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Traudi und Hugo Portisch

DIE OLIVE UND WIR


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1. Auflage

© 2020 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg

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Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

Red Bull Media House GmbH

Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15

5071 Wals bei Salzburg, Österreich

Satz: Buch.Bücher Theiss

Lektorat: Arnold Klaffenböck

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Coverfoto: Martin Vukovits

ISBN 978-3-7110-0280-8

eISBN 978-3-7110-5305-3

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Wie das Haus uns gefunden hat

Der Traum

Das Haus

Das Grundstück

Die Nachbarn

Giulio

Pordina

Die Carabinieri und die Jagd

Grappa

Fahrzeugkontrolle

Warenkontrolle

Ein Philosoph in Uniform

Nationalität San Lorenzo

Bonzo

Der Pfarrer

Die Hochzeit

Die Straße

Bimbo 1

Bimbo 2

Die Olive und wir

Der Fleischer

Signora Capelli

La vita è così

Gufo

Einbrecher

La fortezza

Die Katze

Das Offerte

Glaube und Aberglaube

Der Tod im Bauernhaus

Mago

Pan

Toskanischer Frühling

Abendwind

Liebe Leserin, lieber Leser!

Vorwort

Oh, und wie wir ihn kennen, den Traum vom Aussteigen aus der täglichen Tretmühle, aus dem Stress, aus dem Erfolgszwang. Wir kennen diesen Traum, jedoch nur von anderen, die ihn träumen, wir selbst haben ihn nie geträumt. Im Gegenteil, das Aussteigen schien uns immer, als wäre es eine Art Kapitulation vor uns selbst. Wir hielten und halten es eher mit Marcel Prawy, der meinte: „Je älter du wirst, desto mehr musst du arbeiten, um jung zu bleiben!“

Wir haben es uns nicht gewünscht, das alte Bauernhaus in der Toskana, schon gar nicht, um es als Fluchtburg zu benützen. Vielmehr, so kommt es uns vor, hat dieses Haus uns gesucht und gefunden. Später lernten wir einige toskanische Sprichwörter kennen und stellten überrascht fest, wie sehr sie auf unsere Erlebnisse zutrafen. Eines davon, „Die Wunder wachsen, ohne dass man sie säen muss“, hätte unsere Situation nicht besser beschreiben können, als wir auf der Autobahn von Florenz in Richtung Pisa fuhren. Nie zuvor und nie mehr danach wurden die Tankstellen auf dieser Autobahn bestreikt. Und so begann das Wunder seinen Lauf zu nehmen, ohne dass wir es bemerkten. Aber davon später, gleich im ersten Kapitel dieses Buches.

Hingegen haben wir geschrieben, immer wieder und mit viel Vergnügen. Denn das, was uns da alles widerfahren ist, in diesem Haus und seiner Umgebung, mit den Menschen, auf die wir nun trafen, war oft so herzerfrischend oder so eigenartig, manchmal auch traurig, öfter aber erheiternd, dass wir begannen, diese Begebenheiten und Begegnungen zu Papier zu bringen, einfach, um sie für uns festzuhalten und sie als Erinnerungen zu bewahren. Ja, manches davon haben wir Freunden erzählt, um ihnen etwas von der Stimmung zu vermitteln, von der Lebenseinstellung der Menschen, die uns hier umgaben. Und wieder wuchs ein Wunder, ohne dass wir es zunächst bemerkt hätten.

Hannes Steiner hatte von einigen unserer toskanischen Geschichten gehört und gemeint, es wäre doch vergnüglich, unsere Notizen als Ecowin-Buch zu veröffentlichen. Ein Buch ohne politische Analysen, ohne Blick auf die Krisen dieser Welt und ohne Rückblick auf die österreichische Geschichte. Auch kein Buch im Alleingang. So manches, wovon wir beide hier erzählen, haben wir gemeinsam erlebt, doch jeder von uns hatte auch seine eigenen Erlebnisse und hatte sie niedergeschrieben, allerdings nicht mit der Absicht, sie zu veröffentlichen.

Nun tun wir es doch. Und sogar mit großem Vergnügen. In der Hoffnung, dass auch die Leserinnen und Leser unsere Erzählungen vergnüglich finden.

Traudi und Hugo Portisch

Wie das Haus uns gefunden hat

Le meraviglie nascono senza seminarle. Die Wunder wachsen, ohne dass man sie säen muss.

Zugegeben, es gehört auch Glück dazu. Aber Glück ist nicht so selten, wie man glaubt. Die meisten Menschen merken nur nicht, wenn es sich ihnen anbietet. Genau genommen muss man Glück haben, um Glück zu erkennen. Das ist dann eine Sternstunde. Uns schlug eine auf der Autobahn zwischen Florenz und Pisa. Da ging uns das Benzin aus. Das heißt, der Benzinanzeiger stand schon geraume Zeit auf null, aber keine der Tankstellen auf dem Weg war offen: Streik. Also nichts wie runter von der Autobahn.

Gleich nach der Abfahrt fanden wir auch eine Tankstelle, die nicht bestreikt, aber zur Stunde wegen Siesta geschlossen war. Dafür war das Espresso daneben offen. Dankbar schlürften wir unseren Cappuccino und freuten uns, da zu sein. Vor uns lag eine Pinienallee, die allmählich im leichten Bodennebel verschwand, dennoch ein strahlend blauer Himmel und dazwischen, sanft aus dem Nebel aufsteigend, Weingärten, Olivenhaine, darüber wie eine Krone aus grauem Stein und roten Dachziegeln, Campanile zwischen Zypressen, ein toskanisches Dorf auf der Kuppe eines Hügels. Es war November, und doch hatten die Weinstöcke noch ihre Blätter, in Farben, als hätte Gucci sie aufeinander abgestimmt, Gelb, Ocker, Braun in allen Nuancen. Die Olivenhaine blinkten in Grün und Silber im Wind, der aus dem Apennin kam. Er roch nach Frost.

Dass wir das nun alles sahen, rochen und schmeckten, war nichts als Zufall oder Glück, was in Sternstunden auf das Gleiche kommt. Die Fahrt war nicht beabsichtigt gewesen. Sie war ein Akt der Selbstbefreiung, Ausbruch aus Arbeit, Hektik, Verdruss. Nichts wie weg, so weit es eben geht in den vier Tagen zwischen Allerseelen und dem nächsten Sonntag.

Jemand sagte Italien. Im Herbst? Jemand sagte Toskana. Vielleicht. Falls aber doch, dann sind wir auch dort, hier ist die Telefonnummer: Ruft uns an, kommt auf eine Jause. Wo seid ihr? In Benevento. – Das herausgerissene Notizblatt mit der Telefonnummer steckt noch in der äußeren Tasche meines Rockes. Ein Zufall – der Rock sollte gar nicht mit auf diese Reise. Und wer weiß schon, wo Benevento liegt. Wir wussten es nicht und hatten auch nicht nachgesehen. Hätte das Benzin gereicht, säßen wir jetzt nicht in dem Espresso, würden den Kellner nicht nach Benevento fragen. Benevento war der Ort über uns, aus grauem Stein, roten Dachziegeln, Campanile zwischen Zypressen. Zufall. Wir riefen an. Sie kamen, uns zu holen. Sie waren Gäste bei jemandem, der ein Haus hatte, gleich unterhalb der Stadtmauer von Benevento, mit einer traumhaften Sicht über die toskanischen Hügel bis hinüber zu den Pisaner Bergen. Als Gäste der Gäste erhielten wir die in Wien versprochene Jause und wunderten uns über die Zufälle, die uns bis hierher und da herauf geführt hatten.

Schließlich verabschiedeten wir uns, standen schon vor der Türe, da läutete das Telefon. Erwartete Gäste, die sich entschuldigten, sie seien noch in Bozen mit Motorschaden, kämen heute nicht mehr und wahrscheinlich auch nicht morgen. Das zweite Gästezimmer wäre nun frei, ob wir nicht bleiben wollten? Es sei ohnedies schon dunkel, die Weiterfahrt würde nichts mehr bringen. Wir blieben, kosteten den Wein des Hauses, saßen vor dem offenen Kaminfeuer, diskutierten fröhlich in die Nacht hinein und schliefen herrlich.

Am nächsten Tag hätte es regnen können, oder der Nebel hätte, wie hier so oft in dieser Jahreszeit, die Hügel hochsteigen und die Sicht verschlingen können. Aber als wir die Fensterläden öffneten, war es, als hätte Botticelli eine Landschaft ohne Vordergrund gemalt. Aus dem Morgennebel in den Tälern ragten, in goldgelbes Licht getaucht, die toskanischen Hügel mit Dörfern, die wie Schwalbennester an ihnen klebten oder wie Adlerhorste ihre Gipfel beherrschten. Entlang der sanften Rücken aber standen Pinien und Zypressen wie Morsezeichen aneinandergereiht – Punkt, Punkt, Strich, Strich, Punkt, Strich –, als wollten jene, die sie gepflanzt haben, uns Nachricht geben. Beugte man sich aber aus dem Fenster, gab es auch einen Vordergrund: An der Wand des Hauses wuchsen Orangenbäume als Spalier hinauf und an den Fenstern seitlich vorbei und boten ihre goldgelben Früchte an, als wären sie ein lebender Korb. Wir sogen alles ein, Landschaft, Vordergrund, Licht, Luft, Farben, und kamen berauscht zum Frühstück. Wir sprachen von Traum, von Pracht, von Paradies, von einem Haus, das man hier haben müsste. – Ein Haus? In den Hügeln gäbe es noch immer verlassene Bauernhäuser. Man brauche sich nur eines auszusuchen.

„Wenn man von Traum und Paradies spricht, sollte man nicht so wörtlich genommen werden“, meinte ich. „Weshalb eigentlich nicht?“, meinte meine Frau. Eine Stunde später fuhren wir in einer kleinen Wagenkolonne durch die benachbarten Hügel, von Bauernhaus zu Bauernhaus. Das erste war unbewohnt, aber niemand kannte den Besitzer. Im zweiten wohnte ein Bauer, der sofort bereit war, es uns zu verkaufen, nur müsste er danach weiter darin wohnen dürfen, denn wohin sonst sollten er, seine Frau und seine Kinder ziehen? Das dritte stellte uns auf die Probe.

Trotzig lag es da, auf einer vorspringenden Terrasse inmitten eines großen Olivenhains. Der Einfahrt in den Hof wandte es eine graue, abweisende Steinmauer zu, die nur oben im ersten Stock von einer Reihe von Fensterhöhlen durchbrochen war, und von einer Schießscharte, die auf die Einfahrt zielte. An der türlosen Wand darunter klebte ein halb zusammengebrochener Stall. Auf dem Hof türmte sich ein längst zu Humus gewordener Misthaufen, übersät mit Brennnesseln. Links davon eine lang gezogene Scheune, oben offen, darunter ein paar Ställe für Schweine, Hasen und Hühner.

Das war das Haus, wie ich es sah. Meine Frau sah es anders. Nicht von der Einfahrt her, sondern von vorne, von der Terrasse aus. Und da umarmte es uns mit zwei gewaltigen Zitronenbäumen, die die Wände des Hauses hochwuchsen, die gesamte Mauer bedeckten und die auch noch die Türen und Fenster zugewachsen hatten. Eine der Türen gab nach, und wir betraten den wichtigsten Raum jedes toskanischen Bauernhauses, die Cantina, den Weinkeller. Ein Keller zu ebener Erde, ein fensterloser Saal, in dem auf mächtigen Balken die Bottiche stehen, in denen der Wein gemacht wird, und die Fässer, in denen er lagert. Die Balken hier waren längst morsch und eingeknickt, die Bottiche und Fässer hatten sich aufgelöst, die Eisenringe, die sie einst zusammengehalten hatten, lagen wirr ineinander verhakt, und die Holzsegmente ragten aus ihnen heraus wie Gerippe.

Von der Cantina ging es über Steinstufen in den Nachbarraum, der einst die Küche war. Eine offene Herdstelle, im Kamin darüber der rußige Haken, an dem die Kochtöpfe ins Feuer gehängt wurden. Neben der Feuerstelle ein steinerner Waschtrog, eine seiner Wände, hochgezogen und quer gerillt, hatte als Waschbrett gedient. Von der Decke hing ein Draht, an dessen Ende eine kaputte Glühbirne baumelte. Sonst war da nichts mehr. Nicht, dass man dies dem Raum ansah, aber in alten toskanischen Bauernhäusern geht es immer von der Küche in die gute Stube des Hauses. Und von dort in die Vorratskammer und von dieser in den Stall. So war es auch hier. In der Vorratskammer stand ein riesiges Tongefäß, eine Coppa, in der das Olivenöl aufgehoben worden war, eingeritzt im Ton die Jahreszahl 1870, und am Boden des Gefäßes noch zwei fingerhoch Öl. Genießbar.

Im Stall lag Stroh, aber es roch nicht mehr nach Stall. Da hatten schon lange keine Tiere mehr gestanden. Zurück in die Küche. Zwischen ihr und der Cantina führte eine Steintreppe in den ersten Stock. Vierzehn Stufen, dann stand man unter dem steil aufragenden Dachstuhl in einem großen Raum mit altem Ziegelboden. Die satte dunkle Farbe der Ziegel verriet, dass hier Oliven gespeichert worden waren, Jahr um Jahr, so wie die Ernte eingebracht wurde, abgestreift und abgeschlagen von den bizarren Olivenbäumen in die darunter ausgebreiteten Netze, in Butten heimgetragen und gelagert, bis die Menge groß genug war, um die Säcke zu füllen zum Transport in die Ölmühle.

Bog man aber von der Treppe nach der anderen Seite des Hauses, betrat man dessen wohl ältesten Teil, der ein Turm gewesen sein musste. Drei kleinere Zimmer, hier hatten sie geschlafen, die Bauern, und ihre Familien waren nicht klein. Einer der letzten Bewohner des Hauses hatte sich ein wenig Komfort geleistet, die Wand durchbrochen und an der Außenseite ein Plumpsklo angeklebt. Die Wände zeigten dicke Sprünge, durch einen konnte man sogar den Himmel sehen. Über den Zimmern gab es noch einen Dachboden. Als wir ihn betraten, löste sich ein Dutzend Fledermäuse von den Dachbalken. Aber sie flohen nicht, sondern verteidigten ihr Zuhause gegen uns Eindringlinge, indem sie uns immer wieder wütend anflatterten.

In einem Teil des Dachbodens hingen Drähte von der Decke mit Drahthaken. Hier wurden die Trauben zu Rosinen getrocknet, aus denen dann der süße Wein gepresst wird, den die Bauern „Vin Santo“ nennen, wohl, weil die Pfarrer die kräftige Trockenbeerauslese dem leichten Rebensaft dieser Gegend als Messwein vorzogen. Beugte man sich aus den offenen Bodenfenstern, blickte man auf das Dach und den Schornstein eines großen, gemauerten Brotbackofens. Hob man den Blick, stand man verzaubert da: Da war sie wieder, die ganze Pracht der Toskana mit ihren Hügeln und Dörfern und Campanile und Villen, ihren Pinien und Zypressen und ihren Wäldern von Edelkastanien.

Als wir wieder vor dem Haus standen, sahen wir einander fragend an. Was war davon zu halten? „Wenig“, meinte ich. „Viel“, meinte meine Frau. „Alles“, meinten unsere Gastgeber. Ein derart schönes Haus werde man nicht bald wieder finden. – Aber es ist doch eine Ruine oder doch beinahe eine. – Keineswegs. Die paar Risse ließen sich leicht wieder zusammenschrauben, tatsächlich mit meterlangen Schrauben, die von Wand zu Wand gespannt werden. Zu beachten hingegen seien die zumindest drei verschiedenen Bauphasen, in denen man das Haus offenbar in Abständen von vielen Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, errichtet hatte. Das ergäbe die vielen Winkel und Stufen, die verschieden hoch gelegenen Ebenen der Fußböden und der Balkendecken, die reizvolle Verschränkung mehrerer Dächer.

Selbst die Scheune mit ihrem Schweine- und Hühnerstall hatte Stil. Das Haus, erklärte unser Gastgeber, müsse man schon wegen der einzigartigen Zitronenbäume kaufen, die als dichtes Spalier seine Wände bedeckten. Aber den Ausschlag gab dann ein Fund zwischen den Brennnesseln auf dem verrotteten Misthaufen im Hof. Da standen dicht gedrängt ein Dutzend Parasolpilze von einer Größe, Dicke und Gesundheit, wie wir sie alle noch nie gesehen hatten. Für Pilznarren wie wir ein fast zwingendes Omen.

Im Übrigen ließ man uns kaum noch eine Wahl: Bei dem nächsten Nachbarn erfuhren wir, welchem „Padrone“ das Haus gehörte, einem Conte Anzilotti, dem hier alle Häuser gehörten und auch alle Olivenbäume und Weinstöcke dazwischen. Aber obwohl die meisten Bauern, die hier zuerst als Halbsklaven, dann als Pächter in diesen Häusern gewohnt hatten, in die Industrie abgewandert seien, habe der Conte bisher keines der Häuser verkauft. Außerdem sei er kaum jemals da. Seine Villa stünde zwar nicht weit von hier, aber er wohne in Florenz und komme nur alle heiligen Zeiten einmal vorbei. Und selbst dann bekäme ihn kaum jemand zu Gesicht. Er sei alt und menschenscheu.

Doch die Kette der Zufälle riss nicht ab. Wir fuhren zu der Villa, das Tor stand offen, der Conte war da und sogar bereit, mit uns zu reden. Das Haus, meinte er, das Haus sei nicht zu haben. Weil erstens ihm die Idee eines Verkaufs gar nicht erst kommen würde. Weil zweitens er erst seine Töchter fragen müsste, ob sie damit einverstanden wären, dass er sie um einen, wenn auch zugegeben kleinen Teil ihres Erbes sozusagen bringe, indem er es verkaufte, wobei er das Geld solcherart noch vor seinem Tod auch durchbringen könnte. Man müsse verstehen, meinte die graue dürre Gestalt in dem großen Lehnsessel mit abgeschabtem Seidenbezug, dass die Töchter in Anbetracht solcher Auspizien ihre Zustimmung gewiss verweigern würden. Und drittens würde er auch nicht verkaufen, weil er schon einmal einen Preis für das Haus genannt hatte, das sei vor zehn Jahren gewesen, als sich ebenfalls jemand für das Haus interessierte, und dieser Preis sei damals als zu hoch zurückgewiesen worden. Er sei doch kein Wucherer! Niemals werde er daher je wieder einen Preis nennen, denn er lasse seine Preise nicht als zu hoch zurückweisen.

Erleichtert wollte ich mich schon mit Dank empfehlen – erleichtert, denn mittlerweile war mir vor diesem doch sehr plötzlichen Hauskauf recht unheimlich zumute geworden. Doch der uns begleitende, mit unseren Gastgebern befreundete Bauer, der uns zu dem Haus geführt hatte, dachte gar nicht daran, so schnell aufzugeben. Und nach zehn Minuten zähen Argumentierens hatte er den Conte so weit, dass dieser bereit war, zumindest zu sagen, welchen Preis er vor zehn Jahren für das Haus verlangt hatte. Es war ein niedriger Preis.

Zu unserer Überraschung aber meinte der Conte, er wolle von uns gar keinen Kommentar zu diesem Preis hören, denn wir würden ihn heute wohl genauso wenig akzeptieren, wie er vor zehn Jahren vom damaligen Interessenten akzeptiert worden sei. Sollten wir das so verstehen, dass der Preis heute noch derselbe sei wie damals? Wie denn sonst! Bei ihm gäbe es kein Handeln, weder hinunter noch hinauf. Also fänden wir den Preis ganz in Ordnung? Ja. Ob er da nicht doch mit seinen Töchtern reden könnte, wir wären sehr interessiert. Nun, das müsse er sich noch überlegen. Und selbst wenn er es täte, glaube er nicht, dass sie damit einverstanden wären. Sollten sie es aber wider Erwarten doch sein, so würde er morgen um zehn Uhr vormittags zu uns hinüberkommen, bereit, zum Notar zu gehen. In diesem Fall erwarte er zehn Prozent Anzahlung bei Unterschriftleistung unter den Vorvertrag, den Rest in drei Monaten bei Unterzeichnung des Vollvertrags. Sagte er und entließ uns mit einer Handbewegung, so, als sei seine Geduld mit uns nun endgültig zu Ende. Es war eine Nacht des Bangens. Ich wünschte inständig, der Conte würde um zehn Uhr nicht erscheinen. Was sollten wir denn mit einem Haus in der Toskana, noch dazu mit einer – da ließ ich mich nicht bekehren – Halbruine. Meine Frau wünschte inständig, der Conte würde Punkt zehn Uhr vor der Tür stehen, das Haus hatte sie bereits völlig in seinen Bann gezogen. Unsere Gastgeber wünschten von unseren Überlegungen nichts mehr zu hören: Die Entscheidung liege nicht mehr bei uns, käme der Conte, werde gekauft, käme er nicht, wäre das leider sehr traurig. Doch auch wenn der Preis, wie alle meinten, sehr vorteilhaft sei, so hätte ich doch die Anzahlung nicht bei mir, versuchte ich sachlich dagegenzuhalten. Keine Sorge, die Anzahlung strecke man uns gerne vor, boten die Gastgeber an. Dennoch könnte ich mich gegen einen Kauf entscheiden, meinte ich, kein Vertrag, kein Kaufzwang. Falsch, wir hätten den Preis akzeptiert, somit einen Vertrag geschlossen. Aber der Conte habe sich seine Entscheidung doch noch offen gelassen. Er ja, wir nicht. Argumentieren half da nichts mehr, nur noch hoffen.

In dieser Nacht hoffte jeder von uns auf etwas anderes.

Um Punkt zehn Uhr stand der Conte vor der Tür.

Um elf Uhr beglaubigte uns der Notar, dass wir soeben ein Haus gekauft hatten, von dessen Existenz wir vor 48 Stunden noch keine Ahnung gehabt hatten. Da war uns erst das Benzin auf der Autobahn ausgegangen.

Der Traum

Chi crede d’ingannare il Dio, inganna se stesso. Wer glaubt, Gott zu betrügen, betrügt sich selbst.

Wir sind lange gegangen, Hand in Hand, weil die Nebelschwaden, die uns umhüllten, so dicht waren, dass wir kaum den Weg sahen. Doch da war ein Weg – unsere Füße spürten ihn. Manchmal drehten wir uns ängstlich um, aber hinter uns war nichts. Ein weißes Nichts, wie eine undurchsichtige Wolke.

„Wir sind im Niemandsland“, sagte mein Mann.

„Ja“, sagte ich und hielt seine Hand fester.

Plötzlich, ganz ohne Warnung, war der Nebel verschwunden, und wir standen allein auf einem Hügel. Um uns herum endlose Wolkenberge. Darunter ahnte ich die Erde.

Wie in einem Zeichentrickfilm segelte unverhofft eine rosarote, duftige Wolke heran und blieb vor uns stehen. Aus ihr sah uns Gott an. Wir kannten ihn aus Kirchengemälden. Er trug einen weißen Bart und ein himmelblaues Gewand, wie es sich gehörte.

Wir waren erstarrt. Gott ist nachdenklich, dachte ich. Er ist menschlich, aber auch nicht, er ist göttlich, aber auch nicht. Ich spürte, wie er in unsere schwarzen Seelen blickte.

„Ich brauche eine Zwischenbilanz“, sagte Gott plötzlich sehr nüchtern und eher ungöttlich.

„Ja, die brauche ich auf jeden Fall, bevor wir abrechnen!“

Dieser menschliche Jargon, dachte ich. Aber warum sollte Gott denn nicht mit unseren modernen Vokabeln vertraut sein, er ist doch allwissend. Weshalb sollte Gott nicht auch Worte wie Zwischenbilanz und Abrechnung kennen? Gott sah mich durchdringend an. Mir schien überhaupt, dass er für meinen Mann viel sanftere Blicke hatte als für mich.

„Also“, sagte Gott, „sprechen wir von eurem Leben. Bis jetzt scheint mir, dass ihr mehr oder minder dieselben Fehler begangen habt wie die meisten Menschen. Da war viel Leichtsinn, viel sündige Gedankenlosigkeit und wenig Respekt für mich – aber lassen wir das. Jetzt scheint ihr an einem gefährlichen Wendepunkt angelangt zu sein. Es ist nicht üblich, dass ich mich einmische, aber in eurem Fall will ich Gnade vor Recht ergehen lassen und euch ernstlich warnen, bevor es zu spät ist!“

Das Letztere fügte Gott hinzu, als wäre es schon bald zu spät. Mir blieb das Herz stehen.

„Ihr habt einen Bauernhof gekauft.“

Wir nickten beide. Worauf sollte das hinaus?

„Wie groß ist er?“

„Ungefähr vier Hektar“, sagten wir wie aus einem Munde. Aber wir wissen, dass Gott das ja weiß, also ist die Frage eine Art Anklage.

„Ungefähr? Heißt das, dass ihr das nicht genau wisst? Was baut ihr an?“

„Oliven, Wein, Obst und Gemüse.“

„Versteht ihr etwas davon?“

Wir sahen einander entsetzt an. „Nicht genug“, sagten wir. Gott kann man nicht belügen.

„Habt ihr Betriebswirtschaft gelernt?“

Wir erstarrten. Gott und die Betriebswirtschaft!

Wir stotterten: „Nein.“

Ist Gott wirklich allwissend? Ein strafender Blick traf mich.

„Wisst ihr, dass nicht nur jeder Grashalm und jeder Baum, sondern auch jeder Käfer und jede Schlange und sogar die Skorpione auf eurem Grund mir gehören? Wisst ihr, dass euch eigentlich gar nichts gehört? Alles in eurer Hand ist nur ein Lehen.“

Ich dachte, jetzt wird Gott mittelalterlich. Aber mir war klar, worauf das alles hinaus wollte, und ich begann mich zu fürchten.

„Ihr habt dieses Land gekauft, aber ihr wusstet nicht, wie groß die Verantwortung ist, die ihr da übernommen habt! Stimmt es nicht, dass eure Olivenbäume nicht immer rechtzeitig gepflegt werden und dass dadurch schon einige einen jämmerlichen Tod sterben mussten, der gar nicht notwendig war?“

Wir nickten traurig. Gottes Auge ist überall, dachte ich und erinnerte mich an einen Spruch in meinem Stammbuch. Vor mir funkelte plötzlich auf Gottes Stirn das allwissende Auge, dreieckig, groß und sehr böse.

„Das allein verdient schon viele Jahre Fegefeuer“, sagte Gott. „So ein Leichtsinn.“

„Ja“, sagten wir. Was hätten wir sonst sagen sollen?

„Ich werde euch eine Frist von fünf Jahren geben. Bis dahin will ich Resultate sehen! Resultate!“, grollte seine Stimme durch die Wolken und schwoll an wie Donner. Blitze zuckten um uns herum. Ich versteckte mich hinter meinem Mann, wie es einst Eva getan hatte – ohne Erfolg. Das Auge durchdrang mich.

„Im Schweiße deines Angesichtes sollst du arbeiten. Versteht ihr das? Denn wenn ihr jetzt nicht schwitzt, dann müsst ihr später schwitzen! Ihr wisst schon, was ich meine.“ Gott zwinkerte mir zu, er hatte einen göttlichen Witz gemacht. Wir hatten ihn verstanden.

„In fünf Jahren werdet ihr gelernt haben, alles selbst zu pflügen, zu säen, zu schneiden, zu spritzen und zu ernten. In fünf Jahren wird euer Stückchen Erde eine Augenweide sein. Wenn nicht …“ Gott aber wollte nicht nur drohen. Und deshalb fügte er etwas milder hinzu: „Geht rasch an die Arbeit, fünf Jahre sind eine kurze Zeit!“

Damit drehte sich Gott plötzlich um und wandte sich einem anderen Menschenpaar zu, das aus dem Nichts unvermittelt auf der anderen Seite der Wolke erschienen war.

Wir waren entlassen. Zwischenbilanz negativ.

Mein lieber, praktischer Mann meinte, als wir dann zusammen wieder vom Nebel verschlungen wurden: „Am besten, wir verkaufen das Ganze gleich einem, der wirklich etwas davon versteht und die Sache richtig macht.“

Da schrie ich, und die Wolken rund um mich hallten wider von meinem Schrei: „Nein, nein, nie werden wir dieses gottvolle Stückchen Erde verkaufen. Und wenn ich 100 Mal selbst mit dem Pflug gehen müsste und dabei umfalle und mir alle Knochen bräche, wenn ich mir beim Sägen die Finger abschneide und weiß Gott, ich meine, weiß der Himmel, ich meine, das ist ja gleichgültig. Nein, nein, wir dürfen nicht aufgeben!“ Und ich schrie und schrie, bis ich schweißgebadet aufwachte.

Das Haus

Il fabbricare è un dolce impoverire. Bauen ist eine süße Art, ärmer zu werden.

Es ist interessant, dass unser Haus für jeden etwas ganz anderes zu sein schien, als wir es zum ersten Mal sahen. Mein Mann sah nur eine Ruine, vor der ihm eher schauderte, besonders wenn er daran dachte, was da noch zu tun war, um daraus auch eine menschliche Behausung zu machen. Er sah die hässlichen, halb verputzten Wände, den verfallenen, schmutzigen Ziegenstall, das aus der Scheune quellende verfaulte Stroh und die triste Fassade.

Er sah den öden Hof aus gestampfter Erde, und im Hause drinnen sah er nur die grauschwarzen Wände, den halb zerstörten Kamin und unzählige Mäusespuren und die Fledermäuse. Die beiden Wespennester unter dem Dach entgingen ihm nicht, noch der modrige Geruch, den es in alten Häusern gibt, die lange nicht bewohnt waren. Die Fensterstöcke waren zum Großteil herausgebrochen und die meisten Türen nicht mehr zu verwenden. Das alles sah er.

Ich aber sah etwas ganz anderes. Ich sah die traurige Fassade und dachte sofort, dass man da einiges tun musste, um dem Ganzen ein freundlicheres Gesicht zu geben. Vielleicht eine Arkade, wie sie viele Häuser hier haben. Ich sah die vielfältigen Dachkonstruktionen, die im Laufe von Jahrzehnten, ja wahrscheinlich Jahrhunderten, entstanden waren. Ich sah vor allem die Einmaligkeit der Lage, denn von der Terrasse vor dem Haus sah man hinüber auf sanfte toskanische Hügel und dahinter die Pisaner Berge.

Das Haus lag in einem großen Olivenhain, der zu dieser Jahreszeit – es war November – silbrig glänzte. Ich sah die Pracht der beiden Zitronenbäume, die auf der Terrassenseite des Hauses als Spalier an der Wand standen, aber sie gefielen auch meinem Mann und allen, die je unser Haus gesehen haben.

Die Scheune ließ mich in Entzückungsrufe ausbrechen, denn im Geiste sah ich schon daraus ein schönes Nebenhaus werden. Im Haus selbst sah ich die großen Bottiche, in denen einst Wein gekeltert wurde, und das herrliche Mauerwerk aus uraltem Stein. Das war die Cantina, der Weinkeller, denn in der Toskana waren die Keller immer ein Teil des Wohnhauses und ebenerdig.

„Was sollte man denn aus der Cantina machen?“, fragte mein Mann zweifelnd, und ich antwortete, ohne nachzudenken: „Das wird unser Wohnzimmer.“

Dabei hatten wir das Haus bis zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen und wussten auch nicht, ob es überhaupt zum Verkauf stand. Für meinen Mann waren die Geister dieses Hauses abweisend, während sie für mich einladend waren. Das ist ein gutes Haus, dachte ich, hier kann man leben. Der zerfallene Kamin in der Wohnküche schüchterte mich nicht ein, noch störten mich die Mäusespuren, im Gegenteil, die fand ich eher lustig – schließlich waren wir ja auf dem Land! Natürlich müsste man den Kamin wegreißen, denn der war wirklich nicht mehr zu verwenden. Aber das war kein Grund zum Verzweifeln! Ich sah die herrlichen alten Ziegelböden, die fast durchwegs noch zu gebrauchen waren, und bei mir lagen da schon Woll- und Flickenteppiche darauf, die dem Haus etwas mehr Freundlichkeit geben würden. Als wir in den ersten Stock stiegen, konnte auch mein Mann nicht umhin, sich an der herrlichen Aussicht zu begeistern. Von hier sah man hinaus in die Ebene durch ein stilles Tal mit Zypressen, Pinien und Olivenhainen. Herrschaftliche Villen standen da unten, und über allem lag ein zarter Herbstnebel, der alles verzauberte.

„Das Wespennest bringt Glück“, sagte ich.

„Du bist nicht objektiv“, sagte mein Mann. „Das Haus ist eine Ruine!“

„Aber schau doch, wie schön diese alten Balken an den Decken sind! Und die Steintreppen! Hast du je etwas so Schönes gesehen?“

Also, wir waren keineswegs einer Meinung.

Eine dritte Meinung hatte später der Baumeister, als er das Haus zum ersten Mal sah, denn er sagte trocken: „Am besten, wir reißen es ab, da kann ich Ihnen um weniger Geld ein neues bauen, das nach etwas aussieht.“

Als wir das Haus gekauft hatten, berieten wir mit einem Wiener Architekten, ob er uns beim Umbau helfen könnte. Für mich war ein Architekt, mit dem ich mich auf Deutsch verständigen konnte, unbedingt notwendig, denn ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich mit einem italienischen Baumeister mit meinen damaligen Kenntnissen der Sprache auskommen sollte. Zudem ist hinzuzufügen, dass mein Mann, als das Haus gekauft war, zu mir sagte: „Nun, das ist dein Baby. Ich kann die nächsten Monate nicht hier verbringen und den Bau beaufsichtigen. Ich schlage vor, du nimmst gleich Italienisch-Stunden, und sobald du dich halbwegs verständigen kannst, suchst du einen Baumeister, und dann können wir anfangen, umzubauen.“

Allein sollte ich das also machen? Es schien mir plötzlich nicht mehr ganz so lustig wie früher, als ich so gedrängt hatte, das Haus zu kaufen.

In der Nacht schlief ich sehr schlecht. Immer wieder träumte ich, dass ich vor vielen Menschen eine Rede in Italienisch halten musste und dass ich kein einziges Wort herausbrachte.

Bei meinem Mann war das anders, der hatte in der Nacht vor dem Hauskauf nicht schlafen können. Jetzt, wo die Sache beschlossen war, war er ganz ruhig. Er verließ sich auf mich. Ich wusste damals nicht, ob ich mit der Sprache wirklich zurechtkommen würde. Es war aber nicht so schlimm, wie ich dachte, denn ich fand einen sehr tüchtigen Lehrer, der mich nicht schonte und mich wie ein Schulkind Grammatik lernen ließ und mit mir Vokabeln paukte. Ich glaube, ich konnte nach den ersten zehn Stunden mehr als heute, wo ich zwar schon alles verstehe und ziemlich fließend spreche, aber noch immer arge Grammatikfehler mache, die mir mein Lehrer nie hätte durchgehen lassen.

Im Januar hatte der Architekt Zeit, in die Toskana zu fahren, und so war ich gezwungen, mit meinen damaligen mageren Kenntnissen auszukommen. Ich wohnte im Hotel Centrale am Hauptplatz der nahen Stadt und begann gleich an Kellnern und Dienstpersonal mein Italienisch auszuprobieren, mit dem Resultat, dass mir alle helfen wollten, indem sie ihre paar Brocken Englisch oder Deutsch präsentierten. Ich bat sie, mir stattdessen zu helfen, wenn ich etwas falsch sagte, aber dazu waren sie zu taktvoll. Nun, so ging es nicht.

Der Architekt kam mit zwei Mitarbeitern an einem nebligen Januartag. Ich wartete gespannt, was er zu dem Haus sagen würde, denn davon hing ja seine Bereitschaft ab, es umzubauen. Wir fuhren über die schlechte kleine Straße durch die Olivenhaine, und da merkte ich schon, dass sich die Stimmung im Auto merklich besserte. Ein Olivenhain ist für das mitteleuropäische Auge eine ganz besondere Sache. Er erzeugt Farben und Stimmungen, wie wir sie in unseren Gärten und Wäldern nicht kennen. Es ist etwas Geheimnisvolles daran, das niemand versteht, der es noch nicht gesehen hat. Ich nehme an, es ist das unglaubliche Alter der Bäume – manche sind über 200 Jahre alt – und ihre seltsam bizarren Stämme, die bei jedem Wetter anders aussehen. Im Winter sind sie am schönsten, wenn der Nebel in ihnen wie ein Schleier hängt.

Als wir beim Haus ankamen, zwang ich mich, nicht gleich Fragen zu stellen, und ließ es erst einmal langsam von den geübten Augen dreier Fachleute bestaunen. Niemand sagte etwas. Ich öffnete nach einem Rundgang um die äußeren Mauern des Hauses die Tür und ließ die drei ein. Ich führte sie schweigend herum, und sie machten es sehr spannend, indem auch sie schwiegen.

Als wir wieder unten in der Cantina angekommen waren, sagte der Architekt nur: „Das machen wir.“

Seine Mitarbeiterin sagte: „Es ist prachtvoll.“ Der zweite Mitarbeiter aber meinte, so etwas habe er noch nie gesehen, was eigentlich offen ließ, ob es ihm gefiel oder nicht.

Es wurde nicht viel Zeit versäumt. Die drei machten sich sofort an die Arbeit, zückten ihre Maßstäbe und Notizblöcke und begannen alles auszumessen. Ich geleitete mal den einen, mal den anderen hierhin und dorthin, aber es war mir nicht klar, was da vor sich ging. Jeder Winkel, und da gab es sehr viele und kaum einer war ein rechter Winkel, wurde vermessen. Erst bei Einbruch der Dunkelheit wurde aufgehört. Noch nie hatte ich eine derart komplizierte Arbeitsleistung gesehen, und noch nie eine, die so schweigsam und so vollständig koordiniert vor sich ging. Ich wollte den Architekten verschiedene Dinge fragen, aber er meinte, man könne nichts besprechen, bevor nicht alles ausgemessen wäre.

Die vielen Pläne, die daraus entstanden, waren ein solches Meisterwerk an Präzision, dass später ein ganzes Konvolut davon von der noch offenen Baustelle entwendet wurde. Wir suchen seither immer das Haus in der Gegend, das genau nach unseren Plänen nachgebaut worden ist. Wozu sonst konnte jemand diese Pläne brauchen?

Unser Haus war ganz augenscheinlich in drei verschiedenen Bauperioden entstanden und hatte deshalb auch vier verschiedene Dächer, wenn man die Scheune dazuzählt, die erst später errichtet worden war. Dem Architekten gefiel das Haus außerordentlich. Es war nicht nur ein ihm wenig bekannter Stil, er spürte auch die Atmosphäre dieses alten Hauses.

Ich wusste nicht, wie man einen Baumeister finden konnte. Aber es bot sich bald einer von selbst an, der in der Gegend ansässig war. Er wohnte in einem kleinen Straßendorf am Fuß unseres Hügels, und dort hatte man natürlich schon längst davon erfahren, dass irgendwelche Ausländer ein Haus gekauft hatten.

Einen Baumeister allein zu finden, wäre sehr schwierig gewesen. Als ich ihn das erste Mal sah, gefiel er mir gut, auch wenn aus ihm nur herauszubringen war, dass er unser Haus am liebsten abreißen würde.

Die Zusammenkunft mit dem Architekten verlief recht heiter, denn der Architekt übertraf mich noch bei Weitem in seiner Unkenntnis der italienischen Sprache. Plötzlich wurde ich zu meinem Entsetzen zu Übersetzungsübungen gezwungen, verstand aber nur einen Bruchteil dessen, was der Baumeister sagte. Auch sprach er einen Dialekt, mit dem ich am Anfang überhaupt nicht zurechtkam. Einerseits ließ er, wie viele Bauern hier, einige Silben aus und veränderte andere in einer Weise, die sie entweder verstümmelten oder durch Zufügen neuer Laute unkenntlich machten. Ich schwitzte vor Aufregung und Anstrengung.

Der Architekt aber meinte, das alles ergäbe keinerlei Schwierigkeiten, wozu hätte er denn einen Zeichenstift?

So begann eine höchst seltsame Zusammenarbeit zwischen einem Architekten und einem Baumeister. Jedes kleinste Detail unseres Hauses wurde auf unzähligen Zeichenblättern festgehalten, und zu jeder Zeichnung fragte der Architekt ganz einfach: „Si?“ Wenn der Baumeister mit „No“ antwortete, wurde noch eine Zeichnung gemacht, bis es klappte. So einfach war das. In der Zeit des Hausbaus war der Architekt mehrmals in Italien, um sich über die Fortschritte zu informieren oder zu Hilfe zu eilen, wenn ich „Feuer!“ schrie. Jedes Mal wurde alles in Zeichnungen erledigt. Der Baumeister trug sie immer mit sich, denn sie waren seine wichtigsten Dokumente.

Ein großer Nachteil war, dass ich mich damit überhaupt nicht auskannte. Mir fehlte absolut der Sinn für die dritte Dimension bei Zeichnungen, was sich schon in meiner Schulzeit bei Darstellender Geometrie negativ bemerkbar gemacht hatte.

Also war ich immer in Sorge, wenn der Baumeister etwas nicht verstand, denn ich konnte ihm nicht helfen. Wenn man bedachte, dass der Baumeister so gut wie keine richtige Schulung besaß, hatte er alles genial mit seiner untrüglichen Intuition gemeistert.

Natürlich gab es auch unangenehme Überraschungen, wenn in meiner Abwesenheit irgendetwas gemacht werden musste, was nicht vorgesehen war. Zum Beispiel die Stützmauer vor der Terrasse. Jeder Eingriff in die Natur ist in dieser Landschaft zu büßen, und der Baumeister wusste dies auch, als er daran ging, Haus und Hof nach unten abzusichern.

Eine Mauer musste her, das war ihm klar, aber Mauern und überhaupt alles, was sich nicht im und um das Haus abspielte, waren ja nicht Sache des Architekten, sondern eher eine Sache des Eigentümers. Ein Bauer macht eine Stützmauer, wenn ihm eine Terrasse abzubrechen droht, also errichtete der Baumeister auch eine. Aber nicht eine Trockenmauer, wie das in dieser Gegend üblich ist, sondern eine mächtige, mit großen Steinen gemauerte Mauer, sodass das Haus plötzlich wie ein Kastell aussah. Als der Architekt und wir die mächtige Mauer das erste Mal sahen, blieb uns der Atem weg. Damals wussten wir noch nicht, dass die toskanische Landschaft von Mauern geprägt ist, und dass jeder Baumeister danach trachtet, so viele Mauern wie nur möglich zu errichten, denn erst diese machen aus einem Haus eine Art Festung. Ich glaube, das machen hier alle, und die Passion, Mauern zu bauen, stammt sicher aus der Zeit, in der jedes Dorf befestigt war und sich vor Eindringlingen schützen musste.

Es gibt in diesen Hügeln eigentlich keine Dörfer in unserem Sinn. Die Menschen in den Dörfern, wenn man ein Dorf allein nach der Einwohnerzahl von einer Stadt unterscheidet, benehmen sich wie Stadtmenschen. Es gibt keine sogenannte Dorftracht wie in unseren Alpentälern, und der Dorfbewohner unterscheidet sich durch nichts von den Bewohnern größerer Ansiedlungen.

Rund um alle toskanischen Dörfer zieht sich immer eine feste Mauer, wenn sie nicht im Laufe der Jahrhunderte zusammengebrochen ist. Ihre Reste wurden dann als Grundmauern für spätere Häuser verwendet. So wachsen diese unglaublichen Gebäude gralsburgähnlich in den Himmel und prägen die Landschaft mit ihrer bizarren Silhouette.

Wenn ich mit dem Baumeister allein war, bestand meine Sorge darin, dass er die vorhandenen Strukturen des Hauses vielleicht verändern wollte. Auf gewisse Fragen, wie man zum Beispiel etwas verputzen sollte, sagte ich immer: „No, questo è troppo palazziale“, und meinte damit, dass das zu palastähnlich wäre. Das Wort „palazziale“ gibt es im Italienischen zwar nicht, es ist aber eine ganz gute Erfindung gewesen, denn der Baumeister gebraucht es jetzt selbst.

Dieser Baumeister war ein echtes Genie, obwohl er das Gewerbe nur als Maurer gelernt hatte. Das lag im Blut dieser Leute. Seine Maurer waren ein lustiges Volk. Sie redeten viel und verstanden sich sehr gut. Punkt zehn Minuten vor zwölf verschwand jeder von ihnen auf seinem Motorino oder in seinem Fiat Cinquecento, um dann um Punkt ein Uhr wieder auf der Baustelle zu erscheinen. Nie hat einer von ihnen auf der Baustelle etwas gegessen oder auch nur einen Tropfen Bier oder Wein getrunken, was erstaunlich war, denn da war ich aus Wien anderes gewöhnt! Die Leute hier trinken nur während der Mahlzeiten – eine eiserne Regel bei Arbeitern und Handwerkern, die nur von wenigen gebrochen wird. Wein ist ein Nahrungsmittel und weniger ein Genussmittel. Zur richtigen Zeit konsumiert, löst er weder Kopfweh noch andere Beschwerden aus. Eine alte Bauernweisheit.

Am Abend waren die Arbeitsschlusszeiten nicht so genau geregelt. Manchmal ließ der Baumeister eine Arbeit nicht unterbrechen, und ich hatte schon Angst, die Ehefrauen der Maurer würden kommen, um mich zu lynchen.

Am eifrigsten arbeiteten die Maurer, wenn ich dabei war. Das hat nichts mit Faulheit zu tun, wie ich bald merken konnte, sondern mit einem gewissen Interesseverlust, der eintrat, wenn der Bauherr nicht da war, um den Fortschritt der Arbeit mitzuerleben. Wenn ich nach Wien fahren musste, und das musste ich doch ziemlich oft, dann konnte ich sicher sein, dass in meiner Abwesenheit nicht allzu viel geschah.

„Sobald Sie weg waren, sind die Leute, denen ich eine Arbeit schon seit langer Zeit versprochen habe, über mich hergefallen“, jammerte der Baumeister, und das war sicher wahr. Aber ich wusste auch, dass er und sein ganzes Team lustlos wurden, wenn ich nicht dabei war. Das bezog sich natürlich automatisch auch auf den Elektriker, den Maler, den Installateur und wer aller sonst noch am Bau beteiligt war.

Wir fanden uns mit dieser Situation ab. Schließlich hatten wir nicht so schreckliche Eile. Andere aber hatten es eilig, hauptsächlich mit Reparaturen, Dachschäden vor allem, denn die italienischen Dächer sind zwar wunderschön, aber jeder größere Sturm kann ein Dach undicht machen und der Baumeister hatte dann eben sofort zu helfen.

Warum sollte ich mich gegen die Eigenheiten dieser Leute stellen, die, wenn ich beim Bau dabei war, so wunderbar arbeiteten? Es hätte sich wahrscheinlich nichts geändert, und ich hätte mir nur selbst den Spaß dabei verdorben.

Denn lustig war die ganze Sache wirklich. Vor allem der Vorstoß in eine fremde Sprache, die mich immer vor neue Rätsel stellte. Meine größte Anstrengung beim Umbau unseres Hauses war sicher, immer verstehen zu wollen, was jeder sagte. Manchmal allerdings setzte mein Gehirn plötzlich aus und ich konnte nur auf Deutsch antworten. Dann sagte ich schnell „Arrivederci“ und zog mich in mein Hotelzimmer zurück, wo ich erschöpft in tiefen Schlaf fiel.

Natürlich hörte man mir bald an, dass ich mein Italienisch hauptsächlich von den Bauern und Arbeitern gelernt habe, und auch besondere Ausdrücke gebrauchte, die mir sehr gefielen, die aber keineswegs in irgendwelchen Wörterbüchern zu finden sind. Dies bekam ich später öfter zu verspüren, wenn ein toskanischer Freund mich jemandem vorstellte: „Das ist meine Freundin Traudi, die ihr Italienisch von den Maurern gelernt hat.“

Am liebsten rief ich alle möglichen Heiligen an, wie San Bartolomeo, oder sagte etwas deftiger „Porca miseria“, was so viel wie „Schweineunglück“ bedeutet, abgesehen von den blasphemischen porco-Ausdrücken, die ich auch bald beherrschte. Manchmal entschlüpfte mir ein derartiger Ausdruck in feiner Gesellschaft, was die Italiener sehr amüsierte.

„Du bist eine Landpomeranze geworden“, sagte mein Mann zu mir. Und ich muss zugeben, dass mich die Sorgen und Freuden der Bauern und Handwerker hier mehr interessierten als die der biederen Bürgersleute der mondänen Kurstadt, die kaum zehn Autominuten von unserem Haus entfernt ist. Hier kenne ich mich aus und lerne täglich neue Sachen, die mir in der Stadt sicher entgangen wären.

Das Grundstück

Chi troppo sa – poco sa. Wer zu viel weiß, weiß wenig.

Nichts ist so beeindruckend wie ein Olivenwald. Trotzdem würde niemand eine größere Anzahl von Olivenbäumen einen Wald nennen. Die eigentliche Bezeichnung lautet: Olivenhain. Ein antiquiertes Wort, das man sonst kaum mehr gebraucht. Es hat etwas Mystisches an sich. Ein heiliger Hain. Pan spielte in einem Olivenhain. Die Oreaden wohnten in Hainen. Orion belauschte Diana in einem Hain, und Faune tummelten sich darin.

Warum sich Oliven nur in Hainen befinden und keine Wälder bilden, weiß ich nicht, aber wahrscheinlich kommt es daher, dass Olivenbäume viel Platz brauchen und deshalb immer in großem Abstand voneinander stehen. Aber da gibt es noch etwas anderes sehr Interessantes an einem Olivenbaum. Man kauft einen jungen Baum in einer Baumschule mit einem dünnen, geraden Stamm, setzt ihn ein, und es fällt einem auf, wie fremd er unter den anderen Bäumen steht. Er hat eben einen geraden Stamm! Kaum aber trägt er die ersten Oliven, fängt er an, sich auch schon zu krümmen. Ein paar Jahre danach beginnen sich die Äste nach allen Richtungen zu drehen, der Stamm teilt sich auch oft, kurz, er hat keine Ähnlichkeit mehr mit dem Baum, den man gekauft hat. Ihre groteske Veränderungskunst aber macht Olivenbäume nicht unheimlich wie manche alte Weiden, sondern zart und ätherisch, als wären sie so in die Landschaft hineingelegt. Ihre wahre Pracht aber ist die silberne Farbe ihrer Blätter, obwohl sie klein und unscheinbar sind. Oft habe ich zugesehen, wie ein einziges Blatt in Bewegung geriet, während alle anderen ganz still waren. Es schien mir dann, dass das irgendein Zeichen für mich war, das ich aber nicht deuten konnte. Die Olivengeister sind gute Geister. Das wissen alle Toskaner. Sie können es nicht beweisen, aber das ist auch nicht notwendig, denn jeder, der hierher kommt, spürt sie.

Die Blüte der Olive ist klein und unscheinbar, wie die Blätter und die Früchte. Besonders sind nur die knorrigen bizarren Stämme. In unseren Hügeln sind die Olivenbäume hoch und ihre Äste ragen wie riesige Arme in den Himmel. In der Ebene aber sind sie klein, rund und dickstämmig. Wie silberne Steinbrocken liegen sie in langen Reihen im Land.

Wenn der raue Februarwind aus den Bergen in unser Tal zieht, dann werden die Olivenbäume zart und durchsichtig, dass man meinen könnte, sie hätten ihre Blätter verloren. Kurz darauf aber können sie in einem warmen Wind so voll erscheinen, als trügen sie Früchte. Diese Verwandlungskunst habe ich noch an keinem anderen Baum gesehen, vor allem nicht an einem immergrünen Baum. Wenn Olivenbäume dein Haus umgeben, dann fühlst du dich auf merkwürdige Weise beschützt, als stünden die Jahrhunderte Wache rund um dich.

Wenn man unseren Hügel hinuntersteigt, dann läuft ein schmaler Weg in einen dichten Bambuswald. Ich hatte vorher noch nie einen Bambuswald gesehen, ja ich wusste gar nicht, dass es so etwas in Europa überhaupt gab. Es war daher eine große Überraschung, als wir plötzlich Besitzer eines solchen waren.

Betritt man diesen Wald, versetzt er einen in eine exotische Urlandschaft. Das Licht bricht sich hier anders, die Geräusche der langen, dünnen Blätter sind fremd und rascheln, nein, sie zischen, wenn man durchgeht. Der Pfad durch den Bambuswald ist voller Überraschungen, denn immer wieder brechen neue Schösslinge aus der Erde und müssen abgeschnitten werden, damit der Pfad erhalten bleibt. Es ist ein lebhaftes Aus-der-Erde-Schießen, ein Grünwerden und ein ebenso schnelles Braunwerden bis zum Verdorren. Alles in rascher Folge. So wächst und wächst der Wald, wird an einer Stelle dichter, an einer anderen lichter. Immer denken wir, es wäre gut, wenn wir einmal alle toten Stämme entfernen würden, vielleicht, um etwas Luft zu machen, denn wahrscheinlich würde das den Bambus größer und stärker werden lassen, aber dann greifen wir doch nicht ein. Wir überlassen es ihm, sich selbst zu vermehren und zu vermindern, groß zu werden und wieder kleiner, breiter und wieder enger, wie er es will. Der Mensch soll sich nicht so wichtig machen. Vielleicht würden wir dem Wald dann das Geheimnisvolle nehmen, das uns derart gefangen hält.

Unterhalb des Bambuswaldes läuft ein Bach. Manchmal ist er ein Rinnsal, manchmal ist er ein klares Wässerchen, in dem man am liebsten baden würde. Wir lieben ihn, er ist unser Bach. Im Sommer trocknet er manchmal aus, was uns traurig macht. Neben einer kleinen Brücke, die wir mit Mühe gebaut haben, gibt es einen kleinen Teich. Auch der Teich ändert sich ständig. Mitunter scheint er ganz ausgetrocknet, manchmal quillt er über. Im Frühjahr siedeln sich hier Frösche an. Und in dieser seit Jahrhunderten bebauten Gegend, wo der Mensch die Vorherrschaft hat, ist jedes Lebewesen eine Freude.

Gleich oberhalb des Teiches beginnt ein Haselnusswald. Es ist kein Hain, es ist auch kein Buschwerk, es ist ein echter Wald, denn die Haselnussstämme erreichen hier eine Höhe wie bei uns Buchen und Birken. In diesem Wald hausen unsere Mitbewohner, die Haselmäuse. Wenn wir nicht durch Zufall einmal dazugekommen wären, wie eine Schlange eben dabei war, eines dieser lustigen Tierchen zu schlucken, wüssten wir wahrscheinlich gar nicht, dass es welche gibt, es sei denn, man sieht sich die angenagten und leer gefressenen Haselnüsse genauer an. Die Haselmaus hat jedoch einen argen Konkurrenten beim Verzehr der Haselnüsse, nämlich einen Käfer, der ein so perfektes Schneidewerkzeug besitzt, dass er kreisrunde Löcher in eine Nuss schneiden kann.

Die Schlange ließ ihr Opfer aus dem Maul fallen, und die Haselmaus war vor Schreck so gelähmt, dass sie sich in die Hand nehmen ließ. Sie sah uns mit ihren großen braunen Augen an und hatte nicht begriffen, was mit ihr geschehen war. Wir ließen sie im Haselnusswald aus, wo sie mit ihren Artgenossen zwar für eine merkliche Reduzierung unserer Haselnussernte sorgt, aber es ist genug für uns alle da.

Einmal haben wir auch zwei Haselmaus-Nester gefunden. Manche afrikanische Vögel bauen ähnliche Nester. Sie sind oval, wie ein großes Ei und aus Grashalmen gewoben. An einer Seite im oberen Drittel befindet sich ein Loch, in dem wir einmal den Kopf einer Haselmaus entdeckten. Sie sah uns mit verängstigten Augen an. Wir entfernten uns leise. Seither haben wir im Winter immer wieder solche Nester auf dem Boden gefunden. Wo sich die Haselmäuse aber im Winter verstecken, wissen wir nicht.

Im Haselnusswald haben wir vor ein paar Jahren kleine Haselnusssträucher neu gesetzt, die mit Trüffelmyzel geimpft waren. Jedenfalls werden sie als solche angeboten und man kann sie kaufen. Wir hatten die Plätze zwar mit Stöcken markiert, aber ein, zwei Jahre später standen rund um die Stöcke ein Dutzend frischer Haselnusssträucher, die auf mysteriöse Weise gerade dort aus dem Boden geschossen waren, sodass wir nun nicht mehr wussten, wo wir graben sollten, um herauszufinden, ob die Trüffeln gediehen waren. Leider wachsen die Trüffeln unter der Erde, und darum werden wir nie erfahren, ob es bei uns Trüffeln gibt oder nicht, es sei denn, wir borgen uns ein Trüffelschwein oder einen Trüffelhund aus, die abgerichtet sind, Trüffeln auch unter der Erde zu wittern und nach ihnen zu graben. Immerhin können wir behaupten, dass in unserem Haselnusswald vermutlich Trüffeln wachsen.

Dass es Pilze auf unserem Grundstück gibt, wussten wir von Anfang an, und ich bin heute noch davon überzeugt, dass die Parasole, die wir vor dem Haus fanden, als wir es zum ersten Mal besichtigten, ausschlaggebend waren, das Haus zu kaufen. Auch sonst wachsen immer wieder Pilze auf unserem Grund, von Parasolen, Wiesenchampignons und Bovisten bis zu dem sensationellsten Fund des letzten Jahres, nämlich eines Kornblumenröhrlings, ein sehr seltener Pilz, der zu den besten Speisepilzen zählt. Seit wir wissen, wie selten sie sind, lassen wir sie stehen. Semmelstoppelpilze haben sich inzwischen auch im Haselnusswald angesiedelt. Unserer eigenen Züchtung von kultivierten Träuschlingen folgten wilde Träuschlingskolonien in unserem Bambuswald.

Zunächst konnten wir es gar nicht fassen, da gibt es tatsächlich einen Bambuswald auf unserem Grund. Wie in China, nur ohne Pandabären. Doch unsere Nachbarn klärten uns bald auf: Der junge Bambus wird von den Bauern dazu benützt, die Zweige ihrer in großen Töpfen gezogenen Zitronenpflanzen zu stützen, nichts eigne sich da besser als Bambus.

Alles hier hat seinen Sinn und Zweck.

Das hätten wir oft bedenken sollen! So gab es da eine Steinmauer, über die unser Bach in einem beachtlich hohen Wasserfall stürzte. Sicher war sie schon Hunderte Jahre alt. Auch das Bachbett war in seiner ganzen Länge mit Steinen ausgelegt. Die Mauer war mit wilden Brombeersträuchern überwuchert. Wir fanden es schade – außerdem wollten wir den Wasserfall in seiner ganzen Schönheit sehen! Also rissen wir die Brombeersträucher aus. Nun rauschte der Bach ungehindert über die Mauer. Wir waren stolz darauf. Aber dann kam der Regen, ein schweres Gewitter, der Bach schwoll an und das Wasser schoss ungehindert die Mauer hinunter. Die Mauer hielt diesem Wasserschwall nicht stand und brach in sich zusammen. Seither sind wir sehr vorsichtig geworden, wenn wir der Natur unsere Ordnung aufzwingen wollen. Die kleinste Veränderung einer Terrasse, die Anlage eines neuen Weges, ja sogar das Fällen eines morschen Baumes kann schlimme Folgen haben.

Die Terrassen sind Jahrhunderte alt und haben ihre eigene Art, mit dem Herbst- und Winterregen fertig zu werden.

Wir mussten, um einen neuen Weingarten anzulegen, den Bach umleiten, sonst hätte er den Weingarten jährlich mehrere Male überschwemmt. Die Folge waren unglaubliche Erdrutsche, die Jahr für Jahr stattfanden, bis sich die Landschaft an den neuen Wasserlauf gewöhnt hatte. Das alles mussten wir erst lernen.

Unter dem Haselnusswald, den kleinen Bach entlang, kommt man über mehrere kleine Brücken in den großen Weingarten. Hier standen immer schon Reben, aber die alten waren seit Langem verdorrt und nicht mehr zu beleben. Also legten wir, nach einer sehr schwierigen Rodung, einen neuen Weingarten an. Eigentlich wollten wir gar nicht noch mehr Wein produzieren, aber was sollte man mit diesem Stück Grund machen? Es war leicht zu bearbeiten.

Vielleicht hätten wir Obstbäume pflanzen sollen, aber da die anderen Weinstöcke verstreut im Grund standen und auch schon sehr alt waren, hörten wir auf den Rat der Nachbarbauern. Jetzt haben wir mehr Wein, als wir je verbrauchen können, und ein Verkauf bringt sehr wenig. Aber die Bauern sagen: „Öl und Wein, das muss sein.“ Unsere Landwirtschaft beherrscht uns und nicht wir sie, das ist sicher, und vielleicht ist es auch gut so.

Oberhalb des Weingartens führt ein kleiner Weg in einen größeren Wald, den wir einfach Dschungel nennen. Er ist von Erlen und Buchen bewachsen, und auf unserer Seite des Weges steht auch ein Kastanienbaum, der jedes Jahr Früchte trägt. Oberhalb des Weges standen, als wir das Haus kauften, mehrere riesige Mimosenbäume, die zu Weihnachten prachtvoll blühten. Als Schachtelhalme wachsen diese Riesen so lange, bis sie durch ihr eigenes Gewicht zu Fall kommen. Auf diese Weise bildeten sich einst die Kohlenflöze. Es war ein trauriger Anblick, als wir eines Tages zwei dieser Riesen quer über den Weg liegen sahen. Die Blüten waren gerade knapp vor dem Aufspringen, und wir holten noch Tage danach immer wieder Äste ins Haus, um sie zum Aufblühen zu bringen. Ein Trost war nur, dass neben diesen Riesen sich schon eine Unzahl kleiner Mimosenpflanzen angesiedelt hatte, und dass wir uns daher um Nachwuchs nicht zu sorgen brauchten.

Der Dschungel wurde von uns deshalb so genannt, weil sich auf jeden der hohen Bäume Efeu und andere Schlingpflanzen hinaufranken. Von den Wipfeln hängen Lianen herunter in das dichte Unterholz, sodass der Wald wirklich wie ein asiatischer oder afrikanischer Dschungel wirkt. Durch diesen Dschungel fließt ein größerer Bach, der das ganze Jahr über Wasser führt, aber nur auf einer Seite zu uns gehört. An diesem Bach wachsen seltene Pflanzen, manche sind bei uns in Blumenhandlungen zu haben. Es gibt auch Calla und Schneerosen, Seite an Seite! Die Blüten beider werden seltsamerweise nicht weiß, wie bei uns, sondern bleiben grün. Besonders die Schneerose sieht sehr hübsch aus, selbst im grünen Zustand, ist viel höher und ihre Blätter sind viel größer. Aber auch der Dschungel verändert sich jährlich. Der Bauer, dessen Grund sich auf der anderen Seite des Baches befindet, hat schon einige Bäume herausgeschlagen und den Wald gelichtet. Uns tut es um jeden Baum leid, aber er musste sich einen neuen Hühnerstall bauen und dazu brauchte er das Holz. Für ihn ist der Dschungel keine botanische Seltenheit wie für uns, und wir müssen das verstehen.

Alle diese Entdeckungen mussten doch einen Mitteleuropäer begeistern! Etwas weniger Begeisterung zeigten wir, als wir den ersten kleinen Skorpion sahen, und noch viel weniger, als uns die erste Viper begegnete.

Wir wussten, dass es Vipern gab, und gingen durch das hohe Gras auch immer in Stiefeln, aber uns schien es, dass man sie doch nur sehr selten zu Gesicht bekam. Die Bauern jedenfalls redeten kaum darüber. Als sich dann eine Viper dicht vor unserer Gartentür unter dem Strahl eines Gartenschlauches auf uns zu bewegte, waren wir sehr überrascht und erschrocken.

Was die Skorpione betrifft, so sagen die Bauern, dass sie nicht ärger stechen als eine Biene, dass sie aber in den Monaten mit „R“ giftiger sind als sonst. Jedenfalls sind sie sicher viel kleiner als afrikanische Skorpione. Wir bringen sie nicht um, sondern befördern sie mit einer Schaufel in den Weingarten, obwohl wir wissen, dass sie sehr bald wieder zum Haus zurückkehren werden. Warum sie ausgerechnet die menschliche Gesellschaft bevorzugen, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass dort, wo Menschen sind, auch Wasser ist, besonders unter Blumentöpfen oder Sonnenschirmständern. Etwas Feuchtigkeit brauchen sie, und sie können sich unter einem Blumentopf so flach machen, dass man sie dort nicht vermuten würde. Wenn sie laufen, sind sie zwar sehr schnell, aber auch wehrlos. Ein Tritt, und das Leben des Skorpions ist vorbei. Es scheint mir, dass wir einen sehr unfairen Vorteil ihnen gegenüber haben. Unsere Katze aber nimmt sie nicht ernst und spielt mit ihnen ganz so, als hätten sie keinen Giftstachel.

Manche Vögel in dieser Gegend bauen ihre Nester nicht in den Bäumen, sondern in den Löchern der Böschungen und wären deshalb jedem Zugriff einer Katze oder eines Hundes ausgesetzt, gäbe es nicht die vielen wilden Brombeersträucher, die den Zugang zu ihren Nestern mit ihren stacheligen Zweigen versperren. Die zart belaubte Olive bietet ihnen zu wenig Schutz, und die Zypressen haben so eng stehende Äste, dass sie wenig Platz für den Nestbau zulassen. Im Hof erhebt sich jedoch ein großer Lorbeerbaum, und darin finden sich viele Vögel, vor allem Rotkehlchen, Jahr für Jahr zum Nestbau ein.

Die Jagd auf kleine Vögel wird den Italienern immer wieder sehr übel genommen. Sie empört die Tier- und Naturschützer. Zu Recht. Aber dass es so ist, dafür gibt es eine sozialhistorische Erklärung, die wir uns anhören mussten, als auch wir die Vogeljagd kritisierten.

Wie bei uns, gab es auch in Italien Bauernaufstände, die sich gegen die meist adeligen Großgrundbesitzer richteten. Die Bauern aber waren de facto Leibeigene, kaum einer besaß eigenen Grund, auch kein eigenes Haus, sie arbeiteten für die adeligen Herren und mussten ihnen den Großteil der Ernte abliefern. Im Besonderen verboten aber war die Jagd. Wer einen Hasen oder einen Fasan oder gar ein Reh erlegte, wurde hart bestraft mit Gefängnis und Zwangsarbeit. Gegen all das empörten sich die Bauern, und es kam zu blutigen Aufständen. Nördlich der Alpen erzwangen die Bauern ihre Freiheit und eigenen Grundbesitz. In Italien waren sie nicht so erfolgreich, nur die abzuliefernde Erntemenge wurde reduziert. Aber man gewährte ihnen ein lang ersehntes Recht – das Recht auf die Jagd. Von nun an durften sie Jagdgewehre besitzen und jagen auf den Gründen, die sie bearbeiteten. Das Gewehr und die Jagd wurden damit zum Statussymbol der Bauern. Die jagdbaren Tiere auf den Gründen aber waren bald ausgerottet, die Hasen, Fasane und Rebhühner. Die Rehe im Wald, die Hirsche und Wildschweine durften weiterhin nur die Waldbesitzer jagen. Deswegen schoss man auf die noch verbliebenen Vögel und tut dies auch noch heute, wenn auch Zeiten und Tage für die Jagd gesetzlich beschränkt worden sind.

Was nun die Vögel betrifft, so haben einige Vogelarten die ihnen drohende Gefahr erkannt und flüchten im Herbst beim ersten Schuss in die nahe Stadt, wo sie sich im Kurpark einfinden. Sie sind schlau und wissen, wo sie vor den Jägern in Sicherheit sind.

Vor uns spricht man nicht von der Vogeljagd. Und der Baumeister zeigt uns auch nicht seine kleinen Käfige, in denen er die Lockvögel hält, wie er es bei anderen Besuchern voller Stolz tut. Ich aber hoffe, dass alle diese vielen Lockvögel, die in winzigen Käfigen ihr Leben fristen müssen, eines Tages doch durch ein Gesetz endlich frei werden!

Unser Dschungel artet zur Jagdzeit zu einer regelrechten Vogelfalle aus, denn die Jäger bauen sich dort kleine Hütten aus Zweigen, mit Schlitzen, um ungesehen auf die Vögel zu schießen. Wir könnten sie zerstören, aber das würde wohl nur zu Streit führen, noch dazu ohne Erfolg, wie ich mich von den Carabinieri belehren lassen musste. Doch davon wird noch später zu berichten sein. So warten wir auf die nächste Volksabstimmung, die hoffentlich das Ende dieser Art von Jagd bedeuten wird.

Vom Dschungel kann man zum Weingarten durchstoßen und danach über die Oliventerrassen zu unserem Haus gehen. Heute ist das Haus umgeben von blühenden Büschen und Blumen, von Geißblatt und Jasmin, und vor allem geschmückt von den beiden Spalierbäumen an der Südwand. Vor Jahren gab es eine stürmische Winternacht, in der die Temperatur auf minus 21 Grad Celsius sank. Eine seit Jahrhunderten nicht erlebte Kälte. Wir waren damals nicht anwesend, und als wir wiederkamen, gab es auf den Zitronenbäumen kein einziges Blatt mehr, alles abgefroren. Wir waren verstört. Das Haus war wie verwandelt. Die leeren Äste am Spalier sahen aus wie Skelette. Da gab es nur eines: Die Bäume bis auf ungefähr 50 Zentimeter abzusägen und zu hoffen, dass beide Bäume wieder austreiben würden.

Doch im Frühjahr geschah etwas Seltsames: Beide Bäume trieben aus, einer viel stärker als der andere, aber immerhin! Im Spätfrühjahr sahen wir dann, dass der eine Baum dunklere Blätter hatte. Und als sie Früchte trugen, stellte es sich heraus, dass der stärkere Baum eine Bitterorange geworden war, während der andere eine Zitrone geblieben ist. Offenbar war die Zitrone auf dem Stamm einer Bitterorange veredelt worden, und wir hatten sie unterhalb der Veredelung abgeschnitten. Heute bringt der Orangenbaum viele Kilo Bitterorangen hervor, von denen wir mühevoll, aber begeistert eine Orangenmarmelade kochen, wie man sie in England kaum besser macht.

Bei uns wachsen auch Blumen, die in Mitteleuropa den Winter nie überdauern würden. Die Passiflora bedeckt unser Glashaus, damit die Sonnenstrahlen im Inneren nicht alles versengen. Aber die Hitze muss man mögen und ertragen können, denn im Sommer ist es schon merklich heißer als nördlich der Alpen. Wenn dann die Zikaden in der vor Hitze zitternden Mittagsluft zirpen und die Eidechsen regungslos auf der Mauer liegen, scheint es, als würde die Welt stillstehen. Alles ringsumher sinkt in einen Trancezustand. Man selbst hat Angst, diese Stille zu stören. Wenn das Gezirpe der Zikade verstummt, hört man jedes Blatt, das sich bewegt.

Die Nachbarn

Al bisogno si conosce l’amico. In der Not lernt man die Freunde kennen.

An einem Sonntagmorgen standen sie da, vor unserem Haus, vier Männer, die uns zu sprechen wünschten. Es waren unsere Nachbarn, die Bauern von den Grundstücken, die an das unsere grenzen. Wir kannten sie schon, aber eben nur vom Sehen und Grüßen. Und wir hatten auch nicht damit gerechnet, als Fremde, als Städter, als Ausländer, von ihnen so bald akzeptiert zu werden. Nun waren sie gekommen, doch was wollten sie? Etwas umständlich stellten sie sich vor mit Vornamen und Familiennamen, aber auch mit dem Hinweis, man möge sie nur mit dem Vornamen ansprechen.

Sie hätten uns nun schon eine Weile zugeschaut, und gerne gäben sie zu, dass dies nicht ganz ohne Misstrauen war. Wer wir doch seien, wie wir uns doch verhalten würden, was wir da vorhätten und was nun aus dem Haus und dem Grund werden würde. Ein Haus und ein Grund, die sie alle sehr gut kannten. Die vor uns in dem Haus gelebt hatten, waren ihre Nachbarn und ihre Freunde. Sie waren ausgewandert, die Söhne wollten nicht mehr bleiben, sie gingen in die Industrie, in die Stadt. Das war nicht nur der Verlust von Nachbarn und Freunden, das war auch eine Herausforderung für sie alle: Sollte man nicht Gleiches tun? Lohnte es sich noch, auf dem Lande zu bleiben? Konnte man aus dem Land überhaupt noch einen ausreichenden Lebensunterhalt erwirtschaften? Zum Teil waren sie noch Pächter, zum Teil hatten sie die Häuser und Gründe schon erworben, doch waren sie alle mehr oder weniger in der gleichen Lage: Mit vier bis fünf Hektar waren die Gründe an sich zu klein, um die Familien zu ernähren. Aber ihre Häuser boten eine gute Heimstatt, und die Arbeit machte ihnen Freude. Und sie wussten auch, wie herrlich schön es hier war, eine Natur und eine Landschaft, von der sie sich nicht trennen wollten.

Sie wussten sich zu helfen, sie erfanden für sich, was vor ihnen in anderen Ländern schon viele erfunden hatten – ein Prinzip der gegenseitigen Hilfe, das nahe an das Modell einer Genossenschaft herankam. Alle Arbeiten verrichteten sie von nun an gemeinsam, benützten gemeinsam die Traktoren und die Fräsen, bearbeiteten ihre Gründe gemeinsam, schnitten die Bäume und ernteten die Oliven. Auf wessen Grund sie gerade arbeiteten, dort kochte die Hausfrau das Mittagessen, und jede strengte sich an, etwas möglichst Gutes auf den Tisch zu stellen. Sie schwärmten vom letzten Essen beim Nachbarn Alvaro. Jetzt aber waren sie gekommen, um uns ihre Hilfe anzubieten.

Sie hatten uns beobachtet, und was sie dabei wahrnahmen, hatte offenbar ihr Misstrauen beseitigt. Das sagten sie auch: Sie hatten gesehen, dass wir uns um die Erhaltung all dessen bemühten, was unsere Vorgänger in diesem Haus und auf diesem Grund hinterlassen hatten. Wir waren hier nicht eingezogen, wie man es von manchen Städtern aus Mailand, Rom oder Turin gesehen hatte, die aus alten Häusern moderne Villen gemacht hatten, denen das Land, die Oliven und der Wein nichts bedeuteten und die sich sogar über die Vorschriften des Denkmalamts hinwegsetzten, denn die Olivenbäume stehen hier unter Denkmalschutz, das Landschaftsbild darf nicht verändert werden. Und da wir offenbar alles so erhalten wollten, wie es bisher gewesen ist, wären sie bereit, dies für uns zu tun, denn dass wir das nicht tun konnten, war ihnen natürlich klar, waren wir doch über größere Zeitabstände gar nicht da und gewiss auch keine Bauern.

Aber wie konnten wir ihrem genossenschaftlichen Prinzip entsprechen, in dem doch jeder für jeden arbeitete? Nun, das hatten sie sich schon überlegt, und sie sagten es geradeheraus: Obwohl sie es bisher noch nie getan hatten, wären sie bereit, sich ihre Arbeit mit Geld ablösen zu lassen. Sie hatten sich auch schon einen Preis ausgedacht. Sie nannten ihn, und er war sehr bescheiden. Wir waren überglücklich. Nicht nur, weil damit eines unserer größten Probleme im Zusammenhang mit diesem Grundstück gelöst schien, sondern auch, weil wir mit diesem Angebot unseren Nachbarn ein großes Stück nähergekommen waren. Um es vorwegzunehmen – sie alle sind im Laufe der Zeit unsere Freunde geworden.

Als sie kamen, um zum ersten Mal unseren Grund zu bearbeiten, erkannten wir, wie sinnvoll, aber auch wie ökologisch richtig die Landwirtschaft hier angelegt war. Wir hatten uns schon gewundert, was alles auf diesem Grund wuchs. Da waren einmal die Olivenbäume, Reihe für Reihe auf eigens für sie angelegten Terrassen gepflanzt. Der Sinn der Terrassen war klar: Das oft rare Regenwasser war maximal aufzufangen und zu speichern. Auch sollten die Mauern Erdrutsche und Muren verhindern, wenn es einmal ordentlich regnete, und das hieß in der Toskana Regen von wolkenbruchartiger Heftigkeit, der oft tage- und sogar wochenlang anhielt. Die Terrassen aber wurden gleichzeitig auch anderweitig genutzt. An ihren Rändern standen die Weinstöcke. Selbst der Sonne ausgesetzt, sorgten sie mit ihrem Schatten dafür, dass der Boden rund um die Olivenbäume nicht zu schnell austrocknete. Und deutlich war noch zu sehen, dass man auf diesem Boden zwischen den Olivenbäumen Hafer und Lupinen angebaut hatte, den Hafer vermutlich für die Pferde, die Lupinen zur Selbstdüngung des Bodens, denn ihre stickstoffreichen Samen wurden, sobald sie reif waren, in den Boden eingepflügt. Ein Dünger, der wenig, ja nichts kostete.

Und offenbar gab es früher auch noch eine andere Art von Dünger – jene Teile der Schafwolle, die übrig blieben, wenn man die Haare auf gleiche Länge schnitt, wie es die Abnehmer in den Textilfabriken vorschrieben. Später lernten wir, dass man von dieser Art der Düngung bis heute nicht abgegangen ist. Die Bauern halten zwar keine Schafe mehr, weil es in diesem offenen Gelände und bei der geringen Größe der Gründe eines Hüterjungen bedürfte, den es bei der heutigen Schulpflicht nicht mehr gibt. Aber die Textilfabriken verkaufen den Bauern für wenig Geld die Enden der neuseeländischen Schafwolle, die beim Schnitt übrig bleiben. Doch der Schnitt erfolgt erst, nachdem die Wolle gefärbt ist, und darum werden rund um unsere Olivenbäume grüne, rote und violette Schafwollreste in den Boden eingebracht. Schafwolle als Dünger? Die Wolle zersetzt sich im Boden und wird von einer Unzahl kleiner und kleinster Lebewesen als Nahrung aufgenommen, und deren Exkremente düngen die Oliven. Kunstdünger kennen die Bauern hier nur vom Hörensagen, er wäre ihnen auch viel zu teuer.

Dann sahen wir, wie sie die Weinstöcke bearbeiteten. Als feste Pflöcke holten sie sich das Holz der schlanken Akazienbäume, von denen es auf unserem Grund einen kleinen Wald gab. Dieses Akazienwäldchen war offenbar schon vor Generationen angelegt worden, um genau diesem Zweck zu dienen: die festen Steher für die Weinriegen abzugeben, sozusagen die Eckpfeiler. Dazwischen aber wurde der Wein von Stangen gehalten und an Stangen gebunden, die aus einem anderen Teil unseres Grundes kamen. Es handelte sich um Trockenschilf, das eine Höhe von zwei bis vier Metern erreichte und dessen Mittelteile geradezu ideale Stützen für den Wein abgaben. Und an diese Stützen werden die Reben gebunden, mit einem weiteren Naturprodukt vom eigenen Grund, mit den zarten Zweigen der Weidenbäume, die auch schon frühere Generationen sorgfältig entlang des kleinen Baches gepflanzt hatten, der durch unseren Grund fließt.

Was den Wein betrifft, war also alles, was man zu dessen Pflege braucht, schon vorhanden, mit Ausnahme der Spritzmittel, die auch hier zur Bekämpfung von Ungeziefer und Krankheit angewendet werden. Aber es sind die mildesten unter den Giften: Schwefel und Kupfersulfat, beide leicht abwaschbar, und beide werden auch von jedem Regen prompt abgewaschen.

Lange Zeit blieb für uns unklar, weshalb es auf dem Grund derart viele Haselnussstauden gab. Dabei ist der Ausdruck Staude nicht angebracht: Die einzelnen Äste wachsen wie Bäume aus dem Boden, werden bis zu 30 Zentimeter dick und ragen oft 15 Meter hoch – der schon erwähnte Haselnusswald. Doch nach einem der heftigsten Regengüsse, den die wettererprobte Toskana je erlebt hatte, erkannten wir den Nutzen auch der Haselnüsse: Ihr Wurzelwerk trotzt den Wassermassen und hält den Boden fest.

Es gibt nur eine einzige andere Pflanze, und es gab sie auf unserem Grund in großer Dichte, die Gleiches und noch Besseres vollbringt: wilde Brombeeren. Sie erteilten uns eine unvergessliche Lehre. Als wir endlich wussten, was nun alles zu unserem Grund gehört, wussten wir auch, dass ein Teil dieses Grundes völlig verwildert war. Wie uns schien, einer der schönsten Teile: das einzige flache Gelände im Talboden. Einst standen dort Obstbäume, jedenfalls waren sie da und dort in ihrer verwilderten Form noch erkennbar, aber überrankt wurde das gesamte Gelände von wilden Brombeeren. Wir nannten sie wild, weil sie ausschließlich aus ungeheuer langen, dicht mit großen Dornen besetzten Ranken bestanden, die ein undurchdringliches Dickicht bildeten. Was früher einmal an Bäumen da war, hatten sie umrankt und unter sich begraben. Also entschlossen wir uns, dieses schöne Stück Grund roden zu lassen. Keine große Angelegenheit. Ein Caterpillar besorgte das innerhalb eines Tages.

Aber damit war der Kampf gegen die wilden Brombeeren auf unserem Grundstück noch lange nicht gewonnen. Wo immer ein Stückchen Grund auch nur zeitweise nicht bearbeitet wurde, schossen sie aus dem Boden, die „Spini“, wie sie die Bauern nennen. Lange bevor uns David Attenborough in seinen eindrucksvollen Filmen „Das geheime Leben der Pflanzen“ vor Augen führte, konnten wir das geheime Leben der Spini beobachten: Sie blühen nicht, sie tragen keine Beeren und daher auch keine Samen. Sie vermehren sich durch Ableger, Triebe, die mit unglaublicher Geschwindigkeit wachsen und sich innerhalb von Tagen meterweit vorschieben. An jedem Hindernis, das ihnen entgegensteht, wachsen sie hinauf, überranken es und kommen auf der anderen Seite wieder zu Boden. Sobald sie eine entsprechende Distanz zur Mutterpflanze gewonnen haben, schlagen diese Triebe selbst Wurzeln, kappen sich von der Mutterpflanze ab und bilden ein eigenes Gewächs, das nun seinerseits wieder Dutzende Triebe dieser Art nach allen Seiten aussendet. Den Spini gelingt es solcherart in überraschend kurzer Zeit, sich über große Flächen auszubreiten. Kein Wunder, dass die Spini von den Landwirten gefürchtet sind.

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9783711053053
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