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Frederick Marryat
Der Höllenhund
Saga
1. Kapitel
Im Monat Januar 1699 lief ein schwarzbemalter Einmaster mit einer Geschwindigkeit von ungefähr fünf Meilen in der Stunde längs der Küste von Beachy Head. Der Nordwind blies scharf und es war heller Tag. Die Sonne erhob sich über Wolken und Dünste, Licht, aber keine Wärme verbreitend. Das Schiff war mit Reif bedeckt, der Mann am Steuer war in eine dickwollene Jacke gehüllt und trug Fäustlinge, welche seine Hände so groß wie Füße erscheinen ließen. Seine Mopsnase zeigte eine tiefrot-blaue Farbe, die zum Teil in der Kälte, zum Teil in dem Mittel, welches der Mann gegen eine derartige Belästigung anzuwenden gewöhnt war, ihren Grund hatte. Seine grauen Haare flatterten im Wind und sein Gesicht war durch einen gewaltigen Tabakspflock verzerrt, der seine rechte Wange in die Höhe trieb. Diese Person war der Steuermann und Zweite Offizier des Schiffes, Obadiah Coble geheißen —, ein Name, welcher ihm vor ungefähr sechzig Jahren in der Taufe beigelegt worden war, das heißt, wenn er überhaupt die Taufe erhalten hatte. Er stand so regungslos am Steuer, daß man hätte glauben können, er sei da angefroren, wenn nicht seine Augen hin und wieder von dem Kompaß nach dem Buge des Schiffes gewandert wären. Zugleich bildete sein Atem eine Rauchwolke, ähnlich der, welche die Schnauze eines kochenden Teekessels von sich gibt.
Das Fahrzeug gehörte zu dem Dienste Seiner Majestät, König Wilhelms des Dritten, und war damit beschäftigt, Seiner Majestät Einkünfte gegen die Einführung von Modewaren und Lautensaiten zu schützen. Die Mannschaft befand sich beim Frühstück, den Steuermann und den kommandierenden Leutnant ausgenommen, der eben auf dem Halbdeck hin- und herging, wenn die schmale Bretterlage dieses Namens gewürdigt werden konnte. Er hieß Cornelius Vanslyperken, und war ein großer hagerer Mann mit sehr schmalen Schultern und einem sehr kleinen Kopfe. Sein Gesicht war mager und und hohlwangig, Nase und Kinn aber zeigten eine so große Vorliebe für einander, daß sie augenscheinlich die Kluft, welche ihr Zusammentreffen hinderte, höchlich beklagten. Die Nase hatte stets eine perlrunde Träne an ihrer Spitze hängen, als ob sie weinte. Mr. Vanslyperkens Anzug war unter einem Überrock verborgen, der eine bedeutende Länge hatte und fast bis auf den Boden hinunter zugeknöpft war. Der Überrock war zu jeder Seite mit einer Tasche versehen, in deren Tiefe die Hände des Eigentümers Platz fanden, wobei die Arme so dicht an dem Leibe anlagen, als wären sie weiter nichts als an eine Topsegelrahe genagelte Latten. Die einzige Abweichung von der Perpendikularität der Gestalt bestand in dem rechtwinkligen Vorspringen eines Sprachrohrs, das unter seinem Arme stak. Seine Beine hatten solche Dimensionen, daß er mit sechs Schritten den Bord des Schiffes erreichen konnte. Sechs weitere Schritte brachten ihn nach den Bugen und dann kehrte er wieder und wieder um. Es befand sich jedoch eine dritte Person von nicht geringerer Wichtigkeit auf dem Deck. Dies war einer der garstigsten und boshaftesten Köter, den die Welt je hervorgebracht hat — garstig von Farbe, denn sie bestand aus schmutzigem Gelb, ähnlich dem Anstrich, den Seiner Majestät Königsschiffe in den Arsenalen erhalten — garstig im Gesichte, weil er nur ein einziges Auge und einen so weit vorspringenden Unterkiefer hatte, daß die Merkmale einer Bullenbeißerkreuzung nicht zu verkennen waren — und häßlich an Gestalt, denn obgleich er stark gebaut und größer war als ein Hühnerhund, so humpelte er doch erbärmlich auf seinen auswärtsgebogenen Vorderbeinen einher. Ohren und Schwanz waren lang — wahrhaftig schade, denn je mehr sie gestutzt worden wären, desto besser würde er sich ausgenommen haben. Aber obschon seine Ohren nicht die Spuren des Messers trugen, waren sie doch durch unterschiedliche Gefechte mit den Hunden am Lande zu Bändern zerrissen, wozu wohl die boshafte Gemütsart des Tieres Anlaß gegeben hatte. Sein Schwanz hatte infolge einer Hautkrankheit die Haare verloren und erinnerte sehr an das ähnliche Anhängsel einer Ratte, wie denn auch viele Teile seines Körpers infolge des gleichen Übels nackt geworden waren. Kopf und Schwanz trug er gesenkt, das Tier hatte überhaupt ein schuftiges, bissiges Aussehen. Es folgte seinem Gebieter auf Schritt und Tritt, drehte sich genau in der gleichen Richtung, war ebenso von der Kälte angegriffen und schien in den nämlichen Zustand tiefer Betrachtung versenkt zu sein. Der Name dieses ungeschlachten Tieres entsprach ganz seinem Äußeren und seiner Gemütsart: es hieß Snarleyyow.
Endlich machte Herr Vanslyperken seinen verhaltenen Gefühlen Luft.
„So kann’s und darf’s nicht länger fortgehen“, murmelte der Leutnant, während er sechs Schritte vorwärts tat. Bei dem ersten Ton der Stimme seines Gebieters spitzte der Hund die Überreste der Ohren und beide wandten sich nun nach dem Hinterschiffe. „Sie hält mich nun schon sechs Jahre zum besten.“
Mit dem Schlusse dieses Satzes hatten Herr Vanslyperken und Snarleyyow das Heck erreicht — der Hund hob seinen Schwanz zur Hälfte.
Sie wandten um, worauf Vanslyperken für ein paar Augenblicke Halt machte und seine dünnen Lippen zusammenpreßte. Der Hund tat desgleichen.
„Bei allem, was blau ist, ich will Antwort haben!“ rief der Leutnant, indem er wieder sechs Schritte tat.
Dann machte er abermals Halt und Snarleyyow blickte zu dem Gesichte seines Gebieters auf. Aber es schien, als ob letzterer den Gang seiner Gedanken verändert hätte, denn die scharfe Luft erinnerte ihn, daß er noch nicht gefrühstückt hatte.
Der Leutnant lehnte sich über die Luke, nahm sein zerbeultes Sprachrohr unter dem Arm hervor, setzte es an seinen Mund, und das Deck hallte wider von dem Rufe: „Smallbones soll nach dem Vorschiff kommen!“
Der Hund legte seine Vorderfüße auf das Lukengeländer und gab den Befehlen seines Gebieters mit einem tieftönigen abgemessenen „Wau, wau, wau“ Nachdruck.
Smallbones schob sich bald wie ein Gespenst durch die Lukenöffnung heraus. Er war ein magerer, ungefähr zwanzig Jahre alter Mensch mit blassem Gesicht, hohen Backenknochen, großen Glotzaugen und schlichtem, sehr dünn gesätem Haare auf dem Kopfe. Er sah aus wie der älteste Sohn des Hungers, der eben erst seine Flegeljahre zurückgelegt hat. Die Hosen hatten sich so weit an seinen langen, schlotternden Beinen in die Höhe gezogen, daß die bloßen Füße bis in die Mitte der Waden dem kalten Winde ausgesetzt waren. Seine kurzen Jackenärmel boten hinter dem Handgelenk vier Zoll des knöchernen Armes frei den Blicken dar, das Haupt entbehrte der Kopfbedeckung. Seine Ohren waren sehr groß, von Kälte gerötet und sein Hals so ungeheuer lang und dünn, daß die darauf sitzende Kugel aus Mangel einer Unterstützung ohne Unterlaß zu wackeln schien. Als er auf dem Decke anlangte, führte er die eine Hand nach der Stirn und berührte statt des Hutes seine Haare, während er in der anderen einen halbgerösteten Bückling hielt.
„Ja, Sir“, sagte Smallbones, als er vor seinen Gebieter hintrat.
„Eile dich!“ begann der Leutnant.
Aber nun wurde seine Aufmerksamkeit durch Snarleyyow, welcher schnüffelnd seinen Kopf erhob, nach dem Bückling gerichtet, denn wir müssen bemerken, daß das Tier unter anderen üblen Eigenschaften für nichts als für Bücklinge oder für einen Wegpfosten eine Nase hatte. Herr Vanslyperken hielt daher mit seinem Befehle an sich, zog die Hand aus der Tasche seines Überrocks, wischte den Tropfen von seiner Nase und brüllte dann: „Wie kannst du dich unterstehen, mit einem Bückling in der Faust auf dem Deck eines königlichen Schiffes zu erscheinen?“
„Mit Erlaubnis, Sir“, versetzte Smallbones, „wenn ich ihn in der Schiffsküche gelassen hätte, so würde ich ihn bei meiner Zurückkunft nicht wieder gefunden haben.“
„Was geht das mich an, Mensch? Es ist gegen alle Regel und Ordnung des Dienstes. So höre denn, Bursche —“
„Oh Gott, Sir! seht mir’s diesmal nach“, versetzte Smallbones bittend.
Aber Snarleyyows Appetit war durch den Morgenspaziergang sehr geschärft worden, er steigerte sich mit dem Geruche des Herings, und so erhob sich denn der Hund auf die Hinterbeine, Smallbones den Bückling aus der Hand schnappend. Er schoß dann mit seiner Beute nach der Leelaufplanke und würde wohl bald den Hering ungekaut versorgt haben, wenn ihm nicht Smallbones nachgeschossen wäre und ihn eingeholt hätte, als er den Bückling eben niederlegte, um sein Mahl gemächlich zu beginnen. Es folgte nun ein Kampf, Smallbones erhielt einen Biß in das Bein, der ihn bewog, nach einer Handspake zu greifen und damit einen Schlag nach dem Kopfe des Tieres zu führen, der, wenn er gut gezielt worden wäre, wahrscheinlich allen weiteren Mausereien von seiner Seite ein Ende gemacht hätte. Die Handspake traf jedoch nur eine von seinen Vorderzehen, und Snarleyyow zog sich heulend nach der andern Seite der Back zurück, wo er, sobald er außer dem Bereiche seines Feindes war, trotzig zu bellen anfing.
Smallbones las den Hering auf, schob seine Hosen zurück, um den Biß zu untersuchen, und feuerte in den Worten: „Mögest du, wie ich, Hungers sterben, du Bestie!“ einen Fluch gegen den Hund ab. Dann wandte er sich, um nach dem Hinterschiff zu gehen, und traf nun wieder auf die schmächtige Gestalt des Herrn Vanslyperken, der, die Hände in den Taschen und das Sprachrohr unter dem Arm, mit grimmiger Miene dastand.
„Wie kannst du dich unterstehen, meinen Hund zu schlagen, du Schurke?“ rief der Leutnant, den die Wut fast erstickte.
„Er hat mir das Bein durch und durch gebissen, Sir“, versetzte Smallbones mit unruhigem Gesichte.
„Warum hast du so dünne Beine?“
„Weil ich nichts kriege, um sie voller zu machen.“
„Hast du da nicht einen Hering, du mit Bücklingen gemästeter Schurke? Hast du ihn nicht allen Regeln des Dienstes zuwider auf Seiner Majestät Deck gebracht, du gefräßiger Schuft? Aber warte nur, ich will dir dafür —“
„Es ist nicht mein Hering, Sir, sondern der Eurige — er gehört zu Eurem Frühstück und ist der einzige, den wir von dem halben Dutzend noch übrig haben.“
Diese letztere Bemerkung schien Herrn Vanslyperken einigermaßen zu beschwichtigen.
„Geh’ hinunter“, sagte er nach einer Pause, „und laß mich wissen, wenn mein Frühstück bereit ist.“
Smallbones gehorchte augenblicklich, froh, so leichten Kaufes entkommen zu sein.
„Snarleyyow!“ rief der Leutnant, nach dem Hunde hinsehend, der sich noch immer auf der anderen Seite der Back befand, „pfui, schäme dich, Snarleyyow! Komm’ her, Hund, komm’ augenblicklich her!“ —
Aber Snarleyyow, den der Verlust seines Frühstücks verdroß, war starrköpfig und wollte nicht kommen, sondern blieb stehen und sah seinem Herrn ins Gesicht, während dieser zu locken fortfuhr. Endlicht stieß er nach einer Pause der Unschlüssigkeit ein heulendes Gebell aus, schlenkerte nach der großen Luke hin und verschwand darin. Herr Vanslyperken dagegen kehrte nach dem Halbdeck zurück und schritt, wie zuvor, auf und ab.
2. Kapitel
Smallbones erschien bald wieder und meldete Herrn Vanslyperken, daß das Frühstück bereit sei, worauf der Leutnant nach der Kajüte hinunterging. Eine Minute nach seinem Verschwinden kam ein anderer Mann herauf, um den am Steuerrade abzulösen, welcher, sobald er die Speichen abgegeben hatte, sich nach der erprobtesten Weise zu wärmen begann, indem er die Arme um seinen Leib schlug.
„Der Leutnant ist diesen Morgen wieder nicht in der besten Laune“, sagte Obadiah nach einer Weile. „Ich habe ihn von dem Weibsbild in dem Lusthaus murmeln hören“, versetzte Jansen, ein holländischer Matrose von riesigem Umfange.
„Ja, der Name der Frau Vandersloosch führt sicher einen Sturm herbei. Ich will zu meinem Frühstück hinuntergehen. Drehe Nordost, Jansen, und halte scharfen Lugaus nach den Booten.“
„Gott verdamm — wie kann ich das Schiff steuern und zu gleicher Zeit nach den Booten sehen?“
„Das geht mich nichts an. Die Ordre lautet so, ich übergebe sie dir, wie ich sie erhalten habe. Du mußt eben sehen, wie du über die Unmöglichkeit wegkommst.“
Mit diesen Worten begab sich Obadiah Coble nach dem Raume hinunter.
Wir müssen ihm folgen und den Leser in die Kajüte des Leutnants Vanslyperken einführen, obschon diese nicht sehr prunkhaft mit Möbelwerk ausgestattet ist. Ein einziger kleiner Tisch, ein einziger Stuhl, eine Matratze in einem Standbette mit Vorhängen von Segeltuch, ein offener Wandschrank mit drei Tellern, einer Kaffeetasse, zwei Trinkgläsern und zwei Messern — mehr war nicht erforderlich, da Herr Vanslyperken nie Gesellschaft zu sich bat. Es war auch noch ein anderer Wandschrank vorhanden, der jedoch sorgfältig verschlossen gehalten wurde. Vor dem Leutnant stand ein weißes Waschbecken, ungefähr zur Hälfte mit heißem Burgoo — einer sehr gesunden Komposition aus gekochtem Hafermehl und Wasser — angefüllt. Dies war die Ration, welche die Schiffsküche für Herrn Vanslyperken und seinen Bedienten Smallbones lieferte. Der Leutnant rührte das Gemisch emsig durcheinander. Snarleyyow saß daneben und wartete auf seinen Anteil, während Smallbones in der Nähe stand und der Befehle harrte.
„Smallbones“, sagte der Leutnant, nachdem er das heiße Gericht versucht und gefunden hatte, daß er noch immer in Gefahr stand, den Mund zu verbrennen, „bring’ mir den Bückling.“
„Den Bückling?“ stotterte Smallbones.
„Ja, den Bückling“, entgegnete Herr Vanslyperken, indem er seine kleinen grauen Augen finster auf den Diener heftete.
„Er ist nicht mehr da, Sir“, entgegnete Smallbones ängstlich.
„Nicht mehr da? Wo ist er hingekommen?“
„Mit Erlaubnis, Sir, ich glaubte nicht, daß Ihr ihn anrühren würdet, nachdem ihn der Hund in seinem garstigen Maule gehabt hat; und so, Sir — mit Erlaubnis, Sir —“
„Nun, und was so?“ fragte Vanslyperken, seine dünnen Lippen zusammenpressend.
„Aß ich ihn selbst — halten zu Gnaden — o je — o je!“
„Das — das hast du getan — du gefräßige Vogelscheuche? Hast du das wirklich getan? Weißt du, daß du dich eines Diebstahls schuldig gemacht hast — und weißt du, welche Strafe darauf steht?“
„Oh, Sir, es war ein Irrtum — mein teurer Sir“, entgegnete Smallbones wimmernd.
„Gut. Vorerst will ich dir die Rippen mit der Katze zerhauen lassen.“
„Habt Barmherzigkeit, Sir — oh, Sir!“ rief der junge Mensch, während ihm die Tränen aus den Augen rannen.
„Und zwar mit der Diebskatze — drei Knoten in jedem Riemen.“
Smallbones erhob seine mageren Arme, rang seine Hände und flehte um Gnade.
„Und wenn du gepeitscht bist, sollst du gekielholt werden.“
„O Gott!“ kreischte Smallbones, auf seine Knie niederfallend. „Habt Erbarmen, habt Erbarmen!“
Aber da war kein Erbarmen zu finden. Sobald Snarleyyow den armen Burschen auf die Knie niederfallen sah, stürzte er auf ihn zu, warf ihn rücklings nieder, knurrte über ihm und sah gelegentlich nach seinem Gebieter auf.
„Komm’ her, Snarleyyow“, sagte Herr Vanslyperken, „komm’ her, mein Hund, und leg’ dich.“
Aber Snarleyyow hatte den Bückling noch nicht vergessen, er biß zuvor zur Rache Smallbones in das Bein, ehe er seinem Gebieter gehorchte.
„Steh’ auf, Mensch!“ rief der Leutnant.
Smallbones erhob sich, aber zugleich stieg ihm auch die Galle. Seine Entrüstung gegen den Hund ließ ihn alles vergessen, was ihm angedroht war. Mit Tränen in den funkelnden Augen und vor Wut wimmernd warf er seine Arme umher und rief: „Nein, das halte ich nimmer aus — ich springe über Bord. Die Bestie hat mich schon vierzehnmal in dieser Woche gebissen. Lieber will ich mit einemmale sterben, als in dieser Weise zu Hundefleisch gemacht werden.“
„Halte augenblicklich dein Maul, du meuterischer Schuft, oder ich lasse dich in Eisen legen.“
„Es ist mir lieb, wenn Ihr’s tut — Eisen beißt nicht, wenn es einen auch festhält. Ich will davonlaufen — gleichviel, wenn ich auch gehangen werde. Es ist immerhin besser so, als wenn ich hier tot gehungert oder tot gebissen werde —“
„Stille, Bursch. Es ist nur die gute Kost, die dich so unverschämt macht.“
„Gott vergebe Euch!“ rief Smallbones überrascht. „Ich habe kein volles Mahl gehabt — —“
„Ein volles Mahl, du Schurke? Ein Kerl wie du wäre auch zu füllen — hohl von oben bis unten, wie ein Bambusrohr.“
„Und was ich kriege, muß ich teuer zahlen“, fuhr Smallbones mit Nachdruck fort. „Sogar der Hund da schießt auf mich los, wenn ich ein bißchen Zwieback nehme. Noch nie habe ich einen Bissen gekriegt, ohne zugleich einen Biß zu erhalten — das ist meine ganze Ration.“
„Ein Beweis von seiner Treue, auch ein Beispiel für dich, du Wicht“, entgegnete der Leutnant, indem er seinem Hunde zärtlich den Kopf tätschelte.
„Schon gut. Ich wollte nur, Ihr jagtet mich fort — oder ließet mich hängen — ich wollte mir nichts daraus machen. Ihr habt einen so guten Appetit, der Hund frißt auch aus Leibeskräften, daß für mich nichts übrig bleibt.“
„Du unverschämter Kerl, denk’ an die Diebskatze.“
„Es ist sehr hart“, fuhr Smallbones, ohne auf die Drohung zu achten, fort, „daß die Bestie da meine Ration frißt, und noch obendrein mich zur Hälfte fressen darf.“
„Du vergißt das Kielholen, du Vogelscheuche.“
„Dann wünsche ich nur, daß ich nie wieder heraufkommen möge.“
„Verlaß die Kajüte.“
Smallbones gehorchte diesem Befehle.
„Snarleyyow“, sagte der Leutnant, „du bist hungrig, mein armes Tier.“ Snarleyyow legte eine Vorderpfote auf das Knie seines Gebieters. „Sollst bald dein Frühstück erhalten“, fuhr Herr Vanslyperken fort, indem er zwischenhinein von dem Burgoo aß. „Aber, Snarleyyow, du bist diesen Morgen nicht ordentlich gewesen — solltest eigentlich kein Frühstück erhalten.“ Snarleyyow knurrte. „Wir sind erst vier Jahre miteinander bekannt, und in wie viele Klemmen hast du mich schon gebracht, Snarleyyow!“ Snarleyyow legte seine Pfoten auf das Knie seines Herrn. „Ah, ich sehe, es tut dir leid, mein armer Hund, deshalb sollst du auch einiges Frühstück erhalten.“
Herr Vanslyperken setzte nun das Burgoobecken auf den Boden, und der Hund fiel gierig darüber her.
„Ei, mein Hund, nicht so hurtig; du mußt auch etwas für Smallbones übrig lassen, denn er wird’s brauchen können, ehe die Strafe an ihm vollzogen wird. So, es ist genug jetzt.“
Der Leutnant wollte nun das Becken mit dem kleinen Suppenreste wegnehmen, Snarleyyow aber knurrte und würde wohl nach seinem Herrn geschnappt haben, wenn ihn dieser nicht mit der Mundöffnung des Sprachrohrs zurückgeschoben und einen Teil des Gerichts erobert hätte, um es für den Gebrauch des armen Smallbones auf den Tisch zu setzen.
„So, mein Hund, wir wollen jetzt auf das Deck gehen.“
Herr Vanslyperken verließ, von Snarleyyow begleitet, die Kajüte. Sobald aber sein Gebieter sich auf der Mitte der Treppe befand, kehrte der Hund wieder um, sprang auf den Stuhl, von dem Stuhl auf den Tisch, und verfügte dann über den Rest des dem armen Smallbones zugedachten Frühstücks. Als er damit fertig war, folgte er seinem Herrn.
3. Kapitel
Wir müssen nun den armen Smallbones, der in dem Vorderpiek des Schiffes sein hartes Schicksal beklagt, und Herrn Vanslyperken, der mit seinem Hund auf dem Halbdeck spazieren geht, verlassen, um den Leser mit den Zeiten, in welche unsere Erzählung fällt, wie auch mit Herrn Vanslyperkens Geschichte besser bekannt zu machen.
In unserem ersten Kapitel ist als Datum das Jahr 1699 angeführt, und wenn der Leser die Geschichte zu Rate zieht, so wird er finden, daß Wilhelm von Nassau seit ein paar Jahren den englischen Thron inne hat, ferner, daß vor kurzem zwischen England und Frankreich Friede geschlossen worden ist. Der König verbrachte seine Zeit teilweise in Holland unter seinen Landsleuten, und die englischen und holländischen Flotten, welche noch vor ein paar Jahren mit so viel Hartnäckigkeit und Mut gegeneinander gestritten, hatten in letzter Zeit ihre Kanonen gemeinschaftlich gegen die Franzosen gerichtet. Wie alle Festlandfürsten, die auf den englischen Thron berufen wurden, erwies auch Wilhelm seinen Landsleuten viel Gunst, und England wurde von holländischen Favoriten, Höflingen und Patriziern überschwemmt. Er wollte sich nicht einmal von seinen holländischen Garden trennen und stand deshalb mit dem englischen Parlament in Unterhandlung. Da der Krieg vorüber war, lag fast die ganze englische und holländische Flotte abgetakelt in den Häfen, nur eine kleine Anzahl von Schiffen war in Tätigkeit, um den Schleichhandel zu hemmen, der dem englischen Manufaktursystem großen Abbruch tat. Der Kutter, von dem wir erzählen, war gleichfalls diesem Dienste geweiht und hieß die ‚Jungfrau‘, obgleich er in England gebaut war und zu der englischen Flotte gehörte. Man kann sich leicht denken, daß während jener Zeit die holländischen Interessen das Übergewicht behaupteten, wie denn auch alle holländischen Seeleute, die bei ihrer eigenen Marine nicht verwendet werden konnten, auf den englischen Schiffen Anstellung fanden. Herr Vanslyperken war von holländischer Abkunft, aber zu einer Zeit in England geboren, als es sich der Prinz von Oranien noch lange nicht träumen ließ, auf den englischen Thron berufen zu werden. Er war ein naher Verwandter von König Wilhelms Amme — eine Verbindung, die selbst noch in unseren Tagen bedeutende Vorteile bieten würde. Vor der Revolution hatte er sich in einem Kampfe zwischen den Holländern und den Engländern als feig erwiesen und war deshalb auf den Sims geschoben worden, denn trotz seiner langen Dienstzeit hatte er, ehe man ihn zum Leutnant eines Zweideckers ernannte, doch nur kleine Fahrzeuge befehligt, weshalb sein Mangel an der nötigen Befähigung früher nie entdeckt worden war. Der Einfluß, welcher in seinem Interesse auf den holländischen König geübt wurde, reichte zu, um ihm das Kommando eines kleinen Schiffes zu verschaffen. In damaliger Zeit war der Dienst ganz anders als heutzutage, denn die Kommandeure waren zugleich Zahlmeister und konnten sich ein schönes Stück Geld ersparen, indem sie die Matrosen darum betrogen. Außerdem wurde die Mannszucht in einer Weise gehandhabt, daß die modernen Philanthropen darüber gestaunt haben würden, denn ein Untergeordneter durfte sich nicht beschweren — man konnte ungestraft die Tyrannei und Unterdrückung sogar bis zum Menschenmorde ausdehnen. Man durfte die schändlichsten Grausamkeiten üben, wenn die Befehlshaber der Schiffe nur in anderen Punkten ihre Pflicht taten, und außer der nötigen Geschicklichkeit auch entsprechenden Mut zeigten. Leutnant Vanslyperkens Charakter läßt sich als ein Inbegriff dreier Laster, des Geizes, der Feigheit und der Grausamkeit bezeichnen. Im äußersten Grade filzig, hatte er während seines langjährigen Kommandos viel Geld erspart, indem er sowohl die Mannschaft als die Regierung bestahl. Er war jetzt fünfundfünfzig Jahre alt. Seit der Ernennung auf die ‚Jungfrau‘ hatte er hin und wieder König Wilhelms Depeschen an die Generalstaaten überbringen müssen, und während dieser wiederholten Besuche im Haag die Bekanntschaft der Witwe Vandersloosch gemacht, die ein Lusthaus hielt, wo die Matrosen zu trinken und zu tanzen pflegten. Sobald er entdeckt hatte, daß die beleibte Wirtin auch reich war, setzte er es sich in den Kopf, ihr den Hof zu machen, in der Hoffnung, mit ihrer Hand auch ihr Geld zu erhalten, obschon die Witwe nicht entfernt daran dachte, seine Bewerbungen anzunehmen, zugleich aber auch klug genug war, ihn nicht entschieden zurückzuweisen, weil sie die Kundschaft seines Kutters zu verlieren fürchtete, Sie bewillkommte ihn daher, sooft er anlangte, sehr freundlich und machte ihm Hoffnungen, ohne sich auf etwas weiteres einzulassen.
Wann und wie Herr Vanslyperken seinen Liebling Snarleyyow aufgelesen hatte, war nicht zu entdecken, es muß daher ein Geheimnis bleiben. Die Matrosen sagten, der Hund sei auf eine übernatürliche Weise auf dem Kutter erschienen, die meisten von ihnen betrachteten ihn mit ebensoviel Scheu als Groll. Soviel ist übrigens gewiß, daß sich der Kutter vor einiger Zeit empört hatte, und daß sich die meuterische Mannschaft nachts mit Gewalt Zutritt in die Kajüte des Leutnants zu verschaffen suchte. Es ist daher nicht unvernünftig, wenn man annimmt, daß Vanslyperken fühlte, ein guter Wachthund dürfe eine sehr nützliche Zugabe zu seinem Haushalt sein, und deshalb sich einen derartigen Gesellschafter zugelegt hatte. Alle Liebe, die er je irgend einem lebenden Wesen erzeigte, war auf dieses Tier konzentriert, und nach dem Gelde war Snarleyyow der erste Besitzer von dem Herzen seines Gebieters.
Herr Vanslyperken ging wohl eine Viertelstunde, ohne zu sprechen, auf dem Halbdecke hin und her. Die Matrosen hatten ihr Frühstück beendigt und trieben sich müßig herum. Der Leutnant dagegen dachte, wie er Frau Vandersloosch überreden könne, auf seine Wünsche einzugehen, und wie er es angreifen solle, um die Züchtigung des armen Smallbones mit der Größe seines Verbrechens in Einklang zu bringen. Während er diese zwei wichtigen Gegenstände mit sich beriet, wurde er in seinen Träumereien durch einen Ausluger unterbrochen, welcher die Nähe der beiden Boote anmeldete, die abends ausgeschickt worden waren.
„Wie weit weg?“ fragte Herr Vanslyperken.
„Ungefähr zwei Meilen.“
„Rudernd oder segelnd?“
„Rudernd, Sir, wir steuern gerade auf sie zu.“
Herr Vanslyperken war jedoch in keiner angenehmen Stimmung, weshalb er Befehl erteilte, den Kutter beizulegen.
„Ich dächte, die Leute hätten die ganze Nacht durch genug gerudert“, bemerkte Jansen, der eben am Steuerruder abgelöst worden war, gegen Obadiah Coble, welcher neben ihm in der Back stand.
„Bin auch der Meinung, aber es wird eine Brise geben, verlaß dich darauf. Doch gleichviel, der Teufel wird dennoch in guter Zeit sein Eigentum kriegen.“
„Gott verdamm’s“, entgegnete Jansen.
Die Boote waren bald an Bord, obschon ihre Matrosen von dem Augenblicke an, als der Kutter beigelegt hatte, jeden Ruderschlag mit einem nautischen Fluche über das Haupt ihres Befehlshabers begleiteten. Der Steuermann und Erste Offizier, der die Boote befehligt hatte, kam über die Laufplanke und begab sich zu Vanslyperken hinauf. Er war ein gedrungener, stämmiger Mann, ungefähr fünf Fuß vier Zoll hoch, und sah in seinen dichten Kleidern einem Bären ähnlich. Sein Name war Richard Kurz, er entsprach ihm auch in jedem Betracht, denn er war kurz von Natur, kurz in seiner Redeweise und kurz angebunden in seinen Entschlüssen und Handlungen.
Als Kurz vor dem Leutnant erschien, hielt er es nicht für nötig, sich mit dem gewöhnlichen „komme an Bord, Sir“, zu melden, denn es war ja augenscheinlich, daß er an Bord war. Er sagte daher nichts. Überhaupt befliß er sich in seiner Sprache so sehr der Kürze, daß er, wenn er seinen Vorgesetzten anredete, nicht einmal von dem Wörtchen Sir Gebrauch machte, woran, wie man sich denken kann, Herr Vanslyperken großen Anstoß nahm. Wie dem übrigens sein mochte, Herr Vanslyperken fürchtete sich vor Kurz, während Kurz nicht die mindeste Furcht vor seinem Leutnant hatte.
„Nun, was habt Ihr ausgerichtet, Kurz?“
„Nichts.“
„Habt Ihr etwas von dem Boote gesehen?“
„Nein.“
„Oder sonst eine Auskunft erhalten?“
„Nein.“
„Was habt Ihr die ganze Nacht über getan?“
„Gerudert.“
„Seid Ihr ans Land gegangen, um Kundschaft einzuziehen?“
„Ja.“
„Und habt nichts in Erfahrung gebracht?“
„Nein.“
Damit zog Kurz den Bund seines zweiten Hosenpaares in die Höhe, wandte sich um und ging nach dem Raum hinunter, während Snarleyyow seinen Fersen nachschnüffelte. Der Mann gab ihm einen Stoß mit dem Absatze seines schweren Stiefels, so daß der Hund bellend und kläffend zurückflog, worüber Herr Vanslyperken in große Wut geriet. Da er es jedoch nicht wagte, diesen Schimpf an seinem Ersten Offizier zu ahnden, erinnerte er sich an Smallbones und ließ augenblicklich den Korporal Vanspitter nach dem Decke berufen.
4. Kapitel
Schon in dieser Periode der englischen Geschichte war es üblich, einige Soldaten an Bord der Kriegsschiffe zu setzen, und auch die ‚Jungfrau‘ war mit einem Korporal und sechs Gemeinen versehen, die sämtlich zu der holländischen Marine gehörten. Für einen so unbeliebten Mann wie Herrn Vanslyperken war diese kleine Macht ein bedeutender Schutz, und sowohl Korporal Vanspitter als seine Mannschaft erfreuten sich der besten Behandlung. Der Korporal war sein Zahlmeister und Lieferant — ein Posten, bei dem er sich ziemlich gut befand, denn Vanspitter konnte ebensogut betrügen wie sein Befehlshaber. Außerdem brauchte ihn Herr Vanslyperken als dienstwilligen Vollstrecker seiner tyrannischen Maßregeln, denn Korporal Vanspitter hatte auch keine Spur von Gefühl, im Gegenteil ging er mit Lust an die Vollziehung der diktierten Strafen. Hätte ihm Vanslyperken Auftrag erteilt, einem zum Schiff gehörigen Matrosen das Gehirn aus dem Kopfe zu schlagen, so würde er unverweilt den Befehl vollzogen haben, ohne nur einen Muskel seines fetten, roten Gesichtes zu verziehen. Der Korporal war ein ungeheuer großer Mann und so korpulent, daß er nahezu zwanzig Steine wog. Nur Jansen konnte hierin mit ihm wetteifern, denn er war ebenso groß und kräftig als der Korporal, obschon er ihm nicht ganz an Schwere gleichkam.
Ungefähr fünf Minuten nach dem Befehle schob sich Korporal Vanspitters riesige Gestalt langsam durch die Luke herauf, die kaum weit genug schien, um seine breiten Schultern durchzulassen. Er hatte eine flache Fouragiermütze auf seinem Büffelkopfe und trug blaue Pantalons, die um die Fußknöchel dicht anschlossen, dann aber sich aufwärts rasch erweiterten, bis sie an den Hüften eine Ausdehnung gewannen, welche zwischen dem Erhabenen und Lächerlichen die Mitte hielt. Der obere Teil seines Leibes war in eine blaue Jacke mit bleiernen Knöpfen gehüllt, auf welchen der steigende Löwe mit einem kleinen abgeschabten Schwanze gestempelt war. Sobald er das Deck erreicht hatte, ging er auf Vanslyperken zu, die Hinterseite seiner rechten Hand an die Stirne führend.
„Korporal Vanspitter, rüstet Eure Katze zur Züchtigung her, und wenn Ihr damit fertig seid, so bringt Smallbones herauf.“
Ohne ein Wort zu sprechen, setzte Korporal Vanspitter den linken Fuß hinter die Ferse des rechten, drehte durch dieses Manöver seinen Leib und marschierte dann in derselben Richtung ab. Bald nachher erschien er wieder mit den Züchtigungsinstrumenten, legte sie auf eine der Leekanonen und entfernte sich abermals, um sein Opfer aufzusuchen. Nach einer kurzen Weile hörte man unten ein Ringen, das jedoch bald vorüberging, und aufs neue zeigte sich der Korporal, den schmächtigen, langen Leib des armen Smallbones unter seinem Arme tragend. Er hatte den Unglücklichen in der Gegend des Magens umfaßt, so daß dessen Kopf und Fersen senkrecht hinunterhingen und bei jeder Bewegung des Korporals zusammenschlugen.
Sobald Vanspitter bei der Kanone angelangt war, legte er seine Last, die sich weder rührte noch sprach, nieder. Smallbones schien sich in das Geschick, das seiner harrte, ergeben zu haben, leistete auch keinen Widerstand, als er von einem der Seesoldaten entkleidet und über die Kanone gezogen wurde. Die auf dem Deck befindlichen Matrosen sagten nichts, warfen sich aber ausdrucksvolle Blicke zu. Das Peitschen eines jungen Menschen, wie Smallbones war, gehörte zu den gewöhnlichen Ereignissen und konnte daher keine Überraschung erregen, auch wäre es gefährlich gewesen, Abscheu gegen ein derartiges Verfahren an den Tag zu legen. Smallbones’ Rücken war nun entblößt und bot einen kläglichen Anblick. Die Schulterblätter standen so hervor, daß man die Hand hätte darunter legen können, und jeder Wirbelknochen ließ sich deutlich durch die Haut des armen Skelettes unterscheiden. Die Züchtigung begann. Der arme Mensch erhielt seine drei Dutzend ohne Murren, wobei der Ton der Geißel nur durch das Bellen des Hundes unterbrochen wurde, der sich auf das Opfer losgestürzt haben würde, wenn er nicht von einem der Seesoldaten festgehalten worden wäre. Während die Strafe vorgenommen wurde, ging Herr Vanslyperken nach gewohnter Weise auf dem Decke hin und her. Der Korporal ließ nun Smallbones frei und drehte seine Katze zusammen. Aber jetzt fuhr Snarleyyow, den der Seesoldat nicht mehr bewachte, auf den Jungen los und versetzte ihm einen schweren Biß. Smallbones, der leblos dagelegen und sich, nachdem der Seesoldat ihm das Hemd übergeworfen, nicht von den Knien erhoben hatte, wurde durch diesen neuen Angriff geweckt und schien mit einem Male Leben und Tatkraft zu gewinnen. Er sprang auf, stieß einen wilden Schrei aus und warf sich zum Erstaunen aller Anwesenden auf den zurückweichenden Hund, den er mit seinen Armen packte, um ihn mit dessen eigenen Waffen anzugreifen, indem er ihm mit wütender Entschlossenheit seine Zähne ins Fell schlug. Jedermann wich bei diesem ungewöhnlichen Kampfe zurück, aber niemand legte sich ins Mittel.
Das Ringen dauerte lange, aber Smallbones entwickelte eine so wilde Energie, daß er sich mit der Hartnäckigkeit eines Bullenbeißers festbiß, die Lippen und Ohren des Tieres zerriß und sein Gesicht in den Hals des Hundes verbarg, mit seinen Zähnen dessen Luftröhre bearbeitend. Der Hund konnte nicht entweichen, denn Smallbones hielt ihn mit der Gewalt eines Schraubstockes fest. Endlich schien die Bestie einen Vorteil zu gewinnen, denn als sie miteinander überkugelten, faßte sie den Jungen an der Seite des Halses. Smallbones erholte sich jedoch wieder und kriegte Snarleyyows Fuß zwischen seine Zähne, so daß der Hund den Kopf in die Höhe warf und um Beistand heulte. Herr Vanslyperken kam ihm zu Hilfe und versetzte Smallbones mit dem Sprachrohr einen schweren Schlag, welcher diesen dermaßen betäubte, daß er das Tier losließ.
Kurz, der eben auf das Deck gekommen war, bemerkte dies, und da der Hund einen neuen Angriff machen wollte, begrüßte er denselben mit einem Fußtritt, so daß er die ungefähr drei Schritte entfernte Luke hinunterflog.
„Wie könnt Ihr Euch unterstehen, meinem Hunde einen Tritt zu geben, Herr Kurz?“ rief Vanslyperken.
Kurz ließ sich zu keiner Antwort herab, sondern ging zu Smallbones, dem er den Kopf aufrichtete. Der Junge kam wieder zu Bewußtsein. Er war am Hals und im Gesicht schrecklich zerbissen — ein wahrhaft kläglicher Anblick, wenn man die Wunden, welche ihm die Katze versetzt hatte, noch mit in Rechnung nahm.
Der Steuermann forderte einige Matrosen auf, Smallbones nach dem Raume hinunterzubringen, und fand bereitwilligen Gehorsam. Man wusch den armen Menschen mit Salzwasser, und der Schmerz der Wunden brachte ihn wieder zur Besinnung. Dann wurde er in seine Hängematte gelegt.
Während Kurz seine Anweisungen gab, sahen sich Vanslyperken und der Korporal abwechselnd an, ohne sich jedoch eine Einmengung zu erlauben. Sobald die Matrosen Smallbones in den Raum hinuntergebracht hatten, führte Vanspitter die Hand nach seiner Fouragiermütze, nahm seine Katze unter den Arm und ging gleichfalls hinab. Vanslyperken war noch wütender als zuvor. Er steckte die Hände tiefer als je in seine Taschen, ging, das durch den Schlag völlig zerbeulte Sprachrohr unter dem Arme, auf und ab und murmelte alle zwei Minuten: „Beim Himmel, der Schuft soll gekielholt werden! Ich will ihn lehren, meinen Hund zu beißen.“
Snarleyyow erschien nicht wieder auf dem Deck, denn er hatte eine Züchtigung erhalten, wie er sie nicht erwartete. Er beleckte sich die Wunden, denen er beikommen konnte, und hütete in einer Art unruhigen Schlummers die Kajüte, alle Minuten mit Knurren auffahrend, als fechte er im Schlafe den Kampf abermals durch.
5. Kapitel
Eine Beratung wurde in der Back von Seiner Majestät Kutter, der ‚Jungfrau‘, am Abende nach Smallbones’ Züchtigung abgehalten. Die Mehrzahl der Mannschaft wohnte derselben bei — nämlich alle, den Korporal Vanspitter und seine sechs Seesoldaten ausgenommen. Die Hauptperson war nicht eben der beredteste Sprecher, da sie durch keinen geringeren Mann als durch Richard Kurz repräsentiert wurde. Seine Beistände waren Obadiah Coble, Jack Jansen und eine andere Person, welche wir als den Hochbootsmann oder Hochbootsmannsmaaten des Kutters einführen müssen, denn obgleich er den ersteren Titel trug, erhielt er doch nur den Sold der letztgenannten Bedienstung. Dieser Mann hieß eigentlich James Salisbury, wurde aber stets als Jemmy Entenbein angeredet. Er war eine sehr auffallende Erscheinung, mit einem männlich schönen Gesichte, starkem Backenbart und einem Zopf, welcher sich bis auf Fußweite dem Decke näherte. Brust und Schultern waren breit; der ganze Mann bis zu der Stelle, wo sich die Beine anschließen, schön, gut gebaut und wohl proportioniert. Aber dann, welcher Abstand! Infolge irgend eines Zufalles waren seine Beine von seinem dritten Lebensjahre an nicht mehr in die Länge gewachsen. Hinsichtlich ihrer Derbheit standen sie wohl im Einklang mit dem übrigen Körper, aber sie maßen nicht mehr als achtzehn Zoll von der Hüfte bis zur Ferse, so daß er als eine wahrhaft lächerliche Figur umherwatschelte. Dieses Gebrechen der unteren Teile tat jedoch der Kraft des Mannes keinen Eintrag, denn es gab nur wenige auf dem Schiff, welche sich in einen Kampf mit dem Hochbootsmann einzulassen wagten. Die erwähnte eigentümliche Bauart hatte ihm die Benennung Jemmy Entenbein zugezogen. Jemmy war ein verständiger, heiterer Bursche und ein guter Seemann, der keinen Scherz, welchen man sich über seine Figur erlaubte, übel nahm, sondern sogar mitzuscherzen pflegte. Er war der Lustigmacher des Schiffes und spielte, wenn seine Kameraden tanzen wollten, die Geige, auf welcher er es fast zur Virtuosität gebracht hatte; außerdem begleitete er das Instrument mit seiner Stimme, wenn die lustigen Kumpane des Tanzens müde waren. Wir müssen noch bemerken, daß Jemmy verheiratet war und sich aus dem anderen Geschlechte eines der größten Exemplare zur Gattin ausersehen hatte. Von ihrer Schönheit ließ sich freilich nicht viel sagen, aber Jemmy hatte hierauf nicht gesehen, wenn ihm nicht etwa ihr Gesicht in so großer Höhe anders erschien, als denjenigen, welche sich mit ihm auf gleichem Niveau befanden.
Nun traf es sich, daß von Jemmys Standpunkt aus die unharmonischen Züge seines Weibes in völlige Harmonie traten und sie für ihren Gatten zum Muster der Vollkommenheit wurde, ohne hinreichenden Zauber zu besitzen, um andere zu veranlassen, sie ihrem ehelichen Gemahl abzuspannen. Außerdem muß man nicht vergessen, daß es Jemmy nur an Höhe gebrach, er hatte daher das, was ihm selbst fehlte, wenn auch nicht für die eigene Person, so doch für die seines Weibes gewonnen. Letztere war ihm mit leidenschaftlicher Liebe zugetan, dabei auch sehr eifersüchtig, worüber man sich nicht wundern darf, denn sie erklärte, daß es nie einen solchen hübschen Mann gegeben habe wie ihn.
Jemmy Entenbein hatte seine Fiedel in der Hand, die er abwärts in der Weise eines Violons hielt, weil er sein Instrument nie anders spielte. Gelegentlich fingerte er an den Saiten und zerrte daran, wie an einer Guitarre, damit der Ton nach dem Hinterschiff dringe und Herr Vanslyperken auf den Glauben komme, sie hätten sich zu Scherz und Lustbarkeit versammelt.
„Eins ist gewiß“, bemerkte Coble, „daß sein Hund kein Offizier ist.“
„Nein“, versetzte Dick Kurz.
„Er steht nicht in den Schiffsbüchern. Ich kann daher nicht einsehen, wie man da von Meuterei sprechen kann.“
„Nein“, entgegnete Kurz.
„Mein Gott, er ist kein Hund — er ist der Teufel“, bemerkte Jansen.
„Wer weiß, wie er in den Kutter gekommen ist?“
„Es ist eine seltsame Historie darüber im Umlauf“, meinte einer der Matrosen.
„Tum, tum, tum di tum“, ließ sich Jemmy Entenbeins Fiedel vernehmen, als ob sie gleichfalls ihre Stimme bei der Beratung abzugeben habe.
„Wenn es so fortgeht, hat der arme Junge den Tod davon. Der Leutnant wird nicht ruhen, bis er der armen Kreatur die Seele aus dem Leib gehetzt hat. Schaut nur, wie er in seiner Hängematte liegt.“
„Ich habe nie einen Christenmenschen in einem solchen Zustand gesehen“, sagte einer der Matrosen.
„Wenn der Hund nicht draufgeht, so ist’s um den armen Bones geschehen“, ließ sich Coble vernehmen, „ich sehe deshalb nicht ein, warum man nicht einem menschlichen Individuum den Vorzug geben sollte, obgleich der Hund dem Leutnant gehört. Wohlan denn, was sagt ihr zu der Sache, meine Jungen?“
„Tum tum, tum tum, tum di tum di tum“, versetzte die Fiedel.
„Wir wollen die Bestie ohne Umstände aufhängen.“
„Nein“, versetzte Kurz.
Jansen sah Kurz an, zog sein Messer heraus und machte damit eine Bewegung, als ob er dem Hunde über die Kehle führe.
„Nein“, sagte Kurz.
„Wir wollen ihn bei Nacht über Bord werfen“, meinte einer der Matrosen.
„Aber wie kriegen wir das Untier aus der Kajüte heraus?“ entgegnete Coble. „Wenn wir dies im Sinne haben, so muß es bei Tage geschehen.“
Kurz nickte mit dem Kopfe.
„Ich will ihn bei der ersten Gelegenheit vom Stapel lassen“, bemerkte Jemmy Entenbein und fügte dann mit gedämpfter Stimme bei: „nur möchte ich zuerst wissen, ob er wirklich ein Hund ist, oder nicht.“
„Ein Hund ist ein Hund“, versetzte Jansen.
„Ja“, entgegnete einer von den Matrosen, „wir alle wissen, daß ein Hund ein Hund ist. Aber es fragt sich nun, ist dieser Hund ein Hund?“
Es trat eine Pause ein, welche Jemmy Entenbein mit Tasten auf seinen Fiedelsaiten ausfüllte.
Es stellte sich heraus, daß, obgleich alle Matrosen den Hund über Bord zu sehen wünschten, doch keiner die Tat auf sich nehmen wollte, nicht etwa aus Furcht vor Entdeckung, sondern weil viel Aberglauben unter ihnen herrschte. Sie waren der Meinung, es bringe Unglück, wenn man einen Hund oder überhaupt ein Tier über Bord werfe. Dazu kam noch, daß viele überzeugt waren, die Bestie sei ein Kobold aus der Hölle, den der Teufel Vanslyperken geliehen habe, und wenn man ihm ein Leides tue oder ihn umzubringen versuche, so hätten unausbleiblich die Täter, wenn nicht noch obendrein das Schiff und die ganze Mannschaft, die schrecklichsten Folgen zu gewärtigen. Sogar Kurz, Coble und Jansen konnten, trotz ihrer sonstigen Kühnheit und ihres Mitgefühls mit den Leiden des armen Smallbones, ihre eigenen Bedenken nicht überwinden, und mochten bei reiferer Überlegung nichts mit der Sache zu schaffen haben.
Obschon man sich viel von dem Gerüchte erzählt hatte, so konnte doch kein Mann an Bord aus eigener Wahrnehmung die Tatsachen bezeugen, welche mit dem ersten Erscheinen des Tieres zusammenhingen, denn die Mannschaft, welche damals den Kutter bedient hatte, war inzwischen abgelohnt worden.
„He, Bill Spurey“, sagte Coble, „du weißt mehr von der Sache, als irgend einer. Spinn’ uns daher das Garn und dann werden wir imstande sein, die Sache nüchterner zu besprechen.“
„Gut“, versetzte Spurey, „ihr sollt die Geschichte, soweit mein Gedächtnis reicht, Wort für Wort hören, wie ich sie vernommen habe. Ihr wißt, ich war nicht in dem Fahrzeug, als das Ding an Bord kam, aber Joe Geary war’s. Gut, es war eines Nachts, als wir über einem steifen Glase in der neuen Schenke dort zechten — dem Orangebogen, wie sie’s nennen, an dem Point von Portsmouth — und da wünschte ich etwas von meinem neuen Leutnant zu hören, um zu wissen, mit was für einer Art von Kunden ich zu tun haben sollte. Nachdem ich alles über ihn gehört, hatte ich wohl ein halbdutzendmal im Sinn, wieder abzuschieben, aber ich besann mich eines bessern. Ihr wißt, man darf nicht sonderlich heikel sein in Friedenszeiten, wenn alle großen Schiffe im Schlamm von Southampton und Cinque Port modern. Gut denn, ich kann mich noch recht gut an alles erinnern, was er mir sagte. Es war eine wilde Nacht mit einem garstigen Südwester und die Wellen warfen sich im Hafen zu Schaum auf, so daß sie von dem Winde durch die Straßen gefegt wurden und einander nachjagten, als spielten sie wie die Buben das Fangen. Es war ungefähr zwei Glockenzüge in der Mittelwache, und nach unserem fünften Glase erzählte Joe Geary folgendes:
Es war in einer dunkeln Winternacht, wir lagen just auf der Höhe von Texel. Wir hatten das Sturmtuch auf und fochten mit den Elementen um jeden Zoll Grund — das Schiff wurde von den Wellen so gepeitscht, daß der Lotmann an das Takelwerk gebunden werden mußte, damit er nicht weggewaschen werde. Da kam mit einemmale ein Windstoß, laut genug, um für die letzte Trompete gelten zu können, und die Wellen tobten heiserer als je. Der Schiffsmast ging dahin, obgleich er kaum mehr Segel trug, als ein Schnupftuch groß ist, das Fahrzeug rollte und stieß in den tiefen Trögen, wie ein armer Sünder in der Verzweiflung stirbt. Und dann war’s ein Wrack, mit nichts, um uns zu helfen, als Gott dem Allmächtigen. Alle Matrosen riefen Gott an und hatten auch alle Ursache dazu.
Nun geht aber die Rede, daß der Leutnant nicht wie ein Christ und Mensch nach dem gerufen habe, der ihn und die bedrohlichen Wasser schuf, obgleich der Tod damals in seiner ganzen Herrlichkeit prangte und die schäumenden Wogenkämme wie Federn über einem Leichenwagen aussahen. Dagegen weinte er wie ein Kind und fluchte dazu fürchterlich, ohne Unterlaß von seinem Gelde, von seinem lieben Gelde sprechend und sich keinen Strohhalm um seine noch kostbarere Seele kümmernd.
Und der Kutter wurde hinuntergetragen, jede Welle riß ihn mit furchtbarer Gewalt näher und näher dem Untergang„ als der Mann am Lot ausrief: Mark Drei, der Herr sei unsern Seelen gnädig! Die Mannschaft hörte dies und rief: Herr, rette uns, oder wir gehen zu Grunde. Aber dennoch dachten sie, daß ihr Stündlein gekommen sei. Einige weinten oder beteten, während sie sich an die Bollwerke des keiner Leitung gehorchenden Schiffes anklammerten, indes andere stumm dem Tode entgegensahen. Aber der Leutnant — er tat alles, er weinte und betete, fluchte und war stumm, wurde aber zuletzt ganz wütend, und als die Matrosen wieder riefen: Herr, hilf uns, Herr, rette uns! brüllte er hinaus: Will denn kein Teufel uns helfen, denn — —. Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, als ein Blitzstrahl niederfuhr, der augenscheinlich das Schiff traf, aber ihm ebensowenig, als der darauf folgende Donnerschlag, Schaden tat. Eine blaue Flammenkugel setzte sich auf die Ritterköpfe und kam dann hüpfend und tanzend nach dem Hackebord, wo er allein stand, denn die Matrosen hatten ihn wegen seiner Gotteslästerungen verlassen. Einige sagen, man habe ihn wie in einer Unterhaltung sprechen hören, aber niemand weiß, was vorging. Wie dem sein mag, er kam plötzlich so mannhaft als nur möglich nach dem Vorderschiffe, und die Kreatur folgte ihm, den Kopf und den Schwanz ebenso gesenkt tragend, wie sie’s jetzt tut.
Und der Hund guckte auf, bellte tief, und sobald er gebellt hatte, schien der Wind einzuschlafen. Er bellte wieder, worauf Windstille eintrat. Bei seinem dritten Bellen legten sich die Wogen — er tätschelte den Hund auf den Kopf, und das Tier bellte dann ein paar Minuten ganz laut. Aber man denke sich nun unser Erstaunen und Entsetzen, denn statt in einer schweren Bö ohne Hoffnung auf Kabelslänge von den Texelsandbänken zu sein, sahen wir jetzt, mit klarem Himmel und glattem Wasser, die Forelandlichter nur zwei Meilen von unserem Kiele.“
Der Matrose endigte seine Legende — es trat nun für eine Weile Schweigen ein, welches zuerst durch Jansen mit den gedämpften Worten unterbrochen wurde: „Dann ist der Hund kein Hund.“
„Nein“, versetzte Coble, „er ist ein böser Geist, den der Teufel seinem in der Not befindlichen Jünger heraufgeschickt hat.“
„Ja“, sagte Kurz.
„Gut“, entgegnete Jemmy Entenbein, der für eine Weile aufgehört hatte, die Saiten seiner Fidel zu berühren, „aber ist es dann nicht die Aufgabe eines jeden guten Christen, das Vieh umzubringen?“
„Es ist kein sterbliches Tier, Jemmy.“
„Richtig. Das habe ich vergessen.“
„Der Hund ist ein Kind des Teufels“, bemerkte Jansen.
„Ja, und auch nach ihm getauft“, fuhr Coble fort. „Wer hat je gehört, daß irgend ein Christenvieh einen solchen höllischen Namen gehabt hätte?“
„Aber, was ist da anzufangen?“
„Je nun“, entgegnete Jemmy Entenbein, „mag’s nun ein Satanskobold sein oder nicht, jedenfalls hat ihn Smallbones heute mit seinen eigenen Waffen bekämpft.“
„Und ihn noch obendrein überwunden“, sagte Coble.
„Ja“, erklärte Kurz.
„Nun ist meine Meinung, daß sich Smallbones nicht vor ihm fürchtet“, fuhr Jemmy Entenbein fort, „mag er jetzt ein Teufel sein oder nicht, er wird ihn töten, wenn er kann.“
„Er ist die geeignete Person, es zu tun“, versetzte Coble, „um so mehr, da man sagen kann, er sei sein natürlicher Feind.“
„Ja, mein Gott, der Junge ist der Mann dazu“, sagte Jansen.
„Wir wollen ihm den Vorschlag machen, sobald er aus seiner Hängematte kommt“, entgegnete Jemmy Entenbein.
Man kam einmütig zu dem Beschlusse, daß Smallbones das Tier umbringen müsse, wenn es überhaupt getötet werden könne.
Die einzige Partei, welche darüber nicht um ihre Meinung befragt wurde, war Smallbones selbst, welcher in seiner Hängematte schlief. Die Beratung wurde alsbald geschlossen, und alle begaben sich nach dem Schiffsraume hinunter.
6. Kapitel
Ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln, welche die Gesellschaft in der Back getroffen, war diese Beratung von keiner geringeren Person, als von dem riesigen Korporale Vanspitter belauscht worden, denn dieser hatte sich gedacht, daß etwas im Vorderschiffe vorgehe, weshalb er unter dem Bollwerk weiter gekrochen war, um sich auf dem Fockstagsegel auszustrecken, das zwischen zwei Kanonen lag. Er hatte hierzu den Augenblick gewählt, als die Matrosen eben mit gespannter Aufmerksamkeit auf Bill Spureys Legende von dem ersten Erscheinen des Hundes an Bord lauschten, und da es ihm so weit gelungen war, unbemerkt näher zu kommen, warf er einen Teil des Segels über seinen wohlgemästeten Körper und blieb während des übrigen Gesprächs unentdeckt. Er hörte die Leute hinuntersteigen und verhielt sich noch immer ruhig, bis er glaubte, daß die Back völlig leer sei.
In der Zwischenzeit brütete Herr Vanslyperken, der ohne seinen treuen Begleiter auf dem Hinterdecke auf und ab ging — denn Snarleyyow lag zusammengekauert auf dem Bette seines Gebieters — in tiefen Gedanken, wie er die zwei mächtigsten Leidenschaften unserer Natur, seine Liebe und seinen Haß, befriedigen könne, das eine Mal an die schöne und wohlbeleibte Frau Vandersloosch samt ihren Gulden denkend, das andere Mal sich den verhungerten Smallbones und die Annehmlichkeiten des Kielholens ins Gedächtnis rufend. Die lange Unterhaltung in der Back war dem Falkenauge des Leutnants nicht entgangen. Als die Matrosen sich hinunter begaben, ging er nach dem Vorschiff, um zu sehen, ob er nicht einen Nachzügler aufgreife, welcher, der Unterstützung seiner Kameraden beraubt, durch Furcht veranlaßt werden konnte, ihm den Gegenstand der Verhandlung mitzuteilen. In demselben Augenblicke, in welchem Herr Vanslyperken auf dem Vorderschiff erschien, hatte Vanspitter das Segeltuch abgestreift und war im Begriff, sich von seinem Lager zu erheben. Er erkannte den Leutnant nicht sogleich, weshalb er sich wieder niederließ und das Tuch über sich zog. Herr Vanslyperken bemerkte dieses Manöver und glaubte nun steif und fest, einen der Verschwörer ertappt zu haben. Herr Vanslyperken ging nach der Stelle hin, wo der Korporal so still, aber nicht ganz so klein, wie ein Mäuschen lag. Da legte nun Herr Vanslyperken sein Sprachrohr beiseite, blickte umher, las seine Handspake auf, erhob sie und ließ sie mit der ganzen Kraft seines Armes niederfallen, so daß der Kopf des Vanspitter wie eine ungeheure Kesselpauke erdröhnte.
„Donner und Flammen!“ brüllte der Korporal unter dem Segeltuch hervor, denn er meinte, einer der Matrosen habe sein Lauschen entdeckt und unter dem Vorwande, als kenne er ihn nicht, von der Bedeckung Vorteil gezogen, um sein Mütchen zu kühlen. „Donner und Flammen!“ brüllte er, noch immer in das Segeltuch gehüllt, aus dem er sich loszuwinden bemüht war.
Aber der Leutnant erkannte die Stimme nicht, und ehe sich sein Opfer der Umhüllung entledigen konnte, war die Handspake wieder auf dessen Kopf niedergefallen. Als sich endlich der Korporal wie ein Büffel aus seinem Schlammlager, von dem letzten Schlage fast geblendet, erhob, stürzte er auf den Leutnant zu und schleuderte seinen Befehlshaber köpflings die Vorderluke hinunter.
Vanslyperken lag, von der Gewalt des Sturzes beträubt, regungslos an der Treppe, während der Korporal sich um und um drehte, wie ein Stier, der sich nach Angreifern umsieht. Er hatte jedoch das Vorderkastell ganz allein für sich, und als er sich allmählich abkühlte, sah er dicht neben sich das Sprachrohr seines Vorgesetzten liegen.
„Tausend Teufel“, murmelte Korporal Vanspitter, „es muß der Leutnant gewesen sein. Gott verdamm’s, das ist Galgenarbeit!“
Sobald er seinen Irrtum eingesehen hatte, wurde er so kalt wie eine Gurke. Er zitterte und bebte in seinem Fette.
„Aber vielleicht hat er mich nicht erkannt“, dachte er. „Nein, gewiß nicht, denn mich würde er zuverlässig nie gehandspakt haben.“
Korporal Vanspitter begab sich sodann die Luke hinunter, wo er sich davon überzeugte, daß sein Kommandeur besinnungslos dalag.
„Das ist gut“, dachte er und begab sich nach dem Hinterschiffe, wo er seine Laterne anzündete und den Kunstgriff gebrauchte, daß er an die Kajütentüre klopfte. Da er keine andere Antwort als ein Knurren von seiten Snarleyyows erhielt, ging er hinein, stieg dann nach dem Halbdecke hinauf, sah sich um und fragte den Mann am Steuer, wo Herr Vanslyperken sei. Der Befragte antwortete, er sei vor einigen Minuten nach dem Vorderschiffe gegangen, weshalb der Korporal seine Schritte dahin lenkte. Natürlich fand er ihn nicht. Er kehrte zurück, um dem Manne am Steuer zu sagen, der Leutnant sei weder in der Kajüte noch in der Back — er könne daher nicht begreifen, wo er sein möge. Dann stieg er zu Dick Kurz, dem nächsten Offizier im Kommando, hinunter und rief ihn an.
„Nun?“ fragte Kurz.
„Ich kann Herrn Vanslyperken nirgends finden“, versetzte der Korporal.
„Sucht ihn“, versetzte Dick, sich in seiner Hängematte umdrehend.
„Mein Gott, ich habe in der Back, auf dem Halbdeck und in der Kajüte nachgesehen, er ist nirgends.“
„Über Bord“, entgegnete Dick.
„Ich kam zu Euch, Sir, um Weisung einzuholen“, sagte der Korporal.
„Heraus also“, erwiderte Dick, indem er im Hemde auf das Deck sprang.
Während Kurz sich ankleidete, bot der Korporal seine Seesoldaten auf, und der dadurch veranlaßte Lärm wie auch das Gespräch, welches von den noch nicht Schlafenden gehört worden war, bedeutete der Kuttermannschaft bald, daß dem Kommandeur ein Unfall zugestoßen sein müsse. Sogar Smallbones hatte man ins Ohr geflüstert, Herr Vanslyperken sei über Bord gefallen, und er lächelte im Dunkeln trotz des Schmerzes seiner Wunden, indem er vor sich hinmurmelte, Snarleyyow solle seinem Gebieter bald folgen. Mittlerweile hatte sich Kurz auf dem Hinterdecke eingefunden. Korporal Vanspitter aber, der recht wohl wußte, wo nachzusehen war, hatte zum großen Ärger der Mannschaft Herrn Vanslyperkens Körper aufgefunden. Die Seesoldaten brachten ihn nach der Kajüte und wollten ihn auf sein Bett legen, wurden aber von dem gefühllosen Snarleyyow aufs entschiedenste daran gehindert.
Kurz kam herunter und untersuchte seinen vorgesetzten Offizier.
„Ist er tot?“ fragte der Korporal in größter Unruhe.
„Nein“, versetzte Kurz.
„Aber was ist denn mit ihm?“ fragte der Korporal.
„Betäubung“, antwortete Kurz.
„Mein Gott! Wie mag sich dies zugetragen haben?“
„Heruntergestürzt“, entgegnete Kurz.
„Aber was sollen wir mit ihm anfangen, Sir?“ erwiderte der Korporal.
„Ins Bett“, sagte Kurz, sich umwendend und nach seiner Hängematte gehend.
„Mein Gott, man kann ihn ja wegen des Hundes nicht ins Bett bringen“, rief der Korporal.
„Legen wir ihn nur hinein“, sagte einer der Seesoldaten. „Der Hund wird seinen Herrn nicht beißen.“
Die Seesoldaten erhoben daher den immer noch besinnungslosen Vanslyperken und warfen ihn geradewegs auf den knurrenden Hund, welcher sich, sobald er die Last abgewälzt hatte, dadurch für diese Unbill rächte, daß er seine Zähne mehr als einmal in die Backen seines Gebieters schlug, dann von dem Bette heruntersprang und sich knurrend unter dem Tisch versteckte.
„Ha, du bist mir ein sauberer Hund!“ rief einer der Seesoldaten, Snarleyyow nachsehend.
An Bord eines so kleinen Schiffes befand sich in der Regel kein Wundarzt. Herrn Vanslyperken war zwar eine kleine Menge von Arzneien, Salben und dergleichen vorgeschrieben, aber er pflegte sie stets an einen Apotheker zu verkaufen, sobald er sie von der betreffenden Behörde gefaßt hatte. Die Zähne des Hundes hatten übrigens ihre Wirkung getan, Herr Vanslyperken öffnete seine Augen mit dem matten Ausrufe „Snarleyyow“.
Oh, hätte der Hund auch nur einen Funken von Gefühl gehabt, wie bittere Vorwürfe würde ihm sein Gewissen über die Undankbarkeit gegen einen so gütigen Gebieter gemacht haben! Aber er zeigte keinerlei Reue.
Korporal Vanspitter zitterte ein wenig, als der Befehlshaber seine Augen auf ihn heftete, und verdoppelte seine Aufmerksamkeit.
„Mein Gott, Mynheer Vanslyperken, wie ist denn dies zugegangen?“ rief der Korporal pathetisch.
Der Leutnant befahl nun, daß alle, mit Ausnahme des Korporal Vanspitter, die Kajüte verlassen sollten, und teilte seinem Freunde mit, er sei, als er nach dem Vorderschiff gegangen, von einem der Matrosen durch die Luke hinuntergestoßen worden. Soviel er der Größe nach zu unterscheiden vermocht habe, müsse es Jansen gewesen sein. Korporal Vanspitter war hoch erfreut, seinen Befehlshaber auf der falschen Witterung zu finden, und bekräftigte durch seine Ansicht die des Leutnants, worauf eine lange Besprechung über Meuterei, Unzufriedenheit und die dagegen einzuschlagenden Maßregeln abgehalten wurde. Vanslyperken berührte die Zusammenrottung der Matrosen während der ersten Wache, und der Korporal war hocherfreut, sich die Gunst seines Leutnants dadurch zu gewinnen, daß er die Einzelheiten des Gehörten mitteilte und zugleich beifügte, daß er sich zum Zwecke des Lauschens verborgen habe.
„Und wo habt Ihr Euch verborgen?“ fragte Vanslyperken mit einem spähenden Blicke, denn es fiel ihm ein, daß es für einen so ungeheuer großen Mann kaum einen anderen Lauschwinkel geben konnte als das Segel.
Der Korporal zerstreute jedoch sehr gewandt die Bedenken seines Vorgesetzten, indem er angab, er sei auf der unteren Stufe der Fockleiter gestanden und habe den Kopf in gleicher Höhe mit den Lukenkämmen gehalten. Dies stellte das Vertrauen zwischen beiden wieder her.
7. Kapitel
Es waren drei Wochen einer teilweisen Windstille entschwunden, während welcher Zeit sich Herr Vanslyperken von seinen Wunden erholte und darüber nachdachte, wie er sich Smallbones vom Halse schaffen wolle. Der letztere genas gleichfalls von seinen Bissen und erwog bei sich, wie er mit Snarleyyow fertig werden könne. Der arme Junge hatte sein Amt wieder angetreten, der Leutnant, der über Unheil brütete, behandelte ihn sehr freundlich. Auch Snarleyyow, der seine Niederlage auf dem Halbdeck nicht vergessen hatte, unterließ es, seine Angriffe zu erneuern, selbst wenn Smallbones sich zu einem Stück Zwieback verhalf.
Die ‚Jungfrau‘ ankerte in den Dünen, Herr Vanslyperken erhielt Depeschen für Den Haag und eilte damit nach Amsterdam, wo er seine Beglaubigungsschreiben abgab und auf die Danksagungsbriefe von Seiner Majestät Vettern wartete.
Aber welch’ ein Getümmel und welch’ ein Gewühl gibt es nicht jetzt an Bord der ‚Jungfrau‘! Smallbones hier, Smallbones da — Vanspitter stampft wie ein Elefant umher, und sogar Snarleyyow spaziert ungewöhnlich oft durch die Luke auf und ab. Was mag es geben? Ach, Herr Vanslyperken geht ans Land, um der Witwe Vandersloosch seine Hochachtung zu bezeugen und seine Bewerbungen fortzusetzen. Sein Boot liegt bemannt neben dem Kutter, und er zeigt sich jetzt auf dem Hauptdecke.
Ist es möglich, daß dies Herr Vanslyperken sein kann? Himmel, wie schmuck er aussieht! Eine Uniform tut bei gewissen Leuten wahrhaftig Wunder! Er hat ein Paar weiter blauer Pantalons an und Stiefel darüber, die bis über die Knie heraufgehen, er trägt eine lange Scharlachweste mit großen Goldblumen, und seine blaue Uniform mit roten Aufschlägen gibt ihm eine gar gebieterische Außenseite. An dem breiten schwarzen Bandelier hängt sein Stutzsäbel, dessen Scheide mit Silber beschlagen, das Heft aber mit Elfenbein und Gold ausgelegt ist, während sein kleiner Kopf sich würdevoll unter einem dreieckigen, goldbordierten Hute ausnimmt, dessen vordere Spitze parallel mit seiner scharfen Nase geht. Zuverlässig muß die Witwe vor dem Scharlach, dem Blau und dem Golde ihre Farben streichen. Aber obgleich sich der Sage nach Frauenzimmer wie Makrelen durch derartige Köder fangen lassen, so halten doch Witwen nicht sonderlich viel auf einen Mann, der so dünn ist, wie ein Hering, sondern sind eher dafür bekannt, daß sie einen substanziellen Urstoff vorziehen und sich nicht bereden lassen, den Schatten für das Wesen zu nehmen.
Herr Vanslyperken war demungeachtet recht wohl mit sich zufrieden, was wenigstens etwas war, obgleich nicht genug für die gegenwärtige Gelegenheit. Er stolzierte selbstgefällig auf dem Deck hin und her, erteilte seine Schlußbefehle an Dick Kurz, der wie gewöhnlich kurze Antwort gab, besprach sich mit Korporal Vanspitter, der mit gewohntem militärischen Anstand die Wünsche seines Kommandeurs entgegennahm, und gab zum Schlusse Smallbones die nötigen Weisungen, welcher sie mit aller Demut anhörte.
Der Leutnant war eben im Begriff, in das Boot zu treten, als ihm ein Bedenken aufstieg und er verlegen Halt machte. Es handelte sich um einen nicht unwichtigen Punkt — ob nämlich Snarleyyow ihn begleiten sollte oder nicht. Eine schwierige Frage, die allerdings einige Überlegung forderte. Ließ er ihn an Bord, so wurde der Hund wahrscheinlich vor seiner Rückkehr über Bord geworfen — das heißt, wenn er Smallbones gleichfalls auf dem Schiffe ließ, denn Herr Vanslyperken wußte, daß es ausgemacht war, Smallbones solle das Tier töten. Es war daher nicht rätlich, den Hund an Bord zu lassen, wenn er ihn aber mit ans Land nahm, so drohte seiner eigenen Person große Gefahr, denn die Witwe Vandersloosch konnte den Hund nicht leiden. Kein Wunder, denn er hatte sich in ihrem Besuchszimmer schlimm aufgeführt, und die Frau war eine sehr reinliche Person, welche keine Freude daran hatte, wenn Hunde ihre Beine mit denen ihrer polierten Mahagonimöbel verglichen. Wenn Herrn Vanslyperkens Werbung nach dem alten Sprichwort: „Liebst du mich, so liebe auch meinen Hund“ zur Entscheidung kommen mußte, so hatte er zuverlässig nur eine schlechte Aussicht, denn die Witwe verabscheute den Köter und hatte es sich verbeten, daß er je in ihr Haus gebracht werde. Er konnte daher das Tier nicht mit ans Ufer nehmen — „aber so wird’s gehen“, dachte Vanslyperken, „ich nehme Smallbones mit. Ich habe einigen Zwieback zu verkaufen, er soll mich dahin begleiten und warten, bis ich wieder zurückkomme.“ Smallbones erhielt deshalb Befehl, seinen Hut aufzusetzen und mit zwei Halbsäcken Zwieback ins Boot zu kommen, um sie nach dem Hause der Witwe hinaufzutragen, denn sie erlaubte Vanslyperken nicht nur, ihr den Hof zu machen, sondern verkehrte auch in kleinen Geschäftssachen mit ihm, und war nie so hold und so gnädig, als wenn sie einen Handel schloß. Herr Vanslyperken wartete daher auf Smallbones, welcher bald bereit war, denn sein bester Anzug bestand nur in der Zugabe eines Schuhpaares für seine gewöhnlich nackten Füße und einem Hute für seinen sonst baren Kopf. Herr Vanslyperken, Smallbones und die Zwiebacksäcke waren bereits im Boot, als Snarleyyow seine Absicht andeutete, sich der Partie anzuschließen. Er wurde jedoch zurückgewiesen, und das Boot ruderte ohne ihn ab.
Sobald sich Herr Vanslyperken entfernt hatte, dachte Dick Kurz, der jetzt das Kommando hatte, er könne sich wohl auch selbst Urlaub geben und gleichfalls ans Land gehen. Er zog daher seine beste Kleidung an, ließ das andere Boot bemannen, übertrug das Kommando an den nächsten Offizier, Obadiah Coble, und nahm Jansen, Jemmy Entenbein und vier oder fünf andere mit sich, um einen Kreuzzug zu machen. Inzwischen war Snarleyyow zu dem Entschlusse gekommen, gleichfalls an Land zu gehen, und Kurz mochte ihm nichts in den Weg legen, denn er wußte, Smallbones werde, wenn er mit ihm zusammentreffe, sein bestes tun, um die Bestie in einen der Kanäle, die so bequem in jeder Straße hinliefen, zu werfen. Der Köter erhielt daher Erlaubnis, mit ins Boot zu kommen, und wurde mit der übrigen Gesellschaft ans Land gesetzt, die sich, wie gewöhnlich, nach dem Lusthaus der Witwe Vandersloosch begab.
8. Kapitel
Die Witwe Vandersloosch war die Inhaberin eines Lusthauses oder eines Vergnügungsplatzes für Matrosen. Ihre Privatwohnung lag nebenan und stand mit dem Lusthause durch eine Tür in der Mauer in Verbindung. Die Wohnung war sehr klein, aber doch gemütlich, zwei Stockwerke hoch und vorn für jeden Raum mit einem Fenster versehen. Im Erdgeschosse befand sich ein Wohnzimmer und eine Küche, während der erste und zweite Stock je zwei kleine Gemächer hatte. Nichts konnte besser geordnet sein, als dieser behagliche Witwensitz. Außerdem hatte sie einen Hof, welcher hinter dem Lusthause hinlief, mit bequemen Gelassen versehen war und durch eine Tür nach der Straße hinaus führte.
Sobald Herr Vanslyperken angekommen war, machte er der Witwe seine demütige Aufwartung, Smallbones aber, der ihn begleitet hatte, legte die Zwiebacksäcke neben das Kratzeisen an der Türe nieder und bewachte sie pflichtgetreu. Der Leutnant meinte, er werde weit gnädiger als gewöhnlich empfangen, was auch vielleicht der Fall war, da es der Witwe in letzter Zeit ein wenig an Kundschaft gefehlt hatte und sie sich freute, daß die Mannschaft des Kutters angelegt war, um ihr Geld bei ihr zu verjubeln. Vanslyperken hatte bereits seinen Säbel samt dem Bandelier abgenommen und beides nebst dem dreieckigen Hut auf einen Seitentisch gelegt, er saß neben der Dame auf dem kleinen weichgepolsterten Sofa und hatte eben ihre Hand ergriffen, um seine Bewerbung zu erneuern und die Ergüsse seines Herzens, die er auf dem Halbdeck der ‚Jungfrau‘ ausgekocht hatte, ausströmen zu lassen, als der nur zu unwillkommene Snarleyyow zur Türe hereinstürzte.
„Oh, dieses garstige Vieh! Mynheer Vanslyperken, wie konnten Sie sich unterstehen, auch den Hund in mein Haus zu bringen?“ rief die Witwe, mit glutrotem Vollmondgesichte von ihrem Sofa aufspringend.
„In der Tat, Frau Vandersloosch“, versetzte Vanslyperken, „ich ließ ihn an Bord, weil ich wohl wußte, daß Sie keine Freundin von Tieren sind, aber es muß ihn jemand mit ans Ufer gebracht haben. Wer es übrigens gewesen sein mag, ich will ihn ausfindig machen und ihn Ihren Reizen zu Ehren kielholen lassen.“
„Ich habe Tiere wohl gern, Herr Vanslyperken, nur nicht Tiere wie dieses schmutzige, garstige, unangenehme und knurrende Vieh da ist. Auch kann ich mir nicht denken, warum Sie ihn nach dem, was ich Ihnen gesagt habe, noch behalten mögen. Es beweist nicht viele Achtung, Herr Vanslyperken, wenn man einen solchen Hund nur deshalb mit sich herumführt, um mich zu ärgern.“
„Ich versichere Ihnen, Frau — —“
„Versichern Sie mir nichts, Herr Vanslyperken, es ist kein Grund dazu vorhanden. Der Hund ist Ihr Eigentum — aber ich werde es Ihnen Dank wissen, wenn Sie ihn aus dem Hause fortschaffen. Vielleicht ist es gut, wenn Sie mit ihm gehen, da er sich ohne Sie schwerlich abhalten läßt.“
Nun hatte die Witwe früher nie so entrüstet gesprochen. Wenn der Leser zu wissen wünscht, warum dies geschah, so wollen wir mitteilen, daß die Witwe Vandersloosch Smallbones bemerkt hatte, wie er, gleich einer Bildsäule, auf zwei Halbsäcken Zwieback vor dem Portale saß. Die Witwe wünschte zu wissen, ob da von einem Geschenke oder von einem Artikel für den Handel die Rede war, sie hielt es daher für sehr rätlich, einen Streit anzufangen, der die Sache aufklären könnte. Der Kunstgriff der Frau Vandersloosch hatte den verdienten Erfolg. Der Unwille der Witwe brachte Herrn Vanslyperken gleichfalls in Zorn, er verrichtete eine Tat, deren er sich selbst nie für fähig gehalten hatte, indem er Snarleyyow mit einem solchen Fußtritt in die Seite begrüßte, daß die Bestie heulend in den Hinterhof hinausflog. Er folgte ihm nach und trieb den Hund trotz dessen Gegenwehr in ein Außenhaus, dessen Türe er abschloß, indem er den Schlüssel umdrehte. Dann kehrte er in das Wohnzimmer zurück und fand die Witwe, aufrecht und den Rücken gegen den Ofen gekehrt, mit einer Miene, daß man sich des Gedankens nicht erwehren konnte, sie stehe noch immer unter dem Einfluß gerechten Zornes. Da stand sie mit aller Würde Herrn Vanslyperken erwartend, damit er die absichtliche oder unabsichtliche Beleidigung wieder gut mache — oder, mit anderen Worten, ihr den Zwieback als Geschenk anbiete. Und er wurde als Geschenk angeboten, denn Vanslyperken kannte kein anderes Mittel, ihren Unwillen zu beschwichtigen. Der Sturm legte sich allmählich, die verächtlich heraufgezogenen Mundwinkel nahmen die gewöhnliche Richtung wieder an. Die Zwiebacksäcke wurden von Smallbones hereingebracht, ihr Inhalt ausgeleert, und die Harmonie war wieder hergestellt. Abermals saß Herr Vanslyperken auf dem kleinen Sofa neben der fetten Witwe, und abermals ergriff er ihre schmelzende Hand. Ach! daß ihr Herz nicht aus demselben weichen Materiale bestand!
Sobald sich Smallbones, die leeren Brotsäcke unter dem Arme, zurückgezogen hatte, blieb er eine Weile nachdenklich vor dem Portal. Nachdem er endlich zu einem Entschlusse gekommen war, ging er nach dem Kramladen über der Kanalbrücke, um sich eine Nadel, etwas starken Zwirn und einen Bückling zu kaufen. Desgleichen versah er sich mit einigen Stecken. In dieser Weise vorbereitet, begab er sich nach der Hoftüre hinter dem Hause der Witwe und ging hinein. Wie wenig ließ sich Herr Vanslyperken träumen, welch ein Unfug gebraut wurde, während er das Bier aus der Witwe eigenem Brauhaus lobte und trank.
Es wurde Smallbones nicht schwer, ausfindig zu machen, wo Snarleyyow eingesperrt war, denn der Hund nagte sich sehr emsig einen Weg durch die Tür, obschon er bis jetzt nur mit dem vierten Teile seiner Arbeit zustandegekommen war. Der Raum war ein Hühnerhaus gewesen, und an dem Boden der Türe befand sich eine kleine Öffnung für den Ein- und Ausgang dieser Zweifüßler — die ursprüngliche Erfindung einer schlauen Jungfrau, welche die Mägde am Eierstehlen hindern wollte. Diese Öffnung war jedoch geschlossen. Smallbones bezog sein Quartier in einem anderen Außengebäude, wo er nicht bemerkt werden konnte, und begann seine Operationen.
Er trennte zuerst den Boden des einen Brotsackes auf und nähte ihn an den andern, um den Schlauch zu verlängern; dann zog er eine Schnur durch den Rand der oberen Öffnung, um den Sack zuziehen zu können, und schnitt seine Stecken in einer Weise zurecht, daß die Mündung aufrecht und offen stehen blieb. Sobald dieses eingeleitet war, begab er sich nach der Stelle, wo Snarleyyow mit großer Emsigkeit an dem Holze nagte, und erlaubte ihm unter der Tür weg nicht nur an dem Bückling zu riechen, sondern auch den Schwanz desselben abzubeißen. Hierauf zog er den Bückling allmählich weiter, bis er ihn in die Mitte der Hühnerstallöffnung gebracht hatte, wo er ihn in einer Entfernung liegen ließ, daß der Hund ihn wohl beschnüffeln, aber nicht erreichen konnte, was denn auch Snarleyyow jetzt tat. Wenn man eine Falle legt, hängt viel von dem Köder ab, Smallbones kannte die Vorliebe seines Feindes für würzige Eßwaren. Er brachte nun seinen Sack heran, befestigte ihn dicht vor der Öffnung, und legte den Bückling in den Schlauch hinein. In der einen Hand hielt er die Schnur und hob dann mit der andern die Falltür. Snarleyyow stürzte heraus und hinein, in einem Augenblick war die Schnur zugezogen und dicht um die Öffnung des Sackes gebunden. Snarleyyow war gefangen. Er purzelte über und über, sich bald rechts bald links rollend — Smallbones grinste in hohem Entzücken. Nachdem er sich eine Weile an den Bewegungen seines Gefangenen belustigt hatte, schleppte er ihn nach dem Außengebäude, schloß die Tür und ließ seinen Fang drinnen. Jetzt war die nächste Aufgabe, jedem Verdacht von seiten des Herrn Vanslyperken auszuweichen. Um dies zu erreichen, riß er die Falltür ab, zerbrach sie in zwei oder drei Stücke, legte sie vor die Öffnung und gab der Sache das Aussehen, als ob sich der Hund durchgenagt hätte. Er ließ den Hund noch immer in seiner Haft, weil er keinen weiteren Versuch wagte, ehe es dunkel wurde, und bis dahin hatte er noch eine gute Stunde zu warten.
Smallbones war eben zu rechter Zeit mit seiner Arbeit zustandegekommen, denn die Witwe, welche auch nach ihren Gästen im Lusthaus sehen wollte, hatte Vanslyperken verlassen, und so dachte der Leutnant, dies sei eine gute Gelegenheit, um nach seinem vierfüßigen Liebling zu sehen. Er kam in den Hof heraus, nicht wenig bedenklich, als er daselbst Smallbones traf.
„Was tust du hier, Bursche?“
„Ich warte auf Euch, Sir“, versetzte Smallbones demütig.
„Und der Hund?“ entgegnete Vanslyperken, als er die zerstreuten Bruchstücke an dem Eingange des Hühnerhauses bemerkte.
„Er muß sich wohl durchgenagt haben, Sir.“
„Und wo ist er?“
„Ich weiß es nicht, Sir. Vermutlich ist er nach dem Boote hinuntergegangen.“
Sobald Snarleyyow die Stimme seines Gebieters hörte, begann er zu winseln, und Smallbones zitterte. Zum Glück zeigte sich in diesem Augenblicke die Witwe an der Hintertüre des Hauses und rief Herrn Vanslyperken. Ihre Stimme übertönte das Winseln des Hundes, so daß der Leutnant es nicht hörte. Freilich war er nur halb überzeugt, aber er wagte es nicht, in Gegenwart seiner Geliebten viel Interesse an dem Tiere zu zeigen, und kehrte daher nach der Wohnstube zurück, wo der Hund sehr bald vergessen wurde.
Da sich jedoch die Orgien im Lusthause mehr und mehr steigerten, fand es die Witwe um so nötiger, dort fleißig Besuche zu machen, nicht nur um für den Bedarf ihrer Kunden zu sorgen, sondern auch, um sie durch ihre Anwesenheit im Zaume zu halten. Gegen Abend wurde in der Regel ihre Anwesenheit am häufigsten. Vanslyperken wußte dies wohl und verlegte daher seine Werbungen stets auf den Nachmittag, um mit Eintritt der Dunkelheit an Bord zurückkehren zu können. Smallbones, der von der Hintertüre aus die Bewegungen seines Meisters bewachte, bemerkte, daß er sein Bandelier über die Schulter warf, was in der Regel als Signal zum Aufbruch galt. Es war jetzt dunkel genug, weshalb er nach den Außengebäuden eilte, den eingesackten Snarleyyow herauszog, ihn über die Schulter warf und durch die Hoftür hinausging, um sich nach dem Kanal vor dem Hause der Witwe zu begeben. Er blickte umher, konnte aber niemand bemerken, weshalb er den Sack mit dessen Inhalt nach dem stehenden Wasser hinunterzog. In demselben Augenblick kam Herr Vanslyperken, der sich von der Witwe verabschiedet hatte, aus dem Hause heraus. Ein schweres Klatschen — und dann Stille!
„Wer da? Ist das nicht Smallbones?“ rief Herr Vanslyperken.
„Ja, Sir“, versetzte Smallbones erschrocken.
„Was habe ich da für einen Lärm gehört?“
„Einen Lärm, Sir? O, ich habe einen Pflasterstein in den Kanal gestoßen.“
„Und weißt du nicht, was für eine schwere Strafe darauf gesetzt ist, du Schurke? Wo hast du die Brotsäcke?“
„Die Brotsäcke, Sir? Herr Kurz hat sie mitgenommen, um einiges Gemüse hineinzutun.“
„Herr Kurz? Ah, schon gut. Komm mit, Bursche, und wirf mir keine Steine mehr in den Kanal, es hätte jemand den Tod davon haben können. Da ist ein Boot unten — ich höre die Leute sprechen.“
Herr Vanslyperken eilte nach seinem Boote, das auf ihn wartete, um sich zu überzeugen, ob Snarleyyow da war. Zu seinem großen Ärger und Verdrusse waren seine Erwartungen getäuscht. Er setzte sich daher nicht in der angenehmsten Stimmung auf die Bank nieder, sich dabei Gedanken machend, ob Smallbones wirklich einen Pflasterstein in den Kanal geworfen habe oder nicht, indem er sich vornahm, wenn der Hund nicht wieder zum Vorschein komme, solle Smallbones gekielholt werden. Es war übrigens auch möglich, daß man den Hund schon an Bord genommen hatte.
Man kann sich leicht denken, daß Herr Vanslyperken, sobald er das Halbdeck erreichte, zuerst fragte, ob Snarleyyow an Bord sei. Er wurde von Korporal Vanspitter mit militärischer Begrüßung empfangen, denn Obadiah Coble, der als kommandierender Offizier zurückgeblieben war, hatte sich selbst Urlaub erteilt und war mit einigen Matrosen Dick Kurz und seiner Gesellschaft nachgezogen, dem Korporal als dem nächstältesten Offizier den Befehl über das Fahrzeug überlassend. Die Antwort lautete zu Herrn Vanslyperkens großem Verdrusse verneinend, er stieg daher in sehr übler Laune nach seiner Kajüte herunter und ließ Smallbones vor sich rufen. Aber ehe die Aufforderung an letzteren erging, hatte er noch Zeit, einem oder zweien der Verschwörer zuzuflüstern, daß die Bestie fort sei. Dies war genug. In weniger als einer Minute verbreitete sich das Geflüster durch den ganzen Kutter.
„Er ist fort“, zischelte man sich oben und unten in die Ohren, bis sogar Korporal Vanspitter davon Kunde erhielt. Er hatte sie von einem Seesoldaten, dieser berief sich auf einen Kameraden, der Kamerad auf einen Matrosen, und so verfolgte der unermüdliche Korporal das Gerücht bis auf Smallbones, weshalb er sofort Anlaß nahm, die Sache pflichtgemäß Herrn Vanslyperken zu melden. Er stieg nach der Kajüte hinunter und klopfte.
Inzwischen hatte Vanslyperken seiner üblen Laune gegen Smallbones Luft gemacht, indem er, sobald er sein schöneres Ich wieder in die Kommode eingeschlossen, den armen Jungen mit einer ungewöhnlichen Quantität von Fußstößen regalierte und ihm zugleich mit dem in der Scheide befindlichen Säbel einen schweren Schlag auf den Kopf versetzte. Dieser aber wiederholte in seinem Innern Trostes halber nur die magischen Worte: „Er ist fort!“
„Mit Erlaubnis, Sir“, sagte Korporal Vanspitter, „ich habe durch die Schiffsmannschaft erfahren, daß der Hund fort ist.“
„Ich weiß das, Korporal“, erwiderte Vanslyperken.
„Und, Sir, die Aussage ist von Smallbones ausgegangen.“
„Wirklich? So hast also du ausgesagt, der Hund sei fort? Sprich, Spitzbube, wo ist er?“
„Mit Erlaubnis, ich sagte, der Hund sei fort, und das ist wahr, aber es ist mir kein Wörtchen davon über die Lippen gekommen, daß ich wisse, wo er ist — und ich weiß es auch nicht. Er ist fortgelaufen und wird wahrscheinlich morgen wieder zurückkommen.“
„Korporal Vanspitter, wenn der Hund morgen früh um acht Uhr sich nicht wieder an Bord einfindet, so werdet Ihr alles bereit halten, um diesen Schurken zu kielholen.“
„Ja, Mynheer“, entgegnete der Korporal, hochentzückt, daß es wieder etwas zu strafen gab.
Smallbones machte eine Jammermiene.
„Das ist sehr hart“, sagte er. „Ist’s denn meine Schuld, wenn der Hund vielleicht in den Kanal gefallen ist? Wenn Snarleyyow auf den Boden des Kanals kam, so ist das kein Grund, um mich unter dem Boden des Kutters durchziehen zu lassen.“
„Ja, ja“, erwiderte Vanslyperken. „Ich will dich lehren, Pflastersteine vom Kai herunterzuwerfen. Verlaß die Kajüte, Bursche.“
Smallbones, den das schuldige Gewissen bei Erwähnung der Pflastersteine erblassen ließ, zog sich eilig zurück, und Vanslyperken begab sich zu Bette, um von Rache zu träumen.
9. Kapitel
Der Morgen ist finster und der Wind bläst steif aus Nordwest. Hin und wieder flackern einige Schneeflocken als Vorläufer eines schweren Gestöbers durch die Luft, der ganze Himmel ist in ein trübes Grau gekleidet, während die Sonne sich hinter einem dichten Wolkendamm verborgen hat. Das Deck des Kutters ist naß und schlüpfrig. Dick Kurz hat die Morgenwache. Er ist in einen dichten Wollkittel gekleidet und trägt Fäustlinge an den Händen. Wenn er umhersieht, wirbelt ihm hin und wieder eine Schneeflocke ins Auge, die er wieder herausblinzelt, so daß sie schmilzt und wie eine Träne über seine Wange niederläuft.
Die Teerleinwand über der Luke ist auf eine Seite geschoben und der Raum dazwischen durch den Stierkopf und die breiten Schultern des Korporals Vanspitter ausgefüllt, welcher endlich das Deck erreicht. Er blickt umher und ist augenscheinlich nicht sehr erfreut über das Wetter. Ehe er ans Geschäft geht, wendet er sich nach rechts und links, vorwärts und rückwärts, so daß er in einer Minute alle Striche des Kompasses durchlaufen hat. Was kann Korporal Vanspitter zu einer so frühen Stunde wollen? Die Sache verhielt sich nämlich so, daß abends zuvor entschieden worden war, wenn Snarleyyow an diesem Morgen mit dem ans Land geschickten Fleischboote nicht an Bord zurückkehre, so solle der unglückliche Smallbones gekielholt werden.
Dieses sinnreiche Verfahren muß, da es wie viele andere gute, alte Bräuche in Abgang gekommen ist, dem nicht nautischen Leser erklärt werden. Es handelt sich dabei um nicht mehr und nicht weniger, als daß man einen armen Seemann auf eine Entdeckungsreise unter den Boden des Schiffes schickt: man läßt ihn über den Bug hinunter, hält ihn mit Tauen und zieht ihn an einer Leine nach hinten, bis er an den Ruderketten wieder zum Vorschein kommt. Dabei ist er in der Regel ganz außer Atem, nicht so sehr wegen der Schnelligkeit seiner Bewegung, als vielmehr deshalb, weil er solange unter dem Wasser gewesen, allen Atem seines Leibes erschöpft hat und statt dessen Salzwasser einziehen mußte, zwei Mängel, die nicht einmal ein Philosoph mit Geduld zu ertragen vermag. In den Tagen des Kielholens waren die Böden der Schiffe nicht gekupfert und daher durch eine Art von Schaltieren mit scharfen schneidenden Spitzen überzogen. Wer die Strafe über sich ergehen lassen mußte, wurde auf beiden Seite durch Taue an den Armen festgebunden, so daß er den Kiel des Schiffes umfassen mußte; wenn er wieder zum Vorschein kam, war sein ganzer Leib wie von Lanzetten zerschnitten und gekerbt, das Gesicht und die Nase aber wie von Ratten zernagt. Dies wurde jedoch eher für einen Vorteil als für einen Nachteil betrachtet, da der Blutverlust den Patienten, wenn er nicht ertrunken war, wieder ins Leben rief, so daß dem Vernehmen nach in der Regel von dreien einer sich wieder von seiner unterseeischen Exkursion erholte. Den Holländern gebührt die Ehre, die wir ihnen nicht zu nehmen willens sind, diese sehr angenehme Art von Züchtigung erfunden zu haben, und obschon man sie sonst für einen schwerfälligen, phlegmatischen Leuteschlag hält, so muß man ihnen doch zugestehen, daß sie in allen Punkten, wo es sich um die Kunst einer scharfsinnigen Quälerei handelt, viel lebhafteren und sonst erfindungsreicheren Nationen bei weitem den Vorsprung abgewonnen haben.
Und nun wird der Leser wohl begreifen, daß sich Korporal Vanspitter in einer Klemme befand, denn mit dem besten Willen von der Welt und mit der eifrigsten Begier, seinem Vorgesetzten zu gehorchen und die ihm aufgetragene Pflicht zu erfüllen, war er doch kein Seemann, konnte daher auch nicht wissen, wie er die Operationen beginnen sollte. Der Korporal drehte sich also, wie gesagt, nach allen Strichen des Kompasses, um zu sehen, wie er die Sache anzugreifen habe, endlich begann er damit, daß er zu beiden Seiten je ein Tauende anzog. Diese konnten als Seitenleinen die entsprechenden Dienste tun; aber nun bedurfte er eines langen Strickes für den Vorderteil und eines anderen für den Hinterteil des Schiffes, weshalb er nicht wenig verlegen war, wie er diese unter den Boden des Fahrzeuges bringen sollte. Dazu kam noch, daß ihm der Mast und das Takelwerk im Wege stand. Der Korporal stellte Erwägungen an, und je mehr er über die Sache nachdachte, desto verwirrter wurde sein Gehirn, so daß er zuletzt die Sache aus Verzweiflung aufgab. Er blieb stehen, zog ein blaues Baumwolltuch aus der Brusttasche seines Kollettes und wischte sich die Stirne ab, da das angelegentliche Nachdenken große Schweißtropfen hervorgetrieben hatte — denn was wie Kopfarbeit aussah, war für Korporal Vanspitter eine schwere Aufgabe.
„Tausend Teufel!“ rief er endlich, indem er sich mit der Faust vor den dicken Kopf schlug.
„Hunderttausend Teufel!“ wiederholte der Korporal nach fünf Minuten weiteren Nachdenkens.
„Zwanzigmal hunderttausend Teufel!“ murmelte er mit einem weiteren Schlage vor den Kopf, aber er klopfte vergebens, wie an einem leeren Hause, in welchem sich niemand befindet, um auf den Ruf zu antworten.
Der Korporal steckte daher sein Baumwolltuch wieder in die Brusttasche und machte sich durch einen schweren Seufzer Luft. Er hatte zwar alle Teufel der Hölle im Geiste zu seinem Beistande heraufbeschworen, aber sie mußten wohl besser beschäftigt sein, denn obschon die Arbeit des Tages einen gehörig diabolischen Charakter trug, so war doch Smallbones ein so armer Teufel, daß er höchstwahrscheinlich nur als sehr entfernt verwandt mit der infernalischen Brüderschaft betrachtet werden konnte.
Man könnte vielleicht fragen, warum Korporal Vanspitter, da es sich um eine Dienstsache handelte, nicht den Beistand der zum Schiff gehörigen Matrosen, namentlich aber des wachthabenden Offiziers aufbot. Er tat dies nicht gern, weil er wohl wußte, daß seine Aufforderung vergeblich sein würde, denn die ganze Mannschaft hatte für Smallbones Partei genommen. Er behielt sich einen derartigen Schritt nur als letztes Zufluchtsmittel vor, und da ihm jetzt der Verstand stille stand, so ging er zu Dick Kurz hinauf, der die Bewegungen des Korporals schon seit einiger Zeit schweigend beobachtet hatte, und redete ihn an.
„Mit Erlaubnis, Mynheer Kurz, Mynheer Vanslyperken hat Befehl erteilt, daß der Junge diesen Morgen gekielholt werde. Ich möchte die Taue haben und wissen, wie man es angreifen muß.“
Kurz sah den Korporal an und gab keine Antwort.
„Mynheer Kurz, ich habe Euch die Ordre von Mynheer Vanslyperken mitgeteilt.“
Dick Kurz erwiderte nichts darauf, sondern lehnte sich über die Luke und rief: „Jemmy!“
„Ja, ja“, versetzte Jemmy Entenbein, der aus seiner Hängematte stieg und das andere Deck betrat.
Korporal Vanspitter, welcher meinte, Herr Kurz sei im Begriffe, der an ihn gestellten Anforderung nach seiner eigenen Weise zu willfahren, blieb ruhig auf dem Decke, bis Jemmy Entenbein erschien.
„Hände!“ rief Kurz.
Jemmy pfiff die Matrosen herauf.
„Boot“, fuhr Kurz fort, indem er den Kopf gegen das kleine, am Sterne aufgehißte Boot drehte.
Da dies alles eine Vorbereitung zu dem erforderlichen Werk zu sein schien, so war der Korporal zufrieden. Die Matrosen kamen bald, die Hängematten auf ihren Schultern, herauf, warfen dieselben in die Netze, und dann schickte sich Jemmy an, das Boot hinunterzulassen. Als dasselbe neben Bord lag, wandte sich Kurz nach Coble um, winkte mit der Hand nach dem Ufer und sagte: „Ochsenfleisch.“
Coble, welcher ihn vollkommen verstand, steckte einen neuen Tabakspflock in seine Backen, stieg an der Seite hinunter und ruderte dem Ufer zu, um frisches Ochsenfleisch und Gemüse für das Schiffsvolk einzukaufen. Dann ging Kurz auf dem Decke hin und her, ohne weitere Befehle zu erteilen.
Als Korporal Vanspitter dies bemerkte, ging er abermals auf ihn zu.
„Mynheer Kurz, wollt Ihr so gut sein, die Sache zuzurüsten?“
„Nein!“ donnerte Kurz ihm entgegen und wandte sich ab.
„Gott verdamm’, das ist Meuterei“, murmelte der Korporal, welcher alsbald die Luke hinunterstieg, um seinem Kommandanten den Stand der Dinge auf dem Deck zu melden.
Herr Vanslyperken war bereits aufgestanden. Er hatte während der ganzen Nacht nur eine einzige Stunde geschlafen, und auch während dieses kurzen Schlummers war er so von wilden und schrecklichen Träumen heimgesucht worden, daß ihm die Ruhe keine Erfrischung bringen konnte. Er hatte geträumt, daß er alle nur erdenklichen Versuche mache, um Smallbones zu ertränken, aber ohne Erfolg, denn sobald der Junge tot war, lebte er wieder von neuem auf. Es kam ihm vor, die Seele dieses Smallbones sei in ein kleines Tier, vielleicht von der Größe einer Maus, verwandelt und es liege ihm ob, sich von ihr zu befreien, aber sobald er sie von einem Teile des Körpers vertrieben hatte, drang sie auf einem andern Wege wieder hinein. Kurz, er arbeitete in seinem Traume mehr wie sonst in Jahren, aber ohne Erfolg. Und dann kam eine Veränderung über den Geist seines Traumes, denn er versuchte jetzt in gleich vergeblicher Weise seine Bewerbung, welche die Gestalt einer Flüssigkeit in einer Phiole angenommen hatte, der Witwe Vandersloosch aufzudrängen. Er wandte sie wieder und wieder an, aber sie wirkte als ein Brechmittel, und der Magen der Dame konnte sie nicht ertragen. Dann sah er sich von allen Seiten zurückgestoßen — die Witwe behandelte ihn mit Fußtritten. Smallbones stampfte auf seinem Leibe herum und sogar Snarleyyow fuhr auf ihn los, um ihn zu beißen. Endlich fiel er, einen ungeheuren Pflasterstein um den Hals, köpflings in einen schrecklichen Abgrund, und wie er eben noch im Sturze begriffen war, erwachte er zitternd und verwirrt, so daß er nicht mehr einschlafen konnte. Dieser Traum war nicht geeignet, Herrn Vanslyperken in eine gute Stimmung zu versetzen, seine bittere Laune wurde noch erhöht, als er sich, mit dem Rasiermesser in den zitternden Händen, beim rasieren zweimal in die Wange schnitt. Während er sich in diesem Zustande des aufs höchste gesteigerten Ingrimms befand, trat Korporal Vanspitter ein und machte Meldung von dem meuterischen Benehmen des Ersten Offiziers. Nie zuvor hatte man Herrn Vanslyperken in solcher Wut gesehen. Er schlüpfte in seinen Rock und folgte dem Korporal aufs Deck. Dort sah er sich mit grimmiger Miene um und erspähte endlich die kleine Gestalt von Jemmy Entenbein, den er aufforderte, alle Hände zum kielholen heraufzupfeifen.
Jemmy setzte die Pfeife an seinem Mund und verkündete sodann den Befehl in einer Weise, welche Herrn Vanslyperken wie: „alle Hände zum Gekielholtwerden“ vorkam. Aber Jemmy schnurrte hurtig über die kleine Veränderung hin, und obgleich die Matrosen kicherten, so hielt es Vanslyperken doch für besser, nichts zu sagen. Es gibt übrigens ein altes Sprichwort, daß man ein Pferd wohl an den Teich bringen, aber es nicht zum trinken zwingen kann. Herr Vanslyperken hatte zwar den Befehl erteilt, es wollte jedoch niemand mit den Vorbereitungen einen Anfang machen. Die einzige Person, welche einige Rührigkeit zeigte, war Smallbones selbst, der keine Ahnung von der ihm bevorstehenden Strafe hatte, sondern in der Meinung, die Leute seien wegen etwas anderem heraufgepfiffen worden, eiligst die Luke heranstieg und umherschaute, um sich zu überzeugen, was geschehen solle. Da trat ihm die riesige Gestalt des Korporals Vanspitter entgegen, welcher in der Meinung, Smallbones komme so schnell herauf, um über Bord zu springen und so seine Strafe zu vermeiden, augenblicklich den Verbrecher mit der linken Hand am Kragen packte, sich wie auf einem Stifte gegen Herrn Vanslyperken umdrehte, die Hand an seine Fouragiermütze erhob und die Meldung machte: „Der Gefangene ist auf dem Deck, Mynheer Vanslyperken.“
Dies weckte den Leutnant zur Tätigkeit, denn er war seit einiger Zeit in tiefen Gedanken auf dem Decke hin- und hergegangen.
„Ist vorn alles bereit?“ rief Herr Vanslyperken.
Niemand antwortete.
„He, Bootsmann, ich frage, ob alles bereit sei!“
„Nein, Sir“, versetzte Jemmy. „Niemand weiß, wie man das angreifen muß. Ich wenigstens nicht, denn ich habe nie etwas von der Art gesehen, seit ich im Dienste bin.“
Jetzt konnten aber nicht einmal die Schneeflocken, welche dicht niederfielen und Herrn Vanslyperkens blaue Jacke weiß färbten, seine Wut beschwichtigen. Er bemerkte, daß die Matrosen widerspenstig waren, und forderte deshalb die sechs Seesoldaten vor, die unter der Leitung ihres Korporals standen.
Der arme Smallbones hatte mittlerweile entdeckt, was vorgehen sollte, und war der Meinung, er könne wohl etwas zu seiner eigenen Verteidigung vorbringen.
„Mit Erlaubnis, was wollt Ihr denn mit mir anfangen?“ sagte der Junge mit erschrockener Miene.
„Führt ihn nach vorne“, sagte Herr Vanslyperken. „Folgt mir, Seesoldaten!“
Und das ganze Häuflein, der Leutnant an der Spitze, begab sich vor den Mast.
„Kleidet ihn aus!“ rief Herr Vanslyperken.
„Mich auskleiden — und in einem solchen Schneegestöber? Ist es nicht schon kalt genug?“
„Du wirst’s bald noch kälter finden, wenn du unter dem Boden des Kutters hängst“, versetzte sein Gebieter.
„O Gott! Dann ist gar von einem Kielholen die Rede! Was habe ich denn getan?“ rief Smallbones, als ihm die Seesoldaten sein Hemd abrissen und seinen ausgemergelten Leib dem unbarmherzigen Wetter bloßstellten.
„Wo ist Snarleyyow, Bursche? — Gestehe!“
„Snarleyyow? Wie könnte ich etwas von dem Hunde wissen, Sir? Es ist sehr hart, daß ich unter dem Schiffsboden durchgezogen werden soll, weil das Tier nicht aufzufinden ist.“
„Ich will dich lehren, Pflastersteine in den Kanal zu werfen.“
„Pflastersteine, Sir?“ Und Smallbones errötete in seinem Schuldbewußtsein. „Wohlan, Sir, tut, was Ihr wollt, ich mache mir nichts daraus. Wenn Ihr mich umbringen wollt, so beeilt Euch — denn gewiß, ich werde nicht lebendig heraufkommen.“
Herr Vanslyperken erinnerte sich jetzt seines Traumes und der Schwierigkeit, welche es ihm machte, Smallbones’ Seele aus dem Leibe zu treiben.
Nach den Anweisungen des Leutnants wurden die Aufholseile und anderes Tauwerk von den Seesoldaten gesammelt, denn die Matrosen blieben stehen und waren augenscheinlich Mann für Mann entschlossen, nichts zu tun. Nach einer halben Stunde war alles bereit. Vier Seesoldaten bemannten die Aufholleine, je einer erhielt seinen Posten an den Seitensträngen, die an den Armen des Unglücklichen befestigt waren, und der Korporal erhielt die Weisung, sobald er Smallbones über das Steuerbord gehoben, die Bugleine zu beaufsichtigen und nicht zu erlauben, daß der Verbrecher zu schnell fortgezogen werde. Für einen solchen Zweck hätte die Wahl auf keinen besseren Mann als auf den Korporal Vanspitter fallen können. Smallbones, der jetzt ganz mit Schnee bedeckt war, wurde ohne Kleider auf dem Deck niedergeworfen, damit die Leinen an ihm befestigt werden könnten. Er verhielt sich stumm und hatte, wie gewöhnlich, wenn er gestraft wurde, die Augen geschlossen. Vanslyperken beobachtete ihn mit Gefühlen grimmigen Hasses, und mußte bemerken, daß hin und wieder ein Lächeln die hageren Züge des jungen Menschen überflog. „Er weiß, wo der Hund ist“, dachte Vanslyperken, und sein Wunsch zu erfahren, was aus Snarleyyow geworden, bewältigte seine Rachgier. Er redete den schaudernden Smallbones folgendermaßen an: „Wenn du der Züchtigung zu entkommen wünschest, Bursche, so sag’ mir, was aus dem Hunde geworden ist, denn ich bemerke, daß du darum weißt.“
Smallbones grinste und seine Zähne klapperten. Er hätte sich lieber ein dutzendmal kielholen lassen, ehe er Vanslyperkens Wunsche entsprochen hätte.
„Ich will dir zehn Minuten Bedenkzeit geben“, fuhr der Leutnant fort. „Haltet vorderhand alle fest.“
Es schneite nun dermaßen, daß man nur mit Mühe die Länge des Schiffes unterscheiden konnte. Die nackten Glieder des armen Smallbones wurden nach und nach bedeckt, und ehe die zehn Minuten vorüber waren, stak er in einem Mantel von Schnee. Er schüttelte hin und wieder den Kopf, um sein Gesicht zu befreien, blieb aber stumm.
„Nun, Bursche“, rief Vanslyperken, „willst du mir’s sagen, oder über Bord marschieren? Gestehe!“
„Nein“, versetzte Smallbones.
„So weißt du’s also, du Schurke?“
„Ja“, entgegnete Smallbones, dessen Entrüstung nun gleichfalls stieg.
„Und willst es nicht sagen?“
„Nein“, kreischte der junge Mensch, „nein, nie, nie, nie!“
„Hinüber mit ihm, Korporal Vanspitter“, rief Vanslyperken wütend.
Da gab es plötzlich ein Gewühl unter den Matrosen des Hinterschiffes, und während der Korporal das leichte Gerippe des Verbrechers aufhob, erschien zu Vanslyperkens, des Korporals und Smallbones’ großem Erstaunen Snarleyyow in der Back. Der Hund stürzte auf den nackt in den Armen des Korporals liegenden Unglücklichen zu, biß ihn ins Bein und schlug dann sein gewöhnliches tiefes „Wau, wau, wau“ an.
Das Wiedererscheinen des Hundes erregte kein geringes Aufsehen. Vanslyperken fühlte, daß er nun keinen Grund hatte, Smallbones kielholen zu lassen, was ihm ebensoviel Ärger bereitete, als ihm der Anblick seines Hundes Freude machte. Der Korporal, welcher Smallbones auf den Schnee niederfallen ließ, war gleichfalls in seinen Erwartungen getäuscht. Smallbones aber fuhr, als er den Hund bellen hörte, von seinen Knien auf und blickte mit entsetztem Gesichte nach Snarleyyow hin, als wäre derselbe ein Geist. Dann brach er ohnmächtig zusammen. Die übrige Schiffsmannschaft war gleichfalls nicht wenig verdutzt, die Matrosen sahen einander an, schüttelten die Köpfe, nur Jansen erlaubte sich die murmelnde Bemerkung: „Der Hund ist am Ende doch kein Hund.“
Herr Vanslyperken befahl, daß Smallbones nach dem Raume hinuntergebracht werden solle, und begab sich dann nach dem Hinterschiff. Als er dort Obadiah Coble bemerkte, fragte er ihn, woher der Hund gekommen sei. Er erhielt den Bescheid, das Boot, welches frisches Ochsenfleisch und Gemüse geholt, habe ihn mitgebracht. Herr Vanslyperken gab keine Antwort, sondern verfügte sich nach der Kajüte hinunter, wohin ihm Snarleyyow folgte.
10. Kapitel
Es wird nötig sein, auseinanderzusetzen, wie das Leben unseres gefeierten Köters erhalten wurde. Als ihn Smallbones, in sein vermeintliches Leichentuch eingebunden, in den Kanal warf, waren, wie Herr Vanslyperken richtig bemerkte, Leute unten, auf welche der angebliche Pflasterstein recht gut hätte fallen können. Die Stimmen, welche sich vernehmen ließen, waren die eines Vaters und eines Sohnes, welche in einem kleinen Boote von einer Galiote nach den Stufen hinruderten, wo sie zu landen gedachten. Der Sack fiel nur einige Ellen von dem Boote nieder, das Klatschen weckte natürlich ihre Aufmerksamkeit, er sank nicht augenblicklich, denn Snarleyyow zappelte und kämpfte so, daß er sich teilweise über dem Wasser erhielt.
„Was ist dies?“ rief der Vater seinem Sohne zu.
„Mein Gott, wer kann das wissen — aber wir wollen sehen.“
Der Sohn griff nun nach dem Bootshaken und zerrte den Sack heran, als er eben sinken wollte, denn Snarleyyows Kräfte hatten sich erschöpft. Die beiden Männer zogen nun die Prise ins Boot.
„Es ist ein Hund oder so etwas“, bemerkte der Sohn.
„Ganz recht, aber die Brotsäcke sind noch brauchbar“, versetzte der Vater, während sie auf den Landungsplatz zuruderten.
Dort angelangt, hoben sie die Säcke heraus und legten sie auf die Steintreppen. Sie banden die Öffnung auf und fanden, daß Snarleyyow Zeichen des wiederkehrenden Lebens von sich zu geben begann. Der Hund wurde herausgeschüttelt und auf den Treppen gelassen. Bald nachdem sie sich mit den Säcken entfernt hatten, erholte sich der Köter so weit, um wieder auf den Beinen stehen zu können, und als er wieder laufen konnte, begab er sich nach dem Hause der Witwe Vandersloosch, wo er um Einlaß heulte. Die Frau hatte sich schon nach ihrem Schlafgemach zurückgezogen und las eben in ihrem Gebetbuche, wie jedermann tun sollte, der den ganzen Tag über die Leute betrogen hat. Wie sie eben im Begriff war, ihr Licht zu löschen, begrüßte die Serenade ihr Ohr, und zwar in immer gräßlicheren Tönen, je mehr der Hund zu Kräften kam.
Babette schlief bereits und konnte nur mit Mühe zu dem Auftrage, den Köter fortzujagen, geweckt werden. Sie versuchte, diesen Dienst zu verrichten, indem sie sich mit dem Besen bewaffnete, aber sobald sie die Tür öffnete, schlüpfte ihr Snarleyyow zwischen die Beine und warf sie auf das Pflaster nieder. Das Mädchen schrie, weshalb ihre Gebieterin in den Flur herauskam. Da nun der Hund nicht in das Wohnzimmer hinein konnte, so schoß er die Treppe hinauf, schnappte im Vorbeistürzen nach der Witwe und sicherte sich eine Lagerstätte unter ihrem Bette.
„O mein Gott! Es ist der Hund des Leutnants!“ rief Babette, welche jetzt ganz zerzaust mit dem Besen in der Hand heraufkam. „Was sollen wir anfangen — wie können wir ihn fortbringen?“
„Mögen den Leutnant mit seinem garstigen Hunde tausend Teufel holen!“ rief die Witwe in großem Zorn. „Sie sollen mir zum letzten Male ins Haus gekommen sein. Versuch’s mit deinem Besen, Babette — stoße nur tüchtig nach ihm.“
„Ja, Madam“, versetzte Babette, aus Leibeskräften auf den Hund unter dem Bette losstoßend, während dieser den Besen mit seinen Zähnen faßte und mit Babette daran zerrte. Es folgte nun ein Messen der Kräfte zwischen dem Mädchen und Snarleyyow — Babette zog hin — der Hund zog her— den einen Augenblick verschwand der Besen mit zwei Dritteilen des Stiels unter dem Bette, und im nächsten gewann das Mädchen ihren verlorenen Grund wieder. Snarleyyow wurde endlich des Kampfes satt, er ließ, um zu beweisen, daß er nicht daran dachte, seine Stellung aufzugeben, den Besen los, stürzte gegen Babettens nackte Beine, schlug seine Zähne halb durch ihren Knöchel, und kehrte knurrend nach seinem früheren Schlupfwinkel zurück.
„O mein Gott!“ rief Babette, indem sie ihren Besen fallen ließ und das Fußgelenk mit beiden Händen hielt.
„Was sollen wir tun?“ rief die Witwe, ihre Hände ringend.
Es war in der Tat ein schwieriger Fall. Mynheer Vandersloosch war, solange er noch in diesem Tränentale weilte, eine ebenso schwere Person als die Witwe selbst gewesen, daher das Bett eine ungewöhnliche Breite besaß, denn die gute Frau hatte es für ihren eigenen Gebrauch beibehalten, weil sie nicht wußte, ob sie sich nicht wieder bewegen ließ, in den Ehestand zu treten. Es nahm mehr als die halbe Zimmerbreite ein, der Hund hatte daher eine Position gewonnen, aus der ihn zwei Frauenzimmer nicht so leicht verdrängen konnten. Da er obendrein unter dem Bette fortwährend kläffte und knurrte, so stieg der Grimm der Witwe, welche schaudernd dastand, immer mehr und mehr, hauptsächlich den Herrn des Tieres zu seinem Gegenstand nehmend. Sie gelobte sich im Geiste, so wahr der Hund unter dem Bett sei, so wahr solle dessen Gebieter nie in dasselbe kommen.
Auch Babettens Zorn loderte hell auf, sobald der Schmerz des Bisses ein wenig nachgelassen hatte. Sie griff abermals nach dem Besen und stieß so wütend nach Snarleyyow, daß dieser nicht mehr mit seinen Zähnen Besitz davon nehmen konnte. Die Tür des Gemaches stand offen, damit der Hund hinaus könne, desgleichen auch die Haustür. Die Witwe stand zu den Füßen des Bettes und wartete, ob Babettes kräftiger Angriff nicht eine entsprechende Wirkung hervorrufe, aber die Folgen waren ganz anders. Der Hund wurde immer wütender, sprang endlich nach dem unteren Teile des Bettes und stürzte auf die Witwe los, wobei er ihr nicht nur das Kleid zerriß, sondern sie auch in das Bein biß. Frau Vandersloosch schrie und taumelte. Dabei fiel sie gegen die halboffene Tür, schlug sie mit dem Gewichte ihres Körpers zu und brach kreischend zusammen. Snarleyyow hätte jetzt wahrscheinlich Reißaus genommen, als er aber sah, daß seine Flucht in dieser Weise verhindert war, zog er sich wieder unter das Bett zurück, von wo aus er einen neuen Angriff auf Babettens Beine machte.
Es scheint, daß das, was durch den vereinigten Mut der beiden Frauenzimmer nicht bewirkt werden konnte, endlich durch ihre vereinigte Flucht erzielt wurde. Die Witwe half sich, sobald sie konnte, wieder auf die Beine und öffnete zuerst die Tür, um hinauszueilen, aber ihr Nachtkleid war vorn ganz in Fetzen zerrissen. Sie betrachtete ihren Zustand — ihre Züchtigkeit überwältigte jedes andere Gefühl, so daß sie in Tränen ausbrach. Mit dem Ausruf: „O Vanslyperken! Vanslyperken!“ warf sie sich in ihren Todesnöten mitten auf das Bett. In demselben Augenblicke bearbeiteten die Zähne des Hundes auf’s neue Babettens Knöchel. Das Mädchen schrie gleichfalls und warf sich über ihre Gebieterin auf das Bett. Es war ein gutes Bett und hatte jahrelang seinen Dienst getan, aber man kann auch ein Bett überladen, und dies bewies sich in dem gegenwärtigen Falle. Die vereinigte Last der Gebieterin und des Dienstmädchens wirkte mit einem solchen Nachdrucke, daß dagegen nicht standzuhalten war, die Tragbänder wichen, und die Matratze, auf welcher die beiden lagen, fiel auf den Boden hinunter.
Dieses Unglück gereichte jedoch zu ihrer Rettung, denn die Matratze traf bei ihrem Niederstürzen auch Snarleyyow. Es gelang dem Hunde, seine Lenden frei zu machen, da er sonst erdrückt worden wäre, aber nicht so gut gelang ihm dies mit seinem langen schäbigen Schwanze, der nun in einer neuen Art von Falle fest eingeklemmt war, in welcher die breitesten Teile der Witwe als festhaltendes Werkzeug dienten. Snarleyyow zerrte und zerrte, aber vergeblich. Er war festgebannt und konnte sich auch nicht durch Beißen helfen, da die Matratze zwischen ihm und seinen Feindinnen lag. Er riß, heulte, bellte, drehte sich nach allen Seiten und kläffte. Wäre sein Schwanz nicht so zäh gewesen, so hätte er ihn vielleicht infolge seiner gewaltsamen Anstrengung zurücklassen müssen — aber nein, es war unmöglich. Babette, welche bald bemerkte, wie die Sachen standen, erhob sich, bat ihre Gebieterin, sich ja nicht zu rühren, griff nach dem Besen und hämmerte nun, ohne eine Wiedervergeltung besorgen zu müssen, aufs unbarmherzigste auf Snarleyyow los. Der Hund verdoppelte seine Anstrengungen, und da Babettens Gewicht entfernt war, so wurde es ihm endlich möglich, sein Anhängsel aus der Klemme zu ziehen. Wahrscheinlich fühlte er, daß er in diesem Hause auf keine angenehme Nachtruhe zu rechnen habe, weshalb er zur Tür hinaus, die Treppen hinunter und auf die Straße schoß. Babette jagte ihm nach, warf ihm noch auf der Schwelle den Besen an den Kopf und verriegelte dann die Tür.
„O diese Bestie!“ rief Babette, als sie atemlos wieder heraufkam. „Er ist endlich fort, Madam.“
„Ja“, versetzte die Witwe, sich nun mit Mühe aus der Höhlung aufrichtend, welche ihre Schwere in die Matratze gemacht hatte, „und — und seinem Herrn will ich auch den Laufpaß geben. Jawohl da — kommt der mir mit Liebeserklärungen — dieses Skelett — dieser ausgetrocknete Stockfisch! Wie mag er von Liebe sprechen und weigert sich, diese Bestie hängen zu lassen! Ach du mein Himmel! Gib mir nur etwas zum anziehen. Eines meiner besten Hemden ist in Fetzen — und an zwei Stellen hat er mich mit seinen garstigen Zähnen gebissen, Babette. Schon gut, Herr Vanslyperken — wir werden sehen — ich kümmere mich nicht um eine solche Kundschaft. Ich kann dir sagen, Vanslyperken, daß es dir nicht wieder so gut werden soll, auf meinem Sofa zu sitzen — umarme deinen garstigen Köter — der ist gut genug für dich — ja, ja, Herr Vanslyperken.“
Mittlerweile hatte Babette frische Leinwand herbeigeschafft, und sobald sich die Witwe darein gekleidet, stand sie von dem Bett auf, dessen zertrümmerter Zustand aufs neue ihre Entrüstung hervorrief. „Zweiunddreißig Jahre hat mir dieses Bett im Ehe- und Witwenstande gedient, Babette!“ rief Frau Vandersloosch. „Sechzehn Jahre schlief ich mit dem seligen Vandersloosch darin, und sechzehn Jahre diente es mir als einer verlassenen Witwe zur Lagerstätte — aber nie zuvor ist es zusammengebrochen. Wie soll ich heute nacht schlafen? Was soll ich anfangen, Babette?“
„Es war gut, daß es zusammenbrach, Madam“, versetzte Babette, welche sich mit der zerfetzten Haut an ihren Knöcheln abgab, „sonst hätten wir nie das garstige, bissige Untier aus dem Hause gebracht.“
„Schon gut — schon gut. Jawohl da, Herr Vanslyperken — sonst nichts, als dich heiraten! Ebenso gerne wollte ich deinen Köter nehmen.“
„Mein Gott!“ rief Babette. „Ich denke, Madam, wenn Sie ihn heiraten, so würden Sie den Meister bald so bissig finden wie den Hund. Aber ich muß das Bett wieder machen.“
Babette untersuchte nun den Schaden und fand, daß nur eines der Bänder gewichen war, auf welchem die Matratze lag. Hierüber konnte man sich nun nicht beklagen, da das Band zweiunddreißig Jahre gehalten hatte und es ihm daher nicht übel zu deuten war, wenn es nach einer so langen Periode einer ungewohnten Anstrengung nicht mehr standzuhalten vermochte. In einer Viertelstunde war alles in Ordnung gebracht. Die Witwe, welche die ganze Zeit über schimpfend in ihrem Stuhle gesessen hatte, begab sich, sobald Babette mit ihren Zurüstungen fertig war, mit den Worten zu Bette: „Jawohl da, Herr Vanslyperken — sonst nichts, als heiraten! Schon gut; wir wollen sehen. Warte nur bis morgen, Herr Vanslyperken.“
11. Kapitel
Welche Abenteuer Snarleyyow nach dieser ärgerlichen Einmengung in die Spekulationen seines Gebieters auf die Witwe erlebte, bis er in das Fleischboot an Bord des Kutters gelangte, vermögen wir nicht zu berichten, obschon wohl angenommen werden darf, daß er nicht die ganze Nacht verbringen konnte, ohne sich da oder dort unangenehm zu machen. Die Witwe Vandersloosch schlief in jener Nacht nur wenig. Ihre Seele brütete Rachegedanken, aber trotz des Schmerzes, den die Bisse des Hundes veranlaßten, verlor sie doch ihr Geschäft nicht aus dem Auge. Die Kundschaft der Kuttermatrosen war nicht zu verachten, und wenn sie hieran dachte, wurde sie allmählich ruhiger. Noch vor dem Morgen war sie zu einem Entschlusse gekommen.
Aber wir müssen an Bord zurück, wo wir eine fast ebenso große Verwirrung wie am Lande finden. Snarleyyows Wiedererscheinen wurde als übernatürlich betrachtet, denn Smallbones hatte umständlich erzählt, in welcher Weise er den Hund in die Brotsäcke band und in den Kanal warf. Obadiah Coble zuckte die Achseln, während er eine Extratabakrolle in den Mund steckte — Dick Kurz wandelte schweigsamer als je mit zusammengepreßten Lippen umher — Jansen schüttelte den Kopf, indem er vor sich hinmurmelte: „der Hund ist kein Hund“ — und Spurey mußte der Schiffsmannschaft wieder die Legende erzählen, auf welche Art die Bestie an Bord des Schiffes gekommen war. Die einzigen Personen, welche ihren Mut nicht verloren zu haben schienen, waren Jemmy Entenbein und der junge Smallbones, der in seiner Hängematte lag, um sich von seiner Erkältung zu erholen. Der erstere sagte: „Müßten sie mit dem Teufel segeln, so sei das nicht zu ändern.“ Smallbones jedoch, der seine ganze Fassung wieder gewonnen hatte, legte das Gelübde ab, er wolle nie in seinen Versuchen aufhören, diesen Hund oder Teufel zu vernichten, denn wenn er wirklich der Teufel oder einer von seinen Kobolden sei, so habe er die Christenpflicht, sich ihm entgegenzusetzen, um so mehr, da ihm ja doch keine bessere Behandlung zuteil werde, wenn er die Bestie ungeschoren lasse.
Das Schneegestöber währte fort, und die Mannschaft blieb im Schiffe unten, den einzigen Jemmy Entenbein ausgenommen, der sich an die Leeseite des Kuttermastes lehnte und unter dem fallenden Schnee in langsamer Melodie folgendes Liedchen sang, welches ihm wahrscheinlich der Zustand des Wetters ins Gedächtnis gerufen hatte:
Am Landungsplatz unter Mount Wyse,
Da lehnt’ die arme Poll,
Sie lehnt am Schilderhause,
Die Augen tränenvoll.
Es war ein wind’ger Christtag:
Sie deckt mit der Schürz’ den Arm,
Um sich im Schneegestöber
Ein bißchen zu halten warm.
Und Gret’ und Marei,
Die stehen dabei —
Sie schaudern an ihrer Seit’,
Und sehen stumm
Und traurig sich um,
Bewachend die Ebbezeit.
Poll stemmt die Arm’ in die Hüft’:
Sieht am Admiralshaus hinauf
Und läßt den Gedanken voll Gift,
Den verhaltenen, freien Lauf.
Du schicktest das Schiff hinaus in den Sturm,
Daß in Riffen es werde verklammt;
So hör’ denn mein Sprüchlein, du alter Wurm:
Admiral, dafür sei verdammt!
Wer hörte je, daß am Christfest
Fregatten segelten aus
Zum Dienst, wenn’s schneit und stürmet
Und hagelt, daß es ein Graus!
Ich wollt’, ich hätt’ deinen Rücken,
Den krummen, in der Macht;
Ich lederte ihn mit dem Schürer,
Daß du mir schrie’st Weh und Ach!
Die Marei und Gret’
Da neben mir stehn —
Sie schaudern an meiner Seit’,
Und sehen stumm
Und traurig sich um
Und bewachen die Ebbezeit.
Poll stemmt die Arm’ in die Hüft’,
Sieht am Admiralshaus hinauf
Und läßt den Gedanken voll Gift,
Den verhaltenen, freien Lauf.
Ich wette darauf, ein brennend Feu’r
In deiner Zeh dir flammt;
So hör’ mein Sprüchlein, du Ungeheu’r:
Admiral, sei auf immer verdammt!
Ich hatte das Mehl, die Rosinen —
Kurz, alles hübsch zugericht’;
Jetzt ist das Weihnachtsmahl uns
So elendlich zernicht’t.
Die Ohrring’ gingen in Pfandstall
Für Fleisch, im Gewicht wohl ein Stein!
Doch mein Liebster ist jetzt auf dem Meere,
Und ich bin verlassen — allein.
Die Marei und Gret’
Da neben mir steht —
Sie schaudern an meiner Seit’,
Und sehen stumm
Und traurig sich um,
Bewachend die Ebbezeit.
Poll stemmt die Arm’ in die Hüft’,
Sieht am Admiralshaus hinauf
Und läßt den Gedanken voll Gift,
Den verhaltenen, freien Lauf.
Du hast wohl mit dem Truthahn schon
Den Wanst dir voll gerammt;
So hör’ mein Sprüchlein, Hurensohn:
Admiral, sei für immer verdammt!
Gewiß kann keiner kochen
Sein Mahl in des Sturmes Gebraus,
Und roh sein Fleisch verzehren?
Welch’ ekler Weihnachtsschmaus!
Doch kommt nach Haus, ihr Mädchen;
Da hilft kein Warten mehr.
Vielleicht bringt nächste Weihnacht
Uns bessere Bescher.
Die Marei und Gret’,
Kommt mit und geht,
Müßt nicht frieren an meiner Seit’.
Seht euch nicht so stumm
Und traurig um;
Die Ebbe trug sie schon weit.
Poll stemmt die Arm’ in die Hüft’,
Sieht am Admiralshaus hinauf
Und läßt den Gedanken voll Gift,
Den verhaltenen, freien Lauf.
Sie haben wohl nichts als ein Kalbfleischgericht,
Während voll dein Wanst gerammt;
So hör’ unser Sprüchlein, alter Wicht:
Admiral, sei dafür verdammt!
„Mein Gott, das ist ja helle Meuterei, Mynheer Schemmy Hentenbein“, bemerkte Korporal Vanspitter, der, von Jemmy unbeachtet, aufs Deck gekommen war und dem Liede zugehört hatte.
„So, ist’s Meuterei?“ entgegnete Jemmy. „Nun, dann geht hin und berichtet auch dieses:
So hör’ mein Sprüchlein, langer Tropf:
Korporal, sei für immer verdammt!“
„Das ist besser und besser, wollte sagen, schlimmer und schlimmer“, erwiderte der Korporal.
„Seht Euch vor, daß ich Euch nicht über Bord werfe“, brauste Jemmy in seinem Zorne auf.
„Das ist noch das allerschlimmste“, sagte der Korporal, indem er nach dem Hinterschiffe stampfte und es Jemmy Entenbein überließ, den Gang seiner eigenen Gedanken zu verfolgen.
„Jemmy, der durch den Korporal aufgestört worden war und nun fühlte, daß sich der Schnee reichlich in seinem Genicke angesammelt hatte, meinte, er könne nun ebensogut in den Raum hinuntergehen.
Der Korporal erstattete seine Meldung, Herr Vanslyperken machte seine Bemerkungen darüber, obschon er es hiebei bewenden ließ, weil er wohl sah, daß eine Kleinigkeit eine allgemeine Meuterei hervorrufen konnte. Snarleyyows Wiedereintreffen tröstete ihn, und ohne sich nur entfernt träumen zu lassen, was in der Nacht vorgegangen war, nahm er sich vor, der Witwe seine Aufmerksamkeit zu beweisen, indem er sich nicht einmal durch das Schneegestöber von einem Besuche abhalten ließ. Nachdem er zuerst seinen Hund in die Kajüte gesperrt und den Schlüssel dem Korporal anvertraut hatte, begab er sich an Land und erschien vor der Tür der Witwe, welche durch Babette geöffnet wurde. Das Mädchen versperrte den Eingang mit ihrer Person und wartete nicht, bis Vanslyperken zu sprechen begann.
„Mynheer Vanslyperken, Ihr könnt nicht hereinkommen, Frau Vandersloosch ist sehr krank und liegt zu Bette. Der Doktor sagt, es sei ein sehr schlimmer Fall und hat ihr verboten, Besuche anzunehmen.“
„Krank?“ rief Vanslyperken. „Eure teure, bezaubernde Gebieterin krank? Gütiger Himmel! Was fehlt ihr denn, meine liebe Babette?“ versetzte Vanslyperken, indem er ganz das Interesse eines zärtlich besorgten Liebhabers zur Schau stellte.
„Ihr seid allein daran schuld, Herr Vanslyperken“, versetzte Babette.
„Ich?“ rief Vanslyperken.
„Ja, oder Euer garstiger Köter, was dasselbe ist.“
„Mein Hund? Ich wußte nicht, daß er hier zurückgeblieben war“, entgegnete der Leutnant. „Aber seid so gut, Babette, mich einzulassen, denn es schneit gewaltig und — —“
„Und Ihr dürft nicht herein, Herr Vanslyperken“, erwiderte Babette, ihn zurückdrängend.
„Gütiger Himmel! Was gibt es denn?“
Babette erzählte nun, was vorgegangen war, und da dies mit großem Wortreichtum geschah, so war Herr Vanslyperken, noch ehe sie damit zu Ende kam, auf seiner Windseite ganz eingeschneit. Zur Bekräftigung ihrer Angabe zog sie ihre wollenen Strümpfe herunter und zeigte die Wunden, welche sie in dem Kampfe der letzten Nacht als ihren Anteil erhalten hatte. Mit diesem Tatsachenbeweise entledigte sich Babette des Auftrages ihrer Gebieterin, des Inhalts, daß Herr Vanslyperken nicht eher wieder eingelassen werden solle, bis Snarleyyows Leichnam auf der Schwelle, wo sie jetzt ständen, niedergelegt sei. Nach dieser Erklärung schlug das Mädchen, dem eine Unterhaltung bei reichlich fallendem Schnee nicht sonderlich behagte, gar unhöflich Herrn Vanslyperken die Türe vor der Nase zu und überließ es ihm, die Mitteilung mit möglichst gutem Appetit zu verdauen.
Trotz des kalten Wetters eilte der Leutnant in lodernder Leidenschaft von dem Hause weg. Der Schweiß stand auf seinem Gesichte und mischte sich mit dem schmelzenden Schnee. „Sein oder Nichtsein!“ die Witwe aufzugeben oder seinen teuren Snarleyyow, einen Hund, den er umsomehr liebte, je mehr er durch ihn in Verdrießlichkeiten kam — einen Hund, der ihm besonders teuer war, weil ihn jedermann haßte — einen Hund, der keine einzige ansprechende Eigenschaft besaß und ihm daher besonders wert war — einen Hund, der von aller Welt angegriffen wurde, namentlich aber von jener Vogelscheuche, dem Smallbones, für den sein Tod ein Triumph sein würde — nein, das war unmöglich. Aber dann die Witwe mit ihren vielen Gulden in der Bank, und einem so guten Einkommen von dem Lusthause, welches er im Geiste schon für sein Eigentum hielt! Es war der Hafen, den er sich schon lange als Ziel vorgesteckt hatte — er konnte die Hoffnung nicht aufgeben.
Und doch mußte eines von beiden geopfert werden. Eines? Nein, er konnte sich nicht dazu entschließen. „Da fällt mir ein Ausweg ein“, dachte er. „Ich will die Witwe auf den Glauben bringen, ich habe den Hund töten lassen, und bin ich dann einmal in ihrem Besitz, so soll der Hund wieder zurückkommen. Unterstehe sie sich dann nur ein Wort zu sagen!“
Diesen Entschluß hatte Herr Vanslyperken gefaßt, als er wieder zu seinem Boote zurückkehrte. Seine Träumerei wurde jedoch durch den heftigen Anprall seiner Nase gegen einen Laternenpfahl unterbrochen — ein Umstand, der seine Stimmung nicht eben verbesserte.
„Ja, ja, Frau Vandersloosch, wir wollen sehen“, murmelte Vanslyperken. „Du möchtest also meinen Hund tot haben, he? Warte nur, du sollst mir ein Hundeleben führen, Frau Vandersloosch, wenn ich dich einmal habe. Du hast mir meinen Zwieback abgegaunert.“
Herr Vanslyperken trat in sein Boot und ließ dem Kutter zu rudern.
Bei seiner Ankunft fand er, daß während seiner Abwesenheit ein Bote an Bord gewesen war, welcher Briefe von Sr. Majestät liebevollen Verwandten und die Weisung überbracht hatte, daß er unverweilt mit denselben abreisen solle. Dies stand ganz im Einklange mit Vanslyperkens Plane. Er schrieb einen langen Brief an die Witwe, in welchem er sich bereit erklärte, ihr jedes Opfer zu bringen und nicht nur seinen Hund, sondern, wenn sie es wünsche, sogar sich selbst aufzuhängen. Zugleich bedauerte er den unvorhergesehenen Aufbruchsbefehl und deutete die Hoffnung an, sie nach seiner Rückkehr in einer freundlicheren Stimmung zu treffen.
Die Witwe las den Brief und warf ihn mit dem Ausrufe ins Feuer: „Faule Fische! Ich bin nicht erst seit gestern auf der Welt, wie es im Sprichwort heißt.“
12. Kapitel
Herr Vanslyperken ist in seiner Kajüte, neben ihm sitzt Snarleyyow auf seinen Hinterbeinen, zu dem Gesichte seines Meisters aufblickend. Herr Vanslyperken befindet sich nichts weniger als in einer zufriedenen Stimmung; er zürnt der Witwe, der Schiffsmannschaft, dem Hunde und sich selbst. Der Groll gegen Snarleyyow ist jedoch bald beschwichtigt, denn er fühlt, daß ihn, wenn überhaupt etwas in der Welt, der Hund liebt — nicht gerade, daß dessen Zuneigung groß wäre, obschon nicht in Abrede gestellt werden kann, daß Snarleyyow jede andere Person haßt. Da nun das Leben des Köters mit Entschlossenheit von einer Person gefordert wurde, und ihm obendrein bekannt war, daß viele andere dem Tiere in Todfeindschaft nachstellten, so war Snarleyyow in den Augen seines Gebieters ein kostbares Kleinod geworden, so daß seine üblen Eigenschaften gar nicht in Betracht kamen oder im Gegenteil sogar als gewinnende Eigenschaften galten.
„Ja, mein armer Hund“, redete der Leutnant ihn an, „man trachtet dir nach dem Leben, jenes hartherzige Weib verlangt sogar, du sollest — tot auf ihrer Schwelle niedergelegt werden. Alles ist gegen dich verschworen, aber fürchte dich nicht, mein Hund, dein Herr wird dich gegen alle beschützen!“
Vanslyperken streichelte dem Tiere den Kopf, der nicht wenig von Babettens Besenstößen angeschwollen war. Snarleyyow rieb seine Nase an den Hosen seines Gebieters, richtete sich dann auf und legte seine Pfote auf dessen Knie. Diese Bewegung stellte den Kopf des Hundes mehr ins Licht, und Vanslyperken bemerkte, daß ein Auge geschwollen und geschlossen war. Er untersuchte es und fand zu seinem Entsetzen, daß es durch Babettens Besen verlorengegangen war. Hierüber konnte kein Zweifel obwalten, weshalb Herr Vanslyperken in immer größeren Zorn geriet.
„Daß doch alle Flüche der Ophthalmie diesen Kehrwisch träfen“, rief der Leutnant. „Ich wollte, ich hätte sie hier. Mein armer, armer Hund!“
Mr. Vanslyperken küßte den Schädel der Bestie und tat etwas, was nur nach einem solchen Vorgange möglich war — er weinte wahrhaftig wegen des Tieres, obschon es um seiner guten Eigenschaften willen nicht einmal einen Strick verdiente, um daran gehangen zu werden.
Dann zog der Leutnant die Klingel und bestellte warmes Wasser, um das Auge des Hundes damit zu baden. Korporal Vanspitter entsprach, da Smallbones in seiner Hängematte lag, der Aufforderung und berichtete, als er mit dem Wasser zurückkehrte, Herrn Vanslyperken die meuterischen Ausdrücke, die sich Jemmy Entenbein erlaubt hatte. Der Leutnant blinzelte zufrieden mit seinem kleinen Auge.
„Er hat also auf den Admiral geflucht? Welchen meinte er damit — den von Portsmouth oder Plymouth?“
Dies konnte Korporal Vanspitter nicht sagen, obschon er sich mit eigenen Ohren überzeugt hatte, daß Jemmy auf einen vorgesetzten Offizier fluchte, „und obendrein hat er auch mich verdammt“, fügte der Korporal bei.
Nun hatte aber Herr Vanslyperken einen bitteren Groll gegen Jemmy Entenbein, weil dieser die Gesellschaft unterhielt und der Leutnant es nicht leiden konnte, wenn jemand dazu beitrug, die Leute fröhlich zu machen. Aber er bedurfte auch eines Zieles, an dem er seine Wut auslassen konnte, weshalb er noch einige weitere Fragen an den Korporal stellte und ihn dann entließ. Sofort setzte er seinen Teerleinwandhut auf, steckte das Sprachrohr unter den Arm und begab sich nach dem Deck, wo er Vanspitter aufforderte, einen Seesoldaten mit dem Geschäfte zu beauftragen, das Auge seines Lieblingstieres ohne Unterlaß mit warmem Wasser zu baden.
Herr Vanslyperken blickte nach dem Windfange und bemerkte, daß das Wetter nicht günstig zur Ausfahrt war. Außerdem dunkelte es nach zwei Stunden, weshalb er beschloß, bis zum andern Morgen zu bleiben, zugleich aber auch Jemmy Entenbein zu züchtigen, obschon ihm dabei die Frage viel zu schaffen machte, ob er letzteres tun könne oder nicht. War James Salisbury ein Hochbootsmann oder nicht? Er bezog nur den Sold eines Bootsmannsgehilfen, stand aber in den Büchern stets als Hochbootsmann. Das war ein bedenklicher Punkt, die Waage stand so ziemlich im Gleichgewicht.
Herrn Vanslyperkens Wünsche gaben jedoch den Ausschlag, und er nahm sich vor, Jemmy Entenbein peitschen zu lassen, wenn er könne. Wir sagen, wenn er könne, denn die Admiralität übersah damals auch die tyrannische Bedrückung von seiten der Vorgesetzten, aber da sie keine Beschwerden anhören wollte, so war Insubordination eine nur zu häufige Folge der unmenschlichen Behandlung, welche sich die Kommandeure erlaubten.
Nachdem Herr Vanslyperken so weit mit sich einig geworden war, fuhr er fort zu erwägen, ob er Jemmy im Hafen oder nach der Ausfahrt solle peitschen lassen. Die Besorgnis, daß eine ernstliche Unruhe den Matrosen Anlaß geben könnte, das Schiff zu verlassen, bewog ihn, die Züchtigung auf die Zeit zu verschieben, wenn sie das blaue Wasser unter sich hätten. Seine Gedanken kehrten sodann zu der Witwe zurück. Er ging auf dem Deck hin und her, ballte seine Fäuste in den Taschen seines Überrocks, und diejenigen, welche in seiner Nähe standen, hörten ihn mit den Zähnen knirschen.
Inzwischen hatte sich durch den Seesoldaten, welcher aus der Küche neuen Vorrat warmen Wassers holte, die Kunde verbreitet, daß der Hund um eines seiner Augen gekommen sei — eine Nachricht, welche die Schiffsmannschaft mit großer Freude erfüllte. Sie machte die Runde wie ein Lauffeuer, man konnte allen die Wonne ansehen, weil diese einfache Tatsache den Aberglauben beseitigte, daß die Bestie ein übernatürliches Wesen sei. Noch niemand hatte davon gehört, daß dem Teufel ein Auge ausgeschlagen worden sei — ergo konnte der Hund kein Teufel oder ein sonstiger Spuk sein. So argumentierten die Matrosen, und Jansen schloß mit der Bemerkung, „daß der Hund am Ende doch ein Hund sei.“
Vanslyperken kehrte nach seiner Kajüte zurück und vertraute den Entschluß, den er gefaßt hatte, dem Korporal Vanspitter an. In dem gegenwärtigen Falle verhielt sich übrigens der Korporal nicht ganz so schweigsam, wie es eigentlich seine Pflicht war, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er Jemmy Entenbein ebensowenig leiden konnte als sein Leutnant. Hochentzückt über den Gedanken, Jemmy peitschen zu dürfen, teilte er die Absicht des Leutnants dem Seesoldaten mit, welcher bei ihm am besten angeschrieben war, dieser vertraute das Geheimnis einem andern, und nach fünf Minuten war es durch den ganzen Kutter bekannt, der kleine Hochbootsmann solle, sobald man sich im blauen Wasser befände, aufgebunden werden, weil er in einem Schneegestöber auf den Admiral geflucht habe. Die Folge davon war, daß am Abende in der Back des Kutters eine sehr zahlreiche Versammlung zusammentrat.
„Wie, Jemmy soll gepeitscht werden?“ sagte Bill Spurey. „Jemmy ist ja Offizier.“
„Das fehlt nicht“, bemerkte ein anderer, „und ebensogut Offizier als Vanslyperken selbst, obgleich er kein Messing an seinem Hute trägt.“
„Verdammt! Was wird zunächst kommen — he, Coble?“
Coble zog seine Hosen auf.
„Es ist meine Ansicht, er wird demnächst auch uns peitschen lassen wollen, Kurz“, sagte der alte Mann.
„Ja“, versetzte Kurz.
„Sollen wir zugeben, daß Jemmy gepeitscht wird?“
„Nein“, antwortete Kurz.
„Wenn’s nicht wegen der Seesoldaten und des lumpigen Bettlers von Korporal wäre“, bemerkte einer von den Matrosen.
„Pfui!“ sagte Jemmy, der unter ihnen stand.
„Will er da gar eine Meuterei daraus machen!“ ließ sich Spurey vernehmen.
„Mein Gott! Es ist Meuterei, einen Offizier peitschen zu lassen“, sagte Jansen.
„Vollkommen richtig“, bemerkte ein anderer.
„Aber Jemmy kann nicht gegen den fetten Korporal und die sechs Seesoldaten standhalten“, sagte Bill Spurey.
„Eins hinauf und eins hinunter — ich nehme sie alle auf mich“, bemerkte Jemmy, sich in die Brust werfend.
„Ja, aber sie werden alle zugleich über dich herfallen, Jemmy.“
„Wenn sie ihre Hände an einen Offizier legen“, bemerkte Coble, „so ist’s Meuterei, und Jemmy ruft dann die Schiffsmannschaft auf, ihn zu beschützen.“
„Ganz recht“, sagte Jemmy.
„Und dann, bei Gott, will ich mir den Korporal vornehmen“, erbot sich Jansen.
„Ich will ihm noch einen Possen spielen.“
„Das Geplauder führt zu nichts“, meinte Spurey. „Laßt uns die Sache ins reine bringen. Obadiah, laß hören, was du fürs beste hältst.“
Coble spritzte nun ein mäßiges Quantum Tabaksaft von sich, wischte den Mund mit dem Handrücken ab und sagte: „Es ist meine Meinung, die beste Weise, einen Mann aus der Klemme zu bringen, besteht darin, daß sich alle übrigen hineinreiten. Jemmy, seht ihr, soll aufgeholt werden, weil er ein altes Lied sang, in welchem ein Mädel in aller Gebühr über den Admiral flucht, weil er ein Schiff am Christfest ausgeschickt hat. Nun, seht ihr, mag es Meuterei sein, einen lebendigen Admiral mit aufgehißter Flagge zu verfluchen — freilich weiß ich’s nicht gewiß — aber dieser Admiral da, den Jemmy verfluchte, ist ebensowenig lebendig als ein Stockfisch, und obendrein ist’s nicht Jemmy, der ihn verflucht, sondern Poll. Deshalb kann’s keine Meuterei sein. Nun bin ich der Meinung — wenn man auf dieses Lied das Kriegsgericht anwenden will, so ist es das beste, wir kommen miteinander darum ein. Dies wird Vanslyperken stutzig machen und ihm noch obendrein einen Wink geben, wie die Sachen stehen. Er besinnt sich vielleicht eines besseren, denn obgleich wir Jemmy nicht anrühren lassen wollen, ist’s doch gut, einen regelrechten Sturm mit den Seesoldaten zu vermeiden. Das ist nun die Idee, die ich von der Sache habe.“
„Gut, aber du hast uns nicht gesagt, wie wir alle darum einkommen sollen, Coble.“
„Ist’s wahr? Das ist doch schnurrig, daß ich die Hauptsache vergessen konnte. Nun ja, ich bin der Meinung, daß wir augenblicklich anfangen, das ganze Lied im Chorus durchzusingen, und dann haben wir den Admiral wohl zu Dutzendmalen verflucht. Vanslyperken wird uns hören und zu sich sagen: ‚Sie singen dieses Lied nicht umsonst.‘ Was meinst du, Dick Kurz? Du bist der Erste Offizier.“
„Ja“, versetzte Kurz.
„Hurra! meine Jungen“, rief Bill Spurey. „Wohlan denn, stimme deine Geige, Jemmy, wir wollen aus vollem Halse anfangen.“
Das Lied, welches unsere Leser bereits von Jemmy Entenbeins Lippen gehört haben, wurde nun von der ganzen Schiffsmannschaft abgesungen, und sie waren kaum mit zwei Versen fertig geworden, als sich Korporal Vanspitter in großer Aufregung an der Kajütentüre zeigte, wo er Herrn Vanslyperken mit seinen Rechnungen beschäftigt fand.
„Mein Gott, Sir! Es ist Meuterei auf der ‚Jungfrau‘“, rief der Korporal.
„Meuterei“, entgegnete Vanslyperken, indem er hastig nach seinem Säbel griff, welcher an der Scheidewand hing.
„Ja, Mynheer — Meuterei. Hört nur, was das Schiffsvolk treibt.“
Vanslyperken spitzte seine Ohren, während der Chorus durch die Kajütentüre hereindrang —
„So hör’ denn mein Sprüchlein, du Ungeheu’r:
Admiral, sei für immer verdammt!“
„Wau, wau, wau“, bellte Snarleyyow.
„Ei, es ist die ganze Schiffsmannschaft!“ rief Vanslyperken.
„Alle bis auf den Korporal Vanspitter und die sechs Mariner“, versetzte der Korporal, die Hand nach seinem Kopfe führend.
„Schließt die Türe, Korporal. Das ist in der Tat Trotz und Meuterei“, rief Vanslyperken, von seinem Stuhle aufspringend.
„Es ist ein Teufelslied“, entgegnete der Korporal.
„Ich muß die Rädelsführer ausfindig machen, Korporal. Glaubt Ihr, Ihr könnt, wenn der Gesang vorüber ist, ihr Gespräch belauschen? Sie werden dann miteinander beratschlagen, auf diese Weise könnten wir vielleicht etwas entdecken.“
„Mynheer, ich bin nicht so klein, um hineinzukriechen und zu horchen“, erwiderte der Korporal, seinen riesigen Leichnam betrachtend.
„Sind sie alle in dem Vorderschiffe?“ fragte der Leutnant.
„Ja, Mynheer, keine Seele hinten.“
„An dem Sterne befindet sich ein kleines Boot. Glaubt Ihr, Ihr könnt Euch leise hineinstehlen, es nach den Bugen hinaufholen, und dort ganz still liegen bleiben? Ihr würdet dann hören, was sie sprechen.“
„Ich will’s versuchen, Mynheer“, versetzte der Korporal und entfernte sich aus der Kajüte.
Aber es gab auch noch andere, welche sich so gut wie der Korporal zum horchen herabließen. Jedes Wort der beiden Sprecher war von Smallbones gehört worden, welcher vor ein paar Stunden seine Hängematte verlassen hatte. Als die Hand des Korporals auf die Türklinke drückte, zog sich Smallbones hastig zurück.
Korporal Vanspitter begab sich auf das Halbdeck, welches er leer fand. Er holte das Boot zu dem Heck herauf und ließ allmählich seinen gewaltigen Körper in dasselbe nieder, obschon das kleine Fahrzeug beinahe unter seiner Last versank. Dann wartete er ein wenig und kämpfte sich mit Mühe durch die starke Flut vorwärts, wo er die Bootsleine kürzte, unmerklich an einem Ringbolzen befestigte und unter den Bugen liegen blieb, ohne sich zu rühren, um ja kein Geräusch zu machen.
Smallbones hatte ihm jedoch nachgesehen, und da der Korporal auf der mittleren Bank saß, das Gesicht nach hinten gekehrt, stets auf das Gespräch der Matrosen lauschend, so zerschnitt der Junge die Bootsleine mit einem scharfen Messer und versetzte dem Nachen einen Stoß mit dem Fuße, daß er mit der Strömung umwendete. Ehe der Korporal in der Finsternis ausfindig machen konnte, was vorgefallen war, oder nur überhaupt seinen schwerfälligen Körper aufzurichten vermochte, um sich selbst zu helfen, war er durch die Strömung schon weit von dem Schiffe weggeführt und verschwand bald vor den Blicken Smallbones’, der seinem Dahinsteuern nachsah.
Allerdings hatte der Korporal um Hilfe geschrien und war auch von den Matrosen gehört worden, aber Smallbones stand schon in ihrer Mitte und teilte ihnen in wenigen Worten das Geschehene mit, weshalb sie natürlich keine Notitz von ihm nahmen, sondern entzückt über den Gedanken die Hände rieben, daß der Korporal triftig geworden sei, wie ein Bär in einer Waschtonne.
Herr Vanslyperken blieb fast zwei Stunden in seiner Kajüte, ohne nach dem Korporal zu schicken. Endlich kam ihm aber doch seine lange Abwesenheit bedenklich vor, weshalb er sich auf das Deck begab. Als die Matrosen auf der Back dies bemerkten, verschwanden sie ganz sachte durch die Vorderluke. Vanslyperken sah sich allenthalben um, konnte aber weder ein Boot noch den Korporal Vanspitter entdecken, es kam ihm daher der Gedanke, der Korporal müsse triftig geworden sein — ein Unfall, der ihn nicht wenig verblüffte. Die Flut dauerte noch etwa zwei Stunden, dann lief die Ebbe ab, ehe es Tag wurde. Vielleicht schiffte der Korporal Vanspitter durch die ganze Zuyder-See, ehe er aufgefunden werden konnte, oder ging wohl gar vor Hunger und Kälte zu Grunde, wenn ihn nicht ein kleines Fahrzeug auflas. Ohne ihn konnte er nicht segeln, denn wie wäre es ihm möglich gewesen, ohne Korporal Vanspitter, seinen Schutz, sein Faktotum, seinen Proviantverteiler und so weiter, auszukommen? Der Verlust war unwiederbringlich, und wenn Herr Vanslyperken dabei noch an die Ungunst der Witwe und an das, was seinem Liebling drohte, dachte, so mußte er sich mit bitterem Ingrimm gestehen, daß sein Stern nicht im Aufsteigen war. Nach einigem Nachdenken kam er zu der Überzeugung, daß er durch ein Bekanntmachen der Tatsache nichts gewinnen könne, es war daher das klügste, zu Bette zu gehen, zu schweigen, und erst dann weitere Schritte zu tun, wenn ihm am andern Morgen der Verlust des Bootes gemeldet würde. Unter solchen Betrachtungen ging Herr Vanslyperken noch einigemal auf dem Deck hin und her, worauf er sich nach seiner Kajüte hinunterbegab, um sein Lager aufzusuchen.
13. Kapitel
Mit Tagesanbruch wurde der Verlust des Bootes durch Obadiah Coble gemeldet, worauf sich Herr Vanslyperken mit seinem Spähglase auf das Deck begab, um nachzusehen, ob der Korporal nicht mit der letzten Strömung der Ebbe herunterkomme. Aber da war nirgends etwas zu schauen. Der Leutnant musterte den Horizont nach allen Richtungen. Nirgends ein Boot, nirgends der Korporal Vanspitter! Seine Beklommenheit überzeugte die Matrosen, daß er bei dem Schliche des Korporals beteiligt gewesen, und sie flüsterten unter sich. Endlich erteilte Herr Vanslyperken den Befehl, Korporal Vanspitter zu ihm zu schicken. Natürlich wurde ihm bald gemeldet, daß der Korporal nirgends zu finden sei, worüber er sich sehr erstaunt stellte. Da er es für ausgemacht annahm, das Boot sei mit der Ebbe hinausgefegt worden, beschloß er unter Segel zu gehen, den Korporal, wenn er ihn finden könne, aufzulesen und dann nach Portsmouth, dem Hafen seiner Bestimmung, zu steuern.
Sobald die Matrosen ihr Frühstück beendigt hatten, lichtete der Kutter die Anker und stach in die See. Den ganzen Tag über kreuzte Vanslyperken in der Zuyder-See und sah sich nach dem Boote um, aber ohne Erfolg, so daß er endlich wohl oder übel seinen Kurs nach England anlegen mußte, freilich in keiner geringen Verlegenheit, da er jetzt keinen vertrauten Steward mehr hatte, und es ihm ganz und gar an einem Manne fehlte, durch dessen Vermittlung er sein Betrugssystem gegen die Schiffsmannschaft fortsetzen konnte. Außerdem sah er sich genötigt, die Züchtigung Jemmy Entenbeins aufzuschieben, da die Seesoldaten sich ohne den Korporal nicht getrauten, den Zorn der Matrosen auf sich zu laden. Die Folge davon war, daß sich Herr Vanslyperken während der drei Fahrtage in seine Kajüte einschloß, weil er sogar für seine eigene Sicherheit Gefahr fürchtete. Nachdem er zu Portsmouth angelangt war, händigte er dem Admiral seine Briefschaften ein und erhielt Befehl, sobald er das verlorene Boot ersetzt habe, seinen Posten als Schmugglerkreuzer wieder anzutreten.
Ein Jahr vor der eben mitgeteilten Fahrt hatte er seine Mutter mit herübergebracht, die er bis zum Friedensschlusse viele Jahre nicht gesehen. Sie bewohnte ein kleines Zimmer in jenem Teile der Stadt, welcher jetzt unter dem Namen der Halfway Houses bekannt ist. Die alte Frau lebte von einer kleinen Pension des holländischen Hofes, da sie viele Jahre lang in untergeordneter Stellung bei dem königlichen Haushalte beschäftigt gewesen war. Der Sage nach war sie einmal schön und in ihrer Jugend nicht karg mit ihren Gunstbezeugungen gewesen, jetzt aber hatte sie die Gebrechlichkeit des Alters heimgesucht, obgleich ihre geistigen Fähigkeiten noch so ungetrübt waren, wie in dem Lenze ihres Lebens. Nichts konnte ihren blinzelnden, blutunterlaufenen kleinen Augen oder ihrem scharfen Ohre entgehen, und obschon sie kaum fünfzig Ellen weit zu humpeln vermochte, so hielt sie doch keine Magd, da sie ebenso geizig war wie ihr Sohn. Cornelius Vanslyperken war das einzige noch lebende Kind aus zwei Ehen. Die Alte schien ihn nicht sehr zu lieben und behandelte ihn immer noch als Kind, indem sie ihr mütterliches Ansehen brauchte, als ob er noch das Geiferlätzchen trüge. Ihre Übersiedlung nach England sollte zu beiderseitiger Bequemlichkeit dienen. Sie hatte Geld erspart, welches sich Vanslyperken zu sichern wünschte, auch war es ihm lieb, eine Heimat und eine Person zu haben, der er trauen konnte. An ihrem früheren Wohnorte aber trug man sich mit so schauerlichen Gerüchten über sie, daß sie froh war, einen Platz verlassen zu können, wo ihr jedermann wie einer Pest aus dem Wege ging.
Herr Vanslyperken verfügte sich, sobald er die nötigen Schritte für die Ersetzung des Bootes eingeschlagen hatte, nach dem Aufenthaltsorte seiner Mutter, einem einzigen Zimmer im zweiten Stockwerke. Als er die Treppe hinanstieg, erkannte das scharfe Ohr der Alten seinen Schritt.
„So, da kommst du, Cornelius Vanslyperken. Ich höre dich und entnehme aus deinem hastigen Tritte, daß du ärgerlich bist. Nun, warum solltest du’s in dieser Welt von Teufeln nicht ebensogut sein dürfen wie deine Mutter?“
So lautete das Selbstgespräch der Alten, ehe Vanslyperken in das Zimmer getreten war, wo er seine Mutter vor einem kleinen Kamin über einigen halb angezündeten Kohlenstückchen sitzen sah. Die Sparsamkeit erlaubte ihr nicht, mehr Brennmaterial zu verbrauchen, obschon ihre Glieder ebensosehr vor Kälte als vor Schwäche zitterten. Ihre Nase und ihr Kinn trafen beinahe zusammen, ihre aschfahlen Lippen sahen aus wie alte Narben und ihr eingesunkener, zahnloser Mund erinnerte an ein kleines, tiefes, dunkles Grab.
„Wie geht’s Euch, Mutter?“ fragte Vanslyperken, als er in das Zimmer trat.
„Ich bin noch am Leben.“
„Mögt Ihr mir das noch lange sagen können, liebe Mutter!“
„Ah!“ versetzte das Weib, als ob sie die Aufrichtigkeit seiner Worte bezweifelte.
„Ich werde nur kurze Zeit bleiben“, fuhr Vanslyperken fort.
„Gut, Kind, um so besser. An Bord kannst du Geld ersparen, während du es am Lande ausgeben mußt. Hast du welches mitgebracht?“
„Ja, Mutter, ich muß es Eurer Obhut überlassen.“
„So gib es her.“
Vanslyperken zog ein Paket heraus und legte es in den Schoß seiner Mutter, welche den Inhalt mit zitternden Händen überzählte.
„Gold, und gutes Gold. So lange du lebst, mein Kind, mußt du dich nicht von dem Golde trennen. Ich mag noch nicht sterben — nein, nein, Die Teufel mögen immerhin an mir zerren und mich angrinsen, aber ich bin noch lange nicht ihr Eigentum.“ Hier hielt die Alte inne und schaukelte sich in ihrem Stuhle. „Cornelius, schließ das Geld ein und gib mir den Schlüssel. So, jetzt ist’s wohl verwahrt. Du kannst mir nun erzählen, wenn du Lust dazu hast, mein Kind, ich höre noch gut genug.“
Vanslyperken berichtete alle Ereignisse des letzten Kreuzzuges und sprach von seinen Gefühlen gegen die Witwe, von Smallbones und von Jemmy Entenbein. Die Alte unterbrach ihn nie, sondern blieb, die Arme in ihrer Schürze verschlungen, sitzen.
„Ganz so, ganz so“, sagte sie, als er endlich fertig war. „Ich habe das nämliche gefühlt, aber du besitzest nicht den Mut zu handeln, wie ich. Ich konnte es tun, aber du — du bist eine Memme. Niemand durfte es wagen, meinen Pfad zu kreuzen, oder wenn er sich’s unterstanden hätte — ah, nun, das sind vergangene Zeiten, und ich bin noch nicht tot.“
Die Alte murmelte in einer Art halben Selbstgesprächs. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Es ist besser, den Knaben gehen zu lassen. Kommt nichts dabei heraus. — Die Frau — da gibt’s Arbeit, denn es handelt sich um Geld.“
„Aber sie weigert sich, Mutter, wenn ich nicht den Hund umbringen lasse.“
„Weigert sich — ah, gut — laß mich sehen. Kannst du nicht ihren Ruf zu Grunde richten? Glückt dir dies, so ist sie dein und ihr Geld dazu. Dann — dann — hast du Geld und Rache — beides gut, aber Geld — nein — ja Geld ist das beste. Aber du bist feige, du wagst nichts.“
„Was fürchte ich denn, Mutter?“
„Die Menschen — den Galgen — und den Tod. Den Tod fürchte ich auch, aber ich sterbe noch nicht — nein, nein, ich will leben — ich will nicht sterben. Ja, der Korporal — in der Zuyder-See verloren — Tote plaudern nichts aus — er konnte viel von dir erzählen, mein Kind. Mögen sich die Fische an ihm mästen.“
„Ich kann ihn nicht entbehren, Mutter.“
„Hunderttausend Teufel!“ rief die Alte, „daß ich solche Wehen um einer Memme willen ausstehen mußte! Cornelius Vanslyperken, du bist nicht wie deine Mutter. Dein Vater — in der Tat —“
„Wer war mein Vater?“
„Stille, Kind — so geh’ jetzt — ich wünsche allein zu sein mit meinen Erinnerungen.“
Vanslyperken, welcher wußte, daß Vorstellungen nutzlos seien und nur zu bitteren Verwünschungen von seiten seiner Mutter führen würden, stand auf und ging nach Sally-Port zurück, wo er sich an Bord der ‚Jungfrau‘ rudern ließ.
„Da kommt er“, rief ein langes, knöchernes Weib in einer Haube mit grünen, verblichenen Bändern, welche auf dem Vorderkastell des Kutters stand. „Da kommt er, der Spitzbube, der meinen Jemmy peitschen lassen wollte.“
Dies war die Frau von Jemmy Entenbein, welche zu Portsmouth wohnte und, sobald sie die Vorgänge vernommen, Rache zu üben gelobt hatte.
„Stille da, Moggy“, sagte Jemmy, der an ihrer Seite stand.
„Ja, ich will meinetwegen den Mund halten, bis die Zeit kommt, aber dann soll ihm sein Recht werden, dem betrügerischen Halunken.“
„Ruhig, sage ich, Moggy.“
„Und was diesen petzenden alten Korporal betrifft, so will ich ihn vanspittern, wenn er je wieder meinem lieben Jemmy etwas anhaben will.“
„So schweig doch, Moggy, siehst du denn nicht, daß ein Seesoldat an deinem Ellenbogen steht?“
„Er soll dies für seine Mühe nehmen“, rief Moggy, indem sie sich umwandte und dem erstaunten Soldaten eine schallende Ohrfeige versetzte.
Dieser, dem ein Zwist mit einer solchen Amazone nicht sonderlich zusagte, zog sich hastig zurück und schlüpfte durch die Vorderluke hinunter.
„So, seid Ihr endlich da?“ fuhr Moggy fort, als Vanslyperken auf das Deck trat.
„Halt’s Maul, Moggy.“
„Ihr wolltet also meinen lieben Entenbein peitschen lassen — meinen Jemmy?“
„Willst du einmal schweigen, Moggy?“ rief Jemmy in zornigem Tone. „Wenn du nicht ruhig bist, schlag ich dir deine Fenster ein.“
„Du müßtest auf die Kanonen klettern, um sie zu erreichen, mein kleiner Mann“, versetzte sein Weib. „Nun, je mehr ich jetzt meine Zunge im Zaum halte, desto mehr bleibt für ihn übrig, wenn ich einmal an ihn komme. Oh! er ist in seine Kajüte hinuntergegangen, um seinen Snarleyyow zu küssen. Die Bestie soll mir auch zu Kochstücken werden, ehe ich mit ihm fertig bin. Meinen Jemmy peitschen — meinen lieben, teuren Jemmy — der garstige, dürre — —“
„Geh hinunter, Moggy“, sagte Jemmy Entenbein, indem er sie nach der Luke hinschob.
„Schnüffelnde, großrockige — —“
„Marsch da“, fuhr Jemmy fort, indem er sie weiter zerrte.
„, Wieseläugige, schneidnasige — —“
„Willst du einmal hinuntergehen?“ rief Jemmy, sie nach der Luke zerrend.
„Heringschluckende, kahlköpfige — —“
„Zum Geier! Jetzt mache, daß du hinunterkommst.“
„Spitzbübische Vagabund! Gott behüte, Jemmy, du hättest mich ja beinahe die Luke hinuntergeworfen! Nun, gleichviel, mein Schatz! Wir wollen zum Nachtessen gehen.“
Moggy faßte nun ihren Eheherrn, hob ihn mit erstaunlicher Kraft vom Boden auf und trug ihn auf ihren Armen hinunter, als wäre er ein Kind — sehr zur Belustigung der Matrosen, welche in der Back standen.
Als es dunkel wurde, machte ein Boot neben dem Kutter Halt, und ein Mann stieg auf das Deck, welchem Obadiah Coble mit der Frage entgegentrat: „Was steht zu Dienst?“
„Ich muß augenblicklich den Befehlshaber dieses Schiffes sprechen.“
„Geduldet Euch ein Weilchen, ich will ihm Euer Anliegen vorbringen“, versetzte Coble, welcher sich nach der Kajüte begab und Herrn Vanslyperken den Ankömmling meldete.
„Was ist’s für eine Art von Mensch?“ fragte der Leutnant.
„Oh, ich weiß nicht — kommt mir wie so ein Mischling vom Lande vor — halb Bettelvogt, halb Marketenderschiffer.“
„Nun, so weist ihn herunter.“
Der Mann, welcher bald nachher in die Kajüte trat, war ein kleiner Kerl in roter Weste, Kniehosen und einer rund geschnittenen Jacke aus grünem Tuche. Sein Gesicht zeigte eine Menge von Furunkeln, von denen einige so groß waren, daß sich seine kleine Mopsnase nur wenig von ihnen unterschied. Dabei hatte er kleine, scharfe Augen und einen tiefroten Backenbart. Sobald er in die Kajüte getreten war, schloß er sehr bedächtig die Tür hinter sich zu.
„Nichts ist besser, als wenn man Nummer sicher spielt“, bemerkte er.
„Ha, was, zum Teufel, wollt Ihr?“ rief Vanslyperken etwas beunruhigt, während Snarleyyow die dicken Waden des Männleins umwandelte, dabei knurrende Töne von sich gab und mehr als einmal Lust bezeugte, seine Zähne in die blauwollenen Strümpfe zu schlagen.
„Schafft Euren Köter beiseite und laßt uns unser Geschäft bereinigen“, sagte der Mann, indem er kaltblütig einen Stuhl nahm, „denn wir haben keine Zeit zu verlieren. Hoffentlich sind keine Lauscher in der Nähe, denn wenn ich entdeckt würde, könnte mein Leben verwirkt sein.“
„Ich verstehe kein Wort“, versetzte Vanslyperken in großer Überraschung.
„Ich will’s kurz machen. Wünscht Ihr fünftausend Pfund in Eurer Tasche zu haben?“
Bei dieser Frage wurde Vanslyperken aufmerksam. Er trieb seinen Hund zurück und nahm an der Seite des Fremden Platz.
„Ah! Wenn sich’s um den eigenen Vorteil handelt, so werden die Leute stets höflich. Zur Sache also, Ihr seid der Kommandant dieses Kutters, oder nicht?“
„Allerdings“, entgegnete Vanslyperken.
„Gut, Ihr seid im Begriffe, nach den Schmugglern zu kreuzen?“
„Ja.“
„Ich kann Euch eine Ladung von ungefähr zehntausend Pfund oder mehr melden, die in einer gewissen Nacht ans Land gesetzt werden soll.“
„Wirklich?“ erwiderte Vanslyperken.
„Ja, und dazu Euren Booten eine Stellung anweisen, daß sie die ganze Fracht erwischen müssen.“
„Ich bin Euch sehr verbunden. Wollt Ihr nicht etwas zu Euch nehmen, Sir — vielleicht ein wenig Schiedam?“ sagte Vanslyperken, indem er seinen Schrank aufschloß und einen großen steinernen Krug zum Vorschein brachte, aus welchem er ein paar Gläser füllte.
„Kein übler Stoff“, bemerkte der Mann. „Ich möchte Euch noch um ein Gläschen bemühen.“
Dies war eigentlich mehr, als Herr Vanslyperken beabsichtigte. Eine weitere Erwägung weckte jedoch in ihm den Wunsch, seinen neuen Bekannten mitteilsamer zu machen, weshalb er das Glas noch einmal füllte, obschon es fast ebenso schnell wieder geleert war.
„Ein kapitaler Stoff!“ sagte das Rotgesicht, indem es sein Glas dem Leutnant wieder hinschob.
Vanslyperken wollte jedoch den Wink nicht verstehen, da sein neuer Gast bereits eine Portion verschluckt hatte, die für ihn eine Woche gereicht haben würde.
„Nun, so sprecht“, sagte Vanslyperken. „Wo ist die Ladung zu treffen und wann?“
„Ja, da müßte ich aus der Schule schwatzen“, versetzte der Mann.
„Nun, wenn Ihr nicht zu diesem Zwecke gekommen seid, was Teufels hat Euch sonst hergeführt?“ entgegnete Vanslyperken, der jetzt zornig wurde.
„Das hängt von den Umständen ab“, erwiderte der Mann.
„Von den Umständen?“
„Ja, von den Umständen“, sagte der Mann. „Was wollt Ihr geben?“
„Geben? Wie soll ich dies verstehen?“
„Was soll mein Anteil sein?“
„Euer Anteil? Ihr könnt keinen Anteil verlangen, denn Ihr steht nicht in des Königs Dienst.“
„Nein, aber ich bin der Angeber, und dies kommt auf dasselbe heraus.“
„Gut, verlaßt Euch darauf, ich werde Euch sehr freigebig bedenken.“
„Mit wieviel, wenn ich fragen darf?“
„Das können wir hinterdrein bereinigen — mit etwas Schönem, darauf dürft Ihr zählen.“
„Nein, so handle ich nicht. Wünsche guten Abend, Sir. Vielen Dank für den Schiedam — kapitaler Stoff.“
Und der Mann erhob sich von seinem Stuhle.
Herr Vanslyperken hatte jedoch keine Lust, ihn gehen zu lassen. Sein Geiz bewog ihn, zuerst den Versuch zu machen, ob sich der andere nicht mit Versprechungen abspeisen ließe.
„Geduld, mein teurer Sir, Ihr braucht nicht so zu eilen. Laßt Euch noch ein Gläschen belieben.“
„Mit Vergnügen“, versetzte der Mann, indem er wieder Platz nahm und noch ein Glas Schiedam versorgte. „Das ist in der Tat erste Qualität, der Trunk schmeckt mir um so besser, je mehr ich davon koste. Wohlan, wollen wir unser Geschäft wieder aufnehmen? Ich will offen gegen Euch sein: ich mache die Hälfte zur Bedingung oder behalte meine Hinweise für mich.“
„Die Hälfte?“ rief Vanslyperken. „Die Hälfte von zehntausend Pfund? Ei, das wären ja fünftausend Pfund?“
„Ganz recht, die Hälfte von zehn ist fünf — wie Ihr sagt.“
„Wie, und ich soll Euch fünftausend Pfund geben?“
„Ich dächte eher, daß ich Euch fünftausend biete, denn ohne mich werdet Ihr keinen Heller kriegen. So viel verlange ich und Ihr müßt mir den Kontrakt schriftlich geben, oder ich drücke mich weiter. Euer Schiff ist nicht das einzige im Hafen.“
Vanslyperken versuchte noch einigemale, an den Bedingungen herunterzumäkeln, aber der Mann blieb entschieden. Dann probierte er, ob es ihm nicht gelinge, seinen Freund betrunken zu machen und auf diese Weise einen besseren Kontrakt zu erzielen. Aber fünfzehn Gläser seines Ausstich-Schiedams erzielten nichts weiter als das angemessenste Lob des Stoffes, und endlich sah er sich genötigt, in die Forderungen des Mannes zu willigen.
„Wir müssen mit der Ebbe lichten“, sagte der Angeber, indem er den schriftlichen Vertrag in die Tasche steckte. „Ich werde an Bord bleiben. Wir haben eine mondhelle Nacht, und wenn dies auch nicht wäre, so ist mir nicht bange, meinen Weg durch einen gelben Nebel zu finden. Haltet nur alle Eure Boote bereit und verseht sie mit gehörig bewaffneter Mannschaft, da es vielleicht einen scharfen Strauß gibt.“
„Aber wann und wo gedenken Sie anzufahren?“ fragte Vanslyperken.
„Morgen nacht an der Hinterseite der Insel. Laßt mich sehen“, fuhr der Mann fort, indem er seine Uhr herausnahm, „ei, der Teufel, wie doch die Zeit flieht! Das macht der Schiedam. Wir müssen in ein paar Stunden die Anker aufziehen. Wenn’s beliebt, Leutnant, so wollen wir noch ein Gläschen auf den Erfolg der Unternehmung trinken. Wahrhaftig, das ist Kapitalstoff!“
14. Kapitel
Am nächsten Morgen hatte die ‚Jungfrau‘ St. Helen im Stern und sondierte den östlichen Teil der Insel Whigt, worauf sie in die offene See segelte. Das Wetter war schön und das Wasser glatt, sobald da her der Kutter weit genug außen stand, legte er bei. In der Hast des Ankerlichtens hatte Herr Vanslyperken nicht daran gedacht, oder es vielleicht auch nicht gewußt, daß Jemmy Entenbeins Weib noch immer an Bord war, erst als er auf dem Halbdeck hin und herging, bemerkte er, daß sie auf der Back mit den Matrosen plauderte.
„Was ist das für ein Weibsbild?“ fragte er Jansen, welcher sich am Steuer befand.
„Die Frau dort, Mynheer? Das ist die Frau von Schemmy Entenbein.“
„Wie kann sie sich unterstehen, an Bord zu kommen? Bringt sie nach dem Hinterschiffe, Seesoldat.“
Der Mariner begab sich nach vorn und meldete den Befehl. Jemmy, welcher einen Sturm erwartete, schärfte seiner Frau ein, sich ruhig aufzuführen. Indes schien sein Rat nicht gehört worden zu sein.
„Wie seid Ihr an Bord gekommen, Weib?“ rief Vanslyperken, indem er sie mehrere Male vom Wirbel bis zur Zehe musterte.
„Wie ich an Bord gekommen bin? Wie anders als in einem Boote?“ versetzte Moggy, die es auf einen Sturm ankommen lassen wollte.
„Warum seid Ihr nicht wieder ans Land gegangen, ehe der Kutter absegelte?“ fragte Vanslyperken zornig.
„Warum? Just aus dem entgegengesetzten Grunde — weil kein Boot da war.“
„Nun, so will ich Euch einfach dies sagen: wenn ich Euch je wieder an Bord sehe, so habt Ihr Euch die Folgen selbst zuzuschreiben“, entgegnete Vanslyperken.
„Und ich will Euch nur dies sagen“, erwiderte Moggy; „wenn Ihr je wieder ans Land kommt, so habt Ihr Euch die Folgen zuzuschreiben. Seht Euch vor — ich habe Euch gewarnt. — Meinen Jemmy, mein liebes Schatzkind, peitschen lassen zu wollen!“
Herr Vanslyperken schäumte vor Wut, während die ganze Mannschaft des Kutters kicherte und lachte.
„Die Seesoldaten sollen nach hinten kommen“, rief Vanslyperken. „Nehmt dieses Weib in den Raum hinunter. Ich will die Unverschämtheit, die Ihr Euch erlaubt habt, Eurem Manne zu gut schreiben, und verlaßt Euch darauf, er soll volle Zahlung erhalten.“
„Das könnt Ihr halten, wie Ihr wollt. Seesoldat, ich sage Euch, bleibt mir drei Schritte vom Leibe, wenn Ihr keine Beulen am Kopfe haben wollt. Und was mich betrifft, so will ich all dies auf Eure Rechnung schreiben. Ihr sagt, Ihr wollt meinen Schatz ausbezahlen — so denkt denn an mich, ob ich nicht mit Euch und Eurem garstigen Köter da gleichfalls Abrechnung halte. Die Bestie soll mir einen Kreuzzug nach Korporal Vanspitter tun. Wenn Ihr Euch untersteht, nur einen Finger an meinen Jemmy zu legen, so schlage ich das Aas tot, wo ich es finde, und hacke es in Blutwürste, nur um das Vergnügen zu haben, es zu essen. Ich will Euch ein Pfund davon zum Präsent machen. Ihr, Seesoldat, seid kein Narr — ich kann nach dem Vorderschiff gehen, ohne daß Ihr mir Euern Arm anbietet — seid verdammt dafür!“
Mit diesen Worten begab sich Moggy nach dem Vorderschiff und schloß sich den Matrosen in der Back an.
„Seid Ihr mit diesem giftigen Weibsbilde näher bekannt?“ fragte Herrn Vanslyperkens neuer Freund.
„Nein“, versetzte Vanslyperken, der nicht sehr von dieser Bemerkung erbaut war.
„Nun, Ihr mögt Euch immerhin auf Böen gefaßt machen, denn sie wird Wort halten. Wir wollen jetzt die Fockschote anziehen und einwärts steuern, wenn’s gefällig ist.“
Es war die Zeit der kurzen Tage, die Nacht brach bald herein. Der Kutter stand ungefähr acht Meilen weit in hoher See. Den Weisungen des Angebers zufolge, holten sie jetzt auf und liefen längs der Insel hin, bis sie einem Punkte dicht an dem Black-Gang-Chyne gegenüber lagen. Hier legten sie bei, hißten ihre drei Boote heraus und bemannten sie mit Matrosen, die mit Pistolen und Stutzsäbeln bewaffnet waren. Kurz befehligte das eine, Coble das andere Boot und im dritten saß Vanslyperken mit dem Angeber. Sobald alles bereit war, erhielt Jemmy Entenbein, welcher den Kutter befehligte, die Weisung, an Ort und Stelle liegen zu bleiben, mit dem Eintritte der Flut aber gegen die Küste zu steuern. Alles war zum Aufbruche fertig, als Vanslyperken noch einfiel, es dürfte nicht geraten sein, Snarleyyow auf der ‚Jungfrau‘ zu lassen, weil er ihn nach Moggys Drohung und bei der bekannten Feindseligkeit des elenden Smallbones kaum mehr lebendig zu treffen hoffen durfte. Er beschloß daher, ihn ins Boot zu nehmen. Der Angeber machte zwar Einwendungen, aber Vanslyperken wollte nichts von seinen Protesten wissen. Der Hund wurde in das Boot gehoben und sie ruderten ab. Nach einer viertelstündigen Fahrt änderten sie ihren Kurs und steuerten längs der Küste, bis sich der Angeber genau über den Standpunkt unterrichtet hatte. Er wünschte dann, daß die beiden anderen Boote herankämen, und teilte den Mannschaften mit, sie müßten das größte Stillschweigen beobachten, denn sie seien im Begriffe, nach der Stelle hinzufahren, wo sich die Empfänger der Güter befänden, der mindeste Lärm würde die Wegnahme der Prise verhindern. Die Boote ruderten nun auf einige große Felsen los. Die Fahrt ging zwischen durch und die Boote befanden sich nun in einer kleinen Bucht mit ruhigem Wasser.
Die Boote, welche mit belegten Riemen gerudert hatten, lagen wohl eine Stunde ruhig da, als mit einemmal ein Nebel die Aussicht nach der hohen See verdunkelte.
„Nur um so besser“, flüsterte der Angeber, „so kommen sie uns in die Falle. Horch; pst! Ich höre rudern.“
Die Matrosen lauschten. Aus der Ferne ließen sich Ruderschläge vernehmen und die Mannschaft griff zu ihren Waffen.
In einer Minute sah man ein großes, luggerartig gebautes Boot, das augenscheinlich ebensogut segeln als rudern konnte, in durch den Nebel vergrößerten Umrissen auf die Buchtmündung zukommen.
„Stille und ja kein Wort. Wir wollen es an uns vorbeilassen“, flüsterte der Angeber.
Das Boot näherte sich rasch und war noch etwa zehn Faden von dem Eingange entfernt, als Snarleyyow, welcher die Ruderschläge hörte, sich an dem Bug des Bootes aufstellte und ein ganz ungewöhnlich ausgedehntes „Wau, wau, wau, wau, wau, wau“, begann.
Bei dem Bellen des Hundes hielten die Schmuggler an. Sie wußten, daß ihre Freunde keine Hunde bei sich hatten, konnten also daraus entnehmen, daß die Häscher zur Hand waren. Der Hund bellte, trotz aller Hinderungsversuche fort, und auf diese Warnung hin holte das Luggerboot um. In demselben Augenblicke zeigten sich auch Lichter auf den Klippen, um die Meldung zu geben, daß ein Feind zur Stelle sei, denn das Bellen des Hundes hatte der Wachsamkeit der Uferschmuggler nicht entgehen können — nach einigen Sekunden war das Fahrzeug im Nebel verschwunden.
„Die Pest auf Euren Köter! Ich bin um fünftausend Pfund betrogen!“ rief der Angeber. „Habe ich’s nicht vorausgesagt? Werft die Bestie über Bord, Ihr Leute, denn Ihr hättet Euch Eure Taschen füllen können.“
Vanslyperken war ganz außer sich und rief: „Fahrt nach, Ihr Leute, fahrt nach! Wir werden sie dennoch erwischen.“
„Ja, schickt eine Kuh aus, um einen Hasen zu jagen!“ versetzte der Angeber, „Ich weiß das besser. Ihr könnt Euch die Mühe und den Matrosen die Anstrengung ersparen. Möge Euch der Teufel holen und Euern verwünschten Köter dazu! Wer anders als ein Tollhäusler konnte bei einer solchen Gelegenheit einen Hund mitnehmen! Ich bin um meine fünftausend Pfund geprellt und habe nun nichts als den Trost, daß Ihr gleichfalls nichts abgefangen habt. Das ist eine teure Bestie, wenn Ihr Euren Verlust auf sie schlagt.“
In diesem Augenblicke war Vanslyperken ebenso erbost über die entgangenen Schätze wie der Angeber. Auch die Bootsmannschaft teilte diesen Ingrimm, und der Hund wurde der Reihe nach mit Fußtritten behandelt, bis er sich endlich zwischen den Beinen seines Gebieters niederkauerte. Aber auch dieser versetzte ihm in seiner Wut einen Stoß, weshalb sich Snarleyyow unter die Beine des Angebers rettete, der jedoch eine Pistole ergriff und ihm mit dem Kolben einen solchen Schlag versetzte, daß jeder minder dicke Schädel davon hätte splittern müssen. Der Köter befand sich nun in einer traurigen Lage, er suchte abermals Schutz bei seinem Herrn, welcher ihn diesmal aber nicht beachtete.
„Was können wir jetzt tun?“ bemerkte Vanslyperken.
„Wieder zurückgehen wie Hunde, die Schwänze zwischen den Beinen. Aber laßt’s Euch gesagt sein, Herr Leutnant, Ihr habt mich zu Eurem Feinde gemacht, und dies ist vielleicht ein ernstlicherer Umstand, als Ihr glauben mögt.“
„Stille, Sir, Ihr seid in einem königlichen Boot.“
„Hole der Teufel den König!“ entgegnete der Angeber.
„Vorwärts, Ihr Leute, und rudert an Bord“, sagte Vanslyperken in ebenso böser Stimmung.
Die Matrosen gehorchten voll Ärger und befanden sich nach einer Stunde wieder an Bord des Kutters.
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