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Hans Scherfig
Schloss Frydenholm
Roman
Aus dem Dänischen
von Jutta Jeppesen
Nachwort von Hanns Grössel
Saga
Schloss FrydenholmÜbersetzt von Jutta Jeppesen Originaltitel FrydenholmCopyright © 1990, 2019 Hans Scherfig and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711842782
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1
Im Frühjahr 1939 verkaufte Frau Julie Skjern-Svendsen den Herrenhof Frydenholm im Landkreis Præstø an ihren jüngeren Bruder Preben Flemming Fido Graf Rosenkop-Frydenskjold.
Frau Julie Skjern-Svendsen, geborene Komtesse Rosenkop-Frydenskjold, war die Witwe des Gutsbesitzers und Fabrikanten C. C. Skjern-Svendsen, an dessen Namen sich vielleicht noch einige erinnern. Jedenfalls hat man ihm, um sein Wirken für das Reich Gottes und für das dänische Wirtschaftsleben zu würdigen, in der kleinen Anlage vor dem Missionshaus ein Denkmal errichtet. Später setzte man neben das Denkmal Skjern-Svendsen ein weiteres. Es wurde zu Ehren eines einfachen Arbeiters errichtet, der in einer merkwürdigen Zeit ungewöhnliche Taten vollbracht hatte. Wenn heute Touristen diesen Ort besuchen und die beiden Monumente Seite an Seite stehen sehen, kann es vorkommen, daß sie sagen: „So demokratisch geht es hier zu! Hier macht man keinen Unterschied zwischen einem Arbeiter und einem Gutsbesitzer!“
Auf dem Friedhof, unweit der kleinen Anlage, findet man das geräumige und unvergängliche Mausoleum, das noch der Gutsbesitzer selbst in Form eines – sehr modernen – altnordischen Grabhügels erbauen ließ; mit seiner kostbaren Einrichtung und seinen bombensicheren Gewölben muß es teurer gewesen sein als die Kirche. Kurz nach der Vollendung und der kirchlichen Weihe dieses eigenartigen Grabmals starb Gutsbesitzer Skjern-Svendsen; unter großer Beteiligung wurde er in seinem Grabhügel beigesetzt. Bekanntlich hatte man ihn ermordet. Ein Mann, der als Schloßgärtner auf Frydenholm angestellt war, hatte ihn in seinem Schlafzimmer in einem Anfall von Wahnsinn erwürgt. Und weil ein Mord damals noch etwas Ungewöhnliches war, erregte dieses Ereignis sehr viel Aufsehen und war Gegenstand ausführlicher Erörterungen in allen Zeitungen des Landes.
Der Arbeiter, dessen Monument heute neben dem des Gutsbesitzers steht, wurde hingegen nicht auf dem Friedhof von Frydenholm begraben. Er wurde überhaupt nicht begraben. Denn von ihm war nichts zu bestatten. Dieser Umstand gab bei einer bestimmten Gelegenheit Anlaß zu peinlichen und unerfreulichen Auftritten.
Der Herrenhof Frydenholm war viele Generationen hindurch im Besitz des Geschlechtes Rosenkop-Frydenskjold gewesen, und in weitem Umkreis wurde mit Zufriedenheit begrüßt, daß wieder ein richtiger Graf auf dem alten Schloß Einzug hielt. Das gab dem Ganzen mehr Stil, wie Bäcker Andersens Frau sagte. Die älteren Leute erinnerten sich noch an die gute alte Zeit mit vierspännigen Kutschen und großartigen Treibjagden, bevor der bürgerliche Skjern-Svendsen sich hier niedergelassen hatte. Nun saß wieder ein richtiger Graf auf dem Schloß, und damit war gleichsam etwas wiedererstanden.
Nicht, daß Gutsbesitzer Skjern-Svendsen das alte Schloß vernachlässigt hätte. Er hatte viel Geld geopfert, um das Schloß restaurieren zu lassen und es wieder altertümlich zu machen. Ritterrüstungen, Henkersbeile und Hellebarden hatte er in der billigen Zeit in Deutschland zusammengekauft und auf Treppen und Gängen aufgehängt. Historische Gobelins aus der Textilfabrik in Præstø bedeckten die Wände des Rittersaals. Neue, solide Ketten aus der Schmiede des Ortes schmückten den Kerker, in dem man zuvor Kartoffeln aufbewahrt hatte. Über den gereinigten Festungsgraben ließ er eine richtige Zugbrücke schlagen. Das hölzerne Pferd, das pietätlose Bauern vor anderthalb Jahrhunderten gedankenlos verbrannt hatten, mußte der Zimmermann des Dorfes originalgetreu nachbauen. An seinem historischen Platz im Burghof neben der Steintreppe stand es nun wieder als würdige Erinnerung an das romantische Landleben in der guten alten Zeit.
Sonst aber war nichts Außergewöhnliches oder Glanzvolles an dem kleinen, unansehnlichen, religiösen Fabrikanten gewesen, der trotz großer öffentlicher Mildtätigkeit bescheidene Gewohnheiten hatte und von einfachen Leuten abstammte. Bei all der Macht, die von dem Gutsherrn, Fabrikbesitzer und Bankier Skjern-Svendsen ausging, und bei aller Abhängigkeit, die die ganze Gegend fühlte – und sich mit ihr abfand –, wußte man doch, daß er ein gewöhnlicher Mensch ohne blaues Blut und ohne richtige Ahnen war. Er hatte zwar eine adlige Dame geheiratet und sich ein Wappen anfertigen lassen, mit einem Spinnrad und dem Bruchstück eines Patentwebstuhles als Symbol, doch das konnte nichts daran ändern, daß er ein einfacher Mensch gewesen war, der mit Wollwaren hausieren ging, bevor er Industrieherr, Direktor des Kreditvereins und Gutsbesitzer wurde.
An dem Tage, da der junge Graf in das alte Schloß des Geschlechtes Einzug hielt, wurde im Dorf geflaggt. Und es gab doppelten Anlaß zu flaggen, weil dies am fünften Juni geschah, dem Tag, an dem die Verfassung des dänischen Reiches neunzig Jahre alt wurde. Ob man nun aus dem einen oder dem anderen Anlaß flaggte, war Sache jedes einzelnen. Den Fahnen konnte man nicht ansehen, ob sie für den Grafen oder für die Verfassung oder für beides wehten. Es war ein herrlicher Tag mit Sonnenschein und hellblauem Himmel, mit Lerchengesang und einer leichten, südlichen Brise, die Wärme brachte und den Sommer und kommende Freuden verhieß. Die rotweißen Fahnen bauschten sich feierlich im Wind und leuchteten über den grünen Gärten.
Im Pfarrgarten hißte Pfarrer Nørregaard-Olsen eigenhändig den großen Danebrog, während Frau und Kinder, die Mädchen und der Gast des Hauses, Dr. Harald Horn, wie eine Ehrenkompanie in Reih und Glied standen. Dr. Horn nahm stramme Haltung ein und hob grüßend die rechte Hand, als die Fahne emporstieg und sich im Südwind entfaltete. „Nichts mahnt so sehr wie eine Fahne, die am Mast empor sich schwingt!“ sagte Pfarrer Nørregaard-Olsen, und Dr. Horn, der ein Mann der Literatur war und Zitate sehr schätzte, nickte anerkennend.
In der langen Dorfstraße wehte Fahne neben Fahne, von Bäcker Andersens neuer Villa genau wie vom Hause des Doktors. Der Doktor flaggte nur für die Freiheit und die Verfassung, denn er war ein alter Radikaler und hegte vor Grafen keinen Respekt. Auf Niels Madsens gepflegtem Hof, den er mit Hilfe von Fürsorgekindern tüchtig und ertragreich betrieb, wehte der Danebrog schon morgens um vier Uhr. Und Niels Madsen ließ bestimmt nicht für die Verfassung flaggen, denn er gehörte nicht zu den Anhängern dieses „Systems“ der Demokratie und des Judentums. Er ließ die Fahne allein zu Ehren des Grafen hissen, der – wie man sagte – ein Herrenmensch mit Verständnis für die Forderungen der Zeit sei und willens, Ordnung in die Verhältnisse zu bringen: ein Mann zu Pferde mit Schaftstiefeln und Führergaben.
Auch Gemeinderatsmitglied Rasmus Larsen, den man früher einmal „Roter Ras“ genannt hatte – er war in seiner Jugend roter Sozialist und somit ein gefährlicher Mensch gewesen –, hatte den alten Danebrog an der neuen Fahnenstange vor seiner roten Ziegelvilla gehißt. Und seine Fahne wehte sowohl für den Grafen als auch für die Verfassung, denn Larsen war von großzügiger Gesinnung. „Wir sitzen doch alle im selben Boot“, pflegte er zu sagen. Die Entwicklung hatte Rasmus besonnen gemacht, und mit der Besonnenheit war er zu seiner Villa gekommen und zu dem Fahnenmast mit der vergoldeten Glasspitze, war er Gewerkschaftsvorsitzender geworden und Arbeitervertreter im Gemeinderat.
Sogar Höschen-Marius zeigte eine kleine, verblichene Fahne. Der wunderliche Höschen-Marius, der diesen Spitznamen bekommen hatte, weil er Damenwäsche, die zum Trocknen aufgehängt war, nicht in Ruhe ließ. Die Polizei war wegen dieser Leidenschaft hinter ihm her gewesen. Sie war auch hinter ihm her gewesen, als Gutsbesitzer Skjern-Svendsen ermordet worden war, und sie hatte eine Zeitlang geglaubt, Höschen-Marius sei der Mörder, denn man hatte ihn in der Mordnacht gesehen, wie er durch das Dunkel schlich, weiblichen Wäschestücken nachstellend. Aber Höschen-Marius war wirklich nicht der einzige gewesen, den man verdächtigt und verhaftet hatte, und hätte sich der verrückte Gärtner nicht selbst gestellt, wäre vielleicht ein unschuldiger Mensch verurteilt worden.
Der Kaufmann flaggte und die Hebamme und die Molkerei und das Gemeindebüro. Und eine Fahne wehte vor dem „Historischen Krug“, wo der Gøngehøvding 1 einstmals Schinken und Ei gegessen hatte und Rasmus Larsen am Abend des fünften Juni vor den Mitgliedern des Wählervereins über die freieste Verfassung und Demokratie der Welt und über die Volksgemeinschaft sprechen wollte; danach würde ein Zauberkünstler auftreten, und dann sollte getanzt werden.
Nur der Gutshof flaggte nicht, als der junge Graf Preben Flemming Fido Rosenkop-Frydenskjold seinen Einzug hielt. Das große rote Gebäude lag düster und zurückgezogen zwischen uralten, hohen Lindenbäumen hinter Wällen und grünen Gräben. Ein seltsam fremdartiges Bauwerk inmitten der lieblichen seeländischen Landschaft, errichtet von ausländischen Junkern als Feste gegen die Einwohner, groß und massiv und anmaßend, mit Ecktürmen und Schießscharten und schmalen Fenstern in den meterdicken Mauern. Ein geheimnisumwobener Ort mit verborgenen Gängen, mit vermoderten Leichen hinter der hölzernen Täfelung, mit Skeletten unter den Steinfliesen des Fußbodens und voller dunkler Erinnerungen an Jahrhunderte währenden Mord.
Erst vor einem Jahr war der vorige Besitzer in seinem historischen Himmelbett erwürgt worden, ein Ereignis, das sich gut in die Tradition des Hauses einfügte.
Frydenholm sollte auch in Zukunft eine Heimstatt des Verbrechens sein.
2
Die erste Spazierfahrt, die Graf Rosenkop-Frydenskjold durch das Dorf unternahm, ging nicht in einer vierspännigen Kutsche vor sich, wie viele es zu sehen erwartet hatten, sobald wieder ein Graf auf Frydenholm wohnen würde.
Der junge Graf kam auf einem Traktor mit hoher Geschwindigkeit im Zickzack angefahren. Darunter litten die kleinen Zäune vor den Häusern, erst auf der einen Seite der Straße, dann auf der anderen. Höschen-Marius’ weißgestrichener Zaun zersplitterte, die Ligusterhecke der alten Emma schräg gegenüber wurde flachgedrückt, und ihr Grünkohl und die roten Bete und der Porree wurden tief in die gutgedüngte Erde gepreßt. Danach wurde die Gartentür des Doktors abgerissen und Rasmus Larsens Steinmauer umgeworfen, und schließlich landete das gräfliche Fahrzeug in Bäcker Andersens neuer Spiegelglasscheibe zwischen Kuchen und Schokoladenfiguren.
Höschen-Marius kam zum Vorschein, groß, schwer, mit hängendem Schnurrbart und feuchter Nase, starrte verwundert auf die seltsame Fahrspur und fühlte trotz des Erschreckens eine Art Wohlbehagen in seinem langen Körper, weil ein Graf ihm so nahe gewesen. Doch die alte Emma war wütend, sie schimpfte und wetterte über die Zerstörung der Ligusterhecke und der Gemüsepflanzen, die sie so sorgsam mit dem Latrineneimer gepflegt hatte. „Ist das eine Art, so zu fahren?“ schrie sie. „Ist denn auf der Straße nicht genügend Platz? Da hat man den Porree gegossen und gedüngt, und dann kommt so ein Affe und macht alles kaputt! Und meine schöne Ligusterhecke!“
„Das war der Graf“, sagte Höschen-Marius.
„Ich scheiß was auf den Grafen! Er soll mit seinem elenden Schlitten nicht anderer Leute Ligusterhecken kaputt fahren“, antwortete Emma respektlos; sie war wütend und vergaß, daß sie einmal dem Nähzirkel der Damen angehört und im Pfarrhaus verkehrt hatte.
Der Doktor war nicht zu Hause, dafür eilten Bäcker Andersen und Frau Andersen herbei, um Erste Hilfe zu leisten. Aber dem Grafen war nichts zugestoßen, und als man ihn stützen und ihm das in solchen Fällen übliche Glas Wasser aufdrängen wollte, verlangte er ein Bier. Man holte rasch ein paar Flaschen und trank zwischen Glasscherben und zerdrücktem Butterkuchen, und der Graf war natürlich und jovial, trank aus der Flasche, stieß mit dem Bäcker an und duzte ihn, als wäre er seinesgleichen. Der Graf war nicht hochmütig, und es wurde mehr Bier geholt, und der Graf pißte demokratisch in den Bäckerladen, bevor er beschloß, aufzubrechen und sich zurück ins Schloß zu begeben, ehrerbietig von Andersen gestützt.
Alles wäre friedlich und ruhig verlaufen, wäre nicht Landpolizist Hansen zufällig auf dem Rad vorbeigekommen, der sich über den Traktor im Schaufenster, die umgeworfenen Zäune und die breitgetretenen Torten dann doch reichlich wunderte. Er hörte sich Emmas heftige Klagen an und hielt es für notwendig, Anzeige über die Sache zu erstatten. Dadurch wurde der kleine Spaß in weiteren Kreisen bekannt. Einige Lokalzeitungen schrieben darüber, und der Graf mußte später eine Geldstrafe von einhundert Kronen an die Staatskasse zahlen.
„Was da für Papier verbraucht wird!“ sagte Niels Madsen. „Papier und Anzeigen und Schreibereien: Das ist das System‘! Dafür verschwendet man das Geld der Steuerzahler! Und die Juden müssen schließlich etwas haben, worüber sie in ihren Zeitungen schreiben können!“
„Aber Redakteur Jörgensen vom Kreisblatt ist ja nun wirklich kein Jude“, wandte seine Frau ein.
„Er wird wohl doch einer sein!“ erwiderte Niels Madsen.
„Hast du eigentlich jemals einen Juden gesehen?“ fragte seine Frau verdrossen.
„Was heißt gesehen? Ich habe sie nicht direkt gesehen. Aber man fühlt sie doch immerzu. Sie haben sich überall eingeschlichen. Der eine hilft dem anderen hinein. Sie sitzen in ihren Geschäftshäusern dort in Kopenhagen und bestimmen alles. Sie beherrschen die Hochfinanz und die Zeitungen und die Banken und alles!“
„Skjern-Svendsen war doch auch kein Jude“, sagte Frau Madsen. „Er war nur Jüte. Und er besaß Güter, Webereien, die Knopffabrik und die Textilfabrik und was weiß ich noch alles.“
„Skjern-Svendsen vielleicht nicht. Aber die anderen. An wen, glaubst du, zahlen wir Zinsen, wenn nicht an die Juden? Und wer, glaubst du, regiert die Gewerkschaften und macht den Sozialismus?“
„Hier regiert ja Rasmus die Gewerkschaft“, sagte Frau Madsen stur. „Ich habe nie gehört, daß er Jude sein soll. Er geht in die Kirche und ißt Schweinebraten, und Juden dürfen kein Schweinefleisch essen.“
„Du kannst Gift darauf nehmen, daß sie Schweinefleisch essen“, sagte Niels Madsen. „Sie sitzen auf Schweinefleisch und fressen es auch. Es sind gerade die Juden da drüben in England, die unseren feinen Schinken fressen, ohne etwas dafür zu bezahlen!“
Rasmus Larsen brachte seine Mauer wieder in Ordnung und die herausgerissenen Steingartenpflanzen und immergrünen Gewächse wieder in die Erde. „Hierzulande sind alle vor dem Gesetz gleich“, sagte er. „Bei uns herrscht Demokratie. Auch ein Graf wird zur Rechenschaft gezogen, wenn er die Verkehrsregeln verletzt. Wir sitzen doch alle im selben Boot, ohne Ansehen der Person. Da werden keine Unterschiede gemacht.“
Und Bäcker Andersen bekam seine Scheibe erstattet, und Höschen-Marius seinen Zaun und der Doktor seine Gartentür. Aber die Ligusterhecke der alten Emma wurde nicht für so wertvoll befunden, daß man dafür eine Entschädigungssumme festsetzte. Sie würde wohl auch von selbst nachwachsen.
„Es gibt kein Recht für die Armen!“ jammerte Emma. „Und der schöne Porree, der bis zum Herbst so dick wie ein Arm werden sollte! Der soll nichts wert sein, wo ich ihn so gedüngt habe! Nein, es ist schon so, wie im Psalm geschrieben steht: Unrecht spricht man jetzt statt Recht!“
„Bist du vielleicht Bolschewik geworden, Emma, wie Martin Olsen?“ fragte Rasmus. „Ist es Margrete, die es dir eingibt?“
„Nein, das bin ich nicht! Und ich habe auch keine Ahnung, wovon du sprichst. Und du sollst nicht grob werden, Rasmus, und anderen irgend etwas nachsagen! Denn ich habe dich schon gekannt, als du noch so klein warst, daß du deine Hosen nicht alleine zuknöpfen konntest!“
Obwohl der Graf bescheiden und natürlich sein konnte, auf dem Traktor fuhr und mit den Leuten Bier trank: er hatte Stil. Als natürlicher Abkömmling eines oldenburgischen Königs stand ihm das Recht zu, seine Lakaien rote Livree tragen zu lassen. Ein neuer, aristokratischer Geist war auf dem alten Herrenhof eingezogen. Die kleinliche Knauserei und die Schnüffelei in der Speisekammer, der sich der verstorbene bürgerliche Gutsbesitzer hingegeben hatte, war vorbei. Der Graf überwachte die Arbeit auf dem Gut, er ritt auf die Felder hinaus und munterte die Leute auf, doch er mischte sich nicht in die Haushaltsführung ein und zählte nicht die Zuckerstücke in der Tüte.
Zu Skjern-Svendsens Zeiten hatte es nur einen einzigen Diener im ganzen Schloß gegeben, einen wortkargen, bleichen Mann namens Lukas. Er durfte bleiben, obwohl er eine undurchsichtige Vergangenheit und ein schlechtes Führungszeugnis hatte. Aber mit Graf Preben kamen mehrere neue Diener nach Frydenholm, kam ein neuer Verwalter, der in Deutschland ausgebildet worden war, kamen ein neuer Großknecht und eine Anzahl neuer Knechte. Es waren besonders ausgesuchte Leute, die der Graf eingestellt hatte, Leute mit Schneid; sie schlugen die Hacken zusammen, daß es knallte, und grüßten militärisch, wenn ihr Herr seine tägliche Runde ritt.
Es kam auch vor, daß der Graf die Leute im Hof antreten ließ, mit weißen Hemden, schwarzem Schlips und Mützen und blankgewienerten Schaftstiefeln. Sie machten unter dem Kommando des Verwalters Freiübungen und marschierten und exerzierten mit Spaten, als seien es Gewehre. Sie machten „rechtsum“ und „linksum“, formierten sich zur Kolonne und sangen: „In allen Reichen und Ländern ...“ Der Graf sah von der Schloßtreppe aus zu und grüßte seine Leute mit erhobener rechter Hand, wenn sie den Spaten präsentierten.
Graf Preben war nicht verheiratet. Er nahm seine Mahlzeiten gewöhnlich ganz allein im großen Speisesaal des Schlosses ein, wo altersdunkle Ahnen von den Wänden auf ihn niedersahen. Dabei ging es ganz feierlich zu. Jeden Abend setzte er sich in braunem Smoking und weißem Seidenhemd zu Tisch und ließ sich das Essen auf silbernen Tellern servieren. Wenn der junge Mann von einer Speise genug hatte, klatschte er in die Hände, und der Diener, der mit dem nächsten Gang bereitstand, kam eilends herein und richtete an. Neben dem Stuhl des Grafen lagen zwei große Schäferhunde; sie bekamen die gleichen Speisen auf den gleichen silbernen Tellern serviert und wurden vom dienenden Personal mit der gleichen Ehrerbietung behandelt.
Der Graf war ein großer, hellblonder junger Mann, fast weißblond, mit hellblauen Augen und ohne Brauen. „In dem Mann steckt Rasse!“ sagte Niels Madsen, der dunkel war und wie ein Zigeuner aussah. „Das ist echt nordische Gestalt. Das ist die Sorte Mann, die berufen ist, Männer zu führen!“
Der junge Führer sprach den weichen fünischen Dialekt, der zu Hause im Stall des Familiengutes in der Nähe von Assens gesprochen wurde. Den größten Teil seines Wissens hatte er im Pferdestall erworben, und er liebte Pferdegeschirr und Reitstiefel und Wichse. Dienende Geister hatten sich um seine Erziehung gekümmert und ihn gelehrt, Tabak zu schnupfen und Karten zu spielen. Von seinen Eltern hatte er nie viel gemerkt; sie waren ständig beschäftigt gewesen; Reisen und Gesellschaften, der Hofdienst und die rätselhaften Pflichten eines Kammerherrn hatten ihre Zeit in Anspruch genommen. Der Junge wurde vernachlässigt und war einsam, er war groß und stark für sein Alter, aber unbeholfen und bemitleidenswert. Er fürchtete sich vor den Gänsen des Gutes und hatte das Pech, bei allem, was er tat, zu Schaden zu kommen.
Nachdem sich eine Anzahl ehrerbietiger und geduldiger Hauslehrer mit ihm beschäftigt hatte, gelang es, den Jungen im Internat Herlufsholm unterzubringen, aber schon nach zwei Jahren mußte man ihn auf eindringliches Ersuchen des Rektors von dort wieder wegnehmen, da ihn die anderen Jungen schrecklich mißhandelten. Danach blieb er als Eleve zu Hause auf dem Gut, war aber vor allem damit beschäftigt, einen Truthahn zu ärgern und einen im Schloß angestellten Jungen zu tyrannisieren, der nicht zurückzuschlagen wagte. Auf diese Art bereitete er sich darauf vor, einmal den Gewinn, den einige der größten Güter des Landes abwarfen, zu vereinnahmen.
Nach einigen kleineren, inzwischen vergessenen Skandalen beschloß der alte Kammerherr, seinen Sohn nach England zu schicken, damit er sich dort bei den adligen Verwandten gute Manieren und britisches Benehmen aneigne, das ihm das Stallpersonal zu Hause auf Fünen nicht so recht beizubringen vermocht hatte. Graf Preben war neunzehn Jahre alt, als er nach England fuhr, ein großer, blonder Bauernjunge mit einem stets verwunderten Gesicht und unberechenbaren Armbewegungen.
Er verbrachte gut zwei Jahre unter Britanniens Nobilität und wurde in aller Eile zum Gentleman ausgebildet. Als er zum fünischen Stall zurückkehrte, war er volljährig und somit berechtigt, über sehr bedeutende Mittel zu verfügen. Er empfand daher bald den Stall als zu eng und den Umgang mit dem Stallknecht als unzureichend. In den folgenden Jahren hielt er sich meistens in der Hauptstadt auf, wo er viele Dinge studierte und die verschiedenartigsten Freunde fand.
In einem konservativen Jugendkorps bildete er sich seine politische Meinung. Der alte Kammerherr unterstützte die Organisation idealistisch. Ihre Mitglieder trugen grüne Hemden und schwarze Schaftstiefel–nach dem Vorbild der rumänischen Eisernen Garde – und grüßten einander römischgermanisch. Da diese Organisation ihr Hauptquartier in der Store Kannikestræde in der Altstadt hatte, geschah es häufig, daß die jungen uniformierten Herren nach ihren Zusammenkünften auf die jüdischen Bewohner des Krystalgade-Viertels trafen und jugendliche Späße mit ernsthaften alten Männern trieben. Diese abendlichen Zerstreuungen gaben Anlaß zu Klagen und Leserbriefen und zu kritischen Artikeln in der radikalen Presse.
Der Grafentitel und die außergewöhnliche Blondheit verliehen ihm im Kreise der kecken „KUer“, wie die Grünhemden sich nannten, großes Ansehen. Aber auch unter den Zivilisten in den Weinstuben des Viertels wurde der junge Graf populär; er lernte eine ganze Reihe interessanter Persönlichkeiten kennen, die später in der Öffentlichkeit und im verborgenen eine Rolle spielen sollten.
3
Der verstorbene Gutsbesitzer Skjern-Svendsen hatte ursprünglich beabsichtigt, das restaurierte Hauptgebäude von Frydenholm – mit den eingemauerten Skeletten und der Sammlung deutscher feudalgeschichtlicher Denkmäler – nach seinem Tode in ein nationales Museum unter staatlicher Verwaltung umwandeln zu lassen, in ein machtvolles Monument zu Ehren der schöpferischen Tätigkeit der Gutsherren und ihres Einsatzes für die dänische Kultur.
Das alte Schloß hatte in der Geschichte des Landes eine Rolle gespielt. Während des Schwedenkrieges im Jahre 1658 hatte Frydenholm Offiziere des schwedischen Heeres als Gäste in seinen Mauern gesehen. Der berühmte Oberst Sparre und seine Dragoner hatten längere Zeit hier in Quartier gelegen, und der damalige Herr des Gutes war ihnen ein heiterer und hilfreicher Wirt gewesen. Das Haus hatte Traditionen. Sogar der Schwedenkönig Karl X. Gustav hatte eine Nacht auf Frydenholm verbracht und im selben Himmelbett geschlafen, in dem Skjern-Svendsen nun erwürgt worden war.
Der verstorbene Gutsbesitzer hatte sein Vermögen nicht nur für sich selbst angehäuft. Er war ein Idealist gewesen. Erst nach seinem Tode wurde bekannt, daß Skjern-Svendsen die mystische Person war, die unter dem Decknamen Danielsen den wohltätigen Institutionen große Summen hatte zukommen lassen. Anonym hatte er die Errichtung der beliebten mittelalterlichen Wegkruzifixe finanziert, die vor allem von amerikanischen Touristen bewundert werden und die, wie man sagt, so gut in die dänische Landschaft passen. Der Gutsbesitzer hatte auch geplant, in einem anderen Besitz, dem Gut Halling in Nordjütland, eine Internatsschule für Jungen einzurichten, denen seine besondere Aufmerksamkeit galt. Auf diese Weise wollte er sich – wie seinerzeit Herluf Trolle – selbst ein Denkmal setzen. Die Internatsschule auf Halling sollte selbstverständlich christlich sein. Die Innere Mission hatte Skjern-Svendsen sehr am Herzen gelegen. Er war Pastor Nørregaard-Olsen ein guter Helfer im Kampf für das Reich Gottes in dieser Gegend gewesen. Das neue Missionshaus war ganz und gar sein Werk, und bei der Instandsetzung der Kirche hatte er über die Hälfte der Unkosten getragen.
Skjern-Svendsen hatte viele Pläne betreffs seines sehr großen Vermögens gehabt, das er hier auf Erden einmal hinterlassen mußte. Er wollte auch nach seinem Tode noch darüber verfügen. Einiges hatte für den Bau und die Ausstattung des Grabhügels Verwendung gefunden und wurde nun durch bombensicheren Beton vor der Vergänglichkeit bewahrt. Anderes sollte in die Ewigkeit hinein wirken. Er hatte Legate und Schenkungen für gute Zwecke vorgesehen und nicht einen Augenblick lang vergessen, daß die Ewigkeit länger währt als das Erdenleben und daß ein kluger Geschäftsmann auf lange Sicht disponieren muß. Und wenn ein Ordnungsmensch wie Skjern-Svendsen es nicht geschafft hatte, alles zu einem rechtsgültigen Testament zusammenzustellen und sichere, unzweideutige Bestimmungen zu treffen, dann nur, weil das Verhältnis zu seiner um zwanzig Jahre jüngeren Frau Julie zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht zufriedenstellend geordnet war.
Bevor das Testament endgültig formuliert werden konnte, mußte die Abfindung von Frau Julie geregelt sein. In der Gegend war allgemein bekannt, daß der Gutsbesitzer und die gnädige Frau seit Jahren jeder in seinem Teil des Schlosses gewohnt und einander nicht besucht hatten. Der Gutsbesitzer hatte seinen bleichen Diener; was die gnädige Frau hatte, mochten die Götter wissen. Man erzählte, sie habe in den letzten Jahren stark unter dem Einfluß eines rätselhaften Doktors in Kopenhagen gestanden und ihn jeden Montag und Mittwoch besucht, um sich einer eigentümlichen Behandlung zu unterziehen. Durch einen Beobachter hatte der Gutsbesitzer von der Art dieser Behandlung erfahren; unmittelbar vor seinem Tode war er damit beschäftigt gewesen, Maßnahmen gegen seine Frau einzuleiten, die seiner Überzeugung nach unzurechnungsfähig war. Bei der polizeilichen Untersuchung anläßlich seines Todes stellte es sich heraus, daß er ernsthaft versucht hatte, sie als allgemeingefährlich in eine Nervenheilanstalt einliefern zu lassen. Vielleicht wäre ihm das geglückt, wenn nicht der verrückte Gärtner Holm seinem tätigen Leben vorzeitig ein Ende gesetzt hätte.
So war es gekommen, daß es keine testamentarischen Bestimmungen gab, und Frau Julie Skjern-Svendsen wurde Alleinerbin, ohne daß man sie entmündigt oder ihre Bewegungsfreiheit auch nur eingeschränkt hatte. Da die junge Witwe unter gar keinen Umständen das düstere Schloß, in dem so unheimliche Dinge geschehen waren, weiterhin bewohnen wollte, übertrug sie das Gut ihrem jüngeren Bruder, der so dazu kam, noch zu Lebzeiten des alten Kammerherrn seine Fähigkeiten zum Führen und Administrieren unter Beweis stellen zu können. Wenn der Kammerherr verschied, würde Graf Prebens Besitz um drei Familiengüter erweitert werden, eins auf Fünen und zwei in Jütland. Eine schwere Bürde und eine große Verantwortung lasteten auf den hängenden Schultern des jungen Grafen.
Zur Bürde des Besitzes gesellten sich Vertrauensposten in politischen Organisationen und landwirtschaftlichen Interessengemeinschaften. Von der Konservativen Jugend war er ganz selbstverständlich in die neugegründete DNSAP hinübergeglitten, wo man braune Hemden statt der grünen trug, im übrigen aber auf die gleiche römisch-germanische Art grüßte. Und nachdem der Graf Frydenholm übernommen hatte, übernahm er auch den Posten des Gauleiters seiner Partei von Süd-Seeland. Als praktischer Landwirt war er Mitglied der „Vereinigung der Landwirte“ oder „VdL“, in der viele große und einige kleine Landwirte damals Beistand in landwirtschaftlichen Fragen suchten und in der auch der kleine Nachbar des Grafen, Bauer Niels Madsen, seit einigen Jahren tätig war.
Dazu kam ein neuer Vertrauensposten als Kreisleiter in einer eben gegründeten geheimnisvollen Organisation, deren Namen – „Zivilorganisation“ oder „ZO“ – nur einigen Eingeweihten geläufig war, über deren Umfang und Beschaffenheit aber nicht einmal die Kreisleiter Bescheid wußten und deren Mitglieder einander nicht kannten.
Andere Kreisleiter waren biedere Wasserbaumeister, Hafenaufseher, Dünenaufseher und Oberförster, die in ihrer Unschuld glaubten, sie dienten Alt-Dänemark, wenn sie Meldungen über mystische Vorkommnisse innerhalb ihrer Dienstbereiche an Polizeianwalt Drössaa sandten, der vor kurzem von einem Studienaufenthalt in Deutschland zurückgekehrt war, oder an den geheimnisvollen Schriftsteller François von Hahn, der für alle Fälle als Verlagslektor getarnt war und seine Karteien in einem schönen, alten Büro in der Købmagergade, unweit des Runden Turmes, betreute.
Die guten Wasserbaumeister, Hafenaufseher, Dünenaufseher und Oberförster samt einem weniger guten Bischof gehörten zum sogenannten äußeren Kreis und wußten nicht, daß es einen geheimeren inneren Kreis und einen sehr robusten Mobilkreis gab. Sie alle waren zum Schein Mitglieder eines Schmetterlingsvereins und trugen zuweilen ein Abzeichen, auf dem ein Ligusterschwärmer zu sehen war, das gegebenenfalls als Erkennungszeichen dienen und sie bei ihrer patriotischen Tätigkeit vor dem Zugriff der Polizei des Landes schützen würde. Die Polizeimeister hatten den Befehl erhalten, den Ligusterschwärmer zu respektieren, auch wenn sie sich hin und wieder versucht fühlen sollten, einige zu verhaften, die das hübsche kleine Abzeichen trugen.
Es war eine Enttäuschung für Pastor Nørregaard-Olsen, daß der Graf sich nicht wie sein Vorgänger auf Frydenholm für die Innere Mission und das Wachsen des Reiches Gottes in der Gegend interessierte. Sonntag für Sonntag stand der gräfliche Stuhl in der Kirche leer, und das war ein schlechtes Beispiel für die Gemeinde. Die Arbeit, der sich der Pfarrer mit so großer Energie und mit viel Organisationstalent widmete, seit er sein Amt angetreten hatte, ging in der letzten Zeit nicht mehr so recht voran. Der frische Windhauch wehte nicht mehr über dem Kirchspiel.
Das Hinscheiden des Gutsbesitzers Skjern-Svendsen war ein harter Schlag gewesen. Man vermißte nicht nur das Vorbild, die Autorität und die ökonomische Hilfe des Gutsbesitzers; der Umstand, daß sein Mörder einer der ergebensten Diener der Mission gewesen war, säte Zweifel und Unwillen in viele Herzen. Hier hatte der Teufel einen persönlichen Sieg errungen. Zwar war bei der Verhandlung festgestellt worden, Gärtner Holm habe sein entsetzliches Verbrechen in einem Anfall von religiösem Wahnsinn begangen, aber das machte die Lage nicht besser. So etwas konnte also auch geschehen. Auch die Religion konnte man übertreiben. Viele Eltern zögerten nun, ihre Töchter Mitglied der Jugendabteilung werden und an den ekstatischen Abendgottesdiensten teilnehmen zu lassen. Die JA-Gymnastik ging zurück, und die JA-Handballmannschaft löste sich auf.
Die Reihen lichteten sich. Die Frau des Gärtners war nach der Urteilsverkündung – ihr Mann wurde in eine Irrenanstalt eingeliefert – weggezogen. Auch ihre Tochter Johanne gehörte nicht mehr zum Reich Gottes, seit sie mit Oscar von der Molkerei verheiratet war und schon vier Monate nach der Hochzeit einen kleinen, sommersprossigen Sohn bekommen hatte. Dieser Oscar, er stammte aus Kopenhagen und war neu in der Gegend, also fast ein Ausländer, gehörte ja zu den Roten. Und was die Eltern Johanne an christlichem Gehorsam gelehrt hatten, kam nun dem Antichrist zugute. Früher hatte Johanne Pastor Norregaard-Olsens kleines Kirchenblatt ausgetragen, jetzt fuhr sie am Sonntagvormittag mit dem Rad von Haus zu Haus und verkaufte das „Arbejderbladet“. Sie war ein fügsames Wesen, das tat, was man ihm sagte.
Der Nähzirkel der Damen wurde immer kleiner. Frau Bäcker Andersen und Frau Hofbesitzer Madsen waren unter den letzten, die standhielten. „Frau Andersen und Frau Madsen sind der feste Stamm“, sagte der Pfarrer mit müdem Lächeln. Frau Andersen brachte noch immer Kranzkuchen zu den Abenden des Nähzirkels im Pfarrhaus mit und die anderen Damen abwechselnd die Kaffeebohnen, doch die reichten meistens geradeso aus, und für den Haushalt des Pfarrers blieb keine Bohne mehr übrig.
Auch Höschen-Marius’ Haushälterin hielt dem Zirkel die Treue und brachte eingeweckte Erdbeeren und Johannisbeergelee mit ins Pfarrhaus; doch die Zeit würde bald kommen, wo sie nicht mehr Haushälterin war, denn das Aufgebot für sie und Marius war bereits bestellt. Die Damen betrachteten ihre Figur, doch die sah unverändert aus; wie sollte wohl auch ein fruchtbares Zusammenleben mit Marius möglich sein, der sich nicht für den Menschen zu interessieren schien, sondern nur für die äußere Hülle, der des Nachts herumschlich und weibliche Unterbekleidung anfaßte, die zum Trocknen aufgehängt war. Und ob die Haushälterin wohl dem Reich Gottes und dem Nähzirkel treu bliebe, wenn sie erst einmal Frau Petersen war?
Marius, den man für gerettet hielt, war nämlich abtrünnig geworden; er kam nicht mehr zur Bibellesung und saß sonntags nicht mehr Bonbons lutschend in der Kirche. Er hatte plötzlich die Überlegenheit und historische Bestimmung der arischen Rasse erkannt, um Aufnahme in Dänemarks Nationalsozialistische Arbeiterpartei gebeten und kämpfte nun aktiv für die moralische Wiedergeburt des dänischen Volkes und für die nationalsozialistische Weltanschauung. Im Gegensatz zu Niels Madsen, der es fertigbrachte, zugleich Nationalsozialist und Christ zu sein, wurde Höschen-Marius eine Art Heide, allein vom Bewußtsein der Vorzüglichkeit seiner Rasse erfüllt. Die Haushälterin behauptete zwar, er sage noch immer sein Abendgebet mit so lauter Stimme her, daß man es nebenan hören könne, aber wer wußte, ob er nicht zu Odin und Thor betete.
Vielleicht hatte es Marius erschüttert, daß er verhaftet und eines Mordes verdächtigt worden war, den der fromme Gärtner begangen hatte, vielleicht hatte das ihn zum Feind der Religion gemacht. Im übrigen fiel es Marius wohl schwer, sich mit mehr als einem großen Gedanken auf einmal zu beschäftigen. Der Gedanke der Volksgemeinschaft und der Bedeutung seiner Rasse erfüllte ihn ganz und gar und ließ keinen Raum für christliche Demut.
Außer Marius war damals ein anderer unschuldiger Mann im Zusammenhang mit dem Mord an Gutsbesitzer Skjern-Svendsen verhaftet worden. Er hieß Olsen, war einmal Diener auf Frydenholm gewesen und ebenso wie Lukas vorbestraft. Der Gutsbesitzer hatte es vorgezogen, vorbestrafte Personen in Lohn und Brot zu haben. Zwischen Olsen und Skjern-Svendsen hatte ein merkwürdiges freundschaftliches Verhältnis bestanden, und in den letzten Lebensjahren des Gutsbesitzers hatte Olsen gewisse geheime Geschäfte zu erledigen gehabt. Olsen verfügte über viele Verbindungen und kannte alle Winkel und Geheimnisse des weitläufigen Schlosses.
Die Mordnacht hatte Olsen auf Frydenholm verbracht, und die Umstände seines Tuns in dieser Nacht waren so verdächtig gewesen, daß die Polizei überzeugt war, niemand anderes könne der Täter sein. Kommissar Odense hatte keine Bedenken gehabt, der Presse die Mitteilung zugehen zu lassen, das Rätsel sei gelöst und der Beweis völlig klar und unumstößlich, obwohl der halsstarrige und verstockte Täter mit dem Geständnis noch zögere. Hätte sich Gärtner Holm nicht selbst dem Ortspolizisten gestellt, wäre möglicherweise Olsen als Mörder verurteilt worden.
Nachdem der Gutshof seinen Besitzer gewechselt hatte, gab es wohl keinen, der noch damit rechnete, Olsen in dieser Gegend wiederzusehen. Eines Tages aber fand er sich mit einem besonderen Anliegen wieder in Frydenholm ein.
4
Für Egon Charles Olsen hatte sich die anfängliche Gefahr auf wunderbare Weise in einen dauerhaften Vorteil verwandelt.
Aus seiner Zelle im Vestre Fængsel wurde er, wie schon so oft, zum Polizeipräsidium gebracht. Das geschah Ende November 1938 – fast drei Wochen nachdem man Gutsbesitzer Skjern-Svendsen erwürgt in seinem Himmelbett aufgefunden hatte –, und die Frist für die Untersuchungshaft war nahezu abgelaufen. Olsen kannte die Route, und obwohl die Grüne Minna keine Fenster hatte und Luft nur durch eine kleine Luke hereindrang, konnte er nach den Straßengeräuschen genau bestimmen, auf welchem Abschnitt der Strecke sie sich gerade befanden.
Er trug Zivilkleidung; wattierte Schultern, scharfe Bügelfalten, großgestreifter Schlips, ein farbiges Seidentuch, dekorativ in der Brusttasche arrangiert. Sein Haar war pomadisiert, es duftete angenehm und glänzte. Die Untersuchungshaft hatte ihn ein wenig blaß gemacht, ein beleidigtes Lächeln lag auf seinen Zügen. Er ging wie einer, der sich auskennt, neben seinem Begleiter über die gewundenen Sandsteintreppen und durch die langen, mit Fliesen belegten Korridore, die von antiken Bronzeampeln erhellt wurden. Der Begleiter schien ein wenig im Zweifel zu sein über den Weg, sie schritten langsam durch die öden Flure, die an die Katakomben unter dem alten Rom erinnerten und wie Stollen wirkten, die in die Steinmasse des Gebäudes gehauen waren. Als sie in einen kleinen Seitengang einbogen, war sich Olsen im klaren, daß sie nicht den üblichen Weg zu Kommissar Odenses Vorzimmer wanderten, in dem die Verhöre sonst immer stattfanden.
Das Innere des Polizeipräsidiums ist ja bekanntlich kompliziert und geheimnisvoll, und nicht einmal der Reichspolizeichef kennt die Geheimnisse dieses Bauwerkes bis ins letzte. Olsen wußte zwar dort drinnen auf Grund seiner dunklen Vergangenheit recht gut Bescheid, ja, er fühlte sich in dem klassischen Labyrinth beinahe heimisch, auf dieser Wanderung jedoch bemerkte er mit einem gewissen Unbehagen, daß er sich auf fremdem Grund befand.
Sie waren in einem Teil des Polizeipräsidiums angelangt, zu dem gewöhnliche Häftlinge keinen Zutritt hatten. Die Wanderung endete schließlich vor einer hohen, kretischen Tempeltür, auf der mit schmalen patinierten Buchstaben stand:
ABTEILUNG D
2. Inspektorat der Kopenhagener Polizei
Kriminalpolizei
Olsen hatte im Laufe der Jahre ziemlich viel mit der Kriminalpolizei zu tun gehabt, doch diese Abteilung kannte er nicht. Nun ja, Olsen war bei weitem nicht der einzige Bürger des Landes, der von dem stillen Dasein der Abteilung D nichts wußte. Das war keine nach außen glänzende und prahlende Abteilung. Sie führte ein zurückgezogenes Dasein und widmete sich besonderen Angelegenheiten, die nicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen sollten.
Kurz zuvor hatte der Chef der Abteilung zurücktreten müssen, da ein Unglück bei der Entführung eines deutschen Emigranten das Schweigen um seine Tätigkeit gebrochen hatte; dieser sprachbegabte Detektiv beschäftigte sich zur Zeit mit einigen alten chinesischen Handschriften, die zu untersuchen eigentlich gar nicht Aufgabe der Polizei war. Seitdem verwaltete der beliebte Kommissar Horsens die Karteien der kleinen Abteilung.
Kommissar Horsens war ein warmherziger Jüte mit einem vertrauenerweckenden Dialekt und freundlichen blauen Augen. Ein solider, breiter, sonnengebräunter Mann von ländlich-ehrlichem Aussehen, derb und geradezu. Diesem treuherzigen Jüten gegenüber lechzte sogar der verstockteste Verbrecher danach, sein Gewissen zu erleichtern und seine Sünden zu gestehen. Aber der Kommissar wünschte von Olsen gar keine Geständnisse.
Als Olsens Begleiter, nachdem er angeklopft hatte, die Tempeltür öffnete, verabschiedete sich gerade ein kleiner Mann von dem Kommissar. Er begegnete Olsen in der Tür, die beiden sahen einander einen Augenblick an, ließen sich aber nicht anmerken, daß sie sich kannten. Der Mann, der hinausging, war ein schmächtiges Kerlchen mit unsteten Augen und beinahe schwachsinnigem Gesichtsausdruck. Er ging frei und ohne Begleiter und schien den Weg durch das Labyrinth des Gebäudes allein finden zu können.
Kommissar Horsens betrachtete Olsen gütig und bat ihn mit einer väterlichen Handbewegung, auf einem pompejanischen Stuhl Platz zu nehmen.
„Na, den Mann kannten Sie wohl?“ fragte er.
„Ich glaube, ich habe ihn schon einmal gesehen“, mur melte Olsen.
„Kennen Sie ihn gut? Hatten Sie etwas mit ihm zu tun?“ fragte der Kommissar bekümmert.
„Nein“, sagte Olsen rasch. „Ich habe nie mit ihm zu tun gehabt. Ich habe ihn in einer Kneipe getroffen.“
„Im ,Fidusen‘ vielleicht?“
Olsen meinte, es könne im „Fidusen“ gewesen sein, und wunderte sich, daß die Polizei sein Stammlokal kannte.
„Aber Sie wissen, wer es ist?“
„Ich glaube, man nennt ihn ,die Banane‘. Oder ,die kleine Banane‘.“
„Das ist wohl ein recht übler Kerl, diese Banane“, sagte der Kommissar betrübt. „Aber Böses soll mit Bösem vertrieben werden, wie das alte Sprichwort sagt.“
Olsen verstand nicht ganz der dunklen Bede Sinn. Er sah sich im Zimmer um. Es war recht gemütlich. Auf dem Fensterbrett standen zwei leere Bierflaschen. Und auf dem Schreibtisch des Kommissars stand eine Vase mit kleinen gelben Blumen neben der eingerahmten Fotografie einer Frau und zweier süßer Knirpse, denn der Kommissar war ein guter Familienvater und ein Kinderfreund. Es war schön warm im Zimmer und duftete nach gutem Tabak. Der Kommissar hatte seine blaue Jacke auf einen Bügel gehängt und saß in Weste und Hemdsärmeln mit Ärmelhaltern da. Er trug einen maschinengebundenen schwarzen Schlips mit Gummizug.
„Ja, Sie können gehen“, sagte er zu Olsens Begleiter. „Herr Olsen und ich wollen ganz vertraulich ein bißchen über verschiedene Dinge sprechen. Haben Sie übrigens heute schon Kaffee getrunken, Olsen?“
Bei dem Wort Kaffee wurde Olsen wachsam. Er wußte aus Erfahrung, daß Kaffee und Zigaretten im Polizeipräsidium zu den primitiveren Lockmitteln gehörten. Der Kommissar sah sofort, daß sich das Gesicht des Häftlings verschloß, und er beruhigte ihn mit seinem herzlichen, jütischen Lächeln.
„Nein, nein, vor mir brauchen Sie keine Angst zu haben! Ich will Ihnen nichts tun. Auf mich können Sie sich verlassen, Olsen, und es tut doch gut, wenn ein Mensch dem anderen vertrauen kann! So etwas wärmt hier drinnen“, sagte der freundliche Jüte und legte die Hand auf die Westentasche.
Da Olsen ihn alles andere als vertrauensvoll anblickte, lehnte sich Kommissar Horsens zu ihm hinüber und sagte: „Schauen Sie, Olsen, ich glaube, ich habe Ihnen etwas sehr Angenehmes mitzuteilen.“
„Soso“, brummte Olsen.
„Ja, hören Sie. Vor wenigen Stunden hat ein Mann in Præstø im Verhör gestanden, den Gutsbesitzer Skjern-Svendsen ermordet zu haben. Was sagen Sie dazu, Olsen?“
„Wer war es?“ fragte Olsen sofort. „War es Lukas?“
„Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen, Olsen. Sie können es ja selbst hier lesen, es steht schon in der Zeitung.“ Der Kommissar reichte ihm ein Nachmittagsblatt. „Bitte schön.“
Olsen las: Heute um elf Uhr wurde Gärtner Holm dem Untersuchungsrichter vorgeführt, wobei er sein Geständnis wiederholte . . .
„Gärtner Holm! Da soll doch der Teu . . . Das ist merkwürdig. Gärtner Holm . . .“
„Ja, es ist merkwürdig, wie die Menschen sein können“, sagte Kommissar Horsens traurig. „Der Mann scheint verrückt zu sein. Die Religion ist ihm wohl zu Kopf gestiegen. Man kann ja alles übertreiben. Kannten Sie ihn?“
Olsens Gefängnisblässe war plötzlich verschwunden. Seine Wangen bekamen Farbe. „Ich verlange, sofort freigelassen zu werden! Ich habe hier drei Wochen unschuldig gesessen! Ich habe ja von Anfang an gesagt, daß ich unschuldig bin! Kann man einen Menschen so behandeln? Gibt es Recht und Gesetz hier im Lande? Ich werde an meinem Arbeitsplatz vor den Augen meines Chefs verhaftet und als Mörder ins Gefängnis geschleppt! Ich verlange Schadenersatz! Ich will das hier bezahlt haben! Für unverschuldete Untersuchungshaft und verlorengegangenen Verdienst! Und Schmerzensgeld! Ich muß sofort mit meinem Verteidiger sprechen!“ Der Kommissar lächelte wohlwollend. „Selbstverständlich dürfen Sie mit Ihrem Verteidiger sprechen, Olsen. Das Recht dazu hatten Sie übrigens die ganze Zeit über. Und jetzt dürfen Sie ja sprechen, mit wem Sic wollen. Ja, ob Sie nun Schadenersatz bekommen? Kann sein. Davon verstehe ich nichts, das muß der Verteidiger wissen. Damit habe ich nichts zu tun. Aber – könnte die Polizei nicht der Meinung sein, daß Ihre Verhaftung gar nicht so ganz unberechtigt war? Es gibt da doch verschiedene Dinge, Olsen, die nicht ganz in Ordnung sind, nicht wahr? Das reicht doch für mehr als nur für diese drei Wochen?“
Olsen antwortete nicht. Er hatte wieder sein beleidigtes Lächeln aufgesetzt. Natürlich! Wenn man ihm etwas anhängen wollte, konnte man immer etwas finden. Er hatte viele Eisen im Feuer gehabt.
„Wir haben hier einen häßlichen Stapel Papiere.“ Kommissar Horsens klopfte auf einen dicken rosa Aktendeckel, der auf seinem Schreibtisch lag. „Hier ist sowohl Altes als auch Neues. Ich habe, ehrlich gesagt, Angst, daß eine Menge Sachen dabei sind, die sich Kommissar Odense gern ein bißchen näher angucken würde. Glauben Sie das nicht auch, Olsen?“
Olsen lächelte bitter.
„Aber ich gehöre nicht zu denen, die Ihnen Böses wollen, Olsen. Meiner ganz privaten Meinung nach können Sie gut und gern als freier Mann von hier weggehen, wenn wir uns ausgesprochen haben. Aber wollen wir nicht erst ein Täßchen Kaffee trinken, Olsen? Ich habe furchtbaren Kaffeedurst. Was meinen Sie?“
Unter diesen Umständen wagte Olsen, den Polizeikaffee zu trinken, und Kommissar Horsens bestellte in der Kantine telefonisch Kranzkuchen und Kaffee.
„Ich finde, so ein Tröpfchen Kaffee tut gut an so einem kalten Tag“, sagte er in seinem herzlichen, jütischen Dialekt. Olsen nickte, denn er wußte, daß der Kaffee der Polizei stark und gut war.
Der Kaffee kam, und Olsen konnte auch den Kuchen essen, ohne durch zudringliche Fragen gestört zu werden.
„Eine Zigarre, Olsen?“
„Danke.“
„Hier ist Feuer! Sie haben wohl keine Streichhölzer bei sich? Behalten Sie die Schachtel nur.“
„Danke“, sagte Olsen wieder und fühlte sich recht wohl als freier Bürger, der das Recht hat, eigene Streichhölzer zu besitzen.
„Ja, Olsen, hier liegen also Ihre Papiere! Man hat viel über Sie niedergeschrieben, Olsen. Viel zuviel. Sie sind wirklich ein böser Bube gewesen!“ Kommissar Horsens blätterte betrübt in den Akten.
„Sie haben ordentliche Eltern gehabt, Olsen.“
„Wie man es nimmt.“
„Ein gutes Zuhause, bescheiden, aber sauber und geborgen. Fleißige, ehrenhafte Eltern“, fuhr der Kommissar nicht ohne Bewegung fort. Es sah wirklich so aus, als würden seine Augen feucht. „Sie haben Ihren lieben Eltern viel Kummer gemacht. Ihre Mutter hat häufig um Sie geweint.“ „Davon weiß ich nichts“, sagte Olsen. „Sie war sehr zänkisch. Sie verprügelte mich oft.“
Kommissar Horsens blätterte unbeirrt weiter.
„Viel zu viele Vorstrafen, Olsen!“ Er schob die Brille auf die Nasenspitze und hielt das Papier von sich weg. „Schon 1928, warten Sie . . . Bestraft vom Stadtgericht Kopenhagen am 21. 11. nach Paragraph 285, Absatz I des Strafgesetzbuches, vergleiche Paragraph 279 . . . Und dann schon wieder 1930: Paragraph 285, Absatz I, vergleiche Paragraph 278, Nummer 3, vergleiche zum Teil Paragraph 89 des Strafgesetzbuches . . . und wieder 1932 beim Amtsgericht Frederiksberg: Paragraph 285, Absatz I, vergleiche Paragraph 276 . . . Und 1935 wieder beim Amtsgericht Nord: Paragraph 285 Absatz I, vergleiche Paragraph 279 und zum Teil Paragraph . . . Ja, das ist viel. Mal sehen, Olsen, wann wurden Sie denn . . . Hier ist es ja. Das letzte Mal wurden Sie am 19. 12. 1937 entlassen – das war ja gerade zu Weihnachten. Dann waren Sie ja Weihnachten zu Hause, Olsen!“
Es war wirklich, als tröste es den Kommissar ein wenig, daß Egon Charles Olsen das Weihnachtsfest 1937 zu Hause verlebt hatte.
„Sehen Sie, vom Staatsgefängnis schreibt man ja wirklich gut über Sie, Olsen. Eigentlich habe ich gar nicht das Recht, Sie das wissen zu lassen. Jetzt tue ich etwas Ungesetzliches. Aber Sie erzählen es ja wohl niemandem, nicht wahr? Und ich möchte Ihnen doch gerne mein Vertrauen beweisen, Olsen. Hören Sie:
19. 12. . . . Erklärung des Staatsgefängnisses . . . Fraglichem Egon Charles Olsen wird bescheinigt, normal begabt zu sein. Er scheint aber etwas schwach und charakterlos . . . Keine Anpassungsschwierigkeiten, arbeitswillig . . . Mit vertraulicher Arbeit beschäftigt . . . Führte sie zufriedenstellend aus, keine disziplinarischen Schwierigkeiten . . . Im Hinblick auf seine Rückfälligkeit wurde Egon Charles Olsen nicht zur Begnadigung empfohlen . . . Unterschrieben: F. A. Henningsen, Unterinspektor.
Sehen Sie, Olsen, wenn man an einem Menschen interessiert ist, möchte man ja gern etwas mehr über ihn wissen. Und ich will auch gern zugeben, daß ich mit Unterinspektor Henningsen über Sie gesprochen habe. Sie verstanden sich doch recht gut mit dem Unterinspektor, nicht wahr?“
„Ich glaube schon.“
„Ja, er konnte Sie wirklich gut leiden. Das darf ich Ihnen eigentlich nicht erzählen, aber es stimmt. Und über diese vertrauliche Arbeit hat er mir auch ein bißchen was erzählt. Ich freue mich, wenn man einem Menschen etwas anvertrauen kann.“
Langsam begann Olsen zu begreifen, was der Kommissar wollte.
5
Der Tempel der Polizei mit seinen Gängen und Katakomben und klassischen Peristylen lag ruhig und friedvoll. Es herrschten Ordnung und Symmetrie, edle Einfachheit und stille Größe, belebt durch verschiedene, einfallsreich und überraschend arrangierte Steinarten. Auf einem viereckigen Hof stand die grüne Statue eines nackten Mannes, der einen ganz kleinen Kopf hatte und in ein Gewirr von Nattern trat; er symbolisierte die Gerechtigkeit. Und einen runden Hof umstanden achtundachtzig schwere Säulen, die einträchtig ein Gesims mit einer Dachrinne trugen. Eine Szenerie, geeignet für die Oper, für die Freimaurer oder für allerlei Mondscheinzeremonien. Ein Tempel des Friedens, wo jedermann behutsam auftrat und wo man kein lautes Wort hörte.
Und dennoch herrschte in diesem Haus kein Frieden.
Zwischen dem Polizeipräsidenten der Hauptstadt, Baum, und dem Reichspolizeichef Rane gab es nichts als Haß und Feindschaft, deren Ursachen nur wenige kannten, deren Auswirkungen aber in allen Gängen, Peristylen und geheimen Räumen zu spüren waren. Überall wurde ein stiller, erbitterter Krieg geführt. Überall wurde intrigiert und konspiriert, überall wurden Fallen und Fußangeln gestellt. Überall wurde geflüstert, gelauscht, spioniert.
Die geheimnisvolle Abteilung D gehörte offiziell zur Kriminalpolizei der Hauptstadt, obwohl die Agenten der Abteilung auch Informationen über Leute in der Provinz sammelten. Sie selbst glaubten tadellos zu arbeiten, doch auf Veranlassung des Reichspolizeichefs war neuerdings eine konkurrierende „Sicherheitspolizei“, von den Eingeweihten kurz „Sipo“ genannt, aufgebaut worden. Und während die Abteilung D vorläufig dem herzenswarmen Jüten unterstand, hatte der Reichspolizeichef Polizeianwalt Drössaa zum Leiter der Sipo berufen. Im Zusammenhang mit dieser geheimnisvollen Neubildung war die noch geheimnisvollere Zivilorganisation oder ZO mit ihrem inneren Kreis, ihrem äußeren Kreis, ihrem Mobilkreis und mit ihren Verbindungen zu den entferntesten Häfen, Wäldern und Dünen des Landes erfunden worden.
Das merkwürdige Polizeipräsidium war mit Geheimnissen gesättigt. Gewöhnliche, unbescholtene Bürger erfuhren nie, was in den Katakomben des Hauses vor sich ging. Aber Egon Charles Olsen sollte es beschieden sein, hinter die Kulissen zu sehen.
In der Abteilung D begann es zu dunkeln. Kommissar Horsens erhob sich und knipste eine elektrische Lampe an; sie hatte die Form einer altgriechischen Fackel, wie man sie von den Reliefs der Grabmäler her kennt. Dann ging er zum Fenster, zog die Gardinen zu und stellte die beiden leeren Bierflaschen in eine Ecke. Er klopfte seine Pfeife in einen klassischen Aschenbecher aus und ordnete die Papiere auf dem Schreibtisch. Danach rieb er sich die Hände, daß es knackte. Alles wirkte so, als wollte er es seinem Gast gemütlich machen. In ihm herrschte Weihnachtsstimmung. Sein wettergebräuntes Gesicht leuchtete förmlich vor lauter Ehrlichkeit und Zuneigung.
Der Regen schlug an die Scheiben. Vom Hafen her hörte man die Dampfschiffe tuten und von der Langen Brücke her das Klingeln, wenn sie für ein Schiff hochgezogen wurde. Es war schön, drinnen zu sein. In der Abteilung D war es gemütlich, man fühlte sich geborgen.
Der Kommissar machte sich an der Heizung zu schaffen und meinte seufzend: „Ach ja, es wird jetzt zeitig dunkel. Es ist erst vier Uhr. Aber wir haben ja auch bald Weihnachten. Warten Sie, da ist sicher noch etwas in der Kanne, Olsen!“ Er goß Olsen Kaffee ein. „Stellen Sie die Tasse ruhig auf den Tisch! Machen Sie es sich bequem, Olsen!“ Er wollte gerade sagen: Fühlen Sie sich wie zu Hause!, doch er besann sich rechtzeitig. Noch war die Abteilung D nicht Olsens Zuhause.
Olsen betrachtete mißmutig den kalten Kaffee.
„Vielleicht möchten Sie lieber eine Flasche Bier? Wie ist es, Olsen? Bestimmt sind noch ein paar im Schrank.“ Der Kommissar holte sie, den Öffner fand er auf dem Schreibtisch. „Zum Wohl, Olsen! Und Glückwunsch! Herzlichen Glückwunsch!“ Sie tranken gleich aus der Flasche. Kommissar Horsens wischte sich den Mund ab, stopfte sich die Pfeife, Olsen reichte ihm Feuer.
„Danke schön, Olsen, vielen Dank!“ Der Kommissar lächelte milde. „Ja, Unterinspektor Henningsen sagte also, daß er Sie gut leiden könne. Er sagte auch, Sie seien tüchtig gewesen, wenn es galt, ihm kleine Auskünfte zu beschaffen, die für die Ordnung und Disziplin dort im Staatsgefängnis von Nutzen sein konnten. An so einem Ort muß ja Disziplin herrschen! Sie berichteten ihm also über die Gespräche der Gefangenen?“
„Ja“, sagte Olsen.
„Und über die Verletzungen der Vorschriften?“
„Ja.“
„An so einem Ort wird selbstverständlich viel Böses geredet. Die Leute sind ja nicht freiwillig dort. Konnten die Gefangenen Unterinspektor Henningsen gut leiden?“
„Nein.“
„Der Unterinspektor ist doch sonst ein sehr netter Mann?“
„Er wurde ,Apfelmörder‘ genannt.“
„ ,Apfelmörder‘? Na so was – ein sonderbarer Spitzname! Weshalb nannte man ihn denn ,Apfelmörder‘?“
„Im Staatsgefängnis stehen ein paar große Apfelbäume, und einer davon ragt ein wenig über die Hofmauer. Manchmal waren ein paar Äpfel runtergefallen, wenn wir zu unserer Runde auf den Hof kamen. Man war ganz wild nach so einem Apfel, mochte er auch noch so grün und sauer sein. Aber sobald der Unterinspektor sah, daß ein Apfel runtergefallen war, ging er hin und trampelte ihn richtig breit. Das ärgerte die Gefangenen natürlich. Deshalb haben sie ihn ,Apfelmörder‘ genannt.“
„Nicht doch! So etwas tat er? Hat er die Äpfel wirklich zertrampelt? Nun ja, dort gibt es natürlich eine bestimmte Verpflegungsordnung. Und der eine soll nicht mehr haben als der andere. Haben Sie dem Unterinspektor erzählt, daß er ,Apfelmörder‘ genannt wurde?“
„Ja.“
„Und das mochte er wohl nicht, was?“
„Nein.“
„Und die anderen Gefangenen? Hatten Sie mit denen nie Unannehmlichkeiten? War da keiner, der Sie verdächtigte, ein Zuträger zu sein?“
„Nein“, sagte Olsen und lächelte.
„Sie waren wohl routiniert und gaben sich keine Blöße?“
Olsen lächelte bescheiden, aber der Kommissar bemerkte in diesem Lächeln einen gewissen Berufsstolz. Horsens schob die Brille wieder nach oben und blätterte erneut in den Papieren. „Sehen Sie, Olsen, da war doch auch etwas zwischen Ihnen und dem Gutsbesitzer Skjern-Svendsen? Sie haben ja bereits etwas darüber zu Protokoll gegeben. Sie bekamen also eine Art Gehalt von ihm. Hundertfünfzig Kronen im Monat, wenn ich mich recht erinnere?“
„Ja, das war alles.“
„Und dafür sollten Sie sicherlich ein kleines Stückchen Arbeit leisten?“
„Ja.“
„Und das war keine schwere Arbeit. Der Gutsbesitzer wollte nur über etwas Bescheid wissen, nicht wahr?“
„Das war verdammt schwer. Er wollte etwas über seine Frau wissen.”
„Richtig. Er wollte wissen, was sie bei diesem Doktor Riege machte. Und das fanden Sie heraus?“
„Ich lieferte dem Gutsbesitzer regelmäßig Berichte. Ich hatte bei Riege zu tun und war deshalb häufig dort.“
„Sie dienten ihm als Versuchsperson für seine Experimente, nicht wahr? Jaja, die Polizei mußte sich auch ein wenig mit Dr. Riege beschäftigen, als sie diesen Mord untersuchte. Dr. Riege war schließlich in der Mordnacht bei der gnädigen Frau auf Frydenholm gewesen. Man hatte also auch ihn im Verdacht. Sie waren durchaus nicht der einzige, Olsen! Dieser Doktor ist ein sehr merkwürdiger Mann. Eine sonderbare Menagerie hat er in seiner Klinik da draußen, was?“
„Ja, das kann man behaupten.“
„Sie sahen da draußen wohl schreckliche Dinge vor sich gehen? Und Sie waren so etwas wie ein Privatdetektiv für den Gutsbesitzer?“
„Ja. In gewisser Weise.“
„Genau wie für Unterinspektor Henningsen?“
„Das kann man sagen.“
„Ja, Olsen, Sie besitzen recht brauchbare Fähigkeiten, das wissen wir.“ Der Kommissar warf über die Brille hinweg einen gütigen Blick auf Egon Charles Olsen. „Ausgezeichnete Fähigkeiten sogar! Nun frage ich mich nur, ob es nicht möglich wäre, diese Fähigkeiten zukünftig in den Dienst des Guten zu stellen.”
6
„Vati, warum schreit der Mann denn so?“
„Weil er böse ist.“
„Auf wen ist er böse, Vati?“
„Er ist böse auf Polen.“
„Vati, wer ist Polen?“
„Das ist ein Land, mein Kleiner. Es ist weit weg.“
„Ist er auch böse auf uns?“
„Das kann sein. Er ist überhaupt böse.“
„Was schreit er denn?“
„Das kann ich nicht verstehen, wenn du sprichst, Niels. Spiel jetzt mit deiner Kuh“, sagte Martin Olsen.
„Das ist keine Kuh, das ist ein Auto!“ stellte Niels fest. Er fuhr mit einer schwarzscheckigen Holzkuh über den Fußboden, ließ sie tuten, rückwärts fahren und schaltete die Gänge.
„Stell doch das ekelhafte Radio ab“, rief Margrete. „Die Kinder kriegen ja Angst. Du verstehst ja sowieso nicht, was der redet.“ Sie trug einen Säugling auf dem Arm. Niels spielte auf dem Fußboden Auto, zwei größere Mädchen schnitten Anziehpuppen aus alten Illustrierten. Sie hießen Rosa und Gerda.
„Es wird nachher übersetzt“, antwortete Martin. „Und ein bißchen verstehe ich ja auch.“
„Aber es ist widerlich anzuhören“, sagte Margrete.
Das Radio spielte in Martin Olsens Wohnzimmer. Es spielte in den Wohnzimmern der Menschen im ganzen Land. Ein Unbehagen war in allen Häusern. Und noch unbehaglicher als die Stimme des Führers war der brüllende Beifall seines Volkes. „Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!“ brüllten Tausende im Chor.
Der Abend war warm und hell. Die Jugend vergnügte sich auf der Straße. An der Ecke beim Kaufmann standen sie, über ihre Fahrräder gelehnt, die jungen Mädchen kreischten ab und zu, man klingelte mit den Fahrradglokken, man zog etwas aus dem Automaten. Ein Flugzeug brummte oben am Himmel, glänzte silbern im Sonnenlicht. Keine einzige Wolke war zu sehen. Von Niels Madsens Hof drang Eimerrasseln herüber und das Quietschen einer Pumpe. Irgendwo heulte ein Hund, hartnäckig und anhaltend. Und aus den Häusern hörte man die Lautsprecher.
Adolf Hitler schrie in die Häuser hinein. So hatte man ihn in den letzten Jahren in kurzen Abständen schreien hören. Und jedesmal, wenn er im Radio geschrien hatte, bedeutete es Unglück. Diesmal galt es Polen, dessen Provokationen unerträglich geworden wären und zum Himmel schrien! Zuvor hatte es anderen Ländern gegolten.
An dem milden Sommerabend hörte man den schreienden Mann. Aus jedem Haus am Wege hörte man ihn, wenn man durch das Dorf ging. Höschen-Marius hatte die Fenster weit geöffnet und das Radio ganz laut gestellt, damit seine Landsleute draußen seinen Führer hören konnten. Er selbst verstand zwar die Sprache des Führers nicht, doch er saß gehorsam mit offenem Mund vor dem Gerät, und wenn Beifall gebrüllt wurde, murmelte er anerkennend. Auch bei Niels Madsen lauschte man andächtig. Die Fürsorgejungen, die bei ihm ihr Brot verdienten, waren ins Zimmer gekommen und durften die stärkenden Worte hören. Sie saßen da und verstanden kein Wort, sie waren müde von der Arbeit des Tages und konnten sich nur mit Mühe wach halten. Der eine von ihnen, er hieß Harry, hatte eine gebrochene Nase; es hatte da einen Unfall gegeben im vorigen Jahr, als er während einer Züchtigung törichterweise den Kopf zur Seite gedreht hatte. Er war nicht schöner geworden dadurch, unheimlich sah er aus und abstoßend mit seiner schiefen Nase. Aber vielleicht würde man auch ihn einmal gebrauchen, wenn die Zeit der großen Taten kam.
Das Land lauschte. Der Arzt, der Lehrer, der Pfarrer, der Graf, die Alten im Altersheim, die Bauern, die Ziegeleiarbeiter. Und Rasmus Larsen, Vorsitzender der Gewerkschaft und der Wählervereinigung, der politische Einsicht besaß und sich durch den in diesem Jahr unterzeichneten Vertrag gesichert fühlte, in dem sich das Königreich Dänemark und das Deutsche Reich verpflichtet hatten, auf keinen Fall gegeneinander Krieg zu führen oder irgendeine andere Art von Gewalt anzuwenden. Sie lauschten mit Wohlbehagen oder Ekel, je nach Neigung, die meisten mit Ekel. Einige fanden es lächerlich und gleichgültig, auf einigen lastete das Unbehagen wie ein Alp; vielleicht wäre es eine Erleichterung, wenn der Krieg wirklich käme.
Nur die alte Emma weigerte sich zu lauschen. Sie hatte ihr Radio ausgeschaltet. „Ich will den widerlichen Hitler nicht in meinem Hause haben!“
In der Villa des Doktors war das Radio auf eine erträgliche Lautstärke gedämpft. Dr. Damsø hatte den schreienden Führer schon längst als einen Kranken mit ausgeprägt paranoiden und manio-depressiven Zügen eingeschätzt. Die Karriere eines solchen Menschen konnte nicht von Dauer sein. Am besten wäre es, den Verrückten auf Rußland zu hetzen. „Sollen sich die beiden Länder doch im Krieg gegeneinander verbluten!“ sagte Dr. Damsø. „Wenn die beiden ausgestritten haben, wird sich England schon um den Nachlaß kümmern.“ Der Doktor hatte seine Pläne, und er nahm an, daß sie Englands und Frankreichs Beifall finden würden. Er unterbreitete seine Gedanken den wenigen Freunden, mit denen er zusammenkam. Es bekümmerte den liberalen Arzt, daß er in der dörflichen Abgeschiedenheit ebenbürtigen Umgang entbehren mußte. Er liebte geistreiche Gespräche. Er liebte es, auffallende und überraschende Ansichten zu äußern; aber die waren wohl kaum merkwürdiger und ungewöhnlicher als die Ansichten anderer Zeitungsleser.
Er war geschieden und vorurteilsfrei. Er lebte, umsorgt von wechselnden Haushälterinnen, in seiner großen Villa, doch ihm fehlten Gespräche und Menschen mit Sinn für witzige Sätze. Mit dem Missionspfarrer und dem alten Lehrer verband ihn nichts. Es gab einen jüngeren Lehrer, mit dem er Schach spielte, und einige vernünftige Leute unter den Hofbesitzern, mit denen er verkehren konnte. Es gab auch ein paar radikale Kleinbauern, mit denen es sich lohnte, freimütig zu sprechen. Und es machte ihm Spaß, mit dem Kommunisten Martin Olsen zu diskutieren, wenn sie sich zufällig trafen, obwohl der ihn oft geärgert hatte, wenn er sich zur Unzeit in die Angelegenheiten anderer eingemischt hatte, wie damals bei der Sache mit dem Fürsorgejungen, dem die Nase gebrochen wurde. Der Doktor war sehr radikal und offenherzig – aber er würde sich doch nicht wegen einer Nase mit einem Nachbarn entzweien.
„In Wirklichkeit sind Sie ja religiös“, sagte er zu Martin Olsen. „Sie sind gläubig! Sie sind gläubiger als die Missionsleute!“ Und wenn er sich zum Spaß mit Martin Olsen stritt, bekam er zuweilen Antworten, die er dann später benutzte, um seine Bekannten in Erstaunen zu versetzen.
Wenn Johanne sonntagvormittags die „Arbeiterzeitung“ austrug, konnte sie immer damit rechnen, eine davon an Dr. Damsø zu verkaufen. „Du mußt nicht glauben, daß ich sie lese, Mädchen“, sagte er zu Johanne, die kein Mädchen mehr war, sondern eine Frau und mit Oscar Poulsen von der Molkerei verheiratet. „Ich kaufe sie nur deinetwegen. Das ist ja nicht lesbar, zum Teufel. Das ist so furchtbar talentlos!“
„Aber was drin steht, ist wahr!“ antwortete Johanne dreist.
„Das mag sein, meine Kleine. Doch es soll lieber erlogen, dafür aber ein wenig amüsant sein. Es ist ein Verbrechen, langweilig zu sein! Die Kommunisten in Deutschland haben ihr Schicksal verdient, denn sie waren langweilig!“
Vielleicht las der Doktor trotzdem die Zeitung, die er nun mal gekauft hatte. Vielleicht fand er darin etwas, womit er seine Freunde aufziehen konnte. Und einige waren ganz bestimmt verärgert, daß er die kommunistische Zeitung im Hause hatte und sie offen mit allen anderen Blättern im Wartezimmer auslegte.
Einmal hatte etwas über Pastor Nørregaard-Olsen in der Zeitung gestanden, und der Doktor hatte es ausgeschnitten, um die Missionsleute unter den Patienten in Verlegenheit zu bringen. Das war, als der Pfarrer einen seiner Vorträge im Rundfunk gehalten hatte. Denn was Pastor Nørregaard-Olsen in der Gemeinde an Boden verloren hatte, hatte er im Äther gewonnen. Mit Hilfe seines Freundes Harald Horn war er Rundfunkpfarrer geworden. Er formte seine Sonntagspredigt in einen volkstümlichen Vortrag um, machte sie ein wenig literarisch und politisch aktuell, ohne deshalb weltlich zu werden. Seine Verkündung erreichte nun Tausende Heime, während seine Kirchengemeinde kleiner und kleiner wurde. Es waren Freitagspredigten in unterhaltender Form, unbefangene Ermahnungen, das Leben im Jenseits jetzt schon vorzubereiten, statt Forderungen an das materielle Dasein zu stellen. Dr. Horn, der Mitglied des Rundfunkrates war, hatte ihm diese Tätigkeit vermittelt, und der Vorsitzende des Rundfunkrates, Kaspar Bobbel – selbst Theologe und ein kleiner Dichter –, war von Pastor Nørregaard-Olsens frischer, volkstümlicher Art begeistert.
Der Literat Dr. Horn war ein häufiger Gast im Pfarrhaus – ein alter Freund, Schulkamerad von der Metropolitanschule, wo die angeborenen Talente unter gesunder Zucht geformt wurden. Er war Junggeselle, unabhängig, ohne Amt und feste Arbeitszeit, er konnte im Inland und Ausland reisen, wie es ihm paßte. Auf dem Pfarrhof Frydenholm war er stets gern gesehen. Er durfte ohne vorherige Anmeldung kommen, das Gästezimmer im Giebel war stets für ihn bereit. Die Kinder nannten ihn „Onkel“.
Jetzt saßen die Herren im Gartenzimmer des Pfarrhauses und hörten Hitlers Geschrei aus dem Lautsprecher. „Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!“ brüllten die Deutschen.
„Das soll die Welt zur Kenntnis nehmen!“ schrie der deutsche Führer. „Sie mögen Pakte schließen, Erklärungen abgeben, soviel sie wollen. Ich vertraue nicht auf Papiere, sondern ich vertraue auf euch, meine Volksgenossen!“
„Ich verneige mich vor seinem Idealismus“, sagte Pastor Nørregaard-Olsen. „Und ich bewundere seine Fähigkeiten, die Menschen zu begeistern. Aber – entschuldige, daß ich es so rundheraus sage – mich stößt seine Brutalität ab. Es ist doch beinahe etwas Vulgäres an seiner Art.“
„Man muß ihn sehen, wenn er spricht“, entgegnete Harald Horn. „Ich habe ihn ja mehrere Male bei den großen Kundgebungen im Sportpalast gesehen, als ich in Berlin war. Man kann sich die Macht seiner Persönlichkeit überhaupt nicht vorstellen, wenn man ihn noch nicht erlebt hat. Das ist einfach hinreißend. Er wirkt keineswegs vulgär. Er ist ein Weltmann ganz großen Stils.“
„Du brauchst nicht zu glauben, daß ich ihn unterschätze“, sagte der Pfarrer. „Ich bin tief davon ergriffen, den Hauch der Weltgeschichte hier in meiner Stube zu fühlen. Stell dir vor, man hätte Napoleon im Radio hören können, wenn er zu seinen Grenadieren sprach! Aber da ging doch noch etwas anderes von Napoleon aus. Man nimmt es wenigstens an. Es geht auch etwas anderes von Mussolini aus, etwas Malerisches, etwas Prachtvolles. Ich kann nicht leugnen: An ihn habe ich mein Herz verloren! Selbstverständlich erkenne ich Hitlers Größe an. Er kam im richtigen Augenblick, wie der Prinz im Märchen. Er erstand sozusagen in der Stunde der Not. Ich verneige mich vor seinem Genie. Aber es ist gleichsam etwas Plebejisches an seiner Erscheinung, vielleicht liegt es an seinem Schnurrbart, vielleicht auch nur daran, daß er deutsch spricht.“
„Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!“ lärmte das Radio.
„Dir geht es genauso wie deinem Kollegen, dem Dichterpfarrer drüben in Jütland“, sagte der Literat. „Auch er kann Mussolini nicht widerstehen.“
„Ich bin kein Dichter“, meinte der Pfarrer bescheiden. „Ich bin nur ein unbedeutender Schriftsteller. In unserer kleinen Kirchenzeitung.“
„Wenn die Vorsehung es so gewollt hat, daß dem deutschen Volk dieser Kampf nicht erspart werden kann, dann will ich dafür dankbar sein, daß sie mich mit der Führung eines historischen Ringens betraute, das für die nächsten fünfhundert oder tausend Jahre nicht nur unsere deutsche Geschichte, sondern die Geschichte Europas, ja der ganzen Welt entscheidend gestalten wird.“
Die Herren unterbrachen für eine Weile ihr Gespräch und hörten zu.
„Als ich mich vor dreiundzwanzig Jahren entschloß, in das politische Leben einzutreten, um die Nation aus ihrem Verfall wieder emporzuführen, war ich ein namenloser unbekannter Soldat. Der Weg der kleinen Bewegung von sieben Mann bis zur Übernahme der verantwortlichen Regierung am 30. Januar 1933 war ein so wundersamer, daß nur die Vorsehung selbst durch ihren Segen dies ermöglicht haben kann. Heute stehe ich an der Spitze des stärksten Heeres der Welt, der gewaltigsten Luftwaffe und einer stolzen Marine. Hinter mir und um mich als eine verschworene Gemeinschaft weiß ich die Partei, mit der ich groß geworden bin und die durch mich groß geworden ist.“
Hier unterbrach Harald Horn Adolf Hitler und sagte zum Pfarrer: „Ich bin kein Nationalsozialist, das weißt du. Aber ich frage dich: Wo wären wir heute, wenn wir nicht den Hitler in Europa hätten? Wir wären dem Kommunismus ausgeliefert! Wir wären Asien preisgegeben! Er hat nicht nur Deutschland gerettet, er hat uns alle gerettet!“
Der Pfarrer nickte. „Das stimmt schon. Wir sind ihm ohne Zweifel zu großem Dank verpflichtet.“
„Es ist so einfach, seine Methoden zu kritisieren“, sagte Harald Horn. „Unsere Kulturbolschewisten finden sicherlich eine ganze Menge, worüber sie jammern können. Aber ohne Hitler würde uns der Kommunismus zermalmen. Und dann könnte man Methoden erleben! Alter Schmutz erfordert nun mal einen harten Besen! Es geht um unsere Kultur! Es geht um unser Christentum!“
„Ja“, stimmte der Pfarrer zu. „Aber ist Hitler nicht Katholik?“
„Der Katholizismus ist doch auch Christentum.“ Dr. Horn lächelte.
„Wirklich?“ fragte Pastor Nørregaard-Olsen. „Ich weiß nicht, ob man das behaupten kann.“
Und aus dem Radio schrie es: „Der Herr der Welten hat so Großes in den letzten Jahren an uns getan, daß wir in Dankbarkeit uns vor einer Vorsehung verneigen, die uns gestattet hat, Angehörige eines so großen Volkes sein zu dürfen. Wir danken ihm, daß wir angesichts der früheren und kommenden Generationen des deutschen Volkes auch uns in Ehren eintragen können in das unvergängliche Buch der deutschen Geschichte!“
Das Gebrüll schwoll an: „Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!“ Trommeln wurden geschlagen, Stiefel trampelten. Dann folgte das Horst-Wessel-Lied und „Deutschland, Deutschland über alles!“.
„Aber ich habe Angst vor dem Krieg“, sagte Pastor Norregaard-Olsen. „Hör nur, wie sie brüllen! Hör die Trommeln! Muß das nicht unausweichlich zum Kriege führen?“
„Nicht hier. Nicht in Europa“, antwortete Dr. Harald Horn. „Es wird gegen den Osten gehen. Gegen den Bolschewismus!“
„Gott der Allmächtige möge es fügen, daß es diesen Weg geht!“ sagte der Pfarrer und faltete die Hände.
7
Es gab sehr viel Obst in diesem Jahr. Die Äpfel waren groß und blank und dufteten. Die Gärten strotzten geradezu. Die Porrees der alten Emma waren trotz des Zerstörungswerkes des gräflichen Traktors dicker geworden als je zuvor. Die Kürbisse des Gärtners schwollen zu unwahrscheinlicher Größe an. Es gab von allem mehr, als man gebrauchen konnte.
Höschen-Marius’ Frau hatte so viel eingeweckt, daß sie einer Belagerung ohne Furcht entgegensehen konnte. „Mein Mann liebt Eingewecktes so sehr“, erklärte sie. „Für ihn gibt es nichts Schöneres als Zwetschgen. Aber auch Vogelbeergelee und Hagebuttenmarmelade sind etwas Herrliches. Und eingeweckte Birnen sind doch der beste Nachtisch, wenn einmal unerwartet Gäste kommen.“
Es kamen selten Gäste zu Höschen-Marius.
Der Sommer dauerte an. Weit in den September hinein hielt das Sommerwetter an. Auch die Abende und Nächte blieben mild. Es war herrlich, auf der Welt zu sein. Und da waren so viele, die in diesen Jahr sterben sollten. Viele junge Menschen, die noch nicht gelebt hatten. Und das Leben war so gut, und die Welt war so schön.
Nichts war überraschend gekommen. Was nun in der Welt geschah, hatten alle erwartet. Der Krieg war lange unterwegs gewesen. Doch nichts hatte sich geändert. Die Tage vergingen wie zuvor. Der Sommer dauerte an.
Schon Skjern-Svendsen hatte Pferde aufgekauft, der vorausschauende Skjern-Svendsen. Und während diese Pferde in den großen Koppeln weideten, stieg ihr Preis. Nun konnte der Graf den letzten Verdienst daran einstreichen. Schon seit langem hatte man die für diesen Zeitpunkt notwendigen Änderungen in der Bewirtschaftung des Herrenhofes vorbereitet. Stolz wie ein Feldherr ritt der Graf seine Runde, inspizierte er seinen Besitz. Er ritt durch seine Wälder, die einen völlig neuen Wert bekommen hatten. Er blickte hinaus auf die Moore, wo Torf gestochen werden konnte. Und seine Gefolgsleute grüßten ihn mit erhobenem rechtem Arm und Hackenzusammenschlagen.
Auch Nils Madsen besaß ein Stück Moor, das bisher völlig wertlos gewesen war. Dort wachsen nur gelbe Schwertlilien und Rohrkolben, und im Frühjahr quakten dort grüne Frösche mit weißen Bäuchen. Nun stellte das Torfmoor ein Vermögen dar. Und Niels hatte die Arbeitskraft gratis. Das war auch ein Vermögen. Es gab nichts, worüber er hätte betrübt sein können. Jetzt hatten auch die landwirtschaftlichen Produkte ihren Preis. Der Engländer bestimmte nicht mehr allein, wieviel der Bacon kosten sollte. Es gab andere, die bieten konnten und die sich nicht fürchteten, fetten Speck zu essen.
In seiner Sonntagspredigt schob Pastor Nørregaard-Olsen die Schuld am Kriege auf den Herrgott.
Der Krieg ist eine Maßregel Gottes, weil die Gemeinde seine Kirche im Stich gelassen hat. Steht nicht die Hälfte der Stühle leer? Spielt nicht die Jugend in diesem Augenblick am Dorfteich Fußball? Was der Mensch sät, soll er auch ernten. Und diese Ernte ist ein Wehgeschrei in der ganzen Welt. Es ist schwer, die Ernte der Gottlosigkeit nach Hause zu tragen. Die Not wird die Völker mit Skorpionen geißeln, doch im Tal der Demütigung wird sich der Blick zu Ihm wenden, dessen Namen die Gemeinde auf den Lippen hatte, während die Herzen weit von Ihm entfernt waren. Und der Pastor Nørregaard-Olsen erinnert an Johannes, den Mann Gottes, der auf der Insel Patmos saß und große und schreckliche Gesichte hatte. Nun sehet! Geht nicht all das jetzt in Erfüllung?
An diesem Sonntagvormittag wollte Dr. Damsø von Johanne keine „Arbeiterzeitung“ kaufen. „Bleiben Sie mir vom Halse mit Ihrer stinkigen Zeitung!“ rief er aus. „Ich mag sie nicht anrühren!“ Und er siezte sie, obwohl er sie seit ihrer Geburt kannte, ja, ihr in die Welt geholfen, sie später geimpft und ihr die Polypen herausgenommen hatte und was sonst noch so dazugehörte. „Gehen Sie, sage ich! Glauben Sie, daß ich Nazizeitungen kaufe? Glauben Sie, daß ich Fritz Clausen unterstützen will?“
„Ich – verstehe – nicht . . .“, stammelte Johanne.
„Verkaufen Sie Ihre Zeitungen doch an Ihre Freunde!“ schrie der Doktor. „Warum halten Sie sich nicht an Niels Madsen? Oder an Höschen-Marius, mit denen Sie ein Bündnis und einen Nichtangriffspakt geschlossen haben?“
Johanne war kein Dialektiker. Sie fand keine Antwort. Sie war es auch gar nicht gewohnt, jemandem zu widersprechen. Oscar hätte bestimmt darauf antworten können, dachte sie. Er kannte ja auch alle Fremdwörter. Da stand sie nun mit ihren Zeitungen und wußte nicht, was sie sagen sollte. „Wollen Sie nicht trotzdem eine Zeitung kaufen?“ fragte sie schließlich und fühlte selbst, wie dumm das war.
„Nein, zum Teufel!“ zischte der Doktor erbittert. „Nein!“ Und er knallte Johanne die Tür vor der Nase zu, weil die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen und damit die Pläne des Doktors und Englands in der Frage des Kriegsschauplatzes durchkreuzt hatte.
„Was hätte ich ihm auch antworten sollen?“ sagte Johanne später zu Oscar. „Er war völlig außer sich. Ich glaubte schon, er würde mich schlagen. So habe ich Dr. Damsø noch nie gesehen.“
„Da gab es nichts zu antworten. Wenn der Idiot die Zeitung nicht lesen will, die ihn ein bißchen klüger machen könnte, dann läßt er es eben bleiben!“ meinte Oscar. „Es hat keinen Zweck, einem Mann etwas zu erwidern, wenn er verrückt geworden ist.“
„Er war sonst immer sehr nett“, sagte Johanne. „Es ist ja auch schwer, wo in allen anderen Zeitungen das unheimliche Bild von Stalin und Ribbentrop ist, wie sie einander die Hand reichen!“
„Warum ist das schwer? Zum Teufel, wir sind doch keine Nazis geworden, weil sich die Russen nicht für die englischen Kapitalisten totschlagen lassen wollen! Und die Kapitalisten haben sich nicht plötzlich in Antifaschisten verwandelt, weil sie in den Krieg hineingezogen wurden. Aber sie hätten die Sowjetunion gern allein in den Krieg gehetzt. Das war ihr Plan. Nun geht es ihnen selbst an den Kragen!“
„Das hätte ich antworten sollen“, sagte Johanne.
„Ist nun auch egal. Wenn ein studierter Mann nicht selbst herausfinden kann, was in der Welt geschieht, ist ihm nicht zu helfen. Wir können ihm nicht die Zeitungen der letzten zwei Jahre vorlesen! Als England und Frankreich damals in München die Tschechen verkauften, hat er sich nicht aufgeregt. Und dort reichten sie sich wohl auch die Hand!“
„Wenn ich das nur gesagt hätte!“ seufzte Johanne. Sie hatte niemals viel von sich aus gesagt. Es war noch gar nicht so lange her, seit sie in der JA-Bluse herumgefahren war und Pastor Nørregaard-Olsens kleine Kirchenzeitung verkauft hatte, da ihre Eltern das von ihr wünschten. Aber ihr Christentum war wohl nicht so gefestigt gewesen; es war ja sehr schnell verschwunden, obwohl man sie im Elternhaus und in der Jugendabteilung im Missionshaus mit dem Wort Gottes erzogen hatte. Das Ganze schien bei ihr nicht sehr tief eingedrungen zu sein. Auch die Tragödie der Familie nicht. Mit der Mutter hatte sie keine Verbindung mehr; nur zu Weihnachten schickte sie ihr eine Karte, weil Oscar es gern wollte. Und den geisteskranken Vater hatte sie seit dem Prozeß nicht mehr gesehen.
Sie war jetzt Frau Poulsen und hatte einen kleinen, sommersprossigen Sohn, den sie im Kinderwagen umherfuhr. Aber wirklich erwachsen war sie wohl nicht. Nur ihr Äußeres hatte sich verändert. Früher hatte sie ihr helles Haar stets fest eingeflochten, jetzt trug sie es kurz geschnitten und mit Dauerwelle. Blaß war sie noch immer, aber sie puderte sich und schminkte die Lippen so stark, daß ihr Mund groß und rund aussah wie der eines Clowns. Sie hatte sich auch moderne Kleidung zugelegt und das Leibchen und die komischen schwarzen Wollstrümpfe abgeschafft.
Es war kaum zu glauben, daß das dieselbe Johanne sein sollte, die in Gärtner Holms kleinem Laden gestanden und Kränze und Grabkreuze geschmückt, Blumenkohl in Kästen gepackt und Mohrrüben abgewogen hatte. Sie verstand es sehr geschickt, Kränze zu binden und Georginen auf Stahldraht zu ziehen. Damals mußte sie auch ab und zu mit einem Spankorb in den Wald gehen und Moos für die Grabkränze sammeln; der fromme Holm und seine Frau konnten ja nicht wissen, daß sie sich dort mit Oscar traf. Es geschah an einem Sommerabend am Waldrand, wo weiches Gras, gelbes Geißblatt und niedriges Farnkraut wuchsen. Und nun lag ein kleiner dicker Junge im Kinderwagen, der zufrieden und lebenstüchtig aussah. Er hieß Willy.
Oscar Poulsen war kein Hiesiger. Er war aus einer fremden Gegend des Landes zur Frydenholmer Molkerei gekommen, sprach anders und schneller, als man es hier gewohnt war, und liebte schwierige Fremdwörter. Dazu war er rothaarig, nach Meinung vieler ein Zeichen von Wildheit und Unzuverlässigkeit. Trotz seiner jungen Jahre hatte er eine Vergangenheit: Er war vorbestraft. Man wußte, daß er im Gefängnis gesessen hatte, weil er als Freiwilliger in Spanien gegen General Franco gekämpft hatte, obwohl das verboten war; Justizminister Jeronimus ging mit großer Strenge gegen die überlebenden Gesetzesbrecher vor und ließ die Heimkehrenden an der Grenze verhaften. So einer war Oscar Poulsen, und er schämte sich nicht einmal seiner Strafe. Er war halsstarrig und extrem in der Politik wie Martin Olsen, dabei wohl noch nicht einmal wahlberechtigt. Er konnte kaum älter sein als Johanne. Kinder waren sie.
Sie bewohnten zwei Zimmer in dem kleinen gelben Haus, das zur Molkerei gehörte, in der Oscar arbeitete. In dem anderen Teil des Hauses hatte die Gemeinde eine obdachlose Familie mit vielen Kindern einquartiert; recht unordentliche Leute, der Mann war Invalide, und die Frau hatte schlechte Nerven. Es waren nicht die Nachbarn, dieman sich wünschte. Sie gehörten zu der Sorte, die nach Niels Madsens Ansicht nicht wert waren, am Leben erhalten zu werden.
Auf der Türschwelle saß eine kleine rotznasige Göre, aß Erde und spielte mit einem unglücklichen Regenwurm. Sie paßte auf ein noch kleineres Kind auf, das in einem Wrack von Kinderwagen lag und strampelte. Beide waren schwarzhaarig wie Zigeuner und hatten große, kluge Augen; sie brauchten wohl auch Klugheit, um überleben zu können. In diesem Teil des Hauses fehlten immer Scheiben, und was nützte es, daß Oscar das ganze Haus zu Pfingsten getüncht hatte: Die eine Hälfte sah jetzt schon wieder wie eine Ruine aus. Vielleicht knabberten die Kinder gelegentlich die Wände ab. Die Katze putzte sich in der Sonne. Sie war sauberer als die Menschenkinder, und sie war wohl auch gesättigt von den Mäusen und der Milch aus der Molkerei. Sie entbehrte nichts und hatte es nicht nötig, das Haus und Erde zu fressen. Aus dem Fenster dröhnte das Radio in voller Lautstärke. Es spielte den ganzen Tag und schien das einzige Vergnügen des invaliden Mannes zu sein.
Der väterliche Ministerpräsident des Landes hielt mit seiner tiefen, ruhigen Stimme eine Rundfunkansprache. Er wolle es keineswegs versäumen, darauf aufmerksam zu machen, daß draußen in der Welt ernste Dinge geschähen. Kriegshandlungen fänden statt, und Grenzen würden überschritten, und man könne jetzt noch nicht überschauen, wie sich alles entwickeln würde. Man müsse leider der Tatsache ins Auge sehen, daß die Ereignisse der letzten Jahre diesen Krieg herbeigeführt hätten, von dem man viele Jahre lang nur respektlos geredet habe. Es wäre viel besser gewesen, wenn man das, was nun zum Kriege geführt habe, rechtzeitig durch friedliche Verhandlungen geregelt hätte. Wahrscheinlich hätten internationale Verhandlungen – vielleicht auch der Spruch eines internationalen Schiedsgerichts – eine für beide kriegführenden Seiten zufriedenstellende Lösung der verschiedenen Probleme ergeben, wodurch der Krieg wahrscheinlich hätte vermieden und das damit verbundene Unheil verhindert werden können. Aber das sei die Politik der Großmächte, in die man sich nicht einmischen dürfe. Den Neutralen seien bereits große Verluste und harte Leiden zugefügt worden, vor allem in der Seefahrt, und es gebe keine Anzeichen dafür, daß eine Besserung bevorstehe. Doch zu den Verträgen, die mit Dänemark abgeschlossen worden seien, solle man Vertrauen haben . . .
8
Der Krieg war allmählich gekommen. Die Vorausschauenden hatten genügend Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Alle, die das Geld dazu besaßen, hatten sich Vorräte angelegt. Der Kaufmann machte unerhörte Geschäfte mit Konserven, und der Kohlenhändler füllte die Keller der Vorausschauenden. Die Bauern lieferten ganze Schweinehälften nach Kopenhagen, wo sie bald darauf in den Pökelfässern glukkerten.
Wie die klugen Jungfrauen im Gleichnis war auch Pastor Nørregaard-Olsen um Öl für die Lampe besorgt, und für einen Kopfarbeiter, der an langen Abenden Wörter zu anfeuernden Sätzen zusammenfügt, ist Kaffee der Brennstoff, der die Lampe des Geistes am Leuchten erhält. Ein ganzer Sack ungebrannter Kaffeebohnen stand in der Bodenkammer des Pfarrhauses, das würde wohl für einen Krieg ausreichen. Die altmodische Kaffeemühle kam wieder zu Ehren. „Gibt es etwas Gemütlicheres als das Mahlen der Kaffeemühle?“ sagte Pastor Nørregaard-Olsen. „Das klingt wie das Spinnrad zu Hause in Mutters Stube.“
Der Sommer war lang und warm gewesen. Aber nach Weihnachten kam der Frost; er brachte Kältegrade, die das Kreisblatt seit Menschengedenken nicht hatte melden können. In der Ziegelei mußte die Arbeit eingestellt, in den Mooren konnte der Torf nicht gestochen werden. Und schon vor dem Frost hatte es viele Arbeitslose gegeben.
Vor Rasmus Larsens Villa standen sie nun und warteten darauf, hereingelassen und kontrolliert zu werden. Schließlich konnte man nicht verlangen, daß diese Leute alle zugleich in Rasmus’ Stuben Platz fänden. Frau Larsens lakkierte Fußböden würden bald schlimm aussehen, wenn alle Arbeitslosen auf einmal hereintrampelten. Der Weg zu Rasmus Larsens Büro war mit leeren Säcken ausgelegt.
Dort saß er hinter seinem Schreibtisch mit Stempeln und Telefon und Tintenlöscher und Kartei. Er hatte es in der Welt zu etwas gebracht. Er war grau und füllig geworden. In alten Zeiten, da er als eifriger Sozialist den Säbel zerbrechen, die Krone stürzen und die Kirche entmachten wollte, hatte man ihn den Roten Ras genannt. Das war nun vergessen. Jetzt nannte man ihn nur Rasmus Vorsitzender, denn er war der Vorsitzende der Gewerkschaft und der Vorsitzende des örtlichen Straßenwesens. Vielleicht bekam er bald noch einige Vorsitzendenposten dazu. Die Hörervereinigung interessierte ihn seit langem und die Arbeiterkultur. Vor kurzem war er Mitglied eines Schmetterlingsvereins geworden, und nun interessierte er sich auch für Nachtschwärmer und Larven. „Ein gewaltiger Kaiser bist du geworden, Rasmus! Und paß bloß auf deine Fußböden auf!“
Die Leute froren in ihren Häusern. In der Stube der alten Emma bildete sich Eis auf der braunen Tapete. Emma saß da, hatte sich ihr gutes blaues Federbett um die Beine gelegt und hörte im Radio von Verkehrsschwierigkeiten. Manchmal las sie in ihrer Bibel, manchmal in der „Arbeiterzeitung“, die Martin Olsen ihr geliehen hatte. Aber mit dem Sehen haperte es etwas, und das Petroleum für die Lampe durfte man nur noch sparsam verbrauchen, da es inzwischen rationiert war. Auch der Kaffee war rationiert, der gute Kaffee, der wichtiger war als das Essen.
Die Lebensmittelpreise stiegen. Und an der Börse stiegen die Kurse. Um zwanzig, dreißig, vierzig Prozent stiegen die Aktien. Die Regierung beschloß Maßnahmen, die – unter Berücksichtigung aller berechtigten Interessen in Stadt und Land – als vernünftig und notwendig angesehen werden mußten. Um Spekulation und Preiswucher zu verhindern, wurden ein Ausschuß der Schiffsreeder und ein ökonomischer Rat mit vierzig Mitgliedern eingesetzt; zwei davon waren Arbeiter.
Es wurden Verordnungen und Bekanntmachungen über die Lage und das Benehmen der Bürger erlassen. Die Redaktion des Kreisblattes erhielt ein vertrauliches Rundschreiben des Ministerrates, betreffend die Rücksichten, zu denen die neutrale Stellung des Landes die Presse verpflichtete. Das Kreisblatt dürfe keine Meinungen oder Vorschläge veröffentlichen, die mit Dänemarks Neutralität unvereinbar und somit geeignet wären, den Staat zu verdächtigen und ihn in Gefahr zu bringen. Die Zeitung dürfe auch nicht durch ihre typographische Gestaltung zufälligen Meldungen eine übertriebene Bedeutung beilegen oder Partei für irgendeine Seite ergreifen. Auch bei den in Schaukästen ausgehängten Zeitungen müsse man Vorsicht walten lassen, damit diese keinen Anlaß zu Demonstrationen gäben. Gerüchte dürften nicht verbreitet werden, und bei der Erwähnung fremder Staatsoberhäupter müsse Zurückhaltung geübt werden.
Die Behörden wachten über die Sicherheit des Staates, Überall im Lande saßen Dünenaufseher und Oberförster und Wasserbaumeister und Hafenaufseher, sie beobachteten ihre Umgebung und teilten die Beobachtungen der geheimnisvollen Zivilorganisation mit, deren Aufbau und Aufgabe ihnen selbst unbekannt war.
Zu dieser Zeit war auch der Gewerkschaftsvorsitzende Rasmus Larsen Mitglied des Schmetterlingsvereins geworden, und bei wichtigen Gelegenheiten konnte er nun ein Abzeichen mit einem Ligusterschwärmer am Rockaufschlag tragen, das ihn anderen Schmetterlingssammlern kenntlich machte. Dem Verein war daran gelegen, Gewerkschafter als Mitglieder und Informanten zu gewinnen. Auf diese Weise erfuhr die Behörde, mit wem Oscar Poulsen Karten gespielt und mit wem Johanne Kaffee getrunken hatte. Und die Namen der Leute, die Martin Olsen und Margrete in ihrem kleinen Haus am Löschteich besuchten, wurden im Polizeipräsidium aufgeschrieben und in eine Kartei eingeordnet.
Der Kaffee war rationiert worden. Aber in der Abteilung D des zweiten Inspektorats der Kopenhagener Polizei duftete es jeden Tag herrlich nach diesem seltenen Getränk. Der herzenswarme jütische Kommissar Horsens liebte starken, unverfälschten Kaffee, und Kommissar Odense hatte den gleichen Geschmack wie sein Chef. Die beiden mußten in dieser Zeit hart arbeiten und brauchten diese harmlose Stimulanz. Von einem Grossisten in der Vestre Voldgade wurde der Kaffee säckeweise in Polizeiautos geholt, und auch für die Frauen daheim blieben Bohnen übrig.
In der Abteilung D beschäftigten sich die Polizisten mit einer Sammlung von gut und gern 75 000 Karteikarten. So viele gefährliche Personen gab es wohl nicht im Lande, aber alle, die in den Zeitungen schrieben oder sich politisch betätigten oder in den Gewerkschaften etwas zu sagen hatten, wurden sicherheitshalber aufgeschrieben. Der Kartei war ein Archiv angeschlossen. Dort bewahrte man von jeder registrierten Person eine Akte auf, die das Material enthielt, das man über den Betreffenden gesammelt hatte. Das Material bestand vor allem aus Zeitungsartikeln. Viele Jahrgänge der „Arbeiterzeitung“, die man mit großem Fleiß in Stücke geschnitten hatte, wurden hier, auf viele Mappen verteilt, aufgehoben. Dazu kamen Berichte und Anzeigen von Spitzeln verschiedener Qualität und Zuverlässigkeit.
Viel Arbeit war in dieser Abteilung vergeudet worden. Jahr für Jahr hatten schläfrige Beamte Namen aus der „Arbeiterzeitung“ ausgeschnitten und in Umschläge gelegt. Kneipentratsch und Gespräche Betrunkener hatte man aufgezeichnet und danach sorgfältig mit der Maschine niedergeschrieben. Zeitungspapier und beschriebene Bogen häuften sich. Das Material war unsystematisch und unkritisch von fleißigen, aber unkundigen Detektiven zusammengetragen worden.
„Das ist totes Material!“ meinte Kommissar Horsens. „Wir haben viel zuviel davon. Gut zwanzig Mann würden wir brauchen, wenn wir das ordnen wollten.“
„Und alle müßten politische Sachkenntnis besitzen“, fügte Odense hinzu. „Wer, zum Teufel, kann hier zwischen Weizen und Spreu unterscheiden?“
„Man müßte sich auf seine Helfer verlassen können“, sagte der Jüte und seufzte tief. „Es ist bitter, von einem Menschen enttäuscht zu werden, dem man Gutes getan hat! So etwas tut weh hier drinnen!“ klagte er und griff sich an sein Herz.
Die Zeiten waren ernst. Zu jeder Stunde konnten die Kartei und das Archiv der Abteilung D gebraucht werden. Den 180 000 Arbeitslosen, der Teuerung und der Winterkälte folgten Ungeduld. Um Ordnung in die Papiere zu bringen, müßte hart gearbeitet werden. Aber es fehlte an Leuten und an Einsicht.
Zu denen, die den herzenswarmen Polizeimann enttäuscht hatten, gehörte Egon Charles Olsen, den er im Winter zuvor für sich gewonnen hatte. Einige Monate lang hatte Olsen die Abteilung D mit Auskünften bedient. Er hatte sie in den gemütlichen Weinstuben der Innenstadt gesammelt, wo ein paar Studenten von der äußersten Peripherie der Kommunistischen Partei sich zuweilen mit verblümten Äußerungen interessant machten. Die Polizei hegte großen Respekt vor dem akademischen Stand und vor den Reden besoffener Studenten. Olsen hatte seine bescheidenen Honorare bekommen, außerdem wurde ihm das Geld für das Bier, das er den Studenten spendierte, zurückerstattet.
Aber nun war Olsen der Abteilung D untreu geworden und zur konkurrierenden Sipo übergegangen, die ihn höher schätzte. Sogar der Reichspolizeichef zeigte sich ihm gewogen.
Die Abteilung D hatte in den letzten Jahren Pech gehabt. Ihr früherer, begabter Chef mit dem seltenen Sprachtalent war das Opfer der Affäre um den deutschen Emigranten geworden, den dänische Nazis mit Wissen der Polizei auf offener Straße gekidnappt hatten. Nun saß er friedlich in der Königlichen Bibliothek und registrierte chinesische Handschriften, so wie er früher dänische Bürger registriert hatte. Er wäre sicherlich ein stiller Gelehrter geworden, hätte ihn nicht ein boshaftes Schicksal seinerzeit in die Polizei geführt.
Auch ein paar Kriminalbeamte der Abteilung hatten versetzt werden müssen, weil sie sich ganz ungeniert mit Mitgliedern der Geheimen Staatspolizei in einem öffentlichen Restaurant in der Nähe des Kopenhagener Hauptbahnhofs getroffen hatten. Die Zusammenarbeit mit der Gestapo war so offenkundig gewesen, daß es Aufsehen und Ärgernis erregt hatte. Dann stellte die Reichspolizei ihre eigene, konkurrierende Abteilung auf, die Sipo, und diese wiederum schuf sich die merkwürdige Zivilorganisation mit dem Schmetterlingsverein und dem geheimen inneren und äußeren Kreis und dem Mobilkreis. Die Sipo gedieh auf Kosten der alten Abteilung D, indem sie ihr Mitarbeiter und viele Helfer entzog.
Draußen in der Welt war Krieg. Und auch im Polizeipräsidium herrschte ein stiller Krieg. Zwischen der Polizei der Hauptstadt und der des Reiches führte man den Krieg mit lautlosen Fallen und verschwiegenen Angriffen aus dem Hinterhalt. Dieser Krieg zerrüttete Polizeipräsident Baums Nervensystem und trieb ihn dem Alkohol in die Arme.
Reichspolizeichef Rane war von robusterer Natur und ein vielseitiger, lebhafter Herr. Er sah nicht wie ein Detektiv aus; mit seinem lockigen Haar und dem Flatterschlips glich er eher einem Künstler aus der guten alten Zeit. Er hatte den Ehrgeiz, eine bekannte Erscheinung im Leben der Hauptstadt zu sein; man traf ihn bei jeder Theaterpremiere und Ausstellungseröffnung. Er sammelte Bekannte in allen Bevölkerungsschichten und hatte interessante Freunde im In- und Ausland.
Zu diesen Freunden zählten so grundverschiedene Persönlichkeiten wie der Weltmann François von Hahn und der Dieb Egon Charles Olsen.
9
Wenn François von Hahn den Grafen auf Frydenholm besuchte, benutzte er eines der größten Autos der Polizei, ein Polizeibeamter in Zivil war sein Chauffeur.
Der große Wagen erregte Aufsehen in den Dörfern. Man sah ihn zu allen Tageszeiten vorbeisausen, und das fand man verdächtig. „Jetzt eben ist es wieder vorbeigefahren, das große Auto! Wo es wohl hinfährt?“ Es war eine ungewöhnliche Zeit, und es geschahen viele seltsame Dinge. Wer mochte es nur sein, der zu so ungewöhnlicher Stunde die Straße entlangfuhr?
Eines Abends stoppte ein wachsamer Polizeibeamter das mystische Auto kurz vor Præstø. Ob er wohl die Fahrerlaubnis sehen dürfe. Und wo sie hinführen. Herr von Hahn reichte dem Beamten ein Schreiben, das vom Reichspolizeichef unterzeichnet war.
Der Schriftsteller François von Hahn ist mir als guter dänischer Bürger bekannt, zu dem man volles Vertrauen haben kann. Er ist als Lehrer an der Staatlichen Polizeischule angestellt.
J. E. Rane
„Danke“, sagte der Beamte. „Und entschuldigen Sie bitte! In diesen Zeiten muß man besonders vorsichtig sein; es passiert soviel.“
„Schon gut“, sagte von Hahn. „Fahren wir weiter!“
Der Beamte rief gleich darauf das Polizeipräsidium in Kopenhagen an; das Schreiben sei echt, wurde ihm bestätigt, und das mystische Auto nicht gestohlen, sondern in dienstlichem Auftrag unterwegs. „Es gibt viel Merkwürdiges im Präsidium“, sagte Præstøs Polizeimeister.
Der Schriftsteller François Hahn war viel älter als Graf Rosenkop-Frydenskjold. Aber er war jugendlich und schlank und achtete auf eine schöne militärische Haltung. Wenn er mit erhobenem Kopf in junkerlicher Pose gemessenen Schrittes – selbstverständlich mit Reitstiefeln und Sporen – über den Schloßhof von Frydenholm ging, ähnelte er wirklich einem Hahn; man konnte sich durchaus vorstellen, daß er plötzlich zu krähen begann. Und wenn er auf dem Hof einem richtigen Hahn begegnete, blieben beide stehen und blickten einander an.
„Ein wunderbares Tier!“ sagte er zu Graf Preben. „Ein vornehmes, würdiges Geschöpf! Ich habe Hähne immer geliebt. Meine Freunde behaupten, ich sähe einem Hahn sehr ähnlich und entspräche damit meinem Namen. Das schmeichelt mir.“
„Da ist was Wahres dran“, antwortete der Graf und betrachtete seinen Gast. „Mir gefallen die Truthähne am besten. Sie müssen sich meine Truthähne ansehen, die sind großartig. Man braucht nur zu pfeifen, dann geraten sie in Ekstase.“
„In Deutschland hatte ich einen Hühnerhof“, erzählte von Hahn. „Und einmal hatte ich einen besonders schönen Hahn, einen englischen Dorking. Die große Rasse, wissen Sie. Er konnte Bier trinken. Er legte den Kopf dabei zurück und genoß es richtig. Manchmal wurde er betrunken, dann konnte er nicht mehr geradegehen. Das war ein wundervoller Anblick. Er hieß Helmuth. Ich sage Ihnen, ich trauerte richtig, als er starb.“
„Wurde er geschlachtet?“
„Nein, wo denken Sie hin! Helmuth schlachten! O nein, er starb durch einen traurigen Unglücksfall. Er wurde überfahren. Er war im Alter ein wenig schwerhörig geworden, vielleicht war er auch nicht ganz nüchtern und deshalb ein wenig unachtsam. Er wog vierzehn Pfund.“
„Donnerwetter“, sagte der Graf. „Vierzehn Pfund, das ist ja soviel wie eine fette Gans!“
„Ja, er wog genau sechs Kilo und achthundert Gramm. Wir haben ihn gewogen, bevor er begraben wurde. Die Dorkings sind eine schwere Rasse. Man sieht sie selten in Deutschland. Sie legen nicht gut, sind aber ausgezeichnete Fleischhühner.“
Herr von Hahn sprach einen leicht ausländischen Akzent. Er hatte sich lange in Deutschland aufgehalten. In Dänemark lebte er eigentlich nur in Kriegszeiten. Er war geborener Däne und hatte seine dänische Staatsangehörigkeit behalten. Aber schon in der Schulzeit auf einem deutschen Jesuitenkollegium bei Kopenhagen hatte er deutsches Wesen verstehen- und liebengelernt.
Da die Mehrzahl seiner Landsleute nicht die gleiche Liebe und das gleiche Verständnis zeigten, nahm er es 1914 auf sich, sie aufzuklären und ihre Herzen für das Kaiserreich zu gewinnen. Auf Kosten der deutschen Gesandtschaft übersetzte er die sogenannten Weißbücher, die unter anderem von den Mißhandlungen wehrloser deutscher Soldaten durch die belgische Bevölkerung erzählten. Er gründete einen Verlag für deutsche Propagandaschriften und gab ein Dutzend Zeitschriften heraus. Als Alleinvertreter der Deutschen Druckpapier AG hatte er während des ganzen Krieges das Monopol für die Einfuhr und den Weiterverkauf von deutschem Papier in Dänemark. So konnte er zu einem gewissen Grad bestimmen, was auf diesem Papier gedruckt wurde.
Die damalige Tätigkeit François von Hahns war vielseitig, sowohl in der Öffentlichkeit als auch hinter den Kulissen. Er hatte Verbindung zu den unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Unternehmen. Als Verleger und Redakteur auf deutsche Rechnung konnte er den willigen Autoren bis dahin unerreichte Honorare zahlen und wurde dafür unter den Literaten berühmt. Er lernte auch Minister und Diplomaten und Finanzleute kennen. Die Südasiatische Handelskompanie und die Nordeuropäische Telegrafengesellschaft unterstützten ihn. Auch mit C. C. Skjern-Svendsen, der schon während des Krieges einer der Großen der Nation geworden war, kam Herr von Hahn in Verbindung. Er rief Erinnerungen wach, jetzt in dem Schloß zu verkehren, wo Skjern-Svendsen ermordet worden war.
Herr von Hahn hatte viele Erinnerungen; ein langes Leben als politischer Agent brachte schon manches Erinnernswertes. Er hatte auch seine Geheimnisse. Wenn er über sein Leben sprach, erzählte er nicht einfach drauflos. In seinem Beruf waren ihm Verschwiegenheit und Diskretion Gewohnheit geworden. Da gab es ein delikates Geschäft, das er für Lloyd George in Irland unter schwierigen Bedingungen zuwege gebracht, da gab es vertrauliche Verhandlungen, die er für den polnischen Nationalisten Korfanty geführt hatte. Da war auch die Verbindung mit General Freiherr von Lüttwitz, der in Berlin gegen die Weimarer Republik geputscht hatte. Der dänische Schriftsteller François von Hahn war es, der in den bewegten Tagen des KappPutsches als Bevollmächtigter und Berater des Generals fungierte. Ja, er hatte viele merkwürdige Erinnerungen.
Nach der Niederlage im Jahre 1918 hatte Herr von Hahn eine Heimat in Deutschland gefunden, in dem tapferen, mißhandelten Deutschland, wie er sagte. Jetzt war wieder Krieg. Und da kehrte Herr von Hahn in sein dänisches Vaterland zurück. Er kam mit Grüßen und Empfehlungen an den Reichspolizeichef Rane von gemeinsamen Freunden im nationalsozialistischen Deutschland. Und der Polizeichef fand, daß François von Hahn ein Mann sei, den die dänische Polizei schwerlich entbehren könne.
Nun ging es ja nicht, daß eine Persönlichkeit mit von Hahns Einsicht und Fähigkeiten eine untergeordnete Stellung bekleidete. Seltene Führereigenschaften durften nicht für geringfügige Routinearbeit vergeudet werden. Eben aus dem Dritten Reich angekommen, wurde von Hahn zum Chef der besonderen Zivilorganisation in der neuen dänischen Sicherheitspolizei ernannt. Reichspolizeichef Rane wünschte, daß Nachrichten von militärischem und politischem Interesse durch von Hahns geübte Hände gingen.
Polizeianwalt Drössaa, der die Sipo leitete und in Deutschland Polizeiwissenschaften studiert hatte, hegte anfangs zwar einige Bedenken wegen dieser Ernennung, doch Polizeichef Rane beruhigte ihn. Er kenne von Hahn gut, sie seien befreundet, man könne in jeder Beziehung volles Vertrauen zu ihm haben. Auch Justizminister Jeronimus, dessen ruhige Urteilskraft und unerschütterliche Rechtschaffenheit im ganzen Land bekannt waren, bürgte für François von Hahn. Weiterhin wurde bekannt, daß der Heimgekehrte mit dem väterlichen Ministerpräsidenten des Landes auf bestem Fuße stand. Da wandelte sich Polizeianwalt Drössaas Argwohn in Vertrauen. Später entwickelte sich zwischen den beiden Kollegen eine herzliche Freundschaft.
Ohne Einspruch von irgendeiner Seite wurde der heimgekehrte François von Hahn zum Chef der Zivilorganisation der dänischen Sicherheitspolizei ernannt.
In einer richtigen Geheimpolizei erfolgt eine Ernennung selbstverständlich nicht offiziell und vor aller Augen. Schläue und Erfindungsgabe müssen walten. J. E. Rane war kein gewöhnlicher Polizeibeamter. Er war ein Polizeibeamter mit Künstlerschlips. Er war ein Polizeibeamter mit welligem Haar und Erfindungsgabe.
Das geheime Hauptquartier François von Hahns lag weit entfernt vom Polizeipräsidium, und zwischen ihm und der Polizei sollten nur mündliche Vereinbarungen getroffen werden. Der geheimnisvolle Chef der Zivilorganisation und die öffentliche Polizei konnten gegebenenfalls jegliche Verbindung zueinander leugnen. Wer sollte ihre Bekanntschaft beweisen? Da aber der Chef der ZO täglich Kontakt mit dem Chef der Sipo haben und, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, in den Peristylen des Polizeipräsidiums verkehren mußte, erhielt er formal eine zivile Anstellung als Archivar und Lehrer an der Polizeischule. Darüber hinaus wurde mit einem Unternehmer in der Stadt eine Vereinbarung getroffen, wonach der ZO-Chef bei ihm offiziell eine Stellung antrat, die es natürlich erscheinen ließ, daß er ein Büro unterhielt, viele Menschen empfing und häufig Reisen unternahm. Man kam auf den Einfall, den literaturkundigen François von Hahn zum Verlagslektor zu machen und ihn in einem gemütlichen Buchhaus in der Nähe des Runden Turmes zu etablieren.
In derselben Straße war gleich in der Nähe eine Gastwirtschaft, wo der Kollege Egon Charles Olsen verkehrte. Dort, wo man beim Bier saß, war sein Büro und sein Arbeitsplatz. Was er dort erfuhr, war zwar nicht alles wertvoll, doch die Sipo war kein Kostverächter. Was ein paar betrunkene Studenten unter strengstem Stillschweigen über kommunistische Konspiration und Verschwörung erzählten, wurde von der Sipo gewissenhaft notiert und aufbewahrt. Olsen war ein vielseitiger Mann und hatte eine Menge Eisen im Feuer. Er verkehrte zum Beispiel in einer Buchdruckerei in der Stengade im Nørrebro-Viertel, wo ein paar idealistische Menschen ihre Schriften über Rohkost und Esperanto und esoterische Astrologie und Sexualkosmologie drucken ließen. Man konnte dort auch zwei ewige Studenten treffen, die akademische Intelligenzblätter ultrarevolutionären Charakters herausgaben; merkwürdigerweise finanzierte ein konservativer Konsul diesen Kommunismus.
Olsen verrichtete seine Arbeit, ohne viel Wesen davon zu machen. Er ging seine stillen Wege und beobachtete die Eisen, die er im Feuer hatte. Ihm stand nicht wie Herrn von Hahn ein blitzendes Polizeiauto zur Verfügung. Er stolzierte auch nicht mit Sporen herum und sah nicht aus wie ein Junker. Er rieb sich duftende Pomade ins Haar und trug einen bunten Schlips und zweifarbige Wildlederschuhe. Und seine Augen waren feucht und glänzten. Zwischen den beiden Kollegen bestand keine Ähnlichkeit. Aber sie dienten beide dem Staat, der Sicherheit des Staates. Und dieser Staat war so beschaffen, daß er sie beide benötigte.
Was Olsen betraf, so hatte auch er seinerzeit den großen C. C. Skjern-Svendsen gekannt und ihm Dienste erwiesen. Er konnte auch jetzt auf Frydenholm zu tun haben, wenn der junge Graf seine Hilfe in privaten Angelegenheiten wünschte.
10
Selbst auf Frydenholm waren die Wasserleitungen eingefroren. Man versuchte, sie mit Lötlampen aufzutauen, um Wasser für die Badezimmer zu bekommen. Das Thermometer zeigte dreißig Grad unter Null. Seit Menschengedenken habe es nichts Ähnliches gegeben, schrieb die Kreiszeitung. Es war wie im Schwedenkrieg, als Karl Gustav über das Eis kam und die Dänen überraschte.
Alle, die keine Wasserleitung hatten, konnten sich glücklich schätzen. Sie hatten keine Sorgen mit Badezimmern und eingefrorener Maschinerie. Aber die alte Emma mußte das Beil zu Hilfe nehmen, wenn sie ihren Latrineneimer leeren wollte. Sie schlug hart und verbissen zu, so daß ihr Splitter gefrorener Fäkalien um die Ohren flogen. Dieser ekelhafte Winter!
In den Knechtskammern konnte man das gefrorene Arbeitszeug in eine Ecke stellen, und dort stand es auch am nächsten Morgen noch steif und aufrecht. Man legte seine dicken Fausthandschuhe um das Glas Wasser, das man sich abends warm aus der Küche holte, und trotzdem war es am Morgen bis auf den Grund gefroren. Die Kartoffeln erfroren in den Kellern und schmeckten seltsam süßlich. Das Eingemachte gefror, der Himbeersaft und das Tomatenpüree schoben die Korken aus den Flaschen und wuchsen heraus, so daß es aussah wie rotes Eis am Stiel. Auch der Torf war gefroren, er mußte am Kachelofen aufgetaut werden und verwandelte sich in schwarzen Schlamm. Ein Teil davon waren wohl auch nur viereckige Erdbrocken, die man wie Torf nach Gewicht verkauft hatte. Braunglänzender Schmierruß floß wie Glasur im Schornstein herab.
Jetzt konnte man am Brennmaterial verdienen. In den Frydenholmer Wäldern wurde Holz geschlagen, und der Graf ließ seinen Oberförster wissen, daß die Leute kein Reisig in seinen Wäldern sammeln dürften. Auf Antrag konnte man Reisighaufen kaufen. Die Kinder und Frauen, die im Wald Zweige stahlen, wurden von den Förstern mit dem Knotenstock davongejagt In der guten alten Zeit, damals, als die Grafen mehr Macht hatten, wären die Leute wohl nicht so billig davongekommen. Vielleicht aber kehrte die Zeit der Herren wieder. Es gab Anzeichen dafür.
Wissenschaftler sprachen im Rundfunk und teilten mit, daß die Kälte gesund sei. Noch nie sei der Gesundheitszustand im Lande so gut gewesen. Es war gesund, zu frieren. Es würde wohl auch gesund sein, zu hungern, wenn die Lebensmittel einmal knapp würden. Zuweilen war Butter gesünder als Margarine, zuweilen war es umgekehrt. Aber jetzt waren sowohl Butter als auch Margarine knapp, und deshalb war Fett überhaupt ungesund. Wozu hat man schließlich die Wissenschaft!
Der Kaufmann wollte Tabak nur noch an die guten Kunden abgeben. Der letzte Rotwein wurde an Pastor Nørregaard-Olsen verkauft. Er war nicht gut, doch er wurde wohl besser, wenn er lag und wartete. Es war angenehm, in den Keller steigen, aufschließen und eine schöne, verstaubte Flasche holen zu können, wenn der Freund Harald Horn zu Besuch war. In diesem schrecklichen Winter kam er natürlich nicht aufs Land. Er hatte wohl auch genug mit dem nordischen Geistesleben zu tun und konnte sich nicht jederzeit Urlaub gönnen. Aber im Pfarrhof würde er stets willkommen sein. Das Gästezimmer im Giebel, mit den blaugestreiften Gardinen und den kleinen Rosen in der Tapete, stand bereit.
In der „Danmarkstidende“ las der Pfarrer Harald Horns Artikel über den nordischen Raum und die nordischen Urquellen. Harald Horn schrieb viel und schnell, er war ein fleißiger Mann auf dem Wege zum Erfolg, zielbewußt und mit Pfadfindermut. Er hatte einst Dichter werden wollen. Das war lange her, in der Schulzeit, als man noch träumte. Er hatte das Dichten nicht erlernen können. Aber er las die Dichter und legte Prüfungen über sie ab. Die Literatur wurde sein Broterwerb, die Literatur anderer. Später auch die Politik. Als das Nordische in Mode kam. In Lübeck ging er in die Lehre, wo zur rechten Zeit eine Nordische Gesellschaft entstanden war. „Dänemark ist unser Lebensraum, und der Norden ist unser Großraum!“ schrieb Harald Horn in der „Danmarkstidende“.
Pastor Nørregaard-Olsen bekam für seine Arbeit eine Extraration Koks bewilligt; er verdiente seinen Lebensunterhalt zu Hause, er hatte eine Werkstatt, sein Arbeitszimmer, wo er die Sonntagspredigten verfaßte und sie danach zu Rundfunkvorträgen umformte. Auch die Redaktion des kleinen Kirchenblattes befand sich dort, und das berechtigte ebenfalls zum Bezug zusätzlichen Heizmaterials. Schließlich gehörte noch ein kleines Wäldchen zum Pfarrhof, wo Bäume gefällt werden konnten. So war der Pastor in der Lage, sogar ein wenig Brennholz an Bedürftige zu verkaufen. Er war im Handel nicht ganz unbewandert. Da war zum Beispiel die Versorgung der Jugendabteilung mit Uniformen; der Pastor beschaffte die JA-Blusen aus dem Sportgeschäft des Schwagers in Kopenhagen. Und da waren Eier und Kücken, seit zum Pfarrhaus ein Hühnerhof gehörte; den hatte er eingerichtet, als der Krieg drohte und man damit rechnen mußte, daß es eine Hungersnot gab.
Es gab keine Hungersnot. Der Kälte und den Kriegsberichten zum Trotz gediehen Jens Olsens Schweine wunderbar. Jens ging in den Schweinestall, betrachtete die Tiere, kitzelte die große Sau an den Zitzen und sagte „Vaterns Beste“ zu ihr. Er selbst wurde mehr und mehr einem Schwein ähnlich, er konnte seine dicke Nase, die in dem fetten Gesicht wie ein Rüssel wirkte, bewegen, und er hatte es sich angewöhnt zu grunzen, wenn er in guter Stimmung war. Weshalb auch sollte er sich nicht freuen? Alles glückte ihm. Die Schweine nahmen gut zu. Auch seine beiden Töchter nahmen zu. Sie wurden immer dicker und hatten jederzeit satt zu essen. Sie fühlten sich hart wie Marmor an, sie traten ihre Schuhe breit, die Arme standen ihnen seitwärts ab, und sie konnten sie nicht an den Körper legen. Ihre Mutter war auch so unmanierlich dick gewesen, ein herrliches Weib. Nun lag sie auf dem Friedhof, und ihr Grab war für den Winter mit Tannenzweigen zugedeckt; sie sollte es gemütlich haben.
Jens Olsen besaß das kleine Haus am Löschteich, in dem Martin Olsen wohnte, und er war kein harter Hauswirt. Er war ein gutmütiger Mann. Er und seine dicken Töchter waren stets in eine Duftwolke von Soße und Braten und fruchtbarem Dünger gehüllt, sie waren satte und friedfertige Menschen und mischten sich nicht in Politik und Streitereien.
Es gab keine Hungersnot, denn man zählte im Lande mehr Schweine als Menschen. Man konnte sogar noch einen Teil des Auslandes ernähren. Den ganzen Tag lang wurden in den großen Fabriken die Schweine am laufenden Band geschlachtet, und Schiffe und Güterzüge transportierten die toten Körper hinaus in die Welt. Die feinen BaconSchweine gingen nach England, und die riesigen, fetten, gemästeten Schweine gingen nach Deutschland, wo man nicht so verfeinert war.
Im Radio hörte man, daß deutsche U-Boote Schiffe torpedierten. Das waren alltägliche Dinge, und wer niemanden an Bord kannte, mochte wohl nicht allzuviel dabei empfinden. Der Rundfunk teilte es in einer neutralen und rücksichtsvollen Art mit, um die Deutschen nicht zu beleidigen. Dänemark war neutral, man mußte sich jeder Parteinahme enthalten. Man sprach nicht von Torpedierungen, sondern von Kriegsverlusten, das klang unparteiischer. Zwanzig Mann umgekommen, vierzehn vermißt, sagte der Sprecher. Dann verlas er die lange Liste der Namen. War er nicht bald fertig? Waren es noch mehr? Und dann kamen die Sportergebnisse. AB hatte über CD mit vier zu drei gewonnen.
Vielleicht aber ist irgendwo jemand, der sich diesmal nicht die Sportergebnisse anhört und der glaubt, daß es im Leben nichts mehr gibt, was wert wäre, es anzuhören. Zwanzig Mann, vierzehn Mann, vierzig Mann – für einige Menschen sind das nicht nur Zahlen und Namen. Für irgend jemanden ist einer dieser Namen das Wichtigste auf der Welt. Und nun plötzlich ist er ein Nichts.
In dem roten Haus gegenüber der Schule saß der alte Lehrer Tofte, der an Gott und Grundtvig glaubte und der Bevölkerung der ganzen Gegend das Einmaleins und Psalmenverse beigebracht hatte. Er erinnerte sich an einen der Namen, die im Rundfunk genannt wurden; es war der Name eines Jungen, den er das Lesen gelehrt hatte. Er erinnerte sich auch an das Gesicht: ein Junge mit Sommersprossen und struppigem weißblondem Haar, der immer lachte, lustige Augen hatte und sich immer über etwas freute. Er wollte zur See, als er konfirmiert war. Lehrer Tofte erinnerte sich sehr gut an ihn. Es war einer der vielen Namen. Sechzehn Jahre alt war der Junge geworden.
Es wurde nicht davon gesprochen, daß die Deutschen ohne Warnung torpedierten, obwohl man auf die Flanken der Schiffe ganz groß die neutralen Nationalitätskennzeichen gemalt hatte. Der Rundfunk war ein neutraler Rundfunk. Er berichtete nicht, daß die Deutschen die Rettungsboote mit Maschinengewehren beschossen.
Der Krieg war nicht für alle so schlimm. Wo mochten jetzt die Pferde sein, die im Sommer auf Frydenholms Koppeln geweidet hatten? An ihnen war viel Geld verdient worden. Vielleicht waren sie irgendwo in Polen. Ob sie sich wohl an Frydenholm erinnerten? Es wurde an vielen Dingen Geld verdient, die im Jahr zuvor noch völlig wertlos waren. Viereckige Stücke gefrorener Erde verkaufte man nach Gewicht. Rübenschalen verwandelten sich in Kaffee. Tonerde wurde zu Waschmittel in blauen und gelben Paketen. In den Schaufenstern des Kaufmanns konnte man merkwürdige Waren sehen, Kartons mit ganz neuen Substanzen. „Sie sollten sich lieber einige Pakete sichern, gnädige Frau! Wer weiß, wann wir wieder etwas bekommen!“ – „Aber es wird doch wohl keinen Mangel an Ersatzstoffen geben?“ – „Doch, das könnte sein“, meinte der Kaufmann. „Alles wird knapp werden. Der Krieg dauert lange. Es ist klug, zu kaufen!“ Das alles sagte der Kaufmann nur ganz im Vertrauen.
Man legte sieh Vorräte an: Kaffee-Ersatz und Süßstoff und viele Sorten Brotaufstrich mit synthetischem Geschmack. Freundinnen telefonierten miteinander: „Hast du schon gehört? Es heißt, ab morgen wird das Salz rationiert! Da ist es sicher das beste, sich einzudecken. Es wäre wahrhaftig schlimm, das Salz entbehren zu müssen. Vielleicht stimmt es gar nicht, aber es wird erzählt.“ Und dann kauften die Damen Salz. Und der fixe Kommis des Kaufmanns mußte das Salz zu den guten Kunden fahren, die nach Ladenschluß noch anriefen. Er hieß Evald, war aufgeweckt und wohlgelitten und hatte immer kecke Antworten und Witzchen für die Damen parat. Er pfiff aus vollem Halse, während er mit den Salztüten die Straße entlangfuhr.
In den Pökelfässern staken die halben Schweine. Am schlimmsten war es in den Städten, wo man keine Keller hatte und unkundig im Einsalzen war. Die Schweine vertrugen die Zentralheizung schlecht, und die Vorräte und Lager bereiteten den Wohlhabenden Sorgen. Die armen Leute hatten es da leichter.
Dann wurde das Salz doch nicht rationiert. Aber die Damen mußten sich ohnedies um so vieles kümmern. Im Nähzirkel sprach man über die Probleme der Zeit. „Ja, unsere fleißigen Damen müssen jetzt mit Kaffee-Ersatz vorliebnehmen.“ Die Pfarrersfrau füllte die Tassen. „Wir haben keinen besseren.“
„Der ist doch aber wirklich gut“, sagte Frau Andersen, die Kranzkuchen mitgebracht hatte. „Wir haben auch nichts gehamstert. Mein Mann will das nicht. Wenn andere Kaffee-Ersatz trinken können, können wir das auch, sagt er immer.“ Und wer eine Bäckerei hatte, brauchte sich ja wohl um Butter und Weizenmehl keine Sorgen zu machen.
Nein, hamstern! Man redete und schrieb so viel über Gemeinschaftsgeist, den alle beweisen sollten. Das war ein neues Wort. An dieser Stelle konnte sich Pastor Norregaard-Olsen eine Äußerung über die Vögel und Lilien, die ja schließlich auch keine Vorräte zusammenrafften, nicht verkneifen. Über den Sack Kaffee auf dem Boden des Pfarrhauses wurde nicht gesprochen. Eine kleine Schwäche durfte man wohl haben.
In diesem Winter strickte der Nähzirkel Socken und Schals, die für Mannerheims Soldaten in Finnland bestimmt waren. Vor kurzem hatte sich den Finnen am Ladogasee ein Engel gezeigt; in den Zeitungen war viel darüber geschrieben worden, und er soll, wie berichtet wurde, die Soldaten sehr ermuntert haben. Pastor. Nørregaard-Olsen hatte ihn auch in seiner Sonntagspredigt erwähnt. Und die Überschrift im Kirchenblatt lautete: „Der Engel von Lacloga“.
Der Nähzirkel der Damen war mit der Zeit sehr zusammengeschmolzen. Der frische Wind, der in Pastor Nørregaard-Olsens erster Zeit in der Gemeinde geweht hatte, war abgeflaut. Als der Pfarrer damals voll Unternehmungslust sein Amt antrat, setzte er sein ganzes Vertrauen in die Frauen. Es hatte eine Zeit gegeben, da der Nähzirkel ein geistiges Kraftzentrum war, in dem allerliebste Tischdecken und Tischläufer für Wohltätigkeitsbasare gefertigt wurden, da man sich sammelte und in unbefangenem Gesang innig vereint war und da alle darin wetteiferten, prächtigen Kuchen und Bohnenkaffee mitzubringen. Jetzt brachte nur noch die Bäckersfrau Kranzkuchen mit, und viele hegten den Verdacht, es sei Kuchen vom Vortage, den man im Geschäft nicht mehr verkaufen konnte. Alter Kranzkuchen wirkt aber wahrhaftig nicht inspirierend, und so lag gleichsam kein Segen über dem Beisammensein.
Sie waren zu wenige, als daß der Psalmengesang wie in der ersten, fruchtbaren Zeit richtig brausen und sich erheben konnte. Allzu viele waren abgefallen. Niels Madsens Frau kam zwar noch getreulich, doch sie war kein fröhlicher Christ, sie war wortkarg und griesgrämig, und ihr Anteil am Gesang war nur ein mißvergnügtes Brummen. Höschen-Marius’ Wirtschafterin kam, obwohl Marius es nicht wünschte; sie war übrigens nicht mehr Wirtschafterin, sondern Ehefrau, wenn bei den beiden darin überhaupt ein Unterschied bestand. Marius war kein junger Mann mehr und für die Liebe mit lebenden Menschen kaum tauglich; aber er hatte ja Geld, das Vermögen der Eltern, und das würde er natürlich als Erbe hinterlassen. Das war es wohl, womit sie rechnete. Dieser Ehe würden bestimmt keine Kinder entspringen, alles würde also ihr zufallen. Sie weckte eifrig ein, das mußte man ihr lassen. Es gab Marmelade, Saft und Gelee für mehrere Jahre im Hause, obwohl Marius die süßen Sachen sehr liebte und eine Menge davon aß.
Wenn sie ihn nun obendrein bewegen könnte, sich die Nase zu putzen, dann hatte sie etwas fürs Geld geleistet; denn der Rotz hing ihm immer im Schnurrbart, wenngleich er diesen jetzt – wie eine gewisse Person – ganz kurz geschnitten trug; es sah schrecklich aus, wenn er bei dieser Kälte mit Eiszapfen unter der Nase herumlief. Da ging der lange Kerl jeden Tag zum Kaufmann und kaufte gemischte Bonbons, und er ließ sich viel Zeit dabei, denn er wollte gern mit den Leuten über das System und über den jüdischen Sozialismus diskutieren, die ja das Land verheerten. Viele amüsierten sich über seine Darlegungen. „Wie du das alles so im Kopfe hast, Marius! Wo hast du das nur her?“
Ja, wo hatte Marius das her? Er war nie ein strahlendes Talent gewesen. Er besaß ein paar Hühner und Gänse, und selbst die konnte er kaum bändigen. Sein Brot vermochte er damit nicht zu verdienen. Als er fünfzig Jahre alt war, hatte noch seine Mutter ihm die Nase putzen müssen, und er hatte nur des Sonnabends Bonbons bekommen. Seine Mutter war eine kleine, fleißige Frau gewesen, die es verstanden hatte, den großen Sohn zu einer Art Arbeit anzuhalten. Als sie starb, hörte er damit auf. Und seine sonderbare Leidenschaft für Damenhöschen hatte ihn mehreremal in Ungelegenheiten gebracht, seit sie nicht mehr auf ihn aufpassen konnte.
Nicht Weisheit und geistige Gaben waren es, die Marius jetzt so merkwürdig auftreten ließen. Aber er war Arier, und das konnte ihm niemand nehmen. Er gehörte der nordischen Edelrasse an, der es bestimmt war, die Welt zu beherrschen. Auf irgendeiner Versammlung hatte er von diesen Dingen gehört, und es mußte ihn wohl tief ergriffen haben, ein Wesen von Wert zu sein und der Herrenrasse anzugehören. Seit kurzer Zeit hielt er sich eine nationalsozialistische Wochenzeitschrift, und aus dieser schöpfte er seine Philosophie. Er las nicht leicht und flüssig, er folgte den Zeilen mit dem breiten schwarzen Zeigefinger und buchstabierte halblaut, während er von jüdischen Untermenschen – wie zum Beispiel Albert Einstein – las, deren Ausrottung notwendig war, wenn die menschliche Rasse nicht verunreinigt werden sollte.
Marius kannte die Juden, und er wußte, wie sie waren. In seiner Kindheit hatte sich in der Gegend von Zeit zu Zeit ein alter Jude gezeigt, der lange, zerlumpte Kleider trug, einen grauen Bart hatte und schwarze, funkelnde Augen. Er wanderte von Haus zu Haus und verkaufte Seife. Seine Ware führte er in einem hohen, rostigen Kinderwagen mit sich, und wenn man nichts kaufen wollte oder seine Seife gar kritisierte, geriet er in furchtbaren Zorn und schimpfte laut und grob. Dieser hitzige alte Mann war der Schrecken seiner Kindheit gewesen, und seine Mutter drohte damit, daß der Jude ihn holen würde, wenn er nicht artig sei. So waren die Juden.
Die gemischten Bonbons waren nicht mehr so wie in Marius’ Kindheit, als er vom Kaufmann jeden Sonnabend eine Tüte voll gratis bekam. Damals waren die Bonbons angenehmer im Geschmack gewesen und schöner in Form und Farbe. Es ging eben abwärts, mit den Bonbons und mit allem anderen. Auf allen Gebieten machten sich Verfall und Degeneration bemerkbar.
„Daran ist bestimmt das ,System‘ schuld“, sagt der Kommis. „Du wirst sehen, Marius, es sind die Sozialisten und Juden, die deine Bonbons verhunzen!“ Und die Leute im Laden amüsierten sich über Marius.
Aber Marius war nicht mehr der Mann, über den man sich amüsieren durfte. Schon bald kam die Zeit, wo man mit Höschen-Marius und seinesgleichen rechnen mußte. Er lutschte Bonbons und hatte Rotz im Schnurrbart. Doch er ging selbstbewußt und würdig die weiße Dorfstraße entlang. Er stampfte in neuen Schaftstiefeln dahin und stieß seinen Stock grimmig in den Schnee. Wartet nur, die Zeit kommt, da die Köpfe rollen werden!
11
Noch im März staken die Fähren im Eis fest. Seeland war von Europa abgeschnitten. Und trotz Osterferien und Verkehrsschwierigkeiten trat das Folketing zusammen und beschloß, das Gesetz zu verlängern, das eine zentrale Warmwasserversorgung und Zimmertemperaturen von mehr als achtzehn Grad Celsius verbot.
Draußen auf den eisfreien Meeren wurden die Schiffe des Landes von den Deutschen versenkt. Es war schon angenehmer, zu Hause zu sitzen, mochte das Eis auch Schwierigkeiten bereiten und das Heizmaterial knapp sein. Und doch war die Kälte für viele sehr schlimm, auch wenn die Ärzte im Rundfunk behaupteten, sie sei gesund.
Pastor Nørregaard-Olsen sprach in seinen Sonntagspredigten über die alte, erprobte Wahrheit, daß dem Winter der Frühling folge. So sei es immer gewesen, und so werde es immer sein. Gott halte sein Wort. Er mogele nicht. Dem Winter folge der Frühling.
Aber der Schnee stob über das Land, mächtige Schneewehen versperrten die Straßen. Der gelbe Linienbus fuhr zwischen Wänden von Schnee dahin. Die kleinen Gartenzäune und die mißhandelte Ligusterhecke der alten Emma waren begraben. Eigentlich müßte man in den Gärten schon säen und Zwiebeln stecken. Und die Bauern müßten mit der Frühjahrsbestellung anfangen. Alles verspätete sich in diesem Jahr. Man konnte bereits jetzt beginnen, über die Ernte zu jammern. Und das viele Eis, das das Land einschloß und es abkühlte! Die alte Emma war in ihrem Leben noch nie von Seeland heruntergekommen; doch nun fühlte sie sich plötzlich unsicher, wenn sie daran dachte, daß die Fähren festsaßen.
Der gelbe Linienbus rollte zwischen weißen Wällen vorsichtig auf der glatten Straße dahin. Die Fahrgäste unterhielten sich über das Wetter und über die Mühen der Zeit. Sie kannten sich alle. Doch diesmal fuhr da ein Mann mit, den man seit langer Zeit in der Gegend nicht mehr gesehen hatte. Man wußte nicht sofort, wer es war, aber einer nach dem anderen erkannte ihn wieder, und die Leute guckten und flüsterten. Olsen, der als Diener auf Frydenholm gedient und den man des Mordes an Skjern-Svendsen verdächtigt hatte, saß in dem gelben Bus. Er war dicker geworden. Und er ging besser gekleidet. Er trug einen neuen Mantel mit Pelzkragen und eine Astrachanmütze. Ob er wieder nach Frydenholm kam? Ob er den neuen Grafen kannte?
Das Land sah noch im März wie auf einer Weihnachtskarte aus, überall Schnee und an den Häusern lange Eiszapfen. Aber es war ein anderer Himmel als im Winter, das Licht war anders. Die Stare hätten längst kommen müssen. Die Lerchen müßten schon singen. Und in den Gärten müßten die Krokusse blühen und an den Wegböschungen der Huflattich. Statt dessen gab es eingefrorene Wasserleitungen und Verkehrsschwierigkeiten. Man hatte noch nicht eine Kartoffel legen können, und die Saat erfror in den Mieten. Nur die Katzen fühlten den Frühling und schrien vor Geilheit bei fünfzehn Grad Kälte.
Der Linienbus mußte ganz dicht an den Schneewall heranfahren, um ein anderes Auto vorbeizulassen. „Das war sicher der Doktor“, meinte jemand im Bus. Ja, Krankheit gab es genug, obwohl das Radio sagte, es sei gesund, zu frieren. Der Doktor war ständig unterwegs. Auch er trug jetzt eine Pelzmütze. Er hielt vor den kleinen Häusern an, ging hinein und rieb sich die Hände, bevor er den Patienten berührte. „Na, wie geht es uns denn heute so?“
Die alte Emma wußte nicht, wie es uns geht. Sie konnte nur für sich allein antworten. Ihr ging es ganz und gar nicht gut. Die verteufelte Gicht wurde immer schlimmer. Ebenso die Ischias. Das zog und zerrte im ganzen Bein, bis hinunter in den Fuß, es war, als sei der große Hauptnerv geschwollen.
„Das ist doch Unsinn“, sagte der Doktor. „Es gibt keinen ,großen Hauptnerv‘. Das ist nichts als Aberglaube.“
„So“, brummte Emma. „So. Man hat keinen Hauptnerv mehr? Dann ist es wohl auch Aberglaube, daß es weh tut?“ Sie blickte den Doktor zornig an, beleidigt, daß man ihr nicht ihren großen Hauptnerv gönnte. Aber Schmerzen hatte sie jedenfalls, ganz gleich, was die Wissenschaft dazu meinte.
„Sie brauchen Wärme“, sagte Doktor Damsø. Emma fauchte: „Wärme! Mit dem Torf, den man heutzutage bekommt!“
„Wissen Sie, Emma, Sie könnten es im Altersheim doch viel besser haben“, sagte der Doktor. „Es ist warm und gemütlich dort. Und Sie hätten auch Gesellschaft. Dort sind noch andere Damen. Und man würde dort auf Sie aufpassen.“
„Ich kann selbst auf mich aufpassen!“
„Sie dürfen das nicht als Armenfürsorge betrachten“, redete der Doktor ihr zu. „Das ist nicht so etwas wie in alten Zeiten. Sie haben einfach ein Recht darauf, ein Recht wie wir alle. Sie haben doch selbst dazu beigetragen, das Altersheim zu bezahlen. Es ist unser Recht, dort zu wohnen, wenn wir alt sind.“
„Geht der Herr Doktor auch ins Altersheim?“ fragte Emma.
„Ich? Nein, ich weiß nicht. Ich bin ja noch nicht so alt. Noch nicht. Man soll ja nicht über das Alter der Damen sprechen, das ist mir bekannt, aber Sie sind doch bestimmt siebzig, wenn Sie auch jünger aussehen.“
„Ich bin achtundsiebzig.“
„Ja, dann haben Sie es aber wahrhaftig verdient, gemütlich und behaglich in unserem Altersheim zu wohnen“, sagte der Doktor.
„Ich habe mein eigenes Haus.“
„Aber das Altersheim ist ja auf eine Art auch Ihr Haus. Es ist unser aller Haus.“
„Und ich habe meinen Garten.“
„Zum Altersheim gehört ein wirklich schöner Garten.“
„Ich habe meine Sachen hier”, sagte Emma. „Ich will meine Sachen behalten.“
„Im Altersheim gibt es doch auch Möbel. Dort sind sehr schöne Möbel. Ein Architekt hat sie entworfen. Sie würden sich dort bestimmt wohl fühlen.“
„Ich will meine eigenen Möbel behalten“, beharrte Emma.
Emma besaß nicht gerade prachtvolle Sachen. Sie waren nichts wert. Da war eine wurmstichige Kommode mit Fotografien, einer Muschel und einem gehäkelten Deckchen darauf. Dann gab es noch einen schiefen Kleiderschrank, eine vom Schwamm befallene Waschtoilette, einen Tisch mit Fransendecke und ein paar wacklige Stühle. Die Katze lag auf dem besten. Ein wenig Gerümpel stand auf dem Boden, eine Truhe und ein altes Spinnrad. Es war viele Jahre her, daß jemand darauf gesponnen hatte. Emma würde kein elegantes Mobiliar hinterlassen, wenn sie ins Altersheim zog, wo es gute, geschmackvolle Sofas und Ledersessel gab und wo es hygienisch duftete.
Der Doktor sah sich in Emmas Stube um. Es roch nach Erde und Schimmel, nach Katze und alter Frau. Über der Kommode hing ein verblichener Öldruck, der den russischen Zaren Alexander und seine dänische Gemahlin darstellte. Er war so verblichen, daß nur noch die gelben und blauen Farben übriggeblieben waren. Weshalb mochte der hier hängen? Die Wand gegenüber schmückte ein eingerahmtes Blatt zum Gedenken an Frederik den Sechsten. „In seiner Güte löste er die Fessel des Bauern, und die Klage der Neger rührte ihn“, war darauf zu lesen. Rundherum waren vergoldete Weihnachtskarten angeheftet, die vor Fliegendreck starrten. Die Bibel lag aufgeschlagen auf der Tischdecke.
In den beiden Fenstern standen Blumentöpfe mit englischen Pelargonien, zwischen ihnen eine Porzellankatze. Die richtige Katze lag breit und riesengroß auf einem Kissen auf dem besten Stuhl und sah den Doktor aus schmalen Augen mißtrauisch an. „Ja, das ist meine einzige, kleine Kreatur“, sagte Emma. „Ich will meinen Manse behalten. Er ist genauso klug wie ein Mensch.“
„So, er heißt Manse? Wie groß er ist!“
„Ich will ihn nicht verlieren!“ sagte Emma. „Nein, ich will nicht.“
„Ist ja gut“, beruhigte sie der Doktor. „Uberlegen Sie es sich! Wie steht es mit den Pillen? Haben Sie noch welche? Na, ich verschreibe Ihnen neue. Sie sollen natürlich nicht heute oder morgen umziehen, ich rate Ihnen nur, es sich zu überlegen. Es wäre doch das beste für Sie.“
„Ich werde nirgendswo hinziehen!“ Emma war voller Starrsinn und Trotz und sah den Doktor, der doch nur ihr Bestes wollte, feindselig an. O dieses Mißtrauen der kleinen Leute! Diese eigensinnige Ablehnung von Fortschritt und Verbesserung! Man will diesen Menschen helfen, aber sie sträuben sich dagegen!
„Ja, ja. Das bestimmen nur Sie selbst“, sagte der Doktor geduldig. „Wir sind freie Menschen hierzulande.“
Dann setzte der Doktor seine Mütze auf, zog die Fausthandschuhe an und fuhr weiter zu einem Hof, wo eine Witwe wohnte, die an einem Ekzem litt.
Es war ein großer, schöner Hof. Die Witwe lebte mit ihrem vierzigjährigen Sohn zusammen. Er wollte sich schon seit langem verheiraten, aber die Mutter erlaubte es nicht. Sie wollte ihn nicht missen. Er mußte ihr Ekzem pflegen. Er schlief neben ihr im Doppelbett, und im Laufe der Nacht mußte er ihr einigemal den Rücken mit einer grauenhaften schwarzen Salbe einreiben. Sie konnte das nicht allein. Deshalb durfte der Sohn nicht heiraten.
Der Hof war gepflegt, die beiden waren wohlhabende Leute, die ihr Geld nicht verbrauchten, sondern sparten. Aber niemand würde sie beerben und kein Nachkomme Nutzen von ihrer Sparsamkeit haben.
„Sehen Sie“, sagte die Witwe. „Sehen Sie nur, wie ich mich schäle! Jeden Morgen kann ich eine ganze Müllschaufel voll Hautschuppen aus dem Bett heraustragen.“
Das Ekzem war wie eine Riesenschlange, die sich jede Nacht häutete. Und das war Verschwendung bei dieser geizigen Frau. Sie düngte ihre Topfpflanzen mit den Hautschuppen, damit Gottes Gaben nicht verlorengingen, und die Pflanzen gediehen davon. Der Doktor verschrieb ihr wieder schwarze Salbe, spritzte ihr B-Vitamin in den Schenkel und ließ sie weiße Tabletten mit Arsen essen, die sie fett machten. Und er dachte daran, daß es eine Tat der Barmherzigkeit wäre gegenüber dem vierzigjährigen Sohn, der so gern heiraten wollte, wenn er dieser Mutter eine größere Portion Arsen verschriebe. Doktor Damsø war ein hilfsbereiter und vorurteilsfreier Mann, aber er wollte kein Mörder sein. Er seufzte und schrieb das Rezept. Und der Sohn der Witwe konnte nicht heiraten.
Der Doktor fuhr weiter durch das Winterwetter. Die ältere von Jens Olsens dicken Töchtern hatte einen Bandwurm. Sie liebte Fleisch über alle Maßen, und wenn sie ein Schwein geschlachtet hatten, konnte sie sich nicht beherrschen und warten, bis es zubereitet auf den Tisch kam: Sie biß in das warme, rohe Fleisch des eben geschlachteten Tieres. Und nun fanden sich weiße Bandwurmglieder im Stuhl, die dem Doktor präsentiert wurden; der Wurm fraß ihr das Essen weg, so daß sie ständig unter Hunger litt.
Ja, da mußte streng gefastet werden, bis der Bandwurm ausgehungert war. Und dann sollte sie Salz und Pfeffer und Essig und scharfe Sachen zu sich nehmen, damit das Tier beleidigt wurde und Fräulein Olsens Darmwand losließ. Und dann sollte sie Rizinusöl trinken, damit das Ungeheuer ausgetrieben würde. Aber der Doktor war nicht sicher, ob das dicke, hungrige Mädchen charakterfest genug war, diese harte Kur zu Hause durchzuführen. „Es wird wohl besser sein, wenn ich eine Einweisung für das Krankenhaus schreibe. Sie können ruhig mit dem Bus dorthin fahren. Wegen dieses Bandwurms brauchen wir keinen Krankenwagen zu bemühen, wir sollen ja jetzt Benzin sparen. Wie ist bitte Ihre Krankenkassennummer?“
Auf der anderen Seite des Löschteiches war Martin Olsens Tochter Rosa an den Masern erkrankt; sie hatte hohes Fieber und phantasierte. Rosa war die Älteste und ging schon zur Schule; nun würden die anderen drei wohl auch die Masern bekommen. Das mußte eben überstanden werden.
„Aber seien Sie bloß vorsichtig! Danach kommt es sehr oft zur Lungen- oder Mittelohrentzündung. Sie muß mindestens noch fünf Tage im Bett bleiben, nachdem das Fieber vorüber ist. Und passen Sie auf die Augen auf! Das Fenster muß zugezogen sein, und um die Lampe muß rotes Papier gewickelt werden?“
Doktor Damsø setzte sich an den blanken, ovalen Tisch und machte Eintragungen ins Krankenbuch. In der Mitte des Tisches lag eine zierliche gestickte Decke, auf der eine versilberte Schale mit Weihnachtskarten und Neujahrsrechnungen stand. Die Stube war so niedrig, daß man an die Decke fassen konnte. Eine große, neue Wanduhr – mit Mahagonigehäuse – tickte laut. Sie wirkte sehr fremd in der niedrigen Bauernstube. Die Leute haben keinen Geschmack, dachte der Arzt.
„Wie alt ist Rosa denn schon? Sie ist ja schon ein großes Schulmädchen.“ War es wirklich so lange her, seit der Arzt geholfen hatte, sie zur Welt zu bringen? „Ja, wir werden alle älter. Und der Jüngste gedeiht gut? Er sieht ja prächtig aus.“ Er hatte so dicke Bäckchen, daß der Doktor mit dem Zeigefinger killekille machen mußte. Das amüsierte den Kleinen, das war ein guter Spaß, über den er lachen mußte. „Vielleicht ist er noch zu klein, und er bekommt die Masern gar nicht. Die Kleinen sind ja zumindest in den ersten vier Monaten immun, das heißt, wenn die Mutter die Masern gehabt hat. Und das hatte Margrete wohl?“
Das war das Gute an diesem Doktor, daß er sich die Zeit nahm, mit den Leuten zu reden. Er war nicht einsilbig und erhaben, sondern erzählte, wie es sich mit einer Krankheit verhielt. Er fand es auch nicht anstößig, wenn ein Patient zu wissen wünschte, worum es sich bei seiner Krankheit handelte. Der Doktor erklärte ohne Latein und Hochmut. Er war ein demokratischer Doktor. Und als er über die Masern alles ausreichend erklärt hatte, fand er es passend, seine Meinung über den Krieg in Finnland und über Martin Olsens Mitverantwortung auszusprechen.
Martin Olsen aber fühlte sich nicht schuldig. Er war mehr mit lokalen Angelegenheiten als mit der großen Politik beschäftigt. Er wußte viel über die Verhältnisse an den Arbeitsplätzen und über den Zustand der örtlichen Gewerkschaft. In der Gemeinde gab es viele Arbeitslose, es gab Probleme mit der Krankenkasse, dem Steuer- und dem Wohlfahrtsamt. Die Leute kamen zu ihm und fragten um Rat, er kannte die Gesetze, Vorschriften und Satzungen, doch über die deutschen Befestigungsanlagen an der finnischen Grenze wußte er nicht viel zu sagen. Er hatte nicht an der Sonnenwendfeier in der kleinen Anlage bei Skjern-Svendsens Monument teilgenommen, wo Rasmus Larsen und Pastor Nørregaard-Olsen Reden für Finnland gehalten hatten und wo Lehrer Agerlund unter großem Beifall Bücher von Martin Andersen Nexö ins Feuer geworfen hatte.
Martin Olsen fühlte sich nicht mit der finnischen Oberklasse solidarisch. Hegte der Doktor wirklich so große Sympathien für Mannerheim?
Doktor Damsø hegte Sympathie für ein kleines, tapferes Volk, das um seine Freiheit kämpfte.
Aber Martin Olsen war sich nicht so sicher, daß es dort wirklich um die Freiheit ging. Etwas anderes war es damals, als die finnischen Arbeiter gegen Mannerheims Weißgardisten kämpften. Aber jetzt? War die finnische Oberklasse nicht eng mit dem Nazismus verbündet? War es nicht so, daß die sogenannte Mannerheim-Linie sehr nahe bei Leningrad verlief? Lebensgefährlich nahe, wenn man damit rechnen mußte, daß Finnland in einem Krieg als Sprungbrett benutzt werden sollte? Man hatte Verhandlungen über eine friedliche Regelung angeboten, aber die finnische Oberklasse hatte die Provokation den Verhandlungen vorgezogen.
Der Doktor schnaubte: „Hören Sie auf, Mann! Das ist ja zu idiotisch! Glauben Sie etwa selbst daran, daß Finnland den zweihundert Millionen Russen gefährlich werden könnte? Glauben Sie, das kleine Finnland könnte das große Asien erobern? Daß Sie es überhaupt fertigbringen, so etwas zu sagen! Das ist wirklich zu schäbig!“
Vielleicht nicht Finnland allein, aber die Mächte, die hinter Finnland stehen. War die Mannerheim-Linie nicht ein deutsches Unternehmen?
„Ja aber, zum Teufel, Mann. Sie sind doch mit den Deutschen befreundet! Sie haben doch einen Pakt mit Hitler geschlossen! Sie dürften doch von Ihren Alliierten nichts zu befürchten haben!“
So war man wieder in der ewigen Diskussion. Nein, die Nazis sind keine Freunde der Alliierten! Es waren die Regierungen Chamberlains und Daladiers, die Hitler bewaffnet und ihm erlaubt hatten, ein Land nach dem anderen zu schlucken. Hatte die Sowjetunion nicht jahrelang versucht, das faschistische Deutschland zu isolieren? Hatte sie nicht angeboten, der Tschechoslowakei zu helfen, wenn auch die anderen helfen würden? Hatte Stalin nicht im vergangenen Jahr vorgeschlagen, ein Dreimächtebündnis mit England und Frankreich abzuschließen? Und war nicht jedes Angebot abgelehnt worden?
Ach, immer dieses Gerede! Immer diese politische Kannegießerei! Konnte man denn nicht mit eigenen Augen Stalin und Ribbentrop zusammen auf einem Foto sehen?
Na und? Hatte man nicht schon früher Bilder von Chamberlain und Hitler gesehen? Hatte man nicht München erlebt? Den Verrat an Spanien? Eine Kette von Verrat und Wortbruch!
„Ja“, sagte der Doktor. „Die Welt ist voller Lumperei. Aber daß Sie sich daran beteiligen wollen!“
Martin Olsen meinte nicht, an irgend etwas in Finnland beteiligt zu sein. Er war ein dänischer Arbeiter. Er fühlte sich mit den Arbeitern in der ganzen Welt solidarisch, aber nicht mit der finnischen Oberklasse. Es gab Reiche und Arme auf Erden. Es gab eine Oberklasse und eine Unterklasse. Es gab die wenigen, die die vielen ausbeuteten. Es gab Leute wie Skjern-Svendsen und den Grafen von Frydenholm, und es gab die vielen Menschen, die für sie arbeiteten und sie ernährten. Es gab die Schmarotzer, die von der Arbeit anderer lebten, und es gab die Arbeiter, die die Werte schufen. Das wußte Martin Olsen, und dazu konnte er Stellung nehmen. Über die Curzonlinie in Polen, über die strategischen Probleme in Finnland und über die Verhältnisse in Bessarabien konnte er nicht viel sagen. Aber es gab zwei Klassen von Menschen, in seinem eigenen Land und auch in anderen Ländern: die Kapitalisten und die Arbeiter. Er gehörte zur Arbeiterklasse, und was auch im Ausland geschehen mochte, er würde vom Standpunkt seiner Klasse aus dazu Stellung nehmen.
„Oh, diese Phrasen!“ rief der Doktor aus. „Diese ewigen, uralten Klischees! Martin Olsen hat seine Lektion gut gelernt! Oberklasse und Unterklasse! Kapitalisten und Proletarier! Ausbeuter und Ausgebeutete! Man wirft eine Münze in den Automaten, und schon spielt das Grammophon: Es gibt zwei Klassen! Es gibt zwei Klassen! Es gibt zwei Klassen!“ Pfui, er hätte ausspucken mögen, aber das wäre unhygienisch gewesen.
Und Margrete, die bemerkte, daß Martin auch heftig wurde, fragte rasch etwas über die Masern. Ob es nicht ein Serum gäbe wie gegen die Pocken oder so wie damals, als die Kinder den Keuchhusten hatten.
„Nein“, sagte der Doktor.
Margrete glaubte, etwas davon gehört zu haben ...
„Ja, es gibt schon ein Serum, das aus dem Blut von Patienten gewonnen wird, die die Krankheit gerade überstanden haben; aber es ist teuer, und es gibt nur sehr wenig davon. Es darf nur den Kindern gegeben werden, die an Tuberkulose leiden oder an etwas anderem, das es besonders gefährlich für sie macht, an Masern zu erkranken. Aber Ihre Kinder sind ja gesund und stark, da ist keine Gefahr. Es muß nur überstanden werden. Behalten Sie Rosa aber noch einige Tage im Bett, nachdem sie fieberfrei ist – am besten fünf, sechs Tage, wenn Sie die Kleine dazu bringen können!“
Und als der Doktor ging, sagte er: „Vergessen Sie nicht, rotes Papier um die Lampe zu wickeln und die Fenster zuzuziehen. Sie müssen auf die Augen des Mädchens achtgeben. Es reicht eben nicht, daß Sie selbst immer eine rote Brille tragen!“
Dann fuhr er weiter zur nächsten Patientin. Draußen am Moor lebte eine Frau, die entsetzlich an Ausfluß litt.
Der gelbe Linienbus hatte am Dorfkrug, der historisch war wie viele andere, Endstation. Dort ruhte er sich eine Weile aus, der Chauffeur aß im Krug seine belegten Brote, trank dazu eine Tasse Kaffee-Ersatz und las in der Kreiszeitung von den neuesten Unglücksfällen.
Und Olsen ging mit neuem Mantel und Pelzmütze die Allee nach Frydenholm hinauf.
12
Es gibt Menschen, die „bessere Leute“ genannt werden, und es gibt Kreise, die „bessere Kreise“ genannt werden. Andere Kreise sind nicht so gut, andere Menschen sind einfach und alltäglich, sind Krankenkassenmitglieder, sind „der gemeine Mann“.
Olsen verkehrte in den besseren Kreisen, ja, er verkehrte in den allerbesten Kreisen. Die Gesellschaft brauchte Olsens Dienste. Der Staat stützte sich auf ihn. So weit war es mit dem Staat gekommen, daß er Egon Charles Olsens Unterstützung brauchte. Es hatte eine Zeit gegeben, da Olsen vor der Polizei Angst hatte und jedesmal feuchte Hände bekam, wenn er auf der Straße an einem Polizisten vorbei mußte. Nun ging er in den Säulenhallen und Geheimkabinetten des Polizeipräsidiums ein und aus wie ein Sohn des Hauses. Der Polizeichef drückte ihm die Hand. Olsen bekam keine feuchten Hände mehr beim Anblick eines Polizisten. Reichspolizeichef Rane, der Beamte mit dem Künstlerschlips, war ihm eher ein Freund als ein Vorgesetzter.
Wenn Olsen nun nach Frydenholm kam, dann nicht, um mit Graf Preben über Staatsangelegenheiten zu sprechen. Es handelte sich um eine kleine private Affäre, eine Bagatelle im Gesellschaftsleben. Da war eine Dame des besseren Bürgertums, die glaubte, vom Grafen vergewaltigt worden zu sein, nachdem er sie in seiner Wohnung in der Hauptstadt betrunken gemacht hatte. Nun versuchte sie, ihn ein wenig zu erpressen.
So ging es in den besseren Kreisen zu. Das war keine aufsehenerregende Geschichte, aber dem Grafen war daran gelegen, seine Betriebskosten so niedrig wie möglich zu halten. Sicherlich könnte man über die Dame, die er nur flüchtig kannte, etwas in Erfahrung bringen, und es wäre wichtig, einen Zeugen zu haben. Es war Olsens Beruf, zu bezeugen und Auskünfte über Leute zu beschaffen. Er belieferte die höchsten Behörden. Der Reichspolizeichef selbst konnte ihn empfehlen.
Olsen wußte gut auf Frydenholm Bescheid. Er war seinerzeit Diener im Schloß gewesen und kannte einen Teil seiner Geheimnisse. Später hatte er ein Stück Detektivarbeit für C. C. Skjern-Svendsen geleistet, als der Gutsbesitzer seine Frau für geisteskrank erklärt haben wollte. Nun war es Graf Preben, der den Fachmann herbeirief, und der bleiche Diener Lukas ließ den Gast durch die Hintertür ein, wie er es so oft getan hatte, ohne sich zu wundern und ohne zu fragen. „Guten Tag“, sagte er nur. „Na, kommst du auch mal wieder?“
„Ja“, sagte Olsen. „Da bin ich wieder!“
Der Graf brauchte seine Hilfe, ebenso wie die Staatsmacht sie benötigte. Der Graf hatte wohl von Olsens Arbeit für Skjern-Svendsen gehört. Vielleicht auch hatte er Olsen in einer Weinstube im Zentrum Kopenhagens kennengelernt, wo sich so viele interessante Persönlichkeiten trafen. So weit war es gekommen: Die Unterwelt und die Oberwelt vereinigten sich. Das war ein Entwicklungsstadium.
Lukas bemerkte, daß Olsen und der Graf sich wie alte Kameraden und Herzensfreunde begrüßten, mit Schulterklopfen und freundschaftlichen Püffen in den Bauch. Guten Tag, alter Freund. Spendierst du ein Glas?
Die Konferenz der Herren ging bei einem Kasten Bier vonstatten. Zwischen den beiden gab es keine feierlichen Formalitäten. Man kam gleich zur Sache. Wieviel willst du dafür haben, ein Weibsbild zu kompromittieren? Was kostet eine Zeugenaussage? Es war nicht schwer, sich zu einigen.
Olsen hatte viele Eisen im Feuer. Staatsangelegenheiten und Affären in den besseren Kreisen des Landes nahmen seine Zeit in Anspruch. Er reiste zwar nicht wie der Schriftsteller François von Hahn in einem blankgeputzten Polizeiauto, hatte aber dieselben vornehmen Freunde und Verbindungen und kümmerte sich noch um seinen Stammtisch im Café Fidusen, wo sich Dichter und Studenten gern von unbekannten Gewerbetreibenden freihalten ließen.
Schließlich gab es noch die kleine Druckerei in der Stengade im Nørrebro-Viertel; dort hatte Olsen einmal gearbeitet, und nun fand er sich ab und zu bei Buchdrucker Damaskus und seinen altruistischen Kunden ein, um sie zu begrüßen. In dem kleinen Büro, in dem drei große Plüschsessel standen und Berge von Drucksachen herumlagen, ging es zu wie in einem Klub, wo sich Idealisten trafen und über die höchsten Dinge diskutierten.
„Damaskus-Druck“ verkündete ein emailliertes Schild am Torweg, und eine Hand mit Manschette wies in einen Hof, wo Tonnen und Kisten aufgestapelt waren und ständig einige Männer mit dem Transport von Kisten zu tun hatten. An der Rückseite des Hofes war eine Eisentreppe, und eine zweite Hand zeigte schräg hinauf zur Druckerei, von wo man Maschinenlärm hörte, wo es nach Druckerschwärze und Petroleum roch und wo idealistische Gedanken mit Hilfe einer älteren Presse und einiger der kleinen, schnellen Maschinen, der sogenannten Fliegenklatschen, vervielfältigt wurden. Zu Olsens Zeit hatte es zwei Pressen gegeben, aber immer wieder waren Eisenteile verschwunden, die für die Maschinerie lebenswichtig waren, und nun reichten die Teile nur noch für eine Presse.
Buchdrucker Damaskus war überzeugt, daß an Olsen nichts Übles war, doch er hielt ihn für einen schwachen Menschen. Nicht ohne Sorge sah er Olsen in einem feinen neuen Wintermantel mit Pelzkragen eintreten. Er fürchtete wohl, der schwache Mann sei in schlechte Gesellschaft geraten, und erkundigte sich vorsichtig nach Olsens neuer Arbeit.
Es war nie Olsens Gewohnheit gewesen, mit Damaskus über seine privaten Geschäfte zu sprechen, zudem liebte er Fragen nicht. „Soll das vielleicht ein Verhör sein?“ empörte er sich. „Wird man mich immer und ewig verdächtigen, wenn ich hierherkomme? Gut! Ich kann auch wegbleiben!“
„So etwas dürfen Sie nicht sagen, Olsen. Ich freue mich wirklich, wenn es Ihnen gut geht“, antwortete Damaskus und sah seinen ehemaligen Mitarbeiter freundlich an. Er wünschte Olsen und allen Menschen nur das Beste. Aber er hatte so seine Sorgen, wenn es Olsen gut ging und wenn er flott gekleidet war. Damaskus fragte sich, ob Olsen in schlechte Gesellschaft geraten sei.
Und Olsen erstattete im Polizeipräsidium Bericht über die Idealisten in der Stengade. Da war zum Beispiel cand. phil. Sivertsen, ein kleiner, hitziger Mann mit weißem Haar, schwarzen Augenbrauen und schwarzem Schnurrbart. Er lebte von einem bescheidenen Vermögen und entfaltete eine sonderbare politische Tätigkeit, für die sich die Sipo interessieren sollte. Cand. phil. Sivertsen hatte die GAV-Bewegung ins Leben gerufen – diese Buchstaben bedeuteten: Geographie, Ausbeute, Verbrauch –, und das war keine gewöhnliche politische Partei. Es war eine Partei über allen Parteien, eine Liga und eine Volksbewegung, die beabsichtigte, das Geld auf der Welt abzuschaffen und statt dessen ein System von Währungen zu errichten. Damit wollte Sivertsen den Kapitalismus zerschmettern, denn die Währungen konnten weder gespart noch verzinst werden, da ihr voller Tauschwert nur für den Tag galt, an dem sie als Lohn gezahlt wurden; man mußte sich beeilen, für alle seine Währungen schon am Lohntag einzukaufen, denn es war beabsichtigt, daß sie von Tag zu Tag an Wert verloren, und am folgenden Zahltag sollten sie völlig wertlos sein. Auf diese Weise würde man die Kauflust, demzufolge den Umsatz von Waren und damit wiederum die Produktion steigern wie nie zuvor; alles würde blühen und gedeihen, niemand wäre mehr arbeitslos, Wohlstand und Glück würden auf Erden herrschen. Kandidat Sivertsen verstand es, sein System sehr einleuchtend und klar in Rede und Schrift darzulegen, und nur der Student Skodsborg widersprach ihm eigensinnig.
Auch für Skodsborg sollte sich die Sicherheispolizei interessieren. Er vertrat noch immer die Meinung, die wahren Führer des Kommunismus müßten das Abitur haben. Zwar ging der junge Skodsborg mit den Kommunisten in seiner Zeitschrift streng ins Gericht, aber nur, weil sie nicht kommunistisch genug waren. Student Skodsborg konnte es sich vorstellen, einer neuen, kommunistischen vierten Internationale seine Hilfe zu gewähren. In seinen „Akademischen Intelligenzblättem“ beklagte er die Degeneration der russischen Revolution und hielt die Meinung, ein isolierter Arbeiterstaat könne über einen längeren Zeitraum hinweg existieren, für absurd. Er verfaßte die meisten Artikel seiner Zeitschrift selbst, aber auch seine Schwester Marie, Lew Trotzki und cand. polit. Praahs hatten gelegentlich Beiträge geschrieben. Sie alle waren in der Kartei der Sipo registriert. An dem Tag, da Student Skodsborg die Revolution auf die Welt losließ, würde er die Polizei vorbereitet finden.
Und der mystische Dr. Robert Riege, der Hexenmeister und Magier, der die Menschen verzauberte, konnte er der politischen Polizei gleichgültig sein? Olsen war nicht der Ansicht. Er kannte einige der Geheimnisse des Zauberers und verkaufte sie tropfenweise. Auch Robert Riege beschäftigte sich mit Politik. Er hatte eine Gruppe um sich geschart, die sich „Sexpol“ nannte. Das war kein Kommunismus, sondern etwas, was noch weiter links tendierte. Sexpol sollte den Bürgern die sexuelle Freiheit bringen, die der ökonomischen vorausgehen mußte. Freiheit durch Orgasmus. Die Sexualenergie der Gesellschaft in Gemeinschaft verwaltet. Die Ökonomie der Libido. Geht und macht alle Leute zu meinen Schülern und Patienten! Ein Staat von Studienzirkeln, ein Rad im anderen ohne Anfang und Ende, wie es Hesekiel in seiner Erscheinung sah.
Rasch und kurz gab Dr. Riege seine Anweisungen für den Druck der „Sexualtidende“. Seine Zeit war knapp, das Auto wartete unten in der Stengade. Die Patienten warteten. Die Schüler warteten. Die ganze Welt wartete auf Befreiung und Orgasmus. Da blieb keine Zeit für Diskussionen mit den anderen Idealisten, die in Damaskus’ Büro Klubgespräche führten. Der Doktor hatte es eilig und erkannte Olsen nicht wieder; es waren wohl der neue Mantel und die Astrachanmütze, die ihn fremd aussehen ließen. Und dicker war Olsen auch geworden.
Olsen fragte nach Flemming Praahs. „Kommt er noch in die Druckerei?“
„Nein, wir sehen ihn gar nicht mehr“, sagte Damaskus.
„Ist er nicht mehr in der Redaktion der ,Akademischen Intelligenzblätter‘?“
„Nein. Skodsborg macht alles allein.“
Flemming Praahs hatte das Staatsexamen bestanden und sollte in der Verwaltung angestellt werden. Er war ja nun cand. polit. Sein Staatsexamen hatte er endlich mit Ach und Krach und einer schlechten Note hinter sich gebracht, und seitdem war er nicht mehr revolutionär. Früher war er einmal Kommunist gewesen, doch das war ihm nicht revolutionär genug; außerdem hatte man ihn nicht zum Führer und Ratgeber gemacht, wie er es erwartet hatte. Da war er aus der Kommunistischen Partei ausgetreten und ultrarot geworden, außerhalb des Spektrums. In den „Akademischen Intelligenzblättern“ verkündete er dann seine Meinung über die verratene Revolution und die reaktionäre Entartung des Kommunismus und förderte die vierte Internationale des Studenten Skodsborg und seiner Schwester. Doch nun hatte er sein Examen bestanden.
Mehr konnte Olsen über Flemming Praahs nicht in Erfahrung bringen. „Aber grüßen Sie ihn, wenn er sich zeigen sollte!“ Auch Olsen hatte es eilig. Man erwartete ihn in den besseren Kreisen. Er glättete sein schwarzes Haar vor dem kleinen Spiegel am Handwaschbecken und setzte seine Astrachanmütze mit großer Sorgfalt auf. In den Schultern seines neuen Mantels war viel Watte. Er sah breit und pompös aus. Ein Mann von Format.
Der alte Schneider Henningsen aus Præstø kam gerade die Eisentreppe herauf. Er war schon über siebzig, doch er fuhr noch weite Strecken mit dem Fahrrad zum Nutzen des Reiches Gottes und teilte kleine Traktate aus, die er bei Damaskus drucken ließ. Henningsen mußte Olsen noch rasch begrüßen, den er von der Gefangenenhilfe her kannte und dem er in einer schwierigen Zeit Wohlwollen erwiesen hatte. Sein Sohn, der Unterinspektor im Staatsgefängnis, hatte ihm den Entlassenen zur besonderen Aufmerksamkeit empfohlen. „Geht es Ihnen gut, Olsen? Und wie stehen Sie sich mit Jesus?“
„Ausgezeichnet“, antwortete Olsen. Doch er war in Eile und mußte sich sofort verabschieden.
Damaskus sah ihm nach, als er die Eisentreppe hinunterstieg. Klein und grau stand er da und blickte hinter dem ehemaligen Zuchthäusler her, der nun ein Mann von Format war. Und aus seinen freundlichen Augen sprach Sorge. Trotz Watteschultern und Pelzmütze und Format war Olsen ein schwacher Mensch. Ob er nicht doch wieder in schlechte Gesellschaft geraten war?
13
Eines Tages hatte eine Dame die Redaktion der „Arbeiterzeitung“ angerufen und in aller Vertraulichkeit und höflichst gefragt, wie denn das Zeichen der Kommunisten aussähe.
„Das Zeichen der Kommunisten?“
„Ja. Die Kommunisten haben doch sicher ein Firmenzeichen oder Wappen oder wie man es nennen soll, etwas mit einem Hammer, nicht wahr?“
„Hammer und Sichel? “
„Ja, so ungefähr. Ich würde gern genau wissen, wie es aussieht. Hier ist Frau Professor Praahs. Ich bin Flemming Praahs’ Mutter. Sie kennen doch Flemming? “
„Nein.“
„Mein Sohn ist ein sehr eifriger Kommunist, müssen Sie wissen. Und jetzt wollen wir ihm zum Geburtstag eine Schreibtischgarnitur schenken, wissen Sie, so eine Lederunterlage und eine Schreibmappe und einen Löscher. Und da haben wir uns gedacht, das Zeichen der Kommunisten einprägen zu lassen, also Hammer und Sichel oder was die nun haben. Aber es muß unbedingt vorschriftsmäßig und korrekt sein. Wir finden das hübsch, wo er doch nun mal so eifrig mit dem Kommunismus ist.“
„Ja. Sehr hübsch.“
„Sie könnten mir wohl nicht eine genaue Zeichnung davon beschaffen, so wie es richtig sein soll?“
„Nein, ich glaube kaum.“ Der Redakteur saß da, das „Arbejderbladet“ und eine Tasse Kaffee vor sich. Im Kopf der Zeitung waren Hammer und Sichel abgebildet. Er betrachtete sie schwermütig. Das war sicherlich nicht vorschriftsmäßig. „Nein, ich glaube kaum“, wiederholte er.
„Sie wissen wohl auch nicht, wo man das finden kann? Haben die Kommunisten nicht irgendein Buch, wo so etwas angegeben ist?“
„Nein. Aber sehen Sie doch mal im Hof- und Staatskalender nach.“
„Glauben Sie wirklich, daß man es dort findet?“
„Oder im Handbuch für Heraldik“, sagte der Redakteur und knirschte mit den Zähnen.
„Ja, vielleicht finde ich es dort.“
„Ich denke schon.“
„Ja, dann werde ich es versuchen. Vielen Dank, und entschuldigen Sie die Störung!“
Der Redakteur stöhnte gequält. Ach du mein Gott und Schöpfer! Diese Intellektuellen! So etwas ließ man nun in eine Arbeiterpartei hinein! Es war bestimmt ein Segen für die Arbeiterklasse, wenn der junge Praahs Hammer und Sichel auf seinen Löscher geprägt bekam. „Das ,Zeichen der Kommunisten‘! Oh!“
Der Redakteur trank rasch seinen Kaffee aus und schob ärgerlich die Tasse zurück, die aus schwerem Porzellan war und im Laufe der Zeit schon einiges ausgehalten hatte. Freilich kannte er Flemming Praahs, aber er mochte ihn nicht leiden, den gepflegten, fröhlichen Studenten mit den runden Engelsbäckchen, ewig unreif und selbstzufrieden. Da kamen nun diese kleinen Studenten und ließen sich für einige Zeit zur Arbeiterklasse herab. Das ging meist vorbei, wenn sie ihr Examen in der Tasche hatten. Dann waren ihnen die Kommunisten einfach nicht kommunistisch genug, und sie schrieben sich als Mitglied der Regierungspartei ein.
Es kamen auch einige andere Leute, die gern Mitglied der Kommunistischen Partei werden wollten. Die Abteilung D des zweiten Inspektorats der Kopenhagener Polizei schickte ausreichend verkommene Leute, die vorschlugen, Bombenattentate zu verüben und Scheiben einzuwerfen. Ein Seemann, der niemals zur See gefahren war. Arbeitslose, die niemals gearbeitet hatten. Der eine wollte das Gerichtsgebäude in die Luft sprengen. Ein anderer bot der Partei belgische Militärrevolver an, das Stück für sechs Kronen. Auch ein kleiner Mann, der unter Freunden „die Banane“ genannt wurde, fand sich in der Griffenfeldsgade ein und wollte Kommunist werden und Taten vollbringen.
Student Praahs war mit Gelehrsamkeit und Schulweisheit zu den Arbeitern gekommen. Er studierte Staatswissenschaften, führte sich in der Mensa wie ein kleiner Lenin auf und wollte nun dem Proletariat den Weg ohne Abweichungen zeigen. Student Praahs mit dem Kindergesicht hatte sich vorgenommen, die Arbeiterklasse zu belehren. Es ist nur gut, wenn die Kinder Interessen haben, sagten seine freisinnigen Eltern immer und schenkten ihm Löscher und Schreibunterlagen mit Hammer und Sichel in Leder. Doch die Arbeiter enttäuschten stud. polit. Praahs und erkannten seine Schulweisheit nicht an. Als er endlich sein Examen bestanden hatte, wandte er sich voll Überdruß von ihnen ab; sie verdienten es nicht, ihn in ihren Reihen zu haben.
Flemming Praahs hatte trotz seiner bescheidenen Note eine Stellung bekommen; sein guter Vater kannte den Minister. Der Weg nach oben zu Pension und Ritterkreuz war geebnet. Zu Hause wurde das Ereignis mit einem Essen und schönen Reden gefeiert. Es wurde auch außerhalb des väterlichen Heims im Kreise kecker Studenten gefeiert.
Mit dem Leichtsinn der Jugendzeit war es nun vorbei, die fröhlichen Tage des Studenten waren dahin. Man sang beim Portwein in Skodsbprgs Bude in Gammelholm. Ojerum, jerum, jerum! Einer nach dem anderen waren sie abtrünnig geworden, die fröhlichen Studenten, waren sie zu ihren Ämtern und Ehefrauen gegangen. Nur Skodsborg war beständig, der ewige Student Skodsborg. „Es lebe Skodsborg! Es lebe auch Praahs, obwohl er jetzt das Studentenleben im Stich läßt und königlicher Beamter wird! – Warst du ein richtiger Student, laß Tag und Stund’ verwehen! Die herrliche Studentenzeit wird niemals ganz vergehen! Sie war doch eine Schale nur, die einen Kern umschloß. . . “
Sie tranken in aller Unschuld. Sie hatten keine Mädchen dabei, nur Skodsborgs Schwester Marie, die vom Broschürenschreiben lebte, mager war, verbissen dreinschaute und keinen über Gebühr in Versuchung führte. Sie wünschte, über Rosa Luxemburgs Spontaneitätstheorie zu diskutieren, aber Praahs sang: „Laßt doch die Politik jetzt laufen, wir wollen lieber einen saufen!“ Er saß da, froh und zufrieden, mit leuchtenden Augen und runden Engelsbäckchen. Seine Freunde hielten zu ihm. Sie waren keck und burschikos, obwohl keiner von ihnen mehr ganz jung war. „Besingt des Studenten glücklichen Tag!“
Flemming Praahs sang noch, als er in der Morgenstunde heimwärts steuerte, ein wenig unsicher auf den Beinen, aber sicher über die Richtung, die er einschlagcn mußte, um nach Hause ins Østerbro-Viertel zu kommen. Die Polizisten in Nyhavn sahen dem netten Herrn wohlwollend nach. Es war kalt, im Hafen schwammen noch Eisschollen, doch dem Studenten war warm, und er fand die Kälte angenehm. Alles war angenehm und erfreulich. Seine Schritte hallten laut in der leeren Straße, und er sang leise vor sich hin, während er voranschritt: „Vorbei, verweht, du goldne Zeit, so herrlich und so frei, mit Becherklang und Witz und Scherz, passé, verweht, vorbei!“
Am Ende der Amaliegade begegnete er einer Abteilung Soldaten. Sie kamen sicherlich vom Kastell und wollten zur Übung. Eins, zwei! Eins, zwei! Es begann, hell zu werden.
„Morgen, Jungs! Ihr seid in Ordnung! Ihr müßt jetzt arbeiten, und ich gehe nach Hause schlafen, haha!“
Ein Offizier stieß den gemütlichen cand. polit. unhöflich an. „Gehen Sie weiter! Schnell!“
Ja, aber . . . Was . . . Das waren ja . . . Sie hatten ja auch andere Uniformen! Das waren deutsche Soldaten! Flemming Praahs stand mit offenem Mund und sah ausländische Soldaten durch die friedliche Amaliegade marschieren. Wie im Traum sah er das. Stahlhelme, Stiefel, graugrüne Uniformen. Eins, zwei! Eins, zwei!
Was tut man, wenn man eines frühen Morgens fremde Truppen durch die Straßen marschieren sieht? Was tut ein cand. polit.? Was tut ein Bürger unter solchen Umständen? Er ruft die Polizei. Er meldet es den Behörden. Soviel Vertrauen hat ein Bürger in die Polizei. Flemming Praahs erinnerte sich eines Schildes, das er so oft gesehen und über das er sich immer amüsiert hatte – ein Schild an einer Tür des roten Ministerialgebäudes auf Slotsholm: „Nachtklingel des Generalstabs“ stand darauf. Dort mußte man klingeln, wenn der Feind zu nächtlicher Stunde kam.
Er blickte sich um, suchte die Polizei. Er lief. So ist es, wenn man im Traume läuft, dachte er. In der Bredgade sah er zwei Polizisten. „Hallo!“ rief er. „Hallo! Dort sind Deutsche! Deutsche sind in der Stadt!“
„Wirklich?“ fragte der eine Polizist. „Ist schon in Ordnung. Gehen Sie nur nach Hause!“
„Dort sind Soldaten!“ rief Praahs. „Sie marschieren mit Stahlhelmen durch die Straßen!“
„Jaja, ist ja gut. Sehen Sie nun zu, daß Sie nach Hause ins Bett kommen!“
„So wachen Sie doch auf, Mensch!“ schrie Praahs und packte den Polizisten an der Uniform. „Das ist Ernst! Hören Sie, die Deutschen sind in der Stadt! Durch die Amaliegade marschieren deutsche Soldaten! So tun Sie doch was, zum Teufel noch mal!“
Er hatte Tränen in den Augen.
„Wenn Sie sich nicht auf der Stelle ruhig nach Hause begeben“, sagte der eine Polizist, „dann tun wir etwas. Dann nehmen wir Sie nämlich fest!“
„Einen Augenblick – wie heißen Sie?“ fragte der andere Polizist unheilverkündend und traf Anstalten, sein Notizbuch herauszuholen.
„Mein Name ist cand. polit. Flemming Praahs, Sekretär im Sozialministerium. Ich habe nichts dagegen, festgenommen zu werden! Überhaupt nichts! Aber beeilen Sie sich!“
„Sie riechen nach Alkohol, Herr Praahs. Sie sollten lieber nach Hause gehen und sich zu Bett legen“, meinte der Polizist versöhnlich.
„Nein!“ rief Praahs. „Nein! In der Stadt geschehen wahnwitzige und unglaubliche Dinge, und Sie stehen hier und glotzen, wollen nichts unternehmen und sagen, die Leute sollen sich schlafen legen!“
„Na, dann kommen Sie mit!“
Die Polizisten setzten sich langsam mit cand. polit. Praahs in Bewegung. Viel zu langsam ging es zum Polizeirevier in der Store Kongensgade. „Beeilen Sie sich doch!“ trieb Praahs seine Bewacher an.
„Wir schaffen es schon.“
14
Flemming Praahs brauchte auf dem Polizeirevier Store Kongensgade keine Leiden zu erdulden. Er wurde weder geschlagen noch getreten. Niemand hatte Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen.
Das Polizeirevier hatte erfahren, daß Dänemark erobert worden war, als ein an der Langelinie patrouillierender Polizeibeamter Alarm schlug. Vom Kastellwall aus hatte jemand geschossen. Ein Auto war getroffen worden. Der Polizist bat um Verstärkung.
Eine Gruppe Polizisten, ausgerüstet mit Gummiknüppel und Revolver, wurde in Marsch gesetzt. Sie bildeten eine Kette und rückten vorsichtig gegen das Kastell vor. An der Esplanade trafen sie auf deutsche Soldaten. Die riefen: „Halt!“ und nahmen ihnen die Revolver ab.
Nein, keiner hatte Zeit, sich mit Praahs zu beschäftigen. Er durfte nach Haus zu seinen Eltern und ihnen erzählen, was geschehen war.
Die Sonne ging auf. Es wurde ein klarer und schöner Tag. In den frühen Morgenstunden kreisten schwarze, deutsche Bombenflugzeuge niedrig über der Stadt. Hellgrüne Zettel flatterten auf Dächer, Straßen und Parks hinab. Sie lagen auf den Bürgersteigen und hingen in den kahlen Bäumen. Auch auf dem Eis des Sortedamsees lagen Zettel.
Praahs hob einen grünen Zettel auf und las: „Aufruf! An Dänemarks Soldaten und Volk!“ Die Unterschrift lautete: „Der deutsche Befehlshaber, Kaupisch.“ Auf dem Zettel stand in schlechtem Dänisch, daß Deutschland mit seinen Machtmitteln den Schutz der Neutralität der Königreiche Dänemark und Norwegen übernommen habe. Nøjtralitæt 2 stand dort. Das alles sei nur geschehen, um die Freiheit und Unabhängigkeit des Volkes zu sichern. Für die Sicherung des Landes gegen englische Übergriffe würden von nun an das deutsche Heer und die deutsche Flotte sorgen. Jeder Widerstand sei nutzlos und würde mit allen Machtmitteln gebrochen werden. Die militärischen und kommunalen Dienststellen wurden aufgefordert, mit den deutschen Kommandanten Verbindung aufzunehmen.
So wurde das Volk über die eingetretenen Veränderungen unterrichtet.
Der junge Flemming Praahs weckte seine Eltern und unterrichtete sie über die Lage im Lande. Auch die Polizei war nun unterrichtet, die Behörden, die Regierung, der König. Alle wurden nach und nach geweckt.
Die deutschen Soldaten, die an diesem Frühlingsmorgen durch Kopenhagen patrouillierten, waren über das Meer gekommen. Morgens gegen vier Uhr hatten zwei fremde Schiffe an der Langelinie angelegt. Man hatte sie von Norden her einlaufen sehen, als sie mit hoher Fahrt die Kroneløbs-Feuerlinie ansteuerten. Das vordere Schiff führte eine einzelne Topplaterne und Seitenlaternen, das hintere zwei Topplaternen und Seitenlaternen.
Beide Schiffe waren zuerst vom Fort Middelgrund gesichtet worden. Als sie nicht stoppten, um Lotsen an Bord zu nehmen, richtete man vom Fort einen Scheinwerfer auf das erste Fahrzeug, das als Schleppdampfer ausgemacht wurde, hißte das Stoppsignal und beleuchtete es.
Danach richtete man den Scheinwerfer auf das zweite Fahrzeug; es schien ein unbewaffnetes Kriegsschiff unbekannter Nationalität zu sein. An Deck war niemand zu sehen. Als der Scheinwerfer das Schiff traf, gab man von dort eine Reihe Blinksignale. Daraufhin wurde der Scheinwerfer ausgeschaltet und der Befehl erteilt, einen Warnschuß abzufeuern.
„Wir geben ihnen eins aufs Dach!“ sagte der Geschützführer und schob eigenhändig die Granate ins Rohr. Aber es gab nichts aufs Dach. Die beiden Schiffe fuhren weiter.
„Bei der Untersuchung der Kanone zeigte es sich, daß der Warnschuß nicht gefallen war, da die Kartusche auf Grund von Fett in der Kammer nicht eingeführt werden konnte, so daß der Keilverschluß nicht zu betätigen war. Auf Grund der Unerfahrenheit des Geschützführers und seiner mangelnden Kenntnis des Dienstablaufs im Fort, was seiner kurzen Dienstzeit auf dem Fort (vier Tage) zugeschrieben werden muß, blieben seine wiederholten Versuche, die Kanone zu schließen, ohne Erfolg. Da der Schuß nicht fiel, untersuchte der Wachhabende die Kanone, nachdem er mit dem Signalisieren und dem Dienst am Scheinwerfer fertig war. Zu diesem Zeitpunkt hielt man es für zu spät, die zweite Kanone anzuwenden.“
Um 4.03 Uhr meldete das Fort Middelgrund der Kommandostation Lynetten, was geschehen war. Die Station gab um 4.17 Uhr die Meldung an den Nachrichtendienst der Marine weiter.
So wurde die Hauptstadt des Landes erobert. Es war ein Dienstag. Als die Einwohner der Stadt auf die Straße kamen, um zur Arbeit zu gehen, merkten sie, daß etwas geschehen sein mußte. Die Linie 6 fuhr durch die Farimagsgade, wo sie nichts zu suchen hatte. Was war geschehen? Ja, die Deutschen hatten das Land besetzt. Deshalb war es notwendig gewesen, die Straßenbahnen umzuleiten.
Die Vorortbahnen hielten nicht an der Station Østerport, und die Leute, die dort aussteigen wollten, mußten weiterfahren. „He! Warum halten wir nicht?“ – „Nein, heute können die Züge in Østerport nicht halten, weil die Station von ausländischen Soldaten besetzt ist.“ Langelinie war für alle, die auf der Mole ihren Morgenspaziergang zu machen pflegten, gesperrt. Das Kastell war erobert.
Quer über die Bredgade hatten die Deutschen aus Autos eine Barrikade errichtet. Die Leute betrachteten verwundert das Arrangement und wurden von den Wachposten weggejagt. Einige Zuschauer waren witzig: „Teufel noch mal! Habt ihr die Siegfriedlinie hierher verlegt?“ Am Schloß Amalienborg war es zu Schießereien gekommen. Einige Wachsoldaten seien erschossen worden, erzählte man. Die Regierung verhandele mit den Deutschen. Man sagte, der König weine.
Man sagte soviel. Die Leute blieben auf der Straße stehen und erzählten und hörten Neues. Man sagte, die Deutschen seien in Korsør und Nyborg und Middelfart an Land gegangen. Auch auf Falster seien deutsche Truppen gelandet. Größere deutsche Truppenverbände hätten an sechs verschiedenen Stellen die Grenze überschritten und rückten auf Jütland vor. Dänische Grenzgendarmen seien von Mördern in Zivil hinterrücks erschossen worden.
In einigen Orten Jütlands leisteten die Dänen Widerstand. Der Verteidigungsminister hatte noch beizeiten befohlen, auf keinen Fall zu mobilisieren. Um nicht herauszufordern.
Der Rundfunk sendete Morgengymnastik, zuerst für Männer, dann für Frauen.
Die Kinder gingen zur Schule. Der morgendliche Strom der Radfahrer füllte die Kopenhagener Straßen. Überall, wo deutsche Wachposten aufgestellt waren, sammelten sich Neugierige und starrten auf die Handgranaten und Stahlhelme der Fremden. Es war wie am Kinderhilfstag, wenn die Menschen verkleidet durch die Straßen zogen. Einige, die Deutsch gelernt hatten, nutzten die Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse anzuwenden; es gab auch welche, die den deutschen Soldaten Zigaretten anboten. Eine Menge Mädchen fanden sich ein, als handele es sich um einen friedlichen Flottenbesuch. Und die großen, schwarzen Flugzeuge flogen in Formation niedrig über die Stadt hinweg und übertönten die Straßenbahnen und die Fahrradklingeln.
Im Rundfunk war nach der Morgengymnastik eine Sendepause. Dann folgte die Morgenandacht. Nummer achtundfünfzig im Gesangbuch:
Unermeßlich wie der Sand
und ohne Grenzen
wie die tiefen Wasser des Meeres
ist die Gnade des Herrn.
Er hat in dieser Nacht
mein Haus und Heim
mit Engelsscharen umstellt,
daß mir und den Meinen
kein Leid geschah.
Aber die Leute telefonierten miteinander und hörten Neues. Das Radio schwieg, doch die Gerüchte gingen von Haus zu Haus, die Neuigkeiten liefen durch die Straßen, sie fuhren mit der Straßenbahn, sie kamen mit der Milch und den Brötchen, sie reisten mit den Autobussen weit hinaus ins Land.
Flemming Praahs bekam nicht den Schlaf, den er so dringend brauchte. Bleich vor Müdigkeit räumte er in Regalen und Schubkästen auf; er glaubte, Dinge zu besitzen, die gefährlich werden könnten, wenn es den Deutschen einfallen sollte, das Haus im Østerbro-Viertel zu stürmen. Die Wohnung hatte Zentralheizung. Er mußte die Bücher in das Wohnzimmer der Eltern hinübertragen, wo man der Gemütlichkeit wegen einen Kamin eingebaut hatte, einen fire-place, wie seine Mutter sagte, eine cosy corner mit Kissen und Fußbänken, Feuerzange und Blasebalg und einer Gabel zum Brotrösten. Jetzt wurde mit „Akademischen Intelligenzblättern“ Feuer gemacht.
Die Broschüren aus Flemming Praahs’ revolutionärer Jugendzeit gingen in Flammen auf. „Die Krise in der Landwirtschaft“ – in den Kamin. „Wer stahl das Geld der Schuharbeiter?“ – in den Kamin!
Flemming besaß auch „Das Kapital“ von Karl Marx. Vier Bände in grauem Leinen, die herausfordernd und trotzig in seinem Regal standen. Er hatte es nicht geschafft, darin zu lesen, aber er hatte sich vorgenommen, es einmal zu tun, wenn er mehr Zeit hatte. Nun wurde wohl nichts mehr daraus. Es waren schöne Bände, teure Bücher, 2 700 Seiten dünnes Papier. Hier und dort hätten sinnige Unterstreichungen sein müssen, Anmerkungen und Zeichen am Rand; doch nun war das ja egal.
„Das Kapital“ brannte schlecht. Die Bücher glimmten im Schnitt, sie wollten nicht richtig Feuer fangen. Praahs schlug wild mit der Feuerzange auf sie ein, seine Hände zitterten, vielleicht ging es um Leben oder Tod, wenn das verdammte Buch nicht endlich verbrannte. Seine Mutter – noch im Morgenrock – half mit dem Blasebalg nach, der mit Messingnägeln und dem norwegischen Staatswappen verziert war. Sie blies ruhig und zielbewußt auf Karl Marx, so daß die Flammen aufloderten.
Der norwegische Löwe mit der Axt in den Vorderpfoten erinnerte die gnädige Frau an friedliche Ferien im Gudbrandsdal. Nun hatten die Deutschen auch Norwegen besetzt, im Ferienland war Krieg, in den Bergen wurde gekämpft. Einfach unvorstellbar, der Urlaubsort als Kriegsschauplatz, das Hotel, in dem die Familie Praahs damals gewohnt hatte!
Freunde hatten telefonisch mitgeteilt, die Invasion in Norwegen erstrecke sich von Oslo bis Trondheim, und das norwegische Volk leiste Widerstand. Professor Praahs kannte viele, die Verbindungen hatten und Bescheid wissen mußten, und so war er in die Stadt gegangen, um etwas Neues zu erfahren. Er kannte Chefredakteur Angvis vom „Dagbladet“. Dort mußte man alles wissen.
Dann brannte „Das Kapital“ endlich. Der junge Praahs kam mit weiteren Schriften und Büchern. Frau Praahs stand vornehm und ruhig mit dem Blasebalg bereit. „Der Kulturkampf“ brannte und „Das Luftloch“. Auch eine kleine Ausgabe von Frederik Dreiers Schriften wanderte ungelesen in den Kamin. „Glaubst du wirklich, daß die Deutschen Frederik Dreier kennen?“ fragte Frau Praahs. „Die kennen mehr, als du ahnst!“ antwortete ihr Sohn. „Das Buch ist im Mondes-Verlag erschienen, schon das kann schlimm genug sein.“
„Es ist noch nicht einmal aufgeschnitten“, sagte Frau Praahs.
Robert Rieges sexualpolitische Broschüren kamen sicherheitshalber ebenfalls in den Kamin. Auch Nummern der „Sexualtidende“ und Poul Henningsens „Was mit der Kultur?“ wurden den Flammen überantwortet. Und die Frau Professor blies mit dem dekorierten norwegischen Blasebalg auf den brennenden Freigeist.
Dann gab das Radio plötzlich Laute von sich. Mutter und Sohn am Kamin ließen das Pusten sein und lauschten angespannt. Der dänische Sprecher verlas eine Botschaft des Generals Kaupisch. Die Stimme des Sprechers war bewegt, man konnte hören, daß er die Botschaft widerwillig verlas. Ihr Inhalt glich etwa dem, was auf den hellgrünen Zetteln gedruckt stand, die aus deutschen Flugzeugen auf Kopenhagen herabgeflattert waren. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Ruhe zu bewahren und die Radios eingeschaltet zu lassen, da noch wichtige Mitteilungen zu erwarten seien. Danach brachte man Musik von Schallplatten. „Kalle, Kalle, Kalle aus Schonen.“ Alle halbe Stunde wurde der Aufruf des Generals wiederholt.
Frau Praahs schürte das Feuer, und die glimmenden Schriften flammten wieder auf. Der Sohn trug noch ein paar Bücher und Zeitungen herbei, die ihm gefährlich schienen.
Das letzte, was im Kamin der Familie Praahs verbrannt wurde, war eine lederne Schreibunterlage, eine Mappe und ein Löscher mit Monogramm und Hammer und Sichel.
15
In allen Häusern waren die Radios eingeschaltet. Im ganzen Land wartete man darauf, was aus den Apparaten zu hören sein würde.
Auf Frydenholm ging Graf Preben erwartungsvoll in seinen Gemächern auf und ab und lauschte den Schallplatten, die zwischen den Verlesungen des Aufrufs gespielt wurden. Blond und arisch und blanke schwarze Reitstiefel, so schritt er durch seine historischen Räume. Der Revolver stak entfettet und geladen in seiner Hosentasche.
Graf Preben war am Abend des achten April von Kopenhagen nach Frydenholm zurückgekehrt und hatte sofort begonnen, den Revolver zu putzen. In der Hauptstadt hatte er gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen müssen. Am Sonnabend, dem sechsten April, war er zu einem Essen im Kastelsvej beim deutschen Gesandten, seinem Freund Christian von Renthe-Fink, gewesen. Dort hatte er Persönlichkeiten des kulturellen Lebens, so den Schriftsteller François von Hahn und den Dirigenten Furtwängler sowie dänische Politiker und hohe Heeres- und Marineoffiziere, angetroffen. Von Renthe-Fink war oft Graf Prebens Gast auf Frydenholm gewesen, doch an diesem Abend wirkte er seltsam kühl und zerstreut, er schien seinen dänischen Freund kaum zu kennen. Die Frau des Gesandten war gezwungen lustig und nervös, sie lachte und redete mit lauter Stimme. Die Gäste dagegen sprachen fast alle sehr leise.
François von Hahn sagte flüsternd zum Grafen: „Sehen Sie sich mal den Admiral an! Ich glaube, er hat Angst, von den Deutschen gefangengenommen zu werden, sobald der Kaffee serviert ist.“
Der Graf betrachtete durch ein Monokel den Admiral und antwortete in seinem fünischen Dialekt: „Ja, er sieht wirklich ein wenig bedrückt aus.“
François von Hahn war durchaus nicht bedrückt. Er saß zufrieden und wissend da und scherzte nach links und rechts. Der Wirt sah ihn ab und zu beinahe ängstlich an. Es wurde ziemlich viel Sekt getrunken. Die dänischen Marineoffiziere standen in den Ecken und flüsterten erregt. Ihnen war bekannt, daß die Schiffe der Flotte plötzlich von Kopenhagen in die Gewässer um Frederikshavn, Skagen und Hirtshals dirigiert worden waren. Die Seeoffiziere verstanden diese Disposition nicht. François von Hahn und Graf Preben blickten einander lächelnd an.
Gegen Mitternacht wurde ein Film über den Einsatz der deutschen Luftwaffe im Krieg gegen Polen gezeigt. Seht, so ergeht es einem Volk, das sich zur Wehr setzt! Ruinen und Bombenkrater, das ist alles, was von einem widerspenstigen Land übrigbleibt! Zum Schluß erschien Hermann Göring auf der Leinwand, grinste gemütlich und versprach den Zuschauern den baldigen Untergang Englands. Es schien dem Grafen, daß die dänischen Offiziere verlegen aussahen, als sie sich verabschiedeten und dem Wirt und der Wirtin für den Abend dankten; für den Sonnabend, den sechsten April.
Heute war der Neunte. Die Musik im Radio wurde unterbrochen, und der Graf unterbrach seinen Marsch durch die Zimmer. Der Schäferhund erwachte und spitzte die Ohren. Man verlas wieder den Aufruf des Generals: „... Darum hat Deutschland beschlossen, dem englischen Angriff zuvorzukommen und mit seinen Streitkräften den Schutz der Neutralität Dänemarks zu übernehmen . . . Über diese Maßnahme werden zur Stunde Vereinbarungen zwischen der Regierung des Deutschen Reiches und der Königlich Dänischen Regierung getroffen. Diese Vereinbarungen sollen garantieren, daß das Königreich weiterbesteht, daß Heer und Flotte erhalten bleiben, daß die Freiheit des dänischen Volkes geachtet und die zukünftige Unabhängigkeit dieses Volkes vollauf gesichert wird. . . Die Bevölkerung wird aufgefordert, ihrer täglichen Arbeit nachzugehen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen!“
Die tägliche Arbeit, natürlich wurde sie getan. Die Kühe mußten doch gemolken werden. Auch an diesem Morgen wurden die Milchkannen an die Straße gestellt, und das Milchauto holte sie ab wie üblich. Auf den Höfen krähten die Hähne. In Bäcker Andersens Laden duftete es nach frischen Brötchen. Die Milch wurde – wie an allen anderen Tagen – in der Molkerei verarbeitet. Oscar Poulsen war an seinem Platz, er stand in eine Dampfwolke gehüllt, die Maschinen drehten sich, Eimer klapperten, Flaschen klirrten.
Der Postbote kam auf dem Fahrrad mit einer Tasche voller Briefe und Zeitungen und Neuigkeiten von gestern, als alles noch anders war. Der gelbe Bus kam zur gewohnten Zeit und nahm die Schulkinder mit. Der Konsum öffnete und der Kaufmann und der kleine Laden des Gärtners. Die Leute gingen zur Arbeit. Man bemerkte keine Veränderungen. Und doch war alles anders.
Johanne kam zu Margrete hinüber. „Was meinst du dazu?“
Martin hatte das Haus verlassen, ohne etwas zu wissen. Er hatte nicht Radio gehört. Rosa war in der Schule. Gerda fuhr den Kleinsten im Kinderwagen vor dem Hause auf und ab, auf und ab. Niels saß in einer Obstkiste, spielte Auto und machte: „Brr, brr!“ Er kuppelte, fuhr im Rückwärtsgang und bremste. „Brr, brr!“
„Was sagt Oscar?“
„Oscar sagt, daß alle Papiere beseitigt werden müssen. Die Karteikarten mit den Namen der Mitglieder und das Protokoll. Und falls alte Rundschreiben oder ähnliches von der Partei herumliegen, sollen sie auch verbrannt werden.“
„Hier liegt soviel herum“, seufzte Margrete. „Martin liebt Papier. Er kann sich nicht dazu aufraffen, etwas wegzuschmeißen. Er hebt alle Rundschreiben auf. Direkt herrlich, daß ich das endlich verbrennen darf! “
Martin besaß eine umfangreiche Broschürensammlung, ein großes Regal voller Drucksachen, die einmal aktuell gewesen waren. „Es ist gut, sie zu haben“, sagte er oft. „Ohne revolutionäre Theorie gibt es keine revolutionäre Bewegung!“ Margrete aber meinte, daß sich auf all dieser Theorie nur Staub ansammele. Wer las denn schon zehn Jahre alte Broschüren! Von einigen waren sogar mehrere Exemplare vorhanden. Reichte nicht ein Exemplar von jeder? Martin blieb dabei, daß es gut sei, sie zu haben.
„Ich möchte ungern etwas anrühren, bevor Martin zu Hause ist“, sagte Margrete. „Ob er zu Mittag nach Hause kommt? Wir ahnten ja nichts, als er heute früh ging. Erst als Jens Olsen herübergelaufen kam und rief: ,Der Deutsche ist im Land!‘, erfuhr ich davon. Er war ganz außer sich und glaubte, man würde ihm seine Schweine wegnehmen. Er trug sich mit dem Gedanken, sie zu schlachten und einzugraben.“
„Oscar sagt, hier kommt es genauso wie in der Tschechoslowakei und in Österreich. Sie werden alle Kommunisten einsperren. Den Deutschen dürften um nichts in der Welt die Mitgliederliste, die Karteikarten oder etwas anderes mit Namen darauf in die Hände fallen! Oscar sagt auch, daß die Parteigruppe jetzt so organisiert werden muß, daß sich die Mitglieder untereinander nicht kennen.“
„Ja, aber, wie können wir denn plötzlich aufhören, uns zu kennen?“
„Das weiß ich auch nicht“, antwortete Johanne. „Aber Oscar sagt es. Er sagt auch, daß wir an Stelle der Parteigruppe vielleicht einen Schachklub oder einen Sparverein oder einen Briefmarkenklub gründen sollen.“
Klein Niels in der Kiste kuppelte. „Brr, brr! Brumm, brumm!“ Und das Radio spielte: „Kalle, Kalle, Kalle aus Schonen!“ Ihr ganzes Leben lang würde für Margrete diese Melodie mit dem neunten April und der Eroberung des Landes durch die Deutschen zusammengehören. Draußen auf der Straße marschierte Höschen-Marius, der Herrenmensch, vorbei. Mit einem großen Pfefferminzbonbon im Mund und mit nassem Schnurrbart. Er drohte Gerda, die den Kinderwagen schob, mit dem Stock. „Bolschewistengör! Judenbalg!“ rief Marius. „Nimm dich in acht!“ Höschen-Marius war sicherlich auf dem Wege zu seinem Volksgenossen Niels Madsen. Nun war ihre Zeit gekommen. Nun war Schluß mit der Frechheit der Juden im Kreis Præstø.
Das Radio brachte neue Nachrichten. Die Botschaft der Regierung und des Königs an das dänische Volk: „. . . Die deutschen Truppen, die jetzt im Lande sind, nehmen mit der dänischen Wehrmacht Verbindung auf. Es ist die Pflicht der Bevölkerung, sich jedes Widerstands gegen diese Truppen zu enthalten. Die dänische Regierung wird versuchen, das dänische Volk und unser Land vor dem mit einem Krieg verbundenen Unheil zu schützen. Sie fordert daher die ganze Bevölkerung auf, sich ruhig und beherrscht zu verhalten und der entstandenen Lage Rechnung zu tragen. Ruhe und Ordnung müssen das Land prägen, und allen, die die Macht ausüben, ist loyales Entgegenkommen zu erweisen.“
Danach wurde eine besondere Botschaft des Königs verlesen. „Unter diesen für unser Vaterland so ernsten Verhältnissen fordere ich alle in Stadt und Land auf, ein völlig korrektes und würdiges Auftreten zu zeigen, da jede unüberlegte Handlung oder Äußerung die schwersten Folgen haben kann. Gott schütze Sie alle! Gott schütze Dänemark!“
„Ja, dem habe ich nichts hinzuzufügen“, sagte Rasmus Larsen zu den Arbeitern, die mit ihm zusammen die Botschaft gehört hatten. Die Arbeitslosen, die zur Kontrolle gekommen waren, hatten ausnahmsweise seine gute Stube betreten dürfen; außer den Arbeitslosen waren noch ein paar Freunde von der Wählervereinigung da, um zu hören, was ihr Vorsitzender über die Situation zu sagen habe. Würde die Sozialdemokratie verboten werden? Würden die Sozialdemokraten – wie in Österreich – verhaftet werden? Würden die Gewerkschaften aufgelöst werden?
Frau Larsen betrachtete vergrämt ihre lackierten Fußböden, die nun zerschabt und zerkratzt wurden. Der Schmutz, den diese Menschen mit ins Haus schleppten! Und das jetzt, wo echter Fußbodenfirnis nicht aufzutreiben war!
„Ich habe dem nichts hinzuzufügen“, wiederholte Rasmus Vorsitzender. „Ihr habt selbst gehört, was Stauning und der König sagen. Wir müssen unter den veränderten Umständen würdig und korrekt auftreten. Die Zukunft wird natürlich eine Umstellung der gewohnten Verhältnisse mit sich bringen. Vorläufig gilt es, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten und allen, die die Macht ausüben, loyales Entgegenkommen zu erweisen!“
„Das hört sich schön an“, meinte ein Arbeiter. „Du sagst das sehr schön, Rasmus! Man könnte glauben, du bist Ministerpräsident. Ja, Umstellung der gewohnten Verhältnisse! Ruhe und Ordnung und loyales Entgegenkommen! Das heißt: Schnauze gehalten und mitmarschiert! Jetzt sollen wir wohl auch Deutsch lernen? Kommt der Deutsche erst hierher, kommt der Deutsche erst hierher, dann bedaure ich euch sehr, ja, bedaure ich euch sehr! Und wo ist all das verfluchte Geld, das wir fürs Militär gezahlt haben? Wo, zum Teufel, ist das Militär gewesen? Wo waren die Flotte und die Flugzeuge und die Minen und die Kanonen? Wo ist der ganze Dreck, für den wir gezahlt haben?“
„Die Regierung ist bei ihren Beschlüssen von dem ausgegangen, was uns allen am meisten dient“, antwortete Rasmus Larsen. „Sie hat doch wohl ein wenig mehr Einsicht und Überblick als du, Karl. Sie ist nicht auf Abenteuer aus. Die Deutschen könnten doch unser ganzes Land in ein paar Stunden kurz und klein schlagen. Und was dann?“
„Aber wozu haben wir all den teuren Militärmist dann angeschafft? Was wollten wir mit dem Zeug, wenn man von vornherein wußte, daß es nicht gebraucht werden sollte?“
„Man wußte nichts von vornherein. Ein gut ausgerüstetes Heer kann vielleicht eine gewisse abschreckende Wirkung ausüben. Es kann vielleicht einem Angriff Vorbeugen. Doch jetzt, wo das Unglück geschehen ist, wer will es da verantworten, wenn wir ein zweites Polen werden? Was, wenn Kopenhagen und andere Städte dem Erdboden gleichgemacht würden?“
„In Norwegen kämpfen sie“, hielt ihm einer entgegen.
„Woher weißt du das?“
„Das hat der schwedische Rundfunk gebracht.“
Ja, es gab ja noch den schwedischen Rundfunk! Den konnte man ja auch hören. Stimmen wurden laut, Rasmus Larsens Radio auf einen schwedischen Sender einzustellen, doch Rasmus wollte davon nichts wissen. Es war seine Pflicht als Vorsitzender und verantwortliche Persönlichkeit, sein Radio für die Botschaften und Anweisungen bereitzuhalten, die kommen mußten.
„Ihr könnt mir nicht einreden, das alles sei unerwartet geschehen“, sagte der, der Karl hieß. „Es gibt bestimmt einige, die vorher Bescheid gewußt haben. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht einige Minister und Generale und Admirale unterrichtet waren. So etwas läßt sich nicht über Nacht machen! Sie haben es gewußt!“
„Das ist haargenau das verantwortungslose Gerede, mit dem man uns jetzt am besten verschonen sollte“, sagte Rasmus Vorsitzender streng. „Das ist genau das Gequatsche, das jetzt gefährlich und schädlich ist. Die Lage im Lande ist heute nicht mehr die gleiche wie gestern. Die Verhältnisse sind äußerst ernst. Das muß den Leuten wohl erst einmal aufgehen!“
Aus dem Radio erklang wieder die Botschaft des Königs: „Unter diesen für unser Vaterland so ernsten Verhältnissen fordere ich alle in Stadt und Land auf, ein völlig korrektes und würdiges Auftreten zu zeigen, da jede unüberlegte Handlung oder Äußerung die schwersten Folgen haben kann.
„Hörst du?“ sagte Rasmus Vorsitzender.
16
Martin Olsen wollte sich durchaus nicht von seinen geliebten Broschüren trennen. Sie durften nicht verbrannt werden. Ausgeschlossen! Sie waren unentbehrlich. Es war gut, sie zu haben.
Nur widerstrebend erklärte er sich damit einverstanden, das, was er das „Archiv“ nannte, zu opfern. Das Archiv der Parteigruppe war ein riesiger Stapel Papier – alte Rundschreiben, Mitteilungen und Einladungen zu Versammlungen –, der die beiden untersten Kommodenschubladen füllte. Sie leer zu bekommen war seit langem einer von Margretes großen Wünschen. Der traurige Tag brachte also auch ein wenig Gutes. Sie stapelte das Papier auf den Fußboden und begann, die Schubfächer auszuwaschen.
Martin war, wie erwartet, gegen Mittag nach Hause gekommen. Oscar Poulsen war aus der Molkerei herübergekommen, unternehmungslustig und voll von Parolen und Fremdwörter. Ein alter Ziegeleiarbeiter, Jakob Enevoldsen, war ebenfalls gekommen. Er wohnte in seinem selbstgebauten Haus draußen am Moor und hatte den Weg von einer halben Meile auf einem alten Fahrrad mit schlechten Reifen zurückgelegt. Es waren ja keine Fahrradreifen mehr aufzutreiben, die Leute hatten gehamstert, auch solche, die gar kein Fahrrad besaßen. Jakob hatte seinen Hund mitgebracht, einen kleinen, japsenden Foxterrier, der von dem Weg so ermattet war, daß er sich auf die Seite legte und aussah, als müßte er sterben. Er konnte Kunststückchen machen und war klug und gutmütig, doch als die graue Katze des Hauses den Hund erblickte, wurde sie furchtbar erregt und fauchte wie wahnsinnig: ihr Schwanz stand aufrecht und war dick und buschig wie ein Fuchsschwanz. Die fromme Katze, die sich sonst drücken und von den Kindern umherschleppen ließ, hatte sich in ein rasendes, wildes Tier verwandelt, und als Martin sie hinausbringen wollte, biß sie ihn, so daß er blutete. Margrete entschuldigte die Katze: „Sie ist tragend. Sie ist nur jetzt so nervös, sonst ist sie so eine gute Mieze!“
Martin mußte Jod für seine Hand haben. „Sie hat tief gebissen. Dieser Satan!“
Noch mehr Genossen kamen. Es wurde eine richtige Versammlung. Auch der lange Anton, der sich selten bei Versammlungen sehen ließ, tauchte auf. „Was wird geschehen? Ist es wahr, daß alle Jagdgewehre beschlagnahmt werden?“
Margrete kochte Kaffee. Der Herd wurde mit dem Archiv geheizt; alle diese uralten Einladungen und Berichte und Mitteilungen waren nun endlich zu etwas nütze. Margrete kam es vor, als träume sie das alles. Ihr war, als sei sie Zuschauer und außerhalb des eigenen Ichs, während sie in der Küche hantierte und die Männer in der Stube sprechen hörte. Wenn sie doch alle bloß bald gehen wollten, so daß sie mit Martin allein sein könnte. Alle sprachen gleichzeitig. Jakob Enevoldsens Pfeife verbreitete schrecklichen Qualm. Jakob rauchte einen Tabak, den er aus getrockneter Schafgarbe herstellte. Die Pfeife war zerbrochen und auf bemerkenswerte Art mit Gummi und Heftpflaster umwickelt; und der Schafgarberauch machte Kopfschmerzen und Ohrensausen.
Brüderchen war hereingebracht worden und schrie wütend und ausdauernd.
„Na aber! Ist er denn traurig, der Kleine?“ sagte Margrete. „Na, jetzt kriegst du aber auch gleich etwas zu essen, Peterle!“
Der Kleine schrie weiter. Niels und Gerda zankten sich. „Sie ärgert mich die ganze Zeit!“ brüllte Niels.
„Das darfst du nicht“, mahnte Margrete.
„Er fängt doch immer wieder an!“ rief Gerda.
„Seid jetzt friedlich! Martin, sage ihnen, daß sie friedlich sein sollen!“
„Ihr sollt friedlich sein!“ sagte Martin. „Hört jetzt auf! Hör auf, ihn zu ärgern!“
„Das tue ich ja auch gar nicht! Er ärgert mich immerzu!“
„Hört jetzt beide auf! Geht auseinander!“
„Komm und stell die Tassen hin, Gerda!“ rief Margrete. „Nimm die Tischdecke aus der obersten Schublade.“ Es ärgerte sie ein bißchen, daß Johanne untätig in der Stube hockte und ihr nicht half, wo sie doch soviel zu tun hatte; und der Kleine schrie. Johanne mit ihrem geschminkten Mund saß steif auf dem Sofa. Konnte sie nicht ein bißchen helfen? Vielleicht aber fühlte auch sie ein Grauen in sich, das sie steif machte.
Gerda legte die Decke auf den ovalen Tisch und stellte die geblümten Tassen hin. „Geh vorsichtig damit um!“ rief Margrete.
„Wir müssen in der kommenden Periode unsere Tätigkeit nach konspirativen Methoden durchführen“, sagte Oscar und sprach wie eine Broschüre. „Wir müssen uns schnellstens auf die Illegalität umstellen. Wir müssen die Kader organisieren!“ Nicht alle verstanden richtig, was er meinte. Oscar sammelte schwierige Wörter, wie Martin Drucksachen sammelte.
Das Radio blieb während der Beratung eingeschaltet. Verschiedene Befehle, Anordnungen und Anweisungen wurden durchgegeben. Nach Sonnenuntergang sollte das ganze Land verdunkelt werden, man sollte alle Fenster mit schwarzem Papier verhängen. Außerdem war von sofort an der Verkauf und Ausschank von Bier, Wein und Spirituosen aller Art verboten. Auch die Proklamation der Regierung und die des Königs wurden wiederholt. „Unter diesen für unser Vaterland so ernsten Verhältnissen . . . “
Keiner hatte bisher einen Deutschen gesehen. Es wurde erzählt, sie seien in Korsør und auf Falster an Land gegangen. Sie seien über die Storestroms-Brücke gefahren, ohne daß jemand versucht habe, sie daran zu hindern; und die Brücke sei nicht gesprengt worden. Aber in Jütland werde gekämpft. Hieß es. Im Konsum wußte man, daß die Soldaten in Sønderborg bis zum letzten Mann kämpften; denn der Verkaufsstellenleiter hatte einen Sohn in der Kaserne in Sønderborg und war ganz außer sich. Sein Sohn gehöre nicht zu denen, die sich ergeben, niemals! Doch wer konnte wissen, was in Sønderborg geschah? Das alles waren nur Gerüchte.
Die Gerüchte gingen vom Konsum und vom Kaufmannsladen aus, wo die Leute schwarzes Verdunklungspapier kauften. Der Postbote brachte auch Gerüchte mit und trug sie von Haus zu Haus. Mit dem Autobus kam ein Gerücht aus Roskilde: Die Garnison dort habe sich geweigert zu kapitulieren; sie habe sich nach Helsingør durchgeschlagen, sich einer Fähre bemächtigt und sich dem schwedischen Heer angeschlossen. Der Busfahrer kannte selbst den Fuhrunternehmer in Roskilde, der morgens um sieben die Fahrzeuge für den Transport beschafft hatte. Schweden solle sich auch im Krieg befinden, da die Deutschen durch Schweden nach Norwegen marschieren wollten.
Aber man konnte ja den schwedischen Rundfunk hören, und da fiel kein Wort davon, daß dort Krieg sei. Man sprach dort nür von Kampfhandlungen in Norwegen. Die Deutschen hätten Oslo erobert, doch der norwegische König und die Regierung seien beim Heer, das sich nach Norden zurückzöge. Norwegen solle verteidigt werden. Die mächtige britische Flotte würde selbstverständlich zu Hilfe kommen.
Das Radio wurde vom dänischen zum schwedischen und vom schwedischen zum dänischen Rundfunk gedreht. Margrete schenkte den Genossen den Kaffee ein. „Das ist echter Kaffee-Ersatz!“ sagte sie und versuchte, lustig zu sein. „Aber er ist auf unserem Archiv gekocht“, brummte Martin.
Der kleine Peter war nun ruhig und zufrieden. Gerda fütterte ihn mit einem gelblichen Brei, der ihm die dicken Bäckchen hinunterlief. Jakob Enevoldsens kleiner Hund war nach den Anstrengungen eingeschlafen und träumte sicherlich etwas Angenehmes. Er lächelte im Schlaf, und sein kleiner Schwanz bewegte sich ab und zu glücklich.
Im Radio wurde nichts über die Ablieferung von Jagdgewehren gesagt. Der lange Anton war beruhigt; auf der Stempelsteile hatte man nämlich erzählt, alle Büchsen müßten abgegeben werden. Anton war Jäger und besaß eine wunderbare Jagdflinte, die zusammengelegt und in der Innentasche eines Mantels versteckt werden konnte; er wollte sie keinesfalls dem Feind ausliefern. Da würde er sie lieber im Wald in einem Baum verstecken!
Aber den Feind sollte man wirklich nicht mit Jagdgewehren bekämpfen, meinte Oscar. Bevor man einen Widerstand organisieren könne, müßten noch sorgfältige Vorbereitungen getroffen werden. Oscar sprach von der Möglichkeit, illegale Fünfergruppen zu bilden, die als Schachvereine getarnt wären. „Wir müssen jetzt konspirativ denken“, sagte der frühere Spanienkämpfer.
Martin war der Meinung, jemand müsse sofort nach Præstø fahren und mit der Kreisleitung Verbindung aufnehmen. Vorher könne man nichts tun. Er würde auch gern selbst hinfahren.
„Wahrscheinlich haben die Deutschen das Büro der Kreisleitung schon längst besetzt“, sagte Oscar.
„Glaubst du wirklich?“
„Es ist ja nicht sicher, daß sie die Adresse kennen“, warf Jakob Enevoldsen ein.
„Und es ist ja auch nicht sicher, daß die Deutschen daran interessiert sind“, sagte Margrete. „Was sollen sie in der Kreisleitung?“
„. . . Über diese Maßnahme werden zur Stunde Vereinbarungen zwischen der Regierung des Deutschen Reiches und der Königlich Dänischen Regierung getroffen“, wiederholte das Radio. „Diese Vereinbarungen sollen garantieren, daß das Königreich weiterbesteht, daß Heer und Flotte erhalten bleiben, daß die Freiheit des dänischen Volkes geachtet und die zukünftige Unabhängigkeit dieses Volkes vollauf gesichert wird . . .“
„Glaubt ihr daran?“ fragte Oscar.
Nein, es gab keinen, der an deutsche Erklärungen glaubte. Es gab keinen, der glaubte, die Deutschen würden irgendwelche Freiheit achten. Aber deshalb brauchte es ja nicht genauso zu kommen wie in der Tschechoslowakei und in Österreich, jedenfalls nicht sofort. Sowohl im dänischen wie auch im schwedischen Rundfunk sagten sie, Stauning sei noch immer Ministerpräsident und der König noch immer König. Ja, es gab noch immer einen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten.
„Glaubt ihr denn an den?“ fragte Oscar.
Nein. Aber in der Tschechoslowakei und in Österreich haben die nazistischen Eroberer die Sozialdemokraten verboten.
„Unsere Sozialdemokraten sind eine besondere Sorte. Was sollen die Nazis schon von ihnen zu befürchten haben?“
Der lange Anton meinte, man müsse sein Parteibuch verbrennen, bevor die Deutschen kämen.
„Dein Parteibuch ist sicher auch nichts Besseres wert“, entgegnete Martin. „Sind da überhaupt Marken drin? Du hast ja vier oder fünf Monate lang keinen Beitrag bezahlt.“
„Es fehlen höchstens vier. Du kommst immer kassieren, wenn ich gerade kein Geld habe. Man hat es nicht leicht, wenn man arbeitslos ist.“
„Bring dein Buch in Ordnung, bevor du es verbrennst“, sagte Martin.
Oscar glaubte nicht, daß es so eilig sei, die Parteibücher zu verbrennen. Es sei viel wichtiger, die Bücher auf dem laufenden zu haben. Man könne sie aber ruhig ein bißchen diskret aufbewahren.
„Diskret?“
„Ja, man braucht ja den Deutschen und unseren eigenen Nazis damit nicht gerade vor der Nase herumzufuchteln.“
Die eigenen Nazis, die waren wohl vorläufig die größte Gefahr. Was war mit so einem wie Niels Madsen? Und was mit dem Grafen und seinen Gefolgsleuten? Was würden sie jetzt wohl aushecken?“
„Und Höschen-Marius?“
„Scheiß was auf den! Aber die im Schloß, was machen die jetzt? Was bereiten die vor? Was haben wir von der Seite zu erwarten?“
17
Aufgabe eines Historikers ist es, die Geschehnisse leidenschaftslos zu betrachten und Ruhe zu bewahren, wenn sich die Dinge rundum überstürzen.
Als Professor Praahs, der in allen Fachfragen sehr gewissenhaft vorging, am neunten April von seinem Vormittagsspaziergang nach Hause zurückkehrte, versuchte er, sich eine Meinung über die tatsächliche Lage zu bilden. Er hatte die deutschen Soldaten gesehen, die in den Straßen der Stadt Wache hielten, und er hatte die Verblüffung und Neugier der Kopenhagener gesehen. Er war in der Redaktion des „Dagbladet“ gewesen, wo man fieberhaft damit beschäftigt war, die Umstellungen vorzunehmen, die sich auf Grund der veränderten Verhältnisse erforderlich machten. Chefredakteur Jens Angvis war auf seinem Posten, und er kommentierte dem Geschichtsprofessor ruhig und realistisch die letzten Nachrichten. „Wir können es so haben, wie wir es wünschen“, sagte der Redakteur. „Man wird von einer Musterbesetzung mit erträglichen Bedingungen für die Presse sprechen können, aber wir können es auch so haben wie in Polen, wenn wir uns töricht benehmen.“
Noch auf dem Heimweg hatte Professor Praahs Leute getroffen, die nicht an die Besetzung glauben wollten. Nachdem er Mittag gegessen und über die Dinge nachgedacht hatte, schrieb er in sein Tagebuch, die Besetzung Dänemarks durch Deutschland sei überraschend gekommen.
Für einige war die Besetzung jedoch nicht überraschend gekommen. Der Graf auf Frydenholm zum Beispiel war nicht überrascht. Der Schriftsteller François von Hahn war nicht überrascht. Und für viele Freunde François von Hahns in der Sicherheitsabteilung der Reichspolizei war die Ankunft der deutschen Truppen offenbar auch keine Überraschung.
Die Reichspolizei hatte ihre Verbindungen mit Leuten südlich der Grenze, und am achten April waren in kurzen Abständen Meldungen eingelaufen, die von deutschen Truppenbewegungen in Holstein berichteten. Die Truppen bewegten sich nach Norden.
Oberwachtmeister Ottesen hatte in der schicksalschwangeren Nacht Dienst im Büro des Reichspolizeichefs Rane. Er war angewiesen, Polizeiinspektor Lolland zu alarmieren, falls etwas Besonderes geschehen sollte. Er hatte sein Bier in eine Marmornische gestellt und lief nervös auf dem Mosaikfußboden hin und her. Antike, grünspanüberzogene Bronzeampeln erhellten den tempelartigen Raum.
Um 01.20 Uhr klingelte das Telefon. Der Oberwachtmeister nahm eine Meldung entgegen, aus der hervorging, daß die deutschen Truppen Flensburg erreicht hätten und in der Umgebung der Stadt biwakierten. Der Markt in Flensburg sei mit Beförderungsmitteln jeder Art überfüllt; dort stünden nicht nur Militärlastwagen, sondern auch Omnibusse. Wie zu einer Fahrt ins Grüne.
Um 01.23 Uhr gab der Oberwachtmeister diese beunruhigende Meldung an Polizeiinspektor Lolland weiter, der sie ohne jede Gemütsbewegung entgegennahm.
„Ich muß wohl Reichspolizeichef Rane und den stellvertretenden Polizeichef unterrichten?“ fragte der Oberwachtmeister.
„Nein“, antwortete Lolland. „Das brauchen Sie nicht! Der Reichspolizeichef und sein Stellvertreter wissen Bescheid.“
„Ja, aber soll ich dann wenigstens den Justizminister anrufen?“
„Nein. Das brauchen Sie auch nicht. Der Justizminister wird morgen einen anstrengenden Tag haben.“
„Aber Abteilungsleiter Knudsen vom Justizministerium?“
„Ja, den können Sie getrost anrufen.“
Der verblüffte Oberwachtmeister gab dem Abteilungsleiter die Meldung durch.
„Aha“, sagte Abteilungsleiter Knudsen.
„Wie bitte?“ fragte der Oberwachtmeister. Doch der Abteilungsleiter hatte diesem einen Wort nichts hinzuzufügen und legte auf.
Mit zitternden Händen schrieb Oberwachtmeister Ottesen die kurze Antwort in seinem Bericht nieder. „Du großer Gott!“ stöhnte er. „Sie wissen Bescheid! Sie sind nicht überrascht! Sie sagen: Aha!“ Oberwachtmeister Ottesen war so bewegt, daß er sein Bier vergaß. Die Flaschen standen noch unberührt in der Marmornische, als sich das Personal der Sicherheitsabteilung am Morgen einfand.
Eine Büroangestellte der Abteilung, Fräulein Möller, kam auf die Idee, es sei wohl am besten, sofort alle Papiere zu verbrennen, die möglicherweise für dänische Mitbürger gefährlich werden könnten, solange das Land von Hitlers Truppen besetzt war. Die Beamten der Abteilung äußerten Bedenken. Aber Fräulein Möller überredete sie. Die Dokumente wurden bündelweise in den Heizkeller des Polizeipräsidiums geschafft und verbrannt.
Am Nachmittag rief Reichspolizeichef Rane an. Er hatte erfahren, was vor sich ging, sprach seine ernste Mißbilligung aus und verbot ganz entschieden, etwas vom Material der Sipo zu vernichten. Auch nicht ein Fetzen Papier dürfe verbrannt werden.
Das Personal der Sicherheitsabteilung kümmerte sich jedoch nicht um die Anweisung des Chefs. Von Fräulein Möller angespornt, verbrannte man den ganzen Tag lang und auch noch am nächsten Tag Dokumente aus dem Archiv.
Die Angelegenheit wurde an höchster Stelle erörtert; man sah ein, daß die Dinge sich nicht rückgängig machen ließen. Man wünschte zu diesem Zeitpunkt auch nicht, offiziell eine Befehlsverweigerung in der Sicherheitspolizei zu konstatieren. Am zehnten April um 16.00 Uhr, als alles verbrannt war, gab Reichspolizeichef Rane der Abteilung telefonisch Bescheid, er habe mit dem Justizminister und dem Abteilungsleiter konferiert und man erteile der Sicherheitspolizei die Erlaubnis, nach eigenem Ermessen einen gewissen Teil des Materials zu vernichten – aber nicht alles. Polizeianwalt Drössaa schrieb den Bescheid nieder und fügte hinzu: Dieser Bescheid wurde weitergegeben und sofort ausgeführt.
In der zweiten geheimen Abteilung des Polizeipräsidiums ging es anders zu. „Das ist eine böse Zeit“, sagte Kommissar Horsens zu seinem Stellvertreter. „Wirklich schändlich, wie Menschen sich benehmen können!“
Der stellvertretende Chef der Abteilung D des zweiten Inspektorats der Kopenhagener Polizei war Kommissar Odense. Die beiden Herren genossen ihr Nachmittagsbier in Horsens’ Büro. Der gemütliche Jüte hatte seine blaue Jacke wie üblich auf einen Bügel gehängt und saß in Hemdsärmeln und Weste da. Mit gütigen Augen betrachtete er das Porträt seiner Frau und seiner süßen Kinder, das auf dem Schreibtisch stand und ihn immer an sein Zuhause erinnerte. Aus seinem sonnengebräunten Gesicht sprach Betrübnis. „Auf die Fremden muß das unweigerlich merkwürdig wirken“, sagte Kommissar Odense. „Sie müssen einen recht seltsamen Eindruck von der Disziplin hier im Präsidium erhalten.“
„Es ist häßlich, was da geschehen ist. So etwas tut weh hier drin“, sagte Horsens und legte seine Hand auf die Weste, dorthin, wo sein jütisches Herz klopfte.
„Herr von Frielitz von der Gesandtschaft hat es zu erfahren bekommen und seine Mißbilligung ausgesprochen“, berichtete Odense.
„Au, das ist faul!“
„Dieses verdammte Fräulein Möller hat sie dazu überredet.“
„Ja, die Frauen sind impulsiv. Sie lassen sich von ihren Gefühlen leiten. Sie lassen das Herz sprechen und nicht den Verstand. So sind die Frauen.“ Horsens blickte wieder auf das Bild seiner Familie. „Die Frauen haben ein großes Herz!“
Kommissar Horsens stopfte seine Pfeife. Zu einer Zeit, wo andere schon Apfelblätter und Heu rauchten, besaß er noch einen Vorrat an englischem Tabak. Ein guter Duft von Old English verbreitete sich in der Abteilung D.
„Vor uns liegt eine arbeitsreiche Zeit . . .“, sagte er. Odense verstand, daß Fräulein Möllers Zerstörungswerk dem Chef der Abteilung D nicht ganz ungelegen kam. Zwischen den beiden geheimen Abteilungen herrschte Krieg. Im Wettlauf um die Gunst der neuen Herren des Landes hatte die Abteilung D fürs erste einen Vorsprung gewonnen.
Seit sich der vorige Chef, der sprachbegabte Polizeiinspektor Jonas, vor einigen Jahren auf Grund besonderer Umstände hatte zurückziehen müssen, siechte die Abteilung D dahin. Sie war eine reine Informationsabteilung und hatte keine „exekutiven Aufgaben“, wie man das in der konkurrierenden Sipo nannte. Kommissar Odense blickte gedankenverloren auf die Regale, in denen 75 000 Karteikarten alphabetisch geordnet standen. Dort standen sie wohl, doch sie waren nicht in Kategorien eingeteilt gemäß der politischen Überzeugung oder der Gefährlichkeit der registrierten Personen.
Bisher hatten das Ministerium oder andere Abteilungen der Polizei in der Abteilung D angefragt, wenn sie etwas über die politische Einstellung und Aktivität eines Bürgers wissen wollten. Man hatte dann in der großen Kartei nach diesem Namen gesucht, und – sofern dort eine Karte von ihm vorhanden war – die Akten zur Hand genommen und die gewünschte Auskunft erteilt. So war es viele Jahre lang gewesen.
„. . . denn eine Menge dieses Materials ist ja veraltet“, fuhr Kommissar Horsens fort. „Und ich muß zugeben, daß mir die Voraussetzungen fehlen, das Ganze politisch einzuschätzen. Es ist ja klar, daß unter den veränderten Bedingungen andere Forderungen an die Abteilung gestellt werden. Aber so, wie es jetzt hier aussieht, können wir dem, was man von uns verlangen wird, nicht nachkommen.“
Odense nickte. Er verstand, woran der Chef dachte. Nachdem die deutschen Truppen das Land besetzt hatten, mußte die geheime Abteilung D der dänischen Polizei mehr sein als eine simple Informationsabteilung, bei der die Behörden Auskünfte über einzelne Personen einholten.
Es war sicher, daß die neuen deutschen Behörden früher oder später eine umfassende Polizeiaktion gegen die dänischen Kommunisten verlangen würden. Wenn dieser Befehl kam, sollte niemand sagen können, die Abteilung D sei nicht in der Lage, diese Aufgabe zu lösen.
Die beiden Herren tranken ihr Bier aus, und Kommissar Horsens erhob sich. Auf seinem Schreibtisch lag eine Rolle. Ein Plakat, das an diesem Tag im ganzen Land verteilt worden war. Horsens rollte es auseinander und betrachtete es. „Richtig, wir müssen das ja übrigens auch in unserem Büro aufhängen.“ In einer Schublade suchte er nach Reißnägeln.
Es war die Botschaft der Regierung und des Königs an das dänische Volk: ,,. . . und allen, die die Macht ausüben, ist loyales Entgegenkommen zu erweisen.“
18
Im Hotel d’Angleterre in Kopenhagen empfing der deutsche Kommandant in Dänemark, Fliegergeneral Leonard von Kaupisch, die Vertreter der dänischen Presse. Auch deutsche, italienische und amerikanische Journalisten waren erschienen.
Sie standen in einer Reihe, die Chefredakteure der großen Kopenhagener Tageszeitungen, mit Jens Angvis als Flügelmann. Redakteur Langeskov vom „Morgenbladet“ überragte sie alle. Er sah sich mit einem verlegenen Lächeln um. Neben ihm stand der kleine, dicke Redakteur vom „Fædrelandet“ 3 , ernst und verbissen, das Hakenkreuzabzeichen im Knopfloch. Auch Persönlichkeiten aus dem Kulturleben, wie Dr. Harald Horn und Franççois von Hahn, waren erschienen. Die beiden Literaten drückten einander herzlich die Hand und lächelten glücklich, als stünde etwas Feierliches bevor.
Die Geladenen mußten eine Weile warten, ehe sich der General sehen ließ. Über die Lage der Presse im okkupierten Dänemark waren ihnen schon vorher Direktiven vom Außenministerium zugegangen. Einigen bekannten außenpolitischen Mitarbeitern konservativer Zeitungen war verboten worden zu schreiben, solange die deutsche Besetzung andauerte. In freiwilliger Übereinkunft hatte sich die Presse mit einer Begrenzung der Pressefreiheit einverstanden erklärt und sich verpflichtet, eine Reihe von Bestimmungen einzuhalten, die in einem vertraulichen Rundschreiben des Ministerrats festgelegt waren.
Die Redakteure warteten schweigend. An den beiden Saaleingängen standen deutsche Wachposten, reglos, mit gegrätschten Beinen in Schaftstiefeln. Harald Horn betrachtete bewundernd ihre so völlig ausdruckslosen Gesichter. Die schöne Disziplin hatte jeden menschlichen Zug daraus verbannt. Prachtvoll, dachte der Literat.
Die Reihe der Redakteure richtete sich aus, als der General den Raum betrat. Der kleine Redakteur vom „Fædrelandet“ schlug die Hacken zusammen und hob den rechten Arm zu einem strammen Hitlergruß. Auch Harald Horn hob den Arm, doch als er sah, daß von Hahn die Hand unten ließ, zuckte er zurück und machte eine Bewegung, als wollte er sich die Nase reiben. Redakteur Langeskov neigte den Kopf zur Seite und lächelte dümmlich. Angvis bewahrte ein würdiges, ernstes Gesicht; er sah aus wie ein treuer alter Diener, der zum erstenmal die Anweisungen einer neuen Herrschaft entgegennehmen sollte.
Fliegergeneral Kaupisch war ein wenig korpulent, wirkte aber elastisch in der gutsitzenden blaugrauen Uniform und den blanken Reitstiefeln. Ihm folgte ein Offizier, der einen maschinegeschriebenen Bogen Papier in der Hand hielt. Er schlug die Hacken zusammen und reichte dem General das Schreiben. Der General verlas seine Botschaft an die dänische Presse.
„Diese Operation ist uns von England aufgezwungen worden. Aus den Aufrufen, die meine Flieger abgeworfen haben, kennen Sie bereits unseren Standpunkt und den Beschluß des Führers, sofort zuzuschlagen. Selbstverständlich sind wir seit langem über Englands Absichten unterrichtet. Wir konnten daher unsere Maßnahmen mit der Gründlichkeit treffen, die den deutschen Generalstab auszeichnet . . .
. . . Wir sind hier nicht eingerückt, um die Dänen zu töten, sondern im Kampf gegen andere, und das hat die dänische Regierung auch sofort verstanden. Eine Regierung und ein König, der, wie ich es einschätze, außerordentlich populär ist, und ich will hinzufügen: eine Bevölkerung, die sich außerordentlich verständnisvoll gezeigt hat. . .
. . . Der König hat mich heute empfangen. Wir waren uns in allen Fragen einig, die das Verhältnis Dänemarks zu unseren Truppen betreffen. Ich habe noch nicht sehr viel Zeit gehabt, mit der dänischen Regierung Verbindung aufzunehmen, aber mit den Befehlshabern der dänischen Streitkräfte habe ich Gespräche von Soldat zu Soldat geführt. Ich habe den Eindruck, daß sowohl das Heer wie auch die Marine die Tatsache, daß sie die Waffen behalten können, zu würdigen wissen, und ich bin überzeugt, daß sie auch weiterhin loyal bleiben werden.“
Die demokratische Presse lauschte schweigend der Rede.
Chefredakteur Angvis merkte sich die Worte des Generals wie ein routinierter Oberkellner, der eine Bestellung entgegennimmt und darin geübt ist, sich die Wünsche eines Gastes einzuprägen. Viele Jahre hindurch schon redigierte er das „Dagbladet“ mit bewunderungswürdiger Gewandtheit und Anpassungsfähigkeit. Auch die neuen Verhältnisse würden ihm keine Schwierigkeiten bereiten.
Das „Dagbladet“ war eine der größten unterhaltenden Zeitungen des Landes und konkurrierte hart mit der konservativen „Morgenposten“. In einer Polemik hatte der Konkurrent spöttisch auf die radikale Vergangenheit des „Dagbladet“ angespielt, aber diese Vergangenheit lag ein halbes Jahrhundert zurück. Noch hingen zwar in der Vorhalle die verblichenen Porträts Dr. Nathans und des gefürchteten Politikers Enslev, die „Dagbladet“ als ein radikales Kampforgan gegründet hatten, das mit neuem, bürgerlichem Freisinn im Kampf gegen den zählebigen Feudalismus begeisterte und verärgerte. Abgesehen von diesen alten Porträts, die man pietätvoll hängenließ, gab es im „Dagbladet“ nichts mehr, was an das Ärgernis der Vergangenheit erinnerte. Vielleicht sollte man die Porträts abnehmen, dachte Redakteur Angvis. Auf jeden Fall den Dr. Nathan.
„Es kommt darauf an, daß man in Dänemark auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen soweit wie irgend möglich der täglichen gewohnten Arbeit nachgeht“, schloß der deutsche General.
Die Audienz war beendet, die Redakteure konnten frei hinausspazieren auf den im Sonnenschein liegenden Kongens Nytorv. Langeskov und Angvis gingen nebeneinander die Hoteltreppe hinunter. „Das war ja kurz und schmerzlos“, sagte Langeskov. „Ubermorgen, beim Essen für die neuen Presseattachés, wird es schwieriger. Da muß ich die Rede halten.“
„Wir sind ja selbst die Gastgeber“, meinte Angvis. „Wir sind es, die eingeladen haben. Die beiden deutschen Herren sind Gäste der Redakteursvereinigung, da können sie doch nicht herausfordernd auftreten. Dr. Meißner soll übrigens recht sympathisch und vernünftig sein. Den anderen kenne ich nicht.“
„Zimmermann ist auch sehr gemütlich“, sagte Langeskov.
„Er ist ein Militär, und die sind immer korrekt und wohlerzogen. Das geht schon. Essen gehen immer!“
„Halten Sie Ihre Rede auf deutsch?“
„Ja. Mir bleibt nichts anderes übrig.“
„Dr. Meißner ist in Nordschleswig geboren und versteht gut Dänisch.“
„Er spricht ausgezeichnet Dänisch. Aber es wird höflicher wirken, wenn ich meine Rede auf deutsch halte“, gab Langeskov zu bedenken. „Die Dinge müssen ihren Lauf nehmen. Es sieht so aus, als wollten es die Deutschen mit einer milden Musterbesetzung versuchen. Es liegt in unserem Interesse, daß es gelingt.“
„Die Deutschen wünschen Produktion“, sagte Angvis. „Und Produktion verträgt sich nicht mit Unruhe. Sie werden uns ohne Zweifel gut behandeln, sie werden den Bauern hohe Preise für landwirtschaftliche Produkte garantieren. Sie werden unsere vielen Arbeitslosen beschäftigen. General Kaupisch meint es sicher aufrichtig, wenn er fordert, der täglichen gewohnten Arbeit nachzugehen.“
„Wir wollen hoffen, daß uns erlaubt wird, unsere Zeitungen in der kommenden Zeit ein bißchen vielseitiger zu gestalten. Wenn sie weiterhin so aussehen wie jetzt, verlieren wir einfach die Abonnenten.“
„Die Leute hören nicht auf, Zeitungen zu lesen“, meinte Angvis, „Sie werden unter allen Umständen die dänischen Zeitungen den deutschen vorziehen. Wir müssen Herrn Meißner verständlich machen, daß der Stoff etwas schmackhafter serviert werden muß. Er wird das bestimmt verstehen. Haben Sie übrigens bemerkt, daß niemand vom ,Arbejderbladet’ anwesend war?“
„Ja. Dabei weiß ich, daß das ,Arbejderbladet‘ eingeladen war wie alle anderen. Das ist natürlich ganz ungehörig und unhöflich, aber konnte man von dieser Seite etwas anderes erwarten?“
„Jetzt ist wohl kaum der geeignete Zeitpunkt für Demonstrationen“, sagte Angvis. „Wie lange, glauben Sie übrigens, wird das Kommunistenblatt erscheinen können?“
„Nicht lange. Das ist eines der Übel, von denen uns die neue Zeit befreien wird.“
Langeskov und Angvis überquerten Kongens Nytorv und gingen nebeneinander die Hauptgeschäftsstraße entlang. Vor dem Hotel d’Angleterre standen ein paar Neugierige und betrachteten die deutschen Posten und die Hakenkreuzfahne, die auf dem Hoteldach gehißt war. Die Polizei hatte den Bürgersteig vor General Kaupischs Quartier abgesperrt. Sonst war alles wie gewöhnlich. Die Straßenbahnen fuhren, und die Leute promenierten auf den Bürgersteigen. Es war Frühling, und die Sonne schien, aber die Bäume auf Kongens Nytorv hatten noch nicht ausgeschlagen. Bald würde der Fotograf des „Dagbladet“ ein Bild der allerersten Kastanienknospen auf dem Rathausplatz bringen können und mitteilen, daß die Bäume wie üblich zuerst vor den Fenstern des „Dagbladet“ ausgeschlagen hätten; von dort breitete sich der Frühling dann über das ganze Land aus.
Harald Horn begleitete François von Hahn. In der Drehtür des Hotels begegneten sie einem Mann, der Horn bekannt vorkam; von Hahn und der Mann grüßten einander herzlich. „Wer war denn das?“ fragte Horn. „Mir ist, als hätte ich den Mann schon mal irgendwo gesehen.“
„Das ist ein bedeutender Mann“, antwortete François von Hahn. „Er hat sein eigenes Büro im Hotel d’Angleterre und heißt Egon Charles Olsen.“
„Olsen? Ich habe ihn auf Frydenholm gesehen. Wie kommt er hierher?“
„Er wohnt hier?“
„Na aber, er war doch . . .“
„Ja, das ist richtig. Er kommt ab und zu nach Frydenholm“, bestätigte François von Hahn. „Herr Olsen ist ein Freund des Grafen. Sie haben Geschäfte miteinander.“
19
Auf der Landstraße, die durch Frydenholm führt, rollte eine lange Kolonne deutscher Militärfahrzeuge. Es waren kleine, dunkelgrüne, geschlossene Wagen ohne Fenster; sie ähnelten Leichenwagen.
Die Leute sahen sie von ihren Häusern aus, und ihnen war unbehaglich zumute. Die alte Emma, die in ihrem Garten werkelte, drohte ihnen böse. Höschen-Marius stürzte aus dem Haus, stand am Straßenrand stramm und grüßte auf germanisch mit ausgestrecktem Arm. „Heil!“ rief er zu den geschlossenen Autos hin. „Heil!“
„Mutti, komm, Mutti! Sieh mal, deutsche Autos! Beeil dich!“ riefen Gerda und Niels.
„Kommt sofort ins Haus! Aber schnell!“ sagte Margrete und zog die Kinder hinein. Durch das Fenster sah sie die dunklen, fensterlosen Autos, und sie empfand ein seltsames Grauen.
Danach wußte sie nicht recht, ob sie geträumt hatte oder ob ein alter Angsttraum nun plötzlich Wirklichkeit geworden war. Diese lange, unheimliche Kolonne dunkelgrüner, deutscher Leichenwagen – Margrete glaubte, sie schon einmal gesehen zu haben.
Es war ein strahlender Sonnentag. Die Lerchen sangen hoch im Blau. Es war Frühling und rundum grün und herrlich. Und Margrete fühlte quälende Angst, die ihr das Herz zusammenpreßte.
Später fuhren einige deutsche Pferdewagen durch das Dorf. Es waren merkwürdige, altmodische Wagen mit Verzierungen und Schnitzereien; wahrscheinlich Bauernwagen, die man in Polen erbeutet hatte. Einer davon hielt vor Emmas Haus, ein deutscher Soldat sprang herab und fragte sie etwas.
„Ich verstehe nicht, was du sagst“, antwortete Emma.
„Und ich will nichts mit euch zu tun haben! Verschwindet!“
Der Wagen fuhr weiter und hielt vor Jens Olsens Hof.
„Eier!“ sagten die deutschen Soldaten zu Jens Olsen.
„Jawohl, das bin ich. Ich bin der Besitzer 4 “, sagte der Bauer.
„Haben Sie Eier?“ fragte ein Deutscher. „Wir wollen Eier kaufen!“ Und da Jens Olsen nicht verstand, begann der Deutsche wie ein Huhn zu gackern.
„Ich glaube, er will Eier haben, sagte die eine von Jens Olsens dicken Töchtern.
Und Jens ließ das Mädchen einige Eier holen. Die Deutschen schlürften sie roh. „Danke schön“, sagten sie. Und: „Bitte schön!“ Sie reichten Jens Olsen einen Fünfkronenschein und gaben ihm zu verstehen, daß es so stimme. Jens Olsen besah den Schein, der war dänisch und echt, und steckte ihn in sein Portemonnaie. „Das war doch eine gute Bezahlung! Hihi! Das sind ja nette Leute!“
„Wie, zum Teufel, kommst du nur auf den Gedanken, die Deutschen zu füttern?“ fragte Martin ihn wenig später.
„Ich war doch dazu gezwungen. Sie hätten mich sonst vielleicht erschossen. Ich habe doch die Gewehre in ihrem Wagen gesehen. Übrigens haben sie ja ganz gut bezahlt, fünf Kronen für ein paar Eier! Sie haben mir einen richtigen dänischen Fünfkronenschein gegeben. Ich habe sie ganz schön an der Nase herumgeführt, hihi!“ Jens Olsen lachte und blickte Martin verschmitzt an.
„Man sollte sich schämen, etwas mit ihnen zu tun zu haben“, sagte Martin. „Man muß so tun, als wären sie gar nicht da. Man sollte sie nicht sehen und nicht hören und nicht mit ihnen sprechen!“
„Es waren nette Leute“, verteidigte sich Jens Olsen. „Wirklich nette junge Menschen. Man braucht doch schließlich kein Fanatiker zu sein. Es war ganz interessant, mit ihnen zu sprechen. Ich habe sie recht gut verstanden. Unser dänisches Wort Besitzer zum Beispiel bedeutet auf deutsch Hühnereier. Man kann deutlich hören, wie die Sprachen sich ähneln. Und trotzdem ist es merkwürdig, daß dasselbe Wort etwas ganz anderes bedeuten kann.“
Später erzählte Jens Olsen den Leuten: „Ja, ich habe mich da ein bißchen mit den Deutschen unterhalten. Es ist ganz interessant, wenn man ein bißchen was von der Sprache versteht.“
Es geschah nicht viel. Die Schule wurde nicht geschlossen, wie es die Kinder gehofft hatten. Der lange Anton durfte sein Jagdgewehr behalten. Die Zeitungen erschienen. Auch das „Arbejderbladet“ erschien. Johanne trug sie des Sonntags aus, und Dr. Damsø kaufte jetzt wieder das „Arbejderbladet“, um zu sehen, was man dort schrieb. „Aber die schreiben wohl das gleiche wie alle anderen“, meinte er.
Die Leute hatten ihre Gärten in Ordnung gebracht, und sie hatten gesät, trotz der Deutschen. Und die Kartoffeln keimten, und die Erbsen und der Salat und die Mohrrüben gingen auf wie gewöhnlich. Der Milchmann kam des Morgens, und das Bäckerauto kam; es fuhr ohne Motor, ein Pferd war davorgespannt. Das sah seltsam aus. Jeden Donnerstag kam der Fischmann mit seinem Lieferrad, doch die Leute wollten keine Fische kaufen. Er brachte den ersten Hornfisch des Jahres, und die Leute sagten: „Pfui Teufel, die haben ja grüne Gräten, die haben die Uniformen mitgefressen!“
Im Skagerrak waren ein paar deutsche Transportschiffe auf der Fahrt nach Norwegen gesunken. Zehntausend deutsche Soldaten sollten in den Laderäumen ertrunken sein. Das Meer spülte viele Leichen an die Küste. Sie wurden in Gummisäcke gesteckt und nach Deutschland zurückgeschickt. Eisenbahner erzählten, daß Tag für Tag lange Güterzüge mit solchen Gummisäcken durch Jütland rollten. Der Führer habe feierlich gelobt, jeder gefallene deutsche Held solle in der heiligen Heimaterde ruhen.
„Auch diese zehntausend jungen toten Deutschen waren Menschen“, sagte der alte Lehrer Tofte. „Sie sind kleine Schulkinder gewesen mit Taschen und Tafeln und Federkästen, genau wie die dänischen Kinder. Sie haben ein Ziel im Leben gehabt, jeder von ihnen!“ Lehrer Tofte konnte nicht um zehntausend Tote trauern, aber er trauerte um jeden einzelnen. Er stellte sich vor, wie jeder einzelne aussah. Ein junger Deutscher unterschied sich bestimmt nicht von einem Dänen. Und Tofte dachte an den jungen Seemann, der in seine Schule gegangen war, der Sommersprossen und struppiges hellblondes Haar gehabt, der immer gelacht und sich über etwas gefreut hatte und der einer der Namen und eine der Nummern auf der Liste der ertrunkenen dänischen Seeleute war.
Tofte war schon Lehrer an der Frydenholmer Schule gewesen, als sie noch ganz klein und altmodisch und nur eine Zweiklassenschule war. Da es nur den einen Lehrer gegeben hatte, war die Einheitlichkeit im Unterricht und der Zusammenhang zwischen den Fächern jederzeit gewahrt worden; die Leute fanden, daß die Kinder bei Tofte viel gelernt hatten. Das Besondere an ihm war, daß er die Kinder gern hatte. Er kannte alle Einwohner und sah sie vor sich, wie sie einmal gewesen waren, als sie in kleinen Holzschuhen zur Schule rannten. Und er verzieh ihnen vieles, weil sie seine Kinder gewesen waren. Alles, was Kinder erlebten, war für sie bedeutungsvoll. Nichts war gleichgültig. Ein kleines Lackbild als Belohnung für richtig gelöste Rechenaufgaben war ein großes Glück. Ein Hopsestein, der entzweiging, war ein großes Leid. Der Schulausflug mit Pferdewagen zum Strand bei Præstø war einer der Höhepunkte des Lebens. Dort geschah zwar nichts anderes, als daß die Kinder draußen im Grünen rote Brause tranken und hinterher ein paar Stunden lang einen kleinen Hügel hinauf- und hinunterliefen, doch die Erwartung bewegte das Gemüt so stark, daß man des Nachts nicht schlafen konnte vor Aufregung. Das Leben war so wichtig, es durfte niemals gleichgültig werden.
Tofte war längst pensioniert, und die Schule war größer und modern geworden. Jetzt war sie Zentralschule, hatte große Klassen und viele Lehrer, die sich auf Psychologie verstanden, Auto fuhren und viele Nebenbeschäftigungen ausübten. Nicht alle von ihnen hatten Kinder gern. Die Schule wurde jetzt von einem Direktor geleitet, der Macht besaß und administrative Fähigkeiten hatte. Als Kirchensänger war Tofte von dem jungen Lehrer Agerlund abgelöst worden, der ein Sportler war und ein Bahnbrecher. Er war es auch gewesen, der „Pelle der Eroberer“ und „Ditte Menschenkind“ ins Feuer warf, als in der kleinen Parkanlage die Finnlandfeier abgehalten wurde.
Ab und zu kam es noch vor, daß Tofte einen Lehrer vertrat, der krank war oder einen Psychologiekursus besuchte.
Sonntags gingen Lehrer Tofte und seine Frau in die Kirche und sangen die Psalmen mit. Es waren nicht viele da zum Singen. Die Schule war soviel größer geworden, aber die Gemeinde in der Kirche kleiner. Damals, als Tofte noch Küster war, hatte es mehr Kirchgänger gegeben. Pastor Nørregaard-Olsen hatte im Rundfunk mehr Erfolg als in seinem Kirchspiel. Da stand nun dieser Mann, dessen Stimme Tausenden von Hörern bekannt war, in seiner Kirche und sprach zu fünfzehn Menschen.
„Dänemark wird in diesen Tagen geprüft“, sagte er. „Gott hat seine Hand zum Schlag erhoben. Unser Volk steht vor dem Tore von Damaskus. Gottes Licht ist wie ein Blitz auf dieses trotzige Volk gefallen.
Was die Menschen säen, werden sie auch ernten. Gott läßt sich nicht spotten. Hat man in der vergangenen Zeit nicht Gott und seine Kirche geringschätzig verhöhnt? Antichristliche Minister haben unser Land mit Gesetzen überschwemmt. Das dänische Volk sollte in aller Stille zu einem heidnischen Volk gemacht werden. Mit der Demokratie und der Mehrheit im Rücken haben gottlose Minister gottlose Gesetze gemacht. Sie haben sich gegen den Herrn und seine Gesalbten verschworen.
Am neunten April hat der Blitz uns getroffen. Plötzlich, betäubend. Aber blendend klar beleuchtet sein Licht uns und unser vergangenes Leben. War das nun Satans Schlag oder war es ein Schlag Gottes? Ja, was war denn Christi Tod am Kreuze? War es Satans Hand, die sich zum Schlag erhob, oder die Hand Gottes?
Der Blitz hat uns getroffen. Das Licht umstrahlt uns. ,Was willst du, daß ich tun soll?‘ hat Saulus gefragt. Was willst du, Herr, daß wir tun?
,Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu lecken‘, verkündete Gott durch den Lichterglanz. Es wird diesem Volk schwer werden. Aber seht, der Weg liegt offen vor euch: Zurück zu Gott! Von Gott gelenkte Gesetzgeber und ein von Gott gelenktes Volk! Wenn wir das wollen, dann haben wir um Gottes Barmherzigkeit willen eine Zukunft vor uns. Doch wenn wir den Weg der Gottlosigkeit wie in den vergangenen Jahren auch in der Zukunft gehen wollen, dann wird Er in Zorn zu uns sprechen und uns mit seinem Zorn entsetzen!
Unser dänisches Volk steht vor dem Tore. Dahinter liegt das Heil unseres Volkes!“
„Das konnte man wohl eine gewaltige Predigt nennen“, sagte Pastor Nørregaard-Olsen wenig später zu seiner Frau.
„Am Freitag für den Rundfunk kannst du sie wohl kaum gebrauchen“, antwortete sie.
„Nein. Für den Rundfunk kann ich sie wahrhaftig nicht gebrauchen! Meine derben Worte über gottlose Minister und gottlose Gesetze würden unserem guten Kaspar Bobbel bestimmt nicht gefallen. Aber hier, in Gottes eigenem Hause, darf ein Pfarrer wohl wagen, offen und dreist wie Meister Ole Vind 5 zu sprechen. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Für den Rundfunk muß ich natürlich etwas anderes machen. Ich würde ja gern einmal Harald das Manuskript dieser Predigt zeigen, um zu hören, was er dazu meint. Ich kann mir gut denken, was er sagen würde. Ich glaube, er würde mit dem Psalmisten sagen: Ihr seid ein braver Gottesmann und predigt, wie Ihr müßt!“
Aber Harald Horn kam vorläufig nicht zu Besuch in das Pfarrhaus. Er hatte in der Hauptstadt mehr als genug zu tun mit vielen neuen Freunden, mit viel Schreiberei, mit Versammlungen und Vorträgen und mit gesellschaftlichen Verpflichtungen. In der „Danmarkstidende“ schrieb er Artikel über den Kulturbolschewismus und nannte darin die Namen der Schriftsteller, deren zersetzende Tätigkeit in einer Zeit der nationalen Besinnung und der germanischen Gemeinschaft nicht länger geduldet werden könne. „Ihr roter Stern ist im Sinken!“ schrieb er prophetisch. Er hielt Reden und wöchentlich einen Rundfunkvortrag über den nordischen Geist im germanischen Raum, er war eifrig und unermüdlich und auf der Höhe der Zeit.
Da blieb auch nicht ein Tag für Ferienreisen oder stille Stunden im Pfarrhof. Zudem war es beschwerlich geworden, im Lande zu reisen. Es verkehrten weniger Züge, und die Abteile waren überfüllt und ungemütlich. Benzin für Privatwagen gab es nicht; sie mußten in den Garagen aufgebockt werden, standen da und veralteten. Die Autobesitzer mußten sich in kollektiven Verkehrsmitteln unter geringere Menschen mischen, und sie saßen in den Zügen und Straßenbahnen und ließen sich anmerken, daß sie Besseres gewohnt waren. Benzin gab es nur für lebenswichtige Fahrten.
Der gelbe Autobus fuhr mit einem Gasgenerator; ein rauchender Kachelofen an der Rückwand und Säcke mit Buchenklötzchen und Torf auf dem Dach. Von Zeit zu Zeit mußte der Fahrer anhalten, auf das Dach klettern, mit einer Eisenstange im Kachelofen rühren und Heizmaterial nachschütten. Daß man auf diese Art fahren konnte, war ein technisches Wunder.
Aber François von Hahn kam in einem richtigen Benzinauto nach Frydenholm, seine Fahrten waren wohl ebenso lebenswichtig wie die des Arztes. Auch deutsche Offiziere kamen in großen, eleganten Autos nach Frydenholm. Fliegergeneral Leonard von Kaupisch in eigener Person kam nach Frydenholm, aß im Schloß zu Mittag und übernachtete in dem historischen Himmelbett, während deutsche Soldaten und dänische Gefolgsleute Wache hielten. Es gab Festlichkeit und Vornehmheit und Betrunkenheit wie in alten Zeiten, als der Schwedenkönig und Oberst Sparre und seine Dragoner Frydenholm besuchten. Graf Rosenkop-Frydenskjold war ein lustiger und verschwenderischer Wirt, wie auch seine Vorfahren es gewesen waren.
Am Abend, wenn die Fenster der kleinen Häuser im Dorf mit schwarzem Papier verdunkelt sind, strahlt das Licht aus den Fenstern des Schlosses, und Musik und Gesang klingen weit über das Land. Die Leute stehen im Dunkeln an der Gittertür und sehen hinauf zu der Herrlichkeit. Höschen-Marius steht dort mit offenem Mund und feuchter Nase und reckt den Hals. Und ein paar von Niels Madsens Fürsorgejungen stehen dort und starren. Einer von ihnen hat eine unsympathische Physiognomie, eine gebrochene Nase und einen lauernden Blick.
20
Dr. Damsø hatte ein Menschenalter lang treu das „Dagbladet“ abonniert. Nun bestellte er es ab.
Er setzte sich hin und schrieb eine ausführliche Begründung zu diesem Schritt. Er schrieb sie mehreremal um, gab sich erhebliche Mühe dabei, las sie sich dann selbst vor und war nicht unzufrieden mit seinem Schreiben, das er an Chefredakteur Jens Angvis adressierte.
Angvis hatte sich gewissenhaft an die Instruktionen gehalten und einen Leitartikel verfaßt, in dem er feststellte, daß nur Englands Haltung und Maßnahmen die Ereignisse im Norden ausgelöst hätten. Vieles deute darauf hin, daß Churchill in seiner Auffassung beharre, die skandinavischen Länder seien eine gute Operationsbasis gegen Deutschland. Doch man habe in London nicht mit der Schnelligkeit und dem Wagemut der Deutschen gerechnet.
Die Deutschen hatten nichts gegen den Artikel einzuwenden, aber die dänischen Leser des „Dagbladet“ verhielten sich überraschend. Nicht nur Dr. Damsø bestellte die Zeitung ab. Fast zehntausend Abonnenten reagierten ebenso, und viele von ihnen begründeten ihren Schritt wie Dr. Damsø in langen, wohlüberlegten Briefen an die Redaktion.
Chefredakteur Angvis war erstaunt. Er verstand seine Landsleute nicht. Hatten sie noch nicht begriffen, daß Dänemark von den Deutschen besetzt war? Da bestellten die Leute einfach die Zeitung ab. Zehntausend! Gut, das durften sie. Alle konnten die Zeitung abbestellen, wenn sie es wollten. Dann ging die Zeitung ein. War es das, was sie wollten? Dann würden sie statt des „Dagbladet“ deutsche Zeitungen bekommen!
Der Aufsichtsrat der Aktiengesellschaft war besorgt und berief eine Tagung ein, um über die Sache zu beraten. Sich den neuen Zuständen im Lande anzupassen schien schwieriger zu sein, als man erwartet hatte. Der Redaktion wurde dringend empfohlen, in Zukunft etwas geschickter vorzugehen. Deutsche Gefühle dürften selbstverständlich unter gar keinen Umständen verletzt werden, aber man sollte doch auch ein wenig Rücksicht auf die dänischen Abonnenten nehmen.
Als Ausdruck der dänischen Gesinnung des „Dagbladet“ brachte man nun in jeder Ausgabe Bilder des Königs. Der tägliche Spazierritt des Königs wurde wie eine bedeutungsvolle nationale Tat beschrieben. In dieser für Dänemark so ernsten Zeit ritt unser König! Konnte es etwas Stärkendres und Aufmunternderes geben? Dort ritt er. Ein Vorbild und ein Beispiel für sein Volk, so saß er zu Pferde. Dieses Reiten glich einem Versprechen, das König und Volk sich gaben. Es war wie ein wärmender Handschlag. Kerzengerade ritt der König. Er glich der brennenden Kerze, nach der alles Lebende sich in der Nacht umschaut. Ein Lichtschimmer, Feldzeichen des Volkes. Seht, so soll ein König sein! schrieb „Dagbladet“.
Redakteur Jens Angvis kam auf den Gedanken, im „Dagbladet“ müsse ein Gedicht über den reitenden König erscheinen, und verständigte den Lyriker der Aktiengesellschaft, Ole Jastrau. Der Dichter hatte sich in den zwanziger Jahren durch ekstatische Revolutionsgedichte einen Namen gemacht. Er war es auch, der am Ostermorgen des Jahres 1920 von der Treppe der Marmorkirche herab vor einem Haufen Studenten die Räterepublik ausgerufen hatte, ohne daß die Polizei es für notwendig hielt einzuschreiten. Nun war er Gelegenheitsdichter für das „Dagbladet“. Sein Spezialgebiet waren Familienangelegenheiten des Königshauses, im übrigen war er für alles verwendbar, was sonst noch anfiel. Er war der Mann, der kurzfristig das Gedicht über den reitenden König liefern konnte.
Ole Jastrau dichtete. Er saß in seinem schmalen Redaktionsbüro und formte schwitzend und schnaufend Strophen. Was reimte sich auf reiten? Nein, das ging nicht. 6 Als der Reim endlich sich zu glätten und zufriedenstellende Formen anzunehmen begann, klopfte es an der Tür.
„Wer zum Teufel ist da? Ich will nicht gestört werden! Ach, du bist es, Vuldum.“
Sein Kollege Arne Vuldum stand, einen englischen Bowler auf dem Kopf, einen Regenschirm in der Hand, groß und spöttisch lächelnd vor ihm. „Oh, mein Herr, störe ich etwa?“
Der schwitzende Jastrau sah seinen Kollegen böse an. „Selbstverständlich störst du! Was willst du? Falls du Geld borgen willst, ich habe keins!“
„Lieber Freund, ich sehe, du dichtest, und ich merke, du bist reizbar“, sagte Arne Vuldum mit leichtem Oxfordakzent. „Ich will dich nicht aufhalten. Ich wollte dir nur in aller Höflichkeit die Abendausgabe des ,Morgenbladet‘ überreichen.“
„Leg sie hin und laß mich in Frieden!“ sagte Jastrau.
„,Morgenbladets‘ Abendausgabe bringt heute ein Poem, das dich bestimmt ergreifen wird. Aber du dichtest ja selbst gerade und bist in gereizter Stimmung, da will ich mich lieber rasch zurückziehen.“ Vuldum entfernte sich, ließ aber die Zeitung vor dem Schreibenden liegen. Sie war so gefaltet, daß Jastrau unter allen Umständen ein großaufgemachtes Gedicht sehen mußte, das den Titel trug: „Der König reitet.“ Das „Morgenbladet“ war wieder zuvorgekommen. Ein konkurrierender Lyriker hatte das Gedicht über den reitenden König geliefert.
„Verdammt!“ knurrte Jastrau, zerknüllte das Manuskript und schleuderte es in den Papierkorb. Dann ging er in die Kantine.
„Dagbladet“ durfte den König nicht für sich allein haben. Wie er seine Tage verbrachte und wo er sich in den Ferien aufhielt wurde das Hauptthema der meisten Zeitungen, und seine Leistungen als Reiter wertete man plötzlich als eine nationale Kundgebung. Sein Porträt erschien Tag für Tag in den Zeitungen; es wurde auch als farbiger Sonderdruck verkauft. Man konnte den König auf Briefpapier, auf Lackbildern und als Puzzlespiel kaufen. Auch auf Papierservietten wurde er dargestellt, und seine Untertanen wischten sich den Mund mit ihm ab; das veranlaßte Redakteur Langeskov, einen Leitartikel zu schreiben, in dem er vor dem Mißbrauch von Papier in dieser papierarmen Zeit warnte.
Eine Firma begann, kleine Embleme mit dem Namenszug des Königs in Silber und Emaille herzustellen, und viele Leute waren darauf versessen, dieses Emblem im Knopfloch zu tragen, um ihre patriotische Gesinnung zu demonstrieren. Die Fabrikation von Königsemblemen wurde in dieser Periode der Warenknappheit und Stagnation ein blühendes Geschäft.
Während andere Menschen das Königsabzeichen trugen, steckte sich Arne Vuldum eine kleine englische Fahne ins Knopfloch und ging damit unbekümmert auf der Straße und in der Redaktion des „Dagbladet“ umher. Chefredakteur Angvis bemerkte das mit einiger Unruhe; er legte dem Literaten nahe, die britische Fahne mit Rücksicht auf seine Sicherheit und die der Zeitung zu entfernen. „Lieber Angvis, ich darf mir doch wohl Vorschriften in bezug auf meine Kleidung verbitten“, sagte Vuldum und behielt seine Knopflochfahne.
An Stelle des „Dagbladet“ ließ Dr. Damsø sich eine schwedische Zeitung schicken. Nun las er die Nachrichten zwar mit einigen Tagen Verspätung, aber mit weniger täglichem Ärger. Auch die schwedische Zeitung wurde im Wartezimmer des Doktors ausgelegt und an andere Leute verliehen. Die Leute hörten fast alle den schwedischen Rundfunk und gewöhnten sich an die Sprache.
Traurige Nachrichten waren es, die der Rundfunk brachte. Deutsche Truppen überfielen das friedliche Holland. Die offene Stadt Rotterdam wurde grausam bombardiert. Belgien wurde erobert. Die unüberwindliche Maginotlinie wurde rasch umgangen und bezwungen. Die Rundfunkhörer lernten neue Wörter und Begriffe kennen: aufrollen, einkesseln, Zangenbewegung, Sturzkampfflieger.
Man hörte das auf schwedisch, man hörte es auf dänisch. Und man hörte nach jedem deutschen Sieg die Sondermeldungen mit Trommelwirbeln und Fanfaren. Man hörte das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied und die Heilrufe. Und wenn ein neues Land überfallen worden war, hörte man Adolf Hitler zum deutschen Volk sprechen, und man hörte das Volk vor Begeisterung brüllen.
„Was wir wollen, ist nicht die Unterdrückung anderer Völker“, schrie der Führer, „es ist unsere Freiheit, unsere Sicherheit, die Sicherheit unseres Lebensraumes! Es ist die Sicherheit des Lebens unseres Volkes selbst. Dafür kämpfen wir!
Die Vorsehung hat bisher diesen Kampf gesegnet, tausendfältig gesegnet. Kann sie das getan haben, würde sie das getan haben, wenn es ihre Absicht wäre, nun plötzlich diesen Kampf zu unseren Ungunsten ausgehen zu lassen? Ich glaube hier an eine höhere und an eine ewige Gerechtigkeit. Die wird dem zuteil, der sich ihrer würdig erweist.“
Der dänische Universitätsprofessor Sigurd Pileus kommentierte das historische Geschehen im Rundfunk und machte Voraussagen über Dänemarks geopolitische Stellung in Neuropa und im Großraum. Der ebenso dänische Professor Poul Pferd sprach über den deutschen Mythos und den Nibelungengeist. Dr. Harald Horn hielt erfrischende Vorträge über die Entartungen des Kulturbolschewismus und über das Licht von Lübeck. Pastor Nørregaard-Olsen formte seine Sonntagspredigten um in Alltagsvorträge mit aktueller Tendenz, sprach von der Obrigkeit, die ihr Schwert nicht vergebens trägt, und davon, daß man dem Kaiser geben solle, was des Kaisers ist. Und es kamen gewaltige Wagner-Konzerte mit Orgelgetöse und Glockenklang und Harfengebraus aus dem Radio. Und es kam muntere Unterhaltungsmusik mit deutschen Soldatenliedern und Märschen. „Denn wir fahren, denn wir fahren, denn wir fahren gegen Engelland!“
Dr. Damsø ärgerte sich, daß man nicht auch das Radio abbestellen konnte, aber das ließ sich nicht machen, wenn man Schweden hören wollte und die dänischen Sendungen aus England, die man trotz der deutschen Störsender empfangen konnte. Aus den meisten Häusern war zu bestimmten Zeiten das seltsam gurgelnde Geräusch zu vernehmen, das von deutschen Rundfunksendern in Dänemark ausgestrahlt wurde, und durch dieses Geräusch drang die Stimme Leif Gundels aus London. Nur auf Niels Madsens Hof und in Höschen-Marius’ Haus spielte der dänische Rundfunk mit voller Lautstärke und stimulierte und ermunterte die Bewohner.
Wenn Höschen-Marius zum Kaufmann ging, um Bonbons zu kaufen, die nun rationiert und von schlechter Qualität waren, summte und brummte er ein deutsches Soldatenlied und marschierte danach. Er trug das runde Emailleabzeichen der DNSAP, ein weißes Hakenkreuz auf rotem Grund, und daneben das SA-Zeichen, eine runde Silberplatte mit den Runen S und A auf farbigem Untergrund; die Farbe gab an, in welcher SA-Division er Dienst tat. Vielleicht sah er sich schon, uniformiert und mit Orden behängt, an der Spitze eines siegreich einrückenden Heeres. „Denn wir fahren, denn wir fahren, denn wir fahren gegen Engelland!“ summte er.
Vor dem Laden des Kaufmanns wurde der Marschierende von Martin Olsen eingeholt. „Warte mal, nur ein paar Worte, Marius!“
Marius hörte auf zu summen und blickte Martin überrascht an. „Was willst du von mir?“
„Ich will dir nur sagen, daß du sehr bald die Jacke voll gehauen kriegst“, sagte Martin. „Wenn du auch ein gewaltiger Nazikerl bist, brauchst du noch lange nicht die Kinder zu belästigen! Wenn du nicht aufhörst, ihnen deine Schweinereien nachzurufen, dann kriegst du Dresche, daß du nicht mehr kriechen kannst!“
„Drohst du mir?“ fragte Marius.
Martin trat dicht vor ihn hin und hielt ihm seine große Faust unter den Schnurrbart. „Wenn du noch ein einziges Mal die Kinder belästigst, hau ich dir eins in die Fresse, daß du dein Gebiß und deine Bonbons zugleich verschluckst! Ist das deutlich genug? Hast du das verstanden?“
„Ja.“ Marius wich zurück. „Ja, ja. Nicht hauen!“
„Du kannst es ja noch mal probieren, du Nazischwein“, sagte Martin. „Dann wirst du was erleben!“
Vor dem Kaufmannsladen standen einige Leute. Sie hörten zu und freuten sich über den kleinen Auftritt. Im Laden wurde davon gesprochen, und bald sprach man im ganzen Dorf davon. Es gab so wenig Erfreuliches in diesen Tagen.
Als Marius den Laden betrat, rief der witzige Kommis ihm zu: „Heute haben wir keine Bonbons für dich, Marius! Die Deutschen haben alle Bonbons im Land beschlagnahmt!“
Evald rief das so laut, daß alle es hörten.
21
Die Frydenholmer Ziegelei hatte aufgehört zu arbeiten, weil man kein Brennmaterial beschaffen konnte. Die Bauarbeiten in der Gemeinde und die Straßenarbeiten in der Umgebung wurden eingestellt.
Rasmus Larsen hatte seine Sorgen mit den Arbeitslosen, die zum Stempeln kamen. Er fand, sie seien verblendet von der Vergangenheit und verständen nicht die Notwendigkeiten der neuen Zeit. Diese Menschen müßten erst lernen, sozial zu denken. Man müßte die Arbeiter dazu bringen, endlich zu begreifen, daß die Zeit des Klassenkampfes vorbei sei. Jetzt ginge es um die Gemeinschaft. „Denn wir sitzen doch alle im selben Boot“, sagte Rasmus. „Das egoistische Klasseninteresse muß dem Gemeinschaftsgeist weichen!“
Wie schön er das sagen konnte, dieser Rasmus! Das war gleichsam ein Schriftstück, das verlesen wurde. „Man hört, daß du auf der Rednerschule warst“, sagte Karl. „Du sprichst genauso fein wie die vom Königlichen Theater. Nein, wie du ,Gemeinschaftsgeist‘ sagen kannst!“
„Das ist auch ein gutes Wort“, meinte Jakob Enevoldsen von der Ziegelei. „Gemeinschaftsgeist, das ist etwas, was die Arbeiter haben sollen, damit die Ausbeuter mehr verdienen können. Das ist gut ausgedacht. Die Unterklasse soll Gemeinschaftsgeist beweisen, und die Oberklasse soll das Geld verdienen.“
„Du bist ein alter Mann, Jakob. Da läßt sich vielleicht nichts dagegen sagen, daß du in alten Vorstellungen lebst. Du glaubst, was in deiner Jugend gesagt wurde, gelte noch immer. Aber selbst wenn du nicht mit der Zeit gegangen bist, so hast du doch sicherlich bemerkt, daß Dänemark von Fremden besetzt worden ist? Du weißt doch wohl, daß die Deutschen hier im Land sind? Es wäre nicht schlecht, wenn die Dänen jetzt das Zusammenhalten lernen würden!“ entgegnete Rasmus bitter.
„Hört ihr, wie fein er Dänemark sagt?“ fragte Karl. „Das ist die Rednerschule.“
„Was kann es zwischen der Unterklasse und der Oberklasse für einen Zusammenhalt geben?“ fragte Jakob. „Was, zum Teufel, haben sie gemein?“
„Wir sind Dänen“, erklärte Rasmus. „Das ist es, was wir gemein haben.“
„Es gibt reiche Dänen, und es gibt arme Dänen“, sagte Jakob. „Es gibt die Oberklasse, und es gibt die Unterklasse. Der Oberklasse macht es nicht viel aus, daß Fremde im Lande sind, denn der Kapitalismus kennt kein Vaterland. Der Kapitalismus hat Hitler gemacht, genauso wie er Mussolini und Franco gemacht hat. Der Faschismus ist nicht deutsch oder italienisch oder spanisch. Er ist überall gleich: Terror gegen den Arbeiter und Profit für die Kapitalisten. Das ist es, was ihr Gemeinschaft nennt. Hitler nennt es Volksgemeinschaft.“
„Ich glaube, offen gesagt, daß du dir deine kommunistischen Phrasen sparen solltest“, sagte Rasmus Larsen. „Die Zeit ist nicht gerade günstig für so etwas. Ihr Kommunisten solltet lieber ein bißchen kurztreten! Ihr seid ein für allemal entlarvt. Ihr habt euch außerhalb gestellt! Mit euch diskutiert man nicht. Es gibt keinen Unterschied zwischen Kommunisten und Nazis. Du bist älter als ich, Jakob, aber du mußt dich damit abfinden, daß ich dir rundheraus sage: Wir wollen nichts mit euch zu tun haben, weder mit Kommunisten noch mit Nazis!“
So sprach man in der Stempelstelle in Rasmus Larsens roter Ziegelvilla. Und über den Rundfunk sprach der alte Ministerpräsident des Landes in die Häuser der Leute hinein. Väterlich und ernst sprach er mit seiner tiefen Stimme: „Es scheint eine gewisse Zeit zu beanspruchen, bis die dänische Bevölkerung ganz versteht, in welcher Situation Land und Volk sich befinden; aber es muß der Bevölkerung wohl einmal klarwerden, daß man außer Ruhe und Ordnung auch die Zusammenarbeit und den guten Willen aller braucht, um gemeinschaftlich die vorhandenen Schwierigkeiten zu überwinden. Alle, die den Wunsch haben, unser Land zu bewahren und es sicher durch diese unfriedlichen Zeiten zu führen, beteiligen sich an dieser Koalition.
Wir müssen uns den Notwendigkeiten anpassen und uns deshalb mit einer Einschränkung der Freiheit abfinden. Sicher ist es traurig und unbequem, das Schicksal gegen sich zu haben und einige materielle Güter, die man erworben hat, zu verlieren, aber es gibt Größeres und Wichtigeres, und es ist das Größte, das Wichtigste, das jetzt Opfer fordert und Zusammenhalt und Ruhe und Ordnung in der Gesellschaft.“
Das Land lauschte der vertrauten Stimme. In Häusern und Höfen und Villen lauschte man. Diese Stimme sprach nicht für eine Partei, sondern für zusammenarbeitende Parteien und vereinte Klassen.
In die Regierung waren Politiker der bürgerlichen Parteien aufgenommen worden. Es war der Wunsch der Sozialdemokratie, die Regierungsgewalt mit den früheren Gegnern zu teilen, und die hatten die Einladung angenommen. In Gemeinschaft sollten die Schwierigkeiten überwunden werden. Die Mehrheit mußte um der Gemeinschaft willen Opfer bringen.
Der Arbeitslohn wurde gesetzlich festgelegt. Den Arbeitern wurde verboten, zu streiken. Durch Gesetz wurde die Teuerungszulage vermindert. Eine Arbeitsaufteilung wurde durchgeführt, die den Wochenlohn reduzierte. Eine Umsatzsteuer wurde eingeführt. Den Arbeitern wurde eine besondere Lohnsteuer auferlegt, um die erhöhten Ausgaben für die Arbeitslosenunterstützung bestreiten zu können. Die sozialen Leistungen wurden gekürzt. Die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung stiegen. Und alle Preise stiegen.
Mit Behagen sah Graf Rosenkop-Frydenskjold, wie sich seine Einnahmen erhöhten. Das waren die Auswirkungen der neuen Getreideordnung, ein Ergebnis der nationalen Sammlung. Auch Niels Madsen und die anderen Besitzer größerer Höfe freuten sich über diese Sammlung. Aber für die Kleinbauern wurde Futtergetreide nahezu unerschwinglich; die kleinen Landwirtschaften mußten ihren Viehbestand verringern.
„Wir müssen uns anpassen an die Zeit und an die vorhandenen Bedingungen“, forderte die tiefe Stimme im Radio. „Und die Zeit, in der wir leben, ruft nach der Zusammenarbeit aller Dänen.“
Ende Mai erhielt Rasmus Larsen ein Rundschreiben vom Vereinigten Gewerkschaftsbund. Er heftete es in seinem Büro an das schwarze Brett, damit es die Arbeitslosen, die zum Stempeln kamen, studieren konnten.
„Auf Ersuchen des Außenministeriums und des Sozialministeriums hat der Vereinigte Gewerkschaftsbund an Verhandlungen mit dem Leiter des Auswanderungsbüros über die Vermittlung von Arbeitskräften nach Deutschland teilgenommen. Von deutscher Seite ist uns eine grundsätzliche Bedingung für die Lieferung von drei Millionen Tonnen Kohlen und einer Million Tonnen Koks genannt worden: Wir müssen Deutschland so viel Arbeiter stellen, wie zur Förderung dieser Kohlenmenge notwendig sind.
Im Laufe der Verhandlungen ist es uns jedoch geglückt, zu erreichen, daß die dänischen Arbeitskräfte nicht, wie anfangs beabsichtigt, in den Kohlenbergwerken, sondern an anderen Arbeitsplätzen eingesetzt werden. Die dadurch freigestellten deutschen Arbeiter können dann in der Kohleförderung beschäftigt werden.
Wie aus dem beigefügten Rundschreiben des Staatlichen Auswanderungsbüros hervorgeht, haben die deutschen Behörden in Vesterport ein Büro eingerichtet, das Arbeit in Deutschland zu den im Rundschreiben erwähnten Bedingungen vermittelt.
Der Vereinigte Gewerkschaftsbund seinerseits hat eingewilligt, die ihm angeschlossenen Verbände zu orientieren, und wir fordern hiermit die Verbände auf, Sorge zu tragen, daß das Rundschreiben des Auswanderungsbüros umgehend sämtlichen Gewerkschaftsgruppen, Arbeitsvermittlungsbüros und Arbeitslosenkontrollbüros zugestellt wird.“
Aus der Mitteilung des Staatlichen Auswanderungsbüros ging hervor, daß in Deutschland sowohl für Facharbeiter wie auch für Ungelernte Arbeitsplätze vorhanden seien. Die Arbeitszeit betrage sechzig Stunden in der Woche, der Stundenlohn siebenundfünfzig Pfennig bis zu einer Mark, liege aber in den meisten Fällen zwischen siebzig und fünfundachtzig Pfennig. An einigen Arbeitsstellen könne man jedoch durch Akkordarbeit mehr verdienen. Verheiratete Arbeiter würden eine Familienzulage von einer Mark bis zu einer Mark fünfzig pro Tag erhalten. Die Arbeitsverträge sollten für einen Zeitraum von sechs bis neun Monaten abgeschlossen werden. Die dänischen Arbeiter wurden aufgefordert, ihre dänische Kranken-, Invaliden- und Arbeitslosenversicherung aufrechtzuerhalten und gleichzeitig Mitglied der deutschen Krankenkasse zu werden. Die Beiträge für die deutsche Kasse und die Steuern würden etwa zwanzig Prozent des Verdienstes ausmachen.
Rasmus Larsen wußte, daß es in der Stempelstelle zu Diskussionen und Mißfallensäußerungen kommen würde, sobald die Arbeitslosen das Rundschreiben des Vereinigten Gewerkschaftsbundes gelesen hätten. Um jeder Kritik von seiten der Unbequemen vorzubeugen, befestigte Rasmus einen Artikel aus der Zeitung „Socialdemokraten“ neben dem Rundschreiben. Dort konnten die kommunistisch Infizierten lesen, wofür man sie hielt und weshalb es nicht anging, mit ihnen zu diskutieren.
„Die Politik der Kommunisten in Dänemark ist so unmittelbar mit der außenpolitischen Stellung dieser Partei verbunden, daß ein freier, öffentlicher Meinungsaustausch über ihre Haltung für den Teil der Presse, der verantwortungsbewußt die zwischen der dänischen Regierung und der deutschen Wehrmacht getroffenen Vereinbarungen respektiert, nicht möglich ist.
Gerade weil die dänischen Kommunisten wissen, daß es im Augenblick nicht möglich ist, ihrer wilden Demagogie entgegenzutreten, trägt ihre Presse mit verstärkter Energie gemeine Angriffe gegen die Führer der Arbeiterbewegung vor und verbreitet Gerüchte und böswillige Vermutungen.
Allein dieses Vorgehen sagt alles Notwendige über die moralische Verfassung der Kommunistischen Partei Dänemarks. Die Führer der Kommunistischen Partei stellen die Möglichkeit, parteipolitischen Profit zu erzielen, über jede Rücksichtnahme, auch über die Rücksicht auf die Zukunft der Nation und der Arbeiterbewegung.
Die Führer der Kommunistischen Partei Dänemarks haben in diesen Tagen ihren historischen Platz eingenommen. Wir zweifeln nicht daran, daß die Zeit kommen wird, wo man sie dafür zur Verantwortung zieht. Im Augenblick haben wir in den Gewerkschaften nur die Pflicht, sie zu bekämpfen und ihnen ihre Vertrauensposten zu entziehen, sofern sie noch die Gelegenheit haben, solche zu bekleiden.“
Бесплатный фрагмент закончился.
