Читать книгу: «Tingeln durch das Land Danach – Band 2»
Inhalt
Impressum 2
Gliederung 3
Teil III - Auf dem Bau und in Fabriken 4
1 - Kohle machen! 5
2 - In der Kinderbrigade 23
3 - … shame and scandal in the family … 41
4 - Binnenwanderungen 62
5 - Durst wird durch Bier erst schön 78
6 - Bei den wilden Kerlen 112
7 - Im Sklavenstollen 140
8 - Wut und Migräne 161
9 - Mein „Studium unten“ 170
10 - Ende der Maloche 220
11 - Nichtschwimmer 226
Teil IV - Spuren und Erbschaften 240
I. Spuren meiner Mutter 241
1 - Abschied von zuhaus 241
2 - Interzonenfahrt 245
3 - Familienbilder 272
4 - Wenn die Kirschen blüh’n … 291
5 - In der Lebensbahn 299
6 - Der Menschenauflauf 309
7 - Keine Liebe 325
8 - Rehwiese 386
II. Spuren meines Vaters 423
9 - Auf der Suche 423
10 - In der Kaserne 429
11 - In der Künstlerklause 442
12 - Aushauch 467
13 - Abschied 486
Impressum
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-744-2
ISBN e-book: 978-3-99107-745-9
Lektorat: Mag. Eva Zahnt
Umschlagfoto: Olgers1, Anna Artamonova, Marsia16, Rostislav Glinsky | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Gliederung
Band 1
Teil I - In der Baracke
Teil II - Zwischen Ruinen
Band 2
Teil III - Auf dem Bau und in Fabriken
Teil IV - Spuren und Erbschaften
Teil III
Auf dem Bau und in Fabriken
1 Kohle machen!
2 In der Kinderbrigade
3 … shame and scandal in the family …
4 Binnenwanderungen
5 Durst wird durch Bier erst schön
6 Bei den wilden Kerlen
7 Im Sklavenstollen
8 Wut und Migräne
9 Mein Studium „unten“
10 Ende der Maloche
11 Nichtschwimmer
1 Kohle machen!
Der Start
Einer meiner wichtigsten und längsten Alleingänge begann, als ich begriffen hatte, dass meine Kindheit vorbei war und dass ich mein Projekt selbst in die Hand nehmen musste, wenn ich letztlich Erfolg auf meinem Weg haben wollte. Einen Erfolg allerdings, der – von jenem Anfang aus gesehen – weit hinten in einer nebelhaften Zukunft lag. Ich begann meine eigenbrötlerische Aktion an einem Ferientag im Sommer 1958 und natürlich wusste ich nicht, gerade mal am Beginn meines Ausflugs in eine neue Welt, dass das, was ich da ins Rollen brachte, elf Jahre dauern würde. Da war ich fünfzehn.
Ich startete mein Projekt am ersten Montag der Sommerferien, die am Donnerstag der Vorwoche angefangen hatten und in der Regel um die sechs Wochen dauerten. Ich hatte also zwei Tage Ferien gehabt und die restliche Ferienzeit wollte ich dazu nutzen, zu arbeiten und Geld zu verdienen. Eigenes Geld. Ich wollte von nun an einen Teil meiner Existenz selbst finanzieren. Das hatte ich so beschlossen, das war mein Plan. Und den wollte ich jetzt durchziehen.
Ich setzte mich am frühen Vormittag in Hörde in die Straßenbahn und fuhr zum Arbeitsamt Dortmund. Ich hatte mir die Adresse des Amtes aus dem Telefonbuch herausgesucht und fuhr los, ohne jemandem zu verraten, was ich vorhatte. In jener Zeit, 1958, erwartete ich nämlich ganz selbstverständlich, wie alle meine Mitmenschen auch, dass ein Arbeitsamt dazu da ist, den Menschen zu Arbeit zu verhelfen. Warum nicht auch mir, dem Anfänger? Ich fuhr also zum Arbeitsamt durch eine kaputt gebombte graue Stadt, die ich hässlich fand und die ich nicht liebte, eine Stadt, auf die sich oftmals gelbe Schwefelwolken herabsenkten und die dann stank wie faule Eier. Auf dem ganzen Weg war mir ein wenig mulmig zumute, denn ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde. Ich war noch ziemlich schüchtern und gehemmt und hatte Angst, dass mein Vorhaben scheitern könnte, weil ich einfach noch zu jung war.
Ich tingelte zögerlich und verhalten durch die Straßen und fand es schließlich: das Arbeitsamt. Ein großes Verwaltungsgebäude, das genauso grau und hässlich war wie die ganze Stadt und das in mir ein Gefühl von Beklemmung auslöste. Ich war noch nie in eine Bürowelt mit einem eigenen Anliegen eingedrungen. Ich war „Gymnasiast“, „Untersekunda“, wie man damals sagte, zehntes Schuljahr, unerfahren in der Welt jenseits der Schule. Die Arbeitswelt, zumal die Arbeitswelt der Fabrik- oder Bauarbeiter, in die ich jetzt eintauchen wollte, war mir fremd, ein völlig unbekanntes Terrain. Eine Zeitlang lungerte ich unschlüssig vor dem Eingang des Amtes herum. Ich hatte Angst hineinzugehen.
Es war ein grauer, manchmal von Sonnenstrahlen gefleckter, schwül-heißer und leicht faulig riechender Tag. Die meisten meiner Schulfreunde waren im Freibad. Das lag ganz in der Nähe, am Rheinlanddamm. Andere verreisten mit ihren Eltern: Norderney, Schwarzwald und auch schon mal Italien – Lago Maggiore oder Gardasee für die, die es sich bereits leisten konnten. In die Fünfziger Jahre fiel der Beginn eines neuerlichen kraftvollen Aufbruchs der Deutschen in die Welt – im Käfer oder Borgward statt im Panzer oder Stuka wie nur wenige Jahre zuvor. Reisewelle statt Angriffswelle, Ferien statt Krieg. Das war jetzt angesagt.
Ich zögerte und dachte noch einmal über meinen Plan nach. Ich diskutierte meine Bedenken mit mir selbst: eigentlich, eigentlich, eigentlich …
Ja, eigentlich hatte ich doch Ferien, ja, eigentlich wäre auch ich lieber ins Freibad gegangen, ja, eigentlich wäre auch ich gerne da, wo jetzt die anderen waren. Wollte dabei sein in der Clique der Jungs meiner Klasse, wollte da sein, wo die Mädchen waren, an die man am besten im Freibad herankommen konnte. Denn in den Fünfzigern, vor den modernen Zeiten der Koedukation, als Jungen und Mädchen noch sorgfältig in unterschiedliche Schulgebäude sortiert wurden, war das Freibad in den großen Ferien einer der wenigen Orte, wo Mädchen- und Jungscliquen zusammenfanden, frei und ungezwungen, ohne die Aufsicht der Alten. Es war also eine sehr wichtige Institution. Ferien im Freibad war „Kult“, so würde man heute sagen: der Sommerkult der daheim gebliebenen Teenies, also der meisten damals.
Ich zögerte. Ich überdachte noch einmal meinen Entschluss und machte mir zum zigsten Male klar, dass ich gar keine Wahl hatte. Ich hatte nicht das Geld, um meinen Sommer im Freibad zu verbringen – nicht das Eintrittsgeld und nicht einmal das Geld für die Straßenbahnfahrt dorthin, geschweige denn Geld für alles andere, was angesagt ist, wenn Mädchen- und Jungscliquen zusammenfinden. Und würde ich das nötige Geld aus der Haushaltskasse meiner Mutter erbetteln, so hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt. Das Geld hätte anderswo gefehlt.
An der Pforte
Ich ging also hinein in das Amt und alles war ganz einfach. Da war ein Pförtner in einem Glaskabuff und ich erläuterte ihm, was ich vorhatte.
„Aha, Ferienschüler“, sagte der.
Damit hatte er mich klar und eindeutig eingetütet, er hatte sein Klassifikationssystem im Kopf: „Ferienschüler“. Dieses Wort hörte ich hier – an der Pförtnerloge des Arbeitsamtes – zum ersten Mal und dann, im weiteren Verlauf meiner Reisen in die Arbeitswelt, immer wieder. Eigentlich war dieser Begriff falsch, denn er bezeichnete jene Gruppe von Schülern, die in den großen Ferien gerade nicht „Ferien“ machten, sondern arbeiteten, also „malochen“ gingen, wie man in dieser Stadt sagte. Auch das jiddische Wort „Maloche“ statt Arbeit hörte ich in jener Zeit zum ersten Mal und dann immer wieder.
„Maloche“ ist keine bestimmte Arbeit, sondern ganz allgemein der Verkauf der eigenen Lebenskraft gegen Geld, und nur auf das Geld am Ende kommt es an, Schluss. „Maloche“ ist meist harte körperliche Arbeit, die man auf sich nimmt, um „Kohle zu machen“. Geld verdienen, ohne dass man darauf sieht, was man da eigentlich tut. Die Qualität der Arbeit, die Schwere, die körperlichen und seelischen Belastungen, der Dreck, der Lärm, die Demütigungen, Frustrationen und Entwürdigungen: all das hat der Malocher hinzunehmen. Man malocht, um zu überleben. „Ferienmalocher“ wäre mithin das richtige Wort gewesen. Aber solche begrifflichen Reflektionen waren damals fern von mir. Der Pförtner hielt sich an den allgemeinen Sprachgebrauch. Ich war also ein „Ferienschüler“, genauer: ich wollte erst noch einer werden.
Er nannte mir die Zimmernummer, die für die „Ferienschüler“ zuständig war, und beendete seine Wegbeschreibung mit einer abfälligen Bemerkung: ob ich nicht doch noch ein wenig zu „unterernährt“ für einen Ferienjob sei und ob ich nicht erst noch mal was essen wollte. So ein Hämelken wie ich sollte doch besser spielen gehen …
Ich ärgerte mich und grinste ein wenig hilflos, da mich seine Frotzeleien beschämten. Sie trafen eine empfindliche Stelle in mir. Ich ahnte es zwar, wollte es aber nicht wahrhaben: dass ich tatsächlich noch wie ein „Milchbubi“ aussah. Ich war fünfzehn, noch nicht ausgewachsen. Ich war am Ende meiner Kindheit angekommen, wie ich deutlich in mir spürte, wirkte aber auf die Erwachsenen wohl noch sehr naiv und linkisch: pubertär eben, unfertig. Irgendwo – tief in mir drinnen – wusste ich das genau. Ja, meine kindliche Erscheinung: die sah ich als das größte Handicap an bei meinem Einstieg in die Arbeitswelt. Ich wandte mich wortlos von dem Pförtner ab, ließ ihn in seinem Glaskasten sitzen und machte mich auf die Suche nach „meiner“ Zimmernummer.
Das Amt
Das Arbeitsamt war ungewöhnlich still und friedlich, beinahe feierlich. Stille Bürokorridore mit ihren vielen Türen links und rechts haben für mich noch heute etwas fast Sakrales an sich, sie kommen mir vor wie Friedhofswege zwischen Gräbern.
Es war angenehm kühl, verglichen mit der schwülen Hitze draußen. Ich sah keine Menschenseele auf den Treppen und in den Gängen. Ich ging einen breiten, langen Korridor entlang, links und rechts Fluchten von Zimmertüren, die allesamt – wegen der sommerlichen Hitze – geöffnet waren und eine leichte Brise auf dem Gang erzeugten. Ich konnte in die Büros hineinsehen. Hinter den üblichen Büroschreibtischen der damaligen Zeit (gelbliches Eichenfurnier) saßen still und friedlich einsame Personen, meist Männer im Alter meines Vaters etwa, die dem Augenschein nach nichts taten. Sie saßen nur stumm da und rauchten.
Dortmund war Boomtown in jener Zeit, Magnet für Arbeitsmigranten nicht nur aus allen deutschen Landen, einschließlich der „verlorenen“, nein, sie kamen bereits aus Italien, Spanien oder Portugal. Es herrschte Vollbeschäftigung. Ja, die Nachfrage nach Arbeitern war in manchen Regionen sogar größer als das Angebot, vor allem hier im Westen der Republik, in Dortmund. Dieser Zustand, „Vollbeschäftigung“, ein goldenes Zeitalter in der Nachkriegsgeschichte der Stadt, machte nun umgekehrt die Beamten des Arbeitsamtes zu „Lau-Malochern“. Lau-Malocher sind Leute, die ihre Zeit untätig absitzen oder sonst wie träge abklüngeln und dabei auch noch ihr Geld verdienen …
***
Sehr viel später, als ich schon lange nicht mehr in dieser Stadt wohnte, sah ich eine Fernsehdokumentation über die Strukturkrise des Ruhrgebiets. In einer kurzen Sequenz wurde just dieses Dortmunder Arbeitsamt, „mein Arbeitsamt“, gezeigt, exakt jener Korridor, den ich entlang gelaufen war auf der Suche nach „meiner Zimmernummer“.
Die Bilder, die ich sah, waren deprimierend. Sie hatten nichts Schläfriges, nichts Sakrales mehr an sich. Der Korridor war vollgestopft mit Menschen auf der Suche nach „Maloche“. Graue und schwarze Gestalten, Männer und Frauen mit genervten, freudelosen Gesichtern standen und saßen in dichten Pulks vor diesen Zimmertüren, die nun allesamt geschlossen waren, und in die man nach langem Warten nur hineinkam, wenn man eine Nummer gezogen hatte. Kinder waren dabei, die zusammen mit ihren Eltern diese Tortur überstehen mussten. Im Dortmunder Arbeitsamt wurde zu jener Zeit bereits, also schon in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, nur noch die Arbeitslosigkeit verwaltet, das zeigte die Dokumentation.
Wir wissen, dass das heute die Hauptaufgabe all unserer „Arbeitsagenturen“ und „Jobcenter“ ist: die Arbeitslosigkeit zu verwalten und das finanzielle und psychische Elend des menschlichen Auswurfs unseres Wirtschaftssystems mit widerwärtigen Schikanen zu steigern. „Lau-Maloche“ in den Büros und hinter den Schreibtischen des Amtes – wie in den goldenen Zeiten jener einsam vor sich hin rauchenden Büromenschen –, das war Geschichte. Stress war angesagt. Eine traurige, bedrückende Atmosphäre: Strukturkrise im Ruhrpott.
***
Wie gesagt: im Sommer 1958 war das ganz anders. Ich begegnete keiner Menschenseele in den Gängen. Die Sachbearbeiter, die ich durch die geöffneten Türen beobachten konnte, dösten vor sich hin, blätterten in Zeitungen und hatten ihre Zigarette zwischen die Finger geklemmt. In den Fünfzigern wurde hemmungslos geraucht: die Tabakknappheit der ersten Nachkriegsjahre war vorbei und die Lullen waren spottbillig. Schließlich fand ich „mein Zimmer“.
Die Tür stand weit auf, die Fenster waren ebenfalls geöffnet, es war luftig. Von draußen schwappte der wie immer leicht stinkende Dortmunder Sommer in die Amtsstube. Vor mir, hinter dem gelblichen Büroschreibtisch (Eichenfurnier), vor den gelblichen Aktenschränken (Eichenfurnier) mit den klassischen gelblichen Rolltüren, die allesamt geöffnet waren und eine Unmenge Aktenordner zeigten, saß ein Mann mit strähnigen, grau-blonden, glatten, nach hinten gekämmten Haaren, etwa im Alter meines Vaters, also in seinen Vierzigern. Ein blässlicher Typ. Er hatte die Ärmel seines weißen Nylonhemdes hochgekrempelt, hatte seinen Schlips gelockert, sein Glencheck-Jackett hing an einem Ständer neben der Tür auf einem Kleiderbügel. Er rauchte. Mit der Hand, in der die Zigarette eingeklemmt war, wies er auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch stand. Ich setzte mich auf den Besucherstuhl und sagte ihm, dass ich eine Ferienarbeit suche.
Er sah mich eine Weile nachdenklich an und erklärte mir dann, dass die Arbeiten, die er mir anbieten könne, körperlich schwer seien und ob ich es mir nicht noch einmal überlegen wolle. Ich sähe noch sehr jung aus und – na ja – auch ein wenig schmächtig. Wenn das Taschengeld nicht reiche, ja mein Gott, es kämen auch mal bessere Zeiten. Ich sei ja doch noch sehr jung und könne doch noch ein bisschen warten. Alles zu seiner Zeit … und so weiter und so fort …
Er kam mir ein wenig zu redselig vor und ich spürte, dass er mich von meinem Vorhaben abbringen wollte. Das ging aber nicht. Das konnte ich nicht zulassen. „Mein Projekt“ war sehr dringlich und ich hatte mir nun einmal vorgenommen, es genau jetzt zu starten, Punkt. Ich musste also irgendwie mit ihm klarkommen, denn er hatte die Angebote, an die ich heran wollte, in seinen Aktenschränken.
Ich erzählte ihm, dass ich nicht mein Taschengeld aufbessern wollte, sondern dass ich das Geld meiner Mutter geben würde, um das Haushaltseinkommen aufzubessern, was dringend nötig sei, da wir sehr arm seien. Dass ich von nun an gewissermaßen mein eigenes Leben – soweit wie nur irgend möglich – selbst finanzieren wollte – und musste, so fügte ich hinzu, um alles dringlicher zu machen: wegen der finanziellen Notlage meiner Familie.
„Wir stecken in einer finanziellen Misere“, formulierte ich ein wenig hochtrabend.
Der Begriff war mir nämlich von klein auf geläufig. Die „finanzielle Misere“: das war die Standardklage meiner Mutter und bezeichnete die Knappheit, die Armut, manchmal gar hart an der Grenze zum Elend, in der wir alle steckten und immer gesteckt hatten, soweit ich zurück denken konnte. „Wir alle“, das hieß: meine vier Geschwister und ich und meine Mutter. Mein Vater hatte nicht nur seine Strategien, sich dieser „ewigen finanziellen Misere“ zu entziehen. Mehr noch: durch sein Verhalten verursachte er Tag für Tag zu einem Gutteil diesen Krampf, die nicht enden wollende Geldknappheit mit all ihren unglückseligen Folgen.
„Und dein Vater?“, fragte der Mann hinter dem Schreibtisch prompt.
Darauf war ich gefasst und ich antwortete in den Kürzeln, die ich mir zurechtgelegt hatte, wenn ich mit fremden Leuten über dieses Thema sprach.
„Krank“, sagte ich, was auch stimmte.
Er schwieg und schaute mich wieder nachdenklich an. Ich schob ein weiteres und – wie ich damals bereits wusste – sehr wirksames Kürzel nach:
„Krieg“, sagte ich, was ebenfalls stimmte.
Das war das Stichwort.
Ich bin mir sicher, dass ich das Wort „Krieg“ damals mit voller Absicht in unser Gespräch einbrachte. Er wollte mir mein Projekt ausreden, so spürte ich deutlich, und zwar aus einer durchaus ehrenwerten Verantwortung diesem Milchbubi gegenüber, das da vor ihm saß und der offensichtlich seine Kräfte überschätzte. Daher musste ich ihn in ein Gespräch ziehen, ihn irgendwie einwickeln, weich, willfährig machen, so dass er „mein Projekt“ nicht durch ein hehres Gefühl väterlicher Verantwortung, das durch meine äußere Erscheinung aktiviert worden war, behinderte.
Das Stichwort „Krieg“ war in jener Zeit dafür besonders gut geeignet, das wusste ich seit langem. Und es klappte auch diesmal. Er fing sofort Feuer und fing an zu erzählen. Vom großen Krieg im Allgemeinen – das war immer die Einleitung – dann seine eigenen Geschichten vom Kriege: von „seinem“ Krieg also, wobei er sich in seinem Bürostuhl zurücklehnte und die Erinnerungen hochkommen ließ. Er schwelgte in seinen Döntjes und ich hörte ihm geduldig zu.
Es war ein eigenartiger Automatismus, dem wir Jüngeren da ausgesetzt waren. Wir kamen gar nicht darum herum, uns die Kriegsberichte anhören zu müssen, die uns viele der Älteren ablieferten. Im Gegenteil: wir entwickelten Tricks, mit denen wir unsere Lehrer zum Erzählen ihrer Kriegsgeschichten bringen konnten, wenn uns der Unterricht langweilte. Denn das Erzählen vom Kriege, ihrem „ganz persönlichen“ Krieg, war eine Sucht, die bei den Erwachsenen, zumal den erwachsenen Männern um uns herum, leicht zu triggern war.
Der Mann vom Arbeitsamt jedenfalls hatte sein Stichwort und so hörte ich mir eine lange, lange halbe Stunde lang seinen ganz persönlichen Bericht vom „Frankreich-Feldzug“ an. Bei ihm war es „der Franzose“, der Singularfranzose, der denkbar schlecht weg kam. Der Feind war in seiner Sicht ein Schwächling, den sie in wenigen Wochen „wegputzten“ auf dem Weg nach Paris. Die Pluralfranzösinnen im eroberten Paris dann aber kamen bedeutend besser bei ihm weg – mit dem entsprechenden Augenzwinkern von Mann zu Mann …
Ich ließ ihn gewähren. Plötzlich, nachdem er sich in Stimmung geredet hatte und genügend aufgewärmt war, schien er wieder in der Gegenwart aufzutauchen. Er schwang sich angeregt auf seinem Bürodrehstuhl (gelbliches Holz, Eichenfurnier) nach hinten: in Richtung seiner Rollschränke mit den vielen Aktenordnern. Darauf hatte ich gelauert.
Er griff sich aber nun nicht etwa einen der Ordner, wie ich erwartet hatte, sondern brachte einen verbeulten großen Pappkarton zum Vorschein, in den er dutzende von Karteikarten und Zettel zusammengestopft hatte – unordentlich und unübersichtlich, wie es aussah. Das war also der Schatz, an den ich heran musste. Ich sagte: „Bau oder Gartenbau, habe ich mir so gedacht.“
Er wühlte in dem Zettelkram herum, zog irgendetwas heraus, las es, steckte es wieder zurück. So ging das mehrere Male. Ich wartete.
„Ich glaube, das hier könnte was für dich sein“, sagte er schließlich und legte eine Karte vor sich auf den Schreibtisch. „Gartenbau.“
Er nahm einen Zettel und notierte darauf die Adresse der Firma und die Telefonnummer. Den gab er mir.
„Sie arbeiten jetzt alle für die Bundesgartenschau. Am Westfalendamm. Gut zu erreichen. Gartenbau: ich glaube, das ist nicht schlecht für dich.“ Nein, das war nicht schlecht.
Fünf Mark sechsundsiebzig
Im nächsten Jahr, 1959, sollte in Dortmund die Bundesgartenschau stattfinden. Ein Konjunkturschubs für Gartenbaubetriebe, Gärtnereien und viele andere Unternehmen. Auf einem riesigen Gelände – heute der „Westfalenpark“ – wurde gebuddelt, gescharrt, gekratzt, planiert, gepflanzt. Genau so etwas hatte ich mir als Arbeit vorgestellt. Ich stellte mir vor, dass Gartenarbeit nicht zu schwer für mich sei, dass ich sie bewältigen konnte. Körperliche Arbeit an der frischen Luft … ist doch gut, ist doch gesund, redete ich mir ein. Ich nahm meinen Zettel, den er noch formvollendet mit einem Stempel versehen hatte, bedankte mich, verabschiedete mich und ging.
Vor dem Amt stand eine Telefonzelle. Eine Frauenstimme sagte mir: ja, ich könne sofort anfangen. Ich solle mich auf dem Gelände der Bundesgartenschau bei dem und dem Bauwagen einfinden und meine Papiere abgeben. Arbeitsbeginn sei sieben Uhr. Wann ich denn anfangen wolle, fragte sie. Ich sagte: „Morgen!“
Am Dienstag stand ich schon vor sechs Uhr auf. Ich hatte mir abgelegte alte Klamotten herausgesucht, die ich zur Arbeit tragen wollte: sie saßen eng und ein wenig doof, weil ich eigentlich aus ihnen herausgewachsen war. Sie sahen wirklich blöde aus, aber ich hatte nun mal nichts anderes. Meine Mutter stand mit mir auf in der Frühe, während der Rest der Familie noch schlief. Sie kochte für mich eine dicke Haferflockensuppe mit zerschmolzenen Margarineflocken und Zucker und Zimt, was zusammen eine krosse, knirschende Schicht auf der Oberfläche des Haferbreis bildete. Das mochte ich sehr. Sie begründete damit eine Tradition für uns beide. In den folgenden zehn Jahren, in denen ich mich mehr als tausendmal als „Ferienmalocher“ auf den Weg machte, stand sie stets mit mir auf und bereitete mir dieses Essen. Das war dann die Power für die erste Hälfte der Schicht, bis zur Pause. Sie packte mir Butterbrote ein und füllte Tee mit Zitrone in eine Bierflasche mit Bügelverschluss. Das gab mir den Saft für die zweite Hälfte der Schicht, also bis zum Feierabend.
***
In der Baubude traf ich auf einen mürrischen, wortkargen Mann. Er prüfte mein Erscheinungsbild missbilligend. Mir war das ein wenig peinlich und ich hatte gleich ein ungutes Gefühl. Ja, die alten Klamotten passten nicht mehr richtig, ich fühlte, dass ich lächerlich aussah. Zu kindlich eben. Aber es war nun mal so: alles, was noch passte, waren meine „guten“ Klamotten, die waren tabu für solche Zwecke, die brauchte ich für die Schule.
Der Miesepeter in seiner Baubude wies mir eine Arbeit an, gab mir die entsprechenden Geräte und ich legte los. Da buddelte schon ein anderer „Ferienschüler“, ein dicklicher, stämmiger Junge in meinem Alter, nicht größer als ich, aber bedeutend feister. Der hatte das Klamottenproblem schlicht so gelöst, dass er eine kurze Hose, seine Turnhose, trug. Ich erinnere mich an seine dicken, rosigen Bollen. Wir beide hatten ein bestimmtes Gelände zu planieren und einzuebnen, fuhren Schubkarren mit Erde dorthin, wo welche fehlte, in die Dellen und Löcher, und ebneten kleine Hügel ein. Wir zogen gemeinsam eine schwere Planierwalze über die von uns bearbeitete Erde. Wir sollten eine plane Fläche herstellen, die eingesät oder sonst wie bepflanzt werden würde. Wir beide machten exakt die gleiche Arbeit. Keiner von uns beiden drückte sich irgendwie heimlich oder versuchte, dem anderen mehr Arbeit aufzuhalsen, als man selber tat. Und dennoch …
Nach der Schicht rief mich der mürrische Vorarbeiter zu sich in seine Baubude und eröffnete mir: das war’s, ich brauche nicht noch einmal wieder zu kommen. Ich war maßlos enttäuscht und wütend und fragte: Warum? Und immer wieder: Warum? Warum? Warum?
Ich fing an zu argumentieren, mit ihm zu diskutieren. Er blieb stumm. Er guckte mürrisch. Er sagte gar nichts. Er setzte sich hin und rechnete mir meinen Lohn für den Tag aus: acht Stunden mal 72 Pfennig, das machte 5 Mark und 76 Pfennige, gab mir das Geld und gab mir meine Papiere zurück.
Ich war traurig und wütend zugleich. Ich war auch erschöpft von der Arbeit des Tages, schließlich kannte ich körperliche Arbeit, einen ganzen Achtstundentag lang, noch nicht. Immer wieder fragte ich penetrant nach: „Warum?“, „Warum ich?“, „Warum dann nicht auch der Dicke, wenn schon?“ „Wir haben die gleiche Arbeit gemacht.“ „Es ist nicht fair.“ … usw.
Mit ihm war nicht zu reden. Er schwieg. Er sagte einfach gar nichts. Er guckte so, wie er immer guckte: dumpf, mürrisch, abweisend. Um unser „Gespräch“ zum Abschluss zu bringen, machte er schließlich eine wedelnde Handbewegung – so, wie man einen Hund verscheucht.
Ich gab auf, griff mir meine alte Aktentasche mit meinen seltsamen Arbeitsklamotten und der leeren Bierflasche und haute ab. Aus gebührender Entfernung schrie ich hilflos „Arschloch“ in Richtung Baubude. Die blieb aber geschlossen. Das Arschloch rührte sich nicht.
Das war mein erster Arbeitstag. Das war mein erster Lohn. Das war eine herbe Niederlage.
Peinlichkeit in kurzen Hosen
Am Mittwoch darauf legte ich gezwungenermaßen einen „Ruhetag“ ein: ich „ging spielen“ – auf dem Hof des Mietshauses in Hörde, in dem wir damals wohnten. Meiner Mutter war’s nur recht. Insgeheim war sie gegen meine Pläne gewesen: ich war in ihren Augen noch „zu klein“ für wochenlange körperliche Arbeit. Ich wusste, dass sie das dachte. Mein Vater war wie üblich nicht „präsent“ und interessierte sich sowieso nur wenig dafür, was seine fünf Kinder taten, was sie fühlten, dachten oder träumten.
Die anderen Kinder aus unserem Mietshaus und aus den Nachbarhäusern verbrachten ihre Ferien auf dem einigermaßen geräumigen Hinterhof. Sie hatten alle nicht das Geld, irgendetwas anderes mit ihren Ferien anzufangen, so wie auch ich und meine Geschwister. Es war unser erster Sommer in Hörde, einem Vorort von Dortmund.
Für mich und meine Geschwister war die abrupte „Verpflanzung“ in die kaputte Großstadt ein Schock gewesen. Das „große Spiel“ unserer Kindheit war vorbei, das wussten wir vom ersten Moment an, als wir uns umsahen. Im zerbombten Dortmund wurde überall hektisch und mit viel Lärm und Dreck gebaut. Diese Stadt wurde unser Zuhause und unser Gefängnis. Die Freiheit, die wir einst hatten, war dahin. Das ungezähmte Spiel in einer wilden Umgebung, die angefüllt war mit Abenteuern und Traumwelten, war für immer vorbei.
Was diese Stadt uns zu bieten hatte, war jämmerlich. Da waren nur Wände, Mauern, Ruinen, Baustellen, Dreck, Straßen, Verkehr, Lärm, Asphalt, Schlaglöcher. Es blieben nur winzige Areale zum „Spielen“ – wie unser kläglicher Hinterhof. In den Ferien wurden noch die Schulhöfe geöffnet. Und wer es sich leisten konnte, ging ins Freibad. Das war’s. Wir kamen uns bestraft vor.
Auf jenem Hinterhof spielten wir meist eine Art Minifußball. Das war sehr beliebt damals und wurde vor allem nach der Schule von den Jungs auf den Straßen viel gespielt. Es wurde ein kleines Fußballfeld mit Kreide auf den Asphalt gemalt oder mit einem Stock in die Erde geritzt. Die „Pille“, also unser Fußball, war ein Schlagball, der, weil er unelastisch war, nicht so schnell davon springen konnte, also leichter in dem kleinen Spielfeld gehalten werden konnte. Man bildete zwei Mannschaften – fertig, los.
An jenem Mittwoch nach meinem ersten Versuch, in die Welt der Maloche und der Malocher einzudringen, tobte ich mich richtig aus und holzte auf die Gegner ein, um mich abzureagieren. Das nahm mir meinen Frust. Erschöpft, erhitzt und irgendwie zufrieden ging ich abends „rauf“. Und doch: diese Art von Zeitvertreib auf dem Hinterhof kam mir vor wie eine Regression in eine Zeit, die unwiederbringlich dahin war. Das „große Spiel“ war vorbei, ich war kein Kind mehr.
Meine Idee, in die Arbeitswelt einzudringen, sah ich insgeheim wie ein neues Abenteuer, wie ein „neues Spiel“. Ich ahnte, dass ich in etwas vordringen würde, das mir unbekannt war. Mein Vorhaben knüpfte in gewisser Hinsicht an das „große Spiel“, die Abenteuer meiner bewussten Kindheit, an, in denen ich die Welt um mich herum erkundete und ausforschte. Malochen sollte für mich das neue Abenteuer werden. Es kribbelte in mir der Wunsch nach Neuem.
***
Am Donnerstag, zwei Tage nach meiner „Niederlage“, setzte ich mich wieder in die Straßenbahn und fuhr durch diese hässliche, ungeliebte Stadt zu diesem hässlichen und ungeliebten, wenn auch nicht mehr gefürchteten Amtsgebäude, schritt mit einem kurzen Winken am Pförtner vorbei und marschierte schnurstracks durch das gähnend leere Gebäude auf jene Amtsstube zu, in der der Zettelkasten zuhause war, an den ich heran musste.
Ich hörte mir geduldig weitere Erlebnisse aus dem Frankreich-Feldzug an, weil ich wusste, dass das die Vorleistung war, die ich erbringen musste, um ans Ziel zu kommen. Ich hörte ihm zu und fragte sogar interessiert nach und mein verstärktes Interesse ließ ihn aufblühen. Schließlich kam die Drehung nach hinten, auf die ich die ganze Zeit gewartet hatte. Er packte den Karton mit den vielen Karten auf seinen Schreibtisch und sagte:
„Versuchen wir es doch diesmal auf’m Bau!“
Er kicherte, wühlte in seinem Kasten, zog etliche Karten heraus, verwarf sie wieder. So ging das eine Zeitlang. Schließlich sagte er:
„Am besten Straßenbau. Da kannste nicht vom Gerüst fallen.“
Er schrieb wieder die Daten einer Karte ab, stempelte den Zettel und gab ihn mir. Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg zur Telefonzelle.
Ja, ich könne anfangen. Diesmal sagte das eine Männerstimme. Ich schlug den Montag der kommenden Woche vor. Die Männerstimme stimmte zu. Sechs Uhr dreißig an der und der Straßenkreuzung in der Stadt. Dort würden schon andere Arbeiter warten. Nicht zu verfehlen. Es würde ein Bus kommen und uns zu der Arbeitsstelle fahren. Ich fand das alles sehr geheimnisvoll und abenteuerlich und fuhr nach Hause – glücklich, dass alles wieder so glatt gelaufen war.
Am Wochenende, als mein neuer Arbeitsbeginn näherrückte, widmete ich mich wieder der Kleiderfrage, meinem schier unlösbaren „Klamottenproblem“. Mir war bewusst, dass ich eine Arbeitskleidung brauchte, die was „hermachte“, d. h., die mich irgendwie wie einen Malocher aussehen ließ. Ich wühlte in dem Kleiderschrank herum, der die Kleidung aller fünf Geschwister enthielt und ungefähr ein Fünftel von dem ausmachte, was heute ein Einzelkind an Stauraum für seine Kleidung benötigt. Als ich schließlich eine brauchbare Kombination zusammen hatte, bei der ich notgedrungen auch auf die „guten“ Brocken zurückgreifen musste, stellte sich meine Mutter quer.
„Das brauchst du noch für die Schule. Die Hose kriegst du nicht, das Hemd ist noch zu schade …“
Ich spürte, dass sie weiterhin meine Pläne torpedierte. Entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten unterstützte sie mich bei meinem Projekt nicht, denn sie hatte Angst, dass ich mich übernahm. Wütend ließ ich mich zu einer Dummheit hinreißen.
„Na schön“, sagte ich schließlich verärgert. „Dann arbeite ich eben in der Turnhose wie der Dicke bei der Gartenbaufirma. Schließlich bin ich Ferienschüler …“
„Wenn du meinst – bitte!“, sagte sie. Es klang irgendwie spöttisch.
Sie hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht. Ihre großen blauen Augen lagen in tiefen Höhlen über ihren ausgeprägten Wangenknochen und den damals noch sehr hohlen Wangen. Oft waren diese Augen voller Ernst und Trauer, manchmal auch voller Wehmut, wenn ihr die Erinnerungen kamen und sie sich unbeobachtet wähnte. Manchmal aber auch sprang ein glitzernder Schelm aus ihnen heraus, wie jetzt. Ich war irritiert durch ihren leichten Spott, blieb aber bei meinem Entschluss: kurze Hose. Das war allerdings eine katastrophale Fehlentscheidung.
Am Montagmorgen, sechs Uhr dreißig, stand ich an der genannten Straßenecke, etwas scheu und abseits von den Malochern in ihren Bauarbeiterklamotten, die sich dort allmählich ansammelten. Sie beachteten mich zunächst gar nicht, da sie nicht wussten, warum ich dort stand. Als der VW-Bulli kam und ich mit ihnen einfach so einstieg, waren sie reichlich perplex, fingen an zu lachen und zu flachsen, machten ihre geistreichen, aus meiner Perspektive allerdings dämlichen und verletzenden Bemerkungen, bis ihr Rudelführer sie ermahnte: sie sollten mich in Ruhe lassen.
Der Bus fuhr über Syburg Richtung Hagen aus der Stadt hinaus und zum ersten Mal sah ich ein wenig von der ländlichen und durchaus reizvollen Umgebung der Stadt, sah einen See und „richtige“ Landschaft, etwas, was ich seit Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Der Bulli hatte hinten keine Fenster, so dass ich nach vorne, am Fahrer vorbei rausgucken musste. An den Seiten hinter der Fahrerbank waren rechts und links primitive Holzpritschen angebracht, auf denen die Malocher saßen – und ich natürlich auch, das Kind mit den nackten dünnen Kinderbeinchen. Zwischen den beiden Sitzreihen, auf dem Boden, lag Werkzeuggerümpel: Spitzhacken, Maurerhämmer, Spaten, Kellen, Meißel, Zollstöcke, verdreckte Eimer, Kabel. Alles Mögliche.
Die Männer hielten sich zwar mit Bemerkungen zurück, der Rudelführer achtete darauf, aber sie schauten immer wieder verstohlen oder offen zu mir hin. Diese Blicke waren peinlich und ich fühlte eine tiefe Scham in mir aufsteigen. Am liebsten hätte ich einen Rock gehabt wie ein Mädchen, den ich über meine Knie hätte ziehen können, um meine Blöße zu bedecken. In manchen dieser Blicke sah ich etwas, was ich damals noch nicht klar deuten konnte, was mir fremd und besonders unangenehm war: Begehrlichkeit. Ein Jahr später, während meiner zweiten Saison als „Ferienschüler“, lernte ich, was es damit auf sich hatte.
Schließlich ereichten wir unser Ziel, eine Baustelle an einer Landstraße Richtung Hagen. Mitten in der Pampa. Hier standen einige Bauwagen. Es waren bereits reichlich Malocher aus anderen Richtungen gelandet, die ein langes Stück Landstraße zu bearbeiten hatten. Ich meldete mich bei dem Vorarbeiter und gab ihm meine Papiere. Er war sichtlich irritiert. Als „meine Kumpel“ aus dem VW-Bulli zu ihrer Arbeit an der Landstraße wanderten, verbot er mir mitzugehen. Er sagte mir, ich könne hier – zwischen den Bauwagen – mal dies und das aufräumen – er erfand regelrecht kleine leichte Arbeiten für mich – aber ansonsten solle ich warten. Gegen Mittag käme einer von der Firma. Der sollte dann entscheiden.
Gegen elf kam er.
Bauingenieur der Fünfziger Jahre. Beige Cordhosen, kariertes Flanellhemd mit offenem Kragen und aufgekrempelten Ärmeln und ganz oben der „Bibi“. Sein Tweed-Jackett lag locker auf dem Beifahrersitz seines Mercedes 170 V. Dieser Kleinmanagertyp der Fünfziger hatte an allen Orten, an denen er mir begegnete, ein so einheitliches Erscheinungsbild, dass ich ihn noch heute malen könnte.
Der „Bibi“ war ein kurzkrempiger Hut aus normalem Filz, manchmal aus olivefarbenem Cord oder – in der feineren Version – aus braunem, glänzendem Leder. Die Sheriffs auf den Baustellen oder in den Fabriken trugen ihn so: sie schoben ihn grundsätzlich immer aus der Stirn nach hinten und dort, auf dem Hinterkopf, war er festgewachsen. Das sah kernig und verwegen aus und sollte auch genau so aussehen. Der „Bibi“ wurde nie gelüpft, auch nicht zum Grüßen. Mit dem Stahlhelm hatte man das schließlich auch nicht gemacht …
Meinem Bibi-Träger sah man an, dass er selbstbewusst und durchsetzungsfähig war: eine Führernatur … Fähnleinführer, Rottenführer, Scharführer, Standartenführer, Bauführer. Führer eben … Manager.
Die alten Zeiten waren vorbei, in den neuen Wunderzeiten der Trümmerbeseitigung und des tatkräftigen Wiederaufbaus wandelten sich die „Führer“ zu „Managern“. „Führer“ brauchte man wie immer, aber der Begriff war verschlissen. Der „Bibi“ war ein Führersymbol, der Kampfhelm des Befehle bellenden Managers und Machers vor Ort, an der Schnittstelle zwischen der Betriebsführung und den Malochern, die er kontrollierte, organisierte, anschnauzte, heuerte und feuerte. Der „Bibi“, aus der Stirn nach hinten geschoben, hieß bei so einem: ich bin knallhart.
Mein Bibi-Träger lachte laut und wahrhaft dröhnend, als er mich sah, und der Vorarbeiter und einige Malocher lachten beflissen mit.
„Kinderarbeit gibt’s hier nicht. Nicht bei mir.“
Er kramte in seinen Taschen und holte einen Fünfer heraus.
„Hier, dein Taschengeld für heute“, er lachte wieder und die anderen lachten ihm nach. Ich schämte mich.
Er gab noch einige Anweisungen und Befehle, danach schwang er sich amüsiert in seinen Mercedes 170 V und zischte ab in Richtung Dortmund. Eigentlich hätte er mich ja gleich mitnehmen können, aber ich musste noch bis Feierabend ausharren. Der VW-Bulli setzte uns alle wieder an der Straßenecke ab, an der er uns aufgelesen hatte.
Während der Fahrt guckte ich muffig und entmutigt am Fahrer vorbei auf die Landstraße. Ich schämte mich für meine Dummheit. Die Landschaft war lange nicht mehr so schön wie am Morgen, lange nicht so schön wie die, die ich verloren hatte. Alles war trist. Meine nackten Kinderbeinchen waren mir diesmal scheißegal, ich wurde auch von niemandem mehr beachtet. Die Männer waren erschöpft von der Arbeit und flachsten nicht mehr viel herum.
Das war’s.
Das war mein zweiter Arbeitstag. Wieder eine Niederlage. Diesmal war ich nicht wütend. Mir hing die Peinlichkeit des ganzen Tages tief in den Falten meiner Seele. Ich war bedrückt. Ich schämte mich wegen des jämmerlichen Bildes, das ich den ganzen Tag über abgegeben hatte. Aber immerhin: 5 Mark!
2 In der Kinderbrigade
Am Abend wühlte ich in dem Kleiderschrank meiner Eltern auf der Suche nach abgelegten Kleidungsstücken meines Vaters. Ich hatte die fixe Idee, dass es nur meinem lächerlichen Outfit geschuldet war, dass ich beide Male keinen Erfolg gehabt hatte. Ich fand eine helle verschlissene Cordhose, die er gerne trug, wenn er mit seinem kastenförmigen Opel P4 durch Niedersachsen fuhr und Bauernhöfe, Förstereien, Holzbearbeitungsbetriebe und Mühlenbetriebe abklapperte, auf der Suche nach Arbeitsaufträgen. Unsere Mutter sorgte dafür, dass er manchmal eines seiner Kinder mitnahm. Das waren dann herrliche Ausflüge.
Ich probierte diese Hose an, die so angenehme Erinnerungen in mir weckte. Sie war ein bisschen zu weit und ein bisschen zu lang. Das war korrigierbar. Ich holte eine Schere und schnitt sie unten ab. Das sah – malochermäßig gesehen – irgendwie professionell aus. Ich fand einen Gürtel, in den ich noch einige Löcher bohren musste, bis er passte. Er hielt die Buxe eher schlecht als recht. Ich fand noch ein paar Hosenträger. Jetzt saß alles, sah aber blöde aus wegen der Hosenträger. Ich fand einen abgewetzten, dunkelblauen Pullover meines Vaters mit V-Ausschnitt, der ursprünglich wohl ziemlich elegant gewesen war, und bedeckte damit das unschöne Gewurstel aus Gürtel und Hosenträgern.
Ich prüfte mein Bild vor dem großen Schlafzimmerspiegel: nicht schlecht! Das Einzige, was mich noch störte, was ich aber nicht ändern konnte, war mein Gesicht. Es war ein Kindergesicht, das Gesicht eines „Milchbubis“, zart, freundlich, naiv, „unbescholten“. Ich übte Grimassen, die mich mürrisch, abweisend, „hart“ aussehen lassen sollten. Ich stylte meine Haare mit „Brisk“, der Haarschmiere der männlichen Fünfziger Jahre-Kids, als viele so aussehen wollten wie Elvis. Irgendwie gelang es mir ein wenig, wie ein „Proll“ auszusehen und vor allem: „älter“ – vorausgesetzt, ich machte ein mürrisches Gesicht, was ich vor dem Spiegel sorgfältig einübte.
Über Jahrzehnte meines Lebens wurde ich durchweg als jünger – oft bedeutend jünger – eingeschätzt als ich den Jahren nach war. Das war in manchen Situationen eben ein Nachteil. Ich selbst allerdings mochte stets meine „Jugendlichkeit“ und ich war nicht selten angetan von Männern und Frauen, die in ihrer Erscheinung jugendlich, ja, irgendwie kindlich geblieben waren. Sie hatten – so empfand ich oft – eine besonnene Leichtigkeit in ihrem Wesen, waren auf eine lockere Art spöttisch, zuweilen auch zynisch. Ihr jugendliches Aussehen verbarg ihre Qualitäten wie eine täuschende Maske und sie gingen zuweilen ein wenig in Deckung vor dem Leben um sie herum – so wie ich selbst. Das war es, so dachte ich manchmal, was sie jung erhielt, wenn sie alterten.
Ich wollte keine Zeit mehr verlieren, ich wollte Geld verdienen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Am nächsten Morgen fuhr ich schon früh wieder durch diese fiese Stadt, wieder in dieses fiese Amt, besuchte wieder dieses Amtszimmer, in dem dieser Graublonde mit den angeklatschten Haaren saß und stellte mich innerlich wieder auf diesen fiesen Frankreich-Feldzug ein. Es kam aber anders. Er sah mich nachdenklich und prüfend an.
„Gut. Noch ein Versuch. Danach ist Schluss.“
Er schwafelte nicht weiter herum, schwang sich in seinem hölzernen Drehstuhl nach hinten und machte sich sofort über seinen Karteipappkarton her. Er prüfte eine ganze Reihe von Karten, zog drei oder vier heraus und legte sie vor sich hin.
„Hier“, sagte er. „Sie suchen Aushilfen während der Ferien. Sie wollen also speziell Ferienschüler, wie es aussieht. Das ist doch mal präzise.“
Er griff zum Telefon und rief höchstamtlich bei der Firma an.
„Wann?“, fragte er mich, während er mit dem anderen Ende die Modalitäten besprach.
„Morgen“, sagte ich.
Nachdem er aufgelegt hatte, sagte er:
„Berghofen. Sie bauen dort eine ganze Siedlung. Lauter Eigenheime. Frische Luft, schöne Gegend.“
Er lachte, gab mir den üblichen Zettel mit den notwendigen Daten und wünschte mir diesmal viel Glück.
Am Abend zeigte ich mich in meinem neuen Malocher-Outfit meiner Mutter.
„Willst du es tatsächlich noch einmal versuchen?“, fragte sie und ich spürte wieder, dass sie es nicht gut hieß.
„Ja“, sagte ich, „morgen geht’s los.“
Sie strich mir kurz über meine Brisk-Tolle. Sie kannte ja mein Motiv. Sie wusste, dass ich das für sie tat. Sie wusste auch, dass sie sich nicht durchsetzen konnte, wenn ich mir etwas vorgenommen hatte.
„Mein Eigenbrötler“, sagte sie. So nannte sie mich manchmal und es schwang wie immer ein zärtlicher Stolz in ihrer Stimme.
Schöne, heile Welt mit Gartenzwergen
So kam es, dass ich schließlich doch noch aktiv teilnahm am „Wiederaufbau“, denn dazu gehörte ganz wesentlich: Wohnraum schaffen. Und nicht nur das: ich nahm teil an der Verwirklichung einer großen Idee, einer neuen Kultur des Wohnens.
Ein paar Mouseclicks und ich sehe sie von oben: jene Siedlung, die ich einst mit aufbaute. Google Earth zeigt mir heute eine durch und durch brave, richtig ordentliche Gartenstadt im Grünen.
Einfamilienhäuser, Zweifamilienhäuser, Reihenhäuser, mit Garten oder Gärtchen, Parzellen oder Parzellchen. Ich sehe Gartenmöbel in Plastik und Teak, Bänke, Tische, Kinderschaukeln, Rutschen für die Kleinen, kreisrunde Planschbecken, Swimmingpools, Hollywoodschaukeln. Ein ruhiges Sommerbild: kaum Verkehr auf den Straßen. Der Premium-Mittelklassewagen des Hausherrn steht vor der Garageneinfahrt, mit ihm fährt Papa ins Büro und zurück. Der Kleinwagen steht am Bürgersteig: mit ihm fährt Mama die Kinder in den Kindergarten, auf den Reiterhof, in den Fußballverein oder zur Ballettstunde. Alles sieht friedlich, gediegen, verlassen und verschlossen aus. Würde ich durch die ganze Republik scrollen, ich würde sie überall finden, diese Gartenstädte im Grünen. In Ringen haben sie sich zu Tausenden, zu Zehntausenden um jede Großstadt, jede Kleinstadt, jedes Kaff gelegt, die Landschaft aufgefressen und zerfräst. Das „Volk ohne Raum“, das in seinen Knobelbechern Europa niedergetrampelt hatte, und mit Panzern, Sturmgewehren und Granaten nach „Lebensraum“ gesucht hatte – es fand seinen Lebensraum und Lebenstraum schließlich in abertausenden von Kleingartenkolonien mit übergroßen Lauben.
Stiege ich hinunter in das Bild, das Google Earth mir zeigt, und würde ich dort spazieren gehen, in sommerlichen Abendstunden etwa, ich würde kaum einem Menschen in den stillen Straßen und Alleen begegnen. Auch die Gärtchen und Parzellen sind fast menschenleer, es ist Abendbrot- und Fernsehzeit. Ich würde bemerken, wie sauber alles ist, aufgeräumt, abgezirkelt. Strohkränze an den Eingangstüren, Wolkenstores vor dem Elternschlafzimmer, exotische Pflanzen im Schaugarten nach vorne hin, alles, was die Gartencenter hergeben. Jede Parzelle hat ihre eigenen Spielgeräte für die Kleinen, vor Sicht und Kontakt mit den anderen Kleinen geschützt durch Hecken und Palisadenwände.
Ich bliebe nicht stehen auf meinem Spaziergang durch die deutsche Gartenstadt, um mir das eine oder andere Ensemble näher anzuschauen. Ich hätte Angst, dabei „ertappt“ zu werden. Ein müßig flanierender Fremder, der stehen bleibt und über die Hecke guckt, erzeugt Misstrauen und Furcht. Ich habe das öfter erlebt. Vorsicht ist angesagt, weiß der Häuschenbesitzer. Das Handy ist griffbereit. Einseinsnull.
„Gardencities of tomorrow“ klang es programmatisch in den Architektenzeitungen der Zwanziger Jahre: Licht, Luft, Grün und Sonne für Groß und Klein, raus aus dem ungesunden Mief der Innenstädte, der Hinterhöfe, rein in die Peripherie: ein Häuschen mit Garten, wo sich dann das Glück von selbst einstellt. Dieses Programm wurde zum Nachkriegstraum der ersten Arrivierten der Wirtschaftswunderepoche, und man ging mit gewohnter Wucht und Energie ans Werk. „Tomorrow“ war angebrochen, als ich in Berghofen auftauchte, einer „Gardencity“ im Entstehen.
Überall wurde gebaut. Wiesen und Äcker waren zu Bauland geworden, ein Vorgang, an dem auch damals schon – wie eigentlich immer – die Investoren und Schnäppchenjäger mit dem Insiderwissen ihrer Männerkumpaneien, den Rotary-Clubs, Logen und Burschenschaften, mitorganisierten und mitverdienten. Städtisches Land wurde vermessen, parzelliert, verhökert. Dann schritt man rüstig zur Tat und baute, baute, baute … Und ich baute mit am „Häuschen mit Garten“, dem Traum der besser situierten anderen.
Männer und Kinder
Kurz vor sieben hatte ich meine Baustelle ausfindig gemacht, ein größeres Areal, auf dem „meine Firma“ gleichzeitig zwei Einfamilienhäuser hochzog. Ich fand schnell den, der das Kommando hatte, und stellte als Erstes erleichtert fest, dass er an meinem Outfit und meinem jugendlichen Aussehen keinerlei Anstoß nahm. Ich war auch nicht der einzige „Ferienschüler“ auf dem Platz, wie ich bald feststellte: ich war der achte. Jedem der beiden Bauten wurde eine Viererkohorte „Kinder“ zugeteilt.
Der Mann erklärte mir, was ich zu tun hatte. Es war wieder jener Typ, der mir nun schon vertraut war und den ich damals für „normal“ hielt: wortkarg, emotionslos, humorlos, hässlich – ohne jede Freude. Da war kein Scherz, kein Witz, kein Gefühl.
Wir „Kinder“ hatten die Aufgabe, die Männer auf den Rohbauten permanent mit Material zu versorgen. Sie arbeiteten bereits im zweiten Geschoss und zogen die Außenwände hoch, Ziegelwände. Die Innenwände wurden aus großen weißen, klobigen Quadern errichtet. Vier Zimmer entstanden dort oben, ein Bad und ein Korridor. Vier Männer werkelten dort, denen wir zuarbeiten sollten, die wir also mit allem, was sie als Maurer benötigten, permanent zu bedienen hatten.
Der wortkarge Polier rief einen Jungen heran, etwa fünfzehn wie ich, schmächtig, in ollen Klamotten. Wir maßen uns mit einem kurzen Blick und sahen einander wie in einem Spiegel. Unsere Aufgabe war simpel: wir hatten zwei der Männer mit Ziegeln und „Speis“ zu versorgen – ohne Unterbrechung, bitte.
„Unsere“ beiden Männer waren wie alle anderen: stur, mundfaul, mürrisch, roh. Solange ich dort arbeitete, kam kein freundliches Wort aus ihrem Mund. Sie bölkten, wenn es nicht schnell genug ging oder wenn sie irgendetwas brauchten, sie machten sich über uns lustig, wenn wir uns ungeschickt anstellten. Diese Männer waren alle Soldaten gewesen: das Menschliche war irgendwo im Dreck des Krieges verloren gegangen.
***
So sah unsere Arbeit aus:
Etwas entfernt von dem Bau war eine ganze LKW-Ladung mit Ziegelsteinen aufgeschichtet, die wir letztlich hand- und zugriffsgerecht neben „unsere“ Männer zu platzieren hatten. Das klingt einfach, erforderte aber einige organisatorische Überlegungen. Wir fanden folgenden Dreh: ich warf meinem Kumpel die Steine einzeln zu, Ziegel für Ziegel, der sie dann unter dem Baugerüst neben einer Leiter abstapelte. Hatten wir eine bestimmte Menge beisammen, kletterte ich auf das Gerüstbrett vor dem ersten Stock und er warf mir die Steine hoch, die ich dort noch einmal zwischenlagerte. Wenn alles oben war, kam auch er rauf und wir schleppten die Ziegelsteine zu unseren Männern. Wir bemühten uns, ihnen möglichst einen kleinen Vorrat zu verschaffen, dann konnten wir ein wenig verschnaufen.
Schlimmer war die Sache mit dem „Speis“.
Dieses Wort hörte ich dort zum ersten Mal und noch heute habe ich ungute Assoziationen, wenn ich das Wort auch nur ausspreche oder niederschreibe, denn es riecht nach Schweiß und Knochenmaloche. Bei jedem der beiden Bauten stand eine Zementmischmaschine, in der Mörtel – hier sagte man eben „Speis“ dazu – angemischt wurde. Eine große Trommel mit einem großen Maul und inwändigen Rührvorrichtungen drehte sich unaufhörlich. Ein Malocher stand davor und schippte gemächlich mal eine Schaufel Sand, mal eine Schaufel Zement in das Maul und spritzte dann und wann mit einem Schlauch Wasser hinein. So entstand eine dicke, schwere Pampe, die wir „Kleinen“ letztlich zu „unseren“ Maurern zu transportieren hatten.
Wir fuhren mit einer Schubkarre vor. Der Lau-Malocher am Mischer betätigte einen Hebel, die Trommel neigte sich über unsere Karre und kotzte aus ihrem runden Maul den „Speis“ hinein. Wenn die Karre voll war, war sie kaum noch zu bewegen. Es begann eine fürchterliche Würgerei für meinen Kumpel und für mich.
Da das werdende Haus natürlich ein Kellergeschoss hatte, lief um den ganzen Bau herum ein Graben. An einer bestimmten Stelle war der Graben mit langen Baubrettern überbrückt, die in das noch rohe Erdgeschoss führten. Über diese „Brücke“ mussten wir die Karre heil hinüberbringen, eine für uns unglaublich schwere Schufterei. Wir hatten stets Angst, dass die ganze Chose uns umkippte und der Matsch im Graben landete. Manchmal standen Malocher oder auch der Polier direkt neben uns und rauchten. Sie sahen uns nicht, sie wollten uns nicht sehen, keiner packte mal zu und wenn sie uns wahrnahmen, machten sie sich über uns lustig. Hatten wir die Karre glücklich im Erdgeschoss, füllten wir den „Speis“ in schwarze Hartgummi-Eimer um, in die so genannten „Speis-Eimer“, kletterten mit diesen Eimern über eine Leiter in den ersten Stock und bedienten „unsere“ Männer.
Das war widerliche, schmerzhafte Knochenmaloche, und dafür hatten sie sich die „Kinder“ ausgesucht, die das zum halben Preis machten. Das war kurz vor dem Siegeszug des Gabelstaplers, der Paletten und der Baukräne, die später alles leichter machten und jobhungrige „Ferienschüler“ wie uns wegrationalisierten.
Kinderarbeit zum halben Tarif (vor Vollendung des sechzehnten Lebensjahres bekam man nur den halben Hilfsarbeiterlohn) ersetzte die fehlende Technik und mein erster „Arbeitgeber“ blieb mir für immer in Erinnerung als der „Kinderschinder von Berghofen“. Was mir vor allem anderen auffiel auf meinem „ersten Bau“, bei meinem ersten Job, das war die Gleichgültigkeit, die Gefühllosigkeit und Rohheit der meisten dieser Männer, mit denen ich es zu tun hatte.
***
Einmal hatte ich einen dieser schweren Matscheimer glücklich auf das Gerüst an der Außenmauer die Leiter hoch gehievt. „Mein“ Maurer erwartete seinen „Speis“ an einer der ausgesparten Fensteröffnungen. Dazu war es nötig, dass ich den schweren Eimer etwa bis zur Höhe meiner Schultern, meines Gesichtes, anhob. Ich tat das und erwartete, dass er von oben zugriff und mir das schwere Ding abnahm. Er aber ließ mich schweigend und grinsend hängen in dieser Position. Ich versuchte es noch ein Stück höher, er ließ mich hängen und schwieg grinsend. Plötzlich verspürte ich einen Schlag im Rücken zwischen den Schulterblättern, es machte schmerzhaft und deutlich „Knacks“ in meiner Wirbelsäule. „Mein“ Maurer erkannte an meinem Zusammenzucken genau, was vorgefallen war, und bevor ich den Eimer fallen ließ und den ganzen Dreck hinschmiss, griff er endlich zu. Noch heute sehe ich die Verärgerung und die boshafte Häme in diesem grauen, leeren und dummen Gesicht, dann das kurze Aufblitzen der Schadenfreude, als der Schmerz mich durchzuckte. Ich hatte den ganzen Tag und auch die folgenden Tage noch Schmerzen im Rücken, rollte mit den Schultern und ruderte mit den Armen, um ihn loszuwerden. Ein Wirbel war lädiert, C 6, für immer, wie erst sehr viel später festgestellt wurde. Der Schmerz ist mir bis heute geblieben: von Zeit zu Zeit ist der Nerv entzündet.
***
Damals sah ich das Verhalten selbst dieses Mannes als durchaus normal an, „harter“ Bursche vom Bau eben, so werde ich wohl gedacht haben. Doch das, was mir an den Menschen damals als „normal“ vorkam, sehe ich heute deutlicher:
Viele Männer jener Zeit, mit denen wir Nachwachsenden zu tun hatten, waren wirklich und wahrhaftig krank, wirkten stumpf, brutalisiert, völlig unfähig zu Empathie und Perspektivenverschränkung. Auch das war ein Symptom der Nachkriegs-PTBS im Wirtschaftswunderland. Sie hatten die Einfühlung in den anderen ausschalten müssen, als sie ihr Kriegs- und Vernichtungshandwerk verrichteten, und es blieb ausgeschaltet, als sie ihr Bauhandwerk verrichteten.
***
Von all dem erzählte ich zuhause wie üblich nichts. Ich hatte mir angewöhnt, meine Mutter, die sowieso schon in ihren Sorgen ertrank, nicht auch noch mit meinen Erlebnissen und Kümmernissen zu belasten. Mein Vater war eh selten zu sehen, lebte sein eigenes Ding, und ich hatte nicht den Eindruck, dass er seine Kinder und seine Frau überhaupt richtig wahrnahm.
Wenn ich nach meinem Arbeitstag auf dem Bau am späten Nachmittag wieder zuhause ankam, wusch ich mich, aß ein wenig und legte mich auf mein Bett, wo ich erschöpft einschlief. Ja, ich hatte jedes Mal das Gefühl, richtig hart gearbeitet zu haben. Vom Hof her hörte ich dann noch das Geschrei und das Lachen der anderen Kinder aus dem Haus, die dort ihren Minifußball spielten. Danach war ich weg.
***
Nach einigen Tagen auf dem Bau, zu Beginn meiner zweiten Arbeitswoche, fuhr ein großer LKW mit offener Pritsche und offenem Anhänger auf die Baustelle. Er hatte große, weiß-graue Steine geladen, quaderförmig, die beim Aufbau der Innenwände verarbeitet wurden. Der Vorarbeiter stellte eine Kinderbrigade zusammen, die den Befehl bekam, die Pritsche und den Hänger abzuladen.
Wir vier bildeten eine Kette.
Der Erste räumte die Steine von der Pritsche (später vom Hänger), warf sie dem Zweiten zu, dieser dem Dritten und der Vierte schließlich stapelte sie wieder möglichst nahe am Bau, so dass man sie von dort leicht in das Obergeschoss transportieren konnte. Wir wechselten unsere Positionen in der Kette und als die Pritsche und der Hänger leer waren, bluteten unsere Hände von den scharfen Kanten dieser Steine. Es gab nicht nur keine Gabelstapler und Paletten in den Aufbauzeiten des Nachkriegswunderlandes, nein, auch Schutzhandschuhe gab es selbstverständlich nicht – und man dachte an so was auch gar nicht. Wir wuschen unsere verdreckten und zerrissenen Hände am Wasserschlauch in der Nähe der Speis-Maschine und mussten sehen, wie wir den restlichen Arbeitstag mit den zerschrammten blutigen Pfoten überstanden. Ich erinnere mich an das irritierte und erstaunte Gesicht unseres Antreibers, als wir ihn um Wundpflaster baten. Er hatte keine.
Am Abend, als ich meine Hände über der Badewanne reinigte, floss noch einmal rot gefärbtes Wasser in den Ausguss. Ich kniete vor der Wanne und hielt meine Hände unter den Wasserstrahl, der kühl und angenehm war. Als ich aufblickte, stand meine Mutter mit entsetzten Augen in der Tür.
„Ich will, dass du sofort aufhörst“, sagte sie.
Ich spürte, wie die Wut in meinen Kopf schoss.
„Nein“, sagte ich.
Sie behandelte und salbte meine Hände. Vor ihrer Ehe und bevor sie ihre vielen Kinder bekam, war sie mit großer Leidenschaft und mit großem Engagement Krankenschwester gewesen. Ich hatte immer eine Art Urvertrauen in sie, wenn sie mich mit routinierter Sicherheit nach den Regeln ihrer Kunst verarztete. Später am Abend gab sie mir ein Paar gefütterter Lederhandschuhe, „gute“, die sie selbst noch im Winter zu tragen pflegte. Ich steckte sie in meine Arbeitstasche, nahm mir allerdings vor, sie auf keinen Fall zu benutzen.
***
Die tägliche Schicht begann um sieben Uhr morgens und wir arbeiteten acht Stunden am Tag. Die Frühstückspause um halb zehn dauerte eine halbe Stunde, unbezahlt; die Mittagspause um eins währte ebenfalls eine halbe Stunde, unbezahlt. Gegen sechzehn Uhr war Feierabend (wenn man nicht gerade noch in einer Arbeit steckte, die man eben mal schnell zu Ende bringen sollte, unbezahlt). Am Sonnabend arbeiteten wir nur fünf Stunden mit einer einzigen halben Stunde Pause, unbezahlt. Die Fünftagewoche war noch nicht erfunden.
Richtfest
Nach zweieinhalb Wochen, an meinem dritten Sonnabend auf dem Bau, fuhr gegen elf Uhr ein Mercedes 180 vor. Ein blässlicher, grauhaariger, etwa fünfzigjähriger Mann in einem grünlich-grauen Tweed-Sakko, mit rosa changierendem Hemd (war gerade Mode) und Schlips stieg aus, begrüßte ein wenig linkisch den Vorarbeiter und einige andere Malocher, die zufällig da herum standen. Danach gingen sie alle Mann hoch zu seinem Mercedes, öffneten den Kofferraum und die hinteren Türen und brachten eine Unmenge Bierkästen, Schnapsflaschen, Zigaretten und ein großes Blech mit Mettbrötchen zum Vorschein.
Das war also der Bauherr.
Wer baute damals eigentlich schon? Der Oberstudiendirektor? Der Leiter der Sparkassenfiliale? Der Zahnarzt? Der Betriebsratsvorsitzende bei Hoesch?
Der Bauherr jedenfalls brachte den Stoff für ein sichtlich verfrühtes Richtfest. Niemand dachte mehr an Arbeit. Die Malocher versorgten sich mit Bier, die Schnapsflaschen kreisten und wurden ohne größere Formalitäten an den Hals gesetzt, die Mettbrötchen waren im Nu verputzt. Sie achteten sorgfältig darauf, dass wir, die „Ferienschüler“, uns nicht an den Schätzen vergriffen.
Nun, das war ja mal ein Arbeitstag ganz anderer Art und ein Bier und eine Zigarette hätte ich auch ganz gerne gehabt, und sei’s nur, um ebenfalls ein wenig in Stimmung zu kommen. Von den Mettbrötchen bekamen wir nichts ab und an Schokolade oder Kekse für die „Kinderbrigade“ hatte der grauhaarige Oberstudiendirektor natürlich nicht gedacht. Es war ihm sicherlich auch gar nicht bewusst, dass sein „Häuschen mit Garten“ – zwei Kinderzimmer im Obergeschoss – mit der Arbeitskraft von schlecht bezahlten Kindern erstellt wurde.
Kurze Zeit später fuhr ein leicht ramponierter Käfer auf die Baustelle und ein Bibi-Träger stieg aus, den ich auf Anhieb für den Bauunternehmer persönlich hielt (was sich später auch als richtig herausstellte). Er begrüßte laut und jovial den grauhaarigen Bauherrn und griff sich eine Flasche Bier, um mit seinen Mannen anzustoßen (der Bauherr trank nicht mit). Er hatte einen fetten Bauch, der über seinen Gürtel hing, trug ein gestreiftes Hemd, das hier und da aus seinem Gürtel gerutscht war, einen locker gebundenen schmalen Lederschlips und hatte seinen ledernen Bibi wie üblich in den Nacken geschoben.
Wir, die Ferienmalocherbrigade, lungerten auf der Baustelle herum, ohne dass wir auch nur einen Tropfen oder einen Krümel von der Sause abbekamen. Niemand kümmerte sich um uns, niemand dachte daran, uns nach Hause zu schicken, was ja sinnvoll gewesen wäre. Nach einer guten Stunde hatten sich mehrere Grüppchen gebildet, es wurde gesoffen, geraucht, gequatscht. Ich sah, dass der Bibi-Unternehmer allein und – wie es mir schien – irgendwie ausgegrenzt, geschnitten von den anderen, vor der Baubude des Poliers saß. Die Einsamkeit des Chefs.
Ich war durch das Scheißverhalten der Malocher und des Poliers inzwischen ziemlich sauer und regelrecht wütend geworden. Ich hatte die Schnauze voll von all dem. Ich ging zu dem Dicken, stellte mich vor und sagte:
„Ich bin Ferienschüler. Ich arbeite jetzt zweieinhalb Wochen hier. Ich möchte mich heute verabschieden. Vielleicht können Sie im Büro Bescheid sagen, dass ich aufhöre.“
Er guckte mich überrascht an.
„Aber warum denn? Du hast doch noch zwei Wochen Ferien. Kannst doch noch Geld machen.“
Offensichtlich brauchte er die Kinderbrigade, die es für 72 Pfennig die Stunde machte, denn er wusste über die Länge der Ferien genau Bescheid.
Ich sagte:
„Wir kriegen nur den halben Lohn eines normalen Hilfsarbeiters und machen die schwerste Arbeit.“
Ich schilderte ihm unsere Arbeit ziemlich detailliert und schloss etwa mit den Worten:
„Dagegen ist die Arbeit der Maurer Lau-Maloche. Oder der Speis-Mischer! O je: mal ne Schippe Sand, mal ne Schippe Zement, mal ein Schlückchen Wasser. Tät ich auch gern.“
Der Dicke lachte.
Dann schaute er mich nachdenklich prüfend an und es schien mir zu meiner Überraschung so, als sei ich irgendwie durch sein Fett gedrungen und als habe er einigermaßen begriffen, was ich meinte. Er wurde aber abgelenkt durch den spendablen Graukopf im grün-grauen Tweed-Jackett, der ihn – wie ich beobachten konnte – mit allerlei Bauherren-Genöle nervte. Als er mit ihm durch war, stellte der dicke Bibi-Träger seine leere Flasche in den Bierkasten zurück und kam auf mich zu.
„Gut“, sagte er.
„Wir haben eine kleine Baustelle in der Semerteichstraße. Wir haben da nur einen einzigen Mann, wir finden eben keine Leute. Alter Mann. Unhaltbarer Zustand ist das. Am Montag kannst du da anfangen. Leichte Arbeit, verspreche ich dir. Willst du?“
„Ja“, sagte ich.
„Abgemacht.“
Er tippte mit dem rechten Zeigefinger an seinen Bibi, setzte sich in seinen Käfer und verschwand.
Der Henkelmann
Am Montagmorgen um sieben traf ich an der Baustelle in der Semerteichstraße niemanden an und ich hatte Muße, mir meinen neuen Arbeitsplatz näher anzuschauen. Hier war ein Transformatorenhäuschen im Entstehen, das konnte selbst ich einwandfrei identifizieren. Es war ein Fundament gegossen worden und die Außenmauern waren bereits halb hoch. Zur Straße hin war ein kleiner Graben, der mit Brettern überbrückt wurde. Um das Häuschen herum lief ein kleines Gerüst, von dem aus offenbar der obere Teil der Wände gemauert wurde.
Ich wartete.
Gegen halb acht kam ein alter Mann die Straße herauf und es stellte sich heraus, dass er „mein“ Maurer war. Er war hager und wirkte trotz seines Alters noch recht drahtig, hatte weiße Haare, große blassblaue Augen und trug eine Nickelbrille mit runden Gläsern. Er ging ein wenig vornüber gebeugt und seine recht langen Arme pendelten hin und her, wenn er sich bewegte oder redete. Er wunderte sich über meine Anwesenheit. Ich stellte mich vor und sagte, dass ich ihm zur Hand gehen sollte. Er war nicht begeistert, brummelte vor sich hin, ging in seinen Bauwagen und zog sich um. Als er fertig war, tauchte der Dicke in seinem verbeulten Käfer auf und verklickerte ihm noch einmal meine Anwesenheit. Der Alte lachte jetzt und nickte mir zum ersten Male freundlich zu.
„Du musst dich hier nicht kaputt machen – um das mal klar zu stellen“, sagte er, als der Dicke wieder weg war. „Ich habe die Arbeit bisher alleine gemacht. Brauche eigentlich keine Hilfe. Aber, na ja, ist schon in Ordnung so.“
Er werkelte an seinem Mäuerchen und ließ sich fortan von mir seine Steine und den Speis bringen, der morgens in einer Wanne angeliefert wurde. Ich hatte den Eindruck, er nutzte den Zeitgewinn, den er durch mich hatte, um öfter mal ein Päuschen einzulegen. Zuweilen kramte er dann in seinen Hosentaschen nach Kleingeld.
„Hol mal Zigaretten“, sagte er dann und nannte mir seine Marke. Meist kam die Ergänzung: „Und ne Flasche Bier.“
Das war eine angenehme Unterbrechung. Der nächste Kiosk war ziemlich weit weg und ich nutzte die Gelegenheit zu einem ausführlichen und sehr gemächlichen Spaziergang. Denn während ich mich auf der Baustelle in Berghofen heiß und nass gearbeitet hatte, war das vorherrschende Gefühl hier die große Langeweile. Ich ließ mir also viel Zeit beim Tingeln. Ich ahnte, dass er es genoss, wenn er mal wieder allein und unbeobachtet vor sich hin wurschteln konnte. Ich hatte beobachtet, dass er, während er sein Mäuerchen hochzog, zuweilen laut vor sich hin brabbelte. Anfangs missverstand ich das. Ich fragte blöderweise nach, da ich glaubte, er habe mit mir gesprochen. Aber er steckte nur tief in seinem inneren Monolog, denn er knurrte ärgerlich und wedelte mich mit der Hand weg.
Wenn ich ihm seine WY-Chester-Packung und sein Bier brachte, machte er Pause, öffnete die Packung sorgfältig nur an einer Ecke, klopfte eine Zigarette heraus und bot sie mir an.
„Eine darfste“, war sein Spruch dazu.
Er zündete sich selber eine an, setzte sich auf die Stufe des Bauwagens und trank in einem einzigen Zug die halbe Flasche aus. Wir beide rauchten schweigend. Es wurde unser tägliches Ritual. Wenn er fertig war und seine Kippe weggeschmissen hatte, ging er zurück in den Bauwagen und kam mit einem Henkelmann und einem Löffel zurück.
„Meine Frau“, sagte er wie entschuldigend. „Eine warme Mahlzeit am Tag braucht der Mann, sagt sie immer. Na ja.“
Auch ich holte mir meinen Proviant, meine Butterbrote und die Bierflasche mit Zitronentee, mit dem ich alles hinunterspülte. Wir aßen schweigend.
Der Henkelmann war ein schönes Stück Malocherkultur. Sein Henkelmann war von der edleren Sorte. Er hatte nämlich drei Kammern. In der ersten waren stets die Kartoffeln oder auch Kartoffelbrei, in einer zweiten irgendein Gemüse, Bohnen oder Blumenkohl oder Rotkohl beispielsweise, dazu einige Fleischstückchen, und in der dritten Kammer, ein Extragefäß, das obenauf über den beiden anderen Kammern lag, war stets ein Pudding oder Kompott oder Salat. Ich erinnere mich, dass ich, während wir beide schweigend kauten und er gemächlich seinen Henkelmann leer löffelte, über seine Frau nachdachte und über die Organisation ihrer Ehe, ihres Malocherlebens.
Sie musste ja, so rechnete ich aus, das Essen schon am Abend vorgekocht haben oder sie stand sehr früh auf und kochte es ihm frisch ganz früh am Morgen. Auf jeden Fall stand sie mit ihm auf und erhitzte es, bevor sie es in den Henkelmann füllte, denn es war noch warm, wenn er es aß. Diese Überlegungen, die ich da anstellte, rührten mich sehr.
***
Ausgerechnet hier, in der beschaulichen und friedlichen Atmosphäre bei dem Alten, hatte ich meinen ersten Arbeitsunfall. Ein Unfall, der der Langeweile geschuldet war, die meinen langen Arbeitstag prägte, der sich nur sehr, sehr zäh auf den Feierabend zu bewegte. Um mir Abwechslung und ein wenig Bewegung zu verschaffen, fing ich an, mich „sportlich“ zu betätigen. Ich machte Liegestütze und übte Kugelstoßen mit einem Felsbrocken, der offenbar beim Ausheben des Grabens zum Vorschein gekommen war. Am meisten Spaß machte es aber, über den Graben vor dem kleinen Gebäude auf das beträchtlich höher gelegene Gerüstbrett an der Außenmauer zu springen. Es gelang mir immer besser. Ich nahm einen kurzen, kraftvollen Anlauf und sprang mit Schwung auf das Brett.
Einmal ging das schief.
Ich rutschte an der Kante des Brettes mit den Füßen ab (das lag vielleicht an den Schuhen, die zu groß waren, denn ich trug alte, abgelatschte Galoschen meines Vaters – meine „Arbeitsschuhe“). Ich plumpste nach unten in den Graben und im Fallen schlug ich mit dem Kinn an der Kante des Gerüstbretts auf. Ich landete ziemlich benommen, mein Kiefer schmerzte, und ich war heilfroh, dass ich mir nicht selber die Zunge abgebissen hatte. Erst als ich mich mühselig wieder aufrappelte, merkte der Alte, was passiert war. Er schimpfte:
„Was soll denn der Blödsinn? Wir sind hier doch nicht im Kindergarten. Jetzt muss ich auch noch auf dich aufpassen. Herr Gott noch mal.“
Er schimpfte mit mir, als sei ich sein Enkelkind. Ich schämte mich ein wenig. Schließlich wurde er wieder versöhnlich:
„Du setzt dich jetzt da hin und rührst dich nicht mehr vom Fleck bis zum Feierabend.“
Er kam von seinem Gerüst herunter, setzte sich mir gegenüber und beobachtete mich. Ich denke, er versuchte herauszukriegen, ob ich wieder vollständig in Ordnung war oder ob er womöglich einen Krankenwagen rufen musste.
„Beweg deinen Kiefer“, befahl er. „Rauf, runter. Jetzt nach links, nach rechts.“
Offensichtlich war er mit dem Ergebnis zufrieden.
Er saß vor mir und grinste plötzlich. Und dann geschah ein Wunder.
Er brach sein Schweigen und fing an zu erzählen. Er erzählte nicht – wie die anderen alle – vom Krieg, nicht von der Flucht, vom Bombenterror, nein, er erzählte von einem fernen Land, dem Land seiner Kindheit. Es lag irgendwo da hinten im Osten – Pommern? Ostpreußen? Schlesien? –, ein Bauernhof. Da war er aufgewachsen, da musste er schon als Kind mit anpacken … und da hatte er natürlich zahlreiche Unfälle. Die schilderte er nun mit Freude und lustvollen Details: wie der Gaul ihn abwarf, wie er bei der Birnenernte vom Baum fiel, wie er durch das Loch in der Tenne in den Stall plumpste …
„Es ging immer alles gut, ich habe mir nie was gebrochen.“
Schließlich sagte er: „So, jetzt zieh dich um und geh nach Hause.“
Ich arbeitete mit ihm zwei Wochen lang und ich denke heute, dass es auch ihm ein wenig Spaß gemacht hat, jemanden zu haben, der ihm letztlich doch so einige Arbeit abnahm – schließlich war er schon recht alt. Zwei Wochen lang hatte er seinen kleinen Fuzzi, der ihm seine Zigaretten und sein Bierchen holte, der einfach nur da war und ihm half – und ihn hinderte, allzu sehr in seinen inneren Monologen und Erinnerungen zu versacken. Nach jenem Unfall blieb er viel gesprächiger. Es war, als spiegele er sich nun selbst in mir, diesem Jungen, der plötzlich um ihn herumwuselte. Der Bauernjunge kam wieder zum Vorschein, er erzählte seine Döntjes und auch das Schwere, das ihm als Kind und als Heranwachsendem widerfahren war. In seinen Augen lag dann ein fröhlicher Schimmer und manchmal kam der Schalk, manchmal eine große Traurigkeit zum Vorschein. Ich spürte: er fing an, mich zu mögen, und ich mochte ihn auch. Zwei Tage, bevor die Schule wieder losging, hörte ich bei ihm auf.
***
Alles Geld, das ich mit meinem ersten Job verdiente, gab ich meiner Mutter für die Haushaltskasse, die grundsätzlich immer leer war. Es war nicht viel geworden, etwa 160 Mark: „Kindertarif“. Mit sechzehn hätte ich schon gut das Doppelte gehabt. Ich sah, wie „mein Geld“ in nur wenigen Tagen schon wieder weg war, einfach weggeschmolzen. Wir waren eine große Familie mit zahlreichen Bedürfnissen.
So war das immer, auch in den folgenden Jahren, in denen ich auf dem Bau oder in den Fabriken malochte. Es war durchaus nicht wenig, was ich an Geld zusammen bekam in den vielen Schichten, in denen ich mich verkaufte. Doch wenn ich das Geld meiner Mutter abgeliefert hatte, war alles im Nu weg.
Für eine kurze Zeit lebten wir dann vielleicht ein wenig üppiger und ein wenig fröhlicher (und nur meine Mutter und ich selbst wussten, warum), dann war die Welle wieder abgeebbt. Ich gebe zu, dass es mich immer ein wenig traurig machte, dabei zusehen zu müssen, wie alles so schnell wieder zerrann, was ich in meinen Sommern mit so viel Ackerei – und manchmal auch Quälerei – zusammenbrachte.
3 … shame and scandal in the family …
Später fragte ich mich ernsthaft, warum ich mit einer solch verbissenen Härte gegen mich selbst meinen ersten Malochersommer durchzog.
Die Energie, mit der ich mein Projekt „Kohle machen!“ voran trieb, erklärt sich aus der Zeit, in die ich hineingeboren war, und aus dem Leben, das wir führten, meine Eltern, meine Geschwister und ich. Die „finanzielle Misere“, die Geldnot, das „Anschreiben“, das Leben „auf Pump“ und die sozialen Demütigungen, die allenthalben damit verbunden waren, waren die entscheidenden Triebkräfte.
Millionen Menschen erging es ähnlich in den Fünfziger Jahren nach der großen Katastrophe, die die Deutschen über die Welt und sich selbst gebracht hatten. Und doch: Armut wurde schon wieder als individuelles Versagen gesehen. Die Menschen hausten in den Ruinen und in den zerschossenen Häusern und der dickfellige Dünkel derer, die wie immer auf die Füße fielen und schon wieder – wohl bezahlt – ihr biederes Leben führten, als sei nichts gewesen, klassifizierte das als Unfähigkeit, als soziale Dummheit.
Es waren vor allem zwei Ereignisse, die noch heute wie Scheinwerfer diese kranke Zeit für mich ausleuchten: scharf und unbarmherzig. Zwei Geschichten, die mich letztlich dazu brachten, den Arsch hoch zu kriegen und Kohle zu machen.
Erstens: Der Tante-Emma-Laden
Das erste Ereignis geschah im Herbst vor meinem vierzehnten Geburtstag an einem frühen Novemberabend.
Draußen dunkelte es bereits und wir Geschwister standen um unsere Mutter herum in einer ungemütlichen, grün getünchten Küche in einer ungemütlichen und primitiven, grün getünchten Wohnung. Das war bereits unsere zweite Behausung in jener Stadt, in der wir nur wenige Jahre zuvor als Einwanderer gelandet waren. Auf der Anrichte des Küchenschranks stand der kreisrunde Wecker aus hellgrünem Blech, mit einem Klöppel und einer Glocke oben, der immer zu laut tickte und der uns unsere Termine und Pflichten vorgab im Tagesrhythmus – vom morgendlichen Aufstehen und Fertigmachen für die Schule bis zum Abend, wenn wir schließlich wieder schlafen gingen. Er tickte auch jetzt wie immer zu laut, zu aufdringlich. Er tickte sogar bedrohlich, denn er zeigte bereits auf sechs, früher Abend, und der große Zeiger zog stur und gnadenlos seine Bahn. Wir hatten noch eine halbe Stunde, in der wir uns entscheiden mussten.
***
Unsere Essensvorräte standen auf Null, und zwar – was nicht oft vorkam – vollständig auf Null. Der große Küchenschrank, ein elfenbeinweißer Schleiflackklassiker jener Epoche, mit seinen zahlreichen Türen und Fächern, Teller und Tassen oben, Töpfe unten, mit seiner Anrichte und den Kammern links und rechts davon, in denen wir unsere Nahrungsmittel aufbewahrten, gab nichts, absolut nichts mehr her. Alles Essen war aufgegessen.
Die Brotkammer enthielt nichts mehr, nicht mal einen harten vergessenen Knust. Die Kammer, in der wir Mehl und Haferflocken, Reis und Graupen, Linsen und Erbsen aufbewahrten, war leer. Das Fach unten, in dem üblicherweise Kartoffeln, Möhren, Kohl lagen, war leer. Alles war alle, so komplett alle, dass nicht einmal mehr unsere Mutter irgendetwas zum Kauen und Schlucken zusammenbasteln konnte. In dieser Kunst war sie mit der Zeit zur Meisterin geworden, der „Not gehorchend“ (einer ihrer Standardsprüche), aber auch sie brauchte für ihre Improvisationen einen gewissen Grundstock an Nahrungsmitteln. Aus Nichts konnte selbst sie nichts machen.
Da waren meine beiden jüngeren Geschwister, die auf das Abendbrot warteten und die die Brisanz solcher Situationen, in der wir nicht selten steckten, noch gar nicht richtig mitbekamen. Da war meine nur wenig ältere Schwester, die „Große“, die in den schlimmsten und peinlichsten Situationen eingesetzt wurde, um die Familie zu „retten“ und über die Runden zu bringen. Sie war es zumeist, die betteln gehen musste. Jetzt kam also wieder eine peinliche Situation auf sie zu. Sie war bereits – wie ich sah – blass und stumm. Sie antizipierte die Scham und die Schande, die sie auf sich zukommen sah.
„Ich gehe mit dir“, sagte ich zu ihr, um es ihr leichter zu machen, „falls er nicht kommt.“
Er würde nicht kommen, das wussten wir. Er kam abends eigentlich nie gleich nach Hause. Er feierte seinen Feierabend in der Kneipe, er brauchte seine Zeit für sich, die Horde, die Kumpel, den Männertrubel in einer verqualmten Kneipe, seine Biere, und, ja, Frauen, die er zuweilen in diesem Milieu aufgabelte und mit denen er gerne schäkerte. Fünf Kinder hatte er in der Welt ausgesetzt und entzog sich ihnen, so oft und sobald er nur konnte. Er floh uns, er floh seine Frau, er lebte sein Leben abseits von ihr und von uns.
Er hatte ihr versprochen, am Abend da zu sein und Geld mitzubringen, damit wir einkaufen konnten. Aber er würde nicht kommen, das wussten wir. Er hatte das Geld, das wir jetzt brauchten, und er haute es für sich, für sich allein, auf den Kopp. Er ließ seine Frau wie üblich mit all den Widrigkeiten ihres gemeinsamen Lebens sitzen, eines Lebens, das darin bestand, ihre Kinder einigermaßen heil in all diesen Notlagen durchzubringen und unser Familienleben unter den gegebenen Umständen so gut es ging zu organisieren. Es war mir – wie schon so lange – auch an jenem Abend ein Rätsel, warum mein Vater so war, wie er war, und warum er so handelte.
Der Wecker zeigte jetzt zehn nach sechs.
Wir standen in der kleinen Küche und warteten stumm. Es war jetzt sicher, dass er nicht mehr kommen würde. Unsere Mutter gab sich schließlich einen Ruck, ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Wir hörten, wie sie Papier aus der Schublade nahm und ihren Füller, den grünen Pelikan mit der breiten Feder, aufschraubte. Wir hörten, wie sie schrieb.
Ich ging ans Fenster und schaute auf die dunkle Kaiserstraße hinunter. Wir wohnten ganz oben im fünften Stock eines hohen Nachkriegsbaus mit zahlreichen primitiv ausgestatteten Wohnungen, der wohl nur wenige Jahre zuvor hochgezogen worden war und hauptsächlich mit kinderreichen Flüchtlingsfamilien – Arbeitsimmigranten wie wir – vollgestopft war. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war ein kleines Geschäft hell erleuchtet, „Holbuttko“. Ich sah, wie das weiße Neonlicht aus dem Schaufenster auf den regennassen Bürgersteig fiel. Das war ein kleiner Kaufmannsladen von jener Sorte, die man nur wenige Jahre später nostalgisch „Tante-Emma-Laden“ nannte, in der Zeit des Aufschwungs, als sie reihenweise dicht machen mussten, weil die Discounter und die großen Supermärkte sie verdrängten.
Damals erfüllten sie eine wichtige soziale Funktion:
Leute wie wir konnten bei ihnen „auf Pump“ einkaufen und ich kann mich nicht erinnern, über all die Jahre meiner Kindheit und Jugend Lebensmittel jemals anders eingekauft zu haben als „auf Pump“. Wir mussten „anschreiben“, weil Bares einfach nie da war. Es versickerte in wenigen Tagen schon am Monatsanfang. Wenn unser Vater sein Gehalt bekam, teilte er es sorgfältig auf: einen Teil für sein Trallala am Feierabend und den Rest, der nie ausreichte, für uns, seine Familie. „Anschreiben“ funktionierte allerdings nur, wenn einmal im Monat irgendwie „Tabula rasa“ gemacht wurde, dann war ein Clearing fällig, die Schulden mussten auf Null oder einen kleinen Restbetrag gebracht werden – und wir waren mit diesem Clearing im Verzug. In den vergangenen Tagen hatten wir die kleinen Kaufleute aus dem „Tante-Emma-Laden“, ein älteres Ehepaar, hingehalten und vertröstet. Sie warteten auf ihr Geld, das unser Vater heranschaffen sollte. Heute wollte er das eigentlich tun, das hatte er versprochen. Das tat er aber nicht. Er war versackt mit seiner heimlichen Reserve an „Schickergroschen“, Geld, das er für sich abzweigte. Es hätte allemal gereicht, um unser Problem zu lösen.
Meine Mutter kam zurück in die Küche und gab uns einen Brief und eine lange Einkaufsliste. Wir mussten los, meine Schwester und ich, denn um halb sieben machte der Laden zu. Wir gingen schweigend die vielen Treppen hinunter, überquerten den kleinen Platz vor dem Haus und dann die Kaiserstraße. Wir sprachen nicht. Wir schauten uns mehrmals an, blieben aber stumm. Wir schämten uns.
Wir gingen in den hell erleuchteten Laden hinein und blieben gleich links neben der Tür stehen, denn es waren noch Kunden da, vor denen wir uns nicht auch noch entblößen wollten. Ich spürte den Kloß im Hals, mir war heiß und mein Herz klopfte und ich glaube, meiner Schwester ging es ähnlich. Der Mann hinter der Ladentheke bediente nun die letzte Kundin. Seine Frau – „Tante Emma“ gewissermaßen – rumpelte im hinteren Teil des Ladens herum und räumte auf, denn es war gleich Feierabend.
Schließlich war die letzte Kundin gegangen und der Mann hinter der Theke schaute fragend auf uns. Wir traten vor ihn an die Ladentheke und gaben ihm den Brief und die Liste. Er las den Brief und es wurde ganz still im Laden. Die Frau hatte aufgehört zu werkeln und sah auf ihren Mann und auf uns. Als er den Brief schließlich zu Ende gelesen hatte, legte er ihn vor sich auf die Theke, stützte sich mit beiden Händen an der Kante auf und beugte sich vor. Er studierte die Einkaufsliste eine Zeitlang. Er schaute uns nicht mehr an. Er ging an seine Regale und sammelte alles zusammen, was auf der Einkaufsliste stand, und türmte es vor sich auf der Theke auf. Er notierte alle Preise auf der Einkaufsliste und als er fertig war, sagte er: „Gebt mir die Netze.“
Wir gaben ihm die Einkaufsnetze und er packte alles langsam und bedächtig hinein. Er kam um die Theke herum und drückte uns die Netze in die Hand. Wir brachten unser Dankeschön heraus und er sagte weiterhin nichts. Wir überquerten den Bürgersteig und den Fahrdamm der Kaiserstraße und als wir uns noch einmal umschauten und auf den Laden zurückblickten, sahen wir, dass die beiden vorne an der Tür standen und uns stumm nachschauten. Wir sahen auch noch, wie sie einander anschauten. Dann gingen sie wieder an ihre Arbeit.
***
Den ganzen Abend blieb ich schweigsam. Ich aß stumm und ohne Appetit von dem Essen, das wir besorgt hatten. Später am Abend kam mein älterer Bruder heim. Er war Lehrling in einem Handwerksberuf und wenn er Feierabend hatte, machte er noch lange zusammen mit seinen Freunden die Stadt unsicher. Darin war er unserem Vater sehr ähnlich. Er hatte ein schnittiges Fahrrad, das er mit einem Rennradlenker ausgestattet hatte.
Er war mein Halbbruder, nicht der Sohn meiner Mutter. Mein Vater hatte ihn mit in die Ehe gebracht und meine Mutter behandelte ihn „besonders gerecht“: das hieß, er war der Einzige, der ein Taschengeld bekam, der sein Lehrgeld behalten durfte (während sie meiner Schwester, ihrer geliebten Tochter, das Lehrgeld bis auf den letzten Pfennig abknöpfte – für die Haushaltskasse). An jenem Abend setzte sie ihm wie immer ein reichhaltiges Abendbrot vor und er nahm das ganz selbstverständlich hin und wusste wie immer nicht, wie das überhaupt auf den Teller geraten war.
Erst nach Mitternacht kam dann endlich unser Vater. Ich zog mir das Kopfkissen über die Ohren, um möglichst wenig von dem Krieg, dem ewigen Krieg zwischen den beiden Alten, abzubekommen. Dieser Krieg dröhnte nicht nur Nacht für Nacht durch die Wand in unser Schlafzimmer, er dröhnte durch meine ganze Kindheit.
Die Nachkriegs- und Nachnazi-PTBS der west-deutschen Wunderlandgesellschaft war sehr symptomreich und hatte viele Facetten. Sie traf auch jene, die nicht Mittäter oder Mitläufer gewesen waren, wie meine Eltern. Das Drama ihrer kranken Ehe, das sie vor ihren Kindern aufführten, nahm seinen Anfang in jener unmittelbar vorausgegangenen Epoche, im Land Davor, über das ich zu jener Zeit noch sehr wenig wusste.
Zweitens: Musikunterricht/Spätschicht
Das zweite Ereignis, das mich in meinem Willen zu arbeiten und Geld zu verdienen bestärkte, geschah ein Jahr später, einen Winter weiter, Mitte Dezember 1957, kurz vor meinem fünfzehnten Geburtstag.
In den Fünfziger Jahren wurde Dortmund, die Boomtown im Kohlenpott, von einer ungeheuren Zuwanderungswelle regelrecht überschwemmt. An die 100 000 Menschen zogen innerhalb von nur zehn Jahren in diese Stadt, die zu großen Teilen noch vom Krieg zerstört war und die deshalb mit großen sozialen und infrastrukturellen Problemen zu kämpfen hatte.
Es gab von allem zu wenig. Zu wenig Wohnungen, zu wenig Schwimmbäder, zu wenig dies, zu wenig das, und vor allem: zu wenig Schulgebäude. Das Gymnasium, das ich seit dem Herbst 1953 besuchte, teilte sich das Schulgebäude mit einem kompletten zweiten Gymnasium. Das hieß: es gab „Schichtunterricht“, so, wie es ja auch Schichtarbeit in den Zechen, Stahlwerken und Großbrauereien der Stadt gab. Eine Woche lang Frühschicht von acht bis eins plus sechs Unterrichtsstunden am Sonnabend, die nächste Woche Spätschicht von eins bis sechs, sonnabends frei. Der Schichtwechsel mittags, ein Uhr, verlief in der Regel chaotisch, aber ziemlich reibungslos, und oft hatte man den Eindruck, dass der eigene Stammsitz, den man besetzte, noch arschwarm von der Frühschicht war.
Im Winter startete die Frühschicht im Dunkel des Morgens und endete im Lichte des Mittags, die Spätschicht begann im Lichte des Mittags und endete im Dunkel des Abends. So ging das für mich und meine Mitbetroffenen sieben Jahre lang, bis endlich ein neues Schulgebäude fertig war.
***
An jenem Dezembertag in der Vorweihnachtszeit 1957 hatten wir Spätschicht. Es war der letzte Tag der Woche, ein Freitag, und es war die sechste, die letzte Stunde der Schicht. Das Schichtende war in Sicht und das lange Wochenende ebenfalls. Fach: „Musik“. Es war schon dunkel.
Um den gehobenen Musikunterricht der Obertertia (neuntes Schuljahr) absolvieren zu können, war es notwendig, dass sich die Betroffenen zum Musiksaal begaben, der im obersten Geschoss des ausladenden Schulgebäudes lag, in einem Quergebäude mit Fenstern zur Münsterstraße hin, die vorweihnachtlich erleuchtet und mit bunten Lichtern geschmückt war. Durch das Fenster am Ende des Ganges schimmerte die Weihnachtszeit in den dämmrigen Korridor hinein.
Als meine Klassenkameraden und ich an jenem Abend dort oben ankamen, war der Musiksaal wie immer abgeschlossen und wir warteten auf den Lehrer, den wir „SASA“ nannten, weil er die Angewohnheit hatte, uns Musiksequenzen und Melodien auf „SASA“ trällern zu lassen statt wie üblich auf „LALA“. „SASA“ brachte dann den Schlüssel mit und ließ uns in den Saal. Wir mussten wie stets ziemlich lange warten, denn „SASA“ hatte die Angewohnheit sich zu verspäten: das verkürzte für ihn die Schulstunde. Für uns auch.
Wir juxten und lachten, wir waren gut drauf, wir läuteten gewissermaßen schon das Wochenende ein, das dritte Adventswochenende. Die Weihnachtsferien waren nahe. Kurzum: wir waren in fröhlicher, ziemlich ausgelassener Stimmung.
Als er dann endlich kam, dieser „SASA“ mit dem Schlüssel, war zu erkennen, dass auch er bereits in festlicher Wochenendstimmung war. Er trug – das war ungewöhnlich – einen eleganten dunklen Anzug, ein blütenweißes Hemd und dazu eine dunkelblaue Fliege mit hellen Pünktchen. Er war ein gutaussehender älterer Herr in seinen späten Fünfzigern. Seine weißen Haare, die er üblicherweise beethovenmäßig strubbelig trug, waren diesmal nach hinten gebürstet, was ihm ein strafferes, fast jugendliches Aussehen gab. Klar: nach dieser letzten Unterrichtsstunde seiner Spätschichtarbeitswoche hatte er sich ein vorweihnachtliches Schmankerl wohl verdient – ein Konzert vielleicht oder eine Oper oder auch ein Theaterstück. Irgend sowas Feines, das das Wochenende festlich einläuten würde. Die Vorfreude war ihm anzumerken.
Er eröffnete den Unterricht, indem er uns aufforderte, unser Musik-Lehrbuch hervorzukramen und ein bestimmtes Kapitel aufzuschlagen, das er mit uns durchzunehmen gedachte. Als sich die kurze Unruhe gelegt hatte und die Mitschüler ihre aufgeschlagenen Musikbücher auf ihren Knien platziert hatten, ließ „SASA“ seinen Blick durch die Reihen schweifen und stellte fest, dass einer der Schüler bei seinem Nachbarn reinschaute, weil er sein eigenes Buch nicht dabei hatte.
„Wo ist dein Buch? Warum hast du dein Musikbuch nicht dabei?“, fragte er mich.
Sein Gesicht war unfreundlich und humorlos, ohne jede Empathie. „Streng“ nannte man das in jenen Zeiten. Er galt als „strenger“ Lehrer. Ich ahnte, was kommen würde. Er war berüchtigt für seine ausufernden Strafarbeiten bei auch nur kleinsten „Vergehen“. Ich hatte keine Lust, mir meine schöne Stimmung und die Vorweihnachtszeit durch so etwas vermasseln zu lassen, war sofort hellwach und überlegte blitzschnell, wie ich das Ungemach von mir abwenden könnte. Ich stand nämlich vor einem Dilemma:
Würde ich die Wahrheit sagen („Ich besitze keins“), hätte ich gewonnen und er wäre nicht mehr in der Position gewesen, mich zu bestrafen. Aber der Preis war: ich würde mich vor ihm und auch meinen Klassenkameraden sozial als Underdog „outen“, mich gewissermaßen „ausziehen“. Das war peinlich und das vermied ich in meiner Zeit auf dem Gymnasium tunlichst. Ich hatte gute Gründe dafür. Die Gesellschaft der braven, wohl etablierten Bürger mag die nicht, die von unten zu ihnen aufschließen. Sie halten sie mit ihrem Dünkel auf Distanz. Das wusste ich längst.
Würde ich hingegen lügen („Ich hab’s vergessen“), hätte ich verloren und wäre in den nächsten Wochen mit einer zähen und dummen, langwierigen und langweiligen musiktheoretischen Strafarbeit belastet gewesen, was mir den Advent und die Weihnachtszeit versaut hätte. Andererseits hätte ich mein „Gesicht gewahrt“ und hätte die Rolle durchgehalten, die ich mir zugelegt hatte und die darauf basierte, dass ich einen eisernen Vorhang zwischen „Privat“ und „Öffentlich“, zwischen „Drinnen“ und „Draußen“, hochgezogen hatte. Ich erzählte im „öffentlichen“ Bereich, in der Schule, nichts von den Dramen, die sich „privat“ bei mir zuhause abspielten, und andererseits zuhause nichts von dem, was mir in der „Öffentlichkeit“ – zu jener Zeit also in der Schule – so alles widerfuhr.
Ich überwand meine soziale Scham und entschied mich für die Wahrheit, weil es ja weihnachtete, was ja bekanntlich „weich“ machen soll. Das Fest der Liebe stand ins Haus und ich wollte die Adventsstimmung ausnutzen.
„Ich habe kein Musikbuch“, sagte ich.
Er sah mich Stirn runzelnd an, unfreundlich, humorlos, ohne Empathie, „streng“ eben, wie man diesen hässlichen Blick zu nennen pflegte.
„Was heißt das: ich habe kein Musikbuch?“
Ich erklärte es ihm:
Meine Eltern hätten nur wenig Geld und außerdem hätte ich noch vier Geschwister, die alle noch zur Schule gingen. Zu Beginn des Schuljahres könnte ich mir allenfalls die Schulbücher für die Hauptfächer kaufen, Deutsch, Englisch, Mathe und so. Die Bücher für die Nebenfächer kämen dann im Laufe des Jahres dran, für das Musikbuch sei noch kein Geld da gewesen.
Das war nicht gerade geschickt einem Musiklehrer gegenüber, das wusste ich, aber es stimmte. Und ich hatte ihn in der Tat „platt“ gemacht, ich hatte ihm den Wind aus den Segeln genommen. Er konnte mich jetzt nicht mehr bestrafen. Ich hatte mein Ziel erreicht, erkannte aber sofort und mit sicherem Instinkt, dass er nachtreten würde.
***
Ich sehe ihn da stehen, hinter ihm der große, schwarz glänzende Flügel vor einem getäfelten Wandschrank aus braunem Holz, in dem allerlei Musikinstrumente und allerlei „Technik“ eingeschlossen waren. Ein seriöser, wohlanständig gekleideter Herrenmensch aus der Rasse der feinsinnigen Akademiker, auf die meine Mutter so große Stücke hielt. Weiße Haare, gepflegtes Äußeres. Nein, er konnte jetzt nicht mehr strafen, was er lustvoll getan hätte, er hatte eine kleine Niederlage einstecken müssen. Ich beobachtete ihn und sah ihn jetzt „ganz“. Er würde eine Gemeinheit nachschieben, das war deutlich zu sehen.
Dieses „Ganzsehen“ einer Person ist etwas, was sich als Schutzmechanismus entwickelt, wenn du sozial von unten kommst und den manchmal vorsätzlichen, meist aber unabsichtlichen Gehässigkeiten der Dünkelhaften ausgesetzt bist. Es ist ein sozialer Röntgenblick, ein Schauen durch die Oberfläche hindurch. In jener Zeit war das „Ganzsehen“ bei mir schon stark entwickelt.
Ich sah jetzt deutlich, wie er sich unmerklich versteifte und ich wusste genau: er würde sich nicht mit seiner „Niederlage“ zufrieden geben, er sann auf Rache, er würde gleich zuschlagen. Man sah ihm an, dass er darüber nachdachte, wie er mich demütigen konnte.
Und in der Tat: er war nicht souverän. Die Gemeinheit kam prompt. Sie richtete sich nicht einmal direkt gegen meine Person: er beleidigte meine Mutter und meinen Vater.
„Eltern“, verkündete er schließlich nach der langen angespannten Stille im Raum, „sollten ihre Kinder nicht auf die höhere Schule schicken, wenn sie nicht einmal imstande sind, ihnen die notwendigen Schulbücher zu kaufen.“
Er genoss das betretene Schweigen seiner Schüler mit einem feinen Lächeln und verdeutlichte in einem Nachsatz:
„Solche Kinder gehören nicht aufs Gymnasium.“
Nach einer weiteren, sehr langen Schweigeminute, die er sichtlich auskostete, begann er seinen Musikunterricht. Und der lief immer nach dem gleichen Schema ab.
***
Unsere Schulstunden waren wegen des Schichtunterrichts von fünfundvierzig auf vierzig Minuten verkürzt worden. Von diesen vierzig Minuten ersparte er sich im Minimum fünf Minuten allein dadurch, dass er grundsätzlich zu spät kam. Etwa zehn Minuten seines Unterrichts füllte er mit einem Stück Theorie aus dem Lehrbuch – nehmen wir an: Aufbau und Struktur der Fuge. Das entsprechende Lehrbuchkapitel hatten seine Schüler in äußerster Stille nachzulesen, während er auf dem Schemel vor dem Flügel saß, jede Störung missmutig registrierte und gegebenenfalls lustvoll bestrafte. Danach Abfragen des Gelesenen mit kurzen Erläuterungen und Beispielen an der Tafel, die wir sorgfältig in unser Notenheft zu übernehmen hatten, da sie Stoff für die nächste Klassenarbeit waren.
Dann setzte er sich an den Flügel und gab uns kommentiert zu hören, worauf es denn so ankam in den Künsten der Fuge. Schließlich, nachdem er auf die Uhr geschaut hatte – sein Zeitmanagement war äußerst präzise –, ging er an den getäfelten braunen Wandschrank, schloss ihn auf und holte einen großen Plattenspieler mit integriertem Lautsprecher hervor, den er auf dem Flügel aufbaute. Gemessenen Schrittes trat er wieder an den getäfelten Wandschrank heran, schloss die Abteilung mit der Plattensammlung auf und entnahm ihr eine Langspielplatte. Bleiben wir im Beispiel: „Bach, Kunst der Fuge.“
Sorgfältig und bedächtig holt er nun die Platte aus ihren diversen Hüllen, geht wieder zum Wandschrank, in dem ein Staubtuch bereit liegt, das er ergreift, kurz ausschüttelt und mit dem er die Platte geradezu liebevoll abwischt. Ich sehe ihn, seine Lesebrille auf der Nase, wie er sich vorbeugt und die Platte auflegt, den Arm mit der Nadel anhebt und haargenau auf die Stelle aufsetzt, auf die es ihm ankommt und auf die er uns vorher aufmerksam gemacht hat. Bach ertönt.
Jetzt macht er etwas Vorweihnachtliches, Stimmungsvolles. Er löscht das Deckenlicht. Nur das Licht für die Noten über der Tastatur des Flügels brennt noch. Von draußen fallen die Weihnachtslichter der belebten Münsterstraße in den Raum. Er sitzt auf dem Klavierschemel, entspannt, den Kopf geschmäcklerisch leicht nach links hinten geneigt. Er lauscht in gebührender Ergriffenheit und belauert uns gleichzeitig. Jedes Flüstern wird mit einer Strafarbeit geahndet, jedes Räuspern unwillig und verärgert registriert. Schüler, die niesen oder husten mussten, so erinnere ich mich, pflegte er zuweilen vor die Tür zu schicken.
Mit traumwandlerischer Sicherheit gelang es ihm stets, cirka drei bis vier Minuten vor Schluss der Schulstunde auf seine Armbanduhr zu schauen. Wenige Takte danach hob er dann seine rechte Hand – mit dem Handteller nach oben. Danach stand er auf. Er sagte nichts mehr. Wir wussten auch ohne verbale Anweisung, was sein Handzeichen bedeutete: sein Unterricht war zu Ende, wir sollten aufstehen und gehen. Im Weglaufen sahen wir noch, wie er bedächtig und sorgfältig sein Equipment wieder abbaute und wegschloss. Er war immer pünktlich fertig.
***
An jenem Abend war ich als Erster draußen auf dem dämmrigen Korridor. Scham und Wut steckten mir im Hals. Ich blieb neben der Tür stehen und ließ die anderen an mir vorbeilaufen. Manche mieden meinen Blick, manche grinsten unsicher, manche zuckten mit den Schultern. Alle waren froh weg zu kommen.
Zuletzt kam Schröder. Er legte seinen linken Arm auf meine rechte Schulter und lachte:
„Siehste, du gehörst gar nicht hierher, weil deine Eltern zu blöd sind, Kohle zu machen. Das hätten die doch wissen müssen, dass du ein Fall für die Volksschule bist. Kannst doch Handwerker werden. Was Ordentliches.“
Ich lachte auch.
„Gehen wir noch ein bisschen tingeln?“, fragte er. Ich glaube, er wollte mich ein wenig ablenken und aufheitern.
„Heute nicht“, sagte ich. „Ich möchte allein sein.“
„Na gut“, sagte er. „Aber erwarte nichts von dem da.“ Er zeigte auf die erleuchtete Türöffnung, hinter der „SASA“ werkelte.
„Von dem kommt nichts mehr. Nichts. Absolut nichts. Hau lieber ab.“
Er lachte verächtlich in Richtung „SASA“ und machte sich davon.
Ich ging ein paar Schritte zurück zur Tür des Musiksaals und stand in dem dunklen Gang, angeleuchtet von dem warmen rötlichen Licht, das aus dem Saal auf mich fiel. Ich weiß heute nicht mehr, warum ich das eigentlich machte. Vielleicht wollte ich ihm Gelegenheit geben, sich noch in irgendeiner Weise zu dem Vorfall zu äußern. Ich glaube, dass ich den Wunsch hatte, dass er das Gesagte abmildern würde. Dass er sich entschuldigen würde, davon ging ich nicht aus.
Er sah mich da auch stehen, ein kurzer überraschter Blick und dann ein abweisendes Gesicht voller Abscheu. Danach wendete er sich ab und ignorierte mich fortan. Ich blieb in der Tür stehen und beobachtete ihn weiter und wusste, dass er sich beobachtet fühlte. Ich spürte, dass mein Verhalten ihm unangenehm war und dass er vermutlich selber um seine Schäbigkeit wusste. Ich erkannte das an seiner verkrampften Starrheit. Er war zu keiner Reaktion fähig.
Ich ging nicht weg. Am Ende der Prüfung, die er nicht bestand, schwor ich mir, mich nie wieder sozial auszuziehen und an das Mitgefühl solcher Leute zu appellieren.
Tingeln
Langsam und nachdenklich ging ich durch das leere, stille, halbdunkle Schulgebäude, in das ich also gar nicht hinein gehörte. Ich überquerte den Schulhof und trat durch das Tor auf die Straße, bog nach links in die Haydnstraße ab und dann nach rechts in die Münsterstraße.
Wenn etwas in mir brodelte, brauchte ich eine gewisse Zeit, um wieder frei zu werden, bevor ich zuhause landete. Was ich erlebt hatte, war nicht neu für mich. Auch meine Geschwister hatten Erlebnisse dieser Art gehabt und hatten es für sich weggesteckt.
Früher, im Zeitalter der goldenen Sonnen meiner ersten zehn Jahre, rannte ich bei inneren Verletzungen an die Weser, zu dem alten Treidelpfad in Richtung Tündern. Die Uferböschung dort war mit dichten Büschen bewachsen, in die kleine Pfade hineinführten, die sich zu kleinen versteckten Nischen am Wasser öffneten. Dort saß ich dann lange und schaute dem Treiben auf dem Fluss zu.
Langsam und zaudernd hatte ich mir angewöhnt, die Stadt, in der ich jetzt leben musste, in ähnlicher Weise zu nutzen, diese hässliche Stadt mit ihren Ruinen, den Baustellen, dem Dreck und dem Lärm überall. Ich hatte nun einmal nichts anderes als diese Stadt und ich nutzte sie jetzt als meinen Treidelpfad. Ich „tingelte“ durch die Straßen, manchmal allein, manchmal mit Schröder, der die gleiche Lust am „Tingeln“ hatte. Ganz langsam erwachte ich aus meinem Kindertraum, ich verlor meinen Widerwillen und wurde neugierig. Ich maß das, was ich in Dortmund bekommen hatte, nicht mehr an dem, was ich in Hameln verloren hatte. Ich fing an, die Stadt zu durchlaufen und für mich zu erkunden. So trödelte und „tingelte“ ich gerne nach Schulschluss und sog die Bilder, den Lärm, die Vielfalt der Gerüche und natürlich auch den Gestank der Stadt in mich hinein.
An jenem Vorweihnachtsabend war die Münsterstraße noch sehr belebt und bevölkert. In der Mitte fuhren die Straßenbahnen hin und her, es herrschte reger Autoverkehr und auf den Bürgersteigen links und rechts waren die zahlreichen kleinen Geschäfte noch geöffnet, ausgeleuchtet mit dem grellen, weißen Licht der Neonröhren oder dem gelblichen Licht der Milchglaskugeln. Es wurde noch lebhaft eingekauft, die Geschäfte waren voll, die Menschen rannten mit ihren vollen Einkaufsnetzen und Taschen die Bürgersteige entlang. Weihnachtseinkäufe, Vorweihnachtsstimmung.
Die Münsterstraße war damals eine Art Basarstraße der kleinen Leute, wie man sie heute noch in osteuropäischen Großstädten findet, abseits der Touristenzentren, da, wo die Einheimischen einkaufen, die Menschen mit dem schmalen Geldbeutel.
Schuhgeschäfte gab es, mit billigen Schuhen, die auch billig aussahen, Textilgeschäfte mit preiswerten, grell gefärbten Klamotten, Läden mit Handtaschen, Gürteln und sonstigen Lederwaren, Tante-Emma-Läden mit Lebensmitteln, Tabakgeschäfte, Gemüse, Obst, Kartoffeln, ein Fischgeschäft, in dem auch Geflügel verkauft wurde, Metzgereien, darunter ein Pferdemetzger, bei dem ich manchmal einkaufte, denn Pferdefleisch war billig und für uns niedersächsische Landeier nichts Ungewöhnliches. Und Kneipen gab es natürlich. Kneipen, Kaschemmen, Stampen, Bars jeder Sorte …
Kurz vor dem Burgtor wechselte ich die Straßenseite, um am „Nordpol“ vorbei zu tingeln, einer Striptease-Bar, einem Ort voller Geheimnisse. Vor dem Eingang stand bereits der Türsteher in seiner Phantasieuniform, mit der Kapitänsmütze auf dem Kopf, der „Reinschmeißer“, der sein Etablissement anpries und versuchte, Männer aus dem vorbeihastenden Publikum heraus zu fischen und in seine Höhle zu locken. Ich lungerte ein wenig vor dem Eingang herum und schaute mir die Fotos mit den nackten Frauenkörpern an, die an den einschlägigen Stellen geschwärzt oder mit glitzernden Sternchen überklebt waren. Der „Kapitän“ grinste mich kumpelhaft an.
Nördlich der Eisenbahnlinie, die die Innenstadt durchschneidet, im Einzugsbereich meiner Schule und meines Schulwegs, lag nämlich das Rotlichtviertel der Stadt. Für uns Schüler bequem zu erforschen. Da war die Linienstraße, gleich neben der Münsterstraße, ein großer Straßenpuff mit riesigen Warnschildern am Eingang, die den Minderjährigen den Zugang und das Flanieren in der Bordellstraße verboten.
Die ganze Gegend nördlich des Hauptbahnhofs war voll mit billigen Rotlichtkneipen und Kaschemmen und dem entsprechenden Publikum, Loddeltypen, Nutten und kleinen Gangstern, wie ich mir das so vorstellte. All das durchstreifte ich gern auf meinem Schulweg, besonders nach der „Spätschicht“ und besonders gern im Winter, wenn es schon dunkel war, denn dann bekam die Gegend ihren besonderen Glanz, wurde spannend und geheimnisvoll.
Am Burgtor schaute ich noch einmal zurück. Da war die Eisenbahnbrücke, das Eingangstor zur Münsterstraße. Oben war eine Inschrift angebracht, die ich hundert- und aberhundertmal las auf meinem Schulweg: „Die Münsterstraße, dein Einkaufsziel.“ Diese Münsterstraße gibt es nicht mehr, sie gibt es nirgends mehr in Deutschland.
In der Brückstraße jenseits des Burgtors und in den kleinen Gassen des Brückstraßenviertels änderte sich die Szenerie. Gleich am Anfang der Straße lag die „Schauburg“, am Ende zur Reinoldi-Kirche hin das „Capitol“. Ich glaube, die meisten Kinos der Fünfziger hießen entweder „Schauburg“, „Scala“ oder „Capitol“. An den dunklen Winterabenden gehörte es fast immer zum Programm meines Schulwegs, mir die Filmbilder in den wohlig warmen Foyers anzugucken. Bilder mit Brigitte oder Gina waren meine Favoriten.
Die Bardot-Filme Mitte der Fünfziger waren – glaube ich – vor allem darauf angelegt, Brigitte zu zeigen, ihren Körper, ihr Gesicht, das Weib eben, das immer lockt und sich in die Träume und Sexphantasien von Millionen Männern einloggt. Mindestens einmal im Verlauf der eher banalen Handlungen ihrer Filme drapierte sie der jeweilige Regisseur als die Göttin der Wollust und Verführung in irgendein Bett oder ins Gras oder sonst wo hin. Und diese ganz besondere Einstellung hing dann als Filmbild im Foyer der „Schauburg“ oder des „Capitol“ und lockte. Lockte vor allem Männer an die Kinokasse …
Das Gesicht einer schönen gefährlichen Raupe mit langen Wimpern, großen, naiv fordernden Augen und leicht geöffnetem Mund. Meist schimmerten ihre Zähne hinter den vollen, feucht glänzenden Lippen, die schmollend und vorwurfsvoll lockten: in verhaltener, träge-missmutiger Gier. Und hinter sich her zog das Raupengesicht seinen Raupenkörper. Lasziv auf Effekt drapiert: die Wölbungen ihrer Brüste, ihr hoch gereckter Arsch, die langen Beine, die vollen Schenkel mit der schattigen Nische unter dem hoch geschobenen Saum ihres Kleides … Die volle Dröhnung.
Ich schlich – wie so manch anderer meines Geschlechts – um dieses eine besondere Bild, das Lockvogelbild, das herausstach aus den restlichen eher langweiligen Szenefotos. Es gab mir angenehme Tagträume für den weiteren Heimweg und eine Ahnung davon, was mir das Leben noch alles so bieten würde.
Die Bars des Brückstraßenviertels boten Livemusik im Stil der Zeit. Schrammelkapellen, die zum Vergnügen ihres Publikums – auf Zuruf und wenn die obligatorischen Runden geschmissen wurden – die Schlager der Saison oder altbewährte Operettenmelodien spielten.
Wenn mein Opa, das niedersächsische Wildschwein vom Lande, das stets auf Abenteuer aus war, uns in Dortmund besuchte, gehörte es zu seinem Programm, zusammen mit meinem Vater hier im Brückstraßenviertel eine Nacht um die Häuser zu ziehen. Es gelang ihm in einem der größeren Etablissements dieser Sorte, die Kapelle dazu zu bewegen, ihm zu Ehren das „Weserlied“ zu spielen, was ihm sicherlich Gelegenheit gab, sich großspurig in Szene zu setzen und ihn, wie ich vermute, einige Lagen gekostet hat. Bei späteren Besuchen war er stolz, wenn er mit dieser Erkennungsmelodie, auf die er die Kapelle getrimmt hatte, begrüßt wurde, sobald er das Lokal betrat.
Mein Schulweg führte mich dann – vorbei an den beiden alten Kirchen – auf den Ostenhellweg. Hier gab es noch das damals sehr moderne „Film Casino“ mit den großen Premieren der Zeit, ein Kino mit einem herrlich großen Saal und einer ausladenden Empore hinten, auf der ich am liebsten saß, wenn ich mir einen Film anschaute. Hier war dann die letzte Bildergalerie meines Schulwegs und ich freute mich, wenn ich Gina sah, Gina Nazionale, die Schöne aus Italien …
Der Ostenhellweg war bereits still, die großen Geschäfte waren noch hell erleuchtet, aber bereits geschlossen. Ich ging jetzt zügig nach Hause. Ich hatte noch einen langen Weg die Kaiserstraße entlang und landete schließlich in unserer grün getünchten Wohnung im fünften Stock.
Der eiserne Vorhang
Ich erzählte nichts von dem, was „SASA“ gesagt hatte. Ich erzählte es nicht, dass er mich vor all meinen Klassenkameraden an den Schandpfahl gestellt hatte. Es hätte vor allem meiner Mutter wehgetan.
Ich habe in meiner Gymnasialzeit angefangen, zwischen „privat“ und „öffentlich“, zwischen „drinnen“ und „draußen“ meinen „eisernen Vorhang“ zu ziehen. So erzählte ich zuhause nie etwas von „draußen“, das meine Mutter hätte verletzen können, denn sie vor allem wollte ich schützen.
Nach dem Erlebnis mit „SASA“ nahm ich mir vor, nun auch „draußen“ nie wieder etwas von „drinnen“ preiszugeben – nichts von der Armut, nichts von unserem täglichen Überlebenskampf, nichts von der Hölle, die sich meine Eltern gegenseitig bereiteten und in der ich lebte.
Scham habe ich in jener Zeit oft empfunden. Sie stellte sich nach außen hin dar als Schüchternheit, die mich quälte und die ich lange Zeit nicht loswerden konnte. Meine Schüchternheit, dieses seltsame Schamgefühl: das war nichts anderes – so ahnte ich schon früh – als die Scham und die Menschenscheu meiner Mutter, die sich auf mich übertragen hatten.
Sie stammte aus einem bildungsbürgerlichen, ja, „gutsherrlichen“ Milieu und für sie waren die Armut und das psychische Elend, in das sie in ihrem von Unglück geprägten Leben hineingeschlittert war, der Tiefpunkt ihres Lebens. Sie hatte starke soziale Hemmungen entwickelt und „traute sich kaum noch unter Menschen“, wie sie selbst oft bemerkte.
Einmal rutschte ihr ein scheußlicher Satz heraus:„Wenn ich euch nicht hätte, hätte ich mir schon längst den Strick genommen.“ Sie meinte uns, ihre Kinder. Wir hielten sie also am Leben, in ihrem Leid, in dem sie ja gar nicht stecken würde, wenn es uns nicht gegeben hätte. Ein verquerer Satz mit einer – wie ich immer empfand – widerwärtigen Redewendung, die offenbar aus der unmittelbaren Vergangenheit stammte, denn man hörte sie damals oft von den Alten. Der „Strick“ gehörte zum Alltagsvokabular und zur Alltagspraxis der Nazi-Zeit und war in den normalen Sprachgebrauch jener Generation eingegangen. „Sich den Strick nehmen“ hieß: Schluss machen. Am „Strick“ baumelten die Menschen zu Tausenden im Land Davor, in jener Zeit, der die Erwachsenen gerade entronnen waren.
Ich aber hörte in diesem Satz: von der Schuld meiner Geburt, meiner Existenz. Ich war schuldig, weil ich überhaupt da war und das – so denke ich – war der Kern meiner Scham und meiner Schüchternheit dem Leben gegenüber. Zur „Schande“ wurde die Scham, wenn meine Lebenssituation zum Anlass öffentlich geäußerter Verachtung wurde.
„SASA“ hatte mir vor meinen Mitschülern seine Verachtung gezeigt und hatte mich vor den Augen und Ohren meiner Mitschüler an den Pranger gestellt: Sozialrassismus, wie er im Land Danach gang und gäbe war. Sicher, einige meiner Mitschüler waren empört gewesen über sein Verhalten, das war zu spüren, andere hatten nur ein wenig hilflos gegrinst. Aber ich war tätowiert, so oder so, das wusste ich genau, das wusste und wollte auch „SASA“. Das Tattoo würde verblassen, auch das wusste ich, denn auf die Vergesslichkeit der Menschen ist Verlass. Aber es würde eine tiefe, unreflektierte Sicht vom Underdog bleiben in ihren Köpfen, in den Köpfen meiner Mitschüler, und das war die Absicht hinter der Entgleisung. Tief unten in ihrem Bewusstsein würde es hängen bleiben und damit zuweilen aktiviert werden können: nämlich, dass ich ein „armer Schlucker“ war, einer von unten, ein „Anderer“, einer, der eigentlich gar nicht dazu gehörte …
Die negative oder positive Rollenzuschreibung in einer Männerhorde, in der du dich als Junge oder Mann bewegst – bewegen musst – ist etwas, an dem du nicht vorbei kommst und das an dir klebt. Sie bestimmt deine Stellung, deinen Rang in der Gruppe, ob du das willst oder nicht. Ich sah das damals schon recht klar, wollte mich aber von derartigen Rollenzuschreibungen bewusst lösen.
Ich hielt mich daher während meiner gesamten Schulzeit von allen Cliquen fern, in denen ich – wie ich spürte – letztlich immer „ein Anderer“ sein würde, der „arme Kerl“ eben, den man so mitschleppte, die Schlusslaterne, die jede Clique braucht, der „letzte Arsch“. Das war nicht meine Rolle und sollte nie meine Rolle werden.
Auf meinem Weg zur Schule wurde ich zum Schauspieler: ich schlüpfte in die Rolle des „Alleingängers“, des Eigenbrötlers. Ich stand auf einer Bühne, vor dem eisernen Vorhang, hinter dem alles Private verborgen lag, meinem Publikum zugewandt und spielte Theater. Wenn ich wieder zurück ins Private schlüpfte, hinter den eisernen Vorhang, der meine Welt teilte, legte ich die Rolle wieder ab. So changierte ich zwischen meinen sozialen Welten – und dieses Muster habe ich lange beibehalten: ich schlüpfte in meine Rollen hinein und schlüpfte aus ihnen wieder heraus, wie ich es gerade brauchte. Es gab viele Bühnen in jener Zeit, mit sehr unterschiedlichen Rollen: die „Malocherbühne“, auf der ich in Männerhorden „meinen Mann“ stehen musste. Gleichzeitig war ich braver, angepasster Gymnasiast. Ich war „anschreibender“ Bettler im „Tante-Emma-Laden“. Ich war Kind und Opfer meiner Eltern, die aus ihrer neurotischen Endlosschleife nicht herausfanden. Wer war „Ich“ eigentlich?
Who was me?
4 Binnenwanderungen
Meine zweite Reise in die Malocherwelt, die erste meiner vielen Reisen in die Flaschenkeller, ging von einem glücklichen Ort aus.
Das Jahr 1959, das uns den langen, heißen Sommer bescherte, den man alsbald „Jahrhundertsommer“ nannte, begann sehr kalt, sehr frostig und sehr optimistisch. Mitten im Januar, genau an meinem sechzehnten Geburtstag, zogen wir wieder einmal um. Es war der dritte Umzug in dieser neuen Stadt innerhalb von nur fünf Jahren und der nun, das wussten wir, würde der letzte sein. Wir waren am Ziel angekommen. Heute, am 16. Januar 1959, meinem sechzehnten Geburtstag – fünf Jahre und fünf Monate war es her, seit wir in die Stadt der Arbeit eingewandert waren – nahmen wir unser eigenes Häuschen mit Garten in Besitz. Wir hatten nicht damit gerechnet, wir hatten nicht einmal davon geträumt. Kein Traum erfüllte sich hier: die Realität war schneller als der Traum gewesen und hatte uns alle überrascht.
Der Möbelwagen hielt an einer neuen, frisch asphaltierten Straße, an der dutzende von kleinen Wohnhäusern hochgezogen worden waren und fast fertig in der Gegend herumstanden. Unser neues Wohnviertel war, als wir einzogen, nichts anderes als eine Großbaustelle mitten auf einem Acker, den man in Bauland umgewidmet hatte. Billiger Grund und Boden für die kleinen Leute, denn ganz in der Nähe sah man die riesige Schlackenhalde der Dortmund-Hörder Hüttenunion, auf der Loren hin und her fuhren, die ihre heiße und manchmal noch glühende Asche abkippten. Niemand mit Geld und Geschmack hätte hier gebaut: wer lebt schon gerne am Fuße einer Industriehalde …
Noch keines der Häuser war fertig. Sie waren noch nicht verputzt und daher noch eingerüstet: Reihenhäuser mit je vier Wohneinheiten nebeneinander, Vorgarten vorne, Terrasse und Kleingarten hinten – so war es vorgesehen – und so wurde es dann auch. Licht, Luft und Sonne für uns und all die anderen kleinen Leute hier draußen am Rande von Brackel.
Aber noch war alles Baustelle und nackter Lehmboden und so schleppten wir zusammen mit den Möbelpackern unsere Habe auf ziemlich abenteuerliche Weise in unsere kalte, ungemütliche Behausung. Über einen Streifen mit aufgebrochenen Ackerschollen, der schon wenige Monate später ein ansehnlicher Vorgarten war, hatten die Bauarbeiter Bretter gelegt, die zur Haustür führten. Diese Bretter sollten verhindern, dass man während der herbstlichen Regenperiode im Schlamm versank. An jenem Januartag allerdings bestand diese Gefahr nicht, denn der Boden war steinhart gefroren. Und über diese wackelige, eisglatte Bretterbrücke von der Straße bis zur Haustür hin wurde nun unser gesamtes Hab und Gut balanciert, durch das Baugerüst hindurch bugsiert und drinnen schließlich auf die fünf eiskalten Wohnräume und in die feuchten, kalten Keller verteilt.
Unser neues Häuschen war das Eckstück eines der zahlreichen Reihenhäuser, die da in nur einem Jahr hochgezogen worden waren. Nach drei Seiten hin verfügten wir plötzlich über eigenes Land. Jetzt war zwar alles noch Ackerscholle und Baustellendreck, noch nicht vermessen, noch nicht aufgeteilt, noch nicht zugeteilt als Gartenparzelle, aber wir wussten, dass wir alsbald im eigenen Häuschen herumwurschteln und auf eigenem Land Gemüse und Früchte produzieren würden. Ich schaute mich um.
Weit und breit auf dem riesigen Baugelände sah ich nur diese eingerüsteten Rohbauten, ich sah Baumaschinen und Kräne, überall lag Baumaterial herum. Da war noch kein Grün, kein Busch, keine Staude, kein Baum, kein Grashalm. Alles war kahle, braune, gefrorene Ackerscholle.
Manche dieser Wohnscheiben waren bereits bewohnt: das sah man an dem Rauch, der aus den Schornsteinen quoll. Auch unser neuer Nachbar war schon „drin“ und heizte kräftig ein. Für uns zum Vorteil: zumindest die eine Wand, die uns mit seiner Wohnscheibe verband, war nicht mehr ganz so feucht und klamm, sondern bereits ein wenig angewärmt.
Ich stand dick vermummt in einem der oberen Zimmer und empfand die eisige Atmosphäre, die mich an meine Kindheit in der Baracke erinnerte, als prickelnde Herausforderung. Ich hatte Geburtstag und wir hatten unser eigenes Haus bezogen, was für ein Ding! Ich war gut drauf. Zusammen mit meinen Schwestern und meiner Mutter baute ich in den drei Schlafzimmern im Obergeschoss die vielen Betten für uns alle auf, damit wir in der ersten Nacht, vor der uns ein wenig graute, eine Höhle hatten, in die wir hineinkriechen konnten.
Unten in dem großen Wohnzimmer mit dem Ausgang zur Terrasse hin bauten mein Vater und meine Brüder den großen Kachelofen auf, der uns von Wohnung zu Wohnung begleitet hatte. In den Tagen zuvor hatte unser Vater bereits ein Loch für das Ofenrohr in den Kamin gemeißelt, hatte Kohlen und Holz anliefern lassen und siehe da: bereits nach wenigen Stunden saßen wir inmitten unserer Kisten und Kästen, inmitten unseres Umzugsgerümpels um den mollig warmen Ofen herum, auf dem ein Kessel mit heißem Wasser stand. Wir brauchten es für die Wärmflaschen, denn es würde eine kalte und klamme Nacht werden. Wir machten uns über unsere Butterbrotpakete her und stießen mit ein paar Flaschen Bier und einigen klaren Schnäpsen auf meinen Geburtstag und unser Glück an.
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Unsere erste Wohnung in dieser zerstörten Stadt, in die wir im Herbst 1953 eingewandert waren, war recht luxuriös gewesen. Luxus und Wohnkomfort inmitten einer trostlosen Wüste aus Ruinen und Baustellen. Ein einsames Haus hatte den Bombenterror „überlebt“ und war stehen geblieben. Dort zogen wir nun ein, dritter Stock, ein weiter Blick auf eine riesige Brache: Ruinengrundstücke, Baustellen, laute, hässliche, verkehrsreiche Straßen …
Zentralheizung und stickige Luft. „Kachelbad.“ Heißes und kaltes Wasser. Eine lange Zimmerflucht mit großen Fenstern zur Baustellen- und Ruinenwüste hin.
Das waren die „Sorgenfenster“, denn nachts stand ich oft hinter einer der großen Glasscheiben und schaute hinaus: sorgenvoll, mit schweren und trüben Gedanken. Hier, in unserer ersten Wohnung in dieser unwirtlichen Stadt, spürte ich sehr intensiv und zum ersten Mal in meinem Leben – ich war zehn Jahre alt – Unheil auf mich zukommen. Ich sah eine große, dunkle Wolke Unheil, die über uns allen schwebte. Sorge und Angst – das waren meine Gefühle in jenen Nächten in unserer ersten Wohnung.
In den ersten Dortmunder Jahren in unserer „Luxuswohnung“ fiel alle kindliche Unbeschwertheit von mir ab. Ich sah – fast schlagartig – das Unglück meiner Eltern, die Katastrophe ihrer Ehe, ihre Unfähigkeit einander zu verstehen und zu lieben. Bisher hatte ich nur eine Ahnung von diesem Unglück gehabt, die so schwach war, dass sie die glücklichen und sonnigen Spiele meiner Kindheit nicht überschatten konnte. Jetzt fürchtete ich, dass es irgendwann zum „großen Knall“ kommen und unsere Familie auseinanderbrechen könnte.
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Da das „Kinderzimmer“ unserer ersten Wohnung zu klein für fünf Betten war, wurde ich ausgelagert und schlief im Wohnzimmer auf der Couch – allein. Meine Geschwister schliefen im Zimmer nebenan, meine Eltern noch ein Zimmer weiter.
Meist schlief ich nicht ein in meiner Einzelzelle. Ich konnte nicht einschlafen. Ich lag auf meiner Couch, war wach und hatte Angst. Ich sorgte mich um meinen Vater, der abends nicht nach Hause kam, sondern „um die Häuser“ zog. Ich fürchtete, dass ihm etwas zustoßen könnte – in dieser fremden, hässlichen, dunklen Großstadt. Irgendwann stand ich dann auf, stellte mich an das große Glasfenster und schaute die nächtlichen, stillen Straßen entlang, die ich gut überblicken konnte, da der Schutt der Ruinen abgetragen worden war, was einen weiten, unverstellten Blick ermöglichte.
Ich wünschte ihn mir herbei und da ich einen freien Blick hatte, nahm ich jede dunkle Figur, die da unten in den Straßen herumlief, ins Visier. Alsbald kannte ich die charakteristischen Bewegungen der Nachtschwärmer und Spätheimkehrer, wenn sie – weit hinten – durch das steinerne Tor neben der Marienkirche schwankten. Die torkelten aus den Kneipen und Bars des Brückstraßenviertels in ihr trautes Heim …
Ich entwickelte schon bald einen sicheren Blick und erkannte meinen Vater auf Anhieb, wenn er in jenem Tor auftauchte. Wenn ich schließlich ganz sicher war, dass er im Anmarsch war, legte ich mich auf meine Couch, hörte auf die Schritte, die in der stillen Straße näher kamen, hörte, wie unten die Haustür ging, hörte ihn die Treppe heraufkommen und unsere Wohnungstür aufschließen. Dann zog ich mir die Bettdecke über den Kopf, denn jetzt kam die Stunde ihrer Ehe …
Oft stand ich noch nach Mitternacht dort, oft wartete ich gar die Polizeistunde ab – ein Uhr Früh –, weil dann die Kneipen schlossen und alle Streuner heim zu Muttern mussten. Unsere große Standuhr tickte laut und schlug jede halbe Stunde – und ich wusste, wenn ich am Fenster stand und über all die neuen Rätsel in meinem neuen Leben nachdachte, dass ich eigentlich schlafen sollte, denn mein Tag begann früh.
Sehr, sehr viel später habe ich diese Szene, die sich in vielen Nächten abspielte, meiner älteren Schwester erzählt. Sie lachte und erzählte mir, dass sie – ein Zimmer weiter – ebenfalls Nacht für Nacht am Fenster gestanden und nach ihm Ausschau gehalten habe. „Und“, fügte sie hinzu, „ein Zimmer weiter stand unsere Mutter am Fenster und wartete jede Nacht auf ihn.“ Mutter, Tochter, Sohn: drei große Fenster mit Blick auf die Wüste.
Wenn er dann endlich in unserer Straße, dem „Rosental“, auf uns zu marschierte und nach oben schaute: sah er dann womöglich die bleichen Schatten hinter den dunklen Scheiben? Waren wir womöglich selbst – so fragte ich mich schon damals – die Gespenster, die ihn davon abhielten, durch das weite Tor zu treten, das nur für ihn offen stand? Waren wir es, die ihn daran hinderten heimzufinden?
Immerhin: unsere erste Wohnung war recht komfortabel, geradezu nobel. Zu nobel für Leute, die als „arme Schlucker“ in diese Stadt gezogen waren und die vorher in einer primitiven Baracke gehaust hatten, so dachte ich damals. Zu teuer das Ganze, so vermutete ich schon bei unserem Einzug, und fragte mich, wie lange wir uns hier wohl halten würden, denn mein Vater verdiente nur wenig. Drei Jahre hielten wir durch, dann kam die Kündigung. Wir mussten raus. Umzug Nummer eins.
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Unsere zweite Wohnung lag im fünften Stock eines der ersten primitiven Nachkriegshäuser, in denen vor allem Flüchtlinge aus den „verlorenen Gebieten“ untergebracht wurden. Keine Zentralheizung, kein „Kachelbad“, kein heißes Wasser, nicht mal eine Badewanne in dem Raum, der als Bad vorgesehen war. Dort gab es nur ein mickriges Waschbecken und ein Klo – und das in einem stickigen engen Kabuff, das keine Fenster hatte, lediglich ein Gitter zu einem Entlüftungsschacht hin, durch den unser „Mief“ abziehen sollte. So war das wohl gedacht.
Tatsächlich war es aber so, dass der „Dampf“ unserer vier „Untermieter“ zu uns herauf und herein drang und seinen Duft verbreitete. Ich mochte diese Wohnung nicht: zu hoch oben, zu primitiv, zu miasmatisch … und alle Räume grün getüncht … Insgesamt eine Katastrophe.
Unsere Mutter drang darauf, dass wir hier möglichst bald wieder weg kamen. Es gelang ihr, unseren Vater unter Druck zu setzen – und diesmal setzte er sich tatsächlich voll ein. Nach wenigen Monaten fand er eine neue Wohnung, unsere dritte … Und er schrieb einen Brief.
***
Unser zweiter Umzug brachte uns weit weg aus der Innenstadt nach Hörde. Die Wohnung lag im ersten Stock eines Hauses an einer viel befahrenen Durchgangsstraße. Die LKWs, die zu den Baustellen in Wellinghofen und Berghofen an uns vorbei rumpelten, die quietschenden Straßenbahnen hin und her: wenn wir tagsüber die Fenster öffneten, lebten wir mitten im Straßenlärm. Nur nachts wurde es wunderbar still. Diese Wohnung war ein wenig skurril.
Unser Vormieter – oder wer auch immer vor uns – hatte offenbar eine Vorliebe für die Farbe Schwarz. Unser „Kachelbad“ war schwarz gefliest, hochglänzend, und die Fugen zwischen den einzelnen Fliesen glänzten silbrig. Das war eindrucksvoll. Über der Badewanne hing eine Gastherme und wir konnten wieder heiß duschen und warm baden. Der Komfort war zu uns zurückgekehrt. Die Anordnung der Räume war allerdings seltsam.
Trat man durch die Wohnungstür in den kleinen Korridor, so fand man nur drei Türen vor: zum Bad, zur Küche und zu unserem Wohnzimmer. Um in die hinteren Räume der Wohnung zu gelangen, musste man immer durch dieses Wohnzimmer laufen: dann war man im Kinderzimmer und von dort aus gelangte man schließlich ins Schlafzimmer unserer Eltern. Es fehlte der übliche Korridor und die Wohnung kam mir vor wie eine langgestreckte Höhle mit gemütlichen Kavernen …
Im Kinderzimmer machte die Wohnung einen Knick, da das Haus ein Eckhaus war und in einem stumpfen Winkel in eine Nebenstraße abbog. Unser Kinderzimmer hatte also fünf Wände, eine davon schräg. In ihr befand sich die Eingangspforte zur Schlafzimmerkaverne meiner Eltern.
Eine der fünf Wände in unserem Kinderzimmer hatte unser Vorbewohner mit einer ausgefallenen Tapete beklebt: sie war schwarz und hatte ein Muster aus hellen, pastellfarbenen, großen, stilisierten Blättern mit fünf Fingern. Das Ganze sah aus, als habe jemand seine Hände in gelbe, hellgrüne und weiße Farbe getaucht und die schwarze Fläche gestempelt. Ich mochte diese Wand.
Überhaupt mochte ich das Nierentisch-Design der Fünfziger: solche „neuartigen“ Tapeten, die zierlichen Tische mit den schräg angesetzten Beinen, die „Cocktailsessel“, die filigranen Regale mit den variabel einbaubaren Schränken, die neuen, ungewohnt bedruckten Stoffe, die zierlichen Decken- und Stehlampen: das war der große Bruch – so sehe ich das heute – mit dem piefigen-miefigen Wilhelm- und Nazi-Wohnstil der Vergangenheit. Doch leider war die Nierentisch-Ära nur von kurzer Dauer, eine ästhetische Eintagsfliege: Die schwere Eichenschrankwand, die klobige Sitzecke mit dem klumpigen „Rauchtisch“, kernige Esstische mit kernigen Stühlen: das Schwere, Klotzige, Klobige kehrte alsbald zurück und erschlug die neue Leichtigkeit.
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Unsere dritte Wohnung, diese Höhlenwohnung mit den schwarzen Tupfern, habe ich in guter Erinnerung, denn ich entwickelte hier zwei neue Angewohnheiten.
Erstens: ich entdeckte die Nacht wieder, die wache Nacht.
An den Wochenenden, freitags und samstags, wenn ich am nächsten Morgen ausschlafen konnte, saß ich die ganze Nacht in der Küche und las. Im Hintergrund der Höhle schlief mein Rudel und ich war ganz allein auf der Welt. Ich öffnete das Fenster und ließ die Stille und die einsamen Geräusche der Stadt herein. Ich las die Krimis, die in unserer Wohnung herumlagen. Wir holten sie aus den „Tante-Emma-Leihbüchereien“, die es damals in jedem Viertel der Stadt gab: Vorläufer der Videotheken, die den Leuten wenige Jahre später zu schlaflosen Nächten verhelfen …
Agatha Christie, Edgar Wallace und viele andere: ich liebte die Thriller, das Abgründige, die Schockelemente – einfache Whodunnits sagten mir nicht zu. Viel gelesene Schwarten waren das, der Einband meist in durchsichtige dicke Folie eingeklebt, abgegriffen, klebrig vom vielen Gebrauch. Sie lagen vor mir auf dem Küchentisch – ich mochte sie nicht anfassen und in der Hand halten – und ich saß in aufrechter Haltung am Tisch und las. So hielt ich es die ganze Nacht aus. Dann und wann stand ich auf, räkelte mich ausgiebig und kochte mir einen heißen Kakao. Dann ging es weiter.
In jenen Herbst- und Winternächten, so ganz allein im stillen Kosmos der Hörder Nacht, begann ich Kafka zu lesen. Die Wochenendnächte in jenem Winter 1958/59 schlief ich nicht mehr, ich las wie ein Besessener.
In den Sommerferien hatte ich meine ersten Erfahrungen in der Arbeitswelt gemacht, bei den „Kinderschindern von Berghofen“. Das steckte mir noch im Gemüt. Ich hatte andere, dunkle Wirklichkeiten hinter der Wirklichkeit gesehen, die mir bislang so vertraut und fest erschienen war. Ich war in die Malocherwelt eingedrungen. Ich hatte viel gelernt bei den Arbeitern, ich hatte ihre Kälte und Gefühllosigkeit gespürt. Meine Welt war ins Rutschen gekommen, ich spürte deutlich die Verschiebung und wurde skeptischer. Ich fing an, die Abgründe und den Horror hinter den Papierwänden zu sehen, auf die meine banale Gegenwart projiziert war. Vielleicht – so denke ich heute – sah ich damals zum ersten Mal das Land Danach in all seiner ruinenhaften Brüchigkeit. Ich sah nicht mehr nur die Zerstörungen und Ruinen „draußen“, um mich herum, sondern auch „drinnen“, in den Köpfen und Herzen der Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Kafka lehrte mich sehen.
***
Zweitens: das Verhältnis zu meiner Mutter veränderte sich.
Das ist meine schönste Erinnerung an jene eigenartige Wohnung. Ich entdeckte meine Mutter neu. Ich sah eine andere Frau in der Frau, die mir bislang so bekannt und so vertraut vorgekommen war. Ich sah tiefer in sie hinein und fing an sie zu verstehen.
Es kamen zwei Faktoren zusammen, die mir das ermöglichten: einmal jener Nachkriegsnotbehelf, nämlich der Schichtunterricht an meinem Gymnasium – eine Woche Vormittagsschicht, die nächste Woche Spätschicht am Nachmittag – und zum anderen der seltsame Schnitt unserer neuen Wohnung.
Wenn ich Spätschicht hatte, war ich einen ganzen Vormittag lang mit ihr allein: Vater im Büro, Geschwister in der Schule. Dann „arbeiteten“ wir gewissermaßen Tür an Tür. Ich saß an dem großen, alten, schwarz gebeizten Schreibtisch aus massiver Eiche und machte meine Hausaufgaben für die Schule. Die Türen des Wohnzimmers, in dem ich arbeitete, waren geöffnet, denn es war ja ein Durchgangszimmer und meine Mutter musste es durchqueren, um die hinteren Zimmer aufzuräumen und die Betten zu machen. Ich war also nicht mehr eingeschlossen und allein wie in den früheren Wohnungen, wenn ich mich an meine Schulaufgaben machte.
Hier nun, in dieser komisch geschnittenen Wohnung, stand meine Mutter gleich nebenan in der Küche. Ich hörte das Geschirr klappern, wenn sie spülte – und wenn sie kochte, hörte ich, wie sie mit ihren Pfannen und Töpfen hantierte. Das waren angenehme, vertraute Geräusche, die mich bei meinen Schularbeiten begleiteten und trösteten. Ich hörte aber noch mehr.
Zuweilen setzten die Arbeitsgeräusche aus und dann hörte ich sie leise vor sich hin reden. Ich hörte sie atmen. Sie atmete zuweilen ruckartig und stoßweise ein – es klang wie ein langer Seufzer – und wenn sie ausatmete, hörte ich ein leises tiefes Stöhnen. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass sie litt …
Das Unglück war über sie gekommen, als sie noch ein kleines Mädchen war und von da an hatte das Unglück sie ihr ganzes Leben hindurch verfolgt wie ein dummer, aggressiver, bissiger Straßenköter. Manchmal lauschte ich angestrengt, wenn sie ihre Selbstgespräche führte. Ich erkannte, dass es sich um Dialoge handelte, die anscheinend aus frühen Epochen ihres Lebens stammten und deren Sinn ich nicht verstand.
Sie war als Kind in einem kleinen, vornehmen Paradies mit zärtlichen und liebevollen Eltern aufgewachsen, das wusste ich. Als sie sechs war, starb ihr bewunderter Vater, als sie zehn war, starb ihre schöne Mutter. Nach diesen beiden Katastrophen wurde das Leben für sie zum Kampf gegen das Leid, das um sie herum immer wieder aufbrach.
All das wusste ich damals nur sehr ungenau und natürlich konnte ich überhaupt noch nicht einschätzen, was die Unglückssträhne, die sich durch ihr Leben zog, in ihr angerichtet hatte und schon gar nicht, wie weit ich und meine Geschwister Betroffene und seelische Erben ihrer Schicksalsschläge waren.
Um sie aus ihrer Trübsal herauszuholen, überwand ich mich und ließ sie an meinem Leben da draußen in der Schule teilnehmen. „He, sag mal“, rief ich dann in die beredte Stille oder in die Phase des Seufzens, „wie schreibt man eigentlich das und das …“ „He, ich muss einen Deutschaufsatz schreiben. Komm mal her und gib mir mal ein paar Ideen …“
Das waren schöne Zeiten, wenn sie dann in der Tür lehnte, mich beriet und sich mit mir unterhielt. Ich hatte sie ja nie für mich allein im Gewimmel unserer „Großfamilie“. Jetzt war sie nur für mich da und plauderte mit mir. Es war die einzige Phase während meiner gesamten Schulzeit, in der ich ihr – oder überhaupt irgendeinem Menschen – von der anderen Seite meines „eisernen Vorhangs“ erzählte, aus der „Draußenwelt“ der Schule. Ich suchte für sie vor allem die angenehmen, lustigen oder komischen Erlebnisse und Ereignisse aus, ich wollte sie – wie immer – nicht auch noch mit meinem „Kram“ unglücklich machen.
Sie erzählte mir zuweilen Anekdoten aus ihrer eigenen Schulzeit in Berlin. Sie erzählte, dass ihr Stiefvater selbst Studiendirektor gewesen sei – an dem Lyzeum, das sie selbst einst besuchte. Ich lernte so manches aus ihrem Leben und es kam mir vor, als sei sie in meinen früheren und naiveren Jahren fast unsichtbar gewesen. Sie rührte mich und ich fing an, die Stärke und Ausdauer zu bewundern, mit der sie uns, ihre Kinder, durch diesen Unglücks- und Elendsschlamassel zog ohne zu wanken.
Immer standen unsere Gespräche unter einem Zeitdiktat. Die große Standuhr schlug jede halbe Stunde und trieb mich an. Gegen zwölf Uhr Mittag musste ich mich auf den Schulweg machen …
„Du, hör mal. Ich muss noch einiges für Mathe machen. Schade, dass wir nicht mehr weiterquatschen können“, so „entließ“ ich sie. Dann kam sie auf mich zu, stellte sich neben meinen behäbigen Schreibtischstuhl, streichelte mir nur ganz kurz über die Haare und sagte: „Mein Eigenbrötler.“ Es klang wie immer ein wenig stolz und ich genoss wie immer ihre verhaltene Zärtlichkeit.
Der Brief
An jenem Schreibtisch, an dem ich die schönen Vormittage mit meiner Mutter genoss, schrieb mein Vater „seinen Brief“.
Es war wohl so, dass sie ihn dazu angetrieben hatte: sie wünschte sich eine größere Wohnung mit zwei Kinderzimmern, denn bis auf den Jüngsten waren wir, ihre Kinder, allesamt inzwischen in das Teenie-Alter hineingerutscht. Und Mädchen und Jungen sollten im Teenager-Alter nicht mehr in einem Raum schlafen: das gehörte zu ihrem Wertekodex.
Dortmund war in jener Zeit eine Hochburg der Sozialdemokraten. Weit über sechzig Prozent der Wahlbürger wählten damals SPD – und das kam nicht von ungefähr. In jenen Zeiten des Wirtschaftsaufschwungs und eines sozial angehauchten Keynesianismus war die Dortmunder SPD – wie die SPD insgesamt – noch die Partei des sozialen Fortschritts und der sozialen Reformen, eine Partei, die sich für die „kleinen Leute“ einsetzte und viel für die „kleinen Leute“ tat. Die „Partei der kleinen Leute“ eben – so war das damals. Lange her …
Die „rote“ Stadtregierung fing schon früh in den Fünfziger Jahren an, Wohnraum zu schaffen für die vielen Flüchtlinge und Arbeitsimmigranten mit ihren vielen Kindern und ihren vielen Nöten. Man baute „Flüchtlingssiedlungen“ mit kleinen, primitiven Häuschen und einem Stückchen Land, auf dem man gärtnern konnte. Und neuerdings baute man an einem Großprojekt, einer Siedlung für „Kinderreiche“: recht komfortable Reihenhäuser mit Gartenland. Mein Vater hatte von diesem Projekt erfahren und bewunderte den Mann, der es mit viel Engagement initiiert hatte und es mit viel Energie schließlich durchzog. „Ein richtiger Sozialdemokrat“, so äußerte er sich über jenen Stadtrat, der der Leiter des Amtes war, in dem er selbst damals arbeitete. „Echter Sozialdemokrat. Der tut was für die kleinen Leute!“ Und dann setzte er sich hin und schrieb seinen Brief.
Ich habe diesen Brief nie zu lesen bekommen und ich bin mir nicht sicher, ob er ihn je mit meiner Mutter besprochen hat. Als er schließlich mit seiner Endfassung endgültig und ein für alle Mal zufrieden war – mehrere Bögen, die mit seiner akkuraten, nach rechts geneigten, etwas steilen und eckigen Schrift bedeckt waren –, packte er alles in einen großen Briefumschlag, den er mit der Privatadresse eben jenes Stadtrats versah, den er so sehr bewunderte.
Am darauf folgenden Wochenende, am Samstag, lud er mich zu einem „kleinen Ausflug“ ein. Wir fuhren mit der Straßenbahn in die „Südstadt“, eine Dortmunder Gartenvorstadt, in der die Bessergestellten ihre feinen kleinen oder auch größeren Villen bewohnten. Wir fanden das Haus des so menschlich eingestellten und sozial engagierten sozialdemokratischen Lokalpolitikers, wir fanden den Briefkasten … und weg war der Brief.
Mein Vater lachte mich fröhlich an. Er schlug mit den Fingerknöcheln seiner rechten Hand dreimal an seinen Schädel:
„Auf Holz klopfen bringt Glück“, sagte er. Und in der Tat: es dauerte nicht einmal mehr ein Jahr und wir bezogen unsere eigene „Reihenhausvilla“ mit Garten – in einer nagelneuen Siedlung für kinderreiche Familien. Schlackenhalde inklusive. Umzug Nummer drei.
***
Ja, so wird es wohl gewesen sein, dachte ich später: sein Brief brachte uns ins „Programm“, wir wurden in die Eigentümergemeinde aufgenommen.
Meine Eltern hatten einige Urkunden zu unterzeichnen, etliche Kreditverträge abzuschließen (zinssubventioniert: also im sozialdemokratischen Geist jener Zeit) – und von den Schultern meiner Mutter purzelte ein riesiger Sack mit Sorgen. Wir sieben waren von nun an sicher und ausreichend behaust.
In dem Trubel, der folgte, nachdem wir im „Programm“ waren, verschwand „sein Brief“ fast vollständig aus meinem Bewusstsein. Im Herbst vor dem winterlichen Umzug besuchten wir oft die Baustelle, auf der „unser“ Haus emporwuchs, wir kletterten die Leitern hoch, begutachteten die Fortschritte, wir fingen wieder einmal an, unsere Sachen zusammenzupacken und unseren dritten Umzug vorzubereiten – und nie mehr war die Rede von seinem „Brief“.
Ich erinnere mich, dass wir zuweilen von dem „Glück“ sprachen, das wir gehabt hatten, vom „glücklichen Zufall“. Aber der eigentliche Auslöser unseres Glücks, sein Brief, geriet in Vergessenheit. Nicht einmal mein Vater sprach von ihm, obgleich er durchaus gerne von den kleinen Erfolgen und Glücksmomenten in seinem Leben erzählte. Aber auf seinen so erfolgreichen und folgenreichen Brief kam er nie mehr zurück.
Damals ahnte ich schon, dass er zu jenen Menschen gehörte, die über bestimmte Erlebnisse in ihrem Leben nicht reden können oder wollen. Er konnte voller Spaß und Humor schöne und angenehme Erlebnisse aus seiner Jugend erzählen: er war wie viele seiner Landsleute, die an der „Deutschen Märchenstraße“ groß geworden waren, ein hervorragender Döntjes-Erzähler, der mit Freude den Gag, den Witz einer Geschichte herauszukitzeln vermochte. Das Fröhliche und Leichte, das ihm im Leben widerfahren war, konnte er erzählen, über das Schwere und Leidvolle schwieg er.
Ich ahnte, dass in ihm etwas eingegraben war, an das er – außer meiner Mutter – niemanden heran ließ. Sie war es, die mir manchmal kleine Hinweise über sein „früheres Leben“ gab, sein Leben „vor meiner Zeit“ – aber wenn ich nachhakte und mehr wissen wollte, wies sie mich ab. „Er will darüber nicht reden“, sagte sie, „und ich soll euch auch nicht davon erzählen. Das ist sein Wunsch.“ So blieb mir mein Vater mit seinem seltsam ichbezogenen, rücksichtslosen Verhalten, das mich in jener Zeit stark beschäftigte, lange ein Rätsel.
Dass er auf seinen Brief überhaupt nicht mehr zu sprechen kam, hing vielleicht, so dachte ich später, mit dem zusammen, was er dort hineingeschrieben hatte – und dieser besondere Inhalt wiederum, so folgerte ich, hing mit den Rätseln seines Lebens zusammen, die ich nicht entschlüsseln konnte, weil mir die Informationen fehlten. Auf jeden Fall: ich glaubte nicht an „Glück“ oder „Zufall“. Mir war klar: Auslöser der massiven Verbesserung unseres Lebens war jener Brief. Ich sagte mir: sicherlich hatte es viele, sehr viele Bewerber mit einer großen Kinderschar und kleinem Einkommen gegeben, die ein Häuschen aus dem „Programm“ ergattern wollten. Die „vielen Kinder“ und die „Armut“ konnten nicht den Ausschlag gegeben haben, dass wir aus der Fülle der Bewerber „ausgesucht“ worden waren. Kinder und Armut: das galt schließlich für alle.
Dass er den „Dienstweg“ nicht eingehalten hatte, empfand ich von Anfang an als seinem Anliegen eher abträglich: ein fairer Behördenchef wird nicht ausgerechnet den begünstigen, der sich an der Warteschlange vorbei mogelt, so dachte ich schon, als wir den Brief in den Kasten warfen.
Es musste also etwas in dem Brief gestanden haben, dass jenen Mann so beeindruckt hat, dass er ihn mit einem wohlwollenden Vermerk an die zuständige Stelle weiter reichte. Und das – so dachte ich – musste etwas mit dem „Rätsel“ meines Vaters zu tun gehabt haben, mit den dunklen Phasen in seinem Leben, über die er grundsätzlich nicht redete.
Später habe ich aus den spärlichen Informationen, die ich über ihn hatte, entscheidende Ereignisse in seinem Lebenslauf gedanklich zu rekonstruieren versucht. Über eines bin ich mir bei meinen Überlegungen ganz sicher geworden: er wurde zum Opfer der Nazis.
Er wurde zum Opfer, so dachte ich, weil er ein stadtbekannter „Roter“ war und aus einer „roten“ Familie stammte, weil er Sozialdemokrat war, der die Nazis hasste und verachtete. Vielleicht hat er, als er den wichtigsten und erfolgreichsten Brief seines Lebens schrieb, auf seine sozialdemokratische Vergangenheit während der Nazi-Zeit hingewiesen – diesem Dortmunder Sozialdemokraten gegenüber, den er so sehr bewunderte. Vielleicht hat er auch darauf hingewiesen, dass er – wie sein Vater – unmittelbar nach dem Krieg von der britischen Besatzungsmacht als „sauber“ herausgepickt und beauftragt wurde, in den niedersächsischen Dörfern und Kleinstädten wieder SPD-Ortsvereine aufzubauen. Das passierte in jener Zeit, da die Briten ihren berühmten Churchill abgewählt und „Labour“ an die Regierung gebracht hatten. Und „Labour“ wollte eine starke SPD in der „britischen Zone“, eine „Labour“-Zone eben.
Möglicherweise hat er sich in diesem Brief überwunden und hat von seinem Schicksal erzählt, was er sonst nicht tat. Vielleicht hat er dieses eine Mal alles in die Waagschale geworfen, weil es für unser Leben so wichtig war – und weil er seiner Frau gegenüber vieles wieder gut zu machen hatte. Vielleicht hat er sein Schweigen dieses eine Mal gebrochen: nicht von Angesicht zu Angesicht in einem Gespräch mit den Menschen, die ihn liebten, sondern in einem anonymen Brief an einen Fremden.
***
Auf jeden Fall: das „Haus“ veränderte sein Verhalten in einem entscheidenden Punkt: er stand immer öfter am Wochenende auf und blieb nicht einfach von Freitagabend bis Montagfrüh im Bett liegen, wie er es bisher meist getan hatte. Lange Zeit glaubte ich, er müsse sich an diesen Wochenenden, die er im Bett verbrachte, von den anstrengenden Ausschweifungen der Woche erholen. Das stimmte wohl nur zum Teil. Tatsächlich war er krank. Was mich nämlich wunderte und rührte, war die Tatsache, dass meine Mutter, die ihn häufig so heftig angreifen und heruntermachen konnte, ihn an all diesen Wochenenden ohne Murren umsorgte, bediente und pflegte. Erst sehr viel später begriff ich, dass die beiden dann die „Urszene“ ihrer Liebe wiederholten und – Wochenende für Wochenende – die Rollen einnahmen, die sie in die Urgeschichte ihrer Beziehung zurück brachten: Krankenschwester und Patient.
Jetzt stand er also am Samstagmorgen auf und werkelte das ganze Wochenende im Haus und im Garten. Oft kam er selbst an Wochentagen früh abends nach Hause … und schleppte Pflanzen an – Johannisbeersträucher, Erdbeerpflanzen und schließlich sogar kleine Apfel- und Birnbäume –, die wir in unseren Garten setzten.
Erst wenn es bereits dunkelte – nach getaner Arbeit – setzte er sich auf der Terrasse in seinen Sessel und genehmigte sich sein erstes Bier. Er konnte stundenlang in der Dunkelheit sitzen und in die Nacht hinaus denken. Manchmal kamen wir dann auf eine freundliche Art zusammen und führten angenehme und ruhige Gespräche miteinander. In einem dieser Gespräche wandte er sich einmal zu mir, schaute mir voll ins Gesicht und lachte kurz auf:
„Du musst nicht denken, dass ich im Trüben fische, wenn ich hier in der Dunkelheit sitze und träume. Was ich hier mache, ist so etwas Ähnliches: in der Pfütze angeln. Meist kommt ja nichts dabei heraus, eine Pfütze gibt ja nichts her. Aber plötzlich hängt ein kapitaler Hecht am Haken und man wundert sich.“
Anfangs hielt ich das, was er da von sich gegeben hatte, für eine seiner hübschen Floskeln, die er immer mal gerne von sich gab. Später war ich mir sicher, dass es ein verschlüsselter Kommentar zu seinem „Brief“ war. Vielleicht der einzige Kommentar, den er je dazu von sich gegeben hat.
5 Durst wird durch Bier erst schön
Häuschen mit Garten: das Jahr 1959 hatte also gut angefangen und natürlich setzte ich in den Sommerferien „mein Projekt“ fort: ich machte weiter als Ferienmalocher. An unserer finanziellen Situation hatte sich ja nichts geändert – da waren noch immer die „finanzielle Misere“, der „ewige Krampf“ und das Leben „auf Pump“. Das hieß für mich weiterhin: Malochen gehen, Kohle machen!
Schon Wochen vor den Sommerferien war es sehr heiß geworden. Ein Sommer zog hoch wie eine glühende Fahne und das Sommerhoch lag gleißend und stickig auf der stinkenden Stadt, über ganz Deutschland, über Mitteleuropa, wochenlang, monatelang. Schon früh im Jahr kochte alles auf und kühlte nicht wieder ab und als es wieder darum ging, mir einen Ferienjob zu suchen, hatte ich Glück, „multiples“ Glück. Ich ergatterte einen unter den „Ferienschülern“ heiß begehrten Job: „auf’e Brauerei“, wie man hier sagte, d. h. in einer der bekannten großen Bierfabriken der Stadt.
Glück Nummer eins: hier wurden hohe Löhne gezahlt, sogar höher als für Hilfsarbeiten auf dem Bau. Die NGG, die Gewerkschaft, die für die Nahrungs- und Genussmittelindustrie zuständig war, hatte in der Zeit des Aufschwungs gute Arbeit geleistet und viel für ihre Leute herausgeholt.
Glück Nummer zwei: es gab ein Bierdeputat. Man hatte einen tarifvertraglich verbürgten Anspruch auf sage und schreibe drei Liter Bier pro Arbeitstag, sechs Flaschen „Haustrunk“, so hieß das. Ich wusste, dass mein Vater glücklich sein würde, mir beim Austrinken der Flaschen zu helfen: jeden Tag musste alles ausgetrunken werden. Unsere Haushaltskasse wurde entlastet.
Glück Nummer drei: es zog dieser unglaubliche Sommer hoch, heiß, trocken, über Monate anhaltend. Der Jahrhundertsommer 1959 sorgte dafür, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben richtig, richtig Geld verdiente, viel Geld für meine Verhältnisse. Denn die Menschen hatten Durst und … „Durst wird durch Bier erst schön“: das war die Parole dieses Hitzesommers.
Wenn ich am Hauptbahnhof umstieg auf meinem Weg zur Arbeit, kam ich nicht umhin, das Werbeplakat der Bierindustrie ins Visier zu nehmen, das überall in der Stadt zu sehen war: eine weite Wüste, Freddies „brennend heißer Wüstensand“, dahinter, am Horizont, als Fatah Morgana, ein überschäumend gezapftes Pils, das Glas mit einem Kältereif überzogen. Perlende Tropfen rinnen am Glas herunter. Darunter der berühmt gewordene Reklamespruch, den mein Vater oft zitierte, wenn er seine erste Flasche ansetzte.
Die Hitzeopfer dieses Sommers nahmen den Spruch ebenfalls bierernst, wie ich „auf Maloche“ feststellen sollte. Es wurde die Saison der trockenen Kehlen. Es wurde gesoffen, gesoffen, gesoffen … Dortmund soff, Deutschland soff, Europa soff. Die Bundesgartenschau lief und Tausende hechelten durstig durch die Rabatten, die ich ein Jahr zuvor nicht hatte mit anlegen dürfen, weil ich noch zu mickrig wirkte. Rettung für die Verdurstenden brachten die nächste Kneipe, der nächste Kiosk mit gekühlten Flaschen, der nächste Biergarten …
Der Kohlenpott musste versorgt werden, Westfalen, das Münsterland. Das Sauerland trocknete aus. Frankreich, Belgien, die Niederlande und selbst West-Berlin warteten auf das „Dortmunder“. Alle Dortmunder Brauereien produzierten am Rande ihrer Kapazitäten und das hieß für mich: ich durfte Überstunden machen – noch und noch. Das brachte mir – zum ersten Mal in meinem Leben – einen großen Batzen Geld durch eigene Arbeit.
Es ist fünf Uhr, die Stadt erwacht …
Meine Schicht begann um sechs Uhr morgens, jeden Tag, fast sechs Wochen lang.
Wenn ich aufstand, kurz nach vier, stand der riesige rote Sonnenball noch sehr tief im Osten, über der großen Halde, auf der täglich die Schlacken des Hörder Stahlwerks abgekippt wurden. Die schrägen Strahlen überzogen die stillen Straßen und Häuser unseres neuen Viertels mit einem warmen, rötlichen Gold – und warfen lange Schatten über die Wiesen vor den Häusern und über den Asphalt der Straßen. Es war noch angenehm kühl. Ich schlich leise die Treppe hinunter und kochte mir meinen Kaffee. Ich hörte, wie meine Mutter ebenfalls die Treppe herunter getrappelt kam. Sie brachte es – wie immer – nicht fertig, ihren Sohn so früh morgens allein zu lassen. Sie kochte mir die obligatorische dicke Haferflockensuppe, die ich brav in mich hinein löffelte und die mich – nach ihrer Vorstellung – gut über die erste Hälfte der Schicht bringen würde. Das war auch so. Danach ging’s los.
Auf dem Weg zur Straßenbahnhaltestelle lag mir die Kühle des Morgens angenehm auf der Haut. Ich genoss die Frische vor der Hitze des Tages, das stille Sonnenlicht in den Straßen, die feierliche Einsamkeit der Frühe. An der Kirche in Brackel stieg ich in die Straßenbahn, die mich erst einmal zum Hauptbahnhof brachte. Sie füllte sich schnell mit all den Malochern, die wie ich Punkt sechs Uhr loslegen mussten.
Ich machte eine Entdeckung.
Zwischen fünf und sechs Uhr in der Früh wimmelte es in den Straßen von Menschen. Die Stadt brodelte auf und war auf eine Art quirlig und lebendig wie ich es zu anderen Tageszeiten nie erlebt habe. Es waren vorwiegend Männer, die da unterwegs waren. Flanellhemden, Overalls, kurze und lange Hosen. Grau und Blau herrschten vor im Gewimmel, viele hatten bereits ihre Arbeitsklamotten angezogen. Sie standen in dichten Trauben an den Straßenbahnhaltestellen und sprangen auf die überfüllten Bahnen, hasteten die Bürgersteige entlang, kurvten mit ihren Fahrrädern, Mopeds und Motorrollern durch die Straßen. Lebhafter Verkehr. Da rollten die Kleinwagen des Aufschwungs: Goggomobil, BMW-Isetta, Käfer, NSU-Prinz … da rollte die Vespa, später ein Kultfahrzeug, das Zeugnis ablegte von jener optimistischen Zeit, in der die Leute fühlten, dass die große Scheiße vorbei war und dass es aufwärts ging.
Es waren fast nur Männer, Männer jeden Alters, die da zur Arbeit hetzten. Punkt sechs Uhr mussten sie alle in voller Arbeitsmontur auf der Matte stehen und den ersten Handschlag tun, am Fließband, in der Montage, auf der Rampe, im Materiallager, auf der siebten Sohle, am Hochofen … wo auch immer: Malocher.
Für mich war das alles neu und die prickelnde Atmosphäre der frühen Stadt machte mich wach und brachte mich in Stimmung. Zeitungsverkäufer sprangen während der Fahrt auf die Tram und verkauften das damals noch neue 10-Pfennigs-Blatt, großformatig, reißerisch und blöd wie stets. Es gab kleine Buden mit Mettbrötchen, Wurstbrötchen, mit Käse belegten runden Kümmelbrötchen. Viele Malocher schleppten solche Leckereien in Tüten weg für ihre Frühstückspause um zehn. Einige Kioske hatten auch schon geöffnet, verkauften Kaffee, Kakao in Flaschen, Cola … und für die ewig Bedürftigen schon mal das erste Bier. Der Hauptbahnhof – hier musste ich umsteigen und auf die nächste Bahn warten – spuckte Hunderte aus. Sie strömten mit den Vorortzügen in die brodelnde Metropolis der Maloche, sie füllten die Straßenbahnen mit ihren lauten Witzen, ihrem Geflachse, Gebölke, Gelaber, mit ihrem Geruch aus Schweiß, Old Spice und Zahnpasta … Und ich war mitten drin und genoss es.
Dergleichen Menschengewimmel, dergleichen Gewusel und Geschrei habe ich viel später erst wieder mit großer Lust gespürt, gehört, gerochen … auf ganz anderen Reisen: wenn ich in den „Crowded Cities“ des näheren Orients und des ferneren Asiens durch die Menschenmassen schwamm …
***
Fünf Uhr. Sieben Uhr. Neun Uhr: drei Städte, drei Stufen auf der Hühnerleiter der Privilegien.
Die Verfügung über deine Zeit, die „Eigenzeit“, das lehrte mich die Stadt am Morgen, ist ein Merkmal der sozialen Schicht, der du angehörst. Wie früh am Morgen du dich aus dem Bett quälst, ob du Schichtwechsel akzeptieren musst mit wöchentlich wechselnden Arbeitsrhythmen, ob du Nachtschichten fährst, ob du ein Zeitdiktat wie selbstverständlich schlucken musst oder einigermaßen frei über dein kleines, kostbares Leben verfügen kannst: all das sind vorgegebene Setzungen und festgezurrte Regeln der Kaste, in die du hineingeboren bist und die du nur mit Anstrengungen verlassen kannst. Ich kannte jetzt den Rhythmus und den Swing der Stadt am frühen Morgen. Um sechs Uhr war so abrupt Schluss mit dem Lärm, dem Verkehr und dem Gewimmel, dass man denken mochte, das alles sei gar nicht wahr gewesen.
Schlagartig war dann wieder Stille auf den Straßen: zwischen sechs und sieben schlief der Rest der Bevölkerung noch seine letzte Runde, während in den Fabriken der Stadt bereits die Maschinen angeschmissen wurden. Der einsame „Frühaufsteher“, der jetzt mit seiner Bäckertüte die menschenleeren Straßen abschritt, hätte verwundert mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihm gesagt hätte, dass kurz vorher die Straßen der Stadt noch krachvoll mit Menschen waren und der gewaltige Schub des ersten Berufsverkehrs die Straßen verstopft hatte. Nichts mehr deutete auf diese erste Welle hin.
Zwischen sieben und acht füllte sich die Stadt wieder, die „Sieben-Uhr-Stadt“ erwachte. Diese Welle war mir vertraut, denn in diesem Zeitfenster ging ich zur Schule. Die Kohorte der Angestellten und Beamten machte sich auf den Weg in ihre Büros: besser ausgeschlafen und jetzt auch geschlechtlich durchmischt. Ab halb acht machten sich die Kinder, viele von ihnen die berühmten „Schlüsselkinder“ der Zeit, auf den Weg in die Schule. Nach acht herrschte zwar wieder eine gewisse Ruhe, aber die Stadt war wach geworden und der Lieferverkehr begann.
Und später dann, zwischen neun und zehn, setzten sich die Privilegierten in Bewegung, die über ihre Arbeitszeit – je nach Terminlage – freier verfügen und den Frühstückstisch mit Zeitung und Gattin genießen konnten. Das hatte ich zu meiner großen Verwunderung selber so erlebt:
Ich borgte mir bestimmte Schulbücher, die ich mir aus Mangel an Geld nicht kaufen konnte, bei einem Schulfreund. Wenn ich zwischen neun und zehn Uhr bei ihm auftauchte – in der Spätschichtwoche, d. h. wenn die Hausaufgaben vormittags zu erledigen waren –, saß oftmals das Familienoberhaupt noch am Frühstückstisch, mit Zeitung und Gattin, und gab seinem Sohn entspannte Ratschläge für die Hausaufgaben. Er war ein ranghohes Tier in der Justiz und war an keine festen Arbeitszeiten und Arbeitsorte gebunden. Diese privilegierte Lebensweise habe ich später noch oft kennengelernt und selber genossen. Aber irgendwann kämpfen auch sie sich durch den Stadtverkehr – in ihren Dienstwagen, mit oder ohne Chauffeur – hin zu ihren Arbeitssesseln in den höheren Etagen … Das ist die Neun-Uhr-Welle, eine kleine Welle nur.
Das ist die Kohorte der Verantwortung Tragenden, das sind die „Leistungsträger“ der Gesellschaft. Sie machen zu allen Zeiten – vor allem dann, wenn Tarifverhandlungen anstehen – nur allzu gern ein großes Gewese und Geschrei, dass es ihnen nicht vergönnt sei, Punkt fünf Uhr nachmittags die Kelle fallen zu lassen wie die Maurer und heim zu Muttern zu gehen. Denn um fünf Uhr nachmittags, wenn die Schichtmalocher (die wie ich allerdings schon kurz nach vier auf den Beinen waren) es sich schon bequem gemacht haben, haben sie, wie sie uns lehren, noch längst nicht Feierabend. Sie opfern ihre Abende, ihre Lebenszeit im Dienste der Volkswirtschaft. Sie arbeiten hart, sie harren aus in ihren Büros, bei konzentrierter Schreibtischarbeit und auf anstrengenden Konferenzen … und auch natürlich – das sagen sie uns allerdings nicht – beim Stuhlbeinsägen, beim Mobbing und bei kollegialen Grabenkämpfen …
Erst später am Abend, wenn die Rush Hour vorbei und die Stadt wieder still ist, trudeln endlich, endlich auch sie heim zu ihren Lieben und Liebsten, in ihre Clubs und Bars und Edelpuffs … Die Neun-Uhr-Kohorte: das sind die Märtyrer. In den Sagen und Legenden des „Wirtschaftswunders“ sind sie es, die die schweren Lasten des großen Aufschwungs zu schultern hatten.
Reise in die Flaschenkeller
Fast vierhundert Arbeitstage habe ich in drei der großen Dortmunder Bierfabriken verbracht. Fast vierhundert Mal habe ich die Reise in die Flaschenkeller angetreten, in die Vollgut- und Leergutkeller, zu den Abfüllanlagen an die Fließbänder, zu den Fasshallen, in die Hopfenlager und auf die Verladerampen.
Der Übergang in die andere Welt sah immer gleich aus:
Immer schritt ich durch ein großes Werkstor und meldete mich am Fenster der großen verglasten Pförtnerloge, die gleich hinter dem Tor lag. Hier bekam ich meine „Hundemarke“, eine metallene Plakette mit einer Nummer. Der Mann in dem Glaskasten nahm sie von einem der großen Bretter, die in seinem Glaskabuff hingen und die mit zahlreichen Häkchen versehen waren. Jeder Malocher hatte „seine“ Nummer. War die Plakette überreicht und das Häkchen am Brett leer, so hieß das: der Malocher war angekommen, war ins Werk eingesickert und hatte ordnungsgemäß seine Schicht begonnen.
Beim ersten Mal – wie alle Male – ging ich dann im Pulk der Malocher über die ausgedehnten Fabrikhöfe, auf denen die zahlreichen Lieferfahrzeuge herumstanden oder -kurvten, auf irgendein Gebäude zu. Im ersten Stock des Gebäudes befanden sich zwei Einrichtungen, die für jeden Brauereimalocher ganz selbstverständlich sind, da sie zu seinem normalen Alltag gehören. Für mich waren sie Orte der Verwandlung, die bereits am Werkstor begonnen hatte und hier nun vollendet wurde. Schleusen in die Arbeitswelt, in die Unterwelt der Maloche.
Der erste Ort war der „Schalander“.
Abgeleitet von dem Wort „Chalet“, so das Lexikon, war dies einst der repräsentativ ausgestattete Schankraum oder Bierverköstigungsraum einer Brauerei, später dann die Unterkunft der zunftmäßig organisierten Brauer und Mälzer, in den industriellen Bierfabriken schließlich der Frühstücks- und Umkleideraum der Malocher.
Die Schalander, die ich kennenlernte, waren alle gleich: hallenartige große Räume mit mehr als hundert schmalen Metallspinden an den Wänden und als Raumteiler quer in die Halle gestellt, dazwischen lange, schmale Tische, wie man sie in Biergärten findet, mit den entsprechenden langen Bänken ohne Lehne. Zunftmäßig organisierte Brauer und Mälzer fand man hier nicht mehr: alle waren jetzt „Hilfsarbeiter“, Malocher wie ich. Meine Malocherkumpel der ersten Frühschicht meines Lebens strömten in den Schalander und zogen mich mit rein. Dort geschah fast ruckartig die Verwandlung:
Plötzlich standen alle um mich herum in ihrer Unterwäsche da, Arbeiterunterhosen in Grau-Blau oder auch schlabbriger weißer Schießerripp, in Socken, damals sogar oft noch mit Sockenhaltern. Ordentlich, unordentlich, sauber, schmierig – die Unterwäsche war Anlass für grobe Witze. Neben mir plötzlich lauter halbnackte Körper, Schweißgeruch, Fußgeruch: mächtige und schmächtige Körper, hagere und fette, alte und junge. An die hundert halbnackte Männerkörper auf engem Raum. Das war etwas, auf das ich nicht gefasst war und was mich die ersten Male unangenehm anmachte. An meinem allerersten Fabriktag wirkte dieser ruckartige Massen-Männerstriptease fast wie ein Schock auf mich.
Auch ich verwandelte mich. Ich riss mir meine normalen Alltagsklamotten vom Leib – es musste schnell gehen, jetzt, kurz vor sechs – und stieg in die Arbeitsplünnen, die ich mir zusammengekramt hatte, ich zog die derben, abgelegten Schuhe meines Vaters an, die von nun an meine Arbeitsschuhe waren. Fertig. Nein, nicht ganz.
Einer der Männer, er war Vorarbeiter, wie sich später herausstellte, verschaffte mir das wichtigste Ingredienz meiner Verwandlung: die Brauereischürze. Die Schürze war aus derbem, grobem Baumwollstoff, Persenningstoff, rostrot, mit einem Lederbesatz vorne vor dem Bauch. Sie reichte bis zu den Knien. Alle Malocher trugen diese Brauereischürze, sie machte uns gleich. Als ich diese Schürze trug, fühlte ich, dass ich Malocher geworden war – wie sie. So uniformiert schlossen wir dann unsere Spinde ab, in der für die Zeit der Schicht die Symbole unserer bürgerlichen Existenz – das Jackett, die normale Alltagshose mit ihren Bügelfalten, das saubere Oberhemd, bei manchen Malochern gar der Schlips – weggeschlossen waren.
Der zweite Ort der Verwandlung, gleich neben dem Schalander gelegen, waren die Gemeinschaftsduschen. Vierzig, fünfzig Duschen hingen in einer großen gekachelten Halle von der Decke herab. Nach Schichtende eine wichtige Schleuse: hier spülten sich die meisten den Dreck und den Schweiß des Tages von der Haut, fünfzig verschwitzte Leiber wurden wieder rein und fein. Mit diesem Akt der Reinigung ihrer schlanken oder klumpigen, jungen oder verschlissenen Körper begann die Rückverwandlung vom Malocher zum Alltagsmenschen, vom Fabrikroboter zum Feierabendbürger, für den wieder Demokratie und Menschenrechte in Kraft traten.
***
Die morgendlichen Schalandergespräche – vor der Schicht, auf fast noch nüchternen Magen – hatten es in sich.
Besonders montags nach einem erlebnisreichen Wochenende hatte sich Stoff angesammelt. Thematisch umkreisten die Gespräche die drei großen „F“: Fußball, Frauen, Ficken. Andere Themen gab es so gut wie nie. War das uralte Thema Borussia–Schalke durch (es gab immer Fans beider Clubs), kamen die Frauen dran, genau genommen: die geilen Eroberungen vom Wochenende – mit allen Details, was ihre körperlichen Eigenschaften, ihre anatomischen und erotischen Besonderheiten betraf, und, liebevoll ausgemalt, wie man sie aufs Kreuz gelegt und gestemmt hatte. Wenn ich richtig rechne: über sechzig Montage habe ich diesen Gesprächen zugehört. Eine dicke Kladde hätte ich vollschreiben können mit ihren maßlosen Angebereien, ihren obszönen Sauereien und ihren oftmals liebevoll ausgeschmückten Schilderungen, an welch seltsamen Orten und in welch seltsamen Stellungen es sich so ficken lässt.
Kurz vor sechs war Schluss mit lustig, das Gequassel verebbte. Einige von uns eilten zu ihrem Stammarbeitsplatz, den sie täglich einnahmen, ihr sicherer Hort für den Tag. Der Rest – ich war dabei – rannte zum „Appell“. Bei diesem Appell standen wir dann in einer langen Reihe nebeneinander und irgendein Meister, meist in einen grauen oder weißen Kittel gewandet, teilte die Arbeit zu.
Es gab körperlich schwere und leichtere Arbeiten und der Meister hatte die Möglichkeit, seine Gunst oder Ungunst zu zeigen: Unbotmäßige mit Schwerarbeit zu bestrafen und die Gehorsamen und Gutwilligen mit „Lau-Maloche“ zu beglücken. Er nutzte dieses Sanktionsmittel in der Regel auch nach Herzenslust – ganz bewusst und mit lauten Kommentaren. Seine „Opfer“ nahmen alles hin ohne aufzumucken. Auf mich, als den „Ferienschüler“, nahm er meist Rücksicht und teilte mir eine erträgliche Arbeit zu. Nur ein einziges Mal in all der Zeit da unten in den Flaschenkellern wurde ich bestraft und musste unsäglich schwere volle Holzfässer bugsieren. Nach jener Schicht in der Strafkolonie der Fasshalle, so erinnere ich mich noch gut, war ich kaputt.
Die Frühschicht ging bis vierzehn Uhr und in jenem Hitzesommer 1959 durfte ich aus Altersgründen nur Frühschichten absolvieren, das hatte das Personalbüro so festgelegt. Viertel vor zehn war Pause: fünfzehn Minuten. Und sogar bezahlt! Das hatte die NGG so ausgehandelt. Faktisch wurden mit An- und Abmarsch zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten daraus.
In der Nähe des Schalanders, der in der Pause zum Frühstücksraum wurde, befand sich die Ausgabestelle für den „Haustrunk“ und gegen Vorlage der „Hundemarke“ bekam man seine sechs Flaschen Bier – eine davon ließ ich mir als Malzbier geben und spülte damit meine Pausenbrote runter. Dann kam die zweite Hälfte der Schicht, die meist öde, lang und anstrengend wurde.
In jenem heißen und hellen Sommer, den ich in kühlen und dunklen Lagerkellern verbrachte, kam gleich am ersten Tag gegen Ende der Schicht ein fröhlicher, immer gut gelaunter Vorarbeiter auf mich zu:
„Willste Überstunden machen? Du brauchst doch Geld, oder? Du kannst zwei machen oder vier. Für die ersten beiden gibt’s zehn Prozent Aufschlag, für die letzten beiden fünfundzwanzig. Na? Ist das nix?“
Er grinste mich auffordernd an. Ich grinste zurück und sagte:
„Vier.“
„Hab’ ich mir doch gedacht. Na schön.“ Er trug meinen Namen in eine Liste ein.
Von nun an kam er jeden Tag, den ich dort zubrachte. Ich brauchte ihm schließlich nur noch von weitem vier Finger zu zeigen: dann grinste er und machte sein Häkchen auf der Liste. Jeden Ferientag in diesem Jahrhundertsommer arbeitete ich zwölf Stunden. Ich arbeitete auch am Sonnabend (vor den Zeiten der Fünftagewoche): acht Stunden. Ich hatte fast sechs Wochen lang eine Achtundsechzigstundenwoche. Ich verdiente mehr als doppelt so viel wie mein Vater in dieser Zeit und zahlte mein Geld in die Haushaltskasse ein. Das war mir wichtig. Ich wollte autark sein und kein Privileg vor meinen älteren Geschwistern haben, die bereits in einer Lehre steckten. Ich verdiente in diesen fünfeinhalb Wochen so viel wie sie in den drei Jahren ihrer Ausbildung insgesamt an Lehrgeld bekamen.
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Um die vierhundert Mal in meinem Leben bin ich in die Keller dreier großer Stadtbrauereien eingeritten, Brauereien, die einst Dortmunds Ruhm als „Bierstadt“ begründeten und die seltsamerweise allesamt untergegangen sind. Etwa fünfundfünfzig Arbeitstage habe ich auf Baustellen zugebracht und um die hundert Arbeitstage saß ich als White Collar Worker auf den Bürostühlen der Dortmunder Sparkasse. Das war meine Basis.
Das war das finanzielle Fundament, das es mir ermöglichte, die „höhere Schule“ zu besuchen und zu studieren. In jener Zeit selbst allerdings, „damals“ also, als „jenes ferne Ich“, sah ich die Reisen in die Flaschenkeller eher als etwas „Anstößiges“ und als soziale Benachteiligung gegenüber meinen Mitschülern und Kommilitonen. Sie mussten nicht von der Schulbank oder aus dem Hörsaal in die Malocherwelt mäandern, hatten mehr Muße, ihre Schul- oder Unikarriere zu befördern, mehr Freizeit und Erholung. Ich kam mir ihnen gegenüber zeitweilig als Underdog vor – immer mit dem damit verbundenen sozialen Schamgefühl.
Erst nach mehreren „Arbeitseinsätzen“ begann ich, das Ganze anders zu sehen: als Reisen in soziale Räume, die ich auf der Einspurbahn eines Jungen „aus gutem Hause“ niemals kennengelernt hätte. Mein Blick auf die Gesellschaft wurde fast unmerklich umgemodelt und neu geprägt. Ich erkenne das vor allem daran, dass noch heute die Erinnerungen an mein Malocherleben lichter, zahlreicher und farbiger sind als die Erinnerungen an mein Schüler- und Studentenleben. Unsere Armut, die mich aktiv werden ließ, bewirkte eine Erweiterung meiner Welt. Die Reisen in die Flaschenkeller waren echte Reisen. Abenteuerreisen in unbekannte Sphären.
Der Verliebte
Gleich mein erster Arbeitstag brachte mich in eine Situation, die mir völlig neu und unbekannt war. Sie war mir nicht nur nicht geheuer, sie war mir sogar im höchsten Maße unangenehm – und zwar deshalb, weil ich zu der Zeit noch angefüllt war mit den abstrusesten und widerwärtigsten Vorurteilen, die unsere Gesellschaft je einer bestimmten Menschengruppe gegenüber entwickelt hat.
Der Hallenmeister teilte mir eine Arbeit in den Flaschenkellern zu und ich ging mit einer Gruppe von Männern durch Gänge und Hallen, über verschachtelte Höfe an den Ort, wo ich schließlich meine Muskelkraft einzusetzen und meine Energie abzuliefern hatte.
Bei diesem Marsch durch das Fabrikgelände legte mir einer der Stammmalocher seinen Arm um den Hals herum auf die Schulter, zog mich an sich und begrüßte mich freundlich als den Neuling in der Kolonne, fragte nach meiner Schule, was ich ansonsten so mache und dergleichen. Er war etwa fünfunddreißig, etwas kleiner als ich, kräftig, ein wenig feist, mit dicken muskulösen Armen, die feucht und schweißig waren. Das spürte und roch ich deutlich, denn einer davon lag an meinem Hals.
Zunächst war ich ein wenig gebauchkitzelt, in dieser Weise formell in den mir noch unbekannten Stamm der Fabrikmalocher aufgenommen zu werden, bald jedoch kam mir sein Gebaren seltsam vor. Er ließ nämlich seinen Arm auf meiner Schulter liegen, drängte sich an mich und redete weiter auf mich ein. Wir könnten doch nach Feierabend mal ein Bier zusammen trinken, er könne mir so einiges erzählen, über die Arbeit, über die Kollegen, über das, was mich hier so erwarte – und was weiß ich noch alles. Mir wurden die körperliche Enge, sein Geruch, sein Atem unangenehm, ich beschleunigte meine Schritte und schüttelte seinen Arm ab, der schwer auf meiner Schulter gelegen hatte. Ich lief jetzt neben einem anderen Arbeiter her, einem hochgewachsenen Blonden. Der guckte auf mich herunter und grinste:
„Der ist am siebzehnten Fünften geboren. Der ist scharf auf dich.“ Er lachte und fügte hinzu: „Schwule Sau. Sieh dich vor.“ Aha.
Da stiefelte also Klein Hänschen in die Welt hinaus – und lernte die Welt gleich richtig kennen, mit all ihren „Perversionen“, ohne Umschweife.
Das Wort „schwul“ war mir – „abstrakt“ – durchaus geläufig, es gehörte bereits zum Vokabular unseres Kinder- und Schülerjargons. Es war mit den Konnotationen und Assoziationen belegt, die in den allermeisten Männerhorden der Erwachsenenwelt im Schwange waren. Schwul sein – das wusste man, wenn man auch sonst nichts darüber wusste – war das Widernatürlichste, Widerwärtigste, Perverseste, Ekelhafteste, was man sich als Mann nur so vorstellen konnte. Mit dieser selbstverständlichen und unumstößlichen gesellschaftlichen „Wahrheit“ war auch ich abgefüllt worden:
„Einer, der seinen Arsch hinhält, sich einen reinschieben lässt, sich den Mastdarm versilbern lässt – einer, der andere Männer oder kleine Jungs in den Arsch fickt“, erklärte mir ein „Großer“, nachdem ich als schon etwas älteres Kind einmal naiv nachgefragt hatte, was eine „schwule Sau“ denn eigentlich sei – ein Schimpfwort, das auch in unseren Kinderhorden schon gang und gäbe war.
Der schwule Malocher jedenfalls hatte es auf mich abgesehen, das war deutlich zu erkennen. Wann immer er mich in den folgenden Tagen und Wochen irgendwo entdeckte, auf dem Gelände oder in den Kellern, kam er auf mich zu, zog mich in ein Gespräch und musste mich dabei beiläufig bis plump berühren, befingern und seinen Arm auf meine Schulter legen. Eigentlich hatte ich gar nichts gegen ein Gespräch mit ihm, aber sein aufdringliches Begrabbeln und Betatschen waren mir unangenehm und vor den anderen Malochern entsetzlich peinlich.
Einmal erwischte er mich mitten auf dem Hof, gewissermaßen auf offener Bühne, und etliche Arbeiter schauten grinsend und hämisch zu, wie ich mich vergeblich gegen seine Aufdringlichkeiten wehrte. Plötzlich geschah etwas Ungewöhnliches:
Eine ungemein dicke und kräftige Arbeiterin mit ungemein dicken und muskulösen Armen kam quer über den Platz auf uns zu gelaufen, baute sich vor dem Schwulen auf, schwenkte ein einziges Mal ihren dicken rechten Arm durch die Luft, dicht an seiner Nase vorbei, und sagte: „Hau ab!“
Sie war die Vorarbeiterin einer Frauenkolonne, von deren Existenz ich bisher noch gar nichts wahrgenommen hatte. Diese Frauenkolonne wurde offenbar für die verschiedensten Arbeiten eingesetzt und schweifte, so hatte es den Anschein, ziemlich frei und autonom durch das Werksgelände. Ein Stamm wilder Weiber.
„Ich kann im Moment noch Leute gebrauchen“, sagte sie zu mir. „Komm mit.“
Offenbar hatte ein mütterlicher Instinkt sie veranlasst, mich aus den Fängen des „Kinderverderbers“ zu befreien und sie steckte mich zu ihren Frauen, für die ich eine willkommene und amüsante Abwechslung war, wie ich sofort merkte. Sie erkannten auf Anhieb die Unschuld vom Lande in mir, den „Milchbubi“, den sie dann auch schamlos hops nahmen. Sie erkundigten sich nach meinem Sexualleben, mutmaßten, dass ich meine Unschuld noch nicht verloren hätte und darum dringend eine Frau brauchte, die sie mir verschaffen wollten. Sie fingen an, sich lauthals Schweinkramwitze und unglaubliche Bett- und Buschgeschichten zu erzählen, lachten über meine etwas steifen Reaktionen und begannen, mir detailliert ihre letzten „Nummern“ zu schildern.
„Komm her zu mir! Komm, Kleiner! Komm zu Mama unter die Schürze!“ Eine sehr, sehr dralle Blonde mit großen Brüsten tanzte vor mir herum. „Ich mach dich zum Mann. Ich verschaff dir einen Orgi, den du dein ganzes Leben nicht mehr vergisst!“
Mit diesem Überfall der Weiberbrigade hatte ich nicht gerechnet. Ich war hilflos und unfähig, mich zur Wehr zu setzen. Sie spießten mich auf und ich zappelte und wand mich verzweifelt wie ein an die Wand genagelter Aal. Ich war vom Regen in die Traufe geraten.
Schließlich brach der Schutzinstinkt bei der dicken Vorarbeiterin wieder durch: „Geh runter. Melde dich beim Hallenmeister. Lass dir eine andere Arbeit geben.“ Sie juxten und johlten hinter mir her und machten mir die tollsten Angebote für den Feierabend. Ich haute erleichtert ab.
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Die Geschichte meiner Bekanntschaft mit dem Schwulen kulminierte schließlich in einer unangenehmen Szene.
Ich sitze mit den anderen Malochern an einem der langen Tische im Schalander, es ist Frühstückspause. Ich mümmele geistesabwesend und tief in Gedanken meine Pausenbrote und schütte geistesabwesend und tief in Gedanken mein Malzbier hinterher. Plötzlich legen sich zwei feiste feuchte Arme auf meine Schultern und reiben sich an meinem Gesicht, zwei feuchte feiste Hände halten mir die Augen zu. Jemand hinter mir schiebt seinen Bauch an meinen Rücken und macht einen albernen Scherz. Im ersten Moment weiß ich gar nicht, was los ist. Ich springe erschrocken auf und drehe mich um: da steht er wieder vor mir, der kleine, feiste Schwule mit den schweißigen Armen. Noch ehe ich überhaupt etwas sagen kann, bricht ein Orkan los:
„Schwule Sau … Dreckschwein … Lass den Jungen in Ruhe … Arschficker … Ich polier dir die Fresse, wenn du den noch einmal anfasst … Dich sollte man enteiern … Verpiss dich … Unter Adolf hätten sie dich vergast …“ Es war ungeheuerlich, was da abging.
Er verließ trotzig grinsend, aber – wie ich deutlich sah – ziemlich erschrocken den Schalander. Ich war einerseits froh, dass sie ihn weggescheucht hatten, andererseits war ich übel angemacht angesichts der extremen Aggression, die hier explodiert war. Ihre hasserfüllten Sprüche widerten mich an, aber sie entsprachen voll dem Geist der Fünfziger Jahre.
Das war die Mördersprache aus dem Land Davor. Erst anderthalb Jahrzehnte waren seit dem Holocaust an den Schwulen vergangen, durchgeführt von Leuten, die noch lebten, die um mich herum waren und die Sprache sprachen, die ich im Schalander zu hören bekam.
Es bedurfte der geistigen Wende in den späten Sechzigern und der klugen, kritischen Diskurse und Aktionen der Siebziger, dass ich – wie viele andere meiner Generation – anfing, den geistigen Morast, den die Vorgängergeneration in mir abgelagert hatte, trocken zu legen. Die morbiden Verstörungen der Gesellschaft, in der ich aufwuchs, wurden erst zehn Jahre später offen und aggressiv thematisiert. Das Schwulenvorurteil, das in den Männerhorden aller sozialen Schichten seit jeher gepflegt wurde (und das auch in mich eingepflanzt worden war, wie in jeden Jungen meiner Zeit) ist nicht so leicht zu knacken. Homophobie und Sexismus werden aus der Tiefe eines psycho-sozialen Sumpfs immer wieder an die Oberfläche gespült. Viele meiner Generation machten einen langen, sehr gründlichen intellektuellen Prozess durch, in dem dieses geistige Erbe zertrümmert und entsorgt wurde.
Nehmen wir einmal an, sagte ich mir später, als dieser Prozess bei mir gelaufen war, nehmen wir einmal an, ich wäre Mitte dreißig gewesen, damals, voll in Saft und Kraft – strenggläubig heterosexuell. Und ich wäre Vollmalocher in dieser Fabrik gewesen: seit Jahren eine eintönige, langweilige Arbeit, bis ins Rentenalter eine eintönige, langweilige Arbeit … Und die Fabrik hat eine Frauenkolonne, eben jene „Weiberbrigade“, die mich für einen halben Tag in ihrer Mache hatte. Und nehmen wir nun an, eines Tages entdecke ich unter den Malocherinnen eine Neue, eine Schöne, eine zarte Blonde mit allem Drum und Dran. Sie! Siebzehn Jahr, blondes Haar … Ein schlanker Körper mit all den richtigen Wölbungen an all den herrlichen Stellen, ein sanftes, süßes, spöttisches Milchgesicht mit unschuldig wissenden, witzigen grau-blauen Augen, die lachen und locken, ein wippender Pferdeschwanz …
Könnte es da nicht sein, dass ich mich in sie verknallt hätte? Dass ich ihre Nähe gesucht hätte? Das Gespräch mit ihr? Sie vielleicht ganz beiläufig berührt hätte beim Anbändeln? Bon! Ich wäre also verknallt in sie gewesen, ich wäre scharf auf sie gewesen. Das ist doch ganz einfach zu verstehen.
Er war damals halt verknallt in mich, scharf auf mich. Ich war sein Liebesobjekt: die Schöne mit dem Pferdeschwanz. Ich weiß nicht, warum das bei ihnen so ist – es ist nun einmal so. Liebesobjekt eines Mannes zu sein: das war das Neue für mich und es war mir ausgesprochen unangenehm. Ich konnte nicht damit umgehen, denn ich wuchs auf in der Zeit des § 175 Strafgesetzbuch, der homosexuelle Praktiken mit Zuchthaus ahndete. Das war die Zeit der selbstverständlichen Verachtung für alle, die „andersrum“ waren.
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Gleich an meinem ersten Arbeitstag wurde ich im Flaschenkeller eingesetzt, Leergut.
In einer großen unterirdischen Halle, ausgeleuchtet mit Neonröhren, standen hunderte und aberhunderte Bierkästen mit leeren Bierflaschen, sieben, acht Kästen hoch gestapelt, in großen Blöcken angeordnet, mit schmalen Gängen dazwischen. In der Frühschicht wurde das alles, was hier am Nachmittag und Abend des Vortages abgeladen worden war, wieder abgebaut und zurück in den Produktionsprozess gebracht. Ich und einige andere griffen uns Kasten für Kasten, stundenlang, die ganze Schicht lang, und setzten sie in schnellem Takt auf ein Förderband, um die Abfüllanlage zu füttern. Wir bewegten uns unaufhörlich, ohne Pause, hin und her. Zuweilen, wenn der Keller schon ziemlich leer war, musste man mit dem Kasten vor dem Bauch erst eine ziemliche Strecke ablaufen, um ihn dann am Förderband loszuwerden. Diesen Vorgang wiederholte ich einige hundertmal am Tag und etliche tausendmal in den Wochen und Monaten, die ich in den Dortmunder Leergutkellern zubrachte. Ich hetzte hin, ich hetzte her.
In den Flaschenkellern arbeiteten ich und die anderen Malocher meist schweigend nebeneinander. Wir hatten uns nicht viel zu sagen. Wenn es hoch kam, sprach ich vielleicht zehn Sätze pro Achtstundenschicht, es sei denn, ich hatte ausnahmsweise mal einen redefreudigen Kollegen neben mir. Das war aber nur sehr selten der Fall.
Die Kästen, die wir aufs Förderband warfen, liefen kurz darauf an einem besonderen Arbeitsplatz vorbei, an dem zwei Männer die Aufgabe hatten, sie zu entleeren. Sie standen nebeneinander und griffen mit beiden Händen immer je vier Flaschen aus den vorbeifahrenden Kästen und stellten sie auf ein schmales „Flaschenförderband“: klack, klack, klack … Das musste schnell und ruckzuck gehen.
Wenn ich dort eingesetzt war, griff ich in flottem Rhythmus mit jeder Hand je zwei Flaschen mit den Fingern, die eine zwischen Zeige- und Mittelfinger, die zweite zwischen Ring- und kleinem Finger, linker wie rechter Hand, und „klack“ standen sie auf dem schmalen Band und liefen davon. Tausende ausgetrunkener schmutziger Flaschen brachte ich so in meinen Schichten in Fahrt.
An welcher Stelle ich auch eingesetzt war – immer waren es solche einfachen, banalen Verrichtungen, die ich in den Stunden der Schicht und in den Wochen und Monaten meiner Schul- oder Semesterferien unzählige Male wiederholte. Alles Leben, alles Lebendige in uns Malochern wurde runter gebracht auf die Ebene eines völlig trostlosen Stumpfsinns. Das war eigentlich das Schlimmste an dieser Art „Arbeit“ und ich konnte das alles nur durchstehen, indem ich mir sagte: es geht vorüber, ich komme hier wieder heraus. Ich tue das alles nur zeitweise, für „mein Projekt“, „mein Ding“. Ich brauche das Geld.
So dachte ich und so hielt ich es auch durch. Aber ich sah die anderen um mich herum und wusste, dass sie – wie die meisten ihrer Klasse – hier oder in ähnlichen „Mensch-Maschine-Systemen“ für ihr Leben gefangen waren. Ich weiß, dass ich Mitgefühl mit ihnen hatte, aber ich muss gestehen, dass dieses Gefühl damals noch eine besondere Färbung hatte. Es war eher ein leicht dünkelhaftes Mitleid von einem, der wusste, dass er selbst nicht ganz dazu gehörte und der wieder heraus kriechen würde aus dem Elend.
Ich hatte noch kein Wissen darüber, dass banale, monotone Industriearbeit, die alles Schöne, alles Farbige, alles Lebendige abtötet, das Schicksal von abermillionen Menschen auf unserem Globus ist und ihr Leben grau und schäbig macht.
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Wenn ich Glück hatte, malochte da jemand neben mir, der irgendwas erzählte, irgendwas quasselte, egal was. Dann verlief die Zeit nicht so zäh und die Leere der Arbeit ließ sich leichter ertragen. Was da erzählt wurde, war mir schon bald völlig egal, Hauptsache, es wurde erzählt.
Ich erinnere mich, dass ich einst tagelang neben einem pummeligen, etwa fünfundvierzigjährigen Mann stand, der mir durch sein stetes, leicht schiefes und verschwiemeltes Grinsen aufgefallen war, und der, wann immer er den Mund aufmachte, irgendeine Obszönität vom Stapel ließ. Er war ein „Schweinkram-Erzähler“, ein Typus, den man in Männerhorden immer wieder antrifft.
Wir standen tagelang parallel nebeneinander, wir guckten beide auf dieselbe schmutzig weiße Kellerwand gegenüber. In unaufhörlichem, stetem Rhythmus griffen wir uns die vier Flaschen aus den Leergutkästen, die an uns vorbeizockelten, und stellten sie auf das schmale Förderband. Über Stunden, Tage – letztlich zwei Wochen lang – erzählte er mir im Detail sein gesamtes Liebesleben und all seine erlebten, geträumten, ausgedachten erotischen Abenteuer, wobei er bei der Schilderung all seiner Nutten, ihrer anatomischen Besonderheiten, seiner Vögelstellungen und seiner Perversionen geradezu in Verzückung geriet. Er hatte kein anderes Thema. Nichts, was es sonst noch gab auf dieser Welt, interessierte ihn. Anfangs hörte ich ihm noch amüsiert zu, irgendwann war er mir zuwider.
Einmal traf ich ihn „nach Schicht“ an der Pförtnerloge und wir schritten gemeinsam durch das Werkstor in die Freiheit. Draußen warteten seine Frau und drei kleine Mädchen, seine Töchter. Er winkte mir noch einmal zu, lachte, herzte seine Kinder und schritt mit ihnen fröhlich von dannen. Ein biederer, akkurat gekleideter Ehemann und Familienvater, jetzt voller Würde, vielleicht ein geliebter Papa …
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Wenn die Flaschen auf ihr spezielles schmales Förderband gesetzt worden waren, wurden sie nach einer kurzen klickernden Fahrt von einer monströsen Maschine geschluckt, die allgemein „Pasteur“ genannt wurde. Hier wurden sie gereinigt – „pasteurisiert“ – und durchliefen danach die Abfüllanlage, das heißt, sie wurden an jeweils verschiedenen Maschinen mit Bier gefüllt, verschlossen, etikettiert und schließlich wieder von Menschenhänden in die Bierkästen gepackt.
Überall an der Anlage standen Menschen. Sie beobachteten und kontrollierten ihre Maschinen, waren aber allesamt isoliert voneinander: Verständigung erfolgte nur über kurze Zurufe. Das Tempo, den Takt, den Arbeitsrhythmus gab die Anlage vor: da gab es keine Freiheit.
Wenn ich selbst am Fließband stand, war mein Hauptproblem die Zeit, die sich so zäh vorwärts bewegte, dass ich oft den Wunsch verspürte, alles hinzuschmeißen. Es gab zwei Unterbrechungen pro Schicht: wir hatten das Recht, zweimal pro Schicht „austreten“ zu dürfen, einmal vor, einmal nach der Pause. Es gab einen Springer, der uns das Pinkeln ermöglichte.
Die Malocher eilten dann zu den Toiletten, machten die Tür hinter sich zu, setzten sich auf den Pott, kackten und „rauchten sich eine“, wie man hier im Ruhrpott sagte. Der Geruch, der dabei entstand, das Miasma aus Kackedampf und Zigarettenqualm, blieb für mich seit jener Zeit und dann für immer der „Sklavengeruch“ schlechthin: der Gestank der Ausbeutung. Eine Mischung, die mich würgen ließ, wenn ich selbst den „Ort“ aufsuchte, um zu pinkeln und mir die ersehnte kleine Pause zu verschaffen.
Im Zwischendeck
Ich hatte schon einiges erlebt und etliche Arbeiten hinter mir, als ich ins „Zwischendeck“ abkommandiert wurde. Der Vorarbeiter, der mir meine Arbeiten zuwies, schaute mich eines Morgens – wie mir schien – sinnend und nachdenklich an, so, als sei ihm gerade eine bestimmte Idee gekommen, und sagte dann: „Komm doch mal mit.“
Er ging mit mir an dem Förderband entlang, auf dem die leeren Bierkästen, deren Flaschen die vier Hände der zwei Flaschengreifmalocher in den „Pasteur“ geschickt hatten, weiterliefen. Das Band, auf dem die leeren Holzkästen davon rollten, stieg leicht an und verschwand schließlich in einem Loch in der Wand. Neben dem Loch in der Wand befand sich eine etwas höher gelegene, mit Eisenblech verkleidete Tür, die man über ein kleines Eisentreppchen erreichte. Wir gingen durch diese Tür und befanden uns, wie es mir erschien, in einer Art „Zwischendeck“ zwischen den Kellern und der Abfüllhalle, einem ziemlich großen Raum mit sehr niedriger Decke.
Als ich eintrat, rumpelte linker Hand von mir das Förderband durch den Raum und verschwand nach etlichen Metern wieder in einem Loch der gegenüberliegenden Wand. Dort wurde es durch einen Schacht geführt, der etwa – wie ich später feststellte, wenn ich darin herum kroch – fünf Meter lang war. Das Band stieg auch hier an und oben – am Ende des Schachtes, durch ein Loch am Ende des Tunnels – sah ich einen winzigen Ausschnitt der Abfüllhalle, ich hörte den Lärm der Maschinen, und ich sah auch den Ausschnitt eines menschlichen Körpers – nur den Rumpf, keinen Kopf. Das war der Arbeiter, der da oben am Ende der Abfüllanlage stand und die fertigen, gefüllten und etikettierten Bierflaschen in jene leeren Kästen packte, die hier durch das „Zwischendeck“ zu ihm hoch flossen.
An diesem Förderband im „Zwischendeck“, das – wie gesagt – links in einem Loch in der Wand entsprang und rechts in einem Loch der gegenüberliegenden Wand wieder versickerte, stand ein älterer Arbeiter mit weißen Haaren. Der Vorarbeiter, der mich hierher geschleppt hatte, sprach ihn an:
„Ablösung. Zeig dem Jungen, was er zu tun hat. Und dann melde dich bei mir!“
Der Alte sah den Vorarbeiter an und grinste, dann sah er mich an und grinste. Als ich zu dem Vorarbeiter hinschaute, sah ich, dass auch der grinste. Irgendetwas war nicht ganz koscher an dieser Arbeit, das spürte ich deutlich: die beiden wussten um irgendein Geheimnis. Vermutlich hatte die Arbeit hier im „Zwischendeck“ einen Haken, den ich noch nicht sah. Es dauerte nur wenige Stunden, bis mir – zunächst fast unmerklich und in den folgenden Tagen dann immer deutlicher – bewusst wurde, was es war.
Der weißhaarige alte Mann erklärte mir, was ich zu tun hatte. Es war simpel und ich freute mich, dass die Arbeit leicht zu bewältigen und überhaupt nicht anstrengend war. Das war mir schon sehr wichtig, denn ich arbeitete täglich zwölf Stunden – da musste ich mit meiner Kraft haushalten.
Ich hatte die Unfälle meiner ersten Ferienmaloche ein Jahr zuvor noch gut in Erinnerung – den Knacks in der Wirbelsäule, die blutigen Hände, den Kinnhaken beim Sturz vom Gerüst – und achtete hier sehr darauf, dass die Arbeit einigermaßen leicht zu bewältigen und möglichst nicht allzu gefahrenträchtig war.
Die Holzkästen, die von unten kamen, mussten daraufhin überprüft werden, ob sie heil waren, ohne Makel. Die kaputten hatte ich auszusortieren und durch heile, reparierte zu ersetzen, von denen ein größerer Vorrat im „Zwischendeck“ herumstand. Stockte die Lieferung von unten, so hatte ich das Band aus meinen Vorräten zu bestücken. Stockte die Anlage oben, so hatte ich die Kästen vom Band zu nehmen und abzustapeln. Verklemmten sich die Kästen in dem Schacht nach oben und gab es dort „Kastensalat“, Chaos, so hatte ich in den Schacht zu kriechen und mit einem langen eisernen Schürhaken alles wieder zu richten. Vereinzelte beschädigte oder stark verschmutzte Flaschen ließen die Auspacker unten einfach in den Kästen stehen und schickten sie zu mir ins „Zwischendeck“. Ich warf sie in eine Tonne, die für diesen Zweck bereitstand, und schüttelte darin auch den ganzen Kasten aus, wenn er voller Scherben und Glassplitter war, was immer mal wieder vorkam.
„Leichte Arbeit“, verabschiedete sich der weißhaarige Alte, „viel Spaß.“
Er verschwand durch die Eisentür in der Wand. Als die schwere Eisentür mit einem „Plopp“ hinter ihm ins Schloss fiel, spürte ich instinktiv die Veränderung.
Ich sah mich um.
Der Raum war recht groß, mit niedriger Decke, er hatte keine Fenster, kein Tageslicht. Ein paar Neonröhren gaben ein eher trübes Licht. Im hinteren Teil des Raumes sah ich Werktische an den Wänden, an denen Schraubzwingen befestigt waren. Werkzeug lag auf ihnen herum, Hämmer, Zangen, kleine handliche Meißel, Kästen mit Nägeln und Krampen. Vor den Werkbänken, zu mir hin, standen zwei Sägeböcke mit kleinen Kreissägen. Offenbar war es so, dass hier von Zeit zu Zeit die kaputten Bierkästen repariert wurden, die immer mal wieder von unten ankamen und abgestapelt wurden.
Der Raum war still, ich hörte kaum Geräusche von außerhalb. Die Welt um mich herum war schlagartig weg, nachdem die Eisentür „Plopp“ gemacht hatte. Und während ich meinen simplen Verrichtungen nachging, rieselte ganz allmählich in mein Bewusstsein, dass ich von nun an die ganze Schicht lang allein war. Und genau das war das Besondere an meiner Arbeit im „Zwischendeck“. Ich war allein. Schlicht allein. Ganz allein eben. So ganz ohne einen Menschen. Da war wahrlich kein Mensch außer mir selbst.
Das war ein herber Verlust. Denn in den folgenden Tagen spürte ich, dass mir die Kontakte mit den Kollegen – so dürftig, so ärmlich und beschränkt sie auch waren – fehlten. Hatte ich ihre Sprüche oft doof, langweilig oder unappetitlich gefunden, so fehlten sie mir jetzt ganz.
Immer gab es einige, die mich gehässig und neidisch anpissten, weil ich „Gymnasiast“ war – also in ihrer Wahrnehmung aus „höheren Sphären“ stammte – und die ich dann selbst anpflaumen musste, um mich zur Wehr zu setzen. Selbst so etwas fehlte mir nun.
Auch das übliche Gebölke und das Ankacken seitens der Vorarbeiter und Hallenmeister: es fehlte mir. Es fehlte, so dämmerte mir mit der Zeit, überhaupt der Anblick von Menschen, Menschen, die ich sehen konnte, selbst wenn ich nicht mit ihnen kommunizierte. Denn sie waren das einzig Vertraute in dieser absurden Industriewelt, die mir noch so neu war. Einzelhaft.
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Morgens kurz nach sechs stand ich bereits im „Zwischendeck“, eine Zeit, in der meine Geschwister, mein Vater, alle meine Klassenkameraden noch schliefen. Die Minuten, die Stunden vergingen langsam, sehr langsam, zäh, sehr zäh. Den ersten Kontakt zur Welt hatte ich erst wieder nach fast vier Stunden: dann klopfte der Malocher von oben, von dem ich nur einen Torso kannte, gegen das Förderband und rief „Frühstück“ durch den Schacht. Den zweiten Kontakt mit einem Menschen hatte ich gewöhnlich gegen ein Uhr Mittag. Dann öffnete sich die Eisentür, der fröhliche Vorarbeiter erschien, dem ich meine vier Finger zeigte: vier Überstunden – bis sechs Uhr nachmittags.
„Hier?“, fragte er dann und ließ seinen Arm durch den Raum schweifen.
„Ja“, sagte ich und er notierte alles in seiner Liste für den Hallenmeister der Nachmittagsschicht.
Nach der viertelstündigen Mittagspause um zwei verbrachte ich also noch mal fast vier Stunden im „Zwischendeck“. Einzelhaft, zu der ich mich selbst verurteilt hatte.
Nach zwei, drei Tagen dachte ich bereits darüber nach, dass ich – na schön – zwar keinen körperlichen Schaden davon tragen würde – die Arbeit war wirklich nicht anstrengend –, aber vielleicht doch, so befürchtete ich ernsthaft, eine psychische Macke. Ich dachte, dass das Alleinsein dazu führen könnte, dass ich – schleichend und womöglich unmerklich – meschugge werden könnte, ein wenig verrückt, skurril oder sonst wie „anders“. Ich beobachtete mich selbst, horchte in mich hinein in den langen einsamen Stunden im „Zwischendeck“, habe aber nie ernst zu nehmende Anzeichen oder Symptome einer beginnenden Geisteskrankheit feststellen können.
Trotzdem nahm ich mir vor, mich zu schützen und Vorkehrungen zu treffen. Naheliegend war, den Geist zu trainieren, so dachte ich, um der monotonen Arbeit und vor allem der Einsamkeit entgegenzuwirken.
Zu Beginn der Oberstufe auf dem Gymnasium wurde uns Schülern zur Auflage gemacht, sich auch freiwillig und privat mit klassischen Erzählungen und Romanen der Weltliteratur auseinander zu setzen. Man musste dann vor der Klasse darüber berichten und konnte dadurch seine Deutschnote verbessern oder stabilisieren. Ich beschloss also, die Zeit im „Zwischendeck“ für diesen Zweck zu nutzen, schleppte zwei Reclam-Hefte mit einer verstümmelten Schulversion der „Buddenbrooks“ und einer Kleistnovelle zusammen mit meinem Pausenbrot in die Fabrik und begann meinen Selbstversuch.
Jedoch: der Versuch, während der Arbeit einen längeren Text zu lesen, scheiterte auf Anhieb. So sehr ich es auch zwingen wollte: der Maschinenrhythmus zerhäckselte die Zeit und machte mein Vorhaben unmöglich. Die zwei, vielleicht gar drei Minuten, die ich maximal dann und wann herausschinden konnte, bevor ich wieder an irgendeine simple Verrichtung gebunden war, reichten nicht, zu reflektieren, nachzufühlen, einen inneren Zusammenhang herzustellen. Alles blieb oberflächlich, flach. Das Diktat des Förderbands, die Banalität der repetitiven Arbeit, setzte sich durch und gestattete keinerlei geistige Konkurrenz.
Ich versuchte es mit Lyrik und schmuggelte einen dicken Gedichtband ins „Zwischendeck“, den ich in einem Versteck deponierte. Jedoch: zerhäckselte Lyrik ist keine Lyrik. Es brachte nichts.
Ich versuchte, aus dem Gedächtnis Unterrichtssequenzen zu repetieren, mir zum Beispiel bestimmte Probleme aus dem Mathematik- oder Physikunterricht klar zu machen. Jedoch: da lief nichts, rein gar nichts.
Ich versuchte zu träumen, mir Tagträume herzustellen, erotische Träume. Jedoch: das klappte nur sehr begrenzt. Zum Träumen braucht man Muße.
Ich hatte womöglich um die zwanzig Minuten „freie“ Zeit pro Arbeitsstunde, aber da diese Minuten mir nicht en bloc gegeben waren, sondern nur als Einsprengsel, als winzige Pausen in einem steten Arbeitsablauf, nützte mir die „freie“ Zeit gar nichts. Ich empfand meine Arbeit durchaus als „Lau-Maloche“, aber auch diese „Lau-Maloche“ schnürte meinen Geist ein und gestattete mir keinerlei Freiheiten.
Schließlich gab ich alle derartigen Versuche auf.
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Und dann – in meiner vorletzten Woche im „Zwischendeck“ – fand ich doch noch etwas, was mich aus der Tristesse meiner Höhle heraus holte, meinen sportlichen Ehrgeiz entfachte und mich geradezu heiter stimmte.
Ich verdankte die Idee Dwight D. Eisenhower, zu jener Zeit Präsident der Vereinigten Staaten und mehr oder weniger begnadeter Golfspieler. Mich hatte ein Zeitungsbild von ihm beeindruckt. Er steht auf einem Golfplatz, er holt aus, der Schläger hoch erhoben über seiner Schulter, der Körper gestreckt, leicht gebogen: ein Bild, das mich beeindruckte, ein Sport, der mir rein optisch gut gefiel: elegante Körperhaltung.
Da stand ich in meiner seltsamen Fabrikhöhle, hatte Eisenhowers Bild vor meinem geistigen Auge und besaß einen handlichen eisernen Schürhaken, nicht zu schwer, nicht zu leicht, mit einem ovalen Griff oben und einem eisernen Haken unten, etwa einen Meter dreißig lang. Mit dem hatte ich, wenn sich die Kästen verhakt hatten, in dem Schacht, der nach oben zur Anlage führte, so lange herumzustochern, bis alles wieder klar war.
Eines Morgens nahm ich ihn gedankenvoll in die Hand, sah in ihm den Golfschläger und suchte nach einem geeigneten Puck, um losschlagen zu können. Ich fand nichts Geeignetes.
Schließlich kam mir die Idee.
Ich griff mir ein halbes Dutzend der verdreckten oder leicht lädierten Bierflaschen mit ihren Bügelverschlüssen oben am Kopf, die ich in der großen Tonne zu sammeln hatte, und arrangierte sie zu einer Stafette in dem Gang, der zur rückwärtigen Wand mit den Werkbänken führte. Ich übte zunächst ziemlich lange und ausgiebig das Schwingen des Schlägers in der Luft, ohne Puck, ohne Flasche. Ich genoss das Strecken und Dehnen des Körpers, das Sausen des Schlägers, und erst als meine Bewegungen mir einigermaßen versiert vorkamen, näherte ich mich voller Spannung der ersten Flasche in der Reihe.
Ich nahm Maß, ich nahm mit meinem Eisenhauer die Eisenhower’sche Golfhaltung ein, ich konzentrierte mich auf meinen Schlag und dann – wuuusch – schoss der Flaschenkopf mit dem Bügelverschluss quer durch den Raum und knallte gegen die hintere Wand. Mit Karacho. Die Scherben der Flasche spritzten wie ein Feuerwerk durch den Raum. Ich war begeistert. Ein wunderbarer Schlag.
Mein Golfspiel ließ sich harmonisch mit der Häckselzeit, die mir die Maschine gewährte, verbinden. Wenn etliche Verrichtungen getan waren und eine kleine Pause anstand, ging ich ruhig und konzentriert auf meinen Parcours … und klack, wuuusch, krach erledigte ich die nächste Flasche. Die Scherben und die geköpften Rümpfe der Flaschen ließ ich einfach im Raum liegen: sie zeigten mir, was ich bereits geleistet hatte und dass ich mit meinem Training vorangekommen war. Erst am Nachmittag, während meiner Überstunden nahm ich Schippe und Kehrbesen und entfernte die Überbleibsel meiner Triumphe.
Ich dachte mir Schwierigkeiten und Handicaps aus. Ich stellte Flaschen auf den Sägebock, etwa in Höhe meiner Brust, ich ließ meinen Eisenhauer in hoher Geschwindigkeit über meinem Kopf rotieren, nahm auf dem Höhepunkt der Rotation Maß … und klack, wuuusch, krach … Der Kopf war ab, schoss durch den Raum und knallte gegen die Wand. Es war herrlich.
Morgens, nach Schichtbeginn, arrangierte ich geradezu lustvoll meinen Flaschenparcours, trainierte eine Zeitlang Luftschläge und dann ging es zur Sache. Konzentriert und voller Elan köpfte ich in den Häckselpausen Flasche um Flasche und achtete darauf, die Anzahl meiner Schläge sorgfältig über die gesamte Schicht zu verteilen und meinem Tag dadurch Struktur und Rhythmus, eine Gestalt, zu geben. Ich hatte keinen Hintergedanken.
Es ging mir nicht darum, irgendjemanden oder irgendetwas symbolisch zu zertrümmern. Oder vielleicht doch? Vor allem ging es mir um Perfektion und Vollendung: das wohlige Strecken und Dehnen des Körpers, die fast meditative Anspannung vor dem Schlag, der Treffer, die Scherbenexplosion, das Aufschlagen des Flaschenkopfes an der hinteren Wand im vorher angepeilten Terrain …
Die Zerstörung. Das Chaotische. Ich genoss das. Ich war ehrgeizig und wurde schnell immer besser.
Die Schöne
Ein einziges Mal bekam ich Besuch in meiner Einsiedlerhöhle.
Eines Tages – ich hatte gerade meinen Flaschenparcours aufgestellt und mich bereit gemacht für das Spiel des Tages – wurde die Eisentür zur Außenwelt aufgestoßen und eine Gruppe Malocher stürmte herein, zehn Männer etwa und eine Frau. Sie lachten, sie scherzten, sie waren gut drauf. Ich beseitigte hastig und unauffällig die Flaschen meines Golfparcours, während sie sich an den Werkbänken und Maschinen zu schaffen machten. Sie waren eingespielt und wussten, was sie zu tun hatten. Sie griffen sich die demolierten Kästen, die in einem großen Haufen herumlagen, und reparierten sie, entfernten defekte Leisten, brachten geborstene Kastenwände wieder in Facon, sägten Latten passgenau zu, die sie zur Reparatur benötigten, und zerschlugen nicht mehr Brauchbares zu Klump. Sie nagelten und witzelten.
Es war nämlich so: wenn die Abfüllanlage stillgelegt werden musste, weil eine ihrer Maschinen defekt war und repariert werden musste, wurde die gesamte dort eingesetzte Belegschaft zum Kastennageln ins „Zwischendeck“ abkommandiert. Es durfte keine Arbeitszeit verloren gehen, Ausruhen gab es nicht, irgendetwas „Nützliches“ musste immer getan werden.
Das war das erste und einzige Mal, dass ich „die Schöne“ bei der Arbeit wieder sah und das freute mich besonders an dem unerwarteten Besuch. Ich hatte auf den Höfen und in den Kellern immer mal wieder Ausschau nach ihr gehalten, sie aber nirgends entdecken können, nicht einmal in der Frauenbrigade, in der ich eine halbe Schicht verbracht und wo ich sie am ehesten vermutet hatte.
Jetzt trug sie einen sauberen, hellgrauen Overall, hatte die Ärmel wegen der großen Wärme aufgekrempelt und den Kragen weit aufgeknöpft. Ich freute mich, ihre schlanken nackten Arme zu sehen und den Ansatz ihrer vollen Brüste. Es freute mich auch zu sehen, dass ihre Kumpel sie mit Respekt und einer gewissen Grandezza umschmeichelten. Sie genoss das sichtlich und war voller Charme und Lebensfreude. Leider beachtete sie mich kaum, als sie mit den anderen herein stürmte, sie nickte mir nur ganz kurz zu und wandte sich dann ab. Sie tat so, als kenne sie mich gar nicht. Nun ja.
***
Ich traf sie zum ersten Mal vor meiner allerersten Schicht.
Ich wartete vor dem Hauptbahnhof auf die Straßenbahn, als sie in einem Pulk grauer Gestalten aus dem Bahnhof gespült wurde. Sie war die einzige Frau in dem Pulk. Sie war schlank und schön, hatte blonde, hochgesteckte halblange Haare, grau-blaue mandelförmige Augen, war zart geschminkt, bunt und sommerlich gekleidet. Nach meiner Einschätzung gehörte sie irgendwie nicht dazu, sie passte nicht in diese frühe Zeit, zu all diesen grauen Horden, die vor der Frühschicht um sechs die Stadt bevölkerten. Sie sah nicht aus wie eine Malocherin.
Sie war Anfang zwanzig, so schätzte ich, gut fünf Jahre älter als ich selbst. Sie hatte ein fröhliches, offenes Gesicht, das fiel auf, denn die vielen Gesichter um mich herum waren meist noch müde und apathisch. Ich wunderte mich daher sehr, dass sie an der Haltestelle vor dem Werkstor der Ritterbrauerei mit mir zusammen ausstieg, mit mir das Betriebsgelände betrat, sich ganz selbstverständlich beim Pförtner ihre „Hundemarke“ geben ließ und auf dem Weg über die Höfe zum „Frauenschalander“ aus meinem Blickfeld verschwand.
Da wir jeden Morgen die gleiche Tour hatten, entwickelte sich ganz langsam und ganz zaghaft ein kleines Gespräch zwischen uns, das sich von Tag zu Tag fortsetzte. Ich erzählte ihr, weil sie mich danach fragte, warum ich als Schüler malochen ging und sie begann dann – erst zaghaft, dann lebhafter – von sich zu erzählen, Stückchen für Stückchen.
Sie kam aus der Nähe von Lünen, vom Lande. Sie stand jeden Morgen um halb vier auf. Sie hatte gerade erst geheiratet. Sie und ihr Mann bauten an einem kleinen Häuschen, vor allem am Wochenende. Ihr Schwiegervater half dabei. Der war Maurer. Das Häuschen, das sie bauten, stand auf dem Grundstück der Schwiegereltern. Deren Häuschen vorne, zur Straße hin, hinten ihr neues Häuschen, ein Huckepackhäuschen sozusagen. Sie hatte beschlossen, in der Brauerei zu arbeiten, da sie hier bedeutend mehr verdienen konnte als in ihrem gelernten Beruf. Sie brauchten jeden Pfennig für ihr Häuschen. Es gäbe reichlich zu tun. Nicht nur am Wochenende, an jedem Feierabend, nach Schicht, werkelten sie an ihrem Haus. „Die Arbeit hört nie auf“, sagte sie immer wieder.
Der sanfte Optimismus und der feine Hoffnungsschimmer in ihrem Gesicht rührten mich jeden Morgen. Es war schön, sie zu treffen.
Frauen in ihren Zwanzigern habe ich mein Leben lang als besonders anziehend empfunden. Das uralte Programm ist in ihnen dann angesprungen, sie sind auf der Suche nach dem Mann, sie sind auf dem Weg Richtung Mutter. Es ist eine Zeit der Wandlungen, der Hoffnungen, der Versprechungen des Lebens. Die Schönheit meiner Schönen strahlte von innen nach außen und erregte mich. Ich spürte ein Prickeln und eine leichte erotische Spannung, wenn ich mit ihr sprach.
Als ich mich nach meinem letzten Arbeitstag von ihr verabschiedete, sagte sie mir, dass auch sie bald aufhören werde zu arbeiten. Sie sei schwanger. Erst wirkte sie sehr glücklich, als sie mir verriet, dass sie ein Kind bekommen würde, und dann sah ich plötzlich – und erschrak dabei – ein wenig Angst und ein wenig Skepsis in ihren Augen.
Hatte sie etwa den Zweifel in meinem eigenen Gesicht gesehen und war davon angesteckt worden? Das wollte ich nicht. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Ich wünschte ihr, so herzlich ich das vermochte, alles Gute für ihr ganzes Leben und berührte sie, als ich mich von ihr verabschiedete, leicht an der Schulter. Sie freute sich und lächelte spontan und als sie in Richtung Bahnhof verschwand, drehte sie sich noch mehrmals um und winkte mir zu. Das war das letzte Bild von ihr.
***
Husband, house, children, mom-in-law in the common garden – the full catastrophe!
Damals, mit sechzehn, als ich ihr gegenüber stand, war ich kein bisschen ironisch, nicht fähig zu bösem Spott. Aber ich glaube, sie merkte doch den spontanen Zweifel in meinem Gesicht, einen Zweifel, den sie vermutlich selbst in sich verspürte. Zweifel ist der dunkle Zwillingsbruder der Hoffnung.
Ich hatte es gelernt, und ich wusste es schon mit sechzehn ganz sicher: dass das Leben, zumal das Zusammenleben zwischen Mann und Frau, voller Katastrophen und Leiden steckte, Glück und Unglück einander abwechselten, dass hinter der Freude und Hoffnung des Augenblicks das Miese des nächsten lauerte und dass hinter der Fassade der Schönheit das Hässliche verborgen liegt. Dass Liebe sich in Hass verwandeln konnte, das hatte ich gründlich gelernt. Der pessimistische Blick auf die Welt war schon früh in mir entwickelt. Es brauchte einige Zeit, bis ich ihn überwand.
***
Wenn ich die Zwölfstundenschicht im „Zwischendeck“ hinter mir hatte, duschte ich ausgiebig und durchschritt gegen halb sieben das Werkstor. Ich tingelte noch ein wenig durch die Stadt, um den Kellerblick loszuwerden. Noch immer lag die Sonne schräg über den Dächern, der Asphalt schwitzte die Hitze des Tages aus, die Stadt war ein Brutofen. Manchmal, wenn ein Gewitter niedergegangen war, von dem ich im „Zwischendeck“ natürlich nichts mitbekommen hatte, dampften die Straßen noch. Die Menschen wirkten erschöpft von der Hitze dieses schier unglaublichen Sommers, von dem ich gerade mal noch die abendlichen Spuren wahrnahm.
In unserem neuen Zuhause werkelte ich dann noch ein bisschen auf unserem „Acker“ herum, der sich langsam in einen Garten verwandelte. Ich aß mein Abendbrot und zwischen zehn und elf, im nachlassenden Licht der Abenddämmerung, legte ich mich ins Bett, denn kurz nach vier klingelte der Wecker. Dann musste ich aufstehen und mich bereit machen für einen neuen Tag im „Zwischendeck“.
Schließlich kam der letzte Tag meiner ersten langen Reise in die Flaschenkeller.
„Ich möchte mich verabschieden. Das ist mein letzter Arbeitstag“, sagte ich zu dem freundlichen Graukopf, der mir in den vergangenen fünfeinhalb Wochen am Frühstückstisch im Schalander gegenüber gesessen und mich oft in kleine Gespräche gezogen hatte. Er arbeitete stets am Fließband. „Die Ferien sind zu Ende“, fügte ich überflüssiger Weise hinzu. Er nickte und lächelte ein wenig.
„Bist du etwa immer noch in der Abstellkammer?“, fragte er.
„Ja.“
„Du hast ja ein sonniges Gemüt. Einzelhaft. Mir würde da die Decke auf den Kopp fallen. Ich würde eingehen.“
Als er aufstand und seine Frühstücksdose im Spind einschloss, sagte er noch:
„Na ja, für dich ist jetzt alles vorbei. Du gehst wieder weg, wir bleiben hier sitzen. So ist das.“
Und dann, nach einer Weile:
„Kommst du wieder? Nächstes Jahr?“
„Ja“, sagte ich, „ich brauche das Geld.“
Das Zeugnis
Als die Schule wieder losging, war ich der einzige Blasse unter lauter Braungebrannten. Ein gut gelaunter, braungebrannter Deutschlehrer fragte meine gut gelaunten, braungebrannten Mitschüler nach ihren Ferienerlebnissen. Als die Reihe an mich kam, den Blassen unter all den Sonnengebräunten, und ich die Ritterbrauerei als den Ort meiner Ferienerlebnisse nannte, schaute er mich nachdenklich an – es entstand eine kleine, etwas peinliche Pause –, ging dann aber schnell und ein wenig konsterniert, wie mir schien, darüber hinweg und fragte gleich den Nächsten, der auch prompt losplauderte. Ich kam gar nicht erst zum Erzählen. Seltsamerweise empfand ich, als er so reagierte, wieder ein Gefühl der Scham. Als sei meine Fabrikmaloche dégoutant.
In den folgenden Schulwochen war ich müde und schlaff. Ich hing ein wenig durch. Ich spürte die viele Arbeit, die ich hinter mir hatte, in meinen Knochen und die Einsamkeit des „Zwischendecks“ lag wohl noch auf meinem Gemüt.
Meine „schulischen Leistungen“ fielen ab. Grundsätzlich orientierte ich mich, was diese Leistungen anbetraf, an bestimmten Mitschülern, die der „Spitzengruppe“ zuzurechnen waren: ich war ehrgeizig und argwöhnisch darauf bedacht, eine gute Position zu ergattern und zu halten. In diesem Herbst war mir all das scheißegal: ich ließ meine „Konkurrenten“ an mir vorbeiziehen, ich hatte keine Motivation zum Lernen. Das Herbstzeugnis wurde daher ein Dokument mit den „mehrsilbigen Noten“: „befriedigend“, „ausreichend“, zwar kein „mangelhaft“, aber das einsilbige „Gut“ war nicht mehr dabei. So war das eben. Das Leben bietet nicht alles auf einmal.
***
Am Tag der Zeugnisausgabe zum Beginn der Herbstferien traf ich mich am frühen Nachmittag mit meinem Vater in der Stadt: es war Freitag, er hatte früher Feierabend und ich fing ihn ab. Er wusste, dass es Zeugnisse gegeben hatte und wollte meines sehen. Ich zeigte es ihm und war gespannt auf seine Reaktion. Er runzelte die Stirn und sagte dann wie ein gütiger Patriarch:
„So geht das aber nicht, mein Junge. Das muss besser werden. Das ist ja nun nicht gerade das Größte.“
Ich hatte genau das erwartet und spürte, wie ich ärgerlich wurde. Er kehrte plötzlich den besorgten Vater heraus – er, der vor seinen Pflichten als Familienvater davon lief, sobald sich eine Gelegenheit bot.
„Hör’ mal zu“, sagte ich, „weißt du eigentlich, dass ich in den Sommerferien malocht habe? Weißt du eigentlich, dass ich jeden Tag zwölf Stunden gearbeitet habe? Sonnabends acht? Hast du das überhaupt mitbekommen?“
Er schwieg.
„Fast sechs Wochen lang eine Achtundsechzigstundenwoche. Ich habe doppelt so viel verdient wie du. Ich habe alles in die Gemeinschaftskasse getan. Alles ist weg. Weißt du das gar nicht?“
Ich habe ihn selten so betroffen gesehen wie in diesem Augenblick. Er wurde ganz still und in seinem Gesicht war ein schmerzhafter Zug, den ich noch nie an ihm gesehen hatte. Ich hatte ihn voll erwischt und er schien ein unsäglich schlechtes Gewissen zu haben. Stumm reichte er mir das Papier zurück.
Die Situation kam mir irreal vor. Er war mein Vater, wir lebten unter einem Dach, und er hatte, da war ich mir jetzt sicher, von alledem, was ich während meiner Ferien getan hatte, so gut wie nichts mitbekommen.
„Morgens, wenn du aufgestanden bist, war ich schon zwei Stunden weg und abends, wenn du nach Hause kamst, schlief ich schon.“
Nach einem langen Schweigen fügte ich hinzu: „An den Wochentagen war ich für dich verschwunden und du hattest vergessen, wo ich war.“
Wir fuhren schweigend mit der Straßenbahn nach Hause. Entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten versuchte er diesmal nicht, in irgendeine seiner Lieblingskneipen auszubüchsen und mich zum Mitmachen zu überreden.
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