Читать книгу: «Erzählstrukturen im Neuen Testament»
Florian Wilk
Dem Erzähler auf der Spur
Zur Gliederung narrativer Texte im Neuen Testament
Mohr Siebeck GmbH & Co. KG

Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Einleitung1.1 Die Aufgabe1.2 Grundlagen und Vorgehensweise1.3 Technische Hinweise
2. Klärung der Methodik anhand des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lk 15,11b–32)2.1 Einführung2.2 Themaorientierte Analyse2.3 Inventarorientierte Analyse2.4 Sprachorientierte Analyse2.4.1 Metakommunikative Sätze mit folgender direkter Rede2.4.2 Wiederholungen2.4.3 Wiederaufnahmen2.4.4 Auffällige syntaktische Phänomene2.4.5 Vorläufige Auswertung2.5 Erzählstilorientierte Analyse2.6 Zusammenfassende Auswertung2.6.1 Vergleich der Ergebnisse für die Gliederung von Lk 15,11b–322.6.2 Entwurf einer Vorgehensweise zur Gliederung von Erzählungen
3. Exemplarische Textanalysen3.1 Das Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44)3.1.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas3.1.2 Thema- und inventarorientierte Analyse3.1.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur3.1.4 Einbeziehung des Erzählstils3.1.5 Einbeziehung der Syntax3.1.6 Auswertung3.2 Die Heilung eines Taubstummen (Mk 7,31–37)3.2.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas3.2.2 Thema- und inventarorientierte Analyse3.2.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur3.2.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen3.2.5 Einbeziehung des Erzählstils3.2.6 Einbeziehung der Syntax3.2.7 Auswertung3.3 Petrus und Kornelius (Apg 10,1–11,18)3.3.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas3.3.2 Thema- und inventarorientierte Analyse3.3.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur3.3.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen3.3.5 Einbeziehung des Erzählstils3.3.6 Einbeziehung der Syntax3.3.7 Auswertung3.4 Jesus vom Laubhütten- bis zum Tempelweihfest in Jerusalem (Joh 7,1–10,39)3.4.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas3.4.2 Thema- und inventarorientierte Analyse3.4.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur3.4.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen3.4.5 Einbeziehung des Erzählstils3.4.6 Einbeziehung der Syntax3.4.7 Auswertung3.5 Das Evangelium nach Markus (Mk 1,1–16,8d)3.5.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas3.5.2 Methodologische Zwischenüberlegung3.5.3 Thema- und inventarorientierte Analyse3.5.4 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur3.5.5 Thematische Beschreibung der postulierten Hauptteile3.5.6 Einbeziehung der Kommunikationsebenen3.5.7 Einbeziehung des Erzählstils3.5.8 Auswertung
4. Schlussbetrachtung4.1 Evaluation der einzelnen Untersuchungsmethoden4.1.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas4.1.2 Thema- und inventarorientierte Analyse4.1.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur4.1.4 Einbeziehung der Kommunikationsebenen4.1.5 Einbeziehung des Erzählstils4.1.6 Einbeziehung der Syntax4.2 Evaluation der Vorgehensweise im Ganzen4.3 Leitfragen für die Gliederung neutestamentlicher Erzählungen
Literaturverzeichnis
Autorenregister
Stellenregister
[Zum Inhalt]
|V|Vorwort
»Der Reihe nach« oder, wie es in der Lutherbibel heißt, »in guter Ordnung« (Lk 1,3) hat Lukas nach eigenem Bekunden aufgeschrieben, was er vom Lebensweg Jesu zu erzählen hatte. Die Auskunft des dritten Evangelisten hat mir seit den Anfängen meiner exegetischen Bemühungen zu denken gegeben: Welcher Art ist die genannte »Ordnung«, und wie lässt sie sich erfassen? Im Zuge fortgesetzter Beschäftigung mit dem Neuen Testament wurde mir deutlich, dass die Beantwortung der Frage nach dem Aufbau grundlegende Bedeutung für die Interpretation wohl jedes seiner Bücher und Texte hat. Ich bin dieser Frage daher viele Jahre hindurch wiederholt, für mich und im Dialog mit anderen, nachgegangen. Dabei zeigte sich, wie heikel sie ist – und dass sie für jede Textsorte gesondert bearbeitet werden muss. Besonders drängend erschien und erscheint sie mir im Hinblick auf die Erzählungen des Neuen Testaments zu sein. So bin ich froh, nun die lange geplante Studie zum Thema vorlegen zu können. Ich hoffe, sie ist geeignet, die gebotene Aufmerksamkeit für die Strukturen, die solche Texte aufweisen, zu erhöhen und die notwendige Klarheit bei ihrer Analyse zu fördern.
Dank sage ich allen, die die Entstehung der Arbeit gefördert haben: den theologischen Lehrerinnen und Lehrern, die mir allererst ans Herz gelegt haben, sorgfältig auf Textstrukturen zu achten; den Studentinnen und Studenten, die bereit waren, in meinen Lehrveranstaltungen mit mir über die Gliederung neutestamentlicher und in Sonderheit narrativer Texte nachzudenken und zu diskutieren; den Kolleginnen und Kollegen, die mich ermutigten, dieses Buch zu schreiben, und mir in Gesprächen wichtige Anregungen dafür gaben; dem Präsidium der Georg-August-Universität Göttingen, das mir durch Gewährung eines Forschungssemesters die Möglichkeit gab, meine Vorarbeiten in einem Manuskript zusammenzuführen; Herrn Henning Ziebritzki, der den langen Entstehungsprozess der Untersuchung freundlich und mit mancherlei sachdienlichen Hinweisen begleitet hat; und Frau Jana Trispel samt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Verlag und Setzerei, die den komplizierten Herstellungsprozess mit Geduld und Umsicht bewältigt haben.
Insbesondere aber danke ich all denen, die mich während meiner bisherigen Tätigkeit an der Theologischen Fakultät zu Göttingen als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter sowie als wissenschaftliche oder studentische Hilfskräfte unterstützt haben: Dr. Birke Siggelkow-Berner, Ingo Vespermann, Dr. Martin Jagonak, Dr. Martina Janßen, Dr. Frank Schleritt, Wibke Winkler, Julian Bergau und Eduard Käfer sowie Tina Oehm, Sehun Kang, Markus Sauerwein, Prof. Dr. Jacob Wright, Johanna Löber (geb. Rudolph), Ina Jäckel (geb. Schmidt), Heike Rozek (geb. Fürch), Krystyna-Maria Redeker, Valentin Wendebourg, Martijn Wagner, Johanna Waldmann, Dr. Heidrun Gunkel, Swantje Morgenstern, Kristina Krehl (geb. Bode), Kristin Bogenschneider, Janine Müller, Christiane Reschke (geb. Korf), Konrad Otto, Charlotte Behr und Christina Bünger. Die Lern- und Arbeitsgemeinschaft mit ihnen war und ist mir lieb und |VI|teuer. Ihre Recherchen und Korrekturen, ihre Fragen und Gesprächsbeiträge, ihre Hilfsbereitschaft und Sorgfalt sind auch dem vorliegenden Buch teils direkt, teils indirekt zugutegekommen. Ihnen sei es daher gewidmet.
Göttingen, im Februar 2016 Florian Wilk
[Zum Inhalt]
|1|1. Einleitung
1.1 Die Aufgabe
Wer erzählt, bringt anderen Menschen gegenüber zur Sprache, dass und wie sich ein bestimmtes Geschehen vollzogen hat. Das Erzählen gehört insofern »zu den Basisformen sozialer Kommunikation«[1] – und somit auch zu den Redeweisen, die für die Weitergabe der Christusbotschaft von Anfang an grundlegende Bedeutung hatten.[2] Demgemäß hat es das Neue Testament maßgeblich geprägt: Die Evangelien und die Apostelgeschichte bilden insgesamt narrative Texte,[3] und die Briefe enthalten ihrerseits viele erzählende Passagen[4].
In neuerer Zeit sind daher mit Recht sprach- und literaturwissenschaftliche Verfahren auf die Erzählungen des Neuen Testaments angewendet worden, um diese in ihrer textuellen Eigenart zu erfassen.[5] Dabei wird auch und gerade nach der Struktur oder – mit anderen Worten – dem Aufbau neutestamentlicher Erzählungen gefragt. Die Bestandteile eines Textes sind ja
nicht nur ineinander gehängt wie die Glieder einer Kette, sondern bilden ein mehr oder weniger kompliziertes Gefüge mit Überordnung und Unterordnung, sind zu einem Netz … von Beziehungen untereinander verknüpft, d.h., sie bilden eine Struktur. Durch diese Struktur erst wird aus Wörtern und Sätzen ein einheitliches Ganzes mit einer Gesamtbedeutung.[6]
|2|Auf Erzählungen bezogen bedeutet das:
Ein narrativer Text … entsteht nicht schon dadurch, daß einzelne Episoden rein additiv hintereinander gereiht werden … Vielmehr müssen die im Nacheinander erzählten Ereignisse ›etwas miteinander zu tun haben‹, einen gemeinsamen roten Faden aufweisen, gewissermaßen in einer Syntax der Erzählung aufeinander bezogen, d.h. einander über- und untergeordnet sein, kurz: im Ganzen der Erzählung zu einer Struktur gefügt sein …[7]
Das wissenschaftliche Bemühen, die Strukturen neutestamentlicher Erzählungen zu ermitteln, ist deshalb sehr zu begrüßen. Das gilt umso mehr, als immer noch viele exegetische Untersuchungen zwei markante Lücken aufweisen. Die erste Lücke besteht darin, dass der Aufbau der jeweils behandelten Erzählung zwar beschrieben oder in einer Übersicht dargestellt, aber bei der Einzelinterpretation kaum berücksichtigt wird.[8] Wenn jedoch, wie festgestellt, die »Gesamtbedeutung« eines Textes auf seiner Struktur basiert, sollte diese im Zuge der Auslegung durchgehend Beachtung finden; und die genannte Übersicht müsste dann das Gesamtverständnis des betreffenden Textes widerspiegeln. Zweitens liegt eine Lücke dort vor, wo ein Aufbau skizziert wird, ohne dass man erfährt, aus welchen Beobachtungen und Urteilen die Skizze hervorgegangen ist.[9] Wenn aber die Beschreibung der Struktur eines Textes ein Spiegelbild der Auffassung seiner »Gesamtbedeutung« bildet, muss jene Beschreibung ebenso begründet werden wie die Auslegung selbst.
Die Pflicht, eine Übersicht zum Aufbau einer neutestamentlichen Erzählung zu legitimieren, erwächst im wissenschaftlichen Diskurs zudem bereits aus dem Sachverhalt, dass wohl für jeden derartigen Text verschiedene Strukturmodelle vorliegen, die teils erheblich voneinander abweichen und so in Konkurrenz zueinander stehen. Freilich lässt sich deren Vielfalt nicht einfach dadurch aufheben oder jedenfalls begrenzen, dass alle am Diskurs Beteiligten Rechenschaft ablegen, aus welchen Gründen sie jeweils eine bestimmte Ansicht zum Aufbau der betreffenden Erzählung vertreten. Die Forschungssituation ist gerade durch einen Dissens darüber geprägt, auf welche Weise sich die Ermittlung der Textstruktur zu vollziehen hat.
Uneinigkeit herrscht schon bei der grundlegenden Frage nach der Rangfolge von Synchronie und Diachronie. So legen etwa manche Kommentare zum Johannes-Evangelium nicht den textkritisch hergestellten, sondern einen literarkritisch bearbeiteten Wortlaut der Erzählung aus.[10] Doch selbst wenn man nicht |3|alle »Quellen- und Redaktionstheorien« schlicht für »unbegründbar[ ]« hält und das »im Kanon … überlieferte Werk« a priori »als einen kohärenten … Text interpretieren« will,[11] darf man doch wohl voraussetzen, »daß der letzte Redaktor das Werk als einheitlich … angesehen hat«[12]. Dann aber gilt es, allererst dieses Werk auf seinen Aufbau hin zu untersuchen.[13]
Strittig ist ferner, mit welcher Methodik solch eine Untersuchung durchgeführt werden soll. Einige betrachten die Struktur als »the architectural end-product« des Prozesses, in dem ein Erzähler oder eine Erzählerin einen »plot« geschaffen, also diverse Ereignisse »into a coherent narrative whole« arrangiert habe;[14] sie ermitteln die Struktur deshalb im Rahmen einer narrativen Analyse[15]. Anderen gilt die Struktur eines Textes ebenso als Aspekt seiner sprachlichen Form wie Wortwahl, Stil oder Syntax;[16] sie bedienen sich deshalb linguistischer Verfahren, zumal einer Kombination aus syntaktischer und semantischer Analyse, um seinen Aufbau zu beschreiben[17]. Dieser Disput ergibt sich nicht zuletzt aus dem Umstand, dass die Erzählungen des Neuen Testaments aufgrund ihres Alters und ihres stark divergierenden Umfangs nicht einfach den üblichen Gegenständen der Textlinguistik oder denen der Literaturwissenschaft zuzuordnen sind; er lässt sich daher auch nicht einfach so oder so entscheiden. Dann aber bleibt zu prüfen, inwieweit die Ergebnisse verschiedener Analyseverfahren miteinander kompatibel und in welcher Weise sie ggf. in eine Beschreibung des Textaufbaus zu integrieren sind.
|4|Im Übrigen herrscht oftmals Uneinigkeit, welchen (narrativen oder sprachlichen) Gesichtspunkten entscheidendes Gewicht bei der Strukturanalyse eines konkreten Textes zugemessen werden kann.[18]
Die Forschungslage zur Struktur neutestamentlicher Erzählungen ist also von disparaten methodischen Ansätzen und Verfahrensweisen geprägt. Es gilt deshalb zu klären, anhand welcher Kriterien über die Sachgemäßheit solcher Ansätze entschieden werden kann und welche analytischen Mittel dann zur Ermittlung des Aufbaus solch einer Erzählung eingesetzt werden sollen. Der Bearbeitung dieser Aufgabe ist das vorliegende Buch gewidmet.
1.2 Grundlagen und Vorgehensweise
Das Fundament der Untersuchung bildet ein Ensemble aus sieben Grundüberzeugungen. Sie lauten:
1 Jede neutestamentliche Erzählung ist auf die eine oder andere Weise strukturiert.
2 Diese Struktur ist – wie bei anderen Texten auch – an der Textoberfläche anhand bestimmter Textmerkmale zu erkennen.[19]
3 Textmerkmale, die die Struktur einer Erzählung anzeigen, sind für die Textsorte »Erzählung« charakteristisch.[20]
4 Die Identifizierung und Gewichtung solcher Textmerkmale obliegt denen, die die Erzählung lesen und auslegen; es ist, mit anderen Worten, die Aufgabe des Interpreten und der Interpretin, die Erzählung zu gliedern.Gliederung meint hier und im Folgenden demnach entweder den analytischen Vorgang, der sich bei der Textlektüre vollzieht, oder dessen Ergebnis. Solch ein Vorgang führt insofern über eine Segmentierung hinaus, als er die dazu benannten Textmerkmale in eine hierarchische Ordnung bringt.[21]
5 Keine Gliederung kann für sich den Anspruch erheben, gleichsam objektiv die Struktur einer Erzählung abzubilden; solche Objektivität ist für niemanden, die oder der Texte auslegt, erreichbar.
6 Gerade deshalb muss jede Gliederung im wissenschaftlichen Diskurs plausibilisiert werden; dabei ist eine Gliederung dann plausibel (bzw. plausibler als andere Gliederungsentwürfe), wenn sie die für die Struktur relevanten Textmerkmale möglichst umfassend (bzw. in höherem Maße als andere Glie|5|derungsentwürfe) berücksichtigt[22] und der Eigenart der jeweiligen Erzählung gemäß gewichtet.
7 Die Plausibilität einer Gliederung zeigt sich überdies daran, dass sie den Gesamtzusammenhang und die Intention der Erzählung zu verstehen hilft.
Auf dieser Basis soll im Folgenden zunächst (in Kapitel 2) eine Methodik zur Gliederung neutestamentlicher Erzählungen im Kontext der einschlägigen Forschungsdiskussion entwickelt werden. Anschließend gilt es, diese Methodik (in Kapitel 3) mittels Anwendung auf mehrere, unterschiedlich geartete und unterschiedlich lange Textbeispiele zu bewähren. In einer Schlussbetrachtung (Kapitel 4) ist zu erheben, welche Folgerungen für den Einsatz der Methodik aus der exemplarischen Anwendung zu ziehen sind.
1.3 Technische Hinweise
Abkürzungen einzelner Wörter folgen den Angaben im Duden, Band 1.
Die Abkürzungen biblischer Bücher und antiker Schriften entsprechen dem Verzeichnis im Exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament.[23]
Bei der Angabe neutestamentlicher Stellen folgt die Einteilung einzelner Verse in erster Linie den Satzzeichen im »Novum Testamentum Graece«, ohne Unterschied zwischen Klammer, Komma, Kolon oder Punkt; die betreffenden Teilverse werden fortlaufend mit kleinen, ohne Zwischenraum an die Versziffer angefügten lateinischen Lettern benannt. Sind weitere Einteilungen erforderlich, erfolgen diese entweder – wenn zuvor in Textübersichten eindeutig zugeordnet – durch Ergänzung kleiner griechischer Buchstaben[24] oder durch Hinzufügung der Angaben »init.«, »md.« und »fin.«; in letzterem Fall wird der übrige Teilvers bei Bedarf durch das zusätzliche Sigel * gekennzeichnet. Die mit einem verminderten Zwischenraum an eine Ziffer angeschlossene Angabe »f.« verweist auf den folgenden Vers oder das folgende Kapitel.
In den Anmerkungen wird die benutzte Literatur mit Autorname und Kurztitel benannt.
[Zum Inhalt]
|6|2. Klärung der Methodik
anhand des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lk 15,11b–32)
2.1 Einführung
Im Sinne neuerer Erzähltheorien lässt sich eine schriftlich vorliegende Erzählung als Text definieren, durch den eine Erzählerin oder ein Erzähler mit bestimmten Adressaten im Erzählvorgang so kommuniziert, dass ein aus diversen, aufeinander folgenden Ereignissen bestehendes Geschehen zur Darstellung kommt.[25] Demgemäß können Erzählungen generell auf den drei Ebenen des Erzählvorgangs, des dargestellten Geschehens und des Textes auf ihre jeweilige Eigenart hin untersucht werden.[26]
Für die Gliederung einer Erzählung ist naturgemäß die Analyse auf der Textebene entscheidend. Allerdings muss eine derartige Textanalyse die geschilderten Ereignisse[27] und die mittels der Erzählung vollzogene Kommunikation insoweit berücksichtigen, als sie sich im Text selbst widerspiegeln. Andererseits zeitigt nicht jeder auf der Textebene denkbare Untersuchungsschritt Ergebnisse, die zu einer Gliederung beitragen. Hilfreich dürften diejenigen Verfahren sein, die das Gesamtgefüge einer Erzählung hinsichtlich seines inhaltlichen Zusammenhangs oder seines gestalterischen Zusammenhalts in den Blick nehmen, die also darauf angelegt sind, überblicksweise zu klären, »was« und »wie« erzählt wird[28].
Beide Leitfragen sind der Klarheit halber zu differenzieren: In Bezug auf den Inhalt gilt es zu erheben,
a) wovon die Erzählung handelt und
b) welche Welt sie dabei aufbaut;
in Bezug auf ihre äußere Gestalt muss man ermitteln,
c) in welcher Weise sie dargeboten wird und
d) welche sprachlichen Mittel dabei eingesetzt werden.
Es geht also darum, eine Erzählung in der Ausrichtung einerseits auf (a) ihr Thema und (b) ihr narratives Inventar, andererseits auf (c) den sie prägenden Erzählstil und (d) ihre Sprache zu gliedern.
|7|In einem Schema lassen sich diese analytischen Zugänge wie folgt darstellen:

Im Folgenden sollen die den genannten vier Aspekten entsprechenden Analyseverfahren der Reihe nach vorgestellt, auf ihre Sachgemäßheit geprüft und hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen ausgewertet werden. Dazu werden sie exemplarisch auf einen Text angewendet, der bekannt und übersichtlich ist, zugleich aber – wie die Auslegungsgeschichte zeigt – interpretatorische Fragen aufgibt und daher eine eingehende Untersuchung lohnt: das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11b–32). Anschließend sind die Ergebnisse der Analysen miteinander zu vergleichen, um auf dieser Basis ein geeignetes Verfahren zur Gliederung neutestamentlicher Erzählungen zu entwickeln.
Damit die weiteren Ausführungen leichter nachzuvollziehen sind, sei die Erzählung aus Lk 15 nachstehend synoptisch in ihrem griechischen Wortlaut[29] und einer möglichst wortgetreuen deutschen Übersetzung[30] dargeboten.
|8|Lk 15,11b–32: griechischer Text (NT Graece28)
| 11 | …· ἄνθρωπός τις εἶχεν δύο υἱούς. |
| 12 | καὶ εἶπεν ὁ νεώτερος αὐτῶν τῷ πατρί· πάτερ, δός μοι τὸ ἐπιβάλλον μέρος τῆς οὐσίας. ὁ δὲ διεῖλεν αὐτοῖς τὸν βίον. |
| 13 | καὶ μετ’ οὐ πολλὰς ἡμέρας συναγαγὼν πάντα ὁ νεώτερος υἱὸς ἀπεδήμησεν εἰς χώραν μακρὰν καὶ ἐκεῖ διεσκόρπισεν τὴν οὐσίαν αὐτοῦ ζῶν ἀσώτως. |
| 14 | δαπανήσαντος δὲ αὐτοῦ πάντα ἐγένετο λιμὸς ἰσχυρὰ κατὰ τὴν χώραν ἐκείνην, καὶ αὐτὸς ἤρξατο ὑστερεῖσθαι. |
| 15 | καὶ πορευθεὶς ἐκολλήθη ἑνὶ τῶν πολιτῶν τῆς χώρας ἐκείνης, καὶ ἔπεμψεν αὐτὸν εἰς τοὺς ἀγροὺς αὐτοῦ βόσκειν χοίρους, |
| 16 | καὶ ἐπεθύμει χορτασθῆναι[a] ἐκ τῶν κερατίων ὧν ἤσθιον οἱ χοῖροι, καὶ οὐδεὶς ἐδίδου αὐτῷ. |
| 17 | εἰς ἑαυτὸν δὲ ἐλθὼν ἔφη· πόσοι μίσθιοι τοῦ πατρός μου περισσεύονται ἄρτων, ἐγὼ δὲ λιμῷ ὧδε ἀπόλλυμαι. |
| 18 | ἀναστὰς πορεύσομαι πρὸς τὸν πατέρα μου καὶ ἐρῶ αὐτῷ· πάτερ, ἥμαρτον εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου, |
| 19 | οὐκέτι εἰμὶ ἄξιος κληθῆναι υἱός σου· ποίησόν με ὡς ἕνα τῶν μισθίων σου. |
| 20 | καὶ ἀναστὰς ἦλθεν πρὸς τὸν πατέρα ἑαυτοῦ. Ἔτι δὲ αὐτοῦ μακρὰν ἀπέχοντος εἶδεν αὐτὸν ὁ πατὴρ αὐτοῦ καὶ ἐσπλαγχνίσθη καὶ δραμὼν ἐπέπεσεν ἐπὶ τὸν τράχηλον αὐτοῦ καὶ κατεφίλησεν αὐτόν. |
| 21 | εἶπεν δὲ ὁ υἱὸς αὐτῷ· πάτερ, ἥμαρτον εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ ἐνώπιόν σου, οὐκέτι εἰμὶ ἄξιος κληθῆναι υἱός σου. |
| 22 | εἶπεν δὲ ὁ πατὴρ πρὸς τοὺς δούλους αὐτοῦ· ταχὺ ἐξενέγκατε στολὴν τὴν πρώτην καὶ ἐνδύσατε αὐτόν, καὶ δότε δακτύλιον εἰς τὴν χεῖρα αὐτοῦ καὶ ὑποδήματα εἰς τοὺς πόδας, |
| 23 | καὶ φέρετε τὸν μόσχον τὸν σιτευτόν, θύσατε, καὶ φαγόντες εὐφρανθῶμεν, |
| 24 | ὅτι οὗτος ὁ υἱός μου νεκρὸς ἦν καὶ ἀνέζησεν, ἦν ἀπολωλὼς καὶ εὑρέθη. καὶ ἤρξαντο εὐφραίνεσθαι. |
| 25 | Ἦν δὲ ὁ υἱὸς αὐτοῦ ὁ πρεσβύτερος ἐν ἀγρῷ· καὶ ὡς ἐρχόμενος ἤγγισεν τῇ οἰκίᾳ, ἤκουσεν συμφωνίας καὶ χορῶν, |
| 26 | καὶ προσκαλεσάμενος ἕνα τῶν παίδων ἐπυνθάνετο τί ἂν εἴη ταῦτα. |
| 27 | ὁ δὲ εἶπεν αὐτῷ ὅτι ὁ ἀδελφός σου ἥκει, καὶ ἔθυσεν ὁ πατήρ σου τὸν μόσχον τὸν σιτευτόν, ὅτι ὑγιαίνοντα αὐτὸν ἀπέλαβεν. |
| 28 | ὠργίσθη δὲ καὶ οὐκ ἤθελεν εἰσελθεῖν, ὁ δὲ πατὴρ αὐτοῦ ἐξελθὼν παρεκάλει αὐτόν. |
| 29 | ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν τῷ πατρὶ αὐτοῦ[b]· ἰδοὺ τοσαῦτα ἔτη δουλεύω σοι καὶ οὐδέποτε ἐντολήν σου παρῆλθον, καὶ ἐμοὶ οὐδέποτε ἔδωκας ἔριφον ἵνα μετὰ τῶν φίλων μου εὐφρανθῶ |
| 30 | ὅτε δὲ ὁ υἱός σου οὗτος ὁ καταφαγών σου τὸν βίον μετὰ πορνῶν ἦλθεν, ἔθυσας αὐτῷ τὸν σιτευτὸν μόσχον. |
| 31 | ὁ δὲ εἶπεν αὐτῷ· τέκνον, σὺ πάντοτε μετ’ ἐμοῦ εἶ, καὶ πάντα τὰ ἐμὰ σά ἐστιν· |
| 32 | εὐφρανθῆναι δὲ καὶ χαρῆναι ἔδει, ὅτι ὁ ἀδελφός σου οὗτος νεκρὸς ἦν καὶ ἔζησεν, καὶ ἀπολωλὼς καὶ εὑρέθη. |
|9|Lk 15,11b–32: deutscher Text (eigene Übersetzung)
| 11 | …: Ein Mensch hatte zwei Söhne. |
| 12 | Und der jüngere von ihnen sagte dem Vater: »Vater, gib mir den (mir) zustehenden Teil des Gutes.« Er aber teilte ihnen das Eigentum zu. |
| 13 | Und nach wenigen Tagen, als er alles zusammengeholt hatte, zog der jüngere Sohn fort in ein fernes Land, und dort vergeudete er sein Gut mit heilloser Lebensweise. |
| 14 | Nachdem er aber alles ausgegeben hatte, kam eine schwere Hungersnot über jenes Land, und er begann zu darben. |
| 15 | Und er ging hin und unterstellte sich einem der Bürger jenes Landes, und der schickte ihn auf seine Felder zum Schweinehüten. |
| 16 | Und er gierte danach, asatt zu werden[a-a] von den Schoten, die die Schweine fraßen, und niemand gab ihm (zu essen). |
| 17 | Er aber ging in sich und sagte: »Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, doch ich komme hier vor Hunger um. |
| 18 | Ich will mich aufmachen, zu meinem Vater gehen und ihm sagen: ›Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, |
| 19 | ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden; mache mich wie einen deiner Tagelöhner.‹« |
| 20 | Und er machte sich auf und ging zu seinem eigenen Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde von Mitleid ergriffen, lief (hin) und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. |
| 21 | Der Sohn aber sagte ihm: »Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden.« |
| 22 | Aber der Vater sagte zu seinen Dienern: »Schnell, holt das beste Gewand heraus und kleidet ihn ein, und gebt (ihm) einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße, |
| 23 | und holt das Mastkalb, schlachtet es, und lasst uns essen und feiern; |
| 24 | denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden.« Und sie begannen zu feiern. |
| 25 | Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld; und als er (heim)kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Tanz; |
| 26 | und er rief einen der Burschen herbei und erkundigte sich, was dies sei. |
| 27 | Der aber sagte ihm: »Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet, weil er ihn gesund zurückerhalten hat.« |
| 28 | Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Doch sein Vater kam heraus und redete ihm zu. |
| 29 | Er aber antwortete und sagte seinem[b] Vater: »Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich dein Gebot übertreten – und mir hast du niemals eine Ziege gegeben, auf dass ich mit meinen Freunden feiere; |
| 30 | als aber dein Sohn da, der dein Eigentum mit Huren aufgezehrt hat, kam, hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.« |
| 31 | Er aber sagte ihm: »Kind, du bist allezeit bei mir, und alles was mein ist, ist dein; |
| 32 | (jetzt) aber war es nötig, zu feiern und fröhlich zu sein, denn dein Bruder da war tot und ist lebendig geworden, und (er war) verloren und ist gefunden worden.« |
|10|2.2 Themaorientierte Analyse
Als »Kern des Textinhalts« umfasst das Thema »den Grund- oder Leitgedanken« eines Textes; jener Textinhalt ist also »das Resultat der Entfaltung«, d.h. der »gedankliche[n] Ausführung des Themas«.[31] Sofern es nicht »in einem Textsegment realisiert« ist, muss es »aus dem Textinhalt abstrahiert werden«.[32] Hat man es erhoben, kann man von ihm aus die Textstruktur beschreiben.
Ein ebenso einleuchtendes wie praktikables Verfahren für die thematisch orientierte Analyse des Aufbaus literarischer Werke hat bereits Friedrich Schleiermacher in seinem Kolleg »Hermeneutik und Kritik« entwickelt. Wie er zeigt, lässt sich die »Eigentümlichkeit in der Komposition« aus der »Einheit des Ganzen« – die als »innere Einheit« mit dem »Thema eines Werkes« identisch ist – ableiten.[33] Das Thema »zu finden« sei daher die »[e]rste Aufgabe« des Interpreten. Dafür dürfe man sich nicht auf eine ggf. vorhandene »Angabe des Verfassers zu Anfang oder zu Ende« verlassen.[34] Vielmehr bedürfe es einer gesonderten Untersuchung; und diese sollte sich wie folgt vollziehen:
»1. Man vergleiche die entgegengesetzten Punkte Anfang und Ende. [Anm. Die erste Übersicht fängt also so elementarisch an als möglich]. Fortschreitendes Verhältnis = Charakter der historischen und rhetorischen Komposition. Gleichheits-Verhältnis = Char[akter] der intuitiven Komposition. Zyklisches Verhältnis = Char[akter] der dialektischen Kompos[ition]. … Kautelen. 1.) Man unterscheide wohl, was an beiden Punkten auf den Zweck sich bezieht, und was auf die Idee. 2.) Man unterscheide wohl den rechten Anfang und das rechte Ende. a) Der Anfang des Ganzen ist zugleich Anfang seines ersten, das Ende des Ganzen zugleich Ende seines letzten Gliedes. … b) Man unterscheide ja die Grenzen des Ganzen. …
2. Wenn Anfang und Ende nichts oder nicht genug für die Einheit geben, so vergleiche man die akzentuierten Stellen. Die gleich akzentuierten müssen zur Idee im gleichen Verhältnis stehen und daher diese daraus hervorgehen. …
3. Man geht nun weiter ins Einzelne …, um den Akzent zu verfolgen … – Je genauer nun das Abnehmen des Akzents übereinstimmt mit der Entfernung von der vorausgesetzten Idee, desto mehr bestätigt sich die Voraussetzung.«[35]
Dieses Verfahren eignet sich in der Tat dazu, das Thema einer Erzählung zu erfassen und von dort her einen Überblick über ihren Aufbau zu gewinnen. Es weist allerdings auch gewisse Unschärfen auf. Seine Vorzüge und seine Grenzen werden bei der Anwendung auf Lk 15,11b–32 gleichermaßen deutlich.
Vergleicht man zunächst Anfang und Ende, so fällt unmittelbar auf, dass am Ende ein Pendant zum ersten, vom Erzähler gesprochenen Satz Lk 15,11b: »Ein Mensch hatte zwei Söhne«, fehlt. Die Erzählung schließt stattdessen mit einer an den älteren Sohn (V. 25a) gerichteten Äußerung des Vaters (15,31f.).
|11|Dieser Mangel deutet vor allem den Zweck der Erzählung an. Sie richtet sich ja – als zweiter Teil einer Rede Jesu[36] – an »Pharisäer und Schriftgelehrte«, die gegen seine Hinwendung zu und Tischgemeinschaft mit »allen Zöllnern und Sündern« protestieren (Lk 15,1f.). Sie, die Adressaten, sehen sich infolge des offenen Schlusses gleichsam selbst vom Vater angeredet[37] – und somit implizit aufgefordert, ihre Kritik am Verhalten Jesu zu überdenken. Gleichwohl ist jene Diskrepanz auch für die Suche nach dem Thema der Erzählung von Belang.
In seinem Schlussvotum reagiert der Vater (Lk 15,28b) auf den Widerspruch seines älteren Sohnes (15,29f.). Dabei vergewissert er ihn als »Kind« ihrer wechselseitigen Gemeinschaft (V. 31), um ihm daraufhin die Notwendigkeit des laufenden Festes zu erläutern (V. 32a); sie ergebe sich aus der Tatsache, dass sein »Bruder« ins Leben zurückgekehrt sei (V. 32b–c). Der Vater verknüpft also den Status des Kindes (das der Ältere für den Vater ist) mit dem des Bruders (das ist er dem jüngeren Sohn) – und sucht so den älteren Sohn in die familiäre Verbundenheit aller drei Personen hineinzuziehen. Angesichts eines solchen Schlusses taugt aber V. 11b alleine nicht als »rechter Anfang« des Ganzen.[38] Dieser umfasst vielmehr 15,11b–12; denn erst V. 12 benennt mit der vom jüngeren Sohn geforderten, vom Vater daraufhin vollzogenen Erbteilung[39] die Voraussetzung für das Zerwürfnis, dessen vollständige Heilung der Vater am Ende herbeiführen möchte. Das auf den Protest des Älteren antwortende Schlusswort des Vaters greift demnach seine auf Wunsch des Jüngeren vollzogene Erbteilung auf, sodass – mit Schleiermacher zu sprechen – ein »fortschreitendes Verhältnis« von Anfang und Ende und damit eine Art »historischer Komposition« vorliegt. Deren Thema ist dann die freudvolle Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen; und dabei besteht die Pointe darin, dass jene Wiederherstellung zwar durch das Verhalten des Jüngeren notwendig geworden, schließlich jedoch seitens des Älteren zu vervollständigen ist.
Es besteht also durchaus Anlass, die traditionelle Überschrift »Das Gleichnis vom verlorenen Sohn« zu verändern; diese bildet den elementaren Sachverhalt, dass eine »Dreiecksgeschichte« vorliegt, nicht ab.[40] Freilich sollte man dann nicht von »den verlorenen Söhnen« sprechen. Es werden ja gerade nicht einfach »zwei Typen einander gegenübergestellt«[41]. Vielmehr macht schon der Kontrast von Anfang und Ende deutlich, dass es dem Erzähler um die Reaktion des älteren auf das Geschick des jüngeren Sohnes geht.
Fragt man nun weiter nach den akzentuierten Stellen, so gilt es Stellen aufzuspüren, die für den Fortschritt der Erzählung im Zeichen des Themas maßgeblich sind. Da sie von der Wiederherstellung einer familiären Gemeinschaft handelt, |12|kommen dafür solche Stellen in Betracht, die Veränderungen in den Beziehungen zwischen den beteiligten Personen signalisieren. Dies geschieht zum ersten Mal mit Lk 15,13: Nach der vom Vater durchgeführten Erbteilung (V. 12d) zog der jüngere Sohn mit seinem Anteil in ein fernes Land, wo er all sein Gut verprasste. Die folgenden Verse (15,14–16) schildern, wie er danach immer tiefer ins Elend geriet.[42] Die zweite deutliche Zäsur ist mit V. 17 gegeben: Angesichts seiner Not ging der Sohn in sich und gedachte seines Vaters. In 15,18–20a wird erzählt, dass er sich daraufhin entschloss, in der Stellung eines Tagelöhners zu seinem Vater zurückzukehren. V. 20b markiert den nächsten Einschnitt: Noch bevor der Sohn das Vaterhaus erreichte, sah ihn sein Vater, wurde von Mitleid ergriffen und begrüßte ihn herzlich. Bis ans Ende von V. 24 reicht dann die Darstellung der freudigen, in ein Freudenfest einmündenden Aufnahme des reuigen Sohnes durch den Vater. Erneut vorangetrieben wird die Geschichte mit V. 25: Der ältere Sohn kam vom Feld, näherte sich dem Haus und hörte, dass dort gefeiert wurde. In 15,26–28a folgt die Darstellung seiner in zwei Stufen vollzogenen, in zornigem Fernbleiben gipfelnden Reaktion auf das Fest. Schließlich leitet V. 28b den letzten Abschnitt ein; die Notiz, dass der Vater herauskam und dem älteren Sohn zuredete, führt zur Wiedergabe eines Wortwechsels zwischen beiden (15,29–32), mit der das Ganze endet. Somit weist der Text insgesamt fünf markante Stellen auf, an denen jeweils von einer – und sei es innerlichen – Bewegung gesprochen wird, die die Beziehungsgeschichte zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen weiterführt.
Diese Akzente sind allerdings unterschiedlich stark. Vergleichbar sind zum einen Lk 15,13 und V. 25; beide Stellen lenken das Augenmerk darauf, dass je einer der Söhne durch sein anschließend geschildertes Verhalten die familiäre Gemeinschaft verletzte. Auf derselben Ebene stehen zum andern V. 20b und V. 28b; hier wie dort wird gezeigt, wie der Vater dem betreffenden Sohn entgegenkam. So ergibt sich folgende Gliederung:

Die exemplarische Anwendung auf Lk 15,11b–32 zeigt: Eine thematisch orientierte Analyse im Sinne Schleiermachers führt zu einem klaren, durchaus erhellenden Ergebnis. Solch eine Analyse ist insbesondere dazu geeignet, den Spannungsbogen, der eine Erzählung als ganze überspannt, zu erfassen und daraufhin die wesentlichen Schnittstellen zu erkennen, die jeweils den weiteren |13|Verlauf jenes Bogens vom Anfang bis zum Ende gewährleisten. Dieses Verfahren eröffnet somit einen Zugang zur Logik einer Erzählung und erlaubt es, deren sukzessives Fortschreiten nachzuzeichnen.
Allerdings hat es auch deutliche Schwächen. Erstens überlässt es vieles der Intuition derer, die den Text untersuchen, stellt es ihnen doch für die grundlegenden Arbeitsschritte – die Abgrenzung von Anfang und Ende sowie die Identifikation der Zäsuren und Akzente – keine formalen oder sprachlichen, sondern ausschließlich inhaltliche Gesichtspunkte zur Verfügung.
Schleiermacher wies die Hörer seines Kollegs auf diesen Kennzeichen des Verfahrens ausdrücklich hin. Zum einen präsentierte er die »Auffindung der Eigentümlichkeit in der Komposition«[43] als Aufgabe innerhalb der »psychologischen Auslegung«[44], die darauf abziele, die Rede eines anderen »zu verstehen als Tatsache im Denkenden«[45], als »Darstellung der Gedanken«[46] – eine Aufgabe, die er als »technische« bezeichnete, da sie sich »dem abgeschlossenen Gedankencomplexus« widme, in dem »das Bewußtsein eines bestimmten Fortschreitens nach einem Ziel« vorherrsche[47]. Zum andern merkte er bei seinen Ausführungen zum Vergleich der akzentuierten Stellen an: »Man sieht wieder, wie hier die grammat[ische] Interpret[ation] vorausgesetzt wird. Denn diese muß lehren, die akzent[uierten] Stellen unterscheiden; auch die andere Aufgabe der techn[ischen] Interpr[etation], nämlich die Bestimmung des individuellen Sprachgebrauchs. Denn jeder hat seine Art zu akzentuieren.«[48]
Eine themaorientierte Analyse muss deshalb durch Untersuchungen ergänzt werden, die die konkrete Sprachgestalt der Erzählung (mit ihren Kommunikationsebenen, ihren begrifflichen und semantischen Verknüpfungen sowie ihren syntaktischen Eigenarten) ebenso auswertet wie ihren Stil.
Zweitens bietet solch eine Analyse kaum Kriterien, um die einzelnen Textabschnitte einander hierarchisch zuzuordnen. Dazu müsste man nämlich erheben, wie der Erzähler seine Erzählung (mit Figuren und ihren Interaktionen, mit Zeiten und Orten) eingerichtet und (durch Hinweise auf diesbezügliche Veränderungen) strukturiert hat. Es bedarf also auch einer Bestandsaufnahme des narrativen Inventars.
Da das letztgenannte Verfahren enger an die thematisch orientierte Analyse anschließt, soll es nachstehend zuerst vorgestellt werden.
2.3 Inventarorientierte Analyse
»Jede Erzählung entwirft eine eigene kleine Welt mit Personen, Geschehnissen, Orten usw.«[49] Die Struktur der Erzählung hängt deshalb eng mit den Entwicklungen zusammen, die sich in der entworfenen Welt vollziehen. Sollen diese Entwicklungen aber jene Struktur zu erschließen helfen, müssen sie für Lese|14|rinnen und Leser an der Textoberfläche erkennbar, dort also markiert sein. Es müssen, mit anderen Worten, Gliederungsmerkmale vorliegen, die es erlauben, unter formalen Gesichtspunkten kleinere Sinneinheiten innerhalb der Erzählung voneinander abzugrenzen und einander so zuzuordnen, dass ihre Abfolge die dargestellten Entwicklungen nachvollziehbar macht.
Elisabeth Gülich und Wolfgang Raible haben dargelegt, wie solche textinternen »Gliederungsmerkmale« identifiziert und priorisiert werden können:
»Handlungsabläufe [sc. Geschehensabläufe, die belebte Handlungsträger haben] finden in Raum-Zeit-Kontinua statt und lassen sich nach Veränderungen in der Dimension der Zeit, in den Dimensionen des Raumes und nach Veränderungen in der Konstellation der Handlungsträger gliedern. Das heißt, Handlungsabläufe können (1) zu verschiedener Zeit an verschiedenen Orten, (2) zu verschiedener Zeit an gleichen Orten – in beiden Fällen also nacheinander – oder (3) zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten stattfinden.
Jede der drei Möglichkeiten ist ihrerseits kombinierbar mit dem Merkmal ›Veränderung in der Konstellation der Handlungsträger‹. Die Relevanz der genannten drei Parameter der Zeit, des Ortes und der Personenkonstellation erweist sich sehr deutlich darin, daß Dramen, also schriftlich fixierte Handlungsabläufe, nach genau diesen Kriterien in Akte und Szenen gegliedert werden. Die lokalen Parameter eines dargestellten Handlungsablaufs scheinen allerdings weniger wichtig zu sein, als die zeitlichen. Dies ist eine Folge davon, daß sich bei Geschehens- oder Handlungsabläufen mit Notwendigkeit die Zeit verändert, der Ort jedoch gleichbleiben kann. … Berücksichtigt man nun, daß eine Veränderung der Zeit in Geschehens- und Handlungsabläufen auch von einer Veränderung in der Konstellation der Handlungsträger unabhängig ist, so ergibt sich, daß solche Merkmale, welche die Zeitbefindlichkeit – eventuell in der Ko-Okkurrenz mit denjenigen der Ortsbefindlichkeit – anzeigen, in der Hierarchie der Gliederungsmerkmale über den Merkmalen stehen, die eine Veränderung der Personenkonstellation anzeigen.«[50]
Daraus ergibt sich ein klares Verfahren: Um eine Erzählung zu strukturieren, sind nacheinander Signale zur Zeitbefindlichkeit, Signale zur Ortsbefindlichkeit und Veränderungen in der Personenkonstellation zu identifizieren. Da auf diese Weise das Inventar der erzählten Welt hinsichtlich der dargestellten Entwicklung in seinen wesentlichen Bestandteilen erfasst wird, leuchtet dieses Verfahren auf den ersten Blick ein. Es führt allerdings nicht in jeder Hinsicht zu eindeutigen Ergebnissen. Seine Plausibilität tritt bei der Anwendung auf Lk 15,11b–32 ebenso zutage, wie es seine Desiderata tun.
Achtet man zunächst auf den Parameter der Zeit, so entdeckt man eine einzige explizite Zeitangabe: Lk 15,13 zufolge zog der jüngere Sohnes schon »wenige Tage nach« der in V. 12d erwähnten Erbteilung seitens des Vaters von Zuhause fort. Daneben finden sich allerdings zwei weitere ausdrückliche Hinweise auf eine Zeitverschiebung. Der erste erfolgt in 15,24f., insofern hier die Aussage »sie begannen zu feiern« (V. 24c) einen länger andauernden Vorgang anzeigt, in dessen Verlauf der ältere Sohn eintrat, »als er« – seinen Aufenthalt »auf dem Feld« (V. 25a) beendend – »(heim)kam und sich dem Haus näherte« (V. 25b). Der zweite wird in 15,29–31 gegeben, indem dort »so vielen Jahren«, in denen der ältere Sohn dem Vater gedient habe (V. 29b),[51] der Zeitpunkt gegenübergestellt wird, »als« der jüngere Sohn wieder nach Hause »kam« (V. 30a). Freilich steht dieser zweite |15|Hinweis in einer direkten Rede, die die vorhergehenden Ereignisse kommentiert; markiert wird also rückblickend das in V. 20b einsetzende Geschehen.
Verstrichene Zeit zeigen zudem die griechischen Partizipialwendungen in Lk 15,14init. (»nachdem er alles ausgegeben hatte«) und V. 20b (»als er noch weit entfernt war«) an; da dies aber jeweils nur implizit geschieht, sind jene Wendungen an sich allenfalls in untergeordnetem Sinne als Gliederungsmerkmale zu werten.
Ortswechsel werden explizit in Lk 15,13 (»der jüngere Sohn zog fort in ein fernes Land«) und V. 25 (der »ältere Sohn«, der zunächst »auf dem Feld war«, »näherte sich dem Haus«) markiert. Dabei ist von »jenem Land« in 15,13–15 fortlaufend die Rede; dass einer seiner Bürger den jüngeren Sohn in dessen Not zum Schweinehüten »auf seine Felder« schickte (V. 15b), wo ihn dennoch hungerte (V. 17c: »hier«), hat daher als Ortsangabe nur untergeordnete Bedeutung. Andererseits weisen die Verben »herausholen« in V. 22b sowie »hineingehen« und »herauskommen« in V. 28 auf das in V. 25b genannte Haus voraus bzw. zurück, so dass die zugehörigen Szenen mit ihm verknüpft werden.[52] Umso mehr fällt auf, dass der in V. 20a (»er machte sich auf und ging …«) angekündigte Ortswechsel nur implizit – mit der personal gefassten Richtungsangabe »zu seinem Vater« – angezeigt wird; die Notiz in V. 20b: »als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater«, bezieht sich dann ja nur auf einen Bruchteil der tatsächlich vom Sohn überbrückten Distanz und lokalisiert die folgende Begegnung jedenfalls in der Nähe des väterlichen Hauses.
Was endlich die Veränderungen in der Konstellation der Handlungsträger angeht, ergibt sich folgendes Bild: In Lk 15,11b–12 sind der Vater und beide Söhne präsent – auch wenn nur der jüngere spricht und der Vater daraufhin handelt.[53] Ab V. 13 konzentriert sich der Erzähler auf den jüngeren Sohn. Ihm werden zwar in 15,15f. »einer der Bürger jenes Landes« und – mit dem Wort »niemand« – eine Gruppe weiterer, namenloser Personen zur Seite gestellt; beide unterstreichen mit ihrem jeweiligen Verhalten aber nur das Ausmaß des Elends, in dem der Sohn leben muss. Mit dem Selbstgespräch in 15,17–19 tritt er gedanklich wieder in Kontakt zu seinem Vater, wobei er sich mit dessen Tagelöhnern vergleicht (V. 17b.19b). V. 20a notiert daraufhin den faktischen Aufbruch »zu seinem eigenen Vater«. Ab V. 20b wird seine Begegnung mit dem Vater geschildert. Als der das Wort ergreift (V. 22a), spricht er jedoch nicht den Sohn, sondern »seine Diener« an: Sie sollen den Sohn neu einkleiden und ein Fest vorbereiten; und an dessen Durchführung sind sie – der Aufforderung V. 23c: »Lasst uns essen und feiern!«, gemäß – selbst beteiligt (V. 24c: »Und sie begannen zu feiern.«). Ab V. 25 tritt dann der ältere Sohn in Erscheinung und führt zwei Gespräche: Das erste mit »einem der Burschen« (15,26f.) eröffnet er selbst, das zweite mit »seinem Vater« wird von diesem initiiert (15,28b–32).[54] Der jüngere Sohn kommt jetzt nur noch – jeweils im Verein mit dem Vater – als Gesprächsgegenstand in den Blick |16|(V. 27.30.32); und dabei bringt ihn der Ältere einmal mit »Huren« in Verbindung, um ihn so sich selbst und seinen »Freunden« gegenüberzustellen (15,29c–30a).
In der hierarchisch geordneten Zusammenschau aller genannten Gliederungsmerkmale lässt sich Lk 15,11b–32 wie folgt strukturieren:

Die Erzählung setzt also mit einer knappen Einleitung (Lk 15,11b–12) ein, die die grundlegenden Voraussetzungen (Personenkonstellation und Ausgangslage) der folgenden Geschichte benennt. Diese (15,13–32) umfasst zwei Hauptteile, die nacheinander den Lebensweg des jüngeren Sohnes bis zu seiner feierlichen Aufnahme durch den Vater (15,13–24) und deren Ablehnung seitens des älteren Sohnes samt der väterlichen Reaktion darauf (15,25–32) behandeln.[55] Beide Hauptteile bestehen aus je zwei Abschnitten, die jeweils durch Notizen zur Hinwendung des Vaters zu dem im Blickpunkt stehenden, auf je andere Weise heimkehrenden Sohn (V. 20b.28b) miteinander verknüpft sind. Die Abschnitte lassen sich ihrerseits noch einmal feiner untergliedern, sodass der wechselvolle Verlauf der Geschichte bis ins Detail erkennbar wird.
Die Anwendung auf Lk 15,11b–32 macht die Vorzüge einer inventarorientierten Analyse sichtbar: Mit dieser kann man anhand klarer Textmerkmale die Schnittstellen einer Erzählung identifizieren sowie im Verhältnis zueinander gewichten und daraufhin eine hierarchisch geordnete Gliederung erstellen. Das |17|Verfahren eröffnet somit einen Zugang zur Struktur einer Erzählung und erlaubt es, darin Haupt- und Nebenstränge zu unterscheiden.
Es hat freilich auch Mängel. Erstens setzt es eine bestimmte Hierarchie der Gliederungsmerkmale – 1. Angaben zum Zeitverlauf, 2. Angaben zum Ortswechsel, 3. Angaben zur Veränderung der Personenkonstellation – als allgemein gültig voraus. Es ist jedoch zweifelhaft, ob diese Voraussetzung zutrifft.
Im vorliegenden Fall ergibt sich z.B. die Wertung des Neueinsatzes in Lk 15,25 als Eröffnung des zweiten Hauptteils primär aus dem erstmaligen Auftreten des älteren Sohnes – nachdem die Geschichte in 15,13–24 auf den jüngeren Sohn fokussiert war. An dieser Wertung würde sich nichts ändern, wenn am Übergang von V. 24 zu V. 25 kein Hinweis auf eine Zeitverschiebung erfolgte und etwa (statt des in 15,24c–28a Geschilderten) erzählt würde, dass der ältere Sohn unmittelbar auf den Auftrag des Vaters an die Diener reagiert und wutentbrannt den Hof verlassen hätte. Umgekehrt würde die Einfügung einer expliziten Zeitangabe am Beginn von V. 16 kaum zu einer Ausgliederung des Verses aus dem Zusammenhang 15,14–16 führen; entscheidend bleibt dessen Kohärenz in Hinsicht auf Personen und Raum.[56]
Näher liegt es, die Hierarchie der genannten Gliederungsmerkmale von der Eigenart eines Textes her je neu zu bestimmen. Das Verfahren bedarf also der Ergänzung durch eine thematische Analyse, die jene Eigenart erschließt.
In der obigen Gliederungsübersicht habe ich an einer Stelle eine entsprechende Umgewichtung bereits vorgenommen: Da Lk 15,11b–32 eine »Beziehungsgeschichte« darstellt, führt die wiederholte Erwähnung des Vaters als der Person, an die sich der jüngere Sohn in seinem Selbstgespräch (15,17–19) erinnerte und zu der hin er aufbrach (V. 20a), zur Einschätzung von 15,17–20a als eines Passus, der auf derselben Gliederungsebene liegt wie 15,13–16.
Zweitens kann man bei einer inventarorientierten Analyse Angaben von untergeordneter Bedeutung[57] kaum als solche erkennen und gewichten. Dazu müsste die konkrete sprachliche Gestaltung des Textes mit bedacht werden.
Daher sind nun Analyseverfahren vorzustellen, die genau dies gestatten.
2.4 Sprachorientierte Analyse
Jede als Text dargebotene Erzählung stellt eine »sprachliche Äußerung[ ]« dar, »die als Einheit betrachtet werden« kann[58]. Bei ihrer Segmentierung ist daher zu berücksichtigen, welche sprachlichen Mittel in ihr verwendet werden. Es kann freilich angesichts der Aufgabe, einen Überblick über ihren Aufbau zu gewinnen, nicht darum gehen, eine umfassende linguistische Analyse durchzuführen.[59] Vielmehr muss die Untersuchung auf Textmerkmale beschränkt werden, die an |18|der Textoberfläche liegen und dort der Abgrenzung und/oder Verknüpfung von Sinneinheiten dienen. Als solche Merkmale können gelten
die Einbindung von Sätzen, die direkte Rede anzeigen und damit jeweils eine weitere Kommunikationsebene in die Erzählung einführen,
Wiederholungen (von Satzfolgen, Aussagen oder Begriffen), die einzelne Abschnitte der Geschichte miteinander verknüpfen,
Wiederaufnahmen (von Personen oder Gegenständen bzw. Sachverhalten), die wesentlich zur Kohärenz des Textes beitragen, sowie
auffällige syntaktische Phänomene.[60]
Was Zusammenstellung und Auswertung dieser Merkmale erkennen lassen und was nicht, wird bei der Anwendung auf Lk 15,11b–32 gut sichtbar.
2.4.1 Metakommunikative Sätze mit folgender direkter Rede
Innerhalb der Erzählung[61] finden sich folgende Belege: a) Nach Lk 15,12a–c brachte der jüngere Sohn einen Wunsch vor den Vater; anstelle einer Antwort wird vom Vollzug des Erbetenen erzählt. b) In 15,17–19 wird ein Selbstgespräch jenes Sohnes zitiert, in dem er auch eine Ansprache an den Vater konzipierte (15,18afin.–19); es folgt (beginnend mit V. 20a) die Darstellung der Umsetzung seines Vorhabens. c) Laut V. 21 trug der Sohn dem Vater auf dessen wortlose Begrüßung hin den ersten Teil der geplanten Ansprache vor. Die Verse 22–24b bieten dann, statt einer Antwort an den Sohn, einen Auftrag des Vaters an seine Diener, dessen Erledigung V. 24c voraussetzt. d) V. 27 stellt dar, was eine Bursche, den der ältere Sohn gerufen hatte (V. 26init.), auf dessen in indirekter Rede angeführte Frage (V. 26fin.) antwortete; die Reaktion des Sohnes erfolgte ohne weitere Worte (V. 28a). e) Während V. 28b erzählt, wie der Vater diesem Sohn »zuredete«, wird zum Schluss ein Wortwechsel zwischen Sohn (15,29f.) und Vater (15,31f.) wörtlich wiedergegeben.
Die Relevanz der Sequenzen aus Redeeinleitung und direkter Rede erhellt schon daraus, dass sie insgesamt gut die Hälfte des Textes ausmachen.[62] Zudem enthalten sie Wertungen des Geschehens.[63] In der Tat lassen sie sich anhand der Identitäten von Sprecher und Adressat sowie des jeweils Gesagten zu Gruppen verbinden, die den Aufbau der Erzählung erkennbar machen. Zuerst redet nur der jüngere Sohn: Er fordert den Vater auf, ihm sein Erbteil auszuzahlen (Lk 15,12a–c), und bereitet damit seinen Fort- sowie Niedergang vor; er gedenkt im Selbstgespräch seines Vaters und plant Aufbruch und Rückkehr (15,17–19), inklusive einer Ansprache an ihn; angekommen – und voll Mitleid begrüßt –, bekennt er dem Vater, gesündigt und den Sohnesstatus verspielt zu haben (V. 21). Daraufhin spricht der Vater, wendet sich aber an seine Diener (15,22–24b); das in Auftrag gegebene Fest wird sofort begonnen. Ab V. 25 ist es der ältere Sohn, der Gespräche führt: zunächst mit einem der Burschen, der, herbeigerufen und befragt, ihm erklärt, warum es ein Fest gibt (15,26f.); sodann mit dem Vater, der |19|ihm in seinem Zorn zuredet (V. 28a–b) und auf seinen Protest hin (15,29f.) das Schlusswort spricht, das ihn der Gemeinschaft mit dem Vater versichert, zugleich aber das Fest für den »Bruder« für notwendig erklärt (15,31f.). Demnach ist der Text wie folgt zu gliedern:

Diese Betrachtungsweise lässt die Zweiteiligkeit der Erzählung (mit der Grenze zwischen Lk 15,24 und 25) klar zutage treten. Sie macht darüber hinaus deutlich, dass auf der erst entworfenen,[64] dann dem Vater vorgetragenen Ansprache des jüngeren Sohnes (15,18b–19.21) – der Sache nach also auf dessen Reue und Umkehr – ein starker Akzent liegt. Nicht zuletzt vermittelt sie die Einsicht, dass die beiden Hauptteile zum Ende hin parallel strukturiert sind: Beiden Söhnen kam der Vater freundlich entgegen (V. 20b, V. 28b); beide betonten, auf je eigene Weise, ihre innere Distanz zum Vater (V. 21 und 15,29f.); beide vergewisserte er daraufhin ihrer Gemeinschaft mit ihm (V. 22b–c, V. 31b–d)[65], um abschließend hier wie dort von dem Fest zu sprechen, mit dem die Rückkehr des jüngeren Sohnes ins Leben gefeiert wurde (15,23–24b und 32). Freilich richtet sich das Wort des |20|Vaters in 15,22–24b an seine Diener. Ihnen, die er zu Mitfeiernden gemacht hat (V. 23c.24c), wird also in der Erzählung der ältere Sohn gegenübergestellt, der sich fernhielt und von dem am Ende offen bleibt, ob er sich zur Mitfreude bewegen ließ.
Am Beispiel von Lk 15,11b–32 zeigt sich somit: Anhand der Einbindung wörtlich zitierter Äußerungen von und Gespräche zwischen den Protagonisten einer Erzählung kann man einen Überblick über ihre Anlage gewinnen und erkennen, welche Rollen jene Figuren in einzelnen Abschnitten und im Gesamtgefüge des Textes einnehmen. Zudem wird sichtbar, welche Impulse das Fortschreiten der Handlung bewirken. Offen bleibt freilich, in welchem hierarchischen Verhältnis zueinander die einzelnen Sequenzen stehen und welche Sinnlinien sie miteinander verbinden; dabei geraten auch begriffliche Differenzierungen (wie die zwischen »dein Sohn« in V. 30a und »dein Bruder« in V.32b) aus dem Blick. Eine sprachorientierte Analyse muss deshalb auch die »Wiederaufnahmestruktur«[66] eines Textes erheben. Deren auffälligstes Element ist die schlichte Wiederholung; sie ist deshalb als Nächstes zu erörtern.
2.4.2 Wiederholungen
Innerhalb von Lk 15,11b–32 werden an zwei Stellen ganze Sätze wiederholt: In V. 21b–d zitiert der jüngere Sohn die ersten zwei Drittel seiner in 15,18b–19b konzipierten Ansprache; der letzte Teil des Konzepts: »Mache mich wie einen deiner Tagelöhner«, wird durch den unmittelbar auf sein Schuldeingeständnis folgenden Auftrag des Vaters an die Diener, den Heimkehrer feierlich als Sohn willkommen zu heißen (15,22–24b), verdrängt. In V. 32 weist der Vater seinen älteren Sohn dann mit signifikanten Modifikationen auf denselben Zusammenhang hin, den er in 15,23c–24b den Dienern angezeigt hat:
| 15,23c–24b | 15,32 |
| »Lasst uns essen und feiern, | »(Jetzt) aber war es nötig, zu feiern und fröhlich zu sein, |
| denn dieser mein Sohn war tot | denn dein Bruder da war tot |
| und ist wieder lebendig geworden, | und ist lebendig geworden, |
| er war verloren | und (er war) verloren |
| und ist gefunden worden.« | und ist gefunden worden.« |
Beide Wiederholungen verstärken die innere Geschlossenheit des Gesamttextes;[67] im Übrigen erfüllen sie jedoch verschiedene Funktionen. Das wörtliche Zitat von 15,18b–19a in V. 21b–d unterstreicht, dass gerade das Schuldbekenntnis den Vater veranlasste, die feierliche Aufnahme des Heimgekehrten als seines Sohnes zu vollziehen – und markiert somit unübersehbar die aus dem Elend ins Fest führende Wende auf dessen Lebensweg. Dies Zitat verknüpft also Teilabschnitte innerhalb des dem jüngeren Sohn gewidmeten Teils der Erzählung. Die Variation von 15,23c–24b in V. 32 verstärkt hingegen den Kontrast zwischen den Dienern, die eingeladen wurden, an der Freude des Vaters über die Rettung des jüngeren Sohnes teilzuhaben, und dem älteren Sohn, der genau jene Freude nicht teilte, |21|damit aber seine Aufgabe als Bruder des Jüngeren verfehlte. Diese Variation hebt also die analoge Zuspitzung der auf je einen der Söhne fokussierten Hauptteile hervor. So zeigt sich: Wiederholungen können auf verschiedenen Ebenen der Erzählung als Gliederungsmerkmale dienen; gewichten lassen sie sich jedoch nur aufgrund einer mit anderen Kriterien vorgenommenen hierarchischen Ordnung jener Ebenen.
Dies wird noch deutlicher im Blick auf die Aussagen zur Schlachtung des »Mastkalbes«. Dreimal ist davon die Rede – nacheinander in der Anweisung des Vaters, im Bericht des Burschen und im Protest des älteren Sohnes:
15,23: »und holt das Mastkalb, schlachtet es, und lasst uns essen und feiern.«
15,27: »… Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das Mastkalb geschlachtet …«
15,30: »als aber dein Sohn da … kam, hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.«
Die doppelte Wiederholung signalisiert, dass etwas Außergewöhnliches vollzogen wurde: ein Akt, der zugleich die große Freude des Vaters ausdrückt und den zornigen Protest des älteren Sohnes erklärt.[68] Damit aber knüpft sie die Begegnungen des älteren Sohnes mit Bursche und Vater an das Fest, mit dessen Eröffnung die Darstellung der Heimkehr des jüngeren Sohnes schließt.
Verschiedenen Zwecken dienen auch die Wiederholungen bestimmter Ausdrücke. So markiert die Aufnahme des Adjektivs μακρά »fern« aus Lk 15,13 (»ein fernes Land«) im Adverb μακράν (V. 20b: »Als er … noch fern war …«) den Beginn des Abschnitts, der die Rückkehr des ausgewanderten Sohnes behandelt. Zuvor werden zum einen sein Selbstgespräch durch zwei Hinweise auf die »Tagelöhner« (V. 17b.19b), zum andern die ganze Schilderung seines inneren wie faktischen Aufbruchs durch Kombinationen des Reflexivpronomens ἑαυτόν/ἑαυτοῦ mit dem Verb »gehen« (V. 17a: »Er … ging in sich …«; V. 20a: »… und ging zu seinem eigenen Vater«) gerahmt; dabei repetiert V. 20a zugleich die Formulierung ἀναστὰς … πρὸς τὸν πατέρα aus V. 18a. Die Rede vom tötenden »Hunger« (λιμός) des Sohnes in V. 17c greift die Erwähnung der »schweren Hungersnot« (λιμὸς ἰσχυρά) in V. 14a auf, verknüpft also sein Selbstgespräch (15,17–19) mit der Darstellung seines Elends (15,14–16). Später zeigt die Umsetzung des Adhortativs »lasst uns feiern« (V. 23fin.) in die Aussage »und sie begannen zu feiern« (V. 24c) das Ende des Hauptteils an, der vom Werdegang des jüngeren Sohnes handelt; die erneute Aufnahme des Verbs »feiern«[69] im Disput zwischen älterem Sohn (V. 29fin.: »auf dass ich … feiere«) und Vater (V. 32a: »… war es nötig zu feiern …«) unterstreicht dann, wie der Schluss der Erzählung auf den jenes Hauptteils zurücklenkt.
Im letztgenannten Zusammenhang ist eine weitere Beobachtung bedeutsam. Die Erwähnung der δούλοι »Diener« in Lk 15,22a spiegelt sich im Selbstporträt des älteren Sohnes wider, der in V. 29b von sich sagt: »Siehe, so viele Jahre diene (δουλεύω) ich dir …« Der Erzähler verstärkt also den Kontrast zwischen den Dienern, die auf Anweisung des Vaters das Fest der reuigen Heimkehr des jüngeren Sohnes nicht nur ausrichteten, sondern auch mitfeierten (V. 23c.24c), und dem älteren Sohn, der dem Fest für seinen Bruder voller |22|Zorn fernblieb (V. 28a),[70] dadurch, dass er jenen Sohn sich selbst die Rolle eines Dieners zuschreiben lässt.
So dienen Wortwiederholungen in 15,11b–32 zur Kennzeichnung von Neueinsätzen (vgl. V. 20b nach V. 13), zur Rahmung von Abschnitten (vgl. V. 17a / 20a und V. 17b / 19b), zur Verklammerung von Absätzen (vgl. V. 17c im Gefolge von V. 14), zur Anzeige eines Abschnittsendes (vgl. V. 24c nach V. 23fin.) etc. Wie und auf welcher Ebene der Erzählung sie auf deren Aufbau hindeuten, kann man deshalb nur im Verein mit weiteren, deutlich segmentierenden Textmerkmalen entscheiden. Dies gilt umso mehr, als manche begrifflichen Doppelungen für die Gliederung wenig bis gar nichts besagen.[71]
Demnach ist festzuhalten: Wiederholungen von Sätzen, Aussagen und Begriffen können innerhalb einer Erzählung durchaus Grenzen oder Verknüpfungen zwischen einzelnen Abschnitten anzeigen; verlässlich in diesem Sinne deuten darf man sie jedoch nur im Konnex mit anderen, klaren Gliederungsmerkmalen. Wie aber steht es mit Rückbezügen, die sich nicht (primär) auf begrifflicher, sondern auf funktionaler und semantischer Ebene vollziehen?
2.4.3 Wiederaufnahmen
»Die explizite Wiederaufnahme besteht in der Referenzidentität bestimmter sprachlicher Ausdrücke in aufeinanderfolgenden Sätzen eines Textes.«[72] Eine »implizite Wiederaufnahme« liegt dort vor, wo zwischen den Bezeichnungen »bestimmte … semantische Beziehungen« wie z.B. eine »Teil-von-Relation« bestehen.[73] Solche Wiederaufnahmen sind für die Struktur einer Erzählung zumal dann bedeutsam, wenn sie an den Handlungsträgern und den zentralen Gegenständen oder Sachverhalten des Textes vollzogen werden.
Achtet man zunächst darauf, wo und wie in Lk 15,11b–32 die Handlungsträger eingeführt und wieder aufgenommen werden, so ergibt sich folgender Befund: Als Hauptfigur wird in Lk 15,11b »ein Mensch« mit zwei Söhnen benannt. Er heißt im Weiteren »der Vater« (V. 12a.22a) bzw., mit Bezug auf den einen oder anderen Sohn, »sein Vater« (V. 20a.b, V. 28b.29a); bisweilen wird er auch nur mit Artikel im Nominativ (V. 12d.31a) oder Personalpronomen (V. 21a: Dativ, V. 22a.25a: Genitiv) bezeichnet.
Innerhalb von Passagen direkter Rede wird er zum einen als »mein Vater« (so der jüngere Sohn in Lk 15,17b.18a) oder »dein Vater« (so der Bursche in V. 27b) betitelt, zum andern auf verschiedene Weisen angesprochen: vom jüngeren Sohn als »Vater« (V. 12b.18b.21b) und mit Imperativen (V. 12c.19b), von beiden Söhnen mit Pronomina der 2. Person Singular (15,18c–19b.21c–d, V.29b.30a), vom älteren Sohn auch mit Verben derselben Person (V. 29c.30b); zweimal spricht er zudem von sich selbst in der 1. Person Singular (V. 24a.31c–d), und einmal fasst er sich mit den Dienern in der 1. Person Plural zusammen (V. 23c).
|23|Die beiden Söhne kommen gemeinsam nur in Lk 15,11b sowie – bezeichnet durch Personalpronomina der 3. Person Plural – in V. 12a.d in den Blick, freilich nie als Handlungssubjekte.[74]
Danach ist primär vom jüngeren Sohn die Rede. Er wird in Lk 15,12a »der jüngere von ihnen«, in V. 13 »der jüngere Sohn« und in V. 21a »der Sohn« genannt. In 15,13fin.–16b und 20b verweisen je fünf Personalpronomina der 3. Person Singular, in V.17a und V. 20a je ein Reflexivpronomen derselben Person auf ihn; zudem fungiert er als Subjekt der Verben in V. 15a.16a.
In den Passagen direkter Rede heißt er »dieser mein Sohn« aus Sicht des Vaters (Lk 15,24a), »dein Bruder« im Mund des Burschen (V. 27a), »dein Sohn da« aus Sicht des älteren Sohnes (V. 30a) und »dein Bruder da« im Mund des Vaters (V. 32b); er selbst spricht sich in V. 19a.21d in Bezug auf seinen Vater den Titel »dein Sohn« ab. Ferner sind innerhalb der direkten Rede Personalpronomina der 1. und 3. Person Singular (15,12c.17b–18a.19b und V. 22b–c.27c.30b) sowie Verben der 1. Person Singular (15,18a–19a.21c–d) auf ihn bezogen.
Der andere Sohn wird erst in Lk 15,25a mit der Angabe »sein (sc. des Vaters) älterer Sohn« eingeführt und fortan mit Artikel im Nominativ (V. 29a) oder mit Personalpronomen (V. 27a.31a: Dativ, V. 28b: Genitiv und Akkusativ) bezeichnet; außerdem agiert er in 15,25b–26 und 28a als Subjekt.
Innerhalb direkter Rede wird er in Lk 15,27a–b (vom Burschen) und V. 31c–d.32b (vom Vater) mit Personalpronomina der 2. Person Singular, in V. 31b überdies mit dem Ausdruck »Kind« adressiert; in V. 29b.c spricht er mit Verben und Personalpronomina der 1. Person Singular von sich selbst.
Von den weiteren Erzählfiguren werden die »Freunde« des älteren Sohnes nur einmal in wörtlicher Rede genannt (Lk 15,29c). Die übrigen nimmt der Erzähler nach ihrer Vorstellung auf verschiedene Weisen wieder auf: Erstens ist nach dem Verweis auf »einen der Bürger jenes Landes« (V. 15a) erst von »seinen Feldern« (V. 15b), dann implizit von sonstigen Bewohnern des Landes (V. 16b: »niemand«) und schließlich von dort lebenden »Huren« (V. 30a) die Rede. Zweitens beginnt und endet das Selbstgespräch des jüngeren Sohnes mit einem Blick auf die »Tagelöhner« des Vaters (V. 17b.19b). Drittens wird aus der Gruppe der »Diener« (V. 22a) – an die der Vater etliche Imperative richtet (15,22b–23b) – einer noch zweimal erwähnt: in V. 26 mit der Angabe »einer der Burschen« und in V. 27a mit dem Artikel im Nominativ.
Während die je neu anzustellenden »Tagelöhner« von den dauerhaft tätigen »Dienern« unterschieden werden müssen, herrscht dem lukanischen Sprachgebrauch zufolge zwischen Letzteren und den »Burschen« Referenzidentität.[75] Allerdings setzen beide Begriffe unterschiedliche Akzente: Während δοῦλος auf ein durch »unaufhebbare Pflichterfüllung und Dienstleistung« geprägtes Dasein und somit auf dessen »Bindung an einen Übergeordneten« hinweist,[76] unterstreicht παῖς als »Sammelbegriff für die im Haus dem Herrn unterstehenden Glieder des Hausstandes« deren »Zugehörigkeit« zum Haus[77]. Der Be|24|griffswechsel fällt umso mehr auf, als die Erwähnung der Diener (Lk 15,22a) implizit auch in den pluralischen Verbformen in V. 23c (»lasst uns feiern«) und V. 24c (»und sie begannen zu feiern«) wiederaufgenommen wird, durch die sie mit dem Vater – und im zweiten Fall wohl auch mit dem jüngeren Sohn – verbunden sind. Der bereits notierte[78] Kontrast zwischen den mitfeiernden Dienern und dem sich fernhaltenden älteren Sohn wird also noch dadurch verstärkt, dass jene im Verlauf des Festes als Glieder des väterlichen Hauswesens erscheinen.
Dieser Befund ist nun zu komplex, um in einer Textübersicht abgebildet und somit für die Gliederung des Textes ausgewertet werden zu können. Dazu ist eine Konzentration auf die wesentlichen Daten erforderlich. Zu diesen gehört erstens die Abfolge begrifflicher Substitutionen, bei denen der Erzähler die Erstbezeichnung eines Handlungsträgers (z.B. »ein Sohn«) präzisiert (»der jüngere Sohn«), determiniert (»der Sohn«), relational bestimmt (»sein Sohn«) oder pronominalisiert (»er«) und dann – durch Rückgriff auf eine der vorausliegenden Substitutionsstufen – wieder renominalisiert.[79] Zumal die Renominalisierung ist relevant, da sie oft anzeigt, dass eine Erzählfigur erneut aktiv oder nach längerer Zeit wieder erwähnt wird,[80] in jedem Fall aber ihrer Erwähnung besonderes Gewicht verleiht. Bedeutung hat zweitens, ob eine Person als Subjekt oder Objekt eines Satzes fungiert und ob eine direkte Rede an sie gerichtet ist oder von ihr handelt. Drittens ist zu beachten, welche Beziehungen zwischen den Handlungsträgern durch relationale Bestimmungen oder durch mehrere Personen betreffende Aussagen geknüpft werden.
Unter diesen Gesichtspunkten lässt sich die Wiederaufnahmestruktur der Erzählung Lk 15,11b–32 hinsichtlich der Handlungsträger in der nebenstehenden Tabelle darstellen. Sie gibt zu erkennen:
1 Die Einleitung in diese Geschichte von »ein(em) Mensch(en)« und seinen »zwei Söhne(n)« erfolgt in Lk 15,11b–12; sie benennt die Figurenkonstellation und die auf Initiative des jüngeren der Söhne vom Vater für beide geschaffene Ausgangssituation.
2 Lk 15,13 eröffnet den ersten Hauptteil, in dem »der jüngere Sohn« die zentrale Figur darstellt. Der Handlungsstrang reicht vom Fortgang in ein fernes Land bis zum Sündenbekenntnis bei der Heimkehr (V. 21). Dabei wird in 15,15f. ausdrücklich von Kontakten zu Bewohnern jenes Landes erzählt; anschließend heißt es, er gehe »in sich« (15,17–19) und erneuere gedanklich die Beziehung zu »(s)einem Vater«, in der er jetzt aber nicht mehr dessen »Sohn« heißen, sondern nur noch als »Tagelöhner« für ihn arbeiten könne; Aufbruch (V. 20a) und Annäherung ans Haus ziehen dann die Begrüßung durch »sein(en) Vater« nach sich (V. 20b), die »der Sohn« mit seinem Bekenntnis beantwortet (V. 21).
3 In Lk 15,22a lenkt der Ausdruck »der Vater« auf die Einleitung zurück. Die folgende Rede (15,22b–24b) bildet den Höhe- und Wendepunkt der Erzählung: Einerseits rundet sie den ersten Hauptteil ab, insofern hier der Heimkehrer – in antithetischer Aufnahme des vorgetragenen Bekenntnisses – vom Vater »dieser mein Sohn« (V. 24a) genannt wird. Andererseits begründet der |26|Zusammenschluss des Vaters mit »den Dienern« zu einem »Wir« (V. 23c) eine neue Gemeinschaft, deren gemeinsames Handeln (V. 24c) den Rahmen der anschließend dargestellten Begegnungen schafft.
4 Der Blick auf »sein(en) ältere(n) Sohn« in Lk 15,25 leitet den Schlussteil ein. Dessen Ziel wird bereits im Gespräch mit »einem der Burschen« erkennbar, weist dieser doch dem Sohn mit den Bezeichnungen »dein Bruder« und »dein Vater« (V. 27) diejenige Rolle im Familienverband zu, die er einnehmen müsste. Im anschließenden Dialog macht ihm »sein Vater« auf seinen Protest hin diese Aufgabe unmissverständlich klar, indem er einerseits ihn seiner Stellung als »Kind« vergewissert, andererseits seine distanzierende Redeweise »dein Sohn da« durch die Rede von »dein(em) Bruder da« korrigiert. Zugleich greift der Dialog mit der Aussage »ich diene dir« die Festgemeinschaft des Vaters mit den Dienern (15,22a.23.24c), mit dem Ausdruck »dein Sohn da« die Aufnahme des reuigen Sünders durch den Vater (15,18f.20b–21.22b–c.24a–b) und mit der Erwähnung von »Huren« das Leben des jüngeren Sohnes in der Fremde (15,13–16) auf und führt auf diese Weise alle wichtigen Fäden der Erzählung zusammen.

Wie sich an Lk 15,11b–32 zeigt, hilft diese Betrachtungsweise dazu, eine Erzählung plausibel zu strukturieren; sie macht zudem die Funktion der einzelnen Abschnitte im Verhältnis zueinander und somit das narrative Gefälle des Textes erkennbar. In einer Übersicht lässt sich Letzteres wie folgt darstellen:

Die Fokussierung auf die Bezeichnungen der Handlungsträger ist freilich relativ einseitig; die Anlage der Erzählung in zeitlichen und räumlichen Dimensionen bleibt dabei ebenso unberücksichtigt wie ihre thematische Ausrichtung.
Der letztgenannte Mangel lässt sich nun dadurch beheben, dass man verfolgt, wie die wesentlichen Gegenstände und Sachverhalte der Erzählung in deren |27|Verlauf wieder aufgenommen werden. Hierzu sind folgende Verknüpfungen zu verzeichnen:
a) Das vom jüngeren Sohn anteilig erbetene, vom Vater aufgeteilte Erbe wird in Lk 15,12c (vom Sohn) οὐσία »Gut«, in V. 12d (vom Erzähler) βίος »Eigentum« genannt.[81] Der dem Sohn zustehende Anteil (τὸ ἐπιβάλλον μέρος) wird in V. 13init. mit dem Ausdruck πάντα »alles« wiederaufgenommen; danach wird dreimal auf die Verschwendung dieses Anteils verwiesen: Der Sohn habe »sein Gut vergeudet« (V. 13fin.), »alles ausgegeben« (V. 14a) und – so hält es der ältere Sohn dem Vater vor – »dein Eigentum … aufgezehrt« (V. 30a). Der andere, in V. 12d implizit dem älteren Sohn zugesprochene Erbteil wird in V. 31d vom Vater erwähnt, indem er jenem Sohn gegenüber feststellt: »alles (πάντα), was mein ist, ist dein«.[82] In den Blick gerät dieser Erbteil freilich schon vorher: zum einen in der Nennung der »Tagelöhner«, die beim Vater in Lohn und Brot stehen (V. 17b.19b), zum andern mit dem »Ring«, den der Vater dem jüngeren Sohn »an seine Hand« stecken lässt (V. 22c) – denn damit gibt er dem Heimkehrer erneut die Verfügungsgewalt, die ihm als Sohn zustand, die er mit dem Empfangen seines Anteils aber aufgegeben hatte.[83]
Die logische Spannung, die damit zu der Zusage des Vaters an den älteren Sohn: »alles, was mein ist, ist dein« (Lk 15,31d), entsteht, gehört gerade zu der »Zumutung des Irrealen«[84], die die Erzählung als Gleichnis, als metaphorische Rede von Gott, ausweist.
b) Die »heillose Lebensweise« (Lk 15,13fin.) des jüngeren Sohnes gipfelt in seiner Arbeit als Schweinehirte (15,15f.)[85]; in V. 18c und V. 21c wertet er selbst sie als Sünde »gegen den Himmel und vor dir (sc. dem Vater)«. Der Vater bestätigt die Wertung, indem er erst zu den Dienern (V. 24), dann zum älteren Sohn (V. 32) sagt: »Dieser … war tot … [und] verloren«. Dabei lassen der Rückbezug seines Kommentars auf die reuevolle Rückkehr des jüngeren Sohnes (15,20b–21) und der Kontrast zu seiner an dessen Bruder gerichteten Feststellung: »du bist allezeit bei mir« (V. 31c), erkennen, dass jedenfalls der Vater schon den Fortgang jenes Sohnes »in ein fernes Land« (vgl. V. 13) als Schritt in den »Tod« ansieht.[86] In V. 30a spricht zudem der Bruder den Vater auf die heillose Lebensweise des Jüngeren an; indem er diesem vorwirft, er habe mit Huren »dein (sc. des Vaters) Eigen|28|tum … aufgezehrt«, bezieht er auch die Vergeudung des zugeteilten Gutes (vgl. 15,13–14init.) ein. Dass der jüngere Sohn infolge dieser Vergeudung Mangel und Hunger litt (V. 14b.16), wird an sich nur innerhalb seines Selbstgespräches aufgenommen: »ich komme hier vor Hunger um« (V. 17c); über das doppeldeutige Stichwort ἀπόλλυμαι »ich komme um / bin verloren« ist das Motiv des tötenden Hungers jedoch auch mit den Kommentaren des Vaters in V. 24b.32c verbunden[87].
c) Der jüngere Sohn plant (Lk 15,18f.) und vollzieht (V. 20a.21) seine Rückkehr zum Vater; dieser heißt ihn willkommen (V. 20b) und bestätigt mit einem Auftrag an die Diener die Aufnahme des Sohnes in das Haus (V. 22). Rückkehr und Aufnahme werden dann mehrfach kommentiert: zuerst und zuletzt vom Vater (V. 24a–b.32b–c: »dieser … ist [wieder] lebendig geworden, … gefunden worden«), dazwischen vom Burschen (V. 27: »… dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat …, weil er ihn gesund zurückerhalten hat«[88]) und vom älteren Sohn (V. 30a: »als aber dieser dein Sohn … kam«).
d) Die mit der Schlachtung des Mastkalbes eingeleitete Feier der Rückkehr des jüngeren Sohnes wird vom Vater angeordnet (Lk 15,23), von allen Beteiligten begonnen (V. 24c) und dann eingehend besprochen: Der Erzähler notiert, der ältere Sohn habe »Musik und Tanz« gehört (V. 25c), sich bei einem Burschen erkundigt, »was dies sei« (V. 26fin.), und sich nach dessen Auskunft entschieden, »nicht hinein(zu)gehen« (V. 28a). Ferner reden Bursche (V. 27b) und älterer Sohn (V. 30b) davon, dass der Vater »das Mastkalb geschlachtet« hat.[89] Auf den Protest des Älteren hin – dass der Vater ihm trotz seines treuen Dienstes »niemals eine Ziege gegeben« habe, »auf dass ich mit meinen Freunden feiere« (V. 29c) – betont der Vater dann, es sei »nötig« gewesen, »zu feiern« und, wie es jetzt ausdrücklich heißt, »fröhlich zu sein« (V. 32a).
e) In seinem Protest gegen das Fest weist der ältere Sohn mit der Aussage »so viele Jahre diene ich dir« (V. 29b) zumindest auf die seit der Erbteilung (V. 12d) verstrichene Zeitspanne zurück, vielleicht auch auf das Dasein beim Vater insgesamt (V. 11b). Letzteres ist auf jeden Fall in der Antwort des Vaters im Blick, wenn dieser ihn als »Kind« anspricht und ihm in Erinnerung ruft: »Du bist allezeit bei mir« (V. 31c).
Insgesamt ergibt sich zur Wiederaufnahme von Gegenständen und Sachverhalten in Lk 15,11b–32 das nebenstehend abgedruckte Bild. Es macht deutlich, wie die oben anhand der Bezeichnungen der Handlungsträger definierten Hauptteile und Szenen miteinander verbunden sind, und darüber hinaus auf weitere Übergänge aufmerksam:

1 |30|Die Notiz, dass der jüngere Sohn »alles zusammengeholt hatte« (V. 13init.), schließt die Darstellung der Erbteilung in V. 12 ab.[90]
2 Die Schilderung seines verschwenderischen Lebens (V. 13) gipfelt in dem Satz, er habe begonnen zu darben (V. 14b); und die ab V. 15 geschilderte Elendssituation spiegelt der Auftakt seines Selbstgesprächs (V. 17) wider.
3 Planung und Vollzug der Umkehr zum Vater (15,18–20a) münden in dessen von Mitleid bestimmtes Entgegenkommen (V. 20b); und das Bekenntnis, gesündigt zu haben, zieht – über die Hoffnung auf Anstellung als Tagelöhner (V. 19) hinaus – die Wiederaufnahme als Sohn (V. 22) nach sich.
4 Die Beschreibung des Festes in 15,23f. wird mit dem Hinweis vollendet, der ältere Sohn habe bei seiner Annäherung ans Haus »Musik und Tanz« gehört (V. 25b–c); und seine auf die Befragung eines Burschen (15,26f.) folgende Weigerung »hineinzugehen« (V. 28a) führt dazu, dass der Vater »herauskam und ihm zuredete« (V. 28b).
Zudem wird beim Blick auf die Gegenstände und Sachverhalte ein zweiphasiger Verlauf der Geschichte erkennbar: Zunächst erweist sich V. 22 dadurch als Höhepunkt, dass der Vater hier den jüngeren Sohn mit dem Auftrag zur Übergabe des besten Gewands und des Rings erneut in die eingangs aufgehobene Haus- und Erbengemeinschaft aufnimmt. Sodann zeigt sich, wie der Passus 15,30–32 die Erzählung abrundet: Hier kommen alle zuvor eingeführten Gegenstände und Sachverhalte noch einmal zur Sprache, und hier wird die ab V. 11b behandelte Zeitspanne insgesamt überblickt. Die in letztgenannter Hinsicht vorgenommene Fokussierung auf den älteren Sohn setzt freilich schon in V. 29 ein.
Eine an diesen Beobachtungen orientierte Gliederung sähe wie folgt aus:

|31|Solch eine Gliederung lässt vor allem die narrativen Verknüpfungen und damit den inneren Zusammenhang einer Erzählung zutage treten; sie bringt insofern auch ihre thematische Ausrichtung zur Geltung. Freilich überdeckt sie die Einschnitte zwischen den einzelnen Szenen, die durch zeitliche Abstufungen, Ortsveränderungen oder Wechsel im Personentableau markiert werden.
Bei beiden Varianten einer wiederaufnahme-orientierten Gliederung wird darüber hinaus außer Acht gelassen, wie der Text syntaktisch gestaltet ist. Diese Gestaltung ist deshalb im Folgenden auf ihre Bedeutung für den Aufbau einer Erzählung hin zu analysieren.
2.4.4 Auffällige syntaktische Phänomene
Soll ein Text auf der syntaktischen Ebene Gliederungsmerkmale enthalten, so müssen diese aus der Gesamtgestaltung deutlich hervortreten. Dafür kommen einerseits besondere Konjunktionen und Partikeln, andererseits hervorstechende Satzformen und Satzkonstruktionen in Betracht. Um sie identifizieren zu können, bedarf es freilich vorab einer überblicksartigen Wahrnehmung der grundlegenden Prinzipien, nach denen der Text syntaktisch aufgebaut ist.
Lk 15,11b–32 besteht als Erzählung zum einen aus kurzen, meist vier bis zehn Wörter umfassenden Aussagesätzen, zum andern aus diversen, unterschiedlich langen Passagen direkter Rede[91]. Verknüpft werden die Sätze meist durch καί »und« sowie δέ »aber«. Finite Verbformen in den Aussagesätzen erscheinen fast immer in der 3. Person Singular sowie überwiegend im Aorist und verbinden sich öfters mit einem Infinitiv oder einem Partizip; in direkter Rede wechseln sich einerseits verschiedene Tempora, andererseits Indikativformen verschiedener grammatischer Personen, Infinitive und Imperative ab.
In diesem Rahmen fallen folgende Phänomene auf: a) Als Aussagesatz ist bereits der erste Teil von Lk 15,13 (bis einschließlich »in ein fernes Land«) mit 14 Wörtern ungewöhnlich lang. Umso mehr gilt dies für V. 20b, dessen Teilsätze über insgesamt 22 Wörter einen zusammenhängenden Handlungsablauf schildern. Beide Teilverse korrespondieren sachlich miteinander, insofern der erste den Fortgang, der zweite die Rückkehr des jüngeren Sohnes thematisiert (worauf auch das hier wie dort belegte Wort μακρά[ν] »fern« hindeutet)[92]. Außerordentlich kurz ist dagegen V. 24c, der nur drei Wörter umfasst.
b) Der letztgenannte Satz sticht auch dadurch hervor, dass ihn ausnahmsweise ein Verb der 3. Person Plural regiert.[93] Er greift damit den seinerseits singulären Adhortativ Plural in Lk 15,23c auf. Diese Abfolge von Imperativ und Indikativ wiederum findet ihre Entsprechung in V. 12c–d. An beiden Stellen notiert der Erzähler, dass eine Aufforderung umgehend umgesetzt wurde.
c) Hinsichtlich der Verwendung von Partizipien ziehen die genitivi absoluti in Lk 15,14init. und V. 20binit. besondere Aufmerksamkeit auf sich. In beiden Fällen führt die Konstruktion auf eine dramatische Entwicklung der Geschichte hin – |32|die im ersten Fall mit dem Ausbruch einer Hungersnot, im zweiten mit dem unerwarteten Entgegenkommen des Vaters anhebt.
d) Beim Tempusgebrauch in den narrativen Passagen ist zu beobachten, dass sich der geschilderte Geschehensablauf durch den Einsatz jeweils mehrerer Imperfektformen an zwei Stellen stark verzögert: In Lk 15,16[94] erreicht die in V. 14 einsetzende Schilderung des Elends, in das der jüngere Sohn stürzt, ihren Tiefpunkt;[95] in 15,26–28[96] wird das laufende Fest durch die Reaktion des (in V. 25a erstmals erwähnten) älteren Sohnes in Frage gestellt. Hier wie dort spitzt der Erzähler eine Problematik zu, um sie im Folgenden – durch das Selbstgespräch des jüngeren Sohnes in 15,17–19, durch den Disput[97] zwischen Vater und älterem Sohn in 15,28b–32 – einer Lösung zuzuführen.
e) Der Einsatz von Tempora und Modi in den Passagen direkter Rede spiegelt den Ablauf der erzählten Geschichte wider:
Die Forderung an den Vater in Lk 15,12b–c (Imperativ) bereitet den Fortgang des jüngeren Sohnes vor, weist also in die Zukunft.
Sein Selbstgespräch führt von der Lagebetrachtung (Präsens in Lk 15,17b–c) zu einem Entschluss (Futur in V. 18a), wobei die konzipierte Rede an den Vater (15,18b–19b) ihrerseits Rückblick, Kommentar zur Gegenwart und Bitte für die Zukunft – jeweils asyndetisch – miteinander verknüpft.
Bei seiner Ankunft kann der Sohn sein Redekonzept nicht zu Ende führen (Lk 15,21) – an Stelle seiner Bitte erscheint der Auftrag des Vaters an die Diener (15,22f.) samt einer Begründung (V. 24a–b)[98], welche die Rückkehr des Sohnes als Übergang aus dem Zustand des Todes (Imperfekt) in ein neu beginnendes Leben (ingressiver Aorist) interpretiert.
Der Wortwechsel in Lk 15,26f. erfährt eine eigene, zurückhaltende Gestaltung: Die Frage des älteren Sohnes wird nur indirekt wiedergegeben, und ein ὅτι recitativum führt die Antwort des zuvor herbeigerufenen Burschen ein. Letztere lenkt dabei den Blick der Leserschaft durch den Gebrauch der Perfektform ἥκει »er ist gekommen« und des präsentischen Partizips ὑγιαίνοντα »gesund« auf die erneute Präsenz des jüngeren Sohnes im Vaterhaus. Der Wortwechsel erscheint somit als eine Art Zwischenspiel, das den abschließenden Dialog zwischen älterem Sohn und Vater vorbereitet.
Dieser Dialog (Lk 15,28b–32) umfasst ein – inhaltlich vom Erzähler nicht entfaltetes – »Zureden« des Vaters sowie zwei längere Voten, die jeweils einen Überblick über die Beziehungsgeschichte zwischen Vater und Sohn (Präsens samt Aorist in V. 29b–c, Präsens in V. 32b–d) mit einer Bewertung der Festeröffnung (Aorist in V. 30, Imperfekt in V. 32) verbinden.
|33|Demnach weisen alle Äußerungen der Handlungsträger in der einen oder anderen Weise auf die Notwendigkeit einer feierlichen Erneuerung der Gemeinschaft zwischen dem jüngeren Sohn und seinem Vater voraus oder zurück.
f) Besondere Akzente setzen die je nur einmal belegten Partikeln ἔτι »noch« (Lk 15,20b), ταχύ »schnell« (V. 22b), ὡς »als« (V. 25b), ἰδού »siehe« (V. 29b) und ὅτε »als« (V. 30a). Sie alle betonen am Beginn eines Satzes dessen ebenso unmittelbaren wie antithetischen Zusammenhang mit dem jeweils Vorhergehenden. Einzigartig ist zudem die Zitateinleitung mit ἔφη in V. 17a (statt wie sonst εἶπεν); sie hebt das Selbstgespräch 15,17b–19 hervor.
Anhand der notierten Beobachtungen kann man den Aufbau der Erzählung Lk 15,11b–32 exakt nachzeichnen. Daraus entsteht folgende Übersicht:
| 11b | Vorbemerkung: ein Mensch hatte zwei Söhne | |
| 12 | Bitte des jüngeren um Auszahlung des Erbes (Imp.) → Vollzug der Erbteilung (Ind.) | |
| 13init. | der jüngere Sohn holte alles zusammen und zog in ein fernes Land (langer Satz) | |
| 13fin. | er verprasste sein Gut | |
| 14–16 | als er alles ausgegeben hatte (gen. abs.), versank er infolge einer Hungersnot nach und nach im Elend (alle Sätze mit καί verknüpft, am Ende Impf.) | |
| 17–19 | Selbstgespräch (ἔφη): Bestandsaufnahme (Präs.) – Entschluss (Fut.) – Redekonzept (Rückblick, Kommentierung der Gegenwart, Bitte) | |
| 20a | Aufbruch zum Vater | |
| 20b | als er noch fern war (ἔτι, gen. abs.), eilte ihm der Vater zur Begrüßung entgegen (langer Satz) | |
| 21–24 | der Sohn begann mit seiner geplanten Rede – an die Stelle seiner Bitte tritt aber | |
| der Auftrag des Vaters an die Diener (ταχύ), den Sohn einzukleiden und anlässlich seiner Rückkehr aus dem Tod (Impf.) ins Leben ein Fest zu beginnen (Adhortativ Pl.) → Beginn des Festes (Ind. 3. Pl., kurzer Satz) | ||
| 25a | der ältere Sohn war derweil auf dem Feld (Impf.) | |
| 25b | als (ὡς) er heimkam, hörte er den Festlärm | |
| 26–27 | Vorgespräch (einleitend Impf., zurückhaltend gestaltet) mit dem Burschen (Blick auf die Präsenz des jüngeren Sohnes [Perf., präs. Partizip]) | |
| 28a | Weigerung hineinzugehen (Impf.) | |
| 28b | (hier und im Folgenden durchweg δέ): der Vater redete ihm zu (Impf.) | |
| 29–32 | auf die Klage des Sohnes über das Missverhältnis zwischen seiner Beziehung zum Vater (ἰδού, Präs.) und der Eröffnung des Festes für den anderen Sohn (ὅτε, Aor.) antwortete der Vater, indem er seine Gemeinschaft mit dem Älteren (Präs.) und die Notwendigkeit (Impf.) eines Freudenfestes anlässlich der Rückkehr des Jüngeren aus dem Tod (Impf.) ins Leben (modifizierte Wiederholung von V. 24a–b) bekräftigte | |
Die syntaktisch auffälligen Phänomene lassen, so zeigt sich, die Segmentierung des Textes erkennen und erlauben es in ihrer Summe zudem, das Zentrum der Erzählung zu bestimmen. Eine hierarchische Einordnung der Segmente ist aber allein aufgrund dieser Phänomene nicht möglich. Dies liegt vor allem daran, dass ein analoger Wortgebrauch oder Satzbau an verschiedenen Stellen je anderes |34|Gewicht haben kann.[99] Insofern stellen solche Phänomene zwar »Texttrenner«, nicht jedoch selbständige »Gliederungsmerkmale« dar.[100]
2.4.5 Vorläufige Auswertung
Alle Varianten der sprachorientierten Analyse helfen, den Aufbau einer Erzählung zu erhellen. Sie haben indes jeweils ihre Grenzen: Metakommunikative Sätze mit folgender direkter Rede (2.4.1) und auffällige syntaktische Phänomene (2.4.4) zeigen eine Segmentierung des Textes an, bieten jedoch kaum Ansatzpunkte für eine Hierarchisierung der Segmente; Wiederholungen (2.4.2) lassen sich nur in Verbindung mit anderen Gliederungsmerkmalen als solche werten und gewichten; die Wiederaufnahmestruktur eines Textes (2.4.3) ist nur gesondert mit Blick auf die Handlungsträger (und damit die szenische Gliederung) oder die Sachverhalte und Gegenstände (und damit die narrativen Verknüpfungen) der Erzählung zu erheben, sodass jeweils ein relativ einseitiges Bild von der Textstruktur entsteht. Eine sprachorientierte Analyse ist daher ergänzungsbedürftig, wenn ein Text plausibel gegliedert werden soll.
Inwieweit Untersuchung und Auswertung des Stils der Erzählung zu deren Gliederung beitragen können, ist im Folgenden zu prüfen.
2.5 Erzählstilorientierte Analyse
Jede Erzählung weist einen bestimmten Stil auf. Für die Frage nach Gliederungsmerkmalen ist dieser Erzählstil zumal in zweifacher Hinsicht relevant. Bezüglich der zeitlichen und logischen Stringenz der dargestellten Ereignisfolge ist zu erheben, ob und ggf. wo der Text Abschweifungen, Prolepsen, Nachträge, Lücken, Brüche o.Ä. enthält. Im Blick auf seine formale Kohärenz muss geklärt werden, ob und ggf. wo ein Wechsel der Textsorte, der Erzählperspektive oder der Darstellungsintensität erfolgt. An Lk 15,11b–32 lassen sich der Nutzen und die Grenzen solcher Betrachtungsweise gut erkennen.
Was die formale Kohärenz betrifft, so ist die Erzählung generell durch eine »auktoriale Fokalisierung«[101] geprägt. Freilich begnügt der Erzähler sich überwiegend damit, den Geschehensverlauf zu beschreiben. Nur je einmal bewertet er einen Vorgang und gewährt Einblick in die Gedanken eines Protagonisten: In Lk 15,13fin. redet er von der »heillosen« Lebensweise, mit der der jüngere Sohn sein Gut »vergeudet« habe, in 15,17–19 gibt er dessen Selbstgespräch wieder. Alle weiteren Kommentare erfolgen seitens der Erzählfiguren; die aber bewerten häufig – und zwar durchweg den Werdegang jenes Sohnes.
In Lk 15,30a wird die Wertung aus V. 13fin. seitens des älteren Sohnes expliziert: Der Jüngere habe das väterliche »Eigentum mit Huren aufgezehrt«. Zuvor interpretiert dieser selbst |35|seine »heillose« Lebensweise als »Sünde« (V. 18c.21c), die zum Verlust der Sohneswürde (V. 19a.21d), ja, wie der Vater formuliert, in Tod und Verderben (V. 24a–b.32b–c) geführt habe. Die Heimkehr ins Vaterhaus hingegen deutet der Bursche als »Gesundung«[102], der Vater als Rückkehr ins Leben (V. 24a–b.32b–c) und deshalb als Anlass zur Freude (V. 32a).
Immerhin zweimal werden Gefühle von Handlungsträgern benannt: in V. 20b das »Mitleid« des Vaters mit dem »verlorenen« Sohn, in V. 28a der Zorn des älteren Sohnes angesichts des Festes für jenen Tunichtgut.[103] Doch auch dies bleibt etwas Besonderes und dient jeweils dazu, zu begründen, wie sich Vater und Bruder jenem Sohn gegenüber verhalten.
Die Erzählperspektive bleibt durchgehend die des Berichterstatters. Freilich fokussiert dieser immer abwechselnd den Vater in seiner Hinwendung zu den Söhnen (Lk 15,11b–12.20b–24.28b–32)[104] und einen Sohn in der Begegnung mit anderen Erzählfiguren (15,13–20a.25–28a).
Die Darstellungsintensität schwankt stark. Nach der einleitenden Angabe zur Figurenkonstellation (Lk 15,11b), die auf jede weitere Charakterisierung verzichtet, wird kurz von der Bitte des jüngeren Sohnes um Auszahlung seines Erbteils und der Teilung des Erbes durch den Vater erzählt (V. 12). Es folgen ein Zeitsprung (»nach wenigen Tagen«), die zusammenfassende Darstellung von Vorbereitung[105], Vollzug und Ziel des Auszugs sowie eine summarische Aussage über die Lebensweise des Sohnes in der Fremde (V. 13). Ursache und Anlass seines Eintritts in eine Mangelsituation werden ebenfalls knapp zusammenfassend benannt (V. 14). Die Aussage »er begann zu darben« (V. 14b) bildet dann jedoch den Horizont für eine konkrete Schilderung seines Elends (15,15f.) und die ausführliche Wiedergabe einer gedanklichen Reflexion darüber (15,17–19), die den Hinweis auf den Aufbruch zum Vater nach sich zieht (V. 20a). Nach einem erneuten, im Wortlaut nur angedeuteten Zeitsprung (»noch«) beschreibt der Erzähler ausführlich, wie der Vater den Heimkehrer empfing (V. 20b),[106] um dann zu zitieren, was der Sohn vor dem Vater bekannte (V. 21) und wozu dieser daraufhin die Diener anhielt (15,22–24b). Die Erfüllung des Auftrags wird weitgehend ausgespart; V. 24c notiert lediglich den Beginn des Festes. Die V. 14b entsprechende Formulierung »sie begannen zu feiern« markiert aber zugleich den Horizont für den Rest der Erzählung.[107] Dieser setzt mit einer Zustandsbeschreibung ein |36|(V. 25a) und schildert dann konkret, wie der ältere Sohn nach Hause kam und auf das laufende Fest reagierte (15,25b–28a).[108] Dabei mündet die Schilderung freilich in eine zusammenfassende Kennzeichnung seiner ablehnenden Haltung (V. 28a), gefolgt von einer zusammenfassenden Darstellung des väterlichen Bemühens, ihn von dieser Haltung abzubringen (V. 28b). Am Ende steht ein ausführlich zitierter Wortwechsel zwischen Sohn (15,29f.) und Vater (15,31f.).
Die Schwankungen der Darstellungsintensität sind nun öfters mit mangelnder zeitlicher oder logischer Stringenz der Erzählung verknüpft. So lassen sich Lk 15,15–19 und 15,26f. als Abschweifungen werten; beide Abschnitte unterbrechen den Handlungsablauf, freilich so, dass das jeweils Mitgeteilte die Fortsetzung des Geschehens in V. 20a (nach V. 14) und V. 28a (nach V. 25) plausibilisiert. Zugleich bildet 15,18f. eine ausgedehnte Prolepse: Hier antizipiert der jüngere Sohn seinen Aufbruch zum Vater (s. V. 20a) und das Bekenntnis, das er ihm vorträgt (s. V. 21); der vorgesehene Schlusssatz (V. 19b) fällt in der Umsetzung jedoch aus.[109] Demgegenüber erfolgt in V. 25a eine Rückblende: Zum Zeitpunkt der Ankunft seines Bruders war der ältere Sohn auf dem Feld. Rückblicke, die zeitlich auf die Einleitung (V. 11b) zurück – und damit über den Zeitrahmen der eigentlichen Geschichte (15,13–32) hinaus – führen, finden sich dann in den Schlussvoten des älteren Sohns und des Vaters (V. 29b–c.31c–d); sie tragen auch in der Sache Informationen nach.
Logische Unebenheiten begegnen zumal in der zweiten Texthälfte. Schon dass der Vater den jüngeren Sohn laut Lk 15,20b »von ferne kommen« sah, »als hätte er immer auf ihn gewartet«[110], sprengt den Rahmen des Erwartbaren. Ein wirklicher Bruch liegt zwischen V. 21 und V. 22 vor: Statt dem Heimkehrer auf sein Bekenntnis zu antworten, wendete sich der Vater sogleich an seine Diener; dabei wird überdies ihre Präsenz beim Vater oder dessen Rückkehr zum Haus vorausgesetzt. Auch der Übergang von V. 24 zu V. 25 erscheint unlogisch: Dass der Vater das Fest für den jüngeren Sohn beginnen ließ, ohne den älteren dazuzuholen, sodass dieser bei der Rückkehr vom Feld erst einen Burschen befragen musste, wieso im Haus gefeiert werde (15,25f.), ist kaum nachvollziehbar. Holperig wirkt ferner der Anschluss von V. 28b an V. 28a, da offen bleibt, wie der Vater erfuhr, dass der ältere Sohn »nicht hineingehen wollte«. All diese Unebenheiten[111] erweisen den Text als Gleichnis: als fiktionale, von der Wirklichkeit Gottes her entworfene Erzählung. Sie haben aber darüber hinaus als Brüche im Geschehensverlauf auch Bedeutung für die Struktur des Textes.
Die Gliederung, die sich aus den notierten Beobachtungen ergibt, lässt sich wie folgt in einer Übersicht darstellen:[112]

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Eine erzählstilorientierte Analyse ermöglicht es also, eine Erzählung in Szenen zu gliedern, dabei die narrativen Verbindungen zwischen ihnen darzustellen und zu erheben, welche Elemente und Passagen der Erzähler mit besonderen Akzenten versehen hat. Eine Unschärfe des Verfahrens erwächst jedoch aus dem Sachverhalt, dass gleichartige Phänomene unterschiedlich verwendet und auf verschiedenen Ebenen der Erzählung angesiedelt sein können.
Unterschiedlich verwendet sind innerhalb von Lk 15,11b–32 z.B. die beiden Einblicke in die Gefühle von Vater (V. 20b) und älterem Sohn (V. 28a): Der erste steht am Beginn, der zweite am Ende einer Szene. Auf verschiedenen Ebenen der Erzählung liegen etwa die Zeitsprünge zwischen V. 12 und V. 13, zwischen V. 20a und V. 20b sowie vor und nach V. 24c, ferner die jeweils das folgende Geschehen vorbereitenden Aussagen in V. 14b und V. 24c.
Infolge dieser Unschärfe erlaubt es eine am Erzählstil orientierte Untersuchung nicht, die identifizierten Szenen und die darin enthaltenen Passagen der Erzählung in eine hierarchische Ordnung zu bringen. Solch eine Analyse ist deshalb ihrerseits darauf angewiesen, durch Beobachtungen zu Thema, Inventar und Sprache des Textes präzisiert zu werden.
|38|2.6 Zusammenfassende Auswertung
Um die verschiedenen Analyseverfahren evaluieren zu können, muss zuerst geprüft werden, inwieweit die jeweils für die Gliederung von Lk 15,11b–32 erzielten Ergebnisse miteinander kompatibel sind. Der Vergleich erfolgt zum Zwecke der Übersichtlichkeit am besten so, dass man dem Verlauf der Erzählung in ihren Hauptteilen und Abschnitten folgt. Sodann ist aufgrund der beim Vergleich zu gewinnenden methodologischen Einsichten ein praktikables Verfahren zur Gliederung neutestamentlicher Erzählungen zu entwickeln.
2.6.1 Vergleich der Ergebnisse für die Gliederung von Lk 15,11b–32
Die meisten Analysen grenzen Lk 15,11b–12 als erste Sinneinheit des Textes ab. Deren Eigenständigkeit ergibt sich aus dem Befund, dass nur in diesem Passus der Vater und beide Söhne präsent sind [I][113], dass hier der Vater als Hauptfigur der Erzählung eingeführt wird [WH] und agiert [E], dabei – auf Wunsch des jüngeren Sohnes [S] – die für alle weiteren Ereignisse grundlegende Erbteilung vornimmt [WG] und damit die Voraussetzung schafft, aus der sich die ganze Beziehungsgeschichte mit ihren Problemen und deren teils vollzogenen, teils angebotenen Lösungen entwickelt [T]. Insofern aber der Abschnitt sowohl die Figurenkonstellation als auch die Ausgangssituation für die weitere Geschichte benennt, ist er als Einleitung der Erzählung anzusehen.
Aus dieser Eigenart erklärt sich auch, dass zwei Analysen Zusammenhänge mit dem Folgenden zutage treten lassen: Die direkte Rede des jüngeren Sohnes (Lk 15,12b–c) verbindet V. 12 mit 15,13–21 [M]; die im selben Vers gebotene Darstellung der Erbteilung findet in V. 13init. ihren Abschluss [WG]. Beide Beobachtungen widerstreiten nicht der Abgrenzung von 15,11b–12; sie machen vielmehr – wie auch das Schwanken der Darstellungsintensität zwischen V. 11b und V. 12 [E] – darauf aufmerksam, dass die Einleitung aus zwei Elementen besteht und mit dem zweiten den Grund für die anschließend geschilderte Ereignisfolge legt.
Lk 15,13 wird dann anhand diverser inhaltlicher und formaler Merkmale als markanter Neueinsatz erwiesen; dabei kommen die gegenüber 15,11b–12 stattfindenden Veränderungen in der Figuren- und Zeitkonstellation aus verschiedenen Blickwinkeln mehrfach zur Geltung.
Im Zeichen des Themas »Freudvolle Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen dem Vater und seinen Söhnen« signalisiert der Vers die erste einschneidende Veränderung im Beziehungsgefüge der Protagonisten; er enthält explizite Angaben zum Zeitverlauf sowie zum Ortswechsel und richtet die Erzählung für die nächsten Verse auf den jüngeren Sohn aus [I]; dieser wird dabei nach Lk 15,12a erneut, aber auch zum letzten Mal explizit »der jüngere Sohn« genannt [WH]; mit den Notizen zu seiner Emigration und seiner Lebensweise führt V. 13 zugleich einen neuen, für die Geschichte wesentlichen Sachverhalt ein [WG]; überdies sticht schon der erste Satz durch seine außergewöhnliche Länge hervor [S]; |39|der Vers enthält schließlich mit der Rede von Vergeudung und heillosem Leben die erste Wertung des Erzählers und ist von V. 12 durch einen Zeitsprung und einen Wechsel der Fokussierung (vom Vater auf den jüngeren Sohn) abgegrenzt [E].
Die eröffnende Funktion von Lk 15,13 bezieht sich naturgemäß auf mehrere Ebenen des Textes.[114] Fasst man zunächst die hier einsetzende Geschichte als ganze ins Auge, so lässt die Untersuchung der Wiederaufnahmestruktur den Bogen zutage treten, der sich von V. 13 bis ans Ende spannt: Im finalen Dialog zwischen älterem Sohn und Vater beziehen sich beide jeweils zum Abschluss ihrer Voten auf den jüngeren Sohn [WH] und kommentieren seine Vergeudung des väterlichen Erbes und sein heilloses Leben in der Fremde (V. 30a.32b–c), wobei der Vater zudem auch seinen Fortgang bewertet [WG].
Die meisten Analysen weisen sodann 15,13–24 als ersten Hauptteil der Erzählung aus: Die Aufnahme des jüngeren Sohns mit einem Freudenfest besiegelt die Heilung des durch seinen Fortgang verursachten Zerwürfnisses [T]; in V. 24c tritt er zum letzten Mal als Handlungsträger auf [I, WH]; zugleich bringt dieser überaus kurze Satz [S] unter Aufnahme des Stichworts »feiern« aus V. 23c [W] die Ausführung des väterlichen Festauftrags zur Sprache [S] – und weist mit dieser Strukturparallele zu V. 12 ebenso auf die Einleitung zurück, wie es die Bezeichnung »der Vater« in V. 22a tut [WH]; die Rede des Vaters (15,22–24b) beschließt ihrerseits die Reihe der auf ihn gerichteten Äußerungen jenes Sohnes (15,12a–c.17–19.21) [M] – von denen die letzte Elemente der zweiten wiederholt [W]; dabei bestätigt jene Rede rückblickend die Selbsteinschätzung des Heimkehrers als Sünder, weist aber seine Aussage, er habe die Sohneswürde verspielt, für Gegenwart und Zukunft zurück [WH, S, E] und macht ihn – statt, wie er selbst es ins Auge fasste, zu einem, der den Tagelöhnern gleicht – erneut zum Mitglied der eingangs aufgehobenen Erbengemeinschaft [WG].
Beim Blick auf die Wiederaufnahme zentraler Sachverhalte wird allerdings deutlich, dass Anordnung und Vollzug des Festes (Lk 15,23f.) auch bereits die Ausgangssituation für den Rest der Erzählung (15,25–32) herbeiführen. Dieser Einsicht entsprechen weitere Beobachtungen: In V. 22a tritt mit den »Dienern« eine neue Gruppe von Handlungsträgern in Erscheinung [I], die als geladene Festteilnehmer (V. 23c.24c) zum Gegenbild des älteren Sohnes werden – denn dieser informiert sich bei einem der »Burschen« (V. 26f.) über das Fest [WH], bleibt ihm dann voller Zorn fern und schreibt sich dabei selbst die Rolle eines Dieners (V. 29b) zu [W]; die Rede von der Schlachtung des Mastkalbes (V. 23a–b) wird im Folgenden zweimal aufgegriffen [W]; der durch Zeitsprünge hervorgehobene Satz V. 24c markiert mit seiner zu V. 14b analogen Formulierung den Horizont des weiteren Geschehens [S]. Somit erweist sich 15,22–24 als Höhe- und Wendepunkt der Erzählung, mit dem ihr erster Hauptteil abgeschlossen, zugleich aber ihr weiterer Verlauf vorbereitet wird.
Der Aufbau des Hauptteils Lk 15,13–24 stellt sich bei Anwendung verschiedener Analyseverfahren im Groben recht einheitlich dar. Die thema- und die inventarorientierte Analyse lassen jeweils zwei Abschnitte erkennen, von denen der erste (15,13–20a) dem Leben des jüngeren Sohnes in der Fremde, der zweite |40|(15,20b–24) seiner Begegnung mit dem Vater gewidmet ist. Dabei wird der Neueinsatz in V. 20b durch das Auftreten des Vaters [T, I] und die impliziten bzw. nachträglichen Hinweise auf eine Zeitverschiebung und einen Ortswechsel [I] markiert. Weitere Indizien für diese Abgrenzung sind einerseits die teils sachlichen, teils sprachlichen Verknüpfungen der Aufbruchsnotiz V. 20a mit dem Selbstgespräch des Sohnes [M, W] und dem Hinweis auf seine Mangelsituation in V. 14 [E], andererseits in V. 20b die Aufnahme des Wortes »fern« aus Vers 13 [W] – auf den V. 20b zudem durch die außergewöhnliche Länge des Satzes zurückweist [S] –, der genitivus absolutus und die singuläre Partikel »noch« am Beginn des Verses [S], ferner der erstmalige Einblick in die Gefühle eines Protagonisten sowie der Wechsel des narrativen Fokus, der Zeitsprung und die logische Unebenheit im Anschluss an V. 20a [E]. Dem steht die Antizipation des Bekenntnisses V. 21 in 15,18f. keineswegs entgegen; sie verstärkt nur den sachlichen Zusammenhang beider Abschnitte [E]. Allerdings ist V. 20a durchaus eng mit 15,20b–21 verbunden: Die Handlungsträger sind hier und dort dieselben [WH], und der Aufbruch des Sohnes mündet in das Entgegenkommen seines Vaters [WG], das seinerseits unmittelbar zum Bekenntnis des Sohnes führt [M]. Man wird V. 20a daher als Schlusssatz auffassen müssen, der zugleich das Folgende einleitet.
Der Abschnitt Lk 15,13–20a ist in sich seinerseits zweigeteilt und schildert zuerst, bis V. 16, wie der jüngere Sohn infolge seiner Lebensweise im Elend versinkt, sodann seine innere und faktische Umkehr [T]. Diese Einteilung wird durch diverse Textmerkmale bestätigt: die gedankliche Kontaktaufnahme zum Vater in V. 17 sowie die Erwähnung weiterer Personen – einerseits in der Fremde (15,15f.), andererseits beim Vater [I, WH]; die Zitation eines Selbstgesprächs [M, E] mit doppelter begrifflicher Rahmung (15,17–20a) [W] und einzigartiger Redeeinleitung [S]; zudem die Verzögerung des Geschehensablaufs in V. 16 [S]. Es gilt freilich Zweierlei zu beachten: Erstens spiegelt innerhalb des Selbstgesprächs die Bestandsaufnahme V. 17 das zuvor geschilderte Elend hinsichtlich seiner Eigenart wie seiner Lokalisierung [I] wider, während die Rückkehr zum Vater erst ab V. 18 thematisiert wird [WG]; zweitens weist V. 14b auf das Eintreten des Mangels hin, der das weitere Handeln des jüngeren Sohnes bis V. 20a bestimmt, wobei der Passus 15,15–19 insgesamt eine – konkretisierende – Abschweifung darstellt [E]. Diese Sachverhalte widerstreiten der genannten Einteilung aber nicht, sondern unterstreichen zum einen die Kohärenz des ganzen Handlungsablaufs, zum andern die Brückenfunktion, die dem Selbstgespräch des Sohnes zwischen der Darstellung seines Niedergangs und dem Hinweis auf seinen Aufbruch zukommt.
Mit den meisten Analyseverfahren kann man die beiden Teilabschnitte Lk 15,13–16 und 15,17–20a intern jeweils noch einmal gliedern:
In Lk 15,13–16 leitet V. 14 den Passus ein, der die Folgen der Vergeudung schildert [T]. Die implizite Zeitangabe am Versbeginn markiert dabei einen Neueinsatz [I], der mit dem genitivus absolutus den Hinweis auf eine dramatische Situationsveränderung vorbereitet [S]. Die Angabe »und er begann zu darben« (V. 14b) fungiert dann als Übergang: Einerseits rundet sie, vor der Einführung neuer Handlungsträger in V. 15f. [WH], die Lagebeschreibung ab, andererseits eröffnet sie einen Zeitraum, in den die konkrete Zuspitzung des Elends [WG] als unaufhaltsam erscheinender Prozess [S] eingezeichnet wird [E].
|41|Lk 15,17–20a enthält das Selbstgespräch samt Redeeinleitung sowie die Notiz zur Umsetzung des darin gefassten Beschlusses, zum Vater aufzubrechen [I, M, W, WG, E]. Dabei kommt dem Entwurf einer Rede an den Vater (15,18afin.–19) besonderes Gewicht zu [M].
Lk 15,20b–24 hingegen besteht aus mehreren Elementen, die sich auf verschiedene Weisen einander zuordnen lassen: Man kann die Beschreibung des Empfangs des Heimkehrers (V. 20b) von dem diesen Vorgang kommentierenden Wortwechsel samt dem daran anschließenden Festbeginn (15,21–24) unterscheiden [T, S]. Man kann auch Begegnung und Gespräch zwischen Vater und Sohn (15,20b–21) von der – in logischer Hinsicht kaum folgerichtigen [E] – Rede des Vaters an die Diener und der Durchführung seines Auftrags (15,22–24) abgrenzen [I, M, WH]. Ferner kann man in 15,20b–22 die Wiederaufnahme des Sohnes ins Haus, in 15,23f. sodann die Anordnung und Eröffnung des Festes dargestellt sehen [WG]. Alle drei Einteilungen wären schließlich noch dadurch zu modifizieren, dass man V. 24c als separate, weil durch einen Zeitsprung vom Voranstehenden abgegrenzte Schlussnotiz auffasst, die zugleich zum Folgenden überleitet [E]. Die Vielfalt an Gliederungsmöglichkeiten erwächst aus der zentralen Stellung und Bedeutung des Abschnitts innerhalb der Erzählung. Dieser Eigenart entsprechend ist nämlich jedes seiner Elemente – das herzliche Entgegenkommen des Vaters, das Bekenntnis des Heimkehrers, die Anweisung zu seiner Wiederaufnahme als Sohn, die Anordnung des Festes samt Begründung sowie der Auftakt zum Fest – von großem Gewicht und dadurch gekennzeichnet, dass es sowohl das jeweils vorhergehende Geschehen bündelt als auch die jeweils anschließenden Ereignisse veranlasst. Es legt sich deshalb nahe, bei einer internen Gliederung des Abschnitts alle fünf Elemente gesondert auszuweisen.
Mit Lk 15,25a beginnt dann, das zeigen fast alle Analysen, der zweite Hauptteil der Erzählung.[115]
Der Vers eröffnet eine neue Problemstellung, die mit der von Lk 15,13 auf einer Ebene steht [T]; den Neueinsatz markieren die Zeitverschiebung, der Ortswechsel und das erstmalige Auftreten des dritten, explizit »sein älterer Sohn« genannten Protagonisten [I, WH], ferner die im Impf. formulierte [S], nach einem Zeitsprung als Rückblende wirkende und in logischer Hinsicht auffällige Zustandsbeschreibung sowie der Wechsel des narrativen Fokus [E].
Die innere Kohärenz dieses Hauptteils ergibt sich aus der Lokalisierung am »Haus«, vor allem aber aus der konsequenten Ausrichtung auf den älteren Sohn [I], der – nach seiner Vorstellung nur mit Artikeln oder Pronomina bezeichnet [WH] – an allen Gesprächen beteiligt ist [M] und dabei jeweils gegen die Feier der Rückkehr seines Bruders protestiert [WG], während beide Gesprächspartner das Fest mit einer positiven Wertung dieser Rückkehr begründen [E]. Der Schluss des Hauptteils weist dabei nicht nur durch Satz- und Wortwiederholungen (V. 29c.30b.32) [W] sowie eine Strukturanalogie (15,28b–32) [M] auf den Schluss des ersten Hauptteils (15,23f. bzw. 15,20b–24) zurück, sondern führt überdies durch die Wiederaufnahme vieler Figuren und Sachverhalte – bis hin zu dem mit |42|V. 11b eröffneten Zeitraum – in 15,29–32 [WH] bzw. 15,30–32 [WG] alle wichtigen Fäden der Erzählung zusammen.
Sämtliche Analysen stimmen ferner darin überein, dass sie zu einer Zweiteilung von Lk 15,25–32 führen. Dabei ziehen die meisten die Grenze nach V. 28a: Hier erhält man noch einmal Einblick in die Gefühle eines Protagonisten [E] – und dann treibt V. 28b die Beziehungsgeschichte mit dem Herauskommen und Zureden des Vaters voran [T], lässt also mit Hilfe einer impliziten Ortsangabe erneut die Hauptfigur auftreten [I], bietet damit einen V. 20b entsprechenden [M], seinerseits in logischer Hinsicht etwas holperigen Neueinsatz [E], der die Verzögerung des Handlungsablaufs in 15,26 und V. 28a beendet [S], den narrativen Fokus vom älteren Sohn auf den Vater verschiebt [E] und einen Dialog zwischen beiden eröffnet, der die Geschichte zum Ende bringt [T]. Es gilt allerdings zu beachten, dass der Vater in V. 28b auf das in V. 28a geschilderte Verhalten seines älteren Sohnes reagiert. Man könnte daher V. 28 insgesamt als Eröffnung des zweiten Abschnitts werten, die dann in ihren beiden Elementen durch 15,29f. und 15,31f. entfaltet wird [WH]; man könnte den Vers indes auch als Abschluss des ersten Abschnitts ansehen, auf den hin V. 29 einen neuen Sachverhalt einführt [WG]. Da jedoch keine der Möglichkeiten eindeutig den Vorzug verdient und beide die genannten, segmentierenden Merkmale von V. 28b außer Acht lassen, widerlegen sie die vorgeschlagene Gliederung nicht. Der innere Zusammenhang des ganzen Verses macht vielmehr deutlich, dass seine erste Hälfte auch das Folgende vorbereitet, während seine zweite Hälfte auch das Vorhergehende abrundet.
Beide Abschnitte lassen sich anhand bestimmter Merkmale auch intern noch einmal gliedern: In Lk 15,25–28a sind eine Rückblende [E] auf den Aufenthalt des Sohnes auf dem Feld [I], der mit impliziter Zeitangabe versehene Hinweis auf seine Rückkehr und Annäherung ans Haus [T, I, WG], die – als Abschweifung zu wertende [E] – Schilderung seiner Begegnung sowie Unterredung [M] mit einem Burschen [I, WH] und die Reaktion des Sohnes darauf [WG, E] zu unterscheiden. 15,28b–32 wiederum enthält eine Aussage über die Hinwendung des Vaters zum älteren Sohn [T] und den Wortwechsel zwischen ihnen [M], wobei beide Voten jeweils zunächst die Beziehung der beiden Gesprächspartner, dann – durch Veränderungen der Zeitstufe und der Figurenkonstellation sowie durch Wiederholungen [W] und Wiederaufnahmen [WH, WG] deutlich abgesetzt [I, S. E] – die Entscheidung des Vaters, ein Fest für den heimgekehrten jüngeren Sohn zu geben, thematisieren.
Zusammenfassend ist festzustellen: Die verschiedenen Verfahren zur Analyse des Aufbaus von Lk 15,11b–32 führen zu Ergebnissen, die zu einem beträchtlichen Teil deckungsgleich und prinzipiell miteinander vereinbar sind. Kleine Differenzen ergeben sich dort, wo Hauptteile, Abschnitte und Teilabschnitte aneinander grenzen – und zwar jeweils aus dem Sachverhalt, dass einerseits ein Abschluss oft auch zur folgenden Sinneinheit hinführt, andererseits deren Einleitung häufig auch das Voranstehende bündelt. In solchen Fällen ist zu entscheiden, ob die betreffenden Elemente primär abgrenzen oder überleiten. Diese Entscheidung kann man, wie sich gezeigt hat, zuverlässig anhand der Mehrzahl der in die eine oder andere Richtung weisenden Textmerkmale fällen. Gewichtige Differenzen zwischen den Analysen bestehen nur an einer Stelle: bei der internen |43|Gliederung von 15,20b–24. Hier bringt es nämlich die zentrale Bedeutung des Abschnitts mit sich, dass sich – wie erst eine vergleichende Übersicht der verschiedenen Analysen sichtbar macht – bei jedem seiner Elemente abschließende und weiterführende Aspekte die Waage halten. In diesem Fall liegt es daher nahe, auf die Bündelung mehrerer Elemente zu Gliederungseinheiten zu verzichten. Zugleich macht aber gerade dieses Ergebnis deutlich, dass die Rede des Vaters an die Diener mitsamt der anschließenden Festeröffnung den Höhe- und Wendepunkt der Erzählung darstellt.
Aufgrund der Zusammenschau der Analysen kann man für Lk 15,11b–32 demnach umseitige Gliederungsübersicht erstellen:[116]
Diese Gliederung lässt den Gedankengang des Textes in seiner hierarchischen Ordnung klar zutage treten. Sie macht dabei insbesondere deutlich, dass die Erzählung Lk 15,11b–32 darauf hinausläuft, dem doppelten Auftrag des Vaters an die Diener (15,22–24b) unter dem Vorzeichen seiner Umsetzung (V. 24c) das väterliche Werben um den älteren Sohn (15,28b–32) gegenüberzustellen: So, wie die Diener durch ihre – der Anordnung des Vaters entsprechende – Teilnahme am laufenden Fest ihren Status als dem Haus des Vaters zugehörige »Burschen« bewähren, so soll der ältere, sich selbst als Diener betrachtende Sohn – auf der Basis der väterlichen Bestätigung seines eigenen Status als »Kind« – durch sein Einverständnis mit der feierlichen Wiederaufnahme des jüngeren Sohnes seine Rolle als dessen »Bruder« wahrnehmen. In der Tat wäre die Einsicht, dass darin die Pointe der Erzählung besteht, ohne eine gründliche Analyse ihrer Struktur und eine daraus erwachsende Gliederung gar nicht zu gewinnen.

|44|2.6.2 Entwurf einer Vorgehensweise zur Gliederung von Erzählungen
Der Vergleich der verschiedenen Analyseverfahren anhand von Lk 15,11b–32 lässt eine Reihe methodologischer Schlussfolgerungen zu. Da sich gezeigt hat, dass a) die Analysen vielfach zu identischen, vielfach aber auch zu einander ergänzenden oder präzisierenden Ergebnissen führen und b) gerade aus der Verknüpfung der unterschiedlichen Zugänge zur Gliederung des Textes ein plausi|45|bles, ebenso umfassendes wie detailliertes Verständnis seines Aufbaus erwächst, gilt es festzuhalten:
1 Kein Verfahren ist generell entbehrlich.
2 Jedes Verfahren hat spezifische Stärken und Schwächen.
3 Alle Verfahren sind prinzipiell kompatibel und kombinierbar.
Demnach bestehen mehrere, grundsätzlich gleichwertige Möglichkeiten, die Aufgabe der Gliederung narrativer Texte anzugehen; mit welchem Verfahren man einsetzt, spielt für das Ergebnis keine Rolle.
Allerdings legt sich angesichts der Eigenart jener Aufgabe durchaus ein bestimmtes Vorgehen nahe. Zur Gliederung eines Textes sind ja, wie deutlich geworden ist, diverse Einzelmaßnahmen erforderlich. Man muss
die vorhandenen Gliederungsmerkmale identifizieren,
in ihrer jeweiligen Eigenart (als Neueinsätze, Abschlüsse oder Überleitungen) kennzeichnen und
im Verhältnis zueinander gewichten,
um den Aufbau des Textes nach seinen Hauptteilen, den ihnen jeweils zugehörigen Sinnabschnitten und den Hauptteile wie Sinnabschnitte miteinander verknüpfenden Übergängen beschreiben zu können. Nun setzt die Gewichtung der Merkmale voraus, dass man das Thema der Erzählung bestimmt hat.[117] Solch eine Bestimmung aber ergibt sich aus dem Vergleich von Anfang und Ende des Textes, die ihrerseits der jedenfalls vorläufigen Abgrenzung bedürfen. Diese wiederum erfolgt am einfachsten anhand des Textinventars. Man setzt daher am besten mit einem Überblick über das Inventar der Erzählung ein, um vorläufig ihren Anfang und ihr Ende abzugrenzen und aufgrund des Vergleichs zwischen beiden den Spannungsbogen zu erfassen, der das Ganze überspannt. Innerhalb dieses Bogens lassen sich dann die für den Handlungsfortschritt maßgeblichen Stellen aufspüren. Zu ihrer Identifikation und hierarchisierenden Ordnung eignet sich eine Kombination aus thema- und inventarorientierter Analyse, da beide Verfahren auf der Inhaltsebene angesiedelt sind. Das so erzielte Ergebnis muss daraufhin durch Beobachtungen zur Gestaltung des Textes abgesichert, verfeinert und von noch bestehenden Unklarheiten befreit werden. Als Übergang zu den diesbezüglichen Verfahren eignet sich die das narrative Gefälle des Textes klärende Analyse der Wiederaufnahmestruktur, da sich in dieser Struktur inhaltliche und sprachliche Textmerkmale verbinden; etwa vorhandene Wiederholungen kann man dabei als Spezialfall der Wiederaufnahme mit bearbeiten. Anschließend sind nacheinander die Schichtung in Kommunikationsebenen, die stilistische Abgrenzung von Szenen und die syntaktische Segmentierung des Textes zu berücksichtigen. Auf diese Weise wird die Erzählung zweimal gleichsam von oben nach unten, vom Ganzen ins Einzelne vordringend untersucht: zuerst mit Blick auf ihren inhaltlichen Zusammenhang, sodann hinsichtlich ihres gestalterischen Zusammenhalts. Am Ende sind sämtliche Beobachtungen zu vereinen, auszuwerten und im Konfliktfall gegeneinander abzuwägen[118], um auf dieser Basis eine Gliederungsübersicht zu erstellen.
|46|In schematischer Darstellung vollzieht sich der beschriebene Arbeitsgang zur Gliederung einer Erzählung wie folgt:

[Zum Inhalt]
|47|3. Exemplarische Textanalysen
Im Folgenden soll das entwickelte Gliederungsverfahren auf fünf neutestamentliche Erzählungen angewendet werden, die sich durch Länge, Herkunft und Eigenart deutlich unterscheiden. Auf diese Weise lassen sich zugleich seine Praktikabilität testen und sein Nutzen aufzeigen.
3.1 Das Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44)
Das im NT nur von Matthäus überlieferte[119] Gleichnis hat folgenden Wortlaut:[120]
| Vers | griechischer Text (NT Graece28) | deutscher Text (eigene Übersetzung) |
| 44aα | Ὁμοία ἐστὶν ἡ βασιλεία τῶν οὐρανῶν | Es verhält sich mit dem ›Himmelreich‹ wie |
| aβ | θησαυρῷ κεκρυμμένῳ ἐν τῷ ἀγρῷ, | mit einem Schatz – verborgen im Acker –, |
| b | ὃν εὑρὼν ἄνθρωπος ἔκρυψεν, | den ein Mensch, als er ihn fand, verbarg, |
| cα | καὶ ἀπὸ τῆς χαρᾶς αὐτοῦ ὑπάγει | und aus seiner Freude heraus geht er hin |
| cβ | καὶ πωλεῖ πάντα ὅσα ἔχει | und verkauft alles, was er hat, |
| cγ | καὶ ἀγοράζει τὸν ἀγρὸν ἐκεῖνον. | und kauft jenen Acker. |
3.1.1 Überblick über das Inventar und vorläufige Bestimmung des Themas
Die zur Kennzeichnung des ›Himmelreichs‹ genutzte Erzählung enthält keine Zeitangaben; nur die Wendung »als er … fand« (Mt 13,44b) verweist implizit auf einen konkreten Zeitpunkt. Als Ort dient »der Acker« (V. 44aβ), freilich nur bis V. 44cα; das weitere, hier einsetzende Geschehen wird nicht lokalisiert. Träger der Handlung ist »ein Mensch«. Andere Personen sind vorausgesetzt, ohne explizit genannt zu werden: in V. 44aβ derjenige, der den Schatz im Acker verborgen hat,[121] in V. 44cβ diejenigen, denen der Finder des Schatzes seine Habe verkauft, und in V. 44cγ der bisherige Besitzer des Ackers.
Aus diesem Überblick erhellt, dass Mt 13,44a die Erzählung einleitet: Der Satz lokalisiert ihren ersten Gegenstand, den Schatz, und gibt damit die Ausgangslage an. In V. 44b tritt dann der Handlungsträger auf, und der Handlungsverlauf beginnt. Sein Ende findet dieser in V. 44cγ, wo der Acker erneut Erwähnung findet; dabei wird Letzterer freilich zum Gegenstand der Handlung erhoben. Das Thema des Textes wäre demnach mit dem geläufigen, V. 44a entlehnten Titel |48|»Vom Schatz im Acker« nicht getroffen.[122] Die Erzählung handelt vielmehr »vom Erwerb des kostbar gefüllten Ackers«.
3.1.2 Thema- und inventarorientierte Analyse
Der Handlungsverlauf, mit dessen Darstellung das Thema des Textes entfaltet wird, umfasst fünf Aktionen. »Ein Mensch«
findet einen im Acker verborgenen Schatz,
verbirgt ihn wieder (im Acker)[123],
geht hin,
verkauft all seine Habe und
kauft (mit dem Erlös) jenen Acker.
Ein starker Akzent ist dabei in Mt 13,44cα gesetzt: Der Hinweis auf »seine Freude« macht verständlich, wie der Finder des Schatzes im Acker auf seinen Fund reagiert: dass er hingeht und alles verkauft, was er hat, um jenen Acker zu erwerben. Offenbar, so ist zu erschließen, nimmt er nur auf diese Weise den Schatz dauerhaft und verlässlich in Besitz;[124] und eben deshalb muss er ihn bis zum Erwerb des Ackers darin verbergen (V. 44bfin.).[125] Dann aber liegt es nahe, einen Einschnitt zwischen V. 44b und V. 44c zu setzen.
Unter Berücksichtigung des Inventars der Erzählung wird allerdings noch etwas anderes deutlich: Da Mt 13,44b den fortan agierenden Handlungsträger einführt und eine implizite Zeitangabe enthält, ist der Teilvers (samt dem Folgenden) von V. 44a deutlich abgesetzt. So ergeben sich zwei markante Schnittstellen: V. 44a/b und V. 44b/c. Wie diese gegeneinander zu gewichten sind, lässt sich allein vom Thema her nicht definitiv entscheiden.
3.1.3 Einbeziehung der Wiederaufnahmestruktur
Die Art der Wiederaufnahme des in Mt 13,44b erstmals benannten Protagonisten lässt V. 44b–c als einen narrativen Zusammenhang erscheinen; denn auf jenen »Menschen« weisen im Weiteren nur noch die Verbformen der 3. Person Singular und das Personalpronomen »seine« in V. 44c zurück.
Hinsichtlich der Wiederaufnahme zentraler Gegenstände und Sachverhalte ergibt sich freilich folgendes Bild:[126]

|49|Die Übersicht macht neben der narrativen Kohärenz des gesamten Textes vor allem die fundamentale Bedeutung der Angabe Mt 13,44aβ deutlich: Aus ihr wird der weitere Handlungsverlauf entwickelt. In Gang kommt Letzterer aber erst durch die Aussage, dass ein Mensch den im Acker verborgenen Schatz findet (V. 44binit.). Daher eignet dieser Aussage eine Brückenfunktion zwischen der Angabe des Vergleichsgegenstandes und der Benennung der Ausgangssituation (V. 44a) auf der einen Seite sowie der Beschreibung des Handelns jenes Menschen ab V. 44bfin. auf der anderen Seite. Zugleich stellt allerdings der Protagonist durch seine erste, in V. 44bfin. angezeigte Tat die Ausgangssituation wieder her. Dieser Umstand wird durch die doppelte Verwendung des Verbs κρύπτω »verbergen« in V. 44aβ.b ausdrücklich hervorgehoben.[127] Im Blick auf die Wiederaufnahme von Gegenständen und Sachverhalten erscheint somit V. 44b insgesamt als Aussage, die von der Einleitung V. 44a in die eigentliche Erzählung hinüberführt.
Angesichts der nach wie vor nicht eindeutigen Sachlage bleibt zu klären, welche Gesichtspunkte die Analysen des Erzählstils und der syntaktischen Gestaltung für die Gliederung zutage fördern.[128]
3.1.4 Einbeziehung des Erzählstils
Insgesamt ist der Text in einem knappen Berichtsstil gehalten. Dieser wird an einer Stelle allerdings durchbrochen: Zu Beginn von Mt 13,44c gewährt die Angabe »aus seiner Freude heraus« Einblick in die Gefühle des Protagonisten. Zugleich verändert der Erzähler den Fokus: Während er bis V. 44b auf den »Schatz« blickt und den Handlungsträger »Mensch« lediglich in einem darauf bezogenen Relativsatz erwähnt, rückt er in V. 44c jenen Menschen mit seinem Verhalten in den Blickpunkt. Dabei nimmt auch die Darstellungsintensität zu: Der auf den Fund folgende Vorgang des Verbergens (V. 44b) wird nur genannt; wie es dann zum Erwerb des Ackers kommt, wird hingegen relativ breit geschildert (V. 44c). Diese Schilderung fängt zudem mit einer Art Rückblende an: Die »Freude« jenes Menschen stellt sich ja nicht erst nach dem erneuten Verbergen des Schatzes, sondern doch wohl schon bei dessen Auffindung ein. Unter dem Gesichtspunkt der Erzähllogik verweist die Angabe »aus seiner Freude heraus« demnach auf einen Entschluss, der den in V. 44c aufgeführten Taten vorausliegt. Dieser Entschluss erhält dadurch besonderes Gewicht, dass er die Veräußerung der gesamten Habe impliziert: So sehr freut sich der Finder über den Schatz, dass er alles einsetzt, was er hat,[129] um ihn, durch den Kauf des Ackers, ein für alle Mal in seinen Besitz zu bringen.
All diese Beobachtungen lassen erkennen, dass in Mt 13,44cα ein deutlicher Neueinsatz vorliegt. Die Analyse des Erzählstils stützt somit die Zweiteilung des Textes in V. 44a–b und V. 44c, wie sie auch angesichts der Entfaltung des Themas im Handlungsverlauf nahe liegt.
|50|3.1.5 Einbeziehung der Syntax
Die Kürze des berichtsähnlichen Textes Mt 13,44 verbietet es, grundlegende Prinzipien der syntaktischen Gestaltung zu postulieren – um von ihnen dann auffällige Wortverknüpfungen und Satzkonstruktionen abzuheben.
An dieser Einschätzung ändert der Vergleich mit dem unmittelbar angeschlossenen Gleichnis vom Perlenkaufmann nichts; denn das ist – entgegen einer weit verbreiteten Ansicht – bei manchen Ähnlichkeiten deutlich anders aufgebaut,[130] wie folgende Übersicht zeigt:
| Mt 13,44 | Mt 13,45f. |
| Wiederum | |
| Es verhält sich mit dem ›Himmelreich‹ wie | verhält es sich mit dem ›Himmelreich‹ wie |
| mit einem Schatz | mit einem Kaufmann |
| – verborgen im Acker –, | auf der Suche nach guten Perlen; |
| den ein Mensch, als er ihn fand, | als er aber eine besonders kostbare Perle fand, |
| verbarg, | |
| und aus seiner Freude heraus | |
| geht er hin | ging er fort, |
| und verkauft alles, was er hat, | veräußerte alles, was er hatte, |
| und kauft jenen Acker. | und kaufte sie. |
Gleichwohl fällt in Mt 13,44 auf, dass zwischen V. 44a und V. 44c, die im Präsens (nebst einem Perf.-Partizip) formuliert sind, der Relativsatz V. 44b (neben einem Partizip) ein finites Verb im Aorist enthält. Andererseits bildet – sieht man einmal von den beiden Relativsätzen V. 44b und V. 44cβfin. ab – V. 44a–b einen einzigen langen, mit zwei Partizipialwendungen gebildeten Satz, während V. 44c aus drei kurzen, einfachen Hauptsätzen besteht. Im Übrigen hebt sich der Ausdruck »aus seiner Freude heraus« in V. 44cα als einzige präpositionale Wendung vom Rest des Textes deutlich ab.
So liegt es nahe, zunächst – angesichts des syntaktischen Neueinsatzes – Mt 13,44c vom Voranstehenden und darin dann den im Aorist formulierten Relativsatz (V. 44b) vom präsentischen Hauptsatz V. 44a abzuheben.
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