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Die Lage im Nahen Osten ist unübersichtlich: Krieg und humanitäre Katastrophen in Syrien und Jemen, das komplexe Kräftemessen zwischen Schiiten und Sunniten, die latente Bedrohung durch die verbleibenden IS-Kämpfer in der Levante, widerstreitende geopolitische Interessen. Zudem ist die ganze Region mit demografischem Druck und der Notwendigkeit eines Wandels überholter Wirtschaftssysteme konfrontiert.

Kaum einer kennt den Nahen Osten besser als der renommierte französische Soziologe und Arabist Gilles Kepel. Als Zeuge vor Ort, Beobachter und Chronist verfolgt er seit Jahrzehnten die zunehmende Islamisierung der politischen Ordnung. In seiner Darstellung der letzten fünfundvierzig Jahre zeichnet Kepel nach, wie die gewaltigen Öleinnahmen und die Durchsetzung des politischen Islam den chaotischen Kreislauf antrieben, der mit dem Oktoberkrieg 1973 begann und, paradoxerweise, sowohl über die Ausweitung des Dschihads als auch über die zunächst so hoffnungsvoll begrüßten Aufstände des Arabischen Frühlings 2011 in dem monströsen »Kalifat« des IS und der Zerstörung der Levante mündete. So kenntnisreich wie präzise entschlüsselt Kepel die gewaltigen Herausforderungen, vor denen der Nahe Osten und der Westen heute stehen. Ein unverzichtbares und zukunftsweisendes Buch.

»Eine meisterhafte Lektion in Geopolitik.« L’Express

Über den Autor

Gilles Kepel wurde 1955 in Paris geboren und studierte Soziologie, Anglistik und Arabistik. Er gilt als einer der bedeutendsten Soziologen Frankreichs und renommierter Kenner der arabischen Welt. Gilles Kepel ist Professor am Institut d’Études Politiques de Paris und Autor zahlreicher Bücher. Bei Kunstmann erschien u.a. Terror in Frankreich. Der neue Dschihad in Europa.

GILLES KEPEL

CHAOS

DIE KRISEN IN NORDAFRIKA UND

IM NAHEN OSTEN VERSTEHEN

Aus dem Französischen von Enrico Heinemann und Jörn Pinnow

Mit geopolitischen Landkarten von Fabrice Balanche

VERLAG ANTJE KUNSTMANN

© der deutschen Ausgabe: Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2019

© Originalausgabe: Gallimard, Paris 2018

Titel der Originalausgabe Sortir du Chaos. Les Crises en Méditerranée et au Moyen-orient Umschlaggestaltung: Heidi Sorg und Christof Leistl, unter Verwendung einer Karte von Jacques Ferrandez eBook-Produktion: HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH ISBN 978-395614-342-7

Für meinen Vater

INHALT

EINLEITUNG

Ein Grab für Syrien

ERSTER TEIL

DAS BARREL UND DER KORAN

1. Die Islamisierung der politischen Ordnung (1973–1979)

Der Niedergang des arabischen Nationalismus

Der Ramadan-Krieg im Oktober 1973: Das Öl als Waffe und der Protodschihad

Die schrittweise Islamisierung der Gesellschaften

Das Schlüsseljahr 1979: Überbietungswettbewerb zwischen Schiiten und Sunniten

2. Der Ausbruch des internationalen Dschihad gegen den »nahen Feind« (1980–1997)

Der Kampf um die Kontrolle über die Islamisierung in den 1980er-Jahren

Das Jahr 1989: der Dschihad und der Zusammenbruch des Kommunismus

Die erste Phase des gescheiterten Dschihad: die 1990er-Jahre

Der Dschihad in Algerien und der Beginn des Terrors in Frankreich (1992–1997)

Der erfolglose Dschihad in Ägypten (1992–1997) und Bosnien (1992–1995)

Die Dschihadisierung des Palästina-Konflikts

3. Die zweite Phase des Dschihadismus: al-Qaida gegen den »weit entfernten Feind« (1998–2005)

Osama bin Laden und al-Qaida

Ritter unter dem Banner des Propheten

Von der Zweiten Intifada zum 11. September: die Beispielhaftigkeit des Selbstmordattentats

Die Katastrophe des 11. September

Die »Neocons« im Spiegel der Dschihadisten: der »Krieg gegen den Terror«

4. Die dritte Generation der Dschihadisten: Netzwerke und Territorien (2005–2017)

ZWEITER TEIL

VOM ARABISCHEN FRÜHLING ZUM DSCHIHADISTISCHEN KALIFAT

Einleitung

Der Arabische Frühling im Kontext,

Sturz des Regimes oder konfessioneller Bruch,

1. Aufstände des ersten Typs: vom Sturz der Despoten bis zur Umwälzung von Gesellschaften

Die tunesische Demokratie zwischen gesellschaftlicher Spaltung und dschihadistischer Gefahr

Der Funke von Sidi Bouzid,

Das demokratische Aufbäumen gegen den Salafismus,

Regionale Spaltung und soziale Gefahr,

Die ägyptische Schlinge: Muslimbruderschaft gegen militarisierte Gesellschaft

Das Happening auf dem Tahrir-Platz,

Die Muslimbrüder in der Offensive,

Die Rückkehr der Armee und die Ausbreitung der Salafisten,

Die Auflösung Libyens: vom »Schurkenstaat« zu dschihadistischen Netzwerken

Westliche Militärschläge und die Auflösung des Staates,

Die Muslimbrüder und die Stämme,

Ausbreitung der Dschihadisten und Zunahme des Menschenhandels,

Schlussfolgerung: Demokratie, Eindämmung oder Chaos

2. Aufstände des zweiten Typs: die Kluft zwischen Schiiten und Sunniten sowie das Scheitern der Rebellionen

Die sunnitische Niederschlagung der Revolte in Bahrain

Vom jemenitischen Stammes-Gleichgewicht zur landesweiten Verschärfung des Identitätskampfs

Der Stammespluralismus, ein Demokratieersatz,

Sektiererische Radikalisierung,

Vom syrischen Aufstand bis zum Dschihad in der Levante

Der Irak als Fabrikationsstätte des syrischen Dschihad,

Die Salafisierung der Rebellion und die Blindheit des Westens,

Spaltung im Herzen des Dschihad,

Die Verkündung des »Kalifats«,

Die russische Intervention und die Rückeroberung Aleppos,

Der türkische Einsatz: zwischen neoosmanischer Projektion und innerstaatlichen Widersprüchen,

Der Sturz des »Kalifats«,

Schlussfolgerung

DRITTER TEIL

NACH DEM SOGENANNTEN »ISLAMISCHEN STAAT«: AUFLÖSUNG UND NEUORDNUNG

1. Der »sunnitische Block« bricht auseinander

Scherbengericht über Katar

Die »Ritz-Carlton-Revolution« in Riad

Sunnitisches Debakel und Mitbestimmung der Schia im Irak

2. Die weltweiten Einsätze im Kampf um die Levante

Die sich abzeichnende Niederlage des syrischen Aufstands: Der Westen in misslicher Lage

Von Afrin nach Kirkuk: wieder »Pech für die Kurden«

Iran: Vormachtstellung oder ein Reich auf tönernen Füßen?

Von »der Stunde Russlands« zu Putins Dilemma mit seinen Regionalverbündeten

Die Zwangslage des Donald Trump

ALLGEMEINE SCHLUSSFOLGERUNG

Die Bruchlinien des Nahen und Mittleren Ostens und die weltpolitische Plattentektonik

ANHANG

Danksagung

Zeittafel

Register

EINLEITUNG
EIN GRAB FÜR SYRIEN

Von 1977 bis 1978, also vier Jahrzehnte bevor dieses Buch entstand, hielt ich mich als Stipendiat der arabischen Sprache für ein Jahr in Syrien auf, am Institut Français in Damaskus. Für uns angehende Arabisten war dies Pflicht und zugleich ein Sesam-öffnedich zu den faszinierenden, uns noch verborgenen grammatikalischen und phonetischen Geheimnissen des Orients. Bis auf wenige Ausnahmen gelang niemandem in unserer Zunft eine Karriere, der nicht im »Scham« geweilt hatte. Mit dem alten und im lokalen Dialekt noch gebräuchlichen semitischen Wort bezeichneten wir unter uns sowohl die Levante als auch deren traditionelle Hauptstadt. In der muslimischen Geografie, in der man sich vom Westen her gen Mekka beugt, steht der Scham für links oder den Norden, und der Jemen für rechts beziehungsweise den Süden.

Weder meine Studienkollegen noch ich hätten uns damals vorstellen können, dass der Begriff des Scham vierzig Jahre später zum verbindenden Schlagwort der Dschihadisten in den französischen Banlieues werden würde, die sich den Kämpfern des sogenannten »Islamischen Staats« (oder Daesh) anschlossen, um »Abtrünnige« zu massakrieren. Zu ihren Opfern gehörten zunächst vor allem Alawiten, also Gläubige jener esoterischen Konfession, zu der sich auch der syrische Präsident Hafiz al-Assad bekannte. Dann kamen sie zurück, um ihre »ungläubigen« Landsleute im Bataclan oder dem Stade de France zu töten. Und in meinen schlimmsten Albträumen hätte ich mir nicht ausmalen können, als erfahrener Arabist im Juni 2016 von einem franko-algerischen IS-Kämpfer zum Tode verurteilt zu werden. Ursprünglich aus Roanne stammend, war er in Oran aufgewachsen, befand sich nun aber in der syrischen Stadt Raqqa, wo der sogenannte »Islamische Staat« seine kurzlebige Hauptstadt errichtet hatte. Verkündet wurde das Urteil über Facebook.live von einem seiner Handlanger, einem Franzosen mit marokkanischen Wurzeln, der in Magnanville einen Polizisten und dessen Ehefrau ermordete. Ich hätte auch nie geglaubt, dass ich in der Folge gezwungen sein würde, mitten im Pariser Quartier Latin unter Polizeischutz zu leben. Zu meinen Studienzeiten war das Internet natürlich noch unbekannt, ja sogar unvorhersehbar oder undenkbar, und in einem zweidimensionalen Atlas sah man Staaten, deren Staatsgebilde und Territorien eindeutig durch schwarze Linien gekennzeichnet waren. So wie auf der Karte des Römischen Reichs, die 1974, also vor meinem orientalischen Traum, im Unterrichtsraum für Geisteswissenschaften hing und mich dazu verführte, im folgenden Sommer in Venedig ein Schiff zu besteigen. Ich wollte in Istanbul, in der Levante und Ägypten mit eigenen Augen all die Gegenden entdecken, die auf der Karte zu sehen gewesen waren. Niemand konnte damals die zahllosen Zusammenstöße antizipieren, die die digitale Welt und die sozialen Netzwerke in den Köpfen der Menschen und den Darstellungen der Welt auslösen sollten. Niemand ahnte die geistige Verwirrung voraus, die mit dem Verschwinden von Distanzen und Perspektiven einhergehen sollte, mit der Auflösung von räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten, die uns vierzig Jahre später die Orientierung hat verlieren lassen.

Auch wenn in Damaskus Ende der 1970er-Jahre Ruhe herrschte, so wütete das Chaos bereits im benachbarten Libanon. Der Bürgerkrieg mit seinen Gräueltaten tobte entlang politisch-konfessioneller Linien und verdeutlichte damit die Verwirrung, die zwischen den beiden Identitäten, »islamisch-progressiv« und »christlich-konservativ«, herrschte. Diese hybriden Bezeichnungen standen für den Konflikt um die bewaffneten palästinensischen Flüchtlinge im Libanon, bei dem die immer weniger werdenden Maroniten, in der Mehrheit pro-westlich eingestellt, mit den Sunniten um die Macht rangen. Da die Sunniten sich eher für den Sozialismus begeisterten, versah man sie mit dem Attribut »progressiv«, auch wenn dies heute eher unangemessen oder veraltet wirkt. Was damals nur wenige Beobachter bemerkten: Die Ölmonarchien der arabischen Halbinsel und des saudischen Wahhabismus waren nach dem Oktoberkrieg 1973 durch den atemberaubenden Anstieg des Erdölpreises unglaublich reich geworden und entwickelten sich nun zu den wichtigsten Akteuren der um sich greifenden Reislamisierung der Region und versuchten, den kosmopolitischen Geist der Levante, wie ich ihn in meiner Jugend kennengelernt hatte, zu ersticken. Und niemand hätte gedacht, dass die Iranische Revolution, die wenig später ausbrach, aus den ehemals eher unbedeutenden, inzwischen aber durch eine konkurrierende islamistische Doktrin radikalisierten Schiiten die wichtigste politische Kraft des Libanon machen würde, die dann über Syrien und den Irak auch Persien erreichte.

Meine Kollegen am Institut Français in Damaskus und ich waren Ende der 1970er-Jahre von der syrischen Kultur fasziniert, in die wir unsere bunt gemischten Wunschvorstellungen hineinfantasierten. Zumeist hatten wir nur wenig gelesen und waren kaum mit den in Vergessenheit geratenen Texten von Orient-Reisenden wie Volney oder Chateaubriand vertraut. Wir waren in der Regel oberflächlich links, mit einer Ideologie ausgestattet, die in den zehn Jahren nach dem Mai 1968 den studentischen Mikrokosmos beherrschte. In dem Jahrzehnt hatte dieses Linkssein jedoch seinen ursprünglichen Dogmatismus verloren, und es blieb nur eine vage Lehrmeinung übrig, eine wirre Vision der Welt, zu der einige wenige feste Überzeugungen wie Antiimperialismus und Antizionismus gehörten. In der Erwartung, dass diese zusammenbrechen würden, applaudierten wir a priori Syrien unter Hafiz al-Assad als Speerspitze des Widerstands gegen Israel und als Vorreiter des arabischen Progressivismus.

Ich habe meine Illusionen recht schnell aufgegeben. Ich liebte die Landschaften Syriens – sie erinnerten mich an die vertraute Umgebung von Nizza, wo ich meine Kindheitsferien verbrachte, und zugleich an die Odyssee, die ich in Vorbereitung auf mein Studium kurz zuvor für einen Griechisch- und Lateinkurs gelesen hatte. Diese romantische Wiederkehr konnte jedoch nur kurz die Brutalität eines Regimes und die Gewalttätigkeit einer Gesellschaft überdecken, wie sie Riad Sattouf sehr anschaulich in den seit 2015 erschienenen Comics Der Araber von morgen beschreibt – und zwar genau so, wie ich es selbst erlebt habe. Im Pariser Quartier Latin war weder die Freiheit meiner Kollegen noch meine eigene je eingeschränkt gewesen, doch in Syrien mussten wir nun lernen, uns in der Öffentlichkeit bedeckt zu halten und anderen Menschen gegenüber misstrauisch zu sein. Wir entdeckten den Alltag in einer »linken« Diktatur und verstanden, dass wir weder von denen sprechen sollten, die in den Kerkern verschwunden waren, noch uns mit ihren Angehörigen zeigen durften. Am Institut Français in Damaskus lernte ich dann den acht Jahre älteren Michel Seurat (geboren 1947) kennen. Der hervorragende Arabist und von Alain Touraine inspirierte Soziologe widmete sich der Analyse des syrischen Regimes. Als er später mit seiner Frau und seinen kleinen Töchtern im Libanon wohnte, musste er seine Forschungsarbeit mit dem Leben bezahlen: Er wurde am 22. Mai 1985 am Flughafen Beirut von der aus Teheran und Damaskus gesteuerten, schwer zu fassenden »Organisation des islamischen Dschihad« entführt und starb 1986 in Gefangenschaft. Seine Mörder schmähten ihn als »spezialisierten Wissenschaftsspion«.

Noch vor diesem traumatischen Ereignis, das mein Leben und meinen Blick entscheidend prägen sollte, war es vor allem die vom Schock der syrischen Realität ausgelöste Desillusionierung, die mich nach meiner Rückkehr nach Paris zu einer Entscheidung trieb: Ich gab das Studium der klassischen Geisteswissenschaften und der von ihnen verfremdeten alten arabischen Kultur auf und widmete mich fortan der Politikwissenschaft, um das Drama, das sich im Nahen und Mittleren Osten abspielte und meine simplen Gewissheiten ins Wanken brachte, zu verstehen. Kaum hatte ich 1978 mein Studium aufgenommen, sah ich mich mit einem weiteren Paradox konfrontiert: dem Ausbruch der »Islamischen Revolution« im Iran. Trotz meiner Zeit in Damaskus verfügte ich nicht über den inneren Abstand, der es mir erlaubt hätte, die »revolutionäre«, schiitische und antiimperialistische Islamisierung in Teheran mit ihrem »reaktionären«, sunnitischen und antisozialistischen Gegenstück in Riad in Verbindung zu bringen. Dabei begann in den 1970er-Jahren jener chaotische Kreislauf, zu dessen Motor zum einen die gewaltigen Einnahmen durch den Ölverkauf und zum Zweiten das Wachstum des politischen Islam wurden – was zur Zerstörung der Levante führte. Das Zusammenspiel dieser beiden Phänomene prägte die vergangenen fünfzig Jahre und damit zwei Generationen von Menschen. Mit der Ausrufung des »Kalifats« durch den sogenannten »Islamischen Staat«, zu Beginn des Ramadan am 29. Juni 2014, erreichte dies im Land des Scham seinen monströsen Höhepunkt. Im selben Jahr sank der Rohölpreis um sagenhafte 70 Prozent, was uns dazu zwingt, die mittel- und langfristigen Perspektiven der Region zu überdenken, also auch ihre politische, wirtschaftliche und soziale Zukunft, darunter auch die Frage nach der Stellung der Religion in der Gesellschaft. Mehrere Gründe hatten zu dem Rückgang des Ölpreises geführt: Durch die gesteigerte Förderung von Schieferöl entwickelten sich die Vereinigten Staaten neben Russland und Saudi-Arabien zu einem der drei größten Ölproduzenten weltweit. Auch das veränderte Konsumverhalten der OECD-Länder, in denen Elektroautos perspektivisch eine zunehmend wichtigere Rolle spielen, ließ durch sinkende Nachfrage den Ölpreis in den Keller gehen. Da sich beides gleichzeitig abspielt, steht das gesamte Einkommensmodell infrage, das sich in den letzten fünfzig Jahren im Nahen Osten etabliert hat, wie auch der Fortbestand seiner logischen Folge, nämlich des Hegemonialanspruchs des politischen Islam, den sowohl die arabischen Ölmonarchien wie auch ihre iranischen Rivalen auf der anderen Seite des Persischen Golfs propagieren.

Ein scheinbar triviales Ereignis belegt die nie da gewesene Entkopplung des Herrscherhauses der Halbinsel vom salafistischen Establishment, das die Macht der Saudis in den zurückliegenden Jahrzehnten religiös legitimierte, während es sich zugleich dank der Zustimmung der gesamten sunnitischen Welt ausbreiten konnte: Mit seinem Dekret vom 26. September 2017 widersetzte sich der saudische König Salman ibn Abd al-Aziz den Protesten der Ulemas und ihren strengen moralischen Ansprüchen und erlaubte Frauen mit dem Ende des Ramadan 2018 das Autofahren. Siebenundzwanzig Jahre vorher, genauer am 6. November 1990 – rund eine Generation zuvor – waren saudische Frauen, die sich in Riad hinters Steuer gesetzt hatten, noch strafrechtlich verfolgt und angefeindet worden. Kronprinz Mohammed bin Salman sah sich nun mit der Notwendigkeit konfrontiert, den Arbeitsmarkt für den Übergang in das Zeitalter nach dem Öl umzugestalten und Frauen durch einen Zugewinn an Mobilität den Zugang zur Arbeitswelt zu erleichtern. Der mit seinen zweiunddreißig Jahren im Vergleich zum ansonsten von alten Männern dominierten Königshaus noch junge Kronprinz beklagte im November 2017 den extremistischen Überbietungswettbewerb, an dem sich Saudi-Arabien seit 1979 beteiligt habe. Und tatsächlich begann jenes entscheidende Jahr 1979 mit der Rückkehr Chomeinis nach Teheran und endete mit der sowjetischen Invasion in Afghanistan, dem Vorspiel zum dortigen Dschihad. Nun war die Büchse der Pandora geöffnet, und der internationale islamistische Terror hält seitdem unvermindert an. So wurde zugleich die Essenz des saudi-wahhabitischen Systems infrage gestellt, das den Nahen und Mittleren Osten seit dem Sieg der Waffe Erdöl im Oktoberkrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten dominiert hatte. Die anderen Bezeichnungen für diesen Krieg, »Jom-Kippur-Krieg« oder »Ramadan-Krieg«, belegen, wie stark die zukünftige politische Ausrichtung durch religiöse Dogmen geprägt werden würde.

Die folgenden Seiten werden diese chaotischen Jahrzehnte in den Zusammenhang einordnen – und dann versuchen, die sich abzeichnenden Fortentwicklungen zu skizzieren. Schließlich entspricht das vergangene halbe Jahrhundert genau dem Zeitraum meiner eigenen Erfahrungen, die ich persönlich als Zeuge vor Ort, als Beobachter und Chronist gemacht habe, bis ich gar von meinem Forschungsgegenstand aufgesogen wurde, als der sogenannte »Islamische Staat« mich zum Tode verurteilte. Diese jüngere Vergangenheit soll auf persönliche Art und Weise interpretiert werden, wobei ich die Fakten strukturiere und neben mir erhellend erscheinenden Einzelereignissen auch Entwicklungen aufzeige, die auf »lange Sicht« wirksam wurden.

Im ersten Teil des Buches werden die vier Jahrzehnte zwischen dem Oktoberkrieg 1973 und den als »Arabischer Frühling« bekannten Aufständen, die in Wahrheit im Winter 2010/2011 begannen, chronologisch dargestellt. Hier wird die Rede sein von der zunehmenden Islamisierung der Politik und der Gewaltspirale des Dschihad, der nach und nach den ganzen Planeten eroberte – angefangen im Jahr 1979, als man auf die Iranische Revolution mit einem von den USA unterstützten Krieg in Afghanistan antwortete, der zehn Jahre später in den Zerfall der Sowjetunion mündete. Ferner werden die drei Phasen des Dschihadismus erläutert, zu denen auch der 11. September 2001 gehört, an dem die Vereinigten Staaten völlig überraschend und dramatisch wie von einem Bumerang getroffen wurden. Dem beginnenden christlichen Jahrtausend sollte damit auf spektakuläre Art und Weise ein islamistisches Gewand übergestülpt werden. Diese Rückschau baut auf einem halben Dutzend meiner Veröffentlichungen zum Thema auf, angefangen von Der Prophet und der Pharao (1985) bis Terreur et martyre (2008), von denen ich nur jenes Material aufgegriffen und eingebaut habe, das mir für die Interpretation der entscheidenden, während der 2010er-Jahre plötzlich aufgetretenen Phänomene aussagekräftig erschien.

Dieses paradoxe Jahrzehnt steht im Mittelpunkt des zweiten Teils. Es begann hoffnungsvoll mit dem Arabischen Frühling 2011, fand seine Fortsetzung dann aber in der Verkündung des sogenannten »Islamischen Staats« durch Daesh und die Verbreitung des islamistischen Terrors bis nach Europa. Es endete schließlich mit dem Sturz des »Kalifats« im Herbst 2017, als nach Mossul auch Raqqa zurückerobert wurde. Ich habe auf beiden Seiten des Mittelmeers an der Analyse dieser Widersprüchlichkeiten gearbeitet: wie die Demokratiebewegungen trotz aller in sie gesetzten Hoffnung zum einen in das unvorstellbare Grauen des IS münden konnten und zum anderen in autoritären Regimen, Schurkenstaaten sowie recht- und gesetzlose Gebieten. Aufbauend auf Fragestellungen, die ich in Passion arabe (2013) und Terror in Frankreich (2015) entworfen habe, wird es um die Situation der sechs Länder gehen, die eine »arabische Revolution« durchlebten – also Tunesien, Ägypten, Libyen, Bahrain, Jemen und Syrien. Diesen schließen sich Überlegungen zum Irak an, denn im irakisch-syrischen Grenzgebiet erwachte das Monster IS zum Leben. Da der sogenannte »Islamische Staat« glücklicherweise Ende 2017 gestürzt wurde, können wir heute mit ausreichend Abstand die Gesamtheit der Ereignisse jener tragischen Zeit betrachten. Ich habe mich bemüht, aus der Menge an Tatsachen, von denen im Folgenden die Rede sein muss – etwa weil sie uns im wahrsten Sinne des Wortes gewaltsam aufgezwungen wurden –, ein großes Tableau zu entwerfen und aus diesem dann Lehren zu ziehen, indem ich die aktuellen Ereignisse in das Langzeitgedächtnis der vorangegangenen Jahrzehnte eingeschrieben habe. Die Levante und vor allem Syrien, denen der größte Teil dieses Buchs gewidmet sind, bilden das Herzstück der Untersuchung, da in meinen Augen sich in dieser Region die Krisen, die den Nahen und Mittleren Osten sowie die muslimischen Länder Nordafrikas erschüttern, verdichteten und hier ihren Höhepunkt erreichten.

Im letzten Teil schlage ich eine Interpretation jener Ereignisse vor, die sich seit dem Winter 2017/2018 ereignet haben, also seit jener Phase, die mit dem Sturz des IS und der absehbaren Niederlage des syrischen Aufstands eingeleitet wurde. So soll das Ausmaß der tektonischen Verschiebungen erkennbar werden, deren erste Anzeichen bereits heute sichtbar sind. Dieses Material, zum Großteil bei Reisen durch Nordafrika sowie den Nahen und Mittleren Osten gesammelt, erlaubt uns, Hypothesen für die Szenarien genau zu überprüfen, die beide Seiten des Mittelmeerraums betreffen – zum Guten oder zum Schlechten. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Dschihad und dem Salafismus, aus dem Auseinanderbrechen des »sunnitischen Blocks« und den derzeitigen Umwälzungen auf der arabischen Halbinsel? Wird sich der Iran die Hegemonie in einer Region des »schiitischen Halbmonds« sichern oder macht die Auseinandersetzung mit Trumps Amerika diesen Erfolg zu einem Pyrrhussieg? Kann das nach seinem Einsatz in Syrien wieder zu einer Großmacht gewordene Russland unter Wladimir Putin zwischen seinen so widersprüchlichen Verbündeten wie Israel, Saudi-Arabien, der Türkei und dem Iran vermitteln? Und gelingt es Europa, das sich vor allem durch seine von Terroristen wie Flüchtlingen angesteuerte Mittelmeerküste plötzlich wieder in einer Krisenzone befindet, seine Passivität zu überwinden und sich erneut als geopolitischer Protagonist zu positionieren? Derzeit sieht Europa, von der Blockade seiner Institutionen gehemmt, den Zentrifugalkräften einer extremen Rechten wie eines linken, von Islamismus durchsetzten Populismus ohnmächtig zu.

Das Desinteresse der amerikanischen Supermacht, immerhin größter Öl- und Schiefergasproduzent, an der Region begann unter Präsident Obama und wird auf spektakuläre Art und Weise von dessen Nachfolger Donald Trump fortgesetzt. Damit ist Europa gezwungen, seiner Verantwortung voll und ganz gerecht zu werden. Unter diesen Voraussetzungen ist die Wiederbelebung der Levante ein entscheidender Punkt. Die Region wurde ihrer Lebensgrundlage beraubt, als der unternehmungsfreudigste Teil der Bevölkerung an die Küsten des Persischen Golfs abwanderte. Sie dürfte jedoch nach all den erschöpfenden Schlachten zwischen den Feinden auf ihrem Gebiet vom strukturellen Niedergang des Ölpreises besonders getroffen werden. Die Stärkung der Levante als Gelenk zwischen Europa und dem Nahen und Mittleren Osten und der Zusammenhalt der beiden Regionen sind daher das Mittel der Wahl, um einen kulturellen Zusammenstoß zu vermeiden, der ansonsten die Krisen der letzten Jahrzehnte verstetigen würde. Indem es sich bemüht, einen Entwurf für dieses notwendige Vorhaben zu entwickeln, möchte mein Buch einen kleinen Beitrag zum Aufbau unserer Zukunft liefern – über das Chaos hinaus.

ERSTER TEIL

1 DIE ISLAMISIERUNG DER POLITISCHEN ORDNUNG (1973–1979)

Der Niedergang des arabischen Nationalismus

Wenn wir in diesem Buch den Oktoberkrieg 1973 als Ausgangspunkt des Chaos im Nahen Osten verstehen, das sich ab dem 11. September 2001 über die ganze Welt ausbreitete und im sogenannten »Islamischen Staat« von 2014 bis 2017 gipfelte, dann vor allem, um auf den bedeutsamen kulturellen Bruch mit der damaligen politischen Elite zu verweisen, die im Zuge der Entkolonialisierung die Macht an sich gerissen hatte. Ihre bekanntesten Führer (etwa Nasser und Bourguiba) und ihre symbolträchtigsten Parteien (die Baath-Partei in Syrien und im Irak sowie die PLO in Palästina) hatten sich bei der Machtübernahme über die traditionelle islamische Legitimation, mit der muslimische Dynastien seit der Verkündigung des Propheten ihre Autorität begründeten, sowie über die soziale Ordnung hinweggesetzt, die sich in Medina und Mekka seit Beginn der islamischen Zeitrechnung (622 n. Chr.) herausgebildet hatte.

Noch bis in die 1960er-Jahre hinein trugen sowohl die Baath-Partei als auch die tunesische Neo-Destur-Partei einen Laizismus zur Schau, der dem Atatürks bei der Gründung der türkischen Republik nach dem Untergang des Osmanischen Reichs in nichts nachstand oder auch vergleichbar war mit dem Laizismus am Hof des iranischen Schahs Reza Pahlavi. Nasser besuchte zwar freitags regelmäßig die Moschee, um seine Nähe zur Volksfrömmigkeit der Ägypter zu demonstrieren, instrumentalisierte aber die traditionsreiche islamische al-Azhar-Universität als Propagandainstrument für seine auf die Dritte Welt bezogene Politik und äußerte sich immer wieder abfällig über die Geistlichkeit. Zudem war er gnadenlos gegen die Muslimbruderschaft vorgegangen, die Mutter des politischen Islam im Ägypten des 20. Jahrhunderts. Der Lehrer Hasan al-Banna hatte die Bruderschaft 1928 in Ismailia gegründet. Diese ägyptische Stadt war für al-Banna zum Symbol für die Fremdherrschaft der europäischen Kolonialmächte geworden, da hier das Verwaltungszentrum der internationalen Sues-Gesellschaft lag. Die Muslimbruderschaft wollte die Fackel des von Atatürk 1924 abgeschafften osmanischen Kalifats weitertragen und hatte die Machtergreifung Nassers und seiner »freien Offiziere« 1952 zunächst begrüßt: Sie sah in ihnen ihren weltlichen Arm, mit dem sie einen auf der Scharia basierenden Staat gründen könne – mit einem Rechtssystem also, das von den heiligen Schriften inspiriert war. Nachdem aus den einstigen Partnern Feinde geworden waren, wurde die Organisation 1954 zerschlagen. Mehrere führende Mitglieder der Muslimbruderschaft wurden gehängt, anderen gelang die Flucht auf die arabische Halbinsel, wo sie ihren Bekehrungseifer entfalteten, und noch andere wurden in straff geführten Internierungslagern gefangen gehalten, in denen Folter zum Alltag gehörte. Zu den Verhafteten zählte auch der spätere Chefideologe des modernen Dschihadismus, der Aktivist und Literat Sayyid Qutb.

Die orientalische Säkularisation täuschte einen demokratischen Laizismus wie in Europa jedoch nur vor. Zunächst deshalb, da es keine echte Trennung zwischen der politischen und religiösen Sphäre gab, sondern der politische Machtapparat sich die geschwächten islamischen Institutionen unterwarf, um damit soziale Kontrolle auszuüben oder um zu beweisen, dass der Islam und die nationalistische, ja sogar offiziell sozialistische Doktrin durchaus miteinander vereinbar waren. Und schließlich und vor allem deshalb, da die Eliten den Unabhängigkeitsprozess – auf welchem Wege auch immer – für sich vereinnahmt und sich gewaltsam an die Staatsspitze gesetzt hatten. Entgegen des demokratischen Versprechens, das als Antwort auf das Freiheitsverlangen der ehemaligen Kolonien gegeben wurde, hatte man doch nur die Köpfe ausgetauscht, und die Menschen gerieten unter die Knute von militärischen oder dynastischen Seilschaften und deren Anhängern. Nur dadurch, dass die Unterdrückung nun nicht mehr von europäischen, sondern von inländischen Herrschern ausging, wurde sie nicht erträglicher. Im Gegenteil.

Die außerordentlich schlechten wirtschaftlichen Leistungen und sozialen Maßnahmen der neuen Eliten taten ihr Übriges, auch die Rechtsstaatlichkeit des neuen Justizwesens existierte nur im verlogenen Diskurs der Despoten. In den arabischen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens, und hier vor allem in den »Frontstaaten« in Israels Nachbarschaft, wurde diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit mit Erfordernissen im notwendigen Kampf mit dem zionistischen Feind begründet. Der Antizionismus etablierte sich damit als dritte Stufe eines Nationalismus, der sich zunächst im 19. Jahrhundert gegen die osmanische Vorherrschaft und im 20. Jahrhundert gegen die europäische Bevormundung gerichtet hatte. Dieser Nationalismus stilisierte die jüdische Gemeinschaft im Zentrum der Levante und auf palästinensischem Boden zur letzten Bastion des verabscheuten Kolonialismus. Die arabische politische Rhetorik drehte sich unablässig um die Vertreibung der Juden.

Nach der demütigenden nakba (»Katastrophe«), dem Sieg über die arabischen Armeen 1948 und der anschließenden Staatsgründung Israels durch Ben Gurion am 15. Mai, verstärkte 1956 die Sueskrise diesen Nationalismus erneut: Die vereinten englischen, französischen und israelischen Streitkräfte wurden durch amerikanischen und sowjetischen Druck gezwungen, sich vom Kanal zurückzuziehen, den Gamal Abdel Nasser verstaatlicht hatte. Kairo band sich anschließend enger an die UdSSR und begann mit der Umsetzung eines Sozialismus nach sowjetischem Vorbild. Der Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 bildete hingegen die »Niederlage« (naksa) des arabischen Nationalismus schlechthin. Zu dieser trug insbesondere die erfolgreiche Luftoffensive Israels bei: Der ägyptische Rais hatte zwar die Sperrung der Wasserstraße von Tiran am Golf von Akaba angeordnet, mit der die Belieferung des Hafens von Eilat unterbunden werden sollte. Doch die Armee des jüdischen Staates reagierte sehr schnell und konnte schließlich die Sinaihalbinsel, den Gazastreifen, das Westjordanland inklusive Ost-Jerusalem sowie die Golanhöhen erobern. Neben Gebietsverlusten hatte dieser Blitzkrieg vor allem das endgültige moralische Scheitern der arabischen Führer zur Folge, die aus den Unabhängigkeitsbewegungen hervorgegangen waren. Ihre Rhetorik sackte mit einem Mal in sich zusammen wie ein Luftballon, der angesichts der militärischen Realitäten die Luft verlor.

Für Ägypten bedeutete die naksa den finalen Todesstoß in einer ganzen Reihe innerer und äußerer Rückschläge. Schon seit 1962 kämpfte die ägyptische Armee im Jemen an der Seite der republikanischen Kräfte gegen die von Saudi-Arabien unterstützten Royalisten, was sich zu einem teuren Einsatz mit sehr hohem Blutzoll auswuchs. Um aufkommenden Unmut im Keim zu ersticken, ließ Nasser 1966 Sayyid Qutb hinrichten, den Chefideologen der Muslimbruderschaft. Dieser hatte soeben Zeichen auf dem Weg veröffentlicht, ein Was tun? der radikal islamischen Bewegung. In dem Werk, das für nachfolgende Generationen von Dschihadisten zum Gründungstext werden sollte, erhob der Autor das Gefängnis, in dem die Kämpfer der Bewegung gefoltert wurden, zum Symbol des verabscheuten arabischen Nationalismus. Ihn beschreibt er als Dschahiliya – als Ära des »Unwissens« oder der Barbarei, wie die Schrift die Zeit vor der Offenbarung des Koran durch den Propheten bezeichnet. Mohammed hatte diese mit der Durchsetzung des Islam beendet. Qutb rief in seinem Buch entsprechend dazu auf, die »Dschahiliya des 20. Jahrhunderts« gewaltsam zu beenden, für die der Nasserismus das Paradebeispiel sei, indem man alle Möglichkeiten dazu ausschöpfe, unter anderem die »Bewegung« (haraka), also den bewaffneten Dschihad. Indem er die Machthaber exkommunizierte und »zu Ungläubigen erklärte« (takfir), beruft sich Qutb in Zeichen auf dem Weg auf die religiöse Legitimierung, um Gewalt gegen den Staat zu rechtfertigen. Aus dieser Kampfansage – die nicht bei allen Muslimbrüdern auf Zustimmung stieß – sollte die »radikale« Strömung innerhalb der Muslimbruderschaft hervorgehen, die in der Folge eine gewaltige Entwicklung durchlief, von den Gotteskriegern Afghanistans bis zu al-Qaida. Diesen Wechsel der Stoßrichtung bezahlte Qutb 1966 mit seinem Leben – ein Jahr vor der militärischen Niederlage von 1967. Viele von Qutbs Anhängern zeigten sich überzeugt, dass die Niederlage Allahs Strafe für Nasser war, da er den Märtyrer hatte foltern lassen.

Der Rais gab nach diesem Misserfolg 1967 sein Amt auf, kehrte aber nur kurz darauf an die Macht zurück, nachdem in ganz Ägypten Menschen unter dem Ruf »Nasser, komm zurück!« auf die Straße gegangen waren. Er starb drei Jahre später und mit ihm das panarabistische Ideal, das er verkörpert hatte. In dieses Vakuum drängte nun der politische Islamismus: Im Oktober 1973 fand er einen gewaltigen Hebel, um es auszufüllen.

Ägypten war der größte Verlierer des Sechs-Tage-Kriegs. Mit dieser Niederlage ging auch der Nasserismus unter, an dessen Stelle für einige Zeit die Bemühungen um die Sache der Palästinenser traten, die sich von den arabischen Staaten emanzipieren wollten. 1969 löste sich der neue Führer der Palästinensischen Befreiungsorganisation, Jassir Arafat, aus der Bevormundung durch Kairo und wählte Jordanien, wo zahlreiche palästinensische Flüchtlinge lebten, zu seiner Basis, um von dort aus seinen Kampf gegen Israel zu führen. Indem die palästinensischen Organisationen mit ihrer Präsenz die Autorität von König Hussein infrage stellten, heizten sie die bestehenden Spannungen zwischen Palästinensern und Jordaniern noch weiter an. Diese erreichten einen Höhepunkt, als am 6. September 1970 drei Linienflugzeuge entführt und zur Landung auf dem jordanischen Flughafen Zarqa gezwungen wurden. Hinter der Tat steckte die marxistische Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) unter Führung von George Habasch. Bei der Niederschlagung der daraus resultierenden Unruhen in Jordanien kamen Tausende Palästinenser ums Leben. Die Vereinbarung von Kairo, die drei Wochen später zwischen Arafat, König Hussein und Nasser getroffen wurde – kurz bevor Nasser verstarb –, sorgte dafür, dass die bewaffneten palästinensischen Gruppen Jordanien verließen. Sie siedelten sich nun in den Flüchtlingslagern im Libanon an, dem fragilsten Staat der Region. An dessen fünf Jahre später beginnenden Auflösung sollten sie maßgeblich beteiligt sein, wie auch an der nachfolgenden fortschreitenden Zerstörung der Levante insgesamt. Und zwar in einem Kontext, der sich durch die Islamisierung der Politik gänzlich geändert hatte und der die neue saudische Hegemonie ankurbelte, die sich aus dem Konflikt im Oktober 1973 ergab.

Der Ramadan-Krieg im Oktober 1973: Das Öl als Waffe und der Protodschihad

Anwar as-Sadat, der Nasser noch im September 1970 nachfolgte, war der Kompromisskandidat, auf den sich der zerstrittene ägyptische Generalstab einigen konnte. Er begann sein Amt als Staatspräsident unter schwierigen Bedingungen: Das Volk stellte ihn mit nukat (Witzen) als dumm dar. Der auf Sadat lastende Druck war umso größer, als er kaum die Mittel hatte, die Schmach der Niederlage vom Juni 1967 durch eine Offensive wettzumachen. Aus einem Dorf im Nildelta stammend, war Sadat jedoch schlau genug zu wissen, wie er über all jene zu regieren hatte, die ihn unterschätzten – nur die Dschihadisten zu beherrschen gelang ihm nicht, und sie waren es dann auch, die ihn schließlich ermorden sollten. Da Sadat in seiner Jugend den Muslimbrüdern nahegestanden hatte, entließ er ihre Anhänger nun aus den Gefängnissen und unterstützte heimlich ihren Bekehrungseifer an den Universitäten, wo Marxisten und linke Nasser-Anhänger zu seinen gefährlichsten Gegnern gehörten. In wenigen Jahren gelang es ihm, diese aus dem Weg zu räumen, woraufhin die al-Dschamaa al-islamiyya (Islamische Vereinigung) in der Nachfolge von Qutb die Kontrolle über die studentische Bewegung gewann.

Sadats sowjetische Militärberater, seine Verbindungsleute zum syrischen Präsidenten Hafiz al-Assad, der wie er nach der Niederlage von 1967 an die Macht gekommen war, halfen ihm bei der Vorbereitung des Angriffs auf israelische Stellungen. Er erfolgte am 6. Oktober 1973, da das jüdische Jom-Kippur-Fest an diesem Fasten- und Ruhetag den Staat Israel verwundbarer machte. Ägyptische Soldaten durchbrachen die befestigte Bar-Lev-Linie am Sueskanal, während Syrien auf die seit 1967 von Israel besetzten Golanhöhen vorrückte. Dieser Anfangserfolg brachte den beiden Staatslenkern Ehrennamen ein, »Held der Überquerung« (batal al ubur) für Sadat und »Oktoberlöwe« (assad tichrine) für Assad, dessen Familienname auf Arabisch »Löwe« bedeutet. Allerdings hätte der Krieg, der die Ehre der arabischen Führer rettete, ohne die entscheidende Intervention Saudi-Arabiens und der Ölmonarchien der arabischen Halbinsel ein anderes Ende gefunden. Denn sie trugen dazu bei, die Situation nach der erfolgreichen Gegenoffensive der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (Zahal) zu stabilisieren: Die israelische Armee hatte den Sueskanal wieder überschritten, die dritte ägyptische Armee eingekesselt und war bis zum Kilometer 101 auf der Straße zwischen Sues und Kairo vorgerückt. In Syrien stand sie derweil schon 40 Kilometer vor Damaskus. Ermöglicht worden war dieser Vormarsch durch eine Luftbrücke der US-Amerikaner, die den jüdischen Staat täglich mit Versorgungsgütern belieferten. Am 16. und 17. Oktober 1973 beschlossen die in Kuwait versammelten arabischen Erdölförderländer eine unilaterale Erhöhung der Rohölpreise um 70 Prozent und eine monatliche Senkung der Ausfuhren um fünf Prozent, die so lange gelten sollten, bis die besetzten Gebiete wieder geräumt und die Rechte der Palästinenser anerkannt würden. Am 20. Oktober verkündete der saudische König Faisal ein Lieferembargo für die Vereinigten Staaten und die Niederlande, die »Israel unterstützen«.

Damit war die entscheidende Waffe gefunden – sie wahrte den arabischen Kriegsführern auf dem Schlachtfeld das Gesicht und sorgte über diese politisch-militärische Episode hinaus für eine Erschütterung der Weltordnung. Die Ölrente bestimmte fortan maßgeblich die Kräfteverhältnisse auf dem Globus und verlieh jenen, die über Erdöl verfügten, eine exorbitante Macht. Der Ölpreis kletterte binnen weniger Tage um das Vierfache. Der ökonomische Druck, der aus dem israelisch-arabischen Konflikt für alle Erdöl importierenden Länder eine innenpolitische Angelegenheit machte, hatte unmittelbar zur Folge, dass die erfolgreiche Gegenoffensive für Israel enttäuschend endete: Sadat und Assad waren von Faisal und dem Erdöl-Emiren gerettet worden, und Tel Aviv musste unter dem Druck der Vereinigten Staaten und des Westens dem Waffenstillstand zustimmen, denn deren Wirtschaftsbilanzen waren wegen des Ölpreisanstiegs durcheinandergebracht worden. Von nun an würden die Ölmonarchien ihre Dominanz durch den Einsatz ihres märchenhaften Reichtums festigen und konnten dank der hohen Ölpreise überall in der sunnitischen Welt ihre strenge und konservative Ideologie verbreiten. Sie sollten sich allerdings schwer damit tun, den Geist des Dschihad zurück in die Flasche zu bekommen, nachdem er einmal freigelassen worden war – und eines Tages fielen sie ihm schließlich selbst zum Opfer.

Ein Großteil der populären arabischen Literatur vergleicht die Niederlage von 1967 mit dem »Sieg« von 1973, indem sie die Niederlage auf die Gottlosigkeit des Nasser-Regimes und den Sieg auf die klar bekundete Frömmigkeit der arabischen Kriegsparteien zurückführt, schließlich wurde der Krieg im Ramadan und mit der rechtmäßigen Dimension eines Dschihad geführt. Tatsächlich muss während des heiligen Monats Ramadan von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gefastet werden – ein Umstand, der sich nur schlecht mit militärischen Operationen verträgt. Dieses Fastengebot darf jedoch im Falle eines Dschihad aufgehoben werden, denn sollte die Gemeinschaft der Gläubigen zu schwach sein für den Kampf, droht sie im Angesicht des Feindes unterzugehen, was den Fortbestand des Islam insgesamt infrage stellen würde. Auf Druck der Machthaber hin hatten folglich die ägyptischen und syrischen Ulemas, islamische Rechtsgelehrte, den Ramadan-Krieg zum Dschihad erklärt, sodass die Soldaten ihre Rationen zu sich nehmen konnten. Jenseits der Instrumentalisierung dieser Fatwa wurde diese Konfrontation im Zuge der weltweiten Bewegung ipso facto wirksam, da schlussendlich die Ölmonarchien siegten, die für ihre religiöse Strenge bekannt waren. Weitere, aufschlussreiche Kommentare mit ähnlicher Stoßrichtung vergleichen den Schlachtruf Allahu akbar, der die siegreichen Truppen 1973 zum Sieg führte, mit dem »Zu Land! In der Luft! Zu Wasser!«, den die »gottlose« Regierung 1967 ausgegeben und der sie in die unvermeidliche Niederlage geführt hatte.

Der Einsatz der Waffe Öl im Oktober 1973 erfolgte zudem vor dem Hintergrund einer sich verschlechternden Beziehung zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Staaten. Formell hatten die Beziehungen beider Staaten durch die Einigung zwischen Franklin D. Roosevelt und König ibn Saud am 14. Februar 1945 an Bord des Kreuzers USS Quincy begonnen, der in den Bitterseen des Sueskanals vor Anker gegangen war. Direkt aus Jalta angereist, wollte Roosevelt angesichts einer konfliktreichen »Aufteilung der Welt« mit der feindlichen Sowjetunion, die mit reichen Erdölvorkommen in Aserbaidschan und Sibirien gesegnet war, die Versorgung des Westens mit Erdöl sichern und trat damit die Nachfolge des im Zweiten Weltkrieg ausgebluteten Großbritannien an. Im Gegenzug für die Nutzung der Ölfelder durch die amerikanische ARAMCO (Arabian American Oil Company) sicherte Roosevelt der saudischen Monarchie den Schutz der Vereinigten Staaten zu. Diese Verabredung wurde am Valentinstag geschlossen – ein für ewige Versprechen sehr günstiges Datum – und bildete den wichtigsten Grund für die amerikanische Präsenz im Nahen Osten. Der Bund mit Saudi-Arabien hatte damit auch Vorrang vor den Beziehungen zu Israel, das bis zum Krieg 1967 vor allem von Frankreich ausgerüstet wurde (die Mirage-Flieger der Firma Dassault galten als entscheidend für den damaligen israelischen Sieg). Während der Sueskrise 1956 hatten die Vereinigten Staaten den Abzug der israelischen Truppen aus dem Sinai wie auch den Rückzug der anglo-französischen Fallschirmjäger verlangt und damit deutlich gemacht, dass in ihren Augen die israelischen Interessen keine Priorität besaßen. Dies änderte sich erst nach der berühmt gewordenen Pressekonferenz vom 27. November 1967, bei der de Gaulle die Besetzung der im Sechs-Tage-Krieg eroberten Gebiete kritisiert und die Belieferung Tel Avivs mit Waffen eingestellt hatte. Daraufhin sprang Washington ein: Erst jetzt setzten sich die Vereinigten Staaten über die Quincy-Vereinbarung hinweg, übernahmen die militärische Unterstützung Israels und räumten dem Schutz Israels Vorrang vor dem Öl-Deal ein. Die saudische Seite fühlte sich auch deshalb frei genug, im Gegenzug im Oktober 1973 der Quincy-Vereinbarung einen Schlag versetzen zu können, da die Preiserhöhung beim Rohöl auf mittlere Sicht den texanischen Ölförderfirmen in die Hände spielte, darunter auch der Zapata Petroleum Company, die 1953 vom späteren US-Präsidenten George H. W. Bush gegründet worden war. So hoffte sie, weiterhin fruchtbare Beziehungen zu den Vereinigten Staaten pflegen zu können. In jedem Fall gaben die veränderten Kräfteverhältnisse den Erdöl produzierenden Ländern die Gelegenheit, die ausländischen Ölfirmen im eigenen Land zu verstaatlichen. Damit sicherten sie sich deren Einkünfte, anstatt sich mit den Förderabgaben begnügen zu müssen, die sie bis dahin von den sieben »Majors« (auch Seven Sisters genannt) erhalten hatten. Die Ölmonarchien mehrten ihren Reichtum zusätzlich und vergrößerten ihre Einflussmöglichkeiten, den Nahen und Mittleren Osten umzugestalten und die Reislamisierung der regionalen politischen Ordnung voranzutreiben.

Die schrittweise Islamisierung der Gesellschaften

Durch die weltweite Verbreitung der wahhabitischen und konservativen sunnitischen Glaubensrichtung trat die saudische Außenpolitik jenen Missionaren der al-Azhar-Universität Kairo entgegen, die Nasser in alle Winkel der Erde ausgesandt hatte, um die Vereinbarkeit von Islam und Sozialismus zu verkünden – ein Nebenprodukt des Kalten Kriegs, in dessen Verlauf sich jede Seite bemühte, den Islam für eigene Zwecke einzuspannen. Kronprinz Faisal gründete dazu am 15. Dezember 1962 in Mekka die Islamische Weltliga, just in dem Moment, in dem die von der Sowjetunion trainierten ägyptischen Truppen im Jemen eintrafen und die Grenze zu Saudi-Arabien bedrohten. Bis 1973 spielte die Islamische Weltliga im großen ideologischen Kampf zwischen Moskau und Washington und ihren jeweiligen Verbündeten jedoch nur eine untergeordnete Rolle, als in der Auseinandersetzung ein sprachliches Register gezogen wurde, das der Religion nur einen nachrangigen Platz zuwies. Nach dem Untergang des Nasserismus erhielt die Islamische Weltliga dank des gestiegenen Ölpreises bedeutende Geldmittel zu ihrer Verfügung, um den saudischen Einfluss weltweit zu verbreiten. Saudi-Arabien wurde, regional wie international, zum Herz des neuen, islamischen Raums, der auf der arabischen Halbinsel sein Zentrum hatte. Fortan kam es darauf an, die entstehende Hegemonie zu festigen und durch ein karitatives und zielgerichtetes Mäzenatentum die Rechtfertigung dafür zu schaffen, dass die Ölrente von den radikalsten Sunniten als Lohn für ihren strengen Glaubenseifer vereinnahmt wurde. Die Liga ließ sich jedoch nicht in die internen Streitigkeiten hineinziehen, die ihren Glanz beschädigt hätten: Sie beschränkte sich auf das Ziel, gegen die »Neuerungen« zu kämpfen, die die »reine und authentische Botschaft des ursprünglichen Islam« entstellten – was vor allem auf den mystischen Sufismus abzielte –, und überließ den Muslimbrüdern ihren Platz. Damals galten diese als Verbündete im globalen Bemühen um die Islamisierung der Gesellschaften und als Akteure, welche die zu bekehrende moderne Welt besser kannten als die etablierten saudischen Ulemas.

In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre, als viele Muslime in Europa, vor allem Gastarbeiter, massiv von der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit betroffen waren, zu denen die Vervierfachung des Ölpreises maßgeblich beigetragen hatte, eröffnete die Liga erste Büros und Moscheen auf dem alten Kontinent. Ziel war es, die entstehende Islamisierungsbewegung in diesen von einer Identitätskrise erschütterten Milieus zu flankieren, also bei Millionen von eher zufällig sesshaft gewordenen Individuen, die sich dafür entschieden hatten, in ihren Aufnahmeländern zu bleiben, auch wenn dort die unqualifizierten Arbeitsplätze immer weniger wurden.

Ägypten war zwar durch seine enormen Militärausgaben und das demografische Gewicht gehemmt, blieb aber dennoch weiterhin ein potenzieller Gegenpol zur Ausbreitung des Wahhabismus, vor allem dank der langen glanzvollen Geschichte der al-Azhar-Universität, in der die von den Salafisten verabscheute Sufi-Bruderschaft stark vertreten war. So blieb Ägypten ebenfalls im Visier der Liga. Ägypten musste stabil, aber auch in ständiger Abhängigkeit gehalten werden, damit es nie auf die Idee käme, sich der neuen saudischen Führungsrolle entgegenzustemmen. Bevor Sadat wegen seiner Reise nach Jerusalem und seiner Rede vor der Knesset am 20. November 1977 von der arabischen Welt mit einem Bann belegt wurde, hatte er selbst das Spiel der Islamisierung gespielt. Er trug die berühmte zabiba (»Rosine«), wie man in Ägypten den Gebetsfleck auf der Stirn eines Gläubigen nennt, der sich fünf Mal am Tag zum Gebet auf den Boden niederwirft. Auch ergänzte er seinen offiziellen Titel um den vormals nicht verwendeten Vornamen Mohamed und verfügte, dieser müsse vor dem offiziellen Titel des »gläubigen Präsidenten« (al rais al moumin) genannt werden. In Ägypten entstanden zahlreiche neue Moscheen, riesige, neongrün gestrichene Bauten, deren aufgedrehte Lautsprecher die städtische Kakofonie übertönten. Auf sämtlichen Flügen von Egypt Air wurde Alkohol verboten, und bald investierten die unter Nasser an den Golf emigrierten Muslimbrüder ihre Petrodollar wieder in islamische Banken, die schariakonforme Geschäfte betrieben. Das Jahrzehnt von Sadats Präsidentschaft veränderte auch das Erscheinungsbild der Menschen im Land, denn immer mehr Ägypterinnen trugen nun einen Schleier.

All diese Maßnahmen hatten prophylaktische Funktion: Das mit antizionistischer Propaganda übersättigte Volk sollte die Kehrtwende akzeptieren, die 1979 mit dem ägyptisch-israelischen Friedensvertrag eingeleitet wurde. Sie konnten freilich nicht verhindern, dass sich die islamistische Protestbewegung radikalisierte, im Gegenteil. Diese fand einen fruchtbaren Boden vor, in dem sie tiefe Wurzeln schlagen konnte. Und sie sollte dem »gläubigen Präsidenten« zum Verhängnis werden: Am 6. Oktober 1981 wurde Sadat während einer Militärparade zu Ehren der »Helden der Überquerung« des Sueskanals von der »Organisation al-Dschihad« ermordet. Dass dem unbeliebten ägyptischen Pharao in seinem Heimatland kaum jemand eine Träne nachweinte, habe ich in Kairo, meinem damaligen Wohnort, selbst miterleben können. Unter den für den ägyptischen Humor so typischen zynischen Witzen gehörte die Geschichte eines Straßenfegers zu den bekanntesten. Dieser säubert am Tag nach dem Attentat auf Sadat den Boden vor der Ehrentribüne und findet eine Art Rosine auf dem Boden: »Was ist denn das? Ach so, ja, die zabiba des Präsidenten!« Der Gebetsfleck auf der Mitte der Stirn, mit dem Sadat seine Frömmigkeit zur Schau stellte, war also nur aufgeklebt.

Ein weiterer Meilenstein in der schrittweisen Islamisierung des Nahen und Mittleren Ostens war der libanesische Bürgerkrieg, der das Repertoire der politischen Mobilisierung in religiöse Kategorien überführte. Die politische Mobilisierung war bis dahin vom Nationalismus bestimmt gewesen, angestachelt von der zentralen Bedeutung des »palästinensischen Widerstands« gegen den »zionistischen Feind«, und hatte sich in die globale Auseinandersetzung zwischen dem sowjetischen und dem US-amerikanischen Block eingefügt. Die palästinensische Militärpräsenz im Libanon war durch eine am 3. November 1969 in Kairo unterschriebene, geheime Vereinbarung zwischen dem Chef der libanesischen Armee und Jassir Arafat zustande gekommen. Mit ihr wurde im Süden des Landes, an der Grenze zu Israel, eine Art Staat im Staate geschaffen, dem sich nach den Massakern des »Schwarzen Septembers« 1970 immer mehr Kämpfer aus Jordanien anschlossen, die mit Unterstützung der arabischen Staaten schrittweise in den Libanon umgesiedelt wurden. Für die arabischen Staaten ging es darum, gegenüber ihrer Bevölkerung eine gesichtswahrende Lösung zu finden, indem sie nahe der »zionistischen Einheit« ein Zentrum errichteten, von wo aus sie den nötigen Druck eines Guerillakampfes mittlerer Intensität aufrechterhalten konnten. Die Vorstellungswelt des Widerstands hatte damit ihren Zenit erreicht, verstärkt noch durch das jämmerliche Bild, das die arabischen Armeen während des Sechs-Tage-Kriegs geboten hatten. Die linken Zeitungen im Quartier Latin, wo ich Schüler gewesen war, lieferten in diesen Tagen Überschriften wie »Der palästinensische Widerstand wird den Vertrag von Kairo hinwegfegen« oder »Der Weg nach Jerusalem geht über Amman, Beirut und Kairo«. Im weltweiten Kampf für die Durchsetzung des Sozialismus wurde hier die »zionistische Einheit« mit der »arabischen Bourgeoisie« gleichgesetzt.

Die grandiosen Projekte eines marxistischen Messianismus führten nirgendwohin; im Gegenteil, das zerbrechliche konfessionelle Gleichgewicht des Libanon wurde durch den Aufbau einer bewaffneten Bewegung durcheinandergebracht. Die nach ihrer nationalen Identität ganz und gar palästinensische Bewegung war eine muslimische und sunnitische Kraft – also weder christlich noch schiitisch. Im Mosaik des Zedernstaats wurde der Bevölkerungsanteil der Maroniten stetig kleiner, dabei war doch für sie 1920 unter französischem Völkerbundmandat der Libanon gegründet worden, und ihm verdankten viele Maroniten ihren Wohlstand und Aufstieg in die Mittelschicht. Im Gegenzug wuchs die Bedeutung der verarmten und marginalisierten schiitischen Bevölkerung deutlich an, was zu einer Landflucht und dem Entstehen eines gigantischen »Vororts« (dahiye) im Süden Beiruts führte. In der ersten Hälfte der 1970er-Jahre – also vor der iranischen Revolution 1978–1979, die die besondere Identität dieser Gruppe herausstellte – betrachtete man die Schiiten im Libanon eher undifferenziert als Muslime und zählte sie damit zur Klientel der sunnitischen Würdenträger, aus deren Mitte der Ministerpräsident bestimmt wird (der Staatspräsident, der die Regierungskontrolle in Händen hielt, muss laut Verfassung maronitischer Christ sein). Parallel dazu verstärkte die Ansiedlung der bewaffneten palästinensischen Organisationen die Muslime im Land insgesamt, die auf eine Reform des politischen Systems zu ihren Gunsten und auf Kosten der Christen drangen. In der Tat entwickelten die Palästinenser, die nahe der Grenze zu Israel im Süden des Libanon lebten, zur dort vorherrschenden schiitischen Bevölkerung eine ganz besondere Beziehung. Abu Dschihad, ein Stellvertreter Arafats, half Mitte der 1970er-Jahre dabei, die ersten schiitischen Parteien zu gründen wie etwa Amal oder die »Bewegung der Entrechteten« des Imam Musa as-Sadr. Wegen Gebietsstreitigkeiten und den vom Libanon aus abgeschossenen palästinensischen Katjuscha-Raketen, die israelische Bombardements auf den ganzen Süden des Landes nach sich zogen, traten nun allerdings Spannungen zutage. Während der Iranischen Revolution bot Arafat Chomeini 1978 organisatorische Mitarbeit an und erbat später Fatwas zugunsten der »palästinensischen Revolution«, um die Feindseligkeiten mit der schiitischen Bevölkerung zu verringern. Mit der Ausweitung der israelischen Angriffe nach 1972 verschlechterte sich insgesamt das Verhältnis zwischen dem libanesischen Staat, insbesondere dem christlichen Bevölkerungsanteil, und den Palästinensern.

All diese Gründe erklären den Ausbruch des libanesischen Bürgerkriegs am 13. April 1975, als ein Angriff von Phalange-Milizionären (Maroniten) auf einen Bus mit Palästinensern 27 Todesopfer forderte. Mit seiner Reaktion sicherte sich das »islamisch-progressive« Lager, dem die Palästinenserorganisationen die entscheidende Feuerkraft verliehen, die militärische Überlegenheit, und zwar zunächst mit syrischer Billigung. Im Juni 1976 jedoch ließ Hafiz al-Assad seine Armee in den Libanon einmarschieren, um das Gleichgewicht wiederherzustellen und Kapital daraus zu schlagen. Die syrische Besetzung eines Großteils des Landes dauerte fast drei Jahrzehnte und endete erst im April 2005. Von den vielen Wendungen des Bürgerkriegs, zu denen unter anderem der Einmarsch Israels im Südlibanon 1978 und zwischen 1982 und 1985 dann im gesamten Land bis an die Grenzen der Hauptstadt gehören, aber auch die Entführung westlicher Geiseln sowie die Bruderkriege zwischen christlichen Fraktionen, sind für meine Betrachtungen zwei Ereignisse entscheidend. Erstens die Gründung der Hisbollah Ende 1982, die seit 1985 offiziell existiert. Auf Betreiben von Chomeinis Iran gegründet, sollte diese schiitische Partei drei Jahrzehnte später das politische Leben des Libanon bestimmen, nachdem sie den Widerstand gegen Israel von der PLO übernommen hatte. Zweitens besiegelte das 1989 im saudi-arabischen Taif geschlossene Abkommen die Niederlage der Christen, indem es die politische Macht vom maronitischen Staatspräsidenten auf den sunnitischen Ministerpräsidenten übertrug. Der bedeutendste Profiteur dieser Regelung war der libanesisch-saudische Milliardär Rafiq al-Hariri, der ab 1992 wiederholt den Posten des Ministerpräsidenten einnahm und die zerstörte Innenstadt von Beirut wiederaufbauen ließ. Dieses »Solidere« genannte Projekt sollte die Wirtschaft des Landes ankurbeln – bis zu Hariris Ermordung am 14. Februar 2005 durch einen Anschlag auf seine Fahrzeugkolonne in eben dem Stadtteil, dem er so sehr seinen Stempel aufgedrückt hatte.

Die deutliche Umgestaltung des Libanon in einen sunnitischen Raum spiegelte sich an der Demarkationslinie zwischen der christlichen und der muslimischen Zone der Hauptstadt, im zerstörten Suq-Viertel und sichtbar im Bau der »Hariri-Moschee« wider, die so gewaltig ist, dass sie die benachbarte maronitische Kathedrale beinahe erdrückt. Paradoxerweise stellte das Abkommen von Taif, obwohl es ausdrücklich darauf abzielte, Muslime auf Kosten der Christen zu stärken, in Wirklichkeit doch einen schwachen Versuch der Sunniten dar, dem unaufhaltsamen Aufstieg der schiitischen Gemeinschaft einen Riegel vorzuschieben. Diese war zur inzwischen größten Bevölkerungsgruppe des Landes herangewachsen und wurde über den Umweg der Hisbollah vom Iran unterstützt und bewaffnet. Um die Logik des Aufstiegs einer schiitischen Macht in Konkurrenz zu Saudi-Arabien im islamischen Raum zu verstehen – aus dem sich letzten Endes auch der syrische Bürgerkrieg 2018 als Konsequenz ergab –, müssen wir uns in die Perspektive der Ereignisse des Schlüsseljahrs 1979 begeben. Es begann mit der Rückkehr Chomeinis nach Teheran im Februar und endete am Weihnachtstag mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan sowie dem dortigen Beginn des sunnitischen Dschihad. Unterdessen hatten im März Israel und Ägypten in Washington auch ihren Friedensvertrag unterzeichnet.

Das Schlüsseljahr 1979: Überbietungswettbewerb zwischen Schiiten und Sunniten

Wie alle Erdöl exportierenden Länder hatte auch der Iran in großem Umfang vom Anstieg des Barrelpreises profitiert – selbst wenn er, als nicht-arabischer Staat, zu keinem Zeitpunkt an der Entscheidung für das Embargo im Oktober 1973 beteiligt gewesen war. Doch Schah Mohammad Reza Pahlavi setzte in der Folge einen Überbietungswettbewerb in Gang. In der Vervierfachung des Ölpreises erkannte er die Möglichkeit, sein Land zu einem der führenden Staaten weltweit zu machen, und gab seine überdimensionierten Pläne durch große Anzeigen in der internationalen Presse bekannt. Der Schah stieg in die europäische Firma zur Urananreicherung Eurodif ein und beunruhigte damit seine Nachbarstaaten am Golf, die eine iranische Vorherrschaft in der Region befürchteten. Seine Megalomanie zeigte sich beispielsweise in den prunkvollen Feierlichkeiten in Persepolis, wo im Oktober 1971 für mehrere Milliarden US-Dollar die 2500-Jahr-Feier der Gründung des Perserreiches begangen wurde. Ansonsten profitierten von den enormen Erdöl-Einnahmen vor allem seine Vertrauten, die Armee und der Staatsapparat, wohingegen die Zivilgesellschaft gewalttätigen Repressionen durch die Polizei ausgesetzt war. Der Abstieg der Mittelschicht, verkörpert durch die Basarhändler oder die schiitischen Kleriker, die aus ihr hervorgegangen waren, förderte die soziale Krise. Verschlimmert wurde sie noch durch den Zustrom von Menschen aus ländlichen Gebieten in die Städte, wo ihre Hoffnung enttäuscht wurde, vom Geldsegen der Ölerträge zu profitieren; sie bildeten ein riesiges Proletariat der »Entrechteten«. Vor diesem Hintergrund wandten sich zahlreiche Empfänger großzügiger Stipendien, die zu Zigtausenden zum Studium in den Westen entsandt worden waren, um den Iran der Zukunft aufzubauen, schließlich gegen das autokratische und korrupte Herrscherregime.

Im November 1977 löste der Schah mit seinem Staatsbesuch in den Vereinigten Staaten, in denen sich der demokratische Präsident Jimmy Carter gerade von seinem Vorgänger Richard Nixon abzusetzen und die US-Außenpolitik zu »moralisieren« versuchte, gewalttätige Gegendemonstrationen aus. Das Tränengas, das die Polizei einsetzte, um die vor allem marxistischen oder linken Studenten und Aktivisten von der Mall in Washington zu vertreiben, wurde vom Wind in den Rosengarten des Weißen Hauses geweht, sodass Mohammad Reza Pahlavi seine Radio- und TV-Ansprache unter Tränen abbrechen musste. Die symbolische Wirkung dieser Bilder setzte dem Regime zu und ermutigte die iranische Opposition, zumal die US-amerikanischen Forderungen nach einer Anerkennung der Menschenrechte zu einer Mäßigung der Repression führten. Wie dann in Algerien 1988 und bei dem »arabischen Aufstand« zu Beginn der 2010er-Jahre wässerten die religiösen Kräfte die schon gelegte revolutionäre Saat, um damit die Bewegung für sich zu vereinnahmen und nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Wie in den benachbarten arabischen Staaten, in denen modernisierende Autokraten den Laizismus im Dienste ihrer Diktatur missbrauchten und die Legitimität einer demokratischen Opposition, die ebenfalls diese Ideale vertrat, damit kompromittierten, hatte auch der Iran unter Pahlavi eine solche Polarisierung bevorzugt. Auf der einen Seite stand noch die kommunistische Partei, auf der anderen standen die am stärksten politisierten Gruppen der schiitischen Kleriker.

Trotz des von den Marxisten behaupteten Atheismus existierte zwischen diesen beiden Gruppierungen eine Art struktureller Affinität: Wie bei den leninistischen Organisationen ist der schiitische Klerus hierarchisch aufgebaut und immer in der Lage, effektiv für die Verbreitung von Slogans und die Mobilisierung der Anhänger zu sorgen (was sie von der sunnitischen Welt unterscheidet, in der durch die verschiedenen, zueinander in Konkurrenz tretenden Ulemas die religiöse Autorität zersplittert ist). Dank dieses kostbaren Werkzeugs kann unablässig die revolutionäre Bewegung im Kampf gegen die Herrschenden angetrieben werden. Diese Ähnlichkeit manifestierte sich in zahlreichen islamisch-marxistischen oder islamisch-linksgerichteten hybriden Gruppierungen. Zu den bekanntesten gehören die Volksmudschaheddin, die bereits im Namen die Ideale des Dschihad und des Populismus kombinieren. Diese Verbindung geht zurück auf den Intellektuellen Ali Schariati, der aus einer Klerikerfamilie stammte und seine letztgültige Ausbildung im Quartier Latin erhalten hatte. Er übersetzte Frantz Fanons Werk Die Verdammten dieser Erde ins Farsi und formulierte die berühmte marxistische Gegenüberstellung von »Unterdrückten« und »Unterdrückern« in korankonformes Vokabular um, wenn er von »Entrechteten« (mostadafin) und »Selbstgefälligen« (mostakbirin) sprach. Diese Neuformulierung griff jedoch nicht die gleichen Kategorien auf wie das Original: Indem sie den Begriffen eine starke religiös-moralische Bedeutung mitgab, ermöglichte sie es, die Grenzen des Klassenkampfs zu verschieben. Damit gehörten zur großen Gruppe der »Entrechteten« nun alle Gegner des Schahs, vom Kaufmann im Basar bis hin zum nach der Landflucht gebildeten Proletariat. In diesem Verständnis vereinigten sich im revolutionären Prozess und unter der Führung eines Klerus, der für eine ähnliche Ideologie gewonnen wurde, die fromme Mittelschicht und die arme, städtische Jugend, die, streng sozial betrachtet, eigentlich Gegenspieler hätten sein müssen.

Ajatollah Chomeini verbrachte von 1964 bis 1978 sein Exil in der den Schiiten heiligen irakischen Stadt Nadschaf und ging anschließend in den Pariser Vorort Neauphle-le-Château. Bei seiner triumphalen Rückkehr nach Teheran am 1. Februar 1979 bewies er das politische Genie, die eben beschriebene Möglichkeit aufzugreifen und sich für die Sache der »Entrechteten« einzusetzen. Es gelang ihm, den Klerus, der ihm anfangs nicht wohlgesinnt war, zu kontrollieren und die linken Bewegungen zu instrumentalisieren, bevor er sie dann nach seinem Sieg und der Verkündung der »Islamischen Republik« aus dem Weg räumte. Dazu griff er, ganz ähnlich wie es der Salafismus in der sunnitischen Welt tat, auf eine fundamentalistische und von jedem Dogma »gereinigte« Form zurück, die sich deutlich von den im Laufe der Geschichte entwickelten Kompromissen zwischen den Ajatollahs und den Herrschern absetzte. Nach Chomeinis Auffassung repräsentiert der Imam Hussein, als Märtyrer im Oktober 680 im Kampf gegen Soldaten des sunnitischen Kalifen Yazid gestorben, die erhabene Inkarnation der »Entrechteten«, während der Schah den »selbstgefälligen« Yazid personifizierte. Indem er so die Grundlagen des durch seine Ideologie neu interpretierten Glaubens mit den Gegebenheiten der Gegenwart zusammenführte, gelang Chomeini eine beachtliche Mobilisierung, die die Oberhand über alle übrigen Anhänger der Opposition und auch des Königshauses gewann.

Folglich entwickelte sich Chomeini, der an Bord einer Air-France-Maschine nach Teheran zurückgekehrt war und sich fortan »Revolutionsführer« nennen ließ, nun im Kontext der Islamisierung des Nahen und Mittleren Ostens, die sechs Jahre zuvor vom saudischen Königshaus und seinen Alliierten mit dem Ramadan-Krieg und der Vervielfachung des Ölpreises begonnen worden war, zu einer besonders starken, konkurrierenden schiitischen Kraft. Der Antagonismus zwischen Sunniten und Schiiten sollte zur wichtigsten Triebfeder der Kriege und Krisen werden, die die Region in den folgenden vier Jahrzehnten heimsuchten. Er reichte sogar darüber hinaus und traf durch den wiederkehrenden Export des islamistischen Terrors besonders Europa, wo er die hier lebenden muslimischen Migranten zu seinen Geiseln machte. Infolge der schwankenden Ölpreise sollte dieser Gegensatz schließlich sogar jene Bruchlinie relativieren, die der arabische Nationalismus nach den Unabhängigkeitsbewegungen herausgebildet hatte – den israelisch-palästinensischen Konflikt –, bis er schließlich Teil der bestehenden Logik der Auseinandersetzungen wurde (wie seine Vereinnahmung durch die libanesische Hisbollah und die palästinensische Hamas zeigt, die beide unter dem Einfluss Teherans stehen). Die Dynamik dieses Konflikts wurde durch den unablässigen Überbietungswettbewerb geschürt und vollzog sich auf Kosten einer ständigen Verschlimmerung des Chaos inmitten der Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens. Was vor allem an einer unverantwortlichen Politik lag, die durch die Öleinnahmen möglich geworden war und bis in die Mitte der 2010er-Jahre als endlos weiterführbar angesehen wurde.

Die Herausforderung der Iranischen Revolution für Saudi-Arabien und seine Verbündeten war beachtlich, denn der Iran beschränkte nun die Reichweite einer Islamisierung unter sunnitischer Führung und nahm ihr die soziale und heroische Anmutung. Die über die Emire der arabischen Halbinsel laufende, lockere Verknüpfung eines weltweiten salafistischen Netzes und die finanzielle Unterstützung, die zu dieser Zeit ein Großteil von ihnen der internationalen Muslimbruderschaft zukommen ließ, entzündeten keinen solchen Enthusiasmus, wie ihn die Ereignisse im Iran bei der muslimischen Bevölkerung weltweit spontan auslösten. Umso mehr, als der Diskurs Chomeinis gleichzeitig zwei globale Feinde ins Visier nahm: den »großen Satan« Amerika (sowie in dessen Begleitung den »kleinen Satan« Frankreich, trotz aller in Neauphle-le-Château gewährten Gastfreundschaft), aber auch die Ölmonarchien, die er schlicht als Lakaien der Vereinigten Staaten darstellte. Indem Chomeini sich den Ideen Schariatis und damit einer weltweiten Dritte-Welt-Bewegung anschloss und die Vereinigten Staaten attackierte, ging er über die einfache religiöse Dimension hinaus. Das wiederum trug ihm Sympathien bis nach Lateinamerika ein. Und durch die Kritik an den Ölmonarchien versuchte er, über die rein persische und schiitische Identität (die nur etwa 15 Prozent der Muslime weltweit bilden) hinauszuwirken, um die Führung des universellen Islam durch die wahhabitischen Herrscher, »die Wächter der zwei Heiligen Stätten«, infrage zu stellen.

Die amerikanisch-saudische Antwort auf die Iranische Revolution bestand zum einen im Dschihad in Afghanistan. Die Gelegenheit dazu war die Vergeltung für den Einmarsch der Roten Armee an Weihnachten 1979. Im selben Jahr wurde am 26. März auch der ägyptisch-israelische Friedensvertrag unterzeichnet – ein Zeichen für die Verschiebung der Hauptkonfliktlinie vom Nahen Osten und der Mittelmeerregion hin zum Persischen Golf und nach Zentralasien. Anders noch als bei den sowjetischen Interventionen in Ungarn 1956 und der Tschechoslowakei 1968, die im Rahmen der Jalta-Verträge stattfanden und keinerlei militärische Reaktion der »freien Welt« nach sich zogen, verstieß die Ankunft von Fallschirmjägern und Panzern in Kabul gegen die Regeln, die am Ende des Zweiten Weltkriegs aufgestellt worden waren. Breschnew sah sich zum Handeln gezwungen, um die örtlichen Kommunisten an der Macht zu halten, die in ihrem atheistischen Bekehrungseifer auf den allgemeinen Widerstand einer in Volksgruppen und dem ländlichen Leben äußerst verhafteten Gesellschaft mit starken traditionellen Normen gestoßen waren. Das Weiße Haus konnte eine erneute Schmach nicht einfach hinnehmen, war es vier Jahre zuvor doch bereits in Vietnam unterlegen und hatte Anfang 1979 mit dem Iran einen Verbündeten verloren. Letzteres war ein durchaus relevantes geopolitisches Problem, da der Schah zuvor die Rolle eines »Polizisten am Golf« übernommen und die unermesslichen Ölvorräte des Landes damit dem sowjetischen Zugriff entzogen hatte. Darüber hinaus mussten die Vereinigten Staaten eine beispiellose Demütigung erleiden, nachdem »Studenten von der Linie des Imam« am 4. November Geiseln in der US-Botschaft in Teheran genommen hatten und der Versuch ihrer Befreiung gescheitert war. Die sowjetische Militärpräsenz in Afghanistan, einem Nachbarland des Iran, dessen eigene kommunistische Partei Tudeh zu den revolutionären Kräften gehörte (Chomeini ging erst in seinen letzten Jahren gegen sie vor), frischte, über den Verstoß gegen den Pakt von Jalta hinaus, die amerikanische Angst vor Moskaus Durchbruch in Richtung der »warmen«, d.h. eisfreien Weltmeere auf. Man darf dies als zeitgenössische Variation des anglo-russischen »Großen Spiels« in Zentral- und Südwestasien seit dem 19. Jahrhundert verstehen.

Und schließlich wurde das Ende des Jahres 1979 von einem Drama beherrscht, das, aus Sicht der islamischen Welt, mit hoher Symbolkraft ausgestattet war: Der 20. November markierte den ersten Tag im 15. Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung. Unter Berufung auf die islamische Lehre, nach der in jedem Jahrhundert ein »Erneuerer« (mouhi) oder »Messias« (mahdi) auftritt, der nach vielen Abweichungen die Reinheit des Glaubens wiederherstellt, überfiel an diesem Tag eine radikale Dschihadistengruppe die Große Moschee in Mekka. Ihr Anführer, Dschuhaiman al-Utaibi, stammte aus einer bedeutenden Familie des Landes und wollte mit dem Überfall gegen die Korruption der vom Westen abhängigen Herrscherfamilie protestieren und seinen Schwager, Abdullah al-Qahtani, zum Messias ausrufen lassen. Dschuhaiman, der zu den Randgruppen der strengsten Verfechter des salafistischen Establishments Saudi-Arabiens gehörte, hatte »Briefe« in Umlauf gebracht, von denen sich 30 Jahre später der sogenannte »Islamische Staat« inspirieren ließ. Erst nach zwei Wochen konnte das Heiligtum in Mekka zurückerobert werden, auch dank des Eingreifens einer Truppe der nationalen französischen Gendarmerie (GIGN). Das allerdings wurde streng geheim gehalten, da es Nicht-Muslimen untersagt ist, heiligen Boden zu betreten (haram). Tausende Pilger wurden bis zur Befreiung in der Moschee festgehalten, und 244 Menschen starben beim Sturm auf die Moschee (darunter 117 Angreifer), obwohl jedes Blutvergießen dort verboten ist. Nachdem die saudische Staatsführung in den ersten Tagen vor Schreck wie gelähmt gewesen war, zeigte sie sich erschüttert, und zwar zum einen deshalb, da sie von noch strengeren Wahhabiten und Dschihadisten übertrumpft worden war, obwohl sie den Prozess der Islamisierung in der Region doch selbst angestoßen hatte. Und zum anderen, da ihre Unfähigkeit offensichtlich geworden war, Ordnung und Sicherheit an den Heiligen Stätten zu gewährleisten. Ihr Ansinnen, sich als Wächter der Heiligen Stätten auszugeben und, in logischer Folge, mit der Oberherrschaft über den Islam zu brüsten, hatte sich als Fehler herausgestellt.

Die Ankunft der Roten Armee in Kabul, kaum drei Wochen nach der unheilvollen Rückeroberung des als haram erklärten Gebiets in Mekka, entwickelte sich dann zu einer weiteren Herausforderung für die von Saudi-Arabien beanspruchte Führungsrolle. Denn nach islamischer Lesart der Geografie konnte dieser kriegerische Akt als das Eindringen von »Ungläubigen« (kouffar) auf »Islamischen Boden« (dar al islam) verstanden werden. Bei einer derartigen Aggression muss der muslimische Fürst den Heiligen Schriften nach unbedingt den militärischen Dschihad ausrufen und ihn augenblicklich beginnen. Die sowjetische Invasion ließ sich dementsprechend auf zweierlei, sich ergänzende Arten lesen: Für Washington war sie eine störende Episode des Kalten Kriegs, der es sich entgegenstellen musste, wollten die Vereinigten Staaten nicht ihre Position als Supermacht verlieren. Und da die saudische Monarchie die Hegemonie über den weltweiten Islam anstrebte, musste Riad den sowjetischen Einmarsch mit einem Dschihad beantworten. Folglich nannte man den nun ausbrechenden Aufstand der Guerilla – von der CIA ausgestattet und trainiert und mit den Petrodollars von der arabischen Halbinsel kofinanziert – auch Dschihad. Die jenseits des Atlantiks Freedom Fighters getauften Bärtigen waren allerdings Männer, für die »Freiheit« bedeutete, die Scharia einzuführen, sobald die kommunistischen Russen von islamischem Boden vertrieben worden waren. Diese Konfusion in der Wortwahl zeigt grundlegend die semantische Islamisierung dessen, was zugleich zum letzten blutigen Kampf des Kalten Kriegs und zum ersten islamischen Krieg der Gegenwart werden sollte – ganz gleich ob man ihn Dschihad, Raubzug (ghazou), zulässiger Terrorismus (irhab mashrou) oder Märtyrer-Operation (amaliyya istish hadiyya) nennt. Am Ende, nach dem sowjetischen Rückzug aus Kabul am 15. Februar 1989, dem wenig später der Fall der Berliner Mauer am 9. November folgte, wurde mit dem Untergang der UdSSR der Antagonismus zwischen dem kommunistischen Osten und dem kapitalistischen Westen ersetzt durch den Konflikt zwischen dem islamistischen Orient und dem (»gottlosen«, »jüdisch-kreuzritterlichen« et cetera) Westen.

Der Dschihad in Afghanistan erlaubte es, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen versetzte er der UdSSR den Todesstoß, indem er die Schwäche der Roten Armee bloßlegte, die zu einem Papiertiger verkommen war. Man müsste darüber hinaus natürlich viele weitere Gründe für den Zusammenbruch des sowjetischen Modells anführen, vor allem etwa das Wettrüsten mit den Vereinigten Staaten, das die Wirtschaft ruinierte, ganz zu schweigen von den inhärent funktionellen Mängeln der Planwirtschaft gegenüber der Marktwirtschaft. Und doch überließ Washington die Abfertigung der Sowjetunion den Kämpfern des Dschihad. Diese zogen bei ihren Glaubensbrüdern ein ungemein großes Prestige daraus, dass sie sich in weltweitem Maßstab als unberechenbare, terroristische Militärmacht etabliert hatten, der jemand wie bin Laden ein Gesicht gab. Zum anderen half dieser sunnitische Sieg, im Rahmen islamischer Symbolik, der Propaganda Chomeinis etwas entgegenzuhalten: Man konnte die Saudis und ihre Alliierten zu den Rettern eines muslimischen Landes erheben, das von den Atheisten aus dem Kreml überfallen worden war. Teheran verzichtete jedoch nicht auf eine Replik. Der Iran verlegte auf bis dato unbekannte Art und Weise den Konflikt auf das Feld der Medien und verurteilte Salman Rushdie per Fatwa zum Tode – und zwar just am Vorabend des sowjetischen Abzugs aus Afghanistan, um die Auswirkung dieser Ankündigung zu verschleiern.


2 DER AUSBRUCH DES INTERNATIONALEN DSCHIHAD GEGEN DEN »NAHEN FEIND« (1980–1997)

Der Kampf um die Kontrolle über die Islamisierung in den 1980er-Jahren

Neben dem Dschihad in Afghanistan nahm in den 1980er-Jahren die Islamisierung der politischen Ordnung im Nahen und Mittleren Osten stetig zu, und der Antagonismus zwischen dem schiitischen und sunnitischen Lager um den Kontrollanspruch vertiefte sich. Das wichtigste Schlachtfeld war dabei der Erste Golfkrieg zwischen September 1980 und August 1988. Von Saddam Hussein ausgelöst und vom Westen in der Absicht unterstützt, die iranische Expansion einzudämmen, kostete er vermutlich einer Million Menschen das Leben und bot den Revolutionsgarden und den Basidschi (»Mobilisierten«) die Möglichkeit, ihre Taktik des Selbstmordangriffs zu testen – was ihre Kommandanten »Märtyrer-Operationen« nannten –, die sich später zunächst in den Libanon und Israel, dann in den Nahen und Mittleren Osten, nach Europa, nach Amerika und schließlich in die gesamte Welt ausbreitete.

Parallel dazu eröffnete Teheran weitere, nicht weniger wichtige Fronten: Der libanesische Bürgerkrieg und der israelisch-palästinensische Konflikt reihten sich in die Auseinandersetzungen ein, die der Iran zeitgleich gegen den Westen und dessen Verbündete als auch gegen fast alle sunnitischen Organisationen führte – mit Ausnahme der Hamas. Tatsächlich begann die Islamische Republik, um sich gegen die Koalition ihrer Feinde zu verteidigen und den Druck auf ihre Grenzen durch den Irak und an der Küste des Persischen Golfs zu lockern, eine zweite Kampflinie in der Levante und eine dritte in Europa (die über den Umweg von Geiselnahmen eng mit dem Libanon verbunden war). Bis zu Chomeinis Tod im Juni 1989 machte sich das von ihm geführte Land auf der Suche nach den Schwächen seiner Gegner völlig frei von den bis dato geltenden Regeln der Kriegsführung und des internationalen Rechts. Es führte Schläge aus, um seine Gegner zur Anerkennung seiner Forderungen zu zwingen und den direkten militärischen Druck zu drosseln – die Mittel reichten dabei von der Fatwa gegen Rushdie über Selbstmordanschläge bis hin zur Entführung westlicher Staatsangehöriger. Nach Ende des Kriegs mit dem Irak begann der nun abgesicherte Iran aufs Neue, sich der Staatengemeinschaft anzunähern, um die für den Fortbestand des Regimes gefährliche Isolation zu beenden. Unterdessen fand die iranische Vorgehensweise Nachahmer im sunnitischen Dschihadismus, der dann weltweit jenen Terrorismus verbreitete, den die Islamische Republik begonnen hatte, ihn allerdings anders verstand. Der sunnitische Dschihadismus stützte sich nicht, wie im Iran, auf einen zentralisierten Staatsapparat und ließ sich später auch nicht wieder in die weltweite institutionelle Ordnung einfügen.

Die sunnitischen Bemühungen um die Eindämmung der iranischen Revolution basierten folglich auf zwei Hauptachsen, zum einen auf Afghanistan, zum anderen auf Irak, in ersterem Fall durch den Dschihad, in letzterem durch Saddam Hussein. Beide bekamen unablässig Unterstützung aus dem Westen – was im Rückblick wie eine sehr kurzsichtige Strategie wirkt.

Der afghanische Dschihad, der sich ursprünglich gegen die Sowjetunion richtete, sollte ein großes Narrativ liefern, das eine Alternative zur kriegslüsternen Begeisterung und Dritte-Welt-Rhetorik der iranischen Propaganda bot. Saudi-Arabien und seine Verbündeten wollten beweisen, dass sie besser als andere in der Lage waren, den Angriff der sowjetischen Atheisten auf den Islam abzuwehren. In der islamischen Vorstellung nahm diese Invasion den Platz der Besetzung Palästinas durch Israel ein, der ein immer noch zentraler Konflikt für den zerfallenden arabischen Nationalismus war – bis er schließlich gegen Ende des Jahrzehnts durch das Auftauchen der Hamas ebenfalls islamisiert wurde. Mit dem gemeinsamen Aufruf, alle Muslime weltweit sollten ihren Glaubensbrüdern in Afghanistan beistehen, schlossen sich die Salafisten der arabischen Halbinsel und die Muslimbrüder in ihren Bemühungen zusammen und machten ihre Stimme im Gewirr aller politischen Tendenzen des sunnitischen Islam hörbar, die sich angesichts der schiitischen Herausforderung aufgefordert fühlten, die universelle Hegemonie über ihren Glauben auszuüben.

Ihr wichtigster Ideologe war ein palästinensischer Muslimbruder, Abdallah Azzam, der sich in Peschawar niedergelassen hatte – in jener pakistanischen Grenzstadt, die als Basis für Operationen im Nachbarland Afghanistan und als Einfallstor für militärische Lieferungen diente. Peschawar wurde auch zum Drehkreuz für Dschihadisten aus der ganzen Welt, die hier ihr Basislager aufschlugen (das auf Arabisch Qaida heißt und der berühmten Organisation ihren Namen gab). In seinem Manifest mit dem Titel Folgt der Karawane! rechtfertigt Azzam die Verpflichtung aller Muslime zum Kampf in Afghanistan im Namen eines »Verteidigungsdschihad«, der jeden dazu zwang, seine Kräfte zu mobilisieren, um das von Ungläubigen angegriffene islamische Territorium zu befreien. Diese Verpflichtung galt für jeden: kein Staat, kein Ehemann, kein Vater minderjähriger Kinder, kein Sklavenbesitzer durfte sich entziehen. Jeder Gläubige musste seinen Möglichkeiten entsprechend mitwirken, »mit der Hand, der Zunge oder dem Herzen« – indem er mit Waffen kämpfte, Geld gab, Reden hielt, predigte oder wenigstens betete. Es handele sich, so Azzam unter Berufung auf die Heiligen Schriften, um eine »individuelle Verpflichtung« (fard ayn), deren Missachtung im Jenseits schwere Strafen nach sich ziehe. Dieser Text sowie viele von Azzams Artikeln für die gleichnamige Zeitung al-Dschihad fanden ein Echo in einer Fatwa der wichtigsten, den Salafisten und Muslimbrüdern nahestehenden sunnitischen Ulemas, die Gläubige aus der ganzen Welt zum Kampf aufrief. Überall wurden Rekrutierungsbüros eröffnet, nicht nur in muslimischen Ländern, sondern auch im Westen und nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten, und zwar gefördert von der CIA, die zudem Azzams Rundreise durch das Land zu islamischen Verbindungen organisierte. Er schuf ein Servicebüro (Maktab al-Chidamat, MAK), das die Anwerbung, die Beschaffung von Geld und die Beförderung der ausländischen Dschihadisten an den Kriegsschauplatz organisierte. Der amerikanische Hauptsitz in Brooklyn bekam später regelmäßig Besuch vom blinden ägyptischen Scheich Umar Abd ar-Rahman, der für das erste Attentat auf das World Trade Center 1993 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, sowie von einer Reihe weiterer Aktivisten. Das MAK wurde nach der Ermordung Azzams im November 1989 von Osama bin Laden übernommen und in die Strukturen von al-Qaida eingegliedert.

In den zehn Jahren, in denen die CIA den afghanischen Dschihad finanzierte, wurden von amerikanischer Seite geschätzt vier Milliarden US-Dollar gezahlt, zu denen noch einmal die gleiche Summe (matching funds) in saudischen Petrodollars hinzukam. Betrachtet man dieses Geld als Summe, mit der man das Ende der UdSSR herbeiführte, ist der Betrag lächerlich. Im Rückblick jedoch war dies der Preis für den Pakt mit dem Teufel, und berücksichtigt man noch den zweiten Anschlag auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001, wird der Preis unkalkulierbar.

Den Großteil der Operationen vor Ort führten Afghanen aus, die man als »Mudschaheddin« bezeichnet – die arabische Bezeichnung für »Kämpfer des Dschihad« im Partizip II aktiv. Der Autor dieses Buches und einige Kollegen schufen den Neologismus »Dschihadisten«, indem sie ein griechisch-lateinisches Suffix an einen arabischen Wortstamm hängten, um die einheimischen Kämpfer von den ausländischen zu unterscheiden, von denen rund 40.000 sich dem Kampf angeschlossen hatten. Sie kamen aus Nordafrika, dort vor allem aus Algerien, Libyen und Ägypten, von der arabischen Halbinsel, aus Pakistan und aus dem asiatischen Raum zwischen Malaysia und den Südphilippinen, zudem trafen muslimische Migranten aus den Vereinigten Staaten und bereits damals einige Dutzend aus den europäischen Vorstädten ein. Sie erhielten von der CIA eine Militärausbildung, waren jedoch kaum an den Kämpfen selbst beteiligt. Sie nutzten ihre Ausbildung im darauffolgenden Jahrzehnt, nachdem sie in ihre Länder zurückgekehrt waren, vor allem für den Dschihad in Algerien und Ägypten oder im Dienste der nebulösen al-Qaida. In den beiden zuletzt genannten Ländern war es zu starken Unruhen gekommen – Sadat war am 6. Oktober 1981 ermordet worden –, und die Führer dieser Länder erleichterten die Ausreise der einheimischen Aktivisten, die sie nicht hinter Schloss und Riegel halten konnten, in der Hoffnung, sie dadurch loszuwerden. So etwa die rechte Hand und der spätere Nachfolger bin Ladens, der ägyptische Arzt Aiman az-Zawahiri: Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in Kairo reiste er über Saudi-Arabien nach Peschawar. Heute wissen wir, dass diese kurzsichtige Strategie sich wenige Jahre später gegen ihre Erfinder wandte, als die Dschihadisten in ihre Heimat zurückkehrten, um sie zu verwüsten. Doch während der 1980er-Jahre vermittelte sie die Illusion, man könne den militanten Islamismus unter saudischer Führung im Kampf gegen die Sowjetunion kanalisieren und die möglicherweise dabei auftretenden Ausschweifungen seien nur Lappalien.

Diese Weltsicht wurde getragen vom nationalen Sicherheitsberater von Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski. Der wichtigste Architekt der amerikanischen Unterstützung des afghanischen Dschihad verteidigte sie in einem Interview mit der Zeitschrift Le Nouvel Observateur am 15. Januar 1998:

Le Nouvel Observateur: Sie bedauern heute also nichts?

Zbigniew Brzezinski: Was sollte ich bedauern? Diese Geheimoperation war eine ausgezeichnete Idee. Sie sorgte dafür, dass die Russen in der afghanischen Falle saßen, und Sie wollen, dass ich das bedauere? An dem Tag, an dem die Sowjets offiziell die Grenze überschritten haben, schrieb ich Präsident Carter sinngemäß: »Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren eigenen Vietnamkrieg zu bescheren.« Und wirklich musste Moskau fast zehn Jahre lang einen für das Regime untragbaren Krieg führen, einen Konflikt, der zur Zermürbung und schließlich zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums führte.

Sie bedauern also nicht, damit den islamistischen Fundamentalismus gefördert, zukünftige Terroristen mit Waffen ausgestattet und beraten zu haben?

Was ist für die Weltgeschichte wichtiger? Die Taliban oder der Zusammenbruch des Sowjetimperiums? Ein paar islamistische Aufpeitscher oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Kriegs?

Welche Aufpeitscher? Es heißt doch immer wieder: Der islamische Fundamentalismus stellt heute eine weltweite Bedrohung dar.

Das ist Schwachsinn. Es heißt auch, der Westen müsse eine globale Politik im Hinblick auf den Islamismus entwickeln. Das ist dumm: Es gibt keinen globalen Islamismus.

Auch wenn man gut verstehen kann, dass die Befreiung Polens vom russischen Joch für einen in Warschau geborenen Junker ungemein wichtig war, so belegt das fehlende Vermögen, sich sogar 1998 noch keinen »globalen Islamismus« vorstellen zu können, jedoch die Defizite der amerikanischen Politikelite. Zu Beginn der 1980er-Jahre erkannte sie weder die Bedeutung der sunnitischen Islamisierung der Politik, die das saudische Königshaus anstrebte, noch deren Modalitäten – und noch viel weniger jene der iranischen Antwort auf diese Strategie –, war die amerikanische Politik doch intellektuell gefangen im Erbe des Kalten Kriegs.

Mit dem Abzug der Sowjets aus Kabul am 15. Februar 1989, ausgelöst auch vom Druck der Mudschaheddin, die mit ihren von der CIA gelieferten Boden-Luft-Raketen des Typs Stinger die russischen Luftstreitkräfte in die Knie gezwungen hatten, war der Weg frei für den Fall der Berliner Mauer am 9. November. Dieser wiederum ging der Auflösung des Kommunismus insgesamt voraus. Die damals anwesenden internationalen Dschihadisten, die die Weltgeschichte im Licht der Offenbarung und Errungenschaften des Islam (futuhat) lasen, waren überzeugt, dass sie die Heldentaten des Propheten, seiner Anhänger und unmittelbaren Nachfolger wiederholt hatten, jene »neue koranische Generation« (jil qurani jadid), die Sayyid Qutb heraufbeschworen hatte, um die Dschahiliya zu zerstören – die heutige gottlose »Barbarei«. So wie die Reiter unter dem Banner des Propheten mit der Schlacht von al-Qadisiya 636 das Sassanidenreich besiegten – eine der beiden »Supermächte« der damaligen Zeit –, so hatten die Dschihadisten nun in Kabul die Sowjets geschlagen. (Saddam Hussein nannte seine Offensive 1980 gegen den Iran ebenfalls »Qadisiya«.) Dem Beispiel der Araber und später des Osmanischen Reichs folgend, die ihren Sturm auf die andere Supermacht der Zeit, Byzanz, vervielfachten, bis sie 1453 besiegt war, verstärkten auch bin Laden und seine Verbündeten die antiamerikanischen Attacken, unter denen der »gesegnete zweifache Angriff« vom 11. September nur die Spitze war. In der Numerologie, die die islamistische Bewegung eifrig betreibt, kommt es zu einem die Geschichte überschreitenden Zusammenprall: Der 9/11 (9. November 1989, eleven nine auf Englisch), das Datum des Mauerfalls und Symbol für das Ende des Kommunismus und der Ost-West-Konfrontation, wie sie die Welt lange prägte, ist Vorbote seiner Umkehrung, dem 11/9 (11. September 2001, nine eleven auf Englisch), zu Beginn des neuen christlichen Jahrtausends. In den Augen der Dschihadisten erschien dieses Datum wie die Dämmerung eines triumphalen und heilbringenden islamistischen Millenniums, die über dem Schutt des gottlosen Westens aufsteigt.

Dem Moment des sowjetischen Rückzugs aus Kabul am 15. Februar 1989 schenkte kaum jemand wirklich Aufmerksamkeit. Dies frustrierte die sunnitische Achse, die ihre Krönung zum universellen Herrscher des Islam durch einen mit Petrodollars von der arabischen Halbinsel möglich gemachten, siegreichen Dschihad gewürdigt wissen wollte. Denn am Vorabend des Abzugs hatte Chomeini Salman Rushdie zum Tode verurteilt, da dieser mit seinem Roman Die satanischen Verse den Propheten beleidigt habe. Mit diesem meisterhaften Schachzug überdeckte der Ajatollah den reellen geopolitischen Sieg seines Rivalen, übertrug den Kampf auf das Schlachtfeld der Medien und sicherte sich dort den Sieg. Der Iran gab Milliarden Gläubigen auf der Welt zu verstehen, dass er ihr bester Verteidiger war, indem er gegen die »Demütigung Mohammeds« durch den indisch-britischen Schriftsteller vorging und eine weltweite Fatwa gegen ihn aussprach. Dieser Vorgang war auf mehreren Ebenen ein wirkungsvoller und semantischer Bruch. Die Bestürzung und der Skandal, den er im Westen verursachte, zogen alle Aufmerksamkeit der Journalisten auf sich, weshalb sie am folgenden Tag den Rückzug der Roten Armee nur als Nebensächlichkeit behandelten. Der Feldzug gegen den Roman hatte bereits sechs Monate zuvor im sunnitisch-islamistischen Milieu der indisch- und pakistanischstämmigen Briten begonnen und war unter den Muslimen des Subkontinents auf großes Echo gestoßen. Dies ging so weit, dass die Regierung in Neu-Delhi, obwohl säkular, das Buch zensierte. In London kam es zu Demonstrationen, die im Namen eines Gesetzes gegen Blasphemie ähnliche Maßnahmen forderten (das inzwischen aufgehobene Gesetz war bis dahin nur in Bezug auf die anglikanische Kirche angewandt worden). Im Januar war es in der wirtschaftlich stark gebeutelten Stadt Bradford, in den Midlands, in der zahlreiche arbeitslose Migrantinnen (mit ähnlichen ethnisch-konfessionellen Ursprüngen wie Rushdie) lebten, zu einer Bücherverbrennung gekommen. Mullahs und Führer muslimischer Verbände banden ein Exemplar des Buches an einen Pfahl auf einem Scheiterhaufen und zündeten diesen in Anwesenheit einer Menge von erregten Gläubigen direkt vor dem großen Rathaus an, das mit seinem gotisch-venezianischen Stil vom verloren gegangenen Reichtum aus Zeiten der Industrialisierung zeugte. Das im afghanischen Dschihad mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten verbündete Saudi-Arabien wollte die Angelegenheit nicht hochspielen, um die von dem Vorfall verunsicherte Regierung von Margaret Thatcher nicht zu brüskieren. Teheran jedoch erkannte die außergewöhnliche politische Chance, die sich hier auftat, und nutzte sie, indem es sich auch bei den muslimischen Sunniten und im Gegensatz zur Schwäche Riads als »Verteidiger des Propheten« positionierte. Chomeini löste einen noch nie da gewesenen Skandal im Westen aus, indem er dessen Prinzipien der freien Meinungsäußerung verspottete. Er fokussierte alle Aufmerksamkeit auf sich und verdeckte den amerikanisch-saudischen Erfolg in Kabul.

Im Rückblick gesehen schuf die Fatwa gegen Rushdie gleich mehrere Präzedenzfälle. Zuallererst machte sie aus dem gesamten Planeten eine »Domäne des Islam« – ein Territorium, in dem die Scharia gilt. Wenn ein britischer Staatsbürger, der in Großbritannien lebt, durch die Scharia zum Tode verurteilt wird, beansprucht sie folglich Gültigkeit auch im Vereinigten Königreich und dem Rest der Welt. Chomeinis Gewaltstreich hob die traditionellen Grenzen der muslimischen Weltbeschreibung auf und annektierte die gesamte Erde für sein eigenes juristisch-religiöses Unternehmen. Die beachtliche Symbolik dieser Verschiebung im Rahmen der Islamisierung der weltweiten Normen und Werte wurde damals mangels Bereitschaft zum Perspektivwechsel nicht erkannt und wird auch heute noch, drei Jahrzehnte später, unterschätzt. Dabei schuf sie eine neue Rechtsprechung, die auf identische Art und Weise bei weiteren Fällen von »Blasphemie« erneut eingesetzt wurde. Beispiele hierfür sind der Mord am Filmemacher Theo van Gogh, der am 2. November 2004 in Amsterdam von einem marokkanischstämmigen Niederländer wegen seines Films Submission erstochen wurde, die Kampagne gegen die Veröffent lichung von Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten am 30. September 2005 und das Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 durch die Brüder Kouachi, die dabei riefen: »Wir haben den Propheten Mohammed gerächt!« Auch wenn die Initiative von Schiiten ausging, so schuf sie doch eine Norm, die bald die konfessionellen Grenzen überschritt, denn auch Sunniten übernahmen sie in der Folge für eigene Maßnahmen.

Die Fatwa hatte noch eine weitere Konsequenz: Sie überzeugte die sunnitischen Dschihadisten von der Wichtigkeit der Medienöffentlichkeit, die sie bis dahin bei ihrem Kampf in Afghanistan vernachlässigt hatten. Aiman az-Zawahiri unterstrich deren Bedeutung in seinem Ende der 1990er online veröffentlichten strategischen al-Qaida-Manifest Ritter unter dem Banner des Propheten und zog selbst eine zwiespältige Bilanz des Dschihad in Bosnien, Algerien und Ägypten. Da sie zu eng gedacht waren, lösten sie nicht jene weltweite Resonanz aus, die ihnen Auftrieb gegeben und sie zum Sieg geführt hätte. In diesem Sinne hatten die Lektionen der Fatwa vom 14. Februar 1989 entscheidenden Einfluss auf die hollywoodreife Inszenierung des 11. September – im Satellitenfernsehen und vor allem auf Al Jazeera – wie auch auf die fast schon pornografisch wirkende Hinrichtung von Geiseln durch den sogenannten »Islamischen Staat« – in den sozialen Medien.

Neben dem Dschihad in Afghanistan belegen drei weitere Konflikte in den 1980er-Jahren einerseits den Einfluss des politischen Islam auf die internationalen Beziehungen und andererseits den Überbietungswettbewerb zwischen Schiiten und Sunniten in der Frage der Hegemonie über den Islam. Vor allem unter diesem Gesichtspunkt sollen die Konflikte hier betrachtet werden.

Saddam Hussein, der aus der im »arabisch-sunnitischen Dreieck« gelegenen irakischen Stadt Tikrit stammte, begann im September 1980 den Ersten Golfkrieg. Damit wurde die Baath-Partei gezwungen, mit dem Laizismus eines ihrer Gründungsprinzipien über Bord zu werfen und die ideologischen Regeln der Islamisierung der Region anzuerkennen. Sie ersetzte nun den säkularen arabischen Nationalismus, der am Ende seiner Kräfte war. Auf der irakischen Flagge erschien 1990 der Ausdruck Allah Akbar, Saddam ließ sich überall beim Beten filmen, und seinen Anhängerinnen, die bis dahin stolz ihren von jeglichem Aberglauben emanzipierten Kurzhaarschnitt zeigten, wurde auferlegt, sich streng zu verhüllen. Wie schon erwähnt, trug die Offensive gegen den Iran den Namen »Saddams Qadisiya« und erinnerte damit an die Entscheidungsschlacht, bei der Kalif Umar, der zweite Nachfolger des Propheten, 636 das Perserreich besiegte und dessen Gebiete besetzte. Saddam wollte auf diese Weise den religiösen Referenzrahmen selbst festlegen und seinen Gegner auf dessen sassanidische und zoroastrische Ursprünge reduzieren, was dessen Anspruch, den weltweiten Islam zu repräsentieren, unterwanderte. Teheran reagierte – und verurteilte urbi et orbi den Laizismus der Baathisten, da sie den Glauben als Täuschungsmanöver einsetzten. Um die Soldaten entsprechend der von Chomeini aktualisierten schiitischen Ideologie zu mobilisieren, nannte man im eigenen Sprachgebrauch die iranischen Militäroffensiven »Kerbela«: So sollte Saddam als Wiedergeburt des Umayyaden-Kalifen Yazid erscheinen, dem Mörder von Imam Hussein in Kerbela im Jahr 680. Und um die Gesamtheit der Muslime zu erreichen, bezeichnete man einige Feldzüge als »Badr«, eine Bezugnahme auf die erste siegreiche Schlacht des Propheten 624 an diesem Ort gegen die Kafir (»Gottlosen«) des Quraisch-Stamms – womit die »ungläubigen« Baathisten gemeint waren.

Saddams Motive zielten in zwei Richtungen, nach innen und nach außen. Auf nationaler Ebene wurde seine blutige Diktatur durch den Ölpreisanstieg ungemein reich, schließlich war der Irak nach Saudi-Arabien der weltweit zweitgrößte Erdölexporteur. Saddams Machtbasis war die arabisch-sunnitische Minderheit des Landes, die Bevölkerungsmehrheit aber ist schiitisch (und ihre bedeutendsten Heiligen Stätten, Kerbela und Nadschaf, liegen im Irak). Außerdem lebten Kurden und irredentistische Bevölkerungsschichten in den Bergen im Norden, von wo aus sie sporadisch Guerillaaktionen starteten. Saddam wollte gleichzeitig der möglichen Anziehungskraft der politischen Schia auf die große Mehrheit von Irakern begegnen und die revolutionäre Unordnung im Nachbarland ausnutzen. Der Irak sollte gen Osten ausgedehnt werden, und da das Land nur wenig Küste am Persischen Golf besaß (58 Kilometer), strebte Saddam auch die Annexion der arabischsprachigen iranischen Küstenregion Chuzestan an.

Auf regionaler wie internationaler Ebene wurde der Irak zum weltlichen Arm all derer, die die Ausdehnung und den Bekehrungseifer Chomeinis aufhalten wollten: die sunnitischen Ölmonarchien der Halbinsel – die sich im Mai 1981 gegen den Iran zum Kooperationsrat der Arabischen Staaten des Golfes (GKR) zusammenschlossen – und die Westmächte, darunter vor allem die Vereinigten Staaten und Frankreich. Alle Bedenken gegenüber Saddams unablässigen Verletzungen der Menschenrechte wurden beiseitegewischt, als er nun in den politischen Kreisen und von den Ölfreunden dieser beiden Länder hofiert wurde. Er pflegte gute Beziehungen zu Jacques Chirac und einem Gutteil der laizistischen Linken Frankreichs. Saddam kam in seinem Krieg gegen den Iran die Lieferung modernster Kriegstechnik zugute, vor allem die Leihgabe der französischen Marine-Kampfbomber Super-Étendard. Diese militärische Unterstützung war einer der Gründe für die Entführung westlicher Geiseln durch Teheran-freundliche Gruppen im Libanon, sorgte aber auch für den Umschlag des Kriegsgeschehens zuungunsten der Islamischen Republik.

Um ein Chaos zu vermeiden, war Ajatollah Chomeini gezwungen, den »bitteren Kelch bis zur Neige zu leeren« – also das Angebot eines Waffenstillstandsabkommens zwischen den beiden ausgebluteten Ländern zu akzeptieren, das am 20. August 1988 die Kämpfe beendete. Diese Niederlage wollte er verschleiern und die »Oberhand zurückgewinnen«, als er am 14. Februar 1989 die Fatwa gegen Rushdie erneuerte. Chomeini starb am 3. Juni 1989 im Alter von 87 Jahren. Der Tod des charismatischen Imam war die notwendige Bedingung für die langsame Rückkehr der Islamischen Republik in die internationale Gemeinschaft. Saddam Hussein hingegen konnte sich durch seinen Sieg an der Spitze des verwüsteten, ruinierten Landes behaupten. Da er sich jedoch bei den Ölmonarchien tief verschuldet hatte, stürzte er sich im August 1990 in das Abenteuer der Invasion seines Gläubigers Kuwait und damit in den Zweiten Golfkrieg. Sowohl im Irak als auch im Iran hatten die enormen Reichtümer aus dem Ölverkauf für eine gesteigerte Kriegslust der politischen Führung gesorgt und die militärische Aufrüstung begünstigt, in Saddams Fall vor allem durch die Westmächte. Der Ölreichtum hatte zudem den Bruch zwischen Schiiten und Sunniten zu einem Höhepunkt geführt, weit über den militärischen Konflikt zwischen Persern und Arabern hinaus.

Um den Druck auf ihre Grenzen und den Luftraum zu reduzieren, trug die Islamische Republik zur gleichen Zeit den Konflikt über Stellvertreter in den Libanon. Der Iran nutzte die Schwachstellen, die der fortdauernde libanesische Bürgerkrieg und der immer gewalttätiger werdende israelisch-palästinensische Konflikt boten. Die 1980er-Jahre wurden tatsächlich sowohl durch die zunehmende Islamisierung des Vokabulars in beiden Konflikten als auch durch das Vordringen iranischer Interessen geprägt, was im Libanon deutlich, in Palästina etwas schwächer wahrzunehmen war. Teheran hatte damit einen bis dahin unbekannten, aber beachtlichen Hebel in der Hand, um Druck auf den Westen auszuüben. Im Libanon zeigte sich dies zunächst durch Entführungen. Außerdem wurde die schiitische Gemeinschaft mobilisiert, die im Land zwar die Mehrheit bildete, politisch aber an den Rand gedrängt worden war. So entwickelte sich die Hisbollah zur dominanten Kraft im Zedernstaat, und es gelang ihr in den folgenden drei Jahrzehnten, alle konstitutiven Minderheiten des levantinischen Mosaiks hinter sich zu vereinen, darunter auch die orientalischen Christen. Gerade für die Christen schwang in der Ausbreitung des dschihadistischen Salafismus immer die drohende Auslöschung mit, die der IS schließlich auf die Spitze trieb. Aus den schiitischen Zonen im Südlibanon heraus ersetzte die Hisbollah de facto mit ihrem »Widerstand« (Mouqawama) gegen Israel den eigentlichen palästinensischen Widerstand, und unterstützte in diesem Zuge auch die Hamas – Letztere eines der wenigen Beispiele für eine sunnitisch islamistische Gruppierung, die in Verbindung mit der Muslimbruderschaft steht und an Teheran ausgerichtet ist.

Im Süden des übel zugerichteten und geteilten Libanon, auf den seit dem syrischen Einmarsch im Juni 1976 Damaskus großen Einfluss ausübte, hatten Palästinenser Raketenwerfer aufgebaut und feuerten damit auf das israelische Galiläa. Die Folge war, dass Israel im Juni 1982, im Rahmen der Operation »Frieden für Galiläa«, in das Gebiet einmarschierte. Die bis in die Vororte von Beirut vorrückenden Israelis vertrieben die palästinensischen Gruppen zunächst in den Nordlibanon und schließlich ganz aus dem Land. Die Palästinenser flohen auf französischen Schiffen nach Tunis (um später ins nordlibanesische Tripolis zurückzukehren, von wo die Syrer sie im Dezember 1983 erneut verjagten). Zunächst begrüßte die schiitische Bevölkerung den israelischen Einmarsch, der sie von den palästinensischen Fedajin befreite. Doch die israelische Militärpräsenz, die eine Verbindung mit prowestlichen christlichen Kämpfern schuf, verschlechterte das Verhältnis der lokalen Kräfte mit Damaskus und dessen iranischen Verbündeten. Die Ermordung des libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel führte im September 1982 zu einem Rachemassaker in den palästinensischen Lagern Sabra und Schatila, das phalangistische Milizen unter den Augen der israelischen Armee verübten. Bachirs Bruder, Amine Gemayel, übernahm die Amtsgeschäfte und unterzeichnete eine Vereinbarung mit Israel, in der der Abzug der Armee aus dem Libanon und ein Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern vorgesehen war, was allerdings ein gemeinsames Vorgehen Syriens und des Iran verhindern konnte. Die Islamische Republik entsandte mehrere Hundert Revolutionsgarden (Pasdaran) in die Bekaa-Ebene mit ihrer schiitischen Bevölkerungsmehrheit und griff damit direkt auf libanesischem Boden ein. Wenig später erfolgte die Gründung der »Partei Gottes« oder Hisbollah, die Chomeini als Führer und Mentor ansah. Der Libanon kann seit dem 15. Dezember 1981 als Echokammer des schiitisch-sunnitischen Konflikts im Ersten Golfkrieg gelten, als mit einem Anschlag gegen die irakische Botschaft das erste Selbstmordattentat begangen wurde. Nach Ankunft einer multinationalen Eingreiftruppe aus US-Amerikanern, Franzosen und Italienern im September 1982, die die Kämpfer auseinandertreiben sollte, wurde im April 1983 ein weiterer Anschlag dieses Typs gegen die diplomatische Vertretung der Vereinigten Staaten verübt, dem 63 Menschen zum Opfer fielen. Am 23. August folgten zwei weitere Attentate auf amerikanische und französische Kasernen des Expeditionskorps (die 256 beziehungsweise 58 Menschenleben kosteten). Auch wenn niemand sich zu dieser Politik des Terrors bekannte, so passt sie zu den iranischen Selbstmordanschlägen an der irakischen Front. Aus diesem Einsatz eines asymmetrischen Kriegs gegen konventionelle Truppen der Großmächte zog der neueste Dschihadismus seine Inspiration, im Libanon führte er 1984 zum Abzug der internationalen Eingreiftruppe. Die syrisch-iranische Achse entwickelte sich – durch unzählige zweitrangige Wechselfälle während eines dreißigjährigen Konflikts – im Libanon nach und nach zur tonangebenden Macht.

Zur zweiten Ebene dieser Strategie gehört die Geiselnahme vom 22. März 1985, bei der zwölf Franzosen, acht US-Amerikaner und sieben Bürger anderer, dem Iran feindlich gesonnener Nationen entführt wurden. Zu der Entführung von Jean-Paul Kauffmann und Michel Seurat zwei Monate später bekannte sich eine schiitische »Organisation des islamischen Dschihad«. Sie forderte ein Ende der französischen Hilfe für den Irak – just in dem Moment, in dem Paris die Super-Étendard-Kampfflugzeuge geliefert hatte – und muss im Zusammenhang mit der iranischen Forderung verstanden werden, die in die nukleare Wiederaufbereitungsanlage Eurodif investierten Geldmittel zurückzuerhalten, was Frankreich blockierte. Paris empfand die Geiselnahme als nationale Tragödie, zumal ein Fernsehteam, das über die Vorfälle informierte, ebenfalls entführt und getötet wurde. Die Geiselnahme Michel Seurats und sein anschließender Tod in Gefangenschaft hatten 1989 ein Nachspiel in Form des Besuchs des Außenministers Roland Dumas in Teheran. Im Anschluss wurden einige in Frankreich inhaftierte Terroristen freigelassen und ausgewiesen, darunter ein libanesischer Schiit, der im Juli 1980 in einem Pariser Vorort versucht hatte, den ehemaligen Chef der letzten Schah-Regierung und Gegner der Islamischen Republik, Schapur Bachtiar, zu töten.

Neben der Nutzung des libanesischen Staatsgebietes als Schaltstelle der antiwestlichen Aktivitäten des Iran, wurde im Südlibanon, der nach und nach vollständig unter die Kontrolle der Hisbollah geriet, eine Hochburg des Widerstands gegen Israel errichtet. Das schärfste Schwert war nun die »Partei Gottes« und nicht mehr die PLO: Die Hisbollah ersetzte den arabischen Nationalismus, für den die PLO stand, und entwickelte sich zum stärksten Kämpfer in der Auseinandersetzung mit der »zionistischen Einheit«. Dadurch erhöhte sie ihre Popularität im Iran, aber auch in der arabischen Welt insgesamt – obwohl diese mehrheitlich sunnitisch geprägt ist. Dieser Prozess kulminierte im »33-Tage-Krieg« (Libanonkrieg) zwischen Israel und der Hisbollah vom 12. Juli bis 14. August 2006. Dieser endete mit einer Niederlage der israelischen Armee und machte aus Hassan Nasrallah, dem Generalsekretär der Hisbollah, den arabischen Helden schlechthin. Sogar in den Satelliten-TV-Programmen auf der arabischen Halbinsel wurde er gefeiert, eine Premiere für einen Schiiten, der dem Führer der Islamischen Republik, Ajatollah Chamenei, die Treue geschworen hat.

Im Libanon selbst stellte sich die Hisbollah als Inbegriff des »Widerstands« dar, dessen arabische Bezeichnung Mouqawama als Namensgeber für ihre Maßnahmen diente. Daraus leitete sie das Recht ab, ihre Waffen zu behalten, als alle anderen Milizen entwaffnet wurden, und erhielt eine Legitimität jenseits der eigenen Gemeinschaft. Sie konnte ab Ende der 1980er-Jahre ihren Einfluss immer weiter auf das gesamte Land ausdehnen und so das am 22. Oktober 1989 in der saudischen Stadt Taif unterzeichnete Abkommen ermöglichen, mit dem der 15 Jahre andauernde Bürgerkrieg beendet und die Niederlage der Christen festgeschrieben wurde. Tatsächlich verlor der maronitische Präsident der Republik dabei einen Großteil seiner Machtbefugnisse zugunsten des sunnitischen Ministerpräsidenten. Der durch Petrodollar ermöglichte Sieg Saudi-Arabiens zeigte sich nicht zuletzt symbolisch auch in der Person des libanesisch-saudischen Milliardärs und Politikers Rafiq Hariri. In Wirklichkeit waren die Vereinbarungen jedoch rasch überholt, da sich im Laufe der vorangegangenen Jahre die Kräfteverhältnisse vor Ort verändert hatten: Die sunnitische Gemeinschaft wurde zunehmend von der Hisbollah marginalisiert – was dies in den 2000er-Jahren mit sich brachte, soll im Folgenden erläutert werden.

Die Islamisierung des Palästina-Konflikts und dessen Eingliederung in die Rivalität zwischen Schiiten und Sunniten war eine der bedeutenden Veränderungen im Nahen und Mittleren Osten während der 1980er-Jahre. Kurz nach dem Triumph der iranischen Revolution veröffentlichte Fathi Schakaki, ein von den Muslimbrüdern inspirierter und nach Ägypten exilierter palästinensischer Arzt, 1979 ein erfolgreiches Buch mit dem Titel Chomeini: die alternative islamische Lösung. Das sowohl dem Titelgeber und »revolutionären Imam« als auch dem Gründer der Muslimbruderschaft Hassan al-Banna (dem »Märtyrer-Imam«) gewidmete Buch betont die intellektuelle Nähe der radikalsten Muslimbrüder, der Anhänger von Sayyid Qutb, zu den militanten Schiiten, jenseits der Treuepflicht der Sekte. Schakaki gründete damit den »Islamischen Dschihad in Palästina«, eine bewaffnete Gruppe, die ab 1983 die ersten blutigen Angriffe gegen Israel in den besetzten Palästinensergebieten durchführte. Damit wollte er belegen, dass der jüdische Staat nicht unverwundbar war, derweil die PLO in ihrem libanesischen Exil ausharrte und die moderaten palästinensischen Muslimbrüder sich auf karitative Maßnahmen beschränkten. In diesen Jahren wurden die geheimnisvollen palästinensischen Ausbildungslager, die derzeit im Libanon aufgelöst werden, durch jene der Dschihadisten – der »Qaida« – zwischen Peschawar und der afghanischen Grenze ersetzt. Der wichtigste Ideologe des Dschihad, Abdallah Azzam, verstand sich trotz allem immer als palästinensischer Muslimbruder und Anhänger Qutbs und erinnerte in seinen Schriften stets daran, dass die Befreiung und Islamisierung seines Heimatlands sein oberstes Ziel seien, auch wenn die Umstände in Afghanistan derzeit die beste Möglichkeit für einen bewaffneten Dschihad böten.

Die Kombination aus Schakakis und Azzams Einfluss verstärkte die Radikalisierung der palästinensischen Muslimbrüder und führte schließlich zur ersten Intifada (»Aufstand«) oder dem »Krieg der Steine« im Dezember 1987. Diese Phase des Widerstands gegen Israel, während der folgenden zehn Jahre zunächst von außen ins Innere Palästinas, ins Westjordanland, nach Jerusalem und in den Gazastreifen, dann auf das israelische Staatsgebiet selbst getragen, wurde von der Entstehung der Islamischen Widerstandsbewegung begleitet, dessen arabisches Akronym das Wort Hamas bildet. Je länger sich die Intifada hinzog, umso mehr machte die Hamas Arafats PLO die Führungsrolle im palästinensischen Kampf streitig. Sie veröffentlichte beispielsweise einen eigenen Kalender mit verpflichtenden Streiktagen. Als die Hamas am 18. August 1988 ihre Charta verabschiedete, setzte sie sich damit deutlich von jener der PLO ab, die bisher als exklusive Referenz gedient hatte. In der Charta betonte die Hamas, der Dschihad für die Befreiung Palästinas sei eine »individuelle Verpflichtung« (fard ayn) jedes Einzelnen. Mit diesen Worten hatte Azzam bereits den Dschihad in Afghanistan begründet, der kurz davorstand, der Roten Armee eine Niederlage zu bereiten. Auch wenn die PLO Ende der 1980er noch ihre politische Bewegungsfreiheit besaß, so war sie doch von der Islamisierung der Palästina-Frage stark getroffen, zumal diese in den folgenden Jahren noch zunahm und von den Petrodollars der arabischen Halbinsel finanziert wurde: 1990 überwies Kuwait 60 Millionen US-Dollar an die Hamas und nur 27 Millionen US-Dollar an die PLO. Im August desselben Jahres drängte Arafat Saddam Husseins Irak zur Invasion des Emirats.

Das Jahr 1989: der Dschihad und der Zusammenbruch des Kommunismus

Als 1989 das Jahrzehnt endete, hatte sich im internationalen System ein islamisch geprägter Raum fest etabliert. Während die Aufteilung zwischen der von Washington geführten freien Welt und dem von Moskau gelenkten sozialistischen Raum nach der Konferenz von Jalta 1945 als Hauptantrieb für die Dialektik der Welt galt, schuf 1989 eine neue Wasserscheide. Die von den Einkünften aus dem Ölverkauf getragene Islamisierung ist ein umso stärkeres Symbol des kulturellen Bruchs, als in diesem Jahr auch der 200. Jahrestag der Französischen Revolution begangen wurde, der Geburtsstunde des Laizismus par excellence. In Frankreich belastete eine erste Auseinandersetzung um das Tragen des Schleiers in einer Schule in Creil (Region Paris) die Feierlichkeiten. Damit war der Startschuss für zahlreiche juristische Auseinandersetzungen gegeben, die von islamistischen Verbänden gegen den Staat angestrengt wurden, bis ein Gesetz im März 2004 endgültig das Tragen von »offensichtlichen religiösen Kennzeichen« in öffentlich finanzierten Schulen verbot. Bedenkt man die Aufregung in Großbritannien um die Anfang desselben Jahres gegen Rushdie ausgesprochene Fatwa, standen sich damit in gewisser Weise zwei dominante Auffassungen gegenüber: Doch sowohl der britische multikulturelle Säkularismus als auch der französische Laizismus entstammen der modernen europäischen Aufklärung und wurden beide mit voller Wucht von der Islamisierung der gesellschaftlichen und moralischen Werte getroffen, zum einen aus Richtung der schiitischen Revolution, zum anderen vom sunnitischen Konservatismus.

Es war ein bedeutsamer Zufall, dass sich die »Schleier-Affäre« von Creil, bei der sich am 18. September 1989 drei muslimische Schülerinnen in einem Pariser Vorort weigerten, den hijab im Unterricht abzulegen, wenige Wochen vor dem Fall der Berliner Mauer am 9. November ereignete. Als Augenzeuge erinnere ich mich, dass die französische Presse und Öffentlichkeit sich über die Verschleierung der Schülerinnen mehr erregten als über den Mauerfall. Wie bereits erwähnt, hatte auch Chomeinis Urteil über den Verfasser der Satanischen Verse am Valentinstag 1989 in den Medien den sowjetischen Rückzug aus Kabul am folgenden Tag, dem 15. Februar, völlig überdeckt. Der von einem Stück Stoff vor dem Gesicht von Teenagerinnen hervorgerufene Vorfall nahm trotz seiner Trivialität in der französischen Öffentlichkeit einen solchen Raum ein, dass der Zusammenbruch der UdSSR und des Kommunismus und damit das Ende des Kalten Krieges kaum wahrgenommen wurden. Auch wenn Beobachter aus dem englischen Sprachraum Gefallen daran fanden, die Aufregung in Frankreich zu verspotten, so spürte die französische Gesellschaft doch eine gewisse Angst vor dem schleichenden Bruch auf kultureller Ebene, der sich darin zeigte, dass die Vororte nach und nach islamisiert wurden. Der Bruch ersetzte jene Spaltung auf sozialer Ebene, die sich in der Politik in der Opposition zwischen links und rechts ausdrückte. Dies spiegelte das Ende der weltweiten Konfrontation zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und freier Welt wider und läutete eine Lesart der Gegenwartsgeschichte ein, bei der sich im »Kampf der Kulturen« der Westen und der Islam wie zwei unversöhnliche Einheiten gegenüberstanden, wie es Harvard-Professor Samuel Huntington in seinem gleichnamigen Bestseller von 1996 nannte. Drei Jahrzehnte später muss man festhalten, dass sich dieser kulturelle Bruch deutlich verstärkt hat und, über seine Steigerung in den dschihadistischen Terrorismus, zu einer der großen Verwerfungen der französischen Gesellschaft (wie auch des übrigen Europas) geworden ist. Dieses Phänomen konnte Frankreich bereits 1989 aus nächster Nähe in Algerien beobachten – einer Region, mit der Frankreich durch eine unerfreuliche, 130-jährige Kolonialgeschichte und mehrere Millionen Einwohner algerischer Herkunft verbunden ist, von denen die meisten bereits französische Staatsbürger waren oder es werden wollten.

Im März 1989 gründete ein Konglomerat aus unterschiedlichen Aktivisten, islamistischen Predigern, Salafisten und Dschihadisten verschiedenster Richtungen in der Ben-Badis-Moschee in Algier die Front islamique du salut (FIS, Islamische Heilsfront). Zu diesem Zeitpunkt kehrten algerische Afghanistan-Kämpfer in ihr Heimatland zurück und wurden für ihren Sieg gegen die Sowjetunion gefeiert – dabei hatte Moskau, einer der wichtigsten Förderer der in Algerien regierenden FLN, in seinen Universitäten und Militärakademien zahlreiche algerische Kader ausgebildet und Algeriens Armee ausgerüstet. Dank der Einkünfte aus dem Öl- und Gasverkauf hatte Algerien »den Sozialismus aufgebaut«, kontrolliert durch eine Oligarchie von Generälen, die sich mit dem Geldsegen Ruhe und Frieden erkauften. Im Zuge dessen zerstörten sie jedoch jeglichen Ansatz einer Zivilgesellschaft und trugen zur Zerschlagung der wirtschaftlich entscheidenden Klasse bei. Diese Strategie entließ die Bevölkerung, deren starkes Wachstum eine hartnäckige Konkurrenz zu Marokko um die Vorherrschaft im Maghreb auslöste, aus jeglicher Verantwortung und machte das Land für Schwankungen im Ölpreis anfällig, da der Verkauf von Rohstoffen die gesamte Wirtschaftsleistung bestimmte. Der konjunkturelle Einbruch 1986, der den Staatshaushalt halbierte, führte zu Entbehrungen und einer Senkung des Lebensniveaus. Misswirtschaft, Korruption und die Allgegenwart des trabendo (Schwarzmarkt) verschlimmerten die Lage zusätzlich.

In diesem schwierigen Umfeld brachen am 4. Oktober 1988 Unruhen aus, deren Niederschlagung mehrere Hundert Tote forderte. Die urbane, arme, revoltierende Jugend beschimpfte die Polizisten dabei als »Juden«, die sich den Israelis angenähert hätten, denn das Staatsfernsehen übertrug Bilder der gleichzeitig stattfindenden Repressionen gegen die Intifada. Wie im Iran 1978 hatte der algerische Aufstand anfangs keinen religiösen Charakter, doch die Staatsführung selbst appellierte an die Prediger. Am 10. Oktober empfing Staatspräsident Chadli Bendjedid muslimische Geistliche, um die Situation zu entschärfen, denn es war schon zu Plünderungen gekommen. In den 1980er-Jahren war die islamistische Bewegung in Algerien, wie übrigens in der gesamten sunnitischen Welt, stark angewachsen. 1982 schloss sich Moustapha Bouyali nach der Lektüre von Sayyid Qutbs Texten der Führung des Mouvement islamique armé (MIA) an (ganz ähnlich wie die FLN während des Unabhängigkeitskriegs gegen Frankreich agiert hatte), um durch einen Dschihad die Scharia im Land durchzusetzen. Sein Erfolg blieb jedoch bescheiden, und er wurde fünf Jahre später getötet – wohingegen die Regierung all jene bestärkte, die nach Afghanistan gehen und den Kämpfern nacheifern wollten, denn damit konnte sie sie loswerden … Zur gleichen Zeit kämpften konservative Kreise gegen linke Universitätsstudenten und forderten die allgemeine Abschaffung des Französischen zugunsten des Arabischen sowie die Anwendung der Scharia, wozu sie öffentliche Gebete abhielten: Auch sie bekamen Repressalien zu spüren. Das Regime folgte dem Beispiel Sadats, der ein Jahrzehnt zuvor in Ägypten dieser Bewegung den Wind aus den Segeln hatte nehmen wollen, indem er eine vom Staat kontrollierte Islamisierung förderte. Eine vom Koran inspirierte Familiengesetzgebung wurde verabschiedet, im Land eröffneten überall Moscheen, Bücher und Tonbänder wahhabitischer Prediger überschwemmten die Buchmesse in Algier und verdrängten Texte auf Französisch. Die Regierung lud den ägyptische Scheich Yusuf al-Qaradawi ein (der später als Fernsehprediger im Sender Al Jazeera ein großes Publikum erreichen und einer der wichtigsten Akteure bei der Islamisierung des Arabischen Frühlings 2011 werden sollte), damit er als Ansprechpartner vor Ort das »islamische Erwachen« begleitete.

Im Zusammenhang mit der allgemeinen, von den Ölmonarchien der arabischen Halbinsel seit 1973 geförderten Islamisierung der politischen Ordnung entstand in Algerien eine Art Gegen-Elite – womit sich in Nordafrika mit Verspätung das durchsetzte, was im Nahen und Mittleren Osten bereits geschehen war. An diese Gegen-Elite wandte sich Staatspräsident Chadli, mittlerweile der traditionellen Verbindung zur einzigen, inzwischen aber schwächelnden und im Mittelpunkt der Proteste stehenden Partei, der FLN, beraubt, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Am 10. Oktober empfing er den Prediger Sahnoun, einen ehemaligen Schüler Bouyalis und leidenschaftlichen Tribun des Dschihadisten Ali Belhadj, sowie den Führer der Muslimbrüder, Mahfoud Nahnah. Nach ihrem Aufruf endeten die Plünderungen – was bestätigt, wie groß ihr Einfluss war. Im Gegenzug erlaubte Chadli ein Mehrparteiensystem und eröffnete damit die Möglichkeit zur oben erwähnten Gründung der Islamischen Heilsfront FIS 1989. Sie wuchs ungemein rasch, zumal es ihr gelang, unter der Führung einer islamistischen Intelligenz zwei sich antagonistisch gegenüberstehende soziale Klassen zu vereinen: zum einen die arme, urbane Jugend – im Dialekt mit dem Spitznamen hittistes versehen (»die die Mauer festhalten«, wegen ihrer Untätigkeit) – und zum anderen die fromme Mittelschicht. Dieser revolutionäre Prozess erinnerte an die Anfänge im Iran in den Jahren 1978–1979. Die FIS forderte bald von der »gottlosen« Justiz die Freilassung von inhaftierten MIA-Dschihadisten, organisierte unaufhörlich Protestmärsche und Sit-ins und gewann hohes Ansehen, als sie nach dem Erdbeben in Tipasa im September die Aufgaben des schwachen Staats übernahm. Die FIS gewann mit großem Vorsprung die Kommunalwahlen im Juni 1990 und errichtete daraufhin ein Netz von »islamischen Gemeinden«. Auch im ersten Wahlgang zur Parlamentswahl im Dezember 1991 siegte sie. Dann jedoch schritt die Armee ein und verweigerte der Partei ihren Sieg, was, wie im Folgenden beschrieben werden wird, einen Dschihad in Gang setzte, der bis in das Staatsgebiet Frankreichs hineinwirkte.

Auch wenn in Algerien die Machtübernahme durch die Islamisten trotz ihrer anfänglichen Erfolge verhindert werden konnte, so übernahm im Jahr 1989 zum ersten Mal eine sunnitisch geprägte Persönlichkeit mit islamistischer Überzeugung die Führung eines arabischen Landes: Hasan at-Turabi im Sudan. Der charismatische Intellektuelle entstammte einem religiösen Milieu, erhielt seine Ausbildung allerdings in England und Frankreich, wo er mit der Dritte-Welt-Bewegung in Kontakt kam. Wie Ali Schariati auf schiitischer Seite wollte er die Islamisierung der Gesellschaft »von oben« erreichen. So wandte er sich vornehmlich an die sudanesische Intelligenz, die zu großen Teilen der außergewöhnlich mächtigen Kommunistischen Partei angehörte. Nach Verbüßung einer siebenjährigen Haftstrafe übernahm er einen pragmatischeren Ansatz und unterwanderte sowohl den Staatsapparat als auch die Armee und das islamische Bankenwesen, das Saudi-Arabien im Land aufgebaut hatte. In den letzten Jahren des Regimes unter General Numairi, also in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre, wuchs sein Einfluss. Er ergriff Maßnahmen zum Verbot von Alkohol sowie zur Einführung der Scharia und traf sich im Januar 1985 mit dem Intellektuellen Mahmud Muhammad Taha, der eine neue, kritische Lesart des Koran vorschlug. Nachdem im selben Jahr Numeiri gestürzt worden war und ein Bürgerkrieg zwischen dem muslimischen Norden und dem animistischen und christlichen Süden das Land verwüstete, gründete Turabi die Nationale Islamische Front. Er lieferte der Armee die Legitimation für ihre Taten und wurde, als der militärische Rückschlag Khartums im Süden am 30. Juni 1989 zum Staatsstreich durch Umar al-Baschir führte, zu dessen grauer Eminenz.

Während das sowjetische Regime und die kommunistische Ideologie Ende 1989 in sich zusammenbrachen, eilte der politische Islamismus von Sieg zu Sieg – angefangen bei seiner Rolle beim Triumph über die Rote Armee in Kabul bis hin zur Machtübernahme in Khartum. Hinzu kamen die Affären rund um Rushdie in Großbritannien und den Schleier in Frankreich, bei denen der Islam in Bereiche der säkularisierten Kultur zweier europäischer Demokratien eindrang, um religiöse Werte umzusetzen. Nicht zu vergessen die Vereinbarung von Taif, mit der die sunnitische Vorherrschaft im Libanon gefestigt wurde, sowie die Gründung der FIS und der Hamas. Die Auswirkungen dieser Entwicklung sollten noch lange spürbar bleiben, auch wenn es zunächst nicht danach aussah. In Algerien wurde der Dschihad ausgerufen, als die Armee kurz vor dem erwarteten Sieg der FIS die Wahlen für beendet erklärte. Hier geschah das, was das letzte Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts prägen sollte und auch für den zeitgleich stattfindenden Dschihad in Ägypten und Bosnien galt: Alle drei scheiterten.

Die erste Phase des gescheiterten Dschihad: die 1990er-Jahre

Vor allem die Entstehung von drei Fronten, ganz ähnlich jener, die kurz zuvor in Afghanistan mit einem vorbildhaften Erfolg geendet war, kennzeichnete die 1990er-Jahre: die Kämpfe in Ägypten, Algerien und Bosnien (die beiden letzteren berührten Europa unmittelbar und wiesen auf die Attentatswellen voraus, die den alten Kontinent noch überschatten sollten). Nach drei- bis fünfjährigen Auseinandersetzungen gelang in keinem der Länder eine Machtübernahme, doch bin Laden und Zawahiri zogen aus diesen Niederlagen Lehren, um eine zweite Phase vorzubereiten, die ihren Höhepunkt am 11. September 2001 mit dem »gesegneten zweifachen Angriff« in New York und Washington erreichte.

Das Jahrzehnt begann mit einem internen Konflikt um die Einnahmen aus dem Ölverkauf in den sunnitischen Förderländern. Als sich Dschihadisten dabei gegen das Regime in Riad wandten, verursachte dies einen Riss im Prozess der Islamisierung, die die Ölmonarchien eigentlich förderten. Die von den Vereinigten Staaten angeführte Militärkoalition zur Befreiung des vom Irak besetzten Kuwait agierte von saudischem Boden aus und rief, zehn Jahre nach dem Angriff auf Mekka, gewalttätige Proteste in Saudi-Arabien hervor. Osama bin Laden wurde zu einem der führenden Köpfe dieser Gegenreaktion, was seinen Bruch mit den Autoritäten des Landes erklärt. Der irakische Einmarsch in Kuwait am 2. August 1990 ist auch daher deutlich paradoxer als der Krieg zwischen dem Iran und Irak, da das Emirat Kuwait, genau wie andere Ölmonarchien des Golf-Kooperationsrates, die Ausbreitung der Chomeini-Revolution auf der arabischen Halbinsel mit großzügigen Krediten für »Saddams Qadisiya« hatte bremsen wollen. Im Sommer 1988, nach dem Ende des Ersten Golfkriegs, war diese Gefahr beseitigt worden, Bagdad aber wegen der zerstörten Ölförderanlagen nicht mehr in der Lage, seine Schulden abzuzahlen. Die Eskalation der Spannungen erreichte im damals scherzhaft so genannten »Bankenangriff« durch den Schuldner ihren Höhepunkt. Dass sich das Interesse am Erdöl, Kriegslust und Islamisierung in diesem Konflikt miteinander vermengten, zeigte sich auf Anhieb dadurch, dass die Invasion am Morgen des Tages stattfand, an dem die Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) in Kairo zusammenkamen. Im Jahr zuvor hatte Kuwait noch den Vorsitz der OIC innegehabt. Just in dem Moment, in dem diese zur weltweiten Verbreitung des Islam unter saudischer Führung gegründete Institution eine Sitzung eröffnete, wurde ein Mitgliedsstaat von einem anderen erobert und annektiert. Nachdem Saddams Armee rasch mit dem Emirat fertiggeworden war (es hieß fortan nur noch »19. Provinz« des Irak), marschierte sie nun an der Grenze zu Saudi-Arabien auf, die Ölfelder von Hasa in Reichweite.

In unsagbarer Panik rief König Fahd, »Diener der zwei Heiligen Stätten«, am 7. August US-Truppen um Hilfe. Da er »ungläubige« Militärs einlud, den heiligen Boden des Landes zu betreten, sah sich der wahhabitische Herrscher dem Vorwurf des Glaubensabfalls ausgesetzt, den ihm genau jene Dschihadisten machten, die Riad in Afghanistan umfänglich finanziert hatte. Diese Anschuldigung stützte sich auf einen Spruch (hadith) des Propheten, den die Monarchie selbst genutzt hatte, um jeden anderen Kult außerhalb des Islam auf seinem Gebiet zu untersagen: »Vertreibt die Juden und Christen von der arabischen Halbinsel.« In der wörtlichsten Interpretation untersagte dies den Rückgriff auf Soldaten der »Kreuzritter«, die Aufruhr unter den Muslimen säen würden. Diese Spaltung im salafistisch-sunnitischen Lager blieb in den folgenden Jahrzehnten bestehen. So wie Saddam Hussein das islamische Register genutzt hatte, um Teheran die Vorherrschaft über den Islam streitig zu machen – er nannte, wie erwähnt, seine Offensive »Qadisiya« –, so gab er seinem Beutezug nach Kuwait und seinem Konflikt mit Saudi-Arabien den Ton eines Dschihad gegen die ungläubigen Dynastien, die sich vom Westen abhängig gemacht hätten. Um die schwache religiöse Legitimation seines Apparats zu verdecken – er hatte zahlreiche Prediger hängen, ermorden oder einsperren lassen – und um der gut geölten Maschinerie des Organismus der großen saudischen Ulemas etwas entgegenzusetzen, gab Saddam Hussein seinem Dschihad populistische Akzente. So verstärkte er den Hass auf die Kreuzfahrer, den Kolonialismus, den Imperialismus et cetera, nachdem rund eine halbe Million US-amerikanischer Soldaten im wahhabitischen Königreich eingetroffen waren. Die Unterstützung, die er in der arabischen Welt fand, speiste sich aus der Begeisterung von Nationalisten, die in ihm die Reinkarnation Nassers sahen, und der Zuversicht der radikalen Islamisten, die hofften, dass er das Haus Saud stürzen werde.

Die »arabische Straße« – eine Metapher für die populäre Meinung im arabischen Raum, die zu dieser Zeit aufkam – begeisterte sich noch mehr für ihn, als nach dem 15. Januar 1991 mit der Operation »Desert Storm« die irakischen Truppen aus Kuwait vertrieben wurden. Mit einigen Scud-Raketen, die auf israelischem Boden niedergingen, um den Antizionismus neu zu beleben, schlug Saddam die Massen in seinen Bann. Arafat sprach ihm seine Unterstützung aus – weshalb er nach der irakischen Niederlage keine Finanzhilfen mehr vom Golf erhielt, im Gegensatz zur konkurrierenden Hamas. Im Maghreb wurden die Scud-Raketen zu einem Mythos, als die Mobilisierung auch eine antifranzösische Wendung bekam, schließlich hatte sich Präsident Mitterrand an der Seite der Vereinigten Staaten an der Koalition beteiligt. Ich hörte, wie man sich damals in Casablanca folgende Geschichte erzählte: »Marokko hat entschieden, eine Scud auf Frankreich abzuschießen. In letzter Minute wird der Start doch noch abgebrochen: Es haben sich Dutzende Personen an der Rakete festgebunden, um ohne Visum nach Frankreich einreisen zu können.« Hier wird die ganze Doppeldeutigkeit der postkolonialen Beziehung deutlich. In Algerien wurde Saddam vom radikalsten Flügel der erst kurz zuvor gegründeten Islamischen Heilsfront unterstützt, die bei den Kommunalwahlen im Juni 1990 den Sieg davongetragen hatte. Der Prediger Ali Belhadj marschierte in militärischem Drill an der Spitze großer Protestzüge und skandierte mit ihnen »Schlag zu, Saddam!« (Sadd, ya Saddam!). Im Dezember desselben Jahres gaben die Demonstranten im ersten Wahlgang der Parlamentswahlen der FIS ihre Stimme.

Die Kontrolle der Herrscher in Riad über die weltweite Islamisierung wurde von einem Überbietungswettbewerb infrage gestellt, als sich dessen Diskurs mit einem Mal gegen das saudische Königshaus selbst richtete. Zunächst hatten liberale Kräfte vor Ort gehofft, die Präsenz des westlichen Militärs für den Anschub von Reformen nutzen zu können. Da unter aller Augen auch amerikanische Soldatinnen im Königreich Autos fuhren, setzten sich am 6. November 1990 70 saudische Frauen in aller Öffentlichkeit hinter das Steuer – was eine heftige Reaktion der Behörden nach sich zog. Man wollte die konservativsten Kreise beruhigen, die die Frauen als »kommunistische Huren« beschimpft hatten. Die islamistische Strömung agierte immer heftiger gegen die Staatsführung, die seit dem blutigen Einsatz in der Großen Moschee in Mekka zu Beginn des neuen Jahrhunderts islamischer Zeitrechnung, also seit November 1979, ohnehin in der Kritik stand. Auf Anregung des jungen Imam Salman al-Auda, der in den folgenden zehn Jahren von der Monarchie abwechselnd verhaftet und wieder aufgenommen wurde, richteten zunächst im Mai 1991 900 Prediger und Aktivisten einen »Brief der Forderungen« (khitab al matalib) an König Fahd. Sie forderten ihn auf, den strengsten Normen des Wahhabismus treu zu bleiben und dem verhängnisvollen Einfluss von Christen und Juden zu widerstehen. In verschleierten Formulierungen richtete sich die Kritik gegen die Macht der herrschenden Familie, deren religiöse Legitimität durch die Ankunft von »Kreuzritter«-Truppen auf dem Boden der »zwei Heiligen Stätten« erschüttert worden sei. Die Verfasser des Briefs verlangten die Schaffung eines »Konsultativrats«. Der König ließ die Initiatoren durch die ältesten Ulemas unter dem Vorwand rügen, sie hätten durch die Veröffentlichung ihres Anliegens die Gläubigen in Aufruhr (fitna) versetzt, richtete dann aber die geforderte Versammlung ein. Allerdings hatten die von ihm ernannten Vertreter der großen Stämme zumeist eine Bildung im Westen genossen. Als Reaktion veröffentlichten einige Unterzeichner des Briefes wiederum ein »Memorandum der Zurechtweisung« (mudhakirat an-nasiha), mit dem sie das Regime ganz grundsätzlich kritisierten: Sie forderten die Unabhängigkeit des Klerus, die absolute Islamisierung der Gesetze und des Bankenwesens, kritisierten die Schwäche der saudischen Armee und den Hilferuf an die US-amerikanischen Militärs et cetera.

Am 3. Mai 1993 gründeten einige der Autoren eine Protestorganisation – für das wahhabitische Königreich ein unerträglicher Vorgang. Ihr arabischer Name, »Komitee zur Verteidigung der Rechte der Scharia«, wurde ins Englische als »Komitee zur Verteidigung legitimer Rechte« übersetzt. Man spielte bewusst mit der Ambivalenz des arabischen Ausdrucks, um auch im Westen die Unterstützung von Menschenrechtlern und Aktivisten zu bekommen, die der arabischen Sprache nicht mächtig waren. Tatsächlich sorgte Druck von Amnesty International dafür, dass die schnell verhafteten Führer der Bewegung aus dem Gefängnis freikamen, das Gründungsmitglied Muhammad al-Massari zog im April 1994 nach London. Zwei Jahre lang beschimpfte er von dort aus das saudische Regime und verschickte seine Schmähungen – zu einer Zeit, in der das Internet noch unbekannt war – per Fax in alle Welt (was auf die Dauer so teuer wurde, dass die British Telecom 1996 seinen Anschluss wegen nicht bezahlter Rechnungen stilllegte). Während in Saudi-Arabien die wichtigsten Aktivisten dieser islamistischen Protestbewegung, die unter dem Namen sahwa (»Erwachen«) bekannt wurde, im Gefängnis saßen, zog sich Masari 1996 zurück und überließ Osama bin Laden seinen Platz. Dieser war 1991 aus Saudi-Arabien nach Afghanistan geflohen und lebte zwischen 1992 und 1996 im Sudan Turabis. Er machte den Slogan »die Amerikaner von der arabischen Halbinsel vertreiben« zu seinem Wahlspruch. Bin Laden hatte König Fahd im Zuge der irakischen Invasion in Kuwait 1990 vorgeschlagen, seine dschihadistischen Brigaden gegen Saddams Truppen zu schicken: Der Monarch missachtete das Angebot nicht nur, er rief sogar die Amerikaner zu Hilfe. Die Rache dafür kam, wie später noch deutlich werden wird, in Form des Anschlags auf die Botschaften der Vereinigten Staaten in Tansania und Kenia am Jahrestag dieses Ersuchens 1998.

Der Dschihad in Algerien und der Beginn des Terrors in Frankreich (1992–1997)

Nach dem Rückzug der Roten Armee am 15. Februar 1989 kehrten diejenigen ausländischen Dschihadisten, die dazu in der Lage waren, aus Afghanistan in ihre Heimatländer zurück. Sie waren entschlossen, dort ihre afghanischen Erlebnisse zu wiederholen, bis die »abtrünnigen« Regime gestürzt und ein islamischer Staat errichtet worden wäre. Neben den Guerillakämpfen in einigen muslimischen Regionen des Kaukasus, die den Zerfall der Sowjetunion begleiteten – etwa in Tschetschenien –, prägten hauptsächlich die drei Konflikte in Algerien, Ägypten und Bosnien dieses Jahrzehnt. In den beiden erstgenannten Ländern waren die Kämpfer Einheimische; im letzteren Fall waren es Saudis, Ägypter und einige konvertierte Europäer, die das Gros der Truppen stellten. Denn es hatte kaum Bosniaken in Afghanistan gegeben.

In Algerien traf die Rückkehr der »Afghanen« ab 1989 zeitlich zusammen mit den durch Revolten und Plünderungen im Oktober 1988 ausgelösten sozialen Unruhen, der Schwächung der FLN und der Entstehung der FIS. Die Moschee, in der sich die FIS gründete, stand im heruntergekommenen Wohnviertel Belcourt, das als Geburtsort von Albert Camus bekannt geworden war, inzwischen aber im Volksmund »Kabul« genannt wurde. Die »Afghanen« schlossen sich den ehemaligen Mitstreitern von Moustapha Bouyalis Mouvement islamique armé (MIA) an und überfielen am 28. November 1991 in der Stadt Guemmar einen Militärposten. Um den Geburtstag des »Märtyrers« und Dschihad-Ideologen Abdallah Azzam zu feiern und um ihre Ablehnung der Wahlstrategie der FIS zu verdeutlichen, köpften sie die dort gefangen genommenen Soldaten. Die FIS stand nach ihrem erdrutschartigen Sieg bei den Kommunalwahlen im Juni 1990 nun eingeklemmt zwischen einem konservativen Flügel, vertreten von der frommen Mittelschicht etwa in Person von Abbassi Madani, der die von der FLN etablierten staatlichen Strukturen zur Islamisierung des Landes nutzen wollte, und der armen, städtischen Jugend auf der anderen Seite, die begierig darauf war, zu kämpfen und die soziale Ordnung umzustürzen. Im Laufe des Jahres 1991 etablierte sich eine zweifache Macht, und das Land wurde von Aufständen und Streiks geprägt, was sich auch in der Verhaftung der beiden zentralen Figuren, Madani und Belhadj, niederschlug (die beiden verbrachten den gesamten Bürgerkrieg in Haft). Die FIS gewann dennoch die erste Runde der Parlamentswahlen vom 26. Dezember – auch wenn sie im Vergleich zur Kommunalwahl rund eine Million Stimmen verloren hatte – und stand kurz davor, bei der zweiten Runde die absolute Mehrheit zu erreichen. Das Vorhaben von Staatspräsident Chadli, der gehofft hatte, das Heft in der Hand halten zu können, wenn er mit der Minderheitenpartei FIS kooperierte, zerschlug sich, denn es fand keinen Widerhall an den Wahlurnen. Daraufhin enthob die Armee am 11. Januar 1992 den Staatschef seines Amtes, »suspendierte« die bevorstehenden Wahlen und löste am 4. März die FIS auf, nachdem kurz zuvor fast alle ihrer Führer und Kader verhaftet worden waren. Anders als im Iran, wo ein strukturierter und hierarchisierter Klerus sich vereint hatte und die Machtergreifung zu Ende führen konnte, gelang es der in viele Strömungen aufgespaltenen und von zahlreichen Personen geprägten FIS nicht, ihre große Popularität in einen siegreichen revolutionären Parteiapparat zu überführen. Unter den gewalttätigen Repressionen der Armee gelang ihr kein erneuter Aufstieg – stattdessen kam es zu einem fünf Jahre dauernden Bürgerkrieg in Form eines Dschihad gegen die Generäle und ihre Alliierten, der schätzungsweise 100.000 Tote forderte.

Die Zerschlagung der islamistischen Führung trug schnell zu ihrer Entfremdung vom Volk bei, das der FIS noch in großer Zahl gefolgt war. Und so spaltete sich die Wählerschaft in sich antagonistisch gegenüberstehende gesellschaftliche Gruppen auf, auch wenn religiöse Slogans dies zu überwinden versuchten, indem man doktrinär die »guten Muslime« den »Gottlosen und vom Glauben Abgefallenen« entgegenstellte. Die »moderate« Führung, die gehofft hatte, durch Wahlen das Land islamisieren zu können, ohne dazu die politischen Strukturen grundlegend ändern zu müssen, musste mit der Aufhebung der Wahlen durch die Generäle einen herben strategischen Rückschlag einstecken. Folglich half diese Revolte der »extremistischsten« Fraktion, die das Modell des afghanischen Dschihad nach Algerien übertragen wollte, das sie um die lokalen Erfahrungen der Partisanen, angefangen bei den »Mudschaheddin« des Unabhängigkeitskriegs (1954–1962) bis hin zum Mouvement islamique armé (MIA) von Moustapha Bouyali (1982–1987), ergänzte.

Während sich die Führung der FIS spaltete, schlossen sich die nachgewachsenen Dschihadisten und Afghanistan-Veteranen im Oktober 1992 zusammen und bildeten die Groupe islamique armé (Bewaffnete islamische Gruppe, GIA). Ihr erster »Emir«, der ehemalige Karosseriearbeiter Abdelhak Layada, exkommunizierte die Führungsriege der FIS als »gottlos« und erklärte es für rechtmäßig, ihr Blut ebenso zu vergießen wie das aller anderen Staatsbediensteten und weiteren »Kinder Frankreichs«. In einem langen Text vom März 1993, der ihm zugeschrieben wird – ohne das seine Autorenschaft gesichert ist –, beruft Layada sich auf den afghanischen Dschihad, der wie der von ihm in Algerien geführte eine »individuelle Verpflichtung« (fard ayn) jedes Gläubigen sei. Damit greift er die Formulierung von Abdallah Azzam auf und schließt sich zugleich der Heldengeschichte von Bouyali an. Mit den Jahren 1993 und 1994 begann eine ungemein gewalttätige Phase, in der man es vor allem auf »weiche Ziele« abgesehen hatte – verhasste frankofone Intellektuelle, Mitglieder der Zivilgesellschaft, Ärzte, Journalisten. Sie waren leichter zu erreichen als die Führungsebene der Armee und hatten durch ihr kulturelles Kapital, das ihnen den sozialen Aufstieg ermöglichte, der nach der Arabisierung der Schulen durch die FLN ansonsten unerreichbar war, alle Frustration und Wut der hittistes auf sich gezogen. Der Bekanntheitsgrad der Ermordeten und die Symbolkraft der Massaker sorgten für eine allgemeine Panik. Die Stadtviertel der einfachen Leute und ländlichen Gebiete gerieten unter Kontrolle der GIA. Der Staatsmacht gelang es nicht, sie zu fassen, dafür isolierte sie diese Gebiete, aber ohne in sie einzumarschieren. Die örtlichen islamistischen Honoratioren finanzierten zu Beginn die neuen Herrscher, doch die Beutezüge und Erpressungen der Jugendbanden, die den Dschihad für sich reklamierten, ließen sie bald zu Opfern werden. Drei Jahre später spalteten sich die Gruppen wieder auf.

Im Juli 1993 veröffentlichten Dschihadisten aus aller Welt, die nach »Londonistan« emigriert waren (wo die britischen Behörden Aktivisten aller Schattierungen in der Hoffnung aufnahmen, sie einhegen zu können), eine Broschüre mit Namen Al Ansar – die sie freitags nach Ende des Gebets per Fax versendeten –, um die GIA zu unterstützen. Das Blatt wurde maßgeblich von einem aus Syrien stammenden, in Frankreich ausgebildeten Ingenieur verfasst (der bis in die 2010er-Jahre eine wichtige Rolle im Dschihad spielen sollte), Abu Musab as-Suri. Der Einfluss der GIA wuchs derart, dass mehrere Führer der FIS nach einem Geheimtreffen am 13. Mai 1994 ihr die Treue schworen und damit das Exekutivorgan der FIS im Ausland (Instance exécutive du FIS à l’étranger, IEFE) zwangen, am 18. Juli mit der Islamischen Heilsarmee (AIS) eine konkurrierende Gruppe zu gründen. Sie sollte bei Verhandlungen mit den algerischen Generälen einen militärischen Gegenpol bilden. Die GIA lehnte solche Gespräche grundsätzlich ab und verlangte, die Erde von den »Gottlosen« zu säubern und mithilfe des Dschihad einen islamischen Staat aufzubauen. Die beiden Gruppierungen sollten sich fortan tödliche Auseinandersetzungen liefern, die beide in Hinblick auf die regierende Macht schwächte. Immer wieder ersetzten neue Emire die im Kampf gefallenen Führer an der Spitze der GIA. So übernahm am 27. Oktober 1994 Djamel Zitouni die Führung. Er fing damit an, den Dschihad nach außen zu tragen, und ließ an Weihnachten 1994 (um an diesem christlichen Fest die Symbolkraft der Operation zu betonen) eine Air-France-Maschine aus Algier entführen und im Laufe des Jahres 1995 blutige Anschläge in Frankreich verüben. So wollte er, um den Ruhm der GIA im eigenen Land zu stärken, den Kampf gegen die ehemalige Kolonialmacht führen und sie zur Aufgabe ihrer Unterstützung für die algerische Regierung bewegen. Allerdings erreichte Zitouni das Gegenteil, da die Ausweitung der dschihadistischen Gewalt, die von internen Säuberungsaktionen und Hinrichtungen begleitet wurde, sich im Endeffekt gegen die Gesellschaft insgesamt wandte. Die Redakteure der Broschüre Al Ansar warfen ihm vor, das Spiel des Regimes zu spielen. Die fromme Mittelschicht zeigte sich zunehmend erschöpft und verängstigt. Die Barbarei erreichte im August und September 1997 einen Höhepunkt, als in Raïs und Bentalha, zwei Vororten von Algier, die GIA bei einem Blutbad mehrere Hundert Menschen tötete – und wieder vermuteten einige, sie sei von Provokateuren manipuliert worden. Die Geschichte der GIA endete mit einem Kommuniqué ihres letzten Emirs am 27. September. Die AIS hatte bereits sechs Tage zuvor einseitig eine Waffenpause ausgerufen: Die Regierung wollte ihren Mitgliedern gegenüber Gnade walten lassen, sofern diese sich auf einen Kompromiss einließen, der im Grunde auf einen Treueschwur hinauslief.

Im Herbst 1997 hatte der bewaffnete Dschihad, obwohl es sporadisch noch einige Jahre vor Ort zu Gewalttaten kam, die Schlacht verloren. Im Austausch für Zugeständnisse des ab 1999 von Abd al-Aziz Bouteflika geführten Regimes kooperierten die »moderaten Islamisten« im Namen einer »nationalen Versöhnung« und bemühten sich im Räderwerk des Staates um eine offenkundige Reislamisierung Algeriens. Trotz der starken Mobilisierung im Volk kurz nach der Gründung der FIS ist es ihr nicht gelungen, ihre Kämpfer und Anhänger so zu vereinen, dass eine Revolution sie an die Macht geführt hätte, wie es im Iran 1978–1979 gelang. Die sozio-politischen und strategischen Unterschiede zwischen der frommen Mittelschicht und der armen, städtischen Jugend konnten von der zu wenig strukturierten islamistischen Intelligenz nicht aufgefangen werden – und diese Gräben vertieften sich während des Bürgerkriegs weiter, bis der gewalttätige Überbietungswettbewerb darin endete, dass die Armee wieder die Macht übernehmen konnte. Neben den Lehren aus dem parallel laufenden ägyptischen und bosnischen Dschihad zogen bin Laden und Zawahiri auch aus dieser Niederlage Konsequenzen. Die Maßnahmen und die Ziele mussten entschieden geändert werden.

Der algerische Dschihad war jedoch überdies Ankündigung und Vorläufer eines neuen Phänomens, das sich verstärkt nach 2012 zeigte: das Ausufern des Terrorismus auf französisches Territorium. Nach der Entführung des Airbus an Weihnachten 1994 in Algier, die am Flughafen von Marseille endete, wo eine Eingreiftruppe der Gendarmerie (die im November 1979 auch die Große Moschee in Mekka befreit hatte) die vier Entführer erschoss – zuvor waren in Algier bereits drei Geiseln gestorben –, verübte die GIA zwischen dem 11. Juli und 17. Oktober 1995 eine Reihe von Attentaten in Frankreich, die Dutzende Tote und mehr als 175 Verletzte forderten. Kopf der Unternehmungen war der 1971 in Algerien geborene und in der Umgebung von Lyon aufgewachsene Khaled Kelkal. Er fühlte sich in der Schulzeit von seiner Umgebung abgelehnt und entdeckte den Islam während eines Gefängnisaufenthalts – ein Lebenslauf, der für Hunderte von Dschihadisten in den Jahren zwischen 2000 und 2010 typisch wurde. 1993, mitten im Bürgerkrieg, kehrte Kelkal nach Algerien zurück, schloss sich dort der GIA an und erhielt zurück in Frankreich den Auftrag, am 11. Juli 1995 den Imam Abdelbaki Sahraoui zu ermorden, einen der Gründer der FIS. Sahraoui lebte und predigte in Barbès, einem von einfachen Menschen bewohnten Pariser Vorort, und wurde vom französischen Innenminister Charles Pasqua als Verbindungspartner zur FIS erachtet und damit als Garant dafür, dass Frankreich von den Ereignissen in Algerien unangetastet blieb.

Dieser Mord machte Frankreich, und seine zwei Millionen Einwohner algerischer Herkunft, zur Geisel eines Dschihad, der das Mittelmeer überquerte, um in Europa einen Brückenkopf zu bilden. Auf diesem Wege erhielt auch die nächste Generation von Terroristen ihre Ideale und Anregungen zur Wahl ihrer Ziele. Obwohl in Frankreich ansässige muslimische Verbände, wie etwa die Union des organisations islamiques de France (UOIF, den Muslimbrüdern nahestehend), das Land als islamischen Boden für die dort lebenden Gläubigen bezeichneten (wodurch jeder kriegerische Akt auf diesem Gebiet verboten war), verwandelten die GIA-Aktivisten Frankreich in ein »Kriegsgebiet« (dar al harb), in dem der Dschihad das Töten von Gottlosen und anderen Abtrünnigen erlaubte. Die Anschläge, vor allem auf das öffentliche Transportwesen (wie sie im März 2004 in Madrid und im Juli 2005 in London stattfanden), zielten auf zufällige Opfer. Doch keines der angestrebten Ziele wurde erreicht. Die große Mehrheit der Algerier in Frankreich bewegte sich nicht: Die »darons« (Familienväter) übten in jenen Jahren noch einen derart starken Einfluss aus, dass sie die Scharfmacher aussondern konnten, die ihre mühsam erworbene Integration gefährdet hätten – und Kelkal wurde von der Gendarmerie wie ein wildes Tier in einem Wald erlegt, denn er verfügte über keinerlei logistische Unterstützung.

Die französische Regierung nahm eine strenge Haltung gegenüber dem islamistischen Terror ein, und die den Sicherheitsorganen zur Verfügung stehenden Mittel bewiesen ihre Wirksamkeit: Frankreich blieb, auch dank der guten Kenntnisse über die vorhandenen Netzwerke, 16 Jahre von Anschlägen verschont (mit Ausnahme der weiter unten beschriebenen Ereignisse in Roubaix). Beendet wurde diese Phase erst mit dem von Mohammed Merah am 12. März 2012 verübten Anschlag. Bis dahin hatte sich das Programm des Dschihad geändert, und die französischen Geheimdienste, die in geschlossenen Kreisläufen funktionierten, waren über ihre Erfolge unachtsam geworden.

Der erfolglose Dschihad in Ägypten (1992–1997) und Bosnien (1992–1995)

1992, als der algerische Dschihad begann, wurden Ägypten und Bosnien ebenfalls in diese Form des Bürgerkriegs gestürzt. Dabei waren die Ausgangssituationen unterschiedlich: Ägypten ist seit der Anfangszeit des Islam ein muslimisches Land, in dem eine christliche – koptische – Gemeinschaft fortbesteht. Diese wurde zum Ziel der sich in den letzten 50 Jahren stets verstärkenden dschihadistischen Gewalt und der salafistischen Verdammung. Kairo besitzt mit der islamischen al-Azhar-Universität eine prestigeträchtige Institution, auch wenn deren Aura durch die vom Staat ausgeübte Kontrolle gelitten hat. Sie wird durch Millionen Öldollar von der arabischen Halbinsel subventioniert, was die Universität von der salafistischen Ideologie teilweise abhängig macht und zahlreiche ihrer Studierenden und Lehrenden beeinflusst. Bosnien hingegen wurde erst in jüngerer Vergangenheit islamisiert, infolge des Einmarschs des Osmanischen Reichs auf den Balkan im 17. Jahrhundert. Bis zum Bürgerkrieg, der ab 1991 das Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens zerriss, dürfte es in der muslimischen Welt nur wenig bekannt gewesen sein, dass in diesen Territorien, die von einer neuen Welle der Gewalt »balkanisiert« wurden, Glaubensbrüder lebten – Slawen sowie Europäer. Doch die von den serbischen Gegnern der Bosniaken wie ein Stigma konstruierte und den Bosniaken plötzlich übergestülpte politische »Zugehörigkeit zur islamischen Glaubensgemeinschaft« inmitten einer doch recht laizistischen Bevölkerung wurde von den internationalen Akteuren der Islamisierung ins Positive gewendet, ausdrücklich betont und in den iranisch-saudischen Konflikt hineingezogen.

Sowohl der Dschihad am Nil wie auch der auf dem Balkan blieben erfolglos – doch sie hatten schlussendlich beide wichtige Auswirkungen: Der ägyptische Islamismus etablierte sich, trotz der militärischen Niederlage 1997, als wichtigste Kraft der Opposition gegen das Mubarak-Regime und konnte nach dem Aufstand zwischen 2010 und 2012 die ersten Präsidentschaftswahlen für sich entscheiden – bevor er von Repressionen zerrieben wurde. Der bosnische Islamismus wiederum verlor seine zentrale Symbolik mit dem Ende des Konflikts im Dezember 1995, trug aber entscheidend zur dschihadistischen Vorstellung bei, dass Europa eine Region sei, in der man die Schlacht bis zur Eroberung noch würde führen müssen. Der letzte Anschlag in Frankreich in den 1990er-Jahren nach dem Tod von Khaled Kelkal, im Ballungszentrum Lille-Roubaix, wurde von Konvertiten verübt, die aus Bosnien zurückgekehrt waren.

Als Kabul im April 1992 unter der Führung von Kommandant Massoud in die Hände der Mudschaheddin fiel, war die Mehrheit der ägyptischen Dschihadisten wieder nach Hause zurückgekehrt und hatte sich einer der beiden großen Bewegungen angeschlossen, die nach der Ermordung Sadats entstanden waren – und in der zweiten Hälfte der Dynastie unter Mubarak noch gewachsen waren. Die erste war die Organisation al-Dschihad, die den Mord an Sadat begangen hatte. Sie nahm Institutionen und Anhänger des Regimes ins Visier und scheute sich vor jeder »Exkommunikation« (takfir) der Gesellschaft. Die zweite Gruppe, die al-Dschamaa al-islamiyya (Islamische Vereinigung), wurde vom blinden Scheich Umar Abd ar-Rahman geleitet, der in den Vereinigten Staaten für das erste Attentat auf das World Trade Center 1993 verurteilt werden und dort 2017 im Gefängnis sterben sollte. Sie strebte das Gegenteil an und nahm die Bevölkerung als Geisel für ihre Pläne. Sie hoffte, dass sie mit ihren unzähligen Angriffen auf die Zivilbevölkerung eine überproportionale und aus allen Richtungen kommende Vergeltung hervorrufen könne, woraufhin das Volk dem Staat seine Unterstützung entziehen würde. Diese Strategie ähnelte der der algerischen GIA – und fand in Ägypten mit Vorliebe ihre Opfer unter den Kopten, ausländischen Touristen und den »verwestlichten« Intellektuellen. Der Auftakt für den fünf Jahre dauernden Dschihad war der Mord am laizistischen Publizisten Faradsch Fauda am 8. Juni 1992. Während des Gerichtsverfahrens gegen dessen Mörder ein Jahr später erklärte der den Muslimbrüdern nahestehende Scheich Mohammed al-Ghazali, dass der gebürtige Muslim Fauda die Säkularisierung anstelle der Anwendung der Scharia vorangetrieben habe, was aus ihm einen Abtrünnigen mache und seine Ermordung erlaube. Man dürfe die Mörder daher nicht für das Befolgen des islamischen Rechts bestrafen, schließlich habe der Staat nichts getan, um Faudas Treiben Einhalt zu gebieten. In derselben Geisteshaltung erklärte man den Universitätsprofessor Nasr Abu Zaid zum »Apostaten«: Ihm, der sich selbst als Gläubigen bezeichnete, warf man die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel Kritik des religiösen Diskurses vor und zwang ihn zur Scheidung von seiner Frau (die nie darum gebeten hatte). Vorwand dafür war, dass ein Rückfälliger nicht mit einer Muslimin verheiratet bleiben könne: Das Paar musste in die Niederlande fliehen, um seine Ehe weiterführen zu können. Und im Oktober 1994 wurde der Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfuz von einem Aktivisten der al-Dschamaa al-islamiyya wegen seiner »liederlichen« Romane niedergestochen.

Diese zerstörerische Stimmung belegte die verschwommene Grenze zwischen Dschihadisten und sogenannten »moderaten« Islamisten, um nicht zu sagen den hohen Beamten. Sie offenbarte eine Kontinuität zwischen einigen Mitgliedern der frommen Mittelschicht und der armen, städtischen Jugend in ihrer radikalen Opposition gegen das Mubarak-Regime. Anders als in Algerien gab es in Ägypten aber keinen Platz für eine verbindende Partei wie die FIS, die in Abwesenheit jeglicher anderer, seriöser Konkurrenz den islamischen Raum hätte ausfüllen können. Am Ufer des Nils blieb die Institution der Azhar, trotz ihrer Schwächung und ihrer teilweisen Durchlässigkeit für den Salafismus, bestehen, und das Netz der Sufi-Brüderschaften bewahrte einen Zusammenhalt, der fest genug war, um keiner militanten muslimischen Organisation die Hegemonie zu überlassen. Das erklärt zum Teil, weshalb die Bilanz der ägyptischen Gewalttaten um ein Hundertfaches geringer ausfällt als in Algerien – es gab rund 1000 Tote – und warum der Staat den Dschihadisten nur kleine Teile des Territoriums, und auch nur zeitweise, überlassen musste.

Die Dschihadisten konnten Bastionen in Oberägypten errichten, in den Gouvernements, in denen bis zu 20 Prozent der Bevölkerung koptische Christen sind und der propagierte Hass gegen Christen eine soziale Dimension bekam, als die massive Arbeitslosigkeit, die mit dem Absturz des Ölpreises und der geringen Emigration in Richtung arabischer Halbinsel einherging (in Saudi-Arabien waren infolge des Zusammenbruchs des ägyptischen Bildungssystems ägyptische Abschlusszeugnisse weniger gefragt), der islamistischen Ideologie des radikalen Bruchs neue Anhänger verschaffte. Angriffe auf Apotheker, Juweliere und »arrogante« koptische Kaufleute nahmen zu, ebenso wie die Brandstiftung an Kirchen, und wurden im Namen der bei den Ungläubigen erzielten Beute von aufgeputschten Predigern gerechtfertigt. Der Kairoer Vorort Embaba, in dem vor allem aus dem ländlichen Oberägypten zugezogene Menschen wohnten, wurde derart von den Dschihadisten kontrolliert, dass der Scheich der dortigen Hauptmoschee in einem Interview mit der Presseagentur Reuters die Proklamation der »Islamischen Republik Embaba« bekannt geben und behaupten konnte, auf seinem Gebiet werde die Scharia vollständig umgesetzt. Der vom algerischen Vorbild gewarnte Mubarak entsandte 1992 14.000 Polizisten und Soldaten, um das Gebiet zu besetzen und die Dissidenten auszumerzen. Damit sollte die Vereinigung verschiedener gesellschaftlicher Bestandteile der islamistischen Bewegung verhindert werden. Zumal am 12. Oktober ein Erdbeben in Kairo rund 1000 Tote und zehn Mal so viele Verwundete gefordert hatte, und die karitativen Verbände der Islamisten – wie im Jahr zuvor im algerischen Tipasa – beeindruckende Hilfeleistungen für die Opfer auf die Beine gestellt hatten (u.a. Zelte, die ursprünglich für die muslimischen Bosniaken gedacht waren), während der Staat durch Inkompetenz auffiel.

Durch das algerische Beispiel aufgeschreckt, suchte das Regime den Kompromiss mit der Muslimbruderschaft, um seine Gegner zu spalten. Doch konnte nicht einmal der Einsatz von Repressionen verhindern, dass die Muslimbrüder bei allen Berufsverbänden, von den Medizinern und Ingenieuren bis zu den Anwälten, die Wahlen gewannen. Dies belegt den Einfluss der Muslimbruderschaft bei den Universitätsabsolventen und in der Mittelschicht. Von 1993 an wurde die Auseinandersetzung härter – Mubarak selbst entging beim afrikanischen Gipfeltreffen im äthiopischen Addis Abeba im Juni 1995 nur knapp einem Mordversuch ägyptischer Dschihadisten –, denn zunehmend geriet auch der Tourismus ins Visier, eine der Lebensadern der ägyptischen Wirtschaft. Im März 1996 wurden 18 Griechen in Kairo von der al-Dschamaa al-islamiyya hingerichtet, die sie für Israelis gehalten hatten. Die Islamisten erhofften sich vom Zusammenbruch des wichtigsten Devisenbringers den Sturz des Regimes. Erstes Opfer wurden jedoch all jene Millionen armer Ägypter, die direkt oder indirekt von diesem Sektor abhingen, weshalb die Dschihadisten in Oberägypten – wo sich ein Großteil der Sehenswürdigkeiten zwischen Assuan und Luxor befindet – rasch ihre Unterstützung im Volk verloren. Am 17. November 1997 ermordete die al-Dschamaa al-islamiyya 60 Touristen im Tempel der Hatschepsut in Luxor. Dieses Massaker läutete, ähnlich wie das Blutbad am Rande Algiers zwei Monate zuvor, für das die GIA verantwortlich gemacht wurde und von dem sie sich nicht mehr erholte, das Ende des ägyptischen Dschihad der 1990er-Jahre ein – denn es brachte einige islamistische Gruppen dazu, sich freiwillig von solchen Taten zu distanzieren. Auch wenn die Niederlage zeitweise zu ihrem Rückzug aus der Politik führte, so löste die militärische Niederlage der Aktivisten weder die sozialen Ursachen noch den starken Einfluss einer Mentalität, die durch die Öldollars von der arabischen Halbinsel gefördert wurde. Stattdessen erzwang sie eine bedeutende strategische Anpassung, die die örtlichen Konflikte vernachlässigte, um sich dem globalen Terrorismus zuzuwenden.

Der Ursprung des Dschihad in Bosnien liegt im serbischen Angriff auf Sarajevo nach der Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas im März 1992. Er fügt sich damit ein in den größeren Rahmen des »Balkankriegs«, der aufgrund des Auseinanderbrechens Jugoslawiens entlang der wieder auftretenden ethnischen und religiösen Bruchlinien Ende des 20. Jahrhunderts entflammte. Der bosnische Dschihad war allerdings, anders als in Algerien und Ägypten, nicht das Ergebnis eines historischen und inneren Islamisierungsprozesses, der die Gesellschaft tief durchdrungen hätte, sondern wurde, in Reaktion auf die Verfolgung und »ethnische Säuberung«, unter der unter anderem auch Muslime zu leiden hatten, von außen hereingetragen. So verlängerte er den internationalen Dschihad, der in Afghanistan entstanden und im April 1992 mit dem endgültige Fall Kabuls geendet war.

In gewissen intellektuellen Kreisen Bosniens war als Reaktion auf die Abschaffung des Kalifats 1924 in Istanbul eine panislamistische Bewegung entstanden – nach einem ähnlichen Modell wie bei den ägyptischen Muslimbrüdern 1928. Sie nannte sich El-Hidaje (vom arabischen hidaya: »die Rechtleitung zum Islam«) und wurde 1936 gegründet. Einige ihrer Anhänger schlossen sich der SS-Division »Handschar« (»Krummsäbel«) an, die der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, einem Freund des »Dritten Reichs«, unter bosnischen Muslimen rekrutierte. 1941, mitten während des Zweiten Weltkriegs, entstand die Jugendorganisation Mladi Muslimani (die Jungmuslime). Nach der Befreiung löste die Tito-Regierung die El-Hidaje auf, verbot 1949 die Mladi Muslimani, verurteilte vier ihrer Führer zum Tode und verhaftete weitere Mitglieder. Die Parallele zu den ägyptischen Muslimbrüdern setzte sich fort, als einer der 1949 Inhaftierten, Alija Izetbegović, im Todesjahr Nassers 1970 ein Manifest mit dem Titel Islamische Deklaration veröffentlichte. Darin griff er einige der Themen auf, die Sayyid Qutb fünf Jahre zuvor in Ägypten in seinem Buch Zeichen auf dem Weg angesprochen hatte. Da Nasser und Tito im Bund der blockfreien Staaten miteinander verbunden waren, lud man muslimische Bosniaken zu Aufenthalten nach Kairo ein, wo einige von ihnen Arabisch lernten und sich diskret mit den verborgenen Netzwerken der ägyptischen Muslimbruderschaft vertraut machten.

Nach der iranischen Revolution und dem Tod des langjährigen jugoslawischen Staatschefs wurde Izetbegović 1983 ein weiteres Mal verhaftet und in einem Verfahren mit 13 Angeklagten wegen »islamischen Fundamentalismus« verurteilt. 1990, als sich Jugoslawien endgültig auflöste, gründete er die Partei der demokratischen Aktion (SDA), deren ursprünglichen Namen Muslimische Partei Jugoslawiens die Behörden nicht zugelassen hatten. Kurz darauf wurde er zum Präsidenten Bosnien-Herzegowinas gewählt – und zwar nicht wegen eines islamistischen Programms, sondern als Politiker muslimischen Glaubens, für den seine Glaubensbrüder im Kontext der sich verstärkenden Abgrenzung gegen andere Religionsgemeinschaften gestimmt hatten. Sie waren zum Großteil zwar vergleichsweise laizistisch eingestellt, fanden sich jedoch von serbischen und kroatischen Milizen eingekreist. Während sich die unter Tito entwickelten Sicherheiten auflösten, profitierte Izetbegović von der Aura des vom Regime Verfolgten und repräsentierte die Identität der bedrohten muslimischen Bosniaken. Seine Partei schloss sich jedoch mit keiner sozialen Bewegung islamistischer Prägung zusammen, anders als die FIS. Auch wenn die SDA, ähnlich wie die algerische Islamische Heilsfront, Unterstützung eher in den Kleinstädten und auf dem Land fand und die säkularisierten Eliten in Sarajevo sie nicht wählten, so zielte sie niemals darauf ab, die Scharia einzuführen. Angesichts der serbischen Übergriffe und des aus den »ethnischen Säuberungen« erwachsenen Drucks, aber auch da ihr Vorsitzender Freundschaften mit Islamisten im Nahen und Mittleren Osten eingegangen war, nahm sie gezwungenermaßen deren militärische und finanzielle Unterstützung an. Diese verbündeten Islamisten bemühten sich, den letzten Balkankrieg des 20. Jahrhunderts in einen Dschihad zu verwandeln – über dessen Kontrolle sich Sunniten und Schiiten stritten.

Der Iran, neben der ehemaligen Sowjetunion eines der Ziele des von Sunniten geführten Dschihad in Afghanistan, erkannte im bosnischen Dschihad und dessen Internationalisierung unter Teherans Führung sofort die Möglichkeit, die Schlüsselstellung zurückzugewinnen, aus der ihn seine Rivalen verdrängt hatten. Zudem war die Islamische Revolution von 1979 mit ihrem »modernen« Charakter bei den Funktionären der SDA auf weit positiveres Echo gestoßen als der wahhabitische Archaismus – wie Izetbegovićs Prozess 1983 gezeigt hatte. So wurden ab 1992 über Kroatien iranische Waffen ins Land gebracht, einige Hundert Pasdarans (»Revolutionsgarden«) in Bosnien eingesetzt – wie 1982 auch im Libanon – und in den wichtigsten bosnischen oder ethnisch gemischten Städten iranische Kulturzentren eröffnet, etwa in Mostar. Teheran zeigte in der Organisation der Islamischen Konferenz unablässigen Tatendrang und rüttelte damit an der saudischen Führungsrolle, da man Riad Halbherzigkeit bei der Unterstützung der verfolgten bosnischen Muslime vorwarf. Saudi-Arabien zögerte, sich auf europäischem Boden zu engagieren. Zumal in den sunnitischen Hauptstädten die Ausdehnung eines neuen weltweiten Dschihad inzwischen deutlich kritischer gesehen wurde als zur Zeit des Afghanistan-Kriegs: Zehn Jahre zuvor hatte man sich erhofft, die einheimischen Extremisten dadurch loswerden zu können, dass man sie nach Afghanistan schickte. Nun waren die »arabischen Afghanen« aber abgehärtet wieder nach Hause zurückgekehrt und bildeten die Speerspitze der neuen Gewaltspirale gegen den Staat, sowohl in Algerien als auch in Ägypten. Die Unterstützung für Bosnien wurde daher streng begrenzt auf humanitäre Hilfe, da man jede Ansteckung vermeiden wollte. Es gab auch weder einen Aufruf zum weltweiten Dschihad unter der Ägide der saudischen Großen Ulemas noch bedeutende finanzielle Unterstützung, sogar weniger als von der CIA. Man schätzt, dass 150 Millionen US-Dollar aus Saudi-Arabien nach Bosnien flossen – im Vergleich zu den mindestens vier Milliarden, die ein Jahrzehnt zuvor nach Afghanistan gezahlt wurden.

Allerdings zogen rund 2000 trainierte salafistische Dschihadisten nach Bosnien, die zum größten Teil von der arabischen Halbinsel und aus Ägypten stammten. Sie wurden in die Al-Mudschahidun-Brigade der bosnischen Armee integriert und lieferten sich erbitterte Kämpfe mit serbischen Milizen. Die Propagandabilder, die beide Seiten lieferten, versuchten sich an Grausamkeit zu überbieten (die Videos des IS sollten sie 20 Jahre später noch übertrumpfen), etwa wenn die Kämpfer vor der Kamera mit den abgetrennten Köpfen ihrer Gegner prahlten. Die Dschihadisten stellten sich als Retter ihrer bosnischen Glaubensbrüder dar, die von den »Kreuzrittern« ausgelöscht werden sollten – doch der Funke sprang nicht auf den Balkan über. Der aggressive Bekehrungseifer der Salafisten, die sich auf erobertem Territorium wähnten, auf dem sie eine von Mystizismus und Synkretismus durchzogene Religiosität des Balkans »wiederherstellen« wollten, zeigte vor Ort nur wenig Wirkung – zumal das Dayton-Abkommen, das auf Initiative der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union am 14. Dezember 1995 unterschrieben wurde und den Frieden wiederherstellte, den Abzug der »ausländischen Freiwilligen« zu einer seiner Bedingungen gemacht hatte. Trotz dieses weltweiten Misserfolgs bekam der bosnischen Dschihad eine beispiellose Vorbildfunktion: Ähnlich wie die Ausweitung des algerischen Bürgerkriegs auf französischen Boden zeigte er, dass Europa zu einem Schlachtfeld im bewaffneten terroristischen Kampf um die Islamisierung werden konnte. Am 29. März 1996 wurden aus Bosnien zurückgekehrte Dschihadisten, die ein Attentat planten, in ihrem Versteck in Roubaix aufgetrieben: Eine Explosion zerstörte ihre konspirative Unterkunft und riss mehrere Aktivisten in den Tod; ein weiterer wurde auf der Flucht von der belgischen Polizei erschossen. 20 Jahre später hielt ihr inhaftierter Anführer noch Kontakt zur neuen Dschihadisten-Generation in Nordfrankreich – etwa zur selben Zeit, als die französisch-belgische Achse ins Zentrum der Gewalt rückte, vor allem mit dem Blutbad im Bataclan und dem Stade de France am 13. November 2015.

Die Dschihadisierung des Palästina-Konflikts

Ein weiterer Konflikt »dschihadisierte« sich deutlich während der 1990er-Jahre: die israelisch-palästinensische Auseinandersetzung. Obwohl die palästinensische Autonomie und die Rückkehr Jassir Arafats einen anderen Eindruck erweckten, bediente der Aufstieg der Hamas – nun auf einer Stufe neben der Hisbollah und derem iranischen Mentor – die mit der wichtigsten »arabischen Frage« verbundene Vorstellungswelt, indem er die Islamisierung der Politik in den israelisch-palästinensischen Konflikt hineinzog. Die von der Hamas durch die Vervielfachung der Selbstmordanschläge auf die Spitze getriebene Radikalisierung – eine Reaktion auf die Verhärtung der aufeinanderfolgenden Regierungen Netanjahu und des verstärkten Siedlungsbaus – diente später als Modell, anhand dessen der internationale Dschihadismus von al-Qaida seinen bevorzugten Aktionsmodus entwickelte.

Der Golfkrieg 1990–1991 hatte sowohl die PLO als auch Israel geschwächt und zwang die beiden Gegner zu Verhandlungen an einen Tisch. Denn tatsächlich hatte Saddam Hussein mit dem Abschuss von Scud-Raketen auf Israel eine »palästinensische Straße« begeistert, die zuvor von der Trägheit der arabischen Führer enttäuscht gewesen war, nun plötzlich aber von einer Rückkehr der großen Idee Nassers und der militärischen Zerstörung des zionistischen Feinds träumte. Indem er Kuwait besetzte, stellte sich Saddam erneut als arabischer Öl-Riese dar, der seinen unermesslichen Reichtum dazu nutzte, jenes Ziel zu erreichen – und Arafat sagte ihm begeistert Unterstützung dafür zu. Die Niederlage der irakischen Armee und die damit einhergehende Autonomie der Kurdenregionen hatten Saddam Hussein dann deutlich geschwächt, doch die internationale Koalition »Desert Storm« beließ ihn in Bagdad an der Macht, um die Übernahme des Irak durch die schiitische Mehrheit zu verhindern (die dann zwölf Jahre später kam, als die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten 2003 das Land eroberten). Diese Niederlage wirkte sich auch verheerend auf die PLO aus, da sie die Unterstützung der Ölmonarchien vom Golf verlor, die fortan vor allem ihren Rivalen Hamas förderten. Zudem konnte die Sowjetunion, der letzte Verbündete der PLO, nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 nicht mehr als Supermacht gelten. Israel wiederum war gehindert worden, auf die irakischen Scud-Raketen zu antworten, denn womöglich hätten die arabischen Staaten ansonsten ihre Abneigung untereinander überwunden, um sich mit Bagdad gegen eine »zionistische Offensive« zur Wehr zu setzen, was die Aufgabe der internationalen Koalition verkompliziert hätte. Israel wurde von den Vereinigten Staaten unter Präsident George H.W. Bush, dem »ölfreundlichsten« aller US-Präsidenten, gebremst und aus einer Position der Schwäche heraus zu Verhandlungen gezwungen.

Aus Sicht der Vereinigten Staaten fanden diese Gespräche unter günstigen Vorzeichen statt: Mit ihnen könne, so hoffte man in Washington, das Ende des verbitterten israelisch-palästinensischen Konflikts erreicht sein. Zumal die von US-Soldaten vor der unmittelbaren Bedrohung durch irakische Truppen geretteten Ölmonarchien sich, anders als nach dem Krieg 1973, dazu verpflichtet fühlten, die Waffe Öl niederzulegen und entsprechend den Anweisungen des Weißen Hauses zur Einsicht zu gelangen. Jimmy Carter hatte 1979 den Abschluss eines Friedensvertrags zwischen Israel und Ägypten gefördert und damit Kairo vom Schlachtfeld geführt. Nun hoffte man im Umfeld von Präsident Bush senior, er könne die störende PLO entsorgen und zugleich den Einfluss der israelfreundlichen Gruppen im Kongress mindern (was ihm deren Feindschaft einbrachte und auch zu seiner Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 1992 führte). Damit hätte er über ein ausgezeichnetes Mittel verfügt, das Verhältnis zwischen der israelischen und palästinensischen Führung zu normalisieren. Diese Hoffnung wurde durch die Konferenz in Madrid im Dezember 1991 genährt, zu der im Rahmen der jordanischen Delegation auch offizielle PLO-Abgesandte gehörten. Allerdings verlor diese Organisation angesichts des Aufstiegs der Hamas immer mehr an Boden.

Die islamistische Bewegung, unter anderem dank ihrer Vertreter in den Handelskammern bereits in der frommen Mittelschicht verankert, bildete auch für die arme, städtische Jugend ein Ventil: Diese war durch die fehlgeschlagene Intifada radikalisiert und erhöhte nun die Anzahl der Attentate auf israelische Zivil- und Militärpersonen. Am 13. Dezember 1992 entführte die Hamas einen israelischen Unteroffizier in Lod, den man zwei Tage später erstochen und gefesselt im Westjordanland auffand. Dies führte zur Verhaftung von 417 Funktionären und Aktivisten der Hamas und des Islamischen Dschihad durch die Regierung Rabin. Man deportierte sie in den Südlibanon, in die Bergstadt Marj al-Zuhur – wo die Freigelassenen dann, mit den Füßen im Schnee, die internationale Presse empfingen: Ingenieure, Mediziner und Professoren gaben auf Englisch Interviews, in denen sie die Politik Israels und die Zugeständnisse der PLO kritisierten. Sie gründeten in ihrer Behelfsunterkunft die Universität Ibn Taimiya (dieser sehr strenge sunnitische Kleriker wurde zum Namenspatron, um auf die radikalen Islamisten der Gegenwart zu verweisen) und knüpften fruchtbare Beziehungen zur in dieser schiitischen Gegend gut verankerten Hisbollah. Davon ließ sich die Hamas inspirieren, die nun die Strategie der Partei Gottes übernahm, da sie gesehen hatte, wie erfolgreich Selbstmordattentate sein konnten. Außerdem stärkte sie ihre Verbindungen zum Iran.

Der internationale Skandal, der eine Resolution des UN-Sicherheitsrats mit der Forderung zur Rückführung der Deportierten in ihre Heimat nach sich zog, sorgte für eine symbolische Umkehrung. Die Hamas hatte eine der PLO gleichrangige, wenn nicht gar überlegene Position erreicht und stand nun exemplarisch für die palästinensische Sache beziehungsweise in der Folge auch für die Islamisierung dieses Konflikts im arabischen Raum und international. Um die Angelegenheit zu ihren Gunsten zu retten, begann die PLO noch im Dezember 1992 Geheimverhandlungen mit Israel, die in den sogenannten »Oslo-Friedensprozess« mündeten. Am 13. September 1993 unterzeichneten Arafat und Rabin im Weißen Haus unter der Schirmherrschaft von Bill Clinton die dazugehörige »Prinzipienerklärung«. Neben der Verwirklichung eines palästinensischen Traums von einem autonomen Territorium im Westjordanland und Gazastreifen erhoffte sich die nationalistische Organisation auch einen wichtigen politischen Vorteil von der Vereinbarung. Doch die von Israel durchgesetzten Knebelbedingungen, die vielen Hindernisse bei der Umsetzung des Vertrags und die Zersplitterung des Westjordanlands durch die Siedlungen schwächten die PLO. Am 25. Februar 1994 tötete ein israelischer Siedler mehr als 30 betende Muslime im Heiligtum von Hebron: Die Hamas verstand dies als Blankovollmacht des Volkes, die Toten zu rächen, und in den folgenden Monaten rissen die ersten Selbstmordanschläge mehr als zehn Israelis in den Tod. Daraufhin nahmen die Repressionen zu. Mit der Errichtung der Autonomiegebiete im Juli standen die palästinensischen Sicherheitskräfte nun auch der Hamas gegenüber – sie übernahmen anstelle der Israelis die Polizeiaufgaben. Am 18. November kam es zu einem ersten Zusammenstoß, als palästinensische Sicherheitskräfte das Feuer auf Demonstranten eröffneten, die in Gaza aus einer Moschee strömten, und dabei 16 Menschen töteten. Arafat verlor in der arabischen Welt deutlich an moralischem Ansehen.

Der Mord an Jitzchak Rabin am 4. November 1995 durch einen rechtsgerichteten Juden, der die Vereinbarung von Oslo ablehnte, beraubte den Führer der PLO seines wichtigsten politischen Gesprächspartners auf israelischer Seite. Im Januar 1996 starb dann der Sprengmeister der Hamas und Gründer der Kassam-Brigaden, »der Ingenieur« Yahya Ayyasch, der auch für die Ausarbeitung der »Märtyrer-Operationen« verantwortlich war, durch die Explosion seines Mobiltelefons, was dem israelischen Geheimdienst zur Last gelegt wurde. Bei aufsehenerregenden Vergeltungsanschlägen starben 63 Israelis. In der Folge siegte der Likud bei den Wahlen im Mai 1996, und Benjamin Netanjahu kam an die Macht. Netanjahu verfolgte eine harte Linie gegenüber den Palästinensern und verstärkte den Siedlungsbau. Die Terrorstrategie hielt bis 1998 an – und nahm nach 2000 noch an Intensität zu, als die Zweite Intifada losbrach. Neben den politischen Streitereien über den palästinensischen Grund und Boden erzielten die »Märytrer-Operationen«, die inzwischen als erhabenste Waffe galten, große Aufmerksamkeit und galten all jenen als absolut legitim, die im ersten Schritt Israel und anschließend den gesamten Westen in Unordnung stürzen wollten. Es waren dann Osama bin Laden und al-Qaida, die diesen Typus islamistischen Terrors weltweit bekannt machen sollten, indem sie ihn am 11. September 2001 vom Territorium des »zionistischen Feinds« auf das der Vereinigten Staaten von Amerika übertrugen.


3 DIE ZWEITE PHASE DES DSCHIHADISMUS: AL-QAIDA GEGEN DEN »WEIT ENTFERNTEN FEIND« (1998–2005)

Osama bin Laden und al-Qaida

Nach seiner Flucht aus Saudi-Arabien 1991 versteckte sich bin Laden zunächst in Afghanistan. Doch die gewalttätigen Konflikte zwischen den Mudschaheddin-Kommandanten ließen die Gegend gefährlich für ihn werden. Er setzte sich daher im Jahr darauf in den Sudan ab, wo die Islamisten seit der Machtübernahme von General Umar al-Baschir im Juni 1989 und seiner grauen Eminenz Hasan at-Turabi den Ton angaben. Ihm folgten sehr viele Dschihadisten, die in Afghanistan gekämpft hatten und nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten. Zunächst bemühte sich bin Laden zu erklären, warum er mit Saudi-Arabien gebrochen hatte, und auf autonome Art und Weise das aufzubauen, was zum »dschihadistischen Salafismus« werden sollte und sich vom Riad treu ergebenen »scheichischen Salafismus« abgrenzte. Dieses interne Schisma im sunnitischen Salafismus erlaubte es nun, die Zweideutigkeiten aufzulösen, die sich durch die Allianzen während des afghanischen Dschihad ergeben hatten: In Afghanistan hatte ein großes Spektrum an strange bedfellows zusammengearbeitet, das angefangen bei der CIA über al-Qaida bis hin zu den Ölmonarchien reichte. Der Dschihad in Algerien, Ägypten und Bosnien hingegen hatte kaum von amerikanischer Unterstützung profitiert. In Algerien war die staatliche Militärführung gar an die Großen Ulemas Saudi-Arabiens mit der Bitte um Fatwas herangetreten, mit denen die Generäle als gute Muslime bezeichnet wurden. Diese Rechtsauskünfte erklärten es zudem für illegitim, den Anmaßungen der GIA zu folgen und einen sowohl vom Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen als auch vom afghanischen Dschihad inspirierten, bewaffneten Kampf gegen das algerische Regime zu führen. In Bosnien wiederum hatten sich Spezialkräfte und westliche Geheimdienste direkt zusammengeschlossen, um nach 1995 die bärtigen »ausländischen Freiwilligen« aus dem Land zu vertreiben.

Im verfeinerten Dschihadismus der 1990er-Jahre galt nicht mehr die inzwischen besiegte Ex-Sowjetunion als Hauptfeind, sondern die Vereinigten Staaten. Der ehemalige antisozialistische Verbündete wurde zum neuen Ziel, und in Hinblick darauf schmiedete man neue Bündnisse. Die Zeit von bin Ladens Exil im Sudan – zwischen 1992 und 1996 – stellte sich als günstig für diese bedeutende Kehrtwende heraus. Am 25. April 1991 lud Turabi, der Saddam Hussein applaudiert hatte, zur ersten von vier »arabischen und islamischen Volkskonferenzen« ein, bei denen sich bis 1995 alle Besiegten und Ausgestoßenen der Operation »Desert Storm« wiederfanden. Hier trafen die salafistischen Dschihadisten nicht mehr auf wohlgesinnte Geheimdienstmitarbeiter des CIA, sondern auf antizionistische, arabische Nationalisten, Antiimperialisten und Dritte-Welt-Aktivisten jeglicher Couleur – eine kulturelle Gemengelage, aus der sich der »Islamo-Linksradikalismus« der kommenden Jahrzehnte entwickelte. Der islamistische Terrorismus in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen profitierte von der Milde gewisser Teile der extremen Linken. Carlos stand beispielhaft für diese neue, paradoxe Allianz: Der ehemalige Marxist, der durch das Verschwinden seiner Unterstützer beim Untergang der UdSSR in den Ruhestand gezwungen worden war, hatte eine neue Rolle gefunden und strandete 1993 in Khartum. 1994 ergriffen ihn die französischen Behörden und verurteilten ihn zu lebenslanger Haft. Von seinem Gefängnis in der Nähe von Paris aus entwickelte er eine Theorie für den dschihadistischen Kampf, den er einst im Namen der Diktatur des Proletariats bekämpft hatte.

Die Wende des antiamerikanischen Dschihadismus zeigte sich in der simultanen Eröffnung zweier Fronten. Da keine geeigneten Geheiminformationen vorliegen, bleibt unklar, ob dies eine koordinierte Maßnahme oder reiner Zufall war: Angesichts der chaotischen Situation in Somalia entschieden sich die Vereinten Nationen im Dezember 1992, Truppen in das Land zu entsenden, die die Ordnung wiederherstellen und die Hungersnot bekämpfen sollten – darunter waren vor allem US-amerikanische Soldaten. Die ursprünglich »Restore Hope« (»Wiederherstellung der Hoffnung«) getaufte Operation wurde vom islamistischen Widerstand als Versuch verstanden, einen Brückenkopf am Horn von Afrika zu errichten, um anschließend in den Sudan Turabis einmarschieren zu können. In Afghanistan ausgebildete Dschihadisten griffen aufseiten der somalischen Aufständischen von General Aidid ein und töteten bei Kämpfen am 3. und 4. Oktober 1993 18 US-Marines, als zwei Hubschrauber abgeschossen wurden. Präsident Bill Clinton entschied sich daraufhin für den Rückzug der Truppen, da er sich zu Hause einem »Vietmalia-Syndrom« gegenübersah (bei dem die traumatischen Ereignisse in Vietnam auf Somalia übertragen wurden).

Diesem ersten Auftritt des bewaffneten Dschihadismus gegen die Vereinigten Staaten in Ostafrika (dem die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania im August 1998 folgten) ging der erste Angriff auf das World Trade Center am 26. Februar 1993 voraus (der wiederum die Skizze für die Anschläge vom 11. September war). Die näheren Umstände dieser Attacke auf das World Trade Center bleiben durchaus verworren, auch wenn der Prozess mit der Verurteilung des Hauptangeklagten, Scheich Umar Abd ar-Rahman, zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe endete (er starb 2017 in US-amerikanischer Haft). Rahman war einer der wichtigsten Imame des ägyptischen Dschihadismus in den 1970er- und 1980er-Jahren, hatte in einer Fatwa das Töten von Kopten und die Beschlagnahmung ihres Besitzes für rechtmäßig erklärt, saß nach der Ermordung Sadats von Oktober 1981 bis 1984 im Gefängnis und erhielt 1986 auf Vermittlung der CIA ein Visum für die Vereinigten Staaten. Von dort reiste er nach Peschawar, wo er durch seine Bemühungen, weltweit Kämpfer für den afghanischen Dschihad zu gewinnen, zu einer der großen charismatischen Figuren wurde. Zurück in seinem Heimatland, entwickelte sich ein angespanntes Verhältnis zum Mubarak-Regime, da er zum Emir der ägyptischen al-Dschamaa al-islamiyya geworden war. Im April 1990 ging er in den von Turabi geprägten Sudan. Hier erhielt er auf dem gleichen Wege wie zuvor ein Visum für die Vereinigten Staaten, reiste am 18. Juli ein und nahm mit verblüffender Geschwindigkeit bereits im Jahr darauf seine »Green Card« als Kultus-Beauftragter der Moschee in Jersey City entgegen. Auch wenn ihm ab Juni 1991, als er bei einer seiner zahlreichen Auslandsreisen die Pilgerfahrt nach Mekka absolvierte, dieser Status unter dem Vorwand einer verheimlichten Bigamie wieder aberkannt wurde, konnte er mit dem Antrag auf politisches Asyl im Juni 1992 seine Abschiebung verhindern.

Bis heute wurden die Umstände nicht aufgeklärt, wie es zur Verschlechterung des einstmals vertrauensvollen Verhältnisses zwischen dem Scheich und der amerikanischen Geheimdienstwelt kommen konnte. Allerdings führte sie zum ersten Attentat auf das World Trade Center, das als Projekt im von Spitzeln durchsetzten Milieu ägyptischer Migranten entstand. Am 26. Februar 1993 explodierte ein Lieferwagen in der Tiefgarage der Zwillingstürme. Der Drahtzieher der Operation, ein Mann, dessen irakischer Reisepass auf den Namen Ramzi Youssef ausgestellt war und der Umar Abd ar-Rahman nahestand, wurde schließlich in Pakistan verhaftet und in den USA verurteilt. Dass man dabei die genauen Umstände der Tat nicht klärte, öffnete einer Reihe von Verschwörungstheorien Tür und Tor. Im Nachhinein erscheint der Angriff vom 26. Februar 1993 (und noch viel mehr, seit genau das Ziel am 11. September 2001 endgültig zerstört wurde) als deutlichstes Zeichen des Bruchs in der Allianz zwischen Dschihadisten und amerikanischen Geheimdiensten – einer Allianz, die den Afghanistan-Krieg erst möglich gemacht hatte.

Bin Laden wiederum konnte sich in Khartum nicht mehr völlig sicher fühlen: Das Regime von General Baschir und seines Mentors Hassan at-Turabi war von vielen Seiten unter internationalen Druck geraten, vor allem nach dem Anschlag auf Mubarak während des Gipfels in Addis Abeba im Juni 1995, das man ägyptischen Dschihadisten im benachbarten Sudan zur Last legte. Auch die Verhaftung von Carlos durch den französischen Geheimdienst im Jahr zuvor, bei der die Führung Sudans nicht eingeschritten war, durfte bin Laden als böses Vorzeichen deuten. Am 13. November 1995 tötete eine Autobombe vor dem Gebäude der Nationalgarde in Riad fünf amerikanische Militärberater, und am 25. Juni ging ein mit Sprengstoff beladener Tanklaster in Khobar, in der Ölförderregion im Osten des Landes, in die Luft und riss 19 amerikanische Militärangehörige in den Tod. Bin Laden bekannte sich nicht zu den Anschlägen, so wie auch nicht zu denen am 11. September, um die Panik bei seinen Gegnern zu steigern und eine Gegenreaktion zu erschweren. Die amerikanische Justiz machte eine »saudi-arabische Hisbollah« für das zweite Attentat verantwortlich, es sei auf Anregung Irans durchgeführt worden. Der Hauptverdächtige, Ahmed al-Mughassil, wurde in Beirut verhaftet und im August 2015 nach Saudi-Arabien gebracht. Die Abreise bin Ladens in den sichereren Hafen des Taliban-Territoriums macht die Verfolgung seiner Spur schwieriger: Er kehrte im Sommer 1996 nach Afghanistan zurück und lebte dort unter dem Schutz der von Mullah Mohammed Omar geführten Bewegung. Diese kontrollierte zunächst den Süden des Landes, bevor sie im September die Hauptstadt Kabul eroberte und, anders als der Sudan, keinerlei Beziehung zur internationalen Staatengemeinschaft unterhielt. Die Verantwortlichen dieser »Religionsschüler« erklärten im Nachhinein, der Ortswechsel habe nach einer amerikanisch-sudanesischen Absprache stattgefunden. Die Vereinigten Staaten wünschten wohl nicht, dass bin Laden, nach Carlos’ Vorbild in Frankreich, inhaftiert und in den USA angeklagt würde, da er sonst unangenehme Wahrheiten über seine ehemaligen Beschützer von der CIA mitteilen könnte. Und der Sudan wollte den weltweit gesuchten Mann loswerden, um die Beziehungen zum Westen wieder zu normalisieren. In Washington dürfte man vermutet haben, dass im eingeschlossenen und isolierten Afghanistan die Gefährlichkeit bin Ladens auf ein Minimum reduziert werden könnte …

Dennoch gab bin Laden am 26. August die »Erklärung des Dschihad gegen die Amerikaner, die den Boden der zwei Heiligen Stätten [Mekka und Medina] besetzen« heraus, bekannter unter dem Kurztitel, jenem berühmten Spruch (hadith) des Propheten: »Vertreibt die Juden und Christen von der arabischen Halbinsel«. Dieser elfseitige Text ist das Gründungsmanifest der Organisation, zu der al-Qaida im Laufe der folgenden Jahre werden sollte. In diesem Stadium ist die »Befreiung« Saudi-Arabiens ihr wichtigstes Ziel: Bin Laden begeistert sich in seinem Text für den Anschlag von Khobar zwei Monate zuvor, gratuliert sich aber auch zum »Sieg« in Somalia – ohne die beiden Operationen ausdrücklich auf sich zu nehmen. Damit beansprucht er, in die wahrhafte Kontinuität des afghanischen Dschihad eingefügt zu werden: Das saudische Königreich werde von den gottlosen Armeen der Vereinigten Staaten besetzt wie zuvor Afghanistan durch die Sowjets. Und er greift den Aufruf von Abdallah Azzam auf, der von jedem Muslim weltweit fordert, sich seiner »individuellen Pflicht« (fard ayn) zu stellen und in den »Verteidigungsdschihad« zu ziehen, um das besetzte islamische Land zu befreien. Während der Aufruf zum Dschihad in Afghanistan von einem breiten Konsens unter den salafistischen Ulemas und der Muslimbrüder profitiert hatte und von der Mehrheit der Mitglieder der Organisation der Islamischen Konferenz getragen worden war, konnte sich bin Laden nur auf Azzam – der, wie beschrieben, bereits 1989 getötet worden war – sowie auf den palästinensischen Gründer der Hamas, Scheich Ahmad Yassin, seinen ägyptischen Kollegen, den in den USA inhaftierten Umar Abd ar-Rahman, und deren saudische Nacheiferer Salman al-Auda und Safar al-Hawali berufen, ebenfalls in ihrem Heimatland hinter Schloss und Riegel. Mit derart schwacher Unterstützung im Rücken, erzielte bin Ladens Schrift keine Wirkung (die US-amerikanischen Truppen wurden von den Basen in Saudi-Arabien abgezogen und nach Katar verlegt, allerdings erst sieben Jahre darauf, im Sommer 2003).

Zwei Jahre später gelang tatsächlich der Übergang zu einem internationalen Dschihad, dessen universelles Aushängeschild al-Qaida werden sollte. Am 23. Februar 1998 unterzeichneten bin Laden und Aiman az-Zawahiri gemeinsam mit weniger bekannten Aktivisten aus Ägypten und dem indischen Subkontinent das Gründungsmanifest einer weltweiten Islamischen Front gegen die Juden und Kreuzfahrer. Seit der »Deklaration« vom 26. August 1996 hatte sich die von Afghanistan inspirierte Situation des Dschihadismus deutlich verschlechtert: Im Herbst 1997 waren die Kämpfer in Algerien und Ägypten nach fünfjährigem Kampf besiegt. Der neue Text umfasste nun eine Fatwa, der zufolge »es für jeden Muslim, der sich dazu in der Lage sieht, eine individuelle Verpflichtung [fard ayn] ist, Amerikaner zu töten, und zwar sowohl Militärs wie auch Zivilisten und in jedem Land, in dem es möglich ist«. Diese wurde rasch umgesetzt: Am 7. August 1998 fanden simultan zwei Anschläge statt, die die amerikanischen Botschaften in Nairobi (Kenia, mit 213 Toten, darunter 12 US-Amerikaner, und mehr als 4500 Verletzte) und Daressalam (Tansania, 11 Tote, darunter kein US-Amerikaner, und 85 Verletzte) zerstörten. Die hierbei angewandte Methode entwickelte sich zur Signatur von al-Qaida: an einem symbolischen Datum (der achte Jahrestag des Aufrufs von König Fahd an die amerikanischen Truppen, in das von Saddam Hussein bedrohte Saudi-Arabien zu kommen) gleichzeitig mehrere Anschläge an unterschiedlichen Orten durchführen. Ersteres wies auf eine Kausalität hin – die nicht weiter explizit erklärt werden musste (und bin Laden reklamierte in den folgenden Pressegesprächen die Anschläge nicht für sich, auch wenn er sich dazu gratulierte); Letzteres sollte den Feind lähmen und das Gefühl einer allgegenwärtig erhöhten Gefahr erzeugen.

Die Vereinigten Staaten brauchten nicht lange, um ihren Gegner zu identifizieren: Am 20. August feuerte ein Flugzeugträger im Indischen Ozean Raketen auf eine Chemiefabrik in Khartum und auf ein Trainingslager pakistanischer Dschihadisten in Afghanistan, die sich auf einen Kampf im indischen Kaschmir vorbereiten wollten. Weder bin Laden noch ein ihm nahestehender Kommandant wurde getroffen – stattdessen entstand eine große Solidaritätsbewegung mit den »Märtyrern« in Pakistan. Mir fielen auf den Basaren des Landes in den folgenden Monaten die vielen T-Shirts mit dem Konterfei des berühmt gewordenen Saudis auf, der zu einem der Anführer der islamistischen Sache geworden war. Eine neue Art des asymmetrischen Kriegs gegen den Westen war erfunden: Auch wenn er einige der vom Iran und der Hisbollah im Libanon eingesetzten Mittel übernahm, wie etwa den Angriff auf Botschaften oder Selbstmordanschläge, so verfolgte er doch einen anderen Zweck. Dieser Typus von Terrorismus gehörte letztendlich nicht zu einem Staat, der versuchte, quantifizierbare und detaillierte Ziele zu erreichen – um im Fall Irans den militärischen Druck gegen das eigene Land während des Konflikts mit dem Irak zu senken. Die Auftraggeber blieben hinter einem Nebel verborgen, man konnte sie weder genau identifizieren noch mit Sicherheit benennen, ihre Konturen blieben unscharf, ihre Ziele aber waren maximale und nicht verhandelbare Forderungen. Dem gegenüber zeigte sich das westliche Arsenal ungeeignet, vor allem operativ und was den obsolet gewordenen Konfrontationsrahmen mit der UdSSR betraf. Es war dafür gedacht, »harte« Ziele wie Städte oder Infrastruktur zu treffen. So waren die Raketenschläge des Flugzeugträgers vom 20. August erstaunlich präzise, was die Ballistik anging, aber recht unwirksam, was die Politik anging. Im Oktober 2000 zielte ein weiterer Angriff auf den amerikanischen Zerstörer USS Cole, der Aden versorgte: Ein mit Sprengstoff beladenes Schlauchboot rammte das Schiff und tötete damit 17 Matrosen. Von nun an hatte der Feind keine feste Gestalt mehr und war nicht zu fassen – es brauchte gigantische Anstrengungen, bis die »Software« von al-Qaida verstanden und bin Laden schließlich, 13 Jahre nach Verkündung der weltweiten Islamischen Front, von amerikanischen Spezialkräften am 2. Mai 2011 in Pakistan getötet wurde.

Ritter unter dem Banner des Propheten

Am 2. Dezember 2001, drei Monate nach dem »gesegneten zweifachen Angriff« des 11. September in New York und Washington, veröffentlichte eine arabische Zeitung Auszüge eines Werks von Aiman az-Zawahiri mit dem Titel Ritter unter dem Banner des Propheten, von dem bereits die Rede war. Auch wenn die Autorenschaft nie ganz geklärt werden konnte, haben weder Zawahiri noch Anhänger in seinem Gefolge die Herkunft dementiert. Da im ersten Absatz Afghanistan und Tschetschenien als die beiden im Namen des Dschihad befreiten Länder aufgeführt werden, lässt sich darauf schließen, dass der Text zwischen 1997 und 1999 verfasst wurde, nach der Wahl Aslan Maschadows zum tschetschenischen Präsidenten und vor der Rückeroberung Grosnys durch russische Truppen im Januar 2000. In diesen drei Jahren bestimmten dschihadistische Gruppen in großen Teilen des Territoriums das Geschehen. Zu dieser Zeit hielt sich auch Zawahiri mit bin Laden bei den Taliban in Afghanistan auf – dem anderen »befreiten« Gebiet. Die Schrift ist in gewisser Weise ein Spiegel des 1996 erschienenen Bestsellers Kampf der Kulturen von Samuel Huntington. Westliche liberale Intellektuelle hatten sich mit ihrer Kritik an Huntingtons Text nicht zurückgehalten, der in ihren Augen »Zivilisationen« auf ihre vorgebliche Essenz reduziere und die Hybridisierung postmoderner Gesellschaft verleugne. Zawahiri hingegen stimmte dem Harvard-Professor zu. Er sah in dem Werk die Bestätigung des Feindes, dass der Islam – und hier vor allem der dschihadistische – mit dem Westen grundsätzlich unvereinbar war. Es genügte ihm, die positiven und negativen Werte, die das Original in beiden Richtungen vorgab, umzukehren und darauf hinzuweisen, was es für den unausweichlichen Sieg von »Allahs Religion« auf der Erde brauche.

Ritter unter dem Banner des Propheten bezieht sich in seinem Titel auf die Siege der Armee Mohammeds und der ersten Kalifen, die damit den wahren Glauben in der Welt verbreiten wollten, bis »alles unterworfen« sei. Der Text reiht die Ziele der zeitgenössischen Dschihadisten in diese Traditionslinie ein, wie es auch der Fall war bei den schon erwähnten Manifesten von Sayyid Qutb (Zeichen auf dem Weg, 1956) und Abdallah Azzam (Folgt der Karawane!, etwa 1985). Der Schwerpunkt dieses Textes liegt jedoch auf der Bedeutung, die er der islamistischen Bewegung am Übergang zum neuen Jahrhundert beimaß. Zawahiri zog eine kritische Bilanz des vergangenen Jahrzehnts, zog aus diesen Erfahrungen seine Lehren und unternahm eine bedeutsame strategische Veränderung, um fortan den Krieg »auf dem Gebiet des Gegners« zu führen. Dieses neue Ziel wurde bereits in dem Moment anvisiert, in dem Zawahiri seinen Text zu Papier brachte: Nach dem Warnschuss der Attentate Ende 1995 gegen die in Saudi-Arabien stationierten US-amerikanischen Truppen zielten die folgenden drei Angriffe auf die Botschaft der Vereinigten Staaten in Kenia und Tansania, dann auf die USS Cole. Diese eindeutige Botschaft war das Vorspiel für den 11. September.

Zawahiris Überlegungen stützten sich auf konkrete und aktuelle Ereignisse, vor allem die Niederlage des algerischen Islamismus, der schlussendlich von den Kämpfern »auf der Seite Frankreichs« geschlagen worden war. Von diesen Entwicklungen informierten ihn ausführlich Unterstützergruppen, die nach »Londonistan« geflohen waren und von Abu Musab as-Suri geleitet wurden, dem Herausgeber der Zeitschrift Al Ansar. Er führte die Niederlage auf die Unfähigkeit zurück, die Massen zu mobilisieren, da die Konzeption des Kampfes zu elitär gewesen war. Man müsse daher einen Weg finden, die Menschen für die Sache der Dschihadisten zu mobilisieren, indem man ihre Emotionen ansprach. Die arabische und muslimische Begeisterung schlug am höchsten für die palästinensische Sache, die zu lange von den Nationalisten für sich beansprucht worden war. Die Islamisierung des Palästina-Konflikts durch die Hamas und den Islamischen Dschihad sowie die Vervielfachung der »Märtyrer-Operationen« sorgten für kostbares symbolisches Kapital. Die politische Ökonomie der Selbstmordanschläge war durch das Verhältnis zwischen den geringen Kosten und der medialen Wirkung optimal – und durch die Imitation dieser Anschläge sollte der Krieg ins Herz der Vereinigten Staaten getragen werden. Diese ausdrückliche Gleichstellung von dem Territorium Israels als legitimem Ziel des Dschihad und dem des Westens, für das Israel als Synekdoche steht, wird konzeptuell durch eine Wortverbindung aus »Zionisten« und »Kreuzfahrern« (sahiou-salibi) erzielt, die Zawahiri ad hoc erschuf, um den Feind zu benennen und abzugrenzen. Und der Ausbruch der Zweiten Intifada ab September 2000, die zu einer Welle der Gewalt mit mehreren Tausend toten Palästinensern und Israelis anwuchs, bildete einen extrem fruchtbaren Kontext, um einen internationalen Dschihad zu entwerfen, der die »Märtyrer-Operationen« gegen Israel um den Angriff gegen das Pentagon und die Zwillingstürme des World Trade Center erweiterte.

Schließlich positioniert sich Zawahiri auch in Bezug auf eine schon lange geführte Diskussion innerhalb der islamistischen Bewegung: Ist der Kampf gegen den »nahen Feind« (al adou al qarib) oder der gegen den »weit entfernten Feind« (al adou al baid) wichtiger? Dass dem Kampf gegen Israel bislang Priorität eingeräumt wurde, hatte den Nationalisten auf Kosten der Islamisten geholfen, so hatte etwa Nasser die Stimmung der heiligen, antizionistischen Union genutzt, um seine absolute Macht zu sichern und die Islamisten ohne Gnade zu unterdrücken. Die dschihadistische Erweckung in den 1980er-Jahren zielte hingegen auf den »nahen Feind« – die Ermordung Sadats und der Dschihad in Algerien 1981 –, doch die Massen waren nicht gefolgt. Folglich strebte Zawahiri einen erneuerten Kampf gegen den »weit entfernten Feind« an, mit dem Israel und der Westen gemeint waren, und zwar nicht in der irrealen Hoffnung, diese augenblicklich vernichten zu können, sondern um die Gläubigen aufzustacheln, damit sie in den Dschihadisten ihre Helden finden und sich unter ihren Bannern versammeln, um die »abtrünnigen« Regime der muslimischen Welt zu stürzen. So lässt sich der 11. September verstehen.

Im Nachhinein kann dieser 23. Februar 1998, also die Veröffentlichung der Charta der weltweiten Islamischen Front gegen Juden und Kreuzfahrer, als Übergang von der ersten Phase – in der der »nahe Feind« das Ziel war, das heißt die Machthaber in Afghanistan, Algerien, Ägypten, Saudi-Arabien et cetera – zur zweiten Phase gelten, die von nun an vor allem den »weit entfernten Feind« in Amerika anvisiert. Dieser Wandel wird in Ritter unter dem Banner des Propheten theoretisiert und über den Umweg des Dschihad in Algerien und Ägypten im September und November 1997 mit den Angriffen auf die amerikanischen Botschaften am symbolträchtigen 7. August 1998 in die Tat umgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt verfügte man noch nicht über den nötigen Abstand, um den beschriebenen strategischen Bruch erkennen zu können, zumal Zawahiris Text noch nicht in Umlauf war. Und es erschien unvorstellbar, dass die Gruppe von Einzelpersonen, die am 23. Februar die Charta unterschrieben und isoliert im Hindukusch unter dem Schutz des »Emirats« der Taliban lebten, in der Lage sein würde, eine derart gewagte und unglaubliche Tat wie den 11. September zu planen.

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