Читать книгу: «Das Innere des Landes»
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
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Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2022 Verlag Anton Pustet
5020 Salzburg, Bergstraße 12
Sämtliche Rechte vorbehalten.
Lektorat: Markus Weiglein
Grafik und Produktion: Nadine Kaschnig-Löbel
Coverfoto: Si-yue Steuber/shutterstock.com
Auch als gedrucktes Buch erhältlich,
ISBN 978-3-7025-1045-9
eISBN 978-3-7025-8091-9
www.pustet.at
Günther Marchner
Das
Innere des Landes Roman

Inhalt
Prolog
Die Nachricht
Das Haus
Der Fund
Die Nachbarin
Gespräche
Das Angebot
Am Lagerfeuer
Die Wanderung
Der Bauer, der keiner ist
Gespräch mit einer alten Frau
Sarahs Modelle
Am Sterbebett
Der Entschluss
Epilog
Nachtrag und Dank
Prolog
Aus Angst vor der Wahrheit, die sie zu erahnen beginnt, aber nicht hören möchte, hält sie an der Hoffnung fest. Allein ihr Glaube schwindet von Tag zu Tag. Schließlich hofft sie nur noch auf eine eindeutige und entschiedene Klarheit, anstatt in quälendem Zwiespalt zu verharren.
Als sie die Nachricht vom Tod ihres Mannes erhält, ist der Krieg schon mehrere Wochen vorbei. In dieser ersten Zeit nach dem Ende des Schreckens. In einer neuen Sicherheit und in der geschwundenen Aussicht zu erfahren, dass er noch am Leben sein könnte. Er sei bei den letzten Kriegshandlungen gefallen, beim Rückzug erschossen, wird ihr mitgeteilt. An dieser sich auflösenden, noch von ein paar Fanatikern brutal mit Todesdrohungen zusammengehaltenen Front, zur sinnlosen Abwehr eines übermächtigen Gegners, schreit sie in ihrem verzweifelten Zorn.
Der Überbringer der Nachricht schweigt, ein Mann aus dem Dorf, nun Mitarbeiter der neuen Verwaltungsmacht.
Für den Spätsommer erwartet sie ihr Kind, ohne Vater, ohne Mut und Kraft, ohne Vorstellung, wie es weitergehen soll. Von Freunden ihres gefallenen Mannes erfährt sie, was sie befürchtet und geahnt hat. Er hatte den Krieg wie das Regime verabscheut und sich Feinde gemacht. Zwar war er klug genug gewesen, eine offene Konfrontation zu vermeiden. Aber die Sache war doch klar. Seine Kontrahenten hatten ihn in den letzten verzweifelten Kriegswochen absichtlich unlösbaren Befehlen und tödlichen Gefahren ausgesetzt. Genau dort, wo man unzuverlässige und verdächtige Personen haben wollte, nach all den Androhungen fanatischer Ortsmächtiger in den letzten Monaten und Jahren zuvor.
Sie übersteht die kommenden Monate bis zur Geburt ihres Kindes. In einer neuen Ordnung ohne Angst und Gewalt, die viele aufatmen lässt. Wie gelähmt versucht sie durch die erste Zeit zu kommen, durch einen Friedenssommer, den ersten seit vielen Jahren. An dem sie so nicht teilhaben kann. Der so nicht ihrer ist. Das Ende des Krieges, in dieser Weise, hat ihr keinen Frieden gebracht, sondern stille Verzweiflung und Wut. Sie versorgt ihre Tiere, sie verfügt über einen Garten, mehrere Wiesen und Holz. Sie funktioniert. Sie vergräbt sich in die anfallende Arbeit, im Haus und draußen im Garten, auf den Wiesen, im Wald. Ihre Mutter unterstützt sie in den letzten Wochen vor der Geburt und danach, um die erste Zeit mit ihrem Neugeborenen, einem Mädchen, zu bewältigen.
Nun lebt sie allein mit ihrer Tochter, als Witwe im fremden Haus und kleinen Gehöft ihres gefallenen Mannes. Es ist das Haus seiner früh verstorbenen Eltern, das sie übernommen hatten, nachdem seine ältere Schwester in die Stadt geheiratet hatte, noch vor dem Krieg.
Zögernd und schmerzvoll lebt sie sich in das neue Leben ein.
Bis die Schwägerin und deren Mann vor der Tür stehen, ausgebombt, geflüchtet aus der Stadt, ohne Dach über dem Kopf. Auf der erfolglosen Suche nach einer vorläufigen wie erträglichen Bleibe hat es die Schwägerin, die vom Tod ihres Bruders erfahren hatte, ins Dorf zurückgezogen.
Selbstverständlich können sie bleiben! Wie könne sie auch ablehnen?
Kommt herein! Fühlt euch wie zu Hause!
Sie rücken zusammen und helfen einander. Sie kochen und essen gemeinsam. Sie kümmern sich gemeinsam um Versorgung und Haushalt. Der Mann der Schwägerin sucht nach Arbeitsmöglichkeiten, die es in dieser Gegend nicht gibt. Er versucht sich nützlich zu machen, wo er kann, aber er kann es nicht. Die Schwägerin verspricht ihr, sie zu unterstützen. Sie gehöre ja schließlich zur Familie.
Die ersten Monate ist es schön, diese neue wie unklare Zeit gemeinsam zu verbringen und ein wenig zuversichtlicher in eine unbekannte Zukunft zu blicken. Mit ihrer Tochter, die nicht nur von der Großmutter umsorgt, sondern auch von der unerwarteten Tante im Haushalt umgarnt wird. Die darauffolgenden Monate erscheinen ihr beinahe wie in goldenes Licht getaucht.
Dann kommt es doch, was sie geahnt hat, aber nicht erwarten wollte.
Die Schwägerin klagt.
Wo sollen wir hin? Unsere Wohnung ist für immer verloren, wir wissen nicht wohin. Wir haben nichts mehr, mein Mann findet keine Arbeit. Und ich? Ich bin in diesem Haus aufgewachsen, in dem ich jetzt zu Gast bin, das nun dir gehört.
Ist es nicht unrecht, dass sie kein Haus und keinen Anspruch auf ihr Geburtshaus habe?
Das Thema ist auf dem Tisch.
Ob es rechtens sei, dass eine Zugeheiratete dieses Haus allein für sich beanspruchen könne? Sie habe doch als Schwester gewiss auch ein Anrecht darauf, da sei doch so einiges nicht geregelt. Sie fühle sich ungerecht behandelt, sie sei nicht ausgezahlt worden. Es gebe zwar kein Testament, aber immerhin einen Brief, in dem ihr der Bruder etwas versprochen hatte, eine Abgeltung, später einmal. Aber jetzt?
Sie ist entsetzt, erschrocken, fassungslos. Sie weiß von alldem nichts. Nur einmal, nebenbei, hatte ihr Mann etwas erwähnt, was noch zu regeln sei, aber es war kein Gesprächsthema mehr, in diesem Krieg, in dieser Zeit. Und nun gerät sie ins Visier. Ein Vorwurf steht im Raum, dass etwas nicht richtig, nicht ordentlich gelaufen sei.
Sie weist die Schwägerin darauf hin, dass sie das nicht gewusst habe und dass sie nun hier lebe. Wie stelle sie sich einen Anteil vor, nachdem sie nichts habe? Sie habe sie doch aufgenommen. Sei das ihr Dank?
Es kommt zum Streit. Ein Streit, der keine Lösung bringt, bis er im Schweigen einfriert. Bis klar wird, dass sie so nicht unter einem Dach leben können. Bis der Mann der Schwägerin ein Arbeitsangebot erhält. Bis die beiden schließlich ausziehen, zurück in die Stadt, die ihnen neue Möglichkeiten bietet. Aber die Sache bleibt offen. Ein über die Jahre dahinschwelender, aber schließlich erkalteter Streit, der auf einen Ausbruch wartet, zum gegebenen Anlass.
In den ersten Jahren kann sie sich mit ihrer kleinen Tochter behaupten. Einige Nachbarn und ihre Freunde stehen ihr bei. Ihre Mutter kümmert sich um die Enkelin, während sie einer Arbeit nachgeht. Es ist eine Stelle für die Verwaltungsmacht, deren Vertreter sie bei der Anstellung bevorzugen, denn ihr gefallener Mann war Gegner des untergegangenen Regimes gewesen, was jene seiner Freunde, die noch leben, bezeugen.
Nicht nur wegen dieser Bevorzugung allein teilt sich der Ort. Er teilt sich wegen vieler Angelegenheiten entlang alter, aber noch frischer Gegensätze. Gegensätze, die unauffällig weiterschwelen und gelegentlich zum Ausbruch kommen. Zwischen Gegnern des untergegangenen Regimes und seinen Befürwortern und Nutznießern. Zwischen tatsächlichen Opfern und denjenigen, die sich für Opfer halten.
Die merkwürdige Freiheit der fremden Befreiung macht Neues und Ungeahntes möglich, vor allem auch für junge Frauen wie sie. Es scheint eine Freiheit zu sein, die es lange nicht mehr gegeben, im Grunde noch nie gegeben hat. Ein neues Lebensgefühl. Bis die vom Krieg Heimgekehrten und vom Untergang des Reichs Enttäuschten, bis die von der neuen Macht Entmachteten und Zurückgesetzten wieder in Positionen kommen, sich neu formieren, weil man sie braucht. Bis sie beginnen, sich zurückzuholen, was ihnen ihrer Auffassung nach zusteht. Nachdem auch sie, als ehemalige Funktionsträger des gescheiterten Reichs, ihren Krieg überlebt hatten, sich den neuen Verhältnissen anpassen und der neuen Ordnung andienen.
Allmählich geraten Gerüchte über ihren gefallenen Mann in Umlauf, ohne dass Klarheit darüber herrscht, woher sie stammen, aber so ist das Wesen von Gerüchten. Gelegentlich werden sie von alten Gegnern bewusst gestreut. Gelegentlich werden sie von der weggezogenen Schwägerin, aber vor allem von deren früheren Freundinnen im Dorf unter der Hand verbreitet.
Er sei ein Verräter am Volk, an der Volksgemeinschaft gewesen, ein politisch Verdächtiger, gewiss auch unter heutigen Umständen, denn vor allem sei er ein Kommunist, ein Feind der Freiheit und der Menschheit gewesen. Man höre so einiges. Und sie, seine Frau, die Frau dieses Mannes, erschleiche sich noch dazu ein Erbe. Die Gesinnung ihres Mannes war bekannt gewesen, wie die anderer im Ort auch. Aber aufgrund der Tatsache, dass sich viele politische Gegner in ihrem Dorf, wie in den meisten kleinen Dörfern, persönlich kannten, waren Gegensätze nicht an die große Glocke gehängt worden und hatten letztlich keine gefährlichen Konsequenzen gehabt. Denn in der Regel waren das Zusammenleben und ein Miteinander-Auskommen wichtiger. Aber Drohungen gegen ihn waren doch stets da.
Sie solle froh sein, dass er wenigstens ehrenhaft gefallen sei, sonst wäre sie vielleicht die Witwe eines ehrlosen Deserteurs geworden.
Man habe ihn allerdings nicht ehrenhaft, sondern verbrecherisch und verantwortungslos in diesen ehrenhaften Tod getrieben, schreit sie auf der Straße diejenigen an, die sie dafür verantwortlich hält.
Ihre Enttäuschung über Ablehnung und Missgunst ihr gegenüber wächst, vor allem darüber, zur Witwe eines Verräters und zur Erbschleicherin gestempelt zu werden. Ihre Widerstandskraft, sich in einer Außenseiterposition zu behaupten, nimmt stetig ab. Schließlich schafft sie es, das Dorf zunehmend hinter sich zu lassen und Kraft für ein anderes Leben zu schöpfen. Wie sie sich immer mehr zurückzieht und nur noch wenige Freundinnen hat. Bis sie aber gerade deshalb eine besondere Unterstützung findet, die ihr hilft, ihr Auskommen zu sichern. Wie sie eine Freundin überredet, in die heruntergekommene Hauptstadt zu kommen und gemeinsam mit ihr eine Arbeit anzunehmen, wo junge Frauen in Büros gebraucht werden, und sie für einige Zeit ihre kleine Tochter der Obhut ihrer Mutter überlässt. Ausgerechnet sie, die sich nicht sicher ist, ob sie bleiben oder gehen soll, obwohl alles fürs Weggehen spricht und sie nichts mehr halten sollte. Wie sie diesen Soldaten der Verwaltungsmacht kennenlernt, der sie bewundert und über das Meer holen wird, mit einer Aufenthaltserlaubnis, mitsamt ihrer Tochter. Als die Beziehung zu diesem Mann scheitert und sie es trotzdem schafft, auf dem neuen Kontinent Fuß zu fassen, mit Hilfe neu entstandener Freundschaften. Als sie schließlich in späteren Jahren selbst zur stolzen Bürgerin des gelobten Landes wird.
Das von ihrem gefallenen Mann geerbte Haus hat sie in der Zwischenzeit einer befreundeten Familie zur kostengünstigen Miete überlassen. Einer Familie mit Wurzeln in der Landeshauptstadt und guten Beziehungen zum Ort, in dem diese vorrübergehend nach Kriegsende untergebracht gewesen war. Diese nutzt, nachdem sie in die Stadt zurückgekehrt ist, das Haus stets mehrere Wochen im Jahr, vorwiegend zur Sommerfrische. Der Vater der Familie, Beamter in der Ministerialbürokratie der neuen Republik, pflegt, seinem Traditionsbewusstsein gemäß, gerne über ein kleines Häuschen im Ausseeischen zu verfügen und diesen Umstand auch entsprechend zu zelebrieren. Jedes Jahr zumindest einige Zeit im Sommer, aber gelegentlich auch an Feiertagen. Der Lauf der Jahre und ein stetig steigender Wohlstand degradieren das Haus schließlich zum Sommerhäuschen, aufgrund wachsender Ansprüche und mangels bequemer Ausstattung für kältere Perioden. Die Werkstatt ihres gefallenen Mannes, der gelernter Tischler war, sowie weitere Nebengebäude hatte sie ohnehin seit Kriegsende nicht mehr angerührt. Auch für die Mieter sind sie tabu.
Gelegentlich denkt sie daran, das Haus vielleicht doch zu verkaufen. Aber sie hält die Vermietung für eine zwar vorläufige, aber schließlich doch dauerhafte Lösung.
So bleibt es über alle Jahre. Es sind Jahre, in denen ihr eine gute Anstellung in einer Handelsfirma Sicherheit und Einkommen bietet, ebenso ein Netz an Freundschaften. Jahre, in denen sie zwar Männer kennenlernen, aber keine Ehe mehr eingehen wird. In denen sie ihre Tochter heranwachsen und sie eine Familie gründen sieht, die mit den Enkeln in der Nähe lebt, in einem der Vororte der großen Stadt am Rande einer waldigen Bergkette. Und in denen sie regelmäßig im Ort ihrer Herkunft nach dem Rechten, aber vor allem nach dem Haus sieht und sich als erfolgreiche Emigrantin präsentiert. Als eine, die es dort geschafft hat. Als eine, die es denen zeigt, die sie angefeindet und missachtet haben und es vielleicht auch jetzt noch tun. Als eine, an der trotz Erfolg und Wohlstand Ausgrenzung und Nicht-Dazugehören weiterhin nagen. Als eine, die nicht weiß, warum sie an diesem Haus festhält, es nicht verkaufen, sich nicht von dieser Gegend lösen kann.
Die Nachricht
An einem frühen Morgen läuft John durch den Wald, weit nördlich des großen Sees und der Wirtschaftsmetropole. Endlich ist für ihn der Frühsommer ein wenig spürbar, auch hier in dieser Gegend. Gleichzeitig liebt er die Stimmung, die ihn beim Morgenfrost befällt. Er mag stille, gefrorene Landschaften. Wie noch vor einigen Wochen, als sie das erste Mal in diesem Jahr an diesem Platz verbracht hatten. Die Wasserlacken waren vereist, die Wiesen lagen in gefrorenem Weiß, die Bäume, noch dunkle Bäume, bevor sie austrieben, waren an der Oberfläche mit Frostflaum bedeckt. Dann der See, zwar eisfrei, aber im seichten Wasser am Rande des Ufers war er noch mit einer Eiskruste umsäumt.
Es ist still, das Wasser glatt, die Sonne steht noch tief und die ersten Strahlen treffen die Spitzen der hohen Bäume. Vor ihm liegt ein noch kalt erscheinender dunkler Weg, blau, grau, schwarz. Schwarzes Braun.
Johns Hüften schmerzen, sein Atem ist kurz. Er hat sich für zu lange Zeit zu wenig bewegt, zu viel gegessen und zu viel Alkohol getrunken. Er hat zu viel gearbeitet, zu viel Druck verbreitet und sich zu viel unter Druck setzen lassen. Er versucht, einen Rhythmus in seine ungelenk gewordenen Bewegungen zu bringen. Wieder mehr Rhythmus, wieder gleichmäßiger und entspannter, wieder mehr von dem, was ihm und allen anderen guttut. Es fällt ihm schwer, er läuft nur kurze Strecken, dann stoppt er, immer wieder, unregelmäßig. Der Waldboden, obwohl weich und geschmeidig, erscheint ihm wie schweres Gelände.
Er verweilt am Rande des Sees, die Oberfläche ist blitzblank, noch ist nicht die Zeit, in der sich im Wald fette Mücken bemerkbar machen, sobald er stehen bleibt und der Schweiß fließt. Die Sonne blinzelt durch die Bäume, einer Mischung aus Nadeln und Laub, frisch ausgetriebenes helles Grün.
Er denkt daran, wie er dieses andere Leben, das Leben in der Natur, stets herbeisehnt. Wenn er sich eingeengt fühlt an langen Schreibtischtagen, in endlosen Gesprächsterminen, im Stau, stets angemessen statt leger gekleidet, dazwischen sich mit Fast und Convenience Food versorgend, wenn auch von der gehobenen Sorte, eingeklemmt zwischen Terminen. Aber es gibt dieses andere, das wirkliche Leben. Das des Naturmenschen und Selbstversorgers, des Hüttenbauers und Kanupaddlers, des Anglers und Pick-up-Drivers durch ruppiges Gelände. Stets lässt er sich von diesem Lebensgefühl erfassen, wie viele Männer, die sich in ihren Holzfäller-Hemden einen Lebensplatz am Wochenendlagerfeuer gönnen, gelegentlich in einer Endlosschleife aus Grill, Baseball und Eishockey versunken, in Blockhütten, Holzriegeln oder aufgebockten Trailern mit Klimaanlage und Gasheizung. Wenn er seine Runden durch Blueberry-Moore zieht, wenn er das Heck des Pick-ups bis zum Bersten mit Überlebensausrüstung vollräumt, ergänzt durch Einkäufe in einer der äußeren Malls, den letzten Außenposten der Zivilisation auf dem Weg zur Lodge. Wenn er gute Musik von früher genießt, auf dieser in einem langen Stück geradeaus verlaufenden Straße, bevor sich diese entschließt, die Richtung zu ändern, um wiederum für eine lange Weile geradeaus zu verlaufen. Vorbei an schütteren Nadelwäldchen, Moorflächen, unzähligen schwarzen Seen, die zwischen den Bäumen durchschimmern. Bevor dahinter, sehr weit dahinter, der leere Norden beginnt, den er gelegentlich aufsucht. Wie Sibirien, denkt er manchmal, unüberschaubar in dieser erhabenen Endlosigkeit. Wenn er der Zivilisation und dem dichten Leben entflieht und sich in die Freiheit entlässt, mit entsprechender Ausrüstung, um sie zu überleben. Wenn er versucht, sich auf die Fülle an Arbeit zu konzentrieren, die auf ihn wartet, und wenn er beschließt, beschließen muss, Arbeit mitzunehmen in das Wochenende, in den Wald, nicht das erste Mal, nicht das letzte Mal, in diese großzügige Lodge am See, immerhin.
Bis vor ein paar Tagen das Telefon geläutet hatte.
Ob man hier richtig sei bei ihm. Ob er die Mail erhalten habe, die man ihm vor drei Wochen geschickte habe.
Die Mail? Nein! Ja doch. Also Sie sind das? Ja, er war beschäftigt gewesen und hatte noch keine Zeit zu antworten.
Wir dachten uns, wir kontaktieren Sie und fragen noch einmal nach, ob Sie die Nachricht überhaupt erhalten haben. Wir haben vergeblich auf eine Antwort gewartet, so die Stimme mit Akzent.
Er habe keine Ahnung, worum es gehe. Woher sie seine Nummer hätten, hatte er noch unfreundlich zurückgefragt.
Natürlich von den Kontakten zu seinen Eltern. Mit seiner Großmutter hätten sie ohnehin jahrelang zu tun gehabt.
Er versuchte zu begreifen, was ihm gerade mitgeteilt worden war. Er merkte, dass es da etwas gab, was ihn betreffen sollte. Er hatte sich bisher einfach nicht darum gekümmert, es war weit weg.
Wer das war, hatte sie ihm aus dem Wohnzimmer zugerufen, nachdem sie das Telefonat mitbekommen hatte, das anders war als sonst, nichts Vertrautes, Routiniertes, Übliches war zu hören gewesen.
Nichts Besonderes, es gehe um das alte Haus seiner verstorbenen Großmutter, das gehöre jetzt ihm. Er habe es geerbt, sie wisse das ja, oder nicht? Es gebe ein paar Dinge zu klären, hätte man ihm gesagt. Aber er habe noch keine Zeit gehabt, sich um die Angelegenheit zu kümmern, falls es überhaupt etwas gäbe, was er sonst tun sollte, als diese Angelegenheit möglichst schnell loszuwerden, das heißt: zu verkaufen.
Aber da hatte sie ihm schon gar nicht mehr zugehört.
Seine Gedanken daran versucht er während seiner Laufrunde um den See abzuschütteln. Das Haus sei sanierungs- und reparaturbedürftig, hatte es geheißen. Der Anruf war von jener Agentur gekommen, die die Betreuung dieses Hauses innehatte, auf gutwilliger Basis, wie ihm gesagt wurde, schon seit sehr vielen Jahren. Oder war es ein Nachbar? Er brachte alles durcheinander. Auf alle Fälle sei etwas zu klären oder zu tun, war ihm mitgeteilt worden. Die Mieter seien vor drei Jahren ausgezogen, das Haus stehe leer, ungenutzt.
Was er denn nun damit machen wolle?
Damit? Womit?
Mit dem Haus natürlich.
Er weiß es nicht. Er weiß erst seit kurzer Zeit, dass er überhaupt über ein Haus verfügt.
Es sei einiges zu reparieren und vor allem zu regeln.
Zu regeln? Könne das Haus nicht einfach verkauft werden? Er habe ja damit nie etwas zu tun gehabt und auch keinerlei Interesse daran. Könnten nicht Sie das für mich übernehmen?
Man könne das schon für ihn machen, aber das kostet und man müsse eine Vereinbarung treffen. Und irgendwie müsse man wegen einiger Dinge ständig rückfragen. Das scheint einfach zu kompliziert zu sein. Es gehe doch um einiges, und dann diese Entfernung. Spielt das für Sie keine Rolle?
John weiß nicht, was er sagen soll, weil er nicht weiß, was hier welche Rolle spielen soll.
Es scheint komplizierter zu sein, als er bisher dachte, und es erscheint auch so, dass die Sache aus der Ferne nicht zu regeln ist. Zumindest nicht zufriedenstellend, so der Agenturmitarbeiter am Telefon. Er rate John, sich die Sache selbst anzusehen, sich ein Bild zu machen. Vielleicht könnte er einige Tage in die Gegend investieren, um die Angelegenheit vernünftig zu lösen.
Dann hatte John seine Sachen fürs Wochenende gepackt. Seine Unterlagen hatte er in den alten Koffer mit den vielen Fächern gegeben, ebenso den Computer. Er hatte noch überlegt, ob er erst am nächsten Tag morgens fahren sollte, sich jedoch besonnen und alles ins Auto geräumt.
Ob sie mitfahre, hörte er sich fragen. Aber es schien ihm ohnehin sinnlos.
Sie blickte zu ihm.
Nein! Wie er ohnehin wisse, habe sie schon was anderes vor.
Das weiß er eben nicht.
Es sei besser, sie halten Abstand zueinander, meinte sie. Sie sei durcheinander, sie habe das Gefühl für ihn verloren, füreinander.
Er kannte diesen Satz, diese Botschaft, seit einiger Zeit, seit den letzten Monaten. Auf dieser Ebene verkehrten sie inzwischen. Distanziert beurteilten sie ihre Beziehung, ihre Frustration, ihre Sackgasse.
Was sie denn vorhabe, wollte John wissen.
Sie fuhr ihn an. Kontrollierst du mich? Sie werde den gemeinsamen Sohn besuchen, er sei mit seiner Freundin zusammengezogen, vor Kurzem.
Er wisse darüber Bescheid, antwortete er ihr reflexartig und geflissentlich, er habe ja mit ihm gestern telefoniert. Er wollte eigentlich, dass er mit zur Lodge fährt. Aber er habe Prüfungen, auf die er sich vorbereiten müsse, so der Sohn. Durch den Umzug habe er Zeit verloren, er müsse sich konzentrieren. Er fehlt mir, sagte John abschließend. Er dachte daran, wie sich ihr Sohn vor ein paar Monaten zurückgezogen hatte, als sie beide vergeblich versucht hatten, ihn jeweils auf ihre Seite zu ziehen, ihn jeweils für sich zu gewinnen. Doch er spielte nicht mit.
Werdet erwachsen, sagte ein 22-Jähriger zu seinen Eltern.
Und nun fährst du zu ihm?
Er bemerkte das irritiert und eifersüchtig.
Aber da war sie schon weg.
Es musste sich zwingen, Schritt für Schritt ein Ding nach dem anderen zu tun, sich nicht fallen zu lassen. Aber warum eigentlich nicht? Warum sich nicht einfach der Verzweiflung hingeben und einfach gehen lassen?
Danach hatte ihn ein Schwall an Einsamkeit und ein verzweifeltes Beharren auf ein entspanntes Wochenende befallen. Als er sich durch den frühabendlichen Verkehr gekämpft hatte, hinaus in den Wald, in die Natur. Als er sich im Haus am See eingenistet, ein Bier geöffnet und versucht hatte, auf dem Sofa entspannt die Unterlagen zu sichten, die er in den folgenden Tagen in Ergebnisse verwandeln sollte. Als er gemerkt hatte, dass er dazu nicht in der Lage war. Als er den Computer eingeschaltet und begonnen hatte, gedankenlos herumzusurfen, auf der Suche nach Neuigkeiten auf den üblichen Filmportalen, um sich im Wald auf der Couch zu zerstreuen.
Beim Laufen kann er seine Gedanken in Fluss bringen. Aber er soll nicht immer nur denken, nicht so viel. Aber nun geht ihm die Sache wieder durch den Kopf, um die er sich kümmern sollte. Dieses Haus, quasi über Nacht geerbt. Und sofort kostet es Geld, so wie es aussieht. Als er noch einmal genauer nachgefragt hatte, teilte ihm der Agenturmitarbeiter mit, dass die langjährigen Mieter ausgestiegen seien, dass kein Geld mehr hereinkomme. Einerseits sei das Haus in diesem Zustand kaum mehr zu vermieten, so dessen Einschätzung. Andererseits wäre da auch noch eine Kleinigkeit. Ein alter Streit sei offensichtlich wieder aufgeflammt, wovon sie gar nichts gewusst hätten. Verwandte seien aufgetaucht, sie würden Anteile beanspruchen, falls das Haus verkauft werde. Die seien zwar nicht im Grundbuch verankert. Aber das müsse trotzdem geklärt werden. Die laufenden Kosten konnten bisher über die Vermietung hereingebracht werden. Aber nun müssten sie verrechnet werden, das müsse geregelt werden, darum müsse man sich eben kümmern, das heißt: Er, der neue Eigentümer, müsse das tun.
Nun läuft er eine andere Strecke als die vielen sonstigen Male. Er biegt rechts ab, entfernt sich vom See und läuft in den Wald hinein.
Was tun?
Einfach verkaufen, warum geht das nicht?
Das Problem sei, so der Agenturmitarbeiter, dass die Verwandten – Kennen sie die gar nicht? – einen Rechtsanwalt beauftragt hätten, sich mit der Sache zu befassen, soviel er gehört habe. Es wundere ihn, dass sich dieser bei ihm noch nicht gemeldet habe. Aber sie wussten nach dem Tod der Großmutter wahrscheinlich gar nicht, mit wem sie wie in Kontakt treten sollten. Sie behaupten, ihnen stünde ein Erbteil zu. Das müsse geklärt werden.
Ob er auch einen Rechtsanwalt beauftragen solle?
Das könne er nicht sagen, es liege ihm fern und er fühle sich dazu auch nicht in der Lage, ihm Empfehlungen zu machen, außer, dass er sich darum kümmern sollte. Es werde ihm nicht viel anderes übrig bleiben, als sich direkt ein Bild zu machen, sich der Sache anzunehmen, sich vielleicht mit den unbekannten Verwandten an einen Tisch zu setzen, wenn das gehe.
Nach einer Weile findet John einen Rhythmus, seine Gedanken verlieren sich zwischen Blättern, Sonnenstrahlen und Bäumen. Er läuft und er lässt es laufen, bis zur kleinen Lichtung mit einer Hütte. Er verlangsamt das Tempo, dann bleibt er stehen, an dieser Stelle, wo sich der Weg gabelt, wo eine Forstschneise schnurgerade vorbeiläuft, wo diese schäbige Hütte mit teilweise zugenagelten Fenstern steht. Einige davon erlauben Einblicke, obwohl fast schwarz vor Staub auf der Innenseite. Er drückt sein Gesicht an eine Scheibe und versucht, irgendetwas zu erkennen. Nur schemenhaft sieht er Umrisse, einen umgestürzten Stuhl, eine offene Innentür, leere Regale, einen Tisch, Dreck auf dem Boden, er nimmt einen modrigen Geruch wahr, der ihm sogar auf der Außenseite noch in die Nase fährt. Er erinnert sich, wie ihm ein Freund einmal von dieser Hütte erzählt hatte. Früher waren sie gelegentlich daran vorbeigelaufen und ihn überkam stets ein unheimliches Gefühl. Er habe Geschichten darüber gehört, so sein Freund, über Leute, die sich hierher zurückzogen hatten und langsam dem Wahnsinn der Einsamkeit und einer isolierten Beziehung verfallen waren, bis es Tote gab.
Du schaust zu viele Filme an, hatte John ihm damals ausgerichtet.
Ein merkwürdiger Schauer erfasst ihn. Er umschleicht die Hütte. Wer möchte schon mit derartigen Dingen zu tun haben? Dann läuft er ein Stück den unbekannten Weg weiter, der jedoch ins Nichts führt. Dann kehrt er um, kommt wieder an der Hütte vorbei und in Richtung See und Licht zurück.
Er denkt an das ihm unbekannte Haus seiner Großmutter, einer fahrigen alten Dame, die mit scheinbarer Wehmut vor sich hinlebte. Ihre Distanziertheit allen gegenüber hatte er Zeit ihres Lebens nie verstanden. Er verstand sie auch im Nachhinein nicht. In seiner Kindheit und Jugend, auch später, war ihm ihre Haltung nicht als etwas Besonderes erschienen, sondern einfach als ihr persönlicher Charakter. Menschen sind halt so, dachte er immer, auch seine Großmutter. Aber wie denn genau und warum? Darüber hatte er sich nie Gedanken gemacht, er hatte nie Interesse daran gezeigt, es erscheint ihm nun merkwürdig, dass sie ihm in dieser Situation einfällt.
Nach der Seeumrundung denkt er auf dem Sofa nach und trinkt Bier. Eine Entscheidung beginnt in ihm zu reifen.
Ich muss weg. Ich muss da hin.
Er ruft seinen Partner an, zunächst vergeblich, er spricht auf seinen Anrufbeantworter, später am Abend ruft ihn dieser zurück. John erläutert ihm die Sache, er bittet ihn, vorläufig die Leitung seiner Projekte zu übernehmen, es laufe ohnehin alles gut. Er habe viel vorbereitet und vorgearbeitet. Er werde in der nächsten Woche noch alle laufenden Arbeiten abschließen, aber er müsse wegfahren für rund zwei Wochen und etwas regeln.
Du brauchst eine Auszeit, oder? Du bist unkonzentriert und überbelastet. Ich verstehe das, ich merke das. Dir geht es nicht gut, also tu das bitte, wir bringen das schon hin.
John erzählt ihm vom geerbten Haus, aber es sei doch mehr als das. Er müsse einfach wegfahren, er müsse raus, ein wenig flüchten aus seiner Situation, nachdenken.
Warum?
Sie haben Probleme, er und seine Frau, miteinander. Das belaste ihn und nun gibt es auch noch diese Angelegenheit mit der Erbschaft. Er müsse das in Ordnung bringen, bevor es Geld kostet, so wie sich das anhört. Am besten, er fährt hin, das schafft Abstand, genau das, was er brauche.
Sein Partner sichert ihm zu, er werde ein paar Leute organisieren und ein paar Termine nach hinten schieben, dafür solle er sich um seine Dinge kümmern. Vielleicht tue ihm das gut, einmal aus allem auszusteigen. Und was er von seiner Großmutter wisse?
Er habe mit ihr Zeit ihres Lebens kaum über das Haus und diesen Ort gesprochen.
Warum nicht?
Ich bin nicht auf die Idee gekommen. Und sie hat nicht gerne darüber geredet. Aber mehrere Male war sie dort.
Warum sie das Haus nicht verkauft habe?
Ich weiß es nicht, sie hat es Freunden, einer damals jungen Familie, langfristig zur Miete überlassen, erzählte mir die Mutter einmal. Aber das ist sehr lange her. Alle paar Jahre habe sie nach dem Rechten gesehen, alte Kontakte geknüpft. Dann ist sie gestorben, sie war zwar schon sehr alt, aber es kam doch überraschend. Meine Eltern hat das Haus nicht interessiert, die Mutter hat davon gesprochen, dieses Haus so rasch wie möglich zu verkaufen, aber sie kam nicht mehr dazu. Du weißt, der Unfall. Vor zwei Jahren ist meine Großmutter verstorben, meine Eltern vor einem Jahr, und nun bin ich dran, mich darum zu kümmern.
Es ist das erste Mal, dass er ein Wochenende allein in der komfortablen Lodge verbringt. Bisher waren sie stets gemeinsam an diesem Platz gewesen, oft mit befreundeten Familien, mit gemeinsamen Einkäufen für das Wochenende, mit Schachteln voller Dosenbier und was sonst noch alles an Freizeit-, Wochenend- und Outdoor-Material hineinpasst in einen Van oder und in einen umgebauten Pick-up. Mit Fischen, Kanufahren, Grillen und all den anderen Dingen, die hier alle tun. Vor vielen Jahren hatten sie mit Freunden gemeinsam die Gelegenheit genutzt, die Lodge zu erwerben und zu adaptieren, heute beinahe unbezahlbar.
Ich kann das nicht, nicht mehr. Wir müssen klären, wie es mit uns weitergeht, sagte sie, nicht zum ersten Mal.
Sie hatte sich von ihm distanziert, immer mehr. Lange war es ihm nicht aufgefallen. Die Unzufriedenheit. In der Geschäftigkeit seines Berufes, in den Wochenenden mit Arbeit, in den abendlichen Überstunden, in ihren immer unterschiedlicheren Interessen. In Phasen, wo sie ihn gebraucht hätte und auf ihn gewartet hatte und er nicht da war, obwohl es möglich gewesen wäre.
Du hast nie Zeit. Du kümmerst dich nicht um mich! Was tun wir schon gemeinsam? Wir reden ja kaum mehr. Du bist immer auf der Flucht. Flüchtest du vor mir? Wo ist deine Fürsorglichkeit, deine Zärtlichkeit, deine Aufmerksamkeit von früher?
Es beginnt eine Zeit, in der ihm zunehmend ihre Gemeinsamkeit und ihre Vertrautheit verloren gehen. Als sie beginnt, in Kurse zu gehen. Als sich daraus eine Freundesgruppe bildet, mit der sie unterwegs ist, immer regelmäßiger und häufiger. Bis sie ihm eröffnet, klar und direkt, dass ihre Beziehung und ihr Zusammenleben nicht selbstverständlich seien, nicht mehr. Dass sie es infrage stelle.
Zuerst nimmt er das nicht ernst.
Du bist übersteuert! Was hast du? Du hast eine schlechte Phase, lass uns doch einmal gemeinsam mehr Zeit nehmen.
So sein Versuch, ihre Aussagen abzuwehren, sich einzureden, dass es weniger an ihrer Beziehung, sondern nur an ihrer persönlichen Tagesverfassung und Befindlichkeit liege. Aber schon, als ihm diese Dinge quasi aus dem Mund fallen, hätte er sie lieber gar nicht ausgesprochen.
Sie reagiert heftig.
Es ist doch grundsätzlicher. Du weißt es. Was redest du da? Um dich zu beruhigen? Nur ein Kratzer? Nichts Ernstes? Es ist tiefer und ernster. Ich spüre dich nicht mehr, manchmal ertrage ich dich nicht mehr. Auch müsse sie ihm mitteilen, dass sie einen anderen Mann kennengelernt habe, der vieles davon mitbringe, was sie an ihm inzwischen vermisse.
Als er sie eines Abends anblickt. Als sie ihn anblickt. Als er merkt, dass etwas passiert, etwas Entscheidendes, dass nun etwas anders ist. Als ihm ein Schrecken durch die Glieder fährt und ihn erstarren lässt. Als er versucht zu reden, zu argumentieren. Als er versucht, Druck auf sie auszuüben, obwohl er weiß, wie widersinnig das ist, dass es nicht ums Überreden geht, nicht mehr, er fühlt es. Bis ihn ein Gefühl unendlicher Einsamkeit überkommt, wie er es noch nicht gekannt hat.
Es lähmt ihn, auch jetzt an diesem Wochenende, das er nun alleine verbringt, alleine verbringen muss. Er hatte sich gezwungen, laufen zu gehen, einen Rhythmus zu finden.
Aber nun? Allein im sinnlos erscheinenden gemeinsamen Wochenendparadies? Er kann es sich nicht vorstellen, ohne sie in diesem Haus, an diesem Platz, den sie sich stets so gewünscht hatte, wo sie oft glücklich gewesen waren. Sie will nicht mehr. Er wird verlassen werden, so fürchtet er, und er kann und will es nicht begreifen.
Nur diese stille und noch halbgefrorene Natur beruhigt ihn, gibt ihm ein Gefühl des Trosts, den Hauch einer Geborgenheit, er fühlt sich nicht mehr allein und verlassen. Er hat einiges erreicht, er hat eine Familie, noch. Ein Haus, ein bisschen Vermögen, einen Platz am See, eine kleine Agentur mit einem Partner. Er erzählt und verkauft Geschichten oder er hilft, diese zu verkaufen. Er ist müde, er fühlt sich ausgelaugt, Routine plagt ihn. Obwohl er alles hat, was er offensichtlich zum Leben braucht, reicht es nicht.
Hier in der Lodge, ohne Wochenend- und Familienroutine, ohne Männerfreundschaften und Familiengeplauder. Ohne Gespräche über Menschen, die es geschafft haben, oder über jene, die es nicht mehr schaffen, deren Leistungsbereitschaft nachgibt, die sich zurückziehen, ihre Jobs verlieren, sich verschulden, nicht mehr mitgehen und nicht mehr mitkommen. Nun sitzt er allein da und Zweifel ziehen auf wie der Bodennebel im Herbst.
Am nächsten Morgen bereitet John ein Solo-Frühstück vor, vom Fenster aus sieht er zwischen den Birken hindurch den See glitzern. Dann setzt er sich an den Computer und sucht Flüge nach Europa.
Das Haus
Nach einem langen Flug und einer kurzen Nacht erscheint John der Aufwand absurd. Apathisch und verloren blickt er aus dem Zugfenster und muss noch einmal daran denken, wie er der Agentur mitgeteilt hatte, dass er spontan anreisen werde, nämlich schon in ein paar Tagen – tatsächlich, es ist sicher das Vernünftigste. Aber die Flugkosten, ist das nicht doch ein bisschen viel Aufwand? – Aber wie stellen Sie sich vor, soll ich das sonst klären? Sie haben es mir ja selbst geraten.
Die Landschaft ist er nicht gewohnt, so kleinteilig und ein wenig zu schön erscheint sie ihm, einfach zu perfekt, während seine Gedanken an zu Hause durch seinen Kopf kreisen, bis er in dieser Stadt einfährt, wo er vorläufig stoppen und umsteigen wird. Er war mit dem Zug aus München gekommen. Irgendwo muss die Grenze gewesen sein, als er Wiesen, Flüsse, Bäche, Straßen, Häuser passierte. Aber wo war diese Linie? Als er die Landschaft mit übermüdeten Augen zur Kenntnis nimmt, erscheint ihm alles fremd, er fühlt sich merkwürdig deplatziert. Ein skurriler Ausflug. Zweifel schleichen sich heran.
Was soll ich mit diesem alten Haus, in einer Gegend, die sie verlassen hat, über die sie, wenn überhaupt, nur schlecht geredet hat, zu der ich keinen Bezug habe?
Sogar Kaufinteressenten hatte es gegeben, so seine Mutter damals. Aber dann ist die Großmutter gestorben, dann der Unfall der Eltern, und nun die Erbschaft, die ihm ein Notar vor wenigen Wochen erklärt hatte. Bei nächster Gelegenheit einfach verkaufen, dachte er noch.
Dann hatte er nicht mehr daran gedacht. Bis zum Anruf.
John ist mit etwas konfrontiert, das er schwer greifen kann, womit er nicht das Geringste zu tun hat.
Auf dem Bahnhof überlegt er die Weiterreise. Er entscheidet sich dafür, kein Leihauto zu nehmen. Er hatte gehört, man könne gut mit dem Zug fahren und die Landschaft betrachten. Warum eigentlich nicht? Er denkt, dass er sich Zeit lassen kann, dass er genug Zeit hat, es zieht ihn nicht zurück. Er beschließt, die Sache langsam anzugehen, sich Zeit zu nehmen für Bus und Zug, für die Gegend. Vielleicht war er in den letzten Jahren ohnehin zu schnell gewesen, zu hastig, zu eingespannt. Vielleicht hatte er auf diese Weise vieles übersehen, nicht mehr wahrgenommen.
Hat er wieder zu viel vor? Lass dir Zeit, lass los, hör zu, schau hin und warte, was kommt.
Er erkundigt sich am Schalter, wie er wohl ins Ausseerland kommen würde. Es scheint komplizierter zu sein, als er sich das vorstellt.
Also, Sie fahren mit dem nächsten Zug, oder besser, dem übernächsten, dann steigen Sie um, sagt der Mann am Schalter. Dann warten Sie auf den Anschlusszug ins Salzkammergut. Und dann …
Und dann?
Ja, dann, meint er zögernd, dann gibt es leider nur folgende …
Der Mann am Schalter schaut auf den PC und sucht …
So lange?
Ja, es sind ausschließlich Regionalzüge, die bleiben fast alle überall stehen.
Als er die Gegend Stück für Stück, von Bahnhof zu Bahnhof durchquert, denkt er an alles andere als an diese besondere Landschaft, auf die fortwährend von irgendjemandem hingewiesen wird, wenn er umsitzende Fahrgäste sprechen hört. Hier der Traunsee, zuerst von der Gmundner Seite, dann von Altmünster und Traunkirchen aus gesehen – ah, der Traunsee, schau –, dann von der dunkleren Ebenseer Seite. Dann dieser Hallstättersee – schau, der Hallstättersee –, wo asiatische Frauen und Männer an einem winzigen Bahnhof entzückt aus dem Zug springen und zur Fähre laufen. So eng, so dunkel, so spektakulär. Berge, die sich vom romantischen Anblick aus der Ferne zu steinigen Monstern in unmittelbarer Nähe verwandeln, manchmal erhaben, manchmal bedrohlich, lästig, steinig.
Was tun all die Leute hier?
Wie soll er sich das vorstellen, was in diesen Gegenden vor über 60 Jahren geschehen sein mochte, aus der seine Großmutter ausgewandert ist? Es fällt ihm schwer, sich ein Bild davon zu machen, was in all diesen Postkartenlandschaften alles möglich gewesen war. Aber er hatte davon gelesen.
Während die Ansichten an ihm vorbeiziehen, denkt er an seine Frau, seine Lage, seine Anreise, seine Flucht. Er ist müde, die Tageszeit stimmt irgendwie nicht. Sein Körper will schlafen.
Als er aussteigt und am Bahnhof herumschlurft, herumsteht und herumwartet. Ein schattiger Platz, hohe Gesimse, gelbe Wände eines altehrwürdig erhaltenen Gebäudes, aus einer anderen Zeit gefallen. Weiße Aufschriften auf eisenbahndunkelblauem Hintergrund. Eine kühle Dunkelheit legt sich vom steilen Berghang auf den Wald knapp über der Böschung oberhalb des Bahnhofs, mit mehreren nebeneinanderliegenden Schienen, mit einer Lok, die im Hintergrund wartet, mit roten Kontakt- und Signallichtern und einem knarrenden Lautsprecher mit blecherner Durchsage.
Er hatte sich dieses Haus noch gar nicht vorgestellt, vielleicht ein Holzhaus, ein sogenanntes Alpinhaus, er wird sehen. Am Bahnhof telefoniert er mit der Agentur, weil er eine Unterkunft braucht. Er hatte gar nicht daran gedacht, die Agentur auch nicht. Er bittet den Mitarbeiter, sich darum zu kümmern.
Aber Sie haben ja ein Haus.
Schon, aber ich weiß nicht, in welchem Zustand.
Wenn Sie meinen. Wir besorgen ihnen ein Zimmer, fürs Erste.
Dann fragt er am Bahnhof, wie er zum See komme.
Mit dem Bus? Der fährt erst in einer Stunde.
Da kann ich ja zu Fuß gehen, nein, mit dem Taxi. Gibt es hier ein Taxi?
Er gibt auf, als er einen verständnislosen Blick erntet. Dann hängt er sich seine beiden Rucksäcke um, geht einfach los und streckt den Daumen hinaus. Die meisten deuten ihm einen Vogel, bis plötzlich doch jemand anhält.
Den möchte ich kennenlernen, der hier autostoppt, meint der Fahrer. Sie sind wohl nicht von hier?
Nein, wirklich nicht.
Wo müssen Sie hin? Aha! Das trifft sich gut. Ich nehm Sie mit.
Der Mann lacht und lässt ihn nach einer Viertelstunde irgendwo in der Ortsmitte aussteigen.
Die Häuser fallen ihm auf, die Fassaden, viel Holz, Veranden, kleine Fenster, Geschnitztes, Blumen, die schöne Lage. Aber er muss alles erfragen, ihnen alles aus der Nase ziehen, bis er findet, was er sucht, bei der örtlichen Bank, die gleichzeitig das Immobilienbüro beherbergt. Dort trifft er auf seine Kontaktperson, mit der er bereits am Flughafen und zuvor telefoniert hatte.
Die scheinen überrascht zu sein, dass er plötzlich vor ihnen steht. Er, dem sie lange Zeit vergeblich nachgelaufen waren. Nun braucht er sie. Ein wenig hilflos stehen sie sich gegenüber.
Hier bin ich!
Aha. Sie sprechen gut Deutsch.
Ich bin damit aufgewachsen, zumindest zu Hause bei der Familie.
Hatten Sie einen schönen Flug? Was, Sie waren noch nie hier in unserer schönen Gegend, die doch alle kennen?
Ich bin müde.
Diese Person, die ihm den Hausschlüssel aushändigt, irritiert John, eine merkwürdige Mischung aus Bürokrat und Makler, schmierig servil und gleichzeitig gar nicht dienstleistungsorientiert, wie ihm scheint.
Ach so, Sie wissen ja gar nicht, wo das Haus steht. Ich bringe sie hin.
Das könne warten, meint John. Er müsse sich ausruhen, schlafen, zuerst brauche er die Unterkunft, er melde sich dann in der Früh.
Es sei gerade noch Frühsaison, meint ein junger Kollege, perfekt frisiert und in steifer Tracht gekleidet. Es gebe noch freie Zimmer. Im Hotel ganz in der Nähe sei eines für ihn reserviert, mit Option auf Verlängerung.
John checkt ein. Ein alter Kasten, offensichtlich vor Kurzem renoviert. Er setzt sich in die Lobby mit Bar und Seeblick. Sein Blick auf die Getränkekarte bleibt auf dem großen Braunen hängen, er schmunzelt und bestellt das Getränk. Der Kaffee, serviert in einer Porzellantasse und mit einem kleinen Glas Wasser, schmeckt ihm ausgezeichnet, das ist er nicht gewohnt, vor allem nicht die Intensität, daher bestellt er noch ein großes Glas Wasser dazu. Er stöbert in ein paar Tageszeitungen, er muss sich an deutsche Texte wieder gewöhnen, aber es fällt ihm nicht so schwer. Die Rezeptionistin scheint ihn zu beobachten, er lächelt ihr zu, sie lächelt zurück, professionell.
Ja, er sei gut angekommen, sagte er am Telefon seiner Frau, sie hatte nach einigen Versuchen dann doch abgehoben, er wollte ihr unbedingt Nachricht geben, ein Signal der Verbundenheit, die Verbindung möchte er aufrecht erhalten, irgendwie, obwohl er gerade das Gegenteil tut. Er werde sich jetzt einmal ausruhen und morgen Vormittag das Haus aufsuchen, teilt er ihr mit.
Als er am nächsten Morgen, noch müde und unausgeglichen wegen des Zeitunterschieds, ein ausführliches Frühstück zu genießen versucht, erreicht ein Anruf der Agentur die Hotelrezeption. Man werde einen Mitarbeiter zu ihm schicken, nach dem Frühstück.
Sie fahren auf einer schmalen Straße aus dem Ortszentrum hinaus bis unterhalb des Waldrandes und parken an einem Zaun. Dahinter befinden sich ein verwildeter Garten mit Sträuchern, ein altes Haus mit sonnseitig braungebranntem Holz, grauer Wetterseite und kleinen Fenstern. Zum Ensemble gehören auch ein Schuppen, ein kleiner leerer Stall, ausgewachsene Obstbäume und ein von Betonstreifen eingefasstes und zugewachsenes Gemüsebeet. Hinter dem Haus sieht er eine Wiese, die in einen Hang übergeht, der bis zum Waldrand reicht. Am oberen Rand der Wiese steht eine Hütte, dahinter ein Weg, zwischen Wald und Hütte durchführend.
Ein Knusperhaus mit Lärchenfassade, stellt John fest, als er das Haus betritt. Ein Gebäude ohne Zentralheizung. Es sei nur im Sommer zum Aushalten, heißt es, und der dauert nicht so lange. Im Winter geht es nur, wenn man ständig da ist und wenn man die kleinen Öfen kräftig einheizt, vor allem auch, damit die Wasserleitungen nicht zufrieren und platzen. Die bisherigen Vermieter waren meistens nur im Sommer da, zwischendurch auch an Wochenenden und dann rund um Weihnachten auch. Den Rest der Zeit war das Wasser abgedreht. Ein paar kleine Investitionen hatten die langjährigen Mieter auch getätigt, aber schon vor Jahrzehnten. Aber während dieses Rests der darauffolgenden Jahre habe der Zahn der Zeit am Haus genagt, vieles sei renovierungsbedürftig und entspreche nicht mehr den Standards.
Es sei schwer zu vermieten, meint der Mitarbeiter des Immobilienbüros. Da müssten Sie investieren, oder Sie verkaufen es einfach, wie es ist. Vielleicht haben Sie Glück. Es gäbe ja immer wieder Liebhaber, für die Geld gar keine Rolle spiele, gerade hier in dieser Gegend. Da kaufen manche Leute gerne einmal eine Baustelle für teures Geld, allein wegen des Platzes und wegen der Atmosphäre der alten Bausubstanz.
Also, wenn Sie mich fragen: Am besten, Sie verkaufen das Haus so rasch wie möglich. Es gibt ja durchaus Interessenten. Aber die wollen nicht das Haus, sondern den Platz. Soll ich …?
John winkt ab.
Ich frage Sie eben nicht. Also lassen Sie mich jetzt damit in Ruhe!
Der Mitarbeiter übergibt ihm den Schlüssel. Er räumt die beiden Rucksäcke aus dem Auto, stellt sie an den Gartenzaun und verschwindet. John betritt das Vorhaus. Eine steile Stiege führt in den ersten Stock hinauf, nach dem Eingang links geht es in eine Küche mit einem alten Eisenherd, daneben befindet sich ein kleiner E-Herd. Überall kleine Fenster mit tiefen Fensterstöcken. Von der Küche führt eine Hintertüre in eine Stube, danach noch eine in ein Zimmer, dahinter befindet sich ein Bad, das die Mieter auf eigene Kosten eingebaut haben. Geradeaus geht es zur Waschküche mit Hinterausgang.
Noch zu Hause hatte er bereits ein Telefonat mit den früheren Mietern geführt, um einen Eindruck zu erhalten, was auf ihn zukommt. Sie hätten gar keinen schriftlichen Mietvertrag gehabt, so der Sohn der Familie. Alles sei mündlich vereinbart und geregelt gewesen, auf freundschaftlicher Basis. Stellen Sie sich das vor! Sie wollten das Verhältnis irgendwann einmal formalisieren, auf eine bessere rechtliche Basis stellen, aber seine Großmutter war daran nicht interessiert. Sie wollten einen schriftlichen Vertrag, nicht nur eine mündliche Vereinbarung, auch wenn diese sehr kostengünstig war. Sie hätten zwar weiterhin Interesse gehabt, das Haus zu nutzen, aber da wären größere Reparaturen und Investitionen zu machen gewesen. Das konnten und wollten sie nicht leisten. Die inzwischen gefährlichen Stromleitungen, das Bad und andere Dinge seien zu erneuern. In den Wänden und unter den Böden hätten sich Mäuse breit gemacht, die nagen alles an und hinterlassen einen Saustall. Insgesamt sei es halt ungemütlich und unbequem geworden. Und sie konnten die Kosten dafür natürlich nicht übernehmen. Sie überlegten deshalb, das Haus sogar zu kaufen, aber seine Großmutter wollte das nicht, was sie nicht verstanden hätten. Als sie gestorben war, hatten sie nichts in der Hand, außer der nachweisbaren Tatsache einer mündlichen Vereinbarung und einer langjährigen Nutzung. Nun hätten sie jedoch etwas anderes gesucht, denn er und seine anderen Geschwister wollten nicht mehr so weitermachen, das wäre schlussendlich entscheidend gewesen. Abschließend hatte der Sohn der Familie John noch auf einige Dinge im Haus hingewiesen, auf Räume, auf Einrichtungen, auf Mängel, damit er sich orientieren könne.
John schaut sich in allen Räumen um, bis er das Zimmer mit dem bezogenen Bett findet, leicht angestaubt. Die Räume sind modrig und stickig, schon längere Zeit war hier nicht mehr gelüftet worden. Er öffnet alle Fenster. In einem Kasten findet er Bettwäsche auf Vorrat. Auf dem Dachboden, den er durch eine schmale Öffnung betritt, hält er es nicht lange aus, dicke Luft hängt unter dem Dach. Eine Staubschicht bedeckt den Boden, die Truhen, Kisten und Stühle.
In der Küche nimmt er sich einen Stuhl, setzt sich an ein Fenster und denkt nach. Wie kommt er an Lebensmittel? Würde er nicht ein Fahrzeug brauchen? Zunächst will er sich im Ort umsehen, um sich zu orientieren und um sich zu versorgen. Er leert seine beiden Rucksäcke und macht sich zu Fuß auf den Weg. Eine Frau, die am Gartenzaun steht, winkt ihm zu, überrascht und neugierig blickend. Leute grüßen ihn, obwohl sie ihn nicht kennen, er grüßt zurück, obwohl er das gar nicht will, aber es er tut es einfach. Er findet ein Geschäft und beschafft sich das Notwendigste, später möchte er in einem dieser Wirtshäuser essen. Dann sucht er Holz, das er schließlich in einem Schuppen findet, mehrere Stapel aufgeschichteter Holzscheiter, staubtrocken.
Am Abend sitzt er mit dem Rücken an der Wand stumm am Ecktisch eines Wirtshaussaals und studiert die Einrichtung, die Menschen, die Speisekarte. Niemand interessiert sich für ihn. Die Leute von hier sind Leute gewöhnt, die nicht von hier sind. Niemand schaut ihn an.
Für die weitere Klärung des Hauszustandes schickt ihm das Immobilienbüro einen Handwerker vorbei, den sie schon Tage zuvor engagiert hatten, damit er sich auch wirklich Zeit nimmt. Der Handwerker geht durch das Haus, prüft Wände, Installationen, alle Räume, er lächelt.
Wenn ich Ihnen etwas sagen darf: Die Bausubstanz ist vielleicht in Ordnung, bis auf ein paar Teile. Aber das alles auf Stand zu bringen und zu reparieren, bedeutet mehr Aufwand und mehr Kosten als ein Neubau. Man muss alle Leitungen überprüfen, wahrscheinlich muss man sie herausreißen und erneuern. Es braucht sicherlich eine Zentralheizung, und die Wasserleitungen gehören ebenfalls erneuert.
Die Dämmung?
Na ja. Der Handwerker klopft an den Außenwänden und verdreht die Augen.
Aber das Wichtigste ist das Dach, vor allem das Dach. Hier gäbe es ein paar undichte Stellen. Das wäre dringend.
Und die Mäuse?
Die Mäuse? Fallen stellen, Löcher zumachen, hier haben sich ganze Familien einquartiert.
Den Handwerker scheint die Sache nicht wirklich zu interessieren. Eine richtige Renovierung ist zu viel Arbeit.
Wer zahlt so etwas? Sie vielleicht?
Darauf will er sich gar nicht einlassen.
John bedankt sich und vereinbart mit ihm einen weiteren Termin, um vorhandene Geräte und noch verwendbare Materialien zu sichten. Der Garten ist ausgewachsen und überwuchert. John versucht das hohe und gelblich-braune Gras mit einer alten stumpfen Sense zu mähen, die er im Schuppen findet. Er ist ungeschickt, er kann das nicht, die Wiese sieht danach eher angenagt als gemäht aus. Den Rest erledigt er mit einem in seiner Not vom Handwerker geliehenen Rasenmäher.
Er weiß gar nicht, wo er anfangen soll, und dann noch diese Einschätzungen des Handwerkers. Er könnte allfällige Reparaturen auch als Investition betrachten, so dieser zum Abschluss seines ersten Besuchs. Wenn er das Haus wieder in Schuss bringe, könne er es auch für einen entsprechend besseren Preis verkaufen.
Er könne sich dies aber derzeit nicht vorstellen, er habe keine Zeit dafür, so John. Er möchte es einfach loswerden, sollen sich andere darum bemühen.
Am einfachsten wäre es natürlich, so der Handwerker, Sie verkaufen es, wie es ist. Oder sie reißen es ab und bauen neu drauf. Alles andere ist Liebhaberei und Plage, außer du bist ein Liebhaber und hast Zeit und Geld dafür.
John befindet sich angesichts seiner Umstände nicht in der Stimmung für spontane Kontakte. Er ist darauf gebürstet, die ganze Sache möglichst rasch hinter sich zu bringen. Aber nun steht dieses illustre dürre Weibsbild an seinem Gartenzaun, wippt den Kopf hin und her wie ein neugieriger Vogel und grüßt ihn. Er kann diese Frau auf den ersten Blick nicht einordnen. Ist sie eine Einheimische? Eine Touristin, die sich zufällig hierher verirrt hat? Erst später wird er merken, dass mehrere dieser hybriden Wesen diese Gegend bevölkern. Wie sieht sie denn eigentlich aus? Ist sie von dieser Welt oder ist sie eine Fee, eine Seehexe, eine Zauberin, eine übriggebliebene Prinzessin, die elfenhaft, aber mit festem Schuhwerk und hoch aufgestecktem Haar vor seinem Gartenzaun steht?
Was wollen Sie von mir?
Ich? Ich möchte Sie begrüßen. Sie sind im Grunde mein Nachbar, zumindest wenn Sie da sind.
Nachbar?
Sie deutet nach hinten, auf ein Holzhaus, aber hier gibt es ohnehin nur Holzhäuser oder Häuser aus Holz, spätestens ab dem ersten Stockwerk.
Ich wohne hier, lacht sie, als John sie befremdet und abweisend ansieht, wodurch sie sich allerdings nicht aus der Ruhe bringen lässt.
Ich bin kein Nachbar, sondern nur der Eigentümer dieses leicht heruntergekommenen Hauses, das ich verkaufen werde.
Natürlich.
Woher er komme, fragt sie ihn, und er gibt ihr die übliche Auskunft.
Sie sprechen sehr gut Deutsch!
Meine Großmutter sprach es mit meiner Mutter und mit mir. Und meine Mutter mit mir auch. Es kann nicht schaden, meinten sie. Ich bin mit der englischen und der deutschen Sprache gleichzeitig aufgewachsen. Wenn ich das Haus verlassen habe, habe ich einfach die Sprache gewechselt.
Ihre Großmutter?
Ja, sie stammt ja von hier, ihr gehörte dieses Haus.
Ich dachte immer, das Haus gehört den Leuten, die über viele Jahre ständig hier waren. Zumindest haben die immer so getan, als würde es ihnen gehören. Warum ist sie ausgewandert?
Das ist eine lange Geschichte, es ist besser, wir fangen gar nicht damit an. Außerdem weiß ich nicht viel darüber.
Schade, ich wüsste gerne mehr darüber. Ich bin von Natur aus neugierig.
Da haben Sie mit mir Pech. Ich bin gar nicht neugierig, schon gar nicht auf das hier alles!
Was meinen Sie damit? Das hier alles?
Na ja, diese Hütte, die nur Arbeit machen wird, das merke ich jetzt schon. Und diese Gegend, die mich nicht interessiert, auch wenn es hier schön ist, aber es langweilt mich. Ich kann mit der herausgeputzten Bilderbuchlandschaft nichts anfangen.
Sie kennen diese Gegend ja gar nicht, Sie waren ja noch nie hier.
Ich kenne die spärlichen Erzählungen meiner Großmutter, das reicht mir. John erinnert sich an die Wehmut seiner Großmutter, die jedoch vor allem von ihrem Stolz überlagert war, es auf dem neuen Kontinent geschafft zu haben.
Welche Erzählungen?
Gegenfrage: Sind Sie von hier? Bei Ihnen tu ich mir schwer sie zuzuordnen.
Ich bin von hier, aber nur zur Hälfte, zur anderen Hälfte nicht.
Oh Gott, wie meinen Sie denn das?
Wissen Sie was, ich lad Sie zu einem Kaffee in mein Salettl ein.
Ihr Salettl?
Das ist ein bisschen wie eine verbaute Terrasse, halt geschützter, wegen des kälteren und feuchteren Klimas. So kann man auch in den Bergen draußen sitzen. Das entspannt Sie vielleicht.
Eigentlich sollten der Mitarbeiter der Agentur und der Handwerker noch einmal kommen. Ich warte schon eine Stunde auf diese Leute.
Warten Sie einen Moment!
Sie schreibt einen Zettel und heftet ihn an sein Gartentor:
„Ich bin gegenüber bei Frau Gruber.“
Gruber?
Ich bin die Frau Gruber. Außerdem können Sie von meinem Platz aus hinüberschauen. Sie haben alles im Blick, falls jemand kommt.
Das ist ja beruhigend, machen das alle?
Er betritt ihren Garten. Im Salettl setzt er sich in einen der Korbstühle und versucht, sich zu entspannen, so wie sie es ihm vorgeschlagen hatte.
Na gut, erzählen Sie schon, schlägt John ihr vor. Was ist das für eine Gegend?
Was hat Ihnen denn Ihre Großmutter erzählt?
Ach wissen Sie, das lassen wir jetzt. Erzählen Sie doch etwas über die Gegend. Ich weiß ja gar nichts darüber.
Diese Gegend? Wie Sie sehen, handelt es sich um eine Dreifaltigkeit aus Bergen, Wäldern und Seen.
Werden Sie mir nicht religiös, Sie sehen gar nicht so aus.
Wenn ich diesen See sehe, mit der Felswand dahinter und allem rundherum, dann werde ich schon ein bisschen spirituell. Da glaube ich an die Natur, an die Geister der Natur und an die Menschen, die sich in der Natur bewegen wie kleine Ameisen. Aber ich denke, Sie meinen nicht die Landschaft, wenn Sie von der Gegend sprechen, sondern mehr die Leute, oder?
Meine Großmutter ist wohl nicht weggezogen, weil die Lansdschaft so schön war, sonst wär sie wohl geblieben.
Da kommen Sie zu einem wichtigen Punkt. Viele Leute aus den Städten sind hierher gezogen, weil sie es hier besonders schön fanden. Es hat sich entwickelt. Aus Gründen der Erholung und der Gesundheit. Aus Liebe zu den Bergen, die man in dieser Gegend leichter erreichen konnte, nämlich mit dem Zug. Aber auch deshalb, weil andere auch schon da waren, oft wichtige und einflussreiche Leute, deren Nähe man gesucht hat. Da wollte man eben auch dabei sein, im Sommer. Das war so Mode, damals.
Damals?
Ja, damals im alten Kaiserreich.
John muss lachen.
Das ist aber schon lange her.
Na ja, aber es ist immer noch präsent. Sie werden sehen. Wer es sich leisten konnte, damals, Adelige und reiche Bürger konnten das, die hielten sich in diesen Kurgebieten in den Sommerferien auf. Sie waren entspannt, sie hatten Zeit, sie konnten reden und flanieren, manche waren kreativ. Menschen komponierten, schrieben und verkehrten über Briefwechsel. Über Briefe, die man sich zwischen den verschiedenen Kurorten quer durch Europa gegenseitig zusandte, so wie man es heute per Mobiltelefone tut, nur langsamer und intensiver. Die Bürger zogen in Bauernhäuser, die sie mieteten, manchmal auch kauften. Oder sie errichteten Villen. Manche dieser Gebäude liegen versteckt, oft zugewachsen von verwunschenen Gärten. Oder sie zogen in diese schnuckeligen Häuschen mit Salettl, wie dieses hier.
Und die Leute von hier?
Die Leute von hier? Sie meinen richtige Einheimische, die immer schon hier waren? Aber das weiß man nicht so genau. Die Leute lebten – früher, damals – irgendwie vom Salz und von allem rundherum. Heute spielt das nur noch eine geringe Rolle. Aber im Mittelalter, als das im großen Stil begonnen hatte, da war Salz das Salz des Lebens.
Salz des Lebens?
Dann erzählt ihm die Nachbarin ein bisschen vom Salz des Lebens. Dass es ohne dieses Salz keine haltbaren Lebensmittel geben konnte. Dass die Herren des Landes das Bergrecht und das Salzmonopol besaßen. Dass das Salz im Mittelalter und noch Jahrhunderte später eine Quelle des Reichtums war. Dass es nicht nur um das Salz alleine ging, sondern dass irgendwie alle rundherum davon lebten. Nicht nur die Bergleute, die Stollen schlugen, Wasser einleiteten und die Sole herauspumpten. Nicht nur die Leute im Salzsud und die Pfannmeister, die daraus Salz produzierten. Nicht nur die Leute, die das Brennholz schlägerten, die Holzwirtschaft organisierten und das Holz aufbereiteten. Auch die Fuhrleute, die Salz in alle Gebiete transportierten, in die Städte mit Niederlagsrechten, oder schwarz über die Almen, und als Gegenware alles Mögliche zurückbrachten. Oder Gewerbe, die notwendig waren, damit das Salinensystem überhaupt funktionierte: Zimmerer, Tischler, Sägewerker, Sattler, Wagner, Wegmacher, Schmiede, Wirtsleute oder Herbergsbetreiber. Nicht zu vergessen die Bauern, die ihre Überschüsse zur Versorgung der Salinen bereitzustellen hatten. Die meisten Salinenarbeiter waren ebenfalls kleine Bauern. Sie hatten jeweils ihre Tiere, ihre Gärten zur Selbstversorgung, ihre Alm- und Holzrechte. Sie waren nicht reich. Aber sie waren auch nicht arm. Es handelte sich um eine beständige Welt, mit mehr Kontinuität und weniger Unsicherheit als anderswo. Die Leute wurden ja gebraucht. Ja, die Saline brauchte sie.
Ich hoffe, ich red Ihnen nicht zu viel, bitte bremsen Sie mich.
Woher wissen Sie das alles?
Ich stamme väterlicherseits aus einer sehr alten Familie in der Gegend, die Vorfahren waren Kaufleute und gehörten zu den Hallingern, so zumindest der Familienmythos. Man tut halt so und legt viel Wert auf diese Wurzeln. Aber ich glaube, dass es sich mehr um eine Einbildung handelt als um ein nachweisbares Faktum. Diese Hallinger hatten mit Salzaufbereitung und dem Salzhandel zu tun. Sie waren reich, auch einflussreich. Irgendwann hab ich mich mit dieser Geschichte befasst.
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