Читать книгу: «Die andere Leichtigkeit des Seins»

© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH
2012, München / Grünwald
www.der-wissens-verlag.de
ISBN 978-3-8312-0388-8
Lektorat: Veronika Mayer, München
Design Cover: Heike Collip, Pfronten
Satz: Schulz Bild & Text, Mainz
eBook-Herstellung und Auslieferung:
HEROLD Auslieferung Service GmbH
www.herold-va.de
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Ernst Peter Fischer
Die andere Leichtigkeit des Seins
Eine persönliche Geschichte als
Hausmann und Hochschullehrer.
Ein Leben mit Familie und Wissenschaft
2012
Inhaltsverzeichnis
Ein Prolog
Ein Vorsatz
Das Geschenk eines zweiten Lebens
Am Anfang meines ersten Lebens – Ernst und Peter
1) Nachkriegszeit (1947–1956)
2) Schulzeit (1957–1966)
3) Lehrzeit (1967–1976)
4) Wendezeit (1977–1986)
5) Familienzeit (1987–1996)
6) Bildungszeit (1997–2006)
7) Altersteilzeit (2007–2012)
Aller Anfang ist schwer – die Mühen meines zweiten Lebens
Ein Prolog
Ich weiß, früher oder später erfindet jeder Mensch die Geschichte, die er für sein Leben hält. Ein schöner Gedanke, der sich ausprobieren lässt.
Ein Vorsatz
Ich erzähle gern, und in diesem Buch vor allem aus meinem Leben. Es begann 1947, im selben Jahr, in dem der Transistor erfunden wurde. Jeder Versuch, die Gegenwart im frühen 21. Jahrhundert und den Weg zu ihr darzustellen, muss in meinen Augen scheitern und als irrelevant gelten, der nicht wenigstens zweimal auf Transistoren eingeht. Ein erstes Mal, um zu erläutern, warum sich Menschen überhaupt um elektronische Bauteile dieser Art bemüht haben. Ein zweites Mal, um die immense Zahl der Transistoren bewusst zu machen, die heute zu Trillionen produziert werden. Sie tun ihren Dienst in Milliarden Geräten, auf die viele Menschen nicht mehr verzichten wollen und einige nicht mehr verzichten können.
Unsere erlebte Gegenwart steckt nicht nur auf diese transistorische, sondern noch auf vielfältige andere Weise voller Konsequenzen aus Erkenntnissen über die Natur, die wir den dazugehörigen Wissenschaften – etwa der Chemie und der Physik – verdanken. Es wundert mich immer wieder, wie gerne und großzügig Geschichtsbücher und soziologische und politische Analysen über diesen Tatbestand hinwegsehen, obwohl er den Geisteswissenschaften gar nicht verborgen geblieben ist.
In meinem Geburtsjahr hat zum Beispiel Ernst Robert Curtius sein Buch über „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ mit dem Hinweis begonnen, dass das Voranschreiten der Naturforschung in jüngster Zeit massiv „die Formen des Daseins verändert“ hat. Das dabei gewonnene Wissen eröffnet den Menschen „neue Möglichkeiten, deren Tragweite nicht zu ermessen ist“, wie Curtius weiter ausführt und wie es unverändert in der 11. Auflage aus dem Jahre 1993 zu lesen ist, ohne dass Historiker darauf angemessen reagiert hätten. Sie haben zwar fleißig politische und militärische Entwicklungen verfolgt, sich bislang aber nicht oder nur sehr zögerlich die Mühe gemacht, den Einfluss der Wissenschaften und ihrer fortschreitenden Erkenntnisse auf das Werden des Gegenwärtigen darzustellen.
Dadurch verhindern sie die Verbreitung der Einsicht, die Bildungsministerin Annette Schavan im September 2011 im Berliner Wissenschaftsforum ausgesprochen hat, als sie sagte, „Nichts verändert die Gesellschaft so sehr wie die Erkenntnisse von Wissenschaften und Forschung“. Frau Schavan fügte noch hinzu, dass sich dies zu ihrem Bedauern nicht gerade herumgesprochen und beispielsweise kaum Einfluss auf das Angebot hat, das uns in den Hauptnachrichten des Fernsehens zugemutet wird.
Hier steckt offensichtlich eine wunderbare Aufgabe für Historiker, wenn sie verstehen und erläutern wollen, wie sich „unsere heutigen Lebensweisen durchgesetzt haben“, so heißt es bei Michel Serres, der im letzten Jahrhundert wenigstens erste „Elemente einer Geschichte der Wissenschaften“ vorgelegt hat. Der französische Philosoph zeigt sich in seinem Buch – wie auch der Autor dieser Zeilen – davon überzeugt, dass das genannte Ziel ohne eine Beschäftigung mit der wissenschaftlichen Entwicklung und den dabei entstehenden Techniken nicht gelingen kann. Der eingangs vorgestellte Transistor ist ein zentrales Beispiel hierfür. Natürlich lässt sich die hiermit gestellte Aufgabe keinesfalls nebenbei lösen, aber bekanntlich beginnt selbst die längste und komplizierteste Reise mit einem ersten Schritt, und um den soll es hier gehen.
In diesem autobiografischen Buch wird das eigene Leben unter diesem Aspekt betrachtet und von seinen Wendungen erzählt. Es ist ein persönlich gefärbter Blick auf die Rolle der Wissenschaft in unserem gegenwärtigen Alltag.
Ich möchte aus meinem Leben und von den es begleitenden Wissenschaften erzählen. Beides mache ich nämlich leidenschaftlich gerne.
Das Geschenk eines zweiten Lebens
„Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“, heißt es in einem schönen Lied aus den 1920er Jahren, das ich seit kurzem anders singen darf und möchte, auch wenn es anatomisch nicht ganz korrekt ist. Mein Text lautet, „Ich hab’ mein Herz in Heidelberg bekommen“, aber nicht in einer sanften Sommernacht, sondern in einer kühlen Klinik, in die mich ein Notarztwagen gebracht hatte, nachdem sich an einem schönen Morgen im September 2011 meine Hauptschlagader als gründlich gerissen präsentierte und niemand mehr mit meinem Weiter- oder Überleben rechnete. Den traditionellen Wahrscheinlichkeitsvermutungen zum Trotz gelang es einem Operationsteam der Heidelberger Herzklinik in sicher mühevollen acht Stunden, meine Aorta und mehr zu ersetzen und mir so im Alter von fast 65 Jahren ein zweites Leben zu schenken, an dessen Beginn ich jetzt stehe und diese Worte schreibe. Mein neues Dasein bereitet mir auch Monate nach dem rettenden Eingriff noch seine liebe Mühe, es fordert zähe Geduld und verlangt ziemliche Disziplin und eine Menge Rücksicht auf viele körperliche Kleinigkeiten. Aber die damit verbundenen Einschränkungen verblassen rasch und locker neben der Chance, die ich tatsächlich durch eine mutige und geistesgegenwärtige Chirurgin, ihr wunderbar eingespieltes Team und äußerst hilfreiche Menschen auf der Intensivstation bekommen habe. Oftmals wundere ich mich voller Dankbarkeit in stillen Stunden über mein Glück und mir scheint manchmal, dass ich bis heute noch nicht fassen kann, was da mit mir passiert ist.
„Aller Anfang ist schwer“, wie ich in meinem ersten Leben auf der Schule lesen und lernen konnte, als es im Deutschunterricht auf dem Gymnasium um Goethes „Hermann und Dorothea“ ging, und diese Erfahrung bestimmt meinen neuen Alltag durchgehend. Es wird noch viele Anstrengungen kosten, wieder in das normale Leben zurück zu finden, das mir gut gefallen hat, bis die Aorta es nicht mehr aushielt. Ich werde lernen müssen, was es dem Wort nach heißt, ein Patient zu sein, nämlich Geduld zu zeigen. Trotz dieser Bedingung darf sich ein Mensch Ziele setzen und ich habe mir vorgenommen, eines von ihnen mit meinem 65. Geburtstag zu verknüpfen, wobei dieses Alter in meinem ersten Leben den klassischen Zeitpunkt des Renteneintritts markierte.
Während viele Menschen mit 65 Jahren aufhören und ihr Arbeiten einstellen, möchte ich in diesem Alter angemessen wieder damit anfangen, etwas zu tun und weiter zu schreiben, um das mir großzügig geschenkte zweite Leben mit seinen Möglichkeiten und Chancen zu nutzen. Darauf gilt es, sich vorzubereiten:
Ein Weg dazu scheint mir das Nachdenken über das erste Leben zu sein, das mir bislang gegönnt war. Ich möchte es auf den folgenden Seiten beschreiben, weil ich es zum einen gerne geführt habe und weil es zum zweiten dabei um eine Epoche geht, die in meinem Verständnis der Dinge ihre eigenwilligen und lohnenden Besonderheiten aufweist und mit ihnen etwas über die Bedeutung von Wissenschaft zu erkennen gibt.
Die Nachkriegswelt voller Wissenschaft
Es geht – zeitlich grob gesprochen – um die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, die politisch und historisch zwar vielfach dokumentiert worden sind – etwa in Hinblick auf die deutsche Teilung und ihre Überwindung oder mit der Betonung auf Bemühungen um eine europäische Einheit und ihrer dazugehörigen Währung. Allerdings konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die amtlichen Historiker fundamentale Strömungen in der Sphäre des Geistigen übersehen haben.
Sein und Bewusstsein
Die Debatte um die Frage, ob sich Überzeugungen und Erkenntnisse auf ökonomische Ergebnisse und das alltägliche Dasein auswirken, geht mindestens bis auf Karl Marx zurück, der sich in einer berühmten Formulierung – „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ – gegen einen derartigen Einfluss aussprach. John Maynard Keynes hingegen fand in seinen Schriften, dass Ideen sehr wohl in der Lage sind, ökonomische Entwicklungen und damit das Sein zu beeinflussen. Einem Historiker der Wissenschaft kommt kaum ein anderer Gedanke.
Gemeint ist der stetig zunehmende Einfluss wissenschaftlich-technischer Entwicklungen auf das Leben der Menschen und die Aufgaben von Staaten. Inzwischen werden sie etwa unter den Stichworten Gentechnik, Atomkraft und Internet leidenschaftlich diskutiert und unterschiedlich akzeptiert. Niemand kann sich jedoch mehr den dazugehörigen Realitäten im Alltag entziehen.
Ein Tag im Leben
Wer sich verdeutlichen will, wie sehr sein Leben mit wissenschaftlich-technischen Entwicklungen geführt wird, braucht nur seinen Tagesablauf anzuschauen, der vielleicht mit einem Radiowecker beginnt, der zum Frühstück Kaffee aus einer Vakuumverpackung brüht und dazu pasteurisierte Milch aus dem Kühlschrank holt, der dabei schon telefoniert, seinen Laptop einschaltet, der bald mit dem Auto aus der mit Fernbedienung geöffneten Garage ins Büro fährt, zwischendurch sicher einige Medikamente einnimmt oder den Blutdruck misst und so weiter macht, bis es endlich beim abendlichen Fernsehen – in Farbe und mit einer Direktschaltung nach Washington – oder vor der Stereoanlage mit einer CD bei einem Mozart Klavierkonzert etwas ruhiger wird, bis das Telefon klingelt und die Kinder aus den USA anrufen, wo sie gerade mit dem Flugzeug gelandet sind.
Ich bin der Ansicht, dass Menschen meiner Generation in ihrem täglichen Treiben inzwischen mehr von wissenschaftlich-technischen Entwicklungen – zum Beispiel von mobilen Telefonen, Computern und Überwachungskameras – als von politisch-sozialen Reformen beeinflusst werden. In einer umfassenden Geschichte unserer Kultur muss nicht nur erwähnt werden, wie unglaublich rasch etwa die Zahl der Transistoren und Chips in der von uns erlebten und überschaubaren Zeit zugenommen hat –
Kleine Anfänge, große Mengen
Unser heutiges Leben ist ohne die Konstruktion undenkbar, die als Transistor bereits erwähnt ist (und weiter unten im Text genauer vorgestellt wird). Der erste Transistor konnte 1947 gebaut werden, und heute stellen elektronische Unternehmen Millionen von ihnen pro Minute her, so dass derzeit insgesamt 1020 Transistoren auf der Welt ihren Dienst tun, und zwar in 1012 Chips, wobei diese gigantische Zahl wenigstens einen bekannten Namen hat. 1012 meint nämlich eine Billion, und auf den Billionen Chips sind jeweils 100 Millionen Transitoren im Einsatz, um die elektronischen Geräte funktionieren zu lassen, die wir alle so lieben. Ein Geschichtsbuch, das den Transistor und seine Verbreitung nicht erwähnt, kann die Gegenwart, die wir erleben, ebenso wenig verständlich machen wie ein historischer Text, der das wissenschaftliche Treiben nicht erwähnt, das zum Beispiel einen Transistor hervorbringt.
–, sondern die gelehrten Autoren, die beschreiben wollen, „wie es eigentlich gewesen“ ist, auch aufzeigen sollten, was Menschen dazu bringt, sich so intensiv um solche Fortschritte zu bemühen. Sie tragen in meinen Augen mehr und intensiver zu der Geschichte des Westens bei, als die Historiker meinen.
Mit diesem Buch möchte ich den Versuch unternehmen, dem Einfluss der Wissenschaft und der Forscher, die sie praktizieren, auf die in unserem Kulturkreis erlebte Gegenwart mehr Aufmerksamkeit als bisher zukommen zu lassen. Dies soll in dem bescheidenen Rahmen der eigenen Biographie geschehen, in der an vielen kleinen Stellen zu spüren war, was in der großen Welt der Wissenschaft passierte. Mir hat dies meistens gefallen, und ich habe stets davon voller Begeisterung im Kreis von Freunden erzählt. In diesem Buch möchte ich eigentlich nichts anders tun, nur dass es ab und zu ganz privat wird – auch am Anfang.
Am Anfang meines ersten Lebens – Ernst und Peter
Ich wurde am 18. Januar 1947 geboren und damit noch in den Tagen, die einen Menschen selbst in unseren aufgeklärten Tagen zu einem Steinbock machen. Mein Rufname lautete Ernst, wie deutlich unterstrichen im Familienstammbuch steht. Tatsächlich angesprochen hat mich aber niemand so. Gerufen haben mich alle „Dicker“, als ich im Kindergarten meine Ohren zu spitzen hatte, und bei diesem Namen ist es geblieben, bis sich auf der Schule „Peter“ durchsetzte. Das war der zweite Vorname, den meine Eltern mir laut Taufregister gegeben hatten, wobei ich als Kind gerne der Erläuterung meiner Mutter Glauben schenkte, dass sie ihren dauernd grinsenden und fröhlich dreinschauenden Säugling nicht habe Ernst nennen können. Das heitere Gegenstück sei ihr angemessener erschienen, und dafür bekam sie die Zustimmung von zahlreichen Tanten, die den Knaben noch lange mit Vergnügen knuffelten und knutschten.
So riefen mich alle „Peter“. Besonders laut – und drohend deutlich die erste Silbe hinziehend – tat dies meine erste Lehrerin auf der Volksschule, ein Fräulein mit Namen Leckebusch, um mich so zu ihr her zu kommandieren. Es galt dann, meine gefürchtete Ohrfeige abzuholen, die ich offenbar unentwegt verdient hatte, weil ich viel zu selten ernst und oft ziemlich gelangweilt war. Trotzdem vermerkte mein erstes Zeugnis mit lauter netten Noten, „Peter hat einen guten Anfang gemacht“.
Es ging dann recht und schlecht mit diesem Namen weiter. Bis zu meinem 18. Geburtstag beantwortete ich die Frage, wie ich heiße, mit „Peter“, und der „Ernst“ kam mir weder in den Sinn noch über die Lippen. Er war fast vergessen, als die Zeit des Führerscheins heranrückte und es galt, die dazugehörige Prüfung abzulegen. Nachdem es mir gelungen war, das Automobil nach den amtlichen Vorschriften und den Vorgaben des zuständigen Beamten durch den Verkehr zu lenken und auf einem Parkplatz abzustellen, sah ich voller Erwartung auf das begehrte Dokument, das ich rasch unterschreiben und an mich nehmen wollte. „Bitte nur einen Vornamen, also Ihren Rufnamen“, sagte der Prüfer, „Sie heißen doch Ernst, oder?“ Ich schaute ihn an und erklärte den Peter. „Der Peter ist vorbei“, sagte er, „von jetzt ab sind Sie Ernst“, was ich so verstand, dass nun der Ernst des Lebens beginnen sollte.
Ich reagierte daher verwirrt, schrieb aber mit Mühe unter zitterndem Zögern „Ernst“ in den Führerschein und ließ mir vom dem Tag an den Bart wachsen. Mit ihm kann man sich schmücken und spielen, und so trage ich meinen Bart bis heute in der Hoffnung, dass der Satz des gestrengen Beamten nur die Hälfte von mir erfasst. Ich bin Ernst und Peter geblieben, ohne jemals genau sagen zu können, wer gerade an der Reihe ist. Der Gedanke gefällt mir. Er teilt mein Leben und das Ganze mit mir.
Das erste Jahrzehnt (1947–1956)
Nachkriegszeit
Aus meinem Leben
In meiner konkreten ersten Erinnerung unternehme ich einen Wettlauf mit meiner Mutter. Sie lacht dabei fröhlich und ermutigt mich, wie so oft. Es ist Sonntag, es geht bergauf, und wir spurten gemeinsam mit meinem älteren Bruder durch einen Wald, um zu dem Parkplatz zu kommen, an dem unser Auto – ein beigefarbener Zweitakter der Marke Goliath – steht. Zu meiner Überraschung habe ich bei dem Rennen keine Chance. Meine Mutter kommt vor mir an dem Wagen an, in dem mein Vater auf uns wartet. Er ist stark behindert und ständig auf Unterstützung angewiesen. Wir müssen ihm zu dritt helfen, wenn er das Auto verlassen will, um ein wenig spazieren zu gehen. Leider richten an diesem Tag – wie so oft – viele Gaffer ihren Blick auf ihn und seine Mühen. Mein Vater will aber nicht angestarrt werden. Er verliert die Lust und will nur noch abfahren. Dabei wollte ich ihm doch zeigen, wie schnell ich inzwischen laufen konnte.
Meine zweite Einzelerinnerung lässt sich zeitlich genauer festlegen. Es ist wieder ein Sonntag. Meine Mutter geht mit ihren beiden Söhnen durch merkwürdig leere Straßen. Es ist still, aber es bleibt nicht lange so. Plötzlich vernehmen wir von überall her Lärm und Jubel, wenn auch nur kurz. Die Menschen feiern fröhlich einen Sieg. Deutschland ist Fußballweltmeister geworden. „Wir haben 3:2 gegen die Ungarn gewonnen“, wie mein Vater uns zuruft, ohne ganz zufrieden zu sein. Er streitet sich bei aller Begeisterung mit einem Onkel um einen Spieler, der nicht dabei war. Es geht um Bernie Klodt vom FC Schalke 04. Er musste Helmut Rahn weichen, dem Torschützen des Siegtores. Dieser Erfolg lässt zwar jede Diskussion überflüssig erscheinen, doch mein Vater will sich nicht damit abfinden. Er liebt doch den FC Schalke 04, und außerdem konnte Klodt besser mit dem Ball am Fuß dribbeln, wie mein Vater meinte und ausdrückte und so den Kinderohren ein schönes Wort schenkte.
Mein Vater
Mit dem Tag des Triumphes im (jetzt leider abgerissenen) Berner Wankdorf-Stadion rückte der Fußball für lange Zeit in den Mittelpunkt meines Lebens, wobei es besser heißen sollte, dass mein Vater den Fußball dorthin rückte. Er gehörte zwar selbst nie einer Mannschaft an, überlebte aber mit dem Geld, das er schwierig genug auf Sportplätzen mit einem Bauchladen voller Zigaretten und Zigarren verdiente. Mit seinen Waren kämpfte er sich durch die Reihen der Zuschauer, die oft erregt und vielfach fluchend den Verlauf von Fußballspielen verfolgten. In dieser bei aller Anspannung meist stimmungsvollen Umgebung fühlte sich mein Vater trotz seiner körperlichen Einschränkungen und Mühen zu Hause, und hierher wollte er seine Söhne mitnehmen.
Freiwillig gewählt hatte er diese als „selbstständig“ titulierte Arbeit und diesen Weg über die Straßen und Plätze nicht. Mein Vater – er hieß Alfred und gehörte zum Jahrgang 1903 – hatte ursprünglich Schriftsetzer gelernt, dann aber bei einem Eisenbahnunfall den rechten – seinen starken – Arm verloren. Er war noch keine 30 Jahre alt, als er mit nur einer Hand und leeren Händen dastand, denn das soziale Netz, in das mein Vater hätte fallen können, war damals noch nicht geknüpft. Betteln wollte er nicht, und so blieb ihm nicht viel anderes übrig, als sich einen Bauchladen umzuschnallen.
Ein Junge aus Barmen
Die Stadt, in der sich dies abspielte und in der auch ich geboren worden bin, heißt in den Büchern und auf den Landkarten Wuppertal. Auf die Frage, wo er wohne, hätte mein Vater aber mit „Barmen“ geantwortet, wenn er nicht noch genauer den Stadtteil „Wichlinghausen“ genannt hätte, in dem wir zu Hause waren. Mit der Auskunft „Barmen“ bekannte er sich zu dem bis 1929 selbstständigen östlichen Teil der Stadt und distanzierte sich zugleich von dessen westlichem Gegenstück, Elberfeld.
In dem Weltbild meines durch und durch sozialdemokratisch eingestellten Vaters blieb die Trennung zwischen dem näher am protestantischen Westfalen liegenden Barmen (mit seinen zahlreichen Armen) und dem direkter zum katholischen Rheinland sich hinziehenden Elberfeld (mit seinem vielen Geld) bestehen, auch wenn eine Verwaltungsreform dies ignorierte, und es kostete stets große Mühe, ihn zu einem Ausflug etwa in den Zoo zu überreden, der ganz weit im Westen von Wuppertal lag (und liegt).
Vielleicht erinnern sich einige noch daran: Wuppertal war einmal mit einer Fußballmannschaft in der Bundesliga vertreten, aber dieser Wuppertaler SV spielte in Elberfeld. Das interessierte meinen Vater überhaupt nicht – und mich dann auch kaum. Wir liefen lieber auf den Sportplätzen in Barmen herum – am liebsten auf dem Mallack, wo der lokale Lieblingsverein meines Vaters, „Schwarz Weiß“, spielte. Hier meldete er bald auch seine Söhne an, damit sie das Kicken lernen konnten – mit anfänglich umjubeltem, dann aber immer mehr nachlassendem Erfolg und zuletzt ganz ohne ihn.
Als ich noch siegreich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre voller Stolz das Trikot seines Clubs trug, war mein Vater zu einem richtigen Kaufmann aufgestiegen. Er verdiente seinen und unseren Lebensunterhalt mit einem Kiosk, den er sich noch als Junggeselle aus seinen Bauchladengeschäften abgespart hatte. Dieser Schritt war ihm gerade rechtzeitig gelungen, bevor ihn weiteres Unheil traf, und erneut ziemlich schlimm. Eines Tages stürzte er von einer Leiter und kam dabei so unglücklich auf einem Betonboden auf, dass beide Kniescheiben zerschmettert wurden. Ich kenne meinen Vater nur in diesem Zustand – als einen Mann mit zwei steifen Beinen und ohne rechten Arm.
Wer die endlose Mühe verstehen will, die solch ein Leben mit sich bringt, braucht sich nur die Frage zu stellen, wie man mit diesen Behinderungen zum Beispiel zur Toilette geht, wie man sich anzieht, wie man in ein Auto steigt oder wieder herauskommt. Meine Kindertage bestanden zu einem großen Teil darin, meinem Vater bei alltäglichen Verrichtungen aller Art zu helfen, die den meisten Mitmenschen keine Mühe machen und an die sie keinen Gedanken verschwenden. Zusätzlich musste jemand wie ich all die anderen Aufgaben im Haushalt übernehmen – etwa die Kohlen oder die Badewanne aus dem Keller holen –, die damals im Allgemeinen Vätern vorbehalten waren.
Dreimal Glück
Neben dem vielen Pech hatte mein Vater aber auch Glück, und zwar dreimal. Für sein erstes Glück war die Stadt Wuppertal verantwortlich, die eine Bushaltestelle genau dorthin – an den Wichlinghauser Markt in Barmen – verlegte, wo sich der Kiosk meines Vaters befand, in dem es auch Zeitungen zu kaufen gab. Jetzt ging das Geschäft zwar schon in aller Frühe los, aber es gab dadurch regelmäßig Umsatz, und das zählte.
Für das zweite Glück sorgte die Lottogesellschaft, die nach Läden suchte, denen sie die Annahme von Lottoscheinen anvertrauen konnte, und sie wählte den meines Vaters. Jetzt lief das Geschäft nicht nur morgens gut, wenn die Menschen mit dem Bus zur Arbeit fuhren, jetzt lief das Geschäft den ganzen Freitag gut, wenn „Annahmeschluss“ war, wie das Zauberwort lautete, das die Kunden mit ihren Scheinen scharenweise herbeiführte. Es gab so viel zu tun, dass mein Vater die Arbeit nicht mehr allein meistern konnte. Er hatte längst einige Angestellte, die ihm zur Hand gingen. Vor allen Dingen hatte er aber meine Mutter.
Mit ihr hatte er sein drittes und größtes Glück gefunden, wobei ich mir nicht so recht vorstellen kann (und nie gefragt habe), wie die Verbindung begonnen hat. Mein Vater liebte meine Mutter, keine Frage, und er nannte sie zärtlich „mein Goldfasänchen“, aber er erzählte immer nur von Fußballspielen und Männerabenden, und der erste Merksatz, den er seinen Söhnen eintrichterte, lautete: „Mensch sei helle, bleib Junggeselle.“
Meine Mutter
Mein Vater war über 40 Jahre alt, als er meine Mutter heiratete. Sie hieß Else und war 1916 in Barmen geboren worden. Der Ernst in meinem Namen kommt von ihrem Vater her. Er hieß Ernst Lang, konnte – leider als letzter der Familie – gut singen und gehörte einem Männergesangsverein an, der in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in einer für ihn schwierigen Zeit eine Reise nach Berlin unternommen hatte. Ernst Lang war nämlich gerade Witwer geworden, und er musste sich dringend Gedanken machen, wie seine vier Töchter zu versorgen waren, die alle noch in seinem kleinen Häuschen lebten.
Das Problem wurde durch ein junges Mädchen aus Polen mit Namen Rosalie Jamrosche gelöst, die meine Großmutter geworden ist und deren Geburtstag im Dreikaiserjahr ich früh gelernt und immer behalten habe – den 28.8.1888. Das war keine zwei Wochen nach dem Tod von Kaiser Friederich, wie mir später im Geschichtsunterricht beigebracht wurde.
In dem polnischen Dorf, in dem meine Großmutter zur Welt gekommen ist, gab es nicht viel zu tun. Viele Einwohner gingen nach Berlin oder wurden in die große Stadt verfrachtet oder geschickt, um es freundlich auszudrücken. Zu ihnen gehörten auch Rosalie und ihre Schwestern, von denen eine gleich schwanger wurde, was eine nette Nebengeschichte für das nächste Kapitel ergibt. Meine Großmutter hielt sich bei Männern bedeckt und landete in dem, was sie ein „herrschaftliches Haus“ nannte. Hier putzte und kochte sie, bis der Männerchor aus Barmen kam und Ernst Lang sich singend in sie verliebte. Er nahm sie mit in seine Heimat, und sie schenkte ihm hier zwei weitere Kinder, einen Sohn und eine Tochter, meine Mutter.
Meine Großmutter ging mit den insgesamt sechs Kindern so um, wie man mit ihr umgegangen war, das heißt, sie schickte sie zur Arbeit, sobald das möglich wurde, und so landete meine Mutter im Vorzimmer eines Rechtsanwaltes und bediente dort eine Schreibmaschine. Sie tat dies offenbar so geschickt, dass der Jurist sie zu Hause besuchte, um ihren Eltern zu empfehlen, die begabte Tochter auf die höhere Schule zu schicken. Doch meine Großmutter musste mit Bedauern ablehnen – dazu reiche einfach das Einkommen nicht, das Schulgeld sei zu hoch und unerschwinglich. Meine Mutter hätte in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre bei ihren Kindern ähnlich antworten müssen, wenn sich bis dahin nichts an dieser Zahlungsverpflichtung geändert und das Gymnasium nur nach Nehmen dieser Hürde offen gestanden hätte.
Doch so leicht meiner Mutter der Beruf fiel, so schwer tat sie sich bei der Suche nach einem Mann, was unter anderem mit ihrer – mir offenbar direkt vererbten – Abneigung gegenüber Uniformen zu tun hatte. Als sie ein Teenager war – in den Jahren der nationalsozialistischen Regierung –, schienen alle Männer nur militärisch verkleidet durch die Gegend zu laufen. Meine Mutter fand das nicht schick, sondern albern, und so dauerte es etwas, bis jemand in Zivil auf sie aufmerksam wurde und das Fräulein Else Lang erst umwarb und dann heiratete. Sie hatte schon ein wenig Angst bekommen, als Mauerblümchen zu vertrocknen.
Auf der Schule
Den ersten ihrer beiden Söhne – meinen Bruder – nannten meine Eltern Alfred. Er war dreizehn Monate älter als ich und kam ein Jahr vor mir auf die Volksschule, die in der Liegnitzer Straße in Barmen lag. Es war kein vornehmes Viertel. Wer hier lebte, dachte mehr an Brotverdienen als an Bildung. So gab es viele unruhige und unaufmerksame Schülerinnen und Schüler, und die Lehrerinnen und Lehrer waren eher mit disziplinarischen Übungen als mit Lernstoff beschäftigt. Mich regte das viele Strammstehen mit dem dauernden Abzählen auf, weshalb ich häufig in Raufereien verwickelt war, mit der Folge, dass mir täglich Backpfeifen verabreicht wurden.
Was mich unter anderem ärgerte, waren die eintönigen religiösen Unterweisungen, die jeden Morgen abgehalten wurden – statt dass man Rechnen übte, wie mein Vater schimpfte, der mir in diesem Zusammenhang das Wortspiel mit einer Scherzfrage beibrachte: „Was ist flüssiger als Wasser?“, wollte er von mir wissen, um zu antworten: „Dieser Religionsunterricht, er ist nämlich überflüssig.“ Er konnte nicht wissen, dass mir dieser Spruch so gut gefiel, dass ich ihn in der Schule mit den Lehrern ausprobierte – leider nicht zu meinem Vorteil, wie ich dann physisch zu spüren bekam.
Unabhängig davon hatte mein Vater seinen Kindern unverhohlen deutlich gemacht, wie wenig ihm das Christliche bedeutete – meine Mutter hielt sich bei seinen entsprechenden Predigten zurück. „Glauben heißt nichts wissen“, dozierte Alfred senior, bis es mir aus den Ohren heraus kam, aber ich verstand seine Wut. Da saß er mit steifen Knien und einem Armstumpf, der sich bei jedem Wetterwechsel schmerzhaft bemerkbar machte, und wurde mehr und mehr verbittert, weil ihm so viele Dinge verwehrt blieben. Und dann tauchte eines Tages noch ein Vikar bei uns auf, der ihm seelsorgerischen Trost versprach und sich zu sagen erdreistete, dass Gott meinen Vater besonders lieb habe, denn warum sonst hätte er ihm so viele Zeichen gegeben. Ich habe das mit eigenen Ohren anhören müssen und die Blumenvase fliegen gesehen, die mein Vater mit seinem gesunden Arm gegriffen hatte und nach dem unglücklichen Gottesmann schleuderte.
Eine Kiste Zigarren
Jeden Morgen Gotteslob in der Volksschule, jede Wahl durch eine christliche Partei gewonnen und jedes Mal mit höherem Vorsprung. Die frühen 1950er Jahre – meine ersten Schuljahre – hatten für meinen Vater wenig Erfreuliches zu bieten, trotz des Gewinns der Fußballweltmeisterschaft. Am Tag nach dem Sieg übten wir den ganzen Tag, das Wort „elf“ zu schreiben, und bald bekam ich auch mein erstes Buch – das „3:2“ von Fritz Walter. Es blieb lange Zeit das einzige in unserem Haushalt – abgesehen von einem Briefratgeber, dem man entnehmen konnte, wann man „Werte Dame“ oder „Liebe Frau“ zu schreiben hatte und ob man sich „hochachtungsvoll“ oder „mit besten Grüßen“ verabschiedete.
Die Langeweile auf der Volksschule wurde einmal unterbrochen, als ich eines Tages mitten aus dem Unterricht heraus zum Rektor gerufen wurde. Zwar grübelte ich auf dem Weg zu seinem Büro, was ich wohl angestellt haben könnte, um diese Vorladung zu verdienen, aber das war gar nicht nötig. Der Rektor wollte mich nicht beschimpfen. Er hatte vielmehr einen Wunsch, nämlich den, dass ich ihm Zigarren aus dem Laden meiner Eltern holen sollte – jetzt gleich. Ihn verlange danach.
Die Geschichte wäre trotz der ungewöhnlichen Form und Zeit des Einkaufs nicht erwähnenswert, wenn nicht noch etwas dazukommen wäre. Dieses Extra hat damit zu tun, dass der Rektor eine Kiste Zigarren namens „Handelsgold“ haben wollte, und ausgerechnet die fehlte in unserem Laden, wie mein Vater mir zu seinem Bedauern erklärte, nachdem er sich von dem Schrecken erholt hatte, der durch mein Auftauchen während der Schulzeit ausgelöst worden war.
Was tun? Mein Vater zögerte keine Sekunde. Er hatte eine leere Kiste, auf der „Handelsgold“ stand, füllte sie mit Zigarren aus einer vollen Schachtel, auf der „Weißer Rabe“ zu lesen war, und schickte mich zur Schule zurück. „Das merkt der Rektor nicht“, erklärte er mir. „Die meisten Leute können beim Probieren überhaupt keine Sorten unterscheiden“, fügte er hinzu, „ihr Geschmack ist nicht so fein, alles Angeberei, wenn sie so tun, als ob.“
Zwar war mir nicht besonders wohl zumute, als ich die Kiste „Handelsgold“ dem Rektor übergab, und meine Bauchschmerzen nahmen nicht ab, als er sich gleich eine Zigarre ansteckte und den Qualm genüsslich an die Decke blies. Doch tatsächlich – er reagierte genau so, wie es mein Vater vorhergesagt hatte. „Ah, die gute Handelsgold“, lobte er, was er da rauchte, „da merkt man sofort die Qualität.“ Wenn heute jemand in einem Lokal von einem Kellner einen Schluck Wein mit der Bitte kredenzt bekommt, ihn zu probieren, und dann mit Kennerblick und allem möglichen Getue ein wenig schmatzend und mit den Augen rollend sein Einverständnis signalisiert, dann fällt mir bei vielen Leuten sofort der paffende Rektor mit seiner unverwechselbaren Handelsgold ein, und ich werde ganz vergnüglich.
Kinder und Krankheiten
Eines Tages blieb der Platz in der Schulbank neben mir leer. Er blieb für den Rest der Schulzeit leer, denn mein Freund, der dort gesessen hatte, war tot. Er war – plötzlich und unerwartet – an einem geplatzten Blinddarm gestorben, wie man der Klasse damals mitteilte, ohne dass diese Information uns etwas sagte oder bedeutete.
Bald darauf – kurz nach Weihnachten – bekam ich Schmerzen an der Stelle meines Körpers, die meine Eltern als rechtes Schlüsselbein bezeichneten, und niemand wusste Rat. Ich weinte so viel, dass mein Vater mich zu unserem Hausarzt brachte, in dessen Wartezimmer ich lange herumsitzen musste, bis ich an die Reihe kam. Dies gab mir Gelegenheit, den Satz auswendig zu lernen, der dort an der Wand zu lesen stand:
„Gott ist der Arzt, ich bin sein Knecht,
so er es will, heil’ ich Dich recht.“
Leider schien es, dass Gott nicht wollte, denn dem Doktor fiel nichts ein, und die Schmerzen blieben. Allmählich breitete sich Unruhe aus. Mein Leiden sprach sich bei den Nachbarn herum, und die Nachricht kam auch bis zu unserem Metzgermeister mit Namen Hallenscheidt (bei dem ich freitags die Lottoscheine abholte). Er wollte und konnte helfen, denn sein Sohn war Arzt in Freiburg und über die Feiertage nach Wuppertal gekommen.
Dr. Hallenscheidt konnte nicht vor dem Silvestermorgen, dann aber kam er und entschied nach kurzer Prüfung, dass der Schmerz über komplizierte Umwege durch eine Blinddarmreizung zustande komme. Aus der Dauer meines Zustandes schloss er auf höchste Eile. Er rief den Notarztwagen, der mich – mit lautem Tatütata – sofort in ein Krankenhaus brachte, wo ich knapp vor dem Jahreswechsel operiert wurde. Nicht nur dies sei äußerst knapp gewesen, wie der Chirurg meinte, den ich erst am Tag meiner Entlassung sah und der mir dabei eine kleine Lektion erteilte. Als ich nämlich etwas voreilig fragte (weil sich meine Eltern darüber unterhalten hatten), was wir für seine Hilfe bezahlen müssten, meinte er lächelnd, „Den Eingriff habe ich Dir zuliebe umsonst gemacht; ich werde nur dafür bezahlt, dass ich weiß, wo ich schneiden muss.“ Wie viel es dafür geben sollte, erwähnte er aber trotzdem nicht.
Übrigens, Gott hatte doch noch ein Einsehen, denn der zuerst konsultierte Arzt konnte den kleinen, leidenden Patienten nicht aus seinem Kopf bekommen, und plötzlich verstand er, was mit ihm sein könnte. Kurz nachdem die Ambulanz mit mir abgefahren war, rief unser Hausarzt bei meinen Eltern an, um dringend eine Prüfung des Blinddarms vornehmen zu lassen. So vertrauten wir ihm wieder, was vor allem heißt, dass meine Eltern genau hinhörten, als er etwas später anfing, vor den Gefahren der Kinderlähmung (Polio) zu warnen, die sich damals wieder zeigte.
Heute gehört die von Viren bedingte Infektionskrankheit, bei der zahlreiche zur Muskelsteuerung dienende Nervenzellen des Rückenmarks befallen werden, der Vergangenheit an. Aber die dazu nötigen Impfstoffe konnten erst in den frühen 1960er Jahren entwickelt werden. (Ich erinnere mich noch gut an die Schlangen, in denen wir damals anstanden, um das Stückchen Zucker zu bekommen, mit dem der segensreiche Stoff verabreicht wurde).
Meine Eltern dachten nicht an künftige Schluckimpfungen, sondern an den großen Ausbruch der Kinderlähmung, der Deutschland 1932 – also zu ihren Lebzeiten – heimgesucht hatte, und sie reagierten zum ersten Mal mit einem Verbot. Mir war nicht mehr erlaubt, mit dem Sohn des Bäckers zu spielen, dessen Laden dem Geschäft meiner Eltern gegenüber lag. Nach Auskunft von Passanten krabbelten ab und zu Lebewesen durch das Schaufenster, die nicht nur dort nicht hingehörten. Das beeinträchtigte zwar nicht unbedingt den Verkauf – die Menschen waren in den Nachkriegsjahren Schlimmeres gewöhnt –, bedeutete aber striktes Besuchsverbot für mich.
Da hatte ich wieder Glück, denn der Sohn des Bäckers bekam die Kinderlähmung tatsächlich und konnte sich nur noch auf Krücken bewegen. Wir sind Freunde geblieben, aber das gemeinsame Spielen machte mehr Mühe. Wenn ich draußen herumrennen wollte, kam er nicht mit. Er rächte sich dafür bei Ringkämpfen auf seinem Bett. Mit seinen starken Armen konnte ich nicht konkurrieren.
Vertraute Menschen
Der Wichlinghauser Markt, an dem meine Eltern ihren Laden führten – und in dessen Nachbarschaft sie anfangs wohnten und ich aufgewachsen bin –, stellte eine in sich geschlossene und autark scheinende Welt dar. Man konnte alles bekommen, was man für den Lebensalltag brauchte. Da waren unter anderem eine Metzgerei, ein Obst- und Gemüsehändler, eine Apotheke, eine Kneipe, ein Frisör und – tatsächlich damals schon – ein italienischer Eissalon mit dem freundlichen Herrn Zampolli, der das beste Zitroneneis der Welt anbot. Natürlich gab es eine Tankstelle, eine Bank, einen Schuhladen und ein Schmuckgeschäft. Ich habe sie alle noch vor Augen und sehe mich, wenn ich dort Lottoscheine abhole oder Zigaretten hinbringe. Die Besitzer kauften rundum gegenseitig bei sich ein, und man bestaunte untereinander besondere Neuigkeiten. Ich erinnere mich noch, als die ersten Hosen oder Jacken mit Reißverschlüssen auf den Markt kamen, wie da gelobt oder geschimpft wurde, je nachdem, ob es der Mechanismus tat oder klemmte. Dann stand der Tankwart in unserem Laden und versuchte, seine Jacke zu öffnen, oder meine Mutter ärgerte sich in der Bank darüber, dass ihr Pullover nicht schließen wollte.
Die Menschen um diesen Markt herum waren so miteinander vertraut, dass sie auch den Tod öffentlich behandelten. Ich habe in diesem jungen Alter mehr – aufgebahrte – Tote gesehen als in den vielen Jahren, die danach kamen. Damals war der Tod öffentlich und die Sexualität privat; heute ist es umgekehrt, und es gibt Leute, die halten diesen Wechsel in die Pornographie für einen Fortschritt der Kultur. Sie möchte ich auf keinen Fall nackt sehen.
Die Tochter meiner Mutter
Wie gesagt, meine Mutter hat zwei Söhne zur Welt gebracht, wobei ich der jüngere war. Nun hatte sie sich nach dem erstgeborenen Stammhalter eine Tochter gewünscht, und ich habe manchmal den Eindruck, ich bin das auch geworden. Sie hat mich jedenfalls dazu in dem Sinne gemacht, dass ich alle Aufgaben bekam, die man sonst – damals jedenfalls – Mädchen auftrug. Während mein Bruder nicht für den Abwasch in Frage kam und auch nicht zum Einkaufen geschickt wurde, rief sie mich dauernd zu diesen Pflichten. Ich musste natürlich auch die Briketts aus dem Keller holen, mit denen damals noch geheizt wurde, und diese Liste ließe sich fortsetzen. Dass jemand diese Aufgaben in der Familie übernehmen musste, war klar. Mein Vater kam dafür nicht in Frage, und meine Mutter hatte genug mit dem Laden zu tun, den sie immer mehr alleine führen musste. Wie mein Bruder sich darum gedrückt hat, habe ich nie herausbekommen. Mich ärgerte nur manchmal die Art, mit der meine Mutter ihre Bitte um Hilfe einleitete: „Wollest Du nicht mit dem Sohn vom Obsthändler spielen?“, „Wolltest Du nicht gerade zum Milchladen?“, „Wolltest Du nicht sowieso in die Stadt gehen?“ So oder so ähnlich fragte sie, wenn Besorgungen zu erledigen waren. Ich merkte die Absicht und war verstimmt, aber nicht lange. Dann wollte ich, was sie wollte. Das konnte ich auf jeden Fall jetzt schneller als sie, und so freute sie sich und ich mich dann auch.
Von anderen Dingen und der Wissenschaft
Jedes Leben spielt sich im Rahmen der Möglichkeiten ab, die mit einem Menschen entstehen und sich mit ihm verändern. Auch von ihnen soll erzählt werden. Was jetzt aus meinen Kindertagen verhandelt wird, ist natürlich lange Zeit hindurch kaum an mein Ohr und erst recht nicht in mein Bewußtsein gedrungen – also etwa die Montage der ersten Großrechner, die Konzeption von speicherbaren Programmen, die Erfindung des Transistors oder das Aufkommen einer neuen Lebenswissenschaft namens Molekularbiologie. Alles Entwicklungen, die im Verlauf des Weltkrieges bis 1945 ihre ersten noch vagen Formen angenommen hatten und nach dessen Ende in Schwung kamen, um den Rahmen neu zu prägen, in dem Menschen ihr Leben entwerfen können. Mir erscheint es lohnend, sich über die großen Dinge klar zu werden, die aufkamen und sich entfalteten, während man selbst heran und in die Welt hinein wuchs.
Damit sollen an dieser Stelle nicht die politischen oder die gesellschaftlichen Ereignisse gemeint sein, über die durchschnittliche Geschichtsbücher durchschnittlich viel berichten und die an durchschnittlichen Schulen durchschnittlich gründlich vermittelt werden, auf das wir alle einigermaßen gut über unsere Geschichte informiert seien – etwa über den Marshall-Plan, der ab 1947 den Wiederaufbau West-Europas ermöglichte, über die Währungsreform der Westzonen in Deutschland von 1948, über die Gründung der NATO und das Inkrafttreten des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 mit der fast gleichzeitig stattfindenden Gründung der inzwischen abhanden gekommenen Deutschen Demokratischen Republik.
Hier soll mehr über Ereignisse und Vorkommnisse berichtet werden, die nicht unbedingt in den Geschichtsbüchern stehen, die aber unser modernes Gewordensein mehr beeinflusst haben, als die Historiker normalerweise zur Kenntnis nehmen oder sich träumen lassen. Natürlich darf an dieser Stelle nicht der Hinweis auf die Bücher von Thomas Nipperdey fehlen, der etwa in seiner Darstellung der „Deutschen Geschichte 1866–1918“ (München 1990) mit dem Untertitel „Arbeitswelt und Bürgergeist“ besondere Abschnitte über „Das Bildungswesen“ und „Die Wissenschaften“ anführt. Dieses gewichtige Werk ist mir allein deshalb nicht entgangen, weil auf seinem Schutzumschlag die Wuppertaler Schwebebahn zu sehen ist, wie sie Adolf Erbslöh 1912 gemalt hat (wobei mir dieser Künstler wiederum deshalb gut vertraut ist, weil mein Schulweg durch die Erbslöhstrasse führte).
Aber Nipperdey bleibt eher eine Ausnahme. Nach ihm sind erneut dicke Bände zur deutschen oder europäischen Geschichte erschienen, bei denen man zum Beispiel Hinweise auf die Chemie und ihren Beitrag zu Technik und Industrie vergeblich sucht. Selbst die Versorgung der Menschen mit Energie und die Erzeugung von Strom scheint den Historikern und anderen Gesellschaftsforschern belanglos zu sein. Sie erwähnen die dazugehörigen Entwicklungen mit keinem Wort – mit der Folge, dass wir jetzt alle überrascht und unvorbereitet vor der Tatsache stehen, dass das Betreiben von Kraftwerken bedrohliche Auswirkungen in Form eines Klimawandels mit sich bringt, auf die es zu reagieren gilt.
Offenbar merken viele Historiker nicht oder wollen nicht zur Kenntnis nehmen, was der französische Philosoph Michel Serres 1994 in seinem Vorwort zu den schon erwähnten „Elementen einer Geschichte der Wissenschaften“ so beschrieben hat: „Weder die Wechselfälle der politischen oder militärischen Verhältnisse noch die Ökonomie können – für sich genommen – hinreichend erklären, wie sich unsere heutigen Lebensweisen durchgesetzt haben; dazu bedarf es einer „Geschichte der Wissenschaften und Techniken“ – oder mindestens eines Interesse der professionellen Historiker an den entsprechenden Verläufen. Wer die Geschichte ohne die der Wissenschaften erzählt, kommt nie in der Welt an, in der wir leben. Er bleibt der Gegenwart fremd und entfremdet die Menschen von ihr.
Dies lässt sich kinderleicht an dem Maß erkennen, mit dem die anzuführenden Entwicklungen unsere Gegenwart prägen – eine Gegenwart mit ständig leistungsfähiger werdenden Computern, mit unabsehbar an Raffinement gewinnenden elektronischen Medien und Kommunikationsgeräten, mit einer weit auszugreifen beginnenden Biomedizin, die mit Stammzellen und Genomdaten operiert, und vielen anderen Entwicklungen der technisch-wissenschaftlichen Art.
Solche Dinge fallen nicht vom Himmel. Solche Dinge fallen Menschen ein, und vielleicht lohnt es sich, dem Geschehen dabei ein wenig zuzuschauen und mit ihm und seinen Mitspielern vertraut zu werden. Es schafft den Rahmen unserer Möglichkeiten, in dem wir werden, was wir sind.
Der Transistor
Beginnen wir kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als der aus Ungarn stammende Mathematiker John von Neumann (1903-1957), der zuvor eine Spieltheorie zum besseren Verständnis ökonomischer Prozesse formuliert hat, das Prinzip eines programmierbaren universellen Rechners vorstellt, was man auch als Geburtsstunde des modernen Computers bezeichnen kann. Von Neumann lebte damals in den USA, in dem Land, in dem zur gleichen Zeit ein Monstrum namens ENIAC aufgestellt wurde – eine elektronische Rechenanlage, wie der nicht abgekürzte Name zu erkennen gibt, der „Electronic Numerical Integrator and Calculator“ lautet. ENIAC war mit 18.000 Elektronenröhren ausgestattet, die gesamte Konstruktion wog rund 30 Tonnen und nahm eine Standfläche von 140 m² ein. Die Maschine hätte also nicht annähernd in die Wohnung von 85 m² gepasst, in der ich aufgewachsen bin. ENIAC war 1000mal schneller als alle anderen Rechenmaschinen ihrer Zeit – auch im Vergleich zu dem berühmten Prototyp Z3 des Ingenieurs Konrad Zuse –, aber die stolzen 5000 Additionen und 300 Multiplikationen, die ENIAC pro Sekunde zustande brachte, lassen uns heute nicht einmal mehr milde lächeln, sondern nur noch traurig und mitleidvoll blicken, was natürlich unfair und unangemessen ist.
Wer ENIAC so spöttisch betrachtet, sollte sich fragen, was die rasante Entwicklung der Rechen- und Speicherkapazitäten bei gleichzeitiger erstaunlicher Miniaturisierung bis in unsere Tage hinein möglich gemacht hat. Wieso kann der kleine Laptop auf meinem schmalen Schreibtisch heute so unendlich viel mehr als das Riesending ENIAC damals in seinem großen Haus?
Eine Antwort liegt darin, dass die Aufgabe der sowohl voluminösen als auch reparaturanfälligen Elektronenröhren in den Rechenmaschinen durch Transistoren abgelöst werden konnte. Wer dieses Wort hört, nickt verständnisvoll, denn als in den späten 1950er Jahren die ersten Radioapparate auf den Markt kamen, die statt der schwerfälligen Röhren die soliden und leichten Transistoren benutzten, wurde das Wort eines Bauteils für das Ganze genommen, wie ich mich erinnere.
Was haben wir den Sohn des Gemüsehändlers bestaunt, der am Wichlinghauser Markt als erster ein Transistorradio sein eigen nannte und mit diesem Gerät – dem Transistor – nun besser und störungsfreier Musik empfangen konnte als die Söhne des Tabakhändlers gegenüber.
Transistoren haben die Nachkriegsgeschichte der Menschen durchgehend und stark beeinflusst, auch wenn viele Intellektuelle dies nicht bemerken. Erfunden worden ist dieses Wunderding im Dezember 1947, und zwar in den Bell Laboratorien in New York. Hier versuchten drei später mit dem Nobelpreis für ihr Fach ausgezeichnete Physiker – William Shockley, John Bardeen und Walter Brattain – systematisch zu erforschen, was in den Jahren des Zweiten Weltkriegs eher nebenbei beobachtet worden war, nämlich die Eigenschaften von Kristallen, die man Halbleiter nannte. Was in der Geschichte der Physik erst nur Langeweile hervorgerufen hatte – was sollte man auch mit Elementen wie Silizium und Germanium anfangen, die manchmal elektrischen Strom leiteten und manchmal nicht? –, war im Rahmen von Arbeiten zur Radartechnik in den Blickpunkt des Interesses gerückt. Hier benötigte man möglichst empfindliche Empfänger (Detektoren) für schwache Signale, und jemand erinnerte sich daran, dass Halbleiter genau dazu dienen konnten. Die Verwandlung vom Isolator zum Leiter setzt nämlich bei einigen Kristallen dieser Qualität höchst plötzlich ein, also schon bei geringsten Änderungen der äußeren Bedingungen, die man ja gerade erkunden wollte.
Nach ersten tastenden Bemühungen vor 1945 nahmen die – vom amerikanischen Militär finanzierten – Bell Laboratorien die Aufgabe systematisch in Angriff, und als das Jahr 1947 endete und 1948 begann, gab es den ersten Transistor, wobei die Bezeichnung ein englisches Kunstwort darstellt, das sich aus zwei Teilen zusammensetzt, aus Transfer (Übertragung) und Resistance (Widerstand). So ein „Übertragungswiderstand“ konnte – bei geeigneter Bauweise – Strom abblocken oder verstärken. Er lieferte nicht nur das, was eine alte Elektronenröhre konnte. Der neue Transistor tat dies besser und zuverlässiger, und er war darüber hinaus sehr viel kleiner und billiger herzustellen.
Was wollte man mehr? Mit diesen Qualitäten dauerte es nicht lange, bis der Siegeszug der Transistoren einsetzte, die es bereits 1951 in Hörgeräten gab und mit denen seit 1958 die integrierten Schaltkreise gezimmert werden, die wir als Mikrochips kennen und nutzen. Im Jahre 2002 wurden rund eine Trillion Transistoren produziert, was man zwar als tausend Billiarden, also millionen Billionen oder milliarden Milliarden umbenennen kann, was aber trotzdem – mit seinem Kometenschweif von Nullen – unbegreiflich groß bleibt und denjenigen zu einer überraschenden Einsicht führt, der ausrechnet, wie viele Transistoren man pro Sekunden herstellen muss, um diese immense Menge zu erreichen.
Übrigens – wer im Detail verstehen will, wie Halbleiter zu Transistoren zusammengesetzt werden, ist gut beraten, sich ganz allgemein die Frage zu stellen, wie die Physik die Leitfähigkeit oder das Gegenteil (die Isolierfähigkeit) von Metallen und anderen Materialien versteht.
Mehr zum Transistor
Ein Transistor funktioniert als elektronisches Bauelement, das einen Schaltvorgang erlaubt, der nicht von Hand, sondern mit elektrischer Hilfe durchgeführt wird. Er besteht zum Beispiel aus drei Schichten, in denen Halbleiter zusammentreffen, die unterschiedlich dotiert sind, wie man sagt. Dotieren heißt, dass einem Halbleiter wie Silizium ein anderes Element – etwa Phosphor – beigegeben wird. Da Siliziumatome mit vier Außenelektronen eines weniger haben als Phosphor, kann das fünfte Phosporelektron sich gut bewegen. Man spricht bei dieser Kombination wegen der negativen Ladung von Elektronen von einem „n-dotierten“ Halbleiter und unterscheidet sie von ihren „p-dotierten“ Gegenstücken, bei denen dem Silizium ein Element mit drei Außenelektronen – zum Beispiel Aluminium – beigemischt worden ist. Hierdurch entstehen Löcher, die anders als die Elektronen wie eine positive (daher das p) Ladung agieren und beweglich sind. Wenn jetzt n-dotiertes Silizium erst mit dem p-dotierten Halbleiter und dann erneut mit einer n-dotierten Schicht zusammengebracht wird und so ein „npn-Bausatz“ entsteht, hält man das analoge Stück in Händen, das als Triode in den frühen Elektronenröhren seinen Dienst tat, indem sie den fließenden Strom nach Wunsch steuern – anhalten oder verstärken – konnte. Die Halbleiterkombination – der npn-Transistor – ist nur wesentlich zuverlässiger und kann extrem viel kleiner gehalten werden.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts glaubte man noch, dazu genüge es, die Atome regelmäßig als Gitter anzuordnen und es einigen ihrer Elektronen zu erlauben, sich innerhalb dieses Strukturrahmens frei – als eine Art Elektronenwolke – zu bewegen.
Dieses hübsche Bild taugt leider nicht viel. Wie die Geschichte der Physik zeigt, kann nur derjenige sinnvolle Auskünfte über die Leitmechanismen von festen Körpern – Kristallen aus Halbleitern zum Beispiel – geben, der sich auf die grundlegende Theorie der Physik namens Quantenmechanik einlässt. Mit deren Hilfe gelingt es, ein Konzept mit dem anschaulichen Namen „Leitungsband“ erst zu ersinnen und dann zu präzisieren. In solchen Leitungsbändern können Elektronen mit geeigneter Energie einen Festkörper durcheilen und dabei zu dem Strom werden, auf den es ankommt.
Die eben skizzierte Idee der Dotierung von Halbleitern, ohne die es keine Transistoren geben kann, kann nur jemand haben, der die moderne Physik beherrscht und versteht, wie sie die elektrische Leitfähigkeit von Stoffen wie Metallen erklärt. Dies gelingt in einem sogenannten „Bändermodell“. Unter einem Bändermodell versteht man die Idee, dass Elektronen in Festkörpern (Kristallen) sogenannten Bändern zugeordnet werden können, und zwar abhängig von ihrer Energie. Dabei lässt sich ein Band mit hoher von einem Band mit geringer Energie unterscheiden. Die beiden heißen in der Fachwelt Leitungsband bzw. Valenzband, wobei der erste Name leichter verständlich ist. Wenn sich nämlich Elektronen im Leitungsband befinden, können sie sich bewegen, und somit leitet der Festkörper Strom, sonst nicht. Zwischen den Bändern können Elektronen nicht existieren.
Ein Metall (wie Kupfer) ist nun dadurch charakterisiert, dass Elektronen leicht aus dem Valenzband, das ihrem gebundenen Grundzustand entspricht, in das Leitungsband springen können, das ihrem beweglichen angeregten Zustand entspricht. Bei einem Isolator (wie Glas) ist die Lücke zu groß, um unter normalen Umständen überwunden zu werden. So halten sich die Elektronen überwiegend im Valenzband auf. Zwischen diesen beiden genannten Festkörperarten stehen die sogenannten Halbleiter, deren Name korrekt ausdrückt, was sie können, nämlich manchmal einen Strom leiten und manchmal nicht. Bei ihnen hängt die Lücke – die Größe des Quantensprungs – zwischen Leitungs- und Valenzband stark von äußeren Bedingungen (etwa der Temperatur) ab, was zunächst eher störend wirkte, bis man bemerkte, dass diese Flexibilität im Gegenteil einen Glücksfall darstellte, der bald genutzt werden konnte – vor allem in den Transistoren.
Diese Skizzen sind nicht der Ort, das Entstehen und Verstehen solcher Leitungsbänder genauer zu erfassen, als es in dem obigen Kasten passiert ist. Hier soll und muss aber darauf hingewiesen werden, dass auch die drei Erfinder des Transistors sich bei ihren Bemühungen an der Quantenmechanik zu orientieren hatten. Ohne diese neuartige Wissenschaft ging gar nichts!
Im 18. Jahrhundert hatte noch jemand eine Dampfmaschine konstruieren und im 19. Jahrhundert noch jemand eine Eisenbahn bauen können, ohne die Gesetze der Thermodynamik zu kennen oder zur Verfügung zu haben. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging dies nicht mehr.
Jetzt reichte es nicht, etwas zu wollen, jetzt musste man zunächst etwas wissen, um etwas grundlegend Neues bauen oder konstruieren zu können, wie die Erfindung des Transistors zeigt. Wer dieses erste kleine Beispiel in einen großen Trend umwandeln will, könnte sagen, dass sich hier die Transformation zu erkennen gibt, die heute als ausgemacht und zukunftsweisend gilt, nämlich die Wandlung einer Industrie- in eine Wissensgesellschaft.
Merkwürdigerweise kümmern sich die Soziologen und Historiker, die diese Trends beschreiben, nicht im Geringsten um die wissenschaftliche Basis des Geschehens, so dass sie in meinen Augen gar nicht oder nur oberflächlich wissen, wovon sie reden.
Die Entzauberung der Welt findet nicht statt
Zu den vielen Irrtümern, die sich in gelehrten Kreisen über die Naturwissenschaften halten, gehört die Idee, dass es dank ihrer Erklärungen – etwa von Bremsmechanismen in Eisenbahnen oder des Abhebens von Flugzeugen – zu einer Entzauberung der Welt kommt, wie es der berühmte Soziologe Max Weber zum ersten Mal 1917 ausgedrückt hat. Selbst wer nicht versteht, wie ein Transistor funktioniert, weiß doch, dass er dies nachlesen oder nachfragen kann. So denkt man jedenfalls, ohne zu merken, wie falsch dies ist.
Wer zum Beispiel konkret wissen will, wie ein Transistor seine Aufgabe erfüllt, wird zwar von einem Fachmann etwas von Halbleitern hören, die geeignet dotiert sein müssen, was alles noch einfach klingt und zumindest dem Experten vertraut ist. Wenn der aber weiter erzählt, kommt irgendwann der Hinweis, dass Kristalle aus Halbleitern deshalb zu Transistoren werden können, weil in ihnen für die Abwesenheit von Elektronen an bestimmten Stellen gesorgt werden kann.
Die Physiker sprechen von Löchern, die sich bewegen können, und an dieser Stelle wird es auch für den Fachmann undurchschaubar. Er kann immer noch berechnen, was in seinem Kristall passiert, aber das Loch kann nicht ein Nichts sein. Es muss ein Etwas sein, an dem die Physik noch herumrätselt, was zum einen schön für die Wissenschaftler ist, die nicht arbeitslos werden, was aber zum zweiten zeigt, wie sehr sich Weber mit seiner Entzauberung irrt.
Der wissenschaftliche Zugriff zu einem rätselhaften Phänomen lässt das Mysterium nicht verschwinden, er steigert vielmehr das Geheimnisvolle. Die Erklärung – etwa mit dem Löchern in den Halbleitern – ist wundersamer als das Phänomen. Wissenschaft entzaubert die Welt nicht. Sie verzaubert sie vielmehr durch ihre Erklärung. Und das kann Menschen nur gefallen.)
Wer in einer Wissensgesellschaft etwas erreichen will, muss nicht nur mit den Händen etwas leisten, er muss auch etwas wissen, und wer sich heute gebildet nennt, sollte nicht nur dies wissen, sondern auch davon eine Ahnung haben, was die Menschen wissen mussten, denen wir die Erfindungen verdanken, die zu unserem Leben und zu unserer Geschichte gehören. Gemeint ist zum Beispiel so etwas wie die Quantenmechanik, die nur scheinbar nichts mit unserem täglichen Leben zu tun hat, während sie uns tatsächlich dauernd bedient.
Sehr viele Arbeitsplätze hängen höchst konkret davon ab, dass diese Theorie der Physik funktioniert und entwickelt werden konnte. Wie wäre es, wenn Jobs im Management nur dann angetreten werden dürften, wenn jemand wenigstens ungefähr weiß, wie diese Theorie der Physik funktioniert und zustande gekommen ist? Angebote – im Sinne von Büchern – gibt es genug. In ihnen kann man auch lernen, dass es unsinnig ist, Quantensprünge zu versprechen. Sie sind das Kleinste, was die Natur anzubieten hat, und gehen meist in einen Grundzustand über, in dem dann nichts weiter passiert.
Eine Welt voller Informationen
„Der Krieg ist Vater aller Dinge“, soll der als merkwürdig dunkel bekannte Philosoph der Antike namens Heraklit gesagt haben, und die Nähe zum Zweiten Weltkrieg gibt uns die Gelegenheit, diese Behauptung empirisch zu prüfen. Bei den Transistoren haben wir dabei schon Glück gehabt, und beim nächsten Thema wird dies noch deutlicher. Es geht um eine neue Wissenschaft namens „Kybernetik“, die durch das Erscheinen eines Buches mit diesem Titel im Jahre 1948 begründet wurde.
Geschrieben hat das Buch der am berühmten Massachusetts Institute for Technology (MIT) in Boston tätige amerikanische Mathematiker Norbert Wiener, der in den frühen 1940er Jahren mit der Frage beschäftigt gewesen war, wie man eine Rakete sicher ihrem Ziel zuführen könne. Seine inzwischen eher als banal geltende, damals aber grundlegende Idee kennt man heute als „Rückkopplung“ oder mittlerweile auch bei uns mit dem englischen Originalwort „Feedback“. Damit ist gemeint, dass etwas, das mit einem Ziel unterwegs ist und betrieben wird, prüft oder prüfen lässt, ob und wie nahe es dem Ziel gekommen ist, um danach den weiteren Verlauf des Vorgehens einzustellen bzw. zu regeln. Das klassische Beispiel aus dem Haushalt ist der Thermostat, der zum Beispiel auf 20 Grad eingestellt ist und die Heizung ein- oder abschaltet, je nachdem, ob die Temperaturmessung einen tieferen oder einen höheren als den gewünschten Wert anzeigt.
Kybernetik – gebildet nach dem griechischen Wort für Steuermann – handelt von den Regelungsmechanismen sowohl in Organismen als auch in Maschinen. Durch deren Erkundung und Anwendung konnte ein neuer Begriff als ein unverbrauchter Gedanke sowohl in die Wissenschaft als auch in den Alltag gelangen, ohne den zu leben wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Gemeint ist die Idee der Information, mit der wir heute so umgehen, als ob es sie immer schon gegeben hätte.
Wir wissen längst, wie sie zu messen ist, wenn wir lässig die Megabits oder Gigabytes unserer Festplatten auf dem Laptop erwähnen oder unseren iPod auswählen. Wir verhalten uns bei der Information so, als ob wir von Äpfeln und Birnen sprächen, also von Dingen, die es einfach gibt und für die man nur einen Namen braucht. Vielleicht stimmt das ja auch, und möglicherweise werden wir viele Aspekte der Realität erst dann durchgreifend verstehen, wenn die grundlegende Wissenschaft von der äußeren Wirklichkeit, die Physik, die Information zu ihrer zentralen Variablen macht – woran sie inzwischen zwar arbeitet, worauf wir aber noch warten.
Erste Anfänge in dieser Richtung fallen in das Jahr 1948, als der ebenfalls an den Bell Laboratorien tätige Mathematiker Claude Shannon verstehen wollte, wie die Übertragung von Nachrichten erst besser erklärt und dann besser bewerkstelligt werden könne. Um definieren und messen zu können, was „besser“ heißt, schlug Shannon vor, alle Zeichen in binärer Form darzustellen – also als Folge von 0 und 1 – und die Information einer solchen Zahlengruppe durch die Menge der benötigten Stellen festzulegen. Er sprach von „binary digits“, was als Bit abgekürzt wurde und Einzug in den Alltag der Menschen und deren Sprache hielt.
Die Idee mit der binären – zweiwertigen – Darstellung ist uralter Stoff für Mathematiker und war immer schon für den Bau von Rechenmaschinen im Gespräch. Bereits im 17. Jahrhundert hat der große Leibniz über binäre Codes nachgedacht, was hier nicht näher ausgeführt werden kann und nur den Hinweis ermöglicht, dass Shannons Idee nicht vom Himmel gefallen ist, sondern der Wissenschaftsgeschichte entstammt, die – wie erneut und gerne betont wird – zur Kenntnis zu nehmen sich mindestens ebenso lohnt wie die Niederlagen Napoleons, die Schlesischen Kriege der Preußen gegen die Österreicher oder andere militärische Aktionen von sich stark fühlenden Fürsten und höheren Rängen.
Zu den Entwicklungen der Wissenschaft im Verlauf der 1950er Jahre gehört übrigens nicht nur die rasante Verbesserung von Rechenmaschinen gegenüber den Vorkriegsmodellen, sondern auch der Mut, das Können dieser Apparate mit den Fähigkeiten des menschlichen Gehirns zu vergleichen. Der britische Mathematiker Alan Turing fragte 1950, ob und wie man einen Menschen von einem Computer unterscheiden könne, wenn man beide Fragen stellt und die Antworten schriftlich („als Ausdruck auf einem Blatt Papier“) entgegennimmt. Wenn wir dabei beide verwechseln, dann müssen wir – so Turing – einräumen, dass Maschinen über Geist verfügen und folglich denken.
Was ist Leben?
Wenn sich etwas Grundlegendes und Maßgebliches in der Wissenschaft zeigt – wie etwa das Auftauchen der Information in den späten 1940er Jahren –, dann setzen viele Menschen und Gemeinschaften dies nicht nur in relevante und prägende Techniken um – Regelsysteme, Rechenanlagen, Kommunikationsgeräte, Computerprogramme und sehr vieles mehr. Oft ändert sich dann auch der Blick auf und in völlig andere Bereiche des Forschens und Erkundens, und diese Neuorientierung erfasste nach 1945 die Biologie, also die Wissenschaft vom Leben.
Nachdem die Botaniker und Zoologen und ihre Kollegen aus den Naturkundemuseen über Jahrhunderte hin fein und vorsichtig die Vielfalt des Lebens beschrieben, benannt und katalogisiert hatten, ohne auch nur das Geringste davon zu verstehen, tauchten in den 1930er Jahren die ersten Physiker und Chemiker auf, die genauer wissen wollten, welche Molekülsorten in Zellen gebraucht werden, wie diese Lebensbausteine aufgebaut sind und ob man erklären könne, was sie gleichzeitig stabil für das Individuum und dynamisch für die Evolution macht. Als neuen Namen für dieses Erkunden des Lebens wählten sie „Molekularbiologie“. Das war noch vor dem Zweiten Weltkrieg, der dann aber allen Bioschwung dämpfte. Das Militär war mehr an Maschinen als an Molekülen interessiert, und so lenkte man das Interesse der Menschen auf die benötigten Waffensysteme um.
Das heißt, eine genetische Forschung – also das wissenschaftliche Bemühen um das Erbmaterial, das man inzwischen Gene nannte – lief auf Sparflamme weiter. Dabei brachte sie bis 1945 mindestens zwei trag- und ausbaubare Ergebnisse zustande. Eines besagt, dass sich bei Genen immer ein Stoff finden lässt, den die Chemiker seit dem 19. Jahrhundert als Nukleinsäuren kennen, und zwar genauer die Sorte, die mit den drei Buchstaben DNA abgekürzt wird, hinter denen die englische Variante des komplizierten Ausdrucks Desoxyribonukleinsäure steckt. Bis heute ist daraus die berühmteste Abkürzung der Wissenschaft geworden, und zwar deshalb, weil 1953 – in dem Jahr, in dem Stalin starb und Elisabeth II. Königin von England wurde – erkannt wurde, wie herrlich gebaut diese DNA ist, nämlich als Doppelhelix mit einer langen Folge von Bausteinen in der Mitte, in der die genetische Information des Lebens steckt.
Damit ist das entscheidende Wort gefallen, ohne dass die moderne Biologie unverständlich bleibt. Sie hat es sich in derselben Zeit einverleibt, in der Wiener die Kybernetik der rückgekoppelten Maschinen entwarf und Shannon deren Kommunikation auslotete. Der Biologie gelingt dieser Schritt mit dem zweiten erweiterbaren Ergebnis, das oben angesprochen worden ist und mit dem wir das Büchlein eines Nobelpreisträgers für Physik meinen, der sich 1945 darin zu der Frage „Was ist Leben?“ äußerte.
Gemeint ist der aus Österreich stammende und damals im irischen Exil lebende Erwin Schrödinger, der die zentrale Aufgabe der Gene erkannte, Information zu enthalten und weiter zu geben, um den Ordnungszustand, den das Leben in einem Organismus erreicht hat, in der nächsten Generation wiederentstehen lassen zu können. Dieses bis heute immer wieder aufgelegte Büchlein wird zunächst nicht von vielen Biologen gelesen. Es erregt aber die Aufmerksamkeit derjenigen, die in den kommenden Jahren für den großen Triumph der jetzt exakt werdenden Molekularbiologie sorgen sollten – die bereits erwähnte Entdeckung der Doppelhelix aus der DNA.
Dieser Durchbruch basiert auf der merkwürdigen Kooperation des Briten Francis Crick und des Amerikaners James Watson, auf den wir uns hier konzentrieren. Seine Lektüre von „Was ist Leben?“ sagt ihm, dass er sich auf die Natur der Gene konzentrieren müsse, was genauer heißt, dass es die Struktur der DNA zu erkunden gilt. Das weiß Watson ganz sicher nach 1952, als die damals bereits alte Einsicht, die DNA gehöre zum Erbmaterial, durch die neue Erkenntnis erweitert wird, dass es mindestens eine Lebensform gibt, bei der ausschließlich DNA das Erbmaterial bildet.
Watson sucht – und findet – das Laboratorium, in dem erstens mit der DNA gearbeitet wird und zweitens Strukturbestimmungen möglich sind. Im Februar 1953 kennt man die Doppelhelix und ihren Trick. Sie speichert ihre Information als Kette von sogenannten „Basen“, die das Alphabet des Lebens ergeben, wie man bald sagt, weil sich jetzt das Biologische mit Informationen verstehen lässt – wie die Maschinen, die für Menschen rechnen und mit denen viele schreiben und im Internet surfen.
Es wird noch etwas dauern, bis die technische Entwicklung so weit ist. Es gilt zusätzlich, die Gefahr zu bedenken, die in dem Triumph der Information steckt, den sie gleichzeitig in Maschinen und in Menschen feiern kann. Die Gefahr liegt darin, andere Aspekte rasch und rücksichtslos von einem Feld in das andere zu übertragen. Sehr verbreitet ist zum Beispiel die Vorstellung, im Leben laufe, wenn es sich entwickelt und Formen annimmt, ein genetisches Programm ab. Schließlich müssen auch die Computer anständig programmiert werden, wenn sie funktionieren sollen. An dieser Stelle wird die Ansicht vertreten, dass es zwar überall Informationen gibt, dass sie aber nicht immer ein Programm ablaufen lassen. Im Leben jedenfalls ist es nicht so. Leben funktioniert nicht wie eine Maschine, es funktioniert eher wie ein Kunstwerk, das entworfen wird und das jeder selbst entwerfen kann – im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Frühe Formen der Interdisziplinarität
Zu den heute aktuellen Schlagwörtern zählt der Begriff der Interdisziplinarität, die vielfach gefordert (wenn auch wenig gefördert) wird. Hinter diesem Ausdruck steht die Erkenntnis, dass sich viele Probleme nicht nach den Disziplinen der Wissenschaft richten, sondern sich vielmehr die Disziplinen der Wissenschaft nach den Fragestellungen richten müssen, die sich ergeben.
Was so modern und neu klingt, ist tatsächlich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erst erfunden und dann angewendet worden, und zwar ohne eine große Werbekampagne, wie es heute auch in der Forschung vielfach üblich wird. In dem schon erwähnten Buch „Was ist Leben?“ weist Schrödinger bereits 1945 auf den Gegensatz zwischen einzelnen Disziplinen der Wissenschaft und dem „Streben nach einem ganzheitlichen, alles umfassenden Wissen“ hin, das die Menschen seit frühesten Zeiten auszeichne. Er hält es für die Pflicht der Forscher, immer wieder den Versuch zu unternehmen, „unser gesamtes Wissensgut zu einer Ganzheit zu verbinden“. Da er ihn selbst unternimmt, weiß er auch, welches Risiko ihn erwartet, wenn er mit „Wissen aus zweiter Hand“ umgeht. Das Risiko besteht darin, „sich lächerlich zu machen“. Doch dies gilt es auszuhalten. Diesen Mut verlangt Schrödinger von seinen Kollegen, die heute damit immer selbstbewusster auftreten.
Dabei hätte man gleich in den folgenden Jahren lernen können, wozu Interdisziplinarität in der Lage ist. Die Struktur der DNA, die Ikone der Doppelhelix, verdankt sich allein solch einer Kombination aus Beiträgen von Physikern, klassischen Chemikern, Biochemikern, Kristallographen, Bakteriologen und anderen. Wenn Watson und Crick der Vorwurf gemacht wird, sie hätten nur zusammengeklaubt, was andere hervorgebracht hätten, dann darf man antworten, dass das Geheimnis der Interdisziplinarität nicht darin besteht, alle Experimente selbst zu machen und alle Fakten selbst zu sammeln. Das Geheimnis besteht vielmehr darin, den Mut und die Geduld zu haben, auf die Daten und Ergebnisse zu warten, die dem Problem angemessen sind, um sie dann in einem Lösungsvorschlag vorzustellen. Dabei kann man sich blamieren, wie Watson und Crick vor ihrem Triumph höchst bitter erfahren mussten. Dabei kann man aber auch das große Los ziehen, wie sie es zuletzt erleben durften. Denn während die anderen weiter Einzelwissen anhäuften, wussten sie, wann es genügend Tatsachen gab, mit denen das Denken beginnen und neue Wege finden konnte.
Das 1950er Syndrom
Offenbar war und ging eine Menge los, als die Menschen den Zweiten Weltkrieg überstanden hatten, und zwar nicht nur in der Wissenschaft, wie oben angedeutet, sondern in der zivilisierten Welt überhaupt, wie die Historiker inzwischen konstatieren. Sie reden seit kurzem von den „langen fünfziger Jahren“ und meinen damit die Zeit zwischen 1949 und 1966, in der sich die Lebensweise Europas tief greifend änderte. „Niemals zuvor waren so viele Menschen innerhalb einer einzigen Generation so schnell so wohlhabend geworden, niemals zuvor hatten sich die Handlungsspielräume breiter Bevölkerungsschichten gleichsam über Nacht so stark erweitert wie in dem genannten Zeitraum“.
So hat der Umwelthistoriker Christian Pfister die 1950er Jahre einmal knapp beschrieben, in denen sich „Der kurze Traum immerwährender Prosperität“ breitmachte, wie es der Soziologe Burkart Lutz in einem 1984 erschienenen Buch genannt hat.
„Das 1950er Syndrom“ meint den in dieser Phase unserer Geschichte einsetzenden und bis heute ungebrochen anhaltenden Schub an Energieverbrauch, der zwar zum einen bald dafür sorgt, dass Westeuropa als Konsumgesellschaft mit den USA gleichzieht, der aber zum anderen auch durch die Akkumulation von Schadstoffen der Problematik den Boden bereitet, die wir heute endlich zu erfassen beginnen. Die lange Zeit als langweilig klassifizierten und als brav abgestempelten 1950er Jahre stellen wohl in aller Deutlichkeit das dar, was man als Epochenschwelle bezeichnen kann. Sie bilden eine scharfe Zäsur in Hinblick auf den Umgang der Menschen mit ihrer Natur, die sie bald „Umwelt“ nennen und die sie immer besser und durchgreifender zu nutzen lernen. Ich bin sicher, dass weder meine Eltern noch meine Lehrer diese Sichtweise verstanden hätten, wenn man sie ihnen damals näher gebracht hätte, um ihr Verhalten zu ändern. Sie hatten auch anderes zu tun, als an die Nachwelt zu denken. Sie kamen kaum mit der Gegenwart zurecht.
Keine Experimente
Im Verlauf der 1950er Jahre triumphierte und dominierte in der Politik die Christlich Demokratische Union, die 1957 unter der Führung von Bundeskanzler Konrad Adenauer sogar die absolute Mehrheit erhielt – sehr zum Ärger meiner Eltern, die treue Sozialdemokraten waren und geblieben sind (und dadurch auch meine frühen Sympathien beeinflussten). Der große Triumph Adenauers in den Wahlen von 1957, von dem der erste Nachtrag handelt, hat sicher mit seinen außenpolitischen Erfolgen – etwa der Aussöhnung mit Frankreich – und dem starken Aufblühen der Wirtschaft – dem legendären Wirtschaftswunder – zu tun. Die meisten Bürgerinnen und Bürger wollten, dass die CDU weiter regiere, und deren Führungsmannschaft kreierte den idealen Slogan für diesen Zweck: „Keine Experimente!“, so plakatierte Adenauers Partei und gewann haushoch.
Es ist schon komisch, wenn man bedenkt, wie ungeheuer realitätsfern dies in Wirklichkeit war. Denn was die Deutschen unter Führung der CDU einleiteten, war genau das Gegenteil, nämlich das größte Experiment ihrer Geschichte, dessen Ausgang noch offen ist.
Dies konnte damals natürlich niemand so wissen. Aber man kann daraus lernen, wie sehr es sich lohnt, aktuelle Gewissheiten zu prüfen. Welche von den derzeit als unfehlbar verkündeten Parolen könnte nicht so stimmig sein, wie es scheint? Wie falsch ist das, was Menschen in diesen Tagen vorgesetzt bekommen und goutieren und allein deshalb nicht bezweifeln, weil es ihnen gerade in den Kram passt?
Die künstliche Intelligenz
Ein weiteres großes Experiment der hier dargestellten Zeit erlaubt es, auf den eingangs erfundenen Transistor zurückzugreifen und so den Kreis des Kapitels zu schließen.
Als den oben genannten Erfindern im Jahre 1956 der Nobelpreis für Physik verliehen wurde, prägte die Gilde der Wissenschaftler, die sich den langsam leistungsfähig werdenden Rechenautomaten zuwandte und mit ihnen mehr als nur riesige Zahlen verarbeiten wollte, für ihr Arbeitsfeld den Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ („artificial intelligence“), der sofort akzeptiert und verbreitet wurde. Die Vertreter der KI, wie man bald nur noch zu sagen brauchte, waren sicher, jede Eigenschaft des Lernens und Denkens mit ihren Apparaten simulieren und auf diese Weise die menschliche Intelligenz bald hinter sich lassen zu können.
Natürlich ist eine Menge auf dem Sektor gelungen, aber so weit, wie eben angedeutet, ist es nicht gekommen. Die Versprechen der KI sind geblieben, was sie waren, nämlich Versprechen. Und inzwischen meinen viele Experten sogar, dafür den Grund zu kennen: Menschen wissen mehr, als sie berechnen können. Neben der Rationalität steht ihnen noch das Gefühl zur Verfügung, das es wieder zu entdecken gilt, und mir scheint, viele Zeitgenossen sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf dem Weg dazu. Es ist längst selbstverständlich geworden, dass Manager aus dem Bauch heraus ihre Entscheidungen treffen – selbst über hohe Investitionssummen. Sie scheinen damit klüger zu handeln und häufig recht zu behalten. Vielleicht können viele Menschen es auf ihren Gebieten ihnen gleichtun. Es fehlt vielleicht nur der Mut, sich dazu zu bekennen, ohne die jeweiligen rationalen Argumente zu vernachlässigen. Wer weiß, was kommt?
Das zweite Jahrzehnt (1957–1966)
Schulzeit
Aus meinem Familienleben
Der Wechsel zum Gymnasium bereitete Mühe. Zum einen sah mein Vater nicht ein, dass man das Abitur brauche, um in der Stadtverwaltung zu arbeiten – das hatte er für mich vorgesehen, wobei ihn der Gedanke leitete, dass ich ihm dann schneller Bescheid geben könnte, an welchem Ort die nächste Bushaltestelle geplant würde, so dass er dort zeitig einen weiteren Kiosk errichten könne. Und zum zweiten fiel in meinem vierten Volksschuljahr sehr viel Unterricht aus. Zwar trällerten wir jeden Morgen müde und murrend Lieder aus dem Gesangbuch, doch beim Rechnen kamen wir kaum weiter. Wir verstanden selbst einfache Dinge nicht, wie sich zeigte, als eines Tages Lotterielose verteilt wurden. „Jedes siebte Los gewinnt“, verkündete unser Fräulein Lehrerin, was ihre Schüler dazu brachte, sich genau um das erste dieser Lose – das siebte – zu prügeln.
Wie konnte sie ihren mehr als 40 Schülerinnen und Schülern auch das kleine und das große Einmaleins beibringen, wenn einige von ihnen einfach nicht kapierten, dass zwar 9 plus 4 zusammen 13 macht, deshalb aber 19 plus 4 nicht 113 ergibt. Wir hatten ein paar Knaben in der Klasse, die Karl Valentins Witz ganz ernst meinten und aus 1 und 1 nicht 2, sondern 11 machten. Das war doch mehr und also gut. Damit war unser Fräulein überfordert, während der eigentlich für uns vorgesehene Lehrer nach einem Autounfall im Krankenhaus lag und erst kurz vor Ende des Schuljahres helfen konnte, als es Richtung Gymnasium gehen sollte.
Das zuerst genannte Hindernis auf dem Weg dorthin räumte ein Onkel beiseite, der seine eigenen Kinder zur Höheren Schule schickte, und das zweite erledigte sich durch einen offiziellen Schulbrief, den ich für die damals noch stattfindenden Überwechselprüfungen mit auf den Weg bekam und in dem die Schulleitung aufzählte, was mir so alles fehlte. Der Onkel war zudem wichtig, weil seine Wohnung über ein Badezimmer mit Dusche verfügte, die wir freitags benutzen durften. Und während seine Frau meinen Bruder und mich einseifte, überredete der Onkel meinen Vater, uns auf das Carl-Duisberg-Gymnasium in Barmen zu schicken, das für die nächsten Jahre mein Lebensmittelpunkt wurde.
Dort ging es mir zunächst eher schlecht. Zwar hatte ich mich (siehe oben) offiziell durch die Aufnahmeprüfung mogeln können – und zwar als einziger aus meiner Volksschulklasse, was meine Mutter stolz und mich einsam machte –, aber die Wissenslücken bestanden ja nach wie vor. Der Star, der ich in meiner alten Umgebung gewesen war, mutierte bald zum Depp, der mit jedem Tag und jedem Fach mehr Probleme bekam – bis die Lehrer endlich ein Einsehen hatten und ihm in Deutsch und Englisch die schlechten Noten gaben, die ihn sitzen ließen und zu einer Ehrenrunde verdonnerten, wie es damals hieß. Im Jahre 1961 durfte ich die Klasse, die in meinen Tagen noch Untertertia hieß – die achte insgesamt und die vierte auf dem Gymnasium –, wiederholen. In meinem Schülerleben konnte mir nichts Besseres passieren – und zwar aus mehreren Gründen:
Zum einen verstand ich in der neuen Klasse plötzlich etwas von dem Stoff, den ich bislang nur hechelnd bewältigt hatte, was mir eine merkwürdige innere Freude gab; zum zweiten gefielen mir die zum Teil richtig guten Noten, die damit möglich wurden und mit denen ich zufrieden nach Hause und ins Fußballspiel am Wochenende gehen konnte, was mir das dazugehörige äußere Vergnügen bereitete. Aber am wichtigsten war der dritte Grund, und er trug sogar einen Namen. Er hieß Heinrich Hahne, und das war der Lehrer, den ich für die kommenden sechs Jahre bis zum Abitur behalten sollte. Zwar habe ich ihn wegen einiger seiner Marotten oft verflucht – er hielt es zum Beispiel für überflüssig, eine Doppelstunde durch eine Pause zu unterbrechen – und eine Zeit lang ziemlich unter ihm gelitten, aber auf lange Sicht gesehen hat er mir mehr und sehr geholfen.
Der Weg zu den Büchern
Als ich dem Oberstudienrat Dr. Hahne, einem promovierten Philosophen, begegnete, war ich bereits konfirmiert, wobei ich diese Tatsache deshalb erwähne, weil ich dabei einen Pfarrer namens Wilhelm Burkert kennen gelernt hatte, an dem niemand das innere Feuer – das Leuchten der Seele – übersehen konnte, das seine Person auszeichnete und das er offensichtlich seinem Glauben und dem dazugehörigen Gottvertrauen verdankte. Er strahlte jedes Mal über das ganze Gesicht, wenn er die Bibel öffnete, wenn er also „den Text aufschlug“, wie er uns mit weit geöffneten Augen verkündete.
Natürlich machten es mir die aus der Familie kommenden und dank der halbstarken Pubertät eher noch höher werdenden Hindernisse schwer, mich ihm und seinen Worten rückhaltlos zu öffnen. Seinen zugleich bittenden und festen Blick, mit dem er mich bei der Konfirmation ansah, konnte ich damals ebenso wenig vergessen wie den Spruch, den er für mich aus diesem Anlass ausgewählt hatte: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht“, höre ich heute noch den Pfarrer Burkert sagen, und ich spürte vielleicht in diesem Augenblick zum ersten Mal, dass mein Leben so etwas wie einen Eigenwert bekommen konnte. So möchte ich es jedenfalls im Rückblick ausdrücken, obwohl mir damals sicher (auch ganz) andere Gedanken durch den Kopf gingen.
Das innere Feuer des Pfarrers spürte ich bald wieder bei dem neuen Deutschlehrer, nur dass es bei ihm um andere Texte und Schriften ging. Der Anfang mit Dr. Hahne gestaltete sich allerdings schwierig, wie sich beim ersten Klassenaufsatz zeigte, der eines Tages fällig war – eine Nacherzählung von Goethes „Zauberlehrling“. Mein Text wurde erstens nicht gut benotet und zweitens zudem noch öffentlich kritisiert. Der Lehrer machte das oft und sicher nicht in der Absicht, jemanden lächerlich zu machen. Er wollte vielmehr dem Betroffenen und dessen Mitschülern helfen, die aufgezeigten Fehler nicht nur beim nächsten, sondern jedes weitere Mal zu meiden.
Ich erinnere mich noch, wie er zunächst meinen letzten Satz vorlas, der mit den Worten begann: „Zusammengefasst kann man sagen“, und dann die Klasse fragte, was daran nicht stimme. Nach einigem Schweigen gab er selbst die Antwort: „Zusammenfassend kann man sagen“, muss es heißen, wie er bald mit Hinweisen auf Aktiv- und Passivformen erläuterte und wie mir seitdem ebenso fest und unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist wie die folgende Analyse meiner Wortwahl, die einen eindeutigen Schluss erbrachte. Ich schriebe so, wie die Sportreporter tönten, die am Wochenende im Radio zu hören waren, wie mein Lehrer meinte. Bei mir schien der Besen des Hexenmeisters um olympische Ehren oder die deutsche Meisterschaft im Wasserschöpfen zu kämpfen. Mit dieser Sprache käme ich nicht weiter – jedenfalls nicht auf dem Carl-Duisberg-Gymnasium, und nicht, solange er den Deutschunterricht erteilte, und sehr wahrscheinlich auch nicht im Leben (außer in den Medien selbst – möglicherweise).
„Was für Bücher liest Du denn?“, fragte er plötzlich, und da stand ich mit meinem Briefratgeber und Fritz Walter dumm da. Ich erinnerte mich noch an einen Volksschullehrer, der sich damit gebrüstet hatte, alle Bände von Karl May zu kennen, was mich dazu gebracht hatte, den „Schatz im Silbersee“ in der Stadtbücherei auszuleihen, aber damit kam ich auch nicht weiter. „Und welche Zeitungen schaust Du an?“, lautete die nächste Frage des Lehrers, die mich ebenso verlegen machte. Da gab es ein Sportmagazin – den „Kicker“ – und die „Hörzu“, die meine Eltern konsultierten, um unter anderem zu wissen, wann Willy Millowitsch oder Peter Frankenfeld im Fernsehen auftraten. Ich merkte, wie sich der Lehrer wand und wunderte und mich schließlich bat, in der Pause zu ihm zu kommen. Dann fuhr er mit dem Besprechen anderer Aufsätze fort.
Bei unserem Treffen auf dem Schulhof erläuterte er mir, wie wichtig das sei, was man neben den Schulsachen liest, und er empfahl mir dringend, weg von den Sportnachrichten und den bunten Bildchen der Illustrierten zu kommen und mit sinnvoller Lektüre zu beginnen. Da gebe es doch Kurzgeschichten von Heinrich Böll, Miniaturen von Wolfgang Borchert oder Hörspiele von Günter Eich. Er könne mir einige Bände leihen – wenn ich das wollte.
Ich wollte, fand das gut und auf diese Weise einen neuen Zugang zur Sprache – wenn ich das so hochtrabend sagen darf. Kurzum, ich bekam Freude an Büchern. Jetzt blieb nur die Frage, wann ich mir selbst welche würde anschaffen können, doch die beantwortete sich bald. In der neuen Klasse waren meine vorher bereits fast befriedigenden Noten in Mathematik ziemlich gut geworden. Das trug mir die Nachfrage ein, ob ich nicht Nachhilfeunterricht in dem Fach geben wollte, was ich dann auch tat. Mit Anweisungen zu Prozentrechnungen und Dreieckskonstruktionen verdiente ich mein erstes Geld, und mit ihm betrat ich irgendwann im Jahre 1962 vorsichtig einen Buchladen.
Nach einigem mehr oder weniger orientierungslosen Herumsuchen fand ich bei den Neuerscheinungen ein dunkelblau gehaltenes Buch mit dem Titel „Mein Weltbild“, das von Albert Einstein geschrieben worden war und kurze Texte des berühmten Physikers enthielt. Das konnte nicht falsch sein. Erstens hatte mein Lehrer uns schon von Einstein etwas erzählt und ihn als einen der drei großen Denker der Neuzeit neben Sigmund Freud und Karl Marx gestellt, und zweitens gefiel mir Physik besser als Seelenkunde oder Kapitalismuskritik. Ich griff also zu und öffnete Einsteins Buch. Mit Anfängerglück fiel mein Blick auf einen Satz auf Seite 47: „Töten im Krieg ist nach meiner Auffassung um nichts besser als gewöhnlicher Mord.“ Ich war elektrisiert und kaufte mein erstes Buch, was viele Folgen hatte, von denen zwei erzählt werden sollen.
Die erste kommt direkt durch den eben zitierten Satz mit seinem ausdrücklichen Pazifismus zustande, der in den folgenden Jahren in mich einsank und mir Mut machte, den Antrag auf Verweigerung des Wehr- oder Kriegsdienstes zu stellen (noch bevor dies am Ende der 1960er Jahre zur Mode und ziemlich billig wurde). Mit Einstein überraschte ich die Prüfungskommission, die mich 1966 zwar stundenlang ausquetschte, mir zuletzt aber die Gewissensnöte abnahm und den gewünschten Status zuerkannte.
Die zweite hängt mit der verbleibenden Lektüre von Einsteins Texten zusammen, die natürlich irgendwann auch von Physik handelten, genauer gesagt von seiner Relativitätstheorie. Sie bereitete mir Schwierigkeiten, was mir die Gelegenheit gab, meinen Physiklehrer um Auskunft zu bitten. Zu meiner Überraschung zeigte er sich nicht erfreut über den interessierten Schüler. Er wimmelte ihn im Gegenteil ab und stimmte nur aufgrund meines Drängelns einem Treffen für den nächsten Tag zu. Dabei malte er mit großem Schwung die Tafel voller Formeln, die ich heute als „Lorentztransformation“ erkennen würde. Ich verstand zwar jetzt immer noch nichts von der Physik, aber ich begriff dafür sehr genau, dass der Lehrer da vorne erstens auch nichts kapierte, dass er zweitens seinen Schüler auf diese Weise betrog und dass drittens offenbar die wahre und wirkliche Physik etwas anderes war als die Physik, die er uns auf der Schule vorführte. Was lag da näher, als dieses geheimnisvoll bleibende Fach zu studieren, was ich dann nach dem Abitur auch tat.
Mittelstufe
Ende 1963 wurde John F. Kennedy erschossen. Es war an einem Freitag, und ich hörte davon spät am Abend. Für den Samstag war ein Klassenaufsatz geplant, den der Deutschlehrer – Herr Hahne – aber absagte und verschob. Stattdessen erörterten wir Schüler mit ihm Kennedys Satz: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, frage lieber, was Du für Dein Land tun kannst.“ Daraus wurde dann das Thema des Klassenaufsatzes, den wir in der Woche danach schrieben, wobei dieses Beispiel das Prinzip unseres Lehrers zeigt: Aufsätze lässt man nur schreiben, wenn den Schülern dazu genügend Stoff angeboten worden ist. Er wetterte gegen die damals weit verbreitete Art seiner Kollegen, die im Unterricht ein paar Gedichte – etwa von Schiller – lasen und dann Aufsätze über politisch aktuelle Themen schreiben ließen – etwa die Kubakrise von 1962 –, nur weil die Zeitungen gerade davon voll waren und einige Lehrer gerne ihre Meinungen verbreiteten und der Ansicht waren, dass sie ihren Schülern am besten helfen könnten, wenn diese möglichst früh anfingen, sich zu politischen Themen zu äußern.
Über diese Konfrontation der USA und der UdSSR mit der dazugehörigen Bedrohung des Weltfriedens hatten wir natürlich auch etwas gehört, aber der Lehrer zog die Thematik auf unser Niveau herunter. Er fragte – seinen spöttischen Blick auf mich gerichtet –, wie die Amerikaner überhaupt herausgefunden hätten, dass da Russen auf Kuba seien. Die Ratlosigkeit der Klasse löste er durch ein Bild aus der Zeitung auf. Auf ihm war ein Fußballplatz zu sehen, den jemand auf der Zuckerinsel angelegt (und jemand anders fotografiert) hatte. Er war verräterisch, denn „Kubaner spielen nicht Fußball“, wie unser Lehrer erklärte, „das tun aber Russen“, wie jemand im Pentagon nicht nur bemerkt, sondern auch gemeldet hatte.
Ich besorgte mir – von meinem selbstverdienten Geld – die Zeitung und bewunderte beim Lesen die Zusammenhänge und die Tatsachen, die sich auf diese Weise erschließen ließen. Man konnte so nachmittags beginnen, von der großen weiten Welt zu träumen, wurde aber noch vor dem Abendessen gleich wieder nach Wuppertal zurückgeholt, als der Duft dieser Welt akustisch aus dem Fernsehapparat kam. Eine Zigarettenmarke – Peter Stuyvesandt – wollte das so. Das Unternehmen blies seine Botschaft dröhnend durch die privaten Räume. Dabei entstand im pubertierenden Knaben mit seinem pickelübersäten Gesicht allerdings kein Jubel, sondern nur das unangenehme Gefühl für einen bedrückenden Zwiespalt – das Versprechen der heroischen Musik und der lockenden Fernsehbilder von New York und San Francisco passte nicht zur Winzigkeit des Wohnzimmers, in dem man mit seinen bemühten Eltern hockte, die bestenfalls einmal im Jahr am Wochenende Ausflüge an die Mosel oder einmal sogar in den Schwarzwald unternehmen konnten (was dem Automobil, einem stinkenden und knatternden Zweitakter, nicht gut bekommen ist).
Immerhin kam man in diese Gegenden, was den Knaben freute, der sich dabei ein Fahrrad leihen durfte und mit ihm praktische Physik treiben wollte. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine gerade Linie, hatte er in der Mathematikstunde gelernt, und die geraden Linien lagen auf der Straße. Man nannte sie Straßenbahnschienen, und als ich merkte, dass die Reifen meines Rades dünn genug waren, um dort hineinzupassen, wollte ich den mathematischen Lehrsatz in der physikalischen Wirklichkeit ausprobieren.
Das Experiment führte in den Ferien zu einem schlimmen Sturz und danach zu einer weiteren Frage an den Physiklehrer, nämlich warum man nicht so mit einem Rad fahren könne, wie ich es probiert hatte. Jetzt strahlte er, jetzt konnte er Auskunft geben und mir sogar ein Buch dazu empfehlen, nämlich „Deine tägliche Physik“ von Wilhelm Westphal. Ich fand es sofort in der Buchhandlung. Es war ein rotes Taschenbuch, im selben Verlag wie Einsteins Band erschienen und bald in meinem Besitz. Jetzt gehörten mir zwei Ullstein-Taschenbücher, die Nummer 52 (Westphal) und die Nummer 65 (Einstein), und beide liegen – etwas abgenutzt, aber immer noch lesbar und lesenswert – neben mir, während ich diesen Text schreibe. Sie erläuterten die kleine und die große Welt der Physik, und bei dieser Mischung fühlte ich mich wohler als bei dem Zusammentreffen der kleinen Welt des elterlichen Wohnzimmers mit der großen Welt von Peter Stuyvesandt.
In der Oper
Was das Zwiespältige angeht, so wurde auf der einen Seite immer klarer, dass ich mich später den Naturwissenschaften und höchstwahrscheinlich der Physik zuwenden würde, während ich jetzt eher verstärkt Vorschlägen des Deutschlehrers folgte. „Man kann nie früh genug damit beginnen, sich eine eigene Bibliothek aufzubauen“, verkündete er gerne im Unterricht, und genau damit war ich ja – wenn auch in noch winzigen Ausmaßen – beschäftigt. Er machte uns außerdem klar, wie wichtig es sei, ins Theater oder in die Oper zu gehen, und er erzählte von seinen eigenen Unternehmungen, um dann zu fragen, ob jemand einmal mitkommen wolle. Im Wuppertaler Opernhaus gab es gerade „Die Zauberflöte“ von Mozart, damit könne man ja einmal beginnen.
Ich zählte mein Geld, hatte noch Lesestoff – von Hermann Hesse und Bertold Brecht – und fragte, ob ich mitkommen dürfe. Natürlich, meinte der Lehrer, aber der Besuch müsse vorbereitet werden. Er habe Schallplatten mit Ouvertüre und einzelnen Arien und den Klavierauszug der Oper, was mich verwunderte und verwirrte. Wo und wann sollten wir dies denn anschauen bzw. abspielen? Was sollte ich mit der Schallplatte, wenn ich in die Oper ginge? Und was ist das überhaupt, ein Klavierauszug?
Wie sich herausstellte, meinte der Lehrer, dass wir ihn zu Hause besuchen, die Musik auszugsweise anhören und dabei auch das Notenbild betrachten könnten (wobei er die Kenntnis des Inhalts der Zauberflöte voraussetze). All das geschah, und als ich in der Oper saß, das Licht ausging und das Orchester mit der Ouvertüre begann, fühlte ich mich ungeheuer stolz. Ich kannte mich aus, ich wusste, was jetzt kam, wie sich die Musik und die Handlung entwickeln würden, und mich wunderte, dass ich dabei Tränen in den Augen spürte und ungeheuer angespannt blieb. „Ein Erlebnis“, würde meine Mutter das nennen, und ein anderes Wort will ich auch gar nicht dafür gebrauchen.
Allerdings – irgendwo im Hinterkopf nagte etwas anderes, nämlich die Gewissheit, zu dumm für diese Sphäre des Schönen zu sein. Ich konnte nicht begreifen, wie jemand in der Lage ist, sich Musik oder Geschichten auszudenken. All die wichtigen Dinge, die da verhandelt wurden – Liebe und Rache, Gehorsam und Gefühle, Mut und Witz und mehr –, die konnte ich zwar bewundern, aber nicht wirklich erfassen. Das ging nur, wenn ich mich mit den schlichteren Aspekten begnügte, die zur Naturwissenschaft gehörten. Bei ihnen fühlte ich mich sicher. Hier konnte man nachrechnen und durch Beobachtungen entscheiden, und das war mein Terrain. Ich bekam jedes Mal Angst, wenn ich aufgefordert wurde, ein Gedicht oder einen poetischen Satz auszulegen oder zu interpretieren, wie das schreckliche und bedrohliche Wort hieß. Mir gefielen Gedichte – etwa von Brecht, Goethe, Gottfried Keller, Heinrich Heine und Christian Morgenstern –, ich lernte sie auswendig, ich ging mit ihnen spazieren, aber ich versagte völlig, wenn ich sie in meine Sprache überführen und mit eigenen Worten wiedergeben sollte, was sie ausdrückten. Das heißt, ich versagte dabei in meinem Verständnis der Dinge, was der Lehrer merkte und was ihn amüsierte. Er nahm mich aber jetzt häufiger ins Theater mit und brachte mir noch bei, mindestens eine halbe Stunde vor Beginn der Aufführung für sie bereit zu sein. Man müsse sich auf eine andere Welt als die konzentrieren, aus der man gerade kam, nämlich auf die auf der Bühne. Man müsse sie ernst nehmen, wie er betonte, um hinzuzufügen: „Sonst kannst Du auch zu Hause bleiben, mein lieber Peter.“
Begriff und Anschauung
„Mein lieber Peter!“ So sprach er mich – mit anderer Betonung – auch an, wenn ich mal wieder eine Gedichtinterpretation verhauen hatte. Er ließ aber durchblicken, dass es etwas zwischen den exakten Wissenschaften und den poetischen Höhenflügen gebe, das mir gefallen könnte. Er meinte die Philosophie, die er in der Oberstufe unterrichtete und die mir Gelegenheit gibt, kurz von meiner Tante Constanze zu erzählen. So nannten wir die Tochter der Schwester meiner Oma, die – wie oben erzählt – sehr schnell in Berlin gezeugt worden war. Sie ist dort herangewachsen und hat dabei den Philosophen Ludwig Marcuse zuerst kennengelernt und dann geheiratet. Während der Nazizeit lebten die Marcuses in Los Angeles, wo Ludwig Philosophie lehrte. In den 1960er Jahren kehrten sie nach Deutschland zurück, und eines Tages besuchte uns Tante Constanze, während sich ihr Mann in Essen – also ganz in der Nähe – auf einen Vortrag über Heinrich Heine vorbereitete. Meine Mutter fragte, ob wir den Professor einmal sehen könnten. „Na klar doch“, meinte die Tante amüsiert und freudig, und so warteten meine Mutter und ich aufgeregt mit klopfendem Herzen am späten Nachmittag in der Lobby eines Luxushotels in Essen auf das Erscheinen des Philosophen. Er hatte sich aber verkühlt und hütete das Bett, was dazu führte, dass der Vortrag kurzfristig abgesagt wurde und meine Mutter und ich unverrichteter Dinge – wie es so schön heißt – wieder zurück nach Hause fahren mussten.
Irgendetwas schien mich daran hindern zu wollen, der Philosophie näher zu kommen, denn das gelobte Fach kam plötzlich auch in der Schule nicht mehr zum Zuge. Irgendein Beamter in irgendeinem Oberschulamt hatte es abgesetzt, weil andere Fächer – Gemeinschaftskunde – von amtlicher Seite als wichtiger eingestuft wurden. Der Lehrer teilte uns eines Tages sowohl die amtliche Anordnung als auch seinen eigenen Entschluss mit, sie zu ignorieren und sogar zu hintergehen. Nicht in der Schule, aber zu Hause. Wer weiter Philosophie treiben wollte, könne das tun, jeden Sonntag ab 17.00h in seinem Wohnzimmer, wie er anbot. Und so hockten einige von uns bei ihm auf der Couch und knabberten aufgeregt Salzstangen, während zu Hause der Fernsehapparat lief und das Abendessen aufgetragen wurde.
Der Lehrer schlug vor, dass wir etwas von Immanuel Kant lesen sollten, und zwar die Vorrede zur zweiten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“. Was war das für ein Satz, mit dem das Denken losging, und in was für einer Sprache kam das daher:
„Das Schicksal der menschlichen Vernunft besteht darin, dass sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.“
Wir Schüler verstanden die Welt zuerst nicht mehr und verstanden sie dann nach und nach immer besser, indem wir über den Satz palaverten. Plötzlich ahnte ich auch, was mit dem lieben Gott so schwierig war, dessen Existenzmöglichkeit mich schon länger mit Fragen belästigte, die ich nicht zu beantworten wusste. Der Lehrer hörte sich das alles an und lenkte die Aufmerksamkeit auf den Unterschied zwischen Begriff und Anschauung, den Kant im Wechselspiel erklärt – Begriffe ohne Anschauung sind blind, und Anschauungen ohne Begriffe bleiben leer. „Was Kant da schreibt“, so erfuhren wir von unserem Lehrer, „ist nicht nur wahr und wichtig, es muss auch ernst genommen und in die Praxis umgesetzt werden.“
Plötzlich kapierten wir, warum er so viel unterwegs war und entweder die ganze Klasse mitschleppte – etwa zur dokumenta 3 nach Kassel oder nach Köln, um dort mit dem Fahrstuhl in die Römerwelt zu gelangen – oder einige von uns einzeln oder paarweise zum Mitkommen einlud – mich zum Beispiel, um in Frankfurt an zwei Tagen den Verhandlungen beim Auschwitz-Prozess zu folgen (natürlich nur nach vorbereitender Lektüre, die neben dem Schulstoff herlief). Während ich zuhörte, kamen neben einigen Opfern auch ehemalige KZ-Wärter zu Wort. Deren dumpfe und selbstgerechte Sturheit machte mich krank. Wie konnte man sich in strammer Haltung auf „Befehle von oben“ berufen und ansonsten unfähig selbst für die kleinste Einsicht bleiben? Ich verachtete das Auftreten dieser Angeklagten und ihr Aussehen gleich mit – nicht zuletzt das kurze, korrekt gescheitelte Haar auf den Köpfen, das dort Ordnung vorspielte, wo tatsächlich Brutalität herrschte. In mir machte sich das Gefühl breit, darüber etwas schreiben zu müssen – „Hitler ist kein Alibi“ kam dabei als Beitrag für die Schülerzeitung des Gymnasiums zusammen. Ich versuchte alles, um anders als diese uniformen Angeklagten zu werden, was immer das heißen sollte. Am einfachsten konnte man sich durch eine längere Haartracht absetzen, und sie kam damals gerade rechtzeitig durch eine britische Band – die Beatles – in Mode.
Nach Rom und Paris
Wie gesagt – wir verstanden den Lehrer und seine Aktivitäten jetzt besser, da sie einer gelebten Einsicht von Kant entsprach, und doch waren wir überrascht, als er konsequent den nächsten Schritt ankündigte. Um zu zeigen, wie ernst es ihm mit dem Zusammenspiel von Begriff und Anschauung war, teilte er uns Knaben mit: „Wir haben Cäsar und Cicero gelesen und kennen die Begriffe. Uns fehlt die Anschauung, und so müssen wir dorthin fahren, wo sie zu finden ist und die beiden Herren gewirkt haben, nach Rom. Sonst bleibt der Unterricht für die Katz.“
Nach Rom? Ich traute meinen Ohren nicht und glaubte erst, dass dieses Abenteuer tatsächlich stattfand, als ich an einem Tag im Mai 1965 mit der Klasse in der Eisenbahn von Wuppertal nach Köln fuhr und wir alle dort in den Liegewagen nach Mailand stiegen, von wo es dann weiter in den Zug nach Rom ging. Als wir an einem späten Nachmittag in der ewigen Stadt ankamen, fühlte ich mich glücklich, und in den folgenden zwei Wochen kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Es stimmte einfach, was der Lehrer in seinen Anträgen an die Behörde geschrieben hatte, dass nämlich die Knaben in diesen Tagen und bei solchen Gelegenheiten mehr lernen würden als im ganzen Schuljahr, und weil das so war, karrte er uns im Jahr des Abiturs noch nach Paris. Für diese Stadt hatte er mir ein kompliziertes Referat zugespielt – ich sollte den Eifelturm beschreiben. Das sei doch etwas Technisches, wie er meinte, damit würde ich zurechtkommen. Aber er bat mich zugleich, dabei auch auf Bilder von Robert Delaunay und Gedichte von Ivan Goll zum Turm zu achten, um so zu lernen, dass Kopfgeburten von Ingenieuren mehr vermögen als eine Aussichtsplattform zu errichten.
Hierdurch bekam mein Leben eine völlig neue und wunderbare Dimension. Schon als wir aus Rom zurückfuhren, konnte ich fühlen, was ich heute weiß. Es hatte sich nicht nur durch die Stadt, sondern auch durch ein Mädchen gewandelt, die Renate hieß und die ich dort im Süden getroffen hatte. Sie konnte meine Liebe wecken, und ich bin ihr bis heute nicht von der Seite gewichen.
Am Ende der Schulzeit
Von Renate wird mehr im nächsten Kapitel die Rede sein. Jetzt gilt es erst einmal, die Schule zu verlassen, was schneller klappte als gedacht. Das Abitur fand damals in Bayern noch zu einer anderen Zeit – im Sommer – als in anderen Bundesländern wie etwa in Nordrhein-Westfalen statt. Hier wurde man zu Ostern ins Leben entlassen. Die Kultusminister beschlossen, das einheitlich durchzuführen, und zwar sollte alles nach der bayerischen Pfeife tanzen. Dazu wurden zwei Kurzschuljahre eingeführt, und im ersten machte ich Abitur – und zwar Anfang November 1966. Vorher war ich – in den letzten Sommerferien – noch zu den Salzburger Festspielen gefahren. Mein jetzt schon vielfach erwähnter Lehrer hatte geholfen, billige Karten (in der letzten Reihe) zu besorgen, und zwar für den ersten und den letzten Tag der insgesamt zwei Wochen, an dem gerade passend der erste und der zweite Teil von Goethes „Faust“ gespielt wurde (mit Thomas Holtzmann in der Titelrolle und Will Quadflieg als Mephistopheles), die wir beide im Unterricht behandelt hatten. Während der Zugfahrt nach Salzburg lernte ich die Zueignung des Dramas und die ersten Auftritte des Teufels auswendig (die Worte Gottes und seiner Engel langweilten mich) und legte mir eine Strategie für die Zeit zwischen den beiden Faustteilen zurecht. Der Lehrer hatte erwähnt, dass es immer wieder (meist) amerikanische Reisegruppen gebe, die nicht ganz vollständig im Theater oder in der Oper erscheinen, weil jemand krank geworden ist oder an dem Abend keine Lust hat. Dann seien Karten verfügbar, und wenn die Konkurrenz darum nicht zu groß sei und die Anfangszeit heranrücke, könne man günstig gute Sitzplätze erwerben.
Mir kam das zwar unwahrscheinlich vor, aber alles lief genau so ab, wie er es vorhergesagt und ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hatte. Insgesamt viermal bekam ich auf die geschilderte Weise für die 100 Schilling – das sind weniger als 10 Euro –, die ich mir maximal zugestanden und verfügbar hatte, Karten der höchsten Preisklasse, die fast das Zehnfache kosteten.
Ich saß – umringt von freundlichen Amerikanern, die mir auch noch halfen, meine Englischkenntnisse aufzufrischen, indem ich ihnen erzählen durfte, wie ein deutsches Gymnasium seine Schüler auf die Universität vorbereitete – kurz vor dem Orchestergraben, um den Aufführungen von „Elektra“ und „Macbeth“ zuzusehen, bestaunte zum ersten Mal einen Ballettabend und hüpfte freudig umher, als ich sogar ähnlich gute Karten für den „König Ödipus“ von Sophokles – mit Erich Schellow in der Hauptrolle – bekam.
Am Ende des Sommers wurde es ernst. Die Tage des schriftlichen Abiturs rückten heran, das damals noch in vier Fächern zu absolvieren war – Deutsch, Englisch, Physik und Mathematik. Zum Schreiben des Deutschaufsatzes rückten wir in das Von-der-Heydt-Museum der Stadt ein, weil hier ein Bild hing, dessen Beschreibung der Lehrer als ein Thema ausgewählt hatte. Ich überging diese Möglichkeit und füllte meine Seiten zu der Frage, welche Erfahrungen Reisende machen könnten, wofür es nun wahrlich genug Stoff gab. Zwar erinnere ich mich nicht im Detail an das, was ich damals geschrieben habe, aber während wir da saßen und mit den Worten rangen, fiel mir die schöne Doppelbedeutung der „Er-fahrungen“ auf, ohne dass mir einfiel, wie sich daraus ein elegantes Wortspiel ableiten ließ, das nicht zu einem Kalauer abglitt.
Bald waren alle – die schriftlichen wie die mündlichen – Prüfungen erledigt, aber zum Feiern blieb wenig Zeit, denn nur ein paar Tage später konnte man mit dem Studium beginnen. Es galt, seine Sachen zu packen, eine Studentenbude zu beziehen und den Hörsaal zu finden. Als ich zu meiner ersten Vorlesung dort eintraf, erlebte ich einen Schock. Während ich vorher in der Klasse von 12 Schülern mit vertrauten Gesichtern umgeben gewesen war, strömten jetzt mehr als 500 Studienanfänger zusammen, um Physik zu lernen. Der Dozent begann nach einem einleitenden Gemurmel mit dem Satz: „Vergessen Sie alles, was auf der Schule gemacht worden ist. Das waren Mätzchen mit ein paar Formeln. Hier geht es um gute Theorie und tiefes Verständnis.“ Er fragte dann noch, ob jemand wisse, wie man eigentlich beweist, dass es Atome gibt, um sich dann der schiefen Ebene zuzuwenden und Bewegungsgleichungen aufzustellen.
Die Schule war damit zu Ende, und die Freiheit begann. Das war zwar keine Strafe, erwies sich aber als kompliziert und schwierig genug. In mir kämpften zwei Regungen miteinander. Auf der einen Seite meldete sich die Sorge, mit den gewählten Fächern – Mathematik und Physik – scheitern zu können. Von ersten Studienabbrechern in den Naturwissenschaften hatte ich bereits in den Wochen vor dem Abitur gehört. Wenn mir dies passieren sollte, hätte ich das wenige und mühevoll verdiente Geld meiner Eltern zum Fenster hinaus geworfen. Es gab aber noch eine andere Seite, und auf der dominierte das Gefühl, dass man in Jahren ungeheurer Entwicklungen und Fortschritte lebte, an denen man nun teilhaben und zu denen man vielleicht bald sogar beitragen konnte.
Die 1960er Jahre hatten so viel hervorgebracht – auf der technischen Seite Züge, die schneller als 200 km/h fuhren, Flugzeuge, die mehr als 400 Menschen transportieren konnten – die Boeing 747 –, Raketen und Satelliten, die immer weiter in den Weltraum vorstießen, und die Zeitungen stellten schon die Männer vor, die für die erste Landung auf dem Mond vorgesehen waren und für Phasen der Schwerelosigkeit trainiert wurden. In der Medizin gab es neben der Nieren- und der Leber- zuletzt sogar erste Herztransplantationen, und die Einsicht wurde gefestigt und bestätigt, dass Krebs von Viren verursacht werden könnte. In der Physik gab es ein neues Verständnis der Materie und ihrer elementaren Teilchen durch die Idee von Quarks, und immer etwas Neues und vieles mehr.
Schwerelosigkeit – das klang wie das geeignete Stichwort für mein sich nach der Schulzeit öffnendes Leben, und das Problem mit dem Geld würde schon irgendwie zu schaffen sein. Aber dieses Gefühl hielt nur solange an, bis die ersten Klausuren kamen. Doch auch für sie galt schließlich, was der Weise in den Maghrebinischen Geschichten von Gregor von Rezzori am Ende allen Suchens nach der tiefsten Einsicht zu sagen hat: „Auch das wird vorübergehen.“
Von anderen Dingen und der Wissenschaft
1957 war ein Wendejahr, nicht nur, weil – national gesehen – der Bundestag am 3. Mai endlich den Gesetzentwurf verabschiedete, der die Gleichberechtigung von Mann und Frau vorsah, und – international gesehen – die „Römischen Verträge“ unterzeichnet wurden, mit denen die europäische Einigung auf den Weg kam. Es gibt für diese Einschätzung noch andere Gründe. Denn „während sich bis dahin das wirtschaftliche Wachstum [in der Bundesrepublik Deutschland] mehr extensiv vollzog, wurde seit 1957 dem technischen Fortschritt eine entscheidende Bedeutung für die Aufrechterhaltung des Wachstums zugeschrieben.“ In diesem Jahr „sank die Arbeitslosigkeit erstmals unter 4 %“ und „die Verknappung der Arbeitskräfte wurde mehr als jemals zuvor in der deutschen Geschichte zum Technisierungsimpuls.“ „Weitere … Gleichzeitigkeiten verstärkten den Trend zur Höherbewertung technischer Innovationen. 1957 startete der sowjetische Erdsatellit ’Sputnik’, und der ’Sputnik-Schock’ wirkte in der westlichen Welt noch lange nach.“
So schreibt Joachim Radkau in seiner Geschichte der „Technik in Deutschland“ eher allgemein, um danach den „tiefen Bruch von epochaler Bedeutung“, der sich vollzog, als ich zum Gymnasium wechselte, konkret im Alltag anzusiedeln, und zwar so, wie er meine Familie und mich tatsächlich erfasst hatte. Denn was gab es nicht plötzlich alles zu Hause und überhaupt: „Kühlschrank, Waschmaschine, das Fertiggericht aus der Tiefkühltruhe, Anti-Baby-Pille, Mittelmeerreise, Pizzeria, Diskothek: Aus all diesen Requisiten entwickelte sich ein neuer Lebensstil“, wie der Historiker zu berichten weiß. Und diese Dinge kamen auch bis zum Wichlinghauser Markt, wo die Leute allerdings das im letzten Zitat zuerst angeführte Gerät hartnäckig mit dem alten Namen „Eisschrank“ bezeichneten, in das sie die langen Eisstangen zu stecken pflegten, die in meinen Kindertagen auf Pferdewagen geliefert wurden. Damit war es jetzt aber ebenso vorbei wie mit den Radiozeiten und der Lieblingssendung meiner Eltern am Samstagnachmittag, „Montag ist erst übermorgen“. Jetzt hielt der Fernsehapparat massiv Einzug in die deutschen Wohnstuben – auch bei uns –, was die Freizeitgewohnheiten bald zugleich „dominierte und nivellierte“, und zwar „weit mehr, als dies alle früheren Innovationen vermocht hätten“, wie Radkau – traurig aber wahr – urteilt.
Erste Schwierigkeiten mit dem Fortschritt
1957 spürte man im Übrigen auch, dass nicht alles Gold war, was wissenschaftlich glänzte. In diesem Jahr richtete zum Beispiel der Verband deutscher Ingenieure (VDI) eine erste Kommission für die „Reinhaltung der Luft“ ein. Dieser Gedanke hielt sich, denn 1961 versuchte die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt dadurch zu punkten, dass sie den Menschen einen „Blauen Himmel über der Ruhr“ versprach. Und einige Forscher machten sich erste Gedanken über ein atmosphärisches Treibhausgas wie Kohlendioxyd, das aus den Autos kam, die in diesen Tagen zum normalen Zubehör des Lebens wurden und die Krafträder alter Prägung ablösten. 1967 gab es erste Andeutungen aus der Wissenschaft, dass sich mit den zu erwartenden Mengen an CO2 die Temperatur der Erde um ein paar Grad erhöhen könnte, aber solche Hinweise waren damals noch zu phantastisch, um irgendein öffentliches Bewußtsein zu erreichen oder gar politisch ernst genommen zu werden.
Was wir heute Umweltschutz nennen, wurde zwar erst am Ende der 1960er Jahre – im Anschluss an die Landung auf dem Mond – amtlich, aber die dazugehörigen Gedanken tauchten bereits zu Beginn dieser Periode auf, zum Beispiel in dem Buch „Der stumme Frühling“, das die amerikanische Biologin Rachel Carson vorlegte. In ihm machte sie deutlich, dass viele Chemikalien, die Menschen mit guten Absichten – etwa als Pflanzenschutzmittel – in die Natur einbringen, dort langfristig unvorhersehbare Wirkungen nach sich ziehen, die uns überhaupt nicht gefallen können. Sie entwarf das Bild einer Natur, in der zu Beginn des Frühlings keine Vögel mehr singen, weil die Insekten, von denen sie sich ernähren, ausgerottet worden sind – und zwar durch die Chemikalien, mit denen wir anderen Organismen bessere Wachstumsbedingungen verschaffen wollten. Es lohnt sich bei diesem Buch immer noch, genauer hinzuschauen, und sogar bis in unsere Zeit hinein.
Der stumme Frühling
Am Anfang des Buches findet sich „ein Zukunftsmärchen“. Es beginnt mit den drei Zauberworten aus den Tagen unserer Kindheit und scheint uns einzulullen: „Es war einmal eine Stadt im Herzen Amerikas, in der alle Geschöpfe in Harmonie mit ihrer Umwelt“ – nicht leben, sondern – „zu leben schienen.“ Mit dieser Wendung verschwindet dann das Träumerische, wir werden in die Wirklichkeit versetzt, und die Form des Imperfekts bereitet plötzlich Schmerz: „Die Stadt lag inmitten blühender Felder“, „die Füchse kläfften im Hügelland“, „das Rotwild zog über die Äcker“, und die Bäume entfalteten eine „glühende Farbenpracht“. Aber das alles ist vorbei, und inzwischen „brüteten die Hennen, aber keine Küken schlüpften aus“, „die einst so anziehenden Landstraßen waren nun von braun und welk gewordenen Pflanzen eingesäumt“, und „selbst in den Flüssen regte sich kein Leben mehr“. Dabei hatte „kein böser Zauber, kein feindlicher Überfall in dieser verwüsteten Welt die Wiedergeburt neuen Lebens erstickt“. Nein, es war schlimmer. Denn „das hatten die Menschen selbst getan“. Sie hatten „die Stimmen des Frühlings zum Schweigen gebracht“, und „dieses Buch will versuchen, es zu erklären“.
Ein grandioser Auftakt zu einem sehr genau recherchierten Buch, das übrigens lange brauchte, um den durch seine Poesie einprägsamen Titel zu bekommen, der das Werk neben anderen Gründen so attraktiv macht. Carsons eigener Vorschlag lautete, „How to Balance Nature“, wie man die Natur ins Gleichgewicht bringt. Der Verlag wollte „The Control of Nature“ oder „At War with Nature (Im Krieg mit der Natur)“, und „Der stumme Frühling“ tauchte zunächst nur als Überschrift für ein Kapitel über Vögel auf. Rachel Carson zögerte mit ihrer Zustimmung, das ganze Buch so zu nennen, bis ihr jemand die Zeile aus einem Gedicht von John Keats zeigte („La Belle Dame Sans Merci“), in dem der Poet Entsetzen und Angst vor dem Kommenden durch die Zeile ausdrückte „And no birds sing“ – „Und keine Vögel singen“.
Nach dem märchenhaften Auftakt unter einem lyrischen Titel kommt die Autorin schnell und präzise zur harten Wirklichkeit, indem sie „das Kernproblem unseres Zeitalters“ diagnostiziert, nämlich „die Verunreinigung der gesamten Umwelt des Menschen“. Diese Verunreinigung erfolgt mit Substanzen, die wir in guter Absicht als Insektizide und Pestizide einsetzen, ohne bislang zu merken, dass ihnen „eine unglaubliche und heimtückische Macht innewohnt, Schaden anzurichten“. Denn „diese Stoffe reichern sich in Geweben von Pflanzen und Tieren an, sie dringen selbst in die Keimzellen ein und verändern das Erbgut, von dem die Gestaltung der Zukunft abhängt.“ Die Insektizide sind eben mehr als Insektenvernichtungsmittel, sie sind „Biozide“, also Vernichter von Leben, und wir sollten dies wissen und auch so ausdrücken.
Es geht Carson nicht um radikale Verbote. Sie will nicht das Kind mit dem Bad ausschütten, sondern nur den wahllosen Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln in den wissenschaftlichen Griff mit seiner sachlichen Analysemöglichkeit bekommen. Sie weist darauf hin, dass die Anwendung der „bioziden“ Pflanzenschutzmittel bislang von niemandem kontrolliert wird – weder von der Politik noch von der Wissenschaft. Und verstehen, was mit unserem chemischen Eingreifen in die Natur passiert, kann noch niemand, denn:
„Wir leben in einem Zeitalter von Spezialisten, von denen jeder nur sein eigenes Problem sieht und den größeren Rahmen, in den es sich einfügt, entweder nicht erkennt oder nicht wahrhaben will. Es ist aber auch ein Zeitalter, das von der Industrie beherrscht wird, in dem das Recht, um jeden Preis Geld zu verdienen, selten angefochten wird.“
Diese klaren und weitsichtigen Sätze, die in den frühen 1960er Jahren revolutionär wirken mussten, sind heute noch so gültig wie damals. Wer sich an dieser Stelle für die Frage interessiert, woher die Autorin ihr Verständnis von Natur genommen und damit diesen scharfen Durchblick erlangt hat, kann eine einfache Antwort bekommen: Es ist ihr Vertrauen in den Gedanken Darwins und ihre Überzeugung, dass kein Eingreifen in die Natur sinnvoll ist, wenn man die Folge nicht im Licht der Evolution analysiert. Immer wieder kommt Carson an entscheidenden Stellen auf Darwins Gedanken zu sprechen, zum Beispiel so:
„Wenn Darwin heute lebte, wäre er entzückt und erstaunt, wie eindrucksvoll die Insektenwelt jetzt beweist, dass seine Theorien vom Überleben der Tauglichsten richtig sind. Durch intensives Sprühen mit Chemikalien werden gerade die schwächsten Tiere einer Insektenpopulation ausgemerzt. Heute sind in vielen Gegenden und bei vielen Arten nur mehr die Starken und Tauglichsten übrig geblieben und trotzen unseren Bemühungen, sie zu bekämpfen.“
Mit diesen Worten leitet Carson zu der Wirkung einer besonderen Chemikalie über, die erst als Wunderwaffe gefeiert wurde und deren Namen heute fast nur noch hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen werden darf. Gemeint ist der Stoff, der ganz korrekt Dichlordiphenyltrichloräthan heißt, was mit DDT abgekürzt wird. Diese drei Buchstaben bezeichnen eine chlorhaltige Chemikalie, die bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt war. Als im Jahre 1939 eher zufällig ihre Wirkung als Insektizid entdeckt wurde, glaubten die verantwortlichen Wissenschaftler, ein Zaubermittel in der Hand zu haben, das in geringen Dosierungen wirkte und sicher gehandhabt werden konnte. In den folgenden Jahrzehnten wurden mit DDT tatsächlich spektakuläre Erfolge bei der Bekämpfung der Malaria erzielt, und da keine Giftwirkung auf Wirbeltiere festgestellt wurde, ging man dazu über, DDT flächendeckend zu versprühen.
Doch die Biologie machte ebenso wenig wie die Natur mit. Das DDT konnte nicht abgebaut werden, es gelangte in die Nahrungskette und reicherte sich an deren Ende an – etwa bei den Vögeln, wie Carson feststellte und aufschrieb. Zuviel DDT sorgte unter anderem dafür, dass die Eierschalen brüchig wurden. Es braucht nun nicht eigens erklärt zu werden, dass die betroffenen Arten damit vom Aussterben bedroht waren. Und ohne Vögel stand den Menschen ein stummer Frühling ins Haus.
Außerdem zeigte sich bald eine weitere Eigenschaft der Evolution, die ja bekanntlich eine Anpassungskünstlerin ist. Wie unter Vorgabe von Darwins Gedanken nicht anders zu erwarten, passten sich die betroffenen Tiere den neuen Umweltbedingungen an, indem sie eine Resistenz gegen das Insektizid entwickelten. Mit anderen Worten, DDT wurde nicht nur sinnlos, sondern schadete immer mehr und nutzte zugleich immer weniger. Und dieses Argument leuchtete endlich sogar den Regierungsbehörden in den USA ein, die tatsächlich reagierten – allerdings mit der bekannten Doppelmoral, die mächtige Staaten so sympathisch macht. Die USA verboten in den 1970er Jahren zwar die Anwendung von DDT zu Hause, sie ließen ihre Industrie den Stoff aber weiter herstellen – für den Export. Was seit 1972 unter anderem in Deutschland und seinen europäischen Nachbarn – und zwar aus gutem Grund –verboten ist, darf in der Dritten Welt nach wie vor verkauft und eingesetzt werden.
Bevor man sich allzu sehr über diesen merkwürdigen Tatbestand aufregt – aus ebenso gutem Grund –, ist es ratsam, sich daran zu erinnern, dass es immer wieder passieren kann, dass eine einmal als Wahrheit verstandene Sicht der Dinge an Glaubwürdigkeit verliert und in ihr Gegenteil umschlägt. Genau das scheint nämlich in heutigen Tagen mit dem verteufelten Pestizid DDT zu passieren, das bis Anfang der 1960er Jahre die globale durch Malaria bedingte Todesrate um 95% senken konnte. Viele Ärzte glaubten schon, die tödliche Krankheit vollständig besiegen zu können – als plötzlich klar wurde, dass DDT mehr tat, als nur die Moskitos zu vernichten, die Malaria übertrugen. DDT sickerte in die Umwelt ein und machte Menschen krank, und alle Welt jubilierte, als die Produktionsanlagen für DDT stillgelegt wurden.
Alle Welt? Wohl kaum, denn nach dieser Aktion nahm die Todesrate durch Malaria wieder zu, was Umweltschützern bis heute leider nur wenig bis gar keine Kopfschmerzen bereitet. Inzwischen fällt nämlich weltweit auf, wie hilflos die Menschen ohne DDT sind, wenn sich die Malaria ausbreitet. So greift man jetzt nach und nach wieder zu der besten Waffe, die unserer Spezies zur Verfügung steht. Man wird diesmal vorsichtig zu Werke gehen, denn es gibt noch viel zu lernen, wenn der Stoff mit dem berühmten Namen richtig angewendet werden soll. Diese mehr als wissenschaftliche Wahrheit von heute wird auch morgen noch Bestand haben.
Eine Pille mit vielen Folgen
Es gab noch andere Schwierigkeiten mit der Chemie und den Menschen: In Deutschland hatte zu Beginn der 1960er Jahre die Bundesregierung ein Gesundheitsministerium einrichten müssen, um auf eine neuartige Katastrophe in einer zivilisierten Gesellschaft zu reagieren. Gemeint sind die zahlreichen und schwerwiegenden Missbildungen, die sich bei Neugeborenen zeigten, deren Mütter während der Schwangerschaft ein Schlaf- bzw. Beruhigungsmittel namens Contergan (mit dem Wirkstoff Thalidomid) eingenommen hatten. Erst spät – zwischen den Jahren 1968 und 1970 – kam es zu einem publikumswirksamen und aufwendigen Prozess, der lange Zeit hindurch für die betroffenen Kinder und ihre Familien leider nur wenig hilfreich war und nach knapp 300 Verhandlungstagen mit einem Vergleich endete, der den Opfern rund 100 Mio. Mark zugestand. Schuldig gesprochen wurde dabei niemand.
Das wäre auch schwierig gewesen, denn in dem Jahr 1957, in dem Contergan auf den Markt kam, gab es noch kein Arzneimittelgesetz, mit dem juristisch genau vorgeschrieben worden wäre, welche und wie viele Prüfungen eine Pharmafirma durchführen muss, um Wirksamkeit und Verträglichkeit eines neues Medikaments zu ermitteln. So unglaublich es auch im Blick von heute erscheinen mag, aber das erste wirksame deutsche Arzneimittelgesetz ist nach eher belanglosen Bemühungen aus den 1960er Jahren nicht vor 1976 in Kraft getreten, und es erfasste die dazugehörigen Studien der Wirksamkeit und Verträglichkeit von Medikamenten erst von dem Jahr 1964 an. Jedes Unternehmen, das von der Mitte der 1970er Jahre an ein neues Präparat durch die Apotheken vertreiben wollte, musste für diese Zulassung die Genehmigung des (inzwischen wieder abgeschafften) Bundesgesundheitsamtes in Berlin einholen. Dies lief zunächst übersichtlich mit wenigen Seiten Papier ab, weitete sich aber nach und nach durch eine wachsende Zahl von Detailvorschriften immer weiter aus.
In der Zwischenzeit umfassen die Anträge auf Zulassung neuer Medikamente nicht nur mehr 1000, sondern über 10.000 Seiten, was möglicherweise der Sicherheit dient, die Aussichten auf verbesserte („innovative“) Präparate aber nicht unbedingt erhöht. Es scheint, dass die deutsche Gründlichkeit das Kind mit dem Bade ausschütten will. „Wo der Deutsche hingrübelt, da wächst kein Gras mehr“, wie ich Lotte Lorentz einmal in ihrem Düsseldorfer Kabarett „Kom(m)ödchen“ singen hörte, und dies wirkt sich an dieser Stelle massiv in der Gesundheitspolitik und auf dem Arzneimittelmarkt aus. Die Zeiten, in denen Deutschland als Apotheke der Welt gefeiert wurde, sind jedenfalls schon sehr lange vorbei.
Viele Pillen ohne Folgen
Wenn der Blick zurück an den Anfang der 1960er Jahre geht, fällt auf, wie sehr sich – trotz aufwühlender Bilder etwa von Kindern, deren Hände direkt aus der Schulter kamen – die öffentliche Erregung damals in sehr engen Grenzen abspielte. Die Stimmung gegen die Schulmedizin mit ihrer vermeintlichen Verleitung zum Pillenschlucken schlug erst spürbar in mehr Aggressivität um, als in den 1980er Jahren gentechnisch hergestellte („manipulierte“) Produkte auf der einen und scheinbar schonende Naturheilverfahren auf der anderen Seite in Konkurrenz traten und dabei Weltanschauungen aufeinander prallten. Ich werde darauf noch zurückkommen.
In den 1960er Jahren hielten sich merkwürdigerweise vor allen Dingen die Linken mit ihrer Kritik an der Pharmaindustrie zurück – und wer will, kann dafür leicht einen einsichtigen Grund finden. Von dort kam nämlich auch die „Anti-Baby-Pille“, die von vielen als Inbegriff des Fortschritts gefeiert wurde und die Möglichkeit bot, eine sexuelle Revolution auszurufen. Die Unterdrückung der Frau gehe zu Ende, hörte man es tönen – allerdings nicht dank einer sozialen Einsicht, sondern dank der hormonellen Chemie, auch wenn diese biochemische Einsicht vielen männlichen Schwadronierern schwer fiel und noch immer fällt.
Eine Frau brauchte nur die Pille zu nehmen, und die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft war gebannt, wie die Machos großartig meinten, ohne zu merken, wie unglaublich dumm und falsch das ist. Schließlich mussten die Frauen nicht einmal, sondern jeden Tag eine Pille einnehmen. Sie mussten insgesamt also viele Pillen im unangenehmen Plural schlucken, und damit lag nicht nur die Verantwortung wieder bei ihnen. Auch Angst mussten sie nach wie vor haben – jetzt sogar eher mehr. Sie mussten zum einen mit der (eher kleinen) Angst leben, die tägliche Pille vergessen zu haben, und sie mussten zum zweiten mit der (eher großen) Sorge umgehen, dass die eingenommene Substanz, die doch an den Grundmechanismus des Lebens rührt, möglicherweise (vielleicht erst langfristig spürbare) Nebenwirkungen mit sich brachte, die einen späteren Kinderwunsch betreffen konnten. Wer sollte denn damals darüber verlässlich Auskunft geben können?
Die Geschichte der Verhütungsmittel ist wahrscheinlich so alt wie die Geschichte der Menschheit. Ihre biochemische Spur beginnt in den Jahren des Zweiten Weltkriegs, als in Göttingen ein Hormon namens Progesteron entdeckt wird, das die Empfängnis verhindert. 1951 gelang es dem aus Österreich in die USA emigrierten Chemiker Carl Djerassi, eine Substanz im Reagenzglas herzustellen, die im weiblichen Körper so agiert wie das genannte Hormon, ohne unmittelbar spürbare Nebenwirkungen hervorzurufen. Er meldete sie zum Patent an und entwickelte daraus in Kooperation mit den Amerikanern Gregory Pincus und John Rock das erste hormonelle Verhütungsmittel, das 1960 in den USA und ein Jahr später in Deutschland von den Behörden zugelassen wurde und auf den Markt kam (also noch vor dem Inkrafttreten des ersten Arzneimittelgesetzes).
Übrigens – da stand soeben das harmlos wirkende Wort „entwickelt“, dem sicher nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Doch hinter der damit bezeichneten Tätigkeit steckt ein ungeheuer komplexer Vorgang, der nicht nur wissenschaftliche, sondern vor allem moralisch-ethische Fragen aufwirft. Wie soll man denn – an Menschen – testen, ob die Pille wirkt? Welche Frau bietet sich für wie viel Geld als Versuchsobjekt an, um auf welche Weise an sich prüfen zu lassen, ob ihre Empfängnisfähigkeit blockiert ist oder nicht?
Die (amerikanischen) Behörden verlangten – Papier ist geduldig – mindestens 200 (weibliche) Freiwillige, und es braucht nicht betont zu werden, dass sich die gesuchten Frauen wohl kaum in den Gegenden von Boston oder New York auftreiben ließen und auch weder in Hamburg noch in München gefunden worden wären, in denen die Menschen gut verdienen und Anwälte beschäftigen können. Tatsächlich wurden die ersten klinischen Studien, wie Menschenversuche schon immer politisch korrekt heißen, in Puerto Rico und Mexiko durchgeführt, mit der vorhersehbaren Folge, dass dies den Wissenschaftlern später vorgeworfen worden ist – und zwar vor allem und wiederholt von selbstbewussten Frauen an der amerikanischen Ostküste, die auf hohem wirtschaftlichen Niveau lebten und deshalb die ersten waren, die sich die Pille leisten konnten und dies dann auch freudig und bereitwillig taten.
Vielleicht sollte man ihnen erklären, dass sie auf diese Weise – möglicherweise sogar lustvoll, aber auf jeden Fall unter Übernahme der Kosten – die eigentlichen Versuchskaninchen geworden sind. Denn ob die (oder irgendeine) Pille problemlos wirkt, kann auch der beste Mediziner mit dem besten Statistiker nicht bestimmen, wenn sie nur 200 Menschen kennen, die damit behandelt worden sind. Was die Anti-Baby-Pillen taugen, weiß man nicht, weil arme Frauen in armen Entwicklungsländern von an ihrem Profit orientierten Unternehmen ausgebeutet worden sind, sondern weil reiche Frauen in reichen Industriestaaten nach Empfängnisverhütung verlangten und ohne zu zögern zugriffen, als die ersten oralen Kontrazeptiva, wie das Arzneimittel korrekt heißt, auf den Markt und in Mode kamen.
Was die Einführung der „Pille“, wie man bald nur noch sagte, in Europa angeht, so galten hier zunächst starke Beschränkungen, zum Beispiel die, dass sie nur Frauen verschrieben werden dufte, die erstens verheiratet waren und bei denen zweitens eine „soziale Indikation“ vorlag, wie es so schön amtlich hieß und womit gemeint war, dass nur die Frauen verhüten durften, die schon viele Kinder zur Welt gebracht hatten. Diese Einschränkung war natürlich nicht lange durchzuhalten, obwohl die katholische Kirche Sturm gegen den Einsatz von Verhütungsmitteln lief – auf dem Höhepunkt ächtete Papst Paul VI. die Pille in seiner Enzyklika Humanae Vitae von 1968.
Ein vergebliches Unterfangen, mit dem die Kirche den Menschen erneut – wie so oft in ihrer Geschichte – die nötige Hilfe verweigerte. Ihre vom Vatikan eingeschworenen Vertreter konnten nur zusehen, wie ihre gläubigen Schäfchen danach massenhaft ungehorsam wurden – viele von ihnen vielleicht mit schlechtem Gewissen, aber auf jeden Fall mit wachsendem Genuss, wie vielfach zu spüren war.
Der politische Blick an den Himmel
Gleichzeitig mit dieser Dramatik der privaten Sphäre innen erlebten die 1960er Jahre ein phantastisches Wettrennen um die kosmische Sphäre außen. Den Auftakt hatte die Sowjetunion mit dem bereits erwähnten „Sputnik“ gemacht, der die Nummer I bekam und mit gut 80 kg noch ziemlich leicht war. Ihm folgte noch im selben Jahr der fast zehnfach schwerere Sputnik II, der sogar eine Hündin mit Namen Leika mitführte. Jetzt reagierten die Amerikaner. Ihr Präsident Eisenhower ernannte einen Sonderbeauftragten für Raketenfragen, und im Februar 1958 startete der erste Satellit der USA. Er hieß Explorer I und wog 13 kg – was ihn ein wenig dünn erscheinen ließ.
Während die westliche Großmacht etwas kopflos und hektisch aufgescheucht wirkte, erzielten die Sowjets einen Erfolg nach dem anderen. Besonders auffällig umrundete im Oktober 1959 ein kosmisches Gefährt namens Lunik III zum ersten Mal den Mond, um danach die ersten Aufnahmen von der Rückseite des Erdtrabanten zu liefern – was ein Lehrer in der Schule zu dem Hinweis nutzte, dass sich da ein offenes Rätsel zeige. Wieso kennen wir die Rückseite des Mondes nicht? Der kleine Himmelskörper drehe sich doch um seine Achse. Wieso bewege er sich bei dieser Rotation und bei seiner Umrundung unseres Planeten gerade so, dass wir von der Erde aus nur eine Seite – also immer den Mann in Mond – sähen? Ist das Zufall? Oder steckt da ein Gesetz hinter?
Fragen, die mich damals mehr faszinierten als der Anblick der Rückseite, die eher langweilig wirkte. Trotzdem: Viele Menschen waren im Westen durch diesen Erfolg schockiert – wie hatte der Osten so etwas zustande bringen können? Unsere Propaganda hatte uns doch beigebracht, dass originelle Ideen nur in unseren freien Sphären gedeihen konnten und die „da drüben“ nur nachmachten, was wir vorführten. Jetzt waren wir aber mit dem Hinterherhecheln an der Reihe. Dies wurde dringender, nachdem der UdSSR 1961 der erste bemannte Raumflug mit dem Kosmonauten Jurij Gagarin gelungen war. Als der gutaussehende Russe seinen Erfolg noch steigern wollte, indem er nach der Rückkehr verkündete, bei seiner Reise keinem Gott begegnet zu sein, erreichte er natürlich nur das Gegenteil. Man lachte im Westen über seine Versicherung, er habe eigens nach Gott Ausschau gehalten.
Bekanntlich hat der Nachfolger von Eisenhower, der junge Präsident Kennedy, den entscheidenden Schwung in die Auf- und Überholjagd gebracht, als er seinem Land die Aufgabe stellte, bis zum Ende der Dekade einen Mann zum Mond und sicher zur Erde zurückzubringen. Kennedy begründete dieses als Apollo-Programm bekannt gewordene Projekt mit dem Hinweis, dass nichts die Menschheit mehr beeindrucken würde als solch ein Erfolg und kein Schritt wichtiger sei für das große Ziel, das in der Erforschung des Weltraums bestehe. Zum Glück setzten seine Berater dabei nicht nur auf die Kraft der Raketen, wie es noch unter Eisenhower geschehen war, sondern konzentrierten sich früh auf die Bedeutung von Computern und deren sie steuernder Software. Bald konnte auf diesem Gebiet der Vorsprung der anderen Seite nicht nur aufgeholt, sondern konnten die russischen Entwicklungen erst überholt und dann überrundet werden.
Der wissenschaftliche Blick an den Himmel
Das klang alles schön und funktionierte auch gut, nur die eigentlichen Fortschritte der Kosmologie kamen nicht auf die geplante Weise zustande, sondern durch seltsame Überraschungen, wie es sich für die Wissenschaft gehört. Im Schatten der großen Raketen für die Apollo-Missionen wurden in den frühen 1960er Jahren auch Nachrichtensatelliten in Erdumlaufbahnen geschickt. 1962 kam der erste mit Namen Telstar an die Reihe. Ich erinnere mich, dass man ab und zu einige von diesen Objekten als leuchtende Punkte am nächtlichen Himmel verfolgen konnte. Ich staunte über diese Leistungen der Ingenieure und Wissenschaftler, die mir eine Gänsehaut verschafften und meine Bewunderung weckten.
Die Auftraggeber der Nachrichtensatelliten wollten mit deren Hilfe den Funksprechverkehr von Kontinent zu Kontinent ermöglichen, doch bevor ihnen dies gelingen konnte, mussten sie in der Lage sein, die künstlichen Himmelskörper genau zu orten. Diese Aufgabe übernahmen zwei Forscher der Bell Laboratorien, in denen auch der Transistor entwickelt worden war, und zwar Arno Penzias und Robert Wilson. Sie ersannen tatsächlich die perfekte Methode, um die teuren Kommunikationssatelliten zu finden und zu verfolgen, und sie taten dies mit Hilfe eines neuen Fensters, das die Astronomen für den Blick an den Himmel geöffnet hatten. Galaxien senden neben dem sichtbaren Licht auch andere Signale in Form von Radiowellen aus, was die Anfertigung einer Himmelskarte von Radiogalaxien erlaubte, und mit ihr oder auf ihr konnten Penzias und Wilson die kostbaren Kommunikationssatelliten suchen und finden.
Die Bell Laboratorien entschieden nach diesem Erfolg, für den Empfang von Radiosignalen eine extrem hochempfindliche Antenne zu errichten. Um ihre Qualität zu testen, begannen die Forscher, neben ihrer direkten Sucharbeit den Himmel insgesamt zu durchmustern. Dabei fiel ihnen ein störendes Rauschen auf, das sie zunächst als Mangel des Geräts deuteten, wobei sie sogar meinten, dass irgendein „weißes, dielektrisches Material“ – die wissenschaftliche Bezeichnung für Taubenscheiße – als Ursache in Frage kommen könne.
Man säuberte, man verkabelte neu, man prüfte sämtliche Möglichkeiten durch – alles ohne Erfolg. Das Radiorauschen verschwand nicht, und so schrieb man es dem Himmel selbst zu. In welche Richtung auch immer Penzias und Wilson ihre Antenne drehten, überall entdeckten sie eine Strahlung im Mikrowellenbereich. Ihre Beobachtung teilten sie der Fachwelt 1964 mit. Als sie das taten, wussten sie nicht, dass in den Jahrzehnten zuvor drei Physiker namens George Gamow, Ralph Alpher und Robert Herman die theoretischen Grundlagen für ein Urknallmodell des Kosmos ausgearbeitet und dabei erkannt hatten, dass es in diesem Denksystem am Anfang des Universums einmal eine Art höchst intensives Urlicht – eine Art Superblitz – gegeben haben muss, dessen Wellenlänge gestreckt wurde, als sich das Weltall – also der Raum, in den sich das Licht hinein bewegen musste – auszudehnen begann. Die drei Physiker hatten sogar ausrechnen können, wie sehr das Urlicht gestreckt und gezerrt worden war, und sie prognostizierten, dass es im Radiowellenbereich zu finden sein müsse. Nur hatte niemand danach gesucht, bis Penzias und Wilson es ohne Absicht fanden.
Was die beiden dabei tatsächlich nachweisen konnten – und was ihnen den Nobelpreis für Physik einbringen sollte – hat zum ersten Mal eine Tageszeitung auf den Punkt gebracht. Am 21. Mai 1965 kam die New York Times mit der Schlagzeile heraus: „Signale bestätigen ’Urknall-Universum’“. Das wirklich Schöne an diesem Gedanken ist, dass jeder Einzelne von uns Menschen diese Strahlung täglich selbst empfangen kann. Penzias selbst hat dies in einem Interview wie folgt elegant und amüsant zum Ausdruck gebracht:
„Wenn Sie heute Abend ausgehen und den Hut abnehmen, wird Ihr Kopf ein wenig vom Big Bang erwärmt. Und wenn Sie einen guten UKW- Empfänger haben und ihn irgendwo zwischen den Stationen einstellen, dann hören Sie dieses Sch-sch-sch. Ein solches Rauschen kennen Sie sicher. Es ist eigentlich ganz beruhigend. Manchmal unterscheidet es sich nicht vom Meeresrauschen. Von dem Geräusch, das Sie hören, stammt etwa ein halbes Prozent aus einer Milliarden Jahre entfernten Vergangenheit.“
Feedback im Leben
Es lohnt sich, den Blick zur Abwechslung einmal wieder nach innen zu wenden, denn als die Kosmologie zum ersten Mal das Gefühl entwickelte, die Welt durchschauen und ihre Geschichte erzählen zu können, da erkannten französische Molekularbiologen um François Jacob und Jacques Monod, dass die Idee einer Rückkopplung keine Erfindung der kybernetischen Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg ist, sondern von der Natur seit Urzeiten benutzt wird. Sie entdeckten Gene, deren Produkte dafür sorgen, dass Gene aktiv werden oder zur Ruhe kommen. Mit diesen und weiteren Einblicken in die Genregulation schien das Verständnis des Lebens zum Greifen nah. Man wusste, was Gene taten – sie lieferten die Information für so genannte Proteine, mit deren Hilfe die chemischen Reaktionen in Gang gesetzt wurden, die zum Leben gehören –, und man verstand jetzt, wie sie dazu an- und ausgeschaltet werden. Erste Universitäten begannen, keine Stellen mehr für Genetik auszuschreiben, und den Studenten wurde versprochen, dass sie in Lehrbüchern bereits die Molekularbiologie des Gens nachlesen könnten. Niemand achtete auf den Biochemiker Werner Arber, der sich von 1966 an fragte, wie es einigen Bakterien gelinge, sich vor dem Angriff von Viren zu schützen. Als er seine Antwort 1969 vorlegte, stand der Weg zur „Gentechnik“ offen, die dann in den 1970er Jahren die Biologie revolutionierte und die Gemüter erhitzte.
Silicon Valley
Jetzt bin ich bereits durch die 1960er Jahre geschritten und in der nachfolgenden Dekade angekommen und habe auf diese Weise eine ganz spannende Entwicklung übersprungen, die in den 1950er Jahren angefangen hat und uns heute massiv beeinflusst. Gemeint ist all das, was man machen kann, wenn man sich der Transistoren geeignet bedient.
Von den drei Wissenschaftlern, die 1956 als Erfinder dieses physikalischen Wunderdings mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet worden sind, hat einer erkannt, dass in diesem elektronischen Bauelement ein ungeheures Wirtschafts- und Wachstumspotential steckte, und er hat konsequent nach dieser Einsicht gehandelt. Gemeint ist Bill Shockley, der sich später ideologisch leider eindeutig als unangenehmer Rassist erwies und dadurch ärgerlich auffiel. Er verließ die Bell Labs in den 1950er Jahren, um eine eigene Firma zur Herstellung von Halbleitern zu gründen – „Shockley Semiconductor“, wie der wenig einfallsreiche Name lautete. Es ging ihm und den Mitarbeitern des Unternehmens unter anderem darum, die Herstellung und Dotierung von Halbleitern wie Germanium und Silicium zu verbessern, was zum Beispiel konkret bedeutete, sich um die Reinheit der Kristalle, die Genauigkeit der Abmessungen und die Zuverlässigkeit der Schichtung zu kümmern und zugleich das ganze Konstrukt immer kleiner werden zu lassen. Diese Miniaturisierung und die anderen Verbesserungen lagen nicht nur im Interesse des Militärs, das viele Aufträge vergab. Sie lagen zum Beispiel auch im Interesse der Hersteller (und Nutzer) von Hörgeräten, die ab 1951 mit Transistoren ausgestattet werden konnten und damit nicht nur erfreulich klein und also leicht tragbar wurden, sondern sogar zuverlässiger funktionierten.
Shockley und sein Team machten sich mit Macht daran, Transistoren mit geringerem Gewicht und höherer Betriebssicherheit zu entwerfen – technisch gesprochen wechselten sie das grundlegende Design des elektronischen Verstärkerelements vom Punkt- zum Flächentransistor. Um 1953 konnten sie geeignete Angebote unterbreiten, wobei sie als grundlegenden Halbleiter auf das Element Silizium zurückgreifen konnten, das reichlich zur Verfügung stand. Ihm verdanken wir den 1971 vorgeschlagenen Namen „Silicon Valley“ für den Bereich der San Francisco Bay Area, in dem in den kommenden Jahrzehnten die Computerindustrie aufblüht.
Was heute als „Silicon Valley“ einen zugleich historisch entscheidenden und aktuell hochbegehrten Standort für Unternehmen ausmacht, war zunächst nur ein Stück Land („real estate“), das die Gründerfamilie der Stanford Universität in Kalifornien ihrer akademischen Heimstätte mit der Maßgabe vermacht hatte, es nicht verkaufen zu dürfen, sondern – wie auch immer – nutzen zu müssen. So kam es, dass in den 1930er Jahren ein Dekan der Stanford Universität namens Frederick Terman junge Studenten wie William Hewlett und David Packard ermutigte, auf dem Gelände eigene Unternehmen – etwa eine Elektronikfirma – zu gründen, und die Universität stattete die Mutigen sogar mit dem passenden Startkapital aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Pläne zur Besiedlung des Tals durch die Einrichtung eines Stanford Industrial Parks erweitert, und Mitte der 1950er Jahre traf dann das Shockley Team mit seinen Halbleitern und den ehrgeizigen Plänen ein. Das dazu gegründete Unternehmen funktionierte zwar nur bis 1957, aber die acht Personen, die sich in diesem Jahr von Shockley trennten und ihr eigenes Unternehmen mit Namen „Fairchild Semiconductor“ gründeten – sie wurden unter Insidern zunächst „Die verräterischen Acht“ genannt –, blieben vor Ort und machten ihn bald riesengroß und weltbekannt.
Wer ihre Namen zum ersten Mal liest, wird nicht unbedingt auf viele Bekannte stoßen – Julius Blank, Victor Grinich, Jean Hoerni, Eugene Kleiner, Jay Last, Gordon Moore, Robert Noyce und Sheldon Roberts –, aber dieses Schattendasein stellt oftmals das Schicksal von Wissenschaftlern oder Ingenieuren dar, die eine verwöhnte Gesellschaft ihre Schuldigkeit tun und dann ohne weitere Beachtung gehen lässt.
Wer die oben angeführte Liste liest, wird vielleicht bei dem Namen Moore stutzen und sich an das erinnern, was in den Zeitungen oft als „Mooresches Gesetz“ bezeichnet wird, obwohl es das weder ist noch sein kann. Es geht dabei vielmehr um die in der Mitte der 1960er Jahre von Moore in einem Vortrag aufgestellte (außerordentlich kühne und höchst optimistische) Prognose, dass die Zahl der Transistoren, die man auf einem Silizium-Chip unterbringen kann – und damit die Speicher- und Rechenkapazität eines Computers, der damit ausgestattet ist –, sich etwa alle achtzehn Monate verdoppeln wird. Kurz gesagt, Computer werden sehr rasch sehr viel besser, und das dauernd.
Als Moore diese Prognose riskierte, wurde viel gelächelt. Aber heute dürfen die Skeptiker voller Verblüffung feststellen, dass sich sein Wachstumsglaube mindestens 40 Jahre lang ziemlich genau bewähren konnte, was eine fast unvorstellbare Bilanz bedeutet, wenn man ihre Konsequenzen konkret ausrechnet. Wenn sich nämlich eine Menge (oder etwas anderes) 40 Jahre lang alle 18 Monate verdoppelt, dann ergibt dies eine (exponentielle) Steigerung um den Faktor hundert Millionen, und genau diese gigantische Zahl lässt sich tatsächlich für die Rechenleistung der Computer nachweisen – mit der praktischen Folge, dass heute in jedem einzelnen Mikrowellenherd oder in jeder noch so preiswerten Digitalkamera mehr Rechenkapazität vorhanden ist, als der ganzen (!) Welt in den 1950er Jahren zur Verfügung stand, als Shockley ins Silicon Valley kam.
Das Mooresche Gesetz
Als in der Mitte der 1960er Jahre die Transistoren so klein und zuverlässig geworden waren, dass viele von ihnen auf kleinstem Raum verlötet werden konnten, riskierte der Amerikaner Gordon Moore die Prognose, dass sich dabei lange Zeit keine Grenzen zeigen würden und man damit rechnen solle, die Komplexität integrierter Schaltkreise (deren Rechenkapazität) alle 18 Monate verdoppelt zu finden. Für Philologen und andere, die genaue Nachweise lieben: Moore bestreitet bis heute, die Zahl 18 ins Spiel gebracht zu haben, und eine nachweisbare Quelle kennt niemand. Die Prognose hat sich trotzdem erfüllt, und 1970 hat sie ein Kollege von Moore sogar zum Gesetz erhoben. Inzwischen gibt es Leute, die das Mooresche Gesetz der Verdopplung über den elektronischen Rahmen hinaus führen wollen und die von ihm beschriebene superschnelle Entwicklung als charakteristisch für jedes technologische Fortschreiten ansehen. Darüber hinaus gibt es sogar Leute, die der Ansicht sind, jetzt lasse sich berechnen, wann die künstliche Intelligenz der Computer die natürliche Intelligenz der Gehirne überholen und ablösen werde. Bei solchen Prognosen fällt mir die Geschichte ein, die von der Mär handelt, das menschliche Wissen verdopple sich in immer kürzer werdenden Abständen. Erst hat sich unser Wissen zwischen 1960 und 1980 verdoppelt, dann hat sich unser Wissen zwischen 1980 und 1990 verdoppelt, dann hat sich unser Wissen zwischen 1900 und 1995 verdoppelt, und seit dieser Zeit weiß man nicht mehr so genau, wann sich unser Wissen verdoppelt hat.)
Der integrierte Schaltkreis
Eben fiel der Ausdruck „Chip“, den man inzwischen zwar allgemein kennt, der aber auch erst einmal eingeführt werden musste. Dies ist im Jahre 1958 gelungen, als der amerikanische Ingenieur Jack Kilby das erfunden hat, was heute „integrierter Schaltkreis“ oder „Mikrochip“ heißt, wobei wir bei dem letzten Wort die ersten Silben gerne weglassen, wenn wir es im Gespräch benutzen.
Die ersten elektronischen Schaltungen bestanden noch aus einzelnen Transistoren, die dann auf einer sogenannten Leiterplatte angebracht und miteinander verbunden („zusammengeschaltet“) wurden, um logische oder andere Operationen ausführen zu können. Als die Designer der dazugehörigen „circuits“ dazu übergingen, immer mehr Transistoren zu kombinieren, bekamen diese Leiterplatten den schönen Namen Platine. Platinen bestehen aus einem isolierfähigen Material (einem Kunststoff), das mit schmalen leitfähigen Bahnen – zum Beispiel aus Kupfer – bestückt wird, in denen die Elektronen fließen und die dazugehörige Elektronik schaffen.
Diese Bauweise der Elektronik änderte sich entscheidend, als es dem für Texas Instruments tätigen Kilby gelang, zwei Transistoren funktionsfähig auf einem Stück Halbleiter zu verbinden (durch Golddrähte), und im Silicon Valley zeigte sich der bereits erwähnte Robert Noyce ein Jahr später sogar in der Lage, dieses Integrieren „monolithisch“ – mit einem Halbleiter, der aus einem einzigen Kristall bestand – durchzuführen. Die Herstellung solcher Chips erforderte zwar höchst raffinierte (unter anderem „fotolitografische“) Verfahren und technologisch ziemlich trickreiche Diffusionsprozesse. Doch diese Verfahrensschritte hatten die interdisziplinär agierenden und denkenden Ingenieure bei Fairchild Semiconductor in weiser Vorausschau bereits entwickelt, und so konnte das Unternehmen bald die Produktion von Chips perfektionieren, bei denen die Transistoren auf den Halbleiter – bevorzugt Silizium – aufgeätzt werden, wie es so schön heißt.
Anfang der 1960er Jahre war es dann soweit: Die erste Serienproduktion von integrierten Schaltkreisen lief an, auf denen zunächst noch wenige – rund ein Dutzend – Transistoren untergebracht und verschaltet waren. Die Branche sprach dabei anfänglich von der „small scale integration“, der zunächst die „middle scale“ mit einigen hundert Transistoren folgte, bis Anfang der 1970er Jahre einige Tausend Transistoren auf einem Chip untergebracht werden konnten, was natürlich als „large scale integration“ gefeiert wurde.
Zu dieser Zeit hatten sich Noyce und Moore bereits von Fairchild getrennt, um 1968 ihr eigenes Unternehmen zu gründen, das inzwischen unter dem Namen „Intel“ – eine Zusammenziehung aus Integrated electronics – weltbekannt geworden ist und sich den heutigen Käufern eines PC gerne stolz zu erkennen gibt: „Intel inside“. Als Noyce und Moore ihren erneuten Schritt in die Selbständigkeit taten, sahen sie zum einen, dass die Integration zunehmen würde – tatsächlich konnten die Ingenieure in den 1980er Jahren bereits einige Hunderttausend Transistoren auf einem Chip unterbringen, was sinnreich und wenig überraschend „very large scale“ genannt wurde. Das Intel-Duo verstand aber darüber hinaus auch, dass schon die „große Integration“ mit ihren Tausend Transistoren einen qualitativen Sprung in der Hardware – den Geräten und ihren Platinen – bedeutete. Solch ein Chip konnte nämlich nicht nur logisch verknüpfen, er konnte darüber hinaus Befehle geben und als Zentraleinheit eines Computers funktionieren. Er konnte als die „Central Processing Unit“ (CPU) in Aktion treten, wie man heute sagt, in der das Rechen- und das Steuerwerk vereinigt sind. Deshalb bekamen diese integrierten Schaltkreise auch einen neuen Namen. Sie hießen von jetzt an „Mikroprozessoren“ oder kürzer „Prozessoren“.
Den Urvater all dieser „programmierbaren Logikschaltkreise“, wie Intel sie nannte, stellte das Unternehmen im Jahre 1971 unter der Bezeichnung Intel 4004 vor. Entstanden war dieses Wunderwerk menschlicher Ingenieurskunst in einer grandiosen Teamleistung des ganzen Unternehmens, die von einer eher unwahrscheinlich wirkenden, internationalen Zusammenarbeit inspiriert wurde, zu der Federico Faggin, ein italienischer Physiker und Computerwissenschaftler, Masatoshi Shima, ein japanischer Chemiker und Ingenieur, Stanley Mazor, ein amerikanischer Mathematiker und Designer, und Marcian E. Hoff, ein ebenfalls amerikanischer Elektroingenieur und Technologieberater beitrugen. Da Mikroprozessoren damals noch nicht das große Geld brachten, dafür aber deren Entwicklungsarbeiten viele Kosten mit sich brachte, konnte die Unternehmensleitung von Intel dem Quartett nicht viel Zeit einräumen, was zu einem hohen Leistungsdruck führte, der aber bewältigt werden konnte, weil alle an die Zukunft ihrer Chips glaubten.
So wichtig die Beiträge der vier Genannten beim Design des Mikroprozessors auch waren – ihre logischen und anderen Spezifikationen mussten praktisch umgesetzt werden, und dazu bediente man sich einer besonderen Technologie, die in den 1950er Jahren bei Fairchild Semiconductor entwickelt worden war und sich MOS nannte, was für Metal Oxide Semiconductor steht. Dabei werden Phänomene ausgenutzt, die sich an der Schnittstelle zwischen einem Halbleiter (Silizium) und seiner Verbindung mit Sauerstoff (Silziumdioxyd) – also an einer Oberfläche – abspielen und es erlauben, integrierte Schaltungen auf engstem Platz anzulegen. Bei Intel gab es eine eigene – fast fünfzig Köpfe umfassende – MOS Entwicklungsgruppe unter Leitung von Leslie Vadasz, die mit Anweisungen der vier Designer versorgt wurde und anschließend den tatsächlichen Chip hervorbrachte. Anfang 1971 konnte das Team sein Ergebnis und damit das Objekt der Begierde einer neugierigen Öffentlichkeit präsentieren.
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