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Gesammelte Schriften
Friedrich Gerstäcker
Reisen
Band 1: Südamerika, Californien, die Südsee-Inseln
Volks- und Familien-Ausgabe Band Fünf
der Ausgabe Hermann Costenoble, Jena
Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft e.V., Braunschweig
Ungekürzte Ausgabe nach der von Friedrich Gerstäcker für die Gesammelten Schriften, H. Costenoble Verlag, Jena, eingerichteten Ausgabe „letzter Hand“, herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Thomas Ostwald für die Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft e.V.
Unterstützt durch die Richard-Borek-Stiftung und
die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz, beide Braunschweig
Friedrich-Gerstäcker-Gesellschaft e.V. u. Edition Corsar
Braunschweig. Geschäftsstelle Am Uhlenbusch 17
38108 Braunschweig
Alle Rechte vorbehalten. © 2015 / 2020/21
1.
Die Ausfahrt.
An Bord des Talisman in der Weser - 18. März 1849. Es ist ein wunderliches, eigenthümliches Gefühl, an Bord eines Fahrzeuges, vor Beginn einer langen Seereise, noch im alten Vaterland fest vor Anker zu liegen, und diesem, während man die Reise selber noch gar nicht begonnen, den heimischen Boden noch nicht verlassen hat, doch auch eigentlich schon nicht mehr anzugehören. - Es ist ein wunderliches, aber auch recht fatales Gefühl und hält unsere Nerven in einer Abspannung, die uns zuletzt ordentlich den Zeitpunkt ersehnen läßt, vor dem es Manchem im Anfang wohl heimlich gebangt hatte - den Abschied von seiner Muttererde.
Auf die Passagiere eines Auswandererschiffes macht das übrigens den verschiedenartigsten, wenn auch im Endresultat sich ziemlich gleich bleibenden Eindruck. Unthätig und mit langweiligen verdrossenen Gesichtern treiben sich die Meisten von ihnen bald an dem kaum fünfzig Schritt entfernten Land (wir liegen dicht vor Groß' Hotel in Brake), bald an Bord umher, und so ungemüthlich, so unbehaglich Alles am Ufer ist, ebenso jeder Bequemlichkeit und Ruhe trotzend ist es an Bord.
Fortwährend treffen noch neue Passagiere mit einer Masse von Gepäck ein, als ob jeder Einzelne erwarte, die Arche /6/Noah zu eigener Disposition gestellt zu bekommen. – Alle Luken sind geöffnet, Kisten, Koffer, Bettsäcke, Körbe, Schachteln usw. stehen überall in Menge; kein Mensch findet was ihm selber gehört, Namen werden verwechselt und Koffer und Kasten waren es von Anfang an. Die Matrosen, die diesem gewohnten Treiben dabei mit der äußersten Gleichgültigkeit zuschauen, steigen in einer wahrhaft fabelhaften Gemüthsruhe über das wild umhergestreute Passagiergut hin und her. Sie treten Hut- und andere Schachteln in ganz unbestimmte Formen und Facons, hissen, was ihnen in den Wurf kommt, - manchmal nur durch das verzweifelte Zuspringen der Passagiere verhindert – in den untern Raum, um etwas mehr unter den Füßen weg zu bekommen, und kehren sich sonst an gar nichts. Die Zwischendecks- und auch Kajüten-Passagiere bekümmern sich dagegen um Alles. Jedes Collo wollen sie besehen und untersuchen, schreien über die Luken herüber und hinüber, und thun Alles was in ihren Kräften steht, die Verwirrung auf’s Aeußerste zu steigern.
Nasses Wetter vermehrt natürlich das Unangenehme, ja Widerliche solchen Zustandes. Kein Wunder denn, daß Mancher voller Verzweiflung in das dunkle Chaos – in die Höhle des Zwischendecks, niederstarrt, aus der ihm ein warmer widerlicher Dunst entgegenquillt, und die ihm nicht fünf bis sechs Wochen wie auf einer Reise nach New-York, nein eben so viele Monate hindurch zum fast alleinigen Aufenthaltsort dienen soll. Wäre Tausenden von diesen ein solcher Blick verstattet gewesen, als sie noch zwischen „Auswandern“ und „Zuhausebleiben“ im Geiste schwankten, wie Viele, oh wie unendlich Viele würden nie in ihrem Leben ein Schiff betreten! Jetzt aber können sie natürlich nicht mehr zurück, und müssen nun auch, mit einem alten deutschen Sprüchwort, „ausessen, was sie sich vorher in aller Unschuld auf das Sorgfältigste eingebrockt hatten“.
Was das Gepäck übrigens betrifft, so ordnet sich das, erst einmal ein paar Tage in See, gar bald von selber. – Ganz unglaubliche Quantitäten werden in die wirklich kleinsten Räumlichkeiten weggestaut, und Sachen und Gegenstände, an deren Unterbringen man bis dahin verzweifelte, bekommen /7/ einen Platz und scheinen vollkommen gut aufgehoben. Bisdahin aber heißt es „Geduld und Fügsamkeit“.
Unsere Passagiere für Californien – denn der Talisman ist direct nach San Francisco bestimmt – bilden eine höchst eigenthümliche und wirklich interessante Masse. Es sind fast lauter junge kräftige Leute, die jenem abeneuerlichen Leben des neu entdeckten Eldorado mit so goldenen Träumen entgegengehen, wie sie nur je in Alchymist in seiner düstern Stunde geträumt hatte; aber keine einzige Frau – kein Kind ist zwischen ihnen. Die meisten, besonders die Zwischendecks-Passagiere, sind dazu, bei ihrer Ankunft an Bord, bis an die Zähne bewaffnet, manche auf wirklich komische Art. So kam gestern Einer vom Dampfboot auf den Talisman, mit einer Flinte, einem Spaten und – einem baumwollenen Regenschirm. „Mit dem Spaten willst Du wohl’s Gold ‘rauskriegen?“ frug ihn ein Matrose. „Ich wird’s doch nicht sollen mit den Händen ‘rauskrabbeln,“ antwortete ihm der Mann im höchsten Ernst.
Spaten führen übrigens die Meisten bei sich; manche Dutzende davon – auch Massen von alten Säbeln, Pistolen, Dolchen, Bajonett-Flinten. Ueberhaupt kommen Waffen zum Vorschein, als ob eine Rüstkammer geplündert wäre, oder ein Antiquitätencabinet aufgestellt werden sollte.
Eine Persönlichkeit darf ich jedoch hier nicht übergehen, denn sie hat nicht allein bei uns, sondern auch in ganz Bremen großes Aufsehen erregt. Es ist das ein Messerschmidt aus Magdeburg – hier jetzt nur kurzweg der Riese genannt, der ebenfalls nach Californien auswandern will. Der Leser denke sich eine wahre Herculesgestalt, von riesigem Körperbau mit krausem Bart, rothen Wangen und gutmüthigen klaren Augen – nur ein klein wenig zu bauchig, eine Figur also, die schon ohnedies durch ihren kolossalen Umfang aufgefallen wäre, nun auch noch nach folgender Art gekleidet: grüne Blouse, helle Beinkleider und weißen Turnerhut; um den Leib einen etwa fünf Zoll breiten weißen Ledergurt, und an diesem erstens einen wahrhaft riesigen Pallasch, der über die Steine klirrt, neben diesem einen Hirschfänger, der an der Stelle allerdings nur wie ein Messer aussieht, und neben dem /8/Hirschfänger noch einen gigantischen „Nickfänger" zum Zusammenklappen - ebenfalls etwa achtzehn Zoll lang. Außerdem trägt diese Titanengestalt einen Dolch mit Terzerolläufen daran, wie eine verhältnißmäßige Anzahl von Pistolen.
Noch abenteuerlicher, ja fast komisch wird aber diese Persönlichkeit durch ihre Begleitung. Es sind das drei, hier „Trabanten" genannte, Individuen, die den mächtigen Führer in Diminutivform, wie die Lootsen den Haifisch, umschwimmen. Drei sehr kleine Männer, ebenfalls in grünen Blousen, Turnerhüten und mit dem weißen Gurt, also ganz wie junge Riesen, und nur statt des Pallasches mit sehr kurzen Messern oder Hirschfängern an der Seite. Der Riese war allem Anschein nach ein höchst gutmüthiger, ja fast gemüthlicher Mann - wie das meist alle großen, kräftigen Naturen sind. - Er ließ sich Pallasch und Messer von allen Leuten herausziehen und untersuchen, und glich in der That einem Kauffahrer, der Kanonen ohne Munition führt.
An jenem Abend ging bei Brake das neue deutsche Kriegsdampfschiff Britannia unter dem Abfeuern der Landböller vor Anker - es war ein tüchtiges, stark und scharf gebautes und gewiß schnelles Boot, und was für Hoffnungen füllten damals unsere Brust, und w i e sind sie später getäuscht - verrathen worden!
Nachdem wir uns nun über eine Woche in einem solchen Zwitterdasein zwischen Reisenden und Ansässigen Herumgetrieben, kam endlich die frohe Botschaft, daß wir „unter Segel gehen", oder wenn wir keinen günstigen Wind bekämen, wenigstens mit der rückströmenden Ebbe der Mündung der Weser zutreiben sollten. Gerüchte über ausbrechende Feindseligkeiten mit Dänemark gaben uns dabei ziemlich gegründete Ursache, eine Unterbrechung unserer Reise fürchten zu müssen, falls wir nicht den Kanal vor der Aufkündigung des Waffenstillstandes erreichten, denn unsere Flotte lag noch in den Windeln (ich dachte damals wahrlich nicht, daß ich sie bei der Rückkehr schon im Leichenhemd finden sollte,) und dänische Kreuzer hätten uns einen bösen Strich durch die Rechnung machen können. - Doch der Erfolg wies sich besser aus, als /9/ wir gefürchtet. An dem Abend mußten wir zwar noch ein¬mal vor Anker gehen, aber am nächsten Tag wurde der Wind günstiger, und als wir an Bremerhasen vorüberfuhren, wehte schon eine recht wackere Brise.
Gerade dem Hafen gegenüber kam ein Boot von dort ab. Zwei Leute saßen darin, ruderten aus Leibeskräften und hatten es nur ihrem zeitig genug vom Ufer Fahren zu danken, daß sie uns wirklich einholten, denn das Schiff lief wenigstens fünf Knoten durch's Wasser. Die Passagiere standen fast Alle an Deck und schauten gespannt nach diesem letzten Boten vom festen Land herüber. Der Capitain glaubte, es sei eine Depesche für ihn, und die Uebrigen zerbrachen sich den Kopf, was die Sendung zu bedeuten haben könne, denn Niemand befand sich im Boot, als eben die beiden Rudernden. Und was brachten sie? - einen Brief für einen der Zwischendecks-Passagiere.
„He - Schulze - Schulze - ein Brief für Dich!" rief es aus einer Anzahl Kehlen, als das heranschießende Boot, von einem zugeworfenen Tau gehalten, mit dem Talisman fortgezogen wurde und Einer der Bootsleute an Bord gesprungen war.
„Ein Brief für mich?" sagte der Angeredete, der sich jetzt hinzudrängte, anscheinend ganz erstaunt, ja fast erschreckt, „ich gehe nicht wieder zurück."
Während noch einige der Uebrigen lachten, erbrach er den Brief und frug zugleich den Bootsmann, was er als Botenlohn zu beanspruchen habe.
„Einen Dollar," lautete die tröstliche Antwort, die den armen Teufel von Passagier nicht wenig erschreckte. „Einen Dollar?" wiederholte er ganz verblüfft und las dabei zugleich den Inhalt des Briefes halblaut vor sich hin - „lieber Bruder, ich rufe Dir nochmals ein Lebewohl aus der Ferne zu - ich wünsche Dir eine recht glückliche Reise und gute Gesundheit - und das kostet einen Dollar? - und laß recht bald etwas recht Gutes von Dir hören. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein getreuer Bruder Franz. - Na, dafür will ich mein ganzes Leben lang nichts weiter thun, als Briefe transportiren - wie können Sie denn dafür einen Dollar fordern?"/10/ „Das ist Taxe," betheuerte der Mann, „und es war wahrhaftig keine Kleinigkeit, das Schiff mit solchem Fortgang noch einzuholen - seien Sie froh, daß wir noch zur rechten Zeit gekommen sind."
„Ich?" sagte der Passagier ganz erstaunt - „für einen Thaler zehn Silbergroschen das Stück wünsch' ich den Leuten das ganze Jahr hindurch eine „glückliche Reise" - ich wollte, Sie wären eine halbe Stunde später gekommen."
Der Mann mußte jedoch seinen Dollar bekommen, und Herr Schulze fügte sich endlich seufzend darein, nachdem er dem Bootsmann noch vorher den, wenn auch vergeblichen, Vorschlag gemacht hatte, ihm den Brief für das halbe Porto wieder abzunehmen.
Aus der Weser erst hinaus, wurde der Wind immer schärfer und besser. Wir mußten aufbrassen und liefen vor günstigster Brise wohl sieben bis acht Meilen.
Dem nicht nautischen Leser hier übrigens gleich im Anfang wenigstens einen Begriff der nautischen Rechnungsart zu geben, werden ein paar Worte genügen. Der Lauf des Schiffes wird nach dem Log gemessen - jedes Conversationslexikon giebt darüber Auskunft -, und wenn es heißt, das Schiff läuft z. B. acht Knoten in der Stunde (nach den Merkmalen in der Logleine) - so sind damit englische Meilen gemeint; heißt es aber acht Meilen in der Wacht, so sind das geographische oder vielmehr nautische. Vier englische gehen aber aus eine nautische, und vier Stunden auf eine Wacht, so daß acht Knoten oder Meilen (englische) die Stunde - auch dasselbe ist, was acht Meilen die Wacht bedeutet, da man bei der Wacht nur nach nautischen Meilen rechnet.
Donnerstag Abend um sieben Uhr liefen wir also in die Nordsee ein - am Freitag Abend mit Dunkelwerden sahen wir schon die Leuchtfeuer von Dover - etwas später auch die von Calais, und Sonntag Morgens, am 25., erreichten wir die Mündung des englischen Kanals.
With the blue above and the blue below
And silence reights whereever we go.“
/11/So lagen denn all' die gefährlichen Dünen und Sandbänke der Nordsee - all' die grünen Untiefen des Kanals glücklich hinter uns - mit diesen allen aber auch die Heimath, und es war ein wahrlich nicht zu beschreibendes Gefühl das mich ergriff, als ich endlich einmal wieder auf dem blauen, so wundervoll blauen Ocean, aber auch so fern von den Meinen schaukelte, auf's Neue einem wilden, tollen Leben in die Arme gesprungen.
Die Gefühle meiner Mitpassagiere schienen größtentheils anderer Art. Mit nur sehr geringen Ausnahmen wurden die meisten seekrank, und wen nicht das grimme Seeleid, den jagte gewiß die nichtswürdige Kälte unter die Decken, so daß das Verdeck die ersten Tage ziemlich verödet lag. Von günstigem Wind getrieben, schossen wir aber rasch dahin, und mit dem freudigen Bewußtsein, einen ziemlich fatalen Theil der Reise überstanden zu haben, mischte sich jetzt auch noch das beruhigende Gefühl, jeder Gefahr eines durch die dänische Blokade möglichen Aufenthalts glücklich entgangen zu sein.
Mit derselben herrlichen Brise erreichten wir die Breite der Insel Madeira, die wir jedoch nicht zu Gesicht bekamen, und trafen hier den Nordostpassat, der uns eine rasche Fahrt versprach. Die Seekranken erholten sich auch sehr rasch wieder, und die gesund Gewordenen konnten jetzt erst beginnen, die Wunder des Meeres anzustaunen, die sich um sie her ausbreiteten.
Besonders beschäftigte uns in dieser Zeit die Jagd auf eine Art Delphin, den sogenannten „Schweinefisch", weil er ein rüsselähnliches Maul hat. Ich harpunirte mehrere davon, wir bekamen aber keinen an Bord.
Das Harpuniren dieser Fische ist übrigens schon an sich selber eine höchst interessante Jagd. Der Schweinefisch (wahrscheinlich der sogenannte Delphin der Alten, da ein wirklicher Delphin nie groß genug gefunden wäre, den Arion an's Land zu tragen, und diese „Springer" auch der Beschreibung eher entsprechen) durchstreift bei frischer Brise, wenn das Schiff rasch durch's Wasser geht, die See in zahlreichen Schaaren. Die Fische springen dann vorzüglich gern dicht vor dem Bug her und spielen in den schäumenden, hochaufspritzenden Wellen, /12/ denen sie sich oft, mit dem ganzen Körper über Wasser, vorauschnellen. Der Harpunirende aber steht vorn - ebenfalls vor dem Bug des Fahrzeugs, in den Ketten des Stampfholzes, unter dem vorstehenden Klüverbaum, und wartet bis ihm einer der herüber- und hinüberschießenden Schaar zum Wurf kommt. Unter dem Bugspriet muß dabei ein Block festgemacht sein, in welchem das an die Harpune geschlagene Tau läuft. An diesem Tau stehen an Bord Leute, des Rufs gewärtig, und sobald der Fisch die Harpune hat, ziehen sie in möglichster Schnelle denselben über Wasser, damit die Fluth, gegen die er jetzt angerissen wird, das Gewicht nicht noch vermehrt, das die schwache Harpune überdies schon zu halten hat. Zu gleicher Zeit muß ein Matrose draußen ebenfalls eine Schlinge bereit halten, sie dem Gefangenen, so wie er ihn nur erreichen kann, um den Schwanz zu werfen. Dieser aber schlägt dabei aus Leibeskräften um sich, und müht sich unausgesetzt - durch sein bedeutendes Gewicht höchst nachdrücklich unterstützt - wieder loszukommen. Es läßt sich denken, daß es dadurch mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist, einen solchen gewaltigen Fisch an Bord zu holen, und wir haben fünf auf diese Art verloren.
Das Fleisch des Schweinefisches ist ziemlich gut und es lassen sich besonders vortreffliche sogenannte ,,Beefsteaks" davon bereiten. Das Harpuniren ist, obgleich der Fisch im vollen Sprung getroffen sein will, keineswegs sehr schwierig, doch gehört eine sichere Hand und etwas Uebung dazu.
Mitten in dem Jubel und Lärm der Passagiere ging in der nämlichen Zeit ein Mann herum, der sich um alles das nicht kümmerte, die Stellen vermied, wo lustige Leute beisammen waren, und stets still und abgeschieden, finster brütend und mit seinen eigenen, jedenfalls traurigen Gedanken beschäftigt, an irgend einem einsamen Plätzchen saß, wo er das auch immer aufsuchen mußte. Der Mann hatte das Heimweh. - Mir war er wohl schon lange aufgefallen, aber ich glaubte immer, er leide vielleicht noch an den Folgen der Seekrankheit, von der er sehr mitgenommen worden. Eines Tages aber kam er mit thränenden Augen zu mir und bat mich, ich möchte doch um Gottes willen den Capitain dahin zu bewegen suchen, /13/ daß er ihn mit dem nächsten Schiff, was uns begegne, zurück nach Deutschland schicke. - Er habe leichtsinnig gehandelt - er habe eine Frau und drei Kinder daheim zurückgelassen, während ihm jetzt die Erinnerung an sie das Herz zerreiße und er blutige Thränen weinen möchte, wenn er an den Abschied von den Seinen dächte. Die Kleinen waren ihm um den Hals gefallen und hatten ihn gebeten, daß er nicht von ihnen gehen möchte. - Jetzt sähe er ein daß er unrecht, daß er unverantwortlich gehandelt habe, und sei auch sein kleines Capital, was er auf die Reise verwandt, nun verloren, so wolle er doch lieber den letzten Pfennig daran wenden, wieder zurückzukommen, und dann im Vaterland bei den Seinen Tag und Nacht arbeiten, das Verlorene wieder einzubringen.
Als sich dem Mann erst einmal der starre Schmerz gelöst, als er Worte gefunden hatte, gerieth er fast außer sich, und die Thränen stürzten ihm die bleich gehärmten Wangen nieder. Ich that allerdings Alles was in meinen Kräften stand, ihn zu trösten; was aber konnte ich ihm als Trost sagen. Ein Schiff zu finden, das ihn zurücknähme, darauf durfte er gar nicht rechnen, denn wenn wir wirklich eins trafen, wie das auch später geschah, so hätte ihn das gar nicht so ohne Weiteres aufnehmen dürfen. Alles was ich ihm rathen konnte, war, sich den Schritt, den er gethan, noch einmal recht zu überlegen und dann, wenn wir nach Rio kämen, entweder alle trüben Gedanken bei Seite zu werfen und in das Leben, das er sich jetzt einmal gewählt, mit beiden Füßen zugleich hineinzuspringen, oder - wenn er fühle, daß er unrecht gehandelt habe und den Schritt bereue, oder auch nicht im Stande sei die Trennung zu ertragen, von Rio de Janeiro aus, wo er fast jeden Tag Gelegenheit habe, wieder heimzukehren in die Arme der Seinen.
Der Mann beruhigte sich endlich. Als wir einige Tage später ein Schiff trafen, erwähnte er nichts weiter von seiner früheren Absicht, und noch vor Rio antwortete er mir auf meine Frage danach, daß er sich entschlossen habe, seinen Plan durchzuführen und nach Californien zu gehen. Als er aber später in Rio de Janeiro die heimwärts bestimmten Schiffe /14/ sah, und gar Menschen sprach, die sich darauf freuten nun bald wieder zu Hause bei den Ihrigen zu sein, da mochte das Heimweh wohl wieder mit der alten gewaltigen Kraft ausgebrochen sein und alle seine anderen Entschlüsse über den Haufen geworfen haben. Er nahm seine Sachen vom Bord des Talisman und ging als Passagier an Bord eines dorthin bestimmten Schiffes, nach Bremen zurück.
Wir befanden uns jetzt ziemlich unter der Linie und kamen auch unter die hier fast unvermeidliche Windstille. Die Hitze hatte ich mir aber viel schlimmer gedacht, denn bei einem kaum bemerkbaren Luftzug war sie ganz erträglich und selbst ohne diesen kaum drückend. Am heißesten Tag hatten wir im Schatten 27 Grad Reaumur. Eins der vielen Seemärchen ist es, daß die Schiffe bei Windstille unter dem Aequator alle halbe Stunden oder alle Stunden mit Wasser begossen werden müssen, wenn sie nicht „springen" sollen. Unsere Decks wurden nur Morgens wie gewöhnlich gewaschen. Regenschauer sind übrigens hier ziemlich häufig und besonders in der Nacht störend, wo die Schläfer am Deck fast jede Nacht durch einen Guß geweckt und in ihre dunstigen Kojen mit den nassen Betten hinabgeschickt werden.
Unsere Fahrt ging von da an still und günstig vorwärts. Bei Cap Frio hatten wir allerdings einen kleinen Sturm durchzumachen, der aber nur einige Tage dauerte. Am 12. Mai erreichten wir endlich die lang' ersehnte Einfahrt von Rio de Janeiro, und hatten am Nachmittag das ganze prachtvolle Panorama, das den schönsten Hafen der Welt umschließt, vor uns. Schon konnten wir den „Zuckerhut", der als treffliche Landmarke das linke Ufer des Eingangs bildet, unterscheiden. Je mehr wir uns dem Land näherten, desto deutlicher traten die einzelnen Gruppen, endlich die Umrisse der Vegetation und zuletzt sogar das so lang' entbehrte lebende Grün der Bergrücken und Wälder, aus denen hochstämmige Palmen aufragten, empor. An den beiden kleinen Inseln Paya und Maya (Vater und Mutter) segelten wir dicht vorüber, und erreichten gerade nach Sonnenuntergang den Platz, von dem wir, wäre es hell gewesen, Alles hätten überschauen können, was das Auge in dieser neuen Welt /15/ überrascht und entzückt. - Unter den Tropen folgt aber dem Sonnenuntergang auch fast augenblickliche Nacht, und als wir vom Fort Santa-Cruz angerufen wurden, lag schon tiefe Nacht auf dem Meere, und nur unzählige Lichter verriethen die Nähe einer volkreichen Stadt, eines belebten Hafens.
Es war bis dahin an Bord die Befürchtung ausgesprochen, daß die Passagiere der fremden Schiffe, ohne einen vom brasilianischen Consul in Deutschland visirten Paß zu haben, nicht würden an's Land gelassen werden. Glücklicher Weise zeigte sich das aber anders; denn als am nächsten Morgen das sogenannte Visitenboot zu uns an Bord kam, wurde uns bald die summarische Erlaubniß zu Theil, so rasch und so zahlreich an Land zu fahren, wie wir nur wollten. Man kann sich denken, daß wir schnell genug davon Gebrauch machten, und es dauerte nicht lange, so ruderten wir (am 13. Mai Morgens) im herrlichsten Sonnenlicht dem freundlichen Ufer entgegen. „Brasilien ist nicht weit von hier", sangen Einige, und Alle freuten sich der prachtvollen Natur, die uns umgab.
Der Hafen von Rio de Janeiro ist übrigens schon zu oft beschrieben, als daß ich noch einmal etwas versuchen sollte, was eigentlich doch unmöglich ist - diese wunderbare Natur, die stille Bai, die am Ufer bald zerstreuten, bald zu Massen zusammengedrängten Gebäude, die hohen, bald schroffen, bald mit der herrlichsten Vegetation bedeckten Hügel und Gebirge, die zahlreichen Schiffe und Boote, die Flaggen aller Länder und Erdtheile, die Forts und Bastionen mit ihren Kirchen und Kanonen - das Alles läßt sich wohl schildern und ausmalen, aber dem Leser einen wirklichen Begriff, ein treues Bild davon zu geben, das, glaub' ich, ist unmöglich. /16/
2.
Rio de Janeiro und weiter!
Die Stadt selber - und mit wie Manchem auf der weiten Gotteswelt geht es nicht ebenso - verliert indessen gewaltig, wenn man erst ihre nähere Bekanntschaft macht. Die Straßen sind, mit wenigen Ausnahmen, eng und schmutzig. Die Menge der Sclaven, mit ihren unzähligen farbigen Abstufungen, die dem Auge überall in den Weg tritt, macht einen zu widerlichen Eindruck auf den Europäer, um ihn in dem scharfen Contrast nicht selbst die herrliche Natur vergessen zu machen, der man übrigens in den schmalen Straßen auch fast entrückt ist.
Am nächsten Morgen beschloß ich, eine kleine Landpartie zu machen, und ritt mit einigen Freunden zusammen hinaus in's Freie.
Die brasilianischen Pferde sind kleine muntere, ausdauernde Thiere und gehen meistens, was ich wenigstens davon sah, Paß oder Galopp. Die auf dem Lande wohnenden Pflanzer und Kaufleute aber, die Morgens in die Stadt kommen und Abends wieder Hinausreiten, gebrauchen nicht selten Maulthiere - ebenfalls eine kleinere Race, als ich sie in Nordamerika gefunden habe - und erreichen mit diesen ihr Ziel wohl nicht ganz so rasch, aber doch jedenfalls weit bequemer und sicherer.
Die Umgegend von Rio ist wirklich paradiesisch - die stille Bai mit ihren zahlreichen Masten und lebendig hin- und wiederschießenden Booten - die niedlichen Gärten mit ihren Orangen, Bananen und Palmen, Kaffeebäumen und Blumenbüschen - die hohen pittoresken Berge und Felskuppen, die weit übereinander herüber schauen - die eigenthümliche Tracht und Farbe der Eingeborenen und Sclaven, die zu Markt ziehenden Neger, die Viehtreiber und Verkäufer, das Alles macht mit seinen wechselnden phantastischen Gestalten auf den Fremden /17/ einen eigenthümlichen, wohl kaum zu vergessenden Eindruck. Der Unterschied mit der Heimath ist zu auffallend; man fühlt, daß man in einem fremden, tropischen Lande ist, und jeder Schritt, jede Biegung der Straße, jede uns begegnende Persönlichkeit bringt dem mehr und mehr erregten Geiste, dem gierig umherschweifenden Auge Neues, Interessantes.
Leider konnte ich aber nicht lange in diesem schönen Lande verweilen, denn ein neuer, erst in den letzten Tagen an Bord flüchtig gefaßter Plan war mir so lieb geworden, daß ich beschloß, ihn durchzuführen, es koste was es wolle.
An Bord des Talisman war nämlich ein junger Italiener, von englischen Eltern geboren, der, mehr aus Prahlerei wahrscheinlich als einer ernsten Absicht wegen, eine Wette gemacht hatte (und zwar mit Eins gegen Zwanzig), daß er die Landreise durch Südamerika durchführen wolle. Mir selber war die Landreise schon bis dahin fortwährend im Kopf herumgegangen. Das damalige Reichsministerium hatte mir nämlich einen Zuschuß unter dem Vorbehalt bewilligt, daß ich bestimmte Länder, zu denen die La Platastaaten gehörten, dafür besuchen wolle. Wenn ich nun auch die feste Absicht hatte, diese jedenfalls auf dem Rückweg, um das Cap der guten Hoffnung heimkehrend, zu bereisen, so lag dazwischen doch noch ein langer Zeitraum und außerdem die ganze Welt, und ich beschloß endlich, mich in Rio de Janeiro wenigstens genau nach einer solchen Landreise zu erkundigen. In Rio erhielten wir aber zu unserem Erstaunen so mißliche Nachrichten über die Argentinische Republik, durch die hier mein Weg, querüber durch die Pampas, lag, es wurden uns solch' entsetzliche Geschichten von den jetzt empörten Indianern und nachher dem Schnee der Cordilleren, die wir gerade hätten mitten im Winter passiren müssen, erzählt, daß mein Begleiter die Sache in Verzweiflung aufgab und seinen Dollar Wette bezahlte. War ich aber vorher noch unentschlossen gewesen, so schien es, als ob mich diese sonst keineswegs ermuthigenden Nachrichten erst hartnäckig gemacht hätten. Schon in Nordamerika hatte ich erfahren, wie oft solche Berichte über Weitentfernte Strecken übertrieben seien und Manches in der /18/ Nähe eine ganz natürliche Färbung bekomme, was uns, weit davon entlegen, in fabelhafter Weise ausgeschmückt wurde. Nicht wenig vertraute ich dabei auf mein gutes Glück, das mir in früherer Zeit schon manchmal durchgeholfen. Das Resultat war, daß ich mit einem kleinen deutschen Schooner, der unter argentinischer Flagge zufällig im Hafen lag und nach Buenos-Ayres bestimmt war, meine Passage abschloß und mich schon am 16. Mai aus diesem nach der argentinischen Republik hin einschiffte.
In den La Platastaaten und den weiten Pampas Südamerikas lernte und sah ich mehr, als an Bord eines von Passagieren dichtgedrängten Schiffes, und was die Gefahren betraf, so besaß ich zu vielen Leichtsinn, an die eher zu denken, als sie mir wirklich entgegentraten.
Für alle Solche übrigens, welche nach mir Lust haben sollten dieselbe Tour zu unternehmen, möchte ich eine wohlmeinende Warnung hier beifügen, und diese besteht darin, ihre Papiere bei guter Zeit fertig zu machen, damit sie nicht im entscheidenden Augenblick durch irgend eine erbärmliche Kleinigkeit, die ihnen aber förmlich unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg wirft, aufgehalten werden. Nicht allein muß man nämlich seinen Paß von dem Buenos-Ayres-Consul visirt und ebenfalls von der Polizei die Erlaubniß darauf verzeichnet haben, auf einem andern Schiffe, als mit dem man angekommen, den Hafen wieder verlassen zu dürfen, sondern es ist auch noch eine Erlaubnißkarte nöthig, „das Passagiergut von einem Schiff auf das andere schaffen zu dürfen", und befindet sich zufällig ein „Gewehr" bei diesen Effecten, so fangen Aufenthalt und Kosten an in's Fabelhafte zu gehen. Das Gewehr muß dann, wenn man nicht andere Mittel und Wege findet dem Rechtsschlendrian zu entgehen, erst an's Ufer geschafft und - ich glaube, mit vierzig Procent versteuert, und dann erst wieder an das neugewählte Schiff gebracht werden. Nach zwei Uhr Nachmittags ist aber auch selbst dies nicht mehr möglich, und der ganze wie der nächstfolgende Tag versäumt, da die Schiffe nur mit der bis zehn Uhr etwa wehenden Landbrise auslaufen können. Ich meinestheils habe es nur der Freundlichkeit und wirklich aufopfernden Gefällig-/19/keit des Herrn Viceconsuls Heymann in Rio-Janeiro zu danken, daß es mir überhaupt möglich wurde, allen Anforderungen zu genügen und mit den nöthigen Papieren von Bord des Talisman und an Bord des San-Martin zu kommen. Eine geraume Zeit meines kurzen Aufenthalts in Rio ist mir aber durch diese entsetzlichen Weitläufigkeiten wirklich auf das Fatalste verbittert worden, und ich bekam in der That von Brasilien, auf das ich mich so lange schon gefreut, fast gar nichts zu sehen. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf, das in einer späteren Zeit nachzuholen, und ging ohne Weiteres an Bord meines neuen Fahrzeugs, des San-Martin.
Der Talisman mußte noch wenigstens eine volle Woche im Hafen bleiben, und da der San-Martin augenblicklich segelte, hatte ich die Hoffnung Buenos-Arires zu erreichen, ehe mein altes Schiff nur wieder in See ging. Dort konnte ich mich dann einige Wochen aufhalten, und hoffte so immer noch, Valparaiso am Stillen Meere zu erreichen, ehe der Talisman im Stande war die oft sehr langwierige Reise um Cap Horn zu beenden. Für den Fall aber, daß mir irgend etwas passire oder ich aufgehalten würde, hatte ich vom Cargador wie Capitain des Talisman das feste Versprechen erhalten, daß sie meine Effecten in dem Geschäft der Herren Lampe, Müller und Fehrmann einsetzen wollten, und ich konnte dann später mit einem andern Heydorn'schen Schiffe nach San-Francisco nachkommen. Den Umständlichkeiten Rio de Janeiros glücklich entgangen, - meine Büchsflinte mußte ich sogar noch an Bord des San-Martin hinüber schmuggeln - schiffte ich mich am 16. Mai aus diesem kleinen Schooner nach Buenos-Ayres ein. Die ersten Tage schien auch ein ziemlich guter Wind unsere kurze Fahrt begünstigen zu wollen, und die Reise kann, wenn Alles zusammen stimmt, recht leicht in fünf Tagen zurückgelegt werden. Hatten wir dies aber erwartet, so sollten wir uns bald gewaltig getäuscht finden, denn der Wind drehte sich, und am 21. verwandelte ein Pampero die ruhig wogende See in ein wildes, sturmgepeitschtes Meer, auf dem unsere kleine Nußschale von Fahrzeug auf das Unerbittlichste umhergeschleudert wurde. Pampero ist übrigens ein Wort, /20/ das der diese See Befahrende gerade zur Genüge zu hören bekommt, und mit dem ich den deutschen Leser (der es sich aus solche Art recht gut gefallen lassen kann) ebenfalls etwas vertrauter machen will.
Der Pampero, wie ihn die Seefahrer hier nennen, ist ein ziemlich periodisch wiederkehrender und selbst in seiner Richtung regelmäßiger Sturmwind, der seinen Namen, da er stets aus Westen und Südwest weht, von den weiten Pampas bekommen hat, über die er daherbraust. Gewöhnlich beginnen die ersten Anzeichen mit einem scharfen Nordwind, der mehr und mehr nach Westen herüberzieht. - Kaum ist der Wind ziemlich West, so kommt ein fluthender Regen und in diesem zugleich die erste Bö, das erste Anprallen des Pampero. So rasch und plötzlich setzt aber der wirkliche Pampero ein, und so gewaltig ist er in seiner Kraft, daß schon manches Fahrzeug, dessen Capitain die ersten Anzeichen nicht beachtete oder gar nicht kannte, sämmtliche Stengen über Bord geworfen hat, ehe die oberen Segel geborgen, die unteren gereeft werden konnten, ja wohl auch ganz und gar verloren ging. Hat der Sturm nun von dieser Richtung ausgetobt, so zieht er gewöhnlich mehr nach Süd, Südost, Ost und Nordost herum und weht dann mäßiger. So schnell wendet er aber dabei und ändert seine Richtung, daß er manchmal schon in fünf Minuten vom scharfen Nord zum wüthendsten Südwesten wird und dann allerdings den Schiffen höchst gefährlich werden muß.
Unser späterer Lootse, ein alter Amerikaner, sagte mir, daß er es schon erlebt habe, wie der Pampero auf solche Art dreimal in vierundzwanzig Stunden um den Compaß gewechselt sei. Die See geht nach diesen Stürmen ungemein hoch, und der Aufenthalt in einem kleinen Schooner ist nichts weniger als angenehm; man wird von einer Seite zur andern geworfen, und weder Ruhe noch Rast ist zu finden. Erst am dritten Tag beruhigt sich gewöhnlich das Wasser wieder.
Ein solcher Pampero jagte uns nun am 21., 22. und 23., größtenteils mit dichtgereeften Segeln und nur mittelmäßig unsern Cours verfolgend, auf der See herum. Besonders tröstend war dabei die Aussicht, in ganz kurzer Zeit diesen angenehmen Besuch erneut zu bekommen, da die Pamperos um diese Jahreszeit gewöhnlich mit jedem Mondwechsel, mit Neumond, erstem, letztem Viertel und Vollmond, also den Monat viermal wiederkehren. Am 25. besserte sich der Wind, und am 26. kamen wir in Sicht des nördlichen La Plata-Ufers.
Am 27. waren wir in der Mündung bei der Insel Lobos (Seehundsinsel), die, wie einer meiner alten Lehrer in Leipzig vom Hasen sagte, „ihren Namen wirklich mit Recht führt". Wir sahen Massen von Seehunden in dem jetzt vollkommen ruhigen Wasser, denn der Wind starb bald zu völliger Stille ab, und unser Capitain versicherte mir, er würde das Boot aussetzen, wenn ich einen der Seehunde von Bord aus schießen könne. Um meine gute Büchsflinte nicht auf der See einzuschmutzen und vom Seewasser rosten zu lassen, hatte ich bis dahin meiner Jagdlust Gewalt angethan. Die Gelegenheit war aber zu verlockend - Seehundsjagd im Rio de la Plata und Wild dazu in Masse. Ich lud, und zwei Seehunde, die sich gleich nacheinander auf etwa vierzig Schritt dem Schiff näherten und das rauhe, auf's Aeußerste erstaunte Gesicht über dem Wasser zeigten, büßten ihre Unvorsichtigkeit mit dem Tode. Rasch wurde nun das kleine Boot ausgesetzt, ehe wir aber zu den Erlegten hinkommen konnten, waren sie schon gesunken.
Ich schoß jetzt noch nacheinander sechs Stück, meist in den Kopf, ohne aber im Stande zu sein, auch nur einen einzigen in‘s Boot zu bekommen; den siebenten traf ich endlich, um ihn nicht gleich zu tödten, weil sie dann augenblicklich wegsanken, in den Hals, und als unser Boot, während das verwundete und halbbetäubte Thier auf dem Wasser herumschlug, dicht an ihn hinanglitt, schleuderte der vorn im Bug stehende Matrose die zu diesem Zweck schon bereit gehaltene Harpune auf den Sinkenden. Das war aber gerade so, als ob er das Eisen auf einen Wollsack geworfen hätte. Es ging gar nicht durch die weiche, elastische, aber auch zu zähe Haut, und wäre der tödtlich Getroffene nicht noch einmal selber an die Oberfläche gekommen, wir hätten ihn ebenfalls verloren. So aber erwischte ihn der Steuermann noch /22/ glücklich an einer Flosse und wir holten ihn über Bord. Es war ein tüchtiger Bursche und trug eine vortreffliche Haut.
Den ganzen Nachmittag hatte sich kein Lüftchen geregt; die See, oder hier vielmehr die freilich ganz der See gleichende Mündung des La Plata lag spiegelglatt und unbewegt, und der Himmel sah so rein aus, als ob er im Leben keine Wolke getragen oder je wieder dulden würde. Erst jetzt, als es gegen Abend ging, erhob sich ein leiser, leiser Luftzug. Die Richtung aber, aus der dieser wehte, wie die Art, wie er sich rasch veränderte, gefiel unserem Capitain, der dieses böse Wasser schon lange befahren, so wenig, daß er uns augenblicklich mit dem Sprachrohr zubrüllte, an Bord zu kommen. Wir hatten uns indessen, eifrig mit den Seehunden beschäftigt, den Henker darum gekümmert, wie es sonst um uns aussah. Wenn sich aber auch noch kein gefährliches Anzeichen blicken ließ, wußten wir doch Alle zu gut, wie rasch das auf See eintreten kann, und an Bord ist in solchem Falle auch der Barometer ein vortrefflicher Warner, der schon manches Segel, ja manches ganze Schiff gerettet hat. Ohne also auch weiter nur einen Moment zu säumen, ja ohne nur noch einen Schuß auf hier und da emportauchende Seehunde zu thun, ruderten wir zum Schiff zurück, und kaum dort angelangt, folgte auch schon ein rasch gegebener Befehl nach dem andern. Das Boot wurde zuerst durch sämmtliche Mannschaft an Bord genommen. Der Capitain hatte indessen noch einmal nach dem Barometer gesehen, und die leichteren Segel kamen gleich darauf herunter, das Marssegel wurde gereeft, und wir waren kaum damit fertig, als rasch und drohend von Westen her eine dunkle Wolkenschicht aufstieg. Der Wind fing zugleich ziemlich scharf von Norden zu wehen an.
Besserer Zeichen bedurfte es nicht. Das große Segel wurde jetzt ebenfalls, das Marssegel dicht gereeft, das main-sail ganz fest gemacht, und nun ging der Tanz wieder los. Noch war's nicht dunkel geworden, als sich der Wind nach Nordwest, dann gegen Westen herumschlug, und bald pfiff wieder, von fluthendem Regen begleitet, ein so wüthender Pampero über den weiten Strom dahin, daß der Sturm /23/ durch die Blöcke und Taue heulte, die See, mehr und mehr aufqerüttelt, ihre weißen Kämme in einem wahren Spritzschaum über die Fläche sandte und die kleine Insel, in deren Nähe wir heute herumgeschwommen, schon lange wieder unseren Blicken entschwunden war.
Die ganze Nacht dauerte es so fort; ich wurde zweimal aus der, nur mit einer sehr niedern Schutzwand versehenen Koje geworfen, ja selbst der nächste Tag bot uns wenig Besseres. Der eigentliche Pampero, wie der erste und tollste Ansturm des Wetters genannt wird, hatte sich allerdings in etwas gelegt, aber es wehte doch noch trotzdem ein ganz anständiger Sturm. Unser kleines Fahrzeug arbeitete auf eine verzweifelte Weise in den aufgerüttelten Wogen umher, die den Mitteltheil desselben fortwährend bedeckt hielten, und beim Auf- und Niedersteigen ihre klare, perlende Fluth sogar bis dicht an das ziemlich erhöht liegende Steuer spülten.
Der San-Martin - früher Karl Heinrich und jetzt nur umgetauft, weil er unter argentinischer Flagge fuhr - war, was die Seeleute ein „tüchtiges Seeboot" nennen, und segelte besonders gut. Dies konnte aber natürlich nicht verhindern, daß das kleine Ding von der hochgehenden See auf das Unbarmherzigste umhergeworfen wurde, und wir selber flogen in der Kajüte, wenn man sich nicht wirklich aus Leibeskräften festhielt, bald aus dieser Ecke in jene, mit dem einzigen Vortheil, daß man nie an seine alte Stelle zurückzugehen brauchte, weil uns die nächste Bewegung gewöhnlich schon selber dorthin oder doch in die nächste Nähe zurückbrachte. Beim Essen lag, wie bei allen Schiffen in schlechtem Wetter, ein Gestell von Ouerleisten auf dem Tisch, um die Teller am Hinunterrutschen zu verhindern. Das unsere war gute zwei Zoll hoch, und doch sprangen sie oft darüber hin. Keinen Löffel Suppe konnte man als errungen betrachten, bis er wirklich hinuntergeschluckt war, und wenn man bei Tisch kühn genug sein wollte, mit beiden Händen zu essen, so mußte man sich wenigstens indessen mit den Beinen festhalten. Es war eine traurige Existenz, und der Wind blies uns dabei so in die Zähne, daß wir nicht allein gar keinen Fortgang machen konnten, sondern im Gegentheil wieder weit /24/ zurück und in See hinaus getrieben wurden. Seevögel gab es hier in fast unglaublicher Menge.
Wegen des Krieges zwischen Buenos-Ayres und Montevideo, wobei Rosas die Stadt Montevideo von der Landseite her fest eingeschlossen hielt, konnten diese keine Provisionen und besonders kein Fleisch aus dem innern Lande bekommen, und zahlreiche Fahrzeuge waren beschäftigt gewesen, Rinder von Rio-Grande aus Brasilien nach Montevideo hinaufzuführen. Der San-Martin war ebenfalls früher zu diesem Geschäft verwendet worden, ehe er die argentinische Flagge führte. Diese kleinen Schooner wurden nun nicht selten, von einem tüchtigen Pampero überrascht, genöthigt, ihr Vieh über Bord zu werfen, und da auch selbst auf glücklichen Reisen einzelne Stücke immer daraufgingen, so trieben fast ununterbrochen todte Rinder in der Mündung des Stromes umher. Dadurch aber hatte sich eine wahre Unmasse von Seevögeln hierher gezogen: Albatrosse, Captauben und Gott weiß wie viel verschiedene Arten von großen und kleinen Möven, so daß sie manchmal zu Tausenden über die aufgerüttelten Wogen strichen und das Schiff fortwährend kreischend umzogen.
Am zweiten Tage des Sturms hatten wir ein eigenes Schauspiel, das ich im Leben nicht vergessen werde. Die See ging sehr hoch, der heulende West peitschte noch toll und wild hinein, und das kleine schwergeladene Fahrzeug - Capitain Hauschild kam mit Salz von den Capverdischen Inseln - ächzte und arbeitete mühselig gegen die immer neu herandrängenden Wassermassen an, als der Ruf eines vorn auf der Back stehenden Matrosen unsere Aufmerksamkeit dorthin lenkte. Der Mann sah leichenblaß aus und deutete nach vorn, vor dem Bug aber schwamm auf den Wogen ein großes hölzernes Kreuz, das die erregte Fluth irgendwo vom Lande mußte losgerissen haben, und gerade jetzt hob es die andrängende Welle aufrecht empor, daß es fast senkrecht gerade vor dem Bug des Schiffes stand - im nächsten Augenblick verschwand es, die Fluth trug es unter oder neben uns hin, ohne daß wir es bemerkten, und wenige Secunden später stieg cs dicht hinter uns wieder aufrecht in derselben Art empor. /25/ Wer abergläubisch gewesen wäre, hätte das allerdings gar leicht für ein böses Omen halten können, und überdies ist der La Plata, mit seinen flachen Ufern und gefährlichen Sandbänken, ein gar böses Wasser, das schon mancher armen Schiffsmannschaft das Leben gekostet hat. Wir kümmerten uns aber wenig um das Omen, denn eben wurde die Leber des später ausgeschlachteten Seehunds aufgetragen, und das frische Fleisch roch zu einladend, um nicht alle anderen, noch dazu trüben Gedanken zu verscheuchen.
Am dritten Tag legte sich der Sturm zwar, der Wind drehte aber, statt nach dem Süden herumzugehen, wie er das nach einem Pampero fast jedesmal thut, nach Norden herum, und faßte uns da in eine nördlich durch Land abgegrenzte Bai, aus der wir, gegen Wind und Strömung an, mehrere Tage gar nicht herauskreuzen konnten. Endlich, am sechzehnten Tag unserer Abfahrt von Rio de Janeiro, erreichten wir die am rechten Ufer gelegene punta del lndio, der gerade gegenüber ein Leuchtschiff ankert, das auch zugleich Lootsen für die einlaufenden Schiffe an Bord hat. Hier bekamen wir ebenfalls einen Lootsen, einen alten Amerikaner, der seiner Aussage nach den Fluß auf das Genaueste kannte und uns bald nach Buenos-Ayres zu führen versprach.
Das zu unterstützen, bekamen wir noch an demselben Nachmittag einen tüchtigen Südoster, und liefen nun von einer herrlichen Brise den jetzt schon gelb und trüb' werdenden breiten Strom hinauf.
Wie schon gesagt, ist der La Plata einer der am schlimmsten zu befahrenden Ströme der Welt. Nirgends bietet sich dem Schiffer eine Landmarke, sein Fahrzeug danach zu steuern, die Strömung ist, der Breite und der vielen Untiefen des Stromes wegen, ebenfalls unbestimmt, aber nichtsdestoweniger stark, und die einzig mögliche Art das Schiff zu führen, mit dem Loth oder Senkblei. Ununterbrochen steht denn auch, von dort an wo die eigentlichen Sandbänke beginnen, ein Mann außen von der Schanzkleidung, der sich erst durch ein festgeschlagenes Tau vor dem Wegfallen gesichert hat, und wirft das Loth oft Einer an jeder Seite - und danach steuert der Lootse, der den Grund hier sehr genau kennen /26/ muß, das Schiff. Solcher Art liefen wir die ganze Nacht durch, und in der Dunkelheit war es gerade kein angenehmes Gefühl, rechts und links Bänke zu wissen, die, nur bei der geringsten Fahrlässigkeit, Schiff und Mannschaft zu Grunde richten konnten. An den allen gingen wir aber rasch und sicher vorüber, und Morgens um zwei Uhr rollte auf der Außenrhede von Buenos-Ayres unser Anker in die Tiefe.
3.
Buenos-Ayres und seine Umgebung.
Die Rhede von Buenos-Ayres ist nichts weniger als günstig gelegen, denn auf der innern können nur kleine Fahrzeuge, die nicht tiefer als acht Fuß gehen, ankern, während die äußere wenigstens vier englische Meilen vom Land entfernt liegt und bei einem starken Südoster - wie wir ihn gerade unglücklicher Weise hatten - die Fahrzeuge fast eben so gut in offener See bleiben könnten. Eine andere Unannehmlichkeit ist die, daß bei einem solchen Wind die See ebenfalls gegen das flache felsige Ufer steht, und durch ihr Branden den Booten großentheils das Landen unmöglich macht - ja zu nur etwas tiefgehenden Booten müssen selbst bei ruhigem Wetter besonders dazu gehaltene Karren hinausfahren, Mannschaft oder Ladung in Empfang zu nehmen.
Einen vollen Tag lagen wir solcher Art auf der Rhede mit der Stadt in der Ferne vor uns, ohne an Land zu können, und am zweiten Tag wehte es noch eben so stark; wir forcirten aber die Anfahrt und gelangten glücklich, von Spritzwellen nur wenig durchnäßt, an Land.
Hast Du Dich, lieber Leser, wohl schon einmal recht lebhaft in die Märchen von Tausend und eine Nacht hinein versetzt, wo ganz plötzlich und unerwartet auf ein einfaches /27/ in die Händeschlagen oder ein anderes höchst unschuldiges Zeichen die wunderlichsten Gestalten und Landschaften aus dem Boden heraufsteigen und den Beschauer überraschen? Hast Du das, so wirst Du Dir einen ungefähren Begriff von dem Eindruck machen können, den meine Umgebung, die eben so schnell um mich her aufstieg, auf mich hervorbrachte. Die Aussicht auf die Stadt war mir bis dahin nämlich, da ich hinten im Boot gesessen und wir gerade vor dem Wind der Küste entgegen liefen, ganz durch das breite aufgespannte Segel entzogen worden, und jetzt als dieses siel, war es als ob ein Vorhang niedergerollt wäre, um mich mit vorher sorgfältig berechnetem Effect zu überraschen.
Vor mir lag, von der Brandung bespült, die schäumend über lose hingestreute flache Felsblöcke hinwegsprang und sprudelte, der Landungsplatz von Buenos-Ayres, und das Ufer wimmelte von abenteuerlichen, phantastischen Gestalten. Finstere, scharfgezeichnete und sonngebräunte Gesichter starrten überall unter schwarzen Hüten und rothen Mützen auf uns hin, und wohin auch das Auge fiel, begegnete ihm grelle, bunte, meist aber zinnoberrothe Farbe. Die Tracht der Männer erhöhte dabei das Pittoreske der Farben. Den Kopf bedeckt meistens eine rothe, stets keck auf einer Seite getragene Mütze. Der Poncho oder Mantel (ein viereckiges Stück Zeug, durch dessen aufgeschlitzte Mitte der Kopf gesteckt wird) fällt in malerischen Falten um den Körper nieder, und ist nur gewöhnlich über dem rechten Arm durch einen Knopf oder Haken in die Höhe gehalten, um jenem freie Bewegung zu gestatten. Die Beine stecken darunter in weißen langbefranzten Unterhosen, zwischen denen wieder ein buntfarbiges Tuch um die Lenden gegürtet ist, die Füße meistens in ungegerbten Kuh- oder Pferdebeinhäuten, auf deren Zubereitung ich später zurückkommen werde. So ausstaffirt hängt der „Gaucho" auf seinem Pferde, und die beiden vorn aus dem Hautstiefel schauenden Zehen in den kleinen schmalen Steigbügel gestützt, die Linke träge auf den hinten im Sattel befestigten Lasso gestemmt, schaut er mit den scharfen dunkeln Augen mürrisch auf den "Fremden" hin, wirft sich dann im Sattel herum und sprengt im gestreckten Galopp das Ufer entlang. /25/
Doch von diesem wird der Blick gar bald zu dem übrigen Treiben der lebendigen Stadt gezogen. Unzählige Boote schießen unter schwellenden Segeln vom Lande, oder zwischen den dort vor Anker liegenden kleinen Fahrzeugen hin; großmächtige zweirädrige Karren fahren überall in dem seichten Userwasser herum, um Ladung und Mannschaft aus den Fahrzeugen zu nehmen, die zu tief im Wasser gehen, besonders bei der unruhigen See bis dicht an's Trockne zu laufen. Hier treibt ein brauner, mit zerrissenem Poncho bedeckter Junge eine Heerde rauh genug aussehender Ponies in den Strom und gerade vor die bald mitten zwischen ihnen hinschießenden Boote hinein, daß die Thiere oft dem rasch dahergleitenden Bug gar nicht mehr so schnell ausweichen können und nicht selten durch die Wucht des Fahrzeugs umgeworfen werden. Dort stolziren eine Anzahl der wildest und wunderlichst aussehenden Soldaten, die mir in meinem ganzen Leben noch vorgekommen find, ziemlich lässig vor dem Gebäude des Hafencapitains herum. Gleich daneben singt und jubelt eine Anzahl betrunkener Matrosen, die jenes Kriegsschiff da draußen, von dessen Heck der Pennant flattert, schon vor vier Tagen an Land gelassen hatte, und jetzt trotz den wiederholten Bitten und Drohungen der Officiere noch nicht wieder an Bord bekommen konnte. Kurz, Menschen und Wogen drängen und treiben durcheinander hin, und das Auge wird nicht satt, die neuen Bilder in sich aufzunehmen.
Kaum weniger interessant ist dabei die wenn auch nicht an Naturschönheiten, doch sonst an manchen Eigenthümlichkeiten reiche Scenerie. Das Land, wie überhaupt das ganze Ufer des La Plata, von der Mündung bis hierher, ist flach und bietet nur wenige Hügel, ja selbst höchst spärlichen Baumwuchs; die Bauart der Stadt aber, die niedrigen Häuser und flachen Dächer, die vergitterten Fenster und das düstere Roth der Backsteine, giebt dem ganzen Platz einen so besondern Anstrich, daß man den ersten Eindruck dieser zusammengedrängten Häusermassen wohl schwerlich vergessen wird.
Aber auch oben an der Landung haben die nach europäischem Geschmack gekleideten Männer eine Auszeichnung, die besonders dem Fremden rasch in's Auge fällt und seine ganze /29/ Aufmerksamkeit erregt. Die grellrothe Farbe spielte damals selbst in ihrem Anzug eine bedeutende Rolle und diente dazu, sie als Bürger der Argentinischen Republik zu bezeichnen. Die Bürger der Republik mußten nämlich den vom Gouverneur Rosas gegebenen Gesetzen nach eine grellrothe Weste - deren Stoff jedoch in ihrem Belieben stand -, ein rothes Band um den Hut, und in einem Knopfloch ein langes Band von eben der Farbe tragen, auf dem die Devise der Republik: „Viva la confederacion Argentina – meuran los salvajes; asquerosos immundus Unitaries!“1 mit schwarzen Buchstaben gedruckt stand. Diese Devise fand sich überall; kein Document wurde ausgestellt, auf dem sie nicht den Anfang machte, kein Paß ohne sie visirt, keine Zeitungsannonce fast ohne sie eingerückt, so daß sie in jedem Blatt unzählige Male vorkam. Auf den Aushängeschildern fand man sie, selbst über dem Theater, und überhaupt an jedem Ort wo ein öffentlicher Anschlag, eine öffentliche Anzeige oder Überschrift angeschlagen, gemalt oder geschrieben war. Sogar der Nachtwächter rief sie Nachts in den Straßen, auf jeder Briefadresse mußte sie stehen.
Gouverneur Rosas schien gerade der Mann zu sein, das kräftige, wilde und auch wohl blutdürstige Volk der Gauchos - selber ein Gaucho aus ihrer Mitte, mit allen Tugenden und Lastern - im Zaum zu halten. Er hatte steh als Gouverneur der Republik, trotz allen Intriguen und offenen Angriffen der Gegner, bis jetzt zu behaupten gewuß, er hatte die Indianer schon mehrmals gezüchtigt und in ihre Grenzen zurückgetrieben, und dem Land wie dessen Verkehr mehr Sicherheit gegeben, als es je früher, so viel ich darüber hören konnte, gehabt. Dabei war endlich, nach langem Streit, ein sechsmonatlicher Waffenstillstand mit Montevideo geschlossen, der wohl, wie man hier hoffte und wünschte, in einem gütigen Ausgleich endigen würde.2 Das Letzte /30/ wäre dann gehoben gewesen, was dem Lande seine bis jetzt überdies schon so spärlichen Bewohner so gänzlich entzog, daß an manchen Stellen die Estancias von ihren Insassen total entblößt wurden, daß die Gebäude zerfielen und das Vieh sich in alle Welt zerstreute. Wenn dann noch eine tüchtige Einwanderung (die schon jetzt von den benachbarten Staaten, besonders von Rio Grande und Montevideo, begonnen hat) den Eingeborenen zu Hülfe kommt, so kann und muß sich das Land in seinen Erzeugnissen von Jahr zu Jahr bessern, und man darf ihm wohl eine glückliche Zukunft vorherkünden.
Was sein Klima betrifft, so ist schon der Name Buenos-Ayres (gesunde Luft) eine Art Bürgschaft dafür. Die Stadt selber ist keineswegs unbedeutend, denn sie zählt über 80,000 Einwohner, und die Gebäude sind, wenn auch niedrig, doch gänzlich aus Stein aufgeführt, so daß Feuersbrünste nur höchst selten vorkommen.
Die Kirchen, von denen es eine große Anzahl zu geben scheint, verleihen mit ihren gewölbten Kuppeln der Residenz ein fast morgenländisches Ansehen, dem die sonngebräunten Gestalten der Bewohner auch keineswegs widersprechen. Aber die raschen, lebendigen Bewegungen dieses centaurenartigen Volkes passen nicht zu dem Bilde, das wir uns gewöhnlich von den stillen, ernsten Söhnen Muhamed's machen, und die Kreuze der Kirchen predigen den „rechten Glauben".
Ich habe meinem Tagebuch hier etwas vorgegriffen, denn der Leser kann sich wohl denken, daß ich das nicht Alles gleich auf den ersten Blick übersah. Für die ersten Tage, die ich in Buenos-Ayres verbrachte, bleibt mir aber auch nur sehr wenig zu erzählen, denn meine Beschäftigung beschränkte sich großentheils darauf, zuerst ein Unterkommen zu suchen, und dann herumzuhören was die Leute hier über meine Absicht, quer durch's Land hin nach Valparaiso zu, sagen würden. /31/
Das erste hatte weiter keine Schwierigkeit, denn ich fand in einem englischen Haus, in welchem sich gewöhnlich deutsche und dänische Capitaine - und von beiden Nationen befanden sich gerade eine ziemlich bedeutende Anzahl in Buenos-Ayres - einquartierten, zu einem mäßigen Preis Bett und Kost. Desto trübseliger sah es aber mit dem andern aus. Die Leute, die ich frug, ob ich die Reise jetzt durch die Pampas unternehmen könnte, sagten einfach nein, es wäre nicht möglich: - Die Pampasindianer hätten sich gerade in diesem Augenblick wieder gegen Rosas empört, und durchstreiften die Steppen nach allen Richtungen in Banden von zweihundert bis dreihundert Manu. - Würde ich von ihnen erreicht, und das sei, wie die Sachen jetzt stunden, kaum anders möglich, so hätte ich auf kein Erbarmen zu rechnen. Es sei festes Gesetz bei ihnen, die jungen Frauen und Mädchen mitzuschleppen und den Männern einfach die Hälse abzuschneiden. Käme ich aber auch wirklich nach Mendoza, wozu sie aber nicht einmal die Möglichkeit sähen, so müßte ich dann dort jedenfalls liegen bleiben, da ich die Kordilleren gerade mitten im Winter, im Juli, erreichte und diese durch Schnee um solche Jahreszeit stets geschlossen fände. - Ein Versuch dort hinüber zu gehen wäre einfacher Wahnsinn, und ich solle lieber sehen, daß ich - wenn ich doch nun einmal nach Valparaiso müßte, Passage auf einem der gerade in dieser Zeit abgehenden Schiffe fände. Um mäßigen Passagepreis.--
Hätten mir das nur zwei, oder zehn, oder zwanzig Leute gesagt, so wäre noch der Trost dabei gewesen, daß Andere auch eine andere Meinung über die Sache hätten. So aber waren, wunderbarer Weise, Alle gerade in dieser Sache einig, und ich fing in der That schon an zu glauben, ich hätte irgend ein wahnsinniges Unternehmen vor, von dem ich doch am Ende, wenn ich mir nicht mnthwillig wollte den Hals abschneiden lassen, abstehen mußte.
Der amerikanische Konsul, ein Mr. J. Graham von Ohio, der mir überhaupt mit wirklicher Zeitopferung die größten Gefäligkeiten erwies, gab sich selber alle Mühe, etwas Gewisses oder vielmehr Tröstlicheres über die Reise zu erfahren, /32/ denn ich hatte ihm gesagt, ich verlange weiter nichts als nur einen Menschen in der ganzen Stadt zu finden, der mir zugestehe, daß die Tour eben möglich wäre. Endlich trieben wir einen alten Spanier - ich habe seinen Namen vergessen - auf, der längere Zeit in Mendoza selber gewohnt hatte, und dieser, der auf die erste Anfrage hin ebenfalls nein antwortete, meinte endlich achselzuckend, möglich sei es allerdings, aber ich müßte viel Glück haben. - Viel Glück hatt' ich, also war die Sache abgemacht.
Damit im Reinen, schien es als ob mir ein ordentlicher Stein vom Herzen gefallen wäre, und ich konnte mich nun in voller Ruhe all' den fremden wunderlichen Eindrücken hingeben, die diese fremde und wunderliche Umgebung auf mich machte. Was ich jetzt auch noch gegen die Reise selber hörte, betrachtete ich vom richtigen Gesichtspunkt aus und ließ die Leute eben reden.
Vor allen Dingen beschäftigte ich mich nun damit, meine kurze Zeit in Buenos-Ayres auch so gut als möglich anzuwenden und, so viel ich konnte, über die Verhältnisse der Deutschen dort, oder überhaupt der Fremden, in Bezug der Auswanderung zu hören. Im Auftrag hierzu von unserem früheren deutschen Reichsministerium (wenn die Deutschen doch wenigstens nie vergessen wollten, daß sie einmal ein R e i ch s-Ministerium hatten) suchte ich auch direct vom Präsidenten der Republik zu erfahren, inwieweit er deutsche Einwanderung begünstigen würde, und machte mehrere kleine Streifzüge in die nächste Nähe der Stadt, die dortigen Estancias und Anpflanzungen selber zu sehen, wie etwas Näheres über ihre Bearbeitung und ihren Fortgang zu hören. Ehe ich jedoch dazu übergehe, will ich mich in ein paar Worten noch mit der Stadt selber beschäftigen.
Buenos-Ayres ist eine längs dem Fluß in regelmäßigen Blöcken und breiten Straßen vortrefflich angelegte Stadt, die einen sehr bedeutenden Flächenraum einnimmt, und eine doppelt so große Zahl von Einwohnern in sich fassen könnte, wäre nicht die weitläufige spanische Bauart mit den niederen Gebäuden und luftigen Hofräumen mehr auf das warme Klima als darauf berechnet, eine Masse von Seelen, oder vielmehr /33/ Körpern, in einen möglichst kleinen Raum zusammenzudrängen. Die Tracht der Einwohner ist eine wunderliche Mischung von Französisch, Spanisch und Indianisch. - Die gebildetere Klasse, wie die Fremden, tragen die französische Tracht - Frack, Oberrock, lange Beinkleider und schwarzen Hut - die Argentinier nur eben mit dem patriotischen Zusatz der rothen Weste und dem rothen Hutband, dennoch aber, und besonders beim Reiten, auch dem des Poncho. Da ich diesen Poncho aber bei einem längeren Aufenthalt in Südamerika wohl ziemlich häufig erwähnen werde, ist es vielleicht besser, ihn hier gleich so kurz, aber auch so genau als möglich zu beschreiben.
Der Poncho ist aus den verschiedenartigsten Stoffen - von der feinsten Weberei nieder bis zu der gewöhnlichsten wollenen Decke hinunter, verfertigt, ein länglich viereckiges Stück Zeug, mit einem Schlitz in der Mitte, gerade groß genug, den Kopf hindurch zu lassen. Er hängt in Falten über die Schulter hinunter, wird aber beim Reiten, besonders wenn der Reitende seinen Lasso zum Gebrauch fertig hält, aus der rechten Schulter in die Höhe genommen und fest- geknöpft, um den rechten Arm frei zu lassen.
Der Gaucho und Peon oder Diener, selbst die meisten Abtheilungen der Soldaten, wenigstens die ganze Cavallerie, tragen diesen Poncho, und darunter, statt der Hosen, die sogenannte cheripa, ein dem Poncho ähnliches Stück Tuch, das hinten am Gürtel befestigt ist, und zwischen den Knieen durch vorn zum Gürtel heraufgezogen und dort eingesteckt wird.
Die Füße der unteren Klassen, natürlich nur die der Männer, stecken in Stücken ungegerbter Haut, die sie den Beinen junger Pferde und Rinder nur eben abgestreift haben, um sie auf die eigenen Füße zu ziehen. Die Haare werden mit ihren scharfen Messern herunterrasirt und das Fell dann durch Oel geschmeidig erhalten.
Die Tracht der Frauen ist meist spanisch, wenigstens giebt ihnen die Mantille ein solches Aussehen, obgleich die Damen der argentinischen Residenz selbst den Französinnen nicht in geschmackvoller Toilette nachstehen würden. /34/
Merkwürdig für den Fremden, und für mich besonders ungemein interessant, ist das Leben und Treiben in den Straßen selber. Die wilden Gestalten der Gauchos mit ihren flatternden Ponchos und Kopftüchern - die großen, unbehülflichen Wagen, die, von Ochsen gezogen, mit ihren zwei riesigen, oft zehn Fuß hohen, Riemen umwickelten Rädern durch die Stadt rollen - die Gauchojungen, die Morgens mit ihren zwei Milchblechen auf dem Pferd, das eine nackte Bein herunterhängend, das andere auf den Sattel gezogen, zu Markt kommen - die zerlumpten Soldaten, die vor den öffentlichen Gebäuden Wache stehen - die vorherrschend grell¬rothe Farbe der ganzen Bevölkerung - die langen, freilich verbotenen Messer in den Gürteln - die niederen Häuser dabei und vergitterten Fenster, das Alles glitt mir oft wie die wunderlichen Bilder einer Laterna magica vor den Augen vorüber, und ich freute mich dann wohl im Stillen, daß ich da wirklich mitten drin sitze in all' dem Schaffen und Treiben, und jetzt so recht hineinstürmen dürfe in das freie, fröhliche Leben.
Was nun die Vergnügungen der Stadt betrifft, so bin ich freilich nicht im Stande, viel darüber zu sagen. - Meine Zeit war mir dort viel zu knapp zugemessen, mich diesem überlassen zu dürfen, und nur einer Beschreibung nach kann man in solche eben nicht genug eingeweiht werden, um dem Leser wieder einen deutlichen Begriff zurückgeben zu können. Das Wenige, was ich aber darüber weiß, soll ihm nicht vorenthalten bleiben.
Buenos-Ayres hat zwei, und wie es heißt, sehr gut besuchte Theater, das eine - das Victoriatheater, soll eine recht tüchtige Oper besitzen, das andere bringt Schauspiele, verschmäht es aber auch nicht, Taschenspieler und Seiltänzer in seine Räume und den Kreis seiner Wirksamkeit aufzunehmen.
Außerdem erxstirt in der Stadt ein Leseclub, der auch deutsche, französische, englische und portugiesische Zeitungen hält. In Buenos-Ayres selber erscheinen vier Zeitungen, drei spanische und eine englische - „The British Paket" - aber unter diesen kein einziges eigentliches Localblatt. /35/
Gleich in den ersten Tagen machte ich einen kleinen Abstecher in die nächste Umgebung der Stadt, um einige Deutsche, die in der Nähe ihre Estancias haben sollten, zu besuchen, und selber einmal mit eigenen Augen diese südamerikanischen Farmen zu sehen, von denen ich so Manches gehört und doch noch keinen rechten Begriff bekommen hatte.
Mein Begleiter war ein kleiner deutscher Bauer, seinen Namen habe ich vergessen. Nichts Komischeres gab es aber, als ihn oben auf seinem riesigen Pferd kauern zu sehen, und beim Trab fürchtete ich mehrere Male, daß es ihn förmlich auseinander schütteln würde. Er kannte die ganze Nachbarschaft, und brachte mich zu einigen seiner Bekannten, mit denen er vor achtzehn oder zwanzig Jahren über See gekommen war, und die sich hier meistens in vortrefflichen Umständen befanden.
Die Umgegend von Buenos-Ayres bietet, außer dem breiten, schönen Strom mit seiner Menge von Masten, dessen gegenüberliegende Ufer nur manchmal bei sehr hellem Wetter sichtbar sein sollen, sehr wenig Pittoreskes; trotzdem ist die Natur auch in dieser Gestalt schön, und besonders fesselt manche Eigenthümlichkeit das Auge des Europäers. Zu diesen gehören die Einfriedigungen der Gärten und kleineren Felder nahe bei der Stadt, die des großen Holzmangels wegen meistens aus dicht aneinander gepflanzten wuchernden Aloes und Cactus bestehen. Vorzüglich schön sehen die Aloes aus mit ihren riesigen fleischigen Blättern und den oft bis über vierund zwanzig Fuß hoch aufgeschossenen Blüthenstengeln (jetzt leider nicht in der Blüthe), und so dicht drängen sie zusammen, daß ein Pferd oder Rind wohl nicht leicht den Durchgang wagt, ein Mensch sich aber erst eine Bahn hindurch schneiden oder hauen müßte. Auf solchen Einbruch steht jedoch Todesstrafe, und die Gesetze lassen hier nicht mit sich spaßen.
Mitten zwischen solchen Gärten und Hecken ritten wir vergebens aber suchte das Auge einen ordentlichen anständigen Baum, der eine Abwechslung in die grenzenlose Fläche brachte; nur kleines, niederes Gesträuch, Weiden und derartiges Buschwerk, begegnete dem Blick, und die Blüthenstenqel der Aloe reichten hoch über diese hinaus./36/
In dem Deutschen, dessen Farm wir hauptsächlich besuchen wollten, fanden wir einen freundlichen, gefälligen Mann, der uns bereitwillig seine ganze Einrichtung, wie Felder und Wirthschaft zeigte. Alles, was er gepflanzt hatte, schien vortrefflich zu gedeihen, die Felder und Holzpflanzungen waren mit Aloe dicht umzäunt und gegen das Eindringen der Thiere vollkommen gesichert; er hatte tüchtige Pferde, einen natürlich draußen weidenden sehr guten Viehstand, und zog durch die Nähe der Stadt schon durch Milch und Butter einen nicht unbedeutenden pecuniären Nutzen. Der Mann war aber auch in anderer Hinsicht ein ächter amerikanischer Farmer geworden, und hätte sich seinen Brüdern in Nordamerika ohne Weiteres anreihen können. Er schimpfte aus Leibeskräften aus die Deutschen und meinte, diese sollten nur um Gottes willen nicht auswandern oder nach Südamerika kommen, denn arbeiten wollten sie doch nicht, und zum Zugucken brauchten sie Niemanden mehr, da hätten sie gerade genug. Er beschäftigte auch nur eine Anzahl von Spaniern auf seinem Grundstück - Einzelne warfen Gräben aus, an denen hier die Cacctus- und Aloehecken gepflanzt werden, Andere entnahmen den dichten Reihen der letzteren junge Schößlinge, neue Schutzsfenzen damit anzulegen. Wieder Andere hieben junge Pfirsichstämme ab und banden sie zu einer bestimmten Größe von Bündeln zum Verkauf in die Stadt zusammen; denn so arm ist dieser Theil der Welt an Holz, daß wirklich Pfirsichholz, nur zu diesem Zweck angebaut, den größten Theil des Brennmaterials liefert. Nirgends beschäftigte er aber Deutsche, und versicherte uns, wenn er auch einmal einen deutschen Arbeiter bekäme, so verdienten sie gewöhnlich das Brod nicht, denn erstens wollten sie nicht arbeiten, und dann forderten sie den drei-doppelten Lohn von dem, was er dem fleißigsten Spanier gäbe.
Von dort ritten wir noch nach einigen anderen Estancias hinüber, bei denen wir aber die Eigenthümer nicht selber aufsuchten, und kamen zuletzt an ein altes wunderliches Gebäude, das, wie mir mein Geleitsmann sagte, in früherer alter Zeit einmal eine Kirche und ein Kloster gewesen sei. Für die Deutschen war es aber auch noch in anderer Beziehung wichtig /37/ und interessant, da es den damals von Rosas herübergezogenen Einwanderern längere Zeck zum durch die Regierung angewiesenen Aufenthalt gedient. Die deutschen Arbeiter sollen nämlich gerade in einer Periode eingetroffen sein, wo sie der Gouverneur Rosas mitten in der politischen Aufregung unmöglich gleich unterbringen und verwenden konnte; er hatte nicht einmal Arbeit für sie. Wie trefflich er sich aber damals gegen die Deutschen benommen hätte, konnte der alte Bursche nicht genug rühmen. Ihnen wurde nicht allein das alte Kloster zum Aufenthaltsort angewiesen mit den nöthigen Provisionen für Frau und Kind, nein die Männer bekamen auch noch ihren trefflichen Tagelohn ausbezahlt, ohne daß sie auch nur zu irgend einer Arbeit aufgefordert gewesen wären.
,,Das waren Zeiten!" rief mein alter Deutscher und hielt sein Pferd an, „alle Tage unser gutes Essen, dreimal so gut wie wir's in Deutschland gehabt, und unser Tagelohn, viermal so viel wie wir hätten dort verdienen können und „gar nischt" dabei zu thun - und das dauerte viele Monate. - Da haben wir uns von der Seereise recht erholen können - und wie wir ja nachher 'was schaffen sollten, da konnte man sich auch noch immer mit größter Bequemlichkeit drum herum drücken - aber der Lohn ging fort."
Eine eben so nützliche Bevölkerung schien Rosas jetzt darin zu halten. Eine Anzahl der leeren Zellen war nämlich von einem Schwarm Pampasindianern eingenommen, die, von Rosas besiegt und gefangen genommen, hier von ihm friedlich gehalten und ernährt wurden.
Ob er selber so friedlich gegen diese ihm stets feindlich gesinnten und blutdürstigen Stämme dachte, will ich dahingestellt sein lassen, aber er durfte die raubsüchtigen Horden, denen das ganze Innere seines Landes preisgegeben lag, auch nicht unnöthig reizen und zur Vergeltung treiben, und deshalb wurden diese Kinder der Steppe hier in ihrer Gefangenschaft, in der sie aber anscheinend ganz frei herumgingen, so gut und nachsichtig behandelt wie nur irgend möglich. Dicht an der Stadt sollte noch ein ähnliches, aber viel stärkeres indianisches Lager des nämlichen Stammes sein, der ebenfalls den Platz nicht wieder verlassen durfte. /38/
Es war eine nicht sehr große, aber gedrängte, kräftig muskulöse Menschenrace, den nordamerikanischen Indianern besonders in Haar und Farbe gar nicht unähnlich, und um die einzelnen, in dem weiten Hofraum errichteten Lagerfeuer kauerten die verschiedenen Familien, ihrer Mahlzeit entgegenharrend. Die Männer standen dabei oft auf und schritten gravitätisch, in ihre Decken geschlagen, in den Gängen herum; die Frauen aber schürten die kleinen dürftigen Feuer zusammen, damit das dicht daran gehangene Fleisch wenigstens in etwas durchbraten und gar werde.
In ihren Zimmern, wenn eine Art offener Ställe überhaupt so genannt werden kann, sah es ebenfalls wild genug aus. Die Lagerstätten, meist von Bambusstöcken hergerichtet, waren etwas vom Boden erhöht - ein eigener Luxus, den sie hier mit dem Schlafen trieben. Ein paar wollene Decken und selbstgewebte Ponchos und Cheripas bildeten das ganze übrige Ameublement, denn sie wurden zugleich zu Tischen wie Stühlen verwandt; - mau hätte denn noch ein paar Pferdeschädel dazu rechnen wollen, die den Familienvätern zu Lehnsesseln zu dienen schienen. Das ganze Gebäude sah übrigens wild und schaurig genug aus. - Kein einziges Fenster war noch mit einem gesunden Schalter versehen - die Thüren hingen theils hier und da in einer Angel, und schlenkerten und klapperten mit dem Luftzug hin und wieder, oder waren auch schon großentheils von den darin gerade nicht scrupulösen Söhnen der Steppe zu Feuerholz klein geschlagen und aufgebraucht worden.
Selbst die alte Kapelle schien von den gierigen Händen der Zeit und den fast noch gierigeren der Menschen nicht verschont geblieben. Die Wände standen, ihres früheren Schmuckes beraubt, kalt und kahl da, und hier und da hingen noch ein paar alte, verwirrte Zierrathen in einer der Ecken, zu hoch und werthlos, sich ihrethalben zu bemühen. In einer zusammengebrochenen Nische stand auch ein kaum mehr erkennbares Steinbild von einem - Heiligen oder Götzen - es wäre schwer gewesen, das jetzt zu bestimmen. Wenn aber auch alles übrige Holzwerk, eben wohl zu Feuerung, herausgebrochen sein mochte, hatte man doch den Altar, vielleicht in einer Art /39/ Ehrfurcht, die selbst den heidnischen Pampas vor dem Gott der Christen eingeprägt sein mochte, stehen lassen, und sogar die alte, schwer gestickte Altardecke hing noch, wenn auch in Fetzen und schon fast verwittert, von dem vordern Theil desselben herunter.
Ich wanderte lange Zeit in dem alten wunderlichen Gebäude umher, so lange, daß es mein kleiner Begleiter zuletzt schon herzlich satt bekam und mich frug, was man in den „erweiterten, windschiefen Nestern denn nur so ewig zu schauen finden könnte. - Da ich daran verzweifelte, ihm das je begreiflich machen zu können, stiegen wir endlich wieder in unsere Sättel und ritten weiter.
Auf dem Rückweg besuchte ich die Quinta oder das Lustschloß des Gouverneurs, das Fremden stets offen steht - sie liegt etwa eine Stunde Wegs von der Stadt entfernt höchst angenehm dicht am Strom, und der Blick erfreut sich dort zum ersten Mal wieder an grünen, schattigen Bäumen, die das niedere, von Säulengängen umschlossene Lusthaus dicht umgeben. Der Aufenthalt muß hier, besonders im Sommer, reizend sein. Nur die Berge fehlen dem Hintergrund und dem Auge dadurch auch die freundlichen, weit hinausschweifenden Gebirgshänge mit ihren kühlen Schluchten und moosigen Felsen. Alles ist flach, und es kommt Einem manchmal ordentlich das Gefühl, als ob man sich hoch über die Ebene emporheben und froh aufathmend das weite schöne, aber noch so wilde Land überschauen möchte.
Der Platz um die Quinta her ist ungemein gut im Stand erhalten und eine Sorgsamkeit auf die kleinste Pflanze verwendet, die besonders dann einen fast wohlthätigen Eindruck auf den Beschauer macht, wenn man die wilden Gestalten dabei sieht, die hier mit vorsichtiger Hand Bäume und Blumen pflegen.
Zn den Merkwürdigkeiten der Quinta gehört eine amerikanische Brig, die einmal bei einem heftigen Südoster hier auf das Land getrieben und später von Rosas angekauft wurde. Jetzt steht sie hoch und trocken mitten zwischen den sie umschmiegenden Weiden, über welche die beiden Masten hoch und kahl hinausragen. Sie ist übrigens im Innern /40/ sehr elegant zu einem einzigen Salon hergerichtet und eine bequeme Treppe daran hinaufgebaut.
Besonders gut hat mir bei der Anlage seines Lustorts gefallen, daß der Gouverneur, alles Fremdartige und Fremde verschmähend, die wilden Thiere seines eigenen Landes hierher verpflanzt hat und hält. So sieht man in einem weiten, von niederem Eisengitter umschlossenen Raum eine Anzahl der südamerikanischen Strauße oder Kasuare; in einem der kleineren Gebäude liegt, an allerdings etwas sehr dünner Kette und sonst ganz frei, ein prachtvoller argentinischer gefleckter Tiger - dem asiatischen ganz gleich, nur etwas kleiner, und in einem Käfig, nicht weit davon entfernt, ein Kaguar oder amerikanischer Löwe. Dem Tiger sind übrigens die Zähne abgefeilt und die Krallen dicht beschnitten, so daß er, wenn er sich losrisse, einen Menschen höchstens todt quetschen könnte.
Selbst die fernen Cordilleren haben zu dieser kleinen Creolenmenagerie, wie sie in Louisiana sagen würden, einen Tribut liefern müssen, denn auf einer von tiefem Graben umzogenen und Aloe, Cactus und Dornhecke dicht umschlossenen Wiese grasen drei Guanakas.
Auf dem Heimritt hielten wir uns etwas länger bei den Kasernen auf, die gleich unterhalb der Quinta stehen. Es sind das lauter kleine, nicht weit von einander und zwar einfach genug errichtete Hütten, die ein feststehendes Lager bilden, in dem die Soldaten mit ihren Familien wohnen. Das Ganze hat auch in der That mehr ein indianisches als civilisirtes Ansehen, und die Soldaten, die hier ganz nach indianischer Weise leben und lagern, können wirklich fast mehr zu wilden als civilisirten Stämmen gerechnet werden. Diesem entsprechend, sieht auch ein großer Theil des Militärs wunderlich und wüst genug aus, rauh und abgerissen, eher einer Räuberbande als einem anständigen Heere gleich. - Ich verlange wahrhaftig keine Gamaschendisciplin, und je einfacher die Soldaten gehalten werden, desto weniger sind sie ein „theures Spielzeug" des Fürsten, aber einerlei Hosenbeine können sie denn doch haben, und wenn sie nun einmal am linken Fuß keinen Schuh erzwingen können, so sollten sie es wenigstens wie ihr Nebenmann machen und den vom rechten ebenfalls herunterlassen. Uebrigens sollen es tüchtige Burschen sein und sich in den früheren Kriegen schon wacker geschlagen haben. Mir wurde gesagt, daß sie wie die Mauern stehen - wenn man sie nur einmal am Davonlaufen hindern kann.
Die reguläre argentinische Kavallerie hat dagegen ein desto pittoreskeres, ja wirklich romantisches Aussehen. Die dunkel¬blauen Ponchos mit weißen Randstreifen und rothem Futter, die gleichen langen und spitzen Mützen, vorn mit den Zipfeln herumgelegt und befestigt, machen sich vortrefflich. Dabei tragen sie eben solche blaue, mit weißen Litzen besetzte Cheri- pas und weiße befranzte Leggins. Auch eine Abtheilung der regulären Infanterie sieht originell und gut aus. Diese ist ganz in die Nationalfarbe - roth - gekleidet. Feucrrothe spitze Mütze - eben in der Art wie bei der Kavallerie getragen - feuerrothen Poncho mit weißen Streifen rings herum, und eben solche Cheripas gleichfalls mit weißen befranzten Leggins oder Unterhosen.
Eines eigenen Gesetzes muß ich aber hier, da ich gerade von dem Militär spreche, erwähnen. In früheren Zeiten, wo die Miliz noch in Masse aufgeboten wurde und häufig in der Stadt exerciren mußte, sich einzuüben, geschah es oft daß Fremde, die nicht militärpflichtig waren, also an diesen Uebungen auch nicht theilzunehmen brauchten, über die vielleicht etwas abenteuerlichen Gestalten lachten und ihren Spaß darüber hatten. War dies nun die Ursache, oder mehr der angegebene Grund: „daß Fremde in der Zeit, welche argentinische Bürger dem Wohl des Staates opfern mußten, nicht allein Geld verdienen, und diese dadurch doppelten Schaden leiden sollten", das Gesetz erschien und war noch damals in Kraft, daß sich Niemand, so lange zu gewissen angesetzten Stunden (meistens Sonntags) exercirt wird, bei Strafe arretirt zu werden, auf der Straße dürfe blicken lassen. Alle Läden waren gesperrt und selbst der Aufenthalt auf den flachen Dächern zu dieser Zeit untersagt. So streng wurde dies Gesetz dabei gehalten, daß sich selbst auf dem Lande, wenn dort draußen Manöver war, Niemand durfte sehen lassen. Keinem Reisenden war es erlaubt, in solcher Zeit und in der /42/ Gegend seinen Weg fortzusetzen, und sogar die Hirten mußten in ihre Behausung zurück. Die einzige Ausnahme fand bei den Schafheerden statt, bei denen ein Schäfer bleiben durfte.
Von diesem kleinen Ritt, der mich kaum aus der nächsten Umgebung der Stadt und noch nicht einmal aus den Hecken der Felder hinausbrachte, zurückgekehrt, bekam ich eine Einladung des Bremer Consuls Herrn***, seine drei Leguas (etwa neun englische Meilen) entfernte Estancia zu besuchen.
Mir war dies aus zwei Gründen sehr angenehm, denn erstens lernte ich dadurch einen kleinen Theil des Innern kennen, und zweitens übte ich mich ein wenig im Reiten. - Ich wünschte mich selber erst einmal wieder zu probiren, ob ich auch einen so langen, anstrengenden Ritt, wie ich jetzt vor mir hatte, gut aushalten würde. Das ging jedoch besser als ich erwartete, denn wenn ich auch in Nordamerika Wochen lang hintereinander im Sattel gehangen hatte, war ich doch wieder die langen Jahre in Deutschland nur sehr selten „an Bord eines Pferdes" gekommen. Ich empfand nicht die geringste Unbequemlichkeit, ja im Gegentheil ergoß es sich mir ordentlich wieder wie mit neuer, frischer Lebenskraft durch die Adern, nach so langer Seereise die frische, herrliche Luft einathmen und auf einem so starken, kräftigen Thier über die Ebene dahinbrausen zu können.
Nur zu sehr beengt fand ich mich noch im Anfang durch Hecken und Gebäude. - Mich drängte es, wieder einmal frank und frei hinaus in das wilde, ungehemmte Leben zu tauchen, und Alles was mich an Civilisation erinnerte, war dabei meinen Gefühlen eine Art Hemmschuh. Hier beginnen aber erst die ordentlichen Pampas, denn bis dahin findet man doch noch einen kleinen Hügel oder wenigstens etwas erhöhtes Land mit einzeln zerstreutem Buschwerk oder Anpflanzungen von Pfirsich-, Paradies- und anderen Bäumen. Weiter hinein aber soll das ganz aufhören, und das Auge nichts finden auf dem es haften könne, als eine einzige ununterbrochene, meerähnliche Fläche.
Ansiedelungen kann man übrigens diese Estancias gar nicht nennen. Es sind nur Gebäude mit mehreren Einfriedigungen, um Vieh darin zu halten, und die Bewohner derselben machen /43/
auch nicht den mindesten Versuch, selbst nur das zu bauen, was sie für sich allein zu Brod oder Gemüse brauchen könnten. Fleisch ist die einzige Nahrung. Der Südamerikaner ißt hier wirklich „Fleisch zu Fleisch", und Alles fast, was er braucht, weiß er den Thieren, die er schlachtet, abzugewinnen. Diese Plätze im Innern des Landes haben aber auch deshalb nicht das Gemüthliche, Wohnliche, Sichere einer europäischen Landwirthschaft. Das reinlich stille Treiben eines Landgutes, dessen Bewohner sich hauptsächlich von Vegetabilien nähren, fehlt ihnen ganz; überall bezeichnet Tod und Verwesung das rauhe Handwerk des Viehzüchters. Wohin das Auge, besonders in der Nähe der Häuser, blickt, sind Spuren von geschlachteten oder gefallenen Stücken Vieh zu sehen; überall liegen Häute, Schädel, Eingeweide, Hörner, Hufe, Knochen, Blutspuren. Tausende und Tausende von Aasgeiern, Raubvögeln und Möven umschwärmen diese Plätze, und die Nase muß sich erst wirklich an den im Anfang widerlichen frischen und faulen Fleisch- und Blutgeruch gewöhnen.
Die sonst friedlichen und eigentlich nicht fleischfressenden Hausthiere lernen sich ebenfalls in das Unvermeidliche fügen und verändern ihre Natur. Hühner und Gänse, selbst die Truthühner, leben allein vom Fleisch, und die Schweine werden davon gemästet. Ueberall liegen frische Häute ausgespannt oder hängen zum Trocknen auf, und besonders in der Nähe der Stadt, wo die großen Saladéros oder Schlächtereien sind, begegnet das Auge, wohin es sich auch wendet, den Spuren der Verwesung. Sechs bis acht Fuß hohe Mauern sind allein ganz von Stierköpfen, die Hörner alle gleichmäßig überein errichtet, ja die Vertiefungen der Straße selbst mit Gebeinen und Knochen ausgefüllt. So sah ich zum Beispiel eine Stelle, wo Tausende und Tausende von unschuldigen Schafsköpfen dazu dienen sollten, eine sonst unbezweifelte Riesenpfütze in befahrbare Chaussee zu verwandeln. Ist es da ein Wunder, daß die Bewohner dieses Landes, von nichts als Fleisch genährt, fortwährend schlachtend und immer von Blut und Verwesung umgeben, selber wild und blutdürstig sind, und nur zu oft ein Menschenleben nicht höher halten als das eines Stiers oder Pferdes? Die rein animalische /44/ Nahrung muß den Menschen nothwendig verwildern, und die an das Messer gewöhnte Hand wird mit dem Gebrauch desselben zu sehr vertraut, um es nicht auch manchmal mißbrauchen zu sollen, oder doch wenigstens in „unbeschäftigten Stunden" damit zu spielen.
Einen freundlicheren Anblick gewähren übrigens die weiten, nur vom Horizont begrenzten Wiesen, auf denen zahlreiche Heerden von Rindern, Schafen und Pferden, theils in zusammenhaltenden Massen, theils einzeln zerstreut weiden. Eine ungeheure Menge von wildem Geflügel belebl dabei jeden andern Platz, und nicht allein Raubvögel, sondern auch wilde Enten, Gänse, Schwäne, Reiher, Flamingos usw. durchziehen die Luft oder stehen in dem Sumpfwasser der Steppe. Die Jagd auf Wasservögel ist hier in der That ungemein ergiebig, und ich habe selbst in Louistana, wo es doch wahrlich Enten und Schnepfen zur Genüge gab, nichts Aehnliches gesehen. Wir gingen nur ein einziges Mal mit den Flinten hinaus, und zwar mehr um die verschiedenen Gattungen Wild zu sehen, als viel davon zu schießen; ich fand aber wirtlich meine kühnsten Erwartungen übertroffen.
Das Wild, das wir in etwa einem halben Tag sahen, waren: Schwäne, Gänse, viele Arten von Enten und Tauchern. Zwei Arten von Flamingos, eine rosenrothe Art, die besonders wunderschön aussah, wenn sie mit ausgebreiteten Flügeln aufstieg, und eine andere, etwas größere mit dunklerem Roth und Schwarz. Unzählige Kibitze, die ebenfalls eßbar sind, hier aber, da man doch genug Geflügel hat, selten erlegt und dadurch fast zahm werden; Wasserschnepfen, Becassinen3 in Völkern von achtzig und neunzig Stück, Strandläufer, eine Art Wassertruthahn, so groß wie ein gewöhnlicher Truthahn, aber nicht genießbar; dann einen andern Vogel von der Größe eines Birkhuhns, auch wohl noch etwas größer, der ein so delicates Fleisch haben soll wie der Fasan; ferner Gott weiß wie viele Gattungen von Raubvögeln, Aasgeiern, Möven und kleinen Eulen, Reihern und Störchen.
Außerdem giebt es hier noch in ungeheurer Menge ein Thier, das sehr große Aehnlichkeit mit dem Hamster hat, in Größe und Lebensart aber fast dem Dachs gleichkommt. Es /45/ lebt in Höhlen, in den Steppen, und kommt gegen Abend in's Freie. Ein junger Bremer, Namens Cäsar, der so freundlich war, mich dort herumzuführen, schoß eins, damit ich es näher beschauen konnte. Wenn man aber darauf ausging, glaub' ich sicher, daß man, besonders in mondhellen Nächten, gerade so viel davon erlegen könnte, wie man Ladungen von Pulver und Schrot bei sich hat. Es giebt Tausende davon in den weiten Wiesen.
Höchst interessant war es mir, auf der Estancia einen Deutschen zu finden, der diese verwaltete, und nicht weit davon entfernt eine eigene zum Grundeigenthum hatte. Zufälliger Weise fand ich in ihm sogar einen Sachsen, Herrn Papsdorf, der mir Manches bestätigte, was ich auf meinem früheren Ausflug in das Land gehört hatte, und noch außerdem manche vortreffliche und nützliche Mittheilungen machte. Er hatte sich übrigens vollkommen naturalisirt und eine Tochter des Landes geheirathet; seine Söhne hingen, in Cheripa und Poncho, wie ächte Gauchos auf den Pferden, und warfen den Lasso so geschickt wie irgend ein anderes der wilden Steppenkinder.
Das, was ich durchschnittlich über die Verhältnisse des Landes und besonders dieser Estancias hörte, ist etwa das Folgende.
Das Eigenthum ist jetzt hier, wie mir von allen Seiten unwidersprochen versichert wurde, vollkommen geschützt, und Todesstrafe droht meistens bei fast geringen Uebertretungen den ertappten Verbrechern. Ich würde aber übertreiben, wollte ich sagen, der eigentliche Charakter des Volkes selber sei dadurch ebenfalls vollkommen im Zaum gehalten. Der argentinische Gaucho ist gar geschwind mit seinem Messer bei der Hand, und trotzdem, daß es ihm in der Stadt auf das Strengste verboten ist es zu tragen, fallen doch nur zu häufig noch Mordthaten, selbst in den Straßen, vor. Diese rühren aber fast jedesmal von Streitigkeiten untereinander her, und es soll dann auch, wie das ja ebenfalls an anderen Orten der Fall ist, das schlimmste Volk gerade in der Stadt versammelt sein. Sehr weit im Innern bedrohen allerdings die Indianer nur zu oft einzeln gelegene Estancias, und überfallen /46/ und morden die Bewohner. So weit braucht sich aber auch der deutsche Ansiedler, für den noch Land in Menge in der nächsten Nähe ist, nicht hinaus zu wagen, und in den benachbarten Provinzen hat er dann von den Eingeborenen, den „Pampas-Indianern" nichts zu fürchten.
Sonst aber bietet das Land dem deutschen Auswanderer jeden Vortheil, den ihm nur irgend ein anderer Erdtheil bieten kann. Das Klima läßt kaum etwas zu wünschen übrig; Krankheiten fallen allerdings vor, sollen aber keineswegs bösartiger Natur fein. Der Boden ist, ungleich den meisten Prairien in Nordamerika, in den Pampas fast überall vortrefflich und liefert, selbst mit der ungemein einfachen Bearbeitung, herrliche Ernten. Der Hauptnahrungszweig des Landes ist übrigens, wie auch die Productenausfuhr von Häuten, Fleisch, Talg, Wolle usw. beweist, die Viehzucht, und einen ziemlich deutlichen Begriff von der Menge Vieh, die sich hier befindet, und der Leichtigkeit, mit der es gezogen werden kann, mag eine kurze Uebersicht der verschiedenen Preise hier an Ort und Stelle geben.
Die Preise sind nach spanischen Dollaren gerechnet.
Von Rindern, als dem Hauptnahrungszweig, kostet hier ein geschnittener fetter Ochse von 2 ½ Jahr etwa 2 ½ Dollar. Ein geschnittener fetter Ochse von 3 Jahren etwa 2 ²/³ Dollars. Eine Kuh 2 bis 2 ³/4 Dollars. Eine zahme Milchkuh wird (mit Kalb) bis zu 5 Dollars bezahlt.
Kauft man das Vieh aber in der Heerde, wie es jedesmal beim Beginn einer Ansiedelung geschieht, so bezahlt man es durchschnittlich mit ¾ bis zu 1 Dollar. Man reitet bei einem solchen Kauf einen Theil einer Heerde, je nachdem man nun viel oder wenig Capital daran wenden kann oder will, ab, und zählt dann die also abgeschlossenen Thiere. Kälber werden aber auf diese Art nicht mitgerechnet, sondern dreingegeben.
Von Pferden kostet ein zahmes Reitpferd gewöhnlich 5 bis 5 ½ Dollar, ein noch unzugerittener Wallach aber die Hälfte (Hengste werden höchstens mit einem Dollar bezahlt - eine Stute kostet von ¾ bis 1 Dollar - Stuten werden hier übrigens nie geritten.) /47/
Der Preis der Schafe ist wohl der verschiedenste, denn man hat hier die sogenannten feinen Merinoschafe, die bis zu 6 Dollars das Stück bezahlt werden. . Das betrachten die hiesigen Landwirthe aber als einen enormen Preis, und es müssen dann ganz außergewöhnlich schöne Thiere sein. Im Ganzen ist der Durchschnittspreis für gute Schafe etwa 1/³ Dollar das Stück (also etwa 15 Silbergroschen), kauft man sie aber weit im Lande drin, und zwar die gewöhnlichste, ordinärste Sorte, so bezahlt man sie - in der Heerde - mit 1 ½ bis 2 Pesos (ein Peso hat noch nicht ganz 2 ½ Silbergroschen) das Stück. Schaffelle kosten dann auch das ganze Dutzend nur von 1 bis 2 Dollars. Das Schwein ist noch fast das theuerste Thier hier im Lande und wird mit 5, ein fettes mit bis zu 10 Dollars verkauft.
Der Preis der von den Thieren gewonnenen Häute steht natürlich mit ihnen selber im Verhältniß. Rindshäute kosten die Pasado (35 Pfund) 2 bis 2 1/9 Dollar. Eine Haut wiegt von 26 bis 28 Pfund. (Das hiesige Gewicht ist etwa 8 Procent leichter als das deutsche Zollgewicht.) Pferdehäute kosten von 1 bis 1 Dollar. Der Preis der Wolle ist dagegen verschieden. So wird die Aroba (25 Pfund) von 1 bis 3 ¼ Dollar bezahlt. Gute Merinowolle kostet dagegen oft etwas über 5 Dollars die Aroba. In der That wird hier nicht viel Capital verlangt, einen Anfang zur Viehzucht zu bekommen, da man bei größeren Quantitäten auch selbst noch billiger kaufen kann. So bezahlte zum Beispiel vor nicht langer Zeit ein Ansiedler weiter im Innern des Landes eine Heerde Schafe von 5000 Stück durchschnittlich das Stück mit einem halben Peso, also etwa 11 Pfennigen.
Das Land ist dagegen, wenigstens im Verhältniß zu früherer Zeit, schon etwas gestiegen, immer aber noch billig genug, dem deutschen Auswanderer die größten Vortheile zu bieten. Die Berechnung des Landes findet hier nach Baras statt (die Bara ist gleich 2 7/10 rheinländische Fuß). Die Regierung verkauft das Land in Streifen von 1 ½ Legua Länge (die Legua zu 6000 Baras) in der Breite von 1 Bara zu 1 bis 1 ¾ Dollars per Strecke. In der Nähe der Städte steigt es aber natürlich, je nach seinem Verhältniß. Billiger /48/ als 1 Dollar die Bara ist es jedoch wohl nirgends, man müßte es denn aus zweiter Hand erhalten können.
Das Getreide ist hier gerade gegenwärtig ungemein billig, ebenso die Gemüse, von denen die zweite Kartoffelernte reif geworden. Ueberhaupt kann der Ansiedler mit vcrhältnißmäßig geringer Arbeit seine Existenz gründen, und alle hier ansässigen Deutschen stimmen darin überein, daß es ihrer Meinung nach kein besseres Land für ihre armen Landsleute gäbe, als gerade Südamerika, wo sie sicher darauf rechnen könnten, mit Fleiß und Sparsamkeit auch Fleiß und Sparsamkeit belohnt zu sehen.
Die Regierung ist dabei, so wenig sie Ursache hat, den Engländern und Franzosen gut zu sein, sehr gern geneigt, deutsche Auswanderung zu gestatten und zu schützen; Fremde sind hier überhaupt (durch ein besonderes Gesetz des Gouverneurs) sehr geschützt, und das spricht gewiß für das Volk selber, so arg es auch manchmal wohl ist geschildert worden, daß, während die Engländer den La Plata blokirten, Engländer und Franzosen hier indessen ungehindert, ja unbeleidigt, ihren Aufenthalt hatten.
Einen höchst eigenthümlichen Baum hat die Argentinische Republik, und der einzige, der wenigstens in der Nähe von Buenos-Ayres zu einiger Höhe emporwächst. Es ist dies der sogenannte Ombu, der in seinem ganzen Wachsthum sogar Aehnlichkeit mit dem Banian Indiens zeigt. Wie bei diesem hängen nämlich die Zweige selber durch niedergesenkte - Stützen möchte ich fast sagen - mit den Wurzeln zusammen, und bilden dadurch die wunderlichsten Formationen, die man sich nur bei einem Baum denken kann. Gerade hier stand ein solcher, dessen eigentlicher Stamm vielleicht sechs Fuß im Durchmesser hatte. Ganz unten am Boden breitete sich aber die Wurzel, oder das untere Ende des Stammes noch viel mehr aus, ja bildete an einigen Stellen förmliche Sitze, und von hier aus schossen dann theils schräg, theils gerade, theils eigensinnig gekrümmt, Strebepfeilern gleich, diese Stützen aus und verloren sich oben in dem ungemein dichten, birnblattartigen Laub des Baumes. Er giebt jedoch nichts als Schatten , denn sein Holz wäre nicht einmal zur Feuerung zu ver- /49/wenden, so naß und schwammig ist es. Ebenso sind die kleinen bitteren, turbanartigen Früchte, die er trägt, und die wassergefüllt scheinen. Zum Zierbaum eignet er sich aber vortrefflich.
Nach Buenos-Ayres zurückgekehrt, erfuhr ich, daß in kurzer Zeit der argentinische Correo oder Courier von Buenos-Ayres nach Mendoza wirklich abgehen würde. Er hatte erst, der ausgebrochenen Indianer wegen, seinen Ritt verschieben wollen, sich jetzt aber entschlossen zu versuchen, ob er durch¬käme, und mir wurde gesagt, daß ihm die Begleitung eines bewaffneten Mannes gewiß angenehm sein würde- Durch die freundliche Vermittlung eines amerikanischen Kaufmanns, Mr. Hutton, da ich selber der spanischen Sprache noch nicht so weit mächtig war, schloß ich auch mit dem Correo bald einen Vertrag. Nach diesem machte er sich verbindlich, mir für vier Unzen - vierundsechzig spanische Dollars - Pferde und Fleisch zu liefern, die Pferde zum Reiten, das Fleisch zum Essen, bis wir Mendoza, ein kleines Städtchen am Fuße der Kordilleren, erreichen würden. Außerdem sagte er mir aber ganz offen, daß er, wenn er die Indianer im Süden heraufkommen sähe, so rasch ihn die Pferde trügen nach Norden in die Gebirge flüchten würde, und wenn ich dann nicht mitkäme, oder überhaupt auf dem Marsch liegen bliebe, so sei das nicht seine Schuld und er könne weiter nichts dafür thun. Auf alles das war ich vorbereitet, mit alle diesem zufrieden, und unsere Abreise wurde auf den 17. Juni festgesetzt. Dadurch gewann ich auch noch eine kurze Zeit für mich, Buenos-Ayres besser kennen zu lernen.
Die Auswanderung hat schon von frühester Zeit mein ganzes Interesse in Anspruch genommen, und ich suchte noch fortwährend, wo mir das nur möglich war, Erkundigungen über die Verhältnisse der Fremden, besonders der Deutschen, einzuziehen. Durch den besondern Auftrag des Handelsministeriums des deutschen Reiches hatte ich aber auch noch außerdem die Verpflichtung übernommen, nach besten Kräften über die Länder zu berichten, die ich geeignet zur Auswanderung finden würde, ebenso die Verhältnisse und Aussichten der ausgewanderten und dort schon angesiedelten Deutschen / 50/ zu schildern. Die Aussichten der Deutschen gerade in den La Platastaaten aber zu erfahren, schien es mir das Sicherste, mich an Rosas, den Gouverneur oder Dictator derselben, selber zu wenden. Der amerikanische Consul versicherte mir jedoch, daß Rosas selber nur höchst selten einen Gesandten empfange und Donna Manuelita, die Tochter des gefürchteten Gauchohäuptlings, gewöhnlich Audienz ertheile. Hier aber schien für mich eine ziemlich bedeutende Schwierigkeit zu liegen. Ich war nämlich vom Bord des Talisman nur eben so weggegangen, wie ich gedachte in den Sattel zu steigen, und der einzige Anzug, den ich mit hatte, bestand in einem Reitkittel von dem gröbsten hellgrauen wollenen Stoff, eben solchen Hosen, hohen Wasserstiefeln und einem schwarzen breitrandigen Filzhut - konnte ich so vor Donna Manuelita, der ersten Dame des Argentinischen Reiches, erscheinen? Der amerikanische Consul sagte ja, Donna Manuelita sollte eine so liebenswürdige, wie vernünftige Dame sein, Mr. Graham garantirte mir, daß ich nicht allein empfangen werden würde, sondern auch freundlich empfangen werden würde, und seinen Worten treu führte er mich eines Abends selber bei ihr ein.
Die Gauchosoldaten, die vorn im Portal und den Gängen Wache standen, schauten mich allerdings erstaunt an, als ich solcher Art gekleidet, noch dazu in dem sonst so verpönten Blaugrau, durch die Pforten ihres Herrn schritt, ließen uns jedoch ungehindert passiren und wir betraten bald darauf das Audienzzimmer. - Der Saal war ganz im europäischen Geschmack eingerichtet, der Boden mit sehr geschmackvollen bunten Teppichen bedeckt, und nur die hohe luftige Decke trug ein argentinisches Abzeichen - die schwarz und rothen Farben (Sieg oder Tod) der Federacion.
Wir waren noch ein wenig zu früh gekommen - die Diener brannten erst die Kerzen an, und ich benutzte indessen meine Zeit, zuerst meine ganze Umgebung mir genau zu beschauen, und dann Betrachtungen anzustellen ob meine Wasserstiefeln wohl nicht die ersten waren, die je diesen kostbaren Teppich betreten hätten. Lange blieb mir dazu aber keine Zeit. Die Thüren öffneten sich plötzlich, und herein traten nach und nach „die Großen des Reichs", stattlich geputzte Herren und Damen, die Herren sämmtlich in dunkelblauen Fracks (die hellblaue Farbe bezeichnet die Unitarios) mit rothen Westen und Hutbändern, und alle im Knopfloch das rothseidene Band mit der schwarz gedruckten furchtbaren Devise: Mueran los salvajes Unitarios. Die Damen waren im elegantesten französischen Costüm. Beide Theile betrachteten mich jedoch, und ich entschuldigte vollkommen ihre Neugierde, mit kaum verhehltem Erstaunen, und schienen sich gegenseitig fragen zu wollen, „was thust Du hier im Heiligthum?" Ehe aber der amerikanische Consul im Stande war nur überhaupt meine Existenz zu entschuldigen, erschien Donna Manuelita selber und empfing mich, nachdem ihr Mr. Graham mit ein paar Worten meine Absicht gesagt hatte, während sie ihn selbst in der Entschuldigung meines Anzuges unterbrach, auf das Freundlichste.
Donna Manuelita verstand allerdings, wie mir Mr. Graham sagte, das Englische, sprach es aber vielleicht noch nicht geläufig genug und mochte sich deshalb nicht darin unterhalten; ebenso ging es mir mit dem Französischen, und die Unterhaltung wurde deshalb durchaus spanisch geführt, wobei Mr. Graham so freundlich war zu dolmetschen. Die Donna versprach mir übrigens mit ihrem Vater, der Auswanderungssache wegen, zu reden und mir, noch ehe ich Buenos-Ayres verließ, das Resultat mitzutheilen. Indessen hatte sich eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft eingefunden und ich sah mich bald im Gespräch mit zwei jungen argentinischen Damen, von denen die eine sehr geläufig Englisch sprach und die andere angefangen hatte, Deutsch zu lernen, so daß sie ebenfalls schon viel verstehen und sich auch ziemlich deutlich ausdrücken konnte. Ich verbrachte, trotz meinem nichts weniger als hoffähigen Anzug, ein paar sehr angenehme Stunden in liebenswürdiger Gesellschaft.
In Buenos-Ayres bestgeht auch jetzt eine deutsch-evangelische Gemeinde, deren Pasto und Oberhaupt Herr A.L. Siegel ist. Den Leser wird es übrigens interessiren, das erste Capitel der Kirchenstatuten von Buenos-Ayres, 34 Grad Süder Breite in den La Platastaaten, zu hören. /52/
Erstes Capitel.
Begriff und Umfang der deutsch-evangelischen Gemeinde in Buenos-Ayres.
§ 1. Die deutsch-evangelische Gemeinde in Buenos-Ayres bildet einen Zweig der unirten evangelischen Landeskirche in Preußen. Sie hat sich dieser Kirche, nach einem Beschlusse der Generalversammlung der Gemeinde im Monat April 1845, unter folgenden, ihr von dem Ministerio der geistlichen, Unterrichts- und Medicinalangelegenheiten d.d.. Berlin den 11. Januar 1845 Nr. 31,536 gestellten Propositionen freiwillig angeschlossen.
I. In Betreff der Lehre, des Cultus und der Disciplin ist das Bekenntniß, die Liturgie und die Ordnung der evangelischen Kirche Preußens für die Gemeinde in Buenos-Ayres wesentlich maßgebend und bestimmend. Es wird daher auch die Agende der preußischen Landeskirche die Norm für den Gottesdienst und die gottesdienstlichen Handlungen in der Gemeinde abgeben.
II. Das Consistorium der Provinz Brandenburg in Berlin ist diejenige geistliche Behörde, an welche sich die Gemeinde, resp. der Vorstand derselben, in allen denjenigen inneren Angelegenheiten und Streitfragen zu wenden, und die Entscheidung abzuwarten hat, über welche, indem sie das Verhältniß zu der hiesigen Landesregierung ganz unberührt lassen, eine Verständigung und Einigung der Gemeinde nicht hat stattfinden können. Es betrifft dies namentlich Streitfragen über die Lehre und den Gottesdienst, über Disciplinarmaßregeln, sofern sie nicht in das Gebiet der bürgerlichen Gesetze und Einrichtungen hinüberreichen, endlich Mißhelligkeiten zwischen dem Prediger und der Gemeinde, und Klagen der letzteren gegen den ersteren.
III. Das Consistorium der Provinz Brandenburg hat das Recht, den Prediger der Gemeinde zu ernennen und ihn für den Dienst der Gemeinde zu vociren. Die Gemeinde, resp. der Vorstand, hat im Falle der Vacanz um die Wiederbesetzung der Stelle bei dem genannten Consistorium nachzusuchen, und darf, ohne Genehmigung dieser Be-/53/hörde, den ihr zugewiesenen Prediger nicht entlassen.
Nun soll mir noch Einer sagen, daß es in Buenos-Ayres keine Deutschen giebt. _ _
Unter den Deutschen in Buenos-Ayres, wenn sie auch keinen bleibenden Aufenthalt da haben, spielen ubngens die Schiffscapitaine eine sehr bedeutende Rolle, und besonders kann man sie Nachmittags mit ihren englischen, amerikanischen und dänischen Kollegen erst durch die Straßen der Stadt traben, und dann in vollem Carrière durch das flache Land galoppiren sehen.
Capitaine haben nämlich eine ungemeine Vorliebe für Pferde, die bei Pferden jedoch, wie Pferdevermiethern keineswegs gegenseitig ist, denn Schiffscapitaine verstehen gewöhnlich - mit Ausnahmen natürlich - eben so wenig ein Pferd zu reiten wie es zu behandeln, und glauben das Aeußerste gethan zu haben, wenn sie sich „an Bord halten". Von Schluß und Nachgeben ist natürlich bei ihnen keine Rede. Sie fahren im Sattel herum, wie ein losgegangenes Paket auf einem Packthier, reißen in die ohnedies schon scharfen Zügel, nur um sich im Gleichgewicht zu halten, und werfen das ganze Gewicht ihres Körpers dagegen, wenn sie das Pferd einmal bewegen wollen, langsam zu gehen oder ganz still zu stehen. Die Thiere werden dadurch wund geritten und abgehetzt, und die Pferdevermiether hier, fast lauter Engländer und Amerikaner, haben einen solchen Ueberblick in den Personen ihrer Kunden, daß sich Leute, die nur das geringste Seemännische an sich tragen, sich fest darauf verlassen können, die abgerittensten und überdies vielleicht schon aufgegebenen Kracken zu bekommen. Es geschieht deshalb sehr häufig, daß solche arme Schlachtopfer, selbst wenn sie ihr Thier einmal nicht übermäßig abgetrieben haben, in den Fall kommen, es plötzlich stürzen und verenden zu sehen, wonach sie dann noch das Vergnügen haben, nicht allein zu Fuß in die Stadt zurückzugehen, sondern auch noch das Sattelzeug zu tragen. Höchst erstaunt sind sie dann meistens, wenn man ihnen für das verlorene Pferd wenig oder gar nichts abnimmt, und es scheint /54/ sich deshalb das Gerücht verbreitet zu haben, es sei schon genug, von einem in Buenos-Ayres gemietheten Pferd Zaum und Sattel zurückzubringen, das Uebrige habe keinen Werth. Die Capitaine haben aber meist so nichtswürdige Pferde gehabt, daß sich die Vermiether schämen auch noch Geld dafür zu verlangen, weil Jemand so freundlich gewesen war, es für sie hinaus auf den Anger zu reiten.
Wer ein gutes Pferd ausmiethet und damit zu Schaden kommt, kann sich auch darauf verlassen, daß er theuer genug dafür zu zahlen hat - für Buenos-Ayres nämlich - denn Pferde sind dort überhaupt spottbillig.
So viel schon hatte ich, während meines Aufenthalts in Buenos-Ayres, von den Saladeros oder Schlachtplätzen dieses bedeutenden Handelsortes für Fleisch und Häute gehört, daß ich nicht umhin konnte, die mir von allen Seiten beschriebenen Plätze auch einmal selber zu besuchen. Die Schlachtplätze liegen fast sämmtlich an der sogenannten Boca, etwa eine halbe Legua von der Stadt entfernt, und vor dem Frühstück sprengte ich eines Morgens, von einem jungen Deutschen begleitet, hinaus, das Schlachten des Viehes mit anzusehen.
Unser Weg führte uns fast durchgängig dicht am Fluß hin, und widerlich war mir hier besonders der Anblick der durch den Fluß an's Ufer geschwemmten gefallenen Rinder und Pferde. Der Geruch, oder besser gesagt der Gestank, wurde an mehreren Stellen so schauerlich, daß ich den Athem anhalten mußte. An einem Platz blieb uns sogar nichts weiter übrig, als über drei dicht beieinander liegende Pferde, oder wenigstens die Ueberbleibsel derselben, hinwegzusetzen. Deutsche Pferde wären hier unter keiner Bedingung vorwärts zu bringen gewesen; die Buenos-Ayres-Ponies kehrten sich aber nicht im Mindesten daran und würdigten ihre gefallenen Kameraden kaum eines Blickes.
Nach einem etwa viertelstündigen gestreckten Galopp erreichten wir endlich die Ufer der Boca, und ich konnte im Anfang nicht gleich herausbekommen, was das Weiße sein mochte, das beide Ufer an vielen Stellen eindämmte. Als wir aber näher kamen, erkannte ich zu meinem Erstaunen, daß es Rinderköpfe seien deren Hörner überall, regelmäßig aufgeschichtet, aus der darüber geworfenen Erde hervorschauten.
Drüben über der Boca lagen die flachen offenen Gebäude der Schlachtereien, und wir mußten noch eine Strecke an dem kleinen Wasser hinauf und dort über eine Holzbrücke reiten, wo, beiläufig gesagt, Zoll bezahlt wurde und wir gleich darauf den „blutigen Grund" betraten. In den nächsten Schlachtereien wurde heute nicht „gearbeitet" - es war dort „aufgeräumt" und sah verhältnißmäßig reinlich aus, und als wir langsam hindurchritten, sahen wir die in Massen aufgeschichteten und eingesalzenen Häute in den einzelnen Schuppen liegen. Mir war aber besonders darum zu thun, das wirkliche Schlachten der Thiere mit anzusehen, und glücklicher Weise fanden wir in der ersten Schlachterei gleich einen Deutschen, der uns zu dem gesuchten Orte wies. Schon von Weiten: hörten wir das Schreien und die gellenden Zurufe der Viehtreiber, und als wir näher kamen, sahen wir, wie eben wieder drei Reiter in den etwas vom Schauplatz entfernten Corral (eine Einfenzung) sprengten, um einen Theil der dort hineingestellten Thiere in die für ihren Fang bestimmte Fenz zu treiben. Einer von ihnen war eine besonders hervorstechende Persönlichkeit - ein alter schlankgewachsener, kräftiger Mann von sechsundfünfzig bis sechzig Jahren, zäh und wettergebräunt, aber mit einer solchen Galgenphpsiognomie, wie ich sie nur je ein Menschenantlitz entstellen sah. Er schien der Führer der Uebrigen und in Blut und Mord ergraut, und so mußten die Gestalten ausgesehen haben, die Rosas früher mit seinen Blutbefehlen beauftragte; holten sie doch ihre Opfer aus den Kreisen ihrer Familien heraus und durchschnitten ihnen die Kehlen Er ging ganz in die Tracht der Gauchos gekleidet, mit roth und blauem Poncho, eben solcher Cheripa und den gewöhnlichen Bolas von Pferdehaut an. Der Lasso hing ihm hinten am Sattel, denn ohne Lasso reitet kein solcher Bursche auch nur einen Schritt, und wenn der Poncho beim raschen Reiten in die Höhe flatterte, schaute darunter der Griff des hinten im Gürtel schräg steckenden Messers hervor. Der gleichfalls graue Bart umgab ihm in krausen, unordentlichen Zotteln Kinn und Backen, und eben solche Büschel /56/ hingen ihm über die Augen herunter. Ich konnte im Anfang meine Blicke von dem greisen Gaucho nicht abwenden, und hätte ich noch einen Zweifel über seinen Charakter gehabt, der nächste Augenblick würde ihn zerstört haben.
Drei dieser Corrals oder Umzäunungen lagen nämlich dicht nebeneinander, und der größte auch von dem Schlachtplatz am weitesten entfernt. Etwa halb so groß als dieser war der nächstfolgende, und der dritte und zur unmittelbaren Aufnahme der nächst zu schlachtenden Thiere bestimmte war der allerkleinste und konnte nur etwa vierzig bis fünfzig Stück halten. In den ersteren wurde das Vieh gleich aus den Pampas hineingetrieben, in dem zweiten das für den Gebrauch verlangte abgesondert, und in den dritten das zum Schlachten abgeführt. In den zweiten nun, in dem etwa 20 oder 30 noch ihrer Todesstunde harrten, sprengten die Drei und trieben die Thiere mit Schreien und Heulen der durch Knaben indeß geöffneten letzten Einfriedigung zu. Im Anfang ging das auch ganz gut; das junge Vieh wurde durch den wilden Lärm und die zum Schein hochgeschwungenen Hände, in denen sie stets den gefürchteten Lasso zu sehen glaubten, scheu gemacht und drängte von selbst von seinen Verfolgern weg. Kaum aber quoll ihnen, in der Nähe des letzten Corrals, der warme Blutgeruch ihrer vorangegangenen Kameraden entgegen, so suchten sie auch eben so rasch wieder zurückzufliehen und warfen sich ihren Henkern gerade entgegen. Aber zu spat; diese trieben sie, selbst durch das Gewicht ihrer Pferde, ihrem Bestimmungsort zu - es gab für sie kein Entrinnen mehr, und eingeschüchtert und halb betäubt wandte sich jetzt die kleine zitternde Schaar mit hochgehobenen Schnauzen, den gefürchteten Ort zu betreten. Doch das war den Treibern nicht rasch genug - vorwärts, mit Sporn und Revenka, treiben sie die eigenen Thiere an, auf die jungen Rinder einzusprengen; mit dem schweren eisernen Revenkaring schlugen sie auf die Knochen der ängstlich Blökenden nieder, und der alte greise Gaucho zog endlich mit wildem Fluch sein Messer und stieß es den hintersten Stieren, die nicht rasch genug vordrängen konnten, fünf bis sechsmal in den After - um die Haut nicht zu verletzen. Die Wunden wären, hätten sie noch /57/ draußen herumlaufen müssen, tödtlich gewesen; hier schadete es ja aber nichts. Die Thiere wurden gleich geschlachtet. Ich bin überzeugt, der Schuft hätte einem Menschen sein Messer mit eben solcher Ruhe in den Leib gerannt.
Als das letzte der armen, halb zu Tode geängstigten und blutenden Geschöpfe in den für sie bestimmten Corral sprang, schob er das lange Messer lachend unter den Poncho zurück, warf sein Pferd herum und galoppirte nun, von den Kameraden gefolgt, um die Einfriedigung herum auf die andere Seite der Schlachterei. Dort stieg er ab, befestigte ein langes, auf der Erde liegendes und aus roher Haut gedrehtes starkes Seil an seinem Sattelgurtring, welchem Beispiel die anderen Beiden, und zwar mit dem nämlichen Tau, folgten, und richtete sich dann, nach dem Corral zurückschauend, hoch im Sattel auf. Ich fand bald die Ursache von diesem allen.
Das Ledertau war ein langer starker Lasso, dessen über einen richtigen „Block" laufende Schlinge der auf der Umzäunung des Corrals stehende Schlächter in der Hand hielt, ein paar Mal um den Kopf schwang und dann mit fast nie irrender Sicherheit einem der Thiere um die Hörner warf. So wie die Reiter sahen, daß der Lasso geschleudert war, gaben sie ihren Thieren die Hacken, diese zogen an und rissen dadurch den gefangenen Stier zuerst auf die Vorderfüße, dann ganz nieder, und zu gleicher Zeit auch dicht zu der Stelle hinan, wo der Lassowerfer stand. Dieser hatte jetzt ein langes Messer in der Hand, bog er sich nieder, stach sein Opfer mit der scharfen Klinge in den Nacken dicht hinter die Hörner, daß es todt zusammenbrach, griff dann wieder nach dem Lasso und richtete sich auf, ihn auf's Neue zu werfen.
In dem Corral, eben da wo der gestochene Stier lag, öffnete sich zu Zeit eine Klappe, und das ganze Gestell, auf welches er schon vorher durch das Anspannen des Lasso gezogen wurden, glitt jetzt mit dem Stier darunter vor und lief auf einer kurzen „Eisenbahn" den Schlachtschuppen entlang. An dessen Ende aber standen sechs Männer bereit, ihn von dem kleinen niedern Wagen herabzuziehen, und dann augenblicklich abzustreifen und auszuschlachten. Der Wagen rollte dabei ohne weitern Verzug wieder zurück, die Klappe /58/
fiel zu, der Lasso flog, ein anderes Opfer suchend, durch die Luft, wieder stürzte der Stier, seinem Tod entgegengerissen; wieder glitt der Karren auf den blutigen Schienen hin und, von seiner Last befreit, zurück, und ein dritter fiel in demselben Augenblick – bis auch der letzte gefangen und getödtet worden.
Ich wandte mich jetzt dem Schlachthof selber zu, und der Anblick, der sich mir hier bot, war wirklich schaudererregend. Der Platz selbst wurde so rein gehalten, wie sich das nur möglicher Weise halten ließ. Das Blut floß aber in Strömen in eigens dazu ausgezimmerte Kanäle nieder, und besondere Männer waren sogar dabei beschäftigt, mit eigens zu solchem Dienst bestimmten breiten Holzschaufeln das geronnene Blut auszuschieben und für den Lauf des frisch zuströmenden frei zu halten. Der Schuppen, unter dem die Leute arbeiteten, war hoch und geräumig, und die Eisenbahn lief längs darin bis zum äußersten Ende. Hier waren Leute beschäftigt, die letzt angefahrenen Thiere - der Lassowerfer hatte zwei zu gleicher Zeit in die Schlinge bekommen - abzustreifen; dort hauten Andere Keulen und Fleischstücke schon früher geschlachteter ab, und Andere trugen oder warfen vielmehr dieses wieder seinem Bestimmungsort zum Verpacken zu - alle in bloßen Füßen und im Blut watend, mit Blut bedeckt. Und dazwischen die wild umhergestreuten Köpfe und Gebeine, die Eingeweide, die auf Wagen geladen und fortgefahren wurden, und dort drüben - mich ekelt's noch wenn ich daran denke - lagen die ungeborenen Kälber. Ein Haufen von vielleicht dreißig oder vierzig Stück war da aufgehäuft, und eine Anzahl Knaben, bis an die Schultern in Blut, eben beschäftigt, den ältesten und schon ziemlich ausgewachsenen die Haut abzustreifen, wie die anderen bei den Hinterbeinen nach einem dazu bestimmten Wagen zu schleifen.
Ein Bursche in einem rothen Poncho - pfui, was für ein schmieriger Geselle es war! - schlich sich lange um den Haufen dieser ungeborenen Kälber herum und schien die dort liegenden mit prüfenden Blicken zu betrachten. Endlich ergriff er eins der größten bei den Hinterbeinen, zog unter dem Poncho einen alten blutigen Sack vor, steckte es dort hinein /59/ und glitt dann, ohne daß sich weiter Jemand um ihn bekümmert hätte, aus dem Schlachthof - hatte sich der Mann etwa unter diesem ekelerregenden Wust einen Braten ausgesucht? Mir schauderte die Haut bei dem bloßen Gedanken; ich hatte aber auch jetzt an dem Anblick vollkommen genug; sollte ich mir den Appetit an Fleisch für immer verderben?
Unsere Pferde standen dicht bei all' dem Blut und Lärmen angebunden, aber so ruhig, als ob sie sich draußen auf freiem ungestörten, unentweihten Plan befunden hätten. Wir lösten die Zäume, stiegen wieder auf und sprengten gleich darauf, wie es alle Leute in der Argentinischen Republik thun, im gestreckten Galopp den Schlachthof entlang über die schmale, die Boca überspannende Brücke hinüber und, am Ufer des Rio de la Plata hin, Buenos-Ayres zu.
Es war mir interessant genug, diese Schlachtereien, von wo aus Fleisch und Häute in ungeheuren Massen nach allen Weltgegenden hin versandt werden, einmal in der Nähe gesehen zu haben; ich konnte aber zwei volle Tage lang keinen Bissen Fleisch essen - ich mußte immer an den Mann mit dem rothen Poncho und dem ungeborenen Kalbe denken.
In den letzten Tagen, die ich in Buenos-Ayres verlebte, kamen noch Nachrichten über neue Gewaltthaten der Indianer. Am Rio-Quarto sollten sie eine Familie ermordet und andere überfallen haben, die sich ihnen nur durch die rascheste Flucht entzogen, bis das Militär aus dem kleinen, nicht sehr entfernten Städtchen aufgeboten wurde und gegen die wilden Söhne der Steppe anrückte. Weit hinweg durften sich aber einzelne Trupps Soldaten auch nicht von ihren befestigten Plätzen wagen, denn los Idiios waren tapfere, gefürchtete Krieger und verachtende Gegner. Solche Nachrichten sind aber auch meistens übertrieben; keinesfalls konnten sie meinen Entschluß mehr ändern.
In der Zeit, in welcher ich mich in Buenos-Ayres aufhielt; kam hier gerade mit dem englischen Paketschiff die Nachricht an von unserem ersten und letzten Seesieg über die Dänen, von der
Zerstörung Christian's VIII. und der Wegnahme der Geflon. Zufälliger Weise befand sich gerade in dieser Zeit eine sehr große Anzahl von Schiffscapitainen hier /60/ - (die Fracht von hier fort stand sehr schlecht, und die Leute lagen hier mit ihren Schiffen und warteten, ob sie etwas Besseres bekommen konnten, als Maulthiere nach Havana zu führen). Das Eßhaus von Duckwitz war aber schon seit langer Zeit der Sammelplatz aller im Hafen befindlichen dänischen und deutschen Capitaine gewesen, und da gerade von diesen beiden Nationen eine sehr bedeutende Anzahl dort zusammentraf, läßt es sich denken, was für Discussionen über diesen Sieg entstanden. Einigemal kam es fast zu Schlägereien, zwischen Einzelnen, und mich amüsirten nur die verschiedenen Ansichten und Ideen, die da manchmal vorwucherten. Auch die Ursachen der einzelnen Streite waren häufig wirklich komisch. So meinte ein deutscher Capitain eines Tags - denn es wurde fast von weiter nichts als Fracht und Seeschlacht ge-sprochen - es thäte ihm nur leid, daß die Deutschen erst bei Christian dem Achten angefangen hätten, worüber sich ein dänischer Capitain auf das Furchtbarste erboste, die ganze Nachricht - was überhaupt sehr häufig geschah - für eine Zeitungslüge erklärte, und Leib und Seele verpfändete, wenn sich die ganze deutsche Nation auf den Kopf stelle, könne sie noch nicht einmal Christian den Fünfundzwanzigsten bekommen. - Guter Däne!
Die Zeit meiner Abreise rückte aber auch jetzt heran und ich freute mich wirklich, daß ich nun einmal mit beiden Füßen in das neue Leben hineinspringen sollte, denn hier in Buenos-Ayres schien Alles darauf angelegt zu sein, mir wo möglich das Herz schwer zu machen. Fortwährend kamen neue Berichte über indianische Grausamkeiten, und sogar von Mendoza wollte man wissen, daß schon seit vielen Jahren keine so entsetzliche Masse Schnee in den Gebirgen gelegen habe, als in diesem Winter.
Kürzlich war auch ein Deutscher aus dem Innern gekommen, der mir die schrecklichsten Schilderungen von den Gauchos, den Eingeborenen selber, lieferte. Nach denen mußte ich denn freilich fürchten, einem von ihnen auch nur den Rücken zuzudrehen, wenn ich nicht ein langes zwölfzölliges Messer zwischen den Rippen haben wollte. An Nachts ruhig zu schlafen war gar nicht zu denken, und er versicherte mir, er könne jetzt noch /61/ nicht begreifen, wie er selber lebendig wieder herausgekommen wäre. Der Mann hieß Berger. - Mir kam jetzt die ganze Reise vor wie Jemand, der mit einem langen Stock bewaffnet wild um sich her schlägt. - Hat man ihn erst einmal um den Leib gepackt, kann er uns nichts mehr anhaben.
Doch fort, fort mit Allem was mich beunruhigen oder ärgern könnte. - Eben schickt mir der Correo ein Pferd, mich zur neuen Fahrt abzuholen, und das Einzige nun was ich fühle und denke, ist das Bewußtsein, in ein neues thätiges - und wenn auch gefährliches Leben einzutauchen. - Ein Ritt durch die Pampas - alle vier bis sechs Leguas ein frisches Pferd, und im gestreckten Galopp ununterbrochen durch die weiten Steppen sprengend - so, fort bis nach Mendoza, zum Fuß der Cordilleren, dann, mitten im Winter, über die Schneegebirge und durch Chile meinem nächsten Ziele, Valparaiso, zu - was kümmerte mich das Andere!
4.
Ritt durch die Pampas.
Am 17. Juni Morgens schickte mir der Correo, wie schon vorher erwähnt, durch ein paar junge Burschen ein Pferd, mich und mein Gepäck zu seinem Hause zu bringen, daß wir dann von dort aus im Laufe des Tages aufbrechen könnten. Einen argentinischen Sattel (den sogenannten spanischen Sätteln ähnlich, aber doch etwas verschieden von ihnen) hatte ich mir schon am vorigen Tage besorgt, Zaum und Satteltasche ebenfalls, und mit meinen Waffen, einem Poncho, einer wollenen Decke und etwas Wäsche war ich vollkommen zu einem Ritt von meinetwegen vier Wochen gerüstet.
Spaß machte mir hierbei mein Wirth, ein Engländer, /62/ Mr. Davies, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, ich mache die Reise durch's Land nur, um schneller nach Californien zu kommen, und sich schon während meines Aufenthalts die größte Mühe gab, mir das Californien mit den schrecklichsten Farben zu schildern. Er versäumte es auch nicht, mir selbst an diesem Morgen einen kleinen Beitrag zu liefern, und meinte es sei förmlich wahnsinnig von mir, nur des Goldes wegen meine gute Kehle in einem solchen tollen Ritt zu wagen. Mr. Davies war übrigens sonst der prächtigste und auch orginellste Bursche, den ich lange getroffen, und wir hatten manchen Spaß mitsammen gehabt. - Nur auf Californien durfte das Gespräch nicht kommen, das lag für ihn außer dem Spaß. Er wünschte mir übrigens zum Abschiede alles Gute, und außerdem auch noch: „daß mich die californischen Wilden nicht lange martern, sondern lieber gleich todtschlagen möchten, denn das sei sonst Thierquälerei".
Der Correo wohnte draußen am äußersten Ende der Stadt, und Buenos-Ayres ist entsetzlich weitläufig gebaut. Wir trabten aber lustig drauf los, und während ich glaubte, meinen alten Burschen schon in voller Ungeduld auf mich warten zu sehen und dann augenblicklich den Thieren die Sporen einzusetzen und weiter zu galoppiren, fand ich ihn im Gegentheil emsig beschäftigt - gar nichts zu thun. Statt die verschiedenen Päcke, die noch wild zerstreut am Bode herumlagen, auf das Lastthier zu laden, saß er ruhig dazwischen, schlürfte seinen Mateh und sah ans, als ob er noch gar nicht daran dächte, weder in dieser noch der nächste Woche aufzubrechen. Seine ganze Familie half ihm dabei redlich; die Frau kauerte in der einen Ecke neben einem Kohlenbecken, auf dem ein kleiner eiserner Theetopf oder Kocher stand, und der Sohn, ein junger Bursch von circa achtzehn Jahren, lehnte auf dem Bett und klimperte auf der Guitarre. So wie ich eintrat, möchte ich fast sagen, denn ich hatte den Fuß kaum auf die Schwelle gesetzt, kam aber auch die alte Dame schon mit der unausweichlichen Matehröhre auf mich zu, und ich will den Leser lieber gleich von vornherein mit diesem gewiß eigenthümlichen Genuß der Südamerikaner be-/63/kannt machen, damit es ihn später nicht so ganz unvorbereitet treffe, wie mich damals.
Der Mateh ist eine Art Thee, der aus den Zweigen und Blättern eines gewissen in Brasilien und am Paraguay wachsenden Baumes bereitet werden soll. Er sieht aus wie ein grünliches Pulver mit kleinen Zweigen und Holzstückchen darin, und wird im Aufguß getrunken. Die Art, wie sie ihn trinken, ist aber charakteristisch. Der Mateh selber kommt in eine zu diesem Zweck besonders gehaltene Calabasse, von der Größe eines starken Apfels etwa, und auf ihn wird dann das kochende Wasser gegossen. Da man aber beim ordentlichen Trinken desselben den feinen Staub mit in die Kehle bekommen würde, so gebrauchen sie hierzu eine kleine dünne Blechröhre, die sie Bombille nennen, und deren unteres Ende eine theesiebartig durchlöcherte abgeflachte Kugel bildet. Durch diese etwa sechs bis sieben Zoll lange Blechröhre ziehen sie, mit anscheinendem Hochgenuß, den kochend heißen Trank, dessen Temperatur sich dem Blech natürlich augenblicklich mittheilt und dem, der solche Kost nicht gewöhnt ist, unfehlbar die Lippen verbrennen muß, besonders wenn er es „unvorbereitet trinkt“. Es versteht sich von selbst, daß ich dasselbe that. Das Fatalste bei diesem Matehtrinken ist übrigens das rein demo- kratische Princip, nach dem er getrunken wird. In allen Familicn giebt es gewöhnlich nur eine Mateh-Calabasse, und diese geht im Kreis herum, so daß Jeder dieselbe Blechröhre in seinen Mund schiebt, daran saugt, und sie dann dem Nachbar reicht - ich habe schon Sachen gesehen, die appetittlicher waren. Ein Verweigern derselben wäre aber eine Mißachtung der Gastfreundschaft, die den freundlichen Geber nicht allein kränken, sondern auch beleidigen würde. Der Fremde überwindet deshalb lieber, wenn es ihm von gerade nicht lieben Lippen geboten wird, seinen Ekel und legt die er die Haut seiner Lippen auf den Altar der Convenienz, als daß er dieLeute kränke, die ihm damit wirklich das Beste bringen, was sie selber genießen.
gedacht- die indessen rascher geordnet, als ich selbst
Die Päcke waren indessen rascher geordnet, als ich selbst gedacht; die schon vor der Thür stehenden Thiere wurden gesatttelt; und in etwa einer halben Stunde saß wir endlich / 64/ zu Pferd. Durch die volkreichen und hauptsächlich von großen Landwagen gedrängten Straßen ritten wir in kurzem Trab, kaum aber etwas in's Freie hinaus, fielen die Pferde schon von selber in einen kurzen Galopp. Selbst das Lastthier, was wenigstens zweihundertundfünfzig Pfund trug, war davon nicht ausgenommen. Ich hielt das damals für etwas Außerordentliches.
Unser kleiner Trupp bestand aus vier Pferden und drei Personen: erstlich dem sogenannten Postillon, der hinter sich ein ziemlich großes und schweres Felleisen auf den Sattel geschnallt hatte und das Lastthier an der Leine führte, dann dieses, mit vier in ungegerbte Häute sorgfältig eingenähten und auf seinem Rücken festgeschnürten Paketen, die ein von Binsen gefertigter Packsattel trug. Dann kam der Correo, in dunkelblauem Poncho oder Ueberwurf, mit hellledernen hohen Reitstiefeln, in denen sein langes Messer stak und oben mit dem Griff heraussah, riesigen Sporen, rundem Filzhut und einer tüchtigen Peitsche in der Hand, die einzig und allein zum Besten des Lastthiers mitgenommen worden; und neben diesem ritt ich selbst, im grauwollenen Staubhemd, schwarzem breitrandigen Filz, hohen deutschen Wasserstiefeln, das Messer, nach argentinischer Art, darin, und die Büchsflinte an die Seite geschnallt, die Pistolen im Gürtel mit eben solchen gigantischen Sporen, und den Poncho mit der wollenen Decke hinten auf's Pferd an den Sattel fest gebunden.
Der Postillon trug die Landestracht, Poncho und Cheripa, ein rothes Tuch um den Kopf, und die Füße in der abgestreiften Pferdehaut, aus der die beiden ersten Zehen vorschauten und eben nur in den kleinen, kaum zwei Zoll breiten Steigbügel hineinpaßten. An dem rechten Handgelenk hing die Revenka, die aus einem etwa anderthalb Zoll breiten, nach unten etwas spitzer zulaufenden und oben durch einen großen eisernen Ring gezogenen Streifen ungegerbter Haut gemachten Peitsche dieser Stämme, und die langen Sporen hingen ihm mehr von den glatten Hacken herunter, als daß sie daran festsaßen. I
Es ist dies überhaupt eine Eigenthümlichkeit der hiesigen /65/ Reiter, daß ihnen die Sporen, wenn man sie zu Pferd sitzen sieht, fast vom Hacken abwärts hängen. Zu Fuß sind diese Leute dann auch gar nichts nutz. Auf den Zehen balanciren sie herum und die riesigen Eisen rollen klirrend hinterdrein. Einmal aber nur die Hand auf der Mähne ihres Thieres, und es sind von dem Moment an ganz andere Menschen. Der zuerst vorsichtige Blick - denn der abgesessene Reiter ging wie auf Eiern - nimmt den alten Trotz an, der Körper richtet sich in aller Elasticität eines naturkräftigen Volkes empor, und einmal erst im Sattel oder auch nur auf dem Rücken des schnaubenden Thieres, und Mann und Roß scheinen ein einziges zusammengegossenes, von Feuer durchströmtes Wesen zu sein.
Das Herunterhängen der Sporen geschieht übrigens absichtlich und hat einen höchst triftigen Grund. Der Gaucho reitet sehr häufig - in den Pampas draußen fast nur - wilde Pferde, und um sicherern Schluß zu haben, dann aber auch nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein, beim Scheuen des Thieres, bei Seitensprüngen oder sonstigen Capriolen, seinen Bauch mit den scharfen Sporen unabsichtlich zu berühren, hängen sie so weit herunter, daß sie den unbewehrten Hacken frei lassen, aber doch stets zum Gebrauch bereit sind, wenn sie der Reiter, der dann den Fuß nur etwas zu krümmen braucht, benutzen will.
Die nächste, mir freilich nicht mehr fremde Umgebung der Stadt, in der ich schon in den letzten Tagen etwas umhergestreift, fesselte jetzt vor allem Andern meinen Blick, und allerdings hat sie auch, für den Europäer besonders, viel Eigenthümliches und Anziehendes. Die Gegend selbst ist flach, eine weite, ungeheure Ebene, die sich in ununterbrochener Spannung bis zum Fuß der Cordilleren hinauszieht, aber die Art der Bebauung, die Einwohner selbst, dieser jungen südlichen Republik bieten dem Auge steten wechselnden Stoff, Neues zu sehen und zu bewundern und auf fremdartigen, wunderlichen Gegenständen zu weilen. Die pittoreske, buntfarbige Tacht der Eingebornen ist nicht das Geringste dabei; das rasche Vorüberjagen auf ihren kleinen, lebhaften /66/ Thieren, die Milchreiter, die Maulthierzüge, die großen, un- behülflichen Wagen - das Alles bietet eine rasche, höchst interessante Abwechslung, und der Fremde würde schon daran genug Beschäftigung finden, wäre es nicht bald das Land selber, was mit seinem unendlichen, mit niederen Distelsträuchen oder fruchtbaren Wiesen bedeckten Flächen, seinen wunderlich durch Aloe und Cactus umfenzten Feldern und Gärten, seinen Heerden und Estancias seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.
Doch vorbei, vorbei, der Courier hält sich mit dergleichen Betrachtungen nicht auf, und das eigene muntere Thier verlangt ebenfalls, daß sich der Reiter etwas darum bekümmere.
- Puh, was ist das für ein schauerlicher Verwesungsgeruch?
- Nur ein Pferd, das hier in der Straße fiel und liegen blieb, bis die Aasgeier und Hunde das Gerippe reinigten - dort wieder ein schon halbverzehrter Stier - dort noch einer - und da drüben - ganze Umzäunungen von Schaf- und Stierköpfen aufgeworfen. Die Straße mit den Schädeln und Gerippen der Geschlachteten und Gefallenen aufgefüllt - vorbei, vorbei, der Correo hat das schon tausendmal gesehen, und jetzt, wo wir auf etwas besseren Weg kommen, werden die Pferde schärfer angetrieben.
Die erste Station ist sieben Leguas - eine Legua fast dreiviertel deutsche Meilen - und dort wurden die Pferde gewechselt. Mittag rückte indessen heran, und wir aßen etwas.
Es war dies die erste Wohnung der wirklichen Eingeborenen des Landes, die ich betrat - eine kleine, erbärmliche Hütte aus Lehm aufgeworfen, mit Binsen gedeckt. Ein Tisch und ein paar mit Häuten überzogene Stühle bildeten das ganze Ameublement; das Tischtuch mußte schon Wochen lang gedient haben, die Gabeln waren schmutzig - Messer wurde nicht gegeben - es versteht sich von selbst, daß Jeder sein Messer bei sich führt, und die Gauchos tragen Messer von sechzehn bis achtzehn Zoll Länge. Neben mich auf einen Stuhl wurde das jüngste Kind gestellt - wir aßen Alle aus einer Schüssel - das Kind war schauerlich unrein - es starrte ordentlich von Schmutz, und die Na. Don’t mention it, /67/ sagen die Amerikaner - ich würgte ein paar Mal ordentlich an einem Bissen, dennoch konnte ich dem Kinde nicht böse sein. Es war ein gar so lieber, herziger, dickbackiger, dunkeläugiger Junge mit großen, mächtigen Augenwimpern, und ich mußte immer und immer wieder an den eigenen Knaben denken, den ich zu Hause zurückgelassen, um hier einsam in der Fremde herumzustreifen. Der kleine liebe Kerl hatte so herzige Grübchen im Backen und so krauses dunkles Haar - wenn er nur nicht den Löffel immer so lange unter die Nase gehalten hätte.
Das Mittagessen dauerte nicht lange, frische Pferde wurden gebracht, und bald darauf galoppirten wir wieder rasch und munter der zweiten Station zu, wo wir für heute unser Nachtlager aufschlagen wollten. Der Correo ist, was ich übrigens hier erst bemerken möchte, die regelmäßige Post, die in der Argentinischen Republik durch die verschiedenen Provinzen geht. Der Correo von Buenos-Ayres nach Mendoza durchschneidet - mit den Provinzen Buenos-Ayres, Santa- Fé, Cordova, San-Luis und Mendoza - die Republik von Ost nach West, wartet in Mendoza, bis der Correo von Chile über die Gebirge kommt, (was aber im Winter stets eine sehr unsichere Sache ist, da der dortige Correo sehr häufig nicht über die verschneiten Kordilleren kann und die Postverbindung drei, vier Monate lang unterbrochen bleibt) und kehrt dann nach Buenos-Ayres zurück.
Diese Poststationen hatte ich mir übrigens einer leicht verzeihlichen europäischen Phantasie – gar verschieden von denen gedacht, die ich wirklich fand. - Das Wort Poststation ist mehr eine Schmeichelei, und der Reisende findet weiter auf der Gottes Welt nichts als eben ein Dach, je nach Verhältniß oder Zufall mit einer Lehm- oder Korbwand und einem mit einer Kuhhaut überspannten Gestell, auf das er Sattel und Decke und später sich selber werfen kann. Weiter gegen Westen fällt auch selbst der Luxus eines solchen Gastbettes weg, und man bekommt eine einfache Lehmbank zum Daraufliegen, oder auch den blanken Erdboden selber angewiesen- und die Flöhe!
Der Sattel ist des Gaucho Bett, und auf dies Lager, /68/ mit unseren Ponchos und Decken, waren also auch wir einzig und allein beschränkt. Das Hans, in dem wir übernachteten, war eben so schmutzig als das, wo wir zu Mittag gegessen; ebenso waren es die Bewohner, und die Matehröhren eben so heiß. Dabei lag die kleine Hütte still und einsam in der weiten öden Steppe - kein Feld, kein Garten dabei, nicht einmal eine Umzäunung, die Pferde darin zu fangen; nur ein paar in die Erde geschlagene Pfähle, mit Streifen Rindshaut dazwischen ausgespannt, dienten zu diesem Zweck. Ich kann ziemlich viel Unbequemlichkeiten vertragen, und werde wahrlich nie über magere Kost oder hartes Lager murren - dieser widerliche Schmutz überall ekelte mich aber doch an, und ich warf mich an dem Abend, trotz einem recht scharfen und gesunden Appetit, ohne einen Bissen zu genießen, auf meine Decken nieder.
Der nächste Morgen entschädigte mich jedoch reichlich für alles ausgestandene Unangenehme. Er war kalt und frisch, doch blau und klar spannte sich das reine Firmament übers die maigrüne Ebene aus, und der Anblick, den die zahlreich überall zerstreuten Heerden auf dem weichen Grasteppich gewährten, war wirklich entzückend. Die Pferde wurden gebracht, das Gepäck und unsere Sättel aufgelegt, und im Galopp flogen wir in dem heitern, lebensfrischen Bilde, das rasch wie ein Panorama wechselte, dahin.
Wohin das Auge auch sah, war Leben, und in der Luft wie auf den Wiesen trieb es sich im bunten, fröhlichen Gewühl durcheinander. Unmaßen von Kibitzen strichen kreischend über uns hin, oder saßen dicht am Weg oder an den Lachen und wandten kaum den Kopf nach den vorübersprengenden Reitern. Gemüthliche Störche standen ernsthaft hier und da in dem helleren Hintergrund; eine kleine Art Eulen, kaum größer als Staare, kauerten neben ihren Erdhöhlen oder flogen mit schrillem Schrei auf, um sich in etwa zehn Schritt Entfernung wieder niederzulassen. Lange Ketten von Enten strichen durch die Luft oder saßen auf den nächsten Wassern und große, stattliche Wassertruthähne erzählten sich, dort das feuchte Sumpfgras steht, merkwürdige Geschichten mit ihren gellenden Stimmen. In dem schwellenden Grün lag /69/ dabei das gesättigte Vieh oder jagten sich die jungen Lämmer, und nicht fern weidende Pferde schmetterten den unseren mit zurückgeworfenen Mähnen und schnaubenden Nüstern den wiehernden Gruß entgegen, den auch unsere Thiere froh und muthig erwiderten. Es war ein herrlicher Morgen, und das Herz ging mir auf in all' dem Schönen und Freundlichen, was mich umgab. Nur eins wirkte störend und dämpfte den sonst sicherlich unübertroffenen Eindruck: das viele gefallene Vieh, das überall, nur zu oft mitten im Weg, oder auch auf den Wiesen selber, theils nur noch als Gerippe, theils halb verzehrt, theils erst angefressen von unzähligen darüber kreisenden Raubvögeln, herumliegt. Thut es dem Auge doch in der sonst so reizenden, friedlichen Umgebung ordentlich weh. Die Thiere selbst sind aber so daran gewöhnt, daß sie, ohne je zu scheuen, ruhig an den Cadavern vorbeispringen, und selbst die Rinder weiden in geringer Entfernung von den gefallenen Kameraden.
Wir kamen an dem Abend, es war am 18. Juni, ziemlich spät in's Quartier, und ich sah mich heute, da ich den ganzen Tag nichts als ein wenig Milch zu essen bekommen, durch meinen Magen genöthigt, an dem Abendessen Theil zu nehmen. In einer hölzernen Schüssel, die noch die deutlichen Spuren früherer Gerichte trug, bekamen wir unsere Suppe und Fleisch; etwas Brod hatte mein alter Correo bei sich, und mit schmutzigen Löffeln, die ich, um die Leute nicht zu beleidigen, nicht einmal abwischen durfte, verzehrten wir unser frugales Mahl. Später lernte ich übrigens - man fügt sich ja in Alles – mir darin zu helfen, und wenn ich einen gar zu schauerlichen Löffel bekam, ließ ich ihn einfach, wie aus Versehen, auf die Erde fallen. Dadurch bekam ich auch ein unbestrittenes Recht, ihn abzuwischen, und daß ich dann mehr mehr davon nahm, als ich hinangebracht hatte, glaubte ich mit meinem Gewissen ausmachen zu können. Die Landleute der Argentinischen Republik leben fast durchschnittlich einzig und allein von Fleisch und – wollen sie luxeriös sein – von einer eigenen, hier viel gepflanzten Art Kürbis, der allerdings ein angenehmes, aber immer noch viel zu wenig gezogenes Gemüse liefert. Brod kennen sie fast gar nicht, oder haben /70/ es nicht, und selbst da, wo Mais gezogen wird, backen sie nicht, wie es der nordamerikanische Backwoodsman selbst in der ärmlichsten Hütte thut - das so nahrhafte und sicherlich - gesunde Maisbrod. Wie der südseeländische Indianer seine Brodfrucht, die ihm in den Mund wächst und die er nur zu pflücken braucht, so verzehrt der Südamerikaner hier sein Fleisch, das ebenfalls unter seiner Hand und neben und mit ihm aufwächst - er kennt kaum und verlangt selten mehr.
Ich war übrigens an diesem Abend fest entschlossen, mir die Lippen mit dem verwünschten Mateh nicht wieder zu verbrennen, und bat meinen Alten, der die ganze Proviantirung übernommen hatte, um etwas Thee oder Kaffee, was wir beides mit uns führten. Er machte Thee, und ich war in den letzten Tagen so von Allem entwöhnt worden, daß ich den allerdings etwas sehr dünnen Thee schon als einen wirklichen Genuß betrachtete, bis mich meine Umgebung eines Besseren belehrte. Der Thee war nämlich eben aufgegossen, und ich blickte schon mit einer Art Schadenfreude nach den Anderen hinüber, die ich auf ihren Mateh angewiesen sah, ließ den Becher etwas kühlen, und wollte ihn dann auf menschliche, d. h. civilisirte Art an die Lippen bringen, als ein allgemeiner Schrei des Erstaunens und Gelächter, wie verschiedene Ausrufe mich bald darauf aufmerksam machten, es sei entweder irgend etwas Außerordentliches vorgefallen, oder ich stehe wenigstens im Begriff Gift zu trinken. Erschrocken hielt ich ein und sah die Leute im Kreise verwundert an. Die aber gaben mir durch Worte und Zeichen (denn mit meinem Spanisch ging es noch sehr spärlich), so gut das möglich war, zu verstehen, daß ich gerade im Begriff sei, etwas ganz Entsetzliches zu begehen, indem ich den Thee - mit dem Mund aus der Schale tränke. Man reichte mir ohne Weiteres eine der verzweifelten Metallröhren, und es war augenscheinlich, daß man erwartete, ich solle damit meinen Thee, wie den Mateh einschlürfen. Ich wollte nun zwar protestiren, wurde aber unter einem wahren Heidenlärm, überstimmt, und mußte mich endlich - mit welchen Empfindungen kann sich der Leser denken - der Majorität fügen.
Körperlich wohl durch den ungewohnten langen Ritt er-/71/müdet, geistig aber nur zu sehr aufgeregt, auch vielleicht mit einem leisen Anflug von Heimweh, das den wegmüden Wanderer an stillen dunkeln Abenden ja so gern beschleicht, warf ich mich endlich auf mein hartes Lager, und wenn ich auch nicht gleich einschlafen konnte, träumte ich doch wachend von vielen lieben, und doch auch wieder jetzt so traurigen Dingen.
Die Eingeborenen waren es, die mich endlich auf andere Gedanken brachten - und zwar die eingeborenen Flöhe - Miniaturkänguruhs, die ganz urplötzlich anfingen, sich ein Privatvergnügen an dem Fremden zu machen. Wenn es ein Trost war, daß sich mein alter Correo auch unruhig auf seiner Lehmmatratze umherwarf, so hatt' ich den allerdings. Mir nützte es aber doch so viel, daß ich meinen Plänen und Grübeleien entrissen, und der nun einmal eristirenden Wirklichkeit wieder zugezogen wurde. Ich schlief endlich ein, und als ich am nächsten Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmelszelt und die Pferde wurden draußen eben in die Umzäunung getrieben, wo die jungen Leute die zum Gebrauch bestimmten mit dem Lasso fingen, und dann die anderen wieder hinaus auf die Weide ließen. Es war ein ziemlich später Aufbruch, auch fiel an diesem Tag nichts Besonderes weiter vor - wir machten nur vier kleine Stationen.
Am 20. erreichten wir ein kleines Städtchen, Arrecifes, nach dem Fluß genannt, an dem es lag, wo ich einen Nordamerikaner - der Einzige, der auf dem ganzen Weg zwischen Buenos-Ayres und Mendoza Englisch sprach - traf. Heute sollte ich übrigens zuerst erfahren, wie die Südamerikaner ihre Thiere rücksichtslos, ob sie dabei zu Grunde gehen oder nicht, anstrengen.
Wir hatten eine Station von acht Leguas und legten diese mit dem Lastpferd in einem gestreckten Galopp zurück. Mich jammerten die armen Thiere, aber was half mit mein Mitleiden; bei dem Correo mußte ich bleiben und durfte also schon mein Pferd, so gern ich auch gewollt, nicht schonen. In Fontezuelas, einer kleinen Ansiedlung, wo wir wieder Pferde wechselten, rasteten wir kaum eine halbe Stunde, und von dort trieben wir die Thiere zu eben solcher Eile an, weil mein Alter gern noch an dem Abend die nächste Station /72/ erreichen wollte. Kaum also saßen wir im Sattel, so kam das gewöhnliche Wort „Galopp", der Correo hieb dem Packpferd seine lange Peitsche über die Schenkel, und „hui über die Pampas" hieß die Losung.
Nur immer den Zügel fest in der Hand, lieber Leser, und schaue vorsichtig auf den Weg, denn Dachse und Eulen haben hier überall ihre Löcher, und wenn Du dem Pferd mit Deinen Augen nicht zu Hülfe kommst, könnt Ihr leicht zusammen die Erde küssen. Sieh, der Correo ist schon ein ganzes Stück voraus, Du hast Dein Thier zu sehr geschont - fort! - Weiche dem schilfigen Gras da aus, da hat's Sumpf, dort zur Linken findet Dein Pferd festeren Boden - aber hab' Acht auf die Dachslöcher - hab' Acht! Und siehst Du dort wo die niederen Disteln so üppig stehen, die kleine Eule sitzen! Da sind auch Löcher - vermeide die - „aber dort sitzt auch eine Eule, und hier auch, und da ebenfalls - hier sitzen ja überall Eulen!" - ja hier sind auch überall Erdlöcher! Aber nur weiter, Du versäumst die Zeit, und in rasch einbrechender Dunkelheit könntest Du auf dem weiten Plan - denn Weg und Steg habt Ihr längst verlassen - die Führer verlieren! Und sieh, wie der alte Bursche dabei so fest und regungslos im Sattel sitzt, während ihm der lange, schwere Poncho inr regelmäßigen Schlägen, wie das Pferd vorn einspringt, um die Schultern flappt! - An dem ganzen Körper scheint nur der rechte Arm mit der Peitsche Bewegung zu haben, und diese kommt erbarmungslos auf den Rücken des armen Lastthiers nieder, selbst wenn das nur an einer bös sumpfige Stelle den Schritt auf einen Moment mäßigt, oder rechts oder links nach den ruhig und ungezüchtigt weidenden Kameraden hinüberblinzelt. Vorwärts ist sein einziger Gedanke - vorwärts! Das Thier, das er reitet, das Thier, das sein Gepäck trägt, ist für ihn kein fühlendes, lebendiges Geschöpf, es ist nur ein Pferd, und wenn das stürzt, kann er hier für anderthalb Dollar, vielleicht noch billiger, ein anderes kaufen. Wozu also eine solche werthlose Maschine besonders schonen!
Ich hatte übrigens an dem Abend gerade ein schändliches Pferd; es stolperte immer beim zehnten Sprung, und ich /73/ mußte mich ungemein vorsehen. Das half aber auch nur eine Zeit lang. Als wir einen langen, etwas feuchten und weichen Wiesenstrich in einem wahren Carrière dahinflogen, trat mein Pferd doch in eine der überall zerstreuten Erdhöhlen und konnte diesmal seine Füße nicht wieder gewinnen. Vornüber schlug's, und, wohl oder übel, ich mußte mit - kaum daß ich noch rasch mein Bein unter dem schweren Körper vorbeikommen konnte. Glücklicher Weise schien es Keinem von uns geschadet zu haben; kaum eine halbe Minute später saß ich wieder im Sattel, und hatt' ich bis dahin mein Thier wirklich geschont, so half jetzt wenigstens kein längeres Sträuben. Der Correo, der meinen Unfall nicht einmal bemerkte, oder wenn er ihn bemerkte, sich den Kuckuck darum kümmerte, war indeß in der mehr und mehr einbrechenden Dämmerung weit, weit vorausgeeilt, der mußte wieder eingeholt werden, und das von Schweiß triefende Thier that, von Peitsche und Sporn getrieben, sein Möglichstes.
Der Anblick der Steppe hatte indessen eine höchst eigenthümliche, fast wunderbare Veränderung erlitten. Die feuchten, dem niedern Boden entsteigenden Schwaden hoben sich und verwandelten, vielleicht auch mit ihrer Abspiegelung in der dunstgetränkten Atmosphäre, die Ebene in ein milchweißes, von dem Wiederglanz der Wolken roth überhauchtes Meer, in dem ich selber, jetzt nicht einmal mehr eine Bahn erkennend, dahinsprengte. Ich überließ es meinem Thier, seinen Kameraden zu folgen, und nur manchmal klangen die Hufschläge derselben aus weiter Ferne herüber. In der That hatt' ich auch fast vergessen, daß ich mich hier auf keineswegs gemüthlichem Terrain, sondern auf einer Pampas befand, wo ich, wenn verirrt, meine Bahn allein auf viele hundert Meilen durch die von Feinden bedrohte Steppe suchen konnte. Der Correo hatte einmal mein Geld und kümmerte sich wenig darum, ob ich zurückblieb oder folgte. Trotzdem trübte mir ein solcher Gedanke auch nicht für einen Augenblick den jetzigen Genuß. Die Scenerie, die mich umgab, war mir zu neu, zu fesselnd, um ihr nicht auch all’meine Gedanken, meine ganze Aufmerksamkeit zuzuweden.
Wunderbar sahen die Heerden aus, die ich, in diesem Nebel-/74/meer dahinsprengend, passirte. Nur der obere Theil ihrer Körper schaute aus den weißen Schwaden, die jetzt auch schon begannen, in weiteren Schichten anzusetzen und förmliche Hallen und Grotten zu bilden, hervor, und es sah manchmal aus, als ob sie wie in stillem Wasser geräuschlos dahinschwämmen, dann wieder, wie in tiefem Schnee watend, von Lawinen und wankenden Gletschern bedroht würden. Nicht zurückscheuchen konnte ich dabei das Gefühl, als ob ich fortwährend einen ziemlich steilen Hügel niedersprengte und nun gleich die Nebelmassen über mir zusammenschlagen müßten, und doch flog ich auf der ebenen, fast horizontalen Steppe mit schlagenden Hufen entlang. Mit einbrechender Dunkelheit stieg übrigens auch der Nebel höher, und wurde endlich so dick, daß ich kaum noch wenige Pferdelängen vor mir den Boden erkennen konnte. Aber nicht weit mehr entfernt hörte ich jetzt deutlich die drei übrigen Pferde in ihrem kurzen regelmäßigen Galopp, und ehe wir die kleine Hütte erreichten, in der wir übernachten wollten, hatte ich sie eingeholt.
Am nächsten Morgen brachen wir sehr früh auf, denn der Nebel hatte sich in der Nacht vollkommen verzogen. Diesmal einem ziemlich berittenen Pfad folgend, auf dem sich auch deutlich ältere Wagenspuren erkennen ließen, sprengten wir durch die fruchtbaren, mit dem saftigsten Gras und Klee bedeckten Ebenen, in dem Mengen von Rindern, Pferden und Schafen weideten, oder hier und da auch gesättigt in dem sie halbverdeckenden Futter lagen und ruhig wiederkäuend die vorbeigaloppirenden Reiter betrachteten.
Die Morgenstunde ist für die ganze Thierwelt der Steppe die Zeit der Ruhe, selbst die Raubvögel sitzen auf kleinen, niederen Büschen oder Erdhügeln in ernstem Schweigen, und kehren sich nicht an das muntere Vogelzeug, das sie umflattert. Langbeinige Störche gehen zu Paaren oder in Gruppen langsam auf den höher gelegenen, trockenen Stellen spazieren, erzählen sich vielleicht die Abenteuer der vergangenen Nacht und lachen über bestandene Fahrten, daß ihnen die Schnäbel klappern. - Mengen von Erdhöhlen, die überall den Boden durchlöchern, stehen leer; was auch in ihnen wohnt und athmet, kommt um diese Jahreszeit nicht zum Vorschein. Die Heerden, /75/ wie schon gesagt, liegen meist und käuen wieder, und selbst Pferde, die sonst wild durch die Steppe jagen, stehen schläfrig am Rand der kleinen Teiche, oder lagern ebenfalls auf dem stets für sie gedeckten Tisch der Pampas.
Wie anders wird das Alles, wenn sich die Sonne ihrem Untergang nähert und, etwa noch eine Stunde hoch am Himmel stehend, die Wolken, die einzeln über das durchsichtige Blau des Himmels treiben, mit ihren brechenden Strahlen vergoldet. - Die Heerden sind dann alle in Bewegung; weidend, das junge Vieh spielend, ziehen sie durch die grünen, saftigen Matten - nicht der Nahrung nachgehend, denn dicht unter ihnen wuchert diese, wo sie auch stehen - nein, das Süßeste und Wohlschmeckendste heraussuchend aus dieser überreichen Speisekammer des Herrn. Die Trupps der Pferde springen und wiehern einander zu, hinein in den schmetternden Klang der herausfordernden Töne schallt das weiche, melodische Blöken der Kühe, und der schrille Ruf des Falken, der hoch über der freien Steppe kreist, scheint mit zu dem regen, geschäftigen Leben und Treiben zu gehören.
Hei, wie die Rosse da noch einmal so munter mit den Reitern über den Rasen streichen! Weit hinten aus fliegt Grund und Gras von den flüchtigen, tief eingreifenden Hufen, und sie antworten den bekannten Lauten der Kameraden, die heut dem Lasso entgingen, um morgen vielleicht dafür desto schärfer den gewichtigen Sporn ihres Herrn zu fühlen - vorbei.
Siehst Du, wie sich dort die Höhlen beleben, die noch vor kaum einer halben Stunde so finster und dunkel dalagen? Sieh, wie altklug das wunderliche Mittelding zwischen Hamster und Dachs vor seiner Thür sitzt und zu Dir herüberschaut, was Du zu eilen hast an dem freundlichen Abend! - Da drüben sitzt noch einer - da noch einer - dort ein dritter, vierter, fünfter! - Rechts von Dir, gerade unter dem wehenden Büschlein, das vielleicht schon Vater und Großvater Schutz und Schatten gewährt und das Mondlicht hindurchgelassen hat auf heranwachsende Geschlechter, kauert eine ganze kleine Familie, und freut sich über das Jüngste, das zum ersten Mal heut aus der Höhle kommt und ganz erstaunt und überrascht die nie geahnte Herrlichkeit der Welt anstaunt. /76/
Dort die kleine Eule war zum Besuch über Tag bei den Nachbarn und fliegt jetzt, mit leisem, geräuschlosem Flügelschlag, zu dem Weibchen zurück, das ungeduldig schon vor der engen, steilen Höhle auf- und niedergeht und seinen Aerger so lange mit einem Spaziergang beschwichtigt hat. - Liederliches Eulenmännchen das, den ganzen Tag über, wo eine ordentliche, anständige Eule in's Nest gehört, wahrscheinlich in schlechter Gesellschaft zu sitzen oder gar, was noch schlimmer wäre, draußen im Freien herumzustreifen und seine Gesundheit den schädlichen trockenen Sonnenstrahlen auszusetzen. Wenn es jetzt Nachts seinen ordentlichen Geschäften nachgehen soll, ist es faul und schläfrig, und läßt Steppenmaus und Käfer unbeachtet an sich vorbeilaufen und surren. - Oh, was die Eulenweibchen selbst in der Steppe ihre liebe Noth haben!
Vorbei - dort drüben weidet eine große Heerde der kleinen Pampasschafe; aber weit zurückgeblieben ist eine Mutter mit ihrem, erst vor wenigen Stunden geworfenen Lamm. Aengstlich zurückblickend und das arme kleine, schwache Ding, das sich kaum schon auf den Füßen erhalten kann, durch leises Blöken ermunternd, sucht sie nun die Heerde wieder zu gewinnen. Wenn die Nacht anbricht, fänden ja herumstreifende Raubthiere die Hülflosen ohne Schutz und Schirm.
Sieh - der große Geier, der dort hoch oben in der Luft stand und den Platz schon eine Weile in weiten Kreisen umzog, hat sie entdeckt und stößt rasch herab, sicher geglaubte Beute zu finden - aber die sonst so scheue, ängstliche Mutter läßt das Kind nicht dem gierigen Sohn der Lüfte. - Den Kopf gebeugt, tritt sie gegen ihn an, und der Raubvogel, so stark und scharf auch Klauen und Schnabel sind, hält sich zurück vor dem Mutterzorn, sitzt nieder auf dem ihm nur wenig zusagenden Boden, und folgt unbehülflich und schwerfällig in sechs bis acht Schritt Entfernung etwa dem kleinen Lamm, das die Mutter nur vergebens zu größerer Eile antreibt. Der gierige Falke hofft auf den Tod des armen schwachen, kleinen Wesens, oder - auf die Nacht, und bleibt bei der schon sicher gehaltenen Beute, und die arme Mutter weiß, was dem Kinde droht, wenn es nicht die letzten Kräfte /77/ zusammenrafft, die nahe und doch noch so entsetzlich ferne Heerde zu erreichen.
Vorbei - hui - dort gleitet ein Schuppenthier blitzschnell über den Pfad in das hohe Gras hinein, und der alte Gaucho richtet sich hoch auf im Sattel, ob das zur Seite geschobene Gras nicht noch einmal die Richtung anzeigt, in der das Thier verschwunden. - Die Schuppenthiere schmecken den wilden Burschen gar delicat, und vielleicht um so besser, da sie ein seltener Braten sind.
Und was liegt dort an dem feuchten Fleck in der Steppe, wo sich in einer kleinen Senkung des Bodens Wasser vom letzten Regen gehalten? - ein sterbendes Rind, das grüne glasige Auge stier und erblindend auf den Klee geheftet, der es jetzt in weichen dichten Mengen umgiebt und der in wenigen Tagen, von seinem verwesenden Körper verpestet, von Raubthieren zertreten sein soll. - Die übrigen Thiere stehen dicht dabei, aber sie achten nicht des scheidenden Kameraden - da - hier - dort, da drüben überall liegen die noch hier und da mit der vertrockneten Haut, oft auch vollkommen nackten Gerippe früher Vorangegangener. - Das Vieh meidet sie, so lange sie die Luft um sich her mit ihrem entsetzlichen Duft erfüllen, und grast dicht neben ihnen, wenn Sturm und Regen die letzten widerlichen Spuren verwaschen haben.
Vorbei - da, siehst Du dort unsern alten Freund, den Storch, wie thätig er geworden und wie aufmerksam und still er in das stille Wasser schaut, das, zwischen dem Rasen hervorquellend, einen kleinen klaren Teich gebildet? - Er kümmert sich jetzt nicht mehr um den Nachbar, dem er vorher so viel zu erzählen hatte; er schaut nicht mehr bald hinauf nach dem kreischenden Flug von Papageien, die mit scharfem Flügelschlag über die Steppe strebten, den gewöhnlichen Schlafplatz für die Nacht zu erreichen, noch nach der Schaar rother Flamingos, die mit den langen, wunderlich gebogenen Hälsen einen Nachbarteich in Beschlag genommen. - Nur einen einzigen ärgerlichen Blick wirft er hinüber auf eine lange Kette schnatternder, quäkender Wildenten, die sich eben in dichtgedrängter, unruhig wogender Schaar fast zu nahe bei ihm /78/
niedergelassen und das Wasser erregt haben, und blickt dann ernsthaft und aufmerksam wieder auf die dunkeln Stellen im schlammigen, halbüberwachsenen Grund, geduldig erwartend, was ihm daraus wohl aufgetischt werden würde.
Vorbei - die Sonne sank lange hinter den Kordilleren, und ihren Mantel wirft die Nacht im raschen Flug über die kaum dämmernde Erde.
Am 21. kamen wir in die Provinz Santa-Fé, und was in Buenos-Ayres vielleicht kaum mehr als ein Gerücht gewesen, „daß die Pampas-Indianer nämlich wieder ausgebrochen seien und die Ansiedlungen der Argentiner bedrohten" - fand hier volle Bestätigung. Die Leute sprachen von nichts als Indianern - ein Gefecht sollte schon zwischen ihnen und einem Trupp Soldaten stattgefunden, und sie selber auch mehrere junge Leute im „Campo" überfallen und getödtet haben. Dabei war das Unangenehme, daß sie sehr selten in kleinen Trupps, sondern meistens in größeren, von fünfzig bis hundert und mehreren, gingen. Was hätten wir Drei, die anderen Beiden nur mit ihren Messern bewaffnet, gegen eine solche Uebermacht ausrichten wollen! Die einzige Aussicht in diesem Falle blieb, wie uns der Alte versicherte, schleunige Flucht gen Norden. Fliehende Heerden und aufgescheuchtes Wild sollten in dem Fall, daß die Indianer in Masse herankamen, das erste und ziemlich gewisse Zeichen ihrer gefürchteten Ankunft sein, und dann kam es in der That darauf an, wer die besten und schnellsten Pferde unter sich hatte - die Indianer oder wir.
Der Arroyo de Pavon, ein kleines seichtes Flüßchen, bildet hier, die Grenze zwischen den Provinzen Buenos-Ayres und Santa-Fé, und in mehr als einer Hinsicht sollten wir den Unterschied zwischen beiden Ländertheilen kennen lernen. Zuerst, was mich aber nichts weiter anging, da der Correo sämmtliche Kassengeschäfte zu besorgen hatte, galten von hier an nicht mehr die Buenos-Ayres-Papierthaler, die sogenannten pesos, das Stück etwas über zwei Groschen an Werth, die in der /79/ ersten Provinz wechselnden Cours haben und damals lieber als selbst Silber genommen wurden. Von hier ab mußte der Correo Alles mit Silber selber bezahlen. Dann aber erreichten wir hier erst das wirklich wilde Land der Steppen - den Schauplatz der häufigsten indianischen Einbrüche, und fast war es auch, als ob dieser kleine Bach, der die Provinzen schied, selbst eine Scheidewand in der Vegetation bilde. Der ganze Anblick der Pampas bekam, wie durch den kleinen Fluß abgeschnitten, etwas Winterlicheres, als er bisher gehabt. Bis dahin war das Land eine weite, durch nichts unterbrochene, fast maigrüne Ebene gewesen; saftiger Klee und frisches Gras, in dem das wohlgenährte Vieh in ungeheuren Mengen weidete oder ruhig gesättigt ausruhte. Hier aber wurde das Vieh schon seltener, die Heerden weniger und schwächer, und nur eine Art breiter dorniger Kletten überzog die grüne Unterdecke mit einem grauen, aber noch immer oft durchbrochenen Schleier. Noch auffallender sollte dieser Wechsel am nächsten Tage werden, wo auch das Land selber mehr wellenförmig wurde und in langen grauen Hängen den Blick des Reisenden ermüdete.
Diesen Abend ritten wir bis spät in die Nacht hinein, um soviel als möglich von dem am meisten durch Indianer bedrohten Terrain zurückzulegen. Noch mit Dunkelwerden wechselten wir die Pferde - etwas, das ganz gegen die Natur meines alten Correo schien, der es sich Abends gewöhnlich, sobald es nur irgend gehen wollte, bequem machte. Wenn ihn aber etwas aus seiner Ruhe bringen konnte, so war es das Zauberwort los Indios, und wo er das erwähnen hörte, ging er auch gewiß nicht eher fort, bis er Alles wußte, was er darüber hören, und was vielleicht auf seinen jetzigen Ritt Bezug haben konnte.
Es war schon stark dunkel, als wir an den Rand eines andern kleinen Flusses mit schlammigen Ufern kamen, den wir kreuzen mußten. Die Flüsse dieser Steppen sind nicht gerade tief, ihre schlammigen Ufer dem Reisenden aber nur zu oft hinderlich, und manchmal wohl auch gar gefährlich; doch sollen sie in nässerer Jahreszeit nicht selten stürmende Fluchen, ihr Bett hinabwälzen und den Durchgang oft unmöglich machen. /80/
Am 22. Morgens hüllte ein so dichter, entsetzlicher Nebel die Ebene ein, daß mein alter Correo in diesem unter keiner Bedingung aufbrechen wollte. Gerade hier schien eine Art Wechsel der gefürchteten „Indios" zu sein, die sich in dieser Gegend früher sehr häufig gezeigt hatten, und außerdem waren wir der Gefahr ausgesetzt, die rechte Richtung zu verfehlen und die nächste Station gar nicht anzutreffen. In solchem Wetter hätten wir auf fünfzig Schritt Entfernung nichts von ihr gesehen oder gespürt, und dann lag sogar die Möglichkeit vor, daß wir, trieb sich wirklich ein Indianertrupp in der Nähe herum, diesem eben so leicht in die Fänge laufen konnten. Bei solchem Nebel sollen diese Söhne der Steppe nämlich gar gern die Ebenen durchstreifen und überall ihre Wächter hinsenden, wenn sie sich in der Nähe besiedelter Striche wissen. Trafen sie aber auf uns, so blieb uns in der freien Ebene, ohne jeden Vorsprung, nur sehr wenig Hoffnung zum Entrinnen.
Endlich lichteten sich die Schleier; zuerst brach die Sonne hindurch, und oben in dünnen duftigen Massen theilte sich die Decke, die bis dahin zäh und hartnäckig auf uns gelagert. Ueber den mattblauen Himmel hin suchten die einzelnen abgerissenen Flocken ihre Bahn. - Tiefer und tiefer arbeitete sich das helle, freundliche Sonnenlicht hinein und grub und drängte und schob endlich die weißgelben Schwaden wie riesige Coulissen zurück von der Bühne, aus der uns jetzt schon wieder grüne, lachende Wiesenflecke und weidende Heerden, nur noch wie von einem luftigen Flor überhaucht, entgegentraten. Jetzt schwand auch dieser: der letzte Windstoß, der mit der siegenden Sonne daherstrich, nahm ihn hinweg auf seinen kräftigen Armen, und weiter und weiter zurück wich der düstere Geist, der diese thaublitzenden, schimmernden Ebenen so lange verdeckt und verhüllt gehalten. Kaum gewannen wir aber erst einen richtigen und vollständigen Ueberblick über die Ebene, als ihn mein alter Correo auch nach besten Kräften benutzte und den Horizont mehrere Minuten lang mit seinen dunkeln Adleraugen überflog. Wir sahen nun, denn ich ließ mein Taschenteleskop ebenfalls seine Dienste thun, daß, so weit das Auge nach Süden reichte, die wenigen Heerden, die noch /81/ sichtbar waren, still und unbelästigt und ungeschreckt weideten. Die schon lange gesattelten und bepackten Thiere wurden vorgeführt - „vamos!" lautet der Ruf , und von den Sporen kaum berührt, flogen die Klepper weit aus über die Steppe.
Nur erst wenige Leguas von dem Platz entfernt, veränderte sich das ganze Aussehen des Bodens merklich. Selbst die bis dahin einzeln zerstreuten Heerden hörten hier auf, dem Auge einen Ruhepunkt zu bieten. Kein Klee gab dem Vieh mehr die saftige Nahrung; ziemlich hohes, schon gelbendes Büschelgras vertrat jetzt dessen Stelle, und stehe da - als wir rasch eine kleine Anhöhe hinansprengten, schreckte ein Hirsch aus seinem Lager auf und floh, den hohen weißen Wedel zeigend, rasch einem sicherern oder doch wenigstens ungestörteren Platze zu. Nicht ein einziges Stück größeres Wild - Enten und Wassergeflügel natürlich genug - hatte ich gestern bemerkt, und heute, wohin das Auge sah, fand es theils äsende, theils fliehende Hirsche, die sich das hier etwas höhere Land zu ihrem Sammelplatz ausersehen zu haben schienen. Es war dem Auge eines Jägers ein wohlthuender, freudiger Anblick, der noch durch einen neuen Genuß verstärkt werden sollte. Wir mochten kaum eine Stunde geritten sein, als ich vor uns eine Schaar sich wunderlich bewegender Gestalten entdeckte. „Was ist das?" war mein fast unwillkürlicher Ausruf, und der Postillon zeigte lachend hinüber und sagte: „Avestruz."
Strauße, die ersten wilden, die ich sah - denn zahm hatte ich sie schon hier und da in den einzelnen Ansiedlungen gefunden - Strauße, die sich dort, in den weiten Pampas, jagten und mit den unbehülflichen Flügeln schlugen, die langen Beine rechts und links hinauswarfen, und endlich, als sie unser Nahen hörten, pfeilschnell über die Ebene dahinstoben - ein Pferd hätte ihnen mit der Schnelle kaum folgen können. Mich drängte es fast, meinem Thiere die Hacken einzusetzen und hinter der wilden, wunderlichen, in der Flucht mit einander spielenden und sich bald rechts bald links hinüberhetzenden Schaar herzusprengen. Aber sie flohen nach Süden hinunter, und mein Begleiter warf noch fortwährend viel zu mißtrauische /82/ Blicke nach jener Himmelsrichtung, um mir je zu gestatten, ihr entgegenzujagen. Ueberdies hatten wir an dem Morgen auch viel Zeit versäumt, und es galt jetzt vor allen Dingen, erst die wieder einzubringen.
Das Wild ist hier in den Steppen entsetzlich scheu, und der europäische Jäger soll es sich nicht etwa leicht denken, trotz der sehr großen Anzahl, viel zu schießen. Der Gaucho hat kein Feuergewehr, überhaupt keine Schußwaffe, nur den Lasso und die Bolas, und mit diesen ist er genöthigt, will er einmal Wildpret essen, sein Wild zu fangen. Mit diesen Waffen verfolgen deshalb die Gauchos Hirsche und Strauße, und hetzen das Wild so lange, bis sie es überholen. Natürlich muß dieses, auf solche Art fortwährend abgetrieben, ungemein scheu werden, und wo es nur ein Pferd galoppiren hört, flieht es schon, die unvermeidlichen Verfolger fürchtend, in ängstlicher Hast über die Ebene, und ruht nicht eher, bis die Gestalten der vermutheten Feinde in nebliger Ferne verschwimmen.
Nöthig ist es hier übrigens, daß ich Bolas und Lasso dem Leser zuerst etwas näher beschreibe, denn wenn wir auch in Deutschland wissen, daß der Lasso eine Schlinge ist und Bolas Kugeln bedeuten, die geworfen werden, machen wir uns doch im Ganzen einen falschen Begriff davon. Der Lasso besteht aus einem langen Seil, von ungegerbter Rindshaut fest geflochten. Das eine Ende desselben trägt einen kleinen eisernen oder Messing-, ja in manchen Ländern ebenfalls von Leder geflochtenen Ring, und durch diesen gezogen, bildet das Seil oder der Lasso eine Schlinge, die, wenn zum Gebrauch fertig, von dem Gaucho so gefaßt wird, daß sie acht bis zehn Fuß Leine in sich faßt. In diese Schlinge selber greift er beim Wurf hinein, während er vielleicht noch dreißig Fuß loses Tau in der linken Hand locker aufgerollt hält, schwingt den Lasso drei- bis viermal um den Kopf, um ihm beim Wurf den rechten Nachdruck zu geben, und schleudert ihn dann mit solcher Sicherheit, daß er ihn nicht allein um den Hals jedes nur in Wurfesnähe gebrachten Thieres, sondern sogar beim vollen Lauf um jedes Bein des Wildes legen kann, das er haben will. Ist der Gaucho zu Pferd, so hat er das andere /83/ Ende des Lasso an seinem breiten, ebenfalls aus Rohhaut gefertigten Sattelgurt befestigt, und das Thier, das er reitet, ist so vortrefflich auf diese Art Fang eingerichtet, oder weiß vielmehr so gut, was ihm selber droht, wenn es nicht feststeht, daß es sich gleich nach dem Wurf entgegenstemmt, dem ersten Ruck des getroffenen Thieres zu begegnen.
Die Bolas sind in der Natur des Wurfs dem Lasso ähnlich, denn sie werden ebenfalls wie dieser um den Kopf des Werfenden geschwungen und wie dieser geschleudert. Sie sind aber für den Gegenstand, nach dem sie geworfen werden, gefährlicher, da sie nicht selten selbst die Knochen eines starken Pferdes brechen. Der Pampas-Indianer gebraucht sie deshalb auch zur Kriegswaffe. Sie bestehen aus drei, in Rindshaut fest eingenähten, etwa zwei bis dritthalb Zoll im Durchmesser haltenden Steinen - nicht selten auch, wo es sich die Gauchos verschaffen können, aus kleineren Stücken Blei, die jedes an einem etwa fünf Fuß langen Streifen ungegerbter Haut befestigt sind und zu einem Mittelpunkt zusammenlaufen. Der Werfende erfaßt die eine Kugel, schwingt sich die anderen beiden wie beim Lassowurf um den Kopf, und schleudert sie dann mit einer eben solchen Biegung der Hand, als es beim Lasso nöthig ist, nach vorn. Im Wurf streben aber die schweren Gewichte auseinander, und während sie sich, ein etwa acht Fuß im Durchmesser haltendes Dreieck bildend, rasch umkreisen, schlagen, sobald der eine Stein oder das Seil, an dem er befestigt ist, einen Gegenstand trifft und dadurch Widerstand findet, die andern beiden mit Gewalt umher, umschlingen und verwickeln, was sie fassen, und treffen mit tätlicher Gewalt, was also in den Bereich ihrer Schwingung gebracht wird. Pferde, mit solchen Bolas geworfen, habe ich zusammenbrechen sehen, als ob sie vom Blitz erschlagen gewesen wären.
Ein hübsches Beispiel vom Lassowerfen hatte ich am 23. Morgens. Diese Stationen sind, wie schon gesagt, nur Meistens kleine, roh aufgerichtete Hütten, in denen die Gauchos leben, und nach eingegangenem Contract mit dem Staat dem postreitenden Correo so viel Pferde stellen, wie er gerade braucht. Sehen sie ihn von Weitem über Tag ankommen - /84/denn die Zeit, wo er etwa passiren muß, wissen sie ungefähr - so sprengen ein paar von ihnen mit den stets am Haus bereit gehaltenen Pferden hinaus, die nächste Heerde einzutreiben, und wenn sie eine Umzäunung haben, jagen sie die Thiere hinein. Ist das aber nicht der Fall, so gehen zwei von verschiedenen Seiten auf sie zu und werfen mit fast nie fehlender Sicherheit dem Thier, das sie haben wollen, den Lasso um den Hals. Die Pferde aber, wie alle Thiere der Steppe, kennen den Lasso, und den Ruck fürchtend, der sie gewöhnlich niederreißt, stehen sie nicht selten, sobald sie die Schlinge fühlen, stockstill, obgleich sie ihr vorher meist in voller Flucht zu entgehen suchen.
An diesem Morgen waren ihrer vier mit Lassos hinausgegangen, die schon dicht zum Haus gejagten Pferde zu umzingeln. Die Thiere zeigten sich aber heute ganz außergewöhnlich scheu, und schienen den Wurf, da sie vielleicht erst kürzlich durch Bolas beschädigt worden, ungemein zu fürchten. Die drei ersten, mit Lassos gefangenen, rissen so furchtbar in die Schlinge, daß die Gauchos, die zu Fuß hinausgegangen waren, sie nicht halten konnten und loslassen mußten, und mit dem anhängenden Lasso stürmten sie, von der ganzen Heerde gefolgt, wieder hinaus in die Steppe. Zwei berittene junge Bursche trieben sie aber wieder zurück, fingen eins dabei, das sie zugleich zum Hause brachten - und die Hetze begann dann von Neuem. Dreimal brannten sie also durch, dreimal wurden sie wieder zurückgejagt und sechs Lassos schleiften schon in der Heerde, bis wir endlich unsere nöthigen vier Thiere, aber so abgehetzt und wild gemacht, zusammen hatten, daß sich weder mit Sporen noch Peitsche etwas mit ihnen ausrichten ließ. Wie die wilde Jagd stob es, endlich einmal im Sattel, mit uns davon - sie gingen richtig mit uns durch, und es war ein Glück, daß wir an diesem Morgen zuerst nur eine kleine Station hatten.
Herrlich ist übrigens der Anblick der wilden Heerden, die, von ihren fast noch wilderen Herren verfolgt, mit fliegenden Mähnen und schnaubenden Nüstern durch die Steppen donnern. Dahinterher dann die tollen sonnverbrannten Gauchos mit ihren flatternden Ponchos und Kopftüchern, den Lasso /85/ fortwährend im wirbelnden Schwung, die eigenen Thiere un-unterbrochen zum Aeußersten anspornend; - dazu die erschreckten auseinander stiebenden Heerden der Rinder, durch und über die hin manchmal die tolle Hetze geht; die aufgescheuchten kreisenden oder scheu abstreichenden Falken; die grüne Steppe und der blaue Himmel; die in jedem Moment wechselnden malerischen Gruppen, - das Alles macht einen Eindruck auf den Beschauer, den es wohl ungemein schwer werden möchte, bei ruhigem Blut in todter Schriftsprache wiederzugeben. So etwas muß erlebt, gefühlt sein - die Nerven müssen dabei selbst erregt gewesen sein; das eigene, von Uebermuth sprudelnde Thier muß unter Einem getanzt und in die Zügel geschäumt haben und dann, weit ausgreifend, mitten in dies Leben hineingeflogen sein. Dann aber bleibt es auch mit unvertilgbaren Zügen in das Herz gegraben, das diesem wilden Treiben einst mit so frohem Klopfen entgegenschlug, und keine Zeit, kein anderes Leben kann es je daraus wieder verwischen.
Am 23. machten wir in einer kleinen Stadt, Cruz alta, Station. - Stadt; ja was wir uns in Deutschland darunter denken, darf man hier freilich nicht erwarten. Es sind Lehmhütten, die dem Anschein nach schon eigentlich bei dem ersten ordentlichen Regen zusammenschmelzen müßten - und die Bewohner? - lieber Leser, ich weiß wahrlich nicht wie ich Dir, ohne die Leute selber zu kränken, ohne aber auch ihnen zu schmeicheln, einen recht treuen Begriff von ihnen geben könnte. Die jungen Leute sind meist lauter kräftige, selbst interessante Gestalten, die sich in der malerischen Landestracht (wenn sie nur nicht gar so oft die verwünschten europäischen schwarzen Seidenhüte zu ihren Ponchos und Cheripas tragen wollten) nur noch pittoresker und eigenthümlicher ausnehmen. Leider aber kann ich dem schönen Geschlecht nichts so Rühmliches nachsagen. Es sollte mir leid sein, den Frauen der Pampas Unrecht zu thun; was ich aber bis dahin von ihnen gesehen, diente wahrlich, mit nur sehr wenig Ausnahmen, nicht dazu, mir einen günstigen Begriff von ihnen beizubringen. Unreinlichkeit und ein unseren deutschen Begriffen wenigstens nach widriges Benehmen waren die vorherrschenden /86/ Eigenthümlichkeiten, und ich fand das, je mehr ich von ihnen sah, auch immer nur mehr und mehr bestätigt. Das so fatale und den Nordamerikanerinnen besonders eigene laute Aufstoßen ist hier etwas so Gewöhnliches, daß es keinem Menschen mehr auffällt. Selbst bei Tisch geniren sich die guten seňoras und seňoritas nicht im Mindesten, und dergleichen Unanständigkeiten kamen manchmal so laut und unschuldig zum Vorschein, daß ich oft an mich halten mußte, trotz allem Ekel nicht laut aufzulachen. Das allerdings darf ich nicht unerwähnt lassen, daß ich erst über einen Gegenstand später aufgeklärt wurde, nämlich gar keine hübschen jugendlichen Gesichter unter den Frauen zu finden. Das aber hatte eben seinen Grund in den indianischen Feindseligkeiten, vor denen alle jungen Mädchen nach den befestigten oder wenigstens durch Militär besetzten Plätzen geschafft waren. Etwas reinlicher hätte es also gewiß, wären sie gegenwärtig gewesen, in den Häusern ausgesehen, jedenfalls freundlicher. Die Männer blieben aber immer dieselben, und wahrscheinlich auch die alten Frauen, und ein warmes Bad mit ein paar Stücken Bimssteinseife würde keinem von ihnen geschadet haben.
In solchen kleinen Städtchen genießt man übrigens auch den Luxus eines Stuhls oder einer Bank, denn in den gewöhnlichen Hütten der Gauchos bedient man sich fast nur der Erde zum Sitzen oder, wenn es hoch kommt, zu diesem Zweck hereingeschaffter Pferdeschädel, die dann aber auch das vollständige Ameublement einer solchen Wohnung bilden.
Keineswegs appetitlich ist dabei die Kocherei selber. Die Pampas sind so holzarm, daß sogar die paar Stücken Holz, die der Gaucho zu den Eckpfählen seiner Einzäunung braucht, und von denen er dann, von einem zum andern, dünn geschnittene Streifen ungegerbter Haut herüberspannt, viele, viele Tagereisen weit mit Pferden herbeigeschafft werden müssen. An Holz zu Feuerung ist deshalb, die Stengel einiger holzartiger Gräser ausgenommen, gar nicht zu denken. Das vorzüglichste und Hauptbrennmaterial ist deshalb auch Kuhdung, um das dann noch, es etwas besser zusammenzuhalten, einzelne Knochen gelegt werden. Diese brennen allerdings nicht sel/87/ber, aber sie concentriren die Hitze und - stinken. - Auf dies qualmende, schauerlich duftende Material wird dann sehr häufig ein anderer Knochen, an dem noch etwas Fleisch sitzt, geleqt und gebraten, und meint es der Gaucho, lieber Leser, recht gut mit Dir, so nimmt er den Knochen für Dich aus dem Feuer, klopft ihn an seinem Bein ab, reißt ein paar Stücken mit den eigenen Zähnen herunter, um zu sehen ob er geröstet ist, und reicht ihn Dir dann. Du aber sagst: muchos gracias, seňor, mit einem etwas sauersüßen Lächeln und nagst, weil Du einen wahrhaft schmählichen Hunger hast, weiter.
Das Gespräch drehte sich hier, wie überall, um die Indianer und ihre befürchteten Angriffe, und mein etwas geschwätziger alter Begleiter erzählte den aufmerksam und ängstlich lauschenden Städtern all' die fürchterlichen Berichte, die er „im Lande drin" über die wilden, blutdürstigen Stämme der Pampas gehört hatte, und auch alle, wie ich das fest überzeugt bin, auf Wort und Gewissen glaubte. Ich fand jedoch nur zu bald, daß die gehörten Berichte keineswegs so ganz übertrieben sein mochten, denn auf den nächsten Plätzen, die wir erreichten, waren die Frauen mit ihren Kindern schon nach den nächsten kleinen Städten, die Ankunft der feindlichen Stämme fürchtend, geflohen. Die zurückgebliebenen Männer hielten theils bei ihren Heerden Wache, theils hatten sie für sich die Pferde dicht am Haus und gesattelt stehen, um ohne Säumniß, sobald sie die Ankunft der blutdürstigen Indianer entdeckten, einem sonst, wie sie sagten, gewissen Tode entfliehen zu können. Wieder lagen wir hier wohl bis elf Uhr Morgens, ehe mein alter Correo, des starken Nebels wegen, zum Aufbruch rief.
Als wir endlich, und die Sonne stand schon bald im Zenith, durch die Steppe sprengten und etwa acht oder zehn englische Meilen zurückgelegt haben mochten, sah ich plötzlich, zu meinem nicht geringen Erstaunen, einen Gegenstand in der Ferne, der sich augenscheinlich gerade auf uns zu bewegte, von dem wir aber zuerst gar nicht ausmachen konnten, was er eigentlich bedeute. Im Anfang griffen wir unseren Thieren in die Zügel - es konnte ein dichtgedrängter kleiner Trupp Indianer sein, das aber, fanden wir bald, war nicht /88/ der Fall, und je näher das wunderliche Ding jetzt kam, desto mehr schien es mir, als ob ich etwas Aehnliches schon einmal in meinem Leben gesehen haben müßte. Die dunkle, fast verwischte Vorstellung einer gelben Landkutsche, die vor Erfindung der Eisenbahn unglückliche Passagiere von einem Landstädtchen zum andern räderte, tauchte in mir auf, obgleich der Gedanke fast zu absurd war, die gelbe Landkutsche hier mitten in den Pampas zu suchen. Als es aber näher und näher herankam, gewann der kolossale Gegenstand auch mehr und mehr Form und Gewißheit, und endlich - nein, wahrlich es war zu komisch, und ich mußte laut auflachen - rollte die gelbe Landkutsche (aber keineswegs mit gewöhnlicher gelben Landkutschenschnelle, sondern von sechs galoppirenden Pferden gezogen) rasch durch den Sand heran - und abenteuerlich genug sah der Zug aus.
Die Pferde, sämmtlich an die Sattelgurte gespannt, hatten weiter kein Geschirr als den Zaune und Sattel, und auf jedem saß eine in den flatternden Poncho gekleidete wilde Gauchogestalt, mit den langen Sporen und der breiten schweren Revenka. Die Achsen und Speichen der Räder aber, so wie alles Feder- und Holzwerk des langen omnibusartigen Kasten war fest und sicher mit Streifen ungegerbten Leders umwickelt, und jedes Plätzchen dabei auf dem ganzen Wagen, es mochte sich nun befinden wo es wollte, zu einem Kistchen, Fäßchen, Kasten oder Pack benutzt. Zu der gelben Landkutsche aber, sollte sie nicht ganz aus der Rolle fallen, gehörten ein paar alte gemüthliche Gesichter, die in lobenswerther Geduld, und sich ruhig in ihr Schicksal fügend, eine solche Reise machten, und wahrlich, als bei unserer Annäherung der Wagen hielt und das Fenster niederfiel, sah ein mit Runzeln bedecktes und von hoher Brille überragtes Schulmeistergesicht aus dem Schlag, und erkundigte sich mit nicht geringer Genauigkeit bei dem jetzt erkannten Correo nach den Gerüchten über die Indianer. Die Gauchos auf den Pferden hatten zu viel eigenes Interesse bei dieser Antwort, als daß sie hätten gleichgültig bleiben sollen. Sie wandten sich alle gespannt dem alten Correo zu und lauschten seinen Worten, die wieder viel des Entsetzlichen kündeten /89/ - der Alte war ordentlich wie eine reitende Hiobspost. Das
berichtet, was er berichten wollte, wandte er sich ab und sprengte wieder davon, ich aber hatte indessen ausgefunden, daß ein junger Bursche, ein Knabe von etwa vierzehn Jahren, mit im Wagen saß, der Englisch sprach, und es drängte mich natürlich ebenfalls, zu erfahren, was er mir über den Schnee der Kordilleren - ein für mich sehr interessantes Capitel - etwa sagen könnte. Wie ich aus dem vorigen Gespräch gehört, befand sich in dem Omnibus ein Lehrer mit einigen Zöglingen, die er mit zum Besuch nach Buenos-Ayres nehmen wollte.
Mit Fragen kam ich aber bei dem jungen Bürschchen im Anfang gar nicht an, denn dieser wollte nur von Indianern hören, und frug mich, ob alle die Mordgeschichten wahr wären, die der Correo da eben seinem Professor erzählt hätte. Ich sah mich nach dem Correo um - dieser war kaum noch zu erkennen, ließ ich mich auf langes Erzählen ein, erfuhr ich nie, was ich wissen wollte, Trost konnte den guten Leuten aber auch nicht schaden, und ich versicherte ihm, es sei kein wahres Wort an der ganzen Geschichte - ich glaube nicht, daß ein Indianer auf zweihundert Meilen im Umkreis sei - die Straße wäre so sicher wie Buenos-Ayres selber - aber die Kordilleren -
„Sind vortrefflich zu passiren" - lautete die Antwort - „aber im Sommer - wenn der Schnee geschmolzen ist -"
„Im Sommer? - aber ich will, ich muß jetzt hinüber."
„Jetzt?" der kleine Bursche lachte - „nonsens," sagte er - „jetzt kann nicht einmal mehr ein Brief herüber von Valparaiso - ich habe von meinem Vater, der dort wohnt, seit zwei Monaten keine Nachricht - die Kordilleren sind „geschlossen."
Die Gauchos, die eine kurze Zeit unserem für sie Kauderwelsch mehr neugierig als geduldig gelauscht hatten - drückten, dessen jetzt müde, ihren Thieren die Sporen wieder in die Seiten - der Wagenschlag fiel zu, und fort brausten die muthigen Thiere und schleppten das unhehülfliche Fuhr-/90/ werk in wilder Eile durch den wirbelnden Sand. - Ich hatte, die „geschlossenen" Cordilleren im Kopf, eine volle Stunde Arbeit, meinen Correo wieder einzuholen.
Die Hütten, die wir jetzt erreichten, kündeten uns übrigens fast alle die Nähe der Indianer. - In der einen fanden wir einen jungen Burschen, dessen Vater sie vor kurzer Zeit überholt und ermordet hatten, und nur selten traf man noch in einer der Wohnungen eine alte Frau, die kleine Wirthschaft besorgend, d. h. den Mateh kochend. Fast überall waren die Frauen nach den hier und da gelegenen festen Plätzen geflüchtet, erstlich selber in Sicherheit zu sein, und dann auch, im Fall eintretender Gefahr, die Männer nicht mit der Sorge um sie zu behindern.
Aber nicht die Indianer allein sind dem Wanderer in der weiten Steppe gefährlich, die Gauchos selber sollen ein ziemlich wildes, blutdürstiges Volk sein, und Streitigkeiten unter sich, wie auch wohl Habgier und Rache, sind die Ursachen manches offenen Todtschlags, manchen heimlichen Mords. Einen fatalen Eindruck machen, die Folge dieses Charakters, die vielen Kreuze an der Straße: - einfache, mit Riemen von ungegerbtem Leder gewöhnlich, zu einem Kreuz verbundene Stücke Holz, welche die Stelle bezeichnen, an der ein Reisender oder Einheimischer - ermordet worden. Diese kommen in der That viel zu häufig vor, als daß sich der Fremde je einem Gefühl vollkommener Sicherheit hingeben könnte, selbst wenn er nicht auch noch, gerade wie wir jetzt, der Gefahr eines Ueberfalles wilder Horden ausgesetzt gewesen wäre. Kein Tag verging, an dem ich nicht zwei, drei oder gar mehr dieser fatalen memento mori erblickte.
Am 25. machten wir zweiundzwanzig Leguas und übernachteten wieder in einem einsamen Haus, das übrigens, wie alle anderen Estancias, ebenfalls seinen besondern Namen trug. Hier war die Unreinlichkeit wieder zu Hause. Als uns Abends das Essen in einer schmutzigen hölzernen Schüssel gebracht wurde, legte die Frau - nicht einmal ausgebreitet, sondern wie ein zusammengedrücktes Taschentuch - einen Lumpen darunter, der die Spuren verschiedener fetten Speisen und Rußflecke seit Gott weiß wie vielen Wochen trug und /91/ mich so anekelte, daß ich kaum ein paar Bissen hinunterwürgen konnte. Dabei saß der „Herr vom Hause" daneben und langte mit Fingern, die keinenfalls in diesem Monat Wasser gesehen, fortwährend in unsere Schüssel hinein, einzelne Stücke Fleisch herauszuholen, und - Doch ich will den Leser nicht mit der Wiederholung all' des Ekelerregenden, was ich dort sehen mußte, ermüden - es erreichte aber, gerade in dieser Provinz, seinen höchsten Grad, denn die Frauen suchten und verzehrten sogar das Ungeziefer, eine vom Kopf der andern, und boten mir dann wieder die Matehröhre, an der sie vorher mit denselben Lippen gesogen. Ich kann gewiß viel vertragen, aber das war mir ein klein wenig zu stark. So viel übrigens zur Rechtfertigung der Pampas, daß diese letzte scheußliche Sitte nur in der Provinz Santa-Fé vorkommen soll, und die Bewohner derselben haben sogar einen Ekelnamen danach bei den übrigen Argentinern.
Bis hierher war die Ebene, über die wir gekommen, durch keinen Hügel, durch keinen Baum unterbrochen worden. Hier aber, und zwar vom Rio-Tertio aus, an dem wir einen ganzen Tag hinritten, zeigte sich uns Morgens in der Ferne ein ausgebreiteter Wald mit stattlichem Holzwuchs, der mir der Formation der Bäume nach aus Eichen zu bestehen schien. Das ließ sich jedoch - denn er mußte noch viele Meilen entfernt liegen - auf solche Distanz nicht deutlich unterscheiden. Ich machte meinen Begleiter darauf aufmerksam, weil ich etwas Derartiges gar nicht erwartet hatte; er schien mich aber nicht zu verstehen, denn er sagte nur „arboles?" und schüttelte dann lachend mit dem Kopf. Ich schwieg, denn ich war überzeugt, wir würden bis Mittag nahe genug gekommen sein, genau unterscheiden zu können, von welcher Ausdehnung der Wald hier sei, griff aber ordentlich dem Pferd vor Erstaunen in die Zügel, als nach etwa viertelstündigem Ritt ein Hirsch vor uns aufstand, mit flüchtigen Sätzen über die Steppe und zwar gerade dem Wald zu setzte, in dem er gleich darauf verschwand, aber bei jedem hohen und flüchtigen Satz hinter den ersten Bäumen wieder mit dem halben Körper zum Vorschein kam. Nicht fünf Minuten später erreichten wir das, was ich für einen Wald stattlicher /92/ Eichen gehalten hatte, und fand nichts als - ein breites Dickicht niederer Dornbüsche, die aber in ihrer ganzen Form und Gestalt, nur in Miniatur, unseren deutschen Eichen auf ein Haar glichen und jetzt, da man die Umrisse der einzelnen deutlich und genau erkennen konnte, gar so lieb und zierlich aussahen. Die meisten glichen, wie gesagt, unseren Eichen, andere aber wieder Apfel- und Birnbäumen, und die Verhältnisse zwischen Stamm und Laub stimmten auf das Genaueste und Täuschendste.
Am 26. zeigten sich die ersten Berge: zur Rechten breitete sich noch in blauer Ferne die Cordobahügelkette aus, und unsere Richtung lag jetzt der äußersten Spitze derselben zu. Die Nacht blieben wir in einem kleinen Städtchen am Rio-Quarto, und ich freute mich auf den Ort, weil mir gesagt war, ich würde dort einen Engländer finden. Leider befand sich der aber gerade zufällig in Cordoba; dafür jedoch erhielt ich die, wie sich der Leser gewiß denken kann, freudige Nachricht, daß ein Deutscher, ein Landsmann von mir, im Orte schon seit langen Jahren wohne. - Es sei ein Hutmacher, hieß es, und es gehe ihm ganz wohl. Aus dem Haus schickten sie gleich Jemand ab, der ihn bitten mußte doch einmal auf die Post zu kommen, weil ein Landsmann von ihm gerade von Deutschland eingetroffen sei. Vergebens wartete ich aber den ganzen Abend, und zwar so lange, bis es zu spät geworden war ihn selber aufzusuchen; er kam nicht, und da ich selber, vom langen Ritt ermüdet, keine große Lust mehr verspürte weit herumzulaufen, der Correo mir auch sagte, daß wir am nächsten Morgen nicht so gar früh aufbrechen würden, so verschob ich den Besuch auf den andern Tag.
Mit uns zugleich war ein anderer, gerade von Mendoza kommender, Correo eingetroffen, der nach Cordoba bestimmt war. Er hatte außer seinem sonstigen Gepäck noch vier kleine Körbe mit eben so vielen Kampfhähnen bei sich, die er in Cordoba zu einem sehr bedeutenden Preis zu verkaufen hoffte. Die Gauchos sind nämlich ganz versessen auf Hahnengefechte - sie scheinen eine Vorliebe für dies Vergnügen zu haben, weil Blut dabei fließt - und die beiden Correos ver-/93/gaßen im ersten Augenblick wirklich die Indianer, um nun erst die verschiedenen Tugenden und Eigenschaften der Hähne zu besprechen und zu bewundern. Dann aber ging es natürlich auch auf los Indios über, und der junge Correo erzählte meinem Alten, daß die Pampas-Indianer kürzlich Desaguadero überrumpelt, von den Männern aber Niemanden erwischt und nur eine alte Frau zu Hause gefunden hätten. Sie schienen sich jedoch dort ziemlich gut benommen, oder wenigstens nichts mehr gestohlen zu haben, als was sie gerade für ihren eigenen Bedarf brauchten.
Für uns war das allerdings keine tröstliche Nachricht, denn Desaguadero lag gerade in unserem Weg; doch hatten wir ja auch den Beweis, daß der erst getroffene Omnibus von den Wilden ebenfalls nicht gesehen worden und glücklich durchgekommen war. - Glück muß der Mensch haben, und wir rechneten etwas darauf.
Ich schrieb den Abend etwas an meinen Notizen, und stand am nächsten Morgen mit Tagesanbruch auf, um meinen mir versprochenen Landsmann zu besuchen. - Der Correo gab mir zu diesem Zweck einen der jungen Burschen aus dem Gasthaus zum Führer mit, und durch ein paar enge Gassen und über die Plaza hingehend, erreichte ich bald darauf das Haus. Hätte ich aber fünf Meilen deshalb marschiren müssen, der Mann wäre mir nicht zu theuer erkauft gewesen.
Es war ein kleines, ausgetrocknetes Männchen mit einem dünnen melancholischen Gesicht und hellblauen müden Augen. - Er trug einen schwarzen alten Seidenhut - Schraube, wie ihn die Matrosen nennen - und einen sehr schmutzigen rothen Poncho - die Cheripa wie die Argentiner statt der Hosen, und nicht einmal Unterkleider darunter, denn die nackten dünnen Waden schauten aus dem Faltenwurf der letzten wie mit leisem Vorwurf heraus, und die ebenfalls nackten Füße staken in einem Paar gerade so abgetragenen rindledernen Schuhen. Der Mann hieß Hüter und war aus der Gegend von Mainz gebürtig. Früher Steinhauer gewesen, hatte er das Geschäft aber in den Pampas, wo es nur höchstens an einigen Flüssen Kieselsteine gab, nicht fortsetzen können, die Hutmacherei angefangen, und natürlich /94/ eine Frau genommen. Mit der Frau bekam er eine unbestimmte Anzahl von Kindern und ein kleines Materialgeschäft, eine Art Kramladen, mit dem er aber auch noch als Zweiggeschäft eine Art Speisehaus zu verbinden schien. Selbst während ich dort war, kamen mehrere Soldaten herein, und verzehrten gleich am Ladentisch ein Stück Wurst und Brod.
In einer Reihe von siebzehn Jahren, die er jetzt im Lande lebte, hatte er sich aber ein sehr schlechtes Mainzer-Spanisch und nebenbei noch all' die Unreinlichkeit der Eingeborenen angeeignet. Es sah wahrhaft greulich bei ihm aus, und wenn ich auch für die frühe Morgenstunde etwas Entschuldigung gelten lassen will, so könnte das doch nicht all' den entsetzlichen Schmutz subtrahiren. Das Eigenthümliche dabei war, daß der Mann fast gar kein Deutsch mehr sprechen konnte. Deutschland war ihm ebenfalls ganz fremd geworden, und Nachrichten von dort schienen ihn wenig zu interessiren. Wunderbarer Weise hatte auch er schon davon gehört, daß in Deutschland eine Revolution gewesen sei, er glaubte es aber noch nicht so recht. Ueberhaupt schienen seine Ansichten über deutsche Verhältnisse etwas verworren. Nur an Mainz erinnerte er sich noch ziemlich deutlich, und sagte kopfschüttelnd, als ich ihm versicherte, auch dort seien Unruhen ausgebrochen, „Mainz wäre eine gute Stadt und die könnten sie nicht sogleich nehmen".
Trotzdem übrigens, daß er doch nach so langem Aufenthalt in den Pampas von Südamerika und durch seine Familie hier ganz eingebürgert war, schien es ihm keineswegs so gut zu gefallen, als sich das vermuthen ließ. - Das Land war, wie er mir versicherte, gut, aber die Leute bauten hier nichts, weil, wie er sich ausdrückte, zu viele „schlechte hombres" (Menschen) in der Nähe wären, welche die Producte viel schneller wegstählen, als sie wachsen könnten. Er selbst hatte früher etwas gebaut, es aber auch wieder aufgegeben, er mochte nicht „für die Spanier" arbeiten. - In Buenos-Ayres sei es jetzt wohl ruhig, man könne aber nie wissen, wie lange das dauern werde, und stürbe Rosas einmal, dann sei es auch wieder eine Frage, wer an die Ober-/95/herrschaft käme, und ob die überhaupt gleich wieder Jemand, und sicher, in die Hand nähme.
Diese Furcht schien mir im Lande der Hemmschuh jedes vernünftigen und sonst gewiß schon aus sich selber entstehenden Fortschritts, und daß sie nicht unbegründet ist, beweist schon ihre Allgemeinheit. Obgleich Rosas jetzt gestürzt ist und eine andere, anscheinend mildere Regierung an der Spitze steht, wird das diese Furcht nicht heben. Wer weiß, wie lange es dauert, und das Volk der Gauchos ist eine wilde, schwer zu bändigende Menschenrace, die wie die Lava der arbeitenden Vulkane wohl eben eine harte, scheinbar kalte Rinde anzusetzen gestattet, innerlich aber fortwährend kocht und gährt und einmal über Nacht wieder Alles, was sich ihr anvertraut, über den Haufen wirft.
Das gesellige Leben hier war, wie der alte Mann weiter erzählte, nun gar erst trüb' und traurig. Zwischen all' den Spaniern lebte er seine Tage still und einförmig hin, und sein einziger Wunsch sei, wieder einmal nach Deutschland zurückkehren zu können. Dazu gehörte aber Geld, baares Geld, und das könne man sich hier nur ungemein schwer verdienen. Andere Deutsche lebten nicht, weder in seiner Nachbarschaft noch sonst in der Nähe, und wenn ja einmal einer dort kleben geblieben wäre ( e r sah wirklich so aus), so hätte er es doch nie lange ausgehalten.-- Bei ihm wäre das aber 'was Anderes, er hätte Frau und Kinder, und müsse wohl.
Trotzdem schien es mir nicht, als ob er sich wirklich speciell nach Deutschland zurücksehnte - er wollte nur fort von Südamerika. In einer Sache freute ich mich aber auch wieder, einen ächten Deutschen in ihm gefunden zu haben. - Die Ursache nämlich, weshalb er mich gestern Abend nicht aufgesucht hatte, war niemand Anderes als die Polizei gewesen, vor der er sich gefürchtet. - Es lagen in dem Nest nämlich, der draußen herumspukenden Indianer wegen, eine Menge Soldaten, und die Polizei hatte derentwegen den Befehl erlassen, zu später Stunde nicht mehr in den Straßen herumzuschwärmen. - Nun ging das allerdings gar nicht auf ihn, die Polizei hätt' es aber doch vielleicht /96/ übel nehmen können, wenn er draußen gesehen würde, und mit der mochte er's nicht gern verderben.
Leider durfte ich nicht so lange mit ihm plaudern, als ich es wohl gewünscht hätte, denn der Correo stand schon wieder zum Abmarsch gerüstet, und wir nahmen Abschied von einander. Er sagte, als er mir die Hand reichte, ,,es kämen wohl manche Deutsche in die Gegend, sie gingen aber immer wieder gleich fort, wie ich, und dann bleibe er wieder mit den Spaniern allein;" so erfuhr er denn auch sehr wenig von Dem, was in „Allemanje" vorfiel.
Der Ritt am 27. ging fast den ganzen Tag durch eine jetzt wirklich traurige Einöde. Das Steppengras stand überall gelb und welk, und der Winter übte hier augenscheinlich seine Macht aus. Vor uns hatten wir dabei die starren, von keiner Vegetation bedeckten niederen Hügelkuppen, die weiterhin mit den Cordobabergen in Verbindung zu stehen schienen, und nicht einmal Wild fand sich in dieser trostlosen Steppe. Die ganze Natur war wie ausgestorben, und eine entsetzlich lange Station ermüdete die armen Thiere noch außerdem bis zum Niedersinken. Endlich erreichten wir die ersten Felsklippen, die wahrlich nicht aussahen, als ob sie einen freundlichen Wechsel in der Scenerie hervorbringen könnten. Wild übereinander geworfenes Gestein starrte uns eben so monoton entgegen, und die einzige Abwechselung schien die, aus einer sandigen in eine steinige Wüste gekommen zu sein. Als wir aber darüber hinritten, befanden wir uns plötzlich in einem Thal, das, in diese Einöde wie hineingezaubert, einen wirklich überraschenden Eindruck auf mich machen mußte. Draußen die ganze Natur verdorrt, eine fast erstorbene Vegetation, kein Grün, das dem Auge einen einzigen Ruhepunkt geboten, kein lebendes Wesen zu hören und zu sehen, als die schnaubenden Thiere unter uns und ein einsamer kreisender Falke - hier dagegen, wie aus dem Boden heraufbeschworen, blühende Bäume; und saftiges Laub, weicher Rasen und reges Leben, denn selbst eine Menge von Hausthieren gab es hier, Truthähne, Hühner, ja selbst zahme Strauße. Es war ein so freundliches Plätzchen, wie man es nur auf der Welt finden konnte.
Von hier ab ging der Weg, mit frischen Pferden, durch /97/ kühle, mit Schilf und Buschwerk bewachsene Schluchten eine weite Strecke lang hin, und ein murmelnder Bach folgte unserer Bahn. Den Bach muß ich übrigens denunciren - er hat Gold. - Damals ritt ich allerdings daran hin, ohne auf solche böse Gedanken zu kommen; seit ich aber die californischen und australischen Berge gesehen habe, bin ich ziemlich fest davon überzeugt, denn selbst damals fielen mir die großen schönen und schneeweißen Quarzblöcke auf, die überall daran hin zerstreut lagen. Nicht weit davon entfernt sind auch, wie ich später erfuhr, die Carolina-Goldminen, und ich bin jetzt fest überzeugt, daß dort Gold ebenso gewaschen werden könnte und gewiß auch einmal so gewaschen wird, wie in Californien.
Wenn man aber so den ganzen Tag im Sattel gehangen hat, freut man sich nicht wenig auf die Zeit, wo man den Kopf einmal auf den Sattel legen kann, besonders wenn es erst einmal über Nachtschlafenszeit hinausgeht. - Wenn sich auch die Glieder bald vollständig an das Reiten gewöhnen, wollen sie doch auch manchmal Ruhe haben und sich strecken und dehnen. Außerdem kommt für den Magen Abends noch ein besonders wichtiger Moment, denn das ist die einzige Zeit, wo es wirklich etwas zu essen giebt. Morgens setzt es gewöhnlich nur einen Schluck Mateh - ich habe mich meinem Schicksal gefügt und meine Lippen preisgegeben, die nun doch einmal durchgebrannt sind und keine Haut wieder ansetzen werden, bis ich die letzten verzweifelten Bombillas im Rücken habe - dann halten wir höchstens um zehn, elf oder zwölf Uhr, wie es gerade mit der Station paßt, und nehmen eben einen Imbiß Fleisch. - Früher, wo wir Milch bekommen konnten, tranken wir einen Schluck Milch. Viel Essen verträgt sich aber über Tag nicht mit dem raschen Reiten, und erst Abends wird tüchtig eingelegt, um nachher wieder vierundzwanzig Stunden auszuhalten. Am Abend verlangt aber auch der Magen etwas Ordentliches, und wenn er das nicht bekommt, knurrt er und läßt sich krank melden. Dennoch aber wollte ich, wir hätten an diesem Abend, ohne einen einzigen Bissen zu sehen, in freier Steppe gelagert; denn noch nie ist mir der Schmutz und die Unreinlichkeit beim Essen wie im ganzen Wesen der Leute so furchtbar widerlich vorge/98/kommen, als bei den Menschen gerade, bei denen wir an diesem Abend übernachteten. Ich hatte bis jetzt noch fast alles Essen, das mir geboten worden, so unreinlich die Umgebung auch immer gewesen sein mochte, hinuntergewürgt, hier aber weigerte sich der Magen standhaft, etwas Weiteres zu sich zu nehmen, und ich ließ mir zuletzt heißes Wasser geben und machte mir eine Tasse starken Kaffee, um nur nicht krank zu werden. Der Leser mag dies vielleicht für übertrieben halten, er soll aber nur hierher kommen, und ich will dann sehen, ob er sagt, ich habe Unrecht gehabt.
28. Der Weg, den wir an diesem Tag ritten, lag ebenfalls durch eine wüste Steppe hindurch; mein Alter hatte aber in Achiras wieder so schreckliche Geschichten über die Indianer gehört, die sich erst vor ganz Kurzem bis dicht zu der hier lagernden Garnison herangewagt, daß er seine gewöhnliche Station zu umgehen beschloß. - Wir sahen deshalb den ganzen Tag weder Weg noch Steg - überall umgab uns die hier todte, öde Pampas. Nur im Hintergrund tauchte nach und nach ein eben nicht sehr hoher Berg, der El Morro, auf, und als wir ihm endlich näher kamen, lag er eben so starr' und unfruchtbar vor uns als die vorigen. Kein Haus ließ sich an seinem Fuß erkennen, keine Umzäunung; nur an einem Punkte - und es schien, als ob sich der Weg gerade dorthin ziehe - stand ein, einzelner niederer Baum. Rechts von uns wurden auch noch in der Ferne mehrere, scharf am Horizont abgezeichnete Bergkuppen sichtbar, und mein alter Correo sagte mir, das seien die Berge, in denen sich die Carolina-Goldminen befänden. „Wären wir," setzte er hinzu, „Indianern in den Weg gekommen, so hätten wir uns nördlich durch jene Berge gewandt, denn so hoch nach Norden trauen sie sich nicht hinauf. So aber ist's besser, wir haben kürzeren Weg und sparen auch Geld, denn dahin geht keine Post und wir müßten uns Pferde kaufen."
Indessen waren wir dem Berg nahe gekommen und befanden uns plötzlich vor einer kleinen, aus seinen eigenen Steinen errichteten Hütte, so daß sie gegen den Hintergrund nicht einmal durch das schon ebenfalls wettergraue Binsendach abstach. Vor der Thür, so dicht, daß er den Schatten selbst /99/ auf die Schwelle werfen mußte, stand ein gewaltiger alter Feigenbaum, und eine kleine Umzäunung, halb von Steinen, halb von Holz und Dornen errichtet, vollendete Alles, was zur Ansiedelung des kleinen Platzes gehörte. Der Raum aber vor der Hütte war sauber gekehrt, und das Innere der stillen Bergeswohnung (ärmlich zwar bis zum Aeußersten und nur den unentbehrlichsten Bedürfnissen genügend) so nett, so reinlich, so wohnlich gehalten, daß mir nach all' dem Schmutz und Unrath, den ich bis jetzt gesehen, der kleine, kaum fünf Schritt im Durchmesser haltende Raum wie ein Palast erschien, und der Trunk Milch, den mir die Leute reichten, so herrlich mundete, als sei es das kostbarste Labsal gewesen.
Ein junges Ehepaar bewohnte mit der alten Mutter diesen friedlichen, freundlichen Platz, und selbst die Matrone war so reinlich gekleidet, wie ich bis zu diesem Ort, im Innern des Landes, noch nicht einmal ein junges Mädchen gekleidet gesehen habe. Um so wohlthuender war das hier, da gerade die Unreinlichkeit der Frauen mir bis dahin so widerlich gewesen. Nach einer kurzen Station am Fuß des Berges hin erreichten wir eins der gewöhnlichen kleinen Städtchen, das schwärmte von Soldaten. Sie hatten sich überall kleine, oft nicht einmal gegen den Regen geschützte Hütten gebaut, und das ganze Leben hier, von den starren Felsen umschlossen, bot ein bewegtes, heiteres Bild. Wohin das Auge auch sah, weideten hier, von kleinen, wild genug ausschauenden Burschen gehütet, Heerden von munteren Pampaspferden, die fortwährend zum raschen Aufsitzen bereit gehalten werden mußten; Lagerfeuer, wohin der Blick auch streifte mit Gruppen, die einem Zigeunerlager keine Schande gemacht hätten, und Mengen von Mädchen und Frauen, die entweder in den Hütten wirthschafteten, oder am kleinen Bach Geschirr oder Wäsche reinigten.
Wir bekamen von hier aus drei frische Pferde, von denen sich zwei als gut genug auswiesen, das dritte abere, das unglücklicher Weise mir zu Theil wurde, schon nach drei Leguas nicht mehr von der Stelle wollte. - Hätten uns heute die Indianer überfallen, so mußte ich einfach Stand halten, denn der Correo würde sich verwünscht wenig um mich bekümmert /100/ haben. Da das Pferd aber zuletzt stehen blieb und in der That nicht mehr weiter konnte, während der alte Bursche von Correo schon seit einer halben Stunde meine ungemeine Thätigkeit mit der Peitsche bewundert hatte, mochte er wohl zuletzt glauben, das Pferd sei nicht schuld, sondern ich, kam rasch zurückgesprengt, gab mir sein Pferd und stieg nun in meinen Sattel, um da sein Glück zu versuchen. Wenn er dem armen Geschöpf, was ich nicht hatte thun wollen, die scharfen, entsetzlichen Sporen aber auch tief in die Seiten rannte, daß seine gelbledernen Reitstiefel von Blut bespritzt waren, es konnte nicht mehr, und fluchend schickte er endlich den Postillon, der überdies schon ganz unschuldiger Weise die schönsten Grobheiten wegen des nichtswürdigen Thieres bekommen hatte, etwa eine halbe englische Meile nach Norden hinauf, wo acht oder neun andere Pferde ruhig weideten. Dem jungen Burschen gelang es auch, bis in Lassowurf an die nichts Böses ahnenden heranzukommen, denn mit dem schweren Felleisen hintenaus hätte er sie nicht verfolgen können, und als die Schlinge erst um seinen Kopf schwirrte und die dadurch gewarnten Thiere fliehen wollten, war es zu spät. Das kräftigste der Heerde, einen prächtigen kleinen Hengst, hatte er gefaßt, und nach wenig Minuten Ankämpfens ergab sich das Thier auch so weit in sein Schicksal, daß es sich wenigstens von uns Dreien meinen Sattel auflegen und mich hinauf ließ. Kaum fühlte es sich aber wieder so weit frei, daß es seinen Kopf in die Höhe bringen konnte, als es zu steigen, zu tanzen und gleich darauf auszuschlagen anfing, als ob es sich verpflichtet hätte, mich in einer gewissen gegebenen Zeit Gott weiß in welchem Theil der Steppe abzusetzen. Ich hielt mich jedoch im Sattel, und mit Sporn und Revenka machte ich es zuletzt wenigstens so weit mürbe, daß es seinen Eifer auf den Weg selber richtete und nun mit mir davonflog, als ob wir noch heut Abend Mendoza erreichen wollten.
Meine beiden Begleiter blieben weit zurück und brauchten nachher lange Zeit, mich wieder einzuholen.
Heut Abend sollte ich aber auch ein Beispiel von einer argentinischen Rebhühnerjagd sehen, von der ich früher wirklich keine Ahnung gehabt. Ein Volk der kleinen Steppen/101/hühner stieg dicht vor uns auf, und eins fiel, von den anderen abgesondert, etwa hundert Schritt von uns an einer Stelle nieder, die durch einige kurze Grasbüschel markirt war. Der alte Correo winkte mir zu, ihm in einiger Entfernung zu folgen, und die lange, aber kurzstielige Peitsche wie einen Lasso um den Kopf schwingend, vermied er die Stelle, wo das Huhn eingefallen war, und sprengte in einem weiten Kreis darum hin. Immer enger und enger zog er diesen, die Peitsche fortwährend schwingend und jetzt das Huhn schon im Auge, das sich, durch nichts gedeckt und von der kreisenden Schnur eingeschüchtert, fest auf den nur mit dünnen Grasbüscheln bewachsenen Boden drückte, bis das Pferd selbst in Sprungesnähe vor ihm war und die schwere Peitsche mit scharfem, aber sicherem Schlag das arme kleine, zitternde Geschöpf zu Tode traf. - Ohne abzusteigen, nahm der Correo dann das noch flatternde Huhn vom Boden auf, so weit bog er sich, mit dem rechten Fuß im Steigbügel bleibend, zur Erde nieder, und fort ging's wieder über die Steppe in neuer und toller Hast. Ziemlich spät in der Nacht erreichten wir den Rio-Quinto, wo wir, in etwas reinlicherer Umgebung als bisher, Halt machten.
Als wir am nächsten Morgen aufbrachen, nahm der Postillon wieder, wie die Leute das schon mehrmals gethan, ein dünngeschnittenes breites Stück rohes Rindfleisch und legte es - ja warum soll ich's dem Leser nicht erzählen, wenn ich's habe essen müssen - unter sein eigenes Sitzfleisch auf den Sattel. Allerdings deckte er noch zuerst, der Reinlichkeit wegen, ein altes ungegerbtes Schaffell darüber, was vielleicht schon seit Jahren zur Satteldecke gedient halte, aber auch das blieb nicht darauf liegen und die cheripa des Postillons sein einziger, etwas zweifelhafter Schutz.
,,Aber davon hätte ich keinen Bissen essen können!"
Ach ja, lieber Leser, wenn man so sechzig bis achtzig englische Meilen galoppirt ist, verlangt der Magen wenigstens einen Imbiß, und wenn man weiter nichts bekommen kann, versöhnt man sich selbst mit solchem Fleisch,
Mittags etwa begegneten wir einer Mendoza-Caravane, die nach Buenos-Ayres bestimmt war. Einige dreißig große /102/ Wagen knarrten dicht hintereinander her, und daneben hin gehen die Wächter und Begleiter mit ihren langen Lanzen auf den Schultern, und im Wagen vorn - unter den langen Bambusstacheln, manchmal sogar ein geladenes Gewehr neben sich - sitzen die Ochsentreiber und schauen schläfrig über ihre Thiere hin.
Diese Wagen verdienen wohl eine kurze Beschreibung. Sie ruhen auf nur zwei, aber dafür auch kolossalen, oft zehn Fuß hohen Rädern. Ihre sonstige Bauart ist leicht, und wenn auch das eigentliche Gestell aus festem Holz gearbeitet ist, bestehen die Seitenwände doch nur aus geflochtenem Schilf, und der obere Theil ist mit Häuten überdeckt. Die hohen Räder mögen wohl in den oft sehr sumpfigen Pampas nöthig, ja unentbehrlich sein. Sechs oder acht Ochsen sind gewöhnlich vorgespannt, und zwar, je zu zweien, in einem aus einem einzigen Stück bestehenden hölzernen Joch ziehend, das ihnen im Nacken liegt.
Sinnreich und der Bequemlichkeit der Südländer angemessen ist aber die Art, mit der sie ihre Zugthiere antreiben. Die lange Peitsche, die der Hottentott führt, wäre ihnen viel zu beschwerlich; dafür haben sie eine gewaltig lange Stange, fast stets aus leichtem, an der Wurzel vier und mehr Zoll im Durchmesser haltendem Bambus, der aus Brasilien kommt. Die hängt nun, weil sie zu regieren auch zu beschwerlich sein würde, an einer, je nach Verhältniß vorn herausstehenden andern Stange, schwebend fest, und mit dem vorn daran befestigten Stachel können sie solcher Art die vordersten Thiere leicht erreichen. Eine andere Stahlspitze hängt außerdem gerade dort herunter, wo sie, wenn die Stange niedergedrückt wird, die zweitvordersten Ochsen berühren kann, und für die dem Wagen nächsten Thiere liegt noch neben dem Führer eine schwächere, kürzere Stange, die leicht zu regieren ist.
Die Wagen führen in solchen Caravanen die Produkte Mendozas, der Kornkammer der Argentinischen Republik, nach der Hauptstadt. Die vorzüglichsten Artikel darunter sind übrigens Mehl und Wein, dann getrocknete Früchte, Rosinen usw. Unter dem Wagen, wo die hohen Räder noch /103/ einen ziemlichen Raum gestatten, tragen sie durch die wirklichen Pampas ebenfalls ihr Brennholz mit, und hintenauf ist ein langer, eigenthümlicher Steinkrug befestigt, in dem sie ihr Trinkwasser bewahren und von einem Fluß zum andern, durch die salzigen Wüsten, die jetzt vor uns lagen, ja manchmal noch weiter mitnehmen. Werden sie von Indianern bedroht, denn sie sind mehrere Monate unterwegs, so bilden sie mit ihren Karren rasch eine Wagenburg, in deren Mitte sie ihr Vieh treiben und sich von den Karren aus ver-theidigen. Da sie stets einige Schießwaffen mit sich führen, ist solche Befestigung, besonders bei ihrer Anzahl, auch fast stets hinreichend, und ehe sich die Wilden in großer Menge zu sammeln vermögen, ihnen wirklich gefährlich zu werden, können sie leicht eins der kleinen, überall durch die Pampas zerstreuten Städtchen erreichen und militärische Hülfe bekommen. Natürlich erkundigten sie sich sehr angelegentlich bei uns nach den Indianern, da wir gerade aus der meist bedrohten Gegend kamen, und mein alter Correo erzählte den armen Teufeln zu ihrer Beruhigung wieder schreckliche Geschichten.
Unser nächstes Ziel war jetzt San-Luis, die Hauptstadt der Provinz gleichen Namens, und ich hoffte hier wieder Deutsche zu finden, doch sollte ich mich leider darin getäuscht sehen. Wir erreichten den Ort Nachmittags, und als wir eben aus dem niedern Lande heraus- und auf der flachen Anhöhe, auf der San-Luis liegt, hinsprengten, sah ich in weiter blauer Ferne einen Gebirgsstreifen, der sich am Horizont in ungeheurer Kette hinzog. Es waren die Kordilleren, von denen wir noch wenigstens dreißig deutsche Meilen entfernt sein mußten. Dort also lagerten jene ungeheuren schneebedeckten Gebirgsmassen, über die ich jetzt, mitten im Winter, hinüber mußte; dort gähnten jene Schluchten und starrten die bis hoch über die Wolken hinausragenden Felsen empor, in denen schon so mancher Reisende verunglückt, hinabgestürzt, oder in Eis und Schnee erstarrt sein sollte. Ein ganz eigenthümliches Gefühl durchzuckte mich, als ich das emsige Rückgrat der neuen Welt wie ein lauerndes Ungethüm vor mir liegen sah. Waren die Berichte alle wahr, die ich /104/ über einen Wintermarsch über jene Höhen gehört, so erwartete mich Fürchterliches. Doch ich hatte schon zu oft gefunden, daß solche Berichte aus weiter Ferne übertrieben und unwahr gewesen; darauf und auf mein gutes Glück, das mich ja noch nie stecken gelassen, vertraute ich auch jetzt, und ritt guten Muths in die breiten, von niederen Lehmhäusern gebildeten Straßen der kleinen Stadt ein.
Sau-Luis hatte vor Kurzem viel durch ein Erdbeben gelitten, und eine Menge von Häusern waren von oben bis unten auseinander gerissen. Das ist aber auch wohl das Einzige, was die kleine Stadt manchmal zu bewegen scheint, denn sonst sahen die Straßen wie ausgestorben aus. Bei San-Luis soll ein nicht sehr großer See sein mit einem bedeutenden Strudel nach der Mitte zu, daß sich kein Boot darauf wagen darf - so wenigstens wurde es wir erzählt; ich erfuhr es leider zu spät, um den See selber besuchen zu können.
Mein alter Correo bekam indessen hier vom Gouverneur von San-Luis eine Nachricht, die ihn nicht wenig bestürzt machte und zugleich auch in Erstaunen setzte. Als er seine Depeschen abgegeben hatte und zu mir zurück in das kleine Haus kam, in dem wir unser Lager aufgeschlagen, wünschte er mir und sich Glück, einer bedeutenden Gefahr glücklich entgangen zu sein. Durch einen expressen Boten sollte der Gouverneur nämlich vor kaum einer Stunde die Nachricht, bekommen haben, daß die Wilden zu derselben Zeit, wo wir dem El Morro zuritten, in einem Trupp von circa zweihundert Mann über dieselbe Steppe, und zwar nach den nordwärts gelegenen Bergen, die der Correo damals für so sicher gehalten, geritten seien - sie streiften jetzt in jener Gegend umher, und wie behauptet wurde, sogar mit weißen Führern. In San-Luis vermuthete man, es seien einzelne Flüchtlinge der Unitarios, die dort in den Bergen dem Correo aufpassen wollten. Sie wußten nämlich, daß er bei indianischen Unruhen gewöhnlich stets die nördliche Route nahm. Und sie hätten gerade keine üble Beute gemacht, denn außer seinen Depeschen führte er in der schweren Satteltasche, die der Postillon hinten aufgeschnallt trug, eine nicht unbedeutende /105/ Quantität Unzen mit. Fielen wir ihnen in die Hände, und waren wirklich Weiße dabei, so konnten sie uns schon gar nicht am Leben lassen, wenn sie sich nicht der Gefahr aussetzen wollten, verrathen zu werden. Gerade dadurch also, daß wir den nächsten und gewöhnlichen Weg beibehielten, entgingen wir ihnen, und gebe nur Gott, daß sie die kleine friedliche Hütte am Fuße des Berges verschont haben. Von San-Luis wurde übrigens augenblicklich Cavallerie abgesandt, um sie wo möglich von den Ihrigen abzuschneiden, oder doch jedenfalls aus der Nähe der Ansiedlungen zu verjagen.
Der Weg von San-Luis aus lag durch lauter niedere dornige Büsche, und das Land schien hier dürr und trostlos. - Es war entsetzlich sandig und wir galoppirten den ganzen Tag in einer dichten Staubwolke.
Wo wir die Nacht lagerten, trafen wir einen jungen Burschen, der etwa zwanzig Leguas von dort vor einigen Tagen einen Kampf mit einem kleinen Trupp Indianer gehabt hatte - also überall streiften diese Wölfe der Steppen umher. - Sein Bruder war dabei getödtet und ein anderer Gaucho schwer verwundet worden, ein Gewehr aber, das sie bei sich führten, schien den Sieg entschieden zu haben. Die Indianer hatten sich wenigstens mit einem Verlust von drei Mann zurückgezogen. Eine Lanze, die er damals erbeutete, hing hier als Siegestrophäe an der Wand. - Sie war von Bambus, genau vierzehn englische Fuß lang und hatte oben darin ein altes, aber sehr scharf geschliffenes Bajonnet befestigt, das die Indianer wohl in einem früheren Scharmützel erbeutet haben mochten. Mit diesen Lanzen sollen sie eine furchtbare Geschicklichkeit besitzen, den Stoß an der rechten Stelle so anzubringen, daß der Bedrohte kaum, oder nur sehr schwer, im Stande ist ihn zu pariren. Sie halten dieselben nämlich beim Ansprengen in fortwährend schwingender, schaukelnder Bewegung - die Spitze auf und nieder führend - etwa nach demselben Princip, wie der australische Wilde seinen Speer, ehe er ihn schleudert, erschüttert und in zitternde Bewegung bringt - bis die Lanze, zum Stoß bereit, plötzlich Festigkeit und fast stets zugleich ihr Ziel gewinnt. - Außer den Lanzen führen sie nur noch Lasso und /106/ Bolas, aber auch die letztere Waffe ist furchtbar in ihrer Hand.
Am nächsten Tag wurde die Umgebung noch trauriger und trostloser - eine Wüste war es, die wir durchschnitten, eine Wüste voll Dornen- und Myrtenbüschen und weißen Sandes - kein kühler, schattiger Platz bot Thier oder Menschen Kühlung und Erfrischung. Nicht ein einziges lebendes Thier sahen wir auf der ganzen Station von über zwölf Leguas, als einmal einen Sperling und später einen Aasgeier, und der letzte strich so still und hungrig über die dürren Büsche hin, als ob er den ersteren suche und nie und nimmer finden könne. An dem Abend ward uns jedoch, in Gestalt einer Wassermelone, wenigstens eine Art Belohnung für langes, angestrengtes Reiten und die unberechenbaren Quantitäten Staub, die wir verschluckt. Nicht einmal den Trost eines ordentlichen Trunks Wassers hatten wir gehabt; denn all' das Wasser, das wir fanden, war brakisch oder salzhaltig, und an kleinen Lachen, die wir hier und da trafen, lag der Salpeter ordentlich in weißem Anflug am Boden.
Am nächsten Tag machten wir zwei Stationen, eine von dreizehn und eine von sechzehn Leguas. Sechzehn Leguas, also über zehn deutsche Meilen mit einem Pferd, und zwar in einem fast ununterbrochenen Galopp; mich wundert es nur, daß das Packthier aushielt. Am nächsten Tag sollten wir aber erfahren, daß nicht alle Packthiere solche Riesennaturen haben. Durch eine eben solche Wüste, wie am vorigen Tag, nur daß wir heut am Rand eines Flusses hinritten und uns doch wenigstens an der Aussicht auf Wasser erfreuen konnten, wollten wir eine, ebenfalls wieder zehn Leguas lange Station zurücklegen; das Packpferd aber, dessen schon von früheren Lasten wundgedrückter und mit Blut und Eiter bedeckter Rücken sich unter der neuen Ladung gleich von Anfang an gebogen, konnte diese neue Qual nicht lange ertragen. Weide giebt es hier fast gar keine oder nur höchst spärliche, sowohl für Pferde als Rinder; abgemattet sind die armen Geschöpfe schon ohnedies, selbst wenn sie gar nichts zu arbeiten brauchen. So ist es denn kein Wunder, daß die von dem Thier geforderte Anstrengung seine Kräfte überstieg, und es auf halbem Weg sich nicht etwa weigerte, weiter fort zu galoppiren - denn es that bis zum letzten Augenblick sein Möglichstes -, sondern einfach zusammenbrach. Zwar wurde ihm jetzt die Last abgenommen und auf eins der stärkeren geladen, und es selber sollte nur den Postillon tragen, aber auch das vermochte es nicht mehr, und wir sahen uns endlich genöthigt, es mit diesem selber in einer Gegend, wo es nicht einmal einen Grashalm zu seiner Stärkung pflücken konnte, zurückzulassen. Der arme Postillon hatte ebenfalls keinen Bissen Brod und nichts als seinen dünnen Poncho bei sich, die Nacht im Freien zuzubringen. Der Correo bezeigte aber weder mit ihm noch mit dem Pferd nur das mindeste Mitleiden. Das eine war ja blos ein Pferd, das andere - blos ein Peon, ein Knecht, den der Südamerikaner ebenfalls kaum höher als das Vieh selber achtet.
Am 23. Juli erreichten wir Abends ziemlich spät nach einem für die Thiere wirklich entsetzlich ermüdenden Ritt den kleinen Ort - Pescara ó rodeo Chacon - die letzte Station vor Mendoza, wo wir übernachten mußten, und noch gerade dreiundzwanzig Leguas davon entfernt. Diese Stadt zu sehen, wurde ich aber wirklich immer neugieriger gemacht, da Alles, was ich bis jetzt im Land getroffen, von Mendoza und stets von Mendoza gebracht worden war. Selbst das Brod, obgleich es die Leute an mehreren Orten mit nur geringer Mühe hätten selber bauen können, kam von dort her, und Wein, recht guten wohlschmeckenden und geistvollen Wein bekamen wir von dort zu trinken. Der Weg wurde auch etwas freundlicher, und die Pferde hielten sie in dieser Gegend in besonders dazu eingefenzten Weiden, in denen ein ungemein nahrhaftes Futter wuchs. Wir durften uns also darauf verlassen, wenigstens gut genährte, kräftige Thiere zu bekommen.
Den Abend saßen wir wieder in einem der kleinen „Gastzimmer" - vier leere Wände und eine breite Lehmbank - etwa lang genug, daß zwei Menschen darauf liegen konnten, „einsam bei der Lampe Schein". Mein alter Correo fing schon an, sich für die Nacht einzuwickeln - was ihm jedesmal etwa zehn Minuten Zeit wegnahm - als ich draußen /108/ den Ton einer Guitarre und gleich darauf eine wohltönende Männerstimme hörte, die mich veranlaßte meinen Schlaf noch etwas hinauszuschieben und erst einmal der Melodie ein wenig zu lauschen, ja endlich den Sänger selber aufzusuchen.
Im nächsten kleinen Haus saß eine ziemlich bunte Gesellschaft von Männern und Frauen traulich beisammen, denn in der Nähe des Städtchens hielten sich die Gauchos geschützt genug gegen die Einfälle der Indianer, um selbst die jungen Mädchen bei sich zu behalten. Lag doch auch die weite Wüstenstrecke zwischen hier und dem eigentlichen Terrain der Wilden, die diese schon ihrer Pferde wegen nur in Ausnahmefällen passirten. - Die Frauen hatten aber mit einem Theil der Männer nur einen Kreis zum Zuhören gebildet, und nur Einer, ein junger, kräftiger Bursch mit rabenschwarzem Haar und blitzenden Augen, das Gesicht von einem eigenen wilden Humor belebt, hielt im linken Arm die leichte Guitarre. Während aber die rechte Hand nur leis und flüchtig die etwas monotone Begleitung des argentinischen Liedes anschlug, sang er mit einer wirklich melodischen, glockenreinen Stimme ein wunderlich gestelltes Lied, das eher Recitativ als Lied zu sein schien, und manchmal, selbst die Begleitung des Instruments verschmähend, in reimlose, wilde Weisen ausbrach.
Lautes Lachen bald oder donnernde Bravos unterbrachen ihn, wie der Inhalt des Vorgetragenen die Hörer hinriß, und der junge Mann hatte kaum unter einem Beifallssturm geschlossen, als ein anderer, in einer entfernten Ecke sitzender Bursche aufsprang, ebenfalls eine Guitarre ergriff und dem ersten antwortete. Leider verstand ich nicht genug von der Sprache, um den durch den Gesang auch noch undeutlich gemachten Worten so rasch folgen zu können; das Lied begriff aber, so viel ich davon herausbekommen konnte, die Werbung eines der Ihrigen um ein junges Mädchen, das ihn nicht wollte, und wahrscheinlich waren die Persönlichkeiten sehr gut gekannt und treffend geschildert, denn das Gelächter wollte manchmal kein Ende nehmen.
Sinn für Musik hat der Südamerikaner gewiß. So ärmlich die Hütte auch sein mag, die man durch die Pampas /109/ zerstreut findet, so sehr ihr auch jede, selbst die geringste Be-quemlichkeit mangeln mag, so findet man doch fast in allen eine Guitarre, und es giebt die Art, wie sie sich derselben bedienen, dem wilden, ungeordneten Leben der Gauchos noch etwas besonders Romantisches. Ihr Spiel nämlich - wenigstens was ich davon gehört - ist nicht gerade ausgezeichnet; auf das Spiel wird aber auch nicht so viel gesehen, als auf den es begleitenden Gesang, denn der Gaucho benutzt die Guitarre größtentheils nur dazu, seinen extemporirten Gesang, mit dem er irgend eine That, eine Leidenschaft oder die Geliebte besingt, zu begleiten. Hierauf antwortet nicht selten ein Anderer und sucht das eben vorgetragene Lied zu übertreffen, oder er erwidert auch die Verse und es entsteht dann ein Wettgesang, um den sich die Zuhörer mit der gespanntesten Aufmerksamkeit schaaren. Gar häufig und meistentheils sind diese extemporirten Gesänge trivialer und keineswegs poetischer Natur; manchmal kommt es aber auch vor, daß die jungen Söhne der Steppe mit begeistertem Gefühl in die Saiten greifen, und höchst interessant soll es dann sein, ihren Worten zu lauschen.
Wir brachen an dem Morgen, um Mendoza recht früh zu erreichen, wohl zwei Stunden vor der Tagesdämmerung auf. Es war noch stockfinster, und der Weg ließ sich nur schwach und unbestimmt zwischen den hier ziemlich niederen Büschen erkennen; der Postillon aber, ein Peon aus der Ansiedlung selbst, der doch Weg und Steg hier eigentlich kennen mußte, ritt voran und sollte die Thiere im richtigen Geleise halten. Eine halbe Stunde mochte das so gut gegangen sein, plötzlich aber sah ich, wie wir nach dem Wolkenzug, den ich in Ermangelung einer besseren Beschäftigung bis dahin beobachtet, eine ganz andere Richtung nahmen und nach Norden hinauf hielten. Gleich darauf erklärte der Postillon, er habe die Straße verloren, und als wir diese endlich, rechts einbiegend, wieder fanden, nahm er ohne Weiteres den Rückwechsel an und ritt nach Osten zurück, wo wir hergekommen. Dagegen protestirte ich - aber auf das Feierlichste, denn mich verlangte nach Mendoza und in die Kordilleren, nicht wieder in die kaum verlassene Sandwüste. Die beiden Leute wollten mir /110/ aber erst nicht glauben, daß sie verkehrte Richtung hätten, bis ich abstieg, Feuer machte und ihnen nun mit dem Compaß bewies, wir hielten die Köpfe unserer Pferde gerade wieder gen Osten. Wir wandten um und folgten von da an aufmerksamer der schwachen und kaum erkennbaren Spur, bis die aufsteigende Sonne nicht allein bewies, daß ich Recht gehabt, sondern auch unsern Pfad erhellte.
Die blauen Berge der Kordilleren, wenigstens das, was ich dafür hielt, waren jetzt, da das hohe Buschwerk die Aussicht nicht mehr hemmte, deutlich sichtbar, und darüber, hoch, hoch darüber hing ein wunderlicher, schlangenartiger Wolkenstreifen, wie ich ihn noch nie vorher gesehen. Zuerst gab ich mir Mühe herauszubekommen, was das eigentlich sein könne; die Berge nahmen aber meine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, mich heute nach den Wolken umzusehen, und es wunderte mich nur, daß man, so nahe gekommen, wie wir uns eigentlich befanden, doch noch keinen Schnee aus den gewiß damit bedeckten Gebirgen erkennen konnte.
Von dem Ort aus, wo wir geschlafen, hatten wir die ersten zehn Leguas noch immer dürres, sandiges Land, mit nichts als den ewigen Dornen-, Myrten- und anderen niederen Büschen bewachsen. Bald zeigten aber hohe Reihen von Pappelbäumen, die aus der Ferne aus dem Flachlande emporragten, die Nähe von besiedelten Plätzen an, und wir erreichten jetzt eine Reihe von Plantagen, in denen Fruchtgärten, Felder, Wiesen und Weinpflanzungen auf das Freundlichste abwechselten. Schaaren von wilden Papageien strichen hier kreischend von einem Feld in's andere, ganze Völker Turteltauben saßen girrend in Feigen- und Pfirsichbäumen, und wohlgenährtes Vieh bestätigte überall den Segen geregelten Fleißes.
Hier machten wir wieder Station, und ritten dann eine Art Allee oder breite Straße entlang, die zwischen den verschiedenen Ansiedlungen hinführte, einem kleinen Hügel zu, von dem aus sich das niedere Land vor uns öffnen mußte. Wir hatten prächtige, muntere Thiere und sprengten rasch den ebenen Weg dahin. - Jetzt erreichten wir den ersten freien Platz, weit vor uns lag eine mit Wohnungen und Plantagen bedeckte Ebene, und dort drüben - ich griff meinem Pferd /111/ fast erschrocken in die Zügel, denn dort drüben - heiliger Gott, war denn das Wirklichkeit, oder baute sich die erregte Phantasie Zaubergebilde in das blaue Aethermeer hinein?
Das Pferd schäumte unter dem fest angezogenen Zaum, aber ich konnte den Blick nicht abwenden von dem fernen Horizont, während das Auge noch immer nicht das, was es sah, fassen und begreifen, und deshalb zu einem festen Ganzen gestalten konnte. Endlich aber schied sich dem staunenden Blick jene riesige Gebirgsmasse ab, von dem darüber ausgespannten Himmel, von den darunter wegziehenden Wolken, und ich schwelgte in dem Genuß eines Anblicks, den ich nie, nie im Leben wieder vergessen werde, und der mich, oh wie reich, für alles das entschädigte, was ich bis dahin an Mühseligkeiten und Beschwerden ertragen haben mochte.
Wie aber sollte ich das mit Worten beschreiben können, wo mir im ersten Augenblick das Auge fast den Dienst versagte, es zu fassen? - Ich versuche das Unmögliche, und doch will ich's versuchen. Vor mir ausgebreitet lag, so weit der Blick zur Rechten oder zur Linken reichen konnte, die blaue Hügelkette, die ich schon von Weitem als die der Cordilleren erkannt hatte - darüber hin aber jener wunderliche, schlangengleiche Wolkenzug, den ich im Anfang für Nebel gehalten, und schied sich jetzt ab als Fels und schneebedeckte Schlucht, über der der Nebel in schweren Masten lag. Und drüber? - Herr der Welten, was stiegen da für gigantische Gipfel empor - in der Sonne funkelnd mit ihren eis- und schneegekrönten Häuptern - hoch über die Wolken hinausragend, in andere hinein, und als auch über diese der Blick hinausschweifte, da - da war es, daß ich in staunender Bewunderung das Ungeheure dieser Berge nicht gleich zu fassen vermochte. Noch über den zweiten Wolkensaum ragten die gigantischen Kuppen hinaus, und es war fast, als ob der Himmel auf ihren Zackenkronen ruhe. Worte hatte ich nicht, und keine Seele war bei mir, der ich das, was ich fühlte, hätte mittheilen können; aber eine Thräne trat mir in's Auge - das Herz war zu übervoll, es mußte einen Ausfluß haben.
Meine Begleiter waren indeß weit vorausgeritten, und ich mußte endlich daran denken sie wieder einzuholen. Dem Pferd /112/ also die Sporen gebend, sprengte ich die leise Anhöhe nieder, die sich, jedoch noch immer hier und da durch kleine flache Hügel unterbrochen, gegen Mendoza zu ausdehnte. Die Augen konnte ich aber kaum abwenden von dem eisigen Gebirgsgürtel, der dies ganze Land mit seinen Riesenarmen umspannt hielt, bis ich mich endlich genöthigt sah, mehr auf den Pfad zu achten. Die Straße wurde hier, die Nähe einer größeren Stadt verkündend, weit belebter, und zahlreiche Maulthierzüge sowie einzelne Reiter begegneten uns, die theils Producte in die Stadt gebracht, theils in größeren Quantitäten Wein, Mehl, getrocknete Früchte, Orangen, spirituöse Getränke u. s. w. dem innern Land zuführten.
Das Land war hier auch stark besiedelt; überall standen kleine freundliche Häuser, hier einzeln, dort zu kleinen Villen zusammengebaut, und man begriff, sah man die weite Fläche, - die hier in Cultur lag, wie Mendoza die Korn- und Fruchtkammer fast der ganzen Argentinischen Republik genannt werden konnte.
Da, wo eine schilfige Fläche, eine Art Sumpf die Bebauung bis jetzt gehindert, hörten die Plantagen für eine Strecke auf, und ich gewann wieder Zeit, den Blick jenen herrlichen Bergen zuzuwenden. Aber auch mit einer Art Schauder erfüllten sie mich, daß ich kleines, schwaches Menschenkind es wagen wollte dort hinüberzuwandern, wo der eisige Winter all' seine Schrecken zusammengeballt hielt und oft in so furchtbaren Stürmen und Wettern entfesselte, daß er Alles vernichtete, was ihm Trotz zu bieten wagte. Ein eigener Reiz lag aber auch wieder in diesem Gefühl selbstbewußter Kraft, mit dem der schwache Mensch selbst Schweres überwinden kann, und ich hatte bis jetzt nur Gefühl für das Große, Herrliche jener Gebirge - ihre Schrecken lagen mir noch zu fern, um dem Anblick auch nur einen Theil seines Genusses zu rauben.
Und hier nun diese weiten fruchtbaren Flächen in dem warmen, sonnigen Thal (denn das Wetter war, obgleich wir uns mitten im Winter befanden, so mild wie bei uns im Mai) und ringsumher ein Anblick, der das Herz des Menschen nur mit Bewunderung und frommer Scheu erfüllen konnte; wie /113/ gut mußten da die Menschen sein, die hier lebten, wie mußte das Schöne und Herrliche, das sie täglich vor Augen hatten, ihr Herz läutern und es dem Besseren zuwenden.
„Compaňero," sagte da plötzlich mein alter Begleiter, der jetzt dicht neben mir ritt, und deutete mit dem rechten Arm in die Höhe - „seht einmal dort!"
Ich blickte empor, und wieder griff ich fast unwillkürlich dem Pferd in die Zügel, aber diesmal nicht aus staunender Bewunderung, sondern aus einem Gefühl des Schreckens und Grausens. Dicht neben der Straße war ein langer starker Pfahl, etwas schräg nach vorn neigend, in die Erde geschlagen, und von der Spitze desselben herab grinste das von langem schwarzen Haar wild umflatterte, bärtige, leichenblasse Angesicht eines Menschenhauptes.
„Ein Raubmörder, der eine ganze Familie umgebracht hat," erzählte mein Alter; „gerade hier an der Stelle war es, wo er und seine Kameraden, von dem Sumpf begünstigt, ihre meisten Verbrechen an Reisenden ausübten. Der Gouverneur ließ seinen Kopf hier aufstecken, und seitdem hat man nicht mehr viel von Anfällen in der Gegend gehört. Arme, Hände und Beine desselben sind an anderen Orten ebenfalls ausgehangen."
So lautete der kurze Bericht, und da oben starrte indeß das gräßliche Haupt des Verbrechers still und unverwandt nach den herrlichen, von flüssigem Gold umflutheten Bergen - den Zeugen göttlicher Allmacht hinüber - ein furchtbarer Punkt in diesem sonst so freundlichen Thal.
Mir war dadurch der Genuß um Vieles verbittert worden. - Der Mord tritt uns zu oft entgegen in der ganzen Republik, und jene Massen von Kreuzen, die stillen Ankläger vergossenen Blutes, die ich täglich auf meiner Bahn gefunden, kamen mir jetzt vor wie die blutigen Spuren einer Schreckensthat, der ich den ganzen Weg gefolgt sei, und deren Ziel ich jetzt erreicht habe.
Doch fort, fort mit den finsteren Gedanken, wo die Natur in solcher Schönheit uns anlacht. Die munteren Pferde trugen uns rasch und fröhlich dem nicht mehr fernen Ziel, der kleinen freundlichen Berg- und Grenzstadt Mendoza, entgegen, und /114/ als wieder überall geschäftige Villen, mit Weingärten erfüllte Flächen und fruchtbare, von thätigem Fleiß zeugende Felder uns umschlossen, als reges Menschengewühl uns umgab, war auch der Eindruck verwischt, der einen Augenblick den vollen Genuß all' des Neuen, Herrlichen, was ich erblickte, getrübt hatte.
Nachmittags um zwei Uhr etwa ritten wir in Mendozas freundliche breite Straßen ein. Die Stadt ist ganz nach der altspanischen Art mit den niederen flachen Häusern erbaut, - aber weit reinlicher als Buenos-Ayres, und mir schien fast jedes Haus ein Freund zu sein, denn hinter mir lagen jetzt die am La Plata mit solchen Schrecknissen bevölkerten Pampas, hinter mir der lange Ritt und die wilde Horde der blutdürstigen Indianer. - Ausruhen konnte ich von all' den überstandenen Strapazen, und selbst Landsleute waren mir in dem freundlichen kleinen Gebirgsplätzchen versprochen. - Was d a n n noch vor mir lag - die vom Schnee geschlossenen Cordilleren, die Abgründe dort und die Gefahren der Schneestürme -, lag zu weit, wenigstens drei, vier Tage voraus, um mir darüber jetzt schon den Kopf zu zerbrechen oder Sorgen zu machen. Das war Zeit, wenn sich einmal eine wirkliche Ursache dafür fand, und hatte mir der alte Herr da oben durch die Pampas geholfen, würde er mich ja auch wohl nicht acht Tage später im Schnee stecken lassen. Also den Kopf oben und der Gefahr in's Auge geschaut, und jetzt vor allen Dingen erst einmal im neuen Gefühl wirklicher Sicherheit ausgeruht von dem U e b e r -s t a n d e n e n.
5.
Mendoza.
Am Fuße der Kordilleren, gegen die scharfen West- und Nordweststürme durch die hohen schroffen Bergrücken geschützt, liegt an der westlichen Grenze der Argentinischen Republik /115/ das kleine freundliche Städtchen Mendoza, für das ich schon auf dem Ritt dahin, und lange ehe ich das Vergnügen hatte, es persönlich kennen zu lernen, eine gewisse Achtung hegte. Die meisten Caravanen, denen wir begegneten - und wir trafen deren viele - kamen von Mendoza; wo man Mehl, Käse, Wein, Branntwein oder Früchte sah - welcher andere Ort hatte sie erzeugt als Mendoza?
Die Stadt selbst? - nun daran ist freilich weiter nichts zu sehen. - Es ist ein kleiner freundlicher Ort von circa 8000 Seelen; die Häuser sehen denen in allen anderen Theilen der Republik sprechend ähnlich, und sind so einfach aus Lehm gebaut, daß man immer ängstlich ist, der nächste starke Regen müßte die ganze Stadt einmal in einen einzigen Lehmhaufen zusammenwaschen, aus dem heraus sich dann die einzelnen Schornsteine höchst erstaunt die Verwüstung beschauen würden. Das geschieht aber nicht: der Lehm ist fest gestampft und nutzt sich dadurch, selbst bei den härtesten Regenschauern, nur sehr wenig und unbedeutend ab.
Ihre Verbindung mit dem umliegenden oder entfernteren Land besteht aber auch freilich nur zu Lande. Der kleine Fluß Mendoza, der nicht weit davon fließt, ist nur, wenn der Schnee der Cordilleren thaut, hoch genug um befahren zu werden, und dann eben wieder seines schnellen Steigens und seiner reißenden Strömung wegen schwer befahrbar. Wohin also auch Mendoza seine Producte versendet, oder woher es seine anderen Bedürfnisse beziehen will, muß dies stets und allein durch Caravanen geschehen, die entweder in Maulthierzügen oder den schon beschriebenen großen unbehülflichen, aber zweckmäßigen Güterkarren oder Transportwagen bestehen.
Mendoza ist die wirkliche Fruchtkammer des benachbarten Landes, und schafft Wein und Früchte selbst nach dem sonst sio gesegneten Chile hinüber. So bilden die Mendoza-Rosinen einen sehr bedeutenden Handelsartikel über die Kordilleren, und im Sommer soll Caravane auf Caravane durch die Berge ziehen. Nichtsdestoweniger könnte das Land noch in weit größerem Umfang bebaut, und selbst das bebaute weit starker benutzt und ausgebeutet werden, wäre nicht eben hier /116/ wieder die Bequemlichkeit des Südländers ein gar zu großes Hinderniß. - Es fehlen da deutsche Kräfte, und späteren Generationen - wenn sich die politischen Verhältnisse der Argentinischen Republik erst einmal geregelt haben - ist es vielleicht vorbehalten den Segen zu ernten, der noch im Schooße der fruchtbaren Erde schlummernd begraben liegt.
Es leben in Mendoza verschiedene Ausländer, unter diesen aber nur drei Deutsche: ein Hutmacher (Karl Rohde aus Gera, der früher in der Haughk'schen Fabrik in Leipzig gearbeitet hatte und mit süßer Schwärmerei noch nach dort zurückdachte) - ein junger Goldarbeiter (Schöpf aus Hannover) und der Gehülfe des Hutmachers. Außerdem schloß sich diesem noch ein Italiener, Mariani, an, der ebenfalls Deutsch sprach. Das nächste Frühjahr möchte sich aber der Reisende wohl vergeblich nach ihnen in Mendoza umsehen - kann er aber gut spüren, so findet er sicher ihre Fährten in den Cordilleren. Und wo sind sie hin? - gone to the diggins, natürlich nach Californien.
Ich selbst kann mich aber nur freuen, daß ich sie noch in Mendoza traf, denn ich wurde auf das Herzlichste von ihnen aufgenommen und behandelt, und werde stets mit vielem Vergnügen ihrer, und durch sie meines kurzen Aufenthalts in Mendoza gedenken.
Außerdem soll noch ein einziger deutscher Ackerbauer in der Nähe von Mendoza leben, die Deutschen in der Stadt geben ihm aber keinen besonders guten Namen, und er beabsichtigte auch sein kleines Gut auszuverkaufen und, wie die Anderen, dem Golde nachzugehen.
Auch für die Literatur ist in Mendoza etwas - aber freilich erst in letzterer Zeit - gethan, und zwar durch einen Nordamerikaner, einen Mr. van Sice, der eine Druckerpresse mit aus den Vereinigten Staaten herüberbrachte und hier, am Fuße der Kordilleren, aufstellte. Diese aber in Gang zu bringen, hatte er, wie er mir selber erzählte, eine Heidenarbeit gehabt, und hatte sie noch, sie darin zu halten.
Die Südamerikaner, in einem so abgeschlossenen Theil der Welt, zeigten im Anfang natürlich nur sehr wenig Sinn für eine derartige Entwickelung ihrer geistigen Kräfte. Mr. /117/ van Sice bewies ihnen aber, und er setzte sie dadurch nicht wenig in Erstaunen, daß es ihnen gerade ein d r i n g e n d e s B e d ü r f n i ß wäre selber eine Druckerei zu besitzen. Dabei hatte er die Schwierigkeit zu überwinden - denn mit leeren Worten allein war es nicht gethan - nicht allein dies Bedürfniß zu befriedigen, sondern es in Wirklichkeit auch erst selber hervorzurufen.
Bis dahin waren nur wenige Schul- und Gebetbücher in Mendoza gebraucht worden, und diese kamen, mit einigen Novellen und anderen Schriften, durch die rückkehrenden Caravanen von Buenos-Ayres. Von diesen verschaffte sich Mr. van Sice vor allen Dingen Exemplare und druckte sie nach. Der Bedarf mußte sich aber auch natürlich erschöpfen, und er rief deshalb ein monatliches Heft, was er drei Bogen stark und zwar mit sehr engen Lettern druckte, in's Leben. Es enthielt dies meist wissenschaftliche, technische, auch belletristische Artikel - denn mit Politik durfte er sich in der Republik nicht befassen - und fabelhaft waren, seiner Aussage nach, die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte, dieser Schrift erst vor allen Dingen Eingang und dann Abonnenten zu verschaffen. Wie die Yankee Uhrenhändler in seinem eigenen Vaterland, mußte er von Haus zu Haus die Bücher hausiren, und da die Leute von einem wirklichen Abonnement kaum eine Ahnung hatten, die Hefte nicht selten zurücklassen. Die unfreiwilligen Besitzer derselben gaben sich dann im Anfang dem süßen Glauben hin, sie hätten die „schönen Bücher" geschenkt bekommen, bis sie die nach Verlauf eines Vierteljahres einkommende Rechnung eines Besseren belehrte.
Ein anderes Bedürfniß erweckte er bei ihnen in Gestalt von Visitenkarten, deren Gebrauch sie ebenfalls in ihrem unschuldigen ländlichen Leben bis dahin noch nicht gekannt hatten. Zuerst druckte er für sich selber solche und gab diese bei seinen Besuchen ab; dann wußte er den Gouverneur zu bewegen, diesem Beispiel, als aus der Residenz kommend, zu folgen - und damit hatte er gesiegt. - Es gehörte urplötzlich zum guten Ton, und mit einem leisen Anflug von halb Stolz, halb Schadenfreude, wie ein Jäger etwa die verschie-/118/denen Geweihe der Hirsche zeigen würde, die er eigenhändig erlegt hat, zeigte er mir die in seinem Zimmer auf einer Tafel aufgesteckten Karten Derer, die seiner Politik bis jetzt zum Opfer gefallen waren. Da sie zu der besseren Klasse des Städtchens gehörten, mußten sie natürlich alle Uebrigen zur Folge zwingen.
Bei der Besiegung all' dieser Schwierigkeiten gehört das aber gerade nicht zu den geringsten, daß er hier nicht einen einzigen Arbeiter fand, den er gebrauchen konnte. Gleich vom ersten Beginn mußte er sich selber Lehrlinge heranziehen und dabei selber erst die Sprache lernen; nur der hartnäckige goahead Charakter eines Yankee konnte das Alles besiegen. Wie die Verhältnisse aber jetzt stehen, verdient er, freilich bei eisernem Fleiße, seiner eigenen Aussage nach viel Geld, und wird nun wohl - nicht wahr, lieber Leser - seine Druckerei vergrößern, Arbeiter aus Buenos-Ayres und Valparaiso herüberziehen, eine Buchhandlung dabei anlegen und - halt, halt - er wird keins von alledem. - Im Gegentheil; er hat Jemanden gefunden, der Lust zeigt seine Druckerei in Bausch und Bogen zu kaufen, und wird nun wohl - natürlich nach Californien ziehen. Wie es nachher mit der Literatur in Mendoza stehen wird, wissen die Götter; wenn aber ein Südamerikaner, der das Alles in Gang sieht und die Triebfedern nicht kennt, die es darin erhalten, glauben sollte, ohne den Geist eines Yankee zwischen seinen gleichgültigen Landsleuten ein solches Geschäft einfach fortführen zu können, so irrt er sich sehr. - Wenn die Kraft aufhört zu wirken, die es in Schwung brachte und darin erhält, schläft Alles wieder ein, und ein Jahr später, wenn Mr. van Sice seinen Plan nicht etwa noch ändert, möchten wohl nur noch spanische Gebetbücher und vielleicht seidene Bänder mit der Regierungsdevise die einzigen Producte der mendozanischen Presse sein.
Mr. van Sice hatte eine junge Südamerikanerin, und zwar gerade aus Achiras, wo ich einen so entsetzlichen Abend verbrachte, geheirathet. Ich wollte übrigens, ich hätte lauter solche liebenswürdige Wesen dort getroffen, als seine Frau /119/ war, ich würde dann die Pampas mit einer sehr verschiedenen Meinung von ihren Bewohnern verlassen haben.
Die Mendozaner scheinen in dem Farbenspiel ihrer Nalionalitäi fast stärker zu sein als selbst die Bewohner von Buenos-Ayres. - Dort sind doch wenigstens die Fremden von diesem Livréedienst verschont, hier aber darf Niemand - und wenn er aus dem Monde käme - das Polizei- und zugleich Postgebäude betreten, ohne das rothe Band um den Hut und ein gleiches im Knopfloch zu tragen. Alles ist roth wohin man blickt, ja die recht ächten und wirklichen Republikaner haben sogar zinnoberrothgefärbte Stiefelsohlen, damit sie auch an ihren Füßen den Sinnspruch der Devise Federacion ó muerte - Federacion oder Tod (das erste durch roth, das zweite durch schwarz ausgedrückt) tragen. Der Gouverneur und die gutgesinnten Bewohner der Stadt bringen diese Farben auch, soviel das irgend geht, in ihrem Hausstand an, und ich glaube fast, Gouverneur Rosas hat einen gewissen Grad von Politik dabei beachtet, seine Unterthanen solcher Art mit diesen Farben zu beklecksen. Unter einer andern Regierung, die natürlich die Farben wechseln müßte, würden sie sich mit großem Kostenaufwand aller der Artikel entledigen können, die sie tragen, und während sich der Argentiner wohl keinen Augenblick besinnt seine Regierung zu ändern, so überlegt er es sich doch vielleicht zweimal, wenn es ihn zugleich einen neuen Poncho kostet. Freilich hat das zuletzt nicht mehr ausreichen wollen, und die Republikaner der La Platastaaten haben Rosas und Poncho, für jetzt wenigstens, zugleich abgeworfen.
Was Mendozas Lage betrifft, so kann es für Ackerbau und Weinzucht wohl kaum eine günstigere geben. Gegen die Süd- und Westwinde durch die gewaltigen Cordilleren geschützt, deren weiße Zackenkronen in prachtvoller Majestät dicht hinter ihm emporstarren, und in deren Arm hineingeschmiegt es eigentlich liegt, bietet es seinen Bewohnern an animalischer und vegetabilischer Nahrung Alles, was das Herz nur wünschen kann. Auch die Preise aller Lebensmittel sind außerordentlich billig, da der schwierige Verkehr mit den übrigen Ländern, von denen sie aus der einen Seite /120/ durch die Pampas, auf der andern durch die Cordilleren getrennt werden, die Ausfuhr natürlich sehr vertheuert und erschwert.
Das Klima ist herrlich - im Sommer soll der Schnee der Berge die Temperatur mildern, und jetzt, wo wir uns mitten im Winter befanden, hatten wir ein Weiter, wie bei uns an einem kühlen Sommertag. Alles gedeiht hier vortrefflich, und außer dem Getreide werden hier besonders Früchte, wie Orangen, Feigen, Trauben usw., in Masse gezogen. Die Trauben sind so süß, daß die Mendoza-Rosinen an der chilenischen Küste einen Namen haben und in großen Ouantitäten über die Cordilleren geschafft werden. Der Wein aber, der aus ihnen gekeltert wird, schmeckt so gut, daß mir der Mund noch jetzt danach wässert. Ich kann ihn nur mit gutem Portwein vergleichen, obgleich er süßer als dieser ist und jung nicht so viel Feuer hat als der Portwein. Einige Jahre alt, glaub' ich aber sicher, daß er sich mit diesem in jeder Hinsicht messen könnte. Die Mendozaner trocknen eine große Menge von Trauben, indem sie dieselben oben in ihren Giebeln aushängen; sie halten sich vortrefflich, sind süß wie Zucker, und fast so saftig, als ob sie eben vom Stock genommen wären.
Der Wein wird übrigens hier auf eigenthümliche, dem Klima aber natürlich auch entsprechende Weise gebaut, und zwar nicht wie bei uns an Stöcken, die wir nöthig haben, da wir der Traube müssen so viel Sonne zukommen lassen, wie wir ihr möglicher Weise nur gewähren können, sondern in weiten Lauben, so daß die Mendozaweingärten nur lauter überwachsene Gänge bilden, die an heißen Sonmmertagen wahrhaft paradiesische Spaziergänge bieten müssen. Die Trauben hängen dadurch sämmtlich im Schatten, reifen langsam und gewinnen dadurch natürlich nur an Zuckerstoff und Saft. Wir bezahlten für die Gallone (fünf Flaschen) vom besten Wein etwa fünf Silbergroschen nach unserem Geld. Ueberhaupt ist das Leben in Mendoza ungemein billig, und wenn ich mir für einen halben Real (etwa 2'/z Silbergroschen) Früchte: Trauben, Orangen und Feigen holen ließ, so hatte ich zwei bis drei Tage daran zu essen. /121/
Brod, Fleisch und Gemüse stehen in demselben Verhältniß: die Miethen wie Dienstleute sind ebenfalls spottbillig, die Gegend ist dabei ein Paradies - was will also der Mensch mehr? - Wäre dies nicht ein Platz, ein Asyl für die „Europamüden", die sich irgendwo in der Welt eine stille Heimath gründen wollten? Dem europäischen Treiben wären sie hier allerdings entrückt, denn von der übrigen Welt hörten und sähen sie nichts, oder doch wenigstens so gut als nichts mehr, wie es aber mit dem argentinischen würde, müßten sie freilich riskiren, und welches Unglück hat seitdem diese schöne Stadt betroffen! Das Erdbeben von 1861 machte sie fast der Erde gleich und von 10,000 Einwohnern kamen 7000 in kaum drei Secunden um ihr Leben.
Die Postverbindung Mendozas mit der Außenwelt besteht einzig und allein, nach dem Atlantischen wie Stillen Ocean hin, in Courieren, die regelmäßig und zu allen Jahreszeiten zwischen Buenos-Ayres und dieser Stadt - nur sehr unregelmäßig aber im Winter nach Valparaiso hinübergehen, da der Schnee der Gebirge den Uebergang nicht allein oft sehr erschwert, sondern sogar Monate lang ganz verhindert.
Eine Annehmlichkeit Mendozas muß ich aber noch erwähnen, und das sind die warmen Bäder, die sich etwa drei Leguas von der Stadt entfernt befinden. Das Wasser ist selbst im Winter, wo der doch immer thauende Schnee aus den niederen Bergen das Uebrige in eisiger Kälte erstarren machte, etwa 16 Grad, und wird durch Quellen erzeugt, die aus der Erde mitten in der flachen Steppe hervorsprudeln. Dadurch aber haben sie auch ein eigenes, schilfbegrenztes Bett erzeugt, und werden nun von den Bewohnern des benachbarten Städtchens, besonders in Sommerszeit, gar fleißig besucht. Die Bequemlichkeiten dort sind freilich sehr geringer Art und bestehen eigentlich nur in mehreren höchst mittelmäßigen Lehmhütten. Den Horizont umgürten aber dafür im Westen die schnee- und eisbedeckten Cordilleren, und die Bäder selber liegen gar traulich und versteckt in dem darüber wogenden Grün - bedarf es da erst noch eines besondern Luxus und kostbarer, schwer zu erlangender Bequemlichkeiten, den Aufenthalt doch zu einem angenehmen zu machen? Sonst bietet /122/ Mendoza freilich, dem Fremden wie dem Einheimischen keine besonderen Vergnügungsörter, und die Leute sind hier meistens auf ihre eigenen Familien angewiesen. Wer sich darin glücklich fühlt, ist glücklich und bedarf nichts weiter – und wer nicht? – den wird auch die herrlichste Umgebung, das Lust und Freude athmende Leben nicht glücklich machen können.
Am 9. Juli wohnte ich einem Freiheitsfest der Argentiner, das sie gewöhnlich, wie den 25. Mai, auf das Festlichste begehen, bei. Der Tag wurde übrigens auf höchst unschuldige Art und Weise gefeiert; Morgens war Parade und Abends Illumination. Hier hatte ich dann zum ersten Mal Gelegenheit, das argentinische Militär auf einer Parade und beim Exerzieren versammelt zu sehen, denn in Buenos-Ayres ist es, wie sich der Leser erinnern wird, streng untersagt, sich während dieser Zeit auf der Straße, ja nicht einmal auf den flachen Dächern der Häuser blicken zu lassen. Der Anblick war aber auch wirklich für Einen, der die europäische Disciplin nun einmal gewohnt ist, komisch.
Die Soldaten, ein kleiner Trupp von höchstens 120 bis 150 Mann, schlenderten nach einer höchst mittelmäßigen Musik um den Hauptplatz der Stadt herum. An der Musik waren ein Dutzend Neger schuld, die ihre Instrumente auf das Gewissenloseste mißhandelten, und die Soldaten marschirten dazu so entsetzlich langsam, daß ich im Anfang glaubte, sie bewegten sich gar nicht weiter, sondern höben nur im Taxt die Füße. Im Allgemeinen waren sie ganz weiß mit rothen Mützen und Aufschlägen gekleidet, und hatten Bajonettgewehre, als sie aber – langsam, o wie langsam – näher kamen, sah ich, daß die Beinkleider keineswegs alle von der Farbe der Unschuld waren, und noch ungenirter gingen sie mit ihren Füßen. Einige hatten Schuhe, andere Stiefel, noch andere Hühneraugen, und diese trugen dann (jedenfalls der größeren Bequemlichkeit wegen) ihre Schuhe oder Stiefel zusammengebunden über dem einen Arm und gingen lieber barfuß. – Den Officieren konnte das natürlich gleichgültig sein. Das Exerciren ging allerdings dem Namen nach in Reih und Glied, doch hatten die Commandirenden genug zu thun, nur einigermaßen Ordnung zu halten, da eine ziemlich lebhafte /123/ und gewiß interessante Conversation zwischen den „Gemeinen" deren Aufmerksamkeit etwas zu sehr in Anspruch nahm.
Die Illumination am Abend war desto brillanter, und wurde, als es schau dunkel war, erst durch die Straßen einhersprengende Cavalleristen anbefohlen. Die Reiter hielten nämlich an jedem Haus an und schrieen einige dem Fremden gewiß unverständliche Worte hinein, was Illumination bedeutete.
Wie schon erwähnt, ist die Bauart der Häuser in Mendoza noch ganz altspanisch. Die Gebäude sind gewöhnlich in großen Vierecks aufgeführt - die Fenster alle nach dem gerämnigen und hellen Hof oder den Gärten hinaus, so daß die Straßenfront nur sehr wenig vergitterte Fenster und oft ganz kahle Mauern zeigt. - Die Fenster konnten also auch aus diesem Grund nicht illuminirt werden, und man setzte nun die Lichter - etwa sechs vor jedes Haus - vorn auf das Straßenpflaster, wo sich dann die Jugend damit amüsirte und wohl auch die Illumination selber dadurch regulirte, daß sie hier und da ein mißliebiges oder ihrer Ansicht nach verschwenderisches Licht wegnahm und auf eine mehr protegirte oder weniger beleuchtete Stelle brachte.
Die Illumination begann stückweise und endete auch so; ihre Dauer beschränkte sich auf die Viertellänge eines Talglichts. - Es giebt doch nichts Kläglicheres auf der Welt, als eine officielle Freudenbezeigung.
Interessant war es mir, am andern Tag die argentinische Kavallerie zu sehen, wie sie gerade von der „Fütterung" kam. Die Soldaten hatten Fleisch „gefaßt" und dasselbe in ihrer wilden appetitlichen Art ganz einfach unter den linken Steigbügel gebunden. Daß es ihnen beim tollen Ritt an die Füße und die Beine des Pferdes schlug, schien ihnen ziemlich gleichgütlig. In diesen Tagen mußten sie aber auch ausrücken, und zwar, wie ich von meinem alten Correo hörte, die nächsten Anstedlungen gegen die Indianer zu schützen, die sich toller Weise ganz in die Nähe Mendozas gewagt haben sollten. Der Alte meinte freilich, sie wären jedenfalls, da sie ihn am El Morro verfehlt hätten, auf seiner Spur nachge-/124/ kommen. Da man behauptete, einige kühne Unitarios seien die Führer der Wilden und hätten von Buenos-Ayres Kunde bekommen, daß der Correo wichtige Depeschen und Gold mit sich führe, so war die Sache gerade nicht unmöglich. Ich blieb übrigens nicht lange genug in Mendoza, um es bestätigt zu hören.
Natürlich suchte ich jetzt auch, einmal an Ort und Stelle, soviel als möglich authentische Berichte über die Cordilleren und den Wintermarsch über sie hin einzuziehen. Die aber klangen hier am Fuß derselben fast eben so entsetzlich als in Buenos-Ayres und Rio de Janeiro, nur daß hier die Leute sämmtlich sagten, die Cordilleren seien keineswegs „geschlossen" und man könne den Uebergang jeden Tag versuchen und wohl auch glücklich zu Stande bringen, wenn man aber dabei e r w i s c h t w ü r d e, d. h. wenn man einen Temporale oder Schneesturm bekäme, dann wäre die Sache auch fertig und man könnte von Glück sagen, wenn man nur einfach erfröre und nicht auch noch verhungerte. - Hier war doch Hoffnung - hier gab es doch wenigstens keine Menschen, die da nur bei einer Erwähnung der Sache gleich schrieen, es ist total u n m ö g l i c h, es ist Wahnsinn, es nur versuchen zu wollen. - Auf den Temporale mußte ich es deshalb wagen.
Acht volle Tage hatte ich in Mendoza gelegen und mich nach einem Führer über die Cordilleren umgesehen, während mir Alle riethen, doch ja lieber zu warten, bis der Correo von St. Jago herüber käme und ich mit dem dann nichts allein billiger, sondern auch sicherer gehen könne. Mir ließ es aber keine Ruhe mehr in der Argentinischen Republik. Es trieb mich meinem Fahrzeug wieder zu, und ich hatte nun so viel über die „furchtbaren Gefahren der Berge", über Erfrieren, blind und todtgeschlagen werden gehört, daß ich es endlich satt bekam und auch gleichgültig dagegen wurde. Eins nur schreckte mich wirklich im Anfang ein wenig, und das war der rasende Preis, den der erste Führer, den wir auffanden, forderte, mich sicher und gut hinüberzubringen, er war 300 Dollars - sagte dreihundert Dollars - und dabei mußte ich noch durch die Berge zu Fuß gehen. Er meinte aber, es sei in jetziger Zeit mit so vielen Umstän-/125/
den und Gefahren verknüpft, daß er es - der gute Mann kam gleich um ein Drittel herunter - unter zweihundert keinesfalls thun könne. Selbst das war ich nicht im Stande zu geben und mußte mich nach einem andern umsehen. Dadurch aber verging die Zeit, und ich sah mich endlich genöthigt, wollte ich nicht noch eine Woche herumlaufen, die freilich etwas gemäßigteren, aber doch noch immer schweren Bedingungen eines andern Führers einzugehen, der nur fünf Unzen (also etwa 80 spanische Thaler) und außerdem noch Beköstigung verlangte - ebenfalls eine Sache von circa fünf Dollars, da man sich auf den schlimmen Fall eines Schneesturms vorsehen muß. Der Mann meinte außerdem, fünf Unzen sei jedenfalls in dieser Jahreszeit ein höchst mäßiger Preis, denn wenn man einmal sein Leben riskiren wolle, müsse man auch etwas dafür erhalten. Für den Weg rechnete er, wie er sagte, eine Unze - für die Gefahr die vier anderen.
Der Preis der Unzen selber war in Mendoza sehr verschieden von Buenos-Ayres, wo die argentinische wie chilenische und mexikanische Doublone gleich sechzehn Dollars galt, während die argentinische und mexikanische hier siebzehn, die chilenische achtzehn Dollars stand.
Jetzt, einmal mit einem Führer im Reinen, ging ich scharf daran, die nöthigen Provisionen einzulegen, und diese bestanden besonders in getrocknetem Fleisch, charque genannt, das die Argentiner zu diesem Zweck - nämlich in möglichst kleinen Raum zusammengedrängt - zuzubereiten wissen. Dieses getrocknete Fleisch, schon an sich fest und hart, wird nämlich noch mit Hämmern so zusammengeschlagen, bis es wie dicke Pappe aussteht und auch eben so leicht zu kauen ist; dann noch fest in ein kleines Paket geschraubt, bildet es zuletzt eine steinartige harte, felsenschwere Masse, an der sich die einzelnen Scheiben ablösen wie Marienglas. Es ist auf diese Art Allerdings eine nicht unbedeutende Quantität Nahrungsstoff in einen möglichst engen Raum zusammengedrängt. Außer dem Fleisch, was unser hauptsächlichstes Subsistenzmittel unterwegs sein sollte, hatte mir Herr Rohde oder „Don Carlos", wie er allgemein in Mendoza genannt wurde, da die Spanier fast nur die Vornamen bekannter Leute gebrauchen auch /126/ noch in wirklich freundlicher Weise Mehl besorgt, damit ich so wenig als möglich Kosten haben möchte. Zu diesem nahmen wir ein Mädchen in's Haus, das zu backen verstand und aus dem Mehl eine Art harter vortrefflicher Zwiebacke bereitete, und mit noch einigen Zwiebeln, etwas rothem Pfeffer, einer kleinen Büchse gebrannten und gemahlenen Kaffees, und einem eisernen Kocher, Wasser zu sieden, waren wir fix und fertig.
So viel war indessen von dem blendenden Schnee der Cordilleren und vom wirklichen Erblinden Einzelner, die um diese Jahreszeit den Uebergang gewagt, gesprochen, daß Don Carlos (Schiller genirte mich ungemein bei diesem Namen) sich nicht abreden ließ, mir eine grüne Brille mitzugeben. Selbst der Führer versicherte mir dabei, ich würde sie gebrauchen können, denn er selber habe den Weg schon mehrere Mal gemacht und sich noch immer nicht an den blendenden Schnee gewöhnen können. Ich dachte kopfschüttelnd an unsere deutschen Schneeflächen, steckte aber doch die Brille vor allen Dingen einmal in die Tasche - ich kannte die Verhältnisse des Landes noch nicht, und die darin Eingeweihten wissen so etwas meistens besser wie der Fremde.
Daß der Argentinische Staat übrigens ein Polizeistaat sei, sollte ich, ehe ich diese wirklich rothe Republik verließ, noch erfahren. Ich mußte nämlich, trotzdem daß mein Paß in Buenos-Ayres auf Valparaiso schon vistirt war, noch hier einen neuen Paß nach dieser Stadt nehmen und dafür (die Pässe sind in Mendoza theurer als die Pferde) 5 ¼ spanische Thaler bezahlen. Ich protestirte dagegen und verwies auf den schon nach Valparaiso vistrten Paß, die Polizeibeamten frugen mich aber, „was sie Buenos-Ayres (die Hauptstadt der Argentinischen Republik) anginge", und da ich ihnen hierauf keine genügende Antwort geben konnte, ersuchten sie mich um die „landesübliche Münzsorte".
Interessant waren mir hier die Verhandlungen im Polizeigebäude, das ich ebenfalls nur mit rothem Band um den Hut und mit eben solchem im Knopfloch betreten durfte. - Meine spanische Erlaubnißkarte, die Argentinische Republik wieder verlassen zu dürfen, wurde in fünf verschiedenen Stuben von /127/ fünf verschiedenen Leuten unterschrieben - es war wie ein Stammbuch - und viermal prangte darauf die argentinische Devise viva la confederacion Argentina, mueran los vajes Unitarios.
Doch genug von Mendoza, ich führe den Leser vielleicht einmal später wieder - wenn er Lust haben sollte, mir zu folgen - dahin zurück. Jetzt aber muß ich nach Valparaiso aufbrechen, sonst versäume ich mein Schiff, das vielleicht schon dort im Hafen liegt und - meiner nicht wartet, sondern so schnell als möglich seine Erfrischungen einzunehmen und sein Ziel - San-Francisco - zu erreichen sucht. Also über die Cordilleren!
6.
Wintermarsch über die Cordilleren.
Am Mittwoch Abend, den 11. Juli 1849, setzten wir uns endlich, von meinen beiden deutschen Freunden Rohde und Schöpf bis zum nächsten, nur eine Legua entfernten Haltpunkt begleitet, in Marsch. Die Führer thun das gewöhnlich, um am nächsten Morgen gleich frei von der Stadt zu sein und recht früh aufbrechen zu können. Hier tranken wir noch ein paar Flaschen Wein zusammen, und ich warf mich, als sich die anderen Beiden wieder nach ihren eigenen Wohnungen zurückgezogen hatten, auf meine Decke, um der noch kurzen Nacht ein paar Stunden Ruhe abzugewinnen. Das erste Nachtquartier ging denn auch ruhig und ohne weiter etwas Besonderes vorüber. - Wir lagerten vor dem Haus, aber ohne Feuer, und es war ziemlich kalt, doch schlief ich gut - ich war nur froh, so weit wenigstens meinem endlichen Ziel ent-gegengerückt zu sein.
Der Mond stand noch hell und klar am Himmel, als /128/ wir am Donnerstag Morgen in die Sättel sprangen. Die kleine Caravane bildeten mein Führer, ein Chilene, in einem sonst in der Argentinischen Republik verpönten grünen Poncho, zwei Peons oder Diener, von denen der eine mein Gepäck, der andere Provisionen und einige Kohlen tragen sollte, und dann ich selbst. Der Morgen war frisch, aber herrlich; links (neben uns lagen die prächtigen Berge, hinter denen, in noch weiter Ferne, die weißen Schneekuppen wie drohend zu uns herüberschauten, und rechts dehnte sich die allerdings nicht ( sehr romantische, mit niederen Büschen bedeckte Ebene aus. Endlich stieg im Osten die Sonne empor und warf ihre Strahlen auf die roth erglühenden Schneefelder der Cordilleren, und über den Himmel hinaus breitete sich der rosige Saum - und die Vögel zwitscherten, der Thau hing an den grünen Blättern der Sträucher - die Thiere trabten lustig in den reizenden Morgen hinein, und selbst meine Begleiter - sonst gerade nicht lieblich und holdselig anzuschauen - sangen und pfiffen, und schienen sich ebenfalls der herrlichen Natur zu freuen.
Rechts, dicht am Weg, stand ein einzelnes Häuschen und ein hoher Weidenbaum dicht davor; dahin bogen sie plötzlich ab. - Wollten sie schon wieder Rast machen? - wir waren kaum eine Stunde geritten - nein, vor dem Baum hielten sie und murmelten ein halblautes Gebet.
Ich sah ihnen erstaunt zu; als sie aber fertig waren, zog der eine Peon auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, zeigte nach dem Baum hinauf und sagte: una bota! (ein Stiefel); - ich blickte auf und - sollte mir denn, soweit die Republik reichte, jeder freundliche Augenblick durch irgend etwas Scheußliches verbittert werden? - oben an den einen Ast war der Fuß desselben Verbrechers, dessen Kopf mich schon von der Stange herunter angestarrt - bis zum Knie abgeschnitten - angenagelt. Ich wandte mich schaudernd von dem halb verwesten, halb vertrockneten Ueberrest jenes Verbrechers ab, drückte meinem Thier die Sporen in die Seiten und sprengte voran - die Anderen lachten.
Es mag sein Gutes haben, diesem Volk die Folgen eines Verbrechens - das hier wohl nicht einmal zu den seltenen ge-/129/hört - täglich und wohin es sich auch wendet, vor Augen zu führen; es hat aber auch jedenfalls für Den, der nicht gerade immer ein „abschreckendes Beispiel" vor sich zu haben braucht, etwas höchst Fatales und Widerliches. Und was haben nun gar die armen Menschen in dem kleinen friedlichen Haus verbrochen, daß sie das scheußliche Bein da bei ihrem Ein- und Ausgang immer vor Augen haben müssen? - Ich scheue mich wahrlich nicht vor Leichen und habe deren schon in mancherlei Gestalt gesehen, in dem Haus möcht' ich aber doch nicht, sei es um welchen Preis es wolle, wohnen. Der Morgen war mir denn auch richtig wieder verdorben, und ich war nur froh, als wir uns mehr und mehr den Bergen näherten, wo mit der alten Umgebung auch die alten Gedanken verdrängt werden mußten.
Am meisten trug übrigens das hier gar nicht so weit von der Stadt schon vorkommende Wild dazu bei, mich zu zerstreuen. Wir sahen viele Guanakas - die Lamas der Cordilleren - und auch einige Strauße, die letzteren aber sehr scheu und gleich beim Anblick der Pferde in wilder Flucht.
Das Guanaka ist ein prächtiges Thier - so groß wie ein Hirsch fast, nur mit noch längerem Hals und weicher, herrlicher Wolle, aber sehr leicht zu schießen, denn die Jagd darauf wird hier nur sehr schwach betrieben, und das Wild läßt die Jäger mit nur einiger Vorsicht leicht auf hundert Schritt heran. Für mich waren übrigens auch noch außerdem meine Begleiter, und besonders die beiden Peons, die mein Gepäck trugen, von höchstem Interesse.
Der chilenische „vagujano" (wie sie ihn dort nannten) bot nichts Besonderes; eine kräftige, untersetzte Gestalt, von dem grünen, mit bunter Einfassung besetzten Poncho überhangen, die niedere Stirn mit einem breitrandigen Strohhut bedeckt und sonst mit ziemlich nichtssagendem Gesicht, das nur gleichgültig bald über die rechte, bald über die linke Schulter hinüberschaute, ritt er voraus. Die beiden Peons dagegen erinnerten mich - und sonderbarer Weise gleich von Anfang an - lebhaft an die beiden Banditen aus Flotow's Stradella4. Der Eine - ein trocken drolliger Bursch, aber mit einer /130/ Galgenphysiognomie, wie sie wohl noch kaum dagewesen, verzog nur selten das Gesicht zu einem Lachen, während sich der Andere, ein kleiner, jüngerer Bursch, fortwährend über die Geschichten, die jener erzählte, ausschütten wollte. Der Erste war ein Argentiner, der Zweite ein Chilene, Beide trugen aber die argentinische Tracht, Beide auch das lange, argentinische Messer hinten im Gürtel, und ich zweifle gar nicht, daß sie bei passender Gelegenheit auch recht passenden Gebrauch davon zu machen gewußt hätten.
Wir waren alle vier beritten, diesmal aber nicht auf Pferden, sondern auf Maulthieren; denn Pferde würden, wie mir der Führer sagte, in den Engpässen, die wir zu passiren hätten, nicht allein nicht fortkommen, sondern auch den Reiter, wenn der nicht fortwährend zu Fuß gehen wollte, zu sehr gefährden. Die Maulthiere waren übrigens vortrefflich, und wennsie uns auch vielleicht noch im flachen Land nicht so rasch vorwärts trugen, als es Pferde gethan haben würden, ritten sie sich doch leicht und bequem.
Dreizehn Leguas von Mendoza entfernt betraten wir zuerst die Grenzhügel der Cordilleren; aber kein Baum erfreute das Auge, nur niederes Buschwerk stand in den Thälern, und an den Seitenhängen hin kletterten Ziegen und hier und da auch Kühe und Maulthiere, und weideten das spärliche Gras ab. Das Wasser schien aber in dieser Gegend besonders rar, und wir hatten an dem Abend wirklich Mühe, einen guten Lagerplatz zu finden. Es war schon dunkel, als wir endlich eine ziemlich steile Felswand erreichten, unter deren Schutz wir ein Feuer anzünden und ein Stück Guanakafleisch braten konnten, aber keineswegs Holz genug da, die ganze Nacht ein Feuer zu unterhalten. Als wir unsere Mahlzeit beendet hatten, mußten wir es ausgehen lassen und legten uns, so gut das angehen wollte, in unsere Decken gewickelt, die Sättel unter dem Kopf, zur Ruhe nieder. Den Abend vorher war es aber gar nicht so kalt, und ich selbst auch wohl die warmen Nächte Mendozas noch gewohnt gewesen, kurz, ich gab mir gar keine besondere Mühe, mein Lager nach allen Regelndes Berg- und Waldlebens zu bereiten, sondern warf mich eben nur auf eine Decke hin und deckte mich mit dem /131/ Poncho zu. Dafür sollte ich aber auch büßen – ich fror die Nacht schmählich, und konnte mir im Anfang eigentlich gar nicht erklären, woher das kam, bis ich am andern Morgen das Wasser in dem neben mit stehenden Blechbecher – gefroren fand.
Das erste Zeichen, wie wir schon in die Berghöhen vorgerückt seien, machte sich hier bemerklich, und als wir ausrückten, fanden wir deren nur zu bald mehr. Der Bach, an dessen Ufer wir hinauf mußten, hatte überall Eis, so daß mein Maulthier an mehreren, wirklich abschüssigen Stellen verschiedene Male ausglitschte und zu stürzen drohte, jedesmal aber durch den ermunternden Zuruf der Führer wieder zu neuer Anstrengung angespornt wurde. Dieser Zuruf selbst aber hatte wirklich etwas Charakteristisches, und bestand nur in dem Worte: „oh mula, oh mula!“ – Dem strauchelnden Thier wurde nur zugerufen, daß es ein „Maulthier“ sei, und es so bei seinem Ehrgefühl auf die wirksamste Art angefaßt. Ein Maulthier und stolpern – nein, das ging gar nicht – der Führer hatte vollkommen Recht, und es nahm jetzt alle seine Kräfte zusammen, so daß wir Stellen glücklich passirten, auf denen Pferde Hals und Beine gebrochen hätten.
Höher und höher stiegen oder kletterten wir vielmehr hinauf, bis wir die mit dünnem Schnee bedeckten Kuppen erreichten – doch lange noch keine Cordilleren. – Diese an sich schon ziemlich hohen Berge haben auch den für den Wanderer, der hier schon Bedeutendes geleistet zu haben glaubt, allerdings nicht ermuthigenden und auch etwas unanständigen Namen der „Piojos der Cordilleren“. Hier fand ich selbst im Schnee die Spuren der Guanakas und des Puma oder amerikanischen Löwen, der die Höhen zu lieben scheint. – Die Fährte des letzteren war etwas größer als die des amerikanischen Panthers, und mein Führer versicherte mir, daß man das Thier zwar manchmal, aber doch nur äußerst selten am Tag zu sehen bekäme. Nachts aber, und selbst bei Mondschein, streife es umher und folge sogar manchmal den Fährten der Menschen, die es aber nie selber angriffe.
Auf dem höchsten Gipfel dieser Hügel, wie ich sie doch wohl nennen muß, öffnete sich uns aber auch plötzlich ein /132/ Panorama, das ich nun und nimmer vergessen werde. Unter uns, zu unsern Füßen, lag das unmittelbar die Cordilleren umschließende Thal, und schroff und scharf stiegen aus diesem empor die gewaltigen Bergen – die Riesenleiber in ihre weißen, blitzenden Schneedecken gehüllt und hineinragend in die Wolken mit den starren, zackigen Kronen.
Da hinüber wollt‘ ich armes schwaches Menschenkind – da hinüber, wo unberechenbare Schneemassen oft Berg mit Berg verbanden und die Schluchten in ihrer unergründlichen Tiefe bis zum Rand füllten – da hinüber, wo alles andere Leben in eisigem Frost erstarrt war, und selbst der Condor mit rascherem Flügelschlag die zackigen Eisfelder und Kuppen überflog? – Ja, da hinüber wollt‘ ich – und es war zugleich auch ein stolzes, freudiges Gefühl, daß gerade die schwache Menschenkraft es wagenkonnte, all‘ die Schwierigkeiten zu besiegen und sich die Bahn zu brechen, wo jede Bahn, jeder Fortgang unmöglich schien.
Der Himmel spannte sich in sich in freundlicher Bläue über der prachtvoll großartigen Winterlandschaft aus; nur der Windzug strich scharf da oben, wo wir standen, über die Kuppen hin.
Doch mein Führer war nicht der Mann, sich lange bei „Naturschönheiten“ aufzuhalten. – Er hatte die Cordilleren schon mehr gesehen und wollte in’s Thal, wo die Thiere nicht allein zu fressen bekommen, sondern er selbst auch mit seinen Leuten bessere Pflege erhalten konnten, wie wir sie in den letzten zwei Nächten gehabt. Bergab ging’s jetzt nun wieder scharf, und zwar so, daß wir den ersten Schnee bald hinter uns ließen und in ein sonniges, freundliches Thal hinabstiegen, wo grüne Myrtenbüsche, wenigstens auf eine Zeit lang die kahlen, nackten Felsen verdrängten. Die Sonne schien hier warm und erquickend, und gegen Abend entreichten wir dem Lauf eines kleinen Wassers in der letzten Stunde folgend, ein Haus. Dort fanden die Maulthiere, die sich die letzten Tage spärlich genug behelfen mußten, gute Wiede, und wir selbst ein vortreffliches Glas Mendozawein, uns daran zu erquicken.
Dies war das westlichste Haus der Argentinischen Re-/133/publik, und hier versorgten wir uns auch noch mit ein paar Hörnern voll Mendozawein, die wir über's Pferd hingen. Diese Art, Flüssigkeiten zu transportiren, ist übrigens so originell als praktisch. Ein paar gewöhnliche Ochsenhörner, natürlich so groß wie sie solche bekommen können, werden unten gerade abgesägt und mit einem fest eingesetzten und verpichten hölzernen Boden versehen, dann oben durch das spitze, harte Ende ein Loch hineingebohrt und ein Stöpsel draufgesetzt, und die Flasche ist fertig. Zwei solche Flaschen bindet man mit einem kurzen Ende Rohhaut - die hier überall den Bindfaden vertritt - zusammen und hängt sie solcher Art über den Sattel. - Schon von Buenos-Ayres hatte ich ein Paar solcher „Zwillinge", nur etwas kleiner, für Caňa (den Vorlauf von Rum, eins der angenehmsten und leichtesten spirituösen Getränke) mitgenommen.
An dem Abend spät kamen auch vier Guanakajäger mit fünfzehn mächtigen Hunden zurück, mit denen sie ein armes Thier in den Bergen zu Tode gehetzt hatten. Das ist die einzige Art, wie sie das Wild in dieser Gegend erlegen können, denn Feuergewehr führen sie nicht, oder wissen nur so mittelmäßig damit umzugehen, daß sie sich nicht darauf verlassen können.
Hier hatten sich unsere Maulthiere, die von da an, wie mein Führer sagte, in den Bergen nicht mehr viel Futter finden würden, noch einmal tüchtig satt gefressen, und die armen Thiere schienen es fast zu wissen, daß es jetzt einem für sie schlechten Terrain zugehe. So wie sich nur Einer der Einfriedigung näherte, spitzten sie schon die Ohren und liefen nach dem entferntesten Ende derselben, um nur nicht eingefangen zu werden. Arme Geschöpfe, das hilft euch nichts - der Lasso erreicht euch, wo ihr auch seid, und seiner fliegenden Schlinge, unter der ihr erschreckt und zitternd zusammenzuckt, entgeht ihr nicht.
Am nächsten Morgen - Sonnabend den 14. Juli - brachen wir früh auf, und zwar jetzt dem Eingang der Cordilleren, einem schmalen Thale zu, das sich der Tucunjado in die Felsen gerissen. Wir blieben an der linken Seite des Bergstroms, und ich mußte staunend sehen, wie sich die Spuren /134/ des jetzt allerdings niedern Stromes bis zu dreißig und vierzig Fuß über uns erhoben, und dann noch Zeugniß gaben wie er das nächste niedere Land überschwemmt habe. Eine furchtbare Gewalt muß es sein, die all' die tausend Wasser dieser ungeheuren Bergkette im Frühjahr sammelt und donnernd in's Thal hinabsendet, und nicht zu verwundern ist's dann, daß sie ganze Felsstücke mit fortreißt, und selbst an den steinigen Ufern mit Erfolg wühlt und gräbt, und ihr Bett verändert und erweitert.
Der Anblick des Gebirges war von hier wahrhaft wundervoll. - Wie eine riesige Wand lag die ganze fest in sich zusammengedrängte Masse der eigentlichen Cordilleren, des Rückenmarks eines ganzen ungeheuren Welttheils, gerade und hoch aufstrebend vor uns, und eine zackige Schneemasse krönte die gewaltigen Gipfel. Aber es sah nicht aus, als ob der Schnee auf diese Berge niedergefallen wäre, sondern der ganze obere Theil der Gebirgsmasse schien aus Schnee und Eis zu bestehen, so blitzte und funkelte und strahlte es im hellen fröhlichen Sonnenlicht. Nur hier und da, wo die senkrecht niederschießenden Hänge so schroff und glatt abfielen, daß auch nicht eine Flocke daran hatte haften können, zeigte der alte Berg die nackten Glieder und verrieth dadurch die ungeheuren Schichten des gefangenen Schnees, der in seine Zacken hineingeweht worden, und dort Schluchten ausfüllte, in denen andere Gebirge Raum gehabt hätten.
Im Anfang war der Weg ziemlich gut, d. h. steinig und abschüssig genug, aber doch breit und nicht gefährlich - wir waren ja einmal in den Bergen, wo es eben keine Chausseen mehr giebt. Je weiter wir aber hineinkamen, desto höher mußten wir auch hinauf, und desto näher traten von beiden Seiten die Gebirge zusammen, so daß der jetzt plötzlich ganz schmale Pfad schon anfing an steilen bröcklichen Schluchten hinzuführen, und die Maulthiere nicht mehr die Wahl hatten wo sie gehen wollten, sondern sich auf den einen schmalen Weg verwiesen sahen. Oft passirten wir jetzt Plätze, wo links der Abgrund viele hundert Fuß steil unter uns lag, während rechts schroffe vorragende Felsstücke jedes Abdrängen davon auf das Unerbittlichste versagten. So allmälig kamen /135/ wir aber in diesen Engpaß hinein, und so viel des Neuen umgab mich zu derselben Zeit, daß ich im Anfang kaum auf den Weg achtete. Mein Blick hing in den steilen, jäh niederschießenden Schluchten, die oben von weichen schimmernden Schneeschichten ausgefüllt, unten von grünen Myrtenbüschen bewachsen waren, und hier - dort drüben strich er mit langsam gewaltigem Flügelschlag - sah ich den ersten Condor, den Riesengeier dieser Berge. Hier aber begann ich auch zum ersten Mal die unendliche Größe dieser Gebirge zu ahnen, als der ungeheure Vogel, der so dicht an uns hingeflogen war, daß ich das scharfe Schlagen seiner Schwingen hatte hören können, nach dem gegenüberliegenden, nur wenige hundert Schritt entfernt geglaubten Hang hinüber und weiter und weiter strich, und die Hänge immer noch nicht erreichte, und zuletzt so klein aussah wie ein junger Rabe.
Der Weg wurde aber wirklich immer schmaler, und wo er sich vor uns in Schlangenlinien dicht um die Felsen schmiegte, schien es mir plötzlich, als ob er dort vollkommen aufhöre. Mein sonst gewiß scharfes Auge konnte nicht die Spur eines Aussprungs mehr entdecken, und doch befanden wir uns schon mehrere hundert Fuß über dem kleinen Strom, der tief unter uns wie ein Milchbach über Felsenblöcke dahinsprudelte - und hinauf? - lieber Gott, die ganzen Cordilleren lagen noch wie in e i n e r schroffen Felsmasse über uns, und da hinauf konnte der Pfad unmöglich gehen. - Aber der helle Streifen, der eigentlich nur wie eine Ader in dem dunkleren Gestein aussah, konnte doch auch wahrhaftig nicht der Pfad sein, auf dem wir, an solchem Abgrund hin, mit unseren Thieren die Bahn suchen sollten.
Doch ich durfte nicht mehr so weit vorausschauen, die nächste Nähe nahm bald meine ganze Aufmerksamkeit voll kommen in Anspruch, und es fing schon an, einige Selbstüberwindung dazu zu gehören, das Thier, das ich ritt, an solchen Stellen nicht l e i t e n zu wollen. Mein Führer hatte mir aber besonders angerathen, an irgend einem, mir vielleicht gefährlich scheinenden Paß dem Maulthier nur ganz ruhig und unbesorgt den Zügel zu lassen, denn d a s wisse gewöhnlich am allerbesten wohin es treten müsse, seine Knochen /136/ gesund und unzerbrochen über die Berge zu bringen – und nun - wahrlich das war die Stelle von der ich schon früher gehört - an deren Fuß unten Massen von Maulthieren zerschmettert lagen, und wo ein einziger Fehltritt Thier und Reiter – todt, ehe sie den Boden erreichten – in die Tiefe senden mußte. Dabei führt der Maulthierpfad auch gerade am alleräußersten Rande hin denn die Maulthiere müssen mit ihren Packen, so weit vom Felsen abgehen wir nur möglich, da sie, sobald sie an diesen fest anstoßen, verlorensind. Für den an solche halsbrechende Partien nicht gewöhnten Europäer hat es aber etwas höchst Fatales, das Thier, auf dem er reitet, scheinbar über den Abgrund fortschreiten zu sehen, während doch zur Rechten noch gewiß sechs Zoll Raum sind, die es wenigstens ein klein wenig von dem gähnenden Schlund abbrächten. Auch mir kam es so vor, und als ich, scheu zwischen dem Steigbügel und der Schulter des Thieres hinunterschauend, in die Tiefe blickte und dort, Gott weiß wie tief unten, die Massen von Maulthiergerippen sah, die mahnend zu mir heraufstarrten, da griff ich fast unwillkürlich dem Thier, das ich ritt in die Zügel, und that dadurch etwas, was der Reiter auf solchen Stellen nur im äußersten Nothfall thun sollte – ein Anderere mag da abere auch fischblütig zusehen.
Dadurch nämlich, daß ich den Kopf meines Maulthiers vom Abgrund wegzudrängen suchte, verlor dieses seinen sichern Schritt, trat zur Seite, stieß mit der Satteltasche an den Felsen an, erschrak wahrscheinlich selber darüber und – nein, lieber Leser, wir stürzten nicht zusammen da hinunter, sonst könnte ich Dir meine Fahrt hier nicht erzählen – es stolperte nur. Aber wie es fehltrat und der Stein, an den es stieß, nur eben vielleicht einen Zollbreit von seiner Stelle gestoßen wurde und auch gleich geräuschlos in die Tiefe stürzte, da – ja, ich brauch mich deß nicht zu schämen, denn es war mir allerdings n i c h t gleichgültig, ob ich hinunterfiel oder oben bleib – da lief’s mir doch eiskalt und fröstelnd den Rücken hinunter, und es war als ob mir das Blut in den Adern stockte. Die Maulthiere sind aber vortreffliche Ge-/137/schöpfe, und wenn ich auch nicht eingebildet genug bin zu glauben, daß es sich nur meinetwegen bemüht habe wieder festen Fuß zu fassen, so that es das doch seines eigenen langohrigen Selbst willen. Gleich darauf schritt es wieder so ruhig und sicher, als ob gar nichts vorgefallen gewesen und wir nicht Secunden lang am Rand eines entsetzlichen Grabes gehangen, über die gefährliche Stelle hinweg. Ich ließ ihm aber von da an, besonders an solchen Orten, den Zügel vollkommen, und habe mich nur wohl dabei befunden.
Diese Stelle war aber keineswegs, wie ich früher immer geglaubt, nur wenige Fuß, sondern im Gegentheil viele hundert Schritt lang, und ich fand jetzt daß alle die Plätze, wo ich den helleren bandartigen Streifen um steile Felshänge herum schon vorher mit den Augen verfolgt hatte, wirklich ein eben solcher, oder doch wenigstens ganz ähnlicher Pfad waren, dem wir, wir mochten jetzt wollen oder nicht, treu bleiben mußten. An den meisten Orten hätten wir die Maulthiere nicht einmal wenden können.
Trotzdem soll es doch etwas ungemein Seltenes sein, daß ein Thier mit einem Reiter in diese Tiefe stürzt, und die meisten, die hier verunglücken, sind Lastthiere, und zwar alte Lastthiere, die von den jungen, zum ersten Mal diese Bahn beschreitenden, hinabgedrängt werden. Das junge Thier stößt nämlich im Anfang gewöhnlich zuerst ein paar Mal mit seinen Packen an die Felsen und wird dadurch von selber dem äußersten Rande der gefährlichen Bahn zugewiesen. In den vor ihm gähnenden Abgrund kann aber das arme erschreckte, von dem Treiber noch gepeinigte Thier nur mit Entsetzen hinabschauen, und um diesem Anblick zu entgehen, drängt es jetzt in ängstlicher Hast, unbekümmert ob seine Packen gegen den Fels anschlagen, den Kopf zwischen das ihm nächste, vor ihm gehende Thier und den Felsen hinein, und das arme, also mit Gewalt dem Abgrund zugeschobene Wesen stürzt, so kaum wenige Zoll von dem äußersten Rand entfernt, vielleicht mit einem Fuß schon auf einem schwankenden Steine stehend, rettungslos in die Tiefe.
Ist der Fluß nicht zu hoch, dann gehen wohl einige der Treiber zurück, am Tucunjado unten hinzuklettern und wenigstens /138/ die Packen und den Sattel noch zu retten. Hat es aber kurz vorher geregnet, so dürfen sie das nicht einmal wagen, denn der Strom schwillt manchmal so reißend schnell an, daß sie, in der engen Schlucht von ihm überrascht, vielleicht selbst ihr Leben noch dabei einbüßen könnten. Tritt erst einmal das Wasser aus dem schmalen Bett, dann ist auch Alles was in seinen Bereich kommt verloren.
Eine andere böse, ja fast noch schlimmere Stelle als die vorige hatten wir nur wenige Stunden später an demselben Felshang zu passiren. Der Weg war hier eben so schmal der Abrund eben so tief und noch dazu eine Schneewehe, oben von den Bergen herunter, gerade darüber hingestürzt, so daß man den Pfad nicht einmal unterscheiden konnte. Der Führer war vorangeritten und durch ein Felsstück meinen Augen entzogen worden, so daß ich nicht bemerkte ob er im Sattel geblieben oder abgestiegen war, ich ritt denn auch ruhig fort, bis ich plötzlich dicht vor der schmalen bösartigen Schneewehe stand, wo das Thier im wahren Sinn des Wortes einen durch den darüber gestürzten Schnee noch unsicherer gemachten Pfad von höchstens vier Zoll Breite hatte, und die hinter mir herkommenden Peons riefen mir plötzlich mit lauter Stimme zu „abzusteigen“.
Das war eine höchst interessante Lage - den einzigen Platz, wo man noch absteigen konnte, hatte ich versäumt – links hinunter, wie es sich gehört, konnte ich gar nicht, denn auch kein Zollbreit Raum war da, auf dem ich hätte fußen können, und rechts stieg dicht am Maulthier der Felsen empor- zurück konnt‘ ich eben so wenig. Da half also kein langes Besinnen, ich mußte, so gut das gehen wollte, an der rechten Seite des Thieres hinunter, zwischen dieses und den Felsen hinein – wobei sich das arme Wesen, das natürlich fürchtete, den Abgrund hinabgeschoben zu werden, so fest als es nur möglicher Weise konnte, gegen mich anpreßte. Nichtsdestoweniger gelang es mir endlich – ich kroch dann unter seinem Kopf vor und schritt langsam den schmalen Pfad im Schnee – der übrigens kaum sechs Schritt lang war, voran – das Maulthier folgte, und wir legten auch diesen Weg glücklich zusammen zurück. /138/ Der Weg blieb von da an wohl noch immer schmal und gefährlich, wir waren aber durch diese Engpässe so an Schluchten und Abhänge gewöhnt worden, daß ich schon anfing einen Pfad von drei Fuß Breite neben einem gähnenden Abgrund hin für etwas Chausseeartiges zu halten und dem Thier dabei unbekümmert die Sporen gab.
„Aber warum steigt der Reiter überhaupt an solchen Engpässen nicht ab?“ fragt hier der Leser, und eigentlich mit ganz gutem Grund – „es ist doch tausendmal besser ein paar Meilen zu Fuße zu gehen und einfach das Maulthier und seine Satteltasche zu riskiren, als Leib und Leben leichtsinniger Weise im Sattel preiszugeben.“
Ein richtiger Grund existirt dafür freilich nicht – die Bergbewohner bleiben aber im Sattel – sehr wahrscheinlich weil sie zu faul sind, den Weg zu g e h e n - und der Fremde, der manchmal diese Stellen besucht, scheut sich dann gewöhnlich weniger Muth zu zeigen – wie er nämlich glaubt – als diese, sich sich nur w u n d e r n würden wenn er ginge, daß er sich einer solchen Unbequemlichkeit unnützer Weise aussetzt. Daß sie zerschmettert werden würden, wenn ihr Maulthier einen falschen Schritt thut, wissen sie dabei recht gut, aber auch eben so genau was ihr eigenes Leben werth ist – und das scheint sich dann meistens des Absteigens nicht zu lohnen.
Die Nacht lagerten wir an der Schneegrenze, und es war, da wir auch nicht einmal Holzu zu einem ordentlichen Feuer hatten, ziemlich kalt. An Auslagern aber gewöhnt, richtete ich mir mein Lager mit Hülfe des Sattels und meiner Decken so gut her, daß ich weich und warm bis zum nächsten Morgen schlief, und der Führer, ein Chilene, der die Berge schon gar oft passirtwar, gab mit das höchst schmeichelhafte Zeugniß – „Wenn ich auch wirklich nichts verstände, wüßt‘ ich doch wenigstens mein Bett zu machen“.
Unsere Thiere fuhren hier sehr schelcht. – Nicht ein Grashalm wuchs dort für sie, an dem sie sich hätten letzen können; nur hier und da gelbes, strohartiges Gestrüpp, das noch vom Sommer her die dürren, saftlosen Halme aus einzelnen Ritzen vorsteckte, wo vielleicht vor Jahren Maulthier-/140/dünger ein wenig Fruchterde gesammelt hatte. Selbst einen Schluck Wasser zu bekommen, mußten sie mehrere hundert Fuß eine steile bröckliche Schlucht hinunterklettern, dort mit Lebensgefahr saufen, und dann wieder, müde wie sie waren, heraufklimmen - und nachher keinen Bissen zu fressen. Als ich sie übrigens bedauerte, meinte der Führer ganz ruhig: - „Oh, heute ist nur der erste Abend, da spüren sie noch nichts; wenn's aber länger dauert, geht's ihnen freilich hart an. Doch sind sie zäh und können ungemein viel aushalten." Und länger mußte es allerdings dauern, denn vor uns lagen die Schneegebirge, und ich zweifelte sehr daß ihnen dort oben selbst die schwache Erholung gewährt werden würde, Zahnstocher zu kauen.
Von hier ab verließen wir aber auch den harten, festen Boden und betraten die Schneeregion, die wir bis dahin sich fortwährend über unseren Köpfen hin, aber doch näher und näher hatten ziehen sehen. Jetzt reichte sie bis zu uns nieder, und wie abgeschnitten fast liefen plötzlich erst ein paar Windwehen über den Pfad hinüber, vielleicht zwanzig Schritt breit und eben so viel Raum hart gefrorenen nackten Steinbodens zwischen sich lassend, und dann plötzlich begann sie in einer ununterbrochen öden blitzenden Fläche. - Der Winter hatte sein Leichentuch über die schlummernden Cordilleren geworfen, und die kecken Menschenkindlein wagten, es mit Füßen zu treten.
Sonntag den 15. Juli machten wir nur einen kurzen Marsch, denn die Peons hatten, anstatt ihre Vorbereitungen in Mendoza zu treffen, wie sie vorgegeben, alles das versäumt, und vergeudeten nun hier einen ganzen Tag, ein Taschentuch voll Kohlen zu brennen und ihre Schneeschuhe herzurichten. Unter Schneeschuhen darf sich der Leser aber nicht die in Nordamerika gebräuchlichen weidengeflochtenen Gestelle denken. Die hiesigen sollen nicht dazu dienen über den Schnee hinzulaufen, sondern nur denselben von den Füßen abzuhalten, und diese werden deshalb erst in ein weiches Schaffell dicht eingeschlagen und umwickelt, und bekommen dann noch eine feste rindslederne Sohle, was, wie sich später zeigte - Klima und Umständen auf das Vortrefflichste angemessen ist. /141/
An dem Hügel nun, wo wir lagerten und die Kohlen brannten, hatten wir schon eine ganze Weile auf unsern Führer gewartet, der vor etwa einer Stunde zurückgeblieben war, und jetzt erst, viel später eintraf. Endlich kam er und trug etwas, dem Anschein nach ziemlich Schweres und Umfangreiches in seinem Poncho. Ich glaubte erst, es seien Kohlen, er aber bog sich zu mir über, öffnete den Poncho und zeigte mir eine wahre Unmasse der vortrefflichsten Rosinen - Traubenrosinen im Schnee. „Wo er die her habe?" war wohl die erste und natürlichste Frage; er aber zeigte lachend nach einer gar nicht entfernten, ebenfalls mit Schnee zum großen Theil bedeckten Felswand hin und versicherte mir: von dort her, und es seien noch eine ganze Menge dort. - Das war jedenfalls ein Naturwunder. - Konnten die Trauben hier an einem, vielleicht vor der Kälte geschützten Ort gereift und zu Rosinen geworden sein? - aber diese Süße - den Ort mußte ich unter jeder Bedingung in Augenschein nehmen, und trotz des tiefen Schnees machte ich mich, da die Maulthiere abgesattelt standen, zu Fuß auf, dies Naturwunder zu besuchen.
Fünfhundert Schritt mußt' ich etwa gehen, da überschritt ich einen kleinen niedern Hügel, kam zu den bezeichneten Felsen und fand - keine Rebenstöcke mit aus dem Schnee vorragenden Trauben, wie ich sie höchst romantischer Weise wirklich erwartet, sondern einige zwanzig hier verlassen stehende Kisten mit Rosinen, die ein vom Schneesturm überraschter Maulthiertrupp hatte zurücklassen müssen, um nur Menschen und Thiere in Sicherheit zu bringen. Und diese hier durch Zwang den Vorbeipassirenden preisgegebenen wurden so von Denen respectirt, die selbst nur zu oft mit Waaren durch die Berge zogen, und denen jeden Tag Gleiches passiren konnte? - Als ich noch dastand und kopfschüttelnd den hier halb im Schnee vergrabenen Vorrath betrachtete, von dem schon zwei Kisten fast ganz geleert und eine dritte angebrochen waren, kam einer unserer Peons auf seinem Thiere ebenfalls herangesprengt und begann ohne weitere Umstände seine mitgebrachten Satteltaschen zu füllen. Ich machte ihm, so gut ich das vermochte, Vorstellungen des-/142/halb, er lachte aber nur und meinte, „wenn er es nicht nähme, nähmen es Andere," wie Figura zeigte, und schien, darin überhaupt gar nichts Außerordentliches zu finden, daß er fremdes Eigenthum plünderte.
Das Kohlenbrennen selber war ein höchst einfaches Geschäft. - Mit ihren langen Messern gingen die Burschen daran, das Holz der kleinen niederen Büsche, die hier noch wuchsen, abzuhauen oder da, wo es sich brechen ließ, niederzubrechen, und schafften das jetzt Alles auf zwei ziemlich hohe Haufen, die sie zusammentraten, so gut das eben gehen wollte und dann anzündeten. Als das Holz zu Kohle heruntergebrannt war, überdeckten sie den jetzt ziemlich klein gewordenen Haufen mit etwa drei Zoll Erde und ließen das Feuer ausgehen. Die ganze Kohlenmasse betrug solcher Art etwa fünfzehn Pfund, die sich einer der Peons am andern Morgen in ein altes Hemd band und auf den Rücken warf, und ich meinestheils sah noch nicht recht ein, wie wir mit der Kleinigkeit Feuerung durch den ganzen Schnee kommen wollten - wenn es nicht unterwegs Aushülfe gab - und gab es die, wozu dann überhaupt die Kohlen? Doch es wäre thöricht gewesen, sich jetzt mit solchen Sachen den Kopf zu zerbrechen, und ich schlenderte indessen ein wenig an dem Hügel herum, um zu sehen, ob ich nicht die Fährten irgend eines wilden Thieres im Schnee erkennen könnte.
Fuchsfährten, die wenigstens den unsrigen auf ein Haar glichen, schienen viele da zu sein, von einem größeren vierfüßigen Raubthier konnte ich aber nichts weiter erkennen - nur ein Strauß mußte sich hier in diese Schneewüste hinausgewagt haben - hier im Schnee und dort im weichen, feuchten nackten Boden ließen sich die mächtigen Spuren des Thieres auf das Genaueste erkennen. Als ich aber meinen Begleitern von einem avestruz erzählte, lachten sie laut auf und der Führer meinte, der Strauß ließe sich nicht, selbst in den ersten und niedrigsten Hügeln, besonders nicht im Winter, blicken, und wenn hier dem Boden die Spuren eines großen Vogels eingedrückt wären, so könne es eben nur der Condor sein. - Ich wollte erst gar nicht glauben, daß es einen Raubvogel auf der Welt gäbe, der eine solche Spur /143/ hinterlassen könne, und hatte an einen Condor in der That anfangs gar nicht gedacht. Bei genauerer Untersuchung fand ich aber doch daß der Mann Recht habe; die Krallen gingen tief, tief in den Boden hinein, wo das kolossale Thier hingetreten hatte, und selbst der Schritt war einwärts, nicht gerade gestellt wie beim Strauß.
Nicht weit von dort, wo wir uns jetzt befanden, sollte auch, der Aussage meiner Führer nach, una casa, ein Haus an der sogenannten punta del vaca stehen, wo wir noch an diesem selben Abend übernachten wollten. Meine Erwartungen darüber, als wir es etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichten, waren aber, wie ich mir dort gestehen mußte, etwas zu exaltirt gewesen. Wir fanden nur eine kleine niedere und vorn offene, roh aus Steinen errichtete, und mit Reisig und Erde gedeckte Doppelhütte, und ringsum tiefen Schnee, selbst kein Holz ein Feuer anzumachen, und nur einige früher einmal hier zurückgelassene Kohlen.
Und was bekamen die Maulthiere zu fressen? - nichts - zum Wasser wurden sie einmal getrieben, und dann mußten sie die ganze Nacht, ohne auch nur einen Grashalm zu bekommen, mit den wundgescheuerten Rücken in der kalten Hütte stehen; ja selbst wenn sie am andern Morgen von hier zurückgingen, konnte ihnen erst der nächste Abend Nahrung bringen.
Die Maulthiere sind wirklich nach dem Kameel wohl die zähesten, ausdauerndsten Lastthiere der Welt; denn welches andere Geschöpf hätte das bei schwerer Arbeit ausgehalten, zwei Tage in die Gebirge und einen wieder hinaus, ohne eine Hand voll ordentliches Futter - ja zwei Tage davon, auch ohne nur einen Grashalm zu sehen, bergauf bergab zu marschiren und an Hängen hinzuklettern, wo sie sich manchmal ordentlich mit den Hufen festhalten mußten. - Im Sommer, wenn sie die ganze Tour über die Cordilleren zurücklegen können, haben sie's übrigens nicht besser, und sind häufig vier volle Tage auch gänzlich ohne Futter, wo sie dann den trocken gewordenen Dünger anderer Maulthiere, als einziges zu erreichendes Nahrungsmittel, verzehren - und dabei bestehen. /144/
Manchmal halten sie's aber auch nicht aus, wenn der rohe, gefühllose Mensch Last auf Last auf ihren Rücken ladet und die erschöpften Glieder in den steilen Bergen endlich den Dienst versagen; Zeugniß davon geben die Unmassen von Maulthiergerippen, die überall an dem ganzen Weg durch die Cordilleren liegen, und die da, wo sie starben, auch unter ihrer Last erlagen und eben ruhig ihrem Schicksal überlassen wurden. Die Condors und andere Raubvögel reinigen dann in ungemein schneller Zeit das Aas, und an dem Gerippe vorbei - nie darüber hinweg - suchen sich die nachkommenden Maulthiere die Bahn.
Am nächsten Morgen standen wir früh zum Marsch gerüstet. Zu meinem Erstaunen that aber mein Führer gar nicht so, als ob er überhaupt beabsichtige seinen Fuß in Schnee zu setzen - und in der That beabsichtigte er das auch wirklich nicht. Er eröffnete mir jetzt, daß er mit den Maulthieren hier umkehren werde, ich aber mit den Peons meinen Weg weiter und allein suchen müsse. Auf der andern Seite der Cordilleren würde ich dann von seinem Vater, der dort an-sässig wäre, andere Pferde bekommen, die mich nach Valparaiso brächten. Ich verstand zu wenig Spanisch, um dagegen ernstlich zu protestiren; im Grunde war mir's auch wirklich einerlei, wenn er nur drüben sein Wort erfüllte, und wir brachen jetzt, nachdem ich gegen den Schnee alle möglichen Vorsichtsmaßregeln gebraucht, auf, unsern beschwerlichen und, wenn ein Unwetter eintrat, auch wirklich gefährlichen Weg so rasch wie nur immer möglich zurückzulegen.
Die Schreckensgeschichten nämlich, die man mir von einem Wintermarsch durch die Cordilleren erzählt hatte, gingen wirklich in's Unglaubliche. - Wie Viele waren schon in dem Schnee, wenn die Sonne daraus schien, erblindet - wie Viele in plötzlichen „temporale" erfroren. - Bestätigt ist, daß einmal in den argentinischen Kriegen ein ganzer Trupp der feindlichen besiegten Truppen in Winterszeit in die Berge flüchtete, um nach Chile zu entkommen, und dort in den hier und da errichteten kleinen Steinhäusern jämmerlich verhungerte oder erfror. Kurz, alle diese Erzählungen hatten keinenfalls viel Ermuthigendes und konnten nur dazu dienen, mir den /145/ ganzen Weg als etwas Entsetzliches erscheinen zu lassen. Bald fand ich jedoch, daß wenigstens der Anfang nicht so gräßlich sei, als er geschildert worden. - Die grüne Brille, die ich in der Tasche trug, meinen Augen im Nothfall zu Hülfe zu kommen, blieb eben in der Tasche; ich brauchte sie gar nicht, obgleich die Sonne gewiß aus besten Kräften auf den blendenden Schnee herniederblitzte. - Ei, zum Wetter, unsere deutschen Schneeflächen sind so weiß wie die der Cordilleren, die Sonne scheint dort eben so hell, und man trägt doch keine grünen Brillen. Auch fand ich bald, daß ich am Körper vollkommen warm genug gekleidet sei, denn die scharfe Bewegung thut auch schon das Ihrige, ihn zu erwärmen. So wanderten wir denn (ich voran, um im Thal hinauf eine Bahn zu treten, in der mir die mit meinem Sattel und Provisionen Beladenen leichter folgen könnten) zwar langsam, denn der tiefe Schnee ließ keine Eilmärsche zu, aber doch rüstig vorwärts, und hatten jetzt, wenn wir einmal ausruhen wollten, kein anderes Lager als den Schnee oder einen durch den Wind von seiner Decke befreiten Felsen.
Hierbei muß ich aber noch eines höchst nützlichen Meubles Erwähnung thun, das jeder Gebirgswanderer bei sich und auch wirklich nöthig hat. Es ist dies ein Stuhl - aber weder von Mahagoni noch Kirschbaum, weder gepolstert noch rohrgeflochten, weder drei-, vier- noch einbeinig, und überhaupt kein Stuhl, wie wir ihn eigentlich in civilisirten Ländern zu sehen gewohnt sind, sondern einzig und allein ein Schaffell, das umgürtet wird und hinten bis tief unter den „letzten Rückenwirbel" hinunterhängt. Mit dem kann man sich getrost auf den Schnee niederlassen, man wird sich nicht erkälten, und es liegt stets aus der rechten Stelle.
Unser Weg lag noch immer an dem kleinen Fluß hin, dessen Lauf wir schon aus dem Thal herauf gefolgt waren; als wir aber die erste Felsenspitze umschritten, die über der punta del vaca hinauslief und diesen Platz etwas gegen die Nordweststürme schützte, breitete sich ein Schauspiel vor unseren Blicken aus, das ich nie im Leben vergessen werde.
Tief in das Gebirge hinein dehnte sich ein weites Thal, und himmelauf an beiden Seiten, obgleich wir doch schon /146/ mehrere Tage aufwärts geklettert waren, starrten die Berge empor in wilden, phantastischen Massen; hier durch gewaltige Schneewehen zu einem glatten, fast abgerundeten Ganzen zusammengegossen, dort wieder wie Riesen, die gewaltsam den drängenden Schnee von sich abschüttelten, schroff und nackt auseinander gerissen. Der Anblick war furchtbar schön, und ich blieb wirklich erstaunt vor dem prachtvollen Panorama stehen, das sich in einer Ausdehnung vor mir ausbreitete, von der ich damals selber keinen Begriff hatte. - Ich wußte noch nicht, wie nahe die dünne, durchsichtige Luft uns in solcher Höhe selbst die entferntesten Gegenstände rückt. Meine beiden Begleiter benutzten diese Gelegenheit, ihren ersten Ruhepunkt zu machen, und ihr wunderliches monotones Singen lenkte meine Aufmerksamkeit zuerst wieder von den kühnen Contouren der mich umgebenden Gebirgsmassen ab und den beiden Burschen zu, die allerdings originell genug aussahen. Meine Banditen waren, wie schon gesagt, stehen geblieben. Den Oberkörper jetzt vorn überbiegend, während sie sich mit beiden Händen auf den langen Stab stützten, brachten sie die nicht überschwere Last gerade auf ihren Rücken, murmelten oder sangen eine Art Lied, das nur aus zwei Tönen bestand, und gönnten so den „Hüftknochen", wie sie meinten, eine kurze Rast.
Das geschehen, und als sie sahen daß ich ebenfalls wieder marschfertig war, richteten sie sich empor, und weiter ging's einem kleinen runden Gebäude, einer sogenannten casucha zu, die wir deutlich und, wie es schien, in gar nicht großer Entfernung vor uns konnten liegen sehen. Meiner Berechnung nach glaubte ich wenigstens, daß wir in zwei, spätestens drei Stunden recht gut müßten dort sein können. Zu meinem Erstaunen marschirten und marschirten wir aber den ganzen Tag bis Abends fast zu Sonnenuntergang, und als wir endlich ihren Eingang erreichten und ich zurückschaute, sah der Berghang, an dessen anderer Seite die punta del vaca lag, gerade so aus, als ob eine Büchsenkugel bis dorthin getragen haben würde - und wir waren den ganzen Tag gewandert.
Von Morgens bis Abends hatten wir nun allerdings nur /147/ vier Leguas zurückgelegt, waren aber doch so erschöpft, als ob wir sechzehn gemacht hätten. Das Waten in dem tiefen Schnee ermüdet ungemein, noch dazu, da der Fuß gar keinen festen Haltpunkt findet, auf dem er Grund fassen kann. Die Schneeschichten sind allerdings viel zu tief und der ballende Schnee läßt den Körper schon nicht ganz hinunter, nur beim Heben desselben geben sie wieder nach und gewähren so nie einen festen, sichern Tritt.
Eine nähere Erwähnung verdienen jedoch hier diese im Lande sogenannten casuchas, ohne deren Hülfe eine Winterreise durch die Cordilleren, wenn nicht unmöglich, doch mit steter Lebensgefahr verknüpft wäre. Es sind kleine einfache Hütten, aus Backsteinen und zwar gewölbt gebaut, um dem Wanderer bei etwa eintretendem Schneesturm ein Obdach zu bieten. Zu diesem Zweck stehen sie auch auf wohl zehn bis zwölf Fuß hohem Mauerwerk, zu dem eine Treppe hinaufführt, damit sie nicht so leicht verweht werden können. Bequemlichkeiten bieten sie freilich weiter keine, als eben nur die vier nackten Wände und die Nähe des Wassers, denn Feuerung muß sich Jeder, will er sie haben, mitbringen. Nicht selten geschieht es dabei, daß bei einem recht scharfen Schneesturm Reisende schon acht, vierzehn Tage, ja vier Wochen in ihnen festgehalten wurden und dann vor Kälte und Hunger fast umkamen. Noch der letzte Correo, der nach Chile hinüberging, war genöthigt, elf volle Tage in einem dieser kleinen Rettungshäuschen beizulegen, weil Schnee und Sturm ihn keinen Schritt weit hinausließen. Ohne dieselben wäre der Reisende aber gewiß rettungslos verloren, überraschte ihn nur das geringste Wetter; denn er ist erstlich nicht im Stande genug Feuerung mitzunehmen, um sich auch nur eine Stunde an jedem Abend warm zu halten, und die furchtbaren Schneewehen, die solchen Temporales eigen sind, würden ihn bald bedecken und vernichten. In der Argentinischen Republik liehen diese casuchas nur etwas zu weit von einander entfernt, und wer gerade in der Mitte zwischen zweien einmal von einem tüchtigen Wetter überfallen wird, kann von Glück sagen, wenn er mit dem Leben davonkommt.
Wir fanden einige Kohlen in dieser casucha, brauchten /148/ also unsern kleinen Vorrath nicht gleich anzugreifen, und machten uns etwas kochend Wasser zu Thee und einer „Charquesuppe", die ich dem Leser in der That nicht appetitlich genug schildern kann.
Zuerst muß ich ihm freilich die N o t h w e n d i g k e i t der Suppe überhaupt darthun. Das Charque, oder getrocknete Fleisch, war nämlich so hart geschlagen und so zäh, daß es erst wieder zwischen zwei Steinen zermalmt und dann in heißem Wasser halb aufgelöst werden mußte, um nur einigermaßen genießbar zu werden.
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