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Ingeborg Arvola
Am Ende der Sehnsucht
Saga egmont
Am Ende der Sehnsucht
Aus dem Norwegischem von Sigrid Engeler nach
Korellhuset
Copyright © 2002, 2017 Ingeborg Arvola og Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711449912
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Für meine Mutter
Wenn ich um die Bäume herumgehe, sehe ich die Hütte. Beim Wiedererkennen sträuben sich mir die Haare, und bestimmt glänzen meine Augen ein bißchen, ich hatte nicht geglaubt, daß die Erinnerung so genau sein würde. Am äußersten Ende der Wiese liegt sie, klein und rotgestrichen. Einmal, vor langer Zeit, saß ich vor dem Haus auf der Treppe und glaubte, das Holz aus dem Pasvikelv würde mir Geheimnisse zuflüstern, wollte mir etwas erzählen, das ich nicht verstand.
Der Fluß Neiden redet immer noch, erzählt über all die Jahre hin mit gleichmäßiger Stimme, und ich sehe das kleine Mädchen, in Kleidern, die ihm nicht paßten. Es sitzt da, den Rücken ein bißchen gekrümmt, und lauscht. Eine schmutzige Wange. Ein Stück vom Schal im Mund.
Ich bin zurückgekommen. Bin in zufälligen Kleidern aus der Zeit gesprungen und ließ übereilt einen Zettel zurück mit einigen Flüchtigkeitsfehlern. Immer noch außer Atem, steige ich bei Bordevarra aus dem Bus. Bin überhaupt nicht sicher, ob das richtig war. Unsicherer Blick den Straßenrand entlang. Bin ich hier früher schon gewesen? Mit Herzklopfen bis zum Hals über den Weg. Heide, Heideduft. Atme tief ein. Gehe schnell von den Bäumen weg, ganz erwachsen, auf dem Weg über die Wiese. Öffne das Gesicht zur Hütte in Uopaja. Ich bin es, die hier ist. Ich bin früher schon hier gewesen. Mit meinem Vater. Mit meinem Vater, wiederhole ich. Das ist, als öffnete man während eines Unwetters alle Fenster. Erinnerungsbilder rasen durch den Kopf.
Als ich meinem Vater zum ersten Mal begegnete, kam er von Uopaja. Er und ein paar Nachbarn hatten die Hütte zurückgetragen. Das Hochwasser hatte sie mit sich über Edas Land geschleppt, und sie stand gleich neben dem alten Heuschuppen. Noch nicht einmal Hütten bleiben dort, wo sie abgestellt worden sind, dachte ich vielleicht damals. Und mein Vater war derjenige, der sich um die Hütten kümmerte. Er lief mit Lasso und Gummistiefeln hinter ihnen her und vielleicht mit einer Spielzeugpistole. Und dem dunklen Hut, grau, mit Flecken von der Erde und einem gelb-schwarzen Angelhaken. Ich hatte den Hut ganz vergessen. Er bat sie, mit zurückzubleiben, er fand sie, wenn sie sich verirrt hatten. Wenn sie verstört im Schatten des Heuschuppens saßen, grauverwittert, schief, mehrere hundert Meter von ihren eigenen Grundstücken entfernt, und waren sie verschreckt, tröstete er sie mit kraftvoller Hand.
Er kam mir in schmutzigen Kleidern auf der Straße entgegen, roch nach Fisch und Wacholder, jemand, den ich nicht kannte. Und ich unterdrückte einen Schluchzer, um ihn näher in Augenschein zu nehmen, den Mann, der mein Vater war, ohne daß es einer von uns wußte. Der Mann, der Hütten nach Hause trägt, dachte ich, ehe ich an seiner Seite einschlief, zum ersten Mal in der Finnmark.
Die Hütte liegt so scheu und alltäglich da, daß es mich schaudert. Es ist noch nicht lange her, seit hier jemand Heu geerntet hat, ein Teil der Erde liegt nach dem Schnitt noch bloß. Meine Mutter ist nie hier gewesen, denke ich. An diesem Ort hat mein Vater auf seine eigene Weise geherrscht. Gejagt von Dämonen, beschützt von Engeln. Hier hat er mir den Geschmack des Grases geschenkt und Fischblut in meine Adern gepumpt. Jetzt, wo ich wieder hier bin, recke ich den Hals, sehe Blaues glitzern. Glaube, ich kann die Toten flüchtig sehen, die sich am Rand der Wiese um ihn gesammelt haben. Für ihn wurde meine Mutter nicht einmal zu einem Trugbild, einer Illusion. Sie hat mit diesem Ort nichts zu tun. Gerade als ich mich von den Unsichtbaren abwenden will, kommt es mir vor, als sähe ich ein Lächeln aufglitzern, viele Lächeln, ganz kurz, wie das Wasser des Flusses zwischen den Birkenstämmen. Ist das mein Vater, der zufrieden in die Luft lächelt, weil ich zurückgekommen bin? Komisch. Heißt er mich willkommen? Ich blicke auf die Treppenstufen hinunter, überwältigt von der eigenen Verwunderung. In all diesen Jahren hatte ich geglaubt, ich würde Furcht mit diesem Ort verbinden.
Erster Teil
Ämmi
1
Es war einmal eine Mutter. Sie war meine Mutter, die Frau, die alle Korell nannten, und ich weiß noch immer nicht, warum. Immer ist es ihr Name, um den meine Gedanken kreisen. Korell, die am Küchenschrank steht, während ihre Finger routiniert Saft mischen, Wasser, Zucker und Zitrone. Sie braucht bei der Arbeit gar nicht anwesend zu sein, ihr Blick ist ganz woanders. Meine Mutter hat große Augen, wunderbar klar brennen sie in dem Gesicht. Wir sind in der Küche, und ich trinke genüßlich Saft. Niemand außer Korell würde mir Saft geben, das Glas halbvoll Zucker. Schon gar nicht bei diesem schweren Regenwetter, einem Wetter voller Vorwarnungen, Kummer und Abschieden. Davon läßt sich meine Mutter, die mich liebevoll anschaut, den Abstand der ganzen Welt im Blick, nicht stören, und ich trinke in winzigen Schlucken, trinke für den Rest meines Lebens; und während sich der Name Korell in den süßen Geschmack mischt, bleiben die Tropfen der Zitrone verzerrt und zerlaufen auf dem Küchenschrank. Korell ist so, Gestalten können verzerrt sein vor Einsamkeit, in der sie andere zurücklassen, in der sie selbst gefangen sind. Korell ist diejenige, die weiterzieht.
Alle nennen Korell bei ihrem Namen, auch ich tue das. Nur innen in mir ist sie Mama, eine weitaus greifbarere Gestalt als Korell, die mich genau jetzt bei halbgeöffnetem Fenster und Regenwetter genießt. Korell, schlucke ich und spüre, wie die Lippen vom Zucker kleben. Ich habe eine Million Fragen, die nach Antworten verlangen, und alle Sehnsucht der Welt, um das richtige Wort, den richtigen Tonfall zu treffen, damit Korell bleibt, auch wenn das Wetter von Abschied spricht. Halbwegs unten im Glas zögere ich, benutze den kleinen Löffel, um mir den Zuckerhügel, von Zitrone durchsäuert, zu sichern.
»Warum heißt du Korell?« frage ich.
Immer diese Frage, und ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, ob sie irgendwann einmal darauf geantwortet hat. Und der magische Saft verliert seine Wirkung. Korell mag keine alltäglichen Fragen. Meine Mutter wird sich erst zeigen, wenn das rechte Wort aus meinem Mund fällt, wie rostige Ketten von alten Seeräuberkisten abfallen und eine Menge Gold enthüllen. Korell sagt, Zitrone macht den Zucker ungefährlich, entfernt das Ungesunde aus den weißen zähflüssigen Körnern, die den Boden des Saftglases bedecken, und auch wenn ich weiß, daß sie mich beschummelt, bringt mich das zum Lächeln, wie eine Verschwörerin. So sind sie, Korell und Mama, sie lieben Überraschungen, Ideen. Ich weiß das wohl, und ich beeile mich mit dem Saft, während ich spüre, wie sich Rastlosigkeit zwischen uns breitmacht, und ich will nicht diejenige sein, die aufhält. Weiß das wohl, habe aber nie Zeit genug für diese Wörter, gehe beständig verloren in einem Wirbel zu großer Ringe mit merkwürdigen Formen und einer Korell, die mich schwindeln macht, wenn sie mich auf ihre extreme Art umarmt. Jedes Mal, wenn sie kommt, beschließe ich, mich dieses Mal nicht berauschen zu lassen, lausche aber hellwach auf diese stummen Wörter und schüttele das richtige aus dem Ärmel, wenn es an der Zeit ist. Das Wort, bei dem sie bleibt. Einmal kam dieses Wort doch zu mir, aber jetzt kann ich mich nicht erinnern, welches es war. Ich erinnere mich nur, daß Korell den Kopf zurückwarf und laut lachte. Und statt alleine durch die Flurtür zu verschwinden, wickelte sie mich in Kleider ein und nahm mich mit hinaus in den dunkelnden Abend. Sie tanzte mit mir, nur mit mir, die ganze Nacht, und als ich mich wieder umsah, war es Morgen, und wir schlichen müde heimwärts.
Ich hatte Korells Geschmack von Wein auf den Lippen, und sie ließ mich den einen Zipfel ihres Schals halten, während sie selbst den anderen trug. Ich blinzelte in den Sonnenaufgang, und sie glich einer Prinzessin mit all den Ringen an den Fingern. Wir gingen auch nicht hinein, sondern legten uns ins nasse Gras vor der Veranda, und ich wollte noch fragen, ob das ginge, im nassen Gras schlafen, aber die Sonne lag auf unseren Augen, und während wir uns in den Armen hielten, schliefen wir auf der Stelle, die seither meine Lieblingsstelle gewesen ist.
Später am Tag erwachte ich in meinem eigenen Bett, und der Körper tat weh, nicht von dem Gras, das nur immer weicher geworden war, weicher nasser Tau, früher Morgen, sondern in der Gewißheit, daß nicht Korell mich hineingetragen hatte. Meine Mutter war wieder weg, weg wie die Sonne, die uns in den Schlaf geschickt hatte, verloren an ein Regenwetter, das für solche wie mich nichts anderes birgt als Melancholie.
2
Nichts hat darauf hingewiesen, daß mein Vater in eine Großstadt wie Oslo fahren würde, daß er am Nachtleben teilnehmen und meine Mutter treffen würde. Mein Vater war kein Stadtmensch, er sieht Farben an den Menschen, und er hat von Tieren die Herzen gegessen, als sie noch klopften. Beim Anblick von Korell in dem verräucherten Lokal blinzelt er, er leckt von den Fingern Blut, das nicht da ist, und in dem Tanz, den sie alleine tanzt, folgt er Korells Armen. Jemanden wie Korell gibt es dort, wo er herkommt, nicht.
Mein Vater hatte den Hauptgewinn gezogen, es war also das pure Glück, das ihn nach Oslo schickte. Wohin sonst sollte er gehen, was sonst sollte er mit dem Geld anfangen, das er nicht brauchte, von dem er aber wußte, daß seine Kameraden es sich mehr als alles andere wünschten. Gemeinsam zogen sie los, um den Hauptgewinn des Tippscheins zu verprassen.
Mein Vater kann Stimmen zwischen dem Laub hören, er kann so still sitzen, daß die Vögel Eier in seine Hände legen, und hier im Rauch und zu so später Stunde sah er, Korell im Blick, ein Wesen, das ihn vielleicht an ihn selbst erinnerte oder an einen Vogel, den er nicht verstand. Er war begabt, meinte Ämmi, seine Mutter und meine Großmutter, und von Toleranz hielt sie mehr als von Haß. Ämmi mit ihrem strengen Gott war besser als Gott. Sie ließ ihren Sohn so sein, wie er war. Jetzt umfängt er Korell mit einem Blick, der an ihr vorbeizustarren scheint, und mit dem gleichen Blick ist er nahe bei ihr, und als sie einen Augenblick innehält und den Kopf zurückneigt, liegt ihr Kopf in einer fremden Hand, und mein Vater umfaßt ihn, will einfach nicht loslassen.
Als das Geld verbraucht ist, fährt mein Vater zurück, und Korell ist schwanger.
Ich weiß nicht, was sie miteinander sprachen, aber mein Vater ist kein Stadtmensch. Er zog dorthin zurück, wo er immer gewesen war. Aber ab und zu ließ er einen Vogel, den er gefangen hatte, los, ließ ihn erschreckt mit den Flügeln flattern, einer Frau zu Ehren, die Großstadtherzen mit spitzeren Zähnen aß, als je ein Mensch, dem er begegnet war.
Korell senkte die Augenlider, wenn der Bauch zu ihr sprach, und etwas mußte mit dem Mann sein, dem sie begegnet war und der ihren Bauch dazu brachte, Leben zu beanspruchen, ihre Zeit zu beanspruchen, auf jeden Fall für eine Weile. So war es das pure Glück, daß ich geboren wurde, daß ich in Frieden in einem Körper aufwachsen durfte, der einfach weitertanzte.
3
Ich habe nie mit meiner Mutter zusammengelebt. Vielleicht, weil Korell auch nie mit ihrer zusammenlebte. Als Korells Mutter einen Sohn in die Welt gesetzt hatte und dreizehn Monate später die kleine Korell, hatte sie das Ihre getan, und deshalb ging sie. Sie stammte aus Island und war voll vom Gesang des Meeres, ihre Augen waren von Lava bedeckt, und sie mußte nach Hause, um sie in den unzähligen Quellen dort anzufeuchten. Ich weiß nicht, warum sie die Kinder nicht mit sich nahm. Vielleicht weil sich herausstellte, daß der Mann, der sagte, er liebe sie, der sagte, er würde sie heiraten, schon verheiratet war, verheiratet mit nicht weniger als fünf Kindern. Er war allein nach Norwegen gekommen, um viel Geld zu verdienen und als Millionär zurückzukehren. Vielleicht ist es für isländische Frauen besonders unerträglich, verlassen zu werden – jedenfalls ging sie vorher, und das ist das letzte, was ich von ihr gehört habe. Ich glaube, es ist auch das letzte, was Korell weiß. Korell bekam von der Frau nicht mehr als ihren Namen, aber sie ist nie wie ich gewesen, sie hat nie in der Vergangenheit nach einer Antwort gesucht. Korell läßt die Fragen liegen, wo sie entstehen und macht alleine weiter.
Ihr Vater, auf dem Papier ein griechischer »Gastarbeiter«, saß wieder mit zwei kleinen Kindern da. Zu Hause erwartete ihn eine haßerfüllte Frau, die von seinem Verrat wußte und vor Gott und den Frauen schwor, ihn nie auch nur wieder anzuschauen. Vom Vater hat Korell die unverschämt großen Augen. Ich erkenne sie von den Fotos wieder, die in einem alten Umschlag ganz hinten im ältesten Fotoalbum liegen. Er ist der Mann, dessen Augen schwarz wurden von dem Wunsch, alles wieder gut werden zu lassen. Nikos wünschte nichts mehr, als wieder nach Hause zu kommen, aber er blieb in Norwegen. Bis zum letzten Bild. Mit ihm in der Mitte und den Kindern zu beiden Seiten, Andreas dreizehn und Korell fast zwölf Jahre alt. Er sieht nicht alt aus, gerade mal dreißig, würde ich schätzen, wenn ich es nicht besser wüßte. Die Fotos hat Mari gemacht, die Frau, die mit Nikos und seinen zwei Kindern zusammenlebte.
Sie war es, die all die Bilder machte und sie nachher weggepackt hat. Mari war da, ausnahmslos an jedem Tag von Nikos’ verhängnisvollem, norwegischem Leben. Sie schmierte seinen Kindern die Schulbrote, liebte sie für alles, was sie waren und was ihr Vater nur selten einmal merkte. Mari war ein Opfer der Liebe. Sie konnte nicht anders, sie liebte Nikos.
Wenn du sie damals gesehen hättest, würdest du nicht geglaubt haben, daß sie die Stärke besaß, eine hoffnungslose Liebe zu wählen; so schmal, so zartgliedrig, mit elfenartigen Fingern, von denen Korell mir einmal erzählte, daß sie unsichtbar würden, wenn sie richtig unglücklich war. Mari mag Korell erschreckt haben mit ihren offenen, starken Gefühlen, denn in ihren eigenen Gefühlen fand Korell, wenn sie sie freiließ, nur Angst vor der Einsamkeit. So hielt sie die Gefühle straff, daß sie nur auf Befehle gehorchten, sie schritt neue Wege für sie ab. Stark war Korell nur für sich allein.
Mari erzählte den zwei Kindern oft: Wenn sie nach einem Tag, an dem sie traurig gewesen waren, genau hinschauten, würden sie sehen, wie es Pfirsiche vom Himmel regnete. Mir erzählte sie die gleichen Märchen, und mir war so, als hätte sie sie früher schon erzählt, denn sie flossen so leicht, so überzeugend, und wenn ich mich an sie erinnere, verspüre ich Wehmut. Ich sehe Korell vor mir, als sie klein war, als sie Menschen noch Zugang zu ihren Gefühlen gewährte und merkte, wie weh das tat, und sogar Maris Geschichten fehlte die Kraft zu mehr, als Korells Gemüt zu beruhigen. Ich selbst wurde butterweich, wenn Mari mich auf ihrem kleinen Schoß schaukelte. Ich weinte an den traurigen Stellen und lachte glücklich, wenn alles gut ausging. Ich tat Mari unrecht, das wußte ich wohl, wenn ich annahm, daß diese Geschichten noch besser wären, wenn Korell sie erzählt hätte, und noch schöner, wenn es ihr Schoß wäre, auf dem ich sitzen würde.
Mari war Nikos gegenüber loyal bis zuletzt, und ich habe sie nie ein böses Wort über ihn sagen hören. Alle Wut, die sie je auf ihn oder andere hatte, richtete sie auf die isländische Frau.
»Wenn ich mir vorstellen würde, mit jemandem mal ein ernstes Wörtchen zu reden, dann mit dieser Hexe«, konnte sie sagen, wenn Nikos mehrere Tage lang verschwunden war. »Wenn jemand alles Pech der Welt verdient, dann deine treulose Großmutter«, sagte sie, als ich wieder einmal über Korell, die mich verlassen hatte, weinte. »Hängen sollte sie«, murmelte sie, als es bei mir mit Schule und Freunden völlig schieflief. Als sich Island und Norwegen in irgendeiner Fischereifrage unnachgiebig gegenüberstanden, war sie sicher, daß dieses gerissene Frauenzimmer dahintersteckte, natürlich mit einem ironischen Lächeln.
Mari liebte den undankbaren Nikos in der Zeit, die sie von ihm zugestanden bekam. Eines Tages gab er dem brennenden Wunsch, nach Kreta zurückzugehen, nach, und ließ alles da, was er nicht in einer Hand halten konnte. Als Mari seinen Brief fand, der den Stand der Dinge gleichsam erklären sollte, vergoß sie, knapp dreißig Jahre alt, bittere Tränen. Dann verbrannte sie den Brief und mit ihm alle Fragen. Ihre Enttäuschung fegte sie beiseite mit schlichten Formeln wie: »Hast du meine Brille gesehen, Korell? Ich brauche sie, wenn ich euch das Buch zu Ende vorlesen soll. Habt ihr meinen Geldbeutel gesehen, Kinder, einer von euch müßte gerade mal Süßigkeiten vom Kiosk holen.« Nicht eine Sekunde kam ihr der Gedanke, sie könne Andreas und Korell verlassen. Mari gestand Nikos alles zu, damit er nur die Sehnsucht stillen konnte, die auf den Fotografien in seinen Augen lag.
Trotz Maris standhaftem Festhalten an den Trivialitäten des Alltags entging es Korell nicht, daß sie von Vater und Mutter verlassen worden war, und das, noch ehe sie die Menstruation oder einen Busen bekommen hatte, noch ehe sie überhaupt daran gedacht hatte – wie alle jungen Mädchen es irgendwann tun –, von ihren schrecklichen Eltern wegzulaufen. Nicht lange nach Nikos’ Bußfahrt in sein anderes Leben fischte sie Maris Geld aus der Brieftasche, polierte ihr kindliches Aussehen mit Baumwolle in einem zu großen BH und ungleichmäßigen Kajalstrichen um die Augen heraus, schaute sich lange und gründlich im Spiegel an, ehe sie hinauslief in das prickelnde, wimmelnde Nachtleben, von dem sie nicht mehr wußte, als das, was man sich zu Hause darüber erzählte. Schon so sehr Korell, daß sie sich nicht damit aufhielt, die Haustür vorsichtig hinter sich zu schließen. Sie warf sie siegessicher zu, lief die Treppe hinunter und weg war sie. Da war sie nicht älter als zwölf Jahre. Trotz umfassender Suchaktionen und Nachforschungen vergingen sechs Jahre, ehe Mari Korell wiedersah. An dem Tag, an dem sie mit mir auf dem Arm erschien.
Zielstrebig stapfte sie die Straße entlang, barfuß und ganz selbstverständlich, niemand würde geglaubt haben, daß sie noch nie zuvor hier gewesen war. In ihrer Haltung lag etwas Majestätisches, das offene Haar wirkte in der Sonnenglut zu warm, ein kleines Baby saugte an einer der bloßen Brüste, ein paar kaputte Sandalen trug sie in der anderen Hand. Keiner der Vorbeifahrenden hielt sie für eine schlampige Aussteigerin. Sie fuhren vorsichtiger, drehten den Kopf nach ihr um und zwinkerten der jungen Frau mit Kind und in den Nacken geworfenem Kopf zu, der Frau die eher den Sonnenstrahlen als den Straßennamen folgte.
Mari hatte in der Zwischenzeit geheiratet. Der Mann hieß Karl-Edvart und war ein vielbeschäftigter Geschäftsmann. Auch wenn er das Leben mit förmlichen Treffen und doppelten Martinis, das er sich, geschieden und kinderlos, angewöhnt hatte, weiterhin lebte, war er doch nicht so beschäftigt, um Mari nicht noch ein Kind zu schenken. Ein kleiner Sohn, der mit großen Augen im Kies der Auffahrt spielte, als die fremde Frau direkt auf ihn zuschritt. Der Anblick hatte ihn erschreckt. Korell ist so, sie erschreckt alle Kinder, bis auf mich, und Jon-Edvart war erst vier Jahre alt, und weder der warme Tag noch die farbenfrohen Stiefmütterchen, nichts wirkte sicher, als die fremde Frau auf ihn zukam. Er ließ den Spielzeugspaten mitten in dem kleinen Kiesturm liegen und rannte um die Hausecke, dorthin, wo er die Mutter vermutete.
»Mama«, heulte er und klammerte sich an ihre Beine.
Maris helles Haar war aus dem Gummiband gerutscht, als sie in dem kleinen Gemüsegarten gehockt hatte. Sie war über Dreißig, sah aber mit dem dünnen Flachshaar jünger aus als Korell. Die Hände im Haar, erhob sie sich und schaute zu dem jungen Mädchen, das auf sie zukam. Als Korell direkt vor ihr stehenblieb, schauten sie sich schweigend an, überwältigt von der Wärme, die sie in einander weckten.
»Du hättest euch sehen sollen, Liebes. Ich selbst habe geglaubt, es wäre ein Traum, ich würde wegen der Hitze phantasieren, ich sollte hineingehen und ein Glas Wasser trinken, etwas suchen, um den Kopf damit zu bedecken, ehe ich wieder hinausging. Korell stand mit einem kleinen Lächeln da und grub die Zehen in die Erde, als ob sie dort Feuchtigkeit finden und sie aufsaugen könnte. Sie achtete nicht auf ihre nackten Brüste, achtete kaum auf dich, das kleine Baby, das längst zu saugen aufgehört hatte und in der Wärme tief schlief, während ihr sonnengebräunter Arm, der dich hielt, so sicher wirkte. Und während ich so dastand, mein Atem zitterte und mir langsam klarwurde, daß ihr tatsächlich dort standet, legte sie dich graziös in unserem schönsten Blumenbeet ab. Du weißt, das mitten im Garten, mit den Steinen ringsum. Und sie lächelte strahlend, als sie den letzten Schritt tat und die Arme um mich schlang, während du friedlich zwischen den Blumen schliefst.«
So war das, als Korell mich zum ersten Mal verließ. Mit einer graziösen Bewegung, mit farbenfrohen Blumen und der Brust, die sie vergessen hatte, wieder in die Kleider einzuknöpfen. Selbstverständlich blieb sie ein paar Tage. Vielleicht hatte sie tatsächlich daran gedacht zu bleiben, das Haus und den Garten zu einem Ort zu machen, wo sie leben konnte, aber es gelang ihr nicht. Korell bringt Dinge aus dem Gleichgewicht. Sie lockte in Karl-Edvart ein klopfendes Herz hervor, Erinnerungen in Mari, einen beschützenden großen Bruder in Andreas und einen erschrockenen Ausdruck auf Jon-Edvarts sonst so glücklichem Gesicht.
Man fragte sie nach dem Vater, wo sie wohnte, wo sie arbeitete und was aus ihr werden sollte. Aber Korell vermied alltägliche Fragen auf der Jagd nach etwas anderem, und eines Morgens war sie fort. Ich, die ich bis dahin das meiste verschlafen hatte, begann mit meiner ungewöhnlich heiseren Stimme zu trauern.
»Das zu hören tat weh«, erzählte Mari. »Du hast mich an eine verletzte Krähe erinnert, und egal, was wir taten, du hast mit den Augen und deinen winzigen Fingern immer nur weiter fieberhaft nach ihr gesucht.«
4
Mir ist nie richtig klargeworden, wann Mari Karl-Edvart begegnet ist, wann sie geheiratet haben und Mari die Sachen in der engen Wohnung ein- und im Holzhaus mit Garten, wo ich aufwuchs, ausgepackt hat, aber die Begegnung selbst könnte direkt einem Frauenroman entnommen sein. Karl-Edvart war ein geschiedener Mann von siebenundvierzig Jahren, als er Mari begegnete und gerade dazukam, als sie von ihrem Unglück erzählte – wobei sie es gar nicht als Unglück betrachtete. Mari erzählte ihre Geschichte voller Stolz, sogar etwas angeheitert im Lärm des Firmenfestes, und wenn man hinhörte, hatte das Lächeln, das sie lächelte, als sie von Korell und Andreas erzählte, vielleicht einen Unterton voller Tränen, und das Lachen, als sie die Wohnung beschrieb und die Miete, die in jedem Quartal stieg, saß unter einer Falte auf der Stirn. Karl-Edvart, der seit längerem allein gewesen war, folgte dem Lächeln und prägte sich die Falte im Gesicht gut ein. Unwiderstehlich, fand Karl-Edvart. Leerte das Glas, rückte den Schlips gerade und ging unsicher hinüber zu Mari.
»Ich wollte gerade etwas zu trinken holen«, sagte er und schaute ihr tief in die Augen. »Soll ich Ihnen gleich etwas mitbringen?«
Mari sagte ja, mehr verwirrt als alles andere, aber als sie anstießen, hatte sie das Gefühl, etwas sei schon abgemacht und entschieden, so als ob der tiefe Blick nicht erst auf etwas hinwies, sondern bereits einen Vertrag besiegelte. Nicht, daß das einen Unterschied machte. Es war lange her, seit jemand sich gewünscht hatte, sie möge ihre Zurückhaltung aufgeben, und mit ziemlich schlechten Argumenten überredete nun jemand den Mann an ihrer Seite, sich woanders hinzusetzen.
Karl-Edvart, der jetzt in Schwung war, wollte sich aber nicht einfach plump auf dem eroberten Platz niederlassen und die üblichen Phrasen von sich geben, die er sich auf der Jagd nach zufälligen Bekanntschaften zurechtgelegt hatte. Er setzte sich dicht neben Mari, spürte, wie sich sein eigener schwerer Körper aufrichtete, als die Nähe ihm klarmachte, wie klein Mari war, wie dünn das Haar über ihrem Schädel lag. Sogar in dem schwachen Licht glaubte er sehen zu können, wie sich die Adern durch ihre Gedanken klopften, und um eine Atempause zu bekommen, ließ er die Augen zu ihren Händen wandern.
»Ich kann deine Hände nicht sehen, wenn du trinkst«, flüsterte Karl-Edvart verblüfft, als er deren Weg zum Mund hinauf verfolgte. »Jemand hat behauptet, das sei so, wenn du ängstlich bist.«
Mari riß die Augen auf. Für einen Moment hatte sie sich weggeträumt und vorgestellt, der intensive Blick könnte von Nikos sein. Die Worte überraschten sie nicht nur, sie brachten Korell zu ihr. Korell, die ab und zu außer sich vor Angst war, nur weil sie Maris Finger nicht sehen konnte, und glaubte, sie habe Mari enttäuscht. Wie konnte sie die aufeinandergeprßten Lippen vergessen, die die Tränen zurückhielten. Sie, die sich darüber ängstigte, daß Korell niemals weinte.
Als diese hübsche kleine Frau, die so viel Mißgeschick ertrug und dem Unglück einfach mit erhobenem Kopf begegnete, den Kopf wegen einer zitternden Krokodilsträne senkte, da wußte Karl-Edvart, hier gab es nichts weiter zu tun, als sie mit nach Hause zu nehmen, ihr einen dampfenden Grog zuzubereiten, ihren Geschichten zuzuhören und am Ende die bezaubernde Frau im Gästezimmer zu Bett zu bringen.
Mari erwachte am nächsten Morgen in einem leeren Haus und fand eine umständlich formulierte Nachricht vor. Auch wenn sie Kopfweh hatte und vom Tabak wie durchsäuert war, lächelte sie, als sie las: Verfügung über die Hausschlüssel, müssen an ihn persönlich überbracht werden. Sie würde nicht entwischen.
Während sie für sich Kaffee kochte, verwandelte sich das Lächeln in eine Freude, die sie lange nicht mehr empfunden hatte, und als sie träumend gelben Blättern folgte, die ans Küchenfenster geweht wurden, und sah, was für ein grauer Tag draußen wartete, wurde sie nur noch froher.
Unterwegs zum Büro des Chefs kaufte sie einen Goldring. Nicht dick. Nicht dünn. Ehe sie die Schlüssel ablieferte, stand sie verstohlen lächelnd vor der Tür des Direktors und wand den Ring auf den Schlüsselring. Mit wissender Miene legte sie die Schlüssel auf seinen Tisch, entschuldigte sich, sie müsse nur zur Toilette, und fegte aus dem Zimmer.
So begegneten sie sich. So heirateten sie. Wenig Rotz, wenig Tränen, irgendwelche verschwundenen Töchter, irgendwelche geschiedenen Männer, ein Grog und ein goldener Ring. Mari erinnert sich an das heitere Gesicht, das ihr aus dem Toilettenspiegel entgegensah und überlegte, was in aller Welt sie wohl antrieb.
»Ich kann mich nicht erinnern, früher so ausgesehen zu haben«, erklärt Mari mir und macht einen Punkt.
5
Hatte Korell Angst? frage ich Andreas. Weinte sie im Schlaf, drückte sie ihr Kissen? Vermißte sie ihre Mutter? Andreas zuckt mit den Schultern, lächelt sein Lächeln, erzählt mir etwas anderes, vielleicht ein Märchen, rückt eine Schale Karamelbonbons in die Nähe meiner Finger. Denn Andreas erinnert sich nicht. Erinnert sich an nichts anderes als an die Lehrerinnen aus der Zeit, als er dreizehn war und in die siebte Klasse ging. Die Zeit, als Nikos mit solcher Eile davonzog, daß Korell im Sog mitgerissen wurde. Zog sie los, um nach ihrer Mutter zu suchen? frage ich. Andreas weiß es nicht. Die Umwälzungen bedeuteten für ihn nicht so viel. Die Träume bedeuteten alles. Die Träume von den Lehrerinnen. Die meisten Träume handelten von der Handarbeitslehrerin. Sie bekam ihn dazu, daß er vor den schiefen Blicken der Kameraden aus dem Werkunterricht den Kopf einzog, wenn er den Mädchen in den Handarbeitsraum nachschlich. Ihr BH-Träger, seufzt Andreas, und fängt mit einem absurden Märchen von Heldinnen und Drachen an. Der eine BH-Träger glitt immer über die Schulter. Immer der linke. Sie fuhr mit der Hand unter den Blusenkragen, die Finger fischten nach dem Träger und schoben ihn an seinen Platz. Helfen und trösten. Andreas könnte sterben für den Blusenkragen.
»Heißt die Heldin Korell?« frage ich. Esse Karamelbonbons. »Verschwand sie, um die Drachen wegzujagen?«
»Korell?« antwortet Andreas schwebend. Erinnert sich vage, welche Gläser sie zerbrach. »Nein, die Heldin heißt nicht Korell. Sie heißt ›Kleiner Schwan‹ und ist eine ruhmreiche Drachentöterin mit einer silbernen Rüstung.«
Wäre Andreas nicht vollauf mit den Lehrerinnen, den Träumen und den gesäumten Nähten beschäftigt gewesen, hätte er mitbekommen, daß sein Verhalten auf die Jungen anstößig wirkte, bei den Mädchen aber enormes Interesse weckte. Ein Grund für seine offenkundige Überlegenheit im Nähen war im Tuscheln der Mädchen zu finden, den bezaubernden Blicken, die begeistert über ihn herfielen, und im Ausmaß der Liebesbriefchen, die nach dem Ende der Stunde zusammengeknüllt im Papierkorb landeten.
Andreas selbst fühlte sich morgens leer und verschwendete nie einen Gedanken an die Mädchen oder an Korell. Korell verbrachte unzählige Stunden vor dem lebensgroßen Spiegel auf dem Flur, einem zu erwartenden Busen und Schamhaaren auf der Spur. Andreas sieht keinen Grund, mir das zu erzählen. Sie nackt zu sehen ließ Andreas nicht im mindesten ins Träumen geraten.
»Du findest mich schön«, sagte Korell, als beide den kräftigen Körper vorm Spiegel studierten.
»Nein«, antwortete Andreas, und er vermißte diese Zeit vor dem Spiegel nicht, als sie vorbei war.
Er hatte zu der Zeit einen einzigen Kummer, und das war Maris gewissenhaftes Auftreten als Elternteil. Auch wenn ihre Gedanken ständig um Korell und die Suche nach ihr kreisten, die wieder Gott weiß wo war, war Mari gerührt und froh, wenn die Lehrerinnen sie mit Lob und trockenem Gebäck überhäuften. Andreas war ein solch vorzüglicher junger Mann, wie sie immer wieder betonten. Hätte Andreas nicht solche Angst gehabt, daß diese Frauen sich zusammentun würden, um sein Liebesleben zu enthüllen, hätte ihn die Anrede junger Mann gleichermaßen stolz und selbstbewußt wie übermütig gemacht. Aber er zitterte ein bißchen und bereute alle Blicke, alle Träume. Eines Tages war er kurz davor, ohnmächtig zu werden. Und während er in einer Wolke schwebte und beinahe seine träumende Liebe zu Haß umwandelte, und als er dachte, sein Atem wäre viel zu schwach, um ihn noch länger auf dem Stuhl zu halten, rettete ihn Maris geistesabwesendes Nicken. Sie lächelte und war so dankbar für diesen Sohn, der so ausgezeichnet war und sie jetzt mit seinen tiefen, ehrlichen Augen anstarrte.
»Ich bin so stolz auf dich, Andreas«, beeilte sie sich zu sagen, »du kannst unmöglich begreifen, wie viel mir das bedeutet.«
Und die Lehrerinnen nickten teilnahmsvoll und verständig, denn alle hatten sie von der verschwundenen Tochter gehört: weggelaufen? Vergewaltigt? Oder ermordet?
Im Grunde war es nicht schwierig, dachte Andreas am Abend, während die letzten Reste von Reue und Qual von der Zugluft, die durch die Fensterritzen blies, weggeweht wurden. Dann nannte Mari ihn ihren Sohn. Und als Maris Sohn schlief Andreas ein, und mit seinem neuen Wissen träumte er sich weiter in die Mieder der Lehrerinnen hinein. Die Pubertät hielt ihn fest in ihren Klauen und weihte Andreas ein in ein Leben voll wilder Lügen und feuchter Träume, gesäumt von klebrigen Socken, die gestapelt unten in den Tiefen der Schmutzwäschetonne oder in kommunalen Abfalltonnen endeten.
»Kannst du nicht besser auf deine Socken aufpassen?« rief Mari unglücklich wegen der dauernden Kosten, die die verschwundenen Socken verursachten.
»Hat Korell mich vergessen?« frage ich Andreas. »Kommt sie zurück? Muß ich zuerst den Drachen fangen? Hat der sie gefressen?«
»Dich vergessen?« Andreas schüttelt den Kopf. »Sie liebt dich, meine liebe Kleine. Alle lieben dich, ›Kleiner Schwan‹«, sagt Andreas und tätschelt mir den Kopf. Er war immer schnell dabei mit der Lüge.
6
Bald ist es Frühling. Der Schnee ist von meinem Lieblingsplatz, dem Abhang unter der Veranda, verschwunden. Mari fährt mich zum Kindergarten. Kaum hat sie mich dort abgeliefert, mache ich kehrt und trotte nach Hause. Zum Holzhaus mit Garten. Mit Mari, Karl-Edvart, ihrem Sohn Jon-Edvart. Mit mir, ab und zu mit Andreas, der in einer eigenen Wohnung lebt, aber beim Wäschewaschen Hilfe braucht. Korell wohnt nicht mit uns zusammen. Ich schlängele mich durch die Johannisbeersträucher, will nicht aufgehalten werden und ruhe mich unterhalb der Veranda aus. Dies ist mein Platz, noch feucht nach dem Winter. Hier warte ich auf meine Mutter. Hin und wieder kommt sie zu Besuch. Eines schönen Tages nimmt sie mich mit, wenn sie geht. Weil sie mich liebt. Ich bin ihr geliebter Schatz. Das hat sie gesagt. Nach einer Weile findet mich Mari. Sagt, sie habe Angst gehabt, fragt, warum. Warum, mein Liebes? Als wir um die Hausecke biegen, merkt sie es und vergißt meinen nassen Hosenboden, denn in der Tür steht niemand anderes als Korell. Ich quengele, und abends bringt mich Karl-Edvart ins Bett. Ich durfte lange auf sein, länger als Jon-Edvart, denn Korell war tatsächlich aufgetaucht. Nachdem ich sie gesehen, ihre Hand berührt und eine eilige Umarmung empfangen hatte, stellte ich mich auf den Flur und behielt Tür und Fenster im Auge. Blies der Wind Regen dagegen?
Mari und Karl-Edvart versuchten abwechselnd, mich an den Küchentisch zu holen, aber als ich so dasaß, konnte ich nicht mal zwinkern, mußte immer nur Korell anstarren, bis es weh tat, und da trippelte ich furchtsam wieder auf den Flur, blinzelte immerzu, die Hand an der Tür und die Ohren draußen beim Wind. Regnet es jetzt? Angespannter Bauch unter der anderen Hand. Schon ein leichter Regenschauer könnte Korell aus meinem Blick wischen. Ich wußte das und strengte mich an.
»Siehst du, wie es hier steht«, seufzt Mari.
Karl-Edvart versucht zu summen, während ich mir die Zähne putze. Er schaut mich an, die Fingerspitzen trommeln gegen das Hosenbein. Mit der Decke unter meinem Kinn bleibt er sitzen. Wir lauschen den Geräuschen aus der Küche.
»Sie stiftet Unruhe im Kindergarten. Sie reden von Krankheit, und ich sage ›dummes Zeug!‹. Sie stellen Fragen über Karl-Edvarts und meine elterliche Erziehungsberechtigung. Fragen, warum wir keine Papiere haben, und du siehst, was los ist, wenn du kommst.«
Maris Stimme hat einen scharfen Ton. Karl-Edvart drückt mich an seine große schwere Wange, ehe er hinuntergeht in die Küche.
Die Tür, die er schließt, läßt alles zu einem einzigen Murmeln werden. Mari hat mir erzählt, daß Karl-Edvart eigentlich ein Walroß ist und sich einen Bart wünscht. Ich sehe Karl-Edvart vor mir, der auf einer Eisscholle die Treppe hinunterrutscht, statt zu poltern. Die langen Haare unter seiner Nase wirbeln bei jedem Schwimmstoß herum und lassen den Staub tanzen.
Am nächsten Morgen erwache ich jäh und springe aus dem Bett.
»Korell?« frage ich.
» Sie schläft, meine Kleine.«
Ich nehme die Finger aus meinen Haaren und nicke. Gehe hinauf ins Badezimmer und aufs Klo. Mari begleitet Jon-Edvart zur Schule, aber Karl-Edvart bleibt. Als Mari zurückkommt, seufzen sie sich zu, und als Korell aufwacht, werde ich gebeten, im Zimmer zu spielen. Ich schaue fragend zu Korell, aber ihr Gesicht ist hinter den langen Wimpern verschwunden. Ja sicher, nicke ich, ja sicher. Seither streiten sie, den ganzen Tag schon in der Küche, während ich spiele und spiele. »Dann schickt sie nicht in den Kindergarten!« ruft Korell. »Merkst du nicht, was du mit ihr machst?« sagt Mari. »Ihre Unsicherheit kommt von …« »Sie zwingen sie«, schnappt Korell zurück. »Korell«, schluchzt Mari. »Unsere Vormundschaft muß offiziell bescheinigt werden«, sagt Karl-Edvart. »Sie fragen nach dem Klima zu Hause, berufen Gespräche ein. Ihnen fällt ihr Haar auf.« Maris Stimme ist dünn. »Du bist das Problem«, poltert Karl-Edvart. »Sie arbeiten mit Zwang, und sie wissen das! Kindesmißhandler!« schnaubt Korell. »Elternrecht! Etwas konstantere Termine! Eine zuverlässigere Struktur!« Sie reden und reden. Ich lade alle Wörter auf meinen kleinen Lastwagen und fahre über den Fußboden.
»Eigentlich schon entschieden.« »Ist die Forderung so groß.« »Nie Forderungen gestellt …«
Jetzt fährt der Lastwagen entschlossen aus meinem Zimmer und nimmt Kurs auf die Treppe. »Mußt du lieber wegbleiben, Schutz des Kindes.« Ich und das Lastauto werden die Wörter in den Wörterbruch kippen. Sie können als Riesensteine hineinkullern und in die Löcher an ihren Platz rollen, dann merkt niemand, daß sie gebraucht waren, niemand kann sich erinnern, was sie sagten. Aufschluchzen, schon gut, mehr Schluchzen, Stille.
Mari ist es, die weint, und ich sitze auf der Treppe mit einem wortlosen Auto. Was, wenn Korell für immer wegbleibt? Karl-Edvart brummt und stapft ins Wohnzimmer. Ich überlege, ob Korell in aller Stille verschwunden ist, und denke an Kindesmißhandler und Häuser mit Sonnenschein. Auf der Steintreppe vorm Haus sitzt Korell und mischt Saft für mich. Wie immer weht vorm Haus ein warmer Wind, und Korell mischt Saft und winkt, lächelt, während alles in dem warmen Wind weht.
»Ich hole Jon-Edvart«, seufzt Mari und trocknet Tränen. »Kannst du nicht für sie etwas zu Essen machen, Korell. Sie ist sicher außer sich.«
Ich höre, wie die Türen geschlossen werden. Jetzt heißt es Entweder-Oder. Es ist ganz still. Korell steht auf der Treppe. Sie steigt herauf, und ich werde froh, schaue begeistert auf ihre Beine, die sie zu mir tragen. Die Freude, die Korell mir macht, ist wie ein Zementklumpen in meinem Bauch; schwer und fest, bleibt er, wo er ist.
»Hier also sitzt mein ›Kleiner Schwan‹.« Korell zieht eine Hand vor, zupft das Haarbüschel zwischen meinen Fingern heraus, als sie mich an die Hand nimmt und mit mir zur Treppe geht, mein Haar als Schnurrbart über der verzogenen Lippe. Während sie Saft mischt, Zucker, Wasser, Zitrone, ist sie still. Runzelt die Brauen über eigenen Gedanken. Mit einem Mal lacht sie laut auf und geht vor mir in die Hocke. »›Kleiner Schwan‹«, sagt sie, »wenn du deinen Saft trinkst und ganz still bist, habe ich eine Überraschung für dich.« Sie blinzelt und spitzt den Mund, als ich nicke, während mich ein Schauer überläuft. Meine Mutter ist so schön, so schön, daß ich mich ganz weit vornüber neige, beinahe bis ganz zu ihr hin, da schiebt sie mich zurück und steht auf.
Karl-Edvart sitzt bei seinem dritten Martini und überlegt, wie sich ein einfaches Haus mit nur wenigen Menschen darin zu einem unlösbaren Problem entwickeln kann. Er freut sich auf die Vorstandssitzung. Alles ist besser als Diskussionen, bei denen Mari weint, am Arbeitsplatz hat es solche Konflikte noch nie gegeben. Korell setzt sich weich neben ihn und räuspert sich ein paarmal.
»Ich muß dir etwas erzählen.« Korell atmet schwach und heftet ihren Blick auf den Tisch. Ihre Hände bewegen sich schnell und nervös über dem Hemd. Karl-Edvart zieht die Schultern hoch, nimmt einen Schluck. »Ich habe ein bißchen nachgedacht«, beginnt Korell. »Vielleicht ist es ja keine so dumme Idee, wenn ich für eine Weile verschwinde. Das war faktisch das, was ich heute hatte sagen wollen, aber mit dem Rücken zur Wand werde ich so wütend. Wie heute. Du weißt, wie wütend ich werde.« Korell lächelt weich, sucht nach Worten, beginnt Karl-Edvart von meinem Vater zu erzählen.
»Er ist ein wohlhabender Däne, ein Geschäftsmann, er ist oft in Oslo. Bei einem dieser Besuche bin ich ihm begegnet. Wir verliebten uns, aber natürlich war er verheiratet«, schnaubt Korell. »Er wollte seine Ehe nicht aufgeben, konnte sich aber vorstellen, unser Verhältnis heimlich fortzuführen.« Korell schaut Karl-Edvart mit großen Augen an. »Typisch, daß ich immer so ein Glück habe: da begegne ich jemandem, den ich mag, und das ist so ein Scheißkerl. Ich war unglaublich enttäuscht, fühlte mich so billig, als er das vorschlug.« Korell begegnet Karl-Edvarts Blick mit diesem Schmerzlichen Gefühl, das sie damals empfand. Karl-Edvart nickt sanft. »Nicht lange darauf entdeckte ich, daß ich schwanger war. Wäre ein anderer der Vater gewesen, hätte ich abgetrieben, würde nicht eine Sekunde geschwankt haben.« Korell erhebt sich, wandert durchs Zimmer. »Aber ich schaffte es nicht, ein Kind der Liebe wegzumachen. Ja, sie ist wirklich ein Kind der Liebe. Kannst du das spüren?« Karl-Edvart spürt es. »Ich wußte genau, daß ich keine gute Mutter werden würde. Mein Leben ist so instabil. Alle wissen das.« Karl-Edvart murmelt etwas. »Du brauchst gar nicht zu widersprechen!« Korell setzt sich wieder. »Aber jetzt kommt das Wunderbare! Vor einem halben Jahr habe ich ihn wiedergetroffen, ja, er heißt Thor.« Korell lächelt verliebt. »Und er ist von seiner Frau geschieden! Er hat in all den Jahren an mich gedacht, mich nie vergessen. Mich geliebt und vermißt, das hat er. Stell dir vor, Karl-Edvart, er hat mich vermißt!« Korell sieht, wie sich ihr eigenes kleines Lächeln über sein Gesicht ausbreitet. »Er will nichts anderes, als es noch einmal versuchen. Das wollen wir. Ich bin bei Thor gewesen. Er hat eine so schöne Wohnung, fast so schön wie dein Haus, Karl-Edvart. Mitten im Zentrum von Kopenhagen. Mit Balkon. Wir hatten es so gut miteinander. Er ist so gut zu mir. Siehst du nicht, wie froh ich aussehe?« Korell streckt verliebt die Arme aus.
»Doch«, antwortet Karl-Edvart staunend.
»Ich will jetzt zu ihm zurück. Ich will ihm von unserem Kind erzählen. Denn das ist das einzige Problem. Ich habe ihm nicht von ihr erzählt. Ich hatte Angst davor, was er sagen würde.«
»Hm.« Karl-Edvart brummt beipflichtend.
»Jetzt werde ich es erzählen. In den kommenden Wochen bis zum Sommer werden wir alles besprechen, überlegen, was am besten ist. Vielleicht können Thor und ich euch im Sommer schon besuchen. Glaubst du nicht auch, daß sich am Ende alles fügen wird?«
In Korells Stimme liegt ein Anflug von Nervosität. Karl-Edvart schaut sie bewundernd an. Wie konnte Mari und ihm entgehen, wie glücklich Korell aussieht. Gesund und strahlend. Thor ist ein glücklicher Mann.
»Das wird ausgezeichnet gehen, Korell.« Karl-Edvart schlägt die Hände zusammen. »Du hast meinen Tag gerettet.«
Und das ist wahr. Es ist wohl doch kein unlösbares Problem. Er kann die Sitzung in der Gewißheit leiten, daß alles in schönster Ordnung ist.
»Wann wirst du fahren?« fragt er, als er sich aus der Tiefe des Sessels erhebt.
Korell senkt den Kopf und seufzt.
»An sich wollte ich heute fahren. Das wäre am besten für Mari, für uns alle. Ich strapaziere ihre Gefühle.« Karl-Edvart nickt. »Aber ich habe kein Geld. Alles Geld ist in Dänemark, und der Lohn, von dem ich glaubte, ich sollte ihn gestern bekommen, ist nicht gekommen. Das kann noch Tage dauern«, stöhnt Korell. »Was wird Thor glauben?«
»Das ist kein Problem.« Karl-Edvart schlägt wiederum energisch die Hände zusammen. »Soll ich dir ein bißchen was leihen?«
»Wirklich? Hast du Geld übrig, nur für ein paar Tage? Ist das wahr? Ich wollte zwar fragen, traute mich aber nicht. Bis auf weiteres?«
Karl-Edvart atmet hörbar aus und ist schon am Schreibtisch; er blättert zwischen Papieren nach dem Scheckheft. Aus dem Augenwinkel sieht er Korells zaghaftes Lächeln, ihre Zuneigung.
»Dreitausend ist eine runde Summe, nicht wahr?«
Kurz darauf ist Karl-Edvart auf dem Flur, schnappt sich die Jacke und klopft auf die Taschen nach den Autoschlüsseln. Ich kann Korell sehen, wie sie lächelnd dasteht und winkt, als er aus der Auffahrt fährt. Als das Autogeräusch verschwindet, kommt sie in die Küche.
»Jetzt habe ich Karl-Edvart ordentlich durcheinandergebracht, ›Kleiner Schwan‹«, sagt sie und bittet mich, ich solle mich warm anziehen. Ich beeile mich, so schnell ich kann. Bin gespannt auf die Überraschung.
So nimmt Korell mich mit in die Finnmark, und hinter uns landet Karl-Edvart unsanft auf der Erde, das Herz gebrochen von den schärfsten Worten, die Mari jemals geäußert hat. Sie weiß alles über eine Korell, die verschwindet, aber die Reste der Wut schluckt sie hinunter, als ihr Mann, der wie gelähmt daliegt, dunkelrot wird.
»Rindvieh«, schnaubt sie und schlägt nach Karl-Edvart, ehe sie aufgebracht nach dem Krankenwagen telefoniert. »Wir haben hier zwei gebrochene Herzen«, sagt sie mit trockener Stimme.
7
Ich glaubte, wir würden nach Hause fahren. Endlich würde ich nach Hause kommen. Ich glaubte, vor uns läge das Korellhaus. Ein Ort, genauso schön wie in meinen Träumen. Ich sah es vor mir, während wir rannten, und jedesmal, wenn ich die Augen hob zu Korell oder auf den Weg vor uns, erwartete ich, es zu sehen. Vielleicht schon hinter der nächsten Kurve.
Das Korellhaus, träumte ich. Ein ganz altes, steinernes Haus, mit Fensterbögen und einem geschwungenen Dach, den Keller voller alter Schätze. Skelette zum Trocknen aufgehängt in Schränken, die in den letzten hundert Jahren niemand mehr geöffnet hat. Das Korellhaus ist furchteinflößend mit geheimen Gängen ohne Anfang und Ende. Und wunderbar! Gefüllt bis an den Rand mit jeder Menge Mütter. Sie sitzen gemütlich in den Sesseln und schauen aus den hohen Fenstern. Ihre weichen Finger mit den Ringen betasten behutsam die schweren Vorhangstoffe. So muß das sein, denke ich.
Aber in den Träumen stehe ich draußen davor. Ich sitze auf der Steintreppe vor der Tür im warmen Wind, nippe am Saft, mit dem Korell immer kommt. Die Tür ist aus breiten, alten Bohlen gemacht und kann Rammböcken und Brecheisen widerstehen. Sie hat eine einfache Klinke. Kein Schlüsselloch, keine Schlüssel. Weder Türklingel noch Türklopfer. Die Tür läßt sich nur öffnen, wenn man ein geheimes Wort flüstert. Das Wort erfährt nur der, der es stark genug zu wissen wünscht. Wenn es mir gelingt, einen Wunsch zu finden, der stark genug ist, wird Korell es mir sagen. Dann werden wir beide am Rand des Gartens stehen, zum Haus hinaufschauen, mit Sonne im Haar werden wir die Köpfe ein wenig senken, und ich werde hingerissen seufzen wegen der Farben des Fensterglases. Im Haus gibt es nur buntes Glas, Bildmosaike in gelben, roten und blauen Mustern. Korell wird das Haar zurückstreichen, sich mit biegsamem Rücken mir zuneigen und wie ein Vogel am Wassersaum auf einem Bein balancieren. Ich werde ihre Nase an meiner Wange spüren und ihre Stimme im Ohr hören. Dann wird sie mir das Geheimwort zuflüstern. Das ist ein Wort, das ich beinahe von allein hätte erraten können.
Die Mütter stehen hinter den Gardinen und schauen hinaus, sehen uns in der Sonne hinter dem Zaun. Eine von ihnen wird überrascht ausrufen, sogleich wird ihr eine Hand auf den Mund gelegt. Rasche Worte werden gewechselt, Schranktüren geöffnet, denn jetzt kommen sie, wird jemand sagen, während hastig Weißbrotscheiben bestrichen und hinausgestellt werden, und das Tischtuch, groß und weiß wie ein ganzer Winter, wird energisch geschüttelt. Ein glänzender Krug mit Saft. Wenn ich will, kann ich eine Wolldecke nehmen und ein Loch zwischen den Tischbeinen graben. Dort kann ich einschlummern, nicht erwachen, bis jemand über meinem Kopf ein Lied singt.
Die breite Tür ist der Rücken zur Steintreppe, uralt und konserviert von Sonne und Salz. Der Wind, der immer ums Korellhaus weht, singt im Takt mit der See, bringt gleichzeitig eine dünne Schicht Salz zur Treppe. Wenn der Saft zu süß geworden ist, leckt man einfach einmal mit der Zunge über die Lippen.
Ich sitze mit übereinandergeschlagenen Beinen auf der Steintreppe, die Arme fest darum geschlungen. Die Stufen sind von all den Füßen und Schuhen, die darübergetrottet sind, glattgeschliffen, von den trampelnden Absätzen der Stiefeletten, dem Stolpern über Schnürsenkel, die niemand geknotet hat.
Ich weiß nicht, wo das Korellhaus ist, glaube aber, daß wir dorthin sollen. Ich denke, Korell saß auf genau der Steintreppe, als ich so groß war wie eine Erbse und mit Fingern wie Kaulquappenschwänze von innen gegen sie stieß. Deshalb kenne ich die Treppe und den Wind, obwohl ich noch nie hier gewesen bin. Ich träume weiter vom zurückhaltenden Brummen der Fliegen über Blüten, vom Wind, der bläst und bläst, warm. Ich träume. Wir laufen. Auch wenn ich erledigt bin und meine Beine lahm, stelle ich keine Fragen. Ich bin erfüllt von einem großen, glänzenden: Endlich da. Auf dieses hier habe ich mein Leben lang gewartet. Denke nicht daran, daß es ein kurzes Leben ist, das sich irren kann. Später, wenn ich nicht mehr kann, fliegt Korell mit mir. Sie schlägt mit den Flügeln, die von grauen und roten Federn bedeckt sind. Ich phantasiere erschöpft, und Korell hält mich. Zusammen mit meiner Mutter schwebe ich glücklich über einem Abgrund. So ist Korell, und ich kann in Ruhe fabulieren. Solange ihre Klauen mich festhalten, solange sie sich nicht entscheiden loszulassen. Ich hege keinen Zweifel, daß sie loslassen können. Durch die Wolken, die Kälte, das Gleiten. Weiter hinunter in den Abgrund, über den Abhang, und zurück in mein Bett unter dem Fenster. Dann gackere ich glücklich, auch wenn mir der Mund von dem langen Laufschritt weh tut. Wird sie meiner überdrüssig, läßt sie mich gehen. Weine ich, wird sie meiner überdrüssig. Ist sie meiner erst überdrüssig, werde ich sie nie wiedersehen. Ich lache aufrichtig. Korell fliegt weiter Richtung Finnmark. Das wird eine lange Reise. Tagsüber fliegen wir, laufen wir. In den Nächten zerbrechen wir Herzen.
Der erste Mann wohnt ganz oben an einer Treppe. Ich bin so erschöpft, daß ich gehorsam in einem dunklen Zimmer hinter einer Tür einschlafe. Der Mann sah froh aus. Es gelingt mir zu hören, wie er liebe liebe liebe murmelt, ehe ich einschlafe.
Als ich aufwache, ist es immer noch dunkel. Etwas stimmt nicht. Als ich endlich Mut gefaßt habe und aus der Tür geschlüpft bin, erhasche ich noch einen Blick auf Korells Schal die Treppe hinab. Ich schreie nicht. Stürze nur hinter ihr her, ohne Kleider, klammere mich an das Ende des Schals, als hätte Seide die Kraft eines Ankers.
»Oh, Kleines.« Korell schüttelt die Haare und den Kopf und faßt sich an den Mund.
Ich kann sie nicht ansehen. Die Angst nimmt immer noch zu. Natürlich war da etwas im Schwange, das nicht stimmte. Ich begreife, was beinahe passiert wäre, und danke einer klammen Hand ums Herz, daß ich rechtzeitig aufgewacht bin. Ich höre Korells Atem. Am allerliebsten will ich in ihren Armen liegen, wenn wir weiterfliegen, aber mein Kopf wendet sich mit steifem Nacken ab. Ich höre sie sagen, sie habe mich vergessen, während meine Augen trocken auf das Fenster neben der schmutzigen Treppe starren. Das ist ein bleigefaßtes Fenster. Das Korellhaus hat solche Fenster. Aber dieses ist häßlich. Kaputt und schmutzig.
»Das sollst du nicht«, fauche ich und schlage zu.
Korell schreckt zusammen, und ihr Körper umfaßt mich. Er wiegt mich. Ich spüre Küsse in dem steifen Nacken. Ich spüre, daß es ohne Kleider kalt ist. Gemeinsam schlüpfen wir hinein und erobern meine Kleider zurück. Ich habe immer noch Probleme mit den Augen. Die wollen nicht sehen, was ich mache. Sie wollen Korell nicht sehen, sehen nur das schmutzige bunte Fenster. Korell zieht mich mit flinken Fingern an. Rasch sind wir draußen im Dunklen und verschwinden eine Straße entlang. Ich spüre, daß die Dunkelheit riesig ist, aber wir sind zu zweit, und ich spüre den Magen, der sagt, er sei hungrig.
»Laß uns etwas zu essen finden«, flüstert Korell.
Sie ist erleichtert, von dem Haus mit der Treppe und dem Mann weg zu sein. Sie liest meine Gedanken, denke ich froh, sie liest wirklich Gedanken. Korell sagt, sie wird mich nicht wieder vergessen. Sie wirft das Haar zurück, meine Augen fangen wieder an zu sehen. Sehen, wie phantastisch sie ist. Korell sagt, wenn wir jeden Tag zusammengewesen wären, würde sie mich nie vergessen haben. Ich nicke. Ich bekomme einen Ring. Der ist von dem Mann, flüstert Korell und lacht so lange, daß ihre Füße zu tanzen anfangen. Ich werde angesteckt. Lache mit.
Ich erinnere mich eigentlich nicht an die einzelnen Männer. Ich erinnere mich nur an die Menge. Nach der ersten Nacht habe ich Angst, einzuschlafen. Ich nehme die schlechte Angewohnheit an, mich an Korell festzuhalten. Die ganze Zeit. Da schüttelt sie sich los. Ist immer stärker. Ich versuche es trotzdem. Halte fest. Nur wenn sie mich im Dunkel hinlegt und ich schlafen soll, biegt sie meine Finger nicht auf. Sie streichelt mich leicht, ich bekomme ihren Seidenschal zum Trost und als Pfand. Akzeptiere ihn und lasse sie widerwillig los. Korell kann so leicht verschwinden. Ich glaube, Korell taucht ihre Federn in das Herzblut der Männer, während ich im Dunkel hinter einer Tür liege. Das ängstigt mich. Ich fange an, sie nachzuzählen. Die Hand über meiner Die Ringe. Die Haut unter dem Hemd. Das Haar und den Kopf. Den Kopf und den Schal. Dünn. Den Rücken hinunter. Gelegentlich den anderen Arm. Beide Beine. Den ganzen Körper. Ganz Korell. Gar nicht häßlich oder schrecklich, denke ich. Sage, ich habe das Fenster vergessen. Das war kein Glasfenster. Konnte es nicht sein, denn buntes Glas ist schön, das gibt es nur im Korellhaus. Ich zähle und überprüfe, und mir fehlt nur ein Notizblock, von außen billiges Blau, innen kleine Daten. Der Stift, mit dem ich kritzeln könnte, schaut aus der Tasche heraus. Alles, was ich benötige, um eine Korell festzuhalten. Sie läßt sich nichts anmerken, wenn ich an einer ihrer roten Federn zupfe, um zu sehen, ob die Farbe echt ist. Der Seidenschal leistet mir nachts Gesellschaft. Ich nuckele die Ecke naß. Echter Schal aus echter Seide. Ich bekomme ihn, um zu schlafen. Das kann ich nicht, auch nicht mit der nassen Seide zwischen den Fingern. Meine großen Augen bringen Korell dazu, den Kopf zu schütteln, ehe sie diese Türen zwischen den Männern und mir schließt. Ich höre Musik und Lachen. Streichhölzer werden angezündet, Flaschen gluckern. Ich seufze erleichtert, nicht draußen zu sein. Denn ich bin nicht draußen. Der Mann ist es, der draußen ist. Ich schlafe nicht ein. Er tut das. Natürlich. Das eine oder andere Mal schläft er ein mit Rotweinblasen in den Mundwinkeln und Flecken von Asche auf den Hosenbeinen. Ich bin wach und warte, könnte ruhig einschlafen, denn nach dem ersten Mann taucht Korell immer auf. Sie packt mich, küßt mich, trägt mich ein Stück. Hält mich. Wenn wir so gehen, kann das unmöglich gefährlich sein. Sie grinst breit. Ihre Zähne glänzen im Dunkel.
»So ein Dummkopf«, keucht sie und setzt mich ab.
Da merke ich, daß er mausetot ist, keinen Pfifferling wert, ein Oberidiot. Das Herz herausgerissen wie die Innereien eines alten Weckers, aus dem Hemd baumelnd, an einer Spiralfeder schwingend, Freude, selige Freude. Ich merke noch die Feuchtigkeit über der Haut von den hastigen Küssen. Meine Wangen pochen.
»Ja«, sage ich, »ja. Dummkopf«, sage ich.
Und lache. Wir lachen. Vielleicht fallen wir um, es ist immer noch dunkel. So lachen wir nur noch ausgelassener. Denn wir sprengen Herzen mit Pulver und gehen weiter in die Nacht. Nach Norden.
Sie sitzen in Nachtclubs, Cafés, unter Büschen. Liegen in Betten oder Häusern mit gebeugten Knien in einem feuchten Treppenhaus, Versagen im Nacken unter dem Kopf, der schläft. Sie bleiben übrig, wenn wir weiterziehen. Korell ist hier. Ihre Hand über meiner. Die Ringe. Die Haut unter dem Hemd. Den Arm hinauf. Das Haar und der Kopf. Der Kopf und der Schal. Dünn. Den Rücken hinunter. Gelegentlich der andere Arm. Beide Beine. Der ganze Körper. Der ganze Körper und das Gesicht. Die Augen und alles. Komplett. Die Männer sind es, die zurückgelassen werden. Wir ziehen weiter. Ich bekomme unverdiente Küsse. Korell benutzt die Ausflüge auf dunklen Straßen, um mit meiner Mutter zu verschmelzen. Sie liegen nicht länger in Schichten. Sie sind eher wie zwei Füße in zwei Schuhen. Eine an meiner Seite und eine in Reserve. Hin und wieder kann ich das sehen, wenn Korell mir Wärme in die Augen bläst und mich ansieht. Korells Hände sind braun, als ob sie aus dem Wald käme. Eine Hand formt sie zur Schale, die sie mit Wärme von den Augen füllt und über meinen Kopf gießt, damit ich nicht friere, wenn es bald kalt wird. Wir gehen weiter. Schritt für Schritt. Korell, meine Mutter, gehen die Füße. Korell, meine Mutter, Korell, meine Mutter, im Takt mit dem Körper. Nordwärts.
Vielleicht war ich nicht ganz schuldlos daran, daß es ging, wie es ging. Ich verschlang sie mit Haut und Haaren. Spürte die Unruhe lange, ehe wir zu den Orten mit schneebedeckten Hügeln kamen. Ich machte nichts. Ich hielt sie nur fest. Korell ist nicht so: nicht gewöhnliche Treue oder Hände, die klammern. Ich wußte es, glaubte aber, die Wärme ihrer Augen sei bodenlos wie ein guter Brunnen. Ich klammerte und klammerte. Bekam nie genug von ihr, von ihren Händen. Ich fragte, ob ein Jahr vergangen war? Korell sagte, daß der Schnee noch nicht verschwunden wäre. Kurz. Spitz. Und Dummkopf, das war ich, die nicht spürte, was sie meinte. Ich spürte weder den Schnee noch die Unruhe. Ich sank ein bißchen zusammen und versteckte mich hinter ihrem Rücken. Es sollte kein Schnee kommen. Die weißen Flecken erschreckten mich. Beim Korellhaus war doch Sommer. Korell. Wie gut, daß ich Korell hatte, dachte ich. Wir hatten lange nicht mehr gelacht, und ich suchte den Weg zurück zu den Träumen vom Korellhaus. Beschwor sie herauf. Sie lagen hinter dem Schnee. Nur wer sich getraute, die verhexten kalten Schneeflächen zu überqueren, konnte das Korellhaus finden. Auf der anderen Seite, unter dem Schnee und hinter einem Gebirge, lag der Ort, wo das Korellhaus wuchs. Dorthin sollten wir. Wenn wir nur durch den Schnee kommen. Wenn ich nur durch den Schnee komme, dachte ich und zählte kontrollierend: Ihre Hand über meiner. Die Ringe. Die Haut unter dem Hemd. Der Rücken. Beide Beine. Das Haar. Die Hände.
Reino heißt der Mann, der ein Auto hat. Er fegt Schnee und kratzt Eis. Wir betrachten ihn. Korell betrachtet ihn. Ich friere. Klappere mit den Zähnen und habe Angst, ihr könnten Flügel wachsen, sie könnte davonfliegen. Ich hatte die Augen so lange auf ihren Rücken geheftet, mir scheint schon, ich sähe Flügel. Ich überlege, ob mein Herz mit einer Spiralfeder befestigt ist. Ich weiß, sie wird weggehen, hinüber zu ihm. Immer ist es Korell, die weggeht zu den Männern. Ich glaube, Reino ist noch ein weiterer Mann. Ich weiß noch nicht, daß es dieses Mal anders ist. Vielleicht denke ich nicht klar, denn ich friere, und der Mann hat ein Auto. Ich denke an das Dach des Autos, das Korell daran hindern würde, von mir zu verschwinden. Ich denke an das Autoradio. Und ein Radio, das in einer Küche steht, wo jemand Plätzchen backt und die Fenster voller grüner Pflanzen stehen, die nur in jedem zehnten Jahr blühen, wenn die Nase nach Osten weist und ein Hahn kräht, ehe der Schatten der Sonne die Uhr an der Wand trifft. Langweilige grüne Pflanzen, sagte ich damals und fummelte an den Radioknöpfen herum. Ich hatte ein Bild von einer Sonnenblume, so groß und schlank und gelb. Sonnenblumen, sagte ich, und eine Stimme antwortete, bitte schön, willst du eine Sonnenblume haben? Kannst du sie am Leben halten? Maris Stimme. Ich glaube nicht, daß ich eine Sonnenblume am Leben halten kann. Bekomme Lust zu weinen. Friere.
Korell schüttelt ihre Hand los und rennt über den Platz zu dem eiskratzenden Mann. Ich bekomme etwas in den Hals, der Wind weht in ihrem Haar. Das flattert, und ich bin nicht sicher, ob es Haare sind oder Flügel. Laufe trotzdem nicht. Stehe fröstelnd und sehe, wie Haare wieder zu Haaren werden. Der Hügel ist kreideweiß. Meine Kleider sind gegen die kalte Farbe armselig. Sie sind zu dünn, zu schmutzig, zu wenige. Es kribbelt in den Fingern. Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Winter ohne bessere Kleider, warme Wolle, eine Mütze oder zwei überstehen kann. Über die nackten Flächen auf dem Kopf haben sich Lagen von Frost gelegt. Hier ist nichts. Nur Wind und Schnee. Irgendwelche großen Gebäude, die nicht wie Häuser aussehen. Wie wissen wir, wo die Straße von hier wegführt, denke ich. Wenn es in allen Richtungen weiß ist. Korell ist bei dem Mann angekommen. Er unterbricht sich in der Bewegung und schaut verstohlen hinüber zu Korell.
»Neiden?« sagt Korell. Sieht den Mann beschwörend an. Weiß nicht, wie sie fragen soll, um die richtige Antwort zu bekommen.
»Wollt ihr nach Neiden?« fragt Reino.
»Ja«, versucht Korell.
»Wollt ihr mitgenommen werden?«
»Fährst du vielleicht dahin?«
Reino sagt, er sei Schneeräumer in Neiden. Wir können einsteigen. Korell winkt mir. Lächelt, als sie mich in die Wärme des Autos schiebt. Ich darf meinen Kopf an ihren Körper lehnen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Schlafe fast, höre munteres Murmeln. Spüre, daß Korell weiß, wo wir in dieser Eisöde hinsollen. Sie nennt den Namen eines Hofs. Ich hebe den Kopf, um zu fragen, lasse ihn aber zurücksinken. Schlafe schon tief.
Korell will mich nicht halten, schiebt aber meinen Kopf nicht weg. Er darf bei ihr liegenbleiben. Ich träume. Wir sitzen auf der breiten Steintreppe, von der Sonne gewärmt. Sogar Schmetterlinge, ruft Korell. Sie lacht so, wie wir in den Straßengräben gelacht haben, den Kehlkopf dem Horizont zugewandt, Die braunen Hände reichen mir ein Glas Saft. Ich habe einen Löffel und schlürfe die dicke Zuckerschicht. Der Schmetterling singt wie ein Vogel, flötet Melodien, die der Wind weit davonträgt. Korell schüttelt mich. Die Treppe schmilzt unter uns und wird zu Sitzen, von braunen Bezügen bedeckt. Der Löffel ist aus gelbem Plastik und ähnelt einem Eiskratzer. Ich hebe ihn fragend zu Korell hoch.
»Hallo, ›Kleiner Schwan‹«, sagt sie. »Jetzt sind wir da.«
Reino ist schon aus dem Auto ausgestiegen, und Korell müht sich mit der Tür.
»Wo ist die Sonne geblieben?« frage ich.
»Quatsch«, antwortet Korell und verschwindet hinaus.
Reino ist ein großer Mann, aber als er neben Korell die Treppe zum Haus hochgeht, schwankt er. Vom Korell-Anschauen sind die Augen groß geworden. Dummkopf, denke ich. Denn mir fällt ein, daß ich es war, die geschlafen hat. Ich steige aus und sehe das Haus an. Es ist weiß und liegt zusammen mit einigen Wirtschaftsgebäuden ganz einsam da. Es erinnert an einen Hof, mit Scheune und geparktem Schlitten. In der Ferne kann ich noch so ein Haus mit seinen Scheunen sehen. Ein Bauernhof, denke ich und überlege, was Korell damit meinte, wir seien da. Ist dies das Haus des Mannes? Soll er hier schlafen, damit wir weiterziehen können? Hat Korell daran gedacht, wie weit zu gehen es von hier aus sein mag? Selbst das nächste Haus ist ja nur gerade eben noch zu sehen. Unendlich weit. Sollen wir sein Auto nehmen, frage ich mich. Ein Pferd ist auf mich zugekommen. Es prustet in meine Richtung, seine Mähne steht ab.
»Hast du etwas Feines?« fragt es.
»Nein«, antworte ich und sehe mich um.
»Es gibt nicht so viele, die mit mir reden wollen«, sagt das Pferd nach einer Pause. Die Augen sind groß und gutmütig. Es sieht stark aus. Auf der Nase wachsen Haare.
»Weil die Haare auf deinem Kopf abstehen?« frage ich. »Nicht alle finden, daß das schön aussieht.« Ich strecke probeweise eine Hand aus.
»Hast du wirklich nichts Feines?« Die großen Augen blinzeln. In ihnen sind Sterne. Ich schüttele den Kopf. »Drinnen gibt es Waffeln.« Das Pferd schüttelt seine struppige Mähne und schaut auf die Tür, durch die Korell verschwand. Plötzlich werde ich unruhig.
»Ich muß rein«, erkläre ich. Ich glaube nicht, daß Pferde ins Haus kommen dürfen.
»Könntest du. Nachher. Vielleicht eine Waffel?« Mitten durch die behaarten Nüstern bläst das Pferd mir seinen Atem ins Gesicht. Verblüfft bleibe ich stehen und spüre ihm nach. Das ist gut. Ich blase versuchsweise zurück und höre, wie das Pferd leise und zärtlich hinter mir her wiehert, als ich die Treppe hinauflaufe.
8
Ämmi preßt die Finger in den Brotteig. Sie wird bald sterben. Ihr Mann ist schon auf große Fahrt gegangen, und das Grab an seiner Seite wartet. Sie hat drei Töchter geboren und drei Söhne, die für sie sorgen werden, sie niederlegen und ruhig zudecken werden. Es ist für den alten, dicken Körper an der Zeit zu sterben, denn die Beine, die ächzen unter ihr, und der Rücken neigt sich jeden Morgen, wenn er sich zur Sonne aufrichten muß, weiter vor. Der Tag und der Himmel. Ihre Hände kneten methodisch den Brotteig, haben auch ihren Teil zum Leben beigetragen, jahrelang Brote geknetet und geformt wie erstarrende Knäuel, wenn die Finger nicht Schafswolle zu Garn verwandelten, und all das Garn, das die Hände in eben dieser Küche gesponnen haben. Knirschen vom Treten des Spinnrads. Gleichmäßig wie die Wanduhr. Ein vierzig Jahre langer Wollfaden vor und zurück, zwischen den Lämmern, die sie ins Leben hinausgezogen, Ochsen, die sie gehalten hat, während der Mann ihnen die Kehle durchschnitt, und die sechs Kinder, die sie gestillt hat. Immer genug Milch, und Ämmi ist nicht leer geworden, ist nur am Ende des Fadens, den sie mit Weisheit geführt hat.
Zwei ihrer Töchter sind gut verheiratet, wohl unterstützt durch ihre eigenen unbeschwerten Charakterzüge. Unklare Spiegel ihrer selbst. Seither haben sie eigene Söhne und Töchter geboren, fast alle bei voller Gesundheit und mit gesunden Köpfen. Nur einem Enkel fehlen vollständige Gedanken, aber nach Gottes Willen hat er ein gutes Herz und ist rührig genug, um all das aufzuwiegen.
Den guten Gott fand sie an dem Tag, als ihr zukünftiger Mann in ordentlichen Kleidern kam, um um ihre Hand anzuhalten. Sie nahm alle Wut zurück, die sie als Schild gegen den Himmel gehalten hatte. Denn bis dahin glaubte sie, der gute Gott wäre ein übler Gott, der sie zur Einsamkeit verdammte. Böse Augen sahen den Himmel von Blau zu Grün sich verfärben, und an dem Tag, als der Mann kam, kippte der Himmel zu Gelb. Wie hatte sie sich geirrt, dachte Ämmi am Abend, nie mehr würde sie Gott Kummer machen. Sie würde treu sein und eine gute Frau werden, schwor sie unter einem gelben Himmel, den nur sie sehen konnte. Das Glück umhüllte sie wie Goldstaub an dem Tag, als der Mann sie anlächelte und munter einen Grashalm aus dem Mund zupfte.
Im finnisch sprechenden Ort hieß es, auf Ämmis Familie laste ein Fluch. Die Männer hatten große leere Köpfe, der Geist verschwand, wenn sie in ihren zwanziger Jahren waren, in ihren Dreißigern fingen sie an zu sabbern. Die Mädchen wuchsen schön heran, viel zu schön, und selten nur waren wohl verrücktere Wesen geboren worden. Es wurde von Blutschande geflüstert. Eine Schwester und ein Bruder wurden genannt. Mehrere Schwestern, mehrere Brüder. Nicht viele näherten sich dem Hof. Die gesund und von intaktem Verstand waren, lebten in Frieden. Wer konnte wissen, wie lange ihnen der Verstand erhalten blieb? Warnungen wurden zu tiefen Gräben, und in der Ödnis blieb Ämmi unverheiratet. Sie klaubte von ihren gewaltsamen Brüdern und verrückten Tanten zerfetzende Sperrfeuer auf und schickte sie verbittert gen Himmel.
Dann kam ihr Mann, unternahm die lange Tour bis nach Øvre Neiden mit Fjordpferd und Wagen, er, der bei einem jeden Hof anhalten konnte und willkommen geheißen worden wäre. Wie das Rauschen in den Birken pfiff er auf die Wörter, Warnungen und tiefen Gräben und fand neue Töne für seine neuen Melodien.
Doch, Gott war gut. Vierzig Jahre mit ihm. Zweien der Söhne geht es gut in anderen Teilen Norwegens. Wie kann sie sich über die letzte Tochter beklagen, die zu Hause wohnt, stets hilfsbereit, und wer kann sagen, es sei verrückt von einer Mutter, ein Kind zu bekommen? Weder den Vater noch seinen Namen verriet sie Ämmi, hartnäckig schwieg sie. Und dann war es eben so, konstatierte Ämmi und hat nichts dagegen, ein Enkelkind in der Nähe zu haben.
Wenn Ämmi wie heute ihre Kinder zählt, kommt der jüngste Sohn immer als letzter. Da hat sie die anderen mit harter Hand und Fürsorge in den Brotteig eingeknetet, und die fertiggekneteten Brote müssen nur rund und in Form geklopft werden, ehe sie sie in den Ofen schiebt. Den jüngsten Sohn kann sie nur behutsam berühren. Sie gebar ihn erschreckend schnell, und auch als sie ruhig mit dem Neugeborenen im Arm döste, spürte sie, daß dieses Kind anders war als andere. Sie sah einen Widergänger derer mit den leeren Köpfen in ihrer Familie vor sich und seufzte leise. Aber dem jüngsten Sohn fehlte es nicht an Geist, er hatte vielmehr zu viel davon. Als ob er umgeben wäre von Geistern oder Wegweisern, fand er Wege, die kein anderer ging, im Gebüsch und in der Nacht, bei Flüssen und im Winter. Als ob ihn nur eine dünne Schicht menschlichen Seins mit seiner Familie verband. Er durfte in Frieden gehen. Ämmi hatte ihren Gott, und wenn der Verständnis gab und Akzeptanz, was sonst konnte man tun, als seine Kinder dazu zu erziehen, die Welt durch die Augen dieses Gottes zu sehen.
Ämmi hofft, der jüngste Sohn begreift, daß sie bald sterben wird, damit er nach Hause kommt, um sie hinüber zur anderen Seite zu begleiten. Er hat mit den Jenseitigen geredet, seit er ein Kind war, es wäre beruhigend, ihn um sich zu haben, wenn die Dunkelheit sich senkt und ihr Leben geprüft und beurteilt werden wird. Sie richtet den knarrenden Rücken auf, hebt das Backbrett und wackelt hinüber zum Ofen. Draußen auf dem Hofplatz hört sie ein Auto. Es wird gut sein, endlich auszuruhen, so schwer, wie sie sich wieder erhebt, um nachzusehen, ob die Brote im Ofen gut sind. Durch das Fenster sieht sie das Auto von Reino, dem Schneeräumer. Er steht mit einer Frau zusammen. Sie haben ein Kind dabei. Fast weißes Haar reckt sich laublosen Ästen gleich gen Himmel. Das Kind geht hinüber zum Pferd. Sein Gesicht ist zu sehen, und Ämmi greift sich ans Herz, die Stiche sind wie von einem Messer. Kind und Pferd reden in einer Weise miteinander, wie sie den jüngsten Sohn immer ermahnt hat, es niemals zu tun, wenn Leute es sehen können. Sie hat es vor langer Zeit gesagt, und hier steht das Kind, wie aus ihren Gedanken gerissen, das Kind mit den toten Stimmen.
Sie schüttelt sacht den Kopf. Das Kind ist neu. Solches Haar ist neu, aber das Blut pocht beim Wiedererkennen, und die Flügel der Glucke legen sich an die Fensterscheibe, um eines ihrer Kinder unter die Flügel zu holen, die Haarsträhnen unter den Kamm zu bekommen, das Gespräch zwischen dem Kind und dem Tier zu beenden, es lieber nahe bei sich zu halten und seinen Namen und sein Herz kennenzulernen, es vielleicht wie ein geschlagenes Ei über die Brote und die Familie zu pinseln.
Ehe mir die alte Frau ins Auge fällt, ehe mir das weiße Haus oder das Fenster ins Auge fällt, weiß Ämmi, daß ich ihr Enkelkind bin. Sie schaut zum Himmel, der gelb ist, und setzt sich schwer auf den Küchenstuhl. Was bedeutet dieses unbekannte Kind, das kommt, als Ämmi ihre Familie zum Abschied knetet.
9
Ich stehe in einer fremden Küche. Eine alte Frau schaut mich an. Freundlich, aber mit großen Augen, prüfend. Ich fasse mir an den Kopf. Korell steht auf der anderen Seite in der Türöffnung. Sie runzelt die Brauen, und ich sehe, sie paßt hier nicht her. Sonst würde ich mit einem Seufzer den Geruch von Brot aufgesogen haben. Dies ist nicht das Haus des Mannes. Dies ist eine Küche, wo etwas gebacken wird, und ein dicker Hund hat sich in der Ecke ausgestreckt. Korell dreht sich um und verschwindet im Wohnzimmer. Ich gehe hinterher. Sie und Reino sitzen am Tisch mit Kaffeetassen und einem Teller mit Waffeln und Kuchen. Reino schlürft Kaffee. Korell lächelt und atmet tief ein, sagt aber nicht, was sie sagen will. Sie füttern mich mit Waffeln, und eine Frau kommt mit Brotscheiben. Ich esse zusammen mit dem Sohn der Frau. Er ist älter als ich und wirft mein Glas um. Ich glaube, er hat das mit Absicht getan, sage aber nichts. Wir werden überwacht. Vom Sofa starren uns Reino und Korell an. Die Frau steht irgendwo hinter mir, und von der Küche her spüre ich den Blick der alten Frau. Ich esse höflich, werfe Korell hin und wieder einen fragenden Blick zu. Sie sagt immer noch nicht, woran sie denkt. Ich spüre, daß wir auf etwas warten. Sie reden über den einen oder anderen, von dem Korell glaubte, daß er hier sein würde, und sie lacht ein seltsames Lachen. Ich weiß nicht, warum ich unruhig bin. Korell sitzt auf dem Sofa und lächelt. Ihre Augen gleiten nicht zur Türöffnung, um den Fluchtweg zu prüfen. Ihre Brauen sind glatt. Der Junge lenkt mich ab. Seine Arme sind lebendig und überall. Er beginnt mir etwas vorzusingen. Ich verstehe die Wörter nicht, aber ich glaube, sie reimen sich. Reino und Korell stecken über den Kaffeetassen die Köpfe zusammen. Korell winkt mir. Sie steckt mir ein paar Waffeln zu.
»Willst du nicht hinausgehen und dem Pferd etwas Feines bringen?« fragt sie.
Ich habe das Pferd vollkommen vergessen und sause hinaus, ohne die Jacke zuzumachen. Das Pferd ist nicht zu sehen. Ich folge einer Spur aus Dung und niedergetrampeltem Heu um die Scheune und finde es mit dem Maul staubsaugend am Hang. Als es mich sieht, kommt es angetrottet. Die Hufe knirschen im Schnee. Das Pferd kaut ganz munter, nickt mit dem Kopf. Ich höre das Geräusch eines Autos. Da ist dieser eine jetzt also gekommen, auf den sie gewartet haben, denke ich. Ich denke das eine Sekunde lang, vielleicht kürzer. Ich renne, ehe ich fertiggedacht habe. Ich renne so schnell, daß mir nicht klar ist, warum ich renne, ehe ich um die Scheunenwand herum bin. Trotzdem renne ich nicht schnell genug. Ich schaue auf meine Hände. Da ist kein Seidenschal. Meine Hände sind leer. Da kommt kein Auto. Da fährt ein Auto. Ich renne hinter ihm her, sehe die roten Rücklichter verschwinden. Ich gefriere zu Eis, und da kommt ein Ton, der meine Ohren sprengen wird.
Korell, meine Mutter. Wir wirbeln eine Straße entlang. Die steigt in die Landschaft. Das Auto verschwindet schnell. Ich rase hinterher. Korell, meine Mutter. Dreh dich um, beschwöre ich sie. Dreh dich um, du hast mich wieder vergessen. Du hast mich vergessen, Korell.
»Korell!«
Ich kann ihr Gesicht erahnen, ein weißes Gesicht an der Heckscheibe. Ich winke. Das Auto fährt in eine Kurve und ist weg. Jetzt kann ich es auch nicht mehr hören. Die Straße verschwindet zwischen den Bäumen. Ich stürze hinterher in die. Dunkelheit und höre Töne, die denen von Krähen ähneln, heisere Krähenrufe, schlagende Flügel. Ich schlage mit den Armen aus und falle der Länge nach hin. Ich kann die Krähen nicht sehen, die über meinem Kopf Verwüstung anrichten.
10
Ich erinnere mich an ein fahrendes Auto. Eine schneebedeckte Landstraße. Rennende Schritte. Eine Dunkelheit, gewaltig wie ein zu großer Mantel, in dem die Füße hängenbleiben, und ich kippe um, die Haare stehen vor Schreck zu Berge. Jemand gebot mir, die Luft anzuhalten. Ich gehorchte. Erinnere mich an den Geschmack im Mund, den unheimlichen Ton in den Ohren. Ich lag wie eine gefangene Beute auf dem Rücken, kratzende Finger am Kinn, den Wangen. Ich erinnere mich an die Kälte und den Anblick eines schmalen Streifens Himmel über mir, weit oben Sterne. Der dunkle Himmel war der Tod. Ich dachte, jetzt ist alles vorüber.
Dann ließ der Druck nach und etwas zog sich zurück, als ein Mann aus dem Wald trat. In einem Sack auf dem Rücken trug er das Abendlicht, und aus seinem Kopf, durch die Augenhöhlen schien es wie von Laternen. Wir betrachteten uns gegenseitig. Ich atmete vorsichtig, schmeckte mit der Zunge. Jetzt wußte ich, wie der Tod schmeckt. Ein merkwürdig klarer Gedanke.
Mein Vater glaubte, ich wäre der Tod – und gekommen, um Ämmi zu holen. Er hatte gespürt, daß sie ihn zu sich rief. Ämmi wollte ihn in der Nähe haben, wenn sie sterben würde. Deshalb kam er auf dem Weg nach Hause durch den Wald. Erst blieb er zwischen den Bäumen stehen, ängstlich, dem Geistkind in die Quere zu kommen oder es zu erschrecken. Er glaubte, ich läge dort und wartete auf Ämmi. Glaubte, er käme mitten in die Todesvorbereitungen. Ämmis Tod wählt den Ort sorgfältig und klug, dachte er. Er hatte den Tod in vielen Formen gesehen und ehrfürchtig dieses Kleine betrachtet, das seine Mutter gut behandeln würde, das mit einem weichen Händedruck nach der alten Hand fassen würde, ehe sie langsam davongehen würden. Mehr ein Spaziergang als eine Reise zum Himmel, dachte mein Vater.
Zuerst fielen ihm die Tränen gar nicht auf, das lähmende Entsetzen, das mich unten hielt. Als er sich von der Überraschung erholte, merkte er, daß ich nichts anderes war als ein gewöhnliches Kind. Mein Vater fühlte sich deshalb noch nicht sicherer. Er war weitaus mehr an Tote gewöhnt und an schweigsame Stimmen. Ein kleines Kind? Das einzige Kind, das er kannte, war das der Schwester. Das Kind war so qualvoll durchsichtig. Mein Vater seufzte, schob das Linkische beiseite, und mit einem Finger fuhr er über nasse Wangen. Er nahm mich in seine Arme, und als ich die wiegenden Schritte spürte, die uns aus der Dunkelheit erretteten, strömten auch meine Tränen wieder. Ich hatte solche Angst, versuchte ich zu erklären. In einer Wolke von Abendlicht und mit fast unhörbarem Summen nickte der Mann mit dem Kopf.
Als wir uns dem Hof näherten, hatte ich ausgeweint und lag matt in seinen Armen. Er trug mich hinein ins Haus zu den Menschen, und das Pferd begrüßte ihn mit einem leisen Wiehern. Wir gingen direkt in die Küche, und vom Brot, das warm duftete, zauberte er Brotscheiben, die er in kleine Quadrate schnitt, damit sie richtig wären für kleine Finger. Mit dem gleichen riesigen Messer schnitt er von einem Fisch Stücke ab und klemmte sie an die Butterseite. Wir aßen abwechselnd, teilten alles zwischen uns und kauten den Schrecken weg zu nichts.
Während wir aßen, redete die alte Frau. Sie fragte, und es ging bestimmt um die Hütte, die der Sohn gerettet hatte, wenn nicht um mich, ja, sie redeten auch von mir. Der Mann, der mir auf dem dunklen Weg begegnet war, hatte eine Hütte gerettet, wie und wo fand er mich? Mein Vater sagte nicht, daß er zuerst geglaubt hatte, ich sei ein Geist. Er konzentrierte sich auf den Trost in der Butter, die er dick auf die Brotscheiben strich. Er verfolgte die Bissen, die ich zum Mund führte, und ließ das Essen sich über Wunden und Schrammen legen. Denn bei jedem Bissen Brot wurde der Abend weicher, ein Kissen, um den müden Kopf darauf zu betten. Ämmi fragte und bohrte, erzählte, deutete von mir zu ihm. Kicherte. Mein Vater war auch müde. Er unterbrach den Redestrom, sagte kurz, daß Schatten meinen Atem angehalten hätten. Da schwieg Ämmi. Solche Sachen wollte sie nicht wissen. An diesem Abend betete sie besonders lange zu ihrem Gott.
Mein Vater sah, wie mein Kopf mechanisch nickte, er führte uns eine Treppe hinauf. In einem der Zimmer standen ein großes und ein kleines Bett. Wir zogen uns ganz aus. Da ist es ja, dachte ich sanft, ohne zu merken, was ich meinte. Ich war schon dabei einzuschlafen. Mein Vater stand über das Bett gebeugt, seine Finger fächerförmig über meiner Brust. Einen Abend zum Einschlafen ist alles, was man braucht, sagte er vielleicht. Er roch nach Schweiß und Wacholder, Schlamm und Stricken, was er in Händen gehalten hatte, roch auch nach Feuer. Er hatte ohne mich ein Feuer angezündet. Gekränkt wollte ich mich auf die Ellbogen aufrichten und sagen, wie konntest du, du weißt doch genau, daß ich Feuer liebe.
Die schimmernden Augen folgten mir behutsam in meinen Traum, und in der Nacht vergaß ich alles, das nicht gekaut und verdaut war, wie Stücke frischen Brotes. Ich dachte nicht mehr an Mari. Ich vergaß alle, sogar Korell. Ich erwachte, wo ich immer zu erwachen pflegte. Neben meinem Vater. Ich sah seinen Hut zwischen den Betten und wußte, wie die gelbe Lachsfliege, die an der Krempe hing, gemacht war. Als ich meinem Vater begegnete, war ich längst schon immer da gewesen. Hätte jemand gefragt, wie er Fliegen fürs Fischen knüpfte, hätte ich ihm das mit selbstverständlichen Bewegungen der Finger zeigen können. Eine Fähigkeit, mit der ich geboren worden bin.
11
Mein Vater ist das Wichtigste in meinem Leben. Manchmal spricht er ohne Stimme, zischt wie lange Grashalme neben einem nackten Fuß. Das liebe ich. Er gab mir ein Messer. Das trage ich am Gürtel, genauso wie er seins trägt. Ich habe keinen Hut. Das quält mich. Ämmi folgt uns halb mit Vergnügen und halb mit Sorge. Ich übernahm die Stiefel vom Tantekind, sie sind viel zu groß, weiche trotzdem meinem Vater nicht von den Fersen. Äffe seinen Gang nach. Ich müsse aufhören, so viel Lärm zu machen, sagt mein Vater stumm, wenn ich mit ihm unterwegs sein will. Ich nicke feierlich. Die kleinen Schuhe, die ich hatte, gab mein Vater dem Hund zum Spielen und dem Widder wie einen Salzstein. Der leckt den Schuh zu verschlissenen Riemen, versucht immerzu, an meinen Füßen zu knabbern, wenn ich in Reichweite komme.
»Jetzt hast du einen Freund«, tröstet mich mein Vater, als ich wegen des Schuhs nörgele. »Hättest du lieber die Hörner im Bauch gehabt?«
Ich presse die Lippen zusammen, bohre in der Nase und tue so, als bewunderte ich die glänzende Messerklinge. Mein Vater dreht sich zur Seite, um ein Lächeln zu verbergen.
Einmal nimmt der Widder dennoch verbissen Kontakt zu meinem Fuß auf. Ich höre ihn knurren, sehe, kurz bevor ich falle, lange spitze Zähne und trete winselnd mit dem freien Fuß um mich.
»Glaubt das Schaf, das sei der Wolf?« Die Stimme meines Vaters kommt auf uns zu. Der Widder läßt los. Er zieht sich ruckweise zurück, schrumpft beträchtlich. Ich komme wieder auf die Füße. »Dann darfst du doch lieber bei den Alten sein«, redet mein Vater weiter und packt sich den Widder auf die Arme, geht unter dem Gewicht ein paar wackelige Schritte und kommt der Einhegung für die Schafe nahe genug, um den Widder mit einem Brüllen durch die Luft zu werfen. Er landet auf der Seite in einem Schlammbad aus Schafkot und zertretenen Grashalmen. Ich und die Schafe jubeln. Der Widder ist peinlich berührt, und mein Vater lächelt. »Der Alte wird im Winter zum Weihnachtsbraten«, sagt er.
Auf dem Hof ist ein anderer Widder, dessen Hoden bald ausgewachsen sind und der ein besseres Wesen hat als der alte Widder. Mein Vater erzählt, daß die Mutter des alten Widders von einem Wolf gefressen wurde, während der Widder im Gebüsch versteckt lag. Der Wolf verschlang Füße, Euter, Ohren und alles.
»Der Widder wurde davon ein bißchen wirr im Kopf«, sagt mein Vater.
Ich nicke. Wir drehen dem dummen Blick den Rücken zu und gehen die Treppe zum Haus hinauf. Dort drinnen bekommen wir etwas zum Trost. Mein Vater ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe Angst, für ihn nicht ebenso wichtig zu sein. Deshalb behalte ich ihn im Auge. Folge ihm überallhin. So daß er nicht verschwinden kann. Das ist das Unvorstellbare, weiß ich, und bin wach in der Sekunde, wenn aus dem Nachbarbett ein Laut kommt.
Er springt in das Flußwasser und bleibt so lange unter Wasser, daß ich glaube, er sei ertrunken. Ein paar Schluchzer kann ich nicht zurückhalten, während ich mich zwischen den Ufersteinen hindurchzwänge, mich fertig mache, um hinterherzuspringen. Er lächelt breit unter Wasser, als er sieht, wie ich geschäftig umherrenne, und im letzten Moment, als ich meinen Mut zusammengenommen und die Zehen um einen Stein gebogen habe, taucht er mit einem Fisch auf, den er ans Ufer wirft. Die großen bringe ich Ämmi. Sie lobt den Fang, tätschelt mir den Kopf und lächelt ihr Lächeln, bei dem ihre Augen zwischen den Hautfalten verschwinden. Die kleinen Fische behalte ich. Das ist die Gefolgschaft. Ich spiele mit ihnen, bis meine Haut einen kräftigen Fischgeruch annimmt, den Ämmi jeden Abend wieder abschrubbt. Oder ich sammele die Schätze und lasse sie eine Familie bilden. Der glitschigste Fisch ist das Tantekind. Gern einer mit einem losen Auge, das eklig baumelt. Ich mag das Tantekind nicht. Seine tanzenden Arme machen mich schwindlig. Ich schlage nach ihnen, aber das Tantekind ist größer als ich und hebt sie hoch, außer Reichweite, und während sie weiter tanzen, hänselt er mich: »Hast du Läuse gehabt? Haben die deine Haare aufgefressen? Kopflaus! Haarlaus!« Da halte ich mit der Jagd nach seinen Armen ein und sage: »Und du, du hast keinen Vater!« Da schiebt das Tantekind mich weg und verschwindet, läßt mich mit meinen Fischen in Ruhe. Wenn sie nicht die Familie darstellen, dann sind sie Tidenfische. Das Spiel ist einfacher. Die Tidenfische haben lange Namen und mögen Taufen. Um die Taufen dreht sich ihr Leben, wenn sie nicht gerade andere Fische fischen, Die Tidenfische sind echte Kannibalen, Die umständlichen Namen sind praktisch. Wenn sie verschwinden, finde ich häufig ein verkrüppeltes Rückgrat im Blumenbeet. Da spielt es dann auch keine Rolle, den Namen vergessen zu haben. Es läßt sich gut mit den Fischen spielen, ist aber nicht spannend genug, um meinem Vater die Chance zu geben, sich davonzuschleichen. Beim geringsten Anzeichen, er könne sich zum Waldrand oder zu den Booten hin bewegen, lasse ich die Fische fallen. Sie bleiben liegen und verrotten, bis der Geruch die trägen Katzen weckt, die sie mit den Nasen und hoch erhobenem Schwanz orten. Die Katzen sind es, die das Rückgrat nicht begraben. Bald mache ich das auch nicht mehr.
Ämmi sieht ihren Sohn unter meinem starren Kinderblick rastlos werden, und sie weiß von meiner Angst, mein Vater könnte für immer weggehen. Darum nimmt sie mich zu allem mit, was sie zu tun hat. Niemand hat bisher etwas von ihm verlangt. Ämmi beobachtet aus dem Augenwinkel, wie er schwankt zwischen der Lust, sich fortzustehlen, und den Stunden, in denen er neben mir hockt. Unsere Blicke ruhen dann auf der Oberfläche des Flusses, und Ämmi ist ziemlich sicher, daß wir miteinander reden. Sie läßt uns in unserer stummen Kommunikation gewähren, solange sich das Pferd nicht in die Nähe stellt und mit dem Kopf nickt. Dann ruft sie mich herein, schiebt mir ein Stück Schokolade in den Mund und ein Stück Seife zwischen die Finger.
Eine Zeitlang tun wir nichts als Kartoffeln legen. Ämmi erzählt mir von der Güte Gottes, die den Himmel gelb färbt. Das ist unser Geheimnis. Aber sowie die Tante in unsere Nähe kommt, schweigt Ämmi. Ich lerne, daß der Himmel blau und grün ist. Ist er gelb, bin ich gut, aber wenn ich gut bin, ist er auch grün oder blau. Dann nicke ich. Ja, sicher kann ich das verstehen, aber weiß Ämmi, daß das Pferd eine Tochter bekommen soll? Ämmi unterbricht ihre Arbeit.
»Siehst du, die du nichts von Tieren weißt, so etwas?« Sie lächelt überrascht, und ich lächele jetzt auch, denn Ämmi hat fast keine Zähne mehr, mit denen sie lächeln kann.
»Nein«, sage ich. »Das Pferd hat es mir erzählt. Es will, daß mein Vater dort sein soll, weil sie für das neue Herz, das klopfen soll, zusammen doppelt Stärke sammeln können.«
»Ach so«, murmelt Ämmi und sieht gequält aus.
So sieht sie meistens aus, wenn ich ihr erzähle, was das Pferd so spricht. Denn Ämmi mag das gar nicht. Sie steckt mir Leckereien zu, damit ich an etwas anderes denke. Dann schmatze ich vergnügt und höre Ämmis Geschichten zu. Ämmi meint, daß wirkliche Geschichten von wirklichen Menschen und Geschehnissen die unwirkliche Sprache, die mein Vater mir beibringt, aufwiegen können. Sie hat sich entschlossen, nicht eher zu sterben, als bis ich ein nüchternes Mädchen mit Gottesglauben und hinreichenden Familienkenntnissen geworden bin. Sie spart an nichts. Verzichtet auf kein Detail bei den Geschichten von Mord und Irrsinn, von endlosen Krankenlagern, ernsten Charakterfehlern. Wenn sie es nur lebendig genug ausmalt, werde ich mich immer daran erinnern und die Geschichten als Ballast mit mir tragen. Menschenkenntnis nennt sie das, mit Betonung auf Menschen. Viele der Geschichten sind grauenerregend. Ich weiß nicht, welch ein Privileg ich als Ämmis Vertraute genieße. Ihre Klugheit hat sie mit allen geteilt. Sie hat nie einen Sinn darin gesehen, die Geschehnisse, die ihren Kenntnissen zugrunde liegen, ans Tageslicht zu ziehen. Ehe ich kam. Und jetzt meint Ämmi, alte, vergessene Verrücktheit sei besser, als wenn ich als Schwachsinnige oder als Geistkind ende.
»Du darfst nicht als Geistkind enden«, beschließt sie ihre Geschichten. Ich nicke erschrocken.
Gelegentlich fragt Ämmi, wer die Frau war oder woher ich komme. Ich begreife nicht, was sie meint. Ich komme von hier. Hier ist mein Vater, hier ist Ämmi, das Pferd und die Tante, dazu die Geister, die meinen Vater umgeben, und das Tantekind. Wenn Vater spielt, verschwinden die Geister eilig. Sie haben Angst, von den Bällen getroffen zu werden, die er über den Hof tritt oder den Pfeilen, die er in die Luft schießt.
Einige stille Tage vergehen. Ämmi nennt sie Kartoffelschonzeit und hat keine Kräfte, um sich mit mir abzugeben. Sie sitzt mit zuckenden Lippen am Küchentisch. An diesen Tagen ist es so warm, daß der Rasen vorm Haus gelb wird, und das Pferd schläft mit gesenktem Kopf in der Sonne. Mein Vater hält sich außer Sichtweite. Meist sitzt er im Scheunendunkel, das Stroh vom letzten Jahr klebt ihm am Hemd. Nachdem ich ihn dort einmal entdeckt habe, gehe ich nicht wieder hinein. Er sieht aus wie ausgelöscht, bemerkt weder mich noch andere. Gleicht nicht sich selbst. Der kalte Schweiß riecht wie von einem verwundeten Tier und läuft grün wie Meerwasser an ihm herunter. Eisschollen bleiben an der Haut hängen. Die Augen glänzen nicht mehr, man sieht nur noch das Weiße. Ich gehe nicht wieder zu ihm hinein, halte mich aber in der Nähe auf, den Blick auf die Scheunenwand gerichtet. Des Nachts jammert er und schreit mit verzerrter Stimme.
Eines Nachts wache ich auf, und mein Vater ist verschwunden. Ich bin allein. Ganz allein, zum ersten Mal. In den Stunden bis zum Morgen weine ich leise. Wenn Ämmi kommt oder die Tante, werden sie sagen, er kommt nie wieder zurück. Ich wage nicht, mich nach ihnen umzuschauen. Vielleicht sind sie auch verschwunden. Ich hege gar keinen Zweifel daran, daß Menschen für immer verschwinden können. Meinem Vater ging es so schlecht. Er ging, um zu sterben. Aus Ämmis Geschichten kenne ich eine Unzahl von Möglichkeiten zu sterben. Ich rolle mich zusammen und weine noch ein bißchen. Der Verlust ist so stark, daß ich beschließe, selbst auch zu sterben. Der grüne Schweiß war eine gefährliche Krankheit, und er konnte nicht mehr, schluchze ich. Ich habe ja selbst das Weiße in seinen Augen gesehen.
Ich höre nicht auf zu weinen, als Ämmi mich am nächsten Morgen findet. Sie nimmt mich mit nach unten und wäscht mit einem Lappen mein Gesicht. Aufgeweicht von all dem Schleim und dem Schniefen, platzen die strapazierten Adern in der Nase. Das Nasenblut rinnt gleichmäßig. Jetzt habe ich auch angefangen zu sterben, denke ich und spüre den warmen Blutgeschmack im Hals. Ich blute immer weiter, den ganzen Tag, abwechselnd in einen Eimer oder mit zurückgelehntem Kopf. Der Magen wird immer voller. Als der Abend kommt, rinnt das Blut schwächer, tröpfelt aber untröstlich weiter. Wie lange es dauert, zu sterben, denke ich erschöpft. Ich gluckere durch die Nacht und am nächsten Morgen meinem Vater entgegen.
Als er mit glänzenden Augen in der Tür steht, erhebe ich mich, um ihm entgegenzugehen, aber der Magen, voller Blut, duldet die Bewegung nicht. Ich übergebe mich auf den Fußboden. Eine Blutlache legt sich zwischen uns, aber er geht einfach hindurch, beugt sich zu mir, streichelt über meine Haarbüschel. Ich weine, erschreckt von all dem. Da streckt mein Vater einen Zeigefinger aus und zeichnet das allererste Strichmännlein als bleichen Kobold in eine Welt von Blut. Jedesmal, wenn das Strichmännlein seinen dünnen Mund füllt, zeichne ich ihm einen neuen Mund. Nicht ehe er satt ist, mit einem großen Schlund, schlafen ich und mein Vater, während sich neben dem kleinen Bett im Zimmer mit dem türkis bemalten Wandschrank das Lächeln über den Boden krümmt.
Als wir aufwachen, stolpern wir beinahe über den Eimer mit meinem Blut.
»Jetzt machen wir Blutpfannkuchen«, brüllt mein Vater, worauf ich nervös piepse. Ich muß hinter ihm und dem schwappenden Eimer herjagen bis ganz zum Fluß hinunter, erst da, als er das Blut in den Fluß ausleert, begreife ich, daß er Unsinn redet. Gemeinsam sehen wir es verschwinden. »Jetzt ist ein Teil dieses Flusses ein Teil von dir«, sagt mein Vater leise. Damit bin ich sehr zufrieden, aber das Beste ist doch, ihn zurückzuhaben.
»Dann brauche ich also nicht zu sterben«, erkläre ich.
Den ganzen Sommer wohnen wir auf dem Hof. Wenn mein Vater zu seinen Touren aufbricht, nimmt er mich mit, und die Länge der Touren wird meinen Beinen angepaßt, also gekürzt. Ich bin auch weiterhin davon überzeugt, schon immer hiergewesen zu sein. Diese unerschütterliche Sicherheit steckt die anderen an. Der Sommer ist eine endlose Reihe von Tagen, die sich voneinander nur durch Regen und Sonne unterscheiden. Wenn es regnet, lerne ich, still genug zu sitzen, daß eine Maus in meinem Hosenbein hochklettert, aber als ich herumspringe und die Beine ausschüttele, fällt die Maus heraus. Mein Vater krümmt die Hände um die verwirrten Tiere und bringt ihnen das Fauchen bei. Das klingt mehr wie Fensterknarren, und wir kichern glücklich. Eine von ihnen faucht, als Ämmi sie in der Küche ertappt. Da schlägt sie die Maus mit einem Besen an die Wand und verbrennt den Kadaver im Ofen. Ämmi wartet auf ihren Tod, und das Schlafen fällt ihr schwer. Immer noch erzählt sie von toten Menschen. All die Details lassen sie lebendig werden. Hin und wieder stehen sie fröstelnd an der Scheunenwand.
An Tagen mit gutem Wetter gehe ich mit meinem Vater Fischen. Die Fische halten sich fern, wenn ich mit im Boot bin, deshalb sitze ich zwischen den Steinen und zeichne. Am meisten zeichne ich Menschen, von denen Ämmi erzählt hat, und schließlich fühle ich mich dort zwischen den murmelnden Stimmen nicht mehr wohl, und ich wate in den Fluß hinein bis die Strömung mich erfaßt und ich beinahe ertrinke. Mein Vater muß aus Leibeskräften rudern, und er wringt meine Lungen über dem Bootsrand aus. Auch wenn sie sich erschreckend betragen, geben die Strichmännlein großen Trost. Sie vertrauen mir ihre Todesursachen an. Das ist weitaus besser, als ihre miserablen Lebensgeschichten zu hören. Eines Tages vergesse ich bei einem der Männer, den Fuß vollständig zu zeichnen und bekomme eine lange Geschichte zu hören, davon, wie er sich den Fuß mit der Sense abschnitt, aber die Sense war stumpf, der Fuß hing in Fetzen. Er verblutete, während er versuchte, zurück zum Haus zu robben. Der Fuß fiel unterwegs ab, blieb im Gestrüpp hängen. Er hörte nicht eher auf, die Familie heimzusuchen, als bis sein Bruder zwei Jahre nach der Beerdigung die Überreste fand.
»Weißt du, wie sich eine stumpfe Sense anfühlt?« fragte das Strichmännlein.
Als mein Vater zurückkommt, zittere ich wie ein Hase vor einem Fuchs. Daraufhin setzt er mich auf einen der Riesensteirie mitten im Fluß, so daß wir uns sehen können, auch wenn er weit draußen ist. Ich achte darauf, nicht flüchtig zu arbeiten, und nach einer Weile bin ich wieder ganz vertieft, fülle in wenigen Stunden den Riesenstein bis zum Rand mit Menschen. Ich entdecke, daß sie am nächsten Tag verschwunden sind. Mein Vater erklärt mir Ebbe und Flut. Dann schwimmen sie also zum Meer, konstatiere ich und lerne, daß Stichmännlein mehr Fisch als Mensch sind.
Eines Morgens sind alle anderen auf, als ich wach werde. Das Pferd hat gefohlt. Mein Vater hat schmieriges Zeugs auf den Armen, zähe Fäden hängen an ihm. Das Pferd trauert. Das Fohlen ist blind. Die Augen sind weiße Häute, die nichts von der realen Welt mitbekommen. Früher oder später wird es von einem Laut oder einer Bewegung zu Tode erschreckt werden, Alle sind stumm an diesem Tag, und mein Vater kümmert sich um das Pferd, versucht, es zu trösten. Am nächsten Morgen hat das Pferd sein Kind zu Tode gelegen. Wir helfen, das Fohlen zu begraben. Das Pferd will uns noch lange Zeit danach weder sehen noch mit uns reden. Nur so weit wie möglich auf der Koppel hin- und hergehen und schwermütig auf den Fluß starren.
»Wie gut, daß wir bald Heuernte haben«, sagt mein Vater. »Dann kann es an etwas anderes denken.«
Deshalb sind alle froh, daß sich das Wetter hält. Weil das Gras bald Heu sein wird. Als wir alle gemeinsam nach Uopaja fahren, sehe ich die Hütte, die sich verirrt hatte. Sie gefällt mir sofort sehr gut, ich lege die Hände an das Holz. Tagsüber rechen wir Gras zusammen und hängen es über die Trockengestelle. Ich und das Tantekind bekommen die kleinsten Rechen.
»Ihr sollt zusammenarbeiten«, sagt mein Vater. »Das Tantekind ist älter als du«, ergänzt er, als wir uns argwöhnisch beäugen. »Eines Tages wirst du seine Hilfe brauchen. So, und nun los mit euch!«
In den Pausen trinken wir mit der Kelle eiskaltes Wasser aus einem Blecheimer. Das Tantekind hält die Kelle und läßt mich zuerst trinken. Er ist vielleicht ja doch nicht so übel, beschließe ich, und am nächsten Tag sind wir fertig. Mittags bekommen wir Pfannkuchen und Saft. Mein Vater ist jeden Tag hier gewesen, und Ämmi weiß nicht, bei wem sie sich für die gute Arbeit bedanken soll, bei ihm oder bei mir, und für das Glück, das bei dieser Ernte mit uns war. Nach dem Essen fahren wir nach Hause und heizen die Sauna ein. Während die warm wird, werden Kuchen und Schokolade serviert. Ich und mein Vater, wir haben das Pferd zurück zum Hof geritten. Wir nahmen das Geschirr ab und sind hinaufgeklettert. Mein Vater sagt mit ruhiger Stimme »nach Hause«. Das Pferd wedelt mit dem Schweif. Es war über den Verlust des Fohlens hinweggekommen. Ängstigte sich nicht, nach Hause zu kommen, bewegte sich mit großen Schritten vorwärts. Bei der Heuernte war ein anderes Pferd dort zusammen mit ihm gewesen. Sie hatten die Nächte geteilt und die Sterne und gespürt, wie sich der Sommer in Herbst verwandelte. Die Sterne haben dem Pferd ein neues Kind geschickt. Das war in den Pferdebauch gepflanzt worden.
»Das Sternfohlen kann bestimmt fliegen«, sagte ich und strich dem Pferd über das zerzauste Haar.
Später, als Ämmi und ich allein in der Sauna sind, stirbt sie friedlich. Ich hocke unwissend da und mache in den Abfluß des gemauerten Fußbodens; das letzte Bild, das sie aus diesem Leben mit sich nimmt. Erst als ihr das Reisig aus der Hand fällt und sie es nicht wieder aufnimmt, auch nicht, als ich es ihr hinschiebe, begreife ich, daß etwas nicht stimmt. Dünn und weiß trotte ich über den Hof und ins Haus. Mein Vater wartet und weiß schon Bescheid.
Ich ziehe mich an, und nach der Beerdigung ziehen mein Vater und ich in die Hütte in Uopaja um. Das scheint mir ganz richtig zu sein. Bald ist Herbst, und die Geister meines Vaters seufzen erleichtert, flattern schon vorher eifrig. An dem Tag, als wir durch den Wald kommen, zittere ich, so froh bin ich. Mein Vater steckt mich an. Er entfaltet sich neben mir. Als er beinahe eins wird mit den Bäumen, lache ich begeistert über das Kunststück. Andere Stimmen lachen auch. Ich bin mir nicht sicher, ob das die Bäume sind, lächele ihnen sicherheitshalber aber zu.
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