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I. (Eingang)

Gedächte man nicht gütig sein,

Der Gutes rang der Welt zu leihn,

So könnt uns keine Freude leihn

Was Gutes in der Welt mag sein.

Der gute Mann, was der für gut

Und nur der Welt zu Gute thut,

Wer das ihm anders als für gut

Verstehen will, der missethut.

Ich hör es schmähen oft und viel

Wes man doch nicht entrathen will;

Da ist an Kleinem schon zu viel,

Da will man was man doch nicht will.

Es lob ein Mann, das ziemt ihm wohl,

Wes doch auch Er bedürfen soll;

Er laß es sich gefallen wohl,

Weil es ihm doch gefallen soll.

Theur und werth ist mir der Mann,

Der Gut und Übel scheiden kann,

Der mich und einen jeden Mann

Nach seinem Werth erkennen kann.

Ehr und Gunst laßt finden Kunst,

Da Kunst geschaffen ist der Gunst.

Wo Kunst geblümet wird mit Gunst,

Da blühet alle gute Kunst.

Recht wie ein Ding zu Grunde geht,

Das ohne Lob und Ehre steht,

So blühet was in Ehren steht

Und seines Lobs nicht irre geht.

Ich weiß wohl, Mancher ist gewohnt,

Daß er das Gute übel lohnt

Und Übles wieder gut belohnt:

Der ist an übeln Lohn gewohnt.

Cunst und einsichtsvoller Sinn

Bringt Eins dem Andern nur Gewinn;

Kommt Neid dazu um Brotgewinn,

So muß erlöschen Kunst und Sinn.

Hei, Tugend, schmal sind deine Stege,

Gar kümmerlich all deine Wege.

Doch deine Wege, deine Stege

Wohl ihm, der sie da geh und stege!

Trieb ich die Zeit vergebens hin,

So zeitig ich zu leben bin,

So führ ich in der Welt dahin,

Der Welt so werth nicht als ich bin.

Ich hab ein neues Thun mir jetzt

Der Welt zu Liebe vorgesetzt

Und edeln Herzen zum Genuß,

Den Herzen, die ich lieben muß,

Der Welt, die meinem Sinn gefällt:

Nicht mein' ich aller Andern Welt,

Die Welt, von der ich höre sagen,

Daß sie kein Mühsal möge tragen

Und nur in Freuden wolle schweben;

Die laß auch Gott in Freuden leben!

Der Welt und solchem Leben

Scheint mein Gedicht uneben.

Solch Leben ist nicht meine Welt,

Eine andre Welt mir wohlgefällt:

Die zusammen hegt in Einer Brust

Das süße Leid, die bittre Lust,

Das Herzensglück, die bange Noth,

Das selge Leben, leiden Tod,

Den leiden Tod, das selge Leben.

Dem Leben hab ich meins ergeben,

Der Welt will ich ein Weltkind sein,

Mit ihr verderben und gedeihn.

Bei ihr bin ich bisher geblieben,

Mit ihr hab ich die Zeit vertrieben,

Die mir in vielbedrängtem Leben

Geleit und Lehre sollte geben.

Der hab ich Thun und Thätigkeit

Zu ihrem Zeitvertreib geweiht,

Daß sie durch meine Märe,

Welch Leid sie auch beschwere,

Zu halber Lindrung bringe,

Ihre Noth damit bezwinge;

Denn hat man des zuweilen Acht,

Was uns die Weile kürzer macht,

Das entbürdet bürdeschweren Muth,

Das ist für Herzenssorgen gut.

Es zweifelt Niemand daran:

Wenn der müßige Mann

Mit Liebesschaden ist beladen,

So mehrt die Muße Liebesschaden;

Bei Liebesleiden Müßigkeit,

So wächst nur noch der Liebe Leid.

Drum rath ich, trägt wer Schmerzen

Und Liebesleid im Herzen,

So widm er sich mit Kräften

Zerstreuenden Geschäften,

Damit das Herz in Muße ruht:

Das ist dem Herzen herzlich gut.

Doch ist es nimmer wohlgethan,

Wenn ein liebesiecher Mann

Sich solchen Zeitvertreib erkührt,

Der reiner Liebe nicht gebührt:

Mit edeln Liebeskunden

Versüß er seine Stunden,

Die mag ein Minner minnen

Mit Herzen und mit Sinnen.

Noch hört man Eine Rede viel,

Die ich nicht ganz verwerfen will:

Je mehr ein Herz, das Liebe plage,

Sich mit Liebesmären trage,

Je mehr gefährd es seine Ruh.

Der Rede stimmt' ich gerne zu,

Wär Eins nicht, das mir Zweifel regt:

Wer innigliche Liebe hegt,

Daß er im Herzen Schmerzen spürt,

Der bleibt von Schmerz nicht unberührt.

Der innigliche Liebesmuth,

Je mehr in seines Triebes Glut

Der brennt und liebend lodert,

Je mehr er Liebe fodert.

Dieß Leiden ist so voll der Lust,

Dieß Uebel thut so wohl der Brust,

Daß es kein edles Herz entbehrt,

Weil dieß erst Muth und Herz gewährt.

Mir ist gewisser nicht der Tod,

Nicht sicherer die letzte Noth,

Fühlt Einer Liebeswunden,

So liebt er Liebeskunden.

Wer solcher Mären trägt Begier,

Der hat nicht weiter als zu mir.

Ich weiß ihm wohl ein Märchen,

Ein edles Liebespärchen,

Das reiner Lieb ergab den Sinn:

Ein Minner, eine Minnerin,

Ein Mann ein Weib, ein Weib ein Mann,

Tristan Isold, Isold Tristan.

Ich weiß wohl, Mancher ist gewesen,

Der schon von Tristan hat gelesen.

Und doch, nicht Mancher ist gewesen,

Der recht noch hat von ihm gelesen.

Tret ich nun aber hin sofort

Und sprech ein scharfes Richterwort,

Als wolle mir ihr Aller Sagen

Von dieser Märe recht behagen,

So thu ich anders als ich soll;

Ich thu es nicht: sie sprachen wohl

Und nur aus edelm Muthe,

Mir und der Welt zu Gute.

Bei meiner Treu, sie meintens gut,

Und was der Mann in Güte thut,

Das ist auch gut und wohlgethan.

Und stellt ich doch das Wort voran,

Als hätten sie nicht recht gelesen,

Damit ists so bewandt gewesen:

Sie sprachen in der Weise nicht

Wie Thomas von Britannien spricht,

Der sich auf Mären wohl verstand

Und in britannschen Büchern fand

All dieser Landesherren Leben,

Davon er Kund uns hat gegeben.

Was der von Tristans Lebensfahrt

Uns Zuverläßges hat bewahrt,

Das war ich lang beflißen

Aus Büchern zu wißen,

Lateinischen und wälschen,

Damit ich ohne Fälschen

Nach seinem Berichte

Berichte die Geschichte.

So sucht' ich denn und suchte lang

Bis mir des Buches Fund gelang,

Darin all seine Meldung stand,

Wie es um Tristan war bewandt.

Was ich nun so gefunden

Von diesen Liebeskunden,

Leg ich nach freier Wahl und Kür

Allen edeln Herzen für,

Daß sie durch Zeitvertreib genesen:

Es ist sehr gut für sie zu lesen.

Gut? Ja ohne Zweifel gut:

Es süßt die Liebe, höht den Muth,

Befestigt Treu, verschönt das Leben,

Es kann dem Leben Werth wohl geben;

Denn wo man höret oder liest,

Daß reiner Treu ein Paar genießt,

Das weckt in treuen Mannes Brust

Zu Treu und aller Tugend Lust.

Liebe, Treue, stäter Muth,

Ehr und noch manches hohe Gut

Gehn dem Herzen nie so nah,

Gefallen nie ihm so wie da,

Wo man von Herzensliebe sagt

Und Herzeleid um Liebe klagt.

Lieb ist so reich an Seligkeit,

So selig macht ihr Glück, ihr Leid,

Daß ohne ihre Lehre

Niemand Tugend hat noch Ehre.

So viel die Liebe Gutes frommt,

So manche Tugend von ihr kommt,

Weh, daß doch Alles was da lebt

Nicht nach Herzensliebe strebt;

Daß ich so Wenige noch fand,

Die im Herzen lautern Brand

Um Herzensfreunde wollen tragen

Und einzig um das Bischen Klagen,

Das dabei zu mancher Stund

Verborgen liegt im Herzensgrund!

Wie litte nicht ein edler Sinn

Ein Übel für so viel Gewinn,

Ein Ungemach um so viel Lust?

Wer nie von Liebesleid gewust,

Wust auch von Liebesfreude nie.

Freud und Leid, stäts waren die

Bei Minne nicht zu scheiden.

Man muß mit diesen beiden

Ehr und Lob erwerben,

Oder ohne sie verderben.

Die, welchen ich dieß Buch geweiht,

Hätten Die um Liebe Leid,

Um Herzenswonne sehnlich Klagen

Vereint im Herzen nicht getragen,

So würd ihr Nam und dieß Gedicht

So manchem edeln Herzen nicht

Zu Trost und Freude frommen.

Noch heut wird gern vernommen,

Noch dünkt uns ewig süß und neu

Ihre minnigliche Treu,

Ihr Glück und Leid, ihre Wonn und Noth;

Und sind sie nun auch lange todt,

So lebt ihr süßer Name doch

Und soll ihr Tod den Leuten noch

Zu Gute lang und ewig leben,

Dem Treubegiergen Treue geben,

Den Ehrbegiergen Ehre.

Ihr frühes Sterben währe

Und leb uns Lebenden immer neu;

Denn wo man liest von ihrer Treu

Und ihrer reinen Stätigkeit,

Ihrem Herzensglück, ihrem Herzeleid,

Das ist der edeln Herzen Brot

Hiermit so lebt der Beiden Tod.

Man liest ihr Leben, ihren Tod

Und ist uns das so süß wie Brot.

Ihr Tod, ihr Leben ist uns Brot,

So lebt ihr Leben, lebt ihr Tod.

Sie leben noch, sind sie auch todt,

Und ist ihr Tod uns Lebensbrot.

Und wer nun will, daß man ihm sage

Ihr Leben, Sterben, Glück und Klage,

Der biete Herz und Ohren her,

So wird erfüllt all sein Begehr.

II. Riwalin und Blanscheflur.

Ein Herr, der in Parmenien saß,

Ein Kind an Jahren, wie ich las,

Der war, wie uns der Sage Mund

Giebt von seinem Leben kund,

Köngen gleich wohl an Geschlecht,

An Landen Fürsten wohl gerecht,

An Leibesschönheit ohne Gleich,

Getreu und kühn und mild und reich.

Wem er Freude sollte tragen,

Dem war er in seinen Tagen

Eine freudereiche Sonne.

Er war der Welt Wonne,

Der Schildesamtes Lehre,

Der Nahverwandten Ehre,

Seines Landes Zuversicht.

Ihm gebrach an aller Tugend nicht,

Die Herren haben sollen,

Hätt er nicht immer wollen

In seines Herzens Lusten schweben

Und nur nach Seinem Willen leben,

Was endlich auch sein Schade war;

Denn es ist und bleibt doch wahr,

Aufblühnde Jugend, reiches Gut,

Die zwei sind voller Übermuth.

Vertragen, was doch Mancher kann,

Der mehr besitzt als Er gewann,

Daran gedacht er selten:

Übel mit Übel gelten,

Kraft der Kraft entgegensetzen,

Daran hatt er sein Ergetzen.

Nun thut es nie die Länge gut,

So Einer Alles, was man thut,

Vergilt mit Kaiser Karls Gewicht.

Weiß Gott, es ist dem Manne Pflicht,

Andern Manches nachzusehn,

Soll ihm nicht Schaden oft geschehn.

Wer Schaden nicht vertragen kann,

Dem reiht sich Schad an Schaden an,

Es ist ein unheilvoller Brauch;

Fängt man doch so den Bären auch:

Der rächt den einzelnen Schaden,

Bis er mit Schaden wird beladen.

Das wars, warum es ihm misslang,

Denn er rächte sich so lang

Bis er dabei zu Schaden kam.

Daß er solchen Schaden nahm,

Geschah ihm keiner Bosheit wegen

Wie Andre sich zu schaden pflegen:

Der Schade kam ihm im Geleit

Seiner Unerfahrenheit,

Daß er in blühnder Jugend

Mit junger Herren Tugend

Verscherzte seines Glückes Huld;

Sein kindscher Leichtsinn trug die Schuld,

Der seine üppgen Ranken

Ihm trieb in den Gedanken.

Er war wie alle Kinder sind,

Denn für die Folgen sind sie blind.

Ihm stiegen Sorgen nie zu Sinn,

Er lebt' und lebte nur so hin:

Da seines Lebens Quelle sprang,

Sich wie der Morgenstern erschwang

Und lachend auf die Erde sah,

Da wähnt' er, was doch nicht geschah,

Daß er so immer sollte leben

Und in des Lebens Süße schweben.

Nein, seines Lebens Anbeginn

Schwand nach kurzem Leben hin;

Die junge Morgensonne

Seiner Weltwonne,

Da die zu leuchten kaum begann,

Da brach sein jäher Abend an,

Der erst ihm war verborgen,

Und löscht' ihm seinen Morgen.

Wie er benannt gewesen

Giebt uns das Buch zu lesen:

Die Sage sagt uns über ihn,

Mit Namen hieß er Riwalin,

Daneben noch Kanelengres.

Viele melden uns indess,

Daß er von Lohneis wär gewesen

Und zum König erlesen

Über Lohneis das Land.

Doch macht uns Thomas ja bekannt,

Der es in den Mären las,

Daß er zu Parmenie saß

Und zu Lehen trug sein Land

Von eines Britenfürsten Hand,

Dem er zu Dienst war unterthan:

Derselbe hieß li duc Morgan.

Da nun der edle Riwalin,

Seit Rittersstand ihm war verliehn,

Drei Jahr in Ehren zugebracht,

Und sich zu eigen längst gemacht

Alle Kunst der Ritterschaft,

Zu Kriegen volle Macht und Kraft –

Er hatte Leute, Land und Gut –

Ob ihn da Noth, ob Übermuth

Dazu vermochte, weiß ich nicht;

Doch griff er, wie die Sage spricht,

Morgan, seinen Lehnsherrn, an

Als einen schuldigen Mann.

Er kam geritten in sein Land

Mit so kraftvoller Hand,

Daß bald viel Burgen waren

Gefällt von seinen Scharen.

Die Städte musten sich ergeben,

Ihr Gut ihm lösen und ihr Leben,

So übel ihnen das gefiel,

Bis er an Gold und Gut so viel

In Feindeslanden aufgebracht,

Daß er seine Kriegesmacht

Gar sehr damit vermehrte,

Und wohin sein Heer sich kehrte

Mit Städten oder festen Plätzen

Verfuhr nach seinem Ergetzen.

Auch nahm er oftmals Schaden dran,

Er entgalts mit manchem biedern Mann,

Denn Morgan stellte sich zur Wehr:

Er bestand ihn oft mit seinem Heer

Und brach ihm ab von seiner Kraft.

Denn zu Kriegen und zu Ritterschaft

Gehört Verlust und Gewinn,

Hiemit so gehn die Kriege hin:

Verlieren und Gewinnen,

Sie schweben mitten innen.

Morgan vergalt ihm Alles wieder,

Er warf ihm Städt und Burgen nieder:

Seine Habe, seine Leute

Entführt' er oft als Beute

Und that ihm Abbruch wo es gieng;

Obwohl auch das nicht viel verfieng,

Denn wieder zwang ihn Riwalin

Mit Schaden sich zurückzuziehn,

Und trieb das mit ihm alsolang

Bis er ihn völliglich bezwang,

Daß er am Sieg verzagte

Und keinen Kampf mehr wagte

Als noch aus seinen Vesten,

Den stärksten und den besten.

Vor denen lag dann Riwalin

Und zog mit Obmacht wider ihn

Zu Stürmen und zu Streiten.

Er trieb ihn auch allzeiten

Siegreich wieder in das Thor.

Auch hielt er manchesmal davor

Turnei mit voller Ritterschaft.

So lag er stäts ihm ob mit Kraft

Und haust in seinem Lande

Mit Raub und mit Brande

Bis ihn um Frieden bat Morgan

Und mit aller Noth von ihm gewann,

Daß getagt ward und zuletzt

Ein jährger Friede festgesetzt.

Dem Frieden ward von Beiden

Mit Bürgen und mit Eiden

Volle Gültigkeit verliehn.

Froh und reich zog Riwalin

Mit den Seinen heim zu Land,

Belohnte sie aus milder Hand

Und belud sie all mit Gaben;

Ließ sie dann Urlaub haben

Und wohl nach seinen Ehren

Zu ihrer Heimat kehren.

Als es Kanelen so gelang,

Darnach so währt' es nicht mehr lang,

Bis er einer neuen Fahrt

Sich zu ergetzen schlüßig ward.

Er beschickte sich zur Reise

In so glänzender Weise

Wie der Ehrbegierge thut.

All das Geräth und all das Gut,

Dessen binnen Jahresfrist

Solch ein Herr benöthigt ist,

Das ward ihm in ein Schiff getragen.

Oftmals hatt er hören sagen,

Wie höfisch, reich an Ehre

Der junge König wäre,

Mark, vom Lande Cornewal;

Des Preis vernahm man überall.

Cornewal und Engelland,

Die dienten beide seiner Hand.

Durch Erbschaft war er Cornwals froh;

Um England aber stand es so:

Es war ihm zugewachsen,

Als die galischen Sachsen

Die Briten dort vertrieben

Und des Landes Herrn verblieben;

Daher es auch den Namen kor:

Es hieß Britannien zuvor;

Doch anders ward es jetzt genannt:

Nach den Galen Engelland.

Da Die das Land besaßen

Und unter sich vermaßen,

Da wollten Alle Königlein

Und ihre eignen Herren sein.

Das schlug zu Aller Schaden aus:

Mit Mord und blutigem Strauß

Brachten sie sich selbst zu Falle.

Zuletzt befahlen sie Alle

In Markes Schutz sich und das Land.

Der hielt es mit so starker Hand

Nun in seiner Macht beschloßen,

Kein König hat noch je genoßen

Ergebnern Dienst von seinem Reich.

Die Geschichte meldet uns zugleich,

Daß in aller Länder Kreiß,

So weit gedrungen war sein Preis,

Kein Fürst geehrter war denn Er.

Dahin war Riwalins Begehr:

Bei Marke wollt er bleiben,

Ein Jahr mit ihm vertreiben

Und üben seine junge Kraft,

Daß er lerne neue Ritterschaft

Und der feinern Sitte Brauch.

Sein edles Herze sagt' ihm auch:

Wer fremder Lande Sitten weiß,

Verbeßert so der eignen Preis

Und erwirbt sich Ruhm und Lob.

Das wars, warum er sich erhob.

Er befahl die Leute wie das Land

In seines Marschalles Hand,

Eines Herr in seinem Reich:

Weil er getreu war ohne Gleich

Hieß er Rual li foitenant.

So hob sich Riwalin zu Hand

Mit zwölf Gesellen über Meer:

Er brauchte zum Geleit nicht mehr;

Mit diesem Volk begnügt' er sich.

Da nun der Zeit so viel verstrich,

Daß er zum Lande Cornwal kam,

Und auf dem Meere schon vernahm,

Daß König Mark, der hehre,

Zu Tintajöle wäre,

Da wandt er seine Fahrt dahin.

Er stieß ans Land: da fand er ihn

Und ward von ganzem Herzen froh.

Sich und die Seinen schmückt' er so,

Daß er Lob erwarb bei Jedermann.

So zog er an den Hof heran.

Da kam mit fürstlichem Prangen

Der Fürst ihn zu empfangen

Und all die Seinen so wie ihn.

Man erwies da Riwalin

So viel Ehre beim Empfang,

Daß es ihm sein Leben lang

Zu keiner Zeit, an keinem Ort

So wohl geboten ward als dort.

Darüber flog ihm hoch der Muth,

Der Hofbrauch deucht ihn schön und gut.

Oft gedacht er auch bei sich:

»Fürwahr, der Himmel selbst hat mich

Zu diesem Volke hergebracht!

Mich hat das Glück gar wohl bedacht.

Was je zu Markes Ruhme mir

Noch ward gesagt, das find ich hier.

Gar höfisch lebt er und gut.«

Da sagt' er Marken seinen Muth,

Und warum er wär gekommen.

Als Marke nun vernommen

Hatte, was er suche hier,

»Willkommen«, sprach er, »Gott und mir!

Leib und Gut und was mein eigen

Soll sich zu euerm Willen neigen.«

Riwalin der war da voll

Des Hofs, der Hof war seiner voll.

Liebgewonnen ward er gleich

Und werthgeschätzt von Arm und Reich,

Daß nie ein Gast geliebter war.

Das verdient' er auch fürwahr:

Der tugendreiche Riwalin,

Der war und wies auch fernerhin

Sich mit Leib und Gute

In geselligem Muthe

Zu ihrer Aller Dienst bereit.

So lebt' er in der Würdigkeit

Und in der rechten Güte,

Die er in sein Gemüthe

Mit neuem Wachsthum täglich nahm,

Bis Markes Hofgelage kam.

Zu diesem Hoffest waren

Beschieden ganze Scharen

Durch Gebot und Bitte.

Auf seine Ladung, das war Sitte,

Kam die Ritterschaft zuhand

Aus dem Königreich zu Engelland

Jedes Jahr zu Einem Mal

Gefahren hin gen Cornewal.

Da sah man auch in ihrer Schar

Viel schöne Frauen süß und klar

Und manch andre Herrlichkeit.

Nun war des Hofgelages Zeit

Verkündet und gesprochen

In die blühnden vier Wochen,

Von des süßen Maien Anbeginn

Bis seine Wonne schwindet hin.

Bei Tintajöl wars auf dem Plan,

Wo die Gäste sich ersahn

In der wonnigsten Au,

Die jemals eines Auges Schau

Erlugt in ihrer Lieblichkeit.

Die sanfte süße Sommerzeit

Hatte die süße Schöpferhand

Mit süßem Fleiß auf sie gewandt.

Die kleinen Waldvögelein,

Die der Ohren Freude sollen sein,

Gras, Blumen, Laub und Blüthenpracht,

Und was die Augen selig macht

Und ein edles Herz erfreuen soll,

Des war die Sommeraue voll.

Man fand da, was man wollte,

Daß der Frühling bringen sollte:

Den Schatten bei der Sonnen,

Die Linde bei dem Bronnen;

Die sanften, linden Winde,

Die Markens Ingesinde

Scherzend entgegen fächelten;

Die lichten Blumen lächelten

Aus dem bethauten Grase.

Des Maien Freund, der grüne Wase,

Der hatt aus Blumen angethan

Ein Sommerkleid so wohlgethan,

Daß sie dem Gast aus Mienen

Und Augen wiederschienen.

Die süße Baumbluth sah den Mann

Mit so süßem Lächeln an,

Daß sich das Herz und all der Muth

Wieder an die lachende Bluth

Mit spielenden Augen machte

Und ihr entgegen lachte.

Das sanfte Vogelgetöne,

Das süße, das schöne,

Das Ohren und Muthe

So lieblich kommt zu Gute,

Scholl aus den Büschen überall.

Die selige Nachtigall,

Das liebe, süße Vögelein,

Das immer selig müße sein,

Das sang aus der Kühle

Mit solchem Hochgefühle,

Daß den edeln Herzen all

Gab Freud und hohen Muth der Schall.

Nun hatte die Gesellschaft sich

In hohen Freuden lustiglich

Gelagert auf den Anger hin;

Ein Jeglicher nach seinem Sinn.

Wie Jedes Laun und Lust bestellt,

Darnach beschafft' er sich ein Zelt:

Die Reichen lagen reichlich,

Die Höfschen unvergleichlich;

Die lagen unter Seide,

Die unterm Schmuck der Haide.

Vielen gab die Linde Schatten;

Andre sich gehüttet hatten

Mit laubgrünen Aesten.

Von Gesinde noch von Gästen

Ward so wonniglich wohl nie

Geherbergt, als sie lagen hie.

Die Hüll und Fülle war bereit

Wes man bedarf zur Lustbarkeit

An Gewand und guter Speise;

Ein Jeder hatte weise

In der Heimat sich bedacht.

Auch ließ mit königlicher Pracht

Sie König Mark versorgen:

Sie genoßen ohne Sorgen

Hier der schönen Frühlingszeit.

So begann die Lustbarkeit,

Und was der schaubegierge Mann

Nur zu schauen Lust gewann,

Das war zu schauen Alles da:

Man sah da was man gerne sah.

Die sahn nach schönen Frauen,

Die giengen Tanzen schauen,

Die sahen Buhurdieren,

Die andern Tiostieren:

Wozu das Herz Verlangen trug,

Das fand sich Alles da genug.

Denn Alle, die da waren

Von freudereifen Jahren,

Die flißen sich im Wechselstreit

Zu Freuden bei der Lustbarkeit.

Und König Mark, der gute,

Der höfsche, hochgemuthe,

Hätt er auch nicht alle Macht

Verwandt auf seines Festes Pracht,

So ließ er doch hier schauen

Ein Wunder aller Frauen,

Seine Schwester Blanscheflur,

Eine Magd, so schön, als nur

Ein Weib auf Erden ward gesehn.

Ihrer Schönheit muste man gestehn,

Sie sehe kein lebendger Mann

Mit inniglichen Augen an,

Der nicht darnach in seinem Sinne

Fraun und Tugend höher minne.

Die selge Augenweide,

Die machte auf der Haide

Fröhlich manches junge Blut,

Manch edles Herze hochgemuth.

Auch sah man auf der Auen

Noch viel so schöne Frauen,

Daß Jede nach der Schönheit Schein

Eine reiche Köngin mochte sein.

Es musten Alle, die sie sahn,

Frischen Muth davon empfahn:

Viel Herzen wurden freudenreich.

Hiemit begann der Buhurd gleich

Von Gesind und Gästen.

Die Kühnsten und die Besten,

Die ritten auf und ab die Bahn;

Der edle Marke stäts voran

Und sein Geselle Riwalin,

Und seiner Ritter viel um ihn,

Die all beflißen waren,

Im Spiel so zu gebahren,

Daß es ihm Ehre brächte

So oft man des gedächte.

Manch Ross im Ueberkleide

Von Tuch und halber Seide

Ersah man auf dem Flecke;

Manche schneeweiße Decke,

Oder gelb, roth, braun, grün oder blau;

Andre trugen sie zur Schau

Aus edler Seide wohlgewirkt,

Andre vielfach ausgezirkt,

Getheilt, gestreift, bordieret,

So oder so verzieret.

In Waffenröcken zeigten sich

Die Ritter, schön und wonniglich,

Geschlitzt als wärs zerhauen.

Auch ließ der Frühling schauen,

Daß er Marken günstig war;

Denn Viele trugen in der Schar

Kränzlein aus der Blumen Pracht,

Die er zur Steuer ihm gebracht.

In solchem wonnevollen Mai

Begann das wonnige Turnei.

Oft wirrte sich das Doppelheer,

Es warf sich hin und warf sich her:

Das trieben sie so lang und viel

Bis dahin sich zog das Spiel,

Wo Blanscheflur die süße,

Die ich ein Wunder grüße,

Mit andern schönen Frauen

Da saß, es anzuschauen,

Wie sie so herrlich ritten,

Mit so kaiserlichen Sitten,

Daß manches Aug es gerne sah.

Doch was von Andern auch geschah,

Doch wars der höfsche Riwalin,

Und so geziemt' es sich für ihn,

Der vor der ganzen Ritterschaft

Das Beste that mit seiner Kraft.

Auch nahmen sein die Frauen wahr,

Und sprachen, daß in all der Schar

Niemand nach Rittersitte

So behend und herrlich ritte.

Sie lobten was man an ihm sah.

»Seht«, sprachen sie, »der Jüngling da,

Das ist ein wonnevoller Mann!

Wie wonnig steht ihm Alles an

Was er begeht, wie er sich hält.

Wie ist sein Leib nach Wunsch bestellt,

Wie fügen sich mit gleichem Scheine

Seine kaiserlichen Beine!

Den Schild, wie trägt er ihn so eben

Wie festgeleimt sieht man ihn schweben.

Wie ziemt der Schaft in seiner Hand!

Wie herrlich sitzt ihm sein Gewand;

Wie steht sein Haupt, wie glänzt sein Haar.

Süß ist sein Gebahren gar,

Voll Seligkeit sein ganzer Leib.

O, wohl ist das ein selig Weib,

Die ihm ihr Glück soll danken.«

Wohl merkte die Gedanken

Blanscheflur die gute:

Sie trug in ihrem Muthe

Wohl vor den Andern allen

An ihm ihr Wohlgefallen.

Sie hatt ihn sich ins Herz geschloßen,

Er war ihr in den Sinn geschoßen:

Er trug auf hohem Throne

Das Scepter und die Krone

In ihres Herzens Königreich,

Ob sie ihr Geheimnis gleich

Vor der Welt so gut verbarg,

Daß des Niemand hatt ein Arg.

Als das Kampfspiel war gethan,

Die Ritter schieden von dem Plan

Und sich ein Jeder kehrte,

Wohin ihn Laune lehrte,

Der Zufall bracht es da so mit,

Daß Riwalin zur Stelle ritt,

Wo Blanscheflur die schöne saß.

Da sprengt' er näher durch das Gras,

Und als er ihr ins Auge sah,

Gar minniglich begann er da:

»Ah! Dê vous sal, la belle!«

»Merzi«, dit la Püzelle,

Und sprach beschämt entgegen:

»Gott, der Heil und Segen

In die Herzen flößt mit voller Flut,

Der flöß euch Heil in Herz und Muth

Und halt euch hochbegnadet,

Meinem Recht unbeschadet,

Das ich an euch fordern kann.« –

»Ach Süße, was verbrach ich dann?«

Fiel höfisch Riwalin ihr ein.

Sie sprach: »An einem Freunde mein,

Dem besten, den ich je gewann,

An dem habt ihr mir Leid gethan.«

Ach Himmel, dacht er da bei sich,

Was will sie sagen? Was hab ich

Begangen wider ihre Huld?

Wes giebt mir die Holde Schuld?

Er wähnte, daß er etwa Wen

Der Ihren, diesen oder den,

Unwißend, ohne Vorbedacht,

Zu Schaden bei dem Spiel gebracht,

Und deshalb ihm die Hehre

Erzürnt und abhold wäre.

Nein, der Freund, nach dem er frug,

Das war ihr Herz, in dem sie trug

Um seinetwillen Ungemach:

Das war der Freund, von dem sie sprach.

Weil er sich des nun nicht versann,

Als ein höfischer Mann

Sprach er inniglich zu ihr:

»Ich will nicht, Schöne, daß ihr mir

Haß und argen Willen tragt:

Ist es so wie ihr mir sagt,

So richtet selber über mich:

Was ihr gebietet, thu ich.«

Die Süße sprach: »Um den Verstoß

Ist noch mein Zorn nicht allzu groß;

Ich lieb euch auch darum nicht sehr:

Versuchen will ich euch vorher,

Wie ihr mir wollt zu Buße stehn

Für das Leid, das mir von euch geschehn.«

Da neigt' er sich und wollt hindann.

Und sie, die Schöne, seufzt' ihn an

Gar insgeheim, indem sie sprach

Aus inniglichem Herzen: »Ach,

Mein lieber Freund, Gott segne dich!«

Da zuerst entspann es sich

Mit Gedanken her und hin.

Von dannen eilte Riwalin

Vor Minnen ohne Sinne;

Zu sinnen trieb ihn Minne

Was Blanscheflur ihm schmolle

Und ihm mit Grolle wolle.

Ihren Gruß, ihr Wort erwog er nun,

Ihr Seufzen, Segnen, all ihr Thun

Ward in Betracht genommen.

Schon hatt er Muth bekommen,

Ihr Seufzen, ihren süßen Segen,

Zu seinen Gunsten auszulegen.

Er glaubt' es wahrlich klar zu sehn,

Sie wären beide geschehn

Aus anders nichts als Minne.

Das entzündet' ihm die Sinne,

Daß sie hinwieder fuhren

Und nahmen Blanschefluren

Und entführten sie sogleich

In Riwalinens Herzensreich

Und krönten festlich sie darin

Ihm zu einer Königin.

Ja, Blanscheflur und Riwalin,

Der König, die süße Königin,

Theilten unter sich gar gleich

Ihrer Herzen zwiefach Königreich!

Das ihre fiel an Riwalin;

Der Blanscheflur ward seins verliehn,

Doch so daß Keines sich versah

Was mit dem andern Theil geschah.

So hatten diese Beiden sich

Zu gleicher Zeit einmüthiglich

Einander in den Sinn genommen.

Da war zu Herzen Herz gekommen:

Sie lag auch ihm im Herzen

Mit den gleichen Schmerzen,

Die sie um seinetwillen trug.

Weil er aber nicht genug

Gewissheit mocht erlangen,

Womit sie war befangen,

Ob mit Haß ob mit Minne,

So musten seine Sinne

Im Meer des Zweifels schwanken.

Ihm schwankten die Gedanken

Bald hinab und bald hinan.

Jetzt fürwahr wollt er hindann,

Dann wollt er plötzlich wieder her;

So hatt er sich zuletzt so sehr

Verstrickt in seinem Sinnen,

Er konnte nicht von hinnen.

Der gedankenvolle Riwalin,

Ein Beispiel ist an ihm verliehn,

Daß der minnende Muth

Gleich dem freien Vogel thut,

Der frei auf manchem Zweig sich wiegt

Und jetzt auf den geleimten fliegt.

Wenn er nun verspürt den Leim,

So flög er gerne wieder heim:

Da klebt er mit den Füßen schon;

Er regt die Schwingen, will davon

Und rührt an keinem Ort das Reis,

Wärs noch so linde, noch so leis,

Der ihm nicht neue Lähmung schafft.

So schlägt er dann aus aller Kraft

Her und hin und hin und her,

Bis er mit seiner Gegenwehr

Sich selbst zuletzt besiegt und fängt

Und fest geleimt am Zweige hängt.

Ganz in derselben Weise thut

Des Jünglings unbezwungner Muth:

So der in Liebessorgen kommt

Und Liebe Wunder an ihm frommt

Durch süßer Schmerzen Kunde,

So will der Schmerzlichwunde

Zu seiner Freiheit wieder:

Doch wieder zieht ihn nieder

Der süße Leim der Minne,

Er verfängt sich so darinne,

Daß er sich mit allem Fleiß

Nicht hin noch her zu helfen weiß.

So war es Riwalin ergangen,

Also hatte sich verfangen

In der Minne Leim sein Sinn

Zu seiner Herzenskönigin.

Ihn brachte die Verwirrung

In wunderliche Irrung,

Da er nicht wuste, ob ihr Muth

Ihm übel wolle oder gut:

Er erkannte weder dieß noch das,

Ihre Minne nicht, noch ihren Haß.

Nicht Trost noch Zweifel hielten Stand;

Er wollte fort, und war gebannt.

So zogen Trost und Zweifel ihn

Ohne Ende her und hin:

Trost sagt' ihm Minne, Zweifel Haß.

Dieser Zwist bewirkte das:

Er konnte mit Vertrauen,

Auf keins von beiden bauen,

Auf Haß noch auf Minne.

So schwebten seine Sinne

In einem unsichern Port.

Trost trieb ihn her und Zweifel fort:

Kein Verlaß war an den zwein,

Sie stimmten niemals überein.

Wenn Zweifel kam und er erfuhr,

Ihn haße seine Blanscheflur,

So wankt' er und beschloß zu gehn;

Sogleich kam Trost und ließ ihn sehn

Ihre Gunst und süßes Minneglück:

Das bracht ihn wieder ihr zurück.

So konnt er sich nicht rühren mehr,

Er wuste weder hin noch her.

Je stärker er entgegen rang,

Je fester ihn die Minne zwang.

Je heftiger er sich entwand,

Je enger schlang die Minn ihr Band.

So trieb es Minne mit ihm lang,

Bis doch der Trost den Sieg errang,

Den Zweifel endlich ganz vertrieb

Und Riwalin gewiss verblieb,

Seine Blanscheflur die minne ihn.

Da war sein Herz und all sein Sinn

Allein auf sie gerichtet

Und aller Streit geschlichtet.

Da nun die süße Minne

Sein Herz und seine Sinne

Ganz unterthänig sich gemacht,

Da hätt er doch sich nicht gedacht,

Daß so viel Leid und Wehe

Aus Herzelieb entstehe.

Als er, was ihm mit Blanscheflur

Geschehen war und widerfuhr,

Von Anbeginn betrachtete,

Genau auf Alles achtete,

Ihre Schläfe, Stirne, Lockenhaar,

Ihren Mund, ihr Kinn, ihr Wangenpaar,

Den freudenreichen Ostertag,

Der lachend ihr im Auge lag,

Da kam die rechte Minne,

Die Befeurerin der Sinne,

Und facht' ihr Sehnsuchtsfeuer an,

Das Feuer, das ihm lodernd brann

Im Herzen, und zur Stunde

Ihm gab gewisse Kunde,

Was für ein schmerzlich Wehe

Aus Liebesleid entstehe.

Denn ihm begann ein neues Leben,

Das Leben war ihm neu gegeben:

Er verwandelte darin

Ganz seine Sitte, seinen Sinn,

Und ward zumal ein andrer Mann

Denn Alles was er jetzt begann

War ein so wunderlich Betragen,

Mit Blindheit schien er oft geschlagen;

Seine angebornen Sinne,

Die waren von der Minne

So verwildert und verstört,

Als hätten sie ihm nicht gehört.

So schwächten ihn die Schmerzen:

Lachen aus vollem Herzen

Wie sein Brauch gewesen war,

Das verlernt' er ganz und gar.

Schweigen und in Sorgen schweben

War hinfort sein bestes Leben;

Denn all sein Sinn, all seine Kraft

Lag in seines Kummers Haft.

Auch verschonte Liebesschmerz

Nicht der jungen Blanschflur liebend Herz:

Sie war auch mit demselben Schaden

Durch ihn, wie er durch sie, beladen.

Die gebieterische Minne

War auch in ihre Sinne

Allzu stürmisch gekommen,

Und hatt ihr mit Gewalt genommen

Schier alle Ruh und ebnes Maß.

Seit die Liebe sie besaß

War gegen sich und vor der Welt

Ihr Betragen ganz entstellt.

Die Freuden, die sie sonst geletzt,

Die Scherze, die sie sonst ergetzt,

Die däuchten sie nun widerlich.

Ihr ganzes Leben fügte sich

Nur allein nach dem Gebot

Ihrer bittersüßen Herzensnoth.

Doch wieviel ihr junger Muth

Von Sehnsucht litt und Liebesglut,

Sie wuste doch nicht was ihr war.

Denn jetzt zuerst ward sie gewahr,

Was für ein schmerzlich Wehe

Aus Herzeleid entstehe.

Oft sprach sie zu sich selber noch:

»O weh, mein Gott, wie leb ich doch!

Wie und was ist mir geschehn?

Hab ich doch manchen Mann gesehn,

Von dem mir nie ein Leid geschah;

Und seit ich diesen Mann ersah,

So wird mein Herz mir nimmermehr

So frei und fröhlich als vorher.

Dieß Sehn, das ich an ihm gethan,

Davon allein hab ich empfahn

Nahegehnden Leids genug.

Mein Herz, das niemals Schmerz ertrug,

Das ist davon versehret;

Es hat mir ganz verkehret

So die Seele wie den Leib.

Soll aber einem jeden Weib,

Die ihn höret oder sieht,

Von ihm geschehn wie mir geschieht,

Und ist das ihm angeboren,

So ist viel Schönheit hier verloren,

Es ist ein unheilvoller Mann.

Wenn er aber zaubern kann,

Und durch seine Zauberlist

Dieß Wunder mir geschehen ist

Und diese wunderliche Noth,

So wär er sehr viel beßer todt,

Und sollt ihn nie ein Weib mehr sehn.

Gott! Wie ist mir von ihm geschehn,

Und geschieht mir stündlich schlimmer!

Gewiss, ich sah doch nimmer

Ihn oder einen andern Mann

Mit feindlichen Augen an,

Und trug auch Niemanden Haß.

Wie denn verschuldet hätt ich das,

Daß mir von Jemand Leid geschähe,

Auf den ich gerne freundlich sähe?

»Was schelt ich doch den guten Mann?

Unschuldig ist er wohl daran,

Was mir für Herzeleid geschah,

Und noch geschieht seit ich ihn sah,

Weiß Gott, es wird daran allein

Das eigne Herz mir schuldig sein.

Viel Andre kamen auch dahin:

Verschuldet Er es, daß mein Sinn

Vor den Andern allen

Auf Ihn allein verfallen?

Denn als so manches edle Weib

Seinen kaiserlichen Leib

Rühmte, und ich überall

Seinen Preis wie einen Ball

Hin und wieder hörte schlagen,

Und so viel zu seinem Lobe sagen,

Und selbst mit Augen an ihm fand

Was man ihm Lobes zugestand,

Und was er Preisliches besaß

In mein Herz zusammenlas,

Das bethörte mir den Sinn:

So fiel mein Herz ihm zum Gewinn.

In Wahrheit, das bestrickte mich;

Der Zauber wars, durch welchen ich

Mein selbst vergaß seit dieser Zeit.

Er selber that mir nichts zu Leid,

Der liebe Mann, um den ich klage,

Um den ich Grund zur Klage trage;

Mein junger, meisterloser Muth,

Der ist es, der mir Leides thut,

Der meinen Schaden will ist Der.

Er will und will nur allzu sehr

Was er nicht wollen sollte,

Wenn er bedenken wollte

Was Ehr und Zucht verlange;

Doch sieht er schon zu lange

Nichts als sein Begehren an

Nach diesem wonnevollen Mann,

Dem er in so kurzer Frist

So ganz anheimgefallen ist.

Und so mir Gott, ich wähne schier,

Erlaubt den Wahn die Ehre mir

Und muß ich mich von Magdthums wegen

Nicht schämen solchen Wahn zu hegen,

So dünkt mich, daß die Herzensklage,

Die ich um ihn im Herzen trage,

Nichts anders ist als Minne.

Ich werd es daran inne,

Daß mich verlangt nach seiner Nähe.

Wie es immer damit stehe,

So fühl ich, daß mein Herz beschleicht

Ein Ding, das Mannesliebe gleicht;

Denn was ich noch all meine Tage

Von verliebter Frauen Klage,

Von Minne je vernommen,

Das ist mir ins Herz gekommen.

Ja, der süße Herzensschmerz,

Der so manches edle Herz

Quält mit süßen Schmerzen,

Der liegt in meinem Herzen.«

Da nun die Höfsche, Gute,

Mit ungeteiltem Muthe

Ihr Herz erschloß zu dem Entschluß,

Wie ein jeder Minner muß,

Daß Riwalin ihr Geselle,

Ihres Herzens Freudenquelle,

Ihr Trost sein müße und ihr Leben,

Sie begann ihm Augentrost zu geben,

Sah ihn, wo sie ihn mochte sehn:

Ließ es die Schicklichkeit geschehn,

So suchte sie mit Blicken

Ihm süßen Trost zu schicken.

Sie ließ oft mit Verlangen

Die Augen an ihm hangen,

Und sah ihn lang und lieblich an.

Als das der minnende Mann,

Ihr Freund, begann zu merken,

Da begann ihn erst zu stärken

Die Minne, die so hold ihm war:

Sein Herz entbrannt ihm nun erst gar,

Und ersah er jetzt sein holdes Glück,

Blickt' er viel süßer noch zurück

Als er sonst sie angesehn,

Ließ es Zeit und Ort geschehn,

War sein Blick, sein Gruß ihr nah.

Als die schöne Magd nun sah,

Daß er sie minne wie sie ihn,

Ihre große Sorge schwand dahin.

Sie hatte stäts gedacht bisher,

Er trage nicht nach ihr Begehr;

Nun sah sie aber wohl, so gut

Und so getreu sei ihr sein Muth

Als je den Freund die Freundin fand;

Das war auch ihm von ihr bekannt.

Dieß schürte ihre Flammen:

Da begannen sie zusammen

Sich zu meinen und zu minnen

Mit Herzen und mit Sinnen;

Sie hatten Kunde wohl empfangen,

Wo Blick' an Freundesblicken hangen,

Das sei dem Minnefeuer

Eine nährende Steuer.

Das Hofgelag war aufgehoben

Und all die Ritterschaft zerstoben,

Da hörte Mark die Märe:

Ein fremder König wäre,

Sein Feind, geritten in sein Land,

Mit so kraftvoller Hand,

Möge man nicht bald ihm wehren,

Werd er das ganze Reich verheeren,

So weit ers überreite.

Alsbald entbot zum Streite

König Mark ein mächtig Heer,

Zog wider ihn mit starker Wehr

Und focht bis er den Sieg gewann,

Und erschlug und fieng so manchen Mann,

Daß Der die Gunst des Himmels pries,

Den er ledig oder leben ließ.

Auch Riwalin, der werthe Held,

Ward von einem Sper gefällt;

In der Seite saß die Wunde.

Die Seinen trugen ihn zur Stunde

Als einen halbtodten Mann

Aus dem Kampfgewühl hindann

Gen Tintajöl mit großem Jammer,

Da lag er todsiech in der Kammer.

Alsbald erscholl die Märe,

Kanelengres der wäre

Todwund und in dem Streit erschlagen.

Da hob sich bald ein kläglich Klagen

So am Hofe wie im Land.

Wem sein Werth nur war bekannt,

Dem war sein Schade herzlich leid.

Sie klagten seine Mannheit,

Seinen schönen Leib und süße Jugend,

Seine hochgelobte Fürstentugend:

Sollten die sobald zergehn

Und ein so frühes Ende sehn.

Der König selber auch, Herr Mark,

Beklagte seinen Freund so stark,

Daß er um keinen andern Mann

So bittern Kummer je gewann.

Ihn weinte manches edle Weib,

Viel Jungfraun klagten seinen Leib;

Jedem, der ihn je gesehn,

War an seinem Leide Leid geschehn.

Doch so groß ihr Erbarmen

Auch war mit dem Armen,

So war es doch alleine

Seine Blanscheflur die reine,

Die höfische, die gute,

Die aus ganzem Muthe

Mit Augen und mit Herzen

Des Herzgeliebten Schmerzen

Weinte mit bitterm Jammer.

In einsamer Kammer,

Wo sie zu klagen Raum gewann,

Da fiel sie sich mit Händen an

Und schlug dahin sich tausendmal,

Wo der Sitz war ihrer Qual:

Der Stelle, wo das Herze lag,

Der gab die Schöne manchen Schlag.

So marterte das süße Weib

Den jungen schönen süßen Leib

In so jämmerlicher Noth:

Sie hätte jeden andern Tod,

Der nicht von Minne war gekommen,

Für ihr Leben gern genommen.

Sie wär auch wohl verdorben

Und in dem Leid erstorben,

Hätte sie nicht den Trost gehabt,

Sich nicht an Einem Wunsch gelabt

Wie es immer möcht ergehn,

So wollte sie ihn wiedersehn,

Und wenn sie ihn nur sähe,

Was ihr darnach geschähe,

Da wollte sie sich drein ergeben.

So fristete sie sich das Leben

Bis sie zu Sinnen wieder kam,

Und ernstlich in Berathung nahm

Wie sie zum Liebsten käme,

Daß sie den Schmerz bezähme.

Darüber kam ihr in den Sinn

Ihre gute Meisterin,

Die sie stäts und allewege

Hielt in treuer Lehr und Pflege

Und ihr immer gab Geleit.

Die zog sie eines Tags beiseit

(Sie waren Beide ganz allein),

Und klagt' ihr all die herbe Pein,

Wie sie allzeit thun und thaten,

Die sich um Liebesnoth berathen.

Ihre Augen überquollen,

Die heißen Thränen rollen

Sah man im vollen Drange

Über die lichte Wange.

Dabei die Hände gefalten,

Flehend empor gehalten:

»Ach meines Leides«, sprach die Maid;

»Ach«, sprach sie, » welch ein Herzeleid!

Ach, herzgeliebte Meisterin,

Nun sei die Treue mein Gewinn,

Die ohne Ende bei dir ist;

Und da du selbst so selig bist,

Daß nur Seligkeit und Heil

Von deinem Rath mir wird zu Theil,

So klag ich dir mein Herzeleid

Bei aller deiner Seligkeit:

Hilfst du mir nicht, so bin ich todt.« –

»Nun Fräulein, was ist eure Noth

Und euer klägliches Klagen?« –

»Ach, Traute, darf ich dir es sagen?« –

»Ja, liebes Fräulein, sagt mirs an.« –

»Mich tödtet dieser todte Mann,

Von Parmenie Riwalin;

Gar zu gerne sah ich ihn,

Wüst ich, wie ichs erwürbe,

Bevor er ganz erstürbe,

Denn leider kann er nicht gedeihn:

Willst du dazu mir Hülfe leihn,

So versag ich nie dir eine Gabe,

So lang ich bin und Leben habe.«

Da sprach bei sich die Meisterin:

Wenn ich ihr gefällig bin,

Welch großer Schaden ist es dann?

Dieser halbtodte Mann

Stirbt morgen oder heute noch:

So hab ich meinem Fräulein doch

Aus Noth geholfen und aus Leid;

Hernach vertraut sie jederzeit

Vor allen andern Frauen mir.

»Lieb Fräulein«, hub sie an zu ihr,

»Euer Kummer ist mir herzlich leid,

Und wenn ich eurer Traurigkeit

Mit meinem Leben steuern kann,

So thu ichs, zweifelt nicht daran.

Ich geh sogleich zu ihm hernieder;

Seh ihn und kehre eilends wieder.

Ich erspäh auch die Gelegenheit,

Da wo er liegt, und Ort und Zeit,

Und erkundge nach den Leuten mich.«

Da gieng sie hin und stellte sich

Als käme sie ihn zu beklagen,

Und sah die Zeit ab, ihm zu sagen,

Ihr Fräulein woll ihn gerne sehn,

Könn es anders geschehn

Mit Fug und in Ehren.

Sie kam mit diesen Mären

Zu ihrem Fräulein von dem Mann.

Sie nahm die Magd und legt' ihr an

Eines armen Bettelweibes Kleid.

Ihres Angesichtes Schönheit

Mit dichten Tüchern sie verband,

Und nahm ihr Fräulein bei der Hand

Und kam zu Riwalinen so.

Der hatte, des Besuches froh,

Die Seinen ausgetrieben

Und war allein geblieben.

Er sprach: »Es ist mein Wille:

Ich brauche Ruh und Stille.«

Zu den Leuten sprach die Meisterin,

Sie brächt ihm eine Ärztin,

Und erwarb, daß man sie zu ihm ließ.

Den Riegel vor die Thür sie stieß:

»Nun« sprach sie, »Fräulein, sehet ihn.«

Und sie, die Schöne, eilte hin,

Und als sie ihm ins Auge sah,

»O weh mir immer!« sprach sie da;

»Weh, daß ich jemals ward geboren!

Meine Hoffnung, wie ist die verloren!«

Da nickt' ihr Riwalin nur kaum:

Die Kräfte ließen ihm nicht Raum

Als einem todsiechen Mann.

Das sah sie aber wenig an

Und verdacht es nicht, nein, liebeblind

Saß zu ihm das schöne Kind

Und legte ihrem Riwalin

Die Wang an seine Wange hin.

Bis ihr da zu gleicher Zeit

Von Freud und auch von Herzeleid

Gar des Leibes Kraft entwich;

Ihr rosenfarbner Mund erblich,

Die lichten Lebensfarben

Erloschen und erstarben,

Die sie geziert bis diesen Tag.

Ihren klaren Augen ward der Tag

Trüb und finster wie die Nacht.

So lag sie in der Ohnmacht

Und ohne Sinne lange,

Ihre Wang an seine Wange

Sanft gelehnt, als wär sie todt.

Als sie darauf aus dieser Noth

Zu Kraft ein wenig wieder kam,

Ihr Lieb sie in die Arme nahm,

Legt' ihren Mund an seinen

Und küsst' in einer kleinen

Weil' ihn hunderttausendmal,

Bis sich aus ihrem Munde stahl

In ihn die Glut der Minne;

Denn Minne war darinne.

So gab ihr Mund ihm Freude kund

Und lieh ihm solche Kraft ihr Mund,

Daß er das kaiserliche Weib

An seinen halbtodten Leib

Nahe zwang und inniglich.

Nicht lange mehr verzog es sich

Bis da Beider Wunsch ergieng

Und das süße Weib empfieng

Von des Mannes Heimlichkeit.

Auch war er von der süßen Maid

Beinah, und von der Minne todt.

Half ihm Gott nicht aus der Noth,

So konnt er nimmermehr gedeihn;

So genas er, denn es sollte sein.

So kam, daß Riwalin genas

Und Blanscheflur die schöne saß

Von ihm beladen und entladen

Mit zwei verschiednen Herzensschaden:

Sie ließ groß Leid wohl bei dem Mann,

Doch trug sie größeres hindann.

Sie ließ sehnliche Herzensnoth

Und trug mit sich hinweg den Tod.

Die Noth ließ sie mit Minnen dort;

Den Tod im Kinde trug sie fort.

Und gleichwohl, wie ihr auch geschah,

In welcher Weise sie sich sah

Von ihm entladen und beladen

So mit Frommen als mit Schaden,

Ihr Herz sah doch nichts andres an

Als die süße Lieb und lieben Mann.

Ihr war das bittre Todeslooß,

Das Kind nicht kund in ihrem Schooß;

Doch Mann und Minne war es wohl.

Sie that wie der Lebendge soll

Und gern der Minnende thut:

Ihr Herz lag, all ihr Wunsch, ihr Muth

An Riwalin alleine.

Hinwieder lag der seine

An ihr und ihrer Minne.

So trugen sie im Sinne

Eine Liebe nur, und Ein Begehr.

So war er sie und sie war er,

Er war für sie und sie für ihn,

Hier Blanscheflur, da Riwalin,

Hier Riwalin, da Blanscheflur,

In Beiden Eine Liebe nur.

Ihr Leben war Ein Leben so,

Sie waren miteinander froh

Und erhöhten ihr Gemüthe

Durch Liebe sich und Güte.

Und konnten sie beisammen sein,

Diese Beiden ganz allein,

So war ihr Glück vollkommen,

Ihnen alles Leid benommen:

Sie hätten nimmermehr ihr Leben

Um alle Reiche hingegeben.

Doch währte das nicht lange:

Kaum war ihr Glück im Gange,

Daß sie am Besten lebten,

In den höchsten Freuden schwebten,

Da empfieng die Kunde Riwalin,

Morgan, sein Feind, woll überziehn

Mit einem starken Heer sein Land.

Auf diese Kunde gleich zur Hand

Ward ihm ein Schiff bereit gemacht,

All sein Geräth darauf gebracht,

Und Alles, Ross und Speise,

Beschafft für seine Reise.

Die minnigliche Blanscheflur,

Als sie die leide Mär erfuhr

Um den herzgeliebten Mann,

Da hub erst recht ihr Kummer an,

So weh geschah der Armen da,

Daß sie nicht hörte mehr noch sah.

Gleich einem todten Weibe

War sie an ihrem Leibe;

Aus ihrem Munde gieng hinfort

Nur noch »O weh!« dieß arme Wort.

Das eine sprach sie noch allein:

»O weh dem Schmerz, o weh der Pein!

O weh nun, Minne, weh nun, Mann!

Ihr zwei, wie fielet ihr mich an

Mit so viel Kummer, so viel Leid.

Minne, du Unseligkeit!

Da an dir so kurze Freude ist

Und du so gar unstäte bist,

Was minnt doch all die Welt an dir!

Ich seh doch wohl, du lohnest ihr

Wie der Ungetreue thut!

Es ist dein Ende nicht so gut

Als du der Welt verheißest,

Die du verlockst und reißest

Nach kurzer Freud in lange Pein.

Dein verlockender Schein,

Die in so falscher Süße schwebt,

Trügt Alles was auf Erden lebt.

Zu wohl an dir erfuhr ich dieß:

Was all mein Glück zu sein verhieß,

Läßt mich nun nichts erlangen

Als Qual und tödtlich Bangen!

Mein Trost fährt hin und läßt mich hier!«

Da so der Jammer sprach aus ihr,

Trat ihr Geselle Riwalin

Mit betrübtem Herzen vor sie hin

Sich den Urlaub zu erbitten.

»Gebietet mir«, sprach er mit Sitten,

»Ich soll und muß zu Lande fahren;

Euch Schöne möge Gott bewahren.

Lebt immer glücklich und gesund.«

Da erblich ihr andernmals der Mund

Und aber fiel sie von der Noth

Vor ihm in Ohnmacht und für todt

In den Schooß der Meisterin.

Ihr Leidgenoße Riwalin,

Da der das große Leid ersah,

Das seinem Herzelieb geschah,

Er entzog sich nicht der Freundespflicht:

Ihres Herzeleides ganz Gewicht

Trug er mit ihr minniglich,

Daß auch ihm die Farb erblich

Und alle Kräfte schwanden.

So in des Jammers Banden

Saß er trauernd zu ihr nieder

Schier verzagend, bis sie wieder

Doch so weit zu Kräften kam,

Daß er sie bei Händen nahm

Und hielt das freudenlose Weib

Zärtlich gefügt an seinen Leib

Und küsst' ihr oft und lange

Augen, Mund und Wange,

Und herzte sie und hielt sie lieb

Bis er die Ohnmacht vertrieb

Und sie allmählich genas

Und ohne Hülfe aufrecht saß.

Als Blanscheflur nun zu sich kam

Und wahr vor sich des Freundes nahm,

Da sah sie ihn mit Jammer an:

»Ach«, sprach sie, » seliger Mann,

Wie ist mir Leid an euch geschehn!

Herr! daß ich euch hab ersehn,

Wie bracht es mich in Schmerz und Klage,

Die ich in meinem Herzen trage

Um eurethalb, durch eure Schuld!

Durft ich es mit eurer Huld

Sagen, Freund, so möchtet ihr

Freundlicher wohl thun an mir.

Herr und Freund, wie mancherlei

Die Schmerzen sei'n, doch sind es drei,

Die tödtlich und unwendbar sind.

Das Eine ist, ich trag ein Kind,

Und nimmermehr genes ich sein,

Mir wolle Gott denn Beistand leihn.

Des andern Leides ist noch mehr:

Mein Bruder und mein Herr, wenn der

An mir ersieht dieß Ungemach

Und seines eignen Namens Schmach,

So wird er mich verderben

Und schmählich laßen sterben.

Am schwersten ist die dritte Noth

Und gar viel bittrer als der Tod.

Ich weiß wohl, könnt es sich begeben,

Daß mich mein Bruder ließe leben

Und nicht darum ersterbte,

Daß er mich doch enterbte

Und nähme Gut und Ehre:

Wohin ich dann mich kehre,

So muß ich arm und unwerth sein.

Dazu muß ich mein Kindelein,

Das den Vater doch am Leben hat,

Erziehen ohne Vaters Rath.

Das Alles wollt ich minder klagen,

Dürft ich die Schmach allein nur tragen,

Daß nicht mein Bruder brauchte,

Mein Geschlecht auch, das erlauchte,

Mit mir zu leiden, und sie mein

Und der Schande ledig dürften sein.

Wenn aber Allen, die nun sind,

Ruchbar wird, ich hab ein Kind

Kebslich erworben, und der Schall

Durch England geht und Cornewal,

Das ist dem wie jenem Lande

Eine öffentliche Schande.

Und wehe mir, wenn das geschieht,

Wo man mich mit den Augen sieht,

Daß der Länder zwei von wegen mein

Beschimpft, bescholten sollten sein;

So wär viel beßer mir der Tod.

Seht«, sprach sie, »Herr, das ist die Noth,

Das ist die stäte Herzensklage,

In der ich alle meine Tage

Ersterbe mit lebendgem Leib.

Herr, helft ihr nicht dem armen Weib

Und fügt es nicht der Himmel so,

Ich werde nimmer wieder froh.«

»Traute Frau«, sprach er zu ihr,

»Da ihr viel Leides habt von mir,

Will ichs euch büßen, wo ich kann,

Und Sorge tragen, daß fortan

Euch Schande nicht und Wehe

Durch meine Schuld entstehe.

Was in Zukunft auch geschehen mag,

Ich hab an euch so lieben Tag

Erlebt, daß es unbillig wär,

Wenn ihr irgendwie Beschwer

Mit meinem Willen solltet tragen.

Frau, ich will euch gänzlich sagen

Mein Herz und allen meinen Muth.

Es gescheh euch übel oder gut,

Lieb oder Leid, des habt Bericht,

Davon geschieden werd ich nicht,

Da will ich immer sein dabei,

Wie kümmerlich es anders sei.

Ich biet euch zweier Dinge Kür,

Die leget euerm Herzen für:

Ich reise oder bleibe hier;

Nun wählet und gebietet mir.

Wollt ihr, daß ich hier bestehe

Und erwarte, wie es euch ergehe,

Das sei. Geruhet ihr jedoch

Mit mir heimzufahren heute noch,

Ich selbst und was ich je gewann,

Das ist euch Alles unterthan.

Ihr erbotet Liebes mir so viel,

Daß ich es euch gedenken will

Mit Leben und mit Gute.

Wie euch nun sei zu Muthe,

Herrin, des bescheidet mich:

Was ihr wollt, das will auch ich.«

»Herr, ich dank euch«, sprach sie froh,

»Ihr sprecht und bietet mir es so,

Daß Gott euch lohnen müße

Und daß ich eure Füße

Immer gern umfaßen soll.

Freund und Herr, ihr wißet wohl,

Meines Bleibens kann hier unlang sein.

Die Angst um mein Kindelein,

Die mag ich leider nicht verhehlen:

Wüst ich mich hinweg zu stehlen,

Das wäre mir der beste Rath,

Da es sich so gewendet hat.

Gebieter, dazu rathet ihr.« –

»Nun Herrin«, sprach er, »folget mir.

Wenn ich zu Schiffe geh die Nacht,

So fügt es also, daß ihr sacht

Und unbemerkt dahin mögt kommen;

Wenn ich Urlaub genommen,

Daß ich euch dann da finde

Bei meinem Ingesinde.

So fügt es, denn so muß es sein.«

Hiemit gieng Riwalin hinein

Zu Mark und sagt' ihm Märe

Was ihm entboten wäre

Von seinem Volk und seinem Land.

Urlaub nahm er zuhand

Von ihm und seinem ganzen Bann.

Die klagten um den werthen Mann,

Daß er nie größre Klage sah

Als die da um ihn geschah.

Viel Segen ward ihm mitgegeben,

Daß ihm Gott doch Ehr und Leben

Beschirme heut und immerdar.

Als nun die Nacht gesunken war

Und er zu seinem Schiffe kam

Und sein Geräth all an sich nahm,

Da fand er seine Herrin dort,

Die schöne Blanscheflur am Ort.

Da fuhr er an das Schiff heran

Und mit dem Schiff alsbald hindann.

Als Riwalin zu Lande kam

Und die große Noth vernahm,

Die Morgan über ihn gebracht

Durch seines Heeres Übermacht,

Alsbald nach seinem Marschall sandte

Riwalin, des Treu er kannte,

An dem sein gröster Trost noch lag,

Der aller seiner Ehren pflag

In seinem Volk und in dem Land:

Das war Rual li foitenant,

Der Ehr und Treue fester Haft,

An Treue niemals wankelhaft;

Der sagt' ihm Alles aus dem Grund,

Wie er es wust und wohl verstund,

Wie bittre Noth erstanden

Dem Volk wär und den Landen;

Doch sprach er: »Da ihr noch beizeit

Zum Trost uns All gekommen seid,

Und Gott euch heimgesendet hat,

So wird des wohl noch Alles Rath,

Wir mögen noch gar wohl gedeihn:

Wir wollen hohes Muthes sein

Und Angst und Sorge fahre hin.«

Inzwischen sagt' ihm Riwalin

Was all ihm Liebes widerfuhr

Mit seiner schönen Blanscheflur:

Des freute sich der treue Mann.

»Ich seh wohl«, sprach er, »Herr, hieran,

Eure Ehre wächst in aller Weis,

Eure Würdigkeit und euer Preis,

Eure Freud und eure Wonne,

Die steigen wie die Sonne.

Ihr könntet auf der Erden

Von keinem Weibe werden

So hohes Namens als mit ihr.

Drum, lieber Herre, folget mir:

Hat sie wohl an euch gethan,

Laßt sie dafür auch Lohn empfahn.

Wenn wir unser Ding beenden

Und diese Noth all von uns wenden,

Die uns so schwer liegt auf dem Rücken,

So richtet, Herr, von freien Stücken

Eine schöne Hochzeit an.

Vor Verwandten und dem ganzen Bann

Empfangt sie öffentlich zur Ehe.

Und noch zuvor, eh das geschehe,

Nehmt in der Kirche sie zur Frauen,

Daß es Lain und Pfaffen schauen,

Wo es Christenbrauch begehrt:

Damit wird euer Heil gemehrt,

Daß euch in allen Dingen

Desto beßer muß gelingen;

Es schafft euch Ehr und Glück ins Haus.«

Nun, das geschah, er führt' es aus

Nach des Freundes Rath vollkommen;

Und als er sie zur Eh genommen,

Befahl er sie der treuen Hand

Des getreuen Foitenant.

Der führte sie gen Kanoel

Auf dasselbe Castel,

Nach dem sein Herr war zubenannt

Kanelengres, wie ich es fand

Im Buch: Kanel nach Kanoel.

Auf demselben Castel

Hatt er auch sein liebes Weib,

Ein Weib, die sich mit Seel und Leib

In weiblichen Treuen

Befliß, die Welt zu freuen.

Der befahl er seine Herrin dort

Und schuf ihr solch Gemach sofort,

Sie mochte da verweilen gern.

Als Rual heim kam zu dem Herrn,

Da beriethen diese Beiden sich,

Wie sie möchten ritterlich

Den Feind bestehn mit starker Hand.

Sie sandten über all ihr Land

Und entboten ihre Ritterschaft,

Und wandten alle Macht und Kraft

Auf nichts als nur auf starke Wehr.

So kamen sie denn mit dem Heer

Geritten wider Morgan.

Der hielt gerüstet auf dem Plan

Und wich nicht haaresbreit vor ihnen:

Er empfieng da Riwalinen

Mit starkem Gefechte;

Hei! wieviel guter Knechte

Man da gefällt, getödtet sah!

Wie wenig schonte man die da!

Wie Mancher kam in große Noth,

Und wie so Mancher lag da todt

Und wund von Jedwedem Heer!

Bei dieser blutigen Wehr

Fiel der klagenswerthe Held,

Den klagen sollte alle Welt,

Wenn Klagen und Grämen

Im Tod zu Statten kämen.

Kanelengres der gute,

Der von ritterlichem Muthe

Und Herrentugend keinen Schritt,

Ja nicht zollbreit wich noch glitt,

Der lag da zum Erbarmen todt.

Jedoch in all dieser Noth

Kamen über ihn die Seinen

Und brachten ihn hinweg mit Weinen:

Sie führten klagend ihn hindann

Und bestatteten ihn als den Mann,

Der nicht minder und nicht mehr

Als ihrer Aller Glück und Ehr

Mit ins Grab hinunter nahm.

Wenn ich nun viel von ihrem Gram

Und ihrem Jammer sagte,

Wie da ein Jeder klagte,

Was sollte das? es ist nicht Noth.

Sie waren Alle mit ihm todt

An Ehren und am Gute

Und gar an dem Muthe,

Der guten Leuten sollte leihn

Freud und friediges Gedeihn.

Es ist geschehn, er ist dahin,

Todt ist der gute Riwalin;

Da gehört nun weiter nichts dazu,

Als daß man Alles mit ihm thu

Was sich schickt für einen todten Mann.

Da Alles nicht verfangen kann,

Man muß sich sein begeben nun,

Mag sein zu pflegen Gott geruhn,

Der edler Herzen nie vergaß.

Wir aber sagen nun fürbaß

Wie es ergieng mit Blanscheflur.

Als die schöne Frau erfuhr

Was ihr geschehen wäre,

Wie ward ihr von der Märe!

Gott, Herr, woll uns davor bewahren,

Daß wir es lebenslang erfahren.

Ich hege Zweifel nicht daran,

Trug ein Weib je um den Mann

Tödtlichen Schmerz im Herzen,

So trug ihr Herz die Schmerzen;

Das füllte tätliches Leid.

Sie gab wohl aller Welt Bescheid,

Ob ihr weh an seinem Tod geschah;

Doch wurden ihre Augen da

In allen diesem Leid nicht naß.

Ja, aber Gott, wie kam denn das,

Daß da nicht ward geweinet?

Ihr ward das Herz ersteinet.

Da war kein Leben inne,

Als die lebendge Minne

Und das Leid nur, das lebendig

Mit ihrem Leben stritt beständig.

Und klagte sie nach Gattenpflicht

Nicht um den Herrn? Das that sie nicht:

Sie verstummte gleich zur Stunde,

Ihr erstarb die Klag im Munde;

Ihre Zung, ihr Mund, ihr Herz, ihr Sinn

War Alles miteinander hin.

Sie klagte nicht ihr Ungemach,

Die Schöne sprach nicht Weh noch Ach,

Sie sank zu Boden und lag

In Krämpfen bis zum vierten Tag.

Erbärmlicher als je ein Weib.

Sie wand in Wehen lang den Leib

Bald so bald so, bald her bald hin

Und trieb das bis die Königin

Den Sohn gebar mit großer Noth;

Seht, der genas und Sie lag todt.

O weh der Augenweide,

Wo man nach leidem Leide

Ersieht an leiderm Leide

Noch leidre Augenweide!

Deren Ehr an Riwalinen lag,

Der er mit großen Ehren pflag

So lange Gott es wollte,

Daß er ihrer pflegen sollte,

Die hatten leider Leid zuviel,

Ein Leid ob alles Leides Ziel,

Da all ihr Trost, all ihre Kraft,

Ihr Kampf und ihre Ritterschaft,

Ihre Würdigkeit und Ehre all

Dahin war mit des Herren Fall.

Doch Er war schönen Tod gestorben;

Sie gar zu jämmerlich verdorben.

Mit wie großem Schaden

Auch Leut und Land beladen

Waren durch den Tod des Herrn,

So kläglich wars doch nicht von fern,

Als da man diese scharfe Noth

Und den erbarmenswerthen Tod

An dem süßen Weibe sah.

Das Ungemach, das ihr geschah,

Beklag ein jeder werthe Mann,

Und wer je von Frauen Heil gewann

Oder künftig will gewinnen,

Der erwäg in seinen Sinnen

Wie es an solchen Dingen

So leichtlich mag misslingen

Der besten Frau, dem besten Mann,

Wie leicht das Glück sie pfänden kann

Am Leben, am Leibe,

Und soll dem reinen Weibe

Gnade wünschen und erflehn,

Daß Gott geruh ihr beizustehn,

Ihr Helfer und ihr Trost zu sein;

So sag ich von dem Kindelein,

Das Mutter hat noch Vater,

Wie Gott war sein Berather.

III. Rual li foitenant.

Wer Trauer stäts und Treue

Dem Freunde trägt aufs Neue,

Dem lebt der Freund aufs Neue;

Das ist die gröste Treue.

Wer stäts dem Freunde Trauer trägt,

Ihm nach dem Tode Treue hegt,

Das ist vor allem Lohne,

Ist aller Treue Krone.

Mit derselben Krone waren

Gekrönt, das hab ich wohl erfahren,

Der Marschall und sein Weib, das gute,

Die gleiche Treu in Einem Muthe

Gott und der Welt bewährten

Und durch ihr Vorbild lehrten

Vor der Welt und Gott zumal,

Daß sie, wie es Gott befahl,

Nach ganzer Treue zielten

Und sie unverbrüchlich hielten

Ohn End und ohne Wende

Bis an ihr Beider Ende.

Und so Wer sollt auf Erden

Für seine Treue werden

König oder Königin,

So verdienten Sie wohl den Gewinn,

Wie ich euch von den Beiden

In Wahrheit mag bescheiden,

Wie Er und Sie sich treu erwies.

Als Blanscheflur ihr Leben ließ

Und Riwalin begraben war,

Das verwaiste Kind, das sie gebar,

Dem giengs nach solchen Ungenaden

Gar wohl: es sollt ihm wenig schaden.

Der Marschall und die Marschallin

Nahmen das kleine Waislein hin

Und hielten es mit Sorgen

Vor aller Welt verborgen.

Sie sagten oder ließen sagen,

Ihre Herrin hätt ein Kind getragen,

Das wäre mit und in ihr todt.

Von dieser dreifachen Noth

Mehrte sich des Landes Klage,

Ihre Klage mehrte noch die Sage:

Sie klagten, daß Riwalin erstarb,

Klagten, daß Blanscheflur verdarb,

Klagten um ihr Kindelein,

Das ihr Trost doch sollte sein,

Daß das erstorben wäre.

Bei dieses Leides Schwere

Gieng ihnen schier der Schrecken

Vor Morgans Drohn, des Kecken,

So nah als ihres Herren Tod.

Denn das ist die gröste Noth,

Die man auf Erden haben mag,

Wenn Einem immer Nacht und Tag

Der Todfeind vor den Augen steht:

Das ist die Noth, die nahe geht,

Das ist ein lebendger Tod.

In dieser lebenden Noth

Ward Blanscheflur zu Grab getragen.

Da mochte Jammer viel und Klagen

Ob ihrem Grab vernommen werden;

Haarzerraufender Geberden

Sah man da viel und allzu viel.

Nun will ich aber ohne Ziel

Eure Ohren nicht beschweren

Mit allzu kläglichen Mären,

Weil es den Ohren missbesagt,

Wo man zu viel von Klage sagt;

Und sagt es Einer noch so gut,

Es steht ihm doch zuletzt nicht gut.

So laßen wir denn langes Klagen

Und fleißen uns dafür zu sagen

Von dem verwaiseten Kind,

Dem die Mären hier gewidmet sind.

Oft kehrt das Glück vom Glücke

Zum Ungemach zurücke

Und wiederum zurücke

Vom Ungemach zum Glücke.

Der wackre Mann soll in der Noth,

Wie schlimm es auch zu gehen droht,

Gedenken, was ihm helfen mag.

So lang ihm scheint des Lebens Tag

Soll er mit den Lebendgen leben

Und sich selbst zum Leben Hoffnung geben:

So that der Marschall Foitenant.

Wie übel seine Sache stand,

Doch bedacht er mitten in der Noth

Des Landes Fall, den eignen Tod.

Als er keine Hülfe schaute,

Sich mit der Wehr nicht traute

Vor seinem Feind zu fristen,

So wehrt' er sich mit Listen.

Er berieth die Ritter allzumal,

Denen einst sein Herr befahl,

Daß sie die Waffen ließen ruhn:

Sie sollten anders nichts mehr thun

Als flehn und sich ergeben:

Sie ergaben Gut und Leben

Nach seinem Rath in Morgans Huld.

Allen Groll um alte Schuld,

Wie groß er zwischen ihnen sei,

Legten sie mit Morgan bei

Und erhielten also Leut und Land.

Der getreue Marschall Foitenant

Fuhr heim zu seinem werthen Weib

Und befahl bei Leben und Leib

Ihr an, sich einzulegen

So wie die Frauen pflegen,

Wenn sie Kindesnoth befällt,

Und alsdann vor aller Welt

Zu behaupten und zu sagen,

Sie habe selbst das Kind getragen,

Die Waise von Riwalin.

Die selige Marschallin,

Die gute, die stäte,

Die reine Floräte,

Die der Frauentugend Spiegel war,

Und der Güte Demant immerdar,

Die ließ sich leicht zu dem bewegen

Was nur geschah der Treue wegen.

Sie stellte Leib und Sinn zur Klage

Wie Eine, die am andern Tage

Schon eines Kindes soll genesen.

Ihr Kämmerlein und all ihr Wesen

Ließ sie in Ordnung bringen

Zu heimlichen Dingen.

Sie wust auch aus Erfahrung wohl,

Wie man dabei sich halten soll:

Dem ahmte sie mit Absicht nach

Und heuchelte groß Ungemach

Am Gemüth und an dem Leibe,

Und that gleich einem Weibe,

Die solcher Noth entgegenblickt

Und Alles weislich beschickt

Was man da zu bedürfen pflegt.

So ward das Kind zu ihr gelegt

Gar heimlich und verstohlen

Und aller Welt verhohlen;

Nur einer Amme wars bekannt.

Bald gieng die Märe durch das Land,

Daß die Marschallin Floräte

Einen Sohn gewonnen hätte.

Es war auch wahr, man log nicht dran,

Daß sie einen Sohn gewann,

Der ihr Sohnestreu erzeigte

Bis sich Beider Leben neigte.

Es trug dieß süße Kind zu ihr

So süße kindliche Begier

Als zu der Mutter soll ein Kind;

Und billig ward sie so geminnt:

Sie hatt auch Ihres Herzens Triebe

Auf Ihn gewandt mit Mutterliebe,

Und hielt daran so treu gesinnt,

Als hätte selber sie dieß Kind

Unter ihrer Brust getragen.

Wie wir die Märe hören sagen,

So hat nie früher noch seither

Ein fremdes Paar so treulich mehr

Erzogen ihres Herren Sohn;

Die Märe selber wird davon

Noch zeugen unverborgen,

Wie väterlicher Sorgen,

Wie mancher Noth sich must um ihn

Der getreue Marschall unterziehn.

Nun die Marschallin zum Schein

Der Noth genesen sollte sein

Und nach den sechs Wochen,

Die den Fraun sind zugesprochen,

Zur Kirche gehen mit dem Sohn,

Von dem ihr mehr vernommen schon,

Da nahm sie selbst ihn auf den Arm

Und trug ihn wohlversorgt und warm

Zu dem Gotteshause hin.

Und als sie dann mit frommem Sinn

Ihr Gottesrecht empfangen

Und zum Opfer war gegangen

Mit schönem Ingesinde,

Da war dem kleinen Kinde

Die heilge Taufe bereit,

Damit es seine Christenheit

In Gottes Namen empfienge

Und, wie es ihm hernach ergienge,

Sein Christenrecht doch hätte.

Da nun an heilger Stätte

Der Priester stand und Alles auch

Bereit war, was beim Taufen Brauch,

Da fragt' er, wie das Kindelein

Denn geheißen sollte sein.

Da gieng die Marschallin hindann

Und sprach geheim mit ihrem Mann

Und fragt ihn, wie er wollte,

Daß man es nennen sollte.

Da schwieg der Marschall lange

Und sann und war ihm bange,

Ob er den Namen finde,

Der ziemend wär dem Kinde.

Dabei erwog er her und hin

Des Kindes Looß von Anbeginn

Und wie's mit ihm gekommen war;

Er hatt es ja vernommen gar.

»Seht«, sprach er, »Frau, wie ichs vernahm

Von seinem Vater, daß es kam

Mit ihm und seiner Blanscheflur,

Wie Trauriges ihm widerfuhr

Bis sein Will und Wunsch ergieng,

Wie sie dieß Kind mit Traur empfieng

Und es mit Trauer gewann,

So heißen wir es Tristan.«

Denn Triste zielt auf Traurigkeit,

Und von der beiden Eltern Leid

Ward Tristan dieses Kind genannt,

Tristan getauft von Priesterhand.

Sein Name war von Trist Tristan;

Mit Recht gehört' ihm der auch an,

Ziemt' ihm in aller Weise

Wie euch die Mär erweise.

Seht wie traurig es war,

Da ihn die Mutter gebar;

Seht wie früh die Welt ihm Noth,

Des jungen Rückens Bürde, bot;

Seht, welch ein trauriges Leben

Ihm zu leben ward gegeben;

Seht an den traurigen Tod,

Der alle seine Herzensnoth

Mit einem Ende beschloß,

Der alles Todes Übergenoß

Und aller Trauer Galle war.

Wer jemals diese Märe gar

Vernimmt, erkennt wohl, daß dem Leben

Der Nam entsprechend ward gegeben:

Er war, so wie er hieß, ein Mann,

Und hieß recht wie er war, Tristan.

Wer aber gerne hätt erkannt,

Aus welchem Grunde Foitenant

Verbreiten ließ die Märe,

Seines Herren Kindlein wäre

Von der Geburtsstunde Noth

Mit seiner todten Mutter todt,

Dem geben wir den Grund wohl an:

Es ward aus Treue gethan.

Wegen Morgan that es der Getreue,

Vor seinem Haße trug er Scheue.

Er sorgte, wüst er um das Kind,

So würd er es mit List geschwind

Oder mit Gewalt verderben

Und das Land berauben seines Erben.

Deshalb nahm der treue Mann

Zum Kinde sich das Waislein an

Und erzogs zu seinem Sohne,

Wofür die Welt zum Lohne

Ihm Gottes Gnade wünschen soll:

Das verdient' er an der Waise wohl.

Als das Kind nun war getauft,

Nach Christenbrauch dem Heil erkauft,

Da nahm ihr liebes Kindlein hin

Die tugendreiche Marschallin

In ihre heimliche Pflege:

Sie wollt es alle Wege

Selbst hüten und besorgen

Den Abend wie den Morgen.

Mit so süßem Fleiße Tag und Nacht

Hielt die süße Mutter ihn bewacht,

Daß sie ihm auch nicht gönnte,

Daß er nur unsanft könnte

Den Fuß zu Boden schieben.

Als sie das mit ihm getrieben

Bis sein siebtes Jahr war voll,

Daß er Geberd und Rede wohl

Verstehen konnt und auch verstand,

Da kam der Marschall allzuhand

Und befahl ihn einem weisen Mann.

Mit diesem sandt er ihn hindann

In fremdes Land der Sprache wegen;

Da sollt er sich aufs Lernen legen,

Das Lesen und das Schreiben

Bei ihm mit Fleiß betreiben

Vor jedem andern Unterricht.

Das war der erste Verzicht,

Den er auf seine Freiheit that,

Nun er in den Bannkreiß trat

Anerzwungner Sorgen,

Die ihm zuvor verborgen

Und noch erlaßen waren.

In seines Aufblühns Jahren,

Da sein Glück erst sollt erstehn,

Der Freud er sollt entgegengehn,

In seines Lebens Beginn,

Da war sein bestes Leben hin.

Als er freudig zu erblühn begann,

Da fiel der Sorge Reif ihn an,

Der mancher Jugend Schaden thut

Und sengt' ihm seiner Freuden Bluth.

Da seine Freiheit begann

War seine Freiheit hindann.

Die Bücherweisheit und ihr Zwang

War seiner Sorgen Anfang,

Und doch, als er damit begann,

Kehrt' er seinen Sinn daran

Und sein Befleißen also sehr,

Daß er in den Büchern mehr

Erlernet hatt in kurzer Frist

Als je ein Kind, von dem ihr wißt.

Zwischen beiden Lernungen,

In den Büchern der und der der Zungen,

Verwandt er seiner Zeit noch viel

Auf jede Art von Saitenspiel.

Daran kehrt' er spät und früh

Seine Emsigkeit und Müh,

Bis er es herrlich konnte.

Zu lernen begonnte

Er heute dieß und morgen das,

Und konnt ers wohl, noch lernt' ers baß.

Ferner lernt' er nebenher

Mit dem Schild und mit dem Sper

Wohl und behende reiten,

Das Ross zu beiden Seiten

Geschickt mit Sporen rühren,

Es stolz im Sprunge führen,

Loisieren und Turnieren,

Mit den Schenkeln sambelieren

Nach Gebrauch im Ritterspiel;

So tummelt' er sich oft und viel.

Wohl schirmen, wacker ringen,

Schnell laufen, tüchtig springen,

Dazu schießen den Schaft,

Darin versucht' er oft die Kraft.

Wir hören wohl auch von ihm sagen,

Es lernte birschen und jagen

Nie ein Mann so wohl als er,

Es wäre dieser oder der.

Die man bei Hofe spielen soll,

Die Spiele konnt er alle wohl.

Er war auch so am Leibe

Beschaffen, daß vom Weibe

Nie ein schönrer Jüngling ward geboren.

An ihm war Alles auserkoren,

So der Muth wie die Geberden;

Doch leider soll durchflochten werden,

Wie ich es las, dieß Heil mit Schaden:

Er war mit Kummer stäts beladen.

Nun er zu vierzehn Jahren kam,

Der Marschall ihn nach Hause nahm

Und hieß ihn alle Zeiten

Fahren und reiten,

Zu erforschen Leut und Land

Bis er gründlich erkannt

Des Landes Sitten habe.

Das that der werthe Knabe

So löblich und behende,

Daß man nicht Höfschern fände

Wohl in dem ganzen Reiche,

Noch der sich vergleiche

Diesem Knaben Tristan.

So sah die ganze Welt ihn an

Mit Freundes Aug und holdem Muth,

Wie man billig ihm thut,

Der seinen Sinn auf Sitte stellt

Und stäts Unsitte ferne hält.

IV. Das Schachzabelspiel.

Um diese Zeit von Ohngefähr

Begab es sich, daß über Meer

Ein Schiff mit Kaufmannswaaren

Von Norweg gefahren

In das Land Parmenien kam,

Wo es seine Ladung nahm.

Das legte sich zu Kanoel

Vor das selbe Castel,

Wo der Marschall Rual

Seine Wohnung hatte dazumal

Mit seinem Junker Tristan.

Als diese Kaufleute dann

Die Buden hatten aufgeschlagen,

Da hörte man bei Hofe sagen

Was da zu kaufen wäre.

Auch vor Tristan kam die Märe,

Und nicht zu seinem Heile,

Da wären Falken feile

Und sonst manch schönes Federspiel.

Des Rühmens ward davon so viel,

Daß von des Marschalls Kindern zwei

(Denn Kinder sind da flugs dabei)

Einig wurden unverwandt,

Daß sie Tristanden an die Hand,

Den vermeinten Bruder, nahmen,

Und vor den Vater kamen

Und baten, daß er ihnen,

Tristan damit zu dienen,

Dieser Falken kaufen hieße.

Der edle Rual ließe

Sich so nicht leicht vergeblich flehn:

Es muste Alles vor sich gehn

Was seinem Tristan gefiel.

Denn ihn hielt er werther viel,

Und bot es beßer dem Einen

Als irgend Wem der Kleinen

Vom Land und vom Gesinde;

Auch keinem leiblichen Kinde

Zeigt' er sich so zugethan.

Der Welt erwies er wohl daran,

Wie vollkommner Treu er pflag,

Wie viel Ehr und Tugend in ihm lag.

Da stand er auf und nahm zuhand

Seinen Sohn Tristanden an die Hand

Nach gutem väterlichen Brauch.

Seine andern Söhne folgten auch

Und des Hofgesindes viel,

Seis im Ernste, seis zum Spiel.

Sie giengen mit an den Strand,

Und woran man da Gefallen fand,

Wozu Wer Wunsch und Willen trug,

Des fand er da zu Kauf genug.

Kleinode, Seide, gut Gewand,

Das war in Fülle da zur Hand;

Auch gab es schönes Federspiel,

Aus fremden Landen Falken viel,

Sperber und Schmierlein,

Habichte groß und klein,

Und auch mit rothen Schwingen,

Von allen diesen Dingen

War der Markt überreich.

Tristanden hieß man kaufen gleich

Habichte und Schmierlein.

Seinen Brüdern (die es sollten sein)

Kauft' er auch um seinetwillen,

Ließ allen drein die Wünsche stillen,

Wohin sie immer zielten.

Als sie nun so erhielten

Alles was sie wollten

Und nun nach Hause sollten,

Von Ohngefähr geschah es da,

Daß Tristan in dem Schiffe sah

Ein Schachzabel hangen,

Am Bret und an den Spangen

Gar schön und wohl gezieret,

Nach allem Wunsch formieret.

Dabei hieng das Gesteine,

In edelm Helfenbeine

Ausergraben meisterlich.

Tristan sahs und freute sich

Gar sehr, der Knabe tugendreich.

»Ei, edle Kaufherrn«, sprach er gleich,

»So Gott euch helfe, könnet ihr

Schachzabelspiel? Das saget mir.«

Und sprachs in ihren Zungen.

Sie sahen sich den Jungen

Aufmerksamer an darnach,

Als er in ihrer Sprache sprach,

Die Wenge sprechen konnten.

Auf seinen Wuchs begonnten

Sie zu sehn und seine Gaben;

Da däuchte sein Gehaben

Sie so schön und wohlgethan

Wie sie noch keinen Jüngling sahn.

Ja, sprach der Eine, ihrer viel

Sind unter uns, die Dieses Spiel

Wohl können; wollt ihr die Beweise,

Die stehn zu Dienst auf alle Weise:

Kommt her, ich will euch selbst bestehn.

Tristan sprach: Das soll geschehn.

Da setzten sie sich hin zum Spiel.

Der Marschall sprach: »Tristan, ich will

Nach Hause, mein Geschäft betreiben;

Willst du, so magst du hier verbleiben.

Meine andern Söhne gehn mit mir;

Dazu ist auch dein Meister hier:

Der hüte dein an diesem Ort.«

So gieng der Marschall wieder fort

Mit allem dem Gesinde;

Bei Tristan blieb, dem Kinde,

Sein Meister, der sein immer pflag,

Von dem ich euch wohl melden mag,

Wie uns die Mären sagen,

Daß an höfischem Betragen,

An Geschlecht und Herzensadel

Nie ein Knappe war so ohne Tadel;

Er ward der Kurvenal genannt.

Ihm war viel höfsche Zucht bekannt,

So daß er den wohl mocht in Ehren

Erziehen, der von seinen Lehren

Noch viel tugendliche Zucht gewinnt.

Dieses tugendliche Kind,

Der wohlgezogne Tristan,

Saß und spielte für sich an

So schön, so klug und so fein,

Daß die Fremden insgemein

Die Augen auf ihn wandten

Und sich insgeheim bekannten,

Daß sie nie so jungen Jahren

Noch sahn so große Zucht sich paaren.

Wie ihnen aber auch sein Spiel

Und sein Benehmen all gefiel,

Das war doch wider dieß ein Wind:

Das nahm sie Wunder, daß ein Kind

So viel der Sprachen hatt errungen:

Denn es floß ihm von der Zungen

Wie sie es nie vernommen,

So weit sie noch gekommen.

Wie er höfisch war am Hof erzogen,

Um keine Höflichkeit betrogen,

Ließ er viel fremde Zabelworte

Einfließen stäts am rechten Orte:

Die sprach er wohl, der wust er viel

Und zierte gern damit sein Spiel.

Er sang auch wohl zu preisen

Chansons und schöne Weisen,

Refräns und Stampenîeen.

Mit solchen Curtoisîeen

Trieb er es so lange fort

Bis die Handelsleute dort

Zu Rathe wurden unter sich,

Könnten sie durch einen Schlich

Ihn behalten und von hinnen bringen,

Sie möchten Ehr an ihm erringen,

Dazu auch hohen Gewinn.

Das zogen sie nicht lange hin:

Sie geboten ihren Rudrern gleich

Ihnen Hand zu leisten zu dem Streich,

Und lösten selbst den Anker schon,

Daß nichts zur Sprache kam davon.

Das Schiff stieß ab und fuhr hindann

So leise, daß es Tristan

Und Kurvenal nicht ward gewahr

Bis sie es hatten von dem Fahr

Eine ganze Meile weit gebracht:

Die waren auf ihr Spiel bedacht,

Auf ihr Schachzabel, alsosehr,

Daß sie an nichts andres mehr

Hatten als ans Spiel gedacht.

Als das Spiel nun war vollbracht

So daß es Tristan gewann,

Und der sich umzusehn begann,

Da sah er wohl, woran sie waren.

So leidig saht ihr nie gebahren

Ein Mutterkind mit Jammermienen.

Aufsprang er und stand unter ihnen:

»Ach edle Kaufherrn«, rief er aus,

»Wo wollt ihr nur mit mir hinaus?

Wohin denn, saget, bringt ihr mich?« –

»Seht, Freund«, sprach Einer säuberlich,

»Nichts kann euch mehr davor bewahren,

Ihr müßt mit uns von hinnen fahren.

Drum bleibet still und wohlgemuth.«

Da hub Tristan, das arme Blut,

So jämmerlich zu klagen an,

Daß Kurvenal sein Freund begann

Zu weinen mit dem Knaben

Und sich also zu gehaben,

Daß all das Kielgesinde

Von ihm und von dem Kinde

Unmuth und Kummer gewann.

Sie setzten Kurvenalen dann

In ein kleines Schifflein,

Und legten zu ihm darein

Ein Ruder und ein kleines Brot

Zu der Fahrt und für des Hungers Noth,

Und sagten ihm, er solle

Fahren, wohin er wolle;

»Doch Tristan der muß mit uns fort.«

Sie fuhren hin mit diesem Wort

Und ließen ihn da schwebend,

In manchen Sorgen bebend.

Der Meister schwebte auf der See;

In mancher Weise war ihm weh:

Weh um das Ungemach, das da

Seinem Tristan geschah;

Weh auch um die eigne Noth.

Denn er fürchtete den Tod,

Weil er nicht konnte schiffen:

Er hatt es nie begriffen.

Da klagte laut der arme Mann:

»Ach, lieber Gott, was fang ich an!

In solche Sorge kam ich nie.

Nun bin ich ohne Leute hie

Und versteh auch selber nicht zu fahren.

Du sollst mich, Gott und Herr, bewahren

Und mein Gefährte sein von hinnen.

Was ich nie begann, beginnen

Will ich auf die Gnade dein:

Wolle mein Geleiter sein!«

Hiemit das Ruder griff er an

Und fuhr auf Gottes Trost hindann

Und kam in kurzer Stunde

Der Gotteshülf im Bunde

Nach Haus und sagte Märe

Wie es ergangen wäre.

Der Marschall und sein selig Weib

Wandten wider ihren Leib

So jämmerlicher Klage Noth,

Läg er vor ihren Augen todt,

Ihnen könnte diese Pein

Näher nicht gegangen sein.

So giengen sie Beide

Im gemeinsamen Leide,

Und all ihr Ingesinde,

Nach dem verlornen Kinde

Weinen an des Meers Gestad.

Manche Zunge da mit Treue bat,

Daß Gott dem Kinde gnädig sei.

Der Klage ward da mancherlei,

Bald so bald so, die man vernahm

Und als es an den Abend kam,

Da sie von dannen schieden,

Die Klage, erst verschieden,

Die klang da gar einhellig:

Sie klagten nun gesellig,

Sie riefen hier und riefen dort

Nichts anders als das eine Wort:

»Bêas Tristan, curtois Tristant,

Ton Cors, ta vie a Dê comant!«

»Dein schöner Leib, dein süßes Leben

Sei Gottes Hut anheim gegeben!«

Die Norweger führten ihn

Inzwischen immer mit sich hin,

Und gieng es nur wie sie gedacht,

Sie hättens wohl an ihm vollbracht

Nach ihrem Willen und Begehr.

Doch anders schuf es Alles Der,

Der alle Dinge schlichtet,

Schlichtend zurechte richtet,

Dem alle Dinge, Meer und Wind,

In Furchten unterthänig sind.

Wie Der es wollte, ders gebot,

Erhob sich solche große Noth

Von Sturmwetter aus dem Meer,

Daß sie sich Alle selbst nicht mehr

Hülflich wusten beizustehn:

Sie ließen halt ihr Schifflein gehn

Wohin es wilde Winde trieben.

Ihnen selber war kein Trost geblieben,

Für Leib und für Leben:

Sie hatten sich begeben

Aller Hülf, als jener armen Steuer,

Die da heißet Abenteuer.

Den Zufall ließen sie es lenken,

Ob sie entgiengen ob ertränken;

Denn ihres Treibens war nicht mehr,

Als daß sie mit dem wilden Meer

Jetzt in den Himmel stiegen,

Um gleich hinab zu fliegen

In den tiefsten Schlund der Höllen.

So trieben sie die Wellen

Bald auf und bald nieder,

Bald hin und bald herwieder.

Bei so heftigem Schwanken

Des Schiffs war kein Gedanken,

Auf seinen Füßen zu stehn.

So must es ihnen ergehn

Wohl der Tag und Nächte acht.

Sie hätten schier des Leibes Macht

Und den Sinn verloren gar.

Einer sprach da von der Schar:

»Ihr Herren alle, Gott weiß,

Mich dünket, es sei Sein Geheiß,

Wie wir in Aengsten leben

Und kaum noch lebend schweben

Über Abgründen:

Das kommt von den Sünden

Und den Untreuen her,

Daß wir Tristan auf das Meer

Von seinen Freunden lockten.«

Ja, sprachen die Verstockten,

Sieh, so ist es, das ist wahr.

Alsbald berieth sich die Schar,

So sie eine Stille finden

An Waßer möchten und Winden,

Und zu Gestade stießen,

Daß sie dann gern ihn ließen

Gehn, wohin er möchte gehn.

Und siehe, kaum war das geschehn,

Daß dieß ihr aller Wille ward,

Da sah man ihre schlimme Fahrt

Gesänftet gleich zur Stelle.

Es ließen Wind und Welle

Von ihrer ungestümen Wuth:

Still senkte sich die Meeresflut,

Licht schien die Sonne wie vorher.

Da bedachten sie sich auch nicht mehr,

Denn in den sieben Tagen

Hatte sie der Wind geschlagen

Gen Cornewal, dem Lande.

Sie waren seinem Strande

Nun mit Einem Mal so nah,

Daß man das Gestade sah.

Sie eilten sich zu landen

Und setzten Tristanden

An das Land in einem Boot,

Und gaben ihm darein ein Brot

Und andrer Speise noch ein Theil,

Und sprachen: »Gebe Gott dir Heil

Und wolle deines Lebens pflegen.«

Sie boten all ihm ihren Segen

Und wandten sich alsbald hindann.

Nun wie gehabte sich Tristan?

Unser armer Tristan? Ja,

Das arme Kind saß weinend da,

Denn Kinder haben anders keinen

Trost in ihrem Leid als Weinen.

Trostlos im Elende

Hob es seine Hände

Zu Gott empor gefaltet:

»Gott, der im Himmel waltet,

Da du so reich an Gnaden bist

Und deine Güt ohn Ende ist,

Viel süßer Gott, so bitt ich dich,

Daß du noch Gnade gegen mich

Gütig begehst, nachdem dein Rath

Dieß über mich verhänget hat,

Daß ich so weit verschlagen bin.

Nun weise mich doch noch dahin,

Wo ich bei Leuten möge sein.

Weit schau ich in die Welt hinein

Und seh kein Leben rings umher:

Die große Wildniss schreckt mich sehr.

Wohin mein Blick sich wende,

Da hat die Welt ein Ende;

Wohin ich ihn kehre,

Da seh ich in das Leere,

In ein öd Gefilde,

In Wüste und Wilde,

Auf wüste Felsen, wilde See.

Diese Furcht thut mir so weh;

Am allermeisten sorg ich,

Die wilden Thiere freßen mich,

Wohin ich immer gehen mag.

Auch erseh ich, daß der Tag

Dem Abend entgegen eile.

Wenn ich also länger weile,

Daß ich nicht hinnen gehe,

Daran geschieht mir wehe:

Denn eil ich nicht von hinnen bald,

Und benacht ich in dem Wald,

So ists um mich geschehen.

Nun seh ich bei mir stehen

Viel hoher Berg und Felsen hier:

Von denen will ich einen mir

Erklimmen, so ich kann und mag,

So lange mir noch scheint der Tag,

Ob nicht ein Gebäude da

Stehe fern oder nah,

Wo ich Leute finde

Als deren Ingesinde

Ich möge leben und gedeihn

Wie es immer möge sein.«

So stand er auf und gieng hindann.

Rock und Mantel hatt er an

Von edelm Pfellel, der war

Von Gewürke wunderbar:

Es hatte Sarazenenhand

Mit seinen Börtlein dieß Gewand

Zu aller Augen Preise

Nach heidnischer Weise

Gar künstlich durchwoben;

Auch war der Schnitt zu loben

Und so sehr nach seinem schönen Leib,

Daß wohl niemals Mann noch Weib

Schönre Kleider mochten schneiden,

Die so ziemten wie die beiden.

Auch meldet uns die Märe,

Dasselbe Pfellel wäre

Grüner als das Maiengras,

Und was als Futter drunter saß,

Das war ein weißer Hermelin,

Der alle Weiße überschien.

Also macht' er sich bereit

Weinend und voll Traurigkeit

Zu seiner mühsamen Fahrt.

Da ihm die Fahrt nicht ward erspart,

Den Rock da zog er zu dem Lauf

Ein wenig unterm Gürtel aus;

Den Mantel aber schlug er ein

Und legt' ihn auf sein Achselbein,

Und stieg so gen der Wilde

Durch Wald und durch Gefilde.

Er hatte weder Weg noch Pfad

Als den er selber erst sich trat:

Die Füße bahnten ihm den Weg,

Die Hände legten ihm den Steg;

Er ritt die eignen Arm und Beine

Über Stock und über Steine,

Bis er den Berg hinan geklommen

Auf eine Höhe war gekommen.

Da kam ihm von Ohngefähr

Ein wilder Waldsteig in die Quer,

Mit Gras bewachsen und schmal:

Den gieng er jenseits zu Thal.

Er trug ihn in die Richte hin;

In kurzer Weile bracht er ihn

Auf eine schöne Straße,

Breit in guter Maße

Und viel befahren auf und ab.

Da setzte sich der gute Knab

Zu ruhen weinend nieder.

Da trug sein Herz ihn wieder

Zu den Freunden und dem Land,

Wo ihm ein Jeder war bekannt.

Da fiel ihn großer Jammer an;

Zu jammern hub er wieder an

Und klagte Gott sein Ungemach.

Herzinnig blickt' er auf und sprach:

»Gott, mein Herr und Rather,

Meine Mutter und mein Vater,

Wie verloren sie mich nun!

Weh, was ließ ich nicht beruhn

Mein leidiges Schachzabelspiel,

Das ich immer haßen will!

Sperber, Falken, Schmierlein,

Die laße Gott unselig sein:

Sie raubten meinem Vater mich.

Um ihretwillen schied ich

Von Freunden und Verwandten.

Alle die mich kannten,

Mir gönnten Lieb und Gutes,

Die sind nun trübes Muthes

Und haben Angst und Noth um mich.

Ach süße Mutter, wie du dich

Mit Klage quälst, ich weiß es wohl.

Dein Herz ist, Vater, Leides voll:

Ich weiß wohl, daß ihr Beide

Überladen seid mit Leide.

Und Gott im Himmel! wüst ich doch,

Daß ihr wüstet, daß ich noch

Gesund bin und das Leben habe:

Eine große Gottesgabe

Wär das euch, darnach auch mir.

Denn fürwahr, ich weiß, daß ihr

Kaum oder nie mehr werdet froh,

Es füg es denn der Himmel so,

Daß ihr erfahrt, ich sei geborgen.

Tröster du in allen Sorgen,

Gott im Himmel, füge das.«

Derweil der Knabe also saß

Klagend wie ich kund gethan,

Sah er von fern zu sich heran

Zwei alte Waller kommen,

In Gottseligkeit der Frommen

Betagt schon beid' und hochbejahrt,

Dazu bebartet und behaart

Wie meist die Waller sind, die wahren

Kinder Gottes, wenn sie fahren.

Diese Wallenden beide

Trugen zum Kleide

Leinmäntel an und solch Gewand,

Wie es ziemt dem Wallerstand.

Mit Meermuscheln man es sah

Besetzt von außen hier und da;

Und fremder Zeichen sonst genug.

Ihrer Jedweder trug

Den Pilgerstab an der Hand;

Ihre Hüt und all ihr Beingewand

Ganz nach der Waller Rechte.

Dieselben Gottesknechte

Trugen an den Schenkeln

Leinhosen, ob den Enkeln

Eine Handbreit wohl zu klein,

Doch straff gebunden an das Bein;

Füß und Enkel waren bloß

Für den Tritt und für den Stoß.

Sie trugen auf den Schultern auch

Nach des Büßerlebens Brauch

Den frommen Schmuck der Palmen.

Ihr Gebet und ihre Psalmen

Und was sie konnten Gutes

Lasen sie selgen Muthes.

Tristan, als er sie kommen sah,

Zu sich selber ängstlich sprach er da:

»Du mein gnädger Herr und Gott,

Wie werd ich jetzo gar zu Spott!

Die beiden Männer, die da gehn,

Wenn sie mich hier sitzen sehn,

Sie mögen mich wohl fahen.«

Doch als sie ihm zu nahen

Begannen, daß ihr Pilgerstab

Und Kleid sie zu erkennen gab,

Da verstand er wohl ihr geistlich Leben

Und begann den Muth emporzuheben.

Sein Gemüthe ward ein wenig froh;

Aus vollem Herzen sprach er so:

»Dank dir, gnädger Herre mein;

Dieß mögen gute Leute sein.

Ich darf nicht Angst vor ihnen haben.«

Alsbald geschah es, daß den Knaben

Die Zwei vor ihnen sitzen sahn.

Wie höfisch er bei ihrem Nahn

Vor ihnen auf vom Sitze sprang

Und die schönen Hände vor sich zwang

Alsbald begannen ihn die Zween

Aufmerksamer anzusehn,

Und wurden seiner Zucht gewahr.

Freundlich trat heran das Paar

Und begann ihn mit dem süßen

Gruße zu begrüßen:

»Dê vous sal, bêas amis!«

»Viel lieber Freund«, bedeutet dieß,

»Gott möge dich erhalten.« –

»Ei«, sprach er, »Dê benîe

Si sainte Compagnîe.«

»So heilige Gesellschaft

Segne Gott mit seiner Kraft.«

Da sprachen ihm die Beiden zu:

»Liebes Kind, woher bist du,

Oder was hat dich hierher gebracht?«

Tristan war gar wohl bedacht

Und gewandt genug in jungen Tagen;

Er begann sein Märchen vorzutragen:

»Ihr frommen Herren«, sprach er gleich,

»Ich bin daheim in diesem Reich

Und sollte reiten heute,

Ich und andre Leute,

Zur Jagd in diesem Walde da.

Da entritt ich, wie es nun geschah,

Den Hunden und dem Jagdgesind.

Die der Waldsteige kundig sind,

Die ritten beßer als ich,

Denn ohne Steig verritt ich mich

Bis ich ganz verirret war.

Da nahm ich eines Holzwegs wahr,

Der brachte mich an einen Graben:

Da ließ mein Pferd sich nicht enthaben,

Es wollte immer weiter

Bis endlich Ross und Reiter

Fiel auf Einen Haufen nieder.

Nun konnt ich so geschwind nicht wieder

In meines Rosses Bügel,

Es entriß mir Zaum und Zügel

Und lief in den Wald vor mir.

So kam ich an dieß Pfädchen hier;

Das hat mich hergetragen.

Nun kann ich Niemand sagen,

Wo ich bin, wohin ich soll.

Nun, gute Leute, thut so wohl

Und sagt mir an, wo wollt ihr hin?« –

»Freund«, sprachen sie da wider ihn,

»Ist es der Wille Gott des Herrn,

So wären wir noch heute gern

Zu Tintajöl in der Stadt.«

Da hub er gütlich an und bat,

Daß sie ihn ließen mit sich gehn.

»Lieber Freund, das soll geschehn«,

Sprachen die Waller zu dem Kind,

»Willst du dahin, so komm geschwind.«

Da gieng mit ihnen Tristan.

Unterweges entspann

Sich der Rede mancherlei.

Wie jung der höfsche Tristan sei,

Mit Reden war er doch so schlau,

Daß er auf jedes Wort genau,

Sie fragten dieses oder das,

Die Antwort gab im rechten Maß.

Er wog auf seiner Wagen

Sein Reden und Betragen

So scharf, daß es die Weisen,

Die hochbetagten Greisen,

Für Gottesgaben achteten

Und erstaunt betrachteten,

Wie sein Anstand leicht und frei

Und von Leib wie schön er sei.

Die Kleider, die er an sich trug,

Betrachteten sie auch genug,

Weil Alles reich und edel war,

Und das Gewürke wunderbar.

Da sprachen sie in ihrem Muth:

»Ach, lieber Gott im Himmel gut,

Wer oder wannen ist dieß Kind,

Des Sitten also edel sind?«

Sie giengen ihn betrachtend,

Auf all sein Wesen achtend,

Und hatten Kurzweile

Wohl eine welsche Meile.

V. Die Jagd.

Nun geschahs in kurzer Stunde –

Seines Oheimes Hunde,

Des Königs Mark von Cornewal,

Hatten zu demselben Mal,

Wie uns die rechte Märe sagt,

Einen zeitgen Hirsch erjagt,

Der Straße, die sie giengen, nah.

Ereilen ließ er sich allda

Und stand, so heißts, zu Bile.

Seine Kraft war am Ziele.

Der Athem war ihm gar benommen.

Nun waren auch die Jäger kommen,

Die da Hörner laut erschällten

Eh sie den Hirschen fällten.

Tristan, als er den Bil ersah,

Zu den Pilgern sprach er da

Beredt mit schlauem Munde:

»Ihr Herren, diese Hunde,

Diesen Hirsch und diese Leute,

Seht, die verlor ich heute:

Da ich sie hier wieder fand,

So bin ich nicht mehr unbekannt.

Hier bleib ich nun; gebietet mir.«

»Kind«, sprachen sie, »Gott sei mit dir,

In seinem Frieden mögst du fahren.«

»Dank; euch möge Gott bewahren!«

Sprach er mit holden Mienen.

So neigt' er sich vor ihnen

Und eilte zu der Jäger Birsch.

Da nun gefället war der Hirsch,

Der da Jagdmeisteramt besaß,

Der streckt' ihn nieder auf das Gras,

Auf alle Viere wie ein Schwein.

»Ei, Meister, wie? was soll das sein?«

Sprach da der höfsche Tristan:

»Laßt stehn, bei Gott, was fangt ihr an?

Haut man so den Hirsch in Stücke?«

Der Jägermeister trat zurücke,

Sah ihn an und sprach ihm zu:

»Wie willst du, Kind, daß ich es thu?

Die Sitte gilt hier bei der Birsch:

Wenn enthäutet ist der Hirsch,

So spaltet man ihn erst einmal

Von dem Haupt herab zu Thal,

Darnach auch in die Viere,

So daß der vier Quartiere

Keins beträchtlich größer sei

Als die übrigen drei.

Das ist Sitt in diesem Land;

Kind, ist dir andrer Brauch bekannt?«

»Ja, Meister«, sprach er wider ihn.

»Das Land, da ich erzogen bin,

Da ist ganz anders der Brauch.«

»Und wie denn? sage mir das auch.«

»Entbästet wird der Hirsch bei mir.«

»Traun, Freund, ich säh es denn von dir,

Weiß ich nicht was entbästen sei.

Wir sind der Kunde Alle frei

In diesem Königreiche hie.

So hört ich auch das Wort noch nie

Von Heimischen noch Gästen:

Lieb Kind, was ist entbästen?

Bei deiner Güte, zeige mirs;

Geh her, entbäste diesen Hirsch.«

Das Kind sprach: »Lieber Meister mein,

Mag es mit euern Hulden sein

Und kann euch Liebes dran geschehn,

So laß ich euch gar gerne sehn,

Ist es mir selber recht bekannt,

Was Brauch ist in meinem Land,

Nach eurer Frage, mit dem Bast.«

Der Meister sah den jungen Gast

Mit freundlichem Lächeln an,

Denn er war selbst ein höfscher Mann

Und kannte alle Sitte wohl,

Die ein guter Mann verstehen soll.

»Ja«, sprach er, »lieber Freund, das thu.

Wohl her! Bist du zu schwach dazu,

Ich selbst und die hier bei mir sind,

Wir helfen dir mit Händen

Ihn legen oder wenden.

Du darfst mir und den Leuten

Nur mit dem Finger deuten.«

Tristan, der entführte Knab,

Seinen Mantel zog er ab

Und legt' ihn dort auf einen Block;

Dann zog er höher seinen Rock,

Wandte vorn das Aermelpaar,

Und strich zurück das schöne Haar,

Daß es ihm auf den Ohren lag.

Nun sahn sie All bei vollem Tag,

Die da bei dem Basten waren,

Sein Gehaben, sein Gebahren.

Sie nahmens in der Augen Hut;

Und Alle däucht' es auch so gut

Und lieblich zu betrachten,

Daß sie im Herzen dachten,

Gar adlich wär sein ganzes Wesen,

Seine Kleider reich und auserlesen,

Sein Leib nach Wünschen wohlgethan.

Da traten sie zu ihm heran

Und merkten wohl auf all sein Thun.

Hin gieng der Heimatlose nun,

Der junge Meister Tristan:

Er griff den Hirsch mit Händen an

Und wollt ihn auf den Rücken legen;

Doch konnt er ihn nicht frei bewegen,

Denn er war ihm allzu schwer.

Da bat er höfisch Die umher,

Daß sie ihn legten wie er wollte,

Wenn er den Bast beginnen sollte.

Nun, das war alsbald geschehn.

Zu dem Hirsche gieng er oben stehn;

Den begann er zu entkleiden.

Zuerst den Strich zu schneiden

Von dem Geäse bis hernieder;

Dann sich zu den Bugen wieder

Kehrend, löst' er sie gewandt,

Erst das rechte, dann das linker Hand.

Die beiden Keulen nahm er nun,

Ihnen lösend auch ihr Recht zu thun;

Begann die Haut zu scheiden

Dann an den Seiten beiden

Von den Haften überall

Von oben bis herab zu Thal

Und zog die Haut dem Hirschen nieder.

Dann zu den Bugen kehrt' er wieder

Sie zu entbästen von der Brust;

Doch blieb die ganz, litt nicht Verlust.

Die Bugen legt' er noch hindann;

Von dem Rücken begann

Er erst die Brust zu scheiden

Und von den Seiten beiden;

Zu jeder Hand drei Rippen auch:

Das ist der rechte Bastgebrauch;

Die läßt jederzeit daran,

Wer die Brust recht lösen kann.

Zu den Keulen jetzt gewandt

Entbästet' er mit kluger Hand

Die beiden Hinterbeine,

Zusammen, nicht alleine.

Ihr Recht er auch den beiden ließ:

Den Braten, wo der Rücken stieß

An die Lenden mit dem Ende

In der Breite anderthalber Hände;

Was die da Ziemer nennen,

Die solche Bastkunst kennen.

Dann gieng er zu den Rippenstücken,

Die schnitt er beide von dem Rücken,

Und kam zu Magen und Gescheide.

Doch weil nicht rein dieß Eingeweide

Seinen schönen Händen wär,

Rief er: »Schnell zwei Knechte her!

Da nehmet diese Stücke fort

Und bereitet sie an andern Ort.«

So war der Hirsch entbästet,

Und seiner Haut entlästet;

Die Bugen, Seiten, Beine,

Die hatt allzumal der Kleine

Beiseit gelegt und wohl gefügt.

Hiemit so war dem Bast genügt.

Tristan der heimatlose Gast,

Sprach: »Meister, seht, dieß ist der Bast.

So ists um diese Kunst bestellt.

Nun tretet näher, wenns gefällt,

Mit eurer Massenîe

Und machet die Furkîe.« –

»Lieb Kind, Furkîe, was ist das?

Du sagst mir vor, ich weiß nicht was.

Du hast uns diesen Jägerbrauch,

Der fremd ist und zu loben auch,

So meisterlich nun laßen sehn:

So laß ihn vollends vor sich gehn,

Vollführe deine Meisterschaft;

Wir dienen dir nach unsrer Kraft.«

Alsbald sprang ins Gebüsch der Knab

Und hieb sich eine Gabel ab,

Was Die da Furke nennen

Die die Furkîe kennen;

Doch ist der Unterschied gering,

Denn Furk und Gabel ist Ein Ding.

Nun kam er mit dem Zwieselstab,

Und schnitt die Leber weg vorab,

Worauf er Netz und Lummer schied,

Und auch den Ziemer von dem Glied

Sonderte, woran er saß.

Dann setzt' er dort sich auf das Gras,

Nahm die drei Stücke in die Hand,

Die er an die Furke band,

Daß sie das Netz umfaßte;

Mit einem grünen Baste

Ward es so und so verstrickt.

»Nun seht, ihr Herrn«, sprach er geschickt,

»Dieß heißen sie Furkîe

In unsrer Jägerîe,

Und weil ichs an die Furke band,

So wird der Brauch Furkîe genannt.

Dieß, dünkt mich, stimmt wohl überein,

Denn an der Furke muß es sein.

Dieß nehm in seine Hand ein Knecht.

Nun aber laßt nach Jägerrecht

Auch folgen die Curîe.«

»Curîe? Dê benîe!«

Riefen Alle: »Was ist das?

Wir verstünden Sarazenisch baß.

Was ist Curîe, lieber Sohn?

Schweig, und sag uns nichts davon:

Was es sei, das laß geschehn,

Daß wir es selbst mit Augen sehn.

Dieß thu bei deiner Höfischheit.«

Nun, Tristan war alsbald bereit.

Den Herzrick sucht' er, jenes Ding,

Woran das Herz des Hirschen hieng;

Und schob die Hüllen dran zurück.

Vom Herzen ab das halbe Stück

Schnitt er nach dem spitzen Ende,

Nahm es dann in seine Hände

Auf daß er es halbiere,

Dann kreuzweis theil' in viere;

Warf auf die Haut die Theile nieder

Und kam zu seinem Ricke wieder.

Milz und Lungen löst' er gar,

Daß nichts mehr an dem Ricke war,

Denn auf der Haut lag Alles dort.

Dann schnitt er Rick und Gurgel fort

Von der Brust am obern Ende,

Und sonderte das Haupt behende

Mit dem Gehörne von dem Kragen;

Er befahl es zu der Brust zu tragen.

»Wohl her geschwinde!« hub er an:

»Nehmet diesen Rick hindann:

Wenn etwa arme Leute kämen,

Die ihn gerne von euch nähmen,

Gebt ihnen diesen Rick dann hin;

Sonst thut damit nach euerm Sinn.

Nun komm ich zur Curîe.«

Hin gieng die Compagnîe

Und sah wie seiner Kunst gelinge.

Erst heischte Tristan alle Dinge,

Die er zuvor bereiten laßen.

Nun lag dieß Alles solchermaßen

Gerüstet und bereitet,

Wie Er sie angeleitet.

Es lagen der Quartiere

Von dem Herzen viere

Nach jägerlichen Sitten

Auf der Haut zerschnitten

Alle vier einander nah;

Milz und Lunge schnitt er da,

Dann Magen und Gescheide gar,

Und was der Hunde Weide war,

In Stücke, so kurz und klein

Wie es füglich mochte sein.

Das Alles streut' er auf die Haut.

Darauf begann er überlaut

Und rief den Hunden: »Sa sa sa!«

Alsbald sah man sie alle da

Stehn über ihrer Speise.

»Seht«, sprach der Wortweise,

»Dieß heißen sie Curîe

Daheim in Parmenîe.

Ich will euch sagen auch warum:

Curîe heißt der Brauch darum,

Weil man auf die Cuire legt

Was den Hunden man zu geben pflegt.

So hat die Jägerîe

Diesen Namen Curîe

Von der Cuire hergenommen:

Von Cuire ist Curîe gekommen.

Und fürwahr, es ward den Hunden

Zum Frommen erfunden

Dieser Brauch, der sie erfreut;

Denn was man auf die Cuire streut

Schmeckt ihnen süß, des Blutes wegen,

Und reizt sie noch, der Jagd zu pflegen.

Schaut nun diese Bastkunst an,

Es ist kein andrer Witz daran:

Seht, wie sie euch gefalle.«

»Ach Herre«, riefen Alle,

»Was sagst du, seliges Kind?

Wir sehn wohl, diese Künste sind

Den Bracken und den Hunden

Zu großem Frommen erfunden.«

Da sprach der gute Tristan:

»Nehmt nun diese Haut hindann,

Denn meine Kunst ist hier am Ziel.

Und wißet, hätt ich bei dem Spiel

Euch beßer dienen können,

Das möcht ich euch wohl gönnen.

Nun schneide Jeder seine Wied

Und führe Jeder heim ein Glied;

Nehmt das Haupt in die Hand

Und bringet euer Prisant

Zu Hof nach höfischem Brauch:

So höfischt ihr euch selber auch.

Ohne Zweifel wißt ihr selber wohl

Wie man den Hirsch prisanten soll:

Prisantet ihn denn nach dem Rechte.«

Der Meister und all die Knechte

Hörten mit Verwundern an,

Wie der kindische Mann

So viel von Jagdgebrauch verstand

Und stäts die rechten Worte fand

Ihnen Kunde beizubringen

Von diesen fremden Dingen.

»Sieh«, sprachen sie, »vieledles Kind,

Diese Sachen, die so seltsam sind,

Die du uns lehrst und hast gelehrt,

Sie dünken uns so lernenswerth,

Wir lernten gern davon noch viel.

Was dir uns kund zu thun gefiel,

Das schlagen wir für nichts noch an.«

Da zogen sie dem jungen Mann

Ein Pferd herbei und baten ihn,

Daß er doch mit ihnen hin

Nach seiner Kunst zu Hofe ritte,

Und seines Landes Brauch und Sitte

Sie zu Ende ließe sehn.

Tristan sprach: »Das soll geschehn.

Nehmt den Hirsch und laßt uns ziehn.«

Da saß er auf und ritt dahin.

Da sie also ritten durch den Raum,

Gewarten mochten jene kaum

Der Stund und der Gelegenheit:

Jeder wollte vor der Zeit

Errathen seine Märe,

Von welchem Land er wäre

Und wie er wär ins Land gekommen

Sie hätten alle gern vernommen

Seinen Namen, seinen Stand.

Das hatte Alles bald erkannt

Der sinnreiche Tristan,

Der sinnig wiederum begann

Sein Märlein zu ersinnen.

Kindischem Beginnen

War seine Rede wenig gleich.

Er sprach an gutem Sinne reich:

»Jenseit Britannien liegt ein Land,

Das Parmenîe wird genannt.

Mein Vater ist da ein Kaufmann,

Der mit der Welt wohl leben kann

In seiner Weise schön und wohl;

Ich meine, wie ein Kaufmann soll.

Doch muß ich wohl bekennen,

Er ist nicht so reich zu nennen

Der Habe noch des Gutes

Als tugendlichen Muthes.

Der ließ mich lehren was ich kann.

Nun kam manch fremder Kaufmann,

Der aus fernen Reichen war:

Da nahm ich ihres Wesens wahr

Merkt ihre Sprach und Sitte gut

Bis mich zu ziehn begann mein Muth

Und täglich anzutreiben,

Nicht lang daheim zu bleiben;

Und weil ich gern das ferne Land

Und fremde Leute hätt erkannt,

Lebt ich vom Abend bis zum Morgen,

In den Gedanken nur und Sorgen

Bis meinem Vater ich entrann

Und mit Kaufleuten fuhr hindann;

So bin ich in dieß Land gekommen.

Ihr habt nun all mein Ding vernommen

Wie es euch nun gefalle.«

»Ach, trautes Kind«, so sprachen Alle,

»Es war an dir ein edler Muth.

Die Fremd' ist manchem Herzen gut.

Sie lernen von ihr manche Tugend.

Trauter Knabe, süße Jugend,

Gebenedeit sei doch das Land

Von Gott, wo eines Kaufmanns Hand

Zog ein so tugendreiches Kind:

Alle Könge, die da sind,

Hättens nicht so wohl erzogen.

Nun, Lieber, sag uns ungelogen,

Wie hieß dein höfscher Vater dich?«

»Tristan«, sprach er, »heiß ich.«

»Dê us adjut«, sprach Einer drauf,

»Bei Gott, den Namen gieb doch auf:

Viel besser wärest du genannt

Juvente belle et la riant:

Jugend, heißt das, schön und lachend.«

So ritten sie, sich Kurzweil machend:

Dem fiel dieß, dem jenes ein;

Doch ihre Kurzweil war allein

Mit diesem fremden Kinde.

So fragt' ihn dieß Gesinde

Ein Jeder was ihm wohlgefiel.

Nun geschahs nach kurzer Stunde Ziel,

Daß Tristan die Burg ersah.

Von einer Linde brach er da

Sich zwei Kränzlein wohlbelaubt:

Eins setzt' er selber sich aufs Haupt;

Das andere, das weiter war,

Bot er dem Jägermeister dar.

»Ei«, sprach er, » lieber Meister mein,

Wem mag die schöne Burg wohl sein?

Es ist ein königlich Castel.«

Der Meister sprach: »Tintajoel.«

»Tintajoel! ach welch Castel!

Dê te sal, Tintajoel,

Und all dein Ingesinde.«

»Nun wohl dir süßem Kinde.«

Die Gefährten sprachen so:

»Sei immer selig und froh,

Und möge dir so wohl geschehn

Als wir es Alle gern sehn.«

So kamen sie zum äußern Thor;

Tristan machte Halt davor.

»Ihr Herrn«, sprach er sie an mit Sinn,

»Ich weiß nicht, da ich fremde bin,

Wie eines Jeden Name sei;

Paart euch aber zwei und zwei

Und reiht euch ganz so wie ihr wißt,

Daß der Hirsch beschaffen ist:

Erst jene, die die Stangen tragen,

Dann folgen Brust und Kragen,

Die Rippen nach den Bügen:

So sucht es stäts zu fügen,

Daß das folgende Glied

Hinter seinem vordern zieht;

Nur Eines nehmt dabei in Acht:

Der Schluß des Zuges wird gemacht

Von Cuire und von Furkîe;

So wills die Jägerîe.

Und sei euch nicht dabei zu jach:

Reitet schön einander nach.

Mein Meister hier und ich sein Knecht

Reiten zusammen, dünkts euch recht;

Sonst thut was euch gefalle.«

»Ja, Lieber«, sprachen Alle,

»Wie du willst, so wollen wir.«

Er sprach: »Seis denn und leihet mir

Ein Horn, das mir zu Maße sei,

Und seid auch des gemahnt dabei:

Heb ich an, so horchet mir,

Und wie ich blase, blaset ihr.«

Da sprach der Meister ihm zu:

»Lieber Freund, nun blas und thu

Wie es dir gefalle:

Wir folgen dir Alle,

Ich und die hier mit dir sind.«

»A la bonne heure«, sprach das Kind,

»Laßt es nach eurer Güte sein.«

Ein kleines helles Hörnelein

Gaben sie ihm in die Hand.

»Nun hin!« sprach er, »allez avant.«

So ritten sie rottieret ein

Zu zweien, wie es sollte sein;

Und als durchs Thor die Rotte kam,

Sein helles Hörnlein Tristan nahm

Und blies darauf so schöne,

So liebliches Getöne,

Daß die Gesellen alle

Kaum erharrten bei dem Schalle

Bis sie ihm zu Hülfe kamen

Und auch ihre Hörner nahmen

Und bliesen auf dem Horne

Wie er vorblies davorne.

Vor blies er wohl zu Preise;

Sie nach in seiner Weise:

Also gieng es wie es soll;

Die Burg war des Getönes voll.

Der König und des Hofgesindes

Schar, als innen sie des Kindes

Neues Jägerlied vernahmen,

Da erschraken sie und kamen

In Sorge von dem Schalle,

Denn sie hatten es Alle

Zu Hofe nie vernommen.

Nun war die Schar gekommen

Vor des großen Saales Thür;

Viel Ingesindes hatt hinfür

Gezogen all der Hörner Schall,

Denn groß Wunder nahm sie all

Wie es so laut ertönte.

Nun war der ruhmgekrönte

Marke selbst hinausgegangen,

Der Sache Kunde zu empfangen,

Und mit ihm mancher höfsche Mann.

Als den König sah Tristan,

Er begann ihm zu gefallen:

Vor den Andern allen

Erlas sein Herz ihn aus der Schar,

Weil er von seinem Blute war;

Die Natur zog ihn dahin.

Er wandte seinen Blick auf ihn

Und begann ihn schön zu grüßen,

In fremdem Ton und süßen.

Eine andre Weise hub er an

Und blies so laut, der junge Mann,

Daß keiner der Gesellen

Sein Horn so mocht erschällen.

So lange hielt die Lust nicht an,

Der wohlgezogne Tristan

Ließ bald sein Hörnlein schweigen.

Zu dem König mit Verneigen

Sprach er jetzt aus süßem Mund,

Süß wie er es wohl verstund:

»De us sal roi et sa mehnîe.«

»Den König und die Messenîe

Erhalte Gott der Gute.«

Herr Mark der wohlgemuthe

Und all sein Ingesinde,

Die dankten dem Kinde

So höfisch und also wohl

Wie man dem Höfischen soll.

»Ah«, sprachen sie all insgemein,

Sie waren groß oder klein:

»Dê duin dûße aventüre

Si dûße creatüre.«

»Gott gebe süße Aventüre

So süßer Creatüre.«

Der König nahm des Kindes wahr,

Und zu Dem, der Jägermeister war,

Sprach er: »Sag an, wer ist dieß Kind,

Des Worte so erlesen sind?«

»Ach Herr, es ist ein Parmenois

Und ist so wundervoll curtois

Und in aller Tugend so geschickt

Wie ich noch nie ein Kind erblickt.

Er sagt, er heiße Tristan,

Sein Vater sei ein Kaufmann;

Doch kann ich es nicht glauben:

Wie mag die Zeit erlauben

Dem Kaufmann, dem unmüßigen,

Die Zeit sich abzumüßigen?

Wo nahm er wohl die Muße her,

Der mit Unmuße ringt so schwer?

Ach, Herr, er ist so tugendhaft.

Seht, diese neue Meisterschaft

Wie wir zu Hof geritten sind,

Die erlernten wir von diesem Kind.

Gar wohl ersonnen ists, denn wißt

Recht wie der Hirsch geschaffen ist,

So ward er an den Hof gebracht.

War je ein Brauch so wohl erdacht?

Seht an, zuerst die Stangen,

Dann kommt die Brust gegangen,

Dann Bug und Beine: sicher ward

Bei Hof nach schönerer Art

Nie ein Hirsch prisantet eh.

Saget selber, saht ihr je

So schöne Furkîe?

Ich vernahm von Jägerîe

Noch Künste nie gleich diesen.

Auch hat er uns gewiesen

Wie man den Hirsch entbästen soll.

Die Kunst gefällt mir so wohl,

Daß ich nimmer Hirsch noch andre Thiere

Wieder hauen will in vier Quartiere

Und sollt ich all mein Leben jagen.«

So begann er seinem Herrn zu sagen

Von Anfang an die Märe,

Wie er vollkommen wäre

In höfscher Jägerîe

Und wie er die Curîe

Bereitet für die Hunde.

Des Jägermeisters Kunde

Vernahm der König guter Dinge,

Und gebot, daß man ihn vor ihn bringe;

Den Jägern aber heim zu fahren,

Ihres Amts und ihrer Pflicht zu wahren.

Da ritten Alle bald hindann.

Der Jägermeister Tristan,

Der gab sein Hörnlein wieder

Und sprang vom Pferde nieder.

Entgegen lief dem Kinde

Das junge Hofgesinde

Und conduierts mit holdem Sinn

An den Händen vor die Krone hin.

Auch konnt er selber zierlich gehn

Und war der Leib ihm anzusehn

Wie es die Minne gebot.

Ihm war der Mund frisch rosenroth,

Licht seine Haut, die Augen klar;

Schön hellbraun war ihm sein Haar

Und gelockt am Ende;

Seine Arm und Hände

Wohlgestellt zumal und blank,

Sein Leib im rechten Maße lang;

Und was zu seiner Schönheit Scheine

Das Meiste beitrug, Arm und Beine,

So preislich standen sie und wohl

Als mans am Manne preisen soll.

Sein Gewand, das hab ich schon gesagt,

War wie es höfschem Sinn behagt

Nach seinem Leib geschnitten.

An Geberden und an Sitten

War ihm sein Recht so voll geschehn,

Daß man ihn gerne mochte sehn.

Marke sah Tristanden an,

»Freund«, sprach er, »heißest du Tristan?«

»Ja, Herr, Tristan: Dê us sal.«

»Dê us sal, bêas vassal.«

»Merzi«, sprach er, »gentil rois,

Edler König Cornwalois:

Ihr und eur Gesinde

Sollt von Gottes Kinde

Gebenedeit sein immerdar.«

Da ward ihm von der Höflingsschar

»Merzi« gerufen wunderviel.

Sie trieben nur das Eine Spiel:

»Tristan, Tristan li Parmenois

Cum est bêas et cum curtois!«

Marke sprach Tristanden an:

»Höre was du thust, Tristan.

Einer Bitte sollst du mich gewähren,

Die will ich nicht von dir entbehren.«

»Was ihr gebietet, Herre mein.«

»Du sollst mein Jägermeister sein.«

Das facht' ein groß Gelächter an.

Hinwieder sprach da Tristan:

»Herr, gebietet über mich:

Was ihr gebietet bin ich,

Euer Jäger, euer Dienstmann,

Und dien euch wie ich bestens kann.«

»Wohlan denn, Freund«, sprach Marke froh,

»Dieß ist gelobt, nun sei es so.«

VI. Das höfische Kind.

Nun, Tristan, der ist heim gekommen

Unbewust, ihr habts vernommen

Und wähnte doch hier fremd zu sein.

Der unvermeinte Oheim,

Mark, der tugendliche Mann,

That gar tugendlich daran,

Wars gleich zu sehr nicht eben Noth,

Er bat zumal und gebot

All dem Hofgesinde,

Daß es dem fremden Kinde

Gut und gnädig wäre

Und ihm mit Reden Ehre

Bot und mit Geselligkeit.

Sie waren all dazu bereit

Mit willigem Muthe.

Seht, Tristan ward, der gute,

Des Königs Ingesinde so.

Der sah ihn gern und war sein froh.

Denn Ihn zog auch sein Herz dahin.

Er blickte gern und oft auf ihn,

Denn er war zu allen Zeiten

Höfisch an seiner Seiten

Und trug sich ihm zu Diensten an,

Wo er nur Gelegenheit gewann.

Wo Marke hingieng oder war,

Sah man ihn den andern immerdar;

Auch nahm ihm Marke das für gut;

Er trug ihm immer holden Muth

Und freute sich, wenn er ihn sah.

Nun geschahs am Hofe da

In den ersten acht Tagen,

Daß Marke selbst ritt mit ihm jagen,

Und viel des Hofgesindes auch,

Zu schauen seinen Jagdgebrauch

Und wahrzunehmen seiner Kunst.

Sein Jagdpferd nahm da Mark aus Gunst

Und schenkt' es ihm mit holden Sitten:

So gut war Tristan nie beritten

Gewesen; stark wars, schön und schnell.

Dazu ein Hörnlein süß und hell

Hieß er ihm geben in die Hand

Und sprach: »Tristan, dir ist bekannt,

Daß du mein Jägermeister bist.

Nun zeig uns wie dein Jagdbrauch ist:

Nimm deine Hunde, fahr hinaus

Und stelle deine Warten aus,

Wo du denkst, sie sollten stehn.«

»Nein, Herr, so kann es nicht ergehn«,

Sprach Tristan, der höfsche Knab:

»Sendet eure Jäger ab,

Daß sie die Warte besetzen

Und die Hunde von den Seilen hetzen;

Sie kennen jeden Weg und Schlich

Und wißen beßer als ich,

Wohin der Hirsch sich ziehet

Und vor den Hunden fliehet.

Sie kennen die Gelegenheit;

Ich habe noch zu keiner Zeit

Hier gejagt und bin ein fremder Knecht.«

»Weiß Gott, Tristan, du hast Recht:

Du kannst hierauf dich nicht verstehn.

Die Jäger müßen selber gehn;

Sie mögen das beßer schlichten.«

Die Jäger giengen dieß verrichten:

Sie koppelten die Hunde

Und stellten in der Runde

Ihre Warten aus zur Birsch.

Bald hetzten sie auf einen Hirsch

Und jagten ihn im Wettestreit

Schier bis an die Abendzeit:

Da erjagten ihn die Hunde.

Nun kam zur selben Stunde

Herr Marke und sein Freund Tristan

Mit manchem höfischen Mann

Herbei, ihn abzufangen.

Die Jagdhörner klangen

In mancherlei Getöne

Und bliesen all so schöne,

Daß König Marken dieses Spiel

Und seinen Leuten wohlgefiel.

Als der Hirsch war gefällt,

Da wurde Tristan hingestellt,

Des Königs heimischer Gast,

Und gebeten, daß er sie den Bast

Nun nach der Reihe ließe sehn.

Tristan sprach: »Das soll geschehn«,

Und begann nach ihrem Wunsch zu thun.

Aber mich bedünkt es nun,

Daß es überflüßig wäre

Euch zweimal Eine Märe,

Dieselbe, vorzutragen.

Wie er beim ersten Jagen

Den Hirsch entbästet, gleichen Brauch

Hielt er bei dem zweiten auch.

Den Bast und die Furkîe,

Und die Kunst bei der Curîe,

Als sie die sahen, in der Runde

Gestanden sie aus Einem Munde,

Daß Niemand diese Dinge

Nach beßrer Art vollbringe,

Noch ihnen beßre mög erfinden.

Der König ließ zu Rosse binden

Den Hirsch und wandte sich hindann,

Er und sein Jäger Tristan.

Und all die Messenîe

Mit Stangen und Furkîe

Ritten sie darauf nach Haus.

Ein lieber Hofmann überaus

War Tristan nun in Tintajoel.

Gesind und König hielt ihn wohl

Und erbot ihm gern Geselligkeit.

Auch war er immerdar bereit

Reich und Arm zu dienen.

Hätt er Jeden nur von ihnen

Auf seinen Armen mögen tragen,

Er hätt es Keinem abgeschlagen.

Den Segen hatt ihm Gott gegeben,

Er konnt und wollte Allen leben:

Lachen, Tanzen, Singen,

Reiten, Laufen, Springen,

Bescheiden sein und Schallen,

Das konnt er wohl mit Allen.

Er lebte wie man wollte

Und wie die Jugend sollte.

Was Einer immer begann,

Das hob er gerne mit ihm an.

Nun aber trug es sich zu,

Daß Marke eines Tags der Ruh

Nach Tisch zu pflegen sitzen blieb;

Da ist ja immer Kurzweil lieb.

So horcht' er nach gewohnter Weise

Auf eines Harfenspielers Weise,

Des besten, den man kannte,

Und großen Meister nannte;

Derselbe war ein Galois.

Da kam Tristan der Parmenois

Und setzte sich zu seinen Füßen

Und nahm des Liedes und der süßen

Noten wahr mit allem Fleiß;

Und wärs ein schwerverpönt Geheiß,

Sein Gedenken bliebe nicht verschwiegen.

Das Herz begann ihm hoch zu fliegen

Und mit dem Herzen flog der Muth.

»Meister«, sprach er, »ihr harfet gut,

Ihr wißt die Saiten anzuschlagen,

Dem Erfinder würd es selbst behagen.

Dieß schöne Lied hat ein Britun

Erfunden von dem Herrn Gurun

Und dem Fräulein seiner Minne.«

Dieß nahm in seine Sinne

Der Harfner, ob es Anfangs schien

Als hätt er wenig Acht aufs ihn,

Bis er sein Spiel geendet.

Zu dem Kinde jetzt gewendet

»Was weist du«, sprach er, »liebes Kind,

Von wannen diese Noten sind?

Verstehst du etwa dieses Spiel?«

»Ach, Meister«, sprach Tristan, » nicht viel.

Einst hatt ich einge Meisterschaft;

Nun hat sie so geringe Kraft,

Daß ich vor euch zu blöde bin.«

»Nicht doch, nimm diese Harfe hin:

Laß hören, welche Leiche

Spielt man im Britenreiche.«

»Gebietet ihr es, Meister mein,

Und solls mit euern Hulden sein,

Daß ich euch spiele?« sprach Tristan.

»Ja, trauter Knabe, heb nur an.«

Als er die Harfe nahm zur Hand,

Wie wohl sie seinen Händen stand!

Sie waren, las ich, schön und fein,

Daß sie nicht schöner konnten sein.

Weich und linde, klein und schlank

Und wie ein Hermelin so blank;

Mit diesen rührt' und schlug er schöne

Grund- und schnelle Wandeltöne,

Seltsame, süße, reine.

Da dacht er auch an seine

Lieder aus der Briten Land;

Den Hammer setzt' er ein gewandt,

Zog diese Saite nieder,

Die andre höher wieder

Bis sie standen wie sie sollten stehn.

Nun, das war alsbald geschehn:

Der neue Harfenist, Tristan,

Fieng seines neuen Amtes an

Zu warten klug und weise.

Seine Noten zu der Weise,

Seine seltsamen Grüße,

Die harft' er also süße,

Und begleitete so schön

Sich selbst mit Saitengetön,

Daß Alles zu der Stelle lief,

Dieser Jenen näher rief.

Eilends lief die Höflingsschar

Herbei, die in den Kammern war

Und wähnten doch zu spät zu kommen.

Herr Mark hatt Alles wohl vernommen:

Er saß, des Spieles achtend,

Seinen Freund Tristan betrachtend,

Und verwunderte sich sehr,

Daß so höfsche Gabe der,

Und gute Kunst in seiner Brust

(Er war sich ihrer doch bewust)

Verhehlen mochte bisheran.

Nun, weiter spielte Tristan

Und wob den Leich hinein mit Sinn

Von der stolzen Freundin

Graland des Schönen:

Den ließ er süß ertönen

Und harfte so zu Preise

Die britunische Weise,

Daß da Mancher stund und saß,

Der seines Namens schier vergaß.

Da begannen Herz und Ohren

Als würden sie zu Thoren

Aus ihrer Pflicht zu wanken;

Da wurden Gedanken,

Seltsame, zu Tag gebracht;

Da ward zu manchem Mal gedacht:

»Ach, selig sei der Kaufmann,

Der so höfschen Sohn gewann!«

Seine Finger, ach, die weißen,

Wie sah man die sich fleißen

Und wühlen in den Saiten;

Sie konnten Töne spreiten,

Daß der Pallas wurde voll.

Da zahlten Augen wohl den Zoll:

Sie gaben alle Acht darauf

Und folgten seiner Hände Lauf.

Nun wars mit diesem Leich geschehn:

Einen Boten ließ der König gehn,

Der sprach, es wünschten Viele,

Daß er noch einen spiele.

»Mu voluntiers«, sprach Tristan;

Herrlich hub er wieder an

Einen Liebesleich wie eh

Von der curtoisen Thisbe

Aus dem alten Babylon:

Den harft' er in so schönem Ton

Und wandelte den Grundton auch

Nach so meisterlichem Brauch,

Daß es den Harfner Wunder nahm.

Als die Gelegenheit dann kam

Flocht der tugendliche Knabe

Zu aller Ohren Labe

Seine Chanzonen mit hinein:

Er sang die Leichnötelein,

Britunische, galoisische,

Lateinische, französische,

So süß mit seinem Munde:

Sie wusten in der Runde

Nicht, welches süßer wäre

Oder würdiger der Ehre,

Ob sein Harfen oder Singen.

Sich hub von diesen Dingen,

Von seinem Spiel, von seinem Sang

Gerede viel, Gerede lang,

Indem sie All gestanden

Sie hätten in den Landen

Das nie gehört, gesehen nie.

Der sprach dort und dieser hie.

Ach, was ist das für ein Kind!

Was ist er uns ein Ingesind!

Alle Kinder, die nun leben,

Möchte man zu Tausche geben

Für den Einen Tristan gleich.«

Als nun Tristan seinen Leich

Zu Ende brachte nach Begehr,

Herr Marke sprach: »Tristan, geh her.

Der dich das hat gelehret,

Der sei vor Gott geehret

Und du mit ihm: das hat wohl Grund.

Ich hörte gerne deinen Mund

Lieder singen vor der Nacht,

Wenn doch dein Auge gern noch wacht.

Nicht wahr, das thust du mir und dir?« –

Ja, gerne, Herr. – »Nun sage mir,

Kannst du noch ander Saitenspiel?« –

Nein, sprach er, Herr. »Zier dich nicht viel;

So lieb als ich dir bin, Tristan,

Die rechte Wahrheit sag mir an.«

Die Wahrheit sprach er da getreuer:

»Ihr braucht mich nicht so hoch und theuer

Zu mahnen, Herr: ich hätt es wohl

Schon so gesagt, da ich es soll,

Und ihr es wollet wißen.

Herr, ich war beflißen

Zu lernen jedes Saitenspiel;

Und kann von Keinem doch so viel,

Ich wüste gern davon noch mehr.

Auch hab ich es nur nebenher

Und nicht jeden Tag getrieben;

Und bin dabei geblieben

Kaum in das siebente Jahr

Oder wenig drüber, das ist wahr.

Man lehrte mich in Parmenie

Fiedelspiel und Symphonie;

Harfen und Rotten

Lehrten mich Galiotten,

Zwei Meister galoise;

Mich lehrten Britanoise

(Sie waren aus der Stadt zu Lut)

Die Leier und das Sambiut.«

Sambjut, was ist das, lieber Mann?

»Das beste Saitspiel, das ich kann.«

»Seht«, sprach das Hofgesinde,

»Gott hat diesem Kinde

Zu recht wonniglichem Leben

Seiner Gnaden viel gegeben.«

Noch fragt' ihn König Marke mehr:

»Tristan, ich hörte dich vorher

Britunnisch singen und galois,

Gut Latein und auch franzois;

Kannst du die Sprachen?« – »Herre, ja,

So ziemlich wohl.« Von fern und nah

Kam der Haufe da gedrungen,

Wer nur in fremden Zungen

Sprach aus einem Nachbarland,

Der versucht' ihn allzuhand,

Bald in dieser, bald in der;

Da fiel antworten ihm nicht schwer

Ihnen Allen in der ihren,

Norwegern oder Iren,

Allmannen, Schotten, Dänen.

Da mochte wohl sich sehnen

Manch Herz nach Tristans Gaben:

Die wollten Alle haben;

Ein Jeder wollte sein wie er,

Und rief mit herzlichem Begehr

Süß und wonniglich ihm zu:

»Ach, Tristan, wär ich doch wie du!

Tristan, du magst wohl gerne leben:

Dir sind im Übermaß gegeben

Alle Gaben, die ein Mann

Auf der Welt nur haben kann.«

Groß Wunder ward auch dorten

Von ihm gemacht mit Worten:

Hört! sprach Dieser, hört! sprach Der;

Alle Welt die höre her:

»Ein vierzehnjähriges Kind

Kann alle Künste, die nur sind.«

Da sprach Herr Marke: »Tristan höre,

An dir ist was ich nur begehre,

Alles kannst du was ich will,

Jagdkunst, Sprachen, Saitenspiel.

So wollen wir Gesellen sein,

Du mein Geselle und ich dein.

Wir wollen Tages reiten jagen:

Des Abends finden wir Behagen

An höfischen Dingen:

Harfen, Fiedeln, Singen,

Das kannst du wohl, das thu du mir.

Ich kann ein Spiel, das thu ich dir,

Das auch dein Herz dir wohl begehrt:

Schön Gewand, manch schnelles Pferd,

Und wonach noch sonst der Sinn dir zielt,

Geb Ich dir: das ist wohl gespielt.

Sieh, mein Schwert und meine Sporn,

Meine Armbrust und mein golden Horn,

Geselle, die befehl ich dir:

Die übernimm und pflege mir,

Und sei du höfisch und sei froh.«

Nun ward der Heimatlose so

Bei Hof ein lieb Gesinde.

Man sah an einem Kinde

Den Segen nie, nicht vor noch nach,

Denn was er that und was er sprach,

Das däucht und war auch also gut,

Daß alle Welt ihm holden Muth

Und geneigtes Herze trug.

Der Rede sei hiemit genug.

Wir legen diese Märe nieder

Und greifen zu der andern wieder,

Was sein Vater Marschall Don Rual,

Li foitenant et li leal,

Als er ihm gieng verloren,

Für Rath deshalb erkoren.

VII. Wiederfinden.

Don Rual li foitenant

Fuhr aus Parmenîe dem Land

Über Meer mit großem Gut,

Denn also stand ihm der Muth,

Nicht wieder wollt er kommen,

Er hätte denn vernommen

Zuvor gewisse Märe,

Wo sein Junker wäre.

So kam er gen Norwegen:

Da forscht' er allerwegen

Umher in den Landen

Nach seinem Freund Tristanden.

Was half ihm das? er war nicht da,

Sein Suchen all umsonst geschah.

Als er ihn dort nicht heimisch fand,

Gen Irland wandt er sich zuhand.

Da konnt er, seht, auch dort nicht mehr

Von ihm erfahren als vorher.

Doch weil sich jetzt sein Gut begann

Zu mindern, daß es schier zerrann,

Bequemt' er sich, zu Fuß zu laufen

Und seine Pferde zu verkaufen

Er schickte seine Leute

Heim mit dem letzten Deute;

Sich selber ließ er in der Noth

Und gieng betteln um das liebe Brot.

So trieb er fort sein Wandern

Von einem Reich zum andern,

Von Landen zu Landen,

Und forschte nach Tristanden

Drei Jahre wohl oder mehr,

Bis er endlich all so sehr

Von seines Leibes Schöne kam

Und also ab an Farbe nahm,

Daß wer nicht zuvor gekannt sein Wesen,

Daß er je ein Herr gewesen

Wohl schwerlich glauben würde.

Diese schmähliche Bürde

Der Landstreichergestalt,

Trug der edle Don Rualt

Ohne daß die Armut,

Wie sie weiß Gott doch Manchem thut,

Den guten Willen ihm benahm.

Als es ins vierte Jahr nun kam,

Da war er in Dänemark

Und sucht' und forscht' auch da so stark

Von Statt zu Stätten fern und nah;

Von Gottes Gnaden traf er da

Jene beiden Pilger an,

Die sein Jungherr Tristan

Damals auf dem Waldweg fand.

Nach diesem fragt' er sie zuhand;

Auch sagten sie ihm Märe,

Wann und wie lang es wäre,

Daß ihnen eben solch ein Knabe

Aufstieß wie er beschrieben habe,

Des Führer sie nicht lang geblieben;

Wobei sie ihn genau beschrieben

Nach Antlitz und Haaren,

Nach Reden und Gebahren,

Dazu nach Wuchs und Gewand;

Und wie geschickt und gewandt

Sein Gehaben war in allen Dingen.

Wer mocht es noch in Frage bringen,

Ob es sein lieber Jungherr wär?

Die beiden Waller bat er sehr,

Daß sie ihm doch die Stätte,

Wo er sie verlaßen hätte,

Wenn sie die anders kennten,

Um Gotteswillen nennten.

Da sagten sie dem Marschall:

»Bei Tintajöl in Cornewal

War es, wo wir von ihm kamen.«

Da ließ er mehrmals sich den Namen

Nennen des Orts, und sprach zumal:

»Nach welcher Hand liegt Cornewal?«

»Es stößt«, versetzten sie sogleich,

Jenseits auf Britannenreich.«

Ach, dacht er, Gott und Herre mein,

Hier zeigt sich deiner Gnade Schein.

Ist Tristan, wie ich hier vernommen,

Denn nach Cornewal gekommen,

So ist er unbewust daheim,

Denn Marke ist sein Oheim.

Gott, weise mich auf gleiche Pfade;

Ach, süßer Gott, in deiner Gnade

Laß mir nur noch so wohl geschehn,

Daß ich Tristanden möge sehn.

Von der Märe, die ich hier vernommen,

Laß mir noch Herzensfreude kommen.

Sie gefällt mir wohl und ist auch gut:

Ich fühle meinen schweren Muth

Erleichtert, seit ich sie gewann.

»Ihr selgen Leute«, sprach er dann,

»Mög euch der Jungfrau Sohn bewahren;

Ich will auf meine Straße fahren

Und sehn, ob ich ihn finde.«

»Er weis' euch zu dem Kinde,

Der aller Welten hat Gewalt.«

»Dank«, sprach der gute Don Rualt;

»Gebietet mir, ich muß zur See.«

»Freund«, sprachen sie, »ade, ade!«

Da schritt der Marschall immer zu,

So unverdroßen, daß zur Ruh

Er keinen halben Tag sich nahm,

Bis daß er zu dem Meere kam.

Da fand er Ruh, das war ihm leid:

Denn noch lag kein Schiff bereit;

Doch als ein Schiff sich endlich fand,

Fuhr er nach Britannenland.

Durch Britannien streift' er hin

Mit so eifrigem Sinn,

Daß nie ein Tag so lange währte,

Daß er je zu ruhn begehrte:

Er durchstrich ihn bis zur Nacht.

Ihm gab dazu die Hoffnung Macht,

Daß er Tristanden finden werde:

Die macht' ihm jegliche Beschwerde

Sanft und alle Mühe leicht.

Als Cornewal nun war erreicht,

Da fragt' er nach der Märe,

Wo Tintajöle wäre;

Und als man ihm die Weisung gab

Setzt' er weiter seinen Stab

Und kam dahin nach kurzer Müh

Eines Sonnabends früh,

Als man zur Messe sollte gehn.

Da gieng er vor das Münster stehn,

Und sah vorüber ziehn die Leute.

Da hielt er lang sich still und scheute,

Und spähte, ob er einen

Darunter sah erscheinen,

Der ihm zu seiner Frage

Bescheidentlich behage.

Denn allzeit dacht er noch bei sich:

»Dieß Volk ist schmucker viel als ich;

An wen hier meine Frag ergeht,

So fürcht ich, daß er es verschmäht

Mich zu bescheiden über ihn,

Weil ich so schlecht gekleidet bin.

Nun rathe Gott, was fang ich an.«

Der König Marke zog heran

Mit einer herrlichen Schar.

Der getreue Mann nahm ihrer wahr

Und ersah nicht, den er wollte;

Dann, als der König sollte

Von der Messe heim zu Hofe gehn,

Da gieng Rual zur Seite stehn

Und trat dann mit bescheidnem Sinn

Zu einem alten Hofmann hin:

»Ach, Herr«, begann er, »saget mir

Bei eurer Güte, wißet ihr

Ob hier ein Kind am Hof verkehrt –

Man sagt, es sei dem König werth,

Und ist Tristan genannt.«

»Ein Kind«, sprach Jener gleich zur Hand,

»Ich weiß von keinem Kinde;

Ein Knapp ist hier Gesinde,

Der nächstens nehmen soll das Schwert.

Dem König ist er lieb und werth,

Denn er weiß der Künste viel

Und manch höfisches Spiel;

Und ist nun aus den Kinderschuhn:

Ein starker Jüngling ist er nun

Mit braungelockten Haaren

Und schönem Gebahren.

Fremd ist hier der junge Mann.

Den wir heißen Tristan.«

»Nun sagt mir, Herr«, sprach Rual da,

»Seid ihr hier Ingesinde?« – »Ja.«

»So ehrt euch selbst damit und thut

Mir das Eine noch zu gut;

Gewiss, ihr thut sehr wohl daran:

Sagt ihm, hier sei ein armer Mann,

Der ihn sprechen möcht und sehn.

Laßt ihn auch dabei verstehn,

Ich sei von seinen Landen.«

Da sagte Der Tristanden,

Ihm sei ein Landsmann gekommen.

Tristan kam, als ers vernommen,

Und sobald er ihn ersah,

Mit Mund und Herzen sprach er da:

»Ei, so sei gebenedeit

Gott im Himmel allezeit,

Daß ich dich, Vater, hab erschaut.«

So grüßt' er erst ihn überlaut;

Dann lief er freudig auf ihn an

Und küsste den getreuen Mann,

Wie ein Kind den Vater soll.

Das war auch billig und wohl,

Es waren Vater und Kind.

Von allen Vätern, die nun sind

Oder jemals waren, that wohl sicher

An seinem Kinde väterlicher

Keiner als an ihm Rual.

Ja, Tristan hatte hier zumal

Vater, Mutter, Bruder, Mann:

Alle Freunde, die er je gewann,

Hielt er in den Armen da.

Gar inniglich begann er: »Ah!

Getreuer Vater, theurer Mann,

Meine liebe Mutter, sag mir an,

Meine Brüder, leben sie auch noch?«

»Ich weiß nicht«. sprach er, »Sohn; jedoch

Sie lebten, als ich scheiden muste.

Allein von deinem Verluste

Betraf sie nicht geringes Leid;

Doch wie sie lebten seit der Zeit,

Das kann ich dir nicht sagen.

Ich sah seit langen Tagen

Niemand, den ich sonst gekannt,

Wie ich auch unser Heimatland

Seit dem unselgen Tag nicht sah,

Da mir an dir so weh geschah.«

»Ach, trauter Vater«, fiel er ein,

»Was soll mir das für Märe sein:

Wohin ist dein schöner Leib gekommen?«

»Sohn, den hast Du mir benommen.«

»So will ich dir ihn wieder geben.«

»Sohn, das möchten wir erleben.«

»Vater, so komm zu Hof mit mir.«

»Dahin, Sohn, geh ich nicht mit dir:

Du siehst wohl selbst, ich wäre

Dem Hofe nicht zur Ehre.«

»Doch, Vater, doch, es muß geschehn,

Mein Herr, der König, soll dich sehn.«

Rual, der höfsche, gute,

Gedacht in seinem Muthe:

»Bei Marke schadet mir nicht groß,

Wenn er mich sieht so nackt und bloß:

Er wird mich gerne schauen,

Denn ich kann ihm vertrauen,

Daß er seinen Neffen bei sich hat.

Und wenn ich Alles, was ich that,

Von Anfang bis zu Ende sage,

So scheint ihm schön, was ich auch trage.«

Tristan nahm ihn bei der Hand;

All sein Schmuck und sein Gewand

War, wie es da nur konnte sein,

Ein armselig Röckelein,

Verschabt und verschlißen

Und hier und da zerrißen:

Das hatt er ohne Mantel an.

Die Kleider, die der gute Mann

Unter seinem Rocke trug,

Die waren jämmerlich genug,

Vernutzt und auch beschmutzt sogar.

Durch Versäumniss war sein Haar

Am Haupt und an dem Barte

So verfilzt zu der Schwarte,

Daß er wie ein Wilder sah;

Auch gieng der Preisliche da

Bloß an Füßen und an Beinen,

So verwittert must er auch erscheinen

Wie alle Die natürlich sind,

Denen Frost und Hunger, Sonn und Wind

Schein und Farbe hat benommen.

So sah man ihn vor Marke kommen.

Als der ihm in die Augen sah,

Zu Tristan sprach Herr Marke da:

»Sag an, Tristan, wer ist der Mann?«

»Mein Vater, Herr«, so sprach Tristan.

»Ist das wahr?« – »Ja, Herre mein.«

»So soll er uns willkommen sein«,

Sprach da Marke freudiglich;

Höfisch neigte Rual sich.

Da kam alsbald die Ritterschaft

Gelaufen wie mit Heereskraft,

Auch drang das Hofgesind heran

Und Alle riefen Mann für Mann:

»Sire, Sire, Dê us sal.«

Nun sollt ihr wißen, daß Rual,

Trug er jetzo leider

Unhofgemäße Kleider,

So war doch kaum auf Erden

An Leib und an Geberden

Ein Mann vollkommener als er.

Er sah gar adellich und hehr

Und war von Gliedern und von Mark

Gewachsen wie ein Heune stark;

Seine Arm und Beine waren lang,

Schön und herrlich war sein Gang,

Nichts fehlte seiner Wohlgestalt;

Nicht zu jung auch war er noch zu alt,

Nein, eben in den besten Jahren,

Wo Jugend sich und Alter paaren

Und dem Leben rechte Kraft verleihn.

So fürstlich sah er darein

Wie ein Kaiser schauen soll.

Seine Stimme wie ein Horn erscholl;

Seine Reden waren wohl gesetzt.

Gar herrlich sah man ihn jetzt

Vor all den Herren stehn im Saal;

Es war nicht heut das erste Mal.

Da begannen sich mit Staunen

Herrn und Ritter zuzuraunen;

Sie sprachen hin, sie sprachen her:

Ja, sprachen Alle, ist das der?

Ist das der höfsche Kaufmann,

Zu dessen Ruhm sein Sohn Tristan

So viel uns sprach zu mancher Zeit?

Wir haben von der Würdigkeit

Des Mannes Wunder viel vernommen:

Wie ist er so zu Hof gekommen?

Viel solcher Rede noch geschah;

Der gute König schickt' ihn da

Sogleich zur Kemenaten

Und ließ ihn da berathen

Mit herrlichen Gewanden;

Auch ward er von Tristanden

Gebadet und gekleidet schnelle.

Ein Hütlein war für ihn zur Stelle,

Das setzt' aufs Haupt der werthe Mann:

Da stand es keinem beßer an,

Denn schön von Antlitz war der Held,

Jeder Zug ins Ebenmaß gestellt.

Tristan nahm ihn an die Hand

Herzlich, wie ers im Herzen fand,

Und führt' ihn wieder hin zu Mark.

Da begann er ihnen stark

Und mächtig zu gefallen.

Eine Rede wars bei Allen:

Seht, wie gut Gewand so bald

Den Mann gemacht hat wohlgestalt!

Die Kleider stehn dem Kaufmann

Schön, ja unvergleichlich an;

Auch schaut er selber fürstengleich.

Wer weiß, er ist der Ehren reich:

Er hat davon die Weise wohl,

Wenn man die Wahrheit sagen soll.

Seht nur, wie herrlich er geht

Und wie ihm Thun und Laßen steht

In höfischen Gewanden.

Auch mag man an Tristanden

Seinen Werth gar wohl erschaun:

Ein Geschäftsmann könnte traun

Sein Kind so höfisch nicht erziehn,

Wär ihm nicht edler Sinn verliehn.

Als man jetzt das Waßer nahm

Und der König zu den Tischen kam,

Da setzt' er seinen Gast Rual

An seine Tafel und befahl,

Daß man ihm höfisch dien und wohl

Wie man dem Höfschen dienen soll.

Zu Tristan sprach er: »Vor der Schar

Der Gäste nimm des Vaters wahr.«

Nun, ich will meinen, das geschah.

Er bot ihm so viel Ehre da

Als ihm Jemand bieten könnte,

Weil es sein Herz ihm gönnte.

Auch aß Rual der gute

Sein Theil mit willgem Muthe,

Denn Tristan macht' ihn froh und frank,

Tristan würzt' ihm Speis und Trank;

Daß er Tristan vor sich sah,

War das höchste Heil, das ihm geschah.

Als nun zu Ende gieng das Mal,

Unterhielt der König sich im Saal

Mit dem Gast und fragt' ihn allerhand,

Sowohl von seinem Heimatland

Als über seine Reise.

Sie sprachen nicht so leise,

Die Ritter hörtens und die Herrn

Und vernahmen seine Märe gern.

»Herr«, sprach Rual, »es geht fürwahr

Jetzt schon tief ins vierte Jahr,

Seit ich aus meiner Heimat schied;

Und wo ich immer hingerieth

Nicht andrer Märe fragt' ich nach,

Als der, die mir am Herzen lag

Und um die ihr mich auch hier erseht.«

»Was war das?« – »Tristan, der hier steht.

Und doch hab ich Kinder eine Zahl,

Fürwahr, Herr, die mir Gott befahl,

Und gönn es allen auch so wohl

Als man nur seinen Kindern soll:

Drei Söhne: wär ich dort geblieben,

Nicht länger braucht ichs zu verschieben,

Zwei möchten jetzt wohl Ritter sein.

Und hätt ich nur die halbe Pein

Erlitten um sie alle Drei,

Wie fremde mir auch Tristan sei,

Die ich um ihn allein ertrug,

Es wär fürwahr des Leids genug.«

»Fremde?« fiel der König ein,

»Sagt mir an, wie kann das sein?

Euer Sohn doch ist er, wie er spricht.«

»Nein, Herr, verwandt ist er mir nicht,

Als nur sofern, ich bin sein Mann.«

Tristan erschrak und sah ihn an.

Der König sprach: »So thut uns kund,

Warum denn und aus welchem Grund

Erlittet ihr um ihn die Noth,

Daß ihr Weib und Kinder floht,

Wie ihr sprecht, so lange Frist,

Wenn er euer Sohn nicht ist?«

»Herr König, das weiß Gott und ich.«

»Freund, so belehrt davon auch mich«,

Begann der gute König,

»Es wundert mich nicht wenig.«

»Wüst ich«, sprach der Getreue,

»Daß es mich nicht gereue

Und daß mir diese Märe

Zu sagen ziemend wäre:

Herr, so möcht ich Wunder sagen,

Wie sich das Ding hat zugetragen

Und gefügt von Anfang an

Mit euerm Diener Tristan.«

Der König und die Herrn zumal

Und als das Ingesind im Saal,

Die baten ihn zur Stunde

Wie aus Einem Munde:

»Sagt uns, seliger Mann,

Getreuer Mann, wer ist Tristan?«

Da hub der Marschall an und sprach:

»Herr, es geschah vor manchem Tag,

Wie ihr wohl wißt und alle die,

Die zu den Zeiten waren hie,

Mit Riwalin, dem Herren mein,

Des Mann ich war und sollte sein

Noch heut, wenn Gott nur wollte,

Daß er noch leben sollte –

Daß er so viel zu euerm Preise

Vernahm und in so mancher Weise,

Bis er Leute mir und Land

Zumal befahl in treue Hand.

Zu diesen Landen kam er so,

Daß er euch kennen lerne, froh,

Und ward eur Ingesinde hier.

Des Weitern schweig ich, wißet ihr

Doch selber, was ihm widerfuhr

Mit der schönen Blanscheflur:

Wie er zur Freundin sie gewann

Und wie sie bald mit ihm entrann.

Als sie zu Lande kamen,

Und sich zur Ehe nahmen,

Das ist in meinem Haus geschehn:

Ich habs und mancher Mann gesehn.

Auch befahl er sie in meine Pflege,

Und pflag ich ihrer aller Wege

So gut ich immer konnte.

Nicht lang darnach begonnte

Der Ritter einen Heereszug,

Entbot die Seinen schnell genug

Und fuhr auch bald von dannen

Mit Freunden und mit Mannen

Und ward in einem Kampf erschlagen;

Ihr hörtet es wohl selber sagen.

Und als die leide Mär uns kam

Und die schöne Frau vernahm,

Wie es ergangen wär im Streit,

Das war ein tödtliches Leid,

Das so tief ins Herz ihr schlug –

Hier steht Tristan, den sie trug;

Den gebar sie in der bittern Noth;

Sie selber lag, die Mutter, todt.«

Darüber fiel den treuen Mann

So inniglicher Jammer an,

Es ward an ihm wohl offenbar:

Saß er doch und weinte gar

Als ob er kindisch wäre.

Auch sah man von der Märe

Den andern Herren allen

Die Augen überwallen.

Auch der gute König Mark

Nahm den Jammer sich so stark

Und Ruals Bericht zu Herzen,

Daß seines Herzens Schmerzen

In Thränen aus den Augen floßen

Und ihm Wang und Kleid begoßen.

Tristanden that die Kunde

Gar weh im Herzensgrunde,

Geschah ihm gleich kein Leid daran,

Als daß er an dem treuen Mann

Den Vater, den er sein geglaubt,

Sich auf einmal sah geraubt.

So saß Rual der gute

Mit traurigem Muthe

Und sagte dem Gesinde

Von dem verwaisten Kinde,

Dem er ein treuer Pfleger war,

Seit es die Mutter gebar.

Er sagte, wie's auf sein Geheiß

Verhohlen ward mit allem Fleiß;

Wie er das Gerücht verbreiten ließ,

Die Landgenoßen sagen hieß,

Es sei mitsamt der Mutter todt;

Dann wie er seinem Weib gebot

Wie ich euch früher sagte,

Daß sie sich heimlich klagte,

Und eine Weile inne lag,

Damit sie nach demselben Tag

Den Leuten möge sagen,

Sie hab ein Kind getragen;

Wie sie mit ihm zur Kirche gieng

Und es die Taufe da empfieng;

Warum es Tristan ward genannt;

Wie er es dann hinausgesandt,

Damit es in der Ferne

Mit Hand und Mund erlerne

Die Künste, die ers lehren hieß;

Dann wie ers in dem Schiffe ließ,

Wo es ihm diebisch ward genommen,

Und wie er wär hieher gekommen

Nach langer Irrfahrt seinetwegen.

So saß und meldete der Degen

Haarklein, wies ergangen wär.

Da weinte Marke, weint' auch Er,

Die Herren weinten insgemein

Außer Tristan allein:

Der konnt es nicht beklagen

Was er ihn hörte sagen,

Es kam ihm allzu jählings an.

Doch was Rual, der gute Mann,

Dem Gesinde von dem Leide

Sagte der Gelieben Beide,

Von Riwalin und Blanscheflur,

Was ihnen Alles widerfuhr,

Doch mochte sich dergleichen

Der Treue nicht vergleichen,

Die er dem Herrn erwies im Tod –

Ihr hörtet mit wie großer Noth –

An dem verwaisten Kinde:

Das schien dem Ingesinde

Die große Treue, die ein Mann

Zu seiner Herschaft je gewann.

Als diese Rede war geendet,

Sprach Marke zu dem Gast gewendet:

»Herr, ist es wahr, daß dieß geschah?«

Rual der gute legt' ihm da

Einen Fingerring in seine Hand.

»Nehmt«, sprach er, »dieß zum Unterpfand,

Ich sagt' euch keine Lüge.«

Der getreue und gefüge

Marke nahms und sah es an:

Der Jammer, den er da gewann,

Umfieng sein Herz nur fester.

»Ach«, sprach er, »süße Schwester,

Dieß Fingerlein das gab ich dir,

Und mein Vater gab es mir,

Als er schon am Tode lag,

Daß ich der Mär wohl glauben mag.

Tristan, geh her und küsse mich,

Und fürwahr, so lang du lebst und ich,

Will ich dein Erbvater sein.

Blanscheflur, der Mutter dein,

Deinem Vater auch, Kanelen,

Sei Gott ein Hort der Seelen

Und woll ihnen Beiden geben

Das ewig währende Leben.

Nun es so ergangen ist,

Daß du nur geworden bist

Von der lieben Schwester mein,

Läßt Gott im Himmel mich gedeihn,

Zeitlebens bleib ich deiner froh.«

Darauf zum Gaste sprach er so:

»Mein lieber Freund, nun saget mir,

Wer seid ihr und wie heißet ihr?«

»Rual, Herr.« – »Rual?« – »Ja, Rual.«

Da entsann er sich mit einem Mal,

Daß er längst in alten Tagen

Hatte von ihm hören sagen,

Wie weis und treu der Ehre

Er stäts gewesen wäre,

Und sprach: »Rual li foitenant?«

»Ja, Herr, so hat man mich genannt.«

Da gieng der gute Marke hin

Und küsst' ihn und bewillkommt' ihn

Gar schön und doch nur nach Gebühr.

Auch sprang die Ritterschaft herfür

Und Einer nach dem Andern gieng,

Daß er mit Armen ihn umfieng.

Das gab ein Ambrassieren,

Ein höfisch Salutieren:

Willkommen, Rual, werther Held,

Ein Ritterspiegel aller Welt!

Willkommen war dem Hof Rual.

Der König nahm ihn zumal

An die Hand und führt' ihn hin:

Mit holden Worten setzt' er ihn

Zu sich an seine Seite nieder.

Zu der Märe griffen sie dann wieder

Und sagten sich noch mancherlei,

Wie es mit Tristanden sei,

Und was der guten Blanscheflur

An beiden Höfen widerfuhr;

Was Kanel und Morgan

Sich zu Leide gethan;

Und als auch das zu Ende gieng,

Der gute König Marke fieng

Rualen zu erzählen an,

Mit wie höfscher Kunst Tristan

Sich hab an seinen Hof gebracht

Und wie er Allen weis gemacht,

Sein Vater wär ein Kaufmann.

Da sah Rual Tristanden an:

»Freund«, sprach er, »ich bin lange

Und sorglich oft und bange

Mit meinen Marschandisen,

Von Thür zu Thür gewiesen,

Deinethalb umhergefahren.

Nun kommts nach langen Jahren

Zu so gutem Ende,

Daß ich dankend meine Hände

Stäts zu Gott erheben soll.«

Tristan sprach: »Ich höre wohl,

Diese Mären enden so,

Spät wohl werd ich ihrer froh.

Ich bin, nach dem was ich vernommen,

Zu wunderlicher Märe kommen:

Ich höre meinen Vater sagen,

Der Vater sei mir längst erschlagen.

Hiermit entledigt er sich mein

Und ohne Vater muß ich sein,

Da ich zwei Väter doch gewann.

Ach Vater und ach Vaterwahn,

Wie seid ihr also mir benommen!

Von dem ich sprach, mir sei gekommen

Ein Vater, ach, derselbe Mann

Nimmt zwei Väter mir hindann,

Sich selbst, und den ich nie ersah.«

Doch sprach der gute Marschall da:

»Nicht so, Geselle Tristan,

Die Rede laß, es ist nichts dran.

Du bist seit ich gekommen bin

Werther als du gewähnt vorhin.

Du hast nun stäts der Ehre mehr

Und doch zwei Väter wie vorher:

Hier meinen Herren und auch mich;

Er ist dein Vater so wie ich.

Nun folge meiner Lehre,

So bist du an der Ehre

Allen Köngen ebenhehr:

Drum diese Rede thu nicht mehr.

Den König bitte, daß er heim

Dir helfe, als dein Oheim,

Und dich hier zum Ritter mache:

So bist du deiner Sache

Wohl selber fähig vorzustehn.

Ihr Herren, helft mir alle flehn,

Daß es der König gerne thu.«

Da sprachen sie ihm Alle zu:

»Herr, es hat wohl guten Fug:

Tristan hat der Kraft genug;

Er ist schon ein erwachsner Mann.«

Da sprach der König: »Freund Tristan,

Sprich, wie steht dein Muth hierzu?

Ist es dir lieb, wenn ich es thu?«

»Ach Herr, ich sag euch meinen Muth:

Hätt ich so reichliches Gut,

Daß ich nach dem Willen mein

Und also Ritter könnte sein,

Daß ich des Ritternamens mich

Nicht schämte, noch er meiner sich,

Noch die ritterliche Würde

An mir zu nichte würde,

So wollt ich gerne Ritter werden

Und mich üben in Beschwerden

Bis noch meine müßge Jugend

Gedieh' zu ritterlicher Tugend.

Denn Ritterschaft, so hört ich sagen,

Muß sich in der Kindheit Tagen

Schon zeigen vor der Menge,

Sonst wird sie selten strenge.

Daß ich die unversuchte Jugend

Auf Würdigkeit und Rittertugend

Nicht oft geübt hab und gelenkt,

Das ist es was mich jetzo kränkt.

Ich muß es an mir selber haßen;

Nun hab ich mir doch sagen laßen,

Gemach und ritterlicher Preis,

Die stimmen weder laut noch leis

Und mögen nie beisammen sein.

Auch las ich wohl und räum es ein,

Die Ehre will des Leibes Noth;

Gemach ist stäts der Ehre Tod,

Wenn mans zu lang und allzu viel

In der Jugendzeit genießen will.

Das aber wißet, Herr, fürwahr:

Hätt ich gewust vor einem Jahr

Oder schon vor längrer Frist,

Wie es mit mir beschaffen ist,

Ich hätt es nicht bis heut versäumt.

Hab ich nun gleich die Zeit verträumt,

So such ichs wieder einzubringen,

Denn Alles zielt mir aufs Gelingen

Am Leib und an dem Muthe,

Hilft mir nur Gott zum Gute,

Daß ich nach meinem Muthe thu.«

Marke sprach: »Sieh selber zu,

Neff, und schalte wie du wolltest,

Wenn du als König walten solltest

Im ganzen Lande Cornewal.

Auch sitzt dein Vater hier, Rual,

Der ganze Treue zu dir hat:

Der sei dein Helfer und dein Rath,

Daß deine Sachen all sich wenden,

Daß sie stehn in deinen Händen.

Lieber Neffe, zeihe dich

Der Armut nicht so wunderlich,

Denn Parmenien ist dein,

Und soll dein eigen immer sein

So lang ich und dein Vater leben.

Dazu will ich dir Hülfe geben,

Denn was ich habe, Leut und Land,

Das Alles steht in deiner Hand.

Willst du zu fürstlichen Ehren

Herz und Gemüthe kehren,

Bist du entschloßen und gewillt,

Wie deine Red uns gab ein Bild,

So schone nicht des Meinen drum:

Ganz Cornwal ist dein Eigenthum,

Meine Krone zahlt dir Zins und Zoll.

Wenn die Welt dich würdgen soll,

So sorge nur für reichen Muth;

Ich gebe dir schon reiches Gut.

Sieh, deine Hab ist kaiserlich;

Verarme nur nicht selber dich.

Bist du dir selber also hold

Und hast des rechten Muthes Gold

Wie deine Rede ließ verstehn,

Das werd ich bald an dir ersehn.

Sieh, find ich Herrenmuth an dir,

Du findest immerdar an mir

Deines Willens vollen Schrein:

Tintajöl muß immer sein

Deine Schatzkammer, dein Tresor.

Sprengst du mir nur kühnlich vor

Mit reichlichem Muthe,

So folg ich dir mit Gute

So lang mir Alles nicht zerrann

Was ich je zu Cornewal gewann.«

Hier gabs ein stattlich Neigen:

Ihm neigten sich im Reigen

Die da saßen um den König.

Sie boten ihm vieltönig

Ehr und Lob mit Schalle.

»König Marke«, sprachen Alle,

»Du redest wie der Höfsche soll,

Dein Wort geziemt der Krone wohl.

Mit deiner Zunge, Herz und Hand

Gebeut du ewig diesem Land:

Sei immer Herr in Cornewal!«

Der getreue Marschall Don Rual

Und sein Jungherr Tristan

Griffen ihr Geschäft nun an

Und verwandten drauf des Guts so viel

Als dem König gefiel

Und rechtes Maß es mochte leiden.

Nun wie vertrugen sich die Beiden,

Hier der Vater, dort der Sohn?

Die Frage stellte Mancher schon

(Weil das Alter und die Jugend

Selten stimmt zu gleicher Tugend,

Da Jugend nach dem Gut nichts fragt,

Das dem Alter sehr behagt),

Wie kamen sie denn überein

Die Beiden unter sich zwein,

Daß Jeglicher von ihnen

Seinem Hange mochte dienen

Und nicht sein Recht verspielte,

Das rechte Maß erzielte

Der Marschall an dem Gute,

Und Tristan seinem Muthe

In Fülle that Genüge?

Ich bescheid es ohne Lüge:

Den Marschall und Tristan

Sah man einander zugethan

Mit so gleichgewilltem Sinn,

Daß Keiner weder her noch hin

Rieth noch jemals rathen wollte

Was nicht den Andern freuen sollte:

Rual, dem Würdigkeit gefiel,

Ließ Tristan gerne freies Spiel:

Er sah bei ihm die Jugend an;

Dagegen fügte sich Tristan

Der Ehr und Würde bei Rual.

So gelangten sie zumal

Ans gleiche Ziel mit gleichem Willen:

Des Andern Wunsch wollt Jeder stillen;

So kamen Beide überein

Ein Wunsch, Ein Wille nur zu sein.

So sah man zu derselben Tugend

Das Alter stimmen mit der Jugend,

Den hohen Muth zu weisem Sinn;

Sie wahrten Beide sich hierin,

Tristan sein Recht im Muthe,

Rual das Maß im Gute,

Daß weder Jüngling, weder Greis

Ein Theil gab seines Rechtes Preis.

VIII. Die Schwertleite.

So griffen Rual und Tristan

Ihre Sache weislich an

Und brachten sie auch so zu Stand.

Sie erwarben Harnisch und Gewand

Binnen dreißig Mondestagen,

Das dreißig Ritter sollten tragen,

Die der höfsche Tristan

Zu Gesellen sich gewann.

Wer mich nun fragt nach ihrem Kleid

Und seiner Pracht und Zierlichkeit

Und wies zu Stande ward gebracht,

So bin ich kurz hierin bedacht.

Die Märe, sag ich, meldet das;

Sagt' ich anders ihm etwas,

So widersprech er mir nur laut

Und sage was uns mehr erbaut.

Zugeschnitten war ihr Kleid

Aus viererlei Vortrefflichkeit,

Und jedes dieser viere that

Das Beste zu dem Ritterstaat.

Das eine das war hoher Muth,

Das andre das war volles Gut,

Das dritte war Verständigkeit,

Die jene zwei zerschnitt zum Kleid:

Das vierte höfscher Sinn und Muth,

Der nähte allen dreien gut.

So trug ein Jedes dieser vier

In eigner Weise bei zur Zier:

Der hohe Muth begehrte,

Das volle Gut gewährte,

Zurechte schnitts Verständigkeit,

Höfscher Sinn vollbrachte dann ihr Kleid

Und alle andere Zier,

Couvertüre wie Banier

Und was noch bei dem Schwertgeleit

Jungen Rittern ist bereit.

Was das Ross und was den Mann

Als ritterlich erweisen kann,

Das Zeug war reich und wonniglich,

So reich, daß auch kein König sich

Der Zierde dürfte schämen,

Das Schwert darin zu nehmen.

Nun die Gesellen sind bereit

Mit angemeßnem Schmuck und Kleid,

Wie stell ich nun mein Sprechen an,

Daß ich den werthen Tristan,

Meinen Helden, so bereite

Zu seiner Schwertleite,

Daß man es gerne vernähme

Und der Märe wohl zu Statten käme?

Ich weiß nicht wie ichs also sage,

Daß es gefalle und behage

Und dieser Märe lieblich steh,

Denn zu meiner Zeit und eh

Ward so mit Kunst schon und Bedacht

Von Zier gemeldet und Pracht

Und reichem, köstlichem Gewand,

Hätt ich zwölffach den Verstand,

Den ich nur einfach habe,

Zwölffache Dichtergabe,

Und wär mir so gelungen,

Daß ich zwölf Zungen

Im Munde trüg, und reden

Könnte mit einer jeden

Wie ich mit der einen kann,

Doch wüst ichs nicht zu fangen an,

Daß ich von Gepränge

So Gutes sagt' und sänge,

Daß nicht schon Beßres ward gesagt.

Ja was an Ritterzier behagt

Ist so mannigfach beschrieben

Und ist mit Reden so zertrieben,

Daß ich davon nicht reden kann,

Daß sich ein Herz erfreue dran.

Herr Hartmann der Auwäre,

Ahi, wie der die Märe

So außen als auch innen

Mit Worten und mit Sinnen

Durchfärbet und durchschmücket!

Wie seine Rede zücket

Auf der Aventüre Sinn!

Wie hell und klar von Anbeginn

Sind seine Wörtlein von Krystall

Und bleiben es auch immer all!

Mit Sitten treten sie heran

Und schmiegen nahe sich uns an

Und gelieben sich dem reinen Muth.

Die gute Rede für gut

Nehmen und verstehen können,

Die müßen Dem von Aue gönnen

Den Kranz und seinen Lorberzweig.

Wer aber einem Hasen gleich

Auf der Worthaide

Hohe Sprüng und ferne Waide

Mit Würfelworten sucht und jagt

Und ohne daß er Andre fragt

Das Lorberkränzlein sich verficht,

Der versäume unsre Stimmen nicht;

Wir sind immer bei der Wahl gewesen.

Wir, die die Blumen helfen lesen,

Womit durchflochten und geschmückt

Das Lorberreis wird aufgedrückt,

Wir fragen nach des Manns Begehr;

Will er das Reis, so tret er her

Und bring uns seiner Blumen Zier:

An den Blumen dann erkennen wir,

Ob sie den Kranz so lieblich schmücken,

Daß sich der Auer vor ihm bücken

Und ihm das Reis soll zugestehn.

Doch weil noch Keiner ward gesehn,

Dem es so wohl steht zu Gesicht,

Helf Gott, so nehmen wirs ihm nicht;

Und soll das Kränzlein Keiner haschen,

Seine Worte sei'n denn wohl gewaschen

Und eben seine Red und schlicht,

Daß man den Hals nicht drüber bricht,

Wenn man aufrecht kommt gegangen,

Nicht will mit Hahnenschritten prangen.

Doch Die in Mären wildern,

Uns wilde Märe schildern,

Die mit den Ketten klirren

Und stumpfen Sinn verwirren,

Die Gold aus schlechten Sachen

Den Kindern wollen machen,

Die ihre Büchse rütteln,

Statt Perlen Staub entschütteln,

Die möchten schatten mit der Stange,

Nicht mit dem grünen Laubbehange,

Mit Zweigen noch mit Ästen.

Ihr Schatte thut den Gästen

Gar selten an den Augen wohl,

Wenn ich die Wahrheit sagen soll;

Er füllt uns nicht mit Muth die Brust,

Er gießt ins Herz uns keine Lust;

Ihre Rede hat die Farbe nicht,

Die froh zu edeln Herzen spricht.

So wilder Märe Jäger

Müßen Ausleger

Mit ihren Mären laßen gehn:

Wir können so sie nicht verstehn

Wie man sie lesen hört und liest

Den Klugen auch die Zeit verdrießt,

Daß er im schwarzen Buche

Nach der Glosse suche.

Noch sind der Farbenmeister mehr:

Von Steinach Herr Blickher

Freut mit Worten, wonnesamen,

Als stickten Fraun sie, die am Rahmen

In Gold und Seide wirken;

Man sollte sie durchzirken

Mit griechischen Borten.

Er hat die Fülle von Worten;

Seinen Sinn, den reinen,

Ich mein, ihn haben Feinen

Wunderbar gesponnen

Und haben ihn im Bronnen

Geläutert und gereinet:

Er ist fürwahr gefeinet.

Seine Zunge mit den Harfensaiten,

Die hat zwei volle Seligkeiten:

Das ist der Sinn, das ist das Wort;

Die harfen mit einander fort

Ihre Mär in seltnem Preise.

Derselbe Wortweise,

Nehmet wahr wie der dabei

An dem Vorhang Wunder mancherlei

Mit der Kunst der Red entwirft

Und die Meßer in die Lüfte wirft

Mit behendiglichen Reimen!

Wie kann er Reime leimen,

Als ob sie so gewachsen sein!

Es ist auch noch der Glaube mein,

Er müße Buch und Buchstaben

Für Federn angebunden haben,

Denn seine Worte, nehmt nur wahr,.

Fliegen, schweben wie der Aar.

Wen soll ich ferner auserlesen?

Noch viele sind, und sind gewesen,

An Sinn und Rede wonniglich.

Von Veldeck Herr Heinrich,

Der sprach aus vollem Sinne!

Wie wohl er sang von Minne!

Wie schön ist seines Sinnes Hülle,

Als hätt er seiner Weisheit Fülle

Aus dem Quell des Pegasus genommen,

Von dem die Weisheit all ist kommen.

Ich hab ihn selber nicht gesehn,

Die Besten aber gestehn,

Die da in seinen Jahren

Und seither noch Meister waren,

Die geben all ihm Einen Preis:

Er impfte das erste Reis

In unsrer deutschen Zungen:

Davon sind Äst entsprungen,

Von welchen Blüthen kamen,

Denen sie die Zier entnahmen

Zu jedem meisterlichen Funde.

Seitdem nun ward diese Kunde

So weithin verbreitet,

So mannigfach geleitet,

Daß Alle, die nun sprechen,

Sich da die Fülle brechen

Von Blüthen und von Reisen,

An Worten und an Weisen.

Der Nachtigallen ist noch viel,

Davon ich hier nicht sprechen will:

Sie gehören nicht zu diesem Reigen.

Drum will ich Andres gern verschweigen

Als was ich immer muß gestehn,

Daß sie Alle recht ihr Amt versehn

Und singen wohl zu Preise

Ihre süße Sommerweise.

Ihr Sang ist lauter und ist gut:

Er gibt der Welt viel hohen Muth

Und thut so recht von Herzen wohl.

Die Welt wär Überdrußes voll,

Die Weile würd uns Allen lang

Ohne den lieben Vogelsang.

Der mahnt und mahnte stäts den Mann,

Der je zur Freude Muth gewann,

Viel Lieb- und Gutes zu beginnen;

Läßt ihn zu Manchem Muth gewinnen,

Das sanft den edeln Herzen thut;

Er weckt ihm freundlichen Muth.

Es erneut den jugendlichen Drang,

Wenn der süße Vogelsang

Der Welt von ihren Freuden spricht.

Nun vergeßt der Nachtigallen nicht:

Die sind ihr Amt zu thun bereit

Und können all ihr sehnlich Leid

So wohl besingen und besagen.

Welche soll das Banner tragen?

Seit die Hagenauerin,

Der ganzen Schar Geleiterin,

So der Welt verstummen muste,

Die aller Töne Hauptkunst wuste,

Und ihr Siegel auf der Zunge trug.

An die gedenk ich oft genug,

Woher von ihren Tönen

Den süßen, den schönen,

Sie so Viele hab entnommen,

Daß ihr das Wunder sei gekommen

So mancher Wandlung, mancher Weisen.

Des Orpheus Zunge, des weisen,

Entscholl wohl ihrem Munde

Mit aller Töne Kunde.

Da nun die Welt sie nicht mehr hat,

So geb uns Einer guten Rath

(Das thät ein selger Mann fürwahr):

Wer leitet nun die liebe Schar,

Wer weiset dieß Gesinde?

Mich dünkt, daß ich sie finde,

Die nun das Banner führen soll:

Ihre Meisterin die kann es wohl,

Die von der Vogelweide.

Hei, wie die über Haide

Mit hoher Stimme klingen kann

Und wunderhoch sich schwingen kann!

Wie fein sie organieret,

Ihr Singen wandelieret!

Sie thut es, mein ich, in dem Ton,

Der da schallt vom Berge Citheron,

Wo die Göttin Minne

Gebeut von hoher Zinne.

Die ist am Hofe Kämmrerin,

Die sei der Schar Geleiterin,

Die kann den Weg ihr weisen wohl,

Die weiß wohl, wo sie suchen soll

Der Minne Melodieen.

Sie und Die da mit ihr ziehen,

Die mögen immer singen,

Daß sie zu Freuden bringen

Ihr Trauern und ihr sehnlich Klagen;

Das geschehe noch in meinen Tagen.

Der Worte legt' ich genug

Von guter Leute Kunst und Fug

Nun gefügen Leuten vor,

Und unbereit noch wie zuvor

Ist Tristan zu der Schwertleite.

Ich weiß nicht wie ihn bereite:

Der Sinn getraut sich nicht dazu

Und die Zunge weiß nicht was sie thu,

Verlaßen von des Sinnes Rath,

Der ihr das Amt verliehen hat;

Doch was sie irrt, die Beiden,

Das kann ich euch bescheiden.

Die Zwei hat das geirret,

Was tausend Andern wirret:

Dem Mann, der nicht wohl reden kann

Kommt dem ein wohlberedter Mann,

So erlischt ihm auch die Kunde,

Die er noch hatt, im Munde.

Ich glaube, so ist mir geschehn.

Ich seh und habe nun gesehn

So manchen redekundgen Mann,

Daß Alles was ich reden kann

Mich ein Nichts dünkt, im Vergleich

Mit diesen, die so redereich.

Man spricht so schön seit manchem Tag,

Daß ich mit vollem Grunde mag

Meiner Worte nehmen wahr,

Ob sie so lauter sind und klar

Als ich wollte daß sie wären,

Hör ich fremder Leute Mären,

Und als ich Rede finden kann

Wohl bei manchem andern Mann.

So weiß ich nicht, wie ichs beginne:

Meine Zunge, meine Sinne

Mögen hierzu nicht frommen;

Die Furcht hat mir genommen

Mitten aus dem Munde,

Die ich besaß, die Kunde.

Nun weiß ich nichts hierbei zu thun,

Ich thäte denn das Eine nun

Was Niemand mich hat thun gesehn.

Meine Bitt und mein inbrünstig Flehn

Will ich zuerst nun senden

Mit Herzen und mit Händen

Hin zu dem Helikone,

Zu dem neunfalten Throne,

Von dem die Bronnen fließen,

Aus dem die Gaben sprießen

Der Worte wie der Sinnen.

Der Wirth, die neun Wirthinnen,

Apoll und die Camenen,

Der Ohren neun Syrenen,

Die da bei Hofe spenden

Gnaden aus vollen Händen

Dem, der ihre Gunst gewonnen:

Die gaben ihrer Sinne Bronnen

In solcher Fülle Manchem schon,

Daß sie einen Tropfen mir davon

Mit Ehren nicht versagen.

Mag ich nur den erjagen,

So behaupt ich meinen Platz da wohl,

Wo der Dichter ihn behaupten soll.

Der Tropfen, den ich so empfieng,

Der ist auch nicht so gar gering,

Er mag mir wieder richten,

Zurechterichtend schlichten

Sowohl die Zunge wie den Sinn,

An denen ich entrichtet bin.

Meine Worte, die so zierlos stehn,

Laß er durch den Tiegel gehn

Der camenischen Sinne

Und schmelze sie darinne

Zu wunderbarer Reine,

So rein wie das feine

Gold ist der Araben.

Die Spender solcher Gaben

Des wahren Helikones,

Des obersten Thrones,

Dem solche Wort' entspringen,

Die durch die Ohren klingen

Und in die Herzen lachen,

Das Gedicht durchleuchtend machen

Wie Edelstein und Gimme,

Die mögen meine Stimme

Und meine Bitt erhören

In ihren Himmelschören

Und laßen mich den Wunsch empfahn.

Nun setzt, dieß Alles wär gethan,

Daß mir die Fülle wär gewährt

An Worten, wie ich sie begehrt,

So hab ich also vollen Hort,

Versüße jedem Ohr mein Wort,

Jedem Herzen kommt mein Schatte

Von dem grünen Lindenblatte;

Auch ebn ich so der Rede Schritt,

Daß ich ihr bei jedem Tritt

Die Straße räum und fege,

Und auf keinem ihrer Wege

Ein Stäublein laße noch so klein,

Das nicht vertrieben müste sein,

So daß sie nur auf grünem Klee

Und auf lichten Blumen geh:

So bring ich dennoch meinen Sinn

Seht, wie kleingemuth ich bin!

Kaum oder nimmer an das Ziel,

An dem der Andern schon so viel

Sich Preis erwarben in Gedichten:

Fürwahr, ich muß darauf verzichten.

Und kehrt' ich alle meine Kraft

Auf Zier und Schmuck der Ritterschaft,

Wie, weiß Gott, Mancher hat gethan,

Und sagt', es habe Gott Vulcan,

Der weise, vielbekannte,

In jeder Kunst gewandte,

Tristans Schwert und Panzerkleid,

Stahl, Hosen und all das Geschmeid,

Womit ein Ritter wird versehn,

Durch seine Hände laßen gehn;

Schön und nach meisterlichen Sitten

Ihm entworfen und geschnitten,

Dem Degen kühn und milde,

Den Eber auf dem Schilde,

Wie er ihm auch den Helm entwarf

Und oben drauf, so heiß und scharf

Als der Minne Qualen,

Der feurgen Pfeile Stralen,

Und Manches noch, das wunderbar

Und wie nach Wunsch zu schauen war,

Bildete dem jungen Mann;

Wie Jungfrau Kassandra dann,

Jene weise Trojerin,

All ihre Kunst und allen Sinn

Ganz allein darauf gewandt,

Daß sie Tristans Gewand

Bereite und schmücke

Zu einem Meisterstücke

Der Kunst, so auserlesen

Als Sie im Stand gewesen,

Deren Geist im Himmel, wie man meint,

Von den Göttern ward gefeint –

Was hätte das viel andre Macht

Als wie ich es vorher erdacht,

Da ich Tristans Geleite

Versah zu seiner Schwertleite?

Stimmt ihr meiner Meinung bei,

Ich will nicht bergen wie die sei:

Hoher Muth und volles Gut,

Wer zu den Zwein Geräthen thut

Bescheidenheit und höfschen Sinn,

Die Vieren wirken immerhin

So viel und gut als Einer kann.

Ja nicht Kassandra noch Vulcan

Möchten Ritter beßer rüsten

Als es diese Viere wüsten.

Da nun die vier genannten Kräfte

So tüchtig sind zu dem Geschäfte,

Das Schwertgeleit zu zieren,

Befehlen wir den vieren

Unsern Freund Tristanden.

Die nehmen ihn bei Handen

Und schmücken uns den jungen Mann

(Da es nicht beßer werden kann)

Mit dem Gezeug und mit dem Schnitt

Wie sein Geleit auch bei dem Ritt

Geschmückt ist und bereitet.

So sei Tristan geleitet

Zu Hof und auch zum Ringe:

Er ist in jedem Dinge

Den Gesellen ebengleich,

Eben zierlich, eben reich;

Ich meine nur an dem Gewand,

Das da nähte Frauenhand,

Nicht an dem angebornen Kleid,

Das des Herzens Kammer leiht,

Was sonst sie heißen edeln Muth,

Der den Mann macht wohlgemuth

Und adelt Leib zumal und Leben:

Dieß Kleid ward ihm gar schön gegeben;

Den Gesellen nicht das gleiche.

Ja, weiß Gott, der muthesreiche,

Der ehrbegierge Tristan

Legt' erlesne Kleider an,

Die von Ansehn und von Zier

Nicht ihres Gleichen hatten hier.

Er übertraf an schönen Sitten

Und Zucht sie All, die mit ihm ritten;

Nur allein an dem Gewand,

Das da nähte Frauenhand,

War kein Unterschied des Kleids:

Das trug der Hauptmann des Geleits

Den Andern eben schlecht und gut.

Nun war der Jüngling reich an Muth,

Der Vogt von Parmenîe

Und seine Messenîe

Mit ihm ins Münster gekommen

Und hatten Messe vernommen

Und empfangen auch den Segen

Wie Brauch ist allerwegen.

Herr Marke nahm Tristanden,

Seinen Neffen, da zu Handen,

Und legt' ihm Schwert und Sporen an.

»Sieh«, sprach er, »Neffe Tristan,

Nun dir dein Schwert gesegnet ist

Und du zum Ritter worden bist,

So bedenke was den Ritter preist,

Und auch dich selber, wer du seist,

Und hab vor Augen allezeit

Deine Geburt und Edelkeit.

Sei an Demuth unbetrogen,

Sei wahrhaft und wohlgezogen,

Sei den Armen hold und gut

Und mit den Reichen hochgemuth.

Laß deinen Leib in Würde schaun;

Ehr und minne alle Fraun.

Sei immer mild und immer treu,

In Mild und Treue täglich neu,

Und mein Ehrenwort verpfänd ich dir,

Daß Gold und Zobel nicht die Zier

Dem Sper bringt und dem Schilde

Wie Treue thut und Milde.«

Hiemit bot er den Schild ihm dar,

Küsst' ihn und sprach: »Nun, Neffe, fahr

Und gebe Gott nach seiner Kraft

Dir Heil zu deiner Ritterschaft:

Sei immer höfisch, immer froh.«

Da versorgte Tristan eben so

Die Gefährten Mann für Mann,

Wie ihm der Oheim gethan

Mit Sper und Sporn und Schilde.

Demuth, Treue, Milde,

Die legt' er eines Jeden Kür

Mit sinnreicher Lehre für.

Dann aber ward nicht lang verweilt,

Zum Ritt und Buhurd geeilt

Ward, das glaubet auf mein Wort.

Doch wie sie sich getummelt dort,

Wie sie mit Schäften stachen,

Und wie manchen sie zerbrachen,

Das mögen die Garzone sagen,

Die sie zusammen halfen tragen:

Ich bin ihr Buhurdieren

Nicht da zu bekroijieren.

Doch zu Einem Dienst erbiet ich mich:

Ich wünsche ihnen williglich,

Daß sich ihr aller Ehre

In allen Dingen mehre

Und ihnen ritterliches Leben

Zur Ritterschaft Gott möge geben.

IX. Vaterrache.

Trug jemals Einer stätes Leid

Bei währender Glückseligkeit,

So trug Tristan dieß stäte Leid

Bei währender Glückseligkeit

Wie ich euch nun bescheiden will:

Ihm war ein volles Maß und Ziel

Verliehn in zweien Dingen,

Im Leid und im Gelingen.

Denn Alles, was er nur begann,

Gelingen fand er stäts daran

Und war doch immer Leid dabei.

Wie ungleich dieses jenem sei,

Doch waren diese Gegenstücke,

Stätes Leid zu stätem Glücke

Gesellet bei dem einen Mann.

»So helfe Gott euch, sagt uns an:

Tristan hat nun das Schwert genommen,

Und ist zu reichem Glück gekommen

Mit ritterlicher Würdigkeit:

Laßt hören, welche Art von Leid

Er hat bei solchem Glücke?«

Weiß Gott, in Einem Stücke,

Das stäts mit Leid ein Herz befieng

Und auch dem seinem nahe gieng:

Daß ihm der Vater war erschlagen,

Wie er den Marschall hörte sagen,

Das that ihm weh in seinem Muth.

Also war Übel da bei Gut,

Bei Gewinn Verlust, bei Liebe Leid;

So geschieht es Manchem jederzeit.

Es zweifelt Niemand daran,

Es liegt bei dem jungen Mann

Haß dem Herzen näher an,

Als bei einem reifern Mann.

Über aller neuen Würdigkeit

Schwebte Tristan stäts das Leid

Und das verborgne Ungemach,

Von dem er keiner Seele sprach,

Das ihm Riwalinens Tod

Und Morganens Leben bot;

Mit Sorgen lag dieß Leid ihm an.

Der sorgenvolle Tristan

Und sein getreulicher Rath,

Der den Namen von der Treue hat,

Der tugendreiche Foitenant,

Rüsteten alsbald am Strand

Mit allem Zeuge, das da Noth

Und das ihnen sich die Fülle bot,

Eine herrliche Barke:

So kamen sie vor Marke.

Tristan sprach: »Lieber Herre mein,

Es soll mit euern Hulden sein,

Daß ich nach Parmenîe fahr

Und nach euerm Rathe nehme wahr,

Wie es uns da sei bewandt

Um die Leut und um das Land,

Von dem ihr sprechet, es sei mein.«

Der König sprach: »Freund, das soll sein.

Wie schwer ich dein auch mag entbehren,

Die Bitte will ich doch gewähren.

Fahr heim gen Parmenîe

Mit deiner Massenîe:

Und bedarfst du noch der Ritter mehr,

Die nimm nach Willen und Begehr.

Nimm dir Rosse, Silber, Gold

Wie dus bedarfst, ich bin dir hold,

Und was du brauchst, des nimm genug.

Wen du dir gesellst beim Zug,

Dem biet es so mit Gute

Und geselliglichem Muthe,

Daß er gern dein Diener sei

Und dir mit Treue stehe bei.

Viel lieber Neffe, leb und thu

Wie dir dein Vater räth dazu,

Der getreue Rual, der hier steht,

Der große Treu an dir begeht,

Und immer hat an dir begangen.

Und läßt dich Gott den Wunsch erlangen,

Daß du Alles wohl verrichtest

Und deine Sache schlichtest

Nach Frommen und nach Ehren,

So sollst du wiederkehren;

Kehre wieder her zu mir.

Ich gelob und leist es dir,

Meine Treu empfang in deine Hand,

Daß ich dir mein Gut und Land

Zu gleichen Stücken theile;

Und lägs an deinem Heile,

Daß du mich solltest überleben,

Seis ganz zu eigen dir gegeben,

Denn ich denke mir um deinetwegen

Ein ehlich Weib nicht beizulegen

So lang ich immer leben soll.

Neffe, nun vernahmst du wohl

Meine Bitt und meinen Sinn.

Bist du mir hold wie ich dir bin,

Trägst mir ein Herz wie ich dir trage

Weiß Gott, wir wollen unsre Tage

Zusammen fröhlich hier verleben.

Urlaub sei dir hiemit gegeben.

Der Sohn der Magd der hüte dein!

Und laß dir wohl befohlen sein

Dein Geschäft und deine Ehr.«

Es säumte sie nichts länger mehr:

Tristan und sein Freund Rual

Schifften hin von Cornewal,

Sie und die Massenîe

Heim gegen Parmenîe.

Hättet ihr nun gern vernommen,

Wie diese Herren da sind willkommen,

Ich sag euch, was ich selbst vernommen,

Gern von dieser Herrn Willkommen.

Ihr Führer und Gefährte,

Der in Treue stäts bewährte

Rual trat zuerst ans Land;

Sein Hütlein und sein Gewand

Legt' er höfisch beiseit,

Lief Tristan an mit Fröhlichkeit,

Küsst' ihn und sprach nun: »Herre mein,

Gott sollt ihr willkommen sein,

Euerm Lande dann und mir.

Schauet, Herr, ihr seht wohl hier

Das schöne Land an diesem Meer:

Veste, Städte, starke Wehr,

Und manches schöne Castel

Hat euer Vater Kanel

Erblich auf euch gebracht.

Seid bieder nun und wohlbedacht,

So entgeht euch nichts von dem Gebiet

So weit hier euer Auge sieht:

Dafür zum Bürgen habt ihr mich.«

Mit reichem Herzen freudiglich

Kehrt' er zurück nach diesem Wort

Und empfieng auch die Genoßen dort,

Die Ritter alle, Mann für Mann.

Wieder freundlich hub er an

Mit schönem Wort und süßen,

Sein Salutieren und Begrüßen.

Dann führt' er sie gen Kanoel:

Und jede Stadt und jed Castel,

Die seit Kanelens Jahren

In seiner Pflege waren

In allen den Landen,

Die gab er auf Tristanden

Getreulich nach dem Lehensbrauch;

Die seinigen darunter auch,

Die von den Vordern allen

Ihm waren angefallen.

Was braucht es langer Rede noch?

Rath und Ehre hatt er doch;

So bot er seinem Herren Rath

Als ein Mann, der Rath und Ehre hat.

Und mit ihm all den Seinen.

Das Fleißen und das Peinen,

Das er mit süßem Muthe

Ihnen allen zu Gute

In aller Weise wandt auf sie,

Das sah man noch auf Erden nie.

Wie nun? Wie ist mir denn geschehn?

Hab ich mich selber übersehn?

Wo that ich meine Sinne hin?

Die tugendreiche Marschallin,

Die reine, die stäte,

Meine Herrin Floräte,

Daß ich so lange schwieg von der,

Das kam mir nicht vom Hofe her.

Doch hoff ich es der süßen

Zu beßern und zu büßen.

Die höfische, die gute,

Die weiblich gemuthe,

Die wertheste, die beste,

Ich weiß, daß sie die Gäste

Nicht mit dem Mund allein empfieng;

Denn wie das Wort vom Munde gieng,

Gieng ihm der gute Wille vor.

Nicht höher flög ihr Herz empor

Wär es der Flügel mächtig.

Ihr waren einträchtig

Stäts ihr Wille und ihr Wort,

Ich weiß wohl, daß sie über Bord

Ihr alle beide giengen,

Als sie die Gäste empfiengen.

Die selige Floräte, was

Sie glücklich war im Übermaß,

Als sie ihren Herrn sah und ihr Kind,

Das Kind, des diese Mären sind,

Ihren Sohn Tristanden mein ich!

In Treuen, das bescheidet mich

All die Tugend und die Güte,

Die sie trug im Gemüthe

Wie ich von der Selgen las.

Daß sie beider viel besaß,

Das bewährte sie so wohl

Als ein Weib aufs Beste soll,

Denn sie schuf ihrem Kinde

Und seinem Ingesinde

Solch Gemach und den Empfang,

Keiner fand es beßer lebenslang.

Eines Glaubens bin ich auch so voll,

Daß ichs nicht fester glauben soll,

Von dem höfschen Curvenal:

Daß sein Freund ihm dazumal

Ein willkommner Tristan war;

Des bin ich allen Zweifels bar.

Nach Diesem wurden besandt

Zu Parmenîe im ganzen Land

Die Herren und die Ritterschaft,

In deren Hand die Herschaft

Lag so in Stadt als in Castel.

Als nun die in Kanoel

All zusammen kamen

Und hörten und vernahmen

Von Tristan wahren Bericht

Wie diese Märe von ihm spricht

Und wie ihr selber habt vernommen,

Da flogen tausend Willkommen

Aus eines Jedem Munde.

Leut und Land zur Stunde

Erwachten aus dem langen Leid

Und wandten sich zur Fröhlichkeit,

Daß es ein Wunder war zu sehn.

Sie empfiengen ihre Lehn,

So die Leute wie das Land,

Von ihres Herren Tristan Hand;

Sie schwuren Huld und wurden Mann.

Derweil trug immer Tristan

Die heimlichen Schmerzen

Verborgen in dem Herzen,

Den ihm Morgans Unglimpf lieh.

Dieser Schmerz verließ ihn nie

War es Abend oder Morgen.

Er gieng zu Rath in Sorgen

Mit Freunden drauf und Mannen

Und sprach, zu den Britannen

Zieh ihn sein Verlangen,

Sein Lehen zu empfangen

Aus seines Widersachers Hand,

Damit er seines Vaters Land

Besäße vollen Rechtes froh.

So sprach er und er that auch so.

Er fuhr von Parmenîe

Mit seiner Companîe

Gerüstet und versehn so voll

Als sich Jeder rüsten soll,

Der auf ängstliche That

Den Willen fest gerichtet hat.

Als Tristan gen Britannien kam,

Geschah es, daß er bald vernahm

Und mit Gewissheit hörte sagen,

Morgan, der Herzog, reite jagen

Von Walde zu Walde.

Da hieß er eilen balde;

Die Ritter hielten sich bereit

Und legten unter ihrem Kleid

Den Halsberg an und all ihr Ding;

Doch so, daß sich kein Harnischring

Unterm Wappenrock ließ sehn:

Daran war Tristans Wunsch geschehn.

Darüber legte jeder Mann

Seinen weiten Reifrock an

Und saß alsdann zu Rosse.

Sie geboten ihrem Trosse

An sichre Statt zu reiten

Und mit keinem Feind zu streiten.

Getheilt dann ward die Ritterschar

Und was die größre Stärke war

Für den Rückzug versteckt

Und daß der Tross auch wär gedeckt,

Welchen Wegs der immer fuhr.

Als dieß geschehn war, sah man nur

Dreißig Ritter in der Schar,

Die bei Tristan geblieben war;

Doch jener, die den Rückzug deckten,

Sechzig waren der Versteckten.

Bald fügt' es sich, daß Tristan da

Die Hunde mit den Jägern sah.

Die frug er nach der Märe,

Wo der Herzog wäre.

Das zeigten sie alsbald ihm an

Und ritt er auch sogleich hindann

Und fand nach kurzer Stunde hier

In einem grünen Waldrevier

Viel britischer Barone;

Die hatten Pavillone

Und Hütten auf das Gras geschlagen,

Darum und auch darein getragen

Laub und lichter Blumen viel;

Ihre Hunde und ihr Federspiel

Hatten sie zu Handen.

Sie grüßten Tristanden

Und Die da mit ihm ritten auch

Höfisch nach des Hofes Brauch,

Und sagten ihm aufs erste Wort,

Morgan, ihr Herzog, reite dort

Nicht weit davon in dem Wald.

Da eilten sie dahin alsbald

Und fanden auch Morganen

Und auf Castilianen

Viel der britschen Ritter da.

Als er sie zu sich traben sah,

Empfieng Morgan die Gäste,

Deren Willen er aufs Beste

Deutete, so gut und wohl

Als man Gäste nur empfangen soll.

Das Gleiche that sein Landgesind:

Ein Jeglicher der kam geschwind

Mit seinem Gruß herbeigerannt.

Zuletzt als dieß ein Ende fand,

Daß all ihr Grüßen war gethan,

Zu Morgan hub da Tristan an:

»Herr, wißt, ich kam hieher

Nach meinem Lehn mit dem Begehr,

Daß ihr mir es leiht zu tragen

Und mir nicht wollt versagen

Was ich dem Recht nach haben soll:

So thut ihr höfisch und wohl.«

Morgan sprach: »Herr, saget mir,

Wer seid ihr und wie heißet ihr?«

Tristan sprach da unverwandt:

»Herr, Parmenîe heißt das Land,

Zu welchem ich geboren bin,

Und hieß mein Vater Riwalin;

Ich selber heiße Tristan.«

»Ihr kommt mir, Herr«, sprach Morgan,

»Mit so unnützen Mären,

Daß sie viel beßer wären

Verschwiegen, als hier vorgebracht.

Ich bin der Sache kurz bedacht:

Hättet ihr ein Recht an mir,

Das blieb' euch unverweigert hier;

Euch sollte nichts daran gebrechen.

Wäret ihr es anzusprechen

Ein Mann von ganzen Ehren,

Ich müst es euch gewähren;

Wir wißen aber Alle wohl,

Die Lande sind der Märe voll,

In welcher Weise Blanscheflur

Von Haus mit euerm Vater fuhr;

Zu welchen Ehren sie da kam

Und wie die Liebschaft Ende nahm.«

»Liebschaft, Herr? Wie meint ihr das?«

»Ich sag es euch nun nicht fürbaß,

Doch wie ich sagte, steht es drum.«

»Herr«, sprach Tristan wiederum,

»Versteh ich eurer Zunge Stich,

So meintet ihr es so, daß ich

Nicht ehlich wär geboren

Und hätte drum verloren

Mein Lehen und mein Lehenrecht.«

»Ja wahrlich«, sprach er, »guter Knecht,

Dafür halt Ichs und mancher Mann.«

»So sprecht ihr übel«, sprach Tristan:

»Ich wähnte doch, es wäre

Nach Pflicht gethan und Ehre,

Wer Einem was zu Leide that,

Daß er die Zunge doch zu Rath

Hielt' und schonte Sitt und Brauch.

Wär Sitt und Brauch nun in euch auch,

So möchtet ihr die Rede sparen

(Viel Leid ist mir schon widerfahren),

Die verharschten Kummer weckt

Und die alte Schuld erstreckt.

Ihr erschluget mir den Vater doch:

Hieran dünkt euch aber noch

Meines Leides nicht genug.

Ihr sagt, die Mutter die mich trug,

Habe kebslich mich getragen.

Das will ich Gott im Himmel klagen.

Ich weiß so manchen Edelmann,

Den ich jetzt nicht nennen kann,

Der die Hände faltete vor mir:

Hätt er solche Missezier,

Wie ihr da sprecht, an mir erkannt,

Deren Keiner hätte seine Hand

Zwischen meine je gebracht.

Die hatten wohl der Wahrheit Acht,

Daß mein Vater Riwalin

Meine Mutter bis ans Ende hin

Hoch hielt als sein ehlich Weib.

Wenn ich das auf euern Leib

Bewähren und erweisen soll,

In Wahrheit, das erweis ich wohl.«

»Fahrt«, sprach Morgan, »in Gottes Haß!

Eur Beweisen, was soll das?

Zum Kampfe taugt ihr keinem Mann,

Der je zu Hofe Recht gewann.«

»Das wird sich zeigen«, sprach Tristan,

Zog das Schwert und rannt' ihn an,

Und spaltet' ihm von oben her

Hirn und Hirnschal mit der Wehr,

Daß sie ihm auf die Zunge drang.

Dann stach er ihm im andern Gang

Das Schwert bis tief ins Herz hinein.

Da zeugte wohl der Augenschein

Für das Sprichwort, das da spricht:

Die Schuld liegt und fault doch nicht.

Morganens Barone,

Die kühnen Britone,

Die mochten ihm da wenig frommen,

Noch ihm so bald zu Hülfe kommen

Daß er entgieng dem Falle.

Doch stellten sie Alle,

So schnell sie mochten, sich zur Wehr;

Ihrer sah man bald ein mächtig Heer.

Ungewarnt wie sie auch waren,

Der Feinde wollten sie nicht sparen,

Und zeigen mannlichen Muth.

Auf Warnung oder auf Hut,

Nahm da selten Wer Bedacht:

Sie drangen haufenweis zur Schlacht

Und warfen Alle mit Gewalt

Ins Feld hinaus und vor den Wald.

Da hub sich lautes Wehgeschrei

Und großen Jammers Noth dabei.

So flog da Morganens Tod

Mit vieler Klage, mancher Noth

Als ob er flügge wäre.

Er sagte leide Märe

Den Burgen an und rings dem Land.

Durch die Lande flog zuhand

Nur das Eine Klagewort:

»Ah! noster sires, il est mort!

Wer sorgt nun für des Landes Heil?

Ihr zieren Helden, zieht in Eil

Von Städten und von Vesten

Und lohnet diesen Gästen:

Durch sie ist uns groß Leid geschehn!«

Sie ließen über sich ergehn

Alle bittre Noth des Streits;

Doch fanden sie auch andrerseits

An den Gästen vollen Streit.

Die kehrten stäts von Zeit zu Zeit

Mit einer ganzen Rotte wieder

Und warfen ihrer viel darnieder;

Dann suchten sie im Fliehen

Sich dahin zurückzuziehen,

Wo sie wusten ihre Kraft

Und die versteckte Ritterschaft,

Und nahmen da Herberge

Auf einem festen Berge

Und hielten sich da über Nacht.

Über Nacht ward dann des Landes Macht

So stark vor ihrer Veste,

Daß sie die leiden Gäste,

Wenn es begann zu tagen,

Hinunter mochten jagen,

Und Manchen niederstachen,

Die Haufen oft durchbrachen

Mit Speren und mit Schwerten,

Die da unlange währten.

Sie hatten da an Schwert und Sper

Unlange währende Wehr,

Denn Schäfte brachen, Schwerter sprangen,

Wenn sie in die Rotten drangen.

Auch sah man Tristans kleines Heer

So kühn in seiner Gegenwehr,

Daß viel Schade kam danach,

Wenn man in die Haufen brach.

Die Scharen wurden beiderseit

Nicht einmal, nein zu mancher Zeit,

Mit großem Schaden überladen.

Sie nahmen da und thaten Schaden,

Schädlichen, an manchem Mann,

Und hielten sich so lang daran

Bis das innere Heer

Schwächer ward an seiner Wehr.

Denn Ihm gieng ab und Jenem zu:

Jenen mehrte spät und früh

Sich der Vortheil wie die Macht,

So daß sie wieder noch vor Nacht

Belagerten die Gäste

Vor einer Waßerveste,

Aus der die Gäste sich wehrten,

Sich drin zu fristen begehrten.

So war das Haus umseßen

Mit Scharen unermeßen

Als obs umzäunet wäre.

In ihres Leides Schwere

Tristan und sein kleiner Bann,

Nun, wie stellten sie es an?

Hört zu, so meld ich wohl euch dieß,

Wie ihre Sorge sich zerließ,

Und sie von dannen kamen,

Sieg an den Feinden nahmen.

Als Tristan von dem Lande schied,

Wie ihm Rual, sein Rather, rieth,

Das Lehen zu begehren

Und wieder heimzukehren,

Da lags dem seligen Rual

Im Herzen stäts, und schuf ihm Qual:

Es ahnt' ihm wohl, es werd ergehn

Wie es auch mit Tristan ist geschehn;

Nur daß ihm in den Sinn nicht kam

Wie großen Schaden Morgan nahm.

Hundert Ritter nahm er an

Und folgte seinem Herrn Tristan

Des Wegs, den er geritten

War in das Land der Britten.

Als er dahin gekommen,

Da hatt er bald vernommen

Wie es ergangen wäre

Und nach des Landes Märe

Führt' er seine Fahrt hinaus

Zu dem umseßnen Waßerhaus.

Als sie diesen jetzt zu nahn

Begannen und die Feinde sahn,

Da ward von ihrer Rotte

Nicht Einer so zu Spotte,

Daß ihn Furcht gesäumt und abgezogen:

Sie kamen allesamt geflogen

Mit fliegenden Banieren.

Da gabs ein laut Croijieren

Von ihrer Massenîe:

»Schevalier, Parmenîe!

Parmenîe, Schevalier!«

Da schuf Banier auf Banier,

Das durch die Zeltschnüre brach,

Schaden und groß Ungemach.

Sie trafen die Bretonen

In ihren Pavillonen

Mit tödtlichen Wunden.

Die in der Veste stunden,

Als sie ihr Landbanier erkennen

Und ihren Feldruf hören nennen,

Wollen sie den Raum sich weiten

Und hinaus ins Weite reiten:

Da säumt sie Tristan nicht daran.

Großer Schade ward gethan

An den Landgesellen:

Fahen und Fällen,

Schlagen und Stechen,

Damit sah man durchbrechen

Zu beiden Seiten ihr Heer;

Auch brachte das sie außer Wehr,

Daß jedwede Companîe

Ihr »Schevalier, Parmenîe«

So viel riefen und schrien:

Damit war ihre Wehr dahin.

Ihnen blieb nicht Wehr noch Wiederkehr,

Nur verdecktes Fliehen

Und zögerndes Ziehen

Nach dem Berg und nach dem Wald;

Da ward der Streit erst mannigfalt.

Die Flucht war da ihr letzter Trutz

Und vor dem Tod ihr bester Schutz.

Nun dieser Sieg erfochten war,

Da ruhte sich die Ritterschar;

Sie schlugen Hütten auf dem Plan

Und die sie des Gesindes sahn

Sich auf dem Feld erschlagen,

Die ließen sie zu Grabe tragen;

Und Die verwundet waren,

Legten sie auf Bahren

Und zogen heim zu ihren Landen.

Hiemit war jetzo Tristanden

Sein Lehn und sein gesondert Land

Verliehn aus seiner eignen Hand;

Er war von Dem auch Herr und Mann

Das noch sein Vater nie gewann.

So hatt ers in die Richte gebracht

Und seine Sache schlicht gemacht:

In die Richte gebracht am Gute

Und schlicht gemacht im Muthe.

All sein Unrecht war nun recht,

Seine Schwermuth eben und schlecht.

Er hatte nun aus freier Hand

Sein Vatererb und all sein Land

Unangefochten und also,

Daß Niemand irgend wann noch wo

Anspruch erhob an all sein Gut.

Hiemit so wandt er seinen Muth,

Wie ihm da gebot und rieth

Sein Oheim als er von ihm schied,

Wiederum gen Cornewal;

Und mochte doch auch von Rual

Nicht wenden sein Gemüthe,

Der ihm so manche Güte

Mit väterlicher Stätigkeit

Erwiesen hatte jederzeit.

An Rual und an Marke lag

Tristans Herz bei Nacht und Tag;

An diesen zwein lag all sein Sinn:

Der Sinn, der lockt' ihn her und hin.

Nun spräche wohl ein werther Mann:

»Unser werther Tristan

Wie verhält er sich hiezu,

Daß er Recht Jedwedem thu

Und Beiden lohne wie er soll?«

Ein Jeder sieht und weiß das wohl,

Er kann sichs nicht ersparen:

Einen muß er laßen fahren,

Daß er bei dem Andern bleibe.

So laßt denn hören, wie ers treibe?

Kehrt er gen Cornewal sich wieder,

So sinkt ihm Parmenîe nieder

Und büßt an seinen Würden ein;

So muß verkürzt auch Rual sein

An Freuden und frohem Muth

Und an alle dem Gut,

Dem seine Wonne sollt entblühn;

Und will er nicht von hinnen ziehn,

So muß er entbehren

Höherer Ritterehren

Und setzt auch Markes Rath hintan,

Von dem er Ehre mag empfahn.

Wie soll er nun sein Heil bewahren?

Weiß Gott, er muß von hinnen fahren:

Man soll ihm Urlaub geben.

Er muß noch höher schweben

An Ehren und am Muthe,

Soll sich sein Glück zu Gute

Noch und zu Freuden kehren.

Nach den höchsten Ehren

Soll er noch trachten können.

Will die sein Heil ihm gönnen,

Es hat wohl Recht, daß es das thu,

Steht ihm doch all sein Muth dazu.

Der sinnreiche Tristan

Gar sinnigen Rath ersann:

Er war bedacht, so eben

Und gleich sich zu vergeben

An seine Väter beide

Als ob man ihn zerschneide.

Er theilte selber sich entzwei

So gleich und eben wie ein Ei,

Und gab Jedwedem dann den Theil,

Der am Meisten ihm zum Heil

Kam nach seinem ganzen Wesen.

Wer nun von Theilung nie gelesen,

Die man an sich selber macht,

Dem sag ich wie sie wird vollbracht.

Es zweifelt Niemand doch daran:

Zwei Dinge machen einen Mann

Und diese zwei sind Leib und Gut;

Von diesen zwein kommt edler Muth

Und weltlicher Ehren viel.

Wenn man die beiden scheiden will,

So wird das Gut zur Armut,

Und der Leib, dem man sein Recht nicht thut.

Kommt auch von seiner Würde dann,

Und wird der Mann ein halber Mann.

Und doch mit ganzem Leibe.

So ists auch mit dem Weibe.

Es sei Mann oder Weib,

Immer müßen Gut und Leib

Gesellt in allen Sachen

Erst ein ganzes Wesen machen;

Will man sie aber scheiden,

So ist es aus mit beiden.

Diese Theilung begann

Der sinnreiche Tristan

Und vollführte sie mit Sinnen.

Man must ihm erst gewinnen

Schöne Ross und reich Gewand

Und Speis und Vorrath mancherhand

Wie ein Fest sie nöthig macht,

Denn auf ein Fest war er bedacht.

Dazu lud er aus dem ganzen Land

Die Edelsten, in deren Hand

Die Kraft des Landes war gelegen.

Die thaten wie die Freunde pflegen

Und kamen zu der Lustbarkeit.

Nun war auch Tristan bereit

Mit allen seinen Dingen.

Er gab zwei Jünglingen,

Ruals Söhnen, da das Schwert,

Die ihm das Lehn zu erben werth

Nach ihrem Vater schienen.

Und Alles was er ihnen

Zu Würden und zu Ehren

Nur wenden mocht und kehren,

Da sah er keine Kosten an,

Das ward so williglich gethan

Als wär es für die eignen Kinder.

Nun sie Ritter wurden, und nicht minder

Zwölf Gesellen zumal,

Da war der höfsche Curvenal

Auch mit in der Zwölfe Schar.

Tristan, des Herz nur Zucht gebar,

Nahm seine Brüder bei der Hand

Höfisch, wie man ihn immer fand,

Und führte sie von dannen.

Seine Freund und Mannen,

Und Alle, die da waren

Von Sinnen oder Jahren

Oder schon von beiden

Verständig und bescheiden,

Die wurden Alle zuhand

An den Hof entboten und besandt.

Als er sie sah erschienen,

Tristan stand auf vor ihnen,

»Ihr Herren«, sprach er zu der Schar,

»Denen gern ich immerdar

In Treuen und mit Lauterkeit

Zu allen Diensten bin bereit

So fern als ich das immer kann –

Freund', und mein getreuer Bann,

Von deren Gnaden ich empfieng

Was Gott zu Ehren mir verhieng;

Denn mit eurer Hülfe lediglich

Ist Alles nun vollführt, was ich

In meinem Sinn begehrte.

Ob Gott es mir gewährte,

So weiß ich doch, es ward vollbracht

Durch eure Tugend, eure Macht.

Was soll ich weiter noch sagen?

Ihr habt in diesen wengen Tagen

Eure Ehr und euern Preis

An mich gewandt so mancherweis,

Es bleibt kein Zweifel mir daran,

Eher ists um diese Welt gethan,

Eh ihr zu irgend einer Zeit

Entgegen meinem Willen seid.

Freund' und Mannen alle, schau ich sie

Nun kraft meines Willens hie

Oder durch ihr eigen Recht,

Laßt euch nun nicht allzuschlecht

Meiner Rede Sinn gefallen.

Ich künd und sag euch Allen,

Wie auch mein Vater hier, Rual,

Gesehn hat und gehört zumal,

Daß mein Oheim sein Land

Gestellt hat in meine Hand

Und sich auch um meinetwegen

Kein ehlich Weib denkt beizulegen,

Daß Ich sein Erbe möge sein;

Auch sah er gern mich nahe bei

Wo er auch sei mit den Genoßen.

So hab ich denn mich entschlossen

Und steht mir all der Sinn dazu,

Daß ich seinen Willen thu

Und wieder zu ihm kehre.

Die Gülten und die Ehre

Und was ich hier noch nenne mein,

Die will ich laßen und leihn

Meinem Vater Rual:

Wenn es mir in Cornewal

Nicht ergeht wie ich gedenke,

Daß ich sterbe oder sänke,

Daß es sein Erblehen sei.

Hier stehn auch seiner Söhne zwei

Mit noch manchem andern Kind;

Und Die ferner seine Erben sind,

Die haben alle Recht daran.

Hört Alle, Dienstmann oder Mann,

Die Lehen über all dieß Land

Sollen stehn zu meiner Hand

All meine Jahr und meine Tage.«

Groß war der Jammer und die Klage

Bei aller dieser Ritterschaft;

Ihre Freude lag in Kummers Haft,

Ihr Mut, ihr Trost war ganz dahin.

»Ach,« sprachen Alle wider ihn,

»Viel besser wär uns da geschehn,

Hätten wir euch nie gesehn:

So wäre dieses Los vermieden,

Das uns jetzo nimmt den Frieden.

Herr, unser Trost und lieber Wahn,

War immer dieser bisheran,

Wir sollten miteinander leben;

Nein, unserm Leben ist vergeben,

Das wir zu Freuden sollten haben:

Erstorben ist es und begraben,

Wenn ihr euch von hinnen kehrt.

Herr, so habt ihr uns gemehrt

Und nicht gemindert unser Leid.

Unser aller Seligkeit

War kaum ein wenig aufgestiegen;

Nun muß sie gar darnieder liegen.«

Ich weiß es sicher wie den Tod,

Wie groß der Andern Klag und Noth

Und ihres Herzens Schwere

Auch war um diese Märe,

Rual, dem es zu Gut geschah,

Der davon so großes Frommen sah

An der Ehre wie am Gut,

Dem schuf es doch in seinem Muth

Mehr als all den Andern Qual:

Er empfieng ein Lehen dazumal,

Weiß Gott, ihm ward all sein Leben

Mit solchem Jammer keins gegeben.

Nun Rual und seine Kinder

Belehnt sind und beerbt nicht minder

Von Tristan, ihres Herren Hand,

Tristan befahl Gott Leut und Land

Und fuhr aus seinen Landen;

Da fuhr auch mit Tristanden

Sein treuer Meister Curvenal.

Seine Mannen mit Rual,

Dazu das Landvolk insgemein,

War ihr Kummer da nur klein

Und ihres Herzens Leiden

Um des trauten Herren Scheiden?

In Treuen, das vernein ich wohl.

Parmenîe war da voll

Des Jammers und der Klagen;

Es war nicht auszusagen.

Die Marschallin Floräte,

Die treue, die stäte,

Marterte den schönen Leib

Wie es billig thut ein Weib,

Der Gott ein gehehrtes Leben

An Weibesehren hat gegeben.

X. Morold.

Was läng ich länger noch hieran?

Der landlose Tristan

Als der gen Cornwal wieder kam,

Eine Mär er allzuhand vernahm,

Die er ungern hat vernommen:

Von Irland wär gekommen

Morold der heldenstarke,

Und forderte von Marke

Mit kampflichen Handen

Den Zins von beiden Landen,

Von Cornwal und von Engelland.

Um diesen Zins wars so bewandt:

Der Englands Krone sonst besaß,

Wie ichs in der Historie las

Und die rechte Märe spricht,

Der hieß Gurmun und anders nicht,

Und war von Africa geboren

Und sein Vater dort zum Herrn erkoren.

Als der verschied, da fiel das Land

An ihn und seines Bruders Hand,

Der Erbe war so gut als er.

Doch wuste Gurmun sich so hehr

Und trug so hoch seinen Muth,

Er mochte kein gemeines Gut

Mit einem andern Mann empfahn.

Ihn wies das Herz auf andre Bahn:

Er wär gern selbst ein Herr gewesen.

Da begann er zu erlesen

Die Muth- und Ehrenfesten,

Zu aller Noth die Besten,

Die Jemand wust im Lande,

Ritter und Sarjande,

Die er mit seinem Gute

Oder höfischem Muthe

Bringen mocht in sein Geleit,

Und überließ zur selben Zeit

Seinem Bruder all sein Land.

So wandt er sich hinaus zuhand

Und erwarb auch bei den Römern bald,

Die der Welt geboten mit Gewalt,

Urlaub mit dem Bedinge:

Was seine Kraft bezwinge,

Daß er darüber schalte,

Und ihnen nur behalte

Gewisse Recht' und Ehren.

Da mocht ihm Niemand wehren,

Er fuhr mit einem starken Heer

Über Land und über Meer

Bis er zu den Iren kam,

Deren Land er siegreich nahm

Und sie so bezwang im Streit,

Daß sie, wenn auch unbereit,

Ihn zum Herrn und König nahmen

Und so in Knechtschaft kamen,

Daß sie zu allen Zeiten

Mit Stürmen und mit Streiten

Ihm die Nachbarn halfen zwingen.

So einmal im Gelingen

Unterwarf er seiner Hand

Auch Cornewal und Engelland.

Marke war da noch ein Kind,

Unwehrhaft wie die Kinder sind:

So nahm er ab an seiner Kraft

Und ward Gurmunen zinshaft.

Auch half dabei Gurmunen sehr

Und lieh ihm Macht und Ehre mehr,

Daß er Morolds Schwester freite:

Das half ihm, daß er Furcht verbreite.

Der ward da Herzog genannt

Und hätte gern ein Königsland

Selber auch beseßen;

Denn er war gar vermeßen

Und hatte Land und großes Gut,

Starken Leib und hohen Muth.

So focht er Gurmuns Heer voraus.

Nun aber leg ich euch aus

Wie es mit dem Zinse stand,

Der den Iren ward gesandt,

Aus jedwedem Lande zwar:

Sie sandten hin das erste Jahr

Dreihundert Mark Messinges

Und keines andern Dinges;

Das andre Silber, das dritte Gold.

Im vierten aber kam Morold

Der Starke von Irlanden

Und wollte sein bestanden.

So wurden denn vor ihn gesandt

Aus Cornewal und Engelland

Die Baronen all und Großen.

Die giengen da zu looßen

In seinem Beisein, Wer von ihnen

Sein Kind ihm gäbe, das zu dienen

Geschickt wär nach den Jahren

Und kundig zu gebahren

Nach Zucht und edelm Hofgebranch,

Schönen Leibes nicht minder auch:

Nicht Mädchen, lauter Knäbelein,

Und der Knaben sollten dreißig sein

Aus jedwedem Lande,

Und sollte dieser Schande

Niemand mögen widerstehn,

Es müst im Zweikampf denn geschehn

Oder auch im Landgefecht.

Nun mochten sie zu ihrem Recht

Mit offner Gegenwehr nicht kommen,

Denn die Lande hatten abgenommen.

So war auch Morold so stark,

So erbarmungslos und arg,

Daß Niemand wider ihn allda,

Der ihm in die Augen sah,

Verwagte Leben und Leib,

Ein Mann so wenig als ein Weib.

Und wenn der Zins für jedes Jahr

Nach Irland hingesendet war

Und nun das fünfte Jahr begann,

So musten beide Lande dann

Stäts zur Sonnenwenden

Romwärts solche Boten senden,

Die den Römern behagten,

Die dann den Boten sagten,

Welch Gebot und welchen Rath

Der gewaltige Senat

Auserdacht und festgestellt

Für ein jedes Volk der Welt,

Das den Römern pflichtig war.

Denn da las man ihnen jedes Jahr

Vor und ließ sie wißen,

Wie sie hinfort beflißen

Sollten sein, das Recht zu weisen

Nach Römerlandrecht, Römerweisen.

Sie musten dann auch immer leben

Wie ihnen Lehre ward gegeben.

Dieser Zins ward hingesandt

Aus diesem wie aus jenem Land

Roma der Gebieterin

Bei jedes fünften Jahrs Beginn.

Doch boten sie ihr solche Ehr

Und diese Zinspflicht nicht so sehr

Um Rechtes noch um Gottes willen

Als um Gurmuns Zorn zu stillen.

Laßt uns zurück zur Märe kommen.

Tristan hatte wohl vernommen

Dieses Leid zu Cornewal;

Auch hatt er früher manches Mal

Wohl gehört schon den Bericht

Wie es stand um dieses Zinses Pflicht.

Doch nun vernahm er alle Tage

Aus des Landvolkes Klage

Des Landes Leid und große Schmach,

Wohin er ritt dem Wege nach,

Vor Städten und Castellen.

Und als zu den Gesellen

Nach Tintajöl er jetzo kam,

Seht, da hört' er und vernahm

In Gaßen und auf Straßen

Die Klage schallen solcher Maßen,

Daß es ihm sehr zu Herzen gieng.

Nicht lange währt' es, so empfieng

Der Hof und König Mark die Märe,

Daß Tristan angekommen wäre;

Des waren sie da Alle froh.

Froh, das mein ich aber so,

Das Maß lag in der Dinge Stand.

Denn die Besten, die man fand

Im ganzen Lande Cornewal,

Waren eben dazumal

Alle an den Hof gekommen

Zur Schande, wie ihr habt vernommen.

Die Edeln und die Großen

Giengen da zu looßen

Ihren Kindern, ach, zum Falle.

So fand sie Tristan Alle

Niederknieend zum Gebete,

Denn ein Jeder bat und flehte

Ohne Scham und unverborgen,

Laut weinend in den Sorgen,

Mit inniglichen Schmerzen

Des Leibes und der Herzen,

Daß ihm Gott der milde

Beschirme und beschilde

Seinen Adel und sein Kind.

Wie sie so im Beten sind,

Kommt Tristan hergegangen.

Wie ward er da empfangen?

Das sag ich euch, der Wahrheit nach:

Tristan ward an diesem Tag

Unter alle dem Gesinde

Von keinem Mutterkinde,

Auch Marken nicht, mit Grüßen

Empfangen also süßen,

Als er doch sicher wäre

Ohne dieses Leid, das schwere.

Des nahm nun Tristan wenig wahr;

Doch trat er kecklich vor die Schar,

Der man die Looße zog und las,

Wo Morold und Marke saß,

»Ihr Herren«, sprach er allzumal,

»Wie ihr auch heißt in diesem Saal,

Die hieher zum Looße laufen,

Ihre edeln Kinder zu verkaufen:

Schämt ihr euch nicht der Schande,

Die durch euch geschieht dem Lande?

So mannhaft wie ihr allezeit

In allen Dingen wart und seid,

So solltet ihr euch selbst zugleich

Und dieses Land und euer Reich

Zu Ansehn bringen und zu Ehren

Und eure Ehren immer mehren;

Und wollt eure Freiheit nun,

Wie verzagte Wichte thun,

Euern Feinden vor die Füße legen

Und ihm schnöden Zins erlegen!

Und eure edeln Kindelein,

Die eure Wonne sollten sein,

Euer Lust und euer Leben,

Gebt und habt ihr hingegeben

Zu Schalken und zu Waisen,

Und könnt doch nicht erweisen,

Daß euch Noth dazu bezwinge.

Denn hier brauchts nicht andre Dinge

Als ein Zweikampf und ein Mann;

Andre Noth hats nie gethan.

Doch könnt ihr in dem ganzen Reich

Nicht Einen finden unter euch,

Der wider Einen Mann sein Leben

An die Wage wolle geben

Ob er bleibe oder siege.

Sei es auch, daß er erliege,

So mag doch wohl ein kurzer Tod

Und diese währende Noth

Im Himmel und auf Erden

Nicht gleich gewogen werden.

Geschieht es aber, daß er siegt

Und das Unrecht erliegt,

So ist ihm Ehr hienieden,

Dort Gottes Lohn beschieden.

Soll doch der Vater für sein Kind,

Da beide nur Ein Leben sind,

Das Leben geben. so wills Gott.

Der treibt mit Gottes Willen Spott,

Der sein freigeboren Kind

Dem Zwingherrn auszuliefern sinnt,

Daß es in Knechtschaft schwebe

Und er in Freiheit lebe.

Soll Ich euch Rath zu euerm Leben

Nach Gott und nach den Ehren geben,

So dünkt michs beßer viel gethan,

Ihr erwählt euch einen Mann,

Wo man ihn immer finde

Unter diesem Landgesinde,

Der den Kampf nicht braucht zu meiden

Und dem Glück es freistellt, zu entscheiden,

Ob er siege oder falle:

Den Kühnen bittet Alle,

Um Gotteswillen allermeist,

Und fleht, daß ihm der heilge Geist

Glück und Ehre gebe,

Auf daß er nicht erbebe

Vor Morold, weil er stark und groß;

Auf Gottes Macht vertrau er bloß,

Denn der verließ noch keinen Mann,

Der auf gerechte Dinge sann.

So geht zu Rath denn schnelle,

Berathet euch zur Stelle,

Wie ihr die Schande von euch kehrt

Und euch des Einen Manns erwehrt:

Nehmt von Geburt und Adel

So großer Schande Tadel.«

»Ach«, sprachen Alle zu Tristan,

»Viel anders stehts um diesen Mann,

Vor dem kann Niemand gedeihn.«

Tristan sprach: »Laßt die Rede sein.

Gott zu Lieb besinnt euch noch:

Seid ihr von Geburt ja doch

Allen Köngen gleich entsproßen.

Aller Kaiser Genoßen,

Und wollt nun eure edeln Kinder,

Die edel sind wie ihr, nicht minder,

Verhandeln und verkaufen

Und zu Eigenschalken taufen.

Und mögt ihr Keinen eurer Mannen

Hierzu erherzgen und ermannen,

Daß er um eure Noth und Klage

Und des Landes Schmach und Niederlage

Kühnlich nach dem Rechte

In Gottes Namen fechte

Wider diesen Einen Mann,

Und geruhet ihr alsdann

Daß ihrs an Gott stellt und an mich,

Fürwahr, ihr Herren, so will Ich

Meine Jugend und mein Leben

Mit Gott auf Abenteuer geben,

Und euch zu lieb den Kampf bestehn.

Gott laß ihn euch zu Gut ergehn

Und helf euch noch zum Rechte.

Geschieht es im Gefechte,

Daß es mir am Glück gebricht,

Das schadet euerm Rechte nicht.

Find ich in dem Kampf den Tod,

Damit ist euer Aller Noth

Weder ab- noch angekehrt,

Nicht gemindert noch gemehrt,

Es steht noch wie es jetzo steht;

Und ists, daß es zum Heil ergeht,

Das kommt allein von Gotteswegen,

Und Gott verdankt allein den Segen.

Denn den ich soll bestehn allein,

Der ist, so sagt man allgemein,

So durch Muth und Leibeskraft

In aller ernsten Ritterschaft

Ein lange her bewährter Mann:

Ich aber, dem nur erst heran

Der Muth wächst und die Kräfte,

Bin zu des Kampfs Geschäfte

Noch nicht zu kürbar und so gut

Als uns Noth wohl jetzo thut;

Doch weiß ich im Gefechte

An Gott und an dem Rechte

Siegreiche Helfer bei mir stehn:

Die solln mit mir zum Kampfe gehn.

Auch hab ich willigen Muth,

Der ist auch zum Kampfe gut:

Und helfen mir nur diese drei,

Wie unversucht ich anders sei,

So hab ich guten Trost dazu,

Daß mir der Eine Mann nichts thu.«

»Herr«, sprach die ganze Ritterschaft,

»Die heilige Gotteskraft,

Die all die Welt geschaffen hat,

Die vergelt euch Trost und Rath.

Und der frohen Hoffnung Wahn,

Die ihr uns habt aufgethan.

Herr, laßt euch das Ende sagen:

Unser Rath hat wenig Frucht getragen.

Wollt unser Heil es uns gestatten,

So viel wie wirs versucht schon hatten

Und so oft als es begonnen ward,

So blieb es nicht auf heut verspart.

Wir haben nicht zu Einem Mal

Allein, wir hier in Cornewal,

Rath um unsre Noth gepflogen:

Wir sind auf manchen Tag gezogen

Und konnten, wie bedrängt wir sind,

Doch Keinen finden, der sein Kind

Nicht lieber wollt in Knechtschaft geben

Als in den Tod das eigne Leben

Im Kampf mit diesem Teufelsmann.«

»Wie sprecht ihr also?« sprach Tristan,

»Der Dinge sind doch viel geschehn:

Man hat oft Wunder gesehn,

Wie ungerechte Hochfahrt

Durch kleine Kraft geniedert ward.

Das möcht auch jetzt wohl noch geschehn,

Wagt' es Einer zu bestehn.«

Das hörte Morold all mit an:

Da verdroß ihm mächtig, daß Tristan

So eifrig nach dem Kampfe da

Verlangte, der so kindisch sah,

Und trug ihm drum im Herzen Haß.

Tristan sprach jedoch fürbaß:

»Ihr Herren alle, redet nun,

Was ist euch lieb, daß ich soll thun?«

»Herr«, sprachen Alle insgemein,

»Möcht es immer also sein,

Die Hoffnung, die ihr uns gemacht,

Daß die würde vollbracht,

So geschäh uns Allen nach Begehr.«

»Ist euch das lieb«, sprach wieder Er,

»Wohl, da es so auf diese Frist

Und mir vorbehalten ist,

Will es denn Gott gefallen,

So versuch ich, ob euch Allen

An meinen jungen Jahren

Gott Heil läßt widerfahren

Und ob mir selber blüht das Glück.«

Da zög ihn Marke gern zurück

Von so fährlichem Beginnen:

Er hofft es zu gewinnen,

Wenn ers ihn laßen hieße,

Daß ers ihm zu Liebe ließe;

Nein, Gott weiß, daß er das nicht that:

Wie er gebot und wie er bat,

Er konnt ihn nicht dazu bewegen,

Daß er abstünde seinetwegen.

Er gieng dahin, wo Morold saß,

Und redete darauf fürbaß:

»Herr«, sprach er zu ihm, »saget mir,

So helf euch Gott, was werbt ihr hier?«

»Freund«, sprach Morold da zur Stund,

»Was fraget ihr? euch ist wohl kund

Mein Gewerb und mein Begehr.«

»Ihr Herren alle, höret her,

Mein Herr der König und sein Bann«,

Sprach der weisliche Tristan;

»Mein Herr Morold, ihr redet wahr:

Ich weiß und kenn es ganz und gar.

Wie sehr es uns entehre,

Es ist doch eine Märe,

Die Niemand unterdrücken mag.

Man hat den Zins nun manchen Tag

Von hinnen und von Engelland

Gen Irland wider Recht gesandt.

Dazu hat man uns lange

Gebracht mit großem Zwange

Und mit mancherlei Gewalt.

Stadt und Burgen kamen bald

In den Landen rings zu Falle,

Und den Leuten that man alle

So großen und so manchen Schaden,

Bis sie wurden überladen

Mit Gewaltthat wider alle Rechte,

Und zuletzt die guten Knechte,

Die noch da am Leben waren,

Ihnen musten willfahren

Was man ihnen auch gebot.

Denn sie fürchteten den Tod

Und konnten wie die Sache stand

Nichts thun als dulden vor der Hand.

So ward die große Unbild,

Die für Recht noch heute gilt,

An dem Land begangen immerdar,

Ob längst die Zeit gekommen war,

Daß sie so schnöder Knechtschaft Ketten

Im Kriege abgeschüttelt hätten.

Denn sie sind sehr vorangekommen:

Die Lande haben zugenommen

An Heimischen und Gästen,

An Städten und an Vesten,

An Gut und an den Ehren.

Man soll zum Beßern kehren

Was versehen ward bisher,

Denn durch Gewalt allein und Wehr

Geneset unser Wesen;

Und soll es noch genesen,

Das kann es nur erreichen

Mit Krieg mit scharfen Streichen.

Die Leute hat es, wie es soll,

Beide Lande sind der Leute voll:

Man soll uns Alles wiedergeben,

Was man uns all unser Leben

Mit Gewalt hat genommen.

Wir wollen selbst zu ihnen kommen

Sobald uns Gott es will gestatten:

Was sie jemals von uns hatten,

Es sei wenig oder viel,

So man meinem Willen folgen will

Und meines Rathes pflegen,

Sie müßens auf die Wage legen

Wieder bis zum kleinsten Ring.

So mag noch unser Messing

Zu rothem Golde werden.

Es sind wohl schon auf Erden

Unerhörter Dinge viel geschehn,

Der sich Niemand hat versehn.

Und die Kinder dieser edeln Herrn,

Die zu Schälken wurden fern,

Die werden wohl noch wieder frei,

Wie unverhofft es ihnen sei.

Gott sei's, der mir das noch gewähre,

In Seinem Namen ichs begehre,

Daß ich noch mit dieser Hand

Die Heerfahn in der Iren Land

Mit dieses Landes Großen

So in die Erde dürfe stoßen,

Daß das Land dort und die Erde

Durch mich geniedert werde.«

Morold sprach wieder: »Herr Tristan,

Nähmet ihr euch minder an

Dieses Dings und dieser Märe,

Mich dünkt, daß es euch heilsam wäre.

Denn was man hier darüber spricht,

Wir laßen doch deswegen nicht

Was unser Recht war bisheran.«

Vor Marke trat der starke Mann,

»König Marke«, sprach er, »sprechet ihr

Und die Andern all, die hier

Gegenwärtig sind nicht minder,

Mit mir zu reden um die Kinder,

Gebt mir Bescheid und laßt mich hören:

Wollt ihr euch an die Rede stören,

Und begehrt, daß es gethan

Werde, wie eur Vogt Tristan

Mit Worten mich beschieden hat?«

»Ja, das ist unser Aller Rath,

Herr, unser Will und unser Muth,

Was er spricht und was er thut.«

Da sprach Morold: »So brechet ihr

Meinem Herren und mir

Eure Treu und euern Eid

Und alle Zuverläßigkeit,

Die jemals zwischen uns bestand.«

Der höfsche Tristan sprach zuhand:

»Nein, Herr, ihr irret euch hieran;

Es lautet übel, wer dem Mann

Wider seine Treue spricht.

Keiner von uns Allen bricht

Weder Treue noch Eid.

Ein Gelübd galt lange Zeit

Zwischen euch und ihnen doch,

Das bleibt in voller Kraft auch noch,

Daß sie nach Irland jedes Jahr

Sandten, ohne Weigrung zwar,

Von Cornwal und von Engelland,

Den Zins, der ihnen war benannt;

Es sei denn, daß sie sich zur Wehr

Mit Zweikampf setzten oder Heer.

Sind sie dazu nun noch bereit,

Und lösen Treue und Eid

Zinsend oder im Gefecht,

So thun sie nach dem alten Recht.

Herr Morold, das bedenket ihr,

Berathet euch und saget mir

Was euch minder sei verhaßt,

Worauf ihr lieber euch verlaßt,

Zweikampf oder Heeresstreit:

Des seid ihr nun und allezeit

Von uns gewiss und auch gewährt.

Es müßen einmal Sper und Schwert

Unter euch und uns entscheiden.

So wählt denn von den beiden

Eins und sagt uns von der Wahl:

Der Zins missfällt uns nun einmal.«

Morold sprach wieder: »Herr Tristan,

Mit dieser Wahl ists bald gethan,

Ich weiß wohl was ich wählen will.

Der Meinen sind hier nicht so viel,

Daß ich zum Heeresstreite

Irgend gerüstet reite.

Ich fuhr von Irland über Meer

Mit meiner Diener Schar nur her,

Und bin im tiefen Frieden

Aus der Heimat geschieden

Wie es noch immer ist geschehn;

Ich dachte nicht, so sollts ergehn.

Ich versah mich der Geschichten

Von diesen Herrn mit Nichten.

Ich wähnt, ich führ von hinnen

Mit Recht und auch mit Minnen;

Nun aber kommt ihr mir mit Streit:

Dazu bin ich noch unbereit.«

»Herr«, sprach Tristan, »ist euer Muth

Zu einem Landstreite gut,

So wendet euch zurück sogleich,

Fahrt wieder heim in euer Reich,

Besendet eure Ritterschaft,

Versammelt all eure Kraft,

Und kommt zurück und laßt uns sehn

Was uns solle geschehn;

Und thut das in kurzer Frist,

Eh ein halb Jahr verstrichen ist;

Sonst kommen wir zu euch, gebt Acht,

Und besehn was ihr in Irland macht.

Ist doch schon das Sprichwort alt,

Mit Gewalt vertreibe man Gewalt,

Mit Kraft begegne man der Kraft.

Richtet man mit Ritterschaft

Länder zu Grund und Rechte

Und macht aus Herren Knechte –

Wenn das nun billig heißen soll,

So vertrauen wir zu Gott noch wohl,

Daß aller unsrer Schmach Beschwerde

Euch noch einst heimkommen werde.«

»Gott weiß«, sprach Morold, »Herr Tristan,

Hier hör ich Dinge, daß ein Mann,

Der nie zu solchem Ruhme kam

Und solches Drohen nie vernahm,

Von solchen Maulwerksthaten

Wohl möcht in Angst gerathen;

Doch Ich mag wohl davor genesen.

Ich bin schon mehr dabei gewesen,

Wo große Pracht und Hochfahrt

Mit dem Mund getrieben ward.

Mein Vertrauen ist nicht klein,

Gurmun dürf ohne Sorge sein

Für seine Leute und sein Land

Vor eurer Fahn und tapfern Hand.

Auch wird so übermüthger Streit,

Man breche uns denn Treu und Eid,

Auf Irland nicht verschoben:

Wir wollens hier erproben,

Und unter uns Beiden

In einem Ring entscheiden,

Ob das Recht bei euch ist oder mir.«

Tristan sprach: »Das will ich hier

Mit Gottes Hülf erzeigen,

Und mög Er Den geschweigen,

Der Unrecht von uns Beiden thu.«

Da zog er aus den Handschuh

Und bot ihn Morolden dar:

»Ihr Herren«, sprach er, »nehmet wahr;

Herr König, Ihr und alle die,

So hier sind, sollen hören wie

Ich diesen Kampf bespreche,

Ob ich das Recht auch breche.

Daß Herr Morold nicht, den ihr erblickt,

Noch Der ihn hat hieher geschickt,

Noch mit Gewalt ein andrer Mann

Je den Zins mit Recht gewann

Von Cornwal noch von Engelland,

Das will ich nach der Dinge Stand

Vor der Welt und Gott erklären

Und mit meiner Hand bewähren

Gegen diesen Herren, der hier steht,

Ihn, der uns anthat früh und spät

All die Schmach und all die Schande,

Die je betraf die beiden Lande.«

Da rief zur selben Stunde

Von Herzen und von Munde

Manch edle Zunge hin zu Gott,

Daß er die Schmach und diesen Spott

Bedächte, und ihr langes Leid,

Und erlöste sie von Dienstbarkeit.

Wie groß jedoch um diese Fahr

Der Andern Leid und Sorge war,

Morolden giengs zu wenig ein

Zum Herzen oder zum Gebein,

Daß es ihm Sorg erwecke:

Der vielversuchte Recke

Legte den Sper nicht nieder:

Er bot auch ihm hinwieder

Den Handschuh hin, des Kampfes Pfand,

Mit vermeßener Hand,

Mit fierer Contenanze.

Es schien diese Schanze

Nach seinem Willen ganz zu sein:

Er getraute wohl drin zu gedeihn.

Nun dieß so vergewißert war,

Der Kampf ward dem vermeßnen Paar

Bis an den dritten Tag gespart.

Als der dritte Tag vermeldet ward,

Da kam die Landschaft allzumal

Und des Volks so ungezählte Zahl,

Daß das Gestade bei dem Meer

Ganz überdeckt war von dem Heer.

Da waffnete sich Morold bald.

Mit Des Gewaffen will ich halt,

Noch mit seiner Stärk und Kraft

Meines Herzens Merkereigenschaft,

Noch meiner Augen scharfe Sehe,

Indem ich nach ihm seh und spähe,

Nicht stumpfen noch schwächen,

So viel sie von ihm sprechen,

Er sei an Mannheit auserwählt.

Denn es wird gar viel von ihm erzählt,

Daß er an Muth, an Größ und Kraft

Und in vollkommner Ritterschaft

Den Preis in allen Reichen trug:

Hiemit sei Lobs von ihm genug.

Ich weiß gar wohl, er konnte dort

Und konnt an jedem andern Ort

Zu Kampf und zum Gefechte

Nach Rittersbrauch und Rechte

Seinen Leib wohl zieren auf dem Plan;

Er hatt es oft genug gethan.

Nun nahm der gute König Mark

Die Noth sich um den Kampf so stark

Zu Herzen, daß ein schwaches Weib

Wohl nie so sehr den schönen Leib

Gehärmt hat um den lieben Mann.

Er sahs für unvermeidlich an,

Es brächte Tristan den Tod,

Und hätte gerne jene Noth

Noch ferner mit dem Zins gelitten,

Blieb' ihr Kampf nur ungestritten.

Nun gieng es Alles beßer doch

Mit diesem und mit jenem noch,

Mit dem Zins und mit dem Mann.

Der unversuchte Tristan

In so nothhaften Dingen,

Begann sich auch mit Ringen

Vor des Kampfs Gefahren

Aufs Beste zu verwahren.

Seinen Leib und Beine beide

Versah er mit dem Unterkleide;

Darüber legt' er schönes Werk,

Zwo Hosen, einen Halsberg:

Die waren beide licht und weiß,

Nachdem der Meister allen Fleiß

Mit seiner kunstgeübten Hand

Jahrelang auf sie gewandt.

Zwei edle Sporen schön und stark

Spannt' ihm dann sein Freund Herr Mark

Als sein getreuer Dienstmann

Mit weinendem Herzen an;

Die Waffenriemen er ihm band

Alle mit der eignen Hand.

Ein Waffenrock ward hingetragen,

Dem war, wie ich hörte sagen,

In den»Spelten« mit den »Drihen«,

An den Fugen Zier verliehen,

Und war an allen Enden

Von schönen Frauenhänden

Mit seltnem Preise bedacht

Und noch preislicher vollbracht.

Hei, als er den nun an sich nahm,

Wie lustig und wie wonnesam

Stand er unserm Helden!

Davon wär viel zu melden,

Nur daß ichs nicht noch längen will:

Der Rede würde gar zu viel,

Wenn ich es Alles wollte

Erschöpfen wie ich sollte.

Wißen sollt' ihr eins jedoch.

Der Mann stand seinem Kleide noch

Beßer als das Kleid dem Mann,

Das seine Zier von ihm gewann.

Wie gut sei, wie erlesen

Der Waffenrock gewesen,

Er war doch Seiner Würdigkeit,

Der nun die Zierde lieh dem Kleid,

Nur kaum und allzukaum noch werth.

Darüber schnallt' ihm Mark ein Schwert,

Das sein Herz und Leben war,

Durch das er diesmal der Gefahr

Entgieng und wohl noch oft hernach,

Und das so in der Schwebe lag

Und in so gefüger Maße

Sich hielt auf seiner Straße,

Daß es nicht auf noch nieder gieng

Und stäts in rechter Richte hieng.

Ein Helm ihm auch beschieden

war Recht wie ein Krystall so klar,

So lauter und so feste,

Der schönste und der beste,

Den ein Ritter je zu Häupten nahm.

Auch glaub ich, ein so guter kam

Nie gen Cornewal zuvor.

Darüber stand der Pfeil empor,

Der ihm weißagte Minne,

Was auch an seinem Sinne

Sich erfüllt hat allzu sehr,

Geschah es lange gleich nachher;

Den setzt' aufs Haupt ihm Marke da:

»Ach Neffe, daß ich je dich sah,

Das hab ich höchlich Gott zu klagen!

Ich will Allem widersagen,

Woran man seine Freude sieht,

Wenn mir an dir ein Leid geschieht.«

Nun ward ihm auch ein Schild gesandt,

An welchen sehr geschickte Hand

Gewendet hatte allen Fleiß.

Die ließ ihn eitel silberweiß,

Ihn überein zu bringen

Mit Helm und Panzerringen.

Sie hatt ihn aber poliert,

Und mit Lauterkeit geziert

Wie ein neues Spiegelglas.

Ein Eber drauf gebildet saß

Von Zobel schön und meisterlich

Und schwarz, daß er der Kohle glich.

Den hängt' ihm auch sein Oheim an:

Er stund dem kaiserlichen Mann

Und lag ihm an der Seiten

Nun und zu allen Zeiten,

Daß wie angeleimt er sah.

Als der werthe Jüngling da,

Der genehme kindsche Mann,

Tristan, noch den Schild gewann,

Da schienen die vier Dinge,

Helm und Panzerringe,

Hosen und Schilt einander an

So schön, und hätt ihr Werkmann

Sie alle vier dazu gemacht,

Daß eines jeden Schein und Pracht

Vom andern Schöne borgte,

Und mit Schöne dieß versorgte,

Dennoch wär der Schein der viere

Nicht lichter, gleicher als der ihre.

Doch nun das neue Wunderbild,

Das unter Ringen, Helm und Schild

Zu Schaden und zu Sorgen

Den Feinden war verborgen –

Hatte das nicht andre Kraft

Als all die seltne Meisterschaft,

Die ihm außen angebildet lag?

Ich weiß es klarer als den Tag,

Wie schön das Äußre mochte sein,

Doch war des innern Bildes Schein

Viel beßer erdichtet,

Gemeistert und gerichtet

Zu Ritterkraft und Stärke

Als all die äußern Werke.

Das Gebild inwendig drin

War in Erfindung und Sinn

Mit hoher Meisterschaft vollbracht.

Seines Werkmanns Kunst und Macht

Schienen groß und ungemein;

Seine Brust und Arm und Bein

Die waren herrlich und reich,

Wohl gebildet, herrengleich.

Und darüber stand das Eisen,

Man must es für ein Wunder preisen.

Sein Ross hielt ihm ein Knappe da;

In Spanienland, noch fern und nah,

Ward nie ein schöneres erzogen.

Man sah es nirgend eingebogen,

Sondern frei und offen

An der Brust und an den Goffen,

Stark von beiden Lenden,

Erwünscht an allen Enden.

An seinen Füßen und Beinen

Sah man Alles sich vereinen

Der Bildung, die sich Lob verspricht:

Die Füße grad, die Beine schlicht,

Und aufrecht alle viere

Wie einem wilden Thiere.

Auch war es anzuschaun mit Lust

Vom Sattel ab bis vor der Brust;

Da hielt es sich so grad und wohl

Als ein Ross nur immer soll.

Eine weiße Decke auf ihm lag,

Licht und lauter wie der Tag

Und den Harnischringen gleich.

Auch war sie lang und also reich,

Daß sie von oben niedergieng

Und dem Ross schier vor den Knieen hieng.

Nun Tristan zum Gefechte

Nach ritterlichem Rechte

Und wie gebräuchlich ist im Streit

Wohl und preislich war bereit,

Die da wohl konnten preisen

Und prüfen Mann und Eisen,

Die sahn es Alle dafür an,

Es hätten Eisen und Mann

Nie ein schöner Bild gewiesen.

Wie sehr das aber ward gepriesen,

Viel mehr die Augen doch ergetzte,

Als er sich jetzt zu Rosse setzte

Und den Sper zu Händen nahm:

Da war das Bild erst wonnesam,

Da schien der Ritter schön und reich,

Ob und unterm Sattel gleich.

Die Arme hatten Weite,

Die Schultern gute Breite;

In den Sattel wust er wohl

Wie man im Sattel sitzen soll

Sich zu setzen und zu fügen.

Neben des Rosses Bügen

Schwebten die Beine schön herab,

Strack und ebner als ein Stab.

Da stund das Ross, da stund der Mann

Eins sowohl dem Andern an,

Als wären sie so überein

Miteinander im Verein

Gewachsen und geboren.

Die Geberden waren auserkoren,

Stät und gleich zu allen Zeiten.

Die Tristan hatt im Reiten:

Doch wie schön auch von Gebahren

Tristans Geberden waren,

So war doch innerhalb sein Muth

So rein geartet und so gut,

Kühnern Muth und reinre Art

Hat nimmer wohl ein Helm bewahrt.

Nun war den Kämpen, den zween,

Eine Kampfstatt ausersehn,

Eine kleine Insel in dem Meer,

So nah dem Ufer und dem Heer,

Daß man da wohl Alles sah

Was auf der Insel geschah;

Und sollt ein Jeder das vermeiden,

Ausgenommen diese Beiden,

Daß er auf die Insel käme

Bis der Kampf ein Ende nähme.

Das ward auch so gehalten.

Ans Gestade ließ man schalten

Zwei Schifflein, enge wohl und klein;

So stark doch mochte jedes sein,

Daß es Ross und Mann in Waffen

Wohl hinüber konnte schaffen.

Nun, diese Schifflein hielten dort:

In eines stieg Morold sofort;

Das Ruder nahm er an die Hand

Und schiffte jenseits an das Land;

Und als er auf den Werder kam,

Des Schiffleins Kette gleich er nahm

Und band es fest an den Strand.

Dann schwang er sich zu Ross gewandt,

Und nahm in seine Hand den Sper;

Über den Werder hin und her

Sah man ihn schön punieren

Und reichlich loisieren;

Er warf die Puneiße

In dem ernstlichen Kreiße

So leicht und lustig an das Ziel,

Als gält es hier nur Scherz und Spiel.

Als Tristan auch zu Schiffe kam

Und das Seine zu sich nahm,

Seinen Sper und auch sein Ross,

Vorn stand er eh das Schifflein floß.

»Herr«, sprach er, »König Mark,

Seid mir nun nicht allzu stark

Besorgt um Leib und Leben:

Gott seis anheim gegeben.

Unsre Angst mag hier nicht frommen.

Es mag zu beßerm Ende kommen,

Als man wähnt, mir wird zu Theil.

Unser Sieg und unser Heil

Hängt nicht ab von Ritterschaft;

Sie steht bei Gottes Macht und Kraft.

So laßt denn alle Sorgen sein,

Denn ich mag gar wohl gedeihn.

Ich fahre guter Dinge

Zu diesem Streitberinge.

Seid fröhlich und gehabt euch wohl

Es ergeht doch was ergehen soll.

Doch wie mir auch gelinge,

Zu welchem End ichs bringe,

So befehlet Ihr doch heute

Euer Land und eure Leute

Dem, welchem ich vertraue:

Gott, der zu dieser Aue

Mit mir geht zum Gefechte,

Der bringe Recht zu Rechte.

Gott muß wahrlich mit mir siegen

Oder sieglos erliegen:

Der muß es walten, muß es pflegen.«

So bot er ihnen seinen Segen;

Sein Schifflein stieß er von dem Ort

Und fuhr in Gottes Namen fort.

Da ward sein Leib und sein Leben

Von manchem Munde Gott ergeben;

Ihm ward von mancher edeln Hand

Manch süßer Segen nachgesandt.

Und als er ans Gestade stieß,

Der Held sein Schifflein fließen ließ

Und schwang sich auf sein Ross gewandt.

Gleich ritt auch Morold an den Strand.

»Was soll das heißen, thu mir kund«,

Sprach Morold, »und aus welchem Grund

Hast du das Schifflein laßen gehn?«

Er sprach: »Das ist darum geschehn:

Hier ist ein Schiff und sind zwei Mann,

Und ist kein Zweifel auch daran,

Bleiben wir nicht beide hier,

Daß Einer doch, Ich oder Ihr,

Auf diesem Werder bald erliegt:

So hat der Andre dann, der siegt,

Wohl an dem einen Schiff genug,

Das dich zu diesem Werder trug.«

Morold sprach: »Ich höre wohl,

Daß es dabei verbleiben soll,

Der Kampf müße vor sich gehn.

Gedächtest du noch abzustehn

Und schieden wir in Minnen

Mit dem Geding von hinnen,

Daß der Zins von beiden Landen

Mir bliebe zugestanden,

Das deuchte mich dein Glück zu sein;

Denn fürwahr, es schafft mir Pein,

Wenn ich dich erschlagen soll.

Mir gefiel kein Ritter noch so wohl,

Den meine Augen je ersahn.«

Da sprach der kühne Tristan:

»Wir mögen nicht zur Sühne kommen,

Der Zins sei denn hinweggenommen.«

Der Andre sprach: »Auf meinen Eid,

Solcher Sühne bin ich unbereit.

Wir kommen nicht zu Minnen,

Der Zins muß mit mir hinnen.«

»So stellen wir«, sprach Tristan,

»Hier sehr unnütze Theidung an.

Da du so gar nicht Zweifel trägst,

Morold, daß du mich erschlägst,

So wehr dich, so du willst gedeihn;

Es kann hier schon nicht anders sein.«

Er warf das Ross im Bogen

Und kam zurückgeflogen

In richtiger Schlichte.

Herstob er in der Richte

Nach seines Herzens Begehr.

Mit herabgesenktem Sper,

Mit fliegenden Schenkeln,

Mit Sporen und mit Enkeln

Nahm er das Ross in die Seiten.

Da muste Jener auch wohl streiten,

Es gieng um das Leben nun.

Da that er wie sie Alle thun,

Die zu rechter Mannheit

Mit allen Sinnen sind bereit:

Er nahm auch eine Kehre

Nach seines Herzens Lehre,

Geschwind hindann, geschwind hinwieder,

Warf auf den Sper und zuckt' ihn nieder.

So kam er her gerühret

Wie den der Teufel führet.

Sie stürmten beide, Ross und Mann,

Im Fluge gegen Tristan an

Noch schneller als der Falke thut;

So gierig war auch Tristans Muth.

Gleich heiß war beider Verlangen,

Die gleichen Flugs zusammen drangen

Daß sie die Spere stachen,

Die in den Schilden brachen

Wohl zu Tausend Stücken.

Da musten sie zücken

Die Schwerter von den Seiten.

Es gab zu Ross ein Streiten,

Gott selber möcht es gerne sehn.

Nun hör ichs allwärts so verstehn,

Und so heißts auch in der Märe,

Daß dieß ein Zweikampf wäre,

Und Alle denken sich dabei,

Da wären nur der Kämpfer zwei.

Doch bin ich zum Beweis bereit,

Daß es ein offener Streit

Zweier ganzen Rotten war.

Nicht gelesen hab ichs zwar

Noch je an Tristans Märe;

Doch hört ob ichs bewähre.

Morold, wie uns der Wahrheit nach

Gemeldet ward seit manchem Tag,

Besaß vierfache Manneskraft:

Das zählt für vier Mann Ritterschaft.

So stand es diesseits mit dem Streite;

Wer stand nun auf der andern Seite?

Erstlich Gott, zum andern Recht,

Der dritte war der beiden Knecht

Und getreuer Dienstmann,

Der wohlgemuthe Tristan;

Das vierte war bereiter Muth,

Der Wunder stäts als Streiter thut:

Hier vier und drüben wieder vier,

Aus diesen bild ich dort und hier

Zwei ganze Rotten, sind acht Mann,

So übel ich auch rechnen kann.

Ihr hättets sonst für Lüge

Gehalten, ungefüge,

Daß auf zwei Rossen sich zwo Scharen

Zum Kampf entgegen möchten fahren;

Nun habt ihr es für wahr vernommen:

Zusammen waren hier gekommen

Unter Einem Helm auf jeder Seite

Vier Ritter zum Vierritterstreite.

Die kamen nun geritten,

Daß sie sich stark bestritten.

Zuerst fuhr Eine Ritterschaft,

Morold mit der Viermannskraft,

Tristanden wie ein Donner an.

Derselbe leidge Teufelsmann

Schlug auf ihn so kräftiglich,

Kraft und Sinne sicherlich

Hätt er mit Schlägen ihm benommen,

Wär der Schild ihm nicht zu Gut gekommen,

Darunter er mit Listen

Sich schirmen konnt und fristen.

Weder Helm noch Halsberg,

Noch ein ander Waffenwerk

Hätt es ihm jemals aufgetragen:

Durch die Ringe hätt er ihn erschlagen:

Er wollt ihm so viel Zeit nicht gönnen,

Daß er vor Schlägen aufsehn können.

So gieng er ihn mit Schlägen an

Bis ers ihm mit Schlägen abgewann,

Daß Tristan von der Schläge Noth

Den Schild zu ferne von sich bot

Und so hoch die Deckung trug,

Daß er ihm durch die Hüfte schlug

Solch einen häßlichen Schwang,

Der ihm hart ans Leben drang,

Daß sein Fleisch und Gebein

Durch Ring' und Hosen warf den Schein

Und das Blut aufblitzte

Und den Werder überspritzte.

»Wie nun? Willst du mirs eingestehn?

Du magst hieran wohl selber sehn,

Daß Niemand Unrecht führen soll;

Man sieht hieran dein Unrecht wohl.

Nun bedenke, willst du noch gedeihn,

In welcher Weis es möge sein.

Denn wahrlich, Tristan, diese Noth,

Sie ist dein endlicher Tod,

Ich müst es denn noch wenden;

Von Weibs- noch Manneshänden

Wirst du sonst nicht mehr gesund.

Du bist von einem Schwerte wund,

Das tödtlich und vergiftet ist.

Aller Ärzte Kunst und List

Heilt dich nicht von dieser Noth;

Nur meine Schwester kanns, Isot,

Die Königin von Irland.

Die kennt der Würzen allerhand

Und weiß aller Kräuter Kraft

Und viel ärztliche Meisterschaft;

Die weiß auch diese Kunst allein

Und Niemand anders, wer sie sei'n;

Todt bist du, wenn dich Die nicht heilt.

Willst du mir folgen unverweilt

Und den Zins nicht weigern fürderhin,

Meine Schwester soll, die Königin,

Mit eigner Hand dich heilen;

Und Ich will mit dir theilen

Gesellig Alles was ich habe,

Und weigre nie dir eine Gabe

Was auch dein Wunsch begehre.«

Tristan sprach: »Meine Ehre

Und mein Recht geb ich nicht auf,

Deiner Schwester nicht, noch dir zu Kauf.

Ich hab in meiner freien Hand

Hieher gebracht zwei freie Land'

Und bringe sie von hinnen

Oder ich muß gewinnen

Größern Schaden noch, den Tod.

Ich bin auch noch zu solcher Noth

Mit Einer Wunde nicht getrieben,

Daß dir der Sieg schon wär geblieben.

So leicht mag sich uns Beiden

Der Kampf hier nicht entscheiden.

Der Zins sei Dein Tod oder Meiner!

Das ist der Ausgang, anders keiner.«

Hiemit ritt er ihn wieder an.

Nun spricht vielleicht ein kluger Mann

(Ich muß die Rede für ihn thun):

»Gott und Recht, wo sind sie nun,

Tristans Kampfgefährten?

Daß sie ihm nicht Schutz gewährten,

Das muß mich Wunder nehmen.

Zeit wär es, daß sie kämen:

Ihre Rotte und ihr Orden

Ist gar schadhaft geworden.

Wenn sie nicht eilends kommen,

So kann es nicht mehr frommen;

Darum so kommt in Eil, denn hier

Reiten zweie gegen vier

Und streiten um das bloße Leben;

Das ist auch hingegeben

Schon dem Zweifel und dem Bangen.

Sollen sie noch Trost empfangen,

Wohlan, so sei es nur schnelle.«

Nun reiten Gott und Recht zur Stelle

Nach gerechtem Urtheile;

Ihrer Rotte zum Heile,

Ihren Feinden zum Falle.

Schon beginnen sie sich Alle

Gleichmäßig zu rottieren,

Vier entgegen vieren,

Und reiten Schar wider Schar.

Und Tristan als er gewahr

Wird seiner Kampfgesellen,

Fühlt Muth und Stärke schwellen:

Ihm brachte die Genoßenschaft

Neues Herz und frische Kraft.

Das Ross er mit den Sporen nahm,

So schnell er hergeschoßen kam,

Daß er nach ganzer Herzenslust

Anstoßend mit des Rosses Brust

So auf den Gegner schnellte,

Daß er zur Erd ihn fällte

Mit Ross und mit Allem;

Und als er von dem Fallen

Wieder auf die Füße kam

Und schon das Ross beim Zügel nahm,

Schlug Tristan, eh ers glaubte,

Ihm den Helm vom Haupte,

Daß er hinflog über all den Plan.

Da lief ihn Morold wieder an:

Durch die Couvertüre schlug

Er Tristans Rosse weg den Bug,

Daß es unter ihm darniederfiel.

Doch Er bedachte sich nicht viel.

Aus dem Sattel schwang er sich in Eil.

Morold der listige derweil

Den Schild zum Rücken kehrte

Wie ihn die Schlauheit lehrte,

Griff mit der Hand hernieder

Und nahm den Helm sich wieder.

Er hatt in seinen Listen

Gedacht sich so zu fristen:

Wenn er zu Rosse käme

Und den Helm zu Haupte nähme,

Auf Tristan ritt' er wieder an.

Als er nun den Helm gewann,

Nach dem Rosse lief er da

Und kam dem auch bereits so nah,

Daß er mit der Hand den Zügel

Ergriff und schon im Bügel

Mit einem Fuße stand, gottlob;

Wie er da die Hand zum Sattel hob,

Da hatt ihn Tristan erflogen

Und schlug ihm auf dem Sattelbogen

Das Schwert weg samt der rechten Hand,

Daß sie beide fielen auf den Sand

Mit den Ringen alle;

Und über diesem Falle

Gab er ihm wieder einen Schlag,

Der, wo des Helmes Kuppe lag,

So mächtig fuhr hernieder,

Daß er nur schartig wieder

Seine Waffe zog zurück,

Indem des Schwerts ein kleines Stück

In dem Hirnschädel blieb,

Das denn in Ängste später trieb

Tristanden und in große Noth:

Es bracht ihm nahezu den Tod.

Morold, das trostlose Heer,

Als er ohne Kraft und Wehr

Hingieng mit taumelndem Schritt

Und schon schier zu Boden glitt,

»Wie nun, wie nun«, sprach Tristan,

»Helf dir Gott, Morold, sag an,

Ist dir diese Märe kund?

Mich dünkt, du bist auch übel wund;

Nicht zum Besten scheints um dich zu stehn.

Was mit Meiner Wunde mag geschehn,

Dir wäre guter Würze Noth.

Was deine Schwester je, Isot,

Von Arzneikunst hat gelesen,

Das wird dir Noth, willst du genesen.

Der gerechte, wahre Gott,

Siehst du, duldet keinen Spott:

Er hat dein Unrecht wohl bedacht

Und Recht an mir zu Recht gebracht.

So mög er mein auch fürder pflegen:

Doch deine Hochfahrt ist erlegen.«

So trat er ihm erst beßer nah,

Er nahm das Schwert und gab es da

In seine beiden Hände:

Er schlug, das war das Ende,

Das Haupt ihm mit der Kuppen ab.

Dann gieng er an die Bucht hinab,

Wo er Morolds Schifflein fand,

Sprang hinein und fuhr zu Land

Ans Gestad und zu dem Heer.

Da vernahm er bei dem Meer

Große Freud und große Klage:

Freud und Klage wie ich sage:

Deren Glück an seinem Siege lag,

Denen war ein selger Tag,

Ein Heil erschienen sonder Ende:

Sie schlugen fröhlich in die Hände,

Lobten Gott aus vollem Mund,

Und thaten freudgen Dank ihm kund

Durch laute Siegeslieder.

Dem fremden Volk hinwieder,

Den leiden Gästen, die gesandt

Waren aus der Iren Land,

Hatte großes Leid getagt.

Von denen ward so viel geklagt

Als die andern sangen;

Wie sie die Hände rangen,

Sie verwanden nicht die Noth.

Die Betrübten auf den Tod,

Die bestürzten Irlandsmannen,

Da sie nun wollten dannen

Zu Schiffe gehn mit Spott und Schmach,

Da gieng Tristan ihnen nach

Und traf sie am Gestade noch:

»Ihr Herren«, sprach er, » eilet doch

Jenes Zinsrecht zu empfangen,

Das ihr auf dem Werder sehet prangen,

Und bringt es euerm Herren heim,

Und meldet ihm, mein Oheim

Von Cornwal und von Engelland

Schick ihm diesen Prisant

Und entbiet ihm dabei:

Wenn es sein Wille künftig sei,

Daß er geruhe noch einmal

Seine Boten her gen Cornewal

Nach solchem Zins zu senden,

Man läßt mit leeren Händen

Sie nicht nach Hause kehren,

Nein, mit gleich vollen Ehren

Senden wir sie von hinnen,

Wie schwer wirs auch gewinnen.«

Derweil er also sprach und stand,

Deckt' er mit dem Schildesrand

Weislich Blut und Wunde,

Daß Keinem ward die Kunde.

Das gerieth ihm noch hernach zum Glück,

Denn jene kehrten so zurück,

Daß sie sich dessen nicht versahn.

Jetzt bestiegen sie den Kahn

Und fuhren nach dem Werder fort,

Und fanden statt des Herren dort

Einen schwer verhaunen Mann:

Denselben brachten sie hindann.

Als sie zu Lande kamen,

Da giengen sie und nahmen

Den jammervollen Prisant,

Der da durch sie ward übersandt:

Ich meine die zerstückten Glieder.

Die legten sie zusammen wieder,

Daß sich keins davon verlor,

Und trugen sie dem Herren vor,

Und sagten ihm genau dabei

Was ihm durch sie entboten sei.

Da verseh ich mich nun wohl

Wes ich mich wohl versehen soll:

Dem König Gurmun Wohlgemuth

War da gar nicht wohl zu Muth.

Auch stand ihm all sein Leid wohl an:

Er verlor an diesem einen Mann

Herz und Muth, Trost und Kraft

Und manches Mannes Ritterschaft.

Das Rad, das sein Glück getragen,

Das Morold hoch emporgeschlagen

In den Nachbarlanden allen,

War in den Staub gefallen.

Seine Schwester auch, die Königin,

Beklagte diesen Ungewinn

Mit Jammer und mit großer Noth;

Und ihre Tochter mit, Isot.

Sie quälten sehr den schönen Leib,

Wie ihr wohl wißet, daß ein Weib

Gar bitterliche Klage führt,

Wenn ein Leid ihr Herz berührt.

Sie sahen diesen todten Mann

Nur um des Jammers Willen an,

Daß ihres Leides Bürde

Noch desto schwerer würde.

Das Haupt sie küssten und die Hand,

Die vordem manch fernes Land

Ihrer Herschaft unterwarf,

Wie ich nicht wiederholen darf.

Die seinem Haupte war geschlagen,

Die Wunde fanden sie mit Klagen

Und besahen sie genau;

Da fand die sinnreiche Frau,

Isot, die weise Königin,

Jene Scharte darin.

Ein kleines Zänglein ließ sie bringen:

Damit must es ihr gelingen,

Daß sie das Schärtlein gewann.

Sie und die Tochter sahens an

Mit Jammer und mit Leide:

Dann nahmen sie es beide

Und legten es in einen Schrein.

War dieses Stück auch noch so klein,

Doch schuf es Tristan große Noth.

Nun, Herr Morold ist todt.

Wenn ich nun lang erzählte,

Wie sich ein Jeder quälte

Und ihn beklagte, könnt es frommen?

Wir wären weiter nicht gekommen,

Wer möcht ihr Aller Leid beklagen?

Morold ward zu Grab getragen,

Begraben wie ein andrer Mann.

Gurmun hob zu trauern an

Und ließ gebieten allzuhand

Über alles Irenland,

Daß man Acht hätt an der See,

Was Lebendiges je

Dahin von Cornwal käme,

Daß man dem das Leben nähme,

Es wäre Weib oder Mann.

Dieß Gebot und dieser Bann

Ward so streng vollzogen,

Daß Niemand von den Wogen

Mehr nach Irland ward gebracht

Seis bei Tag oder Nacht

Aus cornewalischem Land,

Mocht er noch so reiches Pfand

Zur Lösung bieten oder geben,

Es gieng ihm eben nur ans Leben,

Bis mancher Mutter Kind damit

Unschuldig großen Schaden litt.

Das war doch Alles ohne Noth,

Denn Morold starb verdienten Tod:

Nur seiner Kraft hatt er getraut,

Auf Gottes Hülfe nicht gebaut,

Und sein Ding zu allen Zeiten,

In allen seinen Streiten

Auf Gewalt und Hochfahrt nur gestellt;

In diesen ward er auch gefällt.

XI. Tantris.

Nun nahm ichs auf, wo ich es ließ.

Als Tristan ans Gestade stieß

Ohne Ross und ohne Sper,

Da drangen tausend Rotten her

Zu Ross und auch zu Fuße:

Mit ihrem Jubelgruße

Empfiengen sie ihn freudenreich.

Der König und sein Königreich

Erlebten nie so lieben Tag

Wie man gern von ihnen glauben mag.

Viel Ehre war den Landen

Ja heut durch ihn erstanden;

Von großem lästerlichem Leid

Hatt Er sie allein befreit.

Die Wunde zwar, die er trug,

Die beklagten sie genug:

Sie gieng wohl ihnen Allen nah;

Doch weil ein Jeder sich versah,

Daß er von dieser Bürde

Gar bald genesen würde,

So schlugen sie es aus dem Sinn

Und führten ihn gerade hin

Zu des Königs Castell.

Sie entwaffneten ihn schnell

Und schufen ihm Gemach und Rast

So gut sie wünschen mocht ein Gast.

Nach Ärzten wurde gesandt,

Den allerbesten, die man fand

In Burg und Städten fern und nah.

Als die beisammen waren da,

Sie wandten allen Fleiß und Sinn

Und ärztliche Kunst auf ihn:

Was halfs, was war damit gethan?

Er war noch um nichts beßer dran.

Was sie von Heilkunst insgemein

Wusten und von Arzenein,

Das konnt ihm keine Hülfe schaffen,

Denn das Gift war so beschaffen,

Sie wustens von der leiden

Wunde nicht zu scheiden

Bis es den ganzen Leib einnahm,

Der eine Farbe bekam,

Bleich und fahl, daß ihn beinah

Nicht mehr erkannte, wer ihn sah.

Auch gieng nun von der Wunde gar

Ein Geruch, der so abscheulich war,

Daß ihm das Leben ward zur Last

Und der eigne Leib verhaßt.

Das war sein gröstes Ungemach,

Denn er beschwerte nach und nach,

Er must es selbst wohl gewahren,

Die Freunde, wenn sie bei ihm waren.

Nun verstand er mehr und mehr

Morolds Rede. Oft vorher

Hatt er wohl auch vernommen

Wie schön und wie vollkommen

Die Schwester Morolds wäre.

Es flog von ihr die Märe

Weithin durch alle Gauen.

Stäts hieß es von den Frauen:

Die weise Isot, die schöne Isot,

Die leuchtet wie das Morgenroth.

Hieran gedachte Tristan

Allzeit, der kummervolle Mann,

Und wuste wohl, sollt er genesen,

So möcht er andres nichts erlesen

Als ihre kunstbegabte Hand,

Die diese Kunst allein verstand,

Die sinnreiche Königin.

Doch wollt ihm noch nicht in den Sinn,

Wie die sein sollte pflegen.

Doch begann er zu erwägen,

Da der Tod ihm doch nicht fehle,

Daß er dann besser wähle,

Den Leib zu wagen auf den Tod

Als diese tödtliche Noth.

Da setzt' er sich es in den Sinn,

Er wolle wahrlich dahin,

Es ergeh ihm wie Gott wolle:

Er genese, wenn er solle.

Da berief er seinen Oheim

Und vertraut' ihm Alles insgeheim,

Wie der Freund dem Freunde thut,

Was er trug in seinem Muth,

Und was nach Morolds Märe

Er zu thun gesonnen wäre.

Dem gefiel es übel und auch wohl,

Da man in den Nöthen soll

Dem Schaden steuern wie man kann:

Von zweien Übeln wähle man

Was das kleinste Übel ist,

Das heißt wohl eine nütze List.

Die Zwei da kamen ganz allein

Aller Dinge wegen überein,

Wie es dann auch gehalten ward,

Wie er vollbrächte seine Fahrt;

Wie mans verschweigen sollte,

Daß er nach Irland wollte

Und ausstreun nah und ferne,

Er wäre gen Salerne

Der Heilung halb gefahren.

Als sie nun einig waren

Ward auch nach Curvenal gesandt

Der kam, sie sagten ihm zuhand

Ihren Willen allzumal.

Des freute sich da Curvenal;

Er sprach, er wolle mit ihm sein,

Mit ihm ersterben und gedeihn.

Als der Abend kam heran,

Zu ihrer Fahrt bestellte man

Eine Barke und ein Schifflein,

Und brachte Vorrath hinein

An Nahrung und an Speise,

Und an Bedarf zur Reise.

Da ward mit vielen Klagen

Tristan hineingetragen

So heimlich und so leise,

Daß von des Armen Reise

Niemand wust in aller Welt

Als Die man auch dahin bestellt.

Seinem Oheim befahl

Er da getreulich manchesmal

Sein Gesind und all sein Ding,

Daß seines Gutes nicht ein Ring

Von dem andern käme

Bis man von ihm vernähme

Unzweifelhafte Märe

Wie es ergangen wäre.

Seine Harfe ließ er kommen;

Die wurde mitgenommen

Und seiner Habe sonst nichts mehr.

Hiemit so stießen sie ins Meer

Und fuhren bald von dannen

Allein mit acht Mannen.

Die hatten ihm ihr Leben

Zur Bürgschaft gegeben

Und versichert mit Eiden,

Aus dem Willen der Beiden

Mit keinem Fuß zu treten.

Als sich die Segel blähten,

Marke sah Tristanden nach.

Seine Freud und sein Gemach

Waren beide wohl gering.

Zu Herzen und zu Beine gieng

Ihm dieses bittre Scheiden,

Obwohl es ihnen Beiden

Noch zu gutem Ende kam.

Als nun des Landes Volk vernahm,

Tristan sei gen Salerne

Gefahren, in der Ferne

Von seinem Übel zu genesen, –

Wär er ihr Aller Kind gewesen,

So hätte sie sein Leid nicht mehr

Betrüben mögen als nunmehr.

Sie wusten auch, sein böses Heil

Ward ihm in ihrem Dienst zu Theil:

So mehr bedauerten sie ihn.

Nun, Tristan fuhr noch rastlos hin,

Ja schier über seine Macht

So den Tag als die Nacht

Den geraden Weg gen Irland,

Wohin ihn seines Steurers Hand

Gar wohl geleiten konnte.

Als nun das Schiff begonnte

Dem Ziele sich zu nahen,

Daß sie das Land ersahen,

Den Steurer bat da Tristan,

Daß er auf die Hauptstadt an

Lenke, gegen Develin,

Wo die weise Königin

Isot, wie er wohl wuste,

Ihre Wohnung haben muste.

Des Endes wandt er da den Kiel,

Und kam so nahe bald dem Ziel,

Daß er sie deutlich vor sich sah.

»Seht, Herr!« sprach er zu Tristan da,

»Ich seh die Stadt: was rathet ihr?«

Da sprach Tristan: »So sollen wir

Hier ankern und verbleiben,

Den Abend hier vertreiben

Und auch ein Theil der Nacht hier sein.«

Da warfen sie den Anker ein

Und ruhten sich den Abend dort.

In der Nacht jedoch hieß er sie fort

Fahren, auf die Hauptstadt an.

Als auch das nun war gethan

Und sie so nahe kamen,

Daß sie den Standort nahmen

Kaum von der Stadt halbmeilenweit,

Da begehrte Tristan ein Kleid,

Das allerärmlichste Gewand,

Das sich in der Barke fand.

Das eilte Tristan umzuthun

Und ließ sich aus der Barke nun

In das Schifflein bringen ganz allein

Und ließ sich auch die Harfe drein

Und so viel Speise geben,

Daß er davon zu leben

Drei Tage hätte oder mehr.

Nun war nach seinem Begehr

Dieß geschehen allzumal.

Da berief er seinen Curvenal

Und die Schiffer all mit ihm,

Und sprach: »Freund Curvenal, nun nimm

Das Schiff und all das Volk in Hut;

Mir zu Lieb verpfleg es gut

Immerdar wie sich gebührt,

Und wenn euch Gott nach Hause führt

Sei ihnen solcher Lohn bereit,

Daß sie unsre Heimlichkeit

Getreulich mit uns tragen

Und Niemand hiervon sagen.

Kehrt nun ohne Säumen heim.

Grüße meinen Oheim

Und thu ihm kund, daß ich noch lebe:

Ich fänd auch wohl, so Gott es gebe,

Noch ferner Leben und Gedeihn:

Er soll' um mich nicht traurig sein.

Sag ihm auch, daß ich fürwahr

Heimkäme noch in diesem Jahr,

So ich Genesung fände:

Wenn mir das Heil erstände,

Das macht' ich ihm alsbald bekannt.

Dem Hofe sag und all dem Land,

Ich hätt auf unsrer Fahrt den Tod

Gefunden über dieser Noth.

Mein Gesind, das ich noch habe dort,

Laß nicht aus meinem Dienste fort:

Sieh, daß sie meiner warten

Bis sie die Zeit erharrten,

Von der ich früher sagte.

Doch wenn es Gott behagte,

Daß dieses Jahr verliefe

Und mein Heil noch immer schliefe,

So dürft ihr mein euch wohl begeben:

Befehlt den Geist dem ewgen Leben

Und sucht das eigne Wohl zu wahren.

Mit meinen Leuten magst du fahren

Heim gen Parmenîe wieder;

Da laß dich dann bei Rual nieder.

Meinem lieben Vater sag von mir,

Er solle deiner Treue dir

Durch seine Treue lohnen,

Dich bei ihm laßen wohnen

Und ehren, wie er ehren kann.

Sag auch dem getreuen Mann,

Einer Bitte noch zuletzt

Mög er mich gewähren jetzt:

Die bisher in meinem Dienst sich mühten,

Denen möcht er Müh und Zeit vergüten,

Einem Jeden wie es billig sei.

»Nun lieben Leute«, fügt' er bei,

»Hiemit will ich euch Gott ergeben;

Fahrt eures Wegs und laßt mich schweben.

Ich muß auf diesen Pfaden

Erharren Gottes Gnaden;

So habt auch ihr Zeit, daß ihr fahrt

Und Leib und Leben bewahrt:

Sieh, es nahet schier dem Tage.«

So zogen sie mit mancher Klage

Und mit großem Jammer hin;

Mit vielen Thränen ließ man ihn

Schweben auf der wilden See.

Ihnen that kein Scheiden je so weh.

Ein jeglicher getreue Mann,

Der je getreuen Freund gewann

Und weiß, wie man den meinen soll

In Treuen, der betrübt sich wohl

Über Curvenals Beschwerde.

Wie schwer ihm aber werde

Und wie betrübt sein Herz und Sinn,

So fuhr er doch des Weges hin.

Tristan verblieb alleine dort

Auf dem Meere schwebend fort und fort

In Jammer und in Sorgen

Bis an den lichten Morgen,

Wo endlich Die von Develin

Das steuerlose Schifflein ziehn

Sahn, ein Spiel der Wellen.

Sie sandten zwei Gesellen,

Daß sie das Schifflein fiengen.

Die Ausgesandten giengen

Und eilten ihm zu nahen,

Obwohl sie Niemand sahen,

Doch hörten sie von drüben her

Süß, nach Wunsch und Begehr,

Eine süße Harfe klingen

Und zu der Harfe singen

Einen Mann so süß und hold

Als ob er sie begrüßen wollt:

Ein freundlich Abenteuer!

Sie saßen still am Steuer,

Dieweil er ihnen harft und sang.

Die Lust zwar währte schwerlich lang,

Die erst sein Sang und Klang verhieß,

Denn was er sie da hören ließ

Mit Händen oder Munde,

Das gieng ihm nicht vom Grunde:

Denn sein Herz war nicht das dritte.

Es ist bei diesem Spiel nicht Sitte,

Daß es Einer lange thu,

Es steh ihm denn das Herz dazu.

Und spielt auch Einer noch so viel,

So heißt es doch kein rechtes Spiel,

Das man so außen hin nur thut

Ohne Herz und ohne Muth.

Die Jugend wars wohl dieses Mal,

Die Tristanden befahl,

Mit Mund und mit Händen

Die Töne zu verschwenden;

Dem Märtrer könnts in seiner Pein,

Sonst nur Pein und Marter sein.

Sobald er ab mit Spielen ließ,

Der andre Kahn ihm näher stieß:

Sie legten an sein Schifflein bei,

Neugierig spähend, wer es sei.

Betroffen nahmen sie es wahr,

Wie fahl und bleich der Sänger war

Und wie armselig sein Kleid.

Sie trugen Leid mit seinem Leid,

Da er doch mit Mund und Hand

Die Kunst der Töne verstand,

Und grüßten ihn, als einen Mann,

Der guten Gruß verdienen kann,

Mit Mund und mit Händen,

Und baten den Elenden,

Daß er ihnen Märe

Sagte, Wer er wäre.

»Das sag ich euch«, sprach Tristan:

»Ich war ein höfscher Spielmann,

Und konnte wohl zu meiner Zeit

Kunst genug und Höfischkeit:

Sprechen und Schweigen,

Leiern und Geigen,

Harfen und Rotten,

Scherzen und Spotten,

Das Alles konnt ich also wohl

Als solchen Volkes Einer soll.

Damit gewann ich so genug,

Daß ich über die Schnüre schlug

Und mehr gewinnen wollte

Als ich besitzen sollte.

Ich wollt ein Kaufmann sein: der Rath

Ists, der mich verrathen hat.

Einen Kaufmann hatt ich mir gesellt,

Reich genug an Gut und Geld:

Wir Zwei beluden einen Kiel

Mit Allem, was uns wohlgefiel,

Und fuhren von Hispanien

Meerüber gen Britanien.

Uns begegnet' aber auf dem Meer

In einem Schiff ein Räuberheer:

Das nahm uns Alles, groß und klein,

Und erschlug den Kaufgefährten mein,

Und Alles was lebendig war.

Nur mich verschonten sie, obzwar

An dieser Wunde fährlich krank:

Das sag ich dieser Harfe Dank,

Denn die gab ihnen Bericht

(Ich selber auch verhehlt' es nicht),

Ich sei ein Spielmann eigentlich.

Mit großer Noth erbettelt' ich

Von ihnen dieses Schifflein

Und so viel Speise darein,

Daß ich bis heute mochte leben.

So must ich auf dem Meere schweben

Mit Marter und mit großer Plage

Wohl vierzig Nächt und vierzig Tage,

Wohin die Winde mich schlugen

Und die wilden Wellen trugen,

Jetzo her und jetzo hin,

Und kann nicht wißen, wo ich bin,

Noch weniger, wohin ich soll.

Nun thut, ihr Herr, an mir so wohl,

Gott im Himmel wird es lohnen,

Und helft mir hin, wo Leute wohnen.«

»Geselle«, sprachen da die Boten,

» Deiner süßen Stimm und deiner Noten

Sollst du bei uns genießen,

Auf dem Meer nicht länger fließen

Ohne Trost und ohne Rath.

Was dich auch hergewiesen hat,

Gott oder Waßer oder Wind,

Wir bringen dich, wo Leute sind.«

Das thaten sie: sie führten ihn

Und den Kahn auch mit sich hin

Der Stadt zu, wie er sichs erbat,

Banden das Schifflein ans Gestad

Und sprachen zu ihm: »Sieh, Spielmann,

Nimm wahr und sieh die Burg dir an

Und diese schöne Stadt dabei.

Weist du, welche Stadt es sei?«

»Nein, Herr, ich weiß nicht was es ist.«

»So sagen wir dir denn, du bist

Zu Develin in Irland.«

»Des lob ich meinen Heiland,

Daß ich doch unter Leuten bin.

Denn Jemand find ich wohl darin,

Der ein gutes Werk an mir begeht

Und mir als Arzt zur Seite steht.«

Die Boten fuhren nun dahin

Und huben an in Develin

Von dieses Spielmanns Sachen

Das Wunder groß zu machen.

Sie sagten, ihnen wäre

Gar seltsame Märe

Widerfahren an dem Mann;

Nach seinem Aussehn möge man

Sich nimmer Des zu ihm versehn.

Sie hätten, und so wars geschehn,

Schon eh sie hingekommen,

Aus der Ferne vernommen

Also süßen Harfenklang

Und zu der Harfe solchen Klang,

Gott möcht ihn gerne hören

In seinen Himmelschören;

Und sagten: »In dem Schifflein saß

Ein armer Märtrer leichenblaß,

Ein todwunder Spielmann:

Geht hin, ihr seht es ihm wohl an,

Er stirbt morgen oder heute noch,

Und in der Marter hat er doch

Sich so frischen Muth bewahrt,

Wenn ihr durch alle Reiche fahrt,

Ihr findet doch wohl nicht den zweiten,

Der so viel Widerwärtigkeiten

Erträgt mit so gelaßnem Sinn.«

Nun, die Bürger eilten hin

Und trieben mit Tristanden viel

Gespräches, wie es eben fiel,

Und fragten ihn die Kreuz und Quer:

Und wie die Boten vorher

Und mit denselben Reden

Beschied er einen Jeden.

Auf ihre Bitte harft' er ihnen,

Und fliß sich Jeglichem zu dienen

Und zu thun, was man ihn hieß;

Mit gutem Willen that er dieß,

Und wie ers mocht erzielen

Mit Singen oder Spielen,

Ihre Gunst sich zu gewinnen,

Das war sein Trachten und sein Sinnen.

Und als der arme Spielmann

Über seine Kraft begann

In sein Harfen und sein Singen

Süßigkeit zu bringen,

Da must er sie erbarmen.

Da ließen sie den Armen

Aus seinem Schifflein tragen

Und einem Arzte sagen,

Daß er ihn zu sich nähme

Und was ihm wohlbekäme,

Damit sollt' er ihn letzen:

Sie wollten ihm ersetzen

Die Kosten, und die Müh bezahlen.

Nun dieß geschah auch allzumalen;

Doch als er ihn heimbrachte

Und da zu heilen dachte

Und Alles auf ihn wandte

Was er nur wust und kannte,

Da wollt es all nicht frommen.

Diese Kunde ward vernommen

In der ganzen Stadt zu Develin;

Man sah sie scharenweise ziehn

Und sein Ungemach beklagen.

Nun geschahs in diesen Tagen,

Daß ein Pfaffe zu ihm kam

Und seine große Kunst vernahm

Im Spielen und im Singen;

Er selbst war in den Dingen

Nicht so ohne Meisterschaft:

Denn er versuchte seine Kraft

An jeglichem Saitenspiel

Und konnt auch fremder Sprachen viel.

An Kunst und höfischem Fug

Hatt er seiner Zeit genug

Verwandt und allen feinen Sinn.

Er war Isold, der Königin,

Meister und ihr Ingesind

Und hatte sie schon früh als Kind

Gewitzigt nach Begehren

In allen guten Lehren,

Und manche fremde Wißenschaft

Hatt ihr sein Unterricht verschafft.

Auch lehrt' er ihre holde

Tochter Isolde,

Die erwünschteste Magd,

Von der die Welt viel Wunder sagt

Und von der auch diese Mären sind.

Sie war ihr einziges Kind:

Drum hatte sie von Anbeginn

Auf sie verwendet Fleiß und Sinn,

Daß sie mit Hand und Munde

Erlerne gute Kunde;

Die hatt er auch in seiner Pflege

Und gab ihr Unterricht allwege

In Büchern und im Saitenspiel.

Als der an Tristan so viel Fug

und höfsche Kunst ersah,

Sein Ungemach erbarmt' ihn da

Von ganzem Herzen inniglich.

Da säumt' er auch nicht länger sich,

Er gieng die Königin an

Und sagt' ihr, wie ein Spielmann

Bei einem Arzt verkehre,

Der recht ein Märtrer wäre

Und lebendgen Leibes todt

Und doch so heiter in der Noth

Und in allen Künsten auserkoren

Wie je ein Mann vom Weib geboren.

»Doch«, sprach er, »edle Königin,

Brächt ichs mit Bitten doch dahin,

Daß wir darauf gedächten,

Wie wir dahin ihn brächten,

Wohin ihr schicklich kämet

Und das Wunder vernähmet,

Daß ein sterbender Mann

Noch so lieblich spielen kann

Und süße Lieder singen,

Und nichts doch will gelingen

Was man zu seinem Heil ersinnt,

Denn er ist des Todes Kind.

Der Arzt, in dessen Haus er lag

Und der sein pflag bis diesen Tag,

Der hat ihn aufgegeben,

Denn er fristet ihm das Leben

Nicht mit allem Fleiß und Sinn.«

»Sieh«, sprach die weise Königin,

»Ich will den Kämmerlingen sagen

(Kann er anders es vertragen,

Wenn Hände ihn berühren

Und von der Stelle führen),

Daß man ihn zu uns bringe,

Ob bei dem Stand der Dinge

Vielleicht noch Hülfe fromme,

Daß er zu Kräften komme.«

Dieß ward gethan und dieß geschah.

Als da die Königin ersah,

Wie es um sein Übel stand,

Und der Wunde Farbe hatt erkannt,

Da sah sie wohl das Gift daran.

»Ach, armer Spielmann«, hub sie an.

»Von Gifte bist du also wund.«

»Ich weiß nicht«, sprach des Kranken Mund:

»Ich kann nicht wißen, was es sei;

Doch da mir alle Arzenei

Nicht helfen mag, daß ich entrinne,

So weiß ich nicht was ich beginne

Als daß ich mich Gott ergebe

Und so lang ich möge, lebe.

Wer aber Gnad an mir begeht,

Da es so ängstlich um mich steht,

Dem lohne Gott. Hülf ist mir Noth:

Ich bin lebendgen Leibes todt.«

Die Weise sprach ihm wieder zu:

»Sag an, Spielmann, wie heißest du?«

»Frau, ich heiße Tantris.«

»Tantris, so wiße für gewiss,

Daß meine Hand dich heilen soll.

Sei fröhlich und gehab dich wohl,

Ich selbst bin deine Ärztin.«

»Dank dir, süße Königin:

Deine Zunge grüne immer,

Dein Herz ersterbe nimmer,

Deine Weisheit möge ewig leben,

Den Hülflosen Hülfe geben;

Dein Name mög auf Erden

Allzeit gefeiert werden.«

»Tantris«, sprach zu ihm Isot,

»Wärs dir möglich in der Noth,

Da du so sehr entkräftet bist,

Wie kein Wunder an dir ist,

So hört ich gerne Harfenspiel;

Des kannst du, hör ich sagen, viel.«

»Nein, Herrin, sprechet also nicht:

Wie sehr mir auch die Kraft gebricht,

Doch thu und kann ich Alles wohl,

Womit ich euch gefallen soll.«

Nach seiner Harfe ward gesandt,

Auch besandte man zuhand

Die junge Königin Isot,

Der Minne Siegel frisch und roth,

Mit dem seitdem versiegelt

Sein Herz ward und verriegelt

Vor der Welt insgemein,

Nur vor ihr nicht ganz allein.

Als die Königin gekommen war,

Da nahm sie fleißiglich wahr

Wie Tristan saß am Harfenspiel.

Da harft' er auch noch beßer viel

Als er je zuvor gethan,

Denn ihm verhieß ein lieber Wahn

Seines Unheils baldges Ende.

Er sang und harfte so behende,

Nicht wie ein lebloser Mann.

Er fieng es lebenskräftig an

Und wie der Wohlgemuthe thut,

Und macht' es vor den Zwein so gut

Mit Händen und mit Munde,

Daß er in kurzer Stunde

Ihre Huld so völliglich gewann,

Daß ihm ward, worauf er sann.

Doch, wurden sie des Spieles froh

Hier sowohl als anderswo,

So blieb die leidge Wunde doch,

Die so unerträglich roch,

Daß vor der Widerwärtigkeit

Niemand aushielt lange Zeit.

Wieder sprach die Königin:

»Tantris, kommt es erst dahin,

Daß es also mit dir steht,

Daß der Geruch an dir vergeht,

Und Jemand bei dir bleiben kann,

So befehl ich dir an

Isolden hier, die junge Maid.

Sie hat viel Müh verwandt und Zeit

Auf Bücher und auf Saitenspiel,

Und kann von beiden ziemlich viel.

Gemäß der Zeit und kurzen Frist

Die sie dabei gewesen ist:

Hast du nun größre Meisterschaft

In Kunst oder Wißenschaft

Als ihr Meister oder ich,

Die lehre sie, so freust du mich.

Dafür will ich dir Leben

Und Leib zu Lohne geben,

Daß sie gesund und blühend sei'n:

Das kann ich geben und verleihn,

Beides steht in meiner Hand.«

»Ja, ist es also bewandt«,

Sprach der sieche Spielmann,

»Daß ich mich also fristen kann,

Und durch mein Spiel genesen soll,

Ob Gott will, so genes ich wohl.

Herrin, selge Königin,

Wenn euch also der Sinn

Steht, wie ihr mir habt gesagt,

Und eurer Tochter, der Magd,

So getrau ich wohl noch zu genesen.

Der Bücher hab ich gelesen

In solcher Maß und also viel,

Daß ich mir getrauen will,

Ich dien euch wohl zu Dank an ihr.

Dazu so weiß ich auch an mir,

Daß meines Alters kaum ein Mann

Mehr edler Saitenspiele kann.

Was sonst noch euer Wunsch geruht,

So wie ihr mirs zu wißen thut

Ist es alsobald gethan,

Mich hindre denn die Unmacht dran.«

Da beschied man ihm ein Kämmerlein

Und schuf ihm alle Tage drein

All das Gemach und all die Pflege,

Die er nur wünschen mocht allwege.

Nun sah er erst sich kommen

Zu Statten und zu Frommen

Die Klugheit, die er nach dem Streite

Bewies, als er den Schild zur Seite

Hieng und barg die Wunde,

Daß sie nicht erkunde

Das Volk der Iren allzumal,

Bevor es schied von Cornewal:

So konnten sie daheim mit Nichten,

Daß er verwundet ward, berichten.

Denn hätte man zu jener Zeit

Erfahren, wie er schied vom Streit,

So wohl als Allen war bekannt

Wie es um die Wunden stand,

Die Morold mit dem Schwerte schlug,

Das er in allen Nöthen trug,

Es wär Tristanden nimmer ja

So wohl geschehn als ihm geschah

Nun half ihm zu genesen,

Daß er so klug gewesen.

Erkenne Jeder nun hieran,

Wie seine Sachen oft ein Mann

Mit gutem Vorbedenken

Zu gutem Ziel mag lenken,

Ist ihm zu rechter Stunde

Die Fürsicht nur im Bunde.

Isot, die weise Königin,

Wandte allen Fleiß und Sinn

Und alle Wißenschaft darauf,

Daß sie dem Manne wieder auf

Helfe, wider dessen Leben

Sie doch gern ihr Leben geben

Möchte, ja die Ehre gar.

Sie must ihn stärker fürwahr

Haßen als sich selber minnen,

Und doch, was sie nur konnt ersinnen,

Sein Sterben zu verhindern

Und seine Qual zu lindern,

Darauf war sie bei Tag und Nacht

Allein beflißen und bedacht.

Das ist kein Wunder wie es scheint,

Denn sie erkannte nicht den Feind.

Doch konnte sie es wißen,

Für Wen sie war beflißen

Und Wem sie half aus Todesnoth,

Gäb es Ärgres als den Tod,

Sie hätt es ihm gegeben

Viel lieber als das Leben.

Nun wuste sie von ihm nur Gutes

Und war ihm gut und holdes Muthes.

Sagt' ich euch nun noch so viel

In langen Reden ohne Ziel

Von meiner Frauen Meisterschaft,

Und wie wunderbare Kraft

Zu des Siechen Gedeihen

Lag in ihren Arzeneien,

Das wär doch allzumal verloren.

Viel beßer klingt in edeln Ohren

Ein Wort, das schön zur Sache stimmt

Als das man aus der Büchse nimmt.

Sofern ich es vermeiden kann

Will ich mich hüten auch fortan,

Daß ich nicht Worte möge sagen

Die euern Ohren missbehagen

Und euern Herzen widerstehn.

Ich schweige, wills nicht anders gehn,

Lieber still von einer Sache,

Eh ich euch zuwider mache

Und unleidlich meine Märe

Mit Rede, die nicht höfisch wäre.

Von meiner Frauen Heilkunde

Und wie davon genas der Wunde

Will ich in der Kürze sagen:

Sie half ihm binnen zwanzig Tagen,

Daß man gerne bei ihm blieb

Und die Wunde Niemand vertrieb,

Kam er anders gern dahin.

So gieng die junge Königin

Nun stäts zu seinem Unterricht,

Und Fleiß und Zeit gereut' ihn nicht

Auf seine Schülerin zu wenden.

Die Fertigkeit in den Händen

Sowohl als schulgerechtes Spiel,

Was ich nicht schärfer sondern will,

Zeigt' er gern ihr allzumal,

Daß sie nach eigener Wahl

Daraus zur Lehre nähme

Was ihr zu Statten käme.

Isot. die schöne, war wohl klug,

Ihr war das Beste gut genug,

Was sie unter seinen Künsten fand:

Des unterwand sie sich zuhand

Und wandte Fleiß bei Allem an

Was sie in der Welt begann.

Auch mocht ihr wohl frommen

Was sie früher vernommen

Und von Künsten hatt erfahren

Und höfischem Gebahren.

Sie war geschickt mit Mund und Hand.

Das schöne Mägdlein verstand

Ihre Develiner Sprache fein,

Dazu Französisch und Latein;

Sie konnt in welscher Weise

Fiedeln laut und leise;

Mit den Fingern konnte

Isot, wenn sies begonnte,

Gar wohl die Leier rühren

Und auf der Harfe führen

Den Ton, daß er das Herz beschlich;

Auf und ab behendiglich

Ließ sie die Noten gleiten;

Auch sang sie in die Saiten

Gar wohl aus süßem Munde.

Jedoch zu all der Kunde

Mocht ihr noch sehr zum Frommen

Des Spielmanns Lehre kommen,

Ihr Kunst und Wißen mehren.

Unter allen diesen Lehren

Hielt er sie zu Einer an,

Die man Moral benennen kann:

Sie lehrt uns schöne Sitten.

Sich der zu fleißen bitten

Soll man die Jungfraun allzumal.

Die süßen Lehren der Moral

Sind so selig und rein,

Daß sie mit Gott so viel gemein

Haben als mit dieser Welt.

Wer der Moral Gebote hält

Mag der Welt und Gott gefallen.

Sie ist den edeln Herzen allen

Zu einer Amme gegeben,

Daß sie Nahrung und Leben

Schöpfen aus ihrer Lehre,

Denn sie haben Gut noch Ehre,

Wenn sie Moral nicht unterweist.

Der Lehre fliß sich zumeist

Isot die junge Königin:

Damit schulte sie den Sinn

Und die Gedanken immerdar,

Bis sie gar wohl gesittet war,

Rein ihr Herz und schön ihr Muth

Und ihr Gebahren süß und gut.

So kam die junge süße Maid

Zu solcher Vollkommenheit

In Wißen und Betragen

In des halben Jahres Tagen,

Daß von ihrer Seligkeit

Das Land erfüllt war weit und breit,

Und ihr Vater daran

Sich höchlich zu erfreun begann;

Auch die Mutter freut' es inniglich.

Nun fügt' es unterweilen sich,

Wenn ihr Vater fröhlich war,

Oder fremder Ritter Schar

Zu Hofe vor dem König saß,

Daß Isot in den Pallas

Vor ihrem Vater ward gesandt.

Was da der Schönen war bekannt

Von schöner Kunst und Höfischkeit,

Damit kürzte sie die Zeit

Ihm und dem ganzen Kreiß der Leute:

Denn womit sie ihren Vater freute,

Des freuten sie sich all zugleich.

Hoch und Nieder, Arm und Reich

Hatten an ihr beide

Eine selge Augenweide,

Der Ohren wie der Herzen Lust:

Außer- und innerhalb der Brust

War ihre Lust Isolde.

Die reine, die holde,

Sie schrieb und las, sie sang und spielte:

Der Andern Freude nur erzielte

Sie mit den Melodieen.

Sie fiedelt' ihre Stampenieen,

Ihre Leich' und fremden Nötelein,

Die nicht fremder konnten sein,

In französischer Weise

Sanz und St. Denis zu Preise;

Der Leiche wuste sie gar viel.

Ihr Leier- und ihr Harfenspiel

Schlug sie zu beiden Seiten hin

Mit den Händen blank wie Hermelin,

Daß alle Welt sie priese:

In Lut und in Thamise

Schlugen Frauenhände nie

Die Saiten süßer als sie.

La duze Isot la bele

Sang ihre Pastorele,

Ihr Rotruwansch, Rundate,

Schanzun, Refloit, Folate

Wohl und wohl und allzu wohl,

Denn viel der Herzen wurden voll

Mit sehnlichem Trachten:

Viel Trachten ward und Schmachten

Von ihrem Spiel hervorgebracht,

Und Gedanken wunderviel gedacht,

Wie ihr wohl wißet, daß geschieht,

Wo man ein solches Wunder sieht

Von Schönheit und von Höfischkeit

Wie an Isold der schönen Maid.

Wen soll ich ihr vergleichen,

Der schönen, wonnereichen,

Als der Sirenen eine,

Die mit dem Wundersteine

Die Kiele ziehen zu sich?

So zog Isolde, dünket mich,

Viel Herzen und Gedanken an,

Die sich sicher schon, o Wahn!

Deuchten gegen Liebesschlingen.

Auch sind wohl in Vergleich zu bringen

Kiel' ohne Anker auf der Flut,

Und der Männer loser Muth.

Selten wißen die Beiden

Sich des Wegs zu bescheiden,

Schweben so oft auf fremdem Meer:

Die Woge wirft sie hin und her

Mit Wanken und mit Schwanken.

Der Männer irrende Gedanken,

Sie möchten minnen ohne Ziel,

Wie ein ankerloser Kiel

Reist ohne Ziel der Reise.

Isot, die höfsche, weise,

Die junge süße Königin,

Zog also die Gedanken hin

Aus manches Herzens Schiffe,

Wie der Magnet zum Riffe

Die Barke bei Syrenensang.

Ihr Singen in die Herzen drang

Laut und offen durch das Ohr

Und heimlich durch der Augen Thor.

Jener offene Gesang,

Mit dem sie allerwärts bezwang,

Das war ihr süßes Singen,

Ihr sanftes Saitenklingen,

Das laut zu offnen Thoren

Durchs Königreich der Ohren

Nieder in die Herzen klang;

So war der heimliche Gesang

Ihre wunderbare Schöne,

Die mit bethörendem Getöne

Heimlich und verborgen sich

Durch der Augen Fenster schlich

In manches edeln Herzens Schrein

Und stellt' ihr Zaubernetz hinein,

Das die Gedanken zuhand

Fieng und mit Stricken band

Des Sehnens und sehnlicher Noth.

So ward die schöne Magd Isot

Seit sie in Tristans Lehre war

Gefördert in dem halben Jahr:

Rein und schön war nun ihr Muth

Und ihr Gebahren süß und gut.

Sie konnte fertig schönes Spiel,

Sie konnte Fertigkeiten viel,

Briefe und Schanzonen dichten,

Die Gedichte sauber schlichten,

Sie konnte schreiben und lesen.

Nun war auch Tristan genesen

Seines Übels ganz und gar,

Daß seine Farbe wieder klar

Und lauter ward sein Angesicht.

Da ließ von ihm die Sorge nicht,

Daß Einer aus dem Heere

Erkennte wer er wäre;

Und lag ihm stäts im Sinne,

Wie er es nun beginne,

Daß er Urlaub nähme

Und aus den Sorgen käme.

Er dachte, würden sie es innen,

Ihm möchten beide Königinnen

Schwerlich jemals Urlaub geben,

Und wuste also, daß sein Leben

Stäts in der Ungewissheit Noth

Bangen müße vor dem Tod.

Da gieng er zu der Königin

Und begann der Rede Sinn

So schön zu zieren dorten

Als stäts vorher mit Worten.

Er kniete vor sie hin und sprach:

»Frau, die Hülf und das Gemach,

Die eure Gnade mir erwies,

Die laß euch Gott im Paradies

Zu Statten kommen immerdar.

Ihr habt so seliglich fürwahr

An mir gehandelt und so wohl,

Daß es Gott euch immer lohnen soll

Und ichs euch stäts gedenken will

Bis an meines Lebens Ziel,

Wo und wie ich armer Mann

Nur eure Ehre fördern kann.

Mag es, selge Köngin, rein

Nun mit euern Hulden sein

So kehr ich heim zu meinem Land,

Denn so ists um mich bewandt,

Daß ich nicht länger bleiben kann.«

Da lachte ihn die Herrin an:

»Wie dein Mund auch schmeichelnd spricht«,

Sprach sie, » Urlaub wird dir nicht.

Du kommst von hinnen fürwahr

Nicht ehe sich erfüllt das Jahr.«

»Nein!« sprach er, »edle Königin,

Seht gnädig an in euerm Sinn,

Wie es um Gottes Ehe

Und Herzensliebe stehe!

Daheim hab ich ein ehlich Weib,

Die minn ich wie den eignen Leib,

Und weiß, daß sie gewisslich glaubt

Und kaum zu zweifeln sich erlaubt,

Ich sei gestorben längst und todt;

Das schafft mir Angst und große Noth:

Denn wird sie anderm Mann gegeben,

So ist mein Trost und mein Leben

Und all die Freude dahin,

Nach der sich sehnt mein Herz und Sinn,

Und werd ich nimmer wieder froh.«

»In Treuen«, sprach sie, » steht es so,

Tantris, das ist ehhafte Noth:

Es soll nach Gottes Gebot

Solche Liebe Niemand scheiden.

So gnade Gott euch Beiden,

Deinem Weibe denn und dir.

Gar ungern laß ich zwar von dir,

Doch will ich dein um Gott entbehren.

Ich muß dir Urlaub gewähren

Und bleibe dir geneigt und hold.

Ich und die junge Isold

Wir geben dir zur Reise

Und zu deines Leibes Speise

Zwei Mark von rothem Golde:

Die nimm dir von Isolde.«

Da dankt' er für die Spende

Und faltete die Hände

(Des Leibes und der Sinnen)

Den beiden Königinnen,

Der Mutter und der jungen Magd.

»Euch Beiden«, sprach er, »sei gesagt

Ehr und Dank von Gott und mir.«

Da säumt' er auch nicht länger hier:

Er fuhr alsbald gen Engelland

Und von England allzuhand

Wandt er sich gen Cornwal heim.

Als Marke nun, sein Oheim,

Und all das Volk im Land vernahm,

Daß er genesen wiederkam,

Sie wurden alle zumal,

So weit der König befahl,

Von Herzen froh und freudenreich.

Sein Freund der König fragt' ihn gleich

Wie es ihm ergangen wäre;

Da sagt' er ihm die Märe

Aus dem beredtem Munde

Von Oben bis zu Grunde.

Des nahm sie Wunder Alle

Und begannen in der Halle

Zu scherzen und zu lachen

Und ein großes Fest zu machen,

Aus seiner Fahrt nach Irland,

Und wie ihn seiner Feindin Hand

Gesund müßen machen

Und von allen Sachen,

Die ihm begegnet waren.

Sie hätten nie erfahren

So ergetzliche Geschichte.

Nach diesem Berichte,

Da seine Heilung, seine Reise

Sattsam belacht war in dem Kreise,

Da waren sie zu wißen

Auch von Isot beflißen.

Er sprach: »Isot ist eine Magd,

Was alle Welt von Schönheit sagt

Ist gegen sie nur eitel Wind.

Isot, die lichte, ist ein Kind

So schön von Leib und von Geberden,

Kein Maid noch Knabe wird je werden

So lieblich und so auserkoren,

Und ward auch nimmer noch geboren;

Die lichte, lautere Isold

Ist lauter wie arabisch Gold.

Wenn ich zu wähnen mich vermaß,

Weil ich es in den Büchern las,

Die ihr zu Lob geschrieben sind,

Aurorens Tochter und ihr Kind,

Tyndarides, die hehre,

An ihr alleine wäre

Die Schönheit aller Frauen

In einem Kranz zu schauen,

Von dem Wahn bin ich gekommen:

Isot hat mir den Wahn benommen.

Ich muß ab von dem Glauben stehn,

Die Sonne komme von Mycen:

Der Schönheit Füll ertagte nie

In Griechenland, sie tagte hie.

Aller Männer Sinnen sollen

Nur nach Irland schauen wollen:

Da finden Augen Wonne,

Sehn sie die neue Sonne

Nach ihrem Morgenrothe,

Isote nach Isote

Sich von Develin erheben

Und allen Herzen Freude geben.

Die lichte, wonnereiche,

Erleuchtet alle Reiche.

Was sie da Lob von Frauen sagen,

Von Frauen sich mit Mären tragen,

Gilt Alles vor Isolden nicht.

Wer Isolden schaut ins Angesicht,

Der fühlt geläutert Herz und Muth

Wie die Glut dem Golde thut:

Ihm wird erst werth das Leben.

Beschämt wird Keine neben

Isolden und vernichtet,

Wie Mancher falsch berichtet:

Ihre Schöne verschönt,

Mit ihren Tugenden krönt

Sie den Namen aller Frauen;

Man soll nicht neidisch nach ihr schauen.

XII. Brautwerbung.

Was da Tristan gesagt

Hatte von der schönen Magd,

Der wonnigen auf Irenland,

Wie er es selber empfand –

Wer da in dem Kreise saß

Und in sein Herz die Worte las,

Dem versüßt' es sein Gemüthe

Wie des Maien Thau die Blüthe:

Sie gewannen Alle frohen Muth.

Tristan, der Jüngling wohlgemuth,

Begann nun wieder aufzuleben:

Das Leben war ihm neu gegeben,

Er war ein neugeborner Mann.

Er fieng erst zu genießen an,

Man sah ihn freudig immerdar.

Der Hof und auch der König war

Zu seinem Willen bereit,

Bis sich der verworfne Neid,

Der geschäftig immer sinnt

Wie er neue Tücke spinnt,

An den Herrn begann zu üben

Und Vielen zu trüben

Den Muth und auch die Sitten,

Daß sie es ungern litten

Wie der Hof ihn ehrte

Und seine Ehre mehrte

Zugleich mit Land und Leuten.

Sie begannen zu missdeuten

Sein Glück in allen Dingen,

Ihn ins Geschrei zu bringen,

Als ob er Zauber triebe.

Wie er dem Land zu Liebe

Morolden, ihren Feind, bezwang,

Wie dann in Irland ihm gelang,

Das Alles, gab man zu verstehen,

Sei durch Zauber geschehen.

»Seht selber«, hieß es, »all sein Wesen:

Wie mocht er jemals genesen

Vor dem starken Morold?

Wie betrog er Isold,

Jene weise Königin,

Seine Todfeindin,

Daß sie in den Büchern las

Bis er durch ihre Hand genas?

Seht das Wunder, schauet an,

Der Betrüger, wie er kann

Sehende Augen blenden

Und Alles glücklich enden

Was er nur zu enden hat!«

Am Ende giengen sie zu Rath

Als König Markes Räthe,

Daß sie ihm früh und späte

Mit Bitten anlagen,

Daß er in alten Tagen

Noch ein Weib sich nähme,

Von der er Erben bekäme,

Eine Tochter oder einen Sohn.

Marke sprach: »Gott hatt uns schon

Guten Erben gegeben:

Laße Gott ihn lange leben,

Tristan: so lang der leben soll,

So lange kommt, das wißt ihr wohl,

Nimmer Frau noch Königin

An diesen Hof: das ist mein Sinn.«

Hiemit ward noch des Haßes mehr

Und mehr des Neides denn vorher,

Den sie zu Tristan trugen,

Daß bald die Flammen schlugen

Hervor aus Manchem lichterloh.

Sie mochten es nicht länger so

Bergen in der Heimlichkeit

Und boten ihm zu mancher Zeit

Solche Worte und Geberden,

Daß ihm bangte vor Gefährden,

Denn er muste stäts besorgen,

Daß sie heut oder morgen

Den Rath zusammen trügen,

Wie sie ihn mordlich schlügen.

Da bat er seinen Oheim sehr,

Daß er der Landesherrn Begehr

Endlich nur vollbrächte

Und Gott zu Lieb bedächte

Seine Angst und seine Noth:

Er wiße nicht, wann es sein Tod

Noch und sein Ende wäre.«

Da sprach auf solche Märe

Sein Oheim: »Neffe Tristan,

Schweig, ich denke nicht daran:

Zum Erben will ich dich allein.

Du sollst auch ohne Sorgen sein

Um deinen Tod und um dein Leben:

Ich will dir guten Frieden geben.

All ihr Neiden, all ihr Haß,

Lieber Gott, was schadet das?

Haßen und Neiden

Muß der Biedre leiden.

Es erhöht des Mannes Werth,

Wenn der Haß sich auf ihn kehrt.

Werth und Neid, die beiden sind

Wie die Mutter und ihr Kind,

Denn der Werth gebiert allzeit

Und führt mit sich Haß und Neid.

Wen fallt der Haß auch lieber an

Als einen würdigen Mann?

»Leb immer und erstrebe, daß

Du Einen Tag seist ohne Haß,

Du erstrebst doch nimmer, daß

Du leben mögest ohne Haß.

»Doch willst du, daß dir wohl geschieht

Von Bösen, so sing ihr Lied

Und sei du auch ein Bösewicht,

So haßen sie dich fürder nicht.

Tristan, was man dir auch thu,

Richte du dich nur dazu,

Daß du hohen Muthes seist,

Und bedenke das zumeist

Was dir Heil und Ehre bringe;

Doch rathe mir nicht Dinge,

Davon dir Schade muß geschehn.

Hierin, was Reden auch geschehn,

Folg ich ihnen nicht noch dir.«

»Herr König, so gebietet mir,

Denn ich will von Hofe fahren:

Ich kann mich nicht vor ihnen wahren.

Soll ich das Ziel des Haßes sein,

So kann ich nimmer gedeihn.

Eh ich mit der Gefährde

Alle Reiche der Erde

Haben wollt in meiner Hand,

Eh blieb ich ewig ohne Land.«

Als Marke seinen Ernst ersah,

»Neffe, schweig«, begann er da,

»Denn wie gern ich allezeit

Dir Treue hielt' und Stätigkeit,

So läßest du es nicht geschehn.

Was nun auch hieraus mag entstehn,

Ich habe keine Schuld daran.

Sprich, wie ich dir willfahren kann,

Du findest mich bereit dazu;

Sag an, was willst du, daß ich thu?«

»So besendet euern Herrenrath,

Der euch hierzu gerathen hat,

Und höret eines Jeden Muth.

Fragt sie, wie sie dünke gut,

Daß ihr euch hierin verhaltet.

Wenn ihr nach ihrem Willen schaltet,

So mags mit Ehren wohl ergehn.«

Nun, das war alsbald geschehn:

Die Herren wurden all besandt.

Die riethen Marken allzuhand,

Und allein zu Tristans Noth,

Zu der schönen Isot:

Die ziem ihm, möcht es sein, zum Weib

Nach Zucht, Geburt und schönem Leib;

Und faßten den Beschluß zumal.

Vor Mark denn giengen sie im Saal,

Und Einer, der es wohl verstund,

Trat vor und sprach aus Einem Mund

Ihr Aller Willen, Sinn und Muth.

»Herr«, hub er an, »uns dünket gut,

Isot die schöne von Irlanden,

Wie das bekannt ist allen Landen,

Die uns und ihr benachbart sind,

Ist eine Magd, und ist ein Kind,

Der weibliche Seligkeit

Jede Zierde lieh, die eine Maid

Jemals wohl auf Erden trug,

Wie ihr das selber oft genug

Schon habt von ihr vernommen.

Die ist selig und vollkommen

Fürwahr an Leben und Leib,

Und soll euch diese zum Weib

Und uns zur Herrin werden,

So kann uns auf der Erden

An keiner Frau so wohl geschehn.«

Der König sprach: »Herr, laßt uns sehn,

Wenn ich die haben wollte,

Wie das geschehen sollte.

Habt ihrs vergeßen ganz und gar,

Wie es nun seit manchem Jahr

Zwischen uns und ihnen stand?

Wie uns haßen Leut und Land

Und wie mir Gurmun herzlich grollt;

Mit Recht: ich bin ihm auch nicht hold.

Wer brächte jemals mit uns Zwein

So große Freundschaft überein?«

»Herr«, sprachen aber Jene da,

»Oft fügt sichs, wie es hier geschah,

Daß zwei Lande sich bestreiten;

So sollen sie von beiden Seiten

Rath suchen und erdenken,

Wie sie' s zur Sühne lenken

Für ihrer Kinder Zeiten.

Aus gehäßigem Streiten

Ward große Freundschaft schon gemacht:

Herr, hierauf seid Ihr bedacht.

Ihr erlebt wohl noch den Tag,

Daß Irland euer werden mag.

Mit Isolden wird es euch verliehn,

Da König und Königin

Ohne andre Erben sind:

Sie ist ihr einziges Kind.«

Antwort gab der König hehr:

»In Gedanken hat mich sehr

Wohl Tristan schon an sie gebracht;

Ich habe viel an sie gedacht,

Seit er sie so gepriesen hat.

Ich bin in meines Herzens Rath

Vor den andern Frauen allen

So sehr auf sie verfallen,

Sie möge mir denn werden,

So wird auf dieser Erden

Keine andre jemals mein;

Der Himmel soll mir Zeuge sein.«

Den Eid doch that er nicht so sehr

Weil sein Gemüth ihm irgend mehr

Nach Ihr stünd als nach andrer Maid,

Er schwur nur so aus Schlauigkeit,

Denn er konnte sich nicht denken,

Sie würdens je zum Ziele lenken.

Die Räthe sprachen da vergnügt:

»Herr, wenn ihr es also fügt,

Daß mein Herr Tristan, der hier steht,

Und des Hofs Geheimniss hat erspäht,

Dort eure Botschaft werben will,

So wird es Alles wohl zum Ziel

Und zu gutem Schluß gebracht.

Der ist weis und wohlbedacht

Und hat Glück in allen Dingen:

Er mag es wohl zu Ende bringen;

Er kann des Landes Sprache wohl

Und endet was er enden soll.«

»Ihr rathet übel«, Marke sprach:

»Zu sehr stellt ihr Tristanden nach

Und fleißt euch aller seiner Noth.

Er ist nun doch schon einmal todt

Für euch und eure Erben;

Nun wollt ihr ihn noch sterben

Gar zu einem andern Mal.

Nein, ihr Herrn von Cornewal,

Ihr müßet selber dahin;

Rathet mir nicht mehr auf ihn.«

»Herr«, sprach aber Tristan,

»Nicht übel reden sie hieran.

Es wäre wohl gefüge,

Wozu der Muth euch trüge,

Griff' Ich das eifriger an

Und bereiter als ein andrer Mann.

Es ist wohl recht, daß ich es thu.

Herr, ich bin der Mann dazu,

Ihr mögt auf beßre nicht verfallen.

Gebietet nur den Herren allen,

Daß sie selber mit mir fahren,

Euer Frommen da mit mir zu wahren

Und eure Ehre hin und her.«

»Nein, du kommst mir nicht mehr

In ihre Macht und ihre Hand:

Gott hat dich einmal heimgesandt.«

»Doch, Herr, es muß fürwahr so sein:

Ob sie da sterben, ob gedeihn,

Wie Ihnen muß auch Mir geschehn.

Ich will sie selber laßen sehn,

Bleibt dieß Land des Erben frei,

Ob das von meinen Schulden sei.

Heißt sie sich bereiten:

Ich will den Kiel leiten

Und führen mit der eignen Hand

In das selge Irenland,

Und nach Develin hinein

Zu dem schönen Sonnenschein,

Der allen Herzen spendet Wonne:

Vielleicht wird uns die schöne Sonne.

Herr, wird euch zu Theil Isot,

Lägen wir dann Alle todt,

Geringer Schade wär es ja.«

Als Herrn Markes Räthe da

Hörten, welchen Weg es gienge,

Da gereute sie so sehr der Dinge,

Daß sie in allen ihren Jahren

Niemals noch so traurig waren.

Nun must es so und sollt es sein.

Tristan las aus des Hofes Reihn

Die des Königs Rauner waren,

Zwanzig Ritter kampferfahren

Und zu der Noth die besten;

Vom Land und von den Gästen

Gewann er sechzig um den Sold;

Der Räthe hatt er ohne Gold

Zwanzig Landbarone:

So war der Compagnone

Gerade hundert und nicht mehr;

Mit diesen fuhr er über Meer.

So stands um die Genoßenschaft.

So viel Vorrath war auch beigeschafft

An Kleidern und an Speise

Und Schiffsbedarf zur Reise,

Daß so viel Leuten noch zur Fahrt

Nie ein Kiel so wohl berathen ward.

Man liest wohl von Tristanden:

Aus Cornwal gen Irlanden

Sei eine Schwalbe gekommen

Und hab ein Frauenhaar genommen

Da zu ihres Nestes Bau

(Wie wuste sies da so genau?)

Und sei damit über See.

Wo nistet eine Schwalbe je

Mit solcher Beschwerde,

Daß sie, die Stroh und Erde

Daheim genug zum Neste fand,

Ueber Meer in fremdes Land

Nach ihrem Baugeräthe strich?

Weiß Gott, hier stößt die Märe sich,

Hier hinkt das Lied, hier lahmt der Leich.

Auch sieht es nicht der Wahrheit gleich,

Sagt man, daß Tristan über Meer

Blindlings geschifft wär mit dem Heer

Und hätte nicht gewust wohin,

Wie lang er fahren müst und ziehn,

Nicht einmal, Wer sie sei die Maid.

Was that dem wohl das Buch zu Leid,

Der dieß schreiben ließ und lesen?

Ein Narre wär er wohl gewesen,

Der König, der seine Räthe

Ins Blaue zu fahren bäte;

Und waren nicht die Boten Tröpfe,

Wie setzt' ers ihnen in die Köpfe?

Nun, auf der Reise war Tristan

Und schiffte immerfort voran,

Er mit der Genoßenschaft.

Ein Theil war in der Sorgen Haft,

Ich meine die Barone,

Die zwanzig Compagnone,

Des Königs Rath von Cornewal:

Die standen alle zumal

In Ängsten und in großer Noth;

Sie sahn vor Augen schon den Tod.

Sie fluchten der Stunde

Mit dem Herzen und dem Munde,

Da der Irländschen Reise

Gedacht ward laut und leise.

Sie wusten um ihr eigen Leben

Sich selber keinen Rath zu geben.

Sie riethen hin, sie riethen her

Und wusten sich doch nimmermehr

Zu rathen, was zu Frommen

Und Nutzen möchte kommen;

Und war das auch kein Wunder.

Er war einmal jetzunder

Kein Rath mehr, sollten sie gedeihn,

Brachte Eines von den Zwein

Nicht noch ihrem Leben Frist:

Abenteuer oder List.

List war da aber theuer:

So war auch Abenteuer

Nicht zu erwarten leider:

Sie waren ledig beider.

Doch sprach der Rathsherrn Innung:

»Weisheit und Ersinnung

Ist wunderviel in diesem Mann:

Gönnt Gott, daß es geschehen kann,

Wir möchten wohl mit ihm genesen,

Setzt' er dem vermeßnen Wesen,

Der blinden Kühnheit nur ein Ziel:

Deren ist an ihm zu viel

Er ist zu frech und zu voll Muth.

Er weiß noch heut nicht was er thut

Und gäbe nicht ein halbes Brot

Um unsern noch um seinen Tod.

Doch muß auf seinem Wohlergehn

Unsre beste Hoffnung stehn:

Sein Witz nur kann uns Lehre geben,

Wie uns zu fristen sei das Leben.«

Als sie nach Irland kamen,

Ihr Angelände nahmen,

Da hörten sie die Märe,

Gurmun der König wäre

Vor der Stadt zu Weisefort.

Da ließ den Anker über Bord

Tristan so ferne von dem Hafen,

Daß sie mit keinem Bogen trafen

Aus der Stadt zu ihnen hin.

Seine Landbarone baten ihn,

Daß er sie unterweise,

In welcher Art und Weise

Er werben wolle um das Weib.

Es gieng' an Leben und Leib,

Darum bedäuchte sie es gut,

Daß er ihnen sagte seinen Muth.

Tristan sprach: »So thut nur Eins,

Habt nur Acht, daß euer Keins

Den Leuten kommt vors Angesicht:

Bleibt alle drin und zeigt euch nicht.

Die Schiffer und die Knechte nur

Forschen nach der Märe Spur

Auf der Brücke vor des Schiffes Thür;

Doch euer Keiner komm herfür.

Schweigt und duckt euch still hinein.

Ich selber nur will außen sein,

Weil ich die Landessprache kann.

Nicht lang, so dringen hier heran

Die Bürger und beschweren

Uns mit übeln Mären.

Denen muß ich lügen all den Tag

Soviel ich ihnen lügen mag.

Haltet Ihr euch drinne,

Denn wird man euer inne

Ihr habt den Tod an der Hand,

Denn uns besteht das ganze Land.

Dieweil ich morgen außen bin

(Denn ein Ritt liegt mir im Sinn

Auf Abenteur im Morgenlicht

Ob mir gelingen will ob nicht),

So halte Curvenal davor

Und Andre mit ihm an dem Thor,

Die die Sprache fertig sprechen.

Und Eins noch müßt ihr mir versprechen:

Wenn ich unterweges wär

Drei Tage oder mehr,

So harret mein nicht länger hier:

Über Meer entrinnet ihr

Und rettet Leben und Leib.

Ich habe dann allein das Weib

Vergolten mit dem Leibe:

Dem Herrn zu einem Weibe

Rathet wie euch dünke gut:

Das ist mein Rath und auch mein Muth.«

Der Marschall von Irland,

In des Gewalt und dessen Hand

Der König Stadt und Hafen gab,

Ritt ans Meer in jähem Trab,

Gewaffnet und zum Kampf bereit

Mit gewaltigem Geleit

Von Bürgern und der Bürger Boten.

Denn ihnen war ja geboten

Von Hofe, wie die Märe sagt,

Wenn ihr sie weiter oben fragt,

Wer auf Gestad da stieße,

Daß man den sahen ließe

Bis man sicher hätt erkannt,

Ob er käm aus Markes Land

Oder seiner Leute brächte.

Diese selben Henkersknechte,

Die leiden Mordrangen,

Die manchen Mord begangen

Hatten an der Unschuld

Nur um ihres Herren Huld,

In den Hafen kamen sie gezogen

Mit Armbrüsten und mit Bogen

Und mit anderer Wehr

Nicht anders wie ein Räuberheer.

Des Kieles Meister Tristan

Zog einen Reisemantel an,

Daß er sich nicht gäbe kund:

Aus keinem anderen Grund.

Auch ließ er einen Napf hertragen

Aus rothem Golde geschlagen

Und gewirkt zu seltnem Preise

Nach englischer Weise.

So trat er in ein Schifflein,

Nahm mit auch Curvenal hinein,

Fuhr heran zum Hafenmund

Und mit Geberden wie mit Mund

Entbot er ihnen Grüße

So gut er mocht und süße.

Sein Grüßen all doch nicht verschlug:

Der Bürger waren genug,

Die zu dem Schifflein liefen

Und vom Gestade riefen:

»Stoß ans Land, stoß ans Land.«

In den Hafen stieß er da zuhand.

»Ihr Herren«, sprach er, » saget mir,

Wie kommt ihr so? Was denket ihr

Mit so ungehäbgem Dräun?

Ihr seht ja aus, man sollt euch scheun.

Ich weiß nicht was ich denken soll.

Um Gotteswillen thut so wohl,

Wenn Einer hier am Hafen weilt,

Dem das Land Gewalt hat zugetheilt,

Der höre und vernehme mich.«

»Ja«, sprach der Marschall, »das bin ich.

Mein Gebahren und mein Dräun

Habt ihr allerdings zu scheun,

Indem ich gründlich will erfahren

Eur Gewerb und eur Gebahren.«

»Gewiss, Herr«, sprach Tristan in Ruh,

» Ihr findet mich bereit dazu.

Wenn ihr die Andern schweigen hießt,

Aber mich zur Sprache ließt,

So wollt ich selber gerne bitten,

Daß man mit gütlichen Sitten

Und so mein Wort vernehmen möchte,

Wie es dem Lande Ehre brächte.«

Eine Stille ward ihm da gegeben.

»Herr«, sprach Tristan, »unser Leben,

Unsre Geburt und unser Land,

Damit ist es so bewandt

Wie ich es euch bedeute.

Wir sind Handelsleute;

Keine Schande bringt uns wohl der Stand.

Kaufleute werden wir genannt,

Ich und meine Compagnie,

Und sind wir von der Normandie.

Weib und Kinder blieben dort;

Wir selber ziehn von Ort zu Ort,

Von Land zu Land und kaufen ein

Und verkaufen hinterdrein,

Daß wir den Unterhalt erjagen.

In den letzten dreißig Tagen

Fuhren wir der Heimat fern,

Ich und zwei andre Kaufherrn.

Wir dachten mit Geleit und Waaren

Nach Hibernien zu fahren:

Da wurden wir mit unsern Schiffen

Des Morgens früh vom Wind ergriffen

(Ich denk es sind acht Tage nun)

Und wie die Winde gerne thun,

Daß sie Gesellen scheiden,

So schied er mich von Beiden.

Weiß nicht wie sie gefahren sein;

Doch sei der Himmel mit den Zwein

Ob sie am Leben sind ob todt.

Ich selber ward mit vieler Noth

Manchen übeln Weg geschlagen

In diesen schweren acht Tagen

Bis gestern, als der Mittag kam,

Der wilde Sturm ein Ende nahm.

Da sah ich Berg und Land vor mir.

Zu ruhen ankerten wir

Und ruhten aus von Angst und Sorgen.

Aber heut am frühen Morgen,

Als wir den Tag erscheinen sahn,

Griff ich die Fahrt von Neuem an

Und fuhr hieher gen Weisefort:

Nun geht es schlimmer hier denn dort.

Ich bin hier, scheints, noch ungeborgen

Und schien geborgen mir vor Sorgen,

Da mir die Stadt nicht unkund ist,

Denn ich bin wohl öfter, wie ihr wißt,

Mit Kaufleuten hier gewesen.

Drum wähnt ich mich genesen

Und dachte Gnade hier zu finden:

Nun bin ich Sturmwinden

Recht erst in die Hand gefahren.

Doch mag mich Gott noch wohl bewahren:

Denn soll mir hier nicht Frieden

Und Ruhe sein beschieden,

So kehr ich wieder auf das Meer:

Da find ich volle Gegenwehr

Und Streitkraft sattsam in der Flucht.

Geruht ihr aber eurer Zucht

Und eurer Ehre zu gedenken,

So viel ich Gutes mag verschenken,

Das geb ich euch von Herzen gern,

Und will nichts weiter von euch Herrn,

Als daß ihr meinem Gut und mir

Frieden schafft im Hafen hier,

Bis ich erkund und sehe

Ob mir das Heil geschehe,

Daß ich mein Landgesinde

Hier im Lande wiederfinde.

Und soll mir das gestattet werden,

So schafft auch Frieden vor Gefährden:

Sie dringen dort gewaltsam her,

Ich weiß nicht welche oder Wer,

In ihrem kleinen Schifflein dort;

Sonst fahr ich zu den Meinen fort

Und fürcht euch keinen Strohhalm mehr.«

Der Marschall dräute Jenen schwer

Und hieß sie kehren in das Land.

Dann sprach er, zu dem Gast gewandt:

»Was wollt ihr unserm König geben,

Daß er das Gut euch und das Leben

Bewahr in seinem Königreich?«

Der Gast entgegnete sogleich:

»Herr, ich geb ihm Tag für Tag

Sofern ich es gewinnen mag,

Eine Mark von rothem Golde:

Ihr aber nehmt zum Solde

Diesen Becher von mir an,

Wenn ich auf euch vertrauen kann.«

Die Andern riefen allzuhand:

»Ja, Marschall ist er hier im Land.«

Der Marschall seine Gabe nahm;

Sie deucht' ihn reich und wonnesam,

Und hieß ihn in den Hafen fahren:

Er woll' ihm Leib und Gut bewahren

Durch sein Geheiß und Machtgebot.

Da waren beide reich und roth,

Den Zins mein ich und den Sold:

Reich und roth des Königs Gold,

Des Boten Sold auch roth und reich:

Sie waren preislich beide gleich.

Das half ihm, daß er Frieden fand

Und Gemach in Feindesland.

XIII. Der Drachenkampf.

Zu Frieden ist Tristan gekommen;

Doch hat noch Niemand vernommen,

Wie er die Braut gedenkt zu holen:

Das bleibt euch länger nicht verhohlen

Eh euch die Geduld gebricht.

Diese Märe sagt und spricht

Von einem Serpande,

Der damals haust' im Lande.

Diese leide Teufelsschlange

Hatte Land und Leute lange

Mit so schädlichem Schaden

So schädlich überladen,

Daß der König einen Eid

Bei königlicher Sicherheit

Geschworen hatte, wer das Leben

Ihm nahm, sein Kind woll er ihm geben

Wär er von ritterlichem Stand.

Als dieß Verheißen ward bekannt,

Verloren Tausende den Leib

Um das wonnigliche Weib,

Die hin zum Kampfe kamen

Und da ihr Ende nahmen;

Der Märe war ganz Irland voll.

Auch unser Tristan wust es wohl:

Das gab ihm Muth und trieb ihn an,

Daß er diese Fahrt begann:

Darauf stand seine Zuversicht;

Andre Hoffnung hatt er nicht.

So wäre Zeit denn, daß ers wagte.

Des andern Morgens, als es tagte,

Waffnet' er sich also wohl,

Als ein Mann in Nöthen soll.

Ein starkes Ross bestieg er leicht;

Darauf ward ihm ein Sper gereicht,

Der groß war und feste,

Der stärkste und der beste,

Den man in dem Kiele fand.

Dann ritt er seines Wegs durchs Land

Über Feld und Gefilde

Und nahm in der Wilde

Manchen Weg durch Berg und Thal.

Als heißer ward der Sonnenstral,

Trieb er das Ross mit Sporen an

Und ritt ins Thal Enfer ginant,

Das heißt zu deutsch im Höllenspalt:

Da war des Drachen Aufenthalt.

Dem nahend sah er schnell hindann

Vier gewaffnete Mann

Über Stock und über Stein,

Über Hals und Kopf wohl obendrein,

Fliehend galoppieren.

Der Eine von den Vieren,

Der Truchsäß wars der Königin

Der deuchte sich in seinem Sinn

Der jungen Königin Amis,

Obwohl sie selbst ihn so nicht hieß;

Und wenn die Mannheit Einen trieb,

Der verheißnen Braut zu Lieb

Den grimmen Drachen zu bestehn,

So ließ sich auch der Truchsäß sehn,

Nur daß man von ihm sage,

Daß er sich auch hinwage,

Wo man auf Abenteuer reite.

Das war das Lange und das Breite,

Denn er ersah den Drachen kaum,

So floh er mit verhängtem Zaum.

Tristan ward gar wohl gewahr

An der fliehenden Schar,

Der Drache wär nicht weit von dort.

Da ritt er seines Weges fort

Und ritt nicht lange bis er da

Seiner Augen Ungemach ersah,

Den scheuslichen Drachen;

Der warf aus seinem Rachen

Rauch und Flammen, glühen Wind,

Recht so wie des Teufels Kind,

Und fuhr gerad auf ihn daher.

Tristan senkte seinen Sper,

Das Ross er mit den Sporen nahm,

Indem er hergeschoßen kam

Und mit dem Spere nach ihm stach,

Daß der ihm durch den Rachen brach

Und bis aufs Herz hernieder schoß,

Dieweil er selber mit dem Ross

So heftig auf den Drachen stieß,

Daß er das Ross todt liegen ließ

Und Er lebendig kaum entrann.

Der Drache fiel es wieder an

Mit Schnauben und mit Feuer,

Daß es das Ungeheuer

Bis an den Sattel hin verzehrte.

Der Sper jedoch, der ihn versehrte,

Ängstigte den Drachen so,

Daß er von dem Rosse floh

Und in ein Steingeklüfte glitt.

Tristan, sein Kampfgeselle, ritt

Ihm hurtig nach auf seiner Spur,

Indes voraus sein Opfer fuhr

Und so im Unmuth brüllte,

Daß es den Wald erfüllte

Mit grauenvoller Stimme

Und Büsche viel im Grimme

Verbrannt' und aus der Erde schlug.

Das trieb er lange genug,

Bis der Schmerz ihn überwand,

Daß er unter einer Felsenwand

Sich in der Nähe drückte.

Tristan das Schwert erzückte

Und wähnt', er wär zum Tod verletzt:

Nein, er ward furchtbarer jetzt,

Denn er zuvor gewesen.

Doch hofft' er zu genesen

Und griff den Drachen wieder an;

Der Drache wiederum den Mann,

Und bracht ihn in so große Noth,

Er wähnte schon, er wäre todt.

Er ließ zu keiner Wehr ihn kommen:

Er hatt ihm ganz und gar benommen

So die Streiche wie die Wehr.

Er war ihm an sich selbst ein Heer:

Er führte mit sich in den Kampf

Ja den Rauch und den Dampf

Nebst andrer Hülf und Steuer

An Streichen und an Feuer,

An Zähnen und an Griffen;

Die waren wohlgeschliffen

Und schnitten wohl noch beßer

Als das allerschärfste Meßer.

Mit diesen trieb er quer und krumm

In großer Noth ihn um und um.

Er wich von Baum zu Busche

Nur daß er sich vertusche

Und hüte seines Lebens;

Denn Kampf war hier vergebens.

Und doch hatt er ihn so sehr

Versucht mit Kehr und Wiederkehr,

Daß ihm der Schild vor der Hand

Schier zu Kohlen war verbrannt;

Denn mit Feuer griff der Feind ihn an,

Daß er kaum vor ihm entrann.

Doch währt' es nicht mehr lange,

Die mordliche Schlange

Muste wider Willen dran,

Daß sie zu taumeln begann

Denn so schmerzte sie der Spieß,

Daß sie sich wieder niederließ

Und wand sich angst und bange.

Tristan verzog nicht lange,

Im Fluge ritt er daher

Und stach das Schwert zu dem Sper

Ihm ins Herz bis an die Hand.

Da stieß der leide Serpant

Einen Schrei so donnerstimmig,

So greulich und so grimmig

Aus seinem schnöden Schlunde,

Als gieng' die Welt zu Grunde;

Daß von dem mordlichen Schall

Das Thal erdröhnt' im Widerhall

Und Tristan selber sehr erschrak.

Als nun das Scheusal vor ihm lag

Und er sah, es wäre todt,

Den Schlund erbrach er mit Noth

Und großer Müh dem Drachen,

Und schnitt ihm aus dem Rachen

Die Zunge mit dem Schwerte

So tief er sie begehrte.

In seinen Busen er sie stieß,

Den Schlund sich wieder schließen ließ.

Da eilt' er nach der Wildniss hin

Und hatte dieß dabei im Sinn:

Sich verbergen wollt er dort,

Tagüber ruhn am stillen Ort,

Und kehrt' ihm seines Leibes Macht,

So wollt er beim Beginn der Nacht

Zu seinen Landgesellen wieder.

Allein die Hitze zog ihn nieder,

Die ihn von des Kampfes Hast

Und von des Drachen Glut erfaßt:

Die macht' ihn so zu Schanden,

Daß ihm die Kräfte schwanden

Und er kaum noch mochte leben.

Nun sah er eine Lache schweben,

Schmal und auch nur mäßig lang,

In die aus einem Felsen sprang

Ein kühles klares Brünnelein.

Er fiel in voller Wehr hinein

Und senkte sich bis auf den Grund,

Daß nur außen blieb der Mund.

Den Tag da lag er und die Nacht;

Ihm benahm des Leibes Macht

Die leide Zunge, die er trug:

Denn ihr Dunst, der an ihn schlug,

Der macht ihn ganz allein so gar

Der Kräfte und der Farbe bar,

Daß er nicht aus der Lache kam

Bis ihn hervor die Köngin nahm.

Der Truchsäß, der, wie schon gesagt,

Isot der seligen Magd

Freund und Ritter gerne wär,

Dem begannen die Gedanken sehr

Sich zu blähn und anzufüllen

Von des Drachen Brüllen,

Als das so laut und grausenvoll

Über Wald und Feld erscholl.

Er las es all in seinen Sinn

Was sich begeben bis dahin

Und dachte: »Er ist wahrlich todt,

Oder doch in so großer Noth,

Daß Ich es mag vollbringen,

Ihn völlig zu bezwingen.«

Von jenen Dreien er sich stahl,

Ritt eine Hald im Schritt zu Thal,

Und eilte sich dahin zu kommen,

Von wo er jenen Schrei vernommen:

Und als er sah das Ross da todt,

Da war ihm eine Ruhe Noth.

Er hielt sich bei ihm lange

Kleinmüthig auf und bange,

Denn schon die kurze Strecke

Füllt' ihn mit Angst und Schrecke.

Als ihm gelang die Furcht zu stillen,

Ritt er, nicht ganz mit freiem Willen,

Erschrocken und in großer Noth

Dahin, wo sich der Anblick bot,

Daß das Gras und das Laub

Versengt war als des Feuers Raub.

Nicht lang mehr dauert' es da,

So stieß er, eh er sichs versah,

Auf den Drachen, da er lag,

Und er, der Truchsäß, erschrak

Davon so entsetzlich:

Er hätte schier plötzlich

Einen Schuß zur Erde genommen,

Weil er an den Ort gekommen

Und ihm so nah geritten war.

Doch jetzt bestand er die Gefahr

Und warf so schnell herum das Ross,

Daß es mit ihm zu Boden schoß,

Auf Einen Haufen Ross und Mann.

Als er sich erhob alsdann,

Ich meine von der Erden,

Mocht ihm die Kraft nicht werden

Vor Schrecken, der ihn plagte,

Daß er nur so viel wagte,

Daß er zu Pferde säße.

Der leide Truchsäße

Ließ das Ross stehn und entwich.

Doch merkt' er Niemand hinter sich:

Da stand er still und schlich herwieder,

Griff nach dem Sper zur Erde nieder;

Das Rösslein zog er bei dem Zaum

Zu einem windgefällten Baum,

Von dem er bald zu Rosse saß

Und seines Schadens vergaß.

Schon sprengt' er dort von fern heran

Und sah den Drachen wieder an

Und blickt' ihm dreist ins Angesicht,

Ob er lebte oder nicht.

Als er ihn verendet sah,

»Heil, so Gott will!« sprach er da,

»Aventür ist hier gefunden:

Ich kam zu guter Stunden

Und mir zum Heile hieher.«

Hiermit so neigt' er den Sper

Und den Zügel verhängend,

Sein gutes Ross ersprengend

Begann er zu punieren,

Punierend zu croijieren:

»Chevalier, Demoisele,

Ma blonde Isot, ma bele!«

Er stach auf ihn mit solcher Kraft,

Daß der starke Eschenschaft

Flugs ihm durch die Finger glitt.

Daß er jedoch nicht weiter stritt,

Das geschah allein aus dieser List:

»Wenn er am Leben«, dacht er, »ist,

Der diesen Drachen hat erschlagen,

So kann mirs keine Früchte tragen

Was ich hier will beginnen.«

Da wandt er sich von hinnen

Und ritt suchend her und hin

In der Absicht, wenn er ihn

Finden möcht an einer Statt

So verwundet oder matt,

Daß er ohne Gefährde

Des Feinds erledigt werde,

So wollt er ihn erschlagen haben,

Den Erschlagenen begraben.

Als er ihn aber nirgend fand,

»Laß fahren«, dacht er zuhand,

»Erstarb er oder lebt er noch,

Den ersten Anspruch hab ich doch:

Wer wiese mich von dannen?

Ich habe Freund und Mannen

Und bin so werth und so genehm,

Wer auch mir in die Quere kam,

Er hätte doch das Spiel verloren.«

Er ritt und gab dem Pferd die Sporen

Zu seinem Widersacher wieder

Und sprang vor ihm zur Erde nieder.

Er fieng da wieder an den Streit,

Wo er ihn ließ vor kurzer Zeit:

Mit dem Schwerte, das er trug,

So lange pickt' er und schlug

Bald hier, bald da den Widerpart,

Bis der hier und da verschunden ward.

Er versucht' es an dem Kragen:

Den hätt er gern ihm abgeschlagen;

Doch fand er ihn so hart und dick,

Ihn verdroß der Müh im Augenblick.

Da zerbrach er seinen Sper in Eil

Und steckte das vordre Theil

Dem Drachen zu der Gurgel ein:

So schien es ein Tiost zu sein.

Den Spaniol bestieg er drauf,

Frohgemuth in vollem Lauf

Gen Weisefort zu reiten.

Da hieß er sich bereiten

Einen viergeschirrten Doppelwagen,

Der das Haupt sollte tragen,

Und lief und sagte Märe,

Wie ihm gelungen wäre

Und was er Ängste hab erlitten

Und welchen kühnen Kampf gestritten.

»Ja all die Welt, wie groß sie wär,

Sie biete nur die Ohren her,

Und komm und seh das Wunder an,

Was Alles der beherzte Mann

Und der unerschrockne Muth

Um liebes Weibes Willen thut.

Daß ich der Noth, in der ich war,

Entronnen bin und der Gefahr,

Das wundert und das wundert mich,

Und weiß dabei auch sicherlich,

Wär ich wie Andre sanft gewesen,

Ich wäre nimmermehr genesen.

Wie er auch hieß, der arme Gauch,

Ein Abenteurer, der auch

Aus auf Abenteuer ritt,

Der war, bevor ich mit ihm stritt,

Zu seinem Unglück hingekommen

Und hat sein Ende da genommen.

Gott hatte sein vergeßen.

Alle beide sind gefreßen,

Ross und Mann ist Alles mort.

Das Ross liegt noch zur Hälfte dort,

Versengt und zerbißen.

Was braucht ihr mehr zu wißen?

Mehr Noth erlitt ich hieran,

Als je um Frauen litt ein Mann.«

Mit seinen Freunden allzumal

Besucht' er dann des Drachen Thal,

Daß sie das Wunder schauten.

Auch bat er die Vertrauten,

Daß sie ihm Zeugniss böten

Von den bestandnen Nöthen.

Das Haupt dann führt' er dannen.

Blutsfreund' und Mannen

Lud er und besandt er;

Zu dem König rannt er

Und mahnt' ihn an sein Königswort.

Hierüber ward nach Weisefort

Ein Tag beraumt dem ganzen Land.

Zugleich ward auch das Land besandt,

Die Landbarone mein ich.

Da rüsteten sie Alle sich

Zu dem Tage, der da war benannt.

Nun ward den Frauen auch bekannt

Am Hofe diese Neuigkeit.

Die Marter und das bittre Leid,

Die sie da hatten auszustehn,

Ward noch an Frauen nie gesehn.

Die süße, schöne Magd Isot

War recht in ihrem Herzen todt;

Noch sah sie nie so leiden Tag.

Ihre Mutter Isot zu ihr sprach:

»Nein, schöne Tochter, laß die Schmerzen,

Nimm dieß dir nicht so sehr zu Herzen;

Denn mag es nun die Wahrheit sein

Oder eitel Trug und Schein,

Wir wollen schon dazwischen fahren;

Auch wird uns Gott davor bewahren.

Nicht weine, Tochter meine:

Die klaren Augen deine

Sollen nimmer werden roth

Um also nichtige Noth.«

»Ach, Mutter«, sprach die Schöne,

»Schände nicht und höhne

So deinen Adel, Frau, und dich.

Eh ich gehorchte, sicherlich

Mein Herz träf eines Meßers Klinge.

Eh sein Will an mir ergienge

Nähm ich mir Leben und Leib.

Nie soll er an Isot ein Weib,

Noch eine Fraue je gewinnen,

Er brächte mich denn todt von hinnen.«

»Nein, schöne Tochter, fürcht es nicht.

Was Er hievon, was Jemand spricht,

Das ist allzumal verloren:

Und hätt es all die Welt geschworen,

So wird der Truchsäß nie dein Mann.«

Als es zu nachten begann

Und um der Tochter Ungemach

Bei den geheimen Künsten nach

Die weise Königin frug

(Sie wuste deren genug),

Da sagt' ihr bald ein Gesicht,

Ergangen sei es also nicht,

Wie Schall und Ruf besagte.

Darauf, so bald es tagte,

Rief sie schon Isolden zu:

»Ach, süße Tochter, wachest du?«

»Ja«, sprach sie, »liebe Mutter mein.«

»Kind, so laß die Ängste sein,

Ich will dir liebe Märe sagen.

Er hat den Drachen nicht erschlagen:

Was auch den Fremdling zu uns trug,

Es war ein Gast, der ihn erschlug.

Wohlauf, wir wollen selber gehn

Und schauen wie die Sachen stehn.

Steh nun auf, Brangäne, leis

Und befiehl dem Knappen Paraneis,

Uns die Pferde zu bereiten.

Wir Viere müßen reiten,

Ich und Isolde, du und Er.

Die Pferde soll er uns hieher,

So schnell ers möge zwingen,

Ans geheime Pförtchen bringen,

Wo des Baumgartens Ende

An Feld rührt und Gelände.«

Nun, dieß geschah nach ihrem Sinn.

Sie saßen auf und ritten hin,

Wo nach der Leute Sagen

Der Drache war erschlagen.

Als sie nun dort das Ross ersahn

Und das Reitzeug daran

Genauer sich betrachteten,

Die klugen Vier erachteten,

Sie hätten Reitzeug alsoschön

In Irland nimmer noch gesehn,

Und kamen also überein,

Wer er sonst auch möge sein,

»So hat der den Wurm erschlagen,

Den dieses Ross hat hergetragen.«

Sie ritten weiter durch den Wald

Und stießen auf den Drachen bald.

Nun war des Teufels Genoß

So ungeheuer und so groß,

Daß die lichte Frauenschar

Todtenbleich zu schauen war,

Als sie das Ungethüm ersah.

Zur Tochter sprach die Mutter da:

»Ach, wie sicher ich des bin,

Der Truchsäße, daß er ihn

Sich nicht getraute zu bestehn!

Laß dir die Sorgen all vergehn,

Und wiße, Tochter Isot,

Er sei am Leben oder todt,

So ahnet mir fürwahr, er sei

Verborgen hier ganz nahebei;

Das weißagt mir der Muth.

Mithin, bedünkt es dich gut,

Müßen wir uns ans Suchen geben,

Ob Gott das Heil uns läßt erleben,

Daß wir ihn irgend finden

Und mit ihm überwinden

Die grundlose Herzensnoth,

Die uns ängstigt wie der Tod.«

So ward alsbald beschloßen:

Die vier Fahrtgenoßen

Ritten von einander fort;

Die suchte hier, die andre dort.

Nun ergieng es wie es sollte

Und das Verhängniss wollte,

Die junge Königin Isot,

Daß die ihr Leben, ihren Tod,

Ihre Wonn und ihre Pein

Zuerst erblickte von den Drein.

Von seinem Helme gieng ein Glast,

Der verrieth ihr den Gast.

Als sie den Helm hatt erschaut,

Der Mutter rief sie überlaut:

»Frau, eile dich und reit fürbaß;

Dahinten glänzt, ich weiß nicht was.

Es ist recht wie ein Helm beschaffen;

Gewiss, ich sah ihn in den Waffen.«

»In Treuen«, sprach die Mutter froh,

»Es dünkt mich, Tochter, ebenso.

Gott erhört unser Flehn:

Nach Dem wir suchen und spähn,

Den haben wir gefunden dort.«

Die Zweie riefen sofort

Die beiden Andern auch herbei

Und ritten schauen Wer es sei.

Als so bei ihrem Nahen

Die Vier ihn liegen sahen,

Sie wähnten all, er wäre todt.

»Er ist todt«, sprach jegliche Isot.

»Unsre Hoffnung ist dahin.

Der Truchsäße hat ihn

Meuchlings ermordet und erschlagen

Und hat ihn in dieß Moor getragen.«

Da stiegen von den Rossen

Die vier Fahrtgenoßen

Und zogen ihn heraus ans Land.

Sie entstrickten ihm des Helmes Band,

Die Kuppe hoben sie hindann;

Isot, die weise, sah ihn an

Und sah wohl, daß er lebte

Und doch sein Leben schwebte

Wie an einem dünnen Haar.

Sie sprach: »Er lebt, er lebt fürwahr.

Helft nur, und entwaffnet ihn;

Wenn ich dann so glücklich bin,

Daß er nicht Todeswunden hat,

So wird wohl noch für Alles Rath.«

Als die drei Schönen insgemein,

Dieser lichte Verein,

Den Armen, Elenden

Mit schneeweißen Händen

Der Waffen entbanden

Und da die Zunge fanden,

»Sieh«, sprach die Königin Isot,

»Was ist das hier so dunkelroth?

Brangäne, Herzensnichte, sprich!«

»Eine Zunge, dünket mich.«

»Du hast ganz Recht, Brangäne;

Und ist es wie ich wähne,

So war es die des Drachen:

Unser Heil will erwachen.

Herzenstochter, Schön Isot,

Ich weiß es sicher wie den Tod,

Auf die rechte Spur sind wir gekommen:

Ihm hat die Zunge benommen

Die Kraft zumal und den Sinn.«

Vollends entwaffneten sie ihn,

Und als sie weder Wunden

Noch Hieb' an ihm gefunden,

Wie wohl den Frauen all geschah!

Theriak nahm die Weise da,

Der alle Heilkunst war ein Spiel,

Und flößt' ihm ein davon so viel,

Daß er zu schwitzen begann.

»Er will genesen«, hub sie an:

»Beginnt der Dunst erst auszuziehn,

Der von der Zunge fiel auf ihn,

So wird er sprechen und uns sehn.«

Das war auch alsobald geschehn.

Er lag nicht lang bis es geschah,

Daß er beides auf und um sich sah.

Als er der wonnigen Schar

Ob und um ihn ward gewahr,

Er gedacht in seinem Muthe:

»Ach, Herre Gott, der gute,

Du hast in Treuen mein gedacht:

Drei Lichter stehn um mich zur Wacht,

Die schönsten, die die Erde hat,

Vieler Herzen Trost und Rath

Und manches Auges Wonne:

Isot, die lichte Sonne,

Und ihre Mutter Isot,

Das fröhliche Morgenroth;

Die stolze Brangäne,

Der Vollmond gegen jene.«

Hiemit erstarkt' er und sprach,

Doch schwach mit schwacher Stimme: »Ach,

Wer seid ihr und wo bin ich?«

»Ach, Ritter, magst du sprechen? sprich:

Wir helfen dir zu deiner Noth«,

Sprach die sinnige Isot.

»Ja, süße Herrin, selig Weib;

Doch weiß ich nicht, wie mir der Leib

Und alle Kraft in kurzer Frist

Benommen und geschwunden ist.«

Die junge Isot sah ihn an:

»Tantris ists, der Spielmann«,

Sprach sie, »wenn ich je ihn sah.«

Die beiden andern sprachen da:

»Das dünkt mich auch, bei meiner Treu.«

Die weise Köngin sprach aufs Neu:

»Bist du es, Tantris?« – »Herrin, ja.«

»So sage«, sprach die Weise da,

»Von wannen kommst du her und wie,

Und was ist dein Gewerbe hie?«

»Seligste der Frauen,

Ihr mögt wohl selber schauen,

Meine Kräfte reichen leider nicht,

Daß ich ausführlichen Bericht

Euch nach der Ordnung möge sagen.

Laßt mich führen oder tragen

Gott zu Lieb an eine Stätte,

Wo mich Jemand pfleg und bette

Nur diesen Tag und diese Nacht.

Komm ich zu meines Leibes Macht,

So thu ich Alles gern und sage

Was euch geliebe und behage.«

Da nahmen Tristanden

Die Viere zu Handen,

Und hoben ihn zu Ross alsbald.

Sie ritten mit ihm aus dem Wald,

Und brachten ihn so heimlich ein

Durch ihr Geheimthürlein,

Daß von ihrer ganzen Fahrt

Niemand nichts nur inne ward.

Da fand er Hülf und auch Gemach:

Die Zunge, die ich oft besprach,

Sein Eisenwerk und all sein Ding,

Nicht Faden mangelt' ihm noch Ring.

Sie hatten Alles mit hindann

Geführt, die Rüstung wie den Mann.

Als nun der andre Tag erschien,

Ins Gebet nahm ihn die Königin.

»Nun Tantris«, sprach sie, »sage mir,

Bei den Gnaden, die ich dir

Jetzt und das erstemal erwies,

Daß ich dich zwier genesen ließ,

Und bin dir willig und geneigt

Wie du dich Deinem Weib gezeigt:

Wann kamst du her gen Irland?

Wie erschlugst du den Serpant?«

»Herrin, ich wills euch sagen:

Ich kam in diesen Tagen,

Erst drei Tage sind es heute,

Ich und andre Kaufleute,

In diesen Hafen mit dem Kiel,

Als am Gestad uns überfiel

Ich weiß nicht welches Räuberheer:

Die hätten uns, wenn ich nicht wär

Mit meinem Gut zuvorgekommen,

Das Leben zu dem Gut genommen.

Nun ist es so mit uns bewandt,

Daß wir manches fremde Land

Heimsuchen müßen und beschaun,

Und nicht wißen Wem vertraun,

Da Jeder gern Gewalt uns thut.

Drum dacht ich, wär mir nichts so gut,

Als wenn es mir gelänge,

Durch eine That der Menge

Beliebt zu werden und bekannt,

Da Kundschaft nur in fremdem Land

Den Kaufmann reich machen kann.

Dieß war es, Frau worauf ich sann,

Denn lange war von dem Serpant

Mir die Märe wohlbekannt

Und darum nur erschlug ich ihn:

Ich hoffe, daß ich fürderhin

Bei diesem Landgesinde

Frieden und Gnade finde.«

»Fried und Gnade«, sprach Isot,

»Sein mit dir bis an den Tod,

Und Ehr auch und Gelingen.

Du bist zu guten Dingen

Uns und dir selbst hieher gekommen.

Was nun dein Herz zum Ziel genommen,

Das ist gethan, ich schaff es dir

Von meinem Herren und von mir.«

»Dank, Herrin! So ergeb ich mich

Meinen Kiel denn und mich

Gänzlich an eure Treue.

Seht, daß mich nicht gereue,

Daß ich Gut zumal und Leben

An eure Treue hab ergeben.«

»Tantris, das soll es nicht fürwahr;

Sei nur außer Sorgen gar

Um dein Gut und dein Leben.

Sieh, meine Treue will ich geben

Und meine Ehr in deine Hand,

Daß dir nie in Irland

Leid geschieht Zeit meines Lebens.

Eins bät ich gerne nicht vergebens:

Daß uns guten Rath dein Mund

Thät in einer Sache kund,

An der mir Heil und Ehre hängt.«

Und sagt' ihm Alles kurz gedrängt,

Wie sich der Truchsäße

Dieser That vermäße,

Und gern nun vor der Menge

Isotens Hand erzwänge,

Bereit die Lügenmären

Im Kampfe zu bewähren,

So ihm der Gegner käme,

Der seinen Handschuh nähme.

»Selge Herrin«, sprach Tristan,

»Laßt euch keine Sorge nahn.

Ihr habt mir zweimal Leib und Leben

Nun mit Gott zurückgegeben:

So sollen sie für euer Recht

Gerne kämpfen dieß Gefecht,

Und euch zu allen Nöthen frommen,

So lang sie mir zu Statten kommen.«

»Gott lohn es, lieber Tantris!

Des bin ich gern an dir gewiss,

Und will dir offen eingestehn,

Wenn dieser Greuel sollt ergehn,

So wären wir, Ich und Isot,

Mit lebendgem Leibe todt.«

»Nein, Herrin, thut die Rede hin!

Da ich in euerm Frieden bin,

Und auf eure Ehre habe

Gestellt das Leben wie die Habe,

Und ihr allein vertrauen soll,

So gehabt euch, traute Herrin, wohl.

Helft ihr nur zum Leben wieder,

All eure Sorgen leg ich nieder.

Und sagt mir, Frau, ist euch bekannt,

Ob die Zunge, die man bei mir fand,

Im Wald blieb? Ich vermisse sie.«

»In Treuen, nein, die hab ich hie

Und Alles was dir sonst noch Noth.

Ich und mein schönes Kind, Isot,

Wir brachten Alles dir hindann.«

»Das wird uns frommen«, sprach Tristan.

»Wohlan denn, selge Königin,

Legt alle eure Sorgen hin

Und helft mir zu des Leibes Macht;

Das Übrige wird leicht vollbracht.«

Da pflegten ihn die Beiden

Ohn alles Unterscheiden,

Die beiden Königinnen;

Und was sie nur ersinnen

Konnten, das zu Frommen

Seinem Leibe mochte kommen,

Des flißen sie sich jederzeit.

Inzwischen hatte großes Leid

Im Kiel die Kielgenoßenschaft,

Die meist in ihrer Sorgen Haft

Schon ihr Spiel verloren gaben.

Sie meinten schon verspielt zu haben,

Da sie in den zweien Tagen

Nichts hatten von ihm hören sagen,

Wohl aber des Gerüchtes Schall

Vernommen von des Drachen Fall.

Geredes ward auch viel getrieben,

Ein Ritter wäre todt geblieben;

Sein halbes Ross noch läge dort.

Die Gefährten dachten da sofort:

»Wer wär das anders als Tristan?

Fürwahr, kein Zweifel ist daran,

Hätt ihm der Tod es nicht benommen,

Er war wohl längst zurückgekommen.«

Da sannen sie ein Mittel aus

Und sandten Curvenal hinaus,

Das Ross zu schaun in jenem Thal.

Das geschah, dahin ritt Curvenal.

Er fand es und erkannt es bald.

Da ritt er weiter durch den Wald;

Den Drachen fand er auch zuhand,

Und als er da nichts weiter fand

Von allen seinen Dingen,

Von Gewand und Harnischringen,

Große Sorge fiel ihn an.

Ach, dacht er, lieber Herr, Tristan,

Bist du am Leben oder todt?

»Weh«, rief er aus, »o weh Isot,

O weh, daß deines Lobes Schall

Je drang zum Lande Cornewal!

Daß deine Schön und süße Huld

Ward an solchem Schaden Schuld

Des besten Manns von Rittersart,

Dem Schildesamt verliehen ward,

Weil ihm dein Reiz zu wohl gefiel.«

So kehrt' er wieder zu dem Kiel

Weinend und klagend

Und seine Märe sagend,

Wie er sie hatt erfahren.

Diese Mären waren

Da Vielen ein Missfallen,

Jedoch nicht ihnen Allen.

Diese schweren Mären

Mochten Alle nicht beschweren,

Da sie Vielen da gefielen;

Doch sah man auch an Vielen

Großes Leid darum, und zwar

War dieses noch die gröste Schar.

So war ihr Willen und ihr Muth

Verschieden, übel oder gut,

Daß der so entzweite Kiel

In Haufen unter sich verfiel,

Die anders sprachen, anders dachten.

Die zwanzig Barone machten

Sich kein großes Leid um ihn,

Ob er auch verloren schien.

Sie dachten so hinwegzukommen;

Kein länger Harren möge frommen,

War ihre Meinung insgemein.

Die Zwanzig mein ich allein,

Die all gesonnen waren

In der Nacht hinwegzufahren;

Die Andern riethen jedoch,

Zu bleiben und erst beßer noch

Zu forschen nach der Märe,

Wie es ihm ergangen wäre.

So sah man da gezweiten Sinn:

Diese führen gerne hin;

Des Bleibens wären jene froh.

Zuletzt verglichen sie sich so:

Da noch sein Tod nicht sicher war

Oder kund und offenbar,

So wollten sie noch bleiben,

Ihr Forschen ferner treiben

Und ihr Fragen noch zwei Tage.

Das war der Herrn Barone Klage.

Nun war der Tag auch angebrochen,

Der gen Weisfort war gesprochen,

Den Gurmun hatt entboten,

Über den Truchsäß und Isoten,

Sein Kind, Beschluß zu faßen.

Gurmuns Untersaßen,

Seine Freund und Mannen all,

Die er um Rath in diesem Fall

Entboten hatte und besandt,

Die waren Alle da zur Hand.

Zu Rathe zog er Mann für Mann

Und gieng so dringlich Jeden an,

Daß man wohl an Allem sah,

Nichts Geringres gält es da,

Als die Ehre zu behüten.

Auch ließ er in den Rath entbieten

Sein liebes Weib, die Königin:

Der trug er billig Lieb im Sinn,

Denn er hatt an Ihr allein

Zwei Seligkeiten im Verein,

Die allerhöchsten, die der Mann

An liebem Weibe finden kann:

Schönheit und Weisheit: die besaß

Sie alle beid in solchem Maß,

Er war mit vollem Recht ihr hold.

Die selge Königin Isold,

War auch, die schöne weise, da.

Als sie ihr Freund, der König, sah,

Er zog beiseit sie und begann:

»Was räthst du«, sprach er, »sag mir an?

Mich ängstets wie der bleiche Tod.«

»Seid guter Dinge«, sprach Isot,

»Unsre Ehre bleibt hier ungemindert,

Das hab ich Alles schon verhindert.«

»Wie, Herzensfrau, sage mir,

So freu ich mich doch auch mit dir.«

»Unser Truchsäß, wie er spricht,

Seht, der schlug den Drachen nicht,

Und der ihn schlug, den weiß ich wohl,

Und bewähr es, wenn ich soll.

So legt all eure Sorgen nieder

Und geht zu euerm Rathe wieder:

Sagt ihnen Allen und sprecht,

Wenn sich des Truchsäßen Recht

Bewährt und seine Würdigkeit,

So löst ihr willig euern Eid,

Der dem Lande sei geschehn.

Heißt sie Alle mit euch gehn

Und setzt euch hin, zu richten;

Fürchtet euch mit Nichten.

Laßt den Truchsäßen klagen

Und sagen was er hat zu sagen.

Ist es dann zu sprechen Zeit,

So bin ich mit Isold nicht weit,

Und gebietet ihrs, so spreche ich

Für euch, Isolden und für mich.

Laßt es jetzt hiebei beruhn:

Ich will zu meiner Tochter nun;

Bald bin ich wieder mit ihr dort.«

Nach ihrer Tochter gieng sie fort.

In den Pallas gieng der König wieder,

Zum Gerichte saß er nieder

Und mit ihm viel Barone,

Des Landes Compagnone.

Da war viel schöne Ritterschaft,

Von Rittern große Heereskraft,

Die für des Königs Ehr und Namen

Nicht so sehr zu Hofe kamen,

Als weil sie gerne wollten sehn

Was da sollte geschehn

In so landkundgem Falle:

Das wunderte sie Alle.

Die seligen Isolden zwo,

Als sie mit einander so

In den Pallas giengen,

Da grüßten und empfiengen

Die Herren all die Süßen.

Inzwischen diesem Grüßen

Ward viel gesprochen und gedacht,

Zu Tage wunderviel gebracht

Von der Zwein Vollkommenheit.

Jedoch die Mutter und die Maid

Erstaunte minder noch die Menge,

Als wie's dem Truchsäß so gelänge.

Sie dachten, sprachen immerdar:

Nun schauet Alle, nehmet wahr:

Wird diesem heillosen Mann,

Der nimmer Heil noch gewann,

Diese heilbegabte Magd,

So ist ihm all das Heil ertagt,

Das ihm und irgend einem Mann

An einer Magd ertagen kann.

Als vor dem König sie erschienen,

Vom Sitze stand er auf vor ihnen

Und nahm sie freundlich neben sich.

»Nun, Truchsäß«, sprach der König, » sprich

Was du begehrst vor diesen Herrn?«

»Herr, König«, sprach der Truchsäß gern,

»Mein Begehr und meine Bitte

Ist, daß ihr königliche Sitte

Dem Land nicht brechen wollt an mir.

Gedenkt es euch, so sprachet ihr

Und bestärktet den Bescheid

Öffentlich mit euerm Eid:

Den Ritter, der mit seiner Hand

Allein erschlüge den Serpant,

Dem gäbet Ihr zum Solde

Eure Tochter Isolde.

Der Eid verderbte manchen Mann;

Ich aber sah das wenig an:

Weil mir die Maid am Herzen lag,

Hab ich das Leben oft gewagt

Viel fährlicher als je ein Mann,

Bis mir endlich so daran

Gelang, daß ich den Drachen schlug.

Ist es zum Erweis genug,

So seht ihr liegen hier das Haupt:

Ich bracht es her, daß man mir glaubt.

So thut nun eure Schuldigkeit:

Königswort und Königseid

Soll wahr und zuverläßig sein.«

»Truchsäß«, fiel die Köngin ein,

»Wer also reichlichen Sold

Wie meine Tochter Isold

Unverdient verlangen will,

In Treuen, der begehrt zuviel.«

»Ei«, sprach der Truchsäß, »ihr sprecht

Übel, Frau, und wider Recht.

Mein Herr, der hier entscheiden soll,

Der kann doch selber sprechen wohl:

So sprech er, und antworte mir.«

»Frau«, sprach der König, » sprechet Ihr

Für Euch, Isolde und für mich.«

»Dank, Herr, das werd ich sicherlich«,

Sprach sie mit klugem Sinne.

»Truchsäß, deine Minne,

Die ist lauter und gut.

Du hast so männlichen Muth:

Du bist wohl gutes Weibes werth.

Doch wer so hohes Lohns begehrt,

Auf den er keinen Anspruch hat,

In Treun, das dünkt mich Missethat.

Du hast dich einer That gerühmt,

Mit einer Mannheit geblümt,

An der du ganz unschuldig bist,

Wie mir zugeflüstert ist.«

»Frau, ihr sprecht, ich weiß nicht wie:

Ihr seht doch dieß Wahrzeichen hie.«

»Du hast ein Haupt hieher getragen:

Das konnt auch leicht ein Andrer wagen,

Wenn er dafür zum Solde

Verdienen mocht Isolde.

Doch mit so leichten Dingen

Mag man sie nicht erringen.«

»Nein«, sprach die junge Isot,

»Für also mäßige Noth

Bin ich nicht feil, nach meinem Sinn.«

»Ei, junge Frau Königin«,

Sprach der Truchsäß zu der Maid,

»Daß ihr mir so entgegen seid

Und mir die Noth mit argem Mund

Vergeltet, die ich manche Stund

Um eure Minne hab ertragen,

Das will ich fein im Sinne tragen.«

»Ob ihr mich minnet«, sprach Isold,

»Ich ward euch nie getreu noch hold,

Und wills euch wahrlich nimmer sein.«

»Ich weiß gar wohl«, fiel Jener ein,

»Ihr thut wie stäts die Weiber thun,

Denn so geschaffen seid ihr nun

Und geartet all an Sinn und Muth:

Das Arge dünkt euch immer gut,

Das Gute wieder dünkt euch arg:

Die Art sich noch an Keiner barg.

Ihr seid verkehrt in aller Weise:

Die Dummen haltet ihr für weise,

Die Weisen haltet ihr für dumm.

So macht ihr aus dem Graden Krumm

Und aus dem Krummen wieder Grad,

Um allen widersinngen Rath

An euer Seil zu faßen:

Ihr minnet, die euch haßen,

Und haßet, was euch minnet.

Wie seid ihr so gesinnet,

Daß nichts euch mag gefallen

Als das Widerspiel von Allem?

Daß das euch stäts ins Auge sticht!

Denn wer euch will, den wollt ihr nicht

Und wollet den, der euch nicht will.

Ihr seid das trüglichste Spiel,

Das Jemand auf dem Brete kann.

Es ist ein sinnbethörter Mann,

Der ohne Bürgen für ein Weib

Zu Markte tragen will den Leib.

Doch wendet mir das nicht den Sinn,

Was Ihr sprecht und die Königin:

Mir wird wohl anderer Bescheid,

Man breche mir denn Wort und Eid.«

Dagegen sprach die Königin:

»Wahrlich, Truchsäß, dein Sinn

Ist gar witzig und schlau.

Wer deine Reden genau

Zu prüfen weiß, der sieht wohl ein,

Sie sind in einem Kämmerlein,

In der Frauen Heimlichkeit erdacht.

Auch hast du sie so vorgebracht,

Wie ein Frauenritter soll.

Du kennst der Frauen Art gar wohl

Und bist so tief hinein gekommen,

Der Männer Art ist dir benommen.

Du hast auch dein Gefallen

An dem Widerspiel von Allem,

Und bewährst es mit der That:

Gar widersinnigen Rath

Hast du an dein Seil gefaßt,

Denn du minnest, was dich haßt

Und willst, was dich nicht haben will.

Das ist doch unser Frauenspiel:

Warum nimmst du des dich an?

So dir Gott, du bist ein Mann:

Laß uns Fraun doch unsre Art;

Du bist nicht wohl damit bewahrt.

Sei wie ein Mann gesinnet,

Und minne was dich minnet,

Was dich begehrt, begehre:

Dieß Spiel bringt Glück und Ehre.

Du klagst hier mit Schalle,

Daß Isold dir gefalle,

Du aber ihr nicht. O du Thor!

Das ist ihre Art: wer kann davor?

Sie läßt noch viel vorüberfliehn,

Das sich ihr wohl nicht würd entziehn,

Und manchen Mann verachtet

Sie ganz, der nach ihr schmachtet –

Wie du davon ein Beispiel bist –

Was ihr wohl angeartet ist.

Denn sieh, ich war dir auch nie hold,

Ich weiß, so hält es auch Isold;

Es ist ihr angeerbt von mir:

Du verlierst nur deine Minn an ihr.

Die Schöne, die reine,

Sie würde gemeine,

Wenn sie Jeden sollte

Minnen, der sie wollte.

Und was du sagst von dem Bescheid,

So wird der König seinen Eid

Gar gern an dir bewähren.

Sieh, daß du deine Mären

Und deine Reden so bewährst,

Daß du den Widerspruch bekehrst.

Verfolge deine Sachen.

Ich hörte von dem Drachen,

Ihn hab ein andrer Mann erschlagen.

Sieh, was du dazu wollest sagen.«

»Wer wäre der?« – »Ich weiß ihn wohl

Und will ihn bringen, wenn ich soll.«

»Frau, wer der Mann auch immer ist,

Der dieser Sache sich vermißt

Und mich von meinen Ehren

Mit Falschheit möchte kehren,

Wird mir Fug und Statt gegeben,

Ich wage gerne Leib und Leben

Wider ihn im Kampfgericht,

Wie mir der Hof das Urtheil spricht,

Hand wider Hand, und wende

Den Fuß nicht, eh ichs ende.«

»Das lob ich«, sprach die Königin,

»Wie ich dir gern auch Bürge bin,

Daß ich erfülle dein Begehr

Und dir zum Kampf ihn bringe her

Von heute vor dem dritten Tag,

Da ichs sogleich noch nicht vermag:

Denselben, der den Drachen schlug.«

Der König sprach: »Das ist genug.«

Die Herrn auch sprachen insgemein:

»Truchsäß, dieß mag genug dir sein.

Es ist auf kurze Zeit verschoben.

Geh hin, den Zweikampf zu geloben;

Die Köngin mag ein Gleiches thun.«

Der König nahm von Beiden nun

Das Wort und sichres Unterpfand,

Daß am dritten Tag von ihrer Hand

Der Kampf zu leisten wäre.

So beschloß sich diese Märe.

XIV. Der Splitter.

Die Frauen giengen beide fort

Und nahmen ihren Spielmann dort

Aufs Neu in fleißge Pflege.

Ihr Fleiß ward allerwege

Mit süßer Bedächtigkeit

Darauf verwendet, was im Streit

Ihm nur helfen mocht und frommen.

Genesen war er auch vollkommen

Und lichter Farbe, schön und klar.

Nun nahm Isot sein fleißig wahr

Und begann auf sein Gehaben,

Seinen Wuchs wohl acht zu haben.

Die Augen ließ sie ihm zu Zeiten

Auf Gesicht und Hände gleiten,

Auf seiner Arm und Beine Paar,

An denen wohl zu schauen war

Was er hehlen wollte gern.

Sie besah von Kopf zu Fuß den Herrn

Was Magd erspähen darf am Mann,

Das stand ihr Alles bei ihr an;

Sie lobts in ihrem Muthe.

Nun daß die Schöne, Gute

Ihn von Gestalt und Wesen

Und Sitten so erlesen

Befand und ohne Gebrechen,

Da begann ihr Herz zu sprechen:

»Herr Gott, in deiner Wunderkraft,

Ist irgend etwas mangelhaft

Was du je thatest und thust,

Wie du zu schaffen uns geruhst,

So ist ein Mangel daran,

Daß dieser herrliche Mann,

An den du solche Seligkeit

Gewandt hast schöner Leiblichkeit,

Daß der mit irrem Wandern

Von einem Land zum andern

Seine Nothdurft suchen soll.

Ihm sollte billig und wohl

Ein Reich gehorchen oder Land,

Um den es also wär bewandt.

Wunderlicher Weltlauf jetzt!

Der Königreiche viel besetzt

Sieht man mit einer schwachen Art:

Daß davon Ihm nicht eines ward.

Ein Mann so wohl gebildet

Und mit Tugenden geschildet,

Dem stünden Ehr und Reichthum an:

Es ward nicht wohl an ihm gethan.

Dem Leib ungleiches Leben

Hast du ihm, Gott, gegeben.«

So sprach oft bei sich selbst die Magd.

Ihre Mutter hatt es auch gesagt

Dem König von dem Kaufmann,

Wie Alles war von Anfang an

Und weiterhin gekommen

(Ihr habt es selbst vernommen),

Und wie er nichts begehre,

Als daß man ihm gewähre

Geleite desto gerner,

Wenn er mit Waaren ferner

Zum Königreiche wandre.

Von einem End ans andre

Ward ihm das heimlich all gesagt.

Empfohlen hatt auch schon die Magd

Ihrem Knappen Paraneisen,

Seines Rüstgeräthes Eisen

Schön und blank zu machen

Und nach all seinen Sachen

Fleißiglich zu sehen.

Dieß war nun so geschehen:

Er hatt ihm Alles wohl gefegt

Und auf einander hingelegt.

Nun gieng hinzu die schöne Maid

Und besah es in der Heimlichkeit.

Da geschah es abermals,

Ihr angebornes Heil befahls,

Daß sie ihres Herzens Qual

Nun schon zum andern Mal

Vor den Andern allen fand.

Sie hatt ihr Herz dahin gewandt,

So weilten auch die Augen da,

Wo sie das Rüstgeräthe sah,

Und ich weiß nicht wie es kam,

Daß sie das Schwert zu Handen nahm,

Wie Mädchen denn und Kinder

Neugierig sind; nicht minder

Freilich auch so mancher Mann.

Sie zog es aus und sah es an

Und beschaut' es hin und her

Und fand den Fehl von Ohngefähr:

Die euch bewuste Scharte,

Auf die sie lange starrte.

Sie gedacht in ihrem Muthe:

So mir Gott, der Gute,

Ich glaub es zu besitzen

Das Stück, das hier soll sitzen:

Nehm ich es gleich in Augenschein.

Da holte sies und setzt' es ein.

Da passte zu der Lücke

Das ausgebrochne Stücke

Als wärs ein Ding gewesen,

Wie ihr auch habt gelesen,

Daß sie vor zweien Jahren

Ein Ding gewesen waren.

Da must ihr Herz erkalten

Um den Verlust, den alten.

Ihre Farbe ward zumal

Vor Zorn und von des Leides Qual

Todtbleich und wieder feuerroth.

»Ach, unselige Isot,

O weh mir und o Waffen!

Dieß leidige Gewaffen,

Wer hats von Cornwal hergetragen?

Mein Oheim ward damit erschlagen,

Und der ihn schlug, der hieß Tristan.

Wer gab es diesem Spielmann?

Der ist doch Tantris genannt.«

Da begann ihr Sinn zuhand

Die Namen zu betrachten,

Auf beider Laut zu achten.

»Ach, Herr Gott«, sprach sie bei sich,

»Die beiden Namen quälen mich;

Ich weiß nicht wie es möge sein,

Sie lauten seltsam überein.

Tristan«, sprach sie, »und Tantris:

Ein Geheimniss waltet hier gewiss.«

Als ihr die beiden Namen

So auf die Zunge kamen,

Fiel sie auf die Buchstaben,

Woraus sie beide sich ergaben,

Und fand dieselben allzuhand

In dem, die sie in jenem fand.

Da begann sie an beiden

Die Sylben zu scheiden,

Setzte sie vor und hinter sich

Und kam den Namen auf den Schlich,

Da sie den Schlüßel gewann:

Vor sich hieß er Tristan,

Hinter sich aber Tantris.

Sie war des Namens nun gewiss.

»Ja«, sprach die Schöne gleich zur Hand

»Ist es denn so hierin bewandt:

Diesen Falsch und diesen Trug

Verrieth mein Herz mir laut genug.

Wie ward mir das schon kundgethan,

Seit ich auf ihn zu schaun begann,

Seinen Wuchs und sein Gebahren

Und was ich mocht an ihm gewahren,

Las in mein Herz zusammen:

Von Fürsten muß er stammen!

Wie hätt ers anders auch geleistet,

Sich von Cornwal her erdreistet

Den Todfeinden in die Hand,

Wo er zweimal Rettung fand.

Rettung? Ist er doch rettungslos:

Dieß Schwert giebt ihm den Todesstoß.

Nun räch alsbald dein Leid, Isot.

Wird ihm von dem Schwert der Tod,

Womit er deinen Oheim schlug,

So hast du Rache genug.«

Sie nahm das Schwert zu Handen

Und eilte zu Tristanden,

Der in einem Bade saß.

»Tristan«, sprach sie, »bist du das?«

»Nein, Frau, ich bin es, Tantris«

»So bist du, des bin ich gewiss,

Tantris und auch Tristan.

Die beiden sind Ein todter Mann;

Was mir von Tristan ist geschehn,

Das muß an Tantris ergehn:

Du vergiltst mir meinen Oheim.«

»Nicht doch, süße Jungfrau, nein!

Was wollt ihr thun, um Gotteswillen

Den Zorn laßt euern Namen stillen.

Ein Weib ja heißt ihr, eine Magd.

Wenn man die Mordthat von euch sagt,

So ist die wonnige Isot

Immer an den Ehren todt.

Die von Irland scheint, die Sonne,

Und viel der Herzen füllt mit Wonne,

Ach, die hat dann ein Ende.

Weh um die lichten Hände!

Wie ziemte wohl ein Schwert darin?«

Inzwischen trat die Königin,

Ihre Mutter, zu der Thür herein.

Die sprach: »Wie nun? Was soll das sein?

Tochter, was bedeutets, sprich!

Schöne Frauensitte sicherlich!

Hast du verloren gar den Sinn?

Ists Scherz, ists Zorn? So thu ihn hin:

Was soll das Schwert in deiner Hand?«

»Ach, liebe Mutter, sei gemahnt

An unser Leid, das nie vergeht:

Dieß ist der Mörder, der hier steht,

Tristan, der deinen Bruder schlug.

Wir haben jetzo Macht und Fug,

Daß wir uns an ihm rächen,

Dieß Schwert hier durch ihn stechen;

So gute kommt uns nimmermehr.«

»Tristan? Wie weist du das, woher?«

»Ich weiß es wohl, es ist Tristan:

Dieß Schwert ist sein, nun sieh es an,

Und sieh die Scharte darin

Und merk, ob ich im Irrthum bin.

Ich setzte dieses Stücke

Hier in die böse Lücke,

O weh, da sah ich, daß es gar

Nur Eines und ein Ganzes war.«

»Ach«, sprach die Mutter, »welche Noth!

Wes hast du mich gemahnt, Isot!

Daß ich das Leben doch gewann!

Und ist es also Tristan,

Wie sehr bin ich an ihm betrogen!«

Nun hatt Isot emporgezogen

Das Schwert und schwang es über ihn.

Da lief die Mutter zu ihr hin

Und sprach: »Laß ab, Isot, laß ab!

Du weist was ich geschworen hab.«

»Gleichviel, es ist fürwahr sein Tod!«

»Merzi!« rief Tristan, »bele Isot.«

»Ach«, sprach Isot, »du übler Mann,

Hältst du um Merzi bei mir an?

Zu dir gehört sich kein Merzi:

Das Leben sollst du laßen hie.«

»Nein, Tochter«, sprach die Mutter, »nein,

Leider kann es jetzt nicht sein,

Daß wir uns an ihm rächen:

Wir würden also brechen

Unsre Ehr und Treue.

Übereilung scheue:

Er ist mit Gut und Leben

In meine Hut gegeben:

Ich hab ihn, wie es auch gekommen

Sei, in meinen Schutz genommen.«

»Gnade, Herrin«, sprach Tristan;

»Frau, gedenket wohl daran,

Daß ich Gut und Leib und Leben

An eure Ehre hab ergeben,

Und darauf euer Wort geschah.«

»Das lügst du«, sprach die Junge da,

»Ich weiß, was abgesprochen ist:

Gelobt hat sie zu keiner Frist

Tristanden weder Schutz noch Hut,

Nicht am Leib und nicht am Gut.«

Hiemit lief sie ihn wieder an;

Hiemit rief wieder Tristan:

»Ah, bele Isot, merzi, merzi.«

Und wieder trat auch zwischen sie

Die zuverläßge Königin,

Und Zuversicht ward sein Gewinn.

Doch wär er zu den Stunden

Auch fest ins Bad gebunden

Und nur Isolde da gewesen,

Er wäre doch vor ihr genesen.

Die Süße, die Gute,

Die weiblich Gemuthe,

Die Gall im Herzen nie gewann,

Die sollt erschlagen einen Mann?

Nur daß ihr aber beides,

Des Zornes und des Leides

Kraft zu der Geberde

Verhalf, als ob sies werde.

Sie vollbracht es auch vielleicht,

Hätt ihr der Muth dazu gereicht;

Der war ihr aber theuer

Zu so herbem Abenteuer.

Doch war sie nicht so lammgemuth,

Es schuf ihr Zorn und Unmuth,

Wenn sie den hören must und sehn,

Von dem ihr Leides war geschehn.

Sie sah dem Feind ins Angesicht

Und mocht ihn doch erschlagen nicht:

Die süße Weibheit fiel ihr gleich

In den Arm und brach den Streich.

In ihr stritten härtiglich

Die beiden Widersacher sich,

Die da ewig sind im Streit:

Zorn und zarte Weiblichkeit,

Die nicht wohl zusammenpassen,

Wenn sie sich bei Händen faßen.

Wird von dem Zorn Isoten

Des Feindes Mord geboten,

So kommt die Weiblichkeit und spricht:

»Nein«, spricht die süße, »thu es nicht.«

So war das Herz ihr zwiegemuth:

Das Eine Herz war bös und gut.

Die Schöne warf das Schwert danieder

Und hob es gleich vom Boden wieder.

So wuste sie in ihrem Muth

Zwischen Übel, zwischen Gut

Nicht was sie wählen sollte.

Sie wollte nicht, sie wollte,

Sie wollt es laßen, wollt es thun:

Der Zweifel ließ sie nicht beruhn

Bis doch die süße Weiblichkeit

Den Zorn bezwungen hatt im Streit,

So daß ihr Todfeind entgieng

Und Rache Morold nicht empfieng.

Hiemit das Schwert warf sie von ihr

Und sprach mit Weinen: »Wehe mir,

Daß ich erlebte diesen Tag.«

Ihre weise Mutter aber sprach:

»Herzeliebe Tochter mein,

Die großen Herzenschmerzen dein,

Muß Ich auch leider fühlen,

Und noch schlimmer in mir wühlen.

Nach Gottes Gnaden gehn sie dir

So nahe nimmermehr als mir.

Mein Bruder ist mir leider todt:

Das war bisher die gröste Noth;

Nun fürcht ich schlimmre Noth an dir,

Und wahrlich, Tochter, geht sie mir

Viel näher denn die andre thu.

Mir ist nichts so lieb als du:

Eh mir an dir geschähe

Was ich gar ungern sähe,

Eh laß ich gerne diesen Groll.

Ich mag doch lieber wie ich soll

Erleiden Eine Noth denn zwo.

Du weist wohl selbst, es ist uns so

Bewandt mit diesem Bösewicht,

Der uns da heischt zum Kampfgericht,

Wenn wir nicht eifrig sehn dazu,

Mein Herr der König, ich und du,

Daß wir auf immer müßen

Es an der Ehre büßen,

Und nimmer wieder werden froh.«

Der im Bade sprach da so:

»Ihr selgen Frauen beide,

Ich hab euch viel zu Leide,

Doch nur aus großer Noth, gethan.

Seht ihr es wie billig an,

So wißt ihr selber, diese Noth

War nichts anders als der Tod:

Den leidet ungern Jedermann,

Der sich noch sein erwehren kann.

Doch wie das auch ergangen ist,

Darauf, wie es zu dieser Frist

Mit dem Truchsäß sich verhält,

Sei euer Sinn allein gestellt.

Dem will ich gutes Ende geben,

Wenn ihr mich nämlich laßt am Leben

Und mich nicht hindert der Tod.

Frau Isot und wiederum Isot,

Ich weiß wohl, daß ihr allezeit

Getreu und sanft und sinnig seid

Und könnt wohl unterscheiden:

Dürft ich es mit euch Beiden

Mit freier Rede wagen

Und wolltet ihr entsagen

Aller Übelthat an mir,

Und dem Haße, den ihr

Tristanden lange habt getragen,

Ich wollt euch gute Märe sagen.«

Isotens Mutter Isot

Sah ihn lange an und wurde roth,

Ihre lichten Augen thränenvoll.

Sie sprach: »O weh, nun hör ich wohl

Und weiß gewiss, daß ihr es seid.

Ich zweifelte bis diese Zeit;

Nun aber habt ihr ungefragt

Die Wahrheit frei herausgesagt.

O weh, o weh mir, Herr Tristan,

Daß ich euer je Gewalt gewann,

So volle, wie ich habe jetzt,

Und bin doch nicht in Stand gesetzt,

Daß ich sie also üben kann,

Daß mein Frommen liegt daran.

Allein Gewalt ist mannigfalt:

Mich dünkt, wenn ich nun die Gewalt

An meinem Todfeind übe,

Daß ich das Recht mir trübe

Wider einen bösen Mann.

Aber, Himmel, wollt ich dann?

Ja, meiner Treu, ich wähne.«

Inzwischen kam Brangäne,

Die stolze, die weise,

Lachend und leise,

Schön und wohlgestrichen

Zur Thür hereingeschlichen

Und sah das Schwert da liegen bloß

Und beider Frauen Unmuth groß.

»Wie nun«, sprach die Gefüge gleich,

»Was seh ich für Geberd an euch?

Was treibt ihr Drei für Dinge hie?

Dieser Frauen Augen, wie sind die

Also trüb und also naß?

Das Schwert hier, was bedeutet das?«

Die gute Königin fiel ein:

»Brangäne, Herzensniftel mein,

Sieh, wie wir alle sind betrogen

Und statt der Nachtigall erzogen

Die Schlange blindlings haben,

Körner gestreut dem Raben,

Die der Taube waren zugedacht.

Wie haben wir, o Himmelsmacht,

Den Todfeind statt des Freunds ernährt,

Zwier vor dem Untergang erwehrt

Mit unsern eignen Handen

Unsern Feind Tristanden:

Sieh, der da sitzt, das ist Tristan:

Nun ficht der Zweifel mich an,

Soll ich mich rächen oder nicht?

Was räthst du, Niftel, was ist Pflicht?«

»Nein, Herrin, thut die Rede hin.

Euer süßer, selger Sinn

Ist zu hehr und zu gut,

Als daß ihr jemals einen Muth

Zu solcher That gewännet,

Euch so des Sinns entsännet,

Auf eines Menschen Schlachten

Zu stellen euer Trachten,

Und das eines Mannes gar,

Der doch aufgenommen war

In euern Schutz und eure Hut.

Euch kams im Ernst nie in den Muth

Wie ich zu Gott vertrauen mag.

Gedenkt auch an den Kampfestag,

Was ihr da mit ihm schaffen müßt,

Wo nicht, es mit der Ehre büßt.

Wollt ihr die Ehre geben

Um eures Feindes Leben?«

»Was willst du aber, daß ich thu?«

»Frau, da sehet selber zu.

Geht und laßt ihn aus dem Bad;

Derweilen findet sich wohl Rath

Was euch das Genehmste sei.«

Hiermit so giengen alle Drei

Zu rathen in ihr Fraungemach.

Isot, die sinnreiche, sprach:

»Hört, ihr Beiden, sagt mir an,

Was mag er meinen, dieser Mann?

Er sprach doch eben zu uns Zwein:

Stellten wir den Haß nur ein,

Den wir ihm haben lang getragen,

Er woll uns gute Märe sagen.

Was mag das sein? Des wundert mich.«

Brangäne sprach: »So rath ich,

Daß ihn übler Dinge

Noch Niemand inne bringe,

Bis wir befinden seinen Muth:

Der ist vielleicht euch hold und gut

Zu eurer Beider Ehren.

Man soll den Mantel kehren

Nach dem Winde, wie man spricht.

Wer weiß, ob er nach Irland nicht

Eurer Ehren halb gekommen ist.

Hütet sein zu dieser Frist

Und lobt dafür auch immer Gott,

Daß dieser ungefüge Spott

Mit des Truchsäßen falschem Spiel

Durch ihn bald finden soll ein Ziel.

Gott ließ es uns gelingen,

Als wir ihn suchen giengen,

Denn hätten wir zur Stunden

Ihn damals nicht gefunden,

Weiß Gott, so wär er jetzo todt.

Wahrlich, Jungfrau Isot,

So müst es übler mit uns stehn.

Laßt keine Ungebärde sehn,

Denn wird er Übles innen

Und kann er dann entrinnen,

So hat er Recht, daß er es thu.

Darum so seht nun Beide zu

Und bietet es ihm also wohl,

Wie man mit allem Rechte soll;

Das rath ich euch, nun folget mir.

So edel ist Tristan als wir,

Dazu höfisch und klug,

Und hat der Tugenden genug.

Wie ihr ihm auch gesonnen seid,

Begegnet ihm mit Höfischkeit,

Denn welchen Rath er hab erdacht

Gewiss hat Ernst ihn hergebracht:

Sein Werben und sein Ringen

Gilt ernstlichen Dingen.«

Sie standen auf und giengen fort

Und kamen hin, wo Tristan dort

In seinem Bettgemache saß.

Tristan sein selber nicht vergaß,

Er fuhr empor und grüßte sie,

Und fiel vor ihnen auf die Knie

Und lag den Höfschen, Süßen,

Flehentlich vor den Füßen

Und sprach bei seinem Falle:

»Gnade, ihr Süßen alle,

Habet Gnade wider mich,

Laßt mich genießen, daß ich

Zu eurer Ehr und euerm Frommen

Bin in euer Reich gekommen.«

Die lichte Frauenreihe,

Die Lichten alle Dreie,

Die Augen kehrten sie hindann

Und sahen all einander an.

Sie stunden und Er lag noch dort.

»Frau«, nahm Brangäne das Wort,

»Der Ritter liegt zu lange.«

Die Königin sprach bange:

»Was willst du, daß ich mit ihm thu?

Mir neigt das Herz nicht dazu,

Daß es mich zu ihm zöge.

Ich weiß nicht, was mir frommen möge.«

Brangäne wieder sprach zu ihr.

»Nun, liebe Herrin, folget mir,

Und meine Jungfrau Isot.

Ich weiß es sicher wie den Tod,

Daß ihr in euern Sinnen

Ihn Mühe habt zu minnen

Vor euerm alten Leide;

So gelobt es ihm nur Beide,

Daß er des Lebens sicher sei:

Leichtlich sagt er euch dabei

Was aufs Neu ihm dient zum Schild.«

Die Frauen sprachen: »Nun, es gilt.«

Da befahlen sie ihm aufzustehn.

Als dieß Gelübde war geschehn,

Sie setzten alle Vier sich nieder.

An die Märe griff da Tristan wieder:

»Seht«, hub er an, »Frau Königin,

Schenkt ihr mir gewognen Sinn,

So wüst ichs wohl dahin zu bringen

Bevor zwei Tage noch vergiengen

(Und wahrlich sonder arge List),

Daß eure Tochter, die so lieb euch ist,

Einen edeln König nimmt zum Mann,

Der ihr zum Herrn wohl ziemen kann,

Schön und auch milde,

Zum Sper und zum Schilde

Ein edler Ritter auserkoren,

Aus königlichem Stamm geboren

Und viel mächtger obendrein

Als ihr Vater möge sein.«

»In Treuen«, fiel die Köngin ein,

»Möcht ich dessen sicher sein,

Ich folgte gern und thäte

Wes mich nur Jemand bäte.«

»Frau«, sprach wieder Tristan,

»Ich schaff euch Zuversicht daran.

Bewähr ichs euch nicht gleich zur Hand,

Wenn diese Sühne kommt zu Stand,

So laßt mich aus dem Frieden sein:

Ich will dann nimmermehr gedeihn.«

Die Weise sprach: »Brangäne, sprich,

Was räthst du mir, was dünket dich?«

»Nun, mich dünkt seine Rede gut:

Drum will ich rathen, daß ihrs thut.

Allen Zweifel leget hin,

Steht Beide auf und küsset ihn.

Ich bin nicht Königin, allein

Ich will doch bei der Sühne sein.

Mir verwandt ist er, wie arm ich sei.«

Da küssten sie ihn alle Drei.

Doch geschah es von der Jungen

Nach langen Weigerungen.

Nun diese Sühne so geschah,

Zu den Frauen sagte Tristan da:

»Nun weiß es Gott, der gute,

Mir ward in meinem Muthe

So froh nie als ich jetzo bin.

Nach allem künftgen Leide hin

Hab ich geblickt mit Spähen,

Das mir möcht entstehen,

Und des ich mich versehen solle.

Ich verseh michs nicht, ich habe volle

Gewissheit, daß ich Huld hier fand.

Nun legt die Sorgen hin zuhand:

Ich bin zu Ehren euch und Frommen

Von Cornewal hieher gekommen.

Seit meiner ersten Überfahrt,

Da mir hier Genesung ward,

Sprach ich stäts laut und leise

Zu euerm Lob und Preise

Vor meinem Herrn, dem König Mark,

Bis ich ihm den Muth so stark

Nach euch mit Reden wandte,

Daß er mich nach euch sandte.

Lang stand er an, und wißt um Was

Er fürchtete den alten Haß,

Und wollt auch Anfangs wegen mein

Ehlichen Weibes ohne sein,

Daß Ich nach seinem Sterben

Die Länder möchte erben.

Ich rieth ihm aber immer ab,

Bis er den Willen drein ergab.

So ward denn endlich diese Fahrt

Unter uns Zwein vereinbart.

Drum kam ich her gen Irenland,

Darum erschlug ich den Serpant.

So habt auch eure Mühen ihr

Zum Segen angewandt an mir:

Meine Jungfrau soll dafür zugleich

Frau und Königin im Reich

Zu Cornwal sein und Engelland.

So ist euch mein Geschäft bekannt.

Nun, ihr selgen Frauen mir,

Ihr Selgen alle Dreie hier,

Laßt es auch wohl verhohlen sein.«

»Sagt mir«, fiel die Köngin ein,

»Wenn ich es meinem Herren sage

Und eine Sühne vertrage,

Thu ich übel wohl daran?«

»Nein, Herrin« sprach zu ihr Tristan,

»Er muß es billig wißen;

Nur seid dabei beflißen,

Daß ich nicht Schaden darf befahren.«

»Nein, Herr, ihr mögt die Sorge sparen:

Zu fürchten giebt es hier nichts mehr.«

Da giengen hin die Frauen hehr

In ihr verschloßen Gemach

Und sannen mit Verwundrung nach

Seinem glücklichen Gelingen

In allen seinen Dingen.

Wie klug er war und weise

Sprach jede ihm zum Preise,

Die Mutter erst, Brangäne dann.

»Sieh Mutter«, hub die Tochter an,

»Wie wunderlich ich das befand,

Daß er Tristan war genannt.

Als mir das Schwert recht wurde kund,

Die Namen nahm ich in den Mund,

Tantris und Tristan.

Wie ich die sprach und mich besann,

Bedäuchte bald mich an den Zwein,

Sie hätten irgendwas gemein.

Da begann ich drauf zu achten

Und sie näher zu betrachten

Und fand an den Buchstaben,

Die zu jedem man muß haben,

Daß es dieselben wären.

Wie ichs wenden mocht und kehren,

So fand ich nie was Andres dran,

Als Tantris und Tristan;

Denn Eins sind alle Beide.

Sieh, Mutter, nun scheide

Diesen Namen Tantris

In ein Tan und in ein Tris;

Sprichst du das Tris nun vor dem Tan,

So sprichst du eben Tristan;

Und sprichst das Tan du vor dem Tris,

So sprichst du aber Tantris.«

Die Mutter segnete sich:

»Nein«, sprach sie, »Gott segne mich!

Wo nimmst du stäts so weisen Sinn?«

Da diese Drei so über ihn

Noch gesprochen Mancherlei,

Die Königin beschied herbei

Den König, und er kam heran.

Da sprach sie zu ihm: »Hört mich an,

Eine Bitte sollt ihr uns gewähren,

Die wir Dreien euch begehren:

Thut ihrs, es kommt uns Allen wohl.«

»Ich folge, wo ich folgen soll;

Was ihr wollt, das ist vollbracht.«

»Stellt ihrs denn in unsre Macht?«

Sprach die gute Königin.

»Ja, euer Wille reicht mir hin.«

»Dank euch, Herr, das ist genug.

Herr, der meinen Bruder schlug,

Tristan, der ist hier inne:

Dem sollt ihr eure Minne

Und eure Huld gewähren.

Er kommt mit solchen Mären,

Daß die Sühne Fug wohl hat.«

Der König sprach: »Frau, diesen Rath

Stell ich getrost allein an dich;

Er betrifft dich mehr als mich.

Dein Bruder Morold war doch dir

Näher in der Sipp als mir.

Hast du's verschmerzt, daß er ihn schlug,

Willst du, so thu ichs auch mit Fug.«

Da machte sie dem König kund

Tristans Geschichten, wie sein Mund

Eben selber ihr gesagt.

Dem König hatt es wohl behagt,

Das hehlt' er nicht und sprach zu ihr:

»Sieh, daß er Treue üb an dir.«

Da sendete die Königin

Brangänen nach Tristanden hin.

Und als er eintrat, bot er sich

Vor den Fuß dem König züchtiglich

Und sprach: »Seid gnädig, König hehr.«

»Steht auf, Herr Tristan, kommt hieher«,

Sprach Gurmun da, »und küsset mich.

Ungerne zwar begeb ich mich,

Jedoch begeb ich mich der Rache,

Da die Königin vergaß die Sache.«

»Herr«, sprach da wieder Tristan,

»Geht diese Sühne denn auch an

Meinen Herrn mit seinen beiden Landen?«

Gurmun sprach: »So ists verstanden.«

Als die Sühne so zu Stande kam,

Die Königin Tristanden nahm,

Setzt' ihn zu ihrer Tochter nieder

Und bat ihn, auch die Märe wieder

Ihrem Herrn von Anbeginn zu sagen,

Wie es sich hätte zugetragen

Mit allen diesen Sachen,

Sowohl mit dem Drachen

Als mit König Marks Begehr.

Das sagt' er ihm von Anfang her.

Da sprach der König: »Herr Tristan,

Was für Gewißheit hab ich dann,

Daß dieß die lautre Wahrheit sei?«

»Ich habe, Herr, hier nahebei

Meines Herren Fürsten alle.

Verlangt was euch gefalle

Zur Sicherheit: ich stelle sie,

Hab ich noch ihrer Einen hie.«

Der König gieng hiemit hindann.

Die Königinnen und Tristan

Blieben in dem Fraungemach.

Tristan zu Paraneisen sprach:

»Geselle«, sprach er, »geh zum Port;

Ein Kiel liegt geborgen dort:

Da geh vertraulich hin geschwind

Und frage, wer von dem Gesind

Curvenal da sei genannt.

Demselben raun ins Ohr zuhand,

Er solle mit dir zu mir gehn;

Die Andern laß es nicht verstehn,

So klug du bist, und bring ihn leis.«

Das Alles that da Paraneis:

Er bracht ihn so verstohlen hin,

Daß Niemand Kunde hatt um ihn.

Als in die Kemenaten

Sie vor die Frauen traten,

Da grüßt' ihn wohl die Königin;

Nicht auch die Andern alle drin:

Die nahmen darum sein nicht wahr,

Weil er in Knappenkleidung war.

Als Tristanden Curvenal

Hier bei schöner Frauen Zahl

Fröhlich und gesund ersah,

Auf französisch sprach er da:

»Ah, bea duz Sir,

Was denkt, um Gottes willen, ihr,

Daß ihr in Freuden ohne Gleich

Hier in diesem Himmelreich

Lauert verborgen

Und laßt uns in den Sorgen?

Wir wähnten uns verloren;

Bis jetzt hätt ich geschworen,

Daß ihr gestorben wäret:

Wie habt ihr uns beschweret!

Euer Kiel und eure Leute

Die schwören wol noch heute

Und glauben sicher, ihr wärt todt;

Ich vermochte sie mit großer Noth,

Daß sie geblieben sind bis jetzt.

Doch hatten sie sich vorgesetzt,

Sie führen heut am Tag noch hin.«

»Nein«, sprach die gute Königin,

»Er ist fröhlich und wohlauf.«

Sein Herr, Tristan, begann darauf

Britisch zu sprechen gegen ihn:

»Curvenal, geh wieder hin

Und melde, wohl mit meinen Dingen

Stehs, ich würd es all vollbringen

Wonach wir wären ausgesandt.«

Auch gab er seinem Freund zuhand

Genau und aus dem Grunde

Von seinem Glücke Kunde.

Nun war ihm Alles offenbart,

Glück und Noth der letzten Fahrt;

Da sprach er: »Geh nun gleich hin nieder

Und sag den Landherren wieder

Und den Rittern dabei,

Ich wolle, daß ein Jederlei

Morgen früh bei guter Zeit

Mit seinen Dingen wohl bereit,

Und in den allerbesten Staat

Gekleidet, den ein Jeder hat;

Und wartet meines Boten dort:

Send ich den euch an den Port,

So reitet an den Hof zu mir.

Auch schick ich morgen früh zu dir:

Dann sende mir den kleinen Schrein

(Die Kleinode barg ich drein);

Und schick auch meine Kleider mit,

Die von dem allerbesten Schnitt.

Und kleide dich auch selbst so wohl

Als ein höfscher Ritter soll.«

Da neigt' er sich und gieng hindann.

Brangäne sprach: »Wer ist der Mann?

Ihn dünkt, die Zeit verstreiche

Euch wie im Himmelreiche.

Ist er ein Ritter oder Knecht?«

»Frau, gefällt er euch auch schlecht,

Ein Ritter ists und solch ein Mann,

Habt mir keinen Zweifel dran,

Daß die Sonn in keinem Land

Ein tugendreicher Herz noch fand.«

»So segne Gott all sein Beginnen«,

Sprachen beide Königinnen,

Und Jungfrau Brangäne auch,

Die höfsche, that nach Sitt und Brauch.

Als Curvenal kam zu dem Schiff,

Alsbald er zu der Rede griff,

Die ihm war aufgetragen,

Sagte was er sollte sagen

Und auch wie er den Herren fand.

Da gebahrten sie zuhand

Wie Einer, der schon todt gewesen

Und nun vom Tod noch ist genesen.

So freuten sie sich Alle da;

Ob Mancher gleich es lieber sah,

Weil sie nun Alle Frieden hatten,

Als weil es Tristan kam zu Statten.

Die neidischen Barone

Aus ihrem alten Tone

Vernahm man sprechen wie vorher.

Sie ziehen Tristan jetzt noch mehr

So reichen Glückes wegen,

Er müße Zaubers pflegen.

Der Eine zu dem Andern sprach:

»Nun denket All dem Wunder nach,

Was dieser Mann nicht Wunders kann:

Ja Himmel, was kann dieser Mann,

Der Alles glücklich endet,

Worauf er Fleiß verwendet!«

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Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2025
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ISBN:
9783969870617
Издатель:
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Bookwire
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