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Eva Reichl

Mühlviertler Rache

Kriminalroman


Zum Buch

Kopflos Eine kopflose Leiche wird auf den Bahngleisen der Sum­merauer Strecke von Linz nach Prag gefunden. Das Opfer war an Armen und Beinen an die Schienen gefesselt worden, der heranrasende Zug erledigte den Rest. Doch was hat der Tote getan, dass er so grausam sterben musste? Die Ermittler, Oskar Stern und Mara Grünbrecht vom LKA Linz, stehen vor einem Rätsel. Wenig später wird eine Reinigungskraft im Keller einer Freistädter Schule ermordet. Eine Verbindung zwischen den Fällen ist jedoch nicht zu erkennen. Chefinspektor Oskar Stern rast von einem Tatort zum nächsten, nein eigentlich schleicht er, denn sein Fahrstil entspricht dem eines Rentners mit Hut nach dem Sonntagskaffee. Damit treibt er nicht nur sein Team zur Weißglut, sondern auch seine Enkel. Denn ausgerechnet an diesem Wochenende hat er seiner Tochter versprochen, auf deren Kinder Melanie und Tobias aufzupassen. Immerhin ist inzwischen die Identität des ersten Opfers geklärt: Der kopflose Tote war ein Freistädter Scheidungsanwalt.

Eva Reichl wurde in Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich geboren und lebt mit ihrer Familie am Rande des Mühlviertels, wo auch ihre Krimi-Serie beheimatet ist. Zu ihrem Hauptberuf Controllerin bietet das Schreiben einen wunderbaren Ausgleich. Neben Kriminalromanen veröffentlicht Eva Reichl auch Kinderbücher.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Mühlviertler Grab (2020)

Mühlviertler Rache (2019)

Mühlviertler Blut (2018)

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Alle Rechte vorbehalten

3. Auflage 2020

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Ernest / stock.adobe.com

Druck: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-8392-6162-0

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

1. Kapitel

Oskar Stern saß auf einer Parkbank im Linzer Volksgarten. Zu dieser frühen Vormittagsstunde an einem Samstag im August flanierten nur wenige Menschen die breiten Wege der Parkanlage entlang. In den letzten Wochen hatte es geregnet, und auch heute ließ sich die Sonne kaum blicken. Für August war es eindeutig zu kalt. Stern bemerkte nicht, wie sich Tobias, sein neunjähriger Enkel, die Kletterwand auf dem Spielplatz hinaufzog und über die oberste Kante kraxelte. Sein Blick war auf die Bank ihm gegenüber geheftet. Dort lümmelte ein Junge neben seiner Mutter und bohrte in der Nase, dass Stern Angst bekam, der Finger des Jungen käme bei dessen Augen wieder heraus. Stern hatte schon allerlei in seinem Leben gesehen, trotzdem ekelte es ihn vor der gefühlt meterlangen grünlichen Liane, die kurz darauf aus der kindlichen Nase gezogen wurde.

Ob er seinen Dienstausweis zücken, dem Jungen vors Gesicht halten und dann sagen sollte, dass Nasebohren und den Popel anschließend in den Mund stecken strafbar war? Der Junge würde zwar einen Schock fürs Leben bekommen, aber mit Sicherheit nie mehr in seinem Riechorgan herumgraben wie ein Totengräber, der ein Grab für die nächste Leiche ausräumte.

»Opa, wie lange willst du uns denn noch hier gefangen halten?«, raunte Melanie, Sterns zwölfjährige Enkelin, ihrem Großvater von der Seite ins Ohr. Sie saß neben ihm auf der Bank und starrte gelangweilt Löcher in die Luft. Stern hatte ihr und Tobias verboten, solange sie in dem Park verweilten, mit einem elektronischen Gerät zu spielen, damit zu telefonieren oder im Internet zu surfen. Stattdessen sollten sie auf dem Spielplatz herumtollen, sich die Knie blutig schlagen und Freundschaften schließen. Echte Freundschaften mit Kindern, die man auch anfassen konnte und die nicht durch ein Profilbild von WhatsApp, Instagram oder Facebook, welches einen oftmals erschaudern und in Stern sofort die kriminalistischen Warnglocken schellen ließ, auf sich aufmerksam machten und Nachrichten wie »asap«, »thx«, »hdl« oder »wmg« über den Kanal schickten. Stern wusste bis heute nicht, was diese Hieroglyphen bedeuteten, und wollte es, ehrlich gesagt, auch gar nicht wissen.

»Ich halte euch nicht gefangen«, knurrte er, ohne den popelziehenden Jungen aus den Augen zu lassen. »Ihr braucht hin und wieder mal frische Luft und echte Menschen um euch, das ist alles.« Im selben Augenblick zweifelte er, ob die Gesellschaft auf diesem Spielplatz wirklich die richtige für seine Enkelkinder war, immer noch den Jungen beobachtend, der jetzt Experimente mit dem Nasenrotz in seinem Mund zu machen schien.

»Hallo! Wir sind mitten in Linz!« Melanie beugte sich nach vorn und winkte mit beiden Händen vor dem Gesicht des Großvaters, um ihn auf diesen nicht zu vernachlässigenden Umstand aufmerksam zu machen. Der Volksgarten, in dem sie sich befanden, war umringt von stark befahrenen Straßen, mehreren Hochhäusern wie dem Power Tower und dem Terminal Tower, in dem die Linzer Finanz- und Zollämter untergebracht waren, dem Musiktheater und der Straßenbahn, die irgendwo dazwischen in der Erde verschwand. Inmitten von riesigen Parkbäumen war ein kleines Areal, auf dem Turngeräte für Kinder aufgestellt waren. Dort saßen sie und atmeten die Linzer Stadtluft, die von ein paar verzweifelten Parkbäumen im Kampf gegen die Auspuffgase Tausender Kraftfahrzeuge erzeugt wurde. Und dort wurden sie, laut Melanie, von ihrem Großvater gegen ihren Willen festgehalten.

»Trotzdem gibt es hier Luft«, beharrte Stern.

»Luft gibt es auch zu Hause in meinem Zimmer. Und wenn ich das Fenster aufmache, atme ich genau dieselbe Luft wie hier.« Melanie verschränkte die Arme vor der Brust. Für ihr Alter war sie weit entwickelt, dachte Stern, und genauso zickig wie manch 16-Jährige. Ihre langen blonden Haare trug sie heute mit einem Seitenscheitel, was mit sich brachte, dass sie stets den Kopf zur Seite neigte. Als Stern nichts erwiderte, legte sie nach: »Außerdem ist noch keiner gestorben, weil er sich nicht in einen Park gehockt und Babys dabei zugesehen hat, wie sie auf solch einem Dingsda herumklettern. Wenn du mir wenigstens mein Handy …«

»Nein!« Stern stand auf, zog seine Hose hoch und atmete tief durch. Er wusste, dass das, was er vorhatte, falsch war, doch er konnte nicht anders.

»Aber …«

Stern hob die Hand und Melanie verstummte augenblicklich. Ihr war klar, dass es besser war, den Mund zu halten, wenn ihr Großvater diese Miene aufsetzte. Er plante etwas, das spürte sie. Es war das erste Mal an diesem Samstagvormittag, dass es für die Zwölfjährige spannend wurde.

Stern ging auf die gegenüberliegende Parkbank zu. Auf halbem Weg griff er in die Brusttasche und zog seinen Dienstausweis hervor, der ihn als Chefinspektor der Mordgruppe des Landeskriminalamtes Oberösterreich auswies. Er steuerte geradewegs den Jungen an, dem ein Rest des Rotzes noch aus der Nase baumelte. Er holte tief Luft und wollte gerade etwas sagen, als sein Handy klingelte. Überrascht blieb er stehen, fischte das lärmende Gerät aus der Seitentasche seines Jacketts und blickte auf das Display. Bormann, der Leiter des LKA. Stern seufzte. Wenn der anrief, bedeutete das nichts Gutes. Er wischte über das Display, hielt sich das Smartphone ans Ohr, drehte sich zur Seite und sah aus den Augenwinkeln, dass Melanie ihn von der Parkbank aus giftig anglotzte. »Absolutes Handyverbot«, hatte er vorhin verkündet und sich selbst dabei eingeschlossen. Nun war ausgerechnet er es, der dieses Verbot missachtete. Das ließ ihn vor der Zwölfjährigen nicht besonders gut dastehen.

»Stern«, meldete er sich zwischen nasepopelnder und pubertierender Parkbank stehend.

»Bormann hier! Stern, wo sind Sie? Wir haben einen Toten! Auf der ÖBB-Bahnstrecke zwischen Freistadt und Summerau. Sie müssen sofort hinfahren«, drang es an Sterns Ohr.

»Es wird eine Weile dauern. Ich hab heute die Kinder meiner Tochter …«

»Sofort, Stern! Die ÖBB sitzt mir im Nacken! Die wollen die Strecke so schnell wie möglich wieder freigeben. Sie wissen ja, der Chef der ÖBB geht mit dem Landeshauptmann golfen.«

»Die Strecke wird erst freigegeben, wenn ich das sage. Teilen Sie den Leuten von der ÖBB mit, dass ich unterwegs bin, aber wie gesagt, es wird eine Weile dauern.« Stern beendete das Gespräch, steckte Handy und Dienstausweis ein und machte kehrt. »Tobias!« Mit einer Geste deutete er seinem Enkel, er möge zu ihnen auf die Parkbank kommen. Auf die pubertierende.

Tobias sprang von dem Klettergerüst und rannte auf seinen Großvater zu. Der saß mittlerweile wieder neben Melanie auf der Bank. Die neue Situation stellte ihn vor eine echte Herausforderung. Er hatte die Kinder seiner Tochter Barbara bis morgen Abend unter seiner Obhut, da diese zu ihrer Mutter nach Graz gefahren war. Seine Ex sei krank, hatte Barbara ihm mitgeteilt und auch, dass sie nach ihr sehen und ihr zwei Tage lang unter die Arme greifen wolle. Ohne Kinder natürlich. Die würden sich bei der kranken Großmutter lediglich anstecken und sich außerdem in der kleinen Zweizimmerwohnung langweilen. Stern zweifelte daran, dass seine Exfrau Franziska tatsächlich krank war. Zumindest körperlich. Erst vor Kurzem war ihre Beziehung zu jenem Mann in die Brüche gegangen, für den sie Stern vor Jahren verlassen hatte, was Stern nicht ohne eine gewisse Genugtuung registriert hatte. Denn damals hatte sie einfach alles stehen und liegen lassen und war mit ihrem neuen, viel jüngeren Lover nach Graz abgehauen. Auch wenn das bereits mehrere Jahre zurücklag und man meinen könnte, dass Stern über diesen Affront längst hinweg sei, hatte das Bekanntwerden der Trennung seiner Ex ein gewisses Glücksgefühl in ihm ausgelöst. Er würde das zwar niemals zugeben, aber ein paar Tage lang hatte er sich gefühlt, als schwebte er auf Wolken. Dass dieses Gefühl Schadenfreude gewesen war, hatte er sich natürlich nicht eingestanden.

»Was ist denn, Opa?«, fragte Tobias keuchend, als er sich völlig aus der Puste auf die Parkbank fallen ließ. Seine kurzen braunen Locken klebten ihm auf der Stirn und im Nacken und seine Rehaugen hefteten sich neugierig auf den Großvater.

»Ich muss kurz mal überlegen«, sagte Stern, und seine grauen Gehirnzellen liefen in der Tat zur Höchstform auf. Er wusste, dass seine Tochter Barbara es nicht mochte, wenn er den Kindern von seinen Fällen berichtete, die er im Landeskriminalamt als Chef der Mordgruppe bearbeitete. Wie fände sie es dann, wenn er sie zu einem Tatort mitnähme? Sie würde ihm seine geistigen Fähigkeiten absprechen, seinen Verstand infrage stellen und behaupten, sein Verantwortungsbewusstsein habe sich in Luft aufgelöst. Aber wo sollte er die Kinder so schnell unterbringen? Bis Barbara aus Graz hier wäre, vergingen locker vier Stunden, und Bormann würde ihm den Arsch aufreißen, wenn er nicht bald am Tatort erschien, wegen des Golf spielenden ÖBB-Chefs und dessen Golfpartner, dem Landeshauptmann.

»Was musst du denn überlegen?«, unterbrach Tobias Sterns Grübeleien, rutschte nach vorn auf die Kante der Bank und zog mit den Füßen einen Kreis in den gekiesten Boden.

»Wie er uns ganz schnell loswerden kann«, warf Melanie bissig ein.

»Melanie!« Stern war über die Ansicht seiner Enkelin empört.

»Stimmt doch, oder etwa nicht?« Auf Melanies Gesicht zeigte sich ein Grinsen, während ihre Augen feindselig funkelten. Es war das erste Mal, dass sie lächelte, seit sie in seiner Obhut war, auch wenn das Leid des Großvaters der Grund für ihre Heiterkeit zu sein schien, weil er nicht wusste, wohin so schnell mit den Kindern.

»Könnt ihr für ein paar Stunden zu Freunden?«, wagte Stern einen Vorstoß.

»Mama hat gesagt, dass wir auf gar keinen Fall mitspielen sollen, wenn du versuchst, uns abzuschieben«, erzählte Tobias bereitwillig, während er dem Kreis auf dem Boden ein Paar Augen, eine Nase und einen Mund verpasste.

Stern seufzte. So war das also. Die Meute hielt zusammen. Das war gut, auch wenn es ihm das Leben erschwerte.

»Also, ich könnte zu Martin fahren. Mit der Straßenbahn. Brauchst mich nicht zu bringen«, sagte Melanie wie beiläufig und versuchte, Sterns Blick auszuweichen.

Der Chefinspektor setzte sich aufrecht hin und sah seiner Enkelin ins Gesicht. »Sicher nicht, junge Dame! Dafür bist du eindeutig nicht alt genug!«

»Ich bin zwölf!«, begehrte Melanie auf.

»Ich weiß, und das ist zu jung für … so etwas!« Stern fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, um zu verdeutlichen, was er meinte.

»So etwas nennt man Liebe«, giftete Melanie ihn an. »Aber davon hast du ja keine Ahnung. Oma hat dich schließlich verlassen. Wer weiß schon genau, warum …« Als sie den Blick des Großvaters sah, verstummte sie.

»Ihr kommt mit!«, fällte Stern eine bedeutungsvolle Entscheidung. Tobias würde sich wegen des Auftrags seiner Mutter ohnehin weigern, zu einem Freund zu gehen, und Melanie würde nur Blödsinn anstellen, für den Stern nicht die Verantwortung übernehmen wollte. Barbara brächte ihn zwar um, wenn sie erfahren würde, dass er die Kinder mit an einen Tatort genommen hatte, aber das musste er halt verhindern. Er stand auf und stellte sich breitbeinig vor seine Enkelkinder. »Wenn ihr eurer Mutter nicht verratet, wohin wir gleich fahren, dann bekommt ihr eure Handys zurück und dürft tun, was immer ihr sonst auch damit anstellt. Ist das ein Deal?«

»Das ist ein Deal!«, rief Tobias. Er sprang auf und hielt seinem Großvater die gestreckte Hand hin. »Gib mir fünf!«

Stern lächelte und schlug ein. Sein Enkel war schnell zu begeistern, vor allem für Sachen, die etwas mit der Arbeit seines Großvaters zu tun hatten. Stern wollte jedoch verhindern, dass seine Enkelkinder zu viel von dem Fall mitbekamen. Wie er das allerdings anstellen sollte, musste er erst noch überlegen, und zwar auf der Fahrt, die von Linz nach Freistadt mit zwei Kindern auf der Rücksitzbank, denen er durch den Deal buchstäblich ausgeliefert war, ohnehin lange genug dauern würde. Er wartete noch auf Melanies Reaktion. Die Zwölfjährige saß auf der Parkbank und blitzte ihren Großvater aus schmalen Schlitzen an. Er wusste, dass sie gerade ihre Fangnetze auslegte und hoffte, er würde sich darin verheddern. Trotzdem hatte er keine Wahl.

»Dann hab ich etwas gut bei dir«, sagte Melanie, ohne dieses Mal den Blick von ihm abzuwenden. Stern war über ihr Selbstbewusstsein überrascht und auch ein wenig stolz. Schließlich war sie seine Enkeltochter. Er nickte zustimmend, da sie es eilig hatten.

Melanie stand von der Parkbank auf und wollte sich an ihrem Großvater vorbeidrücken, aber der hielt sie am Arm zurück.

»Deal?«, fragte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Melanie sah sich um, ob sie beobachtet wurden. Als sie niemanden entdeckte, den sie kannte, und auch niemanden, bei dem es wichtig war, dass sie cool wirkte, klatschte sie in die Hand des Großvaters ein.

»Deal!«

*

Nach einem anfänglichen Streit, welche Musik Sterns Audi A6 während der Fahrt ins Mühlviertel zum Beben bringen sollte, worüber der Chefinspektor sich mit seinen Enkelkindern nicht einig geworden war, blieb das Radio aus. Mit jedem gefahrenen Kilometer wurde Stern unruhiger. Es wollte ihm keine Lösung einfallen, was er mit den Kindern tun sollte, solange er den Tatort begutachtete. Und das Gezanke auf der Rücksitzbank, wer denn nun Schuld an der Musiklosigkeit trug, war auch nicht besonders hilfreich, um einen klaren Gedanken zu fassen zu können.

Sollte er Tobias und Melanie im Auto warten lassen?

Die Sonne blitzte durch die Wolken hindurch, es hatte angenehme 22 Grad Celsius. Wenn die Sonne jedoch länger auf das Autodach schien, würde es im Innenraum bald unerträglich heiß werden. Er sah schon die Headline in den OÖ. News vor seinem geistigen Auge: »Großvater lässt Enkelkinder im Wagen verrecken!« Wenn er Glück hatte, würde nur »Chefinspektor vom Landeskriminalamt OÖ lässt Enkelkinder unbeaufsichtigt im überhitzten Wagen zurück« in der Zeitung stehen. Aber das würde ihn nicht vor seiner Tochter schützen. Sie würde ausrasten, wenn sie davon erfuhr. Diese Möglichkeit kam also nicht infrage. Er musste nach einer anderen Lösung suchen, wie die Kinder nichts von dem Mordfall mitbekamen.

Dann stellte sich Stern die Frage, wieso er überhaupt zu einem Todesfall auf Bahngleisen gerufen wurde? Meistens waren solche Opfer doch Selbstmörder. Was war an diesem Fall anders? Er hatte vergessen, Bormann danach zu fragen, und jetzt wusste er nicht, worauf er sich einstellen musste. Stern fluchte und blickte schuldbewusst in den Rückspiegel, doch keines der Kinder auf der Rücksitzbank hatte seinen wüsten Ausruf gehört. Nachdem ihr Streit über das Radio verklungen war, hatten beide ihre Kopfhörer eingestöpselt und wischten seither konzentriert auf dem Display je eines Smartphones herum.

Vielleicht war ja eine Polizeibeamtin vor Ort, die er bitten konnte, ein Auge auf die beiden zu werfen, bis er mit der Untersuchung des Tatortes fertig war. Er wusste, dass die Nutzung von Staatsressourcen für private Zwecke nicht erlaubt war, aber eine andere Lösung sah er nicht.

»Sind wir bald da?«, fragte Tobias, dem die Fahrt schon zu lange dauerte. Stern war nicht gerade als Raser bekannt. Die Kollegen am Landeskriminalamt witzelten über ihn, dass eine Schnecke beim Mittagsschlaf schneller sei als er mit seinem Audi A6.

»Ja, wir sind bald da.« Stern erhöhte die Geschwindigkeit um zwei Kilometer je Stunde.

»Ich muss aufs Klo«, drang es von der Rücksitzbank.

»Ein wenig dauert es noch«, antwortete Stern und überlegte, wo er auf die Schnelle auf der S10 eine Pinkelmöglichkeit für seinen Enkel finden sollte. Er hoffte, dass es nichts Dringlicheres war, denn ein paar Büsche waren hier im Mühlviertel schneller aufgetan als eine Toilettenanlage samt Klopapier.

»Du weißt ja, wie Opa Auto fährt«, meldete sich Melanie zu Wort, was Stern erstaunte. Das Getöse aus ihren Kopfhörern war sogar bis zu ihm nach vorn gedrungen. Wie hatte sie da das Gespräch zwischen ihm und Tobias mitbekommen können? Die Zwölfjährige beherrschte doch nicht etwa die Kunst des Lippenlesens?

»Ich muss aber ganz dringend!« Tobias rutschte unruhig auf seiner Sitzerhöhung hin und her.

»Ich fahr bei der nächsten Gelegenheit rechts ran.« Stern hielt nach einem Rastplatz Ausschau.

»Und ich hab Durst«, sagte Melanie, ohne den Blick vom Display ihres Handys zu nehmen.

»Und ich hab weder eine Toilette noch etwas zu trinken«, gab Stern genervt zurück, was ihm sofort leidtat. Seine Enkelkinder konnten nichts dafür, dass er von seinem Vorgesetzten zu einem Tatort bestellt worden war und ihn ihre Bedürfnisse wertvolle Zeit kosteten. Was hatte Bormann gesagt? Dass die ÖBB die Strecke so schnell wie möglich freigeben wolle. Also musste er sich ranhalten! Schließlich gab es da dieses gemeinsame Freizeitvergnügen zwischen dem ÖBB-Chef und dem Landeshauptmann, der öfter mit Bormann zu telefonieren schien, als Stern das je mit seiner Exfrau getan hatte. Im Rückspiegel sah er, wie Tobias das Gesicht zu einer Grimasse verzog. Gleich würde er zu weinen beginnen. Schweren Herzens lenkte Stern den Audi auf den Pannenstreifen, schaltete die Warnblinkanlage ein und hoffte, dass niemand von den Vorbeifahrenden ihn erkannte. Dann half er Tobias in eine Warnweste zu schlüpfen und sah ihm zu, wie er unsicher über die Leitplanke kletterte. Dahinter blieb der Junge ratlos stehen.

»Was ist? Soll ich etwa mitkommen?«, fragte Stern gereizt und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Seit Bormanns Anruf war gut eine Stunde vergangen. Die Kollegen würden eine Vermisstenanzeige aufgeben, wenn er nicht bald am Tatort erschien.

»Ich brauche etwas zum Abwischen«, sagte Tobias mit hängenden Schultern.

Stern seufzte, öffnete die Beifahrertür, ignorierte, so gut es ging, die grinsende Melanie auf dem Rücksitz, die plötzlich kein Interesse mehr an ihrem Handy zeigte, sondern durch das Seitenfenster auf den unglücklichen Tobias glotzte, kramte in der Mittelkonsole nach einer Packung Taschentücher und hielt sie Melanie hin.

»Hilf deinem Bruder«, sagte er.

Die Zwölfjährige lachte hysterisch auf, als hätte sie just in diesem Augenblick jemand in den Hintern gezwickt, wandte sich ab und wischte wieder auf dem Display herum, als ginge sie das Ganze nichts an.

Stern seufzte, zog seinen Oberkörper aus dem Audi, richtete sich zu seiner vollen Größe auf, atmete einmal tief durch und wollte sich gerade Tobias hinter der Leitplanke zuwenden, als er aus den Augenwinkeln sah, wie jemand ihm aus einem blauen Wagen heraus zuwinkte. Dominik Weber, der Gerichtsmediziner!

»Scheiße!« Stern musste zusehen, wie Weber mit 150 Sachen an ihm vorbeiraste. »Schnell! Los, mach jetzt!«, trieb er Tobias an und warf ihm die Packung Taschentücher zu. Tobias bekam sie nicht richtig zu fassen und ließ sie fallen. Umständlich fingerte er in dem hohen Gras herum. Das kostete wertvolle Zeit. Schon wieder! Als er die Packung endlich in Händen hielt, verschwand er damit hinter den Büschen, die gut zehn Meter von der Leitplanke entfernt wucherten. Stern ging vor der Fahrbahnabsperrung wie ein seit Jahren in einem Käfig eingesperrter Tiger auf und ab. Dabei wechselte sein ungeduldiger Blick zwischen den Verkehrsteilnehmern auf der S10 und den Büschen hin und her.

»Wie lange dauert das denn noch?«, rief er nach endlosen Minuten des Wartens.

»Bin gleich fertig!«, kam es leise zurück. Wie weit hatte der Junge sich entfernt, um sein Geschäft zu verrichten?, schoss es Stern durch den Kopf? Er versuchte zu erspähen, ob er durch die Blätter der Büsche etwas Farbiges von Tobias’ Kleidung hindurchblitzen sah. Doch da war nichts.

Nach weiteren zwei Minuten rief er erneut. »Mach schon, Tobias! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

»Hier hat jemand seinen ganzen Plunder abgeladen«, kam es aus den Büschen retour.

»Ich bin nicht beim Umweltschutz, Tobias. Ich bin bei der Mordgruppe des Landeskriminalamtes und muss nun endlich zum Tatort«, antwortete Stern gehetzt.

»Ich meine ja nur.« Tobias’ Schopf tauchte zwischen dem Gestrüpp auf und kam endlich näher. Stern fühlte sich bei seinem Anblick erleichtert. Einerseits, weil dem Jungen nichts passiert war – er hätte ja rückwärts eine Böschung hinunterstürzen und sich das Bein brechen können –, andererseits, weil sie nun endlich weiterfahren konnten.

»Für den Müll sind andere zuständig«, erklärte er seinem Enkel in einem ruhigeren Tonfall, während Tobias über die Leitplanke zurück auf den Pannenstreifen kletterte. Dort hielt er seinem Großvater die Packung mit den Taschentüchern hin. Eines war übrig geblieben.

»Behalte es«, sagte Stern und schob den Jungen durch die hintere Autotür hinein auf die Sitzerhöhung. Als der Sicherheitsgurt eingerastet war, eilte er um den Wagen herum und pflanzte seinen eigenen Hintern auf den Fahrersitz, schaltete die Warnblinkanlage aus und gab Gas. Nach wenigen hundert Metern bremste er wieder. Die nächste Ausfahrt musste er nehmen. Der Audi rollte von der Schnellstraße und fuhr nach dem Kreisverkehr auf der Prager Straße Richtung Freistadt. Auf der rechten Seite befand sich ein riesiges Plakat der Mühlviertler Wiesn, welche dieser Tage in Freistadt stattfand. Darauf wurde mit traditionellem Brauchtum, volkstümlicher Musik und hiesigen Schmankerln geworben. Doch der Todesfall dürfte nichts mit dem Volksfest zu tun haben, Bormann hatte schließlich die Schienen erwähnt. Irgendwo entlang der Bahnstrecke zwischen Freistadt und Summerau liege der Tote, hatte er am Telefon gesagt.

Links ließen sie das Landeskrankenhaus der Stadt hinter sich und erreichten endlich die als Kultur- und Braustadt bekannte Mühlviertler Provinzmetropole. Jetzt mussten sie noch den Tatort finden.

In Freistadt bog Stern auf die Leonfeldner Straße ein und erblickte kurz darauf auf der linken Seite den Bahnhof. Hier waren sie richtig. Er folgte der Straße und behielt die dazu parallel verlaufenden Gleise im Auge.

»Gleich verschwinden sie unter der Straße«, machte Tobias wenig später seinen Großvater aufmerksam, dass sie auf eine Brücke zusteuerten. »Vielleicht ist er ja gesprungen, der Tote … Ich meine, als er noch nicht tot gewesen ist.«

»Tobias!«, fuhr Melanie ihren Bruder an, da ihr schon allein bei der Vorstellung, was sie dort vorfänden, wenn ihr Bruder recht hatte, übel wurde.

»Das wissen wir noch nicht«, versuchte Stern, die Kinder zu beruhigen. Er verringerte die Geschwindigkeit. Auf der Brücke hielt er an, schaltete Blaulicht und Warnblinkanlage ein und stieg aus. Über das Geländer warf er einen Blick auf die Bahntrasse hinab.

»Also, gesprungen ist er schon mal nicht«, sagte Tobias, der plötzlich neben ihm auftauchte und auf ein Meer aus blau blinkenden Lichtern, etwa einen halben Kilometer entfernt auf der Bahntrasse, starrte.

»Nein, gewiss nicht. Aber du darfst deiner Mutter auf gar keinen Fall etwas davon erzählen«, verlangte Stern.

»Ist doch klar, Opa. Die macht dich sonst zur Sau.« Tobias grinste.

Und Stern seufzte. »Ab in den Wagen mit dir.«

Er startete den Motor und ließ den Audi von der Brücke rollen. Wenige Meter danach zweigte rechts ein Weg ab. Davor hatte sich allerdings ein Stau gebildet, da das blau blinkende Lichtgewitter am Ende des Weges die Aufmerksamkeit aller Autofahrer auf sich zog. Viele Köpfe wurden aus den Fenstern gereckt, um zu ergründen, was bei den Gleisen vor sich ging. Immer wieder sah Stern Handys, die aus den Autos gehalten wurden, um Fotos vom Geschehen zu machen. Ein schnelles Vorankommen war unmöglich. Ein Polizist versuchte, die Schaulustigen zum Weiterfahren zu bewegen – mit mäßigem Erfolg, wie Stern feststellte. Er drückte auf die Hupe. Dann noch einmal. Das wiederum veranlasste einen SUV-Fahrer zu einer nicht jugendfreien Geste. Im Schritttempo näherte sich Sterns Audi der Abzweigung. Als er sie endlich erreichte, nickte Stern dem Polizisten zu, dem der Schweiß auf der Stirn stand, deutete auf das Blaulicht auf seinem Wagen und drückte seinen Dienstausweis gegen die Seitenscheibe. Der Uniformierte warf einen flüchtigen Blick darauf und gab den Weg zu der Bahntrasse für ihn frei.

»Wow!«, kommentierte Melanie den Tumult nahe dem Wald und machte Fotos mit ihrem Smartphone. Mehrere Polizeiwagen, ein Rettungsauto, der Kleinbus der Spurensicherung, ein Leichenwagen, dazwischen jede Menge Menschen in Uniform und Zivilkleidung. Sie alle waren hier versammelt, um ein Verbrechen aufzuklären. Also war es doch kein Selbstmord, dachte Stern und auch, dass die Sache wohl länger dauern würde.

»Ist ja voll geil!«, rief Tobias, der sich mit seinem Oberkörper zwischen die Vordersitze schob, um besser sehen zu können.

»Dieses Wort sagt man nicht«, ermahnte Stern seinen Enkel. »Außerdem ist jemand gestorben. So etwas ist nie geil. Schreib dir das hinter die Ohren.«

»Das hab ich nicht gemeint, Opa, sondern die vielen Polizeiautos!« Tobias deutete durch die Windschutzscheibe, in der sich das blau blinkende Licht brach und zuckend ins Wageninnere fiel.

»Schon klar«, brummte Stern und parkte den Audi gleich hinter Webers Wagen.

»Was sollen wir jetzt tun?« Melanie hatte aufgehört, Fotos zu knipsen, und drückte ihre Nase am Seitenfenster platt.

»Ihr könnt euch die Beine ein wenig vertreten, dort drüben.« Stern deutete auf den Waldrand gleich neben dem Weg, der weit genug von den Einsatzkräften entfernt zu sein schien und nahe genug, um ein Auge auf die Kinder zu haben. »Ihr geht auf gar keinen Fall da runter!« Sein ausgestreckter Finger wies nun auf die Gleise, wo die Kollegen der Spurensicherung in ihren weißen Overalls geschäftig hantierten. Stern machte unter ihnen Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht und Gruppeninspektor Hermann Kolanski aus. Wie zu erwarten, waren sie vor ihm eingetroffen. Vor ihnen kniete Dominik Weber, der Gerichtsmediziner. Der Raser von der S10. »Ihr dürft die ganze Zeit mit euren Handys spielen. Ich werde es eurer Mutter nicht verraten«, sagte Stern, führte den Zeigefinger an seinen Mund und gab vor, diesen mit einem imaginären Schlüssel zu versperren.

»Du meinst, wir verraten dich nicht bei Mama, weil du uns hierher mitgenommen hast«, stellte Tobias richtig. Er hielt seiner Schwester grinsend die Hand hin und die schlug ein.

Stern seufzte. Wie hatte er sich nur in die Gewalt von zwei Kindern begeben können? Auch wenn sie sein eigenes Fleisch und Blut waren, jetzt quetschten sie ihn aus wie eine reife Zitrone. »Ist schon recht. Hauptsache, ihr stellt keinen Unsinn an.« Stern stieg aus dem Wagen und nahm den schmalen Trampelpfad, welcher von den Einsatzkräften bereits ausgetreten worden war, durch das Gestrüpp hinab zu den Bahngleisen. Er warf noch einen Blick zurück zu seinen Enkelkindern, ob sie seinen Anweisungen Folge leisteten, denn wenn nicht, würde er sie von einer Polizistin bewachen lassen müssen, Staatsressourcen hin oder her. Doch Tobias und Melanie winkten ihm brav wie Lämmer zu.

Als Stern die Trasse erreichte, sah er den rötlichen Schimmer auf den Schienen und der Schüttung. Das Opfer musste viel Blut verloren haben, das sich auf dem kurzen Stück der Bahnstrecke verteilt hatte. Irgendwo dort lag der Leichnam.

»Grüß Gott, Chef!«, hieß Mara Grünbrecht ihren Vorgesetzten am Tatort willkommen und strich auf einer Seite ihre schulterlangen dunkelbraunen Locken hinter das Ohr. Kolanski, wie immer mit schwarzer Lederjacke und Sonnenbrille unterwegs, deutete mit der Hand einen Gruß an, sagte aber nichts, da er konzentriert Webers Tun verfolgte. Er hatte die Sonnenbrille auf den Kopf hochgeschoben, um alles genau sehen zu können.

Der Gerichtsmediziner kniete neben den menschlichen Überresten, beugte sich über sie und sagte, ohne aufzublicken: »Auch schon da?«

»Was haben wir?«, fragte Stern, ohne auf Webers Neckerei einzugehen.

»Nicht viel, nur den Torso und einen Teil der Gliedmaßen. Kopf, Hände und Füße fehlen«, antwortete Grünbrecht. Stern folgte ihrem Fingerzeig die Gleise entlang. Eine Blutspur zog sich von jener Stelle, an der die kopflose, an Armen und Beinen an den Schienen mit Seilen festgebundene Leiche lag, mehrere Meter weit den Bahndamm entlang. Dann verlor sich das Blut, wurde weniger. Wahrscheinlich hingen die übrigen Leichenteile irgendwo unten am Zug fest, der hundert Meter weiter vorn zum Stillstand gekommen war. Oder sie lagen in den Büschen, die seitwärts des Bahndammes wucherten.

»So wird es schwer, das Opfer zu identifizieren. Und einen Aufruf mit Foto können wir vergessen.« Weber blickte auf und überprüfte, ob alle mitbekommen hatten, was er mit dem Foto hatte ausdrücken wollen, gluckste und redete weiter. »Wir haben keine Fingerabdrücke. Das Opfer hatte ebenso keinen Ausweis eingesteckt. Wenn wir Glück haben, ist seine DNA in unserer Datenbank. Sonst sehe ich schwarz für unseren Kopflosen.«

»Vielleicht hat er ein anderes Merkmal, aufgrund dessen wir ihn identifizieren können«, warf Grünbrecht ein. »Ein auffälliges Muttermal zum Beispiel. Eine Tätowierung oder eine charakteristische Narbe.«

»Das wissen wir erst, wenn ich ihn auf dem Tisch hab. Hier ziehe ich ihn gewiss nicht aus. Sonst glaubt der Stern noch, in meinem Kopf ist ein IC entgleist.« Weber lachte abermals. Dann untersuchte er den Torso auf augenscheinliche andere Wunden, die nicht vom Überrollen des Zuges stammen konnten.

»Wo sind die Passagiere?«, fragte Stern knapp. Neben Webers schrägem Humor würde ihm noch fehlen, dass eine Horde hysterischer Zuggäste über den Tatort herfiel und alle Spuren niedertrampelte.

»Die ÖBB hat sie mit einem Bus abgeholt. Waren eh nicht mehr viele«, erklärte Grünbrecht ihm.

Stern begutachtete die Leiche genauer. Aufgrund des vielen Blutes wusste er auch ohne Webers Analyse, dass das Opfer durch das Überrollen des Zuges ums Leben gekommen war und nicht vorher das Zeitliche gesegnet hatte. Der Täter hatte es demnach psychisch leiden lassen wollen, es wahrscheinlich bis zum Schluss in dem Glauben gelassen, dass es möglicherweise eine Chance gab, nicht an diesem Ort zu sterben. Ob der Täter dabei zugesehen hatte, wie der Zug den Mann schlussendlich in Stücke gerissen hatte, konnte Stern nicht sagen. Die Wahrscheinlichkeit war aber hoch. Jemand, der sein Opfer so leiden ließ, wollte sehen, wie es starb.

»Was kannst du mir bisher sagen, Weber?«, wandte sich Stern an den Gerichtsmediziner.

»Dass ich vor dir am Tatort gewesen bin«, grunzte der.

»Ich meine etwas, das von Bedeutung ist«, antwortete Stern gespielt gelassen, obwohl es ihn natürlich ärgerte, dass Weber vor ihm eingetroffen war.

»Die Leiche ist männlich, wahrscheinlich so zwischen 30 und 50 Jahre alt. Der Tod ist, unmittelbar nachdem ihn der Zug überfahren hat, eingetreten. Kopf, Hände und Füße wurden abgetrennt und fehlen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie von Tieren gefressen oder davongetragen wurden, dafür hat die Zeit nicht gereicht. Außerdem gibt es im Mühlviertel keine so großen Raubtiere.«

»Doch, mittlerweile schon«, warf Grünbrecht ein.

»Ein Rudel Wölfe streift durch die Mühlviertler Wälder oben in Liebenau«, wusste auch Weber. »Aber bis hierher sind sie noch nie gekommen. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Gliedmaßen irgendwo in der Nähe herumliegen. Durch die Wucht der Durchtrennung könnten sie durch die Luft geschleudert worden und im Gebüsch gelandet sein. Kein schöner Tod, wenn ihr mich fragt, auch wenn er sofort eingetreten ist«, beendetet Weber seine Kurzanalyse.

»Ja, grauenvoll, wenn man darauf wartet, dass ein Zug kommt und einen erledigt«, resümierte Stern und blickte die Gleise entlang, die nach hundert Metern in einer Kurve zwischen Sträuchern und Bäumen verschwanden. In der anderen Richtung sah er ein gutes Stück entfernt die Brücke, von der er und Tobias zuvor hinabgesehen hatten. Der Tatort war klug gewählt. Durch den Wald war man entlang des Bahndammes vor neugierigen Blicken geschützt, und die Brücke war zu weit weg, als dass man von dort etwas hätte genau erkennen können. »Wann ist er gestorben?«

»Der Todeszeitpunkt ist der Zugfahrplan«, meinte Weber und streifte seine Handschuhe ab. »Genauer kann ich es dir nicht sagen.«

»In welchen Abständen fahren hier Züge?«, wollte Stern wissen.

»Bin ich die Fahrplanauskunft?«, witzelte Weber und stand auf. Er packte seine Sachen in die Tasche, ließ sie zuschnappen und machte sich zum Gehen bereit. »Wenn du mit ihm fertig bist, schick ihn mir bitte in die Gerichtsmedizin – aber mit der Bahn!« Weber grunzte wieder.

Stern, der Webers Humor nur selten teilte, erwiderte: »Einen Fahrschein wird der ja wohl nicht mehr brauchen.« Dass der Gerichtsmediziner jedes Mal an einem Tatort so gute Laune versprühte, nervte ihn.

Doch Weber lachte aufgrund Sterns vermeintlichen Scherzes nur noch lauter und verließ pfeifend den Tatort. Stern sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Danach wandte er sich wieder der Leiche zu. Die Kollegen der Spurensicherung durchkämmten indessen Zug und Bahndamm auf der Suche nach den fehlenden Körperteilen.

»Vielleicht hat der Täter Kopf und Hände mitgenommen, damit wir das Opfer nicht identifizieren können«, spekulierte er laut.

»Kein Kopf, keine Identifizierung durch Angehörige. Keine Hände, keine Fingerabdrücke und keine Identifizierung durch unsere Datenbank«, fasste Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht zusammen.

»Wer packt denn einen blutigen Kopf ein?«, fragte indessen Gruppeninspektor Hermann Kolanski angewidert. »Und schleppt ihn, vielleicht sogar in einem Plastiksackerl vom Supermarkt um die Ecke, durch die Gegend?«

»Jeder könnte das tun«, brummte Stern.

»Die Züge fahren auf dieser Strecke in Abständen von etwa 30 Minuten. So lange hatte der Täter Zeit, das Opfer an den Gleisen festzubinden. Wahrscheinlich hat er es vorher betäubt oder bewusstlos geschlagen.« Grünbrecht deutete mit den Armen einen Hieb gegen den Kopf ihres Kollegen an.

»Sonst hätte sich das Opfer gewehrt, und es hätte wohl länger gedauert, es hier festzubinden«, ergänzte Kolanski Grünbrechts Ausführungen zum Tathergang.

»Als das geschafft war, hat der Täter nur noch darauf warten müssen, bis der Zug den Rest erledigt.« Grünbrecht stützte die Hände in die Hüften und betrachtete das Blutbad zu ihren Füßen.

»Zum Denken blieb dem Täter genügend Zeit. Er hat nicht im Affekt gehandelt, sondern wohlüberlegt und geplant. Schließlich hat er auch das Seil mit hierherbringen müssen«, schlussfolgerte Stern.

»Ein Täter, der einem Menschen so etwas antut, scheut nicht davor zurück, den Kopf als Trophäe mitzunehmen. Vielleicht montiert er ihn zu Hause auf eine Holzplatte, wie das die Jäger mit den Schädeln von Rehen so machen«, sagte Kolanski und erntete dafür sowohl von Grünbrecht als auch von Stern einen entsetzten Blick. »Ihr werdet schon sehen. Es gibt nichts, was es nicht gibt!«

»Welche Botschaft will der Täter uns damit vermitteln?«, überlegte Stern laut.

»Dass er gestört ist«, antwortete Gruppeninspektor Edwin Mirscher, der mit einer Plastiktüte in der Hand aus der Richtung des abgestellten Zuges kam und diese hochhielt.

»Was hast du da drinnen?«, wollte Stern wissen, obwohl er sich denken konnte, was das rötliche Fleischige in dem Beutel war.

»Zwei Füße und eine Hand«, antwortete Mirscher. Er legte den Plastiksack neben die enthauptete Leiche. »Jetzt fehlen nur noch der Kopf und die zweite Hand.«

Stern sah zu, wie die Männer der Spurensicherung das Seil durchschnitten, mit dem das Opfer an den Schienen festgebunden war und das bis jetzt den Körper an Ort und Stelle gehalten hatte. Der Leichnam entspannte sich daraufhin, als entwiche aus ihm Luft wie aus einer löchrigen Luftmatratze. Zwei Männer hievten den Toten in einen Sarg. Der Anblick erinnerte Stern an eine Puppe aus seiner Kindheit, der er den Kopf abgerissen hatte. Die Puppe hatte seiner Schwester gehört. Stern hatte den Kopf später mit einem Knödel aus Plastilin ersetzt – mit mehr oder weniger gutem Erfolg. Doch Plastilin würde hier nicht helfen. Die Männer verschlossen den Sarg und brachten ihn weg.

Stern schritt hinter ihnen her wie ein Trauergast bei einem Leichenzug, fehlte nur, dass er die Hände faltete und einen Rosenkranz betete. Und natürlich gab es keine örtliche Musikkapelle, die den Trauermarsch blies, wie es im Mühlviertel üblich war. An der Stelle, wo die Einsatzkräfte ihre Fahrzeuge abgestellt hatten, verließ er den Trauerzug und bog in Richtung Rettungswagen ab. Dort maß man dem Lockführer gerade den Blutdruck und versorgte ihn mit Kaffee. Nur zu gern tränke Stern jetzt auch Kaffee. Im Gegensatz zu dem unglücklich dreinblickenden Lockführer würde ihm das schwarze Gebräu sogar schmecken. Er unterließ es jedoch, danach zu fragen, und zückte seinen Dienstausweis. Sofort versteifte sich die Haltung des Mannes, der noch immer weiß im Gesicht war, als hätte er sich für einen Clownauftritt geschminkt. Bestimmt hatte er einen Schock erlitten. Stern lehnte sich neben ihm an die Trage.

»Ich bin Chefinspektor Oskar Stern vom Landeskriminalamt Oberösterreich. Können Sie schon darüber reden, was geschehen ist?«

Der Mann nickte. »Es ist kein Unfall gewesen«, stieß er heiser aus. »Das war Mord!« Der Mann sah Stern mit geweiteten Augen an, als sähe er einen Geist.

»Ich weiß. Erzählen Sie mir, was passiert ist.«

»Ich bin in Freistadt losgefahren. Durch die lang gezogene Kurve verliert man nicht viel an Geschwindigkeit, obwohl die Strecke nur bedingt einsehbar ist. Aber das ist im Normalfall kein Problem, wissen Sie, ist ja nicht wie im Straßenverkehr. Hätte ich gewusst, dass da einer liegt, wäre ich natürlich nicht so schnell gefahren.«

»Schon gut, es macht Ihnen keiner einen Vorwurf, Herr …«

»Meier. Manuel Meier.«

»Gut, Herr Meier. Was ist dann passiert?«

»Ich komme also dort um die Kurve und sehe ihn da liegen. Sie können sich nicht vorstellen, wie der mich angestarrt hat. Ich hab sofort eine Notbremsung eingeleitet, aber mit 70 Sachen ist das nicht einfach. Sie sehen ja selber, wo der Zug stehen geblieben ist.«

»Er hat also noch gelebt, bevor …«

»Ganz sicher! Diesen Blick werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen!«, rief Manuel Meier und richtete seine Augen gen Himmel, als könnte der Allmächtige seine Erinnerungen löschen.

Stern hingegen registrierte, dass der Mann demnach nicht bewusstlos gewesen war, wie sie zuvor spekuliert hatten, damit der Mörder ihn bequem an den Schienen hatte festbinden können. Er hatte dem heranrasenden Tod regelrecht ins Auge geblickt.

»Haben Sie an der Bahntrasse, am Rand der Strecke oder im Wald jemanden gesehen?«, hakte Stern nach.

»Sie meinen, außer den Toten?«

Stern nickte.

»Nein.«

»Sind Sie sicher?«

Manuel Meier überlegte kurz, bevor er antwortete: »Ich denke schon.«

In diesem Augenblick hörte Stern seinen Enkel rufen. »Opa!«

Nicht jetzt, dachte er und blickte sich nach Melanie und Tobias um. Während die Zwölfjährige vor Sterns Audi am Boden hockte und mit eingestöpselten Kopfhörern auf ihrem Smartphone herumwischte, war von Tobias nichts zu sehen.

»Opa!«, drang es erneut an Sterns Ohr, dieses Mal lauter.

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick«, sagte der Chefinspektor zu Manuel Meier und stieß sich eine Spur zu heftig von der Rettungstrage ab, sodass diese ins Wanken geriet. Meier hielt sich mit einer Hand fest, damit er nicht herunterfiel, und verschüttete dabei den Kaffee, den er mit der anderen umklammerte.

»Entschuldigung«, brummte Stern, während sein Blick bereits die Umgebung nach seinem Enkel absuchte. Um das Kaffeemalheur mussten sich andere kümmern, denn von Tobias war nichts zu sehen. Weder entdeckte Stern ihn in der Nähe seiner Schwester noch am Waldrand oder in der Zufahrt zu dem kleinen Wäldchen. Wo steckte der Bengel bloß?, schoss es ihm durch den Kopf und auch, dass er für diesen Kinderkram eigentlich zu alt war. Er war der Großvater und nicht der Vater, der ganz andere Fürsorgepflichten hatte! Nur noch wenige Jahre trennten ihn von seinem wohlverdienten Ruhestand und einem Leben ohne Stress, Mord und Totschlag. Obwohl so ein Fall wie dieser seine hin und wieder aufkommenden Pensionierungsängste zu verdrängen vermochte, musste er zugeben: Auf eine ganz bestimmte Weise fühlte er sich dann wieder jung und fit. Und gebraucht.

»Opa!«

Stern folgte den Rufen seines Enkels. Sie führten ihn zur Bahntrasse hinunter. Als Stern klar wurde, was das bedeutete, beschleunigte er den Schritt.

»Tobias?«, rief er.

»Ich bin hier«, kam es zwischen Unmengen an Brennnesseln und Gestrüpp hervor. Stern blinzelte und trat noch ein paar Schritte näher. Dann entdeckte er das blaue T-Shirt seines Enkels inmitten des meterhohen Grüns.

»Tobias, was machst du da?«, fragte er erleichtert, als er den Jungen am Boden hocken sah. Gott sei Dank ein gutes Stück vom Tatort entfernt.

»Er sieht mich an«, sagte Tobias, die Augen starr nach vorn gerichtet.

»Wer sieht dich an?«, wollte Stern wissen und blickte auf seine Armbanduhr. Er musste schnell zurück und die Befragung des Lockführers fortsetzen.

»Der Waldgeist.«

»Es gibt keine Geister, Tobias. Du bist für diesen Schei… äh … für diese Märchen zu alt. Komm jetzt! Ich muss noch …«

»Warum macht er die Augen nicht zu?«, fragte Tobias weiter, ohne sich von der Stelle zu rühren.

»Dann könnte er dich ja nicht ansehen«, antwortete Stern gereizt, wandte sich ab und machte sich ohne seinen Enkel auf den Weg zurück zum Rettungswagen. Wenn Tobias Geisterjäger spielen wollte, dann sollte er das seinetwegen tun. Dort bei den Brennnesseln konnte ihm nichts passieren, außer er fiel in sie hinein. Das wäre zwar unangenehm und zöge bestimmt viele Fragen von Barbara nach sich, doch die wären schnell beantwortet. Irgendwie. Vielleicht sollte er den Sanitäter doch um einen Becher Kaffee bitten …

»Aber er ist doch tot.«

Abrupt blieb Stern stehen. »Wie? Tot?«

»Der Waldgeist. Er ist tot, oder etwa nicht?« Tobias starrte in die Brennnesseln, die hier eindeutig über all das andere Grünzeug die Oberhand gewonnen hatten und die ganze Gegend mit einem unangenehm juckenden Teppich überzogen. Stern machte kehrt und kam zu seinem Enkel zurück. Wegen der Brennnesseln blieb er mehrere Meter hinter ihm stehen und spähte von dort über dessen Schulter. Außer einem Dickicht aus Urticapflanzen sah er nichts weiter.

»Wo ist er?«, fragte er Böses ahnend.

»Dort!« Tobias wies mit dem ausgestreckten Arm in das Unterholz. Stern, der sich schon gefragt hatte, wie der Junge überhaupt dorthin gelangt war, ohne unzählige Male gebrennnesselt worden zu sein, trat vorsichtig die Urticas zur Seite und näherte sich Tobias. Als er ihn erreichte, bückte er sich zu ihm hinab, um denselben Blickwinkel zu haben wie er … Und dann sah er ihn! Er sah den Waldgeist seines Enkels! Und den Kopf des Opfers! Die Augen weit aufgerissen und den Mund zu einem Schrei geformt, der wahrscheinlich in der letzten Sekunde seiner Kehle entrissen worden war, bevor ihn der Zug überrollt hatte. Ein Schrei von allen ungehört. Außer vielleicht vom Täter.

Sofort legte Stern die Hand auf Tobias’ Augen.

»Aber Opa, ich hab ihn doch schon gesehen, bevor du gekommen bist«, rief Tobias entrüstet und befreite sich von seinem Großvater.

»Das ist nichts für dich«, brummte Stern. Er zog seinen Enkel hoch, weg von der Stelle, wo der vermeintliche Waldgeist unaufhörlich Löcher ins Gestrüpp starrte. Das würde er so lange tun, bis ihn jemand davon erlöste. Dieser Jemand sollte Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht sein, beschloss Stern.

»Grünbrecht!«, rief er nach der Kollegin, die sofort herbeieilte und sich dorthin wandte, wohin Stern kommentarlos mit dem Finger zeigte. Dass ihr Chef seinen Enkel von der Stelle wegzerrte, war Erklärung genug.

»Hab ich dir und deinen Kollegen helfen können?«, fragte Tobias, während Stern ihn neben den Lokführer auf die Trage des Rettungswagens hob und einen Becher Tee für den Jungen und für sich selbst einen gefüllt mit Kaffee orderte. Der Sanitäter verdrehte die Augen und meinte, dass dies keine Cafeteria sei. Doch als Stern eine Erklärung folgen ließ, die beinhaltete, dass der Junge möglicherweise einen schweren Schock erlitten habe, weil er den Kopf der Leiche gefunden hatte, waren Tee und Kaffee umgehend im Anmarsch.

»Du hast uns sehr geholfen«, antwortete Stern und packte Tobias beidseitig an den Schultern. Er sah ihm tief in die Augen, um herauszufinden, wie es dem Jungen ging. Anscheinend hatte er den Anblick des abgetrennten Kopfes gut überstanden. »Jetzt können wir die Lei… äh, den Waldgeist wahrscheinlich identifizieren.«

»Toll!« Tobias strahlte übers ganze Gesicht. Das wunderte Stern. So ein Anblick müsste doch Spuren im Gemüt des Neunjährigen hinterlassen haben, ihn zum Weinen bringen, ihn sich übergeben oder zumindest sich fürchten lassen.

»Untersuchen Sie ihn!«, befahl Stern dem Sanitäter. »Herz, Kreislauf, alles, was dazugehört. Ich will, dass Sie alles an ihm checken. Sogar den kleinen Zeh!«

»Aber Opa, mir fehlt gar nichts«, widersetzte sich Tobias den Anweisungen des Großvaters und sprang von der Trage herunter.

»Das weißt du doch gar nicht«, erwiderte Stern und verfrachtete seinen Enkel zurück in den Rettungswagen. Zumindest war er dort für die nächsten Minuten sicher und es war gewährleistet, dass er nicht auch noch die fehlende abgetrennte Hand fand. »Du lässt dich jetzt von dem netten Herrn untersuchen und danach fahren wir auf ein Eis.«

»Versprochen?«, quiekte Tobias aufgeregt. Zuerst eine Leiche und dann ein Eis – das war der Jackpot für den Neunjährigen! Freudig streckte er seinem Großvater die Hand entgegen.

Der schlug ein und sagte: »Versprochen!« Danach wandte er sich ab und überließ Tobias dem Sanitäter, der sich sofort um den Jungen kümmerte.

Stern ging zurück zu Mara Grünbrecht und jener Stelle, an der Tobias den Kopf des Opfers gefunden hatte. Nun steckte er in einem Plastikbeutel und sah aus wie ein Dekorationsstück aus der Geisterbahn des Wiener Praters.

»Der gehört zweifellos unserem Mann«, sagte Grünbrecht.

»Natürlich gehört er dem Opfer. So viele Kopflose wird es hier im Mühlviertel ja wohl nicht geben«, brummte Stern, nicht ahnend, wie falsch er damit lag.

2. Kapitel

Chefinspektor Oskar Stern lenkte den Audi A6 auf der Leonfeldner Straße zurück nach Linz, auf der Rücksitzbank saßen seine beiden Enkel. Beide waren gutgelaunt, und Tobias erzählte Melanie alles, was sich vor gut einer Stunde zugetragen hatte. Die Zwölfjährige hatte aufgrund eines Handyspieles nicht viel von Tobias’ Fund mitbekommen und lauschte gespannt den aufgeregten Worten ihres Bruders.

Stern hatte Tobias ein Eis versprochen, und dieses Versprechen wollte er nun einlösen, am besten im Café Jindrak am Pöstlingberg. Anschließend ging es zum Zwergerlschnäuzen in die Grottenbahn. Das war bestimmt gut für die Kinder. Denn warum der Neunjährige derart gute Laune versprühte, war dem Chefinspektor noch immer ein Rätsel. Der Anblick des Kopfes hätte ihn eigentlich traumatisieren müssen, war sich Stern sicher. Wie es aussah, reagierte Tobias nicht wie ein normales Kind auf Derartiges. Der Junge hatte ihn sogar gefragt, ob er ein Foto von dem Schreckgespinst aller Kinder machen dürfe, was Stern natürlich abgelehnt hatte. Heutzutage posteten die Kids doch alles auf Twitter oder Instagram. Da fehlte es ihm noch, dass, bevor die Kriminalpolizei wusste, wer das Opfer war, eines seiner Körperteile die Runde in den sozialen Netzwerken machte.

Endlich erreichten sie die Landeshauptstadt. Der Audi erklomm gemächlich den Pöstlingberg, der sich über das linke Donauufer von Linz emporhob. Wie jedes Mal, wenn Stern hierherfuhr, genoss er die Aussicht über die Stadt und die Umgebung. Tobias quäkte aufgeregt am Rücksitz, dass Stern sich beeilen solle, da er endlich in der Grottenbahn eine Runde auf dem Rücken des Drachen, an den Zwergen vorbei, drehen wolle, doch der Chefinspektor ließ sich nicht drängen. Er parkte den Wagen gut hundert Meter unter der Basilika zu den Sieben Schmerzen Mariä, der barocken, römisch-katholischen Pfarr- und Wallfahrtskirche auf der Kuppe des Pöstlingbergs. Dann stieg er gemächlich aus und spazierte zu der Aussichtsplattform. Tobias hüpfte aufgeregt neben ihm her, Melanie hingegen wirkte eher gelangweilt. Weder konnte sie die Aussicht auf Linz beeindrucken, auf das Kunstmuseum Lentos, das Ars Electronica Center oder die Donaulände, welche ergeben zu ihren Füßen lagen, noch jene auf den Besuch der Grottenbahn. Für Zwerge und Märchen sei sie zu alt, hatte sie während der Fahrt mehrmals bekundetet, was an Sterns Plänen jedoch nichts geändert hatte. Die Kinder brauchten einen Gegenpol zu dem eben Erlebten, redete er sich ein, und da war die Linzer Grottenbahn genau das Richtige. Mit ihrer Märchenwelt in einem der Befestigungstürme des Maximilianischen Befestigungsrings der Stadt und dem elektrisch betriebenen Zug in Drachengestalt, der durch den äußeren Ring des Wehrturms fuhr, vermochte sie jedes Kinderherz zu begeistern.

»Komm, Opa! Lass uns endlich das Eis essen und dann in die Grottenbahn gehen!«, forderte Tobias Sterns Versprechen vehement ein.

»Das machen wir ja gleich«, sagte Stern lachend und löste seinen Blick von der wunderbaren Aussicht über die Landeshauptstadt. Er folgte seinen Enkelkindern zum Café Jindrak, zu dem sie den Weg bereits kannten. Diese Attraktion hier oben auf der Spitze des Pöstlingberges besuchten sie jedes Jahr. Bei diesen Gelegenheiten kamen sie allerdings mit der Pöstlingbergbahn her, einer der steilsten Adhäsionsbahnen der Welt, die vom Linzer Hauptplatz direkt herauffuhr.

Vor dem Eingang des Cafés warteten die Kinder. Stern zog für sie die Tür auf und ließ sie ein. Sie setzten sich auf die gemütliche Sommerterrasse und bestellten einen Bananensplitt, einen Früchtebecher und einen Eiskaffee.

»Erzähl noch mal, wie hat er ausgesehen?«, fragte Melanie zum wiederholten Mal ihren Bruder. Wahrscheinlich bereute sie es längst, dass sie wie üblich auf ihr Handy geglotzt hatte und dadurch das wahre Leben an ihr vorbeigezogen war wie Nebelschwaden, die man nicht aufzuhalten vermochte. Stern hingegen würde gern mal das Thema wechseln. Er rechnete noch immer mit einem spät einsetzenden Schock bei seinem Enkel.

»Er hat mich angestarrt, als wäre ich der Geist und nicht er«, sagte Tobias mit monotoner Stimme, um es spannender für seine Schwester zu machen. Sein Körper war jedoch derart vollgepumpt mit Adrenalin, dass es ihm offensichtlich schwerfiel, ruhig zu sitzen. Er rutschte auf dem Stuhl hin und her und wusste nicht, wohin mit den Händen. Er war ständig in Bewegung. »Er hatte die Augen so weit aufgerissen.« Tobias deutete die Größe der angesprochenen Organe an und versuchte, den Blick des Opfers zu imitieren. Dabei formte er den Mund zu einem entsetzten »Oh« und verharrte derart eine Weile.

»Und du hast ihn dir echt angesehen?« Melanie wollte nicht glauben, was ihr Bruder ihr erzählte. Es war nicht zu erkennen, ob sie Bewunderung für ihn hegte oder Abscheu, weil er sich dermaßen für den abgetrennten Kopf eines Menschen begeisterte.

»Ja, hab ich.« Tobias strahlte.

»Du bist echt krank!«, stieß Melanie angewidert aus, lachte aber.

Das Eis wurde serviert und Tobias rammte seinen Löffel so brutal in die oberste Eiskugel, dass Stern Angst bekam, der Junge könnte vielleicht doch einen Schaden durch die Sache erlitten haben. Dann würden keine Zwerge mehr helfen, kein Drachenzug und ebenso keine Märchen. Melanie pickte zuerst die Obststücke aus ihrer Schale und Stern schlürfte seinen Eiskaffee mit dem Strohhalm, ohne die Kinder aus den Augen zu lassen.

»Wenn ich das meinen Freunden erzähle …«

»Oh, oh, oh, warte!« Stern hätte sich fast am Eiskaffee verschluckt. »Du darfst niemandem davon erzählen. Das ist Teil einer laufenden Ermittlung …«

»Aber Opa! Da ist endlich mal was los und ich darf nicht darüber reden? Das kann nicht dein Ernst sein!« Das Adrenalin schien schlagartig aus Tobias’ Körper zu weichen wie die Luft aus einem zerplatzten Luftballon. Der Junge ließ die Schultern hängen und sah seinen Großvater enttäuscht an.

Mist, fluchte Stern innerlich. Wie alle Großeltern ertrug er es nicht, wenn eines seiner Enkelkinder traurig war oder ihm ein Wunsch verwehrt blieb. Natürlich ein vernünftiger Wunsch, wobei die Definition von vernünftig zwischen Großeltern und Eltern noch nicht ausjudiziert war. Weshalb sonst stopften so viele Omas und Opas ihre Enkelkinder mit allerlei Süßigkeiten voll, dass sich die Eltern der Kinder oftmals grün und blau ärgerten? Genauso war es mit den Regeln, die die Eltern zu Hause aufstellten und mühevoll bei den Kindern durchzusetzen versuchten, die aber beim Überschreiten der Schwelle in das Heim der Großeltern außer Kraft traten, als durchschritte man ein Tor in eine andere Welt. Um diesem Schema voll und ganz zu entsprechen, fragte Stern: »Willst du noch ein Eis haben?«

Tobias sank in seinem Stuhl zurück, schob den restlichen Bananensplit von sich und sagte: »Nein, mir ist der Appetit vergangen.« Dann verschränkte er die Arme vor seiner kindlichen Brust und in Sterns fing es augenblicklich zu stechen an. Doch er konnte an der Situation nichts ändern. Es war, wie es war. Es war ein Mordfall.

Im selben Augenblick läutete sein Handy. Stern sah auf das Display: Grünbrecht.

»Stern«, brummte er in das Smartphone.

»Chef, wo stecken Sie so lange?«, drang es vorwurfsvoll aus dem Lautsprecher. »Wir warten auf der Dienststelle auf Sie.«

»Äh … ja, ich bin mit meinen Enkelkindern noch ein Eis essen gegangen«, erklärte Stern mit gedämpfter Stimme.

»Was? Jetzt? Gibt es dafür keinen besseren Zeitpunkt?« Das Unverständnis war Grünbrecht deutlich anzuhören.

Das konnte nur von jemandem kommen, der selber keine Kinder hatte, dachte Stern. Denn natürlich hatte er mit dieser Aktion nur das Wohl der Kids im Auge gehabt. Und natürlich wusste er, dass er als leitender Ermittler in diesem Moment bei seinem Team sein und nicht auf einer sonnendurchfluteten Terrasse eines Cafés am Pöstlingberg sitzen sollte, auch wenn die Sonne noch so wunderbar vom Himmel schien und endlich mal kein Wölkchen am Horizont heraufzog. »Ich komm ja schon«, sagte er.

»Heißt das, wir gehen nicht in die Grottenbahn?«, kam es sogleich vorwurfsvoll von der anderen Seite des Tisches.

»Geht leider nicht, das müssen wir verschieben«, antwortete Stern und schlürfte seinen Eiskaffee zu Ende, allerdings mit weniger Genuss als zuvor, wie er schmerzlich zur Kenntnis nahm. Ebenso drückte die schweigsame Stimmung auf sein Gemüt. Trotzdem aß er auch noch die Reste von Tobias’ Bananensplitt – wäre doch wirklich schade drum – und verlangte anschließend die Rechnung.

»Fahren wir jetzt nach Hause?«, fragte Melanie.

»Wir fahren auf die Dienststelle. Ich hab noch was zu erledigen«, erwiderte Stern. Als er bezahlt hatte, stand er auf und verließ das Café Jindrak. Die Kinder folgten ihm wie Gänseküken ihrer Mutter zum Wagen.

»Können wir nicht doch noch mit Lenzibald fahren?«, bettelte Tobias vor der geöffneten Autotür. Auch wenn die Aussicht, mit seinem Großvater ins Landeskriminalamt fahren zu dürfen, ansonsten Begeisterung bei ihm auslöste, so war das heute nicht der Fall. Lenzibald war nämlich der Name des Drachenzuges am Pöstlingberg. Bei seinen Rundfahrten durch den Wehrturm wurden abwechselnd die Nischen beider Seiten beleuchtet, in denen sich Szenen aus dem Zwergenreich befanden. Bei der letzten Fahrt drang sogar Rauch aus Lenzibalds Nasenlöchern.

»Wir holen das nach, Tobias«, sagte Stern. »Das verspreche ich dir!«

Tobias murrte. Zu oft hatte sein Großvater schon etwas versprochen, es aber nicht gehalten. Einmal war ein aktueller Mordfall schuld daran, ein anderes Mal waren neue Beweise in einem alten Mordfall, die er unbedingt bearbeiten musste, der Grund dafür. Irgendetwas kam Stern immer dazwischen. Enttäuscht kletterte Tobias in den Wagen, schnallte sich an und starrte stumm aus dem Fenster.

Während der Fahrt zur Dienststelle grübelte Stern über die Ereignisse der letzten Stunden nach. Vor allem, wie er es anstellen sollte, gleichzeitig den Mordfall zu bearbeiten und die Kinder seiner Tochter zu hüten. Barbara kam erst morgen Abend aus Graz zurück, so lange musste er auf seine Enkel achtgeben. Das hatte er seiner Tochter versprochen. Er konnte sie nicht anrufen und bitten, dass sie früher kommen sollte. Dann müsste er ihr erklären, warum, und auch, dass er die Kinder mit zum Tatort genommen hatte. Barbara würde ihm die Hölle heißmachen! Bis morgen musste ihm etwas einfallen, um das heute Geschehene vor ihr geheim zu halten. Er würde seine Seele erneut an die Kinder verkaufen müssen. Natürlich hatte er nicht wissen können, dass ausgerechnet an diesem Wochenende jemand einen Mann an den Schienen festband, um ihn vom Zug enthaupten zu lassen. Eine blutige Angelegenheit für die Ermittler, für den Täter hingegen eine wohlüberlegte und saubere Sache. Was mochte das Opfer angestellt haben, dass es in den Augen des Mörders so einen Tod verdiente?

»Opa?«, unterbrach Tobias Sterns Grübeleien.

»Ja?« Der Chefinspektor blickte in den Rückspiegel. Auf der ansonsten so glatten, kindlichen Stirn des Neunjährigen befanden sich zwei tiefe Furchen. Ob der Junge jetzt realisierte, was geschehen war?

»Äh …« Es war Tobias anzusehen, dass ihm die Angelegenheit, die er seinem Großvater mitteilen wollte, unangenehm war.

»Schieß los!«, ermutigte Stern ihn auszusprechen, was ihm auf der Seele brannte.

»Ich muss aufs Klo … Schon wieder«, flüsterte Tobias. Melanie sog neben ihm genervt die Luft ein.

»Wieso bist du nicht im Café gegangen?«, fragte Stern.

»Da hab ich nicht gemusst.«

»Hältst du es noch bis zur Dienststelle aus?«

»Wenn du weiterhin wie eine Schnecke fährst, wahrscheinlich nicht«, warf Melanie ungerührt ein und blickte seitwärts aus dem Fenster, wo die noblen Wohnsiedlungen des Pöstlingberges langsam an ihnen vorüberzogen.

Stern brummte. Dass er nicht gerade als Raser bekannt war, wusste er. Aber wenn seine Enkelin ihn mit einer Schnecke verglich, schmerzte das schon ein wenig. Er stieg aufs Gaspedal und beschleunigte das Tempo auf die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Gleichzeitig hoffte er, dass der Stadtverkehr zu dieser Zeit nicht so dicht war und sich kein Stau gebildet hatte, damit sie es rechtzeitig aufs Landeskriminalamt schafften, bevor Tobias’ Blase platzte.

Nach 15 Minuten stieß Stern die Eingangstür zur Dienststelle auf und zeigte Tobias den Weg zur Toilette. Der Chefinspektor und Melanie warteten davor, bis Tobias sein Geschäft verrichtet hatte, was mindestens genauso lang dauerte wie die Fahrt hierher, dachte Stern und blickte wiederholt auf seine Armbanduhr. Die Kollegen warteten seit geraumer Zeit auf ihn. Gemeinsam wollten sie in einer Dienstbesprechung die weiteren Schritte durchgehen und die Aufgaben unter den Kollegen verteilen. Melanie und Tobias sollten sich derweilen in seinem Büro beschäftigen.

Endlich ging die Tür der Herrentoilette auf.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Stern. Er hatte noch immer Angst, dass sich Spätfolgen des heutigen Tages bei seinem Enkel einstellen könnten.

»Ja, Opa, alles bestens.« Tobias lächelte seinen Großvater an. »Und? Was machen wir jetzt?« Er schien das alles viel zu aufregend zu finden, als dass er die Füße still halten konnte. Den verschobenen Besuch der Grottenbahn hatte er anscheinend vergessen.

»Ich rede mal mit den Kollegen, und ihr beide bleibt so lange in meinem Büro.«

»Darf ich denn nicht mitkommen? Mama hat gesagt, ich soll dir nicht von der Seite weichen«, offenbarte Tobias eine weitere geheime Anweisung der Mutter.

»Damit hat sie nicht gemeint, dass du mir Schritt auf Tritt folgen sollst. Ich muss schließlich mal aufs Klo. Willst du da etwa auch mit?«

»Nein!«, antwortete Tobias entschieden. »Aber …«

»Kein Aber! Ihr beide wartet in meinem Büro auf mich, und damit basta!«

»Dürfen wir wenigstens mit dem Handy spielen?«, fragte Melanie. Gleichzeitig schob Stern sie und ihren Bruder in sein Büro, deutete auf zwei Stühle und räumte ein paar Akten vom Tisch.

»Nur wenn ihr eurer Mutter nichts von dem verratet, was heute passiert ist.« Stern sah darin seine Chance, sich aus seinem Dilemma freizukaufen. Wenn die Kinder dichthielten, brauchte er Barbara gegenüber nicht die geringste Silbe zu erwähnen. Mahnend hob er den Zeigefinger. »Ansonsten konfisziere ich eure Handys.«

»Konfi… was?«, fragte Tobias.

»Beschlagnahmen«, erklärte Melanie ihrem Bruder.

»Und was sollen wir die ganze Zeit in deinem Büro tun? Das wird bestimmt stinklangweilig.« Tobias setzte sich schmollend auf einen Besprechungsstuhl, während Stern seine Hand nach den Mobiltelefonen ausstreckte.

»Schon gut. Wir verraten Mama nichts«, lenkte Melanie ein, die ohne Handy nicht auszukommen schien. In diesem Fall war das für Stern gut und er lächelte.

»Aber …« Tobias wollte aufbegehren, doch seine Schwester brachte ihn mit einem finsteren Blick zum Schweigen.

»Wir müssen sowieso hier warten. Dann tun wir das doch lieber mit unseren Handys, oder?«, erklärte sie Tobias.

Zufrieden über den Deal verließ Stern sein Büro und ging hinüber zu den Gruppeninspektoren. Dort surrte der Drucker und walzte ein Foto nach dem anderen vom Tatort und vom Opfer auf die Druckerablage. Grünbrecht befestigte sie der Reihe nach an der fahrbaren Magnettafel, die Mirscher zwischen ihrem und Kolanskis Schreibtisch gerollt und dort fixiert hatte. Es kam Stern vor, als deutete Mirscher einen Kuss in Richtung Grünbrecht an. Er seufzte. Seit die beiden auch offiziell ein Paar waren, quälten sie ihre Umgebung mit diesen heimlichen Liebesbotschaften. Er hoffte, dass die erste Verliebtheit bald abflaute und sich so dieses Küsschen hier und Küsschen da von selbst reduzierte, ohne dass er etwas sagen musste.

»Okay, was haben wir?«, eröffnete er die Dienstbesprechung.

»Einen toten Mann um die 40, laut Weber«, begann Grünbrecht mit dem Aufzählen der Fakten. »Er wurde von einem Zug überrollt und enthauptet.«

»Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, wenn man so mit den Händen und Füßen an den Gleisen festgebunden ist, ob es da nicht möglich wäre, den Kopf einzuziehen und sich so zu krümmen, dass der Kopf dann zwischen den Gleisen steckt. Auf die Hände und Füße kann man ja irgendwie verzichten.« Mirscher verdeutlichte seine Überlegung, indem er körperlich nachzustellen versuchte, was er meinte. Das Ganze sah aus, als übte er für einen Tanz aus Fernost oder für eine japanische Kampfsportart.

»Du meinst, du würdest, anstatt gleich zu sterben, lieber elendig verbluten wollen?«, fragte Kolanski seinen Kollegen, der daraufhin die seltsamen Verrenkungen bleiben ließ.

»Wenn dir beide Hände und Füße gleichzeitig abgetrennt werden, verblutest du innerhalb weniger Minuten«, schloss sich Stern Kolanski an.

»War ja nur eine Idee, ob das überhaupt funktionieren würde«, verteidigte sich Mirscher.

»Die Spurweite der Schienen liegt laut den Österreichischen Bundesbahnen bei 1,4 Metern. Das müsste sich demnach ausgehen«, kam Grünbrecht ihm zu Hilfe.

»Danke, Mara«, bedankte sich Mirscher für ihre Unterstützung, und Stern befürchtete, dass gleich der nächste Kuss durch die Luft geflogen kam. Also redete er rasch weiter.

»Haben wir ihn schon identifiziert?«

»Nein, das könnte schwierig werden. Wir haben nur die linke Hand gefunden, und mit diesem Gesicht«, Mara Grünbrecht heftete ein Foto des Kopfes an die Magnetwand, und alle wussten, was sie meinte, »können wir schlecht von Tür zu Tür gehen und fragen, ob ihn wer kennt.« Aufgrund der Wucht, durch die der Kopf vom Torso abgetrennt und davongeschleudert worden war, war er mehrmals auf den Boden aufgeschlagen. Unzählige Platzwunden und Schrammen machten eine Erkennung unmöglich. Außer dass das Opfer rötliche Haare und grüne Augen hatte, war nicht viel von ihm zu erkennen, was bei einer Identifizierung hilfreich sein könnte.

»Wir müssen also darauf warten, ob die Spurensicherung etwas findet, was uns weiterbringt«, fasste Stern wenig begeistert zusammen.

»Oder die DNA-Analyse liefert ein Ergebnis«, ergänzte Grünbrecht.

Stern nickte. »Durchforstet die Vermisstenanzeigen. Vielleicht ist jemand dabei, der unserem Opfer ähnlich sieht. Ich meine nicht so, sondern … Ach, ihr wisst schon. Hat sich Weber bereits gemeldet?«

»Der hat ja noch nicht einmal die Leiche auf dem Tisch«, warf Mirscher ein. Sterns Ungeduld musste mal wieder gebremst werden.

»Ja, richtig«, brummte der Chefinspektor und beendete die Dienstbesprechung. Er stand auf und ging in sein Büro zurück. Als er dort eintrat, fand er Melanie wie gewohnt mit dem Handy spielend vor, und Tobias saß an dem kleinen Besprechungstisch und malte. Fein, wenigstens etwas schien so zu klappen, wie er sich das vorstellte.

»Was zeichnest du denn Schönes?«, fragte er seinen Enkel im Vorbeigehen.

»Den Waldgeist«, antwortete Tobias. »Damit ich ihn Mama zeigen kann und …« Tobias brach mitten im Satz ab, da ihm offenbar das Versprechen einfiel, das er seinem Großvater gegeben hatte. Demnach durfte er das Bild seiner Mutter gar nicht zeigen.

»Lass mal sehen«, forderte Stern den Neunjährigen auf. Sein Interesse galt weniger dem kindlichen Gemälde, welches Tobias ihm entgegenstreckte, sondern dem Kugelschreiber, den der Junge in der Hand hielt. Von Sterns Schreibtisch stammte dieser nämlich nicht. Zuvor betrachtete er aber den vermeintlichen Waldgeist. Aus einem ovalen Gesicht quollen Augen, die nach oben starrten. Der Mund war aufgerissen und hohl, die Zähne nicht zu sehen, als hätte der einstige Besitzer sie bei dem Unglück verschluckt. Vom Hals her verliefen Blutspritzer bis zum Haaransatz. Er sah wirklich gruselig aus, dieser Waldgeist. Stern seufzte und machte sich erneut Gedanken, ob der Junge wegen dieses Vorfalls nicht vielleicht doch mit einem Psychiater sprechen sollte. Andererseits kannte er Therapien, in denen man Kindern genau solche Zeichnungen anfertigen ließ, um in Erfahrung zu bringen, wie es um ihr Seelenheil bestellt war, ob sie traumatisiert waren oder etwas zu verdrängen versuchten.

»Was sagst du dazu?«, fragte Tobias, kniete sich auf den Stuhl und sah seinem Opa neugierig ins Gesicht.

»Mhhh …«, brummte Stern.

Aus Melanies Kopfhörer drang Musik, die die Szene im Büro des Chefs der Mordgruppe des Landeskriminalamtes Oberösterreich zusätzlich bizarr wirken ließ.

»Sag schon! Wie findest du es?«, blieb Tobias hartnäckig.

»Nicht schlecht, würde ich meinen«, antwortete Stern und deutete auf den Kugelschreiber in Tobias’ rechter Hand. »Von woher hast du den?«

»Ach, gefunden«, winkte der Neunjährige ab.

»Wo hast du ihn gefunden?«

»Irgendwo.«

»Darf ich ihn mir mal ansehen?« Stern hielt Tobias die offene Hand hin, in die der Junge besagten Kugelschreiber legen sollte.

»Er ist gar nichts Besonderes«, sagte Tobias und überreichte das Schreibwerkzeug seinem Großvater. Es war ein edler Schriftzug aufgedruckt: Rechtsanwalt Dr. Jonas Belfuss.

»Denk nach! Wo hast du ihn gefunden?«

Tobias sank in den Stuhl zurück. »Dort, wo ich mal gemusst hab«, sagte er mit eingezogenem Kopf. Anscheinend war es ihm peinlich, an die Szene neben der Schnellstraße kurz vor Freistadt erinnert zu werden.

»Und der hat dort einfach so gelegen?« Stern besah sich den Kugelschreiber genauer. Das Schreibgerät befand sich in tadellosem Zustand. Der Chefinspektor war sich sicher, dass es sich nicht lange dort befunden haben konnte, wo Tobias es gefunden hatte.

»Ja. Neben ein paar anderen Sachen.«

Stern horchte auf. »Anderen Sachen? Welche anderen Sachen?«

Tobias kramte in seiner Hosentasche und fischte ein Feuerzeug heraus. »Das hier«, sagte er und hielt es Stern hin.

»Rechtsanwalt Dr. Jonas Belfuss«, las Stern laut. »Sonst noch etwas?«

»Ein Aktenkoffer, ein Taschenrechner, Papierkram und ein Handy.«

Stern schnappte seinen Enkel an beiden Ellbogen und zog ihn hoch. »Ein Handy?«

Tobias nickte.

»Wieso hast du nichts gesagt?«

»Hab ich doch. Doch du hast gemeint, dass für den Müll jemand anderer zuständig ist. Außerdem hab ich gedacht, dass du eh schon sauer genug bist, weil du anhalten musstest und wir so spät zum Tatort kommen«, antwortete Tobias ängstlich. Er wollte keinen Ärger haben.

Auch dass sie spät dran gewesen waren, hatte der Junge mitbekommen, dachte Stern und ärgerte sich über sich selbst. Er nahm sich vor, in Zukunft achtsamer zu sein mit dem, was er in Gegenwart der Kinder äußerte. Vor allem der Neunjährige schnappte gierig alles auf. Melanie hingegen steckte ihre Nase nur in die Angelegenheiten fremder Menschen in den sozialen Netzwerken und ließ sich von Musik berieseln, wie in diesem Augenblick. Von ihr ging keinerlei Gefahr aus. Neben ihr konnte er sagen, was er wollte. Sie bekäme es erst mit, wenn der Akku ihres Smartphones leer war. Deshalb fuhr sie erschrocken hoch, als er sie an der Schulter antippte und zur Tür deutete.

»Was ist?«, fragte sie und zog an dem Kabel, an dessen Enden die Kopfhörer montiert waren, die dadurch aus den Ohren flutschten.

»Dein Bruder hat uns bei den Ermittlungen geholfen …«

»Das weiß ich doch längst«, maulte Melanie über die Störung ungehalten und wollte die Kopfhörer erneut in die Ohren stöpseln, als Stern sie an der Hand festhielt.

»Nein, schon wieder«, sagte er und wandte sich Tobias zu, der umgehend zu strahlen anfing. »Vielleicht hast du die Sachen des Toten gefunden. Wir müssen das überprüfen. Wenn wir an irgendetwas von dem, was dort im Gebüsch liegt, seine DNA finden, oder einen Fingerabdruck, dann können wir das mit der Leiche vergleichen und wissen, wer er ist. Möglicherweise dieser Dr. Jonas Belfuss.« Stern klopfte Tobias anerkennend auf die Schulter. »Kommt, Kinder, wir müssen noch mal nach Freistadt fahren. Den Kugelschreiber und das Feuerzeug behalte ich.« Stern steckte beides in eine Plastiktüte. Natürlich waren darauf nun auch Tobias’ und seine Fingerabdrücke zu finden, doch er versprach sich viel von dem Handy, das sein Enkel erwähnt hatte, und das wollte er jetzt holen.

»Was?«, rief Melanie entsetzt. »Kann ich nicht hier bleiben?«

Stern überlegte, was schon passieren konnte, wenn seine zwölfjährige Enkelin im Landeskriminalamt auf ihn wartete. Eigentlich nichts, denn sicherer war sie wahrscheinlich nirgendwo, nicht einmal in seiner Obhut.

»Okay, aber mach keinen Unsinn!« Stern drohte ihr mit erhobenem Zeigefinger, der unterstreichen sollte, dass es ihm wirklich ernst war. Melanie nickte und stöpselte die Kopfhörer wieder in die Ohren. Damit war das Gespräch beendet.

»Mädchen«, meinte Tobias achselzuckend, was Stern ein Schmunzeln entlockte. Er hielt seinem Enkel die Tür auf und bugsierte ihn in das Büro der Gruppeninspektoren Grünbrecht, Mirscher und Kolanski nebenan.

»Tobias und ich fahren noch mal nach Freistadt. Möglicherweise finden wir dort etwas, das uns bei der Identifizierung des Opfers weiterhilft.«

»Wir haben zwischenzeitlich ein rekonstruiertes Foto von ihm, wie er vor dem Mord ausgesehen haben könnte, an die Presse gegeben. Vielleicht erkennt ihn ja doch jemand«, meinte Mara Grünbrecht.

»Das passt schon. Irgendetwas führt uns zum Ziel, und doppelt hält bekanntlich besser.« Mit diesen Worten schob Stern seinen Enkel in den Flur, nahm ihn an der Hand und ging mit ihm nach draußen auf den Parkplatz, wo der Audi parkte.

»Wenn wir im Wilden Westen wären, bei den Cowboys und Indianern, bekäme ich bestimmt einen Hilfssheriff-Stern von dir, stimmt’s, Opa?« Tobias deutete auf seine Brust, wo in den Filmen der Blechstern angeheftet wurde.

»Ja, den bekämst du. Und wenn wir tatsächlich das finden, was ich vermute, dann verspreche ich dir, bekommst du wirklich so einen Stern.«

»Yeah!« Tobias hüpfte wie ein Gummiball neben Stern auf und ab. Der Chefinspektor hatte Mühe, den kleinen Rabauken nicht loszulassen. Der Junge sprang auf die Rücksitzbank von Sterns Wagen, setzte sich auf die Sitzerhöhung und legte den Gurt an. »Dieses Mal musst du aber schneller fahren«, verlangte er von seinem Großvater.

»Musst du noch auf die Toilette?«, fragte Stern, bevor er den Motor startete.

»Nein!«, rief Tobias mit vor Aufregung geröteten Wangen. »Los! Sattle die Pferde!«

Stern blickte in den Rückspiegel und lachte. Sein Enkel hielt sich am Beifahrersitz fest, den Oberkörper leicht nach vorn gebeugt und die Füße gespreizt, als würde er auf dem Rücken eines Pferdes sitzen und Zügel in der Hand halten.

»Pass auf! Du hast gleich 190 Pferde unterm Hintern.« Stern startete den Motor und ließ den Audi vom Parkplatz des Landeskriminalamtes rollen.

»Hüüü!«, rief Tobias übermütig. Doch sein Eifer legte sich bereits nach wenigen Kilometern. Trotz der 190 Pferdestärken unter der Motorhaube des Audis lag die Geschwindigkeit, mit der sie aus Linz hinausfuhren, stets mindestens 20 Stundenkilometer unter der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. Als sie an der fraglichen Stelle auf der S10 kurz vor Freistadt ankamen, war Tobias längst eingeschlafen.

3. Kapitel

Chefinspektor Oskar Stern kletterte an jener Stelle über die Leitplanke der S10, wo am Vormittag Tobias ein stilles Örtchen gesucht und auch gefunden hatte – aber anscheinend nicht nur das. Die Aktentasche samt Inhalt, auf die der Neunjährige gestoßen war, könnte nach Sterns sechstem Sinn dem kopflosen Opfer gehören. Wie sie allerdings in das Gebüsch gekommen war, war Stern ein Rätsel. Vor allem, wer sie dort abgelegt hatte und weshalb, wollte ihm nicht richtig in den Sinn.

Stern folgte dem Weg, wie er ihn im Gedächtnis hatte, dass Tobias ihn genommen hatte, und achtete auf den Boden. Schließlich wollte er nicht in die Hinterlassenschaft seines Enkels treten. Bei den Büschen knapp 20 Meter hinter der Leitplanke wurde er fündig. Dort lag tatsächlich ein schwarzer Aktenkoffer. Er war aufgeklappt, deshalb hatte Tobias den Kugelschreiber und das Feuerzeug an sich nehmen können. Daneben befanden sich ein Handy und ein Notizblock, die wohl beim Aufprall des Koffers auf dem Boden herausgeschleudert worden waren. Stern trat näher, bückte sich und suchte in seiner Jacke nach einem Taschentuch. Damit legte er die herausgefallenen Gegenstände zurück in den Koffer, verschloss ihn und wickelte das Papiertuch um den Bügel, damit er ihn anfassen konnte. Abschließend ließ er den Blick umherschweifen, ob noch etwas am Boden lag, was von Interesse sein könnte. Aber zwischen Plastikflaschen und Fast-Food-Verpackungen fiel ihm nichts mehr ins Auge, was mit dem Fall zu tun haben könnte. Er trat einen Schritt zur Seite und wollte zum Wagen gehen, als ihn ein matschiges Geräusch erstarren ließ. Er richtete die Augen zu Boden, hin zu seinen sündhaft teuren Kalbslederschuhen.

»Scheiße!«, fluchte Stern, was in diesem Fall buchstäblich zutraf. Mit seinem rechten Fuß war er in eine Wurst aus Exkrementen getreten, die nur zum Teil mit braungefärbten Taschentüchern bedeckt gewesen war. Er hob das Bein und betrachtete die Misere. Die Taschentücher klebten samt Kotrückständen an seiner Sohle. Stern versuchte, alles im Gras abzuwischen, wurde aber trotzdem das Gefühl nicht los, dass zumindest ein Rest davon haften blieb, sosehr er sich auch bemühte. Er schlurfte wie jemand, der ein verletztes Bein hinter sich her schleifte, zum Pannenstreifen, überstieg die Leitplanke und öffnete den Kofferraum. Leise, wie er hoffte, um Tobias nicht zu wecken. Aus einem Karton entnahm er zwei Handschuhe, streifte sie über und untersuchte den Aktenkoffer, den er bereits nach einer Minute als Eigentum des Mannes identifizierte, dem ebenso der Kugelschreiber und das Feuerzeug gehörten: Dr. Jonas Belfuss. Mehrere Briefe und Gerichtsakten steckten in der Aktentasche, das Handy, von dem Tobias erzählt hatte, Kopfhörer, mehrere Plastikkugelschreiber, die der Anwalt anscheinend als Werbegeschenke verteilt hatte, und Visitenkarten. Auf denen stand, dass der Besitzer Dr. Jonas Belfuss hieß, Rechtsanwalt für Strafrecht, insbesondere für Scheidungen, war und in der Sonnbergstraße in Freistadt eine Kanzlei hatte. Wenn jetzt noch die DNA, die entweder am Handy durch Hautschuppen oder auf den Kopfhörern durch Ohrenschmalz zu finden war, mit jener der kopflosen Leiche übereinstimmte, kannten sie die Identität des Opfers.

Zufrieden legte Stern die Aktentasche in den Kofferraum, zog die Handschuhe aus, warf sie hinterher und knallte den Kofferraumdeckel zu. Erst dann fiel ihm wieder ein, dass Tobias noch immer auf der Rücksitzbank schlief … oder geschlafen hatte.

»Opa?«, hörte er die Stimme seines Enkels auch schon.

»Ich bin hier.« Stern öffnete die Fahrertür.

»Du hast mich gar nicht geweckt«, sagte Tobias beleidigt, als er mitbekam, dass alles längst vorüber war.

»Ich dachte … du würdest …« Stern brach ab. Dass sein Enkel bei der Suche gern dabei gewesen wäre, war ihm natürlich klar. Aber da hätte er möglicherweise Spuren vernichtet, deshalb war es Stern gelegen gekommen, dass Tobias geschlafen hatte. »Weißt du was? Du bekommst trotzdem einen Sheriffstern, schließlich hast du mich auf diese Spur gebracht. Ich hab den Aktenkoffer schon geholt, und er scheint wertvolle Hinweis zu enthalten«, sagte er stattdessen.

»In echt?« Tobias schien das Ablenkungsmanöver nicht zu durchschauen, und wenn doch, war ein Sheriffstern als Entschädigung für ihn wahrscheinlich mehr als genug.

»Echt.« Stern ließ sich auf den Fahrersitz fallen.

»Versprichst du mir das mit dem Stern?« Tobias hatte sich abgeschnallt, quetschte sich durch den Spalt zwischen den Vordersitzen und streckte seinem Großvater die Hand entgegen.

»Ich verspreche es.« Stern schlug ein und staunte wieder einmal darüber, wie er sich von einem Kind zu derartigen Aussagen überreden ließ. Wo sollte er in Österreich einen echten Sheriffstern auftreiben? Österreich war nun wirklich alles andere als der Wilde Westen. Wenngleich ihn jetzt, wo er darüber nachdachte, auch die Tötungsmethode – Anseilen auf Schienen, Enthaupten und Gliedmaßen entfernen – ein wenig an diese Epoche im 19. Jahrhundert westlich des Mississippis erinnerte.

»Was ist in dem Aktenkoffer?«, wollte Tobias wissen.

»Ach, lauter so Anwaltskram. Den sollen sich meine Kollegen genauer ansehen.«

»Was ist ein Anwalt?«

»Ein Anwalt ist einer, der dich vor Gericht vertritt und dafür sorgt, dass du zu deinem Recht kommst«, antwortete Stern, betätigte den Blinker und reihte sich in den Verkehr ein, wohl wissend, dass diese Erklärung nur zum Teil zutraf. Manche Anwälte waren weitaus mehr damit beschäftigt, die Wahrheit unter den Teppich zu kehren und ihre Mandanten so schadfrei wie möglich zu halten, wenn diese gegen das Gesetz verstoßen hatten. Darüber konnte er aufgrund seines Jobs genügend Zeugnis ablegen.

*

Als Stern und Tobias wieder im Landeskriminalamt ankamen, fand der Chefinspektor sein Büro verwaist vor. Melanie? Wohin war die Zwölfjährige verschwunden? Panik keimte in ihm auf.

»Du wartest hier«, sagte er zu Tobias und eilte über den Flur zum Büro seiner Kollegen. Auf halbem Weg machte er kehrt, kam zurück, packte Tobias an der Hand und schleifte ihn hinter sich her. Nicht, dass der Junge ihm auch noch verloren ging. Im Büro der Kollegen saßen nur Mirscher und Kolanski und starrten auf ihre Bildschirme. »Habt ihr Melanie gesehen?«

Die Beamten verneinten.

»Wo ist Grünbrecht? Vielleicht weiß sie, wo …« Stern machte ein paar unbeholfene Gesten, die ausdrücken sollten, was er nicht aussprechen wollte. Nämlich, dass er nicht wusste, wo sich die Schutzbefohlene befand, die unter seine Obhut gestellt worden war.

»Keine Ahnung, wo Grünbrecht steckt. Vor einer halben Stunde war sie noch da«, antwortete Kolanski, der die Vermisstenanzeigen durchackerte.

»Hier!« Stern stellte den Aktenkoffer auf Mirschers Schreibtisch. »Den haben Tobias und ich gefunden. Wenn wir Glück haben, gehört er unserem Opfer und wir wissen endlich, wer er ist. Lasst ihn und den Inhalt von der Spurensicherung auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersuchen.«

»Ja, Chef«, sagte Mirscher, stand auf und schickte sich an, mit dem Koffer das Büro zu verlassen.

»Und du weißt sicher nicht, wo Grünbrecht ist?« Stern hielt seinen Kollegen am Arm zurück und sah ihn eindringlich an. Schließlich waren die beiden miteinander verlobt, da könnte man doch meinen, dass er wüsste …

»Nein, Chef. Ich spioniere ihr nicht hinterher. Aber ich kann sie für dich anrufen, wenn du möchtest.«

»Danke, das mach ich schon selber.« Stern zog sein Handy aus der Jackentasche und wählte Grünbrechts Nummer. Nach nur zweimaligem Läuten hob die Gruppeninspektorin ab.

»Grünbrecht, wo stecken Sie?«, fragte Stern ohne Begrüßungsfloskel.

»Die Frage sollte wohl eher lauten, wo Sie stecken«, parierte Grünbrecht eine Spur zu scharf.

»Ich? Wieso?« Stern verfiel sofort in Verteidigungshaltung, obwohl er Grünbrechts Vorgesetzter war. Aber er spürte, dass er gut daran tat, seine Kollegin nicht zu reizen.

»Weil Sie ein Kind in Ihrem Büro über mehrere Stunden alleine gelassen haben«, klärte Grünbrecht ihn über den Grund ihrer Verstimmung auf.

»Melanie ist bei Ihnen?«, kombinierte Stern das Fehlen seiner Enkelin mit dem angriffslustigen Gehabe der Kollegin.

»Ja, wir essen gerade Pizza. Verhungern hätten Sie sie nämlich auch noch lassen. Stimmt es, dass die Kids heute lediglich ein Eis zum …«

»Danke, Grünbrecht. Wo seid ihr? Ich und Tobias kommen zu euch«, unterbrach Stern die Kollegin, bevor ihr noch mehr einfiel, was sie ihm vorwerfen konnte. Trotzdem war Stern erleichtert. Er hatte schon gedacht, dass Melanie aus Zorn oder Verdruss abgehauen sein könnte. Wäre ja nicht das erste Mal, dass Kindern in diesem Alter so etwas einfiel und sie es für eine gute Idee hielten, um den Erwachsenen zu zeigen, was sie alles draufhatten. Und der heutige Tag war wirklich nicht sehr angenehm für seine Enkelin verlaufen.

»In der Monte Verde in Urfahr, Hauptstraße. Wir warten«, kam es knapp aus dem Hörer, bevor die Verbindung unterbrochen wurde.

Stern sog die Luft ein. Mara Grünbrecht war anscheinend stinksauer auf ihn.

»Alles okay, Opa?«, fragte Tobias.

»Alles okay. Wir gehen jetzt Pizza essen«, antwortete Stern und drückte die Hand seines Enkels.

Etwa eine halbe Stunde später, nachdem sich Stern und Tobias durch den Abendverkehr auf der Unteren Donaulände und der Nibelungenbrücke gequält hatten, parkte Stern den Wagen in der Hauptstraße in Urfahr nahe der Pizzeria Monte Verde. Tobias sprang von der Rücksitzbank, knallte die Autotür zu und lief in Richtung des Lokaleingangs davon. Er liebte Pizza, das wusste der Chefinspektor. Alle Kinder mochten Pizza. Stern hingegen wäre ein saftiger Schweinsbraten mit Semmelknödel lieber. Dabei dachte er an die Brücklwirtin in Liebenau. Ihr Schweinsbraten war der beste, den er jemals gegessen hatte. Er hatte Maria Brückl bei einem Mordfall kennen und schätzen gelernt, vor allem ihre gutbürgerliche Küche. Vielleicht sollte er mit den Kindern mal einen Ausflug dorthin machen.

Stern und Tobias betraten das Monte Verde. Das Lokal war nicht besonders groß und seit dem letzten Umbau mehr als gut besucht. Der Chefinspektor hielt in dem länglichen Gastraum Ausschau nach Mara Grünbrecht und seiner Enkelin. Weiter hinten entdeckte er die beiden und steuerte auf sie zu.

»Grüß euch.« Stern blieb neben dem Tisch stehen und versuchte, die Stimmungslage zu erkunden.

»Hallo, Opa«, grüßte Melanie gutgelaunt. Sie war schon mal nicht das Problem. Es schien ihr gutzugehen, und ihr dürfte auch die Gesellschaft von Grünbrecht gefallen. Sterns Blick wanderte hinüber zu seiner Kollegin. Die nickte ihm zwar zu, sagte jedoch nichts.

»Habt ihr bereits gegessen?«, fragte er und zog für Tobias einen Stuhl zurecht. Der setzte sich und lächelte Mara Grünbrecht an. Tobias mochte die Gruppeninspektorin. Sie hatte ihn vor nicht allzu langer Zeit mit Blaulicht und Sirene zur Schule gefahren, wo ihm die Aufmerksamkeit der anderen Kinder gewiss gewesen war – ein Highlight im Leben des Neunjährigen, von dem er gerne erzählte.

»Ja, haben wir«, antwortete Melanie. »Wo seid ihr denn so lange gewesen? Wenn Mara mich nicht gerettet hätte, läge ich jetzt tot in deinem Büro, Opa. Ich wäre nämlich beinahe verhungert.« Melanie lachte trotz der ernsten Beschuldigung.

Zu gern wüsste Stern, über was die beiden in seiner Abwesenheit gesprochen hatten. Er hoffte, dass Melanie keine Familiengeheimnisse ausgeplaudert hatte, die Grünbrecht später brühwarm den Kollegen weitererzählte und die er dann bei passender Gelegenheit von ihnen serviert bekäme. Geburtstags- und Weihnachtsfeiern im Kollegenkreis waren dafür berüchtigt, damit auf Lacher-Jagd zu gehen.

»Wir haben neben der S10 einen Aktenkoffer gefunden. Wenn er dem Toten gehört, können wir ihn damit identifizieren«, sagte Stern wie beiläufig, um wieder auf sicheres Terrain zu gelangen.

»Wie, gefunden?« Anscheinend hatte Stern nun Grünbrechts Interesse geweckt, da sie ihr Schweigen brach. Ein Schweigen, das ihn hätte bestrafen sollen, weil sie sich um Melanie hatte kümmern müssen. Oder weil sie ihn als Raben-Opa betrachtete, da er die Kleine allein im Büro gelassen hatte. Doch nach Sterns Meinung war eine Zwölfjährige mit einem Handy alles andere als allein. Sie hätte ihn ja anrufen können, wenn sie das Bedürfnis danach gehabt hätte. Oder wenn sie wirklich in Not geraten wäre, hätte sie bloß laut zu rufen brauchen. Das ganze Landeskriminalamt war voller Polizisten.

»Ich hab ihn gefunden, weil ich mal gemusst hab«, platzte Tobias heraus.

»Tobias!«, rügte Melanie ihren Bruder. Sie empfand es in Gegenwart einer Außenstehenden als peinlich, über die Bedürfnisse des Körpers zu sprechen.

»Du hast was gemusst?«, hakte Grünbrecht nach. Da sie noch keine Kinder hatte, verzieh ihr Stern die lange Leitung, auf der sie anscheinend stand.

»Pipi und …«

»Tobias!«, riefen Stern und Melanie im Chor. Schließlich befanden sie sich in einer Pizzeria, und die anderen Gäste am Nachbartisch schauten schon, da der Neunjährige nicht gerade leise redete.

»Oh! Klar.« Grünbrecht überging die Peinlichkeit und sah Tobias an. Stern hingegen würdigte sie keines Blickes. Sie redete nur mit dem Jungen. »Echt toll, dass du den Aktenkoffer gefunden hast! Und wo war das?«

»Neben der Schnellstraße«, erzählte Tobias bereitwillig. »Opa hat mich über die Leitplanke klettern lassen, und da bin ich dann hinter das Gebüsch, und dort ist er dann gelegen. Ich hab nur einen Kugelschreiber und das Feuerzeug mitgenommen, und weil wir schon so spät dran gewesen sind, hab ich dann vergessen, Opa davon zu erzählen, was sonst noch so alles dort rumgelegen hat. Außerdem ist Opa nicht für den Müll anderer Leute zuständig. Erst in seinem Büro hat Opa den Kugelschreiber gesehen und von mir wissen wollen, wo ich den herhab, und ich hab es ihm dann erzählt.« Tobias streckte die Hände von sich, als läge der Rest klar auf der Hand. Das tat er auch, trotzdem ergänzte Stern: »Wir sind noch mal hingefahren und haben den Koffer geholt. Die Kollegen untersuchen ihn gerade auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren.«

»Aber wieso liegt der Koffer des Toten – wir nehmen jetzt mal an, dass er tatsächlich unserem Opfer gehört –, also warum liegt der Koffer in Fahrtrichtung Freistadt und nicht in der entgegengesetzten Richtung?«, flüsterte Mara Grünbrecht Stern zu, weil es ihr unangenehm war, neben den Kindern offen über den Fall zu sprechen. Außerdem schien sie vergessen zu haben, dass sie sauer auf ihn war und nicht mit ihm reden wollte. »Wenn der Täter ihn mitgenommen hat, um die Identität des Opfers zu verschleiern, und er ihn aus dem Wagen geworfen hat, müsste er dann nicht in Fahrtrichtung Linz liegen?«

»Daran habe ich auch schon gedacht«, antwortete Stern genauso leise und sah, dass seine Enkel wieder mit ihren Handys beschäftigt waren. Dieses Mal wollte er sie deswegen nicht rügen. Er war froh, weil Grünbrecht und er dadurch den Fall diskutieren konnten. »Vielleicht ist der Täter noch einmal zurückgekehrt und wollte sehen, wie der Zug die Angelegenheit für ihn erledigt hat. Vielleicht hat er aber auch bloß seine Meinung geändert und zusehen wollen. Oder er hat etwas am Tatort vergessen und musste deshalb zurück.«

»Dafür gibt es viele Möglichkeiten.« Grünbrecht nippte nachdenklich an ihrem Mineralwasser.

Der Kellner kam und fragte nach Sterns Wünschen. »Eine Salamipizza für den jungen Sheriff und für mich bitte eine, auf der von allem etwas drauf ist. Außer Gemüse. Und ein Bier, bitte. Tobias, was magst du trinken?«

Der Junge sah nicht einmal von seinem Handy auf. »Eine Cola.«

»Und eine Cola, bitte«, wiederholte Stern.

»Mama erlaubt nicht, dass wir Cola trinken«, mischte sich Melanie ein. Stern blickte auf das Glas seiner Enkelin, in dem eine einsame Zitronenscheibe am Boden austrocknete, und sagte: »Heute schon!«

»Dann will ich auch eine Cola haben!« Melanie lächelte ihren Großvater erwartungsvoll an. Der hob die Hand und deutete mit zwei ausgestreckten Fingern in Richtung des Kellners: »Zwei Cola, bitte.«

Die Kinder grinsten einander an. So schlecht war es beim Opa gar nicht, schienen sie zu denken, und dasselbe dachte auch Stern. Mit sich und der Welt zufrieden wandte er sich wieder Grünbrecht zu.

»Nehmen wir mal an, dass der Koffer unserem Toten gehört hat, einem gewissen Dr. Jonas Belfuss, Rechtsanwalt in Freistadt, dann sollten wir zuerst seine aktuellen Fälle durchgehen, ob jemand Grund zur Rache gehabt hat.«

»Und natürlich sehen wir uns das familiäre Umfeld an. Bei der Mehrzahl aller Verbrechen handelt es sich um Beziehungstaten«, ergänzte Grünbrecht.

»Also, die Ehefrau möchte ich sehen, die ihren Mann auf diese Weise tötet. Frauen greifen doch eher zu ›sauberen‹ Methoden wie Gift zum Beispiel, als dass sie so ein Blutbad anrichten.«

»Frauen töten vielleicht anders …« Das Erscheinen des Kellners ließ Grünbrecht mitten im Satz innehalten. Der Kellner servierte die Pizzen für Stern und Tobias und verschwand wieder. Stern, der erst jetzt bemerkte, wie hungrig er war, schnitt ein großes Stück ab und steckte es sich in den Mund. Grünbrecht nutzte die Gelegenheit, um ihre Gedanken loszuwerden. »Auf alle Fälle ist es ein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen. Oder Rache. Der Täter wollte, dass das Opfer leidet, bevor es stirbt. Zwar sollte es keine körperlichen Qualen erleiden, aber seelische.«

»Da haben Sie recht«, schmatzte Stern.

»Opa hat gesagt, ich bekomme einen Sheriffstern«, unterbrach Tobias das Gespräch der Erwachsenen und sah freudestrahlend von einem zum anderen.

»Toll«, meinte Grünbrecht und nahm einen Schluck Mineralwasser aus ihrem Glas. »Also bist du unser Hilfssheriff, verstehe ich das richtig?«

Tobias lachte. »Na klar!«

»Und du? Was machst du?«, fragte Grünbrecht Melanie.

»Ich interessiere mich nicht für die Toten«, antwortete die Zwölfjährige und legte ihr Handy beiseite. »Ich möchte mal in der Werbung oder in einem Zoo arbeiten. Ich weiß es noch nicht so genau.«

»Melanie liebt Meerschweinchen, aber Mama kauft ihr keines«, platzte Tobias mit vollem Mund heraus. »Sie sagt, das Meerschweinchen würde bei Melanie elendig verhungern.«

»Würde es nicht!«, fauchte Melanie.

»Würde es doch.« Tobias steckte sich ein weiteres Stück Pizza in den Mund und freute sich, dass es ihm gelungen war, seine Schwester zu necken.

»Du bist gemein«, zischte die ihm zu, bevor Grünbrecht eingriff, was eigentlich Sterns Sache gewesen wäre. Doch der hatte den Mund voll.

»Streitet euch nicht! So ein Haustier ist eine coole Sache. Ich hab einen Kanarienvogel gehabt, als ich in eurem Alter gewesen bin.«

»Echt?« Melanies Augen leuchteten und Grünbrecht nickte.

Indessen hatte Stern seinen Teller leer gegessen und machte sich über die Reste von Tobias’ Pizza her, was ihm einen prüfenden Blick von Grünbrecht im Hinblick auf seine Leibesfülle einbrachte, die zugegeben ein bisschen zu ausladend war. Doch davon ließ sich Stern nicht beirren. Während die Gruppeninspektorin die Vorzüge der Haltung eines Kanarienvogels gegenüber der eines Meerschweinchens erläuterte, aß er zu Ende und spülte mit dem letzten Schluck Bier den Mund aus. Dann warf er einen Blick auf die Armbanduhr. Es war bereits nach acht. »Es ist ein langer Tag gewesen. Die Kinder müssen ins Bett.«

Grünbrecht kramte in ihrer Tasche nach der Geldbörse.

»Lassen Sie mal, ich übernehme das«, sagte Stern. »Das ist das Mindeste, wo Sie sich doch um Melanie gekümmert und sie vor dem sicheren Hungertod gerettet haben.«

»Danke.« Grünbrechts Blick war nun freundlicher. Sie war auch nicht mehr so schlecht gelaunt wie vorhin, als Stern und sein Enkel die Pizzeria betreten hatten.

»Nein, ich habe zu danken.« Stern war tatsächlich froh, dass er sich auf seine junge Kollegin verlassen konnte, selbst bei Angelegenheiten, die nichts mit einem Fall zu tun hatten, wie die Situation mit Melanie bewies. Der Chefinspektor zahlte die Zeche. Gemeinsam verließen sie das Monte Verde, nicht ahnend, dass der nächste Tag, also der Sonntag, im wahrsten Sinne des Wortes ein Tag werden würde, an dem man Gott gut gebrauchen konnte.

4. Kapitel

»Opa! Es kommt schon in den Nachrichten!«, rief Tobias im Wohnzimmer auf der Couch vor dem Fernseher sitzend.

»Wa…?« Stern blinzelte. Es war Sonntag, das wusste er. Und sie hatten einen neuen Fall, auch diese Erkenntnis drängte sich schleichend in sein nur langsam erwachendes Bewusstsein.

»Oooopaaaa!«

Es dauerte eine Weile, bis Stern gänzlich wach war und den Rufer als seinen Enkel identifizierte. Natürlich, die Kinder waren übers Wochenende bei ihm, weil Barbara zu ihrer Mutter nach Graz gefahren und sein Schwiegersohn Stefan in Schweden auf Dienstreise war. Ein Blick auf den Wecker am Nachttisch ließ ihn wissen, dass es 9 Uhr morgens war. Er hatte einen üblen Geschmack im Mund. In seinem Alter sollte man abends halt keine mit Fett und Kalorien überladene Pizza mehr essen. Sein Magen schien heute noch dagegen rebellieren zu wollen.

»Ich komm ja«, brummte er, schlug die Decke zur Seite und schlüpfte in seine Hose, die er gestern Abend über eine Stuhllehne gehängt hatte. Zuvor hatte er lange kindgerecht mit Tobias über den Fall geredet, in der Hoffnung, dass er den Anblick des Toten daraufhin besser verarbeiten konnte. Und natürlich auch, dass er dann seiner Mutter nichts von alldem erzählte.

»Ich bin im Fernsehen!«, quiekte Tobias im Wohnzimmer.

Sofort war Stern hellwach. Was hatte sein Enkel eben gesagt? Dass er im Fernsehen sei? Wie zum Henker …? Stern stürzte aus dem Schlafzimmer, um den Bericht im Fernsehen mitverfolgen zu können. Und tatsächlich! In einer Großaufnahme, die bestimmt mit einem Teleobjektiv von der Brücke aus aufgenommen worden war, waren er und Tobias zu sehen, wie sie vom Tatort weggingen, im Hintergrund der Leichenwagen, das Rettungsfahrzeug und unzählige Polizisten. Barbara würde ihn umbringen, wenn sie …

Sterns Handy klingelte. Er fuhr herum und starrte auf das am Küchentisch liegende Gerät, das ihn vibrierend und eine Melodie abspielend anklagte, gegen sämtliche Regeln seiner Familie verstoßen zu haben.

»Willst du nicht rangehen?«, fragte Tobias. »Vielleicht gibt es etwas Neues in unserem Fall.«

Hatte sein Enkel eben tatsächlich »in unserem Fall« gesagt? Wann hatte er, Stern, die Kontrolle über die Großvater-Enkelkinder-Situation verloren? Gestern Abend hatten sie noch gemeinsam einen Sheriffstern gebastelt, aus Karton, ihn ausgeschnitten und mit Silberfarbe angemalt. Sogar Melanie war begeistert gewesen und hatte gelacht wie schon lange nicht mehr. In jüngster Zeit starrte sie ja pausenlos auf ihr Smartphone. Und wenn nicht, hing sie gelangweilt herum und glotzte Löcher in die Luft. Danach, so zwischen 21 und 23 Uhr, musste es wohl passiert sein.

Stern nahm das Handy und blickte auf das Display. Grünbrecht. Er wischte und hielt sich das Gerät an sein Ohr. Erleichtert, wie er feststellte, weil Barbara nicht dran war.

»Stern«, meldete er sich.

»Guten Morgen, Chef. Es gibt Neuigkeiten. Wir wissen, wer das Opfer ist. Die Fingerabdrücke auf dem Aktenkoffer stimmen mit denen von der linken Hand, die wir gefunden haben, überein, genauso wie jene auf dem Handy. Außerdem haben wir auf dem Smartphone Fotos von unserem Toten entdeckt. Es ist Dr. Jonas Belfuss.«

»War er verheiratet?«

»Ja. Und er hatte zwei Kinder.«

»Wie alt?«

»Zehn und zwölf. Zwei Mädchen.«

Scheiße, fluchte Stern innerlich.

»Waren noch andere Fingerabdrücke auf dem Koffer?«, fragte er.

»Nein. Der Täter hat wahrscheinlich Handschuhe getragen.«

»Gut, ich komme in einer halben Stunde … oder so. Dann fahren wir zur Witwe. Kolanski und Mirscher sollen einstweilen das Umfeld des Opfers checken.« Stern fiel auf, dass es in der Leitung klopfte. Ein weiterer Anruf. »Warten Sie, Grünbrecht. Da ruft einer an.« Stern nahm das Handy vom Ohr und warf einen Blick auf das Display. Barbara! »Es tut mir leid, ich muss auflegen. Ich melde mich wieder.« Stern beendete das Telefonat mit der Gruppeninspektorin und stellte die Verbindung zu seiner Tochter her. »Barbara …«

»Papa!«, fiel Barbara ihrem Vater ins Wort. »Wie konntest du die Kinder zu einem Tatort mitnehmen? Und streite es nicht ab, ich hab’s gerade im Fernsehen gesehen!«

»Es tut mir leid, aber es ging nicht anders, weil …«

»Es geht immer anders, Papa! Man muss nur Prioritäten setzen, und die wären dieses Wochenende Tobias und Melanie gewesen.« Es war nicht zu überhören, dass Barbara stinksauer war. Ihrer Stimme nach zu urteilen, würde sie ihn glatt erschießen oder vierteilen. Oder beides zusammen. Sie war wütend, weil sie sich wieder einmal nicht auf ihren Vater hatte verlassen können.

»Barbara …«

»Wo sind die Kinder momentan?« Barbara ließ Stern nicht ausreden. Das Temperament hatte sie von ihrer Mutter, dachte er, wie auch die Zuversicht, dass es irgendwann doch mal klappen könnte, dass die Dinge sich entwickelten, wie sie sich das vorstellte. Doch an ihrem Vater biss sie sich oftmals die Zähne aus. Der war, wie er war, und würde sich nicht ändern. Nicht mehr, oder nicht jetzt, wo er nur noch ein paar Jahre zur Pensionierung hatte.

»Die Kinder sind bei mir …«

»Und wo seid ihr?«, hakte Barbara nach. Es konnte ja durchaus sein, dass Stern sie erneut an einen Tatort geschleppt hatte.

»Bei mir in der Wohnung …«

»Gut! Dort bleibt ihr und rührt euch nicht von der Stelle. Ich bin in drei Stunden bei euch.«

»Aber …«

»Papa!«

»Schon gut«, gab Stern klein bei. Die Zeit, um sich zu streiten, hatte er nicht. »Wir sehen uns dann.«

»Bis später.«

Stern legte das Handy auf den Tisch und verschwand im Badezimmer. Von dort rief er den Kindern mit Zahnpasta im Mund zu, dass sie sich ebenfalls fertig machen sollten.

»Mama hat doch sicher gesagt, dass wir hier auf sie warten müssen«, rief Melanie zurück, und Stern dachte, dass die kleinen Bälger wieder alles mitbekommen hatten.

»Wir haben noch rasch etwas zu erledigen. Eure Mutter kommt erst in drei Stunden …«

»Also um 12 Uhr«, rechnete Tobias aus.

Stern stand mit der Zahnbürste in der Hand im Türrahmen und erteilte Befehle. »Genau, um zwölf. Tobias, du behältst die Uhr im Auge und passt auf, dass wir die Zeit nicht übersehen. Melanie, du behältst Tobias im Auge und passt auf, dass er … die Uhr nicht aus den Augen verliert. Wir müssen um 12 Uhr wieder hier sein.«

»Ach, Opa!«, begehrte Tobias sofort auf. »Das kann ich doch allein! Ich bin ja kein Baby mehr.«

Melanie kicherte und stupste ihren Bruder an.

»Ich weiß, dass du kein Baby mehr bist«, nuschelte Stern mit dem Mund voll Zahnpasta. »Melanie ist nicht dein Babysitter, sie ist dein Hilfssheriff.«

Nun strahlte Tobias, und Melanie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Doch anstatt zu protestieren, äußerte sie sich wohlbedacht: »Du, Opa, was bekommen wir dafür, wenn wir dich wieder einmal nicht bei Mama verpetzen?« Kumpelhaft hieb sie Tobias in die Seite, der anerkennend nickte und seine große Schwester anlächelte.

Stern brauchte eine Weile, um auf die Forderung zu reagieren. »Eine Pizza?«, fragte er.

»Die hatten wir doch gestern schon«, sagte Tobias in einem Tonfall, der erstens verriet, dass er mit seiner Schwester ausnahmsweise einer Meinung war, und zweitens anklingen ließ, was er von diesem Vorschlag hielt – nämlich schlichtweg gar nichts.

»Cola?« Stern kam aus dem Badezimmer und sah seine Enkelkinder an, die brav nebeneinander auf der Couch saßen, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Dass ihre Vorgangsweise im strafrechtlichen Sinn schlicht und einfach Erpressung war, kam ihnen offensichtlich nicht in den Sinn.

Melanie rollte bei dem mickrigen Angebot einer Cola mit den Augen. »Und mit der Grottenbahn brauchst du uns auch nicht zu kommen. Die ist sowieso noch immer ausständig.«

»Kino! Wir wollen ins Kino!«, platzte Tobias heraus.

»Das ist eine gute Idee, Tobi!«, sagte Melanie zu ihrem Bruder. Und an Stern gewandt verkündete sie: »Wenn wir das nächste Mal bei dir sind, gehen wir nicht auf einen doofen Spielplatz, sondern ins Kino und schauen uns irgendeinen coolen Film an.«

»Mit Popcorn und Cola!«, jubelte Tobias, obwohl Stern seine Zusage bislang nicht erteilt hatte. Doch was blieb ihm anderes übrig? Wenn er heute ins Büro wollte – und ja, verdammt, das wollte er, und zwar so schnell wie möglich –, hatte er gar keine andere Wahl, als sich der kindlichen Erpressung hinzugeben. Er, der leitende Chefinspektor der Mordgruppe des Landeskriminalamtes Oberösterreich.

»Also gut.«

»Yeah!«, rief Melanie und hielt ihrem Bruder die Hand hin. Der schlug ein und grinste Stern unschuldig an.

»Macht euch fertig!« Stern verschwand im Schlafzimmer und kleidete sich an. Dabei ließ er die Szene, die eben in seinem Wohnzimmer abgelaufen war, Revue passieren. Er lächelte. Seine Enkelkinder hatten es faustdick hinter den Ohren. Aus ihnen würde mal etwas werden, dachte er zufrieden, keine Jammerlappen, die alles mit sich machen ließen, sondern echte Kämpfer.

Fünf Minuten später saßen sie in Sterns Wagen und fuhren zur Dienststelle in der Nietzschestraße. Als Stern die Büroräumlichkeiten mit seinen Enkelkindern betrat, war die Überraschung der Kollegen groß. Es würde schwer werden, mit ihnen als Anhängsel einen Mordfall zu lösen, schienen sie einhellig zu denken. Stern bemerkte es und sagte: »Keine Bange, ihre Mutter holt sie zu Mittag ab.«

In diesem Augenblick tauchte Bormann, der Leiter des LKA, in der Tür auf und redete sogleich los: »Sie hatten recht, Stern, was die Identität des Opfers angeht. Gut, dass Sie den Aktenkoffer gefunden haben. Das erspart uns langwierige DNA-Analysen und somit Kosten. Die Dienststelle wird ohnedies stets angehalten, Geld einzusparen. Gibt es sonst etwas Neues?« Bormann stellte sich breitbeinig vor die Kollegen und blickte in die Runde. Erst jetzt fielen ihm die Kinder auf, die halb verdeckt hinter Stern hervorlugten. Sofort veränderte sich seine Haltung. »Was ist das denn?«, fragte er mit dem Kinn in ihre Richtung deutend.

»Wer ist das denn, wenn schon«, korrigierte Grünbrecht den Dienststellenleiter. »Das sind schließlich Kinder und keine Ware.«

Bormann, der seine Frage nicht zu wiederholen gedachte und Grünbrechts Einwand ignorierte, wartete auf eine Antwort.

»Das sind meine Enkelkinder«, erklärte Stern. »Sie bleiben nicht lange, ihre Mutter holt sie bald ab. Und nein, es gibt nichts Neues.«

»Aha«, gab Bormann zögerlich von sich. Offensichtlich brachte ihn die Anwesenheit der Kinder aus dem Konzept. Er konnte ja schlecht in ihrer Gegenwart über Mord und Totschlag sprechen, schon gar nicht über einen derart brutal ausgeführten Mord wie jenen im Mühlviertel. Wippend stand er in der Tür. Da keiner mehr etwas sagte, wandte er sich ab und verschwand.

»Also, was wissen wir über unser Opfer?«, fragte Stern. Als er die zögernden Blicke der Kollegen bemerkte, schickte er Tobias und Melanie in sein Büro. Tobias murrte, folgte aber seiner Schwester hinaus in den Flur und ließ die Tür hinter sich laut ins Schloss fallen.

»Dr. Jonas Belfuss, verheiratet, 42 Jahre alt, Rechtsanwalt für Strafrecht in Freistadt. Seine Frau hat ihn heute als vermisst gemeldet.« Grünbrecht blätterte in einer Akte auf ihrem Schreibtisch.

»Wieso erst heute?«, fragte Mirscher.

»Dafür kann es vielerlei Gründe geben. Vielleicht eine Dienstreise ihres Mannes, eine Ehekrise … Was wissen wir über sie?«, hakte Stern nach.

»Alexandra Belfuss, 41 Jahre, ist zu Hause bei den Kindern«, las Mirscher von seinem Monitor ab.

»Hat ihr schon jemand die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbracht?«

Die Kollegen schüttelten die Köpfe. »Das darfst du machen«, sagte Kolanski und klopfte mit einem Kugelschreiber auf die Tischplatte.

»Na gut. Grünbrecht, wir beide statten der Witwe einen Besuch ab. Mirscher, Kolanski, ihr holt euch einen Durchsuchungsbefehl und fahrt in die Kanzlei von diesem Dr. Belfuss. Seht nach, an welchen Fällen er aktuell gearbeitet hat«, wies Stern die Kollegen an, stand auf und machte sich zum Gehen bereit.

»Wo sollen wir am Sonntag einen Durchsuchungsbefehl herbekommen?«, warf Mirscher ein.

»Mir egal. Klingelt einen Richter aus dem Bett. Wenn wir arbeiten müssen, kann so einer ja wohl zumindest einen Durchsuchungsbefehl unterzeichnen.«

»Und was ist mit den Kindern?«, fragte Grünbrecht.

Stern blieb augenblicklich stehen. »Scheiße!« Die hatte er in der Eile völlig vergessen. Hastig sah er auf die Uhr: 9:45. Um zwölf musste er mit den Kindern wieder in seiner Wohnung sein. Das wurde knapp, ging sich aber aus.

»Die nehmen wir mit. Grünbrecht, Sie fahren!« Stern warf ihr über die Tische hinweg seinen Autoschlüssel zu. Würde er den Audi nach Freistadt lenken, wären sie selbst zum Abendessen nicht zurück. Doch wenn Grünbrecht hinterm Steuer saß, würden sie die Strecke in kürzester Zeit schaffen.

»Ja, Chef!« Die Gruppeninspektorin fing den Schlüssel, stand auf und spazierte Po wackelnd an den Kollegen Mirscher und Kolanski vorbei, die ihr mit offenem Mund hinterherstarrten. Jedoch nicht wegen ihres aufreizenden Ganges, sondern weil Stern bislang noch nie jemanden mit seinem Audi A6 hatte fahren lassen.

*

Augenblicke später brauste der Audi auf der A7 mit zwei vergnügten Kindern auf der Rücksitzbank aus Linz hinaus Richtung Freistadt. Vor dem Anwesen der Witwe Belfuss in der Lindenstraße hielten sie mit quietschenden Reifen.

»Ihr bleibt im Wagen sitzen«, sagte Stern zu seinen Enkelkindern, die dieses Mal, ohne zu widersprechen, seiner Anweisung nachkamen. Anscheinend spürten sie, dass das nun Folgende für keinen sehr angenehm wurde.

Stern drückte die Klingel neben der Haustür. Grünbrecht sah sich die Villa von außen genauer an, die in moderner Architektur errichtet worden war. Nüchterne Bauweise, jede Menge Metall und Glas. »Nicht schlecht. So möchte ich auch mal wohnen.«

Im Haus waren Geräusche zu hören. Stern machte sich bereit, der Witwe gegenüberzutreten. Selbst nach vielen Jahren als Chefinspektor im LKA fiel es ihm nicht leicht, Todesnachrichten zu überbringen. Das Leid der Hinterbliebenen fing im Gegensatz zu jenem der Toten erst zu diesem Zeitpunkt an. Nicht selten schlug das augenblickliche Entsetzen wegen des gewaltsamen Todes des geliebten Menschen in Wut um, die sich gegen den Überbringer der Nachricht richtete. Jemand näherte sich der Tür. Sie schwang auf und Stern starrte auf ein Mädchen etwa in Melanies Alter.

»Ist deine Mutter zu Hause?«

»Ich hol sie.« Das Mädchen verschwand, eine Minute später stand eine gut gekleidete Frau um die 40 vor den Kriminalbeamten.

»Ja?«

»Frau Belfuss?«, fragte Stern.

Sein Gegenüber nickte.

»Ich bin Chefinspektor Oskar Stern vom Landeskriminalamt Oberösterreich. Das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht. Dürfen wir reinkommen?«

»Geht es um meinen Mann?«, fragte die Witwe, die selbst noch gar nicht wusste, dass sie verwitwet war.

»Ja. Sie haben ihn heute als vermisst gemeldet.«

»Das habe ich. Kommen Sie.« Die Frau trat zur Seite und ließ die Kriminalbeamten ein. Aus dem ersten Stockwerk drang laute Musik zu ihnen herab. Wahrscheinlich hatten die Mädchen oben ihre Zimmer, die hoffentlich farbenfroher gestaltet waren als das Erdgeschoss, dachte Stern. Der Flur war weiß getüncht und kaum ein Möbelstück befand sich darin. Schwarz-Weiß-Fotos von irgendwelchen Landschaften mit dünnen schwarzen Rahmen hingen an den Wänden. Der Boden war mit großformatigen grauen Fliesen ausgelegt. Der Flur wirkte edel, aber kühl. Zu kühl für Stern, der es lieber rustikal mochte, auch wenn er ein Stadtmensch war.

Alexandra Belfuss führte ihn und Grünbrecht in das Wohnzimmer, das ebenso nüchtern wie elegant eingerichtet war. Über einer hellbeigen Ledercouch hing der einzige Farbklecks in diesem Raum: ein abstraktes Kunstwerk. Ein wenig Rot mit Grün und Gelb vermengt. Dazwischen schwarze und weiße Linien. Stern hatte nicht den blassesten Schimmer, was es darstellen sollte, zerbrach sich aber nicht weiter den Kopf darüber.

»Also, was ist nun mit meinem Mann?«, fragte die Frau, als erwartete sie, dass er etwas angestellt hatte.

»Frau Belfuss, wir müssen Ihnen eine schreckliche Mitteilung machen. Wir haben Ihren Mann tot aufgefunden«, überbrachte Stern die traurige Nachricht.

Die Frau starrte den Chefinspektor an und sagte nichts, weinte auch nicht. Wahrscheinlich erlitt sie gerade einen Schock, dachte Stern.

»Wollen Sie sich nicht setzen und einen Kaffee trinken?«, fragte sie stattdessen.

Stern war verblüfft. Er hatte schon viele Menschen unterschiedlich auf Todesnachrichten reagieren sehen. Tränen. Wutausbrüche. Weigerungen, das Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen. Gespielte Trauer und Krokodilstränen. Doch eine derartige Kühle, wie sie Frau Belfuss an den Tag legte, war ihm selten untergekommen. Genauso kühl wie das Haus, schoss es ihm durch den Kopf.

»Gerne«, nahm er das Angebot an, ohne die Frau aus den Augen zu lassen. Grünbrecht zuckte mit den Schultern, ihr war die reservierte Reaktion natürlich ebenfalls aufgefallen. Stern folgte der Witwe in die Küche, die sich dort an der Espressomaschine zu schaffen machte.

»Milch? Zucker?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen, als gäbe es nichts Wichtigeres, als den gewünschten Kaffee zubereiten zu können.

»Schwarz, bitte.«

»Für mich mit Milch, bitte«, rief Grünbrecht aus dem Wohnzimmer.

Die Espressomaschine gab surrend eine braune Brühe frei, die in zwei blütenweiße Porzellantassen floss. Wenig später stellte Alexandra Belfuss diese auf dem Wohnzimmertisch ab und schob Grünbrecht ein Milchkännchen zu. Bislang war kein weiteres Wort über den Tod des Hausherrn gesprochen worden, was Stern nach einem Schluck aus der edlen Tasse nachhaken ließ.

»Sie wirken sehr gefasst, Frau Belfuss«, sagte er an die ihm gegenübersitzende Witwe gewandt.

Die Frau seufzte, stellte ihre Kaffeetasse ab und sah zuerst Stern, dann Grünbrecht an. »Ich könnte Ihnen jetzt die trauernde Witwe vorspielen, wenn Sie möchten. Das brächte aber weder Sie noch mich ein Stück weiter.« Erneut griff sie zur Tasse, nippte daran und stellte sie zurück auf den Tisch. Die kurzen Abstände zwischen dem Kaffeetrinken waren ein Zeichen für Stern, dass sie der Tod ihres Mannes nicht so kaltließ, wie sie vorgab. Stern schwieg, weil er wollte, dass die Frau weiterredete. »Mein Mann ist ein richtiges Arschloch gewesen«, sagte sie und schaffte es damit, Stern erneut zu überraschen. Die derbe Ausdrucksweise passte so gar nicht zu ihrem vornehmen Gehabe, den langen, in glänzenden Nylonstrümpfen steckenden Beinen und dem hellblauen Kostüm, welches man zu Hause wohl nur selten trug. Anscheinend hatte ihr Auftauchen sie vom Ausgehen abgehalten. »Wir leben seit Jahren nur noch im gemeinsamen Haus, weil wir auf dem Papier verheiratet sind. Uns verbinden lediglich das Geld und die Kinder.«

Stern fiel sofort die Reihenfolge der genannten Gründe ein. Das Geld kam vor den Kindern. Aber es schien, als spie die Frau etwas Giftiges aus, was ihre Seele seit Langem verseuchte. Ihr Gesicht verzerrte sich schmerzvoll. Jedoch nicht wegen des Todes ihres Mannes, sondern wegen der Erinnerung an ihn, als er noch gelebt hatte.

»Das tut mir leid«, fühlte sich Stern bemüßigt zu sagen.

»Das braucht es nicht. Mein Mann und ich haben uns vor langer Zeit auseinandergelebt … Wie ist er denn gestorben?«

»Er wurde ermordet.«

»Himmel!« Die Bestürzung der Frau wirkte echt. Für einen Augenblick starrte sie Stern an, als hätte er sie gefragt, wann der nächste Bus zum Mond fuhr.

»Ich glaube nicht, dass der Himmel damit etwas zu tun hat«, schaltete sich Grünbrecht ein, der die Vernehmung zu langsam voranschritt. Da die Witwe nicht zu trauern schien, bedurfte es ihrer Meinung nach keiner Samthandschuhe.

»Ich dachte, er hätte einen Unfall gehabt«, sagte Belfuss sichtlich erschrocken.

»Keinen Unfall. Er wurde an Händen und Beinen an den Gleisen der Summerauer Strecke festgebunden und der nächste Zug hat ihn getötet.«

»Mein Gott!« Die Gesichtsfarbe der Frau wechselte trotz des dezent aufgelegten Make-ups in ein ungesundes Weiß.

Stern warf Grünbrecht einen rügenden Blick wegen ihrer harschen Vorgehensweise zu, der ausdrückte, dass sie sich ein wenig zurückhalten sollte. An Frau Belfuss gewandt fragte er: »Haben Sie eine Ahnung, wer Ihrem Mann das angetan haben könnte?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Gibt es jemanden, der ihm Böses wollte?«

»Ich«, flüsterte die Witwe.

»Soll das ein Geständnis sein?«, fragte Grünbrecht verblüfft. Damit hatten die Inspektoren nicht gerechnet.

»Nein, aber ich habe ein Motiv, wie ich Ihnen gerade erklärt habe. Wir haben uns nicht mehr geliebt. Mehr noch, ich habe meinen Mann verabscheut.« Die Witwe schien sich nach dem ersten Schrecken wieder gefasst zu haben.

»Fällt Ihnen außer Ihnen selbst noch jemand ein?«

»Sehen Sie seine Akten durch. Es gibt bestimmt Dutzende, die nicht gut auf ihn zu sprechen waren, wegen verlorener Prozesse und dergleichen. Mein Mann hat zu Hause selten über seine Arbeit gesprochen, und ich muss gestehen, es hat mich zuletzt nicht mehr interessiert, was er so getrieben hat. Im Gerichtssaal gehörte er nicht zu den Netten, wenn Sie wissen, was ich meine. Auch nicht im privaten Leben. Er hat alles vertreten, was einen Rock angehabt hat, hat alle Aufträge angenommen, die ihm lukrativ erschienen sind. Vielleicht ist einer unter den Ehemännern, der ihn …« Sie brach ab und redete nicht weiter. Es war ohnehin klar, was sie meinte.

»Warum war Ihr Mann, Ihrer Meinung nach, ein so unguter Zeitgenosse, wie Sie behaupten«, hakte Stern nach. Jetzt wollte er es genau wissen.

Die Frau lachte auf, fuhr sich mit den Händen übers Gesicht und faltete sie dann wie zum Gebet. »Wo soll ich anfangen?« Sie machte eine Pause, um die richtigen Worte zu finden. »Er hat mich betrogen. Seit Jahren. Ich hab ihn mehrmals zur Rede gestellt. Er hat mich nur ausgelacht und gemeint, dass sein Beruf das mit sich bringe. Sie müssen wissen, dass er Scheidungsanwalt gewesen ist und die armen vernachlässigten Ehefrauen oftmals Trost bei ihm gesucht haben. Denen war es egal, ob sie sich einem verheirateten Mann an den Hals werfen. Hauptsache sie hatten wieder einmal so richtig guten Sex. Mich hingegen hat er seit Jahren nicht angerührt.« Die Witwe sah aus dem Fenster, ihr Blick schweifte in die Ferne. Weit weg von dem modernen Haus und weit weg von ihrem wunderschönen, gepflegten Garten. Wahrscheinlich hingen ihre Gedanken in längst vergangenen Zeiten fest, wo sie noch glücklich gewesen war. »Eigentlich war ich froh, dass er mich nicht mehr angefasst hat. Nach seinen unzähligen Affären und seinen teilweise abartigen Wünschen habe ich mich vor ihm geekelt.« Die Frau verzog das Gesicht zu einer angewiderten Grimasse. »Seltsamerweise hat es trotzdem wehgetan, als er fremdgegangen ist. Immer wieder.« Sie legte den Kopf schief, als würde diese Haltung es ihr leichter machen, die Dinge zu ertragen.

»Was meinen Sie mit ›abartige Wünsche‹?«, fragte Grünbrecht. »Welche abartigen Wünsche?«

»Was die Zusammenkunft zwischen Mann und Frau anbelangt«, erklärte die Frau in vornehmen Worten.

»Sadomaso?«, brachte es Stern etwas unsensibel auf den Punkt.

Die Witwe nickte.

»Dann erweitert sich der Kreis der möglichen Verdächtigen«, sagte Stern an Grünbrecht gewandt. Die machte sich umgehend einen Vermerk in ihrem Notizbuch.

»Kennen Sie die Namen der Frauen, mit denen Ihr Mann Sie betrogen hat?«, fragte die Gruppeninspektorin.

»Nein«, rief die Frau beinahe hysterisch. »Für wen halten Sie mich? Damit wollte ich nichts zu tun haben! Das will ich auch jetzt nicht! Es ist schwer genug, das alles ertragen zu müssen, da brauche ich nicht auch noch zu wissen, mit wem er es treibt. Mein Gott, was denken Sie?«

»Getrieben hat«, korrigierte Stern sie. Er wusste, dass er seine Kollegin zuvor wegen ihrer harschen Vorgangsweise angehalten hatte, die Befragung etwas feinfühliger anzugehen, doch die Stimmung hatte sich verändert, und er fragte sich, ob die Witwe nicht vielleicht doch in der Lage war, einen Mord zu begehen. »Wissen Sie, wo Ihr Mann vor der Tat gewesen ist?«

»Ich bin mir sicher, dass er sich auf der Mühlviertler Wiesn herumgetrieben hat, dem Volksfest hier in Freistadt, das kennen Sie bestimmt. Um Frauen hinterherzujagen«, sagte die Witwe verächtlich. »Und hernach hätte er sie bei der Scheidung vertreten, dieses Arschloch!«

Sterns Blick fiel auf die Uhr, die im Wohnzimmer neben der Tür an der Wand hing. 11:15 Uhr. Sie mussten sich sputen, wenn er rechtzeitig vor Barbaras Eintreffen in Linz in seiner Wohnung in der Herrenstraße sein wollte.

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18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
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323 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783839261620
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