Читать книгу: «Route 66»
Hans-Christian Kirsch
Route 66
Auf der Straße der Träume von Chicago nach L.A.
FUEGO
– Über dieses Buch –
Hans-Christian Kirsch erzählt hier Geschichten von dem legendären Highway, wie sie in klassischen Reiseführern nicht vor kommen – mit jeder Menge Details und Infos über diese legendäre Straße. Dabei geht der Autor auf das Land, die Leute, ihre Sitten und Bräuche ein. Er schildert kuriose und spannende Dinge welche sich immer auf die Route 66 beziehen. Er berichtet über die Städte, die an der Route 66 liegen. Er schildert historische Begebenheiten - von der Zeit Al Capones in Chicago, über die indianische Vergangenheit in Oklahoma, über das Leben des Folk-Sängers Woodie Guthrie. Das Buch beinhaltet viele Zitate und Auszüge aus anderen Werken und bietet eine gute Grundlage für weitere Recherchen. Eine etwas andere Art Reisebericht, das, was in den neuesten Reiseführern nicht steht, lesenswert und spannend.
Eine unterhaltsame Anregung für eine gedankliche Traumreise, aber natürlich auch unentbehrlich zur Vorbereitung auf die große Tour.
»Wir suchen im Schriftsteller den Freund, mit dem wir Intimes austauschen. Wir wünschen ihn, mehr als in ausgerundeten Romanen und gestellten Kulissen, in Tagebüchern und Briefen über seinem mystischen Eigentum anzutreffen und dort Signale mit ihm zu tauschen, in denen er sich, wir uns, endgültig und vorbehaltlos zu erkennen geben. Das ist hilfreich. Das führt uns in brüderlicher Vereinigung durch die Gewalten der Gegenwart...«
Werner Helwig
»Alle reden von ›community‹. In einer Zeit, in der das Wehgeschrei über den Verfall der Werte und traditionellen Bindungen groß ist, hat die Gemeinde Konjunktur. (...) Es war der Barbershop, der Kleiderladen, das Schmuckgeschäft, das Kino, wo das wahre Amerika wohnte. Der Ort, wo sich alle noch mit dem Namen grüßten, war die Mainstreet. Der Dichter Sinclair Lewis hat ihr in seinem gleichnamigen, 1920 erschienenen Roman ein literarisches Denkmal gesetzt. Die US 66 nannte man auch deshalb die ›Mainstreet of America‹, weil sie durch das Herz des Landes führte und dabei Hunderte kleiner Ortschaften und deren Hauptstraßen berührte.«
Bernd Polster und Phil Patton,
Highway — Amerikas endloser Traum

Vorwort
Hallo Petra, Carol, Gaby, Barbara und noch einmal Barbara; hallo Rita, Maria, Antje, Beatrix, Dagmar, Ingrid, Marietta, Regina, Sandra, Irmi, Martina, abermals Petra und Regine. Hallo Rolf, Rainer, Franz, Martin, Hanspeter, Jürgen, Bernd, Frank, Alexander, Joachim, Arne (wie geht’s dem Armreif, der dich heilen sollte?). He, Volker (was macht die Wetterfahne aus Santa Fe?). Ein Hallo auch dir, Bernd-Friedrich, Sheriff mit dem einen PS. Wo steckt ihr alle in the best of all possible worlds? Wie Heinrich Heine sagte:
»Eine große Landstraß’ ist unsere Erd’,
Wir Menschen sind Passagiere;
Man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd,
Wie Läufer oder Kuriere.
Man fährt vorüber, man nicket, man grüßt
Mit dem Taschentuch aus der Karosse;
Man hätte sich gerne geherzt und geküßt,
Doch jagen von hinnen die Rosse.«
Ab und zu bekommt man eine Karte aus San Francisco, Bombay, Berkeley oder Hongkong. Dies ist eine Welt der Reisenden! Keine Angst, nachdem ich euch (hoffentlich alle) begrüßt habe, werde ich euch nie mehr erwähnen. Nicht all die Happy Hours mit Whiskey, Gin Tonic und kalifornischem Wein, nicht die durchtanzten Nächte – wo war das noch gleich ...? In Amarillo oder in Santa Fe? Nicht die im Grand Canyon beinahe nötig gewordene Rettungsaktion mit der amerikanischen Bergwacht! Guess for whom? Nicht die gewonnenen und verspielten Dollarsummen in Las Vegas. Nicht die Einkaufsorgien in Santa Fe und L.A. Also, es war und ist so: Ich bin mit 31 Frauen und Männern von Chicago über St. Louis, Tulsa, Santa Fe, Las Vegas auf der Route 66 nach Los Angeles gefahren. Eine wunderbare Reise! Für jeden von uns. Aber viel zu kurz. Hin und wieder habe ich auf dieser Reise Geschichten erzählt. Von jener Straße, auf der wir fuhren, wie sie entstand, unterging und als Legende wieder auferstand; von Städten und Landschaften, von weißen Rednecks, Schwarzen, eigentlich Afroamericans (»Neger« zu sagen verbietet die Political Correctness), Mejicanos und Indianern (nicht doch: American Natives heißt das!), von der Musik auf und an dieser Straße, Jazz und Country, von ihren Reisenden, von den Büchern, die unter dem Himmel über ihr und an ihrem Straßenrand geschrieben worden sind, von den Menschen, die hier und dort neben ihr Wurzeln schlugen, von all den verrückten Bars, Hotels, Tipis, Restaurants, Spelunken, in denen man einkehren kann. Von den Getränken und Speisen, die einem vorgesetzt werden. »Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei!« Das gilt diesmal nicht für mich. Denn jetzt trete ich diese Reise noch einmal an, in der Phantasie. Ich hole noch einmal Atem, ich beginne noch einmal zu erzählen. Denn es gibt noch viel mehr Geschichten, und es könnte ja sein, es verlangte euch danach, noch einmal diesem unwiderstehlichen amerikanischen Verlangen zu folgen, nach Westen zu reisen, immer weiter nach Westen, bis es nicht mehr weiter geht, weil da das Meer ist, die wilde Brandung des Pazifik und die Nebel, mit denen sie L.A. einhüllt ...
American Memories
»Und ich warte auf eine Wiedergeburt des Wunders.
Und ich warte darauf, dass jemand wirklich Amerika entdeckt und klagt.
Und ich warte auf die Entdeckung einer neuen Western Frontier.
Und ich warte, dass der amerikanische Adler seine Flügel ausbreitet und wirklich fliegt ...«
Lawrence Ferlinghetti, I am waiting
Etwas nüchterner lässt sich das, was den Leser in diesem Buch erwartet, etwa so umschreiben: eine Sammlung von Geschichte(n) zum kulturellen Hintergrund der Route 66 - zum Teil in literarischer Form. Das, was in den neuesten Reiseführern nicht steht, was Touristen oft entgeht. Ich werde von dem berichten, was mir an diesem Stück Land gefällt, durch das die Route 66 führt, welche Gedanken ich mir dazu machte, während wir reisten; was ich hier und dort erlebt, entdeckt, gehört, gesehen, geträumt, gelesen und gekritzelt habe.
Zu solchen Entdeckungen lade ich ein.
1. Chicago Blues
Das Touristenbüro teilt mir mit, in Chicago seien erfunden worden: die Rollerskates (1884), die Stahlskelett-Bauweise für Hochhäuser – also Wolkenkratzer (1885), das erste Gebäude dieser Art war neun Stockwerke hoch! –, der Fensterbriefumschlag (1902), die Farbsprühdose (späte 40er Jahre), das erste McDonalds-Restaurant (1955). Auch so etwas charakterisiert eine Stadt. Aber nun etwas ernsthafter:
Man hat Chicago eine Stadt genannt, die sein musste. Das bezieht sich auf ihre günstige Lage zwischen der Prärie, den Großen Seen und dem Chicago River. Hier sammelte sich am Ende der Eiszeit genügend Gletscherschutt, um eine Wasserscheide zwischen dem System der Großen Seen, dem St. Lorenz-Strom und dem Mississippi zu schaffen. Chicago entstand an einer Route vom Lake Erie in Kanada zum Mississippi, die schon die Indianer benutzten, noch ehe die Weißen kamen. Der Frankokanadier Louis Joliet und Pater Jacques Marquette, die 1673 den sogenannten Chicago-Portage überquerten, erkannten die Möglichkeit, an diesem zentralen Punkt Transportwege kreuzen zu lassen. Und dann kam der Trapper Jean Baptiste Point DuSable, ein Mann afro-kanadisch-französischer Abstammung, und gründete hier den ersten Handelsposten. 1833 zählte die kleine Siedlung am Chicago River gerade 300 Einwohner, und von diesem Jahr an hieß sie dann Chicago. Sie wurde rasch zum Verbindungspunkt zwischen den landwirtschaftlich erschlossenen Gebieten des »Wilden Westens« und dem zivilisierten, bereits weiter entwickelten Osten. Durch einen Kanal, der 1848 entstand, gab es nun einen inländischen Wasserweg zwischen dem Nordatlantik und dem Golf von Mexiko. Nach den Kanalbauern kamen in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts Streckenbauarbeiter in das kleine Dorf an der Grenze, das damals nur ein paar Hundert Einwohner zählte. Der alte Kanal, der nicht viel mehr war als ein breiter Graben, wurde 1900 durch einen breiteren und tieferen ersetzt.
American Memories
»Meine Gefühle gegenüber Chicago sind, solange ich mich erinnern kann, wild ambivalent. Nelson Algren scheint es mir vor vierzehn Jahren treffend und poetisch ausgedrückt zu haben:
›Es ist nicht so sehr eine Stadt wie eine Station unterwegs, auf der anderthalb Millionen Zweibeiner mit einem einzigen Schrei ausschwärmen: Eine Schulter oder ein Bein ab. Hier komm’ ich. Jedermann in dieser gemieteten Luft ist auf sich allein gestellt.
Aber wenn man einmal Teil dieses besonderen Fleckens geworden ist, wird man nie mehr einen anderen mögen. Es ist, als seist du in eine Frau mit einer gebrochenen Nase verliebt. Andere Hübsche mögen besser aussehen. Aber keine ist so real wie sie.‹«
Studs Terkel, Division Street
1870 wurden die Schlachthöfe gegründet, für die Chicago bis in unser Jahrhundert hinein berühmt und berüchtigt sein wird. Carl Sandburg, ein bekannter amerikanischer Lyriker der 20er Jahre, wird die Stadt in seinen Gedichten den »Schweineschlächter der Welt« nennen. Heute ist von den Schlachthöfen nur noch das Eingangstor, gewissermaßen als Symbol, stehen geblieben. Die Bevölkerung verdoppelte und verdreifachte sich innerhalb weniger Jahre. Die damals gebräuchlichste Hausform war der Balloon Frame, ein dünnwandiger Holzbau, der rasch zu errichten war. Einwanderer aus Deutschland, Irland, Polen, Italien, Schweden und Juden ließen sich in solchen Holzhäusern nieder: Sie legten den Grundstock für die multi-ethnische Bevölkerung der Stadt. Charakteristisch für das Stadtbild waren damals die endlosen, hölzernen Gehsteige, die angelegt worden waren, um das tiefer gelegene natürliche Niveau anzuheben.
Das frühe Chicago bestand fast ausschließlich aus Holz. Dann kam das große Feuer des Jahres 1871. Angeblich soll die Kuh einer gewissen Misses O’Leary eine Lampe umgestoßen haben. Danach brannten die drei Quadratmeilen des Stadtzentrums fast völlig nieder. Bis auf das Wohnhaus der guten Frau. Das lag im Windschatten und blieb unberührt. Da die Feuerwehr zunächst zur falschen Adresse ausrückte, nahmen die Brände katastrophale Ausmaße an. Angefacht von einem starken Südweststurm, wütete das Feuer dreißig Stunden lang und machte ein Drittel aller Häuser dem Erdboden gleich. Im Grunde war die Katastrophe ein Glücksfall für die Stadt. Der Brandschutt wurde zur Landgewinnung am See verwendet, und noch heute ist ein großer Teil der 47 Kilometer langen Uferstrecke am Michigan-See Parkgebiet.
2. Chicago – Ort sozialer Konflikte
Wenn man Chicago den Spitznamen Windy City gegeben hat, so spielt das nicht nur auf ein meteorologisches Phänomen an. Das Wort »windig« hat, wie im Deutschen, eine Doppelbedeutung. Windy im Sinne von häufigem Wind und im Sinne von fragwürdig, hemdsärmelig, skrupellos - das bezieht sich vor allem auf die Zeit des Ellenbogen-Frühkapitalismus: 1886 kommt es zu dem sogenannten Haymarket Riot, bei dem mit einer Bombe sieben Polizisten in die Luft gesprengt werden. Es lohnt sich, die Hintergründe dieses Ereignisses etwas näher zu betrachten.
Im Jahre 1884 beschloss der in Chicago tagende Jahreskongress des »Verbands der Gesellschaften und Arbeitervereine«, den Kampf für den Achtstundentag zu verstärken. Ihren Höhepunkt erreichten diese Aktionen am 1. Mai 1886, an dem 300.000 Arbeiter in den USA, davon allein 40.000 in Chicago, streikten, was einem Generalstreik gleichkam. Am 3. Mai 1886 wurden vor der Fabrik für Erntemaschinen von McCormick in Chicago zwei streikende Arbeiter von der Polizei erschossen und mehrere schwer verletzt, nachdem sie Streikbrecher angegriffen hatten. Aus diesem Anlass fand am nächsten Abend auf dem Haymarket eine friedliche Protestkundgebung statt. Kurz vor Ende der Versammlung – die Mehrheit der ursprünglich 3000 Anwesenden war schon gegangen – marschierte eine Polizeitruppe auf den Platz, obwohl Chicagos Bürgermeister Carter Herrison sich persönlich vom friedlichen Verlauf der Kundgebung überzeugt und den bereitstehenden Polizeikräften den Rückzug befohlen hatte. Nun verlangte die Polizei plötzlich das Ende und die Auflösung der Kundgebung. Bevor die Anwesenden dem Folgeleisten konnten, warf ein Unbekannter eine Bombe in Richtung Polizei, worauf diese das Feuer eröffnete. Sieben Polizisten und eine nie eindeutig geklärte Zahl von Zivilisten kamen ums Leben. Von der explodierenden Bombe wurde der Polizist Matthias J. Degan getötet. Alle übrigen Polizisten kamen nachweislich durch Revolverschüsse zu Tode. Die meisten, wenn nicht sogar alle dieser tödlichen Schüsse, waren jedoch nicht von Zivilisten, sondern von den Kameraden der getöteten Polizisten abgefeuert worden:
Nach dem 4. Mai 1886 herrschte in Chicago praktisch der Ausnahmezustand. Anarchisten und andere Radikale wurden verhaftet. Die Presse war voll von Horrorberichten über Verschwörungen und geplante Bombenattentate. Am 27. Mai verkündete das Gericht die Anklage gegen die Agitatoren der Protestversammlung: Sie lautete auf Mord. Zusammen mit 21 weiteren Arbeitern sollten sie sich darüber hinaus wegen Verschwörung, Aufruhr und Verstoß gegen das Versammlungsrecht verantworten. Drei Deutsche unter ihnen - die Zahl der deutschen Einwanderer nach Chicago war zu dieser Zeit erheblich – erkauften sich die Freiheit, indem sie als Kronzeugen aussagten. Am 21. Juni 1886 begann der Prozess mit der Auswahl der Geschworenen. Der damit beauftragte Gerichtsdiener Henry Ryce erklärte öffentlich: »Ich betreue diesen Fall, und ich weiß, was ich tue. Diese Kerle werden gehängt. Das ist so sicher wie der Tod. Ich lade nur solche Kandidaten vor, die die Verteidigung der Reihe nach alle ablehnen muss, so dass die Zahl ihrer Ablehnungsanträge bald erschöpft ist. Die Verteidigung muss dann mit den Geschworenen zufrieden sein, die der Staatsanwalt will.« Obwohl Bestechungsgelder, Gewalt und Bedrohung eingesetzt wurden, konnte der Staatsanwalt seine ursprüngliche Mordanklage nicht aufrechterhalten. Sie wurde im Laufe des Prozesses in »Verschwörung mit dem Ziel des Umsturzes der bestehenden gesetzlichen Ordnung« umgewandelt. Die Anarchisten von Chicago hatten tatsächlich gewaltsame Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele bejaht. Allerdings verstanden sie Gewalt als Selbstverteidigung gegen die Gewalt des Staates. Am 30. August 1886 verkündeten die Geschworenen das Urteil. Alle sechs Angeklagten wurden für schuldig befunden und bis auf einen zum Tode verurteilt. Im September 1887 wurde das Urteil an vier der Angeklagten vollstreckt. Zwei wurden begnadigt. Die Verfasser des Lexikons der Anarchie kommen bei der Einschätzung des Prozesses zu folgender Feststellung: »Die Ermordung der Arbeiter am 3. und 4. Mai, die nachfolgende national-chauvinistische Repression, die den Anarchismus als unamerikanisch bezeichnete und mit den Immigranten identifizierte, brachen dem US-amerikanischen Anarchismus trotz großer Solidaritätskampagnen das Rückgrat. Die amerikanische Arbeiterbewegung wurde insgesamt entscheidend geschwächt. Die Gewerkschaften distanzierten sich nach der Haymarket-Bombe von den Anarchisten und säuberten ihre Reihen von linksradikalen Mitgliedern; dies isolierte die Anarchisten, während es die Gewerkschaften (vorübergehend) zu relativer Bedeutungslosigkeit führte.« Chicago aber blieb ein Ort starker sozialer Spannungen.
1893 veranstaltete die Boomtown Chicago zum 300. Jahrestag der Entdeckung Amerikas die World Columbian Exposition. Sie ist insofern bemerkenswert, als sie zum Symbol eines im Zeichen des Kapitalismus aufblühenden Amerikas, oder wie die zeitgenössische Presse schrieb, »zum größten Spektakel moderner Zeiten« wurde. Als Präsident Groover Cleveland am 1. Mai symbolisch einen Schlüssel bewegte, summten die Dynamos, begannen Maschinen zu stampfen, Fontänen zu sprühen, Fahnen wurden an den Masten hochgezogen, ein Chor von 5000 Sängern stimmte seine Lieder an, und 150.000 Besucher klatschten Beifall.
American Memories
»Chicago hat eine North Side, eine South Side und eine West Side.
An East Side hat es nicht viel zu bieten. Wenn man zu weit in diese Richtung läuft, landet man im Michigan-See. Schwimmend – oder man ertrinkt. Dort sind die Strände der Stadt. Je weiter man nach Süden kommt, desto mehr weicht der See zurück ...«
Studs Terkel,
Ein ABC-Führer für Leute, die Chicago nicht kennen
Das Zeitalter der Elektrizität, der Welt von morgen, der »Weißen Stadt«, hatte begonnen. Es wurde Licht in Amerika. Die große Leistungsschau mit den Wundern von Wissenschaft und Industrie zog zwischen Mai und Oktober 25 Millionen Besucher an. Sie strömten aus den Farmen und den Kleinstädten des Umlandes wie auch aus dem Ausland nach Chicago. Ein staunender Besucher schrieb an seine Eltern: »Verkauft euren Kochherd, wenn nicht anders, und kommt!« Ein anderer Besucher versicherte seiner daheimgebliebenen Ehefrau: »Du musst die Ausstellung sehen, und wenn das Geld, das wir für die Beerdigung zurückgelegt haben, draufgeht!« Die Venus von Milo war in Schokolade nachgebildet, ein lebensgroßer Ritter zu Pferde stellte getrocknete Pflaumen her, Deutschland, eine der 77 vertretenen Nationen, hatte ein gewaltiges Küstengeschütz aufgestellt, das ein tonnenschweres Geschoss über 16 Meilen schießen konnte. Als die Ausstellung schloss, schrieb die Chicago Tribune, was Millionen von Besuchern dachten: Man hatte eine »kleine, ideale Welt« gesehen, »eine Realisation von Utopia, in der die überbordende Phantasie der Künstler und Architekten einen in der Zukunft liegenden Zustand vorwegzunehmen scheint, bei dem die ganze Erde so rein, so schön und so freudig sich darstellen wird, wie heute die Weiße Stadt«.
Doch schon ein Jahr später, 1894, zeigte sich auch die andere Seite der Medaille. Die Arbeiter der Pullman Car Company verbündeten sich mit den Arbeitern der Eisenbahngesellschaften und streikten. Chicagos Arbeiter waren die Ersten, die sich in Gewerkschaften organisierten. Und was vielleicht noch erstaunlicher war für jene Zeit: Zum ersten Mal streikten schwarze und weiße Arbeiter gemeinsam für höhere Löhne und einen sicheren Arbeitsplatz. Der damalige amerikanische Präsident Cleveland beurteilte die Lage als so gefährlich, dass er Truppen in die Stadt entsandte. 1905 wurde Chicago dann zum Gründungsort der Industrial Workers of the World (Wobblies), jener legendären radikalen Gewerkschaftsbewegung, deren bekanntester Vertreter wohl Joe Hill war. Während eines Streiks festgenommen, wurde er 1915 in Salt Lake City hingerichtet. Ein politisches Kampflied über ihn ist inzwischen zum Volkslied geworden:
»Ich sah im Traum Joe Hill vor mir.
Ganz deutlich sein Gesicht.
Sprech' ich: Bist du nicht lange tot?
Sagt er: Ich sterbe nicht.
In Salt Lake City, Joe, sprech' ich,
da irrte das Gericht.
Unschuldig gingst du in den Tod.
Nein, schuldig war ich nicht.
Den Herren von der Industrie,
den' warst du unbequem.
Unschuldig gingst du in den Tod.
Er spricht: So ist's geschehen!
Da stand er vor mir, lebensgroß,
und lächelte mir zu.
Was tut's, wenn einer von uns stirbt.
Wir geben keine Ruh'.«
3. Chicago und Al Capone
Eine andere Epoche, die zum Klischee des »bösen Chicago«, der Windy City, beigetragen hat, ist die Zeit der Prohibition in den 20er Jahren. Damals hatte der noch junge Gangster Johnny Torrio, die beherrschende Persönlichkeit der Unterwelt von Chicago, einen Einfall. Er rechnete sich aus, dass er das große Geld machen könnte, wenn er den illegalen Verkauf von Spirituosen in der Stadt unter seine Kontrolle brächte. Torrio holte sich als Lieutenant einen 23jährigen Neapolitaner aus New York, dessen Karriere in der berüchtigten Five-Points-Gang und als Schüler von Lefty Louie und Gyp the Blood begonnen hatte. Er versprach ihm die Hälfte aller Einnahmen aus dem Bootlegging-Geschäft, sofern es ihm nur gelinge, unliebsame Konkurrenten auszuschalten. Der junge Mann, der sich in dem Spielsalon »Vier Würfel« etablierte, hatte auf seinem Schreibtisch demonstrativ eine Familienbibel liegen und ließ sich Visitenkarten mit der Inschrift drucken: »Händler in Möbeln aus Zweiter Hand, 2220 South Wabash Avenue.« Der junge Mann hieß Al Capone. Heute bedient sich Chicago seiner Gestalt als Touristenattraktion! Innerhalb von drei Jahren verfügte er über eine Streitmacht von 700 Mann, die alle ausgezeichnet mit Gewehren mit abgesägten Läufen und den eben aufkommenden Thompson-Maschinenpistolen umzugehen verstanden.
Mitte der 20er Jahre war der Stadtteil Cicero fest in Capones Hand. Seine Agenten kontrollierten alle Spielsalons und 161 Bars. Und Capone war es, der darüber bestimmte, wer Bürgermeister in Chicago wurde. Die Summen, die er durch Schutzgelder einnahm, gingen in die Millionen. Torrio wurde immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Allerdings war die Errichtung von Al Capones Vorherrschaft nicht ohne Blutvergießen abgegangen. Die Standardmethode, einen Rivalen auszuschalten, bestand darin, seinen Wagen mit einem Auto voll schwerbewaffneter Männer zu verfolgen, ihn an den Randstein zu drängen, die Konkurrenz mit ein paar Salven vom Leben in den Tod zu befördern und dann im Verkehrsgewühl unterzutauchen.
Die Gang eines gewissen Dion O’Banion stellte eine Zeit lang eine Bedrohung für die absolute Herrschaft Capones über Chicago dar. Der Mord an diesem Konkurrenten hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Geschichte vom Judaskuss. O’Banion war ein Schwarzbrenner und Gangster bei Nacht, tagsüber betrieb er einen Blumenladen. Er kannte sich mit Orchideen ebenso gut aus wie mit Revolvern und Schnellfeuerpistolen. Eines Morgens hielt ein Auto vor seinem Blumengeschäft. Drei Männer stiegen aus, ein Vierter blieb hinter dem Steuer zurück. Die drei Männer traten im Laden auf O’Banion zu; offenbar war er mit ihnen vertraut. Der Mittlere unter den drei Besuchern schüttelte ihm die Hand und hielt ihn fest, während seine Begleiter sechs Schüsse auf ihn abgaben. Er war auf der Stelle tot. Die drei Gangster verließen seelenruhig das Blumengeschäft und fuhren in ihrem Auto davon. Sie kamen nie vor Gericht. O’Banion bekam ein pompöses Begräbnis, lag in einem Tausend-Dollar-Sarg, 26 Lastwagenladungen mit Blumen wurden herbeigeschafft, darunter auch ein Gebinde mit der Inschrift »Von Deinem Al«. 1926 bediente sich die O’Banion-Gang, trotz des Verlustes ihres Bandenchefs noch intakt, einer neuen Methode, die selbst in Kreisen der Unterwelt als höchst unfein bezeichnet wurde. Am helllichten Tag wagten sie es, Al Capones Hauptquartier im Hawthorn-Hotel mit Maschinengewehrfeuer aus acht Autos heraus zu belegen. Die Wagen fuhren langsam am Haus vorbei. Zunächst wurden Schüsse in die Luft abgegeben, um die Passanten zu warnen. Kaum hatten sich Capones Männer an Fenstern und Türen auf der Vorderseite postiert, rasten einige Wagen einen Block weiter und beschossen von dort die Rückseite des Gebäudes. Nachdem sich die Aufmerksamkeit im Hotel dorthin gewandt hatte, kniete sich vorn ein Mann aufs Pflaster und gab mehrere hundert Schuss in Richtung Empfangshalle ab. Der Bandenkrieg dauerte bis zum St. Valentins-Tag 1929. An diesem 14. Februar, um 9 Uhr 30 vormittags, warteten sieben Mitglieder der O’Banion-Gang in einer Garage in der North-Clark- Street auf eine Ladung schwarzgebrannten Schnaps. Plötzlich fuhr ein Cadillac in die Garage. Ihm entstiegen drei Männer in Polizeiuniform und zwei Zivilisten. Die Polizisten entwaffneten die sieben Gangster. Sie befahlen ihnen, sich in einer Reihe mit dem Gesicht gegen die Wand aufzustellen. Die Männer der O’Banion-Gang gehorchten. Sie waren an Polizei-Razzien gewöhnt und erwarteten, schließlich unbehelligt davonzukommen. Stattdessen brachten die Zivilisten eine Maschinenpistole in Anschlag und erschossen die mit erhobenen Händen wartenden Gangster. Dann fuhren sie mit den vermeintlichen Polizisten zusammen ab.
Das sogenannte »St. Valentins-Massaker«, das später sogar in einen Marilyn-Monroe-Film einging, und die Ermordung Jake Lingles, eines Mannes, der ein Doppelleben als Journalist und Gangster führte, in einem überfüllten U-Bahn-Waggon 1930 waren die spektakulärsten Ereignisse dieses Jahrzehnts. Insgesamt kam es in diesen Jahren zu rund 500 Morden, von denen die wenigsten aufgeklärt wurden. Man schätzt, dass Al Capone bis 1927 aus den Schutzgeldern pro Jahr etwa 60 Millionen Dollar einnahm. Seit seinem Auftauchen in Chicago 1920 war er zu einer Person, »so bekannt wie ein Boxweltmeister oder ein Millionär«, geworden.
American Memories
»Die Near North Side besteht zum vorwiegenden Teil aus sich hoch auftürmenden, teuren Apartment-Gebäuden und Nachtclubs. Hier versammeln sich die Junggesellen und junge Damen, die Karriere machen. Letztere teilen sich oft eine Wohnung. Das Viertel liegt bemerkenswert angenehm nahe zum Loop, zum See und zu den Straßenzügen, wo was los ist. Hier spielt sich das meiste Nachtleben der Stadt ab.«
Studs Terkel,
Ein ABC-Führer für Leute, die Chicago nicht kennen
Er kontrollierte nicht nur die 10.000 Flüsterkneipen in Chicago, sondern auch den illegalen Alkoholhandel bis Kanada und Florida. Festgenommen wurde er in Philadelphia nur einmal wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Im übrigen stand er in diesem Jahrzehnt über dem Gesetz. In Chicago fuhr er in einem Panzerwagen umher. Wenn er ins Theater ging, umgab ihn eine Bodyguard von achtzehn jungen Männern in Smoking und mit merkwürdig ausgebeulten Ärmeln. Er besaß fünf Anwesen in Miami. Politiker und Richter erhielten aus seinem Hauptquartier ihre Weisungen.
Mit Aufhebung der Prohibition war die große Zeit der Bootlegging-Gangs zu Ende. Aber nun begann die Epoche der Rackets, ein Begriff, der zunächst ganz allgemein eine Beschäftigung bezeichnete, mit der sich leicht Geld verdienen ließ. Die Gangster fingen an, die Gewerkschaften zu unterwandern, und in Chicago verlagerten die Banden ihre Schutzgeld-Erpressungen auf Färbereien und chemische Reinigungen. Hatte vorher der Kunde für die Reinigung eines Anzuges 1,25 Dollar bezahlt, so zahlte er nun 1,75 Dollar. Geschäftsleute, die sich den Erpressungen widersetzten, riskierten, dass ihr Geschäft in die Luft flog. Entweder wurden Bomben geworfen, oder es wurde Sprengstoff in die Nähte der zum Reinigen abgegebenen Kleider eingenäht. War die beliebteste Waffe der Bootlegger die Maschinenpistole, so verwendeten die Rackets meist Bomben und Sprengstoffladungen. Von Chicago aus verbreiteten sie sich bald über das ganze Land.
4. Chicago - Architekturmuseum unter freiem Himmel
Wer in diesen Tagen nach Chicago kommt, findet als Erinnerung an Al Capone nur noch ein Museumsplakat. Heute präsentiert sich die Stadt vielmehr als ein Architekturmuseum unter freiem Himmel. Die Entwicklung Chicagos auf diesem Gebiet begann bereits nach dem Großen Feuer 1871 und erfuhr durch die World Columbia Exposition 1893 den entscheidenden Impuls. Sie wurde dadurch gefördert, dass die Stadt ihr Image als Porcopolis, als »Stadt der Schweine«, loswerden wollte. Schon damals wurde in Chicagos Wirtschaft gut verdient, wenngleich auf anderen Gebieten als heute. Und man gedachte, das Image der Stadt durch ein Mäzenatentum in verschiedenen Bereichen aufzupolieren. So begann damals neben der großen Tradition des Philharmonischen Orchesters auch Chicagos Ruf als Museumsstadt.
Anlässlich einer Columbus-Ausstellung lud die Stadt den französischen Impressionisten Camille Pissarro ein, um den Rinderbaronen und Schlachthofbesitzern einmal einen echten Künstler zu präsentieren. Als der Maler gefragt wurde, ob er vorhabe, zu dem Weltereignis am Michigan-See zu kommen, soll er allerdings mürrisch geantwortet haben: »Wer zum Teufel will zu diesen Metzgern gehen?!« Andererseits begann mit der Ausstellung in der Stadt eine Epoche klassizistischer Baukunst, und nach dem zweiten Großbrand im Jahre 1874 wurde im Häuserbau eine Technik entwickelt, die es ermöglichte, Gebäude brandsicher und »wolkenhoch« zu bauen - Letzteres auch dank der Erfindung des elektrischen Fahrstuhls. Damit kam ein neuer Stil, rational und ohne Repräsentationspathos, der Utilitarismus, auf. Und schon jetzt entwarf man Neubauten gemäß dem Leitspruch, wonach die Form der Funktion zu folgen habe. Formuliert hat dies Louis Sullivan jedoch erst ein Vierteljahrhundert später. Das Gebäude der Chicago School of Architecture, nach seinem Bauherren Leiter-Building genannt, ist ein gutes Beispiel für die Anfänge dieser Stilepoche. Es ist heute allerdings nur noch auf Fotos zu betrachten, weil es inzwischen wieder abgerissen wurde.
Wer sich einen ersten Eindruck von der Imposanz Chicagos verschaffen will, tut das am Besten von jenen Schiffen aus, die am Navy Pier abgehen. Hier war früher einer der größten Binnenhäfen der Welt. Nach seinem Niedergang hat er einem Freizeitpark Platz gemacht. Das Zentrum, in dem die architektonisch interessantesten Bauten liegen, verdankt seinen Spitznamen Loop jener Schleife, auf der die kürzlich modernisierte Hochbahn »EL« (für Elevated Train) seit etwa hundert Jahren verkehrt. Mit dem Chicago River im Norden und Westen, dem See im Osten und der südlichen Trasse der EL bildet der Loop die Trennungslinie zwischen Downtown und den Vorstädten. In einem Quadrat von anderthalb Kilometern und an den sich nördlich davon anschließenden Vierteln um die Magnificent Mile liegt das wirtschaftliche Zentrum mit den eindrucksvollsten Bauten Chicagos.
Seit es die Schlachthöfe nicht mehr gibt, hat sich Chicago zu einem wichtigen Börsenplatz entwickelt, der im Begriff steht, der Wallstreet ernsthafte Konkurrenz zu machen. Dort, wo 1812 bei einem Überfall der Indianer 350 Siedler getötet wurden, erhebt sich an der Magnificent Mile heute das Wrigley-Building und der Chicago Tribune-Tower. Ersteres wurde 1925 nach dem Vorbild der Kathedrale von Sevilla errichtet und beherbergt das Hauptquartier des Kaugummi-Imperiums. Mit seinem märchenhaften Charakter ist es das vielleicht beliebteste Bauwerk bei den Bürgern der Stadt. Das 1925 vollendete Gebäude der Chicago Tribune orientierte sich ebenfalls an europäischen Vorbildern aus der Vergangenheit: am »Butterturm« der Kathedrale von Rouen. Die Chicago Tribune, angeblich die größte Zeitung der Welt, ließ in das Sockelgeschoss ihres Verwaltungsturms Teile der Burg Ehrenbreitstein, des Louvre, der Chinesischen sowie der Berliner Mauer einfügen.
William Le Baron Jenney, geistiger Vater der modernen Wolkenkratzer, Louis Sullivan mit seinem Schlagwort »form follows function« und Frank Lloyd Wright – ihre Namen stehen für drei Generationen von Architekten, bei denen eine jeweils bei der vorangegangenen ihr Handwerk gelernt hat. Die klaren Linien aus Glas und Stahl, die heute das Bild der Innenstadt prägen, spiegeln das Formempfinden des deutschen Architekten Mies van der Rohe wieder, der in den 30er Jahren auf der Flucht vor den Nazis nach Chicago gelangte und bis zu seinem Tod 1969 in der Stadt lebte.
American Memories
»Die alte Stadt ist das Viertel der Handwerker und Künstler nördlich von Near North. Es hat einen Hauch von Greenwich Village mit Cafes, den Studios von Künstlern, Antiquitätengeschäften, Restaurants und so weiter. Sein phänomenales Wachstum in den 60er Jahren hat The Boys (die Syndikate) angelockt. Offenbar spielt sich da mehr als nur Kitschkultur ab.«
Studs Terkel,
Ein ABC-Führer für Leute, die Chicago nicht kennen
Heute baut in Chicago schon jene Generation, die bei ihm in die Lehre gegangen ist. Ein Apartment-Haus in Form eines Ypsilon, das beim Spaziergang zwischen Navy Pier und Downtown ins Auge fällt, entwarfen 1968 die beiden Mies van der Rohe-Schüler Schipporeit und Heinrich. Werner Jacob beschreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung diese Bauten so: »Mit dem charakteristischen Bronzebraun der Aluminiumfront griffen die Adepten nicht nur die formalen und innovativen Traditionen ihres Mentors auf, sondern entwickelten auch andere neue Qualitäten. Die Ypsilon-Gestalt des mit siebzig Stockwerken höchsten Apartment-Hauses der Stadt und ersten Wolkenkratzers mit gerundeter Metallfassade erlaubt den Bewohnern in allen Wohnungen eine panoramische Sicht auf See und Stadt. Um wie viel eleganter als seine Urväter dieser Mies-Nachkömmling ist, kann man auf der Nordschleife der Bootstour feststellen: Am nördlichen Lake Shore-Drive stehen vier 26 bis 29 Etagen hohe Stahl- und Glastürme des Meisters aus Deutschland. Die beiden Ersten entstanden 1954 und markieren mit ihren streng rechtwinkligen Grundrissen und ebenso gerasterten, die Senkrechte betonenden Fronten Beginn und Durchbruch seiner Maxime des ›Beinahe nichts‹.«
Natürlich fallen dem Besucher zunächst jene Bauten ins Auge, die Rekorde machten. Da ist vor allem das John Hancock-Center am nördlichen Ende der Michigan Avenue und der Sears-Tower am Ostrand des Banken- und Börsenviertels am Loop.
Der Sears-Tower mit seinen 443 Metern Höhe blieb 22 Jahre lang der höchste Bau der Welt. Erst vor Kurzem überflügelten ihn die vom New Yorker Architekten Cesar Pellis entworfenen Zwillingstürme in Kuala Lumpur um sechs Meter und sechzig Zentimeter. Doch schon entsteht, ebenfalls von Pellis entworfen, nicht weit von Sears-Tower ein weiterer Bau, der knapp 800 Meter hoch sein wird, höher als jedes bisher existierende Gebäude. Von diesen beiden Giganten hat man die beste Aussicht auf die Stadt. Nordöstlich davon erhebt sich Big Stan, ein weißer Marmorbau der Standard Oil, und auf der Nordseite der Magnificent Mile gelangt man schließlich zum hundert Stockwerke hohen John Hancock-Center, einer Stadt für sich mit Wohnungen, Geschäften und Garagen. Den Weg in den 94. Stock zum Observatorium im Hancock-Center schafft der schnellste Lift der Welt in 39 Sekunden. Darüber liegt noch das höchste Restaurant Chicagos, von dem man angeblich bei klarem Wetter 130 Kilometer weit nach Wisconsin, Indiana und Michigan sehen kann. Recht verloren unter diesen Riesen nimmt sich der alte Wasserturm aus, eines der wenigen Gebäude, die das Feuer von 1871 unversehrt überstanden haben. An ihm lässt sich die Entwicklung innerhalb der Stadt während nur eines Jahrhunderts eindrucksvoll ablesen.
5. Chicago – Zentrum moderner amerikanischer Literatur
Nach alledem, was wir bisher gehört haben, mag es erstaunen, dass Chicago seit dem 19. Jahrhundert zu einem Zentrum moderner amerikanischer Literatur geworden ist. In seinem 1883 erschienenen Leben auf dem Mississippi nennt Mark Twain die Stadt einen Ort, »wo sie ständig Aladins Wunderlampe reiben, um den Geist zu rufen, wo sie ständig neue Unmöglichkeiten ersinnen und vollbringen«.
Die im Zeichen bürgerlicher Wohlanständigkeit im neuenglischen Osten der USA entstehende Literatur Amerikas stand im krassen Gegensatz zur deprimierenden Kehrseite der Modernität des sich rasch entwickelnden Chicagos, dem Massenelend der Zu-Kurz-Gekommenen, das die theatralische Traumstadtkulisse der großen Ausstellung verbergen sollte. Die Urban Blight, die soziale Verwahrlosung, war in dieser Stadt seit der ersten Industriellen Revolution immer ein Problem. Tausende wurden in ghettoartigen Notquartieren zusammengedrängt. Daher ist es auch kein Wunder, dass die Stadt um die Jahrhundertwende ein Sammelpunkt für politische Radikale wurde. Ein Buch, das diese Problematik eindrucksvoll dokumentiert, stammt von der ebenso streitbaren wie gebildeten Jane Addams aus Cedarville, Illinois, die 1889 südwestlich des Loop in den wüstesten Slums der damaligen Zeit das sogenannte Hull-House gründete, das, wie es Hans Egon Holthusen genannt hat, »eine Art Kombination von Armenasyl, Nachbarschaftsklub und Kulturzentrum mit College-Charakter (bildete) und heute als nationales Kulturobjekt unter Denkmalschutz gestellt ist.« Jane Addams, die sich nicht nur für die Ärmsten der Armen einsetzte, sondern sich auch als Frauenrechtlerin einen Namen machte, wurde 1931 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
American Memories
»Das Outer Drive ist die Durchfahrtsstraße, die sich entlang des Sees fast durch die ganze Stadt hinzieht. Die Stadtväter waren sich bewusst, dass Autofahrer Zeitprobleme haben und bequem fahren wollen. Deswegen ließen sie achthundert Bäume im Jackson Park auf der South Side fällen.«
Studs Terkel,
Ein ABC-Führer für Leute, die Chicago nicht kennen
Für die Schriftsteller der Gentile Tradition, zu denen im vorigen Jahrhundert die in Deutschland unbekannt gebliebenen Autoren Henry Blake Fuller, Robert Herrick und Hamlin Garland zu rechnen sind, wurden vor allem die Atmosphäre der Chicagoer Gründerjahre, die Aufsteiger und Baulöwen der »windigen Stadt«, die Vergötzung des Erfolgs zu Themen, die sie beschäftigten. Zur nächsten Generation gehört dann schon der auch in Deutschland bekannt gewordene Theodore Dreiser (1871 bis 1945) mit seinem 1900 erschienenen Roman Sister Carrie, der das Schicksal eines naiven Mädchens aus der Provinz, das in die Großstadt Chicago kommt, zum Inhalt hat. Waren die berühmten Schlachthöfe schon 1870 eröffnet worden, so wurde Upton Sinclair (1878 bis 1968) mit seinem Roman Der Dschungel von 1906 zu ihrem kritischen Chronisten. Sein Buch wiederum beeinflusste nachdrücklich Bertolt Brecht und spiegelt sich in dessen Lehrstück Die Heilige Johanna der Schlachthöfe. Upton Sinclair und Theodore Dreiser begründeten letztlich den literarischen Ruf dieser Stadt.
Über der sozialkritischen Literatur, die in Chicago immer eine Heimat hatte, wird leicht vergessen, welcher Einfluss von hier auf die literarische Moderne ausging. Es war Ezra Pound, der in Chicago den Kristallisationspunkt für eine neue amerikanische Literatur des 20. Jahrhunderts – später »Chicagoer Renaissance« genannt – sah. Pound prophezeite, dass im Vergleich mit ihr die italienische Renaissance ein »Sturm im Teekessel« gewesen sei. Seine Hoffnungen setzte Pound vor allem auf die Zeitschrift Poetry, gegründet 1912, und die Little Revue, die die bildschöne Margret Anderson als radikal-avantgardistisches Unternehmen 1914 gestartet hatte. Ab April 1918 erschien in ihr der Ulysses von James Joyce als Vorabdruck, was der Zeitschrift 1920 ein Gerichtsverfahren einbrachte. Beide Zeitschriften spielten eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung dreier bedeutender amerikanischer Lyriker. Da ist zunächst einmal Vachel Lindsay: Ein dichtender Vagabund aus Springfield, Illinois (1879 bis 1931), der 1913 mit dem Gedicht »General William Booth geht in den Himmel« eine Ballade auf den Gründer der Heilsarmee schrieb und dessen vielleicht berühmteste Verse »The Congo« den in dieser Zeit in Chicago aufkommenden Jazzrhythmus in ein episches Gedicht einfließen ließen.
»FAT black bucks in a wine-barrel room,
Barrel-house kings, with feet unstable,
Sagged and reeled and pounded on the table,
Pounded on the table,
Beat an empty barrel with the handle of a broom,
Hard as they were able,
Boom, boom, BOOM,
With a silk umbrella and the handle of a broom,
Boomlay, boomlay, boomlay, BOOM.
THEN I had religion, THEN I had a vision.
I could not turn from their revel in derision.
THEN I SAW THE CONGO, CREEPING THROUGH THE BLACK,
CUTTING THROUGH THE JUNGLE WITH A GOLDEN TRACK ...!«
Heute findet man vor allem seine Absicht, eine mündliche Tradition in der Lyrik wiederzubeleben, interessant. Zwei seiner populärsten Gedichte, »The Congo« und »The Santa Fe-Trail«, hat er selbst als den Versuch bezeichnet, die Vaudeville-Form auf die halb ausgesungene Lyrik der alten Griechen zurückzuführen. Viele seiner Gedichte tragen den Vermerk, man müsse sie unbedingt laut und in einer Art Sprechgesang vortragen.
Der zweite Dichter der Chicago-Renaissance ist Edward Lee Masters. Er wurde 1869 in Garnett, Kansas, geboren, wuchs in Kleinstädten des Mittelwestens auf und war zwischen 1891 und 1920 Anwalt in Chicago. Sein bekanntestes Werk ist der 246 Gedichte in freiem Rhythmus umfassende Zyklus Spoonriver Anthology (deutscher Titel: Die Toten von Spoon River). In seinen Gedichten kommen die Einwohner einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt zu Wort, die gewissermaßen aus dem Grab heraus Rückschau auf ihr Leben halten und, indem sie von ihren Frustrationen, ihrer Isolation und der Macht des Neides berichten, den Mythos von der kleinstädtischen Idylle aufheben. Masters ist in der Tradition eines Walt Whitman zu sehen; seine realistische, desillusionierende Lyrik bildet das Verbindungsglied zu Sherwood Anderson und seinem Werk Winesburg, Ohio. In ge-wissem Sinn war dieser, von seinem Schüler allerdings verspottet, Ernest Hemingways Lehrer. Hemingway stammt aus Oakpark, einem vornehmen ländlichen Vorort von Chicago. Die Landschaft der Prärie und des Michigan-Sees bilden die Kulisse für viele seiner Kurzgeschichten.
Die Zeitschrift Poetry war es, die schon 1914 die Eröffnungsverse aus den Chicago Poems von Carl Sandburg ihren Lesern vorstellte. Sandburg, Sohn eines eingewanderten Eisenbahnarbeiters, der später auch durch seine dreibändige Abraham Lincoln-Biographie bekannt wurde, wurde zum repräsentativen Lyriker seiner Generation im Mittelwesten. Auch er kam aus der Tradition eines Walt Whitman und versuchte, aus der Umgangssprache seine Lyrik zu formen. Voller Pathos verstand er sich als der Barde des einfachen Mannes. Verse wie »Schweinemetzger für die Welt // Werkzeugmacher, Weizenstapler, Spieler mit Eisenbahnen und Frachtverteiler der Nation // Stürmisch, rüde, lärmerfüllt // Stadt der breiten Schultern« kennt noch heute jeder lokalpatriotisch gesinnte Einwohner Chicagos auswendig. Dass die akademischen Kritiker in New York über solche Zeilen die Nasen rümpften, focht den Dichter nicht an, der darauf erwiderte: »Hier haben wir den Unterschied zwischen uns und Dante. Dieser schrieb eine Menge über die Hölle, ohne sie je gesehen zu haben. Wir schreiben über Chicago, nachdem wir uns genau dort umgesehen haben.«
Für den berühmten amerikanischen Literaturkritiker Henry Louis Mencken aber war Chicago, und das nicht zuletzt wegen Carl Sandburgs Lyrik, zwischen 1910 und 1920 fast so etwas wie die literarische Hauptstadt der USA. Er schrieb: »Finde einen Schriftsteller, der mit jedem Pulsschlag, jedem Schnaufer, mit all seinen Drüsen ein unzweifelhafter Amerikaner ist. Der etwas Neues und eigentümlich Amerikanisches zu sagen hat, und in neun von zehn Fällen wirst du entdecken, dass er in irgendeiner Art von Beziehung steht zu jenem gargantuanisch-überbordenden Schlachthaus am Michigan-See, dass er dort in die Welt gesetzt wurde oder dort angefangen hat oder durch die Stadt hindurchgegangen ist, in jenen Tagen, da sie jung und biegsam war ...«
Als Carl Sandburg 1967 starb, wurde seine Nachfolgerin als poeta laureatus des Staates Illinois Gwendolyne Brooks, geboren 1917 in Kansas: eine elegante Dichterin aus dem schwarzen Chicago. Die repressive Gesellschaftsordnung der Stadt findet vor allem in der Prosa von Richard Wright (1908 bis 1960) ihren Ausdruck. Man hat seinen bekanntesten Roman Native Son, erschienen 1940, die Geschichte eines jungen Schwarzen von der Südseite, der zum Mörder wird, Dreisers American Tragedy aus der Generation davor gegenübergestellt. In den Elendsquartieren der polnischen Einwanderer Chicagos spielt der bekannteste Roman von Nelson Algren (geboren 1909 in Detroit), Der Mann mit dem goldenen Arm, der zum ersten Mal überzeugend und ohne Beschönigung das Rauschgiftproblem in den amerikanischen Slums darstellte.
Der berühmteste Romancier Chicagos freilich ist der 1976 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete, in Kanada geborene, aber schon als Kind in die Stadt gekommene Saul Bellow. Ein Satz aus seinen Romanen, die die finsteren Seiten der Stadt besingen, gibt überzeugend die Atmosphäre in den schwarzen Ghetto-Vierteln der Südseite während der 50er und 60er Jahre wieder: »Wohnhäuser loderten in Oakwood mit großen Flammenschals, die Sirenen jaulten unheimlich, die Feuerwehr, Krankenautos und Polizeiwagen – eine Tolle-Hunde-, Lange-Messer-, Notzucht- und Mordnacht. Tausende von Hydranten offen, die aus beiden Brüsten Wasser sprühten. Die Ingenieure waren verblüfft, wie der Spiegel des Lake Michigan fiel, als diese Tonnen von Wasser sich ergossen. Kinder lauerten mit Handfeuerwaffen und Messern.«
6. Chicagos Slums in den 60er Jahren
Hier kann ich mit eigenen Erfahrungen aus dem Jahr 1968 aufwarten. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »... Dann also schon heute hinaus ins Southend, wo ich mich in dem Jugendzentrum eines Ghettoviertels ein paar Tage umsehen soll. Die Entfernungen in dieser Stadt sind gewaltig. Im Bus werden es immer weniger Weiße, immer mehr Schwarze steigen zu. Schließlich bin ich der einzige Hellhäutige hier. Ein seltsames Gefühl, einmal die Minderheit zu sein. Nicht, dass mir Irgendjemand zu nahe treten würde, nicht, dass mich Jemand anstarrt. Es ist viel undramatischer. Man ist ein Einzelner, und die anderen sind viele. Ich begreife auf dieser Busfahrt zum ersten Mal ganz deutlich, was es heißt, zu einer Minderheit zu gehören, die sich schon durch ihre Hautfarbe verrät. Und in dieser Situation sind Schwarze in diesem Land ein ganzes Leben lang.
Das Viertel, in dem das Jugendzentrum liegt, ist zwanzig Minuten vom Stadtzentrum entfernt und längst noch nicht am Stadtrand. Die Häuser sind aus Holz und zerfallen, die Fensterscheiben meist eingeschlagen und durch Pappe, Blech oder Fliegendraht ersetzt. Auf der Straße liegt Unrat. Am Straßenrand noch die ausgebrannten Autowracks von den letzten Unruhen. Es wimmelt von Kindern. Die Menschen sitzen apathisch vor ihren Häusern. Es ist heiß, jetzt im August, über 30 Grad im Schatten. Die Luft ist feucht und stinkt. Der Laden an der Ecke ist ein Schnapsgeschäft, davor torkeln ein paar Betrunkene herum.
Der Leiter des Jugendzentrums sagt: ›Ich kämpfe hier auf verlorenem Posten. Hier ist nichts zu retten. Die Verhältnisse sind stärker als das bisschen Flickwerk, das wir leisten können. Ich weiß nicht, wie lange ich es hier noch aushalte.‹ Dieser junge Schwarze hat mit viel Idealismus seine Tätigkeit als Sozialarbeiter begonnen. Nun ist er am Ende seiner Kräfte. ›Das Beste wäre‹, erklärt er resignierend, ›das ganze Viertel würde eines Tages abbrennen.‹
American Memories
»Große Teile der South Side und der Near West-Side umfassen die schwarzen Ghettos, die ausgedehntesten im ganzen Land. Es gibt kleinere Ghetto-Bezirke in anderen Teilen der Stadt. Das ist natürlich inoffiziell. Der (ehemalige) Bürgermeister Richard J. Daley verkündete am 4. Juli 1963: ›Es gibt keine Ghettos in Chicago!‹«
Studs Terkel,
Ein ABC-Führer für Leute, die Chicago nicht kennen
Etwas tun? Feuer legen vielleicht. Alle Häuser sind überbelegt: Zwischen zwölf und achtzehn Menschen in zwei, manchmal in drei Zimmern zusammengepfercht – das ist die Regel.
Die Zahl der unehelichen Geburten ist hier fast so hoch, wie die der ehelichen. Die Männer kommen und gehen, die Frauen und Kinder bleiben, und es werden immer mehr hungrige Mäuler. Die Arbeitslosenziffer in diesem Bezirk (damals, im Sommer 1968), in dem schätzungsweise zehn- bis zwölftausend Menschen mehr vegetieren als leben, liegt bei 85 Prozent.
Aber in nahezu jeder Wohnung gibt es einen Fernsehapparat, oft ist er fast das einzige Inventar. Meist ist er noch nicht bezahlt, und auf den Raten liegen Wucherzinsen. Auf dem Bildschirm sieht der Slumbewohner fast 24 Stunden am Tag das üppige Angebot der Konsumgesellschaft vorbeiflimmern; Autos, Kühlschränke, Motorboote, ein Grundstück an einem Waldsee – eine narrende, verhöhnende Fata Morgana.
Weil die Schwarzen auf schlechte Wohngebiete verwiesen sind, ist ihre familiäre Situation nicht selten chaotisch. Weil die Familienverhältnisse zerrüttet, die Wohnung miserabel, das Einkommen der Eltern unzureichend ist und somit nicht einmal die nötigsten Kleidungsstücke angeschafft werden können, gehen viele Kinder nur unregelmäßig zur Schule. Manchmal auch gar nicht.
Es ist halb sechs Uhr abends. Der Leiter des Jugendzentrums hat seiner Gruppe versprochen, mit ihr an den Michigan-See zum Baden zu fahren. Er kann mich nicht mit dem Auto in die City zurückbringen. Ich laufe zur Bushaltestelle, und es wird ein Spießrutenlaufen. Ich bin normal gekleidet, nicht auffällig, aber für diese Leute hier ist allein meine ganz normale Kleidung und meine weiße Haut eine unerhörte, mir auch völlig verständliche Provokation. Sie werfen Steine nach mir, sie spucken mich an. Sie brüllen mir Schimpfnamen ins Gesicht. Es würde mich nicht wundern, wenn sie versuchten, mich totzuschlagen. Es ist eine Wegstrecke von fünf oder sechs Minuten vom Jugendzentrum zur Bushaltestelle, aber ich frage mich allen Ernstes, ob ich mein Ziel lebendig erreichen werde.
Ich denke immer wieder: Dieser Zorn ... Sie haben ja recht. Es muss so sein. Es ist zwangsläufig, wenn du hier lebtest, nach ein, zwei Monaten wärst du auch so. ›Du Narr‹, sagt Alice abends zu mir, als ich ihr meine Erlebnisse erzähle, ›du Narr, dort wäre dir niemand zu Hilfe gekommen. Dorthin wagt sich nicht einmal die Polizei.‹«
Als ich 1996 dort draußen vorbeifuhr, blieb nur Zeit für einen flüchtigen Blick auf dieses Viertel. Ich kam mir ziemlich schäbig vor, als ich da hinter Glas vorbeisegelte. Schäbig, weil ich zu feige gewesen war, hinauszufahren und nachzusehen, wie es heute steht.
7. Chicago und der Jazz
Chicago ist auch eine Musikstadt. Im Herbst 1997 wird der Umbau des 106 Jahre alten Hauses des Chicagoer Symphonie-Orchesters am 4. Oktober mit der Aufführung von Beethovens Fünfter Symphonie unter Daniel Barenboim eröffnet. Am 25. Oktober 1997 feiert Sir George Solti seinen 85. Geburtstag. Er nimmt diesen Tag zum Anlass, sein tausendstes Konzert mit dem Chicago Symphony Orchestra zu dirigieren. Die Konzertszene für klassische Musik in Chicago hat Weltgeltung. Aber noch berühmter ist Chicago als Stadt eines bestimmten Jazz-Stils geworden. Und das kam so:
Die Errungenschaften des Jazz der 20er Jahre lassen sich unter drei Stichworten zusammenfassen. Es war die große Zeit der aus New Orleans stammenden Musiker in Chicago. Es war die Zeit des klassischen Blues. Und die Epoche des Chicago-Stils. Die Legende erzählt, dass mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg New Orleans Kriegshafen wurde und der kommandierende Admiral um die Moral seiner Matrosen fürchtete, die sich im Storyville zu tummeln pflegten, dem Vergnügungsviertel der Stadt, in dem gleichzeitig der beste Jazz gemacht wurde. Storyville wurde geschlossen, die schwarzen Jazzmusiker wurden arbeitslos und wanderten zu Hunderten nach Norden ab. Vor allem nach Chicago. King Oliver leitete die wichtigste New-Orleans-Band in Chicago, die Hot Five und die Hot Seven von Louis Armstrong spielten dort auf, und so ergab sich ein merkwürdiges Phänomen. Was heute als New-Orleans-Stil gilt, ist nicht der archaische, auf Schallplatten kaum existierende Jazz, der in den ersten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts in New Orleans gespielt wurde, sondern die Musik, welche die aus New Orleans stammenden Musiker in den 20er Jahren mit nach Chicago brachten.
Zur gleichen Zeit kamen durch eine starke Einwanderungsbewegung von Schwarzen auch Blues-Sänger aus den ländlichen Bezirken der Südstaaten in die Stadt. Es waren Leute, die zuvor in ihrer alten Heimat mit Gitarre und einem Bündel von Plantage zu Plantage gezogen und dort den in unsauberen Tönen intonierten Folk-Blues gesungen hatten. Unter dem Eindruck der Großstadt veränderte sich der ländliche Blues. Vieles trug auch dazu bei, dass seine Sängerinnen sich mit den aus New Orleans nach Chicago emigrierten Jazz-Instrumentalisten zusammentaten und in der South Side von Chicago auftraten.
Die jungen Leute – Schüler, Studenten, Amateure –, die in die Jazz-Lokale der South Side gingen und den Blues wie auch die New-Orleans-Bands hörten, begannen, diese Musik begeistert nachzuahmen. Daraus entstand der Chicago-Stil. Er ist gekennzeichnet durch eine Folge von Soli, die man »Chorusse« nennt. In ihm gewinnt als Instrument das Saxophon jene Bedeutung, die es seither in der Jazzmusik hat. Der vielleicht hervorragendste Vertreter des »kühlen« Chicago-Stils war der Kornettist Bix Beiderbecke. Sein früher Tod ließ ihn zur Legende werden, und die amerikanische Schriftstellerin Dorothy Baker machte ihn in ihrem Roman Young Man With The Horn zu einer literarischen Figur.
American Memories
»Wenn du den Blues nicht magst, musst du ein Loch in deiner Seele haben.«
Jimmy Rogers, Blues-Gitarrist
Noch einmal, in den 50er Jahren, kreuzen sich die Wege von Jazz und Literatur. In der Beat Generation versucht Jack Kerouac, die Rhythmen des Bebop in die Prosa seiner Romane zu übertragen. Unvergesslich für jeden Jazz-Fan und begeisterten Leser Kerouacs, wie er in seinem Roman Unterwegs seine Eindrücke als Tramp in Chicago schildert:
»Ich kam recht früh am Morgen in Chicago an, fand ein Zimmer im YMCA und ging mit sehr wenig Geld in der Tasche zu Bett. Nach einem guten Tagesschlaf machte ich mich über Chicago her. Der Wind vom Michigan-See, Bebop auf dem Loop, lange Spaziergänge in South Halsted und North Clark, und ein langer Spaziergang nach Mitternacht in das ›Dschungelviertel‹, wo mir ein Patrouillenwagen folgte, weil er mich für eine verdächtige Figur hielt. Zu jener Zeit, 1947, stand ganz Amerika wie wahnsinnig auf Bebop. Die Typen auf dem Loop bliesen ihn, aber mit müden Mienen, denn der Bebop befand sich gerade in einem Übergangsstadium zwischen Charlie Parkers ›Ornithology‹-Periode und einer anderen, weniger hitzigen, die mit Miles Davis einsetzte. Und da saß ich und lauschte den Tönen der Nacht, deren Inbegriff Bebop für uns alle geworden war; und ich dachte an all meine Freunde von einem Ende des Landes zum anderen, und wie sie eigentlich alle in demselben Hinterhof irre und rasende Dinge trieben.«
8. Wie alles begann: Der Mann, der die Route 66 schuf
Der stilbewusste Reisende beginnt seine Fahrt über die Route 66 in Lou Mitchell’s Restaurant am 565 W. Jackson Boulevard, wo man seit 1923 von 5 Uhr 30 am Morgen bis 15 Uhr nachmittags frühstücken kann. Bis 8 Uhr morgens ist das Parken kostenlos. Ein Danish von Mitchell’s soll eine gute Wegzehrung sein! Von einer anderen Besonderheit des Restaurants hörte ich erst später: Jeder weibliche Kunde erhält kostenlos Milk-Duds. (Ich konnte nicht herausfinden, ob es sich dabei um ein Gebäck, ein Getränk oder vielleicht Sahnebonbons handelt!) Also, meine Damen: Auf zu Lou Mitchell’s und stellen Sie es fest!
Aber zurück zur Route: Es wäre eine Schande, sie zu befahren, ohne nicht wenigstens eine Ahnung davon zu haben, wie sie überhaupt entstanden ist.
Als Cy Avery vierzehn Jahre alt war, zog er 1885 mit seiner Familie nach Oklahoma. Sie kamen aus Pennsylvania, und zwar mit dem Pferdewagen. Die Reise, die drei Monate dauerte, ließ den jungen Mann zu einem lebenslangen Vorkämpfer für ein gutes Straßensystem werden. Nachdem er an einem College in Missouri graduiert hatte, verkaufte er Versicherungspolicen und Grundstücke in Oklahoma, lebte zunächst in der Kleinstadt Vinita, darauf in Oklahoma City und dann in Tulsa.
Er selbst verbrachte dort wohl mehr Zeit in Gesprächen mit seinen Kunden über gute Straßen als über Versicherungspolicen. Er trat mehreren Gesellschaften bei, die sich zum Ziel gesetzt hatten, den Straßenbau zu fördern. 1913 wurde er zum Straßenbau-Kommissar von Tulsa County gewählt. Unter den ersten Neuerungen, die er einführte, war ein Straßen-Qualifikationssystem. 1915 war er Oberaufseher bei einer Gruppe von Sträflingen, die eine Straße von Colorado durch Oklahoma nach Arkansas bauten. 1924 schließlich ernannte man ihn zum Straßenbau-Kommissar des Staates Oklahoma. In einer seiner Denkschriften heißt es: »Mit den Highways (der amerikanischen Version der Schnellstraße) kommt eine Fusion verschiedenartiger Lebensformen, die der Stadt und die des Landes, auf uns zu. Ihr Bau verlangt nach einer neuen Konzeption, nach einem neuen Bewusstsein. Unsere großen Städte sind Abstraktionen. Ihre überkommene Form datiert aus den Tagen der Ochsenkarren und der von Mauern umgebenen Ortschaften. Ihre modernen Realitäten aber – Wasserversorgung, Abwassersystem, Eisenbahnen und vor allem menschliche Wesen – übersteigen die künstlichen politischen Grenzen. Statt Städten entstehen großstädtische Gebilde. Zurück zur Farm mag eine überholte Forderung sein. Dezentralisation ist es nicht. Wir müssen uns auf die Veränderungen, die sich daraus ergeben, vorbereiten.«
Cy war ein kleiner, dünner Mann, den nie jemand hatte rennen sehen, der aber auch nie still sitzen oder still stehen konnte. Die Veränderungen, die er bei Übernahme seines Amtes in der Handelskammer voraussah, bedeuteten, dass der Bund mehr für den Straßenbau tun musste. Dafür setzte er sich ein.
»Motorverkehr macht weder an den Grenzen des County halt noch an den Grenzen der Bundesstaaten. Die Straßen Amerikas müssen ihre Aufgabe bei der Vermittlung der landwirtschaftlichen Produkte erfüllen und damit einen nationalen Charakter annehmen«, predigte Cy. Sein Pech war, dass der damals amtierende Präsident Coolidge sich nicht dazu bewegen ließ, zusätzliche Bundesmittel zum Straßenbau zur Verfügung zu stellen. Bis 1918 gab es nur 3000 Meilen Poststraßen, die mit Geldern der US-Regierung gebaut worden waren. Aber als die Doughboys, die nach ihren flachen Helmen benannten amerikanischen Soldaten, aus dem Ersten Weltkrieg heimkamen, kauften sich viele die T-Modelle von Ford. Bis dahin war das Auto ein Hobby der reichen Leute gewesen. Das änderte sich nun. Wie übrigens dann auch noch einmal nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckte eine junge Generation den amerikanischen Traum vom Unterwegssein neu. 1925 erreichte Cy ein Brief des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums, in dem man ihm mitteilte, man habe vor, ein System von Interstate-Straßen nationaler Bedeutung zu entwickeln. Für dieses Straßennetz würde die Bundesregierung pro Meile 30.000 Dollar zur Verfügung stellen. Sei Mister Avery bereit, bei diesem Projekt als Berater mitzuwirken? Nichts, was er lieber getan hätte. Es gelang ihm schließlich sogar, Mitglied des aus fünf Männern bestehenden Gremiums zu werden, das die eigentlichen Entscheidungen traf.
Als Thomas Jefferson für drei Cent pro Acre das riesige Louisiana-Territorium kaufte, hatte er die Vision, dass ein dichtes Straßennetz das gewaltig größer gewordene Land verbinden sollte. Nun, über ein Jahrhundert später, machten sich Cy und die anderen Mitglieder des Ausschusses daran, ein solches Netz zu entwerfen. Die von Ost nach West verlaufenden Straßen sollten die geraden Nummern erhalten, und zwar von Norden nach Süden ansteigend. Für die Straßen in Nord-Süd-Richtung hingegen waren die ungeraden Zahlen vorgesehen, mit den niedrigsten Nummern im Osten. Bereits bestehende Trassen sollten anfangs noch genutzt, später dann asphaltiert werden.
Das Glanzstück in diesem Plan sollte eine Route sein, die Chicago mit Los Angeles verband. Dass diese Verbindung plötzlich so wichtig wurde, hatte klar benennbare Gründe. Immer mehr geschäftliche und persönliche Beziehungen bildeten sich in diesen Jahren zwischen Chicago und Los Angeles heraus. Der kalte Winter des Jahres 1907 drohte etwa der von einem gewissen Francis Boggs betriebenen kleinen Filmfirma den Garaus zu machen. Nur die Innenaufnahmen von Boggs Zwölf-Minuten- Streifen »Der Graf von Monte Christo« waren im Kasten, als der Schneefall den Dreharbeiten im Freien ein Ende setzte. Boggs und seine Mannschaft zogen in den Westen, um sich nach einem günstigeren Klima umzuschauen, und landeten in Los Angeles. Dort gab es viel Sonne und (damals noch) billige Grundstücke. In den folgenden Jahren taten es ihm andere Filmemacher wie Ince, Sennett und DeMill nach. Aber Boggs war der Pionier gewesen. Selbst der Name Hollywood soll sich nicht von einem Stechpalmenbaum herleiten, sondern von einer Ortschaft in Illinois.
Bei den ersten Beratungen des Ausschusses kam man überein, die Route von Chicago nach Springfield, Missouri, und dann westlich durch Kansas und Colorado nach Kalifornien zu führen.
Cy Avery, der inzwischen gelernt hatte, Leute dazu zu bringen, seine Vorstellungen als die ihren zu betrachten, warf ein, dass sich eine Trasse durch die Gebirge Colorados gewiss sehr malerisch ausnehmen würde. Aber bestimmt würde eine Route, die weiter südlich durch das flache Land von Oklahoma, den Texas Panhandle, New Mexico und Arizona verlief, wesentlich billiger kommen. Und wenn sie Höhenlagen vermied, würde dann diese Straße nicht auch weniger wetteranfällig sein? Die von Cy Avery vorgeschlagene Route wurde beschlossen.
Jetzt war nur noch die Frage der Bezeichnung zu klären. Nach dem schon feststehenden Netzsystem gab es drei Möglichkeiten: 62, 64 oder 66. Als Kansas mit einem Wunsch nach einer Straße zweiter Ordnung durchdrang, fiel die erste Option weg. Der Grund, warum man sich für 66 entschied, ist nicht bekannt. Aber als der Ausschuss am Waffenstillstandstag des Jahres 1926 zusammentrat, beschloss er, die Straße von Chicago nach Los Angeles »Route 66« zu nennen. Das Landwirtschaftsministerium billigte diesen Beschluss zwei Tage später.
Sich von Westen am Michigan-See nach Südwesten schwingend, führte die Route über Flüsse, durch Ebenen, Gebirge, Wüsten, Canyons in acht Bundesstaaten und durch mehrere Stammesgebiete der American Natives. Sie endete nach 2448 Meilen kurz vor dem Pazifischen Ozean.
Wie die meisten amerikanischen Fernstraßen dieser Tage war die Strecke zunächst nicht viel mehr als eine staubige transkontinentale Piste, die sich bei Regenfällen mit Wasser und Schlamm füllte. In jenen Tagen, so hört man, sei selbst der Atlantikflug Lindberghs einfacher gewesen als eine Überlandfahrt auf der 66 mit dem Automobil. Und Reisende, die es immerhin bis zur Mojave-Wüste schafften, blätterten eine beträchtliche Summe hin, wenn sie es dort vorzogen, ihre Fahrzeuge auf die Eisenbahn zu verladen, statt eine Panne in der riesigen Wüste zu riskieren. Cy wurde zum Mitbegründer der Highway-66-Association. Die Städte, die an der Route lagen, hatten jeweils 47.000 Dollar zu Werbezwecken aufzubringen, und als sich der Vorstand der neuen Vereinigung im Herbst 1927 traf, beschloss er, die neue Route »Hauptstraße Amerikas« zu nennen. Die Highway-40-Association, die dasselbe Motto schon anderthalb Jahre früher benutzte, protestierte vergebens.
American Memories
»Abhauen dorthin, wo das Klima meinen Kleidern entspricht.
Irgendwohin, wo das Wasser wie Wein schmeckt.«
Hans-Christian Kirsch,
Einem Bettler in den Hut (Poems Quarter Each)
Cy Avery, der später noch das Trinkwassersystem von Tulsa entwickelte und im gleichen Ort den Bau des ersten Flughafens durchsetzte, feierte noch viele Erfolge in seinem Leben. Aber die Erfindung der Route 66 war sein Meisterstück. Er starb 1963 im Alter von 92 Jahren.
Schon Mitte der 30er Jahre wurde die Fernstraße zum Mythos. Sie symbolisierte den ewigen Drang nach Westen. Es war John Steinbeck, der als erster die weiblich-nährende Qualität der Route 66 entdeckte und sie die »mütterliche Straße« nannte. Durch seinen Roman Die Früchte des Zorns und dessen Helden, die Joad Family, blieb die Route 66 für immer im Bewusstsein der Nation verankert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war es das Lied eines gewissen Bobby Troups, von dem noch zu reden sein wird, das die Straße für viele so verlockend erscheinen ließ. Diesen Ohrwurm sangen sie alle – von den Andrew Sisters bis zu den Rolling Stones. Aber es war die Aufnahme von Nat King Cole, die aus dem Song einen Super-Hit machte.
Im Verlauf dieser Ereignisse wurde die »US 66« zu viel mehr als nur zu einer transkontinentalen Straße. Für Millionen, die sie befuhren, wurde sie zu einem nationalen Symbol für die Mobilität und Vitalität der USA. In einem amerikanischen Reiseführer über sie kann man lesen: »Die Route 66 verkörpert nicht nur, wer wir als Volk sind, sondern auch, wer wir zu sein wünschen.«
Aber dann kam auch scheinbar das Ende. Die Route 66 wurde über weite Strecken hin aufgegeben oder war nur noch provinzieller Verbindungsweg. Ihre Funktion übernahmen die modernen Freeways. Als deren letztes Stück, die I-40, 1984 fertiggestellt war, kam die Anweisung, alle Spuren der 66 in Form von Straßenschildern zu tilgen. Für die Route 66 schien die letzte Stunde geschlagen zu haben. Aber da erwies sich, dass die Legende stärker war als Bequemlichkeit und moderne Zweckmäßigkeit.
Für Touristen, die auf Motorrädern, mit Bussen und Autos fuhren, lebte die alte Aura der Route 66 wieder auf. Und wenn man sich fragt, warum, so muss die Antwort wohl lauten: Weil man mit ihr nicht nur ein gutes Stück Amerika sieht, sondern auch eine Vorstellung vom amerikanischen Lebensgefühl erhält. Von der Schönheit der Natur dieses Landes, der sich manchmal ins Romantische verfärbenden Hässlichkeit ihrer Zivilisation, von der Weite, von der Freiheit und einer modernen Wildnis, die jenseits einer vom Menschen beherrschten Natur entstanden ist.
Wo beginnt die Route 66? Selbst das ist eine Streitfrage: Ursprünglich downtown in Chicago, an der Ecke Jackson Boulevard/Michigan Avenue, später dann am Lake Shore-Drive, am Eingang zum Grant-Park. Tom Snyders Route 66 Travellers-Guide empfiehlt als Fotostandort für ein erstes Bild von der Route 66 Wacker Drive mit einem aufregenden Ausblick über die Michigan Drive nach Süden. Und nun brechen wir auf.
9. Ein Baum wächst in Funks Grove
Das kleine Wäldchen mit den ahornsirupspendenden Bäumen liegt 15 Meilen südlich von Bloomington an der alten Route 66. Heute bewegt sich der Verkehr auf der neuen Interstate, und man muss einen Umweg machen, um Funks Grove zu erreichen. Dafür bekommt man ein interessantes Landschaftsphänomen zu sehen. Man befindet sich hier schon in der Prärie. Doch Funks Grove bildet als einer der letzten Ausläufer der ehemals geschlossenen Waldgebiete des Ostens eine grüne Insel. Man hat von der Erhebung, die das Wäldchen bedeckt, bei klarem Wetter einen guten Fernblick, und außerdem ist es auch noch, wie die Fama zu erzählen weiß, eine Wetterscheide. Das Grasland der Prärien hatte immer besseren Boden als das Waldland, und so schauen heute die Homesteader aus der Prärie hinüber zu der bewaldeten Insel und sagen: »Das Wetter, das über dem Grove steht, wird in zwanzig Minuten bei uns sein.«
American Memories
»Die Kaninchen sind hier so groß wie Hasen und haben die Ohren eines Esels, die Frösche haben die Körper einer Kröte und den Schwanz einer Eidechse. Die Bäume fallen bergauf, und der Blitz zuckt aus der Erde hervor.«
Brief eines Auswanderers aus Illinois heim nach Europa
Die vorherrschende Windrichtung verläuft von den Prärien zum Grove, und der Wind hat im Laufe der Jahrhunderte immer wieder Prärieerde in den Wald getragen. Deswegen geben dort die Ahornbäume regelmäßig Rekordernten an Maple Sirup, der in den USA für den morgendlichen Pfannkuchen so beliebt ist. Isaac Funk aus Deutschland, der als erster in dem Wäldchen siedelte, pflegte jährlich am 1. Februar loszugehen und die Bäume anzuzapfen. Inzwischen ist es die sechste Generation, die dort
Ahornsirup produziert. Steve und Glaida Funk haben ihr Wohnhaus auf einer Lichtung nahe der Sirupkocherei errichtet. Die Geschichte ihrer Liebe ist filmreif. Steve und Glaida begegneten einander während des Zweiten Weltkriegs in Oklahoma. Er war Kampfpilot und sie ein Mädchen aus einer Kleinstadt. Nach dem Krieg kehrte Steve nach Illinois zurück und bekam einen Job als Baumschneider in der Nähe von Chicago. Aber eines Tages stürzte er und wurde arbeitsunfähig. Er fuhr zu Glaida über die 66, und sie pflegte ihn gesund. Dann brannten sie zusammen durch. Noch heute, so kann man Steve erzählen hören, ist seine Schwiegermutter nicht völlig davon überzeugt, dass er der rechte Mann für ihre Tochter sei. »Aber auf Bäume steigen konnte ich nicht mehr, und so heiratete ich Glaida.« Kurz nach ihrer Eheschließung fragte Tante Hazel das junge Paar, ob sie nicht das Grove übernehmen wollten. Und so wurden sie die neuen Besitzer. Die Sache lief ganz gut an. Gegen Ende des Winters zapften sie ihren Maple Sirup, und wenn sie damit fertig waren, bestellten sie ihre Acker. Die Geschichte von Funks Grove ist auch eine amerikanische Erfolgsgeschichte. Als Glaida und Steve das Wäldchen übernahmen, betrug die jährliche Ernte - oder wie sonst soll man bei Ahornsirup sagen (das jährliche Zapfergebnis?) - 500 Eimer. Das reichte mehr oder minder für den Hausgebrauch. Aber die beiden bildeten sich weiter, besuchten Kurse, wandten von der Wissenschaft neu ausgedachte Methoden an, und bald stieg die Ausbeute auf 5000 Eimer pro Jahr. Heute, nachdem nicht mehr soviel Kundschaft kommt, weil ja der meiste Verkehr über die Interstate läuft, die das Wäldchen nicht direkt berührt, reicht es ihnen, 300 Eimer im Jahr zu produzieren. Aber sie haben eine treue Kundschaft, und Steves und Glaidas Leben ist mit Hunderten von Episoden, die sich auf der Route abspielen, verbunden. Sie haben eine schriftstellernde Tochter, die über dreißig Romane und Kinderbücher verfasst hat und unter dem Titel Ein Baum wächst in Funks Grove auch die Familiengeschichte aufzeichnete. Wenn man im Mai im Wäldchen herumläuft und die ersten Frühlingsblumen und den herrlichen Baumbestand betrachtet, könnte man fast an eine Idylle glauben. Aber wie so vieles hat auch das Grove seine zwei Seiten. Gar nicht weit von der Ahornsirup-Kocherei entfernt liegt ein gespenstischer Truppenübungsplatz im Grove. Nicht etwa von der amerikanischen Armee, sondern von Männern, die in Chicago und anderen Städten der Umgebung wohnen und in ihrer Freizeit ganz lebensecht Soldaten spielen, mit Maschinengewehren, Minenfeldern und Stacheldrahtverhau. Auf Fragen nach dem Hintergrund für diese Kriegsspiele reagierte der amerikanische, ursprünglich aus Österreich stammende Guide unserer Reisegruppe sehr zurückhaltend. Ob wir es mit einer der im Mittleren Westen gar nicht so seltenen Vigilanten-Gruppen zu tun hatten oder es doch nur Männer waren, die zu viele Kriegsfilme im Fernsehen gesehen hatten, sollte nie geklärt werden.
10. St. Louis oder Drang nach Westen
Parole: Manifest Destiny
Am 2. Mai 1842 verabschiedete sich der 29jährige Second Lieutenant Charles Fremont von seiner hübschen 17jährigen Frau in Washington und brach auf zur Erforschung des Westens. Zunächst mit der Eisenbahn, dann mit dem Kanalboot und der Postkutsche. Auf dem Dampfboot zwischen St. Louis und Independence traf Fremont den Mountainman Kid Carson und warb ihn als Scout an. Fremonts Expedition folgte dem Kansas, dem Blue- und dem North-Plate-River, um einen für Wagen befahrbaren Weg nach Oregon zu erkunden. Diese Route wurde bereits von Wagen bis Fort Laramie benutzt.
Die zweite Fremont-Expedition 1843/44 nahm die Reststrecke des Oregon-Trails kartografisch auf. Sie diente zum Teil auch der Spionage zur Vorbereitung des Krieges mit Mexiko, bei dessen Ende die USA ihr Territorium bis zum Rio Grande und zum Gila-River vorschoben. Die amerikanische Politik gehorchte, was den Wilden Westen und seine Erschließung anging, der Parole des »Manifest Destiny«, die ein zeitgenössischer amerikanischer Politiker, William Gilpin, so umreißt: »Der überlegene und weiße Mensch ist darauf bedacht, die Pläne der Vorsehung zu ergründen, im großen Buch der Natur zu lesen und den Willen des Schöpfers zu erahnen, zu begreifen, was davon zu verstehen ihm gegeben ist. Zwei Jahrhunderte ist unsere Rasse über diesen Kontinent dahin gegangen. Von nichts sind wir auf 20 Millionen angewachsen. Von nichts sind wir auf dem Gebiet der Landwirtschaft, des Handels, der Zivilisation und an natürlicher Stärke in die erste Reihe der Nationen auf dieser Welt aufgerückt. Insofern haben wir unser Schicksal, unsere Bestimmung vollzogen und bei dieser Aufgabe etwas zuwege gebracht, was niemand bestreiten wird. Auf dieser Schwelle stehend lesen wir die Zukunft. Die unvollendete Bestimmung des amerikanischen Volkes ist es, diesen Kontinent zu unterwerfen, über dieses riesige Gebiet dahinzustürmen, bis zum Pazifischen Ozean, die vielen Hundert Millionen von Menschen dazu zu veranlassen, eine neue Ordnung des menschlichen Zusammenlebens aufzurichten, die Versklavten freizusetzen, die gebrechlichen Nationen gesunden zu lassen. Dunkel in Licht zu verwandeln, aufzuschrecken den Schlaf von Hunderten, von Tausenden von Jahren, den alten Nationen eine neue Zivilisation zu vermitteln, die Bestimmung der menschlichen Rasse zu bestätigen, die Menschheit einem Höhepunkt entgegen zu führen, die Versteinerten anzustoßen, damit sie wieder lebendig werden (...).
Eine göttliche Aufgabe, eine unsterbliche Mission. Lasst uns rasch den Weg angehen. Möge das Herz eines jeden Amerikaners erglühen vor Patriotismus. Möge ein jeder die erhabene Bestimmung dieses, unseres geliebten Landes als Teil seines religiösen Glaubens begreifen und zu ihrer Verwirklichung beitragen.«
Die Erschließung und Eroberung des Wilden Westens war also offensichtlich unter anderem eine Mission im Namen Gottes.
American Memories
»Wer mit der Eisenbahn eilig über die Prärie dahinfuhr, der wurde von einer gewissen Begeisterung über die weite Leere, die Größe des Himmels, den man hier tatsächlich als Gewölbe wahrnahm, und über die ungebrochene Linie des Horizontes erfasst. Aber man kam nicht umhin, sich an die Mühen jener zu erinnern, die in den alten Tagen hier durchgekommen waren. Sie hatten ihr Tempo dem ihrer Ochsengespanne anpassen müssen. Sie trieben die Tiere an mit keiner Landmarke, außer der unerreichbaren Abendsonne, auf die sie zuhielten und die ihnen täglich immer wieder aufs neue davonlief. Es gab nichts, so schien es, was sie hätten überholen können, nichts, an dem sich ihr Vorankommen abzeichnete, nichts, was ihnen Ruhe gegeben und Mut gemacht hätte; Wegstrecke um Wegstrecke die tote grüne Wildnis unter dem Fuß und den sich spottend entziehenden Horizont vor ihren Augen.
Aber ihre Blicke, so sagte ich mir, müssen selbst hier noch Unterschiede ausgemacht haben, auch kam der Auswanderer, wenn er nur durchhielt, immerhin an das Ende all dieser Strapazen, die er während der Reise zu bestehen hatte. Es ist der Siedler, über dessen Durchhaltevermögen wir uns eigentlich noch mehr wundern müssen.«
Robert Louis Stevenson, The Amateur Emigrant
Während wir in einem vollklimatisierten, mit Toilette und Bar versehenem modernen Bus durch die Prärien schaukeln, lassen wir die Erlebnisse jener Männer und Frauen Revue passieren, die nur 150 Jahre vorher durch eben jene Gegend gezogen sind.
11. Francis Parkman: Von St. Louis über den Oregon-Trail
St. Louis war immer das Tor zum Wilden Westen. Das klassische Werk der Reise- und Abenteuerliteratur über den Wilden Westen trägt den Titel The Oregon Trail und bezeichnet einen der großen Wanderwege, auf dem damals die Entdecker und Pioniere zum Pazifik zu reisen pflegten. Sein Verfasser Francis Parkman war, als er Mitte des vorigen Jahrhunderts in den Westen ritt, 23 Jahre alt. Mit ihm reiste sein Studienfreund Quincy Adams Shaw. Parkman, ein junger Mann aus gutem Haus mit angegriffener Gesundheit, war Naturfreund und ein großer Spaziergänger. Den Wilden Westen kannte er, wie Shaw auch, nur vom Hörensagen. Die beiden jungen Männer waren waghalsig und tapfer; allerdings fragt man sich bald als Leser, ob sie tatsächlich voll und ganz begriffen, in welche Gefahren sie sich begaben. Bei Parkman verbanden sich Wagemut mit einer eigensinnigen Entschlossenheit, alles nur Mögliche über die Indianer zu lernen. Parkman benutzte bei seiner Reise schon jene Landkarte, die Fremont von seiner Expedition 1844 mitgebracht hatte. Von seinem Start in St. Louis erzählt er:
»Der letzte Frühling, der des Jahres 1846, war eine lebhafte Saison in St. Louis. Nicht nur bereiteten sich Auswanderer aus allen Teilen des Landes auf die Reise nach Oregon und Kalifornien vor, auch eine ungewöhnlich große Zahl von Händlern machten ihre Ausrüstungen und Wagen zum Aufbruch nach Santa Fe fertig. Die Hotels waren überfüllt, und die Gewehrmacher und Sattler waren ständig bei der Arbeit, um die Waffen und Ausrüstungsgegenstände für die verschiedenen Gruppen von Reisenden fertigzustellen. Dampfboote legten vom Ufer ab und fuhren überfüllt mit Passagieren zum Missouri und auf ihm zur Frontier.
In einem von ihnen, der Radnor, verließen mein Freund und Verwandter Quincy Adams Shaw und ich am 28. April St. Louis auf einer Tour in die Rocky Mountains, auf die uns unsere Neugierde trieb. Das Boot war so voll beladen, dass das Wasser über die Reling schwappte. Auf dem Oberdeck standen die großen Wagen, die eine eigenartige Form haben und für den Santa Fe-Handel benutzt werden. Dann gab es da all die Ausrüstungsgegenstände und den Proviant der Reisegesellschaft nach Oregon: Maultiere und Pferde, Stapel von Sätteln und Zaumzeug, eine Vielzahl unbeschreiblicher Gegenstände, die für eine Reise über die Prärien unverzichtbar sind. Fast verborgen unter dem Durcheinander stand ein kleiner französischer Karren von der Art, die man angemessenerweise ›Maultierkiller‹ nennt. Und nicht weit davon ein Zelt, zusammen mit einem Stapel von Kisten und Fässern. Das ganze Gepäck war nicht sehr eindrucksvoll, doch wie es da stand, war es für eine lange und harte Reise bestimmt. Die Passagiere an Bord der Radnor entsprachen dieser Fracht. Im Salon sah man Santa Fe-Händler, Spieler, Spekulanten und Auswanderer, Mountain-Men, Neger und eine ganze Gruppe Kansas-Indianer, die von einem Besuch in St. Louis zurückkamen.«
American Memories
»Greely schrie dem überbevölkerten Osten ins Ohr: ›Go West, junger Mann!‹ Diese Überschrift eines seiner Artikel wurde zum geflügelten Wort, zur Parole für einen neuen Aufbruch nach Westen.«
Überlieferung aus Denver, Colorado
12. Wir in St. Louis oder Die kleine rote Postkutsche
Das moderne Wahrzeichen von St. Louis ist ein gewaltiger, begehbarer Torbogen, der den »Eingang« zum Wilden Westen symbolisieren soll. In seiner Basis ist das Museum Of Westward Expansion untergebracht. Ich bin nicht schwindelfrei. Während meine Mitreisenden zu luftigen Höhen aufsteigen, durchstreife ich das Museum, lese Berichte von Reisen in den Wilden Westen aus dem vorigen Jahrhundert und bleibe schließlich im Vorhof vor einer kleinen roten Postkutsche stehen. Sie erscheint mir ganz einfach schön in ihren Ausmaßen, der gediegenen Verarbeitung der einzelnen Teile. Sie hat Eleganz und ist ein Symbol, ein Symbol für die Art der Fortbewegung durch dieses Land, ehe die Eisenbahn kam.
Wie selbstverständlich braust unser Bus funkelnagelneu – der Fahrer hat ihn, ehe er uns an Bord nahm, aus dem Werk in Kanada abgeholt – über die Route 66. Und wenn auch nur das Geringste nicht in Ordnung ist und der schnauzbärtige Fahrer, dessen Souveränität man nur bewundern kann, nicht in der Lage sein sollte, die Störung selbst zu beheben, wird über Nacht aus Kanada ein Techniker eingeflogen, der alles wieder in Ordnung bringt. Damit wir, die Touristen der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts, nur auf keinen Gran unserer Bequemlichkeit verzichten müssen. Und damals?
Die Kunst des Kutschenbaus, so belehrt mich ein kleines Schild, hatte ihre Blütezeit mit Zunahme der Siedlerzüge nach Westen in dem Jahrzehnt nach dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Die große Zeit der Kutschen als wichtigstes Verkehrsmittel im Westen lag zwischen 1850 und 1870. Danach ersetzte die Eisenbahn zunehmend die von Pferden gezogenen Wagen als Transportmittel für Passagiere und Post. Aber in diesen zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts schob sich die Frontier, die Grenze, gemäß des zuvor erwähnten Manifest Destiny, nach Westen vor, und das Kutschengeschäft mit ihr. 1820 tauchten die ersten Fahrgäste befördernden Kutschen in St. Louis auf. 1837 verband schon ein regelmäßiger Kutschenverkehr die Orte am Mississippi. 1876 betrieb die Minnesota Stage Company eine Netz von 2000 Meilen, das bis nach Wisconsin ins Dakota-Territory und nach Kanada reichte. Im Südwesten wurde ab 1865 Santa Fe durch die Southern Stage Line mit Denver verbunden, und in Texas verkehrten 1860 schon 31 Linien. In den 50er und 60er Jahren breiteten sich die Bergwerksstädte von Kalifornien ostwärts in die Sierra Nevada und die Rocky Mountains aus. Mit jedem neuen Fund an Edelmetall schossen sie wie Pilze aus dem Boden, die Nachfrage nach Kommunikations- und Transportmöglichkeiten wuchs. Vor allem bestand der dringende Wunsch nach einem zuverlässigen Postdienst zwischen Ost und West. Dem trug der amerikanische Kongress 1857 durch ein Gesetz Rechnung, das den Postminister ermächtigte, von privaten Gesellschaften Gebote auf einen halb- oder wöchentlichen transkontinentalen Postdienst entgegenzunehmen. Den Zuschlag erhielt die Butterfield Overland Mail, und am 15. September 1858 begann sie ihren regulären Kutschenverkehr über 2812 Meilen auf der südwestlichen Route zwischen Tiptoen, Missouri, und San Francisco. Zwei Kutschen fuhren pro Woche in jede Richtung, und die normale Reisezeit lag unter 25 Tagen.
Wenn die Kutsche damals auch noch, abgesehen von den berittenen Boten des Pony-Express, das schnellste Fortbewegungsmittel von einem Ort zum anderen darstellte, so war es doch kein einfaches und bequemes Reisen. Die Fahrgäste waren unterwegs Hitze und Kälte ausgesetzt, an Schlaf war meistens nicht zu denken; die Speisen, die man ihnen an entlegenen Orten vorsetzte, waren miserabel. 1877 erschien im Omaha Herold unter dem Titel »Hinweise für die Reisenden über die Plains«, die folgenden guten Ratschläge:
»Der beste Platz auf einer Postkutsche ist der neben dem Kutscher. Sollten die Pferde durchgehen, bleiben Sie ruhig sitzen und halten Sie sich dies vor Augen: Wenn Sie jetzt abspringen, werden Sie in neun von zehn Fällen verletzt werden. Rauchen Sie in der Kutsche keinen starken Pfeifentabak, besonders nicht am Morgen. Spucken Sie immer auf der dem Wind abgekehrten Seite aus dem Fenster! Fluchen Sie nicht über Ihren Nachbarn, wenn dieser schläft und schnarcht! Versuchen Sie nie, unterwegs ein Gewehr oder eine Pistole abzufeuern. Es würde die Pferde erschrecken. Unterlassen Sie es, über Politik oder Religion zu diskutieren. Fetten Sie Ihr Haar vor der Abfahrt nicht ein, andernfalls wird sich der Staub dort festsetzen, und Sie müssen gewärtig sein, dass sich dort ein Fleck in Form einer Kartoffel bildet.«
Was man damals auf einer Postkutschenfahrt, allerdings etwas weiter westlich, nämlich auf den Straßen Colorados, erleben konnte, schildert der folgende Text:
»Während der schweren und lang anhaltenden Schneefälle war der Postkutschenverkehr zwischen Silverton und Outray eingestellt worden. Aber um den Zug noch zu erreichen, waren wir gezwungen, die Reise auf einem Schlitten über einen Pass in den Red Mountains zu machen.
›Ist es sehr gefährlich?‹ fragte ich einen Einheimischen, und er antwortete: ›Nun, der Mann aus dem Leihstall gibt ja wohl seine Pferde dafür her, oder? Und Sie wollen doch nicht etwa behaupten, Sie seien mehr wert als so ein braves Pferd?‹
Das klang sehr ermutigend, und um vier Uhr morgens, in Wolfsfelle eingehüllt, brachen wir auf. Die Hunde bellten zum Abschied, und in einer Spielhölle brannte noch Licht.
Es war Vollmond, die Berge glitzerten, eine silberne Kette vor einem fernen Himmel.
›Ist das die Straße, auf der gestern die Kutsche umgestürzt ist?‹ fragte ich den Fahrer.
›Ja, aber es ist keine so üble Gegend.‹
›Stürzt sie gewöhnlich immer an den besten Stellen um?‹
›Im allgemeinen ja.‹
›Was halten Sie denn von dieser Fahrt?‹
›Da möchte ich mich lieber nicht dazu äußern, ehe wir’s hinter uns haben.‹
›Wie hoch ist das Red-Gebirge?‹
›So an die 13.000 Fuß.‹
›Können wir von ganz oben herunterfallen?‹
›Das wohl kaum. So nach 1000 Fuß würden Sie auf eine Klippe stoßen. ‹
›Stürzen oft Leute ab?‹
›Bisher erst einmal. ‹
Mit mir reisten Eugene Banks, der Dichter, und Wallace Bruce Amsbery, dessen französisch-kanadische Dialektgedichte in der Zeitschrift Century weite Beachtung gefunden hatten. Banks starrte ins Mondlicht, Amsbery beobachtete die Pferde, wie sie sich durch den Schnee wühlten. Ich erwog meine Chancen. Vor uns die Baumgrenze, ein Anblick von schrecklicher Schönheit, der mich schaudern ließ. Aber in Ehrfurcht, wenn ich hinabsah. Man war fast gezwungen, laut zu rufen: ›Ach du arme Feder! Du lumpiger Pinsel! ‹ Alles war von einer so unerhörten Großartigkeit, dass man tausend Augen hätte haben wollen, um das Wunder in sich aufzunehmen.
American Memories
»Ein berühmter Outlaw, dessen Spezialität die Überfälle auf Eisenbahnzüge war, schrieb an die Union Pacific und beklagte sich darüber, dass deren Züge für den normalen Sterblichen einfach mit zu hoher Geschwindigkeit verkehrten.«
Philip Ashton Rollins
›Haben wir das Schlimmste jetzt hinter uns?‹ fragte ich den Fahrer.
›Das Schlimmste wovon? Von der Gefahr? Wir sind noch nicht einmal auf halbem Weg!‹
Ich meinte, das könne nicht wahr sein, aber es stimmte. Der Sturm lag hinter uns, ein geisterhaftes Tageslicht ließ den Mond verblassen. Wir kamen durch eine aufgegebene Bergwerksstadt. Nicht eine Menschenseele lebte mehr hier. Es gab Fenster, durch die Augen voller Hoffnung und Verlangen nach Osten geblickt haben mussten, zerbrochene Feuerplätze, wo die Menschen sich am Abend zusammengedrängt hatten. Alles war Verlassenheit, und durch die Straßen klangen die fernen Töne eines heulenden Wolfes.
Ein paar Wegbiegungen, und wir befanden uns auf dem schmalen Sims eines Canyon. Und jetzt wusste ich, dass der Kutscher die Wahrheit gesagt hatte.
›Hören Sie mal‹, sagte der Dichter, ›wir glauben Ihnen, dass Sie der beste Fahrer der Welt sind, aber Sie müssen die Kurven nicht so scharf nehmen. Sie brauchen uns Ihre Künste nicht zu beweisen. Lassen Sie sich Zeit.‹
›Ich schneide keine Kurven‹, erwiderte der Fahrer. Dahinzugleiten, so nahe am Abgrund, dass die Kufen den Schnee in die Tiefe drückten, war nicht so angenehm. Tief unter uns floss ein Bach. Aber so weit fort, dass man das Geräusch des Wassers nicht mehr hörte. Aus dem schrecklichen Abgrund drang nichts als Stille zu uns herauf.
›Sie haben mir die Wahrheit gesagt‹, bemerkte ich zu dem Kutscher. ›An den gefährlichsten Stellen waren wir vorhin tatsächlich noch nicht vorbei.‹
›Aber Sie haben sich mächtig angestrengt, um mir Lügen aufzutischen.‹
Vielleicht gehört zur stärksten Freude zuvor ein Augenblick der Gefahr, aber wenn dem so ist, würde ich lieber auf solche Freude verzichten. Mir war schon klar, dass ich von diesem Berg herunterkommen würde. Die Frage war nur, wie.«
So stand es am 25. November 1902 in der Times in Denver zu lesen.
Und nun zu dem kleinen roten Gefährt, vor dem ich mir per Kopfhörer die Ratschläge für das Benehmen auf einer Postkutschen-Fahrt angehört hatte. Was weiß man über jene Postkutsche, die sich da jenseits der Absperrung so nett, sauber und elegant darbietet? Sie wurde wahrscheinlich zunächst für den Verkehr zwischen den Bergwerksstädten in Montana benutzt und beförderte, ehe sie ins Museum kam, Touristen im Yellowstone-Nationalpark. Lange nahm man an, es handle sich um eine Concorde-Kutsche. Aber John und Mildred Frizzel, die das Gefährt 1976 restaurierten, waren der Meinung, dass die Kutsche wahrscheinlich von der Firma Eaton & Gilbert in Tryp im Staate New York gebaut wurde. Darauf deutet jedenfalls der Rahmen aus gelbem Pappelholz hin, das man gewöhnlich bei den Gefährten dieser Firma findet.
Ohne dass man den Hersteller eindeutig klären konnte, steht immerhin fest, dass die Kutsche von Wells Fargo & Company zur Beförderung von Passagieren und Post zwischen Bergwerksstädten im Westen benutzt wurde. 1869 kaufte die Firma Gilmer & Munro Salisbury aus Salt Lake City Kutschen des Typs Concorde im Wert von 70.000 Dollar von Wells Fargo. Wahrscheinlich war mein kleiner Liebling auch darunter. Über sieben Jahre betrieb der neue Eigentümer gewinnträchtige und zuverlässige Postkutschenlinien in der Bergbauregion des Nordwestens. Aber nach Fertigstellung der Northern Pacific Railroad in Montana 1883 war die Firma nicht mehr konkurrenzfähig und gab auf. Die Kutsche ging dann in die Hände der Firma Wakefields & Hoffman aus Bozeman, Montana über, die den Fuhrpark von Gilmer & Salisbury erwarb und damit in das Touristengeschäft im Yellowstone einstieg. Seit 1878 hatte man damit begonnen, den an Naturwundern so reichen Park mit Kutschen zu bereisen. Und in den 38 Jahren, in denen der Kutschendienst dort bestand, trug das Gefährt mehrere hunderttausend Besucher zu zwölf Cent pro Fahrt durch den Park. 1921 stiftete der Manager der Yellowstone Park Transportation Company die Kutsche der Parkverwaltung. Von dort gelangte sie 1968 in das Museum in St. Louis. Und da steht sie nun – wirklich eine Schönheit von einer Kutsche und ein Gefährt, das fast durch die halbe Geschichte der USA gerollt ist.
13. »Get Your Kicks on Route 66«
Der Mann, der das Lied schrieb, das zum Titelsong der Route 66 wurde, hieß Bobby Troup. Er nennt sich selbst einen »mittelmäßigen Pianisten, aber verheiratet mit Julie London«. Julie London, Moment mal! Ich erinnere mich: Das war doch eine von mir in den 50er Jahren heißgeliebte Sängerin. Ja, aber im Februar 1946 hieß Bobbys Ehefrau noch Cynthia, und die beiden saßen in einem Restaurant an der Pennsylvania Turnpike, mit einer Straßenkarte der USA vor sich und mit einem 41er-Buick auf dem Parkplatz. Bobby hatte gerade fünf Jahre Dienst im Marine Corps hinter sich. Nun war er entlassen. Seine Eltern besaßen gutgehende Musikgeschäfte in Lancaster und Harrisburg, die er hätte übernehmen können. Aber noch im College hatte er einen großen Treffer als Schlagerkomponist mit »Daddy« gelandet, mit dem Nr.-1-Song auf den Hitlisten des Jahres 1941.
In dem Text bittet ein hübsches kleines Mädchen, a young doll, wie es im Amerikanischen unübersetzbar heißt, ihren Sugar-Daddy, was verwöhnender Vater, älterer reicher Liebhaber, aber auch Zuhälter heißen kann, ihr doch ein neues Auto, Champagner und Kaviar zu kaufen, da er doch immer nur das Beste für sie wolle! Das Lied war vor allem durch Tommy Dorsey bekannt gemacht geworden, und Bobby Troup war, ehe man ihn einberief, zum Songwriter des bekannten Bandleaders avanciert.
Aus der Armee entlassen, versuchte er seinen Lebensunterhalt als Songplugger, als Schlagerkomponist, zu verdienen. Mancher Leser wird vielleicht über das Wort »Songplugger« stolpern. Man hat sich das so vorzustellen: Die großen Musik- und Schallplattenfirmen hatten in ihren Büros ein Zimmer, in das wurden die Komponisten eingesperrt, und was sie dort komponierten, führte man prominenten Schlagersängern oder Bandleadern in der Piano-Fassung vor. Was deren Zustimmung fand, wurde produziert, den Rest konnte der serienmäßig schreibende Plugger vergessen. Es war dies durchaus ein ehrenwerter Beruf. Beispielsweise hat George Gershwin seine Karriere als Songplugger in New York begonnen. Um die Zeit, da die Armee Bobby ins Privatleben heimschickte, gab es eigentlich für eine solche Karriere nur zwei Orte: New York oder Los Angeles. Und so hatte das junge Paar den Buick vollgepackt und war unterwegs in den Westen.
American Memories
»Erst nachdem die ganze Weite des nordamerikanischen Teilkontinentes erschlossen war, entstanden Lieder und Balladen, die sich als eigenständige amerikanische Volkslieder bezeichnen lassen.
Es handelt sich dabei um einen Typ des Volksliedes, der zwischen Ballade und Moritat steht und wohl ursprünglich nicht selten bei der Verbreitung von Sensationsmeldungen wie Mordfallen, Bankeinbrüchen und Eisenbahnräubereien eine Rolle spielte. Diese Moritaten-Lieder wurden oft mit groben Holzschnitten oder Kupferstichen, welche den dramatischen Höhepunkt eines solchen ›Kriminalfalls‹ darstellten, auf Handzettel gedruckt und kamen als eine Art von ›musikalischer Zeitung‹ in den Handel. Sie erfreuten sich vor allem an abgelegenen Orten großer Beliebtheit. Andererseits drang auch auf dem Umweg über solche Lieder nicht selten Kunde von melodramatischen Ereignissen zu den Bewohnern der Staaten an der Ostküste, die schon zu guten Bürgern geworden waren und quasi im Lehnstuhl zurückgelehnt mit wohligem Gruseln die wilden Umstände eines Lebens im Westen zur Kenntnis nahmen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, mit Einsetzen der Industrialisierung und Vollendung eines dichteren Straßen- und Eisenbahnnetzes, tauchte dann eine ganz andere Art des Volksliedes auf. Die einzelnen Berufe wählten sich heroisierte Vorbilder, die sogenannten ›Patrons‹, deren Leben und Taten in Wort und Lied dargestellt wurden.«
Frederik Hetman, Amerika singt
Cynthia war die Tochter wohlhabender Eltern aus Philadelphia, und der Vorschlag kam von ihr: »Warum schreibst du nicht ein Lied über die Route 66? Das ist die Straße, auf der wir fahren!«
Bobby sah auf die Straßenkarte und sagte: »Sei nicht kindisch, Cynthia, auf die 66 kommen wir erst kurz vor Chicago und bleiben dann drauf bis L. A.«
Für eine Weile unterließ es Cynthia, ihm Vorschläge für neue Lieder zu machen, aber irgendwo in Illinois flüsterte sie ihm dann ins Ohr: »Get your kicks on Route 66!«
Das Lied, das dann entstand, hat wahrscheinlich mehr zur Popularität der Route beigetragen als die Promotion-Firma, die der Vater der Route 66 gegründet hatte, um sie bekannt zu machen. Robert William Troup schrieb noch unterwegs die Melodie und etwa die Hälfte des Textes:
»If you ever plan to motor west
Travel my way, take the highway
That’s the best:
Get your kicks on Route 66.
It winds from Chicago to L.A.
More than 2000 miles all the way.
Get your kicks on Route 66.«
In Los Angeles besuchte er alte Bekannte, unter ihnen Nat King Cole, und erzählte ihnen von dem angefangenen Lied.
»Dann«, pflegte Troup sein Garn um seinen Hit weiter zu spinnen – das Werk war immer noch unvollendet –, »griff ich mir meine Straßenkarte, und mein Freund Bullets Durbin besorgte mir das Probestudio von CBS Radio. Die Musiker der Band kamen schon. Ich war immer noch nicht fertig, rannte immer noch mit meiner Karte herum, aber dann fiel’s mir ein. Die Magie der Ortsnamen inspirierte mich:
»You go through St. Louis, Joplin, Missouri,
And Oklahoma City looks mighty pretty.
You’ll see Amarillo, Gallup, New Mexico,
Flagstaff, Arizona. Don’t forget Winona,
Kingsman, Barstow, San Bernadino.
Won’t you get hip to this timely tip,
When you take that California trip?
Get your kicks on Route 66.«
Der einzige Ort, bei dem er aus der korrekten geographischen Reihenfolge geriet, war Winona, aber er brauchte ein Wort, das sich auf Arizona reimte, und das lässt sich nicht so leicht finden.
Nun, er übte den Song mit den Musikern ein. Fünf Tage später nahm ihn Nat King Cole für Capitol auf, und dieses Label brachte ihn sofort auf den Markt. Ehe ein Monat vergangen war, war das Lied ein Hit geworden und blieb es. Es wurde ein Ohrwurm, dieses lächerliche kleine Lied, mit einem Text, der hauptsächlich aus Ortsnamen besteht. Für Millionen von Menschen lässt es den Zauber dieser Straße durch Amerika immer wieder aufs neue lebendig werden.
14. Cahokia oder Die großen Hügel bei St. Louis
Der American Bottom ist eine niedrig gelegene Flussebene entlang des Mississippi, die von der Mündung des Illinois River bei Alton, Illinois, bis in den Süden bei Dupo, Illinois, reicht. Der »Boden« ist in seiner größten Ausdehnung ungefähr 40 Kilometer lang und 15,7 Kilometer breit. Er ist geprägt durch die mäandernden Läufe des Mississippi und des Missouri, die Sümpfe und kleine Seen bildeten. So wuchs eine Landschaft von großer Vielfalt, mit Wasser, Wild und essbaren Wildpflanzen. Die Flussebene bot fruchtbaren Boden. Hier entwickelte sich die indianische Cahokia-Kultur mit der wahrscheinlich größten prähistorischen Bevölkerungsgruppe nördlich von Mexiko. In ihrer Blütezeit zwischen 1050 und 1250 – also noch vor dem Eintreffen der Weißen in der Neuen Welt – hatte sich die Siedlung von Cahokia über eine Fläche von 13 Quadratkilometern ausgedehnt. Auf ungefähr 800 Hektar der zentralen, von Osten nach Westen verlaufenden Erhebung standen Häuser, in denen um die 30.000 Menschen wohnten. Sie lebten in Holzbauten, die mit Schilf gedeckt waren. Mehrere Hektar Land gehörten in der Regel zu einem Wohnhaus. Über Generationen wurden dieselben Bauplätze benutzt. Die Gebäude selbst waren unterschiedlich groß, wahrscheinlich entsprechend dem sozialen Status der Bewohner. Sie dürften sich in Gruppen um einen künstlichen Hügel und einen Dorfplatz geschart haben. So kam es zur Unterteilung der Gesamtgemeinde.
Das Cahokia-Volk errichtete über die Jahrhunderte mehr als einhundert künstliche Erdhügel von verschiedener Größe und Form. Die meisten von ihnen lagen an der in der Mitte der Siedlung verlaufenden Erhebung, auf dem trockensten Teil des gesamten Geländes. Sie gruppierten sich um einen Bezirk, der einen offenen Platz gebildet haben dürfte. Der eindrucksvollste unter den Hügel wird heute Monk’s Mound genannt und stellt das wahrscheinlich größte Erdwerk aus der prähistorischen Zeit Nordamerikas dar. Dieser künstliche Hügel steigt über zwei Terrassen an und ist mit 30,4 Metern Höhe und einer Fläche von 316 auf 240 Meter doppelt so groß wie alle anderen Mounds in seiner Umgebung. Zu seiner Aufschüttung wurden 614.478 Kubikmeter Erdreich bewegt – so jedenfalls versichern uns die Archäologen. Von dem großen Gebäude auf der Höhe dieser Aufschüttung muss man einen ausgezeichneten Blick über die ganze Ortschaft gehabt haben. Der konische Hügel südlich von Monk’s Mound scheint der Begräbnisplatz gewesen zu sein. Eine Palisade aus Holzstämmen, Wachtürmen und Toren umgab einen zentralen Bereich von 80 Hektar. Die Befestigungen dort wurden mindestens viermal erneuert. Der Archäologe Melvin Fowler hat die Vermutung geäußert, dass es sich um eine Verteidigungsanlage gehandelt haben könnte oder dass hochgestellte Persönlichkeiten sich auf diese Weise von den übrigen Einwohnern abgrenzten.
Die Wissenschaftler können nicht sagen, ob Cahokia auf einen Schlag entstand oder sich nach und nach entwickelte; jedenfalls war es schon um 900 nach Christus eine große, komplexe Ansiedlung. Die Bevölkerung scheint ihre höchste Zahl anderthalb Jahrhunderte später erreicht zu haben. Als im 17. Jahrhundert die Europäer in dieses Gebiet kamen, war Cahokia von den American Natives allerdings längst aufgegeben worden.
Monk’s Mound ist ein außerordentlich eindrucksvolles Monument. Man hat errechnet, dass bei einem Einsatz von 2000 Arbeitern rund 200 Tage Arbeitszeit darauf verwandt worden sein müssen. Tatsächlich ging der Bau wohl nicht in einem Stück vonstatten, sondern scheint sich in einem Zeitraum von ein bis zwei Jahren abgespielt zu haben. Letzte Forschungen haben die Annahme, Cahokia sei eine prähistorische Stadt gewesen, allerdings widerlegt. Vielmehr scheinen nie mehr als 500 Menschen im zentralen Bereich der Anlage gelebt zu haben, während sich die restliche Bevölkerung über die umliegende Flussebene verteilte.
Auch steht fest, dass Cahokia das Zentrum einer Anzahl von Orten gewesen sein muss, über die wenig bekannt ist. An die vierzig kleine Dörfer und Gehöfte sind im Bereich des Bottoms entdeckt worden.
Gewisse Aufschlüsse über die Begräbnissitten ergaben sich 1972 bei der Öffnung eines Hügels. Dort fand man einen männlichen Leichnam auf einer Schicht von schätzungsweise 20.000 Muschelperlen. Er scheint ein wichtiger Mann gewesen zu sein. In seiner unmittelbaren Nähe waren drei weitere männliche und weibliche Tote beigesetzt. Um die 800 Pfeilspitzen, Kupferplatten und fünfzehn polierte Steinscheiben, wie man sie bei einem bestimmten Spiel benutzte, wurden ebenfalls in dieser Begräbnisstätte gefunden: möglicherweise Opfergaben von Verwandten der Toten. Außerdem stieß man auf die Skelette von vier enthaupteten Männern, denen man die Hände abgeschlagen hatte. In einer Grube lagen außerdem rund fünfzig junge Frauen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren, die wahrscheinlich erdrosselt wurden.
Cahokia war entschieden die Größte unter den Gemeinden der indianischen Mississippi-Kultur. Ihr Niedergang scheint um 1250 begonnen zu haben, als andere Orte ihr den Rang abliefen.
Wir wissen zudem, dass die Bevölkerung von Mais, Bohnen und anderen Wildfrüchten lebte und dass dort, wo Jagd betrieben wurde, Wasservögel und Rehe erlegt worden sind. Eine wichtige Rolle spielte in den Gemeinden der Mississippi-Kultur die Nussernte. Hunger muss eine ständige Bedrohung dargestellt haben, was sich am Knochenbau der gefundenen Skelette ablesen lässt. Wie überstanden die Cahokia-Menschen die Notzeiten? Meist versuchten die einzelnen Familien, sich autark mit Lebensmitteln zu versorgen. Aber ein- bis zweimal in einem Jahrzehnt scheinen die Erträge der häuslichen Gärten und Nussbäume zur Versorgung nicht mehr ausgereicht zu haben. Jedenfalls hatte wohl jede Familie mehrere Gärten an Orten, die unterschiedlichen Umwelteinflüssen unterlagen. Außerdem konnten sich Familien, die in einem Jahr nicht genügend Nahrungsmittel ernteten, auf die Unterstützung durch ihre dann vielleicht bessergestellten Verwandten verlassen. Oder eine größere Verwandtschaftsgruppe mag aus Überschüssen Vorräte angelegt haben. Die Personen, die die Planung übernahmen, dürften schließlich im Verwandtschaftsverband oder in der Stammesgruppe zu Anführern aufgestiegen sein.
Es bestand ein Netzwerk von mehreren hundert Gemeinden, das neben der gegenseitigen Unterstützung in Notzeiten auch den Handel mit Salz und Kieselschiefer, der in den Steinbrüchen in Illinois gefunden und zur Herstellung von Hacken verwendet wurde, abwickelte. Diese Werkzeuge kamen im ganzen nördlichen Mississippi-Tal zutage. Die Salzproduktion, die fast noch wichtiger als die Kultivierung von Mais war, scheint sich an der großen Salzquelle nahe dem Saline River im südöstlichen Illinois abgespielt zu haben.
Soweit sich das feststellen ließ, verlief der Tauschhandel von Person zu Person und bildete zusammen mit der Austeilung von Geschenken die einzige Form der Warenverteilung. Getreide wurde häufig bei Festen ausgegeben.
Brian M. Fagan schreibt in seinem Buch Ancient North America: »Cahokia bietet einen eindrucksvollen Anblick für jemanden, der an die relativ kleinen Maßstäbe der prähistorischen Gemeinden in Nordamerika gewöhnt ist. Selbst heute noch wirken die großen Erdwerke ehrfurchterheischend, vor allem, wenn man sie mit den Gebäuden in den nahe gelegenen städtischen Vororten von Ost-St. Louis vergleicht.«
Die Ausmaße der Anlage hat die Archäologen dazu verleitet, Spekulationen über einen Zusammenhang zwischen den Fundstätten der Mississippi-Kultur und den Staaten und Zivilisationen in Mexiko anzustellen.
Diese These ist nicht unumstritten. Der Bau von Hügeln, auf deren Anhöhen Tempel errichtet wurden, begann in Mexiko mit der Olmeken-Kultur um 1000 vor Christus und erreichte seine höchste Entwicklung in Orten wie Teotihuacán, Tikal, Copan und der Hauptstadt der Azteken, Tenochtitlán. Die mesoamerikanische Kultur beruhte auf einer komplizierten, stark symbolisch ausgeprägten und höchst komplexen religiösen Kosmologie, die man sich in öffentlichen Zeremonien, die auf großen Plätzen durchgeführt wurden, vergegenwärtigte. Leitete sich, so fragten sich die Wissenschaftler, die Architektur, die Kosmologie und der religiöse Symbolismus hier am Mississippi von jener ausländischen Kosmologie her? Breitete sich die Kultivierung von Mais und Bohnen von Mexiko durch Wanderbewegungen und religiöse Motive aus? Die Antwort kann nicht von den Ähnlichkeiten der Architektur in beiden Gegenden abgeleitet werden, die ja auch zufällig sein könnten. Vielmehr muss man den Stil der Fundstücke aus der Mississippi-Kultur und deren weiteren Bereich, der sogenannten Southern Culture, sorgfältig vergleichen.
American Memories
»Ein Weißer wollte von einem Indianer wissen, wie Amerika genannt worden sei, ehe der weiße Mann es entdeckte. ›Es wird wohl ein schwieriges Wort sein‹, fügte er hinzu, ›bitte sprechen Sie es langsam und deutlich aus, damit ich es notieren kann.‹ Der Indianer schüttelte den Kopf. ›Es ist ganz einfach‹, antwortete er. ›Wir nannten es Unser.‹«
»Als Kolumbus in der Neuen Welt landete und den ersten Indianern begegnete, raunten diese sich zu: ›Here goes the neighbourhood‹ (in etwa: Mit der guten Nachbarschaft ist es vorbei).«
Witze der Red-Power-Bewegung, Ende der 60er Jahre
Zunächst meinte die Wissenschaft, es am Mississippi mit einer Anzahl von Gesellschaften zu tun zu haben, die in Staaten organisiert waren und an Orten wie Cahokia ihr zeremonielles Zentrum hatten. In den Begräbnisstätten fand man Artefakte mit recht kunstvoller Verzierung und ausgeprägten Motiven. Da gab es Äxte, bei denen Schneide und Schaft aus einem Stück Stein geschnitten waren, Kupferanhänger, verziert mit Kreisen und weinenden Augen, Muschelschalen, auf denen Spechte und Klapperschlangen abgebildet waren, Trinkgefäße, die männliche Gestalten in zeremonieller Kleidung darstellten.
Man vermutete einen Zusammenhang mit einem anderen Gebiet, das vom Atlantik und der Golfküste bis weit ins Landesinnere reichte. Manches erinnert in der Tat an Funde in Mesoamerika und könnte durch mexikanische Kaufleute, die Pochteca, in dieses Gebiet gelangt sein.
Doch auch diese Hypothese ist heute weitgehend entkräftet. Der Stil der Southern Culture, so der letzte Stand der Forschung, scheint weit mehr mit der Kultur des östlichen Waldlandes als mit Mexiko im Zusammenhang zu stehen. Die Übernahme der Kultivierung von Mais und Bohnen ging offenbar Hand in Hand mit der Vermittlung mythologischer Symbole. Die ältesten Kunstgegenstände aus der frühen und mittleren Waldlandkultur weiter im Osten haben Ähnlichkeit mit den am Mississippi benutzten Dingen. Hier wie dort kannte man beispielsweise die Symbole des Vogels und der weinenden Augen. Das heißt aber nicht, dass es im gesamten Süden und Südosten eine gemeinsame künstlerische Tradition oder einen weit verbreiteten Glauben gegeben hat. Vielmehr ergibt sich die Verbindung aus der Verbreitung des Rohmaterials, beispielsweise der Seemuscheln. Es muss bis ins 13. Jahrhundert ein über Tausende von Jahren hin intaktes Tauschnetz für Kupfer, Seemuscheln und Produkte aus diesen Materialien gegeben haben. Auch die Ähnlichkeiten der religiösen Motive in diesem weiten Raum dürften sich so ergeben haben. Andererseits widersprechen die Archäologen der Vorstellung von einer »Staatsreligion des Südostens«, und reden in ihrer Fachsprache vielmehr von »komplexen, sehr variablen religiösen Mechanismen«, auf die sich die Autorität der örtlichen Häuptlinge stützte. Ohne Zweifel waren somit einige der zeremoniellen Fundstücke Abzeichen für Rang und Status, während der Glaube der Mississippi-Kultur seinen Ursprung in Traditionen und Ritualen hatte, die damals schon tausend Jahre alt waren.
15. Oklahoma Dustbowl
Auf der Route 66 gelangt man nun nach Oklahoma und in jenen Teil von Texas, der wie ein Pfannenstiel in diesen Bundesstaat hineinreicht. Auch heute noch ist dies eine Gegend, der eine gewisse Rückständigkeit oder besser: Entlegenheit anzumerken ist, sobald man die Route 66 oder die Interstates verlässt.
Das nordwestliche Oklahoma ist ein Teilgebiet der Großen Ebenen, in dem gemischte Grasprärien die vorherrschende Landschaftsform sind. Das Land ist überwiegend baumlos. Kleine Wäldchen mit Pappeln und China-Berries finden sich lediglich in den Senken nördlich des North Canadian River und seiner Nebenflüsse. Rote Zedern wachsen in den zerklüfteten Canyons des Cimarron, die zusammen mit denen des North Canadian River von Nordwesten nach Südosten die Region durchziehen.
Regen, im Durchschnitt 58 Zentimeter jährlich, fällt reichlich oder gar nicht. Eine Redensart der Gegend lautet: »Manchmal regnet es für vier Jahre auf einmal und dann wieder überhaupt nicht.« Die Alteingesessenen behaupten, dass das Salbeigebüsch während der Dürreperioden das Erdreich zusammenhält, dazu kommen Yucca, Sandpflaumen und dichte Gebüsche einer Eichenart.
Die Natur hat die Gegend zum Weideland bestimmt. Über 10.000 Jahre hin grasten hier Büffel. Indianische Stämme lebten fast ausschließlich von diesen Tieren. Durch die Einführung der Pferde im 16. Jahrhundert verbesserten sich die Jagdbedingungen grundlegend.
Ab 1877 aber begann auf der Prärie die systematische Abschlachtung der Büffel durch die Weißen. Die weißen Jäger, denen die Regierung 50 Cent pro Büffel zahlte, häuteten die Tiere ab, schnitten ihnen die Zungen als Beweis heraus und ließen die Kadaver dann liegen.
Im Osten bestand ein wachsender Bedarf an Rindfleisch. In Texas gab es große Rinderherden, andererseits war 1866, kurz nach dem Ende des Sezessionskriegs, das Bargeld rar. Also trieb man die Longhorn-Rinder auf den Markt von Texas, durch das heutige Oklahoma an die Endpunkte der Eisenbahnstrecken und brachte sie von dort als Schlachtvieh nach Chicago und in die Städte des Ostens. Mitte der 70er Jahre schob sich dann der Schienenstrang immer weiter nach Westen vor, bis er Dodge City in Kansas erreichte.
Nun grasten die Longhorns dort, wo zuvor die Büffel gegrast hatten. Oklahoma war offiziell als Indianer-Territorium bekannt. Es war eines der Gebiete östlich der Rockys, das noch nicht Bundesstaat geworden war. Es war ein weißer Fleck auf der Wirtschaftskarte des Landes, ein Vakuum, das die Eisenbahnmagnaten und Landspekulanten verzweifelt zu füllen versuchten. Tatsächlich aber war das Land besetzt, nämlich von den fünf »zivilisierten Stämmen«, den Choctaw, den Cherokee, den Chickaw, Creek und Seminolen.
Die Stämme wurden »zivilisiert« genannt, weil sie den weißen Mann dadurch zu beeindrucken versucht hatten, dass sie seine Zivilisation nachahmten und als Gegenleistung auf eine zivilisierte Behandlung hofften. Sie hatten gesetzgebende Körperschaften eingerichtet, eine Schriftsprache zur Übersetzung der Bibel entwickelt und hielten Sklaven. All dies half ihnen wenig, als die Weißen sie um 1830 aus ihren Heimatgebieten im Südosten der USA vertrieben, weil sie eine Konkurrenz für die weißen Bauern in dieser Gegend darstellten. Man schickte sie auf einen erniedrigenden »Marsch der Tränen« in das Indianer-Territorium westlich des Mississippi, ein Gebiet, das – wie man ihnen versicherte – den Indianern so lange gehören sollte, »wie das Gras grünt und die Wasser der Flüsse fließen«.
Tatsächlich war das, wenn man die Haltung der meisten weißen Amerikaner damals berücksichtigt, die sich in dem Spruch »Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer« ausdrückt, eine vergleichsweise humane Lösung. Die Indianer ließen sich in ihrer neuen Heimat nieder und gründeten in dem Land der »rollenden Hügel«, die allmählich in eine Ebene auslaufen und zur Trockensteppe werden, ihre Nationen neu.
American Memories
»Dies«, sagte der Neuankömmling, »wäre ein gutes Land, wenn es hier nur Wasser gäbe.« – »Tja«, antwortete ein anderer, der eben seinen Wagen wieder beladen hatte und in den Osten zurück wollte, »das sagt man in der Hölle auch.«
»Keine Frau sollte in diesem Land zu leben versuchen, die nicht auf eine Windmühle klettern oder ein Gewehr abfeuern kann.«
»Freilich wird es hier manchmal auch trocken«, erzählen die Leute, »so trocken, dass die Rinder ganz zusammenschrumpeln und durch die Löcher des Maschendrahts in den Hühnerhof kriechen. Dann verstecken sie sich unter den Hühnern. Das ist schon unangenehm.«
Und die Leute sagen auch, dass einer so lange ein Greenhorn ist, wie er den Unterschied zwischen Texas, Oklahoma, Colorado, Kansas und den Dakotas nicht in der Luft schmeckt.
Mündlich von Leuten im Mittelwesten
Es war ein Land, in dem man Baumwolle anbauen und Vieh züchten konnte. Aber die fünf Stämme machten sehr bald einen fatalen Fehler. Da sie schwarze Sklaven besaßen, vielleicht aber auch aus Empörung über die ihnen während der Deportation zugefügten Leiden, schlugen sie sich im Sezessionskrieg auf die Seite der Südstaaten. Als der Norden den Krieg gewonnen hatte, erklärte die siegreiche Union, die Indianer hätten durch ihre Parteinahme alle Rechte auf Grund und Boden für immer verwirkt.
Die Konfiszierung erfolgte nicht sofort. Zunächst wurden nur die westlichen Teile eingezogen, die man nun Oklahoma-Territory nannte. Territory war die staatsrechtliche Bezeichnung für Gebiete, die noch nicht die Rechte und Pflichten eines Bundesstaates besaßen. Die Osthälfte des Indian Territory blieb den fünf Stämmen, die alle eine eigene Stammesregierung besaßen. Es kam zu einer Folge von spekulativen Landkäufen und auch zur Vereinnahmung des Westteils. Die Weißen drangen nun in das verbliebene Gebiet der American Natives vor, einige pachteten von den Indianern Land, andere ließen sich einfach nieder und beanspruchten die von ihnen bebauten Ackerflächen. Wem an Grund und Boden was gehörte, wurde immer undurchsichtiger.
Hinzu kam die Gesetzlosigkeit der Gegend. Weiße Kriminelle, die sich dem Arm des Gesetzes entziehen wollten, flohen dorthin. Mit dem Stammesgesetz der Indianer waren sie nicht zu belangen, ausgeliefert werden konnten sie nicht. Die James-Brüder, die Daltongang, die Doolins, Belle Starr und Cherokee Bill – der behauptete, schwarzes, weißes und indianisches Blut zu haben – tauchten auf und verblüfften ihre Nachbarn durch ihr friedfertiges Verhalten. Mit ihnen begann in Oklahoma eine Tradition, Outlaws als Volkshelden anzusehen.
Die Auswirkungen der Rinderzucht und die Einwanderung von Weißen veränderte die unberührte Natur dieser Landschaft immer weiter. Meilenweit wurden Zäune gezogen, um das Vieh während der Winterstürme in einer bestimmten Gegend zu halten. Es entstanden sogenannte Dugouts oder andere Unterkünfte für die Cowboys. Das Land wurde nicht selten überweidet.
Am 16. September 1893 wurde das Indian Territory endgültig für die Besiedlung durch die Weißen freigegeben. Zehntausende lieferten sich ein Wettrennen, jeder wollte sich als erster kostenloses Farmland sichern. Bis ins Frühjahr 1902 entstanden überall auf der Prärie im nordwestlichen Oklahoma schwarze Flecken. Bis zum Herbst war das Land mit ihnen übersät. Entstanden waren sie durch Menschenhand. Die Homesteader begannen das alte Weideland der Prärie in Ackerland umzuwandeln. »Das wilde Land erobern« nannten sie es. Dazu wurden die Rinderherden zusammengetrieben. Mit der Viehzucht auf der offenen Prärie war es vorbei. Für Chicago bedeutete dies das langsame, aber sichere Ende der Schlachthöfe.
Die Homesteader benutzten drei wirksame Waffen auf ihrem Eroberungszug: Stacheldraht, Windmühle und Sodenpflug. Aber was würde auf dem umgepflügten Land wachsen? Zuerst wurde vor allem Mais angepflanzt, mit dem auch die Hühner und das Milchvieh gefüttert wurden. Mit dem Ersten Weltkrieg wuchs die Nachfrage nach Weizen, und immer größere Maschinen wurden zur Aussaat und Ernte benutzt. Letztlich führte die Einführung von ausgesätem Gras und Weizen – Pflanzen, die Dürreperioden und Hitze nicht überstanden – zu der großen Katastrophe der 30er Jahre.
Um Pflanzen kultivieren zu können, muss man die Erdoberfläche für den Aussaatvorgang aufwühlen. Dadurch wird die normale geologische Verwitterung beschleunigt. Die fruchtbare Oberflächenschicht der Erde, die sich in Jahrhunderten gebildet hat, ist dem Zugriff durch Wind und Wasser schutzlos ausgeliefert. Erosion ist die Folge.
In den Vereinigten Staaten haben physikalische, ökonomische und soziale Umstände dazu geführt, dass sich die Erosion in einem Maße ausbreitete, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Physikalisch unterliegen drei Viertel des kontinentalen Landgebiets der USA in bestimmtem Umfang einem Erosionsvorgang. Indem der Mensch diese verwundbaren Landflächen bearbeitete, hinterließ er mit der Ausbreitung der Landwirtschaft eine breite Spur der Erosion.
Axt und Pflug der Pioniere griffen empfindlich in das Spiel der natürlichen Kräfte ein, die über lange Zeit fruchtbare Böden geschaffen hatten. Gleichzeitig bewegte sich die Frontier von der Atlantikküste immer weiter in Richtung Westen, und die Pionierszüge samt einer wachsenden Besiedlung nahmen dem Boden seinen stabilisierenden Mantel aus Bäumen und Gräsern. Sogar die Böden in den Trockengebieten waren ursprünglich sehr fruchtbar gewesen, sie waren reich an Nitrogen und anderen Elementen, die für den Pflanzenwuchs wichtig sind. Die Fruchtbarkeit dieser halbdürren Böden war zunächst ein Segen, bald aber auch die Ursache für ihren schlimmsten Missbrauch. In Jahren mit starken Regenfällen sind dort die Erträge so üppig, dass in folgenden Jahren mit durchschnittlichem Niederschlag die Farmer versucht sind, die Produktion zu erhöhen. Ein fataler Irrtum. Es führt nämlich häufig zu verheerenden Missernten, wenn auf Jahre mit reichlichen oder auch nur durchschnittlichen Niederschlägen solche mit unterdurchschnittlichen Regenmengen folgen. Genau dies wurde Ende der 20er und während der 30er Jahre den damals ohnehin nicht sehr wohlhabenden Farmern in Oklahoma, spöttisch Okies genannt, zum Verhängnis. Ihr Land wurde heimgesucht von Staubstürmen in bisher unbekanntem Ausmaß. Hinzu kam, dass auch der Erdölboom, von dem die Gegend bis dahin profitiert hatte, zurückging. Schließlich war es für das gesamte Land die Zeit der großen Depression. Für viele Okies war die Landwirtschaft völlig unmöglich geworden, weil sich ihre Äcker in eine Staubwüste verwandelt hatten. Es kam zu einer gewaltigen Flüchtlingsbewegung in Richtung Kalifornien, das vielen als das Land erschien, in dem immer noch Milch und Honig fließen.
American Memories
»Ob Werbeschild oder Zapfsäulen-Globe, Roadside-Relikte aus der Auto-Urzeit, sie sind längst zu begehrten Collectables geworden und erzielen Höchstpreise auf dem Markt der Nostalgie.«
Bernd Polster, Kino durch die Windschutzscheibe
»Der Highway war ihr Zuhause und Bewegung ihre Ausdrucksform.«
John Steinbeck
Das Drama hatte gewissermaßen drei Akte: die Verarmung der kleinen Farmer in Oklahoma, die Probleme der Abwandernden (auf der Route 66 nach Westen) und die Verhältnisse in den kalifornischen Lagern. Man hat ausgerechnet, dass zwischen 1935 und 1938 300.000 bis 500.000 Okies in Kalifornien ankamen. Ironischerweise gab es sogar noch Regierungsprogramme, die diese Auswanderungsbewegung unterstützten. Washington zahlte den Landbesitzern, die auf ihrem Grund und Boden nichts mehr anbauten, Unterstützungsgelder und setzte somit Tausende von Pachtbauern und Erntearbeitern frei. In Kalifornien hingegen, einem reichen, von der Natur begünstigtem Staat, war die Abneigung gegen die unzähligen, wie die Heuschrecken einfallenden Menschen groß. Sie führte dazu, dass jene ausländischen Erntearbeiter, die aus China, Mexiko und den Philippinen stammten, mit den neu eingewanderten Habenichtsen konkurrieren mussten. In John Steinbecks großem amerikanischen Romanepos Die Früchte des Zorns kann man das nachlesen. Ein typisches Okie-Schicksal erlebte auch Woody Guthrie, der Folksänger, der mit seinem Song »This Land is Your Land« auch jenseits des Atlantik berühmt wurde.
Бесплатный фрагмент закончился.
