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Heiko Werning

Mein wunderbarer Wedding

Geschichten aus dem Prekariat

FUEGO

- Über dieses Buch -

Nach dem Überraschungserfolg mit seinem Debüt »In Bed with Buddha«, einem episodischen Entwicklungsroman, der den Autor aus dem behüteten Elternhaus im heimischen Münster ins Krisengebiet Wedding führte, weil dort zufällig was frei war, jetzt also Geschichten aus dem Problembezirk selbst, wo goldkettchenbehängte in makellosem Weiß gekleidete Jungtürken breitbeinig den Bürgersteig einnehmen und auf gefährlich machen, aber einem dann doch nur helfen, die gesuchte Adresse zu finden, wo ein türkischer Wirt mit deutschem Essen eine Marktlücke entdeckt zu haben glaubt, wo Friedrich der Große in voller Montur herumläuft, ohne daß jemand Anstoß daran nimmt, wo Dönerverkäufer, Kleinkriminelle, Säufer, Finanzbeamte und religiöse Spinner aller Irrglaubensrichtungen sich tummeln und in Wernings Geschichten unsterblich werden.

Werning, von Haus aus Reptilienforscher, hat das gemacht, was er gelernt hat: seine Umgebung und ihre Geschöpfe beobachtet und seine Beobachtungen aufgeschrieben, die geprägt sind von schöner Selbstironie und Lakonie.

»Eigentlich möchte man jede zweite Zeile zitieren, man möchte diese Sätze wegen ihrer Genauigkeit immer mit sich herumtragen und sagen: Die hat jemand geschrieben, der die Dinge von ihrem Inneren heraus erforscht. Ein Wilder unter Wilden, der sich auch gerne mal darüber amüsiert, wie der Blick von außen auf seine Heimat fällt.«

Jule D. Körber/Literaturkritik.de

»Das wahre Leben schreibt keine Geschichten. Das müssen schon die Autoren tun. Wenn sie so gut wie Heiko Werning sind, vermitteln sie den Eindruck, das Leben sei am Erzählen ...«

Alexander Reich/junge welt

»Ein Büchlein, das die Augen für Alltägliches am Rande des Glitzers und der Hektik öffnen kann.«

Tagesspiegel

Inhalt

Über dieses Buch

Offener Brief an Angela Merkel

200 Wochen Hinterhaus, 3. Stock

Restaurant Seestraße 606

Mein Migrationshintergrund

Meine Wohngemeinschaft

Haus Bottrop

Entfesselte Leidenschaft

Tage im Februar

Der Kapuzenmann

Die Wahrheit ist das höchste Gut

Krasse Mooves

Natürlich im Fernsehen

Bei meinem Libanesen

Mich wundert es ja kein bisschen, dass dieser ganze Kapitalismus allmählich zusammenbricht

Wie ich einmal fast zum Steuerflüchtling geworden wäre

Nachbarschaftshilfe

Das Kind spricht nicht

Wir Steuerhinterzieher

Telefon-Spam

Durch den kommenden In-Bezirk

Unerwünschte Mitbewohner

Im Finanzamt Wedding

Beim Orthopäden

Die Anforderungen zur Vergabe von Ausbildungsplätzen scheinen mir manchmal doch etwas hoch angesetzt

Brötchenzange

Der Seoul-Imbiss

Der erste Elternabend

Christenalarm

Busfahrer Superstar

Ostern in der Unterschicht

Wie wir mal ein Zeichen Gottes waren

Rattenhimmelfahrt

Nachbarschaftsgespräche

Wedding am Ende

Auf ein gutes neues Jahr

Über den Autor

Über Fuego

Impressum

Offener Brief an Angela Merkel

Liebe Angela Merkel!

Das Schöne, wenn man im Berliner Wedding lebt, einem jener verrufenen Viertel der Hauptstadt mit vielen realen und noch mehr von Außenwohnenden angenommenen Problemen ist, dass man nur vor die Tür gehen und die Menschen betrachten muss, und schon bekommt man gute Laune.

Hier zwängen sich Frauen in hautenge Tops, die dem Begriff »bauchfrei« eine ganz neue, geradezu physische Dimension geben, denn dem speckigen Bäuchlein bleibt oft gar keine andere Möglichkeit, als den Weg in die Freiheit zu suchen, alternativlos quillt es wie Zwiebelmettwurst an der offenen Seite des Kunstdarms heraus, wenn man oben mal ordentlich draufdrückt. Männer daneben sind mit ausgefransten Ledermatten behangen und gucken durch die vom U-Bahn-Schacht-Abwind lustig hin und her spielenden Zotteln ihrer Cowboyhüte in die Gegend, während andere so wirken, als seien sie ausgebrochene Exponate eines ZZ-Top-Museums. Migrationshintergründische Jugendgangs tragen bizarre Kopfrasuren zur Schau, blenden den Betrachter mit einem Weiß, bei dem sich die gute alte Tante Clementine schamhaft in ihre Waschküche verkrochen hätte, oder stopfen sich in seltsam aufgeplusterte Jacken, die sie von Weitem aussehen lassen, als würde sich das Michelin-Männchen mit seinen Kumpels zum Plausch treffen. Ältere deutsche Herren sind so zurechtgemacht, als wären sie GIs, die gerade aus dem Irak zurückkehren, und ältere türkische Herren laufen in maßgeschneiderten Anzügen zum Jobcenter, als müssten sie danach noch die Übernahme eines DAX-Konzerns unter Dach und Fach bringen. Ein Mann läuft hier sogar seit Jahren wie Friedrich der Große herum, im vollen preußisch-blauen Wichs, aufwändig geschminkt, mit Dauerwellen-Perücke.

Niemand hat diese Menschen gezwungen, so nach drau­ßen zu gehen. Im Gegenteil: Dem nackten Entsetzen zum Trotz, das ihnen im Rest der Stadt entgegenschlagen würde – sie haben Aufwand und Mühe in Kauf genommen, sich so zurechtzumachen. Viele der Frauen mussten erhebliche körperliche Anstrengungen auf sich nehmen, um den glitzernden Synthetik-Stoff über die Beine zu bekommen, Präzisionsarbeit war erforderlich, um die Hosennaht so exakt zwischen die Schamlippen zu drapieren. Die Islamerjungs bringen ohne Zweifel viele Stunden in der Woche damit zu, mehrmals am Tag ihre Klamotten zu wechseln, damit sie immer im strahlenden Weiß leuchten, ganz zu schweigen von all den Goldkettchen, die abends ordentlich abgelegt und morgens in der richtigen Reihenfolge wieder installiert werden müssen, ohne dass sie sich verheddern.

Kurzum: Es ist der freie Wille all dieser Menschen, so herumzulaufen, es steckt oft viel Liebe zum Detail dahinter, ja, sie mögen das, warum auch immer.

Und dazwischen bewegen sich noch all diejenigen, denen alles egal ist. Die halt mit dem vor die Tür gehen, was gerade dran ist, im Unterhemd, in der Jogginghose, in Textilien, für die ich gar kein passendes Vokabular kenne.

Es ist ihnen wurscht, was andere davon halten, und, das ist das Tolle, den anderen ist es auch völlig wurscht, was die so tragen. Mögen die Hintergründe, die die Menschen hier zu dieser entspannten Einstellung gebracht haben, auch fragwürdig sein – ist es im Ergebnis denn nicht eine wunderbare Vision? Gibt uns der Wedding nicht eine kleine Vorstellung davon, wie eine bessere Welt aussehen könnte? Sicherlich, keine schönere – aber eben eine bessere?

Angela Merkel, vermutlich wissen Sie gar nichts von diesem Viertel, das nur ein paar Minuten von ihrem Wohnsitz und Arbeitsplatz entfernt ist. Kommen Sie doch mal vorbei. Sie können getrost Ihre Bodyguards zu Hause lassen, hier erkennt Sie ohnehin niemand. Freien Wohnraum gibt es genug, Sie könnten einfach einziehen, entspannt hier leben und ausgehen, ganz wie Sie mögen. Mit Ihrer berühmten Topffrisur, die so vielen drittklassigen Kabarettisten und Satirikern lange Jahre Inhalts- und Brotlieferant Nr. 1 war, Sie müssten nicht mehr diesen aufdringlichen, schmierigen, promigeilen Haarschnitzer an sich heranlassen, denn hier gibt es an jeder Ecke ein »cut & go« für nur 10 Euro, und wenn Sie wirklich mögen, könnten Sie Ausschnitt bis zum Bauchnabel zeigen, oder gleich am Plötzensee nackt baden, so wie damals, in Ihrer Uckermark. Sie könnten in dem Abendkleid, das Sie bei dieser Oper in Oslo trugen und das wochenlang die Medien der Republik beschäftigte, beim Imbiss zur Mittelpromenade in der Schlange stehen oder sich beim Lidl ins Dekolleté filmen lassen – niemand würde auch nur aufmerken.

Liebe Frau Merkel, ich weiß, das ist nur eine Idee, ein Hirngespinst. Aber kleiden und frisieren Sie sich doch weiterhin bitte so, wie Sie es mögen, und ignorieren Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten das Geraune und Gejohle drum herum. Und wenn Sie dann wirklich mal kurz eine kurze Verschnaufpause brauchen von diesen lächerlichen Debatten, den hochnotpeinlichen Kommentaren, den voyeuristischen Wichtigtuern, kurzum: diesen ganzen Vollspacken der Regenbogenpresse von Spiegel bis Bild, dann schmeißen Sie sich einfach Ihr liebstes Abendkleid über oder Ihren bequemsten Bademantel, ziehen Sie sich hochhackige Lederstiefel bis zum Arsch an oder Ihre Adiletten, und kommen Sie zu uns gefahren, es sind bis zum U-Bahnhof Seestraße nur sechs Stationen mit der U6, das ist diese Linie in der Farbe Ihres Oslo-Kleides, und dann trinken Sie hier einen Kaffee oder essen einen Döner, ganz wie Sie wollen – es interessiert hier keine Sau.

Herzliche Grüße,

Ihr

Heiko Werning

200 Wochen Hinterhaus, 3. Stock

1. Woche

Die Menschen, die heute durch den Innenhof laufen, sehen so derart normal aus, dass mir gleich klar ist: Die sind nicht von hier. Zwei ganz gewöhnliche Männer Mitte 40, wie aus einer ZDF-Familienserie. Keine Ausländer, keine vom Alkohol ausgezehrten Gesichter und Gliedmaßen, keine Haare bis auf die Schultern, keine flächenfüllenden Tattoos auf den Armen, nirgends Metall – so was haben wir hier sonst nicht. Misstrauisch schauen die Nachbarn aus den Fenstern.

Dann betritt das junge Paar die Szene. Ein bisschen flippig gekleidet, so wie junge Paare in der Fernsehwerbung immer aussehen, so, wie sich Werbeagenturen und Werbegucker ein bisschen flippige Adoleszenten halt vor­stellen, mit dem am Körper, was H&M für ein bisschen flippige Adoleszenten auf der Stange hat – so was haben wir hier eigentlich auch nicht.

Der Fall ist klar: Westdeutsche ziehen ein.

Und tatsächlich: Nach ein paar Minuten gehen sie wieder durch den Hof zur Straße, um bald darauf mit Kisten und Gerät wieder- und wiederzukehren. Das junge Paar zieht in unser Haus, und die Väter helfen beim Einzug. Was die wohl in den Wedding getrieben hat? Wahrscheinlich diese eigenartige Verwaltungsreform, in deren Folge die ehemaligen Bezirke Wedding, Tiergarten und Mitte zu einem neuen, großen, gemeinsamen Bezirk Mitte zusammengefasst wurden. Seither kann jeder Makler den Provinzdeppen selbst den Leopoldplatz als Berlin-Mitte verkaufen, und die Zugezogenen halten die Zwitscherklause für ein abgefahrenes In-Lokal im Retro-Design.

Wie dem auch sei, die beiden Männer wirken doch manchmal leicht verunsichert, wenn sie auf den bröselnden Putz im Treppenhaus blicken oder auf das Graffiti, auf das kleine Elektroschrottlager neben den Mülltonnen oder die großteils mit Paketband zugeklebten Briefkästen. Einer davon gehört jetzt ihren Kindern. Mit dem Teppichmesser schneiden sie ihn frei. Die Werbezettelausträger werden sich freuen.

Die Väter bleiben das Wochenende über, man hört es bohren und sägen und schleifen aus den Fenstern im dritten Stock.

Die Hausgemeinschaft ist skeptisch. Wie lange die es wohl aushalten hier? Aber wir wissen noch zu wenig, um begründete Schätzungen abgeben zu können. Da bleiben nur die Erfahrungswerte mit den Vorgängern. Akshat, unser Hausmeister, und ich einigen uns auf fünf Monate, danach Umzug nach Prenzlauer Berg.

6. Woche

Das junge Paar schlägt sich tapfer. Es trägt Getränkekisten nach oben, Tannenzäpfle-Pils, Weinflaschen, sogar diese kleinen grünen Fruchtsaftkisten. Es kommt mit Reichelt-Tüten heim. Mal lugen Lauchstangen heraus, mal liegen Salatköpfe obenauf. Sie haben so ein lustiges braunes Biomülleimerchen, mit dem sie zum lustigen großen Biomülleimer gehen, wo sie dann ihre Kaffeefilter und Kartoffelschalen auf die darin liegenden Plastiktüten voll Hausmüll kippen.

Ich werde ganz nostalgisch. Ich war ja auch mal jung. Ich habe auch mal Müll getrennt. Habe auch mal Fruchtsaftkisten getragen. Fast gerührt blicke ich den beiden nach, wie sie im Hauseingang verschwinden.

8. Woche

Als ich nachts aufwache und in die Küche gehe, um etwas zu trinken, sehe ich durch das Fenster, wie sie im Morgengrauen durch den Hof nach draußen entschwinden. Richtung Uni. Zur Acht-Uhr-Vorlesung. Schaudernd lege ich mich wieder schlafen.

14. Woche

Im Treppenhaus hängt ein Zettel. In schöner, großer Mädchenhandschrift steht da: »Liebe Nachbarn! Wir feiern am Samstag unseren Umzug nach Berlin mit einer großen Einweihungsparty. Dazu sind Sie alle herzlich eingeladen, kommen Sie doch einfach vorbei. Und sehen Sie es uns bitte nach, wenn es nachts etwas lauter werden sollte. Ihre Nachbarn aus dem Hinterhaus, dritter Stock, Julian Kessler und Birthe Langmeier«. Fassungslos blickt Akshat mich an. »Von so was hat ein Freund mir mal erzählt«, sage ich, »aber der wohnt im Friedrichshain.«

30. Woche

Sie lassen das Fenster beim Sex jetzt geöffnet. Ich glaube, sie leben sich langsam ein.

42. Woche

Statt der Reichelt-Tüten tragen sie immer häufiger die in Alu-Folie eingeschlagenen, dreieckigen Päckchen, oft auch die quadratischen, flachen Pappschachteln. Allmählich sehen die Löcher in ihren Jeans nicht mehr aus, wie neu so gekauft, sondern wie: »Scheiße, kannste eigentlich nicht mehr anziehen, aber egal, hab grade nichts anderes, nächste Woche muss ich aber wirklich mal wieder einkaufen.«

75. Woche

Aus den offenen Fenstern kommt jetzt seltener lustvolles Stöhnen, dafür öfter lautes Gebrüll. Akshat meint, vielleicht bleiben sie doch länger.

130. Woche

Lange schon keine Fruchtsaftkiste mehr gesehen. Überhaupt selten Kisten. Häufig Aral-Tüten. Akshat meint, sie könnten sich ruhig auch mal neue Klamotten kaufen, bei Zeemann seien die doch ganz preiswert. Am Wochenende furchtbarer Lärm aus ihrer Wohnung. Lautes Wummern und Grölen, ohne jede Vorwarnung. Akshat beschwert sich am Montag darauf über Bierflaschen im Innenhof, außerdem habe jemand von oben in den Flieder gekotzt.

186. Woche

Sie kommen mit großen Tüten von H&M nach Hause. Schon das dritte Mal in dieser Woche. Sie sogar mit einer von Douglas.

188. Woche

Heute morgen verließen sie Hand in Hand das Haus. Er im Anzug, mit Krawatte, sie in einem schicken Kleid. Ich glaube, es geht zu Ende.

198. Woche

Akshat hält mir den Zettel vor die Nase. Verdana, Schriftgröße 16, Fettdruck. »Liebe Nachbarn. Am kommenden Samstag feiern wir unser Diplom und unseren Auszug. Falls es lauter werden sollte, bitten wir um Entschuldigung.« Er schüttelt traurig mit dem Kopf: »Sie haben sich einfach nicht richtig integriert.«

199. Woche

Am Samstag sehe ich zwei ältere Männer durch den Hof gehen, Ende 40, erstaunlich normal aussehend. Die gehören hier nicht hin, das sieht man auf den ersten Blick. Sie wirken erleichtert, als sie auf den bröckelnden Putz und die Graffiti blicken. Bald darauf tragen sie Kisten und Gerät aus dem Hinterhaus zur Straße.

200. Woche

Heute morgen hat Akshat einen weiteren Briefkasten mit Paketband abgeklebt.

Restaurant Seestraße 606

Der Standort Seestraße 606 im Wedding scheint kein ganz leichter zu sein für gastronomische Projekte. Jedenfalls hat das Restaurant bei uns im Haus eine sehr wechselvolle Geschichte, und obschon ich mich immer aufrichtig bemüht habe, so stabilisierend wie möglich auf die Umsätze im Vorderhaus einzuwirken, muss ich doch letztlich mein Scheitern eingestehen.

1. Versuch:

Lange Zeit hat Akshat, unser pakistanischer Hausmeister, allen diplomatischen Ressentiments dem Nachbarland gegenüber zum Trotz, dort ein indisches Restaurant unterhalten und sich in der Nachbarschaft sehr beliebt gemacht. Nicht beliebt genug aber, denn er klagte über mangelnden Umsatz. Nun hat er seinen Laden im LSD-Viertel in Prenzlauer Berg neu aufgemacht. »Hier lohnt sich das wenigstens«, sagt er und sieht zufrieden dabei aus, als wir ihn besuchen, um mal wieder ein ordentliches Tandori Chicken zu essen.

2. Versuch:

Als Nachfolger zog ein Inder ein, der möglicherweise auch ganz gut kochen konnte. Genau haben wir es nie herausgefunden, da der Mann über keinerlei Deutschkenntnisse verfügte und dadurch jede Bestellung zu einem unkalkulierbaren Risiko wurde. Nicht nur, dass man nie wusste, was man eigentlich erhielt, es war auch keineswegs garantiert, dass alle am Tisch überhaupt etwas bekamen, denn zählen konnte er leider auch nicht. Womöglich damit in Zusammenhang stand der nächste problematische Aspekt seines Wirtschaftsunternehmens, näm­lich das Kassieren. Da er offenbar weder seine Gerichte noch die Preise kannte und auch keinerlei Beziehung zwischen diesen Dingen herzustellen vermochte, war es jedes Mal eine echte Überraschung, welche Zahl – und es war immer nur eine einzige Zahl – er am Ende auf seinen Notizblock schrieb und auf den Tisch legte. Mal konnte man sich für insgesamt 7 Euro mit drei Personen pumpelsatt essen und reichlich trinken dazu, mal gab es nur drei Gerichte für vier Leute, die dafür aber 25 Euro bezahlen mussten. Reklamationen führten zu einem quälenden Prozess, den ich hier nicht näher schildern möchte, der aber letztlich darin mündete, dass man selbst errechnen musste, was das alles kosten sollte. Und das wiederum war technisch ebenfalls nicht ganz einfach, da man ja gar nicht wusste, was man eigentlich gegessen hatte. Nur beispielhaft sei ein Essen mit meinem Freund Ba­cken erwähnt:

Backen: Ich hatte ein Chicken Curry – äh ... bestellt.

Ich: Und was hast du bekommen?

Backen: Tja. Curry war’s nicht. Eher so etwas in Richtung Madras. Huhn war’s allerdings auch nicht. Vielleicht Lamm?

Ich: OK, hier gibt es Mutton Madras, könnte es das gewesen sein?

Backen: Na ja, vielleicht, obwohl die Zwiebeln, die da stehen, waren nicht dabei.

Ich: Na ja, dann zieh die halt ab.

Der indische Gastwirt schaute dem Spektakel fasziniert zu, manchmal nickte er freundlich zu irgendetwas. Ansonsten schien er sehr gespannt, wie die Dinge sich entwickelten, vielleicht hoffte er auch, durch genaue Beobachtung die Rätsel der Rechnungstellung zu ergründen und wähnte sich schon ganz dicht auf der Spur.

Aber obwohl ich recht optimistisch bin, dass niemand von Akshats ehemaliger Stammkundschaft unseren indischen Lehrling absichtlich über den Tisch gezogen hat, erwiesen sich die Besuche in dem Restaurant einfach als zu mühsam, sodass die Kundschaft nach und nach ausblieb. Gelegentlich versuchte ich es immer mal wieder, aber es wurde nichts besser. Im Gegenteil: Da außer mir offenbar so gut wie niemand mehr dorthin mochte, wurde die Qualität des Essens zunehmend fragwürdiger. Nach einer deutlichen Durchfallattacke im Anschluss an einen Besuch zog auch ich mich schweren Herzens zurück.

3. Versuch:

Rettung schien in Form eines mexikanischen Restaurants zu nahen. Ein Ur-Weddinger Pärchen so um die 60 – Lederwesten mit Nieten, Tätowierungen, reichlich Ohrringe und ein wilder weißgrauer Rockerhaarwuchs – schraubte hoch motiviert Schilder mit der Aufschrift Tequila – mexikanische’s Restaurant und Bar an, tauschte das Mobi­liar im Inneren aus, hängte Corona-Leuchtwerbung ins Fenster und klebte die roten Zettel mit der Aufschrift »Neue Bewirtschaftung« an die Tür. Ich war gespannt, ob im Gefolge auch noch jemand auftauchen würde, der näherungsweise mexikanisch wirkte, aber offenbar mussten die Sombreros an der Wand für die Authentizität genügen. Kurz nach der Neueröffnung aßen wir einmal dort – es war ganz okay. Als wir eine Woche später ein zweites Mal dorthin gingen, begrüßte uns freundlich grinsend der Inder. Wir waren leicht irritiert, aber er legte uns die Tequila-Karten vor. Also gut. Wir bestellten Tacos, freudig nickend verschwand er in der Küche und kam 40 Minuten später mit etwas, das man mit viel gutem Willen als Chili con Carne durchgehen lassen konnte, wieder daraus hervor. In der Woche darauf war die Karte wieder gegen die alte indische ausgetauscht und das mexikanische Restaurant-Innere gegen das alte indische Restaurant-Innere. Nur das große Tequila-Schild am Eingang erinnerte noch an die rätselhafte zweiwöchige mexikanische Episode in unserem Haus. Mangels Sprachkenntnis des überlebenden Beteiligten haben wir leider nie die Geschichte dahinter erfahren.

4. Versuch:

Dann blieb das Restaurant plötzlich geschlossen. Niemand im Haus war überrascht. Abgesehen von mir, einen Tag später, als der DSL-Mann wie immer die Pakete für den ganzen Block gesammelt bei mir abgab. Er stand mit einem großen Schiebewagen vor der Tür und fragte, wo er die etwa schrankgroßen Dinger denn hinstellen sollte. Ein Blick auf die Kartons ließ mich staunen: Es waren Gläser darin und Teller und anderer zerbrechlicher Kram. Offenbar eine neue Restaurant-Ausstattung.

Am Abend tauchte ein etwa 50-jähriger, sehr freundlicher Türke bei uns auf.

»Guten Abend! Ist bei Ihnen etwas für mich abgegeben worden?«, fragte er höflich. Anklagend deutete ich auf die acht mannsgroßen Kisten im Eingangsbereich.

»Oh, ist das alles schon da! Wie schön!«

»Was machen Sie denn damit?«

»Ich habe das Restaurant vorne im Haus übernommen.«

»Oh. Na dann, viel Glück. Lief ja nicht mehr so gut die letzte Zeit.«

»Aber bei mir wird alles viel besser. Ich habe schon 15 Jahre Erfahrung in der Gastronomie!«

»Ach ja?« Das interessierte mich ja nun tatsächlich mal.

»Ja, ich habe sogar mal im Grunewald gekellnert!«

Ich war beeindruckt. »Und? Welche Art Restaurant wollen Sie machen?«

»Na ja«, sagte der Türke, »Türkisch gibt es hier in der Gegend ja schon so viel. Und dann habe ich mich mal ein bisschen umgeguckt und gesehen, Indisch gibt es auch, und ganz viel Asiatisch, und Arabisch. Und Pizza! Sogar Afrikanisch! Gibt es alles hier! Und da habe ich gedacht: Da mache ich doch Deutsch, das hat hier keiner, da bin ich der Einzige.«

Ich war noch beeindruckter. »Aha. Und, äh, inwiefern Deutsch?«

»Na, deutsche Küche! Ist doch eine echte Marktlücke! Und außerdem: Deutsch ist am einfachsten. Da kann man einfach drei Saucen vorbereiten, Sauce braun, Sauce mit Pilzen, Sauce braun zwei, kann man gut Montagmorgen machen, hält die ganze Woche, ist ganz einfach. Türkisch ist ja viel aufwändiger, Asiatisch erst recht. Ich mache gute deutsche Küche!«

Ich wünschte ihm alles Gute.

Mein Migrationshintergrund

Ich saß beim Türken, mit meiner zukünftigen türkischen Mitbewohnerin, im vielleicht türkischsten Teil Berlins, und der Türke des Türken kam an unseren Tisch und sprach meine zukünftige türkische Mitbewohnerin an. Auf Türkisch.

»Sprich gefälligst Deutsch«, fauchte meine zukünftige türkische Mitbewohnerin den Türken des Türken an, der, sichtbar erschrocken, sich vermutlich entschuldigte, allerdings vor Schreck versehentlich erneut auf Türkisch, was meine zukünftige türkische Mitbewohnerin nun erst recht aufbrachte und sie den Türken vom Türken anbrüllen ließ: »Wir sind hier in Deutschland, also sprich Deutsch, du Scheißtürke!«

Der Scheißtürke gescholtene Türke vom Türken war nun erschrocken, beschämt und wütend zugleich und parierte, praktisch akzentfrei, aber mit doch etwas gebrochener Logik: »Scheißtürke? Du hast mich einen Scheiß­türken genannt? Du bist doch selbst Scheißtürkin! Und Rassistin! Du glaubst wohl, du bist was Besseres, du Deutsche! Du deutsche Scheißtürkin!«

Dann verschwand er wutschnaubend hinter seinen Tresen, von wo er noch nachsetzte: »Außerdem bist du ja nicht mal richtig Türkin, dein Vater ist Iraner, ein Scheiß­iraner!«

Ich saß also beim Scheißtürken, pardon: beim Türken, mit meiner zukünftigen türkischen, pardon: iranisch-deutschen-scheißtürkischen Mitbewohnerin Sulma, war ein wenig verwirrt über die ethnischen Verwicklungen unserer Essensbestellung, verhandelte aber trotzdem im Folgenden die näheren Details, die aus meiner zukünftigen meine aktuelle iranisch-deutsche-türkische Mitbewohnerin machen sollte.

»Was war das denn jetzt?«, fragte ich Sulma.

»Ich kann das nicht leiden – wir leben hier in Deutschland, die sollen gefälligst Deutsch reden. Sonst wird das doch nie was mit der Integration.«

»Na ja, Integration. Vielleicht will er sich ja gar nicht vollständig integrieren. Wahrscheinlich kommt er doch auch so gut zurecht hier.«

»Wer hier lebt, soll gefälligst auch Deutsch sprechen. Außerdem kann ich gar nicht richtig Türkisch.«

»Aber du bist doch Türkin?«

»Und Iranerin. Und Deutsche. Aber richtig kann ich nur Deutsch. Meine Mutter hat mir als Kind verboten, Türkisch zu sprechen. Sie hat gesagt, wir leben jetzt in Deutschland, also lernen wir Deutsch. Diese ganzen Scheißtürken, meinte meine Mutter, die wären alle zu faul, um Deutsch zu lernen. Deswegen würde auch nichts aus denen.«

»Äh – ist das nicht ein bisschen ...« Mir lag das Wort »rassistisch« auf der Zunge, aber das schien mir irgendwie der Situation nicht angemessen, also stotterte ich etwas und sagte dann: »... zu einfach?«

»Wieso einfach? Ich würde das ganz einfach machen: alle abschieben, wenn sie nicht Deutsch können. Dann sollen sie doch zurück nach Anatolien.«

»Und wo kommt ihr eigentlich her?«

»Na, aus Anatolien natürlich.«

Ich überlegte kurz, dann antwortete ich: »Okay, aber wir machen einen Putzplan, wer wann die Küche und das Bad macht.« Es schien mir angebracht, das unsichere Terrain zu verlassen. Wäre ich mal dort geblieben.

»Nichts«, schnaubte sie auf, »ich bin doch nicht deine Scheißtürkin, die dir das Klo putzt!«

Es war nicht ganz zu leugnen, dass die Stimmung ins leicht Aggressive umgekippt war, jetzt war ich auch etwas genervt: »Kannst du kein Deutsch? Weißt du nicht, was Putzplan bedeutet? Und WG?«

»Und ob ich das weiß«, knurrte sie, »Putzplan heißt, dass ich putzen soll. Mach ich aber nicht. Ich bin nicht aus Anatolien hierher gekommen und studiere hier Medizin, um jetzt für Deutsche das Klo zu putzen.«

»Aber ich sag doch gar nicht, dass nur du das Klo putzen sollst!« Ich wurde schon etwas lauter.

»Das wär ja auch noch schöner!«, zischte sie, »aber du willst, dass wir beide das Klo putzen, also auch ich. Ich putze aber das Klo nicht. Und die Küche auch nicht.«

»Und wer bitteschön soll das dann machen?«

»Du.«

Es klang nicht wie ein Scherz. Ich schaute sie fassungslos an. Sie setzte nach: »Ich kann das einfach nicht. Du hast doch immer Verständnis für alle Ausländer hier mit ihren ganzen Ticks. Und im Vergleich mit Verschleiern, Zwangsverheiratungen und dem ganzen Scheiß ist meiner, nicht putzen zu wollen, doch vergleichsweise harmlos, oder nicht? Wenn du das nicht willst, dann such dir doch eine schöne arische WG, wo ihr einen fußballfeldgroßen Wandplaner in die Küche klebt und für jeden Quadratmeter genau für ein halbes Jahr im Voraus festlegt, wann den wer mit welchem Scheuermittel putzt. Mach doch!«

Sie brüllte inzwischen. Der Scheißtürke vom Türken brüllte von hinter dem Tresen in Richtung meiner zukünftigen türkischen Mitbewohnerin: »Brüll hier nicht so rum, du Scheißdeutsche!«, und allmählich begann ich doch etwas zu zweifeln, ob es wirklich eine so gute Idee war, bei ihr einzuziehen. Vielleicht war ich doch einfach noch nicht weit genug für dieses multikulturelle Abenteuer.

Aber jetzt musste sie doch lachen, rief irgendwas auf Türkisch zu dem Scheißtürken vom Türken, der daraufhin etwas auf Türkisch erwiderte, das ging zwei-, dreimal hin und her, dann lachte auch er, und sie sagte zu mir: »Gut, seine Schwägerin putzt bei uns.«

Ich schaute sie ungläubig an, aber sie ließ mich erst gar nicht zu Wort kommen: »Jetzt stell dich nicht an, die macht das schwarz und billig, das ist in der Community hier gar kein Problem.«

»Was denn für eine Community?«

»Na, die türkische Community natürlich! Das klappt super. Auch, wenn du mal einen Handwerker brauchst oder einen Schneider, das kann ich dir alles organisieren, kein Problem, alles gut und billig.«

»Aber ich will keine Putzfrau. Erst recht keine türkische!«

»Was hast du denn gegen Türkinnen?«

»Hä? Nichts natürlich! Ich will ja sogar mit einer zusammenziehen. Aber ich will keine türkische Putzfrau! Ich meine ...«

»Glaubst du, Türken sind nicht sauber genug, du Superdeutscher?« Ihre gute Laune war schon wieder dahin.

»Quatsch, was soll das denn jetzt! Eben habe ich noch vorgeschlagen, dass wir uns ganz normal, wie man das eben macht in einer WG, das Putzen teilen!«

»Ich putze nicht. Ich bin doch keine Putzfrau. Das ist wieder typisch, du bist Deutsch, siehst eine Türkin und denkst sofort: Putzfrau. Aber so läuft das nicht in unserer WG, das kannst du mir glauben, so nicht, sonst brauchen wir hier gar nicht weiter zu reden, du ... du ...«

»... Westfale«, half ich aus, »Scheißwestfale.« Dann gab ich auf: »Okay, dann putz ich halt.«

Der Türke vom Türken servierte uns das türkische Essen, es roch sehr gut. Ich hoffte, damit konnten wir nun zum angenehmen Teil des Abends übergehen. Aber sie war immer noch nicht befriedet: »Du? Du willst alleine putzen? Das glaubst du doch selbst nicht! Erstens darf ich mir dann die ganze Zeit das Genöle anhören, und zweitens: Ich weiß, wie es in deiner jetzigen Wohnung aussieht, ich war lange genug mit deinem Mitbewohner zusammen, falls du das vergessen hast, und ich weiß genau: Ihr habt einfach überhaupt nicht geputzt, das war total eklig. Das würde kein türkischer Haushalt zulassen, was ihr da veranstaltet habt!«

Ich seufzte: »Meine Güte, es war unsere erste eigene Wohnung, das macht man so, wenn man von zu Hause auszieht, wir kamen beide aus gutbürgerlichen westdeutschen Haushalten, da muss man sich erst mal von den Eltern emanzipieren ...«

»Ihr habt Schnitzelreste in der Küche liegen lassen, bis überall Fliegen waren.«

»Das war ein Versehen!«

»Ja, weil da so viel Müll drüber lag, dass ihr es gar nicht gemerkt habt!«

»Meine Güte, das ist über ein Jahr her, mir ging das ja auch auf die Nerven, deswegen wollte ich jetzt ja auch einen Putzplan ...«

Der Türke vom Türken mischte sich ein: »Nehmt einfach Schwägerin! Schwägerin putzt gut! Ist billig! Gute Schwägerin!«

»Ich will aber keine Putzfrau!«

Jetzt wirkte der Türke vom Türken verärgert: »Willst du nicht, weil Türkin? Hast du was gegen Türken!«

»Ach, macht doch, was ihr wollt«, murmelte ich entnervt. Na, das konnte ja heiter werden.

Mein leicht mulmiges Gefühl steigerte sich in der ersten Zeit nach meinem Einzug zunächst, vor allem nachdem Sulma mir mitgeteilt hatte, dass ich für die Community in der Seestraße von jetzt an ihr Mann sei.

»Ich bin was?«, fragte ich sie entsetzt.

»Mein Mann. Die würden das sonst nicht akzeptieren, dass wir zusammen wohnen.«

»Aber ... ich meine – das geht doch nicht. Ich werde hier, nun ja: Damenbesuch haben. Und du hast einen Freund.«

»Na und? Erstens gucken die ja nun nicht in unsere Schlafzimmer, und zweitens würde sie das nicht groß stören. Westliche Verkommenheit, das setzen die sowieso voraus. Abgesehen davon machen die das selbst ja auch alle so. Wichtig ist halt nur, dass offiziell keiner was mitkriegt.«

»Wie, offiziell? Ich soll mit meiner Freundin dann nicht Hand in Hand über die Seestraße gehen dürfen, oder was?«

»Quatsch, das kannste machen, wie du willst. Aber seit wann stehst du denn auf Händchenhalten?«

»Darum geht’s doch gar nicht. Ich will aber nicht irgendwann von einem Irren niedergestochen werden, der die Familienehre wiederherstellen will oder so.«

»Du kannst machen, was du willst. Da zollen sie dir im Zweifelsfall noch Respekt für. Wenn überhaupt jemand niedergestochen wird, dann die Frau. Ich habe hier aber ohnehin keine Familie mehr, seit meine Mutter tot ist, so weit geht es mit der Ehre dann selbst bei anatolischen Bauern nicht, das kannste mir ruhig glauben, sonst gäbe es auch ein Blutbad da draußen. Du bist einfach nur offiziell mein Mann, dann sind alle beruhigt, und alles andere ist halt unsere deutsche Lebensführung, da glauben die sowieso alles, und es ist ihnen auch egal.«

Die Sache gefiel mir nicht, aber noch mal umziehen wollte ich deswegen nun auch nicht, außerdem vertraute ich ihr.

Spätestens, als eines Tages ein Onkel Mahmud vor der Tür stand, wuchs mein Unbehagen allerdings wieder erheblich an.

»Sulma ist nicht da«, teilte ich ihm mit und wollte die Tür fast schon wieder schließen, aber er trat trotzdem ein.

»Das weiß ich doch«, teilte er mir zu meiner Überraschung mit, »sie studiert. Ist gutes Mädchen.«

Ich verzichtete lieber darauf, ihm meinen Eindruck von ihrem Studiereifer mitzuteilen, und ich vermutete auch eher, dass sie bei ihrem Freund war, aber das tat hier wohl nichts zur Sache. »Ich wollte ja auch mit dir sprechen.«

»Ach ja? Was gibt es denn?«

»Ich wollte dir nur sagen, dass du jetzt mein Bruder bist.«

»Dein Bruder?«

»Natürlich. Bruder. Du wohnst jetzt mit Sulma zusammen!«

Au weia, dachte ich, musste ich mich jetzt hier als Ehemann ausgeben? Er schien meine Irritation zu bemerken: »Keine Sorge, ich weiß, dass ihr nicht verheiratet seid. Das ist doch nur für die anatolischen Bauern da draußen auf der Seestraße. Ich weiß alles, Sulma vertraut mir. Und ich vertraue dir. Du musst immer gut aufpassen auf Sulma! Du bist jetzt auch ihr Bruder, verstehst du?«

»Äh ... ich dachte, ich bin in erster Linie ihr Mitbewohner.«

»Ja, ihr Bruder, sag ich ja. Und ich bin dein Bruder. Wir sind alle Brüder!«

»Alle? Im Sinne von: Alle Menschen sind Brüder? Na, meinetwegen.«

»Nein, doch nicht die anatolischen Bauern da draußen. Wir! Sulma, du und ich. Und du weißt: Du musst für sie sorgen wie ein Bruder! Du musst für sie da sein wie ein Bruder! Und wenn du ein Problem hast, ist dein Bruder für dich da.«

Ich sah ihn verwirrt an. Wer jetzt? Mir wurde das alles zu viel.

Er nickte zufrieden. »Gut. Ich wollte nur, dass das klar ist.« Dann verabschiedete er sich und ging. Als ich Sulma abends davon erzählte, lachte sie. »Ach ja, Mahmud hat immer noch so einen etwas unangepassten Hang ins Traditionelle, aber der ist schon okay, der ist ganz auf der Höhe.«

Auf jeden Fall nervte er nicht weiter, sodass ich die Sache auf sich beruhen ließ. Selten genug kam mal jemand aus Sulmas Herkunftskulturkreis bei uns vorbei, abgesehen von der Putzfrau natürlich. Und ganz selten eben Onkel Mahmud samt Tante Leila, bei der die Traditionsnähe aber immerhin noch zu einem Kopftuch reichte.

Eines Tages kam Sulma aufgeregt in mein Zimmer: »Los, wir müssen sofort zu Mahmud! Wir müssen ihm helfen!«

»Was ist denn passiert?«

»Na, du weißt doch, dass der säuft.«

Wusste ich nicht. Woher auch. Wenig einfallsreich fragte ich also: »Der säuft?«

»Ja, hast du das nie bemerkt? Na, egal, der säuft jedenfalls. Ganz schön heftig manchmal. Leila hat schon alles Mögliche versucht, aber er fängt immer wieder an. Und jetzt hat sie ihn eingesperrt, damit er aufhört zu trinken.«

»Große Güte. Und was sollen wir da? Sie bändigen? Damit sie ihn wieder rausrückt? Jägermeister schmuggeln? Ich habe eigentlich wenig Lust, mich in deine Familienangelegenheiten einzumischen.«

»Wieso Familie? Ich bin doch gar nicht verwandt mit denen. Das sind einfach Freunde, die kannte meine Mutter noch, und damals habe ich sie eben Tante und Onkel genannt, so was gibt’s bei euch ja wohl auch.«

Irgendwie fühlte ich mich ertappt. Also brachen wir auf. Das Problem bestand darin, dass Leila Mahmud im Badezimmer eingeschlossen und vor Wut den Schlüssel aus dem Fenster geworfen hatte, aus dem vierten Stock, irgendwo auf die Koloniestraße. Und jetzt konnte sie ihn dort unten nirgends wiederfinden, und inzwischen war Mahmud längst ausgenüchtert, wurde aber zunehmend ungehalten und drohte, die Tür einzutreten.

Schlüsseldienst war zu teuer, Schlüsseltürke aus dem Umfeld ging nicht, weil das natürlich niemand wissen durfte, dass Leila ihren Mann eingeschlossen hatte – das ging ja gar nicht. Um den Schaden in Grenzen zu halten, bearbeiten wir das Schloss mit der Bohrmaschine, und ich war selbst überrascht, dass wir es aufbekamen. Das heißt, genau genommen: dass Sulma es aufbekam, mit Leilas Hilfe. Ich war handwerklich noch nie besonders geschickt, ich hatte mich auf Handlangerdienste beschränkt. Schwer zu sagen, was Mahmud am Ende mehr gedemütigt hat: Dass seine eigene Frau ihn eingeschlossen hatte oder dass zwei Frauen ihn befreit hatten, jedenfalls tauchte er ziemlich lange nicht mehr bei uns auf.

Sulma schloss ihr Medizinstudium ab, dann hielt sie nichts mehr in der Seestraße. Schon das AiP, jene seltsame Konstruktion, mit der fertig ausgebildete Ärzte nach absolviertem Studium noch anderthalb Jahre zwangsweise mit Azubi-Löhnen abgespeist werden, verbrachte sie lieber in der Schweiz, wo man dafür ordentlich bezahlt wird. Sie kam nie wieder zurück, sie hat inzwischen längst eine Stelle als leitende Ärztin in einem großen Krankenhaus in Bern. Ihr Name steht noch an meiner Tür, gelegentlich trudelt ein Brief für sie ein, den ich weiterleite, und einmal tauchte Mahmud noch bei mir auf und brachte Börek, das seine Frau selbst gemacht hatte, einfach so, aus Freundlichkeit – das war’s. Seitdem beschränkt sich mein Migrationshintergrund im Wesentlichen wieder auf die Dönerläden und Gemüseläden aus der Nachbarschaft und die Jugendgangs, denen ich ausweiche.

Als ich neulich mit Sulma telefonierte, war sie außer sich: Diese Wahnsinnigen würden behaupten, die Deutschen nähmen den Schweizern die Arbeitsplätze weg und würden sich nicht richtig integrieren. Und sollten gefälligst Schweizerdeutsch lernen. Schweizerdeutsch! Wozu, um Himmels Willen? Sie komme auch so bestens zurecht! Ich mache mir ja keine Vorstellungen, wie seltsam die manchmal seien, diese Schweizer, da wolle sie sich wirklich nicht weiter integrieren. Erst recht nicht, wenn sie davon einen wunden Hals bekäme. Sie schimpfte noch eine Weile weiter, dann verabschiedeten wir uns. Nachdenklich legte ich auf.

Meine Wohngemeinschaft

Seltsam, denke ich, während ich versonnen in meiner Müsli-Schüssel herumrühre, die Rosinen sind aber klein. Und seit wann schwimmen die überhaupt in Milch? Na ja, früher war eben alles besser. Selbst die Rosinen. Für solche krumpeligen Dinger hätte man sicher nicht extra eine Luftbrücke einrichten müssen. Da hätten die Berliner den Alliierten aber schön was erzählt: »Ey, was solln ditte, die sind ja voll mickrig, wa, die nehmt ma schön wieder mit nach Westdeutschland, die Dinger, dit wolln wa nich ma jebombt ham, wa!« Ich führe den Löffel zum Mund, um die hässlichen schwarzen Trockenfrüchte einer Geschmacksprobe zu unterziehen. Schmecken irgendwie auch gar nicht richtig nach Rosinen. Schmecken eher – schwer zu sagen. Ich betrachte die Müsli-Packung. Wieso sieht die eigentlich so zerrupft aus?, grübele ich, während ich weiter intensiv kostend die seltsamen Kügelchen mit der Zunge am Gaumendach zerdrücke. Ziemlich zerfleddert sogar, und drumherum liegen auch ganz viele von diesen Mini-Rosinen. Zerfleddert? Eher – angenagt. Angestrengt starre ich auf die schadhafte Schachtel, die kleinen schwarzen Teile daneben, werte wie ein Wein­tester bedächtig kostend, schmatzend und schmeckend die Signale aus der Mundhöhle aus – och Mönsch, nee. Das sind ja Mäuseküddel!

Jetzt bloß nicht überreagieren. Das ist doch gar nichts Besonderes. Kein Grund zur Panik. Gut, ich habe den Mund halt voll ... voll Mäusescheiße. Na und? Das ist ... das macht doch ... das sind doch auch nur Kohlenstoffketten. Ganz ruhig bleiben. Ganz langsam zum Waschbecken gehen, nicht die Beherrschung verlieren, ganz ... BOAH!

Als ich eine halbe Stunde später aus dem Bad zurückkomme, weil die Zahnpastatube leer ist, beginne ich, schonungslos die Lage zu analysieren. Eine Maus. In meiner Wohnung. Vielleicht sollte ich doch mal aufräumen.

Nach einer Woche ist die Maus immer noch da, trotz regelmäßiger mahnender Ansprachen meinerseits. Genau genommen: Offenbar ist sie inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass ich keine ernst zu nehmende Bedrohung für sie darstelle. Davon hat sie dann gleich all ihren Kumpels berichtet, und allmählich beginnt die Sache, mich ernsthaft zu nerven. Völlig schamlos huschen die Viecher durch meine Wohnung, selbst am helllichten Tag. Abends hat mir sogar eine Maus an der großen Zehe herumgeschnuppert, während ich am Schreibtisch saß. Die wissen, dass sie schneller sind, und verhöhnen mich. Außerdem: Selbst wenn ich sie erwischen würde – die Op­tion, sie mit dem Telefonbuch auf dem Teppich zu zerquetschen, behagt mir auch nicht. Ich beschließe, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

In den Geschäften auf der Müllerstraße stoße ich auf mitleidloses Entsetzen: »Mäuse?«, starren mich die Verkäuferinnen im Karstadt Leopoldplatz an. Sie scheinen dieses Problem für vollkommen abwegig zu halten, irgendwas von ganz früher, von dem man mal gehört hat, oder was es nur noch in diesen merkwürdigen History-Reality-Shows im Fernsehen gibt, Das Blockhaus von 1907, und nach drei Wochen hat der Regisseur noch ein paar Mäuse ausgesetzt, damit es auch richtig authentisch wird. Ebenso gut hätte ich auch in der Apotheke Tabletten gegen Pest verlangen oder sagen können, dass bei mir im Hinterhof Wölfe lauern. Offenbar bin ich der einzige Mensch im Wedding, der Mäuse hat. Das widerspricht allerdings jeder Alltagserfahrung. Na ja, vielleicht bin ich auch nur der Einzige, der Mäuse hat, und keine Ratten. Wahrscheinlich, geht es mir durch den Kopf, bin ich einfach nur der Einzige, der ein Problem damit hat, dass er Mäuse hat. Den anderen ist es wahrscheinlich vollkommen egal. Die ganzen Hartz-IVler mögen es bestimmt, wenn sie ein bisschen Gesellschaft haben. Und endlich mal Rosinen im Müsli. Und die anderen legen vermutlich einfach ihre Wumme auf die Viecher an und freuen sich, dass sie jetzt auf bewegliche Ziele schießen können. Da haben sie auch gleich was Sinnvolles zu tun. Das ist ja das ganz große Ding derzeit. Hauptsache, man hat was Sinnvolles zu tun. Dann zündet man auch keine Autos an. Im Fernsehen gibt es jetzt regelmäßig tolle Reportagen über junge Menschen in der Großstadt, die einmal in der Woche irgendwo Fußball spielen, was sie offenbar so erschöpft, dass sie den Rest der Woche zu schwach sind, irgendwo rumzuzündeln. Vor lauter Muskelkater können die bestimmt auch gar nicht ordentlich vor der Polizei weglaufen und bleiben dann nachts lieber zu Hause. Deswegen fordert jede dieser Reportagen mehr Fußball, mehr Tanzen, mehr Rappen, egal, Hauptsache, man hat was Sinnvolles zu tun. Und dass dann der nächste telegene Schritt direkt zu uns führt, war mir sofort klar. Wenn es irgendwo in Europa Unruhen gibt, in die auch nur ein Migrant verwickelt ist, beispielsweise die immer mal wieder aufflackernden Krawalle in den Vorstädten von Paris oder Rotterdam, dann tauchen sie sofort hier auf. Schön, da braucht man gar nicht bis zum nächsten Berlin-Tatort zu warten, um mal wieder was von der Stadt zu sehen. Ich gehe dann gerne rüber zum Arabischen Club: »Leute, macht die Nachrichten an, wir kommen heute im Fernsehen!« Erwartungsvoll scharen wir uns um den Apparat, dafür wird sogar Al-Dschasira unterbrochen. Fieberhaft warten wir auf heute. »Brennende Autos in Paris – kann das nicht auch bei uns passieren?«, fragt Steffen Seibert und guckt sehr sorgenvoll, »auch bei uns gibt es schließlich problematische Viertel, wo Menschen ohne Perspektive ...« Bingo! Wusst’ ich’s doch. Ich setze auf Leopoldplatz, Tariq auf den Soldiner Kiez. »Hugo Balderwin mit einer Reportage aus Berlin-Kreuzberg.« Was für eine Enttäuschung. Von den Gästen ist ein unzufriedenes Knurren zu hören. Wir warten auf die Tagesschau. Diesmal ist es Neukölln. Pfiffe im Lokal. Verärgert gehen wir nach Hause.

Am nächsten Abend haben wir mehr Glück. Gleich als zweiter Bericht in heute: der Wedding – endlich! Beifall brandet auf im Innenhof. »Erwin, kiek ma, wir sind inner Glotze!«, höre ich Frau Kaloppke noch durchs Fenster nach ihrem Mann rufen. Tanzende türkische Jugendliche am Nauener Platz. In akzentfreiem Deutsch sagen sie in die Kamera Sachen wie: »Wenn ich mich nach der Schule mal so richtig gestresst fühle, dann komme ich hierher und tanze. Das ist gut gegen meine Aggressionen und verhindert sozial geächtete Übersprungshandlungen. Danach bin ich dann wieder sehr ausgeglichen.« Schnitt. Ein paar Häuserfronten aus der Seestraße, und der Sprecher raunt: »Auch hier brodelt die gefährliche Mischung aus Perspektivlosigkeit, fehlenden Jobs und mangelnder Integration. Doch wenigstens solche Projekte geben den Jugendlichen eine sinnvolle Beschäftigung.«

Apropos sinnvolle Beschäftigung, da läuft schon wieder so eine Maus mitten durch das Zimmer. Verdammt. Auf jeden Fall scheint der Weddinger sein Mäuse-Problem selbstständig zu lösen, ohne dafür Geld auszugeben. In keinem einzigen Geschäft gibt es Mausefallen zu kaufen. Ich muss tatsächlich bis zu einem Baumarkt nach Reinickendorf fahren, um endlich Hilfe zu finden. Man bietet mir verschiedene Sorten Gift an. Die Variante gefällt mir allerdings auch nicht so recht. Wenn ein Dutzend Mäuse – auf diese Zahl schätze ich meine Popula­tion inzwischen – sich nach dem Genuss der Köder hinter irgendwelche Schränke zurückzieht, um sich würdevoll dort hinzusetzen, eine letzte Zigarette anzuzünden und zu sterben wie eine Maus – das riecht doch sicher. Andererseits bietet der Baumarkt praktischerweise auch gleich ein größeres Repertoire gegen Fliegen an. Trotzdem: lieber nicht. Bleibt also die Mausefalle, in den Varianten archaisch mit Genickschlagbügel und modern-tier­freund­lich mit niedlichem kleinen Käfig. Ich entschließe mich zur gutherzigen Variante. Sind ja irgendwie auch süß.

Zu Hause gelingt es mir tatsächlich, die Dinger mit Käse zu bestücken. Ein bisschen skeptisch bin ich ja schon. Sieht irgendwie etwas albern aus, dieser kleine Drahtkäfig. Und da sollen die freiwillig reinklettern? Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass die Mäuse offenbar nicht die geringsten Bedenken haben, in diese kleinen Drahtkäfige hineinzuklettern. Völlig zu Recht zudem. Alle Köder sind ratzekahl weggefressen, trotzdem ist keine einzige Falle zugeschnappt. Aber nach einigen Tagen habe ich wertvolle mammologisch-oekotrophologische Ergebnisse gewinnen können: Speck und Erdnussbutter mögen sie gern. Auch Shoarma, Pita und Köfte werden anstandslos verschlungen. Lachsfleisch dagegen wird verschmäht. Finde am nächsten Morgen kleine Protestnoten in den Drahtkörbchen.

Na gut. Ihr habt es nicht anders gewollt, niedlich hin oder her. Jetzt geht’s ans Eingemachte. Beziehungsweise an die Eingeweide. Ich hole ein ganzes Set klassischer Mausefallen. Ich erinnere mich noch an alte Donald-Duck-Comics, wo einer der Running Gags war, dass Donald ständig die zuschnappenden Dinger an den Fingern hatte. Ich bin also gewarnt. Ich fluche, als ich gleich die erste Falle am Daumen hängen habe. Okay, die funktionieren also wirklich. Die Mäuse gucken misstrauisch vom Boden zu mir hoch. Als ich am Kühlschrank stehe, um die Köder rauszuholen, und dabei versehentlich das Päckchen mit dem Lachsfleisch in der Hand habe, höre ich Pfiffe und Pfui-Rufe von unten.

Zehn Stück stelle ich auf, sicher ist sicher. Zufrieden lege ich mich ins Bett, stecke mir Ohropax in die Gehörgänge, um nicht nachts vom beständigen Zuknallen der Fallen und den Todesschreien der Mäuse geweckt zu werden, und richte mich darauf ein, am nächsten Morgen die kleinen Kadaver einzusammeln. Lege mir schon mal die Nummer von der Tierkörperverwertungsanstalt auf den Nachttisch.

Stattdessen kann ich am nächsten Morgen zehn Fallen neu mit Ködern bestücken. Keine einzige ist zugeschnappt. Aber sobald ich eine auch nur vorsichtig an­ticke, geht sie in die Luft wie eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Keine Ahnung, wie die Viecher das machen. Wahrscheinlich ein Evolutionssprung. Bin ein bisschen stolz auf meine Kleinen und kaufe für die nächste Bestückung extra den guten Cheddar-Käse, zur Belohnung. Auch nach Tagen ist immer noch keine einzige Maus in die Falle gegangen. Eines Morgens finde ich lediglich eine Leiche kurz vor der Falle. Ihr Fell ist ganz schütter und schlohweiß, sie hat einen großen Buckel, und ihre Pfötchen sind von dicken Gichtknoten gezeichnet. Keine Frage, sie hat es nicht mehr bis zur Falle geschafft. Kurz vor dem Ziel an Altersschwäche gestorben. Ich gebe auf. Ich sammele die Fallen wieder ein und füge mich in mein Schicksal. So machen die anderen Weddinger das also, denke ich. Was soll’s. Sind ja nur ganz kleine Küddel. Und die paar Lebensmittel kann ich auch problemlos im Kühlschrank lagern.

Nach ein paar Tagen stelle ich erstaunt fest, dass die Mäuse verschwunden sind. Alle weg. Spurlos. Ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht macht es ihnen einfach keinen Spaß mehr, jetzt, wo ich sie nicht mehr jage. Das ist keine Herausforderung mehr für sie. Bedrückt sitze ich allein an meinem Küchentisch. Es ist still in meiner Wohnung. Ich fühle mich verlassen. Ich bin sehr einsam.

Haus Bottrop

Wenn man lange genug im Wedding wohnt, kennt man eigentlich die Regeln. Lungernde migrationshintergründische Jugendliche zum Beispiel – bei Sichtung weiträumig umschiffen, also Straßenseite wechseln, oder halt Dialog der Kulturen, wenn man gerade Zeit und Nerven für so was hat.

So gesehen ist es ein dummer Fehler von mir, als ich an einem Samstagabend auf dem Weg zu einem Haus Bottrop mache, für einen kleinen Benefiz-Auftritt zu Gunsten politischer Kiezaktivisten. So etwas mache ich gelegentlich, wenn mir die Leute sympathisch sind.

Eher teilautistisch gehe ich also erst über den »harten Beton des U-Bahnhofs Wedding« (Der Spiegel) über die Schönwalder Straße durch »eines der härtesten Krisengebiete unseres Landes« (Der Spiegel) und bemerke sie zu spät, die »Kids« (Der Spiegel). Sie gehen zu langsam, sodass selbst ich nicht umhin komme, sie zu überholen, was natürlich, das ist mir klar, unweigerlich Interaktion zur Folge haben wird. Egal, zu spät, so bleibt man wenigstens im Gespräch mit der Jugend. Alles verläuft erwartungsgemäß. Ich drücke mich vorbei an den Dreien, die vielleicht so um die 18 Jahre alt sind, unmotiviert über den Bürgersteig schlurfen und also offenkundig nichts mit dem Abend anzufangen wissen, derweil irgendwelches bushidoeskes Zeug aus ihrem Handy dröhnt. Der Erste, wohl der Boss des Trios, tänzelt mit irgendwelchen Hiphop-Bewegungen prompt neben mir her. Ich seufze unmerklich. Wir sind auf Höhe Schönwalder 31, das Haus Bottrop trägt die Nr. 4 – Mist. Das wird anstrengend. Zunächst reagiere ich, wie man es im Grundkurs »Berlin für Zugezogene« lernt: freundliches Ignorieren. Also nicht zu böse gucken, aber eben auch nicht drauf einsteigen, einfach weitergehen. Bis Nr. 29 greift die Strategie, dann hat der Bengel genug von seinen etwas kurios anmutenden Antanz-Versuchen mit den leicht gestört wirkenden zuckenden Arm- und Handbewegungen und eröffnet das, nun ja, nennen wir es halt: Gespräch. Zunächst die üblichen Versatzstücke über meine Figur, wobei ich »Moby Dick« sogar ganz originell finde. Offenbar habe ich es mit intellektuellen Ghetto-Bewohnern zu tun. Überhaupt wirkt der Junge nicht direkt unfreundlich, sein Grinsen hat etwas schwer auslotbares Dauerironisch-Spöttisches, nichts Aggressives.

»Moby Dick!«, ruft er zum wiederholten Mal. Nr. 25.

»Ja, Queequeg«, antworte ich, aber ganz so weit her ist es dann wohl doch nicht mit seiner Literaturkenntnis, er schaut kurz verständnislos, dann fährt er fort.

»Moby Dick!« Nr. 23. Ich gehe weiter.

»Ey, wir sind voll die Ghetto-Kids!«, stellt er sich und seine Freunde nun erst einmal vor – immerhin höflich also, die jungen Herren.

»Ja, klar, seh ich doch«, erwidere ich.

»Ey, voll die Ghetto-Kids! Voll perspektivlos, weißtu?« Er grinst wieder ironisch unter seinem weißen Baseball-Cap.

»Ja sicher. Schön.«

»Ey, nix schön! Voll das Ghetto!«

»Ja, ich weiß. Ich wohne hier auch.«

»Hier? Aber ich hab dich noch nie gesehen hier!«

»Ja, nicht direkt hier. Mehr so Müller/Ecke See.«

»Müller/Ecke See? Ey, das ist doch anders. Krasse Spießergegend. Hier ist voll das Ghetto!« Anklagend zeigt er auf die Nr. 19, ein eher unauffälliges Durchschnittshaus.

»Ja gut«, gebe ich mich kompromissbereit.

Er grinst weiter: »Ey, das ist ein Überfall.«

»Ja sicher«, sage ich und gehe weiter.

»Ey, das ist ein Überfall, weißtu? Wir sind voll die krassen Ghetto-Kids, und das hier ist ein verfickter Überfall. Gibstu jetzt Portmonee und Handy!« Er grinst weiter freundlich.

Nr. 15, die Sache wird mir allmählich unheimlich. Einerseits: Die Jungs sehen definitiv nicht so aus, als wäre die Situation irgendwie bedenklich. Der Anführer guckt freundlich-ironisch, die anderen beiden gehen eher versetzt hinter mir. Der Zweite versucht, so cool wie möglich zu wirken, was offenkundig seine gesamte Konzentration in Anspruch nimmt, dem Dritten dagegen scheint die Sache eher peinlich zu sein, was er durch gelegentliche Grunzlaute zu kompensieren sucht. Zusammengefasst sehen sie also nicht gerade furchteinflößend aus. Einerseits. Und andererseits steht es einem dann doch plötz­lich vor Augen, das Bild vom Wedding-Adoleszenten »süd­ländischen Aussehens« aus der B.Z. und dem Spie­gel. Klar, jahrelang habe ich mich lustig gemacht über die Ghetto-Panikmache, über die Katastrophengebietskarikaturen der Medien, über das Gerede vom gefährlichen Wedding. Und nun stehen drei dieser Abziehbilder plötzlich vor mir und legen noch eins drauf:

»Ey, wir sind bewaffnet, Mann!«

Tja. Das sieht aber gar nicht danach aus. Andererseits, wer weiß schon, was die unter ihren merkwürdig aufgeplusterten Jacken immer so tragen.

»Ey, gibstu jetzt Portmonee!« Klar in der Sache, aber immer noch nicht unfreundlich im Tonfall. Entweder habe ich hier die höflichsten kriminellen Homies des Kiezes Reinickendorfer Straße vor mir, oder eben einfach gelangweilte migrationshintergründische Jugendliche, die genau wissen, was in den Medien so über gelangweilte migrationshintergründische Jugendliche steht und was demnach Leute wie ich sofort für Bilder über gelangweilte migrationshintergründische Jugendliche im Kopf haben, und mein Gesprächspartner will nur mal die Klischees ein bisschen tanzen lassen, sozusagen eine Art Meta-Pöbeln. Aber was, wenn die es tatsächlich ernst meinen? Nr. 12.

»Ey, glaubstu nicht, aber das ist ein Überfall. Gibstu jetzt Handy und Portmonee!«

»Ich habe überhaupt kein Handy.«

Das verwirrt ihn einen kurzen Moment, man sieht deutlich, dass diese Möglichkeit in seiner Vorstellungswelt gar nicht vorkommt.

»Wie? Hastu vergessen, oder was? Hastu Handy vergessen?«

»Nee, ich hab einfach keins.«

»Kein Handy?« Er ist kurz fassungslos, fängt sich aber schnell wieder.

»Tja, Pech, kannstu nicht mal Polizei rufen nach Überfall gleich.«

Punkt für ihn.

»So, komm, gibstu jetzt Portmonee.«

Jetzt kommt die blöde Panke, die irgendwelche irren Stadtplaner hier nicht unter die Erde verlegt, sondern mit so einem bekloppten Naherholungsgrünstreifen umsäumt haben, ein paar Meter nur, aber eben ein paar Meter, wo man jemand schön ins dunkle Gebüsch zerren könnte, von der Straße weg, was ein Überfallszenario doch erheblich realistischer erscheinen lässt, verdammt, hat er das etwa mit einberechnet?

»So, und jetzt Portmonee.«

Die bekloppten Stadtplaner haben genau bei der Panke-Brücke samt Grünstreifen auf jede Straßenbeleuchtung verzichtet, sehr pfiffig. Wahrscheinlich haben sie gedacht, dass nachts eh keiner mehr am Fluss entlang läuft, wozu dann also Licht. Oder das ist irgendeine irre Naturschutzmaßnahme, damit die Fische nicht geblendet werden. Oder die Schildkröten nicht abgelenkt, wenn sie zur Eiablage an den Pankestrand kriechen. Wie dem auch sei, die Straße wird merklich dunkler, und gleich wirken die Jungmänner einen Zacken bedrohlicher. Niemand sonst ist zu sehen. Auf der anderen Seite leuchten die Wohn­silos, eines davon muss die Nr. 4 sein – verdammt, die meinen das doch nicht etwa ernst? Und überfallen mich hier gerade? Mich!?!

Ich merke, dass ich die bloße Möglichkeit, ich könnte überfallen werden, hier, mitten im Wedding, als persönliche Beleidigung empfinde. Das können die doch nicht machen!

»Hört mal zu, Jungs«, der Fluss ist überquert, wir bewegen uns auf dem jenseitigen Grünstreifen auf die nächste Laterne zu, »ich soll hier bloß ein paar Geschichten vorlesen, das ist alles, ein paar Geschichten, hört ihr?«

Mein Gegenüber ist erneut offenkundig irritiert, mit dieser Ansage kann er erkennbar nichts anfangen. Daher ergänze ich: »Auf so einer Feier. Von irgendwelchen Leuten, die hier im Kiez was politisch machen, versteht ihr?«

»Politik? Achtu Scheiße. Bistu CDU, oder was?«

»Seh ich so aus?«

»Keine Ahnung«, er mustert mich eindringlich, »nee, du siehst einfach nur scheiße aus.«

Jetzt werde ich doch langsam unwirsch. »Hör mal ...«, hebe ich an.

»Schon gut, ich mein nur, ey, guck mal: Deine Hose, deine Jacke, was ist denn das für ein Outfit? Das ist doch voll kein Styling! Das sieht doch krass scheiße aus! So kannstu nicht auf ’ne Feier gehen.« Das hätte meine Mutter ganz ähnlich formuliert. Jetzt bin kurz ich etwas fassungslos.

»Politik!«, sagt jetzt verächtlich der schweigsame Coo­le, sein erster Beitrag zu unserer langsam etwas ausufernden Konversation, »da gibt’s doch keine geilen Weiber!«

»Nee, wahrscheinlich nicht«, pflichte ich ihm leicht resignierend bei.

»Bistu schwul, oder was?«, sagt der Anführer und setzt sofort nach: »Ey, das ist doch voll eklig, wenn Männer so an sich rummachen!« Er weiß, was von ihm als korrekten Migranten erwartet wird, er grinst genau so, dass man sieht, dass er das weiß, und ich weiß doch nicht, was er will. Außer womöglich Geld, aber selbst das weiß ich ja nicht sicher, jedenfalls aber wird er nun etwas redundant: »Gibstu jetzt Portmonee«.

Wir haben den Pankestreifen inzwischen passiert, auf der anderen Straßenseite leuchtet die Nr. 5, ein 70er-Jahre-Betonwohnsilo, ich zeige rüber und sage, dass ich da irgendwo hin muss, zur Nr. 4.

»Das ist dahinter«, sagt mein Gesprächspartner, »komm, wir zeigen’s dir.« Sie deuten auf einen kleinen, schmalen eher dunklen Gang. Verdammt, ist das jetzt eine Falle? Aber langsam ist mir alles egal. Ich komme mit. Wir laufen an dem Mietshaus vorbei, dahinter taucht tatsächlich die Nr. 4 auf, Haus Bottrop steht in großen bunten Buchstaben an die Wand gemalt, davor stehen einige Menschen, es ist geschafft.

Meine drei Begleiter gackern laut auf und verabschieden sie sich artig – per Handschlag. Dann verschwinden sie im Durchgang zwischen zwei weiteren Betonwohnsilos. Verwirrt betrete ich Haus Bottrop.

Entfesselte Leidenschaft

Es gibt ja so Abende, da läuft’s einfach. Ich weiß nicht, was sie an mir gefunden hatte, und ehrlich gesagt war mir auch nicht ganz klar, was ich an ihr und wie wir uns gefunden hatten, aber jetzt war es halt so, wir saßen im Taxi, und da der Wedding erheblicher näher an eben jenem seltsamen Kleinkunstclubkeller als Karlshorst lag, waren wir nun also auf dem Weg zu mir. Eigentlich habe ich in solchen Situationen immer Wert darauf gelegt, genau das zu vermeiden, denn meine Wohnung ist, nun ja, nicht wirklich, sagen wir: affärenkompatibel. Bei echten Liebschaften – kein Problem. Im Gegenteil: Ein zuverlässiger Indikator, ob es lohnen könnte, sich überhaupt näher auf eine Frau einzulassen, war eigentlich immer ihre Reak­tion auf meine Wohnung.

Wer da schon komisch guckte, irgendwas murmelte in Richtung »hier müsste man aber mal richtig durchputzen« oder gar ein wenig quiekte, wenn sie auf meine Leguane stieß, die ich in durchaus ansehnlicher Zahl dort pflege, konnte zuverlässig als untauglich sofort wieder entsorgt werden. Wie überhaupt mal eine Wahrheit festgehalten werden muss: Frauen, die sich vor Kriech- und Krabbeltieren ekeln, sind schlecht im Bett. So. Sagt ja sonst keiner, wenn ich es nicht tue.

Apropos Bett, dann mal weiter in eben dieser Geschichte. Die Ausgangslage war also klar, Karlshorst wirklich indiskutabel, und an den Echsen konnte ich sie leicht vorbeischleusen. Diese Bekanntschaft hatte ohnehin längst einen Stand erreicht, der ausschloss, dass wir zunächst eine Wohnungsbesichtigung durchführen muss­ten. Denn wenn schon in der Kneipe die Knutscherei mit eifrig unter den Textilien grabbelnden Händen endet, ist der Weg nach der Ankunft doch vorbestimmt. Vermutlich gibt es eine Art DIN für diese Fälle. Wohnungstür aufschließen, noch beim Zudrücken wildes Küssen, und mindestens ein paar Kleidungsstücke müssen bereits hier ungeordnet zu Fall gebracht werden, sonst gilt es nicht. Wir beschränkten uns auf die Jacken, ihren Pullover und meinen Gürtel, dann quiekte sie plötzlich auf, und zwar genau so, als hätte eine doofe Frau einen meiner Leguane gesehen. Ich kenne die diversen Varianten des doofe-Frau-sieht-tolles-Tier-Quieken ziemlich gut. Ich hoffte inständig, dass mir keiner meiner Pfleglinge am Nachmittag bei der Fütterung entwischt war und jetzt auf ein spontanes Sonnenbad unter der gerade aufgegangenen Lampe im Flur hoffte. Ich ließ also von ihr, guckte prüfend, was los sein könnte, da quiekte sie noch mal und deutete auf etwas sehr Kleines, Flatterndes, ah, jetzt konnte ich es erkennen – eine Motte. Eine Motte! Sie quiekt wegen einer Motte. Damit war ja immerhin schon mal geklärt, dass dies hier maximal ein One-Night-Stand würde, vielleicht reichten ja auch ein paar Stunden, machte ich mir Mut, die S-Bahnen nach Karlshorst fahren ja schließlich die ganze Nacht. »Ih, eine Motte!«, unterstrich sie ihre Disqualifizierung.

Nun ist es ja so: Motten sind mir schnurz. Ich meine, es ist schön, dass es sie gibt, aber ich habe kein besonderes Interesse an ihnen. Und Kleidermotten finde ich lästig. Aber auch nicht so lästig, dass ich großen Ehrgeiz aufbringe, sie loszuwerden, was zu einer recht stabilen Kleidermottenpopulation in meiner Wohnung geführt hat. Nun trage ich eigentlich gar keine Kleidung, die für Kleidermotten von Interesse sein könnte, die haben ja doch einen recht speziellen Geschmack. Woher die gerade recht florierende Population also ihre Nahrungsgrundlage bezog, war mir völlig unklar, aber auch gleichgültig. Sie flatterten halt nachts hier und dort rum, und ich machte schnapp mit der Faust, wenn mir eine zu nahe kam – mehr hatten wir nicht miteinander zu tun, die Motten und ich. Dementsprechend machte ich auch jetzt schnapp, und das Mottenproblem war gelöst. Und die Karlshorsterin ließ im nächsten Moment ihren BH von sich abtropfen. Die Sache hatte also keine negativen Auswirkungen auf die weitere Abendgestaltung. Ich war zufrieden. Allerdings leitete ich sie jetzt doch schnurstracks ins Schlafzimmer, um ein Zusammentreffen mit weiteren Tieren sicher zu vermeiden.

Dort angekommen, zog sie sich zu meiner Überraschung umstandslos komplett aus. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Also, im Ergebnis schon, aber die DIN-Vorschriften für solche Nächte verlangen ja doch eher nach gegenseitigem Entkleiden während leidenschaftlichem oder zumindest leidenschaftlich gespieltem Geknutsche, einfaches Ausziehen ist ja eher was für fest Liierte, die keine Zeit mehr mit sinnlosem Drumrum verlieren wollen, weil sie danach noch die Spülmaschine ausräumen müssen. Darum ging es aber nicht, wie sich im nächsten Moment zeigte. Sie forderte mich auf: »Los! Verbind’ mir die Augen!«

Also – so schlimm sah es nun auch wieder nicht aus. Aber ehe ich weiter darüber nachdenken konnte, präzisierte sie: »Los! Verbind mir die Augen und fessle mich!« Hupps. Na, das ging ja ordentlich zur Sache hier. Das steht aber nicht in der Erste-Nacht-Verordnung. Aber andererseits, hey – das hier ist Berlin, da hat man nicht einfach nur Sex, wenn man abends mal wen abschleppt, wir sind hier ja schließlich nicht in Braunschweig oder Heidelberg oder Stuttgart, nein, hier ist Szene, hier ist hip, hier ist postmodern, hier ist halt Fesseln und Augenverbinden zum Kennenlernen. Also gut, meinetwegen. Ich hatte vorhin schließlich schon irgendwelche merkwürdigen In-Cocktails getrunken, da konnte ich jetzt auch gleich so weitermachen.

Einzig: womit die Augen verbinden? Woran fesseln? Ich wollte nun auch nicht zu mauerblümchenmäßig dastehen, also klar, Fesseln, wo habe ich sie nur gleich hingeräumt, die Fesseln, ähm – da! In einer Ecke auf einem kleinen Wäschehäufchen lag noch dieser Schal, den meine Mutter mir zu Weihnachten gestrickt hatte. Den schon mal fix über die Augen gebunden, dann konnte ich mich immer noch in Ruhe nach Fesseln umsehen. Ohne zu zögern schnappte ich mir also den Schal, nahm die mir hier ja offenkundig zugedachte Rolle als dominanter Kerl an, presste das Teil vor ihr Gesicht, zog kräftig an und machte zwei feste Knoten. Sie stöhnte lustvoll auf dabei. Oha. Na, das konnte ja heiter werden. So, sie jetzt erst mal aufs Bett gestoßen, ein bisschen ruppiger als nötig, sie stöhnte erneut, dann hauchte sie: »Fessle mich! Los, bitte, fessle mich!« Aber womit denn, verdammt, womit bloß? »Ruhe!«, herrschte ich sie an und traf damit offenbar genau den Ton, der hier erwartet wurde, sie wand sich vor Wonne, während ich mich fieberhaft umsah. Na ja, nicht besonders erotisch, aber was soll’s, sie sah es ja nicht, also nahm ich ein paar dieser komischen karierten Spültücher, das würde schon gehen. Die Dinger fix um ihre Handgelenke gebunden, dann um den Rahmen vom Lattenrost, na also.

So lag sie nun da, in doch recht eindeutiger Pose, die sie durch ihre Beinpositionierung noch unterstrich, wand sich weiter dabei und hauchte: »Fick mich! Los, fick mich!« Also, ich weiß ja nicht. Das ist nun wirklich eher nicht so mein Stil. Kurz überlegte ich, ob ich sie nicht auch gleich knebeln sollte, ganz oder gar nicht, könnte ich dann sagen. Aber Knutschen tät’s vielleicht ja auch, also los.

Es ging nun also recht schnell seinen vorgezeichneten Gang, viele Möglichkeiten gibt es ohnehin nicht, zwei Körper sinnvoll auf einem Bett anzuordnen, von denen einer gefesselt auf dem Rücken und der andere nur mäßig gelenkig ist, wenn man dabei auch noch die Münder aufeinander pressen muss. Und wenn man einmal damit angefangen hat, macht es ja eigentlich meistens auch Spaß.

Wir waren also schon recht kräftig dabei, als mir plötzlich über all das Gekeuche und Geruckel eine sonderbare Bewegung aus den Augenwinkeln auffiel. Was war das denn? Einen Moment brauchte ich, um mich zu orientieren – sie interpretierte mein plötzliches Innehalten wohl als besonderen liebhaberischen Kniff und ohmmte ein wenig genießerisch – da, tatsächlich, da bewegte sich etwas. Und zwar irritierenderweise kurz vor ihrer Stirn, auf ihren Augen sozusagen, zweifelsfrei – eine Made, die sich in erhöhtem Madentempo vom geschätzten unteren Augenlid Richtung Nasenwurzel bewegte und unweigerlich auf die nicht textilbedeckte Stirn zusteuerte. Einen kurzen Moment war ich wie gelähmt, dann schossen mir blitzschnell einige ungeordnete Gedankenfetzen durch den Kopf, etwa so: ach du Scheiße – was ist das denn? – oh, oh, das geht bestimmt nicht gut – wenn sie schon bei einer Motte – und jetzt eine Made – sie darf auf keinen Fall was merken – verdammt ...

Ihr Ohmmsen wurde schon etwas ungeduldiger, also bewegte ich mich ein bisschen, sie stöhnte auf, gut, jetzt konnte ich erst mal wieder innehalten und weiter nachdenken. Aber – au weia, ohne Frage: Eine zweite Made krabbelte in Höhe ihrer rechten Schläfe und steuerte direkt auf die Haare zu. Was um Himmels Willen ... – plötzlich wurde es mir schlagartig klar: Das sind keine Maden, das sind Raupen. Mottenbabys! Der Wollschal – da also war die Wiege meiner Kleidermottenpopulation. Mensch, da hätte ich ja auch wirklich schon mal eher drauf kommen können. Guck mal, da haben wir ein praktisches Problem schon wieder gelöst. Da musste ich ja nur den ollen Schal wegwerfen, und schon wäre ich die Plagegeister los. Einerseits. Andererseits hielt meine Freude über diesen kleinen Teilerfolg auf dem immerwährenden Hindernislauf des Lebens sich doch arg in Grenzen, denn ein anderes Problem war dadurch ganz offenkundig gerade erst entstanden: Wie kam ich schadlos aus dieser Geschichte hier wieder heraus? Zumal Raupe Nr. 1 jetzt kurz vor ihrer Stirnpartie angekommen war, nicht auszudenken, wenn sie bemerken würde, dass das Tierchen dort anlandete. Es wirkte ziemlich hektisch, das kleine Kerlchen, in der ganz typischen Raupenmanier, bei der man diese kleine Welle durch den winzigen Körper laufen sieht, es hatte ein kleines, dunkel abgesetztes Köpfchen – ganz niedlich, eigentlich. Vielleicht noch 3 cm. Ich konnte sie ja schlecht mit dem Finger wegschnipsen, das wäre dann doch eine Änderung der Bewegungsabläufe, die eher nicht mehr als kamasutrische Finesse durchginge, 2 cm noch, einer, gleich würde sie die offene Stirn betreten. Hör auf, Raupe, komm zurück, jetzt – verdammt. Es gab nur eine Möglichkeit. Die Raupe war unmittelbar vor der Stirn, da schnappten meine Lippen zu. Insekten sollen ja gesund sein. Oh, da war schon der nächste Kriseneinsatz nötig, Raupe Nr. 2 schickte sich an, das unter dem Schal lugende Ohrläppchen zu betreten, da half nur die Zunge. Wie ein Chamäleon, dass seine Beute­insekten mit dieser langen Klebezunge abschießt, hinderte ich die Raupe an ihrem finalen Fehltritt, bugsierte sie direkt zu ihrem Kumpel in meinem Magen und bohrte zur Gesichtswahrung schnell noch meine Zunge in ihr Ohr, was sie mit einem leidenschaftlichen Seufzer quittierte – Glück gehabt, das kommt ja mal so und mal so an. Als ich damit fertig war und also dachte, dass es nun endlich ungestört weiter gehen könne, fielen mir Nr. 3 und 4 auf. Die eine hatte es in die Haare geschafft, die andere krabbelte bereits auf ihrem Kinn herum und war zum Glück offenbar noch nicht aufgefallen, die ganze Sache weitete sich zusehends in so eine Ableck-Nummer aus, ich schleckte und schnappte an allen Ecken und Enden, verdammt, wie viele von diesen Drecksviechern hatten sich denn da eingenistet?

Irgendwie musste ich die Sache jetzt allmählich mal zu Ende bringen, ich beschleunigte also auf allen Fronten. Sie schien meine zunehmend panisch-unkoordinierten Körperbewegungen als blanke Ekstase misszuverstehen und kam mit einem lauten Schrei. Dabei zuckte sie mit dem Kopf nach oben, verdammt, jetzt sah ich, dass unter ihrem Kopf bestimmt ein Dutzend Raupen aufgeschreckt in alle Richtungen stob. Ich simulierte einen Orgasmus, als würde ich mich als Schauspieler in einem extrem schlechten Pornofilmchen verdingen, mit viel Gezucke, Geröchel und Gegrabbel, vor allem an, um und unter ihrem Kopf, wobei mein einziges Interesse darin bestand, die blöden Raupen von der Matratze zu fegen. Gut, jetzt war keine mehr zu sehen. Mit einem forschen Handgriff streifte ich noch den Schal ab und pfefferte ihn in die ent­gegengelegendste Ecke des Zimmers – uff, geschafft.

Erleichtert, gelöst und erschöpft, wie selbst der beste echte Orgasmus es nicht hätte bewirken können, sank ich neben ihr nieder, löste ihre Fesseln und atmete tief durch. So lagen wir beide postkoital schweigend nebeneinander, aber dachten vermutlich sehr unterschiedliche Dinge.

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192 стр. 4 иллюстрации
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9783862870486
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