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Ferdinand Karer

Gehen
und staunen

Mein Pilgerweg nach Rom


Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

© 2019 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung und Layout: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

Lithografie: Artilitho, Trento (I)

Druck und Bindung: Gorenjski-Tisk, Slowenien

ISBN 978-3-7022-3750-9 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3762-2 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

Internet: www.tyrolia-verlag.at

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Teil

Ich gehe ein Stück mit dir

Dachsberg – Innsbruck

2. Teil

Du gehörst dazu

Innsbruck – Padua

3. Teil

Ich höre dir zu

Padua – La Verna

4. Teil

Ich bete für dich

La Verna – Montelibretti

5. Teil

Ich besuche dich

Ankommen in Rom

6. Teil

Ich rede gut über dich

Begegnung mit Papst Franziskus

7. Teil

Ich teile mit dir

Daheim

„Das Staunen ist der Anfang des Denkens.“

Aristoteles

Meinem Novizenmeister

P. Alois Bachinger

und meinem ersten Provinzial

P. Isidor Fecher

Vorwort

Pilgern und schreiben: ein Reflektieren – ein Zurückgehen – ein tägliches Einüben – und so gar keine Pflicht, lediglich ein Probieren, ein Versuch, vom äußeren Gehen zur inneren Pilgerschaft zu gelangen. Pilgern hat mit Suchen zu tun. Suchen ist uns Menschen ureigen. Es gehört vom Wesen her zu unserem Menschsein. Suchen heißt Einlassen, heißt auch Probieren, sich zu verwandeln, zu verändern, zu bewegen, einmal einen anderen Gedanken zuzulassen, einmal zu hören, zu verstehen oder auch überhaupt nichts zu verstehen, Suchen heißt auch, neugierig zu bleiben.

Tagebuch schreiben ist sehr intim für mich: Es noch einmal anders mit meinem Gott und den Menschen probieren, in Versuchung geraten, mich neu in Gott zu verlieben oder diesen Gott aus meinem Leben streichen. Aber vielleicht ist dieser Gedanke gar nicht mehr zulässig in einer Zeit, die Gott kaum noch kennt, auch nicht mehr vorgestellt bekommt und eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Sich mit Gott abzugeben ist äußerst unbequem, weil es einem zunächst eine vermeintliche Sicherheit nimmt. Gott ist zum Wagnis geworden. Gott zulassen nimmt Halt – aber macht frei, führt weg vom Ich, hin zum Außergewöhnlichen.

Es liegt einige Jahre zurück, da sprach Roland Adrowitzer, langjähriger ORF-Korrespondent, in einer Diskussionsrunde nach den Terrorakten in Brüssel mit Tränen in den Augen und einer fast gebrochenen Stimme von seinem Sohn, der damals in Brüssel ein Praktikum machte. Auf die Frage seines Vaters, ob er denn nicht nach Hause kommen wolle, habe sein Sohn Aristoteles zitiert: „Wer die Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht Sklave.“

Ich bin überzeugt: Jeder Mensch will in Freiheit leben. Wir Menschen sind zur Freiheit geboren und machen uns oft freiwillig zu Sklaven des immer funktionieren müssenden Alltags. Je mehr Big Data unser Leben bestimmt, desto mehr gehen wir in die freiwillige Abhängigkeit, sind Teil eines Systems von Algorithmen, die unser Denkvermögen längst überstiegen haben.

Das macht unfrei – macht vielleicht so manches Bankkonto fetter, das Sich-leisten-Können des überflüssigen Unnützen einfacher, aber das Leben sehr mager. Das Bewusstsein geht verloren. Glück ist nicht kaufbar. Das Funktionieren raubt mir meine Freiheit.

Ich durfte bereits einmal einen weiteren Weg gehen. Im Herbst 2011 pilgerte ich von Le Puy nach Santiago, gut 1600 Kilometer. Gedanken aus beiden Wegen fließen in meinem Reisebericht zusammen. Über Wochen hin gehen zu dürfen, ist wahrer Luxus. Ich weiß, viele haben das auch schon vorgehabt, aber es war nicht möglich. Mir ist es möglich gemacht worden, wofür ich mehr als dankbar bin. Und ich habe erfahren, dass das Gehen eine ganz große Erfahrung von Freiheit ist.

Tagsüber bin ich gegangen und abends habe ich geschrieben. Und immer wieder haben mich am Abend die Gedanken fast überrannt. Beim Gehen sind die Gedanken frei, man kann frei entscheiden, was man denkt, und ist nicht mehr getrieben, das zu denken, was die Alltagsherausforderungen verlangen. Das ist groß.

Ich lade Sie ein, liebe Leserin, lieber Leser, meinen Weg nach Rom mitzugehen. Es ist eine innere Pilgerschaft, eigentlich ist es ein Weg in mein Inneres, ein Weg zurück in meine Kindheit, vielleicht ein Weg zu Gott – ich ringe mit diesem Begriff. Oder öffnet das Pilgern die Seele, so dass Gott zu mir gehen kann? Pilgern hat auf alle Fälle mit Offenheit zu tun, einer Offenheit einem größeren Du und etwas ganz anderem gegenüber.

1. Teil

Mein Rucksack und ich – hoffentlich vertragen wir uns

Das ist mein Rucksack, geliehen von Michael, einem Kollegen und Freund. Darin mein Hab und Gut für die nächsten zwei Monate. Ich geize, schließlich muss ich ja alles tragen: ein Paar Turnschuhe, Flip-Flops, zwei Paar Socken, zwei Unterhosen, zwei Wanderhosen, zwei T-Shirts fürs Gehen, ein Shirt für die Nacht und ein Langarmleiberl aus Merinowolle für die kälteren Tage. Trekkingschuhe. Da die Fleecejacke, eine leichte Windjacke und ein Regenponcho, ein Hüttenschlafsack – auch er ist geliehen – und ein Funktionshandtuch, Zahnpaste und Zahnbürste, eine Kernseife, eine Tube Hirschtalg für die Füße. Das ist mein Rucksack, mein Begleiter, ja, dann ein E-Book: Ich habe den Wanderführer eingescannt, um Gewicht zu sparen. Dann ein Handy mit einer Wander-App, der Fotoapparat und, ganz wichtig, mein unbeschriebenes Moleskine-Buch mit vielen Seiten. Eigentlich gar nicht so bescheiden, wie anfangs gedacht. Natürlich gibt es dann noch die Bankomatkarte und auch die E-Card der Krankenversicherung fehlt nicht. Eigentlich bin ich gut abgesichert. Knapp acht Kilogramm wiegt mein Rucksack.

Es gibt ein Gedicht von Günter Eich, ein Gedicht am Ende des Krieges, 1945, es heißt Inventur. Da schreibt er, was er noch hat:

Dies ist meine Mütze,

dies ist mein Mantel,

hier mein Rasierzeug

im Beutel aus Leinen.

Er hat nicht viel, ihm ist nicht mehr geblieben. Der Krieg hat alles genommen. Was geblieben ist, waren Trümmer. Ja, und die Liebe zum Schreiben:

Die Bleistiftmine

lieb ich am meisten:

Tags schreibt sie mir Verse,

die nachts ich erdacht.

Vollkommen konträr zu damals, natürlich nicht vergleichbar. Damals nahm der Krieg, heute versucht man freiwillig, sich von vielem zu trennen, damit man wieder mehr hat – denkt man. Hoffentlich auch richtig gedacht. Es ist nicht viel, was ich mitnehme. Ich schultere meinen Rucksack, geh im Gang unseres Ordenshauses einmal auf und ab. Ein komisches Gefühl. Irgendwie noch fremd auf meinem Rücken. Aber er wiegt nicht schwer. Die Schuhe scheinen zu passen. Sind neu und eigentlich nicht erprobt.

Frankenburg, 21. August

Bin gestern weggegangen. Papst Franziskus hat ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen und in diesem Jahr möchte ich von Dachsberg in Oberösterreich nach Rom gehen. Gute tausendfünfhundert Kilometer. Ich lass eine Baustelle an unserer Schule zurück. Hoffentlich geht sich das bis Schulbeginn aus. Irgendwie plagt mich ein schlechtes Gewissen, eigentlich möchte ich noch bleiben, bis das Ende der Um- und Neubauarbeiten in Sichtweite ist.

Vor mir liegen unendlich viele Schritte der Unabhängigkeit, Schritte des freien Willens und hinter mir doch noch ziemlich viel Staub, Unfertiges. Hier neue Räume in unserer Schule in Dachsberg und dort ein unendlich weiter Raum, in dem ich mich zu Fuß bewege. So viele Wege, Kilometer, Berge, Ebenen und ein Körper, der schon einmal deutlich trainierter war. Ich gehe, Schritt für Schritt, denke viel, noch ist es ein Wirrwarr.

Die Baustelle hätte ich irgendwie noch gern zu Ende gebracht, aber von Ferdinand Treml, dem Autor von Der Pilgerweg nach Rom, an dessen Route ich mich ab Innsbruck halten will, kam der Rat, Mitte August aufzubrechen, damit es vor Rom nicht zu kalt und zu nass wird.

Bevor ich weggehe, treffen wir uns um acht Uhr in der Kapelle, meine Mitbrüder und unsere Köchin Renate mit ihrem Mann und unserem Schulwart Bruno. Aufmunternde Worte gibt mir unser Rektor P. Hans Schurm mit: „Pilgern meint, Gott entgegengehen. Und: Gott ist der eigentliche Pilger, er möchte in die Herzen der Menschen.“ Das kann ein langer und mühsamer Weg sein. Ich bekomme den Reisesegen. Renate sagt mir noch: „Bitte, denk an uns!“

So machen wir uns auf den Weg, mein Rucksack und ich, vorbei am Friedensmahnmal unserer Schule, auf die Baustelle schaue ich nicht mehr. Eine Erinnerung an voriges Jahr kommt mir in den Sinn: Am 8. Mai hatte unsere gesamte Schulgemeinschaft im Gedenken an siebzig Jahre Frieden bemalte Steine beim Mahnmal abgelegt. Auf dem stählernen Mahnmal saßen vier Schüler: Xaver, Paul, Martin und Maxi. Sie trommelten gute fünf Meter über der Erde mit Hämmern einen Rhythmus, der bewegte. Im Echo klang es wie in Stahlgewittern. Ein symbolischer Akt mit achthundert jungen Menschen, der unter die Haut ging. Eine große Sehnsucht nach Frieden und Freiheit. Und irgendwie – beim Vorbeigehen – möchte ich alle achthundert und dazu unsere gut achtzig Lehrerinnen und Lehrer und unsere Angestellten, die gesamte Schule auf meinem Weg mitnehmen. In Gedanken sind sie mit dabei. Ich möchte auch für sie gehen, ich mag unsere Schule und all die Menschen, die hier aus- und eingehen, wir haben ein tolle Mannschaft.

Schnell gehe ich weiter.


8. Mai 2015 – „70 Jahre Frieden“ Gedenkfeier beim Friedensmahnmal unserer Schule

Ich beginne meinen Weg mit Dankbarkeit, dass mein Orden mir diese Auszeit ermöglicht und dass unser Administrator Hans Angleitner seinen Pensionsantritt aufschiebt und mich als Direktor vertritt. Das ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Es ist schon ein großes Privileg, so viel Zeit zu bekommen. Zwei Monate liegen vor mir und ein Weg in die Ewige Stadt.

Nach zehn Kilometern frühstücke ich bei guten Freunden in Pollham. Maria, meine Hausärztin, feiert heute Geburtstag, Wolfgang, ihr Mann, unterrichtet bei uns und ist Diakon. Zusammen mit ihrem ältesten Sohn Lukas begleiten sie mich ein Stück des Weges. Wir gehen gemeinsam bis Grieskirchen und dann noch einen Teil der St. Georgener Allee, bis sie kehrtmachen. Eine herzliche Umarmung, Menschen, die mir nahe sind!

Ich geh allein weiter. Nach ein paar Schritten bekomme ich nasse Augen. Was ist in mich gefahren? Allein nach Rom? Irgendwie schmerzt jetzt schon mein Körper. Hab ich den Mund zu voll genommen? Ich weiß nicht, ob ich mein Vorhaben umsetzen kann. Es wird sehr schnell verdammt einsam. Aber die Einsamkeit suche ich halt auch. Immer wieder. Und doch ist in meinem Herzen eine Ursehnsucht, eine ganz große Bitte, dass niemand an Einsamkeit zu Grunde gehen muss. Einsamkeit – wenn dich niemand mehr braucht, sieht, anerkennt, wenn du das Gefühl hast, im Leben nicht mehr vorzukommen. Und wenn niemand dir gegenüber barmherzig ist.


Zwei ziemlich gute Freunde. Maria und Wolfgang begleiten mich auf meiner ersten Etappe.

Ich gehe im Jahr der Barmherzigkeit nach Rom, im Willen, auch darauf aufmerksam zu machen, es zu sagen, davon zu schreiben. Meine zwei T-Shirts habe ich beflockt mit dem Schriftzug Jahr der Barmherzigkeit und Anno della Misericordia. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich für mehr Barmherzigkeit auf dieser Welt gehen möchte.

An einer kleinen Kapelle bleibe ich stehen. Eltern von Zwillingen haben sie gebaut, nachdem sie ihre jugendlichen Kinder in einer Silvesternacht verloren haben. Sie sind bei der Explosion eines selbstgebastelten Böllers ums Leben gekommen. Schon wird die Barmherzigkeit auf die Probe gestellt. Großartig die Eltern, dass sie die Kraft hatten, an diesem Ort des Sterbens eine Kapelle zu bauen, dass sie offensichtlich die Kraft hatten, das Schlimmste, das man sich vorstellen kann, in die Hände Gottes zu legen.

Ein paar Schritte weiter kommt mir Alois entgegen, ein Lehrerkollege und guter Freund. Er wird mich bis Weibern begleiten. Ich merke schon meine knapp zwanzig Kilometer in den Beinen. Er ist noch fit. Ich versuche, sein Tempo zu halten. Mir nur nichts anmerken zu lassen. Eigentlich ziemlich kindisch. Wir gehen noch gut fünfzehn Kilometer. Und weit und breit nichts zu trinken. Äußerst müde kommen wir in Weibern an. Ich gehe früh schlafen und im Bett liegend denke ich mir: „Wie kann ich ohne größeren Gesichtsverlust aus dem Unterfangen wieder aussteigen?“ Vollkommen erledigt und mit Schmerzen liege ich im Bett, schlafe aber bald ein, freilich mit der Ungewissheit, wie das Unternehmen weitergehen soll.

Ich hab erstaunlich gut geschlafen, bin aber skeptisch aufgewacht. Silke, die Frau von Alois, hat meine Wäsche gewaschen und nach einem mehr als reichhaltigen Frühstück breche ich auf.

Es hat die Nacht über kräftig geregnet, jetzt fallen nur noch wenige Tropfen, die nicht stören. Bis Geboltskirchen gehe ich auf Asphalt, ehe es in den Kobernaußerwald geht. Mehr oder weniger zwei Tage geh ich im Wald, eigentlich bis Schneegattern. Der Wald macht das Gehen angenehm. Vom Regen kommen nur wenige Tropfen durch die fast dichten Baumkronen. Mein rechter Schuh drückt beim Knöchel. Ich müsste mit der Ferse ein bisschen höher stehen und lege ein Taschentuch unter die Einlage meines Schuhs. Das hilft. Ich gehe bis Frankenburg und spüre, dass ich mich gestern, an meinem ersten Tag, überanstrengt habe.


Mit dem Eintauchen in den Kobernaußerwald kommt etwas Ruhe in mein Gehen.

Peter, ein alter Schulkollege, ruft mich an. Er wird mich am Abend in Frankenburg abholen, ich kann bei ihnen zuhause übernachten. In Frankenburg kehr ich beim Dorfwirt ein, bestell mir eine Leberknödelsuppe und schlafe umgehend am Gastzimmertisch sitzend ein. Der Wirt weckt mich freundlich, als er mit der Suppe kommt. Wie soll ich je in Rom ankommen? Peter holt mich. Redend kämpfe ich mit dem Schlaf. Jeder Gedanke fällt schwer. Eigentlich bin ich vollkommen kaputt. Ich schlafe tief, aber werde hin und wieder stark schwitzend wach. Nach einem guten Frühstück brechen wir auf. Peter wird ein paar Tage mitgehen. Seine Frau bringt uns zum Ausgangspunkt, zum Dorfwirt. Noch bin ich irgendwie nicht pilgernd unterwegs.

Pfongau, 22. August

Auch die dritte Nacht verbringe ich bei Bekannten, diesmal in Pfongau. Ein lustiger Abend mit Sandi, einer Lehrerin von uns, und ihrem Freund Maxi. Seine Eltern geben uns Quartier. War es bisher eher ein körperlicher Kampf, wird es jetzt besser.

Beeindruckend, welche Wege wir gehen. Nie hätte ich geglaubt, am Weg nach Salzburg so viele wunderschöne Wanderwege durch Wälder zu finden. Peter und ich reden am Weg nicht viel, vereinbaren auch, dass jeder in seinem Tempo geht, zum Reden gibt es abends genug Zeit. Der nächste Tag soll uns schon nach Salzburg bringen. Der Flachgau besticht durch seine Wiesen, die Bauern sind mit dem Heuen beschäftigt. Man sieht keinen einzigen Acker – nur Milchwirtschaft. Der Geruch des schön langsam zu Heu trocknenden Grases steigt in die Nase. Jeder Schritt eine Wonne. Sonnige Tage. Und plötzlich geht es sich leicht, ganz leicht.

Ein Kind fährt mit einem alten Steyr-Traktor, so wie ich sie aus meiner eigenen Kindheit kenne. Ein Schwader hängt an seinem Traktor, und der Junge, vielleicht zehn oder elf, arbeitet äußerst konzentriert. Er will nicht von der Fahrtrichtung abkommen, sondern alles Gras auch wirklich erwischen, damit es, vom Heuwender durch die Luft gewirbelt, schneller trocknet und zu Heu werden kann. Da darf nichts übersehen werden. In den Augen des Jungen merke ich, dass er ganz bei der Arbeit ist, da gibt es keinen Blick seitwärts auf irgendwelche Wanderer. Er steht fast auf dem Traktor, zum gemütlichen Sitzen keine Zeit. Am Ende der Mahd hebt er mit der Hydraulik den Schwader, kehrt um und lässt das Gerät wieder sanft auf der Wiese aufsitzen. Er scheint zufrieden mit seiner Arbeit, und es ist die Konzentration, die fasziniert. Eigentlich tolle Ferien, die er da erlebt. Keine Ablenkung. Kein Kopfhörer mit Musik, ein Ganz-bei-sich-Sein im Tun, kein Handy, das Stress erzeugt, auf irgendwelche nichtssagenden Postings antworten zu müssen. Er fährt mit seinem uralten Traktor und wendet das Gras. Das hat schon was.

Salzburg, 23. August

Wir wandern auf Salzburg zu, ich komme das erste Mal in meinem Leben nach Maria Plain, dem berühmten Salzburger Wallfahrtsort. Wir gehen dort durch die heilige Pforte, und dann ist in Salzburg der erste Weg zum Dom. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, verbotenerweise auf die Jedermann-Bühne zu steigen, einmal dort zu stehen, wo das Spiel vom Leben und Tod, von Macht und Gier und letztlich von Barmherzigkeit Jahr für Jahr den Mittelpunkt der Salzburger Festspiele bildet. Ich gehe in den Dom, setze mich ziemlich erschöpft in eine Bank. Hier sitze ich gut. Vier Tage sind es, seit ich weggegangen bin. Mit jedem Tag ist es besser geworden.

Festspielzeit ist eine teure Zeit in Salzburg. Hab kein Verlangen, länger zu bleiben. Schlängle mich durch die vor der Felsenreitschule ankommenden Gäste. Die Oper Faust wird gegeben. Irgendwie bin ich nicht passend gekleidet.

Am nächsten Tag gehen wir um sechs Uhr dreißig zur Frühmesse in den Dom, und sehr schnell liegt Salzburg hinter uns. In einer wunderbaren Landschaft überqueren wir bei Marzoll fast ungeahnt die Grenze, ein kurzes Verweilen in der Kirche und wir gehen auf schönen Wegen durch das kleine deutsche Eck.


Ein Traum wird wahr: einmal in Salzburg auf der Jedermann-Bühne stehen (freilich ohne Publikum)

Eine Etappe entlang der Saalach. Das Rauschen und Tosen des Wassers zeugen von der im Moment ruhenden Macht. Man sieht und hört, wozu Wasser fähig sein kann.

Ich finde eine Bank. Peter geht weiter.

Es ist ein Geschenk, hier zu sitzen, ein noch größeres Geschenk, von alldem, was einen durch den Alltag treibt, ablassen zu dürfen, vergessen zu dürfen. Einfach frei gehen. Mit jedem Schritt wird die Seele leichter, der Rucksack vielleicht schwerer und die Füße müder, aber es ist eine zufriedene Müdigkeit.

„Die Freiheit ist der kostbarste Teil des Menschen“, sagt unser Ordensstifter, der heilige Franz von Sales. Dieser Satz steht in großen Lettern in der Mehrzweckhalle unserer Schule. Die große Sehnsucht des Menschen ist die Freiheit. Er möchte in der Freiheit zuhause sein und baut und baut, damit sein Zuhause endlich ein Zuhause wird. Und irgendwann ist er gefangen in seinem Zuhause, unfrei. All das Streben und Mühen mit einer durchaus richtigen Absicht kann auch in ein Gefängnis führen. Lebendig eingemauert im so gut gemeinten Zuhause. Was bleibt, ist Gewohnheit. Die vertrauenslose Sorge um das Daheim-sein-Können kann uns Menschen zu Maurern werden lassen, zu Abkapslern, zu Menschen, die sich in der Gewohnheit einsperren und Heimat dazu sagen.


An der Saalach. Über Wochen werden mich fließende Gewässer begleiten. Beruhigend verändern und formen sie.

Gewohnheit macht müde, ja sie macht traurig, weil in der Gewohnheit die Chance, auf einen Gott, ich meine damit auf etwas Besonderes, auf etwas ganz Anderes, zu treffen, immer weniger wird. Und innerhalb dieser Mauern wird es immer enger, immer unfreier und trostloser.

Ich möchte gehen, damit alle diese Mauern fallen, damit alles, was mich gefangen nimmt und gefangen hält, sich öffnet, damit all das zusammenbricht, was nur mehr Gewohnheit ist und die Feigheit nährt. Ich möchte auf den Grund gehen, auch wenn manches dabei zugrunde geht. Ich möchte gehen, damit ich nach Hause komme, in eine Heimat ohne Mauern. In ein Haus ohne Ziegel. Ich möchte heimgehen. Im Gehen sesshaft werden. In der Ferne Rast erfahren. Im Gehen still werden. In der Stille gehen, auf den Grund kommen, dorthin, was mich ausmacht, was ich bin.

Im Gehen setze ich mich dem Wind aus, er soll all den Nebel, der meine Seele verdeckt, der das Bild von mir trübt, wegblasen. Vom Winde verweht sei all das Täuschende, all das Verschleiernde, das immer eine Entschuldigung vorgibt. Ich möchte ganz zu mir kommen und das dann auch aushalten. Im Gehen Wurzeln finden, Wurzeln, die Leben spenden. Gehen – das Wohl ergehen … Wohlergehen.

Meine Schultern schmerzen, Peter wird schon im Quartier sein. Wir werden uns dann etwas Gutes zu essen kaufen und morgen weitergehen. Mit Peter lässt sich gut reden. Es ist seine Herzlichkeit, die ihm auch der Beruf nicht hat nehmen können.

Rattenberg, 27. August

Peter hat sich heute verabschiedet und fährt von Wörgl aus wieder nach Hause. Er muss arbeiten, schwierige Entscheidungen stehen an. Intensive und lustige Gespräche haben die letzten Etappen verkürzt. Sein jüngerer Sohn Simon ist vor einer Woche nach Armenien aufgebrochen, um dort an einer internationalen Schule zu maturieren. Er teilt sein Zimmer mit einem Iraker, einem Palästinenser und einem Jungen aus Burundi. Eine Herausforderung für einen 16-Jährigen. Schön, dass junge Menschen so mutig sein können.

Ich gehe allein weiter und merke, dass es zu zweit kurzweiliger und lustiger war. Bin nun mit mir selbst beschäftigt. Da zwickt’s und dort drückt’s. Fällt einem zu zweit kaum auf. Und doch: Mit jedem Schritt taucht man in eine neue Welt, mit jedem Schritt ein Stück mehr Freiheit. Es ist ein besonderer Luxus, nicht mehr auf Anstehendes reagieren zu müssen. Wunderbar leicht. Ein weites Tal liegt vor mir, Wiesen, und immer wieder künden Kirchtürme von Menschen, die fest glaubten, unser Leben sei in Gottes Hand. Glücklich, wer dieses Vertrauen aufbringen kann. Ich danke für meinen Glauben. Und doch: Dieser Gott? Wer ist er? Was ist es? Gott, das vollkommen Andere – oder doch nur eine Projektion meiner Sehnsüchte? Ein Abtauchen in virtuelle Welten?


Kapellen am Weg – handfeste Zeichen gläubiger Menschen

Wattens, 28. August

In Schwaz gehe ich an einer ehemaligen Kaserne vorbei, in der Asylanten untergebracht sind. Die Realität hat mich wieder. Auf der Stiege zum Kaserneneingang sitzt ein kleines Kind, die Mutter kniet davor und bindet ihm die Schuhe. Zwei ganz junge Mädchen stehen daneben, halten sich die Hand und warten geduldig darauf, dass sie losgehen können. Wohin gehen sie? Wohin dürfen, können oder müssen sie gehen? Zwischen ihnen und mir ist der alte Kasernenzaun, oben mit Stacheldraht. Ich winke ihnen, die beiden Mädchen winken mit der jeweils freien Hand zaghaft zurück, mit der anderen halten sie sich weiterhin fest. Fremde beherbergen – ein Werk der Barmherzigkeit. Und ich denke mir: Es ist nicht schwer fortzugehen, wenn man weiß, wo man zuhause ist.


Die ehemalige Kaserne in Schwaz dient als Asylantenheim.

Dass Gehen so spannend, so ergreifend, so befreiend sein kann, habe ich mir nie gedacht.

Ich freu mich, dass mein Körper, außer an den ersten beiden Tagen, eigentlich recht brav mittut. So geht’s dahin, ich vergesse die Anzeichen eines möglichen Schmerzes und tauche irgendwie ein in die zarte Wildheit der Tiroler Weiden. Die vielen Rinder lassen mich zurückgehen in meine Kindheit auf unseren Bauernhof im Innviertel. Eine sehr angenehme Erinnerung mit vielen, vielen Geschichten, unaufgeregt, eigentlich alltäglich, aber tief im Herzen verwurzelt, weil genau diese Geschichten mich lehrten, dem Leben zu trauen und keine Angst vor dem Fremden zu haben.


Rinder auf der Weide: ein Blick in meine Kindheit, ein Verweilen in Vertrautheit

Meistens war es im Frühjahr, da kamen immer wieder die Zigeuner, anfangs noch mit Pferdefuhrwerken, später mit Traktoren und Anhängern, gleich Planwägen – schließlich mit Wohnwägen. Ich hatte immer ein wenig Angst. Sie sollen doch kleine Kinder verschleppen, hatte mir einmal eine Tante gesagt. Aber mein Vater hieß sie herzlich willkommen auf unserem Hof. Und im Schutz meines Vaters wurden sie mir vertraut mit ihren fremden, von der Natur gezeichneten Gesichtern.

Ich wurde nicht verschleppt, und wir hatten ganz besondere Nachmittage und Abende. Sie schliffen unsere Messer, löteten leckes Geschirr und abends musizierten und sangen sie. Bei uns am Hof wurde eigentlich nie gesungen. Nur am Heiligen Abend vor dem Christbaum eine schreckliche Strophe, hin und wieder auch zwei oder drei von Stille Nacht, heilige Nacht.

Es tat weh, das hörte ich und schwieg, weil ich auch nicht imstande gewesen wäre, den Gesang auf eine hörerträgliche Ebene zu heben.

Die Zigeuner aber sangen, sie sangen richtig, und sie sangen, auch wenn nicht Weihnachten war, und das war dann eigentlich wie Weihnachten, etwas Besonderes, etwas Erhellendes auf unserem Hof.

Irgendwann aber blieben sie aus. Die Bettelleute kamen noch länger. Auch sie bekamen ein Quartier und aßen mit uns an einem Tisch. Manche durften auch in der Stube schlafen, auf dem Sofa, das Vater fast täglich, unmittelbar nach dem Mittagessen, für sich beanspruchte, so wie den Platz beim Kachelofen im Wirtshaus neben der Kirche. Ich hörte den Bettelleuten gerne zu. Die meisten waren begeisterte Erzähler. Und in ihren Erzählungen begannen Wirklichkeit und Vorstellung, Tatsache und Traum miteinander zu verschmelzen. In ihrer Begeisterung, wie sie erzählten, vergaßen sie ihre Mittellosigkeit. Sie waren bescheidene Vagabunden, angenehme Landstreicher, gefüllt mit Geschichten, mit denen sie ihr Leben zu meistern versuchten. Für die Bettler war unser Hof immer offen. Mein Vater mochte das Andere, er mochte die Minderheiten, er als einfacher Bauer liebte das Fremde.

Unter seinem Bett hatte mein Vater viele Bücher in einer riesigen Schachtel gehortet. Er hatte die Bücher, wie er mir erzählte, allesamt als Jugendlicher gelesen, als er Schafe gehütet hatte.

Ich weiß es nicht, ob er vom Lesen seine Größe und Weite für andere Kulturen und Bräuche, für das Fremde bekommen hat.

Ich weiß es nicht, aber ich glaube es.

Vor dem Fremden hat er sich nie gefürchtet, er hat es geschätzt. Und er war interessiert.

Innsbruck, 29. August

Gegen Mittag erreiche ich am zehnten Tag meines Pilgerweges Innsbruck, kann dem Regen gerade noch entkommen. Auf den dreihundert bisher gegangenen Kilometern ist die Sonne mein ständiger Begleiter gewesen, und ich weiß das zu schätzen. Je länger ich gehe, desto mehr bin ich von dem naturbelassenen Weg beeindruckt. Ein leichtes Gehen entlang tosender Flüsse und eines ruhigen Inns.

Stundenlang bin ich entlang der Saalach gewandert, durch Schluchten, durch Wiesen und Wälder. In Lofer hat der Loferbach die Saalach abgelöst. Und höchster Respekt unseren Bauern gegenüber! Seit Schneegattern sah ich nur noch Wiesen, erst in Brixlegg kam das erste Maisfeld. Sehr viel ist manuell zu tun. Ist der Hang noch so steil, er wird gemäht und oft hilft die gesamte Familie, damit das gemähte Gras den Hang hinunter gerecht werden kann.

In Innsbruck treffe ich einen guten Freund, Herbert, er zeigt mir den Dom. Genau dort begegne ich den Werken der Barmherzigkeit, besser gesagt einer Neuinterpretation des emeritierten Bischofs von Erfurt, Joachim Wanke, und seiner Diözese. Auf Schautafeln sind die Werke der Barmherzigkeit nach Wanke im Dom verteilt, sieben existentielle Sätze:

Du gehörst dazu.

Ich höre dir zu.

Ich rede gut über dich.

Ich gehe ein Stück mit dir.

Ich teile mit dir.

Ich besuche dich.

Ich bete für dich.


Vill, eine Rokokokirche am Fuße des Patscherkofels. Meine Begleiter nehmen Platz. Ein besonderer Ort zum Verweilen.

Diese Sätze sollten mich bis Rom begleiten. Damit hatte ich nicht gerechnet, aber im Laufe des Weges wurden gerade diese Aussagen für mich immer wichtiger. Für unser Leben ganz Wesentliches wird in diesen sehr einfachen Sätzen gesagt: Es geht um Wertschätzung. Es geht um Menschlichkeit. Sie gehört zum Wesen des Menschseins. Unmenschlichkeit widerspricht dem Menschsein. Wohin also laufen wir in dieser Welt, wenn die Menschlichkeit auf der Strecke bleibt?

Ich gehe ein Stück mit dir. – Gerade in den ersten Tagen meines Weges war ich sehr froh, dass immer wieder Menschen, Freunde mit mir gegangen sind. Freilich, jeder muss selbst den Weg gehen, das Leben meistern, aber wenn dich hin und wieder jemand begleitet, dich ernst nimmt, mit dir geht, dann geht es sich ganz einfach leichter.

Claudia, ein deutsches Mädchen, ist mit ihrer Freundin am Jakobsweg unterwegs. Claudia hat Auto gestoppt, weil sie mit ihrer Freundin nicht Schritt halten kann. Sie seien die besten Freundinnen, haben aber nie zuvor über ihr Tempo gesprochen. Claudia will zehn und ihre Freundin Lydia will dreißig Kilometer am Tag gehen. So geht sie zehn und macht den Rest per Anhalter. Abends sehen sie sich wieder.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten können einem ganz schön zusetzen. Unterschiedliche Geschwindigkeiten überfordern. Auf Dauer kann kein Mensch die Geschwindigkeit eines anderen, die nicht seine ist, gehen, noch weniger leben. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Es ist der Rhythmus, der im Leben gefunden werden will, mein Herzschlag, nach dem sich auch meine Schritte richten.

Ich darf von niemandem verlangen, meine Schrittlänge und meine Schrittzahl zu gehen. Es muss möglich sein, dass alle ihre Geschwindigkeit gehen dürfen. Und es muss möglich sein, dass wir uns trotzdem treffen – vielleicht muss ich Auto stoppen, vielleicht auch warten. Beziehung heißt auch: immer wieder aufeinander warten, voller Sehnsucht oder voller Geduld warten.

Ich habe begonnen, unterwegs viel zu beten, nicht weil ich ein fleißiger Beter werden will. Im Rosenkranz finde ich einen Rhythmus zum Gehen. Oft sind es nicht zehn Ave Maria, sondern zwanzig oder dreißig, bis ich wieder ein Gesätzchen beende. Im Beten nehme ich den Rhythmus meines Gehens auf und bin vielen Menschen sehr nah, weiß viele in meiner Nähe.

Morgens, wenn ich zu gehen beginne und die Sonne aufgegangen ist, geht mein Schatten – drohend lang – mir voraus. Egal, wie schnell und weit ich gehe, er wird immer kürzer, bis ich ihn einhole und hinter mir lasse. Abhängen kann ich ihn leider nicht – oder Gott sei Dank nicht.

2. Teil


Wiltener Basilika. Am Fuß des Bergisels ein Gerüst Gottes.

St. Michael bei Pfons, 30. August

Am Morgen verlasse ich spät, erst nach acht Uhr, Innsbruck, besuche auf dem Weg zum Bergisel die Wiltener Basilika, die innen eingerüstet ist. Die Fresken sind trotzdem zum Teil sichtbar. Die Kirche – ein „Gerüst Gottes“, ist sie noch Steighilfe, um nach oben zu kommen oder dorthin zu kommen, wo Sinnerfahrung das Leben begleitet?

Die Sprungschanze drängt mich aufzubrechen. Ich mache den Umweg zum Bergisel, das GPS wird mich dann schon wieder einen guten Anschluss an meinen „richtigen“ Weg finden lassen. Schnell bin ich oben und mach vor dem Eingang ein paar Fotos von der imposanten Sprunganlage. Zeit, reinzugehen, nach oben zu fahren und beim Anlauf einen Kaffee zu trinken, bleibt nicht. Zudem strömt eine Menge Touristen zum Sprungturm hinauf. Beeindruckend, was sich die Skispringer da zutrauen.


Der Bergisel mit der berühmten Sprungschanze. Nimmt man Anlauf, springt man fast bis Wilten.

Weiter geht’s am Denkmal von Andreas Hofer vorbei; umgeben von Adlern, die geradezu nach Freiheit lechzen, suche ich Anschluss an meinen Weg, kämpfe mich durch sehr unwegsames Gebiet, bis ich merke: Ich muss hinunter in die Sillschlucht und dort einen Steg finden, nur so kann ich zur anderen Seite des Tals gelangen. Ich muss lernen, auf der Landkarte auch die Höhenlinien mitzudenken. Aber es ist ein besonderer Weg, vermutlich ist da jahrelang kaum jemand gegangen, man bräuchte ein Buschmesser, um besser voranzukommen.

Irgendwann bin ich dann doch auf meinem Weg und folge ihm. Das sind so Augenblicke, da ich sehr froh bin, nach GPS-Tracks zu gehen. Das GPS zeigt sehr genau, wo man ist, wo man steht, wo man geht. Und irgendwie wünsche ich mir für mein Leben so klare GPS-Signale, die mir sagen: Hier stehst du und dorthin gehst du, weil genau das dein Weg ist. Aber leider gibt mir mein Gott keine so klaren Zeichen und Impulse. Trotzdem merke ich in diesen Tagen ganz besonders seine Nähe, eine Nähe, in der aber sehr viel offen ist – und das ist vielleicht doch gescheiter als ein alles vorgebendes NAVI. Es geht nicht um ein blindes Folgen eines eingebildeten Weges, um einen unbarmherzigen Plan, der immer nur vorgibt und nie nachgibt, ein Laufen um Zahlen. Den Koordinaten entsprechend, damit das Ergebnis eingefahren wird.

Heute erlebe ich die erste richtige Bergetappe mit mehr als tausend Höhenmetern. Ein schönes Gehen, das Wetter macht gut mit, und am Nachmittag zeigt sich so richtig die Sonne. Es geht hinauf auf gut tausendzweihundert Meter Seehöhe.

In Patsch treffe ich eine ältere Frau, die sich über ihre Elektrosense ärgert, da das Seil immer rausspringt. Sie bemerkt mich erst spät, und als ich sie grüße, entschuldigt sie sich gleich bei mir für ihren Ärger, den sie lautstark kundgetan hat. Ich muss schmunzeln. Eine edle Person. Es entsteht ein schönes Gespräch über Arbeit und Heimat. Sie sei sehr gerne hier, auch wenn alles ein wenig beschwerlich zum Erhalten sei. Aber es sei schon die Anstrengung, damit dieser Flecken zu ihrer Heimat werde, mit der sie zutiefst verbunden sei, meint sie.

Ein Falke steht im Rüttelflug über seinem Opfer, ändert nur geringfügig seine Position, bevor er noch einmal kurz in der Luft stehen bleibt, um im Sturzflug zur Erde zu sausen. Er verschwindet in einer kleinen Mulde, und ich kann ihn für Augenblicke nicht sehen. Nach wenigen Schritten rückt er wieder in mein Blickfeld: Er steigt mühsam auf, kann aber nicht an Höhe gewinnen und sucht im Tiefflug auf dem Steher eines Zaunes Sicherheit. Ich kann nicht erkennen, wie erfolgreich seine Jagd war.


Kleestangen, auch „Kleehifeln“ genannt. Längst außer Dienst, eine Kindheitserinnerung und ein Kruzifix als Wegweiser.

Kurz vor dem Etappenziel kommt mir ein riesiger Geländewagen mit einem Viehanhänger entgegen: Ich kann gerade noch zur Seite springen, hab aber das Gefühl, dass er noch mehr beschleunigt, und husche irgendwie auf die Böschung. Es war mehr als knapp. Ich blicke hinterher, der Viehanhänger war leer. Sitzt der Ochs etwa am Steuer?

Im Bildungshaus St. Michael in Pfons finde ich Unterkunft, meine letzte in Österreich.

Morgen werde ich aufbrechen, um nach Italien zu kommen, werde hoffentlich den Brenner erreichen und dann vielleicht noch ein paar Kilometer weitergehen. Ich bleibe noch lange im Garten sitzen und schaue über die Tiroler Wälder in die Weite. Hinter mir liegt ein schattiger Anstieg in einem schönen Mischwald, durch den immer wieder die Sonne durchzwinkert.

Gossensass, 31. August

Die heutige Etappe bringt mich über die Grenze nach Italien. Ich gehe am Morgen mit einer Sicherheit in die falsche Richtung, dass ich von mir selbst beeindruckt bin. Es ging ordentlich bergab, also muss ich nach dem Umkehren ebenso ordentlich wieder bergauf. So, jetzt versuche, nicht sauer auf dich zu sein, du musst ja schließlich wieder einen ganzen Tag mit dir gehen!

Nach einer halben Stunde bin ich wieder an meinem Ausgangspunkt. Wenn man’s als Morgengymnastik sieht, kann es jetzt also wirklich losgehen. Ich habe ja die digitale Karte mit dem exakten Pfeil als Wegweiser, der immer genau an der Stelle steht, an der man ist. Man sollte aber auch auf die Karte schauen! Ungeheuerlich, mit welchem Elan man in die falsche Richtung gehen kann.

Es atmet sich aber gut und leicht, wenn die Sonne scheint.

Nach intensiven Anstiegen geht es genauso flott wieder bergab, und ich weiß, dass jeder Meter bergab irgendwann wieder bergauf gehen muss.

Ein Kind kommt mir mit dem Fahrrad den Berg herauf entgegen. In Serpentinen fahrend versucht der Junge, dem Berg die Steilheit zu nehmen. Von weitem hör ich seinen freundlichen Gruß, den ich erwidere. „Ist es anstrengend da rauf?“, frage ich etwas naiv. „’s got scho“, sprudelt es aus seinem Mund, „’s got guat!“ Und mit einem Lächeln voller Mut radelt er in großer Lockerheit an mir vorbei. So wird der eindeutige Wille der Tiroler gebildet und trainiert. Zudem merke ich in Tirol, dass auf die Frage nach dem Weg immer zur Antwort kommt: „Ollwei gradaus!“

„Geradeaus!“ und „Es geht gut!“ Die beiden Prämissen der Tiroler sind ja eigentlich äußerst nachahmenswert.


Der Grenzstein am Brenner. Daumen hoch und „Ciao bella Italia“.

„’s got guat!“, hat der Junge gesagt und ist zielstrebig weitergeradelt. Da gab es kein schnaufendes Jammern, sondern nur den Tritt ins Pedal. Pure Lebensfreude.

Und dann noch das „Geradeaus!“ Wenn ich einen Wegverlauf erkläre, wird es meist kompliziert. Mit „Geradeaus!“ gibt dir der Tiroler die Frage zurück und sagt dir: „Geh, wohin du schaust, dann ist das immer ein Geradeaus.“ Wichtig ist also die Frage: „Wohin schaue ich?“

Ziemlich stolz überquere ich den Brenner, geh noch neun Kilometer weiter bis nach Gossensass und bestelle im Gasthaus eine Forelle, die ein bisschen überkräutert im Magen liegt.

Neustift, 1. September

Meine dreizehnte Etappe hatte es in sich. Ich hatte laufend Telefonate zu führen, die Baustelle zuhause betreffend. Ich bin schon gut fünfundzwanzig Kilometer unterwegs, da ist auf einmal der Weg abgesperrt. Ich schmuggle mich an der Absperrung vorbei, denn ich will nicht zurück. In der engen Schlucht zwischen Berg und Eisack gibt es nur diesen Weg und die Eisenbahn. Ich müsste einige Kilometer zurück, um über eine Brücke auf die andere Talseite zu gelangen. So ignoriere ich die Absperrung und gehe weiter. Ein Vermessungstechniker gibt mir auf Italienisch zu bedenken, dass ich Acht geben soll, und winkt mich weiter. Erleichtert gehe ich. Es ist abgeschlossenes Gelände, Baustelle für den Brenner-Basis-Tunnel. Der Tunnel soll von Innsbruck bis Franzensfeste reichen und wird an die fünfundsechzig Kilometer lang sein. Ich gehe nicht lange, und ziemlich vehement weist mich ein Vorarbeiter zurück. Da gibt es kein Weiter. Er spricht nur Italienisch. Sein Telefon läutet. Während er telefoniert, fordert er wild gestikulierend meine Umkehr. Aber ich für mich denke, dass ich keinen einzigen Schritt zurückgehen will. Er versteht mich nicht. Ich versuche es auf Englisch. Keine Chance. Ich deute auf meine Füße und erkläre ihm, dass ich eigentlich völlig kaputt sei. Wieder weist er auf das Verbotsschild hin. Plötzlich sieht er auf mein T-Shirt, auf dem auch auf Italienisch „Jahr der Barmherzigkeit“ steht: „Anno della Misericordia“, und ich weiß: Jetzt habe ich gewonnen. Noch einmal deutet er kurz, dass ich zurückgehen soll, dann aber läuft er weg, gibt mir ein Zeichen, ihm zu folgen, schimpft und meckert, bis wir bei seinem Baustellenfahrzeug sind, Stöcke und Rucksack kommen auf die Ladefläche, er öffnet mir die Beifahrertür, gibt mir ein Zeichen einzusteigen und bringt mich aus dem vermeintlichen Gefahrenbereich. Als wir die Fernstraße erreichen, ein ruckartiges Bremsen. Aussteigen. Er hievt noch meinen Rucksack von der Ladefläche, ich sag ihm: „Mille grazie, ciao!“ Er brummt: „Anno della Misericordia!“ und fährt zur Baustelle zurück.


Kloster Neustift, Augustiner-Chorherren. Das größte Kloster Tirols.

In Franzensfeste gibt es kein Quartier, ich gehe noch einmal gut sechs Kilometer, bis ich an diesem Tag fast vierzig Kilometer erreiche, und bekomme dann ein wunderbares Zimmer. Ich esse gut und geh früh schlafen.

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9783702237622
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