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Esteban Luis Grieb
2020 hatte ich anders geplant
Mein Leben mit der unheilbaren Friedreich-Ataxie von 2016 bis Ende 2020
ENNSTHALER VERLAG STEYR
www.ennsthaler.at
ISBN 978-3-7095-0132-0
Esteban Luis Grieb · 2020 hatte ich anders geplant
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2021 Ennsthaler Verlag, Steyr
Ennsthaler Gesellschaft m.b.H. & Co KG, 4400 Steyr, Österreich
Umschlaggestaltung: Thomas Traxl & Ennsthaler Verlag
Umschlagfotos: © almagami/iStockphoto.com; vectorplusb/ iStockphoto.com
Fotos: Privat/Grieb
Herstellung: www.zeilenwert.de
Inhalt
Widmung
Zu Beginn
Intro
2016
2017
2018
2019
2020
Jänner 2020
Februar 2020
März 2020
April 2020
Mai 2020
Juni 2020
Juli 2020
August 2020
September 2020
Oktober 2020
November 2020
Dezember 2020
Zum Schluss
Über den Autor
Dieses Schriftstück widme ich meiner Familie, die ich sehr liebe,
und allen Kämpfern auf dieser Welt!
Zu Beginn
Also, mir kann jeder erzählen, was er will, eines ist für mich jedenfalls definitiv klar: Wo ein Wille, da ein Weg. Ich sage dies nicht einfach nur so, sondern es beruht auf meiner Erfahrung, die ich euch in diesem Buch gern veranschaulichen möchte.
Na gut, ich fange mal so an: Ich lebe mit der zurzeit unheilbaren Nervenerkrankung Friedreich-Ataxie (FA). Auf den folgenden Seiten erzähle ich euch Genaueres zur Krankheit, die mich vor 17 Jahren zwang, den Rollstuhl zu benutzen. Ehrlich gesagt war es damals absolut kein Problem für mich, nun „eine Ebene tiefer“ zu leben, im Gegenteil, es war die komplette Erleichterung in fast allen Bereichen.
Viele Mitmenschen hören das Wort „Rollstuhl“ und ihre Welt geht unter, sie werfen gleich das Handtuch. Es wäre viel zu schade, das Leben so aufzugeben, denn man kann auch im Rollstuhl so viel tun, an das man vorher nicht gedacht oder das man nie für möglich gehalten hätte.
In diesem Buch erzähle ich euch chronologisch, wie die vergangenen fünf Jahre – 2016 bis 2020 – bei mir verliefen. Mit allen Höhen und Tiefen rund um meine Krankheit. Speziell möchte ich dabei auf das Corona-Jahr 2020 eingehen – das war für die gesamte Menschheit ein außergewöhnliches, völlig unerwartetes Jahr.
Intro
Wow, 2020, wie geil wird dieses Jahr! Wie mag das neue Jahrzehnt starten und was wird es wohl alles bringen? Im Vorfeld hat man ja viel gehört, dass 2020 eine Wucht werden soll. Zumindest versprach ich mir viel von diesem neuen Jahr mit dieser einprägsamen Ziffernkombination. In vielen Bereichen sollte es super werden: die Sommer-Olympiade in Tokio, die Fußball-Europameisterschaften für Männer, erstmals verteilt auf ganz Europa, und viele weitere große Sportveranstaltungen für mich als sportbegeisterten Typ.
Auch was die Forschung zur noch unheilbaren Nervenkrankheit Friedreich-Ataxie betrifft, sollte 2020 ein ganz besonderes Jahr werden. Rund 15.000 Mitmenschen weltweit haben täglich mit dieser Krankheit zu kämpfen.
Doch alles kam anders! Die Corona-Pandemie sorgte für komplett neue Bedingungen, und das auf der ganzen Erde, rund um den Globus. Es geschah etwas noch nie Dagewesenes, zumindest seit ich am Leben bin, vieles stand still, vieles veränderte sich. Aber alles der Reihe nach.
Zuerst einmal möchte ich ganz allgemein einige Fakten über meine noch unheilbare Nervenerkrankung, die Friedreich-Ataxie (FA), beschreiben:
Die Friedreich-Ataxie ist eine vererbte, langsam schlechter werdende, fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems, sie geht vom Kleinhirn und Rückenmark aus. Die FA kann allerdings auch etliche Generationen überspringen.
Die Merkmale und Symptome können über Jahre hinweg gleichbleibend stabil sein. Sie umfassen viele neurologische Auffälligkeiten, das heißt, alles, was mit den Nerven zu tu hat, aber auch orthopädische – Funktionsfehler des Stütz- und Bewegungsapparats, also der Knochen, Gelenke, Muskeln und Sehnen – und schließlich auch kardiologische (das Herz betreffend).
Die FA stellt sich bei jedem Erkrankten anders dar, egal ob Frau oder Mann. Das heißt, die Symptome sind prinzipiell dieselben, doch bei dem einen tritt ein Gebrechen stärker, beim anderen schwächer oder gar nicht in Erscheinung. Bei manchen Betroffenen bricht die FA früher aus, das heißt im Kindesalter, bei anderen später, hauptsächlich im spätpubertären Alter oder zumindest vor dem 25. Lebensjahr.
Im Durchschnitt befällt die Krankheit eines von 30.000 Neugeborenen. Es gibt also an die 2000 Friedreich-Ataxie-Erkrankte im deutschsprachigen Raum. Interessant ist auch zu wissen, dass Mitmenschen aus dem Fernen Osten aufgrund ihrer Genetik kaum bis gar nicht betroffen sind. Die genetischen Ursachen sind relativ kompliziert und schwer zu erklären, ich will daher nicht näher darauf eingehen.
Kurz und bündig gesagt, sieht der Verlauf bei der FA etwa so aus: Zu Beginn ist es noch möglich, sich auf den eigenen Beinen fortzubewegen. Später, ungefähr fünf bis zehn Jahre nach Ausbruch der Krankheit, ist man unweigerlich auf den Rollstuhl angewiesen. Anfangs funktioniert es noch gut, sich als aktiver, selbstständiger Rolli-Fahrer durchzuschlagen, mit der Zeit wird man als Fahrer aber immer schwächer, bis man als Pflegefall endet und ständige Hilfe im Alltag benötigt.
Ich selbst lebe seit 7. Mai 2012 mit der sozialen Unterstützungsform der „Persönlichen Assistenz“, einer GmbH in Linz. Ihre Dienste sind für mich unentbehrlich und unersetzbar geworden. Ich kann mir als beeinträchtigter Mensch keine bessere Unterstützungsform vorstellen und wünschen. Die Persönlichen Assistenten sind „meine gesunden Hände und Füße“ – und daher bin ich so gut wie selbstständig. Dieser Tag damals im Mai hat sich mir eingeprägt, da mein neues Leben damit begonnen hat.
2016
Für mich als Sportfan fing dieses Jahr ganz toll an, und zwar mit einem österreichweiten Basketballturnier in Wels. Es war ein Nachwuchsturnier der unter 14-Jährigen im 3x3-Format, mit dem ich seit 2012 bei dem von mir selbst organisierten Turnier in Steyr, dem Resthofer Basketball-Event, spielte. Ich habe mir zwar nicht gemerkt, wer bei den Mädels bzw. Burschen gewann, doch war es eine sehr gelungene Veranstaltung, die vom Österreichischen Basketballverband in Zusammenarbeit mit unseren Freunden vom FCN Baskets Wels organisiert wurde. Zum Event war ich mit meinem Schwager Jörg gefahren, ebenfalls ein Basketball-Verrückter, der als Schiedsrichter aushalf.
Gesundheitlich war bei mir alles stabil, denn seit einiger Zeit stagnierte mein Zustand. Ich hatte es schon einige Male erlebt, dass der sonst schlechter werdende Verlauf der FA gebremst wurde und sich körperlich nichts gravierend verschlechterte. Immerhin war ich sehr aktiv und trainierte meinen Körper so gut es ging. Ich hatte bzw. habe eine Weltklasse-Physiotherapeutin – Andrea, die so gut wie niemand anderer weiß, was für mich die besten Übungen sind, um so gut wie möglich gegen die FA anzukämpfen. Darüber hinaus trainierte ich fast täglich mit meinen grünen Schwungringen, ein Gesundheits- und Trainingsgerät aus meiner Heimatstadt Steyr. Die Schwungringe tun mir sehr gut und unterstützen mich dabei, beweglich zu bleiben. Schließlich war bzw. bin ich zweimal wöchentlich in der Kraftkammer der Physikalischen Medizin im Krankenhaus Steyr aktiv, um einige Muskelpartien zu stärken. Zwei meiner Lebensmottos sind: „Wer rastet, der rostet“ und „Bewegung ist Leben“. Das Wichtigste ist, etwas zu tun, und es geht definitiv etwas weiter, auch wenn man eingeschränkt ist. Immer aktiv sein, nie den Mut verlieren.
Unglaublich, in diesem Jahr wurde ich 40. Mit diesem Alter wäre man offiziell alt, dachte ich noch als Jugendlicher. Nun sehe ich das natürlich anders. Man ist so alt, wie man sich fühlt, und die Zeit vergeht sowieso viel zu schnell. Ich wollte meinen Geburtstag gebührend feiern und sprach mich dazu mit meinem Persönlichen Assistenten (PA) ab, der auch Autobusfahrer war. Dank ihm konnte ich eine Ausflugsfahrt in die Stadt Salzburg organisieren, bei der meine Familie, außer den Kids, und Freunde dabei waren. Zuerst ging es in die Stiegl-Brauerei, um gut zu essen, einige Bierchen zu genießen und das Biermuseum zu besuchen. Im Anschluss besuchten wir noch den Hangar-7, eine Ausstellungshalle mit historischen Flugzeugen und Formel-1-Autos von Red Bull. Es war ein cooler runder Geburtstag, der wie alles, was schön ist, viel zu schnell verging.
Nochmals zu den vorhin erwähnten Schwungringen: Mit zwei Freunden arbeitete ich in diesem Jahr ein Trainingsprogramm mit diesen Ringen für Menschen mit Beeinträchtigungen aus. Wir stellten unser Projekt vielen Menschen vor, unter anderem bei einer großen Feier im Stadtsaal Steyr, in der Regionalzeitung, bei einigen Auftritten sowie direkt in einer Einrichtung für beeinträchtigte Menschen in Linz. Ich engagierte mich sehr, das Fitnessgerät so vielen Menschen wie nur möglich zu präsentieren. Die Ringe sind eine tolle Möglichkeit, auf einfache Weise etwas für seine Gesundheit zu tun. Auch zu Hause und allein kann man damit super trainieren. Wir machten unser Trainingsprojekt mit den Schwungringen auch im Internet publik und erhielten ein gutes Echo darauf.
Wie jedes Jahr fuhr ich in die Uniklinik nach Innsbruck, die die einzige Ataxie-Ambulanz in Österreich betreibt, um mich wiederum durchchecken zu lassen und vielleicht Neuigkeiten über die Erforschung der Krankheit aufzuschnappen. Seit zehn Jahren bin ich dort in Behandlung. Ich nahm bereits an einigen freiwilligen Studien teil, denn ich sage immer, dass ich damit auch einen Beitrag zur Forschung bzw. möglichen Heilung der Krankheit leiste. Solange ich in die Studienkriterien hineinpasse und mir keine Arme und Beine abgenommen werden (das sage ich immer mit einem Schmunzeln dazu), nehme ich gerne daran teil.
In Innsbruck gab es leider keine Neuigkeiten zur Forschung, nichts anderes, als man bereits im Internet finden konnte, und auch neue Studien waren nicht geplant. Also ging es für mich nach vier Tagen wieder zurück nach Hause.
In Sachen Job tat sich einiges: Ich arbeitete zehn Stunden pro Woche für die Persönliche Assistenz GmbH in Linz! Also bezog ich nicht nur deren Leistung, sondern war auch aktiver Teil des Sozialunternehmens, das wunderbare Hilfsangebote für Menschen mit Beeinträchtigung anbietet, wie ich finde. Vorrangig ging es darum, die Leistungen unseres Unternehmens bekannt zu machen. Viele Leute, darunter auch Menschen mit Beeinträchtigung, wissen leider bis heute nicht, dass es diese tolle Unterstützungsform der Persönlichen Assistenz überhaupt gibt. Wie alle zwei Jahre, hatten wir auch dieses Jahr einen Stand bei Österreichs größter Fachmesse für Pflege, Reha und Therapie, der integra in Wels. Es ging in erster Linie darum, Öffentlichkeitsarbeit zu leisten. Viele Menschen kamen vorbei und informierten sich über unser Angebot. Es war ein ereignisreicher Tag.
Es ist bekannt, dass ich sehr gerne reise. Kurz nach der Fachmesse ging es mit meinem Persönlichen Assistenten (PA) nach Nordrhein-Westfalen. Da nahm ich also wieder die Leistung des Unternehmens als sogenannter Auftraggeber in Anspruch. Ich wollte dort unbedingt eine nette Familie besuchen, die ich im Vorjahr auf einer großen Veranstaltung kennengelernt hatte, nämlich auf der Convention der grünen Schwungringe, die sie in Norddeutschland vertrieben. Wir hatten also auch ein gemeinsames Interesse. Ich verbrachte extrem schöne Tage bei der Familie, sie wohnte in Moers, in unmittelbarer Nähe zu Duisburg, auf der anderen Seite des Rheins, im westlichen Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet ist riesig, viele Großstädte sind dort zu finden, es zählt zu den größten Ballungszentren Europas.
Wir unternahmen einiges zusammen, ich war aber auch allein mit meinem PA unterwegs. Unvergesslich war der Tag, als ich als Fußballfan total auf meine Kosten kam. Zuerst besuchten wir den Fanshop des FC Schalke 04 in Gelsenkirchen und anschließend jenen von Borussia Dortmund. Bei der zweiten Station war es sogar ein Spieltag, sehr viele Leute waren auf den Beinen. Ich wollte bereits im Vorfeld Eintrittskarten für dieses Spiel besorgen, hatte aber keine Chance. Im Shop gab es auch eine Ticket-Verkaufsstelle, und ich dachte mir, ich frage einfach nach, denn fragen kostet ja nichts. Was für ein Glück! Es gab noch Karten für mich als Rollstuhlfahrer samt Begleiter. Was für eine Freude! Ich konnte ein super Fußballspiel im größten und lautesten Fußballstadion Deutschlands genießen. Gemeinsam mit über 80.000 Zusehern feierten wir einen Sieg der Heimmannschaft und schlossen den Tag mit einem guten Bier ab.
Auch der nächste Tag war sehr cool, denn wir entschieden spontan, einen Tagesausflug zu zweit nach Amsterdam zu machen. Ich war als Kind schon einmal in der Hauptstadt der Niederlande und habe kaum noch eine Erinnerung daran. Dort angekommen, gingen wir zuerst einmal gut essen, waren im Anschluss am riesigen Museumsplatz und besuchten das Van-Gogh-Museum mit Werken des weltbekannten Malers. Für mich waren dieser Stadtteil und das Museum komplett rollstuhlgerecht, alles war eben, also konnte ich in jeder Hinsicht alles hundertprozentig genießen.
Nach den vielen herrlichen Eindrücken, die ich während der gesamten Reise sammeln konnte, ging es wieder zurück in die Heimat. Nach nur wenigen Wochen der „Normalität“ mit Training, Therapie und natürlich Arbeit ging es wieder auf Achse, und zwar nach Berlin, in die Hauptstadt Deutschlands. Mit meinen Eltern hatte ich schon seit Längerem beredet, wieder einmal einen gemeinsamen Kurzurlaub zu machen. Wir fuhren schließlich alle mit dem Auto nach Berlin. Auf der Hinfahrt legten wir einen Zwischenstopp in Prag ein, der wunderschönen Hauptstadt Tschechiens. Wir stärkten uns in einem argentinischen Restaurant und besichtigten einen Teil der historischen Altstadt in unmittelbarer Nähe des Restaurants. Mit dabei war auch mein PA, denn ich wollte und konnte eine derartige Reise nicht mehr ohne Unterstützung bewältigen. Abends kamen wir schließlich in Berlin an, wo wir uns auf die kommenden beiden Tagen in der Großstadt vorbereiteten.
Da auch meine Eltern Rollstuhlfahrer sind, organisierte ich die Reise bereits im Vorhinein, damit wir vor Ort keine unüberwindbaren Probleme hätten. Am ersten Tag in Berlin absolvierten wir eine klassische Sightseeingtour mit Start vor dem berühmten Hotel Adlon beim Brandenburger Tor. Mein Vater war mit dem Auto direkt dorthin gefahren und wir bekamen tatsächlich einen Parkplatz. Dort einen zu ergattern, ist normalerweise ein Ding der Unmöglichkeit. Wir aber hatten Glück und auch einen Behinderten-Parkausweis.
Die Tour führte zum Denkmal für die ermordeten Juden, zum Potsdamer Platz mit dem Sony Center, zur „Topographie des Terrors“ mit Teilen der alten Berliner Mauer, zum Checkpoint Charlie und wieder zurück zum Ausgangspunkt. Sehr einprägsam, diese Tour, und so sammelte ich auch viele Eindrücke über die grausame Kriegs- und Nazi-Zeit vor ungefähr 80 Jahren. Am nächsten Tag besuchten wir den Zoologischen Garten Berlin, direkt neben dem berühmten Bahnhof Zoo. Am darauffolgenden Tag traten wir wieder die Heimreise an. Ich muss sagen, dass die deutsche Hauptstadt auf jeden Fall einen Besuch wert ist und dass diese Metropole für Menschen mit Beeinträchtigung top-rollstuhlgerecht ist.
Auf der Heimfahrt machten wir noch in Dresden halt und besichtigten die beeindruckende Altstadt. In Budweis aßen wir zu Abend, bevor wir schließlich wohlbehalten zu Hause ankamen.
Es ging in diesem Jahr Schlag auf Schlag in puncto Reisen. Wie geil war das, ich konnte – natürlich nur mit meinem PA – auch nach Paris fahren! Da sich unser österreichisches Herren-Fußballteam endlich, nach unzähligen Versuchen, für eine Endrunde der Europameisterschaft qualifiziert hatte, ergatterte ich für mich und einen Begleiter ein Ticket für das Spiel Österreich gegen Island. Aber natürlich sind wir nicht nur deswegen nach Paris gefahren, um das Spiel zu sehen. Wenn man schon mal dort ist, gehört das Sightseeing bei den vielen bekannten Attraktionen selbstverständlich auch dazu.
Wir besuchten, ich sag mal so, die „Hauptwahrzeichen“. Paris ist riesig, und allzu viel Zeit hatten wir nicht, um alles zu besuchen. Ich sah den Eiffelturm und war sogar auf dessen erster Ebene mit Rundblick über Paris. Auch der Arc de Triomphe und die Champs-Élysées standen auf dem Programm. Das alles konnte man schön zu Fuß erreichen bzw. ich mit dem Rollstuhl mit meinem PA als „Antrieb“. Natürlich mit einigen Pausen, bei denen wir uns stärkten, dann schlenderten wir weiter durch die Straßen von Paris. Etwas entfernter vom Zentrum erreichten wir, vorbei am Kunstmuseum Louvre, die Kathedrale Notre-Dame, die ich unbedingt sehen wollte. Sie ist weltweit auch wegen der Verfilmung des Romans „Der Glöckner von Notre-Dame“ bekannt.
Das Fußball-Länderspiel, eigentlich der Hauptgrund der Reise, war sehr spannend, und das große Stade de France, nördlich von Paris, wo das Spiel stattfand, war eindrucksvoll. Zehntausende österreichische Fans feuerten unser Team an. Leider verloren wir das entscheidende Spiel der Vorrunde in der Nachspielzeit gegen das Sensationsteam aus Island 1:2. Dennoch war es ein Riesenerlebnis.
Nur schade, dass die Metro in Paris ein altes U-Bahn-System ist. Für beeinträchtigte Menschen ist dieses öffentliche Verkehrsmittel daher nicht benutzbar, und so waren wir zu Fuß oder mit dem Bus unterwegs. Insgesamt war es sehr schön, für einige Tage das geschichtsträchtige Paris zu erleben. Auf der Rückfahrt machten wir einen kurzen Halt in Ulm. Ich wollte schon immer mal das Ulmer Münster sehen. Es war sehr eindrucksvoll, die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt (161,53 m) aus unmittelbarer Nähe zu betrachten.
Nach so viel Umherreisen innerhalb kurzer Zeit war wieder etwas Pause angesagt. Die Reisen sind auch körperlich anstrengend für mich. Zu dieser Zeit nahm ich diese Anstrengungen aber sehr gerne in Kauf, da ich sehr viele tolle Eindrücke sammeln konnte und viele neue Menschen kennenlernte. Ich dachte mir, solange ich noch genügend Power und Lust zu solchen weiten Reisen habe, mache ich sie! Andere Länder zu besuchen und dabei viele Menschen und Kulturen kennenzulernen, ist eine große Leidenschaft von mir und gibt mir ungeheuerlich viel Kraft.
Jetzt kam dann mal der Sommer und es war Zeit zu entspannen, die unzähligen Eindrücke meiner Trips durch halb Europa zu verarbeiten und viel Vitamin D zu tanken. Natürlich kamen mein Sport und meine Therapien auch nicht zu kurz. Ich musste und wollte mich so gut es ging körperlich betätigen, um für die kommenden Aufgaben und Ziele gerüstet zu sein.
Außer den von mir organisierten Resthofer Basketball-Event, den ich seit 1999 veranstalte, wollte ich das einzige große Sportereignis im Sommer in Österreich nicht versäumen, den Beachvolleyball-Grand-Slam in Klagenfurt, den ich seit seinem Bestehen fast jedes Jahr besuchte. Außerdem fand die Veranstaltung zum letzten Mal in Kärnten statt, dann übersiedelte sie nach Wien auf die Donauinsel. Natürlich genoss ich diesen aus meiner Sicht besten und coolsten Sommerevent, bei dem auch unser Steyrer Weltklassespieler Clemens Doppler vertreten war. Mit seinem Partner Alex Horst spielte er dort in diesem Jahr leider kein erfolgreiches Turnier. Doch im Sport geht es immer weiter und weiter, und es würde ja im Jahr darauf die Beachvolleyball-Weltmeisterschaft nach Wien kommen.
Und wie schon vor einigen Monaten geplant, stand dieses Jahr noch eine große Reise bevor: London, meine Lieblingsstadt, war mein nächstes Ziel, natürlich mit meinem Persönlichen Assistenten. London deshalb, weil ich unbedingt wieder, wie im Vorjahr, eine der größten Organisationen der Welt in Sachen Friedreich-Ataxie besuchen wollte, Ataxia UK. Dort erhielt ich die neuesten Informationen zur Forschung und zu Projekten beziehungsweise geplanten Studien, die weltweit bezüglich unserer Krankheit anstanden. Damit war ich wieder up to date. Mir war und ist es sehr wichtig, immer auf dem aktuellen Stand zu sein.
Eine große Freude hatten wir bei der Ankunft im Hotel in London-Wembley, als wir erfuhren, dass am selben Abend im Wembley-Fußballstadion das Länderspiel England gegen Spanien stattfinden sollte. Ich dachte: Wäre das geil, dieses Match live im geschichtsträchtigen Stadion zu sehen! So checkten wir gleich den Ticketcounter ab und konnten glücklicherweise noch ein Ticket für mich samt einem Begleiter ergattern. Wow! Wir genossen das Spiel mit der außergewöhnlichen Stimmung in diesem Fußballstadion, dem zweitgrößten in Europa.
Geplant war, dass wir eine weitere große Sportveranstaltung in London besuchen. Und zwar fanden genau in der Zeit, als wir dort waren, in der riesigen O2-Arena in Greenwich die ATP World Tour Finals im Tennis statt. Bereits 2009 war ich mit meinem Amigo Jakob in dieser riesigen Halle, und 2012 waren meine Eltern, mein Schwager Jörg und ich ebenfalls einmal dort, um einige Rollstuhl-Basketballspiele der Paralympics (Olympiade für Athleten mit körperlicher Beeinträchtigung) mitzuerleben. 2016 war es ebenfalls ein besonderer Abend in der O2-Arena, denn wir konnten unser österreichisches Tennis-Aushängeschild Dominic Thiem anfeuern, der sich zum ersten Mal für das Turnier der besten acht Tennisspieler der Welt qualifizieren konnte.
In London kann man extrem viel unternehmen und alles ist super barrierefrei. Man fühlt sich sehr wohl in dieser Metropole, weil einem nur sehr wenige Hindernisse als Rollstuhlfahrer in den Weg gelegt werden. Eines, was ich schon immer machen wollte, war es, eines der unzähligen Theater zu besuchen. Der Stadtteil West End gilt neben dem Broadway in New York sozusagen als die bekannteste Theatermeile der Welt. Also recherchierte ich im Vorfeld und besorgte Tickets für das Musical „Thriller“ über die Geschichte des King of Pop, Michael Jackson. Die Vorstellung war großartig, und ich kann sie nur jedem empfehlen, der sich nach London begibt.
Ein Highlight gab es dieses Jahr noch, und zwar machte ich bekannt, dass ich meine Autobiografie „Aufgeben, was ist das? Mein Leben mit der unheilbaren Friedreich-Ataxie“ im Ennsthaler Verlag in Steyr veröffentlichen werde. Was für eine Freude, diesen tollen Verlag gefunden zu haben, der meine Lebensgeschichte in Buchform herausbringt, und wie toll die Reaktionen meiner Familie, Freunde und Bekannten darauf waren. Wie schön!

Ausflug zu meinem 40. Geburtstag nach Salzburg.

Mit meinen Eltern vor dem Brandenburger Tor in Berlin.

Bei der Paris-Reise vor der Kathedrale Notre-Dame.

Unser Steyrer Sportaushängeschild – mein Jugendfreund Clemens Doppler (rechts) – mit seinem Beachvolleyballpartner Alex Horst.
2017
Das Jahr startete gleich einmal mit einer Riesenfreude, denn es war das Jahr, in dem wir einen unglaublichen, unvergesslichen und einzigartigen Familienurlaub machten. Und es war das Jahr, in dem ich mich erstmals „Autor“ nennen durfte. Ausführlich erzähle ich dazu ein wenig später.
Als glühender Fan des FC Bayern München, der seit einigen Jahren auch eine sehr gute Basketball-Mannschaft hat, machte ich etwas noch nie Dagewesenes bezüglich meines Lieblingsvereins: Mit einem Basketballfreund aus Wels beschloss ich, am selben Tag sowohl ein Fußballspiel (am Nachmittag) in der Allianz-Arena als auch ein Basketballspiel (am Abend) im Audi Dome der ehemaligen Olympiahalle der Basketballer zu verfolgen. Diese Kombination war relativ anstrengend für mich, aber dennoch gut machbar. Normalerweise benötige ich ein Mittagsschläfchen, um meinen Körper auszuruhen und meine Batterien für die zweite Tageshälfte aufzuladen. Ein sensationeller Tag, der ziemlich lange dauerte, doch ich konnte mich am nächsten Tag wieder komplett regenerieren, denn ich nahm mir nichts vor.
Heuer gab es einen weiteren Höhepunkt, ich zählte seit Jahresbeginn schon die Tage, bis es endlich so weit war. Wie heißt es doch: Vorfreude ist die schönste Freude. Mein Bruder Basti eröffnete uns vor etwa zwei Jahren, dass er seinen 40. Geburtstag im wunderschönen „Sunshine-State“ Florida feiern wolle, und die ganze Familie solle mitkommen. Vor gut einem Jahr wurde das Ganze konkret, und es wurde alles gecheckt und gebucht. Erfreulicherweise schlossen sich fast alle näheren Familienmitglieder, unser Familienfreund und Taufpate meiner Nichte Mara, Jakob, und auch mein PA der coolen zweiwöchigen Reise an. Wir waren ein Pack von 17 Leuten, also gehörte vieles im Vorfeld organisiert. Ich versuche mich hier so kurz wie möglich zu halten, denn es gab so viele Eindrücke und Erfahrungen, dass ich allein von dieser Reise ein eigenes Buch schreiben könnte.
Zuerst ging es mal für zwei Tage nach Miami. Am Flughafen standen schon unsere vorab reservierten Mietautos bereit. Meine Eltern, mein PA und ich hatten ein rollstuhlgerechtes Hotel im Stadtteil Downtown Miami gebucht, das ich bereits 2012, als ich dort auf Urlaub war, gesehen hatte. Ich sagte damals zu mir: Falls ich jemals wieder nach Miami kommen sollte, will ich unbedingt in dieses Hotel. Wir verbrachten die Tage in Miami nur im Stadtzentrum, denn alles war super rollstuhlgerecht und leicht zu erreichen. Meine Geschwister Solange und Basti waren mit ihren Familien in Miami Beach untergebracht. Jeder von uns machte, was ihr bzw. ihm gerade in den Sinn kam – einfach Urlaub halt.
An einem schönen Abend trafen wir uns alle wieder. Wir hatten Tickets für ein Spiel in der NBA, der stärksten Basketballliga der Welt, mit den „Miami Heat“ in der American Airlines Arena, unweit unserer Unterkunft in Downtown Miami. Für fast alle von uns als Basketballfamilie und -fans ein Riesenerlebnis!
Am Morgen nach dem tollen Spiel fuhren wir allesamt Richtung Orlando – unsere endgültige Station für die kommenden zwei Wochen. In Kissimmee hatten wir in Riesenhaus mit genügend Zimmern und Bäder sowie einen schönen Pool. Alles gefiel uns sehr gut, wir lebten sozusagen den „American way of life“. Es war ein wahrlich „fettes“ Haus, wo es auch ausreichend Stellplätze für unsere fetten Mietautos gab.
Wir wohnten dort, um erstens den 40. Geburtstag meines Bruders gebührend zu feiern und um zweitens einige weltberühmte Freizeitparks zu besuchen, die sich in der Nähe befanden. Vom Gefühl her war das Ganze irgendwie wie ein Traum, den wir lebten und der geschah. Im Nachhinein betrachtet kann man sagen, es war der Startschuss für Freizeitstress … Eigentlich wollte ich alles ganz entspannt angehen. Doch wenn man schon mal dort ist, will man so viel wie möglich unternehmen und alles genießen, natürlich auch das amerikanische Essen (fast nur Fast Food). Ich stieß dann körperlich an meine Grenzen, denn ich hatte mir tatsächlich zu viel zugemutet, aber dazu später.
Wir feierten den Geburtstag meines Bruders in sehr gemütlicher Runde bei einer ausgiebigen Grillerei in unserem „Zuhause“. Am nächsten Tag ging es voller Vorfreude in die Disney World, und zwar in den Magic Kingdom Park. Wir sahen das legendäre Cinderella-Schloss und besuchten auch viele andere Attraktionen. Das Walt Disney World Resort in der Nähe von Orlando hat vier verschiedene, riesige Themenparks, von denen ich mir mit meinem PA zwei ansah, der zweite Themenpark waren die Disney Hollywood Studios. Großartig die ganzen Shows vieler namhafter Filme, die jeder von uns kennt. Unvergesslich ist für mich die Star-Wars-4D-Kinoshow, die ich mir zweimal reinzog. Die zwei Themenparks genoss ich an unterschiedlichen Tagen, denn es wäre fast unmöglich, beide an nur einem Tag zu besichtigen.
Mit meinem PA und unserem Amigo Jakob fuhr ich nochmals nach Miami und dann weiter zu einem 2-Tages-Ausflug in den Süden Floridas. Jakob und ich steuerten wieder die American Airlines Arena an, um ein weiteres NBA-Spiel mitzuverfolgen. Dabei spielte der erste und bisher einzige NBA-Spieler aus Österreich, Jakob Pöltl, mit seinen „Toronto Raptors“ gegen die „Miami Heat“.
Am darauffolgenden Tag fuhren wir dann zu dritt in die Everglades, ein riesiges Schwemmland bzw. Sumpfgebiet südwestlich von Miami, sehr bekannt für die Alligatoren und die Flora und Fauna.
Kaum wieder nach Kissimmee zurückgekommen, ging es bereits am Tag darauf an die Westküste Floridas nach Clearwater Beach in der Nähe von Tampa. Wir verbrachten einen Tag am schönsten Strand Floridas und genossen den Sonnenuntergang. Es ging Schlag auf Schlag, denn nach nur einmal Schlafen ging es weiter an die Ostküste des Sunshine-State nach Cape Canaveral zum Kennedy Space Center. Dieser riesige Weltraumbahnhof der NASA hat ein sehenswertes Besucherzentrum mit viel interessanter Geschichte zur Raumfahrt.
Der darauffolgende Tag war die absolute Krönung für mich: Wir fuhren in das Universal Orlando Resort mit zwei Themenparks. Ich wollte unbedingt alles sehen. Zuerst einmal besichtigten wir die Universal Studios, wo viele Highlights in Sachen Kinofilme aufgebaut sind, etwa Springfield, die Stadt der Zeichentrickserie und des -films „The Simpsons“, oder die Zauberwelt des Harry Potter. Das waren die Hauptattraktionen, auf die ich mich bereits das ganze Jahr gefreut hatte. Ich fühlte mich wie ein 41-jähriger „Teenager“! Ich genoss noch viele weitere Besonderheiten, wie eine „Men in Black“-Simulation und ebenso eine von „Terminator 2“.
Dann stand wiederum Sport auf dem Programm: 24 Stunden später waren wir, die großen Basketballfans, im Amway Center in Orlando zu Besuch, der Heimarena der „Orlando Magic“, um uns ein weiteres NBA-Erlebnis reinzuziehen. Alles unvergesslich, und ich sah bei dieser Reise insgesamt drei Weltklasse-Basketballspiele der stärksten Liga der Welt!
Als letzte Sehenswürdigkeit besuchte ich schließlich den zweiten Themenpark des Universal Orlando Resort, nämlich das Island of Adventure mit dem Jurassic Park, mit King Kong, dem Nachbau des Schlosses Hogwarts von Harry Potter, einer Marvel-Comics-Welt und vieles mehr.
Nach diesen 14 Tagen geballter Dröhnung an Eindrücken und Gefühlen und ohne Physiotherapie, Training und selten bis kein Mittagsschlaf, rebellierte mein Körper: Am letzten Abend der Reise bekam ich plötzlich keine Luft mehr, war komplett geschwächt und ausgelaugt. Kein Wunder, denn ich war ständig unterwegs gewesen und hatte mich auch nicht besonders ausgewogen ernährt, was eine wahrlich schlechte Kombination war. Wieder was gelernt bzw. gespürt, dass es so auf keinen Fall geht. Der gesamte Trip nach Florida war, trotz dieses kurzen gesundheitlichen Einbruchs, ein Highlight in meinem Leben, das ich nie vergessen werde.
Als Rolli-Fahrer muss ich noch erwähnen, dass in Florida alle Parks, Arenen, Restaurants und generell die öffentlichen Gebäude und Gehsteige barrierefrei sind. Man kann dort eigentlich überall mit rollstuhltauglichen WC und jeder Menge behindertenfreundlicher Unterstützung rechnen. Im Vergleich dazu stecken wir hierzulande noch in den Kinderschuhen.
Nach diesem USA-Trip musste ich zu Hause erst einmal wieder zur Ruhe kommen, „runterfahren“, die unzähligen Eindrücke verarbeiten und mich wieder in die Normalität reinleben. Ich startete nach dem 14-tägigen Jetlag wieder mit meinen Therapien, dem Training und natürlich mit meiner Arbeit. Unglaublich, dieser Jetlag, der diesmal verhältnismäßig lange andauerte. Es tat mir extrem gut, mich wieder zu bewegen und gesund zu ernähren. Ich fühlte mich bald schon wieder fit für meine nächsten Aufgaben beziehungsweise Reisen.
Zu erwähnen ist unbedingt, dass ich zu dieser Zeit – zu meinem Glück – einen PA an der Seite hatte, der auch gern in der Weltgeschichte umherreiste. Ich selbst habe mir vorgenommen, so lange andere Orte zu besuchen, solange ich Lust und Laune dazu habe und solange mein Körper es mich noch einigermaßen tun lässt. Wie heißt es so schön: Wer nicht reist, liest nur eine Seite des Buchs namens Leben.
In diesem Jahr standen für mich mehrere Termine binnen weniger Tage an. Also bastelte ich als reisefreudiger Typ eine Tour zusammen, um alles zusammen wahrzunehmen. Da ich schon immer zum Schloss Neuschwanstein in Süddeutschland wollte, meine Chefin von der Persönlichen Assistenz GmbH in Bregenz am Bodensee ihren 60. Geburtstag feierte und mein jährlicher Aufenthalt in der Uniklinik Innsbruck bevorstand, kombinierte ich mit meinem PA einfach diese Trips bzw. Termine. Ich wollte nichts davon auslassen. Neuschwanstein ist wahrlich ein Märchenschloss, das man auch von weiter weg noch gut betrachten kann, denn es wurde auf einer Erhebung gebaut.
Nach dem Schlossbesuch ging es durch das wunderschöne Allgäu nach Bregenz, wo wir mit meiner Chefin und vielen geladenen Gästen eine Bootsfahrt am Bodensee machten. Sie feierte dort, denn sie stammt ursprünglich aus Vorarlberg und ihre Familie und Freunde leben in Vorarlberg. Am selben Tag ging es noch nach Innsbruck, wo ich wie jedes Jahr eine Visite bei meinen Ärzten abhielt. Es gab leider keine Neuigkeiten vonseiten der Forschung, also hatte ich nur meine üblichen Routinechecks. Viele Betroffene mit der Diagnose Friedreich-Ataxie sind miteinander vernetzt, und wir können uns auch laufend im Internet schlaumachen, wie der Stand der Dinge bezüglich unserer Krankheit ist.
Dann war es endlich so weit, mein erstes Buch erschien, meine Autobiografie. An die sieben Jahre – mit Unterbrechungen, weil ich keine Eile hatte – hatte ich recherchiert und an meinem Lebenslauf geschrieben. Mir war es ein Anliegen, den Mitmenschen, aber auch den Betroffenen selbst zu veranschaulichen, dass man trotz einer seltenen Erkrankung das Leben meistern kann. Durch das Buch wollte ich auch die Krankheit selbst, die Friedreich-Ataxie, etwas bekannter machen.
Meine Autobiografie war jetzt am Markt. Ich holte mit meinem PA persönlich einige Exemplare, sozusagen druckfrisch, im Verlag bzw. in der Buchhandlung Ennsthaler am wunderschönen Steyrer Stadtplatz ab und hatte gleich darauf meinen ersten Bücherstand bei einem Fest der Persönlichen Assistenz GmbH in Linz. Unbeschreiblich das Gefühl, wenn man sein eigenes Werk gedruckt in Händen hält. Es war toll, das Buch dort zu präsentieren.
Etwa vier Wochen später fand meine eigene Buchpräsentation an meiner alten Schule, der Bundeshandelsakademie (HAK) Steyr, statt. Die Veranstaltung hatte ich in einem gemeinsamen Projekt mit einer dritten Klasse der Schule geplant, die Vorbereitungen dauerten etwa ein halbes Jahr. Ich arbeitete mit der Direktorin, einem jungen, engagierten Professor, der die Projektleitung übernommen hatte, und zehn Schülern sehr gut zusammen. Für diese Schüler, die ihre Aufgabe toll meisterten, war dies zugleich eine Abschlussarbeit. Also waren ich bzw. mein Buch Thema für ein Projekt einer Schulklasse. Cooles Gefühl.
Endlich kam er, der lang vorbereitete, durchgeplante Moment! Ich war sehr gespannt, wie viele Leute zu meiner Buchpräsentation kommen würden. Es war ein heißer Sommertag, und es kamen etwa 160 Personen, die an meiner Lebensgeschichte interessiert waren. Es wurde ein sehr schöner, unvergesslicher Abend. Einige Besucher legten sich gleich vor Ort am Büchertisch ein Exemplar meiner Autobiografie zu. Kulinarisch wurden wir mit einem Weltklasse-Eis aus Steyr verwöhnt – dem mehrfach ausgezeichneten Buburuza-Eis vom besten und beliebtesten Eisproduzenten Österreichs.
Kurz darauf standen wieder zwei Trips mit meinem Persönlichen Assistenten an. Wie immer war es mir ein Anliegen und für mich wesentlich, barrierefreie Unterkünfte zu finden. Heutzutage ist dies dank Internet relativ einfach, wenngleich „barrierefrei“ oft sehr unterschiedlich ausgelegt wird. Nach meiner Erfahrung bezieht sich der Begriff in erster Linie auf den Zugang zum Hotel und dessen Zimmer. Als Rolli-Fahrer sollte man unbedingt spezielle Wünsche und Fragen, wie zum Beispiel nach einer rollstuhlgerechten Dusche und einem WC mit Haltegriffen, extra per Telefonat oder E-Mail abklären.
Der erste der beiden Ausflüge ging, wie schon im Vorjahr, nach Nordrhein-Westfalen, diesmal in die Landeshauptstadt Düsseldorf. Dort fand die Tischtennis-Weltmeisterschaft statt, die ich als Sportfanatiker und ehemaliger Tischtennisspieler unbedingt miterleben wollte. Natürlich habe ich auch meine Freunde in Moers besucht, wenn man schon in der Gegend ist. Es war schön, sie wiederzusehen, wir haben uns bestens unterhalten.
Die Tischtennis-WM war der Hammer. Sie fand am riesigen Messegelände statt und ich konnte viele Top-Spielerinnen und -Spieler antreffen. Unglaublich faszinierend war ein junger Spieler aus Japan, Tomokazu Harimoto, der mit gerade einmal 13 Jahren bei den Herren sehr erfolgreich mitspielte. Er gilt nach wie vor als „Wunderkind“ im Tischtennissport, als Jahrhunderttalent. Es war bemerkenswert und ungewöhnlich, dass ein so junger Mensch bereits mit der Weltspitze mithalten konnte. Natürlich war die Veranstaltung komplett barrierefrei, alles war für Rollstuhlfahrer sehr gut erreichbar.
So ein Sport-Großereignis ist immer etwas Besonderes für mich. Es ist ein schönes, außerordentliches Gefühl, direkt vor Ort Teil einer solchen Veranstaltung zu sein. War ich doch schon bei einigen Großereignissen live dabei, wie bei den Paralympics 2008 in Peking und 2012 in London, bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich 2016 und so weiter.
Der zweite Trip kurze Zeit später führte mich nach Karlsruhe. Ich wollte dort einen besonderen Menschen treffen: Michael, den ich einige Monate zuvor kennengelernt hatte, als er zu Besuch bei der Persönlichen Assistenz GmbH in Linz war. Er hatte sich informieren wollen, wie die Persönliche Assistenz bei uns in Oberösterreich in der Praxis funktionierte. Sein Ziel als beeinträchtigter Mensch war es, in seiner Stadt ein ähnlich strukturiertes Angebot für beeinträchtigte Menschen aufzubauen.
Der Besuch in Südwest-Deutschland war mit seltsamen Gefühlen verbunden: Wenn ich mit meinem PA unterwegs war, ernteten wir eigenartige Blicke von den Einheimischen. Komisch und ungewohnt war das, denn ein Rollstuhlfahrer, noch dazu mit Assistent, dürfte dort noch als „Rarität“ angesehen werden. Ich kam mir jedenfalls wie ein Außerirdischer vor. Ich kannte dieses Gefühl bereits aus Peking, als ich 2008 allein bei den Paralympics unterwegs gewesen war.
Und da wir schon in der Nähe waren – nach einem Tag Sightseeing in Karlsruhe ging es noch nach Straßburg zum EU-Parlamentsgebäude und von dort aus in den Schwarzwald zur Donauquelle, wo wir Wasser direkt vom Ursprung des zweitlängsten Stroms Europas tranken. Und wieder mal ging ein super Trip viel zu schnell zu Ende.
Wieder zurück zu meinem ersten Buch: Wahnsinn, ich war begeistert! – Meine Lebensgeschichte wurde publiziert und bald darauf meldete sich der ORF Oberösterreich (Österreichischer Rundfunk), um eine kleine, aber feine TV-Berichterstattung über mich zu machen. Ich fand das extrem super, denn ich wollte bzw. will nach wie vor bei meinen Mitmenschen, egal ob gesund oder gesundheitlich angeschlagen, die seltene Erkrankung Friedreich-Ataxie bekannter machen. Und wie es im Buchtitel („Aufgeben, was ist das?“) steht – sei was sei oder wenn Unverhofftes daherkommt –, niemals aufgeben!
Neben dem TV-Beitrag machte ein guter Freund eine professionelle Videodokumentation, die man auf sozialen Medien teilen konnte, und darüber hinaus erschienen einige Zeitungsartikel über das Buch in einigen regionalen, landesweiten und erfreulicherweise bundesweiten Zeitungen. Großartig, denn genau das wollte ich mit der Veröffentlichung erreichen.
Nach unzähligen Strapazen, die mein Körper durchmachte, wie die vielen Transfers (vom Rollstuhl ins Bett, aufs WC, aufs Sofa, ins Auto und umgekehrt), brach ich beim Einsteigen ins Auto einige Male zusammen. Zu Beginn geschah das noch sehr selten, doch im Lauf der Zeit dann öfter. Um in ein höheres Kraftfahrzeug einzusteigen, was mehrmals vorkam, hatte ich mich am Wagen festzuhalten und dabei kurz aufzustehen. Meine Wirbelsäule krümmte sich immer stärker, deshalb wurden meine Nerven eingeklemmt und die Kraft meiner Beine verließ mich, sie hielten der Belastung durch meinen Körper nicht mehr stand. Verbunden war das Ganze mit starken Schmerzen, und wieder musste ich umdenken und eine Möglichkeit finden, um die Transfers, so gut es mir möglich war, zu meistern. Seither trainiere ich umso mehr meine Rücken- und Bauchmuskulatur. Ich will Schwächen vermeiden und gezielt diesen Bereich meines Körpers stärken.
Ein unvergessliches, beeindruckendes sportliches Großereignis fand dieses Jahr in unserem Land statt: Die Beachvolleyball-Weltmeisterschaft auf der Donauinsel in Wien. Erstmals war nicht Klagenfurt das Beachvolleyball-Mekka Österreichs. Es war bereits die zweite Weltmeisterschaft in diesem Jahr, die ich besuchen konnte. Wie geil war das Happening dort, und unser Steyrer Beachvolleyball-Aushängeschild, mein Jugendfreund Clemens Doppler, war mit seinem Partner Alex Horst bei dieser Heim-WM natürlich als Weltklasse-Duo dabei.
Es war unglaublich! Ich habe schon einiges an Veranstaltungen besucht, doch die Stimmung und alles rundherum waren einzigartig, das hatte ich bis dato noch nicht erlebt. Mit 10.000 Zusehern war der Centercourt auf der Donauinsel ein wahrer Hexenkessel, der Clemens und Alex zu außerordentlichen Leistungen antrieb. Wir waren alle fasziniert, denn unsere Mannen eilten von Sieg zu Sieg, und am Ende standen sie im Achtelfinale, Viertelfinale und schließlich im Semifinale. Ich, genauso wie alle dort, konnte diese Leistungsexplosion unserer Beachvolleyball-Stars kaum glauben, doch es war Realität, dass sie unter den besten vier Teams dieser Weltmeisterschaft landeten. Erstmals, zumindest hatte ich es so in Erinnerung, qualifizierten sie sich für den letzten Spieltag bei einem Heimturnier, und das zum besten Zeitpunkt, nämlich der Weltmeisterschaft.
Ich mache es kurz, denn ich gerate sonst wieder ins Schwärmen. Doppler und Horst erreichten sensationellerweise das Finale und verloren nur denkbar knapp gegen Brasilien. Großartig, denn wir hatten einen Vize-Weltmeister in einer Sommer-Sportart! Das kommt in Österreichs Sportgeschichte ja eher selten vor. Weiterhin möchte ich erwähnen, dass dieser Event für Menschen mit Einschränkungen und im Rollstuhl ein sehr gutes und positives Beispiel ist, was Barrierefreiheit betrifft. Es gibt direkt am Spielfeldrand eine große Rollstuhlrampe mit Sonnenschirmen und genügend Platz für uns beeinträchtigte Menschen sowie ein eigenes Rollstuhl-WC in der Nähe. Wirklich eine sehr durchdachte Veranstaltung.
Bevor wir einen weiteren Familienurlaub in diesem Jahr erlebten, ging es mit meinem PA und meinem Amigo Jakob nach Laibach zu den slowenischen 3x3-Basketball-Meisterschaften. Wir besuchten dort unsere Basketballfreunde, die 2013 und 2014 bei unserem Resthofer Basketball-Event in Steyr mitspielten. Es war sehr schön, sie wiederzusehen, und wir verbrachten eine coole Zeit dort voller toller Spiele mit einer der stärksten 3x3-Basketball-Mannschaften der Welt.
Ich war bereits einige Male in der slowenischen Hauptstadt und muss sagen, dass sie erstens sehr schön und beeindruckend und zweitens super barrierefrei ist. Gerade die Altstadt wurde vor kurzer Zeit komplett restauriert, man kann das Flair dieser Stadt nun noch besser genießen.
Mit der gesamten Familie und einer Freundin aus Argentinien, die gerade bei uns zu Besuch war, ging es bald danach an die obere Adria nach Jesolo. Das Schöne war, dass meine Nichte Chiara diesmal auch mitkommen konnte. Wegen ihres Schulbesuchs hatte sie vor einigen Monaten nicht nach Florida mitreisen können. Es waren wirklich gemütliche Tage in Italien am Strand. Einmal machten wir einen Tagesausflug nach Venedig.
Jesolo hat einen der rollstuhlgerechtesten Strände, die ich kenne. Es gibt eine kilometerlange Strandpromenade und auf dem sonst unüberwindbaren Sandstrand super Rollstuhlrampen, die bis in die Nähe des Meeres reichen. Ich lernte wiederum sehr nette Mitmenschen kennen, die wir kurze Zeit später auch besuchten. So planten mein PA und ich eine kleine Tour, die zuerst nach Südbayern ging, wo wir zwei von ihnen trafen und einiges mitsammen unternahmen. Dann ging es nach Garmisch-Partenkirchen, um das berühmte Skisprungstadion zu besichtigen, und schließlich, einige Kilometer davon entfernt, nach Ehrwald in Österreich, um eine andere nette Familie wiederzusehen, die ich ebenfalls beim Familienurlaub in Italien kennengelernt hatte. Zuerst ging es mit der Standseilbahn auf die Zugspitze, den höchsten Berg Deutschlands, wo wir den herrlichen Rundblick an diesem schönen Tag genossen. Nachdem wir die Gegend ausgiebig bewundert hatten, ging es am nächsten Tag gemeinsam nach Innsbruck zu einem Eishockeyspiel in der Olympia World. Alles in allem war es ein eindrucksvoller Kurztrip, und mit der netten Familie aus Ehrwald habe ich bis heute Kontakt.
Im Spätherbst ging es dann wieder einmal mit meinem PA ins von mir geliebte London, wo ich an der Konferenz von Ataxia UK teilnahm. Sie fand in einem Hotel direkt am Flughafen Stansted, wo wir auch ankamen, statt. Ich freute mich schon sehr darauf, denn eine derart große Info-Veranstaltung mit Themen zu unserer Erkrankung hatte ich noch nie erlebt.
Erfreulicherweise hörte ich zum ersten Mal sehr positive Prognosen von Ärzten und Referenten. Es ging um Themen wie Gentherapien und mögliche Medikamente, die bald auf den Markt kommen und bei der Heilung der Friedreich-Ataxie helfen sollten. Wow, was für eine Freude, endlich einmal gute Neuigkeiten über die Behandlung der Krankheit zu hören. Im Anschluss an die Konferenz ging es für einige Tage ins Stadtzentrum, um diese News zu feiern und natürlich die Weltstadt zu genießen. Auf dem Programm standen ein Musical, Sightseeing, einfach entspannen und das Genießen der Multikultur und Vielfalt gerade im Stadtteil Camden Town. London ist sehr rollstuhlgerecht und eine vorbildliche Metropole in Sachen Barrierefreiheit.
Kurz vor Weihnachten gab es äußerst erfreuliche Neuigkeiten im Kampf gegen die FA. Forscher der UCLA (University of California in Los Angeles) entdeckten bei weißen Mäusen, die ein ähnliches Erbgut wie wir Menschen haben und denen das Friedreich-Ataxie-Gen implantiert wurde, dass die Krankheit nicht verlangsamt oder gestoppt, sondern sogar rückgängig gemacht werden konnte! Wie geil ist das denn!
Natürlich ist von einer kleinen Maus zu einem Menschen ein riesiger Sprung zu bewältigen, doch war dies fürs Erste eine hervorragende medizinische Neuigkeit aus den Staaten. Genauso wie viele meiner Schicksalskollegen würde ich es schon überragend finden, wenn der Verlauf der Krankheit gebremst werden könnte. Noch genialer wäre es natürlich, wenn man den immer schlechter werdenden Verlauf stoppen könnte, zu sagen, man lebt mit dem gleichbleibenden Gesundheitszustand bis an sein Lebensende. Die FA-Krankheit rückgängig zu machen, wäre ein Traum, der vielleicht irgendwann Wirklichkeit werden könnte. Man soll und darf träumen – und es tut sich ja viel Positives in der Forschung.

Mit der Familie meiner Schwester Solange und Jakob vor den Universal Studios in Orlando/ Florida.

Mit Jakob bei einem NBA-Spiel in Miami.

Meine Eltern, unser Familienfreund Jakob und ich zu Besuch bei der NASA in Cape Canaveral.

In Clearwater Beach, dem schönsten Strand von Florida.

Vor dem EU-Parlament in Straßburg.

Bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft 2017 in Wien.

Beim Familienurlaub am Markusplatz in Venedig.

Auf der Millennium Bridge über der Themse in London.

ORF-Interview auf unserem Basketballplatz am Resthof in Steyr, nachdem meine Autobiografie „Aufgeben, was ist das?“ erschienen ist.
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