ein großes Geständnis oder für ein großes Dementi? Dann kann ich mich nicht mehr zurückhalten:

»Und Schmidt?!«

»Tja. Sehen Sie, es war tatsächlich so. Als Vater fertig war, ging Schmidt zum Tisch und schob mir ein weißes Blatt Papier zu: ›Junger Mann, schreiben Sie auf!‹ Verstehen Sie, er hatte keine freie Hand dafür. Er legte seine Hand auf den Spiegel. So leicht, dass es schien, als hätte er den Spiegel überhaupt nicht berührt. Wissen Sie, wie jemand, der Teller jongliert, ohne die Teller zu berühren. Natürlich berührte er den Spiegel. Aber ganz sachte. Und begann mit drei Fingern, vielleicht auch nur mit dem Mittelfinger, vom Zentrum aus eine Spirale zu zeichnen. Im Uhrzeigersinn. Dabei blickte er nach unten, auf den Spiegel, aber ich hatte den Eindruck, dass seine Augen in Wirklichkeit geschlossen waren. Und dabei murmelte er die Daten, die ich aufschrieb. ›Acht Punkte, elf Uhr bis zwei. Eine Unebenheit von bis zu zwei hundertstel Millimetern …‹ Und so weiter. Insgesamt fand er – so erinnere ich mich – elf Unebenheiten. Dann maßen er und mein Vater die Abweichungen mit dem exaktesten Mikrometer nach. Und verglichen die Tiefen und Höhen der Abweichungen, die sie jeweils gefunden hatten. Nun, es hat ja keinen Sinn, eine wissenschaftliche Tatsache zu leugnen. Sofern man dieses Kuriosum so bezeichnen kann. Schmidts Daten waren exakter als die meines Vaters.«

Ich stelle das Wermutglas auf den Tisch und sage – wobei der Satz mit mehr Begeisterung aus mir herauskommt, als ich vorhatte:

»Aber Herr Kelter, das ist genial!«

»Oh, kein Grund, so ein großes Wort zu benutzen. Von Genialität ist das weit entfernt. Aber auf seine Weise war es fast perfekt. Das schon. Wissen Sie, überträgt man diese Fähigkeiten, die er hatte, sagen wir, auf den Bereich der Musik, kann man sagen: Er hatte einfach ein absolutes Gehör, ein sehr absolutes Gehör. Nicht mehr, nicht weniger. Wissen Sie, ob Beethoven ein absolutes Gehör hatte? Sie wissen es nicht? Ich auch nicht. Denn es spielt keine Rolle. Zudem wissen wir beide, dass er später überhaupt nichts mehr hören konnte. Aber er war trotzdem noch Beethoven, nicht wahr? Also machen Sie aus den Fähigkeiten keine große Angelegenheit. Aber meinem Vater imponierte das natürlich sehr. Sehen Sie, er war ein Selfmademan, der sich seine Bildung erst im reifen Alter angeeignet hatte. Er war ein Praktiker alter Schule. Er hatte im Grunde dort angefangen, wo Schmidt seinerzeit steckte: in einem Einmannarbeitszimmer. Natürlich fing er wegen Schmidts Darbietung nicht an, von einem Bein auf das andere zu hopsen. Aber er sagte: ›Herr Schmidt, ich gebe zu, das ist ziemlich imposant …‹

Sehen Sie, ich sagte eingangs, dass mein Vater kein Gefühlsmensch gewesen sei. Sondern vor allem ein Geschäftsmann. Und im Allgemeinen traf das natürlich auch zu. Aber in seltenen Fällen machte er eine Ausnahme. Oder ein primitiver Gefühlsfunken in ihm machte eine Ausnahme, um genau zu sein. Nun, zum Beispiel schickte er jedes Jahr zu Weihnachten eine gewisse Summe an die Grundschule, die er als Junge besucht hatte. Und manchmal ließ er sich für wohltätige Zwecke erweichen, wenn ihn etwas an seine Kindheit als Waise oder an seine karge Jugend erinnerte. Und Schmidt schien eben solch ein Fall zu sein, der ihm seine eigenen Anfänge vor Augen führte. Schmidt war mit seiner souveränen Starrsinnigkeit natürlich anders als mein Vater – aber trotzdem gab es auch da gewisse Gemeinsamkeiten. Und verglichen mit meinem Vater war er ein relativ junger Mann, immerhin zwanzig Jahre jünger. Also war es möglich, dass Vater ihm gegenüber eine protektive Haltung entwickelt hatte. Außerdem waren Schmidts kümmerliche Lebensbedingungen augenscheinlich. Aber ebenso augenscheinlich war seine manuelle Begabung. Und zu allem Überfluss musste man seine Behinderung in die Gleichung miteinbeziehen. Für meinen Vater, mit seinem starken und etwas rücksichtslosen Charakter, gab sie Schmidt etwas, so stelle ich es mir vor, zugleich Abstoßendes und Faszinierendes wie ein verkrüppelter Vogel oder dergleichen. Jedenfalls hörte ich an der Stimme meines Vaters – als er Schmidts Darbietung als imposant bezeichnete –, dass er im Hinblick auf ihn ein wenig, nun, ich würde sagen, gerührt war.

Aber Schmidt selbst blickte sodann auf seine Taschenuhr aus Großvaters Tagen und sagte (ohne es für nötig zu halten, sich bei uns zu entschuldigen), dass er nun leider in Eile sei. Dass er aufgrund irgendeiner Verabredung um acht Uhr zu Hause sein müsse. Vater bedankte sich höflich bei ihm – für die außerordentlich interessante Gelegenheit, einen Blick auf seine Arbeit zu werfen, wie er sagte –, und wir traten gemeinsam auf die Straße. Wir gingen in die gleiche Richtung, er zu sich nach Hause und wir etwas weiter zu unserem Hotel in der gleichen Straße.

Vater ging vor Schmidt, und ich konnte ihr Gespräch wohl nicht richtig verstehen. Ich meine, dass Vater sich nach ein paar Details zu Schmidts Uranostat erkundigte. Schmidt erklärte etwas, Vater fragte nach, präzisierte seinerseits etwas, Schmidt rief: ›Nein, nein, nein …‹ und im selben Moment standen wir am Tor zu seinem Mietshaus. Schmidt sagte: ›Warten Sie, ich erkläre es Ihnen …‹, blickte sich ratlos um, und sprach:

›Nun kommen Sie schon mit hoch!‹

Wir stiegen die bekannte Treppe nach oben bis zur bekannten Tür. Als Schmidt die Tür aufschloss, und wir in dem nach Naphthalin riechenden Flur standen, ging eine Zimmertür auf, und die bekannte Frau mit den toupierten Haaren trat hervor. Zu Ihrer Freude, Herr Schriftsteller, fand ich in unserem Archiv ihren Namen. Mein Vater hatte vor unserer Visite in Mittweida von Schmidt irgendeinen Brief bekommen. Der zufälligerweise erhalten blieb. Zusammen mit dem Umschlag. Darauf steht c/o Knechtel. Schriftsteller denken ja bisweilen, dass neben all der Fantasterei derlei polizeiliche Details für sie von Bedeutung seien. Also bitte sehr: Frau Knechtel, Wilhelmstraße 6. Frau Knechtel trat hervor, soll heißen, in den Flur und teilte mit, dass Fräulein Johanna nach Herrn Schmidt gesucht habe und versprach, später zurückzukehren. Schmidt fragte:

›Sind die Kinder noch nicht gekommen?‹

Frau Knechtel sagte, nein, noch keine Kinder. Ja, ja, ausgerechnet Kinder. Bei dem eingefleischten Junggesellen Schmidt, bei dem Astro-Optiker Schmidt verkehrten Kinder! Da haben Sie eine fromme Szene, wie sie im Buche steht: Lasset die Kindlein zu mir kommen; denn solcher ist der Sternenhimmel – oder so ähnlich, nicht wahr? Ein wenig modifiziert – Sternenhimmel pro Himmelreich – das ist auch für Sie hinnehmbar, oder? Wie dem auch sei …« Herr Kelter verzeiht mir väterlich meine Kleinlichkeit in der Frage des Himmelreichs sowie meine übermäßige Sympathie für Schmidt, füllt unsere Gläser mit Wermut auf und fährt fort:

»Nun gut. Wir betraten Schmidts Zimmer. Es war erwartungsgemäß. Recht geräumig, aber natürlich spärlich möbliert. Und das muss ich sagen: Für einen Präzisionsarbeiter unglaublich unordentlich. Und wenn Sie vermuten, dass das Zuhause eines Mannes, dessen Arbeitszimmer nur fünf Minuten entfernt liegt, sich deutlich von selbigem unterscheidet, nicht unbedingt hinsichtlich seiner Ausstattung, sondern seiner Funktion, in dem Sinne, dass das Arbeitszimmer für die Arbeit, das Zuhause aber für Erholung und Gemütlichkeit gedacht ist, dann täuschen Sie sich gehörig. Was Schmidt betrifft jedenfalls. Sein Wohnzimmer war fast genauso sehr ein Arbeitszimmer wie sein Kegelkeller. Nur gab es dort keine Drehbank, keine Apparate und kein Regal mit Poliergläsern. Sondern bloß kahle, mit Entwürfen übersäte Wände, einen Zeichentisch und sogar eine Reihe auseinandergenommener Amateurteleskope und deren Teile, einen Tisch voller verstreuter Stapel aus Büchern, Skizzen, Zeichnungen und Berechnungen, und in der Mitte all dessen einen großen, recht abgewetzten Plüschsessel. Sowie ein von einem Paravent abgeschirmtes Bett.

Wenn ich mich recht erinnere, hat uns Schmidt zunächst keinen Platz angeboten. Er zog aus irgendeiner Schublade ein weißes Blatt Papier hervor, drückte es mit dem Stumpf seines rechten Arms gegen den Tisch und fertigte mit der linken Hand blitzschnell eine Skizze seines Uranostats an. Dann begann er, meinem Vater die Konstruktion von dessen Rotationsvorrichtung zu erklären. Ich folgte den Ausführungen zwischen den beiden stehend, denn ich wusste durch Vater über die kleinen Sensationen in diesem Bereich Bescheid – aber ein paar Spezialisten hatten geschrieben, dass es sich dabei um ein außergewöhnliches und unglaublich präzises Gerät handeln solle. Das Problem war in etwa folgendes: Ein Teleskop muss während des Beobachtens in Einklang mit dem Sternenhimmel rotieren. Der Himmel rotiert absolut gleichmäßig. Aber es ist verdammt schwer, ein Teleskop mit absolut gleichmäßiger Geschwindigkeit rotieren zu lassen. Das Objekt gerät früher oder später immer aus dem Fokus. Schmidts Uranostat löste das Problem auf lächerlich einfache Weise und erreichte eine praktisch absolute Gleichmäßigkeit hinsichtlich der Rotation des Teleskops.

›Und welches Prinzip haben Sie dafür gefunden?‹, fragte Vater.

›Ein Wasserreservoir mit Durchlauf‹, sagte Schmidt. ›Wenn der Wasserstand sich verändert, verändert sich die Geschwindigkeit. Wenn der Wasserstand gleich bleibt, bleibt auch die Drehung gleich. Das ist sehr einfach zu bauen.«

›Und diese Idee haben Sie tatsächlich‹, Vater hüstelte, ›wie man sich erzählt …‹

›Ja‹, sagte Schmidt, ›vom Spülkasten der Toilette.‹

Schmidt erklärte Vater, wie er mit seinem Apparat die Erdrotation und die daraus resultierende Eigenbewegung eines Objekts bestimmte, aber mir fiel auf, dass Vater ihm nicht mehr mit voller Aufmerksamkeit zuhörte. Dann verstummte Schmidt und Vater dankte ihm nochmals, wie er sagte, für den lehrreichen kleinen Vortrag, und dann fiel Schmidt auf, dass er seinen Gästen gar keinen Platz angeboten hatte. Er zeigte Vater den Sessel und holte hinter dem Paravent einen Hocker hervor, den er mir anbot, ehe ich einen anderen Hocker fand und ihm den ersten überließ. Wir saßen nun am mehr oder weniger leeren Ende des Tischs, und Vater stellte mit der selbstverständlichsten Miene die Flasche Korn auf den Tisch.

›Ich habe gesehen, dass das Ihre Marke ist. Könnten wir von Ihrer Wirtin vielleicht ein Tässchen Kaffee bekommen?‹

Ich erinnere mich: Schmidt war amüsanterweise einen Moment lang verlegen wie ein Kind. Er stammelte, dass die Dienstleistungen seiner Vermieterin nicht Bestandteil seines Mietvertrags seien und er diese bislang nicht beansprucht habe. Jedenfalls stand er widerwillig auf. Er wollte, oder vielmehr wollte er nicht zu ihr gehen, um sie nach Kaffee zu fragen. Aber Vater hielt ihn davon ab, das Zimmer zu verlassen, und sagte stattdessen:

›Herr Schmidt, wenn Sie erlauben, kümmere ich mich darum.‹

Vater ging in den Flur, und wir hörten durch den Türspalt, wie er mit der Wirtin sprach. Etwas, das in solchen Situationen wirkt. Dass er Professor Soundso aus Berlin sei. Dass er bereits am Nachmittag das Vergnügen gehabt habe, mit der Dame zu sprechen. Dass Herr Schmidt ein junger Kollege von ihm sei und ein sehr angesehener Mann. Und er, der Professor, wäre Frau Knechtel zutiefst dankbar, wenn sie Herrn Schmidt und seinen beiden Gästen ein Kännchen ordentlichen, starken Kaffee kochen würde. ›Nein-nein-nein, bitte nehmen Sie!‹ Offenbar hatte er der Dame ein wenig Geld in die Hand gedrückt. Und ob die Dame zusammen mit der Kanne vielleicht drei Tassen und drei Cognacgläser mit in Schmidts Zimmer bringen könne. ›Sie kennen doch Herrn Schmidt, Werteste. Er ist zu bescheiden. Er hat sich nicht getraut, selbst zu fragen.‹«

»Ich erinnere mich nicht«, fuhr Herr Kelter fort, »worüber die nächste Viertelstunde gesprochen wurde. Dann brachte Frau Knechtel jedenfalls auf einem Tablett die Kaffeekanne herein. Nebenbei bemerkt höchst erfreut und ergeben mit dem Hinterteil wackelnd.

Als sie gegangen war, öffnete Vater die Flasche und goss uns eigenhändig die Gläser voll. Nun, er ergänzte dies um ein paar angemessene Worte der Freude darüber, Schmidt kennengelernt zu haben, und beide tranken ihre Gläser leer. Aufgrund der Gegenwart meines Vaters befeuchtete ich mir nur die Lippen. Zu der Zeit war dies in guten Kreisen das Einzige, was ein Junge mit zwanzig Jahren tun konnte. Während Vater die Gläser wieder auffüllte, sagte Schmidt, dass er sich heute ausnahmsweise ein zweites Gläschen erlauben könne. Wie sich herausstellte, hatte er am Morgen desselben Tages dem Berliner Patentamt etwas geschickt, das rein gar nichts mit Astronomie zu tun gehabt habe – den Entwurf eines neuartigen Windmotors für Schiffe. Vater äußerte, dass Flettner bereits etwas Ähnliches gebaut habe, doch Schmidt verkündete äußerst selbstbewusst, dass sein Motor von Grund auf anders sei und deutlich besser als der von Flettner. Ich erinnere mich, wie er sagte, dass Prandtl persönlich der Konstruktion ein glänzendes Zeugnis ausgestellt habe. Aber er fügte beinahe grinsend hinzu:

›Das Patent werde ich natürlich nicht bekommen. Es ist bereits mein achter Versuch, bislang …‹«

Herr Kelter kehrt aus seinen Erinnerungen zurück ins Jetzt und erklärt: »Vielleicht haben Sie herausgefunden, wofür er diese Patente einholen wollte. Ich weiß es jedenfalls nicht genau. Über eines hatte er jedenfalls Verhandlungen mit Junkers geführt: ein Teleobjektiv für Kartierungsflüge. Ein anderes war offenbar ein Gastroskop, ein elastisches Instrument für Mediziner. Der Patient müsste es herunterschlucken, damit der Arzt ins Innere des Magens sehen könnte. Das dritte war eine Art Präzisionsschraube. Das vierte natürlich sein Uranostat. Das fünfte – nun, ich weiß gar nicht, ob er dafür überhaupt ein Patent beantragt hatte. Wohl kaum. Es war sein, wie soll ich sagen, Wohnungsperiskop. Aber nicht zum Durchs-Dach-Spähen, sondern um durch den Boden zu schauen. Nein, nein, nein, nicht für den Polizeigebrauch, haha. Sein Verhältnis zur Polizei war eher schlecht. Das Periskop hatte ein gewiefter Bauer aus Frankenau bei ihm bestellt, der vom Schwarzbrennen reich geworden war. Aus irgendeinem seltsamen Grund lebte er unter dem Dach seines Kuhstalls. Schmidts Apparat erhöhte ein Stück weit seinen Komfort. Er schaltete nachts in seinem Zimmer über dem Stall die Lichter ein und schaute durch den Apparat, der auf dem Nachttisch stand, richtete das Periskop links und rechts auf den Stall und sah alle zwanzig Kühe, wie sie kauten, schliefen, auf der Seite lagen und kalbten, ein vollständiger Überblick, ohne dass sich der Landwirt aus dem Bett hätte erheben müssen. Abgesehen von dem Uranostat handelte es sich dabei vermutlich um das einzige von Schmidt nach dem Krieg gefertigte Gerät, für das er Geld bekommen hatte. Und aus Verbitterung sagte er:

›Ich befürchte, selbst wenn ich für meinen Windmotor ein Patent bekomme, werden die Einnahmen ebenso mager sein wie bei den anderen sieben, für die ich keines bekommen habe. Denn dafür gibt es auch nicht mehr Käufer als für meinen astronomischen Kram.‹

Vater reminiszierte: ›Ja, Herr Schmidt, Ihre Erfahrung ist exakt die gleiche, die ich in jungen Jahren machen musste: ein Erfinder, der die Unabhängigkeit mehr braucht als alles andere, ist auf lächerlichste Weise abhängig von Zufällen. Das ist tragisch. Ich weiß.‹

Schmidt sah Vater lange und, wie mir schien, beinahe verdutzt in die Augen, steckte sich eine Zigarre an und sagte:

›Ich erwäge jedenfalls ernsthaft, ob ich nicht mein ganzes Gerümpel auf dem Flohmarkt verscherbeln und ein neues Leben beginnen soll.‹

Mich hätte interessiert, wie dieses neue Leben hätte aussehen können (und auch für den Autor wäre dies eine wertvolle Information gewesen), aber wenn ich mich recht erinnere, blieb das unausgesprochen. Denn Vater sagte plötzlich: ›Herr Schmidt, ich habe einen Vorschlag für Sie. Arbeiten Sie doch für die Firma Kelter.‹«

Herr Kelter junior nimmt eine Mandel aus der Kristallschale auf dem Tisch, die erste während unseres Gesprächs, und steckt sie sich in den Mund:

»Vaters Vorschlag kam für mich völlig unerwartet und deshalb kann ich mich sehr gut an den Moment erinnern. Ich war ja der zukünftige Chef der Firma. Und ich erinnere mich, dass mich der Gedanke an Schmidt im Dienste der Firma störte. Nicht etwa, weil er eine zu große Autorität gewesen wäre, wie Sie vielleicht annehmen. Sondern schlichtweg deshalb, weil ich seine Eigensinnigkeit spürte. Und natürlich hatte er im Bereich der Optik mehr erreicht als ich zu der Zeit. Also war mir eine gewisse Rivalität nicht ganz fremd. Ich erinnere mich, dass Schmidt auf Vaters Vorschlag hin den Arm in die Luft streckte, so wie zuvor, als er Vaters Einladung zum Abendessen ablehnte, oder als ob er mit seinen fünf Fingern die Aufmerksamkeit auf etwas richten wollte – und genau in diesem Moment klopfte Frau Knechtel an die Tür und gab Bescheid, dass die Kinder nun gekommen seien.

Hinter der Dame standen drei oder vier kleine Rotzlöffel, wissen Sie, ungestüme Grundschüler zwischen zehn und zwölf, zudem noch schlecht erzogen … Statt infolge der Mitteilung der Hausdame – Herr Schmidt hat Gäste aus Berlin! – still zu verschwinden, verlangten sie, mit Onkel Bernhard zu sprechen: Sie hätten eine Verabredung mit Onkel Bernhard. Und Onkel Bernhard ging ihnen beileibe nicht mit gutem Beispiel voran. Statt die Kinder nach Hause zu schicken, sich bei uns zu entschuldigen und Vaters äußerst ernstzunehmenden Vorschlag abzuwägen, rief er die Kinder hinein und entschuldigte sich fast schon bei ihnen, verstehen Sie: Seht her, Jungens, ich habe gerade Gäste, aber wir klären unsere Sache trotzdem.

Wie sich herausstellte, organisierte Schmidt für Schulkinder aus Mittweida und Umgebung ›Einführungen in die Sternkunde‹. Und nebenbei – nicht gegen Bezahlung, sondern ›um ihre Kenntnis der Astronomie‹ zu verbessern. Also genau wie ich sagte: Lasset die Kindlein zu mir zu kommen, zum astronomischen Christus unseres Jahrhunderts.

Er vereinbarte mit seinen Jüngern, dass sie sich um zehn Uhr versammeln würden – beachten Sie, es war schon nach halb neun, somit gab er meinem Vater und dessen Vorschlag (von mir ganz zu schweigen) etwas über eine Stunde Zeit. Die Jünger sollten um zehn Uhr zusammenkommen – nein, nicht im Garten von Gethsemane, sondern am Tor zu Hetzgers Garten. Er würde ihnen dort die Ringe des Saturn zeigen. Wenn ich mich richtig erinnere.

Und als diese kleine oder im Grunde recht große Unverschämtheit vorüber war, die Jungen gingen und Vater auf seinen Vorschlag zurückkam – denn er war beharrlich, und hatte er sich etwas in den Kopf gesetzt, kam er darauf zurück –, erhielt er immer noch keine Antwort. Denn genau in dem Moment marschierte Schmidts Fräulein klopfenderweise, aber ohne eine Reaktion abzuwarten, herein.«

»Oh!«, ich kann einen Aufschrei nicht unterdrücken, »Sie sind also Johanna begegnet! Was für ein Geschenk, dass ich jetzt hören darf, welchen Eindruck Sie von ihr hatten …«

»Ich weiß nicht recht«, sagt Herr Kelter, »welche Rolle diese Frau in Schmidts Leben gespielt hatte. Wir hörten – oder vielmehr wir hatten gehört –, dass Schmidt während seiner ersten Jahre in Mittweida trotz seiner Behinderung ein ziemlicher Schürzenjäger war. Ob trotz oder gerade wegen seiner Behinderung werden wir nie genau erfahren. Später und auch zu der Zeit, als Vater und ich Mittweida besuchten, war die junge Dame offenbar seine nichteheliche Frau. An ihren Familiennamen erinnere ich mich leider nicht«, Herr Kelter lächelt entschuldigend, »Herr Schmidt hat uns ihre Adresse nicht geschickt und im Firmenarchiv ist sie auch nicht. Welchen Eindruck ich von ihr hatte? Nun, eine kurvige Brünette mit rosigen Wangen. Damals war sie vielleicht fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Jahre alt. Und ein bisschen zu groß für Schmidt. Fast so groß wie er. Für damalige Verhältnisse ungewöhnlich groß. Heute würde sie damit in keiner Basketballmannschaft aufgenommen werden. Ein nettes, lebhaftes Mädchen, das ein billiges blaues Kostüm und etwas abgelaufene Straßenschuhe trug. Mit niedrigen Absätzen, sicher wegen Schmidt. Aber an sich würde ich sagen: eine ganz und gar gewöhnliche Frau. Eine Tippse aus der Kommunalverwaltung oder so was. Wissen Sie, viele außergewöhnliche Männer hatten ganz gewöhnliche Frauen.«

Herr Kelter sieht mir in die Augen. Er verfolgt meinen Gesichtsausdruck wie ein triumphierender alter Fuchs und reckt lehrerhaft einen Finger in die Luft. »Nein, nein, schließen Sie daraus nicht, dass ich mit Fräulein Johannas Gewöhnlichkeit Schmidts Außergewöhnlichkeit verstärken möchte. Viele außergewöhnliche Männer hatten gewöhnliche Frauen – aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist, dass wirklich auch nahezu alle gewöhnlichen Männer gewöhnliche Frauen haben. Wie dem auch sei. Ich erinnere mich nicht mehr, weshalb Johanna vorbeikam. Ich meine, dass sie Schmidt sein Abendessen brachte, irgendeine Kohlsuppe oder dergleichen. Wichtiger ist vielleicht mein Eindruck, wie sich Schmidt ihr gegenüber verhielt. Nein, nein, ganz normal natürlich. Er stellte uns sogar vor. Aber während Johannas halbstündiger Anwesenheit hatte Schmidts Verhalten etwas jungenhaft Ungehaltenes. Er schämte sich vor uns Fremden wie ein Dreikäsehoch über Johannas Erscheinen und gleichzeitig schien er über ihr Kommen eine, wie soll ich sagen, mit Unzufriedenheit vermischte Freude zu spüren. Wobei das Mädchen ihn, so schien mir, mit mütterlichem Stolz behandelte, einem besorgten mütterlichen Stolz. Wie ein schlaues Kind. Das die Mutter natürlich für außergewöhnlich schlau hält. Wie alle Mütter. Johanna trank mit uns eine Tasse Kaffee, doch Schnaps lehnte sie ab. Ja, mir kam es vor, als hätte Schmidt beim Erscheinen der Schulkinder ein wenig vor uns geprahlt, ohne Worte, selbstverständlich. Aber Johanna verunsicherte ihn irgendwie. Während die junge Frau selbst damit prahlte – recht dezent, muss ich sagen, aber dennoch –, wie zu Hause sie sich bei ihrem Schmidt fühlt und überhaupt wie wohl mit ihm. Trotz aller vermeintlicher Feinfühligkeit wirkte das, so erinnere ich mich, ein klein wenig sentimental. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen. Aber all das war nur ein flüchtiger Eindruck. Den ich im Gespräch mit Ihnen aufgewärmt habe. Dann ging die junge Frau ihres Weges und ich sah sie nie wieder. Und einige Jahre später verschwand sie auch aus Schmidts Leben, soviel ich weiß, als Schmidt zunächst vorübergehend und schließlich dauerhaft nach Hamburg zog. Nun ja. Dann waren wir wieder zu dritt in Schmidts Mittweida-Zimmer und Vater kam ein zweites Mal auf seinen Vorschlag zurück:

›Herr Schmidt, ich warte immer noch auf Ihre Antwort.‹

Die Verzögerungen hatten Schmidt Zeit gegeben, seine Antwort abzuwägen, sodass er augenblicklich die Karten auf den Tisch legte. Nebenbei hatte ich den Eindruck, dass er auch sonst ein wortkarger Mensch war, vielleicht nicht so wortkarg, wie der Mythos es will, aber seine Worte waren wohl formuliert und äußerst schnell ausgesprochen. Er sagte:

›Ich stimme unter einer Bedingung zu. Die Firma bezahlt mir zweihundert Mark im Monat …‹

Vater unterbrach ihn: ›Zweihundertfünfzig.‹ Woraus ich überrascht schlussfolgerte, wie sehr er daran interessiert war, Schmidt für sich zu gewinnen. Schmidt wiederholte:

›Zweihundert Mark, aber mit dem Status eines freiwilligen Mitarbeiters. Die Firma stellt keine konkreten Anforderungen an mich.‹

›Wie habe ich das zu verstehen?‹, wunderte mein Vater sich. ›Das wäre ja recht ungewöhnlich. Solche freiwilligen Mitarbeiter, wie Sie sagen, gibt es in meiner Firma nicht. Sie bekommen zweihundertfünfzig Mark im Monat und einen Posten als Junioringenieur. Und wenn Sie eingearbeitet sind, die Aussicht auf eine Stelle als Senioringenieur und dreihundert Mark im Monat. Ungeachtet dessen, dass Ihr Ingenieursdiplom lediglich vom Technikum in Mittweida ausgestellt wurde.‹

›Nein‹, sagte Schmidt, ›ich werde in keiner Weise Verantwortung für die Produkte von Kelter übernehmen.‹

›Warum?! Sind die Produkte von Kelter Ihnen nicht gut genug?!‹, fragte Vater schockiert.

›Wollen Sie das wirklich wissen?‹, fragte Schmidt zurück.

›Unbedingt will ich das wissen!‹, rief mein Vater, ohne sich provozieren zu lassen.

Schmidt sagte: ›Nun gut. Wenn es um mechanische Schliffe geht, gehört Kelter zu den besten Firmen. Aber alle Firmen mit ihren Michels und anderen Bänken sind in Hinblick auf Feinschliffe Graupenmühlen. Ich wäre bereit, mit Ihnen Folgendes zu vereinbaren: Ich arbeite weiterhin selbständig. Aber im Laufe eines Jahres würde ich mir von Ihren Aufträgen ein bis zwei angemessene Dinge aussuchen und erledigen. Unter dem Markennamen Bernhard Schmidt bei Kelter. Und dafür bezahlen Sie mir zweihundert Mark im Monat.‹

Vater schrie auf: ›Das heißt ohne jegliche Verpflichtungen Ihrerseits und ohne Kontrolle seitens der Firma?!‹

Schmidt sagte: ›Mit dem nötigen Vertrauen beider Seiten.‹

Mein Vater schwieg und verkniff sich, Schmidt zur Hölle zu schicken und lachte:

›Herr Schmidt – normale Verpflichtungen, Disziplin, ein Arbeitstag mit acht Stunden. Als Markenname Kelter. Aber der Titel Chefkonstrukteur und vierhundert Mark im Monat.‹

Ich sah, wie Vater mit der Zunge winzige Schweißtropfen vom Rand seiner Oberlippe leckte und Schmidt mit verengten Augen ansah.

Schmidt schüttelte den Kopf. Und wissen Sie, mir scheint, dass dieser Flegel die Situation genoss. Als ich vor unserer Fahrt auf Geheiß meines Vaters ein paar Informationen über Schmidt sammelte, erzählte man mir, dass er vor dem Krieg sonntags hin und wieder nach Dresden gefahren sei, um auf Pferde zu wetten. Vor dem Krieg hatte er manchmal Geld übrig. Kurz gesagt musste er tief in sich eine Spielernatur sein. Und da kam es mir augenblicklich vor, als zuckte in seinem kleinen roten Schnauzer eine Art wilde Spielfreude auf. Umso mehr stieg mein Vater auf das Spiel ein:

›Fünfhundert Mark im Monat!‹

Schmidt schüttelte den Kopf. Ich trat meinem Vater unter dem Tisch auf den Fuß. Er befreite seinen Fuß und schob meinen davon. Vielleicht hatte ich geahnt, dass in ihm die Möglichkeiten zu derartigen elementaren Impulsen, sich selbst zur Geltung zu verhelfen, stecken, aber nie zuvor hatte ich so etwas erlebt. Vater rief:

›Verdammt nochmal – was denken Sie eigentlich, wie viel Sie wert sind?‹ Und als ich versuchte, ihn am Ärmel zu zupfen, brüllte er mich an: ›Nein! Versuch nicht, mich zu belehren! Ich will ein für alle Mal wissen, was dieser junge Mann (beachten Sie, dass er Schmidt in seiner Wut als jungen Mann bezeichnete) von sich hält. Sechshundert!‹

Schmidt schüttelte den Kopf. Und Vater rief: ›Neunhundert!‹

Vielleicht kann der Herr Schriftsteller einen feinen psychologischen Grund finden, weshalb mein Vater zwei Hunderterschritte übersprang, aber nicht bis Tausend ging. Ich war mir sicher, dass Schmidt zum fünften Mal den Kopf schütteln würde. So sicher, dass ich nicht einmal zu ihm sah. Ich betrachtete nur peinlich berührt Vaters rot angelaufenes und verschwitztes Gesicht. Er litt schon damals unter starkem Bluthochdruck. Und dann, stellen Sie sich vor, sagte Schmidt plötzlich ganz ruhig, aber äußerst vorsichtig:

›Einverstanden.‹

Ich dachte mir: Setzt dieser verdammte Flegel in allem Ernst darauf, dass Vater ein preußischer Ehrenmann alter Schule ist, der sein Wort hält? Er konnte davon ausgegangen sein, dass Vater aus einem Anflug von Wahnsinn sein Wort halten würde. Und nicht einmal ich wusste es – vielleicht würde Vater sich daran halten –, und in diesem Fall wäre Schmidt wirklich ein Schurke gewesen. Aber nein. Zu meiner Freude erwies sich mein Vater als etwas flexibler, als ich befürchtet hatte. Wissen Sie, seine Erfahrungen in Amerika haben ihm sehr geholfen. Er blieb nur drei oder vier Sekunden stumm. Dann brach er in Gelächter aus und sagte, mit beinahe gefasster Stimme:

›Hören Sie, Schmidt.‹ Er sagte: Hören Sie, Schmidt. Er hatte das Herr vergessen. Daran wurde auf verblüffende Weise deutlich, wie sehr er sich darüber ärgerte, dass er im Namen der Vernunft zu diesem Selbstbetrug gezwungen war. ›Hören Sie, Schmidt. Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, dass mein Angebot ernst gemeint war?! Hahaha!?‹

Und ich muss sagen, Schmidt war nicht blöd. Er erwiderte mit einem trockenen Lachen:

›Nein, Professor. Sie dachten doch nicht wirklich, dass ich Ihr Angebot ernsthaft annehmen würde?! Dass Sie meine Unabhängigkeit erkaufen könnten – für neunhundert Mark im Monat?!‹«

»Nebenbei«, ergänzt Doktor Kelter, »beachten Sie Folgendes: Er hielt es nicht für nötig hinzuzufügen, dass es natürlich eine Schweinerei ohnegleichen gewesen wäre, neunhundert Mark im Monat einzustecken – sofern mein Vater sich wirklich darauf eingelassen hätte. Aber Schmidt sagte offenbar die Wahrheit, als er bestätigte, dass er das Angebot meines Vaters nicht ernsthaft in Betracht gezogen hatte. Er hatte es womöglich gesagt, weil er wissen wollte, wie mein Vater reagieren würde. Aber mein Vater, dieser gutherzige alte Narr, flunkerte natürlich. Als er sagte, sein Angebot sei ein Scherz gewesen. Denn zumindest in dem Moment, in dem er neunhundert Mark herausbrüllte, war er bereit, Schmidt die Summe zu bezahlen.«

»Nun«, Doktor Kelter trinkt Wermut auf seine Mandel. »Wie ich mich erinnere, tranken wir danach keinen Schnaps mehr. Vater blickte auf die Uhr und erklärte das Gespräch für beendet, Herr Schmidt könne nun los zu seinen Jüngern. Schmidt war damit unhöflicherweise augenblicklich einverstanden, und wir verabschiedeten uns voneinander. Noch am selben Abend fuhren wir zurück nach Berlin, und ich sah Schmidt mehr als zehn Jahre nicht mehr.«

Ich sage: »Aber dann trafen Sie ihn noch einmal in Bergedorf?«

»Ja, einige Monate vor seinem Tod.«

»Und wann kann ich Ihre Eindrücke von dieser Begegnung hören?«

»Hmm. Rufen Sie mich nächste Woche an.«

»Vorab noch eines: Zu dieser Zeit hatte er ja schon längst sein komafreies Teleskop erfunden. Sagen Sie: Müssen Sie in Anbetracht dieser Erfindung nicht zugeben, dass er ein Genie war?«

»Großer Gott«, rief Doktor Kelter ein wenig eitel, »warum belästigen Sie mich schon wieder mit diesem Wort?! Nun gut. Ich gebe zu: Er war genial. Sagen wir in seinem Fall nicht in dem Sinn wie ein blindes Huhn, das ein Korn findet, sondern wie ein einäugiger Hahn, der pickt und pickt und pickt, bis er einen Diamanten findet. Hahahahaa …«

3

Ich sollte an meine Platte denken. An meine Korrekturlinse, auf deren Konstruktion ich mich gestürzt habe, sobald ich von Cebu zurückgekehrt war und den Koffer in die Ecke sowie den Mantel auf den Garderobenhaken geworfen hatte. Ich kam die Treppe heruntergelaufen, machte vor mir die Tür des Arbeitszimmers auf und schloss sie hinter mir wieder ab und atmete die Kühle des Ölfarben- und Linoleumgeruchs meines Kellers ein. Ich hatte das Gefühl, ein Delfin zu sein (ich habe sie mir bei Hagenbeck regelmäßig in ihren Glaskästen angeschaut), ein Delfin, der bis zum Ersticken lang durch staubige Luft, die nicht zum Einatmen taugte, geschleppt worden war und endlich hierher zurückhuschen konnte – hierher, in sein heimisches Bassin. Ins Wasser. In sein eigenes Wasser.

Drei Wochen lang kam ich nur für vier, fünf Schlafstunden aus dem Wasser. Einen Happen zu essen und Zigarren brachte mir jemand aus der Werkstatt. Dusche und WC waren Gott sei Dank auch hier unten.

Einmal, das war vor dem Krieg und bevor ich Johanna kennengelernt hatte, wohnte ich in Dresden zufällig dem Vortrag eines Dichters bei. Ich weiß nicht mehr genau, wie er hieß, Hasenjäger oder so. Ebenso wenig weiß ich, wie ich dahin geraten bin. Irgendein Blaustrümpfchen muss mich da hingeschleppt haben. Jedenfalls handelte der Vortrag von der »Inspiration«. Natürlich aufgeblasen und leicht grotesk. Ein Winzling mit langen Haaren und einer großen schwarzen Fliege. Wie der Italiener, der hier bei uns im Gojenbergsweg Eis verkauft. Der Dichter erläuterte theatralisch, dass die poetische Idee an dem einen Ende göttliche Eingebung sein müsse und am anderen Ende, so ungefähr, eine nietzscheanisch übermenschliche Eingebung – so hat er sich wörtlich ausgedrückt. Rein äußerlich betrachtet war es einfach peinlich, anwesend zu sein und sich das anzuhören. Aber ein Fünkchen Wahrheit enthielt es doch. Auch was die Geburt einer technischen Idee betraf. Auch die Geburt einer technischen Idee ist nicht durch und durch rational, wenigstens braucht sie das nicht immer zu sein. Oder engen wir diese Behauptung im Interesse der Wahrheit noch weiter ein: Die Geburt meiner technischen Ideen ist nicht immer durch und durch rational.

Ich habe keine Ahnung, was echte Wissenschaftler zu diesem Geständnis sagen würden. Die ernstzunehmendsten unter ihnen müssten es zugeben. Ich glaube, dass aus ihrer eigenen Erfahrung – und da ist plötzlich wieder dieses erschreckende Gefühl, dieses beklemmende Gefühl: Woher nehme ich denn diesen Glauben? Dass wahre Wissenschaftler so wie ich denken?! Wer bin ich neben wahren Wissenschaftlern? Oh, ich weiß es doch, und wer mich nur ein wenig kennt, weiß es ebenfalls: ein halb-, ein viertelgebildeter Dorfjunge. Jawohl, mit dem unbestechlichen Blick eines Außenstehenden: ein ewiger Dilettant. Ein auswegloser Dilettant, eine Maus im Käfig ihres eigenen Dilettantismus, die keineswegs vom außerordentlichen Reichtum ihrer technischen Ideen getrieben wird – was für Ideen soll ich denn haben können, da ich nicht über genügend Kenntnisse, beispielsweise mathematisches Wissen, verfüge, um mich in sie zu vertiefen, da alle meine Ideen pure Ahnungen eines Autodidakten sind, Früchte des krankhaften Eifers eines ewigen Dilettanten, alle, bis auf die rein manuelle Exaktheit, bis auf die ehrgeizige Sorgfalt?! Und die Triebfeder dieser Sorgfalt ist nicht etwa der Druck der Ideenfülle (wie einige meiner Freunde, die genauso halbgebildet sind wie ich, mir einzureden versuchten), sondern einzig und allein meine physische Versehrtheit? Und ewiger Dilettant – mein Gott, das ist sogar ein dokumentiertes Faktum. Das habe ich so real hier in der Schublade liegen, dass ich sie gar nicht aufzuziehen brauche, um nachzuschauen, in schöner technischer Schrift auf einem Bogen Velinpapier, vergilbt, aber unauslöschlich: Hiermit wird feierlich bezeugt, dass der Studierende des Mittweidaer Technikums Bernhard Schmidt im Wintersemester 1901 zum vollberechtigten Ehrenmitglied des Technischen Dilettantenclubs daselbst angenommen worden ist. Ist das übrigens die einzige Organisation, der ich beinahe angehört habe? Und die einzige Qualifikation, die ich jemals erlangt habe – bloß ein Scherz?

Aber ich sollte an meine Platte denken. Denn ich habe sie jetzt: eine Platte aus französischem Glas mit beinahe idealen Eigenschaften, die beinahe ideal geschliffen ist. Genauer gesagt, eine Linse. Wie die rettende Eisscholle (auf der ich einmal als Zehnjähriger durch die Eissuppe bei der Kapellenlandzunge ans Ufer gelangte, sie war allerdings eher trapezförmig und kaum durchsichtig), meine Korrekturplatte wie die rettende Eisscholle, auf der man durch die Eissuppe des selbstzerstörerischen Zweifels treiben kann … Das weiß Gott allein. Aber zurück zur Rationalität und Irrationalität des Entstehens dieser Plattenidee.

Ich erinnere mich deutlich an die beiden Phasen dieser Idee. Genauer gesagt zwei Geistesblitze. Der erste war der, den das nasse und auf Druck des Sturmes trocknende Bullauge auf der Andamanensee ausgelöst hatte. Ich verstand, begriff, erkannte (ich weiß nicht, was es war), ich wusste plötzlich, dass die Linse oder eben beinahe Platte, die die Aberration beseitigen konnte, ein paar Millimeter dick sein musste. (Übrigens war die trapezförmige Eisscholle, die mich bis zur Kapellenlandzunge trug, relativ betrachtet nicht dicker.) Und ich wusste mit einem Mal auch, wie ihre Oberfläche beschaffen sein musste. Ich konnte es noch nicht mathematisch formulieren, aber die Erkenntnis war so deutlich, dass ich sogar Baade davon erzählte, als er sich von seiner Seekrankheit erholt hatte. Es kam ziemlich selten vor, dass ich etwas Derartiges sofort an einen Kollegen ausplauderte. Natürlich war das die Frucht von langer, möglicherweise jahrelanger und teilweise im Unterbewusstsein stattfindender gedanklicher Arbeit gewesen, deren Elemente sich aufgrund eines zufälligen äußeren Impulses blitzartig vereinigten. Wobei die Logik dieser Vereinigung – ich unterstreiche das gegenüber allen reinen Rationalisten –, die Vereinigungslogik selbst außerhalb des Bewusstseins stattfand. Ich weiß nicht, ob unter- oder oberhalb des Bewusstseins. Aufgrund einer ziemlich kleinen, ziemlich relativen, aber eben doch vorhandenen Sympathie für die gemäßigten Inspirationsvergötterer ziehe ich es vor zu glauben, dass es oberhalb war. Wenn das etwas bedeutet.

Der zweite Geistesblitz erfolgte hier, in meinem Keller. Anderthalb Tage nachdem ich mich hingesetzt, eine Zigarre angezündet und mir ein weißes Blatt Papier vorgenommen hatte. Da loderte in meinem Bewusstsein plötzlich wieder etwas auf, was sich im Laufe der Monate meiner Philippinenreise stockend weiterentwickelt und dann, teilweise wiederum auf dem Niveau des Bewussten, sicherlich hauptsächlich auf dem Niveau des Bewussten, aber teilweise eben auch auf einem anderen Niveau fortgesetzt hatte. Plötzlich wusste ich: Die Profilseite meiner Korrekturplatte musste zu einer Rotationsoberfläche geschliffen werden, deren Meridiankurve einer Parabel vierter Ordnung entspräche.

Jetzt kann ich sagen:

Eine solche Platte habe ich vorgestern Nacht fertigbekommen. Eine solche Platte gibt es jetzt auf der Welt. Danach schlief ich zwölf Stunden. Bloß löst die Existenz einer solchen Platte nicht annähernd das Problem. Obwohl ich sie kontrollierte: Sie funktioniert. Ich montierte sie auf unserer Sternwarte oben auf das Teleskop mit der 30-Zentimeter-Öffnung und machte fünf Fotos. Zum Glück war Sonntag. Ich holte mir die Schlüssel zum Labor und entwickelte die Aufnahmen selbst. Einfach um die Laboranten nicht in Verwirrung zu bringen. Ich muss sagen: Trotz meiner kindischen Neigung, maximale Hoffnungen zu hegen (und dahinter auf einer anderen Ebene randvoll mit Pessimismus zu sein), sind die Bilder besser geworden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Das völlig undeformierte, vollkommen komafrei abgebildete Himmelsrund war sechzehn Grad breit. Ich erahne unendliche Möglichkeiten, wahnsinnige Möglichkeiten. Bloß selbst wenn die Frage gelöst ist, ist es doch keine richtige Lösung. Denn wenn ich das Uneingeweihten erzählen würde, klänge es einerseits wie dämliche Prahlerei, andererseits wie sinnloses Gejammer. Doch genauso verhält es sich mit der Sache. Nur zwei, drei, die wirklich Bescheid wissen, würden es glauben. Schorr zum Beispiel, der meine Arbeit lange genug und nah genug beobachtet hat.

Die Sache ist die, dass die Platte, die ich fertig geschliffen habe, so minimal von einer Platte mit planer Oberfläche abweicht, dass sie bei der Herstellung eine teuflische Exaktheit erfordert. Der Herr möge mir verzeihen, aber es ist wahr: Wenigstens momentan ist außer mir niemand auf der Welt in der Lage, eine solche Platte anzufertigen. Das Problem ist nicht das Wissen, sondern die technische Fähigkeit zur Herstellung. Niemand verfügt über die notwendige Empfindsamkeit und Genauigkeit.

Deswegen sollte ich also an meine Platte denken. Solange ich kein vereinfachtes Verfahren zu ihrer Herstellung entwickelt habe, das technisch allen zugänglich ist, bin ich ein Hexenmeister, dem niemand glaubt, weil seine Hexerei nicht im Labor wiederholbar ist.

Ach, verdammt, verdammt, ich müsste an meine Platte denken, aber ich kann es nicht. Jetzt, da es sie gibt, verschließt sie mein Bewusstsein nicht mehr vor ebendieser anderen Frage.

Ich dachte, der anderen Frage auf die alte, brutale und deprimierende, aber einfache Weise zu entkommen. Ich setzte mich in die Straßenbahn und fuhr zur Reeperbahn.

Ich erinnere mich daran, wie ich vierundzwanzig, als ich aus dem Inflationsirrenhaus Deutschland nach Hause gefahren war und auf Naissaar das Ende dieses Wahnsinns abwartete, von dort ab und an nach Tallinn fuhr. August war von seiner Fernreise in die Heimat zurückgekommen und gesellte sich im Herbst für einige Zeit zur Familie auf Naissaar. Als ich mich wieder mal zum Hafen aufmachte, um mich vom alten Küün mit dem Motorboot in die Stadt bringen zu lassen, zeterte August im Beisein der anderen Hausbewohner, dass unser Bernhard in Tallinn eine feste Braut haben müsse, wenn er so regelmäßig und treu und ungeachtet des schlechten Wetters den Weg zur Stadt auf sich nehme. Ich brummte daraufhin, augenscheinlich ein bisschen prahlerisch und lauter als nötig: »Was heißt hier Braut. Reguläres Flintenputzen, weiter nichts.«

Ich fasste das als rein mechanische Angelegenheit auf. Und erledigte sie bei der Kellnerin einer Damenbar in einem alten Haus in der Kompass- oder Hahnenstraße ohne psychische Komplikationen. Ich sage ohne trotz der Tatsache, dass ich damals Johanna schon kannte. Aber auf einem solchen Niveau konnte mich unsere Bekanntschaft noch nicht binden. Oder hätte sie es doch können? Oder gar müssen? Wenn ich ein Mann von ernsthafterem Charakter gewesen wäre? Von reinerem Charakter? Hm.

Johanna war noch eine kleine Krabbe, als wir uns kennenlernten. Gut, keine Krabbe, aber doch kaum siebzehn Jahre alt, soweit ich mich erinnere, und in der Prima des Gymnasiums von Mittweida.

Ich war zurück aus dem Internierungslager. Seit einem Jahr in Mittweida. Wo hätte ich sonst hingehen sollen? Der Krieg war zu Ende. Waffenstillstand war geschlossen. Der Kaiser nach Doorn geflohen. Der Aufstand in Berlin war vorüber. Aber die alte Welt war doch kaputt. Nur einige ihrer Elemente waren noch da. So wie mein Zimmer bei Frau Knechtel. Ich hatte meinen Unterschlupf an meinem vertrauten Ort und versuchte, mich an die neuen Sorgen zu gewöhnen. Zwischen dem Anstehen für Brot und dem Anstehen für Kartoffeln (Anstehen für Fleisch erübrigte sich, da es kein Fleisch gab und ich ohnehin Vegetarier bin) musste man sich etwas ausdenken, um sich das ständig wertloser werdende bisschen Geld zu verdienen, mit dem man sich anstellen konnte. Was das Interesse der Menschen oder Einrichtungen an der Astro-Optik betrifft, hatte ich zeitweise das Gefühl, diesem Interesse einst in einem lächerlichen Traum begegnet zu sein. Also reparierte ich für Geld alle möglichen Geräte, ein paar Kinematografen, ein paar Chronometer, ein paar Amateurmikroskope (Amateurteleskope gab es meines Wissens zur damaligen Zeit in Mittweida nicht) und ein ziemlich großes Schulmikroskop. Gleichzeitig holte ich meine eigenen Beobachtungsinstrumente aus den Kisten von Frau Knechtels Dachboden, sie hatten den Krieg gut überstanden, und Gärtner Hetzger, ein freundliches Väterchen, gestattete mir, sie erneut auf seinem Grundstück aufzustellen. Von meinen zwei Beobachtungshütten hatte er nur eine in der Zwischenzeit zu Anmachholz für den Herd verarbeitet, damit er sich seinen Ersatzkaffee kochen konnte, die zweite war noch da. Wegen des Mikroskops, das im Mädchengymnasium im Naturkundeunterricht verwendet wurde, besuchte ich auf Einladung des Lehrers die Schule. Die heutigen Abiturientinnen waren noch kleine Mädchen, als ich sie das letzte Mal auf den Straßen von Mittweida herumspringen sah, und ich kannte sie weder damals noch jetzt. Aber in so einer kleinen Stadt schien sich so manche an den damaligen Linsenschmidt zu erinnern. Möglicherweise war das eine oder andere Mädchen als Grundschülerin in meine Himmelskundestunden geraten. Jedenfalls kamen jetzt drei mir völlig wildfremde Täubchen aus der Abschlussklasse zu Frau Knechtel, um das von mir reparierte Mikroskop wieder in die Schule zu schleppen, und fragten, ob ich nicht bereit wäre, ihrer Klasse in Hetzgers Garten an einem Abend einmal den Sternenhimmel zu zeigen.

Eine Absage hätte bedeutet, dass ich vor Mädchen Angst habe. Das als Erstes. Zum Zweiten hätte ich bei einer Absage Abschied genommen von meiner uralten Gewohnheit des Himmelskundeunterrichts, selbst wenn man in kaum einer von ihnen eine künftige Astronomin sehen konnte. Drittens war es die erste Interessenbekundung am Sternhimmel, die mich in der Nachkriegszeit erreichte. Warum sollte ich das ausschlagen? Wenngleich ich früher meinen Himmelskundeunterricht hauptsächlich Kindern erteilt hatte. Ich antwortete, ich sei einverstanden.

Am übernächsten Abend, einem stockdunklen, mondlosen und sternenklaren Novemberabend mit leichtem Frost, kam die Klasse gegen neun Uhr in Hetzgers Garten. Tja, vor zwanzig beinahe ausgewachsenen Mädchen fühlte ich mich ein bisschen merkwürdig, das will ich gar nicht verhehlen. Für mich wäre es einfacher gewesen, wenn ihre Naturkundelehrerin mitgekommen wäre. Vor vier Jahren, vor dem Krieg, oder noch vor einem Jahr, vor Deutschlands endgültigem Zusammenbruch, wäre im kaiserlichen preußisch-sächsischen Mittweida die Anwesenheit der Lehrerin das einzig Denkbare gewesen. Aber ich sagte bereits, die alte Welt war zusammengebrochen, bloß einige ihrer Elemente waren erhalten geblieben, und die Verpflichtung, dass junge Damen der Abschlussklasse eines Gymnasiums zum Himmelskundeunterricht des Linsenschmidts ihre Lehrerin mitzubringen hätten, gehörte, wie sich herausstellte, nicht zu den Dingen, die von der alten Welt bewahrt geblieben waren. Warum auch. Trotzdem kam ich mir ein wenig merkwürdig vor.

In Hetzgers Garten ließ ich sie auf den Treppenstufen des Gartenpavillons Platz nehmen. Ich muss sagen, allein die Summe ihrer Düfte (vor dem Hintergrund des Kompostgeruchs von Hetzgers Friedhofslaub) war erregend. Um etwas zu sehen, machte ich die Außenlampe an der Wand meiner Beobachtungshütte an. Kleine, undeutliche Gesichter, von der Kälte etwas zusammengekniffen, zwischen Glockenhüten und hochgestellten Mantelkragen.

Ich musste ihnen etwas erzählen, was gar nicht so leicht war. Ich durfte weder kindergartenartig noch wissenschaftlich auftreten, und ich kannte nur diese beiden Möglichkeiten. Ich musste auf einem Mittelweg improvisieren, und mit Ach und Krach gelang mir das. Ich erzählte ihnen von unserer Galaxis, der Milchstraße. Ungefähr hundert Milliarden linsenförmige Sterne, Durchmesser ungefähr hunderttausend Lichtjahre und Dicke fünfzehntausend Lichtjahre. Ich ließ sie ihr Kinn gen Himmel heben und jenen hellen Nebeldunst aufmerksam beobachten. Ich trug ihnen auf, sich vorzustellen, dass die Erde als ihr Beobachtungspunkt sich in Wirklichkeit im Inneren dieses Gebäudes befindet. Nebenbei erzählte ich ihnen von dem Missgeschick, das der griechischen Mythologie zufolge Hera widerfuhr, als sie Herakles die Brust gab, und woher unsere Galaxis ihren Namen bekam. Und fügte hinzu, während mein Blick an dem ernsten Gesicht eines Mädchens hängen blieb (sie war eine der drei, die bei mir gewesen waren) und ich vermutlich bestrebt war, sie zum Lachen zu bringen:

»Im Übrigen kann astronomische Bildung mannigfaltigen Nutzen haben. Zum Beispiel wenn jemand von Ihnen einmal nach Griechenland fährt. Ich bin da noch nie gewesen, würde aber gerne einmal hin. Jemand von Ihnen fährt dorthin und sieht auf der Straße ein Schild ›Galakteion‹. Dann weiß sie sofort, dass das nicht etwa ein Observatorium zur Beobachtung der Galaxis ist, sondern – was?«

Niemand antwortete. Auch das Mädchen mit dem ernsten ovalen Gesicht, an die meine letzten Sätze von der Griechenlandreise in erster Linie gerichtet waren, antwortete nicht. Ich war leicht enttäuscht und antwortete selbst:

»Ein Milchgeschäft.«

Danach schauten wir uns mit dem Teleskop die interessanteren Orte der Galaxis an. Ich lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die hellen Sternengruppen auf der anderen Seite des Schützen und auf die Doppelung des schimmernden Bandes vom Schwan bis Zentaur. Sie konnten es nur einzeln durchs Teleskop betrachten, und von Zeit zu Zeit warf ich zur Kontrolle einen Blick hinein. Sodass mein Jochbein die kühle Rötung ihrer wechselnden Gesichter verspürte. Als jenes Mädchen, auf dem mein Auge aus irgendeinem Grunde hängengeblieben war, an das Teleskop trat, erklärte ich ihnen, aber hauptsächlich ihr: Praktisch die ganze Welt mit europäischer Kultur nennt unsere Galaxis Milchstraße, so auch die Deutschen. Aber auf der Insel, von der ich stamme, in Estland, auf Naissaar, in der Ostsee hieße sie »Linnutee«, was Vogelstraße bedeute. Denn die estnische Sprache stellt sich vor, dass die Vögel im Herbst über diese Straße nach Süden ziehen und im Frühjahr zu uns zurückkommen und jeder Vogel seinen Platz wiederfindet.

Mir scheint, wenigstens nun, zehn Jahre später will mir scheinen, dass meine Stirn ihre Haarlocke berührte, als ich mich zum zweiten Mal zum Okular bückte, während ich hinter dem Mädchen am Teleskop stand.

Am übernächsten Tag brachte mir die Post einen Brief zu Frau Knechtel. Einen kleinen bläulich-rosa Umschlag, der nach dem Kölnischwasserduft eines in einem winzigen Ridikül getragenen Taschentuchs duftete und in dem ein Zettel mit den kindlich-klaren und erwachsen-sicheren Zeilen war:

Sehr geehrter Herr Bernhard Schmidt!

Dürfte ich Freitagabend um sieben Uhr bei Ihnen vorbeikommen? Ich bräuchte dringend Ihren Rat in Fragen des Astronomiestudiums.

Im Voraus dankend

eine Ihrer Zuhörerinnen vom gestrigen Abend.

Sie dankte mir im Voraus – also konnte ich am Freitagabend um sieben Uhr nicht abwesend sein. Außerdem wusste ich im Vorhinein, dass es sich um sie handeln musste, dasselbe Mädchen, der ich die Galaxis als Vogelstraße erläutert hatte. Und sie war es, Johanna.

Sie kam exakt zur versprochenen Zeit. Nicht etwa mit dem draufgängerischen Mut der Nachkriegsjugend alleine, sondern provinziellanständig zu zweit. Sie hatte ihre Banknachbarin Hilde bei sich. Aber sie tat nicht, was ein listigeres und mit mehr Schauspieltalent behaftetes Mädchen an ihrer Stelle sicherlich getan hätte: Sie probierte nicht, besagte eckige und sommersprossige Hilde in den Vordergrund zu schieben, damit diese sich mit mir abgäbe und unterhielte, während sie hinter dem Rücken der anderen Teilnahmslosigkeit simulierte.

Sie stützte ihre für ein Mädchen auffällig großen, aber schönen und schmalfingrigen Hände entschlossen auf den Rand meines Arbeitstisches und brachte ihr Anliegen vor. Sehr ruhig, sehr klar, wenngleich sie langsam leicht errötete, vielleicht weil ich ihr einfach zuhörte, ohne sie zu ermutigen. Denn auf welche Art hätte ich das tun können? Zumal ich überhaupt nicht ausmachen konnte, in welchem Ausmaße ihre Geschichte aufrichtig und ernst war, und in welchem Ausmaße – oder ob überhaupt – es raffiniertes weibliches Spiel war. Ich begriff das absolut nicht. Wie ich es eigentlich bis heute nicht weiß …

Sie war die Tochter eines Schulmeisters aus einem Dorf ein Dutzend Kilometer nördlich von Mittweida. Ihr Vater war zehn Tage vor Inkrafttreten des Waffenstillstands bei Valenciennes gefallen. Und er wünschte sich, ich glaube für einen deutschen Dorfgelehrten war das ein durchaus seltener Wunsch, dass seine Tochter aus dem Kinder-Küche-Kirche-Teufelskreis ausbrechen und eine Hochschulbildung erhalten sollte. Im nächsten Herbst wollte Johanna zum Physikstudium an die Berliner Universität. Innerhalb der Physik speziell Astronomie und Kosmografie. Ihre Antwort auf meine Frage, warum sie gerade das studieren wolle, ließ mich in ihrer kindlichen Aufrichtigkeit schmunzeln: Erstens, weil es der Wunsch ihres Vaters war. Er war der Meinung gewesen, dass Astronomie und Kosmografie von allen Fächern am unabhängigsten sind. Hier, das muss ich sagen, empfand ich eine unerwartete, verbindliche Nähe zu ihrem mir unbekannten Vater, der in einem Massengrab an der Schelde verschwunden war. Zweitens würde sie selbst, Johanna, genau der gleichen Meinung sein. Sodass sie in glücklichem Einvernehmen mit dem Wunsch ihres Vaters Gymnasiallehrerin für Astronomie und Kosmographie werden wollte. Von mir nun erbäte sie sich Rat, was sie während ihres letzten Schuljahres neben den Dingen für die Schule noch lesen und tun sollte, um in Berlin gleich zu Beginn ihres Studiums festen Boden unter die Füße zu bekommen. Das zum einen. Zum anderen (und das überraschte mich noch mehr, weil es so durchdacht und gleichzeitig unvermutet war): Sie habe sich überlegt, dass keineswegs garantiert sei, dass sie – selbst wenn sie den Stoff meistern und die Universität erfolgreich abschließen würde – als Lehrerin sofort Arbeit finden würde. Auf längere Sicht gewiss. Aber zu Beginn, ohne Bekanntschaften und ohne Protektion, wer weiß. Die Schulverwaltungen würden, wie man sich erzählte, in Deutschland ziemlich reaktionäre Orte sein, und auf einem mehr oder weniger mathematischen Gebiet hält man eine Lehrerin im Voraus für schwächer als männliche Kandidaten. Aber für sie, Johanna, und noch mehr für ihre Mutter, bedeutete schon der Universitätsbesuch eine erhebliche Anstrengung. Da ihre Mutter in ihrem Flecken, in Erlau oder Crossen oder wo auch immer, Kassiererin in einem Bekleidungsgeschäft war und mit Mühe hundert Mark im Monat verdiente. Weswegen sie, Johanna, zunächst einmal einen Beruf erlernen musste, um während des Studiums und notfalls noch danach ihr Brot zu verdienen. Sie aber finde (und gerade das war das Glied in ihrem Gedankengang, das mich überraschte), dass es vernünftiger wäre, wenn sie nicht auf Weißnäherin oder Ladenverkäuferin lernte, sondern etwas zu erlernen versuchte, was irgendwie mit ihrem gewählten Gebiet, also Astronomie und Kosmographie, praktisch verbunden wäre. Wie beispielsweise eine Klavierspielerin, solange sie als Pianistin keinen Erfolg hat, als Klavierstimmerin über die Runden kommt. Nun befinde sie sich schließlich in der glücklichen Lage, dass hier in Mittweida einer der – sie selbst würde das kaum zu behaupten wissen, aber man habe das ihr gegenüber behauptet – derzeitigen Großmeister der deutschen Astro-Optik wohnte. Nämlich ich. Ihre, Johannas, Frage und Bitte sei nun die folgende: Ob ich nicht bereit wäre, ihr Unterweisung im Schleifen optischer Gläser zu geben?

Ich fragte, ob sie der Meinung sei, als Glasschleiferin in Deutschland konkurrenzfähiger zu sein denn als Gymnasiallehrerin. Sie antwortete, dass das zweifellos der Fall sei. Denn Kosmografie und Astronomie seien Wissenschaften, und in der Wissenschaft würde man eine Frau nicht für mitsprachefähig halten, höchstens bis zum Niveau einer Gymnasiallehrerin. Die Glasschleiferei aber sei eine Kunst, und in der Kunst werden Frauen für etwas tauglicher angesehen als in der Wissenschaft. Die Hauptsache aber sei, dass tatsächlich viele der Meinung seien, Glasschleiferei sei reines Handwerk. Auf handwerklichem Gebiet aber seien die Vorurteile gegenüber Frauen noch geringer.

Ich weiß nicht, was letztlich den Ausschlag für mein Einverständnis gab. Nicht Nein sagen zu können, ist an sich nicht meine Art. Meiner Meinung nach bin ich mein Lebtag fähig gewesen, angenehm anmutende Vorschläge ziemlich brüsk abzulehnen, wenn sie nach meiner Einschätzung sinnlos oder langweilig waren. Womöglich wollte ich wirklich den Versuch unternehmen, dieses Mädchen zu einer guten Glasschleiferin zu schulen. Oder war das, Gott weiß, bei meiner Entscheidung bloß eine Sache im Hintergrund? Während mir im Vordergrund mein Instinkt einflüsterte: Hier eröffnet sich die Gelegenheit, echte Nähe zum weiblichen Geschlecht zu erlangen. Eine ganz andere als dein bisheriges erbärmliches Flintenputzen. Echte Nähe, ohne deren Vorhandensein im Leben eines Mannes das Wesentlichste fehlt, sosehr er es abstreiten mag … Gott weiß. Jedenfalls antwortete ich Johanna mit einem leichten Schulterzucken, wir könnten den Versuch ja unternehmen.

Ich wollte ihr von Anfang an nichts vormachen. Ich sagte ihr, dass ich größtenteils Autodidakt war und mir hinsichtlich ihrer Vorbereitung auf die Universität erst einmal Material beschaffen müsste. Und das tat ich. Ich bestellte mir in Leipzig das neueste Heft der »Mitteilungen für Studierende« und legte ihr die Lehrpläne, Dozentenverzeichnisse und Listen mit den Studenten anbefohlener Literatur für Astronomie und Kosmografie sowie die darum herumgruppierten Fächer aus dem physikalischen Bereich im Umfang des ersten Studienjahres auf den Tisch. Wir trafen eine vorläufige Auswahl, und Johanna machte sich an die Arbeit. Ich muss zugeben, all das erforderte meinerseits eine Woche intensiver Arbeit. Außerdem vereinbarten wir, dass Johanna zwei Abende in der Woche zu mir in die Werkstatt kam und Praxisunterricht erhielt. Ich zeigte ihr die Verwendung von Eichmaß und Mikrometerschraube. Ich lehrte sie die Schleifbank zu bedienen und drückte ihr verschiedene Poliergläser in die Hand und erklärte ihr, wie man mit ihnen arbeitet. Und die Hauptsache: Ich brachte ihr bei, bei der Arbeit ihrer eigenen Hand zuzuhören, also die Reaktion der zu schleifenden Oberflächen so aufmerksam und feinfühlig zu beobachten, wie es nur ging. Wie ich es ausdrückte: der Sprache des Glases lauschen. Wenn sie im Zusammenhang mit den Büchern, die sie auf meine Empfehlung hin las, Fragen hatte, erörterten wir diese gemeinsam.

Was für eine Schülerin war sie? Nun, ich würde sagen, ein Geist ohne besonderen improvisierenden Glanz. Aber weiblich konsequent. Weiblich sorgfältig. Sodass ihr ruhiger Fortschritt bei der Aneignung des Erstsemesterstoffs in den Fächern Mathematik, Physik und Optik vollkommen den Erwartungen entsprach. Nur die Exaktheit ihrer Reaktionen bei der tatsächlichen Schleifarbeit bereitete mir eine kleine Enttäuschung. Denn von einem dermaßen aufmerksamen und strebsamen Mädchen, wie sie es war, hätte ich mehr erwartet. Aber wer weiß, mag sein, dass ich zu viel erwartete. Offenbar.

Übrigens ließ die Frage der Bezahlung meines Unterrichts die Sache beinahe platzen. Ich konnte doch kein Geld annehmen, zumal ich wusste, in was für knappen Verhältnissen sie lebte. Schließlich fanden wir eine Lösung: Sie ging mir in der Werkstatt als Angestellte zur Hand. So steckt beispielsweise in dem Uranostat, das Schorr bei mir für die Hamburger Sternwarte bestellte, ein wenig auch Johannas Arbeit. Denn zweit- und drittrangige Operationen bekam sie ganz gut hin. Sie sägte mit beinahe akzeptabler Exaktheit Elemente der Stützkonstruktionen aus Holz und Sperrholz zurecht und reinigte und lackierte sie. Und dergleichen mehr. Sie führte das alles delikat genug aus, ohne die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass solche manuelle Tätigkeiten für sie einfacher waren als für mich. Jedenfalls hatte ich bis zum Frühling nicht den geringsten Verdacht, dass ihr Lerneifer möglicherweise vielmehr – nun, sprechen wir es aus – das geheime Ziel hatte, sich mir anzunähern. Nicht den geringsten Verdacht, nicht einmal im Zusammenhang mit dem »Geschenk«, das sie mir zu meinem einundvierzigsten Geburtstag machte.

Ich vergesse meinen Geburtstag notorisch. In meiner Kindheit dachte meine Mutter immer daran. Egal, ob es sich um Augusts oder Olgas oder Bertas oder meinen handelte, immer waren am Morgen Wacholder- oder Kiefernzweige mit einem roten Band um die Stuhllehne des Geburtstagskindes gebunden. Wenn sich das Geburtstagskind sein Gesicht gewaschen hatte und am Tisch erschien, legte Mutter ihm ihre Hand auf den Kopf und wünschte ihm alles Gute zum Geburtstag. Danach taten es die anderen Familienmitglieder. Außerdem stand beim Gerstenbreiteller und dem Strömlingsbutterbrot neben der Kaffeetasse des Geburtstagskindes ein Stück Blaubeerkuchen, den Mutter gebacken hatte. Geschenke waren nur an besonderen Geburtstagen Mode. Jedenfalls erinnere ich mich an zwei fantastische Bücher, die Mutter mir schenkte, das erste zum zehnten, das zweite zum sechzehnten Geburtstag. Übrigens kommt es mir im Nachhinein wie ein Wunder vor, dass sie daran dachte, mir zum zehnten Geburtstag etwas zu schenken. Denn genau zu der Zeit war Vater todkrank. Es war »Das Neue Universum«, ein gebundenes Buch mit goldenen Buchstaben, viele hundert Seiten dick, mit großartigen, teilweise farbigen Bildern, das die neuesten Errungenschaften der Technik vorstellte. Ein zweites solches Buch, bloß fünf Jahre neuer, schenkte sie mir sechs Jahre später. An die Geschichte dieses zweiten Geschenks erinnere ich mich genau. Mutter hatte es im Herbst gekauft, als ich nach meiner Handamputation zur Genesung im Hospital lag. Als sie es mir im März am Morgen meines Geburtstages überreichte, fragte ich, wann sie sich das besorgt habe. Denn die Meerenge war in dem Jahr lange Zeit voller Treibeis, und wochenlang war niemand in die Stadt gelangt. Und da sagte sie eben, es bereits im November in Tallinn bei Kluge gekauft zu haben. Ich verstand ihren Gedankengang voll und ganz. Sie hatte selbstverständlich bemerkt – wir haben im Laufe der Jahre wiederholt darüber gesprochen –, wie sehr mich das erste Buch dieser Art begeistert und interessiert hatte. Wie ich durch dieses Buch meine Talente erkannt hatte und danach bis zum Unfall ein ganz technikversessener Junge war. Jahrelang. Nach Wissen und Überzeugung der ganzen Familie und des ganzen Dorfes. Mit all meinen selbstgebauten Fotoapparaten und Fernrohren und dem anderen Kram. Der Unfall hatte das alles mit einem Schlage zunichtegemacht. Es war mehr als sonnenklar: Was für ein Techniker kann ein Junge ohne seine rechte Hand werden? Ein Techniker war vor allem jemand, der etwas machte. Ich erinnere mich, dass ich nach der Amputation eine Woche in dem unglücklichen Hospital gelegen hatte. Das zunächst hohe Fieber ging allmählich zurück, aber Mutter war noch jeden Tag stundenlang bei mir. Dann kam Onkel Frans uns besuchen. Er wusste natürlich schon, wie es um mich stand. Er hatte wieder einmal ein Schiff, diesmal ein holländisches, in den Hafen gelotst und dafür einen Fünfundzwanziger eingeheimst und eine Flasche Gin obendrein. Mutter saß auf dem Stuhl am Bett und las mir etwas vor, und damit in Wirklichkeit gleichzeitig den übrigen elf Patienten im selben Krankenzimmer. Da marschierte Onkel Frans in seinen hohen geteerten Schaftstiefeln mit seiner Schiffermütze in der Hand ins Zimmer. Er setzt sich auf meinen Bettrand. Er schmunzelte mir mit seinem roten Mund tröstend-traurig aus seinem vertrauten grau-schwarz melierten Bart heraus zu und legte mir eine große Tüte mit Karamellbonbons in den Schoß, das schon, aber was er dazu sagte, war Folgendes:

»Jetzt müssen wir uns überlegen, wozu der Junge nun noch taugt. Ich habe nichts dagegen, wenn er weiterlernt. Ich habe mir überlegt, wenn er nicht so auf den Mund gefallen wäre, könnte er sogar Pastor werden.«

»Aber das würde doch überhaupt nicht zu ihm passen«, sagte Mutter und lächelte abwehrend.

»Stimmt, ja, das passt nicht«, gab Onkel Frans mürrisch zu, »denn mit was für einem Gesicht würde er auf der Kanzel gestikulieren oder am Altar hantieren, wenn von Weitem sichtbar ist, dass er ein Mann ist, den der Herr übel gestraft hat.«

Ich weiß nicht, ob Mutter selbst an das glaubte, was sie Onkel Frans antwortete, oder ob sie es mir zuliebe tat. Ich habe den Eindruck, dass sie den übrigen elf Kranken erst einem nach dem anderen ins Auge schaute, allen, die gerade eben ihrem Vorlesen gelauscht hatten und sich jetzt interessiert anhörten, was an unserem Bett besprochen wurde. Mutter schien ihnen allen in die Augen zu schauen, aber mir nicht, bevor sie antwortete. Sodass die Verantwortung, die sie mit ihren Worten auf sich nahm beziehungsweise mir oder dem Herrn auferlegte, gleichsam besonders groß war. Mutter sagte, und ich werde mich, solange ich lebe, daran erinnern:

»Frans, wir wissen doch gar nicht, ob es wirklich eine Bestrafung ist. Und wenn, dann wohl eher für mich als für ihn. Denn was sollte ein Kind Böses getan haben? Der Herr will ihn vielleicht lediglich anspornen.«

»Anspornen? Auf welche Weise?«, fragte Onkel Frans mit einer bestimmten Neugier, die ich aus seinen verhörähnlichen Fragen in den Gesprächen mit Mutter kannte. Denn Onkel Frans hatte die Erfahrung gemacht, dass sich in Mutters Denken häufig Räume auftaten, zu denen er keinen Zutritt hatte.

»Vielleicht in dem Sinne«, sagte Mutter langsam, »dass der Herr ihn zwingen will, sich auf diese Weise doppelt anzustrengen. Dass er sich dadurch schneller entwickeln würde, als er es sonst getan hätte.«

Wenn ich gerade versichert habe, dass ich mich an Mutters Antwort erinnern würde, solange ich lebe, so stimmt das zwar. Aber der Bedeutung dieser Antwort wurde ich mir erst später, ich weiß gar nicht mehr, wann genau, bewusst. Damals, in dem nach Jodoform stinkenden Krankenzimmer des Hospitals mit seinen schmutzigen, blaugrau getünchten Putzwänden, dachte ich in erster Linie: Wieso weiß Mutter nicht – aber sie kann es nicht wissen –, dass ich durchaus Böses getan habe. Beispielsweise das Eisenblech, woraus ich die Kappe für meine explodierte Rakete gebaut habe, das Blech hatte ich in Wahrheit Onkel Frans gestohlen. Aber was konnte Mutter denn Böses getan haben, dass sie meinte, mein Unfall könne eine ihr auferlegte Strafe sein? Und vermutlich dachte ich noch: Seltsam, wenn Mutter mit Onkel Frans zu spielen scheint und Onkel Frans mit Mutter seine liebe Mühe zu haben scheint (und dergleichen kommt in letzter Zeit ziemlich häufig vor), dann nehme ich Mutter ihr Spiel nicht übel, und das verlegene und beinahe hilflose Schmunzeln von Onkel Frans ist mir beinahe sympathisch. Aber wenn Mutters Gesicht mit einem Mal geradezu hölzern wird, während Onkel Frans überheblich und befehlend wird, dann habe ich nicht im Geringsten das Bedürfnis, Mutter zu Hilfe zu eilen, nein, nein, dazu bin ich ein zu großer Junge, sondern ich habe das Bedürfnis, mich von Onkel Frans zu entfernen, sei es auch um den Preis der Entfernung von Mutter. Aber sei’s drum. Was ich in Erinnerung rufen wollte, war, wie ich den zweiten »Universum«-Band geschenkt bekam: Mutter kaufte ihn mir, als ich im Krankenhaus lag, und überreichte ihn mir an meinem sechzehnten Geburtstag. Um, wie sie möglicherweise wirklich glaubte, den Plan des Herrn zu unterstützen, mich anzuspornen, meine Kräfte zusammenzunehmen. Was ich jedoch wirklich in Erinnerung rufen wollte, war Johannas Geschenk zu meinem einundvierzigsten Geburtstag.

Nachdem ich von zu Hause weg war, gab es nur eine kurze Periode, in der jemand an meinen Geburtstag dachte: In den Jahren am Technikum war es bei uns »Franconianern«, wie sich die zwölf estnischen Mitglieder unseres Dilettantenclubs nannten, üblich, sich gegenseitig zum Geburtstag zu gratulieren. Wobei das lediglich darin bestand, dass man am Morgen des Geburtstags im Korridor an das Geburtstagskind herantrat und ihm die Hand schüttelte. Mit mir, der ich etwas älter als die anderen und das inoffizielle Ehrenmitglied des Clubs war, geschah das ebenfalls. Abends trank man dann bei Frau Bretschneider ein paar Flaschen Bier. Nachdem man uns nach Kriegsausbruch in Lager und Gefängnisse gesteckt hatte und wir in alle Winde zerstreut waren, sodass ich von ihnen nicht mehr sehr viel wusste, war Johannas Geburtstagsüberraschung umso unerwarteter. Sie tauchte am Nachmittag des elften April mit Blumen in der Hand bei Frau Knechtel auf, und erinnerte mich an meinen Geburtstag. Ich dachte bei mir, warum zum Teufel muss sich dieses nette Mädchen jetzt mit solchen konventionellen Kleinigkeiten abgeben. Aber natürlich konnte ich mich nicht weigern, ihr für diese Aufmerksamkeit zu danken. Sie lieh sich für die Blumen von Frau Knechtel eine Vase und füllte sie am Wasserhahn in der Küche mit Wasser. Solche kleinen Verrichtungen, die einen etwas familiären Hauch hatten, ertrug ich seit geraumer Zeit. Ich muss sagen: Ich ertrug sie mit einem Vergnügen, das sich über meine hilflose Protestlosigkeit lustig machte und sie gleichzeitig ein kleines bisschen genoss.

Als Johanna auf meinem Arbeitstisch Platz für die Vase gemacht und die Blumen – drei gelbe Rosen – arrangiert hatte, nahm sie neben mir am Tisch Platz und hielt mir ein Papier unter die Nase.

»Schauen Sie, Herr Schmidt, das habe ich mir für Sie besorgt.«

Ich spürte den Nelkenseifenduft ihrer kastanienbraunen Haare und ihres warmen ranken Halses. Aber den kannte ich schon lange, und ich ignorierte ihn prinzipiell.

»Was für ein Papier haben Sie denn da?«

Es war eine von der Polizeibehörde Mittweida frisch auf den Namen Johanna Krüger ausgestellte Fahrerlaubnis.

»Aha«, sagte ich mit leichter Ironie und mehr oder weniger gleichgültig. »Sie erweitern Ihre technische Bildung immer mehr. Nicht schlecht. Aber was hat das mit mir zu tun?«

»Ihr Auto steht doch ungenutzt herum.«

Das stimmte bei Gott. Jedenfalls in gewisser Hinsicht stimmte es. Mein »Opel«, mein »netter Vetter«, wie meine Franconianer ihn genannt hatten, stand das fünfte Jahr in der Garage des Technikums. Als ich im Herbst vierzehn interniert wurde – Untertan eines mit Deutschland im Kriege befindlichen Landes und mit seinen Fernrohren und Spiegeln eine besonders suspekte Person –, war es mir gelungen, das Auto bei den Männern vom Technikum zu belassen. Mögen sie es maßvoll im Interesse des Technikums nutzen. So viel, dass sie es als Deckung der Garagenmiete auffassen könnten. Als ich zurückkam, interessierte mich das Auto nicht mehr richtig. Ja, es gab den Opel noch. Er schien in der Zwischenzeit ein paar Tausend Kilometer gefahren zu sein. Das war nur normal. Und er konnte unter den gleichen Bedingungen in der Garage stehen bleiben. Gott sei Dank. Ihn zu verkaufen beeilte ich mich nicht. Denn der Geldwert sank von einer Woche auf die andere. Überdies hatte ich ein persönliches Verhältnis zu diesem Auto. Ein seltsames Gefühl, das sich aus den Erinnerungen an meine Fahrten vor dem Kriege zusammensetzte, das Rheinland, die Schweiz, Österreich, Tiroler Landschaften, der Golf von Genua, das Bruckner-Konzert im Saal der Wiener Philharmoniker, die großartigsten Eindrücke von irdischen Dingen, die ich bekommen hatte (meine Teleskopeindrücke waren natürlich eine andere Sache, aber davon spreche ich im Moment nicht). Außerdem setzte sich mein Verhältnis zum Auto ganz besonders aus einem komischen zwiespältigen Gefühl dem Fahrzeug gegenüber zusammen: Es war mein Fahrzeug, mein Gegenstand, mein Sklave, es musste sich mir unterwerfen – tat es aber nicht, sondern verlangte zur Unterwerfung einen Dritten. Ach, zum Teufel, ich konnte mit dem Auto überhaupt nichts anfangen. Weil mir ein Chauffeur fehlte. Außerdem bekam eine Privatperson Benzin immer noch nur bei Spekulanten zu einem Wucherpreis.

»Nun ja«, sagte Johanna, »Sie haben doch überhaupt keinen Nutzen von Ihrem Auto. Ihre Freunde sind in alle vier Winde zerstreut. Herr Grünfeld und die anderen, die Sie seinerzeit chauffiert haben. Sie haben mir einmal von diesen Fahrten erzählt. Jetzt machen die jungen Männer des Technikums Lehrfahrten mit Ihrem Auto. Das weiß ich.«

Interessant, für einen Moment war ich beinahe eifersüchtig. Auf einen Unbekannten. Oder auf Unbekannte. Nicht aufgrund der Lehrfahrten mit meinem Auto, sondern weil Johanna über diese Fahrten Bescheid wusste. Während ich mir nicht die Mühe gemacht hatte, das in Erfahrung zu bringen. Natürlich Unsinn.

»Und da habe ich beschlossen«, fuhr Johanna fort, »Sie könnten wenigstens eine Chauffeurin haben. Die haben Sie jetzt.« Sie faltete ihren Führerschein zusammen und steckte ihn wieder in ihr Ridikül. »Ich kann Sie überallhin fahren, wohin Sie wollen. Nein wirklich, ich sammele dabei Fahrpraxis, verstehen Sie? Mir macht das unheimlich Spaß. Sie brauchen es nur zu sagen. Natürlich kann ich nicht während des Unterrichts. Aber bald habe ich eine ganze Woche frei. Na ja, nicht völlig, ich habe Verpflichtungen gegenüber meiner Mutter. Aber schulfrei habe ich auf jeden Fall. Anfang Juni ist die Schule vorbei. Und vor Ende August gehe ich schließlich nicht nach Berlin. So bleiben uns im Sommer beinahe zwei Monate für längere Fahrten!«

Doch haben wir sie in diesen zwei Monaten kaum unternommen. Aber bereits ein paar Tage nach meinem Geburtstag ging ich mit ihr zur Garage des Technikums und trug den Pförtnern auf, das Auto herauszugeben, wenn Fräulein Krüger es für mich verlange. Dann setzte sie sich zum ersten Mal ans Steuer des netten Vetters (des inzwischen wirklich ziemlich abgenutzten netten Vetters), ich setzte mich neben sie, und wir fuhren auf meinen Vorschlag nach Dresden und aßen dort zu Mittag. Es war einfach unmöglich, diesen Vorschlag nicht zu machen. Denn die Möglichkeit, am Steuer zu sitzen, versetzte Johanna in eine rührende Lebendigkeit. Sie wollte mir unbedingt zeigen, dass sie damit fertigwurde, und das wurde sie ganz großartig.

Ein paar Mal noch fuhren wir während ihres Schuljahrs in dasselbe kleine Restaurant in Dresden zum Abendessen, und wir waren jedes Mal um zehn Uhr abends zurück in Mittweida. Auch das war natürlich im kleinbürgerlichen Vorkriegs-Mittweida eine unerhörte Sache für eine Gymnasiastin, aber jetzt, nach dem Krieg, wo man auf den Trümmern der alten Welt von den in moralischer Hinsicht merkwürdigsten Dingen hörte – jetzt war das nicht einmal mehr eine Pikanterie.

Jedenfalls gab es zwischen uns nicht die geringste Pikanterie. Ich war natürlich nicht so blind, dass ich im Zusammenhang mit diesen Fahrten überhaupt nicht an eine derartige Möglichkeit gedacht hätte. Ich glaube, dieses kleine Restaurant hatte Zimmer im Obergeschoss, die speziell für Autoausflügler wie unsereins gedacht waren. Das heißt, also eben für ganz andere. Denn ich schloss eine derartige Entwicklung der Dinge von Vornherein und prinzipiell aus.

Ich sagte mir: Ein Verhältnis mit diesem Mädchen würde mir eine Bindung schicksalhaften Ausmaßes aufhalsen. Es würde mein Leben so total zu einem ganz anderen machen, dass ich selbst ein ganz anderer werden müsste. Vielleicht dachte ich in erster Linie: Ich weiß außerdem gar nicht, was sie täte, wenn ich mich um so ein Verhältnis bemühen würde. Sie könnte mich anschauen, gereizt errötend oder sogar erbleichend, und losprusten, schreien, flüstern, schluchzen, was weiß ich: »Aber mein Gott, muss denn die reine Lernbegierde eines ehrlichen Mädchen – auch bei Ihnen, Herr Schmidt – durchs Bett des Lehrers führen?!« Und ich wüsste überhaupt nicht, was dieses auch bei Ihnen, Herr Schmidt genau bedeuten würde. Denn es könnte bedeuten: »auch bei einem so ehrlichen, so soliden, so vertrauenswürdigen Mann, für den ich Sie hielt.« Oder aber: »auch bei einem für mich so alten, für mich geradezu verbrauchten, für eine solche Sache so ungeeigneten Mann wie Ihnen, Herr Schmidt, und nicht allein für mich, sondern für jede Frau, verzeihen Sie mir, bei einem so versehrten Mann wie Ihnen, Herr Schmidt?!«

Mag sein, dass ich mich zu einem gewissen Maße vor Johannas Reaktion fürchtete. Ganz sicher aber fürchtete ich mich davor, mich zu binden. Das gewiss an erster Stelle. Ganz bestimmt. Denn andernfalls hätten Neugier und Abenteuerlust, der Reiz, sich etwas zu beweisen, und letztendlich das schlichte Verlangen, dieses Mädchen zu besitzen, mich in Versuchung geführt.

Nein, das Unumgängliche, das ein Mann von einer Frau brauchte, musste er bekommen, ohne sich zu fesseln. Wenn ich es aber bei Johanna gesucht hätte, wären die Fesseln unvermeidlich gewesen: tagtägliche persönliche Nähe, vollkommener Verlust des unabhängigen Privatlebens, noch im Idealfall beklemmende Anpassungszwänge – selbst wenn ich begreife, dass die Möglichkeit eines Idealfalls, natürlich eines praktischen Idealfalls mit den ewigen Vorbehalten, für mich mit Johanna in vielerlei Hinsicht denkbarer war als mit jeder anderen. Sei es allein aus dem Grunde, dass man mit ihr sowohl vernünftig über die technische Konstante des Hohlspiegels, der gerade in meinem Arbeitszimmer auf der Werkbank lag, reden konnte als auch über die Möglichkeiten der Spektralastronomie von übermorgen. Vernünftig darüber reden und wissen, dass die Beiträge der Konversationspartnerin nicht nur Mache sind, kein leeres Gerede, kein bloßes gespieltes Verstehen, sondern ernsthaftes, sich bemühendes, entwicklungsbereites und offenkundig sich entwickelndes Verstehen. Doch durfte mich das nicht locken. Denn ein Verhältnis mit Johanna zu beginnen hätte nichts anderes als die Ehe bedeutet. Bei einem Mädchen wie ihr war das die einzige Möglichkeit. Nicht in dem Sinne, dass sie sich andernfalls nicht zu Intimitäten hätte hinreißen lassen. Ich nahm schon damals an, dass sie es machen würde, und konnte mich später von der Richtigkeit meiner Annahme überzeugen. Die Ehe war mit ihr in dem Sinne das einzig Mögliche, weil ihre Ernsthaftigkeit in der Einstellung zu den Dingen der Welt und, zum Teufel noch mal, meine Ernsthaftigkeit in meiner Einstellung zu ihr – diese zwei gegensätzlichen oder parallelen Ernsthaftigkeiten ließen zusammengenommen einfach keine andere Möglichkeit. Besagte Ernsthaftigkeit war bei ihr hinter all ihrer Lockerheit beim Autofahren und im Restaurant eine sehr ernste Angelegenheit, eine Art Bodensatz der alten lutherischen Moral einer sächsischen Schulmeisterfamilie, und bei mir – tja, ich kann ihre Tiefe nicht messen, aber ihre Herkunft, die Herkunft meiner Ernsthaftigkeit durchschaue ich wahrscheinlich: Es war die liebevolle und strenge, stolze und ein wenig nervöse, halb weltliche, halb gläubige ernsthafte Besorgtheit unserer Inselfamilien, das heißt besonders meiner Mutter. Wahrscheinlich etwas in der Art. Ganz sicher bin ich mir nicht. Was ich aber sicher wusste, war, dass ich zur Ehe nicht taugte. Nicht für Johanna und auch für keine andere. Weder vom Wesen her noch von den Gewohnheiten, noch von etwas her, was man, um bei dämlich-feierlichen Wörtern zu bleiben, nach meinem Dafürhalten die Grundwerte des Lebens nennt (schon in solchen Worten zu denken ist peinlich – aber hol’s der Teufel). Ja, ja, ich habe scherzhaft an unserem Franconianer-Biertisch oder bei Kollege Ackerberg, wo dieselben Franconianer, Dilettanten und angehenden Ingenieure sowie die junge Frau Ackerberg mich manchmal damit aufzogen, ob ich denn nicht vorhätte zu heiraten – ihnen habe ich mit einer Floskel geantwortet, die, so schießt mir gerade durch den Kopf, im Hause dieser netten jungen Dame und in ihrem Beisein nicht gerade höflich war, nämlich mit der Floskel, dass man als Vierzigjähriger heiraten sollte – ich war zum damaligen Zeitpunkt fünfunddreißig oder sechsunddreißig –, aber dass die Summe so vieler Vektoren sich schwerlich so exakt synchronisieren lässt, weswegen man es ganz bleiben lassen sollte. Wenn bereits ein so kluger Mann wie Voltaire gesagt hat, dass es vor vierzig dazu zu früh sei und danach zu spät. Oder ich hatte mit einer anderen, genauso unhöflichen Floskel geantwortet: Ich werde durchaus heiraten, aber erst, wenn ich eine Krankenpflegerin brauche.

Bis zu Johannas Abitur beschränkten sich unsere Fahrten auf zwei Ausflüge nach Dresden, nicht einmal im Sommer danach unternahmen wir, wie gesagt, längere Fahrten. Abgesehen von einer Fahrt nach Dessau im Juli. Ich hatte dort beruflich zu tun. Mithilfe eines Bekannten hoffte ich im Junkers-Lager französisches Qualitätsglas aus der Vorkriegszeit zu bekommen, das ich für eine Linse benötigte. So beschloss ich: Warum soll ich mit der Eisenbahn fahren, wenn eine interessantere Möglichkeit bereitsteht und auf mich wartet. Zu einem gewissen Grade veranlasste mich dazu der Gedanke, dass Johanna in einem Monat in Berlin sein würde und damit womöglich für immer aus meinem Orbit verschwunden wäre. Ebenso der Gedanke, dass ein Verzicht auf diese Fahrt schlichtweg Angst bedeutet hätte. Angst vor ihr und vor mir selbst. Oder alles war nur dieses Balancieren auf dem Steg von einem, der gerne schwimmen will.

Johanna stimmte begeistert zu. Wir wollten uns frühmorgens auf den Weg machen und nachts zurückkommen. Wir fuhren tatsächlich gegen sieben von zu Hause los, und Johanna trat ordentlich aufs Gaspedal. Nur bei der Durchfahrt der am Wege liegenden Ortschaften wie Grimma und Delitzsch und wie sie noch hießen, ging sie auf vierzig herunter, aber sonst fuhr sie meistens fünfzig oder sechzig Stundenkilometer. Ich muss sagen, dass mir die Passagen, auf denen sie mit siebzig dahinsauste, sodass im offenen Wagen der Wind meinen Schlips von der Nadel riss und im Fahrtwind flattern ließ, am besten gefielen. Wir plauderten über alle möglichen Dinge. Aber nur über neutrale Dinge. Wie immer. Ich erinnere mich, dass wir über das Nordlicht sprachen. Sie konnte dessen physikalisch-optisches Wesen erahnen, aber gesehen hatte sie es noch nie. Ich hatte es in meiner Kindheit bei uns auf Naissaar, wie mir scheint, jedes Jahr gesehen. Besonders prächtig und eindrucksvoll, wenn wir im November ins Norddorf oder genauer gesagt in den Wald beim Norddorf fuhren, zum Bären-Jüri, also zu Großvater und Großmutter auf Besuch, und die Kinder nach langem Quengeln für zwei, drei Tage bei ihnen bleiben durften. Da sah ich ein paarmal Nordlicht, vielleicht nur ein einziges Mal, und die anderen Male waren woanders. Aber ich habe das Gefühl, als wären alle Herbst- und Winterhimmel meiner Kindheit voller Nordlicht gewesen, das ich dort gesehen habe: ein seltsam lautloses Flackern blauer Schwerter über dem schwarzen Kiefernwald und dem dunklen Meer von der Nordspitze bis zum nördlichen Horizont. Oder unbewegliche Reihen silberner Orgelpfeifen über dem Nordosthimmel von der Flensborgklippe bis Hallikivimaa.

Also erzählte ich Johanna durcheinander von jenen Orgeln und Schwertkämpfen und den Sonnenpartikeln, die die Atome der Atmosphäre in einer Höhe von hundert oder vierhundert Kilometern zum Aufleuchten bringen – Sauerstoff grün und rot, Stickstoff blau und violett. Ich erinnere mich, dass ich ihr erzählte – da waren wir schon hinter Oranienbaum und fuhren nach Dessau hinein –, dass man auf Naissaar glaubte, es gebe menschliche Nordlichtgänger. Dabei handele es sich um ein fröhliches Gelage der Hexen, die ihre Seelen an den Teufel verkauft haben. Das alles sei nur der Glanz ihrer roten Pferde und das Blitzen ihrer eisernen Schlittenkufen. Ich sagte: »Wirklich, ich habe in meiner Kindheit auf unserer Insel noch einen alten Mann gesehen, der Nordlichtgänger war.« Daraufhin wandte Johanna sich mit einem derartig befremdlichen und funkelnden Gesicht mir zu, dass ich einerseits Angst bekam, sie könnte von der Straße abkommen, andererseits das kindliche Vergnügen spürte, dass sie wahrscheinlich auch mich zu den Nordlichtgängern und dem Teufel verkauften Seelen rechnete.

Was in Dessau mit uns geschah? Das wollte ich eben gerade betonen, überhaupt rein gar nichts. Immer noch absolut gar nichts. In ungefähr drei Stunden waren wir da. Johanna parkte vor dem Tor des Bürogebäudes von Junkers und wartete im Auto auf mich. Aber die deutsche Pünktlichkeit hatte durch den Krieg und den Nachkriegsniedergang erheblichen Schaden genommen. Der Herr Pregel, jener Abteilungsleiter von Junkers, mit dem ich mich telefonisch über seine Anwesenheit verständigt hatte, war nicht da. Es stellte sich heraus, dass er noch nicht aus Berlin zurück war. Er würde am nächsten Morgen zur Stelle sein. Ich kam zurück zum Auto, ohne entschieden zu haben, was zu tun sei. Aber Johanna sagte ganz selbstverständlich:

»Herr Schmidt, wenn Sie morgen hier sein müssen, dann sind wir morgen hier. Ich kann ohne Weiteres so lange bleiben. Wir schauen uns tagsüber an, was es hier zu sehen gibt, für die Nacht nehmen Sie ein Hotel. Ich habe hier die Schwester einer Mitschülerin wohnen. Sie kennen Hilde doch auch. Hildes Schwester. Mit ihrem Mann. Ihr Mann ist technischer Zeichner. Ebenfalls irgendwo bei ›Junkers‹. Die geben mir gerne einen Schlafplatz. Und zurück fahren wir morgen, wenn Sie alles erledigt haben.«

Damit war alles so elegant entschieden, dass ich nicht anders als zustimmen konnte. Zwar mit einem gewissen Widerwillen, einem gewissen Befremden darüber, dass dieses doch fremde Mädchen einfach so meine Angelegenheiten regelte, aber gleichzeitig auch mit einem behaglichen Schmunzeln. Was Johannas im Vorhinein gefällte Entscheidung hinsichtlich unserer Verteilung zur Nacht anbetraf – ich hier, sie dort –, so musste ich auch darüber sowohl aus tiefster Zufriedenheit wie auch aus einer leichten Enttäuschung heraus schmunzeln.

Wir aßen in einem kleinen Restaurant an der Mulde zu Mittag, besichtigten die herzoglichen Schlösser, fuhren drei Kilometer weiter nach Norden und warfen einen Blick auf die in der Sommersonne funkelnde Elbe und den großen Flusshafen, der mit seinem Steinkohlestaub und seinem Ölgestank sowie den zu be- und entladenden Booten zu versuchen schien, sich aus Scheintod und Verfall wachzurütteln und seine Glieder zu strecken. Danach schauten wir uns noch die Gemälde der Cranachs in der Marienkirche in Dessau an. Ich hätte mir natürlich am liebsten die Werkstätten angesehen, wo die berühmten Ganzmetallflugzeuge von Junkers montiert wurden. Aber wer weiß, ob der mir bekannte Abteilungsleiter das überhaupt hätte arrangieren können. Weil er nun nicht da war, schnitt ich das Thema mit seinem Stellvertreter an jenem Morgen gar nicht an. Denn ich scheue mich davor, um Dinge zu bitten, die einem verweigert werden könnten. Solche »Neins« haben etwas widerwärtig Erniedrigendes. Obwohl also die Gebäude der Junkers-Fabrik am Westrand der Stadt im Laufe des Tages wiederholt in Blickweite kamen, hütete ich mich davor, in ihre Richtung zu schauen.

Am Abend chauffierte Johanna mich in ein Hotel und fuhr dann zu ihren Bekannten. Wir vereinbarten, dass sie am Morgen um zehn mit dem Auto vor der Junkers-Verwaltung auf mich warten sollte. Bis dahin müsste ich mit meinem Glasgeschäft fertig sein. Aber ich brachte es am Morgen nicht fertig, bis neun zu warten, und war schon um acht Uhr im Büro, wo ich Herrn Pregel sofort erwischte. Ich erhielt direkt das benötigte Glas. Ach, zum Teufel, Pregel hätte sich denken können, wie gerne ich einige Einzelheiten ihrer Ganzmetallreiseflugzeuge, ihrer F-13 kennengelernt hätte. Denn vorwiegend für diese Maschine war der Apparat gedacht, über dem ich gerade schwitzte: ein kartografisches Periskop (damit hatte ich schon ein Blickfeld von hundert Grad erreicht!). Aber ich wusste: Firmen haben die Schwäche, einem außenstehenden Auge so wenig wie möglich zu zeigen, selbst bei Dingen, die für niemanden mehr ein Geheimnis sind. Ich sage: Pregel musste mein Interesse erahnen können, aber er erwähnte eine Besichtigung der Flugzeuge mit keinem Wort. Ich meinerseits hütete mich davor, ihn zu bitten. Also stand ich zehn Minuten später auf der Straße und hatte einen fünf Kilo schweren Glasbrocken, eingewickelt in Wellpappe, an einem Pakettragegriff in der Hand. Bis zu Johannas Eintreffen waren über anderthalb Stunden Zeit. Ich beschloss zu Hildes Schwester zu spazieren, denn ihre Adresse war mir bekannt.

Übrigens, wenn ich vorhin sagte, dass zwischen mir und Johanna in Dessau nichts geschehen ist, so war das in einer Hinsicht, in der Hinsicht unserer Annäherung korrekt. Aber was unsere gegenseitige Entfernung betrifft, ereignete sich dort eine beinahe schicksalhafte Sache.

Auf der Straße waren wenige Menschen und Fahrzeuge, sodass ich schon von Weitem den netten Vetter mit seinen gelben Speichen vor dem Haus stehen sah. Die zwitschernde Schwester von Johannas Schulkameradin ließ mich in eine gewöhnliche kleine Wohnung, die nach Ersatzkaffee und einem Säugling roch, eintreten. Ich begriff sofort, dass sie um meine Existenz wusste, und das überraschte mich nicht. Denn Johanna musste ihr von mir erzählt haben. Darum ging es nicht. Aber Johanna war nicht da. Johanna war einkaufen gegangen, ich meine mich zu erinnern, dass sie sich wegen einer Laufmasche ein Paar neue Strümpfe kaufen wollte. Die Hausfrau bot mir eine Tasse des Ersatzkaffees an, dessen Duft mich an der Tür empfangen hatte. Der Herr des Hauses war zur Arbeit gegangen, das Kind war in seinem Bettchen eingeschlafen, und die gesprächige fünfundzwanzigjährige junge Frau mit Kälberaugen, einer Stupsnase und einem sommersprossigen Hals setzte sich an die andere Seite des mit einem bunten Wachstuch bedeckten Tisches und fing an, sich mit mir zu unterhalten. Ich muss schon sagen: Die Sitten unterscheiden sich von Land zu Land doch erheblich. In Estland oder insbesondere auf Naissaar wäre ein solches Gespräch, das erste Gespräch mit einem Menschen, den man zum ersten Mal begegnet ist, überhaupt nicht vorstellbar. Aber hier verdrehte diese mir wildfremde junge Frau ihre Kälberaugen (nun, bei den alten Griechen soll der Vergleich von Frauenaugen mit denen einer Kuh das poetischste aller Komplimente gewesen sein) – mit einem Wort, sie verdrehte ihre Augen und plapperte zuckersüß drauflos:

»Oh, Herr Doktor, ich habe von Hilde so viel Gutes über Sie gehört! Tun Sie sich Kondensmilch in den Kaffee. Die schmeckt wunderbar. Französische Ware. Sie wurde vorige Woche an die höheren Angestellten von Junkers ausgeteilt. Nur an die höheren Angestellten, übrigens hat Karl vier Dosen bekommen. Die sind gezuckert. Ach, so viel Gutes, dass ich mich für Johanna, für Hildes beste Freundin, verstehen Sie, ich freue mich einfach für sie. Dabei völlig unbesorgt. Beinahe völlig unbesorgt. Abgesehen von einem Umstand … Herr Schmidt, Johanna ist von Ihrem Wissen und Ihren Lebenserfahrungen und gewiss auch von Ihnen selbst dermaßen begeistert, dass sie Ihnen natürlich alles gestattet. Aber Sie, Herr Schmidt, Sie dürfen sich mit ihr nicht alles gestatten. Zumindest nicht allzu lange. Bei uns, in Deutschland, ist das in anständiger Gesellschaft nicht vorgesehen, verstehen Sie? Bei uns müssten Sie Johanna heiraten. Unbedingt. Herr Schmidt, ich sage Ihnen das aus Liebe zu Johanna. Sie ist eine junge Frau aus anständigem Hause. Und aus Hochachtung Ihnen gegenüber. Sie sind ein sehr ehrenwerter und kluger Mann. Bloß, verzeihen Sie mir: Gerade die klügsten Männer wissen nicht immer, was sie tun müssen.«

Ich konnte sie schlecht fragen, ob sie am Ende als Johannas Kupplerin auftreten wollte. Schon aus dem einfachen Grunde, weil ich mir beim Gebrauch des deutschen Wortes nicht sicher war und ich nicht wusste, ob die Deutschen diese Art der Eheanbahnung überhaupt kannten.

Im gleichen Moment war Johanna aus dem Strumpfladen zurück und trat in die Küche, wo wir Kaffee tranken, und die Hausfrau, die ihr den Rücken zugewandt hatte, hob den Finger an ihre gestülpten Lippen und machte mir gegenüber die peinlich-vertraute, küchenmädchenhafte Geste des Mundhaltens.

Johanna rief: »Oh! Sie hier?« Vollkommen fröhlich, überrascht, frei, und ich erläuterte ihr mit vergleichsweise dumpfer Stimme, wie bei mir ein anderthalbstündiges Zeitfenster entstanden sei und ich beschlossen hätte, ihr Nachtquartier aufzusuchen. Johanna ging ins Seitenzimmer, um sich die heilen Strümpfe anzuziehen, und die Hausfrau flüsterte mir zu:

»Herr Schmidt, sagen Sie ihr um Gottes willen nicht, dass ich Ihnen so etwas gesagt habe!«

Ich murmelte: »Natürlich nicht …«, und dachte: Das ist allerdings wahr, Johanna werde ich das nicht sagen. Kann ich das nicht sagen. Aber was ich darüber denke, dafür kann ich keine Verantwortung übernehmen.

Johanna war in einer Minute zurück. Sie dankte der Dame des Hauses für das Dach über dem Kopf. Ich griff mir mein Glaspaket. Wir verabschiedeten uns und fuhren weg.

Aber allein an der Tatsache, wie berührt und beleidigt ich von den Worten dieser Frau Fröhlich war – sieh da, da fällt mir plötzlich sogar der Name dieser Stupsnase ein –, allein daran war zu sehen, wie wichtig mir besagte Johanna doch geworden war. Denn während sie neben mir am Steuer saß und das Auto gleichzeitig vorsichtig und wagemutig sowie unbewusst und vergnügt steuerte, fühlte ich mich auf dem vibrierenden schwarzen Kunstledersitz des netten Vetters unwohl wie eine Elster, die auf einen Leimstreifen getreten war. Nein, dieses arme Mädchen, dieses schlanke Kind hatte selbstverständlich an nichts Schuld. Aber war das wirklich so? Irgendetwas musste sie sich doch zuschulden haben kommen lassen. Bestimmt hatte sie sich nicht Frau Fröhlich als ihre Kupplerin auserkoren. Das natürlich nicht. Aber sie muss Hilde etwas erzählt haben. Irgendetwas muss sie soeben in Dessau haben durchschimmern lassen. Oder zumindest hat sie zugelassen, dass etwas durchschimmerte, das nicht hätte durchschimmern dürfen. Ich muss zugeben: Bis zu Johannas Abfahrt nach Berlin Mitte September konnte ich ihr gegenüber die einst unvoreingenommene Haltung nicht wiedererlangen. So unvoreingenommen wie vorher. Ich konnte es nicht einmal, als sie eines Nachmittags zu Frau Knechtel kam, um sich von mir zu verabschieden, und sie uns in Frau Knechtels Küche Tee kochte und wir zum torfigen Brot der damaligen Zeit die letzten heimisch gewürzten Strömlinge von Naissaar aßen, die Mutter in einem Blecheimerchen mit der Post geschickt hatte. Ich konnte es nicht. Phasenweise hatte ich das Gefühl, jetzt, gleich, im nächsten Augenblick werde ich mich innerlich mit ihr versöhnen – denn sie ist wahrhaftig nicht verantwortlich für den wenig taktvollen Klatsch dämlicher Frauen, und sie ist in größerem Ausmaße Opfer dieses Klatsches, als ich es bin. Phasenweise hatte ich das Gefühl, dass die erstarrte Schicht zwischen uns auf meiner Seite verschwand, besonders als ich merkte, wie gut ihr Mutters Strömlinge schmeckten, das war rührend. Aber im gleichen Moment begriff ich, dass ich mich doch nicht überwinden konnte und dass es jetzt, wo sie in ein paar Stunden auf den Zug geht und in ein ganz neues und von mir ganz entferntes Leben abreist, ohnehin zu spät ist, noch etwas zu ändern. Ich weiß nicht, ob sie meine Zurückgezogenheit in den letzten Wochen bemerkt hat. Von Zeit zu Zeit schien das der Fall, aber offenbar betrachtete sie (oder meinte, ich würde das tun) es als unschickliche Intimität, sich nach den Gründen dafür zu erkundigen. Weiß Gott. Jedenfalls nahmen wir freundschaftlich kühl voneinander Abschied. Sie dankte mir etwas stotternd für all meine Hilfe, die ich ihr erwiesen hätte, und versprach zu berichten, wie es ihr in Berlin ergehe. Drehte sich um und verschwand. Ich hörte, wie die Wohnungstür ging, und kämpfte einen Moment mit mir – soll ich zum Fenster gehen und schauen, wie sie durch die Gartenpforte geht, und ihr zuwinken, falls sie sich umschauen sollte, oder soll ich am Tisch sitzen bleiben und mir die Zeichnung eines Hohlspiegels anschauen – ich kämpfte mit mir und gewann – oder verlor, wer weiß, jedenfalls blieb ich sitzen. Weiß Gott, möglicherweise fasste ich gerade in diesem Moment des gewaltsamen Auf-der-Stelle-Verharrens den Entschluss, sobald es ging, den Ort zu wechseln.

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9783955102630
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