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Herman Bang
Am Wege

Roman

Saga

Erstes Kapitel

Der Stationsvorsteher wechselte seinen Rock zur Ankunft des Zuges.

„Verdammt, wie die Zeit läuft!“ sagte er und reckte die Arme. Er war ein wenig über den Rechnungsbüchern eingeschlummert.

Er zündete einen Zigarrenstummel an und ging auf den Perron hinaus. Wenn er so auf und ab ging, in der strammen Uniform, die Hände in beiden Rocktaschen, sah man ihm noch den Leutnant an. Auch an den Beinen, die von der Kavallerie her die Rundung behalten hatten.

Fünf, sechs Bauernburschen waren gekommen und standen mit gespreizten Beinen in einem Haufen mitten vor dem Stationsgebäude; der Gepäckträger schleppte das Gepäck heraus, einen einzigen grüngestrichenen Kasten, der aussah, als sei er am Wegrande verloren.

Die Pfarrerstochter, die Gardemass hatte, stiess die Perrontür auf und trat auf den Perron.

Der Stationsvorsteher schlug die Hacken zusammen und grüsste.

„Was wollen gnädiges Fräulein denn heute?“ fragte er. Wenn der Stationsvorsteher auf dem Perron war, unterhielt er sich in demselben Ton, dessen er sich in alten Zeiten bei der Kavallerie auf den Klubbällen in Nästved bedient hatte.

Fräulein Luise war drinnen im Wartesaal und zupfte ihren Schleier zurecht. Die Fräulein Abels machten in ausgeschnittenen Kleidern mit Rüschen, Jettperlen und Schleiern.

Bai ging nach der Küche, um seiner Frau den Verwalter zu melden ...

Die Pfarrerstochter sass auf dem grüngestrichenen Koffer und baumelte mit den Beinen. Sie zog die Uhr heraus und sah nach.

„Mein Gott, macht der Mensch sich rar,“ sagte sie.

Fräulein Jensen meinte: „Ja — der Zug scheint sich beträchtlich verspätet zu haben.“ Fräulein Jensen sprach unbeschreiblich korrekt, namentlich wenn sie mit der Pfarrerstochter sprach. Sie mochte die Pfarrerstochter nicht.

„In dem Ton spreche ich mit meinen Schülern nicht,“ sagte sie zu der Witwe.

„Ach — da ist ja die schöne Frau!“ Die Pfarrerstochter sprang von der Kiste und stürzte über den Perron auf Frau Bai zu, die auf die Steintreppe herausgetreten war. Wenn die Pfarrerstochter jemanden herzlich begrüsste, sah es aus wie ein gewaltsamer Überfall.

Frau Bai lächelte still und liess sich küssen.

„Herr Gott!“ rief die Pfarrerstochter, „wir bekommen unerwartet einen neuen Hahn auf den Hof. Da ist er.“

Man hörte den Lärm des Zuges in der Ferne und das laute Klappern, als er über die Flussbrücke fuhr. Langsam kam er keuchend und stöhnend über die Wiese.

Die Pfarrerstochter und Frau Bai blieben auf der Treppe stehen. Das Fräulein hatte Frau Bai um die Taille gefasst.

„Da ist Ida Abel,“ rief die Pfarrerstochter. „Ich kenne sie am Schleier.“ Ein bordeauxroter Schleier wehte aus einem Fenster des Zuges.

Der Zug hielt, und die Türen wurden auf und zu geschlagen. Frau Abel schrie ihr „Guten Tag!“ so laut, dass die Insassen aller Nachbarkupees an die Fenster kamen.

Ida die Jüngste kniff ärgerlich den Arm der Mutter — sie stand noch auf dem Trittbrett des Wagens: „Es ist ein Herr im Zuge — nach hier — wer ist er?“ Das ging wie geschmiert. Ida, die Jüngste, war hinuntergestiegen. Da stand der Herr ... ein blondbärtiger, sehr ruhiger Herr, der Hutschachtel und Reisetasche aus einem Rauchkupee nahm.

„Und Tante — Tante Mi —!“ schrie die Witwe.

„Halt den Mund!“ sagte Ida, die Jüngste, leise, aber wütend. „Wo ist Luise?“

Luise sprang auf der Steintreppe vor Frau Bai und der Pfarrerstochter so kindlich umher, als stecke ihre Schönheit in Knopfstiefeln.

Unten an der Treppe stellte sich der Verwalter Herrn Kjär vor.

„Ja — verteufelte Geschichte — da legt er sich in der schlimmsten Zeit ... Na, wir wollen das Beste hoffen ...“ Herr Kjär schlug den neuen Verwalter auf die Schulter.

„Ach, du lieber Gott!“ sagte die Pfarrerstochter. „Ein ganz gewöhnliches Haustier.“

Der Grüngestrichene war verladen, und die Eimer der Molkereigenossenschaft waren aus dem Gepäckwagen herausgeholt. Der Zug begann sich in Bewegung zu setzen, als ein Bauer aus einem Fenster schrie, er habe kein Billett.

Der Zugführer, ein schlanker Jüngling, stramm wie ein Husar, in den eleganten Unaussprechlichen, reichte Bai zwei Finger und sprang auf das Trittbrett.

Der Bauer schrie weiter und zankte sich mit dem Kondukteur, der auf dem Laufbrett stand.

Und alle Gesichter auf dem Perron schauten einen Augenblick dem Zuge nach, der davonrollte ...

„Hm — das war das,“ sagte die Pfarrerstochter und trat mit Frau Bai ins Haus.

„Mein Verwalter, Herr Huus,“ sagte Herr Kjär zu Bai, der vorüberging. Alle drei blieben eine Weile stehen.

Luise, die Älteste, und Ida, die Jüngste, fanden einander endlich und begannen mitten in der Tür sich wie wild zu küssen.

„Ach Gott,“ sagte die Witwe, „sie haben sich ja seit sechs Wochen nicht gesehen.“

„Sie haben Glück, Herr Huus,“ sagte Bai im Klubballton: „Sie treffen gleich die Damen der Gegend ... Meine Damen, darf ich Sie bekannt machen?“

Die Fräulein Abel hörten wie auf Kommando mit dem Küssen auf.

„Fräulein Abels,“ sagte Herr Bai. „Herr Huus!“

„Ja, ich habe meine Jüngste abgeholt — aus Kopenhagen,“ sagte die Witwe unmotiviert.

„Frau Abel,“ sagte Herr Bai.

Herr Huus verbeugte sich.

„Fräulein Linde“ — das war die Pfarrerstochter — „Herr Huus.“

Das Fräulein nickte.

„Und meine Frau,“ sagte Herr Bai.

Herr Huus sprach einige Worte, und dann gingen alle hinein, um sich nach dem Gepäck umzusehen.

Gutsbesitzer Kjär rollte mit seinem Verwalter davon. Die anderen gingen. Als sie auf den Weg hinausgekommen waren, hatten sie Fräulein Jensen vergessen. Sie stand noch auf dem Perron und träumte, an einen Signalmast gelehnt.

„Fräulein Jensen!“ rief die Pfarrerstochter vom Wege her.

Fräulein Jensen fuhr auf. Fräulein Jensen wurde immer schwermütig, wenn sie eine Eisenbahn sah; sie konnte nicht vertragen, „etwas davonziehen zu sehen“.

„Wirklich ein netter Mensch,“ sagte Frau Abel, während sie auf dem Wege weiterschritten.

„Ein ganz gewöhnlicher Verwalter,“ sagte die Pfarrerstochter, die mit Frau Bai Arm in Arm ging. „Hübsche Hände hatte er.“

Die beiden Küken gingen hinterher und zankten sich.

„Holla! — Fräulein Jensen, haben Sie’s aber eilig!“ rief die Pfarrerstochter. Fräulein Jensen sprang wie eine Ziege weit voran zwischen den Pfützen des Weges umher. Sie zeigte wegen der herbstlichen Nässe ihre jungfräulichen Beine.

Sie schritten an einem kleinen Stück Wald entlang; an der Wegbiegung verabschiedete sich Frau Bai.

„O, wie klein und zierlich die schöne Frau in dem grossen Schal aussieht,“ sagte die Pfarrerstochter und warf sich Frau Bai einige Male um den Hals.

„Adieu ...“

„A—dieu ...“

„Der geht der Atem nicht aus vom Sprechen!“ sagte Ida, die Jüngste.

Die Pfarrerstochter pfiff.

„Ach — da ist der Kaplan!“ sagte Frau Abel. „Guten Abend, Herr Pastor ... guten Abend!“

Der Kaplan lüftete den Hut. Er müsse doch die Heimkehrenden begrüssen, sagte er.

„Nun, gnädiges Fräulein — und Ihr Befinden?“

„Danke,“ sagte Fräulein Abel.

„Sie haben einen Konkurrenten bekommen, Herr Pastor,“ sagte Frau Abel.

„So? Wo?“

„Herr Kjär hat seinen neuen Verwalter abgeholt — wirklich ein scharmanter Mensch, nicht wahr, Fräulein Linde?“

„O ja.“

„Prima, Fräulein Linde?“

„FF,“ sagte die Pfarrerstochter.

Die Pfarrerstochter und der Kaplan sprachen stets in diesem Jargon, wenn sie mit Fremden zusammen waren, und sagten nie ein vernünftiges Wort. Sie lachten über ihre eigenen Dummheiten, dass sie beinahe platzten.

Die Pfarrerstochter ging nie mehr in die Kirche, wenn der Kaplan predigte, seit sie ihn an einem Sonntag während des Vaterunsers auf der Kanzel fast zum Lachen gebracht hatte.

„Fräulein Jensen rennt, als sässen ihr Raketen an einer gewissen Stelle,“ sagte der Kaplan.

Fräulein Jensen war noch immer voran.

„Aber Andersen!“ — Fräulein Linde lachte laut auf, „jetzt sind Sie holbergsch.“

Sie kamen an den Pfarrhof, den ersten Hof im Dorfe, und die Pfarrerstochter und der Kaplan verabschiedeten sich an der Gartenpforte.

„Adieu — Fräulein Jensen,“ rief Fräulein Linde den Weg entlang. Ein Piepsen antwortete ihr.

„Wie war er?“ fragte der Kaplan drinnen im Garten. Sein Ton war hier ein ganz anderer.

„Mein Gott,“ sagte Fräulein Linde, „ein ganz netter Landmann.“

Schweigend gingen sie nebeneinander durch den Garten.

„Hm!“ sagte Fräulein Ida — die Familie Abel hatte jetzt Fräulein Jensen erreicht, die auf einer trocknen Stelle stand und auf sie wartete — „das soll einer glauben, dass er gekommen war, um mir guten Tag zu sagen.“

Sie gingen wieder eine Strecke, dann sagte Fräulein Jensen:

„Es gibt so viele Arten Menschen.“

„Ja ...“ sagte Frau Abel.

„Ich lege keinen Wert darauf, mit der Familie Linde zusammenzutreffen,“ sagte Fräulein Jensen ... „ich gehe ihr am liebsten aus dem Wege.“

Fräulein Jensen ging seit acht Tagen „aus dem Wege“, seit der Pastor das gesagt hatte ...

„Frau Abel,“ sagte Fräulein Jensen ... „was vermag eine alleinstehende Frau? Ich habe es dem Pastor gesagt: ‚Herr Pastor,‘ sagte ich, ‚Sie interessieren sich für die Freischule ... deshalb schicken die Eltern ihre Kinder in die Freischule.‘

Und was antwortete er mir — Frau Abel? ... Ich spreche nicht mehr mit Pastor Linde über die Legatangelegenheit. Der Gemeinderat hat meinem Institut (Fräulein Jensen sagte Institot) die Hälfte der Unterstützung entzogen. Ich werde weiter meine Pflicht tun — selbst wenn sie mir die letzte Hälfte auch noch nehmen. — Ich spreche nicht mehr mit Pastor Linde über die Legatangelegenheit.“

Die drei Damen waren in den kleinen Weg eingebogen, der zu dem „Gehöft“ führte, einem alten weissen Gebäude mit zwei Seitenflügeln.

Die Witwe Abel wohnte im Flügel rechts, Fräulein Jensens Institut befand sich links.

„Dass man sie nun beide wieder hat,“ sagte die Witwe, sie verabschiedeten sich auf dem Hofe.

„Meine Güte!“ sagte Ida, die Jüngste, als sie ins Haus getreten waren, „wie saht ihr auf dem Bahnhof aus — man musste sich ja schämen.“

„Ich möchte wissen, wie man aussehen soll,“ sagte Luise, die Älteste, die vor dem Spiegel den Schleier abband, „wenn du die Kleider mitgenommen hast.“

Die Witwe zog Latschen an. Es waren keine Sohlen unter ihren Stiefeln. —

Fräulein Jensen hatte endlich den Schlüssel aus ihrer Tasche herausbekommen und aufgeschlossen. Drinnen im Zimmer bellte ihr Mops ihr ein paarmal mürrisch entgegen, blieb aber ruhig in seinem Korb liegen.

Fräulein Jensen legte Hut und Mantel ab und setzte sich in eine Ecke, um zu weinen.

Sie weinte immer, wenn sie allein war, seit Pastor Linde das gesagt hatte.

„Sie interessieren sich für die Freischule, Herr Pastor,“ hatte sie gesagt, „deshalb schicken die Eltern ihre Kinder dahin.“

„Ich will Ihnen sagen, Fräulein Jensen, weshalb die Eltern ihre Kinder in die Freischule schicken: weil Fräulein Sörensen ihre Sache versteht.“ Das hatte der Pastor geantwortet.

Fräulein Jensen hatte diese Worte nur der Frau des Gastwirts anvertraut. „Und was vermag eine alleinstehende Frau, Madam Madsen?“ hatte sie hinzugefügt — „Die einzige Waffe des Weibes sind Tränen.“ — —

Fräulein Jensen sass in ihrer Ecke und weinte. Es fing an dunkel zu werden, und schliesslich stand sie auf und ging in die Küche hinaus.

Sie zündete einen kleinen Petroleumkocher an und setzte Wasser zum Tee auf. Dann legte sie ein Tischtuch über eine Ecke des Küchentisches und setzte Brot und Butter neben den einzigen Teller.

Aber während sie dies tat, verfiel sie immer wieder in Grübeleien und dachte aufs neue an die Worte des Pastors.

Der Mops war ihr gefolgt und hatte sich vor seinen leeren Napf auf ein Kissen gelegt.

Fräulein Jensen nahm den Napf und füllte ihn mit Weissbrot, das in warmem Wasser aufgeweicht war. Der Mops bekam den Teller und machte sich daran, das Futter zu verzehren, fast ohne sich zu rühren.

Fräulein Jensen hatte ein einsames Licht angezündet. Sie trank ihren Tee und ass ein Stück Schwarzbrot mit Butter dazu — sie schnitt es mit dem Messer in zierliche, kleine Würfel. Als sie den Tee getrunken hatte, ging Fräulein Jensen zu Bett. Sie nahm den Mops auf den Arm und legte ihn am Fussende auf das Federbett. Dann nahm sie das Schulprotokoll und legte es auf den Tisch vor dem Bett.

Sie verschloss die Tür und leuchtete mit dem Licht in alle Ecken und unter das Bett.

Dann entkleidete sie sich, kämmte ihre Zöpfe und hängte sie an den Spiegel.

Der Mops schlief bereits und schnarchte auf dem Federbett.

Fräulein Jensen schlief nicht gut, seit Pastor Linde jene Worte gesagt hatte.

Frau Bai ging auf dem Wege zur Station zurück. Sie öffnete die Pforte und trat auf den Perron. Dieser war ganz leer und so still, dass man die beiden Telegraphendrähte summen hörte.

Frau Bai setzte sich auf die Bank vor der Tür, die Hände im Schoss, und blickte über die Felder hin. Frau Bai blieb gerne so sitzen, wo sie einen Stuhl oder eine Bank oder eine Treppenstufe fand.

Sie blickte über die Felder hin, über die grossen Flächen Acker und die Wiesen dahinter. Der Himmel war hoch und lichtblau. Da war kein Ruhepunkt für das Auge ausser der Filialkirche, und diese sah man mit ihrem gezackten Turm am äussersten Rande der flachen Felder.

Frau Bai fröstelte und erhob sich. Sie ging zum Gartenzaun und blickte hinüber, öffnete die Pforte und trat ein. Der Garten war ein dreieckiger Streif längs der Bahn, vorn befand sich der Küchengarten, und in der hintersten Spitze war ein Rasenplatz mit einigen hochstämmigen Rosen vor der Laube unter dem Holunder.

Sie besah die Rosen, sie fand noch ein paar Knospen. Sie hatten diesen Sommer wirklich treulich geblüht.

Aber nun mussten sie bald zugedeckt werden ...

Wie die Blätter schon fielen ... aber hier war ja auch gar kein Schutz.

Frau Bai verliess den Garten wieder und ging am Perron entlang in den kleinen Hof hinter dem Bretterzaun. Sie rief das Mädchen, sie wollte den Tauben Futter geben.

Sie bekam das Korn in einer irdenen Schale und begann die Tauben zu locken und die Körner auf die Steine zu streuen.

Sie mochte Tauben so gern, von Kind an. In dem grossen Hause daheim in dem Provinzstädtchen waren Unmengen gewesen ... Wie hatten sie um den Taubenschlag über der Werkstattür umhergeschwärmt ... Es war, als höre man ein Girren und Gurren, wenn man nur an das Haus daheim dachte. An das alte Haus — denn später, als der Vater starb, verkauften sie Werkstatt und alles und zogen um.

Die Tauben flatterten zu Frau Bai herab und pickten die Körner auf.

„Marie,“ sagte Frau Bai, „sieh nur, wie bös die Gefleckte ist.“

Marie erschien in der Küchentür und sprach über die Tauben. Frau Bai leerte die Futterschale. „Ein paar müssen nun zu Bais L’hombreabend geschlachtet werden,“ sagte sie.

Sie ging die Treppe hinauf. „Wie früh es jetzt dunkel wird,“ sagte sie, indem sie hineinging.

Im Zimmer war es dämmerig und warm, wenn man von draussen kam. Frau Bai setzte sich ans Klavier und spielte.

Sie spielte nie ausser in der Dämmerung und stets dieselben drei, vier Melodien, sentimentale kleine Lieder, die sie schleppend und langsam spielte, alle mit demselben Vortrag, so dass sie alle einander glichen.

Wenn sie in der dunklen Stube sass und spielte, dachte Frau Bai fast stets an ihr Elternhaus. Sie waren viele Geschwister gewesen und hatten daheim stets viel Abwechslung gehabt.

Sie war die jüngste von allen. Als der Vater noch lebte, war sie noch so klein, dass sie bei Tische kaum an den Teller reichen konnte.

Der Vater sass auf dem Sofa in Hemdärmeln, und um den Tisch herum standen alle Kinder und langten nach dem Essen.

„Gerade stehen, Kinder,“ sagte der Vater. Er sass mit seinem breiten Rücken vornüber gebeugt da, die Arme weit über den Tisch gelegt.

Die Mutter ging hin und her, holte und brachte das Essen ...

Draussen in der Küche assen alle Lehrjungen aus der Werkstatt an dem langen Tisch. Sie kicherten und zankten sich, dass man es durch die Tür hören konnte, und plötzlich gerieten sie aneinander, dass man glauben konnte, das Haus stürze zusammen: „Was macht ihr für einen Spektakel?“ rief der Vater und schlug drinnen in der Stube auf den Tisch.

Draussen in der Küche wurde es ganz still; nur ein leises Tappen eines einzelnen, der nach dem Gefecht etwas unter dem Tisch suchte.

„Kreuzdonnerwetter!“ rief der Vater.

Nach dem Mittag schlief er eine Stunde auf dem Sofa. Er erwachte auf den Glockenschlag:

„Jetzt hat man wohl ausreichend über das Wohl des Staates nachgedacht,“ sagte er und trank seinen Kaffee, ehe er nach der Werkstatt ging. — —

Als der Vater starb, wurde es freilich ganz anders. Katinka kam in ein Institut mit den Töchtern von Konsul Lasson und Bürgermeisters Fanny. Und sie wurde auch zu Konsuls eingeladen ... Die anderen Geschwister kamen alle fort, sie blieb allein bei der Mutter.

Diese Jahre waren Katinkas beste Zeit dort in der kleinen Stadt, wo sie alle kannte und alle sie kannten. Des Nachmittags sassen die Mutter und sie im Wohnzimmer jede an ihrem Fenster auf dem Fenstertritt — die Mutter hatte das Fenster mit dem „Spion“ — Katinka stickte weiss oder las.

Die Sonne fiel in hellen Streifen durch die Blumen am Fenster über den weissen Fussboden ...

Katinka las aus der Leihbibliothek viele Romane von vornehmen Leuten und auch Gedichte, die sie in ein Buch abschrieb.

„Tinka,“ sagte die Mutter ... „da kommt Ida Levy. Sieh nur, sie hat den gelben Hut auf!“

Katinka sah auf. „Sie geht zur Klavierstunde,“ sagte sie.

Ida Levy ging vorüber. Da wurde geguckt und genickt und mit den Fingern gefragt, ob sie zum Halbzehnuhrzug kämen.

„Es ist doch grässlich, wie Ida Levy ihre Hacken schief tritt,“ sagte Tinka, die ihr nachsah.

„Das hat sie von ihrer Mutter.“

Einer nach dem andern geht vorüber, der Gutsverwalter und die beiden Leutnants, der Gerichtsschreiber und der Doktor. Sie grüssen, und von oben nickt man ihnen zu und macht eine Bemerkung über jeden.

Sie wissen, wohin jeder geht und was er da will.

Sie kennen jedes Kleid und jede Blume auf einem Hut. Und sie machen jeden Tag dieselben Bemerkungen über dieselben Dinge.

Minna Helms geht vorüber und nickt.

„Hast du Minna Helms gesehen?“ fragt die Mutter.

Ja.“ Und Katinka sieht ihr nach und schneidet Grimassen in der Sonne.

„Sie hat auch bald einen neuen Mantel verdient,“ sagt sie.

„Die Ärmste — wo soll sie den her bekommen?“ Die Mutter sieht in den Spion ... „Ja — miserabel sieht er aus,“ sagt sie. „Ich glaube auch, sie könnten ihn neu umsäumen. Aber es ist wohl so, wie Frau Noes sagt — Frau Helms hat nur wenig, aber sie tut auch wenig.“

„Wenn doch der Gerichtsschreiber Ernst machen wollte,“ sagte Tinka.

Die Uhr wurde fünf, und die jungen Mädchen holten einander zu einem Spaziergang ab, und zu zweien gingen sie die Strasse auf und nieder und begegneten sich und blieben in Gruppen stehen und lachten und schwatzten und trennten sich wieder ...

Aber des Abends nach dem Tee zum Halbzehnuhrzug waren die Mütter mit, und es ging stiller zu auf dem Wege nach dem Bahnhof.

„Katinka,“ rief die Mutter, die mit Frau Levy voranging, und drehte sich um: „Herr Bai ... er hat also heute abend keinen Dienst ...“

Herr Bai ging vorüber und grüsste. Und Katinka nickte und wurde rot, denn die Freundinnen neckten sie stets mit Herrn Bai ...

„Dann will er wohl hin und Kegel spielen,“ sagte Frau Levy.

Des Sonntags gingen sie in die Kirche zum Hauptgottesdienst. Alle waren festlich gekleidet, und sie sangen, dass es an den Gewölben widerhallte, während die Sonne durch die grossen Chorfenster hereinschien. In der Kirche neben Thora Berg zu sitzen war wirklich eine Qual.

Sie trieb die ganze Zeit, solange der Prediger auf der Kanzel war, Allotria, bald kniff sie einen, bald spottete sie über den alten Prediger ...

Ja, Thora Berg war bei allen Torheiten die Anführerin.

Abends flog ein Regen von Sand und kleinen Steinen gegen Tinkas Fenster ...

Und sie hörten ein Lärmen und Lachen die ganze Strasse entlang.

„Das ist Thora, die aus der Gesellschaft kommt,“ sagte Tinka. „Sie sind bei Bürgermeisters gewesen.“

Thora eilte die Strasse entlang nach Hause, wie die wilde Jagd, alle jungen Herren hinter ihr her. Die ganze Stadt konnte es hören, wenn Thora Berg aus einer Gesellschaft heimkehrte.

Katinka war Thora Berg die liebste. Sie bewunderte sie und liess die Augen nicht von ihr, wenn sie zusammen waren. Zwanzigmal täglich sagte sie daheim:

„Das hat Thora gesagt ...“

Eigentlichen Verkehr hatten sie nicht miteinander, aber nachmittags, wenn sie spazieren gingen, oder draussen im Pavillon, wo die Abonnementskonzerte der Militärkapelle an jedem zweiten Mittwoch stattfanden — da sprachen sie miteinander. Tinka bekam immer einen ganz roten Kopf, wenn sie sich begegneten ... Im Pavillon hatte sie auch die erste Bekanntschaft mit Bai gemacht ... Er hatte gleich am ersten Abend am meisten mit ihr getanzt.

Und wenn sie Schlittschuh liefen, forderte er sie immer zum Laufen auf. Es war, als flögen sie, fast als trüge er sie ... Er kam auch zu ihnen ins Haus ...

Alle Freundinnen neckten sie, und auf Gesellschaften beim Zettelschreiben und beim Personenraten bekam sie immer Bai, und dann entstand immer ein allgemeines Gekicher.

Und daheim sprach die Mutter unablässig von ihm.

Dann kam die Brautzeit, und sie hatte immer jemanden, mit dem sie gehen konnte, am Sonntag zur Kirche und im Winter, wenn Schauspieler da waren, ins Theater, und immer ... Und als Bai eine Anstellung erhielt, kam die eilige Zeit mit der Aussteuer und der Einrichtung und all dem. Die Freundinnen halfen ihr beim Namensticken und beim Nähen.

Es war Sommer, und sie sassen alle oben in der Laube. Die Nähmaschine rasselte. Eine kniffte die Säume, eine andere befestigte Enden. Und die Freundinnen neckten sie und lachten, und plötzlich sprangen sie auf, liefen in den Garten hinaus und rannten unter Lärm und Lachen, wild wie eine Herde Füllen, um den Rasenplatz.

Tinka war die stillste von ihnen.

Das war ein Geflüster unter den Freundinnen in allen Ecken, und es fanden Zusammenkünfte bei Levys statt, wo sie den Teppich stickten, auf dem Tinka als Braut vor dem Altar stehen sollte — und Singübungen für Gesänge, die im Chor gesungen werden sollten.

Dann kam der Tag und die Trauung in der geschmückten Kirche — sie war ganz voll von Menschen, Gesicht an Gesicht. Oben bei der Orgel standen alle die jungen Mädchen. Tinka nickte hinauf, dankte und weinte von neuem. Sie hatte die ganze Zeit geweint wie eine Wasserleitung.

Und dann kamen sie hierher in die Stille.

Im Anfang ihrer Ehe war Tinka stets schreckhaft und ängstlich, als ob jemand sie überfallen wolle.

Da war so vieles, was sie sich nicht gedacht hatte, und Bai war so gewaltsam in vielem, wobei sie selber fast nur litt und duldete, eingeschüchtert und unsicher, wie sie war...

Sie war auch so ganz fremd hier und kannte niemanden.

Später kam eine Zeit, wo sie empfänglicher wurde — doch meistens nur lässig in sich versunken, wie es in ihrer Natur lag.

Sie sass drinnen bei ihrem Mann im Büro mit ihrer Häkelei, und sie sah ihn an, wie er über seinen Tisch gebeugt dasass — das Haar, das sich leicht lockte, fiel ihr ein wenig in die Stirn.

Sie erhob sich und ging zu ihm hin, schlang den Arm um seinen Hals und wäre am liebsten so bei ihm stehen geblieben und hätte still und lange so bei ihm sein mögen.

„Mein Kind, ich schreibe ja,“ sagte Bai.

Sie beugte den Nacken an seinen Mund, und er küsste ihn.

„Darf ich jetzt schreiben?“ sagte er und küsste sie noch einmal.

„Du Schreibpeter!“ sagte sie und entfernte sich.

Das Jahr verging. Katinka glitt mit den Zügen, die kamen und gingen, ins Leben hinein und unter die Leute der Umgegend, die reisten und wieder heimkehrten. Neues brachten und nach Neuem fragten.

Sie kamen in Verkehr mit den Leuten, die in der Gegend wohnten, vor allem durch Bais L’hombrepartien, zu denen die Frauen jedes zweite Mal mitkamen.

Und dann hatte sie den Hund, die Tauben und den Garten. Und im übrigen gehörte Frau Bai nicht zu den beweglichen Naturen. Sie bekam nie so viel zustande, dass ihr die Zeit lang wurde. Sie brauchte lange zu allem, und Bai nannte sie: „Kommemorgen.“

Kinder bekamen sie nicht.

Als Katinkas Mutter starb, erhielten sie die Erbschaft ausgezahlt. Für zwei einzelne Menschen befanden sie sich im Wohlstand und hatten alles vollauf.

Bai liebte es gut zu essen und bezog aus Aalborg vielen und guten Wein. Er legte etwas aus und wurde recht bequem, während sein Assistent die meiste Arbeit machte. Den Leutnant steckte er nur ausserhalb seiner vier Pfähle heraus.

Oben im Dorfe hatte er ein Kind.

„Zum Teufel auch!“ sagte er zu Kjär, der Junggeselle war ... „man ist ja doch ein alter Kavallerist ... und das Mädel war verliebt wie ein Spatz ...“

Das Mädchen ging nach der Katastrophe in die Stadt, das Kind wurde oben im Dorf in Pflege gegeben.

So verging die Zeit.

Katinka las nicht mehr wie früher, als sie ein junges Mädchen war. In den Büchern standen doch nur lauter Lügen.

In ihrem Sekretär hatte Frau Bai eine grosse Pappschachtel mit vielen vertrockneten Blumen, kleinen Bändern und Seidenpapiergegenständen mit Devisen von Goldpapierbuchstaben. Es waren ihre alten Kotillonerinnerungen vom Klub her und von dem letzten Abonnementskonzert im Pavillon, wo getanzt wurde.

Diese Sachen nahm sie während der Winterabende oft hervor und ordnete sie wieder und wieder und suchte sich zu erinnern, wer ihr diesen oder jenen Gegenstand gegeben hatte.

Sie fand es richtig heraus und schrieb den Namen des Herrn hinten auf jeden Kotillonorden.

Bai sass am Tisch und trank seinen Grog. „Der alte Trödel!“ sagte er.

„Lass es liegen, Bai,“ sagte sie, „bis ich es geordnet habe.“ Und sie schrieb ihre Herrennamen weiter.

Sie las auch mitunter in ihrem alten Poesiebuch die Verse, die sie einst abgeschrieben hatte.

In der obersten Schublade unter dem Silberschrank im Sekretär lag ihr Brautschleier und der verwelkte Myrtenkranz.

Auch diesen nahm sie hervor, glättete ihn und legte ihn dann wieder zusammen.

Und sie sass halbe Stunden vor der aufgezogenen Schublade und tat nichts, wie es ihre Gewohnheit war.

Mitunter glättete sie nur den Schleier mit den Händen.

Der Brautschleier begann ganz gelb zu werden.

Aber die Zeit verging auch. Es waren bereits zehn Jahre verflossen ...

Ja — sie war bald eine alte Frau. Sie war zweiunddreissig Jahre alt geworden ...

Bais waren in der ganzen Gegend beliebt und als gute und gastfreie Leute bekannt, bei denen der Kaffeekessel sogleich aufs Feuer gestellt wurde, wenn ein Bekannter sich auf der Station einfand.

Bai war ein guter Gesellschafter, und auf dem Bahnhof befand sich alles in grösster Ordnung, wenn er auch selbst gerade nicht sehr eifrig im Dienst war.

Die Frau war ziemlich still, aber es tat einem stets wohl, ihr mildes Gesicht zu sehen. Sie sah aus wie ein junges Mädchen, wenn sie an den grossen L’hombreabenden zwischen den anderen Frauen sass.

„Aber da müssten ein paar Kinder sein,“ sagte Frau Linde, wenn sie mit ihrem Mann des Abends von Bais nach Hause trabte ... „Diese wohlhabenden Leute — die sie ernähren könnten ... Es ist eine Sünde und Schande — dass sie dort so einsam sitzen müssen.“

„Der liebe Gott gibt Leben nach seinem Willen, mein Kind,“ sagte der Pfarrer.

„Ja — Gottes Wille geschehe!“ sagte die Frau.

Pastors hatten zehn Kinder gehabt.

Sieben hatte der Herr als kleine Kinder zu sich genommen.

Der alte Pastor dachte an diese sieben jedesmal, wenn ein Kind in der Gemeinde begraben wurde.

Frau Bai hatte aufgehört zu spielen. Sie sass da und dachte daran, dass sie eigentlich aufstehen und die Lampe anzünden müsse, aber dann rief sie das Mädchen, dass dieses sie anzünden sollte, und blieb sitzen.

Marie kam mit der Lampe herein. Sie deckte den Tisch zum Tee.

„Wie spät ist es?“ fragte Frau Bai.

„Der Achtuhrzug ist gemeldet,“ sagte Marie.

„Das habe ich gar nicht gehört ...“

Frau Bai nahm ein Tuch um und ging hinaus:

„Ist der Zug schon da?“ fragte sie im Büro.

„Gleich,“ sagte Bai. Er stand am Telegraphentisch.

„Sind Depeschen da?“

„Ja.“

„An wen?“

„Ach — oben im Dorfe.“

„Dann muss Ane also hin ...“

Frau Bai ging auf den Perron hinaus. Sie liebte es sehr, die Züge im Finstern kommen und gehen zu sehen.

Der Laut, anfangs ganz in der Ferne, und dann das Dröhnen, wenn der Zug über die Flussbrücke rollte, und das grosse Licht, das immer näher kam, und endlich die schwere, keuchende Masse, die sich aus der Nacht herauswand und zu deutlichen Wagen wurde, die vor ihren Augen hielten mit den Schaffnern und dem hellen Postwagen und den Kupees.

Wenn dann der Zug wieder fort und das Brausen erstorben war, lag alles wieder schweigend, gleichsam doppelt still da.

Der Stationswärter löschte die Laternen aus; zuerst die eine auf dem Perron, dann die über der Tür.

Man sah nichts mehr als das Licht der beiden Fenster, zwei schmale Lichtbrücken, die in das grosse Dunkel hinausführten.

Frau Bai ging ins Haus.

Sie tranken Tee, und dann las Bai die Zeitungen bei einem Grog oder zweien. Bai las nur die Regierungsorgane. Er selbst hielt die „Nationalzeitung“ und las ausserdem Kjärs „Tageblatt“, das er der Post entnahm.

Er schlug auf den Tisch, dass das Grogglas klirrte, wenn die Gegner „ordentlich eins auf den Schnabel bekamen“, und mitunter las er einzelne Sätze laut und lachte dazwischen.

Frau Bai hörte ruhig zu. Sie interessierte sich nicht für Politik, ausserdem war sie jetzt abends immer furchtbar schläfrig.

„Nun ist es wohl Zeit,“ sagte Bai.

Er erhob sich und zündete eine Handlaterne an. Er machte seine Runde, um zu sehen, ob alles geschlossen und die Weiche für den Nachtzug richtig gestellt sei.

„Du kannst zu Bett gehen, Marie,“ rief Frau Bai in die Küche hinaus. Sie weckte Marie, die auf dem Holzstuhl sass und schlief.

„Gute Nacht, Frau Bai,“ sagte sie schlaftrunken.

„Gute Nacht.“

Frau Bai stellte die Blumen in der Stube vom Fensterbrett auf den Fussboden. Dort standen sie während der Nacht in einer Reihe. Bai kam zurück.

„Es wird kalt zur Nacht,“ sagte er.

„Ich dachte schon daran, wegen der Rosen — ich habe heute nach ihnen gesehen.“

„Ja,“ sagte er, „sie müssen jetzt zugedeckt werden.“

Bai begann sich im Schlafzimmer zu entkleiden. Die Tür stand offen.

Er liebte es, des Abends im Zimmer auf und nieder zu gehen. Vom Schlafzimmer nach dem Wohnzimmer in tiefem Negligee.

„Dies Trampeltier!“ rief er. Marie trat oben in der Bodenkammer hart auf.

Frau Bai legte weisse Decken über die Möbel und schloss die Tür zum Büro.

„Kann ich auslöschen?“ sagte sie und blies die Lampe aus.

Sie ging ins Schlafzimmer, setzte sich vor den Spiegel und löste ihr Haar.

Bai war in Unterhosen und bat um eine Schere.

„Teufel auch, wie mager du wirst,“ sagte er.

Katinka nahm den Frisiermantel um.

Bai ging ins Bett, lag da und schwatzte. Sie antwortete in ihrer stillen Weise wie immer, sie machte immer eine kleine Pause, ehe die Worte kamen.

Sie hatten eine Zeitlang geschwiegen, da sagte Bai: „Hm, ein ganz netter Mensch — was?“

„Ja, so auf den ersten Blick ...“

„Was sagt Agnes Linde? ...“

„Auch, dass er ganz nett sei.“

„Hm — einen losen Mund hat das Mädel. Und Gott mag wissen, was für einen L’hombre er spielt ...“

Bald darauf schlief Bai.

Wenn Bai schlief, atmete er stark durch die Nase.

Jetzt hatte sich Frau Bai daran gewöhnt.

Sie blieb noch einige Zeit vor dem Spiegel sitzen; sie nahm den Frisiermantel ab und besah ihren Hals.

Ja, sie war wirklich mager geworden.

Das war, seit sie im Frühjahr den Husten gehabt hatte.

Frau Bai löschte das Licht aus und legte sich ins Bett neben Herrn Bai.

Zweites Kapitel

Es waren die kurzen Tage.

Bald Platzregen, bald Tauschnee, aber stets grauer Himmel und Nässe. Selbst Fräulein Jensens beste Schüler kamen in Holzpantoffeln über die Felder zur Schule.

Auf dem Bahnhof glich der Bahnsteig einem See. Die letzten kleinen Blätter der Gartenhecke jagten davon. Triefend kamen die Züge; die Schaffner liefen vermummt in nassen Mänteln hin und her. Der kleine Bentzen eilte mit den Postsäcken unter dem Regenschirm herbei.

Kjärs Getreidewagen hatten Wachstuchplane, und die Kutscher sassen in Regenmänteln darauf.

Verwalter Huus fuhr selbst den ersten Wagen zur Station. Es war mit Fracht und Deklarierung viel zu tun.

„Die Leute von Kjär sind da,“ rief Bai zu seiner Frau hinein.

Verwalter Huus pflegte auf eine halbe Stunde sich des Regenrockes zu entledigen und in Bais Hause eine Tasse Kaffee zu sich zu nehmen.

Während Frau Bai hin und her ging und den Kaffeetisch deckte, arbeiteten Huus und die Knechte auf dem Perron und verluden die Säcke in die Güterwagen. Katinka sah sie an den Fenstern vorübergehen. Sie sahen so kolossal aus in ihrem Ölzeug.

Marie, das Mädchen, schwärmte für Huus und sprach bei ihrer Arbeit unaufhörlich von ihm.

Sie kam mit seinen Vorzügen nie zu Ende, und das letzte war immer: „Und diese Stimme, die er hat!“

Es war eine weiche, treuherzige Stimme, und niemand wusste, weshalb Marie sich gerade in diese verliebt hatte.

Wenn Huus draussen fertig war, kamen sie zum Kaffee herein. Im Zimmer war es warm und traulich und duftete nach ein paar Topfpflanzen, die noch am Fenster blühten.

„Ja, ich sage es ja!“ rief Huus und rieb sich die Hände, „bei Frau Bai ist es gemütlich.“

Die Gemütlichkeit kam auch mit Huus. Es haftete ihm so eine stille Zufriedenheit an; viele Worte machte er nicht und selten „erzählte“ er etwas, aber er glitt so hübsch und lustig in das alltägliche Geplauder hinein, stets in gleich guter Laune. Man fühlte sich gemütlich, wenn er nur da war.

Es kam gerade ein Güterzug, und Bai musste auf den Perron, um ihn zu expedieren.

Es trat keine Änderung ein, wenn Bai ging und die beiden andern allein blieben; sie plauderten oder schwiegen. Sie trat ans Fenster und lächelte Bai zu, der draussen im Regen umherlief.

Huus besah Katinkas Blumen und gab ihr Ratschläge für die Pflege. Katinka trat hin zu ihm, und sie besahen zusammen die Pflanzen. Er kannte jede einzige, ob sie wuchs oder ob sie stillstand und was damit zu tun war.

Huus hatte Interesse für alle solche kleinen Dinge, für die Tauben und für die neuen Erdbeerbeete, die jetzt im Herbst angelegt worden waren.

Katinka fragte ihn um Rat, und sie gingen umher und besahen bald dieses, bald jenes.

Bai hatte sich niemals um solche Dinge bekümmert, aber mit Huus war es, als sei immer etwas Neues da, wonach man sich erkundigen und um Rat fragen und das man sich einrichten musste. Sie hatten auf die Art immer viel zu besprechen, so still und ruhig, wie es ihnen beiden lag. Es gab beinahe immer dies oder jenes, das auf Huus geradezu wartete — auch wenn er jeden Tag kam, wie in dieser Zeit, wo das Saatgut verkauft wurde.

Fräulein Ida Abel hatte auch oft auf der Station zu tun. Sie kämpfte sich den Weg entlang mit einem Brief, der mit der Mittagspost abgehen sollte.

„Mein Gott, ist das ein Wetter — Herr Leutnant.“

„Eine Tasse Kaffee, mein Fräulein — eine kleine innere Stärkung, um dem Wetter widerstehen zu können ... Huus ist drinnen bei meiner Frau.“

„Ach, sind die Rugaarder hier?“

„Ja, mit Saatgut.“

Ida, die Jüngste, hatte das nicht geahnt.

Von einem Fenster ihrer Wohnung konnten die „Küken“ Rundschau über die ganze Gegend halten.

Ida, die Jüngste, sass dort während der Vormittagsstunden.

Sie begann die Papilloten aus dem Haar zu nehmen.

„Wo willst du hin?“ fragte Luise, die Älteste, die mit einem Kräuterkissen umherlief, weil sie Zahnschmerzen hatte.

„Briefe zur Bahn bringen.“

„Mutter“ — Luise kreischte — „nun will Ida schon wieder wegrennen ... Hm — wenn du glaubst, du kannst da einen angeln ...“

„Geht das dich etwas an?“ Ida, die Jüngste, schlug dem andern Küken die Tür zum Schlafzimmer vor der Nase zu.

„Meinetwegen, wenn du dich lächerlich machen willst — aber du ziehst deine eigenen Stiefel an — das sage ich dir, Ida. Mutter — sage Ida, sie soll ihre eigenen Stiefel anziehen — immer rennt sie mit meinen Knopfstiefeln zur Bahn.“

„Ph!“ sagt Ida, die mit dem Haarkräuseln fertig ist.

„Und meine Handschuhe — erlaube gütigst ...“ Luise entreisst Ida ein Paar Handschuhe, und wiederum werden einige Türen heftig zugeschlagen.

„Was habt ihr denn, Kinder?“ fragt Frau Abel. Sie kommt mit nassen Händen aus der Küche herein; sie hat Kartoffeln geschält.

„Ida stiehlt meine Kleider.“ Fräulein Luise, die Älteste, weint vor Wut.

Die Witwe Abel bringt ruhig alles hinter Ida, der Jüngsten, in Ordnung und kehrt zu ihren Kartoffeln zurück ...

— — „Liebe Frau Bai,“ sagt Ida, die Jüngste, in der Tür — „ich komme nicht hinein ... Guten Tag, Herr Huus — ich sehe so schrecklich aus ... Ich gucke nur herein. Guten Tag ...“

Fräulein Abel trat doch ein. Ihr Kleid unter dem Regenmantel war tief ausgeschnitten.

„Man hat so schrecklich viel zu tun vor Weihnachten ... O — Sie erlauben wohl, Herr Huus ...“

Fräulein Abel klemmte sich ins Sofa hinein ... „Herrlich, ein wenig zu sitzen,“ sagte sie.

Aber sie sass nicht lange; da war zu viel, was sie bewundern musste. Fräulein Ida Abel war so jugendlich entzückt.

„Herrgott — der kleine Teppich ...“ Fräulein Abel musste auf und den kleinen Teppich befühlen.

„O, — Herr Huus — erlauben Sie ...“ Sie klemmte sich wieder an ihm vorbei.

Sie befühlte den Teppich. „Mutter sagt immer, ich bin ein Irrwisch,“ sagte Ida, die Jüngste.

Frau Abel nannte ihre Töchter mitunter ihre „Flattertauben“, aber der Name fand keinen Anklang; Luise, die Älteste, hatte etwas an sich, was den Begriff Taube absolut ausschloss.

Und es blieb bei den „Küken“.

Wenn Fräulein Ida Abel gekommen war, dauerte es nicht sehr lange, bis Verwalter Huus aufbrach.

Es sei nicht Platz für so viele in einem Zimmer, wo Fräulein Ida sei, meinte er.

Weihnachten kam heran.

Huus reiste wöchentlich einmal in Geschäften nach Randers. Er hatte stets etwas für Frau Bai zu besorgen; ihr Mann durfte es aber nicht hören. Die beiden flüsterten drinnen in der Wohnstube lange Zeiten, wenn Huus mit dem Zuge gekommen war.

Katinka meinte sich seit vielen Jahren nicht so auf Weihnachten gefreut zu haben wie dies Jahr.

Das lag auch am Wetter.

Es war heller, klingender Frost geworden, und Schnee bedeckte die Erde.

Wenn Huus in Randers gewesen war, blieb er auf der Station zum Tee. Er kam mit dem Achtuhrzuge. Frau Bai sass oft noch im Dunkeln.

„Wollen Sie ein wenig spielen?“ sagte er.

„O — ich kann nur die paar — —“

„Aber wenn ich die nun gern hören möchte ...“ Er sass auf einem Stuhl in einer Ecke neben dem Sofa.

Katinka spielte ihre fünf Stücke, die alle einander glichen. Es fiel ihr sonst nie ein, jemandem etwas vorzuspielen. Aber Huus sass so still in seiner Ecke — dass man ihn gar nicht bemerkte. Und dann war er auch ganz unmusikalisch.

Wenn sie gespielt hatte, blieben sie oft eine Weile sitzen, ohne ein Wort zu sprechen, bis Marie mit der Lampe und dem Teegeschirr kam.

Nach dem Tee nahm Bai den Verwalter mit ins Büro.

„Männer müssen auch mal unter sich sein,“ sagte er.

Wenn sie allein waren, Huus und er, erzählte Bai Frauenzimmergeschichten.

Er hatte auch nichts anbrennen lassen, damals ... als er die Kriegsschule besuchte, und „Kopenhagen hatte Weiber — das ist zurückgegangen ... Sie sollen jetzt ja wohl nach Russland gehen ... Ja, das mag gern sein ... zurückgegangen ist es ... Wenn man die Kamilla — Kamilla Andersen gekannt hat — braves Mädchen — brillantes Mädchen — es nahm ein trauriges Ende mit ihr ... sie stürzte sich aus dem Fenster ... Ein ehrgeiziges Mädchen.“ Bai blinzelte mit den Augen. Huus tat, als begriffe er Kamillas Ehrgeiz.

„Sehr ehrgeiziges Mädchen ... kannte sie, brillant.“

Bai schwatzte die ganze Zeit. Huus rauchte seine Zigarre und sah nicht besonders interessiert aus.

„Ich frage ja auch die jungen Leute,“ fuhr Bai fort, „die zu den Ferien in die Pfarre kommen: ‚Was habt ihr jetzt für Frauenzimmer in Kopenhagen? Ist es was Gutes?‘ ‚Kleine Mädel, alter Freund, kleine Mädchen, ja, sie gehen alle nach Russland,‘ sagen sie — und das ist schon möglich.“

Huus äusserte keine Ansicht, wohin die Mädchen gingen. Er sah nach der Uhr.

„Es ist wohl Zeit,“ sagte er.

„Ach — was ...“

Aber Huus musste fort: er habe dreiviertel Stunde Wegs ...

Sie gingen zu Frau Bai hinein.

„Wollen wir Huus nicht begleiten?“ sagte sie. „Das Wetter ist so schön ...“

„Gut — schon um uns die Beine ein bisschen zu vertreten.“ Sie begleiteten ihn.

Katinka ging an Bais Arm; Huus an ihrer anderen Seite. Der Schnee auf dem Wege knirschte unter ihren Füssen.

„Wieviel Sterne da in diesem Jahr sind!“ sagte Katinka.

„Ja, Tik, viel mehr als voriges Jahr.“ Bai war immer angeregt, wenn er unter seinesgleichen gewesen war.

„Ja, wirklich,“ sagte Katinka.

„Merkwürdig ist es mit dem Wetter,“ bemerkte Huus.

„Ja,“ sagte Bai, „diese Kälte schon vor Weihnachten.“

„Und die hält über Neujahr hinaus.“

„Meinen Sie ...“

Dann schwiegen sie, und als sie wieder sprachen, war die Unterhaltung ähnlich.

Bei der Biegung des Weges verabschiedeten Bais sich.

Frau Bai summte auf dem Heimweg eine Melodie vor sich hin. Als sie nach Hause kamen, blieb sie in der Tür stehen, während Bai die Handlaterne holte und das Gleis für den Nachtzug inspizierte.

Er kehrte zurück. „So,“ sagte er.

Katinka sog tief atmend die Luft ein.

„Wie herrlich die Kälte ist,“ sagte sie und zerteilte mit der Hand ihren eigenen Atem in der Luft.

Sie traten ein ...

Bai lag im Bett und rauchte einen Zigarrenstummel. Dann sagte er:

„Ja — Huus ist wirklich ein netter Mensch ... aber er ist ein Philister.“

Frau Bai sass vor dem Spiegel. Sie lachte.

Aber Bai vertraute Kjär an, er glaube wirklich nicht, dass Huus sich auf Frauenzimmer verstehe.

„Ich fühle ihm so manchmal auf den Zahn — sehen Sie,“ sagte er, „abends, wenn er bei uns ist ... Aber ich glaube bei Gott nicht, dass er sich sonderlich auf Frauenzimmer versteht.“

„Na, alter Bai,“ erwiderte Kjär, und sie schlugen sich gegenseitig auf die Schulter und lachten, „es können ja nicht alle Kenner sein.“

„Nein — glücklicherweise nicht ... Und Huus — ich glaube bei Gott nicht ...“

Sie wurden zum Kaffee gerufen.

Während der letzten Tage vor Weihnachten ging es auf der Station heiss her. Das war ein Bringen und Holen. Niemand wollte auf den Postboten warten.

Fräulein Abels verschickten Gratulationskarten und fragten nach Paketen.

Fräulein Jensen brachte eine Zigarrenkiste, zu deren Verschluss sie eine ganze Stange Siegellack verbraucht hatte.

„Meiner Hände Arbeit, Frau Bai,“ sagte Fräulein Jensen. Ihrer Hände Arbeit war für ihre Schwester bestimmt.

Frau Bai sagte: „Frau Abel war ja gestern in Randers.“

„Das machen die Zinsen,“ sagte Fräulein Jensen spitz, „die jetzt ins Haus gekommen sind ...“

„Sie war so beladen, als sie wiederkam.“

„Das glaube ich wohl.“

„Sie sind doch am Weihnachtsabend bei Abels?“

„Nein ... wir wohnen zwar Tür an Tür, Frau Bai ... aber Abels haben immer genug mit sich zu tun ... Früher bin ich ja immer bei Lindes in der Pfarre gewesen ... aber Abels,“ fuhr Fräulein Jensen fort — „ach nein, das ist alles nichts —“

Frau Bai lud Fräulein Jensen ein, doch bei ihnen fürlieb zu nehmen.

Sie brachte es abends an, als Bai von der Nachtinspektion kam. „Matthias,“ sagte sie — bei gewagteren Mitteilungen sagte sie immer Matthias — „ich habe die kleine Jensen zum Weihnachtsabend einladen müssen ... sie kann ja nicht zu Lindes gehen ...“

„Na — meinetwegen.“ — Bai hasste ‚den kleinen Perückenstock‘, — „wenn du nur deine Altjungferngesellschaft hast!“

Bai ging im Zimmer auf und ab.

„Will sie nicht zu Abels?“ fragte er.

„Das ist es ja gerade — sie haben sie ja nicht eingeladen, Matthias ...“

„Na, daran haben sie weiss Gott recht getan,“ erwiderte Bai, indem er die Stiefel von sich warf. „Na — es ist ja dein Vergnügen.“

Frau Bai war froh, dass sie es von der Seele hatte.

Fräulein Jensen kam am Weihnachtsabend um halb sechs mit Spankorb und Mops.

Sie bat um Entschuldigung wegen ihres Bel-Ami.

„Er ist ja sonst bei Abels — ich lasse ihn ja sonst immer bei Abels ... aber heute abend ... verstehen Sie — hätte ich es sehr ungern getan ... Aber er stört niemanden ... er ist ein stilles Tier.“

Bel-Ami wurde auf einer Decke in der Schlafkammer untergebracht. Dort blieb er. Er litt an Schlafsucht und machte sich nur durch sein Schnarchen bemerkbar.

„Er schläft mit gutem Gewissen,“ sagte Fräulein Jensen, indem sie Manschetten und Kragen aus dem Spankorb herausholte.

Bel-Ami war nur lästig, wenn es nach Hause ging. Er hatte absolut jede Lust zur Bewegung verloren. Bei jedem zehnten Schritt stand er still und heulte, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt.

Wenn es niemand sah, nahm Fräulein Jensen ihn auf den Arm und trug Bel-Ami.

Sie assen um sechs. Der Baum stand in einer Ecke. Der kleine Bentzen hatte sich einen Hahnenkamm gebürstet und war im Konfirmationsrock.

Er ass wie ein Wolf.

Bai füllte fortwährend die Gläser und stiess mit Fräulein Jensen und Bentzen an.

„Na — Prost, Fräulein Jensen. — Prost, mein guter Bentzen — es ist nur einmal im Jahr Weihnachten,“ sagte er. Er schenkte unaufhörlich ein.

Der kleine Bentzen wurde rot im Gesicht wie ein Hummer.

„Wir trinken ja wie die Heiden,“ sagte Fräulein Jensen.

Die Tür zum Büro stand offen. Der Telegraph hämmerte unablässig.

Die Kollegen wünschten einander fröhliche Weihnachten an der Strecke entlang. Bai ging hin und her und antwortete.

„Grüsse von mir,“ sagte Katinka.

„Fröhliches Fest von Mundstrup,“ rief Bai vom Apparat.

„Ja,“ sagte Fräulein Jensen, „das ist es, was ich meinen Schülern immer sage: ‚Unsere Zeit hat die Entfernung aufgehoben.‘ Das sage ich so oft zu ihnen.“

Beim Dessert wurde Fräulein Jensen lebhaft. Sie nickte sich selbst im Spiegel kindlich zu und sagte „Prost!“

Fräulein Jensen trug einen neuen Chignon, den sie sich selbst zu Weihnachten geschenkt hatte. Sie trug jetzt Haare in drei Nuancen.

Fräulein Jensen wurde nach und nach vergnügt über sich selbst.

Nach Tisch, während der Baum angezündet wurde, versuchte der kleine Bentzen in der Küche über Marie, das Dienstmädchen, Bock zu springen.

Katinka ging still umher und liess sich gute Zeit beim Anzünden. Sie wollte wohl auch ein wenig allein sein.

„Gott mag wissen, ob Huus unser Paket bekommen hat,“ sagte sie. Sie stand auf einem Stuhl und zündete mit einer Wachskerze die Lichte an.

Im letzten Augenblick nahm sie ein Fischü von ihrem Tisch — sie hatte es von einer ihrer Schwestern bekommen — und legte es für Fräulein Jensen hin. Es sah so ärmlich aus auf Fräulein Jensens Platz; sie teilte das Sofa mit dem kleinen Bentzen.

Katinka öffnete die Tür zum Büro, und alle kamen zum Baum herein.

Sie gingen umher und besahen ihre Geschenke und dankten halb verschämt. Fräulein Jensen holte kleine Pakete in Seidenpapier aus ihrem Spankorb und legte sie ringsherum auf die Plätze.

Marie, das Mädchen, kam in einer weissen Schürze herein. Sie ging mit ihren eigenen Geschenken im Arm herum und befühlte alle Gegenstände.

Der Achtuhrzug wurde expediert, und sie sassen wieder in der Stube. Der Christbaum brannte noch immer in seiner Ecke.

Es war sehr warm und qualmig drinnen von den vielen Lichten am Baum.

Bai kämpfte fast mit dem Schlaf und sagte: „Man wird schachmatt von all dem Festieren, Fräulein Jensen. Die Weihnachtsfreude sättigt,“ fügte er hinzu.

Sie waren alle schläfrig und sahen nach der Uhr. Die beiden Damen begannen immer wieder von den Geschenken zu sprechen und wie sie gearbeitet seien.

„Ich glaube, ich werde hineingehen und sehen, wie man die Welt regiert hat,“ sagte Bai. Er schlüpfte in sein Kontor. Der kleine Bentzen sass auf einem Stuhl unter dem Pfeifenbrett und schlief.

Die beiden Damen blieben allein, sie sassen in einer Ecke am Klavier vor dem Baum und waren sehr schläfrig.

Sie waren einen Augenblick eingeschlummert und fuhren bei einem Knistern am Baum erschreckt auf. Einer der Zweige brannte.

„Die Lichte sind bald heruntergebrannt,“ sagte Katinka, indem sie das Feuer löschte.

Die Lichte begannen nach und nach auszubrennen, und der Baum wurde dunkel. Sie sassen wieder ganz wach da und blickten auf den erloschenen Baum — nur ein paar Lichte brannten noch schwach.

Sie wurden beide von derselben stillen Schwermut ergriffen, indem sie die letzten kleinen Lichte ansahen, denn es war ihnen, als ob diese den dunklen, toten Baum nur noch mehr hervorhoben.

Fräulein Jensen begann zu sprechen ... Anfangs hörte Katinka kaum, was sie sagte; sie hing ihren eigenen Gedanken nach über ihre Angehörigen und über Huus.

Katinka wusste nicht, weshalb sie den ganzen Abend so viel an Huus gedacht hatte — die ganze Zeit war er ihr nicht aus den Gedanken gekommen.

Die ganze Zeit. — —

Sie nickte Fräulein Jensen zu und tat, als ob sie zuhöre.

Fräulein Jensen sprach von ihrer Jugend und fing dann urplötzlich an, die Geschichte ihrer Liebe zu erzählen. Sie war bereits mitten in der Erzählung, als Katinka aufmerksam wurde und sich wunderte, wie Fräulein Jensen dazu kam, dies jetzt und gerade ihr zu erzählen ...

Es war die ganz einfache Geschichte einer Liebe, die nicht erwidert wurde. Sie hatte geglaubt, sie sei die Erkorene, und dann war es ihre Freundin gewesen.

Fräulein Jensen sprach halblaut in einem und demselben ruhigen Ton. Das Taschentuch hatte sie in der Hand, und mitunter schluchzte sie ein wenig und führte es über die Wangen.

Katinka wurde nach und nach gerührt. Dann dachte sie daran, wie die kleine, runzelige Person wohl in ihrer Jugend ausgesehen haben mochte ... vielleicht hatte sie doch eine nette, kleine Figur gehabt.

Und jetzt sass sie hier verlassen und allein.

Katinkas Herz wurde ganz beklommen, und sie ergriff Fräulein Jensens Hände und streichelte sie sanft.

Das alte Fräulein weinte heftiger unter dieser Liebkosung; Katinka fuhr fort, ihre Hände zu streicheln.

Die letzten Lichtstumpfe brannten herab, und der Christbaum stand ganz finster da.

„Und doch muss eine alleinstehende Frau sich durchs Leben schlagen,“ sagte Fräulein Jensen, „was für Schlingen man ihr auch um die Füsse legt.“

Fräulein Jensen war wieder bei dem Prediger und seinen „Worten“ angelangt.

Katinka liess Fräulein Jensens Hand los ... Es schien ihr, als sei es ganz kalt und unheimlich um den erloschenen Baum geworden.

Bai machte die Tür zu dem hell erleuchteten Büro auf. Es war ein reitender Bote gekommen, der ein Paket von Huus brachte.

„Die Lampe, Marie!“ rief Katinka und lief mit dem Paket in das Büro.

Es war ein sehr schöner, mit Goldfäden durchschossener filierter Schal darin, ein grosser Schal, der sich wie nichts zusammenlegen liess. Katinka stand starr mit dem Schal in der Hand; sie freute sich so sehr darüber. Sie hatte einen ganz ähnlichen gehabt, und den hatte sie sich vor ein paar Wochen versengt ...

Aber dieser war viel schöner ...

Und sie stand immer noch mit dem Schal in der Hand da.

Bai war jetzt wieder munter. Er hatte das Festmahl ausgeschlafen, und sie tranken alle ein paar Gläser echten Rum im Tee.

Der kleine Bentzen wurde so selig, dass er in seine Kammer lief und einige Gedichte holte, die er auf viele Stücke Papier, hinten auf alte Tarife und Rechnungen geschrieben hatte.

Er las sie vor, so dass Bai sich vor Lachen auf den Bauch schlug, Katinka sass da und lächelte, in Huus’ feinen Schal gehüllt.

Fräulein Jensen spielte schliesslich einen Tiroler Walzer, und der kleine Bentzen eilte halb verlegen in die Küche hinaus und walzte mit Marie, dass sie kreischte.

Sie mussten alle helfen, Bel-Ami aufzuwecken, als Fräulein Jensen gehen wollte; er wollte durchaus nicht von seiner Decke herunter, und Bai trat ihn auf den Schwanzstummel, als Fräulein Jensen sich umdrehte.

Der kleine Bentzen sollte sie nach Hause bringen, aber Fräulein Jensen, die im Dunkeln ängstlich wie ein Hase war, wollte allein gehen.

Fräulein Jensen mochte ihren Bel-Ami nicht tragen, wenn es jemand sah.

Sie gaben ihr alle das Geleit bis zur Perrontür und riefen „Fröhliche Weihnacht! Fröhliche Weihnacht!“ hinaus über die Hecke.

Bel-Ami heulte mitten auf dem schneebedeckten Wege. Er rührte sich nicht von der Stelle.

Als Fräulein Jensen sah, dass alle wieder ins Haus getreten waren, beugte sie sich hinab und nahm Bel-Ami unter den Arm.

Fräulein Jensen war wie eine Eskimofrau eingehüllt, als sie in der Christnacht heimwärts ging.

Katinka öffnete die Fenster in der Wohnstube, so dass die schneidende Luft hereinströmte.

„Hm, die kleine Kruke!“ sagte Bai. Er war ganz menschenfreundlich froh, die kleine Jensen heute abend bei sich gehabt zu haben.

„Die Ärmste!“ sagte Katinka. Sie blieb am Fenster stehen und sah über die weissen Felder in die Nacht hinaus.

„Man sollte nicht glauben, dass du über Husten klagst,“ sagte Bai. Er schloss die Tür zum Schlafzimmer.

Bentzen ging über den Perron in seine Kammer.

„Sie nahm den Mops auf,“ sagte er. Er hatte sich hinter der Hecke versteckt, um diese Begebenheit zu sehen. „Fröhliche Weihnacht, Frau Bai ...“

„Fröhliche Weihnacht, Bentzen!“

Es wurden einige Türen geschlossen, und dann war es ganz still.

Nur hin und wieder vernahm man ein feines Summen in den Telegraphendrähten.

Katinka stand draussen und fütterte die Tauben, ehe sie in die Kirche gingen. Der Himmel war hoch, die Luft ruhig, und vom Walde her ertönten die Glocken. Ringsumher auf den weissen Feldern sah man die Bauern, die im Gänsemarsch auf den geschaufelten Stiegen zur Kirche gingen.

Sie warteten in Gruppen vor der Kirche und wünschten einander ein fröhliches Fest. Die Frauen reichten sich die Spitzen der Finger und flüsterten miteinander.

Dann standen sie still und blickten sich gegenseitig an, bis eine neue in ihren Kreis trat.

Bais kamen etwas spät, und die Kirche war schon voll. Katinka nickte Huus, der dicht an der Tür stand, ein „Frohe Weihnachten“ zu und begab sich auf ihren Platz.

Sie teilte den Kirchenstuhl mit Abels, dicht hinter Pastors.

Die Küken Abel verschwanden in Schleiern und phantastischen Schleifen.

Frau Linde hatte an den grossen Opfertagen die Augen im Nacken. Sie kleidete sich und das Fräulein Tochter für die Eingänge an den Opfertagen und die nüchternen Kälber.

Das Fräulein ging nie in die Kirche, wenn „ein Tellerwalzer am Altar“ stattfand.

Die Bauern sangen die alten Weihnachtslieder, und nach und nach fiel gross und klein mit ein. Es klang so stark und froh unter den Gewölben. Die Wintersonne schien hell durch die Fenster auf die weissen Wände. Der alte Linde sprach von den Hirten auf dem Felde und von den Menschen, denen heute der Heiland geboren sei, in einfachen, schlichten Worten, so dass sich ein Friede der Einfalt auf seine Kirche niedersenkte.

Katinka blieb in Weihnachtsstimmung, während der Opferzug der Bauern sich in langer Reihe um den Altar hinzog. Die Männer gingen steif und schwerfällig auf den Fliesen und kehrten auf ihren Platz zurück, ohne eine Miene verzogen zu haben.

Die Frauen gingen geniert und mit roten Köpfen, starr auf das zusammengelegte Taschentuch schauend, vorüber.

Frau Lindes Augen hafteten unablässig auf den ausgestreckten Händen am Altar.

Frau Linde war seit fünfunddreissig Jahren Predigerfrau, und an unzähligen Opfertagen war sie anwesend gewesen. Sie sah es den Händen an, was jeder erlegte.

Die Hände kamen mit einer anderen Bewegung aus den Taschen, wenn sie wenig und wenn sie viel auf den Altar niederlegten.

Frau Linde veranschlagte die Opfer auf die eines Durchschnittsjahres.

Vor der Kirche trafen Bais den Verwalter. Man atmete draussen in der frischen Luft auf, und allgemein wünschte man sich von neuem ein fröhliches Weihnachtsfest.

Der Pastor kam mit dem Opfergeld in einem zusammengebundenen Taschentuch, und alle grüssten und knixten.

„Nun, Fräulein Jensen, dann wünschen wir einander wohl fröhliche Weihnachten,“ sagte der alte Pastor.

Katinka ging mit Huus durch die Kirchhofspforte. Bai blieb mit Kjär ein wenig zurück, so dass die beiden allein auf dem Wege dahingingen.

Die Sonne lag auf den hell glitzernden Feldern; hier und dort auf den Höfen hatte man Flaggen aufgezogen.

Ringsumher zogen die Kirchgänger in Scharen heim. Katinka klangen noch die Weihnachtslieder im Ohr, sie fühlte alles wie in froher Festfreude.

„Weihnachten ist herrlich,“ sagte sie.

„Ja,“ sagte Huus, und legte seine ganze Überzeugung in dies Ja. „Und der Prediger hat auch sehr schön gesprochen,“ fügte er nach einer Weile hinzu.

„Ja,“ sagte Katinka, „es war eine schöne Predigt.“

Sie gingen eine Strecke, dann sagte Katinka: „Aber ich habe Ihnen noch gar nicht gedankt für den Schal ...“

„O — keine Ursache!“

„Doch! Ich habe mich so gefreut ... Ich hatte früher einen ähnlichen und der ist halb verbrannt.“

„Ja, das weiss ich doch ... Sie hatten den Schal um, als ich ankam!“

Katinka wollte erwidern: „Wie ist das möglich, dass Sie das sahen?“ — aber sie sprach es nicht aus. Sie wusste auch nicht, weshalb sie plötzlich errötete, und zum erstenmal merkte sie, dass sie nichts sagten, und sie suchte nach etwas, um das Schweigen zu brechen.

Sie kamen hinab zum Walde, und die Glocken der Filialkirche läuteten. Es war, als ob die Glocken heute gar nicht zu klingen aufhören wollten.

„Sie gehen doch mit uns,“ sagte Katinka, „und nehmen uns nicht das Weihnachtsfest.“

Sie standen auf dem Perron und hörten auf die Glocken, während sie auf Bai warteten.

Huus blieb den ganzen Tag da.

Als Bai sich an den Tisch setzte, der im Damasttuch und mit vielen Glasschalen prunkte, sagte er: „Ja — man hat es am besten in der Familie.“

Der kleine Bentzen rief: „Ja!“ und lachte vor Vergnügen.

Huus sagte nichts. Er sass, wie Katinka zu sagen pflegte, nur da und schaute freundlichen Blickes drein.

Und den ganzen Tag ruhte eine stille Freude über dem Hause.

Abends spielten sie Whist. Der kleine Bentzen war der vierte Mann. — —

Im Pfarrhof nahm man das Opfergeld aus den Papieren und zählte es. Frau Linde war enttäuscht. Das Opfer war bedeutend unter einem Durchschnittsjahr.

„Wie kommt das, Linde?“ fragte sie.

Der Pastor sah nachdenklich auf die vielen kleinen Münzen.

„Wie das kommt? Die Leute glauben, wir leben wie die Lilien auf dem Felde.“

Frau Linde machte eine Pause und zählte zum letztenmal die ganzen Kronen.

„— mit Familie,“ schloss Frau Linde.

„Na, mein Kind,“ sagte der alte Linde, „lass uns wenigstens dankbar sein für die Einrichtung des Zehnten.“

Das Pfarrerfräulein und Pastor Andersen amüsierten sich damit, die Möbel im Salon umzustellen. Sie spielten Krocket.

„Ich gehe Mutter aus dem Wege,“ sagte Fräulein Agnes. „Alle unedleren Elemente sind an den grossen Opfertagen bei Mutter in Aufruhr.“

Das Weihnachtsfestverrann. Katinka meinte seit langem, seit sie von Hause fort war, kein so schönes, gemütliches Weihnachten gehabt zu haben. Nicht, dass etwas Besonderes oder mehr als sonst geschehen war: sie waren mit Huus und einigen anderen Leuten bei Lindes gewesen, und Fräulein Linde und der Kaplan kamen eines Abends mit Kjär und Huus zu ihnen. Fräulein Abels waren zum Nachmittagszug dagewesen und wurden auch ins Haus gebeten, und nach dem Achtuhrzug tanzten sie im Wartesaal und sangen dazu.

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