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Elisabeth Dauthendey

Die Märchenwiese

Märchen, Geschichten und Gedichte

Saga

Die MärchenwieseCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1918, 2020 Elisabeth Dauthendey und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614626

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

Die beiden funker

Auf einer alten verfallenen Burg lebten einst zwei sehr verschiedene Brüder. Einer hieß Heute, der andre hieß Morgen.

Junker Morgen war ein sehr langweiliger Geselle und hatte die schlechte Gewohnheit, alles zu verschieben, so daß er zu nichts kam.

Funker heute dagegen war rasch in seinen Handlungen, frisch und munter, und nur manchmal etwas zu wild und drauflos.

Ihre Eltern waren tot und hatten ihnen keine Güter weiter hinterlassen als das alte baufällige Schloß. Damit konnten sie nun nicht viel anfangen. Und da sie jung waren und gern glücklich und in freuden gelebt hätten, beschlossen sie, in die große weite Welt zu ziehen und ihr Glück zu suchen. Und da es zu jener Zeit noch alle guten Geister gab, die den Menschen, wenn sie es richtig anfaßten, gern zum Glückfinden halfen, wollten sie ihren Weg dahin nehmen, wo von alters her die guten Geister am liebsten wohnten, und das ist der tiefe, dunkle, grüne Wald. Auch die bösen Geister treiben dort ihr Wesen. Aber mit denen wollten sie schon fertig werden, denn sie waren jung und stark und hatten also guten Mut.

Beide zugleich aber wollten sie die alte Burg nicht verlassen, denn wenn sie auch alt und verfallen war, liebten sie doch dieses Plätzchen auf Erden, wo sie Kinder gewesen und solange mit ihren guten Eltern trotz Armut und Sorgen glücklich und fröhlich gewesen waren.

„Geh du zuerst,“ sagte Junker heute zu seinem Bruder, du bist der Jüngste, und ich habe es dem Vater auf dem Sterbebette versprochen, dich zuerst dein Glück versuchen zu lassen.“

So zog denn Funker Morgen an einem hellen Sommertage hinaus in den geheimnisvollen Wald, der viele Tagereisen lang sich in die Welt hinaus erstreckte. Ex war so schön im Walde. Still und schattig. Und die Erde so warm und voller Blumen. Die Büsche und Bäume hingen voll von Früchten und Beeren, und im grünen, weichen Moose ruhte sich’s behaglich, und der murmelnde Quell gab schönes kühles Wasser. Das gefiel dem Funker sehr gut, und er bummelte vergnügt viele, viele Tage im warmen sommerlichen Walde umher.

Ein kleines goldbraunes Vöglein flog immer mit ihm, es setzte sich auf einen Ast neben ihn und zwitscherte leise: „Glück – Glück“.

Funker Morgen lachte und sagte: „Glück – ja, das will ich mir schon suchen; aber morgen ist auch noch Zeit, es ist zu schön hier.“ Und er ass von den saftigen früchten und frank aus dem klaren Quell, schlief auf dem weichen Mooslager und freute sich an den vielen bunten Blumen, von denen jede ihm ein andres neues Geschichtchen zu erzählen wußte.

So ging er immer tiefer in den Wald, viele, viele lange Tage. Das Vöglein sang immer lauter: „Glück – Glück,“ aber der Funker antwortete immer wieder: „Morgen, morgen,“ und vergass ganz und gar, weshalb er von Hause fortgegangen und in diesen Wald gekommen war.

Aber plötzlich wurde alles ganz anders um ihn her. Die Beeren fielen von den Sträuchern und verdarben am Boden. Die Bäume wurden dunkelrot und leuchtend gelb, das Moos an der Erde feucht und kalt, und die Blumen starben. Da wurde dem Funker schauerlich und einsam zumute, und er sah sich nach dem kleinen Vogel um, dessen Stimme er schon lange nicht mehr gehört hatte.

Der aber saß auf einem Aste und zwitscherte ganz laut: „Glück – Glück – komm – komm.“

„Ja, ja, ich komme,“ sagte Funker Morgen. Da flog das Vöglein hoch in die Luft und sang ein lustiges Lied.

Funker Morgen wanderte weiter über Berg und Tal. Bald war er hungrig und müde, denn im Walde fand er nun keine Nahrung mehr, und in den kalten Nächten konnte er nicht mehr im freien schlafen wie bisher, und so wanderte er denn Tag und Nacht weiter. Endlich, als er fast nicht mehr weiter konnte vor Hunger, Durst und Müdigkeit, sah er am Ausgang des Waldes ein grosses, weisses Schloss mit goldenen Toren leuchten. Die Abendsonne blitzte so hell in den kristallenen Fenstern und auf den goldenen Säulen, dass er die Augen schließen mußte vor all der funkelnden Pracht. Er setzte sich in den Schatten eines Baumes und freute sich, endlich etwas andres als Bäume und Gras und Blumen zu sehen und nun die Hoffnung zu haben, in dem reichen stolzen Schlosse gute Speise und ein weiches Nachtlager zu finden. Er war so müde, dass er fast einschlief, aber der Hunger jagte ihn weiter.

Als er dann an das goldene Tor des Schlosses kam, öffnete sich dieses weit vor ihm, und er ging verwundert über die mit goldenen Steinen gepflasterten Wege durch große, weite Hallen mit bunten Marmorsäulen. Dann kam er an einen Garten, so wunderschön, wie er noch nie einen gesehen hatte. Die Bäume und Blumen, der blaue See mit den weißen Schwänen funkelten wie lauter Edelsteine.

Aber alles schien tot, und nichts bewegte sich. Er griff nach den goldroten Früchten und freute sich, endlich etwas Gutes für seinen hungrigen Magen zu finden. Aber die schönen Früchte waren hart wie Stein und kalt wie Eis, und er konnte sie nicht vom Baume brechen, so fest waren sie angewachsen. Und als er aus dem blauen See Wasser schöpfen wollte, war auch das hart und fest wie Stein.

Da seufzte Junker Morgen laut auf. Und da stand plötzlich ein alter Mann mit eisgrauem Barte neben ihm, der rührte an seinen Arm und winkte, ihm zu folgen. Beide schritten sie schweigend zusammen durch viele große herrliche Zimmer voll Pracht und Reichtum. Endlich blieb der Alte vor einer Tür stehen, öffnete sie mit einem goldenen Schlüssel, und sie traten in ein wunderschönes Frauengemach. Da schlief auf purpurroten Polstern ein liebliches Königskind. Funker Morgen war ganz entzückt und konnte seine Augen gar nicht abwenden.

„Sie ist schön, nicht wahr?“ sagte da der alte Schloßwart. „Und siehe, sie soll dein Weib sein, und das ganze herrliche Schloß soll dir dazu gehören, wenn du heute um Mitternacht hier bist und ihren Zauber löst, indem du sie bei dem zwölften Schlage der Turmuhr auf den Mund küßt.“

„Weiter nichts?“ jagte Junker Morgen erstaunt.

„Die Aufgabe ist leicht, erfülle sie nur,“ sagte der Alte ernst. Dann gab er ihm den goldenen Schlüssel zur Tür und führte ihn an den Eingang zurück. „Heute mit dem zwölften Schlage!“ sagte der Alte.

„Ja, ja,“ rief lachend der Funker und trat hinaus. Ah, wenn das alles hier erst sein wäre, herrlich und in Freuden wollte er dann leben; da würde wohl der ganze Zauber vom Schlosse abfallen, wenn er die Prinzessin erlöst hätte, und all die köstlichen Früchte könnte man genießen, und die Schwäne auf dem See würden wieder schwimmen.

Da fühlte er wieder seinen Durst und Hunger und fing an zu denken, wo er wohl für die langen Stunden bis Mitternacht eine gute Mahlzeit finden könnte. Und wie er seine Augen so umherschweifen ließ, sah er aus einer kleinen Hütte am Rande des Waldes eine feine, dünne blaue Rauchwolke aufsteigen. Voll Freude lief er auf die Hütte zu. Leise schlich er heran und schaute durchs Fenster.

Da saß ein altes häßliches Weib auf einem Schemel. Sie hatte einen großen schwarzen Kater auf dem Schoß und streichelte ihn. Aber obgleich es aussah, als ob sie ihn mit zärtlichen Händen streichle, fauchte und krümmte sich der Kater, und als sie ihn endlich los ließ, sprang er mit einem Satz zum Fenster hinaus und dem Funker gerade an die Brust.

Die Alte lachte laut auf: „Hei, Kater Schwachkopf, deine erste Heldentat! – Und was ist Euer Begehr?“ fragte sie den Junker.

„Ich bin hungrig und müde und möchte mich bei Euch etwas ausruhen und laben – ich werde es Euch reichlich lohnen, freilich erst morgen – morgen bin ich der reichste Mann im Lande.“

„Morgen,“ sagte die Alte, „es wäre mir lieber, Ihr wäret es heute schon – aber kommt nur herein und esset meine Suppe mit mir.“

Die Suppe schmeckte ihm köstlich. Und erst als Junker Morgen ganz satt war, sah er sich in dem verfallenen Hüttchen um. Es war ganz schwarz voll Rauch, und merkwürdige Geräte hingen an den Wänden, und viele Schüsseln und Salbtöpfe standen auf dem Herde und auf vielen Brettern an den Wänden entlang. Die Alte kauerte am Boden und murmelte leise unverständliche Worte in ein Gehäuse von Holz hinein, in dem eine Menge schneeweisser Mäuse unruhig hin und her liefen.

„Nun bin ich satt und müde und will schlafen,“ sagte der Junker, „aber weckt mich zur rechten Zeit, um Mitternacht habe ich ein wichtiges Geschäft vor – wenn das vollendet ist, soll’s Euer Schade nicht sein, mich so barmherzig aufgenommen zu haben.“

„So, so – und gar geheimnisvoll seid Ihr – na, wollen sehen – wecken will ich Euch schon.“

Junker Morgen fühlte noch einmal nach dem goldenen Schlüssel in seiner Tasche, und dann schlief er fest ein.

Ihm war, als habe er nur eben erst die Augen zugemacht, als er sich derb geschüttelt fühlte. Die Alte stand am Bett und lachte ihn mit ihren bösen Augen an.

„Auf, auf“, sagte sie, „es ist gleich Mitternacht, und Ihr hattet doch solch eine wichtige Sache auszuführen. Auf, auf!“

„Ach,“ sagte Junker Morgen, „ich bin so müde, lasset mich doch schlafen!“

„Aber Euer Glück und all das Gold, das Ihr mir verspracht – – –“

„Glück – Gold“, brummte der Junker schlaftrunken, „morgen ist auch noch ein Tag!“

„Hört, es schlägt vom Turm – eins. – zwei. Was wolltet Ihr denn tun, erinnert Euch doch!“

„Ja, es war etwas mit einer schönen frau.“

„Schöne Frauen warten nicht gern, es ist der fünfte Schlag!“

Aber Junker Morgen drehte sich faul herum und brummte: „Lasst mich heute noch schlafen – morgen, morgen ist auch noch Zeit.“

Als er dann am andern Tage erwachte, glaubte er, alles geträumt zu haben. Er stürzte an das Fenster, aber kein Schloss war mehr zu sehen, er suchte nach dem Schlüssel, aber auch der war fort. Doch als die häßliche Alte hereinkam, fiel ihm alles wieder ein und auch, daß er sein Versprechen, sie für ihre Gastfreundschaft zu bezahlen, nun nicht mehr halten konnte; und er wollte sich leise hinausschleichen aus der Hütte. Aber die Alte merkte seine Absicht, sprang ihm nach und hielt ihn am Kragen fest: „Hollah – dageblieben – hier wird bezahlt; wenn der faule Herr kein Gold hat, dann muß er mir eben anders dienen!“ Und sie packte den Junker mit beiden Händen und schüttelte ihn furchtbar und sprach allerlei wirre Worte dazu. Da fühlte er, daß er unter ihren Händen immer kleiner wurde, und als er schreien und um Hilfe rufen wollte, konnte er nur noch fauchen und knurren wie ein Kater.

„Ha, schöner schwarzer Herr,“ sagte boshaft die Alte, „nun will ich Euch die Faulheit austreiben, marsch, an die Arbeit – fort, auf die Mäusejagd – he, Kater Schwachkopf, herbei, zeige dem Gesellen, was er zu tun hat – fort, und dass ihr mir jeder mindestens drei Mäuslein mit heimbringt – schneeweiß, ohne Flecken und fein lebendig – hört ihr?“ – und sie gab jedem noch einen derben Fußtritt, als sie ihnen die Türe öffnete.

–––––

Während alles dieses geschah, saß Junker heute auf dem Schlosse und wartete auf die Rückkehr seine Bruders. Als der Sommer ins Land gegangen war und auch fast schon der Herbst zu Ende war, wurde ihm das Herz schwer, denn er glaubte, sein Bruder sei in einer Gefahr umgekommen. Nun machte er sich denn selbst auf den Weg nach dem Glück und hoffte, dabei vielleicht etwas von dem Schicksale seines lieben Bruders zu erfahren.

Er hielt sich nicht lange auf im Walde. Rasch und ungeduldig, wie er war, achtete er nicht auf Weg und Blumen und Quell, sondern eilte weiter und weiter, immerfort auf das Abenteuer wartend, das ihm das Glück bringen würde.

Auch mit ihm flog das goldbraune Vöglein und sang: „Glück – Glück“; und Junker Heute nickte ihm zu und sagte: „Ich weiß – ich weiß!“

Aber er eilte so schnell vorwärts, daß ihm das kleine Vöglein kaum folgen konnte, und es sang: „Bleib – Bleib!“

Doch Junker Heute lachte und rief: „Nein, Kamerad, zum Bleiben ist keine Zeit!“ und stürmte weiter.

So kam er denn schon nach wenig Tagereisen da an, Wohin sein Bruder Monate gebraucht hatte. Auch er kam an der schwarzen verfallenen Hütte vorüber.

Es war ein warmer Herbstabend, und die Alte saß im Sonnenschein und hatte die beiden schwarzen Kater auf dem Schoße. Als Junker heute näher kam, schoss der eine auf ihn los und schmiegte sich an seine Füße und fauchte und miaute und geberdete sich wie toll.

„Nun, Kater Faulpelz, was ist denn los?“ rief die Alte. Junker Heute beugte sich zum Kater und streichelte ihm freundlich das blanke, kohlschwarze Fell.

„Wollt Ihr nicht eintreten und eine Labung zu Euch nehmen?“ sagte die Alte, den Junker mit einem bösen Lachen ansehend.

„Danke, danke – bin sehr in Eile,“ antwortete Junker Heute.

„Sehr in Eile? Eile braucht Weile, bleibt und esset und ruhet Euch!“

„Nein, es geht nicht,“ sagte der Junker und machte sich wieder auf den Weg. Der Kater wollte mit ihm laufen, aber da rief ihn die Alte mit einer scharfen, bösen Stimme, und da duckte sich der Kater zusammen und kroch zu ihr zurück.

Junker Heute kam nun auch an das Schloß, das funkelnd im Abendsonnenscheine lag, und da wußte er, dass er am Ziele seiner Reise angelangt sein müsse. In diesem Schlosse mußte er sein Glück finden, und atemlos ging er zum Tore, das sich plötzlich auch vor ihm weit öffnete.

„Glück – Glück – wart’ – wart’!“ sang das Vöglein.

„Warten?“ rief der Junker, „das mußt du einem andern sagen – ich warte nicht.“ Und hinein stürzte er in das Schloß, lief durch die Gänge und Höfe und den schönen Garten – sah nichts von all dem Schönen –, ohne Ruh’ und Rast lief er, bis auch zu ihm der alte Mann mit dem langen Barte kam und ihn an die goldene Tür führte.

Junker Heute zitterte vor Ungeduld, und als er das schöne, wundersame Königskind auf dem purpurnen Lager sah, fiel er vor Entzücken auf die Knie und breitete die Arme nach ihm aus.

„Sie ist schön – nicht wahr?“ jagte der Alte. „Und siehe, sie soll dein Weib sein, und das ganze herrliche. Schloß soll dir dazu gehören, wenn du morgen um Mitternacht hier bist und ihren Zauber löst, indem du sie beim zwölften Schlage der Turmuhr auf den Mund küßt.“

Da sprang der Junker heute auf: „Morgen, sagst du, morgen – da liegt mein Glück vor mir, und ich soll bis morgen warten? – Nein, heute, heute muß es mein werden!“ – und er lief auf die schlafende Königsmaid zu und umschlang sie. – Da dröhnte ein furchtbarer Schlag durchs Schloß, und alle Herrlichkeit stürzte mit dem Ritter in tiefe Finsternis. – – –

Als er erwachte, lag er auf der Landstraße am Rande des Waldes. Der schwarze Kater stand neben ihm und leckte ihm zärtlich die Hände. „Ach, du gutes Tier willst mich trösten,“ sagte Junker Heute traurig. Er erhob sich und setzte sich auf einen Stein am Wege und nahm den Kater auf seine Knie. „Ja, ja,“ sagte er, „so ist’s, nach dem Glück zog ich aus, und als ich es beinahe hatte, muß ich es mir durch meine Ungeduld zerstören – ja, so war ich immer – und mein armer Bruder hat es sich wohl durch seine Trägheit vernichtet – ach, Bruder Morgen, wärest du doch wieder bei mir, da wollten wir zusammen es noch einmal versuchen,“

Als er so sprach, sprang der Kater ganz wild von seinen Knien herunter, heulte fürchterlich, zerrte an seinen Kleidern, lief zur verfallenen Hütte, kam wieder zurück und zerrte wieder an seinem Rocke.

Da merkte der Junker, daß das Tier etwas von ihm wolle, stand auf und folgte dem Kater in die Hütte. Dort stand die Alte am Herde und rührte in einer Schüssel, aus der ein häßlicher Geruch aufstieg, und murmelte leise unverständliche Worte dazu. Da sprang der Kater so wild auf die Schultern der Alten, dass sie mit einem Schrei umfiel, und nun zerbiß der Kater ihr das Gesicht und fauchte und heulte jämmerlich. Junker Heute nahm sein Schwert und schlug die alte böse Hexe tot. Und in demselben Augenblick stand sein Bruder Morgen neben ihm, und ein schwarzes Katerfell lag an der Erde.

Die Brüder umarmten sich und weinten vor Freude. „Da stehen wir nun beide mit leeren Händen, jetzt laß uns zusammen das Glück suchen,“ jagte Junker Morgen. „Wenn du zu schnell bist, werde ich dich zurückhalten.“

„Und wenn du zu lange zögern willst, werde ich dich antreiben,“ sagte Junker. Heute. Und so machten sie es.

Und so wurden sie beide glücklich und legten ein langes schönes Leben.

–––––

Das Zauberauge

Es war einmal – – – – –

Ja, was war denn schnell? –

Richtig! Ein kleiner Knabe und ein kleines Mädchen legten hoch oben im Norden. Sie hießen Ola und Fretta, und sie hatten sich sehr lieb.

Es waren nicht Schwester und Bruder, denn den kleinen Ola hatte Frettas arme Mutter einmal im kalten Winter halb erfroren im Walde gefunden und ihn mit nach Haus genommen, und nun spielten die beiden zusammen und hatten sich sehr lieb.

Im Sommer liefen sie im Walde umher und sammelten Beeren und Moos, machten Kränze und Sträuße von den schönen Waldblumen, die ihre Mutter dann in die Stadt trug, um sie zu verkaufen. Sie suchten Futter für ihre Ziege und sammelten im Herbst Holz und trockenes Laub für den Winter. Sie lagen im Schatten der Bäume und erzählten sich schöne Märchen oder legten sich auf den Rücken mitten in der Waldmiese und sahen hinauf in den hohen blauen Himmel, der immer höher wurde, je länger sie hinaufsahen. Und wenn die Wolken dort schwer dahinzogen oder wie kleine weisse Lämmer feststanden, sehnten sie sich zusammen hinauf, um von dort die ganze große Welt sehen zu können und mit den Wolken fliegen zu können – weit, weit weg.

Aber sie wollten immer zusammen sein, denn sie hatten sich sehr lieb.

„Aber wenn wir uns einmal verlieren, Ola?“

„Ach, dich finde ich immer wieder, du hast ja dein hübsches schwarzes Fleckchen am Ohr, und dein goldenes haar leuchtet in der Sonne, dich finde ich schon wieder.“

Und eines Tags waren sie sehr weit in den Wald hineingegangen. Da kamen sie an ein kleines Haus mit einem kleinen Garten daran. In dem Garten standen so wunderschöne Blumen, wie sie solche noch nie zuvor gesehen hatten. In allen Farben sprühte und glühte es darin wie lauter Edelsteine. Die beiden standen still und staunten all die Schönheit an.

Da hörten sie eine Stimme sagen: „Kommt doch herein, Kinder! Wollt ihr die schönen Blumen haben?“

Und als sie aussahen, stand am Fenster des Häuschens ein häßlicher alter Mann mit langen grauen schmutzigen Haaren, und in der Mitte der Stirn hatte er nur ein Auge, und das war blutrot und funkelte wild.

Da erfaßte sie eine große Angst, und sie liefen, so schnell sie nur konnten, nach Hause und erzählten der Mutter, was sie gesehen.

„Da dürft ihr nie wieder hingehen, Kinder, das ist der böse Zauberer, wenn der ein Kind ansieht mit seinem bösen Auge, wird es krank im Herzen und kann sich an nichts mehr freuen und stirbt bald. Also geht mir nie wieder so tief in den Wald, hört ihr?“

Aber Ola dachte Tag und Nacht an die wunderschönen Blumen und wollte so gern welche für fretta haben.

„Wenn ich nun schnell hineingehe und hole mit ein paar und sehe dem bösen Mann gar nicht ins Auge, dann kann es doch nicht schaden. Die Blumen sind wie Edelsteine; wenn wir die in der Stadt verkaufen, werden wir reiche Leute, dann kann ich für Mutter und Fretta schöne Kleider kaufen, und ich kunn in die weite Welt hinaus und sehen, wie es da aussieht, und wenn ich wiederkomme, dann heirate ich Fretta.“

So dachte er jeden Tag und jede Nacht an nichts andres mehr als an den Zaubergarten, und endlich konnte er es nicht mehr aushalten, er wollte wenigstens einmal hingehen und sehen, ob er nicht zwischen dem Gitter durch eine Blume abreißen konnte.

Es war ein schöner Sommerabend. Fretta saß auf ihrem Schemel und melkte die Ziege. Da rief Ola ihr zu: „Ich gehe in den Wald, Futter zu holen, es ist fast keins mehr im Stall, ich bin bald wieder zurück.“

Fretta wunderte sich, da Ola sonst nie allein in den Wald ging, aber sie konnte nicht fort von ihrer Arbeit, und so ließ sie ihn gehen.

Ola ging mit klopfendem Herzen tief in den Wald hinein. Es war so unheimlich still um ihn her, da er seine Fretta zum Plaudern nicht bei sich hatte. Nach langem Laufen wurde ihm doch so bange ums Herz, und er wollte schon umkehren, da sah er von weitem ein Funkeln und Leuchten – das kam von den schönen Blumen – so nahe war er schon – nein, da wollte er doch einmal versuchen, ob er eine bekommen könne.

Und ganz leise schlich er sich an den Garten heran – rings umher war alles still, ganz still, er sah keinen Menschen im Garten, auch am Fenster des Häuschens war niemand zu sehen.

Und da, ganz nahe am Gitter, wuchs eine herrliche rote Blume, die glitzerte und funkelte und strahlte so wunderschön – die mußte er haben.

Und er kniete am Boden nieder, zwängte seine Hand durchs Gitter und ergriff die Blume. Da er aber den Stengel hatte, war’s, als ob er in ein scharfes Messer griff, und sein rotes warmes Blut troff auf die Erde, und die Hand war fest an der Blume, und er konnte sie nicht mehr losmachen. Da stieß er vor Schreck und Schmerz einen lauten Schrei aus – und dann hörte er, wie eilig schwere Schritte aus dem Hause kamen, und eine derbe Hand packte ihn hinten am Kragen und hob ihn über das Gitter in den Garten hinein.

„So, da hab’ ich dich ja, du Bürschchen. Haben dich meine Blumen gelockt? Nun, so ist’s recht, jetzt kannst du bei mir bleiben. – So – sieh mich einmal an!“

Und Ola, zitternd an Händen und Füßen, mußte dem Zauberer in sein böses Auge sehen.

Da war’s ihm, als ob sein Herz zusammenschrumpfte, als ob es kalte schwarze Nacht in ihm würde.

Und der Zauberer führte ihn ins Haus. Da lagen auf dem Tische viele hübsche runde Dinger, blau und braun und schwarz.

„Das sind Kinderaugen,“ sagte der Mann, „die pflanzen wir draußen im Garten, und das werden dann Edelsteine. Von den letzten Gedanken, die das Kind hatte, nehmen sie dann die Farben an. Das Kindesauge, das gerade an seine Eltern dachte, als es herausgerissen wurde, gibt die schönen blauen Blumen, die Sehnsuchtstränen werden Diamanten, und wenn ein kleines Mädchen oder ein Knabe eine stille warme Liebe im Herzen hat, das werden die schönsten Blumen, die feuerroten mit den heißen goldenen Strahlen.

„Deine Augen würden solche Strahlenblumen geben, wenn ich dich getötet hätte, ehe ich dich angeschaut, denn du liebst das kleine Mädchen, das neulich mit dir hier war –“

„Nein, ich liebe es nicht,“ sagte Ola, „das häßliche Ding mit dem schwarzen Fleck am Ohr und dem gelben Haar –“

„Aha – der Zauber hat schon gewirkt,“ murmelte der Alte. „Fürchte dich nicht, ich werde dich nicht töten, denn du sollst mir helfen bei meiner Arbeit; diese Augen müssen alle im Garten gepflanzt werden, und ich werde alt und kann mich nicht mehr so bücken. Wenn du mir ordentlich hilfst, werde ich dir mein Zauberauge vermachen, dann kannst du an meiner Stelle hierbleiben und die Kinder locken, die Blumen pflanzen und die Edelsteine verkaufen.“

„Kommen denn viele Kinder her?“

„O ja, oder ich suche sie mir auch draußen; wenn ich ihnen meine Steine zeige kommen sie alle mit. Wenn ich hinausgehe, sie zu fangen, nehme ich einen großen Schirm vor das Auge, dann fürchten sie sich nicht; so mußt du es später auch einmal machen.“

„O ja,“ sagte Ola, „das wird schön.“

„Und das kleine Mädchen müssen wir auch haben, denn das liebt dich, und das gibt die schönen Blumen, die roten, die sind die gesuchtesten und werden teuer bezahlt.“

„Ja,“ sagte Ola, „das müssen wir auch haben.“

Fretta aber saß mit Angst und Sorge zu Hause, denn es war sehr spät am Abend geworden, und Ola war noch nicht zurück.

„Ach, Mutter! Er ist gewiß bei dem bösen Zauberer; er hat mir wohl eine von den schönen Blumen holen wollen, weil ich sagte, sie gefallen mir so gut? Ach, Mutter, was soll ich tun, um ihn wieder herzubekommen? Ich sterbe ohne ihn!“

„Sei doch nicht so dumm,“ sagte die Mutter, „laß ihn doch, ich habe ihn gewarnt; und er ist ja gar nicht dein wirklicher Bruder, da brauchst du ihn gar nicht liebzuhaben, und zu sterben brauchst du schon gar nicht deshalb. Gehe lieber morgen in den Wald und hole Blumen, daß ich sie wieder in der Stadt verkaufen kann, denn sonst müssen wir hungern, und die Ziege muß auch Futter haben.“

Fretta aber weinte die ganze Nacht. Andern Tags ging sie in den Wald. Wie öde und still war es da ohne Ola! Sie fürchtete sich, riß schnell so viel Blumen als möglich ab und lief nach Hause. Und so weinte sie viele Tage und Nächte und wurde blaß und aß und trank nicht.

Sie hatte nur noch den einen Gedanken: Wie kann ich Ola retten? Ach, ich muß einmal hingehen, ob ich ihn wenigstens einmal wiedersehe.

Und den andern Tag ging sie durch den stillen Wald, lange, lange – bis auch sie die schönen Blumen wieder sah – und sie ging leise ganz nahe heran; aber die Blumen wollte sie gar nicht, sie wollte nur Ola sehen.

Und richtig, da lag er an der Erde und grub mit den Händen Löcher hinein, und dann legte er etwas in die Löcher hinein und deckte die Erde wieder drüber.

„Ola, Ola, was machst du da?“ schrie sie.

Er aber kannte seinen Namen nicht mehr und hörte sie nicht.

Da fing sie bitterlich zu weinen an.

Erst als Ola mit seiner Arbeit fertig war, stand er auf, und da sah er sie und kam an das Gitter.

Und sie streckte die Arme nach ihm aus.

Aber er sah sie mit einem bösen stechenden Blick an und hielt ihr eine Blume hin und sagte: „Willst du sie, so komm doch herein, ich gebe dir alle Blumen, die du willst.“

„Aber Ola, lieber guter Ola, kennst du mich denn nicht mehr, ich bin ja deine Fretta, die du immer so liebhattest? Ach, sieh mich doch wieder freundlich an!“

Aber der Zauberer hatte Olas Herz ganz böse gemacht, daß er nicht mehr wußte, wie lieb er Fretta hatte.

„Ich kenne dich nicht,“ sagte er, „du mit dem häßlichen schwarzen Fleck am Ohr und den gelben Haaren, aber du hast schöne Augen, und die können wir brauchen.“ Und er streckte die Hand nach ihr aus, um sie hereinzuholen.

Doch fein wilder, böser Blick erschreckte die arme kleine Fretta so sehr, daß sie voll Todesangst davonlief und heiß und mit Fieber in den Adern nach Hause kam. Aber ihre Muttter war nicht zu Hause; sie war von der Stadt noch nicht zurückgekommen. Sie war schon früher manchmal erst am andern Tage heimgekehrt, und die beiden Kinder hatten sich nicht gefürchtet.

Doch heute zitterte Fretta vor Angst. Sie konnte Olas fürchterliche Augen nicht vergessen. Der arme Ola, das hatte ihm der böse Zauberer angetan.

Sie mußte ihn retten, sie hatte ihn ja so lieb.

Aber was sollte sie tun?

Das Auge war’s – hatte die Mutter gesagt –, das Zauberauge, damit hatte der Alte Olas Herz vergiftet, und nun war er krank und mußte bald sterben.

Bald sterben! – Fretta fuhr von ihrem Lager auf. Ola sterben, nein, nein, das darf nicht geschehen. Ich muß ihn retten.

Es war eine schöne stille Sommernacht. Dort im Norden sind die Nächte so hell wie der Tag.

Fretta stand auf, sie wusste mit einem Male, was sie wollte. Sie holte sich aus der Küche ein scharfes, spitzes Messer, und dann ging sie hinaus in den schlafenden Wald. Ihre nackten Füße machten kein Geräusch, und so war es totenstill um sie her. Die Vögel und die Bäume und die Blumen schliefen, und nur der Atem des Waldes strich wie ein leichter weicher Wind über Frettas Wangen.

Fretta fürchtete sich in dieser großen Stille so ganz allein. Wenn doch nur ein einziger Vogel gesungen hätte!

Das Herz wollte ihr springen vor Angst, aber da dachte sie an Ola und rief seinen Namen leise, ganz leise – aber immer: Ola – Ola – Ola – –

Und so kam sie endlich an das Haus des Zauberers.

Da war es auch totenstill. Die Blumen lagen müde im Grase und hatten allen Glanz verloren. Fretta kletterte über das Gitter, dann auf die Bank, die am Fenster stand, und sah hinein. Sie zitterte am ganzen Körper, aber sie nahm den letzten Mut zusammen und sah den großen häßlichen Mann im Bette liegen. Das eine große schreckliche Auge war geschlossen. Und neben ihm lag Ola und schlief auch.

Leise stieg sie durchs offene Fenster in die Stube – es war so hell darin wie am Tage.

Sie schlich ans Bett – er schlief ganz fest, der böse Mann, und hörte nichts; da stieg sie auf einen Stuhl, von da in sein Bett ihm zu Häupten, und mit beiden kleinen schwachen zitternden Händen bohrte sie das Messer gerade in sein böses Auge hinein.

Er stieß einen so gräßlichen Schrei aus, daß Ola erwachte und sie greifen wollte, aber sie sprang schnell von ihm weg zum Fenster hin.

„Komm, Ola – mein Ola, deine Fretta ist’s – komm mit mir!“

„Ach, bist du’s, meine kleine süße Fretta?“ sagte Ola und rieb sich die Augen und sah sie wieder so gut und lieb an wie früher. „Ja wir wollen laufen, nach Hause – ich habe dich so lange nicht gesehen – ich habe wohl • geträumt –“

Aber der Zauberer schrie in seinem Schmerz so laut, daß Ola bald wieder wußte, wo er war. Da drängte er Fretta hinaus durchs Fenster in den Garten und dem Walde zu.

„Nun können wir aber ein paar Blumen mitnehmen, der tut uns nichts mehr. Siehst du diese rote und diese blauen – ach, die weißen und gelben noch?“

„Nein, nein,“ schrie Fretta, „dort steht er am Fenster, er kommt uns noch nach.“ Und sie liefen schnell hinaus in den sommerschlafenden stillen Wald.

Aber sie fürchteten sich nicht mehr, denn sie waren zu zweien, und sie hatten sich sehr lieb.

„Und aus den roten und blauen Steinen lass’ ich dir ein schönes Geschmeide machen, wenn du einmal meine kleine frau bist,“ sagte Ola.

Und sie küßten sich und liefen froh und glücklich im Walde umher und dachten nichts andres, als daß sie sich nun wieder bei den Händen halten und zusammen spielen und träumen konnten.

Von dem bösen Zauberauge sprachen sie nie wieder.

–––––

Der goldene Regen

Der heilige Wettermacher Petrus stand oben am Wetterhaus, das gerade an der Grenze des Himmelreichs liegt, wo die blauen Engelswiesen aufhören und der rote Wald des bösen Reiches anfängt.

Er schaute herunter auf die Erde, ob es gut sei, daß er wieder einmal regnen lasse. – Na, etwas Regen könnte nicht schaden, dachte er. Aber die Leute auf dem Lande waren gerade bei der Ernte, und da wollte er sie nicht erschrecken. Die Stadtleute aber waren sehr böse über den Staub, der ihnen die schönen Kleider verdarb, und schauten recht sehnsüchtig zum blauen, heissen Himmel hinauf.

„Ach was,“ sagte Petrus, die können warten.“ Und da er etwas müde war, setzte er sich auf eine Bank unter einen goldenen Baum. Auf der blauen Himmelswiese spielten die Engelskinder und sangen schöne fröhliche Lieder; die hörte Petrus so gerne, und er lächelte sanft und schlief ein.

Da kam gerade auf der andern Seite der böse Teufel vorüber. Der guckte über den goldenen Zaun und sah den heiligen Petrus eingeschlafen auf der Bank sitzen.

„Na, warte,“ sagte er, „dir will ich mal einen Streich spielen, bin dir noch einen schuldig dafür, daß du mít neulich ein paar Seelen, die fast schon in mein Reich gehörten, noch im letzten Augenblick durch deine Engel abspenstig gemacht hast.“ Und damit stieg er mit seinen langen schwarzen Bocksbeinen über den goldenen Zaun. Vorsichtig sah er sich um, denn wenn er erwischt worden wäre, hätte er zur Strafe drei Tage im Himmel bleiben und die Güte und den Frieden, der da herrschte, mit ansehen müssen, und das war ihm fürchterlich.

So schlich er ganz leise zur Bank, wo der alte Petrus im Traum mit dem Kopfe nickte, und hielt ihm seine schwarze zottige Hand an die Nase. Aber Petrus rührte sich nicht.

„Na, wenn du meinen Höllengeruch nicht riechst, vor dem sogar meine Teufel davonrennen, dann bin ich sicher, dann schläfst du fest genug für eine lange Weile.“ Er lachte vergnügt und sah sich um, was er nun Tolles anrichten könnte, um die Menschen auf der Erde recht in Wut zu bringen, daß sie in ihrem Zorn was recht Böses täten, das sie zuletzt in seine rote Hölle brächte, um dort ihm, statt dem lieben Gott im Himmel, zu dienen.

Da bemerkte er, daß Petrus das Wetterhaus offen gelassen hatte, und flugs ging er hinein und sah auf die Erde hinunter. Und weil ihm vorerst nichts Besseres einfiel, fing er an, die silberne Regenpumpe zu schwingen, und freute sich, wie es dann in Strömen hinunterregnete und die Leute auf dem Lande erst böse Augen machten und dann böse, zornige Worte sagten. In der Stadt aber freuten sie sich. – „Ja, sa,“ sagte der Schwarze, „auch ich kann es euch nicht allen recht machen, meine Lieben.“ – Es machte ihm großen Spaß. die zappelnden Leute auf dem Felde eines kleinen Dorfes zu beobachten, wie sie ratlos hin und her rannten und nicht wußten, was sie zuerst anfassen sollten, um ihre Ernte einzubringen. Immer toller schwang erden Pumpenstiel, und immer lauter schimpften die Leute unten. Da rief ein Bauersmann: „Immer grad, wenn’s am wenigsten paßt, müssen s’ da oben die Schleusen aufmachen.“ – „Ja, der Petrus wird alt und schwach, man merkt’s,“ sagte ein andrer. – Da rief ein Dritter: „Wenn’s noch Gold wäre, was da runterkommt – aber das dumme Wasser, das einem nur alles verdirbt –“

Da kam dem Bösen ein guter Gedanke, das heißt, ihm schien er gut, aber er konnte nur Böses denken. „Ha – das ist ein Wort –, Gold wollt ihr, daß es regnet – na, die Freude will ich euch machen.“ – Und er tauchte seine goldenen Hörner in das reine Himmelswasser, und plötzlich regnete es wirklich Gold auf die Erde. Erst waren es kleine Funken, und allmählich wurden ex große Stücke; wie Eier groß.

Die Leute unten waren vor den Regenströmen in eine Feldscheune geflüchtet und standen nun herum und sahen grimmig hinaus auf ihre schöne Ernte, die ihnen da vor der Nase zuschanden wurde. – Da sahen sie es plötzlich im Regen wie Gold aufblitzen und dann immer größere Stücke herunterfallen. Sie rieben sich die Augen und dachten, sie jähen nicht recht. Keiner traute sich zuerst zu sagen, was er sah, er dachte, man würde ihn auslachen. Sie wurden immer aufgeregter und reckten ihre Hälse nach dem Himmel.

„Was glotzt du denn so?“ fragte einer seinen Nachbar. – „Du, siehst du was?“ sagte endlich einer. – „Was siehst denn du?“ fragte mißtrauisch der andre. – „na, ich sehe was.“ – „Ich auch.“

„Meinst vielleicht, daß es Gold wär’ – machst grad so ein schlaues Gesicht!“ – „Na, deins sieht schon eine ganze Weile noch dümmer aus als sonst.“

„Ha, das sind ja Goldstücke!“ rief da ein Kind. Und da schrien sie alle auf: „Gold, Gold! Es regnet Gold!“

„Herrgott, dann ist ja die ganze Ernte hin!“, schrie eine frau. – „So dumm,“ brummte ein Bauer, „die mag hin sein, wenn dafür das Feld voll Gold liegt.“ – „Aber vielleicht schmilzt es nachher,“ sagte das Kind. – Da sahen sich alle erschrocken an und wußten in der Verwirrung nicht, was sie tun sollten.

„Körbe her!“ rief der kluge Mart. Und da riefen es ihm alle nach: „Körbe her, Körbe her!“ – Und die Leute stürzten in die Häuser nach Körben. Es war eine furchtbare Aufregung, denn die Stücke Gold, die noch immer von oben fielen, trafen sie überall hin, und mit Wunden an Kopf und Händen wühlten sie dann in dem Golde und luden Körbe, Säcke und Kasten voll und was sie sonst irgend im Hause erwischen konnten, in das man das Gold hineinstecken konnte. Sie rafften mit zitternden Händen zusammen, was sie nur greifen konnten, und stießen die andern Hände fort, die ihnen in den Weg kamen, und schlugen aufeinander los in bitterböser Angst, daß der andre mehr von dem gleißenden Gold erwischen könnte als sie selbst. Schließlich hatten sie alle blutende Wunden und böse Herzen, als es endlich aufhörte zu regnen. Und sie arbeiteten weiter, heiß und aufgeregt, bis sie gar keinen Raum mehr hatten, wo sie das übrige unterbringen konnten. Und sie sahen mit gierigen Blicken nach dem, was sie nicht mehr mitnehmen konnten in ihre Häuser. Und alle Türen, die bisher auch über Nacht unverschlossen geblieben waren, weil sich keiner vor dem andern fürchtete, wurden diese Nacht verriegelt und verrammelt, weil keiner mehr dem andern traute. Ans Essen und Trinken dachte niemand, sie schlichen sich todmüde und ganz dumm vor lauter Glück und schweren Gedanken, was sie nun mit all den Schätzen machen sollten, in ihre Betten und schliefen einen schweren Schlaf mit angstvollen Träumen.

Der schwarze König aber stand oben und hielt sich die Seiten vor Lachen und rieb sich die Hände vor Freude auf die Ernte, die er da halten würde, wenn der Same des Bösen aufgehen würde, der durch den plötzlichen, ohne Arbeit und Mühe ihnen zufallenden Reichtum in die Herzen der Menschen gefallen war.

Da hörte er das laute Gähnen des erwachenden Petrus und schlich sich leise aus dem Wetterhäuschen und sprang über den Zaun zurück in sein eignes, dunkles Reich, das nur durch ein rotes Feuer Tag und Nacht erleuchtet war.

Unten aber sah es böse aus am andern Tage. Es war ein Zanken und Schelten im ganzen Dorf, und böse Worte fielen hinüber und herüber, denn keiner wollte nun mehr an die Arbeit, weil jeder nun seine Kammer voll Gold hatte und niemandem mehr zu dienen brauchte.

Aber keiner wußte eigentlich so recht, was er mit seinem Golde anfangen sollte.

Da sagte der kluge Mart zu seinem Weibe: „Laß den großen Wagen anspannen und pack’ das Gold darauf, wir wollen in die Stadt fahren und dort lustig und guter Dinge leben, was tun wir jetzt noch hier in dem elenden Nest! Aber such’ auch alle alten Lumpen und Säcke heraus, die du irgend finden kannst, und decke das Gold damit zu, daß man es nicht sieht, sonst geht es uns schlecht, man würde uns totschlagen auf der ersten Wegmeile.“

Die Frau ging hinaus, und bald darauf hörte man ein großes Geschrei. Und als Mart hinausging, hörte er, daß der Knecht die Hausfrau mit bösen Worten anschrie, er brauche nun nicht mehr ihren Knecht zu spielen, nun habe er ebensoviel Gold wie sie, sie solle nur selbst tun, was sie bisher von andern habe tun lassen, ihre paar lumpigen Taler Lohn brauche er nicht mehr. Da kraute sich der kluge Mart den Kopf und sagte: „Komm, Lina, das nutzt nun weiter nicht, wir müssen schon selbst an die Arbeit gehen.“ Und als sie mit vieler Mühe den Wagen Vollgepackt hatten, setzten sie sich oben drauf und fuhren ab. Als das die andern sahen, wußten sie plötzlich auch, was das klügste sei, und nun holte alles, was Wagen und Pferde hatte, diese herbei, und es war ein langer Zug, der langsam und feierlich, weil so schwer geladen war, wie ein Leichenzug aus dem Dorfe führ.

Unterwegs aber bekamen sie einen fürchterlichen Streit, weil jeder dem andern voranfahren wollte und Knechte und Mägde sich jetzt ebensoviel dünkten wie der Bürgermeister und Lehrer, und es ihnen nun Freude machte, sich an ihren früheren Brotherrn zu rächen für manches Scheltwort und knappen Hungerlohn, den sie sich hatten gefallen lassen müssen. Und so fielen die jungen starken Leute über die alten und schwächeren her, und es gab einen schrecklichen Kampf mit Blut und Totschlag, so daß endlich nur noch ihrer wenige die Stadt erreichten, wo sie, die dummen Bauern, von den schlauen Stadtleuten bald um ihre Habe gebracht wurden, so daß sie bald wieder so arm waren wie vorher und in der Fremde elendiglich umkamen, denn in die Heimat zurückzukehren, schämten sie sich.

So waren in dem Dorfe nur die ganz Armen, die keine Wagen und Pferde hatten, zurückgeblieben, und diese machten sich’s nun bequem in den verlassenen Höfen und Wohnungen; sie hatten zu viel Gold, um es in einem Korbe fortzutragen; und auch nur den kleinsten Teil davon zurückzulassen, dazu konnten sie sich beileibe nicht entschliessen. So saßen sie nun angstvoll bei ihrem Golde und beobachteten es, und hatten jetzt noch weniger Freude an ihrem Leben als früher, denn niemand wollte für den andern etwas tun, und sie mußten sich dürftig und halb hungrig durch ihre Tage schlagen.

Als nun die Vorräte an Lebensmitteln zu Ende gingen, brach ein großer Streit unter ihnen aus, denn keiner traute sich, seinen Haufen Gold zu verlassen, um in der fernen Stadt das nötige einzukaufen. Und schließlich wurden sie vor Hunger und Ärger so zornig, daß sie ganz vergaßen, wie gern sie noch gelebt hätten, um sich an all den guten Dingen zu erfreuen, die sie sich mit ihrem Reichtum anschaffen wollten, und wütend übereinander herfielen und jeder den andern zwingen wollte, die nötigen Botendienste in der Stadt zu tun, damit sie nicht vor Hunger sterben müßten. Und so schlugen sie in ihrer Wut mit Äxten und Heugabeln aufeinander los, blind und taub vor Ärger und Verdruß darüber, daß sie so neben ihrem Golde sitzen mußten und vor Hunger und Langerweile umkommen sollten. Und sie hieben und stachen so lange und so tapfer aufeinander los, bis nur noch ein Einziger von ihnen übrigblieb. Das war der Beste unter ihnen, er hatte sich in seine Scheune versteckt, als das mörderische Raufen losging, da wollte er nicht mittun, aber sein Gold verlassen – nein, das konnte auch er nicht.

So saß denn der arme reiche Peter bei dem vielen vielen Gold, denn nun gehörte ja alles ihm ganz allein. Und neben ihm lag sein letztes Brot, und zu seinen Füßen wedelte sein treuer Hund traurig mit dem kurzen Schwanze.

„Bill,“ sagte Peter, „wir zwei ganz allein im Dorf, ganz allein, und reich sind wir, furchtbar reich, aber zu essen haben wir weiter nichts, als noch dieses eine Brot, das will ich mit dir teilen, und dann werden wir sterben. Ach, wir sind beide noch so jung, und es ist hart, zu sterben!“ Und Peter weinte aus Mitleid mit sich selbst. Aber sein Gold verlassen, das ging nicht. Sein Glanz hatte seinen Verstand ganz dumm gemacht.

Da stand von ungefähr der heilige Petrus wieder einmal am Wasserhaus. „Ja, ja,“ sagte er, „ich muß wohl wieder einmal regnen lassen auf jener Seite, hab’ sie, meiner Treu, ganz vergessen seit jenem Tag, da ich drüber eingeschlafen bin. ’s wird schön trocken sein, und die Leute werden wieder tüchtig auf den alten Petrus schimpfen.“ Und so guckte er hinunter, gerade mitten in das verödete Dorf hinein. – „Na, was ist denn das?“ jagte er. „Ja, was ist denn das? Wie schaut’s denn da aus? Himmel! Es sind ja erst acht Tage, so schnell können doch die Menschen an der Dürre nicht gestorben sein. Tein, nein, was hab’ ich denn da angericht’!“ Da hörte er ein sonderbares böses Lachen neben sich, und als er sich umsah, stand der Schwarze am Gitter und sah ihn höhnisch an.

„Ja, ja, Nachbar, so geht es, wenn man sein Amt nicht besser hütet, wenn man einschläft und ’s Wetterhaus weit aufstehen läßt – nun sind wir für eine Weile quitt, die von da unten sind nun alle in meinem Reich, hast mir genug in deines weggeholt.“ –

Der gute Petrus war ganzsteif und reglos vor Schrecken und konnte keine Antwort finden auf diese Worte des Bösen. Er setzte seine große Hornbrille auf die Nase und schaute nun etwas genauer hin auf die Stelle, wo die vielen toten Menschen lagen; und da erblickte er das Gold, das noch auf dem Felde liegen geblieben war, und da verstand er plötzlich, wie sein Feind es angestellt hatte, die Menschen zu verderben.

„Ach,“ seufzte er, „immer und immer ist es das Gold, auf das die armen Menschlein hereinfallen! Aber ich kann’s mir nicht verzeihen, daß ich schuld daran bin.“ Und er war so traurig, daß er sich erst ein wenig setzen und ausruhen mußte, denn er war schon sehr alt, und vieles Denken und Sorgen wurde ihm schwer. Nach einer Weile tiefen Sinnens sprang er auf, denn ihm war ein guter Gedanke gekommen: „Vielleicht sind doch noch einige Leute in dem traurigen Dorf, an denen muß ich gutmachen, was ich verschuldet habe.“

Und als er recht genau durch seine Brille hinunterspähte, erblickte er den armen Peter in seiner Scheune und sonst niemand mehr. „Ach, nur einer, nur einer!“ seufzte Petrus. „Aber das ist ja der Peter, eins meiner Patenkinder – Gottlob, dem kann ich eine große Wohltat tun in seiner Not.“

Und er schaute nach der blauen Wiese hin, wo die Engelsjungfrauen eben die weißen Schneefedern wuschen und sie in große graue Söcke packten, um sie im Winter wieder über die schlafende Erde ausschütten zu können, daß sie schön warm zugedeckt sei in der großen Kälte. – „Serafine,“ rief Petrus, „Serafine, komm doch einmal her, meine Liebe!“

Die also gerufene Engelsjungfrau kam schnell herbei und fragte mit sanfter Stimme: „Was wollt ihr von mir, lieber Petrus?“

„Sieh,“ sagte dieser, „sieh einmal da hinunter, was mir der Schwarze von nebenan angerichtet hat. Bin neulich so ein bißchen eingenickt und habe das Wetterhaus oben aufgelassen; gleich muß der da die Gelegenheit erspähen und uns so viele arme Menschen abspenstig machen.“

„Was hat er denn wieder angestellt?“ fragte Serafine und spähte neugierig über den Rand des Himmels hinunter.

„Gold hat er regnen lassen statt Wasser, und das Gold verdirbt die Menschen, Streit und Hader, böse Worte und Totschlag bringt es unter sie; sieh, vom ganzen blühenden Dorf sitzt da nur noch einer, hütet noch seine Schätze und traut sich nicht fort davon, sondern verhungert lieber dabei. Dem muß ich helfen.“

„Aber wie?“ fragte Serafine.

„Er ist mein Patenkind, und dem darf ich eine besondere Gunst erweisen. Ich darf ihm eine Engelsjungfrau schicken für ein Jahr; willst du zu ihm gehen, Serafinchen?“

„Ein ganzes Fahr fort von hier, wo es so wunderschön ist? Das ist schwer, aber ich weiß, ich weiß, wir müssen alle einmal hinunter, um einem besonders unglücklichen Menschen zu helfen in seiner Not“ – sie spähte wieder aufmerksam hinunter – „Und es ist kein böser Mensch, er sieht sanft und gut aus.“

„Na, die Menschen haben alle ihre Fehler, die euch Engel erschrecken, aber er ist einer der besten. Also du willst, das ist schön von dir! So denn für ein Fahr. Mache ihn glücklich und gut in der Zeit, und wenn sie herum ist, dann lasse ihm etwas Schönes zurück, daran er sein Lebtag eine Freude hat. Und du weißt doch, du brauchst nur deine Arme zu mir aufzuheben, dann geschieht, was du gerade willst.“

Und so geschah es, daß plötzlich Serafine neben dem Peter stand, als er nach einem kurzen, unruhigen Schlummer seine Augen öffnete. Verwundert schaute er sie länge an. Endlich fragte er schüchtern: „Wer bist du? Woher kommst du, und was willst du hier an diesem traurigen Ort?“

„Frag’ nicht so viel, lieber Peter, aber glaube mir, daß ich gekommen bin, dir Gutes zu tun.“

„Aber sieh,“ sagte Peter, „ich habe nichts für dich im Hause als diesen Haufen Gold, aber von dem allein wirst du auch nicht leben können, wie?”

Serafine lächelte: „Nein, davon allein kann ich nicht leben. Aber nimm davon, so viel du tragen kannst, und gehe in die Stadt, und hole so viel Gutes und Schönes dafür, als du bekommen kannst.“

„Ach,“ sagte Peter, „kann ich dich denn allein lassen mit dem vielen Golde, wirst du es auch gut hüten, dass niemand darüberkommt?“

„Kein Mensch soll es dir nehmen,“ jagte Serafine.

„Nun, dann will ich gehen und werde so schnell als möglich zurück sein. Hier dies Brot ist alles, was noch an Speise da ist; wird es dir auch genug sein?“

„O ja, reichlich ist es, mein lieber Peter.“

„Du wirst auch dem Bill davon geben?“

„Ja, ja, sicher, du hast ein gutes Herz, Lieber; geh fetzt und komme so schnell du kannst zurück.“

Sobald Peter ihren Augen entschwunden war, hob Serafine die Arme gen Himmel, und im Nu war alles Gold, das ringsum angehäuft war, verschwunden.

Als nun der Peter, mit guten Dingen beladen, heimkehrte, traute er seinen Augen nicht, als er nirgend mehr eine Spur seines Goldes sah. Ein großer Zorn stieg in ihm auf, und er wollte mit bösen Worten und Schlägen, wie es seine grobe Bauernart war, auf Serafine losgehen. Aber diese sah ihn so sanft und furchtlos an, daß ihm Arm und Zunge lahm wurden und er nur ganz schüchtern fragen konnte: „Aber du wolltest es doch hüten, daß kein Mensch drüberkäme.“

„Es ist kein Mensch drübergekommen, Lieber. Ich habe nur zum Himmel gebetet, daß mit dem Gold das geschehen möge, was zu deinem Besten wäre, und da war es plötzlich verschwunden. Aber tröste dich, ich werde dir etwas geben, das köstlicher ist als alles Gold der Welt und dich glücklicher machen wird als diese irdischen Schätze.“ – Ihre Augen leuchteten seltsam, als sie so sprach, und ein so starker Glanz von Schönheit strahlte von ihr aus, daß Peter fühlte, sie könne ihre Worte wahr machen.

„Und was ist es, das du mir geben willst?“ fragte er mit neugieriger Seele.

„Liebe und Frieden,“ sagte Serafine und nahm seine Hand in die ihre. Da wurde es so still und glücklich in Peters herzen, und er sagte: „Bleibe bei mir!“

„Das will ich,“ antwortete Serafine, „wenn du mich dir helfen lassen willst, Gutes zu tun.“

Und nun begann ein neues Leben im Dorfe. Die beiden gingen zusammen in die benachbarten Orte und holten arme Leute herbei, gaben ihnen die verlassenen Häuser und Felder, und dann arbeiteten sie alle zusammen fleißig und unverdrossen. Und wenn einer unter ihnen Unfrieden anfangen oder sonst etwas Häßliches tun wollte, brauchte Serafine ihn nur mit ihren strahlenden Augen anzusehen, da vergaß er alles Böse und tat, wie sie ihn hieß. Und alle Leute jagten zueinander: „Das muß ein Engel vom Himmel sein!“

Und so ging ein Fahr dahin. Im Dorfe blühte alles wieder, und die Felder standen üppig reif für die Ernte. Die Leute waren fromm und gut und zufrieden ringsumher. Peter aber war glücklich; denn Serafine hatte sein Haus mit dem Sonnenschein des Friedens reich gemacht.

„Möchtest du nun noch einmal, daß es Gold regnete?“ sagte eines Tags Serafine zum Peter.

„O nein, nein, um Gottes willen nicht. Das war die schrecklichste Zeit meines Lebens. Du hattest recht, du hast mir viel Besseres gegeben als Gold, ich danke dir mit meinem ganzen Herzen.“

Da freute sich Serafine, daß sie ihre Aufgabe auf Erden so gut gelöst hatte, denn es war nun die Zeit nahe, da sie wieder zu ihrer blauen Himmelswiese und zu allen andern Schönheiten des Himmels zurückkehren durfte. Aber obgleich sie sich sehr nach dem allem zurücksehnte, war ihr Herz doch traurig, denn sie wußte, daß der arme Peter sehr unglücklich sein würde, wenn sie von ihm ging, und auch sie hatte ihn sehr liebgewonnen, da sie sein gutes Herz immer besser erkannt hatte.

Sie dachte viel darüber nach, was das wohl sein könne, das sie ihm nach des heiligen Petrus Geheiß zurücklassen sollte, um ihm für das ganze Leben eine Freude zu machen. Und plötzlich kam ihr ein glücklicher Gedanke.

Als nun die legte Nacht herangekommen war, die sie noch auf Erden zubringen durfte, erhob sich Serafine leise aus ihrem Bette, um den Peter nicht zu stören, der nebenan schlief. Sie trat ans Fenster und schaute sehnsüchtig zum Himmel hinauf, an dem die goldenen Sterne funkelten, und dann sah sie traurig nach dem schlafenden Peter hin. Ihr Herz war voll Mitleid für ihn und voll von dem Wunsche, ihm zum Troste für ihr fortgehen eine große Freude zu bereiten.

Die öffnete das Fenster, hob die Arme zum Himmel und dachte an etwas so wunderschönes, wie es sich nur ein Engel Gottes ausdenken kann. Und da löste sich ein glänzender Stern vom Himmel los und schwebte langsam zur Erde hernieder, und als er ganz nahe kam, war es ein kleines süßes Engelskind mit goldenen Locken und ebenso strahlenden Augen, wie Serafine sie hatte. Und sie nahm das rosige Kindlein in ihre Arme, küßte es zärtlich, und dann trug sie es zu Peters Bett und legte es an seine Seite. Und nachdem sie ihn sanft und leise auf die Augen geküßt hatte, breitete sie die Arme aus und flog zurück zu ihrer geliebten Himmelsheimat.

Der heilige Petrus öffnete ihr das Tor und freute sich, sie wiederzusehen; er streichelte ihr die Hände und sagte: „Ich danke dir, Serafine, daß du meine Schuld gutgemacht hast bei diesen Menschen.“

Der Peter unten aber war sehr erstaunt, als er aufwachte und das süße, liebe Kleine neben sich fand. Voll Freude rief er nach Serafine, um es ihr zu zeigen – aber sie war nicht mehr zu finden, und da wußte er, daß die Leute recht hatten, und daß sie ein Engel des Himmels gewesen war.

Das Kindchen nannte er mit ihrem Namen, und es wuchs heran und machte ihm das Leben schön. Peter wurde sehr alt; aber so alt er auch wurde, niemals konnte er den Regen draußen niederrauschen hören, ohne ängstlich zu sagen: „Es wird doch um Gottes willen nicht wieder Gold regnen?“

Die jungen Leute, die das hörten, lachten ihn aus, aber er erzählte ihnen immer von neuem, was er vor langen Fahren einmal erlebt hatte. Doch sie lachten immer wieder und glaubten es ihm nicht.

Er aber wußte es besser – und ihr auch.

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9788726614626
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