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Erdmann Graeser

Eugenie Erdözy

Roman

Saga

Eugenie Erdözy

© 1939 Erdmann Graeser

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592410

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

„Von wem sprecht ihr denn überhaupt?“ fragte Premierleutnant Graf Storkow, der eben erst gekommen war.

„Na — von der schönen Jenny!“

Die Unterhaltung der fünf jungen Offiziere — Premierleutnants vom Ersten Garde-Dragoner-Regiment — ging weiter. Sie sassen in der Habelschen Weinstube, waren in Zivil und jetzt schon bei der letzten der fünf Flaschen Champagner angelangt, die einer von ihnen — Otto von Plesser — für eine verlorene Wette zu zahlen hatte.

Ja, — dass sie heute hier einmal schlemmen konnten, verdankten sie im Grunde genommen nur der Tugendhaftigkeit der schönen Operettensängerin Eugenie Erdösy, von der Leutnant von Plesser behauptet hatte, dass sie, ebensogern wie die andern Damen vom Walhalla-Operetten-Theater in der Charlottenstrasse, jede Einladung der Offiziere zum Souper annähme — man brauche ihr nur durch den Logenschliesser die Visitenkarte in die Garderobe zu schicken.

Er hatte die Wette verloren, die „Jenny“ — wie man sie kurz nannte — hatte die Einladung nicht angenommen, obwohl die Visitenkarte an einem wundervollen Rosenstrauss befestigt war.

„Ich wusste es, lieber Plesser, wir hätten die Wette eigentlich gar nicht eingehen sollen“, sagte Leutnant von Strehlen, „ja, du musstest verlieren, denn alle sind bis jetzt ebenso abgeblitzt!“

„Ich nicht!“ sagte Graf Storkow, der jüngste von den fünf Offizieren.

Die andern lachten laut auf: „Willst du etwa behaupten —?“

„Gar nichts will ich behaupten — gar nichts, als dass es mir nicht so ergangen ist!“

„Das heisst dann also?“

„Das heisst nichts anderes, als dass ich’s überhaupt noch nicht probiert habe. Ich kenne ja eure Jenny gar nicht, wundere mich bloss, dass das ganze Regiment in sie verschossen ist — in die Chansonette aus so einem Stullentheater!“

„Man merkt’s, du warst auf Urlaub“, sagte Leutnant v. Plesser. „Stullentheater — früher mal, gewiss! Seitdem der Sohn vom alten Direktor Grosskopf die Sache in die Hand genommen hat, ist das ‚Walhall‘ kein Stullentheater mehr. Im Gegenteil — die alte Bude ist gründlich umgekrempelt — zum Operettentheater geworden! Piko bello, kann ich dir sagen.“

Die andern stimmten zu. „Gastspiele erster Kräfte aus dem Auslande! Zum Beispiel die Jenny stammt aus Ungarn, ist über die Wiener Oper zu uns nach Berlin gekommen!“

„Behauptet sie — und kommt in Wahrheit aus der Ackerstrasse!“

Die andern schwiegen verstimmt. Storkow sah betroffen von einem zum andern, schüttelte den Kopf. Das alte neumärkische Grafengeschlecht, dem er entstammte, und der reiche Vater — ein Oberst a. D. des Ersten Garde-Dragoner-Regiments — hatten ihm von Anfang an eine Vorzugsstellung unter seinen Kameraden verschafft.

„Ich möchte eure Gefühle nicht noch mehr verletzen, wenn ich zu fragen wage: Spricht sie denn deutsch — die schöne Jenny?“

„Ja!“

„Und tritt sie jeden Abend auf?“

„Sie singt doch die Nanon in der Genéeschen Operette — ist dadurch zum Liebling von ganz Berlin geworden!“

„Wann fängt die Vorstellung an?“

„Na — um acht Uhr!“

Storkow zog die Uhr. „Jetzt ist es halb — trinken wir aus, fahren wir hin, ich lade euch ein. Habt ihr Lust? — Gut! Kellner — eine Droschke!“

Die gute Stimmung war sofort wiederhergestellt.

„Ja — wie setzen wir uns nun, die Arche hat doch nur für vier Platz?“ fragte Storkow, als sie in die vorgefahrene Droschke steigen wollten.

„Ich setze mich neben den Kutscher — Schwäche aus meiner Jugendzeit“, sagte Hans v. Eschendorff und kletterte schon auf den Bock. Er war den ganzen Abend am stillsten gewesen, stiller noch als sonst, denn ihn drückten „Familiensorgen“, wie Leutnant von Strehlen die Alimentationsverpflichtungen Eschendorffs nannte. Heute hatte er wohl wieder einen Mahnbrief bekommen und wusste, bei dem knappen Wechsel von daheim, nicht, woher er das Geld nehmen sollte, falls ihm der beabsichtigte Pump bei Storkow missglückte.

„Los, Kutscher — nach dem Walhall!“

Es war ein schöner Spätsommerabend und die Strasse Unter den Linden stark belebt von Spaziergängern, die aus dem Tiergarten kamen, aus den Zelten oder dem Krollgarten.

Doch nur einen Augenblick bot sich dieses Bild, denn schon lenkte der Kutscher in die Charlottenstrasse ein, und das Pferd — feuriger als sonst Droschkenpferde zu sein pflegten — setzte sich in Trab und verlor erst seinen Ehrgeiz, als es sich hinter der Zimmerstrasse jenem stillen Teil näherte, der als Encke-Platz durch die Sternwarte die Charlottenstrasse abschloss.

Kurz davor lag das Walhalla-Operettentheater. Der Eingang war hell erleuchtet, die Leute drängten sich an der Kasse.

„Alles ausverkauft!“ sagte der Mann hinter dem Schiebefenster.

Storkow wandte sich um. „Da habt ihr die Bescherung!“

Aber Leutnant v. Plesser sagte: „Lass mich mal ran. Und im Leutnantston fragte er dann: „Die Fremdenloge ist doch noch frei? — Schön, wir nehmen sie — Storkow, bleche!“

Durch den schmalen Seitengang führte der Theaterdiener die Herren nach der Fremdenloge.

Schon stimmte die Kapelle ihre Instrumente, die Ouvertüre konnte jeden Augenblick beginnen. Storkow sah sich verwundert um.

„Donnerwettstein“, sagte er anerkennend, „das Ding hat sich ja mächtig verändert — auch das Publikum sieht besser aus als früher. Aber — Kinder — Vorsicht! Halten wir uns im Hintergrund, dass uns keiner erkennt. Der Deibel kann sein Spiel haben — einer in Zivil ginge hier noch an — aber gleich fünfe auf einen Schlag —“

„Ruhe!“

Die Musik hatte begonnen — es war finster und still im Raum geworden. Als dann aber die Melodie: „Ach, Anna, zu dir ist mein liebster Gang!“ schmeichlerisch erklang, hörte man das Publikum mitsummen — die Bäcker- und Schusterjungen pfiffen ja das Lied in aller Herrgottsfrühe schon auf den Strassen — es gab keinen in Berlin, der es nicht kannte.

Da rollte der Vorhang in die Höhe, die Szenerie zeigte das Wirtshaus „Zum goldenen Lamm“, und Nanon, die schöne Wirtin — Fräulein Eugenie Erdösy — begann auf die Frage der ländlichen Gäste zu singen:

„Was ich mir wünsche, fragt ihr?

Mein freundliches Wirtshaus —

Umrankt ist’s vom Wein —

Die Trauben, sie reifen im Sonnenschein,

Gefüllt ist’s von Gästen im frohen Verein —

Was kann da der Wirtin zu wünschen wohl sein? “

Aber nicht lange, da kam Grignan, der „schlichte Bursche aus dem Volk“, in Wahrheit aber der Marquis Henri d’Aubigné, und als sie sich beide leidenschaftlich küssten, gab Leutnant v. Plesser dem Grafen Storkow einen leichten Rippenstoss und fragte:

„Na, wie ist dir?“

Doch der wehrte unwillig ab, starrte wieder auf die Bühne. Die andern sahen sich bedeutungsvoll an und lächelten.

In der Pause dann sagte Storkow: „Ja — entzückend, namentlich die Augen und die Figur. Aber ich möchte wissen, wie sie ohne Schminke und Kostüm aussieht!“

„Ich auch —“, sagte Leutnant von Brandt.

Alle lachten, aber Storkow fuhr sie ärgerlich an: „Ich meine doch, wie sie in Zivil wirkt.“

„Pscht! Nicht so laut“, warnte v. Eschendorff, „das Publikum wird schon aufmerksam auf uns.“

Ein Weilchen blieben sie auch still, aber da fragte Storkow plötzlich: „Vis-à-vis — in der Loge — ist der Herr dort nicht Direktor Grosskopf?“

„Der mit der weissen Weste?“

„Ja — ist er!“ bestätigte von Plesser.

Das Spiel nahm seinen Fortgang. Doch kurz vor Schluss des zweiten Aktes erhob sich, den Kameraden beruhigend zunickend, Graf Storkow und verliess die Loge.

„Ich hab’ mir’s gedacht“, flüsterte v. Plesser spöttisch. „Na — schadet ihm nichts, wenn er auch mal ganz gehörig abblitzt!“

„Ssssst!“ klang’s aus dem Publikum.

Draussen auf dem Gange entnahm Storkow einem Täschchen seine Visitenkarte, winkte dem Theaterdiener und sagte: „Hier — geben Sie das Herrn Grosskopf — ich lasse um eine kurze Unterredung bitten. Er sitzt in der Loge vis-à-vis — soll ich hier warten oder gleich mitkommen?“

Der Diener hatte sich einen Zwicker aufgesetzt, studierte die Karte und fragte devot: „Wenn ich den Herrn Grafen gleich führen darf ...“

Und auf der anderen Seite angelangt: „Einen Augenblick bitte zu warten, ich bringe sofort Bescheid!“

Damit verschwand er in der Direktionsloge. Gleich darauf erschien Herr Grosskopf selbst. „Ergebenster Diener, Herr Premierleutnant — was verschafft mir die ausserordentliche Ehre — wenn Sie wünschen, gehen wir in mein Büro.“

„Sehr liebenswürdig, Herr Direktor — aber Fräulein Erdösy muss doch jeden Augenblick von der Bühne kommen — ich möchte nicht versäumen, ihr mein Kompliment zu machen. Auch Ihnen, Herr Direktor — das Walhall ist ja kaum wiederzuerkennen — ein Genuss, diese Nanon-Aufführung!“

Der plötzlich einsetzende, aussergewöhnlich langanhaltende Beifallssturm verriet, dass der Vorhang gefallen war.

„Also — Herr Direktor — eine grosse Bitte: Darf ich der Künstlerin nicht meine Bewunderung aussprechen — auch im Namen meiner Kameraden drüben in der Loge?“

Der Direktor wiegte den Kopf hin und her. „Eigentlich nicht, Herr Graf! Na — vielleicht mal eine Ausnahme, und noch dazu in meiner Gegenwart — ich will es jedenfalls versuchen. Aber dann, bitte, wollen wir uns beeilen! Darf ich vorangehen?“

Sie kamen nach der Garderobe — Grosskopf klopfte an. Eine ältliche Person steckte den Kopf durch die Türspalte. „Nanu — wat is denn — ach, der Herr Direktor!“ sagte sie erschrocken.

„Herr Direktor — Sie wünschen?“ kam die Frage aus dem Zimmer, und gleich darauf trat die Künstlerin auf den Gang.

„Fräulein Erdösy — gestatten Sie, Herr Premierleutnant Graf Storkow wollte Ihnen — —“

„Gnädiges Fräulein — Sie sehen, ich bin ohne die üblichen Rosen — also ganz spontaner Einfall — nur aufrichtigste Bewunderung Ihres Künstlertums veranlasste mich, den Herrn Direktor zu bitten, Ihnen —“

Er kam nicht weiter, verhaspelte sich, denn der ernste Blick ihrer dunklen, schönen Augen verwirrte ihn. Aber als er nun stockte, reichte sie ihm die Hand und sagte: „Sie beschämen mich! Ich bin dem Herrn Direktor zu grossem Dank verpflichtet, dass er mich an sein Theater nach Berlin engagierte.“

„Ich weiss, welches Glück mir zuteil wird! Meine Kameraden hatten mir schon erzählt, dass Sie unnahbar seien —“

Sie sagte: „Ich wäre Ihnen sehr dankbar, Herr Premierleutnant, wenn Sie Ihre Kameraden bitten wollten, derartige Einladungen mir nicht mehr zu schicken ...!“

Er verbeugte sich. „Nichts ist mir lieber, gnädiges Fräulein, aber darf ich mir nicht erlauben, ein paar Rosen —“

Jetzt lächelte sie. „Keine Ausnahme!“

„Doch“, sagte er wie ein trotziger Junge, „ich tue es doch — und wenn Sie die Blumen auch unbeachtet verwelken lassen.“

Ein Klingelzeichen — sie wandte sich hastig ab. „Ich muss weg — adieu!“

Einen Augenblick fühlte er ihre Fingerspitzen in seiner Hand, dann war sie in ihrer Garderobe verschwunden.

„Eine Künstlerin“, sagte Herr Grosskopf, „hat eine grosse Zukunft!“

„Ich danke Ihnen, Herr Direktor — aber nun will ich auch rasch hinüber, man wird sich ja wundern, wo ich stecke.“

Als er zurück in die Loge kam, ging gerade der Vorhang wieder auf. Trotzdem kam von Plesser das erwartungsvolle: „Na?“

Storkow schüttelte den Kopf. „Später!“

Und in diesem letzten Akt sang Fräulein Erdösy dann ihr berühmtes Couplet:

„Ich brauche keine Professoren,

Liebe ist uns angeboren.

Ich weiss, was dazu gehört,

Wie man schmachtet und gewährt,

Kokettiert und Grüsse schickt,

Wie man seufzt und Hände drückt

Bei verliebten Neckerei’n.

Doch wozu? ’s muss ja nicht sein!

’s muss ja nicht sein!“

Sie musste eine Pause machen, so stark war der Beifall, doch dann trat Stille ein, und sie sang weiter:

„Weiss auch, wie mit Feuerblicken

Solchen Kopf man kann verrücken,

Weiss, dass, wenn es kommt zum Küssen,

Sich die Lippen spitzen müssen,

Drücke zu die Äugelein,

Wenn es wirklich müsste sein,

Halt auch still dann ohne Schrei’n.

Doch wozu? ’s muss ja nicht sein!

’s muss ja nicht sein!“

Hatte sie diesen Vers nicht nach der Loge der jungen Offiziere hin gesungen?

„Donnerwetter“, flüsterte Plesser, „es muss doch sein!“

Als der Vorhang zum letztenmal gefallen, man draussen auf der Strasse war, sagte Storkow: „Sie lässt euch bitten, sie künftighin mit euren Einladungen zu verschonen — sie ist doch nicht irgendein Ballettmädel!“

„Hoho — hat sie dir das aufgetragen?“

„Ja!“

Die andern lächelten, und Hans v. Eschendorff summte: „Es muss ja nicht sein!“

„Nein — und deshalb bitte ich euch darum, es zu unterlassen, damit sie merkt, dass ich’s auch ausgerichtet habe!“

II.

Man hatte sich getrennt; v. Eschendorff war mit Storkow zusammengeblieben, und dieser wusste, was ihn jetzt erwartete.

In der Wilhelmstrasse dann, kurz vor dem Belle-Alliance-Platz, nahm Eschendorff entschlossen einen Anlauf: „Von der Fanny habe ich wieder einen Brief bekommen!“

Storkow zog bei der nächsten Laterne seine Brieftasche. „Hier — ein Blauer — mein letzter! Ich bin diesen Monat auch knapp — was du also nicht brauchst, gib mir morgen zurück!“

„Dreissig — vierzig Emm hätten genügt —“

„Ich hab’s nicht kleiner!“

„Ich danke dir — Storkow!“

„Lass doch, ich kann mir ja denken, wie dir zumute ist. Bloss, wie willst du jemals aus der Patsche herauskommen?“

„Ich sehe keinen Ausweg — die Bluthunde haben mir ja schon mit Anzeige beim Oberst gedroht.“

„Und dann?“

„Dann werde ich eben geschasst.“

„Und dann?“

„Wird vielleicht noch alles gut. Zum Offizier muss man geboren sein — ich bin es nicht. Ich hätte Musik studieren sollen, aber ich musste mich fügen. Vielleicht hol’ ich noch nach, was ich verloren habe.“

„Und — entschuldige — wovon willst du leben?“

„Klavieruntericht! Ich heirate die Fanny — dann wird das Kind ehelich — und da sie ebensogut unterrichten kann wie ich, machen wir ein Musikinstitut auf! Je eher der Kladderadatsch kommt, desto besser für mich!“

Sie waren vor Storkows Wohnung am Belle-Alliance-Platz angelangt.

„Also — morgen früh wechsle ich und gebe dir den Rest zurück!“

„Ja doch — gute Nacht, Eschendorff! Vielleicht gibt’s doch noch einen andern Ausweg!“

„Ich will gar keinen — ich liebe das Mädel und das Kind viel zu sehr, und als Offizier hätte ich die Fanny niemals heiraten dürfen!“

„Adieu!“

Storkows Wohnung lag hochparterre. Im Dunkeln tastete er sich hinauf, entflammte dann oben vor der Tür ein Wachsstreichhölzchen, schloss auf. Die Petroleumlampe war schon zum Anzünden bereitgestellt, Glocke und Zylinder lagen daneben auf dem Tischchen im Korridor.

Als sie brannte, trug er sie nach dem grossen Vorderzimmer, das er sich ebenso eingerichtet hatte wie die Stube daheim auf dem väterlichen Gute. Bis zur halben Höhe dunkel getäfelt — auf der hellen Tapete darüber ein paar Jagdgewehre, Geweihe und gerahmte Lithographien von englischen Rennpferden. In der Mitte stand ein schwerer, eichener Tisch. Nebenan war das kleine Schlafzimmer mit dem eisernen Feldbett; an den Wänden hingen Photographien in ovalen schwarzen Rahmen.

Storkow schloss den Schrank auf. Ja — da hing der Dienstanzug für morgen früh, gebürstet und griffbereit — aber wo waren die Stiefel?“

„Na — erst einmal das Räuberzivil herunter und ein bisschen bequem gemacht!“ In Hausschuhen ging er dann durch den Korridor nach der Küche.

Da brannte wirklich noch Licht — ein kleines Lämpchen mit einem gelben Blender. Der Diener sass da, mit dem Kopf an die Wand gelehnt und schlief, den Mund weit offen.

„Friedrich!“

Aber der schlief viel zu fest und ermunterte sich nicht eher, als bis er ihn an der Schulter rüttelte. Da fuhr er jäh in die Höhe, suchte Haltung anzunehmen. „Z’Befehl, Herr Premierleutnant!“

„Scher’ dich in die Falle — wie oft hab’ ich dir schon gesagt, du sollst nicht warten!“

Beinahe wäre Storkow über die Schuhe und Stiefel gestolpert, die in langer Reihe neben dem Stuhl standen.

„Alle gewichst! Etwa die Lackschuhe auch wieder? Ach nee, die hab’ ich ja eingeschlossen, damit das Malheur nicht noch einmal vorkommt. Stell’ genau die Weckeruhr und dann in die Federn — Lampe auspusten!“

Er selber aber war viel zu munter, um ebenfalls zu Bett zu gehen. Eine Zigarre rauchend, sass er am Tisch und blickte auf die beiden Briefe, die dort lagen — sie zu öffnen, hatte er keine Lust. An der Handschrift und den Umschlägen sah er ja, von wem sie kamen — der eine von seinem jüngeren Bruder Fritz, der ihn mit seiner unglücklichen Liebe zu der Gutsnachbarin doch nur langweilte, der andere von Fifi, die ihm sicherlich Vorwürfe machte, dass er sie nicht mehr ausführte.

Eine Klette —, dachte er, dass das Mädel nicht begreifen will, wie lange die Geschichte schon aus ist. Ein Wort seines Bruders fiel ihm ein: „Du gehst aus allen Affären heil heraus — dich macht keine unglücklich, nur du machst alle unglücklich — wehe dem armen Mädel, das sich mit dir einlässt!“

Weil er nie geliebt hatte wie der Bruder Fritz, der stets an einen „Bund fürs Leben“ dachte. So spöttisch er eine solche völlige Hingabe beurteilte — heute, zum erstenmal in seinem Leben, hatte er empfunden, dass auch er dazu fähig sei. Vorhin, im Theater, als ihm „die Jenny“ die Hand gereicht.

Ja — solch ein Mädchen — eine wirkliche Künstlerin, nicht eine Ballettratte wie die Fifi.

Unwillkürlich hatte er nun doch nach dem Briefe gegrissen — aber plötzlich richtete er sich hoch auf, las noch einmal die Stelle:

„— — — so lebe wohl für immer — Du hast keine Schuld und brauchst Dir keine Vorwürfe zu machen, wenn Du es hörst. Ich konnte es nicht länger ertragen, es ist das Beste für mich.

Deine bis in den Tod getreue Fifi.“

Was war da geschehen — sollte das Mädel wirklich eine Dummheit gemacht haben? Ach, sicherlich nur eine Weiberlist, um ihn wieder anzulocken. Aber wenn da doch etwas passiert wäre? Nun, jetzt in der Nacht war nichts zu erfahren. Und — zu ändern wäre ja auch nichts gewesen. Was hatte denn aber dieses Mädchen eigentlich gedacht? Nie hatte er ihm etwas versprochen, ihm nie Zweifel darüber gelassen, dass es sich nur um ein Techtelmechtel gehandelt, wie Fifi schon vor ihm so viele gehabt.

Nein — er wurde nicht ruhiger. Und plötzlich nahm er die Schreibmappe vor, beschrieb einen Umschlag mit der Adresse: „Fräulein Elfriede Barnick, Berlin N, Kesselstrasse Z.“ Und auf eine Visitenkarte: „Ich bitte Dich um eine Aussprache, gib Nachricht, wann und wo wir uns treffen können. Gruss Achim.“

Er kuvertierte, klebte die Marke auf und ging dann so, wie er war, auf die Strasse und warf den Brief in den Kasten.

Wieder in seinem Zimmer angelangt, spürte er jetzt die Erschlaffung — also ins Bett.

*

Premierleutnant Graf Achim Storkow hatte das Glück gehabt, dass er vor einem halben Jahr zur Kriegsakademie berufen worden war. Jeden Morgen in der neunten Stunde strebte er daher nach dem grossen Bau in der Dorotheenstrasse — aber dann, wenn nach vier Stunden die Vorlesungen zu Ende, gehörten Nachmittag und Abend ihm.

Als er heute — zwei Tage nach dem Besuch im Walhall — heimkam, fand er auf dem Tisch seinen Brief „An Fräulein Elfriede Barnick“; auf der Rückseite der Vermerk der Post: „Zurück an den Absender. Adressatin verstorben.“

„Friedrich!“

Und als der Diener kam: „Sofort eine Droschke — nein, für mich kein Essen — ich muss weg!“

Wenige Minuten später fuhr die Droschke vor, Friedrich sprang vom Bock, kam herauf.

„Wer auch kommt, wird abgewiesen — verstanden! Kerl, du heulst wohl gar?“

„Das arme Fräulein — war immer so lustig — und so jung und schön!“

„Raus!“

Fehlte noch gerade, dass er mit dem Diener einen Trauerchor bildete. Mit Unabänderlichem musste man sich abzufinden wissen. Als er dann in der offenen Droschke — es war ein schöner, sonniger Tag — am buntgefärbten Tiergarten vorüberfuhr und die Erinnerung kam, wie oft er hier mit Fifi entlanggegangen war, wenn er sie heimgebracht, legte sich doch etwas Schweres auf sein Herz. Und wieder kamen ihm die Worte seines Bruders in den Sinn, dass er die Mädchen unglücklich mache.

Ehe der Kutscher in die Kesselstrasse einbog, liess Storkow halten, zahlte und ging den Rest zu Fuss. Er blickte hinauf nach den Fenstern von Fifis Stube — sie waren weit geöffnet. Und dann stieg er die drei Treppen hinauf. Fifis Visitenkarte war nicht mehr an der Tür über dem ovalen Porzellanschild der Vermieterin: „Wwe. Anna Speer.“

Die Klingel war immer noch nicht repariert, er konnte den Draht an dem Messinggriff ein ganzes Stück herausziehen. Auf sein Klopfen wurde dann geöffnet.

„Jott, Sie!“ Die alte Frau war unwillkürlich vor ihm zurückgewichen. „Ja, denn kommen Sie man rin, Herr Iraf!“

Sie liess ihn in ihre Stube, wo es behaglich nach Kaffee roch und ein Kanarienvogel zwitscherte.

„Kommen Sie, setzen Sie sich hier mit ans Fenster — wo sie immer gesessen hat, wenn sie mir von Ihnen erzählte.“

„Ich wollte wissen, wann die Beerdigung ist?“

„Ach Jott, schon vorbei! Wenn ich nich jleich nach’s Schauhaus jejangen wäre, hätten sie ihr vielleicht nach die Anatomie jebracht. Sie haben ihr doch bei die Zelten aus det Wasser jezogen, und ’n Schutzmann kam mir Bescheid sagen. Aber ich möchte das alles ja nich mehr erzählen, ich darf nich dran denken, denn ich seh’ ihr ja immer noch in dem Ilaskasten liegen — wie Schneewittchen sah sie aus — so blass und so schön.“

„Wo ist das Grab?“

„Auf dem Charitéfriedhof in der Müllerstrasse an die Ecke Seestrasse. Kränze braucht sie nicht mehr, die von’s Ballett haben so ville jebracht, dass man von die eklige Erde nischt mehr sieht.“

„Liegt die Stelle sehr abseits?“

„Nee, nee, wat denken Sie, Herr Jraf! An die Mauer hab’ ich ihr nicht einscharren lassen. Wenn man reinkommt von die Müllerstrasse den langen Jang und dann links ab und da denn jrade an die Ecke!“

Storkow stand auf — trotz der Artigkeit der Alten fühlte er doch den Widerwillen gegen seine Person. „Sie haben viele Auslagen gehabt, darf ich Ihnen —“

„I bewahre! Fifi hatte ja ihr Jeld janz genau für alles einjeteilt, auch den Haus- und den Entreeschlüssel hierjelassen — nich einen Pfennig hab’ ich zulegen brauchen!“

„Soviel ich weiss, hatte sie keine Anverwandte in Berlin?“

„Nee — keine Menschenseele! Und damit Sie sich wejen Ihre Photographie und die Briefe keine Jedanken machen — das Bild hat sie aus dem Rahmen jenommen und mit das übrige im Ofen verbrannt!“

„Seien Sie doch nicht so feindlich gegen mich, Frau Speer. Ich war doch schon über ein Vierteljahr mit ihr auseinander und glaubte, dass sie mich längst vergessen hätte!“

„Das hat sie eben nich! Jeden Tag hat sie auf einen Brief von dem Herrn Jrafen gelauert, an ihre freie Abende hat sie hier jesessen und jedacht, es würde kloppen, aber Sie sind nich jekommen. Und wie sehr hat sie Ihnen jebettelt, ich hab’ doch mal so’n anjefangenen Brief jelesen! Sehen Sie, Herr Jraf, so spielt man nich mit Mädchenherzen —“

„Na, ich danke Ihnen für die Auskunft, und nun will ich mal sehen, wie ich nach dem Friedhof komme. Das ist doch hinterm Wedding?“

„Noch ein langes Ende — nehmen Sie sich man ’ne Droschke, die Pferdebahn nach Tegel kommt nur alle halbe Stunde!“ — — —

Im Dämmerlicht des Abends stand er dann an dem Grabe, legte den unterwegs gekauften Rosenstrauss zu den Kränzen — und ging nachher zu Fuss heim, denn er wollte müde werden, um nicht mehr denken zu müssen.

III.

Die Kameraden vom Regiment wunderten sich über das stille, verschlossene Wesen Storkows. Da er auf Fragen nur abweisende Antworten gab, drangen sie nicht weiter in ihn. Geldsorgen wie sie hatte er jedenfalls nicht — also konnte es nur eine Mädelgeschichte sein.

„Die Jenny hat ihn abblitzen lassen“, das war wohl die einzige Erklärung. „Und dass er an dem Theaterabend Feuer gefangen, war ja nicht zu verheimlichen gewesen.

Die nächsten Tage brachten dann ein Ereignis, das alle mit grösster Teilnahme erfüllte. Eines Vormittags war Leutnant v. Eschendorff zum Obersten befohlen worden, und als er zurückkam, sahen sie an seinem blassen Gesicht und dem verzerrten Lächeln, dass die Katastrophe eingetreten war: Geschasst — wegen Schulden — Wechselschulden.

Es war das zweitemal, dass er es wegen eines nicht eingelösten Wechsels hatte zur Klage kommen lassen — und da gab’s keine Schonung. In einer Ansprache an die jungen Offiziere hatte der Oberst erst kürzlich in der eindringlichsten Weise diese ermahnt, keine Schulden zu machen, äusserste Sparsamkeit zu üben, ein Ausgabenbuch zu führen, sich nach der Decke zu strecken. „Dazu gehört nur Charakterfestigkeit — und wer die nicht besitzt, ist unwürdig, des Königs Rock zu tragen!“

Leutnant v. Eschendorff hatte diese Charakterfestigkeit nicht bewiesen und war daher nicht zum Offizier geeignet.

„Ich hätte ihm ja gerne auch diesmal aus der Klemme geholfen“, sagte Storkow, „wenn er mir eine Andeutung gemacht hätte. Treu und brav hat er mir den Rest von einem Blauen gleich am nächsten Tage zurückgegeben — hätte ich ihm doch die fünfzig Mark gelassen!“

„Es handelte sich um viel mehr — und wenn wir alle zusammengelegt hätten, hätte es ihm wahrscheinlich auch nichts genützt“, meinte v. Plesser.

„Was wird er nun machen? Weinreisender, denn als Lotteriekollekteur kommt er nicht mehr in Frage.“

Premierleutnant v. Strehlen, der am bekümmertsten dagesessen, sagte: „Was wird aus uns allen mal, wenn wir nicht Karriere machen und kein Geld wie Storkow haben. Die Aussichten auf einen Zivilberuf für einen verabschiedeten Offizier sind ja minimal. Nach zehnbis zwölfjähriger Dienstzeit müssten wir die Möglichkeit haben, in für uns reservierte Zivilstellungen überzugehen, in Stellen, für die wir durch die lange Militärzeit als besonders geeignet gelten können. Glaubt mir, dann wäre vieles besser!“

Die andern schwiegen — Strehlen hatte ja immer besondere Ansichten. „Für mich“, sagte er jetzt, „ist die Geschichte mit Eschendorff ein Menetekel. Ich versage mir jetzt alles — aber auch alles — schaffe mir nichts Neues an, bis mir der Bursche sagt, dass eine Reparatur nicht mehr möglich ist.“

„Eschendorff war der Sparsamste von uns allen“, sagte Plesser, „er ist nur durch seine Fanny in Schwulitäten geraten. Er wollte an dem Mädel gutmachen, was er ihm angetan, und hat sich dabei übernommen!“

Der Mittagstisch war beendet; sie standen auf und verabschiedeten sich.

Storkow überlegte: Sollte er an diesem klaren, sonnigen Tage noch einen Ritt durch den Tiergarten machen? Aber — es war ja auch so herrlich zu gehen, sich die Ladenschaufenster anzusehen. Vielleicht, dass er für Bruder Fritz ein hübsches Geburtstagsgeschenk fand.

So ging er vom Belle-Alliance-Platz durch die Friedrichstrasse, immer weiter und weiter, bis grössere Geschäfte kamen. An der Kreuzung mit der Leipziger Strasse zögerte er. Sollte er noch zum Waffengeschäft von Hypolit Mehles? — der Kerl machte ja solch eine wahnsinnige Reklame für seine Waren, dass es eigentlich genierlich war, dort zu kaufen. Aber — man konnte ja einmal sehen, was er für Auslagen hatte.

Plötzlich kniff er die Augen zusammen — die eine von den beiden Damen, die ihm da entgegenkamen — ja, war das nicht die Erdösy — die schöne Jenny?

Sie war es. Er salutierte mit leichter Verbeugung. Auch sie musste ihn erkannt haben, sonst hätte sie nicht so freundlich gelächelt. Rasch trat er an das nächste Schaufenster, blickte ihr noch so lange nach, wie er sie sehen konnte.

Eins stand für ihn fest: Heute abend würde er im Theater sein. An der nächsten Litfasssäule suchte er den Anschlagzettel. „Walhalla-Operetten-Theater“, Direktor Grosskopf. „Nanon“, Operette in drei Akten. Frei nach einem Lustspiel der Herren Théauson und d’Artoil von F. Zell und Richard Genée. Nanon Patin, Wirtin vom ‚Goldenen Lamm‘ ... Fräulein Eugenie Erdösy.“

*

„Wer war denn das nun wieder?“ hatte die Begleiterin gefragt, und Jenny hatte lächelnd gesagt: „Einer von den vielen, die mich jetzt grüssen!“

„Aber — du schienst ihn doch zu kennen?“

„Der Direktor hat ihn mir neulich in der Pause vorgestellt — ich glaube, ein Graf Storkow.“

„Kein Adonis!“

„Nein — dabei sah er heute besser aus als neulich in Zivil!“

„Wie alle Männer in Uniform!“

Die Friedrichstrasse war um diese Nachmittagsstunde zu belebt, um eine Unterhaltung führen zu können, und so fiel nur ab und zu eine Bemerkung, wenn die beiden Damen die Auslagen eines Schaufensters musterten. Aber als sie dann in die Leipziger Strasse einbogen, nach dem Tore blickten, unwillkürlich, weil dort der westliche Himmel im Schein der sinkenden Sonne eine wundervolle Sinfonie in Rot und Gelb bot, sagte Jenny: „Ach, Blanka — jetzt frei sein, jetzt da draussen irgendwo diesen herrlichen Tag auskosten können! Da sind dunkle Wälder, man riecht das welke Laub und die Erde. Da ist Stille und Einsamkeit. Ich fühle mich fremd hier in dieser lauten, unruhigen Stadt — wenn ich noch einmal dort sein könnte, wo ich als Kind so glücklich war!“

„Schäfchen — sentimentales! Der Herbst macht dich elegisch! So etwas ist himmlisch einen Nachmittag, wenn man in der Kutsche sitzt und man Distanz zu allem bewahrt. Weisst du, wonach ich mich eben sehnte? Dass wir schon zu Hause wären, Lina den starken Kaffee in der Silberkanne hereinbrächte — auf den Tisch neben die Blumenvase stellte und ich Kuchen essen könnte, ich habe Heisshunger auf unsern Königskuchen!“

„Wir hätten vorhin zu Kranzler gehen sollen.“

„Nein, schrecklich, dieses Angestarrtwerden — wie klebrige Fliegenbeine klettern die Blicke der Männer auf einem herum. Menschen — gewiss, aber nicht nur solche, die man zur Not noch gerade ertragen kann, sondern die in Nuancen sprechen und nuanciertes Sprechen verstehen — mit denen man auch stumm sein kann!“

„Ich wundere mich, dass du mich dann ertragen kannst!“

„Sei nicht empfindlich, Jenny. Ich kann stundenlang schwätzen, wenn ich dadurch eine gesellschaftliche Pflicht erfülle, um den Stumpfsinn der anderen zu retouchieren, aber da opfere ich mich — und ich will mich nicht opfern, habe dazu nicht die geringste Veranlagung.“

„Und doch opferst du dich für mich — und ich hab’ mich oft gewundert, warum?“

„Ich opfere mich nicht — du bist eine Seltenheit —“

Jenny lächelte. „Du täuschst dich! Aber, was ich mich schon oft gefragt habe: wie du dein Leben ertragen würdest, wenn du arm wärest?“

„Ich würde meine Armut stilisieren — dann würde ich sie ebenso ertragen. Kein Bett mit muffigen Federn, sondern einen wirklichen Strohsack, kein Kellerloch, aber eine Mansarde, keine Pferdewurst, aber Pellkartoffeln mit Hering und die Pellkartoffeln schön aufgeplatzt, in einer braunen Schüssel aus Velten. Keinen abgetragenen Mantel von einer Gnädigen, sondern einen Friesrock und ein dickes Umschlagetuch. Natürlich auch Holzpantoffeln — Holzpantoffeln gehören —

„Gehören zu der Komödie!“

Blanka beachtete den Einwurf nicht. „Und dann würde ich singen gehen auf die Höfe, Gitarre dazu spielen.“ Und sie summte halblaut:

„Disteln und Dornen stechen sehr,

Falsche Zungen noch viel mehr.

So ist’s besser, in Dornen zu sterben,

Als durch falsche Zungen verderben.“

Sie kamen in der Charlottenstrasse am Theater vorüber, das noch finster und still war, und standen dann in dem grünen Winkel des Enckeplatzes mit dem Garten der Sternwarte. In dem letzten Hause, das mit seinen Fenstern freie Aussicht auf die Baumwipfel hatte, lag im zweiten Stock die Wohnung. „Blanka Mertini, Gesangspädagogin“, war in das Messingschild an der Tür eingraviert.

„Ssst — hörst du — Lina singt“, sagte Jenny und hielt Fräulein Mertini zurück, die eben den Schlüssel ins Schloss stecken wollte. Sie lauschten beide.

„Ja, treu ist die Soldatenliebe

Von hier bis an die Stubentiere ...“

„Was kann man dagegen tun?“ fragte Fräulein Mertini.

„Nichts — sie muss sich Luft machen — ihr Grenadier ist ihr wahrscheinlich untreu geworden.“

„Wieviele Grenadiere gibt’s!“ Blanka schloss auf, und in demselben Augenblick verstummte der gellende Gesang. Lina kam ihnen entgegen, nahm Schirme und Hüte in Empfang.

Auf der Marmorkonsole, die den grossen goldgerahmten Spiegel stützte, stand ein silbernes Schälchen für die Besucherkarten. Es war leer, trotzdem fragte Fräulein Mertini: „Niemand hier gewesen? Also, schnell den Kaffee, Lina!“

Das Mädchen hatte die Tür zum nächsten Zimmer geöffnet und schloss sie nun hinter den Damen. Hier stand in der Mitte der Flügel, auf dem eine Gitarre lag; an der einen Wand eine Reihe hochlehniger Rohrstühle, an der anderen ein niedriger, langgestreckter Notenschrank mit Glastüren. Darüber ein gerahmter Stich der Jenny Lind. Aber auch hier, zwischen den beiden Fenstern, ein grosser Spiegel, der die Gestalt von Kopf bis zu Fuss wiedergab.

Beide hatten zu gleicher Zeit hineingesehen und ihre Erscheinung gemustert. Jetzt lächelten sie sich im Spiegel an — aber Blanka seufzte:

„Noch einmal so jung sein können wie du, Jenny!“

Ja, der Hut hatte Blanka jugendlicher gemacht, als sie war, und so Kopf an Kopf sah man den Altersunterschied. Trotzdem — sie war ein Frauentypus, der gerade erst in diesem nicht mehr jugendlichen Alter seinen höchsten Reiz auf Männer ausüben musste — und das wusste sie!

Im Nebenzimmer, mit der Aussicht auf den Garten der Sternwarte, war schon der Kaffeetisch gedeckt — in der Mitte, zwischen dem Kopenhagener Porzellan, ein Asternstrauss in weisser Vase.

Und da kam Lina auch schon mit der silbernen Kanne, und während sie in die Tassen eingoss, sagte sie: „Hier jewesen is doch jemand, aber man bloss Herr v. Hilken. Is jleich an die Türe wieder jejangen, als er hörte, dass jnädiges Fräulein spazieren sind!“

Fräulein Mertini nahm diese Mitteilung schweigend hin, aber Jenny sagte, als das Mädchen draussen war: „Er wird am Abend wiederkommen!“

„Jedenfalls will ich ihn erwarten, denn zum zweitenmal an der Tür umzudrehen, verträgt seine Empfindlichkeit nicht. Ich kann dich heute also nicht ins Theater begleiten!“

„Nein — schade! Und wenn Hilken nicht kommt, wirst du dich zermartern bei diesem Warten!“

„Auch das gehört dazu!“

„Ich weiss nicht, Blanka! Wo ist das Glück, wenn ihr euch nur gegenseitig quält!“

In das feine, schmale Gesicht der Freundin kam etwas Müdes. Sie antwortete nicht, und Jenny fühlte sich plötzlich etwas befangen, wie so oft der Freundin und Lehrerin gegenüber — trotz der Freundschaft.

„Bloss Herr v. Hilken —“, wiederholte Fräulein Mertini des Mädchens Worte.

„Und du hast vorhin gefragt: ‚wieviel Grenadiere gibt’s?’“ Wie immer befreite sich Jenny von ihrer Befangenheit, die sie demütigte, durch solch ein Auftrumpfen.

Blanka nahm es schweigend hin, sass sinnend da und sagte: „Gott behüte dich vor solch einem — Liebesverhältnis!“

„Verhältnis — Liebesverhältnis!“ Jenny blickte nach der Uhr auf der Spiegelkonsole und erhob sich.

„Ja — es wird Zeit, ich muss weg“, sagte sie. „Schick’ Hilken doch einen Dienstmann hin, damit du Bescheid bekommst und nicht in dieser Ungewissheit bist!“

IV.

Als Jenny im dritten Akt auf der Bühne erschien, hielt sie drei rote Rosen in der Hand, und als sie dann wieder ihr berühmtes Couplet sang, ja — hatte sie da nicht bei den Worten:

„Weiss, dass, wenn es kommt zum Küssen,

Sich die Lippen spitzen müssen ...“

zu der Fremdenloge gewandt? Unwillkürlich richteten sich die Blicke des Parketts ebenfalls dorthin — gewiss, da sass jemand im Hintergrund, aber in der Dunkelheit des Zuschauerraums war nichts deutlich zu unterscheiden.

Als dann der Vorhang gefallen, das Theater wieder hell wurde, war die Loge schon leer.

Endlich verebbte der Strom der Besucher, verliefen sich auch die, die noch draussen vor dem Eingang gewartet. Aber Storkow, der in der dunklen Haustornische gegenüber stand, hielt geduldig weiter aus. Endlich kamen auch die Künstler — und da war sie, mit dem grossen Rosenstrauss, den er ihr in die Garderobe geschickt.

Mit raschen Schritten ging Jenny dem Enckeplatz zu — aber plötzlich war Storkow neben ihr, den Hut in der Hand, und sagte flehend: „Gnädigstes Fräulein — verzeihen Sie mir — aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Ich habe Sie erschreckt — das wollte ich nicht, wie kann ich es wieder gutmachen?“

Sie hatte ihre Fassung wiedergewonnen, ging noch schneller als vorhin, blieb stumm. Aber er wich nicht von ihrer Seite.

„Gnädigstes Fräulein — Sie sehen doch, wie es um mich steht — geben Sie mir die Möglichkeit —“

Da sagte sie: „Ein paar Häuser weiter und ich bin am Ziel — ich danke Ihnen für Ihre überraschende Begleitung, aber jetzt möchte ich Sie bitten, nicht weiter mitzukommen.“

„Ich gehorche — aber gibt es keine Möglichkeit, Sie ausserhalb des Theaters wiederzusehen?“

„Ich sehe keine!“

„Sie gehen doch spazieren —“

„Nur mit meiner Freundin!“

„Der Dame, mit der ich Sie heute traf?“

„Ja — sie ist meine Lehrerin, der ich meine Ausbildung verdanke!“

„Wie glücklich wäre ich, wenn Sie mir etwas verdankten!“

„Diese schönen Rosen doch!“

„Gnädigstes Fräulein — ich will mich nicht aufdrängen — nie in meinem Leben habe ich das getan. Wenn Sie mir jetzt sagen, dass meine Bitte um ein Wiedersehen hoffnungslos ist, dann werde ich nie wieder wagen, Ihnen in den Weg zu treten!“

„Hoffnungslos!“ sagte sie.

Erschreckt beugte er sich vor, suchte ihren Blick. Da sah er, dass sie lächelte, sich in die Lippen biss.

Mit veränderter Stimme, ganz leise, sagte er: „Wenn es Ihr Ernst gewesen wäre — ich weiss nicht, was ich dann getan hätte!“

Jäh wandte sie sich zu ihm und sagte scharf: „Nein — Herr Graf, dieses ‚entweder du liebst mich, oder ich schiesse mich tot’ lasse ich nicht gelten. Mich darf niemand zwingen — durch einen Druck, der mir Gewissensbisse bringen soll, wenn ich nicht nachgebe. Solche Alternative — das sei ein für allemal festgestellt — lehne ich ganz entschieden ab. Die Freiheit meiner Entschliessungen gebe ich nicht auf!“

Er hatte ihr unverwandt in die Augen gesehen, jetzt sagte er, als hätte er ihre Worte gar nicht gehört: „Wie schön sind Sie — wie entzückend schön!“

Da spürte sie mit einem Erschauern, dass dieser Mann ihr unrettbar verfallen war, aber etwas bäumte sich in ihrem Herzen auf, dass er deshalb auch ihr Schicksal sein sollte. „Ich muss nach Hause — man erwartet mich — adieu!“

Um ihn zu versöhnen, reichte sie ihm die Hand, die er küsste. Dann war sie die wenigen Schritte bis zu ihrem Hause gegangen, schloss auf, ehe sie aber eintrat, nickte sie ihm noch zu.

Oben, in ihrem dunklen Zimmer, trat sie an das Fenster. Durch die Gardine sah sie, dass er auf der andern Seite stand und alle Fenster des Hauses mit seinen Blicken absuchte.

Ohne Licht zu machen, ging sie zurück in den Korridor, legte ab. Sie hörte im Esszimmer sprechen, erkannte Herrn von Hilkens Stimme — also war er gekommen.

Wie aus Versehen stiess sie mit der Fussspitze erst gegen die Tür, ehe sie öffnete, trat ein und legte den Rosenbusch auf ein Tischchen. „Da“ — sagte sie — „guten Abend, Blanka — guten Abend, Herr Justizrat!“

„Von wem?“ fragte Blanka, „das sind ja wunderbare Blumen!“ Sie hatte schon geklingelt. „Lina — die grosse Vase — aber unten die Stengel abschneiden und einen Löffel Salz ins Wasser!“

Und jetzt fragte sie wieder: „Von wem?“

„Von dem Offizier, den wir heute trafen.“

„Ja — wieso?“

„Das frage ich mich auch! Und das Komischste — ich glaube, er steht noch immer unten auf der Strasse und starrt herauf. Plötzlich war er neben mir und liess sich nicht abschrecken — ist beinahe bis zum Haus mitgekommen!“

„Na — na!“ sagte der Justizrat, eine elegante Erscheinung mit ergrautem Haar, aber jugendlich-scharfen Augen. „Eine Eroberung also!“

„Nein — ich lasse mich nicht erobern — ’s muss ja nicht sein. Aber ich wollte ihn nicht durch eine Zurückweisung auf der Strasse blamieren; denn wir sind sicherlich beobachtet worden!“

„Und an dich selbst dachtest du nicht!“

„O doch, Blanka.“

„Wissen Sie denn, wer er war?“

„Gewiss doch, der Direktor hatte ihn mir vorgestellt — ein Premierleutnant vom Ersten Garde-Dragoner-Regiment — Graf Storkow.“

Der Justizrat blickte interessiert auf. „Der Name ist mir sehr geläufig — eine Gräfin Storkow gehört zu meinen Klientinnen — wahrscheinlich eine Verwandte von ihm!“

„Jung oder alt?“ fragte Jenny.

Herr von Hilken verkniff sich ein Lächeln. „Jung natürlich, aber nach ihrem Taufschein ist sie nicht mehr ganz so jung!“

„Also eine Matrone“, sagte Blanka.

„Na — das ist ein Superlativ — sie wird etwa fünfzig sein, soviel ich mich erinnere.“

„Sind Sie ihr Anwalt in einem Prozess?“

„Nein — sie braucht mich in notariellen Sachen.“

Lina brachte die Blumen herein, stellte sie auf den Tisch. Als sie wieder draussen war, sagte Blanka: „Erinnerst du dich, wie sie heute gesungen hat? ‚Ja, treu ist die Soldatenliebe — von hier bis an die Stubentüre!‘ Nimm es als Warnung, Jenny!“

„Mach’ dir keine Gedanken, du weisst, wie ich über solche — solche — na ja, denke!“

„Ehe du kamst“, sagte Fräulein Mertini, „hatte ich Franz gefragt, ob es nicht gut wäre, wenn du dein Geld hier auf einer Berliner Bank hättest — ich denke mir, du wirst nach den Erfolgen in Berlin jetzt in Deutschland bleiben?“

„Das weiss ich nicht — meine Gage ist ja doch so, dass ich das ungarische Geld nicht brauche. Und dann — ich denke doch später an Gastspielreisen — sehr glücklich fühle ich mich im ‚Walhall‘ nicht!“

„Warum nicht?“ fragte der Justizrat verwundert.

„Ja, warum nicht? Als ich noch bei Steiner war, am Theater in Wien — nun ja, Theater ist eben Theater —, da war doch eine ganz andere Luft. Das ‚Walhall‘ aber wird seine Vergangenheit unter dem alten Direktor Grosskopf nicht los, und der junge muss immer Konzessionen an den Geschmack des früheren Publikums machen. Aber natürlich schätzt man danach auch die Künstlerinnen ein. Einigen von den Kolleginnen tut man ja kein Unrecht damit — aber wir anderen müssen darunter leiden. Sieh mal, wie mir die Friseurin erzählte — es fiel doch auf, dass Fräulein Malbruch Abend für Abend Einladungen erhielt — aber keine andere, die ebenso gern soupiert hätten. Jetzt ist es herausgekommen, der Logendiener Neumann hat es schliesslich zu ungeschickt gemacht. Wenn ihm die Herren — die jungen Offiziere — ihre Karten gaben, hat er sie stets der Malbruch gebracht, die ihn dafür mit Trinkgeldern spickte. Das ist nicht nur Theaterklatsch, und das hat böses Blut gemacht — unter denen natürlich, die Wert auf solche Einladungen legen. Mich würde die ganze Sache gar nicht interessieren, wenn man nicht auch meinen Namen dabei genannt hätte. Die Offiziere sollen Wetten abgeschlossen haben, dass auch ich auf solche Einladungen wartete, und behaupten nun, ich hätte sie nur deshalb nicht angenommen, weil ich die für mich bestimmten Karten gar nicht bekommen hätte. Jetzt protestieren einige gegen die verlorenen Wetten!“

Fräulein Mertini fuhr empört auf: „Und das wusstest du und hast die Rosen diesem Menschen nicht an den Kopf geworfen — man wollte dir doch bloss eine Falle stellen.“

Der Justizrat machte sich mit seiner Zigarre zu schaffen, peinlich berührt von diesem Temperamentsausbruch. Und vermittelnd sagte er: „Klatsch und Intrige gibt’s an jedem Theater. Denk’ doch an den Stich-Crelingerschen Skandal!“

„Ja — damals!“

„Was mich so kränkt“, sagte Jenny, „dass durch das Verhalten der Malbruch das Vorurteil gegen uns Sängerinnen immer wieder aufs neue entsteht, als wären wir alle eine sittenlose Gesellschaft.“

„Es ist ja wie ein Verhängnis, dass ich gerade heute nicht mitkommen konnte — wäre ich dabei gewesen, hätte er gewiss nicht gewagt, dich zu attackieren. Wahrscheinlich hat er schon tagelang auf solche günstige Gelegenheit gelauert!“

„Ach — Blanka — ich lasse mich nicht attackieren und verstehe auch, mich zu wehren!“

„Wie denn?“ fragte der Justizrat mit gutmütigem Spott. „Wollen Sie kratzen — mit Ihren weichen Pfötchen?“

„Ja — aber nicht mit den Fingernägeln — hiermit!“ Sie hatte in die Kleidertasche gefasst und hielt einen kleinen Revolver in der Hand.

„Du meine Güte — ein Theaterspielzeug — eine Knallpistole — wenn Sie nur rasch genug das Zündhütchen auflegen können, ehe sie Ihnen entwunden wird!“

Da hob sie jäh die Waffe, drückte ab, und in demselben Augenblick krachte die Blumenvase zusammen, das Wasser lief über die Decke.

„Um Gottes willen — bist du wahnsinnig geworden, Jenny?“ schrie Fräulein Mertini auf.

„Wir sind doch hier nicht in der Pussta — sehen Sie sich vor, dass Sie sich durch das Ding nicht Unannehmlichkeiten zuziehen — mit dem Strafgesetz nicht in Konftikt kommen“, sagte Herr von Hilken.

Lina kam hereingestürzt. „Hier hat’s ja so jeknallt — is was kaput jejangen?“

„Ja — die Vase ist zersprungen — räumen Sie den Tisch ab, und die Blumen bleiben draussen — ich will sie nicht mehr sehen“, sagte Fräulein Mertini.

„Und ich möchte mich nun empfehlen“, sagte der Justizrat, „ist ja später geworden als sonst. Lina — Sie müssen mir dann die Treppe herunterleuchten, ich habe meine Wachstreichhölzer nicht bei mir.“

„Nun habe ich Sie vertrieben, Herr Justizrat — es tut mir sehr leid!“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist höchste Zeit — ich habe morgen früh schon um neun Uhr den ersten Termin und heute noch viel Arbeit vor mir. Aber“, er legte Jenny freundschaftlich die Hand auf die Schulter, „tragen Sie das Ding nicht mit sich herum. Es verleitet zu etwas, das man nachher bereut!“

Wie ein schuldbewusstes Schulmädchen sagte sie: „Ich werde den Revolver einschliessen!“

„Wollen Sie mir das versprechen?“

„Ja!“

„Dann bin ich beruhigt — aber Hand darauf!“

Sie gab ihm die Hand. Dann wandte er sich zu Fräulein Mertini, die abgewandt mit finsterem Gesicht dagestanden, im Spiegel die beiden beobachtet hatte.

„Also — adieu — Blanka, es bleibt bei unserer Verabredung. Hab’ Dank für den schönen Abend, er hatte ja einen sehr effektvollen Abschluss.“

V.

Fräulein Eugenie Erdösy war am nächsten Sonntage — wie immer an diesem Tage — nach der Hedwigskirche in die Frühmesse gegangen. Im buntfarbenen Dämmerlicht, Weihrauchduft, bei den Worten des Geistlichen und dem Gesang der Andächtigen versank die Welt da draussen, sie wurde das Kind, das daheim in Nagy-Kanisza im Gotteshause gekniet, in frommem Erschauern der Gottesnähe, Herz und Seele voll inbrünstigem Verlangen nach dem Heiland. Und ihre Gedanken flogen dann nach dem Elternhause, den Weinbergen des Vaters, die jetzt der Bruder bewirtschaftete, sie dachte an die Traubenlese dort, und das Verlangen wurde übermächtig in ihr, noch einmal dieses Heimatglück auskosten zu können.

Als sie dann nachher Unter die Linden kam, beglückte sie die klare Luft und der warme Sonnenschein — sie fand sich wieder in das Grossstadtleben, schritt behaglich im Zuge der Vormittagsspaziergänger dahin, oftmals erkannt und begrüsst von Besuchern des Theaters.

„Hallo — Nanon!“

Eine bekannte Stimme ertönte hinter ihr. Sie wandte den Kopf und blieb überrascht stehen.

„Jessas — der Schweighofer Felix — sieht man dich also auch wieder einmal!“ Sie streckte dem berühmten Kollegen die Hand entgegen.

„Servus, Jenny!“ Er beugte sich tief herab zum Handkuss und blickte sie dann an, strahlend von guter Laune. „Schön siehst du aus — wie ein Marzipanpupperl, so süss! Schau, Nanon, jetzt gehen wir ins ‚Bauers‘ — ich spendier’ dir eine Schokolad’, und wir plauschen a bissel. Komm’, zier’ dich nit!“

„Tu ich ja gar nicht — hab’ grad’ selber denkt: Möchst jetzt an Kavalier haben — und da bist du da, wie vom Himmel gefallen. Aber lang’ hab’ i nit Zeit, dass du’s gleich weisst!“

Sie stiegen in die erste Etage, wo die Zeitungsleser sassen, und setzten sich an die Fensterseite.

„So sag’, was machst, Felix? Aber überflüssige Frag’ — die Kritik lobt dich ja in den Himmel!“

Er schnitt eine Grimasse. „Übel wird mir, wenn ich’s lese — aber da ist halt nix mehr zu ändern! Ein grosser Künstler hätte ich werden können, wenn man mich nicht gezwungen, immer wieder in diesen elendigen Schmarrn zu spielen!“

„Du bist a grosser Künstler, Felix, das weisst doch, die ganze Welt kennt dich!“

„Du frozzelst — aber sprechen wir nicht davon. Hast du was aus Wien gehört — was machen die da?“

Und nun schwelgten sie beide in lustigen Erinnerungen an die dortigen Bühnenkünstler.

„Glücklich sind wir gewesen — a schöne Zeit war’s — aber ich bleib auch hier nicht lange am Friedrich-Wilhelmstädtischen, hab’ schon Kontrakt gemacht, hab’ von Neujahr ab ein Gastspiel wieder beim Steiner!“

„Gratulier’. Du Glücklicher!“

„Möchst’ nicht auch fort — nach der Kaiserstadt?“

„Wie gern! Aber die Blanka will, dass ich ein Jahr wenigstens hierbleiben soll — doch es gefallt mir nit in der ‚Walhall‘ — zuviel Klatsch und Neid!“

„Lass’ dir nix ankommen, Jenny, schüttle es ab, wie der Pudel die Flöhe!“

Ein Säbelklirren liess beide aufblicken. Schweighofer war aufgestanden und schüttelte dem Dragonerleutnant die Hand. „Grüss Gott, Herr Graf — was treibt Sie ins Café — sollten doch in der frischen Tiergartenluft traben. Gestatte, Jenny — ein guter Bekannter von meinen Morgenritten — Graf Storkow — meine Kollegin Eugenie Erdösy!“

„Ich kenne Gnädigste von der Bühne und bin beglückt, sie nun auch persönlich kennenzulernen!“

„Also, kommen Sie, Herr Graf, so — vis-à-vis der Gnädigen, dass Sie nicht gleich Feuer fangen können!“

„Wenn Sie gestatten!“

Jenny, die sich im ersten Erschrecken verfärbt, wich seinem Blicke aus.

„Wie ich beneidet werden würde, dass ich mit zwei so berühmten Künstlern —“

„Bitt’ schön, Herr Graf, wir brauchen ka Zuckerl, strengen sich’s Ihnen nit unnütz an, wir sein ganz natürlich! Wo haben’s gesteckt so lange Zeit? Hab’ Sie doch an Ewigkeit nicht mehr im Tiergarten noch im Theater gesehen?“

„Ich hatte Urlaub, bin erst kurze Zeit wieder in Berlin —“

„Auf der Jagd gewesen?“

„Ja — Rebhühner! Aber das war nicht der Grund — musste mich wieder mal ein bisschen um das Gut kümmern. Papa hat das Interesse an der Landwirtschaft verloren und lässt den Bruder schalten und walten. Aber der liebe Fritz hat Liebesgedanken — also, ich war mal wieder nötig!“

„Möchte auch einmal so ausspannen können — so ganz und gar ein anderer Mensch werden.“

„Ich fahre zu Weihnachten wieder hin — lade Sie herzlich ein. Papa wird sich’s zur grossen Ehre anrechnen, wenn ich Sie mitbrächte!“

„Dank’ schön, Herr Graf — sehr, sehr lieb; aber da bin ich in Wien, hab’ dort Engagement angenommen. Sprach gerade mit der Gnädigen davon. Was, Jenny, wenn’s dir hier nit gefallt, kommst nach — der Steiner nimmt dich mit Kusshand!“

„Das werden Sie uns nicht antun!“ Es klang wie eine flehende Bitte, und Schweighofer blickte ihn ganz betroffen an.

„Jenny — hörst du nit? Sing a Loblied auf unser Wien!“

„Dann müsst’ ich Berlin schlecht machen — und das will ich nit!“ Zum erstenmal hatte sie Storkow voll angesehen, und unter dem Blick dieser grossen, schönen Augen hatte dieser ein Entzücken empfunden, das ihn verwirrte.

Aber auch ihr erging es seltsam — zum erstenmal sahen sie sich ja beide im strahlenden Morgenlicht, und sie war betroffen von dem leuchtenden Blau seiner Augen, der rassigen, feingeformten Nase in dem frischbraunen Gesicht.

„Berlin ist meine Vaterstadt — Wien kenne ich leider nicht“, sagte Storkow. „Es heisst immer, wir hätten keine Kultur, und doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass Wiener, die sich hier erst einmal richtig eingelebt, nicht wieder mit der Donaustadt tauschen würden. Ich glaube, es kommt auf die Kreise an, in denen man hier leben muss, um Berlin liebzugewinnen!“

„Ja — gewiss! Aber die Luft ist hier zu scharf — sie entstellt, verstehn’s mich recht, Herr Graf!“

Aber er verstand sie nicht gleich, doch Schweighofer kam ihm zu Hilfe. „Die Luft fürs Herz — meint die Jenny, nicht für die Lunge. Und nun werden Sie denken, ich red’ a schön’ Ballawatsch zusammen; denn ein Herz braucht ka Luft! O doch — es hat Kämmerlein, sehen’S, lieber Graf, und die müssen auch mal ausgelüft’t werden. Kennen’S nicht das schöne Lied:

’s Herz ist ein spassig Ding ...“

Wehmütig summte er die Melodie vor sich hin.

„Trotzdem“, sagte Storkow, „hier schlagen Ihnen alle Herzen entgegen — das müsste Ihnen doch wohltun — —“

Schweighofer sah ihn kritisch an. „Ja — — die Berliner sind herzige Leut’! Für alles, was nit in ihrer Stadt gewachsen ist, haben’s eine sehr grosse Schwäche. Aber, wie ist’s, Jenny, die Schokolad’ ist nix wert, — soll ich was anderes bestellen?“

„Danke — nein, ich muss ja gehen — die Blanka kann’s nicht vertragen, wenn ich mich verspäte. Ich geh’ jetzt also — dank’ dir schön, Felix, hoffentlich führt uns der Zufall wieder einmal so zusammen!“ Sie griff nach ihrem Gebetbuch und den Handschuhen und erhob sich.

„Aber, nein, Jenny, — hast ja noch lange Zeit!“

„Lassen sich die Herren nicht stören — ich muss heim. Ist ja viel später geworden, als ich gedacht hab’! Vor der Türe nehm’ ich gleich einen Fiaker!“

„Oh, du mei! In Berlin einen Fiaker“, lachte Schweighofer.

„Dürfte ich Ihnen nicht behilflich sein, Gnädigste?“

„Danke, das macht der Herr Portier mit seiner Trillerpfeife — also adieu — adieu —!“

Sie hatte beiden die Hand gereicht und war rasch der Treppe zugeschritten.

Die Herren hatten wieder Platz genommen, und Storkow fragte jetzt so nebenbei: „Fräulein Erdösy war in der Kirche — sie ist Katholikin?“

„Ja — die Messe hat sie nie versäumt, auch in Wien nicht.“

„Ich bewundere sie aufrichtig — nicht nur als Künstlerin!“

„Ich bin gerad’ nicht stockblind“, sagte Schweighofer. „Aber, wenn ich mir einen guten Rat erlauben darf — die Jenny schlagen’s Ihnen aus dem Kopf, — reissen Sie alle Hoffnungen aus Ihrem Herzen. Die Jenny ist anders — die hat ein Ziel — und wird’s erreichen. Selbst für eine Grafenkrone gibt sie das nicht auf! In Wien nannten wir sie die Lilie!“

„Diese Dame, von der sie vorhin sprach, ist eine Verwandte?“

„Ah — nein! Die Blanka Mertini, wissen’S das nicht, Herr Graf? — ist bekannt als eine vorzügliche Lehrerin. Die hat halt a Narren an der Jenny gefressen — so ist das!“ Er hatte sein Zigarettenetui geöffnet und bot an; aber Storkow lehnte lächelnd ab.

„Nein — ich rauche nur Zigarren — wenn ich mir erlauben dürfte —“, er hielt ihm die geöffnete Ledertasche hin.

„Bauchgrimmen krieg’ ich, wenn ich die schwarzen Dinger sehe — wundere mich, dass man so etwas rauchen kann. Ja, wenn’s eine Virginia wär’!“

Storkow lachte laut auf. „Ich wundere mich wieder, wie man an so einem Strohhalm nuckeln kann, und alle Augenblicke geht die Giftnudel aus!“

„Muss alles verstanden sein — man muss erst dahinter kommen!“

Und dann glitt das Gespräch auf anderes — auf Pferde, auf die Morgenritte im Tiergarten, auf die Reitbahn in der Luisenstrasse.

Aber plötzlich blickte Schweighofer nach der Uhr und sagte ganz betroffen: „So spät schon — kann das stimmen? Ja, dann muss ich auch fort, hab’ ja eine Verabredung! Also, lieber Graf, war mir eine besondere Ehr’ — meine Hochachtung — —“

„Ich gehe ja auch, — Kellner, zahlen!“

Vor dem Café nochmaliges Händeschütteln — dann schlenderte Storkow nach der Behrenstrasse, um bei Siechen Mittag zu essen. Die jungen Offiziere seines Regiments hatten dort ihren Sonntags-Stammtisch, vielleicht, dass er v. Plesser antraf.

Das Lokal war gefüllt — alle Tische besetzt, auch der kleine in der Ecke, der sonst für die Dragonerleutnants reserviert war. Freilich nur ein Herr sass dort — ein Zivilist, der wohl sehr bald gehen würde.

„Gestatten?“

„Bitte sehr!“

Storkow nahm Platz — bestellte sein Essen. „Niemand hier gewesen, Franz?“

„Nein, Herr Graf!“ Und der Kellner flüsterte ihm bedauernd zu, dass er bei dem unerwarteten Andrangs heute den Tisch nicht habe freihalten können.

Während Storkow die Speisekarte las, fühlte er den forschenden Blick des fremden Herrn auf seinem Gesicht. Indigniert und hochmütig sah er ihn deshalb an; aber der Herr lächelte verbindlich und fragte: „Ich irre mich wohl nicht — die Familienähnlichkeit ist ja unverkennbar — habe ich die Ehre mit Graf Storkow?“

„Und mit wem habe ich das — Vergnügen?“

„v. Hilken — Justizrat! Ich bin der Rechtsbeistand der Gräfin Cäcilie Storkow.“

„Meiner Tante — aber das ist doch eine alte Dame — ich wundere mich, dass Sie da eine — wie sagten Sie? — eine Familienähnlichkeit mit mir erkennen wollen.“

„Und doch ist sie vorhanden — als Notar bin ich in die Familienverhältnisse des Hauses Storkow eingeweiht, kenne nach Photographien den Herrn Bruder Ihrer Tante — also Ihren Herrn Vater, und habe bei allen den gleichen Familienzug gefunden. Übrigens stehe ich auch mit dem Herrn Oberst in Briefwechsel.“

„Sie werden keine grosse Freude daran haben“, sagte Storkow spöttisch. „Aber — es ist mir interessant, Sie nun auch persönlich kennenzulernen, Herr Justizrat!“

„Und mir, dass ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe; denn neulich abend wurde von Ihnen gesprochen — ein wundervoller Rosenstrauss war die Veranlassung!“

Storkow, der gerade bei der Suppe war, liess erstaunt den Löffel sinken — starrte den Justizrat an.

„Und wo war das, wenn ich fragen darf?“

„In meinem Bekanntenkreis — bei der Musikpädagogin Blanka Mertini. Fräulein Eugenie Erdösy hatte die Blumen mitgebracht!“

„Ich bin ein grosser Verehrer der jungen Künstlerin —“, suchte Starkow verlegen zu erklären.

Der Justizrat nickte und sagte: „Aber, Herr Premierleutnant, lassen Sie das Essen nicht kalt werden.“ Denn der Kellner hatte eben den Hasenrücken mit Rotkohl serviert. „Ich habe schon gegessen — Sie sind hungrig!“

„Das tut nichts — die Unterhaltung ist mir lieber als das ganze Essen —“

„Nein — das könnte ich wirklich nicht verantworten, zumal ... Also, ich lese den ‚Kladderadatsch‘ und rauche meine Zigarre inzwischen.“

Während Storkow dann ass — hastiger, als es sonst seine Art war —, überlegte er, ob er etwas von der Begegnung mit Fräulein Erdösy sagen sollte; denn ein Gefühl warnte ihn davor. Der Justizrat erweckte in ihm ein gewisses Unbehagen — dieser elegante, selbstsichere Herr hatte etwas in seinen grauen Augen, das plötzlich nadelscharf werden konnte. Jetzt freilich sah er vergnügt darein; die Karikaturen des politischen Witzblattes schienen ihn ausserordentlich zu amüsieren.

Und als dann der Kellner abgeräumt hatte, kam Herr von Hilken wie aus einer ganz anderen Welt, schien völlig vergessen zu haben, wovon sie vorhin gesprochen hatten. Ausserdem wurde er von kommenden und gehenden Gästen oft gegrüsst und abgelenkt, so dass er offenbar auch die Lust verloren hatte, eine Unterhaltung zu führen.

Doch — Storkow hatte die Zähigkeit und das Draufgängertum seiner Familie und sagte: „Herr Justizrat, Sie wollten mir doch etwas von Fräulein Erdösy erzählen?“

„Nicht, dass ich wüsste, Herr Premierleutnant. Aber — ja doch, Sie haben recht — wir sprachen ja von dem Rosenstrauss. Er stand auf dem Teetisch — in einer weissen Porzellanvase — königliches Porzellan, ein Prachtstück — aber während einer Unterhaltung — wir sprachen von dem niederträchtigen Klatsch, dem die Theaterdamen vogelfrei ausgeliefert sind — zog Fräulein Erdösy plötzlich einen Revolver aus der Kleidertasche und zerschmetterte durch einen Schuss die Vase — der ganze Tisch war überflutet — die Blumen lagen zwischen den Scherben!“

Sie sahen sich beide sekundenlang scharf in die Augen.

„Oper“, sagte Storkow lächelnd, „denn was hatte ihr die Vase getan?“

„Es war ein vermeintlicher Verleumder, den sie über den Haufen schoss!“

„Ich kann mir nicht denken, dass jemand Fräulein Erdösy zu verleumden wagt“, sagte Storkow in ehrlicher Empörung.

„Nun, es gibt Männer, die auf Tugend oder Untugend eines Mädchens wetten — aber damit nicht genug: wenn sie verloren haben, weil die Tugend siegte, machen sie ihrem Ärger dadurch Luft, dass sie den Wetteinsatz zurückfordern mit der Begründung, dass die Dame in Wahrheit gar nicht auf die Probe gestellt worden sei, weil — durch eine Intrige — die Versuchung gar nicht an sie herangekommen sei.“

„Herr Justizrat — Sie haben Ihre besonderen Gründe, mir das zu erzählen?!“

„Ja, Herr Graf, weil ich bitten wollte, im Interesse der jungen, unter meinem Schutze stehenden Künstlerin derselben etwas weniger Aufmerksamkeit schenken zu wollen. Alles, was zu Klatsch und Verleumdung Anlass geben könnte, muss vermieden werden, und das Ansprechen Fräulein Erdösys auf der Strasse — zur Nachtzeit — kann ihr schaden!“

Storkow war blass geworden. Einen Augenblick schwankte er, wie er sich verhalten sollte; denn dass er hier von einem Zivilisten für eine scheinbare Taktlosigkeit eine Zurechtweisung bekam, war ja nicht abzuleugnen. Zugleich aber fühlte er, dass der Justizrat doch nur zum Schutz für das Mädchen eintrat, für das er eine so tiefe Neigung gefasst hatte, und diese Erwägung gab den Ausschlag.

Und so sagte er: „Ich habe mir schon selbst Vorwürfe gemacht, Herr Justizrat. Verkennen Sie mich aber nicht. Sie wissen doch selbst, dass die Liebe jedes Hindernis nimmt — ich wollte Fräulein Erdösy doch nur bitten, mir eine Möglichkeit der Annäherung auf gesellschaftlichem Wege zu geben.“

„Und?“ fragte Herr von Hilken.

„Sie sah keine!“

„Weil sie keine sehen wollte — weil sie ... darf ich ganz offen sprechen, Herr Graf? Also, weil sie sich zu hoch einschätzt, um sich in eine aussichtslose Liebschaft einzulassen! Und — verübeln Sie es mir — dem so viel Älteren — nicht, dass ich auch Ihnen etwas Gutgemeintes sage: Ich kenne Ihre Familie, die Anschanungen, die da herrschen. Dem Herrn Oberst, Ihrem Herrn Vater, würde diese Schwiegertochter vom Theater nie willkommen sein. Wollen Sie zugunsten Ihres Bruders Fritz enterbt werden — und das würde doch der Fall sein, wenn Sie gegen den Willen Ihres Herrn Vaters eine Ehe schlössen?!“

„Ich danke Ihnen, Herr Justizrat! Vielleicht war es gut, dass uns der Zufall heute hier zusammengeführt hat. Ich hatte nicht so weit gedacht wie Sie.“

Mit einem Händedruck hatte sich Storkow bald darauf verabschiedet. Daheim dann, allein in der stillen Wohnung, hatte er die grosse Photographie „Fräulein Eugenie Erdösy als Nanon“, die er in einer Kunsthandlung gekauft, aus dem Rahmen genommen, in einen Umschlag gesteckt und im Schreibtisch verschlossen.

Er begriff jetzt selbst, dass der Traum ein Ende haben musste.

VI.

Fräulein Anna Malbruch, die „Ninon“ der Operette, sass vor dem Spiegel in der Garderobe und verfolgte die Geschäftigkeit der Friseurin. Sie war eine blonde, üppige Schönheit, schon lange vor dem Engagement der Erdösy im Walhalla-Operetten-Theater tätig, und fühlte sich jetzt durch deren Erfolge zurückgesetzt. Aus ihrer Abneigung gegen die Ungarin machte sie anderen gegenüber auch kein Hehl.

„Weil Neumann die Namen verwechselt hat, macht man mir jetzt Vorwürfe — als wenn ich der etwas wegschnappen wollte. Hab’ ich das nötig, Frau Ziesel?“

„Nee jewiss nich — so wie Fräulein Malbruch jebaut is — und dann det Haar!“ Sie hob eine der schweren, blonden Flechten hoch und wog sie in der Hand.

„Nanon und Ninon, das verwechselt man leicht, und Neumann hat ja immer Wolle in den Ohren. Und ich vergeb’ mir schon nichts — wenn jede bloss auf sich so aufpasste, wäre es schon gut! Aber da muss Klatsch und Stunk gemacht werden — aus lauter Neid, weiter ist es doch nichts. Und das Getue von der Erdösy — soll ja bloss so was heissen! Das Walhall ist doch kein Nonnenkloster!“

Es klingelte in dem Korridor — die Vorstellung konnte jeden Augenblick beginnen.

Mit besonderem Behagen sang Fräulein Malbruch nachher in der Vorstellung ihr Couplet:

„Treu blieb ich stets einem Prinzipe,

Ja — staunet nur — auch ich bin treu!

Es ist sehr leicht, einfach zu üben

Und unfehlbar probat dabei.

Wie mancher Mann wollt mir die Lieb’

Vergelten durch Treulosigkeit.

Bisher ist’s noch keinem gelungen,

Ich liess ihm dazu gar nicht Zeit.

Warum nur werd’ ich nie betrogen?

Weil selber ich es früher tu —

Was du nicht willst, dass dir geschehe,

Das füge vorher andern zu!“

Aber der Beifall war nicht so gross, wie sie erwartet — sie spürte eine starke Zurückhaltung im Publikum gegen früher. War denn der Klatsch schon in der Öffentlichkeit bekannt? Nun, sie wollte sich rechtfertigen. Und noch spöttischer sang sie jetzt den zweiten Vers:

„Kommt katzenboshaft mir eine Freundin —

Ich seh’s ihr an, sie freuet sich,

Mir in der Eil’ gleich mitzuteilen

Die neu’sten Lügen über mich:

„Oh, wenn Sie erführen, was gestern

Die Leute erzählt!“ fängt sie an.

Ach leider ich weiss schon, erwider’ ich,

Doch glaub’ ich beinah’ nicht daran —

Sie sollen Ihren Mann betrügen!

Abscheulich wär’s, jetzt hab’ ich Ruh’.

Was du nicht willst, dass dir geschehe,

Das füge vorher andern zu!“

Sie hatte sich bei dem Refrain der Fremdenloge zugewandt, aus der ihr immer der stärkste Beifall von den jungen Offizieren wurde — aber die Loge war leer. Ja — doch im Hintergrund sass ein einziger Herr, der aber die Hände nicht zum Applaus regte.

Nun, da sah ja der Herr Direktor Grosskopf, was er angerichtet, als er den Logendienern streng verboten hatte, Einladungen zum Souper in die Garderoben der Sängerinnen zu bringen. Oder sollte die Operette ihre Zugkraft schon verloren haben? Vielleicht war auch nur das Regenwetter an dem schlechten Besuch schuld — seit drei Tagen hatte nun der Herbst mit Macht eingesetzt und hielt sicherlich manchen daheim zurück, der sonst gern gekommen wäre.

Als der Vorhang gefallen, spähte sie durch das Guckloch nach der Loge — wer mochte der Herr sein? Nach dem Haarschnitt ein Offizier, wohl einer, der noch keine Routine im Umgang mit Theaterdamen hatte. Oder einer, der sehr genau rechnen musste, einer also, der für sie nicht in Betracht kam.

Aber im Verlauf des Abends merkte sie, dass ihre Erwägungen falsch waren — das Publikum geizte durchaus nicht mit Beifall, wenn die Erdösy die Szene beherrschte, und der einsame Gast in der Loge tat sich in seinem Applaus ganz besonders hervor. Wer mochte es sein — vielleicht konnte sie es durch Frau Ziesel erfahren.

Als sie dann in der Pause die Friseurin fragte, wusste diese sofort Bescheid. „Ein Premier von die Ersten Dragoner, ein Graf Storkow. Der Direktor hat ihn selber mit die Erdösy bekanntgemacht. Seitdem kommt er fast jeden Abend — aber Blumen spendiert er jetzt ooch nich mehr — kommt ja ooch schliesslich zu teuer!“

„Der Direktor selber? Na — vielleicht kriegt der nun die Prozente ab!“

„Ssst — Fräulein Malbruch, seien Sie still, der Olle is jeladen und kontrolliert selber. Ach, det war unter dem ollen Grosskopf schöner, da hat sich wat jetan hinter die Kulissen, in die Jarderobe. Aber der Junge spielt sich uff’n Kommissionsrat aus — aufs Etepetete!“

Fräulein Malbruch hatte auf das Geschwätz der Friseurin gar nicht gehört. Graf Storkow — von dem hatte sie schon von den anderen Offizieren — ihren Freunden — gehört. Arm war der nicht — sollte sich doch zwei Pferde halten. Ja — und da war doch noch etwas? Sie sann nach, und plötzlich schoss es ihr durch den Kopf: Das war doch der Blaubart. Der alle Frauen unglücklich machte! Na — dann gönnte sie ihn der Erdösy!

Als sie nach Schluss der Vorstellung auf die Strasse trat, ging der Sprühregen noch immer nieder. Unmöglich, in diesem Wetter zu laufen! So leistete sie sich eine Droschke und fuhr heim. Das Haus in der Karlstrasse gehörte ihrer Mutter, ein niedriges, altmodisches Ding, in dessen Nebenräumen der Vater bei Lebzeiten eine Tischlerei betrieben hatte. Obwohl er nun schon sechs Jahre tot war, hing das Schild noch immer über dem Tor: „Theodor Malbruch, Tischlermeister. Wiegen, Bettstellen, Särge.“

Die Mutter konnte sich nicht entschliessen, das Schild abnehmen zu lassen. „Es würde mir was fehlen, Anneken“, Wiegen, Bettstellen, Särge — das ist das menschliche Leben“, sagte sie jedesmal, „ich bin ein bisschen abergläubisch! Siehste: Wenn ich erst in meinem Sarg liege, kannste das Schild abnehmen lassen — eher nicht!“

Als damals die Werkstatteinrichtung und das Möbellager verkauft wurden, hatte sie einen einfachen, schwarzen Sarg zurückbehalten. „Das soll meiner mal sein — nu weiss ich doch, wie er aussieht, die wenigsten Menschen kriegen ja ihren Sarg zu sehen, obgleich sich jeder einen schon bei Lebzeiten anschaffen sollte. Ein Sarg ist so notwendig wie ein Totenhemd — in meins habe ich sogar das Monogramm jestickt.“

Ja, die Mutter Malbruch war für Ordnung und hätte es gern gesehen, wenn das einzige Kind, ihre Tochter Anna, einen tüchtigen Handwerksmeister geheiratet hätte. Aber nach dem Tode des Mannes hatte sie keine Gewalt mehr über das verzogene Mädchen gehabt, und da sie es nicht ganz verlieren wollte, hatte sie damals nachgeben müssen, als Anna auf Ausbildung zur Sängerin drängte.

„Was wirste werden? Tingeltangeleuse wirste werden, weiter nischt!“

Aber dann war Anna nach dem ersten Jahr in der Provinz im „Walhall“ engagiert worden und hatte sich dort gehalten. Freilich — freilich! „Na, man muss das Leben nehmen, wie das Leben eben ist, und bei’s Theater geht’s anders zu“, hatte sie sich zu trösten versucht, wenn ihr bei den vielen Herrenbekanntschaften der Tochter bänglich zumute werden wollte. — —

Fräulein Malbruch war in die dunkle Wohnung gelangt. Aus der Schlafstube der Mutter fiel durch die halboffene Tür ein Lichtstreifen.

„Bist du’s, Anneken? Komm doch rein, ich hab’ mich eben erst hingelegt — war mir zu kalt zum Sitzen!“

Ein Lämpchen brannte auf der Kommode neben der Bettstelle.

„Ja, — erst will ich mich ausziehen, Mutter!“

Frau Malbruch setzte die Untertasse voll Pflaumenmus und das Wasserglas von dem neben dem Bett stehenden Stuhl auf die Kommode, aber als die Tochter dann eintrat, überzeugte sich Anna doch erst, ob der Stuhl wirklich frei sei, denn kürzlich hatte sie sich in das Pflaumenmus gesetzt.

„Na — is ja scheen, dass du mal wieder so wie früher kommst! Hast wohl wieder Ärger gehabt wegen die Ungarin?“

„Ach Jott, lass doch, Mutter! Ich hab’ Hunger auf ’ne schöne Schinkenstulle, ist wohl aber nischt da!?“

„Doch, Anneken, doch! Ooch Sardellenleberwurscht — warte, ich steh’ noch mal uff und mach dir was zurecht!“

„Zieh’ dir wenigstens was an, sonst erkältest du dich!“

„Haste also noch jar nich Abendbrot jejessen? Armes Meechen, kannst einen leid tun! Aber du willst ja nie was mitnehmen! Früher hast du doch immer so jerne die frischen Brotkanten jejessen, — soll ich dir einen schmieren?“

„Aber nicht extra von der andern Seite abschneiden!“

Als die Mutter dann wieder hereinkam und die sonst so lebhafte Tochter regungslos sitzen sah, sagte sie betroffen: „Nanu, Anneken, haste dir jeärjert — oder is sonst was passiert?“

Sie setzte den Teller mit dem Brot auf die Kommode und beugte sich zu der Tochter, um ihr ins Gesicht zu sehen.

„Nee, was du denkst, ist nicht!“ sagte Anna. „Ich bin bloss müde und abgespannt!“

„Na, dann iss und leg’ dich ins Bette, — das Ausschlafen wird dir gut tun!“ Und ein Weilchen später, als sie die Tochter essen sah, sagte sie beruhigt: „Nee — Jott sei Dank, krank bist du nich, sonst hättste nich den Appetit! Aber irgendwas is dir doch, — willst du es deiner alten Mutter nich sagen — oder kannste nich? An was haste denn eben jedacht?“

„An unsern lieben Herrn Direktor! Sieh mal, Mutter, dem Neumann hat er verboten, mir Soupereinladungen von den Logenbesuchern zu bringen, aber der Erdösy führt er selber die Offiziere in die Garderobe. Siehste, das ist die höhere Sittlichkeit! Die Ziesel hat es selber gesehen, wie er ihr einen Grafen brachte!“

„Ach Jott, einen Grafen! Die sind doch bloss fürs Amüsieren, — ans Heiraten denken sie nicht, wenn’s eine von’s Theater is!“

„Wie kannste bloss so reden, Mutter. Viele Sängerinnen haben Grafen und Barone gekriegt!“

„Und kaum nach ’nem Jahre waren se jeschieden!“

„Aber sie waren dann doch Gräfinnen oder Frau Baroninnen und bekamen standesgemässen Unterhalt!“

„Das is doch keen Jlück, Anneken, — was hatten sie nun von ihrem Leben!? Nischt — jar nischt. Eine glückliche Ehe is besser als alle Vornehmtuerei mit ’nem wunden Herzen!“

„Mutter, das verstehst du nicht!“

„Vielleicht versteh ich’s auch nich, sind ja jetzt andere Zeiten wie in meiner Jugend. Aber das eine versteh ich und weiss ich: Glücklich bist du nicht, mein Kind!“

Nach einem Weilchen des Schweigens sagte Fräulein Malbruch: „Du meinst, weil ich nicht aus Königliche Opernhaus gekommen bin? Da kann ich mich mit der Erdösy trösten! Die haben sie doch auch nicht engagiert, — zweimal hat sie dort gesungen, aber es hat nicht ausgereicht. Und ich bin ja nicht so, gebe gern zu, dass sie eigentlich sehr niedlich ist, und wenn sie mir nicht in die Quere gekommen wäre, hätte ich sie gern haben mögen. Aber so, wie es jetzt ist, muss eine von uns beiden weg, und ich sehe nicht ein, dass ich ihr Platz machen soll, wo ich schon so lange beim Walhall bin!“

„Sie wird ja auch nicht immer bleiben!“

„Ach — die will sich einnisten, hat doch festes Engagement bis nächstes Frühjahr!“

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9788711592410
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