Читать книгу: «Krähen über Niflungenland»
„Das Leben erkennt man an seiner Ekstase.“
Vilhelm Grønbech

1. Auflage August 2017
Copyright © 2017 by Edition Roter Drache.
Edtion Roter Drache, Holger Kliemannel, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org
Titelbild: Rannug
Buch- und Umschlaggestaltung: Holger Kliemannel
Gesamtherstellung: Wonka Druck
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
Alle Rechte vorbehalten.
Kein Teil dieses Buches darf in irgendeiner Form (auch auszugsweise) ohne die schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert, vervielfältigt oder verbreitet werden.
ISBN 978-3-964260-08-6
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Prolog (Winter 471/472)
1 (Sommer 477)
Sigfrid kommt
Vergessen, verlieren
Brautwerbung
Kalte Ekstase
2 (Herbst 472, fünf Jahre zuvor)
Das Schwert der Schwerter
Albenränke
Liebesschwüre
3 (Frühjahr 481)
Der Streit der Königinnen
Gott der Lust, Gott der Toten
Andvaranaut
4 (Winter 482)
Neue Hoffnung?
5 (Altweibersommer 488)
Schicksalsrunen
Schwarzer Eiter
Neidingswerk
Wolfszeit
Die Leere zwischen den Sternen
Epilog (Winter 498 / 499)
Anhang
Dramatis Personae
Glossar
Nachwort
Der Autor


Grimhild trieb ihre Stute an, die sich mühsam durch zum Teil mannshohe Schneewehen kämpfte. Pferd und Reiterin hinterließen kurzlebige Atemwolken in der Luft. Die schwache Sonne reichte nicht aus, um die klirrende Kälte zu vertreiben, nicht einmal, um sie erträglicher zu machen. Grimhild fröstelte, obwohl sie einen dicken Wollmantel über ihrem leinenen Unterhemd trug, und zog den Umhang fester um ihre Schultern. Weder die Wickelbänder um ihre Beine noch die Schnürstiefel, in denen ihre Füße steckten, konnten verhindern, dass die Kälte ihren Körper heraufkroch. Ihr silberblondes Haar, zu einem Zopf zusammengebunden, fiel ihr schwer in den Nacken und fühlte sich unangenehm klamm an. Das Mädchen rieb die Handflächen aneinander, formte die Hände zu einer Schale und hauchte hinein. Es nutzte nicht viel.
Unter der verharschten Decke erwies sich der Schnee als trocken und feinkörnig, was das Vorankommen leidlich erleichterte, aber die Stute musste trotz allem kräftig arbeiten, weil sie immer wieder in Schneewehen versank. Sie schnaufte bereits vor Anstrengung und bewegte sich nur unwillig fort, dabei war Fála das gutmütigste Pferd im Stall der Niflungen.
Die Anstrengungen des Rittes schienen Grimhild nichts auszumachen. Aufrecht saß sie im Sattel, den Rücken gestreckt. Trotz ihrer Jugend lag in ihrer Haltung bereits etwas Selbstbewusstes, das Männer veranlasste, sich nach ihr umzudrehen. Schon jetzt konnte man in dem schmächtigen Mädchen die Frau ahnen, die sie einmal werden würde. Grimhild war nicht besonders groß, dennoch hatte man stets den Eindruck, ihr auf gleicher Höhe zu begegnen, was sie ihren herausfordernden grünen Augen verdankte. Es gab nicht viele, die ihrem Blick standhalten konnten. Gislher, ihr Lieblingsbruder, hatte ihr den Spitznamen »Schmiedeauge« gegeben, weil er der Ansicht war, ihre Blicke könnten Steine erweichen und Herzen zum Schmelzen bringen.
Auf einem Hügel hielt Grimhild an und gab Fála Gelegenheit zu verschnaufen. Sie tätschelte den Hals der Stute, während sie ihren Blick schweifen ließ. Der Anblick von Niflungenland erfüllte sie stets aufs Neue mit Freude, besonders in der friedlichen Stille der Wintertage. Bäume bogen sich unter der Last des Schnees, Wälder und Felsen warfen Schatten in zartem Blau. Das Land schien in tiefem Schlaf zu liegen. Die einzigen Anzeichen von Leben waren die Schnürspur eines Fuchses und das Werk der Zähne von Mäusen und Kaninchen, die in Ermangelung von Grünfutter die Rinden der Baumstämme benagt hatten. Die klare Luft machte es möglich, einen Blick auf den Rhein zu erhaschen, der sich in der Ferne als gewundenes Band dahinschlängelte, ein Anblick, der unweigerlich Grimhilds Herz zum Klopfen brachte. Der Fluss und die Täler ringsumher waren für sie der Inbegriff von Geborgenheit. Sie besaß keine Erinnerung an die Zeit, bevor ihr Vater das Land links des Rheins erobert hatte. Für sie war dies das Land ihrer Sippe.
Grimhild drehte sich um und konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Tolbiacum, das einstige vicus der Römer, das sich die Niflungen zum Herrschersitz erkoren hatten, war längst hinter bewaldeten Bergrücken verschwunden. Niemand verfolgte sie, obwohl ihr heimlicher Ausflug nicht unbemerkt geblieben war. Volker, der Skop, hatte sie gesehen, als sie sich ihre Stute holte. Aber es war ihr gelungen, ihn davon zu überzeugen, dass sie nur einen Spazierritt unternahm, und nachdem sie eine Weile mit ihm gescherzt und ihm erlaubt hatte, ihr ein paar Komplimente zu machen, hatte er sie gehen lassen. Es war leicht, einen Mann dazu zu bringen, ihr gefällig zu sein. Männer waren jungen Mädchen gern behilflich, zumal einem hübschen.
Zweifellos setzte sie sich Gefahren aus, wenn sie allein durch das Land ritt. Die Wege waren unsicher, allerlei Gesindel trieb sich in der Gegend herum. Hin und wieder sandte König Aldrian, ihr Vater, eine Eskorte aus, um die Straßen zu sichern und Wegelagerer zu vertreiben, aber es nützte nicht viel, sie kamen immer wieder. Der Hunger trieb sie dazu, besonders in diesem strengen Winter. So manch einer wurde nach dem Verzehr von schlechtem Mehl vom Heiligen Feuer heimgesucht, litt unter Krämpfen und bekam Brandblasen oder gar brandige Glieder. Ihre Mutter hatte ihr den Pilz am Getreide gezeigt, der die Schuld daran trug. Und Menschen waren nicht die Einzigen, die Hunger litten. Auch Wölfe näherten sich neuerdings den Siedlungen und umschlichen die Wehrzäune in der Hoffnung, etwas Essbares zu erwischen. Aber Grimhild hatte sich noch nie von einer Gefahr oder einem Verbot zurückhalten lassen zu tun, was sie für richtig hielt.
Sie warf einen letzten Blick umher und nickte befriedigt. Niemand würde sie suchen. Dass sie sich vom Webstuhl fortgestohlen hatte, war nichts Ungewöhnliches. Und wem sollte es auch auffallen? Ihr Vater weilte bei Didrik von Bern, um Beistand zu erbitten, falls der schwelende Grenzkonflikt mit Jarl Elsung zum Ausbruch kommen sollte. Ihre Mutter hatte alle Hände voll zu tun, die Herstellung neuer Holzfässer zu überwachen, nachdem sie heute früh entdecken mussten, dass einige der gelagerten Weinfässer leck waren, weil irgendjemand am Pech gespart hatte. Und ihre Brüder kümmerten sich nicht um sie. Vor dem Abendessen würde ihre Abwesenheit kaum bemerkt werden.
Sollte allerdings doch jemand dahinter kommen, dass sie ohne Erlaubnis fortgeritten war … aber selbst dann hatte sie nicht viel zu befürchten. Da ihr Vater nicht daheim war, würde Gunter versuchen, sie für ihren Ungehorsam zu bestrafen. Grimhild grinste. Als künftiger König glaubte er gelegentlich, ihr Befehle erteilen zu können. In der Regel beachtete sie ihn einfach nicht, was ihn maßlos ärgerte. Ob er mehr Durchsetzungskraft haben würde, wenn er erst König war? Aldrian besaß Autorität, seinen Befehlen gehorchte jeder widerspruchslos. Gunter … nun, er war einfach zu still. Die Leute mochten ihn, und meist gehorchten sie ihm auch, doch mehr, weil sie ihn gern hatten, als aus Respekt. Grimhild rieb ihre kalten Hände aneinander. Sie mochte ihren ältesten Bruder, aber sie stand ihm nicht nahe. Sie fühlte sich mehr zu Männern der Tat hingezogen.
Und das brachte sie wieder zu dem Grund ihres Ausrittes. Grimhild fluchte über ihre Trödelei und trieb das Pferd an. Sie durfte nicht zu lange verweilen, wenn sie vor Anbruch der Dunkelheit zurück sein wollte. Die Tage waren kurz, und sie hatte noch ein gutes Stück Weges vor sich. Sie würde sich nicht lange bei Thiota aufhalten können, aber für ihre Zwecke musste es genügen. Die Blätter der Schafgarbe, die sie jede Nacht auf ihre Augenlider legte, hatten ihr einen Traum beschert, den sie nicht zu deuten wusste. Die Seherin musste ihr helfen, Klarheit zu gewinnen. Sicher würde sie sich wieder zieren und sie ermahnen, sich vor Fragen zu hüten, deren Antwort sie gar nicht wissen wolle, und dass es Unglück bringe, die Zukunft zu kennen, und dergleichen mehr. Grimhild verzog das Gesicht. Alle glaubten ständig, ihr Ratschläge geben zu müssen und behandelten sie wie ein kleines Kind. Dabei war sie schon elf!
Und ihr Traum war wichtig. Immerhin ging es darum, eine Vision von ihrem zukünftigen Mann zu erhalten! Doppelt wichtig sogar, wenn man bedachte, wie langweilig die meisten Männer in Tolbiacum waren. Na schön, da gab es Hagen, den Waffenmeister, der zu den Wenigen gehörte, die gegen den Zauber ihrer Augen immun zu sein schienen. Trotz seiner Hässlichkeit, trotz seiner Verschlossenheit – oder gerade deswegen – faszinierte er sie. Jedenfalls war er der einzig interessante Mann in der Niflungenburg, wenn man von Volker, dem Sänger absah, aber der umwarb jede Frau und war daher keine Herausforderung. Flüchtig dachte sie an ihren Vetter Irung, einen reizbaren, schnell beleidigten Krieger, der sich neuerdings darum bemühte, ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Wenn er nur nicht ständig versuchen würde, sein struppiges Haar mit Butter zu glätten! Grimhild mochte ihn mit zerzausten Haaren lieber, er sah dann immer richtig verwegen aus. Aber er schien zu glauben, dass er den Frauen imponieren könne, wenn er mit ranzigem Fett eingeschmiert herumlief. Männer!
Fála scheute plötzlich und schnaubte. Hatte die Stute etwas gewittert? Grimhild tätschelte ihr beruhigend den Hals und sah sich aufmerksam um. Nicht weit voraus entdeckte sie die Spuren zweier Pferde. Sie schienen aus verschiedenen Richtungen gekommen und an dieser Stelle zusammengetroffen zu sein. Eine kurze Strecke liefen sie friedlich nebeneinander her, aber zwei Steinwürfe entfernt war der Schnee wie von einem Kampf zerwühlt. Eine Blutspur führte in ein nahe gelegenes Gehölz.
Grimhild biss sich auf die Lippen. Sie wusste, sie sollte nicht hier sein. Unschlüssig drehte sie sich hin und her. Sollte sie weiterreiten, als ob nichts geschehen wäre? Undenkbar! Also blieben ihr nur zwei Möglichkeiten. Sie konnte umkehren, ihrer Sippe Bericht erstatten und sich wie ein kleines Mädchen für ihren Ungehorsam ausschelten lassen. Oder sie konnte herausfinden, was geschehen war. Gescholten werden würde sie auf jeden Fall. Aber wenn sie der Sache auf den Grund ging, würde sie sich zumindest den Respekt ihrer Sippe erwerben. Außerdem, und das gab am Ende den Ausschlag, mochte es ja sein, dass der Anlass für die blutige Fährte harmlos war, und in diesem Fall brauchte sie gar nichts zu sagen. Aber daran glaubte sie selbst nicht.
Mit einem Schnalzen brachte sie Fála dazu, der roten Fährte zu folgen. Vor einer Gruppe von Büschen wurde das Pferd langsamer und scharrte nervös mit den Hufen. Grimhild schluckte. Was immer der Grund für die Blutspur war, gleich würde sie ihn zu Gesicht bekommen. Ihr hugi, der Teil ihrer Seele, der Neigung und Instinkt in sich trug, warnte sie, aber sie ignorierte seine Stimme und unterdrückte das Zittern ihrer Glieder. Vorsichtshalber zog sie ihr Messer. Dann atmete sie tief durch und trieb Fála durch einen Schenkeldruck weiter.
Sie war nicht vorbereitet auf das, was sich ihren Augen darbot, und im ersten Moment fühlte sie sich, als würde sämtliche Luft aus ihren Lungen gepresst. Sie erkannte den Toten sofort, trotz seiner grauenvollen Lage und obwohl alles, aber auch alles von Blut nur so triefte: die verkrümmt daliegende Gestalt, der Felsen, auf dem man sie ausgebreitet hatte, sogar das umliegende Gesträuch und der Schnee ringsumher. Der Anblick erinnerte sie an das Schlachten von Schweinen.
Der steifgefrorene Krieger war eindeutig einer Blutrache zum Opfer gefallen. Jemand hatte ihm den Blutaar geritzt: Sein Rücken war vom Kreuzbein bis zum Nacken aufgeschlitzt, die Rippen sorgfältig vom Rückgrat abgetrennt und wie Adlerschwingen auseinandergefaltet worden. Anschließend hatte man die Lungenflügel herausgezogen. Dass der Hingerichtete während dieser grausamen Prozedur noch am Leben gewesen war, bewiesen die abgerissenen Fingernägel; offenbar hatte er versucht, sich zu wehren, während er Qualen erlitt, die sich das erschütterte Mädchen nicht annähernd vorzustellen vermochte.
Es dauerte eine Ewigkeit, bevor Grimhild ihr Zittern unter Kontrolle bekam und den Mut aufbrachte, vom Pferd zu steigen. Der Blutgeruch verursachte ihr Übelkeit, doch sie kämpfte erfolgreich gegen den Wunsch an, sich zu übergeben. Vor dem Leichnam sank sie auf die Knie.
»Vater!«, flüsterte sie erstickt.

Sigfrid kommt
1.
Das Scheppern von Metall auf Metall hallte über das freie Gelände vor den umwehrten Höfen der Niflungen, Kampfgeschrei begleitete jeden Schlag. Hagen, der Waffenmeister, hielt seine täglichen Übungen mit dem zwölfjährigen Gislher, dem jüngsten von Aldrians Söhnen, ab. Die beiden trugen ihre Brünnen, eng anliegende Hemden aus zusammengeketteten Eisenringen, und waren schweißgebadet.
Hagen war ein Krieger, der überall Aufsehen erregt hätte. Niemand würde ihn einen schönen Mann nennen, aber er besaß eine Ausstrahlung, der man sich nicht entziehen konnte. Er überragte die meisten Männer um Haupteslänge, was ihn an und für sich schon zu einer Furcht einflößenden Erscheinung machte, der schwarze Bart, die Narben und die tief hängenden Brauen taten ein Übriges, seine düstere Natur zu unterstreichen. Zudem war er einäugig. Wo sich das linke Auge befunden hatte, gähnte ein Loch. Er sprach nie davon, bei welcher Gelegenheit er das Auge verloren hatte, und wenn man an seinem Leben hing, tat man gut daran, ihn nicht danach zu fragen. Meist verbarg er die unheimliche Höhle unter einer Augenklappe, nur in der Schlacht nahm er die Bedeckung ab, weil er genau wusste, welche Wirkung er damit unter seinen Feinden erzielte. Und Hagen war zu klug, um sich einen Vorteil wie diesen nicht zunutze zu machen.
Das Training dauerte bereits den halben Tag. Trotz seiner Behinderung war Hagen ein guter Lehrer. Es gab keinen besseren Kämpfer weit und breit. Endlos probte er mit Gislher das Parieren eines bestimmten Hiebes und den darauf folgenden Gegenangriff, bis die Muskeln des Jungen die Kombination derart verinnerlicht hatten, dass sie von selbst reagierten. Die Übungen wurden mit der Spatha abgehalten, einem zweischneidigen Langschwert, das links getragen wurde. Es waren stumpfe Waffen, natürlich, doch auch so schmerzte ein Treffer noch genug, zumal Hagen seinen Schüler nicht schonte und die Schläge mit aller Kraft führte.
Wie gewöhnlich beendete der Waffenmeister seinen Unterricht mit einem Scheinkampf. »Wir nehmen das Sax und den Schild«, entschied er. Das Breitsax mit der kurzen Griffangel war eine Mehrzweckwaffe, sowohl für den Hieb als auch zum Zustoßen geeignet.
Ohne besondere Aufforderung zog Gislher seine Brünne aus und legte Helm und Beinschienen beiseite. »Beweglichkeit ist alles in einem Kampf«, pflegte Hagen zu sagen. »Wenn du dich mit einer Brünne schützt, bedeutet das, dass du dir nicht vertraust. Das ist so gut, als würdest du dich von vornherein für verloren geben.«
Die nackten Oberkörper der Kontrahenten glänzten in der Sonne, als sie sich gegenseitig belauerten. Wie Hagen es ihm beigebracht hatte, beobachtete der Junge seinen Lehrmeister auf der Suche nach einer Blöße. Er war fest entschlossen, ihn diesmal zu besiegen. Seit den Tagen, da er als Kind mit Stockfechten auf den Schwertkampf vorbereitet wurde, träumte er davon. Er bewunderte den Waffenmeister; ihm im Kampf überlegen zu sein, schien Gislher das erstrebenswerteste Ziel auf der Welt.
Hagen stand breitbeinig, die Füße leicht auswärts gestellt. Seine Arme hingen entspannt an ihm herab, die rechte Hand umfasste locker den Griff des Schwertes, dessen Spitze auf den Boden zeigte. Sein gesundes Auge war eher beiläufig auf seinen Gegner gerichtet. Alles in allem bot er ein Bild der Selbstversunkenheit, doch Gislher ließ sich nicht täuschen. Er bemühte sich, es seinem Lehrer nachzutun und eine selbstbewusste Haltung einzunehmen, war dabei allerdings nicht sehr erfolgreich. Mehrmals zuckten seine Muskeln, weil das unerwartete Brüllen eines Ochsen ihn erschreckte oder ein Windstoß durch Hagens Haare fuhr und ihm Bewegung vorgaukelte, wo keine war.
»Du hast alles vergessen, was ich dich gelehrt habe«, sagte Hagen verdrossen.
Gislher spürte, wie er rot wurde. »Was meinst du?«, fragte er, obwohl er die Antwort kannte.
»Du zappelst herum wie ein neugeborener Säugling. Dies ist kein Spiel. Konzentriere dich!«
»Ich bin konzentriert.«
Hagen beachtete seinen Einwand nicht. »Du hast den Kontakt zu deinem megin verloren.«
Beschämt senkte Gislher den Kopf. Natürlich hatte sein Lehrmeister recht. Und wenn er im nächsten Jahr auf dem Thing als freier Mann und Krieger in den Kreis der Sippe aufgenommen werden wollte, tat er besser daran, auf ihn zu hören. Der Junge atmete tief durch und bemühte sich, die Anspannung loszulassen. Nach und nach lockerten sich seine Muskeln, der Druck in seinem Bauch ließ nach. Schließlich konnte er es wieder spüren, sein megin, die Kraft, die aus der Essenz seiner Seele gespeist wurde. Jetzt war er bereit.
Unvermutet stürmte er vor und zielte auf Hagens Kopf. Der Waffenmeister blockte den Hieb mit einer sparsamen Bewegung ab, ohne seinerseits anzugreifen. Gislher trat nach dem ungeschützten Unterleib seines Lehrers, doch der stand längst an einer anderen Stelle, reglos, als habe er sich nicht gerührt. Er unternahm keinen Versuch, mit dem Schwert nach Gislhers Bein zu schlagen, aber der Niflunge wusste auch so, dass der Waffenmeister es gekonnt hätte. Hagens scheinbare Schutzlosigkeit hatte ihn verleitet, die Deckung aufzugeben. Es ärgerte Gislher, dass seine Reaktionen so vorhersehbar waren. Verbissen drang er auf seinen Lehrer ein und traf doch immer nur dessen Schild. Das war das Frustrierendste an einem Kampf mit Hagen: dass dieser seine wütenden Attacken mit spielerischer Leichtigkeit parierte. Es schien ihn nicht einmal außer Atem zu bringen. Wo Gislher mit dem Eifer eines Knaben auf ihn eindrosch, konterte Hagen mit der Kunst eines Schwertmeisters.
Keuchend hielt der Niflunge inne und rang nach Atem. Das war der Moment, auf den Hagen gewartet hatte. Wie ein Gewitter kam er über den Jungen und hieb von links und rechts auf ihn ein. Gislher taumelte rückwärts und konnte die Schläge gerade noch mit seinem Schild abfangen, zu einem Gegenangriff sah er sich außerstande. Die Hiebe fielen so schnell, so hart und so präzise, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als immer weiter zurückzuweichen. Der Waffenmeister trieb ihn vor sich her wie ein Kaninchen. Gislhers linkes Handgelenk, das den hölzernen Rundschild hielt und die Wucht des Angriffs auffangen musste, schmerzte; jeden Stoß spürte er bis in die Schulter.
Unvermittelt blieb Hagen stehen und gab Gislher, der noch zwei, drei Schritte weiter taumelte, Gelegenheit, sich wieder zu fangen. Das Gesicht des Jungen lief dunkelrot an. Er fühlte sich gedemütigt. Zornig sprang er nach rechts und hieb nach seinem Lehrer. Es war der plumpe Versuch, Vorteil aus Hagens Einäugigkeit zu ziehen und ihn aus der Deckung seines blinden Flecks heraus zu besiegen. Gislher versuchte es nicht zum ersten Mal, und wie gewöhnlich funktionierte es nicht. Hagen war ein viel zu guter Kämpfer, um sich nicht über seine eigenen Schwächen im Klaren zu sein. Er hatte lange trainiert, um sein fehlendes räumliches Wahrnehmungsvermögen durch Instinkt zu ersetzen und einen Angriff von links blind abzuwehren.
Stahl traf auf Stahl. Blitzschnell packte der Waffenmeister Gislhers Schwerthand. »Tu niemals in einem Kampf das Offensichtliche«, sagte er. »Dein Gegner rechnet damit.« Er ließ den Jungen los, und als dieser das Schwert hob, um noch einmal zuzuschlagen, rammte er ihm den Schild in den Magen.
Gislher ging in die Knie und würgte. Als es ihm gelang, sich wieder zu erheben, war er wütend. »Ein Schild ist zum Verteidigen da«, grollte er, »nicht zum Angriff.«
»Willst du überleben? Dann solltest du dich nicht von eingefahrenen Verhaltensweisen beherrschen lassen. Wenn du auf einen unterlegenen Mann triffst, genügt Erfahrung, im Kampf gegen einen Schwertmeister liegt deine einzige Hoffnung in der Überraschung.«
Das Tor des Wehrzauns, der die Häuser der Niflungen umschloss, öffnete sich. Gunter kam heraus. Er hatte die Schwertschläge vernommen und wollte in Erfahrung bringen, welche Fortschritte Gislher machte. Aus den Augenwinkeln musterte er Gernholt, seinen anderen Bruder, der gegen die Pfahlwand lehnte und Hagens Technik studierte. Gernholt hatte offenbar einen guten Tag erwischt, sein Gesicht zeigte Farbe, und er nahm seine Umwelt mit wachem Interesse wahr. »Wie macht er sich?«, fragte Gunter, während er sich neben ihm niederließ.
»Das Übliche. Er kämpft kraftvoll und mutig, aber er ist zu ungeduldig und vernachlässigt die Verteidigung.«
Gislher hatte einen schweren Stand gegen seinen Lehrmeister; das frustrierte ihn und machte ihn wütend, wodurch er seine Schläge immer unpräziser ausführte.
»Konzentriere dich!«, befahl Hagen und hieb nach der Hüfte des Jungen. Gislher schützte sich mit dem Schild und schlug seinerseits zu. Mühelos blockte der Waffenmeister den Schlag ab und zielte erneut auf die Hüfte. Unmerklich zwang er seinem Gegner einen Rhythmus auf: Schlagen – Senken des Schildes – Schlagen. »Denk an meine Worte«, sagte er, »eingefahrene Verhaltensweisen sind dein Tod.«
Erst als sein Lehrer das Schwert nach oben riss, als wolle er ihm den Schädel spalten, während er selbst seinen Schild wieder gesenkt hatte, begriff Gislher, worauf der Waffenmeister hinauswollte. Verzweifelt riss er den Schild nach oben, um den Hieb abzufangen. Seine Bewegung war von Panik diktiert, deshalb nahm er sich für den Bruchteil eines Herzschlages die Sicht. Als er seinen Fehler erkannte, als ihm klar wurde, dass Hagen, der listenreiche Taktiker, eine Finte in einer Finte versteckt hatte, war es zu spät. Hagens Schwert beschrieb eine Kurve und bremste knapp vor dem ungeschützten Bauch des Jungen. »Lass dir niemals von einem Feind eine Kampfweise aufzwingen!«
Gislher gab sich geschlagen. »So gut wie du werde ich nie im Leben«, sagte er. »Vielleicht sollte ich lieber Felder bestellen.«
»Ein solcher Gedanke ist deiner unwürdig.«
»Ach, Hagen, sei nicht immer so ernst! Es war doch bloß ein Scherz.«
Sie steckten die Schwerter ein und gingen zu den Zuschauern hinüber.
»Gut gemacht, alter Kämpe!« Gunter gab dem Waffenmeister einen freundschaftlichen Hieb auf die Schulter. »Und du wirst auch immer besser, Gislher.«
Wie Aldrians Söhne so beieinander standen, wurde ihre Verschiedenartigkeit deutlich. Die drei Brüder hätten ungleicher nicht sein können. Gislher war von heiterer, ungestümer Natur, und seine Hände und Füße standen keinen Augenblick still. Gunter war das genaue Gegenteil, nachdenklich, zögernd. Trotz der kräftigen Statur verlieh ihm sein grüblerisches Wesen eine Unscheinbarkeit, die so gar nicht der Vorstellung entsprach, die man sich von einem König machte. Gernholt passte überhaupt nicht zwischen die beiden, nicht nur, weil sein kurz geschnittenes Haar, die Bartlosigkeit und die Form seiner Nase ihm ein römisches Aussehen verliehen, was er noch dadurch unterstrich, dass er sich bevorzugt in tunikaartige Hemdröcke kleidete, sondern mehr noch durch sein abweisendes Verhalten.
Gernholt war vierzehn gewesen, als er verkrüppelt wurde. Bei einem der Kämpfe um den Besitz von Niflungenland hatte er seinen Schwertarm verloren und zu allem Unglück auch noch eine Verletzung am linken Bein davongetragen. Seitdem hinkte er. Mit eisernem Willen hatte er gelernt, das Schwert mit der linken Hand zu führen, aber das war doppelt schwer, wenn einen das Bein, das dabei das meiste Gewicht tragen musste, im Stich ließ. Die Verkrüppelung hatte ihn launisch gemacht. Man konnte nie vorhersagen, in welcher Stimmung er sich gerade befand. Die meisten Menschen gingen ihm deshalb aus dem Weg, was ihm durchaus recht war. Es gab Zeiten, da konnte er keine Gesellschaft ertragen. Am allerwenigsten die eigene.
Die Auswertung der Waffenübung wurde durch die Ankunft zweier Reiter unterbrochen, die langsam über die Viehweide geritten kamen. Anführer schien ein kaum achtzehnjähriger Jüngling zu sein, der einen auffälligen Fuchsschecken ritt. Auf den ersten Blick konnte man sehen, dass er großes Heil besaß. Alles an ihm drückte Selbstbewusstsein aus, das Selbstbewusstsein eines Mannes, dem nichts fehlschlug. Sein untersetzter Begleiter machte den Eindruck, dass er den Annehmlichkeiten des Lebens nicht abgeneigt war, doch die niemals stillstehenden Augen legten ein beredtes Zeugnis seiner Wachsamkeit ab.
Vor den Niflungen zügelten die Reiter ihre Pferde und sprangen ab. Sie waren staubig von der Reise, aber gut gekleidet. Der Blonde hob den Arm zu einem Gruß. »År ok friðr!«, sagte er mit nordischem Akzent. »Jungherr Sigfrid von Tarlungenland und sein Gefolgsmann Eckewart bitten um Eure Gastfreundschaft.«
Die Brüder sahen sich an, nur Hagen hatte sich so weit unter Kontrolle, dass bis auf ein Zucken seiner Wangenmuskeln nichts die Gefühle verriet, die der Name in ihm hervorrief. Natürlich kannten sie den Sachsen. Die Geschichte von seinem Kampf mit dem Drachen war Gesprächsstoff von Wilzenland bis Hesbanien, von der Heimat der Nordmänner bis zu den Überresten des Römischen Reiches. Neugierig musterten sie den Mann, dessen Taten sie so oft in den Liedern der Skopen gehört hatten.
Sigfrids Haut war dunkel und verhornt, aber sein Gemüt so sonnig wie das blond gelockte Haar, das ihm in den Nacken fiel. Er trug ein weißes Leinenhemd und Hosen, die an den Waden mit Lederriemen umwickelt waren. An seinem Gürtel hing ein zweischneidiges Langschwert, vermutlich das viel besungene Mimung. Obwohl sein Körper durchtrainiert und in zahllosen Schlachten gestählt war, fehlte ihm die ständige Alarmbereitschaft, die kampferprobten Kriegern eigen war. Das hervorstechendste Merkmal war jedoch sein gewinnendes Lachen. Es fiel schwer, ihn nicht auf Anhieb zu mögen.
Die Sachsen ihrerseits nahmen unterdessen die Niflungen in Augenschein. Eckewarts Aufmerksamkeit galt vor allem dem Einäugigen. Ob es zutraf, was man sich erzählte? Dass der Waffenmeister zur Hälfte ein Schwarzalbe war? Er hätte ihn gern danach gefragt, aber ein Blick in das grimmige Gesicht belehrte ihn, dass es vermutlich gesünder war, dies zu unterlassen.
Hagen konnte die Gedanken des Dicken lesen wie das Runen-Futhark und spürte, wie sich der altbekannte Zorn in seinem Magen sammelte. Stellt die Frage, schrie es in ihm, und ich werde sie Euch mit meinem Schwert beantworten! Aber der Sachse schien zu spüren, was gut für ihn war, und wandte den Blick ab.
Gunter hieß die Gäste willkommen und führte sie in das Innere des Wehrzauns.
Das ehemalige Kastell Tolbiacum war den Bedürfnissen der Rheinfranken angepasst worden. Beackerte Felder und Viehweiden breiteten sich innerhalb der Festungsmauern aus, das impluvium eines Hauses, das einst einem reichen Bürger Roms gehört hatte, diente nun als Viehtränke. Von der Pracht römischer Baukunst war nicht viel geblieben, obwohl König Aldrian sich Mühe gegeben hatte, einige Ruinen instand zu setzen.
Sigfrid war beeindruckt, dass die Niflungen in steinernen Häusern wohnten, aber es kam ihm auch unnatürlich vor. Im Stein zu leben war etwas für Wölfe und Schwarzalben. Der Ort selbst allerdings war gut gewählt. Mit dem Blick des Kriegers hatte Sigfrid schon während sie sich Tolbiacum näherten die strategisch günstige Lage des vicus im Kreuzungspunkt der alten römischen Fernstraßen erkannt. Und nicht nur der taktische Aspekt kennzeichnete die kluge Wahl, auch die Fruchtbarkeit des Bodens war nicht zu übersehen. Die Macht der Erde war stark im Land der Niflungen.
Ivo, der Stallbursche, kam herbeigeeilt und nahm die Pferde in seine Obhut. Er war ein schmutziger Junge mit vorstehenden Zähnen, aber es gab niemanden weit und breit, der größeres Heil im Umgang mit Tieren besaß. Die Pferde schienen es zu spüren und ließen sich willig von ihm in den Stall führen.
Gislher, der Sigfrid bislang nur in stummer Verehrung angestarrt hatte, konnte sich nicht länger bezähmen. »Ist das das berühmte Schwert?«, fragte er, auf Mimung deutend.
»Ja. Mimes Meisterschwert. Wollt Ihr es sehen?« Ohne eine Antwort abzuwarten legte Sigfrid die Hand um den goldverzierten Griff. »Geben kann ich es Euch nicht, denn es hat ein eigensinniges Wesen, das durch keinen Zauber gebannt wurde. Aber sehen sollt Ihr es.« Mit einem Ruck zog er das Schwert aus der Scheide.
Wie immer spürte er die gewaltige Macht, die es durchströmte, zusammen mit der Auflehnung gegen seinen Besitzer. Mimung hatte einen unersättlichen Hunger nach Blut und konnte nicht unterworfen werden. Es war leichtsinnig von ihm, das Schwert grundlos herauszufordern, aber es bereitete ihm jedes Mal Vergnügen, sich mit der Klinge zu messen. Ihr Singen und Funkeln war von atemberaubender Schönheit und suchte ihren Herrn in seinen Bann zu ziehen, um ihn zum Töten zu verleiten. Es war ein Kampf Wille gegen Wille, und es brauchte Sigfrids ganze Kraft, um Mimung im Zaum zu halten. Gewaltsam zwang er das protestierende Schwert in die Scheide zurück.
»Was für eine Waffe!«, hauchte Gislher.
Hagen war den anderen gefolgt, nachdem er die Übungsschwerter eingesammelt und sein Wolfsfell umgelegt hatte, das ihn als Auserwählten kennzeichnete, als Krieger des Kampfbundes im Zeichen des Wolfes. Er trug es nicht aus Eitelkeit, sondern als Mahnung an sich selbst. Es gehörte zu seinem Leben vor König Aldrian, zu einem Leben, an das er nur mit Schaudern zurückdachte. Der Pelz erinnerte ihn beständig daran, wie nahe er daran gewesen war, ein Neiding zu werden, und dass seine Dankesschuld an die Niflungen nicht hoch genug anzusetzen war.
Scheu deutete Sigfrid auf das Fell. »Ihr habt Wodans Kampfekstase über Euch kommen lassen?«
Hagen nickte gleichgültig.
»Wenige haben den Mut dazu. Ich würde fürchten, mich in der Großen Dunkelheit zu verirren und den Weg zurück nicht mehr zu finden. Habt Ihr Euer Auge in einem Berserkerkampf verloren? Oder hat das etwas mit Eurer albischen Vergangenheit zu tun?«
Die Niflungen erstarrten zu Salzsäulen. Sie konnten nicht fassen, dass jemand die Kühnheit besaß, Hagen direkt nach einer so intimen Sache zu fragen. Selbst Eckewart, der die unbekümmerte Art seines Herrn gewohnt war, zuckte zusammen.
Hagens erster Impuls war, zum Schwert zu greifen, aber er bezähmte sein heißes Blut und zwang sich zur Ruhe. Sigfrid war Gunters Gast. Außerdem hatte keine Verachtung in den Worten des Sachsen gelegen. Er war einfach ein dummer Junge, der den Mund aufmachte, ohne nachzudenken. »Das geht Euch nichts an«, erwiderte der Waffenmeister schroff.
»Habe ich Euch beleidigt? Tut mir leid. Vermutlich seid Ihr der Meinung, man sollte meinen vorlauten Mund stopfen.« Sigfrid lachte. »Mein Vater würde Euch zustimmen. Ich glaube, dies war auch sein größter Wunsch.«
Selbst auf einen Mann wirkte sein Lachen entwaffnend. Verblüfft entdeckten die Niflungen, wie Hagen, der grimmige, unzugängliche Hagen, mit einem zögernden Lächeln antwortete, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete wie Wellen in einem Teich.
2.
Aufgeregt stand Grimhild inmitten eines Haufens verschiedenfarbiger Gewänder und konnte sich für keines davon entscheiden. Beim heutigen Festmahl zu Ehren der Gäste durfte sie, der Tradition der Walküren in Wodans Halle folgend, Wein und Bier reichen und die Krieger bedienen. So etwas kam allzu selten vor, sie begrüßte die Unterbrechung der alltäglichen Langeweile. Selbst die Unfreien freuten sich trotz der zusätzlichen Arbeit, denn Gäste brachten Abwechslung und für gewöhnlich auch interessante Neuigkeiten. Besonders gespannt war Grimhild auf den Mann, dessen Taten so oft von den Skopen besungen wurden. Ob Jungherr Sigfrid der Vorstellung entsprach, die sie sich von ihm machte?
Irmgard, eine Hermionin, in deren Adern noch cheruskisches Blut floss, half ihr wie gewöhnlich beim Ankleiden. Sie war ein blässliches, farbloses Mädchen, aber Grimhild schätzte sie wegen ihrer Zuverlässigkeit und weil sie sich niemals von ihrer Aufgeregtheit anstecken ließ. In der Regel schaffte es Irmgard, sie während der Ankleideprozedur so weit zu beruhigen, dass sie anschließend den Eindruck von Gelassenheit vermitteln konnte.
Endlich hatte Grimhild ihre Wahl getroffen und schlüpfte in ein blaues, durch einen kostbaren Gürtel zusammengehaltenes Leinengewand, dessen Ärmel mit Goldstickereien verziert waren. Zwei silberne Ohrringe, an denen Goldkapseln mit roten und weißen Glaseinlagen hingen, und zwei mit Ornamenten versehene Armringe vervollständigten ihren Schmuck. Sie verzichtete darauf, ihr Haar zu einer kunstvollen Frisur aufzustecken, es zeigte größere Wirkung, wenn sie es auf natürliche Weise herabfallen ließ. Allerdings hieß sie Irmgard, einige farbige Bänder hineinzuwinden.
Prüfend drehte sie sich einmal um sich selbst. In den Augen ihrer Dienerin fand sie die Bestätigung, die sie suchte, und setzte sich befriedigt auf eine Bank, um sich zu färben. Irmgard, die die Vorlieben ihrer Herrin kannte, hatte bereits verschiedene Pulver vorbereitet. Wie gewöhnlich zog Grimhild ihre blonden Brauen mit Stibium nach und betonte auch die Wimpern mit dem schwarzen Pulver. Dann legte sie geriebenen Rötel auf die Wangen. Die Lippen färbte sie meist mit Heidelbeersaft, heute jedoch entschied sie sich für den roten Farbstoff aus der gemahlenen Wurzel des Krapps. Er schmeckte abscheulich. Grimhild verzog das Gesicht und ging zu einer Ablage. Unter Salbentöpfen aus Alabaster und Terrakottafläschchen mit Duftstoffen fand sie, was sie suchte. Dezent betupfte sie Hals und Ohren mit Rosenöl.
Zum Abschluss öffnete sie eine kleine Flasche, die den Saft der Tollkirsche enthielt. In geringen Dosen bewirkte er eine Erweiterung der Pupillen und erweckte so den Eindruck weiblicher Unschuld. Irmgard runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Vorsichtig träufelte sich Grimhild ein paar Tropfen der Tinktur in die Augen. Nach einer Weile stellte sich die bekannte Verminderung der Sehschärfe ein. Grimhild blinzelte ein paarmal, bis sie sich an die Wirkung gewöhnt hatte, dann war sie bereit.
Lärm und Gelächter erfüllten die Große Halle. In aller Eile hatten Unfreie den Saal mit Blumen geschmückt und den Fußboden gesäubert, um das herrliche Mosaik besser zur Geltung kommen zu lassen. Die Feiernden saßen auf den Langbänken, abgestuften Erhöhungen entlang der Wände. In der Mitte der nördlichen Langbank befand sich der Hochsitz für den Herrn der Burg, groß genug für zwei Personen. Sollte Gunter sich einmal verheiraten, würde seine Frau mit ihm dort sitzen. Die beiden Gäste durften rechts des Niflungenkönigs Platz nehmen.
Sigfrid, der die kargen Holzhäuser seiner Heimat gewohnt war, bewunderte die kostbaren Wandteppiche und Vorhänge. Auch das Licht in der Halle wurde nicht etwa von gewöhnlichen Kienspänen gespendet, sondern von teuren Talgkerzen und Tonlampen mit in Olivenöl schwimmenden Flachs- und Hanfdochten. Der Sachse hielt es für eine Verschwendung, Lebensmittel für Beleuchtungszwecke zu verwenden, aber er musste zugeben, dass die Lampen eine angenehme Atmosphäre verbreiteten. Das Unglaublichste jedoch war sein stechal. Es war nicht etwa ein gewöhnliches Rinderhorn, sondern bestand aus silberbeschlagenem Glas. Sigfrid hatte Scheu, aus einem solchen Kunstwerk zu trinken.
Das Essen wurde hereingebracht. In aller Eile hatte man an Leckereien zusammengetragen, was sich auftreiben ließ: Wildschweinlenden und Saueuter, gefüllte Gänseeier und Honigkuchen. Dazwischen wurden Schalen mit Quitten, Äpfeln und Pistazien gereicht. Geräuschvoll machten sich die Anwesenden über die Köstlichkeiten her.
Grimhild betrat die Halle mit einer Amphore Wein, und sogleich wandten sich ihr zahllose Augenpaare zu. Die schöne Fränkin bot aber auch einen erfreulichen Anblick und weckte in einem Mann den Wunsch, ihr gefällig zu sein, für keine andere Belohnung als ein Lächeln von ihren Lippen. Nun ja, der eine oder andere mochte eine größere Gunst im Sinn haben. Sie bemerkte es kaum, die Bewunderung der Krieger war für sie ein alltäglicher Vorgang.
»Ah, meine Schwester Grimhild!«, stellte Gunter sie vor.
Die Gäste begrüßten sie ehrerbietig.
»Ich wusste nicht, dass die Franken einen Schatz haben, gegen den der Hort des Stillen Volkes verblasst«, erwiderte Sigfrid höflich.
Grimhild verfluchte die Wirkung der Tollkirsche. Sie erkannte kaum mehr als einen konturlosen, von einem blonden Haarkranz umgebenen Fleck, dabei hätte sie gar zu gern gewusst, wie der Sachse aussah! Jede Regel des Anstands vergessend, beugte sie sich vor, um ihn besser betrachten zu können. Aus dem verschwommenen Fleck tauchte ein herzliches Lachen auf.
»Ihr seht mich an wie eine Walküre, die sich ihr Opfer erwählt.«
Über dem Lachen entdeckte Grimhild jetzt zwei verträumte blaue Augen, in die sie sich unwillkürlich hineingesogen fühlte.
Plötzlich wurde ihr bewusst, wie unhöflich sie war. Mit einem raschen Blick schätzte sie die Entfernung zu den Trinkhörnern, die die Sachsen ihr hinhielten, lenkte die Männer mit ihrem süßesten Lächeln von ihren Händen ab und hoffte, dass sie beim Einschenken nichts verschüttete.
Pflichtschuldig goss Eckewart etwas Wein auf den Boden als Trankopfer für den Hausgeist, ehe er sich selbst einen Schluck gestattete. Das Schicksal meinte es gut mit ihm! Der Tisch bog sich unter der Last der Gerichte, es herrschte eine ausgelassene Stimmung, wie er sie in den Diensten seines neuen Herrn allzu lange entbehren musste, und darüber hinaus zeigten sich hübsche Mädchen bestrebt, die Trinkhörner nicht leer werden zu lassen. Die Franken besaßen eben Lebensart. Ganz anders als die sauertöpfischen Sachsen, die nur Kampf und Tod kannten. Man brauchte bloß an den Jarl von Bertangenland zu denken, seinen früheren Herrn. Er war großzügig gewesen, gewiss, aber auch besessen davon, sich mit anderen im Kampf zu messen. Kämpfen, immer nur kämpfen!
Und Sigfrid war auch nicht besser. Zu Anfang hatte es Eckewart überhaupt nicht behagt, dass sein Gefolgsherr ihn bei jedem Auftrag dem Sachsen als Begleiter mitgab. Mittlerweile hatte er Sigfrid schätzen gelernt, so sehr, dass er den Jarl von Bertangenland dazu gebracht hatte, ihn von seinem Eid zu entbinden, um in Sigfrids Dienste treten zu können, aber zu Anfang … Sigfrid war für seinen Geschmack viel zu unstet und ruhmesdurstig. Aber wenigstens verstand er zu feiern. Deshalb hatte Eckewart schließlich seinen Frieden mit dem Schicksal gemacht und die Zeit zwischen den Festgelagen als Intermezzo betrachtet, das man eben ertragen musste als Preis für die anschließenden Freuden. Zumal er herausfand, dass man in jeder Küche einen zusätzlichen Bissen bekam, wenn man den Unfreien die Geschichte vom Kampf mit dem Drachen erzählte. Dass er nicht dabei gewesen war und die Größe des Lindwurms mit der Anzahl der in Aussicht gestellten Bierbecher wuchs, bereitete ihm keine Magenschmerzen. Half es doch, den Ruhm seines neuen Herrn zu mehren.
Mit dem genossenen Alkohol nahm der Lärm in der Halle zu. Da die Trinkhörner keine Standflächen besaßen, waren die Krieger gezwungen, sie ununterbrochen kreisen zu lassen oder in einem Zug zu leeren, ein Zwang, der manchem gelegen kam. Ansgar, ein großmäuliger, aber allseits geschätzter Gefolgsmann Gunters, war schon jetzt sturzbetrunken. Er lallte ein Lied und grölte nach Volker, dem Skopen, der ebenso unbekümmert vom anderen Ende der Halle zurückbrüllte, dass er zu singen bereit sei, sobald Ansgar sein Gekrächze aufgebe. Die Umsitzenden amüsierten sich über den Schlagabtausch.
Während Grimhild Wein einschenkte und sich hie und da auf ein paar Scherzworte oder eine Unterhaltung einließ, kehrte allmählich ihre Sehschärfe zurück. Immer wieder suchten ihre Augen den blonden Sachsen. Seine Unbeschwertheit hob ihn unter allen Anwesenden hervor. Die meisten Krieger konnten ihre Wachsamkeit auch bei einem Gelage nie vergessen, nicht so Sigfrid. Er genoss den Frohsinn des Augenblicks wie kein zweiter und strahlte eine Entspanntheit aus, die dafür sorgte, dass sich jedermann in seiner Nähe wohlfühlte. Und dann waren da noch seine Augen …
Grimhild hörte ihn über irgendeinen Scherz lachen, laut und unmelodisch, und doch traf sie dieses Lachen mitten ins Zentrum wie ein Albstich. Sie wünschte, er würde hersehen, aber er unterhielt sich angeregt mit Gunter. Warum ließ er nicht von Zeit zu Zeit seine Blicke zu ihr gleiten wie andere Männer? Ob sein Desinteresse nur vorgetäuscht war? Grimhild beschloss, es herauszufinden. »Darf ich Euch Wein nachschenken, frō Sigfrid?«
»Gern. Habt Dank für Eure Güte, frūa!«
Sein sächsischer Akzent gefiel ihr. »Es bereitet mir Freude, Euch zu dienen«, kokettierte sie und atmete tief ein, als sie sich vorbeugte. Sie wusste, welch reizvolles Bild sie damit bot. »Ist der Wein zu Eurer Zufriedenheit?«
»Er ist das Beste, was ich seit langem zu kosten bekam.« Sigfrid dankte ihr artig und wandte sich wieder dem Gespräch mit ihren Brüdern zu.
Sein Betragen war tadellos, es gab nichts daran auszusetzen. Aber es war offenkundig, dass ihm ihre Reize nichts bedeuteten. Warum wirkte ihr Zauber nicht bei ihm?
Volker hatte derweil seine Hände in einer Wasserschale gesäubert, die fünfsaitige lyra mit den geschwungenen Jocharmen ergriffen und zupfte nun ein paar Töne. Eckewart, der auf dem linken Ohr mehr oder weniger taub war, legte den Kopf schräg, um besser zuhören zu können. Die Gespräche verstummten.
»Einst war die Zeit,
da Ymir lebte.
Nicht war Stein noch Wellen
noch Baum und Strauch.
Nicht Grund unten
noch Sterne oben.
Leblose Leere,
und überall Stille.«
So sang der Skop, und seine Stimme erfüllte die Halle. Volker war ein Meister seiner Zunft. Er besaß Wodans Gabe, die Gabe der Dichtkunst. Seine Stimme war weich und voll wie Honig und rührte die Herzen der Zuhörer. Vor ihren Augen und Ohren erstanden Walhall und Hel, Helden und Dämonen. Volker sang von fernen Zeiten, als die Welt aus dem Körper des Riesen Ymir erschaffen wurde, und dann sang er vom Tod des Gottes Balder und von seinem Vater Wodan, der dem Leichnam seines Sohnes eine Rune ins Ohr flüsterte, das Geheimnis aller Geheimnisse.
Lange war es still, als er schließlich endete. »Es liegt Macht in deinen Worten«, brach Gunter das Schweigen. »Du kannst Bilder der Seele heraufbeschwören und tapfere Männer weinen machen.« Er zog einen kostbaren Ring vom Finger und warf ihn dem Skopen zu, der ihn geschickt auffing. »Nimm dies als Lohn für deine Kunst.«
Volker verneigte sich dankbar und schlug einen neuen Ton an. Den Gästen zu Ehren sang er von der Landung der Nordmänner in Haduloha, vom Kampf um den Hafen und der folgenden Zeit des Handels mit den Einheimischen. Seine Stimme veränderte sich mit der Stimmung, die er beschrieb, sie wurde bitter, wenn er von Enttäuschung sang, und schwermütig angesichts eines harten Schicksals, doch immer behielt sie ihre Klarheit. Dann schlich sich ein listiger Tonfall ein, als er erzählte, wie ein Nordmann Goldschmuck an die Einheimischen verteilte im Austausch für etwas Erde, die er in seinem Rockschoß forttrug. Die Zuhörer wurden Zeuge, wie die Nordmänner die getauschte Erde dünn über die Äcker streuten, um dann Anspruch auf das damit bedeckte Land zu erheben, und nickten einander zu. Tiefe Wahrheit lag in Volkers Worten, denn die Einheimischen hatten das Heil und die Seele der Erde fortgegeben. Ja, das war erdmegin, von solcher Macht war die Kraft der Erde!
Sigfrid war den Tränen nahe. Der Gesang des Skopen wühlte ihn auf. Plötzlich meinte er, das Meer zu riechen. Obwohl die Sachsen seit langem sesshaft waren, floss noch immer das Blut von Nordmännern in seinen Adern. So ergriffen war er von Volkers Worten, dass es eine Weile dauerte, bis er entdeckte, dass der Sänger geendet hatte. Bewegt zog er ein edelsteinbesetztes Amulett aus einem Beutel und warf es ihm zu. »Ich will hinter König Gunters Freigebigkeit nicht zurückstehen«, sagte er. »Euer Gesang ist wahrlich eines Königs würdig.«
Volker bedankte sich und beendete seine Darbietung.
Ansgar boxte ihm in die Seite. »Nicht übel für einen Schönling«, grinste er.
Die Unterhaltungen, die während des Vortrags unterbrochen worden waren, setzten wieder ein. Grimhild näherte sich Sigfrid von neuem, um ihm einzuschenken.
»Wollt Ihr mich betrunken machen, frūa?«, lachte er.
Seine Hand streifte ihren Arm, als er ihr das stechal entzog, und ein weiterer Stich traf sie, diesmal in der Lendengegend. Verzweifelt suchte sie nach einer Möglichkeit, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen, doch er hatte sich bereits wieder umgedreht, um sein Gespräch mit Gunter fortzusetzen. Grimhild kochte vor Zorn. Sie war es nicht gewohnt, derart beiläufig behandelt zu werden. Wütend drehte sie sich um und stürmte aus der Halle.
Sigfrid bekam ihren Abgang gar nicht mit. Seine Gedanken waren weder bei ihr noch bei dem, was ihr Bruder ihm gerade erzählte, sondern daheim. Nachdem er den letzten Auftrag seines ehemaligen Gefolgsherrn ausgeführt hatte, war er nun frei, nach Tarlungenland zurückzukehren. Er hatte gelernt, was ein Krieger lernen musste, und sich eigenen Ruhm erworben. Seine Sippe würde ihn mit offenen Armen empfangen. Er konnte es kaum erwarten, mit den Seinen am Feuer beisammenzusitzen, sich am Frieden zu erwärmen und von der Kraft des Sippengefühls zu trinken. Und um Brünhild zu freien, dachte er bei sich, und ein süßer Schmerz schnürte ihm die Brust zu. Die Svawenkönigin war die streitbarste Frau, die er je getroffen hatte, aber ihr nachtdunkles Haar war wie Seide, und in ihren Augen loderte ein Feuer, das jeden Winter fernhielt. Mit ihr zu streiten barg größere Leidenschaft als anderer Leute Liebesgeflüster. Sie war die eine, mit deren Seele er unauflöslich verbunden war.
Über seine Gedanken waren ihm Gunters letzte Worte entgangen. »Was habt Ihr gesagt?«, erkundigte er sich.
»Ich sagte: Warum erholt Ihr Euch nicht eine Weile, ehe Ihr Euch auf die weite Heimreise macht? Ihr seid herzlich eingeladen, Mittsommer mit uns zu feiern.«
Sigfrid wollte Gunter nicht vor den Kopf stoßen, und ihre Pferde konnten Ruhe gebrauchen, deshalb sagte er: »Bis zum Fest können wir nicht bleiben, aber für ein paar Nächte nehmen wir Eure Gastfreundschaft gern an.«
Er konnte nicht ahnen, wie folgenschwer diese Entscheidung sein sollte.
3.
Es war ein herrlicher Morgen. Die Sonne schien in die hintersten Ecken der Räume, als wollte sie alles, was atmete, ins Freie locken. Irmgard blickte sehnsüchtig aus dem Fenster, während sie die Haare ihrer Herrin in einer louga aus Ziegenfett und Buchenasche bleichte. Sie tat diese Arbeit gern, es machte ihr Freude, die Finger durch Grimhilds vollen Haarschopf laufen zu lassen. Ein Lied vor sich hinsummend seifte und spülte sie und massierte dabei die Kopfhaut der Niflunge.
»Hör endlich mit dem Geplärre auf!«, fuhr Grimhild sie an.
Erschrocken verstummte Irmgard. Sie kannte ihre Herrin; wenn sie sich in einer solchen Stimmung befand, benahm man sich tunlichst unauffällig, bis der Sturm vorüber war.
Grimhilds Kopf ruckte hoch. »Lass mich allein! Ich kämme mich lieber selbst, ehe du mit deinen ungeschickten Händen noch alles durcheinanderbringst.« Kaum war die Dienerin fort, bereute Grimhild auch schon ihre Worte. Es war nicht recht, ihre schlechte Laune an Irmgard auszulassen. Das Schuldbewusstsein machte sie noch wütender, sie trat nach einer Truhe. Au! Alles hatte sich heute gegen sie verschworen! Ihr Zeh schmerzte, der Saum ihres Gewandes blieb ständig irgendwo hängen, und der Kamm war nirgends aufzutreiben. Grimhild stieß einen Schrei der Frustration aus. Der Anblick ihrer Mutter, die ungehört hereingekommen war und sie mit einem wissenden Lächeln bedachte, steigerte ihren Zorn ins Unermessliche. »Was willst du?«, fauchte sie.
Oda nahm einen neutralen Gesichtsausdruck an und bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sehr die leicht durchschaubaren Gefühle ihrer Tochter sie amüsierten. »Dir helfen, dich herzurichten«, erwiderte sie und ergriff den Kamm, der sich arglistig hinter einer Schale versteckt hatte.
Grimhild biss sich auf die Lippen und schwieg, weil ihr kein Grund einfiel, sich zu widersetzen. Mit zusammengebissenen Zähnen ließ sie zu, dass ihre Mutter sich hinter sie stellte und die nassen Haare entwirrte.
»Ich sah Irmgard aus deinem Zimmer kommen«, sagte Oda. »Sie schien es eilig zu haben.«
»Ich nehme an, sie hat zu arbeiten«, schnappte Grimhild. Die Vögel vor dem Fenster gingen ihr auf die Nerven. Sie sollten endlich still sein und ihre gute Laune für sich behalten!
Oda kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, dass eine direkte Frage nach der Ursache ihrer schlechten Laune der falsche Weg war, ihr zu helfen. Sie würde sich nur verschließen wie ein trotziges Kind. An der Art, wie Grimhild den Rücken gerade hielt, erkannte die Königin, dass ihre Tochter die Hände zu Fäusten ballte, doch sie hütete sich wohlweislich, das Mitleid, das sie empfand, zu zeigen. »Das war ein schönes Fest gestern, findest du nicht?«, fragte sie stattdessen.
»Sie haben gesoffen wie die Schweine.«
»Ich hatte meinen Spaß. Mir gefällt es, wenn so viele kühne Recken in unserer Halle sitzen.«
»Er hat mich nicht einmal beachtet!«, platzte Grimhild heraus.
»Wer?« Wenn ihre Tochter sich verstellen konnte – Oda war Meisterin in diesem Spiel. Nicht umsonst hatte sie damals Aldrian, der eigentlich um ihre Schwester freien sollte, für sich gewonnen. Die Erinnerung daran schmerzte, aber es war ein süßer Schmerz, dem sie gern nachgab. Als er in jenem Jahr zur Burg ihres Vaters kam, besaß er noch keinen großen Namen, kein Skop sang Lieder von seinen Heldentaten. Doch sie hatte gewusst, was in ihm steckte. Sie wollte ihn. Und sie handelte, ehe er Gelegenheit bekam, die verhängnisvolle Werbung auszusprechen. Ein absichtlich zerbrochener Krug, dessen Scherben aufzusammeln er half, gab ihr die Möglichkeit, ihm nahe zu kommen. Mehr brauchte sie nicht. Wie er sie ansah, als er schließlich um sie freite, als fürchte er, sie könne ablehnen! Ihre Augen wurden feucht bei dem Gedanken. Sie hatte ihre Wahl nie bereut. Aldrian hatte Königsheil besessen und den Kampf außerhalb der Grenzen seines Reiches gehalten. Vor allem aber war er ein wundervoller Gemahl gewesen.
»Sigfrid.«
Oda brauchte einen Moment, um sich zu erinnern, worüber sie gerade sprachen. »Tatsächlich? Das ist mir gar nicht aufgefallen.«
Das war nun eine Spur zu dick aufgetragen. Grimhild sah sie argwöhnisch an und seufzte: »O Mutter! Du weißt genau, wovon ich spreche.«
»Mag sein. Ich sah ein albernes Mädchen, das vor einem fremden Recken herumkokettierte.«
Grimhild brach in Gelächter aus, und ihr mühsam aufrecht erhaltener Schutzwall stürzte zusammen.
Oda fiel nicht in das Lachen ein. »Und einen Krieger, der sich nicht für dieses Mädchen interessierte«, sagte sie ernst.
»Warum hat er mich nicht angesehen? Bin ich nicht schön? Jeder Mann dreht sich nach mir um. Warum er nicht?«
»Dafür kann es viele Gründe geben. Wahrscheinlich ist sein Herz schon vergeben. Schlag ihn dir aus dem Kopf, Kind! Es gibt genug Männer, die deiner würdig sind.«
»Ich will Sigfrid und keinen anderen!«, sagte Grimhild, und erst, als sie es ausgesprochen hatte, wusste sie, dass es die Wahrheit war.
Oda antwortete nicht, sondern fuhr fort, ihr die Haare zu kämmen. Argumente waren hier verschwendet, das wusste sie. Wenn Grimhild sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte nur ragnarök sie daran hindern. Und war es denn so verwunderlich, dass ihre Tochter ihr nachschlug und dem Schicksal auf die Sprünge helfen wollte?
Grimhild ließ sich jetzt willig kämmen. Eine andere Frau. Ja, das war nur allzu wahrscheinlich. Sigfrid sah gut aus, war der Sohn eines reichen Königs und besaß ein gewinnendes Wesen. Sie würde aufpassen müssen, wenn sie erst seine Gemahlin war! Gedankenverloren spielte sie mit einer Strähne ihres Haares. Eine andere Frau. Sie erinnerte sich jetzt an seinen verschleierten Blick und die heimwehkranke Stimme während des Festes. Sie hatte angenommen, er vermisse seine Sippe, aber natürlich … Eine andere Frau. Es machte Sinn.
Thiota fiel ihr ein. Die Seherin konnte mehr als nur die Zukunft aus dem Vogelflug lesen und Runenstäbe werfen. Sicher hatte sie eine Lösung für ihren Kummer. Bestimmt wusste sie, was zu tun war! Grimhild lächelte, schloss die Augen und dachte an Sigfrid. Ja, sie wollte ihn! Und sie würde ihn bekommen!
Vergessen, verlieren
1.
Mit einem Fluch machte Grimhild sich Luft und trieb Fála an. Es war ihr nicht gelungen, vor dem Mittag unbemerkt zu entwischen. Sigfrid wollte am nächsten Morgen abreisen, ihr blieb also nicht mehr viel Zeit, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wenn sie den Mut dazu aufbrachte.
Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken an das, was sie zu tun beabsichtigte, aber noch weniger konnte sie es ertragen, Sigfrid fortreiten zu sehen. Bis zu diesem Sommer hatte sie zwar gelegentlich mit dem Gedanken an einen künftigen Gemahl kokettiert, aber das war ein Spiel gewesen, mehr nicht. Mit ihren sechzehn Jahren konnte sie es sich leisten, noch ein, zwei Sommer zu warten, ehe sie sich ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzte. Und dann war Sigfrid gekommen, und jetzt war alles anders. Zornig dachte sie an den Rat ihrer Mutter, sich mit einem anderen zu begnügen, und hieß den Zorn willkommen, denn er lenkte sie von ihrem schlechten Gewissen ab. Niemals würde sie jemandem erlauben, über ihr Leben zu verfügen, weder dem Schicksal noch ihrer Sippe! Es gab Wege für alles.
Mit einem Ruck zügelte Grimhild ihre Stute.
Wie hatte sie nur so in Gedanken sein können! Vor ihr befand sich jenes Gebüsch, dem sie die schlimmste Erfahrung ihres Lebens verdankte. Lähmung erfasste sie, wie jedes Mal, wenn sie sich der Stelle näherte, an der sie vor gut fünf Jahren ihren Vater gefunden hatte. Ein böser Zauber ging davon aus, die dunkle Aura einer Neidingstat. Grimhild unterdrückte die Übelkeit, die in ihr aufsteigen wollte, wandte den Kopf ab und trieb Fála mit einem Schenkeldruck weiter. Die Stute schnaubte, gehorchte aber. Grimhild ließ Fála kräftig ausholen, um so viel Distanz wie möglich zwischen sich und das Gebüsch zu bringen, und wurde erst ruhiger, als der Ort der Bluttat hinter einem Hügel verschwand.
Vor der Hütte der Seherin sprang sie von ihrem Pferd und zögerte, plötzlich unsicher. Tat sie wirklich das Richtige? Bisher hatte sie Thiota nur um harmlose Dinge gebeten, Fragen nach der Zukunft gestellt, nach ihrem künftigen Mann, nach Kindern, Mädchenfragen eben. Dies war etwas anderes. Zum ersten Mal wollte sie sich der Hilfe der Seherin bedienen, um in den Ablauf des Schicksals einzugreifen. Sie wünschte, Frija würde ihr ein Zeichen schicken, ob das Vorhaben ihre Gunst fand. Aber wann hatten die Götter sich je eindeutig geäußert? Nein, sie würde die schwierige Entscheidung allein treffen müssen. Ein Echo von Sigfrids Lachen hallte durch ihren Kopf, und es war ihr Körper, der die Entscheidung traf, nicht ihr Verstand. Grimhild holte Luft und trat ein.
Die Hütte war schmutzig, doch stärker noch als die fauligen Gerüche und der Anblick von Nachlässigkeit war der Eindruck von Macht. Etwas Ungreifbares beseelte den Raum, eine Spannung, das Echo gewaltiger Kräfte.
Als sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, entdeckte sie Thiotas runzlige Gestalt. Sie trug die typische Kleidung einer Seherin, einen zerschlissenen Leibrock aus Schaffell, darüber einen speckigen, ehemals blauen Mantel. Offenbar war sie im Wald gewesen, um Kräuter zu sammeln, denn in ihrem Mantel hatten sich die Widerhaken von Häkelfrüchten verfangen. Grimhild erkannte Kletten und Nelkenwurz und wunderte sich, weshalb ihr Verstand sich mit solchen Nebensächlichkeiten beschäftigte, bis ihr aufging, dass sie sich davor fürchtete, Thiota in die Augen zu sehen.
»Grimhild.«
Ihr Name aus dem zahnlosen Mund der Seherin war Feststellung, Begrüßung und Frage zugleich. Vielleicht auch eine Drohung. Auf dem Weg hierher war Grimhild die selbstbewusste Königstochter einer starken Sippe gewesen, mit Betreten der Hütte hatte sie sich wieder in ein kleines Mädchen verwandelt. »Wodan sei mit dir, Thiota!«, gab sie eingeschüchtert zurück.
Die alte Frau bedeutete ihr, Platz zu nehmen. Da es, abgesehen von dem hölzernen Hochstuhl für die Zukunftsschau, keine Möbel gab, setzte Grimhild sich auf eines der Schaffelle. Thiota ließ sich ebenfalls nieder. Sie sprach kein Wort, wartete einfach ab und sah sie dabei unentwegt an, als wolle sie auf den Grund ihrer Seele blicken, bis Grimhild, um dieser Tortur ein Ende zu bereiten, herausplatzte: »Ich brauche einen Zauber.«
Die Schweigsamkeit der Seherin ärgerte sie. Die ganze Zeit über hatte sie das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Bei ihrem Aufbruch hatte sie sich vorgenommen, Thiotas Fragen ausweichend zu beantworten und nichts preiszugeben, was ihr zum Nachteil gereichen konnte, da die alte Frau aber keine Fragen stellte, sondern sie nur ansah, sprangen die Worte von selbst aus ihrem Mund: »Wir haben einen Krieger zu Gast, und … und … ich will ihn.«
Thiota sagte immer noch nichts. Unbarmherzig hielt sie ihren stechenden Blick auf sie gerichtet, bis Grimhild die Augen niederschlug. Das Schweigen der Seherin enthielt die Gewissheit, dass die Niflunge über kurz oder lang die albernen Versuche aufgeben würde, etwas vor ihr zu verbergen.
»Er liebt eine andere Frau«, sagte Grimhild leise. »Glaube ich.«
»Einen Trank, der ihn in dich verliebt und die andere vergessen macht – ist es das, was du von mir willst?«
Grimhild nickte beklommen, über ihren eigenen Mut erschrocken. Bis eben war alles nur ein Hirngespinst gewesen, eine Möglichkeit. Indem sie ihren Wunsch aussprach, verwandelte sie diese Möglichkeit in Wirklichkeit. Die Macht der Worte war groß, niemand konnte sie zurücknehmen. Für einen flüchtigen Augenblick fragte sie sich, ob sie nicht dabei war, einen Fehler zu begehen, aber sie wischte diesen Gedanken beiseite.
»Du weißt, was du tust.«
Wie konnte ein Satz, der als Feststellung ausgesprochen wurde, ihr derart das Gefühl vermitteln, dass ihre Urteilsfähigkeit in Zweifel gezogen wurde? Grimhild bemühte sich um Festigkeit in ihrer Stimme. »Ja.« Und um der Alten zu beweisen, dass sie imstande war, die Konsequenzen zu übersehen, zählte sie auf: »Ich nehme Einfluss auf einen Menschen. Ich zerreiße ein vorhandenes Muster. Ich verändere das Schicksal.«
»Du spielst ein Spiel mit hohem Einsatz. Aber das Gewebe der Nornen veränderst du nicht. Du wirst tun, was gewebt ist.« Thiotas Augen waren abwesend, als bereite sie in Gedanken bereits den Trank zu, doch dann heftete sich ihr Blick wieder auf ihre Besucherin. »Bedenke deinen Wunsch! Es liegt kein Heil darin, die Zukunft beherrschen zu wollen.«
Gereizt zog Grimhild die Nase kraus. Dies waren die üblichen Ermahnungen, die jeder meinte, ihr gegenüber vorbringen zu müssen. Wann begriffen die Menschen endlich, dass sie erwachsen war und für sich selbst entscheiden konnte?
Thiota beugte sich vor und zwang sie, ihrem Blick standzuhalten. »Gebrochene Versprechen«, sagte sie und bohrte ihren Zeigefinger unterhalb des Schlüsselbeins in die Haut der jungen Frau. »Gebrochene Versprechen leugnen, was war, leugnen, was sein wird. Gebrochene Versprechen besitzen einen starken Zauber. Gebrochene Versprechen sind voller Leid.«
»Es ist mir egal, was war!«, stieß Grimhild trotzig hervor. »Ich will ihn! Ich will, dass er mich liebt!«
Die Seherin beugte sich der Macht ihrer Leidenschaft. »Du hast entschieden«, sagte sie.
Verspätet begriff Grimhild, dass die Abmachung zwischen ihnen damit besiegelt war. Aufgeregt öffnete sie den Lederbeutel, den sie bei sich trug, und entnahm ihm etwas Bruchsilber. Sie wusste, dass Thiota diese Art der Bezahlung römischen Münzen vorzog. Alles, was von den Römern kam, hielt sie für eine gefährliche Abkehr von den alten Pfaden.
Die Alte strich den Lohn ein und machte sich an die Arbeit. »Amnesia«, murmelte sie geistesabwesend, öffnete Tongefäße und schnupperte an Kräutern. Gemeinsam mit Wurzeln, Samen und Pflanzenfasern wanderten diese in eine Tonschale. Nachdem die Seherin die Zutaten zerstoßen hatte, rührte sie das entstandene Pulver in einen Kessel mit Wasser ein und hängte ihn über das Feuer. Anschließend verschwand sie nach draußen. Als sie zurückkehrte, hielt sie einen blühenden Buchenzweig in der Hand. Geschickt entfernte sie die Blüten und schnitt den Ast in gleich lange Holzstäbchen, die sie in den Himmel hielt, um Wodan, den Herrn der Runen, um Beistand anzurufen.
»Neun Nächte hingst du,
o Runenmeister,
am windigen Baume
in Yggdrasils Ästen,
dir selbst geweiht,
geritzt mit dem Speer,
blutend, wartend.
Groß war dein Opfer.
Du neigtest dich nieder
und hobst unter Qualen
die heilhaften Stäbe,
die mächtigen Runen.
Sie raunten dir zu
verborg’nes Geheimnis.
Raune mit mir,
o Raterfürst!«
Thiota nahm das Messer, mit dem sie den Zweig unterteilt hatte, und ritzte fehu, die Rune für Reichtum und Glück, in das weiche Holz, gebō, die Rune für Freundschaft und Gunst, und jēra, die Rune der guten Ernte. Nach kurzer Überlegung fügte sie noch berkō, die Fruchtbarkeit verheißende Birkenrune hinzu.
»Runen sind magisch,
Runen sind Macht.
Heilhafte Hölzer,
zeitlos geritzt
auf die Pfote des Wolfs,
auf die Schwinge des Raben,
auf die Zunge der Schlange,
auf die Spitze des Speeres,
in die Schwelle des Hauses,
in Feuer und Fels, in Wasser und Wind«,
murmelte sie halblaut dabei. Das Wort laukaR würde ihr Werk gedeihen lassen, das Wort alu ihm Schutz verleihen. Aber wie leicht konnte jemand, der etwas von Runenmagie verstand, den Zauber erkennen und verändern! Deshalb war es unumgänglich, die Worte zu verrätseln. Thiota verkürzte laukaR zu einem l und verdrehte alu zu lua. Die Runen hatte sie bereits als Binderunen verschlüsselt, indem sie gebō und jēra übereinander ritzte und fehu und berkō einen gemeinsamen Stab gab.
So plötzlich, dass Grimhild zusammenzuckte, waren die Augen der Seherin auf sie gerichtet. »Hast du, was für einen Liebeszauber nötig ist?«
Die Niflunge wurde rot und nickte. So viel wusste jeder von Liebestränken, dass es gewisse Zutaten gab, die unentbehrlich waren. Sie öffnete ihren Lederbeutel und entnahm ihm ein Tuch mit getrocknetem Monatsblut.
Thiota löste die Substanz mit warmem Wasser an. »Wenn dein Blut mit seinem gemischt ist, seid ihr für immer aneinander gebunden.« Ein paar Tropfen der roten Flüssigkeit ließ sie in den Sud fallen, mit dem Rest tränkte sie die Runen, Frija um Beistand anrufend. Während das Blut trocknete, wandte sie sich wieder dem Kessel zu. Der Sud war kurz vor dem Sieden. Auf dem Hochstuhl lag ein Eibenstab, den die Seherin nun holte, um damit den Kessel zu berühren, gleichzeitig stimmte sie einen leisen Gesang an. Gesang verstärkte die Zauberkraft des Wortes, das wusste jeder. Bestimmte Regeln waren dabei einzuhalten, damit die Worte ein Muster ergaben und sich nicht gegenseitig aufhoben. In Trance nahm die alte Frau eine Handvoll geweihter Erde, die sie von draußen mitgebracht hatte.
Eine Gänsehaut bildete sich auf Grimhilds Arm. Thiota wollte dem Trank erdmegin beimischen! Plötzlich fürchtete sich die Niflunge. Waren die Mächte, die sie zu ihrer Unterstützung herbeirief, nicht zu groß, um kontrolliert zu werden?
Thiota fühlte den Strom schwerer Energie von der dunklen, nach Moos und Farn riechenden Erde durch ihre Finger fließen. Ihre Hände kribbelten. Vorsichtig ließ sie ein paar Krümel in den Trank fallen und hauchte:
»Erde, Erde,
Kristallgebärende,
Fruchtbare, Nährende,
Reifende, Sprießende,
Flur oder Grünende
– bei jedem Namen
rufe ich dich!«
Thiotas Gesicht war angespannt. Ihr durfte kein Fehler unterlaufen. Ein Wort verfügte über die Kraft, das Gesagte zu erschaffen, ein Versprecher konnte unvorstellbare Folgen haben. Sie hob die mit Runen versehenen Holzstäbchen auf und ergriff das Messer. Dies war der entscheidende Augenblick. Schrift fixierte den Zauber und machte ihn dadurch mächtiger. Schriftmagie war stärker als Wortmagie, weil sie den Zauber dauerhaft band. Immer noch singend schabte Thiota die Runen ab und ließ die Späne in den Trank fallen.
»Vergessen, verlieren,
die Frau, die du liebst,
der Treue du schworst.
Ihr Antlitz verblasst,
trinkst du die Runen.
Verändern, verwandeln
soll sich dein Sinn.
Nicht schlafen sollst du
vor Sehnsucht nach dieser,
der herrlichen Jungfrau.
Verlangen, verfallen,
gefesselt dein Herz.
Trinkst du die Runen,
wirst nimmer begehren
du Freiheit von ihr.«
Thiota fühlte sich schwindlig, wie immer, wenn sie starke Magie benutzte. Vor ihren Augen tanzten farbige Kreise, und sie hörte Geräusche, die nicht wirklich da waren: Rauschen, Klingeln, dumpfes Pochen. Ein scharfer Geruch erfüllte ihre Nase. Außerdem plagten sie Kopfschmerzen. Es wurde höchste Zeit, die Trance zu beenden. Kontrolliert ließ sie die Spannung entweichen. Einen Augenblick lang musste sie die Augen schließen, bis die Welt aufgehört hatte, sich zu drehen.
»Ist es fertig?«, fragte Grimhild unsicher.
Thiota wünschte sehnlichst, dass ihre Besucherin ging, damit sie die Finger der Macht, die sie berührt hatten, abwaschen konnte. Und schlafen! Sie musste dringend schlafen! Mit zittrigen Händen goss sie den Trank in eine Flasche, verschloss sie und reichte sie der Niflunge. »Sei bei ihm, wenn er den Sud trinkt, und er wird dich mit neuen Augen betrachten.«
Grimhild drückte die Flasche wie einen kostbaren Schatz an sich. »Sigfrid«, murmelte sie unhörbar, »jetzt bist du mein!«
2.
Ihre eigene Unentschiedenheit war das Schlimmste, fand Grimhild. Sie saß allein in der Großen Halle und wusste nicht, was sie tun sollte. Je länger sie die Flasche der Seherin auf dem Tisch ansah, desto monströser schien ihr der Plan. Gestern war sie erst spät von Thiota zurückgekehrt und hatte keine Gelegenheit gefunden, Sigfrid den Trank zu verabreichen – nein, das stimmte nicht. Sie hatte gezögert. Sie hatte nicht den Mut aufgebracht. Es war erdmegin in dem Trank!
Ein Wiehern unterbrach Grimhilds Grübeleien. Sie stürzte ans Fenster. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie sah, wie Ivo die Pferde der Gäste aus dem Stall führte. Sigfrid bedachte ihn mit seinem typischen Lachen, und etwas zerriss in ihr. Sie konnte es nicht ertragen, dass er für immer aus ihrem Leben verschwand. Hastig riss sie den Verschluss von der Flasche und schüttete die farblose Essenz in einen Becher. Dann eilte sie zu einer Amphore und goss vom besten Wein dazu. Prüfend roch sie daran, konnte jedoch keinen anderen Geruch als den von Wein feststellen. Gut! In der Tür stieß sie mit Sigfrid zusammen und ließ dabei um ein Haar den Becher fallen.
»Verzeiht, frūa«, sagte der Sachse höflich, »ich dachte, Euer Bruder wäre hier. Ich möchte mich von ihm verabschieden.«
Grimhild schluckte. Ihre Kehle war trocken. »Ihr wollt uns wirklich schon verlassen?«, fragte sie und legte so viel Wärme in ihre Stimme, wie sie nur konnte. Vielleicht gab es eine andere Möglichkeit, ihn zurückzuhalten. Vielleicht genügte ihr natürlicher Zauber, um seinen Sinn zu ändern.
»Eure Gastfreundschaft war ohnegleichen, aber ich muss fort.«
Immer noch schreckte sie vor der Entscheidung, die ihre und seine Zukunft unwiderruflich festlegen würde, zurück, doch der Kampf in ihrem Inneren dauerte nur einen Herzschlag, dann trug ihr Verlangen den Sieg davon. »Wenn es sich denn gar nicht vermeiden lässt, so nehmt wenigstens diesen Abschiedstrunk von mir.« Ihre Hand zitterte, aber nur ein wenig, und sie verschüttete keinen Tropfen, als sie ihm den Becher reichte. Ihr Herz setzte aus, als Sigfrid daran roch.
»Eure Weine sind gut«, sagte er.
Grimhild hielt die Spannung kaum aus. Wenn er nicht gleich trank, würde sie sich durch ihre Nervosität verraten!
Er hob den Becher. »År ok friðr!«, sagte er und trank.
Gute Ernte und Frieden. Grimhild war nicht sicher, ob das, was sie mit ihrem Liebestrank gesät hatte, eine gute Ernte eintragen würde, geschweige denn Frieden. Aber sie hatte ihre Wahl getroffen, und nun war es zu spät, irgendetwas rückgängig machen zu wollen. Angespannt beobachtete sie den Sachsen und suchte nach einem Zeichen, dass er sich veränderte.
Sigfrid setzte den Becher ab. »Nun muss ich wirklich gehen. Ich sehne mich nach …« Seine Augen verschleierten sich. »Nach … meiner Sippe«, sagte er schleppend. Da war noch etwas gewesen. Etwas Wichtiges. »Sippe«, wiederholte er benommen. Das Denken fiel ihm schwer. Immer, wenn er versuchte, sich auf etwas zu konzentrieren, wirbelten bunte Kreise vor seinen Augen. Ein schemenhaftes Gesicht. Braune Augen, schwarzes Haar, der Geruch von Kiefernharz. Er zog die Stirn in Falten. Seine Gedanken waren wie aufgeweicht, zäh und klebrig. »Sippe«, rief er sich in Erinnerung, aber er kam über das eine Wort nicht hinaus. »Ich werde langsam alt«, sagte er.
Dann blickte er auf.
Zum ersten Mal, schien ihm, sah er Grimhild wirklich. Er kniff die Augen zusammen, um nicht von der strahlenden Helle ihres silberblonden Haares geblendet zu werden. Wie kam es nur, dass er sie nie richtig betrachtet hatte? Ihre Lippen weckten in ihm den Wunsch, sie zu küssen, ihre Augen brachten seine Knie zum Zittern. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch keinem Menschen so verbunden gefühlt.
Grimhild verbarg ihre Unsicherheit hinter einem Lächeln. Wirkte der Trank? Das unangenehme Schweigen dehnte sich bis in die Unendlichkeit. Mit jedem Wimpernschlag wurde die Stille bedeutungsvoller. Um Zeit zu gewinnen, leckte sie sich über die Lippen und suchte nach Worten. »Geht es Euch gut?«
»Gut?« Verständnislos sah er sie an. Was konnte er sagen? Wie ihr erklären, was er fühlte? Die Worte in seinem Kopf waren widerspenstig, und als er schließlich sprach, bewegte sich seine Zunge unbeholfen, als sei er betrunken. »Ihr seid … außergewöhnlich schön.«
Es tat körperlich weh, als sie die Anspannung losließ, die ihr bis eben den Atem abgeschnürt hatte. Jetzt war sie sicher, dass das Mittel wirkte. »Ich danke Euch, frō Sigfrid. Es ist sehr freundlich von Euch, mich zu bemerken.« Sie befand sich wieder auf sicherem Boden. Um das Feuer entflammter Männer in Gang zu halten, brauchte sie keine Seherin. Auf die Kunst, mit Blicken und Gesten eine Fessel aus Hoffnung und Verlangen zu erschaffen, verstand sie sich.
»Bemerken? Ich kann an nichts anderes denken als an Euch.«
Grimhild erschauerte über die Wahrheit, die absichtslos in seinen Worten lag. Aber es war ein wohliger Schauer. Nein, sie bereute nichts. Was sie getan hatte, war nicht recht, aber sie würde es jederzeit wieder tun, nur um von seinen Augen auf diese Weise angesehen zu werden. Sein Blick gab ihr das Gefühl, einzigartig zu sein. »Ich sehe es gern, wenn Ihr mich bemerkt«, hauchte sie und trat an ihn heran. Die Macht seiner Nähe war überwältigend. »Auch meine Gedanken sind nicht mehr frei, seit ich Euch sah.«
Sie hatte noch so viel mehr sagen wollen, doch in diesem Moment kam Gunter herein. »Ah, hier seid Ihr!«, rief er aus. »Ich höre, Ihr wollt uns verlassen?«
»Verlassen?«, echote Sigfrid, und wieder fiel es ihm schwer, seine Gedanken zu ordnen. »Nein, warum?«
Jetzt war es an Gunter, verwirrt zu sein. »Aber Euer Gefolgsmann sagte … Nun, dann muss ich ihn falsch verstanden haben. Umso besser. Es täte mir leid, Euch so schnell wieder zu verlieren.«
»Ich würde gern Mittsommer mit Euch feiern«, sagte Sigfrid und gab sich alle Mühe, Grimhild dabei nicht anzusehen.
»Das freut mich.« Gunter betrachtete den Sachsen nachdenklich. »Sagt, frō Sigfrid, Ihr seid doch viel herumgekommen, trotz Eurer jungen Jahre … ich wollte Euch fragen … meine Sippe setzt mir zu, dass ich mich endlich verheirate und einen Nachkommen zeuge. Nun bin ich in der glücklichen Lage, auf kein Bündnis angewiesen zu sein, kann also frei wählen. Und eben das erschwert die Angelegenheit. Wisst Ihr nicht eine Frau für mich?«
Braune Augen, Kiefernharz. »Es gibt da eine Königin in Svawenland, die schönste, die ich je sah«, entfuhr es Sigfrid. »Und nicht nur ihre Schönheit, auch ihr Verstand und ihr Mut sind ohnegleichen. Brünhild, die Herrin von Burg Seegard, ist eines Königs würdig.«
Grimhild erbleichte. Das war sie, daran gab es keinen Zweifel! Ängstlich beobachtete sie Sigfrid. Was empfand er jetzt? Konnte sie bereits gegen das schwächer werdende Bild in seiner Seele bestehen? Zeit! Sie brauchte Zeit! »Du solltest frō Sigfrid nicht mit deinen Sorgen behelligen«, wies sie ihren Bruder zurecht. Und an den Sachsen gewandt: »Mir scheint, Euer Gefolgsmann wartet auf Euch.«
Sigfrid sah aus dem Fenster. Ein Ausdruck von Überraschung trat auf sein Gesicht. »Er hat die Pferde bei sich. Gab ich ihm den Befehl dazu?« Verwirrt eilte er hinaus.
Grimhild folgte ihm. In der Tür hielt sie noch einmal inne. »Sigfrid wäre ein guter Verbündeter, nicht wahr?« Und ehe ihr Bruder antworten konnte, war sie verschwunden.
3.
Einige Nächte waren ins Land gegangen, und der Sommer kündigte sich an. Der Nachmittag war schwül und versprach, noch heißer zu werden. Überall konnte man den schwirrenden Gesang der Grillen und Heuschrecken hören, ein vielstimmiger Wettstreit aus Knarren und Zirpen, mit dem die Männchen die Weibchen anlockten. Bienen summten geschäftig umher, selbst Maikäfer flogen noch in großer Zahl durch die Luft. In der Hitze reiften die Früchte. Nicht mehr lange, dann wurde es Zeit für die Kornernte.
Gunter saß an einen Baum gelehnt und ließ träge die Augen über das Land schweifen. Die Wiese war mit Hahnenfuß, Mohn und Kornblumen übersät. Auch der Löwenzahn blühte überall. Ein rotbraun gefleckter Schmetterling ließ sich auf einer Distel nieder und faltete die Flügel ein paarmal auf und zu, ehe er zur Ruhe kam. Gunter beobachtete ihn eine Weile und seufzte zufrieden. Wie schade, dass ihm Momente wie dieser so selten vergönnt waren! Es tat gut zu sehen, wie das Land gedieh. Vielleicht war er am Ende doch kein so schlechter König. Der Schmetterling breitete seine Flügel aus, um die Wärme der Sonne einzufangen. Gunter liebte dieses Land. Wenn Aldrian je eine richtige Entscheidung getroffen hatte, dann die, hier sein Reich zu gründen.
Der Gedanke an seinen Vater warf einen Schatten über den Augenblick der Unbeschwertheit. Wie so oft wanderten Gunters Gedanken zurück zu jenem schicksalhaften Augenblick, als sich seine Bestimmung erfüllte und er gezwungen war, gegen seinen Willen König von Niflungenland zu werden. Grimhild brachte ihm damals in hysterischem Zustand die Nachricht von Aldrians Tod. Auf Hagens Rat entschloss er sich, die Todesursache zu vertuschen, um Schaden von ihrer Sippe abzuwenden. Ein König, der der Blutrache zum Opfer fiel – das würde viele Menschen davon überzeugen, dass das Königsheil die Niflungen verlassen hatte. Sogar Grimhild mit ihren jungen Jahren begriff das. So sagten sie weder Gernholt noch Gislher etwas davon, und selbst Oda weihte Gunter nur zögernd ein. Überraschenderweise war sie ihnen eine große Hilfe. Klaglos ritt sie mit hinaus, um die Leiche zu bergen und heimlich in die Burg zu bringen, wo sie die klaffende Rückenwunde so vernähte, dass diese bei der Totenwache nicht auffiel. Sie tat, was nötig war, wie eine echte Königin, und behielt ihren Schmerz für sich, bis die schauerliche Arbeit vollbracht war. Erst dann zog sie sich in ihre Gemächer zurück, um zu trauern. Monatelang sprach sie mit niemandem, aß und trank kaum, und es bedurfte der gemeinsamen Anstrengung ihrer Kinder, um sie aus ihrer Gleichgültigkeit zu reißen.
Gunter betrachtete seine Fingerspitzen. Keine Möglichkeit zur Rache zu haben, weil er nicht wusste, wer seinen Vater getötet hatte, das war eine Wunde, die unaufhörlich blutete, aus der nach und nach sein Lebenssaft rann. Ein schleichendes Gift in der Seele, das allmählich sein Selbstbewusstsein untergrub. Seinem Vater und damit seiner Sippe war die Ehre genommen worden, ohne dass er sie sich zurückholen konnte. Eines Tages würden die Gefolgsleute seine Kraftlosigkeit erkennen, und das würde das Ende seiner Herrschaft sein. Düster starrte Gunter zu Boden. Die Hochstimmung, die ihn eben noch erfasst hatte, war wie weggeblasen.
Sigfrid hatte sich von den anderen entfernt, um allein zu sein. Er wollte über die Fetzen eines merkwürdigen Traumes nachdenken, der ihm im Kopf herumspukte. Er konnte sich nur an Bruchstücke erinnern. Es hatte mit Feuer zu tun, einer Waberlohe oder dergleichen, er wusste es nicht mehr genau. In letzter Zeit stellte er immer öfter fest, dass sein Gedächtnis Lücken aufwies.
Der kühle Wald zog ihn an. Mit raschen Schritten ging er hangaufwärts, bis er in den Schatten der Bäume eintauchte. Sobald ihn niemand mehr beobachten konnte, fiel alles Gezwungene von ihm ab und machte einem glücklichen Grinsen Platz. Er konnte sich überall einfügen, aber nur unter dem Laubdach des Waldes fühlte er sich wirklich zu Hause. Hier war er keinen Zwängen unterworfen, hier musste er nicht versuchen, die verwickelten Gedankengänge anderer Menschen nachzuvollziehen, hier konnte er sein, wer er war: ein einfacher Mann. Tief sog er den harzigen Geruch der Bäume in seine Nase und berührte die Stämme der Eichen und Buchen, ohne zu wissen, warum. Er wusste nur, dass es sein Herz mit Frieden erfüllte. Seine Brust wurde zu eng für seine Gefühle und gab ein übermütiges Lachen frei. Mit diesem Lachen auf seinen Lippen schritt Sigfrid tiefer in den Wald.
Aus dem Schatten eines Baumes trat Hagen hervor und sah ihm mit eigentümlichem Blick nach. Er fühlte sich seltsam angezogen von der lichten Seite Sigfrids. Auch wenn er es ungern zugab, empfand er doch eine widerwillige Sympathie für den Sachsen, vielleicht gerade weil sie beide so gegensätzlich waren wie zwei Seiten einer Münze, er mit seiner düsteren Verschlossenheit, der Sachse mit seinem fröhlichen Optimismus. Sympathie, ja … und Neid. Sigfrid fiel alles in den Schoß. Mühelos erlangte er Zugang zu den Herzen der Menschen und erreichte, was immer er sich vornahm, ohne auch nur darüber nachdenken zu müssen. Hagen wusste, dass seine Eifersucht ein kleinlicher Zug war, aber er grollte dem Sachsen dafür, dass er ein Liebling der Götter war. Erbittert zog er sein Wolfsfell enger um die Schultern und stapfte in die entgegengesetzte Richtung davon.
Gislher schreckte aus dem Halbschlaf und hob den Kopf. War er eingenickt? Benommen schaute er sich um. Etwas stimmte nicht. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass es die unnatürliche Stille war, die ihm auffiel. Der Gesang der Vögel war verstummt, die Luft drückend und schwül. Irgendein intensiver Geruch hing in der Luft. Der Wald schien auf etwas zu warten. Aber worauf?
Wie zur Antwort brach plötzlich ein Unwetter los, es krachte und donnerte, kalter Wind fuhr aus dem Nichts zwischen die Bäume, und dann barsten die Dämme des Himmels. Die Wilde Jagd, dachte Gislher furchtsam und kauerte sich am Fuße des Baumes zusammen. Wenn Wodan mit seinen Einheriern, den in der Schlacht Gefallenen, der Kampfekstase nachgab, war verloren, wer sich ihnen in den Weg stellte.
Die Jagdgesellschaft war beim Zusammenpacken gewesen, als es plötzlich finster wurde. Wolken türmten sich auf, in Windeseile zog sich der Himmel zu. Die Jagdhunde verkrochen sich und winselten. Ein Hase rannte über einen Hügel und verschwand in seinem Bau.
Hagen begriff als Erster und stieß eine Verwünschung aus. »Die Wilde Jagd!«
Gunter war verblüfft. Er hatte noch nie erlebt, dass die Geister der Verstorbenen im Sommer durch die Lüfte ritten; der Winter war die Jahreszeit der Toten. »Beeilt euch!«, trieb er seine Männer an. »Wir müssen zusehen, dass wir von hier fortkommen.« Es war ein unnötiger Befehl, jeder packte, als ginge es um sein Leben, zumal sich jetzt die Schleusen des Himmels öffneten. »Wo ist Gislher? Noch im Wald?«
Hagen griff nach seinem Schwert. »Reitet in die Burg, ich kümmere mich um ihn!« Schon lief er davon. Nicht Gislher, dachte er. Nicht auch noch er! Genügte es nicht, dass er einmal versagt und zugelassen hatte, dass König Aldrian getötet wurde?
Sigfrid rannte hinter dem Waffenmeister her. Auch er machte sich Sorgen um Gislher, der ihm wie ein Bruder ans Herz gewachsen war.
Am Waldrand bemerkte Hagen seinen Begleiter. »Ich sagte, Ihr sollt in die Burg zurückreiten!«, fauchte er.
»Ich bin nicht Euer Gefolgsmann, dem Ihr befehlen könnt.«
Feindselig standen die Männer sich gegenüber.
»Ich brauche Eure Hilfe nicht, mischt Euch nicht ein!«, schrie Hagen.
Sigfrids erste Reaktion auf das überraschende Verhalten des Waffenmeisters war Zorn, doch dann wurde ihm bewusst, dass sie wertvolle Zeit vergeudeten. »Spart Euren Atem für das Laufen!«, rief er und eilte weiter, ohne sich um seinen Kontrahenten zu kümmern.
Hagen knirschte mit den Zähnen und setzte ihm nach. Wie ein dummes Kind beiseite geschoben! Es war seine Aufgabe, die Sippe des Königs zu schützen; wenn Sigfrid ihm dabei half, war das wie ein Eingeständnis von Versagen. Doch der Sachse war schon weit voraus, und der eisige Regen, der Hagen ins Gesicht peitschte, sorgte dafür, dass er den blonden Krieger aus dem Auge verlor.
Gislher konnte sich nicht rühren. Mit grausiger Faszination starrte er auf die turmhohen Wolken, die das Kommen des Wüters ankündigten. Das Gebüsch hinter ihm zitterte. Wild zerrte eine Bö an den Ästen und rüttelte an den Wipfeln der Bäume, die sich unter dem Druck beugten. Die ersten Zweige brachen. Gislher stand inmitten dieses Chaos‘, dem Aufruhr der Natur preisgegeben. Aus den Augenwinkeln sah er etwas vorbeifliegen, wahrscheinlich eine Dryade auf der Flucht vor dem unberechenbaren Groll des Gottes. Vielleicht war es auch die Windsbraut, die auf dem heißen Atem des Sturms ritt.
Er musste von hier verschwinden! Wenn Wodan über ihn hinwegfegte, würde er ihn zerquetschen wie eine Laus, ohne es auch nur zu bemerken. Aber wohin? Er konnte kaum mehr als ein paar Schritte weit sehen. Gislher stemmte sich gegen den Orkan und tappte aufs Geratewohl los, mit dem Arm seine Augen schützend. Mehr als einmal stolperte er und erlangte nur mühsam das Gleichgewicht wieder. Um ihn herum erklang ein mächtiges Heulen, das Heer der Gefallenen musste bereits in der Nähe sein. Gislher lief schneller, obwohl er kaum wusste, wohin er seine Füße setzte, fort, nur fort von der Gewalt des Asen! Das Horn Wodans dröhnte, das Stampfen geisterhafter Pferdehufe wurde lauter und lauter, und dann war das Wilde Heer heran.
Von rasendem Zorn beherrscht, jagte Wodan mit seinen Kriegern durch den Wald, entwurzelte Bäume und hetzte Blätter, Tiere und Dryaden vor sich her. Je mehr er tobte, desto mehr wurde seine Wut angestachelt. Kampfekstase trieb ihn zu immer neuen Orgien der Vernichtung, nicht umsonst nannte man ihn den Besessenen. Roh schüttelte er einen Baum nach dem anderen und riss ihn mit sich fort, Büsche und Farnkraut wirbelten durch die Luft. Dann entdeckte der Wüter den fliehenden Menschen, schnappte ihn mitten im Lauf und warf ihn gegen einen Stamm. Mit einem Schmerzensschrei schlug Gislher auf und zerschrammte sich Gesicht und Hände. Es blieb ihm keine Zeit, sich zu erholen, denn der Ase deckte ihn mit einem Schauer aus Steinen und Ästen ein und ließ seine Übellaunigkeit an ihm aus. Wimmernd bedeckte der Niflunge das Gesicht mit seinen blutigen Händen.
Donar bezeugte dem Wüter Achtung, indem er seinen Hammer schleuderte. Einen Herzschlag lang wurde es taghell, dann krachte es ohrenbetäubend, und mit einem Mal stand eine Eiche in Flammen. Eine breite Schneise der Zerstörung hinter sich lassend, raste das entfesselte Totenheer um den brennenden Baum, der nun ihr Zeichen trug.
Gislher sah eine entwurzelte Buche auf sich zufliegen, konnte jedoch nicht rechtzeitig ausweichen, und dann wurde sein Bein darunter begraben. Schmerz zuckte durch seinen Oberschenkel. Er schrie auf und versuchte mit aller Kraft, das Gewicht von sich zu schieben, vergeblich. In diesem Augenblick entdeckte er, dass die brennende Eiche sich gefährlich in seine Richtung neigte. Wenn die Wurzeln nachgaben, würde sie ihn zermalmen! Zermalmen und zu Asche verbrennen! Gislher verdoppelte seine Anstrengungen und drückte gegen den Stamm, doch es half nichts. Schluchzend gab der Junge auf und sank in das nasse Moos zurück. Er würde hier sterben! Regen prasselte auf ihn ein und durchnässte ihn bis auf die Haut, sein Gesicht brannte von den Schlägen Abertausender von Tropfen. Mit kaltem Eisatem hauchte ihn der Ase an und packte ihn plötzlich an der Schulter. Gislher schrie auf und wehrte sich.
»Halt still, verdammt noch mal!«, fauchte Hagen. Seine groben Worte verbargen nur schwach seine Erleichterung, den Jungen am Leben zu finden. Der brennende Baum stöhnte unter der Wucht, mit der das Heer der Einherier ihm zusetzte. Mit einem Blick erkannte der Waffenmeister die Lage und ergriff den Stamm auf dem Bein des Niflungen. Er spannte die Muskeln an, biss die Zähne zusammen und zog mit aller Kraft, doch der Baum bewegte sich nicht von der Stelle. Funken und brennende Äste flogen von der lodernden Eiche herüber. Hagen musste zur Seite springen, um nicht getroffen zu werden.
Noch einmal umschlang er die Buche mit beiden Armen, ohne sich um die Äste und Steine zu kümmern, mit denen das Wilde Heer ihn traktierte, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben zu nehmen. Plötzlich befanden sich zwei weitere Hände neben ihm, und der Stamm geriet in Bewegung. In diesem Moment war Hagen für Sigfrids Anwesenheit dankbar. Mit vereinten Kräften zogen sie an dem Baum, und es gelang ihnen, den Stamm so weit anzuheben, dass Gislher sich darunter hervorwinden konnte.
Die brennende Eiche knirschte verdächtig. »Weg hier!«, schrie Hagen, packte Gislher unter den Achseln und schleifte ihn aus der Gefahrenzone. Unter schrecklichem Getöse stürzte der entflammte Baum und zerschmetterte die Buche. Das hätte ich sein können, dachte Gislher wie betäubt.
Hagen war halb blind von Erdkrumen, die ihm immer wieder ins Auge flogen. Erbittert verfluchte er seine Behinderung. Andere Menschen kniffen einfach das Auge zu, wenn sie etwas hineinbekamen, und benutzten das andere, bis die Tränenflüssigkeit den Schmutz fortgespült hatte. Wenn er sein Auge schloss, war er handlungsunfähig.
Wodan wühlte die Erde auf, katapultierte Moos, Sand und Lehm durch die Luft und gebärdete sich wie rasend. Die beiden Männer, die seinem Opfer zu Hilfe gekommen waren, schienen ihn noch mehr in Wut zu versetzen. Brüllend ließ er einen Hagel aus Steinen, Dreck und Gehölz auf die Rücken der Krieger niedergehen. Das Wilde Heer brauste unter grimmigem Geschrei durch Bäume und Felsspalten und umtanzte die Fliehenden.
»Bringt Gislher in Sicherheit, ich decke Euren Rückzug«, rief Hagen und wandte sich um. Obwohl eine kalte Hand sein Herz umklammert hielt, trat er mutig dem Asen entgegen. Um Gislher zu schützen, würde er es mit jedem Feind aufnehmen, selbst mit einem Gott.
»Glaubt Ihr, ich werde Euch mit dem Wilden Heer allein lassen?«, schnaubte Sigfrid. Mimung blitzte in seiner Hand.
Hagen wollte etwas erwidern, aber dann lenkte er ein. »Gehen wir gemeinsam«, sagte er.
Wie durch ein Wunder schien Gislher nichts gebrochen zu haben, er humpelte, sich die Tränen verbeißend, voran, während die beiden Männer mit gezogenen Schwertern ihre Flucht sicherten.
Es kam Hagen gar nicht in den Sinn, sich vor Wodan zu fürchten. Was Zorn anbetraf, so konnte er es jederzeit mit dem Obersten der Götter aufnehmen. »Er gehört mir, alter Mann, hörst du?«, schrie er gegen die Amok laufende Natur an. Etwas zischte auf Hagen zu, und ehe er ausweichen konnte, traf ihn ein abgebrochener Ast. Wild hieb er auf die heranfliegenden Gegenstände ein, obwohl er kaum etwas sah.
Sigfrid wehrte die Wurfgeschosse nur halbherzig ab. Sein Herz klopfte hart. Ob Wodan auch jetzt, da er sich gegen ihn stellte, sein Schutzversprechen ihm gegenüber halten würde? Er vergewisserte sich, dass das Amulett um seinen Hals hing, und spürte zu seiner Beruhigung die Macht von ansuz, der Rune des Asen, in seiner Hand.
Ohne Übergang befanden sie sich außerhalb des Waldes. Schlagartig ließ das Unwetter nach, als respektiere Wodan ihren Mut. Vielleicht hatte er auch nur ein lohnenderes Ziel für seinen Zorn entdeckt. In der Ferne preschte das Wilde Heer vorüber. Die dunklen Wolken machten den ersten hellen Flecken am Himmel Platz, die Sonne brach hervor und brachte das Land zum Dampfen. Erschöpft ließen sich die drei Menschen ins Gras fallen.
4.
Axtschläge wiesen Grimhild den Weg. Mit wehenden Haaren stürzte sie in die Baracke, in der die Niflungen das Feuerholz zum Trocknen lagerten. Dort fand sie ihren Lieblingsbruder beim Holzspalten. »Gislher«, rief sie, »ist dir etwas passiert?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, fiel sie ihm um den Hals und fing an zu schluchzen.
Gislher hatte sein lebensgefährliches Abenteuer schon halb vergessen. Seine Gedanken kreisten um andere Dinge. Übermorgen, am Abend vor Mittsommer, würde wie alle Jahre das Sonnenwendfeuer entzündet werden, ein Riesenspaß! Jeder musste seinen Teil dazu beitragen, um die Götter versöhnlich zu stimmen, deshalb schlug er Feuerholz. Grimhilds Gefühlsausbruch überrumpelte ihn. Er legte die Axt beiseite und hielt seine Schwester fest. »Ist ja alles in Ordnung«, beruhigte er sie und kam sich sehr erwachsen dabei vor.
Grimhild rang um Beherrschung. »Ich bin so froh, dass du lebst!«, sagte sie und fing vor Erleichterung wieder an zu schluchzen. Schließlich wischte sie die Tränen fort und nahm ihren Bruder in Augenschein, um sicherzugehen, dass ihm auch wirklich nichts fehlte. Sie zauste ihm das Haar, eine Angewohnheit, die sie von ihrer Mutter hatte und die Gislher zutiefst verabscheute, aber angesichts ihrer rührenden Besorgtheit verbiss er sich eine Unmutsäußerung. »Hattest du keine Angst?«, wollte sie wissen.
»Überhaupt nicht.«
Sie sah ihn prüfend an, und nach einer Weile senkte er den Blick. Sie bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken.
»Ich verdanke Sigfrid und Hagen mein Leben«, sagte er, um sie abzulenken. »Ich war eingeklemmt, und ein brennender Baum drohte auf mich zu stürzen. Sigfrid hatte überhaupt keine Angst, sich Wodan entgegenzustellen.«
Rote Flecken breiteten sich auf ihren Wangen aus, als ihr klar wurde, wie nahe er dem Tod wirklich gewesen war. Und Sigfrid, ihr Sigfrid hatte ihn gerettet! »Würdest du es begrüßen, wenn Jungherr Sigfrid für immer zu uns gehören würde?«, fragte sie.
Gislher bekam große Augen. »Er will hierbleiben?«
»Es könnte sein.«
»Aber er ist der Sohn des Königs von Tarlungenland. Er wird nicht Gunters Gefolgsmann werden wollen.«
Grimhild setzte eine verschwörerische Miene auf. »Was ich jetzt sage, muss unter uns bleiben. Es könnte sein … versteh mich recht, ich bin nicht sicher, aber … es könnte sein, dass Sigfrid mich bei Gunter zur Frau erbittet.«
»Wärst du froh darüber?«
Sie nickte zurückhaltend.
»Dann wären wir von einer Sippe!«, rief Gislher aus. »Vielleicht könnte Sigfrid mir beibringen, so gut mit dem Schwert zu sein wie er.«
Grimhild dämpfte seine Begeisterung. »Ich weiß nicht, wie Gunter darüber denkt. Vielleicht hält er Sigfrid nicht für würdig, um mich zu werben. Vielleicht hat er andere Pläne mit mir.« Obwohl sie kaum glaubte, dass ihr Bruder ihr einen Mann aufzwingen würde, und obwohl sie nicht vorhatte, es widerspruchslos hinzunehmen, falls er dergleichen plante, bestand selbstredend die Möglichkeit, dass er sie aufgrund einer politischen Überlegung jemand anderem geben wollte.
Gislher legte ihr die Hand auf den Arm. »Überlass das mir! Ich rede mit Gunter.« Sie setzte zu einer Erwiderung an, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen. »Sieh mich nicht so an, Schmiedeauge! Du kannst unbesorgt sein, ich werde ihm von unserem Gespräch nichts sagen. Ich werde bloß erwähnen, wie gut es wäre, jemanden wie Sigfrid zum Verbündeten zu haben.«
Grimhild gab ihm einen Kuss. »Danke. Jetzt ist mein Herz wieder ruhig.« Noch einmal überzeugte sie sich, dass er auch wirklich keine Verletzung davongetragen hatte, dann ging sie zur Tür.
Gislher nahm seine Axt wieder auf, doch es lag ihm noch etwas auf der Seele. Er konnte nicht besonders gut lügen, und am allerwenigsten wollte er seine geliebte Schwester anschwindeln. »Grimhild!«, rief er ihr nach.
Sie drehte sich um.
»Ein ganz kleines bisschen habe ich schon Angst gehabt.«
Sie lächelte.
»Nur ein ganz kleines bisschen.«
5.
Sigfrid hatte den Stallburschen fortgeschickt und sich eigenhändig um sein Pferd gekümmert. Nun, da Grane versorgt war, holte der Sachse sein Amulett hervor und betrachtete es nachdenklich. Er konnte die Kraft fühlen, die ihm entströmte. Es war aus geschmiedetem Eisen, erdmegin floss darin. Hatte Wodan sie wegen des Schutzzaubers verschont?
Sigfrid war immer sicher gewesen, dass ihm alles im Leben gelingen würde. Wenn der Ase die schützende Hand über seine Sippe hielt, was brauchte er da zu fürchten? War sein Vater ihm nicht leibhaftig begegnet, damals, bei der Entscheidungsschlacht gegen einen feindlichen Sachsenkönig um den Besitz von Tarlungenland? Ein Fremder erschien plötzlich auf dem Schlachtfeld, so pflegte Sigmund zu erzählen, und ging furchtlos mitten durch die Krieger, ohne sich um Äxte oder Schwerter zu kümmern. Er war einäugig – jedermann wusste, dass Wodan ein Auge hingegeben hatte, um Weisheit aus dem Mimirsbrunnen zu erlangen – und wurde von zwei Raben und zwei Wölfen begleitet. Als der Sachsenkönig nach dem Ger schlug, den der Fremde gegen ihn hob, zerbrach sein Schwert in zwei Stücke. Da wich das Heil von ihm, und das Schlachtenglück wandte sich. Der König erlitt eine schmachvolle Niederlage und starb auf dem Schlachtfeld. Als Sigmund demütig vor dem Einäugigen niederkniete, hängte der ihm ein Amulett mit der Wodansrune um den Hals. Und Sigmund wusste, das Heil des Asen ward ihm gegeben.
Das Knarren der Tür kündigte Besuch an. Hastig steckte Sigfrid das Amulett wieder ein, als hätte er etwas Verbotenes getan.
Grimhild kam herein. Der Anblick des Sachsen machte sie befangen. Ihr Herz klopfte, ihre Knie zitterten. Es war nicht gerecht, dass ein Mann so etwas in ihr auslösen konnte! »Ich … ich möchte Euch für die Rettung meines Bruders danken, frō Sigfrid«, stotterte sie. »Er ist mir das Liebste auf der Welt. Wenn ihm etwas geschehen wäre …«
Auch Sigfrid war verlegen. Wie sie so dastand, mit vor Erregung geröteten Wangen und einer Brust, die sich aufgeregt hob und senkte, verspürte er den Wunsch, loszureiten und Heldentaten für sie zu vollbringen, um den Ausdruck von Dankbarkeit, mit dem sie ihn bedachte, ewig auf ihrem Gesicht zu halten. »Ich habe es nicht allein getan«, stammelte er. »Ohne Euren Waffenmeister wäre ich zu spät gekommen.«
»Ich … möchte Euch trotzdem danken.« Sie gab ihm einen Kuss auf die verhornte Wange. Ungerufen drängte sich die erregende Vorstellung, wie seine raue Haut über ihre glitt, in ihre Gedanken. Sie wurde rot und löste sich von ihm, ehe ihr Atem sie verraten konnte.
»Bleibt eine Weile, frūa!«, bat er. Seine Wange brannte, wo ihre Lippen ihn berührt hatten.
Unschlüssig wanderten ihre Augen zwischen ihm und der Stalltür hin und her. »Es ist nicht recht«, murmelte sie. »Wenn man uns sieht …«
Der Druck zu sagen, was er fühlte, wurde übermächtig. Impulsiv ergriff er ihre Hand. »Ich möchte Euch zum Weibe nehmen. Wenn … wenn Ihr mich haben wollt.«
Wenn sie ihn wollte? Grimhild konnte kaum einen klaren Gedanken fassen vor Glück. Er freite um sie! Ihr überstürzt ausgeführter Plan, geboren aus einer unverdauten Mischung aus Furcht und Sehnsucht, ging zu ihrer eigenen Überraschung auf! Sie musste zweimal schlucken, ehe sie antworten konnte. »Ich wäre mehr als erfreut.«
Jetzt jubelte er, ergriff sie bei der Taille und wirbelte sie herum, dass ihr schwindlig wurde und sie sich erschrocken an ihm festhielt. Es lag etwas Geborgenes darin, von seinen Armen umfangen zu werden. Sie wünschte, dieser Moment würde nie zu Ende gehen. »Hört auf, frō«, lachte sie, »Ihr dürft nicht …« Aber dann umschlang sie seinen Nacken und küsste ihn. Leidenschaftlich suchte sie seinen Mund und versank im Strudel der Gefühle.
Er war es, der im Ringen um Kontrolle den Kuss beendete. Verlegen standen sie sich gegenüber und vermieden es, sich anzusehen. »Ich gehe zu Eurem Bruder und bitte ihn, Euch mir zur Frau zu geben«, sagte er und war schon auf halbem Weg nach draußen, ehe sie ihn zurückhalten konnte.
»Nein!«
Verwirrt drehte er sich um. Frauen waren wie eine mehrfach verschlüsselte Zauberrune für ihn. Hatte er Grimhilds Kuss missverstanden?
Sie sah seine Enttäuschung. »Bitte, wartet noch! Nur ein oder zwei Nächte.« Wenn Sigfrid blind auf sein Ziel losstürmte, bestand die Gefahr, dass Gunter ablehnte. Sie brauchte ein wenig Zeit, um die Entscheidung ihres Bruders in ihrem Sinne zu beeinflussen. Sie wollte kein Risiko eingehen, nicht bei einer so wichtigen Sache. »Wartet bis nach dem Mittsommerfest!«
»Warum? Ich liebe Euch. Ihr liebt mich. Ich bin König Sigmunds Sohn und sicher in den Augen Eures Bruders würdig, Euch zur Frau zu bekommen.«
Verzweifelt strich sich Grimhild durchs Haar. Er hatte ja recht. Aber wenn nun etwas Unvorhergesehenes eintrat?
Ihre Geste ließ sein Herz schneller schlagen. Sie wusste nicht, was sie einem Mann antat, wenn sie mit dieser weiblichen Bewegung ihren Körper zur Geltung brachte. Es war ja gleichgültig, ob er nun heute um sie freite oder in zwei Nächten. Er wollte ihr gern jeden Wunsch erfüllen, allein für die Freude, sie lächeln zu sehen. »Also gut«, sagte er, »ich werde warten.«
Sie nickte dankbar. Oh, sie würde mit ihm glücklich werden, keine Frage! Er konnte Rücksicht nehmen, er war sanft und fröhlich und voller Wärme und –
Sie merkte, dass sie ins Schwärmen geriet und die Welt um sich herum vergaß, gab ihm einen flüchtigen Kuss und schlüpfte aus dem Stall, ehe sie von ihren Gefühlen überwältigt wurde.
6.
Zahnschmerzen! Oda stöhnte auf und grub die Fingernägel in ihre Handballen. Seit vier Nächten ging das schon so! Sie hatte es bereits mit Räucherungen und Schafgarbentee versucht, und Irmgard, die sich in derlei Dingen auskannte, hatte ihr Möglichstes getan, den Wurm, der an ihrem Zahn nagte, zu beschwören, aber nichts half. Schicksalergeben setzte Oda ihre unterbrochene Zahnpflege fort, verzichtete allerdings darauf, den Mund noch einmal mit kaltem Wasser zu spülen, sondern griff gleich zu den Salbeiblättchen. Sorgsam rieb sie ihre Zähne damit ab und verzog das Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse, als sie versehentlich den befallenen Zahn berührte. Sinnloser Zorn überflutete sie.
»Quält dich der Wurm immer noch?«, erkundigte sich Grimhild, die eben zur Tür hereinkam, mitfühlend.
»Es ist kaum auszuhalten.« Oda hatte genug und warf die Salbeiblättchen auf einen Tisch. »Hast du deine Vorbereitungen für das Mittsommerfest getroffen?«
»Dazu habe ich später noch Zeit.«
»Du überraschst mich. Die letzten Jahre konntest du es kaum erwarten und hast uns schon Wochen vorher verrückt gemacht. Du warst eine richtige Landplage.«
Grimhild schnaubte verächtlich. Das war Ewigkeiten her. Damals war sie noch ein Kind gewesen. Jetzt war sie eine Frau und sah die Welt mit anderen Augen. Gedankenverloren leckte sie sich über die Lippen. Wie brachte sie am besten zur Sprache, was ihr auf dem Herzen lag? Bei ihrer Mutter musste sie anders zu Werke gehen als bei Gislher, sich ihrer Unterstützung zu versichern, erforderte Fingerspitzengefühl. »Ich muss mit dir sprechen, Mutter.«
Oda seufzte. Blieb ihr denn heute gar nichts erspart? Sie wollte sich einfach nur ins Bett legen, an nichts denken und leiden. Aber als Herrin über die Frauenangelegenheiten der Burg hatte sie ebenso Pflichten wie als Mutter. »Es geht um frō Sigfrid?«
Grimhild versuchte erst gar keine Ausflüchte. »Ich glaube, er wird bei Gunter um mich freien«, sagte sie und merkte zu ihrer Verärgerung, wie sie rot wurde.
»So, du glaubst«, spöttelte Oda. Sie kannte ihre Tochter gut genug, um zu wissen, dass diese Mittel und Wege fand, sich zu vergewissern, wenn ihr etwas am Herzen lag.
Grimhild ignorierte den Unterton; auf der Ebene kam sie gegen ihre Mutter nicht an. »Würdest du …« Sie verstummte, schluckte und setzte erneut an: »Würdest du Gunter zureden, Sigfrids Werbung anzunehmen?« Es gelang ihr nicht, ihre Mutter dabei anzusehen. Zuviel bedeutete ihr die Antwort auf diese Frage, und sie wollte nicht, dass jemand so tief auf den Grund ihres Herzens blicken konnte.
Oda setzte sich zu Grimhild auf die Bank und sah abwesend in die Ferne. Es gab manches zu überdenken. Und nicht das Geringste war die Tatsache, dass ihrer Tochter viel daran gelegen sein musste, wenn sie sich so weit vorwagte. Nachdenklich fuhr Oda mit der Zunge über den kranken Zahn, der sie mit seinem Pochen immer wieder ablenkte.
Grimhild wagte nicht, die Überlegungen ihrer Mutter zu stören, so ungeduldig sie auch auf eine Antwort wartete. Es behagte ihr nicht, wenn sich die Dinge außerhalb ihrer Kontrolle befanden. Sie hatte es lieber, wenn sie den Gedanken der Menschen einen sanften Stoß in die richtige Richtung geben konnte. Ohnmacht war etwas Entsetzliches.
»Ich bin mir nicht sicher, ob es gut ist, dass Sigfrid um dich freit.« Oda sprach mehr zu sich selbst als zu ihrer Tochter. »Natürlich, er ist ein großer Krieger und der Erbe von Tarlungenland, als Verbündeter in der Not wäre er von unschätzbarem Wert. Andererseits ist er leichtsinnig und unbesonnen, er denkt nicht klug wie dein Bruder. Sein heißes Blut könnte ihn in einen sinnlosen Krieg stürzen, und dann wären wir gezwungen, ihm beizustehen.«
»Mutter«, sagte Grimhild ungeduldig, »es geht nicht um Politik, sondern um mein Leben!«
»Du weißt sehr gut, dass das ein und dasselbe ist, meine vorwitzige Tochter.« Oda seufzte. »Um ehrlich zu sein, ich bin nicht einmal sicher, ob ich um deinetwillen mit ihm versippt sein möchte.« Sie hob beschwichtigend die Hände, ehe Grimhild protestieren konnte. »Ich weiß, ich weiß! Er sieht gut aus, er ist tapfer, er ist ehrlich – ich kenne seine Vorzüge.«
Und er ist zärtlich, fügte Grimhild in Gedanken hinzu, aber das wagte sie nicht laut zu sagen.
Vielleicht konnte ihre Mutter hinter ihrer Stirn lesen, denn sie fügte hinzu: »Und er wird dir vermutlich ein guter Liebhaber sein.« Oda lachte, als sie den schockierten Gesichtsausdruck ihrer Tochter sah. »Ist es mir einmal gelungen, dich sprachlos zu machen? Ich verstehe sehr gut, was dir an ihm gefällt. Wäre ich zwanzig Jahre jünger, würde ich ihm auch schöne Augen machen. Aber Liebe ist nicht zwangsläufig die ideale Ausgangsbasis für ein Ehebündnis. Manchmal ist es vorteilhafter, wenn einem keine Gefühle im Weg stehen.« Sie sah ihre Tochter an und seufzte erneut. »Ich nehme an, jedes meiner Worte ist verschwendet. Ich kann es dir nicht einmal übel nehmen. Mit deinem Vater ging es mir schließlich nicht anders.«
Die verzweifelte Hoffnung in den Augen ihrer Tochter erschreckte Oda. Grimhild war plötzlich so verletzbar. Aber vielleicht hatte sie ja recht. Vielleicht war ein Mann, den sie anbetete, der Richtige, um ihr Temperament in geordnete Bahnen zu lenken. »Also schön, ich gebe zu, ich habe nichts weiter vorzuweisen als ein unbehagliches Gefühl, und ich will deinem Glück nicht im Wege stehen. Ich werde mit Gunter reden.«
Grimhild flog ihrer Mutter um den Hals. »Danke, tausendmal danke! Du wirst sehen, deine Sorgen sind grundlos. Wir werden das glücklichste Paar sein so weit die Sonne scheint und das Korn auf den Feldern reift.«
Und eben das könnte euer Verhängnis sein, dachte Oda.
7.
Als sie den Hügel erklommen hatte, war Grimhild außer Atem. Ihrer Mutter dagegen war die Anstrengung kein bisschen anzumerken. Seltsam, wie die Aussicht auf das Fest sie verjüngte!
Bald schon würde die Sonne am Horizont versinken, dann begannen die Feierlichkeiten. Scheite und Zweige waren zu gewaltigen Haufen aufgeschichtet worden, und immer noch kamen Männer und Frauen und gaben ihren Teil zum Feuerholz dazu. Ansgar half bei den Vorbereitungen. »He-ho, setz dich zu mir, frouwa!«, rief er, als er Grimhild bemerkte, und grinste über das ganze Gesicht. Sie lächelte. Selbst erwachsene Männer wurden zu Mittsommer wieder zu Kindern.
Die Bevölkerung von Tolbiacum schien zusammengekommen, jedenfalls, soweit sie nicht christlich war. Selbst von denen, die Christus für mächtiger als Wodan hielten und sich im Namen des gekreuzigten Gottes hatten taufen lassen, ließen es sich viele nicht nehmen, bei diesem Fest dabei zu sein, so sehr die Priester auch dagegen wetterten. Mittsommer war ein Höhepunkt des Jahres, und es konnte nicht schaden, die Sonne im Zenit ihres Laufs zu stärken.
Mit Bedauern stellte Grimhild fest, dass die Aufregung des Sonnenwendfestes sie nicht wie früher fesselte. Als sie noch jünger gewesen war, hatte sie der Feier ebenso entgegengefiebert wie alle. Jetzt überlagerte eine Aufregung anderer Art ihre Gefühle. Wenn Sigfrid nur endlich kommen würde!
Nach wie vor strömten Menschen den Hügel hinauf. Auch einige Nachbarn waren gekommen, um das Fest gemeinsam mit den Niflungen zu begehen. Grimhild erkannte Rodinger von Bakalar, einen Gefolgsmann König Attalas, mit seiner Sippe und eilte zu ihnen, um sie zu begrüßen.
Rodinger war ein unscheinbarer Mann, der in der Menge breitschultriger Krieger leicht unterging, doch wenn man ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, konnte man eine innere Stärke spüren. Und sobald man seine sanfte Stimme hörte, um die ihn mancher Skop beneidete, musste man vollends für ihn eingenommen sein.
»Frouwa Grimhild! Euer Lächeln ist eine weitaus größere Unterstützung für die Sonne als jedes Sonnenwendfeuer.«
Und wortgewandt war er, erinnerte sich Grimhild. »Ich grüße Euch, frō Rodinger!«
»Ihr seid eine Frau geworden, seit ich Euch zuletzt sah«, stellte er fest.
In gespielter Schamhaftigkeit senkte sie die Lider.
Etwas abseits stand Oda mit Rodingers Gemahlin Gudelinde, einer gutmütigen Frau, die zu Fülligkeit neigte, und deren achtjähriger Tochter Dietlind, die über und über mit Sommersprossen bedeckt war. Sie hatte den Hang ihrer Mutter zu Rundlichkeit geerbt, war aber nichtsdestoweniger ein hübsches Mädchen. Über die Entfernung hinweg warfen Gudelinde und ihr Mann sich manch vertrauten Blick zu, ein stummer Ausdruck von Zuneigung, der Grimhild ans Herz ging. Sie und Sigfrid würden sich auch immer so ansehen, da war sie sicher.
Ihre Brüder kamen mit Hagen den Hügel hinauf. Grimhild reckte den Kopf. Zu ihrer Enttäuschung war Sigfrid nicht bei ihnen. Ob Gislher schon mit Gunter gesprochen hatte?
Gislher plapperte in einem fort. An diesem Morgen hatte er seine Waffenübungen mit Sigfrid abgehalten. Seit der Sachse ihn vor Wodans Wut gerettet hatte, vergötterte er ihn geradezu und kam gar nicht auf den Gedanken, dass sein Verhalten Hagen kränken könnte. Im Gegenteil, stolz berichtete er ihm von den Fortschritten, die er machte. Und Hagen, der war, der er war, behielt seine unergründliche Miene und schwieg.
»Ich wünschte, ich hätte auch so ein Schwert wie Sigfrid«, sagte Gislher. »Mit einem solchen Schwert wäre ich unbesiegbar.«
»Mut ist entscheidender als ein gutes Schwert«, widersprach Hagen. »Manch kühnen Mann sah ich den Kampf gewinnen mit stumpfer Klinge, während Feiglinge trotz eines guten Schwertes unterlagen.«
»Am besten ist es, beides zu besitzen, ein gutes Schwert und Tapferkeit. Wie Sigfrid. Volker kann mehr Heldentaten von ihm besingen, als man zu zählen vermag.«
»Es ist keine Kunst, tapfer zu sein, wenn man unverwundbar ist.«
In diesem Moment kam der pluostrari, der Priester, der die Opfer darbrachte, mit einer Fackel den Hügel herauf. Am Nachmittag war in Tolbiacum das Herdfeuer gelöscht worden. Die Bewohner des Ortes hatten sich versammelt und gemeinschaftlich mithilfe gegeneinander geriebener Holzstäbe eine neue Flamme ins Leben gerufen und dadurch Segen in Ställe und Häuser gebracht. Jetzt trug der Priester das frische Feuer den Hügel herauf und stimmte einen Gesang an. Nach und nach fielen die Umstehenden ein. Es war ein ausgelassener Gesang, eine Hymne an die Sonne, die eben im Begriff stand unterzugehen.
Ein Ochse wurde gebracht. Vier Männer hielten das sich sträubende Tier fest. Der Priester hängte ihm, immer noch singend, einen Kranz aus Wolfsblumen um den Hals, die wegen ihrer sonnenähnlichen Gestalt ausgewählt wurden. Im letzten Licht des Tages reichte er Gunter die Fackel, zog einen heiligen Dolch und steigerte seinen Gesang zu einem ekstatischen Höhepunkt. Der Ochse wurde unruhig, er spürte die Gefahr. Abrupt brach der Gesang ab. Mit einer fachgerechten Bewegung schnitt der pluostrari dem Opfertier die Kehle durch. Der Ochse wehrte sich und versuchte zu brüllen, doch der Tod war schneller. Blut tränkte den Boden. Feierlich nahm der Priester die Fackel aus Gunters Händen und entzündete die errichteten Scheiterhaufen. Einige Männer waren schon dabei, den toten Ochsen zu zerteilen, um das Fleisch im Feuer zu rösten.
Ansgar feixte, als Volker sich neben ihn setzte. »Hast du den Priester gehört? Das war doch wenigstens mal ein Gesang! Davon könnte sich mancher Sänger eine Scheibe abschneiden.«
»Ein guter Sänger ist er wohl. Aber hast du gesehen? Er schneidet seinen sachverständigsten Zuhörern die Kehle durch.«
Oda hatte sich derweil zu Gunter begeben. »Es tut mir leid, wenn ich dich am heutigen Abend mit Reichsangelegenheiten behellige, aber ich wollte mit dir über etwas reden.«
Der Niflunge nickte. Ein König war immer ein König. Für ihn gab es keinen Augenblick, in dem er nur er selbst sein konnte. Im Übrigen hatte er festgestellt, dass die Ratschläge seiner Mutter oft von Wert waren.
»Ich habe über Sigfrid nachgedacht. Er wäre ein guter Mann für Grimhild, glaube ich.«
Seine Mutter ebenfalls? Gislher hatte schon den halben Vormittag mit ihm über dieses Thema sprechen wollen. Nachdenklich wanderte Gunters Blick zu seiner Schwester.
Die versuchte vergeblich, ein Wort von dem zu erraten, was gesprochen wurde. Wenn sie doch nur selbst etwas tun könnte! War es wirklich genug, wenn Gislher und ihre Mutter mit Gunter redeten? Vielleicht genügten zwei Fürsprecher nicht! Grimhild machte sich auf die Suche nach ihrem dritten Bruder.
Im flackernden Schein der Feuer entdeckte sie Gernholt und blieb unschlüssig stehen. Ob sie Erfolg haben würde, hing davon ab, in welcher Stimmung er sich befand. Seit seiner Verkrüppelung pendelte er zwischen Unruhe und Teilnahmslosigkeit. Es gab Augenblicke, in denen er die Welt erobern wollte, dann war er nicht zu bremsen. In solchen Momenten konnte er fröhlich und ausgelassen und sogar komisch sein. Zu anderen Zeiten jedoch kam er sich unnütz vor und empfand sich als Last für die anderen. Dann sprach er oft vom Tod und gab sich düsteren Gedanken hin. Das war vor allem bei feuchtem Wetter der Fall, wenn sein Armstumpf und die Narben an seinem Bein schmerzten. Meist betäubte er sich dann mit einem Sud aus Bilsenkraut.
Sie hatte Pech. Es war feucht, und Gernholt hatte bilisa zu sich genommen. Angewidert verzog Grimhild die Nase. Nach dem Trocknen roch die Pflanze zwar nur noch schwach, aber sie hasste das Kraut. Es verschaffte ihrem Bruder Linderung, aber es trennte ihn auch von der Welt. Für sie waren der Geruch und Gernholts verbitterter Zustand untrennbar miteinander verbunden. Prüfend sah sie ihn von der Seite an. Seine Augen waren glasig, aber sein Verstand schien nichtsdestoweniger in Ordnung. Sie gab sich einen Ruck und setzte sich zu ihm.
»Meine Schwester«, begrüßte er sie schwerfällig, »was willst du denn von einem Krüppel wie mir?«
Grimhild hasste es, wenn er sich so bezeichnete. »Ich wollte dich um deine Hilfe bitten«, sagte sie. So wenig er es ertragen konnte, wenn andere ihm halfen, so sehr gierte er nach den seltenen Fällen, in denen er jemandem beistehen konnte. Es ließ ihn für einen Moment seine Behinderung vergessen und glauben, er sei ein Mann wie jeder andere.
Tatsächlich erhielten seine stumpfen Augen Glanz. »Wie kann ich dir helfen?«
»Frō Sigfrid wird vielleicht um mich freien.« Sie sprach langsam, deutlich und in kurzen Sätzen, damit der Sinn ihrer Worte zu ihm durchdrang. »Bitte unterstütz ihn! Sprich mit Gunter!«
Gernholt bemühte sich um einen klaren Kopf. Sigfrid. Das war der blonde Sachse, ein angenehmer Krieger. Freundlich, fröhlich … »Mach dir keine Sorgen, ich rede mit ihm!« Mühsam drehte er sich auf die Seite, um sich auf seinen vorhandenen Arm zu stützen. Dann winkelte er die Beine an und wälzte sich auf die Knie. Schwankend stellte er einen Fuß auf den Boden und drückte sich hoch.
Grimhild hütete sich zu helfen, obwohl sein Anblick ihr in der Seele wehtat. Er hätte ihre Hilfe nicht geschätzt. Während sie ihm nachschaute, als er mit unsicherem Schritt zu ihrem ältesten Bruder hinüberwankte, fragte sie sich unwillkürlich, ob sie nicht einen Fehler begangen hatte, ihn zu ihrem Fürsprecher zu machen.
Der Niflungenkönig sah seinen Bruder auf sich zukommen und lud ihn ein, neben ihm Platz zu nehmen, ohne sich die Besorgnis über seinen Zustand anmerken zu lassen.
Gernholt kam gleich zur Sache. »Ich muss mit dir reden«, sagte er.
Gunter seufzte. »Du möchtest mir sagen, was für ein guter Verbündeter Sigfrid wäre.«
Gernholt sah ihn verdutzt an. »Woher weißt du das?«
In gespielter Verzweiflung rang der Niflungenkönig die Hände. »Ich hoffe, der Sachse verlangt sie endlich zur Frau, damit ich wieder einmal Ratschläge zu anderen Themen zu hören bekomme.«
Die Sonne war inzwischen hinter den Hügeln versunken. Ein schmaler rötlicher Schein erhellte noch den Horizont, ansonsten hatte sich die Nacht bereits wie ein azurblaues Tuch über das Land gelegt. Die Sterne funkelten in seltener Klarheit. Unter Jauchzen und Schreien bereiteten sich Jungen und Mädchen und solche, die wieder jung wurden, auf das Feuerradrollen vor. Zahllose Wagenräder aus Stroh wurden aufgestellt. Der pluostrari ging herum und entzündete unter rituellen Beschwörungsformeln ein Rad nach dem anderen. Begleitet vom Geschrei der Feiernden rollten die Sonnensymbole dann ins Tal hinab.
Gislher ließ ein Geheul ertönen, als er seinem brennenden Rad einen Stoß gab und mit den Augen der Feuerspur folgte. Ivo tat es ihm gleich, und die beiden Jungen feuerten ihr Rad an, als Erstes unten zu sein. Im unruhigen Licht des Feuers wirkten sie wie Brüder. Ivo war hier geboren und unfrei geworden, als Aldrian das Niflungenreich eroberte. Der König hatte ihn gemeinsam mit Gislher aufgezogen, wie es üblich war.
Hunderte flammender Funken jagten den Hügel hinab und bildeten zuckende Muster in der Dunkelheit. Es war aufregend, ihnen nachzusehen. Auch Dietlind schrie vor Begeisterung. Gislher bemerkte ihre sehnsüchtigen Blicke, und ihm kam zu Bewusstsein, dass sie auf ihrer Reise keine Gelegenheit gehabt hatte, Vorbereitungen für das Fest zu treffen. »Wartet!«, sagte er und lief mit raschen Schritten davon. Als er zurückkam, hielt er ein Strohrad in der Hand. »Für Euch.«
Dietlind war gerührt. »Danke«, sagte sie.
Er zog ein brennendes Scheit aus dem Feuer und entzündete das Stroh für sie. Sie gab dem Rad einen Stoß. Eine Flammenspur fegte ins Tal hinab und erhellte den Weg mit feurigem Atem. Dietlind machte ihren Gefühlen durch lautes Schreien Luft, was Gislher so ansteckend fand, dass er begeistert mitschrie.
Der pluostrari hatte Gewürze ins Feuer geworfen, die angenehme Gerüche verbreiteten. Jetzt ließ er einen Kessel mit einem aromatisch riechenden Getränk herumgehen, von dem jeder einen Becher voll nehmen durfte. Die Zutaten dafür waren ein Geheimnis der Priester. Die Mixtur öffnete die Sinne für den Zauber und die Schönheit der Mittsommernacht. Gislher ließ Dietlind den Vortritt und trank anschließend selbst. Der Geschmack war streng, aber nicht unangenehm. Mit einem wohligen Gefühl plumpsten die beiden ins Gras und blickten in den Himmel.
»Was wünscht Ihr Euch am meisten im Leben?«, fragte Dietlind.
Gislher kaute an einem Grashalm. »Ich möchte so werden wie Sigfrid«, erwiderte er. »Ich möchte meiner Sippe Ehre machen. Die Skopen sollen von mir singen.« Im nächsten Jahr, wenn er dreizehn war, würde er auf dem Thing sein eigenes Schwert erhalten und als waffenfähiger Krieger in den Sippenverband aufgenommen werden. Ein Jahr noch! Es fiel ihm schwer, so lange zu warten. »Und Ihr? Was ist Euer größter Wunsch?«
»Ihr werdet mich auslachen, wenn ich es sage.«
»Das werde ich nicht.«
»Ich … ich möchte einmal, nur ein einziges Mal eine Nymphe sehen«, platzte sie heraus. »Man sagt, sie seien schön und zerbrechlich. Wie oft schon habe ich einem Baum oder einem Strauch Opfer gebracht, aber noch nie hat sich mir eine gezeigt.«
»Mir auch nicht«, sagte Gislher, »aber Ivo, unser Stallbursche, ist einer Oreade begegnet, einer Bergnymphe. Er erzählt oft davon.«
Beide schwiegen eine lange Zeit. Sie hatten die Augen geschlossen und sogen die verheißungsvolle Atmosphäre dieser besonderen Nacht in sich auf. Ein Versprechen lag in der Luft, die Kraft der Erneuerung. Dietlind fasste es als Erste in Worte. »Wenn die Sonne zurückkehrt, sind wir nicht mehr dieselben.«
»Wir werden etwas Neues sein, etwas, dessen Größe und Bedeutung wir noch gar nicht kennen.«
»Auf dem Weg hierher trafen wir einen Mann, der den ganzen Tag auf einer Säule stand und vom Gott der Christen sprach und die alten Bräuche verfluchte. Ich begreife nicht, warum sie Sonnenwendfeiern für etwas Schlechtes halten. Sie fühlen nicht die Bedeutung dieser Nacht, oder?«
»Sie leugnen sogar, dass Bäume und Quellen eine Seele haben. Ist das nicht töricht? Jeder, der einen Baum berührt, kann sein megin spüren.«
»Es ist ein seltsamer Glaube, dem sie folgen. Der Mann auf der Säule hat mir Angst gemacht. Er war so unerbittlich.«
Gislher wusste, was sie meinte. Die Strenge der Christenprediger machte ihn immer schaudern. »Ihr Glaube muss ohne jede Freude und ohne Ekstase sein. Sie lieben das Leben nicht.«
»Dabei ist es voller Schönheit! Es gibt so viel zu sehen und zu erfahren, so viel, was ich lernen möchte! Sogar Pflanzen und Sträucher verraten einem ihre Geheimnisse, wenn man genau hinhört.«
»Sie sprechen zu Euch?«
Dietlind errötete. »Vater sagt, ich besäße Kräuterheil. Mutter lehrt mich alles, was sie darüber weiß, aber auch sie meint, sie könne mir eigentlich nichts mehr beibringen.«
»Ich weiß nicht, was für eine Art Heil ich besitze«, erwiderte Gislher nachdenklich. »Sicher kein Königsheil. Trotzdem, ich fühle, dass die Nornen Großes mit mir vorhaben. Im nächsten Jahr werde ich auf dem Thing als freier Krieger in die Sippe aufgenommen. Dann bin ich ein Mann und werde alles daran setzen, so viel Ruhm zu erwerben wie Sigfrid.«
»Wird König Gunter Euch Euer Schwert überreichen?«
Der Niflunge nickte stumm.
»Ihr vermisst Euren Vater, nicht wahr?«
Gislher beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Für ein Mädchen verstand sie ziemlich viel. »Ich wünschte, er könnte mir mein Schwert geben«, vertraute er ihr an. »Ich liebe meinen Bruder, aber es ist eben nicht dasselbe.«
»Wisst Ihr schon, wen Ihr zur Frau nehmen werdet?«
Gislher wurde rot. Gespräche über Eheverbindungen machten ihn verlegen. »Nein. Und ich bin froh darüber. Ich will überhaupt nicht heiraten.«
»Ich schon. Wenn Liebe zwischen mir und meinem Mann ist, wie zwischen meinem Vater und meiner Mutter. Ich glaube, dann kann man alles erreichen, was man will. Das megin aus der Verbindung eines Mannes und einer Frau ist viel stärker als die beiden einzelnen megins zusammen.«
»Ja, jeder kann sehen, dass Eure Eltern großes Heil miteinander haben.« Der Rausch des Trankes stieg Gislher allmählich zu Kopf. Er blinzelte. Die Sterne schienen klarer und näher als zuvor.
»Wie nah sie sind!«, seufzte Dietlind, als hätte sie seine Gedanken erraten.
Gislher blickte sie an, und seine durch den Trank geschärften Sinne sahen sie in einem goldenen Licht. Sie schien von innen heraus zu strahlen. Schwerfällig drehte er den Kopf. Er hatte die vielen Menschen, die mit ihnen das Sonnenwendfest feierten, völlig vergessen, aber da waren sie, Männer und Frauen, und jeder von ihnen strahlte dieses goldene Licht aus. Jeder schien eine Sonne zu sein. Gislher rieb sich die Augen und sah ein zweites Mal hin, aber das Leuchten blieb. Plötzlich fühlte er eine starke Verbindung zu ihnen, mehr noch, er fühlte sich eins mit den Vögeln, den Pflanzen, den Würmern, ja, mit der Erde selbst.
Dietlind nahm ein Amulett von ihrem Hals. »Ich möchte Euch dies hier schenken«, sagte sie. »Es soll Euch schützen, Eure Wünsche in Erfüllung gehen lassen und Euch vor Schaden bewahren.«
Der birnenförmige Anhänger bestand aus Gold. Außen war sōwelō, die Sonnenrune, eingeritzt, und vermutlich war der Hohlkörper mit magischen Gegenständen gefüllt. Als Dietlind ihm das Amulett umhängte, spürte Gislher, dass zwischen ihr und ihm eine besondere Verbindung bestand.
Sigfrid saß an einem der vielen Feuer. Er hatte reichlich vom Trank des Priesters zu sich genommen, zudem atmete er den Geruch der Kräuter ein, die in den Flammen verbrannten.
Flammen. Hitze. Feuer.
Feuer!
Der Himmel war rot vom Widerschein der Flammen. Auf unerklärliche Weise davon angezogen, ritt Sigfrid auf das Licht zu. Vor ihm stieg eine Waberlohe in den Himmel und versengte ihn mit heißem Atem. Grane scheute vor der Barriere und wich schnaubend zurück. Sigfrid redete beruhigend auf ihn ein und tätschelte ihm den Hals. Vergeblich versuchte er zu erkennen, was hinter der Flammenwand lag. Er musste hindurch! Irgendetwas wartete dort auf ihn. Kurz entschlossen ließ er das Pferd zurücktraben, bis der Abstand groß genug war. Dann reckte er Gesicht und Hände gen Himmel, um Wodan um Beistand anzuflehen. Er konnte seine eigenen Worte nicht verstehen, das Prasseln des Feuers übertönte jedes Geräusch.
Mit einem Schenkeldruck trieb er Grane an, ließ einen Schlachtruf ertönen und jagte auf die glühende Mauer zu. Jäh verwandelte sich das treue Tier unter ihm; vier zusätzliche Beine wuchsen aus seinem Körper, zwei Flügel aus seinen Flanken. Wodan hatte ihn erhört! Er gab ihm Sleipnir, sein eigenes Ross! Das edle Pferd raste auf das Flammenmeer zu, tat einen gewaltigen Satz und schlug mit den Flügeln. Dann war Sigfrid von tosendem Feuer umhüllt. Hitze verbrannte ihm das Gesicht, Funken umzüngelten ihn, um ihn am Weiterkommen zu hindern. Seine Brünne begann zu schmelzen. Höher und höher stieg Sleipnir, während die Flammen unter ihm wüteten.
Und plötzlich sank das Feuer in sich zusammen. Die Stille, die auf das Tosen folgte, war ohrenbetäubend. Wodans Pferd schwebte dem Erdboden entgegen und landete auf einer Wiese, die von keiner Flamme berührt schien. Sigfrid stieg von Sleipnirs Rücken und näherte sich einem Schildwall. Ohne stehen zu bleiben, durchschritt er den Ring aufrecht stehender Schilde.
Auf der Erde lag eine Frau, mit dem Rücken zu ihm, und Sigfrid wusste, sie war der Ursprung der Kraft, die ihn angezogen hatte, sie war das Ziel all seinen Begehrens. Sie bewegte sich nicht, nicht einmal, als er sie berührte. Ein Schlafdorn musste sie in diesen Zustand versetzt haben. Er wusste, dass es so war, so sicher, wie er wusste, dass sie für ihn bestimmt war. Eine silberne Brünne schützte sie, in ihrer Hand lag ein stählerner Ger. Sie war eine Walküre, doch würde nicht sie ihn für Wodans Schlachthalle erwählen, sondern er sie als sein Weib. Ein heißes Gefühl verbrannte sein Herz, heißer als das Feuer der Waberlohe. Sobald er sie erweckte, würde ewiges Glück ihn erwarten. Sanft drehte er sie herum.
Ihr Kopf war glatt wie ein Ei. Sie hatte kein Gesicht.
Grimhild hatte nur einen Schluck des magischen Tranks zu sich genommen. Sie war nach wie vor auf der Suche nach Sigfrid. In der Ferne entdeckte sie Hagen. Irgendwie schaffte er es immer, auch bei müßigem Umherstreifen zielstrebig zu wirken. Vermutlich hatte er ebenfalls vom Trank des Priesters nur genippt. Er liebte es nicht, die Kontrolle über sich zu verlieren. Die Niflunge ging zu ihm. »Ich habe dir noch gar nicht für die Rettung meines Bruders gedankt«, sagte sie.
»Es ist meine Aufgabe, deine Sippe zu schützen.«
»Eine Aufgabe, die du meisterhaft erfüllst.« Grimhild war dankbar für seine Gesellschaft, die sie von ihren Sorgen ablenkte. Um ein Gespräch in Gang zu bringen, fragte sie: »Hast du je Feuerräder gerollt?«
»Glaubst du, es fließt kein Blut in meinen Adern? Manchmal bin ich mit ihnen um die Wette gelaufen.«
Es fiel ihr schwer, sich den Waffenmeister vorzustellen, wie er kreischend neben einem brennenden Rad den Hügel hinablief. Der Gedanke war erheiternd.
»Ich gäbe etwas darum zu wissen, was du gerade hinter deiner Stirn versteckst«, sagte er, und seinem Tonfall nach wusste er genau, was es war.
»Ist das nicht eine wundervolle Nacht? Die Welt kommt mir heute so verändert vor.«
»Es ist die Nacht der Erneuerung.«
Sie dachte an Sigfrid und seufzte. »Ja. Die Nacht der Erneuerung. Was bedeutet sie für dich?«
»Nichts. Die Menschen bleiben dieselben. Die Götter bleiben dieselben. Sogar die Sterne bleiben, wie sie sind.«
»Aber die Mittsommernacht ist voller Hoffnung! Spürst du es nicht?«
»Hoffnungen sind dazu da, von den Göttern zunichte gemacht zu werden. Ich nehme, was kommt, das erspart mir Enttäuschungen.«
»Ob du glücklich oder unglücklich bist, liegt allein in deiner Hand, Hagen. Das Gewebe der Nornen sagt nichts darüber aus. Das ist es, was uns die Mittsommernacht verspricht: dass du aus einem alten Webmuster etwas völlig Neues machen kannst.«
»Ebenso könnte ich versuchen, einen Stern vom Himmel zu holen.«
»Ich könnte es«, sagte sie trotzig und wartete auf Widerspruch oder ein nachsichtiges Lächeln.
Zu ihrer Überraschung tat er nichts dergleichen, sondern nickte nur. »Bei dir ist das etwas anderes. Was du dir vornimmst, wirst du auch erreichen.«
Bislang hatte sie immer angenommen, dass ihre Mutter die Einzige war, die sich nicht von ihr hinters Licht führen ließ, aber wie es schien, hatte nicht nur Oda Augen im Kopf und einen Verstand zum Denken.
»Du siehst mich an wie eine Dryade«, sagte Hagen und fügte nach einer winzigen Pause hinzu: »Schmiedeauge.« Sie war so verblüfft, dass sie im ersten Moment gar nicht begriff, dass er einen Scherz gemacht hatte. Darüber musste er lachen. Es war ein hartes, trockenes Lachen, kurz und präzise wie sein Wesen, aber es kam aus seinem Inneren, und er ließ es frei.
Sie sah ihn mit Zuneigung an. »Es ist schön, wenn du lachst.«
Sein Lachen erstarb ebenso abrupt, wie es begonnen hatte. »Grimhild, ich möchte dir sagen –«
Was immer er ihr sagen wollte, der Satz wurde nie vollendet.
Denn Grimhild entdeckte endlich das Gesicht, nach dem sie Ausschau gehalten hatte, und ihr Herz machte einen Satz. Sie wollte zu Sigfrid laufen und ihn berühren, um sich zu überzeugen, dass er Wirklichkeit war und kein Traum ihr einen Streich spielte, aber dann beschloss sie, die Gelegenheit zu ergreifen, Hagen auf ihre Seite zu ziehen. Beschwörend legte sie die Hand auf seinen Arm, obwohl sie wusste, dass er gewöhnlich unwillig auf Körperkontakt reagierte. »Du sollst der Erste sein, Hagen, der es erfährt. Sigfrid wird bei Gunter um mich freien. Ich bitte dich, unterstütz diesen Wunsch! Um meinetwillen!«
Der Moment der Gemeinsamkeit schien vorbei zu sein. Der Waffenmeister trug wieder den unnahbaren Ausdruck auf seinem Gesicht, den sie so gut kannte. Zunächst schien es, als wolle er ihr eine Antwort verweigern, und als er sich dann doch dazu entschloss, etwas zu sagen, lag eine Ewigkeit zwischen seinen Worten. »Ich … werde … sehen.« Damit wandte er sich ab und ließ sie stehen.
Irritiert sah Grimhild ihm nach. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn um Hilfe zu bitten. Ob er sie überhaupt mochte?
Inzwischen hatte sich die Wirkung des Tranks voll entfaltet, die Droge löste alle Hemmungen. Männer und Frauen hatten sich ihrer Kleidung entledigt, einige gaben sich im Sonnenwendrausch zügelloser Leidenschaft hin, die meisten tanzten den traditionellen Fruchtbarkeitsreigen um die Scheiterhaufen. Immer wieder sprangen einige von ihnen paarweise durch das heilige Feuer.
Gislher ergriff Dietlinds Arm und zog sie mit sich. Sein Schrei übertönte ihr Kreischen, als sie durch die Flammenwand getragen wurden und Flammenzungen nach ihnen leckten, um alles, was unrein war, abzuwaschen. Es war ein rauschhaftes Erlebnis, die Ekstase des Lebens.
Auch Gunter sprang durch die Flammen. Sein Gesicht glühte. Der Trank des Priesters hatte ihn befreit wie einen Vogel aus dem Käfig. Ja, er konnte fliegen! Mit einem Schrei jagte er erneut auf das Feuer zu, und die Flammen trugen ihn in die Lüfte empor.
Gernholt fühlte sich leicht und unbeschwert. Die bilisa nahm ihm die Schmerzen, und zusammen mit dem Trank des Priesters versetzte sie ihn in Euphorie. Er würde auch springen! Er würde wie die anderen vom Feuer gereinigt werden! Keuchend richtete er sich auf. Vor dem Scheiterhaufen pumpte er ein paarmal Luft, dann brüllte er plötzlich aus Leibeskräften, wild, lebensgierig, und rannte los. Jubelnd sprang er durch die Flammen. Seine Füße streiften die Zweige, Glut stob auf. Als er auf der anderen Seite aufprallte, knickten ihm die Beine weg und er schlug auf das Gesicht, aber es war ihm egal; er war glücklich.
Hagen hockte am Feuer, ohne dessen Wärme zu spüren. Er fühlte nichts, er dachte nichts, hockte einfach nur da und existierte. Lange kauerte er in dieser Stellung und starrte in die Flammen. Dann erhob er sich, ohne auf den Protest seiner eingeschlafenen Glieder zu achten, und entfernte sich mit durchgebogenem Rücken. Auf dem Weg zur Burg sah er keinen Menschen, obwohl es auf und um den Hügel von ihnen nur so wimmelte. Er holte sein Pferd, das unwillig über die nächtliche Ruhestörung schnaubte, saß auf und ritt davon.
Sobald er sich auf ebenem Gelände befand, ließ er den Hengst ausholen. In fliegender Hast ging es den steinigen Weg entlang, was in der Dunkelheit riskant war. Nach einer Weile wich Hagen von der Römerstraße ab. Er sah nicht, wohin er ritt, und es interessierte ihn auch nicht. Das Tier raste in halsbrecherischem Tempo durch Sträucher und Dornbüsche, über Wurzeln und Steine. Unbarmherzig schlug der Waffenmeister auf das Pferd ein und trieb es zu noch schnellerem Galopp an. Zweige peitschten ihm ins Gesicht, ein- oder zweimal strauchelte der Hengst; es war ihm egal. Leicht konnte er sich bei diesem wahnwitzigen Ritt das Genick brechen; auch das war ihm egal. In ihm tobte ein Dämon, der danach verlangte, befreit zu werden, und Hagen konnte oder wollte sich ihm nicht widersetzen.
Die Götter mussten wohl Pläne mit ihm haben, denn er lebte noch, als der Morgen graute. Irgendwie hatte sein Pferd einen ausgetretenen Pfad gefunden, dem es folgte. Hagen wusste weder wie lange er geritten war, noch wo er sich befand. Längst hatte er Tolbiacum und den unmittelbaren Herrschaftsbereich der Niflungen hinter sich gelassen, und noch immer fand er keine Ruhe. Der Hengst war schweißnass und zitterte von dem Gewaltritt. Im blassen Licht des beginnenden Tages konnte der Waffenmeister allmählich Einzelheiten seiner Umgebung ausmachen. Er gelangte an eine Brücke über einen Bach. Müde trottete das erschöpfte Pferd über die Holzplanken.
Plötzlich wurde sein Weg von zwei Reitern versperrt. Der eine war von gedrungener Statur, besaß keine Zähne mehr, und seine Haut war voll hässlicher dunkler Flecken. Der zweite war groß und hager und vollkommen kahl. Er schien der Anführer zu sein, denn der andere wartete offenbar auf einen Befehl von ihm. Beide trugen abgewetzte Kleidung. Ihre Pferde waren vermutlich gestohlen.
Brutal riss Hagen an den Zügeln. Schmerzvoll wiehernd kam sein Hengst auf der Brücke zum Stehen. Ein Instinkt veranlasste den Waffenmeister, den Kopf zu drehen. Hinter ihm kam ein dritter Reiter aus dem Gebüsch und schnitt ihm den Fluchtweg ab. Eine Unmenge Narben entstellten sein vielleicht einmal hübsches Gesicht.
Mit schiefem Grinsen beobachteten ihn die drei.
»Ein schönes Tier«, sagte der Kahlköpfige.
»Und sieh dir seine kostbare Kleidung an«, bemerkte der Zahnlose an seiner Seite. »Das lohnt sich ja richtig.«
Der Anführer der Wegelagerer sah den Waffenmeister an. »Steigt einfach ab und zieht Euch aus, vielleicht lassen wir Euch am Leben.«
Hagen sagte kein Wort. Er studierte die Männer. Sie besaßen die Haltung von Kriegern, die das Kämpfen gewohnt waren. Ihre Schwerter waren einfach, aber das zerkratzte Eisen und die Scharten in den Schneiden verrieten, dass sie nicht nur als Schmuck dienten. Und er selbst hatte bei der kopflosen Flucht aus Tolbiacum versäumt, sein Schwert mitzunehmen.
Kaltes Feuer erfüllte Hagen, als er seine Chancen abwägte. Etwas in ihm freute sich auf den bevorstehenden Kampf, sehnte ihn sogar herbei. Mit einer zärtlichen Bewegung zog er seinen Dolch, eine Damaszenerklinge. Der römische Händler hatte ein Vermögen dafür verlangt, aber die Waffe war jedes Goldstück wert.
Die Wegelagerer lachten. »Er zieht seinen Dolch«, wieherte der Anführer, »wir sollten fliehen, solange wir noch können.«
»Zu spät«, sagte Hagen und griff an. Mit einem Satz war er von der Brücke und drängte sein Pferd zwischen die beiden Krieger vor ihm. Die Verblüffung stand noch auf dem Gesicht des Zahnlosen, als ihm der Dolch mitten ins Herz fuhr. Er wollte etwas sagen und seiner Verwunderung Ausdruck geben, aber er war schon tot, noch ehe sein lebloser Körper den Boden berührte.
Die Wegelagerer waren es gewohnt, dass ihre Opfer flohen, und brauchten einen Augenblick, um sich von ihrer Überraschung zu erholen. Der Hagere fing sich als Erster, er war der gefährlichste der Männer. Mit wutverzerrtem Gesicht hieb er auf den Waffenmeister ein. Die Todesgefahr missachtend brachte Hagen sein Pferd näher an das des Gegners. Auf kurze Distanz war das Schwert wertlos. Hart bedrängt suchte der Hagere, dem mörderischen Blutdurst des Waffenmeisters zu entgehen. Sein überlegenes Grinsen war verschwunden; zum ersten Mal empfand er Angst angesichts dessen, was er im verschleierten Auge seiner vermeintlichen Beute erblickte.
Der dritte Mann galoppierte über die Brücke, um seinen Kameraden zu Hilfe zu eilen, und näherte sich Hagen von hinten. Der warf sich zur Seite, um dem tödlichen Hieb zu entgehen. Das Schwert glitt ab und traf das Pferd, das einknickte und vor Schmerzen wieherte. Geschickt rollte sich Hagen ab und kam sofort wieder auf die Beine. Er wartete nicht, bis die Wegelagerer erneut angriffen. Mit einem Satz sprang er hinter dem Narbengesicht auf das Pferd und schnitt ihm die Kehle durch. Blut sprudelte in hohem Bogen hervor und besudelte den Waffenmeister, er beachtete es nicht. Seine Instinkte hatten die Herrschaft übernommen, und er überließ sich ihnen freudig. In ihm loderte die Flamme der Kampfekstase, er war erfüllt von einer dunklen, tödlichen Art von Jubel.
Der Anführer der Wegelagerer nutzte die Gelegenheit und drang auf ihn ein, während Hagen den Leichnam des Narbigen vom Pferd kippte. Das Tier scheute, als es den Blutgeruch wahrnahm, diese Bewegung rettete ihm das Leben. Er wurde abgeworfen, der Stoß des Kahlköpfigen ging fehl. Wie der Blitz war Hagen auf den Beinen und stach nach dem Arm des Mannes, verfehlte ihn jedoch. Der Hagere hatte noch nie solch einen Dämon kämpfen sehen. Er wollte sein Pferd wenden und fliehen, aber der Waffenmeister stach dem Tier rücksichtslos den Dolch in den Leib, dass es ächzend zusammenbrach. Panisch befreite sich der Kahlkopf von dem Kadaver und schlug unkontrolliert nach seinem Gegner, doch sein Schicksal war bereits besiegelt gewesen, als er Hagens Weg gekreuzt hatte. Das Schwert fuhr in den Oberschenkel des Waffenmeisters, der es nicht einmal bemerkte. Mit Wucht rammte er dem Kahlkopf seinen Dolch in den Bauch, schlitzte ihn von oben bis unten auf, tobte und raste, bis er endlich registrierte, dass kein Leben mehr in dem zuckenden Bündel Fleisch war.
Keuchend hielt er inne, sein Auge wurde wieder klar. Hagen erwachte aus seinem Blutrausch. Nur ungern ließ er das heiße Gefühl gehen, das ihn erfüllt und ihm für eine kleine Weile Wärme gespendet hatte. Nur ungern ließ er Kälte und Dunkelheit wieder in sich hinein. Er betrachtete das Blutbad, das er angerichtet hatte, und stöhnte. Es war viele Jahre her, dass er sich das letzte Mal der Berserkerwut überlassen hatte, und damals nur nach gründlicher Vorbereitung. Noch nie war die Verwandlung ungerufen über ihn gekommen. Hagen barg sein Gesicht in den blutigen Händen. Er hatte von dem Fluch gehört, der die ergriff, die sich zu oft in einen Mannwolf verwandelten. Die Grenze zwischen Mensch und Tier wurde kleiner, das Tier erlangte nach und nach die Herrschaft, bis der Berserker vergaß, dass er einst ein Mensch gewesen war. Er hatte solche gesehen, die den Weg zurück nicht mehr fanden. Sie mussten abgeschlachtet werden wie räudige Hunde, denn sie waren eine Gefahr für die menschliche Gemeinschaft. Der Waffenmeister stöhnte noch einmal. Er wollte nicht enden wie sie!
Es hatte eine Zeit gegeben, da er nicht über die Folgen nachdachte. Damals war er stolz gewesen, zu den auserwählten Kriegern zu gehören, den gefürchteten Berserkern, die eine Schlacht entscheiden konnten. Und er war der Beste gewesen. Hagen lachte bitter. Was blieb einem übrig, wenn man die anderen die eigene Herkunft vergessen lassen wollte, als der Beste zu werden? In ihrer Mitte konnte er die Erinnerung daran auslöschen, wer er war. Sie bildeten eine verschworene Gemeinschaft von Ausgestoßenen, gefürchtet und verachtet von den Menschen, die sie brauchten und duldeten, aber nicht liebten. Eine seltsame Art von Sippenfrieden herrschte zwischen ihnen, ein kaltherziger Friede, der alles, was außerhalb seines Kreises lag, als Beute ansah, die zerrissen werden durfte.
Als er Aldrian traf, hatte er erkannt, dass er noch einmal eine Chance bekam, und sie von ganzem Herzen ergriffen. Er schwor sich, niemals wieder die unsichtbare Linie zu überschreiten. Aldrian vertraute ihm, mehr noch: Er war der erste Mensch, für den seine Herkunft bedeutungslos war, der ihm das Gefühl schenkte, zu einer wirklichen Sippe zu gehören. Es war ein Traum gewesen, nichts weiter. Hagen brauchte nur in die Gesichter der Menschen, deren Leben er teilte, zu blicken, um zu wissen, dass es eine große Rolle spielte, wer man war und woher man kam.
Der Blutgeruch seiner Hände widerte ihn an. Er wischte den Dolch an einer der Leichen ab und steckte ihn zurück in die Scheide. Dann sah er nach seinem Pferd. Es litt, aber es lebte. Die Wunde war nicht tief, bei guter Pflege würde sich das kostbare Tier erholen. Das Pferd des Hageren dagegen war tot. Hagen wankte in den Fluss, um seine Verletzung zu versorgen und das Blut abzuwaschen, das ihn von oben bis unten bedeckte. Es war wie eine rituelle Reinigung von dem bösen Geist, der ihn erfüllte, und er hoffte, dass auch der letzte Rest des Tieres, das er in sich trug, fortgespült wurde. Das kühle Wasser, das seine Wangen hinunterlief, klärte seinen Geist und half ihm, sich Rechenschaft vor sich selbst abzulegen.
Er liebte Grimhild.
Nie zuvor hatte er sich das eingestanden. Sie war ein Kind gewesen, als er sie kennenlernte, und er ihr väterlicher Freund. Auch jetzt noch zählte er mehr als doppelt so viele Sommer wie sie. Aber ihr Liebreiz, ihr Lächeln, ihre Augen verzauberten ihn. Ihr Interesse hatte ihm geschmeichelt und zu kühnen Träumen verleitet. Und dann war Sigfrid gekommen. Seither bemerkte sie ihn nicht einmal, wenn er neben ihr stand.
Hagen kam sich unsagbar töricht vor. Lächerlich zu glauben, sie könnte etwas für ihn empfinden! Sie nahm seine Bewunderung als naturgegeben hin, als etwas, worauf sie ein Anrecht besaß wie auf das Atmen, und es kam ihr gar nicht in den Sinn, dass ihre spielerischen Verlockungen ihm Schmerzen bereiten könnten. Wie blind er gewesen war, so blind, als besäße er überhaupt kein Auge!
Voll Abscheu betrachtete er sein Spiegelbild im Wasser. Er sah einen verbitterten Krieger, der einen Narren aus sich gemacht hatte. Einen Narren, der sich eingeredet hatte, ein hübsches junges Mädchen wie Grimhild könnte sich in einen hässlichen alten Mann wie ihn verlieben. Einen Halbalben. Denn mehr noch als das Alter trennte sie ihre Herkunft. O ja, die Menschen respektierten seinen Mut und bezeugten ihm Ehre, niemand würde es wagen, ihm die Verachtung, die er empfand, offen zu zeigen! Aber hinter seinem Rücken verbreiteten sie die schmutzigsten Lügen über ihn. Er kannte die geflüsterten Gerüchte über dunkle Kräfte, Loyalität gegenüber dem Stillen Volk und Unzucht mit Schwarzalbinnen.
Hagen stieg aus dem Wasser. Mit erbarmungsloser Deutlichkeit erinnerte er sich an jedes Detail der vergangenen Nacht. Er sah Grimhild vor sich, mit ihrem Lächeln, das seine Verteidigung durchbrochen und ihn weich gemacht hatte. Er erinnerte sich genau an jenen Moment, da sie ihm in aller Unschuld die tödliche Wunde zufügte, den Moment, in dem er wehrlos gewesen war und jeder Möglichkeit beraubt, sich gegen den Speer zu wappnen, der sein Herz durchbohrte. Sie hatte mit jener beiläufigen Grausamkeit von ihrer geplanten Verbindung mit Sigfrid gesprochen, zu der nur Frauen fähig sind, die ständige Bewunderung gewohnt sind. Frauen, die mit dem Bewusstsein aufwachsen, jeden Mann bekommen zu können, den sie haben wollen. Frauen, die sich nicht vorzustellen vermögen, wie es sich anfühlt, jemand Unerreichbaren zu begehren.
Hagen fing eines der überlebenden Pferde ein, die friedlich in der Nähe weideten, und schwang sich hinauf. Seinen eigenen Hengst und das dritte Tier am Zügel führend, machte er sich auf die Suche nach einem Anhaltspunkt, wo er sich befand. Er fühlte sich ausgelaugt und innen wie außen wund. Jedes Wort, das zwischen ihm und Grimhild gefallen war, nahm er und drehte es in seinem Gehirn so lange hin und her, bis es jeglicher Bedeutung ledig war. Die Augen, mit denen sie Sigfrid beobachtet hatte, ließen ihn nicht los. Wenn sie ihn nur einmal so ansehen würde …
Nutzlose Tagträume. Und er war kein Träumer. Seine Stärke lag darin, dass er der Welt, wie sie war, ins Auge sah. Nun gut, er hatte sich lächerlich gemacht. So etwas kam vor. Jetzt hatte er sich sein Versagen eingestanden und konnte daran gehen, die Reste zusammenzukehren und zu versuchen, Grimhild zu vergessen.
8.
Niemand sah ihn, als er zurückkehrte, nur Ivo, der Stallbursche, dem er die erhitzten Pferde zum Trockenreiben übergab, und der stellte keine Fragen. Die blutige Kleidung mochte seine Neugier wecken, aber ein Blick in Hagens Miene versiegelte ihm den Mund. Müde begab sich der Waffenmeister in seine Kammer, um sich neu einzukleiden, sodass es niemandem einfiel, Spekulationen über seine nächtlichen Aktivitäten anzustellen. Als er den Raum wieder verließ, ging er kerzengerade, obwohl die Wunde in seinem Bein pochte. Später würde er jemanden aufsuchen müssen, der sich darum kümmerte. Später. Erst musste er den Anschein von Normalität wiederherstellen, den er dummerweise durch seinen kopflosen Ritt zerstört hatte. Aber vielleicht machte er sich unnötig Sorgen. Die lusttrunkenen Teilnehmer des Mittsommernachtsfestes hatten vermutlich nur Augen für sich selbst gehabt.
Fast hätte er es geschafft, sich davon zu überzeugen, dass alles beim Alten war. Dann traf er auf Grimhild, die nervös vor der Großen Halle auf- und ablief, und hielt so abrupt inne, als sei er gegen eine Mauer gelaufen. Er wich in den Schatten zurück, um sein Gleichgewicht wiederzufinden. Seine Knie zitterten. Schließlich gab er sich einen Ruck und ging auf sie zu. »Ich grüße dich, frouwa!«, sagte er leichthin.
»Oh, Hagen! Gunter sucht dich. Er erwartet dich in der Großen Halle. Wo warst du? Niemand konnte dich finden.«
»Ich … habe einen Spazierritt unternommen.« Einen Herzschlag lang stand er vor ihr und wusste nicht, was er sagen sollte. »Nun … ich sollte den König nicht warten lassen«, murmelte er schließlich und schlurfte davon.
Die komplizierten Konventionen einer Brautwerbung lagen Sigfrid nicht. Er war von schlichter Natur; sein Anliegen in die richtigen Worte zu kleiden, kam dem Versuch gleich, einen Fluss mit den Händen umzuleiten. Als er seine eigene Stammelei nicht länger ertragen konnte, rief er denn auch aus: »Bei Donars Hammer, was ich sagen will … ich … ich bitte Euch um Eure Schwester!«
»Das kommt unerwartet«, erwiderte Gunter belustigt. Er hatte Sigfrid und Grimhild gestern beobachtet und war zu dem Schluss gekommen, dass sie gut zueinander passten.
Dem Sachsen entging das verräterische Zucken um die Mundwinkel des Königs, so setzte er hinzu: »Ich weiß, ich sollte einen Werber schicken, statt selbst mit Euch zu verhandeln, aber ich hoffe, Ihr glaubt mir, dass es nicht mangelnde Achtung vor Euch oder Eurer Schwester ist, die mich so kühn vorgehen lässt. Ich bin einfach in Sorge, jemand könnte mir zuvorkommen.« Er strich sich durch die Locken, unschlüssig, wie er fortfahren sollte.
Gunter, dessen Entscheidung längst feststand, amüsierte sich über Sigfrids Unbeholfenheit. Er hätte ihm die Werbung leichter machen können, aber dies war etwas, dem sich ein Mann allein stellen musste, gleich, wie unangenehm es ihm war.
»Ihr wisst«, sagte Sigfrid, »ich bin der Sohn König Sigmunds. Meine Braut wird einst an meiner Seite über Tarlungenland herrschen. Auch dürfte Euch bekannt sein, dass ich den Hort des Stillen Volkes besitze. Ich denke also, dass ich kein unwürdiger Bewerber bin.«
Jetzt konnte Gunter nicht anders, er musste laut lachen. »Das seid Ihr ganz gewiss nicht, Sigfrid von Tarlungenland. Ich freue mich, dass Ihr mich um Grimhild bittet. Ich weiß, sie ist Euch gut.«
In diesem Moment betrat Hagen die Halle. Seine Miene war unergründlich wie immer. Gunter runzelte die Stirn. Der Waffenmeister war die Nacht über fort gewesen, niemand wusste, wohin. Wie es schien hatte er sich bei seinem Ausritt eine Verletzung zugezogen. Zwar tat er sein Möglichstes, es zu verbergen, aber der Niflungenkönig ließ sich nicht täuschen. Er hätte zu gern gewusst, wo sein Ratgeber gewesen war, aber man fragte Hagen nicht nach seinem Kommen und Gehen. »Gut, dass du da bist!«, begrüßte er ihn. »Frō Sigfrid bittet mich, ihm Grimhild zur Frau zu geben. Ich wüsste gern deine Meinung dazu.«
Auf dem Weg hierher hatte Hagen erfolgreich jedes Gefühl in sich abgetötet und sein Herz gestählt. Er hatte gewusst, was ihn erwartete. Deshalb klang seine Stimme normal – vielleicht ein wenig belegt, aber nur, wenn man genau hinhörte –, als er antwortete: »Es ist deine Entscheidung.«
»Das weiß ich selbst. Aber ich will deine Meinung hören.«
Hagen versuchte, Sigfrid zu hassen. Es gelang ihm nicht. Auch wenn es ihn umbrachte: Der Sachse war ein würdiger Gemahl für Grimhild. »Jungherr Sigfrid ist ein starker Verbündeter«, entgegnete er ausweichend. Aus irgendeinem Grund drang Gunter nicht weiter in ihn, was Hagen überraschte, denn selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Erwiderung nichtssagend.
»Hört also meinen Beschluss!« Gunter zögerte einen winzigen Moment, ehe er fortfuhr: »Ich will mich ebenfalls verheiraten.«
Hagens Kopf ruckte herum. »Wen …?«, entschlüpfte es ihm.
Gunter lächelte. Es gab also Dinge, die selbst dem schlauen Hagen entgingen. »Königin Brünhild von Svawenland. Eure Beschreibung, Sigfrid, hat mich überzeugt.« Nun, nicht ganz. Er mochte ein schwacher König sein, vielleicht sogar ein unfähiger, aber kein dummer. Diskret hatte er Erkundigungen einziehen lassen, und seine Informanten bestätigten die Worte des Sachsen: Brünhild war schön, klug und seiner würdig. »Ihr seid Nachbarn, Sigfrid. Ich bitte Euch deshalb, mir zu helfen, um sie zu werben. Dies ist meine Bedingung: Ihr bekommt Grimhild zum Weibe, sobald Brünhild einwilligt, meine Frau zu werden. Dann wollen wir doppelten Brautlauf halten.«
Die Bedingung erschien Sigfrid gerecht. »So soll es sein. Ich danke Euch, König Gunter!«
Damit waren die Dinge geregelt, und Hagen bat, sich zurückziehen zu dürfen.
Hagen, mein alter Freund, dachte Gunter traurig, während er dem steif davonstaksenden Waffenmeister nachsah, es tut mir leid für dich. Aber Grimhild würde nie deine Frau werden, mit oder ohne Sigfrid.
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