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Dirk Meinhard
Sonnenkaiser
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Roman
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Quellen und Autor
Impressum neobooks
Roman
Eine europaweite Staatspleite hat zu einer Neuordnung staatlicher Macht und Aufgaben geführt. Kapitalfonds zwangen die Bankrottstaaten zur Begleichung ihrer Schulden durch Verkauf von Staatseigentum und Anpassung von Gesetzen.
Große Energieunternehmen erzeugen einen großen Teil des in Europa benötigten Stroms außerhalb des Kontinents. Das Größte unter ihnen, DesertEnergy, finanziert durch einen der Kapitalfonds, produziert Strom in großen Energieparks in Marokko und Algerien. Sicherheitsunternehmen wie GlobSecure schützen diese für Europa lebensnotwendigen Anlagen vor Anschlägen, aber auch in Europa Stadtbezirke, Unternehmen und sogenannte Residenzen, in denen Vermögende sich abschotten, auch vor kriminellen Bedrohungen, etwa durch die Organisation FreePeople.
Der arbeitslose und durch eine Knieverletzung gehandicapte und arbeitslose Ex-Polizist Daniel Neumann, dem der Rauswurf aus seiner Wohnung und damit der Umzug in eine der vom Staat ignorierten No-Go-Zonen droht, bekommt den Auftrag angeboten, den vermissten Sohn Marc des CEOs von DesertEnergy zu suchen. Doch CEO Frederic Jacobs scheint am Sucherfolg überhaupt kein Interesse zu haben. Er stellt Neumann seinen Leibwächter zur Seite, dessen Aufgabe es eindeutig ist, Daniel zum Aufgeben zu bringen.
Aber der findet schnell eine Spur des Gesuchten, der mit den von ihm gestohlenen Daten eines Brennstoffzellenprototyps Kontakt zur militanten Organisation FreePeople aufgenommen hat. Marc Jacobs scheint gegen das Unternehmen seines Vaters zu agieren. Jemand versucht, Marcs Exfreundin Nisha, maßgebliche Entwicklerin des Prototyps, zu töten.
Nach einem terroristischen Anschlag auf die Seestromkabel des Unternehmens an der marokkanischen Küste präsentiert GlobSecure die vermeintlichen Täter und Daniel begreift, dass es um mehr als nur den Prototypen und den Sohn des CEO geht.
GlobSecure will Daniel und Nisha daran hindern, Marc weiter zu suchen. Ihnen gelingt die Flucht. Sie finden Marc und entdecken so das Geflecht aus Intrigen um den Energiekonzern. Ihr Leben ist in Gefahr und der Leibwächter, der eigentlich auf der falschen Seite steht, scheint ihre einzige Hilfe zu sein.
1.
Vom Beobachtungsturm hatte man trotz der nicht allzu groß geratenen Sichtöffnungen einen guten Ausblick auf die Umgebung. Mit dreißig Metern Höhe befand sich der Aussichtsposten weit unter den Spitzen der nördlich gelegenen Windkraftanlagen, deren gewaltige Rotoren sich gleichmäßig im vom Meer gegen das Land drückenden Wind drehten. Die zahlreichen Rotorblätter dieses künstlichen Waldes verursachten ein vielstimmiges dumpfes Brummen, als würde ein gewaltiger Schwarm überdimensionaler Hummeln am Himmel schweben. Solange Wind wehte, war dieses Geräusch präsent, obwohl die Abstände zwischen den Rotoren beträchtlich waren. Die tief stehende Sonne warf lange Schatten, die sich mit den riesigen Rotorblättern bewegten. Die Schatten legten sich im Osten bereits über die Sicherheitsanlagen, die das Gelände umgaben.
Mehrere Reihen von Panzersperren und ein vier Meter hoher starker Stahlmattenzaun auf einem hohen Betonsockel trennten das Gelände von der Hauptstraße, die an Sidi Ifni vorbei nach Agadir führte. Zwischen dem von Stacheldrahtspiralen gekrönten Zaun und den Panzersperren befand sich ein mehrere Meter tiefer und breiter mit Betonplatten abgestützter Graben. Hinter dem Zaun, innerhalb des gesicherten Geländes, folgte eine drei Meter hohe Betonmauer dem Verlauf des Zauns und bildete mit diesem quasi einen mehrere Meter breiten Kanal.
Die Anlage zog sich vom südlichsten Punkt, den der Turm markierte, zehn Kilometer nach Norden und acht Kilometer nach Westen, umschlossen von einem fast dreihundert Meter breiten Streifen mit Sand, kleinen Steinen und Geröll. Ein Stück neben dem Fuß des Beobachtungsturms blickte Rob auf ein breites Tor in der Absperrung, eins von insgesamt drei, groß genug für die überlangen Trucks, die mehrmals täglich kamen und Bauteile für weitere Windkraftwerke und Solaranlagen lieferten. Das Gelände bot noch genug Platz für weitere Stromerzeuger, denn der Bauplan war erst zu etwas mehr als der Hälfte erfüllt. Am Ende sollten vierhundert Windkraftwerke ihre Rotoren im Wind drehen und alle geeigneten freien Flächen mit Solarpaneelen bedeckt sein.
Vom Tor führte ein Betonkanal mit hohen Wänden auf das Gelände des Energieparks. Am Tor befand sich ein kleines kastenförmiges Häuschen. Fünf bewaffnete Wachtposten kontrollierten hier ankommende Fahrzeuge. Am Ende des Kanals waren Schlitze im Betonboden, aus denen massive Stahlsicheln hochfuhren, wenn ein Fahrzeug die Tordurchfahrt passierte. Erst wenn die Wachen eine Freigabe erteilten, wurde aus dem Kontrollzentrum der Weg wieder freigegeben.
Rob lehnte sich auf die helle Brüstung und schaute durch den knapp halbmeterhohen Sichtschlitz, der sich um den Wachraum herumzog, dem Rotor der nächsten Windkraftanlage beim Rotieren zu. Das war mindestens so unterhaltsam wie seine eigentliche Aufgabe. Der Wachdienst war nicht sonderlich ausfüllend und Rob stellte sich jedes Mal, wenn er hier oben stand, die Frage, warum der Turm überhaupt besetzt sein musste. Über dem Gelände patrouillierten zahlreiche Drohnen und übermittelten Bilder an die Zentrale, die sich knapp einen Kilometer weiter im Energiepark befand. Dort arbeiteten Mitarbeiter von GlobSecure im Schichtbetrieb und analysierten ständig die aus den Überwachungssystemen eingehenden Informationen.
Der Ausblick auf die Umgebung aus der Höhe des Turms hätte an anderer Stelle eine Sensation sein können. Vom Energiepark aus bot sich leider nur die Eintönigkeit von Geröll, Sand, spärlicher Vegetation und großen Türmen mit sich daran drehenden Propellern, dazu die schier endlosen Linien der schwarzblau glänzenden Photovoltaikpaneele. Möglicherweise hätten Menschen mit Höhenangst seinem Aussichtspunkt etwas mehr Nervenkitzel abgewinnen können. Rob langweilte sich eher, während er in der Hitze des frühen Abends schwitzend das Ende seiner Schicht herbeisehnte. Ein Blick auf die Commwatch an seinem Handgelenk mahnte ihn, noch etwas Geduld aufbringen zu müssen. Bis sich seine Ablösung durch das Innere des Turms, das dank der ausgezeichneten klimatischen Lage einer Hochleistungssauna gleichkam, über zahlreiche Leitersprossen bis zum Wachraum hochkämpfen würde, musste Rob noch eine Stunde ausharren und sich langsam in seiner kaum kühleren Position ausdörren lassen. Er schnalzte mit der trockenen Zunge, die sich nur widerwillig vom Gaumen löste, und leckte über seine Zähne, zwischen denen sich ein paar Sandkörner gesammelt hatten. Instinktiv versuchte er, sie auszuspucken. Mit bedingtem Erfolg.
Eine Drohne näherte sich leise summend in gemächlichem Tempo von Norden dem Turm. Das knapp einen Meter durchmessende graue Fluggerät hatte die Form eines vierblättrigen Kleeblatts, in dessen Blättern sich kleine Rotoren bewegten, die für den Auftrieb und Geschwindigkeit sorgten. In der Mitte des Quadrokopters befand sich seine Ausrüstung. Akkus, GPS-Antenne, Kameras mit Nachtsichtfähigkeiten, Mikrofone und die Flugsteuerung. Die Drohne folgte ihrem programmierten Kurs, wiederholte bis zur Erschöpfung ihrer Akkus ihre Flugroute, die in Koordination mit den anderen über dem Energiepark fliegenden Drohnen für eine vollständige zeitliche und räumliche Überwachung sorgte. Am Ende ihrer Energiereserven würde sie zur Ladestation zurückkehren und durch eine andere Drohne abgelöst werden.
Rob schaute dem Fluggerät nach, das ein Stück hinter dem Turm seine Flugrichtung um neunzig Grad änderte und Richtung Küste weiter schwebte. Er fluchte leise, wischte sich mit einer Hand über die Stirn und tupfte den schweißnassen Handrücken an seiner Hose ab. Es war, als wenn der Wind sich nach der harten Arbeit an den Flügeln der Windanlagen weigerte, auch noch durch den Wachraum zu ziehen. Mehr als eine laue Brise verirrte sich nie hinein.
Langsam nahm Rob seine nächste Runde entlang der Sichtschlitze auf, um sich ein wenig zu bewegen, auch wenn das in der durchgeschwitzten Uniform kein angenehmer Zeitvertreib war. Aber nur auf dem hohen Hocker, der einzigen Sitzgelegenheit hier oben, die Zeit abzuwarten, während ihm das Wasser am Körper entlang lief, gefiel ihm noch weniger.
Seit einem halben Jahr saß er hier fest und verbrachte zu verschiedenen Tageszeiten täglich mehrere Stunden auf diesem Turm, um gegen Bezahlung seine Zeit totzuschlagen. Warum hatte er nur nach Antritt seines Jobs bei GlobSecure laut Hier gerufen, als man ihm eine Ausbildung zum Scharfschützen anbot, statt ein Panzerfahrzeug fahren zu wollen. Immerhin hätte das den eines klimatisierten Arbeitsplatzes gehabt.
Die Tagschichten im Wachraum in dieser Höhe bei optimalem marokkanischem Sommerwetter bewiesen immerhin Robs hervorragenden Gesundheitszustand. Während er die Gesellschaft vorbeikommender Fluggeräte, die intensive Nähe seines Gewehrs und die recht knappen Unterhaltungen per Headset mit Leuten aus der Überwachungszentrale des Energieparks genoss, saßen die Fahrzeugbesatzungen in den gut temperierten Unterkünften und genossen ihre Bereitschaftszeiten bei kalten Getränken. Er fluchte leise und unflätig.
Auf dem Turm hatte Rob pro Fünfstunden-Schicht fünf Literflaschen Wasser, angereichert mit Elektrolyten, in einer elektrischen Kühlbox, deren Akku vor den Temperaturen hier oben spätestens am Nachmittag kapitulierte. Dann schmeckte jeder Schluck aus der Flasche nach irgendetwas zwischen frischer Kamelpisse und verschwitzten Socken nach einer Wachschicht. Er verwünschte seinen starren Blick auf das Gehalt, das man ihm für den Scharfschützenjob in Aussicht gestellt hatte. Es war ein bemerkenswerter Aufschlag auf die übliche Entlohnung gewesen. Hätte ihm jemand vorher erzählt, was der eigentliche Grund für diesen Unterschied war, hätte er wohl sofort dankend abgelehnt.
Für andere höher qualifizierte Jobs hatte man Rob nur bedingt geeignet befunden. Hubschrauberpilot hätte ihm auch gefallen. Die Sicherheitsbesatzung des Energieparks verfügte über zwei bewaffnete Maschinen. Leider entsprach das Ergebnis seines medizinischen Eignungstests nicht seinem Wunsch, hin und wieder mal in die Luft aufzusteigen, obwohl er bereits Hubschrauber geflogen war. Aber das hatte er bei der Einstellung für sich behalten und über eine vierjährige Phase seines Lebens elegant lügen müssen. Aussteigerzeit, Weltenbummler, Findungsphase. Es erschien ihm klüger, über diese Jahre als Soldat in einer burmesischen Söldnerarmee, die zweite Hälfte der Zeit als Hubschrauberpilot, zu schweigen. Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit der chinesischen Armee waren damals in grausamen Gemetzeln ausgeartet. Es war besser, diese Zeit nicht zu erwähnen. Einen Pilotenschein hatte er auch nicht vorzuweisen. Offizielle Prüfungen waren bei Söldnern unüblich, ebenso wie ausgefeilte Eignungstests.
Damit kam er aus Sicht der Führungsebene auch für die Bedienung der Kampfdrohnen nicht in Frage. Die GlobSecure-Mannschaft verfügte über vier Stück, die wie geschrumpfte Hubschrauber aussahen und mit Maschinengewehren und je acht Raketen ausgestattet waren. Bedient wurden diese Drohnen von Piloten im Kontrollzentrum, für die jeder Einsatz so sicher war wie ein Ego-Shooter auf einem Computer. Eine im Einsatz verlorene Drohne entsprach einem virtuellen Spielerleben, eine beruhigende Vorstellung für Piloten, die sich auch den Luxus gönnen konnten, Höhenangst zu haben und eine Brille tragen zu müssen. Zusätzlich standen auf dem Flugfeld zwei Jetkopter, die richtige Piloten benötigten. Die beiden Maschinen besaßen kleine Strahltriebwerke für höhere Fluggeschwindigkeiten und als Bewaffnung ebenfalls Maschinengewehre und lasergesteuerte Raketen. Immerhin gehörte Rob nicht mehr zum reinen Fußvolk, das auf dem Gelände patrouillierte und sich die Beine an den Zufahrten platt stand, um in der sengenden Hitze ein- und ausfahrende Fahrzeuge zu kontrollieren.
Nun erwartete man also von ihm, dass er nicht nur sein eigenes Scharfschützengewehr, ein rückstoßarmes Heckler & Koch MSG 94, regelmäßig säuberte und pflegte, sondern auch, wenn es erforderlich war, Menschen tötete. Nicht nur, indem er den Lauf ungefähr in die Richtung eines Gegners hielt, abdrückte und hoffte, nur die Kugeln der anderen würden treffen. Seine Aufgabe war es, sich im Ernstfall einzelne Ziele auszusuchen, ihren Kopf oder Oberkörper anzuvisieren, abzudrücken und ihnen durch das Zielfernrohr für einen Moment beim möglichst schnellen Sterben zuzuschauen.
Rob beendete seine Runde am Hocker, griff zu seinem Fernglas und beobachtete die Straße. Das Fernglas hatte eine Funkverbindung zur Zentrale und lieferte nach Bedarf seine Bilder dorthin. Anders herum erhielten die Wachleute auf den Türmen, die in mehreren hundert Metern Abstand entlang der Befestigungsanlagen aufgestellt waren, Bildinformationen der Drohnen über die Zentrale auf einen Touchscreen im Wachturm. Der Bildschirm neben Robs Standplatz zeigte jedoch nur das, was er auch selbst sehen konnte, Sand und Geröll. Eigentlich hätte man erwarten können, einer Anlage in dieser dünn besiedelten kargen Gegend drohe keine besondere Gefahr, wenn man von den klimabedingten Risiken absah.
In den kleinen Siedlungen im Umland lebten überwiegend Menschen, die hauptsächlich damit beschäftigt waren, ihren Lebensunterhalt mit Viehzucht zu verdienen, friedliche Menschen, die sich über das dank des Energieparks stabile Stromnetz freuten, weil es ihr Leben einfacher machte. Aber das Gelände befand sich auf Höhe des unteren Endes der Ausläufer des Atlasgebirges, das den größten Teil Marokkos einnahm. Und damit bot dieser Bereich des Landes geländegängigen Fahrzeugen gute Voraussetzungen, um von der algerischen Grenze oder der Westsahara bis zur marokkanischen Küste vorzudringen. Der afrikanische Kontinent befand sich zu einem großen Teil in der Hand von radikalen Kräften, die die Kooperation der marokkanischen und algerischen Regierung mit Europa aufs Äußerste ablehnten und kontinuierlich versuchten, ihre Anhängerschaft in diesen Ländern zu vergrößern. Tarfaya am südlichen Ende Marokkos war seit Jahren ein Stützpunkt militanter Gruppen, die von dort aus immer wieder in das Land vordrangen und sich dabei bis zum gut dreihundert Kilometer entfernten Sidi Ifni vorwagten. Das war allerdings nicht der einzige Weg für schwerbewaffnete Einheiten bis zum am weitesten südlich gelegenen Energiepark, den das Unternehmen DesertEnergy im Land aufbaute und betrieb.
Seit der massiven Ausweitung des solaren Energiegewinnungsprogrammes kam es immer wieder zu Übergriffen verschiedener militärischer Fraktionen auf die Energieparks von DesertEnergy. Einheiten in offenen Geländewagen mit aufmontierten Maschinengewehren oder auch mit Raketenwerfern fielen immer wieder aus Aufmarschgebieten in der Westsahara, Mauretanien und dem südwestlichen Algerien nach Marokko ein und griffen gezielt die Baustellen von DesertEnergy und die Versorgungskonvois an, die Anlagenbauteile zu den im Aufbau befindlichen Energieparks brachten. Je weiter der Ausbau in den Süden des Landes voranschritt, umso häufiger und extremer wurden diese Attacken.
Konsequenterweise hatte DesertEnergy reagiert, um seine Investitionen angemessen zu schützen. Leider hatte die marokkanische Armee den ihr erteilten Auftrag nur bedingt erfüllt. Die Motivation der Soldaten, sich ernsthafte Auseinandersetzungen mit gut bewaffneten Extremisten zu liefern, entsprach nicht den Erwartungen, ihre Ausrüstung ebenso wenig. Also ging der Schutzauftrag mit Billigung, sozusagen, der marokkanischen Regierung an GlobSecure.
Seit Rob hierher versetzt worden war, war es jedoch ziemlich ruhig gewesen. Ein paar Mal waren Trucks mit Bauteilen ein kleines Stück nördlich des Parks auf der Straße überfallen worden. Die Angreifer hatten sich schnellstens zurückgezogen, wenn sie von den bewaffneten Begleitfahrzeugen der Trucks attackiert wurden, die für sie eine Nummer zu groß waren.
Die Stromtrasse, die von hier Elektrizität in den Norden lieferte, war mehrfach Ziel von Sprengstoffanschlägen gewesen, deren Schaden sich jedoch in Grenzen gehalten hatte, da die Trasse bereits weitgehend unterirdisch in einer Betonröhre verlief. Nur dort, wo die Röhre noch nicht fertiggestellt war und die Kabel der Trasse offen lagen, fand sich für Anschläge noch ein gut sichtbares und leicht erreichbares Ziel. Ein wild entschlossener Selbstmordattentäter war zwei Wochen zuvor an der mittleren Zufahrt zum Park dank der effizienten Überwachung nicht zu seinem Ziel gekommen. Ein anderer Scharfschütze hatte durch die Drohnenüberwachung einen Hinweis auf den Mann bekommen, der versuchte, sich mit einem uralten VW Bus als fliegender Händler auszugeben. Ein gezielter Schuss stoppte ihn vor dem Tor, bevor er den Sprengsatz in seinem Wagen zünden konnte.
Rob kannte sich mit der Technik nicht aus, die GlobSecure einsetzte, um sogar Sprengstoff auf Distanz in Fahrzeugen zu erkennen, aber sie funktionierte, was auf ihn eine sehr beruhigende Wirkung hatte, insbesondere in Bezug auf seine Idee, die Sicherheitsmannschaften bezögen tatsächlich ein monatliches Gehalt und nicht nur eine Restlebenszeitprämie.
Rob versuchte zu verstehen, warum sich ein Unternehmen, dessen Ziel die Erzielung von Profit war, in dieser militärisch prekären Gegend engagierte und dafür einen immensen Aufwand betrieb, seine Investitionen zu sichern. Die einzige sinnvolle Schlussfolgerung war, Elektrizität war das neue Gold. Sein eigener Arbeitgeber GlobSecure, machte bestimmt einen ordentlichen Schnitt. Eigentlich war GlobSecure, entgegen jeglichen Mutmaßungen, die sich aus seinem Namen ableiten ließen, nur in Europa tätig, dort aber immerhin das größte Unternehmen für Dienstleistungen im Sicherheitsbereich, hauptsächlich ausgerichtet auf Objektsicherung und Personenschutz, vornehmlich für die Wohlhabenden des Kontinents. Die Kooperation mit DesertEnergy hatte jedoch dazu geführt, dass sich GlobSecure eine kleine Armee zulegte, im Stil der amerikanischen Söldnerunternehmen wie Blackwater, die sogar immer wieder die USA bei Feldzügen unterstützten. Das Einsatzgebiet dieser Truppe mit dem Namen Support Team Military Services, harmlos klingend STMS abgekürzt, lag in Marokko und die Aufgabe war die Sicherung der Anlagen von DesertEnergy, Energieparks, Stromtrassen, Wasserstoffspeicher und der dazugehörigen Kraftwerke, die nachts den mittels Sonnenenergie erzeugten Wasserstoff aus den riesigen Speichern wieder zur Stromerzeugung einsetzten. Der Gewinn aus diesen Energieparks musste gewaltig sein, wenn DesertEnergy es sich leisten konnte, eine dreitausend Mann starke Truppe und ihre Ausrüstung zu finanzieren.
Rob legte das Fernglas auf die Ablage unter dem Touchscreen und griff in die linke Beintasche seiner sandfarbenen Hose. Umständlich nestelte er nach einer kleinen Plastikbox mit Kaugummis. Eine Zigarette wäre ihm auch recht gewesen, aber im Dienst galt striktes Rauchverbot. Dazu erzeugte das Kaugummi einen erfrischenden Geschmack und, was noch wichtiger war, es verbreitete keine zusätzliche Hitze. Sobald er die Mannschaftsgebäude verließ, drang ihm der Schweiß aus allen Poren und seine Uniform saugte sich allmählich voll, was nach einem langen Tag auch für dunkle Flecken an unpassenden Körperstellen, etwa zwischen den Beinen, sorgte.
Rob genoss den Minzgeschmack im Mund, der den Speichelfluss ein wenig anregte. Die Schweißtropfen, die ihm vom Kopf über das Gesicht liefen, wischte er zum wiederholten Mal mit einer Hand weg. Von seinem Wasservorrat war nur noch eine halbe Flasche übrig. Erst am Ende seiner Schicht würde er die Kühlbox in den kleinen Lastenaufzug stellen, der außen am Turm angebracht war, und seine Ablösung würde im Austausch volle Flaschen für die eigene Zeit auf dem Turm erhalten.
In einiger Entfernung sah Rob auf der Straße eine Staubwolke aufwirbeln. Am nördlichen Ende des Parks führte eine planierte Piste zur Hauptstrecke, die von der südlichen Landesgrenze entlang der Küste bis auf die Höhe von Marrakesch reichte. Von dort kamen die Trucks mit den Bauteilen für den Park. Dem Anlieferplan nach, den Rob auf dem Bildschirm abrufen konnte, stand für diesen Tag noch eine Kolonne mit drei Trucks aus.
Im Fernglas erkannte Rob vor einem großen dunklen Schatten einen Radpanzer, der mit seinen fast mannshohen Rädern den Sand von der Strecke hochwirbelte. In Robs Headset erklang eine nuschelnde Stimme, die ihn zusammenzucken ließ. Die Stimme gehörte jemandem in der Zentrale, der sich wahrscheinlich gerade noch einen großen Schluck kühle Coke gegönnt hatte und nun vielleicht auf einem frischen Sandwich mit Gemüse und Schinken herumkaute. Rob schluckte bei dem Gedanken.
>>Zentrale an Posten Sechs. Autorisierung Alpha Zwei Omega Vier.<<
Das war der korrekte Code für diese Stunde, wie der Touchscreen ihm anzeigte. Keine Ahnung, wer das war. Die Mannschaft war überwiegend aus Männern und nur wenigen Frauen zusammengewürfelt, die aus nahezu allen Ländern Europas kamen. Der Akzent der Stimme ließ auf einen Spanier oder Franzosen schließen, mit denen Rob außerhalb der Arbeitszeiten nur wenig Kontakt hatte, obwohl er neben gutem Englisch auch ein recht ordentliches Französisch sprach.
Die meisten Leute beherrschten das vorgeschriebene Englisch gerade gut genug um ihre Befehle und das dienstliche Prozedere verstehen und ausführen zu können. In der Freizeit bildeten sich so automatisch Gruppen, in denen man sich in seiner Muttersprache unterhielt. Viel mehr Beschäftigung blieb ohnehin nicht. Es gab zwei Fußballplätze, auf denen tagsüber aus nahe liegenden Gründen selten jemand zu sehen war. Der Kinosaal, dessen fünfzig Quadratmeter mit dieser Bezeichnung geadelt waren, war gut besucht, ebenso die sogenannte Bar, in der es Alkohol nur rationiert gab. Rob vertrieb sich seine Freizeit meist mit den wenigen Engländern in der Bar, bei Dartspiel oder beim Pokern, aufgrund der Dienstvorschriften ohne Einsätze.
Rob schickte dem Typ in seiner Komfortzone in Gedanken eine Verwünschung.
>>Transport Dreihundertvier ist im Anmarsch! Zwei Radpanzer, drei Trucks. Korrekte Anmeldung ist erfolgt! Der Transport wird an Ihrem Tor reinkommen.<<
Die Stimme blieb schwer verständlich. Entweder hatte die Sprechverbindung ein Problem oder es hatte sich nie jemand die Mühe gemacht, die Aussprache dieses Wortewiederkäuers einmal über die Funkverbindung zu testen.
Rob nickte. Eine Antwort wurde von ihm nicht erwartet, denn die Mitteilung war hauptsächlich für die Wachen am Tor bestimmt. Er schaute nach unten, wo sich fünf schwitzende Uniformierte in ihren schusssicheren Westen an der Zufahrt verteilten. Das Brummen der Motoren schallte bis zum Turm hinauf, als die fünf Fahrzeuge abbremsten und auf die Zufahrt zum Tor einschwenkten. An den Seiten der in mattem Grau lackierten Trucks war das DesertEnergy-Logo aufgemalt, ein silberner dreistrahliger Rotor vor einer stilisierten Sonne. Darunter stand in roten Buchstaben DesertEnergy.
Der erste Radpanzer, ein wuchtiges dreiachsiges beige lackiertes Modell, hielt vor dem Tor. In einer Dachöffnung stand, ebenso wie im zweiten Radpanzer, ein behelmter SecGuard mit Gesichtsschutz an einem aufmontierten Maschinengewehr. Die Kolonne dahinter stoppte. Einer der Wachmänner ging zur Fahrerseite des Radpanzers und kletterte die Einstiegsleiter hoch. Der Fahrer öffnete sein Fenster.
Rob ließ seinen Blick über die anderen Wagen gleiten. Auf den Trucks befanden sich Rotorblätter und Teile eines Windturms. Beim nächsten Mal würden möglicherweise wieder Solarpaneele angeliefert werden, oder Trommeln mit Kabeln und anderem Material, das auf so einer Baustelle benötigt wurde. Die Versorgungswagen für die Mannschaft kamen ohne solchen Schutz aus. Lieferungen von Bier, Steaks, Obst, Zigaretten wurden in einfachen Kleinlastern geliefert und nie angegriffen. Vielleicht hatten die heimlichen Herrscher des Kontinents mit ihren Pick-ups und Kalaschnikows Angst davor, die Wachmannschaften richtig zu verärgern.
Der Wachmann sprang wieder von dem Panzer runter und drehte sich zum Tor herum. Mit einer Handbewegung signalisierte er, der Konvoi könne die Zufahrt passieren. Der Radpanzer setzte sich in Bewegung und rollte in den Zufahrtskanal.
>>Zentrale an Posten Sechs. Autorisierung Alpha Zwei Omega Vier.<<
Wieder die nuschelige Stimme. Rob stöhnte leise auf. Was wollte der Typ denn nun?
>>Von Süden nähert sich eine Fahrzeuggruppe von acht Wagen. Pick-ups mit hohem Laderaumaufbau. Wir schicken eine Drohne und schauen uns das an. Warnstufe!<<
Eine Drohne, die sich gerade wieder dem Turm näherte, wich von ihrer Route ab und hielt auf die Straße zu. Rob griff zu seinem Gewehr, das in einer Halterung an der Wand klemmte, und entsicherte es. Vorschriftsmäßiges Verhalten beim Ausrufen einer Warnstufe. Möglicherweise waren die Pick-ups mit Kämpfern irgendeiner Fraktion besetzt und auf einen Angriff aus.
Zumindest ein wenig Ablenkung von der Warterei, dachte Rob, während er die Waffe in einer Auflage im Fenster platzierte, die beim Zielen für die nötige Ruhe sorgen sollte. Er bewegte die Waffe in die genannte Richtung und schaute durch das Zielfernrohr. Im Sucher fand er schnell die Fahrzeuge, die sich dem Energiepark mit hohem Tempo näherten. Die Wolken aus hochgewirbeltem Sandstaub waren wegen ihrer Geschwindigkeit noch höher als vorher bei dem Konvoi. Unter ihm dröhnten die Motoren der Trucks. Die Kolonne fuhr auf das Gelände. Die Wachen hatten auch die Warnstufenmeldung erhalten und würden sich beeilen, das Tor hinter dem Transport zu schließen.
Noch bevor die Pick-ups die Abzweigung zum Energiepark erreichten, wurde unten der Torflügel auf seiner Schiene elektrisch in die Einfahrt geschoben. Irgendwo knallten Schüsse, eine schnelle Schussfolge. Das Geräusch war beunruhigend nahe, viel zu nahe. Laute schmerzgequälte Schreie untermalten das harte Waffengeräusch.
Rob löste den Blick vom Zielfernrohr. Suchend beugte er sich vor und schaute durch den Sichtschlitz. Sein Puls peitschte sofort hoch. Der letzte Radpanzer stand mitten im Zufahrtskanal. Der Schütze auf dem Dach hatte sein Maschinengewehr auf die Wachmannschaft gerichtet. Aus der Mündung der Waffe zuckten in schneller Folge kleine Flammenstöße. Die Geschosse durchschlugen das Wachhäuschen. Staub und Steine wirbelten auf. Drei leblose Körper lagen am Tor, die Wachleute, niedergestreckt von zahlreichen Treffern. Ein vierter Mann lag auf dem Rücken, an Kopf und Beinen blutend, und bewegte hilflos seine Arme. Der fünfte Wachposten hockte vermutlich im Wachhaus und wartete darauf, dass das Feuer aus dem Maschinengewehr ihn erreichen würde.
Rob war für einen Moment paralysiert. In seinem Kopf versuchten sich die Gedanken zu sortieren, und das, was er sah, in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Unvorstellbar, GlobSecure-Mitarbeiter würden die eigenen Leute hinterhältig angreifen. Schlussfolgerung, das hier waren keine SecGuards.
Rob schwenkte sein Gewehr auf der Auflage herum. Er musste nicht weiter nachdenken. Diesen Vorgang hatte er unzählige Male geübt. Stillhalten, ausatmen, abdrücken. Ein scharfer Knall zuckte durch Robs Ohren. Die Kugel traf den Bordschützen des Radpanzers in den Kopf. Es sah aus, als wenn ihn eine nicht sichtbare Keule getroffen hätte. Der Oberkörper des Schützen sackte zur Seite. Die helle Mütze, die der Mann über seiner schwarzen Staubmaske getragen hatte, fiel ihm vom Kopf und landete direkt vor einem der Räder des Panzers.
Rob suchte nach dem anderen Radpanzer der Nachhut, der gerade den Zufahrtskanal verließ. Der Schütze auf dem anderen Fahrzeug verstand sofort, was passiert war. Er legte seinen Kopf in den Nacken und schaute zur Spitze des Wachturms hoch. Der Lauf seines Maschinengewehrs ruckte nach oben.
Rob konnte die dunkle Staubmaske mit dem Schlitz, aus dem zwei Augen blitzten, viel zu deutlich erkennen. Der Zoom des elektronischen Zielfernrohrs zeigte ihm sogar die Augenfarbe. Aber dafür fehlte Robs weiteres Interesse an dem Mann.
Er drückte wieder ab. Der Kopf des Getroffenen schlug nach hinten. Sein Körper erschlaffte und schwankte haltlos herum, während der Radpanzer auf den Weg Richtung Zentrale abbog. Rob hob seinen Kopf vom Zielfernrohr und versuchte, sich einen größeren Überblick zu verschaffen. Bis auf den letzten Radpanzer war der Konvoi auf dem Weg in den Norden des Parks eingebogen und beschleunigte. Die schwerfällig hochdrehenden Motoren schickten ihr Dröhnen bis zu Rob hoch.
Mit etwas Verspätung erklang wieder die schwer verständliche Stimme in seinem Headset.
>>Zentrale an Posten Sechs. Autorisierung Alpha Zwei Omega Vier.<<
Eine Gedenksekunde lang wartete der Mann.
>>Was ist bei Ihnen los? Warum wird geschossen?<<
Vollidiot! Sind die Drohnenkameras ausgefallen? Wohin schaute der Typ? In seine Coke? Auf sein Sandwich?
Rob fluchte laut. Er tippte mit einem Finger an sein Headset und öffnete die Sprechverbindung. Er bemühte sich, nicht zu hektisch zu sprechen und seine Aufregung nicht hochkommen zu lassen.
>>Hier Posten Sechs am Wachturm! Der Konvoi wurde vom Feind übernommen und befindet sich auf dem Gelände. Die Mannschaft am Tor von Posten Sechs wurde erschossen. Der Konvoi fährt jetzt auf dem Gelände entlang der Ostbegrenzung nach Norden.<<
Rob atmete tief ein und hob eine Hand. Die Finger zitterten nicht. Für einen Moment schien der Typ mit der Nuschelstimme nachdenken zu müssen. Dann entschied er sich für eine aus seiner Sicht geeignete Antwort.
>>Nennen Sie Ihre Autorisierung!<<
Das konnte doch nicht wahr sein. Er weigerte sich, Robs Meldung trotz ihrer eindeutigen Dringlichkeit entgegenzunehmen. Rob atmete wieder tief durch. Auch Wut ließ Hände zittern.
>>Autorisierung Theta Fünf Sigma Neun!<<
>>Danke! Autorisierung akzeptiert! Wiederholen Sie Ihre Meldung!<<
Rob nahm unterbewusst sein mit ihm durchgehendes Temperament wahr. So viele Atemzüge konnte er gar nicht ruhig durchatmen. Es platzte mit einem Mal aus ihm heraus.
>>Hör zu, Du unterkühlter Sesselfurzer! Hier liegen vier niedergeschossene Wachleute! Der Konvoi, der gerade reinkam, wurde vom Feind übernommen und hat das Feuer eröffnet. Und wenn ich es richtig einschätze, dann werden in kurzer Zeit bei Euch in Euren klimatisierten Büros möglicherweise keine Rotoren abgeladen, sondern Stahlmantelgeschosse.<<
Unter ihm erklang ein einzelner Schuss vom Tor. Dann noch einer. Keine Zeit mehr für sinnlose Unterhaltungen. Als Rob zum Tor herunterschaute, begriff er den Plan der Angreifer und vor allem seine eigene ziemlich üble Lage. Aus dem verbliebenen Radpanzer waren mehrere Bewaffnete zum Wachhäuschen gestürmt. Einer der mit sandfarbenen GlobSecure-Uniformen bekleideten Angreifer stand über dem Wachmann, der sich trotz mehrerer Treffer vor wenigen Momenten noch bewegt hatte. Eine Blutlache breitete sich um den Toten aus. Die Waffe des Angreifers zeigte noch auf den Mann.
Die anderen Kämpfer standen am Tor, das sich bereits wieder öffnete. Über die Zufahrt rasten die Pick-ups auf den Energiepark zu, schmutzige verbeulte Fahrzeuge, jedes mit einem fensterlosen Ladeflächenaufbau, der das Dach der Fahrerkabine deutlich überragte.
>>Posten Sechs, wir schicken Unterstützung!<<
Die nuschelnde Stimme klang etwas klarer. Möglicherweise hatte der Typ endlich sein Sandwich bewältigt.
>>Nett von Euch! Ich mache jetzt meinen Job und hoffe, das hier geht gut aus!<<
Rob zog das Gewehr wieder an die Schulter und nahm den Vermummten über dem Toten ins Visier. Stillhalten, ausatmen, abdrücken. Wieder der scharfe Knall, der ohne Motorenlärm weit genug zu hören war. Der Kämpfer, der den Wachmann exekutiert hatte, taumelte in einer heftigen Drehung und brach zusammen. Jemand stieß einen lauten Schrei aus. Ein hektisch lauter Wortschwall, eindeutig kein Englisch, folgte.
Rob legte auf den nächsten Angreifer an. Ein weiterer Kopftreffer schaltete den nächsten Kämpfer aus, der am Tor gegen seinen Nachbarn stolperte. Das Tor fuhr in diesem Moment an ihnen vorbei und beide fielen auf die sandbedeckte Zufahrt. Eine automatische Waffe begann von unten zu feuern und um Rob herum schlugen Geschosse in die Außenwand des Turms. Ein paar Kugeln bohrten sich in die Decke des Wachraums.
Rob duckte sich instinktiv. Als der Geschosshagel aussetzte, wagte er einen schnellen Blick nach unten.
>>Posten Sechs! Was ist bei Ihnen los?<<
Wieder die undeutliche Stimme in seinem Headset. Rob ignorierte den Mann. Eine neue Salve ließ ihn noch weiter zurückweichen. Er ließ das Gewehr in der Halterung los. Die Angreifer hatten es irgendwie geschafft, den Konvoi in ihre Hände zu bekommen. Möglicherweise hatten sich die Gegner unter die Besatzung des Konvois mischen können.
So einfach war es gewesen, Zugang zum Park zu bekommen. Wahrscheinlich waren die nach Norden fahrenden Trucks mit Sprengstoff präpariert. Jetzt hatten sie außerdem ein Tor unter Kontrolle. Und hinter ihnen kam die Hauptstreitmacht.
Der Radpanzer räumte den Zufahrtskanal. Die Angreifer aus dem Panzer sprangen zur Seite und machten den Pick-ups Platz, die einfach über die Getöteten hinweg rollten, als befänden sie sich in unwegsamem Gelände. Wagen um Wagen fuhr auf das Gelände. Der letzte Pick-up hielt neben dem Wachhäuschen. Aus dem Aufbau hinter der Fahrerkabine sprangen schwarz vermummte Männer mit automatischen Gewehren. Die letzten beiden trugen Panzerfäuste. Das hektische für Rob unverständliche Gebrüll vieler Stimmen hob an. Eine weitere Salve schlug durch den Sichtschlitz in die Decke des Wachturms. Er blieb in Deckung.
>>Posten Sechs! Melden Sie sich! Sind Sie noch da? Wir schicken Ihnen zwei Kampfdrohnen!<<
Die erste brauchbare Mitteilung vom Kontrollzentrum.
>>Danke! Sehr nett! Die Typen da draußen wissen nämlich, wo ich bin, und es wird langsam ungemütlich!<<, antwortete Rob und wischte sich über die Augen, in denen der Schweiß brannte.
Außerhalb seiner Sicht am Wachhäuschen zeigte einer der Männer aus dem Radpanzer nach oben. Einer der Panzerfaustschützen nickte und legte seine Waffe auf die Schulter. Die Spitze des aufgesetzten Geschosses richtete sich auf Robs Deckung. Die Maskierten aus dem Radpanzer nahmen ihre Waffen herunter und die Einschläge am Turm setzten aus. Rob wagte für einen Moment einen Blick nach unten und der Schreck über das, was er sah, jagte ihm eine ordentliche Menge Adrenalin durch den Körper.
>>Dreck! Wo bleiben die Drohnen?<<
Aus dem Headset kam keine Antwort. Möglicherweise lähmte die zu kalt eingestellte Klimaanlage die Stimmbänder seines Gesprächspartners.
Rob wartete auf das giftige Zischen eines Geschosses. Er warf sich herum und sprang in die Mitte des Raumes zurück. Direkt vor der Einstiegsluke kam er rutschend auf den Knien auf. Seine Kniescheiben meldeten Protest gegen diese Behandlung an und Rob verzog vor Schmerz das Gesicht. Eine Hand krallte sich in den Griff der Verriegelung und drehte sie. Ein Klacken, das von einem gefahrverkündenden Fauchen irgendwo draußen begleitet wurde, signalisierte, dass die Luke geöffnet war. Mit aller Kraft riss Rob den Zugang zum Leiterschacht auf und warf den Schachtdeckel gegen die Arretierung, an der er senkrecht stoppte. Das fauchende Geräusch von draußen schwoll blitzartig an.
Rob schaute kurz in das dürftig ausgeleuchtete Innere des Turms. Eine Leiter führte auf eine etwa acht Meter tiefer gelegene Plattform. Dort musste man aus Sicherheitsgründen für den weiteren Abstieg bis zur nächsten Plattform auf die andere Seite der Leiter wechseln. Auch ein acht Meter tiefer Sturz konnte einem eine Menge Knochen brechen. Rob stürzte sich in dem Moment kopfüber in den Schacht, als das panzerbrechende Geschoss an der Sichtöffnung neben dem in der Halterung hängenden Gewehr explodierte und die Wand aufriss. Gewehr, Touchscreen und eine der Streben, die das Dach hielten, wurden weggerissen und durch den Raum geschleudert. Ein Feuerball zuckte durch den Wachraum. Rob versuchte, im Fallen eine der Leitersprossen zu fassen, während von oben der Tod nach ihm griff. Er schaffte es für einen Moment, sich mit einer Hand festzuhalten. Sein Körper vollführte um die Hand an der Sprosse eine hundertachtzig Grad Drehung und er schlug seitlich gegen die Leiter. Ein heftiger Schmerz im Handgelenk löste seinen Griff und er stürzte hintenüber auf die Plattform. Sein Kopf schlug auf der Plattform heftig auf und ein weitaus heftigerer Schmerz gesellte sich zu dem anderen.
Sein Blick verschleierte sich. Verschwommen erkannte er etwas Dunkles, das vor dem diffus hellen Fleck der Öffnung über ihm schnell näher kam. Dann traf ihn etwas am Kopf und für Rob wurde es vollständig dunkel.
Einen Kilometer weiter scherte ein mit Rotorblättern beladener Truck aus seinem Konvoi aus und steuerte durch ein Feld mit Solarkollektoren. Er riss eine Schneise durch die bläulich glitzernden Paneelfelder und steuerte auf eine Windkraftanlage zu, hinter der sich eines der Umspannwerke des Energieparks befand. Als der Truck auf die vorderen Transformatoreneinheiten traf, wurde er in einer donnernden Explosion zerrissen.
Über der Explosionswolke schossen zwei schlanke schwarze Flugkörper dahin, jeder ausgerüstet mit zwei Maschinengewehren an Auslegern. Sie hielten auf den Wachturm zu, an dessen Spitze eine Rauchwolke von einer weiteren Explosion zeugte.
2.
Durch die Spalten des staubigen grauen Lamellenrollos drang spärliches Sonnenlicht und warf in schmalen Streifen, in denen Staubpartikel tanzten, Helligkeit auf die Einrichtung des Zimmers. Viel war nicht zu beleuchten. Neben einem schiefen Schrank, dessen Türen weit offen standen und den Blick auf eng und planlos zusammengedrückte Kleidungsstücke und ein paar knitterige Hemden an einer Kleiderstange freigaben, stand ein breites Bett. Genau genommen war es eher ein einfacher Holzrahmen ohne Kopf- und Fußende, in dem eine für den Rahmen zu schmale Matratze lag. An den Wänden löste sich die musterlose gelbliche, vielleicht auch einfach nur vergilbte Tapete stellenweise.
Unter einer wellenförmig zusammengeschobenen Decke schauten zwei Beine von den Oberschenkeln an hervor. Der Kopf lag verborgen unter einem Kopfkissen. Die Beine waren dunkel behaart. Am oberen Ende seines linken Schienbeins war seitlich eine lange Narbe zu erkennen, die sich bis über das Knie hinzog.
Neben dem Bett stand ein kleiner Nachttisch, auf dem auf einem billigen leicht angelaufenen Plexiglasdisplay in gelben Leuchtziffern die Zeit angezeigt wurde. Die Anzeige sprang auf sieben Uhr. Ein lauter Summton ertönte. Es dauerte einen Moment, bis unter der Bettdecke eine Bewegung das Aufwachen des Mannes anzeigte. Eine Hand tauchte neben dem Kopfkissen auf und tastete umher, während das laute Summen aus dem Lautsprecher des kleinen Schirms zu Musik wechselte. Ein Jingle ertönte und kündigte eine Nachrichtensendung an. Während plötzlich ein Akkusignal über der Uhrzeit aufleuchtete, löste die Stimme einer Sprecherin den Jingle ab.
>>Hier ist Radio Dortmund, immer gut informiert für Sie. Es ist sieben Uhr und Sie hören die aktuellsten Nachrichten, aktueller als noch vor fünf Minuten!<<
Die Hand erreichte den Bettrand und tastete sich langsam an der Bettkante entlang. Die Finger bewegten sich dabei vorsichtig tastend wie die Beine einer Spinne. Ungeachtet der Tatsache, dass er gleich zum Verstummen gezwungen werden würde, steigerte der kleine Schirm noch die Lautstärke der Nachrichtensendung.
>>Und hier die Schlagzeilen von heute Morgen, Montag, den sechzehnten Juni! Bundesweit: Bundesrat genehmigt endlich den Verkauf der acht letzten Universitäten des Landes an zwei Investorengruppen.
Kanzlerin Reinders-Winkelmann beendet ihre Reise nach Marokko und Algerien zu den DesertEnergy-Energieparks. DesertEnergy sagt zu, die bisher bereitgestellten Strommengen für die Versorgung des deutschen Stromnetzes für das nächste Jahr um weitere fünfzehn Prozent anzuheben. Die Verteilquoten der Abnehmerländer Spanien, Frankreich und Deutschland wurden mit dem Konzern neu verhandelt. Die zusätzlichen Strommengen der Energieparks bei Sidi Ifni und Essaouira, die bald ins europäische Netz fließen, gehen hauptsächlich nach Deutschland.
Die Verhandlungen über erweiterte Stromlieferungen durch RWE Solar sind ins Stocken geraten. Die Streitigkeiten zwischen Algerien und Libyen betreffen weiterhin auch die Nutzung der gemeinsamen Unterseestromtrassen, über die beide Länder ihren Wüstenstrom nach Italien leiten. Die Fertigstellung der neuen Trasse, die RWE Solar zusammen mit ihrer algerischen Partnerfirma Algier Power nach Sardinien legt, ist wegen technischer Probleme ins Stocken geraten. Außerdem gibt es weiterhin Uneinigkeit mit der italienischen Regierung, die für den Anschluss der neuen Trasse an das europäische Stromnetz einen höheren Nutzungsanteil fordert.
Die geplanten Änderungen der gesetzlichen Regelungen zum Betrieb von autonomen regionalen Energieerzeugern werden im nächsten Monat im Bundesrat verabschiedet. Es ist noch nicht bekannt, welche Änderungen tatsächlich angenommen werden, aber es gilt als wahrscheinlich, dass auch bestehende Kleinanlagen zukünftig deutlich höhere Sicherheitsstandards erfüllen müssen, was vermutlich für mindestens die Hälfte der betriebenen Anlagen das Aus bedeuten wird.
Arbeitslosenquote in Deutschland wieder bei sechzehn Prozent. Das ist der niedrigste Stand seit mehr als zehn Jahren. Die Armutsquote bleibt unverändert bei achtundzwanzig Prozent aller registrierten Bundesbürger. Als arm gilt, wer weniger als vierzig Prozent des durchschnittlichen Lohns aller Arbeiter und Angestellten verdient oder in einem Haushalt lebt, auf den diese Messgröße zutrifft.
GlobSecure verhinderte in der Nacht von Samstag auf Sonntag zwei Anschläge auf Residenzen bei Frankfurt und Berlin. Die Täter wurden gefasst. Die Polizei geht davon aus, dass sie keiner terroristischen Organisation angehören, sondern Einzeltäter sind.
Die Ermittlungen zu der Ermordung des Ehepaars Neidert, Hauptanteilseigner der Firma Hydrogen Supply, und dreier Passanten in einer Tiefgarage nahe der Frankfurter Oper vor zwei Wochen, verlaufen bisher ohne Fortschritte.
Ein Sprengstoffanschlag auf die Nordsüdtrasse Eins in der Nähe von Münster ist fehlgeschlagen. Die an einem der Strommasten angebrachten Sprengladungen richteten nur geringfügigen Schaden an. Die Polizei wertet die Videoaufzeichnungen der nahe gelegenen Autobahn A1 aus. Ein Bekennerschreiben von FreePeople wird aktuell geprüft.
Lokales: Bereits seit fünfzig Tagen ist die Stromversorgung im Stadtgebiet dank des neuen Speicherwerks deutlich stabiler. Die Ausfallrate liegt damit im Schnitt über alle Stadtteile bei weniger als zehn Prozent.
Die Grüne Tafel meldet einen neuen Versorgungsrekord. Sie verteilt nun täglich sechstausend Mahlzeiten aus Spendenmitteln an vier Ausgabeplätzen in der Stadt…<<
Die Hand erreichte endlich das laut tönende Gerät. Die Finger berührten die Oberfläche. Augenblicklich verstummte die Stimme der Nachrichtensprecherin. Die Hand krallte sich in das Kopfkissen und zog es zur Seite. Der Mann hob blinzelnd seinen Kopf. Gemächlich fuhr die Hand über dunkelblonde Haare. Der Mann drehte sich langsam unter der Decke auf den Rücken und gähnte. Blinzelnd schaute er zum Fenster. Dann drehte er seinen Kopf und blickte zur Uhr. Es vergingen einige Sekunden, als benötigte die Information, die er aufnahm, einen Moment bis zur Verarbeitung.
Endlich schien er zu einem Ergebnis gekommen zu sein. Die Bettdecke flog zur Seite, rutschte auf den Boden und der Mann sprang aus dem Bett. Hektisch riss er sich sein T-Shirt runter, warf es der Bettdecke hinterher und stürzte mit einem kaum merklichen Hinken durch die Tür hinaus. Seine nackten Füße klatschten leise auf dem hellgrauen Fußboden. Ein paar daumengroße Staubklumpen rollten gemächlich zur Seite.
>>Mist! Der Termin mit der Job-Vermittlung!<<
Der Mann eilte durch einen kleinen dunklen Flur in ein nur geringfügig größeres Bad und blieb vor einem schwach beleuchteten Display stehen, das neben der Tür hing. Mit schnellen Bewegungen tippte der Mann darauf. Das Ergebnis war offensichtlich nicht wie erwartet und er schlug mit der flachen Hand wütend auf das Gerät. Prompt wurde die Bedienoberfläche des Smart Meter schwarz. Das Gerät, mit dem sich Heizung und elektrische Verbraucher der Wohnung steuern ließen, verfiel als Folge der rüpelhaften Handbewegung in den Stand-By-Modus.
>>Was für ein Mist! Stromversorgung stabil seit fünfzig Tagen! Von wegen!<<
Der Mann schob den an nur noch einigen seiner Befestigungsösen hängenden Vorhang der kleinen Duschkabine hinter der Tür zur Seite, zog seine Unterhose aus und warf sie in den Flur, bevor er in die Dusche stieg und das Wasser aufdrehte. Er zog den Duschkopf aus der Halterung und hielt ihn weit genug von sich weg, um nicht mit dem Wasser in Berührung zu kommen. Er beugte sich vor und ließ die kalten Schauer kurz ein paar Mal über seinen Kopf schwenken, wobei er leise vor sich hin fluchte und sich schüttelte.
>>Mann, ist das kalt! Warum muss diese verdammte Stromversorgung immer morgens ausfallen?<<
Er legte den Duschkopf auf den Boden der Duschwanne neben eine Shampooflasche. Dann begann er seine Haare einzuschäumen und wiederholte die Prozedur mit den kurzen Wasserschwenks, begleitet von weiteren leisen Kraftausdrücken und Zuckungen, die durch seinen Körper gingen, bis er das Gefühl hatte, das Shampoo zumindest gefühlt wieder ausgewaschen zu haben. Der Rest seiner Körperwäsche verlief noch schneller, was nicht nur der Wassertemperatur, sondern auch dem Umstand seiner Eile geschuldet war. Wenige Minuten später stand er mit nassen Haaren wieder im Schlafzimmer und kramte Boxershorts, eine Hose und ein Shirt aus dem Kleiderschrank, wobei mehrere Wäscheteile auf dem Boden landeten, die er nicht weiter beachtete. Immerhin fanden sie bereits Gesellschaft vor, die schon länger am Boden verweilte.
Hektisch zog er sich an und eilte in die Küche. Auch dieser Raum glänzte nicht durch eine luxuriöse Ausstattung. Ein einzelner stumpf polierter Spültisch, daneben ein Herd. Die Arbeitsplatte balancierte dazwischen mangels weiterer Unterschränke auf zwei Metallböcken. Ein kleiner Esstisch stand in einer Ecke, umringt von drei Stühlen, die einen abgenutzten Eindruck machten.
Über die Wandseite mit dem Fenster spannte sich, gestützt von ein paar Schränken, eine Ablage, auf der sich ein kleines Sammelsurium von Gewürzdosen, Kaffeetassen, einer Kaffeemaschine, einem Toaster und einem Brotkasten verteilte. Auf dem Toaster klebte ein Schild, auf dem Außer Betrieb stand.
Eilig nahm der Mann aus dem Brotkasten ein paar Toastscheiben. Er warf einen prüfenden Blick auf den Kühlschrank, dessen Tür mit kleinen runden Magneten und Zetteln großzügig bedeckt war. Kurz blieb sein Blick auf einem handflächengroßen Zettel hängen, auf den mit einem roten Stift ein Herz gemalt war, in dem ein Name stand, darunter ein paar Worte:
>>Daniel, mein Lover! Bis bald!<<
Daniel Neumann musste unwillkürlich lächeln. Der Zettel hing hier seit dem vorigen Morgen. Carina hatte sich zwar in der für einen One-Night-Stand üblichen Weise verabschiedet, heimlich und unbemerkt im Morgengrauen, aber immerhin etwas hinterlassen, das auf ein Wiedersehen hindeutete. Er war neugierig, wann sie sich wieder bei ihm melden würde. Viel wusste er nicht von ihr. Sie arbeitete bei einem Möbelhaus als Einkäuferin für Kindermöbel. Sie fuhr ein Motorrad, eine italienische Sportmaschine, was sie interessant machte. Er hatte vor seinem Arbeitsunfall selbst eine Maschine besessen. Und sie hatte einen atemberaubenden Körper. Ihr übriges Talent hatte ihn für die Nacht in einen rauschhaften Zustand versetzt. Sie hatte seine Telefonnummer, er aber dummerweise nicht ihre, was ihn total nervte. Ihm blieb so erst einmal nur abzuwarten.
Vorsichtig öffnete er die Kühlschranktür. Kühle Luft schlug ihm entgegen und das Licht im Innern brannte. Das Gerät war noch oder wieder in Betrieb. Damit standen die Chancen gut, dass das, was im Kühlschrank lagerte, noch genießbar war. Er ignorierte das unterste Fach, in dem sich Bierflaschen stapelten, ebenso das Fach in der Tür, in dem eine halb leere Wodkaflasche von zwei ähnlich geleerten Flaschen mit Whisky und einer dunkelblauen Flüssigkeit flankiert wurde. Während Daniel mit einer Hand ein paar aufeinandergestapelte Plastikbehälter herausnahm, tippte er mit der anderen Hand auf das Display seines Smartphones, das auf der Ablage neben dem Kühlschrank in einer Ladeschale lag, in trauter Zweisamkeit mit einer Commwatch, die sich stets in Verbindung mit dem Telefon befand und die neben der Uhrzeit hauptsächlich eine Bezahlfunktion, eine Mailschnellansicht und Identifikationsdienste bereitstellte.
Tatsächlich schaffte er es, den Zugriffscode einzugeben, ohne dass ihm einer der Behälter aus der anderen Hand rutschte.
Kurz darauf schaute Daniel kauend aus dem Fenster. Seine Wohnung befand sich im vierten Stock eines Mietshauses in einem Vorort der Stadt direkt an einer Hauptstraße. Von seinem Fenster aus konnte er gut mehrere Rent-to-drive Parkplätze auf der anderen Straßenseite vor einem Schuhgeschäft sehen, zwei davon belegt. Andere Fahrzeuge standen nicht auf der Straße. Der Besitz von eigenen Autos war an zwei Faktoren geknüpft, die in diesem Stadtteil nicht viele Leute erfüllten. Zunächst reduzierten Emissionsvorschriften die Auswahl auf elektrische Antriebe. Fahrzeuge, die Strom nur aus Akkus bereitstellten, litten in ihrer Langlebigkeit am teuren Austausch der Akkus nach wenigen Jahren, was möglicherweise nicht an der Unfähigkeit von Ingenieuren, sondern der Geschicklichkeit von Kaufleuten lag. Fahrzeuge mit Brennstoffzellen, die ihren Strom während der Fahrt erzeugten, waren beim Kauf immer noch extrem teuer. Der zweite Faktor war das Vorhandensein ausreichender finanzieller Mittel, die hier kaum jemand besaß.
Mietwagenfirmen machten also das Geschäft mit der geliehenen Mobilität. In Folge waren am Abend die zahlreichen Parkplätze vor den Häusern ausgiebig belegt. Am Morgen jedoch herrschte akute Flaute, der Fluch der Gemeinschaftsgüter, die immer die benutzten, die schneller waren als die anderen. Buslinien verkehrten zwar, aber nur unzuverlässig, was Daniel an diesem Morgen überhaupt nicht half.
Erleichtert stellte er fest, dass beide Fahrzeuge eines lokalen Mietwagenanbieters zur Verfügung standen. Auf der Betreiber-App der Verleihfirma reservierte er sich eines der Fahrzeuge. Jetzt hatte er zehn Minuten Zeit, sich am belegten Auto zu identifizieren. Die Uhr auf dem Display des Smartphones zeigte achtzehn Minuten nach sieben. Bis zum Termin blieb ihm noch fast eine dreiviertel Stunde.
Dieser Stadtteil im Randgebiet der Stadt hatte die vergangenen Jahre weitgehend unbeschadet überstanden. Trotzdem konnte sich jeder, der hier in den letzten Jahrzehnten seine Zeit verbracht hatte, erinnern, dass die Häuser früher nicht in diesem Maße mit Graffitis überzogen und die Straßen mit weniger Müll bedeckt waren. Auch hatten die Fenster in den Erdgeschossen vor Jahren noch keine stabilen Gitter gehabt, die es nächtlich umherziehenden Einbrecherbanden und Gelegenheitsplünderern möglichst schwer machen sollten. Die Kameraüberwachung wies in diesem Stadtteil große Lücken auf, was solche Maßnahmen dringend erforderlich machte. Immerhin aber suchte man hier auf den Bürgersteigen platzierte brennende Mülltonnen und darum herumstehende Typen noch vergebens. In anderen Stadtteilen sah das durchaus anders aus, insbesondere im Norden der Stadt, der schon immer ein besonderer Anziehungspunkt für die sozial Schwächeren gewesen war.
Seit er hier wohnte, war erst einmal in seine Wohnung eingebrochen worden. Die Diebe hatten sich tagsüber ins Treppenhaus geschlichen und dann mehrere Wohnungstüren aufgebrochen. Bei Daniel war nicht viel zu finden gewesen. Als kleines Dankeschön hatten die Einbrecher mitten in seiner Küche einen stinkenden braunen Haufen samt darauf drapierten Toilettenpapier hinterlassen, den Kühlschrank geplündert und die Matratze seines Bettes zerschlitzt. Seitdem sicherten zwei schwere Stahlriegel die Wohnungstür, die sich auf beiden Seiten der Tür in Metallhalterungen in der Wand schoben. Das Besondere an dem System waren die Schließzylinder, die in je einer beweglichen Stahlkugel lagerten, die über ein Kommando vom Smartphone mittels kleiner Elektromotoren um neunzig Grad längs zur Tür gedreht werden konnten. Damit half nicht einmal das Aufbohren der Zylinder etwas. Das System samt Akku hatte mehr als einen Monatslohn verschlungen. Aber bei den weiteren Einbrüchen im Haus war seine Wohnung verschont worden. Mit einem mit schwarzem Filzstift auf die Tür geschriebenen Fuck you, Arschloch! konnte er sehr gut leben. Mit Vandalismus und Ekelhaftem auf dem Fußboden weniger.
Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Schmierereien zu entfernen. Carina hatte seine Erklärung zu dem fantasievollen Graffiti mit einem Schmunzeln zur Kenntnis genommen und sich lieber damit beschäftigt, ihm noch vor der Tür das T-Shirt auszuziehen und seine Hose aufzuknöpfen.
Für die personell knapp ausgestattete Polizei war Streifendienst zur Gefahrenabwehr eine nachrangige Aufgabe geworden, was Daniel oft genug gegenüber den anderen Hausbewohnern argumentieren musste, die wussten, bei welchem Arbeitgeber er vor einigen Monaten noch beschäftigt gewesen war. Aber er konnte nicht mehr für sie machen als ihnen Ratschläge zu geben, wie sie sich gegen das Aufbrechen ihrer eigenen Wohnungstüren schützen konnten.
Daniel stopfte sich den letzten Rest des Brotes in den Mund, legte sich die Commwatch ums Handgelenk, griff nach dem Smartphone und ging zur Küchentür, wobei er mit einem Fuß eine Kiste traf, die unter dem kleinen Esstisch stand. Die Kiste schoss ein Stück weiter und stoppte am Bein eines Stuhls. Mit lautem Klirren fielen ein paar darin abgestellte Flaschen um, die denen in der Kühlschranktür sehr ähnelten. Daniel stockte kurz, schüttelte seinen Kopf und eilte in den Flur. Er würde doch in nächster Zeit seine Wohnung auf Vordermann bringen müssen. Die Spuren seiner ungesunden Lebensweise beseitigen, seinen Kleiderschrank mit gewaschener Wäsche füllen und andere Dinge, die Frauen lieber sahen als leere Whiskyflaschen unterm Tisch und einen Haufen getragener Klamotten auf dem Fußboden. Ein guter Eindruck konnte nicht schaden. Es musste ja nicht gleich für den Rest des Lebens sein, aber für ein paar weitere unbeschreibliche hormonell dominierte Nächte. Für mehr würde er sein Leben noch deutlich mehr in Ordnung bringen müssen. Aktuell die größte Hürde, die sich ihm bot.
Auf der Straße war es ruhig. Zwar hatten die Geschäfte bereits geöffnet, aber nur wenige Leute waren zu dieser frühen Zeit unterwegs. Ein paar Fahrzeuge rollten vorbei. Ein deutliches synthetisches Surren begleitete die Wagen und machte auf sie aufmerksam. Ein paar Lieferdrohnen zogen in mehreren Metern Höhe vorbei.
Daniel überquerte die Straße. Vor den Rent-to-drive Parkplätzen blieb er stehen und gab über die Mietwagenapplikation auf seinem Smartphone eine Bestätigung seiner Reservierung ein. Die Applikation übergab ein Signal, um den sich nahenden Mieter anzumelden. Prompt blinkte auf dem Armaturenbrett des rechten Wagens kurz ein Lichtsignal und zeigte als Antwort die Entsicherung der Türen an.
Daniel stieg in den kleinen Stadtwagen, einen hochbauenden, sehr kurzen Zweisitzer mit kleinem Kofferraum, wie er bevorzugt von Leihfahrzeugfirmen eingesetzt wurde. Er legte sein Smartphone in eine Halterung in der Konsole. Sofort hatte sich das Gerät mit dem Fahrzeug verbunden. Ab diesem Moment wurde die Nutzung des Wagens minutengenau abgerechnet. Auch die Fahrzeugelektronik aktivierte sich. Nun wurden Daniel einige gesetzlich vorgeschriebene Hinweise über alle Risiken der Benutzung eines Wagens auf dem fahrzeugeigenen Display angezeigt, die er ignorierte. Ohne nur eine Zeile zu lesen, tippte er auf den Bestätigungsbutton. Daniel hatte sich schon wiederholt gefragt, welcher Fahrer diese Texte wirklich jemals gelesen hatte.
Ein unangenehmes lautes Piepen wies ihn darauf hin, dass er noch nicht angegurtet war. Kaum rastete das Gurtschloss ein, wurde im Display die Bereitschaft des Antriebs und der Akkus angezeigt. Daniel prüfte die Reichweitenanzeige und nickte zufrieden. Das Fahrzeug musste bereits am Vorabend abgestellt worden sein. Für den Ladevorgang hatte damit genug Zeit zur Verfügung gestanden. Die Leihwagenplätze waren mit Induktionsplatten im Boden bestückt, über die die Akkus der Fahrzeuge kontaktfrei mit Strom geladen wurden. Solche Systeme verhinderten Stromdiebstahl sehr zuverlässig.
Das System meldete sich mit einer freundlichen männlichen Stimme und fragte nach dem Fahrtziel, um eine optimale Route zu ermitteln, vorbei an möglichen Staus, mit geringstmöglichem Energieverbrauch. Abschließend wurde Daniel gefragt, ob er den automatisierten Fahrzeugmodus wünschte, was nichts anderes bedeutete, als dass der Wagen das Lenkrad wegklappen würde, um das Ziel per automatischer Steuerung selbständig anzusteuern. Der kleine Hinweis auf den Preis dieses Service fiel fast beiläufig. Mangels ausreichender Liquidität für solchen Luxus wählte Daniel den Selbstfahrmodus.
Endlich gab die Elektronik das Beschleunigungspedal frei. Daniel steuerte in Richtung Innenstadt. Es waren wenige andere Wagen unterwegs, die meisten davon ebenfalls Mietwagen. Nach wenigen Minuten verließ Daniel den Stadtteil und steuerte auf eine mehrspurige Bundesstraße, die die Stadt in der Mitte teilte. Er passierte an der Auffahrt eine Mautbrücke, die den Wagen registrierte und seine Mietkosten unangenehm nach oben trieb, und erhöhte das Tempo etwas, blieb aber auf der rechten Spur. Mehrere andere Wagen überholten ihn mit geringfügig höherem Tempo, machten aber eilig Platz, als ein paar schwarze SUV mit abgedunkelten Scheiben auf der linken Spur vorbeizogen und dabei eindeutig das geltende Tempolimit und die Kameraüberwachung des Verkehrs missachteten.
Gelangweilt gönnte sich Daniel einen Blick in ein anderes Fahrzeug, in dem er einen langen blonden Haarschopf auszumachen glaubte. Er hatte sich nicht getäuscht. Die Fahrerin des Wagens war ausgesprochen attraktiv und Daniels Blick blieb an ihr haften. Ein paar Momente zu lang. Prompt ertönte ein unangenehm scharfes Pfeifen, dann erklang die Stimme der Fahrzeugsteuerung in einem sehr bestimmenden Basston.
>>Achtung, Aufmerksamkeitsalarm! Bitte fahren Sie an die Seite und stoppen Sie die Fahrt oder bestätigen Sie Ihre Fahrbereitschaft! Achtung, Aufmerksamkeitsalarm!<<
Auf dem Display wurde ein großer roter Button angezeigt, der die gut lesbare Aufschrift >>Fahrercheck<< trug. Genervt tippte er auf den Button. Das Ganze wiederholte sich zweimal, bevor das Überwachungssystem feststellte, dass der Fahrer tatsächlich wieder seinem Blick nach vorne auf die Straße richtete. Daniel wusste, es brauchte nur zwei weitere dieser Vorfälle und der Wagen würde dauerhaft per Blinksignal auf sich aufmerksam machen, bei Schrittgeschwindigkeit, während das Fahrbahnerkennungssystem den Wagen in die nächste Nothaltebucht lenken würde. Sicherheit war oberste Priorität im Straßenverkehr. Immerhin gab es in Deutschland pro Jahr nur noch weniger als eintausend Verkehrstote, als Ergebnis der immer weiter zurückgehenden Fahrzeugzulassungen und der gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitssysteme in allen Fahrzeugen. Die kleine Kamera in der Instrumententafel vor ihm registrierte sein Gesicht, solange der Wagen sich vorwärts bewegte. Die Fahrzeugsteuerung analysierte die Aufnahmen und entschied darüber, ob der Fahrer eventuell nur noch als Passagier behandelt werden musste.
Daniel atmete tief durch, während er den Wagen in die nächste Abfahrt Richtung Innenstadt steuerte. Kurz danach passierte er einen Kontrollposten, an dem einer der SUV parkte, die ihn wenige Minuten zuvor überholt hatten. Der Posten bestand aus zwei schweren zur Seite rollbaren Torelementen aus Stahl, um die gesamte Breite des Fahrwegs sperren zu können, und einem massiven Metallgerüst, das wie ein Bogen über der Straße stand und mehrere Kameras trug, die in beiden Richtungen Aufnahmen von Fahrzeuginsassen, Fahrzeugen und Passanten machten und in der Lage waren, weitergehende Scans außerhalb des Bereichs sichtbaren Lichts durchzuführen. Das Gerüst wurde auf beiden Seiten von einer etwa vier Meter hohen Mauer fortgesetzt, die auf jeder Straßenseite erst an den Hausreihen endete. Der Kontrollposten war einer von mehreren Dutzend, die alle Auswahlstraßen des Stadtzentrums sicherten. Das Ganze erinnerte an mittelalterliche Zustände, wenn auch die damals üblichen Zugbrücken fehlten und Kameras den Job der Mauerwache übernahmen.
Innerhalb des gesicherten Bezirks war die Stadt außerdem mit einem Netz von Überwachungskameras überzogen. Die Sicherung der Kontrollposten führten Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma durch, von denen mehrere solche Dienstleistungen inklusive der Kameraüberwachung in allen größeren Städten anboten. In dieser Stadt gab es drei solche abgesperrten Bereiche. Außer dem Stadtzentrum waren das Gelände der privaten Universität und eines der südlichen Stadtviertel abgeriegelt und wurden von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht.
Vier breitschultrige Typen in schwarzer Kleidung mit kurz geschorenen Haaren standen neben den hochgestellten Schranken und beobachteten mit gelangweilter Miene Fahrzeuge und Fußgänger, die Richtung Innenstadt wollten. Sie trugen Halfter mit Elektroschockern und Schlagstöcke am Gürtel. An ihren Köpfen waren zudem Headsets mit einer kleinen Kameralinse zu erkennen. Als Daniel langsam an ihnen vorbeirollte, wurde er von den Männern nur mit einem kurzen desinteressierten Blick bedacht.
Lediglich die automatische Mauterfassung schenkte ihm ihre volle Aufmerksamkeit, zumindest für den kurzen Augenblick, den die Geräte über der Durchfahrt benötigten, um sein Fahrzeug zu identifizieren und eine Zahlungsaufforderung an die Leihwagenfirma zu schicken, die einen Atemzug später bereits seinem Konto belastet wurde.
Wenige Minuten später parkte er das Fahrzeug auf einem freien Rent-to-drive Parkplatz gegenüber dem Gebäude, in dem sein Termin stattfinden sollte. Das Amt für Arbeit, wie es einer Versprechung gleich genannt wurde, lag nahe dem Stadtzentrum in einer ehemals weniger angesehenen Gegend, in der es seit ein paar Jahren zumindest innerhalb des abgesperrten Bezirks keine Problemviertel mehr gab. Dafür hatten erst neue rechtliche Freiräume für finanzstarke Investoren und seit einer Phase der Stadtneuplanung die Sicherheitsdienste gesorgt.
Es war scheinbar noch zu früh für den üblichen Publikumsverkehr in diesem Amt, denn die Straßen waren weitgehend menschenleer. Nur wenige Passanten schlenderten über die Bürgersteige. Zwei Fahrradfahrer rollten an ihm vorbei. Ein Wagen bremste abrupt hinter den Rädern ab und überholte sie mit weitem Abstand. Ein blaues Lauflicht auf dem Dach signalisierte die aktivierte autonome Steuerung des Fahrzeugs. Achtung, hier lenkt ein Computer.
Daniel nahm seine Sachen an sich und stieg aus dem Leihwagen. Nachdem er das Fahrzeug auf dem Stellplatz über der Induktionsfläche abgestellt hatte, beendete er in der App den Leihvorgang. Sekunden später erhielt er auf dem Display die Information über den Mietpreis für die Fahrt. Das Bild wechselte und ein Fenster mit dem Logo seiner Bank öffnete sich, in dem er über die Abbuchung und seinen aktuellen Kontostand informiert wurde. Die angezeigte Zahl war beunruhigend klein. Aber er hatte heute einen Termin, der dieses Problem hoffentlich lösen würde. Auf dem Weg zum Eingang warf Daniel einen Blick auf das Display der Commwatch. Er war pünktlich. Ein paar Minuten blieben ihm noch.
Das Erdgeschoss des Amtes bildete eine Halle, die den Blick bis zur Decke des Gebäudes zuließ. Auf der rechten Seite sah Daniel eine großzügige Wendeltreppe. Geländer zogen sich in den oberen Etagen über die gesamte Gebäudebreite hin. Dahinter verbargen sich vermutlich Büroräume. Im Erdgeschoss befand sich bis zur Wendeltreppe eine Reihe von Schaltern, über denen Nummerierungen angebracht waren. Die Anzeigen informierten außerdem darüber ob die Schalter besetzt waren und welche Besuchernummer die nächste war, die zur Bearbeitung anstand. Bildschirme ersetzten die Plätze der früheren Sachbearbeiter. Neben der Treppe stand ein Wegweiser, der darüber Auskunft erteilte, welche Abteilungen sich in den oberen Etagen befanden. Über der Liste der Büronummern prangte in kräftigen Buchstaben ein Hinweis: Kein Zutritt ohne Vorladung.
Als ginge es darum, diesem Satz eine eindeutige Erklärung hinzuzufügen, stand auf dem ersten Treppenabsatz vor einem mannshohen Sperrgitter ein Uniformierter mit Bürstenhaarschnitt, der seine dunkle Jacke fast bis zum Platzen füllte und mit unbewegter Miene in die Halle hineinschaute, die Daumen in die Taschen seiner Jacke gehakt. Am Gürtel baumelte ein Schlagstock, daneben steckte in einem Halfter ein Taser, ein praktisches Elektroschockgerät für den Umgang mit problematischer Klientel.
Zwei Frauen in abgetragener Kleidung standen an den Schaltern und sprachen mit Mitarbeitern auf den Bildschirmen. Der eigentlich dunkelgraue Fußboden der Halle hatte dringend eine Reinigung nötig. Helle Schlieren, Ränder und Abdrücke von Schuhsohlen überall zeugten noch von den letzten Regentagen. Die Wände waren ebenfalls alles andere als sauber. Gelangweilte Besucher hatten sich hier ebenso mit kleinen Graffitis und Schmierereien verewigt. Von einem dunklen Fleck nahe dem Eingang liefen schmale Spuren in eine Richtung über den Fußboden, als wäre Flüssigkeit verspritzt worden. Die Färbung erinnerte Daniel an Blut. Der Fleck war an den Rändern etwas verwischt, als hätte jemand seinen kräftigen Haarschopf dort angelehnt und hin und her bewegt.
Daniel versuchte sich erst gar nicht vorzustellen, was hier passiert sein mochte. Er öffnete im Kalender seines Smartphones den eingestellten Termin.
Jobvermittlung Desk 12 las er und schaute sich suchend um.
Unter der gesuchten Zahl auf einem Monitor im rechten Teil der Halle wurde bereits seine Reservierungsnummer in kräftigem Rot angezeigt. Daniel stellte sich vor den Schalter und grüßte die Frau auf dem Schirm freundlich. Ein Schild an ihrer schlichten blauen Bluse wies sie als Fr. Wolenski aus. Frau Wolenski schaute ihn nur kurz an und tippte weiter energisch auf eine Tastatur während sie auf einen Monitor schaute. Daniel blieb geduldig vor dem Schalter stehen und schaute sich gelangweilt um. Einige Leute betraten die Halle und verteilten sich auf die anderen Schalter. Frau Wolenksi, die sich wohl längst im fortgeschrittenen Alter befand, beachtete ihn nicht weiter und ging ihrer Arbeit nach. Ihre grauen schulterlangen Haare waren strähnig, ihr Gesicht von vielen kleinen Falten durchzogen. Der Rücken der Frau war ungesund krumm, was dem Kopf beim Blick auf den Bildschirm eine unnatürlich abgewinkelte Position auf dem Hals verlieh. Sie trug dazu ein dickes schwarzes Brillengestell mit halbkreisförmigen Gläsern, das ihrem Gesicht eine zusätzliche Strenge verlieh.
Wohl, um eine gewisse psychologische Wirkung gegenüber den Kunden des Amtes herzustellen, befanden sich die Bildschirme über Augenhöhe der Kunden. Über ihre Bürokamera schaute Frau Wolenski ein Stück auf Daniel herunter. Endlich nahm sie ihre Hände von der Tastatur und drehte ihren Stuhl herum.
>>Sie wünschen?<<
Sie schaute ihn über die sehr tief sitzenden Brillengläser hinweg an und schon hatte er das Gefühl, eher vor einer Richterin als vor einer Sachbearbeiterin zu stehen. Daniel ignorierte das aufkommende Unbehagen und hielt seine Commwatch gegen einen Sensor unter dem Bildschirm. In der Ablage darunter befand sich eine dunkle Glasfläche, auf der ein daumenähnliches Symbol aufleuchtete. Daniel legte seinen Daumen auf die Fläche, die sich schmierig anfühlte. Der Abdruck wurde gegen die Daten aus der Commwatch abgeglichen. Hätte Daniel einen Identchip unter der Haut seiner rechten Hand getragen, wäre der Fingerabdruck nicht notwendig gewesen. Aber er hatte sich nicht zu diesem kleinen medizinischen Eingriff durchringen können. Allein das Gefühl, eine einen Zentimeter lange und einen halben Zentimeter durchmessende Kapsel im weichen Gewebe unterhalb des Daumens zu tragen, ließ ihn frösteln. Frau Wolenski schaute kurz auf ihren Monitor und nickte ihm dann zu.
>>Herr Daniel Neumann! Sie sind zu Ihrem Termin pünktlich! Das ist schon einmal sehr positiv!<<
Ihre Stimme war kalt und scharf, eher vom Typ Aufseher als Berater. Das versprach kein angenehmes Gespräch zu werden.
>>Sie sind seit drei Monaten ohne Beschäftigung! Heute endet damit die Übergangsfrist für den Bezug von staatlichen Unterhaltsleistungen!<<
Zwischen ihren Augen zog sich die Stirn in einige missbilligend wirkende Falten.
>>Was haben Sie unternommen, um sich eine neue Beschäftigung zu suchen?<<
Vermutlich hing schon von der Antwort auf diese Frage eine minimale Steigerung ihres Wohlwollens ihm gegenüber ab. Somit hatte er schon keine gute Ausgangssituation.
Die Wahrheit war, er hatte gar nichts getan. Die Wochen seit seiner Entlassung aus dem Polizeidienst hatte Daniel in Bezug auf das Lebensnotwendige weitgehend mit Nichtstun verbracht.
Auch wenn es absehbar gewesen war, hatte es ihn ziemlich getroffen, als die Kündigung ausgesprochen wurde. Es war schnell gegangen. Der Leiter seiner Abteilung Internetkriminalität hatte ihn an jenem Morgen bei seinem Eintreffen zu Dienstbeginn direkt in sein Büro beordert. Auf dem Schreibtisch lag ein Umschlag, den er Daniel schweigend zuschob. Grundsätzlich stand nicht viel in dem Brief. Sein Vertrag sei zum nächsten Monatsende gekündigt. Der Grund war banal und stand vermutlich seit mehreren Jahren in Tausenden von solchen Kündigungsschreiben, die die staatlichen Einrichtungen verschickten, um ihren Personalbestand an die Finanzlage, also die Höhe der Steuereinnahmen, anzupassen. Er nahm allerdings den größten Teil des Textes ein, der sich über die Seite hinzog.
>>Durch das Gesetz zur Regulierung von Bundes-, Landes- und Kommunalhaushalten ist allen Einrichtungen der öffentlichen Hand untersagt, defizitäre Haushalte auszuweisen. Im Rahmen des damit verbundenen Zwangs zur Ausgabenregulierung ist auch die Polizeidirektion Dortmund verpflichtet…<<
Und dann ging es in schwülstiger Beamtenprosa weiter. Seine Stelle war aufgrund komplizierter Umstände überflüssig geworden. So einfach war das. Zumindest auf dem Papier.
Nach der Ausbildung für den Polizeidienst hatte Daniel zwei Jahre bei der Bereitschaftspolizei gearbeitet, bis er mit seiner Einheit zur Absicherung einer Demonstration befohlen wurde. Die Demonstrationen zu den Auswirkungen des deutschen Staatsbankrotts hatten gerade begonnen. Das Ausbleiben der Zahlungen von Sozialhilfen und Renten und die sprunghaft steigende Arbeitslosigkeit ließen die Gewaltbereitschaft vieler Bürger sprunghaft ansteigen. Eine große Gruppe Krawallmacher griff seine Einheit an, als sich die Hauptgruppe der Demonstranten auf dem Rathausplatz der Stadt versammelt hatte. Es ging rasend schnell. Erst wurden sie mit Hunderten von Plastikbeuteln beworfen, die beim Aufprall zerplatzten. Die Polizisten mit Farbe bespritzten und aus ihren Helmvisieren undurchsichtige Gestaltungsflächen für moderne Malkunst machten. Dann stürmte eine große Gruppe gegen die desorientierten Polizisten und überrannte sie. Es war kein spontaner Angriff gewesen. Die Angreifer waren gut ausgerüstet gewesen, mit Schlagstöcken, Messern, Schlagringen, Pfefferspray, Brustpanzern, schweren Stiefeln.
Daniel erinnerte sich noch viel zu gut daran. Ein Plastikbeutel mit blauer Farbe war auf seinem Helm zerplatzt und hatte ihm vollständig die Sicht genommen. Ein Angreifer hatte sich gegen seinen Schild geworfen und ihn umgestoßen. Dann presste jemand seine Arme und Beine auf den Boden, sodass er bewegungsunfähig war. Die Schmerzen, als ein stahlbewehrter Schlagstock sein linkes Knie traf und seine Kniescheibe in mehrere Stücke zerteilte, würde er sein Leben lang nicht vergessen. Auch die nachfolgenden Stiefeltritte auf das Knie nicht. Jemand riss ihm den Helm vom Kopf und ein Schlag gegen seine Stirn erlöste ihn damals von den Schmerzen.
Mehrere Monate und Operationen später war er wieder in der Lage gewesen, zu arbeiten, jedoch nicht mehr als Bereitschaftspolizist. Sein Knie war weitgehend wieder hergestellt worden, aber meldete sich bei jeder unbedachten oder zu langen Anstrengung mit einem dumpfen Schmerz und leistete jeder zu starken Beugung Widerstand. Also hatte man ihn in den Innendienst versetzt. Die anschließenden Jahre verbrachte er nach einer entsprechenden Ausbildung bei einer Abteilung, die sich damit beschäftigte, gesetzeswidrige Aktivitäten im Internet zu verfolgen. Es war kein Traumjob und er tat sich mit einigen Anforderungen schwer, aber es war ein Job und manchmal war er sogar mit seinen Ermittlungen erfolgreich.
Bis er rausgeworfen wurde. Ein Brief teilte ihm das Notwendige mit. Sein Vorgesetzter sprach ihm sein Bedauern aus, schüttelte ihm die Hand, dankte ihm für seine Arbeit und bat ihn dann, seinen Schreibtisch sofort zu räumen, da er mit sofortiger Wirkung beurlaubt sei, aus Sicherheitsgründen. Natürlich, Daniel hätte ja auf die Idee kommen können, aus einem Anflug von Rachsucht ein paar Ermittlungen zu sabotieren, möglicherweise Verdächtige zu warnen.
Er musste nur noch ein paar Arbeitsutensilien abgeben, ein paar Unterschriften leisten und Quittungen entgegennehmen. Dann begleitete ihn jemand aus dem Gebäude und Daniel hatte das Gefühl, völlig hilflos zu sein. Allein das Tempo, in dem er vom Wachdienst vor die Tür gebracht wurde, machte ihm deutlich, wie schnell man das Gefühl verinnerlichen konnte, nutzlos oder sogar lästig zu sein.
Dazu war ihm blitzschnell die Kontrolle über sich selbst abhandengekommen. Ein fast dreißigjähriger Polizist mit einem demolierten Knie. Ohne Job, ohne Geld. Für welchen Job war er überhaupt geeignet? Daniel machte sich in einem Zustand mittelschwerer Lethargie auf den Weg nach Hause. Die folgenden Wochen verschlief er tagsüber, vertrieb sich die wachen Stunden zuhause in einer Mischung aus Wut, Niedergeschlagenheit und Selbstzweifel. Abends suchte er erst unregelmäßig, dann nahezu täglich die umliegenden Kneipen auf und ertränkte seine schlechten Gedanken in günstigem Alkohol, bis er nicht mehr ohne Hilfe von seinem Platz an der Theke hochkam und nach dem Saufen Begleitung fand, unsanft und nur bis zur Tür.
Wenn er es dann noch irgendwie nach Hause schaffte, setzte er seine Saufgelage in der Küche fort, bis er morgens meistens auf dem Fußboden liegend mit heftigen Kopfschmerzen erwachte. Nachdem er sein dringendstes Bedürfnis, sich Teile seines Gedächtnisses wegzutrinken, gestillt hatte, reduzierte Daniel seinen Alkoholkonsum und verlegte sich darauf, mit anderer körperlicher Aktivität seine depressive Grundhaltung zu überdecken.
In den Kneipen um die Sicherheitszone der privaten Universität traf man seltener die übertrieben geschminkten Frauen in stilistisch und preislich billigen Klamotten, die erst nach den Wünschen ihres Gesprächspartners fragten und dann einen Preis nannten. Hier fand man eher Bekanntschaften, die keine finanziellen Nöte plagten. Studienplätze an einer privaten Universität waren nicht billig, die Klientel dieser Einrichtung daher meist eher in finanziell gehobenen Schichten zu suchen. Solange man sich auf Nachfrage nach persönlichen Dingen nicht allzu sehr mit der Wahrheit aufhielt, aber noch glaubwürdig blieb, wurden auch ein paar Nächte vergnüglicher.
Carina war seine letzte Bekanntschaft gewesen. Die Erste, die ihn überredet hatte, die Nacht bei ihm zu verbringen. Alle anderen hatten es vorgezogen, ihn morgens aus ihrem eigenen Bett rauszuwerfen. Möglicherweise war es ihm egal gewesen, ihr seine doch eher billig anmutende Unterbringung zu zeigen. Die anderen Frauen hatte er auch nicht wiedergesehen. Was konnte er also verlieren. Als sie zu später Stunde in seinem Bett landeten, hatte es sie ohnehin nicht interessiert. Was sie am Morgen gedacht hatte, als sie durch seine Wohnung schlich, während er noch schlief, hatte er erst mit dem Zettel auf seinem Kühlschrank mitbekommen.
>>Ich habe Sie etwas gefragt!<<
Daniel zuckte zusammen. Er hatte sich ein paar Sekunden zu lange in Gedanken verloren. Zu lange für eine wichtige Mitarbeiterin dieses Amtes, die eine Vielzahl Fälle wie seinen jeden Tag zu bearbeiten hatte. Sie schaute ihn mit einer gewissen herablassenden Ungeduld an, die auf ihn wirkte, als würde schon eine Uhr ticken und die letzten Sekunden dieses Termins abzählen.
>>Nun, ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung, wie ich das sinnvoll angehen soll. Ich war Polizist. Ich habe meine Kontakte angesprochen, die Stellenangebote der verschiedenen in Frage kommenden Behörden durchgesehen, aber es war nichts Passendes für mich dabei!<<
Eine Lüge musste zumindest glaubwürdig klingen.
Möglicherweise deutete Frau Wolenski die zu lang geratene Denkpause auch als Verlegenheit über seine Hilflosigkeit. Immerhin war auch er vor ein paar Monaten noch so wie sie bei einer staatlichen Einrichtung angestellt gewesen. Ihr Gesichtsausdruck wurde etwas milder, zumindest um eine kleine Spur. Sie warf einen Blick auf ihren Monitor.
>>In den Angaben, die Sie zu Ihrer Situation gemacht haben, steht, Sie haben eine Knieverletzung, die Sie daran hindert, in den Streifendienst zu gehen. Haben Sie dazu Nachweise?<<
Die Stimme behielt ihre Kälte bei. Durchschaute sie seine letzte Antwort, weil sie so etwas jeden Tag zu hören bekam?
>>Ich hatte Ihnen den Zugriff auf meine Daten bei meiner Krankenversicherung freigegeben. Darin befindet der Befund zu meinem Knie!<<
Frau Wolenski schaute wieder auf ihren Monitor und bewegte ihre Finger bedächtig über den Touchscreen neben ihrer Tastatur. Nach einer sehr langen Minute nickte sie.
>>Ja, ich habe das vorliegen! Das bedeutet für Ihre Übernahme in die Vermittlung leider eine ziemliche Einschränkung!<<
Irgendwo in der Halle begann jemand mit einem starken Akzent laut und unbeherrscht zu schreien und Beleidigungen auszustoßen. Die Flut von Ausdrücken schien nicht enden zu wollen. Das Vokabular wiederholte sich jedoch recht schnell. Dann knallte es laut, wieder und wieder.
Daniel schaute zur Seite und erblickte einen Mann mit fettig glänzenden schwarzen Haaren ein paar Schalter weiter. Er trug eine löchrige Hose und ein etwas zu klein geratenes Hemd. Der Mann schlug mit der flachen Hand wie ein Besessener auf den Bildschirm eines Schalters, während er seine Beschimpfungen fortsetzte. Eindeutig hatte ihn irgendetwas an der Unterhaltung mit seinem Sachbearbeiter sehr aufgeregt. Der Uniformierte lief die Treppe herunter und näherte sich dem Mann von hinten, während der weiter wie von Sinnen mit der Hand auf den Monitor einschlug. Der Uniformierte hielt etwas in der Hand, das er dem Wütenden in den Rücken drückte. Der Mann erstarrte in seiner Bewegung, während ein knisterndes Geräusch seinen Wortschwall ablöste. Es wurde wieder leise. Der Wachmann zog seine Hand zurück und der paralysierte Mann sackte zu Boden.
Frau Wolenski bekam in ihrem Büro von dem Vorfall natürlich nichts mit. Sie räusperte sich laut.
>>Herr Neumann, wenn wir weitermachen könnten, wäre das sehr hilfreich! Ich habe gleich meinen nächsten Kunden.<<
Daniel wandte sich ihr wieder zu, während der Wachmann über sein Headset Unterstützung anforderte.
>>Äh, ja! Entschuldigung! Hatten Sie etwas gefragt?<<
Wieder tauchten die Falten zwischen ihren Augenbrauen auf.
>>Ich sagte, ich habe momentan kein Angebot für Sie. Das, was ich Ihnen anbieten kann, erfordert entweder Qualifikationen, die Sie nicht haben, oder es bedarf eines Bewerbers, der seine Beine ohne Einschränkung benutzen kann.<<
Daniel wischte sich mit einer Hand über die Stirn. In seinem Knie setzte ein leichtes Stechen ein. Eine Sitzmöglichkeit wäre ihm sehr willkommen gewesen. Er entlastete das linke Bein, was Frau Wolenski scheinbar nicht entging. Die Falten auf Ihrer Stirn bekamen eine neue Dynamik und schoben sich nach oben.
>>Was für Stellen wären das denn?<<
Sie machte eine abwehrende Handbewegung.
>>Ein Hausmeisterjob für ein Firmengebäude. Die zu betreuende Fläche beträgt einhundertfünfzigtausend Quadratmeter. Das bedeutet lange Wege und Sie wackeln jetzt schon auf Ihren Beinen herum. Auf einen Müllwagen kann ich Sie auch nicht schicken. Wie wäre es mit Fahrradkurier?<<
Daniel zuckte zusammen.
>>Meinen Sie das ernst?<<
Sie senkte den Kopf und schaute ihn über ihre halbkreisförmigen Gläser an.
>>Sie haben gefragt, Herr Neumann! Schaffen Sie es, den ganzen Tag Fahrrad zu fahren?<<
Er schüttelte den Kopf. Sie nickte ihm gefällig zu.
Ein Stück entfernt griffen zwei Männer in dunkler Bekleidung nach den Beinen des Randalierers und schleiften ihn zum Ausgang. Daniel wagte nur einen kurzen Blick zur Seite.
>>Gut! Ich kann Ihnen also nichts anbieten! Das ist gut für Sie! Ich kann Ihnen aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung und Ihrer Einstufung aufgrund Ihrer bisherigen Tätigkeit als Angestellter des Landes finanzielle Unterstützung für weitere sechs Monate gewähren. Sie werden unter Berücksichtigung Ihrer körperlichen Einschränkung Arbeitsangebote erhalten. Sie sind verpflichtet, sich bei den Arbeitgebern binnen zwei Werktagen vorzustellen und sich um den jeweiligen Job zu bemühen. Wir erhalten Rückmeldungen der Jobanbieter. Wenn Sie den Eindruck machen, Sie nehmen diese Termine nicht ernst, werden wir Ihnen sofort die staatliche Unterstützung streichen.
Außerdem haben Sie sich selbständig um eine Arbeit zu bemühen. Sie melden uns jede Woche mindestens einen Nachweis darüber, dass Sie bei jemandem vorgesprochen haben. Haben Sie das alles verstanden?<<
Überrascht von diesem Wortschwall nickte Daniel stumm, auch wenn er dem Gehörten nicht zustimmen konnte. Arbeit war, gemessen an der Zahl der Arbeitsuchenden, Mangelware. Arbeitsangebote gab es in überschaubarer Menge, erst recht für Leute wie ihn. Die Bezahlung war wohl noch ein anderes Thema.
>>Gut! Ich habe Ihre Bankdaten. Sie erhalten Ihre erste Zahlung spätestens morgen. Der amtliche Bescheid mit dem Ihnen zugeteilten monatlichen Betrag erhalten Sie noch heute!<<
Sie tippte mit einem Finger auf den Touchscreen und Daniels Smartphone antwortete mit einem Klopfton. Frau Wolenski nickte ihm zu.
>>Das war es für heute! Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Tag!<<
Daniel war entlassen. Der Bildschirm wurde schwarz. Er verließ mit langsamen Schritten die Halle und hielt draußen für einen Moment an. Die beiden Männer, die den Randalierer aus der Halle gezogen hatten, waren gerade damit beschäftigt, ihn in einen Kastenwagen zu setzen. Er hatte nach dem Einsatz des Elektroschockers nur bedingt Kontrolle über seinen Körper. Beim Versuch, sich auf die Rückbank des Wagens zu setzen, kippte er zur Seite und stotterte etwas Unverständliches.
Die beiden Männer warfen die Tür hinter ihm zu und setzten sich nach vorne in den Wagen mit dem Firmenlogo eines Sicherheitsdienstes. Er beschleunigte mit leisem Surren und entfernte sich in Richtung der Stadtabsperrung. Die Regeln innerhalb des gesicherten Bereichs waren ziemlich einfach. Die Sicherheitsdienste hatten absolutes Hausrecht. Wer ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde mindestens aus der Sicherheitszone hinausgeworfen.
Der Mann mit den fettigen Haaren und der löcherigen Hose hatte vermutlich wie Daniel einen Termin gehabt, um staatliche Unterstützung zu erhalten. Seiner Reaktion nach war sie ihm nicht mehr gewährt worden. Darauf kam es nicht mehr an. Er würde vom Sicherheitsdienst zur Zufahrt gebracht und auf der anderen Seite der Absperrung abgeladen werden. Man würde seine Personalien aufnehmen und ihm gegenüber vermutlich ein mehrere Monate dauerndes Zutrittsverbot zum gesicherten Stadtbereich aussprechen. Sollte er es trotzdem wagen, die Zugänge zu passieren oder auf einem anderen nicht erlaubten Weg in diesen Bereich einzudringen, würde die Kameraüberwachung sofort Bilder von ihm erfassen und die Gesichtserkennungssoftware in der Überwachungszentrale sehr schnell einen Sucherfolg anzeigen. Die Folge eines solchen nicht Beachtens eines Zugangsverbots war eine Haftstrafe, immerhin in einer staatlichen Justizvollzugsanstalt in einem kleinen Zimmer, in das niemand einbrach, bei ausreichender Versorgung mit Essen und einer Menge Ruhe.
Vielleicht für Daniel in ein paar Monaten auch eine Option, um noch Unangenehmeres hinauszuschieben.
3.
Es waren gerade etwas mehr als zehn Jahre vergangen, seit die Regierung neben dem größten Teil des staatlichen Eigentums auch einen Teil der staatlichen Aufgaben an die Privatwirtschaft abgegeben hatte. Der Staatsbankrott hatte viel verändert, nicht nur in diesem Land. Es war geradezu bemerkenswert gewesen, in welche Sturheit mehrere Regierungen den Weg in den absehbaren Finanzkollaps verfolgt hatten. Anhäufen exorbitanter Schulden, Absenken der Marktzinsen in den Minusbereich, quasi unlimitierte Ausweitung der Geldmenge zur Stimulierung von Wirtschaftswachstum, Ausweitung der Staatsbudgets und kontinuierliche Steuererhöhungen. Nur gingen Staatswirtschaft und Wirtschaftswachstum nicht zusammen. Das Ende waren massive Währungsspekulationen gegen die europäische Hauptwährung und ein gewaltiger Abfluss von Investitionsmitteln aus Europa. Mehrere große Volkswirtschaften kamen ihren selbst auferlegten Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nach. Der Versuch, über die Europäische Zentralbank die benötigten Mittel quasi herbeizaubern zu lassen, scheiterte. Die Währung kollabierte, wertete gewaltig ab, die Staaten waren zahlungsunfähig.
Eigentlich hätte man erwartet, die europäischen Staaten würden ihre Macht nutzen, um sich mit ein paar eleganten Gesetzen aus der Affäre zu ziehen. Mit einer neuen Währung Staatsschulden abwerten, den Gläubigern einen Schuldenschnitt verordnen, Startkapital für die nächste Runde in Form von Zwangsmaßnahmen bei den Bürgern eintreiben, wie es schon vorher zahlreiche Staaten über die Jahrhunderte immer wieder gemacht hatten, um nach einigen Jahrzehnten wieder am gleichen Punkt anzukommen.
Nur dieses Mal funktionierte es nicht so. Global agierende Unternehmen und Banken, große Kapitalfonds und Investoren sahen vor allem das in Europa in Staatsanleihen angelegtes Kapital in Gefahr und organisierten sich. Den Regierungen Europas wurde der wirtschaftliche Boykott angedroht, sollten sie ihre Schulden einfach mit ein paar Tricks verschwinden lassen.
So kam es zur größten Privatisierungswelle, die Westeuropa je erlebt hatte. Die Staatsschulden wurden in Kapitalfonds gebündelt, die in den Ländern auf Shoppingtour gingen. Die Straßennetze, insbesondere Autobahnen, gingen an die Fonds, jegliche staatlich aufgebaute Infrastruktur, Schulen, Grundstücke, Wälder, Universitäten, Seen, Flüsse, Kanäle, staatliche Liegenschaften jeder Art, staatliche Unternehmensanteile. Die Liste der Käufer, die eigentlich nur verliehenes Kapital gegen Sachwerte tauschten, war ziemlich lang. Mit dem Übergang der Sachwerte gründeten sich aus den Fonds Unternehmen, die den Kapitalfonds gehörten.
In einem zweiten Schritt wurden Gesetze durch Vorgaben der Fonds an die neuen Umstände angepasst. Die staatlichen Haushalte der Bankrottstaaten wurden mit Schuldensperren belegt. Das bedeutete die zukünftige Begrenzung aller Staatsausgaben. Die Parlamentarier winkten den Input nur hilflos durch.
Natürlich wurden als erstes die sozialen Sicherungssysteme deutlich ausgedünnt, Subventionen gekürzt. Aber auch staatliche Aufgaben wurden reduziert. Ein angenehmer Effekt etwa der Autobahnprivatisierung war, dass die Instandhaltung nun nicht mehr mit Steuern bezahlt werden musste, sondern Sache der neuen Eigentümer war, ebenso aber der Neuausbau von Fernstraßen, der nun maßgeblich von ihnen geplant und von den entsprechenden Ministerien nur noch der Form halber abgesegnet wurde.
Die Reduzierung der Polizeikräfte war insbesondere in Deutschland schon vor dem Staatsbankrott bedeutend vorangeschritten. Nun übernahmen einige große Sicherheitsunternehmen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, während die Polizei sich selbst aus diesen Aufgaben weitgehend zurückzog.
Dazu gehörten nicht einfach nur private Wagen mit der Aufschrift Polizei, die durch die Straßen fuhren und deren Insassen nach Falschparkern Ausschau hielten.
Die Unruhen, die mit dem Staatsbankrott einhergingen, die wochenlangen Demonstrationen, die in vielen Großstädten in Ausschreitungen und Plünderungen übergegangen waren, hatten zahlreiche Städte in einem angeschlagenen Zustand hinterlassen. Die Bekanntgabe, dass die Millionen Arbeitslosen, deren Zahl mit der Staatspleite und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Wirtschaft noch gewaltig wuchs, nur noch mit minimaler staatlicher Unterstützung rechnen konnten, wirkte wie ein Doping für die Ausschreitungen, die von Stadtzentren auf Vororte übergriffen und Tausende von Bürgern in bessergestellten Gegenden obdachlos machten, weil deren Häuser von besinnungslos wütenden Demonstranten abgebrannt wurden.
Als Folge wurden in vielen Innenstädten Schutzzonen eingerichtet, in denen die neue private Polizei für Sicherheit sorgte. In Stadtteilen, deren Bewohner es sich leisten konnten, wurden Sicherheitsdienste mit dem Schutz des Eigentums vieler Bürger beauftragt. Weitflächig wurden solche Zonen mit Kameraüberwachung und elektronischen Sicherheitssystemen ausgestattet. Da das kaum genügte, Gewalt und gesetzeswidrige Handlungen einzudämmen, erhielten die Sicherheitsunternehmen umfassende Vollmachten und das Recht, ihre Mitarbeiter angemessen auszustatten.
Taser, wie der, mit dem der Randalierer im Amt zur Ruhe gebracht wurde, waren noch die harmlosere Ausstattung von sogenannten SecGuards, den Mitarbeitern der Sicherheitsfirmen. Schusswaffen gehörten ebenfalls zu ihrer Ausrüstung und waren gesetzlich legitimiert. SecGuards erhielten damit Rechte, die denen der staatlichen Ordnungskräfte glichen.
Das Geschäft mit der Sicherheit florierte. Viele ehemalige Polizisten fanden neue Arbeit bei solchen Firmen. Natürlich zogen diese Unternehmen auch alle möglichen anderen Interessierten an. Und der Rekrutierungsprozess wurde zunehmend verschärft, nachdem der Waffengebrauch auf den Straßen spürbar zunahm.
Für Daniel schied eine Bewerbung bei Firmen wie GlobSecure, ProtectionGuard oder CountryGuard aus. Dort suchte man körperlich überdurchschnittlich befähigte Mitarbeiter. Bereits beim ersten sportlichen Eignungstest, einem Spurt über einhundert Meter, wäre er mit einem unter der Belastung merkwürdig wegdrehenden linken Bein grandios gescheitert und hätte eine neue schlechteste Laufzeit aller Bewerber abgeliefert.
Daniel schlenderte langsam in Richtung der nahe gelegenen Einkaufsmeile. Ein Spaziergang über einen Kilometer gehörte zu den Dingen, die er problemlos bewältigen konnte. Sein Kontostand erlaubte ihm keine Shoppingtour, aber für einen Kaffee würde es reichen. Hoffentlich kam das erste Hilfsgeld tatsächlich noch an diesem Tag.
Der Termin war sehr glimpflich für ihn abgelaufen. Sein Knie hatte ihm eine Schonfrist verschafft, nur würde die auch enden und dann fand er keine Gnade mehr vor Frau Wolenski und ihren Kollegen. Dieser Termin war der notwendige Weckruf für ihn gewesen. Er hatte noch ein paar Monate Zeit, wieder Ordnung in seinen Tagesablauf zu bringen und herauszufinden, womit er in Zukunft seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Schaffte er das nicht, würde er nicht nur seine Wohnung verlieren. Was dann folgen würde, mochte er sich nicht vorstellen. Er kannte die Orte, an denen sich die Leute aufhielten, die die Gesellschaft ausspuckte, weil sie keine Verwendung mehr für sie hatte. Auch in dieser Stadt gab es die Bezirke mit den baufälligen bis zerstörten Häusern, die von ihren Besitzern aufgegeben worden waren und in denen nun die quasi Obdachlosen hausten. No-Go-Areas nannte man solche Gegenden, in denen sich nicht nur Armut, sondern auch Gesetzlosigkeit breitgemacht hatte. Polizei oder Sicherheitskräfte ließen sich dort grundsätzlich nicht mehr blicken. Jede Strafverfolgung endete an den Rändern dieser Gebiete, in denen das Tragen einer Uniform den Einsatz von Schusswaffen provozieren konnte.
Daniel ärgerte sich mittlerweile über sich selbst. Er hatte wertvolle Zeit damit vergeudet, vor der Realität wegzulaufen.
In seiner Tasche machte sich sein Smartphone durch einen intensiven Summton bemerkbar. Eine Mitteilung wartete darauf, von ihm gelesen zu werden. Er blieb am Zugang zu einer U-Bahnstation stehen, direkt unter einer der Kameras, die in regelmäßigen Abständen an hohen Masten hingen. Ein SecGuard stand ein Stück weiter und beobachtete ihn.
Daniel zog das Smartphone aus der Tasche und schaute auf das Display. Die Nachricht war vom Amt für Arbeit. Der Absender hieß Wolenski. Neugierig öffnete Daniel die Mitteilung. Er zuckte leicht zusammen, als er die ersten Zeilen nach einer kurzen bürokratischen Einleitung las.
>>Ich habe über eine Personalagentur ein Stellenangebot in der Nähe von Berlin bekommen. Ihr Profil entspricht in hohem Maße den Anforderungen. Stellen Sie sich unverzüglich persönlich vor. Ich erwarte Ihre Rückmeldung bis zum Nachmittag. Weitere Details finden Sie im angehängten Link. Es handelt sich um eine Stelle als privater Ermittler.<<
Das war unerwartet schnell gegangen. Frau Wolenski schien ihn vielleicht irgendwie ein wenig gemocht zu haben.
4.
Die Kolonne aus einem Dutzend Fahrzeugen rollte über eine Kreuzung mit gemächlichem Tempo auf eine mehrspurige Hauptstraße. Es gab keinen Verkehr, den die Wagen behindern konnten, denn die Verkehrswege waren großräumig abgesperrt. Die an diesem Tag beginnende Tagung erwartete Vertreter wichtiger europäischer Unternehmen, Teilnehmer von Think Tanks und bedeutende Vertreter der europäischen Politik für einen mehrtägigen Gedankenaustausch zum Thema der kontinentalen Energiesicherheit. Ein solch bedeutendes Ereignis rechtfertigte umfassende Sicherheitsmaßnahmen, um für die anreisenden Teilnehmer jegliche Gefahr auszuschließen.
Daher war auch der Luftraum bis auf eine Vielzahl von Überwachungsdrohnen und bewaffneten Fluggeräten über mehrere Dutzende Quadratkilometer geräumt. Die beiden Insassen des mittleren Fahrzeugs der Kolonne beschäftigten solche Gedanken nicht. Für sie waren Aspekte, die ihr Leben nahezu ständig umgaben, eine für sie selbst quasi unsichtbare Selbstverständlichkeit.
Der hagere Mann in einem akkurat sitzenden dunklen Anzug strich mit einer leicht altersfleckigen Hand langsam über seine faltige Wange und kontrollierte unbewusst die Qualität seiner Rasur. Sein noch recht vollständiges Haupthaar war zu einer Bürste frisiert und wirkte wesentlich progressiver als die Frisur der Frau. Er saß ihr gegenüber, mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Das voll automatisierte Fahrzeug orientierte sich am vorausfahrenden Wagen.
>>Vielen Dank noch mal, Hurley, dass Sie Zeit gefunden haben, mich am Flughafen zu treffen. Während der Tagung werden wir kaum noch Gelegenheit haben, ungestört miteinander zu reden!<<
Hurley neigte seinen Kopf bedächtig seiner Gesprächspartnerin zu.
>>Wie sind Ihre neuesten Eindrücke aus Brüssel?<<, setzte die Frau eine Frage hinterher. Hurley schien kurz nachzudenken.
>>Eigentlich ist alles wie immer. Kommission und Parlament folgen artig den Vorgaben der Kapitalfonds. Früher nannte man so etwas Lobbyarbeit. Heute sind das etablierte Einrichtungen, die völlig ungeniert Einfluss nehmen. Wie die Zeiten sich ändern!<<
>>Demokratie kann tatsächlich käuflich sein!<<, erwiderte sie leicht säuerlich.
>>Das war sie doch schon immer, nur nicht so öffentlich<<, nickte Hurley.
>>Das haben wir oft genug erörtert. Diese Geier fliegen auch ständig um meinen Bundestag herum und hinein. Und ich würde es begrüßen. Sie endlich auf Abstand halten zu können.<<
Die Augen der Frau wurden zu schmalen Schlitzen und um ihre Lippen erschienen zahlreiche kleine Falten, als sie sie zusammenpresste, um ihren Zorn zu kontrollieren.
>>Hurley, wir haben uns ein konkretes Ziel ausgesucht, um einen Schritt in diese Richtung zu gehen, aber wenn wir nicht endlich in diesem Thema weiterkommen, wird DesertEnergy uns bald gänzlich auf dem Kopf herumtanzen<<, sagte die Frau in einem fast vorwurfsvollen Ton. In ihrem dunkelgrünen Hosenanzug wirkte sie nicht sehr feminin, auch weil sie flache Schnürschuhe trug, die an einem Mann nicht als modische Entgleisung aufgefallen wären, ebenso wie ihr schlichter Kurzhaarschnitt.
>>Frau Reinders-Winkelmann, es tut mir leid, aber ich kann mit dem mir zur Verfügung stehenden Mitteln leider nicht zaubern. Die Überwachung geschieht im gesetzlichen Rahmen. So lange wir kein belastendes Material haben, können wir nicht aktiv werden. Das wäre ein klares Vergehen gegen Gesetze. Käme so etwas raus, würde das EU-Parlament meine Behörde unter begeistertem Applaus verschiedener Wirtschaftsverbände und Kapitalfonds richtig an die Leine legen.<<
Hurley, Leiter des Intelligence Analysis and Situation Centre, INTCEN, des Nachrichtendienstes der Europäischen Union, lehnte seinen Kopf an die Kopfstütze seines Sitzes. Das Fahrzeug neigte sich leicht zur Kurveninnenseite, ohne das Tempo zu reduzieren.
Reinders-Winkelmann winkte müde ab.
>>Ich bin mir dessen bewusst. ProtectCapital hat dem Konzern ausgezeichnete Voraussetzungen mitgegeben, bald ein Monopol auf die Energieversorgung in Europa zu schaffen. Mir steht dieser Mist, den meine Vorgängerin damals abgenickt hat, bis hier!<<
Demonstrativ wischte die Bundeskanzlerin mit einer flachen Hand an ihrem Hals entlang.
>>Das Europaparlament ist nicht gewillt, die Gesetzeslage für den EU-Raum anzupassen, um solche Marktverwerfungen zu unterbinden. Die Angst vor den Reaktionen aus der Finanzwirtschaft ist beträchtlich!<<, entgegnete Hurley mit einem vielsagenden Augenbrauenzucken.
>>Die meisten unserer von mir eher weniger geschätzten Kollegen haben wohl eher Angst um ihre zukünftigen lukrativen Posten in Aufsichtsräten und Beraterjobs, wenn sie ihren späteren Chefs vors Knie treten<<, spottete Reinders-Winkelmann, was der Leiter von INTCEN mit einem beifälligen Nicken beantwortete.
>>Ich bin alt genug. Mein Berufsleben werde ich nächstes Jahr in diesem Job beschließen. Es scheint, ich leide nicht an solchen Befindlichkeitsstörungen. Deswegen habe ich mir auch die Freiheit genommen, Ihren Umweltminister observieren zu lassen! Unter anderem!<<
>>Ich habe diesen schmierigen Kriecher nicht für seinen Posten ausgesucht. Er war ein freundliches Angebot unseres ökologisch korrekten Koalitionspartners, der alles durchwinkt, was irgendwie nach besserer Welt klingt, egal, um welchen Preis!<<
>>Lauffert pflegt auffällig häufig Kontakt zu Raedick, einem der Vorstandsmitglieder von DesertEnergy! Ich denke, sein nächster Karriereschritt ist vorgezeichnet! Bis dahin wird er den Weg für das Unternehmen noch ein wenig ebnen. Seine Bemühungen um die europaweite Ausschaltung lokaler Stromerzeuger werden der Energiebranche weitere Geschäfte bescheren.<<
>>Haben Sie wenigstens endlich etwas gegen Lauffert in der Hand? Und es ist mir egal ob er Raedick mit jungen Frauen aus dem Osten versorgt, oder ob er Strom stiehlt.<<
Hurley schüttelte bedauernd den Kopf.
>>Tut mir leid! Aber Lauffert scheint nur aus Politik und Korrektheit zu bestehen.<<
>>Gut, es gibt also nichts Neues! Auch zu DesertEnergy vermutlich nicht!<<
Mit resignierter Miene winkte die Kanzlerin ab. Das Fahrzeug hielt kurz hinter dem vorausfahrenden Wagen. Als dieser sich wieder in Bewegung setzte, folgte es ihm mit wenigen Metern Abstand.
>>Nun ja, es ist nicht ganz einfach!<<
Reinders-Winkelmann zog Luft hörbar durch ihre Nase ein. Die Nasenflügel zogen sich sichtlich zusammen.
>>Sie liefern mir Raedick oder Jacobs also nicht mehr in dieser Legislaturperiode.<<
Die Kanzlerin schaute nachdenklich nach draußen. Hurley spürte ihre resignierte Stimmung.
>>Dieser großartige kollektive Staatsbankrott hat uns ein wunderbares neues System verpasst. Ausverkauf an profitgierige Konzerne. Gesetzesbeschlüsse auf Wunsch wirtschaftlicher Interessengruppen. Wir haben neue große Spieler in Europa, die uns auf dem Kopf herumtanzen. Und zu viele Politiker machen ihnen auch noch den Hof. Ich frage mich manchmal, warum man sich damals nicht gleich darauf geeinigt hat, die Regierungen auch durch die Gläubiger bestimmen zu lassen.<<
Reinders-Winkelmann schaute auf ihre Fingernägel herunter.
>>Mein Optimismus, das durch neue politische Impulse ändern zu können, war leider völlig an der Realität vorbei. Und jetzt habe ich eine Reihe von Baustellen, auf denen es nicht vorwärtsgeht. Ich möchte ungern völlig erfolglos als die Kanzlerin abtreten, die nur weiter verwaltet hat. Was ist mit FreePeople? Wenn diese Terroristen uns nicht regelmäßig irgendwelche Blackouts bescheren würden, fände ich unsere heimische Guerilla fast sympathisch. Die richten mehr gegen DesertEnergy aus als wir.<<
Ihr Gegenüber nickte gefällig.
>>In der Tat kann ich Ihnen dazu etwas berichten.<<
Reinders-Winkelmann schaute Hurley überrascht an.
>>Sie schaffen es endlich, die Zugänge von FreePeople ins Internet über russische Satelliten zu unterbinden?<<
Die Kanzlerin setzte sich gespannt auf.
>>Leider nein! Dazu müsste entweder Russland seine Position zu uns massiv ändern oder die Amerikaner ihre militärische Abenteuerlust in den Weltraum ausweiten und diese Satelliten ausschalten. Es wird sich also in dieser Hinsicht absehbar nichts ändern!<<
Die Kanzlerin setzte zu einem genervten Augenrollen an.
>>Machen Sie es nicht so spannend.<<
Hurley schien die nächsten Momente zu genießen. Er betrachtete seine Fingernägel und zog dann die Mundwinkel hoch.
>>GlobSecure hat eine neue Task Force gegründet, um Lohring endlich dingfest zu machen!<<
Die Kanzlerin rollte mit den Augen.
>>Sie gehen heute alle unsere Baustellen mit mir durch, oder? Unsere Freunde vom Service für innere Sicherheit. Ich könnte diese dumme Kuh von Vorgängerin samt ihrer Mandatsbande noch immer dafür steinigen, dass sie auch diesen Blödsinn durchwinken ließ. Aufgabe hoheitlicher Rechte und Übergabe von Sicherheitsaufgaben an private Unternehmen, aufgeweichte Waffengesetze. Wir haben mehr SecGuards im Land als Polizisten. GlobSecure besitzt mehr bewaffnete Jetkopter, als die Bundeswehr insgesamt an Fluggerät aufbieten kann.<<
Wütend schlug sie mit der Faust auf ihre Armlehne und zuckte kurz zusammen, als ein Schmerz in ihren Unterarm schoss. Stirnrunzelnd rieb sie sich den Arm.
>>Berichten Sie!<<
>>Die Taskforce ist auf der Suche nach einem Mann, der eine für uns sehr nützliche Freundschaft zu pflegen scheint.<<
Die Kanzlerin beugte sich interessiert nach vorne. Ihre schlechte Laune wirkte plötzlich wie weggefegt.
>>Erzählen Sie mehr! Das klingt vielversprechend! Aber fassen Sie sich kurz. Wir sind gleich da!<<
Hurley seufzte kurz und spulte seine Neuigkeiten in Rekordzeit herunter.
5.
>>Guten Abend, Minister Lauffert!<<
Der Mann mit dem sichtlichen Übergewicht reichte dem Minister, einem behäbig wirkenden Endvierziger mit kinnlangen Haaren und einem dünnen Kotelettenbart, die Hand. Der Handschlag wurde mit weichem nachgiebigem Druck erwidert.
>>Herr Raedick, ich freue mich, dass Sie es doch noch hierher geschafft haben.<<
Laufferts Mimik drückte große Begeisterung aus. Kurz schielte der Umweltminister an Raedick vorbei, der ihn direkt am Ausgang des Sitzungssaals abgefangen hatte.
>>Ja, es war mir wichtig, die Umweltminister von Spanien und Deutschland zu treffen und zu dem Thema dieser Tagung Ihre Meinungen persönlich zu hören, statt nur als Meeting Note.<<
Lauffert nickte etwas zu übereifrig.
Weitere Teilnehmer der Tagung strömten aus dem Ausgang und verteilten sich auf die Stehtische und Sitzecken. Ein großes Rudel Servicekräfte schwärmte sofort aus, um den Gästen die Auswahl des Catering anzubieten. Im Hintergrund erklang leise Musik.
Raedick deutete in Richtung eines Panoramafensters gegenüber dem Sitzungssaal.
>>Lassen Sie uns einen Platz suchen. Ich stehe nicht sehr gerne!<<
Die beiden Männer hielten auf eine kleine Sitzgruppe, bestehend aus drei breiten dunkelroten Ledersesseln und einem kleinen Glastisch, zu. Raedick bestimmte mit seinem bedächtigen Gang aufgrund seiner Körperfülle das Tempo, schob dabei ungerührt einige Personen zur Seite.
Bevor eine Frau in einem dunklen Hosenanzug Platz nehmen konnte, schob Raedick auch sie mit seiner Körpermaße weg und ließ sich in einen der Sessel fallen. Mit einem unwirschen Kommentar und einem stechenden Blick wich die Frau zum nächsten Stehtisch aus.
>>Das war die Pressesprecherin der deutschen Kanzlerin!<<
Lauffert schaute der Frau hinterher, die den Vorfall scheinbar schon wieder vergessen hatte und sich mit ihrem Smartphone beschäftigte.
>>Sie hätte sich ja auf den freien Platz setzen können.<<
Mit einem Taschentuch wischte Raedick sich über das füllige Gesicht.
>>Lauffert! Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Ich bin gerade rechtzeitig zu Ihrer Ansprache gekommen. Sie haben interessante Ansätze geliefert, wenn auch viele Fragen nicht beantwortet sind.<<
Eine Servicekraft in schwarzer Hose und gestreiftem Hemd, die ein Tablett mit Gläsern auf einer Hand balancierte, umrundete mit elegantem Schwung eine kleine Gruppe, die in knappem Abstand von der Sitzecke stand und beugte sich leicht vor. Lauffert nickte dem Mann zu und nahm zwei Sektgläser von dem Tablett herunter.
>>Konsistente Sicherheitsaspekte kontinentaler klimaneutraler Energieversorgung.<<
Raedick nahm eines der Gläser entgegen, prostete Lauffert zu und nahm einen großen Schluck. Der Sekt war ihm zwar nicht trocken genug, aber er leerte das Glas trotzdem mit einem zweiten Schluck. Immerhin war das Messezentrum gut klimatisiert und er schwitzte unter seinem Anzug nicht allzu sehr.
>>Wer kommt auf solche hochtrabenden Titel für Tagungen<<?
>>Irgendeinen Namen muss das Kind ja haben. Und die Regierungen von Frankreich, Spanien und Deutschland haben ein klares Interesse an einer hundertprozentig sicheren und ökologisch einwandfreien Energieversorgung. Ihr Unternehmen trägt dazu maßgeblich bei.<<
>>Ich habe Ihre Ideen bereits hinreichend nachgelesen und überdacht. Wen wollen Sie dafür begeistern, Milliarden auszugeben? Sollen unsere Kunden diese Rechnung bezahlen?<<
Lauffert hob beschwichtigend die Hände.
>>Natürlich ist der Bau zusätzlicher mehrerer tausend Wasserstoffkavernen samt Elektrolyteinheiten in diesen Ländern ein gewaltiges Unterfangen, aber notwendig, um eine mehrtägige Sicherheitsreserve aufzubauen. Und wir gehen von einem Planungshorizont von zehn Jahren aus.<<
Raedick schüttelte den Kopf.
>>Das wird noch ein steiniger Weg für Sie. Aber vielleicht finden wir einen Weg zu einem gesunden Kompromiss.<<
>>Ich habe Ihren Vorstandskollegen Carné auch schon gesehen! Wird Herr Jacobs auch noch eintreffen?<<
Der Umweltminister deutete zu einer Gruppe von Männern, die ein Stück weiter in angeregter Unterhaltung standen. Ein Mann mit fast klassisch anmutenden Gesichtszügen, denen eines Schauspielers aus den Fünfzigerjahren nicht unähnlich, und dichtem schwarzen Haarschopf stand in einem perfekt sitzenden mittelgrauen Anzug neben einem kräftigen Mann mit fleckiger Kopfhaut, schütterem nach hinten gekämmten grauen Haaren und buschigen Augenbrauen, der trotz seiner dem Anlass angemessenen Kleidung eher wie ein Türsteher in einer Vorstadtdisco wirkte.
Der Schauspielertyp war Carné, Vorstandsmitglied von DesertEnergy, zuständig für das Geschäft in Frankreich. Der Vorstadtgorilla hieß Henderson, der einen solchen Posten bei GlobSecure bekleidete. Während der erste eine geradlinige Karriere in europäischen Finanzunternehmen absolviert hatte, bevor er den Weg zu DesertEnergy gefunden hatte, hatte Henderson eine militärische Laufbahn hinter sich gebracht, bis er aus einer Position als Major im NATO-Verbund in eine der bestbezahlten Positionen der europäischen Unternehmenslandschaft wechselte. Ihm wurde nachgesagt, er hätte sogar einige Jahre bei der Fremdenlegion verbracht und recht erfolgreich vor der asiatischen Küste Piraten gejagt.
>>Nein, unser Vorstandsvorsitzender hat neben einigen internen wichtigen Terminen heute und morgen Besuch vom ägyptischen Staatsminister. Es geht um die Erörterungen zum Aufbau von Beziehungen für zukünftige Expansion unseres Unternehmens. Sie kennen das!<<
Lauffert nickte verständig. Er beugte sich vor und sprach etwas leiser weiter, als er sich nahe genug an Raedicks fleischigem Ohr befand. Der Mann dünstete eine Geruchswolke mit einer Mischung aus einem wahrnehmbaren Schweißgeruch und einem Rasierwasser mit einer fruchtigen Note, ähnlich einem überreifen Apfel, aus. Lauffert schien das nicht im Geringsten zu stören.
>>Wir werden Ihnen bezüglich der Förderanträge von Vattengreen und RWE Solar keine Nachteile bescheren.<<
Zwei Männer blieben vor der Sitzecke stehen, nickten den beiden freundlich zu und wanderten ins Gespräch vertieft weiter.
>>Wenn man vom Teufel spricht!<<, schnaufte Raedick.
>>Vielleicht hätte ich die beiden Herren von Vattengreen mal fragen sollen, wie ihre Verhandlungen mit Griechenland bezüglich ihrer neuen HGÜ-Leitung verlaufen!<<
Ein leicht abfälliges Grinsen schlich sich in Raedicks Gesicht.
>>Wo ist eigentlich Ihre Kanzlerin? Ich habe sie im Saal gesehen, aber die Regierungsgesandten scheinen ja bis auf wenige Ausnahmen lieber unter sich zu bleiben.<<
Er schaute sich suchend um.
>>Frau Reinders-Winkelmann hat unerwartet Besuch von einem Funktionär aus Brüssel bekommen. Die beiden haben sich in einen der Besprechungsräume zurückgezogen. Es scheint sich um eine dringende Angelegenheit zu handeln. Haben Sie einen Termin mit ihr?<<, fragte Lauffert.
>>Während dieser Veranstaltung nicht. Aber Herr Jacobs wird mit ihr in ein paar Wochen über die Verteilung der zusätzlichen Strommengen sprechen, die bald über die erweiterten HGÜ-Leitungen aus Marokko nach Europa fließen.<<
Raedick schaute sich weiter um, entdeckte aber keinen weiteren interessanten Gesprächspartner. Konversation mit Lauffert war nett, aber nach gewisser Zeit langweilte sie ihn einfach. Der Mann war nützlich, mehr nicht. Nach seiner politischen Karriere würde er einen gut bezahlten Posten im Wirtschaftsgremium von DesertEnergy in Brüssel bekommen, aber dafür musste der Minister noch ein wenig strampeln und die Konkurrenz von DesertEnergy bremsen, was ihm recht gut gelang.
>>Ich bin immer wieder davon beeindruckt, wie engagiert DesertEnergy den Ausbau seiner Kapazitäten betreibt<<, setzte der Umweltminister seine Gefallensstrategie fort.
>>Wir wollen die absolute Nummer Eins der Energieversorger werden. Das wird man nicht durch Stillhalten. Aber dank Ihnen ist der Weg nicht ganz so steinig.<<
Lauffert kniff kurz etwas zu vertraulich ein Auge zu und beugte sich leicht vor.
>>Der Neuentwurf des Gesetzes zum Betrieb von regionalen Stromerzeugern wird Ihnen sehr entgegenkommen! Ein paar Steine weniger!<<
Sven Raedick nickte dem Umweltminister zu, während der weitersprach.
>>Das Gesetz ist auch in Bezug auf die Sicherheitsaspekte relevant. Wenn lokale Versorger ausfallen, kann das sehr bedenkliche Auswirkungen haben. Dann wäre es gut, wenn diese abgeschotteten Versorgungsnetze wieder an das landesübergreifende Netz angeschlossen wären.<<
>>Ich kann Ihnen da nur beipflichten. DesertEnergy wird in absehbarer Zeit in der Lage sein, das europäische Stromnetz mit deutlich größeren Energiemengen zu beliefern. Dann macht es Sinn, auch die autonomen Kleinversorger durch uns unterstützen zu lassen. Und Sie als Umweltminister sehen ohnehin auch die ökologische Relevanz.<<
Lauffert nickte eifrig.
>>Ja, gerade die sogenannten Biogasanlagen sind immer noch ein Problem bezüglich der CO2-Problematik. Wir haben unsere Ziele noch nicht erfüllt.<<
Schwerfällig erhob sich Raedick, als er endlich den Mann entdeckte, mit dem er unbedingt noch sprechen wollte.
>>Lassen Sie uns das noch einmal in Ruhe erörtern. Was halten Sie davon, wenn Sie mich nächste Woche auf meiner Jacht besuchen? Sie könnten mich auf einer kurzen Reise von Marseille nach Barcelona begleiten. Dann hätten wir genug Zeit, uns eingehend zu unterhalten.<<
Der Umweltminister strahlte über das ganze Gesicht, während er aufsprang und Raedicks breite Hand schüttelte.
>>Diese Einladung werde ich nur zu gerne annehmen. Ihr Schiff soll ja sehr eindrucksvoll sein. Und ein Brennstoffzellenantrieb. Das würde ich mir nur zu gerne einmal ansehen.<<
>>Lassen Sie uns in der nächsten Pause noch einmal ein wenig reden! Jetzt muss ich dringend noch jemand begrüßen!<<
Er drückte sich aus seinem Sessel, stapfte davon und ließ Lauffert stehen. An der dem Tagungssaal gegenüberliegenden Seite des Raumes befanden sich einige kleine Besprechungsräume, hinter deren Milchglasscheiben genügend Anonymität und Ungestörtheit zu finden war. Mehrere Sicherheitskräfte riegelten den Bereich ab und sorgten zusätzlich für Zugangsbeschränkungen zu diesen Räumen.
An einem einzelnen Stehtisch direkt davor stand jetzt Henderson neben einem zweiten groß gewachsenen Mann mit stoppelkurzen dunklen Haaren und einem Drei-Tage-Bart. Unter dem Sakko konnte man die kräftige Statur gut erkennen. Die beiden Männer wirkten fast wie Brüder, waren aber nur beruflich miteinander verbunden.
>>Herr VanDreed! Was für eine Überraschung!<<
Den Wettbewerb um den kräftigeren Händedruck verlor Raedick eindeutig. Der eher wie ein Soldat wirkende Vorstandsmanager von GlobSecure, nickte mit kühler Freundlichkeit, in die sich ein Hauch von Spott mischte.
>>Schau an! Einer unserer Sonnenkaiser! Wie gefällt Ihnen die Show da drinnen? Wird ganz schön teuer für Sie, wenn Reinders-Winkelmann und Präsident Benoir diese Sicherheitsreserven durchsetzen.<<
Raedick zuckte mit den Schultern. Der andere GlobSecure-Manager schaute auf sein Smartphone, nickte beiden Männern kurz zu und schlenderte in Richtung der Besprechungsräume.
>>Zum Glück sind solche Entscheidungen auf Parlamentsebene nicht einmal in Brüssel zeitnah umsetzungsfähig.<<
Eine Augenbraue in Raedicks Gesicht zuckte kurz.
>>Und notfalls gibt es noch den Kapitalfondsvertrag?<<, stichelte sein Gegenüber.
>>Würden Sie auf eigene Kosten das Sicherheitsniveau der Windparks in Marokko und Algerien steigern? Dachte ich mir! Das Thema für den Nachmittag wird daher ganz ihren Geschmack treffen. Der spanische Verteidigungsminister referiert zusammen mit seinem Think Tank über optimierte militärische Absicherung der europäischen Energienetze. Da wird dann Ihr Einsatzpotenzial optimiert, nach gleichen Prinzipien.<<
VanDreed rang sich ein Grinsen ab.
>>Auf diesen Tagungen wird viel heiße Luft produziert. Politische Wichtigtuer versuchen hier zu glänzen, weil sie ansonsten nicht viel bewegen können. Sobald die Kapitalfonds mit Blick auf die Erträge kurz mit den Verträgen winken, ist ganz schnell wieder Ruhe!<<
VanDreed deutete in Richtung von Umweltminister Lauffert, der sich zu Carné gesellt hatte und gestikulierend erzählte. Kurz überzeugte er sich davon, dass niemand zu nahe bei ihnen stand, um zuhören zu können.
>>Haben Sie sich zu unserem gemeinsames Projekt schon Gedanken gemacht?<<
Der DesertEnergy-Manager stockte kurz, überrascht von dem Themenwechsel, der überhaupt nicht an diesen Ort passte.
>>Ja, das habe ich! Aber ich glaube, wir sollten das nicht hier erörtern! Ich bin in ein paar Tagen in Barcelona und kann zu Ihnen nach Madrid fliegen, um das Vorgehen im Detail durchzusprechen!<<
In Raedicks Augen funkelte es.
>>Das wird ein kleines Erdbeben auslösen! Und vieles sehr einfach machen!<<
>>Erdbeben? Das wäre eine Katastrophe für unsere Energieparks! Wovon sprechen Sie?<<
Der starke französische Akzent ließ Raedick zusammenzucken. Carné tauchte plötzlich in seinem Gesichtsfeld auf und grinste ihn an.
>>Sven, ich hatte Sie gerade zwar gesehen, aber wollte Sie in Ihrem Gespräch mit dem Umweltminister nicht stören!<<
Carné hob ein Glas und prostete beiden Männern zu.
>>Sagen Sie mal, habe ich das richtig mitbekommen? Sie sind seit Jahresbeginn Miteigentümer der Harold-Dahne-Universität? Ist so etwas ein lohnendes Investment?<<
>>Die Ertragslage deutscher Universitäten ist sehr gut! Und der Fachbereich Energietechnik dieser Universität hat einen sehr guten Ruf. Das bedeutet für DesertEnergy Zugriff auf hoch qualifizierten Nachwuchs!<<
>>Ist der Sohn von Jacobs nicht auch an dieser Uni eingeschrieben? Ein Schelm, der da Zusammenhänge sieht!<<
Carné schlug Raedick lachend auf die Schulter.
>>Würde mich nicht wundern, wenn Sie gemeinsam etwas aushecken. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich suche auch noch lohnende Investments.<<
>>Keine Sorge! Ich denke an Sie!<<, erwiderte Raedick mit gönnerhaftem Ton.
>>Vielleicht hat aber auch Herr VanDreed eine Empfehlung für Sie. Ich denke, der Kurs von GlobSecure wird auch in Zukunft nur eine Richtung kennen, nach oben!<<
Mit unbewegter Miene raffte sich der Angesprochene zu einem Nicken auf.
>>Ich denke, das stimmt. Genauer kann Ihnen das unser Finanzvorstand erklären. Meine Kompetenzen liegen im Militärischen. Ich kann Ihnen eher etwas über die Sicherheitslage Ihrer Stromerzeuger in Afrika erzählen.<<
>>In den letzten Monaten war es sehr ruhig. Die Lage ist also wohl sehr gut!<<, lieferte Carné in bester Plauderlaune eine Vorlage für angenehmen Small Talk. VanDreeds rechte Augenbraue zuckte kurz. Dann nahm er den Ball auf.
>>Erwerben Sie ruhig Anteile von GlobSecure. Sie werden auch in Zukunft nicht enttäuscht sein! Da bin ich mir sicher!<<
Eine Stimme aus der Lautsprecheranlage unterbrach ihn und informierte über den nächsten Tagungspunkt.
6.
Das Fischerboot kämpfte sich durch den Wellengang, der es immer wieder ruppig anhob, um es dann in das nächste Wellental hineinschießen zu lassen. Eine solche Fahrt war unangenehm genug, fand er, immerhin waren die Wellen ein paar Meter hoch, für jemanden, der zum ersten Mal auf so einem kleinen Boot unterwegs war, bereits zu hoch. Dazu kam ein scharfer Wind, der ihm unangenehm ins Gesicht schlug, wenn er draußen auf dem Deck stand, so wie jetzt. Aber dass diese Reise auch noch in der Nacht stattfinden musste, machte es noch viel schlimmer. Bei Tageslicht hätte er wenigstens gesehen, wann das Schiff von den Wassermassen in welche Richtung geschoben wurde. Nicht einmal ein paar Sterne waren am wolkendichten Himmel zu sehen. Vorne und am Heck leuchteten Positionslampen, am Bug außerdem ein Scheinwerfer, dessen Licht sich jedoch in der Weite dieser scheinbar unendlichen Dunkelheit verlor.
Der Kapitän steuerte den knapp zwanzig Meter langen Kahn auch noch diagonal durch die Wellenlinien, sodass das Boot nicht einfach nur nach vorne, sondern auch zur Seite schwankte. Ihm war übel. Zweimal hatte er sich schon übergeben. Nun stand er auf dem Deck an der Reling in der Hoffnung, die frische Luft würde seiner Übelkeit endlich entgegenwirken. Vorsichtshalber hatte er sich an der Reling angeleint, um nicht durch einen unbedachten Schritt über Bord zu gehen, und versucht, sich nur auf das Atmen der Seeluft zu konzentrieren. Leider war sein Magen solchen Argumenten nicht zugänglich, sondern zog es vor, sich zu entleeren. Da er keinen Sinn darin sah, gegen die Reaktionen seines Körpers anzukämpfen, gab er auf und hoffte, diesen unangenehmen Teil der Reise schnell hinter sich zu bringen.
Das Boot erhielt zum wiederholten Mal einen Schlag, so empfand er es zumindest, und der Bug hob sich erneut in die Höhe, um danach wieder in die Tiefe zu tauchen. Er überlegte, ob er sich aus seiner sicheren angeleinten Position neben der Tür zum Mannschaftsraum herauswagen sollte, um sich zum Kapitän des Schiffes am Steuer vorne in dem geschützten kleinen Steuerraum vorzukämpfen. Der unklare Füllstand seines Magens ließ ihn jedoch von der Idee Abstand nehmen. Er hatte auch keine rechte Idee, was er dort sollte, vielleicht einmal mit Schwung Mageninhalt über das Steuer gießen.
Hinter ihm knarrten die Ausleger laut, an denen die Mannschaft bei besserem Wetter die Netze für den Fischfang vorbereiteten. Das Geräusch des beanspruchten Materials übertönte kurz das laute Brummen der Motoren, die das Boot dem Ziel entgegen schoben, einem Treffpunkt mitten im dunklen Meer. Er wagte nicht darüber nachzudenken, wie er bei dem Wellengang mit seiner Ausrüstung unbeschadet auf das andere Boot wechseln sollte. Der Kapitän war ein nicht sehr redseliger grauhaariger Mann. Er hatte gerade noch geschafft, seinen Namen zu nennen, LeClerk oder so ähnlich, und dann in einem sparsamen Halbsatz versprochen, der Seegang würde sich bis zum Morgengrauen beruhigen.
Er fluchte, als die Gischt ihn zum wiederholten Male traf. An irgendeiner Stelle war seine wasserfeste Bekleidung undicht, denn er fühlte, wie ihm das Wasser über den Rücken und an den Beinen entlang lief. Er war müde und erschöpft. Erst war er tagelang in wechselnden Fahrzeugen, meistens auf einer engen Rückbank liegend, durch drei Länder gefahren worden, Tausende Kilometer auf schlechten Straßen, abseits der kontrollierten Autobahnen. Schlaglöcher hatten drei unnötige Stopps erfordert, um beschädigte Reifen auszutauschen. Nur einmal hatte er eine Nacht in einem alten heruntergekommenen Bauernhof im französischen Niemandsland verbracht und auf einer durchgelegenen Matratze geschlafen, die er sich mit diversem Ungeziefer teilen musste, die anderen Nächte blieben den Rückbänken vorbehalten. Dazu gab es Essen nur bei kurzen Pausen auf Feldwegen abseits der Straßen, die sie benutzten. Sein Fahrer versorgte ihn mit mitgebrachten Sandwiches und Brötchen aus Kühlboxen, dazu meist lauwarmem Kaffee und Wasser. Der Komfort in Bezug auf tägliche Hygiene und Toilettengänge hätte sich nur unter Verwendung unflätiger Schimpfworte beschreiben lassen.
Die Autoreise endete zunächst in der Nähe von Málaga in einer billigen Absteige, in der es zumindest eine Dusche, frische Wäsche und landestypisches Essen gab. Am vergangenen Abend hatte ihn dann ein alter rostiger Kastenwagen abgeholt und zum Strand gefahren, wo ein Schlauchboot auf ihn wartete. Im Nachhinein war er froh, dass William Lohring, kurz Will genannt, ihm nicht erklärt hatte, wie die Reise ablaufen würde, sonst hätte er sich wahrscheinlich dagegen entschieden. Dies war sehr weit entfernt von der Art, in der er sein Leben sonst verbrachte. Und diese Reise sollte noch fast zwei Tage dauern. Seine Laune sank bei diesem Gedanken noch ein wenig tiefer und sein Magen signalisierte das Auffinden eines Restes, der der Überlegung wert war, ihn auch noch zu entsorgen. Der Weg für den Abtransport war zumindest vorbereitet.
Aber Will hätte vermutlich ein Nein nicht geduldet. Diese Aktion war trotz der Gefahren, denen er sich möglicherweise aussetzte, zu wichtig. Seine potenziellen neuen Geschäftspartner erwarteten ihn in Marokko, um sich von seiner fantastischen Idee zu überzeugen. Er benötigte ihr Geld und die Sicherheit, die sie ihm bieten konnten. Sie würden durch ihn möglicherweise Milliarden verdienen. Auch Will setzte seine Hoffnungen auf ihn. Wenn ihr Plan gelang, würde das Ergebnis wie ein Erdbeben einen ganzen Kontinent erschüttern und Machtverhältnisse neu sortieren.
Will hatte die Investoren aufgetrieben, die bereit waren, in sein Vorhaben finanziell einzusteigen. Es war keine Frage, ob sie der Eigennutz trieb und nicht die Aussicht auf eine bessere Welt. Aber vielleicht war das bei ihm selbst auch nicht der Fall. Es war wohl eine Definitionsfrage, was man darunter verstand. Seinen eigenen Plan hatte er aus guten Gründen für sich behalten.
Das Boot schwankte wieder bedenklich und das Wasser kam dem Deck bedenklich nahe. Er spürte das Tau an seiner Hüfte, das ihn an seiner Position festhielt, während seine Füße auf dem nassen Boden kaum Halt fanden. Das Boot stieg in den nächsten Wellenberg auf und er spürte einen Krampf im Bauch. Wieder schob sich etwas Säuerliches aus der Speiseröhre in seinen Mund. Er spuckte aus.
Jemand kam mit aus seiner Sicht unverschämter Sicherheit über das Deck gelaufen. Eine kräftige Gestalt in einer Öljacke hielt vor ihm und schenkte ihm einen Blick, der sich unentschlossen zwischen Spott und Mitleid bewegte.
>> Wir sind bei Treffpunkt gleich!<<, brummte der Mann in schlechtem Englisch mit hartem spanischen Akzent. Mit einer Hand fuhr er sich durch seinen wuchernden Bart, der ihn zusammen mit den vielen Falten an den Augen alt aussehen ließ.
>>Sie gehen rein, etwas essen trinken! Nicht gut aussehen!<<
Der Bärtige deutete auf die Tür zum Mannschaftsraum.
Er nickte und löste das Tau um seine Hüften. Auf zitterigen Beinen traute er sich unter Deck. Der Mief, der ihm entgegenschlug, eine Mischung aus fauligem Fisch, kaltem Zigarettenrauch und scharfem Schweißgeruch, ließ seinen Magen sofort wieder rebellieren. Er rülpste laut und hielt sich die Hand vor den Mund. Sogar seine Finger zitterten. Sein Kreislauf machte sich nun auch noch bemerkbar dank allmählicher Unterzuckerung. Das schummrige Licht aus ein paar Deckenleuchten fiel auf einen Tisch neben einer minimalistischen Küchenzeile mit Waschbecken, Propangaskocher und ein paar Schränken. Farbe blätterte von den Wänden, die wohl einmal blau gestrichen worden waren, vor Jahrzehnten zum Stapellauf.
Der Mann in der Öljacke drängte sich an ihm vorbei und bückte sich vor einen Schrank der Küche. Dann stellte er eine Wasserflasche und ein kleines silbernes Päckchen auf den Tisch.
>>Wasser und Zwieback. Gut für Seekrankheit. Kommt leichter wieder raus!<<
Der Seemann zwinkerte ihm zu. Er nickte schwach, setzte sich an den Tisch und zwang sich dazu, den Zwieback aus der wasserfesten Verpackung zu essen und ein paar Schluck Wasser zu trinken, während der Bärtige, dessen Namen er nicht einmal kannte, ihm dabei zuschaute. Erstaunlicherweise protestierte sein Magen nicht gegen das Essen.
>>Eigentlich Wetter im Mittelmeer ist harmlos. Aber ist etwas viel Seegang für Sie?<<, grinste der Seemann.
>>Ich bin froh, wenn ich wieder festen Boden unter mir habe!<<, erwiderte er und wägte kurz ab, ob der letzte Bissen, den er heruntergezwungen hatte, noch einmal draußen nach dem Rechten schauen wollte, aber er entschied sich dafür, endlich wieder die Kontrolle über seinen Körper übernehmen zu müssen und atmete kontrolliert einige Male durch. Es wurde tatsächlich besser. Allmählich ließ das Zittern seiner Finger nach. Sein Kreislauf schien sich wieder zu erholen.
Minuten später öffnete sich die Tür nach draußen wieder und ein junger blonder Mann in Ölzeug schaute herein.
>>Wir sind gleich am Absetzpunkt! Fertigmachen Umsteigen!<<, rief er und schloss die Tür wieder.
>>Holen Sie Ausrüstung! Ich räume Essen weg!<<, sagte der Bärtige.
Er stand auf und betrat die beengte Schlafkoje hinter der Küche, in der sich die Betten für die vier Mannschaftsmitglieder und den Passagier befanden. Er griff nach der wasserdichten Tasche mit seiner Ausrüstung, die insbesondere aus seinem Touchbook, einem USB-Stick, mehreren Plastikkarten mit integriertem Chip, einem passenden Gerät zum Beschreiben dieser Karten und einem Mobiltelefon bestand, und kehrte an Deck zurück.
Die Sonne beleuchtete bereits einen schmalen Streifen des Horizonts. In kurzer Zeit würde es deutlich heller sein, zu hell, für das, was sie vorhatten. Sie würden sich also beeilen müssen. Der junge Mann tippte ihn an die Schulter und deutete zum Heck des Bootes.
>>Das andere Boot hält Kurs auf uns. Sie haben per Sprechfunk bestätigt, dass sie auf Kurs sind. Sie müssen sich beeilen. Der Torpedo ist bereit.<<
>>Torpedo!<<, wiederholte er fassungslos und ließ den Mund offen stehen.
Es fröstelte ihn ein wenig, als er ahnte, was ihm nun bevorstand. Der Kapitän hatte ihm gesagt, die beiden Boote dürften sich nicht direkt begegnen. Es gäbe aber einen einfachen Weg, ihn auf das andere Schiff zu bringen. Mehr hatte der Kapitän nicht gesagt und er hatte angenommen, jemand würde ihn in einem kleinen Schlauchboot auf einen magenzerreißenden Trip schicken.
Der junge Mann führte ihn zum Heck des Bootes, wo ein gut zwei Meter langes und etwas mehr als einen halben Meter durchmessendes Objekt mit mehreren Finnen auf dem Deck nahe der Bordkante lag, befestigt an mehreren Tauen, die an einem Kran hingen, von dem aus eine Lampe das Heck beleuchtete. Auf der Oberseite des Objekts ragten zwei Rohre in die Luft, Schnorcheln einer Tauchermaske nicht unähnlich. Daneben lag eine feste Plane, unter der das Objekt vermutlich bis vor Kurzem versteckt worden war.
Der junge Mann hantierte an dem torpedoähnlichen Gegenstand und öffnete ihn auf der Oberseite. Neugierig schaute er hinein. Die Öffnung war groß genug, um mit den Beinen zuerst in den Behälter einzusteigen und dann in den Torpedo hineinrutschen. Der Deckel, den der junge Mann zur Seite geklappt hatte, enthielt die Schnorchel. Auf der Unterseite des Deckels baumelten zwei kurze flexible Schläuche mit ovalen Aufsätzen.
Es würde keinen Sinn machen, sich zu weigern, in diesen schwimmenden Sarg einzusteigen, denn es gab offensichtlich keine Alternative außer Brustschwimmen.
>>Hat das Ding wenigstens einen Antrieb?<<, fragte er den jungen Mann.
Sie durften die Aufmerksamkeit der marokkanischen Küstenwache nicht auf sich lenken. Immerhin befand sich dieses Boot bereits in Gewässern, die nicht mehr zu Spanien gehörten. Damit machte sich die Besatzung verdächtig, möglicherweise als Schlepper zu agieren, worauf schmerzhafte Strafen standen, das Versenken des Bootes inklusive.
>>Nein, der Torpedo besteht nur aus Holz. Nicht ortungsfähig! Keine Angst, das Ding schwimmt hervorragend, auch bei stärkerem Seegang. Es ist komplett abgedichtet und innen sogar mit einer Folie abgeklebt, die Nässe abhält und Infrarot isoliert. Sie bleiben darin trocken und warm. Luft bekommen Sie durch die beiden Atemrohre, wenn Sie im Innern eines der Mundstücke benutzen. Auf der Unterseite ist zusätzliches Gewicht eingebracht, damit der Torpedo seine Lage beibehält und nicht rollt. Es wäre unangenehm, wenn die Atemrohre dauerhaft unter Wasser gerieten. Na ja, das Ganze dauert etwa eine Stunde, dann sind Sie an Bord des anderen Bootes.<<
Fantastisch! Die Leute, die sich dieses Ding ausgedacht hatten, hatten offensichtlich an alles gedacht. Hightech der Holzklasse. Was konnte er mehr erwarten? Vielleicht noch Bordservice und Papiertüten?
>>Und wenn nicht? Nicht ortungsfähig heißt, die Küstenwache kann mich übersehen, das andere Boot aber auch!<<, entgegnete er und betrachtete den Torpedo misstrauisch. Darin sollte er im Mittelmeer treiben, von den Wellen hin und her geworfen, und hoffen, er würde von den richtigen Leuten gefunden?
>>Machen Sie sich darüber keine Gedanken! Wir haben das schon ein paar Mal gemacht und es hat sehr gut funktioniert! Es gibt einen kleinen Sender mit einer Reichweite von etwa zweitausend Metern. Damit findet man Sie, wenn man nach Ihnen sucht<<, beruhigte ihn der junge Mann und machte eine einladende Handbewegung.
>>Wenn ich Sie absetze, erschrecken Sie nicht. Ich werfe noch ein paar andere Sachen ins Wasser.<<
Der Blonde deutete auf ein paar Fässer und Kartons, die an der Bordwand standen.
>>Soll halt aussehen, als würden wir ein bisschen Müll abladen!<<
Er atmete tief durch. Bereit fühlte er sich nicht, eher als wenn nach seinem Magen auch sein Darm auf Entlastung plädierte.
Ein eiskaltes Frösteln erfasste seinen Körper, als er den primitiven Schwimmkörper bestieg. Seine Tasche fand genug Platz oberhalb seines Kopfes in einer separaten Box. Seine Finger zitterten sichtbar, während er sie dort hineinstopfte. Sein Atem ging deutlich schneller.
>>Wenn das Ding undicht ist und mein Touchbook nass wird, ist mein Auftrag erledigt<<, stöhnte er, während die Angst ihm einflüsterte, dass es besser wäre, dieses Ding wieder zu verlassen.
>>Vertrauen Sie uns!<<, beruhigte ihn der Junge, der dieses Schwimmgerät bestimmt noch nie benutzt hatte.
Er rutschte mit dem gesamten Körper in die enge Röhre. Sein Körper lag direkt auf der wasserdichten Folie. Genau genommen lag sein Körper in der durchnässten Kleidung und dem gummiartigen Mantel in einer gut isolierten Ein-Mann-Sauna. Zumindest blieb damit die Aussicht darauf, dass das Frösteln wieder weggehen würde.
>>Benutzen Sie bitte Handtücher und setzen Sie sich nicht direkt auf die Holzbänke.<<
Leider erheiterte ihn sein eigener Witz nicht.
Zum Glück war er noch zu jung für ein Rückenleiden, denn der Untergrund war unangenehm hart. Sein Kopf stieß gegen die Wand der Box, in der seine Tasche steckte.
>>Bleiben Sie einfach ruhig und atmen Sie entspannt durch ein Mundstück! Viel Erfolg!<<, hörte er den Jungen, der über ihm die Öffnung schloss. Das Licht des Scheinwerfers wurde von vollständiger Dunkelheit abgelöst.
Er hatte genug Platz, um seine Hände zu bewegen, und legte sie auf die Brust. Über seinem Kopf blieben noch fast zwei Handbreit Luft. Er fingerte nach einem der Mundstücke und setzte es sich vor den Mund. Beim Einatmen stellte er fest, dass ein Ventil das Rohr vor dem Eindringen von Wasser sicherte und damit das Atmen etwas erschwerte. Das bedeutete wohl, er konnte nur dann schluckweise Salzwasser durch das Rohr einatmen, wenn es vor dem Ventil stand.
Es wurde ernsthaft Zeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob er Platzangst hätte und ob man von Salzwasser gut erbrechen konnte. Sollte das der Fall sein, würde er es in Kürze wissen und konnte dann auch gleich probeweise in Panik geraten.
Als der Torpedo mit einem Mal in die Höhe gezogen wurde und dabei hin und her schwankte, zuckte er zusammen und suchte reflexhaft mit den Händen und Füßen nach Halt. Aber sein neues Beförderungsmittel war zu eng. Er konnte darin seine Position kaum verändern. Er stützte sich mit den zitternden Händen innen an der Oberseite des Torpedos ab und begann leise vor sich hinzufluchen, während seine Zähne hektisch aufeinanderschlugen.
Der Schwimmkörper neigte sich mit seinen Füßen nach unten. Ein Gefühl wie in der Achterbahn oben am höchsten Punkt kurz vor der Schussfahrt in die Tiefe. Er hasste solche Fahrgeschäfte, in denen man unkontrolliert nach allen Regeln der Physik um Verstand und Haltung gebracht wurde. Holztorpedos würden für ihn ab nun auch zu dieser Kategorie gehören.
Es ruckte, als der Torpedo von den Tauen gelöst wurde, die ihn am Kran hielten, und über die Deckkante stürzte. Der Aufprall auf dem Wasser war unerwartet heftig und er schrie vor Angst auf. Der Torpedo tauchte kurz ins Meer ein und legte sich dann in seine Schwimmposition. Er stieß sich den Kopf beim Aufprall auf dem Wasser an der Box. Der Schmerz ließ ihn aufstöhnen.
>>Dreck! Das mache ich nicht noch mal!<<, presste er heraus, um seine Stimme zu hören. Er war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Das Aufklatschen weiterer Objekte auf dem Wasser lenkte ihn für einen Moment ab. Der Müll wurde entsorgt.
Ihm fiel ein, dass er nicht gefragt hatte, wie er den Deckel von innen öffnen konnte. Er tastete die Innenseite des Torpedos ab, fand aber nichts, das sich nach einem Riegel oder Hebel anfühlte. Platzangst verspürte er nicht, aber der Umstand, dass er sich offensichtlich nicht aus dem Behälter befreien konnte, bewirkte kontinuierlich stärkeres Herzklopfen. Aber er hatte ja noch einige Zeit, sich in die Idee, in einem echten schwimmenden Sarg zu liegen, hineinzusteigern.
Das dröhnende Geräusch der Schiffsmotoren entfernte sich und wurde vom Geräusch der Wellen und des Windes überlagert, einem Geräusch, das in Wellnesseinrichtungen für Beruhigung sorgte. Hier hatte es eine andere beklemmende Wirkung und eine zusätzliche auf seine Verdauungsorgane.
Er war allein, irgendwo im Mittelmeer, eingesperrt in einen kleinen schaukelnden Holzbehälter, und konnte nur darauf warten, dem anderen Boot ins Netz zu gehen. Sollte etwas schiefgehen, würde er noch nicht einmal einen letzten Sonnenaufgang zu sehen bekommen.
7.
Privater Ermittler klang eigentlich gar nicht schlecht. Ein kleines schlecht beleuchtetes Büro mit einem Schild an der Tür, auf dem sein Name stand. Ein großer alter Schreibtisch, hinter dem er auf den hinteren Beinen eines Stuhls balancierte, die Füße auf dem Schreibtisch, während er eine Zeitung las, an einem Bourbon nippte und auf Kunden mit interessanten Aufträgen wartete. Ein echter Marlowe eben.
Immer wieder Anfragen von Leuten, bei denen es auf Geld nicht ankam, um ihre entlaufenen Hunde zu suchen, ihren Ehepartnern hinterherzuspionieren oder verloren gegangenen Schmuck zu suchen. Vielleicht nicht aufregend, aber einträglich.
Eine schöne leichte Fantasie.
In der Realität würde ihm wahrscheinlich nicht einmal sein Vermieter beauftragen, das Paar zu finden, das die Wohnung unter ihm im letzten Monat geräumt hatte und dabei einen Haufen Müll und Mietschulden hinterlassen hatte. Auf die Idee, sich als Detektiv zu betätigen, wäre er selbst im größten Alkoholrausch nicht gekommen. Und jetzt war da dieses Angebot.
Frau Wolenski hatte ihm einige Informationen zugeschickt. Die Personalagentur arbeitet für den Konzernverbund der DesertEnergy-Gruppe. Der Klient hinter dem Auftrag war also vermutlich ein Manager aus diesem Unternehmen. Es handelte sich nicht um eine feste Stelle, sondern lediglich um einen einzelnen Suchauftrag nach einer Person. Viel mehr war aus dem Text nicht zu entnehmen. Es ging also nicht um Tiere, Schmuck und Seitensprünge, eher um eine nur vermeintlich demente Großmutter, die sich aus ihrem Luxussanatorium davongeschlichen hatte, um noch mal kräftig einen draufzumachen.
Frau Wolenski hatte sein Profil auf dem Portal des Amtes für Arbeit eingestellt und recht schnell war ein Stellenangebot direkt zu seinem Profil eingegangen. Wenn er sich mit diesem Gedanken beschäftigte, ging ihm das Wort Sklavenmarkt nicht aus dem Kopf. Allzu schlecht war der Vergleich nicht. Frau Wolenski bot Daniel an und ein Interessent begutachtete das Angebot. Kam es zu einem Abschluss, verdienten daran alle Beteiligten. Das Amt sparte Geld, die Agentur bekam Geld für die Vermittlung und der Auftraggeber eine Arbeitskraft. Der Einzige, der dabei wenig mitzureden hatte, war die Arbeitskraft selbst. Wagte sie einen Widerspruch, sparte immer noch das Amt Geld, ein nettes Druckmittel, mindestens so motivierend wie ein Peitschenhieb.
Vermutlich hatte man bereits ein paar Dutzend Bewerber in der Auswahl. Schlechte Chancen für ihn, einen ehemaligen Polizisten, der ein paar Jahre lang vor einem Computer gesessen hatte, um im Internet Betrügern, Dieben, Mördern und Sexualstraftätern nachzujagen, und nicht einmal ein Taxi für eine Verfolgungsjagd benötigt hatte. Daniel überlegte, ob er bereits ein Problem mit seiner Motivation hatte, auch ohne Geldentzug oder Peitschenhiebe. Wenn er es sich ehrlich eingestand, hätte er sich lieber ins nächste Bistro gesetzt und ein Bier bestellt, den Tag genossen und diese Mitteilung verdrängt. Alleine der aufgebaute Druck, sich bis zum Nachmittag bei der grauhaarigen Dame mit der merkwürdigen Brille melden zu müssen, hielt ihn ab.
Die Sonne schien angenehm warm und blendete ihn. Eigentlich war der Tag für andere Dinge wie gemacht. Als er im Citybereich das erste Café fand, setzte er sich an einen der Tische im Außenbereich und bestellte einen Kaffee. Es waren nicht viele Menschen unterwegs, die meisten wohl zu ihren Jobs. Die verkehrsfreie Zone beheimatete statt Geschäften, die längst gegen das Internetangebot aufgegeben hatten, Auslieferpunkte, in denen Drohnen gewartet, aufgeladen und mit Waren für die Nahbelieferung beladen wurden, oder Servicepunkte mit Pflegediensten oder ähnliche Haushaltsdienstleister.
Daniel spielte mit seinem Smartphone. Seine Finger wischten auf dem Display herum. Die Mitteilung von Frau Wolenski öffnete sich und schloss sich wieder. Jedes Mal fiel sein Blick auf die angezeigte Telefonnummer der Agentur. Mit der anderen Hand griff er nach dem Kaffee und nahm einen Schluck. Er schwankte zwischen mangelnder Motivation und Neugier. Etwas reizte ihn, mehr über diesen Job herauszufinden. Endlich rang er sich durch und wählte die Nummer.
>>Best Skills Agency! Guten Tag!<<
Keine Videoverbindung, nur ein Firmenlogo. Die Stimme gehörte einer jungen Frau.
>>Guten Tag! Mein Name ist Daniel Neumann! Ich habe hier eine Rückmeldung Ihrer Agentur auf meine Stellensuche!<<
>>Können Sie mir unsere Referenznummer nennen?<<
Daniel schaute auf seine Commwatch, auf die das Smartphone automatisch einen Teil der Mitteilung vom Amt spiegelte und las die angezeigte Referenznummer vor.
>>Vielen Dank! Einen Moment!<<, antwortete die Stimme mit der kühlen Sachlichkeit einer künstlichen Intelligenz. Natürlich sprach er nicht mit einem Menschen, bevor das Anliegen nicht einem Mitarbeiter zugeteilt wurde.
Während ein paar Momente vergingen, nahm Daniel wieder einen Schluck Kaffee. Die Stimme erklang wieder, nicht eine Spur freundlicher, und teilte ihm mit, er würde gleich mit einem Kundenbetreuer sprechen. Dann nannte eine männliche leicht näselnde Stimme ihren Namen.
>>Antall hier! Herr Neumann, ich freue mich, dass Sie sich so schnell melden!<<
Das klang deutlich freundlicher. Natürliche Intelligenz, hoffentlich. Auf dem Display erschien der füllige Kopf eines Mannes mit dunklen leicht ölig glänzenden Locken auf dem Kopf. Er hatte schmale listig schauende Augen und einen leichten Bartschatten, was Daniel spontan auf die Idee brachte, keinen Personalvermittler, sondern einen Gebrauchtwagenverkäufer vor sich zu haben. Der Mann strahlte über das Gesicht, als wenn er sich darüber freuen würde, dass gerade Daniel ihn angerufen hatte.
>>Ich suche jemanden für einen einzelnen Auftrag. Ihr Profil ist ein Glücksfall! Ein ehemaliger Kommissar, sogar mit umfassender Erfahrung in der Internetermittlung!<<
Der Mann klang so überschwänglich, als hätte er seit Monaten auf den einen großen Treffer gewartet, der ihn zum Mitarbeiter des Monats machen würde. Und nun wurde sein Traum wahr. Kommissar? Hatte Wolenski einen schwachen Moment gehabt? Daniel bemühte trotz seiner Verwunderung eine entspannte Mimik.
>>Ein Klient aus Berlin hat uns beauftragt. Es geht darum, eine vermisste Person aufzuspüren. Der Klient sucht jemanden, der in dem Bereich bereits Erfahrungen hat. Als Qualifikation wird eine mehrjährige nachweisbare Tätigkeit als Detektiv oder als Ermittler bei der Polizei gefordert, außerdem Erfahrungen im Umgang mit Informationstechnologie. Das erfüllen Sie! Ich werde Sie sofort dem Klienten vorschlagen! Das ist großartig!<<
Stillschweigende Zustimmung nannte man das wohl, was Daniel blieb. Er dachte an Wolenskis Drohung bei mangelnder Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
>>Gut! Wie geht es dann weiter?<<
>>Der Klient wird sich bei mir melden, wenn er Sie für geeignet erachtet. Dann folgt ein persönlicher Termin mit dem Klienten. Entweder Sie kommen ins Geschäft oder Sie verbuchen das Ganze als Erfahrung.<<
>>Können Sie mir sagen, wer dieser Klient ist?<<
>>Tut mir leid! Den Namen erfahren Sie erst, wenn Sie zu einem Termin eingeladen werden.<<
Das war zu erwarten. Daniel überlegte, ob er mit dem, was er schon wusste, ein wenig spekulieren sollte. Eindruck schinden mochte nicht schaden.
>>Sie arbeiten für DesertEnergy. Wenn jemand von dort einen solchen Auftrag hat, wird es wohl kein kleiner Angestellter sein, sondern jemand aus dem Führungsbereich. Eine solche Suche kann kostspielig werden. Daher gehe ich davon aus, es handelt sich sogar um einen recht hochrangigen Manager…<<
Antall lachte laut auf und unterbrach damit Daniel.
>>Ich höre schon, dass Sie die richtige Wahl sind. Aber Sie werden trotzdem verstehen, dass der Klient Anonymität wünscht.<<
Eine weitere Frage brannte Daniel noch unter den Nägeln.
>>Wie groß ist meine Chance, diesen Auftrag zu bekommen? Ich meine, es gibt doch bestimmt nicht nur in Berlin viele Detekteien, die mit langjähriger Erfahrung und professioneller Ausrüstung punkten können. Ich habe da nicht viel gegenzuhalten!<<
Eine Gedenksekunde lang herrschte Stille. Musste dieser Antall sich eine gute Erklärung ausdenken?
>>Der Klient wünscht absolute Verschwiegenheit und Anonymität. Das ist mit einer professionellen Agentur schwierig zu erfüllen.<<
Was für ein Quatsch, dachte sich Daniel. Eine Detektei, die mit diesen Grundlagen ihrer Arbeit Probleme hatte, würde sehr schnell nur noch in Shopping Malls nach Taschendieben Ausschau halten. Antall schien Gedanken lesen zu können oder deutete seinen Gesichtsausdruck einfach nur richtig.
>>Jemand wie Sie lässt sich sehr einfach in eine Residenz einschleusen, ohne dass die falschen Personen unnötige Fragen stellen. Wenn eine Detektei eine Residenz aufsucht, ist die Chance groß, dass kurz darauf jemand von der Presse diese Detektei unter die Lupe nimmt, um zu prüfen, ob dahinter eine gute Story steckt.<<
Dieses Argument zog besser. Und Herr Antall war doch nicht so verschwiegen. Wenn der Klient in einer Residenz lebte, bedeutete das, er war recht vermögend und ganz bestimmt ein hochrangiger Manager, möglicherweise zur Wirtschaftsprominenz gehörend, womit die Geheimniskrämerei sich rechtfertigte.
>>Und wenn ich mich bei diesem Termin doch nicht als der Richtige für den Job erweise? Dann kenne ich den Klienten und könnte selbst versuchen, mir ein kleines Zubrot bei der Presse zu verdienen!<<
Daniel blieb hartnäckig.
>>Herr Neumann, die Antwort darauf ist einfach. Sollten Sie nicht so verschwiegen wie erwartet sein, gibt es genug Mittel, Ihnen echte Probleme zu bereiten.<<
Antall gönnte sich eine Schweigesekunde, die er zur Steigerung der Bedeutung seiner Worte mit einem ironisch klingenden Sie verstehen? beendete.
Die nun einsetzende Pause entstand, weil Daniel für einen Moment die Worte fehlten.
>>Das Thema ist wohl hinreichend besprochen. Haben Sie noch weitere Fragen?<<
Daniel räusperte sich. Er fühlte sich plötzlich zu sehr in der Defensive. Plötzlich konnte er sich doch einen Job als Hausmeister sehr gut vorstellen. Knieschmerzen vom ständigen Herumrennen in einem Gebäude waren wohl angenehmer als echte Probleme, was das auch immer genau bedeuten mochte.
>>Wenn ich Details zu dem Suchauftrag erst von Ihrem Klienten erfahren werde, muss ich gestehen, mir fällt gerade keine sinnvolle Frage ein. Haben Sie aber vielleicht noch eine Frage an mich?<<
Antall klang erheitert.
>>Nein, ich habe alles Notwendige vorliegen, und werde Sie als geeigneten Kandidaten vorschlagen. Unser Gespräch war sehr aufschlussreich! Und dem Amt für Arbeit werde ich eine positive Rückmeldung geben!<<
Herr Antall verabschiedete sich freundlich und unterbrach die Verbindung. Daniel schaute nachdenklich auf sein Smartphone. Er war sich nicht ganz klar darüber, ob er sich freuen oder beunruhigt sein sollte. Wie es aussah, blieb ihm aber ohnehin nur, abzuwarten. Vielleicht hatte Frau Wolenski noch einen Vorschlag mit langfristiger Perspektive. Ein Job als Müllfahrer war eventuell auch eine akzeptable Alternative.
8.
Das Boot, das den dezent nach Erbrochenem riechenden Passagier abgesetzt hatte, nahm wieder Kurs auf die spanische Küste, die etwa einhundert Kilometer entfernt war. Die aktuelle Position war für das Boot nicht ganz unproblematisch. Der Kapitän rechnete zwar nicht damit, dass ein kleines Schiff, das auf etwa dreißig Kilometer an die afrikanische Küste heranfuhr und dann wieder abdrehte, von der Küstenwache gestellt würde, aber das Boot würde auf jeden Fall beobachtet. Daher war es wichtig, dass sie keinem anderen Boot zu nahe kamen, um nicht in den Verdacht zu geraten, Menschenschmuggel zu betreiben. Und es würde hoffentlich niemand auf die Idee kommen, das Schiff über seine gesamte Fahrt zu beobachten, um sich die berechtigte Frage zu stellen, ob jemand das Mittelmeer wirklich in Nord-Süd-Richtung durchquerte, nur um seinen Abfall ins Wasser zu werfen.
Die Morgendämmerung zog von Osten auf und präsentierte einen farblich atemberaubenden Sonnenaufgang bei wolkenfreiem Himmel. Das Panorama hätte jeden Kreuzfahrtreisenden begeistert. Das Meer, das in der Nacht noch etwas Wellengang hatte, der für den Passagier zu viel gewesen war, war an diesem Morgen fast spiegelglatt.
Für die vier Männer an Bord des kleinen Fischerbootes war der blaue Himmel weniger interessant. Sobald sie in die freigegebene Fischereizone gelangten, würde ein normaler Arbeitstag beginnen. Die Mannschaft befand sich aber bereits den größten Teil der Nacht auf den Beinen. Der Tag würde somit etwas schwieriger verlaufen. Das Boot befand sich etwa eine halbe Stunde auf Kurs zum europäischen Festland, als vor ihm ein anderes Boot auftauchte, das in hohem Tempo von Westen direkt auf das Fischerboot zuhielt. Der Kapitän bemerkte das Boot auf dem Radar. Aber er beachtete es nicht. Auf dem Mittelmeer herrschte üblicherweise reger Schiffsverkehr, insbesondere je näher man an Gibraltar herankam.
Das Boot kam näher, kreuzte dann hinter ihnen ihren Kurs und beschrieb eine Kurve, um dem Fischerboot zu folgen.
>>Was soll das denn?<<, brummte der Kapitän und rief nach dem Jungen, der ihren Passagier abgesetzt hatte.
>>Nimm Dir das Glas und beobachte das Boot hinter uns. Wir werden verfolgt! Das ist aber keine Küstenwache!<<
Der Kapitän reichte dem Jungen ein Fernglas und erhöhte dann das Tempo des Bootes noch ein wenig. Die Maschinen wurden etwas lauter und der träge Schiffskörper nahm kaum merklich ein wenig mehr Tempo auf. Der junge Mann folgte der Anweisung und stellte sich ans Heck, von wo er das andere Boot beobachtete, ein flaches nicht einmal zehn Meter langes Sportboot, mattschwarz lackiert, mit einer weit nach vorne gezogenen geschlossenen Kabine, deren Fensterflächen ebenfalls mattiert und verdunkelt waren. Am Heck spannte sich ein gut drei Meter hoher nach hinten geneigter Bügel, der Radargerät und Funkantenne enthielt, quer über das Kabinendach. Das kleine Deck hinter der Kabine war leer. Dahinter folgte eine Abdeckung, unter der sich die Motoren befanden. Große Einlassklappen zeugten vom Luftbedarf des Antriebs. Das Boot wirkte nicht sehr hochseetauglich, eher wie ein Sportboot für schnelle Trips entlang der Küsten. Jeder kräftigere Sturm würde mit so einem Ding leichtes Spiel haben. Wenn dieses Boot tatsächlich von der spanischen Küste kam, hatte der Steuermann einen recht unangenehmen Start in den Tag gehabt, so wie die Landratte in dem Holztorpedo. Der Blonde grinste bei dem Gedanken daran, dass ihr Gast nun irgendwo im Meer dahintrieb und sich wahrscheinlich vor Angst längst in die Hosen gemacht hatte.
Dann konzentrierte er sich wieder auf seine Aufgabe. Das schwarze Boot gefiel ihm. Es sah teuer aus und wirkte durch den matten Lack etwas unheimlich. Mit dem schmalen Lohn, den er auf dem Fischerboot und in der Werkstatt am Hafen von Málaga verdiente, würde er solch ein Boot immer nur aus größerer Entfernung anschauen können. Es musste ein fantastisches Gefühl sein, die Motoren dieses Bootes auf volle Leistung zu bringen und zu spüren, wie es sich aus dem Wasser hob und davonraste.
Das Sportboot folgte dem Fischerboot mit einem Abstand von etwa zweihundert Metern.
>>Was ist da hinten los?<<, brüllte der Kapitän vom Steuer aus.
>>Sie kommen näher!<<, schrie der Junge zurück und setzte das Fernglas ab. Die Besatzung des schwarzen Bootes schien eine Entscheidung über ihr Vorhaben getroffen zu haben. Das Fischerboot nur zu verfolgen reichte ihnen nicht mehr.
Das fremde Boot hob sich vorne ein Stück aus dem Wasser, als es beschleunigte. Das Dröhnen seiner Motoren übertönte sogar das Brummen aus dem Maschinenraum des Fischerbootes. Es näherte sich ihnen schnell, setzte sich auf einem Abstand von etwa zwanzig Metern neben das Fischerboot und passte sich dessen Tempo an.
Dem Jungen lief ein Schauer über den Rücken. Bei diesem Abstand legten die Verfolger es wohl nicht auf ein Gespräch an. Jemand betrat auf dem Sportboot den hinteren Teil des Decks. Der Junge erblickte einen groß gewachsenen kräftigen Mann mit kurzen Haaren in hellen Bermudashorts und einem blauen Polohemd. Der Mann wirkte wie jemand aus der High Society von einem der noblen Ferienorte Frankreichs. Er winkte zum Fischerboot herüber. Zögerlich erwiderte der Junge den Gruß.
Der Mann beugte sich vor und klappte eine Sitzbank hoch, unter der sich ein Fach befand, aus dem er etwas herausnahm, einen meterlangen gut armdicken grauen Gegenstand mit einer Schulterstütze und einem breiten trommelähnlichen Mittelteil.
Der Junge wurde blass, als er eine Waffe in den Händen des Mannes erkannte.
>>Kapitän!<<, schrie er und drehte sich um, um nach vorne zu laufen.
Der Mann auf dem Sportboot wirkte routiniert. Mit einer Bewegung legte er die Bazooka an und richtete sie auf den Rumpf des Fischerbootes, knapp über der Wasserlinie. Das Geschoss schlug auf der Außenhaut des Bootes auf und explodierte. Die Detonation erschütterte den Rumpf des Bootes. Abgerissene Teile des Schiffskörpers schlugen ins Wasser. Ein großes Loch klaffte im Rumpf, das bis unter die Wasserlinie reichte. Das Fischerboot verlor sofort massiv an Tempo und lief mit Wasser voll.
Der Junge wurde von der Wucht des Treffers ins Wasser geschleudert. Ein weiterer Schuss traf den Aufbau auf dem vorderen Teil des Bootes, genau dort, wo sich das Radarsystem und die Antenne der Funkanlage befanden. Die Granate zerfetzte das Dach des Steuerraums und die Radarschüssel. Der Kapitän am Steuer starb durch die Wucht der Explosion.
Der Mann auf dem Sportboot lud seine Waffe in aller Ruhe nach, während das Fischerboot bereits sichtbare Schlagseite bekam. Ruhig legte er die Waffe erneut an und zielte wieder auf das Boot. Er war ein geübter Schütze und glich den schwankenden Untergrund beim Zielen mit Bewegungen seines Körpers aus. Mit einem Schmunzeln im Gesicht nahm er wahr, dass jemand vom Fischerboot ins Wasser sprang und versuchte, vom Wrack wegzuschwimmen, das sich immer mehr auf die Seite legte.
Der Mann auf dem Sportboot feuerte eine weitere Granate ab, die auf dem Deck des Fischerbootes einschlug. Die Wirkung war, als hätte man den Korken einer Sektflasche entfernt. Die Luft konnte blitzartig aus dem Schiffskörper entweichen und das Boot versank schnell.
Der Mann fixierte zwei Punkte auf dem Wasser und rief eine Anweisung in die Kabine. Das Sportboot nahm wieder Fahrt auf und hielt auf die Schiffbrüchigen zu, während der Mann die Bazooka verstaute und stattdessen eine Pistole aus dem Fach entnahm. Das Boot näherte sich den Schwimmenden auf wenige Meter. Der Junge, der sie vom Heck des Fischerbootes beobachtet hatte, wirkte benommen und paddelte unkoordiniert mit den Armen. Der andere schwamm mit aller Kraft weg, obwohl ihn seine Kleidung dabei sichtlich behinderte.
Der Mann schoss beiden in den Kopf. Dann betrachtete er mit einem Ausdruck von Befriedigung die Toten, die mit dem Kopf nach unten im Wasser trieben.
>>Halten wir uns an das, was wir am besten können!<<, sagte er leise und gab dem Mann am Steuer einen Wink. Beide ahnten nichts von ihrer Verspätung. Das Boot drehte ab und hielt auf die spanische Küste zu, von der es ursprünglich gekommen war.
Etwas mehr als zehn Seemeilen entfernt, in marokkanischen Hoheitsgewässern, barg in diesem Moment ein anderes Fischerboot einen hölzernen Schwimmbehälter, aus dem ein junger erschöpfter Mann herausstieg und froh darüber war, seinen schwimmenden Sarg verlassen zu können. Er wäre noch glücklicher gewesen, wenn er gewusst hätte, wie sich Zeitzonen auf die Beauftragung einer Schiffsversenkung auswirken konnten.
9.
Am nächsten Morgen fiel Daniel das Aufstehen deutlich leichter als am Tag zuvor. Er brauchte nur Sekunden, um den Wecker zum Verstummen zu bringen. Aus der Idee heraus, die mögliche Begegnung mit einem wichtigen Manager von DesertEnergy passe nicht zu ausgewaschenen Jeans und lässigen Shirts, hatte er sich in einem Onlineshop ein paar neue Kleidungsstücke gegönnt, die sein Konto endgültig gegen die Nullmarke drückten. Die Anlieferung war am frühen Abend durch eine Transportdrohne direkt auf dem kleinen Landeplatz vor seinem Wohnzimmerfenster erfolgt.
Den Abend hatte er alkoholfrei verbracht. Es schien, die neue Perspektive beeinflusste bereits seine Lebensführung sehr positiv.
Der Radiowecker holte ihn aus einem erfrischenden Schlaf. Das Frühstück bestand wieder aus etwas zu trockenem Weißbrot mit Marmelade, da er vergessen hatte, Lebensmittel einzukaufen. Ohne Zahlung des Amtes würde er an diesem Tag Hunger schieben. Er hatte immerhin Gelegenheit, eine warme Dusche zu nehmen, da die Heizungsanlage in Betrieb war. Verwundert war er darüber schon, denn draußen war es fast windstill und die Sonne stand noch so tief, dass die Stromversorgung überregional weitgehend aus Reservespeichern erfolgte und die Industrieunternehmen mit Sicherheit nicht freiwillig den Betrieb eingestellt hatten, weil die Sonne sich in den letzten Stunden gerade auf der Europa abgewandten Seite der Erde befunden hatte und die Großwetterlage nur ein laues Lüftchen hergab.
Danach stellt sich ein nicht ungewöhnliches Problem. Was sollte er mit seiner Zeit anfangen, bis Herr Antall sich vielleicht bei ihm meldete. Er löste es wie fast immer. Daniel warf sich in seinem kleinen Wohnzimmer auf die Couch, schaltete sein Touchbook ein und wählte einen TV Stream. Das Gerät hatte eigentlich einen zu kleinen Bildschirm, um darauf Filme anzusehen, aber Daniel war in dieser Hinsicht nicht sehr anspruchsvoll. Einen Fernseher hatte er noch nie besessen. Lediglich ein altes ausgemustertes Touchbook lag noch in einer Ecke des Wohnzimmers neben einem Stapel altmodischer Bücher und staubte ein, bis es vielleicht noch einmal als Notbehelf gebraucht würde.
Aber er fand keine wirkliche Ruhe, wechselte intentionslos von Stream zu Stream, zwischen seichten interaktiven Shows, bei denen man als Zuschauer eine uninspirierte Handlung beeinflussen konnte, Lebenshilfedokus und diversen Serienwiederholungen.
Ständig dachte er an das Gespräch mit dem Personalberater. Allmählich konnte er sich für die Idee, Detektiv zu spielen begeistern. Es würde ihm helfen, aus seiner Ziellosigkeit herauszukommen. Der irgendwie geregelte Tagesablauf der letzten Monate war inhaltlich dringend verbesserungsbedürftig. Außerdem interessierte ihn, welche Bezahlung er erwarten konnte. Wenn die Wahl auf ihn fallen würde. Die Zweifel wischten seine Neugier und die kleine Hoffnung, die er sich gemacht hatte, wieder zur Seite. Warum sollte gerade er diesen Job bekommen? Knieversehrt, ohne Referenzen, ein Niemand. Rausgeworfen als Überflüssiger erster Wahl.
Daniel schüttelte sich, als in seinem Kopf die Endlosschleife der sich selbst erzeugenden Demotivationsbekundungen endlich wieder anlief, die ihn bisher in fast jeder Nacht ohne Alkoholrausch befallen hatte. Der kleine Demotivationsteufel hatte bisher Ausdauer bewiesen. Keine geistige Benebelung bedeutete selten Nachtruhe.
Er konzentrierte sich auf die erkenntnisarmen Äußerungen einer Lebensberaterin, die zu der Frage eines Zuschauers referierte, aus welchen seelischen Gründen er sich nicht in der Lage fühlte, länger als eine Woche den gleichen Job zu machen, bis die Endlosschleife dank eines Werbeblocks verstummte.
Trotzdem warf er immer wieder einen Blick auf das auf dem Tisch liegende Smartphone. Wenn das so weiterging, würde es ein langer Tag werden. Gefühlt zum hundertsten Mal stieß er einen stresserfüllt klingenden Atemzug aus und starrte gedankenlos aus dem Fenster.
Danach verweilte er unkonzentriert bei einem Krimi, bei dem das Verhalten der Hauptakteure durch interaktive Zuschauerabstimmungen bestimmt wurde. Neben dem Filmbild befand sich ein abgetrennter Bereich, in dem Fragen langsam nach oben scrollten. Zu jeder Frage gab es einige Antwortalternativen, die man innerhalb eines knappen Zeitfensters auswählen konnte. Der Reiz lag wohl daran, dass die sehr kurze Entscheidungszeit dem Zuschauer zumindest den Eindruck bot, als einziger für einen Moment die Entwicklung der Handlung zu lenken. Wie man beim konzentrierten Lesen von Fragen und Antworten überhaupt noch dem Film folgen konnte, blieb für Daniel ein Rätsel. Es war also wohl wahrscheinlich, dass viele einfach nur hektisch und abgelöst vom Inhalt der Texte mit den Fingern auf das Bedienfeld eintrommelten, um eine der zahllosen Handlungsalternativen des vollständig computeranimierten Films zu wählen und das demokratisch ermittelte Abstimmungsergebnis anzuschauen. Eindeutig war er zu nervös für eine dermaßen sinnlose Beschäftigung.
Daniel schaute zum wiederholten Male kurz in seine Mailbox, aber außer den üblichen Werbemails fand er nichts. Er schaute sich noch ein paar Minuten den Krimi an und wechselte endlich gelangweilt zu einer Spielshow, als sein Smartphone klingelte und ihn wie elektrisiert zusammenzucken ließ. Daniel legte das Touchbook zur Seite und nahm das Gespräch an. Die Nummer kannte er nicht. Außerdem hatte der Anrufer explizit eine Videoverbindung abgelehnt.
>>Knäpper, GlobSecure!<<
Die Stimme schnitt ihm ins Ohr. Der Anrufer klang wie ein Feldwebel beim Morgenappell. Daniel fröstelte sofort.
>>Sie sind Daniel Neumann?<<
>>Ja, das bin ich! Warum interessiert sich GlobSecure für mich?<<
Natürlich war ihm sofort klar, was der Anlass für diesen Anruf war. Antall hatte seinen Kandidaten bei seinem Klienten vorgestellt. Und nun gab es immerhin eine formelle Absage.
>>Ich habe den Auftrag, Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich reisefertig um zwölf Uhr am Flughafen Düsseldorf einzufinden haben. Wenn Sie eine Abholadresse nennen, wird Sie ein Fahrdienst pünktlich dort hinbringen!<<
Daniel fehlten für einen Moment die Worte, nicht nur weil sich der Gesprächston seines Gesprächspartners akut frostig anhörte. Ihm fehlte das erwartete Wort, Absage.
>>Äh, ja, ich denke, das sollte möglich sein!<<
Er warf einen Blick auf seine Commwatch. Es war gerade halb zehn. Die andere Seite hatte es offensichtlich ziemlich eilig. War das ein gutes Zeichen?
>>Gut! Am Flughafen gehen Sie am Terminal C zum Flugschalter Einhundertsiebzig. Dort wird man Ihnen weitere Anweisungen geben! Sie benötigen eine gültige Identifikation. Ist das ein Problem?<<
>>Nein! Ich habe…<<
Die kraftvolle Stimme unterbrach ihn barsch.
>>Gut! Ich benötige die Adresse, an der sie abgeholt werden wollen! Ihre Wohnadresse?<<
Daniel bejahte überrumpelt. Sein zielstrebig kommunizierender Gesprächspartner ließ danach unnötigerweise ein paar Sekunden verstreichen, wie er feststellte.
>>Gut! Der Fahrservice wird um exakt zehn Uhr dreißig eintreffen. Da Sie in keinem gesicherten Bereich wohnen, stehen Sie an der Straße, wenn der Wagen kommt. Der Fahrer wird seinen Wagen nicht für Sie verlassen!<<
Daniel merkte den sich in ihm regenden ersten Widerstand.
>>Ich wohne hier nicht in der Bronx! Sie brauchen nicht zu befürchten, dass der Wagen beschossen wird!<<, platzte es aus ihm heraus.
>>Seien Sie pünktlich! Wenn Sie bis fünf Minuten nach Eintreffen des Fahrservice nicht am Wagen sind, wird der Fahrer ohne Sie abfahren. Dann ist Ihr Termin geplatzt! Haben Sie alles verstanden?<<
Dieser Knäpper ignorierte Daniels Einwand einfach. Der schluckte seine hochkochende Wut runter, um nichts Falsches zu erwidern.
>>Gut! Wenn alles klar ist, werden Sie heute Nachmittag erwartet. Guten Tag!<<
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Daniel schlug mit einer Faust auf die Tischplatte, um sich abzureagieren. Arroganter Idiot. Daniel rieb sich den schmerzenden Handballen. Bis zu diesem Anruf war er auf den Job neugierig gewesen. Nach dem Gespräch mit dem GlobSecure-Mitarbeiter stellte sich bei ihm reflexartig Durst ein. Ein Schluck Whisky wäre geeignet, seine Wut runterzuspülen. Wenn er eine der Flaschen aus dem Kühlschrank bis zum Mittag geleert hätte, würde der Fahrer halt vergeblich vor der Tür stehen. Dann würde Antall eben noch einmal auf die Suche gehen müssen.
Wenn der Auftraggeber die gleiche Art von Kommunikation wie sein Untergebener pflegte, konnte Daniel auf diesen Job verzichten. Wenn Knäpper sogar selbst der Auftraggeber war, konnte er sich seinen miesen Job in die Haare schmieren. Wieder machte sich sein Smartphone bemerkbar. Daniel nahm das Gerät auf. Ein fülliger Kopf mit öligem Haarschopf grinste ihm entgegen. Der Informationsaustausch zwischen GlobSecure und der Personalagentur funktionierte offensichtlich nahezu in Echtzeit.
>>Herr Neumann! Antall hier! Ich wünsche Ihnen einen schönen guten Morgen! Wie ich gerade erfahren habe, wurden Sie vom Klienten für den Auftrag ausgewählt!<<
Daniel unterdrückte einen Fluch. Der Whisky würde wohl im Kühlschrank bleiben. Die Nachwirkungen eines entspannt dahin dämmernden Nachmittages auch.
>>Ja, ein Herr Knäpper von GlobSecure hat sich gerade bei mir gemeldet! Aber Sie sagen, ich habe den Auftrag schon, obwohl mich der Auftraggeber noch nicht gesprochen hat?<<
>>Ja, so ist es! Ich gratuliere Ihnen. Sie haben einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Ich war überrascht, wie schnell es ging. Ich werde dieses Ergebnis sofort an das Amt für Arbeit melden, damit man Sie von dort nicht unnötig mit lästigen Nachfragen verfolgt. Wenn Sie diesen Job gut erledigen, melden Sie sich unbedingt bei mir. Ich hätte weitere Aufträge dieser Art für Sie!<<
Damit war die Tür Richtung Ausweg aus dieser Sache zugefallen. Ein Nein würde ihn sofort in finanzielle Nöte treiben und ab dem nächsten Monat zu einem Umzug in eine der Bauruinen am Stadtrand zwingen, die lediglich den Vorteil hatten, dass sie keine Miete kosteten und einem den lästigen Ballast des Eigentums abnahmen. Knäpper oder Bauruine?
>>Vielen Dank für Ihre Hilfe, Herr Antall!<<, hörte Daniel sich sagen, obwohl er etwas anderes dachte, das den Tatbestand der schweren Beleidigung erfüllt hätte. Es lief auf Knäpper hinaus.
>>Immer gerne, Herr Neumann! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg!<<
Antall winkte in seine Kamera hinein, aber Daniel fiel noch etwas ein.
>>Eine Frage habe ich noch!<<
>>Lassen Sie hören!<<
>>Welche Bezahlung kann ich für diesen Auftrag erwarten? Gibt es einen Spesensatz, eine Erfolgsprämie? Und wie hoch wäre das! Ich habe da überhaupt keine Ahnung!<<
Antall zeigte mit dem Finger auf Daniel.
>>In der Tat eine wichtige Frage! Üblich sind tausend pro Tag als Spesen und eine frei verhandelbare Erfolgsprämie. Da Sie eine verschwundene Person suchen sollen, wären als Prämie zehntausend angemessen. Allerdings müssen Sie mit dem Klienten verhandeln, wie viel Zeit er Ihnen gibt!<<
Die Aussichten waren plötzlich gut. So konnte er vielleicht sogar den ruppigen Ton eines Knäpper ertragen.
>>Das hört sich gut an! Vielen Dank!<<
Antall nickte und verabschiedete sich.
Daniel fühlte sich plötzlich deutlich besser. Er konnte sich fast schon die Anzeige seines Kontostands im Display seines Smartphones vorstellen. Minuten später hatte er eine große Tasche mit notwendigen Sachen gepackt, die neuen Einkäufe sorgfältig gefaltet. Vorsorglich legte er auch sein Touchbook in die Tasche. Für einen Suchauftrag würde es unentbehrlich sein. Das Gerät war zwar nicht mehr das Neueste, aber es hatte einen europaweit verfügbaren Highspeedzugang ins Internet, besaß einen starken Akku und war mit einigen Applikationen ausgestattet, die Daniel während seiner Arbeit bei der Internetermittlungsgruppe verwendet hatte. Ganz legal war das nicht, da er kein Polizist mehr war, aber er hatte auch nicht vor, das jemandem auf die Nase zu binden.
Zuletzt zog er sich um. Eine dunkelgraue Hose, dazu ein langärmeliges Hemd, Schnürschuhe. Unentschlossen stand er mit einer Krawatte in der Hand vor dem Spiegel, die er dann doch einfach in die Tasche warf. Er fand, er musste nicht übertreiben. Es ging nicht um eine Stelle im Management. Außerdem war Sommer. Schweißdurchfeuchtet würde er keinen guten Eindruck hinterlassen.
Endlich war es kurz vor halb elf und Daniel verließ seine Wohnung. Da er keine Ahnung hatte, wie viele Tage er unterwegs sein würde, schaltete er alle Stromverbraucher einschließlich des ohnehin fast leeren Kühlschranks ab und verriegelte die Wohnungstür sorgfältig.
Als er auf die Straße trat, rollte gerade ein dunkler Van auf ihn zu, die Seiten mit kleinen blauen Aufklebern versehen, die auf den Brennstoffzellenantrieb des Wagens hinwiesen. Den notwendigen Strom für den Antrieb während der Fahrt erzeugte der Wagen also mittels Wasserstoff selbst. Die meisten Taxis waren mit dieser Technik ausgestattet, erlaubte diese doch das schnelle Nachtanken von Wasserstoff und gewährte lange Reichweiten. Der Wagen hielt am Straßenrand. Die Seitenscheibe fuhr herunter. Ein gepflegt aussehender Mann in einem dunklen Anzug schaute ihn an. Eindeutig kein Taxifahrer.
>>Wie heißen Sie? Wer hat Sie kontaktiert?<<
Daniel antwortete und die hintere Schiebetür des Wagens öffnete sich, sodass er einsteigen konnte. Er legte seine Tasche neben sich in den großzügigen Fußraum. Hinter ihm fuhr die Tür wieder zu.
>>Bitte anschnallen!<<
Kaum hatte Daniel der Aufforderung Folge geleistet, beschleunigte das Fahrzeug. Daniel schaute sich im Innern des Wagens um. Der zentrale Monitor neben dem Lenkrad zeigte die Fahrtroute an. In einem Fach darunter klemmte ein Dienstausweis mit dem Foto des Fahrers und dem Logo von GlobSecure. Die Sicherheitsfirma kümmerte sich eindeutig gründlich um ihre Angelegenheiten.
10.
Im Terminal des Flughafens herrschte wenig Betrieb. Vor einem einzelnen Schalter stand eine Menschenschlange mit Koffern und wartete auf die Abfertigung. Mitten in der Halle standen zwei Fahrzeuge auf einem Podest, ein flacher Sportwagen und ein sehr kurzes Stadtfahrzeug, ähnlich dem Leihwagen, den Daniel am Vortag gefahren hatte. Über den Fahrzeugen warb RWE Solar auf einem sich langsam drehenden mehrere Quadratmeter großen Bildschirm für regenerative Antriebsenergie und günstige Stromtarife bei Erwerb einer RWE Solar Superwallbox, einer Hausladestation mit 100 kWh-Speicher, gut und teuer. Nichts für Daniel.
Er fand nach kurzem Suchen den kleinen Schalter, über dem eine Anzeige auf >>Private Services<< hinwies.
Er schmunzelte bei der Bezeichnung kurz und dachte an Carina. Kurz hatte er ihr Bild vor sich, auf dem Bett, nur noch mit dem Hauch eines Slips und einem verführerischen Lächeln bekleidet. Eine junge schwarzhaarige Frau in einem dunkelblauen Stewardessendress begrüßte ihn freundlich reserviert. Nachdem er ihr sein Anliegen erklärt hatte, forderte sie ihn auf, sich zu identifizieren.
>>Herr Neumann! Ihre Maschine steht schon für Sie auf der Parkposition. Ihre Abflugzeit ist in zwanzig Minuten. Gehen Sie zu Ausgang C50 im Businessbereich. Ich melde Sie dort an. Ihre Tasche nehmen Sie bitte mit.<<
>> Das ist vermutlich kein regulärer Flug?<<, fragte er, obwohl er die Antwort schon ahnte. Die Frau schaute ihn erstaunt an.
>>Nein! Ihr Flugzeug ist ein DesertEnergy-Learjet. Sie sind der einzige Passagier für diesen Flug!<<
Er nahm sich vor, sich nicht mehr überraschen zu lassen. Dieser Auftrag musste wirklich wichtig zu sein, wenn man den Bewerber sogar mit einer Privatmaschine einfliegen ließ. Seine Neugier war geweckt, und eine Frage bereits beantwortet. Kein Manager von GlobSecure, sondern von DesertEnergy war der Auftraggeber.
Er versuchte ein unschuldiges Lächeln.
>>Tut mir leid. Ich fliege selten, eher gar nicht! Das wird heute wohl das dritte Mal, dass ich in ein Flugzeug steige!<<
>>Sie haben aber keine Flugangst?<<
Sie schaute ihn unbewegt an und wartete eindeutig auf eine Reaktion, die ihre Frage positiv beantworten würde.
>>Nur wenn ich selber fliegen muss!<<, antwortete er übermütig, verabschiedete sich grinsend und wandte sich um. Anhand der Beschilderung fand er den Ausgang eine Etage tiefer, separat von den zentralen Sicherheitsschleusen für den allgemeinen Flugverkehr. Eine Rolltreppe führte nach unten, wo er an einem weiteren Hinweisschild zu >>Private Services<< von zwei Sicherheitsleuten sehr höflich in Empfang genommen wurde, die erneut seine Identität überprüften und sowohl ihn als auch seine Tasche sehr gründlich untersuchten. Nachdem sie nichts sicherheitsrelevantes finden konnten, händigten sie ihm seine Habseligkeiten wieder aus und wünschten Daniel eine angenehme Reise.
Der kleine Warteraum war eine luxuriöse Lounge mit Parkettfußboden und stoffbespannten Wänden, die die kalte funktionale Optik des Flughafens verdeckten. Indirektes Licht schien aus an den Wänden verteilten Säulen. Bequem aussehende braune Ledersessel waren in Vierergruppen um kleine Tische arrangiert. Die abgetönte Glaswand, die auf das Rollfeld zeigte, ließ nur gedämpftes Licht in den Raum.
An der linken Seite der Lounge befand sich eine Bar mit einem großen Spiegel, vor dem Glasregale eine große Auswahl an Getränken und Gläsern zeigten. Hinter der Theke stand ein Mann in weißem Hemd und dunkler Weste, der ihn abwartend anschaute.
Daniel setze sich an die Bar und stellte seine Tasche neben sich ab. Der Mann in der Weste fragte ihn sofort nach seinen Wünschen. Entgegen einem Reflex bestellte Daniel lediglich ein Tonic Water. Daniel setzte sich in einen der bequemen Sessel nahe der Glaswand, um auf das Rollfeld hinauszuschauen, auf dem gerade eine Maschine zur Startbahn vorbei rollte. Das dezente Summen einer Lüftungsanlage, das einzige Geräusch in der Lounge, bemühte ihn mit einem monotonen Schlaflied. Er lehnte seinen Kopf zurück und schloss ein wenig die schwer werdenden Augenlider.
>> Herr Neumann! Wir warten schon auf Sie!<<
Die raue kräftige Stimme ließ ihn zusammenzucken.
>>Was?<<
Daniel riss die Augen auf. Mit einem Schlag fiel die Müdigkeit von ihm ab.
>>Sie warten auf mich?<<
>>Ja, wir können jetzt los! Sind Sie in Ordnung?<<
Daniel nickte. Er richtete sich etwas auf und schaute in das Gesicht eines jungen Mannes mit dichtem schwarzem Haarschopf. Goldene Spangen glitzerten an den Kragenecken eines dunkelblauen Sakkos im üblichen Uniformschnitt der Fluggesellschaften unter dem südländisch anmutenden Kopf, dessen untere Hälfte von dunklen Bartstoppeln geprägt war.
>>Ich heiße Cutugno und bin Ihr Pilot!<<, ließ ihn der Mann in der Pilotenuniform wissen.
>>Wenn Sie mir bitte folgen würden!<<
Daniel griff nach seiner Tasche und eilte dem Piloten nach. Kurz darauf saßen beide in einem Wagen und wurden über das Rollfeld gefahren. Der Wagen folgte den bunten Markierungen auf dem Asphalt und hielt auf eine in Weiß und Rot lackierte Maschine zwei Strahltriebwerken vor dem Höhenleitwerk zu, an dem ein silberner dreistrahliger Rotor in einer stilisierten Sonne abgebildet war. Darunter stand halbkreisförmig ein Wort, DesertEnergy. Der Wagen hielt neben der ausgeklappten Treppe, der Pilot sprang aus dem Wagen, kletterte flink die steilen Stufen hoch und verschwand, ohne sich zu seinem Fluggast umzudrehen, in der Maschine, während Daniel mit seiner Tasche langsam folgte.
In der Kabine wählte er einen Platz in der zweiten Reihe und stellte seine Tasche neben sich auf den Sitz am Fenster. Je drei Sitze fanden nebeneinander Platz, jeweils zwei davon auf der linken Seite und ein einzelner auf der rechten Seite, insgesamt genug Plätze für fünfzehn Personen. Viel Platz für Daniel.
Ein anderer Mann, ebenfalls in Pilotenuniform, mit akkuratem kurzem blondem Haarschnitt, kam aus dem Cockpit und nickte ihm freundlich zu. Er war für das Flugzeug eindeutig zu groß geraten, denn er stand in einer sehr gekrümmten Haltung da, den Kopf nach vorne gebeugt, den Rücken gebeugt und die Hüfte zur Seite geschoben.
>>Guten Morgen! Sie haben als unser einziger Passagier freie Platzwahl und ich sehe, Sie haben gut gewählt. Es geht auch sofort los!<<
Der Mann blieb vor ihm stehen und ging dabei in die Knie, während er sich an zwei Sessellehnen abstützte.
>>Die Sicherheitsbelehrungen in Kürze. Die Tasche muss unter den Sitz und sie angeschnallt auf einen Sitz! Wir werden möglicherweise einige Turbulenzen haben. Das Wetter da oben ist gerade etwas unbeständig! Und wir legen Wert darauf, dass unsere Fracht nicht quer durch die Kabine fliegt.<<
Daniel nickte und befolgte die Anweisungen, während der Mann die Treppe hochzog und die Außentür verriegelte. Dann kam er zu Daniel zurück.
>>Mein Name ist übrigen Schlüter! Ich bin der Co-Pilot!<<
Er schlängelte sich an Daniel vorbei und kam mit einer kleinen flachen Rollbox zurück, die er im Gang neben Daniel in Halterungen an den Sitzen verriegelte.
>>Falls Sie Hunger oder Durst haben, finden Sie in der Box ein paar Sandwiches und Getränke. Falls es wackelig wird oder Sie schlafen wollen, schließen Sie bitte die Box und lassen Sie nichts draußen stehen. Wenn eine Flasche sich in einer Turbulenz auf den Weg macht, kann das üble Verletzungen am Kopf hinterlassen. Wir hatten erst letzte Woche jemanden dabei, der das unbedingt ausprobieren wollte! Seine Augenbraue musste genäht werden. Sie wollen ihm das bestimmt nicht nachmachen.<<
Er gab Daniel noch ein paar Anweisungen für den Fall einer Notlandung und erklärte ihm, wie er die Verriegelung der Box öffnete, um diese aus dem Gang zu befördern.
>>Wir werden etwas über eine Stunde Flugzeit nach Berlin vor uns haben!<<
Hinter Daniel ertönten die startenden Triebwerke.
>>Danke! Ich denke, ich werde hier klar kommen. Und ich werde darauf achten, keine Fluggeschosse freizulassen!<<
Er deutete auf die Box.
>>Gut! Dann lasse ich Sie jetzt alleine! Falls Sie unsere Firma übrigens noch nicht so gut kennen, finden Sie ein Heft mit wichtigen Informationen in der Sitzlehnentasche vor sich.<<
Schlüter zog mit einer Hand die Cockpittür hinter sich zu und Daniel war alleine. Neugierig durchstöberte er das Getränkefach der Box. Nachdem er den kleinen Vorrat an erlesenen alkoholischen Getränken gesichtet hatte, entschied sich für ein Bier. Seiner Meinung nach ein guter Kompromiss zwischen dem verlockenden Angebot und dem Gebot, das Flugzeug in einer ansprechbaren Verfassung zu verlassen, vor allem ohne Alkoholfahne. Wenn dieser Trip für ihn gut ausging, konnte er das später immer noch ausgiebig begießen.
11.
Der Jet hatte seine Flughöhe erreicht und zog ungestört von Turbulenzen über den strahlend blauen Himmel.
Daniel griff auf der Suche nach Ablenkung in die Tasche an der Sitzlehne vor ihm und zog ein kleines Heft heraus. Auf der Vorderseite war das gleiche Logo abgebildet wie auf dem Heck der Maschine. Darunter stand in weißen Buchstaben auf dem roten Umschlag Unternehmensgeschichte - Konzernbild.
Daniel öffnete das recht umfangreich geratene Heft. Einen besseren Zeitvertreib würde er für die Dauer des Fluges wohl nicht finden. Er wusste zwar grundsätzlich, was DesertEnergy machte und hatte auch einiges zu den von dem Unternehmen zur hocheffizienten Reife entwickelten Technologien gelesen, aber die Geschichte des Unternehmens selbst war ihm so gut wie überhaupt nicht bekannt. Kurz darauf war er bereits in die Geschichte des Energiekonzerns vertieft.
DesertEnergy war 2023 in Europa gegründet worden. Gegenstand des Geschäfts sollte die regenerative Energieerzeugung aus Solarenergie sein. Maßgeblich für die finanzielle Ausstattung des Unternehmens war der Kapitalfonds ProtectCapital. Das Unternehmen setzte auf den Grundlagen auf, die das DesertTec-Konzept nach Beginn des einundzwanzigsten Jahrhundert geschaffen hatte.
2009 war die DesertTec Foundation gegründet worden, zum Zweck der Förderung des Aufbaus einer nachhaltigen, ausreichenden und kostengünstigen Energieversorgung durch Gewinnung regenerativer Energien in sonnenreichen Wüstengebieten und ihre Übertragung in die Bedarfsregionen mittels Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ). Das DesertTec-Konzept wollte eine Antwort auf die Frage nach einer nachhaltigen Energieversorgung der Erde geben. Die endliche Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe und die Auswirkungen der Förderung und Verwendung dieser Brennstoffe auf die Natur waren die maßgeblichen Faktoren zur Umsetzung dieses Konzepts. Die DesertTec-Foundation ging davon aus, dass es möglich sei, mehr als neunzig Prozent der Weltbevölkerung mit Strom aus den Wüsten zu versorgen.
Das Ziel war, die Rahmenbedingungen für nachhaltige und klimafreundliche Energieerzeugung in den Wüsten Nordafrikas und des Nahen Ostens zu schaffen und den Weg zu einer revolutionären Umstellung der Energieversorgung Europas zu bereiten. In Referenzprojekten sollten solarthermische, photovoltaische und Windanlagen in diesen Regionen Afrikas errichtet werden.
In Marokko wurden aufgrund guter Voraussetzungen für Windanlagen mehrere Windparks errichtet und in Betrieb genommen. Um den Strom nicht nur an den Orten der Entstehung selbst nutzen zu können und ihn auch an die Bedarfsorte in Europa zu befördern, wurden bereits 1997 durch die Straße von Gibraltar nach Spanien gelegte Stromleitungen genutzt. Die existierenden Leitungen reichten jedoch absehbar nicht aus. Eine dritte Leitung folgte schon vor der DesertEnergy Gründung.
Marokko bot aufgrund seiner geografischen Gegebenheiten hervorragende Voraussetzungen. Jedoch war die Umsetzungsgeschwindigkeit der einzelnen Projekte in Bezug auf das genannte langfristige Ziel einer kontinentalüberschreitenden Stromversorgung zu gering. Die Planungen gingen von Anlagen aus, die bis 2020 den Strombedarf Marokkos zu knapp zwanzig Prozent aus Solaranlagen decken und eine vergleichbare Leistung aus Windparks erzeugen sollten, viel zu wenig, um dem europäischen Energiehunger in absehbarer Zeit eine nennenswerte Menge an Energie bereitstellen zu können. Die verfügbaren Investitionsmittel waren zu gering, weitere Kapitalgeber schwierig zu bekommen.
Aber auch politische Schwierigkeiten hemmten nennenswerte Fortschritte in Nordafrika. Der Arabische Frühling beseitigte zwar die alten Regime in Ägypten, Libyen und anderen Ländern in der Region, fiel jedoch eher kurz aus. Die Dramatik der Machtwechsel war sehr unterschiedlich. Und nicht überall etablierten sich Regierungen, die vorwärts gerichtete Visionen hatten, eigentlich waren die meisten Visionen sogar eher nur auf Erhalt eines Status quo ausgerichtet. Das entstehende Machtvakuum in vielen Ländern des afrikanischen und arabischen Raumes bot sehr viel Platz für nachrückende Kräfte, die wenig Interesse an einer Zusammenarbeit mit den europäischen Staaten hatten. Eine Reihe neuer Machthaber oder machtbewusster politischer Gruppen verfolgten eine radikale Linie und versuchten ihren Einfluss in den übrigen afrikanischen Staaten geltend zu machen.
Mitten in die politischen Umwälzungen löste sich die DesertTec Industrial Initiative wegen gravierender Meinungsverschiedenheiten zwischen den beteiligten Parteien auf, ausgelöst von den an Stärkung ihrer Macht interessierten beteiligten Konzerne.
Dazu veränderten sich in den Folgejahren die Rahmenbedingungen für Marokko, denn spanische Stromerzeuger lieferten ihre Überproduktionen günstig dorthin, was den Sinn eines schnellen Ausbaus der teuren Solarparks in Marokko infrage stellte. Der Ausbau eines entsprechenden Stromnetzes innerhalb Europas und Regelungen über den europaweiten Import von Strom aus Afrika wurden ebenso politisch nachrangig behandelt.
Terroristische Aktivitäten, die in den Folgejahren immer weiter aus dem algerischen Süden und Mali in den umliegenden Staaten um sich griffen, erschwerten die Weiterentwicklung der Projekte ebenso. Es sah sehr danach aus, dass sich die Ideen und Bestrebungen von DesertTec in Nichts auflösen würden.
Doch manchmal fügen sich zumindest einige Dinge wie von selbst zum gewünschten Bild zusammen. Was immer auf dem Bild auch abgebildet sein sollte.
Hauptsächlich in Folge ihrer Überschuldung und einer langwierigen Weltwirtschaftskrise erklärten mehrere europäische Staaten ihre Zahlungsunfähigkeit. Ein spürbares Erdbeben für alle, das drohte, globalen Schaden in Form von Billionenverlusten anzurichten.
Nicht nur die Wirtschaft war von schweren Erschütterungen bedroht, auch die Vision einer nachhaltigen ökologischen Energieversorgung schien endgültig nicht mehr realisierbar, angesichts der kaum fassbaren absehbaren Kapitalvernichtung.
Banken kollabierten, Unternehmen waren von gewaltigen Zahlungsausfällen bedroht, Massenarbeitslosigkeit die zwangsläufige Folge. Westeuropa erlebte ein wirtschaftliches Albtraumszenario und reagierte in bekannter Weise.
Die Zauberworte lauteten Gläubigerverzicht und Zwangsfinanzierung des Rettungsplans durch Unternehmen und Bürger. Die Reaktion darauf kam von den Kapitalmärkten.
Der in Europa gegründete Sammelfonds ProtectCapital, der einen beträchtlichen Teil der Kreditforderungen gegen die Bankrottstaaten gesammelt hatte, präsentierte der Europäischen Union einen Entschuldungsplan, der Wachstumsmärkte in Europa in den Fokus nahm. Dazu gehörte auch der Bereich der erneuerbaren Energien.
Der Sammelfonds forderte für alle ins Visier genommenen Märkte Mitbestimmung bei Regierungsentscheidungen, dazu insbesondere für den Energiemarkt schnelle Freigaben für den Ausbau von Stromtrassen in Westeuropa, politische Unterstützung für den kontinentalübergreifenden Ausbau, dazu Steuervorteile für entsprechende Projekte und Abnahmegarantien.
Im Gegenzug sicherte der Kapitalfond weitere Investitionen zu, gewährte einen zehnprozentigen Schuldenschnitt und neue Rückzahlungsbedingungen für die Restschulden, durch Übereignung von Staatsflächen für den Bau von Stromtrassen und Speicherwerken.
Die Regierungen Deutschlands, Spaniens und Frankreichs stimmten dem vorgeschlagenen Lösungsweg in gerade übertriebener Hektik zu. Eine Wahl hatten sie im Grunde nicht. Die andere Option wäre ein massiver Kapitalabfluss aus Europa gewesen, der die wirtschaftliche Zukunft der beteiligten Länder infrage gestellt hätte, in denen die Arbeitslosenquoten konsequent stiegen. Damit war der Grundstein für die Gründung von DesertEnergy gelegt, einem rein privatwirtschaftlichen Unternehmen, dessen erklärtes Ziel es war, das DesertTec-Konzept schnellstmöglich so weiter zu entwickeln, dass nachhaltige Stromerzeugung in Nordafrika mehr als fünfzig Prozent des Strombedarfs in den genannten europäischen Ländern binnen dreißig Jahren decken sollte, ein extrem ambitioniertes Ziel, gemessen an den damaligen Rahmenbedingungen.
ProtectCapital lieferte damit die Initialzündung für eine maßgebliche Veränderung auf dem europäischen und dem afrikanischen Kontinent. Zur Umsetzung der Strategie wurde weitere Unternehmen in den beteiligten Ländern gegründet, dazu Tochterunternehmen in Marokko und Algerien, den beiden Ländern, in denen die Stromerzeugung im entsprechenden Umfang installiert werden musste. Dort waren die Regierungen ebenso begeistert über die sich neu eröffnenden Möglichkeiten. Sonnenenergie und Windenergie waren wie Ölquellen. Einfach auszubeuten, weil man nur die Fördergebiete an Unternehmen verpachten musste, die den technischen Kraftakt der Förderung bewerkstelligten. Relativ billige erneuerbare Energie benötigte große Flächen auf dem Festland, in einem politisch stabilen Umfeld, mit der Garantie auf viele Sonnen- und Windstunden. Diese idealen Rahmenbedingungen, abgesehen vom stabilen politischen Umfeld, boten beide Länder.
Das Kooperationsabkommen sah vor, dass die Erzeugerstaaten eine zugesicherte Quote des erzeugten Stroms kostenlos für den Eigenverbrauch bekamen und kein eigenes Kapital für das Projekt einbrachten, stattdessen aber geeignete Flächen im geforderten Maße bereitstellen mussten und dem Projekt mehr oder wenige völlig freie Hand ließen.
Die Dimensionen, in denen DesertEnergy plante, waren gewaltig. Binnen weniger Jahre wurde ohne lästige bürokratische Zwänge auf zwei Kontinenten ein dreistelliger Milliardenbetrag in Energieparks, Speicherwerken und Stromtrassen verbaut.
Das Unternehmen konnte damit von sich behaupten, maßgeblich für das erneute Wirtschaftswachstum in Europa verantwortlich zu sein. Energie war das Blut der Wirtschaft. Und DesertEnergy besaß viel davon, sehr viel. Und mehrte seinen flüchtigen Besitz ständig.
Zehn Jahre später hatte DesertEnergy einen bemerkenswerten Fortschritt erzielt. Die installierte Leistung der insgesamt sechzig Energieparks in Marokko und Algerien reicht bereits aus, fünfzig Prozent des Strombedarfs in den Erzeugerländern bereitzustellen. Zusammen mit Anlagen, die erneuerbare Energien in Deutschland, Frankreich und Spanien erzeugten, konnten bereits fast dreißig Prozent des Strombedarfs in den Bezugsländern über regenerative Quellen bereitgestellt werden.
Der Strom wurde über bipolare Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen, HGÜ-Leitungen, aus Afrika nach Europa geliefert, die nördlich der Hafenanlage TangerMed in Marokko und westlich von Oran in Algerien ins Mittelmeer führten.
Binnen einer Dekade war ein gigantischer Konzern entstanden, der für die zukünftige Energiesicherheit dreier großer europäischer Staaten verantwortlich war.
Die Energiewende, das ambitionierte Ziel des Ausstiegs aus der nicht regenerativen Energieerzeugung, in Deutschland durch den Ausstieg aus Atomenergie und dem Beschluss zum Ausstieg aus der Kohleverstromung im Inland begonnen, quälend langsam und teuer durchgeführt, hatte damit endlich eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage.
Der Fluch der Flüchtigkeit, die mangelnde Lagerfähigkeit von Strom, wurde durch gewaltige Speichersysteme bekämpft, in denen mit Hilfe von Stromüberschuss erzeugtes Methangas oder Wasserstoff gelagert wurde. In Zeiten ausbleibender Winde und fehlender Sonneneinstrahlung wurden diese Energieträger in Stromkraftwerken für die Stromerzeugung eingesetzt.
Konsequente Investitionen in Forschung und Entwicklung hatten DesertEnergy damit in die Lage versetzt, die Effizienz von Windrädern, Solarzellen und Brennstoffzellen maßgeblich zu steigern, moderne Stromnetze zu errichten und durch Speichersysteme für Versorgungssicherheit des eigenen Anteils am Gesamtbedarf zu sorgen.
Zum zehnjährigen Firmenjubiläum würdigte Frederic Jacobs, Anteilseigner und CEO, Vorstandsvorsitzender, der DesertEnergy, die erreichten Ziele des gesamten Konzerns und gab einen Ausblick auf die nächsten zehn Jahre. Das angestrebte Ziel der nächsten Dekade war die Bereitstellung der Hälfte des benötigten Stroms für die drei Abnehmerländer und die Vollversorgung der Erzeugerländer. Darüber hinaus wird die Expansion in weitere Länder Europas angestrebt. Neue Energieparks und weitere HGÜ-Leitungen sind im Ausbau.
Daniel legte das Heft zur Seite und schaute aus dem Fenster hinaus. Der Lesestoff war nicht so schwer verdaulich gewesen wie erwartet. Für die üblichen Wie gut kennen Sie uns? Nachfragen im Vorstellungsgespräch fühlte er sich vorbereitet.
Gleißende Helligkeit stach in seine Augen. Das Flugzeug zog völlig ruhig über einer geschlossenen Wolkendecke dahin, in der sich das Licht der Sonne in fantastischer Helligkeit brach. Er genoss den Anblick der Wolkendecke, die sich wie eine beinahe völlig ebene Schneelandschaft bis zum Horizont dahinzog, bis seine Augen von dem hellen Licht tränten.
Sein Magen meldete sich sehr eindringlich mit Knurren und einem leichten Kneifen. Das Bier hatte seinen Appetit angeregt. Er öffnete die Box neben seinem Sitz und fand mehrere gekühlte Sandwiches in durchsichtigen Plastikschachteln sowie eine Thermoskanne mit Kaffee, vermutlich das Standardfrühstück für die Gäste der Economy-Class, extra für ihn bereitgestellt, statt Lachskanapees, Butterhörnchen mit französischem Honig und arabischem Mokka für die üblichen Fluggäste.
Nachdem er seinen Hunger gestillt und alle potenziellen verbliebenen Flugobjekte in der Box verstaut hatte, öffnete sich die Tür des Cockpits und der Co-Pilot steckte seinen Kopf in die Öffnung.
>>Herr Neumann, wir sind mit der Flugzeit im Plan. In zehn Minuten werden wir zur Landung ansetzen. Ich habe mich bereits per Funk mit unserer Servicestation am Brandenburger Flughafen in Verbindung gesetzt. Ein Fahrer wird Sie dort erwarten und zu Ihrem Termin bringen.<<
Das brachte Daniel mit seinen Gedanken wieder zum Grund seiner Reise zurück. Der Suchauftrag, die Personalagentur, Berlin, ein noch anonymer Auftraggeber! Bisher war er von dem Aufwand, den dieser Auftraggeber betrieb, um den Detektiv seiner Wahl kennenzulernen, beeindruckt.
Daniel gönnte sich beim Landeanflug einen ausgiebigen Blick auf die Hauptstadt. Aus der Vogelperspektive konnte er im Anflug das Reichstagsgebäude erkennen, den Sitz der Regierung. Daniel war vorher noch nie in Berlin gewesen und hatte nur wenige der historischen Attraktionen im Kopf. Ansonsten musste er sich eingestehen, dass er nicht wirklich viel über diese Stadt wusste. Vielleicht würde aber noch die Gelegenheit bekommen, ein wenig Sightseeing zu machen, wenn der Auftrag ihn in diese Stadt führen würde.
Die Maschine setzte kurze Zeit später auf dem Berliner Flughafen auf und rollte in eine Parkposition.
12.
Albert war gerade damit fertig, seine Waffen zu reinigen und zusammenzubauen. Eine dunkelgrau lackierte Wilson Combat lag in ihrem Transportfach im Koffer vor ihm, zusammen mit einem Schalldämpfer und mehreren Magazinen und Ersatzteilen. Mit einem Tuch polierte er konzentriert den Lauf einer zweiten Pistole, zu der der Schalldämpfer gehörte.
>>I got guns for hire, shoot you with desire. I´m a wanted poster, a needed man, wanted right across the land<<, brummte er dabei in schrägen Tönen einen Ausschnitt aus einem Stück seiner bevorzugten Band, deren Mitglieder bereits fast alle auf dem Friedhof begraben waren, dort, wohin er selbst schon eine Menge Leute geschickt hatte. Aus den kleinen Ohrstöpseln in seinen Ohren dröhnte die zugehörige Musik von einem Touchbook auf dem Tisch neben ihm.
Die Musik wurde plötzlich ausgeblendet und durch ein lautes Summen ersetzt. Das neue Geräusch unterbrach Albert bei seiner Beschäftigung. Er zögerte kurz, denn das Gerät gehörte seinem Partner, der für die komplizierten technischen Dinge der Neuzeit zuständig war. Ihm selbst lagen elektronische Werkzeuge weniger. Seine Sache waren die guten alten mechanischen Angelegenheiten, bevorzugt diejenigen, die mit einem Schlagbolzen. Immerhin war er in der Lage, auf solch einem Touchbook ein paar Programme zu bedienen, unter anderem einen Musikplayer.
Albert warf einen Blick auf das Display und seine Augenbrauen hoben sich, als er den Namen des Anrufers las. Langsam legte er die automatische Pistole in den offenen Deckel des außen mit dunklem Leder und innen mit schwarzem Stoff bespannten Koffers auf dem Tisch. Kurz betrachtete er die Fingerspitze seines rechten Zeigefingers und wischte dann über das Display des Touchbooks. Die Bewegung hatte etwas Zögerliches, war aber schnell genug für das Gerät, das prompt den verschlüsselten Audioanruf entgegennahm.
Albert neigte seinen Kopf zur Seite um festzustellen, ob sein Finger eine Spur vom Waffenöl auf dem Touchbook hinterlassen hatte. So etwas würde seinem Partner nicht unbedingt gefallen, wofür er absolutes Verständnis hätte. Auch Albert mochte es nicht, wenn Dorian eines seiner Arbeitsgeräte benutzte und dabei in einen unansehnlichen Zustand versetzte, möglicherweise noch mit Fingerabdrücken verziert.
Er runzelte missbilligend die Stirn, als er die zahlreichen Fingerabdrücke auf dem Display sah.
>>Was gibt es?<<, blaffte Albert.
Überflüssige Höflichkeit war nicht unbedingt seine Stärke. Aber der Anrufer wusste, wen er anrief, somit konnte er sich irgendwelche Floskeln sparen.
>>Hier ist André! Sind Sie das, Albert?<<
Die Stimme aus den kleinen Ohrstöpseln klang selbstbewusst.
>>Ja, Dorian ist gerade beschäftigt!<<, brummte er genervt.
Dorian und er befanden sich seit zwei Tagen in Málaga, in einem Hotel einer recht gemäßigten Preisklasse, in dem sie nicht auffielen. Dorian hätte gerne eine Unterkunft gewählt, in der sich die Bettwäsche frischer anfühlte und roch, das Interieur nicht aussah wie der Sonderverkauf von der Müllhalde, der Portier in seiner fleckig schmutzigen Garderobe nicht nach Schnaps und Schweiß stank, und nachts keine angetrunkenen Gäste lärmend durch die Hotelflure zogen und in die Ecken erbrachen. Aber in solchen Hotels stellten die Leute an der Rezeption unnötige Fragen, überprüften die Identität ihrer Gäste, und vor allem standen solche Hotels in Stadtteilen, die kameraüberwacht wurden. Wenn man gerne inkognito unterwegs war, waren das entscheidende Kriterien.
Also warteten sie in dieser Bude auf Andrés Anruf, nachdem Dorian ihm die Mitteilung mit dem Video geschickt hatte. Dorian war von Stunde zu Stunde wütender geworden, weil die Abschlusszahlung für den Auftrag auf sich warten ließ. Nahezu stündlich hatte er das Western Union-Konto geprüft, aber es erfolgte keine Eingangsbuchung. Fünfzigtausend waren ihnen für diese kleine Aktion versprochen worden, zehntausend vorab, der Rest nach Durchführung. Am Hafen lag ein Boot für sie bereit. Sie sollten einem GPS-Signal auf dem Meer folgen und das gefundene Ziel zu einem definierten Zeitpunkt eliminieren.
Es war einfach verdientes Geld gewesen. Albert hatte sich ein wenig mehr Spannung versprochen. Und Dorian hatte nicht erwartet, dass die Restzahlung der Prämie so lang auf sich warten lassen würde. Knapp eine halbe Stunde vor Andrés Anruf war er wütend aus dem Zimmer raus. So wie Albert Dorian einschätzte, vergnügte er sich gerade mit einer Nutte, für die diese Nummer hart verdientes Geld sein würde.
Der Anrufer ließ einen Moment verstreichen, als müsste er nachdenken. André war es gewohnt, mit Dorian zu sprechen, den er als den deutlich intelligenteren der beiden Männer ansah. Er war den beiden noch nie begegnet und hatte mit ihnen nur per Audioverbindung kommuniziert. Ihm lagen nur ihre Profilbeschreibungen inklusive Arbeitsnachweisen und Referenzen vor, wie in der Branche üblich. Er selbst hätte den Referenzen bereits etwas hinzufügen können. Dorian und Albert verstanden ihren Job, waren präzise, pünktlich, zuverlässig.
Bei den Gesprächen war Albert kaum zu Wort gekommen, aber das wenige, was er gesagt hatte, reichte André, um ihn einzuschätzen. Er zog es vor, Albert nach Möglichkeit nicht von Angesicht zu Angesicht begegnen zu müssen. Der Mann wirkte auf ihn überschaubar intelligent, latent aggressiv und schwer kalkulierbar. Dorian war ihm der wesentlich angenehmere Gesprächspartner.
Leider fand seine Präferenz bei diesem Gespräch wohl keine Berücksichtigung.
>>Es tut mir leid, dass es mit der Restzahlung ein wenig gedauert hat. Aber der Kunde zeigte sich ein wenig enttäuscht, weil die Zielperson auf dem Video nicht zu sehen ist<<, sprach André weiter.
Seine Arbeit bestand darin, brisante Aufträge seiner Auftraggeber an geeignete Personen zu vermitteln, die professionell genug für die technischen Anforderungen und geübt darin waren, jenseits der Legalität zu arbeiten. Seitdem er in dieser Branche sein Geld verdiente, litt er nicht an Langeweile. André erledigte alles Finanzielle, versorgte die Auftragnehmer mit den notwendigen Informationen, hielt die Kommunikation zu ihnen aufrecht, bis die Arbeit erledigt war und stellte eventuell notwendige Unterstützung bereit.
Albert und Dorian arbeiteten nicht das erste Mal für ihn. Sie hatten bereits eine Reihe von Auftragsmorden und körperlichen Bestrafungen erfolgreich erledigt und dabei die erforderliche Diskretion und Professionalität bewiesen. Dorian war ein intelligenter technisch versierter und sehr umsichtig agierender Auftragskiller. Alberts Fähigkeiten beschränkten sich laut seinem Profil auf den Waffeneinsatz. Es gab scheinbar kein Gerät, das sich zum Töten eignete und das er nicht beherrschte. Und er beherrschte auch das Töten mit Dingen, die auf den ersten Blick nicht gefährlich wirkten.
Noch war er sich nicht sicher, ob das Ergebnis dieses Einsatzes als Missgeschick zu bewerten war. Die beiden hatten zwar eine Aufnahme gesendet, in der zu sehen war, wie das Boot zerstört wurde. Auch die Hinrichtung der Überlebenden war sehr deutlich zu erkennen. Leider fehlte ein wichtiges Detail.
Dieses Detail bekam er über einen ungewöhnlichen Weg. Ein anderer Auftrag war zuvor bei ihm eingegangen. Eine Entführung. Präzise Details dazu, wo die Zielperson wann zu finden war. André hatte alles arrangiert, allerdings nicht für Dorian und Albert. Es war einfacher, dafür jemand direkt in Marokko zu beauftragen.
>>Wir sollten ein Boot samt Besatzung versenken! Das haben wir getan! Wo liegt das Problem? Wann kommt unser restliches Geld?<<, blaffte Albert noch etwas ungehaltener.
André benötigte eine weitere Denkpause. Er spürte eine gewisse Abneigung dagegen, die Angelegenheit mit Albert zu besprechen. Mit Dorian war eine zielorientierte Unterhaltung möglich. Natürlich hatte es einen Fehler gegeben. Es war nicht nur um das Boot gegangen, sondern um eine bestimmte Person, die das Boot eindeutig vor dem Angriff bereits verlassen hatte.
Zwei Aufträge von verschiedenen Auftraggebern über die gleiche Zielperson zur gleichen Zeit. Das war ungewöhnlich, fast kurios, auf jeden Fall außerordentlich interessant. Dorian und Albert waren zu spät gekommen. Immerhin hatten sie mit dem Boot, wie er auf dem Video sehen konnte, einwandfreie Arbeit geleistet.
Dass sie zu spät waren, war nicht ihre Schuld. André hatte einen simplen Fehler begangen. Die Entführung war nach marokkanischer Zeit geplant gewesen und diese hatte er selbst versehentlich auch für die Versenkung des Bootes gesetzt, aber nicht in europäischer Zeit umgerechnet. Ein paar Seemeilen und eine andere Zeitzone. Eine Stunde nur, um die Albert und Dorian ihr Ziel verpasst hatten. Eine Stunde, die André selbst in eine prekäre Situation bringen konnte. Der Auftraggeber bezahlte für einen nicht erledigten Job.
André hatte die beiden Aufträge zuerst nicht in Verbindung gebracht. Er organisierte die Entführung. Erst als der bestellte Entführer ihm die Nachweise seiner Arbeit zugeschickt hatte, fiel ihm ein kleines entscheidendes Detail auf. Das Gesicht des Liquidationsziels auf dem Boot wies eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Gesicht des Entführungsopfers auf. Ein Dilemma. Aber ein lösbares. Sobald der Entführungsauftrag beendet war, würde der Mordauftrag eben nachträglich erledigt werden. Das Opfer lief ihm ja nicht mehr weg.
>>Ich konnte den Kunden überzeugen. Die Zahlung erfolgt also.<<
André wartete ab. Aber wie erwartet, blieb Albert stumm. Der sah aus dem Fenster des Hotelzimmers nach unten auf die Straße und verfolgte ein Paar, das eilig an den Häusern auf der anderen Straßenseite entlang lief. Er zielte mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die beiden, atmete aus und hielt für einen Moment den Atem an. Der Zeigefinger zuckte kurz. Eine Sekunde später wiederholte sich diese Bewegung.
>>Der Auftraggeber hat einen weiteren Auftrag angekündigt<<, sprach André weiter.
>>Sie sind der Boss!<<, erwiderte Albert und grinste. Das Paar da draußen ahnte nicht, dass es gerade in der Fantasie eines Auftragsmörders exekutiert worden war, mit einem sauberen Schuss in jeden Hinterkopf.
>>Sie werden nach Deutschland fliegen, genau genommen nach Berlin! Danach bleiben Sie in Bereitschaft! Natürlich gegen Kostenerstattung<<, antwortete André.
Albert setzte sich wieder an den Tisch und legte seine Füße auf die Tischplatte neben dem Koffer mit den darin liegenden Pistolen.
>>Sie zahlen, wir reisen!<<
Albert rollte mit den Augen. Er hätte diesem André zu gerne in diesem Moment gegenüber gestanden. Er stellte sich den Mann als schmalschulterigen Bürotypen vor, in einem korrekt sitzenden Anzug, langweilig und farblos, keiner, der selbst wagte, Hand anzulegen. Natürlich hatten sie noch nie direkten Kontakt zu einem dieser Typen gehabt. Das Geschäft erforderte Anonymität. Aber wie sollte schon jemand aussehen, der nicht in der Lage war, seine Probleme selbst zu lösen, indem er einfach eine Waffe in die Hand nahm und abdrückte. Albert grinste und warf einen Blick auf die Wilson Combat.
>>Ich sende Ihnen die neue Vereinbarung an Dorians Mailbox. Sprechen Sie mit Ihrem Partner! Vor Ihrer Abreise bekommen Sie die nächste Teilzahlung!<<
>>Ein weiterer Auftrag, sagen Sie. Und dann noch mehr? Und wann? Wir bekommen Langweile, wenn wir zu lange herumsitzen und warten! Andere Aufträge warten auch<<, grinste Albert.
>>Keine Angst! Sie werden nicht allzu lange untätig sein<<, erwiderte André und versuchte sich Alberts bedingt intelligenten Gesichtsausdruck vorzustellen.
Albert schlug mit einer Hand auf seinen Oberschenkel. Der laute Knall ließ André unwillkürlich zusammen zucken. Es klang für ihn wie ein Schuss und er fragte sich für einen Moment, ob Albert mit seinen Waffen rumspielte.
>>Albert? Alles in Ordnung?<<, fragte er irritiert, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass etwas Ernsthaftes passiert war. Albert würde sich schon nicht selbst erschossen haben.
>>War das zu laut? Sie sind zu schreckhaft! Jetzt reden Sie endlich Klartext! Wie viele Exekutionen kommen noch?<<, grunzte Albert, dem langsam die Geduld ausging. Keine schwierige Hürde, sein Geduldslevel.
>>Ich erhalte Ihre Ziele selbst von einem Kunden, der sie dann nennt, wenn es an der Zeit ist.<<
Diese vage Auskunft hatte auf Albert tatsächlich eine beruhigende Wirkung.
>>Ok, Sie sagen Bescheid, wenn es so weit ist. Wir fliegen erst mal nach Berlin<<, brach es aus ihm raus. Er streckte eine Hand aus und fuhr mit den Fingern am Lauf der Wilson Combat entlang. Ein gutes Gefühl. Glatt, kühl, ehrlich. Die Frage, auf welche Weise Metall ehrlich sein konnte, kam ihm nicht in den Kopf. Es war einfach so.
Albert steckte seinen Zeigefinger in den Abzugschutz der zweiten Waffe, die in der anderen Kofferhälfte lag. Gemächlich drehte er die Pistole im Kreis und zielte damit auf das Fenster. Das Gespräch begann ihn zu langweilen. Die für ihn wichtigen Dinge waren besprochen. Der Rest war Angelegenheit seines Partners.
>>Okay! Ich werde Dorian von Ihrem Anruf erzählen! Sie sagen, wenn es weitergeht! Er kann alles nachlesen, weil Sie es ihm ohnehin noch mal schicken!<<
>>Genau! Danke, Albert!<<
Albert verdrehte die Augen. Dieser André war ein schleimiger arroganter Idiot.
>>Dorian meldet sich bei Ihnen! Bis dann!<<
Albert tippte vorsichtig mit einem Finger auf das Display des Touchbooks, das aufleuchtete.
Dann drückte er seinen Daumen auf das rote Feld unter der Gesprächsanzeige und beendete das Gespräch.
>>André, hören Sie mich?<<
Als keine Antwort kam, lehnte Albert sich zufrieden zurück. Wie es aussah, war für die nächste Zeit für ausreichend Unterhaltung gesorgt. Er betrachtete die schwere Wilson Combat mit zufriedenem Blick und stellte zum wiederholten Mal fest, wie gut sie in seiner Hand lag.
13.
Die drei Männer hatten bereits eine Stunde in dem alten Kleintransporter gewartet. Der rostige und großzügig mit Dellen versehene Kleinwagen mit dem kastenförmigen Laderaum stand am Rande eines Waldstücks, verborgen hinter einigen hohen Sträuchern. Von der Anlage aus, die sich etwa einen Kilometer entfernt befand, konnte er kaum gesehen werden. Zwischen Anlage und Wald lag ein Feldweg, der sich geradeaus über eine Ackerfläche zog, eine schwach befahrene Bundesstraße und ein weiterer brachliegender Acker auf der anderen Seite der Straße.
Sie hatten den Feldweg auf der abgewandten Seite des Wäldchens benutzt, um ihre Position zu erreichen. Ein kleiner Teil der Frontscheibe bot einen Blick auf das Objekt ihres Interesses. Allerdings wurde die Sicht bei zunehmender Dämmerung immer schlechter. Bis zum Sonnenuntergang würde es keine halbe Stunde mehr dauern.
Einer der drei, ein jung aussehender Mann mit lockigen schwarzen Haaren und einem kurz geschorenen Bart, beobachtete die Anlage durch ein Fernglas und erzählte hin und wieder den anderen beiden, was er sah. Die saßen im Laderaum auf dem Boden und kontrollierten erneut ihre Ausrüstung in den beiden großen ziemlich mitgenommen aussehenden schwarzen Sporttaschen, um die Zeit totzuschlagen.
Alle drei spürten die Anspannung, die sich während der Wartezeit aufgebaut hatte. Allzu lange würde es nicht mehr dauern, bis sie endlich losschlagen konnten.
Ahmed, der mit dem Fernglas auf dem Beifahrersitz des Wagens saß, rutschte auf dem rissigen Kunstlederbezug hin und her. Aus dem Sitzinnern presste er mit seinem Gewicht die darin befindliche Nässe. Seine Hose fühlte sich im Schritt unangenehm klamm an.
Es roch im Innern des Wagens muffig und feucht. Passend dazu wucherte ein grünlicher Belag in allen möglichen Ecken. Das Fahrzeug hatte seine beste Zeit lange hinter sich gebracht und bereits beim Kauf ehrlich gezeigt, was der Interessent erwarten konnte. Innen an der Frontscheibe lief am Abend des Kaufs noch Wasser herunter und sammelte sich am Boden in kleinen Pfützen. Die Ladefläche hinter den völlig abgenutzten Sitzen war zerschrammt und mit Rost bedeckt. Der Motor quälte sich beim Starten, blies dann reichlich Qualm aus dem Auspuff, verfiel aber doch in einen recht ruhigen Lauf. Dafür erforderten die Bremsen ein gewisses Maß an Nervenstärke von den Fahrzeuginsassen. Der graue nachträglich mit einer Farbrolle angebrachte Anstrich der Karosserie verdeckte notdürftig, dass an diesem Wagen das meiste längst von Rost befallen war.
Sie benötigten zwei Fahrzeuge ohne Verkehrskontrollsystem, also solche, die alt genug waren, um von den gesetzlichen Vorschriften ausgenommen zu sein. Zwar kam man mit solchen Wagen nicht in die städtischen Sicherheitszonen, auch nicht in die Umweltzonen der Städte, in denen besondere Luftreinhaltungsvorschriften herrschten und auch nicht auf die Autobahnen, deren Benutzung nur mit automatischen Identifikations- und Mautsystemen erlaubt war. Aber dafür benötigten sie den Transporter auch nicht. Er hatte sie nur zu diesem Ort befördern sollen. Seine letzte Aufgabe war ein kurzes Feldwegrennen.
Sie hatten die Autos anonym bei einem Straßenhändler in einer No-Go-Zone gekauft. Der Mann, ein stämmiger Typ mit vernarbtem Gesicht und atemberaubend fauligem Atem, sprach nur gebrochen Deutsch und sein Akzent ließ darauf schließen, dass er aus Osteuropa kam. Er hatte mit zwei anderen Männern zusammen mehrere sehr betagte Fahrzeuge abends auf einem Parkplatz eines Supermarktes angeboten. Auf dem Platz standen mehrere nicht sehr vertrauenswürdig aussehende Personen. Das gleiche galt auch für ihre angebotenen Waren, ähnlich alte Autos, verschiedenste gebrauchte elektronische Geräte, Zigaretten, Alkohol und natürlich auch Drogen und Waffen.
Dieser Stadtteil Frankfurts gehörte zu den Gegenden, in denen die Polizei sich längst nicht mehr blicken ließ. Einzelne Streifenwagen mit zwei Polizisten bedeuteten hier nur eine schnell zu beseitigende Provokation. Für einen Aufmarsch einer größeren Zahl von Ordnungskräften war dieser Bereich der Stadt nicht mehr interessant genug. Abgesehen davon wäre der Aufwand, hier der geltenden allgemeinen Ordnung Geltung zu verschaffen, nicht absehbar.
Mangels einer funktionierenden Exekutive schützten sich die Leute, die hier wohnten, so gut es ging, selbst. Und dazu gehörte, dass man nicht auffiel und vor allem nicht die falschen Fragen stellte. Man arrangierte sich mit den Gegebenheiten, versuchte, sich durchzuschlagen. Wer Glück hatte, wohnte in Gemeinschaften, die sich durch ihre Größe besser vor anderen schützen konnten. Die, die hier ein Geschäft machen wollten, stellten auch keine Fragen, vor allem nicht darüber woher die angebotenen Waren stammten. Die Antworten darauf wären ohnehin nicht von Belang gewesen, da sie kaum ein Wörtchen Wahrheit enthalten hätten. Lediglich bei der Bezahlung, ausschließlich mit Bargeld, wurde auf Wahrheit extrem viel Wert gelegt.
In einem Land, in dem offiziell keine Bargeldzahlung mehr vorgesehen war, hätte man vielleicht erwarten können, dass so etwas nicht möglich sei, aber weder der allmähliche Einzug der im Umlauf befindlichen Banknoten noch die offizielle Erklärung ihrer Ungültigkeit hatten ihre Wirkung entfalten können. Hier fand man Geldscheine und Münzen aus der ganzen Welt und niemand scherte sich darum, welche Einstellung Regierungen zu ihrem Geld hatten. Hier blieb es Zahlungsmittel, natürlich nur, solange es echt war.
Während Ahmed mit dem Verkäufer verhandelte, standen die nach Alkohol riechenden und schlecht rasierten Begleiter des Autoverkäufers in ihren schwarzen Lederjacken mit finsteren Gesichtern stumm im Hintergrund und warteten wohl nur darauf, dass etwas nicht in ihrem Sinn ablief. Zur Bestätigung dieser Intention hielt einer einen Knüppel in der Hand, während der andere mit einem Messer mit beunruhigend langer Klinge herumspielte. Ahmed hatte versucht, sich davon nicht beunruhigen zu lassen, was ihm nicht gelang. Trotzdem sie selbst zu dritt zu dem kleinen Markt gegangen waren, war ihm ziemlich flau im Magen gewesen.
Sie hatten sich ein paar Isomatten mitgenommen, um nicht während der Wartezeit im leeren Laderaum auf dem kalten Blech sitzen zu müssen. Auf der Hinfahrt zu diesem Warteplatz konnten nur zwei von ihnen die beiden Sitze benutzen. Der dritte hatte im Laderaum nahe der Hecktür gesessen, sich mit einem Seil an zwei an den Wänden angeschweißten Griffen gesichert und gehofft, dass nichts Unvorhergesehenes geschah.
>>Wie lange dauert das denn noch? Ich hab noch was flachzulegen! Mich juckt es schon!<<, nörgelte einer der beiden aus dem Laderaum und lehnte den Kopf heftig an der Laderaumwand an. Der Aufprall klang schmerzhaft. Trotzdem zuckte der Mann nicht einmal mit den Augenlidern.
Trotz der Matten saß es sich in dem dämmerigen Ladeabteil unbequem. Dank des Frühsommers war es unangenehm warm und der Wagen schien jeden einzelnen Wassertropfen, den er jemals eingesammelt hatte, auszuschwitzen.
>>Khaleb, Du nervst!<<, erwiderte Ahmed.
>>Wie oft soll ich es noch wiederholen! Wir müssen warten, bis die Anlage hochfährt. Erst dann macht es Sinn, unser kleines Feuer zu zünden!<<
Khaleb, ein junger sportlich wirkender Mann, der wie seine Begleiter eine Hose und ein Shirt in einem braunen Camouflage-Muster trug, nickte und schloss die Augen.
>>Bevor Du wieder fragst, es gibt keine feste Uhrzeit!<<, fügte der dritte Mann hinzu, der nur unter seinem Spitznamen Mac angesprochen wurde. Er hatte sichtlich ein paar Kilo zu viel. Das Shirt tarnte bei ihm hauptsächlich das Zuviel an Bauchumfang. Im Vergleich zu den anderen beiden wirkte er sehr behäbig.
Die Anlage, die Ahmed beobachtete, war ein Brennstoffzellenkraftwerk, das nachts und bei Windstille die konventionellen Kraftwerke bei der Stromversorgung unterstützte, wenn die Strommengen aus Solar- und Windkraftwerken nicht ausreichend zur Verfügung standen.
Das Kraftwerk bestand aus mehreren Komponenten. Aus einer unterirdischen Kaverne wurde Wasserstoff in den Hauptkomplex geleitet, in dem eine gewaltige Brennstoffzellenbatterie das erste Element des Periodensystems mit Sauerstoff oxidierte. Das Ergebnis, Strom, wurde ins Stromnetz geleitet, das Abfallprodukt, Wasser, in das Abwassernetz.
Die Anlage stellte Wasserstoff selbst her, der direkt in die Kaverne gepumpt wurde, in der ein ausreichender Vorrat gespeichert war, um die Maximalleistung der Anlage für eine Woche sicherzustellen. Derartige Anlagen waren in Bezug auf die in das Netz eingespeiste Leistung nicht sehr wirtschaftlich. Erst wurde Strom erzeugt, etwa im weit entfernten Marokko, durch das interkontinentale Netz hierher geleitet, und dann verwendet, um Wasser in seine Bestandteile zu spalten. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde der Wasserstoff aus diesem letzten Prozess benutzt, um wieder Strom zu erzeugen. Von der ursprünglichen Strommenge blieben damit nicht einmal vierzig Prozent über. Aber auch dann, wenn die Windparks keine Energie lieferten, musste die Stromversorgung gesichert werden.
Ahmed kannte sich mit solchen Anlagen nicht gut aus. Der Plan stammte auch nicht von ihm, sondern von Will und seinem Team, die alle ihre Aktionen bisher organisiert hatten.
>>Dafür habe ich dieses kleine Spielzeug dabei.<<
Ahmed zeigte auf das kleine netzfähige Touchpad auf seinen Knien, an dem ein separates Empfangsmodul klemmte.
>>Ach, der Computerfreak sagt Dir Bescheid? Warum ist der denn nicht mitgekommen? Will er sich nicht die Hände schmutzig machen? Oder hat er Angst, nicht gut genug klettern zu können?<<, lachte Khaleb mit einem abfälligen Seitenblick auf Mac.
>>Keine dummen Sprüche über Nightmare! Ohne ihn könnten wir unsere Aktionen kaum durchziehen!<<
Ahmed warf einen wütenden Blick in den Laderaum.
>>Wenn Du mich fragst, ist der Typ schon ein bisschen gestört! Mag ja sein, dass er mit seinem Computer umgehen kann, aber wenn er nichts zu tun hat, spielt der Kerl darauf nur Ego-Shooter und ballert als virtueller Superkrieger Hunderte von Gegnern weg. Wenn er nicht gerade wieder bekifft ist.<<
Er warf einen Blick auf Mac.
>>Warum spielst Du nicht auch mal solche Spiele?<<
Khaleb gönnte sich eine Kunstpause, um den Effekt seiner Worte zu steigern.
>>Weil es in solchen Spielen nichts zu essen gibt!<<
Er lachte laut los und schlug sich mit den Händen auf die Oberschenkel. Mac streckte ihm eine Hand mit erhobenem Mittelfinger entgegen.
>>Mensch, halt die Klappe! Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig anzufeinden<<, fauchte Ahmed ihn an.
>>Ist ja gut! Ein kleines Späßchen wird ja wohl noch drin sein, während ich mich hier zu Tode langweile<<, gab Khaleb zurück, ohne wirklich eingeschüchtert zu klingen.
Sie arbeiteten zum ersten Mal zusammen. Für Ahmed war das eine nicht ganz angenehme Situation, denn er wusste nicht, was er von seinen beiden Begleitern erwarten konnte.
Hassan, der Anführer ihrer Zelle, hatte zusammen mit Nightmare das Team für diese kleine Aktion zusammengestellt. Eine Aufwärmübung. Ahmed hatte bereits ein paar Anschläge durchgeführt. Am wichtigsten war die Flucht. Sich nicht erwischen lassen. Aber die gegnerische Seite beschützte keine Kaserne oder ein Atomwaffenarsenal.
Mac war ihr Techniker, versiert im Umgang mit elektrischem Equipment nahezu jeder Art, talentiert mit Werkzeug, aber körperlich ein wenig gehandicapt mit Ballast und fehlender Fitness. Er hatte Hassan tagelang in den Ohren gelegen, weil er unbedingt einmal dabei sein wollte, wenn seine Basteleien zum Einsatz kamen. Der hatte ihn daraufhin einmal im F-Block durch das Treppenhaus gejagt und für einen Einsatz wie diesen für fähig befunden. Wenn man von den technischen Fähigkeiten einer Person abhängig war, fielen Zugeständnisse einfacher. Einen beleidigten Mac konnten sie nicht gebrauchen und Ersatz war schwer zu bekommen.
Khaleb war erst seit ein paar Wochen bei ihnen. Körperlich gab es an ihm nichts auszusetzen. Lediglich ein etwas zu großes Ego und ein Übermaß an Testosteron standen ihm manchmal im Weg.
Näher kennengelernt hatten sie sich aber noch nicht. Man konnte sich am Berg, in der Poor Man´s Residenz, problemlos aus dem Weg gehen. Bei den Treffen der Zelle sprachen hauptsächlich Hassan und Nightmare. Die Zelle bestand nicht aus lauter Gleichgesinnten, die auch gerne miteinander Fußball spielten. Sie waren eher fast alle Einzelgänger.
Mac hockte sowieso lieber in seiner Bastelbude und schraubte an seinen Spielzeugen herum. Khaleb steckte hauptsächlich mit Jungs aus den anderen Blöcken zusammen, die so wie er an harten Muskeln, Imponiergehabe und Kräftemessen interessiert waren.
Khaleb gähnte theatralisch und wedelte mit einer Hand vor seinem Mund herum. Am Handgelenk raschelte ein schmales graues Armband aus Metallgliedern. Auf einem breiten Plättchen war ein Totenkopf eingraviert.
Ahmed hätte das Team gerne anders zusammengestellt. Aber Hassan war der Chef und Nightmare hatte auch kein Problem in dieser Kombination gesehen.
>>Wer interessiert sich schon für uns? In dem Wäldchen hier läuft doch keiner rum. Und da drüben ist kein Hochsicherheitstrakt! Da laufen ein paar Wachleute rum und warten auf ihren Feierabend. Wir sollten einfach losmarschieren, unseren Job erledigen und wieder abhauen! Bevor einer nachschaut, was wir machen, sind wir wieder weg und hier brennt der Himmel!<<
Gelangweilt begann Khaleb, das Armband um sein Handgelenk zu drehen. Kurz hielt er es und zeigte Mac die Gravur.
>>Schicke Frisur, nicht wahr? Und wie man sieht, hat er nicht ein Gramm Fett zu viel!<<
Mac ballte die Fäuste zusammen.
Das Touchpad gab einen Summton von sich und Ahmed legte das Fernglas zur Seite. Er nickte zufrieden, als er die Nachricht von Nightmare sah.
>>Jungs, es geht los!<<
Er legte das Touchpad in den Rucksack vor sich im Fußraum und rutschte wieder hinter das Lenkrad.
Der Motor drehte ein paar Mal quälend langsam durch, bevor er ansprang und seiner Pflicht nachkam. Obwohl sie die betagte Technik des Wagens geprüft und, soweit notwendig und möglich, repariert hatten, wollte sich bei Ahmed kein wirkliches Vertrauen in ihr Transportmittel einstellen. Auch deswegen gab es einen zweiten Wagen.
Im Laderaum wurden Khaleb und Mac lebhaft. Sie schoben ihre Taschen zur Hecktür und setzten sich direkt dahinter. Dann hielten sie sich an den Griffen fest und warteten.
Ahmed lenkte den Kleintransporter vom Feldweg auf die mehrspurige Bundesstraße. Sie hatten sich den Ablauf immer wieder eingeprägt. Sobald sie den Transporter verließen, würden ihnen nur ein paar Minuten bleiben. Durch das Fernglas hatte Ahmed zu seiner Beruhigung feststellen können, dass es keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen für die großflächige Anlage gab. Eigentlich verwunderlich, denn FreePeople verübte regelmäßig Anschläge auf Eigentum von DesertEnergy. Diese Anlage war nur noch nicht auf ihrer Liste gewesen.
Ein mehrere Meter hoher Zaun umgab das Gelände. An den Zufahrten befand sich Wachpersonal. Das Gelände wurde durch Kameras überwacht. Irgendwo mochte jemand sitzen und auf Bildschirme starren, um mögliche Eindringliche schnellstmöglich zu entdecken, unterstützt durch Infrarotsensoren und andere technische Möglichkeiten. In dem Fall würde die Sicherheitsmaschinerie anlaufen und ein paar Bewaffnete ausspucken, die den unerwünschten Besuchern nachstellen würden.
Sie hatten nicht vor, auf das Gelände vorzudringen. Ihr Job war keine Kamikazeaktion und sie hatten die feste Absicht, zu entkommen.
Ahmed fuhr das kurze Stück am Umspannwerk vorbei. Dort, wo die Strom führenden Leitungen über den Zaun steil in die Höhe ragten, führte ein spärlich asphaltierter Weg hinter dem Gelände entlang. Zwischen dieser Behelfsstraße und der Anlage in knapp fünfzig Metern Entfernung zum Zaun standen mitten auf der Ackerfläche drei große Strommasten, zu deren weit ausladenden Armen die Leitungen führten.
Der Transporter bog auf den Weg ab und Ahmed rang ihm seine Leistung ab. Laut röhrend kam der Wagen der Aufforderung nach.
Aufmerksamkeit würden sie nun bestimmt schon bekommen haben. Ahmed konnte förmlich die Kameras spüren, die ihnen nachfolgten. Noch würden die Leute an den Monitoren rätseln, wohin der Wagen wollte. Der Weg führte ein ordentliches Stück an der Anlage entlang und stieß am Ende auf eine weitere Landstraße. Somit nahmen sie vielleicht erst einmal an, dass der Fahrer nur seinen Weg abkürzen wollte.
>> Und, Mac, wie sieht es aus? Brauchst Du gleich eine Vorspeise oder ein wenig Vorsprung?<<, lachte Khaleb, der von den Bewegungen des Wagens hin und her geschüttelt wurde, und schlug dem neben ihm sitzenden Mann kräftig auf den das Hosenbein straff ausfüllenden Oberschenkel. Mac zuckte zusammen. Der heftige Schlag mit der flachen Hand brannte. Gequält verzog er das Gesicht. Khaleb saß in einer lässigen Haltung neben ihm und hielt sich nur mit einer Hand fest. Mac benötigte beide Hände, um nicht den Halt zu verlieren. Zu gerne hätte er in diesem Moment eine Hand frei gehabt, um eine Erwiderung auszuteilen, wenn auch der aus seiner Sicht an einem krankhaften Männlichkeitswahn leidende Khaleb diese kaum gespürt hätte.
Auf der Höhe des zweiten Strommastes bremste Ahmed den Wagen ab. Leicht schlingernd kamen sie zum Stillstand. Nun begann der schwierigste Teil. Vorsichtig lenkte er den Kleintransporter vom Weg herunter auf das Feld. Sie hatten vorher nicht überprüfen können, ob der Boden tragfähig genug war und gingen das Risiko ein, sich hier festzufahren oder den Wagen zum Umkippen zu bringen. Dann würde der Fluchtweg beschwerlich werden.
Der trockene Boden war für die Reifen von Vorteil. Der Wagen wippte über die in die Erde gegrabenen harten Furchen und rutschte immer wieder hin und her. Im Innern schepperte es wie in einer Besteckschublade. Ahmed traute sich nicht, das Tempo zu sehr zu erhöhen. So rollte der Transporter fast zu gemächlich über die brachliegende Fläche und stoppte neben dem Fundament des mittleren Strommasten.
>>Los, raus mit Euch! Khaleb nach links, Mac nimmt die Mitte, ich gehe nach rechts! Beeilung!<<
Ahmed sprang aus dem Wagen, seinen Rucksack in einer Hand. Den Motor ließ er laufen. Die anderen beiden öffneten die Hecktür von innen, kletterten nach draußen und warfen ihre Taschen über die Schultern. Über ihnen summte und brummte es nun so scharf, als würden Hornissenschwärme in der Luft kreisen. So schnell es ging, rannten Ahmed und Khaleb zu ihren Zielen.
Mac hatte es deutlich einfacher. Er stapfte mit gedämpfter Eile die wenigen Meter zum mittleren Mast und kletterte über ein paar in den Beton eingelassene Metallbügel das Fundament hoch. Oben angekommen atmete er einmal tief durch und hielt auf den linken Stützpfeiler zu. Davor angekommen, öffnete er seine Tasche und nahm zwei kleine Pakete heraus, die er mit größtmöglichem Abstand übereinander an dem breiten Metallfuß befestigte. Mac warf einen Blick zum Kraftwerk hinüber, aber dort wirkte zumindest von seiner Position aus noch alles sehr ruhig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass nicht längst jemand vor einem Bildschirm zu erkennen versuchte, was diese drei Gestalten an den Masten vorhatten. Eigentlich war es nicht schwer zu erraten.
Mac legte an beiden Paketen einen kleinen Schalter um. Kleine Dioden leuchteten auf und zeigten die Bereitschaft der Funkzünder an. Dann stapfte er zum nächsten Stützpfeiler und wiederholte das Ganze. Er schaute zu Ahmed herüber, der gerade den linken Masten erreichte und dort am Fundament hochkletterte. Er befestigte dort ebenfalls mehrere Pakete und machte sie mittels Schalter scharf.
Mac kletterte wieder vom Fundament hinunter und stieg als erster in den Wagen ein. Wie selbstverständlich nahm er auf dem Beifahrersitz Platz und warf seine Tasche in den Fußraum. Vorher nahm er einen kleinen Kasten mit einer Stummelantenne und mehreren Knöpfen heraus. Ober- und Unterteil des Gehäuses wurden mit Klebeband zusammengehalten. Heimische Bastelarbeit eben. Aber es kam sowieso eher auf den Inhalt an.
Die Hinfahrt auf dem Laderaumboden war schon unangenehm genug gewesen. Während der nun bevorstehenden Fahrt wollte er dort auf keinen Fall noch mal sitzen.
Er schaute wieder zum Kraftwerk herüber. Über das Gelände rasten zwei Fahrzeuge mit hohem Tempo Richtung der nächstgelegenen Ausfahrt. Man war aufgewacht und hatte verstanden, dass hier kein Picknick stattfand. Aus Macs Sicht fehlte der Situation ein wenig das Dramatische. Ein paar Sirenen, die laut losheulten, wären dem Ganzen angemessen gewesen.
Seine Begleiter rannten bereits wieder zum Wagen zurück. Ahmed sprang hinters Steuer und warf seinen Rucksack zu Mac hinüber. Khaleb schaute angesäuert durch die Seitenscheibe und kletterte dann in den Laderaum. Ahmed kuppelte ein und gab Gas. Der Wagen ruckte nach vorne, bockte. Für einen Moment schien der Motor absterben zu wollen, dann kletterte die Motordrehzahl in die Höhe und der Wagen wurde schneller.
>>Alles ok mit Euren Päckchen?<<, fragte Ahmed etwas außer Atem.
>>Meine sind da, wo sie hingehören? Mac, was ist mit Dir? Hast Du es bis zum Mast geschafft oder hast Du nur im Wagen von hinten nach vorne gewechselt?<<, spottete Khaleb laut durch das laute Klappern und Knirschen der altersschwachen Karosse.
Er wirkte trotz des Spurts von seinem Mast völlig ausgeruht. Khaleb krallte sich in die Haltegriffe, während der Wagen mit dem Heck in den Ackerfurchen hin und her sprang.
>>Nein, alles in Ordnung!<<, erwiderte Mac, ohne auf Khalebs Kommentar einzugehen. Er ballte nur wütend seine Fäuste zusammen. Wäre er dem Marokkaner nicht körperlich so deutlich unterlegen gewesen, hätte er ihn längst einmal herausgefordert.
Ahmed steuerte den Wagen immer noch parallel zur Straße über den Acker, dessen Ende in einigen Hundert Metern Entfernung in Sicht kam. Eine tiefe Furche schlug ihm fast das Lenkrad aus der Hand. In der zunehmenden Dämmerung legten sich immer längere Schatten über den Weg und es wurde für Ahmed schwierig, die Unebenheiten vor dem Wagen zu erkennen.
>>Mac, wir sind doch weit genug weg! Zünde die Ladungen!<<, rief er, während er das Lenkrad mit aller Kraft festhielt.
Mac nickte. Mit einem Druck des Daumens aktivierte er die Box. Eine kleine Diode flammte auf. Darunter befanden sich zwölf Tasten, auf denen mit weißer Farbe Zahlen aufgebracht waren.
Ahmed warf einen Blick in den Rückspiegel. Ein SUV rollte hinter ihnen auf den mittleren Mast zu. Auf der Straße folgten ihnen bereits zwei andere Wagen auf gleicher Höhe. Gegen die gut motorisierten Verfolger war der Kastenwagen chancenlos.
Mac drückte ein paar Tasten nacheinander. Mit einer Verzögerung von jeweils etwa einer Sekunde ertönten hinter ihnen Explosionen. Helle Lichtblitze flammten an den Stützpfeilern auf, bevor der SUV zum Stillstand kam.
>>Verdammt, ich sehe hier nichts! Hat es funktioniert?<<, schrie Khaleb von hinten mit einer ordentlichen Menge Euphorie in der Stimme. Ahmed antwortete nicht. Er lenkte den Wagen nach rechts auf einen weiteren Feldweg.
Sie hatten das Gelände vorher gut erkundet. Dieser Weg war ein Glücksfall für ihren Fluchtplan gewesen. Auf der Seite ihrer Verfolger endete er an einem Graben, der ihn von der Bundesstraße trennte und zu tief war, um mit einem Fahrzeug überquert zu werden.
Der Kastenwagen ruckte ein paar Mal und beschleunigte dann wieder, allerdings unregelmäßig.
>>Halte durch, Schrotthaufen<<, fluchte Ahmed.
Mac schaute durch das Seitenfenster und beobachtete fasziniert, wie sich einer der Masten langsam in Richtung der gesprengten Stützpfeiler neigte. Stromkabel rissen in der Luft ab und versprühten Funkenschwärme. Der Mast neigte sich immer schneller und schlug dann mit der Spitze in den Zaun, der das Kraftwerksgelände umgab. Elektrische Entladungen zuckten am Zaun entlang. Ein zweiter Mast neigte sich ebenfalls.
>>Wow, Volltreffer! Einer unten! Ein Zweiter folgt!<<
Mac warf den Sender in den Fußraum und schlug mit der Faust in die Luft.
>>Was ist mit dem Dritten?<<, fragte Khaleb, der sich an Macs Kopfstütze klammerte und versuchte, einen Blick durch das Seitenfenster zu werfen.
Wieder ruckte der Wagen und wurde dann schlagartig langsamer. Fehlzündungen in schneller Folge verkündeten den nahen Tod des Motors. Dann rollte der Wagen aus.
>>Dreck! Wir müssen zu Fuß weiter! Gib mir den Rucksack!<<
Mac zog das Verlangte aus dem Fußraum. Ahmed riss ihm den Rucksack ungeduldig aus der Hand und sprang nach draußen. Khaleb rannte bereits am Wagen vorbei den Weg entlang, auch seine Tasche über der Schulter.
Kurz warf er einen Blick auf die Strommasten. Einer lag am Boden, der mittlere war noch auf dem Weg, während der dritte in einer deutlichen Schräglage seine Position hielt. Funken sprühten an dem Mast entlang. Ahmed schaute sich nach Mac um, der verzweifelt die Schulter gegen seine Tür rammte.
>>Steig aus! Was ist?<<, brüllte Ahmed und rannte zur Beifahrertür.
>>Der Griff!<<
Mac hielt mit verzweifeltem Blick den abgerissenen Türgriff gegen die Frontscheibe.
>>Steig auf der anderen Seite aus! Schnell!<<
Ahmed tänzelte nervös hin und her Er warf einen Blick zur Straße. Die beiden Wagen hatten angehalten. Zwei Männer in dunklen Overalls rannten auf den liegen gebliebenen Kastenwagen zu. Sehr lange würden sie nicht benötigen, um ihn zu erreichen.
Ein lauter Knall begleitet von elektrischem Knistern machte auf den Fall des zweiten Mastes aufmerksam. Zumindest dieser Teil ihrer Aktion war ein Erfolg. Wenn Nightmare seinen eigenen Job richtig erledigt hatte, würde nun in einigen Gegenden für gewisse Zeit die Stromversorgung ausfallen.
Mac quetschte sich durch den Wagen und fiel fast hinaus, als sich ein Fuß am Schaltknüppel verfing.
>>Beeil Dich! Wir werden verfolgt!<<, drängte Ahmed ihn zur Eile.
Die beiden Verfolger waren kaum mehr als dreihundert Meter entfernt.
Und Mac würde ihnen nicht wie ein Supersportler davonrennen. Es war eigentlich schon zu knapp für ihn. Mac verlor den Halt und fiel aus dem Wagen auf den Feldweg. So schnell es ging, stand er wieder auf. Fluchend rieb er sich die aufgeschürften Hände. Ahmed zerrte ihn am Arm.
>>Los jetzt! Weiter!<<
Die beiden liefen los. Mac verfiel schon nach dem ersten Spurt in einen schwerfälligen Trab. Schnell begann er zu keuchen. Ahmed fluchte leise. So würden sie nicht entkommen.
Warum hatte er sich nicht von vornherein entschieden, die Sache nur mit Khaleb durchzuziehen? Aber Mac hatte darauf gedrängt. Und Hassan hatte nachgegeben. Mac wollte endlich einmal dabei sein, wenn seine Werkzeuge zum Einsatz kamen.
Sie hatten die Aktion auf Macs mangelnde Fitness ausgelegt. Falsch geplant. Viel zu langsam kämpfte sich Mac neben seinem ungeduldig nach vorne und hinten blickenden Partner vorwärts. Khaleb war bereits verschwunden. Vor ihnen machte der Weg eine Kurve. Zur linken Seite befand sich ein kleines Wäldchen, das den Blick auf den Weg versperrte.
Der Marokkaner würde wohl am anderen Fluchtwagen warten, dessen Schlüssel Ahmed bei sich hatte. Leider waren es bis dahin noch einige Hundert Meter. Hätte der Kastenwagen nur ein oder zwei Minuten länger durchgehalten, wäre alles gut gegangen.
Bei Macs Tempo waren es bis zu dem zweiten Wagen ein paar Minuten zu viel. Der beleibte Bombenbastler begann zu stolpern, fing sich wieder und lief weiter. Sie hatten noch kaum mehr als ein paar Hundert Meter geschafft und Mac bekam einen roten Kopf. Sein Atem ging stoßend.
Die Männer aus dem Kraftwerk hatten den Kastenwagen bereits passiert. Sie ignorierten das Fahrzeug. Ihr Ziel hatten sie trotz nachlassendem Tageslicht deutlich vor sich. Beide trugen Schlagstöcke und waren motiviert, die beiden fliehenden Männer zur Strecke zu bringen.
Ahmed tänzelte nervös neben Mac vorwärts. Er hätte mindestens das dreifache Tempo vorlegen können. Mac war ein Hindernis geworden. Er würde ihn zurücklassen müssen, um sich selbst zu retten. Mac schien Ahmeds Gedanken lesen zu können.
>>Hau ab! Die müssen Dich nicht auch erwischen! Ich halte dicht!<<
Er stieß die Worte zwischen hektischen Atemzügen aus. Die Bewegung seiner Beine wirkte mühevoll. Seine Oberschenkel brannten, seine Waden fühlten sich steinhart an.
Ahmed entschloss sich schnell. Er schlug Mac freundschaftlich auf die Schulter.
>>Danke für Deine Hilfe! Ich hoffe, die gehen nicht zu übel mit Dir um!<<
Ahmed rannte los und ließ Mac hinter sich zurück. Schnell gewann er an Vorsprung.
Mac stolperte vom zerfurchten Feldweg ins Gras in Richtung des Wäldchens. Er fühlte sich völlig erledigt. Seine Lunge brannte und jeder Atemzug wurde von einem hohlen Pfeifen begleitet. Hinter sich hörte er schnelle Schritte, die sich näherten. Er vermied es, sich umzusehen. Seine einzige Chance war es, die Bäume zu erreichen und sich dort zu verstecken, zumindest für einen Zeitgewinn, bis er weiterlaufen konnte.
Mac erreichte den ersten Baum und lehnte sich gegen ihn. Seine Beine fühlten sich erledigt an, zitterten. In seinen Ohren rauschte es. Er schwitzte. Seine Prioritäten hatten in den letzten Jahren wohl doch zu sehr bei Burgern und zu wenig beim Sport gelegen. Khalebs Spott bekam gerade einen Gnadenerlass. Mac stapfte weiter zwischen den Bäumen hindurch. Das kleine Wäldchen bestand aus Ahornbäumen, Buchen und Eichen, die unter sich großzügig Schatten warfen. Der Boden war mit Rinden und kleinen Ästen bedeckt. Jeder Schritt verursachte ein Knirschen.
Die breiten Stämme konnten ihm helfen, sich zu verstecken. Er schob sich hinter einen mächtigen Ahorn, hockte sich hin und drückte seinen Rücken gegen den Stamm. Sein Atem war schnell, begleitet von beunruhigendem Pfeifen. Bei jedem Einatmen stach es in seiner Brust. Schweiß lief ihm über das Gesicht.
Dann hörte er die Verfolger näherkommen. Unter ihren Stiefeln knisterten zerbrechende Äste. Der laute heftige Atem der beiden beruhigte ihn nur wenig. Das bedeutete nicht, dass sie genauso fertig waren wie er, sondern nur, dass sie viel zu nahe waren. Mac drückte sich die Ellenbeuge ins Gesicht, um sein Atemgeräusch zu dämpfen.
Er hätte auch auf dem Weg stehen bleiben können. Es war völlig blödsinnig zu glauben, er könnte entkommen. Die beiden Typen mit den Schlagstöcken würden ihn hier garantiert finden, dann heftig verprügeln und zu ihrem Wagen schleifen. Den schmerzhaftesten Teil dieser Prozedur hätte er nun zumindest auf dem Feldweg schon zum Teil hinter sich gehabt.
Über ihm schlug etwas laut gegen den Baumstamm. Mac schaute hoch und sah im Halbdunkel einen Arm, der einen Schlagstock hielt. Ein Typ mit bulligem Kopf schaute mit wütendem Blick auf ihn herunter.
>>Marten, ich hab das Arschloch!<<, brüllte er.
Dann beugte er sich herunter und packte Mac am Kragen. Kraftvoll zog der Mann den wehrlosen Mac hoch und drückte ihn an den Baumstamm. Die Spitze seines Schlagstocks schlug schmerzhaft gegen Macs Nase. Der Hieb trieb ihm Tränen in die Augen.
>>Du dreckiger Bombenleger! Jetzt wirst Du was erleben! Und danach wirst Du auspacken. Und Deine feigen Kumpel, die Dich im Stich gelassen haben, werden wir auch kriegen.<<
Er holte aus. Der Schlagstock sauste an Macs Kopf vorbei und traf seine Schulter. Schmerzen explodierten und zuckten durch die Brust und den Arm, der gefühllos nach unten fiel. Obwohl immer noch atemlos, schrie Mac laut auf und versuchte sich zu befreien, aber der Typ hielt ihn wie festgenagelt gegen den Baumstamm gedrückt. Der Mann grinste Mac an und spuckte ihm dann ins Gesicht.
>>Marten, wo bleibst Du? Beeil Dich, sonst mache ich das Arschloch allein rund!<<, brüllte er wieder.
Vor Macs Augen tanzten Sterne. In seinen Ohren rauschte das Blut. Seine Lunge pumpte noch stärker, von seiner Panik zu Höchstleistungen motiviert. Ein zweiter Schlag traf seine Schulter. Der Schmerzensschrei versiegte in einem gequälten Röcheln. Der linke Arm schien plötzlich nicht mehr zu existieren. In Schulter und Brust brannte es.
Sein Peiniger stieß ihm die Spitze des schwarz ummantelten Knüppels gegen die Nase und erzeugte damit eine weitere Schmerzexplosion bei Mac. Tränen schossen aus seinen Augen. Etwas Warmfeuchtes lief ihm aus der Nase, über den Mund und am Kinn entlang. Er schmeckte Blut.
>> Na, gefällt Dir das? Davon bekommst Du noch mehr!<<
Der Schläger grinste ihn mit sadistisch funkelnden Augen an. Mac drehte den Kopf zur Seite. Durch seinen Hals zog ein Schluchzen.
>>Was? Du heulst? Was für ein Terrorist bist Du denn?<<, lachte sein Peiniger und holte erneut aus. Mac schloss die Augen, aus denen Tränen rollten.
Der dumpfe Laut des Schlags ließ ihn den Atem anhalten. Aber eine weitere Schmerzlawine blieb aus. Zögernd öffnete er seine Augen wieder, erwartete so etwas wie ein helles Licht, das aber ausblieb. Der Druck der Faust, die ihn gegen den Baum presste, ließ schlagartig nach. Der Schläger starrte ihn mit leerem Blick an. Der Schlagstock fiel ihm aus der Hand, dann stürzte er zur Seite.
Hinter ihm tauchte Khaleb auf, eine Stahlrute mit einem gepolsterten Ende in der Hand. Er rümpfte die Nase.
>>Wer austeilt, sollte auch einstecken können! Hat sich bei diesen Schmalspurschlägern noch nicht rumgesprochen!<<
Er schob die Stahlrute zusammen und stopfte sie unter den Hosengürtel.
>>Gut, dass ich das Ding mitgenommen habe! Wie geht es Dir, Dicker? Kannst Du aufstehen? Du blutest ganz schön aus der Nase!<<
Mac wischte sich mit der rechten Hand über den Mund. Die Finger glitten durch eine dicke Schicht Blut, die ihm auf das Shirt tropfte. Aber er wertete positiv, dass er sein Gesicht spürte, was bei seinem linken Arm nicht der Fall war.
>>Geht schon!<<, stöhnte er und versuchte dabei, ein weiteres Schluchzen zu unterdrücken. Er atmete immer noch wie nach einem Marathonlauf.
>>Greif zu! Ich helfe Dir auf!<<
Khaleb reichte ihm eine Hand und zog Mac mit einem Ruck auf die Beine. Der taumelte beim Aufstehen und lehnte sich an den Baumstamm. Sein linker Arm hing gefühllos an seinem Körper herab.
>>Wo ist der andere?<<
Mac versuchte sich umzusehen, aber die schmerzende Schulter unterband seinen Bewegungsdrang.
>>Der liegt ein paar Meter weiter. Kam direkt an meiner Warteposition vorbei<<, antwortete Khaleb und stieß den niedergeschlagenen Mann mit dem Fuß an.
>>Und Ahmed?<<
Beim Sprechen sprühten ein paar Blutstropfen von Macs Oberlippe. Seine Atemfrequenz verlangsamte sich. Khaleb tastete Macs Nase ab. Der zuckte kurz ein Stück zurück, ließ es dann aber über sich ergehen.
>> Schmerzt das?<<, Khaleb drückte an Macs Nasenbein herum.
Der starrte konzentriert auf den Totenkopf an Khalebs Armband.
>>Geht!<<, stöhnte er.
Mac unterdrückte einen Schmerzenslaut. Der Schmerz durch das recht grobe Abtasten befand sich ziemlich weit vorne an der Spitze des Nasenbeins. Damit war wohl der Knochen heil geblieben. Trotzdem lief ihm sogar Blut aus der Nase in den Rachen.
>>Drück Dir mit den Fingern die Nasenflügel zusammen, damit die Blutung aufhört. Wir müssen weg von hier. Die beiden Kerle bleiben nicht ewig da liegen!<<
Mac quetschte seine Nase zwischen zwei Fingern zusammen. Der Schmerz stach wieder in seine Augen und weitere Tränen rollten ihm über das Gesicht.
>>Da geht es weiter!<<
Khaleb deutete in eine Richtung und marschierte los. Mac folgte ihm notgedrungen. So schnell es ging, stolperte er hinter dem Marokkaner hinterher, wobei der gefühllose Arm hinderlich hin und her schaukelte.
Die beiden Männer durchquerten das kleine Wäldchen und erreichten den Feldweg. Die Bäume behinderten nun die Sicht auf das Kraftwerk. Hinsichtlich weiterer Verfolger oder Beobachter war das ein Lichtblick, soweit Mac überhaupt vernünftig aus den Augen schauen konnte.
>>Da hinten ist der Wagen! Ich sehe Ahmed!<<, sagte Khaleb.
Mac blinzelte. Ein wenig verschwommen erkannte er ihr Ziel in einiger Entfernung. Dorthin hätte er es im Laufschritt niemals geschafft. Ein roter verwischter Fleck, der eigentlich ihr zweites Fluchtfahrzeug war.
Khaleb schwenkte die Arme über dem Kopf. Der Kleinwagen rollte über den Weg auf sie zu und stoppte vor ihnen. Das Fahrzeug sah kaum besser aus als der Kleintransporter. Der Lack war weitgehend wegpoliert, blätterte flächig ab, und mündete an den Kanten in Rostflächen.
Ahmed hob eine Hand und spreizte Zeigefinger und Mittelfinger zu einem lässigen V.
>>Los, einsteigen, Mac Blood!<<
Khaleb riss die Beifahrertür auf und klappte den Sitz vor. Mac quetschte sich nach hinten. Da er seinen linken Arm noch immer nicht bewegen konnte, auch wenn er ihn immerhin schon wieder etwas spürte, stürzte er fast längs auf die aufgerissene Sitzbank. Wieder tropfte Blut aus seiner Nase und klatschte auf das Polster. Mühsam setzte er sich auf und drückte wieder seine Nasenflügel zusammen. Khaleb stieg ein und warf seine Tasche knapp an Macs Kopf vorbei auf die Rückbank.
>>Abfahrt!<<, wandte er sich an Ahmed, der den Wagen auf dem schmalen Feldweg vorsichtig wendete.
>>Wo hast Du gesteckt, Khaleb? Ich bin bis zum Wagen und Du warst nirgends. Ich wollte gerade abhauen!<<
Ahmeds Stimme hatte einen vorwurfsvollen Klang, obwohl er selbst Mac im Stich gelassen hatte.
>>Du wolltest mich auch im Stich lassen, wie unseren kurzatmigen Bombenexperten?<<
Khaleb lachte heiser.
>>Ich habe gesehen, dass Ihr beiden einen gemütlichen Spaziergang gemacht habt, und habe mir gedacht, es wird Probleme geben. Also bin ich um den Wald herum und habe mich zwischen den Bäumen versteckt. Eigentlich hatte ich vor, hinter den beiden Volldeppen vom Kraftwerk rauszukommen und sie von hinten zu kassieren. Aber Mac hat sie direkt zu mir gelockt.<<
Der Kleinwagen schoss mit laut aufheulendem Motor über den Feldweg. Trotz des schlechten Lichts verzichtete Ahmed darauf, die Scheinwerfer einzuschalten.
>>Die werden nachher mit ziemlichen Kopfschmerzen aufwachen. Aber es hat nicht geknackt, als ich Ihnen einen übergezogen habe. Also werden ihre Schädel noch in einem Stück sein!<<
Khaleb war sichtlich amüsiert.
>>War wohl auch besser so, als wenn die beiden Mac Speck verprügelt hätten. Hast Du gesehen, wie er aussieht?<<
>>Hat mal jemand Taschentücher?<<, nuschelte Mac von der Rückbank und spuckte eine Mischung aus Blut und Speichel in den Fußraum. Für einen Moment war er versucht, Khalebs Schulter als Ziel zu nehmen. Er war dem Marokkaner durchaus dankbar dafür, dass der ihn vor weiteren Prügeln bewahrt hatte, aber die dauernden Anspielungen auf sein Gewicht kompensierten seine Dankbarkeit großzügig.
>>Du kannst die Polster ruhig vollsauen! Der Wagen wird nicht mehr verkauft!<<, lachte Khaleb nach hinten.
>>Wann nehmen wir mit Nightmare Kontakt auf?<<, fragte er Ahmed, der den Wagen über einen schmalen Weg prügelte. Der dichte Wald um sie herum ließ das spärliche Restlicht des Tages kaum noch durch. Ahmed schüttelte den Kopf, während er das Lenkrad herumriss, um nicht geradeaus ins Dickicht zu rasen.
>>Das Touchbook liegt im Kofferraum. Aber wir fahren jetzt zum vereinbarten Treffpunkt. Dort kann ich Nightmare kontaktieren, damit er uns abholt.<<
>>Eigentlich könnten wir so etwas gleich noch mal machen! Das hat gut geknallt!<<
>>Da kommt garantiert noch etwas! Nightmare hatte in den letzten Tagen ständig mit Will Kontakt. Die beiden basteln wohl an etwas ziemlich Großem.<<
Ahmed bremste heftig, als der Wagen im Dunkel wieder fast vom Weg abkam. Endlich schaltete er doch die Scheinwerfer ein, die aber nur ein schwaches fleckiges Licht auf die Straße warfen. Er schaute in den Rückspiegel, aber hinter ihnen war kein Verfolger zu erkennen.
>>Wird langsam Zeit, dass wir mal was Größeres durchziehen. Masten umlegen, Autos abfackeln und so ist doch Kinderkacke. Ich habe gehört, in Berlin entführen sie Leute und machen richtig Druck auf diese Konzernärsche! Da knallt es auch mal richtig, wenn ein Wasserstofftransport in die Luft fliegt!<<
>>Dafür haben wir nicht die Möglichkeiten<<, erwiderte Ahmed.
>>Wir sind als Gruppe zu klein. Und Nightmare wird ständig von Will für diesen Cyberkampf eingespannt.<<
Eine Bodenwelle ließ den Wagen kurz abheben und einige Meter den Kontakt zum Boden verlieren. Als die Räder wieder Kontakt bekamen, rutschten sie mit einem spürbaren Linksdrall weiter, während die Federung hart aufschlug. Ahmed lenkte hektisch gegen die Eigenbewegung ihres Transportmittels und fing es wieder ein.
>>Wir machen das nicht zum Spaß! Zusammen mit den anderen wollen wir etwas bewegen! Wir müssen endlich wieder weg von dem Diktat der Konzerne. Vor allem bei der Grundversorgung der Leute. Und das schaffen wir nicht durch Reden!<<
Ahmed legte fast übertriebenen Nachdruck in seine Worte, als müsse er Khaleb maßregeln. Diese Euphorie galt mehr der Tat als der Idee, was Ahmed etwas störte. Aber sie waren in ihrer Zelle unterbesetzt und konnten nicht allzu wählerisch sein, wenn es um die Rekrutierung von Mitgliedern ging.
Hin und wieder wurden Aktivisten bei Anschlägen von Sicherheitsdiensten oder Polizei erwischt und zu längeren Haftstrafen verurteilt. Sachbeschädigung an Einrichtungen mit öffentlichem Interesse wurde von den Richtern seit einiger Zeit mit Terrorismusaktionen gleichgesetzt. Dementsprechend lang saßen die Verhafteten hinter Gittern
>>Da ist was!<<, nuschelte Mac von der Rückbank und deutete zwischen den Sitzen durch nach vorne.
Ahmed versuchte, im Dunkel zu erkennen, worauf Mac zeigte. Die Straße führte in leichten Kurven durch flaches Land. Die Straßenränder waren unregelmäßig mit Bäumen gesäumt, die im Scheinwerferlicht als dunkle Schatten vorbeihuschten. Das schwache Licht der Scheinwerfer verlor sich bereits nach kurzer Distanz. Bei dem Tempo, das Ahmed vorlegte, um mögliche Verfolger abzuhängen, vollführten sie in gewisser Weise eine Kamikazefahrt.
>>Ich sehe nichts! Was meinst Du?<<, antwortete Ahmed und starrte konzentriert nach vorne.
>>Verflucht! Bremsen! Schnell!<<, schrie Khaleb.
Etwas rammte den Wagen seitlich mit Wucht auf Höhe des rechten Kotflügels und schleuderte ihn fast vom Asphalt. Es knirschte metallisch. Der rechte Scheinwerfer zersprang und erlosch. Ahmed reagierte reflexhaft und lenkte gegen. Der kleine Wagen schleuderte ein paar Mal, während er wild hin und her lenkte, um die Kontrolle zurückzubekommen. Endlich fing er das Fahrzeug wieder ein, das mitten auf der Straße zum Stehen kam.
Hinter ihnen flammten zwei grelle Lichter auf.
>>Seid ihr in Ordnung?<<, rief Ahmed und trat das Gaspedal bis zum Bodenblech durch, was allerdings nicht viel bewirkte. Der Motor wurde zwar lauter, aber das Fahrzeug beschleunigte nicht nennenswert. Von vorne rechts erklang ein laut schabendes Geräusch und das Lenkrad verlangte einen kräftigen Einschlag, damit sie geradeaus fuhren.
>>Ja, bin okay!<<, nuschelte Mac wieder und spuckte in den Fußraum. In seinem Mund schmeckte es immer noch blutig.
>>Alles in Ordnung! Aber die Karre hört sich nicht gut an!<<, erwiderte Khaleb und drehte den Kopf nach hinten.
Die beiden grellen Lichtpunkte hinter ihnen wirkten wie die Augen eines riesigen Tieres, das darauf wartete, zum Sprung anzusetzen.
>>Irgendein verdammter Idiot ist mit seinem Karren aus einem Feldweg raus und hat uns gerammt! Zum Glück war es wohl kein zu großes Ding, sonst lägen wir jetzt bereits im Graben.<<
Khaleb hob seine Hand und winkte ungeduldig.
>>Gib mir meine Tasche! Mach hin, Du lahmer Donut!<<, fuhr er Mac laut an, der die Tasche aus dem Fußraum zog und sie zwischen den Sitzen durchschob.
>>Hier, Du Arschloch!<<, fauchte Mac zurück.
Khaleb setzte zu einer Antwort an, fluchte aber stattdessen, als seine Finger in etwas Schmieriges griffen und er angewidert fast die Tasche fallen ließ.
>>Was hast Du dreckiger Fettklumpen da gemacht? Auf die Tasche gerotzt?<<
Khaleb warf die Tasche angewidert auf den Boden vor sich und wischte seine Hand an der Sitzkante ab.
>>Heute schon geblutet, Supermann? Nicht? Dann nimm meins!<<, tönte es von hinten. Khaleb unterließ eine Antwort. Stattdessen öffnete er den Reißverschluss der Tasche mit spitzen Fingern.
Mit einem kurzen scharfen Knall sackte der Wagen auf der beschädigten Seite ab. Ahmed spürte einen heftigen Schlag in der Lenkung. Ihr Fahrzeug drehte sich gemächlich um das blockierte Rad und kam mit der Front in Richtung ihres Unfallgegners zum Stehen. Der andere Wagen stand mit grell aufgeblendeten Scheinwerfern mitten auf der Straße. Langsam kam er näher und blieb dann stehen. Eine unheilvolle Drohung.
>>Und was jetzt?<<
>>Steigt sofort aus und nehmt die Hände hoch! << rief eine kräftige befehlsgeübte Stimme von draußen.
>>Ihr seid verhaftet!<<
Khaleb blinzelte in das grelle Scheinwerferlicht. Ihr eigener Wagen stand ein Stück nach rechts gedreht vor dem anderen Fahrzeug, sodass Ahmed ihm einen gewissen Sichtschutz bot. Möglicherweise war das eine kleine Chance. Khaleb traf eine schnelle Entscheidung.
>>Also, ich gehe!<<
Seine Hand umschloss, was er in der Tasche gesucht hatte. Mit der anderen Hand öffnete er die Tür ein Stück und ließ sich nach draußen fallen. Er fiel ins hohe Gras auf dem Randstreifen, rollte sich zur Seite und rutschte in den Straßengraben.
>>Stehen bleiben! Flucht ist zwecklos!<<, brüllte jemand.
>>Ihr könnt mich mal!<<, antwortete Khaleb. Er robbte auf Knien und Unterarmen ein Stück vorwärts, bis er sich hinter einem Baum befand. Der Stamm war breit genug, um ihm Sichtschutz zu bieten. Er kniete sich und schaute abwartend nach oben.
Eine dunkle Silhouette ging vor dem anderen Wagen her.
>>Anfängerfehler!<<, dachte Khaleb und entriegelte mit dem Daumen die Sicherung der Waffe, die er aus der Tasche gezogen hatte. Irgendwie hatte er geahnt, dass sie mehr als nur ein paar Sprengsätze brauchen würden.
>>Letzte Warnung! Kommt auf die Straße und nehmt die Hände hoch!<<, brüllte wieder jemand. Neben dem Baum erschien im Licht ein fester Schatten, dessen Rand das Licht wie eine Aura umrahmte. Der Strahl einer Taschenlampe leuchtete in den Graben. Unvorsichtiger Idiot, aber er machte es Khaleb einfach. Mit einem zufriedenen Grinsen drückte Khaleb ab. Ein scharfes Surren ertönte und wurde durch ein leises Knistern abgelöst. Im Dunkel tanzten kleine blaue Funken in der Luft. Der Schatten erstarrte einen Moment und stürzte stumm vornüber zu Boden. Die Taschenlampe landete im Gras. Der Lichtstrahl reduzierte sich auf ein grünliches Schimmern.
Khaleb wartete ein paar Sekunden, bevor er die dünnen Kabel, die von der Waffe zu den Widerhaken an seinem Opfer führten, mit einem Hebeldruck von der Waffe löste. Dann huschte er zu seinem Opfer, griff nach der Lampe und schaltete sie aus. Vorsichtig richtete er sich auf und suchte nach weiteren Gegnern.
An ihrem Wagen vorbei sah er das Fahrzeug, das sie gerammt hatte. Aus seiner Position waren die Scheinwerfer verdeckt. So erkannte er die Umrisse eines nicht allzu großen Vans. Die Fahrertür war geöffnet.
Diese Typen mussten irre sein, mit solch einer Schüssel ihren Wagen von der Straße zu rammen. Er meinte, Dampf von der Motorhaube aufsteigen zu sehen.
>>Umaru, siehst Du ihn?<<, rief die Stimme, die Big Mac und Ahmed verboten hatte, sich zu bewegen. Zwei Gegner, einer bereits ausgeschaltet. Der Rufer befand sich aus seiner Position hinter dem Baum und konnte Khaleb in seiner Deckung nicht sehen.
Er nutzte die Situation und tastete Umaru ab, der zitternd vor ihm lag. Das würde noch ein wenig anhalten. Der Stromschlag aus dem Taser hätte jemand mit Herzproblemen vielleicht das Leben gekostet. Aber Umaru schien ein gesundes Herz zu haben. Das Glück hatte den unvorsichtigen Idioten nicht ganz verlassen.
In einer Hand hielt der paralysierte Gegner eine Pistole. Es dauerte einen Moment, sie zu sichern und aus den verkrampften Fingern zu winden. Er steckte sich die Waffe unter den Hosengürtel. Langsam kletterte Khaleb wieder aus dem Graben und hockte sich neben den Baumstamm.
>>Umaru? Wo steckst Du, verdammt?<<
Die unsicher klingende Stimme kam näher. Der andere bewegte sich um ihren Wagen herum, in dem Ahmed und Mac immer noch saßen und darauf warteten, wie sich die Situation entwickelte. Vor der Motorhaube tauchte ein Schatten auf, ebenfalls mit einer Taschenlampe ausgerüstet.
Diese beiden Typen waren zwar bewaffnet, aber darauf beschränkten sich wohl auch ihre Kompetenzen. Auch Nummer zwei bewegte sich mit der Eleganz einer beleuchteten metergroßen Zielscheibe. Khaleb wartete geduldig ab, in einer Hand die Taschenlampe, in der anderen den Taser, der noch eine Ladung hatte. Umarus Partner verharrte an seiner Position und leuchtete ziellos umher, keine fünf Meter von Khaleb entfernt. Die Entfernung war kurz genug. Khaleb richtete den Taser auf den Schatten und drückte wieder ab. Auch der zweite Gegner stürzte, gelähmt durch den kräftigen Stromschlag, zu Boden.
Zufrieden richtete Khaleb sich auf, löste auch die Drähte für den zweiten Schuss und leuchtete mit der Taschenlampe in den Kleinwagen.
>>Alles klar bei Euch?<<, lachte Khaleb und ließ den Lichtstrahl über die beiden Paralysierten gleiten. Ein dunkelhäutiger schmächtiger Mann in einem schwarzen Overall lag neben dem Baum auf dem Bauch und zitterte stark. Der zweite, ebenfalls mit einem Overall bekleidet, lag auf dem Rücken. Auch er hielt eine Pistole in einer Hand, die Khaleb ihm ebenfalls abnahm. Mit zwei Pistolen im Gürtel ging er zu dem Wagen auf der Straße zu und beleuchtete die Motorhaube. Tatsächlich stieg ein leichter Nebel auf. Aber für einige Kilometer würde der Wagen noch taugen. Zufrieden setzte er sich hinter das Steuer, fuhr den Wagen ein Stück vor und winkte durch die Seitenscheibe den anderen beiden zu.
>>Was ist los? Euer Auto ist kaputt! Wollt Ihr hierbleiben? Nightmare wartet!<<
14.
Kaum war das Triebwerk zum Stillstand gekommen, verließ der Co-Pilot das Cockpit und entfernte die Box aus dem Gang, um sie ein Stück weiter hinten zu verstauen.
>>Ich hoffe, der Flug hat Ihnen gefallen! Der Wagen ist auf dem Weg!<<
>>Hierher auf das Rollfeld? Wird bei Ihnen immer so viel Komfort geboten?<<
Schlüter grinste ihn an.
>>Das hier ist eine echt abgespeckte Reise. Wenn wir jemand vom Management der DesertEnergy-Gruppe befördern, haben wir auch eine Flugbegleiterin dabei und die Getränkeauswahl ist besser. Dazu gibt es Speisen aus der First-Class-Kategorie. Sie hatten die Futterbox für die Holzklasse!<<
Der Co-Pilot beugte sich zu ihm vor, als wolle er nicht vom Pilot belauscht werden.
>>Was ist eigentlich der Grund Ihrer Reise? Sie arbeiten nicht bei der DesertEnergy-Gruppe, weder als Manager noch als Ingenieur. Das hätten wir sonst aus den Passagierdaten ersehen können. Und eine Charter ist das heute auch nicht!<<
>>Ich bin zu einem Gespräch eingeladen worden<<, blieb Daniel bewusst etwas unpräzise in seiner Antwort.
>>Sie werden von einem Fahrer der GlobSecure abgeholt! Ich tippe, Sie werden zur Residenz nach Strausberg gefahren! Sie sehen aber trotzdem nicht aus, als wenn Sie sich für einen Managerposten bewerben.<<
>>Tut mir leid! Das ist eine private Angelegenheit!<<, erwiderte Daniel und nahm ein weiteres Puzzleteil gedanklich auf.
>> Entschuldigung, ich möchte Sie nicht ausfragen!<<
Schlüter ging nach vorne und öffnete die Tür nach draußen. Sofort wehte ein warmer Wind herein.
>>Sie können das Flugzeug verlassen, sobald der Wagen hier ist. Nehmen Sie diese Anweisung in eigenem Interesse ernst. Die Flughafensicherheit versteht keinen Spaß mit Fußgängern auf dem Rollfeld<<, fügte Schlüter hinzu und kletterte aus der Maschine.
Der Pilot blieb immer noch im Cockpit sitzen. Daniel hörte ihn mit jemand sprechen, vermutlich einem Flughafenmitarbeiter. Er nahm seine Jacke und seine Tasche und stellte sich in die Türöffnung. Das Flughafengelände sah für ihn nicht nennenswert anders aus, als das von dem sie gestartet waren. Es standen halt überall Flugzeuge nett aufgereiht herum. Weit entfernt zog sich das Flughafengebäude hin.
Ein schwarzer SUV rollte an den Maschinen vorbei und lenkte vor dem Jet ein. Vor der Treppe hielt er an. Ein Mann mit kahlrasiertem Schädel stieg aus und blieb neben dem Wagen stehen. Er trug einen schwarzen Anzug mit einem schwarzen Hemd und einer Krawatte in gleicher Farbe, zwar farblich etwas trist, aber alle Kleidungsstücke besaßen den gleichen Schwarzton. Die leicht getönte Hautfarbe des Mannes wirkte in dieser Kombination schon fast aufreizend unangepasst. Daniel fand es sehr bemerkenswert, dass sehr viele Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten aussahen, als wären sie aus einer Zucht entsprungen, deren Ziel es war, Muskeln in möglichst großer Menge an einem Skelett zu platzieren. Dieses Exemplar entsprach eindeutig mit seinen breiten Schultern, der ausgeprägten Brustpartie und den kräftigen Oberschenkeln dieser Norm. Auch wenn er in einem schwarzen Anzug steckte, zeigte dessen gut sitzender Schnitt deutlich die Figur des Mannes.
Schlüter ging auf den Mann zu. Die beiden wechselten ein paar Worte und der Co-Pilot zeigte auf Daniel, der langsam die Leiter hinabstieg. Er ging auf den schwarz gekleideten Fahrer und den Co-Piloten zu.
>> Sie sollen mich abholen, nehme ich an!<<, sprach er den Fahrer an, dessen Gesicht ein sehr schmaler schwarzer Oberlippenbart zierte, der über beiden Mundwinkeln senkrecht nach unten bis zum Kinn abfiel, vom Stil ein Fu Manchu, der wohl die Coolness des Mannes betonen sollte. Es fehlte eigentlich nur noch eine Sonnenbrille für den perfekten Schubladenstil. Der Fahrer, etwa einen halben Kopf größer als Daniel, hätte einem James Bond Film entsprungen sein können, der Prototyp eines Schurken, mit einem etwas zu kurz geratenen Hals unter dem kahlen Kopf.
Besonders auffällig war eine schmale helle Narbe, die sich oberhalb der Augenbraue über das rechte Stirnbein den Schädel hinauf zog. Die gerade Linie der Narbe sah aus, als wenn sie von einem Messer stammen würde. Im Gesicht des Fahrers zuckte nicht ein Muskel. Nur seine Augen bewegten sich ein wenig.
>>Steigen Sie ein! Nehmen Sie die Tasche mit nach hinten!<<
Seine Stimme hatte die Temperatur eines Eiswürfels. Er stieg wieder in den Wagen. Der Co-Pilot grinste Daniel an.
>>Keine Angst! Der beißt nicht! Zumindest, solange er noch was zu kauen hat! <<
>>Ich habe ihn auch direkt lieb gewonnen!<<, entgegnete Daniel zweifelnd.
>>Ist halt von GlobSecure! SecGuards werden nicht für Freundlichkeit bezahlt! Ich wünsche Ihnen eine angenehme Fahrt! Ich kenne den Mann. Der ist nicht sehr gesprächig! Da haben Sie mit Selbstgesprächen mehr Unterhaltung.<<
Schlüter streckte motivierend einen Daumen hoch.
Daniel umrundete den SUV und öffnete die hintere Tür. Mit etwas Schwung beförderte er seine Tasche auf die Rückbank und setzte sich in den Wagen. Kaum hatte er sich angegurtet, beschleunigte der Wagen druckvoll und Daniel wurde in seinen Sitz gepresst.
Der Fahrer fuhr zum Terminalgebäude zurück und lenkte daran vorbei. Das imposante Gebäude erstreckte sich über mehrere Hundert Meter.
Daniel erinnerte sich daran, dass dieser Flughafen vor Jahren in der Presse Schlagzeilen gemacht hatte, als seine Jahre andauernde Bauphase eine endlose Serie von Pannen produziert hatte. Nicht allzu lange nach seiner Inbetriebnahme folgte der Staatsbankrott und er wurde an eine Investorengruppe aus den USA verkauft, die die Anlage nach Herbeiführung einiger Gesetzesänderungen zum Bauwesen, massiv ausgebaut hatte. Mittlerweile war dies der größte Airport Deutschlands. Der neue Eigentümer hatte ein gutes Geschäft gemacht.
Am Ende des Terminals bog der Fahrer wieder ab und steuerte auf ein abgesichertes Tor zu. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer, optisch dem Fahrer nicht unähnlich, bewachten das Tor. Der SUV rollte bis an die erste Schranke neben einem Wachhäuschen und hielt. Der Fahrer öffnete sein Fenster.
Als er den Kopf zur Seite drehte, sah Daniel eine weitere Narbe, die sich über den rasierten Hinterkopf des Mannes und das obere Ende des Hinterhauptbeins zog. Der Fahrer hatte wohl schon andere deutlich spannendere Aufgaben gehabt. Vielleicht war er deshalb so frostig. Diese Fahrt hatte nicht mal zur Beförderung eines wichtigen Managers gereicht. Wohl ein enttäuschender Tag im Leben eines harten Kerls.
Nach einem kurzen Wortwechsel zwischen Fahrer und Wachmann ließ der Fahrer auch das Fenster neben Daniel herunter und ein SecGuard schaute in den Wagen hinein, die Hand an der Maschinenpistole.
>>Identifikation!<<, wurde Daniel angeblafft. Folgsam hob er seine Commwatch. Die Identifikationsprozedur samt Irisscan erfolgte.
>>In Ordnung! Das ist die gemeldete Person!<<, rief der Bewaffnete in Richtung des Wachhäuschens. Die Schranke öffnete sich und unter der Haube des Wagens grollte der Motor wieder los.
Die nächste Stunde verging quälend langsam. Der Fahrer machte weder den angedeuteten Versuch einer Unterhaltung noch gönnte er seinem Fahrgast einen Blick in den Innenspiegel. Scheinbar war er an Daniel völlig desinteressiert. Der schaute also aus dem Fenster und versuchte sich zu orientieren. Sie fuhren auf einer mehrspurigen Straße Richtung Osten. Das deutete Daniel zumindest aus dem Stand der Sonne. Es ging also von Berlin weg. So weit reichte seine Orientierung. Nach einiger Zeit erreichten sie eine Autobahn und legten beträchtlich an Tempo zu. Irgendwann passierten sie ein Richtungsschild, das nach Strausberg wies, der Ort, den Schlüter genannt hatte.
Endlich gelangten sie über eine großzügig ausgebaute Abfahrt auf eine mehrspurige Straße. Wenige Minuten später fuhren sie an einem Ortsschild Strausberg vorbei.
Daniel war irritiert, als die Schnellstraße direkt wieder aus dem Ort hinausführte, vorbei an einigen einfach wirkenden Wohnhäusern, und auf einen Wald zuhielt. Die mehrspurige Straße teilte den Wald und verlief geradeaus mit ihrer Breite von gut zwanzig Metern zwischen den hohen und dicht gewachsenen Bäumen, die ihren Schatten auf den Asphalt warfen. Der Wagen wurde langsamer, als er auf ein Bauwerk zuhielt, das sich über die Fahrbahn spannte. Breite stählern glänzende Säulen ragten aus der Fahrbahn und verhinderten die Durchfahrt.
Mittig auf der Wand des Gebäudes prangte eine hellgraue Silhouette eines Schlosses, darauf ein Schriftzug in dunklem Blau, mit einem goldfarbenen Rand, Residenz Strausberg. Auf beiden Seiten des Gebäudes, eigentlich ein imposanter Torbogen, schloss sich eine gut sechs Meter hohe Mauer an, die in den Wald hineinführte. Eine abgerundete Krone verhinderte, dass Klettergerät dort oben Halt finden konnte. Kameras ergänzten den Eindruck von hohem Sicherheitsbedürfnis.
Hinter dem Torbogen ragten hohe massive Stahltore, die auf einer Schiene zusammengefahren werden konnten, ein Stück auf den Weg. Mindestens ein Dutzend SecGuards in schwarzen Uniformen, alle mit Pistolenhalfter und kurzen automatischen Waffen an der Schulter, patrouillierten an der Toranlage, hinter der auf einem Platz ein paar schwarze SUVs und ein Mannschaftswagen standen. Das Ganze machte den Eindruck einer Kaserne und nicht den einer Wohnanlage für bestens Situierte.
Sie hielten neben einem Posten und die Identifikationsprozedur wiederholte sich.
>>Schalten Sie jetzt jedes Mobiltelefon, das Sie bei sich haben, ab. Wenn Sie die Anweisung nicht befolgen, findet Ihr Termin nicht statt! Fotografieren ist ebenso verboten<<, warf der Fahrer scharf nach hinten. Daniel nickte und deaktivierte Smartphone und Smartwatch.
Ihm wurde zum ersten Mal in seinem Leben erlaubt, eine Residenz zu betreten, in der Menschen lebten, die sich diesen besonderen Luxus erlauben konnten, Ihren hauptsächlichen Lebensbereich auf besondere Weise schützen zu lassen. Es gab eine für die Öffentlichkeit nicht genau bekannte Anzahl an Residenzen im Land. Einige waren recht groß, hatten eine Ausdehnung ähnlich einer Kleinstadt, andere umfassten nur wenige Hunderttausend Quadratmeter und lagen versteckt in wenig besiedelten Gebieten. Aber eins war ihnen allen gemein. Es waren streng abgeschottete Bereiche, zu denen normale Menschen kaum Zugang hatten, es sei denn, sie gingen hier einer Arbeit nach.
Meistens stammten die Flächen aus ehemaligem Staatsbesitz und waren im Rahmen der Staatsrefinanzierung nach dem Bankrott an Investoren übergeben worden. Scheinbar hatte es einen großen Bedarf an solchen Residenzen für wohlhabende Menschen gegeben. Wer sich die horrenden Preise leisten konnte, erwarb große Grundstücksflächen, auf denen er dann nach seinem Geschmack ein Haus, eine Villa oder etwas noch Größeres errichten konnte. Man genoss hier nicht nur die Annehmlichkeiten, sich frei von gesetzlichen Rahmenbedingungen verwirklichen und sich vor Paparazzi, Einbrechern und Randalierern absolut sicher fühlen zu können. Eine ausreichende Anzahl von Bediensteten sorgte in den Residenzen für alle Annehmlichkeiten eines umsorgten Lebens. Fahrdienste, Putzkolonnen und Servicedienste sorgten dafür, dass man eine Residenz im Prinzip nicht verlassen musste. Selbst Schulen für den Nachwuchs wurden in größeren Residenzen betrieben. Landeplätze für Hubschrauber erlaubten schnelle Transfers zu Flughäfen oder luxuriösen Shoppingmalls.
Hier versammelte sich die Elite und nicht nur die dieses Landes. Das Argument der umfassenden Sicherheit in einem Land mit einer stabilen politischen Lage lockte Millionäre und deutlich reichere Personen aus vielen anderen Ländern an.
Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung und passierte das Tor. Langsam rollte er mit lässig grummelndem Motor die Straße entlang, tiefer in den Wald hinein. Daniel schaute neugierig nach draußen, gespannt darauf, zu sehen, was sich hinter den hohen Mauern verbarg. Schnell lichtete sich der Wald innerhalb der Residenzgrenzen und verschwand dann völlig, gnadenlos abgeholzt, um Platz für die Bedürfnisse seiner Bewohner zu schaffen.
Durch die Frontscheibe eröffnete sich der Blick auf ein weiträumiges Gelände, auf dem nur vereinzelt noch kleine Baumgruppen übrig geblieben waren. Stattdessen zog sich die Straße wie mit dem Lineal gezogen zwischen riesigen Grundstücken hindurch, auf denen Häuser standen, deren Erbauer es offensichtlich darauf angelegt hatten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. In großzügigen Abständen standen Gebäude, für die nicht einmal die Bezeichnung Villa angemessen schien. Größe war hier nur eine Eigenschaft der Gebäude, die in unterschiedlichsten Baustilen Eindruck schindeten, von der Gründerzeit nachempfundenen Prunkbauten mit Türmchen und Balkonen über großflächige Bungalows bis zu exotischen Baustilen schien hier alles irgendwie Platz gefunden zu haben, umrahmt von breiten Zufahrten und großen gepflegten Gartenanlagen, voneinander abgegrenzt durch Mauern, um die Territorien ihrer Eigentümer zu markieren.
Daniel ließ sich von dem Anblick, der sich ihm bot, beeindrucken. Hinter schmiedeeisernen Zäunen oder hohen Mauern erhoben sich Häuser, die er bisher nur aus dem Fernsehen kannte, groß, mit Dachterrassen, Türmen, verglasten Fronten, repräsentativen Haustürbereichen, Säulen und anderen architektonischen Besonderheiten. Wie es schien, hatte die Oberschicht in der Nähe von Berlin einen geeigneten Platz von der Größe einer Stadt gefunden, um sich niederzulassen und ihrer Neigung zur Selbstdarstellung ungehemmt nachgehen zu können.
Die langsame Fahrt dauerte etwa weitere zehn Minuten, bevor der Wagen in Richtung eines kleinen Sees abbog und auf ein Grundstück zuhielt, das von einer endlos erscheinenden hohen Hecke abgegrenzt wurde.
Der Wagen rollte von der Straße auf die Grundstückszufahrt. Unter den Rädern knirschte heller Kies. Zu beiden Seiten des Weges bot sich der Anblick eines Parks im viktorianischen Stil mit einem intensiv grünen makellosen Rasen, Rosenhecken, Blumenbeeten und Bäumen. Daniel vermochte nicht, abzuschätzen, wie viele Bedienstete erforderlich waren, um die gewaltige Fläche in diesem nahezu perfekten Zustand zu halten. Der Rasen sah aus wie ein Teppich. Nirgends war auch nur der Verdacht auf das Vorhandensein von Unkraut zu erahnen. Die Bäume ebenso wie die Sträucher waren in Form geschnitten. Lediglich ein einzelnes Blatt lag nahe der Zufahrt neben einem Baum am Boden und störte den Eindruck von Perfektion.
Die Zufahrt zog sich nach Daniels Schätzung gut einhundert Meter hin, bevor sie in einen kreisförmigen Platz mündete, hinter dem sich eine zweistöckige überdimensionierte Villa ausbreitete, aus weißen Steinen gemauert, mit umlaufendem Balkon in der oberen Etage, der von einem ausladenden Dach überschattet wurde. Zu beiden Seiten flankiert von zweistöckigen Anbauten, die den Stil des Hauptgebäudes ohne Balkone in einer weißen Holzverschalung aufnahmen, deutlich schlichter. Daniel kam prompt das Wort Gesindehaus in den Sinn.
Der Zugang zur doppelflügeligen Haustür führte über eine breite Treppe auf eine ausladende Veranda. Die Breite des Hauses zwischen den Anbauten schätzte Daniel auf mindestens dreißig Meter. Dem Abstand der Fenster in den beiden Etagen nach war die Deckenhöhe der Etagen spürbar über dem normalen Maß. Der Grundriss erschien in etwa quadratisch, was eine bemerkenswerte Fläche für das Gebäude ergab, in der sich vermutlich der halbe Wohnblock unterbringen ließ, in dem Daniel wohnte.
Der rechte Anbau fiel besonders auf. Sechs große Tore auf der Frontseite mit großen Glaseinsätzen ließen vermuten, dass es sich bei diesem Gebäude um eine großzügige Garage handelte. Ein Tor war geöffnet und gab den Blick auf einen mindestens achtzig Jahre alten Wagen frei, dessen kühn nach vorne schwingende Kühlerfigur ihn als Rolls Royce identifizierte. Zwei Angestellte waren damit beschäftigt, die geschwungenen Formen des grau lackierten Fahrzeugs zu putzen.
Der Fahrer hielt den Wagen vor der Treppe und drehte sich zu Daniel um.
>>Aussteigen!<<
Der Ton des Kahlköpfigen wurde einfach nicht freundlicher.
Daniel öffnete seine Tür. Der Kies gab unter seinen Füßen kaum nach.
>>Sie haben noch ein paar Minuten! Klingeln Sie! Es wird Sie jemand ins Haus lassen. Die Tasche können Sie im Wagen lassen! Ich bringe Sie nachher wieder zurück zum Flughafen!<<
Daniel zog nachdenklich die Augenbrauen hoch. Das klang, als wenn der Fahrer ohnehin bereits wüsste, wie sein Termin mit dem Kunden ausgehen würde. Sollten hier schon einige Bewerber abgeladen und nach einem kurzen Wortwechsel wieder hinauskomplimentiert worden sein? Vielleicht war das der wahre Grund, warum keine reguläre Detektei mit diesem Auftrag betraut worden war. Der Kunde suchte möglicherweise den Thomas Magnum der Neuzeit, körperlich fit, unkonventionell, diskret, abhängig und bereit, sich unter Einsatz seines Lebens in den Auftrag reinzuhängen. Und nun kam Daniel Neumann, der wohl kaum eine dieser Anforderungen erfüllte. Irgendwie dumm gelaufen. Wenigstens hatte er einen abwechslungsreichen Tag erlebt, eine Residenz von innen gesehen und würde gleich erfahren, wer ihn zu dieser kurzweiligen Reise mit Bereicherung seiner Allgemeinbildung eingeladen hatte.
Der Fahrer hob seinen Arm und deutete einladend in Richtung der imposanten Haustür. Daniel folgte der Armbewegung und stieg die Treppe hoch. Er freute sich schon direkt auf eine weitere unterhaltsame Fahrt mit dem vernarbten Mann.
15.
Daniel überquerte die Veranda und ging mit zögernden Schritten auf den großen Türklopfer zu, der nicht ganz stilecht zum Baustil des Hauses neben der großen doppelflügeligen Eingangstür befestigt war. Im Maul eines protzigen Löwenkopfs steckte ein großer Metallring, den Daniel anhob und wieder fallen ließ. Der Ring schlug mit einem dumpfen Knall gegen den Hals des Löwen. Im Haus erklang eine angenehme Tonfolge ähnlich einem Glockenspiel. Wie albern, fand Daniel, eine unpassende Kombination aus Antiquität und moderner Technik.
Dann erst fiel sein Blick auf ein schlichtes Metallschild über dem Löwenkopf, in dem neben einem Wappen ein Name eingraviert war. Jacobs.
Diesen Namen hatte er an diesem Morgen schon gelesen. Ein leichter Schauer lief über seinen Rücken. Daniel fühlte sich plötzlich noch ein Stück kleiner. Aber er verstand nun das ganze Getue um die Anonymität des Auftraggebers. Jemand mit diesem Namen hatte mehr als genug Gründe, inkognito zu bleiben. Aber warum gab sich der Chef des größten europäischen Energiekonzerns mit einem unbedeutenden arbeitslosen Ex-Polizisten ab? Was zum Teufel war an ihm so interessant?
Es dauerte nur ein paar Momente und ein Türflügel wurde geöffnet. Eine grauhaarige Frau fortgeschrittenen Alters in einem schlichten dunklen Hosenanzug stand in der Tür und lächelte freundlich. Ein kühler Luftzug strömte ihm entgegen. Das riesige Haus war klimatisiert.
>>Sie sind Herr Neumann, nehme ich an?<<
Eine angenehme Stimme. Sein Fahrer wäre bei der Bewerbung um diesen Job klar durchgefallen. Ihre überkorrekt gerade Körperhaltung signalisierte ihre Funktion als Hausangestellte, wahrscheinlich eine Empfangsdame.
>>Ja, das ist richtig<<, antwortete Daniel, der fast erstaunt war, dass ihn kein stilechter Butler empfing. So viel elitäres Gehabe hätte er einem milliardenschweren Manager eigentlich zugetraut.
>>Die Herrschaften werden Sie im Salon empfangen!<<
Die Frau ging einen Schritt zur Seite und ließ Daniel eintreten.
Ein großzügiger Eingangsbereich, der Boden mit quadratmetergroßen Steinen mit marmorierter Oberfläche ausgelegt war. Ein dunkler Holzfußboden setzte den äußeren Stil des Hauses hinter dem Eingangsbereich fort. Die Wände behielten das Weiß der Fassade bei, wohl um die Ölgemälde an den Wänden besser zur Geltung zu bringen.
Möbel im Kolonialstil setzten dazu einen passenden Kontrast. Der Eingangsbereich wurde von zwei großzügigen geschwungenen Treppenläufen dominiert, deren Stufen im Erdgeschoss nach links und rechts ausliefen. Auf beiden Seiten ragte je eine Säule bis zur Decke, um die die Treppenstufen sich nach oben wanden. In der Mitte, auf halber Höhe der Etage machte dieses aufwendige Treppenhaus einer Empore Platz.
Daniel konnte sich gut vorstellen, wie Herr und Frau Jacobs zum Empfang einer Gesellschaft von dort oben herunterschritten, er in einem dunklen Smoking, sie in einem edlen Kleid, reichlich behangen mit Ketten und Diamanten, um auf der Empore zu halten, und erst die restlichen Stufen herabzuschreiten, nachdem ein Angestellter sie laut angekündigt hatte.
>>Ihre Lordschaft von Jacobs mit Gattin geben sich die Ehre!<<
Irgendwie bekam er gerade richtig Durst auf einen doppelten Bourbon, notfalls auch ohne Eis. Das hier war viel zu groß für ihn.
Die Empfangsdame schritt nahezu lautlos am Treppenaufgang vorbei zu einer doppelflügeligen Tür in dunklem Holz, und ließ dann Daniel den Vortritt in einen großzügigen Salon, der sich in eher traditionellem englischen Stil eines Klubs gab. Die Wände waren in einem gedämpften Rot gehalten. Mehrere Chesterfieldsofas und Sessel und niedrige längliche Couchtische in dunklem gebeiztem Holz waren in kleinen Sitzgruppen verteilt.
In einer großen Vitrine präsentierte sich ein antik aussehendes kunstvoll bemaltes Teeservice mit chinesischen Schriftzeichen, neben einer nicht minder wertvoll wirkenden Serie von aufwendig geschliffenen Gläsern. Eine antike Standuhr hatte ein Stück weiter Platz gefunden. Das Pendel unter dem Zifferblatt schwang gleichmäßig und geräuschlos vor sich hin. Am Kopfende des Raums befand sich ein offener Kamin. In einer Ecke standen auf einem Barmöbel mehrere Flaschen, deren Etiketten den Inhalt als Whisky, Bourbon und Cognac auswiesen. Was auch sonst, dachte Daniel, dessen geübte Augen diese kleinen Schätze über die gesamte Distanz des Zimmers identifiziert hatten.
An den Wänden hingen ein paar Gemälde, die passend zur Atmosphäre des Raums ebenfalls aus einem vergangenen Jahrhundert zu sein schienen, in dem Wohlstand noch mit Segelschiffen erwirtschaftet wurde und nicht mit Strom. Jacobs Zeitsprung aus seiner beruflichen in seine private Welt war ein Wohlstandsstatement sondergleichen.
Ein leichter Geruch von aromatischem Tabak lag in der Luft.
Dieser Raum atmete intensiv die Kolonialzeit Englands. Wenn der Stil des Hauses auf den Charakter seines Besitzers schließen ließ, dann würde das Gespräch wohl wirklich nicht lange dauern. Daniel hatte plötzlich ein Bild eines elegant gekleideten Mannes vor sich, arrogante Gesichtszüge, kalte Ausstrahlung, machtbewusst, ein Nachfahre ehemaliger Kolonialherren. Kurze Fragen in herrischem Ton, untermalt von stechenden Blicken, in Erwartung knapper präziser Antworten unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Unterschieds.
Mann, hatte er plötzlich Durst auf einen ordentlichen Schluck aus einer der Flaschen auf dem Bartisch. Wahlweise hätte er auch das Angebot, das Haus wieder verlassen zu können, wahrgenommen. Das hier war nicht seine Welt, das war sogar ein anderes Universum. Ein viel Größeres als sein Eigenes.
Die Anspannung gab ihm das Gefühl auf eine handliche Größe zu schrumpfen. Es fehlten nur noch Magenschmerzen und Übelkeit.
>>Die Herrschaften werden gleich kommen!<<
Die Frau blieb an der Tür stehen, als müsste sie darauf aufpassen, dass der Gast nicht versuchte, wertvolles Inventar einzupacken, um sich damit aus dem Staub zu machen.
Daniel nickte ihr freundlich zu und schlenderte zu einem der mit Vorhängen behängten Fenster. Von hier aus bot sich ein wunderbarer Blick auf einen Teich und einen offenen Pavillon.
>>Kontrolliert tief und ruhig durchatmen. Denk an etwas Angenehmes. Das ist nur ein Besuch, ein nettes Gespräch. Wenn es nicht passt, sitzt Du wieder in diesem Flugzeug und bist auf dem Weg nach Hause<<, dachte er.
Er fühlte sich versucht, der Empfangsdame ein paar Fragen über die Familie Jacobs zu stellen, aber ihre Antworten würden, wenn sie überhaupt welche geben würde, nur sehr nichtssagend ausfallen. Diskretion, Sie müssen verstehen. Die Herrschaften lehnen den Tratsch über ihr Privatleben in der Öffentlichkeit strikt ab. Es wird so viel geredet, was nicht der Wahrheit entspricht.
Endlich hörte Daniel Stimmen näher kommen und beeilte sich, wieder in die Nähe des Eingangs zurückzugelangen. Das machte bestimmt einen besseren Eindruck, als wenn er am Fenster die Aussicht genoss. Die Empfangsdame machte den Eingang frei und kurz darauf betrat ein Mann den Salon, der in seiner gesamten Person Autorität ausstrahlte. Das musste Frederic Jacobs sein, hochgewachsen, schlank, etwa Mitte vierzig, sportliche Erscheinung, mit kurzem grau meliertem Haar und einem etwas dunkleren Drei-Tage-Bart. Seine Augen waren dunkel und sein Blick vermittelte eine klare Botschaft, wer den Ton angab.
Er trug einen dunkelblauen Rollkragenpullover zu einer hellgrauen Anzughose und dunklen Schnürschuhen, Budapester, soweit Daniel das beurteilen konnte. Die Armbanduhr mit goldenem Gehäuse wirkte an diesem Mann nur wie eine notwendige Ergänzung seiner Erscheinung, die keine Konkurrenz durch andere Schmuckstücke duldete. Immerhin trug er nicht passend zum Stil des Hauses ein Jackett mit Ärmelaufschlägen, Weste, Spitzenjabot und Kniehose nebst Gehstock und Spitzentaschentuch. Und so sehr stach auch sein Blick nicht. Vielleicht würde doch ein ganz passables Gespräch stattfinden. Daniel atmete einmal tief durch.
Trotzdem ihn die Erscheinung des Mannes beeindruckte, musste sich Daniel über diese Vorstellung ein Lachen verbeißen. Der Gedanke war wie ein Schluck guter Whiskey. Er wärmte ihn und entspannte sogar seinen Magen. Warum dachte er nur ständig an Alkohol. Vielleicht hatte er sich in den letzten Monaten doch ein kleines Problem angetrunken.
Frederic Jacobs maß Daniel mit abschätzigem Blick und nahm in der nächstgelegenen Sitzgruppe in einem der Sessel Platz. Er lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Ihm folgte eine Frau mit langen blonden Haaren, wie Jacobs vermutlich etwas über vierzig Jahre alt. Sie trug ein dunkelgraues schlichtes Kleid mit kurzen Armen zu dunkelroten Schuhen mit relativ kurzen Absätzen. Ihr Gesicht war sehr dezent geschminkt. Es war nicht schwer zu erraten, dass sie Jacobs Frau war. Sie nahm neben ihrem Mann Platz. Frau Jacobs legte ein Touchpad auf den Tisch.
Beide musterten Daniel ausdruckslos von Kopf bis Fuß. Daniel erwiderte die Blicke, obwohl ihm dabei immer unwohler zumute wurde. Er fühlte sich ein wenig, als würde er in einem Käfig im Zoo stehen und sich von Besuchern begaffen lassen.
>>Sie sind der Mann, der sich um die Stelle als Detektiv beworben hat!<<
Jacobs schoss diese banale Feststellung in einer Schärfe heraus, die Daniel fast zusammenzucken ließ. Von allgemeinen Höflichkeitsfloskeln wie etwa einer Begrüßung und gegenseitiger Vorstellung schien Familie Jacobs nicht viel zu halten. Na ja, in seinen Unterlagen stand alles über ihn und am Türschild genug über den Herrn mit den teuren Schuhen. Warum also Worte verschwenden.
Ihm einen Platz anzubieten wäre aber zumindest eine Geste der Höflichkeit gewesen. Daniel blieb also stehen, die Hände hinter dem Körper zusammengelegt. Einen so coolen Eindruck wie sein Chauffeur machte er dabei nicht.
>>Ja, das ist richtig, Herr Jacobs!<<, erwiderte er reflexhaft und bemerkte, dass er eingeschüchtert klang. Wenn er hier nicht, wie von dem glatzköpfigen Fahrer angekündigt, ganz schnell wieder rausfliegen wollte, musste er dringend mehr Selbstbewusstsein ausstrahlen. Es gab nur keine Chance sich das nötige Maß davon anzutrinken. Ein neues Ziel nach dem, dieses Gespräch zu überstehen, mehr Abstinenz wagen.
>>Sie haben das Türschild richtig gelesen. Sie wissen also, wer wir sind!<<
Jacobs musterte ihn, als hätte er sich bereits ein Urteil über den Bewerber gebildet, das nicht gut ausgefallen war.
>>Ich habe auch die Informationsbroschüre im Flugzeug gelesen! Vielen Dank für die angenehme Anreise!<<
Das klang schon besser. Daniel war entschlossen, dem unhöflichen Ton entgegenzuhalten, was zumindest bei Frau Jacobs ein leichtes Lächeln hervorrief. Sie warf einen Blick auf das Touchpad.
>>Sie haben Ermittlungserfahrung als Polizist! Warum sind sie jetzt arbeitslos?<<
Aha, doch ein Bewerbungsgespräch. Antall hatte sich doch zu weit aus dem Fenster gelehnt. Vielleicht hätte er sich darauf vorbereiten sollen. Was sind Ihre größten Schwächen, was Ihre größten Stärken. Na, ich kann Alkoholika am Geschmack unterscheiden. Das kann eine Stärke, aber auch eine Schwäche sein. Und ich kann perfekt auf einem Bein humpeln.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren. Keine Ahnung. Wahrscheinlich unter einer Brücke, weil ich bereits in ein paar Monaten aus meiner Wohnung fliege und kein Geld mehr in der Tasche habe.
Aber solche Antworten kamen möglicherweise nicht so gut an. Ein wenig mehr Seriosität mochte ihm helfen, den Weg unter die Brücke hinauszuzögern.
>>Viele Aufgaben der Polizei wurden durch private Unternehmen übernommen. Also werden Polizisten entlassen. Die Jüngsten sind die, die man am einfachsten loswird! So hat es mich getroffen.<<
Jacobs nickte, während er ihm direkt in die Augen sah.
>>Die Personalagentur, die wir beauftragt haben, einen Detektiv zu finden, hat uns eine Anzahl Leute vorgeschlagen, darunter auch ein paar professionelle Detektive. Ich habe Sie ausgewählt, weil Sie jung genug und damit erwartungsgemäß flexibel sind. Außerdem waren Sie Polizist und als Ermittler tätig. Dazu gehe ich davon aus, Sie können mit Begriffen wie Ehrlichkeit und insbesondere Verschwiegenheit umgehen!<<
Das klang fast schon freundlich. Aber seine Zunge wollte trotzdem noch ein wenig am Gaumen kleben. Dem nächsten Satz ging mangels ausreichenden Speichels ein leichtes Schnalzen voraus.
>> Das kann ich Ihnen zusichern!<<
Jacobs legte den Kopf etwas zur Seite. Er schien kurz zu überlegen.
>>Ihre Unterlagen sahen einwandfrei aus, abgesehen von Ihrer körperlichen Einschränkung. Aber das sollte kein Hindernis sein. Körperliche Defizite lassen sich kompensieren.<<
Daniel zog die Stirn hoch. Er überlegte, was Jacobs damit sagen wollte. Kein Knock-out Kriterium? Sollte der Job ein Spaziergang werden?
>>Meine Knieverletzung stammt aus einem Einsatz während der Zeit der Unruhen. Ich habe damit keine Probleme, solange ich nicht zu einem Hürdenlauf antreten muss.<<
Jacobs ging über die Antwort einfach hinweg.
>>Sie haben bei einer Internetermittlungsgruppe gearbeitet. Sie können also mit einem Computer umgehen und sind nicht nur in der Lage eine Suchmaschine zu bedienen!<<
Nicht eine Frage von Jacobs. Alles aus seinem Mund war eine Feststellung.
>>Ich habe einiges in meinem Job gelernt! Datensuche mit Möglichkeiten jenseits der Standardsuchmaschinen. Ich kenne Kontakte im Netz, die bei Ermittlungen sehr nützlich sein können.<<
Daniel gönnte sich ein verschmitztes Grinsen. Sollte ihn Jacobs ruhig für selbstsicherer halten, als er sich eigentlich fühlte. Seine schweißnassen Handinnenflächen sah niemand.
>>Sie können also Dinge über unsere Familie herausfinden, die uns möglicherweise unangenehm wären?<<
Frau Jacobs Stimme klang weich, ganz anders als die des Mannes.
>>Das hängt davon ab, welche Informationen über sie überhaupt im Umlauf sind. Sie werden wohl an Informationen interessiert sein, die sich in geschlossenen Communities finden lassen oder die in abgeschotteten Netzwerken gespeichert sind! Wenn Sie mir etwas Zeit geben und ein wenig Geld erübrigen, kann ich das meiste herausfinden, das außerhalb des Netzwerks Ihres Unternehmens zu finden ist.<<
>>Ah, wir sind schon beim Geld, ohne dass Sie wissen, was überhaupt die Aufgabe ist! Solche Leute habe ich gerne!<<
Jacobs zog ein Gesicht, als hätte Daniel ihn beleidigt.
Die Frau lehnte sich leicht nach vorne und schob einen abgespreizten Finger über das Touchpad. Sie schien etwas zu suchen.
>>Ich denke nicht, dass Herr Neumann aus eigener Tasche seine Quellen bezahlen möchte, wenn er etwas für uns herausfindet. Darum geht es doch, nicht wahr?<<
Daniel nickte. Allmählich fühlte er sich etwas wohler. Frau Jacobs wirkte interessiert.
>>Ja, auch im Internet gibt es Spitzel, die Wissen gegen Geld tauschen.<<
>>Ist das legal?<<
>>Es macht für beide Seiten Sinn, bei manchen Ermittlungen anonym zu bleiben. <<
Jacobs stand auf und ging zu einem der Fenster hinüber. Er lehnte sich an die Fensterbank und verschränkte die Arme vor der Brust.
>>Uns interessiert das Ergebnis! Wie Sie es erreichen, ist ohne Belang. Wenn Sie etwas Illegales machen und dabei erwischt werden, ist das ausschließlich Ihr Problem!<<
Daniel schaute zwischen beiden hin und her. Während Jacobs weiter seine Unnahbarkeit als Manager herauskehrte, schien die Frau seine Einstellung nicht zu teilen. Das Gespräch lief. Daniel gönnte sich einen Blick auf einen Silberstreif am Horizont. Die Aussicht auf einen schnellen Rückflug verschlechterte sich. Sollte hier doch etwas gehen?
Frau Jacobs schüttelte über den Kommentar ihres Mannes den Kopf.
>>Nein, das ist nicht sein Problem! Wir können den Mann nicht mit der Suche beauftragen und ihn anschließend hängen lassen, wenn er für uns seinen Kopf riskiert!<<
Jacobs wirkte etwas irritiert. Der Widerspruch seiner Frau kam wohl unerwartet.
>>Wie würde es wohl wirken, wenn in der Presse Schlagzeilen auftauchen, in denen wir beschuldigt werden, jemand mit gesetzeswidrigen Dingen beauftragt zu haben?<<
>>Darum geht es doch nicht. Aber wenn Herr Neumann für uns etwas riskiert, solltest Du in der Lage sein, ihn davor zu bewahren, anschließend vor einem Richter zu landen! Mir ist wichtig, dass wir Marc finden!<<
Die Frau schaute zu Boden und nahm eine Hand vor das Gesicht, als wolle sie einen Gefühlsausbruch verbergen. Frederic Jacobs wandte sich um und schaute aus dem Fenster. Daniel konnte leider nur noch Jacobs Hinterkopf sehen. Es hätte ihn interessiert, was in diesem Moment in dessen Gesicht vorging. Die Situation war spannend, seine Unsicherheit vergessen. Das hier interessierte ihn brennend. Wer war der Gesuchte? Ein Sohn?
Jacobs nickte.
>>Gut! Ich denke, wir versuchen es. Erklär ihm, was wir von ihm wollen! Ich werde machen, was ich kann, um Herrn Neumann zu unterstützen!<<
Die Stimme klang etwas gepresst. Jacobs Brustkorb hob sich sichtlich, als er tief durchatmete.
Die Frau erhob sich und kam auf Daniel zu, um ihm die Hand zu reichen.
>>Ich bin Diana Jacobs, die Ehefrau von Frederic Jacobs! Entschuldigen Sie den etwas unhöflichen Empfang! Aber bei uns liegen die Nerven ein wenig blank!<<
Die Hand war schmal und weich, der Händedruck nicht wirklich fest. Frau Jacobs lächelte ihn an. Der Duft eines Parfüms mit einer fruchtigen Note umgab sie.
>>Wir suchen jemand, der vertrauenswürdig ist, weil es bei dem Suchauftrag um eine familiäre Angelegenheit geht! Ihre Bewerbungsunterlagen haben gerade deshalb unseren Zuspruch gefunden, weil Sie Polizist waren. Der Gedanke, dass ein professioneller Ermittler uns nur als einen von vielen Aufträgen behandelt, war mir nicht sympathisch! Und meinem Mann ging es da nicht anders!<<
Sie deutete auf die Sessel.
>>Nehmen Sie doch Platz! Möchten Sie etwas trinken, einen Kaffee vielleicht? Charleen!<<
Die angenehme Stimme vermittelte ihm ein Gefühl von Vertrautheit. Was sie sagte, bestärkte das. Eigentlich waren die Jacobs gar nicht so elitär. Sie waren lediglich in Sorge. Um ein wichtiges Unternehmen, das Europa mit Strom versorgte, um ihre Privatsphäre, um Marc.
Die beiden waren so nett. Man konnte mit ihnen sogar zu einem Kaffee zusammensitzen, um ein wenig Konversation zu betreiben, über Familienangelegenheiten. War er Teilnehmer einer satirischen Fernsehshow?
Hinter Daniel betrat die Empfangsdame den Raum.
>>Gnädige Frau! Sie haben gerufen!<<
>>Bringen Sie uns doch bitte Kaffee!<<
>>Jawohl, gnädige Frau!<<
Charleen verschwand wieder aus dem Raum und Daniel setzte sich in den Sessel neben Diana Jacobs.
>>Es geht um unseren Sohn Marc! Er ist seit etwa zwei Wochen verschwunden!<<
Frau Jacobs Stimme verlor spürbar von ihrer Festigkeit.
>>Wie alt ist Ihr Sohn?<<
Es wurde Zeit für eine tief greifende Konversation. Der Job war zum Greifen nah. Es war sinnvoll, jetzt einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das machte auch die Hände trockener und entspannte den Magen. Daniel fühlte sich plötzlich gut.
>>Dreiundzwanzig! Er studiert an der Harold-Dahne-Universität in Frankfurt Energietechnik. Er wohnt dort in einem eigenen Apartment. Normalerweise besucht er uns an jedem zweiten Wochenende. Und wir telefonieren regelmäßig. Aber seit einiger Zeit ist er nicht mehr erreichbar! Wir haben vor einer Woche jemanden vom Sicherheitsdienst zu seinem Apartment geschickt, aber Marc war nicht anzutreffen. Der SecGuard hat sich auch in seinem Apartment umgesehen, aber keine Hinweise auf seinen Verbleib gefunden. Ich mache mir Sorgen um ihn. So lange hatten wir noch nie keinen Kontakt!<<
Frau Jacobs war die Sorge, die sie beschäftigte deutlich anzusehen. Während sie erzählte, befühlte sie nervös ihre Fingernägel.
>>Dass er vielleicht nur Urlaub macht oder Freunde besucht, schließen Sie aus?<<
Frau Jacobs schüttelte heftig den Kopf.
>>Die Semesterferien sind vorbei und er nimmt sein Studium sehr ernst. Außerdem war Marc erst im März in New York. Er hat vor, dort im nächsten Jahr ein Auslandsjahr einzulegen. Er hat sich dort an einer Universität vorgestellt und dann mehrere Wochen dazu genutzt, sich das Land anzuschauen.<<
>>Wie wird Ihre Vorgehensweise sein?<<
Frederic Jacobs hatte sich wieder umgedreht und lehnte an der Fensterbank. Die Fakten waren geklärt. Das Vorstellungsgespräch aber aus seiner Sicht noch nicht beendet. Noch war Daniel nicht auf der Zielgerade.
>>Ich nehme an, Sie haben bereits die Ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten ausgeschöpft und dabei kein Ergebnis erzielt!<<
Aber er fühlte sich allmählich wieder zurückversetzt in bessere Zeiten, als er noch gebraucht wurde.
>>Sein Smartphone kann seit zwei Wochen nicht geortet werden, wenn Sie das meinen, ebenso wenig ist sein Internetzugang aktiv! GlobSecure überwacht das kontinuierlich und informiert uns sofort, wenn ein Signal aufgefangen wird!<<
>>Trägt Ihr Sohn einen Ortungschip im Körper?<<
Solche Maßnahmen waren in vermögenden Bevölkerungsschichten nicht unüblich, um bei einer Entführung das Opfer finden zu können. Daniel spulte routiniert ein Frageschema ab. Professionalität ausstrahlen. Er hatte sich entschieden, er wollte diesen Job und vor allem das Geld dafür. Hier schwamm sein Rettungsring und er wollte zugreifen.
>>Seinen Ortungschip trägt Marc seit ein paar Jahren nicht mehr! Er hat ihn sich kurz nach seiner Volljährigkeit entfernen lassen!<<
>>Das klingt nach einer Art Protest gegen die Familie!<<
Frau Jacobs schüttelte den Kopf.
>>Er hat mir erklärt, dass man jemanden damit auch identifizieren kann, um ihn dann möglicherweise zu entführen. Und Entführer, die sich damit auskennen, wissen, wie sie den Ortungschip ausschalten können!<<
>>Damit hat er nicht ganz unrecht!<<, musste Daniel zustimmen.
>>Zu der Behauptung, unser Sohn würde sich gegen die Familie auflehnen, kann ich Ihnen versichern, dass wir ein gutes Verhältnis haben.<<
Frau Jacobs wirkte mit ihrer Aussage auf Daniel überzeugend.
>>Hat Ihr Sohn einen Wagen oder ein anderes ortungsfähiges Fahrzeug?<<, setze er seine Befragung fort. Das bedrückende Gefühl seiner eigenen Bedeutungslosigkeit war weggewischt. Er war zurück.
>>Nein! Marc sagte, er braucht an seinem Studienort keinen Wagen. Er benutzt dort einen Mietwagenservice und ein Elektrorad!<<
>>Gibt es irgendwelche Unstimmigkeiten, die ihn veranlasst haben können, ein wenig Abstand von Ihnen zu nehmen?<<
>>Nein! Es gab in den letzten Monaten keine unangenehmen Situationen oder Streitigkeiten zwischen uns!<<
Daniel dachte für einen Moment nach. Es blieb ihm momentan nur die Feststellung, dass die einfachen Möglichkeiten, den Gesuchten zu finden, kollektiv in die Sackgasse führten, was auch nicht anders zu erwarten gewesen war.
>>Um Ihre Frage nach meiner Vorgehensweise zu beantworten, Herr Jacobs. Ich werde an der Universität mit den Nachforschungen beginnen. Er wird dort Freunde haben, die mir etwas über ihn sagen können. Es gibt Nachbarn, die vielleicht etwas Ungewöhnliches bemerkt haben. Ich benötige Zugang zu seinem Apartment, um mich darin umzuschauen. Außerdem werde ich die Zeit bis zu seinem Verschwinden rekonstruieren müssen. Und ich werde mich um die Spuren kümmern, die er im Internet hinterlassen hat, also Äußerungen in Communities etwa. Es wird sich ein Ansatzpunkt finden lassen, der den Grund seines Verschwindens erklärt!<<
>> Und wenn sich dabei nichts ergibt?<<
>> Niemand verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen! Das ist schon physikalisch unmöglich! Ich werde also etwas finden!<<
Daniel musste sich eingestehen, dass er sich ziemlich weit aus dem Fenster lehnte.
Es gab mit Sicherheit eine Menge Möglichkeiten, warum der Sohn plötzlich verschwand, ein familiärer Streit als Anlass, eine Liebe, die der Familie nicht ins Konzept passte, das Bedürfnis, einfach aus dem eigenen Leben auszusteigen, oder ein Verbrechen.
Und es war schon eine große Zahl Menschen verschwunden und niemand war in der Lage gewesen, herauszufinden, wo sie geblieben waren. Manche tauchten irgendwann wieder auf, unversehrt oder in Resten dessen, was auf natürliche Weise verwertet worden war. Natürlich war den Angehörigen diese letzte Möglichkeit der Rückkehr die Unangenehmste. Manchmal kam die Nachricht vom Tod des Gesuchten auch gelegen, meistens in Erbschaftsfällen. Aber das war hier auszuschließen. Falsche Reihenfolge. Marc war verschwunden, nicht sein Vater.
>>Sie sind also überzeugt, Sie finden Marc wieder?<<
Frau Jacobs strahlte ein Übermaß an Erleichterung aus.
>>Ich möchte Ihnen nichts vormachen. Solange ich noch nach Spuren über seinen Verbleib suchen muss, kann ich nichts ausschließen. Wenn Sie mich beauftragen, werde ich ihn suchen und Ihnen meine Ergebnisse präsentieren!<<
>>Sie meinen, im schlimmsten Fall bringen Sie uns einen Toten zurück?<<
Frederic Jacobs klang kalt. Seine Haltung war noch immer ablehnend, die vor dem Körper verschränkten Arme zeigten das allzu deutlich. Die Vorstellung, dass sein Sohn tot sein könnte, schien ihn aber nicht wirklich zu berühren. Oder er hielt seine Gefühlswelt auf bemerkenswerte Weise von seiner Umgebung fern.
Frau Jacobs hielt den Atem an und legte eine Hand erschrocken auf ihre Brust. Die Geste wirkte etwas zu theatralisch. Empathische Überdosis oder einstudierte Affektiertheit.
>>Nehmen Sie nicht das Schlimmste an! In weit mehr als neunzig Prozent aller Fälle findet sich ein Vermisster wohlbehalten wieder an. Die anderen hatten meist einen Umgang, der zwangsläufig dazu führte, dass ihr körperliches Wohlergehen beeinträchtigt wurde oder ihr Leben abrupt beendet wurde. Ich denke aber, dass man das wohl bei jemandem aus Ihrer gesellschaftlichen Umgebung ausschließen kann.<<
Daniel hielt einen Moment inne.
>>Das bringt mich natürlich zu einer wenn auch nicht sehr wahrscheinlichen Vermutung!<<
>>Sie meinen eine Entführung? Aber Entführer werden in einem solchen Fall wohl nicht lange warten, um eine Lösegeldforderung zu präsentieren! Wer Marc entführt, sollte wissen, wen er sich für eine Erpressung ausgesucht hat!<<, wehrte Jacobs Daniels Einwand ab.
>>Damit haben Sie absolut recht! Ich sagte ja, eine unwahrscheinliche Vermutung.<<
Frederic Jacobs stützte sich wieder an der Fensterbank ab. Seine Brustmuskeln wölbten sich unter dem Pullover etwas vor.
>>Ich denke, wir können Ihnen vertrauen! Im Endeffekt haben wir auch keine Wahl. Wenn wir noch länger nach einem geeigneten Ermittler suchen, kann es nur noch schwieriger werden! Sie sind an dem Job interessiert?<<
>>Insofern Sie mir Ihr Vertrauen entgegenbringen wollen, nehme ich den Auftrag an<<, antwortete Daniel.
Innerlich vollführte er einen Luftsprung.
>>Was bedeutet das genau?<<, fragte Diana Jacobs Daniel.
>>Ich benötige etwas Zeit, um die Fakten aufzunehmen, mir ein Bild zu machen. Wenn ich weitergehende Unterstützung benötige, begründe ich das gerne. Aber wenn Sie das Gefühl haben, ich würde Sie hintergehen oder mit der Arbeit nicht zurechtkommen, sollten wir schnellstens überlegen, ob es Sinn macht, mir diese Aufgabe weiter zu übertragen. Ich möchte mich nicht ständig rechtfertigen müssen!<<
Dünnes Eis. Idiot. Wenn Frederic Jacobs nur einen Moment zu lange darüber nachdachte, saß er binnen Minuten wieder bei dem netten Fahrer im Auto. Aber es sprudelte aus ihm heraus.
>>Das verstehe ich!<<, erwiderte Frau Jacobs.
>>Allerdings sollten Sie uns auch nicht den Eindruck von Unfähigkeit vermitteln, indem Sie kaum Ergebnisse haben, oder versuchen, es sich finanziell ein paar Tage auf der Angelegenheit bequem zu machen.<<
>>Frederic, es ist gut jetzt!<<, bremste Frau Jacobs ihren Mann ein.
Der nahm wieder die Arme vor die Brust.
>>Ich erwarte von allen meinen Mitarbeiter, dass sie effizient arbeiten und ihr Geld wert sind. Ich werde keine andere Maßstäbe an Herrn Neumann anlegen.<<
Die Unterhaltung wurde kurz unterbrochen, als Charleen erst anklopfte und dann eintrat. Sie schob einen kleinen Wagen vor sich her, auf dem ein paar kunstvoll bemalte Tassen, eine Kanne Kaffee sowie ein silbernes Milchkännchen und ein Zuckertopf aus gleichem Material standen. Charleen stellte den Wagen am Tischchen neben Frau Jacobs ab und schenkte routiniert Kaffee in drei Tassen. In eine Tasse legte sie mit einem Löffel zwei Stück Zucker, in die andere goss sie etwas Milch und rührte um. Dann reichte sie beide Tassen an die beiden Jacobs weiter. Der Duft, der plötzlich durch den Raum zog, war unglaublich, fand Daniel.
So roch Kaffee von sehr guter Qualität, ganz anders als das billige Zeug, das man im Supermarkt kaufen konnte, viel zu stark geröstet, eher schon verbrannt, um den viel zu früh geernteten Bohnen einen Hauch von Aroma beizufügen. Daniel sog den wunderbaren Geruch ein.
Zuletzt wandte sich Charleen an Daniel, der aus seinem kleinen Genussrausch geweckt wurde.
>> Nehmen Sie Zucker oder Milch?<<
>>Ich trinke schwarz, danke!
Auch ihm wurde eine Tasse gereicht. Dann verließ die Bedienstete wieder den Raum.
>>Wir haben schon etwas vorbereitet. Auf dem Touchpad finden Sie Informationen über Marc. Wir haben ein paar Dinge zusammengesucht, die uns eingefallen sind. Dazu ein Foto von Marc.<<
Frau Jacobs nahm das Touchpad vom Tisch und reichte es Daniel.
>>Ich erwarte von Ihnen einen täglichen Bericht, abends um neunzehn Uhr, per Anruf. Wenn ich nicht abnehme, werden Sie an einen GlobSecure Mitarbeiter umgeleitet, der über Ihren Auftrag informiert ist.<<
Jacobs nahm einen Schluck Kaffee und stellte die Tasse auf der Fensterbank ab. Er blieb seinem Stil eindeutig treu. Daniel fand es erstaunlich, wie er das Verschwinden seines Sohnes als ein geschäftliches Problem betrachtete, bei dem es wichtig war, sich nicht übers Ohr hauen zu lassen. Er tippte auf das Display des Touchpads und öffnete das Dokumentverzeichnis. Neben einem Foto eines jungen Mannes fand er eine Tabelle. Namen, Adressen und Telefonnummern.
Er schaute sich das Bild genauer an.
Jacobs Sohn ähnelte seinem Vater äußerlich sehr. Er hatte die gleichen gerade geschnittenen Gesichtszüge und dunklen Augen. Die beiden hätten als kleiner und großer Bruder durchgehen können, was aber auch ein Ergebnis gewisser operativer Maßnahmen an Frederic Jacobs Gesicht sein konnte.
Was Daniel vermisste, war irgendeine Ähnlichkeit Marcs mit seiner Mutter. Jacobs Gene schienen wie er selbst zu sein, dominant.
>>Das sind wohl hauptsächlich Freunde von Marc aus Frankfurt. Hier in Berlin hat er keine nennenswerten Kontakte. Wir haben uns die Nummern besorgt, die Marc angerufen hat und die ihn in den letzten Wochen angerufen haben. Dazu hat uns GlobSecure mit den Adressen und Namen zu den Nummern versorgt<<, informierte Jacobs ihn.
Freunde? Als Ergebnis von Anruflisten. Die Jacobs schienen entweder naiv oder hinsichtlich des Lebens ihres Sohnes sehr unbedarft zu sein. In der Liste steckten womöglich ein paar Überraschungen.
>>Haben Sie nicht selbst versucht, diese Leute zu kontaktieren?<<
>>Natürlich sind wir schon selbst auf diese Idee gekommen, aber auf den meisten nicht öffentlichen Nummern nimmt niemand ab.
Die Freunde, die wir erreichen konnten, wussten nichts über Marcs Verbleib. Zu den Adressen haben wir GlobSecure bereits mit Nachforschungen beauftragt.<<
Frederic Jacobs Stimme hatte einen verächtlichen Klang. Eine Frage nach solchen Selbstverständlichkeiten bewertete er eindeutig als Angriff auf seinen Intellekt.
>>Vielleicht haben Sie mehr Glück mit denen.<<
Daniel warf noch einmal einen Blick auf die kurze Liste. Ein paar Nummern gehörten zu öffentlichen Einrichtungen, zu Bereichen der Universität, zu ein paar Firmen. Besonders fielen ihm vier Namen mit Adressen auf, die die besagten Freunde sein konnten. Dahinter befanden sich ein paar Seiten, die auf den ersten Blick ein paar Informationen über den Gesuchten preisgaben.
>>Hat Ihr Sohn eine Partnerin oder einen Partner?<<
Frau Jacobs schüttelte den Kopf.
>>Davon wissen wir nichts! Er hatte letztes Jahr eine Freundin, aber die beiden haben sich getrennt. Seitdem hat Marc von niemandem mehr gesprochen! Über kurzfristige Liebschaften wird er verständlicherweise seinen Eltern gegenüber weniger berichten wollen.<<
>>Unser Sohn hat eben seinen Fokus auf sein Studium gelegt!<<, fügte Frederic Jacobs hinzu.
Natürlich. Ganz der Vater. Geradlinig, präzise, scharfsinnig, intelligent. Der Fokus war nur in den letzten Wochen ein wenig weggerutscht. Wohin blieb herauszufinden.
>>Aber GlobSecure hat die junge Dame auch überprüft! In ihren Telefonverbindungen und Internetaktivitäten hat sie tatsächlich seit damals keinen Kontakt mehr zu Marc gehabt.<<
Daniel war sprachlos. Er wagte nicht, zu fragen, warum die Jacobs GlobSecure nicht weiter mit der Suche beauftragen wollten. Scheinbar war der Sicherheitsdienst bereit, für seine Auftraggeber in den privaten Angelegenheiten beliebiger Personen herumzuschnüffeln, und besaß auch die Möglichkeiten dazu. Ein schlechtes Gewissen schienen die Jacobs auch nicht zu haben. Dass Persönlichkeitsrechte und Datenschutz nur im öffentlichen Raum wahrgenommen wurden, wusste Daniel aus seiner Polizeiarbeit. Die Strafverfolgung durfte diese Rechte großzügig ignorieren. Nur war dies hier keine polizeiliche Ermittlung. Marc war wohl nicht einmal von den Jacobs als vermisst gemeldet worden.
Aber er hatte sich, trotz der Erkenntnis, dass Daten für die, die sie sammeln konnten, stets im Zugriff standen und in jeglicher erdenklichen Hinsicht analysierbar waren, eingeredet, allein die Masse an Informationen gewährleiste eine gewisse Anonymität für jeden. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Interesse derer, die auf die Daten zugreifen konnten, sich auf eine bestimmte Fragestellung oder eine bestimmte Person konzentrierte, womit diese Anonymität verloren ging.
Die Antwort auf die Frage, wer diesen Zugriff hatte, war erstaunlich. Staatliche Instanzen hatten zwar das Recht, Kommunikationsinformationen bei Providern jederzeit umfassend einsehen zu können, aber wer genügend Geld auf den Tisch legte, bekam eindeutig nicht weniger geboten. Oder hatte eigene Möglichkeiten der Datenbeschaffung.
>>Ihr Sohn hat doch bestimmt auch hier ein Zimmer? Es könnte Sinn machen, mich dort umzusehen!<<
>>Nein! Er benutzt das Zimmer nur zur Übernachtung, wenn er hier ist. Wir haben es gründlich durchsucht, aber nur Kleidung und Badezimmerartikel gefunden.<<
Die Antwort kam so schnell und in einem spürbar scharfen Ton, dass Daniel sofort die Idee kam, Frederic Jacobs wollte ihm den Zugang in die Wohnräume nicht gestatten, und ihm damit einen Einblick in die Welt der Familie zu verwehren. Eine Verschärfung der Diskretionsforderung.
Daniel verzichtete darauf, das Thema weiter zu erörtern, was absehbar nur zu einer weiteren Abwehrreaktion führen konnte. Möglicherweise würde Jacobs ihn sogar hinauswerfen lassen, wenn Daniel seinen Unmut wecken würde. Und letztendlich lockte in Sichtweite eine Entlohnung. Frau Wolenskis Gesicht tauchte in seinen Gedanken auf. Er schüttelte sich innerlich.
>> Haben Sie weitere Kinder?<<, fragte Daniel, um elegant von diesem Thema umzuschwenken.
>>Nein, Marc ist unser einziges Kind<<, antwortete Diana Jacobs.
Ihr Mann stieß sich von der Fensterbank ab und ging einen Schritt nach vorne.
>>Jetzt wollen Sie wahrscheinlich noch wissen, was Ihnen der Auftrag einbringt?<<
Jacobs Blick hatte etwas Stechendes. Bei Daniel wollte keine Sympathie für diesen Mann aufkommen.
>>Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, um etwas Interessantes vorzuweisen. Sollten Sie unseren Sohn vorher finden, bekommen Sie die Woche trotzdem bezahlt und ich lege eine Prämie dazu. Haben Sie Marc nicht in dieser Zeit gefunden, entscheide ich, ob Sie der Sache gewachsen sind und weitermachen. Für die Begleichung von Spesen wird ebenso gesorgt. Pro Tag bekommen Sie zweitausend als Honorar und zwanzigtausend am Ende als Prämie im Fall des Erfolgs. Das ist mehr, als ein Privatdetektiv üblicherweise erwarten kann!<<
Damit hatte er absolut recht, dachte Daniel und erinnerte sich an das Gespräch mit Antall.
>>Ich nehme an, Sie sind einverstanden, oder hatten Sie andere Vorstellungen?<<
>>Nein, das Angebot ist sehr großzügig!<<
Was auch sonst. Je später er wieder zu dieser Wolenski musste, umso besser.
>>Gut! Sie erhalten diese Vereinbarung zugestellt. Eine Kopie geht an die Vermittlungsagentur.<<
Jacobs nickte knapp.
Diana Jacobs warf Daniel einen dankbaren Blick zu. Für sie schien er ein echter Rettungsanker zu sein, im Gegensatz zu ihrem Mann.
>>Vielen Dank, dass Sie unseren Sohn suchen werden!<<
>>Ich werde mein Möglichstes versuchen! Das möchte ich Ihnen zusichern!<<
Er nahm einen Schluck Kaffee und noch einmal die Gelegenheit, das fantastische Aroma einzuatmen, das ihm aus der Tasse entgegenwehte. Alles war wieder gut. Das Leben konnte manchmal richtig schön sein, wenn das Glück im richtigen Moment arbeitswillig war.
Für einen kurzen Moment.
>>Da wir Sie nicht kennen und Ihnen daher kein unbegrenztes Vertrauen schenken können, und auch nicht wissen, wohin Sie Ihre Suche führt, werden Sie zur allseitigen Absicherung einen Begleiter bekommen!<<
Frederic Jacobs ging zur Tür. Leise sprach er in den Eingangsbereich, in dem vermutlich Charleen darauf wartete, gebraucht zu werden. Er kam zurück und setzte sich in den zweiten Lehnsessel der Sitzgruppe, in der Frau Jacobs und Daniel saßen.
Jacobs schien ein durch und durch misstrauischer Mensch zu sein. Daniel spürte genau, der Mann hielt Informationen zurück. Die Daten auf dem Touchpad, die Absage an die Besichtigung von Marcs Zimmer. Jacobs hielt definitiv Informationen zurück. Und nun auch noch ein Aufpasser.
Im Eingangsbereich öffnete sich die Haustür. Als der den Türrahmen füllende dunkle Schatten den Raum betrat, hatte Daniel eine Ahnung, was nun kommen würde. Wie es aussah, war das Glück an diesem Tag sehr wankelmütig.
Der SecGuard blieb im Eingang des Salons stehen und nahm die Haltung eines Türstehers ein, leicht breitbeinig mit vor dem Körper zusammengeführten Händen. Sein Blick ging stoisch geradeaus, als würde er die Anwesenden nicht wahrnehmen.
Jacobs machte eine Handbewegung zum Eingang.
>>Sie werden von einem Mitarbeiter von GlobSecure begleitet. Sie kennen ihn schon. SecGuard Vermont hat Sie vom Flughafen hierher gefahren. Er wird Ihnen sehr hilfreich sein, wenn Sie unangenehmen Mitmenschen begegnen sollten. Und er sorgt für die Begleichung der anfallenden Spesen!<<
Vermont stand immer noch ohne Regung in der Tür und machte den Eindruck, dass er sich noch mit dem Verdauen eines Typs beschäftigte, der ihm quer gekommen war.
>>Das wird eine bemerkenswert unterhaltsame Woche werden<<, dachte sich Daniel.
>>Ja, wir haben bereits die allgemeinen Verhaltensregeln abgestimmt, die bei GlobSecure gelten.<<
Kaum hatte er das gesagt, hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Aber der Drang dazu, Vermont aus der Reserve zu locken, war zu stark gewesen. Doch der lebende Kleiderschrank reagierte überhaupt nicht. Sein Gesicht blieb eine unbewegliche Maske.
>>Herr Vermont ist ständig für die Betreuung meiner Familie zuständig. Ich schätze ihn für seine Verschwiegenheit und Loyalität.<<
Diese Worte und Jacobs anerkennender Blick in Richtung des humorlosen Kahlschädels ließen keinen Zweifel daran, dass ihm diese Maximalkonzentration an Muskelkraft samt sonstiger Eigenschaften imponierte.
>>Sie sollten jetzt keine weitere Zeit verschwenden! Wenn ich Sie richtig verstanden habe, werden Sie zunächst nach Frankfurt fliegen. Der Jet steht für Sie ebenfalls in dieser Woche bereit! Herr Vermont wird als Ihr Fahrer fungieren. Er ist über alle Ergebnisse der Nachforschungen durch GlobSecure in Kenntnis gesetzt worden. Und wenn Ihr Bein Probleme macht, übernimmt er auch jegliche Laufarbeit.<<
Lediglich Vermonts Augen bewegten sich bei diesen Worten. Daniel spürte fast den stechenden Blick seinen Körper durchdringen.
Jacobs stand auf.
>>Ich denke, wir sind am Ende unserer Unterhaltung. Wenn Sie weitere Fragen haben, können Sie sich an den Sicherheitsdienst wenden. Herr Vermont wird Ihnen bei der Kontaktaufnahme helfen. Brauchen Sie noch etwas?<<
Nach dieser Unterhaltung wirkte die Frage eher rhetorisch.
Daniel erhob sich und nickte den Jacobs freundlich zu. Frau Jacobs lächelte ihn mit ihrem hoffnungsvollen Blick an.
>>Nein danke! Ich habe erst einmal alles, was ich brauche!<<
Frederic Jacobs schaute auf seine Uhr.
>> Gut, Sie sollten sich beeilen. Je schneller Sie an Ihrem Ziel eintreffen, umso eher werden Sie Ergebnisse erzielen!<<
Damit schien die Unterhaltung für ihn beendet. Wie auf ein unhörbares Kommando machte Vermont den Weg aus dem Salon frei und Jacobs verließ den Raum. Diana Jacobs erhob sich langsam und reichte Daniel die Hand erneut. Sie lächelte zaghaft.
>>Herr Neumann! Ich bin sicher, Sie werden Ihr Bestes geben! Und schauen Sie sich das Touchbook noch einmal gut an! Sie werden am Ende vielleicht noch wichtige Details finden! Enttäuschen Sie mich bitte nicht. Ich liebe meinen Sohn über alles und ich verspüre momentan Angst um ihn!<<
Daniel horchte auf. Das klang irgendwie nach einer verschlüsselten Botschaft. Ein leichter Hauch von Intrige zog durch die Luft. Es kribbelte ihn in den Fingern, das Touchbook sofort zu öffnen, aber das musste noch warten.
Frau Jacobs verließ den Raum ebenfalls und ließ Daniel und den SecGuard allein zurück. Vermont deutete mit dem Kopf nach draußen.
>>Verschwenden Sie keine Zeit! Herrn Jacobs Geduld ist sehr begrenzt!<<
Daniel seufzte in Erwartung spannender Gespräche mit seinem Zwangsbegleiter. Dann folgte er dem SecGuard zum Wagen.
16.
Die Fahrt zurück zum Flughafen verließ erwartungsgemäß. Vermont verlor kein überflüssiges Wort, was einem ausgiebigen Schweigen entsprach. Daniel schaute sich daher gespannt das Touchbook an. Die Kontaktdaten von Marcs Telefon versprachen noch am ehesten Nutzen. Das, was über ihn an Informationen geboten wurde, war so dürftig, er konnte fast annehmen, Frederic Jacobs wollte keinen wirklichen Sucherfolg. Wertvolle Hinweise über Marcs Leben, die Anhaltspunkte bieten konnten, fehlten beinahe völlig. Hatte Frederic Jacobs die Sorge um Diskretion dazu veranlasst, oder hatte das einen anderen Grund?
Er würde wohl nach der Untersuchung des Apartments zuerst Marc Jacobs Freunde aufsuchen, um sich ein Bild zu machen. Wie ergiebig das sein würde, war abzuwarten. Bei ganzen vier Namen erwartete Daniel keine Wunder. Ohnehin blieb die Frage, warum GlobSecure diese Leute nicht schon befragt hatte, oder warum er über die Gespräche keine Informationen erhalten hatte.
Die merkwürdige Betonung in der letzten Äußerung von Frau Jacobs ging ihm nicht aus dem Kopf. Daniel wollte das Gerät bereits abschalten, als ihm ein kleines Symbol in der oberen Informationsleiste auffiel. Ein Download hatte gerade stattgefunden, das Gerät befand sich im Netzbereich eines Routers. Daniel tippte auf das Symbol und sofort öffnete sich ein weiteres Dokument.
Fassungslos las Daniel die geschriebenen Worte:
>>Danke, dass Sie meinen Sohn suchen! Das ist sehr wichtig für mich! Informieren Sie mich, wenn Sie etwas herausfinden! Ich stehe Ihnen auch für Fragen zur Verfügung! Erwähnen Sie hiervon nichts meinem Mann und dem Sicherheitsdienst gegenüber! Senden Sie mir eine Textnachricht, damit ich mich auf Ihren Anruf vorbereiten kann! Ich melde mich dann bei Ihnen! Ich hoffe sehr auf Ihre Diskretion!<<
Darunter stand eine weitere Telefonnummer.
Das war ganz bestimmt kein Beweis für das tiefe Vertrauen, das man innerhalb einer Familie finden sollte, in der man sich umeinander sorgte und in der alle eine sehr harmonische Beziehung zueinander pflegten. Frau Jacobs schien ihrem Mann nur bedingt zu vertrauen und beide hatten offensichtlich unterschiedliches Interesse an dieser Suche.
Daniel warf einen heimlichen Blick auf Vermont, der sich auf das Fahren konzentrierte und überhaupt nicht für seinen Passagier zu interessieren schien.
>>Verschwiegenheit und Loyalität<<
Jacobs Einschätzung von Daniels Begleiter sollte ihm wohl eher Warnung als Beruhigung sein. Der Auftrag hatte es mehr in sich, als Daniel zunächst geglaubt hatte. Wieder stellte er sich die Frage, warum die Wahl auf ihn gefallen war. Die Begründung von Jacobs, ebenso die des Personalvermittlers erschien ihm fragwürdiger als zuvor. Ein eher nur bedingt geeigneter Ermittler, losgeschickt mit wenigen bereits überprüften Informationen, überwacht von einem Sicherheitsmitarbeiter, der das besondere Vertrauen des Auftraggebers genoss, und eine Ehefrau, die ihrem eigenen Mann nicht traute.
Wie es schien, war er weniger an einen aufregenden Auftrag als vielmehr in ein intrigantes Spiel in der Upperclass geraten. Das kurze Gezerre des Paares darum, dass er eventuell nicht legal ermitteln würde und dafür möglicherweise Rückendeckung gebrauchen konnte, hatte jetzt einen schlechten Beigeschmack. Jacobs würde eher noch nachtreten, wenn er seine Hilfe benötigte.
Ihm wurde prompt wieder flau im Magen. Wenn er mit seiner Einschätzung nicht völlig falsch lag, dann hatte er gerade einen Job als Marionette in einem familiären Schmierentheater angenommen. Und an den Schnüren, an denen er hing, zogen Frederic Jacobs und in seinem Auftrag GlobSecure.
Daniel schaltete das Touchpad ab und verstaute es in seiner Tasche. Er musste sich schnellstens darüber klar werden, ob er sich in einem Interessenkonflikt befand. Er konnte das Theater ein wenig mitspielen, seine Unfähigkeit eingestehen und sich aus dem Staub machen. Oder er nahm den Hilferuf von Diana Jacobs ernst und versuchte sein Bestes, den Verschwundenen wiederzufinden.
Der glatzköpfige Aufpasser in seinem Nacken konnte möglicherweise eine riskante Angelegenheit werden. Das stand für Daniel außer Frage. Ein direktes Kräftemessen mit dem SecGuard würde er eindeutig verlieren. Das bedeutete, er musste den SecGuard im geeigneten Moment loswerden oder gezielt in die Irre führen.
Die Anzahl an Fragen, auf die er eine Antwort finden musste, wuchs momentan noch. Das sollte er schnellstens ändern, um nicht wirklich nur die Marionette im Spiel zu geben, das hier getrieben wurde. Denn für ihn stand fest, dass das genau die Rolle war, die er nicht übernehmen wollte.
Erst im Flugzeug hatte er Gelegenheit, sein Touchbook aus der Tasche zu nehmen. Er beeilte sich, den Wagen zu verlassen und vor dem SecGuard das Flugzeug zu betreten, um sich in die letzte Reihe setzen zu können. So konnte er verhindern, dass Vermont ihm bei seiner Arbeit zuschauen konnte. Verwundert stellte er fest, dass der SecGuard ohne Gepäck in das Flugzeug stieg. Wollte der Glatzkopf in dieser Woche seine Bekleidung nicht wechseln oder hatte er einen anderen Zeitplan?
Vermont hatte sich prompt auf den einzelnen Platz neben Daniel gesetzt. Bequem schien er das mit seinen Körpermaßen jedoch nicht zu finden. Kurz darauf breitete er sich auf den beiden Sitzen direkt vor Daniel aus.
Jetzt konnte ihm der Aufpasser nicht sofort über die Schulter schauen. Also zog Daniel das Kabel mit dem Antennenadapter aus der Decke über sich und suchte dann nach einem Stromanschluss, den er zwischen den Sitzen vor sich fand. Er schob die Tastatur des Touchbooks unter dem Display heraus und arretierte sie. Dann wählte er sich ins Internet ein. Das Gerät besaß ein paar sehr nützliche Funktionen. So konnte er anonym surfen. Da er jedoch die Antenne des Flugzeugs benutzte, konnte er nicht ausschließen, dass sein Auftraggeber entsprechende Vorkehrungen getroffen hatte, den Datenstrom zwischen seinem Touchbook und den von ihm aufgerufenen Adressen aufzuzeichnen und auszuwerten. Für bestimmte Adressen konnte er dem jedoch durch geeignete Verschlüsselungen entgegenwirken.
Kaum hatte das Flugzeug abgehoben, loggte Daniel sich in einem Netzwerk der Polizei ein, das für externe Mitarbeiter eingerichtet war. Er wusste, dass die Zugänge in diesem Bereich nur unregelmäßig kontrolliert und bereinigt wurden. Kurz nach seiner Kündigung hatte er sich diesen Zugang über einen Freund verschafft, um mit seinen Kollegen auch während der Arbeitszeit in Verbindung bleiben zu können. Damals hatte er keine Ahnung gehabt, ob das nützlich sein würde. Benutzt hatte er den Zugang seitdem nicht. Nun war er froh, diese Möglichkeit wahrnehmen zu können.
Er bekam über eine verschlüsselte Verbindung Zugriff auf ein internes Kommunikationstool, CommPol. Eine Namensliste mit farbigen Markierungen wurde eingeblendet. Daniel wählte einen Namen aus, neben dem ein grüner Punkt angezeigt wurde, und öffnete eine Chatbox.
>>Hallo Harry! Ich hoffe, es geht Dir gut!<<
Harry Meinhofen, der ihm den CommPol-Zugang verschafft hatte, war ein Kollege Daniels in der Ermittlungsgruppe für Internetdelikte gewesen. Kurz bevor Daniel seine Entlassung erhielt, hatte Harry sich auf eine freie Stelle bei der Mordkommission beworben und war dort angenommen worden.
Sie hatten eine lockere Freundschaft gepflegt. Wenn Harrys Familie ihm dazu Zeit ließ, hatten sie sich ein paar Mal zum Sport mit anschließendem Feierabendbier verabredet. Sie trainierten mit Gewichten, eine der wenigen Sportarten, die Daniel nicht über sein Knie stolpern ließen. Sie lagen bei ihren Ansichten sehr nah beieinander und verstanden sich sehr gut.
Daniel hatte jedoch nach seiner Entlassung ein neues Hobby gepflegt, das sich zu sehr mit dem Feierabendbier beschäftigte. Da sie sich auch nicht mehr auf dem Kommissariat begegneten, war der letzte Kontakt zwischen ihnen einige Wochen her.
Daniel hoffte, dass Harry nicht nachtragend war.
Es dauerte ein paar Momente, bevor eine Antwort angezeigt wurde.
>>Hallo Daniel! Alles gut bei mir! Unser letztes Gespräch ist ja schon länger her. Wie geht es Dir? Wo arbeitest Du jetzt?<<
Ein leicht tadelnder Zeigefinger zwischen den Buchstaben. Und eine unangenehme Frage. Daniel zögerte, bevor er eine Antwort tippte.
>>Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich habe eine etwas schwierige Zeit hinter mir. Und mein Job hat sich ziemlich geändert!<<
Eine elegante Notlüge. Die Verkündung der Wahrheit bedurfte einer Vorbereitung.
>>Du brauchst Dich nicht zu entschuldigen. So etwas kommt vor. <<
Daniel atmete erleichtert auf. Zumindest brauchte er nicht um die Tatsachen herumreden.
>>Warum schreibst Du? Kannst Du nicht sprechen?<<
Das Symbol mit dem Telefonhörer blinkte in der Funktionsleiste des Chats.
In unmittelbarer Nähe zu seinem Aufpasser war eine Sprechverbindung zu seinem ehemaligen Kollegen keine gute Idee. Aber auch der musste nicht unbedingt durch unbedachte Äußerungen unnötige Aufmerksamkeit in seinem Büro wecken. Möglicherweise war dieser Zugang Daniel noch sehr hilfreich.
>>Ist gerade nicht günstig! Ich sitze in einem Flugzeug und habe hier jemand sitzen, der nicht zuzuhören braucht!<<
>>Du bist kaum auf dem Weg in den Urlaub, oder? Was machst Du denn nun?<<
Harry war mit seiner Neugier ein Berufstalent.
>>Ich habe einen Job als Privatermittler bekommen.<<
Vermont streckte sich in seinem Sitz aus. Die Lehne drückte sich ein Stück nach hinten und Daniels Touchbook rutschte fast von dem kleinen Tischchen im Sitzrücken. Vermont drehte sich zu ihm um. Sein Gesicht wirkte immer noch wie eine Maske.
>>Wollen Sie auch etwas trinken?<<
Daniel nickte.
>>Ein Wasser wäre prima! Danke!<<
Der Glatzkopf grunzte etwas, schob sich aus seinem Sitz, der dankbar knarrend seine ursprüngliche Lage einnahm, und stapfte gebückt nach vorne, wo sich die Holzklassebox befand.
Auf dem Display erschien Harrys Antwort.
>>Glückwunsch! Ich hoffe, Du hast einen interessanten Auftrag an Land gezogen!<<
>>Eher einen ziemlich merkwürdigen Suchauftrag! Für mich sieht es aus, als wolle der Auftraggeber gar nicht, dass ich den Job erledige!<<
>>Versicherungsangelegenheit?<<, schrieb Harry zurück.
>>Familiäre Geschichte! Jemand wird vermisst!<<
>>Du wirst beauftragt und sollst die Person nicht finden? Was ist denn die Logik dahinter? Hast Du auch einen Aufpasser bekommen?<<
Harry zog seine Schlüsse schnell und zielsicher. Die Mordkommission hatte damals scheinbar auf seine Bewerbung gewartet.
Noch bevor Daniel seinen eigenen Stuhl räumen musste, hatte Harry seine ersten Erfolge als Mörderjäger eingefahren. Definitiv lag ihm die Spurenanalyse mehr, als das durchaus stupide Suchen nach solchen Spuren vor einem Monitor.
>>Genau das!<<
>>Wie kann ich Dir helfen?<<
Vermont kam wieder durch den schmalen Gang. Er hielt in jeder Hand eine bereits geöffnete Flasche. Vor Daniel blieb er stehen und reichte ihm eine. Kurz warf er einen Blick auf das auf dem Tischchen liegende Gerät und machte es sich dann wieder in seiner Sitzreihe bequem. Daniel nahm einen Schluck und stellte die Flasche auf den Sitz neben sich.
>>Daniel? Bist Du noch da?<<
Daniel konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung.
>>Entschuldigung! Mein Aufpasser hat mir was zu trinken gebracht!<<
>>Ich hoffe, er hat Dir keine KO-Tropfen serviert, um Dich so schnell wie möglich abzuservieren!<<
Daniel lief kurz ein Schauer über den Rücken. Die Gelegenheit wäre tatsächlich günstig gewesen. Wenn Vermont ihn kaltstellen sollte, wäre ihm Daniel gerade völlig arglos in die Falle gegangen. Aber so etwas machte keinen Sinn. Wenn er Marc Jacobs nicht finden sollte, würde es wichtig sein, dass er aus eigenen Kräften versagte und nicht schon in der ersten Stunde nach der Beauftragung von der Bildfläche verschwand. Vermont würde eher darauf achten, dass er mögliche Spuren nicht fand oder nicht erkannte. Das wäre eine sinnvolle Rolle für den SecGuard.
>>Quatsch!<<
So kurz wie möglich beschrieb er das Gespräch mit den Jacobs und das, was er auf dem Touchbook gefunden hatte, vermied dabei aber, die Namen seiner Auftraggeber zu erwähnen.
>>Da ist eindeutig was faul<<, kommentierte Harry, nachdem Daniel seinen Bericht beendet hatte.
>>Wenn Du mir jetzt noch Namen nennst, kann ich mal unsere Datenbanken durchforsten und Dir das Ergebnis mitteilen.<<
Daniel fühlte sich mit einem Mal sehr erleichtert.
>>Harry, ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr Du mir damit hilfst!<<
Statt einer Antwort erschien eine kleine Figur im langen Mantel mit Al Capone Hut, die den Betrachter unter ihrer dunklen Brille angrinste. Dann folgte doch ein Text.
>>Immer gerne, Daniel! Würde gerne wieder ein paar böse Jungs mit Dir jagen! Hat damals Spaß gemacht!<<
>>Gut! Dann müsstest Du noch den Namen der verschwundenen Person wissen! Halt Dich fest!<<
>>Brauchen wir ein wenig Trommelwirbel? <<
Das las sich ein wenig ironisch. Aber Daniel hatte keinen pseudowichtigen Z-Klasse-Prominentennamen zu bieten.
>>Sagt Dir der Name Jacobs etwas? Marc Jacobs?<<
Wieder ein paar Momente Pause. Daniel grinste. Scheinbar hallte der Trommelwirbel bei Harry noch nach.
>>Bist Du Dir sicher, Du hast den Namen richtig verstanden?<<
>>Ganz sicher! Ich habe sogar ein Bild von ihm. Und ich habe mit seinen Eltern von Angesicht zu Angesicht gesprochen!<<
>>Den Einstieg als Detektiv hättest Du nicht ein paar Nummern kleiner gehabt? Warum um Himmels Willen gerade der Sohn des CEO von Europas mächtigstem Energiekonzern?<<
Die Unterhaltung zog sich, weil das Schreiben Zeit beanspruchte. Zwischen den einzelnen Wortwechseln warf Daniel einen Blick nach draußen in den wolkenlosen blauen Himmel.
>>Das Angebot an Aufträgen war überschaubar! Die Alternative wäre ein Hausmeisterjob gewesen. Aber ich sehe, Du kennst den Namen!<<
Für die nächste Kontaktaufnahme zu Harry würde er seinen Aufpasser abhängen müssen. Sprechen beanspruchte deutlich weniger Zeit.
>>Wer kennt den nicht? Uns liegt nur keine Vermisstenmeldung im Zentralregister vor.<<
Natürlich hatte Harry nicht sekundenlang starr vor Ehrfurcht beim Lesen des Namens auf seinem Stuhl verharrt, sondern sofort eine Abfrage auf den Datenbanken der Bundespolizei abgesetzt.
>>Hatte ich auch nicht erwartet!<<
>>Dann war das hier nur ein Hallo, um herauszufinden, ob ich noch mit Dir rede?<<
>>Irgendwie schon! Wir sollten mal wieder in Ruhe was trinken gehen, wenn ich das hier erledigt habe! Dann erzähle ich Dir, was bei mir in den letzten Monaten los war. Ich glaube aber, das war nichts, wofür ich ein Lob verdiene!<<
Vermont drehte sich zu ihm herum.
>>Mann, Sie tippen da wie ein Irrer auf Ihrer Tastatur herum. Ich hoffe, Sie beschäftigen sich mit Ihrem Auftrag und chatten nicht schon nur aus Heimweh mit Ihrer Freundin!<<, knurrte er, wandte sich aber sofort wieder nach vorne.
Daniel rollte mit den Augen. Er verbiss sich eine Erwiderung. Vermont schien auch nicht mit einer Antwort zu rechnen.
>>Ich kann mir vorstellen, was mit Dir los ist. Ohne Job bist Du heutzutage schneller bei der Armenspeisung, als man sich vorstellen kann. Mach Dir keine Gedanken! Ich helfe Dir gerne, so gut ich kann. Als ehemaliger Kollege und als Freund!<<, erschien Harrys Antwort auf dem Bildschirm.
Daniel atmete erleichtert auf.
>>Danke!<<
>>Ist selbstverständlich! Gibt es schon etwas, das Du wissen musst?<<
>>Am liebsten hätte ich vollständige Dossiers über die gesamte Familie Jacobs. Aber das ist wohl etwas viel verlangt.<<
>>Ich schaue, was ich herausbekommen kann. Aber wenn von denen noch keiner mit dem Gesetz aneinandergeraten ist, wird das nicht viel werden.<<
Daniel brannte eine weitere Frage unter den Fingern.
>>Kannst Du mal den Namen Vermont überprüfen. Er ist SecGuard bei GlobSecure. Als besondere Kennzeichen hat er eine schmale Narbe über dem Stirnbein und eine weitere auf dem Hinterkopf. Momentan trägt er Glatze und Fu Manchu Bärtchen.<<
>>Einen Moment!<<
Daniel wartete, bis Harry die Abfrage durchgeführt hatte. Ein schnelles Ergebnis hatte der aber nicht zu bieten. Die Zeit verstrich. Nach quälend langen Minuten erschien endlich eine Antwort. Harry hatte wohl einen Text aus dem Abfrageergebnis kopiert.
>>Rob Vermont, Mitarbeiter bei GlobSecure. Die Daten dieser Person unterliegen einem Sperrvermerk der Stufe Vier. Weitere Auskünfte werden nur auf staatsanwaltlichen Antrag erteilt.<<
Daniel schluckte. Diesen Satz kannte er. Vermont hatte eine besondere Beziehung zu einer staatlichen Institution, oder eine besondere Vergangenheit. Auf jeden Fall hielt man in obersten Kreisen des Staates die Hand über diesen Mann. Die Sicherheitseinstufung bürgte dafür. Es dauerte ein paar Sekunden, dann folgte ein weiterer Satz.
>>An Deiner Stelle würde ich den Kerl genau beobachten. Der bricht Dir möglicherweise das Genick und wirft Dich weg, wenn Du Deinen Job nicht wie gewünscht erledigst.<<
Daniel wurde mit einem Mal ziemlich flau im Magen.
17.
Die verbleibende Flugzeit verbrachte Daniel damit, nach Marc Jacobs Spuren im Internet zu suchen. Einige Artikel des Vermissten brachten ihm einen ersten Eindruck, der seinen Erwartungen gerecht wurde.
Marc Jacobs war seit drei Jahren Student der Energietechnik. Außerdem hatte er eine Assistentenstelle am Lehrstuhl für Brennstoffzellentechnik. Ein schneller Blick über die Internetseite des Fachbereichs brachte Daniel zu der Auffassung, dass Marc ein sehr fleißiger Verfasser von Publikationen war. Es gab zahlreiche Links zu Fachmagazinen und Verbänden, bei denen Marc Jacobs als Autor genannt wurde. Er hatte einige Fachartikel veröffentlicht, in denen es um verschiedene Themen der Energietechnik ging. Bilder von ihm gab es keine in den Veröffentlichungen.
Daniel verstand mit Mühe, worum es inhaltlich grundsätzlich ging, bevor die Artikel sich in der Beschreibung von mathematischen Formeln und technischen Komponenten ausbreiteten. Es war für Daniel schwierig, einzuschätzen, ob die Ausführungen einfach nur Pflichtübungen waren, um in der akademischen Welt wahrgenommen zu werden, oder ob es um Marcs besondere Interessengebiete ging.
Die Aufsätze über die Zukunft der solaren Energiewirtschaft fand Daniel noch leicht verständlich. Sie erklärten, warum Unternehmen wie DesertEnergy in Zukunft den Energiemarkt optimal ausstatten und steuern würden. Was sollte jemand aus der Familie von Frederic Jacobs auch sonst schreiben. Weitere Artikel beschrieben technische Verfahren, Komponenten von Energieanlagen, Produktionsprozesse und Optimierungsansätze. Der Fokus lag dabei weitgehend auf Brennstoffzellen. Solche Zellen kannte er selbst hauptsächlich aus Autos, in denen sie aus Wasserstoff Elektrizität für den Fahrzeugantrieb erzeugten. Der große Vorteil dieser Technik gegenüber konventionellen Elektrofahrzeugen war die immer noch größere Reichweite gegenüber Akkus. Die Technik war allerdings aufwendig. Wasserstoff wurde in flüssiger Form unter hohem Druck gelagert oder gebunden in Methangas. Das Tankstellennetz war überschaubar und die Fahrzeuge, die mit dieser Antriebsform fuhren, waren teuer und einer entsprechend zahlungskräftigen Klientel vorbehalten.
Marc Jacobs Interesse und Wissen waren also eindeutig bei Dingen angesiedelt, die in seiner finanziell gut ausgestatteten Welt einen festen Platz hatten. Immerhin ging es um Elektrizität, und damit war eine Verbindung zu DesertEnergy vorhanden. Marc Jacobs schien zumindest grundsätzlich der klassischen Idee zu folgen, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
Daniel legte eine Datei an, in der er alle Links, die er zu Marc Jacobs fand, speicherte, und fügte ein paar Stichworte zu jeder Quelle hinzu. Eine allgemeine Suche zur Person des Vermissten ergab keine weiteren Erkenntnisse. Das Privatleben von Marc spielte sich nicht im elektronischen Gedächtnis der Welt ab. Es gab offensichtlich nur wenige Artikel der Boulevardpresse über die Jacobs.
Zu Frederic fand Daniel Ergebnisse, die sich ausnahmslos mit seiner Arbeit beschäftigten. Hauptversammlungen, Geschäftsberichte, Interviews in der Presse. Das Übliche eben für einen CEO, einen Chief Executive Officer. Ein paar Berichte und Fotos über Treffen mit Politikern, vornehmlich mit europäischen, marokkanischen und algerischen Ministern und Regierungschefs. Das war es aber auch. Nichts über seine Zeit vor DesertEnergy.
Die Familie schien kein Privatleben zu haben, das für die Presse interessant war, oder das in Reichweite der Presse stattfand. Keine Fotos von Urlauben, Treffen mit Prominenten oder persönliche Dinge. Nicht einmal Marc fiel durch irgendwelche studententypischen Eskapaden auf. Es gab keine Berichte von alkoholisierten Ausfällen, feuchten Partys, Beziehungsgeschichten, groben Späßen oder anderem aus dem Unterhaltungsrepertoire junger Menschen aus diesen Gesellschaftsschichten.
Daniel führte mit Marcs Bild vom Touchpad eine Bildsuche im Internet durch. Er war fast erfreut, als die Suche tatsächlich ein paar Treffer lieferte. Bei genauerer Prüfung entpuppten sich die Ergebnisse jedoch alle als Fehler. Natürlich suchte die Software anhand des Frontalfotos auch mithilfe von Extrapolationen Gesichter bis hin zu Seitenansichten. Zu kleine Bilder wurden wegen mangelhafter Auflösung nicht berücksichtigt. Ab einer gewissen Größe und Auflösung wurden Wahrscheinlichkeiten für Übereinstimmungen ermittelt. Was dann keine ausreichende Erkennungsrate erreichte, sortierte die Software aus. Doch die Fehlerquote war immer noch hoch genug. Frontalbilder waren bei den Suchergebnissen nicht dabei. Die ermittelten Bilder zeigten Gesichter mehr als fünfundvierzig Grad aus der Frontalsicht abgewendet.
Somit ergaben sich Treffer für ein Model auf einem Cat walk in Brasilia, gekleidet in eine schnitttechnisch anspruchsvolle Komposition einer Jacke mit überbreiten kantigen Schultern, unter denen der Rest des Kleidungsstücks als Korsage angelegt war, in einem wilden Farbmix, und einen Schauspieler an der Hamburger Flemmingoper in einem blauen Arbeitsoverall mit einem Zweispitz auf dem Kopf und Gummistiefeln an den Füßen. Dazu zwei Profilfotos auf einem sozialen Netzwerk, in Partylaune mit Bierflasche und zwischen den nackten Oberschenkeln einer Frau aufgenommen. Die Herkunft der Personen lautete auf irgendwelche Kleinstädte in Nordamerika.
Weitere Bilder waren aus Presseberichten, einem Gerichtsverfahren gegen einen Geisterfahrer, und einen etwas übergewichtigen Castingshow Teilnehmer. Überraschend war für Daniel, die große Ähnlichkeit des Bewerber, der auf dem Foto gerade seinen Auftritt durchstand, zu Marc Jacobs. Aber die Show war in Russland aufgezeichnet worden. Also war auch dieser Fund kein Erfolg.
Daniel lehnte sich zurück und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Er war binnen eines Tages in eine mehr als merkwürdige Geschichte hineingeschoben worden. Ein sehr vermögender Unternehmer ließ nach seinem Sohn suchen und schien ihn gar nicht wiederfinden zu wollen. Daher wurde ein arbeitsloser Niemand engagiert, dessen Fähigkeiten geeignet schienen, seiner Frau vorzuspielen, der Suchauftrag sei in guten Händen, aber seine eigene Frau traute ihm nicht. Jetzt saß der ausgewählte Hobbydetektiv in einem Flugzeug und begann seine Suche, kontrolliert von einem gut gekleideten Schläger.
Das sah eher nach einer Geschichte für eine Telenovela aus. Gelangweilte Reiche führten ihre Kleinkriege um Macht und Geld. Und die Rollen waren klar verteilt. Frederic Jacobs hatte die Rolle des Bösen übernommen. Aus irgendeinem Grund war er nicht unglücklich darüber, dass sein Sohn nicht auffindbar war, vielleicht hatte er sogar diese Situation arrangiert, weil Marc ihm im Weg gestanden hatte. Die Mutter war nicht ganz ahnungslos und klammerte sich in ihrer Hilflosigkeit an die verbliebene Hoffnung, ihn, Daniel, der möglicherweise ihr letztes Mittel im Krieg gegen ihren Mann war.
Daniel fragte sich, was passieren würde, wenn er mit dieser Eingebung recht hatte und seinen Auftrag erfolgreich erledigen würde. Wie weit würde der Glatzköpfige ihn kommen lassen, bevor er Daniel stoppen und vielleicht sogar eliminieren würde?
Daniel schüttelte sich und drehte den Kopf vom Fenster weg. Noch hatte er nur Indizien und seinen Instinkt, die ihm eindeutig anzeigten, dass hier war mehr als ein netter kleiner Zeitvertreib mit großzügigen Verdienstmöglichkeiten. Dass man ihm einen besonderen SecGuard als Aufpasser mitgegeben hatte, lieferte jedoch nur eine weitere Frage. Warum arbeitete dieser Mann mit Aktensperrvermerk als Aufpasser?
Über der Lehne des Sitzes vor ihm ragte der haarlose Kopf von Vermont. Daniel betrachtete die mehr als zehn Zentimeter lange Narbe, die längs über den Hinterkopf verlief und eine sehr schmale Wulst hatte. Vermont hatte wohl schon einiges einstecken müssen. Wenn er schon zwei Narben am Kopf trug, wie mochte er dann wohl an seinem Körper aussehen, auf ewig gezeichnet von Taten, die ihm vielleicht seine Sicherheitseinstufung eingebracht haben. Was hatte es mit diesem Mann auf sich?
Daniel beschäftigte sich wieder mit seinem Touchbook. Er hatte noch ein wenig Zeit und wollte vor der Landung ein möglichst gutes Bild der Situation haben. Momentan blieb ihm noch die Suche in Foren und Communities. Harry hatte ihm Hilfe zugesagt, aber auch sofort geschrieben, er würde mindestens einen Tag benötigen, um Ergebnisse zu bekommen.
>>Wie lange dauert der Flug noch?<<, fragte Daniel den SecGuard, der sich für die Antwort nicht einmal herumdrehte.
>>Es dauert solange, wie es dauert!<<
Daniel gab dem Drang nach, eine Faust zu ballen und dabei den Mittelfinger auszulassen. Was hinter dem Rücken des Mannes keine gefährliche Angelegenheit war. Definitiv begann hier keine wunderbare Freundschaft.
Als der Co-Pilot über die Bordsprechanlage den Landeanflug auf den Flughafen Frankfurt ankündigte, war Daniel fast erleichtert. Die Nähe zu dem SecGuard in der Enge der Kabine bereitete Daniel ein klaustophobisches Gefühl.
Da sie die nächsten Tage wohl weiterhin miteinander verbringen würden, konnte es sinnvoll sein, sich an dieses Gefühl zu gewöhnen.
18.
Zu sagen, er hätte nur die Nase von dieser Idee voll, war dezent untertrieben. Warum hatte er sich von Will nur zu dieser blödsinnigen und gefährlichen Reise überreden lassen. Erst tagelang versteckt in einem Auto, um von Kameras nicht erfasst zu werden, dann auf einem schaukelnden und leicht faulig riechenden Boot. Die kurze Zeit in dem schwimmenden Sarg gab der Reise einen erbärmlichen Höhepunkt.
Es war nicht einfach nur ein beklemmendes Gefühl gewesen, in einer dunklen engen Röhre im Meer zu schwimmen. Immer wieder kam Wasser durch das Atemrohr und er hustete. Außerdem wurde ihm allmählich kalt.
Er hatte tatsächlich nach wenigen Minuten bereits Todesangst. Kälte, Übelkeit, Dunkelheit, und keine Gewissheit darüber, ob man ihn finden würde. Was sollte man da schon anderes empfinden?
Der Holzbehälter war ihm schnell wie ein Sarg vorgekommen. Er schwankte in alle erdenklichen Richtungen, trudelte zwischen den Wellen hin und her. Wenn er nicht bereits vorher seinen Magen ausgiebig entleert hätte, wäre das, was prompt folgte, noch viel schlimmer geworden.
Als nach einer Ewigkeit, in der sein Herz raste, sein Puls in seinem Hals zu explodieren schien, der Angstschweiß seine Kleidung tränkte und sein Schwimmbehälter und sein Mantel nach Galle stanken, knallte es laut. Eine Erschütterung ging durch den Torpedo und ein gefühlter elektrischer Schlag durch seinen Körper. Aber der Sarg lag mit einem Mal viel ruhiger im Wasser.
Er atmete vor Schreck noch schneller. Wieder einmal schwappte Wasser durch das Atemrohr und er verschluckte sich erneut an dem salzigen Zeug. Immerhin verdrängte das Meerwasser den anderen Geschmack auf seiner Zunge.
Dann wurde der Torpedo in die Höhe gehoben und geschwenkt. Instinktiv drückte er seine Arme und Beine gegen die Wände, als könnte er damit die unkontrollierte Bewegung seines Sarges verhindern. Hart schlug der Torpedo auf festem Grund auf und schüttelte seinen Passagier unangenehm durch. Sekunden später wurde der Deckel abgenommen. Das Licht stach ihm unangenehm in die Augen, die er zusammenkniff. Die frische Luft vertrieb den unangenehmen Geruch nach Erbrochenem.
>>Du bist Voltage?<<
Die Stimme sprach mit einem starken Akzent auf Englisch.
>>Hallo! Ich hoffe, Deine Reise war nicht zu unangenehm!<<
Eine kurze Pause.
>>Du solltest da raus kommen und die Sauerei auf Deinen Sachen abwaschen!<<
Voltage öffnete langsam die Augen. Ein paar Mal musste er blinzeln, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte.
Über ihm stand ein kräftig aussehender Mann mit kurzen schwarzen Haaren und sehr dunkler Haut. Wie es aussah, war der Torpedo tatsächlich von den richtigen Leuten aufgefischt worden. Der Schwarze trug einen ausgewaschenen blauen Overall, an dem sich schon ein ungelernter Schneider mehrfach versucht hatte, um diverse Risse mit groben Nadelstichen zu reparieren. Auf der Brusttasche hing halb abgerissen ein Stoffdreieck mit dem Logo einer Firma, die er nicht kannte.
Voltage setzte sich erst auf und kletterte langsam und zögerlich aus seinem engen Gefängnis. Er zitterte leicht vor Schwäche.
Bereits im Sitzen schwallte wieder der unangenehme gallige Geruch in seine Nase. Er schaute an sich herunter und sein Hals schnürte sich zu. Auf seiner Kleidung zog sich schmieriger Schleim von der Brust in alle Richtungen.
>>Der Seegang ist doch gar nicht so schlimm!<<
Der Schwarze lachte laut und herzhaft.
Voltage schaute sich um. Er befand sich auf einem ähnlichen Schiff, wie dem, auf dem er in den Torpedo gestiegen war. Es sah allerdings ziemlich heruntergekommen aus. Das Deck hatte tiefe Kratzer, der Anstrich war überall weitgehend abgeblättert. Der Ausleger des Krans, der den Torpedo aus dem Wasser gezogen hatte, war arg verbogen, das ganze Gerüst mit Rost überzogen, ebenso die Reling und die Schiffsaufbauten.
Der Schwarze bemerkte seinen entsetzten Blick und lachte.
>>Tut mir leid! Das ist eigentlich unser bestes Schiff! Wir mussten es für diese Tour leider vorzeitig aus der Werft holen. Sonst wäre der neue Anstrich in einem schönen kräftigen Rot noch fertig geworden<<, platzte er in einem polterig harten Englisch heraus.
Der Mann ging zur Bordwand, griff zu einem dort liegenden Eimer an einem langen Seil und warf ihn über Bord. Dann zog er den mit Wasser gefüllten Behälter wieder an Bord und stellte ihn neben dem Torpedo ab. Aus einer Tasche seines Overalls beförderte er einen fleckigen grauen Lappen und warf ihn in den Eimer.
>>Abwaschen! So stinkend kommst Du nicht ins Deckhaus. Und nur da gibt es Frühstück für Dich!<<
Voltage bezweifelte, dass er in der Lage war, auch nur einen Bissen runterzuwürgen, obwohl der Wellengang hier an Bord kaum noch spürbar war. Das Boot hatte Fahrt aufgenommen und schob sich durch das ruhige Wasser.
Er reinigte sich mit dem Lappen, so gut er konnte. Dabei schaute er sich auf dem Boot um. Der Schwarze saß währenddessen auf dem Torpedo und unterhielt sich mit einem anderen Besatzungsmitglied in einer arabisch klingenden Sprache. Der andere war damit beschäftigt, ein Fischernetz nach Schäden zu durchsuchen.
>>Bist Du endlich fertig? Dann lass uns hier draußen verschwinden. Wenn die Küstenwache vorbeikommt, muss die nicht sofort sehen, dass wir mehr als nur Treibgut aufgefischt haben!<<
Voltage warf den Lappen in den Eimer.
>>Wie heißt Du eigentlich?<<
Der Schwarze zuckte mit den Schultern.
>>Nenn mich Black!<<
Er stand auf und ging zum Deckhaus hinüber. Voltage öffnete das Fach im Torpedo und nahm seine Tasche heraus. Erleichtert stellte er fest, dass sie trocken und unbeschädigt war.
Voltage folgte Black in das durch kleine Fenster beleuchtete Deckhaus. Es roch intensiv nach Zigarettenqualm und ranzigem Fischtran. Voltage rümpfte die Nase. Er war Nichtraucher und hatte noch nie verstehen können, was jemand daran fand, Verbrennungsgase in seine Lungen zu ziehen. Und für ihn war Fisch, der so roch wie er hieß, Abfall.
Der Raum war ein Mannschaftsraum oder Pausenraum mit einer kleinen Küchenzeile an einer Wand. In einer Spüle standen ein paar schmutzige Plastikschüsseln aufeinander getürmt. Auf einem kleinen Schrank daneben war ein großer halb voller Wasserkanister platziert, der von einem breiten Metallband in seiner Position gehalten wurde. Der halbdurchsichtige Kanister hatte schwarze und grüne Verfärbungen. Er konnte nicht erkennen, ob diese Verfärbungen innen oder außen an dem Kanister waren und schüttelte sich leicht, als er sich für die Variante Innen entschied.
Black deutete auf eine Sitzecke mit einem Tisch, dessen schmierig graue Platte mit zahlreichen Kreisen bedeckt war, die wie Brandlöcher aussahen.
>>Nimm Platz!<<
Er stellte eine Flasche, zwei Gläser und eine gräuliche Plastikbox auf den Tisch. Zügig füllte er die Gläser aus der Flasche mit einer blassgrünlichen Flüssigkeit, in der kleine Teilchen schwebten.
>>Ich hoffe, das ist kein Alkohol!<<
Voltage schaute argwöhnisch auf das Glas, das Black ihm hinschob.
>>Keine Angst! Das ist nur Wasser mit etwas Geschmack.<<
Er roch an dem Glas und nippte daran. Es schmeckte nach kaltem extrem gesüßtem Pfefferminztee.
>>Tut mir leid. Der Tee ist kalt. Auf See in einem kleinen Fischerboot ist es schwierig, ihn warm zu halten. So ist es für uns einfacher.<<
Voltage entschied sich dafür, dass der Tee nicht mit dem Wasser aus dem Kanister zubereitet worden war. Black setzte sich ihm gegenüber und deutete auf die Tasche, die Voltage auf den Tisch gelegt hatte.
>>Bist Du die wichtige Fracht, oder ist es die Tasche?<<
Voltage zuckte zusammen. Will hatte die gesamte Reise organisiert. Er selbst war völlig davon abhängig, dass Will vertrauenswürdige Leute beauftragt hatte. Er konnte sich vorstellen, dass es in Marokko auch Leute gab, die die Gelegenheit für ein doppeltes Geschäft ausnutzten. Erst die Passage kassieren und dann den Passagier als Sklaven verkaufen.
Black leerte sein Glas und schob die Box zu Voltage herüber.
>>Der Käsefladen ist auch recht gut. Leider auch kalt!<<
>>Wir sind gemeinsam die Fracht! Das eine funktioniert nicht ohne das andere!<<, antwortete Voltage und nahm sich eine Scheibe aus der Box. Der Fladen war etwas zäh. Voltage identifizierte Oliven, Thymian und Schafskäse als Zutaten. Zum Glück kein Fischgeschmack.
>>Das schmeckt gut!<<, kommentierte er kauend. Die Übelkeit war weg. Der gallige Geruch war fast weg und er bekam tatsächlich Hunger.
Black grinste zufrieden.
>>Ich habe die Anweisung, Euch beide nach Jebha zu bringen.<<
>>Muss ich noch mal in diesen Sarg einsteigen?<<
Nicht noch einmal so eine Tour. Dann lieber schwimmen. Geflissentlich verdrängte er den Gedanken an seine Rückreise, denn eigentlich war sein Verbleiben in Marokko nicht im Plan vorgesehen.
>>Nein! Heute ist keine Beerdigung mehr vorgesehen!<<
Black legte den Kopf schief.
>>Unsere Passagiere steigen normalerweise auf diesem Boot in den Torpedo und werden von anderen Booten wieder aufgenommen. Ich habe mich immer gefragt, wie die sich fühlen, wenn die in dem dunklen Ding dahin treiben. Scheint nicht so toll zu sein!<<
Voltage griff nach der Flasche und goss sich Tee nach.
>>Man fühlt sich nach wenigen Minuten wie begraben. Das Geschaukel beruhigt auch nicht. Und immer wieder zieht man durch die Schnorchel Wasser ein!<<
Er nahm einen Schluck Tee.
>>Wie viele Leute habt Ihr damit schon befördert?<<
>>Du bist der Zwanzigste! Aber erst der Zweite, der nach Marokko will! Die anderen wollten alle nach Europa!<<
Voltage fragte sich, ob Will wusste, mit welchen Leuten er zusammenarbeitete.
>>Ihr seid Schleuser!<<
Black zuckte mit den Schultern. Er beförderte ein Päckchen Zigaretten aus einer Tasche seines Overalls.
>>Mit Fischfang ist es schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen! Für Deinen Transport bekommen wir so viel Geld wie für zehn gute Fänge.<<
Er zündete eine krumme Zigarette an und steckte sie sich in einen Mundwinkel. Mit fragendem Blick zeigte er auf das recht zerdrückte Päckchen auf dem Tisch. Voltage schüttelte ablehnend den Kopf.
>>Wie bekommt Ihr denn den Torpedo wieder zurück, wenn Ihr einen Passagier Richtung Europa schickt?<<
Das Transportkonzept leuchtete ihm nicht ein.
>>Hast Du doch mitbekommen. Wir tauschen über einen Briefkasten im Internet Datum und Koordinaten aus. Und dann wird das Ding ins Wasser geworfen und wieder rausgefischt!<<
Voltage wurde plötzlich wieder leicht übel.
>>Wie viele Male ist das schon schiefgegangen?<<
Black zog an seiner Zigarette und blies den Qualm nach oben.
>>Die Torpedos werden in Spanien gebaut. Bis jetzt haben wir drei verloren.<<
Black zeigte seine weißen Zähne und lachte laut.
>>Es hat erst einen Passagier erwischt! Der treibt jetzt wahrscheinlich irgendwo vor der libyschen Küste, wenn er nicht in eine Schiffsschraube geraten ist. Aber wir haben danach den Peilsender durch ein stärkeres Gerät ausgetauscht. Die anderen beiden Torpedos sind leer gewesen, als sie uns abhandenkamen. Wenn es Dir hilft, wir haben Dich sofort gefunden!<<
>>Und Ihr habt keine Angst, die Küstenwache nimmt Euch hoch?<<
>>Na ja, wir kriegen tatsächlich Ärger, wenn wir als Schlepper aufgegriffen werden. Aber vor der Küste treiben sich eine Menge Boote herum. Da fallen wir nicht sehr auf.<<
Black schlug mit dem Zeigefinger auf die Zigarette und ein Stück Asche fiel auf den Fußboden.
>>Aber wen kümmert es wirklich, wenn jemand nach Marokko will? Einwanderer sind nicht vorgesehen und nicht willkommen. Keiner kümmert sich um solche Leute. Ohne Job kannst Du nur betteln. Dann erwischt die Polizei Dich sowieso! Oder willst Du zu einer der Gruppen, die gerne die Regierung in Marokko stürzen möchten, oder zu irgendeiner Terrortruppe, die einfach gerne Leute abknallt, die ihnen nicht in den Kram passen? Dann erwischt Dich die Armee oder GlobSecure.<<
Black zog wieder langsam und lange an der Zigarette, die nach ein paar Zügen schon zu mehr als der Hälfte verbrannt war. Der unangenehme Geruch im Raum wurde intensiver.
>>Wir sind bald in Jebha. Am Hafen wirst Du von jemand abgeholt!<<
Wer immer das sein mochte. Voltage hatte noch immer kein wirkliches Vertrauen in seine bezahlten Helfer.
>>Dann bekommen wir auch unser Geld!<<
Black drückte seine Zigarette auf der Tischplatte aus. Es roch plötzlich nach verschmortem Kunststoff. Black ließ das zerquetschte Filterstück auf dem Boden fallen.
>>Wer ist dieser Will?<<
Er schaute Voltage direkt ins Gesicht. Der hielt dem Blick stand, obwohl ihm plötzlich kalt wurde. Verunsichert blinzelte er mit den Augen.
>>Hast Du ihn schon mal getroffen?<<
Black richtete sich auf seinem Stuhl auf. Sein Blick blieb auf Voltages Gesicht gerichtet.
>>Ich habe ihn noch nie getroffen. Aber wir bekommen unsere Aufträge von ihm. Und die Leute, die wir transportieren, sind keine normalen Flüchtlinge. Der Typ betreibt da ein merkwürdiges Geschäft. Unsere Passagiere aus Marokko sind keine einfachen Bauern oder so.<<
Voltage war irritiert. Aber Black schien ihm kein Seemannsgarn zu erzählen.
>> Wie kommen Sie denn darauf?<<
>>Na ja, ein paar davon sahen sehr gut trainiert aus, wie Soldaten oder so. Andere schienen ganz schön viel Grips zu haben. Die redeten ziemlich abgehoben daher und hatten wohl viel Ahnung von diesem Computerzeug.<<
Darüber hatte Will nicht mit ihm gesprochen.
>>Will ist der Anführer einer politisch motivierten Gruppe in Deutschland, die sich FreePeople nennt. Sie engagieren sich gegen Großunternehmen, die der Regierung ihren Willen aufdrücken.<<
>>Führen die Krieg gegen die Regierung oder wofür holt er diese Leute? Von so was habe ich noch nicht gehört. Ich dachte, in Europa geht es den Leuten ziemlich gut.<<
>>Wir haben viele Leute, die schlecht bezahlt werden oder keinen Job haben. Seitdem die Regierung ihre Schuld durch Übereignung des halben Landes an große Unternehmen und Investoren getilgt hat, läuft es nicht mehr sehr gut. Es gibt quasi drei Klassen von Menschen. Die mit Geld, die für sie arbeiten und die anderen. Denen mit Geld geht es richtig gut, die in der Mitte leben nicht so schlecht und die anderen beklauen sich gegenseitig oder schlagen sich auch mal die Köpfe ein.<<
>>Klingt nicht anders als in vielen Ländern Afrikas!<<, warf Black ein. Er gähnte und kratzte sich mit zwei Fingern zwischen seinen wild wuchernden Haaren am Kopf.
>>Und was machst Du für diesen Will? Du siehst nicht aus, als wenn Du mit einer Waffe umgehen könntest! Deinem Spitznamen nach hast Du wohl andere Sachen drauf. Willst Du etwas einen der Energieparks sabotieren, die Strom nach Europa liefern?<<
Voltage schüttelte den Kopf.
>>Nein, ich habe keinen Job als Attentäter oder so was! Ich soll jemand treffen!<<
>>Der nicht nach Europa kommen kann!<<, grinste Black und griff wieder nach seinen Zigaretten.
>>Du bist sehr scharfsinnig, Black!<<, erwiderte Voltage.
>>Ist wohl nicht so schwer zu erraten! Aber die Frage ist, wer darf nach Marokko, aber nicht nach Europa?<<
Blacks Augen funkelten. Er ließ seine weißen Zähne zu einem breiten Grinsen aufblitzen.
>>In der Tat. Das ist eine interessante Frage! Leider keine, die ich beantworten kann.<<
Voltage zuckte mit den Schultern und erwiderte das breite Grinsen. Sein Gegenüber zündete sich eine weitere Zigarette an und zog intensiv an ihr. Als er wieder sprach, wurden seine Worte von einem Schwall weißer Wölkchen aus seinem Mund begleitet.
>>Ich denke, Du wirst es trotzdem verraten!<<
Voltage zuckte sichtlich zusammen. Blacks Tonfall war plötzlich scharf. Irgendetwas lief gerade ziemlich schief.
>>Du wirst sogar Deinen richtigen Namen verraten! Und auch was sich in Deiner Tasche befindet.<<
Black stand auf. Die Zigarette wackelte zwischen seinen Lippen. Er griff in eine Beintasche seines Overalls und zog eine Pistole heraus, die er auf Voltage richtete.
>>Sagt Ihr das nicht so bei Euch? Die vollkommene Lüge ist der gebrochene Vertrag.<<
Black grinste breit.
>>Tut mir leid! Wir laufen Jebha nicht an. Es gibt da jemand anderen, der diesen Auftrag deutlich besser bezahlt.<<
19.
Der Wagen hielt auf dem Parkplatz vor der Wohnanlage. Ein Schild an der Zufahrt informierte über den Namen der Anlage, Pines Shadow. Sie waren auf der Fahrt bereits an anderen solchen Schildern vorbeigekommen, die solch interessante Namen trugen wie Palms Island oder Oak and Wind.
Wie es schien, hatte die Dominanz des Englischen in der Wissenschaft selbst vor kleinen Wohnparks in einer deutschen Universität nicht halt gemacht. Immerhin reichten Daniels Sprachkenntnisse, um nicht schon bei Eichen und Pinien zu kapitulieren.
Daniel warf einen bewundernden Blick auf die im Sonnenlicht blendend helle weiße dreistöckige Gebäudereihe mit einem hellgrauen Pultdach. Dem Abstand und der Ausdehnung der Balkone und Terrassen nach verfügte jede Wohneinheit über eine Fläche, in die Daniels Wohnung wohl mehrfach hineinpassen würde. Der Grünstreifen hinter dem Parkplatz, auf dem einige sehr teuer aussehende Wagen standen, war sorgfältig gemäht. Die Terrassen waren mit blühenden Rosenbüschen voneinander abgegrenzt. Auf der linken Seite standen zwei weitere solcher Anlagen. Die Rückseite des Gebäudes bestand fast vollständig aus weiß gerahmten Glaselementen.
Auf zwei Flächen auf dem Rasen waren weiße Bänke im Kreis angeordnet, in deren Mitte sich jeweils ein kunstvoll gestaltetes Wasserspiel mit kubischen und kugelförmigen Steinobjekten befand. Leise plätscherte Wasser von den Objekten auf den Boden und floss unter die Objekte, von wo aus es wieder nach oben gepumpt wurde.
>>So wohnen Studenten aus gutem Haus also heute!<<, rutschte es Daniel heraus.
Er erinnerte sich an seine Unterbringung während seiner eigenen Ausbildung. Eine heruntergekommene Kaserne der Polizei. Die Straßen und Wege auf dem Gelände in einem erbärmlichen Zustand, mit Löchern und Rissen übersät, die Mannschaftsgebäude teilweise baufällig, mit Schimmel in den Waschräumen, herabfallendem Putz an der Fassade und Dächern, die regelmäßig bei starken Regenfällen das Wasser direkt in die Flure leiteten. Bettzeug brachten die meisten Polizisten selbst mit, Matratzen eingeschlossen, weil die vorhandene Ausstattung eher ein Fall für die Müllabfuhr gewesen wäre. Dazu fiel im Winter ständig die Heizung aus und die Auszubildenden hatten schnellstens ihren sparsamen Sold zusammengeworfen und sich eigene Heizgeräte für die Stuben besorgt.
Im Vergleich dazu war diese Studentenwohnanlage schon von außen absoluter Luxus. Selbst die Straße, in der er nun lebte, konnte gegen diese Anlage nur als Armensiedlung durchgehen.
Daniel stieg aus dem Wagen und wartete auf Vermont. Der SecGuard verschloss das Fahrzeug und deutete zur rechten Seite des Gebäudes.
>>Dort geht es zum Eingang!<<
Der Weg vom Parkplatz führte sie in einigen Metern Abstand an einer Terrasse vorbei, auf der eine junge Frau mit angewinkelten Beinen in einem an einer Einarmschwinge hängenden Sitzkorb saß. Ihre Haut war dunkel. Ihr langes schwarzes Haar hatte sie zu einem Zopf gebunden, der ihr über eine Schulter fiel. Besonders auffallend war jedoch ihr knappes knallrotes kurzes Kleid, das ihre schlanken langen Beine nahezu gänzlich unbedeckt ließ. Daniel konnte sich für ein paar Sekunden von diesem reizvollen Anblick nicht losreißen.
Während sie emsig auf einem Touchdisplay herumwischte, nippte sie an einem Longdrinkglas. Als sie die Schritte der beiden Männer wahrnahm, schaute sie nur kurz hoch und senkte den Blick desinteressiert wieder.
Bei Daniel sah das anderes aus. Ihr Gesicht faszinierte ihn. Dunkle Augen, markante Augenbrauen, volle sinnlich gezeichnete dunkle Lippen, eine scharf gezeichnete Nase mit ausgeprägten Nasenflügeln. Sie wirkte auf ihn gleichermaßen exotisch und unglaublich erotisch.
Dann versperrte ein Sichtschutz am Rand des Gebäudes den Blick auf die Frau und Daniel konnte sich wieder darauf konzentrieren, Vermont zu folgen.
Sie umrundeten das Gebäude über einen breiten gepflasterten Weg. Zwei junge Männer im Pärchenlook, weiße Hosen und dunkle Polohemden einer teuren Modemarke, exklusiv aussehende cremefarbene Sommerschuhe, kamen ihnen entgegen und schauten das deutlich ungleichere Duo mit abschätzigem Blick an. Ihre herablassende Mimik galt aber wohl eher Daniel, dessen Outfit frei von jeglichen teuren Labels war. Schon seinen Schuhen konnte man wohl ihren Preis ansehen. Vermonts schwarzer Anzug hatte eine andere designerlabelfreie Botschaft, die ständig präsente Sicherheit signalisierte.
Unter den Dachüberständen der Gebäude waren Kameras befestigt, die die Außenanlagen kontrollierten. SecGuards überwachten die Zugänge, und die Anlagen, die das Gelände gegen unbefugte Besucher schützten, waren ebenso mit Kameras ausgestattet.
>>Wissen Sie eigentlich, wann Marc Jacobs das letzte Mal hier war?<<, fragte Daniel den ihm mit zügigen Schritten vorausschreitenden Vermont. Sie hatten bisher nur das Nötigste an Worten gewechselt. Vermont klang weiterhin emotionslos.
>>Herr Jacobs hat sein Apartment vor genau neunzehn Tagen das letzte Mal verlassen. Das lässt sich über die elektronische Wohnungsüberwachung feststellen. Die Kameraüberwachung der Anlage speichert Daten nur sechsundneunzig Stunden lang. Eine längere Frist gestattet die Eigentümergemeinschaft nicht. Als GlobSecure sechs Tage später die Aufnahmen gesichtet hat, war Marc Jacobs darauf nicht auszumachen.<<
Welche andere Antwort hatte Daniel erwartet. Wenn der Sicherheitsdienst nur den Hauch einer Spur gefunden hätte, wäre er nicht hier. Hier musste er auf ein kleines Wunder hoffen.
An der ersten Haustür hielt Vermont sein Smartphone vor einen Sensor. Anschließend tippte er eine Zahlenkombination in das Display darüber. Die Tür öffnete sich und Vermont betrat den Flur. Daniel eilte ihm hinterher, bis Vermont vor einer Lifttür stehen blieb. Die Luft roch sauber, auf eine dezente Weise, nicht einfach nur nach Reinigungsmitteln. Die hellen Wände und der graue Steinfußboden waren pedantisch sauber. Keine kleinen Macken oder Streifspuren an den Wänden, keine Fußabdrücke oder auch nur andeutungsweise Schmutz auf dem Boden.
Daniel fand es interessant, dass junge Leute tatsächlich für maximal zwei Etagen über dem Erdgeschoß bereits einen Lift benötigten.
>>Ich nehme an, Sie bevorzugen den Fahrstuhl!<<
Daniel überhörte den spöttischen Ton in der Stimme seines Begleiters.
>>Wir können gerne die Treppe nehmen!<<
Vermont nickte und folgte dem Flur hinter dem Fahrstuhl. Daniel beeilte sich, den Anschluss nicht zu verlieren. Der Gang führte an einer Treppe vorbei, die Vermont mit schnellen Schritten hinaufeilte.
>>Natürlich muss diese arrogante Billardkugel mir zeigen, wer hier die Messlatte definiert. Aber es gibt auch Dinge, die Du nicht so gut kannst!<<, dachte Daniel und stieg die Stufen mit Rücksicht auf sein Knie deutlich langsamer hinauf.
Vermont wartete in der nächsten Etage vor einer geöffneten Wohnungstür.
>>Sie können Ihre Untersuchung beginnen!<<
Er machte mit der Hand eine einladende Bewegung. Daniel betrat die Wohnung. Angenehme Kühle schlug ihm entgegen.
Daniel hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, wie ein Student wohnte, der üblicherweise mit einer goldenen Kreditkarte einkaufen konnte. Aber die Wohnung bot kein unerwartetes Bild. Der Eingangsbereich ging direkt in den großzügigen Wohnraum über. Eine dunkle lederbezogene Sitzlandschaft dominierte eine Hälfte des Raumes. Eine große freie Wandfläche gegenüber dem Eingang bot Platz für ein mehrere Quadratmeter großes Foliendisplay, flankiert von ein paar deckenhohen schmalen Lautsprechersäulen. Die angrenzende Wand wurde von einem Spiegel bedeckt, der in jedem Wild West Saloon eine gute Figur gemacht hätte. Er schmückte aber auch die davor platzierte Bar, vor der einige Barhocker standen.
Daniel ging langsam durch den großen Wohnraum, der für seinen Geschmack viel zu steril wirkte. Nichts lag herum. Entweder hatte Marc vor seinem Verschwinden noch sorgfältig aufgeräumt, oder ein Reinigungsdienst hatte Zugang zu dieser Wohnung. Er legte eine Hand auf das fast schwarze blank polierte Holz der Bar und wischte darüber.
>>Statische Staubfilter! Sie werden keinen Schmutz finden!<<
Vermont beobachtete ihn. Was sollte er auch anderes machen. Immerhin könnte es ja sein, dass Daniel etwas einsteckte. Daniel brauchte seine Hand nicht einmal abwischen, denn da war nichts, was an ihr haften bleiben konnte. Er schaute durch die großen Fensterscheiben nach draußen. Dort, wo eigentlich kleinste Partikel, erhitzt durch die Energie der Sonnenstrahlen, herumgetanzt wären, war die Luft ungewöhnlich klar. Diese Putzfrau hätte er auch gerne gehabt.
Neben der Bar führte eine Tür in die Küche. Der Wohnraumstil setzte sich hier fort. Die Oberflächen der Möbel wirkten wie mit Glas beschichtet. Daniel legte eine Hand auf eine große abgedunkelte Fläche an einem Hängeschrank. Sofort erschien eine Bedienoberfläche.
Daniel navigierte durch das Menü. Cocktailrezepte, Adressen von Restaurants mit klangvollem Namen und Lieferservices, ein unbenutzter Kalender, eine leere Bestellliste für den Kühlschrank. Natürlich hatte Marc für eine integrierte Küche keine wirkliche Verwendung, eher für das Angebot der Lieferdienste für gehobene Ansprüche. Ein Blick in die Schränke bestätigte das. Der etwa zwei Meter hohe überbreite Kühlschrank, dessen Display getränkegerechte vierzehn Grad anzeigte, enthielt nur Getränkeflaschen. Der Schwerpunkt lag bei gehobener alkoholischer Ausstattung. Daniel überflog die Etiketten der Champagnerflaschen und anderer temperatursensitiver Entspannungsmittel. Sein Gaumen wurde plötzlich trocken und ihn überkam ein dringendes Bedürfnis, etwas zu trinken, das im Hals einen wollig warmen Schauer auslösen konnte.
>>Haben Sie schon die Spur gefunden, nach der Sie gesucht haben?<<
Vermont stand plötzlich in der Tür. Daniel beschloss für sich, der SecGuard leide unter einer vollständigen Gesichtslähmung. So viel Kontrolle konnte niemand über seine Mimik haben, selbst wenn seine Stimme eine größere Bandbreite an Ausdruck bot, von monoton bis zynisch. Letzten beherrschte Vermont in Perfektion.
Für einen Moment war Daniel versucht, ihm etwas aus Marc Jacobs Vorrat anzubieten. Aber er war überzeugt, er musste mehr aufbieten, um Vermont aus der Reserve zu locken.
>>Eine typische Studentenausstattung. Sie sollten auch mal nachschauen! Da ist auch ein Vorrat für ganz harte Kerle!<<
Vermont schien für einige Sekunden in der Tür festzufrieren. Daniel wartete gespannt, ob der SecGuard schon seine Haltung verlieren würde. Aber er drehte sich nur um und verließ die Küche.
Daniel atmete erleichtert auf. Er hatte kein Gefühl dafür, ob oder wann Vermont seine Beherrschung verlieren würde. Aber er konnte vielleicht auch einfach genauso einstecken, wie er austeilte. Dass der Mann ihn jedoch so gering schätzte, ärgerte Daniel gewaltig. Wenn er nicht binnen kürzester Zeit mangels Ideen und Ergebnissen aufgeben würde, könnte ihm ein Achtungserfolg die weitere Zeit angenehmer machen.
Nur hatte er noch keine Ahnung, wo der herkommen sollte.
Daniel durchsuchte den Rest der Wohnung. Außer teurem Geschmack und stilvollen Ambiente fand er jedoch nichts. Ein überlanges Doppelbett erzeugte die Frage, wie groß Marc Jacobs wohl war. Der zugehörige Kleiderschrank, der vermutlich mehr Volumen aufzuweisen hatte als Daniels eigenes Schlafzimmer, lieferte die Antwort. Marcs Kleidergröße lag eine Nummer unter der von Daniel.
Eine gut sortierte großzügige Auswahl an Kleidungsstücken und nur wenige leere Kleiderbügel ließen zumindest einen Schluss zu. Marc Jacobs hatte keine größere Abwesenheit geplant. Wenn er eine Tasche gepackt hatte, konnten darin nicht viele Kleidungsstücke gelandet sein.
Das Badezimmer ließ Daniel endgültig neidisch werden. Ein beträchtlicher Teil des Raumes war durch eine Glaswand für eine Dusche abgetrennt. Ein breites Fenster in sicherer Höhe ließ viel Sonne in den Raum. Ein leichter Grauton im Glas ließ Daniel vermuten, das Fenster ließe zwar Licht hinein, aber nicht mehr hinaus.
Leider schien nichts zu fehlen. Rasierapparat, elektrische Zahnbürste, Duschgel, Bürsten, alles war da. Aber es würde dem Mann kaum an Geld mangeln, das Notwendige noch einmal zu kaufen.
Daniel setzte seine Hoffnung auf die letzte Tür neben dem Schlafzimmer. Tatsächlich verbarg sich dahinter ein im Vergleich zu den anderen Räumen verhältnismäßig kleines Arbeitszimmer. Daniel setzte sich in den ledernen Sessel vor dem Schreibtisch und durchsuchte die karge Ausstattung des Zimmers.
Ein großes Foliendisplay an der Wand, eine Tastatur, eine Dockingstation für tragbare Geräte, ein Wanddisplay für die Steuerung der Hauselektronik, wie sie auch im Wohnzimmer und im Schlafzimmer hing. Er tippte auf das Wanddisplay. Es aktivierte sich und verlangte einen Eingabecode. Also kein Zugang.
Zu Daniels Erstaunen befanden sich sogar einige echte Bücher in einem schmalen Wandregal.
Den Buchrücken nach waren die Ausgaben schon recht alt und hatten vermutlich eher antiquarischen Wert in einer Zeit, in der das Wissen der Menschheit überall auf der Welt in großen Datenbanken gespeichert war und damit allen Menschen zur Verfügung stand, die erstens wussten, wo es sich befand und zweitens in der Lage waren, den Zugang zu diesen Datenbanken auch zu bezahlen, wenn sie nicht nur mit dem Halbwissen zufriedengestellt waren, das sich in den öffentlichen Quellen befand, was für einen Studenten wohl unabdingbar war.
Daniel tippte auf das Foliendisplay. Sofort erschien ein Bild von Familie Jacobs an Bord eines Flugzeugs in einem großzügigen Salon. Daniel schaute sich ein Bild nach dem anderen an. Er bekam eine Menge Idylle geboten. Lachende Gesichter, schönes Wetter, interessante Orte, viele stets gut gekleidete Menschen, Studentenfeiern, teure Autos, hübsche junge Frauen. Eine Sammlung von Klischees, dazwischen immer wieder Marc Jacobs, alleine, mit seiner Mutter, mit jungen Frauen, mit Freunden, in offenen Sportwagen, auf Booten, im Anzug bei einer Vernissage, stets mit einem strahlenden fast übertriebenen Lächeln im Gesicht. Eine klischeehafte Aneinanderreihung von Momenten eines jungen zufriedenen Mannes aus reicher Familie.
Nur eine Idee tauchte nicht auf den Bildern auf.
Daniels Enttäuschung wuchs mit jedem Foto, das wieder ausgeblendet wurde. Nach etwa zehn Minuten wandte er sich ab und verließ den Raum wieder.
Als Nächstes würde er die mühselige Arbeit der Befragung von Nachbarn und Freunden angehen müssen, denn was er hier fand, brachte ihn nicht einen Millimeter weiter.
Daniel kehrte in den Wohnraum zurück. Vermont stand dort immer noch in seiner Berufskörperhaltung geduldig am Fenster. Der Mann musste doch extrem verkrampft sein. Daniel schmunzelte heimlich.
>>Ich werde jetzt an einigen Türen anklopfen und ein paar Fragen stellen. Stehen Sie doch in der Zeit etwas bequemer.<<
Daniel verließ die Wohnung und ließ den SecGuard zurück, der keine Anstalten machte, ihm zu folgen. Vielleicht hoffte er ja, Daniel würde sich aus dem Staub machen, sobald er die Gelegenheit hatte.
In der nächsten halben Stunde klingelte Daniel an allen Türen des Gebäudeblocks. Strategisch intelligent begann er am entgegengesetzten Ende und arbeitete sich so zu seinem Ausgangspunkt zurück. Das Ergebnis war enttäuschend. Nur wenige Studenten öffneten überhaupt. Zwei fragten ihn nur, ob er vom Gebäudeservice sei, und ließen die Tür nach seiner Antwort vor seiner Nase zufallen.
Die beiden, die sich überhaupt mit ihm unterhielten, konnten ihm nichts Bedeutsames erzählen. Sie kannten Marc nur von Partys auf dem Campus.
Endlich stand er wieder vor der Eingangstür zu dem Gebäudeteil, in dem sich Marcs Wohnung befand. Daniel tippte mit einem Finger auf das Display für den Türöffner und drei Nummern leuchteten auf. Zu Jacobs Wohnung gehörte die Nummer zwei.
Daniel tippte auf eine der anderen Nummern und wartete. Da die erwünschte Reaktion ausblieb, tippte er auf das nächste Feld. Auch nach dem letzten Ruf passierte nichts und Daniel hatte den Finger schon fast auf dem Ruffeld für Jacobs Wohnung, um den SecGuard um Einlass zu bitten, als es leise summte.
>>Ja, wer ist da?<<
Die Stimme klang sehr weich und weiblich. Daniel meinte, einen Hauch eines Akzents zu hören.
>>Mein Name ist Neumann. Ich bin auf der Suche nach einem Ihrer Nachbarn und hoffe, Sie können mir helfen.<<
Ein paar Sekunden blieb es still.
>>Sie sind vor einer Stunde mit einem SecGuard gekommen!<<
Daniel durchzuckte etwas, das sich wie ein leichter elektrischer Schlag anfühlte, aber wohl eher ein kleiner Adrenalinschub war. Ihm wurde klar, mit wem er gerade sprach. Dunkle Haut, schwarze lange Haare und ein exotisch anmutendes Gesicht.
>>Ja, das ist richtig! Haben Sie etwas Zeit für mich?<<
>>Wo ist der SecGuard?<<
Sie beobachtete ihn natürlich über eine Kamera, deren Objektiv irgendwo im Türbereich verborgen war.
>>Er wartet auf mich!<<
>>Geht es um Marc Jacobs?<<
Noch ein Adrenalinschub. Diese Frage klang vielversprechend.
>>Ja!<<
Wieder eine Pause. Dann entriegelte sich die Tür.
>>Kommen Sie rein!<<
Daniel trat ein. Auf der linken Seite des Flurs wurde eine Wohnungstür geöffnet und die junge Frau in dem kurzen roten Kleid schaute hinaus. Sie stand hinter der Tür und nur ihr Gesicht und ein Stück ihres Oberkörpers waren sichtbar.
Daniel ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. Aber die Frau zuckte ein Stück zurück. Ihre Schulter verschwand hinter der Tür.
Sofort wich auch er einen Schritt zurück. Jetzt nichts falsch machen. Noch eine Tür, die sich wieder schloss, wollte er nicht riskieren. Seine Erkenntnislage war einfach viel zu dürftig. Außerdem wollte er nur zu gerne einen längeren Blick auf die Frau werfen.
>>Entschuldigung! Ich wollte Sie nicht erschrecken!<<
Sie wirkte misstrauisch. Ihre Augen beobachteten ihn mit hektischen Bewegungen. Daniel bedauerte das. Er fand ihr Gesicht faszinierend und hätte zu gerne das Richtige gesagt, um sie dazu zu bringen, ihn in die Wohnung zu lassen, damit er sie unter besseren Lichtverhältnissen betrachten konnte.
>>Was wollen Sie wissen?<<
>>Kennen Sie Marc Jacobs näher?<<
Sie schien einen Moment zu überlegen, was sie erzählen könnte. Dabei taxierten ihre Augen ihn unablässig. Daniel stellte fest, dass sie ihren Namen noch gar nicht genannt hatte. Vielleicht wäre diese Frage die bessere gewesen.
>>Ja, ich kenne ihn. Wir waren einige Zeit befreundet!<<
>>Sie waren befreundet?<<
Daniel betonte das Verb.
Die Frau nickte bedächtig, während er ihr Gesicht betrachtete und das wohlige Gefühl genoss, das ihr Anblick bei ihm auslöste.
>>Ja! Wir hatten eine kurze Beziehung, bis vor etwa einem halben Jahr!<<
Volltreffer! Über diese Frau hatten die Jacobs gesprochen. Sie hatte laut ihrer Aussage seit einem halben Jahr keinen Kontakt mehr zu Marc gehabt, zumindest nicht per Smartphone oder Chat. Dass sie ihm trotzdem immer wieder begegnet war, weil sie im gleichen Haus wohnte, hatte GlobSecure wohl nicht herausgefunden. Ganz so klug waren die Schnüffler des Sicherheitsdienstes demzufolge nicht. Peinlich.
Daniel mutmaßte über die Abstammung der Frau. Ihr Teint war ungleichmäßig, um die Augen herum war die dunkle Hauttönung etwas intensiver. Zusammen mit den intensiv schwarzen Haaren tippte er auf indische Herkunft.
Daniel hätte ihr gerne einige andere eher private Fragen gestellt.
>>Aber Sie haben noch Kontakt zu ihm.<<
Sie öffnete die Tür wieder ein Stück mehr und die nackte Schulter kam erneut zum Vorschein. Der schmale rote Träger, der einen aufreizenden Kontrast zu ihrer dunklen Haut hatte, rutschte ein Stück herunter und Daniels Mund wurde trocken.
>>Das bleibt nicht aus, wenn man im gleichen Haus wohnt!<<
Aus den Worten klang Enttäuschung heraus. Restgefühle einer gescheiterten Beziehung? Irgendwie fand er, da war etwas anderes.
>>Was wohl bedeutet, Sie begegnen sich hin und wieder im Hausflur, haben aber keinen weiteren Gesprächsbedarf!<<
>>Zum Glück ist er selten genug da! Sonst hätte ich mir längst eine andere Wohnung gesucht.<<
Sie wirkte etwas unentschlossen, als würde sie überlegen, ob sie den unbekannten Mann hineinbitten sollte. Ein Hausflur, selbst in einer solchen Anlage, war kein geeigneter Ort, um sich über Mitbewohner zu unterhalten.
>> Wann haben Sie ihn denn das letzte Mal gesehen?<<
Sie überlegte nicht.
>>Das ist jetzt fast drei Wochen her! Er ist morgens aus dem Haus gegangen. Ich saß in meinem Wohnzimmer und habe gefrühstückt. Von da aus kann ich den Parkplatz sehen. Er hat einen Fahrdienst genommen.<<
>>Hat er etwas mitgenommen?<<
Sie nickte. Dabei rutschte der Träger endlich über die Schulter auf den Oberarm.
>>Ja, er hatte eine Sporttasche dabei. Sie war ziemlich prall gefüllt und schwer. Ich habe mich darüber etwas gewundert. Wenn er nach Berlin fliegt, benutzt er immer einen Rollkoffer und hier hat er höchstens dann eine Sporttasche dabei, wenn er ins Sportstudio geht. Die ist dann aber nicht so voll!<<
>>Welchen Sport betreibt Marc Jacobs?<<
>>Oh, er hat da eine vielfältige Auswahl. Tennis, Fechten, Laufen. Er hat auch ein paar Mal an Radsportveranstaltungen an der Uni teilgenommen.<<
Hinter der Frau ertönte ein Klingeln und sie drehte sich kurz um.
>>Ein Anruf! Tut mir leid!<<
Sie schob die Tür ein Stück zu, hielt dann aber kurz inne.
>>Kommen Sie doch von draußen auf meine Terrasse. Sie können sie nicht übersehen. Eine Sitzkugel steht darauf. Dann können wir uns weiter unterhalten!<<
Die Tür schloss sich. Daniel atmete tief durch. Auf so viel Glück hatte er vorher nicht gehofft. Er durfte seinem Bedürfnis, die junge Frau anzuschauen, noch ein wenig nachkommen. Mit zügigen, fast hastigen Schritten verließ er das Gebäude und eilte zur Rückseite. Der Sitzkorb war noch leer. Daneben befanden sich ein kleines Tischchen, auf dem ein halb geleertes Longdrinkglas stand, und zwei kleine Sessel aus einem wetterfesten Flechtmaterial.
Daniel blieb höflich neben dem Sitzkorb stehen.
Ein glatter schneeweißer Gardinenstoff mit einem breiten tiefroten Querstreifen verdeckte die Sicht auf das Innere der Wohnung. Die breite Glasschiebetür war einen Spalt geöffnet. Daniel vernahm leise die Stimme der Frau aus dem Innern.
Endlich wurde der Stoff zur Seite geschoben und die Glastür geöffnet. Als die dunkelhäutige Frau in ihrem Kleid nach draußen schritt, stockte Daniel für einen Moment der Atem.
Nicht nur ihr Gesicht war für seinen Geschmack unglaublich hübsch. Das knappe Kleid zeigte eine wohlgeformte Silhouette und ließ ein Paar schlanke dunkle Beine darunter hervorblitzen. Sie lächelte ihn an und deutete auf einen der Sessel.
>>Nehmen Sie doch Platz!<<
Sie setzte sich mit elegantem Schwung wieder in den Sitzkorb und zog die Beine an. Der Korb schwang leicht hin und her. Ihre nackten Füße schauten aus dem Korb hervor.
Er folgte ihrer Aufforderung und ließ sich in einem Sessel nieder. Prompt befand sich sein Kopf auf Höhe ihrer Knie, wenn auch in ausreichendem Abstand zu den dunklen Beinen. So kam er nicht in die Verlegenheit, seinen Blick zu eindeutig in die falsche Richtung fallen zu lassen. Und prompt wurde es schon bei dem Gedanken in seiner Hose viel zu eng. Konzentriert schaute er in ihr Gesicht.
>>Herr Neumann, ich war gerade wohl etwas unhöflich und habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist Kumari.<<
Immerhin hatte sie sich seinen Namen gemerkt, was zumindest ihre Aufmerksamkeit nicht infrage stellte.
Daniel nickte ihr freundlich zu. Ihn beschäftigte die Frage, welchen Vornamen sie hatte. Aber diese Frage war noch ziemlich fehl am Platz.
>>Frau Kumari, ich möchte Sie nicht unnötig aufhalten!<<
So ein Quatsch. Am liebsten würde er den Rest des Tages hier sitzen und sich mit ihr unterhalten. Die Alternative war die Gesellschaft eines kantigen distanzierten Glatzkopfes. Darauf konnte er nur zu gut verzichten.
>>Sie sagten, Sie hätten Herrn Jacobs vor etwa drei Wochen das letzte Mal gesehen und es sah aus, als wenn er abreisen würde. Ist Ihnen vielleicht noch mehr aufgefallen?<<
Sie griff nach dem Longdrinkglas. Daniels Augen fixierten ihre sich leicht öffnenden Lippen. Das war auf jeden Fall höflicher als der Blick geradeaus auf ihre Beine, während sich seine Hormone beim Partytanz befanden.
Ihre Unterlippe war etwas zu voll im Verhältnis zur Oberlippe, aber wirkte dadurch sinnlich. Unter dem Kleid wölbten sich zwei perfekt geformte Brüste. Zwei kleine Erhebungen auf dem Stoff deuteten auf das Fehlen weiterer Unterwäsche hin. Ihm wurde noch heißer.
Er bemerkte, wie er sie anstarrte, und wandte seinen Blick irritiert ab. Er kam sich plötzlich wie ein sabbernder Trottel vor. Zum Glück schien sie nichts zu bemerken, weil sie zu sehr mit dem Glas beschäftigt war. Nach ein paar Schlucken, mit denen sie ihre Nachdenkpause füllte, stellte sie das Glas zurück.
>>Warum suchen Sie eigentlich nach Marc?<<
>>Ich arbeite im Auftrag von AutoMobil, einem Mobilitätsservice. Marc Jacobs hat zwei unserer Wagen gemietet, exklusive Sportfahrzeuge, die beide gestohlen wurden, direkt nachdem er sie wieder abgegeben hatte. Eigentlich hätte ich ihn selbst befragt, aber er ist nicht erreichbar. Nun hoffe ich, mir kann jemand Hinweise geben, um die Sache aufzuklären.<<
Zwischen ihren Augen entstanden ein paar Falten. Diese Erklärung schien sie nicht zu überzeugen.
>>Ich wusste nicht, dass Marc bei diesem Service jemals Kunde war. Er hat immer nur bei GlobSecure Fahrdienste bestellt oder sich von einem Händler für Luxusautos exklusive Autos bringen lassen.<<
Er blieb äußerlich ungerührt, obwohl sie seine kleine Lüge sofort aufgedeckt hatte. Mit ein wenig Nachdenken hätte er auch selbst darauf kommen können, dass sie als seine Freundin durchaus etwas mehr aus seinem Leben wusste. Dilettant. Und hormonell zu sehr aufgeladen. Eine kalte Dusche wäre gut.
>>Er ist erst seit ein paar Monaten bei uns Kunde und hat auch in der Zeit nur wenige Male unser Angebot genutzt.<<
>>Das ist nicht sein Stil! Aber vielleicht stecken da seine merkwürdigen neuen Freunde hinter?<<
Daniel machte einen geistigen Luftsprung.
>>Was meinen Sie damit?<<
Sie wiegte ihren Kopf hin und her.
>>Ich habe diese beiden Männer hier nur ein paar Mal draußen gesehen. Sie haben Marc abends abgeholt. Die beiden passten nicht hierher, trugen billige Kleidung und sahen eher etwas ungepflegt aus. Ich denke, das waren zwei Stipendiaten. Die wohnen üblicherweise im Westtrakt des Universitätsgeländes.<<
>>Warum gehen Sie davon aus, dass es Studenten waren?<<
Ihr Mund bekam einen leicht spöttischen Ausdruck.
>>Marc pflegt eigentlich keinen persönlichen Kontakt zu Dienstpersonal. Die Menschen, mit denen er sich abgibt, haben in der Regel direkte Berührungspunkte mit ihm. In diesem Stadtteil bleibt damit nur ein bestimmter Personenkreis.<<
>>Und was war an diesen Männern so merkwürdig, von ihrer äußeren Erscheinung abgesehen?<<
>>Das ist nicht nur für Marc ein ungewöhnlicher Umgang. Die meisten Studenten kommen aus bessergestellten Familien und bleiben unter sich. Es gibt einige, die außerhalb des Geländes wohnen, weil sie sich die Unterbringung hier nicht leisten können. Aber es reicht bei ihnen für die Universitätsgebühren. Und eben die Stipendiaten. Die Universität hat für sie nur wenige Plätze. Sie wohnen in einem alten umgebauten Trakt. Dort würde keiner von uns freiwillig leben wollen. Das sind bestenfalls Kasernen. Und so, wie man hier lebt, hält man auch seine Freundeskreise. Das hat auch Marc so gehalten. Eigentlich!<<
Sie rümpfte die Nase. Es war nur nicht klar, was sie ablehnenswert fand.
>>Dann stehen diese Männer plötzlich hier und warten auf Marc. Sie kamen ein paar Mal, gegen acht Uhr abends, und warteten auf dem Parkplatz. Weiter haben sie sich nicht getraut. Das war schon besonders komisch! Er hat sie nicht in seine Wohnung gelassen.<<
Sie schaute einen Moment nachdenklich ins Leere.
>>Wenn ich genau nachdenke, waren die beiden am Abend, bevor Marc mit der Tasche weggefahren ist, auch da.<<
Sie schob ihre schlanken Beine aus dem Korb und stand auf.
>>Einen Moment bitte!<<
Frau Kumari eilte in die Wohnung zurück. Ein Lufthauch erreichte Daniel. Ein süßlicher verführerischer Geruch strömte in seine Nase.
Sekunden später kam sie mit ihrem Touchbook zurück und reichte es Daniel.
>>Ich habe ein Foto von den beiden Männern gemacht.<<
Fast entschuldigend fügte sie hinzu:
>>Mein Vater hat mir eingeschärft, bei merkwürdigen Umständen Beweise zu sammeln. Und diese Männer passten nicht hierher. Sie passten auch nicht zu Marc. Also fand ich es in Ordnung, sie zu fotografieren.<<
Daniel erwiderte darauf nichts. Wen interessierte so etwas schon. An allen Gebäudeecken der gesicherten Stadtbereiche hingen Kameras und filmten die Passanten, das Gleiche galt für die meisten öffentlichen Einrichtungen. Und auf den Straßen war das Filmen von Fahrzeugen und Insassen Routine, nicht nur an den Zugängen der gesicherten Stadtbereiche. Natürlich gab es Gesetze, die so ein Vorgehen für Privatpersonen stark reglementierten, als würden nur diese die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen missachten können.
Das Bild war sehr deutlich. Frau Kumari hatte, wie man an einem schmalen weißen Streifen am Fotorand sehen konnte, den Fensterstoff zur Seite geschoben, um die Aufnahme zu machen. Auf dem unteren Rand waren Datum und Uhrzeit in roten Zahlen eingeblendet. Es zeigte den Weg hinter der Terrasse, auf der sie gerade saßen, und ein Stück des Parkplatzes dahinter. Mittig auf dem Bild standen zwei Männer, die sich zu unterhalten schienen. Die Aufnahme zeigte einen der beiden im Profil. Der andere schien an der Terrasse vorbeizuschauen, und sein Gesicht war gut zu erkennen.
Die beiden trugen ausgeblichene Jeans und Shirts. Verglichen mit den Studenten, die Daniel an diesem Tag auf dem Gelände gesehen hatte, wirkten sie in ihrer Aufmachung ärmlich.
Der linke Mann wirkte zudem irgendwie unterernährt. Seine langen verfilzt aussehenden Haare ließen den Kopf im Vergleich zum Körper überdimensioniert erscheinen. Der andere wirkte dagegen übermäßig wohlgenährt, als würde er dem Ersten regelmäßig das Mittagessen stehlen.
>>Die beiden sehen doch wirklich merkwürdig aus. Finden Sie nicht?<<
Die junge Frau beugte sich zu ihm herunter.
>>Ich würde mir das Foto gerne auf mein Smartphone laden.<<
Daniel drehte den Kopf zu ihr und zuckte zusammen. Sein Blick landete direkt auf ihrer Oberweite, die sie durch ihre Körperhaltung in eine exponierte Lage gebracht hatte.
Frau Kumari schenkte ihm ein Lächeln. Er war sich nicht sicher, ob sie seine Blickrichtung und Reaktion bemerkt hatte.
>>Wenn es Ihnen hilft, können Sie das gerne machen!<<
Daniel zog sein Smartphone hervor und aktivierte zwischen beiden Geräten eine Datenverbindung. Sie tat das Gleiche. Amüsiert sah er auf dem Notebook die Bereitschaftsanzeige zum Datenaustausch.
>>Gerät Nisha Kumari ist mit Phone Daniel1 verbunden!<<
Sehr viele Leute hatten die Neigung, ihre technischen Geräte unter dem eigenen Namen einzurichten. Der Klang ihres Namens war eindeutig indisch, da war er sich sicher. Damit war seine Frage beantwortet.
Sekunden später befand sich eine Bildkopie auf seinem Smartphone, als Aufgabe für Harry. Daniel war überzeugt, GlobSecure könne die beiden Männer wesentlich schneller identifizieren. Dort hatte man garantiert bessere Möglichkeiten als die Polizei, sich personenbezogene Daten zu beschaffen. Aber da war dieses leise Aber in seinem Kopf.
Er legte das Touchbook auf das kleine Tischchen. Endlich entspannte er sich wieder und seine Körpertemperatur sank wieder.
>>Wie nennt man eigentlich Ihren Beruf?<<
Nisha Kumari hatte einen merkwürdigen Ausdruck in ihrem Gesicht, irgendwie spöttisch.
>>Ich bin Sachbearbeiter für<<, begann Daniel seine Geschichte weiterzuspinnen, aber die Frau unterbrach ihn sofort.
>>Hören Sie doch auf zu lügen! GlobSecure hat schon letzte Woche jemand hierher geschickt. Ich habe den Mitarbeiter auf der Terrasse oben gesehen, als ich von meinen Vorlesungen kam. Jetzt kommt er mit Ihnen wieder. Das ist doch etwas viel Aufwand, wenn es um ein paar gestohlene Autos geht, die man mit Sicherheit auch anders wieder auffinden kann. Es geht Ihnen um Marc und nicht um ein bisschen Stahl und ein paar Kilo Lithium und Magnesium.<<
So viel zur Diskretionspflicht. Das Beste wäre wohl eine schnelle Verabschiedung. Immerhin hatte er ja eine Spur, mit der er sich beschäftigen konnte. Daniel stand auf.
>>Vielen Dank, Frau Kumari! Leider kann ich Ihnen nichts dazu sagen. Sie haben mir auf jeden Fall weitergeholfen!<<
Bevor er nur einen Schritt machen konnte, stand sie vor ihm. Ihr Zeigefinger stach in seine Brust. Ihre dunklen Augen funkelten ihn an.
>>Was ist mit Marc passiert? Wo ist er?<<, zischte sie mit blitzenden Augen.
Was war das? Besorgnis? Enttäuschung? Ein Hauch von unterdrückter Wut. Die Beziehung schien noch nicht erledigt zu sein. Auf jeden Fall war ihr wohl ein wesentliches Detail nicht entgangen.
>>Ich darf Ihnen nichts sagen. Es tut mir leid!<<
>>Er ist verschwunden und Sie suchen ihn!<<
Ihr Mund zog sich zusammen. Ihre Hände legten sich auf ihr Brustbein. Eigentlich erwartete Daniel, dass nun ihre Augen feucht wurden. Für jemand, der in echter Sorge war und noch immer etwas für den früheren Freund empfand, fehlte ihm das. Aber vielleicht erwartete er zu viel. Auch ihre Herkunft und Erziehung verboten ihr möglicherweise, mehr Emotionen zu zeigen.
Sie atmete tief durch. Offensichtlich fasste sie sich.
>>Das ist schade! Ich würde zu gerne wissen, wo Marc steckt.<<
Sie ging einen Schritt zurück und legte die Hände in die Hüften.
>>Leider habe ich es erst vor ein paar Tagen festgestellt.<<
Wieder atmete sie tief durch. Der zusammengezogene Mund blieb. Aber es war kein Schmollmund, weil er ihr nicht antworten wollte. Auch kein Zusammenpressen der Lippen, weil sie ihrer Traurigkeit nicht erlauben wollte, nach draußen zu gelangen.
Sie kniff ihre Augen etwas zusammen. Das Ganze bekam etwas Wütendes. Dann verlor sie gänzlich die Kontrolle über ihre Mimik.
>>Dieser Dreckskerl hat meinen Account an der Universitätsdatenbank gehackt und mir die gesamten Ergebnisse eines Projektes gestohlen! Er hat sie kopiert und gelöscht. Wenn ich den Mistkerl erwische, reiße ich ihm alle Haare aus und trete ihm zwischen die Beine, bis er dauerhaft wie ein Eunuch klingt!<<
20.
Vermont stand mit seinem offensichtlich einzigen verfügbaren Gesichtsausdruck in der Tür, als Daniel in die Wohnung von Marc zurückkehrte.
>>Und? Haben Sie schon ein Ergebnis?<<
Daniel nickte nur und ging in den Wohnraum. Auf der Bar stand eine Tasse Kaffee. Der aromatische Geruch hing im Raum.
>>Ein SecGuard kann es sich auch mal gut gehen lassen?<<
Nachdem er bereits einmal im verbalen Schlagabtausch gegen Vermont einen Punkt errungen hatte, fühlte er sich ermutigt, sich nicht weiter von dem Sicherheitsmann beeindrucken zu lassen. Vermont gesellte sich zu seiner Tasse und leerte sie zügig. Eine Erwiderung blieb er schuldig, was bei Daniel weiteres Oberwasser erzeugte.
>>Was für ein Ergebnis haben Sie? Immerhin sind Sie fast zwei Stunden unterwegs gewesen.<<
>>Ermittlungen macht man nicht am Fließband. Da geht es nicht um Arbeitstakte pro Stunde, sondern darum, zunächst die erste Spur zu finden. Wenn Sie aber keine Idee haben, wo Sie suchen sollen, kann gerade der erste Schritt sehr lange dauern!<<
Vermont schaute ihn einige Sekunden an. Das reglose Gesicht ging Daniel langsam auf die Nerven. Er fragte sich, ob das Gehalt eines SecGuards hoch genug war, um sich regelmäßig Botox spritzen zu lassen.
>>Haben Sie nun etwas gefunden oder spielen Sie schon auf Zeit?<<, legte Vermont noch einmal nach.
Daniel schob einen ersten Gedanken an Mord beiseite, öffnete die Tür zum Balkon und ging nach draußen. Vom Geländer aus schaute er nach unten. Direkt unter sich erhaschte er einen Blick auf den Sitzkorb, der leicht schaukelte. Zwei dunkle schlanke Füße schauten daraus hervor.
Die Unterhaltung mit Nisha war unerwartet erkenntnisreich gewesen. Marc Jacobs war nicht nur Sohn eines milliardenschweren Unternehmers und ein erfolgreicher Student. Er war auch ein ziemlich niederträchtiger Dieb.
Nisha hatte ihm erzählt, dass Marc in seinem Fachbereich sehr anerkannt war. Er hatte vor einem Jahr eine Assistenzstelle bekommen und betreute organisatorisch mehrere Laborprojekte. In zwei dieser Projekte arbeitete auch Nisha Kumari. Es ging dabei um irgendetwas mit Graphen, einem superdünnen Material aus Kohlenstoff, und einem Verfahren zur fehlerfreien Erzeugung von Schichten aus diesem Material. Daniel war gedanklich ausgestiegen, als sie ihm erklärte, wozu das Ganze nützlich war. Brennstoffzellen, soweit konnte er folgen, und Nafion-Polymerschichten, was immer das sein sollte, zumindest kein Bestandteil von Kaugummi, Platinbedampfung und eine Menge anderes wissenschaftliches Zeug. Nisha hatte ihm mehrere Minuten lang von ihrer Arbeit erzählt bis sie sein hilfloses Gesicht bemerkte und herzhaft zu lachen begann.
Dann hatte sie ihm erklärt, es ginge bei der Arbeit um die Herstellung einer neuen Form von Brennstoffzellen, die wesentlich effektiver arbeiten konnte als die, die bereits von verschiedenen Herstellern für Haushalte angeboten wurden. Am Ende stünde außerdem, einzigartig, eine vollständige Einheit zur Erzeugung von Haushaltsstrom, die über eine Photovoltaikeinheit Strom erzeugte, um damit Wasserstoff aus Leitungswasser oder Regenwasser zu gewinnen und bis zum Einsatz in der Brennstoffzelle in einem Medium zu speichern, nahezu wartungsfrei und langlebig und in der Herstellung günstig genug für normale Haushalte.
Nishas Arbeit hierzu war sehr erfolgreich gewesen. Sie hatte einen Prototyp für die Herstellung von vollständig fehlerfreien Platinbeschichtungen auf den Graphen gebaut, Voraussetzung für die hohe Effizienz der Brennstoffzelle, und den Produktionsprozess für die Brennstoffzelleneinheit kostenoptimal entwickelt. Mehrere Einheiten der Zelle waren bereits seit Monaten im Betrieb. Nisha hatte bereits an der Patentanmeldung für die Universität gearbeitet. Im Grunde war die Stromerzeugereinheit marktreif. Sie hatte die Einheit etwas fantasielos HomeCell genannt. Die gesamte Dokumentation dieser Arbeit, das Ergebnis von fast drei Jahren Arbeit, war auf der Universitätsdatenbank abgelegt, zwar verschlüsselt und der Zugriff gesichert, aber Nisha vermutete, dass Marc ihr während der Zeit, in der sie zusammen waren, einen Trojaner auf ihrem Touchbook installiert haben musste. Als sie das Touchbook mit der Datenbank verband, übermittelte der Trojaner den Zugang auf den Account von Marc Jacobs. Von da an konnte er jederzeit auf ihre Arbeitsergebnisse zugreifen.
Nachdem sie die Datenablagen zu ihrem Account leer vorgefunden hatte, fragte sie bei einem Kommilitonen am Informatiklehrstuhl um Hilfe. Schnell fand der den Trojaner und rekonstruierte das Log ihres Accounts. Nun konnte sie sogar nachlesen, dass jemand mit ihrer Autorisierung das gesamte Projekt an einen mobilen nicht registrierten Datenträger übertragen und dann ihren Speicherbereich mit einem entsprechenden Tool gründlich gelöscht hatte. Unglücklicherweise war sein Timing perfekt. Diese Aktion erfolgte auch auf der Datenbanksicherung. Damit lag auch keine Sicherheitskopie mehr vor.
Neben einer größeren Anzahl von Dateien, die mit anderen Themen des Studiums zusammenhingen, hatte der Dieb anschließend ein File mit einem Geständnis zurückgelassen. Die Datei enthielt einen einzelnen Satz.
>>Tut mir leid, Tabbu!<<
Diesen Spitznamen hatte Marc ihr gegenüber nur verwendet, wenn sie alleine waren, der Vorname einer indischen Schauspielerin, mit der sie Marcs Meinung nach Ähnlichkeit hätte.
>>Haben Sie für heute noch etwas geplant, oder soll ich eine Übernachtungsmöglichkeit organisieren?<<, fragte Vermont von der Tür aus. Unten auf der Terrasse verschwanden die Füße im Sitzkorb. Daniel drehte sich um.
>>Ich muss jemand kontaktieren. In einem Hotelzimmer hätte ich die notwendige Ruhe.<<
Vermont nickte und verschwand wieder in der Wohnung. Eine Etage tiefer vernahm Daniel das Geräusch einer sich schließenden Schiebetür. Nisha hatte auf eine Anzeige gegen Marc Jacobs verzichtet, denn Sie hatte nur dürftige Beweise dafür, dass Marc sie bestohlen hatte. Den Trojaner hätte auch jemand anders auf ihrem Touchbook platzieren können.
Der Wert des Projektes mochte Milliarden betragen, wenn man die Entwicklung in der Energieindustrie etablieren konnte. Damit bestand die Möglichkeit, die Energiegewinnung der Privathaushalte in Europa zu einem großen Teil aus der Abhängigkeit des Standortes Nordafrika zu lösen. Großes Geschäftsrisiko für DesertEnergy und eine Chance für Marc Jacobs.
Für sie selbst blieb nur die mühevolle erneute Nachbildung und Erfassung der Entwicklungsergebnisse, was laut Nisha Monate dauern würde. Wenn Marc Jacobs die Informationen verwerten wollte, blieb ihm ein überschaubares Zeitfenster, denn Nisha hatte bereits begonnen, für die Universität eine europäische Patentanmeldung zu erstellen. Dem würde er zuvorkommen müssen.
Zum Beweis, dass sie ihm keine Lügengeschichte auftischte, zeigte Nisha Daniel verschiedene Dokumente, die sie bereits neu aufbaute, Mails aus der Kommunikation mit einem Professor, den sie über den Datenverlust informiert hatte, Assistenten und anderen Studenten aus der Projektgruppe bis hin zu den Ergebnissen aus der Untersuchung Ihres Touchbooks. Nisha hatte als technische Projektleiterin alle Einzelaufgaben kontrolliert und zusammengeführt.
Soweit Daniel es beurteilen konnte, zeigte sich ein etwas lückenhaftes, aber doch aussagekräftiges Bild. Marc Jacobs war tatsächlich ein Dieb. Er hatte die Daten zu einem produktionsreifen Prototypen gestohlen.
Eigentlich hätte Daniel mit diesem Ermittlungsstand zufrieden sein können. Marc Jacobs würde bestimmt in den nächsten Monaten wieder auftauchen, während sich jemand anderes, der nicht mit der Universität in Verbindung stand, als Eigentümer einer Innovation präsentieren würde, vielleicht schon mit einem Investor an der Seite. Fall gelöst.
Aber das war zu dürftig und naiv einfach. Seine Aufgabe war es, Marc Jacobs wiederzufinden, nicht nur Hinweise für seine Rückkehr zu liefern. Und er spürte, dass ihn die Jagdlust wieder befiel. Das hier war ziemlich nah an seinem Job bei der Polizei. Er befand sich auf der Spur eines Kriminellen, der anderen Leuten Schaden zufügte, um sich selbst zu bereichern. Ein Gauner!
Es sah für Daniel ganz nach einem Job aus, der sein Interesse weckte und ihn vor allem aus seiner lethargischen Lebenseinstellung herausholen würde. Während er darüber nachdachte, erschien ihm Frederic Jacobs Verhalten in einem ganz anderen Licht. Wenn man eine bestimmte Verbindung unterstellte, hatte er eindeutig einen Grund, diese Suche scheitern zu lassen.
Vielleicht saß Marc Jacobs bereits in einem Forschungslabor des potenziell wichtigsten Interessenten für diese Entwicklung, DesertEnergy, und brachte Nishas Arbeit zum industriell verwertbaren Abschluss, damit sich das Unternehmen als innovativ präsentieren konnte, mit einer vielleicht marktbeherrschenden Neuigkeit.
Nisha hatte Daniel erzählt, dass Marc sich von ihr getrennt hatte. Einen Grund hatte er nicht wirklich gehabt. Es würde halt nicht funktionieren, hatte er ihr gesagt. Aber er hatte sich mit Nisha wohl nur aus einem Grund eingelassen. Es ging ihm von vornherein darum, ihre Projektergebnisse zu stehlen, bevor diese über die Patentanmeldung offiziell für den Eigentümer, die Universität, verwertbar waren.
Für die Polizei war das File mit dem einzelnen Satz kein verwertbarer Beweis. Da er geschickt genug vorgegangen war und beim Datendiebstahl keine eindeutige Spur zurückgelassen hatte, konnte dieses Geständnis möglicherweise auch gefälscht sein.
Daniel sortierte für einen Moment seine Gedanken. Dann schob er die Idee, Nisha habe die Geschichte erfunden, zur Seite. Das machte einfach keinen Sinn. Warum sollte sie noch an der Universität ihre Zeit verbringen und mühevoll die Forschungsergebnisse erneut in Schriftform fassen, wenn sie selbst das Projekt für sich verwenden wollte? Es wäre für sie das Beste, sich aus dem Staub zu machen und die Daten mitzunehmen. Und es machte überhaupt keinen Sinn, dem zufällig an ihrer Tür klopfenden Daniel eine solche Story aufzutischen.
Wenn sie aus Indien stammte, würde sie dort möglicherweise Kontakte haben, die ihr bei einer risikolosen Verwertung jenseits des europäischen Rechtsraumes helfen konnten.
>>Ich habe ein Hotel gebucht. Villa Verde, falls Sie es kennen. Wenn Sie mit Nachdenken fertig sind, können wir direkt dorthin fahren!<<, holte ihn die unterkühlte Stimme des SecGuard aus seinen Gedanken.
Sie verließen die Wohnung und stiegen in den Wagen. Als Daniel auf dem Beifahrersitz Platz nahm, warf er einen Blick auf die Terrasse mit dem leeren Sitzkorb. Leider war das knallrote Kleid nirgends zu sehen, was er sehr bedauerte. Während der Wagen den Parkplatz verließ, starrte er durch die Frontscheibe, in der Nishas imaginäres Gesicht vor ihm schwebte.
21.
Nachdem sie in dem Hotel außerhalb der universitären Sicherungszone, dessen graue Fassade so gar nicht zum Namen passen wollte, eingecheckt hatten, gab Daniel Vermont die Aufgabe, sich um das Fahrzeug zu kümmern, das Marc Jacobs bei seiner Abreise abgeholt hatte. Dann zog er sich sofort in sein Zimmer zurück.
So viel Beschäftigung hatte er seit Monaten nicht mehr während des Tages gehabt. Es fühlte sich ein wenig ungewohnt an. Außerdem schmerzte sein Knie. Und es wurde eigentlich Zeit für ein Abendessen. Da Vermont keine Einladung ausgesprochen hatte, was ihm nicht unrecht war, würde er sich eine Kleinigkeit über den Zimmerservice bestellen, wenn es so etwas gab und danach früh zu Bett gehen, sich ausgiebig erholen und erst am nächsten Tag wieder in die Nähe des SecGuard begeben.
Doch vorher hatte Daniel noch ein wenig zu erledigen. Hastig loggte er sich in das Polizeinetzwerk ein und kontrollierte, ob Harry online war. Es war längst früher Abend und Daniel befürchtete, Harry wäre bereits nach Hause gefahren. Aber neben dem Namen signalisierte ein grüner Punkt, dass er noch erreichbar war.
>>Hallo Harry!<<, tippte er auf der Tastatur.
Sofort kam die Antwort.
>>Hallo Sherlock!<<
>>Können wir sprechen?<<, antwortete Daniel.
>>Ich bin alleine!<<, erklang Harrys Stimme aus dem Lautsprecher des Touchbooks. Sprechverbindung.
>>Hast Du schon etwas erreicht? Ich hatte eigentlich nicht so schnell mit Dir gerechnet!<<
Daniel erzählte Harry von dem Gespräch mit Nisha.
>>Ich sende Dir jetzt das Bild. Kannst Du herausfinden, wer diese Männer sind?<<, beendete er seinen Bericht und übermittelte das Foto, das er während des Gesprächs vom Smartphone kopiert hatte.
>>Die beiden werden ja wohl gültige Identifikationen haben, sonst kämen sie nicht auf das Universitätsgelände. Also sollten sie auch im Personenregister zu finden sein<<, antwortete Harry.
>>Ich beginne mal mit der Annahme, sie seien in Frankfurt gemeldet.<<
Daniel zuckte mit den Schultern. Er kannte die Prozedur. Die biometrischen Gesichtsfotos aller Bürger des Landes standen für Fahndungszwecke zur Verfügung. Zumindest die Fotos der Menschen, die vorschriftsmäßig bei den Behörden gemeldet waren. Bereits vor dem Staatsbankrott hatte es ein gewisses Maß an unregistrierter Zuwanderung gegeben. Nach der Staatspleite waren auch zahlreiche Bewohner des Landes aus der Erfassung gefallen, vornehmlich Menschen, die in die Armut gestürzt waren und sich mit der Erkenntnis auseinandersetzen mussten, dass sich niemand mehr vonseiten des Staates für sie interessierte.
Die Zahl, der nicht mehr gemeldeten und der illegal eingereisten Menschen im Land wurden offiziell auf etwa fünf Millionen geschätzt. Die Dunkelziffer lag erwartungsgemäß höher. Für die Politik war das keine so schlechte Situation, denn nicht erfasste Bürger tauchten auch nicht in den offiziellen Statistiken und Berichten auf. Das hatte einen positiven Einfluss auf verschiedene Messzahlen, die die Presse regelmäßig verbreitete, etwa die Arbeitslosenzahl oder den Armutsbericht. Denn hier wären die nicht Erfassten besonders unangenehm aufgefallen. In der gegebenen Situation ließen sich Zahlen aber beliebig manipulieren oder deuten.
>>Wenigstens ist einer der beiden gut getroffen! Was sind das denn für Typen? Vor allem der mit dem Hundefell auf dem Kopf. Der sieht ja aus wie ein Komondor!<<, brummte Harry.
>>Ein was?<<
>>Ein ungarischer Hirtenhund. So einen hatte mal mein Schwager. Aus einem Tierheim. Das Tier kam aus Osteuropa von einer illegalen Hundezucht.<<
>>Hast Du noch etwas anderes herausgefunden, das mir helfen kann? Die Sache ist zwar schlüssig, aber grundsätzlich auch zu offensichtlich<<, fragte Daniel. Er gähnte. Seine Augen brannten und er war gerade nicht in der Stimmung, sich Anekdoten aus Harrys Familie anzuhören. Vielleicht am nächsten Tag, wenn er wieder munter war. Und wenn sein Magen nicht knurrte.
>>Glaubst Du, da steckt etwas anderes hinter?<<
>>Ich habe nur Nisha Kumaris Aussage und dieses Foto mit zwei Typen, die nicht unbedingt in diese feine Gegend passen. Sie kann auch lügen<<, erwiderte Daniel.
Harry lachte leise.
>>Alles ist möglich. Hallo, Selim!<<
Den zweiten Satz sprach er laut aus.
>>Das war der Wachdienst. Ich sitze hier seit ein paar Minuten alleine im Büro. Die anderen sind schon alle weg!<<
>>Tut mir leid, wenn ich Dich aufhalte! Ich hoffe, Deine Frau wird mir das nicht übel nehmen!<<
Das letzte Wort ging in einem weiteren Gähnen unter.
>>Kein Problem. Ich habe mich bei ihr schon abgemeldet. Du klingst müde! Ah, was ist das?<<
>>Du hast etwas gefunden?<<
Daniel war plötzlich hellwach.
>>Ja!<< Harry verstummte sofort wieder. Es entstand eine sekundenlange Pause.
>>Hallo? Bist Du noch da?<<
Daniel wurde nervös. Seine Finger trommelten ungeduldig auf dem Tisch, auf dem das Touchbook lag.
Harrys Stimme erklang wieder aus dem Lautsprecher.
>>Ja! Wie es aussieht, gewinnt Dein kleiner Auftrag rapide an Komplexität!<<
>>Was ist denn? Sag mir, was Du gefunden hast!<<
Unnötige dramaturgische Einlage.
>>Die Bilderkennung hat einen Treffer in der Datenbank. Der Mann mit dem Hundefell auf dem Kopf heißt Peer Waitz. Er steht im Verdacht, ein Mitglied von FreePeople zu sein! Wunderbar! Der Sohn des Chefs von DesertEnergy, ein SecGuard mit hoher Sicherheitseinstufung und ein mutmaßlicher Aktivist einer kriminellen Organisation. Planst Du, die Sammlung noch zu vergrößern?<<
Daniel schloss die vor Müdigkeit brennenden Augen und stöhnte. Sein Puls war allerdings wieder ordentlich auf Touren gekommen.
>>Was um Himmelswillen ist das für eine wirre Geschichte?<<
Бесплатный фрагмент закончился.
