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Heike Möller

Vampirjagd

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1: Neues Terrain

Kapitel 2: Griechischer Frühling

Kapitel 3: Manipulationen

Kapitel 4: Geschwisterbande

Kapitel 5: Wer ist der Feind?

Kapitel 6: Beobachtungsposten

Kapitel 7: Spree-Spaziergang

Kapitel 8: Freundschaftliche Analyse

Kapitel 9: Mehr als nur Anziehung?

Kapitel 10: Ein vorsichtiger Beginn

Kapitel 11: Kriegswunden

Kapitel 12: Schuldbekenntnisse

Kapitel 13: Ein perfektes Dinner

Kapitel 14: Albträume

Kapitel 15: Wettlauf mit der Zeit

Kapitel 16: Bittere Erkenntnis

Kapitel 17: Die Peinliche Befragung

Kapitel 18: Flucht

Kapitel 19: Einsichten

Kapitel 20: Elvis und Dolly

Kapitel 21: Trügerische Sicherheit

Kapitel 22: Das Ritual

Kapitel 23: Nächste Runde

Kapitel 24: Offensive

Kapitel 25: Die Wandlung

Kapitel 26: Ein neues Leben beginnt

Epilog

Impressum

Prolog

Bertrand Leclerc hörte jemanden schreien. Derjenige musste unglaubliche Qualen erleiden, unsägliche Schmerzen haben. Dann merkte Leclerc, dass er geschrien hatte.

Panisch riss er die Augen auf, aber nur ein Auge konnte etwas erkennen. Das andere war zugeschwollen und die Art seiner Verletzungen, die er jetzt spürte, ließ ihn vermuten, dass eine Selbstheilung nicht wirken konnte. Er hing bäuchlings in Ketten, Arme und Beine kreuzförmig gestreckt. Unter ihm hatte sich eine riesige Blutlache gebildet. Sein Blut.

Leclerc stöhnte auf. Zu mehr war er im Moment nicht fähig. Sein Körper war von tiefen Schnitten überzogen, sein Kiefer mehrfach gebrochen. An einigen Stellen waren frische Brandwunden zu erkennen. Nichts an dem geschundenen Körper erinnerte an den stolzen und manchmal arroganten Franzosen, der im Jahr 1734 geboren worden war.

Wütend knurrte Bertrand Leclerc. Er hatte die Französische Revolution überlebt, Napoleon Bonaparte, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Und hier, in einem mit kaltem Neonlicht erhellten Keller, sollte er nun zu Grunde gehen? In einer letzten Kraftanstrengung bäumte sich der Vampir auf, zerrte an seinen Ketten. Ein hämisches Lachen war die Antwort.

„Sieh an, sieh an!“ Die Stimme des Mannes, den Leclerc nicht sehen konnte, tropfte nur so vor Verachtung und Hass. „Du lebst ja immer noch? Erstaunlich zäh!“

Leclerc zwang sich, seinen Peiniger anzusehen. Der Mann vor ihm hatte einen Kittel an, der die Kleidung darunter vor den Blutspritzern schützen sollte. Die Hosenbeine, die unter dem Kittel hervorguckten und auch die Schuhe sagten über seinen Träger aus, dass er einen erlesenen und teuren Geschmack haben musste. Die Hände, die jetzt ohne Gummihandschuhe zu sehen waren, waren gepflegt. Ein großer und schwerer goldener Ring zierte den manikürten Ringfinger der linken Hand. Das Gesicht von Leclercs Peiniger war gut geschnitten, beinahe aristokratisch. Ein kurzer und gepflegter dunkler Vollbart mit einigen grauen Strähnen gaben dem Mann etwas Gebieterisches. Die dunklen Augen blickten Leclerc gefühllos an.

„Warum tust du das?“, quetschte Leclerc hervor.

Der Mann schürzte amüsiert die Lippen. „Du bist ein Monster. Widernatürlich. Ein Dämon. Du darfst nicht existieren.“

Bitter lachte Leclerc auf. „Ich bin ein Monster? Mich zu foltern ist also legitim?“ Der Vampir bekam vor Anstrengung einen Hustenanfall.

„Du wärst schon längst tot und erlöst, wenn du mir Namen gegeben hättest.“

Irritiert sah Leclerc den Mann an. „Was für Namen?“, keuchte er.

Wieder schürzte der Mann seine Lippen. „Natürlich die Namen anderer Dämonen wie dir. Und wo ich sie finde.“

Verblüfft sah Leclerc den Mann an, dann dämmerte es ihm. „Du bist für die verschwundenen Brüder und Schwestern der letzten Jahre verantwortlich, nicht wahr?“

Der Mann verbeugte sich vor seinem Gefangenen. „Ganz recht. Aber leider hat bisher keiner mehr als ein oder zwei Namen genannt. Du bist der erste, der bisher nicht mal einen genannt hat. Kompliment, du bist sehr willensstark.“

Leclerc knurrte, wusste aber, dass ihm das nichts nützen würde. „Bring es hinter dich, Mensch!“, sagte er verächtlich. „Man kann Vieles über mich sagen und manche Dinge sind weder schmeichelhaft noch übertrieben. Aber ich verrate niemanden!“

Der Mann legte seinen Kopf schräg und lächelte. „Irgendwie wusste ich, dass du das sagen würdest.“ Er nahm ein Messer von dem kleinen Tisch, der in seiner Reichweite stand. Es war ein Messer, mit dem man Schlachtvieh ausweidete. Leclerc erkannte es und holte entsetzt Luft.

„Willst du es dir nicht noch mal überlegen? Nur drei Namen, Franzose, und ich gewähre dir einen schnellen Tod!“

„Was zum Teufel tust du da?“

Leclercs Kopf ruckte hoch und er sah in die Richtung, aus der die weibliche Stimme kam. Er erkannte sie. „Du?“ Die Erkenntnis kam unvermittelt und er lachte ein bitteres Lachen. „Du hast mich in die Falle gelockt, Weib!“

Die Frau starrte den an Ketten hängenden Mann erschrocken an. „Ich wusste nicht, dass ….“

„Hier mein Kind. Du hast die Ehre diesem Monster den Bauch aufzuschlitzen!“ Der gepflegte Mann gab der Frau das Ausweidemesser in die Hand. Die Frau starrte auf das Messer.

„Nein!“ Angewidert schleuderte sie das Messer in die Ecke des Kellers. „Du hast gesagt, du würdest ihn töten, nicht foltern. Warum tust du das?“

Der gepflegte Mann lächelte der jungen Frau milde ins Gesicht. „Du brauchst kein Mitleid mit ihm haben. Er und die anderen sind Monster, Dämonen! Was glaubst du denn, was die mit uns tun? Denke an deine Eltern!“

Leclerc hatte für einen kurzen Moment Hoffnung geschöpft, als die Frau das Messer in die Ecke geworfen hatte. Doch er sah in ihren Augen, dass er keine Gnade zu erwarten hatte.

„Wenn wir sie foltern, stellen wir uns auf dieselbe Stufe mit denen. Töte ihn und lass es gut sein!“

Der gepflegte Mann lächelte wieder, nahm ein weiteres Messer von dem Tisch und eine Kurzsichel. Wortlos drückte er die Sichel in die Hand der Frau.

„Töte du ihn, denn ich werde sonst noch ein bisschen mit ihm plaudern.“

Die Frau sah den älteren Mann mit großen Augen an, die Stirn vor Entsetzen gerunzelt. „Du wolltest mich da raus lassen. Du hattest es mir versprochen!“

„Nun, ich werde auch nicht jünger. Ich brauche jemanden, der mein Vermächtnis fortführt, wenn ich nicht mehr bin. Du sollst das tun. Also ist es Zeit für dich zu lernen, hart zu werden und keine Gnade zu kennen.“

Lange funkelte die Frau den gepflegten Mann an. „Es ist falsch!“

Der Mann zuckte nur mit den Schultern, drehte sich um und stieß Leclerc das Messer in den Bauch. Leclerc schrie, wimmerte, als der Mann das Messer langsam nach oben zum Brustbein zog.

„Halt!“ Die Frau warf sich dem gepflegten Mann regelrecht in die Arme, schubste ihn zur Seite. Dann sah sie den Vampir an.

Leclerc erkannte hinter seinem blutigen Tränenschleier, dass die Frau ihn mitleidig ansah.

„Verzeih mir, Vampir. Gott möge deiner Seele gnädig sein!“

Leclerc brachte tatsächlich ein Lächeln zustande. „Wenn die anderen dich und den Mann finden, möchte ich nicht in eurer Haut stecken!“, presste er hervor und schloss die Augen.

Die Frau holte mit der Sichel aus und trennte dem Vampir mit einem Schlag den Kopf vom Rumpf. Schwer atmend starrte sie eine Weile auf den Schädel, der vor ihren Füßen lag. „Das war das letzte Mal, dass ich dir einen ausgeliefert habe. Ich werde nicht mehr den Lockvogel spielen. Das ging zu weit!“ Die Frau drehte sich um und stapfte aus dem Keller. Der gepflegte Mann sah ihr hinterher, lächelte zynisch.

„Das werden wir ja sehen!“, murmelte er.

Kapitel 1: Neues Terrain

Jannik Cerný stand in seinem Badezimmer vor dem Spiegel und strich sich prüfend über seinen blonden Vollbart. Der Bart war kurz geschnitten und bedeckte die Wangen nicht vollständig, sondern rahmte vielmehr sein hübsches Gesicht ein, machte es markanter, reifer. Zufrieden grunzte er und legte seinen Barttrimmer weg.

Sein blondes Haar war in modernem Stil kurz geschnitten, ein leichter Seitenscheitel lockerte sein ernstes Auftreten ein wenig auf. Jannik nahm etwas Gel und zähmte damit sein Haar, da seine Naturlocken ihm einen Strich durch die Rechnung machen würden, sobald das Haar trocken war. Kurz blickte er auf die Armbanduhr, die neben dem Spiegel lag.

„Verdammt!“

Rasch sprang er aus dem Bad, zog sich in wenigen Sekunden an und stürmte zurück ins Bad, um seine Armbanduhr zu holen. Dabei bemerkte er, dass seine dunkelblaue Krawatte, ein Geschenk von Nicole, schief saß.

„Später!“, grunzte er, hetzte in sein Wohnzimmer und überprüfte den Inhalt seines Aktenkoffers. Er nahm seine Autoschlüssel und überlegte kurz, ob er den Fahrstuhl nehmen sollte, der sein Loft mit der Tiefgarage verband. Dann schüttelte er den Kopf und ging zur Wohnungstür, die ins Treppenhaus führte. Während er die vier Etagen zum Eingang der Tiefgarage hinunter lief, stöpselte er die Freisprechanlage seines Handys ans Ohr.

„Kurzwahl. Marie.“ Das Handy reagierte auf den Befehl und nach kurzem Klingeln meldete sich eine warme Frauenstimme.

„Cerný Blood and Health Development, Marie Schraner am Telefon.“

„Guten Morgen, Marie!”

„Guten Morgen, Herr Cerný.“

„Ich bin in etwa zwanzig Minuten im Büro. Wenn Leclerc auftaucht, becircen und bewirten Sie ihn nach allen Regeln der Kunst, sonst haut er ab. Er ist ein wenig schwierig.“

Jannik erreichte die Tür zur Tiefgarage und öffnete sie. Mit langen Schritten ging er zu seinem S-Klasse Mercedes, schwang sich hinter das Steuer und ließ fast gleichzeitig den Motor an.

„Wird gemacht, Herr Cerný. Möchten Sie Kaffee oder Tee zum Meeting?“

„Leclerc trinkt Cafe´ au Lait, ich nehme einen normalen Kaffee. Danke, Marie. Sie sind ein Engel! Ende!“ Während er losfuhr fiel ihm ein, dass die Gurtpflicht in Deutschland sehr streng gehandhabt wurde. Rasch schnallte er sich an, während er mit der anderen Hand das Lenkrad betätigte.

Das Loft befindet sich in der Nähe des Mehringdamm, im Bezirk Kreuzberg. Nordwärts, durch dichten Berufsverkehr ging es in den Bezirk Mitte. Dort, nur einen Steinwurf vom Monbijoupark entfernt, liegt die deutsche Zweigstelle des Unternehmens, das Jannik und Adolar Cerný vor einigen Jahren in der Tschechischen Republik gegründet hatten. Der Schwerpunkt des pharma­zeutischen Unternehmens lag in der Erforschung von Blutkrankheiten, Therapien und zukunfts­weisenden Anwendungen von Blutpräparaten. Zusätzlich hatte die Firma eine eigene Blutbank, und das war nicht ganz uneigennützig.

Jannik und Adolar Cerný waren schließlich Vampire.

Jannik stellte einen der beliebtesten Radiosender der Stadt ein und lauschte einer Satire über die Politiker Deutschlands. Bei der Pointe setzte er ein breites Grinsen auf. Er stand an einer Ampel und tippte mit den Fingern auf dem Lenkrad den Rhythmus der Musik mit, die jetzt gespielt wurde. Neugierig sah er in das Auto links neben sich. Eine junge Frau mit kurzen, igel-gegelten platinblonden Haaren grinste ihn an, flirtete eindeutig mit ihm. Gutgelaunt zwinkerte er ihr zu, drang in ihre Gedanken ein.

>Süßer Kerl und flottes Auto. Würde ich nicht von der Bettkante schubsen.<

Jannik lachte auf, da die Verbindung seines Äußeren mit dem Statussymbol Auto ihn einfach amüsierte. Die Ampel schaltete auf Gelb und er winkte der jungen Frau zu, als er anfuhr.

„Es hat doch sein Gutes, die Gedanken der Sterblichen lesen zu können“, murmelte er.

Die nächste Ampel wartete schon auf ihn. Diesmal sah er zu dem Auto rechts neben sich. Ein Mann mit schütterem Haar popelte gedankenverloren in seiner Nase und starrte dabei auf die Ampel.

>Wenn ich heute schon wieder vergesse, das Geschenk zu besorgen, macht mir Susanne die Hölle heiß!<

Jannik war froh, dass er diese Probleme nicht hatte. Er war Single und glücklich. Er konnte tun und lassen was er wollte und mit wem er wollte. Keine Verpflichtungen.

Jannik fuhr weiter in dem zähfließenden Verkehr, musste bald wieder an einer Ampel halten. Links neben ihm in einem alten Ford saß eine Frau Mitte vierzig. Ihre Stirn war besorgt in Falten gelegt und sie hatte Tränen in den Augen. Jan drang sanft in ihre Gedanken ein.

>Wenn nicht bald ein Spender gefunden wird, ist sie tot. Herr im Himmel, bitte nimm mir nicht mein einziges Kind!<

Die Frau fuhr los und Jannik merkte sich das Kennzeichen. Er hatte die tiefe Verzweiflung der Frau gespürt, ihre Angst. Er wollte wissen, wer sie war und welches Schicksal sie bedrohte. Vielleicht konnte er über die Zulassungsstelle den Namen der Frau erfahren und dann weiter ihre Geschichte. Er war neugierig geworden, wollte helfen.

>Verdammt! Ich kann nicht die ganze Welt retten!< Über sich selbst verärgert gab er Gas und bog wenige Minuten später in die Straße ein, in der die Tiefgaragen standen, die für Geschäftsleute, deren Angestellte, Gäste und einige Anwohner reserviert waren, da in den Straßen selbst kaum Parkplätze zu bekommen waren. Die Tiefgaragen waren durch ein Tunnelsystem mit den drei größten Bürokomplexen des Straßenzuges miteinander verbunden, sodass man nicht erst auf die Straße gehen musste, um in das Haus zu gelangen, in das man wollte.

Jannik Cerný schnappte sich seinen Aktenkoffer, verließ sein Auto und betätigte die elektro­nische Verriegelung. Das Piepen verriet ihm, dass sein Mercedes verschlossen war. Mit langen Schritten durchquerte er das Parkdeck, eilte auf den Aufzug zu.

>Hoffentlich ist Leclerc noch nicht da!<, dachte Jan. Er mochte den Franzosen nicht, aber die Cernýs hatten nun mal des Öfteren mit ihm geschäftlich zu tun. Er war einer der wichtigsten Lieferanten für die Plastikbeutel, in denen die Blutspenden gesammelt und gelagert wurden.

Und auch unter den Vampiren bei Bedarf verteilt wurde.

Jannik Cerný betrat den Fahrstuhl und drückte auf den Knopf mit der Zahl vier. Dann nahm er seine Freisprechanlage von seinem Ohr, holte Luft und pustete im Rhythmus der nervtötenden Fahrstuhlmusik.

>Hoffentlich ist Leclerc nicht mehr verstimmt wegen des Vorfalls in der Oper im letzten Jahr<, dachte Jan.

Er, sein Mentor Adolar und Nicole, die damals noch nicht mit Adolar verheiratet und noch sehr sterblich war, hatten sich in der Prager Oper Tosca angesehen. In der Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt trafen die drei auf Bertrand Leclerc, der ein unverhohlenes Interesse an Nicole gezeigt und auch versucht hatte, sie Mental zu beeinflussen. Aber Nicole hatte einen unglaublich starken Willen und war nicht so leicht zu beeinflussen. Sie hatte den Franzosen zurückgewiesen. Adolar und Jannik hatten sich zusätzlich schützend neben sie gestellt und Leclerc somit gezeigt, dass er verbotenes Terrain betreten habe.

Bertrand Leclerc war sichtlich wütend davon gerauscht. Jannik schmunzelte bei der Erinnerung, dem blasierten Gockel eins ausgewischt zu haben.

Die Fahrstuhltüren öffneten sich und Jannik Cerný ging auf die großen Milchglastüren des rechten Korridorflügels zu, der zu ´Cerný Blood and Health Development` führte`. Daneben befand sich ein Decodiergerät mit einem Tastenfeld von 0 bis 9 sowie Raute- und Sternchentaste. In diesem Gerät befand sich auch ein Schlitz für eine Keycard, die Jannik jetzt benutzte. Ein leises Summen der Tür sagte ihm, dass die Tür freigegeben war und er zog sie auf.

Ein dunkelblauer Teppich aus einer edlen Faser lag im ganzen Foyer. Geradezu befand sich der Empfang, bestehend aus einem fast brusthohen Tresen aus hellem Kirchbaum. Dahinter saßen zwei attraktive Damen unter dreißig, die die Gäste willkommen hießen und den Besuch den entsprechenden Abteilungen zuführten. Sie nahmen auch Lieferungen entgegen und zentrale Telefonate.

„Guten Morgen, meine Damen!“ Jannik Cerný lächelte die beiden Frauen freundlich an.

Sofort schmolzen die beiden, eine Brünette mit Brille und eine Dunkelblonde mit Stupsnase und Sommersprossen, förmlich dahin.

„Guten Morgen, Herr Cerný!“, flöteten sie zurück, waren dabei absolut synchron. Jannik hätte schwören können, dass die beiden sich regelrecht in die Brust warfen, um ihre Weiblichkeit zu präsentieren.

Innerlich grinste Jan, ließ sich aber nichts anmerken. Er ging an der kleinen Sitzgruppe aus schwarzem Leder und Chrom mit dem kleinen Couchtisch vorbei und wendete sich nach Links, um zu seinem Büro zu gelangen. Der Teppich in Blau ging auch in diesem Korridor weiter, vorbei an kleineren Büros, deren Türen aus einem Gemisch aus Klar- und Milchglas war. Wenn man direkt vor der Tür stand, konnte man hineinsehen, ob der Mitarbeiter gerade im Raum war. Einen Schritt weiter zurück, und man hatte keine Einsicht in den Raum. Andererseits konnten die Mitarbeiter in den Räumen auch nicht sehen, wer gerade über den Korridor lief. Lediglich die Beine waren zu sehen.

Jannik ging durch die letzte Glastür auf der rechten Seite ohne anzuklopfen. „Noch mal einen schönen Guten Morgen, Marie!“, sagte er und lächelte seine Chefsekretärin freundlich an.

Marie Schraner war eine Frau Mitte vierzig, verheiratet, zwei Kinder im Teenageralter, leicht rundlich, aber elegant und attraktiv. Die dezent braun gefärbten Haare waren auf Kinnlänge und tadellos frisiert. Nur kleine, goldene Ohrringe, eine goldene Kette mit ihrem Sternzeichen, der Ehering und eine schmale goldfarbene Uhr schmückten die Frau. Ihr Make-up war unauffällig, farblich perfekt auf ihre Kleidung abgestimmt. Marie Schraner bevorzugte klassische Kostüme und Hosenanzüge im Büro, variierte sie aber immer mit einer anderen Bluse oder einem schicken Halstuch.

Sie lächelte ihren Chef an und zeigte dabei gepflegte und gerade Zähne. „Guten Morgen, Herr Cerný.“ Sie stand auf und nahm einen kleinen Packen Briefe von der Ecke ihres Schreibtisches. Dann begleitete sie Jannik in sein Büro, das an ihrem angrenzte.

Sein Büro war das einzige in der Firma, das keine Glastür hatte, sondern eine aus hellem Kirschbaum. Eine cremefarbene Auslegeware von hoher Qualität bedeckte den Boden, die Wände waren teils in dem hellem Holz getäfelt, aus dem auch die Tür bestand, teils lugten immer wieder die Backsteinwände des Gemäuers hindurch, zeigten die Struktur des Denkmal geschützten Gebäudes. Überall standen Grünpflanzen, in kleineren Töpfen und größeren Kübeln. Ein kleiner Couchtisch und vier Sessel aus hellbraunem Leder und Chrom standen im ersten Drittel des Raumes. Hier pflegte Jannik seine Geschäftspartner zu empfangen, sich mit ihnen zu unterhalten, Verträge abzuschließen. Auf der rechten Seite an der Holztäfelung waren einige Flachbildmonitore angebracht. Zwei Fernseher, die auf die Börsenkanäle eingestellt waren, ein Computermonitor mit Internetkamera, um mit Geschäftspartnern in aller Welt von Angesicht zu Angesicht reden zu können. Auch mit Adolar, seinem Urgroßvater mit sechzehn Urs davor, Mentor und Mitinhaber von ´Cerný Blood and Health Development`.

Ein kleinerer Monitor zeigte ihm in wechselnden Bildern den Betrieb im Foyer, den Korridor direkt vor seinem Büro und den Fahrstuhl. Gegenüber den Monitoren stand sein Schreibtisch aus hellem Kirschbaum. Der Schreibtischsessel war modern und ebenfalls aus hellbraunem Leder, passend zu den Sesseln der Sitzgruppe. Auf dem Schreibtisch stand ein neuerer PC mit Flachbildmonitor und allem, was dazu gehörte.

>Ein Hoch auf die modernen Zeiten!<, dachte Jannik. >Was haben wir nur vor einhundert Jahren gemacht, als es noch keine Computer gab?<

„Herr Cerný, Monsieur Leclerc ist noch nicht eingetroffen. Möchten sie Ihren Kaffee schon haben?“

„Ja, Marie. Bitte sehr. Sie wissen doch, ohne mein Koffein am Morgen bin ich nur ein halber Mensch.“ Jannik stellte seinen Aktenkoffer auf den Schreibtisch und öffnete ihn gleichzeitig. Dabei lächelte er seine Chefsekretärin dankbar an. Sie wusste einfach, was er am frühen Morgen benötigte. Er nahm Marie die Briefe ab und legte sie erst einmal neben seinen Aktenkoffer.

„Wenn Leclerc kommt, führen Sie ihn bitte umgehend herein.“

„Selbstverständlich, Herr Cerný.“ Marie drehte sich um und ging hinaus, schloss leise die Holztür.

Jannik schaltete seinen Computer und die Monitore an, hörte seinen Anrufbeantworter ab. Nur wenige hatten die direkte Nummer seines Büros, Adolar und Nicole gehörten selbstverständlich dazu.

„Guten Morgen, du Langschläfer!“ Die weiche, leicht heisere Stimme Nicoles ließ Jannik lächeln. Er mochte die Frau seines Mentors, war sogar ein wenig in sie verliebt. Aber natürlich war sie tabu für ihn und somit begnügte er sich mit einer tiefen und ehrlichen Freundschaft zu der Frau.

„Magda lässt fragen, wann du endlich mal wieder zur Burg kommst. Sie vermisst dich, ebenso Regula und einige andere Damen. Vielleicht schaffst du es ja zu Ostern. Falls du dir wieder eine Ausrede einfallen lassen solltest, komme ich persönlich nach Berlin und zieh dich an den Ohren nach Tschechien! Tschüss!“

Das Knacken aus dem Gerät sagte Jannik, dass Nicole mit ihrer kleinen Ansprache fertig war. Er schmunzelte, konnte sich Nicole mit blitzenden Augen aus Lapislazuli vorstellen. Seitdem Adolar sie gewandelt hatte, vermischte sich oft in dem Blau mit dem goldenen Ring um die Iris noch ein Hauch Silber.

Jannik seufzte, als er daran dachte. Es klopfte an der Tür und Marie Schraner kam ohne Aufforderung herein. Jannik hatte ihr gleich am ersten Tag gesagt, dass sie jederzeit eintreten durfte und nicht auf ein Kommando seinerseits warten sollte. In der Hand hielt Marie ein kleines Tablett mit einer Tasse Kaffee, die kleine Dampfschwaden von sich gab. Jannik roch sofort das kräftige Aroma und sein Appetit stieg an.

„Danke, Marie. Ich sehe mir die Briefe durch und sage Ihnen in einer halben Stunde Bescheid, was wichtig ist und was noch warten kann.“

„Ist gut, Herr Cerný.“ Marie ging wieder in den Vorraum.

Jannik trank inzwischen seine dritte Tasse Kaffee, hatte die Post durchgesehen, einige Angebote durchgearbeitet, die meisten wieder verworfen und abgelehnt und sah sich die Börsengänge an. Dabei sah er immer wieder auf seine Uhr, runzelte die Stirn. Unruhig stand er auf, ging zu einem der drei Fenster und sah auf die Spree hinunter. Gedankenverloren zupfte Jannik an den Blättern eines Ficus Benjamin.

>Wo bleibt nur Leclerc? Das ist nicht seine Art!<

Trotz allem war Bertrand Leclerc ein zuverlässiger Geschäftspartner, egal, welch persönliches Manko er hatte.

Die Sprechanlage summte. „Herr Cerný, Herr Kerner ist hier und möchte sie dringend sprechen.“ Maries Stimme klang eindringlich.

Jannik runzelte erneut die Stirn. Sein Freund Tobias Kerner hatte die Firma bisher nur einmal betreten, als Jannik ihm die Räume zeigte. Ansonsten trafen sie sich Abends oder am Wochenende, zogen um die Häuser, suchten sich ihr Vergnügen. Das Tobi jetzt hier aufkreuzte, konnte nicht wirklich etwas Gutes bedeuten. Zudem Marie etwas anders klang als sonst, wenn sie unangemeldeten Besuch ankündigte.

„Danke, Marie. Er kann reinkommen.“ Jannik wandte sich der Tür zu, die kurz darauf aufging. Marie ließ einen jungen Mann hinein, verschloss die Tür dann wieder von außen. Tobias Kerner war eins-fünfundsiebzig groß, hatte dunkelblondes, kinnlanges Haar mit hohem Haaransatz, das er meistens, so wie jetzt auch, als streng zurück gekämmten Pferdeschwanz trug. Die grün­braunen Augen lagen etwas weiter auseinander, die Nase kurz und schmal, dafür aber einen ungewöhnlich sinnlichen Mund. Seine Körperhaltung war gerade, aufrecht und grazil. Ein Tänzer, das verriet jede seiner Bewegungen.

Wer ihn nicht kannte, konnte ihn durchaus für homosexuell halten, aber Tobias Kerner war dem weiblichen Geschlecht genauso zugetan wie Jannik Cerný. Sie genossen es beide, Frauen zu erobern ohne eine ernste Bindung einzugehen.

„Was ist los, Tobi?“ Janniks Stimme war leise. Er sah, dass das Gesicht seines Freundes ungewöhnlich ernst und angespannt war.

>Halt mich nicht für dämlich, aber ich habe heute Nacht einen üblen Traum gehabt. Einen richtig üblen Traum!<

Jannik horchte auf. Wenn Tobias anfing sich mit ihm gedanklich zu unterhalten, war es alarmierend.

>Was ist los?<, wiederholte Jannik in Gedanken.

>Einer von uns ist gefoltert worden. Übel gefoltert. Und wurde dann getötet.<

Jannik erschauerte. Tobias Kerner war kein Fantast oder Schwarzseher. Jan hatte ihn in den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts kennen gelernt, als in Berlin das leichte Leben tobte. Dann, als die Nazis kamen, hatten die beiden viele Juden und politische Flüchtlinge außer Landes gebracht und so manchen Kampf Seite an Seite ausgefochten. Dabei hatte Jannik viel von den Fähigkeiten seines neuen Freundes kennen gelernt und wusste auch, dass Tobi gelegentlich Träume oder Visionen hatte, die sich dann bewahrheiteten. Er konnte das Wesen der Dinge unter der Oberfläche erkennen, wenn er sich darauf konzentrierte. Tobias konnte nicht nur die Gedanken der Menschen lesen, sondern eben auch ihren Charakter.

>Einer von uns? Weißt du wer?<

Tobias schloss kurz die Augen, ein Frösteln schien durch seinen Körper zu jagen. >Der Franzose.<

Schockiert setzte sich Jannik hin, starrte seinen Freund an. „Ich hatte mit ihm einen Termin heute Vormittag. Bist du sicher?“

Tobias ging auf Jannik zu. >Lass mich dir zeigen, was ich gesehen und gefühlt habe. Verzeih bitte, aber es ist wirklich grausam.< Er legte seine kühlen Finger an die Schläfen des Tschechen, holte tief Luft und übermittelte ihm die Bilder der letzten Nacht.

Jannik keuchte, als er die Qualen des Franzosen fühlte wie seine eigenen.

Ein Kellergewölbe in kaltem Neonlicht.

Ketten.

Ein gesichtsloser Mann, der mit verschiedenen Gegenständen Unvorstellbares an dem Franzosen beging.

Schmerzen, die einen nahezu wahnsinnig machten.

Und dann nichts mehr.

„Verdammt!“ Jannik riss sich seine Krawatte vom Hals, knöpfte sein Hemd auf. Er schwitzte, sah Tobias entsetzt an. „Wer tut so etwas?“

Tobias hob Schulter zuckend die Hände. „Ich weiß es nicht, mein Freund. Ich weiß nur, dass in den letzten Jahren immer wieder mal einer unserer Brüder hier in Berlin verschwunden ist. Und das war jetzt das dritte Mal, das ich eine Vision von Folterung und Tod hatte.“

Entgeistert sah Jannik seinen Freund an. „Das dritte Mal? Willst du damit sagen, dass es schon mehrere von uns erwischt hat?“

Tobias Kerner nickte. Seine Augen wurden so schwarz wie Obsidian, seine Fänge entblößten sich. „Ich habe genug davon, Jannik. Einmal kann passieren. Zweimal auch noch. Aber jetzt ist es kein Zufall mehr. Da verfolgt uns jemand.“

Kapitel 2: Griechischer Frühling

Jannik Cerný stand auf der Dachterrasse seines Lofts und trank ein Glas Blut. Die Freisprechanlage seines Handys war an seinem Ohr befestigt und er sah in den südwestlichen Abendhimmel, während er mit Adolar telefonierte.

„Das klingt gar nicht gut, was du mir da erzählt hast, Jan.“ Adolars Stimme klang besorgt und nachdenklich. „Wenn ich Nicole davon erzähle wird sie darauf bestehen, dass du sofort nach Tschechien zurückkommst, damit du aus dem Gefahrenbereich bist.“

Jannik grinste. „Du brauchst deine Frau nicht vorzuschieben, um deine Ängste und Wünsche zu äußern, Alter.“

Adolar grunzte irgendetwas, dann seufzte er. „Du hast ja Recht. Ich möchte einfach nicht, dass dir etwas passiert, Jan.“

„Addi, ich verspreche dir, dass ich auf mich aufpasse. Ich halte meine Augen offen und melde mich täglich bei dir, Tobi oder Tris. So können wir uns auch gegenseitig absichern.“

„Rowena ist auch vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Sie hat eine Galerie in Zehlendorf eröffnet.“

Jannik zog überrascht die Brauen hoch. „Rona ist hier? Das ist schön. Vielleicht kann man sich mal zwanglos treffen und ….“

„Das ist keine Einleitung zu einem amourösen Abenteuer, Jannik!“

Die Strenge in Adolars Stimme überraschte Jan. „Entschuldige. So war das nicht gemeint. Ich würde mich einfach nur freuen, Rowena mal wieder zu sehen, Addi. Ohne irgendwelche Hintergedanken.“

Adolar grunzte wieder irgendetwas. „Entschuldige, Jan. Ich bin einfach nur nervös, weil ich nicht vor Ort bin. Irgendwie ist innerhalb des letzten Jahres unglaublich viel passiert und ich werde davon regelrecht überrannt.“

„Na na! Bereust du es etwa, Nic geheiratet und gewandelt zu haben?“

„Nein! Das meine ich auch nicht. Du bist in Deutschland, ich schmeiße die Firma in Prag allein, arbeite Nic ein wenig ein und ich bin gerade in das Konzil berufen worden. Soviel Aufregung habe ich in den letzten zwanzig Jahren nicht gehabt.“

Jannik grinste. „Du wirst alt!“ Dann stutzte er. „Sagtest du gerade, du bist ins Konzil berufen worden?“

„Ja, sagte ich.“

Das Konzil war sozusagen das Parlament der Vampire. Weltweit. Das Konzil wurde einberufen, wenn zum Beispiel ein Vampir gegen die Gesetze der Gemeinschaft verstoßen hatte. Waren die Verstöße eher nichtig, regelte das Konzil die Sache allein. Waren es aber schwerwiegende Straftaten, zum Beispiel ein sinnloses Abschlachten von Sterblichen, dann kam der Angeklagte vor das Triumvirat. Das Triumvirat bestand aus drei Vampiren, die alle dreißig Jahre neu gewählt wurden. Niemand wusste, wer gerade im Triumvirat saß, das wurde streng geheim gehalten. Nur die Mitglieder des Konzils waren bekannt, tauschten sich untereinander aus.

„Gratuliere, mein Mentor. Endlich mal jemand, der den Überblick hat.“

„Ha ha!“, machte Adolar trocken. Jannik konnte sich die Miene seines Blutsverwandten bildlich vorstellen. Die Augenbrauen zusammengezogen, die grauen Augen blitzten und die Lippen zusammengekniffen.

„Aber jetzt mal was ganz anderes. Morgen triffst du auf den Griechen, nicht wahr?“ Adolar wollte sachlich bleiben, um von dem Thema Konzil abzulenken.

„Kapodistrias? Ja. Er und seine Nichte haben morgen einen Termin in der Geschäftsstelle mit mir.“

„Seine Nichte?“

Jannik ging in das Wohnzimmer. Auf dem Wohnzimmertisch lag die Akte, die er vorhin studiert hatte. „Dimítrios Kapodistrias. Er ist Gründer und Hauptanteilnehmer von `Hellas Health´, einem Unternehmen, dass unter anderem Gerinnungsmittel herstellt, die für unser Unternehmen interessant sein könnten. Dimítrios ist zweiundfünfzig Jahre alt, ledig, hochintelligent und gilt als charismatisch. Sein Partner und rechte Hand ist seine Nichte Helena, eine fünfundzwanzigjährige Frau. Hat BWL, Pharmazie und europäische Mythologie studiert. Die Frau hat einen IQ von 160!“

„Heureka!“ Adolar klang sarkastisch. „Du hast doch bestimmt ein Foto von den Beiden vor dir zu liegen, oder?“

Jannik grinste breit. „Der Alte ist ein typischer Geschäftsmann, seinem Äußeren nach. Distinguiert, gepflegt, weltmännisch. Wirkt entschlossen und auch ein wenig … grausam. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.“

„Hhm.“ Adolar schien etwas auf seinem PC in seinem Prager Büro zu tippen, denn Jannik hörte das Klappern der Tasten. „Was ist mit der Nichte?“

Jannik stockte, als er das Bild von Helena Kapodistrias betrachtete. Schon beim ersten Mal war er von dem Bild sehr angetan. Die junge Frau auf dem Foto war faszinierend und wunderschön. Ein edles, schmales Gesicht mit dunklem, südländischem Teint, umrahmt von schwarzem, langem Haar. Die Augen dunkel, fast schwarz, die Brauen formvollendet. Eine schmale und gerade Nase mit zarten Nasenflügeln. Aber die Lippen waren eine Einladung. Voll und sinnlich, leicht geöffnet, perfekt geschwungen.

„Jannik, bist du noch dran?“ Adolars Stimme riss Jan aus seinen Betrachtungen.

„Entschuldige, Addi. Ich war in Gedanken. Ähm, Helena Kapodistrias könnte als Lockvogel eingesetzt werden. Extrem attraktiv und sinnlich. Würde mich nicht wundern, wenn sie für einen Geschäftsabschluss als Joker benutzt würde.“

„Dann pass bloß auf, dass du deine Hormone bei dir behältst. Soll ich kommen und dir zur Seite stehen?“

Jannik zog gekränkt die Brauen zusammen. „Addi, ich bin zwar dem schönen Geschlecht schnell zugetan, das gebe ich gern zu. Aber ich weiß sehr wohl Geschäftliches und Privates zu trennen!“ Sein Ton war schärfer, als er eigentlich beabsichtigt hatte.

„Schon gut, schon gut, Jan!“ Adolar lachte ein wenig. „Wow! Das ist ja wirklich eine wunderschöne Frau!“

Offensichtlich hatte Adolar Cerný die Akte über die Kapodistrias ebenfalls auf seinem PC aufgerufen und sah sich gerade das Bild von Helena Kapodistrias an.

„Du solltest morgen früh kalt duschen und dir Eiswürfel in deine Unterhose packen, Jan!“

„Sehr witzig, Adolar. Wirklich sehr witzig. Seitdem du mit Nic zusammen bist, denkst du kaum noch an etwas anderes als an Sex, ist dir das eigentlich bewusst?“

Adolar ließ ein kleines Lachen hören. „Danke für den Tipp. Wird Zeit, dass ich nach Hause fahre. Ach, und Jannik!“

Jan zog eine Augenbraue hoch. „Ja, Meister?“ Er hatte keine Lust auf irgendeinen weisen Ratschlag ob seines Sexuallebens.

„Pass auf dich auf. Die Lage ist ernst, wenn wir wirklich gejagt werden sollten.“

Verblüfft beendete Jannik Cerný das Gespräch, nahm den Kopfhörer vom Ohr. Adolar war öfter um seinen Schützling besorgt, wusste aber, dass dieser sich im Notfall durchaus sehr gut verteidigen konnte. Während des Zweiten Weltkrieges kämpften die beiden Blutsverwandten an verschiedenen Fronten, Adolar als Partisan in Tschechien und Jannik überall, wo er sich gerade aufhielt, hauptsächlich aber in Deutschland, Griechenland und in Frankreich.

Die jetzige Situation war aber eine andere. Da ging es nicht darum, Sterbliche vor anderen Sterblichen zu beschützen und Unrecht zu verhindern, sondern um die Existenz der eigenen Art. Die Vampire der Welt hatten bisher hauptsächlich deshalb überlebt, weil sie sich bemühten, ihre Existenz geheim zu halten. Die Sterblichen würden nicht verstehen, dass die meisten der Vampire überhaupt kein Interesse an dem Tod der Sterblichen hatten. Schließlich ernährten sich die modernen Vampire seit geraumer Zeit hauptsächlich von Blutkonserven und benötigten nur in Notfällen frisches Blut.

Ansonsten wandelten die Unsterblichen unter den Sterblichen wie normale Menschen. Sie arbeiteten, auch am Tag, aßen ganz normales Essen, tranken normale Getränke, liebten wie andere auch, tanzten und lachten. Sie unterschieden sich nicht von den anderen Menschen.

Wer war also dahinter gekommen, dass es Vampire wirklich gab? Und wie hatte er Leclerc und die beiden anderen, von denen Tobias Kerner erzählt hatte, gefunden?

Jannik beobachtete neugierig den Bildschirm, der das Foyer der Firma zeigte. Gerade waren seine Gäste eingetroffen: Dimítrios Kapodistrias, seine Nichte Helena und zwei Männer, die offensichtlich Bodyguards waren. Kapodistrias deutete den beiden Männern an, hier im Foyer zu warten. Zögernd setzten die beiden sich auf die Sessel.

„Show time“, murmelte Jannik und schaltete den Monitor aus. Er wollte nicht, dass seine Gäste bemerkten, dass er sie so früh wie möglich beobachtet hatte. Dann öffnete Jannik eine Schublade seines Schreibtisches und holte eine kleine Schachtel mit farbigen Kontaktlinsen heraus. Die Farbe der Linsen entsprach exakt seiner natürlichen Augenfarbe und normalerweise hätte er sie auch nicht benutzt, aber er wollte vermeiden, dass er auf die Frau unbewusst reagiert.

Wenn das nämlich der Fall war, würden seine Augen silbrig zu leuchten anfangen und Fragen aufwerfen, die er nicht beantworten wollte. Zwar hatte er seine Gefühle sehr gut im Griff und meistens waren seine Emotionen eher von amouröser Natur, aber nach seiner Reaktion auf das Foto von Helena Kapodistrias zog er es vor, auf Nummer Sicher zu gehen.

Kaum hatte er die Linsen eingesetzt, als es an seiner Bürotür klopfte. Mit einem Satz war er an seiner Sitzgruppe, rückte noch einmal seinen Anzug und die Krawatte zurecht und sagte: „Herein!“

Mit einem leichten Lächeln öffnete Marie Schraner die Tür, ließ Dimítrios Kapodistrias und seine Nichte Helena eintreten.

Der Grieche war genauso groß wie Jan, kräftig gebaut, aber nicht dick. Dimítrios hatte einen mächtigen Brustkorb und als er Jannik begrüßte, ertönte eine volle Stimme, die aber sehr aristokratisch klang. Sein Gesicht war klassisch griechisch geschnitten, ein gepflegter Vollbart umrundete Wangen und Kinn, schloss sich über der Oberlippe dünn zueinander. Die Augen waren dunkel, fast schwarz, die Brauen offensichtlich gezupft. Die Hand, die sich Jannik zur Begrüßung entgegen streckte war schmal und wies gepflegte, manikürte Fingernägel auf.

„Herr Kapodistrias, es ist mir ein besonderes Vergnügen, sie kennen zu lernen und in der deutschen Niederlassung von ´Cerný Blood and Health Development` zu begrüßen.“ Jannik hätte der Höflichkeit halber lieber zuerst die Frau begrüßt, aber der Grieche war der eigentliche Chef und somit musste Jannik zuerst ihm den Respekt und die Aufmerksamkeit zollen.

„Herr Cerný, es ist immer wieder höchst interessant, mögliche neue Geschäftspartner kennen zu lernen.“ Er wandte sich seiner Nichte zu, die durch ihre Absatzschuhe den Männern auf beinahe gleicher Augenhöhe begegnete.

„Darf ich Ihnen meine Nichte Helena vorstellen? Sie ist meine Teilhaberin und meine rechte Hand. Falls wir ein geschäftliches Übereinkommen treffen sollten, wird Helena in Zukunft alle weiteren Gespräche mit Ihnen führen.“ Dimítrios hatte den Namen seiner Nichte griechisch ausgesprochen. Ein gewisser Stolz war in seiner Stimme zu hören und er trat einen halben Schritt zur Seite.

Jannik war froh, das er sich für die Kontaktlinsen entschieden hatte. Nicht nur das Gesicht der Frau war wunderschön, ihre ganze Erscheinung war eine einzige Versuchung. Eine schlanke, aufrechte Gestalt steckte in einem eleganten Hosenanzug in dunkelbraun. Die weiße Bluse hob ihren dunklen Teint noch hervor, eine kleine goldene Kette mit einem orthodoxen Kreuz baumelte an ihrem schlanken Hals. Die Hände schmal, die Finger schlank und ohne Ringe, dafür aber die Nägel im French-Style manikürt, poliert und nicht lackiert. Jannik konnte erkennen, dass das Helenas echte Nägel waren, als er sich respektvoll über ihre Hand beugte und einen Handkuss andeutete.

„Sie sind ein Gentleman“, sagte Helena und lächelte Jannik freundlich an.

„Ich bemühe mich einer zu sein, Frau Kapodistrias. Aber bitte sehr, nehmen Sie doch Platz.“

Jannik wies auf die Sitzgruppe und ließ seine Gäste Platz nehmen. Marie klopfte, kam herein und brachte ein Tablett mit Kaffee und Gebäck.

„Möchte einer der Herrschaften vielleicht etwas anderes trinken als Kaffee?“, fragte sie freundlich.

>Einen doppelten Schnaps bitte!<, dachte Jannik und musste sich zusammen reißen.

„Wären Sie so freundlich und bringen mir bitte ein Glas Stilles Wasser?“ Helena lächelte Marie sanft an.

„Sehr gern, Frau Kapodistrias.“

Als Helena an Jannik vorbeiging, nahm er einen schwachen Duft an ihr wahr, der ihn an Pinienwälder und wildem Honig erinnerte. Er stellte fest, dass das kein Parfum war, sondern ihre ganz eigene Duftnote, die von ihrer Haut und ihrem Haar ausging.

Nachdem Marie das Wasser für Helena gebracht hatte, begannen die Verhandlungen. Jannik bekundete sein Interesse, das Gerinnungsmittel, das ´Hellas Health` herstellte, beziehen zu wollen und es in der Forschung bei ´Cerný Blood and Health Development´ einzusetzen. Sie diskutierten eine Weile über die Menge, die Jannik jährlich beziehen wollte und den entsprechenden Preis. Nach einer Stunde waren die drei sich einig und die Männer gaben sich die Hände.

„Unsere Notare und Anwälte müssen noch die Papiere aufsetzen und dann müssen wir uns noch einmal zur Unterschrift zusammenfinden, Herr Cerný.“ Dimítrios Kapodistrias lächelte ein Geschäftslächeln. Jannik hatte den Eindruck, dass das Lächeln seine Augen nicht erreichte.

„Großartig“, sagte er. „Darf ich Sie und Ihre Nichte abschließend zu einem Lunch einladen?“ Täuschte sich Jannik oder zuckte Dimítrios Kapodistrias kurz überrascht mit den Augenbrauen?

„Ich muss leider zurück in mein Büro, aber vielleicht kann Helena Ihnen Gesellschaft leisten?“ Fragend sah der Grieche seine Nichte an.

Verblüfft starrte die Frau ihren Onkel an, dann: „Aber gern. Dann können wir uns vielleicht ein wenig näher kennen lernen, Herr Cerný.“

Vorsichtig tastete Jannik sich in die Gedanken seiner beiden Gesprächspartner, aber er fand nur Rezitierungen von Gedichten. Das beunruhigte Jannik ein wenig, aber er ließ sich nichts anmerken. „Ich hole nur meinen Mantel und begleite Sie hinaus, Herr Kapodistrias. Ich werde Ihre Nichte dann nachher gern zu Ihrer Firma fahren.“

Der Grieche lächelte etwas. „Das wäre sehr freundlich, Herr Cerný.“

Im Hinausgehen sagte Jannik Marie Bescheid, dass er mit Helena Kapodistrias zu Mittag Essen würde und erst gegen Nachmittag wieder im Büro sei. „Hier sind die ganzen Unterlagen, die zum Firmennotar müssen, damit er die Verträge aufsetzen kann.“

„Sehr wohl, Herr Cerný.“ Marie nahm die Papiere wie immer freundlich lächelnd entgegen, lächelte aber etwas zu süffisant, wie Jannik fand, als sie einen Blick zu ihm und Helena warf. Aber Jannik sagte nichts, dachte sich nur seinen Teil.

Die Bodyguards im Foyer sprangen auf, als ihr Chef und seine Nichte durch den Korridor kamen. Jannik begleitete noch Kapodistrias und seine Bodyguards zusammen mit Helena in die Tiefgarage auf das Besucherparkdeck und verabschiedete sich dort von seinem neuen Geschäftspartner.

„Worauf hätten Sie Lust?“, fragte Jannik und sah Helena in die dunklen Augen.

„Wie meinen?“

Jannik stutzte. „Ich meine kulinarisch!“ >Verdammt, das klang beinahe wirklich zweideutig!<

Helena lächelte offen und perlweiße ebenmäßige Zähne blitzten hervor. Ein tiefes, weiches und melodiöses Lachen folgte. „Sie werden ja rot!“

Tatsächlich merkte Jannik, wie seine Gesichtsfarbe sich änderte und er sogar heiße Ohren bekam. Ergeben seufzte er. „Frau Kapodistrias, das liegt einfach daran, dass mir selten, wirklich sehr selten eine so umwerfende Frau wie Sie begegnet ist.“

„Helena.“ Sie sprach ihren Namen ebenfalls griechisch aus. „Und danke.“

„Also, Helena.“ Jannik bot ihr seinen Arm an und wandte sich zum Ausgang der Tiefgarage. „Wir haben hier in der Nähe einen Griechen, der nicht zu empfehlen ist. Einen Italiener und einen Chinesen, die leidlich gut sind, einen Thailänder der recht ordentlich ist und einen bombastischen Inder. Wonach ist Ihnen?“

Helena blinzelte schelmisch lächelnd zu ihren Gastgeber hinauf. „Bei der Reklame kommt nur der Inder in Frage, nicht wahr?“

Ihre Stimme verursachte wohlige Schauer auf Janniks Rücken. „Ihr Wunsch ist mir Befehl, Helena.“ Er hielt ihr die Garagentür auf und sie traten auf die Straße. Es war Februar und es nieselte etwas, aber Jannik holte wie von Zauberhand einen Regenschirm im Pocket-Format hervor und klappte ihn schnell auf, hielt ihn schützend über Helena Kapodistrias.

„Sie sind wirklich ein Gentleman, Herr Cerný.“

„Jannik. Oder Jan, wenn Sie möchten, Helena.“

Kapitel 3: Manipulationen

Das Bathura kam dampfend auf den Tisch, noch fettig vom Frittieren. Dazu wurde in einem kleinen Schälchen ein Joghurt-Kräuter-Dipp gereicht.

„Ich liebe dieses fluffige Brot!“, sagte Helena und griff zu, riss einfach ein wenig von dem Brot ab und aß es ohne den Dipp. „Hhm!“

Erstaunt betrachtete Jannik, mit welchem Genuss Helena das Brot kaute. Sie schloss dabei die Augen, schien jede Komponente der Zutaten im Mund zu zerlegen. Danach wischte sie sich die fettigen Finger an der Serviette ab.

„Sie sehen übrigens ganz anders aus als auf dem Foto. Der Bart macht Sie reifer, Jan.“

Innerlich schmunzelte Jannik. >Aha, die Kapodistrias haben also auch Erkundigungen eingeholt.<

„Der Bart ist ziemlich neu. Ich dachte mir, neues Land, neues Aussehen. Und hier habe ich nicht meinen Grund-seriösen Cousin neben mir, der sonst die Verträge abschließt.“

„Also dachten Sie sich, ich werde mich ein wenig raus putzen und Eindruck in der Geschäftswelt schinden?“

„So ungefähr. Ist doch gelungen, nicht wahr?“

Helena grinste. „Allerdings. Aber Ihre Kompetenz ist auch nicht zu verachten.“

Jan strich ein wenig von dem Dipp auf sein Bathura. „Wir haben jetzt genug ´Phishing-for-compliments` gespielt, finden Sie nicht?“ Sein Blick bohrte sich in ihre Augen.

Helenas Augenbraue zuckte kurz in die Höhe. „Wie meinen Sie das?“

Jannik schluckte sein Brot herunter, bevor er antwortete, wischte sich die Finger an der Serviette ab und trank einen Schluck Wasser.

„Ihr Onkel hat Sie mit Absicht auf mich losgelassen. Nicht, dass ich mich beschweren will. Im Gegenteil, Sie sind eine absolut angenehme und willkommene Gesellschaft. Aber Sie sollen mich – sagen wir – abtasten.“

Helena schmunzelte etwas. „Ich sagte Onkel Dim, dass man Ihnen nichts vormachen kann. Er meinte, Sie seien zu jung und unerfahren in der Geschäftswelt.“

„Onkel Dim?“

„Mein Bruder Stavros konnte als Kind nicht Dimítrios aussprechen. Also heißt er seit dem Onkel Dim.“

Janniks Mundwinkel zuckte kurz amüsiert, dann hatte er sich wieder im Griff. „Und Sie nennen ihn heute noch so?“

Helena wurde verlegen. „Eigentlich nur, wenn wir unter uns sind. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Dimítrios gegenüber das nicht erwähnen würden.“

Jannik grinste breit. „Schon vergessen. Ich habe über ihre Familie interessante Dinge gelesen, Helena.“

„Ach wirklich? Was denn zum Beispiel?“ Helena lehnte sich ein wenig vor und legte ihren Kopf zur Seite. Dadurch fiel ihr langes, schwarzes Haar wie ein Schleier zu der geneigten Seite.

„Dimítrios und sein Bruder Phillipos, Ihr Vater, gründeten ´Hellas Health` vor fast 25 Jahren. Hier in Deutschland. Sie fingen mit der Herstellung eines Reagenzglases an, das eine große Hitze aushält und somit in Laboratorien der ganzen Welt seinen Siegeszug begann. Inzwischen hat die Firma viele nützliche Produkte rund um die medizinische Forschung entwickelt und in Produktion.

Als Sie sechs Jahre alt waren und ihr Bruder drei wurden Ihre Eltern bei einem Überfall auf Ihr Zuhause getötet. Ihr Bruder Stavros wurde so schwer verletzt, dass er seitdem nur noch mit Gehhilfen laufen kann.“

Helenas Gesicht verdunkelte sich kurz und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Das war das Schlimmste, was Táwo und ich je durchmachen mussten“, sagte sie leise.

Jannik nickte verständnisvoll. „Ihr Onkel nahm Sie beide zu sich, zog Sie an Kindes statt auf. Die besten Privatschulen, ein Leben in Reichtum und Macht.“

„Aber auch mit Verantwortung, Jan.“ Helena nahm ihre Cola und trank einen Schluck.

Täuschte sich Jannik oder zitterte ihre Hand ganz leicht?

„Dimítrios zog uns in dem Wissen auf, dass es viele Menschen auf der Welt gibt, die nicht so privilegiert sind wie Táwo und ich. In den Ferien halfen wir in der Kirche aus, wir gaben den Armen Essen und Trinken. Kleidung, die uns zu klein geworden war, gaben wir direkt an hilfsbedürftige Familien. Ebenso Spielzeug, das wir nicht mehr wollten.

Dimítrios gab uns Taschengeld, aber immer nur einen Minimalbetrag. Er war der Meinung, dass wir lernen sollten, mit wenig auszukommen, damit wir schätzen lernten, was wir mehr hätten und es nicht als Selbstverständlich nähmen.“

„Das ist lobenswert. Ich habe nur eines in dem Bericht nicht verstanden, den ich gelesen habe.“ Jannik verschränkte die Arme und sah Helena direkt in die Augen.

„Und das wäre?“

„Sie und Ihr Bruder haben eine identische Ausbildung. Beide haben Sie einen fast gleich hohen IQ. Warum sind Sie Dimítrios rechte Hand geworden und nicht Ihr Bruder? Ich dachte immer, dass Griechen ihre Söhne bevorzugen!“

Helena lächelte. „Mein Bruder ist ein Künstler, Jan. Kein Geschäftsmann. Zahlen und Formeln sind nicht seine Welt. Táwo malt, formt Skulpturen und musiziert. Dimítrios hat das früh erkannt. Deswegen hat Táwo seine Studienfächer auch gewechselt. Er studiert Kunst, Musik und Griechische Geschichte.“

Die Art, wie Helena Kapodistrias über ihren Bruder redete, berührte Jannik. Er erkannte Liebe und Zärtlichkeit in ihrer Stimme.

Das Hauptgericht kam. Helena nahm Murg Balti, ein Hühnchengericht, das in einem Karahi, einer kleinen wokähnlichen Pfanne, mit zwei Griffen zubereitet und serviert wurde. Jannik nahm eine große Gemüsepfanne mit Curry. Dazu wurde ihnen der Reis in einem extra Gefäß serviert.

„Sind Sie Vegetarier?“ Helena klang überrascht, als sie Janniks Teller inspiziert hatte und kein Stück Fleisch entdeckte.

„Nein!“, lachte Jannik. „Ich esse nur sehr gerne Gemüse. Ich esse nicht jeden Tag Fleisch, manchmal nur einmal in der Woche.“

„Und wieder haben Sie mich überrascht!“, murmelte Helena.

„Weshalb?“

Helena nahm sich etwas Reis und von dem Murg, legte es sich auf ihren Essteller. „Sie entsprechen so gar nicht dem Bericht, den wir über Sie haben. Demnach hätten sie eher blutiges Steak bevorzugen sollen.“

Jannik lachte leise. „Welcher Idiot hat den Bericht denn verfasst?“

Helenas Augen blitzten, sie legte ihren Zeigefinger an die Lippe. „Firmengeheimnis.“

„Ah! Verstehe.“ Jannik nahm sich etwas von dem Reis und eine große Menge von dem Gemüse. Er hatte das Gefühl, dass Helena ihn genau beobachtete.

„Was steht denn noch in dem Bericht?“

Helena spülte kurz mit ihrer Cola nach und tupfte ihre Mundwinkel mit der Serviette ab. „Im Prager Krankenhaus 1984 geboren. Die Mutter verstarb dabei. Ihr Vater und ihr Onkel zogen Sie und Ihren Cousin Adolar in der Burg auf, die schon seit Jahrhunderten der Stammsitz der Cernýs ist, östlich von Ostrava in den Äußeren Karpaten. Ihr Cousin hat den Adelstitel des Grafen geerbt und Sie beide haben die Firma Ihrer Väter übernommen. Blutbanken, Blutgerinnung, Blutkrankheiten und so weiter.

Ihr Cousin hat vor vier Monaten geheiratet, eine deutsche Frau aus Hamburg. Sie selbst gelten als Lebemann, als Genussmensch. Als jemand, der nichts anbrennen lässt, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist.“

Jannik zog eine Augenbraue hoch. „Hm. Ich kann einer schönen Frau nun einmal kaum widerstehen. Aber zurzeit liegt mein hauptsächliches Interesse an der Firma, und nicht bei Frauen.“

„Vom Saulus zum Paulus?“ Helena hatte einen leicht provozierenden Unterton.

„Wohl kaum. Ich lege nur eine Pause ein.“

Helena beobachtete, wie Jannik beinahe gleichmütig eine Portion Gemüse in den Mund steckte. „Oder liegt es eher daran, dass Sie eigentlich in die Frau Ihres Cousins verliebt sind und seitdem einfach kein Interesse an anderen Frauen haben?“

Jannik erstarrte, stierte Helena an. Vorsichtig tastete er sich in Helenas Gedanken ein.

>Ich habe ihn! Verdammt, warum muss ich ihm wehtun?<

Jannik legte seine Gabel auf den Teller, wischte sich seinen Mund an der Serviette ab. „Nicole ist Adolars Frau. Unabhängig davon, was ich für sie empfinde, akzeptiere und respektiere ich diesen Umstand, Helena. Mehr ist dazu nicht zu sagen.“ Jannik merkte, dass sein Ton schärfer war, als er eigentlich beabsichtigt hatte, aber Helena hatte wirklich einen wunden Punkt getroffen.

Er und Adolar hatten schon lange vorgehabt nach Deutschland zu expandieren. Als die Beziehung zwischen Adolar und Nicole sich festigte und ein Hochzeitstermin feststand, forcierte Jannik die Absicht, nach Deutschland zu gehen und bat Adolar darum, die Zweigstelle persönlich leiten zu dürfen. Er wollte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und Nicole bringen.

Helena sah ihn bestürzt an. Jannik spürte, dass es ihr wirklich Leid tat, las es auch in ihren Gedanken. „Es tut mir Leid, Jannik. Ich hätte das nicht sagen sollen.“

Er wedelte mit der Hand. „Wir haben uns doch gegenseitig provoziert, Helena. Den Tod Ihrer Eltern zu erwähnen war auch nicht gerade sehr elegant.“

Betreten schwiegen sie, aßen still weiter.

„Ich hoffe, dass der Vorfall eben nicht unsere geschäftlichen Beziehungen beeinträchtigen wird.“ Helena nahm ihren ganzen Mut zusammen und sah dem Tschechen in die braunen Augen.

Er lächelte versöhnlich. „Nein. Ich sehe das eher sportlich. Wir haben ein Remis und werden noch weitere Runden ausfechten müssen. Ich bin schon neugierig, welche Waffen dann zum Einsatz kommen.“

Helena runzelte die Stirn, sah Jannik merkwürdig betroffen an.

>Ich habe ihm wirklich wehgetan. Das habe ich nicht gewollt!< Ihre Gedanken strichen eine Saite bei ihm an, die er noch nicht kannte. Jannik wollte nicht, dass sich Helena schuldig oder schlecht fühlte.

Er zahlte, half ihr in den Mantel und sie gingen hinaus. Sie atmete die kalte, nasse Luft des Februars ein.

„Kommen Sie, ich fahre Sie in die Firma Ihres Onkels.“ Jannik ergriff Helenas Arm, wollte sie wieder zum Parkhaus führen.

„Nein, Jan. Ich … nehme ein Taxi.“

Verwirrt sah Jannik die junge Frau an. „Ich habe Ihren Onkel aber versprochen, dass ….“

„Ich werde ihm sagen, dass Sie einen dringenden Anruf aus dem Büro bekommen haben und umgehend zurückkehren mussten. Ich denke, es ist besser, wenn wir uns hier verabschieden.“

Jannik sah in die dunklen Augen und für einen Moment, für einen winzigen Moment, wollte er die Frau in die Arme nehmen und festhalten. Das verwirrte ihn noch mehr.

„Es tut mir aufrichtig Leid, dass ich Ihre Gefühle verletzt habe, Jan. Bitte verzeihen Sie mir.“ Helena reichte Jannik die Hand und er ergriff sie, hielt sie fest. Er zog die Hand an seine Lippen, deutete diesmal den Handkuss nicht an, sondern vollendete ihn.

„Es tut mir Leid, dass ich mich zu den harten Worten habe hinreißen lassen, Helena.“

Sie lächelte, entzog ihm ihre Hand und drehte sich um. Ein leeres Taxi fuhr genau in diesem Moment vorbei und Helena winkte ihm zu.

„Helena!“

Sie drehte sich noch einmal zu Jannik Cerný um, der sie sehr ernst ansah.

„Wir werden uns doch wieder sehen, nicht wahr?“

Helena lächelte wieder. „Ja. Das werden wir.“

Sie stieg in den Wagen, schloss die Tür, nannte dem Fahrer die Adresse und schnallte sich an. Als der Wagen losfuhr, blickte sie noch einmal zurück und sah, dass Jannik ihr nachsah.

Helena Kapodistrias warf ihre Handschuhe auf die Kommode und den Kaschmirmantel über den Kleiderständer. Wütend über sich selbst schleuderte sie ihre Schuhe von den Füssen. Sie landeten weit voneinander entfernt in den Ecken ihres Büros. Sie goss sich etwas Wasser in ein Glas und setzte sich in ihren Bürostuhl, zog die Beine an.

Die Tür ging auf und Dimítrios trat in ihr Büro. Er runzelte die Stirn, als er Helenas Gemütszustand sah. „Du bist zurück!“

„Offensichtlich“, knurrte Helena und schloss die Augen, lehnte ihren Kopf zurück.

„Ist etwas passiert?“

Helena sah in die dunklen, kalten Augen ihres Onkels. „Nein.“

„Warum bist du dann so merkwürdig?“

„Weil ich Cerný provoziert, und ihn damit verletzt habe. Und es tut mir Leid.“

Überrascht sah Dimítrios Kapodistrias seine Nichte an. „Es tut dir Leid?“, fragte er entsetzt.

„Er ist nicht das, was du denkst.“ Helena trank ihr Wasser und stellte das Glas lauter als gewöhnlich auf ihren Schreibtisch ab.

„Woher willst du das wissen?“, fragte Dimítrios lauernd.

„Erstens hat er kein Fleisch sondern Gemüse gegessen.“ Sie zählte die Punkte an ihren Fingern ab. „Zweitens haben sich seine Augen nicht einmal verändert und drittens habe ich es einfach im Gefühl, Onkel Dim.“

„Ach, du hast es im Gefühl?“ Hohn tropfte aus der Stimme und ließ Helena aufhorchen.

„Ich habe dir gesagt, dass ich aus der Sache raus bin. Ich spiele nicht mehr deinen Lockvogel. Bei Cerný liegst du falsch. Er ist kein Dämon!“

Die Augen des Griechen glühten. „Hast du dich in den Tschechen verliebt?“

Verblüfft runzelte Helena erneut die Augenbrauen. „Gott, nein! Aber er ist kein Kandidat für dein Kellervergnügen!“

Mit zwei Schritten war Dimítrios Kapodistrias bei seiner Nichte, holte aus und ohrfeigte sie. Der Schlag war so heftig, dass sie von dem Bürostuhl fiel und mit einem kleinen Aufschrei zu Boden stürzte. Es überraschte Helena mehr als das es sie schmerzte und sie sah ihren Onkel entsetzt an. Der schüttelte sich plötzlich, krampfte seine Hände zusammen.

„Glaubst du etwa, dass es mir Spaß macht, diese Ausgeburten der Hölle zu jagen und sie ihrer Erlösung zu übergeben?“ Seine Stimme war leise, schneidend. Er beugte sich zu Helena runter, nahm ihre Hand in seine. „Du hast doch gesehen, wozu diese Kreaturen fähig sind. Du hast gesehen, was deinen Eltern geschehen ist.“

Dimítrios zog Helena hoch, streichelte über ihre gerötete Wange. „Wenn Cerný ein normaler Mensch ist, hat er nichts zu befürchten. Ich verspreche dir, dass ich gründlicher als sonst recherchiere. Aber verstehe bitte, dass ich nicht aufhören kann, nur weil dein Gefühl es dir sagt.“ Er umklammerte ihren Kiefer, drückte unsanft zu. „Wenn du nicht mitmachen willst, steh´ mir nicht im Weg. Aber überlege es dir noch einmal. Denn wenn du nicht mein Vermächtnis fortführen willst, wird dein Bruder eingeweiht werden!“

Tränen schossen in Helenas Augen. Es war das erste Mal in ihrem Leben, das Dimítrios seiner Nichte körperlich wehtat. „Lass bitte Táwo aus dem Spiel“, flüsterte sie gequetscht.

„Das liegt nicht an mir, Lena.“

Dimítrios Kapodistrias ließ das Gesicht seiner Nichte los, drehte sich um und verließ das Büro, ohne noch ein einziges Wort zu sagen.

Helena war plötzlich speiübel. Keuchend stützte sie sich auf dem Schreibtisch ab, schwitzte.

>Hoffentlich habe ich Recht. Hoffentlich ist Jan keine von diesen Kreaturen!<

Kapitel 4: Geschwisterbande

Helena Kapodistrias betrat das sonnendurchflutete Atelier ihres Bruders Stavros. Er hatte sich im Dachgeschoss der Villa die Südecke umbauen lassen. Große Fenster, vom Dachfirst bis zum Fußboden und über die ganze Länge der Wand gaben dem Raum mehr Größe und Tiefe. Einige Bilder und Stauen, die Stavros fertig gestellte hatte, standen an der Wand oder in den Ecken des Raumes. Die meisten Werke waren Studien der Körperproportionen, Akte oder Landschafts­aufnahmen aus dem Fenster heraus gesehen.

Aber einige Gemälde und eine Skulptur spiegelten die Alpträume des jungen Mannes wieder. Eine gesichtslose Gestalt, gebeugt, mit einer Axt in der Hand und einem vor Blut triefenden Mund.

Die Staffelei stand in der Nähe des Fensters, das Tageslicht fiel direkt auf die Leinwand. Stavros saß auf seinem hohen Hocker, hatte die Palette in einer Hand und zwei Pinsel in der anderen. Im Mund hatte er einen Pinsel und hinter seinem rechten Ohr steckte ebenfalls einer.

Lächelnd betrachtete Helena ihren Bruder, wie er losgelöst von seiner Umwelt die Leinwand bearbeitete und mit jedem Pinselstrich, jedem Farbtupfer ein neues Gemälde schuf. Sie konnte Stavros stundenlang zusehen, es wurde nie langweilig. Im Gegenteil, es beruhigte sie regelrecht.

Nach dem gestrigen Tag, der damit endete, dass ihr Onkel sie geohrfeigt hatte, brauchte sie die ruhige Ausstrahlung, die Stavros ihr bot. Leise setzte sie sich auf das alte, zerschlissene Sofa, schlug die Beine unter und sah sich um.

Das einzige Bild, das Stavros richtig aufgehängt hatte, war ein Portrait von ihr. Das Bild hatte er vor vier Jahren gemalt, als seine Leidenschaft und Begabung für die Malerei offensichtlich wurde. Helena machte auf dem Bild einen sehr nachdenklichen Eindruck, aber auch sinnlich und verführerisch.

´So sehe ich dich, Leni! `, hatte Stavros gesagt.

Innerlich immer noch aufgewühlt, blickte Helena auf ihre Hände, die nun nicht mehr zitterten. >Er darf nie erfahren, was Onkel Dim und ich heimlich tun!<, dachte sie und schluckte hart. >Ich muss ihn schützen.<

„Was beschäftigt dich, Schwesterchen?“ Stavros hatte den Pinsel aus dem Mund genommen und benutzte ihn gerade. Er hatte eine angenehme warme Stimme, ein sanftes Lächeln umspielte ständig seinen schönen Mund. Die hellblauen Augen stachen aus dem dunklen Gesicht hervor, und die fein geschwungenen schwarzen Augenbrauen und die dichten schwarzen Locken intensivierten die Augen geradezu.

„Muss mich denn etwas beschäftigen, wenn ich dich hier oben besuche und dir beim Malen zusehe?“ Sie versuchte unbeschwert zu klingen, merkte aber selbst, dass ihr das nicht gelang.

Stavros lächelte und blickte seine Schwester an. Sein Lächeln erstarrte plötzlich und die Augenbrauen zogen sich zusammen. „Verflucht!“

Er warf die Palette und die Pinsel auf den Beistelltisch, schnappte sich seine Gehhilfe und humpelte auf seine Schwester zu. Mit einer vorsichtigen, fast zärtlichen Bewegung umfasste er ihr Kinn und hob das Gesicht zu ihm hoch, drehte es ein wenig zur Seite. Ein bläulicher Schimmer prangte auf der linken Wange und am Unterkiefer waren kleinere Abdrücke zu erkennen. „War das Onkel Dim?“

Überrascht sah Helena ihren Bruder an. „Woher weißt du das?“ Sie hatte vorgehabt, ihn anzulügen. Sie wollte ihm sagen, sie wäre gestürzt oder sie wäre überfallen worden. Aber wenn Stavros sie direkt mit irgendetwas konfrontierte, konnte sie ihn nicht anlügen.

Die Nasenflügel des jungen Mannes blähten sich empört auf. Noch nie hatte Helena ihren Bruder so wütend gesehen. „Irgendwann musste er ja mal durchdrehen!“, knurrte Stavros und ließ sich neben Helena auf das Sofa plumpsen. „Komm her, Leni.“

Stavros hob seinen Arm und Helena kuschelte sich an seine Schulter. Wie früher, als sie noch kleine Kinder waren, legte er, der jüngere Bruder, ihr, der älteren Schwester, seinen Arm schützend um sie, drückte sie fest an sich. Zärtlich strich Stavros über das lange, glatte schwarze Haar Helenas.

„Was ist passiert?“, fragte er leise, seine Lippen auf ihren Kopf gepresst.

Helena atmete den leicht schweißigen Duft ihres Bruders ein. Sie roch auch Farbe und Pinselreiniger. Und ein Parfum, das sie noch nicht an ihn kannte.

„Wer ist sie?“, fragte Helena und sah kurz in hellblaue Augen.

Stavros grinste. „Eine Kommilitonin. Nett und intelligent. Nichts Ernstes. Woher weißt du das?“

„Ich rieche ihr Parfum an dir.“

Die blauen Augen blitzten schelmisch auf. „Vielleicht sollte ich doch nicht immer die Klamotten vom Vortag anziehen.“

„Igitt, du bist widerlich!“ Helena stieß Stavros mit gespieltem Entsetzen ihre Finger in die Rippen.

„Nein, große Schwester“, lachte er. „Ich bin ein Mann! Das ist mein natürlicher Moschusduft!“

„Bäh! Es gibt wirklich Frauen, die auf so etwas stehen?“

„Mehr als du denkst. Solltest du vielleicht auch mal versuchen!“

Indigniert sah Helena ihren Bruder an. „Ich soll einen Mann suchen, der sich nicht wäscht oder ich soll mich selbst nicht waschen?“

Lachend umklammerte Stavros Helena, zog sie bäuchlings über seinen Schoß und schlug ihr auf den schlanken, festen Po. Helena quietschte auf, strampelte, lachte.

„Lass mich los du Grobian!“

„Erst, wenn du dich nicht länger raus redest und mir endlich erzählst, was passiert ist.“

Sie hatte gehofft, das Stavros nach dem Ablenkungsmanöver nicht mehr darauf zu sprechen kommen würde. Sie sah ihm sehr ernst in die Augen, die sie grübelnd und fragend zugleich anblickten. Ergeben seufzte Helena. Sie würde ihm so viel erzählen wie sie konnte, ohne dass sie das geheime Bündnis zwischen Dimítrios und ihr erwähnen musste.

„Na gut, Táwo. Onkel Dim und ich hatten gestern Vormittag einen Geschäftstermin. Wir haben Kontakt mit einem Abnehmer für unser Spezialglas geknüpft.“

Stavros entließ seine Schwester aus dem Griff und Helena rappelte sich wieder auf, blies eine Haarsträhne aus dem Gesicht und setzte sich neben Stavros. Wie so oft legte sie ihre Beine quer über seine Beine und er begann sofort, ihre Füße zu massieren. Sie erzählte ihm in allen Punkten, wie dieses Gespräch lief und das es zu einer mündlichen Vereinbarung gekommen war.

„Die Verträge werden jetzt von unseren Firmenanwälten aufgesetzt und ausgehandelt. Nächste Woche wird es dann wahrscheinlich zur Unterschrift kommen.“

Stavros hatte aufmerksam zugehört, nickte zwischendurch ein paar Mal. „Und nach dem Gespräch?“

Helena wurde unruhig, wusste aber nicht genau warum. „Cerný lud Onkel Dim und mich zum Essen ein. Onkel Dim gab vor, in der Firma zurück zu müssen.“

„Aha. Der Alte wollte also, dass du den Tschechen ein wenig aushorchst. Auf deine eigene, ganz charmante Weise.“

Helena nahm eine ihrer schwarzen Haarsträhnen zwischen die Finger und besah sich intensiv die Spitzen. „Ja.“

„Was hast du herausgefunden?“

„Nur das, was wir ohnehin schon wussten.“ Sie wich aus, wollte nicht an Jannik denken.

Stavros umfasste mit einer Hand Helenas Handgelenk. „Beschreibe ihn mal. Wie sieht er aus?“ Stavros hatte ein untrügliches Gespür dafür, im richtigen Moment das Falsche oder aber im Falschen Moment das Richtige zu sagen.

„Er ist 25 Jahre alt, eins-fünfundachtzig groß, hat blonde, kurzgeschnittene Haare, einen gepfleg­ten Vollbart und braune Augen.“ Sie klang genervt, ratterte die Beschreibung einfach runter.

„Und Dim denkt, dass du in ihm verknallt bist, deshalb hat er dir eine gescheuert?“

„Ja. In gewisser Weise. Ich meine, ich denke, dass Onkel Dim in gewisser Weise denkt, dass ich in Cerný verknallt bin.“

„Gefällt er dir?“

Überrascht sah Helena ihren Bruder an. „Er ist ein Geschäftspartner, Táwo!“

„Das habe ich nicht gefragt, meine Schwester.“ Ein wissendes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Himmel, Táwo! Ja, Jan sieht gut aus und er ist charmant. Ein Womanizer!“

„Also gefällt er dir.“ Das war eine Feststellung.

„Das tut nichts zur Sache. Ich verliebe mich nicht in einem Geschäftspartner, das wäre unprofessionell. Ich poppe auch nicht rum, um eventuell günstigere Bedingungen auszuhandeln.“ Verärgert zog Helena die Augenbrauen zusammen.

„Warum hat dann dein Puls jedes Mal einen Hüpfer gemacht, als du von Cerný gesprochen hast?“

Verdattert blickte Helena Stavros in die Augen. Dann begriff sie. Die Hand des Bruders an ihrem Handgelenk war absichtlich so platziert. Seine sensiblen Finger hatten ihren Puls gefühlt. „Himmel, ich scheine es ja echt nötig zu haben!“

Stavros lachte auf, ließ ihr Handgelenk los. „Aber Onkel Dim sollte es lieber nicht erfahren. Er will dir doch einen reichen, griechischen, orthodoxen Christen suchen!“

Helena zog ein verdrießliches Gesicht und streckte Stavros die Zunge raus.

„Das sollte gerade ein Scherz sein“, gab Stavros nach einer Weile zu Bedenken. „Das mit dem orthodoxen Christen meine ich.“

Helena sah verlegen zur Seite. Dimítrios Kapodistrias hatte Helena vor einigen Jahren klargemacht, dass ihr Leben und ihre Zukunft ausschließlich in seinen Händen lagen. Und tatsächlich verbot Onkel Dim ihr eine Beziehung mit einem Mann, der nicht christlich-orthodox war.

´Affären kannst du haben, Helena!`, hatte Dimítrios gesagt. ´Wenn dir das Fell juckt wie eine räudige Katze dann such dir jemanden, der dich befriedigt. Aber keine Beziehung und absolute Diskretion. Ist das klar?`

„Großer Gott, Leni! Das ist nicht dein Ernst?“ Stavros Augenbrauen waren so zusammengezogen, dass sie einen einzigen Strich auf seiner schönen Stirn bildete. „Wir leben im 21. Jahrhundert! Du kannst selbst entscheiden, mit wem du zusammen sein möchtest und mit wem nicht!“

Helena sah ihren Bruder traurig an. „So einfach ist das nicht. Ich schulde ihm etwas!“

Verständnislos sah Stavros Helena an. „Was denn? Gut, er hat uns aufgenommen und großge­zogen, nachdem unsere Eltern ermordet worden waren. Aber wir haben immer nach seinen Regeln gelebt. Du bist eine erwachsene und intelligente Frau, Helena!“

Helena nahm ihre langen Beine vom Schoß ihres Bruders und stand auf.

„Ich will auf deiner Hochzeit eine glückliche Braut sehen, Leni. Du sollst den Mann bekommen, den du liebst, den du verdienst.“ Stavros hielt Helenas Hand fest. „Was verheimlichst du mir?“

Helena sah traurig in die Augen ihres geliebten Bruders. „Frage bitte nicht, Táwo. Ich will dich nicht anlügen müssen.“

Ihre Stimme war leise und ängstlich. Stavros stand auf, gestützt auf seiner Gehhilfe. Ernst sah er in ihre dunklen Augen, umfasste sanft ihr Gesicht.

„Schwester. Du bist alles, was mir wichtig ist. Ich habe gelernt, meine Behinderung zu akzeptieren und mit ihr zu leben. Ich könnte mit wenig Geld auskommen, wenn ich von heute auf morgen bettelarm wäre. Wenn Onkel Dim eines Tages stirbt, werde ich traurig sein, aber das Leben geht weiter.“ Stavros presste seine Stirn an Helenas, was nicht ganz einfach war, da sie fünf Zentimeter größer war als er.

„Aber wenn du unglücklich bist, bin ich das auch. Wenn dir etwas geschehen sollte, dann …. Ich weiß nicht, wie ich ohne dich weiterleben könnte.“

Erschrocken sah Helena in die vertrauten Augen, sah Tränen. Rasch umarmte sie ihren Bruder. „Du bist für mich ebenfalls der wichtigste Mensch in meinem Leben, Táwo! Niemand kennt mich so gut wie du. Aber nach dieser schrecklichen Nacht damals habe ich geschworen, dich für den Rest meines Lebens zu beschützen. Und nicht nur vor Dämonen!“

Ein verzweifeltes Lächeln umspielte Stavros Lippen, als er kopfschüttelnd seine Schwester ansah. „Es gibt keine Dämonen. Der Mörder unserer Eltern war ein realer Einbrecher, kein über­natürliches Wesen.“

Helena hätte ihm gern gesagt, dass sie und Onkel Dim seit einigen Jahren auf Dämonenjagd waren und seitdem drei Vampire zur Strecke gebracht hatten.

Aber sie schwieg.

Aus Scham!

Kapitel 5: Wer ist der Feind?

Jannik Cerný stellte gerade vier Gläser auf der Theke seiner Küche bereit, als es klingelte. Mit ein paar langen Schritten war er an der Wohnungstür seines Lofts und sah auf den kleinen Monitor, der an der Gegensprechanlage neben der Tür hing. Eine kleine Frau mit langen Haaren sah direkt in die Kamera und grinste breit.

„Sie weiß einfach, wie man auftritt!“, murmelte Jannik bewundernd und drückte auf den Knopf um die Haustür zu öffnen. Fünf Sekunden später öffnete er die Wohnungstür und prallte zurück. „Gott!“

Die Frau musste die Treppen wahrlich hochgeflogen sein, denn knappe Einmetersechzig grinsten ihn von unten sehr breit an. „Es reicht, wenn du mich Rona nennst, Jan.“ Eine Stimme so klar wie eine Gebirgsquelle tropfte ihm entgegen und der Duft von wildem Thymian stieg ihm in die Nase.

„Bescheidenheit lag dir noch nie, Rowena Mc Dougall!“, stellte Jan fest und nahm die kleine Frau in seine Arme. Sie lachte ein helles Lachen und küsste ihn lange auf die Lippen und er erwiderte den Kuss ebenso innig.

„Wie lange ist es her?“, fragte Rowena, nachdem Jannik sie auf den Boden gestellt hatte.

Jannik überlegte kurz. „Etwa fünfzig Jahre. Damals trafen wir uns in Florenz. Eine Ewigkeit ist das her.“

Rowena lächelte verschmitzt. „Für dich mag es ewig her sein. Für mich war es gestern.“

„Angeberin!“ Seine Beleidigung klang zärtlich.

Rowena Mc Dougall war eine zarte Erscheinung. Ihre geringe Körpergröße und der zarte Körperbau erweckten in jedem Mann, der ihr begegnete den Wunsch, sie zu beschützen. Sie hatte ein rundliches, eher blasses Gesicht, umrahmt von honigblondem Haar. Einen kleinen, immer roten Kussmund und wie alle ihrer Art wunderschöne, perfekt geformte und strahlend-weiße Zähne. Aber das Schönste und zugleich Auffälligste an ihr waren die Augen. Sie waren von einer tiefvioletten Färbung, wie sie es nur ganz selten auf der Welt gibt.

„Ich muss schon sagen, Jan. Du hast Geschmack. Und zwar in jeder Epoche!“ Anerkennend inspizierte Rowena das Loft ihres alten Freundes.

„Danke. Aus deinem Mund ist das wirklich ein Kompliment, Rona.“

Überall lag helles Parkett, hier und da durch eine Teppichbrücke aus edler Faser unterbrochen. Moderne Möbel, teils rot lackiert, teils schwarz abgesetzt. Alles aufeinander abgestimmt. Die Sitzelemente waren ebenfalls modern, entsprachen aber den Anforderungen für ein gesundes Sitzen inklusive Bequemlichkeit. Weiches rotes Leder mit schwarzen Applikationen luden zum Sitzen und einiges mehr ein.

„Wie ich dich kenne wirst du hier schon den einen oder anderen One-Night-Stand gehabt haben.“

Jannik lachte auf. „Auch wenn du mir nicht glaubst, die Putzfrau war bisher die einzige Dame, die diese Räume betreten hat, seitdem ich hier wohne.“

Überrascht sah die Frau Jan an. „Bist du abstinent oder hast du endlich die Richtige gefunden?“

Jannik führte Rowena auf die Dachterrasse. Es war kalt und im Westen ging die Sonne gerade in einem herrlichen Abendrot unter. Die beiden Vampire spürten die Kälte aber nicht. Sie konnten Temperaturschwankungen von Minus 20° Celsius bis Plus 60° Celsius mühelos überstehen.

„Weder noch.“ Er dachte kurz an eine dunkelhaarige, griechischstämmige Frau, die er gestern kennen gelernt hatte. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich möchte nur meine … Eroberungen nicht hierher bringen, dass ist alles.“

Schalkhaft sah sie ihn von unten her an. „Ich bin doch hier“, sagte sie mit einem Unterton, der ihm deutlich machte, dass Rowena durchaus für ihn zu haben war.

Jannik zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Rona, du kannst mich gerne für einen Schuft halten. Aber deine Freundschaft ist mir viel wichtiger als eine heiße Affäre mit dir. Und die hatten wir. Mehrfach sogar.“

Theatralisch fasste sich die schöne Frau an den wohlgeformten Busen, in etwa da, wo ihr Herz schlug. „Autsch! Das war ein mordsmäßiger Pfeil.“

>Mir bedeutet unsere Freundschaft auch sehr viel, Jan. Du bist mir wichtig.<

Die Wärme, die Rona ihm mit ihren Gedanken schickte, ließ ihn zutiefst glücklich lächeln. Jannik umarmte die kleine Frau und presste seine Lippen auf ihr duftendes Haar.

„Für ´ne alte Frau riechst du verdammt gut!“, neckte er sie. Zur Strafe boxte sie ihm in die Rippen und eine der Rippen knackte tatsächlich verdächtig. Schmerz durchzuckte Jans Körper und er zog zischend die Luft ein. „Okay okay! Das habe ich verdient!“, quetschte er hervor und ließ Rowena los, rieb sich die Rippe, die schon wieder im Begriff war zu heilen.

„Niemals solltest du eine Frau auf ihr Alter ansprechen, Jannik Cerný!“, ermahnte Rowena ihn mit einem Lachen in den Augen. „Auch wenn die Frau älter ist als deine Religion!“

Rowena Mc Dougall, wie sie sich seit ein paar Jahrhunderten nannte, wurde im Jahre 63 vor Christi Geburt im heutigen Schottland geboren. Sie war eine Piktin, eine Bemalte vom alten Stamm. Und sie war eine Schamanin!

Eine der mächtigsten Vampire auf der ganzen Erde.

„Wen erwartest du noch?“

Jannik atmete tief durch, rieb sich dabei weiter seine Rippe. „Tristan Kadian und Tobias Kerner, beide sehr gute Freunde von mir und absolut zuverlässig.“

Rowena nickte. „Tris kenne ich. Sogar länger als ich dich kenne, mein Herz.“ Sie grinste ihn wieder anzüglich an.

Jannik konnte der Frau nicht lange böse sein und grinste zurück. Er war froh, dass Verletzungen dieser Art praktisch sofort wieder heilten.

„Aber Tobias Kerner kenne ich nicht.“

„Du wirst ihn mögen, glaube mir.“

In dem Moment klingelte es wieder und Jannik ging erneut zur Eingangstür. Im Monitor sah er, dass die beiden Männer, auf die er gewartet hatte, zusammen ankamen. Die beiden gingen die drei Stockwerke in einem normalen Tempo hinauf und Jannik sah Rowena, die es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, mit hochgezogener Augenbraue an.

„Siehst du, Rona. So kann man auch die Treppen hochgehen!“

„Werde nicht frech, Tscheche! Sonst wende ich ein klein bisschen meiner Schamanenkunst an dich an.“ Dabei machte sie mit ihrem Zeigefinger eine langsame Abwärtsbewegung und sah deutlich auf Janniks Genitalbereich.

Jannik nickte. „Ja. Das traue ich dir durchaus zu.“

Tobias Kerner betrat als erster das Loft und streckte Jan seine erhobene rechte Hand hin. Jannik ergriff sie mit einem lauten Klatscher, die Männer umarmten sich, wie Männer es eben tun und klopften sich kurz auf den Rücken.

Der zweite Mann, der das Loft betrat, hätte der Zwillingsbruder von Tobias sein können. Schlank, schmale Hüfte, langes, dunkelblondes Haar mit hohem Haaransatz und grünbraune Augen. Die Nase etwas länger als die von Tobias, aber ebenso schmal und gerade. Die Lippen für einen Mann ungewöhnlich voll und sinnlich. Nur war Tristan Kadian gut zwanzig Zentimeter größer und die Bewegungen und die Körperhaltung erinnerten weniger an einen Tänzer als an einen Schwertkämpfer.

Beim zweiten Hinsehen sah man die Unterschiede im Gesicht. Die Augen von Tobias lagen etwas weiter auseinander. Der Ausdruck war eher melancholisch. Bei Tristan lag eine gewisse Kälte in den Augen, ein grausamer Zug umspielte seinen Mund. Er lachte selten.

Er war einst ein Krieger.

Und war es noch heute.

Auch Jannik und Tristan begrüßten sich auf die gleiche Art und Weise wie zuvor Jan und Tobi.

„Tobi, du kennst Rowena Mc Dougall wahrscheinlich noch nicht. Rona, das ist mein Freund Tobi.“

Tobi hatte sich, bevor er das Wohnzimmer betrat in einer fließenden Bewegung die Schuhe ausgezogen und ging lächelnd auf die Frau zu.

„Ich habe schon sehr viel von Ihnen gehört, Miss Mc Dougall.“ Er ergriff ihre Hand und verbeugte sich kurz, sah ihr dabei aber direkt in die violetten Augen.

Rowenas Augen flackerten kurz hell auf, sie lächelte herzlich zurück. „Es freut mich ebenfalls. Aber ich denke, wir sollten uns duzen.“

Tobias grinste breit und seine Augen wurden einige Nuancen heller. Er roch das Interesse der Frau an seine Person, verschloss aber instinktiv seine Gedanken vor ihr. Was dann kam, überraschte ihn allerdings sehr.

Tristan schubste Tobias sanft zur Seite, beugte sich über die Frau und nahm sie einfach hoch, in dem er seine Hände unter ihren Po schob und sich dann aufrichtete. Dann drückte der große Vampir seine Lippen auf Rowenas, tauchte seine Zunge in ihren Mund. Rowena war zuerst überrascht, doch dann erwiderte sie den Kuss und genoss den Geschmack des Mannes, den sie seit etwa einhundert Jahren nicht mehr gesehen hatte.

„Ähm, ich kann euch beiden gerne das Gästezimmer nachher anbieten, Freunde!“, ließ Jannik sich vernehmen. Er hatte seine Arme gekreuzt und betrachtete das Schauspiel, das sich ihm gerade bot, höchst amüsiert. Zumal der Anblick von Tobias, der mit offenem Mund daneben stand und Tristan und Rowena regelrecht anglotzte, ein Bild für Götter war.

„Wir sollten erst einmal über den Grund unseres Treffens reden, Leute!“, versuchte es Jannik erneut, als Rowena und Tristan sich immer noch nicht lösten.

>Hey!< Jannik hatte genug, schickte einen energischen Impuls an Tristan.

Langsam lösten sich Tristans Lippen von den Lippen der Frau. Rowenas Gesicht glühte und die Augen leuchteten hellviolett. „Das nenne ich mal eine Begrüßung“, keuchte sie atemlos und leckte sich über die Lippen.

„Wir haben uns fast hundert Jahre nicht gesehen, Ro.“ Die Bassstimme des Franzosen mit dem entzückenden Akzent erfüllte den Raum und bewirkte, dass Rowenas Augen auf Halbmast gingen.

Jannik hatte genug. Er steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Indigniert drehte sich Tristan langsam um, hatte die Frau immer noch im Arm. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er registrierte, dass Tobias ihn in höchstem Maße erstaunt und Jannik ihn äußerst genervt ansah.

„Probleme?“, fragte er leichthin und setzt Rowena wieder auf das Sofa ab, ganz sanft.

„Tris, ich glaube ich weiß noch verdammt wenig von dir“, bemerkte Tobi und kratzte sich am Hinterkopf.

Tristan schenkte seinem Freund ein breites Lächeln, zeigte dabei seine scharfen Zähne. „Selbstverständlich.“

„Möchte jemand etwas trinken oder etwas Spezielles haben?“, fragte Jannik und ging zur Bar.

„Hast du zufällig AB Negativ hier?“, fragte Rowena.

Jannik lächelte. Er wusste, dass diese seltene Blutgruppe nicht nur Rowenas Lieblingsblut war. Es war das einzige Konservenblut, das sie sättigte, ohne noch zusätzlich lebende Menschen beißen zu müssen. Offensichtlich ging bei einer Blutspende in einen Blutbeutel bei den Blutgruppen 0, A und B ein Enzym oder Eiweiß verloren, dass Rowena dringend brauchte, um bei perfekter Gesundheit zu bleiben. Bei der Blutgruppe AB passierte das nicht und Negativ hatte einfach einen edleren Geschmack als Positiv.

Zu dumm nur, dass AB eine relativ seltene Blutgruppe war, wobei der Rhesusfaktor positiv dabei häufiger vorkam als negativ.

„Na klar, Rona. Habe ich extra für dich besorgt.“

„Du bist ein Schatz, Jan.“

„Ich hätte gern einen Beaujolais“, sagte Tristan.

„Ich auch, Jan“, schloss sich Tobias an und setzte sich auf einen der Sessel, da Tristan sich neben Rowena gesetzt hatte und den Arm um sie legte.

Jannik goss den Wein in zwei Gläser, holte zwei Blutbeutel aus dem anderen Kühlschrank unterhalb des Tresens, der nur mit einer bestimmten Zahlenkombination wie bei einem Tresor zu öffnen war und goss den Inhalt vorsichtig ebenfalls in zwei Gläser. Dann brachte er das kleine Tablett geschickt zum Couchtisch, verteilte die Getränke, nahm sich sein Glas mit der Blutgruppe B und setzte sich in den zweiten Sessel. Schmunzelnd sah er zu Tristan und Rowena.

„Ich bin wirklich überrascht, Tris. Aber angenehm überrascht. Warum hast du nie etwas gesagt?“

Tristan kräuselte süffisant die Lippen. „Ein Kavalier schweigt, Jan.“

Jannik wurde fast so rot wie das Blut in seinem Glas. Rasch trank er einen kräftigen Schluck, leckte sich über die Lippen.

„In Berlin geht ein Vampirjäger um“, begann er und stellte das Glas auf den Tisch. „In den vergangenen Epochen gab es immer wieder Sterbliche, die von unserer Existenz erfuhren. Oft wurden wir gejagt. Aber in letzter Zeit hatte sich die Lage für uns weltweit weitestgehend entspannt.“

„Ja, das ausgehende 20. und beginnende 21. Jahrhundert hat einen wahren Vampir-Boom erfahren. Ausgelöst durch Literatur und Filme.“ Rowena kuschelte sich an Tristan, als ob keine einhundert Jahre zwischen der letzten Begegnung und dieser lagen. Dabei nippte sie an ihrem Blut. „Der Spender ist ein ausgezeichneter Jahrgang und sehr gesund!“, bemerkte sie anerkennend.

„Tobi hatte einen Traum. Besser gesagt er hatte diese Art Traum schon dreimal. Erzähl ihnen, was du mir gezeigt hast.“ Jannik sah seinen Freund auffordernd an.

Tobias überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. „Gebt mir eure Hände. Dann zeige ich es euch. Du auch, Jan.“

Rowena runzelte die Stirn, aber Neugierde breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie stellte ihr Glas auf den Tisch und reichte Tobias ihre Hand. Tristan und Jannik taten es ihr nach. Sie bildeten einen Ring. Tobias Kerner schloss die Augen, holte tief Luft und ließ die Erinnerungen an den Träumen ihren Lauf.

Schmerz.

Demütigung.

Qual.

Folter.

Blut.

Wunden, die sich nicht schlossen.

Endgültiger Tod.

Mit einem würgenden Laut riss sich Tristan los, zog sich zitternd in seine Ecke des Sofas zurück. Seine Augen, sonst eher schmal, waren weit aufgerissen und leuchteten obsidianschwarz.

Jannik hatte die Bilder schon einmal gesehen, doch dieses Mal hatte Tobias auch die Empfindungen von zwei weiteren Vampiren hinzugefügt. Schwer atmend zog sich Jan ein wenig zurück.

Rowena behielt die Hand von Tobias einen Moment in ihrer. Sie sah in das hübsche Gesicht von Tobias, wartete darauf, dass er die Augen öffnete. Als er sie öffnete, sah sie eine ebenfalls obsidianschwarze Fläche, aber sie blickte auch kurz dahinter. Und holte erstaunt Luft.

Tobias sah sie flehend an. >Bitte nicht!<, sendete er ihr direkt.

Rowena nickte. >Später müssen wir reden, in Ordnung?<

>Ja.<

„Verdammt, welches Schwein tut so etwas?“, fragte Tristan. In seiner Stimme war ein tiefes Knurren, dass seiner Bassstimme noch etwas zusätzlich Bedrohliches gab. Erschüttert griff er nach seinem Weinglas und leerte es mit einem Schluck.

„Das sollten wir versuchen herauszufinden und dann denjenigen stoppen.“ Jan schlug sein Bein über das andere und legte seine Fingerspitzen dachförmig zusammen.

„Und wie?“, fragte Rowena.

„Der beste Anhaltspunkt, den wir haben, ist Leclerc. Er ist das letzte Opfer.“

Rowena schnalzte mit der Zunge. „Ich mochte ihn zwar nicht, aber einen solchen Tod hat er nicht verdient“, sagte sie leise.

„Ich glaube, niemand mochte ihn wirklich“, ergänzte Tristan. „Aber ich gebe dir Recht. Das war barbarisch.“

„Uns zu jagen und zu töten ist eine Sache.“ Jan blickte ins Leere, runzelte die Stirn. „Aber Folter?“

„Sag ich doch“, knurrte Tristan.

„Wir müssen versuchen herauszufinden, was Leclerc als letztes gemacht hat und wo. Vielleicht auch mit wem.“ Rowena versuchte die Angelegenheit so neutral als möglich anzugehen.

„Richtig. Vorgestern hätte er einen Termin mit mir in der Firma gehabt. Um zehn Uhr morgens. Um vierzehn Uhr kam Tobi in mein Büro und erzählte mir von seiner Vision. Ich meine, er zeigte sie mir.“

„Du hattest diese Vision in der Nacht zuvor?“, fragte Rowena.

„Ja“, antwortete Tobias. „Etwa gegen drei Uhr morgens. Ich nehme an, dass das der Todeszeitpunkt war und ich einfach nur ein geballte Ladung Schmerz empfing.“

„Wann hattest du das letzte Mal davor mit Leclerc gesprochen, Jan?“

Er überlegte kurz. „Am Vortag, also vor drei Tagen. Leclerc war schon in Berlin, einen Tag früher als verabredet. Er meinte, er wolle das Berliner Nachtleben genießen.“

„Persönlich oder telefonisch?“

Jannik musste insgeheim über den analytischen Verstand von Tristan lächeln, hütete sich aber, es offen zu tun. Der Krieger hatte viele Schlachten geschlagen, wortwörtlich. Und oft führten seine Taktik und seine Präzision zum Ziel.

„Telefonisch. So gegen 15 oder 15 Uhr 30. Er ist in einem Hotel in der Nähe des Potsdamer Platzes abgestiegen.“

„Warst du schon da und hast dich umgesehen?“

Jannik schüttelte den Kopf. „Alleingänge halte ich in der Situation für zu gefährlich.“

Tristan grinste schief. „Kluges Kerlchen.“

„Danke, alter Mann.“

Tristan Kadian wurde in Lothringen im Jahre 1162 geboren. Er war ein Kreuzritter gewesen und wurde von einem bösartigen Vampir gegen seinen Willen gewandelt, nachdem Tristan ihn in einer Schlacht bei Akkon im Jahre 1191 besiegt hatte.

„Hast du eine Ahnung, wo er sich ins Nachtleben stürzen wollte?“, fragte Tobias. Er hatte inzwischen sein Glas in die Hände genommen, ließ es vorsichtig zwischen seinen Handflächen hin und her gleiten. Dabei vermied er es, Rowena anzusehen.

„Er bevorzugte das ´Psycho` und das ´Everage`. Aber ich weiß nicht, ob die dieses Mal auf seinem Weg lagen.“ Jannik spürte, dass zwischen Rowena und Tobias etwas vorging, vermied es aber aus Respekt gegenüber seinen Freunden in ihre Gedanken einzutauchen. Wenn es wichtig war, würde er es schon erfahren.

„Ich denke, dass ist doch mal ein Anfang“, meinte Tristan. „Ich schlage vor, dass ihr beide die beiden Clubs besucht und Rowena und ich das Zimmer von Leclerc durchsuchen. Was haltet ihr davon?“

Schmunzelnd blickte Tobias in Tristans Augen. „Zimmerdurchsuchung. Schon klar!“

Tristan sah Tobias an, als ob er ihn gleich ohrfeigen würde. Rowena hingegen konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

>Du hattest Recht, Jan<, sandte sie ihrem Freund zu. >Tobias ist wirklich nett und ich mag ihn!<

>Nimmersatt!<, dachte Jan und schickte diesen Gedanken zärtlich an die schöne Frau.

„Am besten machen wir uns sofort auf den Weg, ehe die Spur noch kälter wird. Drei Tage ist eine lange Zeit. Zeit genug um den Verbrechern die Möglichkeit zu geben, ihre Spuren zu verwischen.“

Jannik schlug sich die flache Hand gegen die Stirn. „Verdammt. Ich hätte Ben rufen können! Er ist doch ein Profi.“

„Benjamin van Güldensteen?“, fragte Rowena neugierig.

Tristan zog indigniert eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts.

„Ja. Er ist im Ruhrgebiet Polizist und hat reichlich Erfahrung im Lesen und Sichern von Spuren.“

Tobias lachte leise. „Jan, nichts für ungut. Aber können Methoden der Polizei der Sterblichen uns weiterhelfen?“

„Ben ist schon seit zweihundert Jahren Polizist, Tobi.“ Jannik trank den letzten Schluck Blut, stellte sein Glas ab. „Er hat beim Yard gearbeitet, beim FBI, beim BKA und in Paris und Moskau. Er hat einen guten kriminalistischen Spürsinn, den wir hier gebrauchen können. Ich rufe ihn an und frage ihn, ob er ein paar Tage Zeit hat und nach Berlin kommen kann.“

„Fein, dann werden wir ja eine richtig tolle Truppe!“ Begeistert klatschte Rowena in die Hände. Tristan knurrte wieder.

Jannik stand auf und ging zu dem Sideboard an der grob verputzten Wand des Lofts. Er öffnete eine Schublade und holte einen Fotoapparat heraus. Es war eine Digitalkamera, die er jetzt Tristan zuwarf, nachdem er überprüft hatte, ob der Akku auch noch voll war und genug Speicherplatz auf dem Chip vorhanden war.

„Macht ein paar Fotos. Von dem Hotel, von dem Zimmer, von einigen Leuten, die sich vielleicht ein wenig auffällig benehmen.“ Jan ging zum Tresen der Küche und öffnete eine dünne Mappe, die darauf lag. Er holte zwei Fotos heraus, gab Rowena eins davon.

„Wenn ihr im Hotel seid, braucht ihr das vielleicht, damit ihr von den Angestellten etwas in Erfahrung bringen könnt.“ Das Foto zeigte Bertrand Leclerc. Ein weltmännischer, blasierter Geschäftsmann.

„Na dann mal los, Ro.“

„Nach dir, mein Lieber“, schnurrte Rowena und ließ sich von Tristan hochziehen, nachdem sie ihren letzten Schluck AB Negativ getrunken hatte.

„Passt auf euch auf“, sagte Jannik und umarmte Rowena kurz. „Wenn ihr irgendein komisches Gefühl habt oder etwas unklar ist, haut ab. Dann finden wir einen anderen Weg, an Informationen heranzukommen.“

„Versprochen. Ich passe schon auf den Großen hier auf.“ Tristan rollte mit den Augen, lächelte aber etwas.

Tobias blickte der Vampirfrau kurz in die Augen. >Seid bitte vorsichtig!<, dachte er.

>Natürlich, Tobi. Wir sprechen uns dann später.<

„Ach, ehe ich es vergesse.“ Jannik holte die beiden noch einmal mit seinen Worten zurück. „Reine Neugierde, aber was läuft da zwischen euch?“

Rowena biss sich auf die Lippen um nicht laut aufzulachen. Tristan zog kurz seine Augenbraue hoch, dann schmunzelte er.

>Sag´ du es ihm bitte!<, forderte Tristan Rowena auf.

„Jan, ich habe dir doch mal erzählt, dass ich zweimal verheiratet war. Nun, Tris war mein zweiter Ehemann.“

Jannik schluckte als er daran dachte, dass er mit der Frau vor ihm seit etwa 250 Jahren immer mal wieder geschlafen hatte und seit knapp 200 Jahren mit Tristan befreundet war.

„Seit wann seid ihr geschieden?“, fragte er und räusperte sich kurz, weil ein dicker Kloß in seinem Hals steckte.

„Seit 1901. Offiziell zumindest. Warum?“ Ein Knurren war in Tristans Stimme zu hören. Ein Knurren, das Revieransprüche meldete.

„Ähm …. Können wir das später klären?“ Jannik fühlte sich reichlich unwohl in seiner Haut. Ihm war schlecht, weil er mit der Ehefrau eines seiner besten Freunde geschlafen hatte.

Tristan genoss es regelrecht, dass Jannik käseweiß wurde und nervös herumzappelte. Er machte Jannik keinen Vorwurf, denn er und Rowena hatten sich vor gut dreihundert Jahren getrennt. Aber das wollte Tristan seinem Freund jetzt noch nicht sagen. Er genoss die Situation wirklich sehr.

„Wehe du rennst weg!“, sagte Tristan und ließ kurz seine Fänge aufblitzen. Dann nahm er Rowena bei der Hand und sie gingen.

Tobias trat neben seinem Freund und klopfte ihm auf die Schulter. „Großer, du steckst in Schwierigkeiten!“

Kapitel 6: Beobachtungsposten

Das Hotel in der Nähe des Potsdamer Platzes war schon älter, aber vor einigen Jahren von Grund auf saniert und renoviert worden. Es entsprach jetzt den modernsten Anforderungen, hatte sowohl einen kleinen als auch einen großen Tagungsraum, mehrere Suiten, ein Dampfbad und einen Swimmingpool.

Der Concierge wirkte gelangweilt, setzte aber sofort sein höflichstes Lächeln auf, als der große dunkelblonde Mann mit der kleinen Frau die Lobby betrat. Die beiden fielen auf. Der Mann hatte eine schwarze Lederhose an, aber keine von der billigen Sorte Marke Zuhälter. Der kurze Ledermantel, der ebenfalls schwarz war, umspielte die schlanke Gestalt und die breiten Schultern. Der geschmeidige Gang des Mannes ließ das Revers gelegentlich aufklappen und ein weißes Seidenhemd mit offenem Kragen erkennen.

Die kleine Frau war schlichtweg bildschön. Honigblondes Haar umfloss ein offenes Gesicht, das den Concierge anstrahlte. Die enge Jeans zeigte, dass die Frau kurvenreich war, aber perfekt proportioniert.

>Verdammt, die Kleine wäre es wert!<, dachte der Concierge.

Die Frau lehnte sich an den Tresen. Da sie klein war, wurden ihre Brüste, die in einem engen T-Shirt mit langem Arm steckten, von dem Tresen gestützt.

Dem Concierge fielen fast die Augen raus. „Guten Abend“, brachte der Mann automatisch hervor und versuchte sich auf das Gesicht der Frau zu konzentrieren.

„Guten Abend“, sagte die Frau mit einer hellen, melodiösen Stimme, die dem Concierge prickelnde Schauer vom Nacken bis zu den Kniekehlen verursachte. „Was kann ich für Sie tun?“ Der arme Hotelangestellte bemühte sich redlich, seinen Beruf, den er seit über zwanzig Jahren machte, professionell auszuüben.

„Können Sie uns sagen, welches Zimmer oder welche Suite Bertrand Leclerc bewohnt? Er ist vor drei oder vier Tagen angekommen.“

„Das tut mir sehr Leid, gnädige Frau. Ich darf Ihnen keine Informationen dieser Art geben.“

Die Frau seufzte und ergriff die Hand des Concierge, strich mit dem Daumen über seine Finger. Der Concierge hatte plötzlich das Gefühl, sein Kopf würde in Watte getaucht werden. Alles um ihn herum hörte auf zu existieren.

„Welche Zimmernummer hat Bertrand Leclerc?“, fragte eine engelsgleiche Stimme von irgendwoher.

Der Concierge tippte den Namen auf seinem Computer ein. „Er bewohnt die Suite Nummer 812. Soll ich Sie anmelden?“

>Verdammt, warum habe ich das gesagt?< Das Gefühl von Watte verstärkte sich. Es war ein schönes Gefühl, so warm und vertraut.

„Ist das Zimmer gegenüber besetzt?“

Der Concierge tippte erneut auf seinem PC. „Nein. Die Suite 814 ist frei.“

„Dann nehmen wir die. Und geben Sie uns noch bitte den Generalschlüssel, guter Mann.“

Der Concierge händigte die gewünschten Schlüssel aus und kennzeichnete Suite 814 als besetzt. Der große Mann ließ einen 200 Euroschein zu dem Concierge hinüber gleiten.

„Wir möchten nicht gestört werden. Wenn sich jemand nach uns erkundet, wir sind und waren niemals hier.“

„Jawohl, gnädiger Herr.“

Der Concierge schüttelte kurz seinen Kopf, sah in das Gesicht einer älteren, stark beleibten Dame, die einen Pudel auf den Arm trug.

„Verzeihen Sie bitte, gnädige Frau. Was haben Sie gesagt?“

Tristan und Rowena standen in dem Fahrstuhl, der sie in die achte Etage brachte. Der Page starrte die Anzeigetafel des Aufzuges an, versuchte die schöne Frau hinter ihm zu ignorieren.

>Show time!<, dachte Rowena und presste ihren Körper an Tristan. Sofort umschlossen zwei lange und starke Arme ihren Körper und Lippen, fest und weich zugleich, legten sich auf ihre. Seine Zunge stieß fordernd in ihren Mund und Rowena fing an, an seiner Zunge zu saugen. Tristan stöhnte auf. Er legte seine Hände zum zweiten Mal an diesem Abend unter Rowenas Po und hob sie hoch. Dieses Mal allerdings umschlangen ihre Beine seine Hüften und hielten sich an ihm fest.

Der Page wagte nicht sich umzudrehen. Die Laute, die das Paar hinter ihm von sich gaben, waren extrem eindeutig. Seine Hose wurde ihm eng.

>Bitte lass den Fahrstuhl nur heute schneller fahren!< Der Page schickte ein kleines Stoßgebet zum lieben Gott.

Nach einer schier endlosen Zeit, so kam es dem Pagen vor, hielt der Aufzug in der achten Etage.

„Achter Stock“, krächzte er, räusperte sich.

Der große Mann drängte mit der Frau in seinen Armen und die Lippen an ihren an dem Pagen vorbei. Sie wendeten sich nach links dem Korridor zu den Suiten zu, taumelten küssend und stöhnend den Flur entlang.

Zitternd schloss der Page den Aufzug und fuhr wieder hinunter.

>Du kannst jetzt wieder aufhören!< Rowena wollte sich von dem großen und starken Mann trennen, aber er hielt sie einfach fest, umfasste weiter ihren Po.

>Falls in einem der Zimmer Leclercs Mörder ist und den Flur beobachtet, sollten wir die Fassade als Liebespärchen aufrechterhalten. Oder ist es dir unangenehm?<

Die Antwort bestand darin, dass Rowena ihre Finger in die dunkelblonden Haare ihres Exmannes grub und seinen Pferdeschwanz löste. Seine weichen Haare fielen wie ein Schleier über ihre Arme und ihr Gesicht.

>Ich muss an Leclercs Tür eine Beschwörung durchführen um zu sehen, ob sich vielleicht jemand dort drinnen aufhält.<

>Alles klar!<

Tristan legte gekonnt eine Pause in seinem Marsch zu der Suite 814 ein, indem er Rowenas Körper gegen die Wand presste und sich an ihr rieb. Sie schrie leise in seinem Mund auf. Tristan löste kurz seine Lippen von ihren und sah sie an.

„Ich habe vergessen wie gut du schmeckst!“, gestand Rowena. Ihre Augen leuchteten jetzt in hellem Flieder.

„Ich habe nicht vergessen wie du schmeckst, Ro“, sagte Tristan rau. Dann machte er seine linke Hand von Rowenas Po frei und umfasste damit ihre rechte Brust, drückte sie leidenschaftlich. Einen Aufschrei von sich gebend warf Rowena den Kopf nach hinten, knallte damit gegen die Wand.

>Jetzt weiß jeder, was hier vor sich geht!< Rowena spürte, wie sie die Kontrolle über sich selbst verlor.

>Ich liebe Ablenkungsmanöver. Strategisch wertvoll!< Tristan presste wieder seine Lippen auf Rowenas und lief den Gang weiter entlang. Dabei merkte er, dass auch er es nicht mehr lange aushielt.

Sie gelangten an eine grüne Tür mit goldfarbenen Ornamenten, auf der eine verschnörkelte, goldfarbene 812 prangte. Tristan stieß Rowena gegen die Tür, rieb sich wieder an ihr.

>Los jetzt!<

>Mutter Erde! Ich muss mich konzentrieren! <

Tristan hörte auf, sich an Rowena zu reiben und nahm seine Hand von ihrer Brust. Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge, keuchte erregt.

Rowena legte ihre flache linke Hand gegen die Tür, schloss die Augen und sprach Worte in einer alten, nicht mehr gesprochen Sprache. Dabei malte sie mit dem Daumen einige Bilder und Symbole, die kurz auf der grünen Tür aufblitzten und dann nicht mehr zu sehen waren.

>Fertig!<

Tristan hob sein Gesicht, sah kurz auf die Zimmernummer. „Ups!“, sagte er laut. „Falsches Zimmer!“

„Da drüben!“, keuchte Rowena ebenso laut und wies mit ihrer Hand fahrig in die Richtung.

Tristan drehte sich um und lief zu der Tür mit der Nummer 814. Irgendwie schaffte er es den Schlüssel in das Schloss zu stecken und umzudrehen, öffnete die Tür. Als er mit Rowena im Zimmer war, kickte er die Tür mit dem Fuß einfach zu.

Tristan machte kein Licht an, seine hochsensiblen Vampiraugen sahen das Zimmer, als ob es taghell wäre. Er steuerte mit Rowena auf die Couch des Wohnzimmers zu und legte sie sanft ab. Dann richtete er sich auf und zog den Ledermantel aus, wollte sich wieder über Rowena beugen.

„Warte, Tris!“, hauchte Rowena. Ihre Augen leuchteten hellviolett in der Dunkelheit.

„Was ist?“

„Wir sind nicht zum Vergnügen hier, schon vergessen?“

Tristan atmete heftig, blickte dann auf seine Armbanduhr.

„Es ist jetzt 21 Uhr. Wir können nicht vor zwei Uhr Morgens das Zimmer von Leclerc durchsuchen. Zu viele Leute, die was hören könnten. Wenn unsere Feinde unsere Ankunft beobachtet haben sollten und uns auch weiterhin beobachten, sollten wir eine gute Show liefern!“

Rowena fand, dass das überzeugend klang. „Du hast Recht. Lass mich aber erst unsere Suite sichern!“ Tristan nickte und half ihr aufzustehen.

Rowena ging zur Tür zurück, schloss sie leise ab und malte unsichtbare magische Zeichen auf das Holz, während sie in ihrer alten Sprache redete. Das gleiche machte sie mit den Fenstern und dem Lüftungsschacht.

„Fertig“, sagte sie nach knapp zehn Minuten und drehte sich zu Tristan um.

Er stand splitterfasernackt mit erigiertem Penis vor ihr und der Anblick seiner schlanken, muskulösen Gestalt mit der großen Narbe auf der linken Schulter verursachten Rowena weiche Knie.

„Nein. Jetzt fangen wir erst an.“

Tristan griff nach dem Saum ihres T-Shirts und zog es mit einem eher unsanften Ruck über Rowenas Kopf. Ihre Brüste steckten in einem roten, spitzen besetzten BH. Bei dem Anblick knurrte Tristan.

„Vor hundert Jahren hast du so was noch nicht getragen“, beschwerte er sich.

Rowena kicherte. „Vor hundert Jahren waren diese Dinger auch noch nicht so hübsch!“

Sie zog auf einem Bein hüpfend ihre Stiefelette aus, wiederholte das dann mit dem anderen Schuh. Dann öffnete sie ihre Jeans und schälte sich langsam heraus, beobachtete dabei genüsslich die Reaktionen ihres Exmannes.

„Hübsch!“, meinte Tristan, als ein roter Slip zum Vorschein kam, der dasselbe Muster aus Spitzen hatte wie der BH.

Die Tätowierungen, die noch aus ihrer Zeit als Sterbliche stammten, leuchteten nach wie vor mit unveränderter Kraft. Die komplizierten Windungen keltischer und piktischer Zeichen auf den Oberarmen, dem Rücken, ihrem Busen, dem Bauch und oberhalb ihrer Schamgrenze. Jedes Mal durchfuhr Tristan ein Gefühl tiefer Ehrfurcht, wenn er die heiligen Zeichen sah, die Rowena als Schamanin kennzeichnete.

„Danke.“ Rowena ging vor Tristan auf die Knie und umschloss sein erigiertes Glied mit ihren Lippen und einer ihrer kleinen Hände.

Tristan stöhnte laut auf. Als Rowena dann auch noch ihre andere Hand dazu benutzte um seine Hoden zu streicheln, gaben seine Knie nach. „Warte, Ro. Ich muss mich setzen oder hinlegen!“, stöhnte er heiser.

Rowena entließ Tristan kurz aus ihrem Mund und der Mann plumpste zu Boden. Sofort stürzte sich Rowena wieder über ihn, ließ ihre Zunge geschickt um seine Eichel kreisen. Es dauerte nicht lange und Tristan entlud sich mit einem gewaltigen Brüllen.

Rowena richtete sich Augenblicke später lächelnd auf, sah ihren Liebhaber auffordernd an. Tristan fackelte nicht lange, packte Rowenas Höschen und zog es ihr schnell über den runden, festen Po. Dann legte er sie auf den Boden und ließ seine Hand in ihre Feuchte Spalte gleiten, während er sie leidenschaftlich küsste. Er schmeckte sich selbst in ihrem Mund und das machte ihn rasend. Er legte sich zwischen ihre Beine und drang in sie ein.

Rowena schrie auf. >Beiß mich!<

Das ließ Tristan sich nicht zweimal sagen. Er fuhr seine Fänge aus und grub sie in Rowenas Hals, während er immer und immer wieder heftig in sie stieß. Rowena wickelt ihre Beine um Tristans Hüften, zog ihn mit jedem Stoß näher an sich. Als sie merkte, dass sie sich ihrem Höhepunkt näherte, biss sie Tristan in die Schulter. Sie kamen gleichzeitig, immer wieder und heftig. Irgendwann erschlaffte Tristans Glied und er blieb schwer atmend auf der zitternden Frau liegen.

„Nach all den Jahrhunderten hast du immer noch diese Wirkung auf mich, wenn wir uns begegnen“, keuchte Tristan an ihrem Hals.

Rowena streichelte lächelnd das lange Haar, das fächerartig auf Tristan und ihr ausgebreitet war. „Als Jan vorhin sagte, dass du auch kämst, wurde ich schon bei dem Gedanken an dich feucht.“

Tristan hob den Kopf und sah sie an, ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Vielleicht sollten wir damit aufhören, Ro.“

„Das nehmen wir uns jedes Mal vor, Tris. Aber es klappt einfach nicht.“

Tristan rollte sich von Rowena herunter, legte sich immer noch heftig atmend auf den Boden. „Vielleicht hört es auf, wenn einer von uns einen echten Partner gefunden hat.“

Rowena kuschelte sich an Tristans schwach behaarte Brust, strich sanft über die alte Narbe, die noch aus der Zeit seiner Sterblichkeit stammte. „Ich würde dir wehtun, wenn ich mit einem festen Partner bei dir auftauche. Und mir würde es wehtun, wenn du eine Frau findest.“

Tristan nickte. „Wir haben es versucht, Ro. Wir haben versucht, eine Beziehung, eine Ehe zu führen. Es ging nicht. Die Scheidung war die logische Konsequenz.“

„Trotzdem vögeln wir uns jedes Mal den Verstand aus dem Hirn“, ergänzte Rowena und küsste seine Brustwarze.

Er lachte leise. „Ruh´ dich aus, Weib. Ich wecke dich, wenn es Zeit wird.“

Rowenas Augen glänzten, als sie in die Augen ihres Exmannes sah. „Versprich mir nur, dass du niemals eine andere Frau als mich ´Weib` nennen wirst. Egal, wie sehr ihr euch bindet.“

Tristan strich eine honigblonde Haarsträhne aus dem verschwitzten Gesicht. „Ich schwöre dir, Ro. Dieses Wort gehört nur dir!“

Rowena und Tristan ließen ihren Geist gleiten, bevor sie ihre Suite verließen. Der Korridor des Hotels war still und leer. In den Zimmern und Suiten auf der Etage, die bewohnt waren, waren gleichmäßige Atemzüge und Schnarchen zu hören. Rowena glitt in unterschiedliche Träume, suggerierte jedem einzelnen von ihnen, das alles, was sie eventuell hören würden, Teil des Traumes war.

Leise öffnete Tristan die Tür, spähte hinaus. Er ließ Rowena an sich vorbei und schloss ebenso leise die Tür zu Suite 814. Rowena untersuchte die Tür 812. Niemand hatte sich daran zu schaffen gemacht. Sie schloss die Augen, horchte in den Raum hinein. Die Suite war leer.

Leise flüsternd hob sie die Webzauber auf, die sie auf die Tür gelegt hatte und steckte den Generalschlüssel ins Schloss. Behutsam drehte sie an dem Schlüssel, öffnete die Tür.

Nachdem Tristan ebenfalls in die Suite geschlüpft war, schloss Rowena die Tür und drehte den Knauf um. Dann machte sie das Licht an.

Die Suite hatte eine ähnliche Einrichtung wie die, die sie gerade verlassen hatten. Auf dem Couchtisch lag ein geöffneter Aktenkoffer, daneben stand ein Laptop. Tristan holte die Digitalkamera hervor und knipste systematisch ein Foto nach dem anderen. Im Aktenkoffer lag zu oberst ein Besprechungsplan mit Jannik Cerný, der für das Geschäftsgespräch vorgesehen war.

>Räume alles in den Aktenkoffer. Wir nehmen ihn und den Laptop mit. Tobi kann vielleicht am Laptop was herausfinden.<

Rowena nickte und packte alles, was neben dem Aktenkoffer lag, auch den Laptop, dort hinein und schloss den Koffer. Dann gingen sie ins Schlafzimmer. Der Reisekoffer lag geöffnet auf dem Bett, eine Kulturtasche aus Krokodilleder stand neben dem Koffer, ein Paar Schuhe aus dem gleichen Leder neben dem Bett.

Auch hier fotografierte Tristan systematisch und Rowena packte hinterher alles in den Koffer. Sie wollten Leclercs Sachen fortschaffen, keine Spuren von ihm hinterlassen.

Tristan ging zum Nachttisch und öffnete die Schublade. Dort lag ein in rotem Samt eingeschlagenes Notizbuch mit goldenen Verzierungen. Einen leisen Pfiff konnte Tristan nicht unterdrücken.

>Was ist? < Rowena sah in die Schublade.

Tristan nahm das Buch heraus und schlug es auf, nachdem er es fotografiert hatte. In altem französisch und in einer wunderschönen Handschrift geschrieben standen Seite für Seite Namen und Daten.

Namen und Daten von Brüdern und Schwestern.

„Merde!“, entfuhr es Tristan.

>Lass uns verschwinden, Tris.<

Tristan steckte das Buch in die Tasche seines Ledermantels und schloss die Schublade wieder. Er ging noch kurz ins angrenzende Badezimmer. Hier lagen keine persönlichen Gegenstände von Bertrand Leclerc. Schnell machte Tristan auch hier Fotos, schloss den Apparat und entfernte den Chip, gab ihn Rowena. Fragend sah sie ihn an.

>Falls wir getrennt werden. Du hast die Fotos und ich das Buch.<

Missbilligend fletschte Rowena die Zähne. Schief grinsend küsste Tristan die Stirn seiner Exfrau. Dann schloss er den Reisekoffer und hob ihn vom Bett.

Rowena nahm den Aktenkoffer aus dem Wohnzimmer. Leise verließen sie die Suite 812, löschten das Licht und gingen den Korridor entlang zum Treppenhaus. Das Gepäck hatte für die beiden kein Gewicht. Vampire waren etwa zehnmal so stark wie Normalsterbliche.

Rowena und Tristan glitten lautlos die Treppen hinab. An der Tür zum Foyer verharrten sie einen Augenblick, küssten sich kurz.

Der Concierge blinzelte, als eine Frau mit honigblondem Haar vor ihm stand und zwei Schlüssel auf den Tresen legt.

„Nehmen Sie die Schlüssel und stellen Sie keine Fragen!“

Das Gefühl von warmer Watte umfing ihn wieder, lullte ihn ein, aber er gehorchte.

„Die Suite von Bertrand Leclerc ist wieder frei. Er ist vorgestern abgereist.“

Rowena schob dem Concierge zwei 200 Euroscheine hinüber.

„Behalten Sie den Rest. Sie sind ein guter Angestellter. Wir waren nie hier!“

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9783738005189
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