Читать книгу: «Käpten Sturm - Die geheimnisvollen Logbücher»
DANIEL KOWALSKY ELKE BROSKA (ILLUSTRATION)

SCM ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-26993-2 (E-Book)
ISBN 978-3-417-28914-5 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
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Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Hoffnung für alle ® Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®
Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers Fontis – Brunnen Basel.
Seite 58 und 59: eigene Übertragung
Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart
Titelbild und Illustrationen: Elke Broska, Wiesbaden
Satz: Katrin Schäder, Velbert
Inhalt
Vorgeschichte: Auf der Pirateninsel
1. Das alte Schmugglerhaus
2. Eine wichtige Nachricht
3. Die geheime Tür
4. Das Haus der Diebe
5. Ein merkwürdiger Fund
6. Erwischt
7. Wo ist die Fortsetzung?
8. In der Scheune
9. Auf Messers Schneide
10. Der große Betrug
11. Die Piraten von Wargate
12. Das Geheimnis der Piraten
13. Das Vermächtnis der Schmuggler
14. In höchster Gefahr
15. Die Ostsee
16. Flucht aus Wargate
17. Wo wohnt der Schwarze Pirat?
18. DrageØya – die Dracheninsel
19. Schlüssel gesucht
20. In der Burg des Schreckens
21. Nichts wie weg
22. Ein Schiffbrüchiger
23. Die Piratenflotte
Epilog: Wo ist das nächste Logbuch?

Lenny
11 Jahre alt
Ruhiger als seine Schwester Anne
Er kann sehr schnell rennen und weit springen, aber ganz schlecht Bälle werfen.

Anne
8 Jahre alt
Lieblingsfach: Deutsch. Hassfach: Mathe
Obwohl sie oft mit ihrem Bruder Lenny streitet, hält sie immer zu ihm, wenn es drauf ankommt.

Wilbert Boynen Sturm
Kapitän der Esmeralda
21 Jahre alt
Beste Freunde: Seebär und Brummel

Safira Alminetti
11 Jahre alt
Artistin
Sie hasst es, das Schiffsdeck zu schrubben.

[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
VORGESCHICHTE:
AUF DER PIRATENINSEL
ZUR ZEIT DER SEEFAHRER UND PIRATEN
Die elfjährige Safira schaute aus dem Fenster der Hütte, in die sie eingesperrt war. Es war schon lange dunkel und gleich Mitternacht. Aber Safira konnte alles gut erkennen, denn der Mond schien durch eine dünne Schleierwolke vom Himmel herab.
Dort draußen saßen sie, etwa ein Dutzend Piraten, an ihrem Lagerfeuer. Wie jeden Abend tranken sie unglaublich viel Rum, bis sie völlig betrunken waren und beinahe umkippten.
Ein Schauder lief Safira den Rücken hinunter. Schnell wandte sie sich ab und blickte auf die staubige Strohmatratze, die in einer Ecke des kleinen Kerkers lag. Wie gerne würde sie sich jetzt einfach hinlegen und schlafen. Sie war so müde und kaputt.
Aber sie durfte nicht schlafen, noch nicht. Nein, das würden die Piraten niemals zulassen. Denn um Punkt Mitternacht war es wieder so weit: Da musste sie auf einer kleinen Bühne Kunststücke vorführen, ob sie nun wollte oder nicht.
Safira Alminetti war nämlich eine sehr begabte Zirkus-Artistin. Sie war so gelenkig, dass sie sich durch die engsten Spalten und Gänge zwängen konnte. Außerdem konnte sie wie kein anderer klettern und balancieren. Auch mehrere Saltos hintereinander waren für sie eine Kleinigkeit.
Die Piraten wussten das und verlangten von ihr, immer schwierigere und gefährlichere Kunststücke vorzuführen. Und wenn einer von ihnen nicht ganz zufrieden war, warf er faule Eier oder überreife Tomaten nach ihr, wie das bei Piraten so üblich war.
Hatte nicht erst gestern der Piratenkapitän sogar ein Messer nach ihr geworfen, nur weil sie einen Salto nicht richtig hinbekommen hatte? Glücklicherweise hatte sie dem Messer gerade noch so ausweichen können.
Safira hatte Angst. In wenigen Minuten würde der einäugige Pirat kommen und sie auf die kleine Holzbühne bringen …
Plötzlich hörte sie, wie der Riegel der Kerkertür zur Seite geschoben wurde. Der einäugige Pirat stapfte herein und brüllte: „So, du dumme Göre, jetzt bist du wieder dran. Du kommst jetzt mit mir mit!“
Er fasste sie am Arm und ging mit ihr zur Bühne. Und dann stand sie wieder vor den grölenden und fluchenden Piraten, die so eklig nach Rum stanken.
„Ich habe Kopfschmerzen!“, sagte Safira zu dem Einäugigen.
Doch der Pirat kannte kein Erbarmen. „Stell dich nicht so an! Sonst bekommst du morgen nichts zu essen. Los, führ deine Kunststücke vor! Zeig, was in dir steckt!“
Also gab Safira alles, damit die Piraten zufrieden waren. Sie ergriff ein Tau, das an einem Baum hing, und schwang mehrmals daran hin und her. Dann ließ sie es an der höchsten Stelle los und machte einen dreifachen Salto. Etwas hart, aber dennoch sicher kam sie anschließend auf dem Boden zum Stehen. Die Piraten grölten laut vor Begeisterung und gaben Safira Applaus.
Doch Safira konnte sich nicht darüber freuen, weil ihr der Kopf wehtat. Und sie wusste auch, dass der Jubel nur von kurzer Dauer war. Die Piraten wollten mehr sehen, vor allem noch gefährlichere Kunststücke.
„Ich kann nicht mehr!“, jammerte sie leise vor sich hin.
Aber es nützte nichts, denn jetzt kam der Höhepunkt des Abends: ein Seiltanz in schwindelerregender Höhe. Safira verließ die kleine Bühne und ging auf einen hohen Baum zu. Geschickt kletterte sie hinauf – bis zu der Stelle, an der ein Seil befestigt war. Von unten hörte sie, wie die Piraten sie begeistert anfeuerten:
„Safira! Safira! Safira …“
Die junge Artistin schaute auf das Seil, das in knapp vier Metern Höhe von einem Baum zum anderen gespannt war. Darunter war kein Wasserteich oder Sicherungsnetz, ja, nicht einmal Gras, sondern nur ein harter Boden, der mit Steinen übersät war.
Safira wusste: Wenn sie aus dieser Höhe auf die Steine fallen sollte, würde sie sich bestimmt einige Knochen brechen.
Doch das Verletzungsrisiko war noch nicht einmal das Schlimmste. Es gab etwas anderes, vor dem ihr noch mehr graute: Genau in der Mitte der zu überwindenden Strecke befand sich eine tiefe Grube, in der ganz viele Schlangen herumkrochen. Wie gebannt starrte Safira dorthin.
Ekel überkam sie und ihr Herz raste vor Aufregung.
Schließlich holte sie tief Luft. Sie musste sich konzentrieren, sonst war alles aus. Sie musste über dieses Seil balancieren. Und dabei durfte sie auf keinen Fall nach unten schauen.
Normalerweise wäre es für sie gar kein Problem gewesen, über so ein Seil zu spazieren. Doch heute – heute war alles anders. Ihr war schon ein wenig schwindelig. Bestimmt würde sie das Gleichgewicht nicht halten können und geradewegs in die Schlangengrube stürzen …
Nein! Das durfte nicht sein. Safira sprach sich selber Mut zu: „Du schaffst das, Safira!“
Zitternd nahm sie die Balancierstange in die Hand, die sie bei ihren vorigen Auftritten in der Baumkrone zurückgelassen hatte, und trat barfuß aufs Seil. Der Mond erleuchtete alles mit hellem Schein.
„Safira, Safira, Safira!“, brüllten die Piraten.
Schritt für Schritt bewegte sich die junge Artistin über das stark schwankende Seil, unter sich den Steinboden. Anstatt hinunterzuschauen, blickte sie auf das Ziel am anderen Ende. So konnte sie mühsam das Gleichgewicht halten.
Doch mit einem Mal wurde sie unsicher. Wie weit war sie schon gekommen? War die Schlangengrube etwa genau unter ihr?
Obwohl Safira dagegen ankämpfte, konnte sie nicht anders, als nach unten zu schauen. Dabei fiel ihr Blick direkt in die Grube, in der es vor Schlangen nur so wimmelte …
Entsetzen packte sie. Das Blut schoss ihr in den Kopf und ihr wurde schwarz vor Augen. Sie begann zu schwanken und ließ die Balancierstange fallen.
Jetzt stand sie ohne irgendein Hilfsmittel auf dem Seil und versuchte mit rudernden Armen, das Unglück noch abzuwenden.
Doch es gelang ihr nicht. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte hinab …
In diesem Moment bewegte sich ein Busch, der direkt neben der Schlangengrube stand. Blitzschnell kam ein junger Mann zum Vorschein, der nun mit ausgestreckten Armen über die Schlangengrube hinwegsprang.
Genau zur richtigen Zeit! Denn Safira plumpste ihm direkt in die Arme.
Ehe sie sich versah, war sie auf der anderen Seite gelandet. Zwar hatte der junge Mann so viel Schwung, dass er mit Safira in seinen Armen zu Boden fiel. Aber da an dieser Stelle hohes Gras wuchs, verletzte sich keiner von beiden.
Erleichtert lagen sie nebeneinander im Gras.
Sekunden später stand der junge Mann auf, reichte Safira die Hand und zog sie hoch.
„Wer bist du?“, fragte Safira und schaute ihren Retter bewundernd an.
Der hob seinen Hut auf, der ihm bei dem Sprung vom Kopf gefallen war, drückte ihn gegen die Brust und verbeugte sich. „Käpten Boynen Wilbert Sturm – zu deinen Diensten!“
Danach setzte er seine Kopfbedeckung – einen typischen Seefahrerhut mit einer Fasanenfeder als Schmuck – wieder auf und grinste breit.
Die Piraten, die Safiras spektakuläre Rettung mit angehaltenem Atem verfolgt hatten, waren stumm vor Staunen. Alle starrten auf den gut aussehenden Fremden, der blonde Haare hatte und eine schneidige Kapitänsuniform trug.
Wer war dieser Kerl, der Safira so wagemutig vor dem Sturz in die Schlangengrube bewahrt hatte? Wo kam er so plötzlich her? Und vor allem: Was hatte er überhaupt auf ihrer Pirateninsel zu suchen?
Entschlossen stand der Piratenkapitän auf und marschierte auf Safira und den Blonden zu. „Wer bist du und was machst du hier?“, fragte er barsch.
Mit leuchtenden Augen, die vor Abenteuerlust nur so sprühten, schaute Safiras Retter ihn an. „Sagte ich bereits! Mein Name ist Boynen Wilbert Sturm. Und ich bin hier, um euch Piratenpack mal so richtig kräftig in die Suppe zu spucken.“
Da fing der Pirat schallend an zu lachen und drehte sich zu seinen Leuten um. „Habt ihr das gehört? Der Kerl will uns drohen! Leute, das wird ein Spaß!“, verkündete er mit seiner rauchig-krächzenden Stimme.
Er wandte sich wieder zu dem Blonden um.
Doch der hatte schon seinen Degen gezückt und hielt ihn dem Piraten nun direkt an den Hals.
Dann machte er mit der Waffe eine blitzschnelle Bewegung nach unten. Dabei durchschnitt er dem Piraten den Gürtel seiner Hose, sodass diese hinunterrutschte und der Pirat nur noch in seinen Unterhosen dastand.
Gleich darauf wanderte die Klinge wieder an den Hals des Piraten. „Stimmt! Macht mir echt einen Riesenspaß, das Ganze“, erklärte der junge Mann ganz gelassen. „Und wenn du jetzt schön brav und artig bleibst, dann lasse ich dich am Leben!“
Besorgt betrachtete Safira den Piraten, dessen Augen vor Zorn glühten. Was würde jetzt geschehen?
Dann schaute sie wieder auf ihren Retter. Der ließ sich von dem bösen Blick des Piraten nicht einschüchtern. Im Gegenteil – er schien sich seiner Sache sicher zu sein, denn er legte die Finger seiner linken Hand in den Mund und pfiff laut.
Als ob sie auf dieses Signal nur gewartet hätten, traten plötzlich zehn bewaffnete Seeleute aus dem Dickicht hervor. Sie richteten ihre Gewehre auf die völlig verdutzten Piraten.
„Die Hände hoch und hinter den Kopf! Bleibt sitzen und macht keine Dummheiten!“, rief ihnen ein kräftig gebauter Matrose im Befehlston zu. Er hatte einen Vollbart und trug eine lustige blaue Kappe mit gelben Tupfern.
Alle gehorchten – das heißt fast alle, denn zwei Piraten sprangen auf und griffen nach ihren Waffen. Einer von ihnen war der Einäugige, der Safira so schlecht behandelt hatte.
Doch der bärtige Matrose, dessen Spitzname Seebär lautete, trat ihnen sofort entgegen. Er holte aus und streckte die beiden mit seiner rechten und linken Faust gleichzeitig nieder. Dann packte er sie und setzte sie unsanft auf ihren Platz zurück, wo sie nun kleinlaut sitzen blieben.
Einem anderen Matrosen sah man an, dass er ebenfalls bärenstark war. Er trug eine rote Kappe mit weißen Punkten, unter der lockige braune Haare hervorwucherten. „Sonst noch jemand, der Lust auf eine Sonderbehandlung hat?“, fragte er die Piraten.
Alle schwiegen, und der Matrose, der Brummel genannt wurde, fuhr fort: „Keiner? Na gut, dann verrate ich euch mal, wie es weitergeht: Also, ihr marschiert jetzt einzeln, einer nach dem anderen, in diese Hütte dort.“
Er zeigte auf das kleine Gebäude, in das Safira noch kurz zuvor eingesperrt gewesen war. „Und wenn ihr alle lieb seid und mitmacht, dann tun wir euch nichts. Wer ist der Erste, wer meldet sich freiwillig?“
Niemand bewegte sich. Alle blieben still sitzen.
„Keiner! Na gut, dann suche ich mir eben selber einen Freiwilligen aus!“ Er packte einen der am Tisch sitzenden Piraten am Kragen, stellte ihn mit unglaublicher Kraft auf den Boden und erklärte: „So! Du bist der Erste! Los! Abmarsch!“
Ohne zu widersprechen, lief der Pirat zur Hütte und ging hinein. Nach und nach folgten ihm auch die anderen – natürlich „ganz freiwillig“ –, bis sich alle dicht gedrängt in dem kleinen Raum befanden. Keiner wollte sich mit Brummel oder Seebär anlegen.
Zuletzt schloss Seebär die Tür, verriegelte sie von außen und grinste breit.
Wütend rief der Piratenkapitän durch die Gitterstäbe, mit denen das Fenster gesichert war: „Und was passiert jetzt?“
Da trat Käpten Boynen Wilbert Sturm vor und sagte lachend: „Nichts! Wir verlassen jetzt diese hübsche Insel, und ihr bleibt in der gemütlichen Zelle zurück. Ich bin mir sicher, dass sich keiner von euch einsam fühlen wird.“
Er wandte sich ab und tat so, als ob er gehen wollte.
„Ihr könnt uns doch hier nicht einfach verrotten lassen!“, protestierte der Pirat. Es klang allerdings nicht mehr zornig, sondern ziemlich kleinlaut.
„Na gut! Wir sind ja keine Unmenschen“, erwiderte Käpten Sturm, während er sich wieder zu ihm umdrehte.
Er holte eine Nagelfeile aus seiner Tasche und hielt sie dem Piratenkapitän vor die Nase. „Diese Feile verkaufe ich dir für zwanzig Goldstücke. Damit könnt ihr die Gitterstäbe durchsägen. Bis zum Sonnenaufgang in fünf Stunden solltet ihr das locker schaffen. Sind wir im Geschäft?“
Nach längerem Hin und Her ließen sich die Piraten darauf ein – ihnen blieb ja auch nichts anderes übrig. Jeder holte murrend ein oder zwei Goldstücke aus seiner Hosentasche und überreichte sie Safiras Rettern.
Gut gelaunt kehrten Käpten Sturm und seine Männer dann zu ihrem Schiff zurück, das in einer versteckten Bucht vor Anker lag. Mit dabei war Safira, die jetzt überhaupt keine Kopfschmerzen mehr hatte.
Käpten Sturm legte einen Arm um ihre Schulter und schaute sie mit seinen freundlichen Augen an. „Ich habe vorhin zugesehen, als du deine Kunststücke vorgeführt hast. Deshalb weiß ich, dass du Safira heißt und eine großartige Artistin bist. Wenn du willst, darfst du uns ab jetzt auf unseren Seereisen begleiten. Möchtest du das?“
Safira strahlte über das ganze Gesicht. „Aber natürlich!“
„Dann gehörst du von heute an zu uns!“
„Safira lebe hoch!“, brüllten die Seeleute wie aus einem Munde. Mit vereinten Kräften warfen sie die überglückliche Elfjährige in die Luft, um sie danach sanft wieder aufzufangen.
„Auf zu neuen Abenteuern!“, rief Safira begeistert.

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1. Das alte Schmugglerhaus
Heutige Zeit
Die achtjährige Anne stupste ihren Bruder an, der neben ihr auf dem Rücksitz des Familienautos saß. „Hey, Lenny, ist das da vorne vielleicht unser neues Haus?“
„Glaub ich nicht“, antwortete Lenny, der erst vor Kurzem elf Jahre alt geworden war. „Papa hat mir vor der Abfahrt verraten, dass wir in ein uraltes Schmugglerhaus ziehen. Sieht das etwa uralt aus?“
Anne schüttelte den Kopf. „Nein, das ist viel zu neu.“
„Eben! Unser neues Zuhause ist über dreihundert Jahre alt.“
Stirnrunzelnd fuhr Anne sich durch ihre langen blonden Haare. „Aber ich verstehe das nicht. Das war das letzte Haus vom Ort Bodenwald. Und Papa hat gesagt, dass wir in Bodenwald wohnen werden, stimmt’s, Mama?“
Viola, die Mutter von Lenny und Anne, war von der langen Reise erschöpft. Deshalb zuckte sie nur mit den Schultern, anstatt zu antworten.
„Unser neues Zuhause liegt etwas außerhalb von Bodenwald. Aber es wird euch sicher gefallen“, erklärte nun Andreas, der Vater.
Familie Schmidt war auf dem Weg in ihre neue Heimat Mecklenburg-Vorpommern. Sie hatten dort ein großes Haus gekauft, das mitten im Wald und trotzdem gar nicht weit entfernt vom Meer war.
Jetzt verließ Papa die Hauptstraße und lenkte den Wagen auf einen Schotterweg, der direkt in den Wald führte. Nach dreihundert Metern kamen sie zu einer Lichtung. Und da sahen sie es – ihr neues Zuhause.
„Dort vorne ist es!“, rief Lenny begeistert. „Wir sind angekommen! Endlich!“
„Ja, das ist unser neues altes Haus, in dem wir ab heute wohnen werden“, bestätigte Papa. „Gefällt es euch?“
Zögernd erwiderte Anne: „Weiß nicht. Hier ist es ziemlich einsam und unheimlich! Warum habt ihr ausgerechnet dieses Spukhaus gekauft und nicht ein ganz normales Haus im Ort?“
Papa schmunzelte. „Erstens ist das hier kein Spukhaus, sondern ein altes Bauernhaus, das einmal Schmugglern gehört haben soll. Und zweitens gefällt es Mama und mir.“
Auch Mama lächelte jetzt. „Na, es war vor allem günstig, sodass wir es uns leisten konnten. Die erste Etage ist neu renoviert und bewohnbar. Und im Erdgeschoss gibt es eine große Küche mit Kamin. Die anderen drei Räume im Erdgeschoss werden wir vorerst nicht nutzen.“
„Reicht uns der Platz?“, wollte Lenny wissen. Ihre bisherige Wohnung war ziemlich beengt gewesen, was manchmal zu Streit zwischen den Geschwistern geführt hatte.
„Klar“, versicherte Mama. „Die Küche ist wirklich riesig. Darin ist Platz für einen großen Esstisch. Und vor den Kamin passt sogar noch unsere Sofagarnitur.“
Papa nickte. „Auf diese gemütliche Sitzecke freue ich mich schon. Dort können wir abends Bücher lesen und uns im Winter die Füße wärmen.“
„Im ersten Stock haben wir zwei Bäder, ein großes Schlafzimmer und zwei Kinderzimmer. So hat jeder von euch seinen eigenen Bereich, in dem er sich ausbreiten kann. Und falls uns das immer noch nicht reicht, können wir die Zimmer im Erdgeschoss renovieren.“
„Außerdem gibt es einen großen Dachboden!“, schob Papa nach.
„Auch einen Keller?“, fragte Anne.
„Ja, aber der ist sehr klein. Er besteht eigentlich nur aus einem Raum, in dem wir Vorräte lagern können.“
Neugierig deutete Lenny auf eine Scheune, die sich neben dem Haus befand. „Und was ist damit? Gehört das auch noch dazu?“
Papa nickte. „Ja, die Scheune gehört uns ebenfalls. Es ist gut, dass du das erwähnst, weil ich euch eines gleich von vornherein sagen will: Dort dürft ihr auf keinen Fall reingehen, jedenfalls vorerst noch nicht. Ist das klar?“
Lenny schaute seinen Vater verständnislos an. „Und warum sollen wir die Scheune nicht betreten?“
„Weil das gefährlich sein könnte“, übernahm seine Mutter die Antwort. „Dort liegen Sensen und andere landwirtschaftliche Werkzeuge herum, an denen man sich verletzen kann. Und wir wissen wir im Augenblick noch gar nicht, was sich unter dem aufgeschichteten Heu befindet. Wir möchten verhindern, dass euch etwas passiert.“
„Aber wir sind doch keine kleinen Kinder mehr“, widersprach Anne empört. „Bitte!“
„Nein, das seid ihr nicht“, bestätigte Papa. „Und deshalb solltet ihr einsehen, dass wir lediglich auf eure Sicherheit bedacht sind. Die Scheune ist für euch tabu. Ende der Durchsage!“
Lenny runzelte die Stirn. Er hasste Verbote! Insgeheim beschloss er, sich nicht an diese Regel zu halten. Er würde irgendwann mal heimlich in den Schuppen reingehen.
Doch das hatte Zeit. Zunächst einmal wollte er sich in Ruhe das Haus anschauen. Denn dort gab es bestimmt auch einiges zu entdecken.
Andreas durchschaute seinen Sohn. „Lenny! Denk nicht einmal dran, die Scheune zu betreten, sonst gibt es richtig Ärger!“, warnte er.
Schnell lenkte der Elfjährige ab. „Was ist mit Opa Abraham und Oma Sarah? Ziehen die auch hier bei uns ein?“
Mama schüttelte den Kopf. „Nein, die behalten ihre Wohnung in Bodenwald. Aber ich bin froh, dass wir jetzt endlich ganz nah bei ihnen wohnen.“
„Ja, das ist wirklich genial“, stimmte Lenny zu. „Früher war es eine halbe Weltreise, wenn wir sie besuchen wollten. Und jetzt können wir einfach mit dem Fahrrad zu ihnen fahren. Ich freu mich.“
„Das war auch einer der Gründe, warum wir hierherziehen wollten“, erklärte Mama. „Außerdem hat Papa hier eine gute Arbeit gefunden. Er ist jetzt der neue Manager eines Ferienhotels.“
„Papa ist Chef!“, riefen Lenny und Anne wie aus einem Munde und klatschten einander ab.
Schon vor einigen Minuten hatte Papa das Auto vor dem Haus geparkt und den Motor abgestellt. Nun forderte er die anderen auf: „Alles aussteigen, bitte! Herzlich willkommen im alten Schmugglerhaus von Bodenwald!“

Nach dem Abendessen putzte Familie Schmidt erst einmal die Wohnung. Alle mussten mithelfen, auch Lenny und Anne.
„Wann kommt denn der Umzugswagen?“, stöhnte Lenny, der überhaupt keine Lust zum Putzen hatte. Lieber hätte er dabei geholfen, die Möbel hereinzutragen.
„Erst morgen“, erklärte Papa. „Aber wenn ihr eure Aufgaben erledigt habt, könnt ihr euch gerne mal im Haus umschauen.“
Das ließen sich Lenny und Anne nicht zweimal sagen. Als sie mit allem fertig waren, machten sie sich sofort aus dem Staub. Und weil es draußen zu regnen angefangen hatte, kletterten sie auf den Dachboden, der über eine Holzleiter zu erreichen war.
Dieser Raum war vollgestopft mit alten Gegenständen, die dem vorigen Besitzer des Hauses gehört hatten. Er war im Alter von 99 Jahren gestorben, und offenbar hatte sich keiner seiner Erben für diese Sachen interessiert.
Ganz im Gegensatz zu Anne und Lenny: Sie schauten sich jeden Winkel des großen Dachbodens genau an, denn es gab viel zu entdecken. Anne bewunderte ein paar ausgestopfte Tiere. Ein Papagei, der schon ein wenig zerrupft aussah, gefiel ihr besonders. Lenny interessierte sich hingegen mehr für ein Fernrohr und ein paar alte Seekarten, die er in einem verstaubten Schrank fand.
Unter ein paar uralten Teppichen kam eine große Holzkiste zum Vorschein, die mit einem schweren Metallriegel verschlossen war.
„Was da wohl drin ist?“, überlegte Anne.
Lenny fuhr über das raue Holz, das mit Metallstreben versehen war, und pfiff durch die Zähne. „Das ist eine echte Seefahrerkiste! Sie sieht auf jeden Fall genauso aus wie die in dem Seefahrermuseum, in dem ich letztes Jahr mit Opa Abraham gewesen bin.“
Er schob den Riegel zurück und versuchte, den Deckel der Kiste anzuheben, was ihm aber nicht gelang. „Du, Anne, hilf mir mal, das Ding aufzumachen!“
Gemeinsam zogen sie an einer robusten Halterung am Deckel. Und mit vereinten Kräften gelang es ihnen tatsächlich, die Kiste zu öffnen.
„Da drin ist ein Hut!“, rief Anne aufgeregt.
„Ja, ein Seefahrerhut, und daneben liegt eine Seefahreruniform“, stellte Lenny begeistert fest. Er ergriff den Hut und setzte ihn auf.
„Steht dir überhaupt nicht“, kicherte Anne. „Sind das wirklich Seefahrerklamotten?“
„Klar! Sieht man doch“, meinte Lenny, der sich mit so etwas gut auskannte. Als Fan von alten Seefahrergeschichten hatte er schon sehr viel darüber gelesen. Außerdem besaß er einige Filme über Seefahrer und Piraten, die er sich immer wieder anschaute.
Anne nahm die Uniform in die Hand und schnupperte. „Die riecht aber muffig! Zieh die bloß nicht an!“
„Keine Angst, die ist mir sowieso viel zu groß“, behauptete Lenny. „Genau wie der Hut auf meinem Kopf.“
Nun betrachtete Anne ein Metallstück an der Vorderseite des Huts. „Du, da stehen Zahlen drauf. Moment mal … eins … sieben … neun … und zwei … 1–7–9–2“, wiederholte sie zufrieden.
Lenny nahm den Hut ab und schaute sich die Zahl selber an. Dann grinste er. „Das heißt siebzehnhundertzweiundneunzig! Das ist eine Jahreszahl.“ Seine Augen leuchteten. „Du, Anne, weißt du, was das bedeutet?“
„Nein!“
„Es kann gut sein, dass der Hut aus dem Jahr 1792 stammt.“
„Wie alt ist er dann?“, wollte Anne wissen.
„Steinalt, würde ich sagen. Lass mal rechnen … Also, 8 plus 200 … Dann wären bis zum Jahr 2000 also schon 208 Jahre vergangen, dazu kommen noch …“
Aber Anne, die Mathematik hasste, hatte sich bereits abgewandt. So wichtig war das dann auch wieder nicht. Da schaute sie sich lieber noch einmal den ausgestopften Papagei an.
Lenny untersuchte die Kiste inzwischen genauer und entdeckte darin einen Kompass, ein fest verschlossenes Tintenfass und eine Schreibfeder. Und ganz unten lag ein Stapel altes Papier.
Alles war in einem sehr guten Zustand, was Lenny wirklich wunderte. Denn er wusste, dass solche Sachen normalerweise mit der Zeit kaputtgehen.
„Anne!“, rief er laut.
„Ja?“
„Findest du nicht auch, dass der Inhalt der Kiste total gut erhalten ist, obwohl diese Sachen ja schon über zweihundert Jahre alt sind?“
Anne kniff ihre grünblauen Augen zusammen. „Stimmt! Die sehen noch richtig gut aus. Woran liegt das?“
Nachdenklich strich Lenny mit dem Finger zuerst über den äußeren und dann über den inneren Rand der Kiste. Anne machte es ihm nach.
„Vielleicht liegt es ja an der Kiste. Die Innenseiten fühlen sich nicht so an, als ob sie aus Holz wären“, murmelte Lenny.
„Stimmt, fühlt sich eher an wie Gummi“, stellte Anne fest.
Lenny nickte. „Genau, deshalb hat es auch ein wenig geklemmt, als wir sie öffnen wollten.“
Plötzlich hatte er eine Idee: „Aber klar doch! Durch die Gummischicht war die Kiste komplett luftdicht abgeschlossen. Und ich habe mal gehört, dass so verhindert werden kann, dass Dinge kaputtgehen.“
„Toll!“, rief Anne. „Aber die Uniform riecht trotzdem muffig.“
Neugierig nahm sie nun den Stapel vergilbtes Papier in die Hand. Die einzelnen Seiten waren zu einem Heft zusammengeklebt, auf dessen Deckblatt einige Worte standen. „Das ist aber eine schreckliche Krakel-Schrift, die keiner lesen kann!“, beklagte sie sich.
Lenny griff nach dem Heft und betrachtete es. „Also, ich finde, dass die Schrift ziemlich sauber und ordentlich ist. So hat man eben früher in Deutschland geschrieben.“
Anne schaute ihn mit großen Augen an. „Kannst du das etwa lesen?“
„Vielleicht, Opa Abraham hat es mir mal beigebracht. Ich versuche es mal: Logbuch der Reisen von Käpten Wilbert Boynen Sturm – Teil 1.“
Lenny blickte auf. „Du, Anne! Weißt du, was das ist?“
„Ein Logbuch?“
„Genau. Es ist das Tagebuch eines Kapitäns. Und sein Name lautet Käpten Wilbert Boynen Sturm.“
„Poaah! Das ist ja klasse! Kannst du mir etwas daraus vorlesen?“
Lenny blätterte die erste Seite um und runzelte die Stirn. „Na ja, leicht fällt es mir nicht gerade, diese altdeutsche Schrift zu lesen. Ich müsste etwas mehr üben.“
Beide schwiegen.
„Vielleicht kann uns Mama oder Papa den Text vorlesen. Komm, wir gehen runter“, schlug Lenny vor.
Anne schaute auf die Uhr. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Es ist schon halb zehn. Die schicken uns sicher gleich in unsere Betten, wenn wir unten auftauchen.“
„In welche Betten?“, gab Lenny grinsend zurück. „Die kommen doch erst morgen, wie die anderen Möbel auch. Glaub mir, so schnell gehen wir heute noch nicht schlafen.“
Anne war immer noch skeptisch. „Da kennst du Mama aber schlecht. Die hat für alles eine Lösung. Aber gut – wenn sie uns trotzdem ins Bett schicken, dann bist du schuld.“

Die Eltern waren mittlerweile mit dem Putzen fertig geworden. Erschöpft hatten sie sich vor dem Kamin in zwei alten Schaukelstühlen niedergelassen, die sie im Keller gefunden hatten. Dort warteten sie auf ihre Kinder.
„Wo bleiben die beiden nur?“, fragte Andreas seine Frau.
Die lächelte. „In diesem Haus gibt es sehr viel zu entdecken. Du kennst doch Anne und Lenny. Die stehen auf Abenteuer. Aber da … ich höre etwas – ich glaube, sie kommen.“
Und tatsächlich kam Lenny nun zur Tür hereingestürmt, dicht gefolgt von Anne.
„Hallo Mama, hallo Papa. Schaut mal, was wir auf dem Dachboden gefunden haben.“ Stolz überreichte er seinem Vater das Logbuch.
Der schaute zunächst ohne großes Interesse auf das vergilbte Heft. Doch dann weiteten sich seine Augen und er richtete sich im Schaukelstuhl auf. „Woher habt ihr das?“
„Vom Dachboden“, sagte Anne aufgeregt.
„Ja, wir haben es in einer alten Seefahrerkiste gefunden. Was meint ihr dazu?“
Papa schaute zu Mama hinüber. „Scheint mir ziemlich alt zu sein – ist aber noch sehr gut erhalten.“
Mama war inzwischen ebenfalls neugierig geworden. Sie nahm Papa das Heft aus der Hand und begann, laut vorzulesen: „Logbuch der Reisen von Käpten Wilbert Boynen Sturm – Teil 1.“
Dann schlug sie das Deckblatt um. In der Mitte der Rückseite standen eine Zahl und ein Satz: 1793 – Meine Reise ins Nordmeer mit meinem Schiff Esmeralda.
„Siebzehnhundertdreiundneunzig!“, rief Papa verwundert. Er las selber nach und schüttelte den Kopf. „Das ist ja unglaublich! Dann sind diese Aufzeichnungen schon über zweihundert Jahre alt! Schade, dass wir sie uns heute nicht mehr näher ansehen können. Ihr müsst nämlich ins Bett.“
Anne kniff Lenny in den Arm, sodass dieser leicht aufschrie: „He, warum kneifst du mich!“
„Siehste! Ich habe dir doch gleich gesagt, dass sie uns ins Bett schicken!“
Lenny wandte sich protestierend an seine Eltern: „In welche Betten wollt ihr uns denn schicken? Die kommen doch erst morgen.“
„Ihr schlaft auf Luftmatratzen. Sie liegen in Lennys Zimmer und sind schon fertig bezogen“, antwortete Mama.
Aber Lenny gab nicht so schnell auf. Immerhin ging es auch um seine Ehre. „Ihr könnt uns doch nicht einfach so ins Bett schicken – jetzt, wo es gerade spannend wird. Was haltet ihr davon, wenn wir wenigstens noch ein bisschen in diesem Logbuch lesen? Und danach gehen wir, ohne zu nörgeln, sofort schlafen.“
Papa und Mama sahen sich gegenseitig an. Dann nickten sie sich zu. Schließlich wollten sie selber wissen, was dieser Käpten Sturm so schrieb.
„Na gut – aber nur, wenn wir hinterher keine Scherereien mit euch haben“, willigte Papa ein.
„Einverstanden!“, riefen Anne und Lenny gleichzeitig.
Schnell holten sie sich ein paar Kissen, setzten sich darauf und lehnten sich mit dem Rücken an die Kaminwand. Dann schauten sie ihre Mutter erwartungsvoll an.
Die nahm das Logbuch in die Hand und begann zu lesen:
Mein Name ist Wilbert Boynen Sturm. Ich bin 21 Jahre alt und ein Seefahrer. Mein Vater und meine Mutter sind leider schon sehr früh verstorben. Aber mein Vater hat mir vorher alles beigebracht, was ein Kapitän wissen muss, und mir auch sein Schiff vererbt. Deshalb bin ich jetzt schon Kapitän, obwohl ich noch sehr jung bin. Ich habe eine tolle Mannschaft, die mit mir durch dick und dünn geht. Mit ihr habe ich unglaubliche Abenteuer erlebt und diese in meinen Logbüchern aufgeschrieben. Eine meiner großen Seereisen begann folgendermaßen …

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2. EINE WICHTIGE NACHRICHT
Es pochte laut an der Tür des Schmugglerhauses, in dem Käpten Wilbert Boynen Sturm wohnte. Von seinen Freunden wurde er einfach nur Boynen genannt. Denn dieser Name, den ihm seine schwedische Mutter gegeben hatte, war sein Lieblingsvorname. Den deutschen Vornamen Wilbert mochte er hingegen nicht, weil der so förmlich klang.
Außer Käpten Sturm wohnten im Schmugglerhaus auch noch die erfahrenen Matrosen Seebär und Brummel sowie das Zirkusmädchen Safira.
„Du, Boynen, da ist jemand an der Tür“, sagte Brummel gähnend. Er war gerade dabei, seine Seefahrerpfeife zu stopfen, und hatte deshalb keine Lust, aufzustehen und zu öffnen.
Und weil Seebär eifrig den Kochlöffel schwang, um ihnen einen lecker duftenden Wirsing-Eintopf zu kochen, wandte sich Käpten Sturm an Safira: „Kannst du mal nachschauen, wer es ist?“
Safira, die kopfüber an einem Seil hing, das an der Zimmerdecke angebracht war, nickte. Mit einem doppelten Salto sprang sie auf den Boden. Dann schlug sie ein Rad und spähte durchs Küchenfenster. „Vor der Tür steht ein alter Matrose.“
Seebär wurde neugierig, legte den Kochlöffel beiseite und schaute ebenfalls aus dem Fenster. „Den kenne ich – er heißt Wolfgang Ahrendt. Er hat in seinem Leben bestimmt schon alle Weltmeere bereist. Was will er von uns?“
„Fragen wir ihn doch!“, meinte Boynen und stand vom Küchentisch auf. Dann öffnete er die Tür.
„Guten Abend, Käpten Sturm! Oder soll ich dich lieber Wilbert nennen? Ich habe bereits unter deinem Vater gedient. Schade, dass er nicht mehr unter den Lebenden weilt. Darf ich hereinkommen?“
„Ja, gerne“, antwortete Käpten Sturm. „Den Namen Wilbert mag ich übrigens nicht. Aber du kannst einfach Boynen zu mir sagen.“
Der alte Mann folgte ihm in die warme Küche, die von einem offenen Kamin beheizt wurde, und setzte sich. Etwas umständlich kramte er einen Lederbeutel aus der Tasche. „Da ist eine Nachricht drin. Lies das mal bitte!“
Boynen öffnete den Lederbeutel, holte ein zerknittertes Blatt Papier heraus und faltete es auseinander. Dann las er vor:
Fürstliche Belohnung für denjenigen, der mir meine erst neunzehnjährige Tochter wieder nach Hause zurückbringt. Sie wurde letzte Woche entführt und ist seitdem verschollen.
Augenzeugen glauben, dass der Schwarze Pirat dahintersteckt. Wir sind verzweifelt und hoffen, dass sich vielleicht ein tapferer Held findet, der es riskieren wird, sich mit diesem schrecklichen Verbrecher anzulegen.
Wenn es einen solchen Helden der Seefahrt geben sollte, dann freue ich mich, ihn in meinem Schloss begrüßen zu dürfen. Dort können wir alles Weitere besprechen. Wie gesagt, die Belohnung wird fürstlich sein.
Hochachtungsvoll
Fürst Arthur von Waldmünde
Boynen runzelte die Stirn und schwieg einen Moment, bevor er aufsah. Dann räusperte er sich. „Ich kenne die Tochter des Fürsten gut. Sie heißt Aurora von Waldmünde und ist wirklich nett. Wir waren früher an derselben Schule und sind immer mal wieder zusammen mit unseren Pferden ausgeritten. Wir sind … echte Freunde.“
Safira, die noch immer am Fenster stand, machte einen Handstandüberschlag und hing gleich darauf wieder an ihrem Seil. Mit dem Kopf nach unten schaute sie Boynen nun direkt in die Augen. „Bist du verliiiiiiebt?“
Verblüfft starrten die anderen zuerst auf Safira und dann auf Boynen, dessen Gesicht rot anlief.
„Safira hat recht! Gib es zu! Du bist in das Mädel verschossen“, grinste Seebär und ließ zur Bekräftigung seine Faust auf den Tisch krachen, sodass die darauf gedeckten Suppenteller um zwei Zentimeter in die Höhe sprangen.
„Klar ist er in sie verliebt“, lachte Brummel. „Und zwar bis über beide Ohren! Das sehe ich ihm doch an der Nasenspitze an. Aber das kann ihm wohl niemand verübeln, denn sie ist eines der schönsten Mädchen, die ich je gesehen habe – wenn ihr mich fragt.“
Boynen nickte. „Ja, sie ist wirklich bezaubernd. Es ist furchtbar, dass sie von diesem schrecklichen Piraten entführt wurde. Die arme Aurora!“
Der alte Matrose stand auf. „Tja, ich weiß leider nicht, was man tun könnte, um sie zu retten. Aber ich wollte dir unbedingt diese Nachricht überbringen.“
„Vielen Dank für deine Mühe“, sagte Boynen, griff in die Hosentasche und gab dem Matrosen etwas Geld. Der verabschiedete sich daraufhin.
Als er fort war, ballte Boynen seine Hand zur Faust. „Wir müssen Aurora retten. Seid ihr dabei?“
Safira sprang auf den Boden und saß eine Sekunde später dicht neben ihm. „Willst du das wirklich tun? Es heißt doch, dass der Schwarze Pirat unheimlich böse sei! Und keiner weiß, wo er sich aufhält. Man sagt, dass er auf einer unbekannten Insel in einer uneinnehmbaren Festung wohnt. Er besitzt mehrere Piratenschiffe. Und er hat mindestens tausend Männer auf seiner Seite – alles gemeine Piraten, die für ihn kämpfen.“
Boynen schaute entschlossen in die Runde. „Ich weiß, dass wir bei diesem Abenteuer Kopf und Kragen riskieren werden. Aber ich werde Aurora nicht ihrem ungewissen Schicksal überlassen, so wahr ich Käpten Wilbert Boynen Sturm heiße. Seid ihr dabei?“
„Natürlich!“, riefen Brummel und Seebär wie aus einem Munde. „Du weißt doch, dass wir dich niemals im Stich lassen. Und die anderen Matrosen deiner Mannschaft werden sich bestimmt ebenso wenig drücken.“
„Dann mache ich auch mit“, erklärte Safira nach kurzem Zögern. Ihr war zwar ein wenig unbehaglich zumute, aber zu Käpten Sturm hatte sie uneingeschränktes Vertrauen.
„Sehr gut, dann werde ich noch heute den Fürsten von Waldmünde besuchen. Und wenn ich zurückkehre, stechen wir in See. Brummel, kannst du mir mein bestes Pferd satteln?“
„Aye, aye, Käpten Sturm – wird gemacht!“

Bereits zwei Tage später stach Käpten Sturms Schiff, die Esmeralda, in See. Ein starker Wind blies in die Segel und trieb das schnittige Schiff rasch vorwärts.
Safira saß hoch oben in der Takelage und genoss den Ausblick auf das weite Meer. Die kühle, frische Brise wirbelte ihre lockigen rötlich braunen Haare durcheinander und erzeugte einen angenehm salzigen Geschmack in ihrem Mund.
Ja, Safira liebte das Meer, die hohen Wellen und die Weite. Hier fühlte sie sich zu Hause. Sie konnte nach Herzenslust in der Takelage herumturnen und neue Kunststücke einüben.
Auf einmal sah sie, wie Käpten Sturm aus der Kapitänskajüte herauskam.
Schnell ließ sie sich an einem Seil hinab und stand nur Sekunden später neben dem Mann, dem sie so viel zu verdanken hatte. „Weißt du eigentlich, wo es hingeht?“, fragte sie ihn.
Boynen lächelte überrascht. „Safira! Wo kommst du denn so plötzlich her? Ich habe dich gar nicht gesehen.“
„Ich saß gerade in der Takelage, und zwar beim Fockmast.“
„Wir fahren nach Norden“, beantwortete Boynen nun ihre Frage.
„Dass wir Richtung Norden segeln, merke ich auch. Aber weißt du schon, wo sich Aurora aufhält?“
„Nein, aber wir werden es herausfinden.“
„Und wie?“
„Zunächst einmal segeln wir nach Kopenhagen, wo ich noch etwas zu erledigen habe. Von dort geht es weiter nach Wargate in Großbritannien. Da gibt es ein paar berüchtigte Hafenkneipen, in denen sich viel Gesindel herumtreibt. Ich hoffe, dass wir dort erfahren können, wo sich der Schwarze Pirat aufhält.“
„Was meinst du mit Gesindel?“
„Diebe, Schmuggler und auch echte Piraten.“
„Ist es nicht gefährlich, mit solchen Leuten zu reden?“, fragte Safira etwas beklommen.
„Klar, aber es ist unsere einzige Chance, Aurora zu finden.“
„Wann sind wir dort?“
„In knapp vier Tagen, wenn der Wind weiterhin so günstig bläst wie bisher.“
„Und was machen wir davor – in Kopenhagen?“
Das wollte Boynen ihr jedoch noch nicht verraten. Deshalb lenkte er schnell ab. „Ach, Safira, du hast anscheinend nichts zu tun. Könntest du vielleicht mal das Deck schrubben?“
Er zeigte auf den Dreck, der sich überall angesammelt hatte. Dabei wandte er sich ein wenig ab, um alles genau zu betrachten. Doch als er sich wieder zu Safira umdrehen wollte, war sie verschwunden.
Zufrieden lachte Käpten Sturm in sich hinein. Es hatte funktioniert … Wenn Safira erst einmal angefangen hatte, Fragen zu stellen, war es immer ganz schwer, sie wieder loszuwerden. Doch mit einem bestimmten Wort konnte man sie mühelos verscheuchen: schrubben.
Auch diesmal hatte sie sich aus dem Staub gemacht, kaum dass er dieses Wort erwähnt hatte.
Boynen nahm das Fernrohr in die Hand und stutzte. Vor ihnen lag tatsächlich schon die Stadt Kopenhagen. Sie waren viel schneller vorangekommen als sonst.
Er musste noch ein paar Vorbereitungen treffen für das, was er dort vorhatte. Und er wusste schon jetzt, dass es ganz schön gefährlich werden konnte …

In Kopenhagen war es schon dunkel geworden. Boynen, Brummel, Seebär und Safira standen vor einer großen Villa.
„Hier ist es“, flüsterte Boynen. „Hier wohnt Jonte Hartog – der Mann, der meinem Vater damals seine wertvollsten Seekarten gestohlen hat. Und diese Seekarten brauchen wir dringend, um Aurora zu befreien.“
Safira schaute ihn mit ihren großen braunen Augen erstaunt an. „Was? Hier wohnt ein Dieb? Aber warum sollte ein Mann, der in so einer prächtigen Villa wohnt, es nötig haben zu stehlen?“
Seebär legte seinen schweren Arm über Safiras Schulter. „Weißt du, Safira, dieser Mann ist nur deshalb so reich geworden, weil er andere Menschen bestohlen hat. Glaub mir, er ist ein ganz gemeiner Gauner.“
„Und warum kommt er dann nicht ins Gefängnis?“
„Weil er sich nicht erwischen lässt. Außerdem stiehlt er nicht selber, sondern lässt die Raubzüge von anderen Leuten durchführen.“
„Genau“, bestätigte Brummel. „Dieser Herr Hartog hat eine ganze Armee von Dieben, die für ihn arbeiten. Sie schleichen sich nachts in Häuser und nehmen alles mit, was ihnen in die Finger kommt.“
„Und dann liefern sie die gestohlenen Sachen bei Hartog ab und er zahlt ihnen Geld dafür“, erklärte Boynen. „Er verkauft das Zeug für ein Vielfaches weiter und verdient daran ein Vermögen.“
Safira runzelte die Stirn. „So ein gemeiner Kerl! Und warum glaubst du, dass die wertvollen Seekarten deines Vaters noch hier in dieser Villa sind? Hartog könnte sie doch längst wieder verkauft haben.“
Boynen schüttelte den Kopf. „Nein, das ist ziemlich unwahrscheinlich. Ich weiß, dass Jonte Hartog völlig vernarrt in alte Karten ist und sie deshalb selbst behalten möchte. Außerdem lassen sich diese Karten nicht so einfach weiterverkaufen. Denn auf jeder einzelnen stehen die Initialen meines Vaters, weil er sie damals selber gezeichnet hat. Hartog weiß das.“
„Dann wollen wir heute also einen Dieb berauben?“
„Nein, ich beraube niemanden“, protestierte Boynen. „Ich hole mir nur das zurück, was mir gehört.“
„Und warum habt ihr mich mitgenommen?“, wollte Safira wissen.
„Du kannst mir dabei helfen, unbemerkt in die Villa zu gelangen.“
„Wie?“
„Indem du aufs Dach hinaufkletterst und dort oben ein Seil anbringst. Mithilfe dieses Seils komme ich dann ebenfalls aufs Dach und kann durch ein Dachfenster ins Haus einsteigen.“
„Und wenn wir erwischt werden?“
„Dann steckt man uns ins Gefängnis!“
„Das kann ja heiter werden“, stöhnte Safira.
„Ja, aber es wird mal langsam Zeit, dass man diesem Gauner eine Lektion erteilt. Und außer uns wird das niemandem sonst gelingen“, ermutigte sie Seebär.
Ein paar Minuten später kletterte Safira über den Zaun der Villa und versteckte sich hinter einem Strauch. Eine kühle Brise wehte vom Meer her und ließ sie frösteln. Ihr Herz klopfte vor Aufregung. Hoffentlich wurde sie nicht entdeckt!
Vorsichtig blickte sie nach allen Seiten, um herauszufinden, ob jemand sie beobachtete. Aber es rührte sich nichts – nur eine Eule schrie und verbreitete eine unheimliche Stimmung.
Safira durchquerte den Garten und hatte Sekunden später die Hauswand erreicht. Die Fassade roch modrig und alt.
Rasch schlich sie zum nächsten Fenster und spähte hinein. Drinnen war es dunkel. Nur in einem Nachbarraum brannte Licht.
Safira holte tief Luft. Dann streckte sie sich und kletterte, leicht wie eine Katze, auf einen Absatz oberhalb des Fensters. Von dort aus schaute sie auf ihr nächstes Ziel – einen Balkon direkt über ihr. Sie wusste, dass sie ihn nur mit einem gewagten Sprung erreichen konnte.
Wieder atmete sie tief durch, bevor sie zum Sprung ansetzte.
Doch da hörte sie plötzlich ein lautes Geräusch. Das Fenster unter ihr wurde aufgerissen und eine tiefe Männerstimme rief laut: „Also, jetzt schlägt’s aber dreizehn! Was machst du denn da?“

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3. Die geheime Tür
Lenny und Anne starrten ihre Mutter mit großen Augen an. „Warum hörst du auf zu lesen?“, stöhnte Lenny.
„Ja, und zwar ausgerechnet an der spannendsten Stelle?“, beschwerte sich Anne.
„Es ist Zeit, ins Bett zu gehen!“
„Nein, auf keinen Fall!“, rief Lenny entrüstet.
„Ja, Mama, bitte lies weiter!“, bat Anne.
„Ich kann nicht weiterlesen. Schaut …“, Mama zeigte den beiden das Logbuch, „hier hört der Text auf.“
Lenny riss es ihr aus der Hand und blickte selber hinein. „Tatsächlich“, sagte er betroffen. „Dann müssen wir schnell auf dem Dachboden nach der Fortsetzung suchen.“
Aber Papa widersprach. „Nein, das werden wir nicht. Darf ich euch beide daran erinnern, dass wir eine Vereinbarung hatten? Ab ins Bett, ihr Abenteurer! Morgen ist auch noch ein Tag.“
Lenny und Anne schauten sich an. Ja, sie hatten versprochen, nicht zu nörgeln. Und an ein Versprechen musste man sich halten.
„Na gut. Aber morgen früh lesen wir dann weiter!“
„Machen wir“, sagte Mama lächelnd.

Wenig später lagen Anne und Lenny auf ihren Luftmatratzen in Lennys Zimmer. Anne war froh, dass sie in der ersten Nacht bei ihrem älteren Bruder im Zimmer schlafen konnte. Sie fühlte sich in diesem alten Haus noch ein wenig unbehaglich und musste sich erst an die neue Umgebung gewöhnen.
„Jetzt wohnen wir in einem Schmugglerhaus!“, flüsterte Lenny vor sich hin.
Anne nickte und schaute dabei an die Decke. Plötzlich entdeckte sie über sich ein Spinnennetz. „Iiih!“, schrie sie entsetzt.
„Was ist denn jetzt wieder los?“, fragte Lenny verwundert.
„Ein Spinnennetz!“, jammerte Anne. „Bitte mach es weg!“
Lenny kannte seine kleine Schwester. Sie würde erst Ruhe geben, wenn er das Netz entfernt hatte. Deshalb stand er auf, lief wortlos ins Bad und holte einen Besen. Damit beseitigte er die Spinnweben.
Anne hatte mittlerweile ihre Luftmatratze an eine andere Stelle im Zimmer geschoben, die ihrer Meinung nach spinnenfrei war.
Lenny musste grinsen. Anne und ihre schreckliche Angst vor jeder Art von Ungeziefer! „Jetzt sollten wir aber schlafen“, sagte er. „Gute Nacht, Anne!“
„Ja, gute Nacht, Lenny!“
Sie schalteten das Licht aus, aber es dauerte noch ein wenig, bis sie endlich eingeschlafen waren.

Mitten in der Nacht wachte Lenny plötzlich auf, weil draußen ein Sturm tobte. Heftige Böen drückten gegen das Zimmerfenster, das sich auf der Nordseite des Hauses befand. Lenny hatte so etwas noch nie erlebt. Man merkte, dass sie jetzt ganz nah am Meer wohnten, wo Stürme wie dieser nichts Ungewöhnliches waren.
Rasch griff er nach seiner Taschenlampe, die er vorsorglich neben seine Luftmatratze gelegt hatte, und leuchtete zum Fenster. Die Scheiben waren unversehrt, wie er befriedigt feststellte.
Er ließ den Lichtstrahl durchs Zimmer wandern und wollte die Lampe schon wieder ausschalten, als ihm an der Holzwand plötzlich etwas auffiel. Was war denn das?
Neugierig sprang er auf und schaute sich die Sache aus der Nähe an.
An der aus Holzbrettern bestehenden Wand hatte sich ein kleiner Spalt aufgetan. Drei Bretter ragten etwas hervor und ein kühler Luftzug war zu spüren.
Als Lenny die Bretter berührte, merkte er, dass sie sich bewegen ließen. Zwar knarzte es ein wenig, aber sie ließen sich wie eine Schranktür öffnen.
Er pfiff durch die Zähne. „Eine geheime Tür! Ist ja krass! Wieso haben wir die vorher noch nicht bemerkt?“
Er untersuchte die drei miteinander verbundenen Bretter noch etwas genauer. Sie waren insgesamt etwa fünfzig Zentimeter breit und fünfzig Zentimeter hoch. Und sie sahen genauso aus wie der Rest der Wand, sodass man auf den ersten Blick gar nicht erkennen konnte, dass sich hier eine Tür befand.
Vorsichtig schob Lenny sie noch etwas weiter auf – ein lautes Knarren war zu hören. Hoffentlich wachte Anne nicht auf.
Dann leuchtete er mit seiner Taschenlampe hinein. Der Lichtkegel traf auf eine Wand. „Ein Geheimversteck!“, murmelte er aufgeregt.
Mit eingeschalteter Lampe kroch er in die Öffnung. Es roch nach altem Staub. Als er nach rechts leuchtete, entdeckte er eine steile Wendeltreppe, die nach unten führte. Und über ihm war ein Schacht, der senkrecht nach oben verlief. An der Wand des Schachts waren Metallsprossen befestigt, an denen man hinaufklettern konnte.
Lenny war begeistert: Er hatte in diesem Schmugglerhaus tatsächlich einen Geheimgang entdeckt! Auf einmal hörte er, wie das Fenster im Zimmer aufsprang, und spürte einen starken Luftzug. Gleich darauf knallte die Geheimtür mit voller Wucht zu. Er richtete den Strahl seiner Taschenlampe darauf und versuchte, sie wieder zu öffnen.
Doch sie war fest verschlossen und ließ sich nicht bewegen, sosehr er sich auch anstrengte.

Anne erwachte vom lauten Getöse. Entsetzt schaute sie zum Fenster, durch das ein kräftiger Wind hereinwehte. Dann sprang sie auf und versuchte, es wieder zu schließen. Doch sie schaffte es nicht, weil der Wind mit aller Macht hereindrückte.
„Lenny! Hilf mir!“, rief sie verzweifelt.
Niemand antwortete, und irgendwie gelang es ihr schließlich, das Fenster alleine zuzumachen.
Erleichtert lief sie zur Zimmertür und schaltete das Licht an. Sie blickte zur Luftmatratze ihres Bruders. Aber die war leer. Lenny war fort.
„Lenny? Wo bist du?“, rief sie laut. War er vielleicht zur Toilette gegangen?
Da hörte sie plötzlich von der Wand her ein Klopfen. Dann ein seltsames Scharren, gefolgt von einem unheimlichen Flüstern: „Anne, Anne …“
Ihr Herz begann zu rasen. Was war das? Spukte es hier etwa?
„Lenny!“, rief sie erneut. „Wo bist du?“
In diesem Moment zuckte draußen ein Blitz über den Himmel. Und dann donnerte es so laut, dass das ganze Haus zu erbeben schien. Gleichzeitig setzte prasselnder Hagel ein, der gegen das Fenster schlug.
Anne hielt es nicht länger aus. Fluchtartig verließ sie das Zimmer …

Lenny klopfte an die Rückseite der Geheimtür und rief laut: „Anne! Huhu, hörst du mich?“
Er lauschte, doch nichts tat sich. Wahrscheinlich schlief seine kleine Schwester tief und fest. Also musste er einen anderen Ausgang finden. In welcher Richtung sollte er zuerst suchen?
Nach kurzem Zögern entschied er sich, die Eisenleiter hinaufzuklettern. Das war gar nicht schwer, denn an den Sprossen konnte man sich gut festhalten.
Als Lenny ein Stück weit geklettert war, ging es schließlich nicht mehr weiter. Über ihm war eine feste Platte – vermutlich eine Falltür. Er zog daran, aber sie ließ sich nicht öffnen.
Er wollte schon wieder umkehren, doch dann hatte er eine Idee. Womöglich handelte es sich nicht um eine Falltür, sondern um eine Klapptür, die nach oben aufging. Also nahm er beide Hände und stemmte sich mit ganzer Kraft dagegen. Diesmal hatte er Erfolg: Die Holzplatte gab nach und krachte gegen eine Wand.
Als Lenny nach oben leuchtete, sah er ein paar alte Kleider und verstaubte Anzüge. „Ich bin in einem Kleiderschrank gelandet!“, murmelte er erstaunt.
Schnell kletterte er ganz hinauf, schob erst einmal die an einer Stange hängenden Anzüge und Kleider zur Seite und trat auf den Boden des Schranks. Dann tastete er die Innenwand ab. Er fand einen Spalt, und gleich darauf gelang es ihm, die Schranktür aufzustoßen.
Er verließ den Schrank und leuchtete mit der Taschenlampe ins Dunkle. Und plötzlich begriff er, dass er sich auf dem Dachboden des Schmugglerhauses befand. Er hatte soeben einen Geheimgang entdeckt, der direkt von seinem Zimmer auf den Dachboden führte!
Lenny dachte an die Wendeltreppe, die er weiter unten gesehen hatte. Sollte er nachschauen, wo man landete, wenn man dort hinunterging?
Nein, das konnte warten, beschloss er dann. Diesen Teil des Geheimgangs würde er mit Anne zusammen erkunden. Jetzt wollte er lieber wieder ins Bett gehen.
Zum Glück konnte er nun die breite Leiter benutzen, die vom Dachboden zum ersten Stock führte, und musste sich nicht mehr in den engen Schacht zwängen.
Lenny wollte schon hinuntersteigen, als ihm etwas einfiel: Wenn er schon einmal hier oben war, konnte er doch den nächsten Teil des Logbuchs aus der Kiste herausholen.
Gesagt, getan. Als er den ersten Stock erreicht hatte, stieß er auf Anne, die soeben das Schlafzimmer der Eltern verließ.
„Was hast du im Schlafzimmer gemacht?“, wollte Lenny wissen.
„Ich hatte Angst und bin zu Papa und Mama ins Bett gekrochen. Die haben mich jetzt aber wieder weggeschickt. Wo warst du, Lenny?“, jammerte sie. „Du warst plötzlich fort!“
„Das erzähle ich dir im Zimmer. Du wirst es mir nicht glauben …“

Am anderen Morgen hatte sich der Sturm gelegt und die Sonne schien.
Als Lenny aufwachte, sah er, wie seine Schwester mit den Händen die Holzwand abtastete.
„Ach, bist du endlich wach, du Schlafmütze?“, sagte sie neckisch. „Also, das mit dem Geheimgang glaube ich dir nicht! Das hast du dir sicherlich nur ausgedacht. Hier ist absolut nichts.“
„Doch, den Geheimgang gibt es wirklich.“
„Dann zeig ihn mir!“
Lenny zuckte mit den Schultern. „Ich habe leider keine Ahnung, wie sich diese Tür öffnen lässt.“
„Ich will den Geheimgang aber auch sehen!“, beharrte seine kleine Schwester.
„Wir können ja vom Dachboden aus durch den Schrank hineingehen. Was hältst du davon?“
Doch bevor Anne antworten konnte, hörten sie ihre Mutter laut rufen: „Anne! Lenny! Kommt zum Frühstück! Papa hat leckere Brötchen gekauft.“
„Der Geheimgang kann warten“, schlug Lenny vor. „Ich hab nämlich einen Bärenhunger.“
„Ich auch“, sagte Anne.
Schnell zogen sie sich an und liefen in die Küche, wo es nach heißem Kakao und leckeren Brötchen duftete. Papa und Mama saßen bereits am Tisch und warteten.
„Gut, dass der Sturm vorbei ist“, meinte Anne, nachdem sie den ersten Schluck Kakao getrunken hatte. „Heute Nacht hatte ich ganz schön Angst!“
Mama schmunzelte. „Ja, und wie immer, wenn du Angst hast, bist du sofort in unser Zimmer gekommen und unter unsere Bettdecke geschlüpft.“
„Seid ihr jetzt sauer auf mich?“, fragte Anne ein wenig schuldbewusst.
„Aber nein!“, versicherte Papa liebevoll.
„Als Kind hatte ich auch öfter Angst, besonders bei Gewittern“, erklärte Mama. „Aber dann habe ich versucht, daran zu denken, dass Gott noch viel stärker ist als der schlimmste Sturm. Und wenn Gott uns beschützt, brauchen wir eigentlich keine Angst zu haben.“
„Ich weiß“, sagte Anne kleinlaut. „Aber das vergesse ich immer wieder.“
Mama griff zur Familienbibel, die auf dem Tisch lag. „Es hilft dir vielleicht, wenn du einen ermutigenden Bibelvers auswendig lernst. Den kannst du dir dann selber vorsagen, wenn du Angst bekommst. Ich lese dir mal eine meiner Lieblingsstellen aus der Bibel vor:
Wer unter dem Schirm des Höchsten wohnt, der kann bei ihm, dem Allmächtigen, Ruhe finden. Auch ich sage zum Herrn: Du schenkst mir Zuflucht wie eine sichere Burg! Mein Gott, dir gehört mein ganzes Vertrauen! (Psalm 91,1-2).“
Mama schaute wieder auf. „Bei Gott kann man also genauso unter die Decke schlüpfen, wie du das heute Nacht bei uns gemacht hast, Anne. Mit der Zeit wirst du lernen, ihm immer mehr zu vertrauen.“
„Und wenn du zu Gott flüchtest, dann weckst du niemanden auf, weil Gott immer wach ist“, grinste Lenny.
Anne seufzte. „Hoffentlich denke ich das nächste Mal daran, wenn ich Angst kriege.“
„Schreib dir diesen Bibelvers doch ab – auf ein großes Blatt Papier“, schlug Mama vor. „Das hängst du dir dann über deinem Bett auf, sodass du es immer wieder anschauen kannst. Und irgendwann kannst du den Vers auswendig.“
Papa blickte auf seine Uhr. „Kinder, esst eure Brötchen auf! Der Möbelwagen kommt bald.“

Nach dem Frühstück lief Lenny in sein Zimmer und kehrte kurz darauf mit dem zweiten Teil des Logbuchs zurück. „Können wir die Geschichte von Käpten Wilbert Boynen Sturm weiterlesen? Hier ist die Fortsetzung.“
„Wo hast du die denn so plötzlich her?“, fragte sein Vater verwundert.
„Aus der Seefahrerkiste natürlich“, sagte Lenny ganz lässig. Er hatte nicht vor, seinen Eltern zu erzählen, was er in der Nacht erlebt hatte. „Anne und ich sind schon ganz gespannt, wie es weitergeht.“
Papa runzelte die Stirn und schaute erneut auf die Uhr. „Ich weiß nicht, ob wir Zeit dazu haben. Der Möbelwagen kommt spätestens in einer halben Stunde, und ich wollte vorher noch ein paar Sachen vorbereiten.“
„Bitte!“, bettelten Anne und Lenny gleichzeitig.
In diesem Moment läutete Papas Smartphone.
Er nahm das Gespräch entgegen: „Ja?“
„…“
„Was, Sie stecken im Stau? Wann werden Sie etwa hier sein?“
„…“
„Na, das kann ja heiter werden! Aber vielen Dank, dass Sie uns Bescheid gegeben haben. Auf Wiederhören!“
Papa legte sein Smartphone zur Seite und wandte sich an die Kinder. „Ihr habt Glück. Der Möbelwagen steht im Stau und kommt erst in etwa zwei Stunden. Wir haben also noch ein wenig Zeit.“
Anne sprang vor Freude in die Luft. „Los, kommt! Wir setzen uns wieder vor den Kamin. Und Mama liest weiter vor …“

Бесплатный фрагмент закончился.
