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DAVID R. LOY

ÖKODHARMA

BUDDHISTISCHE PERSPEKTIVEN ZUR ÖKOLOGISCHEN KRISE

Aus dem amerikanischen Englisch

von Dennis Johnson


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

www.edition-steinrich.de

Titel der englischen Originalausgabe: Ecodharma, Buddhist Teachings for the Ecological Crises

Erschienen bei: Wisdom Publications, 199 Elm Street, Somerville,

MA 02144, USA

© 2018 David R. Loy

Textgrundlage dieses eBooks ist die gedruckte Version des gleichnamigen Titels.

Alle Rechte vorbehalten

Copyright der deutschen Ausgabe: © 2021 edition steinrich, Berlin

Übersetzung: Dennis Johnson

Lektorat: Carl Polónyi

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Dagmar Schadenberg, Berlin

Gestaltung und Satz: Traudel Reiß

Druck: Westermann Druck Zwickau

Printed in Germany

ISBN Print 978-3-942085-75-5

ISBN ebook 978-3-942085-76-2

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Für Joanna Macy Bhikkhu Bodhi Guhyapati und alle anderen Ökosattvas

Es gibt eine schlechte Nachricht und eine gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht:

Die uns bekannte Zivilisation geht bald zu Ende.

Und nun die gute Nachricht:

Die uns bekannte Zivilisation geht bald zu Ende.

– Swami Beyondananda (aka Steve Bhaerman)

INHALTSVERZEICHNIS

Anmerkung des Autors

Vorwort zur deutschen Ausgabe

Einleitung: Am Rande des Abgrunds?

1Ist der Klimawandel das Problem?

2Ist die ökologische Krise auch eine buddhistische Krise?

3Was übersehen wir?

4Ist es das gleiche Problem?

5Was, wenn es zu spät ist?

6Was sollen wir tun?

Nachwort: Eine verlorene, verschwenderische Gattung?

Anhänge

1Jetzt ist die Zeit zum Handeln Eine buddhistische Erklärung zum Klimawandel

2Sechzehn Kernprinzipien des Dharma zum Thema Klimawandel

3Den Klimawandel ernst nehmen: Einfache, praktische Schritte

4Die Ökosattva-Gelübde

5Das Rocky Mountain Ecodharma Retreat Center

Danksagungen

Über den Autor

ANMERKUNG DES AUTORS

Die Leser*innen meiner anderen Bücher werden wahrscheinlich wissen, dass ich ein Freund von Zitaten bin. Eine kurz und knapp ausformulierte Einsicht ist etwas zum Genießen. Ich ermutige die Leser*innen dieses Buches dazu, sich Zeit zu nehmen, über die Zitate am Anfang jedes Kapitels zu reflektieren.

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Das Coronavirus ist eine lebendige Offenbarung, die uns unbedingt etwas darüber sagen will, wer wir sind und welchen Platz wir im Universum einnehmen. Was es uns offenbart, ist für uns von entscheidender Bedeutung. Unser Überleben hängt davon ab, dass wir seine Botschaft entgegennehmen. – Paul Levy

Seit der Veröffentlichung der englischen Originalausgabe dieses Buches im Jahr 2019 hat sich die Welt dramatisch verändert – und zwar in einer Weise, welche die grundlegende Botschaft des Buches bekräftigt.

Es betont zu Beginn, dass der Klima-Notstand, so dringend er auch ist, nur die Spitze einer viel größeren ökologischen Krise ist. Sie stellt die größte Herausforderung dar, der sich die Menschheit je gegenübersah. In der Tat ist sie so groß und umfassend, dass es schwierig ist, die Implikation zu übersehen: Unsere mittlerweile globalisierte menschliche Zivilisation zerstört sich selbst. Sie muss sich von daher grundlegend verändern.

Innerhalb weniger Monate hat Anfang 2020 eine Reihe kaskadenartiger Krisen diese Botschaft auf vielfältige Weise verstärkt. Eine tödliche Viruspandemie hat auf der ganzen Welt inkompetente Regierungen mit ihren oft unzureichenden Gesundheitssystemen bloßgestellt (in den Vereinigten Staaten haben wir zum Beispiel kein nationales Gesundheitssystem, sondern nur eine fragmentierte Gesundheitsindustrie). Quarantänen und Lockdowns haben viele wirtschaftliche Aktivitäten gelähmt und die zunehmende Kluft zwischen reichen und armen Menschen in den meisten Ländern offengelegt und weiter verschärft; die globale Rezession kann sich zudem noch in einen weltweiten wirtschaftlichen Zusammenbruch verwandeln.

Dies ist eine extrem schwierige Zeit, aber sie bietet auch Hoffnung. Trotz aller Propaganda war die »alte Normalität« (jetzt für immer verschwunden) für die meisten Menschen nie wirklich gut, und schon gar nicht war sie es für den Rest der Biosphäre. Alle oben erwähnten Probleme, einschließlich der Pandemie, haben tiefe Wurzeln; neu ist, dass wir uns ihrer zunehmend bewusst werden. In den USA haben einige schreckliche Morde von Polizisten an Schwarzen – ebenfalls eine tief verwurzelte Praxis – in jüngster Zeit zu einer weit verbreiteten Empörung geführt und vielleicht bewirkt, dass das Krebsgeschwür des institutionalisierten Rassismus nun tatsächlich in Angriff genommen wird. Die Unterbrechung der wirtschaftlichen Aktivitäten hat sich eigentlich kaum auf die Kohlenstoffemissionen oder das Tempo anderer Umweltzerstörungen ausgewirkt, aber die Reaktion auf Covid-19 hilft uns zu erkennen, dass soziale Veränderungen recht schnell geschehen können, sobald sie als notwendig erachtet werden.

Diese Beispiele verdeutlichen die Herausforderung für unser kollektives Bewusstsein. Die ökologische Bedrohung an sich ist für die Menschheit hundert- oder tausendmal gefährlicher als die Pandemie, aber werden wir rechtzeitig aufwachen, um »angemessen zu reagieren« (wie Zen-Koans uns ermutigen)?

Es ist wahrscheinlich, dass das Coronavirus den Menschen über einen Zwischenwirt wie das Schuppentier infiziert hat. Solche Ausbrüche sind nicht zufällig; sie sind vorhersehbar. Der Exekutivdirektorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen Inger Andersen zufolge sind sowohl die Covid-19-Pandemie als auch die anhaltende Klimakrise Botschaften aus der Umwelt: Die Menschheit übt zu viel Druck auf die Natur aus, mit schädlichen Folgen. Wenn wir es versäumen, uns um den Planeten zu kümmern, dann kümmern wir uns nicht um uns selbst, warnt sie. Auch wenn unsere unmittelbare Priorität darin bestehen müsse, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, »muss unsere langfristige Antwort den Verlust an Lebensraum und biologischer Vielfalt bekämpfen. Noch nie zuvor gab es so viele Gelegenheiten für Krankheitserreger, von Wild- und Haustieren auf den Menschen überzugehen. Unser Verhalten, das zu einer anhaltenden Erosion der Wildnis führt, hat uns in eine beunruhigende Nähe zu Tieren und Pflanzen gebracht, die Krankheitserreger beherbergen, welche auf den Menschen überspringen können.«

Anderson betont, dass drei Viertel aller neu auftretenden Infektionskrankheiten auf den Kontakt mit Wildtieren zurückzuführen sind. Ebola, das respiratorische Syndrom des Mittleren Ostens (MERS), das schwere akute respiratorische Syndrom (SARS), das West-Nil-Virus und das Zika-Virus sind neben vielen anderen von Tieren auf Menschen übergesprungen. Die Weltgemeinschaft hatte einigermaßen Glück, ihre Ausbreitung eindämmen zu können, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas wie die Covid-19-Pandemie kommen würde – angesichts der fortgesetzten Erosion natürlicher Lebensräume, auf die sich Anderson bezieht. Nichtsdestotrotz ist das Grundproblem viel größer als solche Störungen, wie Vandana Shiva hervorhebt:

Neue Krankheiten entstehen, weil ein globalisiertes, industrialisiertes, ineffizientes Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsmodell in den ökologischen Lebensraum anderer Arten eindringt und Tiere und Pflanzen manipuliert, ohne ihre Integrität und Gesundheit zu respektieren … Der gesundheitliche Notstand, für den uns das Coronavirus sensibilisiert, hängt mit dem Notstand des Aussterbens und Verschwindens von Arten zusammen, und er hängt mit dem klimatischen Notstand zusammen. Alle diese Notlagen wurzeln in einer mechanistischen, militaristischen, anthropozentrischen Weltsicht des Menschen, welche uns als ein von anderen Lebewesen, die wir besitzen, manipulieren und kontrollieren können, getrenntes und ihnen überlegenes Wesen begreift. Sie wurzelt auch in einem Wirtschaftsmodell, das auf der Illusion grenzenlosen Wachstums und grenzenloser Gier beruht und systematisch die Grenzen des Planeten sowie die Integrität von Ökosystemen und Arten verletzt.

Die Covid-19-Pandemie offenbart das Offensichtliche: Wir sind eins – ob es uns gefällt oder nicht. Das offenbart auch der Klima-Notstand und die größere ökologische Krise, aber offensichtlich nicht so dramatisch, dass wir der Lektion Beachtung schenken. Wenn die USA fossile Brennstoffe verheizen, sind die Kohlenstoffemissionen nicht durch nationale Grenzen zu beschränken. Wenn Japan Atommüll im Ozean entsorgt, bleiben diese Giftstoffe nicht in den japanischen Hoheitsgewässern. Dadurch wird ein Grundproblem unserer Ansammlung von mehr als zweihundert kleinen Göttern (Nationalstaaten) deutlich, von denen jeder für nichts Größeres als sich selbst verantwortlich ist, obwohl er direkt an seine Nachbarn angrenzt. Die ökologische Krise, die – wie die Pandemie – die heute vorherrschende sektiererische Agenda in Frage stellt, offenbart, dass unsere Schicksale untrennbar miteinander verbunden sind.

Aber Covid-19 erinnert uns auf eine weitere, noch grundlegendere Weise daran, dass wir alle eins sind: weil unsere Körper organisch eins sind mit der Erde. Um die Illusion des menschlichen Getrenntseins auszuräumen, versuchen Sie einfach mal, für einige Minuten nicht zu atmen oder für einige Tage kein Wasser zu trinken, und nehmen Sie wahr, was passiert. Jeder von uns ist Teil eines großen ganzheitlichen Systems, das durch uns zirkuliert. Darüber hinaus sagt uns die biologische Forschung, dass es in unserem Körper viel mehr Mikroben – Bakterien und Viren – gibt als eigene Zellen und dass die meisten von ihnen für unsere Gesundheit nicht nur nützlich, sondern essenziell sind.

Es ist an der Zeit, dass wir uns der größeren Auswirkungen bewusst werden. Der letztendliche Ursprung der Pandemie ist derselbe wie das, was dieses Buch als den letztendlichen Ursprung der ökologischen Krise identifiziert: unsere individuelle und kollektive Wahrnehmung des Getrenntseins von der Erde. Wenn wir nicht Wege finden, diese Täuschung und ihre gefährliche Konsequenz – unser Wohlergehen als vom Wohlergehen des Planeten getrennt zu sehen – anzugehen, sollten wir keine Zukunft erwarten, die uns glücklich macht.

Wir sind gewarnt worden …

Juli 2020 Boulder, Colorado

EINLEITUNG
AM RANDE DES ABGRUNDS?

Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die Menschheit heute vor ihrer größten Herausforderung überhaupt steht: Neben aufkeimenden sozialen Krisen bedroht eine selbstverschuldete ökologische Katastrophe die Menschheit, wie wir sie kennen, und (nach Ansicht einiger Wissenschaftler*innen) vielleicht sogar das Überleben unserer Gattung. Ich zögere, dies als Apokalypse zu bezeichnen, weil dieser Begriff heute mit dem christlichen Millenarismus assoziiert wird, also der Hoffnung, dass nach dem Untergang eine lange währende paradiesische Zeit bevorstehe. Aber die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs ist sicherlich zutreffend: eine Apokalypse ist buchstäblich »eine Enthüllung«, die Offenbarung von etwas Verborgenem – in diesem Fall das Aufdecken der ominösen Folgen dessen, was wir der Erde und uns selbst angetan haben.

Traditionelle buddhistische Lehren helfen uns, als Einzelpersonen zu erwachen und unsere gegenseitige Abhängigkeit zu erkennen. Jetzt müssen wir auch prüfen, wie der Buddhismus uns dabei helfen kann, als Menschheit zu erwachen und auf diese Zwangslage einzugehen. Und welche Implikationen hat diese ökologische Krise für das heutige Verstehen und Praktizieren des Buddhismus? Das sind die Themen, die in diesem Buch erforscht werden.

Das erste Kapitel »Ist der Klimawandel das Problem?« bietet einen Überblick über unsere derzeitige Situation. Auch wenn die überwältigende Dringlichkeit des eskalierenden Klimawandels unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und ernsthafte Anstrengung erfordert, müssen wir erkennen, dass das nicht das grundlegende Thema ist, mit dem wir heute konfrontiert sind. Denn die »globale Erwärmung« ist nur Teil einer viel umfassenderen ökologischen und sozialen Krise, die uns zwingt, über die Werte und die Ausrichtung unserer mittlerweile globalen Zivilisation nachzudenken. Das muss betont werden, da viele Menschen davon ausgehen, dass unsere Wirtschaft und Gesellschaft auch weiterhin in der gleichen Weise werden funktionieren können, wenn wir nur schnell genug auf erneuerbare Energiequellen umstellen. Wir müssen erkennen, dass der Klimawandel nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs ist, das dringendste Symptom eines Dilemmas, das tiefere Folgen hat.

Das Kapitel untersucht diese Folgen, indem es sich den aktuellen Geschehnissen widmet: den Ozeanen, der Landwirtschaft, den Grundwasserspeichern, den schwer abbaubaren organischen Schadstoffen, den nuklearen Unfällen, dem radioaktiven Abfall, der Weltbevölkerung und – aus buddhistischer Sicht besonders besorgniserregend – der Tatsache, dass wir uns bereits tief im sechsten großen Artensterben des Planeten befinden, in dem ein Großteil der Pflanzen- und Tierarten der Erde sehr schnell verschwindet. Und das ist lediglich eine Momentaufnahme. Diese Veränderungen treten so schnell ein, dass vieles von dem, was ich hier schreibe, wahrscheinlich schon überholt ist, wenn dieses Buch veröffentlicht wird. Sie können dieser Litanei Ihr eigenes »Lieblingsproblem« hinzufügen (wie wäre es mit dem Verschwinden der Bienenvölker?), aber es muss auch eine andere Dimension betont werden: die »Schnittmenge« dieser Umweltfragen mit Anliegen im Bereich der sozialen Gerechtigkeit, wie Rassismus, Ethnizität, Geschlecht, Neokolonialismus und Klasse. In jüngster Zeit ist es klarer geworden, dass die oben genannten ökologischen Probleme und die ungerechten und hierarchischen Strukturen vieler menschlicher Gesellschaften keine getrennten Themenbereiche sind. Die Widerstandsbewegung von Standing Rock 2016 in North Dakota, welche die »Wasserbeschützenden« der amerikanischen Ureinwohner mit nicht-indigenen Gruppen wie Kriegsveteranen zusammenbrachte, war ein Wendepunkt in der Konsolidierung dieser Bewegungen. In den letzten Jahren hat auch der Buddhismus in den USA begonnen, sich mit solchen Anliegen zu befassen, unter anderem mit dem Mangel an Vielfalt innerhalb unserer eigenen Gemeinschaften, den Sanghas. Das wird von einer wachsenden Anzahl Lehrender of Colour initiiert, die die relevanten sozialen Fragen viel besser diskutieren, als ich es in diesem Buch jemals tun könnte – darunter Mushim Ikeda, Zenju Earthlyn Manuel, Rod Owens und angel Kyodo williams.

Viele buddhistische Lehren könnten als Antwort auf die ökologischen Herausforderungen angeführt werden, aber dieses erste Kapitel konzentriert sich zunächst auf ein Thema, das auch in den späteren immer wieder auftauchen wird: das Problem von Mittel und Zweck. Die seltsame Ironie besteht darin, dass wir so besessen davon sind, unseren eigentlichen Schatz – eine gedeihende Biosphäre mit gesunden Wäldern und Böden, Seen und Ozeanen voller Wasserlebewesen, einer unverschmutzten Atmosphäre – auszubeuten und zu missbrauchen, nur um etwas zu maximieren, das an sich keinerlei Wert hat, nämlich digitale Ziffern auf Bankkonten. Da alle Volkswirtschaften der Welt hundertprozentige Tochtergesellschaften der Biosphäre der Erde sind, zerstört unsere Beschäftigung mit dem ständigen Anstieg von Produktion und Verbrauch nun die Ökosysteme unseres Planeten.

Ein weiterer wichtiger Faktor sollte nicht übersehen werden: Wir missbrauchen die Erde in dieser Art und Weise, weil unsere vorherrschende Weltanschauung der Natur gegenüber diesen Missbrauch mit Vernunft begründet. Unser kollektives (Un-)Verständnis dessen, was die Welt ist und wer wir sind, fördert dieses Besessensein von wirtschaftlichem Wachstum und Konsum. Es ist kein Zufall, dass die ökologische Krise hier und jetzt entstanden ist. Die meisten in diesem Kapitel diskutierten Probleme stehen nämlich in Zusammenhang mit einer fragwürdigen mechanistischen Weltanschauung, welche die Ausbeutung der natürlichen Welt ohne Vorbehalte legitimiert, weil sie weder der Natur noch dem Menschen einen ihnen innewohnenden Wert zuschreibt – da sie auch uns Menschen lediglich als komplexe Maschinen betrachtet. Das impliziert, dass die ökologische Krise mehr als ein technologisches, ökonomisches oder politisches Problem ist. Sie ist auch eine kollektive spirituelle Krise und ein möglicher Wendepunkt in unserer Geschichte.

Das bringt uns zum Thema von Kapitel 2: »Ist die ökologische Krise auch eine buddhistische Krise?« Die derzeitigen ökologischen und sozialen Herausforderungen übersteigen das persönliche Leiden, mit dem sich der Buddhismus herkömmlicherweise befasst hat, bei weitem. Daher ist es nicht überraschend, dass sich buddhistische Praktizierende und Institutionen dieser Themen nur langsam annehmen. Positiv ist aber anzumerken, dass der Buddhismus eindeutig das Potenzial hat, sich in diesem Bereich zu engagieren. Von Anfang an haben seine grundlegenden Lehren die Vergänglichkeit und Substanzlosigkeit aller Daseinsformen – einschließlich seiner selbst – betont. Der Buddhismus besteht allerdings nicht nur aus dem, was der Buddha lehrte, sondern auch daraus, was mit seinen Lehren begonnen und sich in der Folge weit über seine Geburtsstätte hinaus verbreitet hat und wie er mit anderen Kulturen interagiert hat. In China entwickelte sich beispielsweise der Chan-/Zen-Buddhismus 33 durch die gegenseitige Befruchtung von Mahayana-Buddhismus und dem einheimischen Daoismus. Heute aber stehen die buddhistischen Traditionen aus Asien vor der größten Herausforderung aller Zeiten, da sie in eine globalisierte, säkulare, hypertechnologisierte, postmoderne Welt hineinwirken, die sich möglicherweise gerade selbst zerstört.

Kritisch anzumerken ist, dass einige der traditionellen buddhistischen Lehren uns entmutigen, uns sozial und ökologisch zu engagieren. Wenn das spirituelle Ziel eine persönliche Befreiung ist, die darin besteht, nicht in dieser Welt von Leiden, Begehren und Verblendung wiedergeboren zu werden, warum sollten wir dann so besorgt sein über das, was hier geschieht? Im Gegensatz zu einer solchen jenseitigen Ausrichtung bezweifeln viele zeitgenössische Buddhist*innen jedoch die Existenz einer transzendenten Realität und misstrauen Karma in der Form eines moralischen Gesetzes von Ursache und Wirkung als Teil der Funktionsweise des Universums. Sie haben eine eher psychologische Auffassung des buddhistischen Weges, sehen ihn als eine Art Therapie, die neue Perspektiven auf psychischen Stress und neue Praktiken zur Förderung des Wohlbefindens in dieser Welt zu bieten hat. Obwohl der jenseitige Buddhismus (der darauf abzielt, dieser Welt zu entfliehen) und der diesseitige Buddhismus (der uns hilft, uns besser an sie anzupassen) wie gegensätzliche Pole erscheinen, teilen beide für gewöhnlich eine grundlegende Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen dieser Welt. Keiner von beiden ist sonderlich darum bemüht, dazu beizutragen, dass sie ein besserer Ort wird.

Es gibt auch ein alternatives Verständnis der wesentlichen Lehren des Buddhismus. Anstatt zu versuchen, diese Welt zu transzendieren oder uns besser an sie anzupassen, können wir erwachen und die Welt, einschließlich uns selbst, auf eine andere Art und Weise erfahren. Das beinhaltet die Dekonstruktion und Rekonstruktion unseres Selbstempfindens, unseres Selbstsinns oder (genauer gesagt) der Beziehung zwischen uns selbst und unserer Welt. Meditation dekonstruiert das Selbst, weil wir die gewohnten Gedanken-, Gefühls- und Handlungsmuster, aus denen es sich zusammensetzt, »loslassen«. Gleichzeitig wird unser Selbstsinn im täglichen Leben neu konstruiert, indem sich die wichtigsten Gewohnheitsmuster verwandeln: unsere Absichten, die nicht nur unsere Beziehung zu anderen Menschen beeinflussen, sondern auch die Art und Weise, wie wir sie und die Welt im Allgemeinen wahrnehmen. Kapitel 2 erforscht diese alternative Perspektive, indem es einen rätselhaften Ausspruch von Chögyam Trungpa untersucht: »Erleuchtung ist, wie aus einem Flugzeug zu fallen. Die schlechte Nachricht ist, dass es keinen Fallschirm gibt. Die gute Nachricht ist, dass es keinen Boden gibt.«

Wenn wir anfangen, aufzuwachen und zu erkennen, dass wir weder voneinander noch von dieser wundersamen Erde getrennt sind, begreifen wir, dass unser Zusammenleben und unsere Beziehung zur Erde ebenfalls rekonstruiert werden müssen. Das bedeutet nicht nur soziales Engagement als Einzelpersonen, die anderen Einzelpersonen helfen, sondern auch Wege zu finden, die problematischen wirtschaftlichen und politischen Strukturen zu thematisieren, welche die ökologische Krise und die Fragen der sozialen Gerechtigkeit hervorgebracht haben, mit denen wir heute konfrontiert sind. Letztlich sind die Wege der persönlichen und der sozialen Transformation nicht wirklich voneinander getrennt. Engagement in der Welt ist die Art und Weise, wie unser individuelles Erwachen erblüht und wie kontemplative Praktiken, zum Beispiel Meditation, unseren Aktivismus begründen und in einen spirituellen Weg verwandeln.

Die buddhistische Antwort auf unser ökologisches Dilemma ist ÖkoDharma, ein neuer Begriff für eine Weiterentwicklung der buddhistischen Tradition. Er verbindet ökologische Anliegen (Öko) mit den Lehren des Buddhismus und verwandter spiritueller Traditionen (Dharma). Was das tatsächlich bedeutet und welchen Unterschied das in unserem Leben und unserer Praxis macht, entfaltet sich zurzeit noch. Dieses Buch betont drei für mich herausragende Komponenten oder Aspekte: das Praktizieren in der Natur, das Erkunden der ökologischen Auswirkungen der buddhistischen Lehren und das Verkörpern dieses Verständnisses im heute notwendigen Ökoaktivismus.

Die Bedeutung von Meditation in der Natur wird oft unterschätzt, weil ihre Auswirkungen übersehen werden. Kapitel 3, »Was übersehen wir?«, widmet sich also der Frage, warum die spirituellen Transformationsprozesse von religiösen Gründerfiguren so häufig abseits der menschlichen Gesellschaft und in der Wildnis geschehen. Jesus ging nach seiner Taufe allein in die Wüste und fastete vierzig Tage und Nächte. Mohammeds Offenbarungen und der Besuch des Erzengels Gabriel geschahen zurückgezogen in einer Höhle. Das vielleicht beste Beispiel ist jedoch Gautama Buddha selbst. Nachdem er sein Zuhause verlassen hatte, lebte er im Wald, meditierte in der Natur und erwachte unter einem Baum neben einem Fluss. Als Mara seine Erleuchtung in Frage stellte, sagte der Buddha nichts, sondern berührte einfach die Erde als Zeugin seiner Verwirklichung. Danach lebte und lehrte er meist in der Natur – und er starb auch im Freien, unter Bäumen.

Heute hingegen meditieren die meisten von uns in Gebäuden mit geschlossenen Fenstern, die uns vor Insekten, der heißen Sonne und kühlen Winden schützen. Das hat natürlich viele Vorteile, aber geht dabei nicht auch etwas Wichtiges verloren? Wenn wir langsamer werden, uns entschleunigen und unsere ursprüngliche Verbundenheit mit der Natur wiederentdecken, dann wird deutlich, dass die Welt nicht eine Ansammlung getrennter Dinge ist, sondern ein Zusammenfluss von natürlichen Prozessen, die uns einschließen. Wir betrachten die Natur oft zweckorientiert, doch die natürliche Welt ist eine verflochtene Gemeinschaft von Lebewesen, die uns zu einer anderen Art von Beziehung einlädt.

Die Folge ist, dass ein Rückzug in die Natur, vor allem allein, unsere Wahrnehmungsgewohnheiten unterbricht und uns für Alternativen öffnen kann. Die Welt, wie wir sie normalerweise erleben, ist ein psychologisches und soziales Konstrukt, strukturiert durch die Art und Weise, wie wir mittels Sprache Objekte erfassen. Namen sind nicht nur Etiketten; sie bestimmen die Dinge entsprechend ihrer Funktion, sodass wir unsere Umgebung normalerweise als eine Ansammlung von Gebrauchsgegenständen wahrnehmen, die wir zum Erreichen unserer Ziele (zum Beispiel der Befriedigung von Bedürfnissen) verwenden. Dabei übersehen wir jedoch ständig etwas Wichtiges, wie William Blake bereits wusste:

Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, erschiene dem Menschen alles, wie es ist: unendlich. Denn der Mensch hat sich verschlossen, sodass er alle Dinge durch enge Spalten seiner Höhle sieht.

Das Festhalten an Konzepten, Funktionen und Begierden ist die Art und Weise, wie wir uns verschließen. Gerade in Städten ist fast alles, was wir wahrnehmen, ein Gebrauchsgegenstand – einschließlich der meisten Menschen, die wir entsprechend ihrer Funktion zweckorientiert behandeln: den Busfahrer, die Verkäuferin und so weiter. Mit anderen Worten: Wir beziehen uns auf fast alles und jeden als Mittel, um etwas zu erhalten oder zu erreichen. Umgeben von so vielen anderen Menschen, die das Gleiche tun, ist es schwierig, diese Art der Beziehung zur Welt loszulassen und die Welt auf eine frische Weise zu erleben.

Das hat sowohl kollektive als auch institutionelle Auswirkungen. Technologien erweitern unsere menschlichen Fähigkeiten, einschließlich unserer Fähigkeit, die natürliche Welt zu instrumentalisieren. Wie der Philosoph Michael Zimmerman schreibt: »Derselbe Dualismus, der die Dinge zu Objekten des Bewusstseins reduziert, ist auch in der Art von Humanismus am Werk, der die Natur zum Rohstoff für die Menschheit reduziert.« Das wirft zunehmend wichtige Fragen über den Begriff des Eigentums auf, ein soziales Konstrukt, das im Lichte unserer gegenwärtigen Situation überdacht und umgearbeitet werden sollte. Wenn eine instrumentalistische Sichtweise der natürlichen Welt im Zentrum unserer ökologischen Zwickmühle steht, dann besteht die heute vielleicht am meisten benötigte »Befreiungsbewegung« darin zu würdigen, dass der Planet und sein großartiges Gewebe des Lebens viel mehr als nur eine Ressource zum Nutzen einer Gattung ist.

Viele buddhistische Lehren haben offensichtliche ökologische Anwendungsfelder. Ein konsumorientiertes Leben ist mit dem buddhistischen Weg unvereinbar. Die fünf buddhistischen Grundregeln oder Richtlinien beginnen mit dem Versprechen, Leben nicht zu töten oder zu schädigen – und das bezieht sich nicht nur auf Menschen, sondern auf alle fühlenden Wesen. Das grundlegende Prinzip der Ökologie – die gegenseitige Abhängigkeit von lebendigen Wesen und Systemen – ist eine Teilmenge des grundlegenden Prinzips der buddhistischen Philosophie, dass nichts »selbstexistent« ist und aus sich selbst heraus existiert, weil alles von etwas anderem abhängt. Kapitel 4, »Ist es das gleiche Problem?«, konzentriert sich auf weniger Offensichtliches: die tiefgreifenden Parallelen zwischen unserer immerwährenden persönlichen Zwickmühle, wie die traditionellen buddhistischen Lehren sie sehen, und unserem heutigen ökologischen Dilemma. Ich habe bereits angemerkt, dass die ökologische Krise eine ebenso spirituelle wie technologische und wirtschaftliche Herausforderung ist; die Gemeinsamkeiten unserer individuellen und kollektiven Notlage zu offenbaren hilft, diese Behauptung zu konkretisieren.

Unser gewohntes Selbstempfinden, unser Selbstsinn, ist ein Konstrukt, hat also keine reale Entsprechung. Das macht unser Selbst von Natur aus ängstlich und unsicher: weil es nichts gibt, was gesichert werden könnte. Das Selbst erfährt diese Bodenlosigkeit meist als Mangel: das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt. Es ist ein grundlegendes Unbehagen, das oft in gewissem Sinne als »Ich bin nicht gut genug« erlebt wird. Bedauerlicherweise verstehen wir dieses Unwohlsein oft falsch. Wir versuchen, uns abzusichern, indem wir uns mit Dingen »außerhalb« von uns identifizieren, die (so glauben wir) den festen Boden bieten können, nach dem wir uns sehnen: Geld, Besitztümer, Ansehen, Macht, körperliche Attraktivität und so weiter. Da nichts davon den Selbstsinn tatsächlich verankern oder absichern kann, egal wie viel Geld (und so weiter) wir anhäufen, scheint es niemals genug zu sein.

Die buddhistische Lösung für dieses Dilemma ist nicht, das Selbst loszuwerden, denn es gibt da nichts loszuwerden. Wie oben erwähnt, muss das Empfinden eines Selbst dekonstruiert (in der Meditation: »vergessen«) und neu rekonstruiert werden (wobei Großzügigkeit, liebende Güte und die Weisheit, die unsere gegenseitige Abhängigkeit erkennt, die »drei Gifte« Gier, Böswilligkeit und Verblendung ersetzen). Auf diese Weise können wir die Illusion des Getrenntseins durchschauen. Wenn ich selbst nicht irgendetwas im Inneren bin (hinter den Augen oder zwischen den Ohren), dann ist das Äußere nicht außen.

Seltsamerweise entspricht diese buddhistische Sicht auf unser individuelles Dilemma genau unserer aktuellen ökologischen Situation. Wir haben nicht nur als Individuen eine Wahrnehmung von Selbst, sondern wir haben auch kollektive »Selbste«, und die Formel »getrenntes Selbst = dukkha oder Leiden« gilt auch für unsere umfassendste kollektive Selbstwahrnehmung: die Dualität zwischen uns als Spezies, dem Homo sapiens sapiens, und dem Rest der Biosphäre. Wie der persönliche Selbstsinn ist auch die menschliche Zivilisation ein Konstrukt, das ein kollektives Gefühl der Entfremdung von der natürlichen Welt mit sich bringt. Und das wiederum erzeugt Angst und Verwirrung in Bezug darauf, was es heißt, Mensch zu sein. Unsere vorherrschende Antwort auf diese Angst – der kollektive Versuch, uns mit wirtschaftlichem Wachstum und technologischer Entwicklung (»Fortschritt«) abzusichern – macht die Dinge sogar noch schlimmer, weil sie unsere Trennung von der Erde verstärkt. Ebenso wie es kein Selbst gibt, das wir loswerden könnten, können wir nicht »zur Natur zurückkehren«, weil wir nie von ihr getrennt waren. Aber wir können unser Nichtgetrenntsein von ihr erkennen und anfangen in einer Weise zu leben, die mit dieser Einsicht übereinstimmt.

Doch welche kollektive Transformation könnte dem vom Buddhismus stets geförderten persönlichen Erwachen entsprechen? »Der Buddha erlangte das individuelle Erwachen. Jetzt brauchen wir eine kollektive Erleuchtung, um die Zerstörung zu stoppen.« (Thich Nhat Hanh) Ist die Idee einer solchen sozialen Transformation angesichts der wirtschaftlichen und politischen Realitäten nicht nur eine Fantasie – oder geschieht sie bereits vor unseren Augen?

In seinem Buch Wir sind der Wandel: Warum die Rettung der Erde bereits voll im Gang ist – und kaum einer es bemerkt dokumentiert Paul Hawken, was vielleicht ein solches kollektives Erwachen sein könnte. Diese »Bewegung der Bewegungen« ist ein weltweites Netzwerk von sozial engagierten Organisationen, das als Reaktion auf die globalen Krisen, die uns heute bedrohen, entstanden ist. Es ist sowohl die größte – mindestens zwei Millionen Organisationen, vielleicht sogar viele mehr – als auch die am schnellsten wachsende Bewegung, die es jemals gegeben hat. Laut Hawken »ist es das erste Mal in der Geschichte, dass eine Bewegung von solchem Ausmaß und solcher Breite aus jedem Land, jeder Stadt und jeder Kultur der Welt entstanden ist, ohne Führer, ohne Regelwerk und ohne zentralen Hauptsitz. … Sie ist riesig, und ihre Themen, im weiten Sinne benannt als soziale Gerechtigkeit und Umwelt, werden keineswegs als getrennt gesehen.«

Hawken sieht diese Bewegung als »Immunantwort« der Menschheit, wie spontan entstanden, um uns und den Planeten vor den Kräften zu schützen, die unsere Welt berauben. Die Organisationen, aus denen sie besteht, sind »soziale Antikörper, die sich an die Pathologien der Macht anheften«. Als Zen-Praktizierender sieht Hawken den Buddhismus als einen wachsenden Teil dieser Bewegung: »Der institutionelle Buddhismus wird sich viel stärker in sozialen Fragen engagieren, denn ich sehe keine Zukunft, in der sich die Bedingungen nicht für uns alle verschlechtern. … Dukkha, Leiden, war schon immer der Schmelztiegel der Transformation für all jene, die praktizieren.« Im Buddhismus geht es nicht darum, Leiden zu vermeiden, sondern durch Leiden transformiert zu werden – was heißt, dass es in unserer Zukunft jede Menge Transformation geben kann.

Trotzdem versagt das Immunsystem manchmal, und »diese Bewegung könnte mit Sicherheit auch versagen«. Krankheiten wie das HI-Virus töten ihren Wirt, indem sie das Immunsystem des Körpers zerstören. Das legt weniger hoffnungsvolle Parallelen nahe, was uns zum nächsten Kapitel bringt.

Der Titel von Kapitel 5 lautet: »Was, wenn es zu spät ist?« James Lovelock, der erste Vertreter der Gaia-Hypothese, warnte 2009 davor, dass die Menschheit am Ende auf kleine Gruppen reduziert werden könnte, die in der Nähe der Pole leben. Er glaubt auch, dass Versuche, den Klimawandel zu bekämpfen, das Problem nicht lösen können, sondern uns nur etwas Zeit verschaffen. Einige Jahre später äußerten sich Fred Guterl in The Fate of the Species und Clive Hamilton in Requiem for a Species noch pessimistischer. Sie argumentieren, dass das Aussterben des Menschen eine sehr reale Gefahr darstelle, denn »indem die Menschheit andere Arten ins Aussterben treibt, ist sie eifrig dabei, den Ast abzusägen, auf dem sie selbst sitzt«, wie der Stanford-Biologe Paul Ehrlich es unverblümt formuliert. Sind solche Vorhersagen nur Fantasien, um uns zum Handeln aufzuschrecken? Nein, das sind sie sicherlich nicht – aber es ist in der Tat eine weitverbreitete Fantasie, dass die Art industrieller Wachstumswirtschaft, wie sie immer noch von den Regierungen aller (über) entwickelten Nationen gefördert wird, unbegrenzt fortgeführt werden kann, ohne die Biosphäre zu zerstören. Die unmittelbare Bedrohung für das Klima sind nicht nur die Kohlenstoffemissionen, sondern auch »Kipppunkte« wie die Freisetzung von Milliarden Tonnen Methangas, die in den gerade schmelzenden Permafrostböden eingeschlossen sind.

Einige wenige zeitgenössische Lehrende haben begonnen, sich mit diesen existenziellen Anliegen auseinanderzusetzen. Joanna Macy betont in »Arbeit, die wieder verbindet«, dass unsere Trauer über das, was mit der Erde geschieht, nicht der endgültige Zusammenbruch unserer Hoffnungen ist. Vielmehr ist diese Trauer notwendig für diejenigen, die danach streben, den Weg des spirituellen Engagements zu gehen. Ihr Buch Hoffnung durch Handeln, 2014 erschienen, integriert diese Trauer in eine transformative Spirale, die wir mit der Dankbarkeit beginnen, welche uns befähigt, unseren Schmerz für die Welt zu würdigen, was dazu führt, mit neuen Augen zu sehen und dann weiterzugehen, um uns auf das einzulassen, was sie »den großen Wandel« nennt. Wir müssen tiefer empfinden, um tiefer verwandelt zu werden.

Thich Nhat Hanhs Antwort auf die Möglichkeit unserer eigenen Auslöschung ermutigt uns, »mit unserem Atem die Ewigkeit zu berühren«. In dieser Ewigkeit gibt es weder Geburt noch Tod. Das ist eine grundlegende buddhistische Belehrung, die umso wichtiger wird, wenn wir nicht nur unsere eigene individuelle Sterblichkeit, sondern auch die unserer Gattung bedenken. Viele Religionen thematisieren die Angst vor dem Tod, indem sie verkünden, dass es eine Seele gibt, die nicht mit dem Körper vergeht. Die buddhistische Ablehnung einer Seele oder eines Selbst (anatta) macht diese Art von Unsterblichkeit unmöglich. Vielmehr ist es für Sie und für mich unmöglich zu sterben, da wir nie geboren worden sind. Wie das Diamant-Sutra besagt: Wenn unzählige Wesen zum Nirvana geführt worden sind, sind letztlich überhaupt keine Wesen zum Nirvana geführt worden.

Obwohl sich solche Lehren traditionell auf unsere individuelle Situation konzentrieren, haben sie doch wichtige Auswirkungen auf unseren kollektiven Umgang mit der ökologischen Krise. Nicht nur Sie und ich sind ungeboren. Alles ist ungeboren, einschließlich jeder Spezies, die sich jemals entwickelt hat, und aller Ökosysteme der Biosphäre. Aus dieser Perspektive geht nichts verloren, wenn Arten einschließlich unserer eigenen aussterben. Und nichts wird gewonnen, wenn unsere Art überlebt und gedeiht.

Und doch ist diese Perspektive nicht die einzige. Wir werden an die prägnante Formulierung des Herz-Sutra erinnert: Form ist nichts anderes als Leerheit, Leerheit ist nichts anderes als Form. Ja, von Seiten der shunyata (Leerheit) gibt es kein Besser oder Schlechter. Aber das negiert nicht die Tatsache, dass Leerheit Form ist. Was wir Leerheit nennen – das unbegrenzte Potenzial, das jede Form annehmen kann, je nach den gegebenen Bedingungen –, hat als dieses eindrucksvolle, unglaublich schöne Geflecht des Lebens Form angenommen, das uns einschließt und das in Ehren gehalten und geschützt werden sollte. Wie auch das Herz-Sutra sagt, gibt es »weder Alter noch Tod, noch ein Ende von Alter und Tod«. Einen spirituellen Weg gehen heißt, dieses Paradox zu leben.

Kapitel 6, »Was sollen wir tun?«, untersucht, was diese Sichtweisen eigentlich hinsichtlich unserer Reaktionen auf die ökologische Krise bedeuten. Die kurze Antwort ist, dass die buddhistischen Lehren uns nicht sagen, was wir tun sollen. Aber sie sagen eine Menge darüber, wie wir es tun sollen. Natürlich hätten wir gerne spezifischere Ratschläge, aber angesichts der sehr unterschiedlichen historischen und kulturellen Bedingungen, unter denen sich der Buddhismus entwickelt hat, ist das unrealistisch. Das durch eine ökologische Krise verursachte kollektive Dukkha ist nie thematisiert worden, weil dieses spezielle Problem bislang so nicht aufgetaucht ist.

Das bedeutet nicht, dass aus buddhistischer Sicht »alles erlaubt« wäre. Unsere Ziele, wie erhaben sie auch sein mögen, rechtfertigen nicht jedes Mittel, denn der Buddhismus hinterfragt diese Unterscheidung. Sein Hauptbeitrag zu unserem sozialen und ökologischen Engagement sind die Grundsätze für geschicktes Handeln aus der Theravada- und der Mahayana-Tradition. Auch wenn diese Grundsätze normalerweise individuell verstanden wurden, ist die in ihnen verkörperte Weisheit ohne weiteres auch auf die eher kollektiven Arten engagierter Praxis und sozialer Transformation anzuwenden, die wir heute brauchen. Am relevantesten sind hier die fünf Grundregeln des Theravada-Buddhismus (und ihre engagierte Variante als fünf Achtsamkeitsübungen bei Thich Nhat Hanh) und die vier »himmlischen Verweilzustände« (brahmaviharas). Die Mahayana-Tradition betont den Weg des Bodhisattva und die sechs »Vollkommenheiten« (Großzügigkeit, Disziplin, Geduld, Eifer, Meditation und Weisheit). Vielleicht am wichtigsten von allem: Der Mahayana-Buddhismus betont die Praxis, ohne Anhaftung an Ergebnisse zu handeln. Zusammengenommen geben uns diese Richtlinien eine Orientierung für unsere Reise auf dem Ökosattva-Pfad.

Soziales Engagement bleibt für viele Buddhist*innen eine Herausforderung, denn die traditionellen Lehren waren auf das Kultivieren der eigenen Geistesruhe ausgerichtet. Andererseits erleben diejenigen, die sich sozialem Engagement verpflichtet haben, oft Erschöpfung, Wut, Depressionen und Burnout. Weil der engagierte Bodhisattva-/Ökosattva-Pfad eine zweifache Praxis beinhaltet, eine innere (wie Meditation) und eine äußere (Aktivismus), spricht er die Bedürfnisse beider Seiten an. Die Kombination ermöglicht ein intensives Engagement mit weniger Frustration. Ein solcher Aktivismus hilft den Meditierenden auch, die Falle zu vermeiden, sich lediglich mit dem eigenen Geisteszustand und ihrem Fortschritt auf dem Weg zur Erleuchtung zu beschäftigen. Da das Grundproblem in einem unabhängigen Selbstsinn besteht, ist ein mitfühlender Einsatz für das Wohlergehen anderer, auch anderer Spezies, ein wichtiger Teil der Lösung. Die Beschäftigung mit den Problemen der Welt ist daher keine Ablenkung von unserer persönlichen spirituellen Praxis, sondern kann ein wesentlicher Teil davon werden.

Einsicht und Gleichmut, wie Öko-Bodhisattvas sie kultivieren, unterstützen das unverwechselbare Merkmal des buddhistischen Aktivismus: ohne Anhaftung an Ergebnisse zu handeln. Das kann leicht als Gleichgültigkeit missverstanden werden. Doch es ist unsere Aufgabe, unser Bestes zu geben, ohne zu wissen, was die Konsequenzen sein könnten – sogar ohne zu wissen, ob unsere Bemühungen überhaupt einen Unterschied machen werden. Wir wissen nicht, ob das, was wir tun, wichtig ist. Aber wir wissen, dass es für uns wichtig ist, es zu tun. Haben wir die ökologischen Kipppunkte schon überschritten, und die Zivilisation, wie wir sie kennen, ist dem Untergang geweiht? Wir wissen es nicht, und das ist in Ordnung. Natürlich hoffen wir, dass unsere Bemühungen Früchte tragen. Aber letztlich sind sie unser offenherziges Geschenk an die Erde.

Mir scheint, wenn heutige Buddhist*innen das nicht tun können oder wollen, dann ist Buddhismus nicht das, was die Welt jetzt braucht – dieses Buch versucht jedoch zu zeigen, wie sehr der Buddhismus uns dabei helfen kann, die größte Herausforderung, der die Menschheit je gegenübergestanden hat, zu verstehen und darauf zu reagieren. Und es untersucht auch, was das für den Buddhismus von heute bedeuten könnte.

Alles steht in Flammen.

– Der Buddha

Mit diesem globalen Notfall haben wir Neuland betreten, wo »der Normalbetrieb« nicht einfach weitergehen kann. Wir müssen die Initiative ergreifen, um eine sichere Klimazukunft für alle Menschen und alle Arten zu gewährleisten, indem wir diese Welt heilen und beschützen.

– Tenzin Gyatso, der Vierzehnte Dalai Lama

Meine Generation hat getan, was keine vorherige Generation tun konnte, weil ihr die technologische Macht fehlte, und was keine zukünftige Generation wird tun können, weil der Planet nie wieder so schön und üppig sein wird.

– Thomas Berry

Die Zerstörung von Lebensräumen, invasive Arten, Umweltverschmutzung, Überbevölkerung und Übernutzung verursacht globale Veränderungen. Wenn diese nicht reduziert werden, könnte die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten bis zum Ende des Jahrhunderts ausgestorben sein oder sich zumindest unter den »lebenden Toten« befinden, die kurz vor dem Aussterben stehen. Wir verwandeln das Gold, das wir von unseren Vorfahren geerbt haben, ohne guten Grund in Stroh, und dafür werden wir von unseren Nachkommen verachtet werden.

– E. O. Wilson

Die Vorstellung, dass die Wissenschaft uns retten wird, ist ein Hirngespinst, das es der heutigen Generation erlaubt, Ressourcen beliebig zu verbrauchen, als würden keine Generationen folgen. Es ist das Beruhigungsmittel, das es der Menschheit erlaubt, so unerschütterlich in Richtung Umweltkatastrophe zu marschieren. Es verhindert die wirkliche Lösung, die in der schwierigen, nicht technischen Arbeit der Veränderung des menschlichen Verhaltens besteht.

– Kenneth Brower

Vielleicht ist die Art und Weise, wie wir auf die Krise reagieren, Teil der Krise.

– Bayo Akomolafe

Die Wahrheit ist, dass der Konsum von umweltfreundlichen Produkten praktisch keinen Unterschied gemacht hat. Er hat lediglich die Verantwortung von den Schultern der großen Umweltverschmutzer und der Regierungen, die neue politische Strategien einführen müssten, auf die Einzelperson verlagert. Individuen als Bürger*innen – das heißt, als politische Akteure – können sehr effektiv sein, weil wir nur durch einen weitreichenden, mandatierten Politikwechsel eine Antwort von der Art bekommen, wie wir sie brauchen.

– Clive Hamilton

Welche Werte begründen unser Engagement für die Idee, dass die globale Erwärmung behoben würde, wenn wir die Kohlendioxidwerte in der Atmosphäre auf 350 Millionstel reduzieren können? Strategischer Umweltschutz bedeutet, Deals in moralischen Abgründen auszuhandeln. Der Vorteil dabei ist, dass man gelegentlich den Sieg erklären und das Wrack verlassen kann, weil Zugeständnisse an die Stelle von Werten getreten sind.

– Curtis White

Wir sind eine Star-Wars-Zivilisation. Wir haben steinzeitliche Emotionen. Wir haben mittelalterliche Institutionen, vor allem die Kirchen. Und wir haben gottgleiche Technologien. Und diese gottgleichen Technologien zerren uns auf unvorhersehbare Weise voran.

– E. O. Wilson

Mit Mutter Natur lassen sich keine Geschäfte machen.

– Mohamed Nasheed

Der Klimawandel ist das größte Marktversagen, das die Welt je gesehen hat.

– Nicholas Stern

Die ökonomischen und ökologischen Zusammenbrüche haben die gleiche Ursache: der unregulierte, freie Markt und die Vorstellung, dass Gier gut und die Natur eine Ressource zur kurzfristigen persönlichen Bereicherung ist. Das Ergebnis sind tödliche, giftige Anlagegüter und eine toxische Atmosphäre.

– George Lakoff

Die grundlegende Unreife der menschlichen Gattung zu diesem Zeitpunkt der Geschichte besteht darin, dass unsere Regierungs- und Wirtschaftssysteme es Teilmengen des Ganzen (Einzelpersonen und Unternehmen) nicht nur erlauben, auf Kosten des Ganzen zu profitieren, sondern sie sogar dazu ermutigen.

– Michael Dowd

Wenn die Natur eine Bank wäre, hätten wir sie bereits gerettet.

– Eduardo Galeano

Eine Lebenseinstellung, die ihre Erfüllung im einzig auf Reichtum gerichteten Streben sucht – kurzum Materialismus –, passt nicht in diese Welt, denn sie enthält in sich selbst kein beschränkendes Prinzip, während die Umwelt, in der sie sich befindet, streng begrenzt ist.

– E. F. Schumacher

Im Grunde besteht die Aufgabe darin, nicht nur eine Reihe von alternativen Vorschlägen für politische Inhalte zu formulieren, sondern eine alternative Weltanschauung, die es mit jener, die im Zentrum der ökologischen Krise steht, aufnehmen kann – eingebettet eher in gegenseitiger Abhängigkeit als in Hyperindividualismus, eher in Wechselseitigkeit als in Dominanz und eher in Kooperation als in Hierarchie.

– Naomi Klein

Es ist beängstigend, dass wir unsere eigene Regierung bekämpfen müssen, um die Umwelt zu retten.

– Ansel Adams

Wenn Leute etwas Ersetzbares und vom Menschen Gemachtes zerstören, werden sie Vandalen genannt; wenn sie etwas Unersetzliches und von Gott Gemachtes vergiften, werden sie Entwickler genannt.

– Joseph Wood Krutch

Irgendjemand muss mir erklären, warum dich der Wunsch nach sauberem Trinkwasser zu einer Aktivistin macht und warum der Vorschlag, Wasser durch chemische Kriegsführung zu vergiften, ein Unternehmen nicht zum Terroristen macht.

– Winona LaDuke

Wenn ein Mann aus Liebe zum Wald darin den halben Tag spazieren geht, läuft er Gefahr, als Faulenzer betrachtet zu werden. Verbringt er aber seine Tage als Spekulant, der die Wälder abholzt und die Erde kahl macht, gilt er als fleißiger und unternehmungslustiger Bürger.

– Henry David Thoreau

Frage: Wie viele Klimaskeptiker braucht es, um eine Glühbirne auszuwechseln?

Antwort: Keine. Es ist zu früh, um zu sagen, ob die Glühbirne ausgewechselt werden muss.

Antwort: Keine. Wir wissen nur, wie man den Planeten »verdreht«.

– Anonym

Da die Wurzeln unserer Schwierigkeiten so weitgehend religiös sind, muss das Heilmittel auch religiös sein, ob wir es nun so nennen oder nicht. Wir müssen unsere Natur und unsere Bestimmung neu denken und neu fühlen.

– Lynn White junior

Je tiefer ich nach den Wurzeln der globalen Umweltkrise suche, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass sie die äußere Erscheinung einer inneren Krise ist, einer – in Ermangelung eines besseren Wortes – spirituellen Krise.

– Al Gore

Der erste Schritt, um sich eine furchtbar missratene Welt neu vorzustellen, wäre, die Vernichtung derjenigen zu stoppen, die eine andere Vorstellung haben – eine Vorstellung, die außerhalb des Kapitalismus wie auch des Kommunismus liegt. Eine Vorstellung, die ein völlig anderes Verständnis davon hat, was Glück und Erfüllung ausmacht.

– Arundhati Roy

Was ist, wenn die globale Erwärmung ein großer Schwindel ist und wir umsonst eine bessere Welt erschaffen?

– Frage auf einer Konferenz zum Klimawandel

1
IST DER KLIMAWANDEL DAS PROBLEM?

Sagen wir es klar und deutlich: Der Klimawandel ist die größte Herausforderung, mit der die Menschheit jemals konfrontiert war. In der Tat sind seine Konsequenzen so schwerwiegend, dass der Begriff Klimawandel und sein netter Verwandter globale Erwärmung Beschönigungen sind für etwas, das treffender als Klimanotstand zu bezeichnen ist. Dieses Buch betrachtet die Klimakrise durch eine buddhistische Linse und reflektiert dabei die Bedeutung dieser Krise auf die Art und Weise, wie wir den Buddhismus heute verstehen und praktizieren.

Aber geht es nicht um etwas noch Größeres als den Klimanotstand?

Trotz fortdauernder Versuche seitens gewisser Interessengruppen, die Situation zu beschönigen, sind die von zahlreichen wissenschaftlichen Studien gelieferten Beweise schlüssig und werden daher hier nicht diskutiert. Die menschliche Zivilisation entwickelte sich im als Holozän bekannten Zeitalter (ungefähr die letzten 11.700 Jahre), in dem das Klima im Allgemeinen stabil und milde war. Der Ackerbau begann, zufällig oder nicht, vor etwa 11.500 Jahren, als Kulturpflanzen wie Weizen, Gerste, Erbsen und Linsen in der Levante kultiviert wurden. Das Holozän neigt sich nun seinem Ende zu, hauptsächlich aufgrund steigender Kohlendioxidwerte in den Meeren und der Atmosphäre (derzeit deutlich über 400 Teilchen pro einer Million im Vergleich zu etwa 262 Teilchen in der vorindustriellen Zeit). Dieser Anstieg ist vor allem auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen: auf das Verbrennen von fossilen Treibstoffen wie Kohle, Erdöl und Methangas. Heute leben wir im Zeitalter des Anthropozän, von anthropos, dem altgriechischen Wort für »Mensch«, abgeleitet. Und abgesehen von unerwarteten Naturkatastrophen, wie einem Meteoriteneinschlag oder dem Ausbruch von Supervulkanen, scheint die Zukunft der Biosphäre in den nächsten Jahrtausenden davon abhängig zu sein, was die Menschheit in den nächsten Jahrzehnten tut (und nicht tut) – oder sind es bloß die nächsten paar Jahre?

Anstatt zu wiederholen, was die meisten von uns ohnehin schon wissen, will ich mich hier auf zwei grundlegende Tatsachen bezüglich der Klimakrise beschränken. Erstens ist sie nicht ein Problem von außen, das uns widerfährt, sondern etwas, was wir uns selbst antun – auch wenn gewisse Menschen und gewisse Gesellschaften dafür natürlich mehr Verantwortung tragen als andere. Rund ein Sechstel der Weltbevölkerung ist so arm, dass es keinen bedeutenden Anteil an Treibhausgasen produziert. Tragischerweise sind es jene Menschen in den weniger entwickelten Ländern, hauptsächlich in Afrika und Südasien, die unter den klimatischen Veränderungen am meisten zu leiden haben, während jene in den überentwickelten Ländern in Nordamerika und Europa bisher relativ wenige Beeinträchtigungen erfahren mussten. Wir werden zu den ethischen Konsequenzen dieses Unterschieds zurückkehren, an dieser Stelle geht es mir lediglich um den Hinweis, dass der Homo sapiens sapiens die Schuld am gegenwärtigen Geschehen nicht Naturkatastrophen oder anderen Spezies zuweisen kann. Stellen Sie sich vor, wie wir reagieren würden, wenn außerirdische Raumschiffe auftauchten und begännen, Kohlendioxid in unsere Atmosphäre zu pumpen! Die Wurzeln unseres Problems sind leider nicht so einfach zu identifizieren und anzugehen. Wie Walt Kellys Pogo schon während des Vietnamkriegs gesagt hat: »Wir haben den Feind getroffen, und er ist wir.«

Zweitens möchte ich auf die Tatsache hinweisen, dass unsere gemeinschaftliche Reaktion auf die Klimakrise zwar nicht unbedeutend, aber bei weitem nicht angemessen ist. Weiterhin werden internationale Konferenzen abgehalten und konkrete Verpflichtungen eingegangen (und manchmal gebrochen), und dennoch tun wir nicht, was notwendig wäre, um den Ausstoß von Kohlendioxid ausreichend zu senken. Angesichts der außergewöhnlich bedeutsamen Folgen des Problems müssen wir uns fragen: Warum nicht?

In aller Deutlichkeit gesagt: Die überwältigende Dringlichkeit des Klimakollapses – der nicht mehr nur eine Bedrohung ist, sondern bereits eingesetzt hat – bedarf unserer ungeteilten Aufmerksamkeit und unserer aufrichtigen Anstrengungen. »Klimawandel« ist aber nicht das grundlegende Problem, mit dem wir heute konfrontiert sind. Es geht um eine umfassendere ökologische Herausforderung, die noch viel beängstigender ist.

Das zu betonen ist wichtig, da viele Menschen annehmen, dass unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft auf unbegrenzte Zeit so weiterlaufen könnten wie bisher, wenn wir nur auf erneuerbare Energiequellen umstiegen. Ein Problem dieser Denkweise ist, dass es bis zu einer Generation dauern kann, bis die erwärmende Wirkung von neuen Kohlenstoffemissionen erkannt wird, was bedeutet, dass wir viele weitere Jahre intensiver Klimaverschiebungen zu erwarten haben, mitsamt zunehmend ernsthaften sozialen und ökonomischen Konsequenzen, die nur schwer abschätzbar sind. Die Klimakrise ist nur die Spitze eines ökologischen Eisbergs, der noch tiefgreifendere Konsequenzen für die Zukunft der menschlichen Zivilisation birgt. Aus dieser breiteren Perspektive betrachtet haben wir bisher nicht viel mehr unternommen, als Liegestühle auf der Titanic umzuarrangieren – eine müde Metapher, die angesichts der steigenden Zahl von Eisbergen, die nun in der Arktis und Antarktis treiben, allerdings höchst angemessen erscheint.

Denken Sie zum Beispiel daran, was mit den Weltmeeren geschieht. Natürlich hat vieles davon mit der Zunahme von Kohlenstoffemissionen zu tun. Bisher haben die Meere über 90 Prozent der zusätzlichen Wärme absorbiert, die durch die Verbrennung fossiler Energieträger entstanden ist. Ohne diesen Kühlkörper wäre die durchschnittliche Lufttemperatur auf der Welt einigen Berechnungen zufolge bereits um atemberaubende 36 Grad Celsius gestiegen, und wir wären alle gegrillt. Die Aufnahme zunehmender Mengen von Kohlendioxid hat das Meerwasser versauert (es ist bereits saurer als jemals zuvor in den letzten 800.000 Jahren), was Weichtiere und Plankton am unteren Ende der Nahrungskette daran hindert, Schalen aus Calciumcarbonat zu bilden. Ganz offensichtlich führt die einflussreiche Kombination von Erwärmung und Übersäuerung des Wassers zum Ausbleichen der Korallenriffe (die Heimat eines Viertels aller Meerestiere). Dem Dokumentarfilm Chasing Coral aus dem Jahr 2017 zufolge hat die Welt in den letzten dreißig Jahren bereits etwa die Hälfte ihrer Korallenriffe verloren, und das Absterben der verbleibenden Korallen ist für die nächsten dreißig Jahre zu erwarten. Ereignisse in den Jahren 2016 und 2017 haben zwei Drittel des Großen Barrierriffs vor der Küste Australiens massiv beschädigt, und Meeresforscher haben wenig Hoffnung auf dessen Rettung.

Und es gibt weitere Probleme mit den Meeren. Die weltweiten Fangmengen in Meeresgewässern haben seit 1996 abgenommen, und eine Studie in der Zeitschrift Science prognostiziert, dass die Meere bis 2048 kommerziell abgefischt sein werden. Einem Bericht des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2016 zufolge wird es bis 2050 mehr Plastik als Fische in den Meeren geben. Laut einer Studie des Londoner Guardian aus dem Jahr 2017 wird weniger als die Hälfte der pro Minute verkauften eine Million Plastikflaschen wiederverwertet, und der geschätzte jährliche Verbrauch soll bis 2021 eine halbe Milliarde überschreiten. Seit den 1950er Jahren wurden etwa eine Milliarde Tonnen Plastik weggeworfen, und eine in Science veröffentlichte Untersuchung aus dem Jahr 2015 hat berechnet, dass acht Millionen Tonnen davon jährlich in den Meeren landen. Im Bericht des Weltwirtschaftsforums von 2016 schätzt man außerdem, dass sich heutzutage bereits über 165 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren befinden, vieles davon in einem riesigen Strudel von Mikroplastikteilchen im Pazifischen Ozean, bekannt als der Große Pazifische Müllteppich (ein weiterer existiert im Nordatlantik). Anders als organisches Material ist Plastik nicht biologisch abbaubar; es zerfällt lediglich in immer kleinere Teilchen, die oft von Meeresorganismen selbst in den tiefsten Gräben des Pazifischen Ozeans aufgenommen werden – und von uns. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2017 hat in 83 Prozent der weltweiten Leitungswasserproben winzige Plastikfasern entdeckt. Der höchste Anteil an Verschmutzung wurde mit 94 Prozent in den Vereinigten Staaten gemessen.

Es gibt auch ein weltweites Problem mit Eutrophierung, wenn Chemikalien wie Kunstdünger und Waschmittel in Seen und Flüsse fließen, dort die Wasserqualität verschlechtern und schließlich zu riesigen »toten Zonen« in Buchten und Mündungen führen. Algenblüten, die für Pflanzen, Tiere und Menschen giftig sein können, treten häufiger auf und können zu Fischsterben und Artenverlust führen. Eine Studie hat mehr als sechshundert solcher Küstenbereiche auf der ganzen Welt identifiziert. Eine der größten »toten Zonen« befindet sich an der Mündung des Mississippi: Sie variiert zwar in der Größe, dehnt sich aber im Allgemeinen aus. Im Sommer 2017 hatte sie nach Angaben der National Oceanic and Atmospheric Administration eine Rekordgröße von 22.730 Quadratkilometer erreicht.

Alles in allem verändert menschliche Aktivität die chemischen Eigenschaften der Ozeane radikal und rapide, mit endgültigen Konsequenzen, die schwer vorherzusagen sind, sich aber höchstwahrscheinlich weder für das Leben in den Meeren noch für uns als positiv erweisen werden.

Und es gibt viele weitere Herausforderungen.

Die Landwirtschaft ist der Lebensnerv der uns bekannten Zivilisation, doch an den meisten Orten leben Menschen nicht mehr in Familienbetrieben. Die Priorität der industriellen Landwirtschaft ist maximale Produktivität bei minimalen Kosten, was einen intensiven Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden und Herbiziden erfordert. Wie zum Beispiel Monsantos berüchtigtes Roundup-Pestizid (Glyphosat), von dem man heute annimmt, dass es für Menschen ebenso wie für Honigbienen und viele andere Arten giftig ist. Es gibt jedoch ein weiteres grundlegendes Problem, das das Grantham-Zentrum für nachhaltige Zukünfte der Sheffield-Universität als »katastrophal« bezeichnet: Ein Drittel der weltweiten Ackerfläche ist in den letzten vierzig Jahren verloren gegangen, während zugleich die Nachfrage nach Nahrungsmitteln stark angestiegen ist. »Das ständige Pflügen der Felder, kombiniert mit einem hohen Einsatz von Düngemitteln, hat die Böden auf der ganzen Welt erodieren lassen, so die Forschung, wobei die Erosion bis zu hundertmal schneller vor sich geht als die Bodenbildung.« Aufgrund dieser Verschlechterung prognostiziert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO (FAO), dass die Welt angesichts der derzeitigen landwirtschaftlichen Praktiken im Durchschnitt nur noch sechzig weitere Anbaujahre hat. Um mit der weltweiten Nachfrage nach Nahrungsmitteln Schritt zu halten, schätzt die FAO, dass jedes Jahr etwa fünfzehn Millionen Hektar neues Ackerland gebraucht werden, stattdessen aber gehen jedes Jahr etwa dreißig Millionen Hektar durch die Verschlechterung der Bodenqualität verloren. Als ob das noch nicht genug wäre, hat eine im Jahr 2014 in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie festgestellt, dass die Zunahme von Kohlendioxid in der Atmosphäre zu einem signifikanten Rückgang des Nährwerts von Pflanzen geführt hat, insbesondere von Eiweiß, Eisen und Zink.

Als Zen-Praktizierender habe ich oft das Bodhisattva-Gelübde rezitiert, »alle Lebewesen zu retten«. Und aus buddhistischer Sicht gibt es heute vielleicht kein bedeutungsvolleres Problem als die Tatsache, dass wir uns in einer Zeit befinden, die von wissenschaftlicher Seite als das sechste große Artensterben der Erde bezeichnet wird und die von einem weitreichenden Rückgang der Artenvielfalt durch das Verschwinden vieler Pflanzen- und Tierarten gekennzeichnet ist. Es gibt in der heutigen biologischen Forschung unterschiedliche Ansichten darüber, wie schnell das Aussterben derzeit voranschreitet, aber meist wird es auf das Tausend- bis Zehntausendfache der »natürlichen Rate« geschätzt – jene Geschwindigkeit, mit der Arten ohne menschlichen Einfluss aussterben. Laut einem Bericht des UN-Umweltprogramms von 2010 sind heute jede vierte Säugetierart, jede achte Vogelart, jede dritte Amphibienart und 70 Prozent aller Pflanzenarten auf der Welt gefährdet, hauptsächlich durch Abholzung, industrielle Landwirtschaft, Urbanisierung und globale Erwärmung. In einem Bericht des World Wildlife Fund aus dem Jahr 2016 heißt es, dass die Populationen wildlebender Wirbeltiere zwischen 1970 und 2012 um 58 Prozent zurückgegangen sind, wobei die Verluste bis 2020 wohl auf 67 Prozent steigen werden. Eine Studie über Naturschutzgebiete in Deutschland ergab, dass der Insektenbestand zwischen 1989 und 2017 um 75 Prozent zurückgegangen ist. Am bedrohlichsten ist die Warnung des renommierten Biologen E. O. Wilson von der Harvard-Universität, dass bis 2100 die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten auf der Erde aussterben oder so geschwächt sein könnten, dass sie bald darauf verschwinden werden.

Reicht das? Nicht ganz. Die Liste der vom Menschen verursachten Probleme ist lang; einige weitere werden im Folgenden kurz angeführt:

Lester Browns Forschungen über das Grundwasser zeigen, dass der Süßwasserschwund ein weltweites Problem mit gravierenden Folgen vor allem für Asien sowie Nord- und Südamerika ist. Laut der FAO ist die weltweite Pro-Kopf-Verfügbarkeit von Süßwasser weniger als halb so groß wie Anfang der 1960er Jahre. Sinkende Grundwasserspiegel und das Überpumpen von Grundwasserleitern drohen der Landwirtschaft in Trockengebieten wie dem Nahen Osten und dem Südwesten der USA ein Ende zu setzen.

Im letzten Jahrhundert wurden viele Tausend neue Chemikalien entwickelt und in Umlauf gebracht, aber nur sehr wenige davon wurden bezüglich ihrer Auswirkungen auf Mensch und Umwelt bewertet. Eine der diesbezüglich erforschten Kategorien sind dauerhafte organische Schadstoffe (persistent organic pollutants = POPs). Diese werden nicht natürlich abgebaut, sondern reichern sich oft biologisch an – mit toxischer Wirkung. Einige davon sind als endokrine Disruptoren bezeichnete hormonaktive Substanzen, die Entwicklungsstörungen verursachen; andere sind bekannte Karzinogene – Krebserreger – oder Verursacher anderer chronischer Krankheiten. Beinahe jede und jeder von uns trägt zumindest Spuren von POPs im eigenen Körper. Bisher konzentrierten sich die Bemühungen zur Lösung dieses Problems darauf, die Produktion und Verwendung neuer POPs einzustellen, da niemand weiß, wie die bereits in der Umwelt vorhandenen POPs entfernt werden können. Neuere Forschungen, die in der Zeitschrift Nature Ecology and Evolution veröffentlicht wurden, haben »außergewöhnliche« Mengen an POPs selbst in jenen Organismen gefunden, die an den tiefsten Stellen der Ozeane leben, dem Marianen- und dem Kermadecgraben.

Bei der katastrophalen Atomexplosion von Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion wurden 1986 enorme Mengen an Radioaktivität in die Atmosphäre freigesetzt. Einige von uns erinnern sich noch an die teilweise Kernschmelze von 1979 auf Three Mile Island in Pennsylvania – aber es gab auch schwere Unfälle in Kyshtym in der Sowjetunion 1957, in Windscale in Großbritannien 1957, in Chalk River in Kanada 1952 und in Tokaimura, Japan, 1999. Im März 2011 löste ein Erdbeben der Stärke 9 vor der Küste Japans einen Tsunami aus, der die Kernschmelze von drei Atomreaktoren in der Nähe der Küstenstadt Fukushima verursachte. Einige Jahre und viele Milliarden Dollar später ist die Situation immer noch außer Kontrolle. Die beschädigten Reaktoren erzeugen weiterhin hohe Mengen an radioaktivem Abfall (hauptsächlich kontaminiertes Wasser), und Bemühungen um eine Lösung des Problems haben noch kaum begonnen. Bis Ende 2017 konnte der Betreiber der Anlage, Tepco, noch immer nicht den genauen Ort und Zustand des geschmolzenen Brennstoffs bestimmen. Tepco erwartete, dass die Aufräumarbeiten dreißig bis vierzig Jahre dauern würden, aber Shaun Burnie, ein in Japan stationierter Atomkraftexperte von Greenpeace, sagte, dass ein solcher Stilllegungsplan »nie realistisch oder glaubwürdig« sein könne, weil die Herausforderung »beispiellos und fast unfassbar« wäre.

Zusätzlich zu solchen nuklearen Katastrophen – weitere sind mehr als wahrscheinlich – produzieren die weltweit über vierhundert aktiven Kernkraftwerke jährlich fast 13.000 Tonnen hochgefährlichen Abfall (von Joanna Macy als »vergiftetes Feuer« bezeichnet). In den Vereinigten Staaten gibt es mindestens 108 als verseucht und unbrauchbar ausgewiesene radioaktive Standorte, von denen einige Tausende Hektar umfassen. Manche der radioaktiven Materialien an diesen Standorten haben eine sehr lange Lebensdauer: Plutonium-239 hat eine Halbwertzeit von 24.000 Jahren. Und niemand weiß bis heute, wie man diesen Abfall für solche extrem langen Zeiträume sicher lagern kann.

Und dann ist da noch die Überbevölkerung – ein Thema, über das Politiker*innen nie gerne sprechen, denn es gibt keine Stimmen zu gewinnen, wenn man den Leuten sagt, dass sie weniger Kinder haben sollten. 2020 betrug die Weltbevölkerung schätzungsweise 7,8 Milliarden Menschen, also weit mehr als dreimal so viel wie am Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Das Global Footprint Network hat berechnet, dass die Erde nur etwa zwei Milliarden Menschen nachhaltig mit einem durchschnittlichen europäischen Lebensstandard versorgen könnte – und noch deutlich weniger mit einem US-amerikanischen. Das zeigt: Ökologische Belastungen lassen sich nicht von Fragen der sozialen Gerechtigkeit trennen.

Mit einer einzigen mir bekannten Ausnahme (mehr dazu weiter unten) sind alle großen Religionen der Welt pronatalistisch: Sie ermutigen die Menschen, sich zu vermehren. Das war verständlich, solange unsere Gattung insgesamt wesentlich weniger Einfluss hatte. Die Weltbevölkerung zur Zeit des Buddha betrug wahrscheinlich etwa 100 Millionen Menschen, ungefähr 1,3 Prozent der heutigen Bevölkerung, die weiterhin exponentiell wächst. Es ist schwer vorstellbar, wie ökologische Nachhaltigkeit ohne eine massive Reduzierung unserer Anzahl – beabsichtigt oder nicht – erreicht werden könnte. Es ist fast ebenso schwer vorstellbar, wie diese Reduzierung auf demokratische und gerechte Weise erreicht werden kann.

Die einzige Ausnahme zum Pronatalismus der Religionen ist der Buddhismus. Soweit ich weiß, ermutigen traditionelle buddhistische Lehren die Familien nicht dazu, viele Kinder zu bekommen. In einigen buddhistischen Gesellschaften hat die Betonung eines zölibatären Klosterlebens das Bevölkerungswachstum eher begrenzt.

Die vielleicht beste Zusammenfassung unserer Situation liefert James Gustav Speth auf den ersten Seiten seines Buches The Bridge at the Edge of the World: Capitalism, the Environment, and Crossing from Crisis to Sustainability:

Die Hälfte der tropischen und gemäßigten Wälder der Welt ist nun verschwunden. Die Abholzungsrate in den Tropen setzt sich seit Jahrzehnten mit etwa einem Hektar pro Sekunde fort. Die Hälfte der Feuchtgebiete auf dem Planeten sind verloren. Schätzungsweise 90 Prozent der großen Raubfische sind gestorben, und 75 Prozent der Meeresfischgründe sind heute überfischt oder werden bis zur maximalen Kapazität abgefischt. Fast die Hälfte der Korallen sind verschwunden oder ernsthaft bedroht. Die Arten verschwinden etwa tausendmal schneller als gewöhnlich. Der Planet hat seit dem Verschwinden der Dinosaurier vor fünfundsechzig Millionen Jahren kein derartiges Massenartensterben erlebt. Die Wüstenbildung beansprucht jedes Jahr weltweit eine Produktionskapazitätsfläche von der Größe Nebraskas. In praktisch jedem von uns können heutzutage langlebige giftige Chemikalien gefunden werden.

[Die Vereinigten Staaten] verlieren jeden Tag 6.000 Morgen an Freifläche und jedes Jahr 100.000 Morgen an Feuchtgebieten. Etwa ein Drittel der amerikanischen Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht. Die Hälfte der Seen und ein Drittel der Flüsse in den Vereinigten Staaten erfüllen noch immer nicht die Standards, die bis 1983 gesetzlich hätten erfüllt werden müssen. Und wir haben wenig getan, um unsere verschwenderischen Energiegewohnheiten oder unser enormes Bevölkerungswachstum einzudämmen. … Alles was wir tun müssen, um das Klima und die Flora und Fauna des Planeten zu zerstören und unseren Kindern und Enkeln eine ruinierte Welt zu hinterlassen, ist, weiterhin genauso wie heute zu handeln, auch ohne Bevölkerungsoder Wirtschaftswachstum. Wenn wir weiterhin Treibhausgase im derzeitigen Ausmaß erzeugen, wenn wir weiterhin Ökosysteme im derzeitigen Tempo verarmen lassen und giftige Chemikalien freisetzen, dann wird die Welt in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts nicht mehr lebensfähig sein. Doch die menschlichen Aktivitäten bleiben nicht auf dem gegenwärtigen Niveau – im Gegenteil, sie beschleunigen sich auf dramatische Weise.

Speths Buch erschien bereits 2008. Das bedeutet, dass sich die darin betonten Probleme seitdem beschleunigt haben. Unsere ökologische Situation verschlechtert sich also weiterhin auf dramatische Weise.

Es gibt noch eine weitere Dimension der Umweltkrise, die betont werden muss: die »Schnittmenge« von ökologischen Herausforderungen und Fragen der sozialen Gerechtigkeit, insbesondere Rassismus, ethnische Zugehörigkeit, Neokolonialismus, Geschlecht und Klasse. Die ökologischen Probleme und die ungerechten und hierarchischen Strukturen der meisten menschlichen Gesellschaften sind keine separaten Themen. Es ist kein Zufall, dass zum Beispiel Schwarze und andere benachteiligte Menschen in den Vereinigten Staaten viel eher in der Nähe von Mülldeponien und anderen verschmutzten Standorten leben. Die Lebensweise der 500 Millionen reichsten Menschen der Welt ist für fast die Hälfte aller globalen Kohlenstoffemissionen verantwortlich, und ein Teil dieses Reichtums wird natürlich dafür ausgegeben, sich von den Folgen der Klimakrise zu isolieren, unter denen die weniger glücklichen Menschen bereits leiden.

»Katastrophen sind ebenso undemokratisch wie der Untergang der Titanic«, hat Henry I. Miller, ein Mitglied des Hoover-Instituts an der Universität Stanford, gesagt. »Bei den Passagieren der unteren Decks war der Anteil an Verschwundenen wesentlich höher. Das gleiche Phänomen werden wir in Bezug auf die Erderwärmung sehen.« Justin Lin, ein führender Wirtschaftswissenschaftler der Weltbank, schätzt, dass 75 bis 80 Prozent der durch die Erderwärmung verursachten Schäden von den Entwicklungsländern getragen werden,

»Die Ungerechtigkeit der gesamten Situation ist enorm, wenn man betrachtet, wer dafür verantwortlich ist und wer darunter leidet«, so Rajendra Pachauri, ehemaliger Vorsitzender des Weltklimarats der UNO. Doch Michael Glantz, der am Nationalen Zentrum für Atmosphärische Forschung der USA die Klimagefahren untersucht und mehr Forschung zur Anpassung an die Erwärmung gefordert hat, zweifelt an ernsthaften Bemühungen, den ärmeren Ländern zu helfen: »Die Dritte Welt war bisher auf sich selbst gestellt. Und ich denke, sie wird auch weiterhin großenteils auf sich selbst gestellt bleiben.«

Aber es gibt ein wachsendes Bewusstsein für die Zusammenhänge zwischen der Umweltkrise und sozialer Gerechtigkeit, und das eröffnet neue Möglichkeiten. Die Standing Rock Bewegung in North Dakota im Jahr 2016 brachte die »Wasserbeschützenden« von verschiedenen Stämmen amerikanischer Ureinwohner mit nicht indigenen Gruppen wie Kriegsveteranen zusammen und war ein wichtiges Ereignis für die Verknüpfung von ökologischen und Menschenrechtsbelangen.

Natürlich sind hier noch viele weitere soziale Themen hinzuzufügen: Am offensichtlichsten ist die rasch wachsende Kluft zwischen einer kleinen, wohlhabenden globalen Elite und allen anderen. Diese Kluft wird durch sogenannte demokratische Regierungssysteme ermöglicht, die selbst unter Korruption durch einige wenige mächtige Personen und Institutionen leiden. Es sollte uns daher nicht überraschen, dass die Mehrheit der »entwickelten« Länder einen sprunghaften Anstieg des Gebrauchs von Antidepressiva und anderen legalen und illegalen Drogen zu verzeichnen hat; eine Epidemie mit oft tödlichen Folgen.

Kurz gesagt: Auch wenn man den Fokus von den Kohlenstoffemissionen hin zur Gesamtheit der ökologischen Krise verlagert, bleibt das Bild noch unvollständig und einseitig. Tatsächlich steht etwas noch Größeres auf dem Spiel. Um das deutlich zu machen, greife ich die bereits erwähnte Metapher des Eisbergs wieder auf. Wenn der Klimanotstand die Spitze des Eisbergs ist, dann liegt der Rest der ökologischen Krise, einschließlich der Problematik der sozialen Gerechtigkeit, unterhalb dieser Spitze – aber immer noch sichtbar oberhalb der Wasserlinie. Was befindet sich unter der Oberfläche? Alles bisher Besprochene kann als Symptom für ein noch grundlegenderes Problem verstanden werden: das Dilemma einer heute globalen Zivilisation, die trotz ihrer erstaunlichen technologischen Errungenschaften äußerst selbstzerstörerisch zu sein scheint.

Thomas Berry hat diesen Zustand treffend beschrieben: »Wir könnten unsere gegenwärtige menschliche Situation in einer einfachen Feststellung zusammenfassen: Im zwanzigsten Jahrhundert ist der Ruhm der Menschheit zur Verwüstung der Erde geworden, und jetzt wird die Verwüstung der Erde zum Schicksal der Menschheit.«

Üblicherweise sind wir uns nicht bewusst, dass unsere kollektive Beschäftigung mit endlosem Wirtschaftswachstum und Konsum – die entsprechend zu den wichtigsten Zielen der Moderne geworden sind, zum Sinn unserer Zivilisation – unvereinbar ist mit den endlichen Ökosystemen der Erde, von denen wir ein kleiner Teil sind …

Mittel kontra Zwecke

Um die Beziehung zwischen den sichtbaren und den unter Wasser liegenden Teilen des Eisbergs noch besser zu verstehen – wie die ökologische Krise aus etwas noch Problematischerem resultiert –, kehren wir zunächst zu den Ozeanen zurück und wenden uns einem besonders aufschlussreichen Beispiel der Überfischung zu: dem Roten Thunfisch.

Wie Sie vielleicht wissen, lieben Japaner Sashimi (rohen Fisch). Ihr Lieblingsgericht ist der Rote Thunfisch. Leider hat die Überfischung den Roten Thunfisch aber zu einer sehr gefährdeten Art werden lassen. Das Mitsubishi-Konglomerat, eines der größten Firmenimperien der Welt, hat nun eine raffinierte »Lösung« gefunden. Es hat etwa 40 Prozent des Weltmarktes aufgekauft, indem es sich auf legale wie illegale Weise so viel Roten Thunfisch wie möglich beschafft hat, obwohl dessen Population weltweit vom Aussterben bedroht ist. Dieser Bestand übersteigt zwar die gegenwärtige Nachfrage, aber der Thunfisch wird weiter importiert und bei minus 60 Grad Celsius in den Tiefkühlgeräten von Mitsubishi eingefroren, denn er wird bald astronomische Preise erzielen, wenn, wie prognostiziert, der Rote Thunfisch aufgrund der anhaltenden Überfischung demnächst aussterben sollte.

Infolge des Tsunamis und der Zerstörung des Kernkraftwerks Fukushima im Jahr 2011 versagte ironischerweise die Stromzufuhr einiger dieser Tiefkühlgeräte; tausende Tonnen von Rotem Thunfisch tauten auf und verdarben. Die eher zögerlichen japanischen Behörden wurden durch die Aufdeckung von illegaler »Ernte« und Schmuggel veranlasst, einige der Importe zu beschlagnahmen.

Von einem ökologischen Standpunkt aus betrachtet ist Mitsubishis Reaktion auf das abnehmende Angebot an Rotem Thunfisch unmoralisch, ja sogar obszön. Von einem rein wirtschaftlichen Standpunkt aus aber ist sie ganz logisch, ja sogar klug. Denn je weniger Roter Thunfisch im Meer vorhanden ist, desto wertvoller wird der Tiefkühlbestand von Mitsubishi. Und es liegt in der Natur des wirtschaftlichen Wettbewerbs, dass Unternehmen wie Mitsubishi manchmal dazu ermutigt oder »gezwungen« werden, so zu handeln. Wenn es Mitsubishi nicht tut, tut es wahrscheinlich ein anderes Unternehmen. Tatsächlich ist Mitsubishi nicht das einzige japanische Unternehmen, das Roten Thunfisch tiefkühlt, sondern lediglich das auffälligste. So spielt sich die »Tragödie der Gemeingüter« tendenziell im globalen Maßstab ab.

Dieses Beispiel veranschaulicht das grundlegende Problem in der Beziehung zwischen moderner Zivilisation und Natur: die Perversität eines jeden Wirtschaftssystems, das die Biosphäre (zu der natürlich auch die Menschheit gehört) zu einem Mittel zum Erreichen von etwas anderem abwertet. Dieses Problem ist nicht nur Teil des Kapitalismus, denn es war auch in der Sowjetunion und im vorkapitalistischen China vorhanden. Und es ist auch nicht nur der Moderne vorbehalten, denn im Laufe der Geschichte haben viele Zivilisationen (anders als einige bevölkerungsarme indigene Gesellschaften) ihre Umwelt, soweit es ihre Technologien erlaubten, ausgebeutet. Was an unserer heutigen Situation einzigartig ist, ist die Kombination von besonders leistungsfähigen Technologien, einem beispiellosen Bevölkerungswachstum und einem Wirtschaftssystem, das auf ständigem Wachstum basiert, wenn es nicht zusammenbrechen soll.

Die Natur wird dem Ziel der Rentabilität untergeordnet. Der Konzernkapitalismus war und ist erstaunlich kreativ und für viele von uns eine Quelle beachtlicher Freiheiten und Möglichkeiten. Dennoch hat er sehr problematische Züge. Profit bedeutet Geld. Weil wir jeden Tag mit Geld zu tun haben, glauben wir, es zu verstehen. Doch weil seine Verwendung so nahtlos in unseren Alltag integriert ist, sind wir uns normalerweise der Tatsache nicht bewusst, dass Geld an sich wertlos ist. Wir können weder unter den Papierscheinen in unseren Brieftaschen schlafen noch die digitalen Zahlen auf unseren Bankkonten essen. Gleichzeitig aber ist Geld das wertvollste Gut, weil es unser Tauschmittel ist. Es kann gleichzeitig wertlos und das Wertvollste sein, denn Geld ist ein gesellschaftlich konstruiertes (und rechtlich erwirktes) Symbol – und zweifellos unser wichtigstes, denn unsere heutige Zivilisation könnte ohne es nicht funktionieren. Es ist wie Wasser, ein »universelles Lösungsmittel«, das es einem Ding ermöglicht, sich in ein anderes zu verwandeln. Mit Geld können wir fast alles erwerben, was wir begehren, was eine weitere seiner Funktionen begünstigt: die Funktion als Wertaufbewahrungsmittel, weil wir es ansammeln (das heißt sparen) können.

Der Liebe zum Geld selbst (anstelle der konkreten Dinge, die man damit kaufen kann) haftet etwas Geschmackloses an, denn sie stellt eine Anhaftung an ein Symbol dar, das an sich wertlos ist. Der Anthropologe Weston LaBarre beschreibt den »Geldkomplex« als eine Psychose, die als Normalität gilt, »ein institutionalisierter Traum, den alle gleichzeitig träumen«. Da wir dazu neigen, die Befriedigung unserer Wünsche mit Glück gleichzusetzen, wird Geld psychologisch – und vielleicht unvermeidlich – zu dem, was die Möglichkeit von Glück repräsentiert. Damit wird es ein »reines« Mittel, das alle Ziele verschluckt: »abstraktes Glück« (in Schopenhauers Worten) – und so finden die, die unfähig sind, konkretes Glück zu empfinden, ihre Seligkeit darin, Geld (als »abstraktes Glück«) anzuhäufen. Geld wird zu »eingefrorenem Begehren« – nicht länger das Begehren nach etwas Bestimmtem, sondern nach einem Symbol für die Befriedigung von Begehren allgemein.

Ökologisch gesehen besteht das Problem darin, dass unsere institutionalisierte Fixierung auf Profit und Geldmacherei unsere Wertschätzung der Natur überlagert. Das bedeutet, wir sind davon besessen, den eigentlichen Schatz – eine gedeihende Biosphäre mit gesunden Wäldern und Böden, Ozeane voller Meereslebewesen und so weiter – zu plündern und zu missbrauchen, um Ziffern auf Bankkonten zu maximieren. Am Ende opfern wir alles Reale für ein an sich wertloses Symbol und tauschen das Wertvollste gegen etwas ein, das an sich keinerlei Wert hat. Und aufgrund unserer kollektiven Beschäftigung mit diesem Symbol werden viele der Dinge, die wir damit kaufen wollen, in Zukunft vielleicht nicht mehr erhältlich sein.

Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen, der letzte Fluss vergiftet ist, werden wir begreifen, dass man Geld nicht essen kann. (Sprichwort der Ureinwohner Nordamerikas)

Dies weist darauf hin, warum die gesamte ökologische Krise symptomatisch für einen noch größeren Notfall ist und die Zwangslage einer Zivilisation offenbart, deren vorrangige Besessenheit unvereinbar mit buddhistischen Werten ist. Die bösartige Logik impliziert, dass unsere kollektive Ausrichtung auf Rentabilität und endloses Wachstum – auf ständig wachsende Produktion und steigenden Konsum, was eine immer größere Ausbeutung »unserer natürlichen Ressourcen« erfordert – früher oder später unweigerlich an die Grenzen des Planeten stoßen muss. »Um einen Klimakollaps zu vermeiden, braucht es einen Rückgang des menschlichen Verbrauchs von Ressourcen; um den Kollaps unseres Wirtschaftsmodells zu vermeiden, braucht es uneingeschränkten Aufschwung. Nur eines dieser Regelwerke kann geändert werden, und es sind nicht die Naturgesetze.« (Naomi Klein) Alle Volkswirtschaften der Welt sind hundertprozentige Tochtergesellschaften der Biosphäre der Erde, aber das haben wir immer noch nicht verstanden.

Etliche buddhistische Lehren werden im Laufe dieses Buches diskutiert werden. Als Vorgeschmack möchte ich die traditionelle Betonung von wechselseitiger Abhängigkeit und Ungetrenntheit erwähnen. Sowohl individuell als auch kollektiv verfolgen wir oft unsere eigenen Vorteile auf Kosten des Wohlergehens anderer. Dabei tun wir dies auf eine Art und Weise, welche die ökologische Krise leugnet, weil wir alle zusammen drinstecken oder (besser) weil wir alle Teile voneinander sind. Ein Planet, der in über zweihundert kleine Götter (Nationen) zerstückelt ist, die nichts Größerem als sich selbst verpflichtet, aber durch die geografischen Grenzen und die Ambitionen der anderen Götter beschränkt sind, wird immer problembehaftet sein: Wenn China Kohle verbrennt, beschränkt sich die Luftverschmutzung nicht auf den chinesischen Himmel, und das radioaktive Wasser der Atomkatastrophe von Fukushima verbleibt nicht in den japanischen Küstengewässern.

Die ökologische Krise stößt uns mit der Nase auf eine grundlegende Tatsache, die wir immer wieder zu ignorieren versuchen: Ob es uns gefällt oder nicht, in der Hauptsache sind wir alle eins.

Der Verlust des Heiligen

Ich habe bereits erwähnt, dass unsere gegenwärtige Beziehung zur Natur – sie als Mittel für andere Zwecke auszubeuten – wegen unserer besonders leistungsfähigen Technologien, des explosiven Bevölkerungswachstums und der Notwendigkeit unseres Wirtschaftssystems, dauerhaft zu wachsen, einzigartig ist. Wir missbrauchen die Erde auf die Art und Weise, wie wir es tun, weil die vorherrschende Auffassung der Natur diesen Missbrauch mit Vernunft begründet. Unser Verständnis davon, was die Welt ist und wer wir sind, fördert eine Besessenheit, mit der Wirtschaftswachstum und Konsum unabhängig vom ökologischen Preis vorangetrieben werden.

Selbstverständlich müssen wir die natürlichen Ressourcen, die die Welt bietet, nutzen, um zu überleben und uns zu entfalten – das tut auch jede andere Gattung, so gut sie kann. Das Ironische dabei aber ist, dass sich die Menschheit von der Natur getrennt fühlt, obwohl wir vollkommen von ihr abhängig sind. In unserem Glauben, die besondere Gattung zu sein, haben wir die Welt zu einer Außenwelt versachlicht, »in der« wir uns zufälligerweise befinden. Bedenken wir dagegen die Perspektive der meisten indigenen Traditionen. Viele bekunden den von ihnen gejagten Tieren ihre Dankbarkeit dafür, dass sie sich fangen und essen lassen. Einer Salish-Legende zufolge kommen Lachse beispielsweise absichtlich in die Welt der Menschen, um ihren Körper als Nahrung anzubieten. »Lachse sind selbst eine stolze Rasse. Sie sind glücklich, jedes Jahr an Land zu kommen und ihr reiches Fleisch zu geben, um die Menschen zu ernähren. Aber sie müssen mit Respekt behandelt werden.« (Donna Joe: Salmon Boy) Mit dieser Gabe ist unweigerlich eine Verantwortung verbunden: nicht mehr zu nehmen als nötig. Unsere heutige Marktwirtschaft aber kennt keine solchen Beschränkungen, denn jede Vorstellung von einer gegenseitigen Beziehung mit nichtmenschlichen Wesen ist ein überholter Mythos, dem wir uns entwachsen glauben.

Es ist kein Zufall, dass sich die ökologische Krise zu dieser Zeit entwickelt hat, in einer modernen Welt, die im Hinblick auf wirtschaftliche Aktivitäten entschieden säkular ist: weltlich, areligiös, materialistisch. Viele Menschen nehmen eine solche Säkularität als selbstverständlich hin. Sie gehen davon aus, dass, wenn Aberglauben erst einmal beseitigt ist, die moderne säkulare Sicht die Welt genauso erfasst, wie sie wirklich ist. Aber Säkularität ist nicht einfach die Alltagswelt, in der wir tatsächlich leben. Sie ist ein historisch bedingtes Verständnis davon, wo und was wir sind – eine Weltanschauung, die kontrovers wird, sobald wir uns mit ihren Ursprüngen und Auswirkungen befassen.

Die säkulare Welt, in der wir heutzutage zu leben meinen, war ursprünglich die eine Hälfte einer zweiteiligen Ganzheit, und sie wird heute noch vom Verlust ihrer anderen Hälfte verfolgt. Die Moderne entwickelte sich aus einer Spaltung zwischen der Transzendenz Gottes und einer entspiritualisierten, materiellen Welt. Bis in die Neuzeit glaubte man, dass Gott die Quelle von Sinn und Nutzen sei. Und als Gott schließlich oben im Himmel verschwand, blieb es uns überlassen, so gut wie möglich mit dem zurechtzukommen, was übrigblieb: einem entheiligten, mechanistischen Universum.

Zu Beginn der Renaissance verstanden die Europäer die Erde und ihre Geschöpfe noch im Rahmen eines organischen und hierarchischen Weltbildes. Alles, einschließlich der menschlichen Gesellschaft, hatte seinen zugewiesenen Platz in einem gestaffelten Kosmos, der von Gott geschaffen und getragen wurde. »Naturphilosophie«, eine alte Bezeichnung für die Naturwissenschaften, war das Streben nach dem Verständnis des Wirkens Gottes in der natürlichen Welt. Wie offenbart die Natur Gottes Geist und Willen? Wie verkörpern ihre Wesen Gottes »Signatur«? Und vor allem, was sagt dieses Verständnis der Welt über unsere Rolle in ihr, über den Sinn unseres Lebens? Man beachte, dass diese spirituelle Perspektive Tatsachen nicht von Werten trennt. Die Suche nach dem, was ist, wurde nicht von unserem existenziellen Bedürfnis unterschieden zu bestimmen, wie wir (als Teil dessen, was ist) leben sollten. In Gottes kosmischem Plan waren sie nondual.

Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert brachen dieses mittelalterliche Weltbild und seine tragenden Institutionen zusammen. Das führte zu einer enormen Beunruhigung. Es war, als hätte man allen den Boden unter den Füßen weggezogen: der Religion (die Reformation), der Regierung (weitverbreitete Aufstände und Revolutionen), dem Krieg (Schießpulver führte zu aggressiverer Kriegsführung), der Wirtschaft (neue Wirtschaftsorganisationen wie Konzerne und die Entdeckung neuer Länder), der Wissenschaft (Zusammenbruch des Aristotelismus) und nicht zuletzt der Natur selbst (eine außergewöhnliche Anzahl von Naturkatastrophen – schlechtes Wetter, schlechte Ernten, Hungersnöte, Plagen, die zu Unruhen, Kriminalität und anderem führten).

Die alte Ordnung lag im Sterben, und niemand wusste, welche neue Ordnung sie, wenn überhaupt, ersetzen würde. Die Hauptmerkmale unserer modernen Welt – einschließlich des Nationalstaates, des Kapitalismus und der mechanistischen Wissenschaft – entwickelten und verbanden sich während des Chaos jener beiden Jahrhunderte.

Diese Krise wurde in großen Teilen auch von der protestantischen Reformation ausgelöst. Luther und Calvin beseitigten das vielschichtige Netz der Vermittlung (durch Sakramente, Priester, Ikonen, Feiertage, Mönchtum, Pilgerfahrten und so weiter) zwischen Gott und dieser Welt – ein Netzwerk, das im Ergebnis die heilige Dimension dieser Welt konstruiert hatte. Für die protestantischen Gläubigen verloren Mysterium und Wunder an Bedeutung, und so war die Tür geöffnet für die materiellen Erklärungen der Wissenschaft und die materialistischen Anliegen des Kapitalismus. In Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft beschreibt Peter Berger diese aufkommende Weltsicht als eine, in der »die Realität zwischen einer radikal transzendenten Gottheit und einer radikal ›gefallenen‹ Menschheit, die keine heiligen Qualitäten hat, polarisiert ist. Dazwischen liegt ein ganz und gar ›natürliches‹ Universum, ohne Zweifel Gottes Schöpfung, aber in sich selbst jeder Numinosität beraubt.« Das Ergebnis dieses komplexen historischen Prozesses (den ich hier natürlich sehr vereinfacht skizziere) ist, dass Religion in einem wichtigen Sinne privatisiert wurde. Gott wurde zunehmend verstanden als weit über den schmutzigen Angelegenheiten dieser korrupten Welt weilend, aber ebenso tief im Herzen jedes Menschen wohnend. Gott wurde nach oben befördert, und zwar sogar dann, als das Prinzip einer direkten und persönlichen Beziehung zu Gott legitim wurde. »Jeder Mensch ist sein eigener Priester«, erklärte Luther. Aber wo Gott so gut wie nicht mehr weilte, waren unsere politischen und wirtschaftlichen Institutionen sowie der Natur. Wie der Theologe Dan Maguire es in Ethics for a Small Planet formuliert: »Die Erfahrung des Heiligen auf einen immateriellen Gott zu projizieren bedeutet, die Heiligkeit als eine Dimension des materiellen Lebens zu unterschlagen und sie zu einem Objekt der Anbetung zu machen, das unsere Welt übersteigt und daher dem Leben fremd ist.« Und das auch jenseits der Ökosysteme der Erde liegt.

Trotzdem waren die frühen Wissenschaftler, die im Wesentlichen für diese neue Weltanschauung verantwortlich sind – Kopernikus, Galileo, Kepler, Newton – auch zutiefst religiös und verstanden diese Welt in Beziehung zu einer höheren. Sie alle glaubten noch an einen Schöpfer, wenn auch an einen, der sich immer weiter entfernte. Sie schufen ein neues Paradigma: Gott regiert das Universum nicht durch eine Hierarchie spiritueller Untergebener, sondern durch ein rationales System »verborgener Gesetze«. Wir verwenden dasselbe Wort für die von einer Legislative verabschiedeten Gesetze und für die Naturgesetze, weil die Architekten der modernen Anschauung glaubten, dass auch die Naturgesetze von Gott bestimmt sind. Während die mittelalterliche Weltanschauung den Einfluss Gottes durch Vertreter*innen (zum Beispiel Engel) mit einem unterschiedlichen Grad an Seligkeit und Macht sah, war der große Vermesser nicht mit der gefallenen Welt gleichzusetzen, über die er aus der Ferne unpersönlich regierte. Wie der Astronom Johannes Kepler schrieb: »Mein Ziel ist es zu zeigen, dass die Himmelsmaschine nicht mit einem göttlichen Organismus, sondern mit einem Uhrwerk zu vergleichen ist.« Und nachdem Gott dieses Uhrwerk aufgezogen hatte, war er nicht mehr nötig, um es am Laufen zu halten.

Da Gott die letzte Quelle alles Guten war, war dies auch der Ursprung einer immer schärferen Spaltung zwischen Tatsachen und Werten. Indem das Göttliche allmählich im Himmel verschwand, wurde die von ihm hinterlassene materielle Welt langsam aber sicher entwertet. Das hat neue spannende Möglichkeiten eröffnet. Diejenigen, die Gottes verborgene Gesetze begriffen, konnten sie dazu verwenden, die Natur für ihre eigenen Zwecke zu manipulieren. Doch es gab auch eine Kehrseite. »Der Prozess der Mechanisierung des Weltbildes entfernte jegliche Kontrolle über die Ausbeutung der Umwelt, welche ein inhärenter Teil der organischen Auffassung war, dass die Natur lebendig und empfindlich sei und auf menschliches Handeln reagiere.« (Carolyn Merchant) Der Weg, der in unsere ökologische Krise geführt hat, war damit vorgezeichnet.

Für die protestantischen Reformatoren war das säkulare Leben in dieser Welt eine Vorbereitung auf unsere letztendliche Bestimmung: die Ewigkeit mit Gott an einem besseren Ort. Die Verflüchtigung dieser heiligen Dimension – Gott als Garant für den Sinn des Lebens und die Möglichkeit der Erlösung – hat uns mit nichts anderem als der säkularen Dimension zurückgelassen. Dem modernen Bewusstsein wurde seine spirituelle Orientierung geraubt, welche die Reformation ursprünglich gefördert hatte.

Mit Darwin wurde der Übergang zu einer säkularen Ethik abgeschlossen. Darwin widerlegte das »Argument vom Entwurf«, den letzten verbliebenen Beweis für die Existenz Gottes. Da die Evolution durch natürliche Auslese keinen Gott braucht, um sie zu lenken, war keine allmächtige Instanz mehr notwendig, um die außerordentlich komplexen Organismen zu erschaffen, die das Netz des Lebens bilden, einschließlich der Menschen. Tatsächlich brauchte die neue säkulare Welt überhaupt keinen Gott mehr.

Dieser letzte, von Darwin bewirkte Schlag ließ den modernen Westen wohl oder übel in einer mechanistischen und entheiligten Welt stranden, ohne einen verbindlichen Moralkodex, um die Beziehungen zwischen den Menschen zu regeln. Das neue säkulare Universum wird von unpersönlichen physikalischen Gesetzen regiert und ist unserem Schicksal gegenüber gleichgültig. Der Tod ist nicht länger ein Tor zu einer anderen Realität, sondern lediglich das Ende dieser Realität. Als Einzelpersonen glauben wir vielleicht nicht daran oder fühlen uns persönlich nicht von den Folgen eingeschränkt, aber die Säkularisierung prägt unsere wirtschaftlichen, politischen und pädagogischen Einrichtungen durch und durch. Diese moderne Mentalität breitet sich zunehmend auch über den Westen hinaus aus und bestimmt so das soziale Umfeld, in dem Menschen auf der ganzen Welt leben und handeln müssen.

Obwohl Darwin selbst von den religiösen Implikationen seiner Arbeit beunruhigt war, wurde seine Theorie bald herangezogen, um die rationale Begründung für eine neue Sozialethik zu liefern: Auch das menschliche Leben ist ein Kampf, in dem nur die Stärksten überleben und sich entfalten. Dadurch wurden die rücksichtslosesten Formen wirtschaftlichen und politischen Wettbewerbs gerechtfertigt, wie die jüngste Geschichte zeigt.

Wenn die Menschheit zudem nur das zufällige Resultat einer genetischen Mutation ist und wir keine besondere Rolle in einem bedeutungslosen mechanistischen Kosmos zu spielen haben, was gibt es dann noch zu tun, außer unsere materiellen Möglichkeiten zu genießen, so gut wir können, solange wir können …, wenn wir können? Das wiederum führt zu einer kollektiven Beschäftigung mit ständig wachsender Produktion und steigendem Konsum im Wettbewerb mit anderen, die auf die gleichen Ressourcen und Möglichkeiten zugreifen wollen wie wir.

Dieses Verständnis davon, wer und was wir sind, ist der Teil des Eisbergs, der unter Wasser ist. Wir nehmen diese Sicht gewöhnlich als selbstverständlich hin – so ist die Welt eben –, anstatt sie als eine Sichtweise zu betrachten, die immer bedenklicher geworden ist. Viele vormoderne Zivilisationen mit unterschiedlichen Weltanschauungen haben ihre eigenen ökologischen Zusammenbrüche erlebt, die manchmal auf die Erschöpfung von natürlichen Ressourcen zurückzuführen waren (siehe Jared Diamonds Buch Kollaps für einige historische Beispiele). Heute ist jedoch klar, dass das mechanistische Verständnis einer verdinglichten Natur, zu der wir keine innige Beziehung haben und für die wir daher keine Verantwortung tragen, ein wichtiger Teil der ökologischen Krise ist. Insofern muss das Infragestellen dieser Weltanschauung auch Teil der Lösung sein.

Der Buddhismus hat seinen Ursprung in Asien und entwickelte sich in sehr unterschiedlichen kulturellen Kontexten, sodass seine Sichtweisen nicht ganz sauber in diese Geschichte passen. Die buddhistischen Lehren vertreten weder einen Schöpfergott vom Typ der abrahamitischen Tradition noch stehen ihre traditionellen Weltanschauungen in Übereinstimmung mit den atheistischen oder agnostischen Alternativen der säkularen Moderne. Die im nächsten Kapitel angebotene buddhistische Herangehensweise ist vielmehr vereinbar mit jenen alternativen Perspektiven, die den säkularen Materialismus in Frage stellen, ohne dabei zwangsläufig die Rückkehr zur Idee eines transzendenten Mechanismus zu befürworten.

Nach dem vorherrschenden säkularen Paradigma ist die biologische Evolution das Ergebnis physikalischer Prozesse, die nach unpersönlichen Gesetzen ablaufen. Es ist ein mechanistisches Modell. Aber was wäre, wenn wir, anstatt die Biologie auf die Physik zu reduzieren und den Kosmos als Maschine zu betrachten, versuchen würden, das physikalische Universum nach Maßgabe eines biologischen Modells zu verstehen – also als lebendig? Wie schon Joseph Campbell bemerkt hat: »Wenn man die Welt ändern will, muss man die Metapher ändern.«

Tatsächlich wirft ein mechanistisches Modell ein grundlegendes Problem auf. Eine Maschine setzt einen Maschinenhersteller voraus: jemanden, der sie entwirft und konstruiert. Ein maschinenartiger Kosmos war sinnvoll, solange das Universum als von Gott nach seinem eigenen Plan und seinen eigenen Absichten geschaffen verstanden wurde. In dieser Weise verstanden die Begründer der modernen Wissenschaft – Galileo, Kepler, Descartes, Newton und andere – auch die Naturgesetze. Ohne Schöpfer aber ist eine mechanische Metapher nicht wirklich sinnvoll. Welche anderen Modelle sind also möglich? Da das Universum fortwährend neue und komplexere Strukturen entwickelt, wäre es vielleicht besser als ein Organismus zu verstehen?

Diese verschiedenen Metaphern haben sehr unterschiedliche Folgen. Maschinen können in ihre Bestandteile zerlegt und gereinigt werden, und nach dem erneuten Zusammenbauen funktionieren sie besser denn je – aber versuchen Sie das nicht mit einem Tier! Das liegt daran, dass die verschiedenen Teile eines Mechanismus an sich leblos sind, während ein Organismus lebendig ist. Und die Bestandteile eines Organismus werden besser als Organe verstanden.

Dies entspricht dem Netz Indras, einer Metapher des Mahayana, bei der der Kosmos als multidimensionales Netz mit einem Juwel an jedem Knoten gesehen wird. Jedes dieser Juwelen spiegelt alle anderen wider, und jede dieser Reflexionen spiegelt alle anderen Reflexionen wider, ad infinitum. Francis Cook erklärt in Hua-Yen-Buddhism, dass das Netz Indras »ein Symbol für einen Kosmos darstellt, in dem es eine unendlich sich wiederholende Wechselbeziehung zwischen allen Mitgliedern des Kosmos gibt«. Da die Gesamtheit ein riesiger Körper aus Gliedern ist, von denen jedes alle anderen erhält und definiert, »ist der Kosmos, kurz gesagt, ein sich selbst erschaffender, sich selbst erhaltender und sich selbst definierender Organismus«. In der Sprache der Biologie ist ein solcher Kosmos selbstorganisierend.

Wenn der Kosmos ein sich selbst organisierender Organismus ist, dann ist vielleicht auch die Erde mehr als ein Ort, an dem wir uns zufällig aufhalten, und mehr als eine Quelle von Ressourcen, die wir nach Belieben ausbeuten können. Bedeutet das auch, dass unsere Gattung mehr als das Zufallsprodukt einer willkürlichen genetischen Mutation ist? Ein Organ ist eine Ansammlung von Geweben, die eine strukturelle Einheit bilden, die wiederum eine bestimmte Funktion innerhalb des größeren Organismus hat. Ist der Mensch ein Organ innerhalb des großen Organismus? Und wenn ja, was ist unsere Funktion?

Wir werden auf diese Fragen zurückkommen.

Eine spirituelle Krise

Dieses Kapitel hat erörtert, dass die Klimakrise, auch wenn sie so dringlich erscheint, nur Teil einer viel größeren Herausforderung ist. Die meisten, wenn nicht sogar alle der erwähnten Funktionsstörungen stehen im Zusammenhang mit einer fragwürdigen mechanistischen Weltsicht, die die natürliche Welt ungehindert ausbeutet, weil sie der Natur keinen Wert an sich beimisst – ebenso wenig uns Menschen, denn das vorherrschende materialistische Verständnis betrachtet auch den Menschen lediglich als eine komplexe Maschine.

Diese umfassendere Betrachtungsweise impliziert, dass wir etwas mehr haben als lediglich ein technologisches, ein wirtschaftliches, ein politisches oder ein weltanschauliches Problem. Die moderne Zivilisation ist selbstzerstörerisch, weil sie sich verirrt hat. Man kann auch sagen: Die Menschheit erlebt eine kollektive spirituelle Krise.

Die traditionellen buddhistischen Lehren beschreiben unser grundlegendes Problem in individueller Hinsicht. Mein dukkha (Leiden) ist auf mein eigenes Karma, mein Begehren und meine Unwissenheit zurückzuführen, und deshalb führt auch ein individueller Weg zu ihrer Auflösung. Die Idee einer zivilisatorischen Krise – kollektives, institutionalisiertes dukkha, das auch gemeinschaftlich angegangen werden muss – ist für den Buddhismus etwas Neues, aber angesichts unserer prekären Situation dennoch Unvermeidliches. Es ist eine spirituelle Herausforderung, vor der wir stehen, denn sie geht bis zu den Wurzeln unseres Weltverständnisses, einschließlich der Frage nach unserem Platz und unserer Rolle in dieser Welt. Ist die ökologische Krise die Art, wie die Erde uns mitteilt: »Wacht auf oder tragt die Konsequenzen«?

Wenn dem so ist, können wir nicht erwarten, dass das, was wir suchen, durch eine technologische, eine wirtschaftliche, eine politische Lösung oder eine neue wissenschaftliche Weltanschauung erreicht werden kann, weder einzeln noch gemeinsam mit allen. Wie auch immer der weitere Weg aussehen mag, er muss diese Beiträge mit Sicherheit einbeziehen. Doch es ist noch mehr erforderlich.

Und hier hat der Buddhismus etwas Wichtiges anzubieten. Doch die ökologische Krise ist auch eine Krise dessen, wie wir den Buddhismus heutzutage verstehen und praktizieren. Dieser muss seine wesentliche Botschaft klären, wenn er sein befreiendes Potenzial in unserer modernen, säkularen, gefährdeten Welt erfüllen soll.

Muss der Buddhismus selbst erwachen?

Wir alle gehen bei derselben Meisterin in die Lehre, mit der die religiösen Institutionen ursprünglich gearbeitet haben: der Wirklichkeit.

– Gary Snyder

Vielleicht ist eine große Institution in einem sehr realen Sinne das Grab ihres Gründers. … Es scheint, dass die meisten Organisationen als Körperschaften für die schmerzlose Auslöschung der Ideen ihrer Gründer gegründet werden.

– Albert Guerard

Die Erde kann dem Himmel nicht entfliehen: sie fliehe auf oder nieder, der Himmel fliesst in sie und drückt seine Kraft in sie und macht sie fruchtbar, es sei ihr lieb oder leid.

– Meister Eckhart

Ohne Schmerzen wird man nicht vollkommen menschlich.

– Rollo Mai

Wer hervorbringt, was in ihm ist, wird durch das gerettet, was er hervorbringt. Wer nicht hervorbringt, was in ihm ist, wird durch das zerstört, was er nicht hervorbringt.

– Jesus im Thomasevangelium

Wer wirklich entsagt, verschmilzt tatsächlich mit der Welt und dehnt seine Liebe aus, um die gesamte Welt zu umarmen … Du wirst fühlen, dass die ganze Welt dein Zuhause ist.

– Ramana Maharshi

Weisheit sagt: »Ich bin nichts.« Liebe sagt: »Ich bin alles.« Zwischen diesen beiden fließt mein Leben.

– Nisargadatta

Wenn du weißt, wer du bist, dann kannst du von Nutzen sein.

– Linji

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