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Emile Zola
Die Sünde des Abbé Mouret
Saga
Die Sünde des Abbé Mouret ÜbersetztElisabeth Eichholtz Original La faute de lʼabbé MouretCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1875, 2020 Emile Zola und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726683318
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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ERSTES BUCH
KAPITEL I
Die Teuse stellte beim Eintreten ihren Besen und ihren Flederwisch an den Altar. Sie hatte sich etwas verspätet, weil sie die Halbjahreswäsche einweichen mußte. Sie durchquerte die Kirche, um das Angelus 1 zu läuten; in ihrer Eile hinkte sie noch mehr und riß die Kirchenstühle um.
Neben dem Beichtstuhl hing das Glockenseil von der Decke herab, nackt, abgewetzt, mit einem dicken Knoten am Ende, der vom Zugreifen so vieler Hände speckig geworden war; und in regelmäßigen Rucken zog sie an dem Seil, hängte sich mit ihrer ganzen Leibesfülle daran, ließ sich dann mitschwingen, rollte gleichsam in ihren Röcken hin und her; dabei saß ihr die Haube schief auf dem Kopf, und das Blut brachte ihr breites Gesicht schier zum Bersten.
Nachdem die Teuse ganz außer Atem ihre Haube mit einem leichten Klaps wieder zurechtgerückt hatte, kehrte sie zurück und fegte vor dem Altar noch einmal kurz aus. Hier setzte sich der Staub jeden Tag hartnäckig zwischen den schlecht aneinandergefügten Bohlen fest. Der Besen durchstöberte die Ecken mit gereiztem Brummen. Sie nahm dann die Decke vom Altartisch und ärgerte sich, als sie feststellte, daß das große obenauf liegende Tuch, das schon an die zwanzig Mal ausgebessert war, ausgerechnet in der Mitte eine neue schadhafte Stelle hatte; man konnte das doppelt gelegte zweite Tuch sehen, das so hauchdünn, so durchsichtig war, daß der geweihte Stein durchschimmerte, der in den Altar aus bemaltem Holz eingelassen war. Sie klopfte den Staub von diesem durch den Gebrauch vergilbten Linnen, fuhr mit dem Flederwisch nachdrücklich den Altaraufsatz entlang, an den sie wieder die Kanontafeln stellte. Sie stieg auf einen Stuhl und befreite sodann das Kreuz und zwei der
Leuchter von ihren gelben Kattunüberzügen. Das Kupfer war mit matten Flecken übersprenkelt.
„Na“, murmelte die Teuse halblaut, „die haben eine Säuberung verflixt nötig! Die muß ich mit Putzzeug blank reiben.“
Sie humpelte, verrenkte sich dabei fast die Hüften und trat mit einem Bein so heftig auf, daß die Fliesen hätten zerbrechen können, als sie dann das Meßbuch aus der Sakristei holte, das sie, ohne es zu öffnen, auf das Pult auf der Epistelseite stellte, den Schnitt der Mitte des Altars zugekehrt. Und sie zündete die beiden Kerzen an. Dann nahm sie ihren Besen, blickte sich noch einmal um, um sich zu vergewissern, daß der Haushalt des lieben Gottes gut aufgeräumt war. Die Kirche schlief; nur das Glockenseil neben dem Beichtstuhl schaukelte noch zwischen Gewölbe und Fußboden mit langen, geschmeidigen Bewegungen.
Abbé Mouret war soeben in die Sakristei heruntergekommen, einen kleinen kalten Raum, der vom Eßzimmer nur durch einen Flur getrennt war.
„Guten Morgen, Herr Pfarrer“, sagte die Teuse und stellte ihren Besen weg. „Na, heute früh haben Sie aber gefaulenzt! Wissen Sie, daß es Viertel sieben ist?“ Und ohne dem jungen Priester, der lächelte, Zeit zum Antworten zu lassen, fuhr sie fort: „Ich muß Sie ausschelten. Die Altardecke hat schon wieder Löcher. So ein Unverstand! Wir haben nur eine zum Wechseln, und seit drei Tagen verderbe ich mir schier die Augen damit, sie auszubessern . . . Wenn Sie so weitermachen, wird der arme Jesus schließlich noch ganz nackt und bloß sein.“
Abbé Mouret lächelte noch immer. Er sagte fröhlich:
„Jesus braucht nicht soviel Wäsche, meine gute Teuse, ihm ist immer warm, er wird immer königlich empfangen, wenn man ihn nur recht liebhat.“ Dann ging er auf ein kleines Waschbecken zu und fragte: „Ist meine Schwester aufgestanden? Ich habe sie nicht gesehen.“
„Mademoiselle Désirée ist schon lange unten“, erwiderte die Magd, die vor einer alten Anrichte kniete, in der die geweihten Gewänder verwahrt wurden. „Sie ist schon bei ihren Hühnern und ihren Kaninchen . . . Sie hat gestern auf Küken gewartet, die nicht gekommen sind. Sie können sich ja vorstellen, was für eine Aufregung das ist!“ Sie unterbrach sich und sagte: „Das goldene Meßgewand, nicht wahr?“
Der Priester, der sich andächtig die Hände gewaschen hatte, wobei seine Lippen ein Gebet murmelten, nickte.
Die Pfarre besaß nur drei Meßgewänder, ein violettes, ein schwarzes und eins aus Goldstoff. Dieses Goldstoffgewand, dessen man sich an den Tagen bediente, an denen Weiß, Rot oder Grün vorgeschrieben war, nahm eine außergewöhnliche Bedeutung an. Die Teuse hob es gottesfürchtig von dem mit blauem Papier bespannten Brett, auf das sie es nach jeder heiligen Handlung bettete; sie legte es auf die Anrichte und nahm vorsichtig die feinen Leinentücher fort, die die Stickereien schützten. Ein goldenes Lamm schlief dort auf einem goldenen Kreuz, umgeben von breiten goldenen Strahlen. Der in den Falten zerschlissene Stoff ließ winzige Fusseln herabfallen; die erhabenen Ornamente waren vom Zahn der Zeit angenagt und schwanden dahin. Im Hause umgab man dieses Meßgewand mit ständiger Sorge, mit schreckerfüllter Zärtlichkeit, da man sah, wie es so Goldfaden um Goldfaden zerfiel. Der Pfarrer mußte es fast täglich anlegen. Und wenn einmal die letzten Goldfäden abgenutzt waren, wie sollte man es dann ersetzen, wie die drei Meßgewänder kaufen, an deren Stelle es benutzt wurde.
Die Teuse breitete über dem Meßgewand die Stola, die Manipel, das Zingulum, die Albe und das Schultertuch aus. Doch sie schwatzte weiter, wobei sie ihre ganze Aufmerksamkeit darauf wandte, die Manipel kreuzweise über die Stola zu legen und das Zingulum wie eine Girlande anzuordnen, so daß es den verehrten Anfangsbuchstaben des heiligen Namens Maria bildete.
„Es taugt nicht mehr viel, dieses Zingulum“, murmelte sie. „Sie werden sich entschließen müssen, ein neues zu kaufen, Herr Pfarrer . . . Das ist nicht so schlimm, ich würde Ihnen gern selber eins weben, wenn ich nur Hanf hätte.“
Abbé Mouret antwortete nicht. Er bereitete auf einem kleinen Tisch den Kelch vor, einen großen alten Kelch aus vergoldetem Silber mit einem Bronzefuß, den er soeben hinten aus einem billigen Holzschrank hervorgeholt hatte, in dem die geweihten Gefäße und Tücher, das heilige Öl, die Meßbücher, die Leuchter und die Kreuze eingeschlossen waren. Er legte ein sauberes Kelchtüchlein über den Kelch, stellte auf dieses Tüchlein die Patene aus vergoldetem Silber, die eine Hostie enthielt und die er wiederum mit einer kleinen Palla bedeckte. Als er den Kelch verhüllte, indem er die beiden Falten des Velums aus Goldstoff, aus dem gleichen wie das Meßgewand, erfaßte, rief die Teuse: „Warten Sie, es ist kein Korporale in der Bursa . . . Ich habe gestern abend alle schmutzigen Kelchtüchlein, Pallas und Korporale genommen, um sie zu waschen, extra natürlich, nicht mit der Wäsche . . . Ich habe es Ihnen noch nicht gesagt, Herr Pfarrer: Ich habe eben die Wäsche eingeweicht. Sie ist ganz schön schmutzig! Sie wird besser werden als letztes Mal.“
Und während der Priester ein Korporale in die Bursa schob und die mit einem goldenen Kreuz auf goldenem Grund verzierte Bursa auf das Velum legte, fuhr sie munter fort:
„Übrigens, das hätte ich ja bald vergessen! Vincent, dieser Schlingel, ist nicht gekommen. Soll ich ministrieren, Herr Pfarrer?“
Der junge Priester sah sie streng an.
„Nun! Das ist keine Sünde“, redete sie weiter mit ihrem gutmütigen Lächeln. „Ich habe schon einmal zur Zeit von Herrn Caffin bei der Messe ministriert. Ich ministriere besser als diese Lausbuben, die wegen einer Fliege, die in der Kirche herumfliegt, wie Heiden lachen . . . Lassen Sie man gut sein, mag ich auch eine Haube tragen, sechzig Jahre alt sein und dick wie ein Turm, ich achte den lieben Gott mehr als dieses Gesindel, diese Kinder, die ich erst neulich wieder überrascht habe, als sie hinter dem Altar Bockspringen machten.“
Der Priester sah sie weiter an und schüttelte ablehnend den Kopf.
„Ein Nest, dieses Dorf“, brummte sie. „Keine hundertfünfzig Seelen . . . Es gibt Tage wie heute, da würden sie keinen Menschen in Les Artaud finden. Selbst die Wickelkinder gehen in die Weinberge! Was die bloß alle in den Weinbergen machen, du liebe Güte! Weinstöcke, die unter den Kieselsteinen hervorwachsen und ausgetrocknet sind wie Disteln! Und eine gottverlassene Gegend ist das, eine Meile von jeder Landstraße entfernt! – Wenn nicht ein Engel herabsteigt, um bei Ihrer Messe zu ministrieren, Herr Pfarrer, werden Sie nur mich haben, wahrhaftig, oder eines der Kaninchen von Mademoiselle Désirée, mit Verlaub zu sagen!“
Doch gerade in diesem Augenblick stieß Vincent, der Jüngste von Brichets, leise die Tür der Sakristei auf. Seine struppigen roten Haare, seine schmalen, funkelnden Augen ärgerten die Teuse.
„Aha, da ist ja der gottlose Bengel!“ rief sie. „Ich möchte wetten, daß er irgendwas ausgefressen hat! – Na, komm schon, Lausejunge, wo doch der Herr Pfarrer Angst hat, daß ich den lieben Gott schmutzig mache!“
Als Abbé Mouret den Jungen sah, nahm er das Schultertuch. Er küßte das gestickte Kreuz in seiner Mitte, legte das Tuch einen Augenblick auf sein Haupt; dann schlug er es über den Kragen seiner Soutane zurück, legte die Bänder übereinander und band sie fest, das rechte über das linke. Danach streifte er, mit dem rechten Arm beginnend, die Albe über, das Sinnbild der Reinheit. Vincent, der sich niedergehockt hatte, rutschte um ihn herum, zupfte die Albe zurecht und paßte darauf auf, daß sie auf allen Seiten gleichmäßig herabfiel, bis auf zwei Fingerbreit vom Boden. Dann reichte er dem Priester das Zingulum, der es sich fest um die Lenden schlang, um so an die Fesseln zu erinnern, mit denen der Erlöser in seiner Passion beladen war.
Die Teuse blieb stehen, war eifersüchtig, gekränkt und bemühte sich zu schweigen; doch sie konnte es sich nicht verkneifen, gleich wieder anzufangen:
„Bruder Archangias war da . . . Kein Kind ist heute bei ihm in der Schule gewesen. Er ist wie ein Windstoß davongebraust, um diesem Kroppzeug in den Weinbergen die Ohren langzuziehen . . . Sie müßten mal zu ihm gehen. Ich glaube, er hat Ihnen etwas zu sagen.“
Abbé Mouret gebot ihr mit der Hand Schweigen. Er hatte die Lippen nicht mehr aufgetan. Er sprach die heiligen Gebete, während er die Manipel nahm und sie küßte, bevor er sie unterhalb des Ellbogens über seinen linken Arm legte, als ein Zeichen, das das Wirken der guten Werke anzeigte, und während er die Stola, das Sinnbild seiner Würde und seiner Macht, nachdem er sie gleichfalls geküßt hatte, auf seiner Brust übereinanderlegte.
Die Teuse mußte Vincent helfen, das Meßgewand zu befestigen, das sie mit Hilfe dünner Bänder festband, so daß es nicht nach hinten zurückrutschen konnte.
„Ach herrje! Ich habe die Meßkännchen vergessen!“ stammelte sie und stürzte zu der Anrichte. „Los, schnell, du Schlingel!“
Vincent füllte die Meßkännchen, kleine Fläschchen aus ungeschliffenem Glas, während sie sich beeilte, ein sauberes Lavabotuch aus einem Schubfach zu nehmen.
Abbé Mouret, der den Kelch mit der linken Hand am Knauf hielt, die Finger der rechten Hand auf der Bursa, grüßte tief, ohne sein Barett abzunehmen, ein schwarzes Holzkruzifix, das über der Anrichte hing. Der Junge verneigte sich ebenfalls; die mit dem Lavabotuch bedeckten Meßkännchen in der Hand, verließ er dann als erster die Sakristei, gefolgt von dem Priester, der die Augen gesenkt hielt und in tiefer Andacht dahinschritt.
KAPITEL II
Die leere Kirche war ganz weiß an diesem Maienmorgen. Das Glockenseil neben dem Beichtstuhl hing wieder reglos herab. In einem farbigen Glas rechts vom Tabernakel brannte an der Wand das Ewige Licht gleich einem roten Fleck. Nachdem Vincent die Meßkännchen auf den Kredenztisch gestellt hatte, kniete er links unten an der Altarstufe nieder, während der Priester, nachdem er mit einem Kniefall auf die Fliesen das Allerheiligste gegrüßt hatte, zum Altar hinaufstieg und das Korporale ausbreitete, in dessen Mitte er den Kelch stellte. Dann schlug er das Meßbuch auf und ging wieder hinunter. Ein erneuter Kniefall ließ ihn zusammensinken; er bekreuzigte sich mit lauter Stimme, faltete die Hände vor der Brust und begann das große göttliche Drama mit einem vor Glauben und Liebe ganz bleichen Gesicht.
„Introibo ad altare Dei.“
„Ad Deum qui laetificat juventutem meam“, murmelte Vincent vor sich hin, der die Responsorien aus dem Wechselgesang und dem Psalter verschluckte, dabei den Hintern auf den Fersen hatte und damit beschäftigt war, der Teuse nachzusehen, die in der Kirche herumstrich.
Die alte Magd betrachtete mit beunruhigter Miene eine der Kerzen. Ihre Besorgnis schien sich zu verdoppeln, während der Priester tief gebeugt, die Hände von neuem gefaltet, das Confiteor sprach. Sie blieb mit gesenktem Kopf stehen, schlug sich ebenfalls an die Brust und behielt die Kerze weiterhin im Auge.
Die leise Stimme des Priesters und das Brummeln des Ministranten wechselten noch eine Weile ab.
„Dominus vobiscum.“
„Et cum spiritu tuo.“
Und während der Priester die Hände ausbreitete und sie dann wieder faltete, sprach er mit Salbung:
„Oremus..“
Die Teuse konnte nicht mehr an sich halten. Sie ging hinter den Altar und langte zu der Kerze hinauf, deren Docht sie mit der Spitze ihrer Schere kürzer schnitt. Die Kerze tropfte. Zwei große Wachstränen waren schon herabgelaufen. Als sie wieder vorkam und dabei die Kirchenstühle zurechtrückte und sich davon überzeugte, daß die Weihwasserbecken nicht leer waren, war der Priester zum Altar hinaufgestiegen und betete leise, die Hände auf den Rand der Altardecke gelegt. Er küßte den Altar.
Hinter ihm blieb die kleine Kirche bleifahl von den blassen Farbtönen des Morgens. Die Sonne stand erst am Rand des Ziegeldaches. Das Kyrie eleison durchlief wie ein Schauer diesen stallähnlichen, gekalkten Raum mit der flachen Decke, deren getünchte Balken man sehen konnte. An jeder Seite ließen drei hohe Fenster mit hellen, gesprungenen, zum größten Teil zerbrochenen Scheiben ein kreidig grelles Licht ein. Die frische Luft von draußen drang hier roh herein und legte das ganze Elend des lieben Gottes in diesem entlegenen Dorfe bloß. Im Hintergrund, über der großen Tür, die nie geöffnet wurde und deren Schwelle von Unkraut überwuchert war, ging eine hölzerne Empore, zu der man auf einer Leitertreppe hinaufstieg, von einer Mauer zur anderen und krachte an den Festtagen unter den Holzschuhen. Der Beichtstuhl neben der Treppe, dessen Seitenwände aus den Fugen geraten waren, war zitronengelb gestrichen. Ihm gegenüber befand sich neben der kleinen Tür das Taufbecken, ein ehemaliger Weihwasserkessel, den man auf einen Fuß aus Mauerwerk gesetzt hatte. Außerdem standen rechts und links in der Mitte der Kirche zwei winzige, von Holzgeländern umgebene Altäre. Den linken, der Maria geweiht war, schmückte eine große Gottesmutter aus vergoldetem Gips, die majestätisch eine goldene Krone auf ihrem kastanienbraunen Haar trug: sie hielt auf ihrem linken Arm einen nackten, lächelnden Jesusknaben, dessen Händchen die gestirnte Erdkugel emporhob; sie schritt inmitten von Wolken dahin und hatte geflügelte Engelsköpfe zu ihren Füßen. Der Altar zur Rechten, an dem die Totenmessen gelesen wurden, wurde von einem Christus aus gemalter Pappe überragt, der ein Gegenstück zur Muttergottes bildete; der Christus, der die Größe eines zehnjährigen Kindes hatte, rang auf schreckliche Weise mit dem Tode, sein Kopf war hintübergesunken, seine Rippen traten hervor, sein Leib war eingefallen, seine Glieder verrenkt und blutbespritzt. Dann war da noch die Kanzel, ein viereckiger Kasten, zu dem man über einen Tritt mit fünf Stufen hinaufstieg und der sich gegenüber einer in ein Nußbaumgehäuse eingeschlossenen Standuhr erhob, deren dumpfe Schläge die ganze Kirche erschütterten, gleich dem Schlagen eines ungeheuer großen, irgendwo unter den Fliesen verborgenen Herzens. Das ganze Kirchenschiff entlang setzten die vierzehn Kreuzwegstationen, vierzehn plump kolorierte, mit schwarzen Leisten eingerahmte Bilder, mit dem Gelb, dem Blau und dem Rot der Passion Flecken auf das grelle Weiß der Wände.
„Deo gratias“, stammelte Vincent nach der Verlesung der Epistel.
Das Liebesmysterium, die Darbringung des heiligen Opfers bereitete sich vor. Der Ministrant nahm das Meßbuch, das er nach links auf die Evangelienseite trug, und achtete dabei darauf, die Blätter des Buches nicht zu berühren. Jedesmal, wenn er am Tabernakel vorüberkam, machte er schief einen Kniefall und verrenkte sich fast dabei. Wieder auf die rechte Seite zurückgekehrt, blieb er dann bei der Verlesung des Evangeliums mit verschränkten Armen stehen. Der Priester hatte ein Kreuzeszeichen über das Meßbuch gemacht und sich dann selber bekreuzigt: auf der Stirn, um zu sagen, daß er sich niemals des Gotteswortes schämen würde; auf dem Mund, um zu zeigen, daß er immer bereit sei, seinen Glauben zu bekennen; auf seinem Herzen, um zu bedeuten, daß sein Herz Gott allein gehöre.
„Dominus vobiscum“, sagte er, wandte sich um, und sein Blick ertrank im kalten Weiß der Kirche.
„Et cum spiritu tuo“, erwiderte Vincent, der wieder niedergekniet war.
Nachdem der Priester das Offertorium hergesagt hatte, deckte er den Kelch ab. Einen Augenblick lang hielt er in Höhe seiner Brust die Patene mit der Hostie, die er Gott darbot, für sich, für die Anwesenden, für alle Gläubigen, ob lebend oder tot. Als er sie dann, ohne sie mit den Fingern zu berühren, an den Rand des Korporale hatte gleiten lassen, nahm er den Kelch, den er sorgfältig mit dem Kelchtüchlein ausrieb. Vincent hatte von dem Kredenztisch die Meßkännchen geholt, die er nacheinander darreichte, das Kännchen mit dem Wein zuerst, danach das Kännchen mit dem Wasser. Der Priester brachte nun für die ganze Welt den halbvollen Kelch dar, den er in die Mitte des Korporale zurückstellte, wo er ihn wieder mit der Palla bedeckte. Und nachdem er noch einmal gebetet hatte, kam er zurück und ließ sich in ganz dünnem Strahl Wasser über die äußersten Spitzen des Daumens und des Zeigefingers einer jeden Hand gießen, um sich von den geringsten Flecken der Sünde zu reinigen. Als er sich mit dem Lavabotuch abgetrocknet hatte, goß die wartende Teuse das auf das Meßkännchentablett gelaufene Wasser in einen Zinkeimer an der Ecke des Altars.
„Orate, fratres“, begann der Priester mit lauter Stimme von neuem, den leeren Bänken zugewandt, die Hände in einer Gebärde des Rufes an die Menschen guten Willens ausbreitend und wieder faltend. Und sich zum Altar zurückwendend, fuhr er mit gesenkter Stimme fort.
Vincent murmelte einen langen lateinischen Satz vor sich hin, in welchem er sich verlor.
Da drangen gelbe Flammen zu den Fenstern herein. Die Sonne kam beim Rufe des Priesters zur Messe. Sie beschien in breiten goldenen Streifen die linke Wand, den Beichtstuhl, den Marienaltar, die große Standuhr. Ein Krachen erschütterte den Beichtstuhl; von einem Glorienschein umgeben, lächelte die Muttergottes im blendenden Glanz ihrer Krone und ihres goldenen Mantels mit ihren gemalten Lippen zärtlich dem Jesusknaben zu; beschwingt schlug die Standuhr die Stunde mit rascheren Schlägen. Es schien, als bevölkere die Sonne die Bänke mit den Staubteilchen, die in ihren Strahlen tanzten. Die kleine Kirche, der weißgetünchte Stall, war gleichsam angefüllt mit einer lauwarmen Menge. Draußen hörte man die leisen Geräusche des glücklichen Erwachens der Flur: Gräser, die vor Wohlbehagen seufzten, Blätter, die in der Wärme trocken wurden, Vögel, die ihre Federn glätteten und ein erstes Mal kurz mit den Flügeln schlugen. Sogar die Flur kam mit der Sonne herein: an einem der Fenster reckte sich eine große Eberesche in die Höhe, warf Zweige durch die zerbrochenen Scheiben hinein und streckte ihre Knospen aus, als wolle sie in das Innere schauen; und durch die Spalten der großen Tür sah man die Gräser der Freitreppe, die in das Kirchenschiff einzudringen drohten. Allein der große Christus, der im Dunkel geblieben war, brachte mitten in dieses aufsteigende Leben den Tod, die Todesqual seines mit Ockergelb beschmierten, mit Lack bespritzten Fleisches. Ein Sperling setzte sich an den Rand eines Loches; er guckte, flog dann fort; doch fast sogleich erschien er wieder und ging in ruhigem Flug zwischen den Bänken vor dem Marienaltar nieder. Ein zweiter Sperling folgte ihm. Bald kamen von allen Zweigen der Eberesche Sperlinge herab und hüpften seelenruhig auf den Fliesen umher.
„Sanctus, Sanctus, Sanctus, Dominus Deus Sabaoth“, sagte der Priester halblaut mit leicht vorgeneigten Schultern.
Vincent schellte dreimal. Doch durch dieses plötzliche Geklingel erschreckt, flogen die Sperlinge mit so lautem Schwirren auf, daß die Teuse, die vor einer Weile in die Sakristei zurückgegangen war, schimpfend wieder zum Vorschein kam.
„Diese Lumpen! Sie werden alles schmutzig machen . . . Ich wette, Mademoiselle Désirée hat ihnen wieder Brotkrumen hingestreut.“
Der furchtbare Augenblick nahte. Leib und Blut eines Gottes würden gleich auf den Altar herabkommen. Der Priester küßte die Altardecke, faltete die Hände, machte mehrmals das Kreuzeszeichen über der Hostie und dem Kelch. Die Gebete des Kanons fielen nur noch in einer Verzückung von Demut und Dankbarkeit von seinen Lippen. Seine Haltung, seine Gebärden, sein Tonfall besagten, wie wenig er war, welche Ergriffenheit er empfand, für eine so große Aufgabe auserwählt zu sein. Vincent kniete hinter ihm nieder; er faßte das Meßgewand mit der linken Hand und hob es leicht an, die Schelle bereithaltend. Und die Ellbogen auf den Rand des Altartisches gestützt, die Hostie zwischen Daumen und Zeigefinger jeder Hand haltend, sprach der Priester über ihr die Wandlungsworte:,,Hoc est enim corpus meum.“ Nachdem er das Knie gebeugt hatte, hob er die Hostie dann langsam empor, so hoch er konnte, und folgte ihr mit den Augen, während der Ministrant, anbetend kniend, dreimal schellte. Danach konsekrierte der Priester den Wein: „Hic est enim calix“, hatte die Ellbogen dabei wiederum auf den Altar gestützt, beugte grüßend das Knie und hob den Kelch empor, folgte ihm gleichfalls mit den Augen, wobei die rechte Hand den Knauf fest umschlossen hielt und die linke den Fuß stützte. Der Ministrant gab zum letzten Mal drei Zeichen mit der Schelle. Das große Mysterium der Erlösung war soeben erneuert worden, das hochheilige Blut floß ein weiteres Mal.
„Na, wartet, na, wartet“, schimpfte die Teuse und suchte mit ausgestreckter Faust die Sperlinge zu verscheuchen.
Doch die Sperlinge hatten keine Angst mehr. Dreist waren sie, über die Kirchenstühle schwirrend, mitten im Schellengeklingel zurückgekommen. Das wiederholte Geklingel hatte sie sogar in Freude versetzt. Sie antworteten mit leisem Piepsen, das die lateinischen Worte gleichsam mit dem perlenden Gelächter losgelassener Gassenjungen unterbrach. Die Sonne wärmte ihnen die Federn, die liebliche Armseligkeit der Kirche entzückte sie. Sie waren dort zu Hause, wie in einer Scheune, in der man eine Luke offengelassen hat, tschilpten, zausten sich und machten einander die auf dem Fußboden gefundenen Krümel streitig. Einer von ihnen setzte sich auf den goldenen Schleier der Muttergottes, die dabei lächelte; ein anderer durchstöberte flink die Röcke der Teuse, die durch diese Frechheit außer sich geriet.
Der Priester am Altar, der in tiefster Demut die Augen auf die heilige Hostie gerichtet hielt und Daumen und Zeigefinger jeder Hand aneinandergelegt hatte, hörte nichts von diesem Einfallen des lauen Maienmorgens in das Kirchenschiff, nichts von dieser steigenden Flut aus Sonne, Grün und Vögeln, die überströmte bis zum Fuße des Kalvarienberges, wo die verdammte Natur mit dem Tode rang.
„Per omnia saecula saeculorum“, sagte er.
„Amen“, antwortete Vincent.
Als das Paternoster zu Ende gesprochen war, hielt der Priester die Hostie über den Kelch und brach sie mittendurch. Dann löste er von der einen Hälfte ein Teilchen ab, das er in das kostbare Blut gleiten ließ, um die innige Vereinigung anzuzeigen, die er mit Gott durch die Kommunion eingehen würde. Er sprach mit lauter Stimme das Agnus Dei, sagte ganz leise die drei vorgeschriebenen Gebete her, bekannte seine Unwürdigkeit; und während er die Ellbogen auf den Altar stützte und die Patene unter das Kinn hielt, nahm er die beiden Teile der Hostie zugleich zu sich. Nachdem er die Hände in inbrünstiger Andacht in Höhe seines Gesichts gefaltet hatte, sammelte er mit Hilfe der Patene die von der Hostie abgebröckelten heiligen Teilchen, die er in den Kelch schüttete. Da ein Teilchen an seinem Daumen haftengeblieben war, streifte er es mit der Spitze seines Zeigefingers ab. Und sich mit dem Kelch bekreuzigend, die Patene wieder unter sein Kinn haltend, trank er das ganze kostbare Blut in drei Schlucken, ohne die Lippen vom Rande des Kelches zu lösen, und vollzog so bis zum letzten Tropfen das göttliche Opfer.
Vincent war aufgestanden, um die Meßkännchen wieder vom Kredenztisch zu holen. Doch die Tür des Flurs, der zum Pfarrhaus führte, öffnete sich angelweit, schlug gegen die Wand zurück und gab den Durchgang einem schönen Mädchen von zweiundzwanzig Jahren mit kindlichem Gesicht frei, das etwas in seiner Schürze verborgen hielt.
„Es sind dreizehn!“ rief sie. „Alle Eier waren gut!“ Und die Schürze halb öffnend, ließ sie eine ganze Brut krabbelnder Küken mit ihren sprießenden Flaumfedern und den schwarzen Punkten ihrer Augen sehen: ,,Seht doch! Sind die aber niedlich, die Süßen! – Oh, das kleine Weiße, das den anderen auf den Rücken klettert! Und das da, das Gesprenkelte, das schon mit den Flügeln schlägt! – Die Eier waren wirklich gut. Nicht ein taubes!“
Die Teuse, die nun doch bei der Messe half, indem sie Vincent die Meßkännchen für die Reinigung reichte, wandte sich um und sagte laut:
„Seien Sie doch still, Mademoiselle Désirée! Sie sehen doch, daß wir noch nicht fertig sind.“
Ein starker Geruch nach Hühnerhof drang durch die offene Tür und wehte wie ein Ferment des Werdens in die Kirche, in den warmen Sonnenschein, der auf den Altar fiel.
Désirée blieb einen Augenblick stehen, ganz glücklich über das kleine Völkchen, das sie trug, und sah Vincent zu, wie er den Wein der Reinigung eingoß, sah ihrem Bruder zu, wie er diesen Wein trank, damit nichts von dem heiligen Leib und Blut in seinem Munde bliebe. Und sie stand noch immer da, als er zurückkam, den Kelch mit beiden Händen haltend, um sich über Daumen und Zeigefinger den Wein und das Wasser der Reinigung gießen zu lassen, das er beides gleichfalls trank. Doch die Henne, die ihre Kleinen suchte, kam glucksend an und wäre beinahe in die Kirche hineinspaziert. Da ging Désirée mit mütterlichen Worten für die Küken davon, gerade in dem Augenblick, als der Priester mit dem Kelchtüchlein, nachdem er es an seine Lippen gedrückt hatte, erst über die Ränder, dann über die Innenseite des Kelches wischte.
Es war das Ende, die Danksagung an Gott. Der Ministrant holte ein letztes Mal das Meßbuch, trug es wieder nach rechts. Der Priester legte das Kelchtüchlein, die Patene, die Palla auf den Kelch zurück; dann kniffte er von neuem die beiden breiten Falten des Velums zurecht und legte die Bursa darauf, in die er das Korporale zusammengefaltet hineingelegt hatte. Sein ganzes Wesen war ein glühender Dank. Er bat den Himmel um die Vergebung seiner Sünden, die Gnade eines gottgefälligen Lebens, das Verdienst des ewigen Lebens. Er blieb versunken in dieses Liebeswunder, in dieses immerwährende Opfer, das ihn jeden Tag mit dem Fleisch und Blut seines Heilandes speiste.
Nachdem er die Gebete gelesen hatte, wandte er sich um und sprach:
„Ite, missa est.“
„Deo gratias“, antwortete Vincent.
Nachdem der Abbé sich umgedreht hatte, den Altar zu küssen, wandte er sich wieder um, hielt die linke Hand unterhalb der Brust und erteilte mit der ausgestreckten rechten Hand der von der Heiterkeit der Sonne und vom Lärm der Sperlinge erfüllten Kirche den Segen.
„Benedicat vos omnipotens Deus, Pater et Filius, et Spiritus Sanctus.“
„Amen“, sagte der Ministrant und bekreuzigte sich.
Die Sonne schien stärker, und die Sperlinge wurden kühner. Während der Priester auf der linken Kanontafel das Schlußevangelium nach Johannes las, das von der Ewigkeit des Wortes kündet, setzte die Sonne den Altar in Flammen, ließ die Stuckmarmorfelder weiß erglänzen, verzehrte den Schein der beiden Kerzen, deren kurze Dochte nur noch zwei düstere Flecken bildeten. Das sieghafte Gestirn umfing mit seinem Glorienschein das Kreuz, die Leuchter, das Meßgewand, das Velum, all dieses unter seinen Strahlen verblassende Gold. Und als der Priester den Kelch nahm, eine Kniebeuge machte und den Altar verließ, um bedeckten Hauptes in die Sakristei zurückzukehren, ihm voran der Ministrant, der die Meßkännchen und das Lavabotuch zurücktrug, blieb das Gestirn allein Herr über die Kirche. Die Tür des Tabernakels mit seinem Glanz entzündend, die Maienfruchtbarkeit preisend, hatte sich nun sein Schein auf die Altardecke gelegt. Wärme stieg von den Fliesen auf. Das getünchte Mauerwerk, die große Muttergottes, der große Christus selber wurden von den steigenden Säften durchschauert, als sei der Tod überwunden durch die ewige Jugend der Erde.
KAPITEL III
Die Teuse beeilte sich, die Kerzen auszulöschen. Doch sie hielt sich mit dem Verscheuchen der Spatzen auf. Als sie das Meßbuch in die Sakristei zurücktrug, fand sie daher auch Abbé Mouret nicht mehr dort vor; der hatte sich die Hände gewaschen und dann die geweihten Gewänder verwahrt. Er war schon im Eßzimmer und trank im Stehen eine Tasse Milch zum Frühstück.
„Sie sollten wohl Ihre Schwester davon abhalten, Brot in die Kirche zu werfen“, sagte die Teuse beim Hereinkommen. „Im letzten Winter ist sie auf diesen hübschen Einfall gekommen. Sie hat gesagt, den Spatzen sei kalt, und der liebe Gott könne sie wohl ernähren . . . Sie wird es schließlich noch dahin bringen, daß wir mit ihren Hühnern und Kaninchen zusammen schlafen, passen Sie nur auf.“
,,Dann hätten wir es wärmer“, erwiderte fröhlich der junge Priester. „Sie schimpfen immerzu, Teuse. Lassen Sie doch unsere arme Désirée ihre Tiere liebhaben. Sie hat keine andere Freude, das liebe unschuldige Kind.“
Die Magd pflanzte sich mitten im Zimmer auf.
„Oh, Sie!“ legte sie los. „Sie würden es zulassen, daß die Elstern in der Kirche ihre Nester bauen. Sie sehen nichts, Sie finden alles vortrefflich . . . Ihre Schwester kann froh sein, daß Sie sie zu sich genommen haben, als Sie aus dem Priesterseminar kamen. Ich möchte wohl wissen, wer ihr sonst erlauben würde, auf einem Hühnerhof herumzupatschen?“ Dann sagte sie gerührt und in einem ganz anderen Ton: „Gewiß, es wäre ein Jammer, wollte man sie hindern. Sie ist ohne jeden Falsch. Sie ist ja kaum wie eine Zehnjährige, obgleich sie eins der kräftigsten Mädchen des Ortes ist . . . Denken Sie nur, ich bringe sie abends noch zu Bett, und ich muß ihr wie einem kleinen Kind Geschichten erzählen, damit sie einschläft.“
Abbé Mouret hatte seine Tasse Milch im Stehen ausgetrunken, seine Finger waren etwas rot geworden von der kühlen Luft im Eßzimmer, einem großen grau gestrichenen Raum mit Fliesenfußboden, in dem außer einem Tisch und Stühlen keine anderen Möbel standen.
Die Teuse nahm die Serviette fort, die sie zum Frühstück auf einer Ecke des Tisches ausgebreitet hatte.
,,Sie machen kaum Wäsche schmutzig“, murmelte sie. „Man könnte meinen, Sie könnten sich nicht hinsetzen, Sie seien immer im Begriff fortzugehen . . . Ach, wenn Sie Herrn Caffin gekannt hätten, den armen verstorbenen Pfarrer, an dessen Stelle Sie getreten sind! Das war ein empfindlicher Mann! Seine Verdauung würde nicht funktioniert haben, wenn er im Stehen gegessen hätte . . . Er war aus der Normandie, aus Canteleu, wie ich. Bedanken brauch ich mich nicht bei ihm, daß er mich in diese gottverlassene Gegend gebracht hat. Du mein Gott, was haben wir uns in der ersten Zeit gelangweilt! Der arme Pfarrer hatte recht unangenehme Geschichten bei uns zu Hause gehabt . . . Na, Herr Mouret, haben Sie denn keinen Zucker in Ihre Milch genommen? Hier sind die beiden Zuckerstücke.“ Der Priester stellte seine Tasse hin.
„Ja, ich glaube, ich habe es vergessen“, sagte er.
Die Teuse sah ihn an und zuckte die Schultern. Sie wickelte eine Scheibe Schwarzbrot, die ebenfalls auf dem Tisch liegengeblieben war, in die Serviette. Da der Pfarrer gerade hinausgehen wollte, lief sie ihm nach, kniete nieder und rief:
„Warten Sie, Ihre Schuhbänder sind noch nicht einmal zugebunden . . . Ich weiß nicht, wie Sie das mit Ihren Füßen in diesen Bauernschuhen aushalten. Sie, wo Sie doch so zart sind, wo Sie doch aussehen, als seien Sie tüchtig verwöhnt worden! – Der Bischof muß Sie ja ganz genau gekannt haben, daß er Ihnen die ärmste Pfarre des Departements gegeben hat.“
,,Aber“, sagte der Priester und lächelte wieder, „ich selber habe ja Les Artaud ausgesucht . . . Sie sind ganz schlimm heute früh, Teuse. Sind wir nicht glücklich hier? Wir haben alles, was wir brauchen, wir leben in paradiesischem Frieden.“
Da ließ sie das Schimpfen, lachte nun auch und entgegnete:
„Sie sind ein heiliger Mann, Herr Pfarrer . . . Sehen Sie sich mal meine Wäsche an, wie speckig die ist. Das ist besser, als daß wir uns streiten.“
Er mußte ihr folgen, denn sie drohte ihm, ihn nicht fortzulassen, wenn er ihr nicht Komplimente über ihre Wäsche machte. Er ging aus dem Eßzimmer und stieß sich im Flur an einem Gipsbrocken.
„Was ist denn das?“ fragte er.
„Nichts“, erwiderte die Teuse mit schrecklicher Miene. „Das Pfarrhaus fällt ein. Aber Sie fühlen sich wohl, Sie haben ja alles, was Sie brauchen . . . Ach Gott, an Rissen fehlt es nicht. Sehen Sie sich mal diese Decke an. Die ist wohl rissig genug! Wenn wir nicht demnächst erschlagen werden, müssen wir unserem Schutzengel eine große Kerze anzünden. Da es Ihnen aber schließlich so gefällt . . . Das ist wie mit der Kirche. Seit zwei Jahren schon hätten die zerbrochenen Fensterscheiben erneuert werden müssen. Im Winter erfriert der liebe Heiland ja. Und dann könnte dieses Spatzengelump nicht mehr rein. Ich werde schließlich noch Papier über die Fenster kleben, das sage ich Ihnen.“
„Ja, das ist eine Idee“, murmelte der Priester. „Man könnte Papier darüberkleben . . . Was die Wände angeht, die halten besser, als man glaubt. In meinem Schlafzimmer hat sich der Fußboden nur vor dem Fenster geworfen. Das Haus wird uns alle überleben.“
Da er der Teuse eine Freude machen wollte, ging er mit in den kleinen Schuppen bei der Küche und bewunderte in lauten Tönen, wie vortrefflich die Wäsche war; er mußte sogar daran riechen und die Finger hineinhalten.
Ganz entzückt zeigte sich nun die alte Frau von der mütterlichen Seite. Sie schimpfte nicht mehr, holte eine Bürste und sagte:
„Sie werden doch wohl nicht mit dem Schmutz von gestern auf Ihrer Soutane aus dem Haus gehen! Wenn Sie sie über das Treppengeländer gelegt hätten, wäre sie jetzt sauber . . . Sie ist noch gut, diese Soutane. Nehmen Sie sie nur immer hübsch hoch, wenn Sie über ein Feld gehen. Die Disteln zerreißen alles.“
Sie drehte ihn hin und her wie ein Kind und schüttelte ihn mit den heftigsten Bürstenstrichen von Kopf bis Fuß durch.
„Na, na, nun istʼs genug“, sagte er, indem er sich ihr entwand. „Passen Sie auf Désirée auf, nicht wahr? Ich werde ihr sagen, daß ich fortgehe.“
Doch in diesem Augenblick rief eine helle Stimme:
„Serge! Serge!“
Désirée kam angelaufen, ganz rot vor Freude, mit bloßem Kopf, die schwarzen Haare im Nacken zu einem mächtigen Knoten zusammengeschlungen, Hände und Arme bis zu den Ellbogen hinauf mit Mist beschmiert. Sie machte bei ihren Hühnern sauber. Als sie sah, daß ihr Bruder im Begriff war, mit seinem Brevier unter dem Arm fortzugehen, lachte sie lauter und küßte ihn schallend, wobei sie die Hände nach hinten hielt, um ihn nicht zu berühren.
„Nein, nein“, stammelte sie, „ich würde dich schmutzig machen . . . Oh, hab ich einen Spaß! Du mußt dir die Tiere ansehen, wenn du zurückkommst.“ Und sie lief davon.
Abbé Mouret sagte, er werde um elf Uhr zum Mittagessen nach Hause kommen. Er ging fort, und die Teuse, die ihn bis zur Schwelle begleitet hatte, rief ihm noch ihre letzten Ermahnungen nach.
„Vergessen Sie nicht, Bruder Archangias zu besuchen . . . Gehen Sie auch bei Brichets vorbei; die Frau war gestern hier, immer noch wegen dieser Heirat . . . Herr Pfarrer, so hören Sie doch! Ich habe die Rosalie getroffen. Die wünscht sich nichts sehnlicher, als den langen Fortuné zu heiraten. Reden Sie mit Vater Bambousse, vielleicht wird er jetzt auf Sie hören . . . Und kommen Sie nicht erst um zwölf zurück, wie neulich. Um elf Uhr, hören Sie, um elf Uhr, ja?“
Aber der Priester wandte sich nicht mehr um.
Sie ging ins Haus zurück und murmelte zwischen den Zähnen:
„Wenn einer glaubt, daß der auf mich hört! – So was ist noch keine sechsundzwanzig Jahre und handelt nur nach seinem eigenen Kopf. Gewiß, was seine Heiligkeit angeht, so würde er darin einem Sechzigjährigen noch was vormachen; aber er hat ja noch gar nicht gelebt, er weiß ja noch nichts, es macht ihm keine Mühe, artig wie ein Englein zu sein, der Liebe.“
KAPITEL IV
Als Abbé Mouret spürte, daß die Teuse nicht mehr hinter ihm war, blieb er stehen, glücklich, endlich allein zu sein. Die Kirche war auf einer kleinen Anhöhe erbaut worden, die in sanfter Neigung bis zum Dorf hin abfiel; längs erstreckte sie sich gleich einem verlassenen Schafstall, dessen Wände von breiten Fenstern durchbrochen waren und dem die roten Dachziegel ein heiteres Aussehen verliehen. Der Priester wandte sich um und warf einen Blick auf das Pfarrhaus, ein graues altes Gemäuer, das unmittelbar an der Längsseite des Kirchenschiffes klebte; dann ging er rechts hinauf, als fürchtete er, von dem unversieglichen Geschwätz, das seit dem Morgen in seinen Ohren summte, wieder gefangen zu werden; erst vor dem großen Portal, wo man ihn von der Pfarre aus nicht erblicken konnte, glaubte er sich in Sicherheit. Die Fassade der Kirche, die ganz kahl, von Sonne und Regen zernagt war, wurde von einem engen Käfig aus Mauerwerk überragt, in dessen Mitte sich das schwarze Profil einer kleinen Glocke abzeichnete; das Ende des Glockenseils war zu sehen, das sich in den Dachziegeln verlor. Sechs zerborstene, an einer Seite halb verschüttete Stufen führten zu der rissigen, von Staub, Rost und Spinnweben zerfressenen hohen runden Tür, die so kläglich in ihren losgerissenen Angeln hing, daß es aussah, als müßte sie beim ersten Windstoß eingedrückt werden. Abbé Mouret, der zärtliche Liebe für diese Ruine hegte, lehnte sich mit dem Rücken an einen der Torflügel auf der Freitreppe. Von dort aus umfaßte er mit einem Blick die ganze Gegend. Die Augen mit den Händen schirmend, suchte er den Horizont ab.
Im Mai sprengte ungeheurer Pflanzenwuchs den steinigen Boden. Kolossale Lavendelsträucher, Wacholderbüsche, Teppiche aus herben Kräutern stiegen die Freitreppe hinan, pflanzten Sträuße aus düsterem Grün sogar auf die Dachziegel. Das erste Drängen der Säfte drohte die Kirche im harten Buschholz der knorrigen Pflanzen davonzutragen. In dieser Morgenstunde herrschte mitten in den Wehen des Werdens ein brünstiges Brausen, ein langes, schweigendes Mühen, das die Felsen erschauern ließ. Doch der Abbé fühlte die Glut dieses mühseligen Gebärens nicht; er glaubte, die Stufe schwanke, und lehnte sich an den anderen Türflügel.
Das Land erstreckte sich zwei Meilen weit, abgeschlossen durch eine Mauer gelber Hügel, auf denen Nadelwälder schwarze Flecken bildeten; schreckliches Land mit ausgedorrter Heide, mit felsigen Graten, die den Boden zerrissen. Die wenigen Zipfel pflügbarer Erde breiteten blutige Lachen aus, rote Felder, auf denen sich Reihen dürftiger Mandelbäume, grauhäuptiger Oliven, Streifen von Weinstöcken, die mit ihren braunen Stämmen das Land schraffierten, aneinanderreihten. Man hätte meinen können, eine ungeheuerliche Feuersbrunst wäre darüber hinweggezogen, die Asche der Wälder auf die Höhen streuend, die Wiesen verbrennend und ihren Glanz und ihre Gluthitze in den Mulden zurücklassend. Kaum brachte dann und wann das blasse Grün eines Getreidevierecks eine zartere Note hinein. Der Horizont blieb wild, ohne ein Wasserrinnsal, verdurstete und stob beim geringsten Lufthauch in großen Staubwolken auf. Und ganz am Ende erblickte man durch eine eingestürzte Ecke der Hügel am Horizont eine saftig-grüne Ferne, einen Streifen des Nachbartals, das die Viorne fruchtbar machte, ein Fluß, der aus den Schluchten der Seille herabgekommen war.
Geblendet schaute der Priester hinab auf das Dorf, dessen spärliche Häuser wild durcheinander zu Füßen der Kirche herumstanden. Erbärmliche Häuser aus Lehmsteinen und Fachwerk längs eines schmalen Weges hingeworfen, ohne eigentliche Straßen. Es waren etwa dreißig, die einen im Dunghaufen zusammengesackt, schwarz von Elend, die anderen geräumiger, heiterer mit ihren rosa Dachziegeln. Auf den dem Felsen abgerungenen Grundstücken breiteten sich Gemüsebeete aus, die von Hecken durchschnitten wurden. Zu dieser Stunde war Les Artaud ausgestorben; nicht eine Frau am Fenster, nicht ein Kind, das sich im Staub sielte; allein Scharen von Hühnern liefen hin und her, scharrten im Stroh, suchten sogar an den Schwellen der Häuser, deren offengelassene Türen gähnten und der Sonne freundlich Einlaß gewährten. Ein großer schwarzer Hund, der am Eingang des Dorfes auf seinem Hinterteil saß, schien es zu bewachen.
Eine Schlaffheit machte Abbé Mouret allmählich benommen. Die steigende Sonne badete ihn in einer solchen Wärme, daß er sich an die Kirchentür sinken ließ, überkommen von glücklichem Frieden. Er sann über dieses Dorf der Artauds nach, das dort in den Steinen wie eines der knorrigen Gewächse des Tals gewachsen war. Alle Dorfbewohner waren miteinander verwandt, alle trugen denselben Namen, so daß sie von der Wiege an Beinamen bekamen, um sich voneinander zu unterscheiden. Ein Vorfahre, ein Artaud, war hierhergekommen und hatte sich in dieser Heide festgesetzt wie ein Paria; dann war seine Familie gewachsen mit der wilden Lebenskraft der Gräser, die das Leben aus den Felsen saugen; die Familie war schließlich zu einer Sippe, einer Gemeinde geworden, in deren Jahrhunderte zurückreichende Verwandtschaften man sich nicht mehr zurechtfand. Sie heirateten untereinander in schamlosem Durcheinander; man hätte nicht ein Beispiel anführen können, daß ein Artaud eine Frau aus einem Nachbardorf heimgeführt hätte; nur die Mädchen gingen manchmal davon. Die Artauds wurden geboren, die Artauds starben, diesem Fleckchen Erde verhaftet, auf ihrem Dunghaufen wuchernd, langsam, mit der einfachen Selbstverständlichkeit von Bäumen, die wieder aus ihrem Samen emporsprossen, ohne eine klare Vorstellung von der weiten Welt jenseits dieser gelben Felsen, zwischen denen sie ihr Leben fristeten. Und doch gab es unter ihnen schon Arme und Reiche. Da Hühner verschwunden waren, wurden die Hühnerställe des Nachts mit schweren Vorhängeschlössern verschlossen; ein Artaud hatte eines Abends einen Artaud hinter der Mühle umgebracht. Es war ein Volk für sich auf dem Grunde dieser trostlosen Hügeleinfassung, ein aus dem Erdboden geborenes Geschlecht, eine Menschheit von dreihundert Köpfen, die die Zeiten von vorn begann.
Er jedoch trug in sich den ganzen toten Schatten des Priesterseminars. Jahre hindurch hatte er die Sonne nicht gesehen. Selbst jetzt noch kannte er sie nicht, weil er die Augen geschlossen auf die Seele gerichtet hielt und nur Verachtung für die verdammte Natur hatte. Lange Zeit hatte er in den Stunden der Andacht, wenn er in Betrachtung versunken sich niederwarf, eine Einsiedlereinöde erträumt, irgendeine Höhle in einem Berg, wo ihn nichts Lebendiges, weder Wesen noch Pflanze noch Wasser, von der Betrachtung Gottes ablenken würde. Das war ein Aufwallen reiner Liebe, ein Grauen vor dem körperlichen Empfinden. Dort hätte er, für sich allein sterbend, dem Licht den Rücken zugewandt, geharrt, bis er nicht mehr wäre, bis er sich verloren im erhabenen Weiß der Seelen. Der Himmel erschien ihm ganz weiß, von einem lichtvollen Weiß, als schneite es Lilien, als flammte alle Reinheit, alle Unschuld, alle Keuschheit. Doch sein Beichtvater schalt ihn, wenn er ihm von seinem Verlangen nach Einsamkeit, von seinem Bedürfnis nach göttlicher Reinheit erzählte; er gemahnte ihn an die Kämpfe der Kirche, an die Notwendigkeit des Priesteramtes. Später war der junge Geistliche nach seiner Priesterweihe auf seine eigene Bitte hin nach Les Artaud gekommen, in der Hoffnung, seinen Traum tiefster menschlicher Demütigung zu verwirklichen. Inmitten dieses Elends, auf diesem unfruchtbaren Boden würde er die Ohren vor dem Lärm der Welt verschließen können, würde er in der Schläfrigkeit der Heiligen leben. Und wirklich lebte er nun schon seit mehreren Monaten mit einem ständigen Lächeln auf den Lippen; kaum daß ihn hin und wieder ein Schauer vom Dorf her verwirrte; kaum daß ein heißerer Biß der Sonne ihn im Nacken packte, wenn er auf den Pfaden dahinging, ganz im Himmel, ohne das fortwährende Gebären zu vernehmen, in dessen Mitte er wandelte.
Der große schwarze Hund, der Les Artaud bewachte, war zu Abbé Mouret heraufgekommen. Er hatte sich ihm zu Füßen auf-sein Hinterteil gesetzt. Doch der Priester blieb in die Lieblichkeit des Morgens versunken. Am Abend zuvor hatte er mit den Rosenkranzexerzitien begonnen; er schrieb die große Freude, die sich auf ihn herabsenkte, der Fürsprache der Muttergottes bei ihrem göttlichen Sohne zu. Und wie verächtlich die Güter der Erde ihm erschienen! Mit welcher Dankbarkeit fühlte er sich arm! Da er seinen Vater und seine Mutter infolge eines Dramas, dessen Schrecken er noch nicht kannte, am selben Tage verloren, hatte er bei seinem Eintritt in den geistlichen Stand einem älteren Bruder alles Vermögen überlassen. Er war nur noch durch seine Schwester mit der Welt verbunden. Von einer Art frommer Zärtlichkeit für ihren schwachen Verstand erfaßt, hatte er sich ihrer angenommen. Das liebe unschuldige Geschöpf war so kindisch, so sehr kleines Mädchen, daß sie ihm mit der Reinheit jener Armen im Geiste versehen zu sein schien, denen das Evangelium das Himmelreich verheißt. Indessen beunruhigte sie ihn seit einiger Zeit; sie wurde zu kräftig, zu gesund; sie roch zu sehr nach Leben. Doch das verursachte kaum Unbehagen. Er verbrachte seine Tage in dem inneren Dasein, das er sich geschaffen, nachdem er alles verlassen hatte, um sich ganz hinzugeben. Er verschloß das Tor seiner Sinne, suchte sich von den Erfordernissen des Leibes frei zu machen, war nur noch eine durch die Betrachtung des Göttlichen entzückte Seele. Die Natur bot ihm nur Fallen, nur Unrat dar; er setzte seinen Ruhm darein, ihr Gewalt anzutun, sie zu verachten, sich von seinem menschlichen Schmutz loszumachen. Der Gerechte muß von Sinnen sein, nach dem, was die Welt sagt. Daher betrachtete er sich auch als einen auf die Erde Verbannten; er hatte nur die himmlischen Güter im Auge und verstand nicht, daß man eine Ewigkeit an Glückseligkeit wegen ein paar Stunden vergänglicher Freude aufs Spiel setzen konnte. Seine Vernunft betrog ihn, sein Verlangen log. Und wenn er an Tugend zunahm, so vor allem durch seine Demut und seinen Gehorsam. Er wollte der Geringste sein von allen, wollte allen unterworfen sein, damit der göttliche Tau auf sein Herz fiele wie auf staubtrockenen Sand; er bekannte sich bedeckt mit Schmach und Wirrnis, auf ewig unwürdig, von der Sünde errettet zu werden. Demütig sein heißt glauben, heißt lieben. Er gehörte nicht einmal mehr sich selbst, war blind, taub, totes Fleisch. Er war ein Ding Gottes. Da trug ihn aus dieser tiefsten Erniedrigung, in die er sich versenkte, ein Hosianna über die Glücklichen und Mächtigen empor, in das Leuchten eines Glückes ohne Ende.
In Les Artaud hatte Abbé Mouret so das Entzücken des Klosterlebens gefunden, das er ehemals bei jedem Lesen in der „Nachfolge Christi“ so glühend ersehnt hatte. Mit keiner Faser seines Wesens hatte er bisher kämpfen müssen. Er war vollkommen vom ersten Niederknien an, ohne Ringen, ohne Erschütterung, wie vom Blitzstrahl getroffen durch die Gnade, im völligen Vergessen seines Fleisches. Verzückung des Nahens Gottes, die einigen jungen Priestern zuteil wird; glückselige Stunde, da alles schweigt, da die Begierden nichts sind als ein unermeßliches Verlangen nach Reinheit. Bei keiner Kreatur hatte er Trost gesucht. Wenn man glaubt, daß eine Sache alles ist, kann man nicht wankend werden, und er glaubte, daß Gott alles war, daß seine Demut, sein Gehorsam, seine Keuschheit alles war. Er erinnerte sich, gehört zu haben, wie man von der Versuchung wie von einer abscheulichen Folter sprach, die die Heiligsten auf die Probe stellt. Er lächelte nur. Gott hatte ihn niemals im Stich gelassen. Er schritt in seinem Glauben dahin wie in einem Harnisch, der ihn gegen den geringsten üblen Hauch schützte. Er entsann sich, daß er mit acht Jahren manchmal in den Winkeln vor Liebe geweint hatte; er wußte nicht, wen er liebte; er weinte, weil er irgend jemand liebte, der ganz weit fort war. Immer war er ergriffen gewesen. Später hatte er Priester werden wollen, um dieses Bedürfnis übermenschlicher Liebe zu befriedigen, das seine einzige Qual ausmachte. Er sah nicht, wo er hätte mehr lieben können. Er tat so seinem Wesen, seiner natürlichen Veranlagung, seinen Jünglingsträumen, seinen ersten Mannesbegierden Genüge. Wenn die Versuchung kommen sollte, so erwartete er sie mit der Abgeklärtheit eines unwissenden Seminaristen. Man hatte den Mann in ihm getötet, er fühlte es, er war glücklich, sich ausgesondert zu wissen, ein entmanntes, vom Natürlichen abweichendes Geschöpf, das durch die Tonsur gezeichnet war als ein Lamm Gottes.
KAPITEL V
Indessen erwärmte die Sonne die große Tür der Kirche. Goldene Fliegen summten um eine große Blume, die zwischen zwei Stufen der Freitreppe hervorsproß. Ein wenig benommen, entschloß sich Abbé Mouret, weiterzugehen; da schnellte der große schwarze Hund mit heftigem Gebell auf die Gittertür des kleinen Friedhofes los, der sich links von der Kirche befand. Gleichzeitig rief eine rauhe Stimme:
„Aha, du Taugenichts! In der Schule fehlst du, und auf dem Friedhof findet man dich! – Keine Widerrede! Seit einer Viertelstunde beobachte ich dich.“
Der Priester trat näher. Er erkannte Vincent, den ein Bruder der christlichen Schulen derb an einem Ohr hielt. Der Junge hing über einem Abgrund, der am Friedhof entlangführte und auf dessen Grunde der Mascle floß, ein Wildbach, dessen weiße Wasser sich zwei Meilen weiter in die Viorne stürzten.
„Bruder Archangias!“ sagte der Abbé sanft, um den schrecklichen Mann zur Nachsicht zu ermahnen.
Doch der Bruder ließ das Ohr nicht los.
„Ach, Sie sind es, Herr Pfarrer“, brummte er. „Stellen Sie sich vor, dieser Lump verkriecht sich immer auf dem Friedhof. Ich weiß nicht, was für schlimme Streiche er hier aushecken mag . . . Ich müßte ihn loslassen, damit er sich da unten auf dem Grund den Schädel einschlägt. Das geschähe ihm ganz recht.“
Der Junge gab keinen Laut von sich und klammerte sich an das Gestrüpp, die Augen duckmäuserisch geschlossen.
„Geben Sie acht, Bruder Archangias“, begann der Priester von neuem. „Er könnte ausrutschen.“ Und er selber half Vincent, wieder hochzukommen. „Nun, mein kleiner Freund, sag mal, was hast du denn da gemacht? Man soll doch nicht auf Friedhöfen spielen.“
Der Schlingel hatte die Augen wieder aufgemacht, entfernte sich furchtsam aus der Nähe des Schulbruders und stellte sich unter Abbé Mourets Schutz.
„Ich werde es Ihnen sagen“, murmelte er und blickte zu dem Priester hoch mit seinem pfiffigen Gesicht. „In den Brombeersträuchern unter diesem Felsen ist ein Grasmückennest. Seit mehr als acht Tagen beobachte ich es schon . . . Und weil die Jungen ausgekrochen sind, bin ich heute morgen hergekommen, nachdem ich bei Ihrer Messe ministriert habe . . .“
„Ein Grasmückennest!“ sagte Bruder Archangias. „Na, warte, warte!“ Er holte von einem Grab einen Erdklumpen und warf ihn in die Brombeersträucher. Doch er verfehlte das Nest. Ein zweiter, geschickter geschleuderter Klumpen stieß die zerbrechliche Wiege um und warf die Jungen in den Wildbach. „So“, fuhr er fort und schlug die Hände aneinander, um sie zu säubern, „jetzt wirst du vielleicht nicht mehr wie ein Heide hier umherschleichen . . . Die Toten werden dich nachts an den Füßen ziehen, wenn du weiter auf ihnen herumläufst.“
Vincent hatte gelacht, als er das Nest untertauchen sah, nun blickte er um sich, zuckte die Achseln wie jemand, dem nichts heilig ist.
„Ach was, ich habe keine Angst“, sagte er. „Die Toten, die rühren sich nicht mehr.“
Der Friedhof hatte wirklich nichts Erschreckendes. Es war ein kahles Gelände, auf dem sich schmale Wege unter dem wuchernden Gras verloren. Hier und dort erhoben sich kleine Erdbuckel. Ein einziger, ganz neuer Stein, der Stein des Abbé Caffin, stand dort und bildete einen weißen Ausschnitt in der Mitte. Nichts sonst als herausgerissene Arme von Kreuzen, vertrockneter Buchsbaum, alte zerbrochene, von Moos zerfressene Steinplatten. Kaum zweimal im Jahr wurde hier jemand begraben. Der Tod schien nicht zu Hause zu sein auf diesem öden Boden, wohin die Teuse jeden Abend kam, um ihre Schürze mit Gras für Désirées Kaninchen zu füllen. Eine riesige Zypresse, die an die Tür gepflanzt worden war, ließ allein ihren Schatten über die menschenleere Flur wandern. Diese Zypresse, die man drei Meilen in der Runde sah, war in der ganzen Gegend unter dem Namen „die Einsiedlerin“ bekannt.
„Das ist alles voller Eidechsen“, sagte Vincent, der die rissige Mauer der Kirche betrachtete. „Da würde man einen mächtigen Spaß haben . . .“ Doch mit einem Satz war er draußen, als er sah, wie Bruder Archangias mit dem Fuß ausholte.
Der Bruder machte den Pfarrer auf den schlechten Zustand der Gittertür aufmerksam. Sie war ganz vom Rost zernagt, eine Türangel ausgerissen, das Schloß zerbrochen.
„Man müßte das ausbessern“, sagte er.
Abbé Mouret lächelte, ohne zu antworten. Und sich an Vincent wendend, der sich mit dem Hund herumbalgte, fragte er:
„Hör mal, Kleiner, weißt du, wo Vater Bambousse heute früh arbeitet?“
Der Junge warf einen Blick auf den Horizont.
„Er muß auf seinem Feld Les Olivettes sein“, antwortete er und zeigte nach links. „Außerdem kann Voriau Sie führen, Herr Pfarrer. Der weiß sicher, wo sein Herr ist.“ Dann klatschte er in die Hände und rief: „He! Voriau! He!“
Der große schwarze Hund zögerte einen Augenblick, wedelte mit dem Schwanz und suchte in den Augen des Jungen zu lesen. Dann lief er mit Freudengebell zum Dorf hinab. Abbé Mouret und Bruder Archangias folgten ihm plaudernd. Hundert Schritte weiter verließ Vincent sie heimlich, ging wieder zur Kirche hinauf und behielt die beiden dabei im Auge, bereit, sich hinter einen Busch zu werfen, falls sie den Kopf wandten. Mit der Geschmeidigkeit einer Natter schlich er sich wieder auf den Friedhof, dieses Paradies, wo es Nester, Eidechsen und Blumen gab.
Indessen sagte Bruder Archangias, während Voriau auf der staubigen Landstraße vor ihnen her lief, mit seiner ärgerlichen Stimme zu dem Priester:
„Hören Sie mir bloß auf, Herr Pfarrer! Brut von Verdammten, diese Kröten da! Man sollte ihnen die Rippen zerbrechen, um sie Gott wohlgefällig zu machen. Sie wachsen im Unglauben auf wie ihre Väter. Seit fünfzehn Jahren bin ich nun schon hier, und ich habe aus keinem einzigen von ihnen einen Christen machen können. Sobald ich sie nicht mehr unter der Fuchtel habe, ist es aus! Dann denken sie bloß noch an ihre Erde, ihre Weinberge, ihre Olivenbäume. Keiner, der den Fuß in die Kirche setzt. Viehzeug, das sich mit den steinigen Feldern herumschlägt! – Mit Stockschlägen muß man denen beikommen, Herr Pfarrer, mit Stockschlägen!“ Dann fügte er, wieder Atem schöpfend, mit einer schrecklichen Gebärde hinzu: „Sehen Sie, mit diesen Artauds ist es wie mit den Brombeersträuchern, die hier die Felsen zerfressen. Ein Wurzelstock hat genügt, um das Land zu vergiften. So was klammert sich an, so was vermehrt sich, so was lebt trotz allem. Das Feuer des Himmels wird dareinfahren müssen wie in Gomorrha, um das auszubrennen.“ „Man darf niemals an den Sündern verzweifeln“, sagte Abbé Mouret, der in seinem inneren Frieden mit gemächlichen Schritten dahinging.
,,Nein, die da sind des Teufels“, begann der Bruder noch heftiger. „Ich bin Bauer gewesen wie sie. Bis zu meinem achtzehnten Jahr habe ich die Erde gehackt. Und später in der Anstalt habe ich gefegt, Gemüse geputzt, die gröbsten Arbeiten verrichtet. Ihre harte Arbeit mache ich ihnen nicht zum Vorwurf. Im Gegenteil, Gott sind jene lieber, die in der Niedrigkeit leben . . . Aber die Artauds führen sich auf wie Tiere, sehen Sie! Sie sind wie ihre Hunde, die nicht zur Messe gehen, die sich über Gottes Gebote und über die Kirche lustig machen. Sie würden ihre Äcker ficken, so sehr lieben sie sie!“
Voriau blieb mit hocherhobenem Schwanz stehen und nahm seinen Trott wieder auf, nachdem er sich vergewissert hatte, daß die beiden Männer ihm noch immer folgten.
„Es gibt tatsächlich beklagenswerte Mißstände“, sagte Abbé Mouret. „Mein Vorgänger, Abbé Caffin . . .“
„Ein armer Mann“, unterbrach der Bruder. „Er ist aus der Normandie zu uns gekommen, nach einer schlimmen Geschichte. Hier hat er nur ans gute Leben gedacht; er hat alles drunter und drüber gehen lassen.“
„Nein, Abbé Caffin hat gewiß getan, was er konnte; aber man muß zugeben, daß seine Bemühungen nahezu fruchtlos geblieben sind. Meine Bemühungen selber bleiben meist ohne Ergebnis.“
Bruder Archangias zuckte die Achseln. Er schritt einen Augenblick schweigend dahin, seinen großen mageren, wie mit der Axt zugehauenen Körper in den Hüften verrenkend. Die Sonne schlug ihm in den Nacken, auf das gegerbte Leder, und ließ sein hartes Bauerngesicht, das scharf war wie eine Säbelklinge, im Schatten.
„Hören Sie, Herr Pfarrer“, begann er schließlich wieder. „Ich bin zu gering, um Ihnen Vorhaltungen zu machen; allein, ich bin fast doppelt so alt wie Sie, ich kenne die Gegend, was mir das Recht gibt, Ihnen zu sagen, daß Sie mit Milde nichts erreichen werden . . . Verstehen Sie, der Katechismus genügt. Gott hat kein Erbarmen für die Gottlosen. Er verbrennt sie. Halten Sie sich daran.“ Und da Abbé Mouret den Kopf gesenkt hielt und den Mund nicht auftat, fuhr er fort: „Die Religion geht vom Lande fort, weil man eine zu gutmütige Frau aus ihr macht. Sie ist geachtet worden, solange sie als gnadenlose Gebieterin gesprochen hat . . . Ich weiß nicht, was man Ihnen in den Priesterseminaren beibringt. Die neuen Pfarrer weinen wie die Kinder mit ihren Pfarrkindern. Gott scheint ganz verändert zu sein . . . Ich möchte schwören, Herr Pfarrer, daß Sie nicht einmal mehr Ihren Katechismus auswendig können?“
Verletzt durch diesen Willen, der sich ihm so roh aufzudrängen suchte, hob der Priester den Kopf und sagte mit einiger Schroffheit:
„Es ist gut, Ihr Eifer ist lobenswert . . . Aber haben Sie mir nichts zu sagen? Sie sind heute morgen ins Pfarrhaus gekommen, nicht wahr?“
Bruder Archangias erwiderte grob:
„Ich hatte Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe . . . Die Artauds leben wie ihre Schweine. Ich habe noch dazu gestern erfahren, daß Rosalie, die Älteste von Vater Bambousse, schwanger ist. Alle warten sie das ab, bevor sie heiraten. Seit fünfzehn Jahren habe ich nicht eine gekannt, die nicht in die Kornfelder gegangen wäre, bevor sie zum Traualtar ging . . . Und sie behaupten noch lachend, das sei hierzulande so Sitte.“
„Ja“, murmelte Abbé Mouret. „das ist ein großes Ärgernis . . . Ich suche gerade Vater Bambousse, um mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen. Es wäre jetzt wünschenswert, daß die Heirat so bald wie möglich stattfindet . . . Der Vater des Kindes scheint es, ist Fortuné, der älteste Sohn von Brichets. Unglücklicherweise sind die Brichets arm.“
„Diese Rosalie!“ fuhr der Bruder fort. „Sie ist gerade achtzehn Jahre alt. So was wird schon auf der Schulbank verdorben. Es ist keine vier Jahre her, da hatte ich sie noch. Sie hatte schon damals Schweinereien im Kopf . . . Jetzt habe ich ihre Schwester Catherine, eine Göre von elf Jahren, die verspricht noch schamloser als ihre ältere Schwester zu werden. Die findet man in allen Löchern mit diesem Nichtsnutz Vincent . . . Gehen Sie mir doch, man kann sie noch so sehr an den Ohren ziehen, das Weib bricht doch immer in ihnen durch. Sie haben die Verdammnis in ihren Röcken. Geschöpfe, gut genug, auf den Mist geworfen zu werden mit ihren Schweinereien, die alles vergiften! Da wäre man eine schöne Last los, wenn man alle Mädchen bei ihrer Geburt erdrosselte.“
Der Abscheu, der Haß gegen das Weib ließen ihn wie einen Fuhrknecht fluchen. Nachdem Abbé Mouret ihm mit ruhigem Gesicht zugehört hatte, lächelte er schließlich über seine Heftigkeit. Er rief Voriau, der auf ein benachbartes Feld gelaufen war.
„Da, sehen Sie!“ rief Bruder Archangias und zeigte auf eine Gruppe von Kindern, die unten in einer Schlucht spielten. „Da sind ja meine Taugenichtse, die in der Schule fehlen, weil sie angeblich ihren Eltern in den Weinbergen helfen! – Sie können sicher sein, dieses Flittchen, die Catherine, ist mitten darunter. Sie rutscht zum Spaß die Abhänge runter. Sie werden sehen, wie ihr die Röcke über den Kopf fliegen. Da, was habe ich Ihnen gesagt! – Bis heute abend, Herr Pfarrer . . . Na, wartet, wartet, ihr Lumpen!“
Er lief davon, sein schmutziges Beffchen flatterte ihm über die Schulter, seine weite schmierige Soutane riß die Disteln aus. Abbé Mouret sah, wie er mitten in die Kinderschar hineinfuhr, die wie ein Schwarm aufgescheuchter Spatzen davonstob. Doch es war ihm gelungen, Catherine und ein anderes Kind bei den Ohren zu packen. Er brachte sie zum Dorf zurück und hielt sie dabei mit seinen dicken behaarten Fingern fest und überschüttete sie mit Schimpfworten.
Der Priester setzte seinen Weg fort. Bruder Archangias verursachte ihm zuweilen seltsame Gewissensbedenken; er erschien ihm in seiner Gewöhnlichkeit, in seiner Derbheit als der wahrhafte Gottesmann, ohne irdische Bindung, ganz dem Willen des Himmels ergeben, demütig, rauh, gegen die Sünde Zoten im Munde führend. Und er war verzweifelt, daß er sich nicht noch mehr seines Leibes entäußern konnte, daß er nicht häßlich, schmutzig war, nicht nach dem Ungeziefer der Heiligen stank. Wenn ihn der Bruder durch zu derbe Worte, durch irgendeine zu plötzliche Roheit empört hatte, machte er sich daraufhin seine Empfindlichkeit, seinen angeborenen Stolz zum Vorwurf, als seien es wirkliche Fehler. Müßte er nicht gegenüber allen Schwächen dieser Welt tot sein? Auch dieses Mal lächelte er traurig, als er daran dachte, daß er sich beinahe über die hitzige Lektion des Bruders geärgert hatte. Das war der Hochmut, dachte er, der ihn zu verderben suchte, indem er ihn veranlaßte, die einfachen Menschen mit Verachtung zu behandeln. Doch wider seinen Willen fühlte er sich erleichtert, daß er allein war, befreit von dieser harten Stimme, die seinen Traum von reiner Zärtlichkeit störte, und nun gemächlich dahinschreitend sein Brevier lesen konnte.
KAPITEL VI
Die Landstraße wand sich zwischen heruntergestürzten Felsbrocken dahin, denen die Bauern hier und dort vier oder fünf Quadratmeter kreidiger Erde abgerungen hatten, die nun mit alten Olivenbäumen bestanden war. Unter den Füßen des Abbé knirschte der Staub der tiefen Wagenspuren leise wie Schnee. Wenn ein wärmerer Hauch sein Gesicht traf, blickte er zuweilen von seinem Buch auf und schaute, von wo ihm wohl diese Liebkosung zuteil wurde; doch sein Blick blieb verschwommen, verloren am entflammten Horizont haften, ohne ihn wahrzunehmen, auf den geschwungenen Linien dieses leidenschaftlichen Landes, das ausgedörrt, vor Wonne vergehend in der Sonne lag, hingesielt wie eine glutvolle und unfruchtbare Frau. Er zog seinen Hut tiefer in die Stirn, um dem warmen Atem zu entgehen; friedlich fing er wieder an zu lesen, während seine Soutane hinter ihm eine kleine Staubwolke aufwirbelte, die dicht über dem Weg dahinrollte.
„Guten Tag, Herr Pfarrer“, sagte ein vorübergehender Bauer. Spatengeräusch längs der Ackerstücke riß ihn wiederum aus seiner Andacht. Er wandte den Kopf, erblickte inmitten der Weinberge große knorrige Greise, die ihn grüßten. Die Artauds fickten die Erde in der prallen Sonne, wie Archangias zu sagen pflegte. Schweißnasse Stirnen tauchten hinter den Büschen auf, keuchende Brüste kamen langsam wieder hoch, ein glühendes Mühen um Befruchtung, durch die er so ruhigen Schrittes unwissend und unschuldig dahinwandelte. Nichts Verwirrendes erreichte sein Fleisch von diesem großen Liebesmühen, das den strahlende Morgen erfüllte.
„He, Voriau! Wer wird denn die Leute gleich fressen!“ rief fröhlich eine laute Stimme und brachte den heftig bellenden Hund zum Schweigen.
Abbé Mouret hob den Kopf.
„Sie sind es, Fortuné“, sagte er und trat an den Rand des Feldes, auf dem der junge Bauer arbeitete. „Ich wollte gerade mit Ihnen sprechen.“
Fortuné war ebenso alt wie der Priester. Er war ein langer Bursche mit kecker Miene und bereits harter Haut. Er machte ein Stück steinigen Heidelandes urbar.
„Wegen was denn, Herr Pfarrer?“ fragte er.
„Wegen dem, was zwischen Rosalie und Ihnen geschehen ist“, erwiderte der Priester.
Fortuné fing an zu lachen. Es kam ihm wohl komisch vor, daß sich ein Priester mit einer solchen Geschichte befaßte.
„Ach so“, murmelte er. „Sie hatʼs recht gern gehabt. Ich hab sie nicht gezwungen . . . Da ist halt nichts zu machen, wenn Vater Bambousse sich weigert, sie mir zu geben! Sie haben ja gesehen, daß sein Hund mich eben beißen wollte. Er hetzt ihn auf mich.“
Abbé Mouret wollte gerade fortfahren, als der alte Artaud, genannt Brichet, den er zunächst nicht gesehen hatte, aus dem Schatten eines Busches hervortrat, hinter dem er mit seiner Frau schmauste. Er war klein, vom Alter ausgetrocknet und wirkte unterwürfig.
„Man wird Ihnen schöne Lügereien aufgetischt haben, Herr Pfarrer“, rief er. „Der Junge ist durchaus bereit, die Rosalie zu heiraten . . . Die beiden sind zusammen gegangen. Da kann niemand dafür! Es gibt andere, die es wie sie gemacht und die deshalb nicht weniger gut gelebt haben . . . Die Angelegenheit hängt nicht von uns ab. Sie müssen mit Bambousse sprechen. Er verachtet uns, weil er Geld hat.“
„Ja, wir sind zu arm“, jammerte Mutter Brichet, eine große weinerliche Frau, die sich nun ebenfalls erhob. „Wir haben eben nur dieses Stück Feld, auf das der Teufel Kieselsteine hageln läßt. Es gibt uns kein Brot . . . Ohne Sie, Herr Pfarrer, wäre das Leben nicht möglich.“
Mutter Brichet war die einzige Betschwester des Dorfes. Wenn sie zur Kommunion gegangen war, strich sie um das Pfarrhaus herum, weil sie wußte, daß die Teuse ihr immer ein paar Brote vom letzten Backtag aufhob. Manchmal nahm sie sogar ein Kaninchen oder ein Huhn mit, das Désirée ihr schenkte.
„Das sind ständige Ärgernisse“, begann der Priester wieder.
„Diese Heirat muß so bald wie möglich stattfinden.“
„Aber sofort, wann die anderen wollen“, sagte die alte Frau, ganz besorgt, daß man ihr sonst nichts mehr zustecke. „Nicht wahr, Mann? Wir sind keine so schlechten Christen, daß wir den Herrn Pfarrer ärgern wollen.“
Fortuné grinste.
„Ich, ich bin völlig bereit“, erklärte er, „und die Rosalie auch . . . Ich habe sie erst gestern hinter der Mühle getroffen. Wir sind nicht böse miteinander, im Gegenteil. Wir sind zusammen gewesen und haben gelöchelt.“
Abbé Mouret unterbrach ihn:
„Es ist gut. Ich werde mit Bambousse reden. Er ist dort drüben auf seinem Feld Les Olivettes, glaube ich.“
Der Priester war schon im Fortgehen, als ihn Mutter Brichet fragte, wo denn ihr Jüngster, der Vincent, geblieben sei, der seit dem frühen Morgen fort war, um bei der Messe zu ministrieren. Das sei ein Schlingel, der die Ermahnungen des Herrn Pfarrer sehr nötig hätte. Und sie begleitete den Priester etwa hundert Schritt, wobei sie über ihr Elend klagte, über die Kartoffelknappheit, über die Kälte, die die Olivenbäume hatte erfrieren lassen, über die Hitze, die die magere Ernte zu versengen drohte. Sie verließ ihn, indem sie ihm versicherte, daß ihr Sohn Fortuné morgens und abends seine Gebete hersagte.
Voriau lief jetzt vor Abbé Mouret her. Plötzlich stürmte er an einer Biegung der Landstraße jäh auf die Felder. Der Abbé mußte einen kleinen Pfad einschlagen, der auf einen Hügel führte. Er war auf Les Olivettes, dem fruchtbarsten Teil des Landes, wo der Bürgermeister der Gemeinde, Artaud, genannt Bambousse, mehrere Getreidefelder, Olivenbäume und Weinberge besaß. Der Hund hatte sich indessen in die Röcke eines großen brünetten Mädchens gestürzt, das beim Anblick des Priesters vergnügt lachte.
„Ist Ihr Vater da, Rosalie?“ fragte dieser.
„Da, gleich da in der Nähe“, sagte sie immer noch lächelnd und zeigte hin. Dann verließ sie die Ecke des Feldes, auf dem sie Unkraut jätete, und ging vor dem Priester her. Ihre noch wenig vorgeschrittene Schwangerschaft zeichnete sich allein an einem leichten Stärkerwerden der Hüften ab. Sie hatte den stark wiegenden Gang kräftiger Arbeiterinnen, trug nichts auf dem Kopf trotz der Sonne, die ihr den Nacken versengte, und ihre Haare waren schwarz und hart wie Roßhaar. Ihre Hände, die grün geworden waren, rochen nach den Gräsern, die sie ausriß.
„Vater“, rief sie, „der Herr Pfarrer fragt nach Euch.“ Und sie blieb frech stehen und behielt ihr verschlagenes Lachen bei, das Lachen eines tierhaften Wesens, das keine Scham kennt.
Bambousse, der ein rundes Gesicht hatte, fett war und schwitzte, ließ seine Arbeit im Stich, um dem Priester fröhlich entgegenzugehen.
„Ich möchte schwören, daß Sie über die Ausbesserungen an der Kirche mit mir sprechen wollen“, sagte er, während er seine erdverkrusteten Hände abklopfte. „Nun denn! Nein, Herr Pfarrer, das ist nicht möglich. Die Gemeinde hat keinen Sou . . . Wenn der liebe Gott den Mörtel und die Dachziegel liefert, liefern wir die Maurer.“ Und er brach über seinen eigenen Scherz, den Scherz eines ungläubigen Bauern, in ungeheures Gelächter aus. Er schlug sich auf die Schenkel, hustete und erstickte beinahe.
„Ich bin nicht wegen der Kirche gekommen“, entgegnete Abbé Mouret. „Ich wollte mit Ihnen über Ihre Tochter Rosalie sprechen . . .“
„Rosalie? Was hat die Ihnen denn getan?“ fragte Bambousse augenzwinkernd.
Das Bauernmädchen betrachtete den jungen Priester dreist, ließ genießerisch die Blicke von seinen weißen Händen zu dem mädchenhaften Hals gehen und bemühte sich, ihn zum Erröten zu bringen.
Doch ohne Umschweife sagte er mit ruhigem Gesicht, als spräche er von einer Sache, die ihn überhaupt nicht berührte:
„Sie wissen, was ich sagen will, Vater Bambousse. Sie ist schwanger. Sie muß heiraten.“
„Ach, deshalb ist es“, murmelte der Alte mit seiner spöttischen Miene. „Danke für die Bestellung, Herr Pfarrer. Die Brichets schicken Sie, nicht wahr? Mutter Brichet geht zur Messe, und Sie helfen ihr ein bißchen, ihren Sohn ins warme Nest zu setzen; das ist verständlich . . . Aber ich, ich mache da nicht mit. Die Sache paßt mir nicht. Damit basta.“
Überrascht erklärte ihm der Priester, man müsse dem Ärgernis schnell ein Ende bereiten, er müsse Fortuné verzeihen, da dieser seinen Fehler wiedergutmachen wolle, und schließlich erfordere die Ehre seiner Tochter eine rasche Heirat.
„Ach Quatsch!“ begann Bambousse wieder und schüttelte den Kopf. „Unnützes Gerede! Ich behalte meine Tochter, verstehen Sie. All das geht mich nichts an . . . Ein Bettler, dieser Fortuné. Keine zwei Heller. Das wäre bequem, wenn man nur mit einem Mädchen zu gehen brauchte, um es zu heiraten. Gewiß doch! Dann würde man nur noch sehen, wie die jungen Leute flottmachen vom Morgen bis zum Abend . . . Gott sei Dank! Ich bin nicht in Sorge um Rosalie; man weiß, was ihr passiert ist; davon wird sie weder krummbeinig noch bucklig, und sie kann sich trotzdem zum Heiraten in der ganzen Gegend noch immer den aussuchen, den sie will.“
„Aber ihr Kind?“ unterbrach der Priester.
„Das Kind? Es ist noch nicht da, nicht wahr? Es wird vielleicht niemals dasein . . . Wenn sie das Kleine zur Welt bringt, werden wir schon sehen.“
Als Rosalie sah, welche Wendung das Vorgehen des Pfarrers nahm, hielt sie es für geraten, sich jammernd die Fäuste in die Augen zu bohren. Sie ließ sich sogar auf die Erde fallen, wobei sie ihre blauen Strümpfe zeigte, die bis über die Knie hinaufgingen.
„Wirst du wohl ruhig sein, du Feger!“ schrie der wütend gewordene Vater. Und er beschimpfte sie gemein, mit derben Worten, über die sie hinter ihren geschlossenen Fäusten lachen mußte. „Wenn ich dich mit deinem Kerl erwische, binde ich euch zusammen und führe euch so vor alle Leute . . . Du willst nicht ruhig sein? Na warte, du Luder!“ Er hob einen Erdklumpen auf, den er aus vier Schritt Entfernung heftig nach ihr warf.
Der Klumpen zerbröckelte an ihrem Haarknoten, rieselte in ihren Halsausschnitt und bedeckte sie mit Staub. Bestürzt sprang sie mit einem Satz auf, machte sich davon, hielt den Kopf zwischen den Händen, um sich zu schützen. Doch Bambousse hatte die Zeit, sie noch mit zwei weiteren Klumpen zu treffen: der eine streifte nur ihre linke Schulter; der andere traf sie mitten ins Kreuz, so heftig, daß sie auf die Knie fiel.
„Bambousse!“ schrie der Priester und entriß ihm eine Handvoll Steine, die er aufgehoben hatte.
„Lassen Sie doch, Herr Pfarrer“, sagte der Bauer. „Das war weiche Erde. Ich hätte mit diesen Steinen hier nach ihr schmeißen sollen . . . Man merkt, daß Sie die Mädchen nicht kennen. Sie sind verdammt zäh. Die da könnte ich tief in unserem Brunnen versenken, der könnte ich die Knochen mit Knüppelhieben zerbrechen, die würde deshalb genauso ihre Schweinereien treiben! Aber ich belauere sie, und wenn ich sie überrasche! – So sind sie nun mal alle.“ Um sich zu trösten, trank er einen Schluck Wein aus einer großen flachen, mit Bast umflochtenen Flasche, die auf der glutheißen Erde warm wurde. Dann lachte er wieder breit und sagte: „Wenn ich ein Glas hätte, Herr Pfarrer, würde ich Ihnen von Herzen gern eins anbieten.“
„Nun“, fragte der Priester wieder, „und diese Heirat?“
„Nein, daraus kann nichts werden, man würde mich ja auslachen . . . Rosalie ist tüchtig. Sie ist soviel wert wie ein Mann, sehen Sie. Wenn sie aus dem Haus geht, muß ich einen Knecht nehmen . . . Nach der Weinlese kann man weiter über die Sache sprechen. Und außerdem, ich will nicht bestohlen werden. Gibst du mir, so geb ich dir, nicht wahr?“
Der Priester blieb noch eine gute halbe Stunde da und nahm Bambousse ins Gebet, sprach zu ihm von Gott, zählte ihm alle Vernunftgründe auf, die die Lage erheischte.
Der Alte hatte sich wieder an die Arbeit gemacht; er zuckte die Achseln, scherzte und wurde immer eigensinniger. Schließlich schrie er:
„Kurz und gut, wenn Sie einen Sack Korn von mir verlangten, würden Sie mir Geld dafür geben . . . Warum soll ich meine Tochter für nichts davongehen lassen!“
Entmutigt ging Abbé Mouret fort. Als er den Pfad hinabstieg, erblickte er Rosalie, wie sie unter einem Olivenbaum mit Voriau umherrollte, der ihr das Gesicht leckte, was sie zum Lachen brachte. Während ihre Röcke hochflogen und sie mit den Armen auf die Erde schlug, sagte sie zu dem Hund:
„Du kitzelst mich, du dummes Vieh. Hör schon auf!“
Als sie den Priester sah, tat sie, als schäme sie sich, brachte ihre Kleider wieder in Ordnung, preßte wiederum die Fäuste in die Augen.
Er versuchte sie zu trösten, indem er ihr versprach, erneute Anstrengungen bei ihrem Vater zu unternehmen. Und er fügte hinzu, vorläufig müsse sie gehorchen, alle Beziehungen zu Fortuné einstellen und dürfe ihre Sünde nicht noch mehr verschlimmern.
„Oh, jetzt“, murmelte sie und lachelte dabei in ihrer frechen Art, „jetzt ist keine Gefahr mehr, wo es nun mal passiert ist.“ Er begriff nicht, er malte ihr die Hölle aus, in der die verworfenen Frauen brennen. Dann verließ er sie, nachdem er seine Pflicht getan hatte, war wieder erfaßt von jener Abgeklärtheit, die es ihm erlaubte, ohne eine Verwirrung mitten im Unflat des Fleisches zu wandeln.
KAPITEL VII
Der Vormittag wurde glühend heiß. In diesem weiten Felsenrund entzündete die Sonne gleich in den ersten schönen Tagen die Weißglut eines Schmelzofens. Abbé Mouret erkannte am hohen Stand des Gestirns, daß er gerade noch Zeit hatte, zum Pfarrhaus zurückzukehren, wenn er um elf Uhr dasein wollte, damit ihn die Teuse nicht ausschalt. Nachdem er sein Brevier gelesen und bei Bambousse vorgesprochen hatte, ging er eiligen Schrittes zurück und schaute dabei in die Ferne auf den grauen Fleck seiner Kirche mit dem hohen schwarzen Balken, den die große Zypresse, die Einsiedlerin, auf das Blau des Horizontes zeichnete. In der einschläfernden Hitze dachte er daran, wie er am Abend möglichst üppig die Marienkapelle für die Maiandachten ausschmücken könnte. Der Weg entrollte vor ihm einen für die Füße weichen Staubteppich, eine Reinheit von strahlendem Weiß.
Als der Abbé bei dem Feld La Croix-Verte die Straße überqueren wollte, die von Plassans nach La Palud führt, zwang ihn ein zweirädriges Wägelchen, das den Abhang herabkam, hinter einen Steinhaufen auszuweichen. Er ging quer über die Kreuzung, als ihn eine Stimme anrief:
„He, Serge! He, mein Junge!“
Das Wägelchen hatte angehalten, ein Mann beugte sich heraus. Da erkannte der junge Priester einen seiner Onkel, Doktor Pascal Rougon, den das Volk von Plassans, wo er die armen Leute umsonst behandelte, kurzweg „Herr Pascal“ nannte. Obgleich er kaum die Fünfzig überschritten hatte, war er schon schneeweiß, mit seinem großen Bart und seinem vollen Haar, von dem umrahmt sein schönes regelmäßiges Gesicht einen gütigen, durchgeistigten Ausdruck annahm.
„Um diese Zeit tapst du hier im Staub herum, du!“ sagte er fröhlich und beugte sich dabei noch weiter vor, um dem Abbé beide Hände zu drücken. „Hast du denn keine Angst vor einem Sonnenstich?“
„Nicht mehr als Ihr, Onkel“, erwiderte der Priester lachend.
„Oh, ich! Ich habe das Verdeck meines Wagens. Außerdem können die Kranken nicht warten. Gestorben wird bei jedem Wetter, mein Junge.“ Und er erzählte ihm, daß er zum alten Jeanbernat fahre, dem Verwalter vom Paradou, den in der Nacht der Schlag getroffen habe. Ein Nachbar, ein Bauer, der nach Plassans zum Markt fuhr, habe ihn geholt. „Zur Stunde wird er wohl schon tot sein“, fuhr er fort. „Na ja, man muß schon mal nachsehen . . . Diese alten Teufelskerle haben ein mächtig zähes Leben.“
Er hob schon die Peitsche, als Abbé Mouret ihn zurückhielt. „Wartet . . . Wie spät habt Ihr es, Onkel?“
„Drei Viertel elf.“
Der Abbé zögerte. Er hörte die schreckliche Stimme der Teuse an seine Ohren klingen, die ihm zuschrie, das Mittagessen würde kalt. Aber tapfer sagte er rasch:
„Ich fahre mit Euch, Onkel . . . Dieser Unglückliche möchte sich vielleicht in seiner letzten Stunde mit Gott versöhnen.“
Doktor Pascal konnte ein schallendes Gelächter nicht unterdrücken.
„Der! Der Jeanbernat!“ sagte er. „Das ist gut! Wenn du den jemals bekehrst! – Das macht nichts, komm nur immer mit. Allein dein Anblick ist imstande, ihm auf die Beine zu helfen.“
Der Priester stieg ein. Der Doktor, der seinen Scherz zu bedauern schien, zeigte sich sehr herzlich, während er das Pferd durch leichtes Zungenschnalzen antrieb. Aus dem Augenwinkel betrachtete er neugierig seinen Neffen mit jenem scharfen Blick von Gelehrten, die sich etwas einprägen. Gutmütig stellte er ihm kurze Fragen über sein Leben, über seine Gewohnheiten, über das ruhige Glück, das er in Les Artaud genoß. Und bei jeder befriedigenden Antwort murmelte er in beruhigtem Ton, als spräche er zu sich selber:
„Na, um so besser, das ist vortrefflich.“
Er fragte besonders eindringlich nach dem gesundheitlichen Befinden des jungen Pfarrers.
Erstaunt versicherte ihm dieser, es ginge ihm ausgezeichnet, er habe weder Schwindelanfälle noch Übelkeit noch Kopfschmerzen.
„Vortrefflich, vortrefflich“, wiederholte Onkel Pascal. „Im Frühling, weißt du, arbeitet das Blut. Aber du, du bist kräftig . . . Dabei fällt mir ein, ich habe deinen Bruder Octave im vergangenen Monat in Marseille gesehen. Er geht nach Paris, er soll dort unten eine schöne Stellung in der besseren Geschäftswelt bekleiden. Ach, der fidele Kerl! Er führt ein hübsches Leben.“
„Was für ein Leben?“ fragte unbefangen der Priester.
Um eine Antwort zu vermeiden, schnalzte der Doktor mit der Zunge. Dann begann er von neuem:
„Kurzum, allen geht es gut, deiner Großmutter, deinem Großvater und den anderen . . . Das hindert nicht, daß wir deiner Gebete wohl bedürfen. Du bist der Heilige in der Familie, mein Bester; ich zähle darauf, daß du die ewige Seligkeit für die ganze Bande erwirkst.“ Er lachte, doch so freundschaftlich, daß sogar Serge zum Scherzen aufgelegt wurde. „Es gibt nämlich welche in dem Haufen“, fuhr er fort, „die nicht leicht ins Paradies zu bringen sein werden. Du würdest schöne Beichten hören, wenn sie alle der Reihe nach kämen . . . Mir brauchen sie nicht zu beichten, ich verfolge ihr Leben von weitem, ich habe ihre Sündenregister zu Hause bei meinen Pflanzensammlungen und Krankheitsgeschichten. Eines Tages werde ich eine hochinteressante übersichtliche Darstellung geben können . . . Man wird ja sehen, man wird ja sehen!“ Er vergaß sich, von jugendlicher Begeisterung für die Wissenschaft erfaßt. Ein kurzer Blick, den er auf die Soutane seines Neffen warf, bewog ihn, jäh innezuhalten.,,Du, du bist Pfarrer“, murmelte er, „du hast recht getan, man ist sehr glücklich als Pfarrer. Das hat dich ganz und gar gepackt, nicht wahr? So daß du dich nun dem Guten zugewandt hast . . . Geh, du hättest niemals woanders Genüge gefunden. Deine Verwandten, die wie du loszogen, mögen noch so viele Gemeinheiten begangen haben, sie haben noch immer keine Befriedigung gefunden … Das ist alles logisch, mein Junge. Ein Priester vervollständigt die Familie. Übrigens mußte das so sein. Mit unserem Blut mußte es schließlich dahin kommen . . . Um so besser für dich, du hast das meiste Glück gehabt.“ Doch er verbesserte sich seltsam lächelnd. „Nein, deine Schwester Désirée hat das meiste Glück gehabt.“ Er pfiff, versetzte den Pferden einen Peitschenhieb und wechselte das Gesprächsthema.
Nachdem das Wägelchen einen ziemlich steilen Hang hinaufgefahren war, rollte es zwischen trostlosen Schluchten rasch dahin; dann gelangte es auf eine Hochebene, in einen Hohlweg und fuhr an einer endlosen hohen Mauer entlang.
Les Artaud war verschwunden; die beiden waren mitten in der Einöde.
„Wir sind wohl bald da, nicht wahr?“ fragte der Priester.
„Dies hier ist das Paradou“, entgegnete der Doktor, auf die Mauer deutend. „Bist du denn noch nie hierhergekommen? Wir sind nicht eine Meile von Les Artaud entfernt . . . Ein Besitztum, das prachtvoll gewesen sein muß, dieses Paradou. Die Mauer des Parks ist auf dieser Seite wohl zwei Kilometer lang. Aber seit mehr als hundert Jahren wächst hier alles, wie es will.“
„Was für schöne Bäume“, bemerkte der Priester und hob den Kopf, überrascht von den Massen überströmenden Grüns.
„Ja, dieses Fleckchen hier ist sehr fruchtbar. Daher ist der Park auch ein wahrer Wald inmitten der kahlen Felsen, die ihn umgeben . . . Übrigens entspringt dort der Mascle. Er soll drei oder vier Quellen haben, wie man mir gesagt hat.“ Und in abgehackten Sätzen, unterbrochen von Zwischenbemerkungen, die nichts damit zu tun hatten, erzählte er die Geschichte des Paradou, eine Art Legende, die in der Gegend umging. Zur Zeit Ludwigs XV. hatte sich hier ein adliger Herr einen prächtigen Palast gebaut mit riesigen Gärten, Wasserbecken, Springbrunnen, Statuen, ein regelrechtes kleines Versailles, das sich zwischen die Steine unter der heißen Sonne des Südens verirrt hatte. Aber er hatte hier nur einen Sommer verbracht, in Gesellschaft einer anbetungswürdig schönen Frau, die zweifellos dort gestorben war, denn niemand hatte sie wieder herauskommen sehen. Im folgenden Jahr brannte das Schloß nieder, die Parktore wurden zugenagelt, selbst die Schießscharten in den Mauern füllten sich mit Erde; so kam es, daß seit jener fernen Zeit niemand mehr einen Blick in dieses weitläufige Gehege geworfen hatte, das eine der Hochebenen der Garrigues gänzlich einnahm.
„An Brennesseln wird es darin nicht fehlen“, sagte lachend Abbé Mouret. „Längs der ganzen Mauer riecht es nach Feuchtigkeit, findet Ihr nicht, Onkel?“ Nach einem Schweigen fragte er dann: „Und wem gehört das Paradou jetzt?“
„Meiner Treu, man weiß es nicht“, antwortete der Doktor. „Der Besitzer ist vor etwa zwanzig Jahren mal hergekommen. Aber er war so entsetzt über dieses Natternnest, daß er nicht wieder aufgetaucht ist . . . Der eigentliche Herr ist der Wächter des Besitztums, dieses alte Original, der Jeanbernat, der Mittel und Wege gefunden hat, sich in einem Gartenhaus einzurichten, dessen Steine noch zusammenhalten . . . Da, siehst du, dieses alte graue Gemäuer da unten mit den großen von Efeu überwucherten Fenstern.“
Das Wägelchen fuhr an einem herrschaftlichen Gittertor vorbei, das vom Rost blutrot und innen mit Brettern vernagelt war. Die Wolfsgruben waren schwarz von Brombeeren. Etwa hundert Meter weiter stand das von Jeanbernat bewohnte Gartenhaus, das mit der Rückwand an den Park grenzte. Doch schien der Wächter seine Behausung auf dieser Seite verrammelt zu haben; er hatte einen schmalen Garten auf der Straßenseite angelegt; dort auf der Südseite lebte er und kehrte dem Paradou den Rücken zu, ohne daß er die überwältigende Fülle des Grüns, das hinter ihm alles überflutete, zu ahnen schien.
Der junge Priester sprang ab, sah sich neugierig um und erkundigte sich bei dem Arzt, der sich beeilte, das Pferd an einem in die Mauer eingelassenen Ring anzubinden.
„Und dieser Greis lebt allein in dem verlorenen Loch hier?“ fragte er.
„Ja, vollkommen allein“, erwiderte Onkel Pascal. Doch er verbesserte sich: „Er hat eine Nichte bei sich, die ihm unvermutet übern Hals gekommen ist, ein drolliges Mädchen, ein Wilde . . . Beeilen wir uns. Es sieht aus, als ob in dem Haus alles tot ist.“
KAPITEL VIII
In der Mittagssonne schlief das Haus bei geschlossenen Fensterläden im Gebrumm der dicken Fliegen, die am Efeu hinauf bis zu den Dachziegeln flogen. Ein glücklicher Friede badete diese sonnenübergossene Ruine.
Der Doktor stieß die Tür des schmalen Gartens auf, den eine sehr hohe Hecke umgab. Dort im Schatten einer Hauswand rauchte Jeanbernat, seine hohe Gestalt gerade aufgerichtet, seelenruhig seine Pfeife in der großen Stille und sah zu, wie seine Gemüsepflanzen wuchsen.
„Wie! Sie sind auf den Beinen, Sie Spaßvogel!“ rief der Doktor verblüfft.
„Sie wollten mich wohl schon begraben!“ schimpfte der Alte grob. „Ich brauche niemand. Ich habe mich zur Ader gelassen . . .“
Er hielt jäh inne, als er den Priester erblickte, und machte eine so schreckliche Gebärde, daß sich Onkel Pascal schleunigst einschaltete.
„Das ist mein Neffe“, sagte er, „der neue Pfarrer von Les Artaud, ein tüchtiger Junge . . . Zum Teufel! Wir haben uns nicht zu solcher Stunde auf den Straßen herumgetrieben, um Sie zu fressen, Vater Jeanbernat.“
Der Alte beruhigte sich ein wenig.
„Ich will keinen Pfaffen bei mir haben“, murmelte er. „So was genügt, um die Leute zum Verrecken zu bringen. Verstehen Sie, Doktor, keine Arzneien und keine Priester, wenn ich mal von hinnen gehe; sonst ist es aus zwischen uns . . . Der da mag trotzdem reinkommen, weil er Ihr Neffe ist.“
Abbé Mouret, der ganz bestürzt war, fand keine Worte. Er blieb mitten auf einem Weg stehen und betrachtete prüfend diese seltsame Gestalt, diesen verrunzelten Einsiedler mit dem ziegelroten Gesicht und den vertrockneten Gliedern, die wie zusammengebundene Stricke gewunden waren, der seine achtzig Jahre mit spöttischer Lebensverachtung zu tragen schien. Da der Doktor versucht hatte, ihm den Puls zu fühlen, wurde er jetzt wieder böse.
„Lassen Sie mich doch in Ruhe! Ich sage Ihnen ja, daß ich mich mit einem Messer zur Ader gelassen habe! Damit hat sichʼs . . . Welches Hornvieh von Bauer hat Sie denn aufgestört? Der Arzt, der Priester, warum nicht gar der Leichenträger? – Na ja, was soll man machen, die Leute sind eben dumm. Das soll uns nicht hindern, einen Schluck zu trinken.“ Er stellte eine Flasche und drei Gläser auf einen alten Tisch, den er in den Schatten zog. Als die Gläser bis zum Rand gefüllt waren, wollte er anstoßen. Sein Zorn löste sich in spöttische Heiterkeit. „Das wird Sie nicht vergiften, Herr Pfarrer“, sagte er. „Ein Glas guter Wein ist keine Sünde . . . Das ist wahrhaftig das erste Mal, daß ich mit einem Schwarzrock anstoße, mit Verlaub gesagt, ohne Sie beleidigen zu wollen. Der arme Abbé Caffin, Ihr Vorgänger, lehnte es ab, mit mir zu diskutieren . . . Er hatte Angst.“ Er lachte laut auf und fuhr dann fort: „Stellen Sie sich vor, er hatte sich darauf eingelassen, mir zu beweisen, daß es einen Gott gibt . . . Ich konnte ihm dann gar nicht mehr begegnen, ohne ihn herauszufordern. Doch ich versichere Ihnen, er kniff immer.“
„Wie, es gibt keinen Gott?“ rief Abbé Mouret, aus seiner Schweigsamkeit auffahrend.
„Oh, wie Sie wollen!“ begann Jeanbernat spöttisch von neuem. „Wir fangen gemeinsam wieder von vorne an, wenn Ihnen das Freude macht . . . Nur, ich sage Ihnen vorher, daß ich sehr gut Bescheid weiß. Da oben in einer Stube habe ich einige tausend Bände, die bei der Feuersbrunst aus dem Paradou gerettet wurden, alle Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts, ein Haufen Schwarten über die Religion. Ich habe schöne Sachen daraus gelernt. Seit zwanzig Jahren lese ich das . . . Ach ja doch, Sie würden schon einen schlagfertigen Gesprächspartner finden, Herr Pfarrer.“ Er war aufgestanden. Mit einer weit ausholenden Gebärde wies er auf den ganzen Horizont, die Erde, den Himmel, wobei er feierlich mehrmals wiederholte: „Es gibt nichts, nichts, nichts . . . Wenn man die Sonne ausbläst, ist es aus.“
Doktor Pascal hatte Abbé Mouret leicht mit dem Ellbogen angestoßen. Er kniff die Augen zusammen, während er den Greis neugierig beobachtete, und nickte beifällig mit dem Kopf, um ihn zum Sprechen zu ermuntern.
„Dann sind Sie wohl ein Materialist, Vater Jeanbernat?“ fragte er.
„I wo, ich bin nur ein armer Mann“, erwiderte der Alte und zündete seine Pfeife wieder an. „Als der Graf de Corbière, dessen Milchbruder ich war, durch einen Sturz vom Pferd ums Leben kam, schickten mich die Kinder, diesen Dornröschenpark zu hüten, um mich los zu sein. Ich war sechzig Jahre alt, ich glaubte mich am Ende meiner Tage. Doch der Tod hat mich vergessen. Und ich habe mich in diesem Winkel einrichten müssen . . . Sehen Sie, wenn man ganz allein lebt, sieht man die Dinge schließlich auf eine seltsame Art. Die Bäume sind keine Bäume mehr, die Erde nimmt das Gehabe eines lebenden Wesens an, die Steine erzählen einem Geschichten. Kurzum, Dummheiten. Ich kenne Geheimnisse, die Sie umwerfen würden. Was soll man denn auch tun in dieser verteufelten Einöde? Ich habe die Schwarten gelesen, das hat mir mehr Spaß gemacht als das Jagen . . . Der Graf, der wie ein Heide fluchte, hat immer zu mir gesagt: ,Jeanbernat, mein Junge, ich rechne fest darauf, dich in der Hölle wiederzufinden, damit du mir da unten dienst, so wie du mir dort oben gedient hast.ʼ “ Er machte wiederum seine weit ausholende Gebärde über den Horizont hin und begann von neuem: „Hören Sie, nichts, es gibt nichts . . . All das ist ein Possenspiel.“
Doktor Pascal fing an zu lachen.
„Ein schönes Possenspiel auf jeden Fall“, sagte er. „Vater Jeanbernat, Sie sind ein Geheimniskrämer. Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie trotz Ihres blasierten Getues verliebt sind. Sie sprachen vorhin recht zärtlich von den Bäumen und Steinen.“
„Nein, ich versichere Ihnen“, murmelte der Greis, „damit ist es bei mir vorbei. Früher, das stimmt, als ich Sie kennenlernte und wir zusammen botanisieren gingen, war ich dumm genug, allerlei zu lieben auf dieser großen verlogenen Flur. Zum Glück haben die Bücher das alles abgetötet . . . Ich wünschte, mein Garten wäre kleiner; keine zweimal im Jahr gehe ich auf die Straße. Sehen Sie diese Bank. Hier verbringe ich meine Tage und sehe zu, wie meine Salatköpfe wachsen.“
„Und Ihre Rundgänge im Park?“ unterbrach der Doktor.
„Im Park!“ wiederholte Jeanbernat mit dem Ausdruck tiefsten Erstaunens. „Aber seit mehr als zwölf Jahren habe ich den Park nicht betreten! Was sollte ich wohl mitten auf diesem Friedhof tun? Er ist zu groß. Das ist ja stumpfsinnig, diese Bäume, die kein Ende nehmen, mit Moos überall, zerbrochene Statuen, Löcher, in denen man sich bei jedem Schritt den Hals brechen kann. Als ich das letzte Mal dorthin ging, war es so dunkel unter den Blättern, die wilden Blumen rochen so giftig, es wehte so seltsam durch die Alleen, daß ich irgendwie Angst bekam. Und ich habe mich verrammelt, damit der Park nicht hier hereinkommt. Ein Sonnenplätzchen, drei Fußbreit Salat vor mir, eine große Hecke, die mir den ganzen Horizont versperrt, das ist schon zuviel, um glücklich zu sein. Nichts möchte ich haben, gar nichts, etwas so Enges, daß die Außenwelt mich dort nicht stören kann. Zwei Meter Erde, wenn Sie wollen, um auf dem Rücken liegend zu verrecken.“ Er schlug mit der Faust auf den Tisch, und jäh die Stimme hebend, schrie er Abbé Mouret an: „Los, noch einen Schluck, Herr Pfarrer. Der Teufel sitzt nicht auf dem Flaschenboden, vorwärts!“
Dem Priester wurde unbehaglich. Er fühlte, daß er nicht die Kraft hatte, diesen seltsamen Greis, dessen Verstand ihm so eigentümlich verworren vorkam, zu Gott zurückzuführen. Jetzt erinnerte er sich an manches Geschwätz der Teuse über den Philosophen, wie die Bauern von Les Artaud Jeanbernat nannten. Fetzen ärgerniserregender Geschichten zogen undeutlich durch sein Gedächtnis. Er stand auf, machte dem Doktor ein Zeichen, wollte dieses Haus verlassen, in dem er Geruch nach Verdammnis zu atmen glaubte. Doch in seiner dumpfen Furcht hielt ihn eine sonderbare Neugier zurück. Er blieb da und ging ans Ende des kleinen Gartens, durchsuchte den Hausflur mit dem Blick, wie um darüber hinaus, hinter die Wände zu schauen. Durch die weitgeöffnete Tür gewahrte er nur das finstere Treppenhaus. Und er kam zurück, suchte irgendein Loch, irgendeinen Ausblick auf dieses Blättermeer, dessen Nähe er an einem gewaltigen Rauschen spürte, das wie Meeresbrausen gegen das Haus zu branden schien.
„Und der Kleinen geht es gut?“ fragte der Doktor und nahm seinen Hut.
„Nicht schlecht“, entgegnete Jeanbernat. „Sie ist nie da. Den ganzen Vormittag ist sie oft weg . . . Es kann jedoch sein, daß sie in den Zimmern oben ist.“ Er hob den Kopf und rief: „Albine! Albine!“ Dann sagte er achselzuckend: „Ach ja, das ist eine Rumtreiberin . . . Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer. Ganz zu Ihrer Verfügung.“
Doch der Abbé hatte nicht die Zeit, diese Herausforderung des Philosophen anzunehmen. Eine Tür war soeben hinten im Hausflur jäh aufgegangen; eine blendendhelle Öffnung war im Schwarz der Mauer entstanden. Es war gleichsam die Vision eines Urwalds, ein unermeßlicher, sonnenübersprühter Hochwald als Hintergrund dieses Gemäldes. In diesem Aufleuchten erfaßte der Priester deutlich in der Ferne genaue Einzelheiten: eine große gelbe Blume mitten auf einem Rasenplatz, einen breiten Wasserfall, der von einem hohen Felsen niederstürzte, einen riesigen Baum, in dem ein Schwarm Vögel sich niedergelassen hatte; das Ganze ertränkt, verloren, flammend inmitten eines solchen Wirrwarrs von Grün, einer solchen Orgie wuchernder Pflanzen, daß der ganze Horizont nur ein einziges Aufblühen war.
Die Tür schlug zu, alles verschwand.
„Aha, das liederliche Weibsbild!“ rief Jeanbernat. „Sie war schon wieder im Paradou!“
Albine stand lachend auf der Schwelle des Hausflures. Sie trug einen orangefarbenen Rock und ein auf dem Rücken befestigtes, großes rotes Schultertuch, was ihr das Aussehen einer Zigeunerin im Sonntagsstaat verlieh. Und sie fuhr fort zu lachen, den Kopf zurückgeworfen, die Brust ganz geschwellt von Fröhlichkeit, glücklich über ihre Blumen, wilde Blumen, die in ihre blonden Haare geflochten, um ihren Hals, ihr Mieder, ihre schlanken nackten und goldbraunen Arme gewunden waren. Sie glich einem großen, stark duftenden Strauß.
„Na, du siehst ja schön aus!“ schimpfte der Alte. „Du riechst nach Gras wie die Pest . . . Würde man denken, daß sie schon sechzehn Jahre alt ist, diese Puppe!“
Übermütig lachte Albine noch lauter. Doktor Pascal, der ihr großer Freund war, gab sie einen Kuß.
„Hast du denn keine Angst im Paradou?“ fragte er sie.
„Angst? Wovor denn?“ fragte sie zurück und machte erstaunte Augen. „Die Mauern sind zu hoch, niemand kann herein . . . Da bin nur ich. Das ist mein Garten, er gehört mir ganz allein. Er ist unheimlich groß. Ich habe sein Ende noch nicht gefunden.“
„Und die Tiere?“ unterbrach der Doktor.
„Die Tiere? Die sind nicht böse, sie kennen mich gut.“
„Aber es ist doch finster unter den Bäumen?“
„Klar, schattig ist es; sonst würde die Sonne mir das Gesicht verbrennen . . . Es ist schön im Schatten, in den Blättern.“ Und sie drehte sich um und erfüllte den schmalen Garten mit dem Schwingen ihrer Röcke, schüttelte den herben Geruch des Grüns ab, das sie mit sich herumtrug. Sie hatte Abbé Mouret zugelächelt, ohne jede Scheu, ohne sich um die überraschten Blicke zu bekümmern, mit denen er ihr nachsah.
Der Priester war beiseite getreten. Dieses blonde Kind mit dem länglichen Gesicht, das vor Leben glühte, erschien ihm wie die geheimnisvolle und verwirrende Tochter dieses Waldes, den er in einer Sonnenbahn flüchtig geschaut hatte.
„Ich habe ein Amselnest, wollen Sie es haben?“ fragte Albine den Doktor.
„Nein, danke“, antwortete dieser lachend. „Du mußt es der Schwester vom Herrn Pfarrer geben, die hat Tiere sehr lieb . . . Auf Wiedersehen, Jeanbernat.“
Doch Albine hatte sich an den Priester herangewagt.
,,Sie sind der Pfarrer von Les Artaud, nicht wahr? Sie haben eine Schwester? Ich werde sie besuchen . . . Sie dürfen nur nicht von Gott zu mir sprechen. Mein Onkel will das nicht.“
„Du fällst uns auf die Nerven, geh“, sagte Jeanbernat achselzuckend.
Mit einem Gemsensprung verschwand sie, einen Blütenregen hinter sich zurücklassend. Man hörte das Zuschlagen einer Tür, dann Lachen hinter dem Haus, ein klangvolles Lachen, das sich allmählich verlor wie das Dahinhasten eines tollen, im Grase losgelassenen Tieres.
„Sie werden sehen, sie wird schließlich noch im Paradou schlafen“, brummte der Alte mit unbeteiligter Miene. Und als er seine Besucher hinausbegleitete, begann er wieder:
„Doktor, wenn Sie mich eines Morgens tot finden, erweisen Sie mir doch den Dienst, mich in das Loch beim Misthaufen zu werfen, dort, hinter meinen Salatköpfen . . . Guten Abend, meine Herren.“
Er ließ das Holzgatter wieder herunterfallen, das die Hecke schloß. Das Haus fand seinen glücklichen Frieden wieder in der Mittagssonne, im Gebrumm der dicken Fliegen, die am Efeu hinauf bis zu den Dachziegeln flogen.
KAPITEL IX
Unterdessen fuhr das Wägelchen wieder durch den Hohlweg, entlang an der endlosen Mauer des Paradou. Schweigend sah Abbé Mouret hoch, betrachtete die starken Äste, die sich über die Mauer streckten wie Arme verborgener Riesen. Geräusche kamen vom Park her, Flügelschwirren, Blätterrauschen, die Zweige zerbrechendes, fliehendes Springen, die jungen Triebe beugendes schweres Seufzen, ein ganzer Lebensodem, der über die Wipfel eines Volks von Bäumen dahinfuhr. Und zuweilen wandte der Priester bei einem bestimmten Vogelschrei, der menschlichem Lachen ähnelte, irgendwie beunruhigt den Kopf. „Ein drolliges Mädchen!“ sagte Onkel Pascal und ließ die Zügel etwas lockerer. „Sie war neun Jahre alt, als sie bei diesem Heiden landete. Einer seiner Brüder hat sich zugrunde gerichtet, ich weiß nicht mehr womit. Die Kleine war irgendwo im Pensionat, als sich der Vater das Leben nahm. Sie war sogar schon eine gebildete kleine Dame, las, stickte, plauderte, klimperte auf dem Klavier herum. Und kokett! Ich habe sie ankommen sehen mit durchbrochenen Strümpfen, gestickten Röcken, Spitzenkragen, Manschetten, einem Haufen Falbeln . . . Ach ja! Die Falbeln haben lange gehalten!“ Er lachte. Ein großer Stein hätte das Wägelchen beinahe zum Umkippen gebracht. „Wenn ich nur nicht noch ein Rad meines Wagens auf diesem verflixten Weg lasse!“ murmelte er. „Halte dich fest, mein Junge.“
Die Mauer nahm noch immer kein Ende.
Der Priester hörte zu.
„Du kannst dir denken“, fing der Doktor wieder an, „daß das Paradou mit seiner Sonne, seinen Steinen, seinen Disteln täglich ein Kleid zerfrißt. Die schönen Kleider der Kleinen waren im Nu hin. Sie kam buchstäblich nackt wieder heraus . . . Jetzt zieht sie sich an wie eine Wilde. Heute ging es noch. Doch manchmal hat sie kaum Schuhe und Hemd an . . . Hast du gehört? Das Paradou gehört ihr. Gleich am Tage ihrer Ankunft hat sie davon Besitz ergriffen. Dort lebt sie, und sie springt aus dem Fenster, wenn Jeanbernat die Tür abschließt, entschlüpft dennoch, geht wer weiß wohin, tief hinein in verlorene Winkel, die nur sie allein kennt . . . Sie muß ein munteres Leben führen in dieser Wüstenei.“
„Hört doch, Onkel“, unterbrach Abbé Mouret. „Man könnte meinen, da trabt ein Tier hinter der Mauer.“
Onkel Pascal horchte.
„Nein“, sagte er nach kurzem Schweigen, „das ist das Rumpeln des Wagens auf den Steinen . . . Klar, auf dem Klavier klimpert die Kleine jetzt nicht mehr. Ich glaube sogar, daß sie nicht mehr lesen kann. Stell dir vor, ein feines Fräulein, das zum Dasein einer ungebundenen Landstreicherin zurückkehrt, das sich zum Zeitvertreib auf einer einsamen Insel tummelt. Sie hat nur ihr feines schelmisches Lächeln behalten, das sie noch aufsetzt, wenn sie will . . . Wahrhaftig, wenn du jemals von einem jungen Mädchen erfährst, das erzogen werden soll, so rate ich dir, vertrau es nicht Jeanbernat an. Er hat eine Art, die gänzlich ursprüngliche Natur walten zu lassen. Als ich es wagte, mit ihm über Albine zu sprechen, erwiderte er mir, daß man die Bäume nicht hindern dürfe, zu wachsen, wie es ihnen gefällt. Er ist, so sagt er, für die normale Entwicklung der Veranlagungen . . . Gleichviel, sie sind beide recht interessante Exemplare. Ich komme nicht in der Gegend vorbei, ohne ihnen einen Besuch abzustatten.“
Der Wagen kam endlich aus dem Hohlweg heraus. Dort machte die Mauer des Paradou eine Biegung und zog sich dann unabsehbar auf dem Hügelkamm dahin. In dem Augenblick, da Abbé Mouret den Kopf wandte, um einen letzten Blick auf diesen grauen Strich zu werfen, dessen undurchdringliche Strenge schließlich eine sonderbare Gereiztheit in ihm hervorgerufen hatte, hörte man, wie Zweige heftig geschüttelt wurden, während ein Strauß junger Birken die Vorüberfahrenden von der Mauer herab zu grüßen schien.
„Ich wußte doch, daß ein Tier da hinter der Mauer lief“, sagte der Priester.
Doch ohne daß man jemand sah, ohne daß man etwas anderes in der Luft erblickte als die immer wilder schaukelnden Birken, hörte man eine helle, von Lachen unterbrochene Stimme rufen:
„Auf Wiedersehen, Doktor! Auf Wiedersehen, Herr Pfarrer! – Ich küsse den Baum, der Baum schickt Ihnen meine Küsse.“
„Ah, das ist Albine“, sagte Doktor Pascal. „Sie ist sicherlich unserem Wagen nachgetrabt. Dieser kleinen Hexe macht es nichts aus, über die Büsche zu springen.“ Und er rief nun seinerseits: „Auf Wiedersehen, meine Süße! – Du bist ja mächtig gewachsen, daß du uns mit den Birken einen Gruß nachschicken kannst.“
Das Lachen wurde lauter, die Birken neigten sich tiefer zum Gruß und streuten weithin ihre Blätter, bis auf das Verdeck des Wagens.
„Ich bin so groß wie die Bäume, alle Blätter, die hinabfallen, sind Küsse“, begann von neuem die Stimme, die durch die Entfernung verändert wirkte, so klangvoll, so verschmolzen mit dem wehenden Atem des Parks, daß der junge Priester erschauerte.
Die Straße wurde besser. Beim Abhang tauchte Les Artaud im Hintergrund der sonnenversengten Ebene wieder auf.
Als der Wagen die Dorfstraße kreuzte, wollte Abbé Mouret durchaus nicht, daß sein Onkel ihn zum Pfarrhaus zurückbrächte. Er sprang ab und sagte:
„Nein, danke, ich gehe lieber zu Fuß, das wird mir guttun.“ „Wie du willst“, sagte der Doktor schließlich. Ihm die Hand drückend, fügte er noch hinzu: „Na, wenn du nur solche Pfarrkinder hättest wie diesen Grobian, den Jeanbernat, brauchtest du dich nicht oft zu bemühen. Schließlich hast du von dir aus mitkommen wollen . . . Und laß dirʼs gut gehen. Beim kleinsten Wehweh laß mich holen, ganz gleich, ob bei Tag oder bei Nacht. Du weißt, daß ich die ganze Familie umsonst behandle . . . Leb wohl, mein Junge.“
KAPITEL X
Als Abbé Mouret wieder mit sich allein war im Staub der Straße, fühlte er sich wohler. Die steinigen Fluren ließen ihn wieder zurücksinken in seinen Traum von Strenge, von einem verinnerlichten Leben in der Einöde. Den ganzen Hohlweg entlang hatten die Bäume ihm beunruhigende Frische auf den Nacken geträufelt, die die glühende Sonne jetzt trocknete. Die dürftigen Mandelbäume, das armselige Getreide, die kränklichen Weinstöcke zu beiden Seiten der Landstraße beruhigten ihn, befreiten ihn von der Verwirrung, in die ihn der zu schwere Atem des Paradou gestürzt hatte. Und mitten in der blendenden Helligkeit, die vom Himmel auf diese nackte Erde herabrann, blieb von Jeanbernats Gotteslästerungen nicht einmal mehr ein Schatten. Er empfand lebhafte Freude, als er aufsah und am Horizont den reglosen Balken der Einsiedlerin samt dem hellroten Fleck des Kirchendaches erblickte.
Doch je weiter der Abbé vorankam, um so mehr wurde er von einer anderen Unruhe ergriffen. Die Teuse würde ihm einen schönen Empfang bereiten mit ihrem kalt gewordenen Mittagessen, das seit nahezu zwei Stunden auf ihn wartete. Er stellte sich ihr schreckliches Gesicht vor, die Flut von Worten, mit denen sie ihn empfangen würde, das wütende Geklapper des Geschirrs, das er den ganzen Nachmittag über hören würde. Als er durch Les Artaud hindurch war, wurde seine Furcht so stark, daß er, von Feigheit erfaßt, zögerte und sich fragte, ob es nicht klüger sei, einen Umweg zu machen und von der Kirche aus heimzukommen. Doch wie er noch mit sich zu Rate ging, erschien die Teuse in Person auf der Schwelle des Pfarrhauses, die Haube schief auf dem Kopf, die Fäuste in die Hüften gestemmt.
Er machte den Rücken krumm, er mußte den Abhang unter diesem gewitterschwangeren Blick hinaufgehen, den er auf seinen Schultern lasten fühlte.
„Ich glaube, ich habe mich verspätet, meine gute Teuse“, stammelte er schon beim letzten Stück Weg.
Die Teuse wartete, bis er ganz nahe vor ihr stand. Dann sah sie ihn wütend scharf an, drehte sich ohne ein Wort um, ging vor ihm her bis ins Eßzimmer, wobei sie mit ihren groben Absätzen hart auftrat, so stocksteif geworden vor Wut, daß sie kaum mehr hinkte.
„Ich hatte soviel zu tun!“ begann der Priester, dem dieser stumme Empfang Entsetzen einjagte. „Seit heute morgen laufe ich herum . . .“
Doch sie schnitt ihm das Wort ab mit einem neuen, so starren, so bösen Blick, daß ihm fast die Beine einknickten. Er setzte sich und begann zu essen. Sie tat ihm mit den schroffen Bewegungen eines Automaten auf, wobei sie fast die Teller zerschlug, mit solcher Wucht stellte sie sie hin.
Das Schweigen wurde so furchtbar, daß er den dritten Bissen nicht herunterbekam, weil ihm die Aufregung die Kehle zuschnürte.
„Hat denn meine Schwester Mittag gegessen?“ fragte er. „Das ist recht. Sie müssen immer Mittag essen, wenn ich draußen zurückgehalten werde.“
Keine Antwort. Die Teuse stand da und wartete, daß er seinen Teller leer aß, damit sie ihn dann abräumen konnte. Da er fühlte, daß er unter diesen unversöhnlichen Augen, deren Blicke ihn zerschmetterten, nicht würde essen können, stieß er jetzt seinen Teller zurück. Diese zornige Handbewegung wirkte wie ein Peitschenhieb, der die Teuse aus ihrer hartnäckigen Starre herausriß. Sie ging hoch.
„Aha, so ist das!“ schrie sie. „Jetzt sind Sie auch noch böse. Nun gut! Ich gehe. Sie werden mir die Reise bezahlen, damit ich wieder nach Hause fahren kann. Ich habe genug von Les Artaud und von Ihrer Kirche! Und von allem!“ Sie band sich mit zitternden Händen ihre Schürze los. „Sie hätten wohl merken müssen, daß ich nicht sprechen wollte . . . Ist denn das ein Leben? Nur unsichere Kantonisten machen so was, Herr Pfarrer! Es ist wohl jetzt elf Uhr, nicht wahr? Schämen Sie sich nicht, kurz vor zwei Uhr noch bei Tisch zu sitzen? Ein guter Christ tut das nicht, nein, ein guter Christ nicht!“ Dann pflanzte sie sich vor ihm auf. „So, wo kommen Sie eigentlich her? Wen haben Sie gesprochen? Welche Angelegenheit hat Sie so aufhalten können? – Wären Sie ein Kind, würde man Ihnen was mit der Rute geben. Ein Priester gehört nicht auf die Landstraße in der größten Sonnenhitze, wie die Bettler, die kein Dach über dem Kopf haben . . . Ach, Sie sind in einer schönen Verfassung, die Schuhe ganz weiß, die Soutane von Staub ganz verdorben! Wer wird sie Ihnen abbürsten, Ihre Soutane? Wer wird Ihnen eine neue kaufen? – So reden Sie doch, sagen Sie, was Sie getrieben haben! Auf Ehre, wenn man Sie nicht kennte, würde man schließlich noch seltsame Sachen annehmen. Und soll ich Ihnen was sagen? Nun gut, ich würde nicht die Hand dafür ins Feuer legen. Wenn man zu solcher Stunde Mittag ißt, ist man zu allem fähig.“
Erleichtert ließ Abbé Mouret das Gewitter vorübergehen. Er spürte, wie sich seine Nerven bei den aufgebrachten Worten der alten Magd entspannten.
„Lassen Sie es gut sein, mein gute Teuse“, sagte er, „erst einmal binden Sie Ihre Schürze wieder um.“
„Nein, nein“, schrie sie, „es ist aus, ich gehe!“
Aber er stand auf und band ihr lachend die Schürze um.
Sie sträubte sich und stotterte:
„Nein, sage ich Ihnen! – Sie sind ein Schmeichler. Ich durchschaue Ihr Spiel, ich sehe recht gut, daß Sie mich einwickeln wollen mit Ihren süßen Worten . . . Wo sind Sie gewesen? Na, wir werden ja sehen.“
Fröhlich setzte er sich wieder zu Tisch, als ein Mann, der den Sieg davongetragen hat.
„Zunächst“, begann er wieder, „müssen Sie mich mal essen lassen . . . Ich sterbe vor Hunger.“
„Kein Wunder“, murmelte sie mitleidig. „Hat so was denn etwa Sinn und Verstand? – Soll ich Ihnen noch zwei Spiegeleier machen? Das dauert nicht lange. Nun gut, wenn Sie genug haben . . . Und alles ist kalt! Und ich hatte mir solche Mühe gegeben mit Ihren Auberginen! Die sehen jetzt aus! Alte Schuhsohlen, könnte man meinen . . . Ein Glück, daß Sie kein Leckermaul sind wie der arme Herr Caffin . . . Oh, Sie haben auch gute Eigenschaften, ich bestreite das nicht.“
Sie tat ihm mit mütterlicher Aufmerksamkeit auf, wobei sie weiterschwatzte. Dann, als er fertig war, lief sie in die Küche, nachsehen, ob der Kaffee noch heiß sei. In der Freude über die Aussöhnung ließ sie sich gehen und hinkte auf abenteuerliche Art. Gewöhnlich fürchtete Abbé Mouret den Kaffee, von dem er schwere Nervenstörungen bekam; unter diesen Umständen jedoch nahm er, da er den Frieden besiegeln wollte, die Tasse an, die sie ihm brachte. Und da er einen Augenblick am Tisch verweilte, setzte sie sich vor ihn hin und wiederholte sanft, von Neugier gepeinigt:
„Wo sind Sie gewesen, Herr Pfarrer?“
„Aber“, antwortete er lächelnd, „ich habe die Brichets besucht, ich habe mit Bambousse gesprochen . . .“ Jetzt mußte er erzählen, was die Brichets gesagt hatten, was Bambousse gesagt hatte, was Bambousse beschlossen hatte, was für ein Gesicht sie gemacht und wo sie gearbeitet hatten.
Als die Teuse erfuhr, was Rosalies Vater geantwortet hatte, rief sie:
„Bei Gott! Wenn das Kleine stirbt, fällt die Schwangerschaft nicht ins Gewicht.“ Dann faltete sie mit einem Ausdruck neidvoller Bewunderung die Hände. „Was haben Sie schwatzen müssen, Herr Pfarrer! Länger als einen halben Tag, damit das dabei herauskommt! – Sind Sie auch schön langsam zurückgegangen? Es war sicher höllisch heiß auf der Landstraße?“
Der Abbé, der aufgestanden war, antwortete nicht. Er wollte vom Paradou sprechen, wollte Näheres erfahren. Aber die Furcht, zu stürmisch ausgefragt zu werden, eine Art unbestimmter Scham, die er sich selber nicht eingestand, ließen ihn über seinen Besuch bei Jeanbernat Schweigen bewahren. Er schnitt jedes weitere Verhör kurz ab, indem er fragte:
„Und meine Schwester, wo ist sie denn? Ich höre sie gar nicht.“ „Kommen Sie, Herr Pfarrer“, sagte die Teuse und legte lachend einen Finger auf den Mund.
Sie traten in den Nebenraum, ein bäuerliches Wohnzimmer mit einer Tapete mit verschossenen großen grauen Blumen, möbliert mit vier Sesseln und einem Sofa, die mit Roßhaarstoff bezogen waren. Auf dem Sofa schlief Désirée, lang ausgestreckt, den Kopf von ihren beiden geschlossenen Fäusten gestützt. Ihre Röcke hingen herab und ließen die Knie frei, während ihre erhobenen, bis zu den Ellbogen bloßen Arme die kräftigen Linien ihrer Brust hervortreten ließen. Ein wenig schwer strich der Atem zwischen ihren roten, halbgeöffneten Lippen hindurch, zwischen denen die Zähne zu sehen waren.
„Wie sie schläft!“ murmelte die Teuse. „Sie hat nicht einmal gehört, wie Sie mich vorhin ausgeschimpft haben . . . Weiß Gott, sie muß ganz schön müde sein. Stellen Sie sich vor, fast bis zum Mittag hat sie ihre Tiere ausgemistet . . . Nach dem Essen ist sie wie ein Bleiklumpen dort hingefallen. Sie hat sich nicht mehr gerührt.“
Der Priester betrachtete seine Schwester eine Weile mit großer Zärtlichkeit.
„Wir müssen sie schlafen lassen, solange sie will“, sagte er. „Gewiß . . . Wie jammerschade, daß sie so einfältig ist! Sehen Sie doch nur, diese kräftigen Arme! Wenn ich sie anziehe, denke ich immer, was für eine schöne Frau sie geworden wäre. Ach, sie hätte Ihnen prächtige Neffen geschenkt, Herr Pfarrer . . . Finden Sie nicht, daß sie jener großen Dame aus Stein ähnlich sieht, die an der Getreidehalle von Plassans steht?“
Sie meinte eine auf Garben ruhende Kybele, das Werk eines Schülers von Puget, das in den Giebel der Markthalle gemeißelt war. Ohne zu antworten, schob Abbé Mouret sie sanft aus dem Wohnzimmer und empfahl ihr, möglichst wenig Lärm zu machen. Und bis zum Abend ruhte das Pfarrhaus in tiefer Stille. Die Teuse machte im Schuppen ihre Wäsche fertig. In der Tiefe des Gartens war der Priester, das Brevier auf den Knien, in eine fromme Betrachtung versunken, während rosa Blütenblätter von den blühenden Pfirsichbäumen regneten.
KAPITEL XI
Gegen sechs Uhr gab es ein jähes Erwachen. Schlagen von Türen, die unter schallendem Gelächter aufgerissen und wieder zugeworfen wurden, erschütterte das ganze Haus, und Désirée erschien mit herabfallendem Haar, die Arme noch immer bis zu den Ellbogen nackt, und rief: „Serge! Serge!“ Als sie dann ihren Bruder im Garten erblickte, kam sie angerannt, setzte sich einen Augenblick zu seinen Füßen auf die Erde und flehte ihn an: „Komm dir doch die Tiere ansehen! – Du hast die Tiere ja noch nicht gesehen! Wenn du wüßtest, wie schön sie jetzt sind!“
Er ließ sich lange bitten. Der Wirtschaftshof setzte ihn ein wenig in Schrecken. Doch als er Tränen in Désirées Augen sah, gab er nach.
Da freute sie sich plötzlich wie ein junger Hund, fiel ihm um den Hals, lachte noch lauter dabei und trocknete sich nicht einmal die Wangen ab.
„Ach, du bist lieb!“ stammelte sie und zog ihn mit sich fort. „Du mußt dir die Hühner ansehen, die Kaninchen, die Tauben und meine Enten, die jetzt frisches Wasser haben, und meine Ziege, bei der die Stube nun ebenso sauber ist wie meine . . . Du weißt ja, ich habe drei Gänse und zwei Truthennen. Komm schnell. Du wirst alles sehen.“
Désirée war jetzt zweiundzwanzig Jahre alt. Groß geworden auf dem Lande bei ihrer Amme, einer Bäuerin aus Saint-Eutrope, war sie gewissermaßen mitten auf dem Dunghaufen aufgewachsen. Mit ihrem leeren Hirn, ohne ernsthafte Gedanken irgendwelcher Art gedieh sie prächtig auf dem fetten Boden, in der frischen Landluft, nahm eine ganz und gar fleischliche Entwicklung und wurde ein schönes, frisches, weißes Tier mit rosigem Blut und straffer Haut. Sie war gleich einer rassigen Eselin, der die Gabe des Lachens zuteil geworden war. Obgleich sie von morgens bis abends herumpatschte, behielt sie ihre feinen Gelenke, die geschmeidigen Linien ihrer Hüften, die bürgerliche Verfeinerung ihres jungfräulichen Leibes, so daß sie ein besonderes Geschöpf war, weder Stadtfräulein noch Bäuerin, ein von der Erde genährtes Mädchen, breitschultrig und engstirnig wie eine junge Göttin.
Zweifellos war es ihre Geistesarmut, die sie den Tieren so nahebrachte. Sie fühlte sich nur in ihrer Gesellschaft wohl, verstand ihre Sprache besser als die der Menschen, umsorgte sie mit mütterlicher Zärtlichkeit. In Ermangelung von folgerichtigem Denkvermögen besaß sie einen Instinkt, der sie auf die gleiche Stufe mit ihnen stellte. Beim ersten Schrei, den sie ausstießen, wußte Désirée, wo es ihnen weh tat. Sie dachte sich Leckereien aus, über die sie gierig herfielen. Mit einer Handbewegung stiftete sie Frieden bei ihren Streitigkeiten, schien mit einem Blick ihren guten oder schlechten Charakter zu erkennen, erzählte lange Geschichten, gab so viele, so genaue Einzelheiten über die Wesensart des kleinsten Kükens an, daß sie die Leute zutiefst in Erstaunen setzte, für die ein Hühnchen sich in keiner Weise von einem anderen unterscheidet. So war ihr Wirtschaftshof für sie zu einem ganzen Reich geworden, in dem sie als unumschränkte Gebieterin herrschte, ein Reich mit einer sehr verwickelten Organisation, das von Revolutionen erschüttert, von den verschiedenartigsten Wesen, deren Annalen sie allein kannte, bevölkert wurde. Diese Sicherheit des Instinktes ging so weit, daß sie witterte, welche Eier einer Brut taub waren, und vorhersagte, wie viele Junge eine Kaninchenhäsin werfen werde.
Als Désirée mit sechzehn Jahren geschlechtsreif geworden war, hatte sie weder Schwindelanfälle noch Übelkeit wie andere Mädchen gehabt. Sie bekam die Breite einer erwachsenen Frau, sie fühlte sich wohler denn je, sie brachte ihre Kleider durch das prächtige Aufblühen ihres Fleisches zum Platzen. Seitdem hatte sie die füllige Gestalt, die sich ungezwungen bewegte, die kräftig gebauten Glieder einer antiken Statue, den strotzenden Wuchs eines kraftvollen Tieres. Es schien, als sei sie dem Humus ihres Wirtschaftshofes verhaftet, als sauge sie mit ihren stämmigen Beinen, die weiß und kräftig waren wie junge Bäume, den Lebenssaft aus dem Boden. Und in dieser Fülle stieg keinerlei fleischliches Verlangen in ihr auf. Sie fand fortgesetzt Befriedigung in dem Gewimmel rings um sich. Von dem Dunghaufen, von den sich paarenden Tieren ging ein Zeugungsstrom aus, in dem sie die Freuden der Fruchtbarkeit genoß. Irgend etwas in ihr fand Befriedigung, wenn die Hühner Eier legten; mit dem Lachen eines schönen, in sich ruhigen Mädchens trug sie ihre Häsinnen zum Rammler; beim Melken ihrer Ziege empfand sie das Glück einer Schwangeren. Es gab nichts, das gesünder war. In aller Unschuld sog sie sich voll mit dem Geruch, mit der Hitze des Lebens. Keine verderbte Neugier trieb sie dazu, sich angesichts der flügelschlagenden Hähne, der gebärenden Weibchen, des den engen Stall verpestenden Bockes Gedanken um die Fortpflanzung zu machen. Sie bewahrte die Ruhe eines schönen Tieres, ihren klaren, gedankenleeren Blick, war glücklich, zu sehen, wie ihre kleine Welt sich vermehrte, und empfand dabei ein Wachsen ihres eigenen Leibes, als sei sie befruchtet, so eins war sie mit allen diesen Muttertieren, daß sie gleichsam die gemeinsame Mutter war, die Mutter Natur, die ohne Erschauern Zeugungsschweiß von ihren Fingern tropfen ließ.
Seit Désirée in Les Artaud war, verbrachte sie ihre Tage in voller Glückseligkeit. Endlich erfüllte sich der Traum ihres Daseins, das einzige Verlangen, das sie in der Kindlichkeit einer geistig Zurückgebliebenen gequält hatte. Sie besaß einen Wirtschaftshof, einen Winkel, den man ihr überließ, wo sie nach ihrem Belieben Tiere aufziehen konnte. Seitdem vergrub sie sich da, baute selber Kaninchenställe, schaufelte den Enten einen Pfuhl, schlug Nägel ein, schaffte Stroh herbei und duldete nicht, daß man ihr half. Die Teuse brauchte sich nur noch darum zu kümmern, daß sich Désirée wieder richtig wusch. Der Wirtschaftshof lag hinter dem Friedhof; oft sogar mußte Désirée mitten zwischen den Gräbern irgendein neugieriges Huhn wieder einfangen, das über die Mauer geflattert war. Im Hintergrund befand sich ein Schuppen, in dem der Kaninchen- und der Hühnerstall untergebracht waren; rechts wohnte die Ziege in einem kleinen Stall. Im übrigen lebten alle Tiere zusammen, die Kaninchen liefen frei mit den Hühnern herum, die Ziege nahm ihr Fußbad inmitten der Enten; die Gänse, Truthennen, Perlhühner und Tauben lebten in brüderlichem Verein mit drei Katzen. Wenn sich Désirée an dem Holzgatter zeigte, das dieses ganze Völkchen hinderte, in die Kirche einzudringen, begrüßte sie ein ohrenbetäubender Lärm.
„Da! Hörst du sie?“ sagte sie zu ihrem Bruder schon an der Tür des Eßzimmers.
Doch als sie ihn hereingelassen und das Gatter hinter sich geschlossen hatte, wurde sie so ungestüm überfallen, daß sie fast gar nicht mehr zu sehen war. Die Enten und Gänse schnatterten und zogen sie an den Röcken; die gierigen Hühner flatterten zu ihren Händen hoch, auf die sie heftig lospickten, die Kaninchen kauerten sich zu ihren Füßen hin und sprangen hin und wieder bis zu ihren Knien hoch, während die drei Katzen ihr auf die Schultern kletterten und die Ziege hinten im Stall meckerte, weil sie nicht zu ihr konnte.
„Laßt mich doch in Ruhe, meine Tiere!“ rief sie mit ihrem schönen klingenden Lachen, gekitzelt von der Berührung all dieser Federn, Pfoten und Schnäbel. Und sie tat nichts, um sich zu befreien. Sie hätte sich fressen lassen, wie sie sagte, so süß war es für sie, wenn sie fühlte, wie dieses Leben an sie prallte und sie in Flaumwärme hüllte. Schließlich blieb nur eine der Katzen eigensinnig auf Désirées Rücken sitzen.
„Das ist Moumou“, sagte sie. „Sie hat Pfoten wie Samt.“ Dann zeigte sie ihrem Bruder den Wirtschaftshof und fügte stolz hinzu: „Sieh nur, wie sauber hier alles ist!“
Der Hof war wirklich gefegt, gescheuert und geharkt. Aber von dem aufgerührten schmutzigen Wasser, von der mit der Forke gewendeten Streu strömte ein wilder, so scharfer Geruch aus, daß es Abbé Mouret an der Kehle packte. Der Dung war an der Friedhofsmauer zu einem riesigen dampfenden Haufen aufgeschichtet.
„Sieh nur, was für ein Haufen!“ begann Désirée wieder, indem sie ihren Bruder in den beißenden Dunst führte. „Das habe ich alles da hingetan, niemand hat mir geholfen . . . Nein, das ist nicht schmutzig. Das macht sauber. Guck dir meine Arme an.“
Sie streckte ihre Arme aus, die sie nur in einen Eimer Wasser getaucht hatte, königliche Arme mit prachtvollen Rundungen, die wie weiße und üppige Rosen in diesem Dung gewachsen waren.
„Ja, ja“, murmelte der Priester, „du hast tüchtig gearbeitet. Das ist jetzt sehr hübsch.“
Er ging auf das Gatter zu; doch sie hielt ihn zurück.
„Warte doch! Du sollst alles sehen. Du ahnst ja nicht . . .“ Sie zog ihn in den Schuppen vor den Kaninchenstall. „In allen Boxen sind Junge“, sagte sie und klatschte vor Begeisterung in die Hände. Dann erklärte sie ihm ausführlich die einzelnen Würfe. Er mußte sich niederhocken, mußte die Nase an das Gitter drücken, während sie genaueste Einzelheiten anführte. Die Muttertiere mit ihren großen ängstlichen Ohren sahen sie schnuppernd von der Seite her an, vor Angst wie festgenagelt. In einer anderen Box war ein Nest aus Tierhaaren, in dem ein lebendiger Haufen herumkrabbelte, eine schwärzliche, unbestimmte Masse, die tief atmete wie ein einziger Körper. Nebenan wagten sich die Jungen mit ihren riesigen Köpfen bis an den Rand des Nestes. Weiter hinten waren sie schon recht kräftig, glichen jungen Ratten, schnüffelten, hoppelten herum und reckten den Hintern in die Luft, auf dem der weiße Knopf des Schwanzes einen Fleck bildete. Sie hatten die spielerische Anmut kleiner Kinder, rannten im Galopp in den Boxen herum, die Weißen mit Augen aus mattem Rubin, die Schwarzen mit Augen, die wie Jettknöpfe glänzten. In panischem Schrecken stoben sie jäh auseinander und entblößten bei jedem Sprung ihre winzigen, vom Urin geröteten Läufe. Und sie setzten sich wieder in einem Haufen so eng zusammen, daß man die Köpfe nicht mehr sah.
„Du hast sie erschreckt“, sagte Désirée. „Mich kennen sie gut.“
Sie rief sie und zog eine Brotkruste aus ihrer Tasche. Die jungen Kaninchen beruhigten sich wieder, kamen eins nach dem anderen herbei, mit schief gehaltenem Kopf, mit kraus gezogener Nase, und reckten sich am Gitter empor. Und sie ließ sie einen Augenblick so stehen, um ihrem Bruder ihr rosiges Bauchfellchen zu zeigen. Dann gab sie die Kruste dem Dreistesten.
Nun kam die ganze Schar angelaufen, überkugelte sich und drängte sich aneinander, ohne sich zu zanken; drei Junge knabberten manchmal an derselben Kruste; andere liefen davon und drehten sich zur Wand, um ungestört zu fressen, während die Mütter im Hintergrund weiterschnupperten und mißtrauisch die Krusten verschmähten.
„Oh, die Leckermäuler!“ rief Désirée. „Sie würden bis morgen früh so weiterfressen! – Nachts kann man hören, wie sie an den übriggebliebenen Blättern knabbern.“
Der Priester hatte sich wieder erhoben; doch sie wurde es nicht müde, den lieben Kleinen zuzulächeln.
„Siehst du den Dicken da hinten, den ganz weißen mit den schwarzen Ohren . . . Denk Dir nur, er frißt für sein Leben gern Mohnblumen. Er sucht sie sich aus den anderen Gräsern heraus . . . Neulich hat er Bauchweh gehabt. Unter den Hinterpfoten saß es bei ihm. Da habe ich ihn genommen und in meiner Tasche gewärmt. Seitdem ist er kreuzfidel.“ Sie steckte die Finger durch die Maschen des Gitters und streichelte den Tieren den Rücken. „Das fühlt sich an wie Atlas“, begann sie wieder. „Sie sind wie Prinzen gekleidet. Und eitel obendrein! Sieh, da ist eins, das sich immerfort putzt. Mit den Pfötchen macht es das . . . Wenn du wüßtest, wie drollig sie sind! Ich, ich sage nichts, aber ich bemerke ihre Bosheiten wohl. Der Graue zum Beispiel, der uns anguckt, konnte eine kleine Häsin nicht leiden, die ich schließlich wegnehmen mußte. Es hat schreckliche Geschichten zwischen ihnen gegeben. Es würde zu lange dauern, das alles zu erzählen. Als er die Häsin das letztemal geschlagen hat, was sehe ich da, wie ich wütend ankomme? Da hockt doch der Lump da ganz hinten und tut so, als wollte er verröcheln. Ich sollte glauben, daß er sich über das Weibchen zu beklagen habe . . .“ Sie unterbrach sich; dann wandte sie sich an den Rammler: „Hör mir nur immer schön zu, du bist doch nur ein Halunke!“ Und zu ihrem Bruder gewandt, murmelte sie mit einem Augenzwinkern: „Er versteht alles, was ich sage.“
Abbé Mouret konnte es in der Hitze, die von den Tieren aufstieg, nicht mehr aushalten. Das Leben, von dem es unter diesen aus dem Bauchfell der Muttertiere gerissenen Haaren wimmelte, hatte einen starken Atem, den er verwirrend an den Schläfen spürte.
Désirée, die nach und nach gleichsam berauscht worden war, wurde immer lustiger, immer rosiger und strotzender in ihrem Fleisch.
„Aber es ruft dich doch nichts!“ rief sie. „Du siehst immer so aus, als ob du fortlaufen willst . . . Und meine kleinen Küken! Sie sind heute nacht ausgekrochen.“
Sie nahm etwas Reis und warf eine Handvoll vor sich hin. Die Henne kam mit aufforderndem Glucksen würdig näher, gefolgt von der ganzen Kükenschar, die piepste und wie verirrte Vögel närrisch durcheinanderrannte. Als sie dann mitten in den Reiskörnern waren, teilte die Mutter wütende Schnabelhiebe aus und streute die Körner umher, die sie zerhackte, während die Jungen sie hastig aufpickten. Sie waren köstlich in ihrer Kindlichkeit, waren halbnackt, der Kopf rund, die Augen scharf wie Stahlspitzen, der Schnabel so drollig hingepflanzt, der Flaum auf so lustige Art aufgewuschelt, daß sie wie Spielzeug zu zwei Sous aussahen. Désirée lachte vor Entzücken bei ihrem Anblick.
„Sie sind allerliebst!“ stammelte sie, nahm zwei Küken, in jede Hand eins, und bedeckte sie mit einer Flut von Küssen. Und der Priester mußte die Kleinen überall betrachten, während sie ruhig sagte: „Es ist nicht leicht, die Hähne rauszukennen. Ich, ich irre mich nicht . . . Das ist eine Henne, und das ist auch eine Henne.“
Sie setzte sie wieder auf die Erde. Doch die anderen Hühner kamen herbei, um den Reis zu vertilgen. Ein großer roter Hahn mit flammendem Gefieder folgte ihnen, seine breiten Füße mit bedächtiger Würde hebend.
„Alexandre wird prächtig“, sagte der Abbé, um seiner Schwester eine Freude zu machen.
Der Hahn hieß Alexandre. Er hielt den Kopf schief, sah das junge Mädchen mit seinem feurigen Auge an und spreizte die Schwanzfedern. Dann pflanzte er sich dicht an ihrem Rocksaum auf.
„Er liebt mich sehr“, sagte sie. „Nur ich darf ihn anfassen . . .
Es ist ein guter Hahn. Er hat vierzehn Hennen, und ich finde nie ein taubes Ei in der Brut . . . Nicht wahr, Alexandre?“ Sie hatte sich gebückt. Der Hahn entzog sich ihrer Liebkosung nicht. Es war, als setzte eine Woge von Blut seinen Kamm in Brand. Mit den Flügeln schlagend und den Hals ausstrekkend, stieß er einen langgezogenen Schrei aus, der wie das Geschmetter einer bronzenen Tuba klang. Viermal hintereinander krähte er, während alle Hähne von Les Artaud aus der Ferne antworteten. Désirée amüsierte sich köstlich über das entgeisterte Gesicht ihres Bruders.
„Es zerreißt dir die Ohren, was!“ sagte sie. „Er hat tüchtig was in der Kehle . . . Aber, ich versichere dir, er ist nicht böse. Die Hennen, die sind böse . . . Erinnerst du dich an die große gesprenkelte, die immer gelbe Eier legte? Vorgestern hat sie sich den Fuß aufgeschunden. Als die anderen das Blut sahen, wurden sie wie toll. Alle liefen ihr nach, pickten nach ihr, tranken ihr Blut, so daß sie ihr am Abend den Fuß aufgefressen hatten . . . Ich habe sie gefunden, den Kopf hatte sie hinter einen Stein gesteckt, wie eine Blöde; sie gab keinen Ton von sich und ließ sich verschlingen.“ Über die Gefräßigkeit der Hühner lachte sie nur. Sie erzählte ruhig von anderen Grausamkeiten: junge Hühnchen, denen das Hinterteil zerfetzt, die Eingeweide herausgerissen wurden und von denen sie nur noch den Hals und die Flügel wiedergefunden hatte; ein Wurf junger Katzen, die in wenigen Stunden im Hühnerstall aufgefressen worden waren.
„Du könntest ihnen einen Christenmenschen vorsetzen“, sagte sie, „und sie würden ihn auch klein kriegen . . . Und Schmerzen können sie aushalten! Sie können recht gut mit einem gebrochenen Glied leben. Wenn sie auch noch so große Wunden haben, Löcher im Körper, daß man die Faust reinstecken könnte, so schlingen sie ihr Fressen doch nicht weniger gierig hinunter. Gerade deshalb liebe ich sie; ihr Fleisch wächst in zwei Tagen nach, ihr Körper ist immer warm, als hätten sie einen Vorrat an Sonne unter den Federn . . . Wenn ich ihnen einen Festschmaus bereiten will, schneide ich ihnen rohes Fleisch klein. Und die Würmer erst! Du wirst sehen, wie gern sie die mögen.“
Sie lief zum Dunghaufen, fand einen Wurm, den sie ohne Ekel in die Hand nahm. Die Hühner stürzten sich auf ihre Hände. Doch sie hielt den Wurm sehr hoch und hatte Spaß an ihrer Gier. Schließlich ließ sie ihn los. Die Hühner stießen einander, machten sich darüber her, dann suchte eins von ihnen mit dem Wurm im Schnabel das Weite, verfolgt von den anderen. So wurde er aufgepickt, fallen gelassen, wieder aufgepickt, bis ein Huhn ihn mit einem heftigen Ruck verschlang. Da blieben alle jäh stehen, den Hals zurückgebogen, und warteten mit runden Augen auf einen anderen Wurm. Glücklich rief Désirée sie bei ihren Namen, sagte ihnen freundliche Worte, während Abbé Mouret angesichts dieser Heftigkeit gefräßigen Lebens einige Schritte zurückwich.
„Nein, ich möchte lieber nicht“, sagte er zu seiner Schwester, die ihn eine Henne, die sie mästete, anheben lassen wollte. „Es ist mir unangenehm, lebende Tiere anzufassen.“ Er versuchte zu lächeln.
Aber Désirée nannte ihn einen Hasenfuß.
„Na! Und meine Enten, meine Gänse, meine Truthühner! Was würdest du tun, wenn du das alles zu versorgen hättest! – Die Enten, die sind schmutzig. Hörst du, wie sie im Wasser schnattern? Und wenn sie tauchen, sieht man nur noch ihren Schwanz, der kerzengerade hochsteht . . . Die Gänse und Truthühner sind auch nicht leicht zu regieren. Hach, ist das spaßig, wenn sie mit ihren langen Hälsen einherstolzieren, die einen ganz weiß, die anderen ganz schwarz. Wie feine Herren und Damen . . . Das sind auch welche, denen du deinen Finger lieber nicht hinhalten solltest. Sie würden ihn dir glatt abbeißen, mit einem einzigen Hieb . . . Mir küssen sie die Finger, siehst du!“
Das Wort wurde ihr abgeschnitten durch ein fröhliches Mekkern der Ziege, der es endlich gelungen war, die schlecht verschlossene Stalltür gewaltsam zu öffnen. Mit zwei Sätzen war das Tier bei ihr, ließ sich auf die Vorderbeine nieder und liebkoste sie mit seinen Hörnern. Der Priester fand, daß die Ziege ein teuflisches Lachen habe mit ihrem spitzen Kinnbart und ihren schräggestellten Augen. Doch Désirée faßte sie um den Hals, küßte sie auf den Kopf, spielte Häschen mit ihr und sprach davon, an ihrem Euter zu saugen. Das täte sie oft, sagte sie. Wenn sie im Stall Durst bekäme, legte sie sich hin und saugte an ihr.
„Da, das ist voller Milch“, fügte sie hinzu und hob die ungeheuren Zitzen des Tieres an.
Der Abbé schlug die Augen nieder, als hätte man ihm etwas Unzüchtiges gezeigt. Er erinnerte sich, im Kreuzgang der Kirche Saint-Saturnin in Plassans als Verzierung eines Wasserspeiers eine Ziege aus Stein gesehen zu haben, die mit einem Mönch Unzucht trieb. Die Ziegen, die nach Bock stanken, die launisch und starrköpfig waren wie Dirnen, die ihre hängenden Zitzen dem ersten besten darboten, waren für ihn Geschöpfe der Hölle geblieben, die Geilheit ausschwitzten. Seiner Schwester hatte er erst nach wochenlangem Flehen erlaubt, sich eine zuzulegen. Und wenn er kam, vermied er die Berührung mit dem langen Seidenhaar des Tieres, schützte seine Soutane vor der Nähe der Hörner.
„Geh nur, ich lasse dich gleich wieder laufen“, sagte Désirée, die sein zunehmendes Unbehagen bemerkte. „Aber vorher muß ich dir noch etwas zeigen . . . Versprichst du, mich nicht auszuschelten? Ich habe dir nichts davon gesagt, weil du es nicht gewollt hättest . . . Wenn du wüßtest, wie ich mich freue!“ Sie begann zu schmeicheln, faltete ihre Hände und legte den Kopf an die Schulter ihres Bruders.
„Wieder irgendeine Torheit“, murmelte dieser, der nicht umhin konnte, zu lächeln.
„Du hast doch nichts dagegen?“ begann sie wieder mit vor Freude leuchtenden Augen. „Du wirst nicht böse sein? – Es ist so niedlich!“ Sie lief und öffnete eine niedrige Tür unter dem Schuppen.
Ein Ferkel sprang mit einem Satz auf den Hof.
„Oh! Das Engelchen!“ sagte sie mit einem Ausdruck tiefen Entzückens und sah ihm zu, wie es davonrannte.
Das Ferkel war allerliebst, ganz rosig, hatte einen vom schmierigen Wasser blankgewaschenen Rüssel und vom ständigen Wühlen im Trog eine kreisrunde Dreckkruste dicht unter den Augen. Es trabte herum, rempelte die Hühner um, kam angerannt, um ihnen wegzufressen, was man ihnen hinwarf, und erfüllte den engen Hof mit seinem unverhofften Hakenschlagen. Seine Ohren klatschten ihm auf die Augen, sein Rüssel grunzte auf der Erde herum; auf seinen dünnen Pfoten glich es einem Tier auf Rädern. Und von hinten sah sein Schwanz aus wie ein Stück Bindfaden, mit dem man es anbinden konnte.
„Ich will dieses Tier hier nicht!“ rief der Priester sehr verärgert.
,,Serge, mein guter Serge“, flehte Désirée von neuem,,,sei nicht böse . . . Sieh, wie unschuldig es ist, das liebe Kleine. Ich werde es waschen, ich werde es schön sauberhalten. Die Teuse hat es sich für mich schenken lassen. Man kann es jetzt nicht wieder zurückschicken . . . Da, es sieht dich an, es riecht dich. Hab keine Angst, es wird dich nicht fressen.“
Doch sie unterbrach sich und begann wie toll zu lachen. Erschrocken war das Schweinchen soeben der Ziege zwischen die Beine gefahren und hatte sie über den Haufen geworfen. Quiekend, sich überkugelnd, setzte es den ganzen Wirtschaftshof in Bestürzung und rannte wieder weiter. Um es zu beruhigen, mußte Désirée ihm eine Schüssel Abwaschwasser hinstellen. Da steckte es den Kopf bis zu den Ohren hinein; es gurgelte, es grunzte, während kurze Schauer über seine rosige Haut liefen. Sein Schwanz hing schlaff herunter.
Abbé Mouret befiel heftigster Ekel, als er dieses Herumschmatzen in dem schmutzigen Wasser hörte. Seit er da war, hatte ihn eine Atemnot überkommen, aufsteigende Hitze verbrannte ihm Hände, Brust und Gesicht. Allmählich drehte es sich ihm im Kopf. Er roch in ein und demselben Pesthauch die stinkige Wärme der Kaninchen und des Federviehs, den geilen Geruch der Ziege, die fettige Schalheit des Schweins. Das war gleichsam eine mit Befruchtung geladene Luft, die zu schwer auf seinen keuschen Schultern lastete. Ihm war, als sei Désirée gewachsen, in den Hüften breiter geworden, als bewege sie riesige Arme und fege mit ihren Röcken diesen starken Geruch, in welchem ihm die Sinne schwanden, über den Erdboden hin. Er hatte gerade noch Zeit, das Gatter zu öffnen. Seine Füße blieben an dem vom Dung noch feuchten Pflaster kleben, so sehr, daß er sich durch eine Umarmung der Erde zurückgehalten glaubte. Und plötzlich kam ihm die Erinnerung an das Paradou mit den großen Bäumen, den schwarzen Schatten, den starken Gerüchen, ohne daß er sich dessen erwehren konnte.
„Du bist ja jetzt ganz rot geworden“, sagte Désirée und kam ihm auf die andere Seite des Gatters nach. „Freust du dich denn nicht, daß du alles gesehen hast? – Hörst du sie schreien?“ Als die Tiere sie fortgehen sahen, drängten sie sich gegen die Gitter, stießen klägliche Schreie aus. Vor allem das Ferkel kreischte lang anhaltend wie eine Säge, die geschärft wird. Sie aber machte ihnen Verbeugungen, warf ihnen Kußhände zu und lachte, sie alle da auf einem Haufen zu sehen, als wären sie in sie verliebt. Dann schmiegte sie sich an ihren Bruder und begleitete ihn zum Garten.
„Ich möchte gern eine Kuh haben“, flüsterte sie ihm ins Ohr und wurde über und über rot.
Er sah sie an und lehnte schon mit einer Handbewegung ab. „Nein, nein, nicht jetzt“, fuhr sie rasch fort. „Ich werde später wieder davon anfangen . . . Es wäre Platz im Stall. Eine schöne weiße, rotbraun gescheckte Kuh. Du sollst nur sehen, was für gute Milch wir dann hätten. Eine Ziege ist schließlich doch zuwenig . . . Und wenn die Kuh dann ein Kälbchen bekommt!“ Sie tanzte umher, sie klatschte in die Hände, während der Priester den Geruch des Wirtschaftshofes an ihr wiederfand, der ihren Röcken anhaftete. So ließ er sie denn hinten im Garten, wo sie sich in der prallen Sonne vor einem Bienenkorb auf die Erde gesetzt hatte, dessen Bienen wie Goldbällchen auf ihrem Hals, über ihre nackten Arme, in ihren Haaren summten, ohne sie zu stechen.
KAPITEL XII
Bruder Archangias aß jeden Donnerstag im Pfarrhaus zu Abend. Gewöhnlich kam er zeitig, um sich über die Gemeinde zu unterhalten. Er war es, der seit drei Monaten den Abbé auf dem laufenden hielt, ihn über das ganze Tal unterrichtete. Während sie an jenem Donnerstag darauf warteten, daß die Teuse sie rief, gingen sie mit gemächlichen Schritten vor der Kirche auf und ab. Als der Priester von seiner Zusammenkunft mit Bambousse erzählte, war er sehr überrascht, zu hören, daß der Bruder die Antwort des Bauern ganz natürlich fand.
„Er hat recht, dieser Mann“, sagte der Ignorantiner. „Man gibt sein Hab und Gut nicht einfach so hin . . . Die Rosalie ist nicht viel wert; aber es ist immer hart, mit anzusehen, wie die eigene Tochter sich einem Habenichts an den Hals wirft.“
„Trotzdem“, begann Abbé Mouret wieder, „kann nur die Heirat dieses Ärgernis aus der Welt schaffen.“
Der Bruder zuckte mit den kraftvollen Schultern. Er lachte beunruhigend.
„Wenn Sie glauben“, rief er, „daß Sie mit dieser Heirat die Gegend retten können! – Bevor zwei Jahre um sind, wird Catherine schwanger sein; dann werden die anderen kommen, alle werden sie dran glauben müssen. Sobald sie heiratsfähig sind, pfeifen sie auf die Leute . . . Diese Artauds wachsen aus den unehelichen Verhältnissen wie aus ihrem eigenen Dung. Es gäbe nur ein Heilmittel, ich habe es Ihnen gesagt, nämlich den Weibern den Hals umdrehen, wenn man nicht will, daß die Gegend vergiftet wird . . . Keinen Mann sollten sie kriegen, sondern Stockschläge, Herr Pfarrer, Stockschläge!“ Er beruhigte sich und fügte hinzu: „Lassen wir jeden über sein Hab und Gut verfügen, wie er es für richtig hält.“ Und er sprach von einer Regelung der Katechismusstunden.
Doch Abbé Mouret antwortete zerstreut. Er betrachtete das Dorf zu seinen Füßen im Sonnenuntergang. Die Bauern kehrten heim, stumme Männer, die langsam dahingingen mit dem Schritt abgerackerter Zugochsen, die zum Stall zurückkehren. Vor den baufälligen Häusern standen die Frauen und riefen sich etwas zu, unterhielten sich laut von einer Tür zur anderen, während Scharen von Kindern sich anrempelten, sich überkugelten, sich herumsielten und dabei die Straße mit dem Geklapper ihrer groben Schuhe erfüllten. Ein Geruch nach Mensch stieg von diesem Haufen wackliger Häuser auf. Und der Priester glaubte sich immer noch auf Désirées Wirtschaftshof angesichts eines Gewimmels sich unaufhörlich vermehrender Tiere. Hier fand er dieselbe Zeugungswärme, das gleiche fortwährende Gebären, das er mit Unbehagen verspürt hatte. Da er sich seit dem Morgen mit dieser Geschichte von Rosalies Schwangerschaft befaßte, mußte er schließlich an all das denken, an den Schmutz des Daseins, an das Drängen der fleischlichen Begierden, an die schicksalhafte Fortpflanzung der Gattung, die Menschen wie Getreidekörner sät. Die Artauds waren eine Herde, die zwischen die vier den Horizont begrenzenden Hügel eingepfercht war, die dort zeugte und sich bei jedem Wurf ihrer Weibestiere immer weiter über den Boden ausbreitete.
„Da!“ rief Bruder Archangias, der sich unterbrach, um auf ein großes Mädchen zu zeigen, das sich hinter einem Strauch von seinem Liebsten küssen ließ, „da ist schon wieder so eine Hure, da drüben!“ Er fuchtelte mit seinen langen schwarzen Armen, bis er das Paar in die Flucht getrieben hatte.
In der Ferne erstarb über der roten Erde, über den kahlen Felsen die Sonne im letzten Aufflammen einer Feuersbrunst. Allmählich sank die Nacht herab. Der warme Duft der Lavendelbüsche wurde frischer, von aufkommenden leisen Winden herübergeweht. Für Augenblicke war da ein weites Seufzen, als hätte sich diese schreckliche, von Leidenschaften ganz verbrannte Erde unter dem grauen Regen der Dämmerung endlich beruhigt. Glücklich über die Kühle, fühlte Abbé Mouret, der seinen Hut in der Hand hielt, wie der Frieden der Nacht in ihn herabstieg.
„Herr Pfarrer! Bruder Archangias!“ rief die Teuse. „Schnell! Die Suppe ist aufgetan.“
Es war eine Kohlsuppe, deren kräftiger Dunst das Eßzimmer des Pfarrhauses erfüllte. Der Bruder setzte sich und leerte langsam den Riesenteller, den die Teuse soeben vor ihn hingestellt hatte. Er aß viel, und seine Kehle gab dabei ein Glucksen von sich, an dem man hören konnte, wie das Essen in den Magen rutschte. Er hielt die Augen auf den Löffel gerichtet und gab keinen Laut von sich.
„Meine Suppe schmeckt Ihnen wohl nicht, Herr Pfarrer?“ fragte die alte Magd. „Sie stochern ja so in Ihrem Teller herum.“ „Ich habe nicht viel Hunger, meine gute Teuse“, erwiderte der Priester lächelnd.
„Bei Gott! Das ist kein Wunder, wenn man so draufloslebt! – Sie würden schon Hunger haben, wenn Sie nicht erst nach zwei Uhr Mittag gegessen hätten.“
Bruder Archangias sagte bedächtig, nachdem er die paar Tropfen Brühe, die auf dem Boden seines Tellers geblieben waren, in seinen Löffel gegossen hatte: „In seinen Mahlzeiten muß man regelmäßig sein, Herr Pfarrer.“
Unterdessen war Désirée, die ebenfalls ernst und ohne ein Wort ihre Suppe gegessen hatte, aufgestanden, um der Teuse in die Küche zu folgen.
Der Bruder, der mit Abbé Mouret allein geblieben war, schnitt sich lange Stücke Brot ab, die er in Erwartung des Hauptgerichtes verschlang.
„Sie waren also heute viel unterwegs?“ fragte er.
Der Priester hatte nicht die Zeit, zu antworten. Lärm von Schritten, Ausrufen, hallendem Lachen erhob sich am Ende des Flures auf der Hofseite. Es klang wie ein kurzer Wortwechsel. Eine schnell sprechende Flötenstimme, die den Abbé verwirrte, ereiferte sich und ging in einem Heiterkeitsausbruch unter. „Was gibt es denn?“ sagte er, von seinem Stuhl aufstehend. Désirée kam mit einem Satz wieder herein. Sie hielt etwas unter ihrem hochgerafften Rock verborgen. Rasch sagte sie immer wieder:
„Ist die komisch! Sie hat nicht reinkommen wollen. Ich habe sie an ihrem Kleid festgehalten, aber die hat ganz schön Kräfte, sie ist mir entwischt.“
„Von wem redet sie denn?“ fragte die Teuse, die aus der Küche herbeigelaufen kam und ein Kartoffelgericht brachte, auf dem ein Stück Speck lag.
Désirée hatte sich gesetzt. Mit unendlicher Vorsicht holte sie unter ihrem Rock ein Amselnest hervor, in dem drei Junge schliefen. Sie legte es auf ihren Teller. Sowie die Jungen das Licht wahrnahmen, streckten sie zerbrechliche Hälse aus, sperrten ihre blutroten Schnäbel auf und wollten zu fressen haben. Désirée klatschte entzückt in die Hände, ungemein aufgeregt angesichts dieser Tiere, die sie nicht kannte.
„Das ist das Mädchen aus dem Paradou!“ rief der Abbé aus, der sich jäh erinnerte.
Die Teuse war ans Fenster getreten.
„Wahrhaftig“, sagte sie. „Ich hätte sie an ihrer Grillenstimme erkennen müssen . . . Ach, die Zigeunerin! Sehen Sie nur, sie ist da unten stehengeblieben, um uns auszuspionieren.“
Abbé Mouret trat herzu. Er glaubte in der Tat hinter einem Wachholderstrauch Albines orangefarbenen Rock zu sehen.
Aber hinter ihm reckte sich Bruder Archangias ungestüm empor, streckte die Faust aus, schüttelte sein wildes Haupt und donnerte:
„Der Teufel soll dich holen, Räuberbrut! Ich werde dich an den Haaren um die Kirche schleifen, wenn ich dich hier bei deinen Hexereien erwische!“
Helles Gelächter, frisch wie ein Atemhauch der Nacht, klang vom Weg herauf. Dann vernahm man leichtfüßiges Laufen, das Rascheln eines über das Gras streifenden Kleides gleich dem Gleiten einer Natter.
Abbé Mouret, der am Fenster stand, folgte mit den Blicken einem blonden Fleck, der wie ein Widerschein des Mondes zwischen die Tannen glitt. Der Hauch, der aus der Flur zu ihm herüberwehte, hatte jenen starken Duft nach Grün, jenen Geruch wilder Blumen, den Albine aus ihren nackten Armen, aus ihrer durch nichts behinderten Gestalt, aus ihren gelösten Haaren schüttelte.
„Eine Verruchte, eine Tochter der Verdammnis!“ schimpfte Bruder Archangias dumpf vor sich hin, während er sich wieder zu Tisch setzte. Er aß gierig seinen Speck und schlang anstelle von Brot ganze Kartoffeln herunter.
Die Teuse konnte Désirée in keiner Weise dazu bewegen, zu Ende zu essen. Das große Kind blieb verzückt vor dem Amselnest sitzen, fragte, was die wohl fräßen, ob die Eier legten, woran man bei diesen Tieren da die Hähne erkenne.
Aber der alten Magd schwante etwas. Sie stellte sich auf ihr gesundes Bein und sah dem jungen Priester in die Augen.
„Sie kennen also die Leute vom Paradou?“ fragte sie.
Da sagte er ganz einfach die Wahrheit, erzählte von dem Besuch, den er beim alten Jeanbernat gemacht hatte.
Die Teuse wechselte mit Bruder Archangias entrüstete Blicke. Zunächst erwiderte sie nichts. Sie ging wütend hinkend um den Tisch herum und stampfte dabei so heftig mit den Absätzen, als wolle sie den Fußboden eintreten.
„Sie hätten mir in diesen drei Monaten doch wohl von diesen Leuten erzählen können“, sagte schließlich der Priester. „Dann hätte ich wenigstens gewußt, wo ich hingeriet.“
Die Teuse blieb jäh stehen, als versagten ihr die Beine.
„Lügen Sie nicht, Herr Pfarrer“, stammelte sie. „Lügen Sie nicht, das würde Ihre Sünde noch verschlimmern . . . Wie können Sie es wagen, zu sagen, ich hätte Ihnen nicht vom Philosophen, von diesem Heiden erzählt, der ein Ärgernis für die ganze Gegend ist! Die Wahrheit ist, daß Sie mir niemals zuhören, wenn ich rede. Das geht bei Ihnen zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus . . . Ach! Wenn Sie doch auf mich hören wollten, dann würden Sie sich manchen Verdruß ersparen!“
„Auch ich habe Ihnen ein Wort über dieses Greuel gesagt“, bestätigte der Bruder.
Abbé Mouret zuckte leicht die Achseln.
„Nun ja, ich habe eben nicht mehr daran gedacht“, begann er wieder. „Erst im Paradou glaubte ich, mich an gewisse Geschichten zu erinnern . . . Übrigens wäre ich trotzdem zu diesem Unglücklichen gegangen, den ich in Todesgefahr glaubte.“ Bruder Archangias, der den Mund voll hatte, schlug heftig mit dem Messer auf den Tisch und schrie:
,,Jeanbernat ist ein Hund. Wie ein Hund soll er verrecken.“ Als er dann sah, daß der Priester kopfschüttelnd Einspruch erheben wollte, schnitt er ihm das Wort ab: „Nein, nein, für ihn gibt es keinen Gott, keine Buße, kein Erbarmen . . . Da wäre es besser, die heilige Hostie den Schweinen hinzuwerfen als sie zu diesem Lumpenkerl zu tragen.“ Er nahm sich noch einmal Kartoffeln, hatte die Ellbogen auf dem Tisch und das Kinn in seinem Teller und kaute wütend drauflos.
Mit zusammengekniffenen Lippen und ganz weiß vor Zorn, sagte die Teuse trocken:
„Lassen Sie, der Herr Pfarrer will sich eben nur nach seinem eigenen Kopf richten, der Herr Pfarrer hat jetzt Geheimnisse vor uns.“
Ein lastendes Schweigen herrschte. Einen Augenblick lang hörte man nur des Bruders Kinnbacken mahlen, wozu das sonderbare Glucksen seiner Kehle die Begleitung bildete.
Désirée, die ihre nackten Arme um das Amselnest legte, das noch immer auf ihrem Teller lag, das Gesicht vorneigte und den Jungen zulächelte, sprach lange auf sie ein, ganz leise, in einem ihr eigenen Gezwitscher, das sie zu verstehen schienen.
„Man sagt, was man tut, wenn man nichts zu verbergen hat!“ rief unvermittelt die Teuse.
Und das Schweigen setzte von neuem ein.
Was die alte Magd aufbrachte, war der Umstand, daß der Priester anscheinend ihr gegenüber ein Geheimnis aus seinem Besuch im Paradou gemacht hatte. Sie kam sich vor wie eine schändlich hintergangene Frau. Ihr blutete das Herz vor Neugier. Sie umkreiste den Tisch, sah den Priester nicht an, wandte sich an niemand und machte sich ganz allein Luft.
„Wahrhaftig, darum also kommt man so spät zum Essen! – Ohne etwas zu sagen, geht man fort, um bis zwei Uhr nachmittags herumzubummeln. Man geht in die Häuser, die in so schlechtem Ruf stehen, daß man nachher nicht einmal wagt, zu erzählen, was man getan hat. Da lügt man dann, man hintergeht alle Welt . . .“
„Aber“, unterbrach sanft Abbé Mouret, der sich anstrengte zu essen, um die Teuse nicht noch mehr zu ärgern, „niemand hat mich gefragt, ob ich zum Paradou gegangen bin, ich hatte es gar nicht nötig zu lügen.“
Die Teuse fuhr fort, als hätte sie nicht gehört:
„Man macht seine Soutane im Staub zuschanden, man schleicht sich heim wie ein Dieb. Und wenn ein guter Mensch, der Anteil an einem nimmt, einen zu seinem Besten fragt, stößt man ihn zurück, behandelt man ihn wie einen Nichtswürdigen, zu dem man kein Vertrauen hat. Man versteckt sich wie ein Duckmäuser, man würde lieber verrecken, als sich ein Wort entschlüpfen zu lassen, man besitzt nicht einmal soviel Höflichkeit, seinen Leuten zu Hause ein bißchen Abwechslung zu verschaffen, indem man erzählt, was man erlebt hat.“ Sie wandte sich dem Priester zu, sah ihm ins Gesicht. „Ja, das gilt Ihnen, das alles . . . Sie sind ein Geheimniskrämer, Sie sind ein böser Mensch!“ Und sie begann zu weinen.
Der Abbé mußte sie trösten.
„Herr Caffin hat mir immer alles gesagt!“ rief sie noch. Doch sie beruhigte sich wieder.
Bruder Archangias aß ein großes Stück Käse, ohne daß ihn dieser Auftritt im geringsten zu stören schien. Nach seiner Ansicht brauchte Abbé Mouret eine feste Hand; die Teuse tat recht daran, ihn die Zügel spüren zu lassen. Er leerte ein letztes Glas Krätzer, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verdaute.
„Was haben Sie denn nun im Paradou gesehen?“ fragte die alte Magd. „Erzählen Sie uns das doch wenigstens.“
Lächelnd schilderte Abbé Mouret in wenigen Worten die eigentümliche Art, mit der Jeanbernat ihn empfangen hatte.
Die Teuse, die ihn mit Fragen überschüttete, stieß Schreie der Entrüstung aus.
Bruder Archangias fuchtelte drohend mit den geballten Fäusten.
„Der Himmel soll ihn zerschmettern!“ sagte er. „Er soll sie verbrennen, ihn samt seiner Hexe!“
Da versuchte nun der Abbé, neue Einzelheiten über die Leute aus dem Paradou zu erfahren. Mit tiefer Aufmerksamkeit hörte er dem Bruder zu, der ungeheuerliche Dinge erzählte.
„Ja, diese Teufelin ist eines Morgens in die Schule gekommen.
Es ist schon lange her, sie mochte zehn Jahre alt sein. Ich, ich ließ sie gewähren; ich dachte, ihr Onkel schickte sie wegen ihrer Erstkommunion. Zwei Monate lang hat sie die ganze Klasse rebellisch gemacht. Sie ließ sich anschwärmen, das Weibsbild! Sie kannte so mancherlei Spiele, sie erfand allerlei Tand aus Blättern und Stoffetzen. Und gescheit dabei, wie all diese Töchter der Hölle! Sie war die Beste im Katechismus . . . Da platzt eines Morgens der Alte mitten in den Unterricht hinein. Er wollte alles kurz und klein schlagen, er schrie, die Pfaffen hätten ihm das Kind weggenommen. Der Feldhüter mußte kommen, um ihn vor die Tür zu setzen. Die Kleine hatte sich aus dem Staube gemacht. Ich sah durch das Fenster, wie sie in einem gegenüberliegenden Feld über die Wut ihres Onkels lachte . . . Sie war seit zwei Monaten von sich aus zur Schule gekommen, ohne daß er es ahnte. Eine haarsträubende Geschichte!“
„Nie ist sie zur Erstkommunion gegangen“, sagte die Teuse halblaut mit einem leisen Schauder.
„Nein, niemals“, begann Bruder Archangias wieder. „Sie muß jetzt sechzehn Jahre alt sein. Sie wächst auf wie ein Tier. Ich habe sie in einem Dickicht bei La Palud auf allen vieren laufen sehen.“
„Auf allen vieren“, murmelte die Magd, die sich, von Unruhe ergriffen, zum Fenster umdrehte.
Der Priester wollte einen Zweifel äußern, doch der Bruder brauste auf.
„Jawohl, auf allen vieren! Und sie sprang wie eine Wildkatze, die Röcke hochgerafft, daß ihre Schenkel zu sehen waren. Hätte ich ein Gewehr gehabt, dann hätte ich sie niederknallen können. Es werden ja Tiere getötet, die Gott wohlgefälliger sind . . . Und außerdem weiß man recht wohl, daß sie jede Nacht miauend um Les Artaud herumschleicht. Sie miaut wie eine läufige Hure. Wenn der da jemals ein Mann in die Klauen fällt, zieht sie ihm gewiß das Fell über die Ohren.“ Und sein ganzer Weiberhaß kam zum Vorschein. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er wackelte, er schrie seine üblichen Schimpfworte hinaus: „Sie haben den Teufel im Leib. Sie stinken nach Teufel; an den Beinen, an den Armen, am Bauch, überall stinken sie danach . . . Aber gerade das behext die Dummköpfe.“
Der Priester nickte zustimmend. Die Heftigkeit Bruder Archangiasʼ, die geschwätzige Tyrannei der Teuse waren wie Geißelhiebe, deren brennendes Schmerzen er oft auf seinen Schultern auskostete. Er hatte eine fromme Freude daran, sich in die Niedrigkeit zu versenken, in diese Hände voll pöbelhafter Grobheit. Der Friede des Himmels schien ihm am Ende dieser Weltverachtung, dieses Sichgemeinmachens seines ganzen Seins zu stehen. Das war ein Schimpf, den er seinem Leib mit Lust antat, eine Gosse, durch die er seine zarte Natur mit Wonne schleifte.
„Es gibt nichts als Unrat“, murmelte er beim Zusammenlegen seiner Serviette.
Die Teuse räumte den Tisch ab. Sie wollte den Teller fortnehmen, auf den Désirée das Amselnest gelegt hatte.
„Sie werden doch hier nicht schlafen, Mademoiselle“, sagte sie. „Lassen Sie doch diese garstigen Tiere.“
Aber Désirée verteidigte den Teller. Sie bedeckte das Nest mit ihren nackten Armen, sie lachte nicht mehr, wurde vielmehr böse, weil man sie störte.
„Sie werden doch hoffentlich diese Vögel nicht behalten“, rief Bruder Archangias aus. „Das bringt Unglück . . . Man muß ihnen den Hals umdrehen.“ Und er streckte schon seine groben Hände aus.
Désirée stand auf und wich zitternd und das Nest an ihre Brust drückend zurück. Sie starrte den Bruder an, ihre Lippen waren gedunsen, und sie sah aus wie ein Wölfin, die gleich zubeißen wird.
„Rühren Sie die Jungen nicht an!“ stammelte sie. „Sind Sie aber häßlich!“
Sie betonte dieses Wort mit einer so seltsamen Verachtung, daß der Abbé zusammenfuhr, als sei ihm zum ersten Mal aufgefallen, wie häßlich der Bruder war.
Der beschränkte sich darauf, vor sich hin zu schimpfen. Er hegte einen dumpfen Haß gegen Désirée, deren schönes tierhaftes Wachstum ihm zuwider war. Als sie, ohne ihn aus den Augen zu lassen, rückwärts aus dem Zimmer gegangen war, zuckte er die Achseln und brummelte zwischen den Zähnen eine Unflätigkeit, die niemand verstand.
„Es ist besser, sie geht jetzt schlafen“, sagte die Teuse. „Sie würde uns nachher in der Kirche nur stören.“
„Sind sie denn schon da?“ fragte Abbé Mouret.
„Eine ganze Weile schon sind die Mädchen draußen, mit Armen voll Laub . . . Ich werde die Lampen anzünden. Wir können anfangen, wenn Sie wollen.“
Einige Sekunden danach hörte man sie in der Sakristei fluchen, weil die Streichhölzer feucht waren.
Bruder Archangias, der mit dem Priester allein geblieben war, fragte mit mürrischer Stimme:
„Ist das für den Marienmonat?“
„Ja“, erwiderte Abbé Mouret. „In den letzten Tagen konnten die Dorfmädchen, die schwer zu arbeiten hatten, nicht kommen, um den Marienaltar zu schmücken, wie es Brauch ist. Die Zeremonie ist auf heute abend verschoben worden.“
„Ein hübscher Brauch“, brummte der Bruder. „Wenn ich sehe, wie sie ihre Zweige niederlegen, bekomme ich Lust, sie zu Boden zu werfen, damit sie wenigstens ihre Gemeinheiten beichten, bevor sie den Altar berühren . . . Es ist eine Schande, zu dulden, daß Weiber mit ihren Kleidern so dicht um die heiligen Reliquien herumscharwenzeln.“
Der Abbé entschuldigte sich mit einer Handbewegung. Er sei erst seit kurzem in Les Artaud, er müsse sich an die Bräuche halten.
„Wollen Sie jetzt, Herr Pfarrer?“ rief die Teuse.
Doch Bruder Archangias hielt ihn noch einen Augenblick zurück.
„Ich gehe“, sagte er. „Die Religion ist keine Dirne, daß man sie in Blumen und Spitzen hüllt.“ Er schritt langsam zur Tür. Dort blieb er noch einmal stehen, hob einen seiner behaarten Finger und fügte hinzu: „Nehmen Sie sich in acht vor Ihrer Marienverehrung.“
KAPITEL XIII
In der Kirche fand Abbé Mouret etwa zehn große Mädchen vor, die Oliven-, Lorbeer- und Rosmarinzweige in den Händen hielten. Da auf den Felsen von Les Artaud fast keine Gartenblumen wuchsen, war es Brauch, den Marienaltar mit Grün zu schmücken, das sich den ganzen Mai über hielt. Die Teuse fügte noch Levkojen hinzu, deren Stiele in alten Wasserflaschen steckten.
„Wollen Sie mich machen lassen, Herr Pfarrer?“ fragte sie. „Sie sind es nicht gewohnt . . . Da, stellen Sie sich dorthin, vor den Altar. Sie können mir dann sagen, ob die Ausschmückung Ihnen gefällt.“
Er willigte ein, und so leitete in Wirklichkeit sie die Zeremonie. Sie war auf einen Schemel gestiegen; sie fuhr die Mädchen an, die der Reihe nach mit ihren Zweigen voller Laub herzutraten.
„Doch nicht so schnell! Ihr werdet mir wohl Zeit lassen, die Zweige anzubinden. Es ist ja nicht nötig, daß alle Büschel dem Herrn Pfarrer auf den Kopf fallen . . . Na, Babet, du bist an der Reihe. Was glotzt du mich so an! Der sieht ja hübsch aus, dein Rosmarin! Er ist gelb wie eine Distel. Da haben wohl alle abgerackerten Eselinnen aus der Gegend drauf gepißt! Du bist dran, Rotfuchs. Ah! Das ist wenigstens schöner Lorbeer. Den hast du sicher von eurem Feld La Croix-Verte geholt.“
Die Mädchen legten ihre Zweige auf den Altar und küßten ihn. Sie blieben einen Augenblick an die Altardecke gelehnt stehen, reichten der Teuse die Zweige und vergaßen die duckmäuserisch andächtige Miene, die sie aufgesetzt hatten, als sie die Altarstufe hinaufstiegen; schließlich lachten sie, stießen sich mit den Knien, bogen ihre Hüften über den Altarrand und preßten ihre prallen Brüste ins Tabernakel. Und über ihnen neigte die große Muttergottes aus vergoldetem Gips ihr bemaltes Antlitz, lächelte mit ihren rosigen Lippen dem splitternackten kleinen Jesusknaben zu, den sie auf ihrem linken Arm trug.
„So istʼs recht, Lisa!“ rief die Teuse. „Setz dich doch gleich ganz auf den Altar, da du schon einmal dabei bist. Willst du wohl deine Röcke herunterziehen! Zeigt man so seine Beine! – Daß es sich keine einfallen läßt, sich so hinzulümmeln! Sonst schlage ich ihr die Zweige um die Ohren . . . Könnt ihr mir das Zeug denn nicht ruhig zureichen?“ Und sich umwendend, fragte sie: „Ist das nach Ihrem Geschmack, Herr Pfarrer? Finden Sie, daß es so geht?“ Sie errichtete hinter der Muttergottes eine Nische aus Grün mit überstehenden Zweigspitzen, die ein Laubendach bildeten und wie Palmblätter wieder herabfielen.
Der Priester war einverstanden, wagte aber eine Bemerkung. „Ich glaube“, murmelte er, „da oben müßte ein Strauß zarterer Blätter hinkommen.“
„Zweifellos“, brummte die Teuse. „Aber die bringen mir ja bloß Lorbeer und Rosmarin . . . Wer von euch hat Olivenzweige? Nicht eine, na, geht mir bloß! Sie haben Angst, es könnten ihnen vier Oliven verlorengehen, diese Heidinnen!“
Doch Catherine stieg die Altarstufe hinauf mit einem riesigen Olivenzweig, unter dem sie ganz verschwand.
„Ah, du hast ja welche, Mädchen“, fing die alte Magd wieder an.
„Ach Gott“, sagte eine Stimme, „sie hat ihn gestohlen. Ich habe gesehen, wie Vincent den Zweig abbrach, während sie Schmiere stand.“
Wütend schwor Catherine, das sei nicht wahr. Sie hatte sich umgewandt, ohne den Zweig loszulassen, steckte lediglich ihren braunen Kopf aus dem Busch, den sie trug, hervor; sie log mit außerordentlicher Sicherheit, erfand eine lange Geschichte, um zu beweisen, daß der Olivenzweig wirklich ihr gehöre.
„Und überhaupt“, schloß sie, „alle Bäume gehören der Muttergottes.“
Abbé Mouret wollte eingreifen.
Aber die Teuse fragte, ob man sie zum besten haben wolle, daß man sie so lange die Arme in die Luft halten lasse. Und sie band den Olivenzweig ordentlich fest, während Catherine, die auf den Schemel geklettert war, hinter ihrem Rücken nachmachte, wie die Teuse mit Hilfe ihres gesunden Beines ihre ungeheure Gestalt mühselig hin und her wandte, was selbst dem Priester ein Lächeln entlockte.
„So“, sagte die Teuse, während sie zu ihm hinunterstieg, um einen Blick auf ihr Werk zu werfen, „oben ist es fertig . . . Jetzt wollen wir noch ein paar Büschel zwischen die Leuchter stecken, falls Sie nicht lieber eine Girlande haben wollen, die am Altaraufsatz entlangläuft.“
Der Priester entschied sich für dicke Büschel.
„Vorwärts, macht zu“, fuhr die Magd fort, die wieder auf den Schemel gestiegen war. „Hier wird nicht geschlafen . . . Willst du wohl den Altar küssen, Miette! Oder glaubst du vielleicht, du bist in deinem Stall? – Herr Pfarrer, sehen Sie doch, was die da hinten treiben? Sie scheinen sich totzulachen.“
Eine der beiden Lampen wurde hochgehoben, und Licht fiel in den dunklen Teil der Kirche. Unter der Empore schubsten sich drei der Mädchen zum Spaß; eine von ihnen war mit dem Kopf in das Weihwasserbecken gefallen, worüber die anderen sich vor Lachen kugelten. Sie kamen zurück, blickten den Pfarrer verstohlen an, sahen aus, als freuten sie sich, gescholten zu werden, und ließen die Hände baumeln, die ihnen an die Schenkel schlugen.
Aber vor allem ärgerte sich die Teuse darüber, daß sie plötzlich Rosalie erblickte, die wie die anderen mit ihren Zweigen zum Altar hinaufstieg.
„Willst du wohl runtergehen!“ rief sie ihr zu. „An Dreistigkeit fehlt es dir nicht, meine Liebe! Nun mach schon schnell, nimm deinen Kram gleich wieder mit.“
„Aber warum denn?“ sagte Rosalie frech. „Man wird mir doch wohl nicht nachsagen können, daß ich es gestohlen habe.“
Die anderen Mädchen kamen näher heran, stellten sich dumm und tauschten funkelnde Blicke.
„Mach, daß du fortkommst!“ wiederholte die Teuse. „Du gehörst nicht hierher, verstehst du!“ Sie verlor ihr bißchen Geduld und ließ dann grob ein sehr derbes Schimpfwort vom Stapel, bei dem die Bauernmädchen vor Behagen lachten.
„Na und?“ sagte Rosalie. „Wissen Sie etwa, was die anderen tun? Sie sind nicht nachsehen gegangen, nicht wahr?“
Und sie hielt es für geraten, in Schluchzen auszubrechen. Sie warf ihre Zweige hin, sie ließ sich ein paar Schritte von Abbé Mouret beiseite führen, der sehr streng auf sie einsprach. Er hatte versucht, die Teuse zum Schweigen zu bringen, es begann ihm unbehaglich zu werden mitten unter diesen frechen großen Mädchen, die die Kirche mit ihren Armen voller Grün ausfüllten. Sie stießen einander bis zur Altarstufe, umgaben ihn mit einem Stück lebendigen Waldes, trugen ihm den herben Geruch wohlriechender Hölzer zu, gleich einem Hauch, der von ihren Gliedern, den Gliedern tüchtiger Arbeiterinnen, aufstieg.
„Beeilen wir uns, beeilen wir uns“, sagte er und klatschte leicht in die Hände.
„Bei Gott! Ich wäre auch lieber in meinem Bett“, brummte die Teuse. „Sie glauben wohl, es ist bequem, all dies Gestrüpp festzubinden!“
Indessen war sie damit fertig geworden, zwischen den Leuchtern hohe Helmbüsche aus Laub zu befestigen. Sie klappte den Schemel zusammen, den Catherine hinter den Hauptaltar trug. Jetzt brauchte sie nur noch zu beiden Seiten des Altartisches kräftige Büsche aufzustellen. Dafür genügten die letzten Bündel Grün; es blieben sogar Zweige übrig, mit denen die Mädchen den Boden bis zum Holzgeländer bestreuten. Der Marienaltar war ein Hain, ein Fleckchen tief im Unterholz mit grünem Rasen davor.
Die Teuse willigte nun ein, Abbé Mouret den Platz zu überlassen. Dieser ging zum Altar hinauf, klatschte von neuem leicht in die Hände.
„Meine Töchter“, sagte er, „wir fahren morgen mit den Marienandachten fort. Wer nicht kommen kann, sollte wenigstens zu Hause den Rosenkranz beten.“
Er kniete nieder, während die Bauernmädchen sich mit lautem Röckerascheln auf die Erde niederließen und sich dabei auf ihre Fersen setzten. Sie begleiteten sein Gebet mit einem verworrenen Gemurmel, aus dem Lachen durchklang. Einer von ihnen, die von hinten gezwickt wurde, entfuhr ein Schrei, den sie in einem Hustenanfall zu übertönen suchte, was die anderen so sehr erheiterte, daß sie sich nach dem Amen einen Augenblick vor Lachen krümmten, die Nase auf den Fliesen behielten und nicht aufstehen konnten.
Die Teuse schickte diese unverschämten Dinger fort, während der Priester, der sich bekreuzigt hatte, versunken vor dem Altar stehenblieb, als höre er nicht mehr, was hinter ihm vorging.
„Los, macht jetzt, daß ihr fortkommt“, brummte die Teuse. „Ein Haufen Nichtsnutze seid ihr, die nicht einmal vor dem lieben Gott Respekt haben . . . Es ist eine Schande, das hat man noch niemals erlebt, Mädchen, die sich in der Kirche auf der Erde herumwälzen wie Vieh auf der Wiese . . . Was machst du da hinten, Rotfuchs? Wenn ich sehe, daß du eine kneifst, kriegst du es mit mir zu tun! Ja, ja, streckt mir nur die Zunge raus, ich werde alles dem Herrn Pfarrer sagen. Raus, raus, freches Gesindel!“
Sie drängte sie langsam zur Tür und galoppierte dabei wütend hinkend um sie herum. Es war ihr gelungen, sie bis auf die letzte hinauszutreiben, als sie Catherine erblickte, die sich in aller Gemütsruhe mit Vincent im Beichtstuhl eingenistet hatte; sie aßen etwas mit entzückter Miene. Die Teuse warf sie hinaus. Und als sie, bevor sie die Tür verschloß, den Kopf aus der Kirche streckte, sah sie, wie sich Rosalie an den langen Fortuné hängte, der auf sie gewartet hatte; die beiden verschwanden mit einem gedämpft herüberschallenden Geräusch von Küssen in der Dunkelheit nach dem Friedhof zu.
„Und so was erscheint vor dem Marienaltar!“ stammelte sie, während sie die Riegel vorschob. „Die anderen taugen auch nicht viel mehr, das weiß ich schon. Liederliche Frauenzimmer alle, die heute abend mit ihren Laubbündeln bloß gekommen sind, um zu lachen und sich beim Nachhausegehen von den Burschen küssen zu lassen! Morgen wird sich nicht eine hierherbemühen; der Herr Pfarrer wird seine Ave-Marias ganz allein aufsagen können . . . Man wird nur noch die Weibsbilder zu sehen bekommen, die ein Stelldichein verabredet haben.“
Sie stieß an die Stühle, stellte sie wieder an ihren Platz und sah nach, bevor sie zum Schlafen hinaufging, ob nichts Verdächtiges herumlag. Sie las im Beichtstuhl eine Handvoll Apfelschalen auf, die sie hinter den Hauptaltar warf. Sie fand außerdem ein Stück Band, das von einer Haube abgerissen war, mit einer Strähne schwarzer Haare, woraus sie ein kleines Knäuel machte, um später eine Untersuchung anzustellen. Soweit schien ihr die Kirche in bester Ordnung. Die Ewige Lampe hatte Öl für die Nacht, die Fliesen im Chor brauchten bis zum Sonnabend nicht aufgewischt zu werden.
„Es ist fast zehn Uhr, Herr Pfarrer“, sagte sie zu dem noch immer knienden Priester gewandt. „Sie täten gut daran, hinaufzugehen.“
Er antwortete nicht, er neigte nur sanft das Haupt.
„Gut, ich weiß, was das heißen soll“, fuhr die Teuse fort. „In einer Stunde wird er noch da auf den Steinen knien und sich Bauchweh holen . . . Ich gehe, weil ich ihn doch nur störe. Na wennschon, das hat sowieso keinen Sinn und Verstand: Mittag essen, wenn die anderen zu Abend essen, zu Bett gehen, wenn die Hühner aufstehen! – Ich störe Sie, nicht wahr, Herr Pfarrer? Guten Abend. Sie sind wirklich nicht vernünftig, gehen Sie mir doch!“
Und sie entschloß sich, fortzugehen; aber sie kam zurück, eine der beiden Lampen auszulöschen, wobei sie murmelte, so spät zu beten sei „Tod für das Öl“. Schließlich ging sie wirklich, nachdem sie mit ihrem Ärmel die Decke des Hauptaltars abgewischt hatte, die ihr grau von Staub zu sein schien.
Die Augen erhoben, die Arme an die Brust gepreßt, blieb Abbé Mouret allein.
KAPITEL XIV
Von einer einzigen Lampe erhellt, die mitten in dem Grün über dem Marienaltar brannte, füllte sich die Kirche zu beiden Seiten mit großen schwankenden Schatten. Die Kanzel warf einen Streifen Finsternis bis zu den Deckenbalken. Der Beichtstuhl bildete eine schwarze Masse, die sich unter der Empore wie das seltsame Profil eines zerborstenen Schilderhauses abhob. Linder geworden, grün getönt vom Laub, schlief das ganze Licht auf der großen vergoldeten Muttergottes, die, getragen von der Wolke, in der geflügelte Engelsköpfe ihr Spiel trieben, mit königlichem Ausdruck niederzuschweben schien. Wenn man die runde Lampe so inmitten der Zweige erglänzen sah, hätte man meinen können, ein bleicher Mond ginge an einem Waldessaum auf und beleuchte irgendeine erhabene Erscheinung, eine goldgekrönte, goldgekleidete Himmelsfürstin, die die Nacktheit ihres göttlichen Kindes in die Tiefe des Mysteriums der Baumgänge führte. Zwischen den Blättern flossen an den hohen Helmbüschen entlang in dem breiten Bogengewölbe und bis zu den auf die Erde gestreuten Zweigen Sternenstrahlen, gedämpft gleich jenem milchigen Regen, der in hellen Nächten durch das Gesträuch dringt. Unbestimmte Laute, knarrende Geräusche kamen von den beiden dunklen Enden der Kirche; die große Standuhr links vom Chor schlug langsam mit dem schweren Atem eines eingeschlafenen Mechanismus. Und die strahlende Vision, die Gottesmutter mit den schmalen, kastanienbraunen Haarsträhnen, schwebte, durch den nächtlichen Frieden des Kirchenschiffes gleichsam beruhigt, noch tiefer herab, bog unter dem leichten Flug ihrer Wolke kaum das Gras der Lichtung nieder.
Abbé Mouret schaute sie an. Das war die Stunde, in der er die Kirche liebte. Er vergaß den jämmerlichen Christus, den mit Ocker und Lack bepinselten Hingerichteten, der hinter ihm in der Totenkapelle mit dem Tode rang. Er wurde nicht mehr abgelenkt durch die grelle Helle der Fenster, durch die Heiterkeit des Morgens, die mit der Sonne hereinkam, durch das Leben draußen, durch die Spatzen und die Zweige, die durch die zerbrochenen Fensterscheiben in das Kirchenschiff eindrangen. Zu dieser Nachtstunde war die Natur tot, das Dunkel überzog die geweißten Wände mit schwarzem Flor, die Kühle breitete ihm ein heilsames Büßerhemd über die Schultern; er konnte aufgehen in der vollkommenen Liebe, ohne daß das Spiel eines Lichtstrahls, die Liebkosung eines Lufthauchs oder eines Duftes, der Flügelschlag eines Insekts ihn seiner Liebesfreude entriß. Seine Morgenmesse hatte ihm niemals so übermenschliche Wonnen beschert wie seine Abendgebete.
Mit stammelnden Lippen betrachtete Abbé Mouret die große Muttergottes. Er sah sie aus der Tiefe ihrer grünen Nische in zunehmendem Glanz auf sich zukommen. Das war kein Mondlicht mehr, das über die Wipfel der Bäume glitt. Sie schien ihm in Sonne gekleidet, sie schritt majestätisch einher, glorreich, riesig, so allmächtig, daß er für Augenblicke versucht war, sich mit dem Gesicht zu Boden zu werfen, um dem Gleißen dieses zum Himmel aufgetanen Tores zu entgehen. In dieser Anbetung, die sein ganzes Sein erfüllte und die Worte auf seinen Lippen ersterben ließ, erinnerte er sich des letzten Wortes des Bruders Archangias wie einer Gotteslästerung. Oft warf ihm der Bruder diese besondere Marienverehrung vor, von der er sagte, sie sei ein wahrer Diebstahl, den man an der Verehrung Gottes begehe. Seiner Ansicht nach verweichliche das die Seelen, mache die Religion weibisch, schaffe ganz und gar eine der Starken unwürdige, fromme Gefühlsduselei. Er grollte der Muttergottes, weil sie Weib, weil sie schön, weil sie Mutter war; er war auf der Hut vor ihr, von der dumpfen Furcht ergriffen, er könne durch ihre Anmut in Versuchung geraten, ihrer Lieblichkeit, der Lieblichkeit einer Verführerin erliegen. „Sie wird Sie noch sonstwohin bringen“, hatte er eines Tages den jungen Priester angeschrien, weil er in dieser Verehrung den Beginn menschlicher Leidenschaft sah, einen Hang zu den Wonnen schöner kastanienbrauner Haare, großer klarer Augen, zum Mysterium wallender Gewänder, die vom Hals bis zu den Fußspitzen herabfielen. Das war das Aufbegehren eines Heiligen, der gewaltsam die Mutter vom Sohne trennte, indem er wie dieser fragte: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Aber der Abbé leistete Widerstand, warf sich anbetend nieder, versuchte, die Roheiten des Bruders zu vergessen. Nur noch diese Verzückung in der unbefleckten Reinheit Mariens konnte ihn aus der Niedrigkeit emporheben, in der er sich tief zu demütigen suchte. Wenn er, allein angesichts der großen vergoldeten Muttergottes, so tief in seine Wahnvorstellungen versank, daß er sah, wie sie sich herniederbeugte, um ihm ihr gescheiteltes Haar zum Kuß darzubieten, wurde er wieder sehr jung, sehr gut, sehr stark, sehr gerecht, ganz beseelt von einem mit Zärtlichkeit erfüllten Leben.
Abbé Mourets Marienverehrung stammte schon aus seiner Jugendzeit. Als er noch ein kleiner, etwas scheuer Knabe war, der sich gern in die Winkel flüchtete, fand er Gefallen an dem Gedanken, daß eine schöne Dame ihn beschütze, daß ihm zwei sehr sanfte blaue Augen mit einem Lächeln überallhin folgten. Oft, wenn er nachts einen leichten Hauch auf seinen Haaren gespürt hatte, erzählte er, die Muttergottes sei gekommen und habe ihm einen Kuß gegeben. Er war unter dieser Liebkosung einer Frau, in dieser vom Rauschen eines göttlichen Rockes erfüllten Luft aufgewachsen. Vom siebenten Lebensjahr an befriedigte er sein Zärtlichkeitsbedürfnis, indem er für jeden Sou, den man ihm schenkte, Heiligenbilder kaufte, die er eifersüchtig verbarg, um sich allein daran zu ergötzen. Und niemals kam er in Versuchung, Bilder von Jesus, der das Lamm trägt, von Christus am Kreuz, von Gottvater, der sich mit einem großen Bart über den Rand einer Wolke beugt, zu kaufen; er kehrte immer wieder zu den zarten Bildern Mariens zurück, zu ihrem schmalen lächelnden Mund, ihren feinen ausgestreckten Händen. Nach und nach hatte er sie alle gesammelt: Maria zwischen einer Lilie und einem Spinnrocken, Maria, die wie eine große Schwester das Jesuskind trägt, Maria rosenumkränzt, Maria sternengekrönt. Das war für ihn eine Familie schöner junger Mädchen, die einander in ihrer Anmut ähnlich waren, mit dem gleichen gütigen Ausdruck, dem gleichen lieblichen Antlitz, die so jung waren unter ihren Schleiern, daß er, obwohl sie „Mutter Gottes“ genannt wurden, keine Angst vor ihnen hatte wie vor Erwachsenen. Sie schienen so alt wie er selber zu sein, sie schienen die kleinen Mädchen zu sein, denen er gern begegnet wäre, die kleinen Himmelsmädchen, mit denen die kleinen Jungen, die mit sieben Jahren gestorben sind, in einem Winkel des Paradieses ewig spielen dürfen. Aber er war schon zu ernst zum Spielen; von der köstlichen Schamhaftigkeit des Jünglingsalters ergriffen, wahrte er beim Heranwachsen das Geheimnis seiner frommen Liebe. Maria wurde mit ihm älter, war ihm immer um ein oder zwei Jahre voraus, wie es einer überlegenen Freundin zukommt. Sie war zwanzig Jahre alt, als er achtzehn war. Sie küßte ihn nachts nicht mehr auf die Stirn; sie hielt sich einige Schritte von ihm entfernt mit verschränkten Armen, anbetungswürdig lieblich mit ihrem keuschen Lächeln. Er sprach ihren Namen nur noch ganz leise aus und fühlte, wie sein Herz gleichsam vor Wonne verging, wenn ihm der geliebte Name in seinen Gebeten über die Lippen kam. Er träumte nicht mehr von kindlichen Spielen hinten im himmlischen Garten, sondern von einer unablässigen Betrachtung angesichts dieses so reinen, blassen Antlitzes, das er nicht einmal mit seinem Atem hätte berühren wollen. Er verbarg selbst vor seiner Mutter, daß er die Muttergottes so innig liebte.
Dann einige Jahre später, als er im Priesterseminar war, erfuhr diese so ehrliche, so natürliche, schöne Zärtlichkeit für Maria dumpfe Beunruhigung. War der Marienkult für das Heil notwendig? Bestahl er nicht Gott, indem er Maria einen Teil seiner Liebe, den größten Teil, seine Gedanken, sein Herz, sein ganzes Sein zuwandte? Verwirrende Fragen, innerer Kampf, der ihn leidenschaftlich bewegte, der ihn noch fester an sie band. Da ergründete er die feinen Gradunterschiede seiner Zuneigung. Er verschaffte sich unerhörte Wonnen damit, die Rechtmäßigkeit seiner Gefühle zu prüfen. Die Bücher der Marienverehrung entschuldigten ihn, entzückten ihn, erfüllten ihn mit Beweisgründen, die er sich andächtig wie Gebete wiederholte. Dabei lernte er, in Maria Jesu Sklave zu sein. Er kam zu Jesus durch Maria. Und er führte allerlei Beweise an, er machte Unterscheidungen, zog Schlußfolgerungen: Maria, der Jesus auf Erden gehorsam gewesen war, mußten alle Menschen gehorsam sein; Maria behielt ihre mütterliche Gewalt auch im Himmel, wo sie den Gnadenschatz Gottes verwaltete, war die einzige, die ihn anflehen durfte, die einzige, die die Throne verteilte; Maria, einfaches Geschöpf vor Gott, doch zu ihm erhoben, wurde so zum menschlichen Band zwischen Himmel und Erde, zur Mittlerin aller Gnade, allen Erbarmens; und so kam er immer wieder zu dem Schluß, daß man sie in Gott selber über alles lieben müsse. Dann stieß er auf schwer zu fassende theologische Merkwürdigkeiten: die Hochzeit des himmlischen Bräutigams, der Heilige Geist, der das erwählte Gefäß besiegelt, die jungfräuliche Mutter zum ewigen Wunder macht und ihre unverletzliche Reinheit den Menschen zur Verehrung darbietet; es war die über alle Ketzereien siegreiche Jungfrau, die unversöhnliche Feindin Satans, die neue Eva, von der gesagt war, sie werde der Schlange den Kopf zertreten, die erhabene Pforte der Gnade, durch die der Heiland ein erstes Mal eingezogen war und durch die er am Jüngsten Tage wiederum einziehen würde, unbestimmte Weissagung, Ankündigung einer umfassenderen Rolle Mariens, die Serge in dem Traum von einem unermeßlichen Liebeserblühen verharren ließ. Dieser Einzug des Weibes in den eifersüchtigen und grausamen Himmel des Alten Testaments, die weiße Gestalt zu Füßen der furchterregenden Dreifaltigkeit war für ihn die verkörperte Gnade der Religion, das, was ihn über die Schrecknisse des Glaubens tröstete, die Zuflucht eines in den Geheimnissen des Dogmas verlorenen Menschen. Und als er sich Punkt für Punkt in aller Ausführlichkeit bewiesen hatte, daß sie der Weg zu Jesus sei, der bequeme, kurze, vollkommene, sichere Weg, gab er sich ihr von neuem hin, ganz und gar, ohne Gewissensbisse; er war bestrebt, ihr wahrhaft ergeben zu sein, indem er sich selbst abtötete, sich in Unterwerfung versenkte.
Stunde göttlicher Lust. Die Bücher über Marienverehrung brannten in seinen Händen. Sie redeten in einer Liebessprache zu ihm, die duftend wie Weihrauch aufstieg. Maria war nicht mehr das weißverschleierte junge Mädchen, das mit gekreuzten Armen einige Schritte vom Kopfende seines Bettes entfernt stand; sie erschien mitten in Herrlichkeit, so wie Johannes sie sah, in Sonne gekleidet, mit zwölf Sternen gekrönt und dem Mond unter ihren Füßen; sie erfüllte ihn mit ihrem Wohlgeruch, entflammte ihn mit Himmelssehnsucht, riß ihn empor bis in die Glut der Sterne, die auf ihrer Stirne flammten. Er warf sich nieder vor ihr, schrie, er sei ihr Sklave; und nichts war süßer als dieses Wort „Sklave“, das er wieder und wieder aussprach, das er immer mehr auf seinen stammelnden Lippen auskostete, je tiefer er sich zu ihren Füßen demütigte, um ihr Ding zu sein, ihr Nichts, der Staub, den der Flug ihres blauen Gewandes streifte. Er sagte mit David: „Maria ist für mich geschaffen.“ Er fügte mit dem Evangelisten hinzu: „Ich habe sie mir als einziges Gut erkoren.“ Er nannte sie „Meine liebe Herrin“, die Worte fehlten ihm, er stammelte schließlich nur noch wie ein Kind und ein Liebender und hatte nur noch den stockenden Atem seiner Leidenschaft. Sie war die allerseligste Jungfrau, die Königin des Himmels, gepriesen von den neun Chören der Engel, die Mutter der reinsten Liebe, der Schatz des Herrn. Die Bilder reihten sich immer üppiger aneinander, verglichen sie mit einem irdischen Paradies, geschaffen aus jungfräulichem Boden, mit Beeten voller Tugendblumen, hoffnungsgrünen Wiesen, uneinnehmbaren Türmen der Kraft, zauberischen Wohnungen der Zuversicht. Dann war sie ein Quell, den der Heilige Geist versiegelt hatte, ein Heiligtum, darin die Heilige Dreifaltigkeit weilte, der Thron Gottes, die Stadt Gottes, der Altar Gottes, der Tempel Gottes, die Welt Gottes. Und er wandelte in diesem Garten, im Schatten, in der Sonne, im Zauber des Grünens; er lechzte nach dem Wasser dieses Quells; er wohnte in dem schönen Innern Mariens, fand dort Halt, verbarg sich dort, verlor sich rückhaltlos und trank die Milch unendlicher Liebe, die Tropfen um Tropfen aus dem jungfräulichen Busen quoll.
Im Priesterseminar begrüßte er jeden Morgen schon beim Aufstehen Maria mit hundert Verneigungen, das Gesicht dem Streifen Himmel zugewandt, den er durch sein Fenster erblickte; abends nahm er Abschied von ihr, indem er sich ebenso viele Male verneigte, die Augen zu den Sternen erhoben. Oftmals kam ihm bei sternenhellen Nächten, wenn Venus ganz blond und träumerisch in der lauen Luft glänzte, unwillkürlich wie leiser Gesang das „Ave maris stella“ auf die Lippen, jene rührende Hymne, die in der Ferne blaue Gestade vor ihm entrollte, ein liebliches Meer, vom Hauch einer Liebkosung gekräuselt, von einem sonnengroßen, lächelnden Stern überstrahlt. Er sprach noch das „Salve Regina“, das „Regina coeli“, das „O gloriosa Domina“, alle Gebete, alle Lobgesänge. Er las das Marienoffizium, die Erbauungsbücher zu ihren Ehren, den kleinen Psalter des heiligen Bonaventura, der von so frommer Zärtlichkeit war, daß er vor Tränen nicht die Seiten umwenden konnte. Er fastete, er kasteite sich, um ihr die Opfergabe seines wunden Fleisches darzubringen. Seit seinem zehnten Lebensjahr trug er ihr Zeichen, das heilige Skapulier, das doppelte, auf Tuch genähte Bildnis Mariens, dessen Wärme er auf seinem Rücken und auf seiner Brust, auf seiner nackten Haut, mit glücklichem Beben spürte. Später hatte er das Kettchen angelegt, um seine Liebesknechtschaft darzutun. Doch der Höhepunkt blieb für ihn stets der Englische Gruß, das Ave-Maria, das vollkommene Gebet seines Herzens. „Gegrüßet seist du, Maria“, und er sah sie auf sich zukommen, voll der Gnade, gebenedeit unter den Weibern; er warf ihr sein Herz zu Füßen, damit sie in ihrer Lieblichkeit darüber hinschreite. Diesen Gruß wandelte er vielfältig ab, er wiederholte ihn auf hundertfache Weise, sann darüber nach, wie er ihn wirksamer machen könnte. Er sprach zwölf Ave-Maria, um an die Krone aus zwölf Sternen zu erinnern, die Mariens Stirn umschloß; vierzehn Ave-Maria sprach er zum Gedächtnis ihrer vierzehn Freuden; sieben mal zehn sprach er zu Ehren der Jahre, die sie auf Erden gelebt hatte. Stundenlang ließ er die Perlen des Rosenkranzes durch seine Finger gleiten. Lange widmete er sich dann an manchen Tagen mystischer Begegnung dem endlosen Geflüster der Rosenkranzgebete.
Wenn er allein in seiner Zelle war und Zeit hatte, sich seiner Liebe hinzugeben, und sich auf den Fliesen niederkniete, wuchs der ganze Mariengarten rings um ihn her mit seinen hohen Keuschheitsblüten. Der Rosenkranz ließ seine Ave-Maria-Girlande, von Paternostern unterbrochen, durch seine Finger gleiten wie eine Girlande aus weißen Rosen, unter die die Lilien der Verkündigung, die blutenden Blumen des Kreuzwegs, die Sterne der Krönung gemischt waren. Mit langsamen Schritten wandelte er durch die balsamisch duftenden Alleen, blieb jeweils nach zehn der fünfzehn mal zehn Ave-Maria stehen, in dem Geheimnis verweilend, dem sie entsprachen; er war überwältigt von der Freude, vom Schmerz, von der Glorie, so wie die Geheimnisse in drei Folgen eingeteilt waren, die freudenreichen, die schmerzhaften, die glorreichen. Unvergleichliche Legende, Geschichte Mariens, ein ganzes Menschenleben mit seinem Lachen, seinen Tränen, seinem Triumph, das er von Anfang bis Ende in einem Augenblick durchlebte. Und zunächst ging er ein in die Freude, in die fünf lächelnden Geheimnisse, die von der erhabenen Heiterkeit des anbrechenden Tages umspült sind: das waren der Gruß des Erzengels, ein vom Himmel geglittener Strahl von Fruchtbarkeit, der das anbetungswürdige Vergehen in der makellosen Vereinigung mit sich bringt; der Besuch bei Elisabeth an einem klaren Hoffnungsmorgen, zu der Stunde, da Maria durch die Frucht ihres Leibes zum ersten Mal jene Erschütterung erfuhr, die die Mütter erbleichen läßt; die Geburt in einem Stall zu Bethlehem mit dem langen Zug der Hirten, die kamen, die göttliche Mutterschaft zu grüßen; das Neugeborene, das zum Tempel gebracht ward auf den Armen der Wöchnerin, die lächelnd, noch matt, aber schon beglückt, ihr Kind der Gerechtigkeit Gottes, den Umarmungen Simeons, dem Verlangen der Welt darstellt; endlich der herangewachsene Jesus, der sich vor den Schriftgelehrten offenbart, in deren Mitte seine besorgte Mutter ihn wiederfindet, stolz auf ihn und getröstet. Dann schien es Serge nach diesem so zart leuchtenden Morgen, als bewölke sich jäh der Himmel. Er schritt nur noch über Dornen, riß sich die Finger an den Perlen des Rosenkranzes wund, krümmte sich unter dem Entsetzen der fünf schmerzhaften Geheimnisse: Maria, die auf dem Ölberg in ihrem Sohn den Todesschmerz erleidet, die mit ihm die Peitschenhiebe der Geißelung empfängt, die auf ihrer eigenen Stirn fühlt, wie die Dornenkrone die Haut zerreißt, die die furchtbare Last seines Kreuzes trägt, die zu seinen Füßen auf dem Kalvarienberg stirbt. Diese Leidensnöte, dieses grausame Martyrium einer angebeteten Königin, für die er wie Jesus sein Blut dahingegeben hätte, riefen in ihm einen Aufruhr des Entsetzens hervor, den zehn Jahre derselben Gebete und derselben Exerzitien nicht hatten beruhigen können. Doch die Perlen des Rosenkranzes glitten weiter, plötzlich lichtete sich die Finsternis der Kreuzigung, die strahlende Glorie der fünf letzten Geheimnisse glänzte auf mit der Freudigkeit eines freien Gestirns. Maria in ihrer Verklärung sang das Halleluja der Auferstehung, den Sieg über den Tod, die Ewigkeit des Lebens; mit ausgebreiteten Händen, von Bewunderung überwältigt, wohnte sie dem Triumph ihres Sohnes bei, der zwischen purpurgefransten goldenen Wolken zum Himmel auffuhr; sie versammelte um sich die Apostel, genoß wie am Tage der Empfängnis das Lodern des Geistes der Liebe, der in glühenden Flammen herabgestiegen war; nun wurde sie selber von einer Engelschar entführt, auf weißen Fittichen emporgetragen gleich einer makellosen Arche, sanft niedergesetzt inmitten der Herrlichkeit der himmlischen Throne; und dort, als höchsten Ruhm, krönte Gott sie in einer so blendenden Helligkeit, daß die Sonne daneben erlosch, mit den Sternen des Firmaments. Die Leidenschaft kennt nur ein einziges Wort. Während Serge die hundertundfünfzig Ave-Maria aneinanderreihte, sagte er sie doch nicht ein einziges Mal auf dieselbe Weise. Dieses eintönige Gemurmel, dieses unaufhörlich wiederkehrende Wort, dem „Ich liebe dich“ der Liebenden gleich, nahm jedesmal eine tiefere Bedeutung an; er verweilte dabei, unterhielt sich endlos mit Hilfe dieses einzigen lateinischen Satzes, erkannte Maria ganz und gar, bis er, wenn die letzte Perle des Rosenkranzes ihm aus den Händen glitt, seine Sinne schwinden fühlte bei dem Gedanken an die Trennung.
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