Читать книгу: «Ausgeflaust - Jugendliche führen»
![]() | ![]() |
|---|
Diese Publikation erscheint im Rahmen der Lehre und Forschung von Mitarbeitenden der Abteilung Sekundarstufe II / Berufsbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich ( PH Zürich ). Sie setzt Schwerpunkte für die unterrichtliche Praxis in der Sekundarstufe II.
Michael De Boni, Esther Lauper
Ausgeflaust? – Jugendliche führen ISBN Print: 978-3-0355-0270-1 ISBN E-Book: 978-3-0355-0585-6
Fotografien: © Beat Habermacher
1. Auflage 2017
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.com

Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Classroom Management: Begriff und Bedeutung
2 Klassenführung zwischen Ordnung und Beziehung
3 Wahrnehmung und Grundhaltung
4 Wie führe ich eine Klasse zur Kooperation?
5 Binnendifferenzierung – die Antwort auf Heterogenität
6 Die Lernfokussierung erhöhen
7 Prävention oder Intervention?
8 Störungsmanagement
9 Umgang mit Konflikten
10 Interventionen als Lern- und Reintegrationschance
Literatur
Einleitung
Einleitung
Dieses Buch will einerseits Fundus sein, Inspirationsquelle für pädagogisches Handeln im Sinne eines gelingenden Classroom Management von Jugendlichen (Sekundarstufen I und II) und jungen Erwachsenen. Damit nimmt es auch Führungsfragen in den Fokus.
Darüber hinaus will es anregen, über individuelle Unterrichtsprozesse und über sich selbst als Lehrperson nachzudenken, über Situationen und Erfahrungen zu reflektieren und nach Optimierung der Steuerung von Lerngruppen zu suchen. Insofern ist es ein Arbeitsbuch, das einen weiteren Baustein zur Professionalisierung der Lehrperson für ihre anspruchsvolle Arbeit liefert und den Austausch mit Fachkolleginnen und Fachkollegen anregen möchte.
Die Komplexität der verschiedenen Elemente des Classroom Managements ist sehr hoch. Dennoch haben wir versucht, die vielfältigen Aspekte in einen Bezug zueinander zu setzen und die einzelnen Faktoren, die es für ein funktionierendes Classroom Management braucht, darzustellen, zu systematisieren und zu verdeutlichen.
Die Gliederung der verschiedenen Prozesse hat sich als anspruchsvoll erwiesen, da der ganze Komplex des Classroom Management aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden kann, synchron und diachron, aber auch chronologisch, wenn es um die Entwicklung von guten und unguten Dynamiken geht.
Einerseits muss die Chronologie der Ereignisse als Regelkreis miteinbezogen werden: Unterrichtsplanung – Unterrichtsdurchführung – Vorkommnisse, Störungen, Zäsuren – Interventionen (oder Nicht-Interventionen) – Wirkungen und Nebenwirkungen – Reflexion in der Rückschau – Optimierungssuche – Prävention, um negative Entwicklungen möglichst zu vermeiden, als Teil neuer Unterrichtsplanung.
Andererseits können wir die Gleichzeitigkeit von Bedingungen im Klassenzimmer betrachten und überlegen, was alles in welcher Art und Weise zum (Nicht-)Gelingen der geplanten Lernprozesse beiträgt. Wenn es um konkrete Handlungsideen geht, muss man ferner immer mitbedenken, aus welcher Grundhaltung, welcher Philosophie von gutem Unterricht und welchem Rollenverständnis sie erwachsen sind.
Wir haben es bei der Thematik des Classroom Management also stets mit Mehrdimensionalität zu tun, die Situationen sind immer komplex und kaum je linear.
Das lässt sich etwa an »Unterrichtsstörungen« zeigen. Wenn wir in dieser Hinsicht nach Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation suchen, sind Fragen und Überlegungen wie die folgenden hilfreich:
• Was ist mein wirkliches Ziel, wie viel Ruhe kann erwartet werden, über welchen Zeitraum, und wie will ich das durchsetzen?
• Was habe ich alles schon eingeleitet, um eine möglichst lernförderliche Arbeitsatmosphäre zu erreichen?
• Welche Signale gebe ich in Bezug auf Störungstoleranz, Ohnmacht in Bezug auf Störungen, Ärger, Unlust usw.?
• Wie habe ich der Klasse beigebracht, dass die Lernenden sich über einen gewissen Zeitraum konzentrieren können?
• Welche Kultur hat sich eingespielt?
• Muss ich noch Altlasten abtragen?
• Welche Wirkungen haben die Störungen auf die Klasse, auf mich, auf die Störenden selbst?
• Welche Regeln wurden vereinbart?
• Wie werden die Regeln durchgesetzt? Führungswirksamkeit?
• Welche Interventionsstufen kann ich nutzen, um des Problems Herr zu werden?
• Wie weit sind die Lernenden in Bezug auf ihre Kooperations- und Mitwirkungsbereitschaft?
• Welche gruppendynamischen Prozesse laufen ab, und wie beeinflussen sie die Unterrichtssituation?
• Inwiefern stehen Vorgesetzte hinter mir, wenn ich Maßnahmen einleite?
• Inwiefern gibt es ein Agreement zwischen der Klasse und mir und zwischen jedem und jeder einzelnen Lernenden und mir in Bezug auf die Grundordnung?
• Inwieweit kann ich Einsicht bei den Lernenden voraussetzen, dass ein störungsarmer Unterricht dem Lernprozess am meisten dient?
• Inwiefern spielen intrapsychische und individuelle Gegebenheiten von einzelnen Lernenden mit und lassen einen störungsfreien Unterricht gar nicht zu?
• In welchem Maße spiegeln Unterrichtsstörungen gesellschaftliche und umweltspezifische Gegebenheiten wider?
• Wie viel Führungswirksamkeit traue ich mir selbst eigentlich zu?
• Stehen meine Erwartungen an die Klasse im Einklang mit der Corporate Identity der Schule?
• Ist meine Haltung gegenüber den Lernenden wohlwollend-verbindlich?
• …
Wenn man diesen – nicht abschließenden – Fragenkatalog betrachtet, wird schnell klar, dass sich das Problem nicht linear lösen lässt. Es gibt zwar Schulen, die Unterrichtsstörungen über ein Bußensystem regeln, genauso wie das Zuspätkommen, und die Lehrpersonen berichten, dass diese Regelung wirksam sei. Aus pädagogischer Sicht genügt es jedoch nicht, mit hohem Druck Wohlverhalten zu erzeugen. Wir möchten ja vor allem einen Lern- und Entwicklungsprozess initiieren. Andererseits kann manchmal auch ein Mangel an konsequentem Vorgehen seitens der Lehrpersonen beobachtet werden. Hier geht es um die Suche nach einer Balance zwischen Anpassungserwartung und Entwicklung von Selbstverantwortung.
Beim Classroom Management geht es immer wieder auch um die Frage nach der Balance. Das vorliegende Buch ist deshalb auch nicht »linear« angelegt, sondern bietet je nach Kapitel Impulse zu den unterschiedlichsten Fragen des Classroom Management.
Das erste Kapitel zeigt in der Übersicht, wie wir Classroom Management verstehen und welche Aspekte dabei aus unserer Sicht beachtet werden sollten. Wenn Sie dieses erste Kapitel gelesen haben, können Sie sich anschließend im ganzen Buch leicht zurechtfinden.
Die Autorin und der Autor
1 Classroom Management: Begriff und Bedeutung
Classroom Management: Begriff und Bedeutung
Ziel jeder Lehrperson ist ein Unterricht, in dem ein lernförderliches Klima herrscht; ein Unterricht, in dem ein konstruktives Miteinander gelebt wird; ein Unterricht, in dem die Lernenden sichtlich gewillt sind, die Lernziele zu erreichen. Darauf wirken wir hin – mit professioneller Unterrichtsvorbereitung, Rhythmisierung, Aktivierung der Lernenden, mit der Gestaltung einer anregenden Lernumgebung und auch, indem wir eine Kultur des Miteinander und der Kooperation fördern.
Trotz bester Unterrichtsvorbereitung kann es geschehen, dass eine Lektion nicht wie geplant über die Bühne geht. Das kann damit zu tun haben, dass sich (einzelne) Lernende unter- oder überfordert fühlen und sich das Tempo deshalb verlangsamt, weil wir auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen wollen; Verzögerungen können aber auch aus Störungen und (unerwünschten) sozialen Interaktionen in der Klasse entstehen.
Die negativen Auswirkungen von Situationen, die vom eigentlichen Lernen abhalten oder ablenken, werden gewöhnlich unterschätzt. Nicht nur der Zeitverlust durch die Unterbrechung selbst muss dabei beachtet werden; auch nach der Störung dauert es in der Regel noch lange Minuten, bis die Lernenden in die gleiche Lernintensität, -effektivität und -produktivität zurückfinden. Wenn die Störung zusätzlich eine negative Emotion bewirkt, wenn sich die Lernenden zum Beispiel über Kollegen und Kolleginnen aufregen oder über die Lehrperson, weil sie aus ihrer Sicht nicht passend interveniert hat, werden die Lernenden es in der Regel über die ganze Lektion nicht mehr schaffen, an den Punkt zurückzukehren, wo sie vor der Störung waren. Insofern muss neben dem sichtbaren Lernverlust auch der Stress beachtet werden, den Unterbrechungen, Interventionen und Nicht-Interventionen auslösen können. Und solange der Stress oder die negativen Emotionen anhalten, solange man noch gedanklich in der Situation hängen bleibt, kann nur ein Bruchteil der eigentlichen Lernleistung erbracht werden. Darunter leiden nicht nur die Lehrpersonen, unter anderem aufgrund der ausgelösten Fremdbestimmtheitsgefühle, auch die Lernenden selbst kommunizieren solchen Stress ganz klar, wenn sie nach Stressoren in der Ausbildung gefragt werden. Eine Klasse formulierte es so: Bei einer Lehrperson kämen gewisse Kollegen und Kolleginnen regelmäßig zu spät. Die Lehrperson beginne mehr oder minder pünktlich. Aber jedes Mal, wenn ein verspäteter Lernender eintrete, beginne sie ihren Unterricht von vorn. Die pünktlichen Lernenden erleben dies als »Folter«, zumal es sich immer wieder so abspielt und jeweils mehrere Lernende verspätet eintreffen, natürlich nie gemeinsam.
Die Schweizer Stressstudie 2010 (Grebner et al., 2013) des Staatssekretariats für Wirtschaft – wir sind bei einem Phänomen, das Wirtschaft und Bildungswelt gleichermaßen betrifft – hat gezeigt, dass 48 Prozent aller Arbeitstätigen in der Schweiz am meisten unter Arbeitsunterbrechungen leiden. Unterbrüche, welcher Art auch immer, haben offensichtlich einen hohen negativen Einfluss auf die Befindlichkeit und die (Lern-)Leistung.
Mit einem gut funktionierenden Classroom Management wollen wir Bedingungen schaffen, die den Unterrichtsfluss gewährleisten, und dafür sorgen, dass die Lernprozesse möglichst wenig unterbrochen werden – dass also Lernen tatsächlich stattfinden kann und dass ein möglichst hoher Anteil der zur Verfügung stehenden Lernzeit effektiv, effizient und produktiv zum Lernen genutzt wird.
Aber nicht nur dies: Gutes Classroom Management will eine Situation schaffen, in der sich sowohl die Lernenden als auch die Lehrperson wohlfühlen; es strebt ein Klassenklima der Akzeptanz und Wertschätzung an, in dem Regeln gelten, es will die Kooperation unter den Lernenden und die Mitwirkungsbereitschaft fördern und eine Kultur des fairen Miteinander setzen, wobei auch der Verbindlichkeit eine wichtige Rolle zukommt. Erreicht wird dies durch eine gelebte Führungs-Balance zwischen Ordnung und Beziehung (vgl. Kapitel 2).
Beim Classroom Management geht es also nicht zuletzt darum, dass die Lernenden sich möglichst lange aktiv und intensiv mit dem Lernstoff beschäftigen können. Das heißt unter anderem, dass die Konzentrationsfähigkeit und die Fähigkeit, Konzentration über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten (Vigilanz), in der Schule gefördert werden müssen. Dabei haben die Lernarrangements, die Gestaltung der Lernumgebung, die Rhythmisierung und das Classroom Management eine hohe Bedeutung.
Gelingendes Classroom Management hängt von verschiedenen Faktoren ab, nicht allein von der Lehrperson. Von entscheidender Bedeutung ist zum Beispiel, ob auch die Vorgesetzten hinter der Lehrperson stehen, deren Ziele mittragen, Interventionen stützen, ihr den Rücken stärken, etwa wenn Jugendliche, deren Eltern, die Berufsbildner, aber immer häufiger auch Ärzte Entmächtigungsversuche unternehmen, die Lehrperson und ihre Interventionen infrage stellen. Selbstverständlich müssen Maßnahmen, Korrekturen, Interventionen usw. professionell, angemessen und mit der Schulkultur abgestimmt sein. Aber es kommt immer öfter vor, dass Lehrpersonen unnötig geschwächt statt gestärkt werden, was selbstverständlich von der Klasse oder einzelnen Lernenden wahrgenommen wird, worauf sie dann mehr vom unerwünschten Verhalten zeigen statt weniger.
Daran, ob Classroom Management funktionieren kann, haben auch die Lernenden selbst Anteil. Jedes System kann torpediert werden. Eine Grundhaltung der Kooperation und des Arbeitswillens muss mitgebracht werden, damit einerseits der individuelle Erfolg eintreten, andererseits aber auch das kollektive Lernen gelingen kann.
Es zeigt sich also, dass Classroom Management ein komplexes Gebilde mit vielen Facetten ist. Nicht alle Aspekte zählen wir hier einzeln auf. In der nachfolgenden Grafik finden Sie aber eine Übersicht über die wichtigsten Einflussfaktoren und Aspekte. Im Buch werden diese Aspekte je nach Thema wieder aufgenommen und weiter ausgeführt.

Abbildung 1-1
Aspekte des Classroom Management (für die vollständige Darstellung siehe Buchklappe)
Reflexion
Wenn Sie die grafische Übersicht studieren, kommen Ihnen sicherlich viele Erinnerungen aus der eigenen Jugendzeit.
• Wie haben Sie damals Ihre Lehrpersonen erlebt?
• Wie haben Ihre Lehrpersonen dafür gesorgt, dass Lernen tatsächlich möglich war und stattfand – oder hätte stattfinden können?
• In welcher Art haben diese Lehrpersonen agiert und interveniert, um die Klasse zum Lernen anzuhalten?
• Erinnern Sie sich an – damals, aus Ihrer Jugendsicht – angenehme, spannende, lustige oder mühsame, nervende Unterbrüche durch Mitlernende, Außenstehende oder durch die Lehrperson selbst?
• Was ging in Ihnen vor?
• Was hätten Sie sich von Ihren Lehrpersonen gewünscht?
• Was hätte Ihnen geholfen, (noch) besser lernen zu können oder sich emotional mehr auf die Lernprozesse einzulassen?
• Wie gewichten Sie diese Erfahrungen aus heutiger Sicht?
• Was würden Sie den Lehrpersonen raten, wenn man das Rad der Zeit zurückdrehen könnte?
• Was haben Sie für sich selbst dabei gelernt?
1.1 Drei Ansätze des Classroom Management
Heute werden drei Ansätze des Classroom Management gelebt, neben- und miteinander. Jeder Ansatz hat seine positive Wirkung, aber in der Übertreibung auch seine Fallstricke. Gehen wir einmal davon aus, dass die Umsetzung maßvoll geschieht.
Verhaltenskontrolle – der behavioristische Ansatz aus den Sechzigerjahren
• Belohnung und Bestrafung wirken vor allem bei jüngeren Jugendlichen mehr als bei älteren und bei männlichen Jugendlichen mehr als bei weiblichen.
• Der Ansatz wird vor allem in den angloamerikanischen Gebieten, in Asien und Osteuropa gelebt.
• Grundsätzlich hat die Kommunikation der Verhaltenserwartung eine hohe Wirkung auf das Wohlverhalten und ist weder alters- noch geschlechtsmäßig unterschiedlich.
• Im Klassenzimmer sind insofern Regeln und Verhaltensanweisungen sehr sinnvoll und erzielen eine positive Wirkung aufs Verhalten.
→ Die Durchsetzung über Bestrafung (und Lob) zeigt hingegen schnell einmal Grenzen in Bezug auf die Wirksamkeit.
Förderung sozialer Beziehungen – der beziehungsorientierte Ansatz aus den Siebzigerjahren
• Der beziehungsorientierte Ansatz bringt bei der Grundhaltung am meisten Erfolg.
• Die Lernenden sind eher bereit zu kooperieren und zeigen Mitwirkungsbereitschaft.
• Die Lernenden lassen sich auch emotional mehr ein und widmen sich den Inhalten mit weniger Widerständen.
• Die Forschung zeigt, dass die Aggressionen unter den Lernenden zurückgehen, wenn dieser Ansatz gelebt wird.
• Der beziehungsorientierte Ansatz wird öfter falsch verstanden. Es geht nicht um Anbiederung an die Lernenden, auch die Nähe-Distanz-Balance muss professionell bleiben.
→ Die Leistung wird öfter relativiert. Dieser Ansatz hat die »Nebenwirkung«, dass oft nicht das ganze Leistungspotenzial ausgeschöpft wird.
Unterrichtsgestaltung – der konstruktivistische Ansatz seit den Achtzigerjahren
• Durch geschickte Lernarrangements soll erreicht werden, dass die Motivation so stark steigt, dass unerwünschtes Verhalten mehr und mehr zurückgeht.
• Der Fokus liegt auf dem Lernthema und entfernt sich von steuernder Lenkung und (übermäßiger) Beziehungsorientierung.
• Die Emotionalisierung geschieht im Zusammenhang mit dem Stoffinhalt und weniger personengebunden.
→ Die Forschung zeigt, dass vor allem schwächere Lernende im offenen Unterricht überfordert sind und noch schwächere Leistungen erbringen als sonst.
Am meisten Erfolg verspricht eine Kombination der drei Ansätze. Sich einseitig auf einen Ansatz zu beschränken, würde uns ins letzte Jahrtausend zurückwerfen. Das sehen wir zumindest in Westeuropa so. Es geht zunehmend darum, die guten Aspekte aus verschiedenen Ansätzen herauszupicken und zu vereinen (ganzheitlicher Ansatz). Übersetzt auf den konkreten Unterricht, heißt das:
• Ein klar strukturierter, spannender und einladender Unterricht vermag die Lernenden dazu zu bewegen, dass sie sich engagieren, sich konstruktiv beteiligen und auf Unterrichtsstörungen vermehrt verzichten.
Über den Weg der Unterrichtsgestaltung lassen sich auch sehr viele präventive Ansätze verwirklichen, die einerseits die Konzentration und Vigilanz fördern und andererseits durch Rhythmisierung Gelegenheit geben, von angeordnet unruhigen Phasen zu ruhigen zu wechseln und diese besser zu bewältigen.
Reflexion: Welchen der drei Ansätze pflege ich am meisten?
Skalieren Sie, was Sie in welcher Intensität bereits umsetzen.
| Nicht beobachtbar | Wenig beobachtbar | Immer wieder beobachtbar | Ausgeprägt, Kultur ist implementiert | |
|---|---|---|---|---|
| Verhaltenskontrolle | ||||
| Ich kommuniziere die Regeln, und diese werden in der Klasse auch tatsächlich gelebt. | ||||
| Ich spreche Lernende sofort auf unerwünschtes Verhalten an und bringe meine Vorstellungen zum Ausdruck. | ||||
| Bei Störungen greife ich rasch und wirksam ein. | ||||
| Wiederholtes unerwünschtes Verhalten hat eine Maßnahme zur Folge. | ||||
| Ich bin wach und beobachte, wer sich (nicht) an Verbindlichkeiten hält. | ||||
| Meine Interventionen erzielen erwünschte Wirkungen. | ||||
| Ich kommuniziere meine Erwartungshaltung, dass Lernende intensiv arbeiten und die Zeit nutzen. | ||||
| Die Lektionsziele werden im Voraus kommuniziert. | ||||
| Ich verlange Auftragstreue und Verbindlichkeit. | ||||
| Ich plane lenkende und steuernde Begleitmaßnahmen, damit die Lernenden tatsächlich arbeiten. | ||||
| Ich kontrolliere die Arbeiten zeitnah und gebe Feedbacks. | ||||
| Förderung sozialer Beziehungen | ||||
| Ich pflege eine Kultur von Akzeptanz und Wertschätzung. | ||||
| Ich definiere die sozialen Normen und sichere so ein gutes Lernklima. | ||||
| Ich bin authentisch und frei von Ambivalenzen. | ||||
| Meine Kommunikationskompetenz ist angemessen. | ||||
| Ich schaffe ein Klima, in dem Lernende ein kooperatives Miteinander leben. | ||||
| Ich sorge für Gelegenheiten, in denen Lernende sich einbringen. | ||||
| Ich fördere den Dialog unter den Lernenden mit Partneraustausch. | ||||
| Ich führe mit jeder/jedem Lernenden einmal pro Semester ein Standortgespräch. | ||||
| Ich schaffe aktiv Gelegenheiten, in denen die Klasse sich als Gemeinschaft erleben kann. | ||||
| Ich fördere die Integration aller und jedes Einzelnen. | ||||
| Ich steuere Gruppenprozesse und wirke unguten oder destruktiven Prozessen entgegen. | ||||
| Unterrichtsgestaltung | ||||
| Ich formuliere für die Lernenden bedeutsame Lernziele. | ||||
| Ich verknüpfe Inhalte mit Praxis- und Lebensbezug. | ||||
| Ich plane einen strukturierten Unterricht. | ||||
| Meine Arbeitsanweisungen sind klar und umsetzbar. | ||||
| Mein Unterricht ist interessant, abwechslungsreich und rhythmisiert. | ||||
| Meine Fachkompetenz ist hoch. | ||||
| In meinem Unterricht werden verschiedene Sinne angesprochen. | ||||
| Ich pflege Methoden- und Medienvielfalt. | ||||
| Ich wähle regelmäßig Methoden, die Ruhe und Konzentration fördern. | ||||
| Ich wähle sinnvolle und angepasste Sozialformen. | ||||
| Der Förderung und Sicherung der Lernprozesse schenke ich große Aufmerksamkeit. |
1.2 Rollen- und Führungsverständnis der Lehrperson
Andreas Helmke (2003, 2008) hat zehn Merkmale von Unterrichtsqualität definiert, die ein wirkungsvolles Classroom Management fördern. Es sind dies die Begriffe, die Sie in der nachfolgenden Grafik finden. Darin geht es noch einmal um eine Selbsteinschätzung, allerdings mit einem anderen Fokus, und zwar geht es nicht um die Frage, welchen Ansatz Sie am meisten pflegen, sondern diesmal um Ihren Unterricht, gewissermaßen aus der Sicht der Lernenden. Helmke hat erforscht, welche gelebten Prinzipien förderlich sind, damit die Klasse in Ruhe und Konzentration arbeitet.
Übung
Tragen Sie in der Grafik mit einer Farbe ein, welche Aspekte – und in welcher Ausprägung – Sie aktuell in Ihrem Unterricht leben. Verbinden Sie die Punkte zu einem Stern. Reflektieren Sie, welche Auswirkungen Ihre Skalierung auf das Unterrichtsgeschehen haben könnte. Nehmen Sie dann eine zweite Farbe. Zeichnen Sie den Stern so, wie Sie ihn in Zukunft haben möchten.
Überlegen Sie, was Sie verändern müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Abbildung 1-2
Zehn Merkmale von Unterrichtsqualität nach Helmke, die ein wirkungsvolles Classroom Management unterstützen
1.3 Aspekte der Grundordnung
Es geht beim Classroom Management, wie eingangs erklärt, letztlich immer um die Sicherung der Lernprozesse im Unterricht. Und Lernen wird »gestört«, wenn die Grundordnung aus den Fugen gerät. Dann wird die Aufmerksamkeit der Lernenden unweigerlich vom Lernstoff weg und zu den sozialen Vorkommnissen hin geleitet. Jede Unterbrechung des Lernprozesses hat zur Folge, dass viel Zeit verloren geht, bis die gleiche Lernintensität wiedererlangt werden kann. Die Grundordnung erhalten oder wiederherstellen: Beides bezieht sich auf die »Kultur«, die im Klassenzimmer gelebt werden soll. Interventionen können auf allen drei genannten Ebenen (Verhaltenskontrolle, Beziehungsgestaltung, Unterrichtsgestaltung) geschehen.
Nachfolgend finden Sie eine Liste von Aspekten, welche die Grundordnung sichern – bzw. ein Instrument zur Selbsteinschätzung, wie Sie für die Einhaltung der Grundordnung sorgen können, auf den drei Ebenen der Institution, des gegenseitigen Umgangs und der Lern- und Arbeitsprozesse.
| Kaum | Meistens | Immer | |
|---|---|---|---|
| Grundordnung mit Bezug auf die Institution Schule | |||
| Ich lebe nach den Regeln der Schule und halte mich an die Vereinbarungen und Weisungen. | |||
| Ich halte mich an Instanzenwege und fordere die Lernenden auf, es ebenfalls zu tun. | |||
| Ich informiere die Leitung über gravierende Vorkommnisse. | |||
| Ich halte mich zurück mit Äußerungen über Leitung oder Kollegium. | |||
| Ich ziehe mit den Kolleginnen und Kollegen, die in der gleichen Klasse unterrichten, an einem Strick. | |||
| Ich führe die Absenzenlisten sorgfältig und melde unentschuldigte Absenzen rechtzeitig weiter (Schulordnung). | |||
| Ich informiere die Kolleginnen und Kollegen der gleichen Klasse über wichtige Vorkommnisse und Vereinbarungen mit der Klasse. | |||
| Ich ergreife präventive Maßnahmen gegen Störungen, zum Beispiel durch Strategien der Aufmerksamkeitslenkung. | |||
| Grundordnung in Bezug auf den Umgang miteinander | |||
| Ich pflege einen respektvollen und fairen Umgang mit den Lernenden und erwarte von ihnen dasselbe. | |||
| Ich kommuniziere, wer wofür welche Verantwortung trägt, und übernehme meinen Teil. | |||
| Ich erarbeite mit den Lernenden zusammen Klassenregeln und achte auf deren Einhaltung. | |||
| Ich spreche die Lernenden an, wenn ihr Verhalten außerhalb der Toleranzgrenze liegt. | |||
| Ich achte darauf, dass die Würde eines jeden respektiert wird, dass auf Herabsetzung, Ausgrenzung und Diskriminierung verzichtet wird und dass ein angstfreies Klima herrscht. | |||
| Ich pflege einen autoritativen Führungsstil (= hohe Kontrolle und hohe Bereitschaft zu reagieren). | |||
| Grundordnung mit Bezug auf die Sicherung der Lern- und Arbeitsprozesse | |||
| Ich setze mich dafür ein, dass die meiste Zeit zum Lernen und Arbeiten genutzt wird. | |||
| Ich kommuniziere die Aufträge klar und prüfe das Auftragsverständnis und die Auftragstreue. | |||
| Ich beachte und anerkenne Leistung. | |||
| Mit einem wirksamen Störungsmanagement sichere ich die Arbeits- und Lernprozesse. | |||
| Ich etabliere Routinen für die Förderung der Lernprozesse. | |||
| Ich pflege einen undramatischen, zeitsparenden und wirksamen Umgang mit Störungen. |
Beim Ausfüllen dieses Reflexionsinstrumentes werden Tendenzen sichtbar, welche Aspekte Sie in Ihrem Unterricht mehr oder weniger pflegen. Selbstverständlich kann man sich auch fragen, welche Grundhaltungen dem zugrunde liegen. Ebenfalls wäre die Frage zu diskutieren, was alles eigentlich ein positives Klassenklima fördert oder hemmt.
Das Thema Classroom Management ist damit selbstverständlich nicht erschöpft. In den folgenden Kapiteln finden Sie dazu viele weitere Überlegungen und Aspekte. Hier ging es vorerst nur um eine Übersicht, um die Begriffe und um eine Reflexion des Rollenverständnisses.
Dorothea Pabst
Brain-Gym
Wenn die Lernenden in meinen Unterricht kommen, sind sie mental oft nicht auf den kommenden Lernprozess eingestimmt und auch nicht sonderlich motiviert, sodass sie sich nur schwer auf das Unterrichtsthema einlassen können. Viele Dinge beschäftigen sie, sei es, dass sie gerade von einer Prüfung kommen, sei es, dass es privat nicht rundläuft. Vielleicht sind die Lernenden einfach ausgepowert und müde? So oder so: Sie sind noch nicht bereit für meinen Unterricht.
Eine einfache Möglichkeit, die ihnen hilft, sich von Vorherigem zu lösen und den Fokus auf meinen Unterricht zu bringen, ist Brain-Gym. Eine einfache Übung, die gut funktioniert, ist beispielsweise folgende: Abwechselnd wird mit der rechten Hand und dem linken Fuß, dann mit der linken Hand und dem rechten Fuß gleichzeitig geklopft.
Über-Kreuz-Übungen fördern das Zusammenspiel der beiden Hirnhälften, erhöhen die Aufnahmefähigkeit und das Leistungsvermögen. In unruhigen Klassen habe ich diese Übung eingeführt und bin erstaunt, wie sehr sich die Konzentration und Leistungsfähigkeit damit steigern lässt – auch die höheren Noten bestätigen mir dies.

2 Klassenführung zwischen Ordnung und Beziehung
Klassenführung zwischen Ordnung und Beziehung
Wenn wir von Führung sprechen, ist nicht immer und zwingend explizites Führungsverhalten gemeint, etwa eine ausdrückliche Korrektur oder Mahnung. »Führen« meint also nicht, dass die Lehrperson immer direkt führt und ständig für alle Lernenden sichtbar ist. Eine Klasse ist im besten Fall auch dann »geführt«, wenn jede/r Lernende sich individuell mit einer Einzelarbeit beschäftigt und die Lehrperson sich gar nicht im Schulzimmer befindet. Natürlich werden Führungsverständnis und Führungsstil einer Lehrperson am besten sichtbar, wenn sie in unmittelbarer Interaktion mit ihren Lernenden steht.
In diesem Kapitel geht es um unterschiedliche Führungsprinzipien und -stile und um die Balance zwischen Beziehungs- und Ordnungsorientierung.
2.1 Nett, streng – und fröhlich bestrafen
Dass jede Lerngruppe stets auf irgendeine Weise geführt werden sollte, zumindest implizit, wird uns dann deutlich, wenn wir Sätze hören wie: »Frau Keller hat ihre Klassen gut im Griff« oder: »Bei Herrn Wegmann machen die Lernenden, was sie wollen« oder: »Bei Frau Senn ist wohl der Unterricht völlig aus dem Ruder gelaufen«.
Dass eine Klasse gut geführt sein sollte, wird eigentlich von allen Beteiligten, Lehrenden und Lernenden, grundsätzlich vorausgesetzt. Oftmals wird aber vergessen, dass hinter einer »gut geführten Klasse« viel Sozialisationsarbeit steckt – oder sagen wir einfach: Erziehungsarbeit – und dass dies eine hohe Präsenz der Lehrperson verlangt. Diese Präsenz wird im Folgenden grundsätzlich immer im Sinne von »wohlwollender Präsenz« (vgl. Lauper & De Boni, 2013, S. 173 ff.) verstanden. Grundprinzip und Ziel der Klassenführung ist nie die Disziplinierung einzelner Lernender oder ganzer Lerngruppen, es geht immer darum, eine geordnete und kooperative Lernatmosphäre zu ermöglichen und sicherzustellen. Man kann es auf einen Nenner bringen: Vorrang hat immer die Lerngruppe – nicht die störenden und regelverletzenden Lernenden. Aus diesem Grund ist selbst bei jungen Erwachsenen im Unterricht noch viel Erziehungsarbeit zu leisten, um eine ungestörte Lernumgebung sicherzustellen. Dies ist vor allem auf der Sekundarstufe II nicht allen Lehrpersonen genügend bewusst, da man oftmals zu früh Erwachsenenkompetenzen und damit Wohlverhalten einfach voraussetzt.
In einer Lehrerweiterbildung äußerte sich ein Kursteilnehmer entsetzt über ein Vorkommnis, das für ihn, einen Informatiker, Quereinsteiger in den Lehrberuf, völlig unerwartet war. Er hatte das Schulzimmer betreten, und zwei Lernende hatten ihn mit den Füßen auf dem Pult begrüßt, lässig zurückgelehnt und völlig entspannt dasitzend. Da er ein solches Bild aus dem Betrieb, in dem er arbeitete, nicht gewohnt war, war er erst einmal sprachlos. Ihm fehlte offensichtlich ein »inneres Drehbuch«, um ruhig und gelassen, aber auch klar und bestimmt zu reagieren. Ein anderer Aspekt, der hier deutlich wird, ist eine Fehleinschätzung von Adoleszenten im Hinblick auf erwachsenengerechtes Verhalten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wollten die beiden Lernenden gar nicht provozieren, sie verhielten sich einfach im öffentlichen Raum wie in ihrer privaten Sphäre. Ihr Verhalten löste bei der Lehrperson so viel Unverständnis aus, weil sie davon ausging, junge Erwachsene auf der Sekundarstufe II müssten doch wissen, wie man sich benimmt, das könne man gleichsam voraussetzen. Der Hinweis, dass auch zwanzigjährige junge Erwachsene noch »Erziehungsimpulse« brauchen, war für ihn hilfreich.
Wichtig ist aber die Art und Weise, wie die Lehrperson solche Erziehungsarbeit versteht. Oftmals kann man mit Humor und Witz mehr erreichen als mit »lehrerhaftem« Disziplinieren. Mit übertriebenem Lehrergehabe wird man womöglich eher eine gewisse Reaktanz auslösen. Wie wir noch sehen werden (siehe Kapitel 7), ist in einer frühen Phase von Störungen oftmals mit ganz wenigen und ressourcenschonenden kleinen, zum Teil humorvollen Hinweisen viel erreicht. Zugleich sind aber ironische Sprüche absolut zu vermeiden. Zynismus und Ironie haben im Kontext der Schule und im Speziellen im Unterricht nichts zu suchen. Ebenso gilt es bei kleinen Interventionen, niemanden bloßzustellen oder vor der ganzen Klasse lächerlich zu machen. Humor darf nie auf Kosten von Beteiligten gehen. Da sich die geschilderte Szene mit den beiden Lernenden mit den Füßen auf dem Pult vor Lektionsbeginn abspielte, hätte je nach Befindlichkeit und Verfassung der Lehrperson eine mögliche Reaktion darin bestehen können, zum Lehrerpult zu gehen, ebenfalls (nun etwas provokativ) die Füße aufs Pult zu legen und die Reaktionen der beiden Lernenden abzuwarten. Eine andere Minimalreaktion wäre gewesen, die beiden beim Namen zu nennen und mit einer knappen Handbewegung darauf hinzuweisen, was erwartet wird, dazu ein Stirnrunzeln, doch stets mit freundlichem Gesicht. Da es hier um Grundanstand geht, braucht es keine belehrenden, erläuternden oder erzieherischen Worte, sondern eben nur eine Handbewegung, einen Blick oder ein Kopfschütteln. Dies gilt für sämtliche Verletzungen des Grundanstandes und allgemeine Regelverletzungen, etwa lautes Gähnen, in Schlafstellung den Kopf aufs Pult legen, im Unterricht mit dem Handy hantieren, dreinreden, quer im Stuhl hängen usw. Dass es zahllose Möglichkeiten gibt, auf dem Stuhl zu sitzen oder zu liegen, ist uns allen schon aus der eigenen Schulzeit vertraut. Da genügt meist der Satz: »Setzen sie sich richtig hin.« Nur, was heißt eigentlich »sich richtig hinsetzen«? Zum Glück fragen die Lernenden nicht nach – man hätte einige Mühe, es exakt zu erklären! Erstaunlich ist aber, dass sie sich tatsächlich, ohne nachzufragen, zumeist »richtig« hinsetzen.
Bei der Befragung von Berufsschülerinnen und -schülern an einem Zürcher Bildungszentrum, wie sie sich eigentlich eine gute Lehrperson vorstellten, zeigte sich eine klare Tendenz zu einer konsequenten, aber fairen Lehrperson. Nicht alles durchgehen lassen, klare Anweisungen geben und hilfreich unterstützen sollte sie. An vereinbarten Regeln festhalten und unparteiisch sein. Eine Lernende brachte es auf den Punkt: Eine Lehrerin oder ein Lehrer sollte eine gewisse Strenge mitbringen, aber »nett streng« sollten sie sein. Auf die Rückfrage, wie sich die strenge Haltung einer Lehrperson zeige, antwortete die Schülerin, die Lehrperson solle konsequent und berechenbar sein – man sollte wissen, woran man bei ihr ist, und sie sollte die Lernenden nicht überfordern. Eine Lehrperson wird offensichtlich dann akzeptiert, wenn sie konsequent, aber wohlwollend ist.
Hier wird die Balance zwischen den beiden Polen »Beziehung« und »Ordnung« angesprochen, auf die wir noch ausführlicher zu sprechen kommen. Die Lernenden fühlen sich in einem geordneten, geführten und gut strukturierten Unterricht dann wohl, wenn sie von der Lehrperson in ihren Befindlichkeiten wahrgenommen und wenn sie unterstützt werden. Eine gute Beziehung zwischen Lernenden und Lehrperson garantiert eine positive Lernatmosphäre. »Zu dieser Lehrperson geht man gerne in den Unterricht, nicht weil sie nachgiebig bis permissiv ist, sondern weil sie die Lernenden mag und dennoch etwas von ihnen fordert.« Diese »wohlwollende Konsequenz« kommt, etwas auf die Spitze getrieben, auch in den folgenden Worten zum Ausdruck – der Antwort einer Berufsmaturaschülerin auf die Frage, wie man denn mit renitenten Lernenden als Lehrperson umzugehen habe: »Man sollte diese Lernenden schon bestrafen, aber fröhlich bestrafen.« Die etwas ratlosen Blicke des Fragenden vermochte sie nicht zu deuten, erklärte dann, dass die Lehrperson als Konsequenz einer Regelverletzung oder Störung halt abwechslungsreiche oder lustige Aufgaben oder Aufträge erteilen solle. In dieser Handlungsoption kommt wohl auch zum Ausdruck, dass die Maßregelung keine Machtdemonstration der Lehrperson sein darf, quasi um ihrer Autorität Nachdruck zu verleihen, sondern dass die Lernenden »zur Strafe« einen wohl sinnvollen, aber dennoch abwechslungsreichen und »interessanten« Auftrag erfüllen sollen.
Lernende auf der Sekundarstufe II realisieren recht gut, dass ein ruhig geführter Unterricht für sie lernförderlich ist. Sie bekommen die Sicherheit eines stetigen Lernzuwachses und sind dann auch zu einer gewissen Selbstdisziplinierung bereit. Rolf Arnold (2007) weist in seinem Buch »Aberglaube Disziplin« in Bezug auf die Entwicklung der Selbst- und Sozialkompetenz darauf hin, »dass sich eine Kompetenz bei Kindern und Jugendlichen nur entwickeln kann, wenn bereits die Lernphase, in der die Kompetenz angebahnt werden soll, strukturell den Situationen gleicht, in denen diese Kompetenz später beherrscht und angewendet werden soll. Selbststeuerung lernt man so nur in Lernsituationen, in denen man Selbststeuerung üben ›darf‹, und ›Selbstdisziplin‹ kann sich nur in Kontexten entfalten, in denen man den Kindern und Jugendlichen bereits etwas zutraut« (S. 58). Nach Arnolds Meinung setzt Erziehung vor allem Verstehen und Verständigkeit voraus, damit sie wirksam ist. Hier spricht Arnold die Bedeutung eines Sozialisierungstrainings an. Im Unterricht braucht es viele Gelegenheiten, mit selbstverantwortlichem und selbstgesteuertem Lernen umzugehen, ebenso braucht es für die Lernenden auch im jungen Erwachsenenalter viele Situationen, um in einer »nicht repressiven Sozialisationsumgebung« kooperatives und selbstverantwortliches Handeln zu trainieren und zu reflektieren.
2.2 Zugewandte Grenzsetzung und nicht begrenzende Zuwendung
»Nach einigen Jahrzehnten des überschäumenden Reformeifers bei Disziplinproblemen«, schreibt Karl Aschersleben (1999, S. 66), »hat sich die Schulpädagogik wieder darauf besonnen, dass Unterricht nicht ohne einen äußeren Ordnungsrahmen auskommen kann. Dabei erhält Disziplinierung wieder den Stellenwert, den sie in einem effektiven Unterricht nun einmal braucht, ohne dass die Lehrkraft als Despot oder Tyrann auftritt. ›Chaotischer‹ Unterricht ist eine Contradictio in adjecto, ein Widerspruch in sich. […] dazu bedarf es keiner strengen und strafenden Maßnahmen, oft genügt der Blickkontakt oder ein kurzes Ansprechen mit dem Namen«. Für Rolf Arnold (2007) können Disziplin und Disziplinierung sogar zerstörerisch wirken, vor allem dann, wenn die Lehrperson in ihren eigenen Deutungen und Gefühlen gefangen ist und so nicht mehr verstehend danach sucht, worum es eigentlich geht. Dies wiederum setzt aber eine tragfähige Beziehungsbasis voraus, in der Bindung und Begleitung möglich sind. Sind einer Lehrperson die Lernenden als Menschen wichtig und ist ihr die individuelle Entwicklung dieser ihr anvertrauten Lernenden ein zentrales Anliegen, dann werden Interventionen im Klassenverband auch vor diesem Hintergrund verstanden und akzeptiert.
Seinem Motto »Erziehung ist Beziehung« getreu, definiert Arnold vier wichtige Voraussetzungen einer nachhaltig wirksamen Erziehung, die vier »B«: Bindung, Begleitung, Begrenzung und Bildung.

Abbildung 2-1
Das 4-B-Prinzip nach Arnold (2007, S. 92): Voraussetzungen einer nachhaltig wirksamen Erziehung
Erziehungswirkungen basieren auf der Klarheit des Erziehungsverantwortlichen und seiner Beziehung zum Heranwachsenden. Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, sucht sich der Selbstausdruck des Heranwachsenden bisweilen verschlungene, auch verzweifelte Wege. Disziplinprobleme verweisen zumeist auf einen Mangel in einem der vier B-Aspekte. Grundlage allen erzieherischen Erfolges sind die Zuwendung und die Wertschätzung. Darin kommt Bindung zum Ausdruck: Es geht um zugewandte Grenzsetzung, nicht um begrenzende Zuwendung.
2.3 Reflexion des eigenen Führungsverständnisses
Wenn wir uns über Führungsprinzipien unterhalten, braucht es auch einen Moment der Reflexion. Wie kommt eigentlich mein höchstpersönliches Führungsverständnis zustande? Wir sind hierin von unseren eigenen Kindheits- und Jugenderlebnissen viel deutlicher geprägt, als wir wohl annehmen. Hinzu kommen ethische und philosophische Grundhaltungen, in Abbildung 2-2 als »Überbau« bezeichnet. Über die Jahre haben wir eine Haltung entwickelt, aus der wir ableiten, was den Jugendlichen wohl am meisten zum Guten gereicht. Und dies ist ja oft nicht das, was die Jugendlichen selbst sich am meisten wünschen. Das Spannungsfeld ist aber noch viel weiter. Möglichkeiten und Grenzen in unserem führungsspezifischen Handeln haben mit unseren Ressourcen zu tun – und mit unserer Erfahrung bzw. unserem Strategie-Repertoire. Dieses gilt es immer weiter auszubauen. Damit nehmen unsere Handlungsoptionen zu, und die Führung wird immer weniger als belastend empfunden. Es kommt ein weiteres Element ins Spiel: Es wäre ja (vielleicht) schön, wenn wir unser Handeln nur auf unseren Überbau und unsere Möglichkeiten abstützen könnten. In der Realität gilt es jedoch, unser Führen an die Kultur, ans Leitbild der Schule anzugleichen. Das ist nicht immer einfach, aber unumgänglich, wenn Führung nicht nur im einzelnen Schulzimmer, sondern auch in der ganzen Bildungsinstitution funktionieren soll.

Abbildung 2-2
Faktoren, die den eigenen Führungsstil beeinflussen
2.4 In und mit der Lerngruppe im Thema
Beim Classroom Management gibt es keine fixen Rezepte, die stets und in jeder Klasse funktionieren. Vom Wunsch nach dem Griff in die Trickkiste müssen wir uns verabschieden. Immerhin lassen sich auf die Frage nach dem geeigneten Führungsstil Handlungsempfehlungen formulieren, die sich aber auf die entsprechenden Situationen beziehen und sich nicht flächendeckend generalisierbar auf alle Klassen und sämtliche möglichen Kontexte anwenden lassen. Auch Rolf Dubs (2009) weist auf diese Tatsache hin: »Es gibt nicht einen richtigen Führungsstil der Lehrerin oder des Lehrers. Je nach Lernzielen, Stand der Klasse (Anfänger/Fortgeschrittene) und Eigenschaften der Schülerinnen und Schüler ist ein anders gearteter Führungsstil einzusetzen« (S. 90). Dubs formuliert folgende grobe Faustregel: Bei kognitiv wenig anspruchsvollen Lernzielen und bei ängstlichen und unsicheren Lernenden mit bildungsfernem Hintergrund sollte eine stärkere Tendenz zur Strukturierung und Lenkung des Unterrichts angestrebt werden. Dabei sei aber wichtig, dass dies mit großer Wertschätzung und Wohlwollen den Lernenden gegenüber geschehe. Dubs betont, dass »entgegen der immer wieder anzutreffenden Behauptung es offensichtlich weniger das Ausmaß von Strukturierung und Lenkung des Unterrichts ist, das das Klassenklima prägt, sondern vor allem die Wertschätzung, die eine Lehrkraft den Lernenden entgegenbringt« (ebd.).
| Direkter Führungsstil | Indirekter Führungsstil |
|---|---|
| Die Lehrperson … | |
| legt die Organisation und den Ablauf des Unterrichts selbst fest. | legt die Organisation und den Ablauf des Unterrichts in groben Zielen fest, passt sie aber an die Bedürfnisse und Wünsche der Lernenden an. |
| strukturiert die Lernprozesse selbst. | gibt Impulse und hält sich mit der Strukturierung der Lernprozesse zurück. |
| steuert den Ablauf des Unterrichts. | hält sich mit steuernden Einflüssen zurück, sorgt aber dafür, dass die Schüleraktivitäten im Gang bleiben. |
| gibt starkes Feedback (Verstärkung). | ist mit dem Feedback zurückhaltend. |
| unterstützt bei Lernproblemen in gesteuerter Form. | unterstützt bei Lernproblemen ohne starke Steuerung. |
| legt den Zeitplan verbindlich fest. | bleibt mit dem Zeitplan flexibel. |
| Anwendung des direkten und indirekten Führungsstils | |
| beim Erlernen von Grundlagen, wenn wenig Vorerfahrung und Vorwissen verfügbar ist … | im Unterricht mit im jeweiligen Lernbereich fortgeschrittenen Schülerinnen und Schülern … |
| mit lernschwächeren Schülerinnen und Schülern … | mit leistungsstarken und lerngewandten Schülerinnen und Schülern … |
| mit eher ängstlichen und unsicheren Schülerinnen und Schülern mit wenig Selbstvertrauen … | mit wenig ängstlichen und selbstsicheren Schülerinnen und Schülern … |
| mit Schülerinnen und Schülern aus unteren, bildungsferneren sozialen Schichten … | mit Schülerinnen und Schülern aus lerngewohntem Milieu … |
| mit weniger leistungsbereiten und motivierten Schülerinnen und Schülern … | mit stärker leistungsbereiten und motivierten Schülerinnen und Schülern … |
Abbildung 2-3
Direkter und indirekter Führungsstil im Vergleich.
Quelle: Dubs (2009), S. 92
In Unterrichtssequenzen, in denen strukturierte und flexible Elemente vorkommen, ist auch ein flexibles Führungsverhalten erforderlich. In einer eigenen Studie untersuchte Dubs schon Anfang der 1980er-Jahre vier verschiedene Möglichkeiten von Unterricht im Hinblick auf Lernerfolg und Klassenklima:
1. systematischen Unterricht mit direktem Lehrerverhalten,
2. systematischen Unterricht mit indirektem Lehrerverhalten,
3. exemplarischen Unterricht mit direktem Lehrerverhalten und
4. exemplarischen Unterricht mit indirektem Lehrerverhalten.
Fazit: »Den besten Lernerfolg erbrachten der systematisch-indirekte und exemplarisch-direkte Unterricht. Dies legt den Schluss nahe, dass im Unterricht strukturierte und flexible Elemente vorhanden sein müssen, was gegen den einzig besten Führungsstil spricht. Am meisten positive Veränderungen im Klassenklima ergaben sich beim systematisch-direkten und systematisch-indirekten Unterricht« (Dubs, 2009, S. 90).

Abbildung 2-4
Vier Möglichkeiten von Unterricht im Hinblick auf Lernerfolg und Klima. Eigene Darstellung nach Ergebnissen von Dubs.
Quelle: Dubs (2009), S. 90
Eine der Grundfragen des Lehrens und Lernens, die jede Lehrperson sich immer wieder stellen muss, ist: Was können die Lernenden in Bezug auf ihre Lernvoraussetzungen selbst erarbeiten, und was muss ich notwendigerweise lehren? Anders ausgedrückt: Was kann ich den Lernenden zumuten, und wie kann ich sie aktivieren – ohne in Aktionismus zu geraten?
Der Begriff »aktivieren« könnte zu Missverständnissen führen: Er meint hier das Hin- oder Zurückführen der Lernenden zum Unterrichtsstoff. Aktiv sind Lernende ja auch sonst oft, aber nicht immer mit Blick auf die Lerninhalte und den eigentlichen Lernprozess. Es kann auch sein, dass die Klasse von der Unruhe und Ablenkung wieder in die ruhige Arbeitshaltung geführt werden muss – und dies gelingt besser durch Lernendenaktivierung als durch Lehrerzentrierung. Vorausgesetzt ist also immer, dass die geeigneten Sozialformen und Methoden verwendet werden. Frontalunterricht, Lehrgespräch und Klassengespräch sind nur vermeintlich lebendige Unterrichtsformen. Lehrerzentrierte, plenare Lehr-Lern-Formen bewirken eher träge Prozesse, die sich nur schwer lenken lassen. Selten steht das Thema so sehr im Brennpunkt des Interesses der Lernenden, dass unmittelbare Betroffenheit geschaffen werden kann. Natürlich mag es der Lehrperson mit ihren rhetorischen Fähigkeiten gelingen, die Zuhörenden über längere Zeit in ihren Bann zu schlagen. Aber wir wissen ja aus eigener Erfahrung, wie es uns bei längeren Vorträgen ergeht, egal, wie fesselnd jemand vorträgt.
In den frontalen Phasen steht die Lehrperson der Klasse quasi gegenüber. Die Lernenden werden mit dem Thema konfrontiert, statt dass sie ins Thema einsteigen können und dieses dadurch eine für alle gemeinsame Bedeutung bekommt. Im Frontalunterricht müssen die Lernenden ständig überzeugt, animiert und motiviert werden, damit sie dranbleiben. Warum also die Lernenden sich nicht eigenaktiv mit dem Thema auseinandersetzen lassen? Es ist ja genau das, was das Klassengespräch so träge und für alle ermüdend macht, dass die Lehrperson ständig versuchen muss, alle mit einzubinden, obwohl sie feststellt, dass sich einige innerlich abgemeldet haben. So lässt sich eine Lerngruppe oder Klasse kaum als Ganzes ansprechen, weil sich die Lernenden gar nicht persönlich angesprochen fühlen. Die Lehrperson richtet sich an die Klasse – und das sind eben die anderen.
Symbolisches Prinzip: Grenzziehung
Die Lehrperson steht abgegrenzt vor der Klasse, und zwischen Lehrperson und Klasse entsteht eine unsichtbare Grenze. Die Lehrperson kann gar nicht gleichzeitig mit der ganzen Klasse reden, sie kann nur zur Klasse sprechen. Dies gilt auch für das Klassengespräch.

Im lehrerzentrierten Unterricht verschwindet der Einzelne in der Anonymität der Klasse = Masse. Selbst während eines »Lehrgesprächs mit der Klasse« finden nur punktuelle Lehrpersonen-Lernende-Minidialoge statt, oftmals ist es einzig die Quittierung von kurzen Lernendenbeiträgen. Die große Mehrheit bleibt passiv oder wird aktiv in Form von »Nebenbeschäftigungen«, die sich als Störungen bemerkbar machen können. Die Verantwortung für das Lernen wird der Lehrperson implizit übertragen: »Ich verstehe es immer noch nicht, weil es der Lehrer schlecht erklärt …«
Abbildung 2-5
Lehrerzentrierter Unterricht. Symbolisches Prinzip: Gegeneinander von Lehrperson und Klasse
Durch Verändern und Variieren der Lernumgebung, der Methoden und Sozialformen kann die Lehrperson eine praktisch umsetzbare Störungs- und Konfliktprävention erreichen. Bei den lehrerzentrierten Lehr-Lern-Formen kommt hinzu, dass die Lernenden den Unterricht als sehr stark gelenkt erleben, und auch dies ist nach Dubs kontraproduktiv. Es zeigt sich nämlich, dass ein stark lenkendes Führungsverhalten die Lernenden in ihrem Verhalten fügsam macht, einengt und jede Kreativität und Originalität im Keim erstickt. Zu Störungen führt dies deshalb, weil die lebendigen Prozesse mit ihrer vorhandenen Energie gleichsam aufgestaut werden, was wiederum zu erhöhter Aggressivität führt. Auch das Klassenklima leidet unter einem stark gelenkten Unterricht, da sich die Lernenden weder wertgeschätzt noch ernst genommen fühlen und zu unmündigen Marionetten degradiert werden.
Symbolisches Prinzip: Miteinander, Lehrperson In und mit der Klasse Im Thema.

Die Lerngruppe in das Thema eintauchen lassen, damit dieses eine für alle gemeinsame Bedeutung erlangt. Die Lehrperson hat nun folgende Funktionen: anleiten, beobachten, begleiten, beraten, unterstützen, und zwar nach dem Prinzip: So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Falls ein/e Lernende/r den Arbeitsprozess stört, hat die Lehrperson nun Zeit, sich unmittelbar dem/der Lernenden mit »wohlwollender Präsenz« zuzuwenden und ihn/sie wieder in die Arbeit zu führen, denn die Lerngruppe bleibt aktiv. Die Verantwortung für das Lernen hat der/die Lernende gemäß »Zielvereinbarung « = Auftragsbeschreibung.
Abbildung 2-6
Unterricht in der Lerngruppe. Symbolisches Prinzip: Miteinander von Lehrperson und Lernenden
2.5 Die Balance macht’s aus
Einer der wichtigsten Führungsaspekte in der Klassenführung stellt das Balance-Prinzip dar. Es geht um das Gleichgewicht zwischen dem Beziehungsangebot auf der einen Seite und dem Sicherstellen von Ordnung und Struktur auf der anderen. Dieses Balance-Prinzip ist in der Sache einfach, im Vollzug indessen ungemein komplex und lebendig. Die nachfolgenden Erläuterungen dienen dem vertieften Verständnis des Prinzips in der Alltagspraxis.
In der folgenden Tabelle sind sechsunddreißig Thesen und Aussagen zu Unterricht und Erziehung aufgelistet. Treffen Sie eine Auswahl: Unterstreichen Sie die fünfzehn Aussagen und Thesen, die Ihnen am ehesten zusagen und die auch Ihre persönliche Meinung am besten wiedergeben. Beschränken Sie sich auf exakt fünfzehn Aussagen, auch wenn Sie mit anderen Thesen ebenso einverstanden sind. Notieren Sie sich die Nummern der entsprechenden Sätze für die spätere Auswertung weiter unten.
| 1. | Erziehung beruht auf klaren Abmachungen und Regeln. |
|---|---|
| 2. | Erziehung ist eine Sache des Herzens. |
| 3. | Man sieht nur mit dem Herzen gut. |
| 4. | Die Lehrperson gibt durch eine konsequente Unterrichtsführung Sicherheit und Orientierung. |
| 5. | Jugendliche brauchen eine starke Hand, die sie führt. |
| 6. | Jugendliche brauchen mehr Freiraum als Grenzen. |
| 7. | Jugendliche müssen zuerst die Grenzen kennen, dann können sie sich entfalten. |
| 8. | Lehrpersonen müssen vor allem geduldig und tolerant sein. |
| 9. | Verlässlichkeit und Sicherheit ist in der Erziehung sehr wichtig. |
| 10. | Jugendliche soll man fördern und nicht ständig fordern. |
| 11. | Kompromisse sind in der Erziehung oftmals nötig. |
| 12. | Eine gute Lehrperson stellt ihre persönlichen Bedürfnisse in den Hintergrund. |
| 13. | »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« sollte der Leitspruch in der Erziehung sein. |
| 14. | Was richtig oder falsch ist, bestimmen nicht die Jugendlichen, sondern die Erziehenden. |
| 15. | Die Lehrperson soll nicht immer konsequent sein, sondern öfter auch einmal »fünf gerade sein lassen«. |
| 16. | Die Lehrperson sollte auf die Befindlichkeit der Lernenden eingehen. |
| 17. | Aufgaben- und Lernkontrollen haben im Unterricht höchste Priorität. |
| 18. | Die Lernenden müssen sich von der Lehrperson angenommen fühlen. |
| 19. | Lehrpersonen sind primär Förderer, nicht Forderer. |
| 20. | Die Lehrperson führt regel- und zielorientiert durch die Lektion. |
| 21. | Ein wertschätzender Umgang im Unterricht ist ein »lernentscheidender« Faktor. |
| 22. | Die letzten Entscheidungen fällt die Lehrperson. |
| 23. | Nur auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens kann Lernen stattfinden. |
| 24. | Ordnung und Disziplin schaffen die Voraussetzung für konzentriertes Arbeiten. |
| 25. | Lernende und Lehrperson bilden eine kooperative Lerngemeinschaft. |
| 26. | Den Grundanstand kann man bei Lernenden auf der Sekundarstufe II jederzeit einfordern. |
| 27. | Die Lehrperson sollte ihre pädagogische Vorgehensweise gegenüber den Lernenden stets begründen. |
| 28. | Regeln im Unterricht sollten mit den Lernenden ausgehandelt werden. |
| 29. | Im Unterricht sollte auch etwas von den Lernenden gefordert werden. |
| 30. | Grenzen ziehen können ist für jede Lehrperson wichtig. |
| 31. | Eine Lehrperson sollte auch ihre persönlichen Gefühle zeigen können. |
| 32. | Die Lehrperson sollte Rücksicht auf die momentane Stimmungslage der Lernenden nehmen. |
| 33. | Jugendliche sollen und wollen gefordert werden. |
| 34. | Jugendliche müssen sich in erster Linie wohlfühlen. |
| 35. | Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – auch in Erziehung und Bildung. |
| 36. | Ein gut geplanter und organisierter Unterricht erleichtert das Erreichen der Lernziele. |
Hier finden Sie die Auswertung.
Wenden wir uns nun aber zunächst den beiden bereits angesprochenen Grundprinzipien des Führens von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu: »Ordnung« und »Beziehung«.
Das Ordnungsprinzip
Die Grundbedingung, damit Lernen innerhalb einer Klassengemeinschaft (im Folgenden auch als »Lerngruppe« bezeichnet) stattfinden kann, ist Ordnung, Orientierung und Stabilität. Auch wenn ohne tragfähige Beziehungsbasis kein – oder kaum – Lernen stattfinden kann, ist das Schaffen einer Grundordnung (vgl. auch Kapitel 1.3) die Basis, um mit dem Unterricht beginnen zu können.
Das Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Respekt und Orientierung ist bei den Lernenden unterschiedlich ausgeprägt, aber alle fühlen sich in einer auf Beliebigkeit aufgebauten Unterrichtsumgebung »alleingelassen« und höchst unwohl. Gerade in der Phase der Adoleszenz suchen Jugendliche nach Halt und Richtung, sie wollen schlicht und einfach wissen, woran sie sind, was sie erwartet und was von ihnen verlangt wird. Allerdings können sie in ihrer Selbstentwicklungsphase klare Spielregeln und verlässliche Vereinbarungen dann und wann ablehnen, und es wird eine gewisse Reaktanz sichtbar. Aber auch hier helfen klare Rahmenbedingungen, Orientierung zu schaffen: Jugendliche wissen erst durch Grenzsetzung, wogegen sie sein können, was sie kritisieren und diskutieren wollen. So gesehen ist eine Lernumgebung, die auf Verlässlichkeit, transparenten Prozessen, klaren Spielregeln usw. aufbaut, in jedem Fall – einerlei, ob sich die Lernenden ins Klassensystem einfügen oder ob sie bestimmte Erwartungen ablehnen – orientierungsreich, ja man könnte sagen: persönlichkeitsstrukturierend. Zudem führt eine solche Lernumgebung oft zur Beruhigung einer möglicherweise zuvor eher orientierungslosen Lerngruppe. Das »Prinzip Ordnung« zu leben bedeutet im Übrigen keineswegs lehrerlastigen Frontalunterricht, die Lerngruppe ist nie total fremdbestimmt. So können in einem Unterricht, der nach dem Ordnungsprinzip geführt wird, beispielsweise die Klassenregeln mit der Klasse auch zusammen, kooperativ und im gemeinsamen Prozess entwickelt werden. Wesentlich an dieser Art Klassenführung ist aber, dass die vereinbarten Regeln verbindlich und konsequent eingefordert werden.
Das Ordnungsprinzip kommt nach unserer Erfahrung vor allem Lernenden entgegen, bei denen die folgenden Anliegen im Vordergrund stehen:
• klare Spielregeln
• klare Aufträge und Informationen
• Kontrolle vonseiten der Lehrperson (»Sie, ist das so richtig, wie ich das gerade mache …?«)
• schnelles Beheben von Störungen und Konflikten
• geordnete und nachvollziehbare Abläufe
• eine ruhige und wenig hektische Lernumgebung
• verlässliche und gerechte Lehrende
• wenig Wechsel oder Veränderung
• Anerkennung und Belohnung für Leistungen
• Respekt vor der Lehrperson
Lernende, die sich nach dem Ordnungsprinzip richten,
• sind pflichtbewusst
• gehen strukturiert und planmäßig vor
• organisieren sich und planen gerne
• sind zielorientiert und verlässlich
• packen Probleme pragmatisch an
• sind stetig, manchmal zäh
• können mit Ambivalenzen und allgemein mit Widersprüchlichkeiten nicht gut umgehen
• wollen klare Anweisungen und Strukturen erkennen
• arbeiten genau und sorgfältig
• lernen, um ein Ziel zu erreichen
• haben hohe praktische Intelligenz
Ordnungs- und strukturorientierte Lernende
»befassen sich am liebsten mit Fakten, und sie lieben es, wenn sie Rezepte oder Methoden anwenden können, um Probleme und Aufgaben zu lösen. Diese Lernenden repetieren den Stoff so lange, bis sie ihn beherrschen. Sie mögen es nicht, Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht im Voraus vorbereiten konnten. Sie erwerben sich den Lernstoff in einzelnen Schritten. Sie können Regeln gut verinnerlichen und anwenden. Allgemein gehen sie sehr diszipliniert an die Arbeit. Sie sind in der Regel fleißig und hören aufmerksam zu« (Lauper, 2009, S. 45).
Im Unterricht lässt sich die Orientierung am Ordnungsprinzip etwa an folgenden Merkmalen feststellen:
• mehr darbietender und anweisender Unterricht
• klare und verständliche Aufträge
• gut strukturierter Unterricht
• angemessenes Zeitmanagement
• Bewahren der Übersicht
• Controlling der erreichten Lernziele
• Rhythmisierung der Lernziele
• Möglichkeiten für Anwendung und Praxis
• Kommunikation von Verbindlichkeiten und Regeln
• Präsenz und eher autoritatives Auftreten
• angemessenes Konfliktmanagement
• klare Grenzen
Das Beziehungsprinzip
Wird das Ordnungsprinzip nun aber über längere Zeit überbetont, gerät das System Klasse ins Ungleichgewicht. Konkurrenzverhalten unter den Lernenden wird dadurch genauso gefördert wie Dienst nach Vorschrift und übermäßiges äußerliches Anpassungsverhalten.
Deshalb ist es von hoher Bedeutung, dass die Lehrperson ebenso das Beziehungsprinzip lebt. Natürlich können wir das Beziehungsangebot dann am besten praktizieren, wenn die Lerngruppe bereits in eine kooperative Arbeitshaltung geführt worden ist. In einer Lerngruppe, die das Lernangebot im Unterricht interessiert und arbeitswillig aufnimmt und schon größtenteils selbstständig Aufträge erledigt, ist es für die Lehrperson leicht, eine positive und wertschätzende Haltung einzunehmen, sie wird sich sogar freuen, mit der Klasse zu arbeiten. Es gehört aber zum Unterrichtsalltag, dass Lernende nicht immer und von jedem Unterrichtsthema begeistert sind. Wir haben noch nie eine Klasse angetroffen, die begierig an der Tür scharrte, bis sie endlich ins Klassenzimmer durfte. Und auch das Bild ist unvertraut, dass die Lernenden bei der Ankündigung, eine Lektion falle aus, in eine tiefe Depression fallen. Dennoch darf jede Lehrperson davon ausgehen, dass sich die Lernenden in einem Unterricht, in dem ihre Leistungen und ihre Persönlichkeit Wertschätzung erfahren, wo sie gefördert und unterstützt werden, sehr wohlfühlen. Aus all diesen Gründen muss auch das zweite Prinzip, Beziehung, im Unterricht gebührend zum Zug kommen.
Das Beziehungsprinzip kommt vor allem Lernenden entgegen, für welche die folgenden Anliegen im Zentrum stehen:
• eine gute Beziehung zur Lehrperson
• in die Klasse integriert sein
• Akzeptanz und Wohlwollen
• ein »Wir-Gefühl« in der Lerngruppe
• Anerkennung des Werts jedes und jeder einzelnen Lernenden
• ein angenehmes, angstfreies Klassenklima
• Harmonie
• unbelastete und kooperative Interaktionen
• gegenseitige Hilfe und Unterstützung
Lernende, die sich nach dem Beziehungsprinzip richten,
• lieben Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit
• reagieren emotional weniger stabil und sind irritierbar
• sind kommunikativ, interaktiv und empathisch
• erkennen Konfliktpositionen früh
• nehmen Stimmungen und Befindlichkeiten wahr
• sind hilfsbereit und lassen sich auch gerne helfen
• lernen lieber in der Gruppe als alleine
• brauchen viel soziale Interaktion
• lernen über eine gute Beziehung zur Lehrperson
• haben eine entwickelte soziale Intelligenz
Beziehungsorientierte Lernende
»werden vor allem aktiv, wenn die Lernprozesse durch die Interaktionen mit anderen Menschen angeregt oder durch solche zusätzlich gefördert werden. Zudem ist für beziehungsorientierte Lernende der Alltagsbezug wichtig. Sie lieben Geschichten und Beispiele aus dem Leben und schätzen Partner- und Gruppenarbeit, Diskussionen, gegenseitiges Abfragen und gemeinsames Lesen. Sie sind über Beziehungen stimulier-, aber auch irritierbar. Sie sind kooperativ und bereit, zum Gelingen der gemeinsamen Lernprozesse beizutragen« (Lauper, 2009, S. 45).
Unterricht, der sich am Beziehungsprinzip ausrichtet, hat die folgenden Merkmale:
• Möglichkeiten für soziale Interaktionen sind zahlreich vorhanden
• Zeitfenster für Erfahrungsaustausch werden geboten
• der emotionale Bezug zum Lernstoff ist wichtig
• der Bezug zur Lebenswelt der Lernenden ist sichergestellt
• verschiedene Sozialformen kommen zum Zuge
• die Förderung der Kooperation hat einen hohen Stellenwert
• soziale Integration aller Lernenden wird angestrebt
• eine konstruktive Lernkultur ist sichtbar
• Dialogbereitschaft ist vorhanden
• auf Unterstützung, Begleitung, Förderung der Lernenden wird Wert gelegt
Führen als Balanceakt: Ordnung und Beziehung ins Gleichgewicht bringen
Was bedeuten nun diese beiden Prinzipien für die Unterrichtsführung? Einerseits balancieren Lehrpersonen in ihrer Klassenführung beide Führungsprinzipien ständig aus. Das absolute Gleichgewicht, als Idealannahme, lässt sich im Alltag selten verwirklichen, ist auf der anderen Seite auch nicht immer erwünscht. Wir können davon ausgehen, dass es auch in dieser Hinsicht den »richtigen« Führungsstil, der sich an nur einem Prinzip orientiert, nicht gibt. Vielmehr müssen wir ständig von Neuem entscheiden, ob wir mehr nach dem Ordnungsprinzip führen sollen, weil beispielsweise die Regelverstöße und Störungen usw. in der Klasse zunehmen – oder mehr nach dem Beziehungsprinzip, um die Klasse mehr in die Kooperation zu bringen, die im Augenblick nur ansatzweise vorhanden ist.

Abbildung 2-7
Führen als Balanceakt zwischen Beziehung und Ordnung im asymmetrischen Beziehungskontext von Lehrenden und Lernenden
Beide Pole, Beziehung und Ordnung, bergen im Übrigen in ihren Extremausprägungen Gefahren und Missbrauchspotenzial. Die Wirkung einer stark beziehungsorientierten Führungshaltung wird bei den Lernenden auf Dauer zu mehr Eigenmächtigkeiten führen, da solches Verhalten durch die Lehrperson eher toleriert wird. Auch Konflikte unter Lernenden und Mobbing nehmen dann zu.
Auf der anderen Seite wird eine übermäßig ordnungsbezogene Führungshaltung im Unterricht die Lernenden in ihrer Kompetenzentwicklung hemmen, das Lernen wird durch Ängste und Stresssituationen behindert oder eingeschränkt.
Langfristig ist also sicherlich ein möglichst ausgewogener Führungsstil anzustreben, der beides verwirklicht, Ordnung und Beziehung. Und zwar nicht ein wenig Ordnung und ein wenig Beziehung! Jugendliche brauchen viel Ordnung und Orientierung und viel Beziehung und Unterstützung. In Alltagssprache ausgedrückt: Kopf und Herz sollen uns leiten, wenn wir mit Jugendlichen arbeiten.
Abbildung 2-8 veranschaulicht das Ausbalancieren der »Beziehungs-Ordnungs-Waagschalen«. Gelingt dieses Ausbalancieren bei der Klassenführung, wird von »ausgewogenem« Führungsstil gesprochen. Der ausgewogene Führungsstil gilt als Richtziel, auch wenn zwischendurch, je nach Entwicklung der Lerngruppenprozesse, für eine gewisse Zeit entweder das Beziehungs- oder das Ordnungsprinzip stärker gewichtet wird.
Auswirkung von Führungsstilen im Unterricht

Abbildung 2-8
Der ausgewogene Führungsstil
Es gibt aber keine endgültig richtige Gewichtung der beiden Prinzipien, keine »korrekte Führungsbalance«. Der einen Lehrperson liegt das Beziehungsprinzip näher, sie möchte es umsetzen, weil ihr selbst dabei wohler ist. Wichtig ist nur, dass sie sich ihrer Präferenzen bewusst ist, damit sie Veränderungen innerhalb des Lerngruppenprozesses richtig zu diagnostizieren vermag. Auch wenn das Beziehungsprinzip sehr ausgeprägt gelebt wird, hat das im Übrigen nichts mit einer »Fühl-mich-spür-mich«-Atmosphäre zu tun. Diese Lehrperson wird beispielsweise mehr interaktive und kooperative Lehr-Lern-Formen einsetzen und Sozialformen wie Partnerarbeit und Gruppenprozesse anregen, die sie dann auch reflektieren lässt.
Sind Sie in der Führungsbalance?
Vergleichen Sie nun Ihre Gewichtung und Auswahl unter den sechsunddreißig Aussagen und Thesen zu Beginn des Kapitels (vgl. Seite 36) mit der nachfolgenden Liste. Sätze, die sich auf das Beziehungsprinzip beziehen, sind in fetter Schrift gesetzt, Aussagen, die sich aufs Ordnungsprinzip beziehen, in normaler Schrift. Zählen Sie aus: Neigen Sie eher zum Ordnungsprinzip oder eher zum Beziehungsprinzip? Schon ein Verhältnis von 8 : 7 weist auf eine leichte Tendenz zugunsten des einen oder des anderen Prinzips hin.
Keine der Aussagen und Thesen ist im Übrigen richtig oder falsch. Die Auswertung gibt Ihnen nur einen Hinweis, welches Grundprinzip in Ihrem Unterricht vermutlich eher gelebt wird. Wie gesagt: Grundsätzlich sollten beide Prinzipien etwa gleich gewichtet werden, wie das in der Führungsbalance zum Ausdruck kommt. Auch wenn Sie eines der beiden Prinzipien vielleicht sehr viel stärker gewichten, muss Ihr Unterricht nicht negativ für die Lernumgebung sein. Dennoch überlegen Sie sich dann mit Vorteil doch, wie Sie das Gegenprinzip etwas mehr in den Vordergrund rücken können.
| 1. | Erziehung beruht auf klaren Abmachungen und Regeln. |
|---|---|
| 2. | Erziehung ist eine Sache des Herzens. |
| 3. | Man sieht nur mit dem Herzen gut. |
| 4. | Die Lehrperson gibt durch eine konsequente Unterrichtsführung Sicherheit und Orientierung. |
| 5. | Jugendliche brauchen eine starke Hand, die sie führt. |
| 6. | Jugendliche brauchen mehr Freiraum als Grenzen. |
| 7. | Jugendliche müssen zuerst die Grenzen kennen, dann können sie sich entfalten. |
| 8. | Lehrpersonen müssen vor allem geduldig und tolerant sein. |
| 9. | Verlässlichkeit und Sicherheit ist in der Erziehung sehr wichtig. |
| 10. | Jugendliche soll man fördern und nicht ständig fordern. |
| 11. | Kompromisse sind in der Erziehung oftmals nötig. |
| 12. | Eine gute Lehrperson stellt ihre persönlichen Bedürfnisse in den Hintergrund. |
| 13. | »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen« sollte der Leitspruch in der Erziehung sein. |
| 14. | Was richtig oder falsch ist, bestimmen nicht die Jugendlichen, sondern die Erziehenden. |
| 15. | Die Lehrperson soll nicht immer konsequent sein, sondern öfter auch einmal »fünf gerade sein lassen«. |
| 16. | Die Lehrperson sollte auf die Befindlichkeit der Lernenden eingehen. |
| 17. | Aufgaben- und Lernkontrollen haben im Unterricht höchste Priorität. |
| 18. | Die Lernenden müssen sich von der Lehrperson angenommen fühlen. |
| 19. | Lehrpersonen sind primär Förderer, nicht Forderer. |
| 20. | Die Lehrperson führt regel- und zielorientiert durch die Lektion. |
| 21. | Ein wertschätzender Umgang im Unterricht ist ein »lernentscheidender« Faktor. |
| 22. | Die letzten Entscheidungen fällt die Lehrperson. |
| 23. | Nur auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens kann Lernen stattfinden. |
| 24. | Ordnung und Disziplin schafft die Voraussetzung für konzentriertes Arbeiten. |
| 25. | Lernende und Lehrperson bilden eine kooperative Lerngemeinschaft. |
| 26. | Den Grundanstand kann man bei Lernenden auf der Sekundarstufe II jederzeit einfordern. |
| 27. | Die Lehrperson sollte ihre pädagogische Vorgehensweise gegenüber den Lernenden stets begründen. |
| 28. | Regeln im Unterricht sollten mit den Lernenden ausgehandelt werden. |
| 29. | Im Unterricht sollte auch etwas von den Lernenden gefordert werden. |
| 30. | Grenzen ziehen können ist für jede Lehrperson wichtig. |
| 31. | Eine Lehrperson sollte auch ihre persönlichen Gefühle zeigen können. |
| 32. | Die Lehrperson sollte Rücksicht auf die momentane Stimmungslage der Lernenden nehmen. |
| 33. | Jugendliche sollen und wollen gefordert werden. |
| 34. | Jugendliche müssen sich in erster Linie wohlfühlen. |
| 35. | Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – auch in Erziehung und Bildung. |
| 36. | Ein gut geplanter und organisierter Unterricht erleichtert das Erreichen der Lernziele. |
2.6 »Auf vielseitigen Wunsch von mir«
Mit dieser augenzwinkernden Formulierung – gewissermaßen als Klassenführungsmotto – könnte eine Lehrperson durchaus ihre Ziele und Regeln in einer Lerngruppe direktiv bekannt geben und entsprechend umsetzen. Die Frage ist nur, ob eine solche Lehrperson ihre Ziele und Regeln auch mit der Klasse aushandelt und umsetzt oder ob sie ihre Vorgaben top-down über die Klasse stülpt. Auf der einen Seite haben wir das regelhafte und strukturierte Führungsverhalten, auf der anderen Seite steht der prozesshaft-interaktiv-kooperative Dialog mit der Klasse. Die beiden Ansätze dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt werden, sonst gelangt man rasch in eine erziehungsromantische Haltung zugunsten von liebevoller Begegnung und Beziehung. Es kann durchaus Sinn ergeben, in der »gleichen« Situation den einen oder anderen Führungsansatz zu betonen. Es gibt grundsätzlich keine Unterrichtssituation, in der man sich entweder nur für das Ordnungsprinzip oder ausschließlich für das Beziehungsprinzip entscheiden muss. Wichtig bei der Entscheidung für das eine oder andere Prinzip sind einzig das Ziel und die Wirkung, die eine Lehrperson damit anstrebt.
Beispiele
Überlegen Sie sich, in welchen der im Folgenden geschilderten Situationen Sie mehr über das Ordnungsprinzip und in welchen Sie eher über das Beziehungsprinzip handeln würden. Was würden Sie konkret unternehmen, um das gewählte Prinzip umzusetzen? Anders gefragt: Wie würde Ihre Handlungsweise im Unterricht jeweils aussehen?
1. Die Lernenden beschweren sich im Klassenverband über zu viele Hausaufgaben.
2. Immer mehr Lernende machen die Hausaufgaben nicht mehr vollständig oder gar nicht. Aus Bequemlichkeit sagen die meisten, sie seien halt »nicht nachgekommen«.
3. Die Lernenden bekunden ihren Unmut über den Unterricht indirekt, indem sie die Aufträge und Übungen nur schleppend und lustlos erledigen.
4. Die Unpünktlichkeit nimmt zu – vor allem nach der Pause.
5. Der Notenschnitt der Prüfungen sinkt seit geraumer Zeit.
6. Bei Gruppenarbeiten wird oftmals nicht am Thema gearbeitet, und auch die Ergebnisse sind bei vielen mager.
7. Es kommen vermehrt Fragen zum »Unterrichtsstoff« während des Unterrichts, obschon Sie unbedingt Ende der Lektion fertig sein müssen, damit der Prüfungsstoff »unter Dach und Fach gebracht« werden kann.
8. Sie sind mit dem »Unterrichtsstoff« massiv in Verzug, weil es für die Lernenden teilweise schwierig war, dem Unterricht zu folgen, aber auch weil sie recht unmotiviert und unzuverlässig gearbeitet haben.
9. Ein Lernender verweigert schlicht und einfach, den Auftrag auszuführen, den Sie erteilt haben, ohne aber frech zu werden. Er erklärt, dass er im Moment einfach nicht wolle und könne, zudem könne er ja den Rest als Hausaufgabe fertig machen.
10. Lernende kommen zu Ihnen und wünschen einen spannenderen Unterricht mit mehr Medieneinsatz und abwechslungsreicheren Methoden. Sie liegen in der Agenda aber bereits zurück.
Sie haben gesehen, dass Sie beide Prinzipien wählen können. Es stehen bei jeder Situation tatsächlich immer beide Möglichkeiten offen – nur ist jeweils die Wirkung eine andere. Sie haben sich vermutlich bereits überlegt, wie sich Ihr Führungsverhalten wohl auf die Lerngruppe auswirken könnte. Vielleicht haben Sie bereits an Veränderungen des Klassenklimas, der Lernatmosphäre oder an das Verhältnis zwischen Ihnen und der Klasse gedacht.
Spielen wir die beiden Ansätze nun am ersten Beispiel gedanklich durch:
1. Die Lernenden beschweren sich im Klassenverband über zu viele Hausaufgaben.
| Lehrerhandeln nach dem Beziehungsprinzip | Lehrerhandeln nach dem Ordnungsprinzip |
|---|---|
| Die Lehrperson nimmt die Bedürfnisse wahr und merkt, dass es in der ganzen Klasse »rumort«. Sie nimmt sich im Unterricht Zeit und diskutiert mit den Lernenden über Sinn und Zweck der Hausaufgaben. Sie fragt auch gezielt nach, wie viel Zeit effektiv für Hausaufgaben aufgewendet werden muss. In einem weiteren Schritt können die Lernenden in Partnerarbeit Alternativvorschläge erarbeiten, die dann ins Plenum gegeben und mit der Lehrperson zusammen auf ihre Realisierbarkeit hin überprüft werden. Eine Möglichkeit kann auch darin bestehen, dass pro Semester Joker gezogen werden können: Viermal dürfen die Lernenden selbst entscheiden, ob sie die Hausaufgaben machen wollen. Die Lehrperson kann auch die Eigenverantwortung für die Hausaufgaben ein Quartal lang ganz an die Lernenden abgeben und das Experiment am Ende des Quartals mit der Klasse evaluieren. Eine weitere Option könnte darin bestehen, dass die Lehrperson jeweils fünf bis zehn Minuten von ihren Lektionen für Hausaufgabenarbeiten abgibt. Unterrichtet sie nur eine Lektion, kann dies allerdings nicht realisiert werden. Als beziehungsorientierte Lehrperson könnte sie auch »Lernpatenschaften« einführen. Es werden Lerngruppen gebildet, die sich untereinander über E-Mail oder Social Networks gegenseitig bei den Hausaufgaben unterstützen oder die sich gemeinsam treffen, um die Hausaufgaben zu erledigen. | Die Lehrperson erklärt, dass die Hausaufgaben Voraussetzung für den Lernerfolg sind und zur Prüfungsvorbereitung zwingend dazugehören und dass nur so die Semesterziele erreicht werden können, da im Unterricht für diese Tätigkeiten die zeitlichen Ressourcen fehlen. Also gibt es keine Alternative, Hausaufgaben sind notwendig, um die Schlussprüfung bestehen zu können. Zudem kann das Gelernte nur durch Üben vertieft werden. Es ist auch dieser Lehrperson wichtig, dass der Dialog zur Klasse bestehen bleibt, das heißt, sie wird ihre Handlungsweise der Klasse transparent machen und ihre Vorgehensweise begründen, indem sie auf Sachzwänge und Rahmenbedingungen hinweist, also nicht einfach Top-down-Anweisungen erteilt. Wenn eine Lehrperson über das Ordnungsprinzip handelt, bedeutet das demnach nicht, dass sie autoritär die Machtasymmetrie lebt, sondern ihre Handlungsweisen lassen nach wie vor eine wohlwollende Grundhaltung erkennen und sind für die Lernenden nachvollziehbar und verhältnismäßig. |
| Mögliche Wirkung des Beziehungsprinzips | Mögliche Wirkung des Ordnungsprinzips |
|---|---|
| Die Lernenden fühlen sich in ihren Bedürfnissen ernst genommen. Sie merken, dass die Lehrperson ihre Situation versteht und auch aktiv versucht, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, was eine unmittelbare Nähe und Vertrauen schafft. Dies führt zu einer allgemeinen Erleichterung bei den Lernenden und zu einer Verbesserung der Unterrichtsatmosphäre. Die Lernenden fühlen sich wohl und schätzen die Lehrerin oder den Lehrer als menschlich wohlwollende Person. Eine gewisse Nähe und Vertrautheit entsteht. Die Lehrperson ist aber ihrerseits gefordert, und zwar in Bezug auf die Umgestaltung ihres Unterrichts. Ihr werden einerseits weniger zeitliche Ressourcen zur Verfügung stehen, was die »Stoffvermittlung« nochmals komprimiert. Die Gefahr der Frontallastigkeit steigt. Die Lehrperson kann nun auch nicht mehr auf dem Vertiefungseffekt der Hausaufgaben aufbauen, was möglicherweise die Nachhaltigkeit des Lernens schmälert. Die Phase des Anknüpfens an den Stoff der letzten Lektion könnte sich in die Länge ziehen, was wiederum die Zeitressourcen reduziert. Daraus, dass sie den Bedürfnissen der Lernenden entgegengekommen ist, könnte nun Stress erwachsen, weil der Stoffplan nicht mehr eingehalten werden kann. Dies wiederum kann die Lernenden verunsichern, weil sie selbst realisieren, dass man langsamer vorankommt. | Die Lernenden werden zwar gehört, aber in ihren Bedürfnissen möglicherweise nicht oder zu wenig wahrgenommen. Sie erleben, dass in diesem Kontext keine Diskussionen möglich sind und sie sich dem System unterzuordnen haben. Die Beziehung zur Lehrperson könnte sich dadurch etwas abkühlen. Die Lehrperson bleibt zwar für alle nach wie vor greifbar und sichtbar, sie wird aber – trotz ihrer grundsätzlich wohlwollenden Grundhaltung – distanziert und in ihrer institutionellen Macht wahrgenommen. Dennoch können die Lernenden auch eine gewisse Sicherheit empfinden, dass nämlich die Lehrperson die Stoffplanung im Griff hat und dadurch eine gute Basis für einen erfolgreichen Schulabschluss schafft. Die Lehrperson ihrerseits verliert keine Zeit mit Diskussionen, bleibt aber transparent, da sie die Beweggründe für ihr Handeln kommuniziert. |
Abbildung 2-9
Führen nach dem Beziehungs- und Ordnungsprinzip an einem Beispiel
2.7 Die Frage nach der Autorität beim Ordnungsprinzip
Im Zusammenhang mit dem Führungsverhalten im Unterrichtsprozess wird oft von »natürlicher Autorität« gesprochen, die einzelnen Lehrpersonen mehr oder weniger zugebilligt wird. Geht man aber der Aussage »Diese Lehrperson führt die Klasse mit einer natürlichen Autorität« etwas genauer auf den Grund, wird man entdecken, dass es sich nicht um ein Persönlichkeitsmerkmal handelt, das man mitbringt oder eben nicht. Vielmehr lassen sich in den Interaktionsprozessen viele Aspekte erkennen, die Heymann (2006) im Sammelbegriff der »positiven Autorität« zusammengefasst hat.
Die verschiedenen Facetten der Autorität wurden von Heymann auch noch etwas systematisiert. Er unterscheidet grundsätzlich eine positive und eine negative Ausprägung und daneben das Fehlen von Autorität.
| Autorität in positivem Sinne | Autorität in negativemSinne | Ohne Autorität |
|---|---|---|
| Die Lehrperson ... • ist authentisch • achtet die Lernenden als eigenständige Personen • ist fair und gerecht • wird auf natürliche Weise als Persönlichkeit respektiert und geachtet • ist ein herausforderndes und förderndes Gegenüber • bietet Identifikationsmöglichkeiten (Vorbildfunktion) • ist konsequent im Entscheiden und Handeln • setzt klare Strukturen • ist offen für Kritik und kann Fehler eingestehen • ist »Wächterin« über die Einhaltung akzeptierter Normen • stellt sachlich begründete Forderungen • ist Vertrauensperson • lässt sich auch von anderen kritisieren • verkörpert Sach- und Fachkompetenz • delegiert Verantwortung, reflektiert ihre »Macht« | Die Lehrperson ... • missbraucht ihre Macht • macht von Drohungen Gebrauch • übt Druck aus • verlangt blindes, widerspruchsloses Vertrauen • trifft willkürliche und ungerechte Entscheidungen • bevorzugt/benachteiligt Lernende ohne nachvollziehbare Gründe • lässt Kritik an ihrer Person nicht zu • verhält sich widersprüchlich • beharrt auf Sonderposition • zeigt Zynismus • greift persönlich an • wird laut, brüllt Lernende an | Die Lehrperson ... • ist inkonsequent • zeigt sich unsicher • hat keine klaren Ziele • gibt sich kumpelhaft • zeigt mangelndes Selbstbewusstsein • verlässt den Klassenraum und holt sich Hilfe |
Abbildung 2-10
Die verschiedenen Facetten von Autorität.
Quelle: Heymann (2006, S. 35)
Je nach Situation, Zusammensetzung und Entwicklungsprozess einer Lerngruppe kann sich die Lehrperson für eine gewisse Zeit entscheiden, eines der beiden Führungsprinzipien etwas höher zu gewichten.
Im Alltag treffen wir als Lehrpersonen aber selten die beiden Extremsituationen an, sondern eher eine Art Mittelding zwischen beiden. Wir haben es mit Lernenden zu tun, die sich größtenteils an Regeln halten, Aufträge mehr oder weniger gewissenhaft erfüllen, nicht immer so motiviert mitmachen wie erhofft, ab und zu schwatzen und abgelenkt sind usw. Hier empfiehlt sich die beziehungsorientierte Führung, weil sie am effektivsten ist. Es ist damit aber nicht gemeint, dass nun eine übermäßige Gewichtung des Beziehungsprinzips im Unterrichtsalltag zu empfehlen ist, da dann die Grenzen zwischen der professionellen Nähe und Distanz verwischt werden könnten. In der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen empfiehlt es sich deshalb, einen ausbalancierten Führungsstil zu pflegen, mit einer leichten Tendenz zum Beziehungsprinzip.
Renata Suter
Führungs- und Beziehungsbalance
Es hat sich bewährt, sich Zeit für die Beziehungsgestaltung zu nehmen. Ich vermittle, was mir wichtig ist, nehme aber auch die Anliegen der Lernenden ernst. Als Lehrperson tendiert man zum Dozieren und redet dann einen großen Teil der Lektion. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass das Zuhören genauso wichtig ist. Nur so erfahre ich, wie es um die Lernenden steht, was sie beschäftigt, wo ihre Interessen liegen und wo ich nachhaken muss. Da die einzelnen Themen in den allgemeinbildenden Fächern nicht für alle Lernenden gleich interessant sind, ist es mir wichtig, dass die Lernenden allmählich Selbstverantwortung für ihr Lernen übernehmen. Damit meine ich, dass sie lernen sollten, das Wesentliche des Stoffes herauszufiltern und mitzunehmen. Ich spreche sie auch darauf an.
Damit ein positives Klassenklima und eine lernförderliche Arbeitsatmosphäre entstehen können, braucht es für mich eine klare Führung, basierend auf Kooperation und »charismatischer Autorität«. Die Lernenden sollten wissen, wer, wann, was, wie zu tun hat, was toleriert wird und was nicht.

Бесплатный фрагмент закончился.


