Читать книгу: «DSA 109: Hjaldinger-Saga 3 - Eis»
Impressum
Ulisses Spiele
Band US25729EPUB
Titelbild: Florian Häckh
Karte: Steffen Brand
Redaktion: Nikolai Hoch
Lektorat: Daniela Knor
Korrektorat: Frauke Forster
Umschlaggestaltung und Illustrationen:
Steffen Brand, Nadine Schäkel, Patrick Soeder
Layout und Satz: Jörn Aust, Michael Mingers
Administration Christian Elsässer, Cora Elsässer, Carsten Moos, Sven Paff, Stefanie Peuser, Marlies Plötz, Markus Plötz Marketing Philipp Jerulank, Björn Meyer, Katharina Wagner, Wolfgang G. Wettach Ulisses Digital Alina Conard, Nico Dreßen, Thomas Engelbert, Nele Klumpe, Julia Metzger, Phillip Nuss, Maximilian Thiele, Jan Wagner, Carina Wittrin, Kai Woitczyk Verlag Zoe Adamietz, Jörn Aust, Mirko Bader, Steffen Brand, Bill Bridges, Timothy Brown, Simon Burandt, Carlos Dias, Christiane Ebrecht, Frauke Forster, Christof Grobelski, Kai Großkordt, Darrell Hayhurst, Nikolai Hoch, Nadine Hoffmann, Johannes Kaub, Christian Lonsing, Matthias Lück, Susanne Majewski, Thomas Michalski, Elisabeth Raasch, Nadine Schäkel, Maik Schmidt, Ulrich-Alexander Schmidt, Nils Schürmann, Eric Simon, Alex Spohr, Ross Watson Vertrieb Stefan Heinrichs, Jan Hulverscheidt, Anke Kühn, Thomas Schwertfeger, Stefan Tannert
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Daniel Jödemann
Eis
Hjaldinger-Saga III
Ein Roman in der Welt von
Das Schwarze Auge©

Originalausgabe
Nach einer Idee von Daniela Knor
Dramatis Personae
Die Havar-Sippe
Vardur Arnarssun – Enkel der verstorbenen Hersirin Salbjerg
Horm Ohnehand – Vardurs bester Freund
Arnthrud – eine Freundin Vardurs
Solwa – eine angesehene Skaldin
Esa – eine Heilerin
Erla – erfahrene Schiffbauerin und Steuerfrau
Otur – Sohn von Salbjerg und Onkel Vardurs
Mardal – eine blinde Saithakwena
Fridgerd – eine Kriegerin
Eindridi – ein Krieger
Yoldra Saunsduhter – ein Familienoberhaupt der Sippe
Halljadur – ein Bauer
Jarngerd – eine Bäuerin
Die Aasa-Sippe
Gautaz Dagurssun – Hersir der Sippe
Hrok – ein junger Krieger
Godrun – eine Runenmagierin
Stainar – ein Krieger und Schiffbauer
Haukur – ein Krieger
Die Hagni-Sippe
Jurga Tjalfsduhter – Hersirin der Sippe
Hasgar Tjalfssun – Jurgas Bruder
Tjalf – Jurgas Vater
Hjalda – Jurgas und Hasgars Stiefmutter
Grani Tjalfssun – Jurgas und Hasgars Stiefbruder
Tola Hjaldasduhter – Jurgas und Hasgars Stiefschwester
Die Gunna-Sippe
Katla Oddasduhter – Hersirin der Sippe
Thidrik Hrodmarssun – ein Runaman (Runenmagier)
Skidi Gautazsun – der kleine Sohn Katlas und Gautaz’
Odda – Katlas Mutter
Die Isleif-Sippe
Solweig Thordisduhter – Hersirin der Sippe
Sunna Solweigsduhter – Solweigs Tochter
Thursdur Gudmundurssun – ein erfahrener Steuermann der Isleif-Sippe
Jofridis – Thursdurs Nichte
Hjalbera – eine Kriegerin
Sigvatur – ein Krieger
Die Groa-Sippe
Ullbjern Eirikssun – Hersir der Sippe
Firnvild Ullbjernsduhter – die Tochter Ullbjerns
Faravid Berassun – ein junger Skalde und Xelias’ bester Freund
Arnfridis – eine Kriegerin
Serkaz Thurassun – ein Krieger
Wrekar – Firnvilds Vargaz, ein Halbwolf
Imperiale
Pythatheriope te Aldangara – eine Optimatin und Spionin
Aegobarenes ul Charybalis – Strategu und Befehlshaber der Myriade 5 Thalassia
Palomelios te Aldangara – ein Optimat
Pheronolios te Aldangara – ein Optimat
Isodoras an Charybalis – Pythatheriopes Adjutant in der Myriade 5 Thalassia
Darene – eine Sklavin Pythatheriopes
Weitere Personen
Xelias Arnarssun – der Halbbruder Vardurs
Ragnvald Steinbjernssun – der Hersir der Baukaz-Sippe
Alsvinn – der Hersir der Hallaz-Sippe
Brandur – der Hersir der Joreida-Sippe
Hallerna – die Hersirin der Kjora-Sippe
Kolfaz – der Hersir der Frodi-Sippe
Oddbjerg – ein Mitglied der Ingwar-Sippe
»In den Tagen der Ahnen lebte ein Mann, der Havar hieß.
Vornehmer Abkunft war er,
aus einem Geschlecht, das der Gott Ullramnar selbst gezeugt hatte.
Groß war der Ruhm seiner Taten,
und es erfüllte die Herzen der Krieger mit Stolz, an seiner Seite zu kämpfen.
In den Tagen Havars lebte ein Kuninga1, der Uskur hieß.
Ein Löwengestaltiger war er,
denn die Löwengestaltigen herrschten damals über die Menschen.
Der Gott Khorraz war sein Vater,
und sein Wüten im Kampf füllte die Herzen der Krieger mit Furcht.
Maßlos wie Khorraz vergoss Uskur das Blut der Menschen,
blind und taub in seinem Rausch.
Die Lehren der Rondris, Khorraz’ göttlicher Schwester,
die den Kriegern Ehre gebot,
verschwendet waren sie an den schwarzmähnigen Kuninga.
Maßlose Wut erwuchs darüber unter den Menschen.
Die Völker des Nordens begehrten auf.
Nur Spott und Hohn hatte Uskur für ihren Hass übrig.
Feige Memmen nannte er sie.
Zum Zweikampf forderte er, was er für ein Volk von Schwächlingen hielt.
Da richteten sich die Augen der Menschen auf den Tapfersten unter ihnen,
Havar aus der Sippe Ullramnars.
Groß war Havars Zorn über die Schmähungen aus dem blutigen Löwenmaul.
Mutig trat er vor den Kuninga
und kühn waren die Worte, mit denen er Uskurs Ehre in Zweifel zog.
Da geriet auch der Khorrazsohn in heiligen Zorn und stellte sich Havar zum Kampf.
Freiheit vom Joch der Löwengestaltigen,
das war der Preis, um den sie stritten, einen Tag und eine Nacht hindurch,
bis die Sonne über dem Sieger aufging.
Tot lag der Kuninga auf verwüsteter Walstatt, zerbrochen war sein riesiges Reich.
Die Stämme des Nordens feierten Havar aus Ullramnars Sippe.
Freiheit machte er ihnen zum Geschenk.
Über dem löwengestaltigen Leib seines Gegners leistete der Held einen Schwur.
Nie wieder Knechtschaft zu dulden,
das erlegte er sich auf und seinen Kindern und Kindeskindern
und allen, die nach ihnen kamen.«
—aus der Havar-Saga, aufgezeichnet von der gelehrten Völkerkundlerin Dariaxena te Illacrion
1 hjaldingsche Bezeichnung für ›König‹
Was bisher geschah …
Erster Teil: Glut
Im Sommer 2114 imperialer Zeitrechnung lebt Vardur Arnarssun bei seinen Pflegeeltern am Angarfjord. Seine Mutter und Schwester erlagen einem Fieber, als er ein Kleinkind war, und sein Vater starb auf einer Seereise in den Süden Myranors. Salbjerg, seine Großmutter und Hersirin der Havar-Sippe, schickte ihn zu entfernten Verwandten.
Eines Tages taucht ein feindliches Drachenschiff im Angarfjord auf und überfällt die Siedlung. Wieder verliert Vardur seine Eltern. Er ist nun endgültig davon überzeugt, dass ein Fluch auf ihm liegt, der allen Unglück bringt, die ihm nahestehen, wurde Vardur doch bei seiner Geburt prophezeit, dass ihm ein schweres Los bestimmt ist.
Im Frühling 2119 IZ fährt er an Bord der Otta Thurehs gen Norden. Er lebt nun wieder bei seiner Großmutter in Havarskog, dem Stammsitz der Havar-Sippe. An den Küsten des Gletschermeeres treffen sie auf die geheimnisvolle Jurga Tjalfsduhter, die von ihrer Sippe, den Hagni, verbannt wurde. Obwohl Jurga abweisend ist, fühlt sich Vardur sofort zu ihr hingezogen.
Der Rückweg verläuft jedoch nicht so reibungslos wie die Hinfahrt: Jurga vereitelt eine Waljagd, indem sie beinahe das Schiff versenkt, das daraufhin von haushohen Wellen ergriffen wird. Die Gemeinschaft will sie deshalb zurücklassen, doch Vardur bürgt gegen ihren Willen für Jurga. Nach dem Angriff eines Nachtalben rettet Jurga einem verletzten Mitglied der Fahrtgemeinschaft das Leben, behauptet aber, dass dabei keine Magie im Spiel war. Manche glauben nun, sie sei eine Auserwählte des Meeresgottes Effar, doch Jurga besteht darauf, dass sie von einem anderen Wesen geleitet wird, das sie meist als ihren Schutzgeist bezeichnet. Sie kann selbst nicht sagen, um was es sich dabei genau handelt.
Gautaz Dagurssun, der Hersir der Aasa-Sippe, macht derweil auf dem Weg nach Süden bei der Hersirin Katla Oddasduhter Station, mit der er einen Sohn hat. Er erfährt dort, dass Katla Gerüchte über einen bevorstehenden Krieg mit dem Imperium gehört hat.
Im weit entfernten Balan Mayek gibt sich zu dieser Zeit die Optimatin Pythatheriope te Aldangara als Mitglied des Hauses Charybalis aus. Sie will so für ihr eigenes Haus, die Aldangara, Informationen beschaffen, die sich im imperialen Senat gegen die Charybalis verwenden lassen. Schon lange ist der Kult der Daimonin Charypta und die wachsende Macht der Charybalis den anderen Häusern des Imperiums ein Dorn im Auge. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Charybalis Charypta wie eine Göttin verehren, was allerdings auch nicht verboten ist. Pythatheriope soll herausfinden, ob die Gerüchte wahr sind, dass die Charybalis noch dunklere Geheimnisse haben, vielleicht sogar nach der Macht im Imperium greifen wollen. Tatsächlich erhält sie einen Posten als Offizierin.
Zurück in Havarskog nimmt Vardur an einem großen Opferfest, dem Sumarblot teil, das zur Sommersonnenwende stattfindet. Er wähnt sich zunächst glücklich, weil Jurga ihn zum Fest begleitet, doch die Zeremonie gerät zur Katastrophe und die alte Orakelpriesterin prophezeit den Untergang Hjaldingards.
Salbjerg nimmt die Prophezeiung ernst und liest aus den kryptischen Worten eine Warnung vor einem Angriff des Imperiums heraus. Vardur gerät zunächst in Streit mit ihr, weil er aufgrund seines Fluchs keinen Ehrgeiz hat, seiner Großmutter im Amt des Hersirs zu folgen. Schließlich willigt er aber ein, sie zu Ullbjern Eirikssun zu begleiten, dem einflussreichen Hersir der Groa-Sippe. Dieser unterstellt den Imperialen schon lange, dem Bösen zu dienen und es auf Hjaldingard abgesehen zu haben. Bei den Groa trifft bald auch Katla ein, die ebenfalls von einer Prophezeiung beim Sumarblot zu Ullbjern getrieben wurde. Die drei Hersire entschließen sich, einen gemeinsamen Erkundungstrupp nach Trivina zu schicken, um herauszufinden, ob das Imperium tatsächlich einen Angriff plant. Vardur und Jurga melden sich freiwillig für diese Aufgabe und stechen mit einigen anderen in See.
In der Zwischenzeit erhält die Flotte in Balan Mayek den Befehl, gen Trivina auszulaufen. Ein junger Halbhjaldinger namens Xelias, der in Trivina lebt, merkt nun am eigenen Leib, dass die Stimmung gegen die ›Barbaren‹ immer feindseliger wird.
Vardur und seine Gefährten erfahren durch Xelias, der – wie sich bald herausstellt – sein Halbbruder ist, dass die imperiale Flotte bereits auf dem Weg sein soll.
Die Hjaldinger nehmen Xelias mit und wollen aus Trivina fliehen, werden jedoch von Kriegsschiffen des Imperiums gestellt. Es gelingt Vardur, Xelias und Jurga zwar, dem Feind zu entkommen, doch ihr Schiff sinkt. Jurga beschwört ihre Kameraden, durchzuhalten, und wendet sich an ihren Schutzgeist. Tatsächlich tauchen Delfine auf, die die Schiffbrüchigen retten.
Zweiter Teil: Sturm
Im Frühjahr 2120 Imperialer Zeitrechnung beginnen die Truppen des Imperiums mit ihrem Angriff und rücken sowohl mit einer Landstreitmacht, als auch mit einer Flotte auf Hjaldingard vor.
Die Hjaldinger stellen sich ihren Gegnern in der Wildnis ihrer Heimat und fügen ihnen immer wieder Verluste zu. Jurga erweist sich dabei als geschickte und glückliche Anführerin, die von vielen ihrer Landsleute respektiert wird. Vardur, der fürchtet, dass er der Frau, die er liebt, mit seinem Fluch schadet, lässt sie schließlich zurück und macht sich auf den Weg nach Hause.
Auch der Halbhjaldinger Xelias wird nun von vielen Hjaldingern akzeptiert, ausgerechnet Ullbjerns Tochter Firnvild Ullbjernsduhter, für die er insgeheim Gefühle hegt, bleibt aber abweisend und demütigt ihn gar.
Ullbjern bittet Gautaz, den Hersir der Aasa-Sippe, derweil, sich ihm anzuschließen und die imperialen Invasoren zu bekämpfen. Der stolze Gautaz lehnt ab, viele andere Sippen folgen jedoch Ullbjerns Ruf und nehmen unter seiner Führung den Kampf gegen das Imperium auf.
Jurga erhält zu dieser Zeit eine Vision von ihrem Schutzgeist und sieht den Untergang ihrer Heimat, einen Schiffsverband und ein weites Eismeer. Sie kommt zu der Überzeugung, dass sie ihr Volk über das Immermeer nach Osten führen soll – auch wenn nach dem Glauben der Hjaldinger der Ozean irgendwo dort endet und seine Wasser über den Rand ins Nichts stürzen. Dennoch berichtet sie ihren Landsleuten von der Vision.
Gautaz, der nach einem Überfall auf seine Sippe seine Meinung geändert hat, trifft nun gemeinsam mit Katla in der Siedlung von Vardurs Sippe ein.
Salbjerg will ihren Enkel zu dieser Zeit endlich als ihren Nachfolger vorschlagen, doch das Hjalding, die dazu einberufene Versammlung, wird gestört, als ein Mitglied der Havar-Sippe die hochschwangere Katla aus Rache für vergangene Taten verletzt. In einem rituellen Kampf entscheidet Katlas Stellvertreter Gautaz die Auseinandersetzung für sich. Die Nachfolge Salbjergs bleibt für den Moment noch offen.
Die Hjaldinger sind sich uneinig über Jurgas Vision. Jurga heilt erneut einen Verwundeten und ruft einen Sturmwind, um ein imperiales Fluggerät zu zerstören, das die Hjaldinger angreift. Damit beeindruckt sie ihre Landsleute noch mehr und schart weitere Anhänger um sich.
Pythatheriope bemüht sich derweil, ihrer Aufgabe als Spionin nachzugehen, auch wenn sie nun als Offizierin an der Unterwerfung der Hjaldinger beteiligt ist. Sie entgeht nur knapp der Entdeckung durch den einflussreichen und ambitionierten Strategu Aegobarenes ul Charybalis, den Befehlshaber ihrer Myriade. Dieser spricht ihr gegenüber jedoch eine Einladung zu einem geheimen Zirkel von Eingeweihten aus. Pythatheriope hofft, so endlich mehr über die Charybalis und ihre Pläne herauszufinden und dann etwas in der Hand zu haben, was die Aldangara gegen das Haus verwenden können.
In Hjaldingafjord sammeln sich unter Ullbjerns Führung immer mehr Sippen zum Widerstandskampf. Eine Abgesandte der Aldangara verspricht, dass ihr Haus Truppen schicken wird, um den Hjaldingern zu helfen. Sie warnt aber auch davor, dass der Thearch persönlich seine gefürchtete Tighrirgarde entsandt hat, um dafür zu sorgen, dass der Feldzug mit einem Erfolg endet.
Jurga findet in der Zwischenzeit ebenfalls immer mehr Anhänger, die vom Wirken ihres Schutzgeistes und ihrer Vision beeindruckt sind. Ullbjern bietet ihr an, mit ihm gemeinsam gegen die Imperialen vorzugehen und erst dann dem Rat des Schutzgeistes zu folgen, wenn ihr Kampf tatsächlich glücklos ausgeht. Jurga lehnt diesen Vorschlag klar ab, da sie aufgrund ihrer Vision davon überzeugt ist, dass ihr Widerstand gegen die Übermacht aussichtslos ist. Viele betrachten sie dafür als Feigling.
Die Hjaldinger bemannen Schiffe und ziehen der imperialen Flotte entgegen, doch die Auseinandersetzung endet in einer schmerzhaften Niederlage mit etlichen Toten, als ihre Gegner Charyptas daimonische Kreaturen rufen und auf ihre Feinde hetzen.
Nach der verlorenen Schlacht sind nun viele Sippen, darunter auch die von Vardur, Gautaz und Katla, bereit, sich Jurga anzuschließen und die Flucht über das Immermeer anzutreten, um das prophezeite neue Land zu finden. Ullbjern und andere Hjaldinger wollen sich dagegen den Imperialen stellen und ihre Heimat verteidigen.
Prolog
Hagnisdala, Brajan 2111 IZ
Jurga legte sich mit einer solchen Inbrunst in die Riemen, dass das kleine Boot auch mit einem Segel kaum rascher vorangekommen wäre. Hasgar ließ die engen Maschen des Fangnetzes durch seine Finger gleiten und prüfte die Senker, die das Netz in der vorgesehenen Tiefe halten würden. Er hatte das engmaschigste ausgewählt, das sie besaßen. Sie konnten es sich nicht leisten, Beute entkommen zu lassen, selbst im Sommer. Schon ein Korb voller Strohfische wäre heute ein großer Erfolg.
»Das Meer.« Er blickte zurück, über die weite Wasserfläche hinweg und bis zur Küste. Das Gletschermeer lag so glatt und reglos da wie ein Spiegel. Die grauen Wolkenfronten, die Glaiwa den Blick verwehrten, spiegelten sich darin wider. Feine weiße Nebelschwaden schwebten knapp über der Oberfläche. »Es schmeckt mir nicht. Die See ist zu ruhig. Effar hat sich abgewandt. Wäre er hier, würde er das Meer in Wallung bringen.«
Die Muskeln an Jurgas Armen spannten sich bei jedem neuen Zug an. Sie hielt die Augen auf das Boot gerichtet und sah nicht zurück nach Hagnisdala. Sie hatte gerade erst ihren dreizehnten Winter erlebt und war nicht so kräftig wie Hasgar. Er wusste es aber besser, als seiner Schwester das Rudern abzunehmen. Zorn und Frustration suchten nach einem Weg aus ihr heraus. Besser so, als es mit den Fäusten zu tun – oder sich mit Vater anzulegen. Jurgas Wangen röteten sich mit jedem Zug mehr.
Es war früh am Morgen und die Sippenrune, die ihre Stiefmutter Jurga auf den linken Oberarm aufgemalt hatte, war immer noch frisch. Dennoch hatte seine Schwester sofort ihr Wams übergezogen, auch wenn sie so Gefahr lief, dass das Hautbild verwischte. Hasgar verzichtete auf ein Obergewand. Selbst so weit im Norden war es im Frühsommer warm genug.
Über der flachen Bucht zu Füßen der Hardun stiegen feine Rauchsäulen aus den Hütten von Hagnisdala empor. Dahinter, umgeben von Nebel und Wolken, ragten schroffe Gebirgszüge in den Himmel. Ein Anblick, der ihm so vertraut war wie der seines Handrückens. Die Hardun schützten die Odalwik vor den harschen Winden des Eiwara, des ewigen und unendlichen Meeres auf der anderen Seite der Halbinsel.
»Hagnisdala sieht vom Wasser aus immer so klein aus«, murmelte Hasgar. »Es erinnert mich daran, wie groß die Welt wirklich ist und wie wenig ich schon davon gesehen habe. Ergeht es dir genauso?«
Jurga fuhr mit ihren gleichmäßigen Ruderbewegungen fort.
»Hab ein Auge auf die Gletschermöwen, wenn wir später das Fangnetz einholen.« Er wies zum Himmel. »Erinnerst du dich noch, als mir letzten Sommer eine Möwe diesen Dotterbutt aus dem Netz stahl – den, der so lang war wie mein Arm?«
Endlich reagierte sie. »Er wächst mit jeder Erzählung. Das nächste Mal ist der Dotterbutt so lang wie dein Bein. Danach dann so groß wie das Boot.«
Er grinste. »Da du mich nicht verraten wirst, kann mich auch niemand der Lüge bezichtigen.«
Jurga hatte den ganzen Morgen kaum drei Worte über die Lippen bekommen. Das war nicht ungewöhnlich, aber er hatte gehofft, dass es half, wenn sie endlich allein waren und Hagnisdala und damit ihr Vater Tjalf und ihre Stiefmutter Hjalda nur noch fingerkuppengroße Punkte am Horizont waren.
»Nur drei Sommer Geduld und sie stechen dir auch die Sippenrune.« Er wies auf ihren Arm. »Dann musst du nicht mehr jeden Morgen bei Hjalda vorsprechen.«
»Ich hab nichts gegen sie«, presste Jurga hervor, ohne dem Blick ihres älteren Bruders zu begegnen. »Ganz egal, was Vater behauptet.«
Hasgar räusperte sich. Hätte sie all das doch am Ufer zurückgelassen. »Halt dich etwas weiter südlich. Letztens habe ich bei Alfarz’ Insel zwei volle Netze aus dem Wasser gezogen, wir sollten dort unser Glück versuchen.« Er sah zurück. »Wenn uns die Möwen nicht bestehlen.«
Noch waren die ebenso frechen wie flinken Räuber nicht auf die Kinder des Hersirs aufmerksam geworden. Die Gletschermöwen blieben an den Klippen. Dabei waren die pfeilschnellen Vögel doch eigentlich gerissen genug, um zu wissen, dass leichte Beute heraussprang, wenn eines der kleinen Boote von Hagnisdala auf das Meer hinausfuhr. Niemand konnte es ihnen verdenken – so hoch im Norden war jeder darauf angewiesen, dem kargen Land so viel wie nur möglich an Essbarem abzutrotzen.
Er seufzte laut. »Wünschst du dir nicht manchmal auch, Vater hätte die Sippe nicht hierhin zurückgeführt, als wir Eyjattur verlassen mussten?«
»Wir waren zu klein – selbst du. Behaupte nicht, du erinnerst dich noch daran.«
»Ein wenig«, beharrte er.
»Das hier ist unser Land«, presste Jurga hervor. »Es war nur richtig, dass wir hierher zurückkehren. Hier sind unsere Wurzeln, hier liegen unsere Ahnen begraben. Keine Sippe sollte sich zu weit von den Gebeinen ihrer Vorfahren entfernen – ist es nicht das, was Vater immer sagt?«
Hagnisdala war nach Hagni benannt, auf den sich auch ihre Sippe als Stammvater berief; ihr legendärer Ahn, der für seine Beharrlichkeit bekannt war und sich standfest geweigert hatte, seine Heimat zu verlassen.
»Zumindest müssen wir uns keiner Riesen erwehren.« Hasgar beendete die Prüfung des Netzes. »Sicher erinnern sie sich noch an die Abreibungen, die Hagni ihnen verpasst hat, und sie ziehen es vor, in ihren Höhlen zu bleiben. Trotzdem wünschte ich mir manchmal, im Sommer ein paar mehr Blumen blühen zu sehen und nicht Stunden damit zu verbringen, einige abgemagerte Fische zur Bereicherung unseres Speiseplans zusammenzutreiben. Schon etwas weiter südlich sind die Winter milder, die Wiesen grüner und das Wild zahlreicher.«
»So solltest du nicht reden, wenn du jemals in Vaters Fußstapfen treten willst.«
Er grinste flüchtig. »Ich denke nicht, dass das Hersirsamt in meiner Zukunft liegt.« Er musterte seine jüngere Schwester aufmerksam. »Jemand, der für seine Dickköpfigkeit und Sturheit bekannt ist, so wie Hagni und Vater, den wählen sie in unserer Sippe immer.«
»Das sind gute Nachrichten für Tola«, murmelte Jurga.
Schmunzelnd ließ er den Blick über die Wasseroberfläche wandern, den weiten grauen Spiegel. Sie kamen gut voran. Das Meer fiel kurz hinter der Bucht stark ab und das graublaue Wasser wurde von tiefdunklem abgelöst. Ein Stück entfernt ragte ein zerklüfteter Holm hervor. »Wir sind da, leg die Riemen beiseite. Kommen wir der Insel nicht zu nahe. Eine Nikwis lebt da, vergiss das nicht. Sie wird zornig und die Fische vertreiben, wenn wir sie stören.«
Jurga verharrte. Ihre dunkelgrünen Augen wanderten, wie so oft, zum Horizont – wie immer, wenn sie auf dem Meer waren, so als sähe sie dort etwas, was ihm verborgen blieb. In ihrem Gesicht regte sich kein Muskel.
Er kannte diesen Ausdruck nur zu gut. Ihre Gedanken waren woanders und sie vergaß alles um sich herum – so als lauschte sie einem fernen Lied, das über das Meer heran wehte. Früher hatte er sie bisweilen damit aufgezogen. Inzwischen wusste er, dass es mehr war als nur eine wunderliche Eigenart oder eine kindliche Marotte.
Doch es war besser, sie nicht darauf anzusprechen, selbst wenn ihr Vater sie hier draußen nicht hörte. Das Thema war zu brenzlig und führte nicht selten zu Geschrei und fliegenden Fäusten. Eine Ablenkung musste her.
»Auf mit dir!« Er gab ihr einen ungeduldigen Wink. »Hilf mir mit dem Netz, ehe die Fische zu dem Schluss kommen, dass sie heute nicht mehr gefangen werden und sich ein anderes Boot suchen.«
Sie reagierte nicht, runzelte lediglich die Stirn. Sie strich sich über die Arme, so als fröstelte sie.
»Jurga?«, hakte er nach.
Ihre Augen huschten unruhig umher.
Hasgar folgte ihrem Blick, hinaus auf die weite dunkelgraue Wasserfläche, in der sich die Wolkenmassen widerspiegelten. Es war düster geworden, und das ungewöhnlich rasch. Doch selbst wenn nun Regen einsetzte oder ein Sturm aufkam, war die rettende Bucht von Hagnisdala nicht fern.
Allerdings lag auch der feine grauweiße Schleier immer noch über dem spiegelnden Meer – einer, der sich sonst nur im Frühjahr oder Herbst zeigte. Die Nebelschwaden regten sich kaum, kein Lüftchen versetzte sie in Wallung.
»Kehren wir besser um«, murmelte Jurga.
»Warum das?«
»Nur so ein Gefühl«, raunte sie, kaum noch zu hören.
Jeder andere würde sie ermahnen, ihre Warnung als unsinnig abtun – das Geschwätz eines verängstigten Kindes. Er wusste es nach all den Jahren besser. »Ist es … Ist er es? Spricht er mit dir?«
»So funktioniert es nicht, und das weißt du.« Jurga kniff die Augen zusammen und spähte hinaus aufs Gletschermeer.
Hasgar blickte sich um. »Das Meer ist doch ruhig. Denk daran, was Vater gesagt hat. Kehren wir besser nicht mit leeren Händen zurück.«
Seine Schwester riss sich von dem Anblick los und schüttelte den Kopf, so als vertriebe sie eine unangenehme Erinnerung oder einen störenden Gedanken. »Verzeih mir.«
Sie erhoben sich. Das Boot schwankte kaum unter ihren Füßen, als sie behutsam und hundertmal eingespielt das Netz entfalteten. Dabei achteten sie sorgsam darauf, dass sich die Senker nicht verwickelten.
»Willst du es werfen?«, bot Hasgar an.
Sie sah auf. »Du fragst doch sonst nicht. Warum heute?«
Er grinste schief. »Vielleicht habe ich ja …«
Ihre Augen weiteten sich. Sie hob abrupt die Hand. »Vorsicht, da …«
Ein heftiger Stoß erschütterte das Fischerboot. Hasgar wurde von den Beinen gerissen und landete kopfüber im Netz. »Was, bei Rondris …«
Jurga rappelte sich wieder auf. Alarmiert hob sie den Kopf, spähte über den Rand des Bootes hinweg. Was auch immer sie sah, Entsetzen lag in ihren Augen. »Hasgar …«
Er sah rundum nur Bordwände und über sich den stumpfgrauen Wolkenhimmel. Die Panik im Gesicht seiner Schwester ließ ihm einen kalten Schauder über den Rücken laufen. Verzweifelt kämpfte er gegen das Netz an. »Jurga! Hilf mir, verdammt!«
Ein weiterer Stoß ging durch das Boot und warf Jurga zu Boden. Dieses Mal neigte es sich bedenklich zur Seite und ein Schwall frostig-kalten Wassers schoss herein. Nur für den Bruchteil eines Augenblicks erhaschte Hasgar einen Blick auf einen dunklen, feuchten Leib, ehe sich die Bootswand wieder hob.
»Hilf mir!« Hasgar nestelte das Messer unter der Tunika hervor, das er wie alle Hjaldinger an einem Lederriemen um den Hals trug. Die Panik schnürte seine Brust zusammen. Was ging hier vor, was attackierte sie?
Stöhnend griff Jurga nach der Platzwunde an ihrem Hinterkopf.
Hasgar schob das Messer zwischen die Maschen.
Ein weiterer Stoß traf ihr Boot und ließ es ächzen.
Hastig durchtrennte Hasgar das einengende Netz und schob es beiseite. Noch im Aufrichten griff er nach der kurzen Harpune, die an der Bordwand lag. »War es ein Streifenhai? Hast du ihn gesehen, Jurga?« Er zog sich empor. »Bist du schwer verletzt?«
»Es geht schon«, presste sie benommen hervor und tastete nach ihrem Hinterkopf.
»Was war das?« Sein Blick flog über die Wasseroberfläche, auf der Suche nach einer Rückenfinne. Er umklammerte den Schaft der Harpune. Sie war dazu gedacht, größere Fisch zu erlegen, die sich im Netz verfingen, aber er machte sich ohnehin nichts vor: Töten konnte er einen ausgewachsenen Streifenhai oder gar einen Brackhai damit nicht, auch wenn sie eine willkommene Beute wären. Er konnte ihn allerdings davon überzeugen, sie in Frieden zu lassen.
»Es ist schnell«, warnte Jurga, immer noch benommen.
»Bleib unten!« Er wog die Waffe in der Hand. Nie zuvor hatte er sich gegen einen Hai wehren müssen, doch das war nicht der Moment, um zu zögern. Ich bin der Erwachsene hier und ich werde meine Schwester beschützen!
Seine Augen huschten umher, darum bemüht, den feinen Nebel über der still und reglos daliegenden See zu durchdringen. Keine Bewegung war zu sehen, kein Laut drang an seine Ohren, nur das heftige Pochen seines Herzens. Er hat aufgegeben. Hat es zwei Mal versucht und erkannt, dass wir keine Beute sind. »Nimm die Riemen!«, bat er. »Wir kehren um, das Netz ist ohnehin …«
»Hasgar!« Sie wies auf das Meer hinaus.
Die Oberfläche kräuselte sich dort, gerade einmal fünfzig Schritt entfernt. Der feine Nebel teilte sich, ein dunkler Schatten schob die Schwaden vor sich her. Er näherte sich rasch.
»Ich sehe keine Rückenflosse.« Er stemmte den rechten Fuß gegen die Bordwand hinter sich, wog die Harpune in der Hand. »Wenn er heran ist, werfe ich. Bleib unten, falls das Boot wieder schwankt!«
Der Schatten kam stetig näher, ein schlanker Umriss, der sich ihnen mit sich seltsam windenden Bewegungen näherte. Er zog eine Welle hinter sich her, die sich ebenso schlängelte wie der dunkle Leib.
Nur noch vierzig Schritt.
Er war viel zu groß für einen Hai. Der Angreifer bewegte sich schnell und nahm immer mehr Fahrt auf.
Hasgar hob die Harpune. Dass sie lediglich in einem winzigen Boot standen, konnte er nicht ändern. Er konnte nur versuchen, seinen zitternden Arm zu beruhigen und im richtigen Moment zu reagieren.
Zwanzig Schritt.
»Jurga, es ist wichtig, dass du mir zuhörst«, stieß er hervor. »Was auch passiert – rudere sofort zurück. Auf gar keinen Fall darfst du mich …«
In diesem Moment wandte sich der Angreifer ab, sank tiefer und schlug einen Haken – schneller und gewandter als jeder Hai. Lediglich ein sanftes Schaukeln ging durch ihr Boot, als die Welle sie erreichte.
Hasgar sah sich alarmiert um, die Harpune immer noch erhoben. »Siehst du ihn? Ist er getaucht?«
Jurga rappelte sich auf. Sie packte ihn am Arm. »Schau!«
Er wandte sich in die gewiesene Richtung.
Etwas Großes brach langsam durch die Wasseroberfläche, vielleicht einhundert Schritt entfernt. Eine Fontäne stieß zischend in die Luft empor, etliche Schritt hoch, aber schräg, zur Seite. Das fahle Zwielicht des bewölkten Tags gleißte auf feuchter grauer Haut und einem eckigen, langgezogenen Kopf.
Hasgar hatte schon einen Svartspiki gesehen, doch noch nie einen solchen Wal. Dennoch war eindeutig, womit sie es zu tun hatten. »Ein Antjahwalaz! So weit weg vom Eiwara?«
Jurga ließ den Blick nicht von dem Pottwal. Sie starrte ihn aus aufgerissenen Augen an.
»Siehst du den Kopf?«, fuhr er aufgeregt fort. »Der misst sicher zwei Mannslängen. Bestimmt ein Bulle, zwölf, vielleicht dreizehn Schritt lang!« Er suchte nach den Riemen. »Weißt du, was das bedeutet?«
Jurga reagierte nicht.
Der graue Riese näherte sich langsam, immer wieder tauchte sein klobiger viereckiger Kopf auf, immer wieder stieg sein Blas prustend in die Höhe. Seine Fluke, zwei große granitgraue Dreiecke, erhob sich träge aus dem Meer.
»Hasgar«, raunte seine Schwester. »Siehst du das?«
»Natürlich, er ist ja nicht zu übersehen.« Er legte hastig das zerschnittene Netz beiseite. »Ein Geschenk Effars! Vier oder fünf Boote werden reichen.«
»Siehst du das?«, hauchte Jurga. »Hasgar …«
Der Wal ließ sich nicht von ihnen beirren. Er setzte seinen Weg fort und würde das Fischerboot bald passieren.
Hasgar verharrte und musterte seine Schwester überrascht. Sie hatte die Augen weit aufgerissen. Tränen glänzten auf ihren Wangen. »War der Schlag auf den Kopf so heftig?« Er stieß sie an. »Setz dich, ehe du über Bord gehst! Ich rudere uns zurück. Der bringt die ganze Sippe durch den Winter.«
Der Pottwal ließ sich ein Stück weit unter Wasser sinken. Der Bulle war kräftig, bestimmt ausdauernd genug, um viele Harpunen zu ertragen und fünf oder sechs Boote zu schleppen, ehe er müde wurde.
Hasgar war noch nie bei der Waljagd dabei gewesen, es geschah nicht oft und er hatte erst vor Kurzem die Sippenrune erhalten. Vielleicht gestattete Vater es ihm heute. Nein – ganz sicher gestattet er es, wenn ich ihm die frohe Botschaft überbringe.
Abrupt wandte sich Jurga ihm zu, so als wäre ihre Benommenheit verflogen. Ihre Augen zogen sich zusammen. »Was redest du da?«
»Wir hofften auf ein Netz Fische und stattdessen macht uns das Meer dieses Geschenk! Im Dorf werden sie uns voller Dankbarkeit küssen.« Er nahm auf der Ruderbank Platz und legte sich die Riemen zurecht.
»Warte!« Jurga war mit einem Satz bei ihm. Das Boot schwankte, als sie ihm überraschend kraftvoll eines der Ruder entriss. »Das kannst du nicht tun! Das darfst du nicht!«
»Wovon redest du?« Er blickte verärgert zu ihr auf. »Wir verschwenden kostbare Zeit!«
Sie trat zurück, das Ruder fest an sich gepresst. »Schwör mir, dass du kein Wort über den Wal verlierst!«
»Du hast dir den Kopf heftiger gestoßen, als ich dachte.« Hasgar rappelte sich auf und griff nach dem Riemen. »Gib ihn mir!«
Jurga ließ nicht davon ab. Ihr Gesicht rötete sich. »Schwör es mir!«
Er riss den Riemen an sich. »Setz dich!«
Mit einem heiseren Schrei warf sie sich auf ihn und packte erneut das Ruder.
»Was ist nur in dich gefahren?« Er rang mit ihr, doch seine Schwester brachte nun eine überraschende Kraft auf. Ihr Gesicht rötete sich, sie knirschte mit den Zähnen und ihre Knöchel, die das Holz des Ruders umklammerten, wurden weiß.
Der Antjahwalaz ließ sich träge in die Tiefe sinken.
Das Boot schwankte heftiger, als die beiden ältesten Kinder Tjalfs verbissen miteinander rangen.
Mit enormer Anstrengung entriss Hasgar seiner Schwester den Riemen. »Reiß dich zusammen! Wir kentern!«
Sie stieß einen Schrei aus und sprang erneut vor.
»Schluss!« Hasgar versetzte Jurga einen Hieb mit der flachen Seite des Ruders und schickte sie zu Boden.
Sie sah zu ihm auf, ihr Gesicht vor Wut und Zorn verzogen. Sie griff nach der Bordwand.
»Bleib liegen!«, befahl er und hob drohend das Ruder. »Ich mag es nicht, den Erwachsenen herauszukehren, aber denk daran, dass ich schon die Sippenrune habe!«
Jurga zog sich empor. Ein dünner Faden Blut rann von ihrer Stirn herab. Sie presste scheinbar unzusammenhängende Worte hervor.
»Was tust du da?« Erneut hob Hasgar seine provisorische Waffe. »Wenn es sein muss, trage ich dich zurück! Willst du das?« Sie rappelte sich auf. Er hob den Riemen höher. »Jurga …«
Der Pottwal durchbrach direkt neben ihnen wieder die Wasseroberfläche, ein grauer Riese, der sie beide überragte. Prustend schoss sein Blas empor und ging auf sie nieder.
Erschrocken sank Hasgar auf die Knie. Die Welle erfasste das Boot, es neigte sich zur Seite.
Er sah zu Jurga auf, die einfach nur dastand und den Wal anstarrte. Der Antjahwalaz ließ sich langsam wieder unter Wasser sinken. Sie streckte die Hand aus, reckte sich ihm entgegen, so weit sie konnte, doch ihre Fingerspitzen erreichten ihn nicht. Ein verzückter Ausdruck lag in Jurgas Gesicht, eine Träne rann über ihre Wange. Der Meeresriese glitt an ihnen vorbei.
»Jurga, was ist nur in dich gefahren?«
Ein Schatten fiel auf sie.
»Vorsicht!«, stieß er hervor.
Die Fluke des Wals kam herab und traf krachend auf ihre Nussschale.
Hasgar wurde emporgeschleudert und landete im Wasser. Aufschlag und Kälte betäubten seinen Leib. Es wurde still und dunkel um ihn herum, tausende Luftblasen umtanzten ihn.
Hastig orientierte er sich, fand Licht, zwang sich dazu, seine tauben Glieder zu bewegen und Schwimmzüge zu machen.
Ein graues Ungetüm zog an ihm vorbei. Außer Reichweite, aber mächtig genug, dass ihn der Sog erfasste und mitzureißen drohte. Ein langgezogenes Knirschen erfüllte seine Ohren, vibrierte in seinen Knochen und betäubte seinen Schädel. Er schrie und stieß einen Schwall von Luftblasen hervor.
Irgendwie gelang es ihm, seine Arme und Beine dazu zu bringen, sich zu regen, und strebte hastig dem Licht entgegen. Prustend durchbrach er die Wasseroberfläche, kehrte zurück ins graue Zwielicht und sog die kalte Luft in seine Lungen.
Das Boot trieb mit dem Kiel nach oben. Hasgar hielt darauf zu. Wassertretend, eine Hand an den rauen Planken des Fischerbootes, sah er sich um.
Der feine Nebel hatte sich verflüchtigt und ein leichter Wind war aufgekommen, der die Oberfläche des Meeres kräuselte. Am Horizont ragten die Berge empor, die ihm den Weg zurück nach Hause wiesen.
»Jurga?« Er hustete, seine Augen glitten suchend umher.
Über ihm kreisten Gletschermöwen und verspotteten ihn höhnisch. Ein Stück entfernt trieb eines ihrer Ruder.
Sein Herz setzte einen Schlag aus. Wie lange ist sie schon unten? Ich habe sie verletzt! Hat sie das Bewusstsein verloren? Er holte tief Luft und ließ sich wieder in das kalte dunkle Wasser sinken. Blinzelnd blickte er umher. Gib sie mir zurück, Effar! Sie ist keine Opfergabe!
Da war nichts. Keine Bewegung, so weit seine Augen die düstere Welt unter der Meeresoberfläche durchdringen konnten.
Er durchbrach wieder die Oberfläche. »Jurga!«, schrie er heiser über das Wasser hinweg. »Jurga!«
Nur das Kreischen der Möwen antwortete ihm.
***
Hasgar eilte auf das Langhaus seiner Familie zu, Jurgas leblosen nassen Leib in den Armen. Grani und Tola blickten auf. Sie spielten mit den Holzfiguren, die er ihnen letzten Winter geschnitzt hatte: ein Wolf, ein Bär, ein Blutbüffel.
Die Zwillinge verstanden zunächst nicht und starrten ihre älteren Geschwister überrascht an. Dann trat Schrecken in ihre Gesichter.
»Hol Vater, Tola!«, befahl Hasgar seiner kleinen Schwester keuchend. Die Kälte hielt ihn nun fest im Griff. Seine Lungen schmerzten. »Grani, lauf zum Heiler! So schnell du kannst!«
Der Knabe starrte ihn aus großen Augen an. »Was ist mit …«
»Sofort!«
Er gehorchte und rannte los, so rasch ihn seine kurzen Beine nur trugen. Tola eilte bereits mit wippenden Zöpfen davon.
Hasgar duckte sich unter dem niedrigen Türrahmen und trat ein. Es roch nach Rauch, Wärme schlug ihm entgegen. »Schnell!«, rief er. »Sie braucht Hilfe! Jurga braucht Hilfe!«
Die in der weiten Halle arbeitenden Frauen und Männer sahen auf. Hjalda eilte sofort auf sie zu. Ihre Augen weiteten sich, als sie Jurgas blasses Gesicht sah. Rasch wischte sie sich ihre Hände am Rock ab und legte prüfend eine auf die Stirn ihrer Stieftochter. »Leg sie hier ans Feuer! Was ist passiert?«
Er schüttelte den Kopf. »Etwas griff das Boot an – ein Hai, denke ich. Sie fiel ins Wasser …«
Man räumte ihnen einen Platz an der Feuerstelle frei. Jemand warf ein Fell auf den Boden und Hasgar legte seine Schwester behutsam darauf ab.
»Rasch!«, befahl Hjalda. »Helft mir, ihr die nasse Kleidung auszuziehen. Holt Decken aus meiner Kammer!«
Er trat einen Schritt zurück und atmete schwer, seine Glieder schmerzten, salziges Wasser tropfte von seinem Haar herab und über sein Gesicht. Dennoch gab es nur einen Gedanken in seinem Kopf: Wenn sie stirbt, ist es meine Schuld.
Hjalda sah kurz auf. »Du wirst dir den Tod holen! Geh und beschaff dir etwas Warmes zum Anziehen.«
Er starrte seine Schwester an. Jurga wand sich, als Hjalda und die Übrigen ihr Beinlinge und Wams auszogen. Ihre Augen waren geschlossen, die Augäpfel dahinter zuckten und rollten umher. Sie presste halblaute Worte hervor, heiser und kehlig. Ihre blasse Haut glänzte vor Schweiß.
»Fieber«, stellte ihre Stiefmutter überrascht fest. »Sie glüht geradezu. Am Morgen ging es ihr doch gut.« Sie prüfte ihren Hinterkopf mit der Hand. Blut klebte an ihren Fingern. »Sie ist verletzt.«
Hasgar nickte nur stumm.
Man trug Wolldecken herbei und Hjalda bemühte sich, Jurga zuzudecken, auch wenn sich das Mädchen immer noch wand, die Decken von sich schob und die helfenden Hände sofort wieder wegschlug. Jemand legte Hasgar eine Decke über die Schultern. Er ließ den Blick nicht von seiner Schwester.
»Was ist passiert?« Tjalf trat in die Halle ein und eilte zur Feuerstelle. Tiefe Furchen zogen sich durch das wettergegerbte Gesicht des Hersirs.
Tola lugte zwischen den Umstehenden hervor, sie starrte ihre ältere Schwester aus weit aufgerissenen Augen an.
Hasgar rang mit sich. »Ein Hai hat unser Boot angegriffen – ein großer Brackhai, denke ich. Sie hat sich den Kopf angestoßen und stürzte ins Wasser.« Das ist nicht gelogen.
Der Hersir schob die Versammelten beiseite und trat nach vorne. »Was sagt sie da?«
Hjalda beugte sich über Jurga. Sie erstarrte, runzelte die Stirn. Dann winkte sie ab. »Sie ist verwirrt, sicher vom Schlag auf den Kopf. Es ist nichts.«
Tjalf kniete neben seiner Frau nieder. Kopfschüttelnd musterte er seine älteste Tochter. »Du solltest auf sie aufpassen, Hasgar«, knurrte der Hersir.
»Es geschah alles so schnell«, murmelte er.
Tjalf zog behutsam Jurgas Decke wieder höher.
»Nicht!« Sie riss die Augen auf. Ihre Pupillen waren stark geweitet und glänzten im Licht des Feuers. »Nicht! Die Insel …« Sie keuchte. »Siehst du die Insel? Der Tempel …«
Ihr Vater fasste sie fest bei den Schultern. »Jurga, hörst du mich?«
»Es brennt … frisst mich auf!« Sie wand sich unter seinem Griff, trat und schlug um sich. »Nicht! Wir müssen weg! Weg von hier! Sie kommen!«
»Jurga!«
»… musst mir zuhören … zwei Dinge habe ich noch zu tun …«
Tjalf schüttelte sie. »Kind! Beruhige dich!«
»Nein! Was du nicht verstehst, wird sie durchschauen«, stieß sie gehetzt hervor. Dann erstarrte Jurga und blickte zu ihrem Vater auf. »Schick mich … zurück«, raunte sie, »zu … ihm. Unter das Meer.« Sie sank wieder auf ihr Lager, krampfhaft atmend. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Lippen blau, ihr ganzer Leib bebte und zuckte. Tjalf hatte Mühe, sie festzuhalten.
»Drawina steh uns bei«, stieß der Hersir hervor. Er schloss kurz die Augen und senkte den Kopf. Er sah aus wie ein Mann, der sich lange Zeit vor einer schweren, nicht rückgängig zu machenden Entscheidung gedrückt hatte und dem nun die Hände gebunden waren.
Tjalf erhob sich. Seine Stimme klang rau. »Es reicht.« Er wies auf seine Tochter. »Achte darauf, dass sie sich nicht verletzt, Hjalda. Lass sie nicht aus den Augen, bis der Heiler hier ist.«
Hasgar schloss zu seinem Vater auf, der mit entschlossenen Schritten zur Tür marschierte. »Was geschieht nun? Was hast du vor?«
»Was ich schon vor zwei Wintern hätte tun sollen«, raunte Tjalf. Er wandte sich um und sah zu seiner Tochter. Schmerz und Verzweiflung standen in seinen Augen. »Ich rufe den Saithaman, damit er den bösen Geist, der deine Schwester plagt, endlich austreibt.«
»Warte!« Hasgar griff nach seinem Arm. »Das kannst du nicht tun!«
Tjalfs Gesicht verfinsterte sich. »Warum nicht? Weiß mein Sohn, dessen Sippenrune noch frisch ist, besser als sein Hersir und Vater, wie ich mich um meine Tochter und um meine Sippe zu kümmern habe?«
Hasgar zog unsicher seine Hand zurück. »Sie wird es nicht wollen. Sie sagt doch immer, dass es kein böser Geist ist. Wenn wir abwarten, bis sie …«
»Genau das redet ein bösartiger Geist denen ein, die er in Besitz genommen hat!«, fuhr sein Vater auf. »Du hast sie gehört – er ist es, der ihr ständig diese Flausen eingibt! All das Gerede vom Meer! Er lockt sie zu sich! Ich will meine Tochter zurück.«
»Was, wenn es schiefläuft? Eine Austreibung kann sehr gefährlich sein.«
»Glaubst du, ich weiß das nicht? Was denkst du, warum ich so lange gezögert habe?« Tjalf atmete tief durch. »Wenn du erst Hersir bist, wirst du verstehen. Jetzt hol dir etwas Trockenes zum Anziehen, oder ich verliere dich auch noch an ein Fieber.« Er wandte sich ab und trat ins Freie.
Hasgar sah zu Jurga. Hjalda hielt sie fest und bemühte sich, sie durch leises Zureden zu beruhigen.
Seine Schwester war viel zu lange unter Wasser gewesen. Es war ein Wunder, dass sie noch lebte. Jemand hatte sie geschützt, und ein böser Geist tat so etwas nicht. Etwas anderes war hier am Werk.
»Nicht!« Jurga wand sich auf dem Lager am Feuer. »Sieh nicht hin!«
Er senkte den Kopf und wandte sich ab.
Kapitel 1
Hjaldingafjord, Brajan 2120 IZ
Hjaldingafjord, das Herz Hjaldingards, der Ort, an dem Yoldra einst die stolzen Sippen der Hjaldinger einte, stand in Flammen.
Xelias taumelte durch den Qualm, den Gestank von Brand und verkohltem Fleisch in der Nase. Die Schwaden schmeckten nach Tod. Die Hitze brachte seine Haut zum Glühen und raubte ihm den Atem.
Glaiwa hatte sich bereits mit Grausen abgewandt und war hinter den Horizont geflohen. Sie wollte nicht mit ansehen, was sich nun in Hjaldingafjord abspielte.
Faravid packte Xelias am Arm. »Weiter! Wir dürfen hier nicht verharren!« Er zog ihn hastig mit sich in eine Gasse zwischen zwei Langhäusern. »Still!«
Eine Gruppe Myrmidonen mit im Feuerschein glänzendem Rüstzeug eilte vorbei. Ihre Rüstungen waren bunt bemalt, das Rot darauf war aber keine Farbe.
Xelias wagte es nicht, sich zu regen oder auch nur zu atmen. Er klammerte sich an seine schlichte Axt wie ein Ertrinkender an ein Stück Holz. Seine Muskeln schrien vor Schmerz, seine Lungen protestierten. Sein Fuß – dort, wo ihn der Armbrustbolzen durchschlagen hatte – pochte in Agonie.
Die Myrmidonen liefen weiter. Das Scheppern ihrer Rüstungen verhallte.
Faravid atmete auf und senkte seine eigene Axt. »Los!«
Xelias humpelte hinter ihm her. »Wohin denn?«
»Sicherlich sammeln sich alle, die noch aufrecht stehen, bei Ullbjerns Halle, um die Angreifer zurückzuschlagen.« Der junge Skalde lugte um die nächste Ecke. »Sie haben uns auseinandergetrieben wie Wölfe die Schafsherde. Hoffen wir, dass Ullbjern besonnen genug war, sich zurückzuziehen. Seine Halle lässt sich besser verteidigen als die verwinkelten Gassen.«
Sie wagten es, den Schutz des Langhauses zu verlassen, und eilten weiter – so rasch, wie es Xelias schmerzender Fuß und die Beinverletzung, die Faravid durch die Kentema eines Myrmidonen erlitten hatte, nur erlaubten.
Eine brennende Kugel, einem stürzenden Stern gleich, fiel brüllend vom Himmel, erhellte für einen Moment die umstehenden Häuser und schlug ein Stück weit vor ihnen ein. Schreie hallten heran, neue Feuerbrände loderten gierig fauchend empor.
Xelias verharrte, blickte sich um. »Gibt es noch einen anderen Weg?«
Faravid wies in eine schmale Gasse. »Dort entlang …«
Ein dunkler Schatten mit Flügeln, einem gewaltigen Vogel gleich, fiel auf sie. Xelias packte seinen Begleiter und zog ihn mit sich, in den Schutz einer Hauswand. Der Schatten flog brummend über sie hinweg.
Xelias stützte sich schwer atmend an der Wand ab. »Wo sind die Aldangara?« Er lugte die Straße hinab. Leblose Körper lagen darauf verstreut – nur bei einigen davon handelte es sich um totes Vieh. Die Leichname waren verkohlt und kaum wiederzuerkennen.
»Die Imperja?« Faravids Hand zitterte, als er nach der Wunde an seinem Bein tastete. Immer noch rann Blut an seiner Wade herab.
»Antimelia hat uns Truppen ihres Hauses versprochen. Wir brauchen ihre Soldaten.«
»Wenn du mich fragst, war das ein Trick – eine Täuschung, damit wir uns sammeln und hier auf die Imperja warten. Bestimmt wollte sie sogar verhindern, dass zu viele Leute Jurga über das Meer folgen.« Er winke Xelias. »Gehen wir.«
Sie hasteten zwischen den Langhäusern hindurch. Weiter vorne erhob sich auf einem Hügel im Zentrum von Hjaldingafjord die Halle von Ullbjern Eirikssun. Doch das gewaltige Reetdach stand nun in hellen Flammen, nur die gekreuzten goldenen Drachengiebel ragten noch daraus hervor und trotzten dem Feuer.
Xelias trat hinter Faravid ins Freie.
»Firns Speer!«, stieß der Skalde aus.
Tote und Verletzte säumten die Wege, die zur Halle führten. Myrmidonen in glänzenden Panzern, über denen kleine Wimpel emporragten, bedrängten die Verteidiger. Immer wieder fiel ein Imperi, gefällt von einer mächtigen hjaldingschen Axt, doch es trat sofort ein anderer in die Bresche, die Kentema in beiden Händen.
Inmitten der verbissen streitenden Hjaldinger stand Ullbjern Eirikssun, Hersir der Groa-Sippe, die mit goldenen Knotenbändern versehenen hohen Tore seiner Halle im Rücken. Er schwang Laujakweldiz mit einer solchen Leichtigkeit, als hätte die Schlacht gerade erst begonnen und würde nicht bereits seit einem halben Tag toben. »Rondris’ Kralle!« Die Flammen glänzten auf den mit silbernen Bändern verzierten Klingen der Doppelaxt und auf den goldenen Armreifen an seinen mit unzähligen Runen übersäten Armen, von denen jede von einem bezwungenen Gegner oder einer erfolgreichen Seefahrt kündete. Wann immer Laujakweldiz herabfuhr, spaltete sie einen Schädel, trennte einen Arm vom Leib eines Myrmidonen oder verpasste einem bemalten Insektenpanzer eine furchtbare Delle. Und jedes Mal gellte Ullbjerns Schlachtruf über die Kämpfenden hinweg: »Groa!«
Xelias starrte den Hersir einige bange Herzschläge lang reglos an.
»Er wird sie alle eigenhändig erschlagen!«, stieß Faravid hervor.
Xelias’ Blick fiel auf eine zusammengekrümmte Gestalt, die an der Ecke eines Langhauses hockte. Ein Vargaz stand über ihr. Das Fell des Halbwolfs war struppig und Blut glänzte darin im Feuerschein.
Xelias’ Herz machte einen Sprung. »Firnvild!« Er hastete auf sie zu.
Wrekar, der Vargaz, wirbelte herum. Seine blutbesudelten Lefzen enthüllten seine Zähne.
Xelias schrak zurück und hob hastig die Hände. Der Halbwolf gab ein warnendes Grollen von sich, das tief aus seiner Kehle aufstieg.
Firnvild regte sich nicht. Ihr Speer lag neben ihr, Blut sickerte aus einer Wunde an ihrer Seite. Ihr sommersprossiges Gesicht war geschwärzt, ihre Augen geschlossen. Ein Verband war fest um ihre Wade geschlungen.
Xelias’ Brust zog sich zusammen wie eine kalte Faust, die ihn packte. »Firnvild?« Er wagte es, einen weiteren Schritt zu machen.
Der Halbwolf setzte zum Sprung an.
»Wrekar, nein!« Firnvild sah auf und hob die Hand. Ihre Stimme war rau und bebte. »Nein!«
Der Vargaz wandte sich ihr sofort wieder zu, schnupperte kurz an ihrer zitternden Hand, dann leckte er sie winselnd ab.
Xelias wagte es, neben ihr niederzuknien. Auch Faravid trat näher, ließ den Halbwolf aber nicht aus den Augen.
Erschrocken griff Xelias nach ihrer Wunde. »Du bist verletzt!«
Ullbjerns Tochter stieß seine Hand beiseite. »Dachte, du bist schon längst weggerannt«, presste sie hervor und verzog schmerzerfüllt das Gesicht.
Ein Kommando hallte laut von den Langhäusern wider. Die Myrmidonen wichen zurück, sammelten sich und schlossen ihre Reihen. Dutzende ihrer Kameraden blieben leblos liegen.
Der Hersir reckte grimmig Laujakweldiz empor – die ›Löwendämmerung‹. »Habt ihr denn schon genug, ihr Kindsfäuste? Ich werde gerade erst warm!«
Hinter ihm nährten sich die Flammen an seiner Halle, fraßen sich durch das alte Holz, das vielen Generationen seiner Familie ein Zuhause gewesen war. Fünf weitere Frauen und Männer standen immer noch aufrecht, wenn auch schwer atmend, aus unzähligen Wunden blutend und kaum in der Lage, ihre Waffen zu heben. Xelias erkannte Serkaz unter ihnen, den breitschultrigen Krieger mit dem zu Zöpfen geflochtenen roten Bart, der fast ebenso viele Kriegerrunen trug wie Ullbjern.
Die Myrmidonen regten sich nicht. Wie Statuen standen sie da, der Feuerschein spiegelte sich auf ihren Rüstungen wider.
Der Hersir der Groa spuckte verächtlich aus. Mit den Flammen hinter ihm erschien sein Haar mehr als jemals zuvor wie die Mähne eines Löwen. »Kehrt besser zu eurem dreiäugigen Kuninga zurück, solange ihr das noch mit erhobenem Haupt tun könnt!«, schleuderte er den Soldaten entgegen. »Sagt ihm, dass Ullbjern Eirikssun noch immer steht, dass er Havars Axt trägt und niemanden passieren lässt, der die Halle seiner Ahnen betreten will! Er muss schon selbst herkommen und sie sich holen, wenn sie ihm so wichtig ist!«
Die Myrmidonen blieben stumm, die Kentemen in Händen und ihre Spitzen auf die schwer atmenden Hjaldinger gerichtet. Auf ein knappes Kommando hin öffnete sich ihre Formation. Sie bildeten eine Gasse.
Wrekar, der Vargaz, knurrte.
Drei weitere Krieger schälten sich aus dem Rauch hervor. Sie überragten die imperialen Soldaten um mehr als einen Schritt. Sie bewegten sich geschmeidig, lediglich leichte Rüstungen schützten ihre muskulösen Leiber. Ihr rotgoldenes Fell, durchzogen von schwarzen Streifen, glänzte matt im Feuerschein. Unruhig peitschten ihre Schwänze den Boden.
Xelias hatte noch nie einen mit eigenen Augen gesehen, doch es gab keine Zweifel daran, womit sie es zu tun hatten. Sein Mund war staubtrocken. »Tighrir«, stieß er hervor. Er wagte es nicht, seine Stimme zu erheben. »Die Tigergarde des Thearchen!«
Faravid duckte sich hastig hinter die Hausecke. »Die was?«
»Tighrir«, zischte Xelias. Er suchte nach dem richtigen Begriff im Hjaldingschen. »Tigramaniz!«
Die drei Tighrir passierten gelassen das Spalier, das die Myrmidonen gebildet hatten. Die Soldaten blickten stumm geradeaus. Die Tigergestaltigen trugen Schwertlanzen. Blut klebte an den Klingen und an ihren Rüstungen. Ihre Brustplatten zierten drei Augen auf schwarzem Grund – das Zeichen des Hohen Hauses, dem der Thearch angehörte.
Ullbjerns grimmiger Ausdruck schwand. Er senkte Laujakweldiz und nickte langsam, so als erkannte er, dass ein Moment gekommen war, auf den er lange gewartet hatte. Er straffte sich und wies mit der Axt auf die Neuankömmlinge. »Das ist schon besser. Endlich nehmt ihr mich ernst.«
Der Tighror in der Mitte der Dreiergruppe hob seine Schwertlanze. Ein mächtiger Backenbart zierte seine Wangen, also schien es sich wohl um einen Mann zu handeln – auch wenn Xelias das nicht mit Sicherheit sagen konnte. Er fletschte die Zähne. Muskeln, so dick wie Schiffstaue, spannten sich unter seinem schwarzgelben Fell.
»Wir können hier nicht bleiben«, setzte Xelias leise an, doch Firnvild winkte energisch ab.
Ullbjern hob die Doppelaxt, sodass der Tighror sie besser sehen konnte. »Dies ist die Klinge, die Uskur, den Löwenhäuptigen erschlug. Die Waffe, die das Volk der Hjaldinger von Unterdrückung und Knechtschaft befreite. Sie trinkt noch mehr Tyrannenblut, ehe ich den Weg in die nächste Welt antrete! Dein Fell wird mir als Umhang dienen, wenn ich in Hraiwagard einziehe, deine Knochen werde ich als Trophäe vorzeigen!«
Firnvild unterdrückte einen entsetzten Laut. Faravid warf ihr einen warnenden Blick zu.
Der Anführer der Tighrir warf sich gedankenschnell nach vorne, seine beiden Begleiter folgten ihm. Mit wenigen Sätzen erreichten sie die fünf letzten Krieger rund um den Hersir. Ein Hjaldinger wich gewandt einer Schwertlanze aus. Ein anderer wurde mit Urgewalt davon geschleudert und schlug ein Stück weit entfernt auf. Serkaz hob seine Axt und stellte den Anführer der Tighrir. Dieser parierte flink seinen Hieb und wischte ihn geradezu lässig mit der Pranke beiseite.
»Groa!«, schrie Ullbjern den Tigramaniz den Namen seiner Sippe entgegen und hob erneut die Axt. »Groa!«
»Vater«, presste Firnvild mühsam hervor und zog sich an der Hauswand empor. »Wir müssen ihm helfen.«
»Nein!« Xelias packte hastig ihren Arm. »Diesen Kampf können wir nicht gewinnen! Selbst Ullbjern nicht!«
Sie schüttelte seine Hand ab, ihre grünen Augen sprühten Funken. »Teigherz!«, schleuderte sie ihm entgegen. »Lauf zurück zu deiner Imperi-Mutter und versteck dich hinter ihrer Schürze, wenn du Angst hast!«
Laujakweldiz kam erneut herab. Der Tighror wich zur Seite aus und lenkte sofort die Schwertlanze gegen seinen Gegner. Sie fuhr über Ullbjerns Bein. Der Hersir stieß einen Schmerzensschrei aus, packte aber geistesgegenwärtig nach dem Schaft der Lanze. Mit der anderen Hand ließ er die schwere Doppelaxt auf den Tighror herabfahren. Die Klinge drang tief in dessen Brust.
Die zwei anderen Tigramaniz kamen auf die verbliebenen Verteidiger der Halle herab wie die Sense auf überreifes Korn. Die umstehenden Myrmidonen beobachteten reglos, wie die Tigergardisten die Hjaldinger niedermachten. Einer hob unter triumphierendem Brüllen einen abgetrennten Kopf empor, von dem Blut herabrann.
Xelias packte Firnvilds Arm, gerade als die junge Hersirstochter den Schatten des Langhauses verließ. »Nein!«
Sie setzte zu einer zornigen Erwiderung an, dann erstarrte sie.
Der Anführer der Tighrirgarde trieb Ullbjern mit einem Prankenhieb zurück zu den Toren der Halle. Krallen, so lang wie Dolche, fuhren über die Brust des Hersirs der Groa-Sippe. Blut schoss aus den Wunden hervor.
Das Feuer tauchte Ullbjerns Gesicht in rotes Licht. Er fand sich mit dem Rücken gegen das Tor wieder. Sein Schmerzensschrei ging im Fauchen der Flammen unter, die sein Langhaus gierig auffraßen.
Der Tighror holte mit der Lanze aus.
Firnvild stieß einen langgezogenen Schrei aus, der von Wut und Trauer und Entsetzen kündete.
Ein Kommando gellte durch die Nacht. Die Myrmidonen wandten sich zu ihnen um.
Ullbjern senkte den Blick, sah auf den Schaft der Schwertlanze. Sie hatte seinen Körper durchdrungen und steckte auf der anderen Seite in dem mit goldenen Knotenbändern verzierten Türblatt des Langhauses. Laujakweldiz, die Waffe Havars, mit der er einst den löwenhäuptigen Uskur erschlug, fiel dumpf zu Boden.
Der Hersir der Groa-Sippe tastete mit zitternden Händen nach der Lanze, doch das Leben rann nun mit jedem Herzschlag aus ihm heraus. Sein Blick traf den seiner Tochter. Er bewegte die Lippen. Blut quoll hervor.
Die Myrmidonen setzten sich in Bewegung.
Firnvild riss sich von Xelias los und hob den Speer. Mit einem wütenden Schrei rannte sie den Imperja entgegen. Wrekar überholte sie mit weiten Sätzen und stürzte sich mit heiserem Bellen auf die gepanzerten Krieger.
»Xelias!« Faravid schloss zu ihm auf. »Wir sitzen in der Falle!«
Alarmiert wandte er sich um.
Myrmidonen traten auch zwischen den brennenden Langhäusern hervor und hielten langsam auf sie zu.
Die Tore von Ullbjerns Halle stürzten um und rissen den Hersir mit sich zu Boden. Das Feuer loderte hell und gierig in den Himmel. Der Anführer der Tighrir stand reglos vor dem Inferno, ein dunkler Umriss vor dem Flammen, und blickte auf Ullbjerns Leichnam hinab.
Die Myrmidonen drangen auf Faravid und Xelias ein.
Xelias hob seine Axt. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
Dann waren die gepanzerten Krieger heran.
***
Als Erstes verspürte er Schmerzen. Dann kam Verwunderung darüber, dass er überhaupt etwas spüren konnte.
Wie aus weiter Ferne drangen Worte zu ihm durch. »… am Leben?«
Xelias zwang sich, die Augen zu öffnen. Alles drehte sich um ihn herum. Bin ich in Hraiwagard? Warum empfinde ich dann Schmerz? Bin ich etwa ein Draugar? Empfinden Wiedergänger Schmerz?
Etwas Feuchtes, Raues fuhr ihm durch das Gesicht. Schlagartig fand er zu sich. Er hustete und krümmte sich.
Wrekar, der Vargaz, winselte leise. Seine Lefzen stanken nach Blut, in seinen Augen spiegelte sich Feuerschein wider.
»Ich fragte, bist du noch am Leben?«
Er wandte den Kopf. Eine hoch aufragende Gestalt blickte auf ihn herab. Kleine graue Augen musterten ihn. Sie lagen im Schatten einer bleich glänzenden Halbmaske aus Knochen, in die ein drittes Auge aus irisierendem Opal eingelassen war.
Kalter Schreck durchzuckte ihn. Ein Optimat! »Verzeihung, ich wollte nicht …« Xelias blinzelte und richtete sich etwas auf. Erneut zog Schmerz durch seinen Schädel. Er fasste sich an den Hinterkopf und stieß auf warmes Blut.
Der hagere Mann, zu dem die grauen Augen und die Triopta gehörten, trat näher. Er ignorierte das warnende Grollen des Vargaz, ergriff Xelias ohne viel Federlesens am Arm und zog ihn auf die Beine.
Xelias gab einen Schmerzenslaut von sich und packte ganz unzeremoniell das Gewand des Optimaten, um nicht sogleich wieder zu Boden zu stürzen. Der Schwindel erfasste ihn und eine aggressive Übelkeit stieg in ihm auf. Er sog die Luft in seine Lungen. Es roch nach Blut, Schwelbrand und verkohltem Fleisch.
Der Optimat war nicht allein – fünf weitere Gestalten in langen Roben umstanden ihn. Dunkelheit umgab sie, auch wenn in der Ferne Feuersbrünste loderten. Die Flammen erhellten die Nacht und reckten sich dem Nachthimmel entgegen.
Xelias wurde bewusst, dass er den Mann immer noch berührte. Hastig zog er die Hand zurück und senkte den Blick. »Entschuldigung, ich …«
»Es ist nicht Zeit für Reden«, fuhr ihm der Angesprochene harsch ins Wort. »Wer bist du?« Er beherrschte Hjaldingsch mehr schlecht als recht, mit einem gestelzten Akzent. »Dein Name?«
»Ich spreche Eure Sprache, Exzellenz«, presste Xelias in Imperial hervor. »Mein Name ist Xelias.« Er stockte. Wenn der Zauberer erfährt, dass ich gar kein echter Hjaldinger bin, sondern nur ein Gassenjunge aus Trivina, was dann? »Arnarssun«, ergänzte er rasch. »Xelias Arnarssun.«
»Du sprichst unsere Sprache sehr gut – für einen Sohn Hjaldingards.« Der Optimat nickte. »Palomelios te Aldangara.« Er hatte sein langes graues Haar im Nacken zu einem Knoten zusammengebunden. In der Rechten hielt er einen verzierten, klobigen Stab, der bleich in der Dunkelheit schimmerte. Seine Hände waren altersfleckig, aber kräftig. Auch seine Begleiter trugen Zauberstäbe.
»Aldangara?« Xelias’ Verstand benötigte einen Moment, ehe er begriff. »Ihr seid endlich hier! Schnell! Wie müssen …« Er sah sich hastig um.
Sie standen irgendwo zwischen schwelenden eingestürzten Langhäusern im Zentrum von Hjaldingafjord. Wenn die unförmigen Umrisse dort drüben die Halle Ullbjerns waren, dann befand er sich nicht weit von dem Ort entfernt, an dem die Myrmidonen sie gestellt hatten.
Palomelios fasste ihn am Arm – so fest, dass er aufstöhnte. Erneut ignorierte der Optimat Wrekars warnendes Grollen. »Uns bleibt keine Zeit, Xelias Arnarssun. Ist dir diese Ansiedlung vertraut? Kennst du die Umgebung, die Türme des Morgens im Westen?«
»Die Bergatun?« Er nickte hastig. »Ja.« Die dunklen Umrisse der Erschlagenen lagen zwischen den Häusern verteilt. Angst und Panik schnürten seine Brust zusammen. »Habt Ihr hier eine junge Frau gesehen, Exzellenz? Rotes krauses Haar … Oder einen Mann, einen Skalden, der …« Er machte einen Schritt und stöhnte auf. Sein verletzter Fuß wollte ihn nicht tragen.
Der Magier musterte ihn skeptisch. »Du kannst kaum aufrecht stehen. Zeig uns nur den Weg, beschreibe uns rasch, wie der Hafen dieser Siedlung aufgebaut ist.«
»Ich kann stehen!«, protestierte Xelias. »Und es ist kein Hafen, eher ein Anleger. Warum fragt Ihr? Was plant Ihr?«
Palomelios zögerte kurz. »Die Myrmidonen haben die Überlebenden deines Volkes zusammengetrieben und bereiten sie darauf vor, verschifft zu werden. Wenn wir uns beeilen, vermögen wir sie vielleicht noch zu retten.«
Xelias’ Augen flogen zu den Leichen. Keine davon erinnerte ihn an Firnvild oder Faravid. »Ich weise Euch den Weg. Greifen Eure Truppen von Land an? Habt Ihr Schiffe, Exzellenz?«
Der Optimat schüttelte den Kopf. »Die anderen … Der Rest von uns wird für eine Ablenkung sorgen. Das gibt uns die Gelegenheit, die Gefangenen zu befreien und in Sicherheit zu bringen. Rasch, uns bleibt nicht mehr viel Zeit!«
Einer der Zauberer reichte Xelias eine Axt. »Du kannst damit umgehen?«
»Natürlich. Ich bin ein Hjaldinger.« Er hinkte hastig weiter, der Axtgriff in seinen Händen gab ihm ein wenig Trost. Wrekar blieb an seiner Seite. »Wie viele Überlebende gibt es, Exzellenz? Ich nahm nicht an, dass sie auch nur einen am Leben lassen.«
»Viel mehr, als du denkst«, brummte der Optimat, der ihnen mit weit ausholenden Schritten voranging.
Sie bahnten sich einen Weg durch die schwelenden Ruinen. Sie stießen auf keine Soldaten. Am Ufer war Lichtschein zu sehen.
»Vorsicht«, warnte Palomelios und duckte sich. »Und halte deinen Hund unter Kontrolle!«
Xelias blinzelte in das Licht der zahlreichen Wachfeuer.
Auf dem flachen Strand, der zum Wasser hinabführte, und auf den sonst immer die Langschiffe hinaufgezogen wurden, saßen und hockten Hunderte Hjaldinger. Viele der Krieger hatte man in Ketten geschlagen und miteinander durch Fesseln verbunden, einige lagen verletzt oder bewusstlos auf dem Boden. Kinder kauerten weinend bei den Erwachsenen, die tröstend die Arme um sie gelegt hatten – sicherlich waren nicht alle davon ihre eigenen.
Dutzende Myrmidonen in bunt bemalten Rüstungen umstanden die Überlebenden, die Spitzen ihrer Kentemen auf die Gefangenen gerichtet. Weiter draußen, auf dem Meer, zeichneten sich klobige Umrisse ab – imperiale Galeeren.
Eine Abordnung Myrmidonen trat vor und zog eine Reihe Gefangener grob auf die Beine. Die Hjaldinger wehrten sich, fluchten und schlugen nach den Soldaten, behinderten sich wegen der Ketten aber nur gegenseitig. Die Myrmidonen zerrten die Gefangenen mit sich zum einzigen Pier. Boote lösten sich aus dem Schatten einer Galeere und hielten auf den Anleger zu.
»So viele Überlebende«, stieß Xelias hervor. »Warum?«
Palomelios nickte stumm in der Dunkelheit. »Die Charybalis legen Wert darauf. Sie haben einen Verwendungszweck für sie.« Er wies zu einem Feuer auf der anderen Seite hinüber. »Siehst du das?«
Ein kalter Schauder lief Xelias den Rücken hinab.
»Die Tigergarde des Thearchen«, erklärte der Optimat. »Seine Divinität will sichergehen, dass der Feldzug von Erfolg gekrönt ist.«
Sicherlich zwanzig Tigramaniz standen und saßen dort. Manche verzehrten rohe, gehäutete Ziegen, andere schärften ihre Schwertlanzen. Unweit von ihnen lagen aufgeschichtete Waffen – Äxte, Schilde, Speere, sogar Rüstzeug und Helme.
»Wenn die Garde abgelenkt ist, entledigen wir die Gefangenen ihrer Ketten, bewaffnen sie und bringen sie von hier fort.« Palomelios musterte Xelias in der Dunkelheit eindringlich. »Es kann nur hilfreich sein, wenn einer der ihren den Überlebenden versichert, dass wir hier sind, um zu helfen – und dass sie sich nicht sinnlos in einen Kampf stürzen, den sie nicht gewinnen können.«
Xelias wagte es, sich ein wenig aufzurichten, und suchte nach vertrauten Gesichtern unter den Gefangenen. Faravid und Firnvild hockten zwischen ihnen, aneinandergekettet. Ullbjerns Tochter saß zusammengesunken da, doch sie lebte noch. Sein Herz schlug schneller.
»Xelias?«, drängte der Optimat.
Er nickte hastig. »Ich kämpfe mit Euch, Exzellenz. Ich bin ein Hjaldinger, kein Feigling.«
Der Graubärtige musterte ihn prüfend. »Also gut.«
Xelias atmete tief durch. »Greifen wir jetzt an?«
Palomelios schüttelte leicht den Kopf. »Noch nicht.«
»Worauf warten wir?«
»Auf die Ablenkung.« Der Zauberer wies mit der Spitze seines Knochenstabs das Ufer hinab.
Die dunklen Umrisse waren markant genug. »Insektopter«, murmelte Xelias. Die imperialen Fluggeräte hatten Feuerbrände auf Hjaldingafjord abgeworfen und schon beim Vorrücken der Imperjas den Verteidigern enorm zugesetzt.
Und Jurga war nicht hier, um sie mit ihrem Schutzgeist vom Himmel zu holen.
Der Gedanke versetzte Xelias einen Stich. Ich schwor Effar, keinen Fuß mehr auf das Meer zu setzen. Was auch immer gleich geschieht, Vardur sehe ich nie wieder. Hoffentlich findet er einen Weg nach Osten. Hoffentlich gibt es das rettende Land, die neue Heimat, wirklich.
Hätten sich Ullbjern und Firnvild nur dazu bewegen lassen, sich Jurga anzuschließen.
Hätte Xelias doch nicht voreilig diesen Eid geleistet.
Eine Explosion auf der anderen Seite des Uferstreifens ließ ihn zusammenzucken. Zwei Flammensäulen stiegen in die Luft, erhellten Ufer und Meer. Die Bruchstücke der beiden Insektopter flogen etliche Schritte weit in alle Richtungen.
Die Köpfe der Myrmidonen und Gefangenen ruckten herum. Die Tighrir sprangen auf. Einer von ihnen stieß einen kehligen Befehl aus. Die Tigramaniz griffen zu den Waffen und eilten auf die Explosionen zu. Ein Offizier der Myrmidonen sammelte einen Teil seiner Soldaten um sich. Auch diese Abordnung hastete im Laufschritt auf die Insektopter zu.
»Jetzt!« Palomelios erhob sich. »Es muss schnell gehen! Befrei die Gefangenen, Xelias, und überlass uns die Myrmidonen! Sorg dafür, dass sich deine Landsleute bewaffnen und die Flucht antreten!«
Auch die übrigen Zauberer standen auf. Sie hoben ihre Hände und Stäbe.
Xelias packte die Axt fester. »Bei Rondris’ Kralle«, presste er hervor und lief los, so schnell ihn sein verletzter Fuß trug. Wrekar eilte ihm mit weit ausholenden Sprüngen voraus.
Die Myrmidonen, die bei den Gefangenen zurückgeblieben waren, wandten sich um. Sie sahen Xelias reglos – ja, geradezu überrascht und amüsiert – entgegen. Doch dann, mit einem Mal, veränderte sich ihr Gebaren und sie wichen ein oder zwei Schritte zurück. Alarmiert hoben sie ihre Waffen.
Ein riesiger Blutbüffel preschte mit angriffsbereit gesenktem Kopf vorbei und jagte auf die Soldaten zu. Seine Hufe hämmerten auf den Boden. Er überholte Xelias und nahm immer mehr Geschwindigkeit auf.
Rechterhand eilte mit weiten Sätzen ein Bär heran, gefolgt von einem röhrenden Thakur.
Die Myrmidonen sammelten sich, senkten hastig die Kentemen. Die Gefangenen erhoben sich und wandten sich gegen ihre Bewacher.
Der Blutbüffel riss eine Reihe von Gegnern zu Boden, die ihn in seinem Lauf nicht bremsen konnten. Der Bär richtete sich auf die Hintertatzen auf und schlug mit weit ausholenden Prankenhieben auf die Wachen ein. Soldaten flogen in alle Richtungen davon. Ein Berglöwe sprang fauchend einen Myrmidonen an und verbiss sich in dessen Nacken.
Xelias erreichte Firnvild und Faravid. »Rasch!«, rief er. »Die Ketten!«
Der Skalde starrte ihn aus großen Augen an. Dann hielt er ihm die Fesseln hin.
Xelias holte mit der Axt aus und zerschlug die Kettenglieder.
Kapitel 2
Havarskog, Insel Eikey, Brajan 2120 IZ
Die Bulgmarhi, die schlanke Otta der Hallaz-Sippe, das Drachenhaupt verhüllt, lief knirschend auf das flache Ufer auf.
Vardur nickte langsam. Jedes weitere eintreffende Schiff stärkte das Gefühl der Hoffnung, das ihn seit Tagen begleitete. Drawina würde es gutheißen, wenn sie sich einig zeigten. Je mehr sich ihrer Sache anschlossen, desto wahrscheinlicher war zudem ein glücklicher Ausgang ihrer Reise.
Gleichzeitig nährte es aber auch das Gefühl der Endgültigkeit, das in ihm wuchs. Wenn sie erst einmal Hjaldingard zurückgelassen hatten, gab es kein Zurück mehr. Dort draußen auf dem Meer, gleich hinter dem Horizont, wartete ihre Bestimmung auf sie.
»Schon fast vierzig Sippen«, stellte Horm fest. »Und beinahe genauso viele Kriegsschiffe.« Er wies mit seiner verbliebenen Hand das Ufer entlang. »Dazu kommen ebenso viele Schiffe für Vieh und Fracht, für die Kinder und Bauern. Die Ziegen der Aslakur werden gerade auf Halljadurs Weiden getrieben. Die Heddin brachten sogar alle ihre Trehurnoz mit, wir müssen einen Teil davon aber schlachten.«
Nie zuvor hatte Vardur so viele Ottas auf einem Haufen gesehen. Sie lagen so dicht, dass man bequem von einem Schiff zum nächsten hätte springen können. Vor allem die breiteren, bauchigen Frachtschiffe hatte man auf den Strand gezogen. Die meisten waren bereits beladen, andere warteten noch darauf. Dahinter, in der Bucht, hatten die übrigen Drachenschiffe Anker geworfen.
Horm Ohnehand folgte ihm das Ufer entlang, zählte auf, wie viel Vieh sie hatten und mit wie vielen Mitgliedern die einzelnen Sippen gekommen waren. Zwischen den Schiffen eilten geschäftige Hjaldinger umher. Wer kräftig genug war, mit anzupacken, tat dies auch, schleppte Vorräte heran und lud sie auf die Ottas, wo kundige Hände sie festzurrten.
Das Vieh und die Pferde warteten noch in den mit provisorischen Zäunen umgebenen Pferchen. Der Großteil graste auf den Weiden von Eikey, wo sich die Ziegen und Schafe, Trehurnoz und Schweine vor der Abfahrt ein letztes Mal sattfraßen.
Horm kratzte sich an seinem Armstumpf. »Wenn das nicht ein beeindruckendes Drachenschiff ist. Selbst Ottar würde da anerkennend nicken.«
Sie passierten die Blajazehwa, das ›Windpferd‹, eine schlanke, mit kunstvollen Runen geschmückte Otta. Von ihr aus würde Jurga ihren gesamten Schiffsverband anführen. Krieger der Hagni-Sippe verstauten Waffen und Vorräte unter den Ruderbänken. Ein Runaman erneuerte behutsam eine der verschlungenen Runen am Bug, eine Vagarokruna, die seefahrerische Fähigkeiten stärkte. Über ihm ragte der Drachenkopf der Otta empor, der mit Tüchern verhüllt worden war, um die Geister von Eikey nicht zu verschrecken.
»Ich ziehe dennoch die Thurehs vor«, gab Vardur zu. »Das Schiff hat die Havar schon seit Generationen niemals im Stich gelassen. Sie wird uns auch sicher auf die andere Seite des Eiwara bringen.«
Hjalda, die Witwe des einstigen Hersirs Tjalf und Jurgas Stiefmutter, kontrollierte die Kisten, Körbe und Vorräte, die am Ufer standen. Danach entschied sie, welche auf die Blajazehwa geschafft wurden und welche auf eines der drei Frachtschiffe der Hagni. Sie blickte auf und nickte Vardur zu. Hjalda war eine gestandene Kriegerin, deren rotbraunes Haar noch keine grauen Strähnen aufwies. Ihre beiden Kinder Grani und Tola gingen ihr zur Hand. Die Zwillinge hatte noch nicht ganz das Erwachsenenalter erreicht. Mit ihren kastanienbraunen Locken und dunklen Augen kamen sie eher nach ihrer Mutter, vermutete Vardur. Sowohl Jurga als auch ihr Bruder Hasgar hatten blondes Haar und helle Augen.
»Wie viel weiß sie über dich und ihre Tochter?«, raunte Horm ihm zu.
Er winkte ab. »Was macht es jetzt für einen Unterschied?«
Sie umrundeten am Ufer aufgereihte Wasserfässer. »Wir müssen so viel zurücklassen«, seufzte Horm. »Hätten wir doch nur die Zeit, um weitere hundert Schiffe zu bauen.«
»Beschränken wir uns auf das Nötigste. Ich verzichte gerne auf die Erbstücke der Havar-Sippe für ein Fass Trinkwasser mehr, einen Ballen Stroh für das Vieh und eine zusätzliche Kiste mit Saatgut. Vor allem anderen müssen wir selbst ankommen. Wir tragen alles in uns, was wir benötigen, damit unser Volk fortlebt. Sobald wir einen Fuß auf das Ufer des neuen Lands setzen, haben die Imperja verloren. Dann können sie uns nicht mehr auslöschen. Die Hjaldinger überleben, unsere Sagas werden weiterhin gesungen, unsere Ahnen in den Geschichten weiterleben, die wir unseren Nachkommen abends am Feuer erzählen.«
Kinder rannten lachend an ihnen vorbei. Ihnen war nicht bewusst, was auf sie zukam und welches Risiko das Unterfangen wirklich barg. Eine alte Frau saß auf einer Kiste, blinzelte in die grelle Morgensonne und sah ihrer Sippe beim Beladen ihrer Otta zu.
»Dennoch«, Horm senkte die Stimme, »sind es nicht ausreichend Schiffe für alle. Der Platz wird nicht reichen, es gibt nicht genug Vorräte oder Wasser für alle.«
Vardur nickte langsam.
Auch in der Ortsmitte von Havarskog herrschte rege Betriebsamkeit. Mitglieder der Havar trugen Fässer, Kisten und Körbe vorbei, trennten vor ihren Häusern das Nützliche vom Unbrauchbaren. Familien aus dem Umland trafen ein, ihre Karren beladen mit Vorräten aus ihren Speichern. Die Kinder von Halljadur und Jarngerd, die einen Hof im Hinterland von Eikey bewirtschafteten, trieben unruhig schnatternde Gänse vor sich her.
Horm sah ihnen lächelnd nach. »Arnthrud meint, ich solle bloß schauen, gleich bei unserer Ankunft ein gutes Stück Land zu finden, ehe jemand schneller ist.«
Vardur schmunzelte. »Für ein Langhaus? Mit ausreichend Platz für eine ganze Schar Kinder?«
Sein Freund grinste. »So stolz und anmutig wie ihre Mutter, hoffe ich. Große Krieger wie ihr Vater.«
»Und sicherlich ebenso bescheiden.«
Horms Lächeln schwand, als ihnen eine Gruppe von Kriegern der Aasa entgegenkam. »Ich wette mit dir, der mächtige Hersir Gautaz Großmaul wird die besten Plätze für sich und seine Sippe beanspruchen, sobald auch nur die Küste des neuen Lands am Horizont zu erahnen ist.«
Zwischen den Häusern hindurch konnten sie nun bis zu dem Langhaus sehen, das Vardur bislang sein Zuhause genannt hatte.
»Wo wir gerade von Hersiren sprechen …« Horm warf ihm einen Seitenblick zu. »Hast du dich bereits entschieden, was du sagen wirst?«
Vardur seufzte. »Was rätst du mir denn?«
»Ich rate dir, nicht in Selbstmitleid zu versinken. Die alte Kratzbürste wusste schon, was sie tat. Was Salbjerg in dir sah, sehen andere inzwischen auch.«
Er nickte langsam. Horm hatte mit seinem eigenen Onkel gebrochen, um ihn beim Hjalding zu unterstützen. »Wir können nicht ohne Hersir aufbrechen, so viel ist sicher.«
Sie erreichten das Langhaus von Vardurs Familie. Ehe sie eintreten konnten, kam ein kleiner Junge angerannt, der Vardur nicht einmal bis zur Hüfte reichte, und stieß mit ihm zusammen. Erschrocken wich der Junge zurück und sah aus himmelblauen Augen unter einem blonden Schopf zu ihm auf.
Vardur schenkte ihm ein Lächeln. »Und der Hersir welcher Sippe bist du?«
Der Knabe gluckste. »Ich bin kein Hersir! Noch nicht … Aber bald!«
»Siehst du, wusste ich es doch!« Er lachte. »Wie heißt du denn, junger Hersir?«
»Skidi!«, verkündete der Angesprochene stolz und stemmte die Hände in die Hüften. »Skidi Gautazsun!«
Vardurs Lächeln schwand. Er starrte den Knaben an. In seinem Alter hatte der Fluch ihm bereits eine Mutter, Schwester und Vater genommen. Skidis Mutter hatte zudem seine Pflegeeltern auf dem Gewissen und sein Vater …
»Skidi!« Katla Oddasduhter kam auf sie zu, ihr jüngstes Kind, das sie erst vor wenigen Monden zur Welt gebracht hatte, im Arm, eingewickelt in eine Decke. Eine rüstige ergraute Frau begleitete sie und musterte ihn skeptisch durch zusammengekniffene Augen – Katlas Mutter Odda.
Wie immer, wenn Vardur die Hersirin sah, ihr weißblondes Haar und die geradezu durchscheinende weiße Haut, setzte sein Herz einen Schlag aus. Andere mochten Katla schätzen, bewundern und achten – sie schien auch die Einzige zu sein, die Gautaz, zumindest gelegentlich, im Zaum halten konnte –, bei ihm erweckte ihr Anblick keine Hochachtung. Er sollte Katla für das, was sie seinen Pflegeeltern angetan hatte, hassen, doch es fiel ihm weiterhin schwer. Er hatte die Hersirin bislang nur als gerechte und kluge Anführerin kennengelernt.
Sie nickte ihm nach kurzem Zögern zu. »Hjaldingafridhur.«
Er erwiderte die Geste. »Die Gunna-Sippe ist vollzählig eingetroffen, hoffe ich? Es gab keine Schwierigkeiten auf dem Weg?«
»Die gab es nicht. Ich danke dir für deine Gastfreundschaft. Möge Drawina deine Sippe segnen.«
Er bedeutete ihr vorauszugehen und folgte Katla durch die weit offen stehenden Giebeltüren in die Halle. Wärme empfing sie im Inneren. Die Vertreter der versammelten Sippen saßen auf den Bänken entlang des Mittelgangs oder standen dahinter, wenn sie keinen Platz gefunden hatten. Wieder andere drängten sich an den Wänden. Es herrschte ein lautes Stimmengemurmel. Die Halle hatte noch nie so viele Menschen aufnehmen müssen – ganz sicher nicht so viele Hersire auf einen Schlag.
Vardur und Horm bahnten sich einen Weg durch die Menge. Sie blickten in angespannte Gesichter. Nur wenige wirkten wahrlich hoffnungsvoll – vor allem natürlich die Vertreter der Isleif-Sippe. Ein Kind Isleifs brauchte keine Imperja, die es jagten, um voller Zuversicht zum Horizont aufzubrechen.
Horm trat zu Arnthrud, die an der Wand lehnte. Die Miene der jungen Frau hellte sich auf. Das waren schon einmal zwei Stimmen, auf die Vardur zählen konnte.
Der Feuerschein reichte nicht weit genug, um alle Anwesenden zu erreichen. Er fand die besorgten Gesichter der rundum sitzenden Hersire, schaffte es noch gerade so zu den Mienen der Berater hinter ihnen, erreichte aber kaum die Übrigen, die dahinter an den Wänden warteten.
Solweig Thordisduhter, die Hersirin der Isleif-Sippe, erschien ihm am zuversichtlichsten. Doch in den Adern aller Kinder Isleifs floss das Entdeckerblut ihres Sippenbegründers, des ersten Hjaldingers, der jemals auf dem Westweg fuhr. Sie sah ihrem Vorhaben mit offenkundiger Begeisterung entgegen. Die bereits ergraute Hersirin saß gegenüber dem leeren Platz, auf dem seit dem Tod von Vardurs Großmutter Salbjerg keiner mehr gesessen hatte. Solweig stützte sich auf einen geschnitzten Gehstock, das Feuer ließ die Falten in ihrem Gesicht wie tiefe Furchen erscheinen. Dennoch zweifelte niemand daran, dass sie notfalls das ganze Immermeer schwimmend überqueren würde, wenn auf der anderen Seite die Aussicht auf Abenteuer und ein unentdecktes Land warteten.
Solweig hatte Jurga auch ihr eigenes Schiff, die Blajazehwa geschenkt. Sie selbst würde auf dem zweiten Kriegsschiff der Sippe fahren, der Rhidawega.
Katla überließ den ihr zustehenden Platz am Feuer ihrer Mutter. Die Hersirin wiegte ihr neugeborenes Kind im Arm, das die Tragweite dieser Zusammenkunft nicht erahnte und schlief.
Die Skaldin Solwa, einst Salbjergs wichtigste Beraterin, saß zur Linken des Hersirssitzes und starrte ins Feuer. Wie immer trug sie ihr aschblondes Haar offen und nur an den Schläfen zu zwei dünnen Zöpfen geflochten.
Jurga saß zur Rechten des Sitzes, neben ihrem älteren Bruder Hasgar, einem hageren, hochgewachsenen Krieger mit rotblondem Bart und grünen Augen. Beide hatten sich leicht zu Thidrik umgewandt. Der Runaman mit dem langen, feuerroten Haar redete leise auf die Geschwister ein. Das aus geschliffenen Halbedelsteinen gebildete Stirnauge auf seiner Ledermaske gleißte. Es sollte das eigentliche dritte Auge der Zauberer verbergen. Vardur erschauderte unwillkürlich.
Mit Hasgar hatte er bislang nur wenige Worte gewechselt. Nach allem, was er wusste, hatten sich viele in der Hagni-Sippe für ihn als Nachfolger ihres Hersirs ausgesprochen, bis sich Jurgas Bruder vehement für seine Schwester eingesetzt hatte.
Vardur wartete, bis Jurga ihn bemerkte, ehe er sich räusperte und auf Katla wies. »Die Gunna und Hallaz sind eingetroffen – sieben weitere Schiffe. Es ist immer noch nichts von den Airikir zu sehen. Ich fürchte, die Imperja haben sie tatsächlich eingeholt.«
Sie nickte langsam. Das Feuer warf keine Schatten in ihrem ebenmäßigen, blassen Gesicht. Sie trug ihr blondes Haar auch heute in mehreren unterschiedlich hoch angesetzten Zöpfen und schien aus sich selbst heraus zu leuchten. Sie erschien eher wie ein Geist, eine Erscheinung, als ein Mensch aus Fleisch und Blut – doch dieser Eindruck mochte von Vardurs Gefühlen beeinflusst sein.
»Wir können nicht länger warten«, warf Solweig ein, während Jurga noch grübelte. »Mit jedem verstreichenden Tag bringen die Imperja zehn weitere Schiffe in Stellung, um die Odalwik abzuriegeln. Sobald die Kämpfe um Hjaldingafjord vorbei sind, segeln ihre Ottas als Nächstes zu uns. Je früher wir aufbrechen, desto besser. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Ullbjern sie besiegen wird. Nutzen wir also die Zeit, die uns sein Widerstand verschafft, zu unseren Gunsten.«
Jurga erhob sich. »Wenn die anwesenden Hersire zustimmen, setzen wir im Morgengrauen Segel.«
»Verwenden wir die Nacht, um uns an ihnen vorbei nach Süden zu schleichen«, warf jemand aus der Runde ein – Hallerna, die Hersirin der Kjora. »Die Imperja rechnen nicht damit, wenn wir der Küste folgen und Eyjattur passieren.«
»Nein.« Jurga schüttelte vehement den Kopf. »Wir waren uns über unsere Fahrtroute bereits einig: Wir schlagen den Weg ein, der mir gewiesen wurde, direkt hinaus auf das Eiwara. Eyjattur ist fest in der Hand der Imperja. Niemand weiß das besser als die Hagni.«
Eine raue Stimme, in der kaum verhohlene Verachtung mitschwang, meldete sich zu Wort. »Und wie gedenkt dein Schutzgeist, uns an den Ottas der Imperja vorbeizuführen?« Gautaz’ wölfisches Grinsen schälte sich als erstes aus der Dunkelheit. Danach seine Hand, die ein Trinkhorn hielt, sein langes, dunkelblondes Haar und schließlich seine kleinen grauen Augen und die zahllosen Narben und Kriegerrunen auf seinem bloßen Oberkörper.
Ein junger Krieger seiner Sippe, Hrok, der Gautaz stets wie ein abgerichteter Vargaz folgte, stand einen Schritt hinter ihm.
Jurga sammelte sich für einen Moment. Sie sprach nicht gerne das Wirken ihres Schutzgeistes direkt an. Es gab immer noch zu viele, denen ihr ständiger Begleiter nicht geheuer war. Sie zogen es vor, der kühnen Vision einer mutigen und glücklichen Anführerin zu folgen, anstatt den Weisungen eines Wesens, das sie nicht greifen oder hinterfragen konnten.
»Mein Schutzgeist«, setzte sie dann doch an, »lag noch nie falsch und er wird es auch dieses Mal nicht. All das haben wir bereits zur Genüge besprochen, Gautaz Dagurssun: Unser Weg führt direkt nach Osten, auf das Immermeer. Wir werden nicht mit einhundert Schiffen versuchen, uns einen Weg durch das Inselgewirr der Eyjattur zu suchen. Auch du weißt, dass es aussichtslos wäre.«
»Ich will hoffen, dass dein Geist recht behält«, entgegnete der Aasa. »Oder aber, er führt meine Sippe, deine und vierzig andere – alles, was von unserem Volk noch übrig ist – direkt in die wartenden Arme der Imperja.«
Vardur hob überrascht die Brauen. Für Gautaz Dagurssun war dies geradezu versöhnlich.
»Andererseits hast du kaum Erfahrung mit Kriegszügen«, setzte der Hersir der Aasa nach. »Ich sehe nur wenige Speere Firns an deinen Armen.« Er ließ seine eigenen Muskeln spielen, die mit Hautbildern übersät waren. »Warum wirst ausgerechnet du uns in diese Schlacht führen? Es wäre sicher klug, die Führung einem erfahreneren Hersir zu überlassen – zumindest, bis wir das offene Meer erreichen haben.«
Vardur ballte die Fäuste. Ein Hersir, der danach bestimmt darauf pochen wird, den Verband auch weiterhin anzuführen, wenn wir dank ihm die Blockade durchbrochen haben.
»Ein offener Kampf wäre zu verlustreich«, warnte Solweig. »Wir alle haben gesehen, was die Imperja können und mit welchen Mächten sie im Bunde sind!«
Vardur schluckte. Lebende Algen, die nach den Ottas griffen … Watdraugar, die sich an der Bordwand emporzogen – das wollte er nicht erneut erleben.
»Es wird nicht zu einer Schlacht kommen«, widersprach Jurga scharf. »Ich bin hier, um euch den Weg in das neue Land zu zeigen. Nicht, um euch vorzuschreiben, wie ihr eure Sippen zu führen habt. Vertraut meinem Schutzgeist und er wird euch retten.«
Gautaz hob amüsiert die Brauen.
»Du bist dir sicher, dass Land auf der anderen Seite des Ozeans wartet?« Das war Alsvinn, der Hersir der Hallaz-Sippe. Er war mit seinen Schiffen erst am Morgen dazu gestoßen. »Niemand von uns zieht in Hraiwagard ein, wenn wir auf dem Meer sterben.«
»Die Götter werden uns beistehen!«, rief jemand von weiter hinten aus der Menge.
»Götter«, schnaubte Katla. »Welche Götter? Effar? Er ließ uns gegen die Hrangadiener im Stich, als sie unsere Ottas mitsamt ihren Besatzungen in die Tiefe rissen! Rondris, Agiz oder Khorraz kamen uns ebenfalls nicht zu Hilfe.«
Andere nickten zustimmend. Selbst Gautaz verzog verächtlich das Gesicht, ehe er einen Schluck aus seinem Trinkhorn nahm.
»Mein Schutzgeist lässt uns nicht im Stich«, versicherte Jurga der Runde. »Und wenn wir uns auf ihn, und auf Drawina verlassen, auf unsere Stärke und unseren Zusammenhalt, dann erreichen wir unser Ziel.«
Niemand in der Halle widersprach.
Jurga starrte ins Feuer. »Ich habe es deutlich gesehen, er hat es mir wieder und wieder gezeigt: Eis – ein weites, graues Eismeer, und jenseits davon das neue Land – eine neue Heimat, die nur auf uns wartet.« Sie fing sich wieder. »Ihr alle wisst, was zu tun ist: Jede Sippe ist für den Schutz der Frachtschiffe zuständig, die mit ihr reisen. Die Sippen, die kein eigenes Drachenschiff mit Kriegern stellen, teilen ihre Schiffe auf die Übrigen auf. Die Runaleudi«, sie wies auf Thidrik, »teilen sich ebenfalls, so gut es geht, auf die Ottas auf. Wenn einer Sippe mehrere Runaleudi angehören, unterstützt sie weniger begünstigte Sippen, indem sie ihnen einen Runaman oder eine Runakwena abgibt.«
Vardur musterte den Zauberer, der stumm hinter Jurga stand, sein Gesicht reglos und nicht zu lesen. Seinen Stab aus dunklem, knorrigem Holz hielt er in der Rechten.
»Gibt es sonst noch etwas?« Jurga sah in die Runde. »Wenn ja, dann sprecht es jetzt aus.«
Solweig räusperte sich. »Ich möchte sprechen.«
Jurga setzte sich.
Die alte Hersirin lächelte wehmütig. »Auch wenn es mich schmerzt, auch wenn ich mir nichts sehnlicher wünsche, als das Eiwara zu überqueren, das neue Land auf der anderen Seite des Meeres zu sehen und unter meinen Füßen zu spüren, bin ich doch zu alt, um dieses Abenteuer auf mich zu nehmen. Ich kann zwar noch eine Axt heben und das Ruder packen, aber wenn ich es gegen einen Feind führen soll oder in einem Sturm den Kurs halten muss, reicht meine Kraft nicht aus.«
Gemurmel setzte ein. Katla schüttelte den Kopf. »Du bist weise und dein Ratschlag ist mehr wert als zehn starke Hände, Solweig. Du wirst das neue Land erreichen und du wirst dabei zusehen, wie deine Enkel dort zu Frauen und Männern heranwachsen.«
Die Umstehenden nickten zustimmend. Jurga senkte den Blick.
Die Hersirin der Isleif schmunzelte. »Ich danke euch für euer Vertrauen, aber der Entschluss ist gefasst. Ich spreche nicht nur für mich, sondern für alle, deren Hände nicht mehr stark genug sind, deren Augenlicht nicht mehr ausreicht. Für alle, die mehr eine Last als eine Hilfe sind, und diejenigen, die ohnehin nicht mehr viele Winter sehen werden. Ich spreche auch für alle, die nach den Kämpfen immer noch mit Wunden dahinsiechen.« Sie erhob sich langsam. Ihre Hand zitterte, doch sie stand aufrecht und ihr Blick war fest. »Wir bleiben und kehren in die Erde zurück, in der auch unsere Vorfahren ruhen. Gebt unsere Plätze auf den Schiffen Vieh und Wasserfässern. Noch nie, nicht seit Yoldras Zeiten, fiel eine Hjaldingerin ihrer Sippe weiter zur Last, wenn sie zu alt, schwach oder krank wurde. Nicht, wenn sie so das Überleben ihrer Familie sichern kann. Heute ist nicht der Tag, an dem wir mit diesem Brauch brechen.« Sie stockte. »Die Isleif werden meinen Nachfolger wählen – jemanden, der die Sippe in das neue Land führt. Wenn die Imperja hier eintreffen, werden sie nur brennende Häuser und Tote vorfinden, die lächelnd und in dem Wissen aus dem Leben geschieden sind, dass ihre Sippen weiterleben. Dass ihre Taten in den Sagas weiterleben, die ihr in der neuen Heimat singen werdet.« Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihr Gesicht. »Ich habe nur einen Wunsch: Wenn ihr mich dereinst in Hraiwagard wiederseht, berichtet mir vom neuen Land und wie es meinen Enkeln ergangen ist.«
Für einen Moment herrschte Stille. Nur das Knacken der Holzscheite war zu hören. Dann erhob sich Solwa und nickte der alten Hersirin zu. »Die Sagas werden von eurem Opfer berichten. Eure Namen und Taten werden nicht vergessen.«
»Eine kluge Entscheidung«, brummte Gautaz und nippte an seinem Trinkhorn. »Nur die Jungen und Starken haben Aussicht, bei einem solchen Unternehmen zu überleben. Die Alten wären nur Ballast.« Er sah zu Katla und Odda hinüber.
Die Hersirin der Gunna runzelte die Stirn, dann trat Entsetzen in ihr Gesicht. »Gautaz Dagurssun, wenn du damit sagen willst …«
»Du hast die weise Solweig gehört«, brummte der Hersir der Aasa, »zweifelst du ihre klugen Worte etwa an? Auch die Alten meiner Sippe werden zurückbleiben und ich werde ihr Opfer ehren.«
Katla sah zu Odda. Sie rang mit sich.
»Verzeiht mir.« Jurga erhob sich. »Das sollte nicht in dieser Runde besprochen werden. Darüber hinaus«, sie warf Vardur einen Blick zu, »sind wir im Haus der Havar lediglich zu Gast. Überlassen wir ihnen wieder ihre Halle und klären alles Weitere im Freien, innerhalb unserer Sippen.«
Der Raum leerte sich. Katla trat zu Odda, die ihr mit versteinertem Gesicht entgegensah. Gautaz beobachte dies mit einem selbstzufriedenen Grinsen, ehe er sich abwandte und hinaustrat. Hrok folgte ihm wie ein Hund dem Herrn.
Nur die Mitglieder der Havar-Sippe blieben zurück: Horm Ohnehand und dessen Gefährtin Arnthrud. Vardurs Onkel Otur und die Heilerin Esa. Die kluge Yoldra, die erfahrenen Krieger Fridgerd und Eindridi. Erla, die das Ruder der Thurehs übernehmen sollte. Auch Wulfaz’ Schwester Mardal, die selbst erblindet als eine der wenigen Saithaleudi noch von Nutzen für die Sippe sein würde, blieb zurück. Sie war inzwischen alt genug, um im Hjalding zu sprechen.
Natürlich vermisste er auch Gesichter und das schmerzlich: Ingjald und Wulfaz, deren Verlust er niemals überwinden würde, ebenso wenig wie den seiner Großmutter Salbjerg. Er würde viel dafür geben, wäre sie noch am Leben und könnte die Havar selbst nach Osten führen. Er vermisste Hjaldvaig, die immer an ihn geglaubt hatte, sowie Urdrun und Arinbjern. Weniger vermisste er Snevar und Swartaz, auch wenn er dieser Tage keinem seiner Sippe den Tod wünschte. Es gab schon so wenige von ihnen und noch weniger würden im neuen Land ankommen – wenn überhaupt.
Solwa trat neben den Sitz des Hersirs und winkte ihn näher. Ein Gedanke zuckte durch Vardurs Kopf: Das ist die letzte Gelegenheit. Wenn ich mich jetzt umdrehe und sie alle verlasse, sind sie vor mir sicher – vor meinem Fluch. Ich führe dann niemanden mehr ins Verderben.
Sein Blick fiel auf Horm, der ihm aufmunternd zunickte. Natürlich hatte er recht.
Ich bin ein Abkömmling Havars, der sich hoch erhobenen Hauptes dem löwenhäuptigen Uskur stellte. Was würde er sagen, wenn er mich jetzt zögern sieht? Was würde Salbjerg sagen?
Vardur räusperte sich. »Ihr alle wisst, was ich sagen will, also fasse ich mich kurz. Wir haben immer noch keinen neuen Hersir gewählt. Swartaz steht nicht mehr länger zur Wahl. Wenn ich könnte, ich würde meine Großmutter zurückholen, denn es gab seit Havars Zeiten keine bessere Hersirin.«
Die Umstehenden starrten ins Feuer.
»Salbjerg fürchtete den Tag, an dem die Schiffe der Imperja vor der Küste von Eikey erscheinen und Havarskog in Asche und Blut versinkt. Asche können sie gerne haben, und reichlich davon, denn wir hinterlassen ihnen kein einziges Haus, keinen Hof, kein Vieh oder Getreide. Unser Blut erhalten sie jedoch nicht, das tragen wir mit uns über das Eiwara. Dort bauen wir neue Häuser und Hallen, züchten neues Vieh, legen neue Felder an. Fern vom Imperjaz, frei und sicher vor allen, die uns schaden wollen.«
Die Anwesenden nickten zaghaft.
Er fühlte sich nun wesentlich mutiger, oder zumindest kümmerte es ihn nicht mehr, wie seine Sippe reagierte. »Wir können nicht ohne Hersir aufbrechen. Ihr alle wisst, warum ich immer gezögert habe, das Amt einzufordern. Wenn ihr nicht bereit seid, mir zu folgen, dann soll es mir recht sein. Wählt Yoldra Saunsduhter, sie wird eine gute Hersirin für die Sippe sein. Entscheidet euch meinetwegen für meinen Onkel Otur und ich werde nicht murren.«
Einige der Umstehenden schmunzelten. Für einen Augenblick huschte ein Anflug von Hoffnung über Oturs Gesicht, dessen Hand auch jetzt ein Horn mit Met hielt. Dann senkte er den Blick wieder.
Vardurs Herz hämmerte in seiner Brust. Thagalgrimm trieb ihn an, der Zorn darüber, dass sie morgen ihre Heimat verloren und dass die Imperja gewonnen hatten. Dass sie ihn bereits so viele Freunde und Angehörige gekostet hatten. Die Worte seiner Großmutter trieben ihn an, die gestorben war, ohne zu wissen, ob ihre Sippe weiterleben würde oder nicht.
»Aber wenn ihr jemanden wollt, in dem Salbjerg mehr gesehen hat, als er selbst es tat, dann seht mich an. Wenn ihr jemanden wollt, der um die Schwere dieser Verantwortung weiß, dann gebt mir eure Axt. Jemanden, der immer nur das Beste für diese Sippe wollte, nicht für sich selbst. Jemanden, der kein Hersir werden will, weil ihm danach ist, anderen Befehle zu geben, sondern jemanden, der es als Bürde ansieht. Wählt jemanden, der weiß, dass unsere einzige Rettung jenseits des Immermeeres wartet, und dies bereits wusste, als ihr noch gezaudert habt. Und nun schwatzen wir nicht mehr länger, sondern fällen eine Entscheidung. Die Thurehs muss beladen werden und ich muss noch mit den Hersiren klären, wo genau im Verband die Kinder Havars segeln.« Er stockte, sein Gesicht gerötet. Seine Wangen fühlten sich heiß an.
Die Umstehenden starrten ihn reglos an. Horm grinste. Arnthrud nickte ihm aufmunternd zu. Otur prostete ihm stumm mit dem Methorn zu. Yoldra senkte still lächelnd den Kopf.
Solwa unterdrückte ein Schmunzeln und bemühte sich um einen Ausdruck, der dem Ernst des Anlasses angemessen war. »Unsere geehrte Hersirin Salbjerg, so war es immer ihr Wunsch, wollte Vardur Arnarssun als ihren Nachfolger und deshalb will ich ihn in ihrem Namen als Hersir vorschlagen. Macht noch jemand einen Vorschlag?«
***
Er starrte den Sand und Kies zu seinen Füßen an. Wasser rollte den Strand hinauf, brachte Schaum mit sich und umspülte seine Schuhe.
»Vardur?«
Er sah auf. Horm musterte ihn fragend.
Glaiwa kündigte sich gerade erst am östlichen Horizont an. Das rote Band ließ sich mehr erahnen, als wirklich erkennen.
Vardur räusperte sich. »Ich bin so weit.« Rasch bückte er sich, nahm einen großen, nassen Kiesel vom Ufer auf und ballte die Faust darum. Dann hob er erst einen, dann den zweiten Fuß von dem Land seiner Vorfahren und trat auf den Steg, an dessen Ende die Thurehs auf ihn wartete. Die Mitglieder der Fahrtgemeinschaft waren bereits auf ihren Plätzen. Erla stand am Ruder. Es war befremdlich, dass ihn dort nicht Hjaldvaig oder Thursdur erwarteten.
Vierzig Gesichter musterten ihn gespannt, als Vardur ans Heck trat. Horm lächelte ihm aufmunternd zu. Jeder freie Platz war mit Proviantpaketen, Wasserfässern und Waffen belegt, mit Ersatzsegeln, Netzen und Harpunen.
»Wohin also?«, erkundigte sich Erla.
»Nach Osten. Setzt die Segel.«
Rund einhundert Ottas, schwer beladen mit Menschen, Vorräten und Vieh, hissten ihre Segel. Ebenso viele Drachenköpfe wandten sich dem offenen Meer zu, wo Glaiwa, die Gleißende, in der Ferne den Horizont in Brand steckte – und wo als kleine schwarze Punkte die Schiffe der Imperja bereits zu erahnen waren.
Vardur blickte zurück.
Rauchsäulen stiegen von Havarskog in den allmählich heller werdenden Himmel, als der neue Tag die Nacht ablöste.
Entlang des Strands aufgereiht standen oder saßen diejenigen, die sie nicht auf ihrer Reise begleiteten – die Alten, die Kranken. Am Morgen hatten sie Dolche und Messer verteilt, dann die letzten Höfe und Häuser in Brand gesteckt.
Manche der Zurückgebliebenen hockten auf dem flachen Ufer, andere sahen ihnen aufrecht und erhobenen Hauptes nach. Solweig, die alte Hersirin der Isleif, hob grüßend die Hand. Odda, Katlas Mutter, stand neben ihr auf dem Anleger und starrte reglos geradeaus.
Vardur drehte sich wieder um, wandte den Blick von seiner Heimat ab und sah nicht mehr zurück.
Kapitel 3
Odalwik, Brajan 2120 IZ
Gautaz erlaubte sich ein zufriedenes Grinsen. »Ihr hattet nicht genug Zeit, was? Hat er euch zu lange beschäftigt?«
Stainar, der neben ihm stand und das Ruder der Wegafreki hielt, warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Es sind nicht so viele, wie befürchtet.« Gautaz wies auf den Horizont. »Ullbjern wird sie ganz schön geärgert haben. Er hatte schon immer ein Talent dafür. Uns hilft es heute.«
Die Flotte hielt nun zügig auf die Schiffe der Imperja zu, die als schwarze Umrisse vor der aufgehenden Sonne erschienen. Noch war es ruhig über der Odalwik, doch das würde sich bald ändern.
Jurgas Otta führte sie an. Das hatte sich nicht vermeiden lassen, auch wenn die übrigen Hersire diese unkluge Entscheidung sicher bereuen würden.
Gautaz’ Wegafreki segelte auf der einen Seite, die Thurehs der Havar, die doch tatsächlich den vorlauten Bengel Vardur zum Hersir gewählt hatten, auf der anderen. Die meisten der mit Kriegern besetzten Ottas fuhren der Flotte voraus, dann kamen die bauchigen Frachtschiffe. Auf einem davon segelte Katla mit ihren beiden gemeinsamen Kindern. Sie alle drei konnten sich dort, in seinem Rücken, sicher fühlen.
Weitere Kriegsschiffe schützten die Flanken ihres Schiffsverbands. Einhundert Schiffe brachen in die neue Heimat auf, die Jurga ihnen versprochen hatte. Nun waren die Drachenköpfe unverhüllt, auch die Bugzier der Wegafreki hielt den Blick stur nach Osten gerichtet.
»Sieht so aus, als hätte der Geist ihr einen guten Ratschlag gegeben, als er auf raschen Aufbruch drängte«, murmelte Stainar. Der Steuermann mit dem buschigen Schnurrbart nickte zum Horizont hinüber. »Vielleicht kommt es nicht mal zum Kampf, wenn wir durch sind, ehe sie die Lücken schließen.«
Gautaz warf ihm einen missbilligenden Blick zu, doch er war zu gut gelaunt, um Stainar zurechtzuweisen. »Soll mir recht sein.« Er packte seine Axt fester und zuckte mit den Schultern. Odda am Steg von Havarskog zurückzulassen, verlieh ihm ein Hochgefühl, das ihn auch noch über das gesamte Eiwara tragen würde. Wie ein lästiges Insekt war sie stets um ihn herumgeflogen, summend und brummend, und hatte sich nie verscheuchen lassen. Diese Unternehmung erwies sich schon jetzt als Erfolg.
Ihr Schiffsverband hielt, einem Keil gleich, auf die Südspitze der Halbinsel Hjaldingard zu, wo das Ufer rasch zu schroffen Klippen anstieg, die günstige Nistplätze für Gletschermöwen boten. Ganze Möwenschwärme kreisten darüber, so als wollten sie die Ottas verabschieden.
Die Steuerleute der Hjaldinger kannten diese Gewässer bestens, jede plötzliche Untiefe, jeden trügerischen Felsen. Sie wussten, wie nahe sie dem Land kommen durften. Und ihre Ottas hatten einen sehr viel geringeren Tiefgang als die Schiffe ihre Gegner.
Die Galeeren, die geduldig auf sie warteten, zogen sich entlang des ganzen Horizonts, aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. Es gab jedoch eine angenehm große, geradezu verlockende Lücke in ihrem Zentrum.
»Stümper!«, stieß Gautaz verächtlich hervor. »Wer soll denn darauf reinfallen?«
Vergnügt wanderte er nach vorne, vorbei an den Frauen und Männern seiner Mannschaft, die sich bereits auf die Schlacht vorbereiteten. Er klopfte Hrok zufrieden auf die Schulter. »Gleich ist es so weit. Schauen wir mal, ob wir nicht ein paar von ihnen auf die Felsen locken.«
Der junge Krieger nickte überrascht. »Das wäre ein willkommener Anblick, Hersir!«
Etwas zu eifrig, wie immer. Doch Hrok hatte seine Lektion gelernt und verstand, wo sein Platz im Rudel war. Da übersah Gautaz gerne die eine oder andere kriecherische Unterwürfigkeit. Er trat an den Vordersteven, die Hände um den langen Stiel seiner Axt gelegt. Der Tighrirschädel, den Ullbjern ihm geschenkt hatte, hing fest verschnürt unter dem Drachenkopf, die leeren Augenhöhlen in dem bleichen, ehrfurchtgebietenden Stück Knochen nach vorne gerichtet.
Die Imperja sollten wissen, wer auf dieser Otta fuhr, mit wem sie es zu tun bekamen, wenn sich die Wegafreki näherte – keine verängstigten Bauern, nicht irgendein dahergelaufener junger Hersir, sondern ein Krieger, der sich von nichts schrecken ließ.
Sie hielten zügig auf die Blockade zu. Nun bemerkten auch die Imperja, dass die Hjaldinger kein Interesse daran zeigten, ihre freundlicherweise offen gehaltene Mitte anzusteuern, und stattdessen auf die nördlicher liegenden Galeeren zuhielten, die vor der Südspitze Hjaldingards lagen. Die ersten Schiffe setzten sich in Bewegung, manche angetrieben von Schaufelrädern, andere von zwei, drei oder gar fünf Riemenreihen, die sich im Gleichtakt hoben und senkten.
»Hrangas Kiefer!« Gautaz lachte kehlig auf und reckte seine Axt empor. »Merkt ihr endlich, dass wir nicht so leicht zu übertölpeln sind? Treibt bloß eure Sklaven an, oder ihr verpasst den Spaß!«
Godrun, die einzige Runenmagierin, die den Aasa geblieben war, trat an die Bordwand. Sie starrte hinaus aufs Meer. Mit ihrer schlanken, hochgewachsenen Gestalt wirkte sie unter den breitschultrigen Frauen und Männern der Fahrtgemeinschaft bereits fehl am Platz. Statt einer richtigen Waffe trug sie zudem lediglich einen langen Eibenstab.
Gautaz runzelte die Stirn. »Was siehst du, Runakwena?«
Sie warf ihm einen stummen Blick zu. Er hielt Godruns starrem dritten Auge auf ihrem Stirnband stand. »Nebel.«
Er beugte sich über die Bordwand. Die See war hell hier, aber immer noch tiefblau genug, dass sie sich nicht sorgen mussten, das Wasser unter dem Kiel zu verlieren. Gleich über der Oberfläche kräuselten sich graugrüne Nebelfäden, die mit jeder zurückgelegten Schiffslänge dichter wurden und sich nur widerwillig vor dem Bug der Wegafreki teilten.
»Und?« Er winkte ab. »Morgennebel. Ist nicht ungewöhnlich.«
Sie fasste ihren Stab fester. »Das ist kein normaler Nebel.« Sie wies hinaus auf die See. »Er kommt von Osten, zieht dem Wind entgegen, der uns aufs Meer trägt.«
Er blickte auf. Die Runakwena hatte recht, und das war nicht alles: Kein Vogel kreiste mehr am Himmel, die Gletschermöwen waren geflohen. Eine bedrückende Stille hielt die Odalwik fest im Griff. »Verflucht«, knurrte Gautaz. Alarmiert wandte er sich zur Blajazehwa, dem schlanken, runengeschmückten Drachenschiff, das die Isleif-Sippe törichterweise an die Hagni abgetreten hatte, anstatt ihre Frachtschiffe mit zwei Kriegsschiffen zu schützen. Eine Gestalt mit blondem Haar stand am Bug und sah unbeirrt Richtung Horizont. Die dünnen Nebelfäden, die sich geduckt über das Meer hinweg angeschlichen hatten, umgaben nun den gesamten Schiffsverband.
»Sieht sie es denn nicht?«, knurrte Gautaz. »Verflucht seid ihr, hättet ihr doch mich gewählt.«
So als ob er ihn gehört hätte, gab der Nebel sein Versteckspiel auf. Anstatt knapp über dem Wasser dahinzukriechen, erhob er sich nun triumphierend und wallte empor. Die feindlichen Galeeren und die Küste ließen sich im Dunst immer schwerer ausmachen. Ein Vorhang zog sich vor ihnen zusammen, der kränklichgraue Nebel verdichtete sich rasch.
»Hrok, das Horn!«, befahl Gautaz. »Wir müssen Signal geben …«
Ein langgezogenes Hornsignal schallte von der Blajazehwa herüber.
»›Vorwärts‹?«, übersetzte der Hersir grimmig. »Was erlaubt sie sich?« Er wandte sich an die Männer und Frauen hinter ihm. »Bereitet euch vor! Ich will nicht erleben, dass auch nur ein Watdraugar oder irgendeine Ausgeburt Hrangas einen Fuß auf diese Planken setzt! Sie dürfen den Schiffen unserer Sippe oder denen der Gunna nicht zu nahe kommen!« Missmutig starrte er die verschlungene, mit Blut gezeichnete Aescruna an – die Waffenrune, mit der Godrun seine Axt versehen hatte. Doch er war nicht töricht – Geistern und anderem Gezücht Hrangas konnte er mit bloßer Kraft und simplem Stahl nichts anhaben.
Es wurde rasch düsterer auf der Wegafreki. Die kränklichen, grüngrauen Schwaden verwehrten den Blick auf den Horizont und ließen selbst die Ottas, die sie begleiteten, nur noch als vage Schemen erscheinen. Der Nebel erstickte Glaiwas Schein, die Sonne ließ sich nur noch erahnen.
»Zur Tiefe!«, grollte Gautaz. »So fahren wir auf Grund oder direkt in eines ihrer Schiffe.«
Erneut wehte ein langgezogenes Hornsignal heran.
»Verflucht seist du, Jurga Tjalfsduhter!«, spie er hervor. »Wir müssen langsamer segeln und …«
Noch ein langgezogenes Signal unterbrach ihn, so als gelte es allein ihm.
»Was tun, Hersir?«, rief Stainar vom Ruder her, nur noch ein vager dunkler Umriss im Nebel. »Weiterfahren oder nicht?«
Gautaz runzelte die Stirn. Der Nebel war nun so dicht, dass die Wasseroberfläche nicht mehr zu erkennen war. Er kräuselte sich, wand sich an der Bordwand empor, griff mit Tentakeln aus Dunst nach dem Segel und dem Drachenhaupt, das ihnen vorauseilte. Die Schwaden trugen einen Übelkeit erregenden Gestank nach verrottendem Tang und fauligem Wasser mit sich, der in Mund und Nase drang sowie die Augen zum Tränen brachte. Klamme Feuchtigkeit kroch Gautaz unter die Kleidung wie ein nasskalter Lappen.
»Die Tochter der Schlange«, stieß Godrun hervor und hob alarmiert ihren Zauberstab. »Die, die aus dem Nebel kommt!« Pures Entsetzen lag in ihrer Stimme.
Der Wind wich aus dem Segel, die Wegafreki verlor rasch an Fahrt.
»Reiß dich zusammen, Zauberin!« Gautaz trat an den Mast zurück, die Axt fest mit beiden Händen gepackt. »Hrok! Gib unseren Schiffen das Signal zum Beidrehen. Wir müssen …«
»Hersir!« Godrun hob ihren Stab und wies hinaus aufs Wasser.
Schemenhafte Umrisse formten sich aus den Nebeln heraus und näherten sich rasch. Sie liefen über die Oberfläche auf sie zu.
»Geister! Verteidigt das Schiff!« Gautaz hob die Axt. »Aaaasaaaa!«, schrie er dem Feind entgegen, doch der Nebel verschluckte jeden Laut und sein Ruf trug nicht weit. Seine Fahrtgemeinschaft hob Äxte und Rundschilde.
Die Schemen fielen stumm über die Wegafreki her. Rundum hieben die Krieger verängstigt nach den Angreifern oder rissen hastig die Schilde empor.
Einer der Schatten, eine wirbelnde Masse aus Dunkelheit und Nebelschwaden, setzte lautlos auf den Planken auf und wandte sich Gautaz zu. Ein Helm und Schild, gezeichnet mit Runen, eine hochgewachsene Gestalt, ein eingefallenes Gesicht mit leeren Augenhöhlen …
»Eilif?«, presste er hervor und wich unwillkürlich zurück. Eine kalte Faust griff nach seinem Herzen. »Eilif, bist du es?«
Der Geist hob stumm die Axt. Ein großer dunkler Fleck prangte auf seiner Brust – dort, wo ihn der tödliche Speer getroffen hatte, kurz nachdem er ihn gerettet hatte.
Gautaz sprang hastig vor dem Hieb seines schattenhaften Bruders zurück und stieß mit dem Rücken an den Mast. Rundum wehrten sich die Angehörigen seiner Fahrtgemeinschaft keuchend gegen stumm kämpfende schemenhafte Umrisse. Weiter als bis zur Bordwand reichte die Sicht nun nicht mehr. Die Angreifer schwangen Äxte und einige trugen Schilde.
»Unsere Toten«, stieß Stainar entsetzt hervor und wich einem Angriff aus. »Die Toten, die wir in der letzten Schlacht verloren, sind zurück!«
Eilif wies anklagend mit der Axt auf seinen Bruder. Seine Augen waren zwei dunkle Höhlen aus Finsternis, hinter denen Verdammnis und Unendlichkeit warteten.
Gautaz hob die Axt. »Es war nicht meine Schuld!«, schleuderte er dem Geist entgegen. »Ich habe nicht verstanden, was du sagen wolltest!«
Jemand ging über Bord und landete klatschend im Wasser. Ein gellender Schrei durchbrach den Nebel und verstummte abrupt.
Eilif holte erneut aus. Gautaz wich aus und schlug dann selbst mit aller Kraft zu. Seine Axt fuhr durch seinen Bruder. Die Schwaden verwehten für einen Moment und formten sich rasch neu. »Du kannst mir nicht dafür zürnen!«
Einer seiner Leute sank unter den Hieben eines formlosen Schemens auf die Planken des Schiffes. Er blutete nicht, röchelte jedoch krampfhaft, spuckte brackiges, schwarzes Wasser aus. Egal, wie sehr er auch nach Luft rang, es quoll lediglich diese Brühe hervor.
»Ich habe keine Angst vor dir!«, schrie Gautaz seinem Bruder entgegen. »Nenn ihn mir! Nenn mir deinen letzten Wunsch! Sag ihn mir und ich erfülle ihn! Dann findest du Frieden!«
Eilif wandte sich ihm wieder zu, sein eingefallenes Gesicht eine Fratze des Hasses und der Enttäuschung. Er öffnete den Mund zu einem stummen Schrei, schlug nach Gautaz, der hastig einen Schritt zurückwich, dann noch einen.
Eine feste Hand packte ihn und riss ihn von der Bordwand zurück – Hrok.
Verärgert schlug er dessen Hand beiseite. »An die Ruder! Wir müssen hier raus!« Alarmiert sah er sich um. »Wo ist er hin?« In seinen letzten Momenten hatte Eilif ihm zugerufen, was er von ihm wollte. »Ich hab es nicht verstanden, hörst du? Sag es mir jetzt!«
Um sie herum focht die Fahrtgemeinschaft gegen die unförmigen Schemen. Godrun wehrte sich mit Stockhieben. Eilif löste sich erneut aus den Nebelschwaden und kam auf Gautaz zu.
Der Hersir der Aasa trat ihm entgegen, die Axt abwehrbereit erhoben. Dann zögerte er. Was tue ich hier denn nur? Der Fluch, der Eilif in seinen gierigen Klauen hielt und ihm den Einzug in Hraiwagard verwehrte, ließ sich natürlich nicht mit Klingen bezwingen. Er breitete die Arme aus. »Sprich mit mir!«
Sein Bruder verharrte, starrte ihn an.
Gautaz nickte langsam und mit grimmiger Befriedigung. »Sag es mir!«, forderte er ruhig. »Was wolltest du mir sagen? Nun ist der richtige Moment, um Frieden zu finden.«
Eilif blinzelte, zögerte. Er öffnete den Mund.
Das Segel über ihren Köpfen blähte sich wieder. Ein frischer Wind kam auf und vertrieb den brechreizerregenden Gestank nach Tang und Tod, die klamme Feuchtigkeit und die erdrückende Stille. Der Nebel geriet in Wallung.
Der schemenhafte Eilif starrte Gautaz einen Moment lang stumm an, dann verwehte seine geisterhafte Gestalt. Sonnenlicht fiel auf das Deck.
»Warte!« Er machte einen Schritt auf ihn zu, doch es war zu spät. »Sag es mir! Nenn mir deinen letzten Wunsch!«
Rundum senkten die Frauen und Männer seiner Fahrtgemeinschaft schwer atmend ihre Waffen. Die Wegafreki nahm wieder Fahrt auf. Stainar griff hastig wieder nach dem Ruder.
Ein langgezogenes Hornsignal wehte durch den langsam zurückweichenden Nebel heran.
»Auf eure Plätze!«, fauchte Gautaz. »Es ist nicht vorbei!« Er starrte die Stelle an, wo er das Gesicht seines Bruders zuletzt gesehen hatte. Hätten wir doch nur noch einen Moment mehr gehabt!
Er sah sie vor sich – die finsteren Augen, die Dunkelheit dahinter, die an die tiefsten, lichtlosesten Abgründe des Ozeans erinnerte. Erwartet mich ebenfalls dieser Abgrund, wenn ich hier draußen, auf dem Eiwara sterbe, fern der Heimat, weit entfernt von den Gräbern meiner Ahnen?
Der Wind nahm rasch an Stärke und Empörung zu. Entschlossen packte er die Wegafreki und schob sie vor sich her. Heulend und fauchend wie ein hungriger Vargaz jagte er über das Wasser hinweg, trieb den kränklich-graugrünen Nebel vor sich her, zurück nach Osten, von wo er gekommen war. Er peitschte die Odalwik auf und zerrte an Gautaz’ Haar.
Rundum schälten sich die Umrisse der übrigen Drachenschiffe aus den Schwaden hervor.
Die Blajazehwa saß immer noch an der Spitze. Jurga stand am Bug und brüllte den furchtsam weichenden Nebelschwaden Worte hinterher, die ihr der aufkommende Wind von den Lippen riss. Es erschien so, als jagte sie nun den Nebel, nicht umgekehrt.
Der Sturmwind peitschte die See rundum auf. Wellen schlugen gegen die Wegafreki und wiederholt schwappte kaltes Wasser über die Bordwand. Der Wind heulte in Gautaz’ Ohren.
Die Umrisse der Galeeren schälten sich aus den Schwaden hervor, mehrmastige Schiffe mit mächtigen Rammspornen, die Kraken oder Seeschlangen nachempfunden waren. Angetrieben wurden sie von hunderten von Rudern. Sogar drei klobigere Ungetüme mit kolossalen Schaufelrädern waren darunter, neben denen selbst die größten Galeeren winzig erschienen.
»Hier kommen sie!«, schrie Gautaz. »Schilde!« Er trat an den Vordersteven und sah den Schiffen grimmig entgegen.
Die Imperja hatten bestimmt nicht damit gerechnet, dass ihre Gegner sie überhaupt erreichten – ganz sicher nicht geschlossen und kampfbereit. Hunderte von Riemen bewegten sich hastig auf und ab, um die Galeeren in eine bessere Angriffsposition zu bringen.
»Aaaasaaa!«, brüllte Gautaz. Sie sollten wissen, mit wem sie es zu tun hatten. »Aaaasaaa!« Die letzten Nebelschwaden verwehten. »Dort!«, rief er Stainar zu und wies mit der Axt voraus. »Zwischen diesen beiden hindurch! Sie sind so träge wie Gletscher im Firnmond, das gibt uns reichlich Zeit!«
Doch die Sklaven, die die Galeeren antrieben, waren zu gut eingespielt: Langsam, aber immer noch zügig genug drehten sich die schwerfälligen Schiffe und wandten den heraneilenden Drachenschiffen die Seiten zu. Auf den Decks rannten Soldaten umher und bereiteten hastig die Geschütze vor. Die ersten Speere und Brandgeschosse flogen heran und verfehlten sie nur knapp.
Der Sturmwind, der sie vorantrieb, die Odalwik aufpeitschte und in Gautaz’ Ohren heulte und grollte, wurde noch wütender, so als ob er es den Imperja übelnahm, dass sie die Hjaldinger attackierten. Langsam neigten sich die Galeeren, die ihnen – und damit dem Wind – die Breitseiten zugewandt hatten, unter seinem Ansturm. Die nächste Salve ging weit über den Mast der Wegafreki hinweg.
Der Sturm drückte und schob gegen die mächtige Galeere, die sie nun passierten, einen Koloss mit fünf Riemenreihen, die ziellos in der Luft ruderten. Überrascht klammerten sich die Soldaten an die Reling, manch einer rutschte hilflos das Deck hinab und ging über Bord.
Gautaz lachte den Imperja seine Verachtung entgegen, auch wenn ihm der Wind die Laute von den Lippen riss. Stainar lehnte sich mit ganzer Kraft gegen das Ruder. Sie flogen an den Galeeren vorbei.
Der Hersir wandte sich um. Er zählte vier brennende Segel – Ottas, die weniger Glück gehabt hatten. Sie blieben hinter ihnen zurück, eine versank bereits. Doch die Schiffe, die der Wegafreki folgten, darunter die Otta, die Katla und seine Kinder trug, waren noch da.
»Siehst du das, Eilif?« Er reckte dem Himmel seine Axt entgegen. »Siehst du das? Ich schütze diejenigen, die mir anvertraut wurden, so wie ich es dir versprach. Sie können sich auf mich verlassen.«
Ihr Schiffsverband ließ die Galeeren hinter sich zurück, ebenso wie die letzten Ausläufer des widernatürlichen Nebelfelds. Vor ihnen erstreckte sich die offene See, das Immermeer. Glaiwas Strahlen brachen sich auf den Wellen, dahinter wartete der Horizont auf sie.
Das Heulen des Windes ebbte ebenso rasch wieder ab, wie der Sturm aufgezogen war. Es reichte aber aus, um sie anzutreiben, die Schiffe der Hjaldinger jagten zügig über das Meer.
Grinsend sah Gautaz zurück, zu den Galeeren der Imperja. »Um Verfolger müssen wir uns keine Sorgen machen.« Manche waren gegeneinandergestoßen und blockierten sich gegenseitig. Einige hatten die Segel gehisst, konnten den Wind aber nicht einfangen. An Bord einer Schraubengaleere loderten Feuerbrände.
Die Fahrtgemeinschaft der Wegafreki warf sich amüsierte Blicke zu.
»Glaubt nicht, dass es schon geschafft ist.« Gautaz sah wieder nach vorne, zum Horizont. »Es ist ein langer Weg. Sicher erwarten uns auf der Reise weitere Prüfungen. Die Götter wollen, dass wir uns würdig erweisen. Gut, dass ihr unter mir segelt.«
Nein, Triumph oder Befriedigung wollte sich bei ihm nicht einstellen. Nicht einmal ein Anflug von Zufriedenheit.
Er sah immer noch Eilifs Gesicht vor sich. Seine Lippen, die stumme Worte formulierten.
Er würde nie erfahren, was sein Bruder ihm sagen wollte. Umso wichtiger war es, dass er das Versprechen, das er ihm in diesem Moment gegeben hatte, ehrte. »Du bist nicht umsonst gestorben, Eilif«, raunte er. »Die Aasa werden überleben. Ich werde überleben – für uns beide.«
Kapitel 4
Hjaldingafjord, Brajan 2120 IZ
Pythatheriope hatte Mühe, stehen zu bleiben, denn ihre Knie waren weich – und das nicht nur, weil das kleine Boot fragil erschien und sie es vorgezogen hätte, festes Land unter den Füßen zu spüren.
Seltsam, sie konnte sich in Haie und Muränen verwandeln, und dennoch war ihr auf dem Meer und bei Seegang niemals so ganz wohl. Doch sie war eine Charybalis – zumindest für alle, die sie sehen konnten – und Charybalis kauerten sich nicht auf dem Boden eines Boots zusammen. Sie standen aufrecht, trotzten der See und dem Wind, fühlten sich auf dem Meer heimischer als an Land.
Es würde sich nicht gut machen, wenn sie sich auf Isodoras übergab.
Ihr Blick huschte zum Ufer. Von der Hauptstadt der Hjaldinger – sofern man diese Ansammlung von Langhäusern überhaupt so nennen konnte – waren lediglich schwarze, schwelende Ruinen zurückgeblieben. Tagelang war unablässig Rauch aufgestiegen, doch nun hing ein bleigrauer Himmel über der Bucht und keine Wolke, kein Qualm trübten den Anblick.
Das Herz Hjaldingards hatte aufgehört zu schlagen und zu bluten. Es hatte die Charybalis Tausende von Myrmidonen, mehrere Insektopter, die halbe Tigergarde und sicher auch einen großen Teil der Geduld des Thearchen gekostet, doch sie hatten ihr Ziel erreicht – beinahe zumindest.
Die Sonne neigte sich dem westlichen Horizont zu und stieß an die Türme des Morgens – dorthin, wohin die Aldangara die befreiten Überlebenden geführt hatten.
Die genauen Zahlen waren Pythatheriope nicht bekannt. Es war zu hoffen, dass Antimelia ausreichend viele in Sicherheit bringen konnte. Zumindest genug, dass den Hjaldingern ein Neuanfang möglich war.
Nach allem, was sie gesehen hatte, war sie von einem Umstand felsenfest überzeugt: Ein Volk, das sich mit solcher Inbrunst ans Leben klammerte, hatte es verdient zu überleben. Es durfte nicht ausgelöscht werden – ganz bestimmt nicht von den Charybalis.
Isodoras an Charybalis, ihr Adjutant, trug auch jetzt lediglich sein ledernes Stirnband mit dem aufgestickten dritten Auge. Eine formellere Vollmaske würde zumindest sein vergnügtes Grinsen verbergen, das seit Tagen nicht mehr aus seinem Gesicht wegzudenken war.
»Reißt Euch zusammen«, warnte sie ihn. »Ihr seid kein Myrmidone auf Landgang, auf dem Weg zu einem Bordell.«
Sein Lächeln schwand. »Natürlich nicht. Verzeiht mir, Hektage.«
Sie seufzte. »Ihr habt den richtigen Namen … wir beide haben den richtigen Namen, um es weit zu bringen, doch ohne beeindruckende Erfolge komme ich nicht an die Spitze. Der Strategu wird mich sicherlich beurteilen und Euer Verhalten fällt auch auf mich zurück.«
»Der Feldzug war ein großer Triumph und Ihr habt Euch als kluge Anführerin bewiesen. Der Strategu wird mit Euch zufrieden sein.«
Beinahe tat er ihr leid. Isodoras glaubte fest an die Vormachtstellung seines Hauses. Er hatte verinnerlicht, was ihm seine Erzieher schon von Kindesbeinen an eingetrichtert hatten. In Wahrheit würde er nicht einen Tag lang überleben, wenn die Welt so war, wie sie sein sollte: Eine, in der sich ein jeder seinen Platz erkämpfen und ihn dann auch behaupten musste. Wenn sich Isodoras nicht mehr auf den Namen seines Hauses berufen konnte, würde er sofort untergehen.
Pythatheriope sah zu der gewaltigen Quinquereme auf, in deren Schatten sie eintauchten. Geschütze ragten über die Reling hinaus. Die Galionsfigur aus stumpfem Silber hatte die Form einer Seeschlange mit weit aufgerissenem Maul. Ihr Schwanz lief in einen Rammsporn aus.
Die hohe Bordwand, hinter der sich fünf Decks mit Ruderbänken versteckten, erhob sich vor ihnen. Die Besatzung hatte eine Treppe an der Wand hinabgelassen, an deren Fuß sie anlegten.
Isodoras ließ Pythatheriope den Vortritt und folgte ihr die nassen Stufen hinauf.
Sie bemühte sich, auf dem Weg nach oben ihren Herzschlag unter Kontrolle zu bringen, auch wenn sich der Druck auf ihrer Brust mit jedem Schritt verstärkte. Dabei gab es nichts, was man ihr vorwerfen konnte: Ihre Galeeren hatten dem äußeren Ring der Belagerung Hjaldingafjords angehört und nur wenige Scharmützel bestritten, da die meisten Kriegsschiffe der Hjaldinger schon von anderen Schiffen aufgebracht worden waren. Der Seeblockade war Pythatheriopes Hektade glücklicherweise entgangen.
Ein Myrmidone empfing sie am Kopf der Treppe und eskortierte sie über das weite Deck der Quinquereme. Sie passierten auf ihrem Weg Geschütze und Tokeden und erreichten das Achterkastell. Ein solcher Aufbau war ungewöhnlich für eine imperiale Rudergaleere, doch nichts an diesem Schiff war gewöhnlich – insbesondere nicht sein Befehlshaber.
Soldaten hielten ihnen die Türen auf. Pythatheriope und Isodoras traten in ein weitläufiges Gemach. Die Fenster waren mit blaugrünem Glas versehen, das gemeinsam mit den Laternen für ein diffuses, unwirkliches Licht sorgte. Es erschien so, als wären sie ins Meer hinabgestiegen und ihr Treffen fände in einem Wrack auf dem Meeresboden statt.
An den Wänden reihten sich Bücherregale aneinander, nur unterbrochen von Büsten, die Ahnen der Charybalis darstellten. In einer Ecke stand die Statue eines Dekapus, aus schwarzem Stein geschnitten, seine Augen aus grünen Opalen geformt. Es gab auch einen wuchtigen Schreibtisch und ein massives Himmelbett.
Beherrscht wurde das Gemach jedoch von einem großen Planungstisch. Zwanzig Offiziere umstanden ihn.
»Ah, Hektage Pythatheriope, tretet näher!« Die Bassstimme erfüllte den Raum.
Die Offiziere machten ihr Platz. Wie sie selbst trugen alle Brustpanzer über Gewändern in Schwarz und Blau. Die meisten besaßen wie Aegobarenes und Isodoras die typischen, markanten Gesichter, die Pythatheriope inzwischen schon in ihren Albträumen verfolgten.
Es gehörten zwar viele Anführer des Feldzuges dem Haus Charybalis an – aber nicht alle, und das konnte nur eines bedeuten: Dies war keine Versammlung der hochrangigsten Offiziere. Dies war eine Zusammenkunft der wahren Drahtzieher hinter dem großen Vorhaben.
Pythatheriope überreichte Isodoras ihren Helm und trat näher.
Strategu Aegobarenes ul Charybalis musterte sie mit einem haiartigen Grinsen über den Tisch hinweg. Er trug auch heute seine silberne Maske mit den kantigen Zügen, die sein Gesicht nahezu vollständig verbarg und nur Mund und Kinn freiließ. »Wir haben bereits begonnen, seht es uns nach.«
»Aber natürlich, Strategu.«
Auf dem Tisch waren die Umrisse der Bucht von Hjaldingard und ihrer umliegenden Ländereien aufgezeichnet. Kleine Schiffsmodelle aus poliertem schwarzen Holz standen für die imperialen Galeeren.
Aegobarenes wies auf eine Handvoll Modelle, die Drachenschiffe darstellten und am östlichen Rand der Karte aufgereiht standen, sodass sie beinahe vom Tisch fielen. »Ihr habt bereits gehört, dass es einigen Barbaren gelungen ist, unsere Blockade zu durchbrechen?«
»Gehört ja. Glauben konnte ich es nicht.« Sie musterte die Schiffe. Der Strategu sprach sicher nicht nur von zwei oder drei verzweifelten Schiffsbesatzungen. Wie viele sind es wirklich? Wie viele Hjaldinger konnten sich retten? »Wissen wir, wohin sie fliehen? Nach Süden, nehme ich doch an?«
Aegobarenes richtete sich auf. Er überragte nun die Umstehenden. »Nach Osten, über das Thalassion. Zumindest behaupten die Gefangenen, die wir gemacht haben, dass sie diesen Plan verfolgen.«
»Nach Osten?« Pythatheriope schüttelte den Kopf. »Sie müssen unter der Folter gelogen haben.«
»Ich habe mich persönlich davon überzeugt. Ihre Aussagen sind glaubwürdig.«
»Arme Irre.« Sie zwang sich zu einem spöttischen Lächeln. »Sie ersparen uns viel Zeit, Mühe und wertvolle Ressourcen. Diese feigen Barbaren werden auf dem Thalassion verdursten und verhungern.«
Der Strategu rieb sich das kantige Kinn. »Es sind keine Verzweifelten, die heillos die Flucht angetreten sind, Hektage. Wir wissen, dass sie ihr Unternehmen von langer Hand vorbereitet haben. Sie brachen mit Vieh und Vorräten auf, ließen sogar die Schwachen, Kranken und Alten zurück. Einhundert Schiffe, so unsere beste Schätzung, traten die Reise nach Osten an. Die Barbaren folgen einer Frau, die ihnen weismachte, dass dort Rettung auf sie wartet, dass sie jenseits des Thalassions sicher sind.«
Pythatheriope bemühte sich um ein amüsiertes Schnauben. »Ihr solltet dieser Barbarin eine Statue in Balan Mayek widmen, Strategu! Sie arbeitet uns vortrefflich in die Hände. Charypta wird sie dort draußen mit offenen Armen empfangen.«
»Als wäre sie eine Agentin der Charybalis«, warf ein Offizier aus der Runde ein. Die Umstehenden lachten auf.
Pythatheriope stimmte rasch ein.
Der Strategu lachte nicht. »So sieht es aus«, brummte er stattdessen. »Und dennoch …« Er starrte die Holzschiffe am östlichen Kartenrand reglos an. Die Anwesenden warteten höflich ab, bis er weitersprach. »Ihr wart nicht dabei, als sie die Blockade durchbrachen, Hektage. Ihr habt nicht erlebt, was sich da draußen abspielte. Wir warfen ihnen Charyptas geballte Macht entgegen.« Er blickte auf. »Ihr habt sicher schon vom Schemen der tausend Ängste gehört? Dem Ungreifbaren, welches jedes Licht verschluckt?«
Sie nickte rasch und log. »Natürlich.«
»Unsere Beschwörer verbrachten die ganze Nacht mit dem Ritual, opferten einige der kräftigsten Gefangenen. Es war dem Verlust weiterer Galeeren und Myrmidonen vorzuziehen.«
»Doch die Zauberer versagten.«
»Im Gegenteil.« Aegobarenes ballte die Faust. »Sie versicherten mir, dass das Ritual gelungen war. Wärt Ihr dabei gewesen, Ihr hättet ebenfalls keinen Zweifel.«
»Und trotzdem entkamen die Barbaren? Wie das, Strategu?«
»Der Wind trieb ihre Schiffe voran, auch wenn unsere Segel leer blieben. Er vertrieb die Schemen, so als wäre das Ungreifbare Schnee, der in der Sonne schmilzt. Was diese Frau vermag …« Er winkte harsch ab. »Es spielt keine Rolle mehr. Sie kommen ohnehin nicht weit.« Er nahm eine der schwarzen Galeeren und bewegte sie näher an die Flotte der Hjaldinger. »Wir können sie immer noch aufspüren und zur Strecke bringen.«
Pythatheriope sah überrascht auf. »Mit welcher Methode, Strategu?« Sie bereute ihre Worte sofort wieder. Zu viele Fragen! Zu forsch!
Aegobarenes musterte sie über den Tisch hinweg. »Wir haben immer noch Mittel und Wege.«
Besser, sie bohrte nicht weiter nach. »Es freut mich, das zu hören.«
»Wir schaffen auch diese Barbaren in Ketten zurück in die Heimat, ins Imperium. Einschließlich der Frau, der sie folgen – insbesondere sie. Ich bin sehr gespannt darauf, sie besser kennenzulernen.« Aegobarenes winkte ab. »Aber genug davon. Euer Bericht, Hektage Pythatheriope?«
»Gerne.« Sie ließ sich von Isodoras eine Schriftrolle reichen und legte sie auf dem Tisch ab. »Ich hoffe nur, Strategu, Ihr übertragt mir bei der nächsten Schlacht mehr Pflichten, als lediglich dafür zu sorgen, dass keine Barbaren durch die Hintertür entkommen. Meine Bilanz ist dementsprechend eher ernüchternd.«
Und sie war überaus dankbar dafür.
»Anmut, gepaart mit Ehrgeiz.« Aegobarenes schmunzelte. »Ihr werdet es in der Thalassia noch weit bringen.«
Die Umstehenden lächelten zustimmend. Doch ihre Augen hinter den Masken sprachen eine andere Sprache. Sie alle fragten sich, ob Pythatheriope ihrer eigenen Karriere im Weg stand, wenn der Strategu sie derart eindringlich lobte.
»Ich danke Euch.« Sie neigte leicht den Kopf. Ihre Handflächen fühlten sich klamm an. Wie gerne sie den Anwesenden entgegenschreien würde, wer sie wirklich war. Wie befriedigend es doch sein könnte, Aegobarenes vorzuführen und den versammelten Charybalis zu demonstrieren, wie einfach es war, ihn zu hintergehen.
Der Strategu wandte sich an einen der Offiziere, einen Lokegu. »Ist die letzte Ladung bereit?«
Der Lokegu nickte. »Das ist sie. Es ist allerdings immer noch mehr als genug Platz im Laderaum. Wenn wir abwarten, bis die Geflohenen …«
»Schafft sie umgehend nach Trivina! Charypta wartet auf ihren Lohn. Sie hat unser Vorhaben unterstützt und wir sollten sie besser nicht enttäuschen.«
Pythatheriope war wieder einmal froh darüber, dass ihre Maske derart viel von ihrem Gesicht verbarg. Noch mehr Opfer bedeuteten einen weiteren Machtgewinn – sowohl für die Daimonin Charypta als auch die Charybalis.
Aegobarenes seufzte. »Diejenigen, die in die Türme des Morgens entkamen, müssen wir ohnehin den Raubkatzen des Thearchen überlassen, fürchte ich. Erwartet weitere Anweisungen, wenn die Sonne wieder aufgeht.« Er gab den Anwesenden einen Wink.
Die Offiziere wandten sich zum Gehen.
Pythatheriope zögerte. Ist es das? Wenn der Feldzug nun abgeblasen wird, braucht er mich nicht mehr. Mein Auftrag ist noch nicht erfüllt.
»Nicht Ihr, Hektage.«
Sie bedeutete Isodoras, sie zurückzulassen. Der Raum leerte sich langsam.
Aegobarenes goss Wein aus einer Karaffe in zwei Gläser ein. »Ihr habt Euch gut geschlagen. In der letzten Schlacht ebenso wie in den vergangenen Nonen.« Er umrundete den Tisch und reichte ihr eines der Weingläser. »Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um mit Euch anzustoßen.«
Sie hob das Glas. »Auf einen gelungenen Feldzug.« Ihr Blick wanderte zu den Hjaldingerschiffe auf dem Planungstisch.
»Noch nicht ganz.«
Die Gläser gaben ein feines Klingen von sich, als sie aneinanderstießen. Der Wein war schwer und süß. Pythatheriope sah auf und begegnete dem Blick Aegobarenes’. »Dann darf ich darauf hoffen, dass meine Hektade die Chance erhält, Jagd auf die geflohenen Barbaren in den Bergen zu machen?«
Aegobarenes schüttelte den Kopf. »Es gehört sich nicht für eine Charybalis, zu lange vom Meer getrennt zu sein. Überlassen wir es den Landtruppen, die letzten Widerständler einzusammeln.«
Sie nickte. »Ich habe Euch noch nicht dafür gedankt, dass Ihr mir gestattet habt, dem Zirkel beizuwohnen.«
Der Strategu lachte auf. »Werte Pythatheriope, was Ihr eben gesehen habt, war keine Zusammenkunft des Zirkels.«
»Verzeihung, ich dachte nur …«
»Die Brüder und Schwestern der unergründlichen See sind ein sehr viel elitärerer Bund – und ich habe nicht vergessen, dass ich Euch eine Einladung aussprach, ehe dann recht überraschend der Befehl aus Baan-Bashur kam, aufzubrechen. Es ist ein Platz frei im Zirkel und ich habe Euch immer noch dafür im Auge.«
»Eine Einladung, die mich ehrt.«
Er nippte an seinem Wein. »Nicht jeder denkt wie Dioquoras. Ich erkenne Potential, wenn ich es sehe. Egal, in welcher Gestalt es daherkommt.« Aegobarenes musterte sie aufmerksam. »Beschreibt mir, wie es war! Wie Ihr die Schlacht gegen die Barbaren erlebt habt. Wie Ihr die Macht des Hauses Charybalis auf diese aufsässigen Piraten herabbeschworen habt.«
Pythatheriope zögerte. Bilder traten vor ihr inneres Auge: Hjaldinger, die im Wasser trieben, sich verzweifelt darum bemühten, von ihrem Schiff fortzukommen. Ignoriert sie, hatte sie Isodoras befohlen, lasst sie zurück an Land schwimmen, wo wir sie später einsammeln können. Sorgen wir nur dafür, dass niemand entkommt.
Ihr Adjutant hatte sie lange angestarrt, dann hatte er genickt und die Befehle gegeben.
Ihr wurde bewusst, dass sie immer noch nicht geantwortet hatte. »Es war keine große Herausforderung. Dreckige Barbaren, schwach, verwundet und einer Charybalis unwürdig.« Sie zögerte. Sie musste es wagen. Sie musste mehr wissen. »Ihr glaubt doch nicht etwa, dass diese Frau, die ihre Flotte anführt, eine Bedrohung für uns darstellt? Was ist sie genau? Eine Magierin?«
Er zuckte mit den Schultern. »Nicht, wenn man den Gefangenen Glauben schenkt. Sie kam aus dem Nichts, führte die Barbaren in ihrem aussichtslosen Widerstandskampf an und überzeugte viele Hjaldinger schließlich, ihr zu folgen.«
»Einen kleinen Teil nur, Strategu. Sind Sie die Mühe wirklich wert?«
»Der Zirkel wird sich damit auseinandersetzen.«
»Dann sehe ich einer erneuten Einladung umso gespannter entgegen.« Sie wartete mit angehaltenem Atem ab.
Aegobarenes lächelte. »Es kann Eurer Karriere nur förderlich sein, wenn Ihr mit Eurem Ehrgeiz nicht zurückhaltend seid, Pythatheriope. Und natürlich, wenn Ihr Euch an mich haltet. Dieser Feldzug hat bewiesen, dass ich für Höheres bestimmt bin. Viele der Offiziere, die Ihr eben hier gesehen habt, wissen das und schmeicheln mir, wann immer sie nur können. Einige dieser Frauen – manche Männer auch – versuchen gar, mit anderen Mitteln meine Gunst zu erlangen, um einen Weg in den Zirkel zu finden.«
»Ihr seid ein mächtiger Mann. Und der Zirkel ist sicher sehr einflussreich.«
Aegobarenes ließ sein Glas sinken. »Reiht Euch nicht auch noch in ihre Ränge ein, Hektage. Gerade wollte ich Euch dafür loben, dass Ihr Euch mit Fleiß und Gnadenlosigkeit bemüht habt, voranzukommen. Selbst dann, als Ihr lediglich für die Unterhaltung der Myriade sorgen solltet.«
»Verzeiht mir.« Sie bereute die Worte sofort.
»Und wieder erniedrigt Ihr Euch«, seufzte er. »Ich nahm an, dass mehr in diesem verlockenden Leib steckt als nur ein weiterer Speichellecker.«
Sie rang mit sich. Alles drohte ihr zu entgleiten. Der Feldzug war nahezu abgeschlossen, die erste Einladung in den Zirkel nicht zustande gekommen. Wenn sie jemals eine Gelegenheit erhalten wollte, Beweise zu sammeln, die ihr Haus gegen die Charybalis im Senat verwenden konnte, dann musste sie mehr über die Brüder und Schwestern der unergründlichen See erfahren. Der Zirkel war der Schlüssel zu allem.
Ihr Blick flog durch den Raum, zu dem Schreibtisch unter den Fenstern. Zu Aegobarenes’ Himmelbett. Wir tun, was wir tun müssen – hoch erhobenen Hauptes. Zum Wohle des Imperiums.
Mit klopfendem Herzen stellte sie ihr Weinglas ab und trat darauf zu. »Wie oft nehmt Ihr diese Angebote an, mit denen diese Offiziere Eure Gunst zu erlangen versuchen?«
Der Strategu sah auf. »Bitte?«
Sie löste die Verschnürungen ihres Brustpanzers. »Wie oft?«
Aegobarenes’ Miene hinter der Maske zu lesen, war unmöglich. »Nicht oft. Aber Ihr solltet Euch Euer weiteres Vorgehen besser gut überlegen. Für gewöhnlich versetze ich Offizierinnen, die auf derart banale und durchschaubare Art und Weise versuchen voranzukommen, auf einen Posten am Schiffsfriedhof von Balan Mayek. Zumindest am nächsten Morgen.«
Sie löste ohne Eile ihr Haar und ließ es lang und offen herabfallen. Dann zog sie langsam ihre seidene Tunika von den bloßen Schultern, ließ sie achtlos zu Boden gleiten und blickte Aegobarenes hoch erhobenen Hauptes entgegen. »Mich werdet Ihr morgen nicht versetzen.«
Der Strategu starrte sie an. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Seine Augen wanderten an Pythatheriope herab.
Sie wartete mit klopfendem Herzen ab.
Er nahm einen weiteren, großen Schluck Wein und stellte das Glas ab.
***
Pythatheriope sah Aegobarenes lange an, horchte auf sein ruhiges, gleichmäßiges Atmen. Schließlich wagte sie es, unter der Bettdecke hervorzuschlüpfen und mit bloßen Füßen über die kühlen Dielen zu huschen. Durch die hohen Glasfenster fiel fahles Mondlicht herein. Das Schiff knarrte leise und neigte sich leicht mal zu der einen, dann wieder zu der anderen Seite.
Ihre Augen überflogen im düstergrünen Halbdunkel des Gemachs die Schriftstücke auf dem Schreibtisch. Rasch nahm sie eines auf, las ein paar Zeilen und legte es danach sorgsam wieder an dieselbe Stelle zurück.
Aegobarenes regte sich und rollte herum. Sie erstarrte, lauschte in die Dunkelheit und horchte auf sein Atmen, wagte es nicht einmal zu blinzeln. Seine Atemzüge gingen langsam und gleichmäßig.
Sie wandte sich erneut den Schriftrollen und Briefen zu: ein fast fertig geschriebenes Schreiben an die Matriarchin der Charybalis über die seltsamen Vorgänge während der Seeschlacht vor drei Tagen, Berichte über Verluste unter den Truppen der Thalassia, eine Aufstellung, wie viele Hjaldinger lebend in die Hände der Myriade gefallen waren und verschifft werden konnten.
Dann stieß sie auf den Rapport eines Tribuns, der auflistete, wie viele Einheiten ihm zur Verfügung standen, um die Fliehenden in die Türme des Morgens zu verfolgen. Es beinhaltete auch Vorschläge, wohin sich welche Truppen wenden sollten, basierend auf Aussagen, die gefangene Hjaldinger nach Verhör und Folter gemacht hatten.
Pythatheriope hielt das Schreiben ins Licht und überflog die wesentlichen Punkte ein weiteres Mal, prägte sich die Zahlen und Himmelsrichtungen ein. Sicher hatte Aegobarenes den Empfehlungen einfach zugestimmt, doch selbst wenn er Änderungen angeordnet hatte, waren diese Informationen über Truppenstärken und Marschrichtungen für Antimelia und die Aldangara eine enorme Hilfe.
Sie legte das Pergament sorgsam zurück an seinen Platz und schlüpfte langsam wieder unter die Bettdecke.
Schlaf fand sie in dieser Nacht nicht mehr. Pythatheriope lag nur da und starrte an die Decke, lauschte dem Knarren des Holzes und Aegobarenes’ Schnarchen.
Sie musste nun einen Weg finden, Antimelia mitzuteilen, was sie herausgefunden hatte.
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