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Daniel de Roulet, geboren 1944 in Genf, war Architekt und arbeitete als Informatiker. Er ist seit 1997 ausschliesslich Schriftsteller, Autor mehrerer Romane und dokumentarischer Bücher, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden ist. Er lebt in Genf und in Frankreich.

Foto Yvonne Boehler

Lieferbare Titel von Daniel de Roulet im Limmat Verlag

Aus der «Simulation humaine»

– Sturz ins Blaue

– Blaugrau

– Blaues Wunder

– Die blaue Linie

Weitere Titel

– Mit virtuellen Grüssen!

– Double

– Ein Sonntag in den Bergen

– Nach der Schweiz. 27 Porträts zur Metamorphose eines Nationalgefühls

– Die Tänzerin und der Chemiker /La danseuse et le chimiste. Neun undisziplinierte Begegnungen zwischen Kunst und Wissenschaft

Daniel de Roulet

Kamikaze Mozart

Roman

Aus dem Französischen

von Maria Hoffmann-Dartevelle


Kommen Sie rasch. Mozart braucht Sie.Unbedingt. Nur mit Hilfe der Musik werdenwir diese unruhigen Zeiten überstehen. Elisabeth von Belgien an Albert Einstein 27. August 1937

1

April 1942

Seitdem ihr Wolfgang begegnet ist, kann Fumika ihn nicht mehr aus ihrem Herzen vertreiben. Im Studentinnenwohnheim klappt sie ihren Taschenspiegel auf. Morgens beim Aufwachen ist ihr rechtes Auge schmaler als das linke. Fumika, sagt sie sich, du bist zu einsam. Kalifornien und dieses Berkeley bekommen dir nicht. Du bräuchtest eine große Liebe, aber eine geteilte.

Später am Vormittag konzentriert sie sich auf ihr Klavierspiel. Eine halbe Stunde Tonleitern, dann fünf Seiten aus dem grünen Heft und anschließend Fingerübungen. Noch einmal holt sie den Spiegel hervor. Zwischen ihren Augen herrscht wieder Gleichgewicht, der Abglanz von Wolfgangs Lächeln ist verschwunden.

Sollten eines Tages, wenn dieser neue Weltkrieg zu Ende ist, andere junge Japanerinnen wie Fumika in die Vereinigten Staaten auswandern wollen, dann müssen sie eines wissen: In diesem Land ist alles zu groß. Die Hochhäuser im Zentrum von San Francisco kratzen an den Wolken. Jede x-beliebige Avenue nimmt mehr Platz ein als die Kais im Hafen von Nagasaki, wo Fumika immer dem Flugzeugträger beim Auslaufen zusah. Papierkörbe, mächtig wie Tonnen. Landesflaggen, breit wie Planen. Sogar die Haufenwolken, die vor jedem Gewitter über der Bucht schweben, sind größer als in Japan. Und in den Wohnheimbetten würden sich Riesenstudentinnen wohlfühlen, Fumika aber sehnt sich nach den Paravents aus Papier, den Bambusbrücken, dem Vulkan und nach einem charmanten europäischen Geiger …

An diesem schönen Morgen im April 1942 beendet sie ihre Übungen mit einem Stück von Mozart, das so langsam und fröhlich ist wie ein breites Lächeln. Mittags lässt sie mit dem Fuß ihren Schemel kreisen, dreht sich um sich selbst, bis der Rock aufschwingt, freut sich, dass Donnerstag ist, Schwimmbadtag. Den einteiligen Badeanzug hat sie schon zurechtgelegt. Ihre Freundin Shizuko hat sie überredet, sich die Brust nicht länger mit Bandagen einzuschnüren. Hier trägt man ein Stoffteil unter der Bluse, das sich Büstenhalter nennt. Es ist leicht zu waschen. Beim Aufhängen am Wäscheständer des Wohnheims sieht man, wie es gemacht ist. Für jede Brust eine kleine Schale, für jede Schulter einen Riemen und einen weiteren zum Verschließen im Rücken. Damit lässt sich der Busen gut verstecken, auch wenn das bei Fumika nicht nötig wäre. Tante Yu hat immer gesagt, Eleganz sei, nicht mehr Brust zu haben als ein Mann. Wer hätte gedacht, dass Tante Yus Brust eines Tages durch die einschießende Milch so stark anschwellen würde? Die Ärmste!

In der Campuskantine nimmt Fumika ihre Mahlzeit gemeinsam mit einer anderen Pianistin ein, deren Familie aus Tokio herübergekommen ist, allerdings schon vor zwanzig Jahren. Shizuko ist in den Vereinigten Staaten aufgewachsen, besucht am Konservatorium von Berkeley denselben Kurs wie Fumika und spricht lieber Englisch. Mit ihren Tabletts gehen sie in den für Asiaten bestimmten, deutlich dunkleren Teil des Speisesaals. Seit dem Kriegseintritt Seiner Majestät unseres Kaisers von Japan im Dezember 1941 werden sie von den Küchenmädchen grundlos beschimpft. Heute aber vergoldet die Sonne die Spitze des Kampanile und die weißen Tulpen in den Beeten vor dem Physiklabor.

Gut gelaunt essen sie, stoßen sich mit den Ellbogen an, glucksen übermütig. Shizuko erzählt Fumika von dem Tag, als sie von einem reichen japanischstämmigen Reisimporteur ein Stipendium bekam. Dank ihm ist sie jetzt nicht mehr von ihrer Familie abhängig. Vor allem nicht von ihrem Vater, einem ziemlich gewalttätigen Mann. Für die Küchenmädchen legen sie die ausgespuckten Kirschkerne herzförmig auf ihre Tabletts, dann gönnen sie sich einen faden, ohne Zeremonie zubereiteten schwarzen Tee. Immer noch besser als Kaffee. Tee gibt es umsonst, so sparen sie Geld für die Partituren, die sie dem alten Bibliothekar abkaufen.

Die japanischen Stipendiatinnen führen ein anderes Leben als die übrigen Studentinnen. Die Bälle am Wochenende dürfen sie nicht besuchen. Im Wohnheim stehen ihnen pro Stockwerk nur zwei statt acht Duschen zur Verfügung. Im Orchester des Konservatoriums nehmen sie nur an den Proben teil. Seit letztem Dezember herrscht Auftrittsverbot.

Fumika zeigt Shizuko das Foto ihres Verlobten aus Nagasaki, den ihre Mutter und Tante Yu für sie ausgesucht haben. Sie möchte Shizukos Meinung hören. Das Foto zeigt einen würdevoll aussehenden jungen Mann in der weißen Ausgehuniform der Unteroffiziere der japanischen Luftwaffe. Shizuko, flüsternd:

«Ich finde, er hätte lächeln können.»

«Lächeln auf dem Foto? Das ist was für Amerikaner.»

«Nein, er sollte für dich lächeln, Fumika.»

«Ein Soldat hat nicht zu lächeln.»

«Liebst du ihn?»

«Nein, Wolfgang mag ich lieber.»

«Aber Herrn Tsutsui wirst du heiraten.»

Das fängt ja gut an. Alles ist schon arrangiert. Dabei mag Fumika in Wahrheit einen anderen lieber. Wolfgang, der zweite dieses Namens, ist viel größer als Mozart und nicht so zierlich. Der Geiger heißt Wolfgang Steinamhirsch. Fumika hat herausgefunden, was der deutsche Name bedeutet. Kann man einen laufenden Hirsch mit einem einzigen Stein aufhalten?

Anfangs dachte Fumika, er habe sie nicht bemerkt. Bis er sie eines Tages bat, ihn bei seinem Diplomkonzert zu begleiten. Welche Ehre! Er kommt aus der Schweiz, aus La Chaux-de-Fonds, war in Stockholm und dann in Berkeley. Bevor er die Geige abstützt, legt er sich immer ein weißes Tuch über die Schulter. Wenn er spielt, hält Fumika den Atem an, und manchmal verkneift sie sich eine Träne. Jetzt, wo er nach Chicago gezogen ist, sollte sie weniger an ihn denken. Er hat seine Tage im Labor für Teilchenphysik verbracht. Angeblich hat er dort etwas berechnet, das man nicht sieht. Ein bisschen wie in der Musik. Die hat auch noch niemand gesehen. Aber gespielt. Für ihn eine Nebenbeschäftigung. Na dann, leb wohl, Wolfgang.

«Ihr seht euch bestimmt wieder», sagt Shizuko. «In der Zwischenzeit könntest du einen anderen kennenlernen. Ich stell dir mal einen vor, der sehr gut küsst, mit der Zunge …»

Sie gehen bei der Hausmeisterin ihres Wohnheims vorbei, wo ein Fahrrad für sie bereitsteht. Eins für zwei. Badeanzüge und Handtücher verstauen sie im Lenkradkorb. Fumika setzt sich im Damensitz auf den Gepäckträger. Gemächlich radelt Shizuko die Telegraph Avenue entlang. Eine Brise fährt ihnen unter die roten Röcke und ins Haar. Fumikas Haar ist mittellang und mit dem Onduliereisen gewellt, Shizuko hat ihres zur Seite gekämmt und den Pony mit einer Klammer festgesteckt. Beide tragen ein helles Kopftuch darüber, Konservatoriumstracht.

Auf den Terrassen der großen Holzhäuser halten Männer ihren Mittagsschlaf. Mit etwas gutem Willen könnten sie in weniger als einer Stunde den Müll aufsammeln, der nicht erst seit diesem Frühjahr in ihren Gärten herumliegt. Die Größe der Schaukelstühle unter den Vordächern beeindruckt die Mädchen. Sie stellen sich vor, dass auf einem dieser Holzsitze ohne Weiteres eine ganze japanische Familie Platz fände. Aber in Kalifornien werden sie nur von einer einzigen Person benutzt. Jemanden, der schon dort sitzt, zu fragen, ob man mit ihm schaukeln dürfte, wäre ungehörig. Hier behalten die Männer ihre Wiege ein Leben lang.

Im Schwimmbad haben die Weißen ihre eigenen Tage: Samstag, Sonntag und Montag. Der Dienstag ist für die Mexikaner und andere Mischlinge reserviert. Mittwochs sind die Schwarzen dran. Erst donnerstags, wenn das Wasser schon trübe ist, dürfen die Gelben rein, morgens die Männer, nachmittags die Frauen. Freitags macht das Schwimmbad zu, das Becken wird geleert, der Boden geschrubbt. Samstags, wenn die Weißen wieder an der Reihe sind, ist Sauberkeit garantiert.

Um nichts in der Welt würden die beiden Freundinnen auf ihr Donnerstagsschwimmen verzichten. Ohne Eile fahren sie an einer Reihe Eukalyptusbäume entlang, vergleichen ihre kleinen Abenteuer und unterhalten sich über Fumikas Verlobten, den offiziellen. Sie fragen sich, ob Herr Tsutsui beim Angriff auf Pearl Harbor dabei war. Wegen dieser Pazifikinsel gelten sie beide jetzt als Feinde. Die japanischstämmigen Ladenbesitzer haben handgeschriebene Schilder mit der Aufschrift «Ich bin Amerikaner» in ihre Schaufenster geklebt. Als ob es nicht reichen würde, dass sie die Waffeln, die sie einem verkaufen, mit Senf und Ahornsirup beschmieren.

Shizuko erzählt, im Radio habe sie den Präsidenten der Vereinigten Staaten seinen Mitbürgern erklären hören, dass die auf der hawaiischen Inselgruppe stationierte us-Flotte feige angegriffen worden sei. Er habe Maßnahmen angedroht, damit Freiheit und Demokratie überall auf der Welt respektiert würden. Mit dramatischem Tonfall habe er mehrmals gesagt, so gehe es nicht. Die Vereinigten Staaten ließen sich nicht demütigen. Und was nun geschehen werde, habe Japan selbst zu verantworten.

Sie wundern sich über diesen behinderten Präsidenten, der sich mühsam im Rollstuhl fortbewegt. Könnte man sich Seine Majestät unseren Kaiser ohne Beine, immer sitzend vorstellen? Wie würde er denn Befehle erteilen? Wie bei Militärparaden seine Generäle grüßen? Gar nicht einfach. Wenn dieser Präsident Roosevelt im Radio spricht, hört man gleich, dass er keine Beine mehr hat.

Shizuko fragt sich, ob seine Rede vielleicht erklärt, warum eine Angestellte sie gestern Abend in der Bibliothek als dreckige Japse beschimpft hat. Fumika entgegnet, sie wolle sich einen so schönen Tag nicht verderben lassen. Sie gehen jetzt schwimmen und denken nicht mehr daran. Nichts ist aufregender, als vom Sprungturm ins Wasser zu springen. Diesmal werden sie es von der dritten Plattform aus versuchen, sich die Nase zuhalten und möglichst weit draußen im Becken landen.

Die eine stellt Fragen, die andere tritt in die Pedale. Wie viele Kinder sie wohl in die Welt setzen werden? Shizuko will ungefähr zehn, von einem Amerikaner. Darauf legt Fumika ehrlich gesagt keinen Wert. Selbst als ihre Freundin sagt:

«Wenn du von deinem Piloten ein Kind bekommst …»

«Du spinnst ja! Erst heiraten wir.»

«Dann nennt ihr es Wolfgang.»

«Wenn Seine Majestät unser Kaiser das hören würde …»

«Er ist nicht mehr mein Kaiser, Fumika.»

«Achtung, Kreuzung.»

Nur knapp kann die Radfahrerin einem Lastwagen ausweichen, den eine blühende Magnolie verdeckt hat. Am Schwimmbad angekommen, stellen sie das Rad an einen Mammutbaum, der so dick ist wie fünf japanische Eichen zusammen. Über die Schranke hinweg bewundern sie das Becken, den blau gestrichenen Sprungturm, die schrägen Bretter, auf denen sie sich in die Sonne legen können.

Fumika beschreibt ihren Geigenspieler Wolfgang genauer. Na ja, einen Makel hat er. Der ist ihr gleich beim ersten Mal aufgefallen. Hinten, am linken Ende seines Lächelns, fehlen ihm zwei Zähne. Er sagt, er habe sich in der Schweiz mit Studenten geprügelt. Davon habe sein Gebiss dieses Andenken zurückbehalten. Außerdem habe er damals auch ein zugeschwollenes Auge, ein paar ausgerissene Haarbüschel und mehrere Beulen davongetragen. Sie hätten ihn am Bordstein liegen lassen, nachdem sie ihm zwei Rippen gebrochen hätten. Von all dem habe er sich erholt, außer von diesem unschönen schwarzen Loch im Mund, das ihn daran erinnere, dass er mit Berlin noch eine Rechnung offen habe, selbst wenn das Ganze in Zürich passiert sei. Fumika und Shizuko finden beide, dass er für diesen kleinen Schönheitsfehler nichts kann. Außerdem gewöhnt man sich schnell daran. Beim Essen kann er ja auf der anderen Seite kauen. Jedes Mal, wenn er lächle, sagt Fumika, verberge er das Loch mit der Zunge. Das mache er sehr gut. «Eigentlich», schließt sie, «verstehe ich nicht, warum er sich für Physik statt für die Geige und mich interessiert. Dieses Chicago, wo er jetzt lebt, ist viel zu weit weg.»

Im Schwimmbad ist kein einziger Badegast zu sehen. Das Becken ist leer. Nicht eine Welle im Wasser. Was ist los? Was hat das zu bedeuten? Über die Schranke hinweg halten sie Ausschau. Der Aufseher, der normalerweise ein Fünfcentstück dafür verlangt, dass er am Drehkreuz die Sperre löst, hat seinen Posten verlassen.

Eine mit einem großen Plakat überzogene, vom Kleister noch feuchte Tafel versperrt den Durchgang. Mehrere junge Frauen stehen schweigend davor und lesen. «Anweisungen an alle Personen mit japanischen Vorfahren.» Fumika liest den Text laut und fröhlich vor, als sei es ein Brief ihres Verlobten. Aber hier geht es um etwas ganz anderes. Nicht nur ist das Schwimmbad geschlossen, die Badegäste werden ernsthaft ermahnt:

«Alle Bürger japanischer Abstammung mit oder ohne amerikanische Staatsbürgerschaft, die sich noch auf amerikanischem Territorium aufhalten, werden aufgefordert, sich zwischen morgen, Freitag, 8 Uhr, und übermorgen, Samstag, 17 Uhr, in einem Sammelzentrum einzufinden. Folgendes ist mitzubringen: Laken und Decken (keine Matratzen), Toilettenartikel, Kleidung zum Wechseln, Messer, Gabeln, Löffel, Teller, Schalen sowie unentbehrliche persönliche Habe. Jeder Gegenstand wird verpackt und erhält ein Etikett mit dem Namen und der von den Behörden vergebenen Registriernummer.

Die Bündel dürfen nur so groß sein, dass eine Person allein sie tragen kann. Das Mitführen von Tieren ist verboten. Kein Gegenstand darf von Dritten zum Sammelzentrum gebracht werden.

Die Regierung der Vereinigten Staaten wird sich über ihre Behörden um die Besitztümer der Evakuierten kümmern sowie um den Verkauf ihrer Immobilien, für die die Verantwortung allein bei den Eigentümern liegt.» Was bedeutet das? «Dies gilt auch für Kühlschränke, Waschmaschinen, Klaviere und anderes schweres Mobiliar.

Auf Wunsch werden Küchenutensilien gelagert, aber nur wenn sie sachgemäß verpackt und mit der Registriernummer ihres Besitzers versehen sind. Jede Familie und jede alleinstehende Person wird nach Anweisung der Kontrollstelle für Zivilbevölkerung zum Sammelzentrum gebracht.

Gezeichnet: Der Armeekommandant der Territorialzone.»

Schwer zu verstehen, diese üble Nachricht. Die eine zupft ihr Kopftuch zurecht, die andere reißt es sich wütend herunter. Sie hoffen, das Ganze ist nur ein Scherz, über den sie gleich lachen werden, wenn sie in ihre Badeanzüge schlüpfen.

Aber die anderen Studentinnen um sie herum ziehen so lange Gesichter, dass ein Irrtum wohl ausgeschlossen ist. Einer der beiden rollt unverhofft eine Träne über die Wange. Die andere hakt sie unter, schweigend gehen sie über die Straße zu ihrem Fahrrad zurück, das an dem riesigen Mammutbaum lehnt. Ein weltweites Unglück, dessen Ursache man nicht begreift, ist schnell passiert. Und kann einem den Schwimmbadnachmittag am Donnerstag restlos verderben.

Um fünf Uhr nachmittags hätten sie Unterricht in Musiktheorie. Allen, die nicht erscheinen, hat der Lehrer den Ausschluss von den Abschlussprüfungen angedroht. Was ist wichtiger: die Erklärungen des Meisters zur Harmonie einer Quinte oder die öffentliche Bekanntmachung eines Armeekommandanten der Territorialzone?

So leicht kommen ihnen nicht die Tränen, aber die Lust am Radfahren ist ihnen vor lauter Kummer vergangen. Sie versuchen, sich zu beruhigen, schließlich können sie es zu zweit mit diesem Krieg aufnehmen.

«Wir sollten abhauen, Fumika.»

«Zu spät.»

«Man wird uns einsperren.»

«Aber wir haben doch nichts Böses getan, Shizuko.»

«Uns den Schädel rasieren, uns die Nägel ausreißen.»

Fumika will dem Ganzen etwas Positives abgewinnen, sagt, jetzt habe sie eine gute Ausrede, um nicht nach Japan zurückzukehren. Um diesen Herrn Tsutsui nicht zu heiraten. Und auf Wolfgangs Rückkehr zu warten. Wenn der erfahre, dass sie in Schwierigkeiten steckt, werde er kommen, um sie zu retten.

Im Gegenteil, meint Shizuko, Liebe und Krieg dürfe man nicht durcheinanderbringen. Es ist so ungerecht, wenn das Leben eine Wendung ins Unglück nimmt. Sie sind beide dreiundzwanzig Jahre alt. Wäre das nicht genau der richtige Moment zum Glücklichsein? Außerdem war Shizuko am Abend mit einem neuen Verehrer im Bett verabredet. Ist das auch bald verboten?

Zum Trost erzählt Fumika von früherem Schmerz. Von ihrem Vater, der starb, als sie erst vier war. Während des Erdbebens waren die Vulkane erwacht. Unter den Trümmern fand man seine Leiche nicht wieder. Eines Abends, als ihre Mutter dachte, sie schlafe, hörte Fumika ein Gespräch unter Erwachsenen mit an und erfuhr von dem Grauen, das geschehen war: Ihr Vater war in das kochende Wasser des Vulkans gefallen und hatte um sich geschlagen. Ihre Mutter erzählte den Erwachsenen, sein Körper sei weiß geworden wie ein Hühnchen im Kochtopf. Er habe entsetzlich geschrien, und niemand habe ihn retten können.

Shizuko findet es unnötig, dass man ihr von fernen Abscheulichkeiten und vom Unglück anderer erzählt. Darüber lässt sich leicht reden, wenn man es selbst überlebt hat. Alles Vergangenheit. Aber wie man bevorstehendem Unglück begegnen soll, weiß man nicht. Fumika merkt, dass ihre Freundin anfängt, ins Blaue hinein zu philosophieren. Also gut, Shizukos Vater, wohnhaft im Staat Ohio, schlägt sie, was aber immer noch besser ist als sadistische Soldaten. Nein, sagt Shizuko, zu ihrem Vater geht sie nie mehr zurück. Sie spricht von ihm wie von einem Ungeheuer, dem sie für immer entkommen ist. Nichts wird besser mit der Zeit. Im Gegenteil, die Zeit zieht einen hinein in den Schmerz.

Nehmen wir mal eine Mozart-Sonate. Erst kommen tieftraurige Passagen, als müsse die ganze Welt verzweifeln. Doch plötzlich huschen ein paar heitere Töne vorbei, berühren das Herz. Man hat das Gefühl, der Schmerz sei vorbei, die Leichtigkeit wieder da.

Na gut, und was jetzt? Alles in einen Koffer packen und sich im Sammelzentrum einfinden? Ob auch die Partituren ins Gepäck passen? Lieber würden sie fliehen. Aber wie? Fumika könnte als Indianerin durchgehen, als Apachin oder Navajo zum Beispiel, und sich in einem pueblo in der Wüste verkriechen. Aber Shizuko würden alle ansehen, dass sie nicht von hier ist, das steht ihr ins Gesicht geschrieben. Deshalb wird sie sich auf einem Schiff verstecken und nach Europa reisen müssen. Aber da ist Krieg. Ob die Leute in Europa genug zu essen haben, um einen asiatischen Flüchtling zu ernähren?

Sie beschließen, sich nicht von der Traurigkeit unterkriegen zu lassen. Dafür ist es noch zu früh. Dieser Krieg hier kann dauern. Doch was immer geschieht, sie werden sich nicht trennen, das schwören sie einander. Das gibt ihnen den Mut, zum Konservatorium zurückzufahren.

In der Telegraph Avenue steigen sie ab und laufen neben dem Rad her, jede auf einer Seite. Die Männer in ihren zu großen Schaukelstühlen unter den Vordächern schauen ihnen wortlos hinterher. Seit einer Weile folgen ihnen drei Schüler mit Ranzen auf dem Rücken und machen sich über ihre Konservatoriumskopftücher lustig. Plötzlich schreit einer: «Dreckige Japsen!»

Zwischen dem linken Ohr der einen und dem rechten der anderen zischt ein Steinchen vorbei.

2

Erster Brief

Nagasaki, den 1. März 1942

Sehr verehrtes Fräulein Fumika,

meine liebe Verlobte!

Ihre Mutter hat Ihnen die ausgezeichnete Nachricht übermittelt. Unseren Familien ist es gelungen, sich in allen Punkten, auch in der Geldfrage, zu einigen. Unsere Verlobung ist beschlossene Sache. Daher drängt es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wäre Amerika nicht so weit von meiner Kaserne in Nagasaki entfernt, würde ich Sie in meinem Urlaub sehr gern besuchen. Aber der Pazifische Ozean wird uns noch für einige Monate trennen. So mache ich Ihnen brieflich den Hof, in der Vorfreude darauf, dass Sie zu unserer Vermählung im September in unser schönes Land zurückkehren. In der linken Tasche meines Waffenrocks trage ich das Foto bei mir, auf dem Sie am Klavier sitzen. Sie sind darauf sehr hübsch anzusehen, ganz besonders gefällt mir die Form Ihres Kinns und Ihr seitlich zusammengestecktes Haar. Ist diese Frisur bei den Studentinnen von Berkeley gerade in Mode? Wir hätten uns am Konservatorium von Nagasaki begegnen können. Dort habe ich zwei Jahre vor Ihnen mein Geigenstudium beendet. Doch nicht der Zufall hat uns zusammengeführt, sondern unsere Familien.

Erlauben Sie mir, dass ich mich Ihnen vorstelle. Ich bin 1917 geboren und werde am 2. Mai fünfundzwanzig Jahre alt. Auf dem Foto, das ich diesem Brief beifüge, sehen Sie mich in der Uniform eines Unteroffiziers der Marine. Es ist meine Ausgehuniform, während der Flugübungen trage ich eine andere, da der weiße Stoff zu empfindlich ist. Mein Vater, Inhaber einer Firma für Paravents, beschäftigt elf Arbeiter und einige Frauen. Gewiss sind Sie schon einmal an unseren Werkstätten vorbeigekommen, sie liegen hinter dem Bahnhof, im oberen Teil des Parks. Bald wird mein älterer Bruder die Nachfolge unseres Vaters antreten. Meine Schwester, die zurzeit als Krankenschwester Dienst in unserer Armee tut, wird heiraten, sobald das Haus ihres Verlobten fertig ist. Sie, sehr verehrtes Fräulein Fumika, und ich werden dann bei meinen Eltern wohnen. Sobald Japan den Krieg gegen die Vereinigten Staaten gewonnen hat, werde ich mir eine radiologische Praxis einrichten, die uns erlauben sollte, bequem von unserer Arbeit zu leben. Ich bin mir sicher, dass Sie eine hervorragende Sprechstundenhilfe sein werden. Und an Patienten dürfte es uns angesichts des Krieges nicht mangeln.

In meiner Kaserne lässt man uns nur wenig Zeit zur Erledigung unserer persönlichen Angelegenheiten, eine halbe Stunde pro Tag. Deshalb kann ich mir nicht gestatten, Ihnen einen langen Brief zu schreiben. Dennoch möchte ich eine Sache klarstellen, die unsere Ehe andernfalls unnötig belasten würde. Es geht um die Musik. Wie Sie wissen, ähnelt Ihr Leben in diesem Punkt dem meinen. Ich selbst könnte Ihnen noch heute mindestens sechs Sonaten von Tartini vorspielen. Doch ich bin zu der Ansicht gelangt, wir sollten Prioritäten setzen. Die Musik vermag unserem Vaterland nicht den führenden Platz zurückzugeben, der ihm gebührt. Deshalb müssen wir uns nach dem Krieg der Wissenschaft, ja sogar der Technik widmen, in meinem Falle der Radiologie.

Ihre Mutter hat der meinen berichtet, dass Sie eine Laufbahn als Konzertpianistin anstreben. Leider muss ich Ihnen sagen, dass ich die Dinge anders sehe. Ich wünsche mir, dass Sie sich um die Erziehung unserer Kinder kümmern. Ich plane vier, wenn möglich drei Jungen. Da Sie als Pianistin Übung haben, werden Sie rasch lernen, Krankenberichte auf der Schreibmaschine zu tippen.

Unser erfolgreicher Angriff auf die feindliche Flotte in Pearl Harbor im vergangenen Dezember garantiert uns ein rasches Kriegsende. Bald schon werden Sie bei Ihrer Rückkehr auf unseren Archipel einen Ozean überqueren, der endlich den Namen Pazifik verdient. So werden wir uns noch vor unserer Hochzeit im September kennenlernen. Dass unsere Familien unsere Verbindung arrangiert haben, muss nicht bedeuten, dass wir einander nicht wirklich gefallen könnten. Zurzeit sind unsere Mütter damit beschäftigt, die zeremonielle Kleidung und alles Nötige für die Ausstattung unseres Haushalts auszusuchen. Leider hindern mich meine intensiven Bemühungen um die Verteidigung unseres Vaterlandes daran, mich selbst darum zu kümmern.

Ich hoffe, Sie erfreuen sich bester Gesundheit, und erflehe in dieser Hoffnung für Sie und Ihre Familie den Segen Seiner Majestät unseres Kaisers.

Ihr Verlobter, Tetsuo Tsutsui

3

Das Sammellager

Nach vierzehn Tagen Internierung wird Fumika erneut ins Ermittlungsbüro gerufen. Was wollen sie denn schon wieder von ihr? Zum dritten Mal schallt an diesem Morgen ihr Name aus dem Lautsprecher.

Umgeben von penetrantem Mistgestank, wartet sie in der Schlange. Auf der ehemaligen Pferderennbahn stehen die Zelte so dicht nebeneinander, dass man jedes Gähnen aus dem Nachbarzelt hört. Bräunliches Segeltuch, hässlicher Militärstil. Um Platz für die Evakuierten zu schaffen, wurden die Rennpferde zu ihren Besitzern zurückgeschickt. Hinter den geschlossenen Wettbuden haben die Soldaten Stacheldraht gespannt. Gelbe drinnen, Bleichgesichter draußen.

Fumika versteht nicht, wie Shizuko verschwinden konnte. Falls sie auf einem Dampfer über den Pazifik geflohen ist, hätte sie ihr vorher Bescheid sagen können. Und im Fall eines Rendezvous hätte eine kurze Nachricht genügt. Sie hatten sich doch geschworen, sich nicht zu trennen, hatten die gemeinsame Flucht geplant. Vor fünf Tagen, als der Lautsprecher ihren Namen nannte, hatte sich Shizuko guter Dinge auf den Weg zum Ermittlungsbüro gemacht. Danach wurde sie nicht mehr gesehen. Hat sie das Personal beschimpft, einen Zwischenfall provoziert, Widerstand angekündigt?

Wenn man aufgerufen wird, muss man zunächst in der Sonne Schlange stehen, nur selten spenden ein paar träge, mollige Wolken Schatten. Dann wird man reihum hinter einem Vorhang befragt, ohne sich setzen zu dürfen.

Auch vor den Duschen langes Warten. Morgens sind die Männer dran, nachmittags die Frauen. Ein Aushang informiert darüber, wie die Internierung der Japaner ausländischer und nicht ausländischer Herkunft geregelt ist. Es müsse Ordnung herrschen, heißt es dort, der Gebrauch einer anderen Sprache als der englischen sei untersagt und jeder Aufstand ende vor dem Kriegsgericht. Angeblich schießen sie einem direkt ins Herz.

Essen gibt es genug, dafür aber mangelt es an anderen Dingen. Zum Beispiel an Musik. Seit zwei Wochen hat Fumika keine Klaviertasten mehr gesehen. Mit dem Finger einer Partitur zu folgen und den ersten Wolfgang nur im Kopf zu spielen, hat nicht dieselbe Wirkung. Wenn kein Klavier die Noten zum Klingen bringt, verlieren sie irgendwann jegliche Existenz. Sie lassen sich nicht berechnen wie physikalische Teilchen.

Fumika hat sich in die Schlange gestellt, die zum achten Rang hochführt. Sie will die Inspektorinnen um Erlaubnis bitten, das Zelt wechseln zu dürfen. Die Chefin ihres Zelts ist eine schmuddelige Matrone, die den ganzen Tag mit erloschener Zigarette im Mundwinkel herumläuft und achtzehn junge Frauen herumkommandiert. Morgens brüllt sie schon um halb sieben ihre Befehle. Die Matten müssen zusammengerollt, die Decken gefaltet, der Tee serviert und der Eingang gefegt werden. Um halb acht, wenn die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika zum Klang des Horns gehisst wird, müssen sich die Evakuierten in einer Reihe aufstellen, die schmalen Augen auf das den Mast hinaufwandernde Stück Stoff gerichtet.

In Japan war Fumika dank des Klaviers von den Nachmittagen befreit, an denen die Schüler zum Vaterlandsdienst anzutreten hatten. Ihre Schulkameradinnen mussten den Arm recken und Parolen zu Ehren Seiner Majestät unseres Kaisers deklamieren. Sie mussten schwören, dass niemals ein Fremder seinen Fuß auf den heiligen Boden der Vorfahren setzen werde.

Der Matrone hat sie sofort erklärt, ihre Finger vertrügen nicht den ganzen Tag Waschwasser, sie brauche sie noch zum Klavierspielen. Der Drache hat sich nur über sie lustig gemacht und ihre Künstlersorgen mit einem dreckigen Lachen quittiert. Ein Sammellager sei kein Konservatorium. Eine junge, zwanzigjährige Japanerin, die nicht mal die amerikanische Staatsbürgerschaft besitze, könne jederzeit für eine Spionin gehalten werden und vor dem Hinrichtungskommando landen. Kapiert? Die Mädchen, mit denen sie das Zelt teilt, haben in den Hügelstraßen von San Francisco gewohnt. Manche haben als Kellnerinnen gearbeitet, andere sind auf den Strich gegangen. Ihr Englisch ist so ordinär, dass es Fumika erröten lässt.

In den anderen Zelten richten sich Familien wie für ein verlängertes Picknick ein. Aus Brettern und Kisten zimmern sie sich Möbel zusammen. Zum Essen setzen Eltern und Kinder sich an einen wackeligen Tisch. Ab und zu reichen ihnen frühere Nachbarn einen Sack Reis oder Gemüse über den Stacheldrahtzaun. Die Wärter lassen es geschehen. Fumika beneidet die kleinen Kinder, die nicht zum Englischreden gezwungen werden. Diesen Verstoß gegen die Vorschriften erlauben sogar die uniformierten Lageraufseher, die mit ihrem Schlagstock unterm Arm zwischen den Zelten umherstreifen.

Die Schlange zum achten Rang wird immer länger, und die Sonne brennt. Vor Fumika wiegt eine Mutter ihr Baby. Hinter ihr wartet eine alte Frau, dem Schnitt ihres schwarzen Kleides nach zu urteilen, ist sie koreanischer Abstammung. Da Korea inzwischen zu Japan gehört, gelten auch Personen, deren Eltern dort geboren wurden, als Feinde der Vereinigten Staaten. Fumika lässt sich von der Alten erklären, wie ungerecht ihre Lage sei. Die Japaner seien alle schuld an ihrem Unglück, sagt sie. Fumika inbegriffen, sie habe in Kalifornien nichts zu suchen gehabt, hätte auf ihrem Archipel bleiben können, bei ihren Samurai und ihrem Kaiser … diesem Nichtsnutz.

Die Matrone hat sie und die anderen gewarnt: Jeden Streit vermeiden. Im Sammellager gebe es auch Agents Provocateurs. Angeblich haben die Inspektorinnen den Befehl, diejenigen zu enttarnen, die dem Reich der aufgehenden Sonne helfen könnten, in Kalifornien zu landen. Deshalb: Sich nie dazu verleiten lassen, mit Fremden über Politik zu reden.

Trotzdem kann Fumika es sich nicht verkneifen, der Alten zu sagen, dass sich Japan ihrer Meinung nach nicht auf eine Inselgruppe beschränkt. Seine Majestät unser Kaiser herrsche auch über mehrere Festlandgebiete, die zu ein und demselben Lebensraum gehörten.

Eine Frau in der Schlange, die so tut, als spreche sie zu ihrem Baby, rät ihr flüsternd, still zu sein, die Wände hätten Ohren. Fumika begreift, dass die Koreanerin womöglich eine dieser berüchtigten Agents Provocateurs ist. Mit einem Satz über das Glück, das man in dieser Gegend mit dem Wetter habe, beendet sie das Gespräch. Hier, sagt sie, könnten die Wolken anschwellen, ohne je ihr Wasser zu verlieren.

Darauf verflucht die Alte alle Japaner. Den Männern wünscht sie, dass sie den Krieg gegen Amerika verlieren, den Frauen, dass sie zweiköpfige Ungeheuer gebären. Keiner reagiert. Die Schlange bewegt sich langsam auf den Vorhang zu. Als Fumika an der Reihe ist, befragt eine uniformierte Beamtin sie anhand eines Ermittlungsbogens und verkündet dann, man werde ihr jetzt die Häftlingsnummer auf die Schulter tätowieren. Fumika protestiert. Nie und nimmer! Was wird Tetsuo Tsutsui denken, wenn er das schändliche Zeichen auf der Schulter seiner Verlobten entdeckt? Wie man weiß, ritzen die Völker des Westens den Myladies Lilien auf die Schulter. Und was werden ihre Eltern sagen? Und der Gesundheitsdienst im Hafen von Tokio, wenn sie so nach Hause kommt? Sie bleibt stur:

«Ich bin doch keine Prostituierte, Madam.»

«Du wohnst in Zelt 415?»

«Jawohl, im Zelt für alleinstehende Frauen.»

«Dann wirst du tätowiert.»

«Aber ich bin verlobt.»

«Das sagen alle.»

Fumika öffnet die Seitentasche ihres Kittels und zieht ein Foto heraus. Als die Inspektorin es ihr aus der Hand reißt, begreift sie, dass sie auch dieses Foto in ihr Kopfkissen hätte einnähen sollen. Verächtlich mustert die Frau das Bild. Die Uniform gefällt ihr ganz und gar nicht.

«Wer ist dieser Kerl mit den Tressen?»

«Mein Verlobter, Herr Tsutsui, Madam.»

«Kennst du sein Geburtsdatum?»

«1917, Madam.»

«Und seinen militärischen Rang?»

«Offizier der Luftwaffe, Madam.»

«Unteroffizier. Ich kenne mich aus.»

Das Foto wird beschlagnahmt. Auf der Rückseite notiert die Inspektorin Fumikas Angaben. Dazu ihren Namen, den der vermeintlichen Verlobten, zurzeit im Sammellager inhaftiert. Fumika soll sagen, ob sie irgendwelche Schriftstücke von diesem Tsutsui bei sich hat. Da ihr Nein zu zaghaft klingt, schickt die uniformierte Frau sie hinter einen zweiten Vorhang, fordert sie auf, ihre Taschen zu leeren und sich auszuziehen. Splitternackt bückt Fumika sich für die Analuntersuchung, schluckt die Tränen hinunter.

Noch einmal muss sie ihr Leben von vorne erzählen, angefangen beim Tod ihres Vaters. Das mit dem weißen Huhn im Kochtopf lässt sie aus. Nach dem Erdbeben, als Osaka nur noch aus Gestank und Verwüstung bestand, hat ihre Mutter beschlossen, wieder in ihr Heimatdorf bei Nagasaki zu ziehen. Dort hat Fumika auf einem alten, von einem Mönch gestimmten Klavier ihre ersten Melodien gespielt. Sie hatte das Gefühl, die Musik begleite ihre eigene Traurigkeit und die ihrer Mutter, die ihren Mann verloren hatte.

Später, aber davon braucht sie nicht zu erzählen, hat sie entdeckt, dass Musik auch fröhlich sein und neue Empfindungen auslösen kann. Weder Tränen noch Lachen, sondern Melancholie, verwoben mit einem Sehnen nach etwas, das man nicht anders ausdrücken kann als eben mit Musik.

Jeden Morgen hat ihre Mutter sie zwei Stunden vor ihrer Schwester Nobuko geweckt und sie ans Klavier gesetzt. Einsam kämpfte Fumika vor den Tasten gegen die Müdigkeit an. Der Lehrer schrieb ihr immer ganz genau das tägliche Übungspensum auf. Und er brachte jede Woche neue Partituren mit.

Mit zehn Jahren konnte sie ihr erstes Konzert auswendig spielen. Köchelverzeichnis 482, um genau zu sein. Die Inspektorin schreibt sich die Nummer auf. Das Dorf hatte nur sechstausend Einwohner, die Musikschule war sein ganzer Stolz. Ein Mäzen namens vom Pokk hatte die Errichtung des Gebäudes bezahlt und Instrumente gestiftet. Ein ordentlich gestimmtes Klavier für ihre mittellose Mutter. Jedes Jahr bewilligte Paul vom Pokk einem verdienstvollen Schüler ein Stipendium für ein Musikstudium in Nagasaki. Zur Einweihung der Schule war der Mäzen persönlich erschienen. Fumika hatte mit einem alten Mann mit geschmacklosen Fingerringen gerechnet, aber er war im selben Alter wie ihr verstorbener Vater. In den Ruinen des Erdbebens hatte der junge Ingenieur und Erbe eines Zementfabrikanten eine Rettungsmannschaft begleitet. Statt einfach Säcke mit Schweizer Zement für den Wiederaufbau des Landes zu spenden, hatte er sich für das Schicksal der Kinder interessiert, für ihre musikalische Ausbildung.

Mit vierzehn durfte sie ans Konservatorium von Nagasaki gehen. Ihre Mutter gab sie in die Obhut von Tante Yu, in deren Haus sich Fumika mit drei Cousins und Cousinen ein Zimmer teilte. Morgens stand sie immer früh auf und kam erst zum Abendessen wieder nach Hause. Neben den Klavierstunden wurde sie in Musiktheorie und Musikgeschichte unterrichtet. Sie träumte von Salzburg am Ende des 18. Jahrhunderts, hätte gern den ersten Wolfgang kennengelernt.

Ihr Lehrer am städtischen Konservatorium, ein Mann um die Dreißig und schon mit Glatze, vermittelte ihr seine Kunst. Er sparte nicht mit Lob, sagte oft etwas Nettes, wenn sie eine Passage gut gespielt hatte. Einmal schob er ihr eine Hand zwischen die Schenkel, aber das sagt sie der Inspektorin nicht.

Mit achtzehn, nach ihrem Konzertdiplom, kandidierte sie für das Auswahlverfahren. Ein internationales Stipendium für ein Musikstudium in den Vereinigten Staaten, ebenfalls von Paul vom Pokk gestiftet. Sie trug ein vom zwölfjährigen Mozart komponiertes Concerto vor. Schwer zu spielen, selbst für Ältere. Die Jury beglückwünschte sie, verlieh den Preis aber dem Sohn des Konservatoriumdirektors, dem jeder ansehen konnte, dass er weder Talent noch Lust zu lernen hatte. Im Jahr darauf wählte die Jury, diesmal keiner Anweisung unterworfen, einstimmig Fumika und beglückwünschte auch ihre Mutter. Die freute sich, dass ihre vielversprechende Tochter eines Tages genug verdienen würde, um eine ganze Familie zu ernähren.

Drei Wochen später, im August 1940, ging sie an Bord eines Passagierschiffs, das von Tokio nach San Francisco zwölf Tage brauchte, mit Zwischenstation auf Hawaii. In Berkeley wurde Shizuko, die erste Studentin, die sie nach ihrer Überfahrt kennengelernt hatte, ihre beste Freundin. Schade, dass diese nun unauffindbar ist.

Ende der Aussage, Fumika unterschreibt. Die Inspektorin fügt das Datum ein und setzt zwei Stempel aufs Papier. Auch sie will sich nicht zu Shizukos Verbleib äußern.

Dann begleiten zwei Frauen in Uniform Fumika bis zu Zelt 415, durchwühlen ihre spärliche Habe, finden ohne langes Suchen den ins Kopfkissen eingenähten Brief ihres Verlobten. Die Entdeckung hat, wer weiß warum, zur Folge, dass Fumika nicht tätowiert wird. Man verlegt sie in einen aus Stein gebauten Pferdestall, Gebäude 321, in dem bereits drei Familien zusammengepfercht sind, deren kleine Kinder im Stroh schlafen.

Da diese Japaner schon seit zwei Generationen in Kalifornien leben, sind sie nicht begeistert von ihrer Gegenwart. Sie sind Bürger der Vereinigten Staaten, haben alle japanischen Traditionen abgelegt. Wäre nicht ihre Hautfarbe, hätte niemand das Recht, ihnen Scherereien zu machen. Ein würdevoller älterer Herr schildert ihr seine militärische Laufbahn in allen Einzelheiten. Während des Ersten Weltkriegs sei er Infanterist bei den nordamerikanischen Streitkräften gewesen, habe an der Seite der Franzosen in Belgien gekämpft. Wegen des Giftgases habe er einen Lungenflügel verloren. Doch um das Sternenbanner zu verteidigen, wäre er bereit, abermals seinen Dienst anzutreten. Fumika nickt, vermeidet es, ihm zu widersprechen, bietet an, seine Stiefel zu wienern. Zwei Tage dauert es, bis der ehemalige Soldat ihr Angebot annimmt. Schließlich erklärt er, die Neue stehe unter seinem Schutz. Er werde sie die Kunst des Grabenkampfes lehren. Um ihn nicht zu verärgern, versteckt sich Fumika unter dem Tisch und hechtet mit lautem «Ta-ta-ta-ta!» hervor. Er sagt, wenn man ein guter Krieger sein wolle, dürfe man nicht davor zurückschrecken, sich auch selbst zu töten. Zum Glück ist Fumika kein echter Soldat.

Ein paar Tage später reicht sie im Ermittlungsbüro einen Antrag ein. Doch obwohl sie alle Verwaltungsformulare ausgefüllt hat, gibt man ihr weder das Foto noch den Brief ihres Verlobten zurück. Im Pferdestall stattet ihr ein Inspektor des militärischen Geheimdiensts einen Besuch ab. Er sieht verärgert aus. Sie muss ihm auf eine der oberen Tribünen des Stadions folgen, wo er sie auffordert, genau zu erklären, welche Art von Verbindung sie zu dem von ihrer Familie ausgewählten japanischen Flieger unterhält. Wieder versichert sie, dass sie ihm nie begegnet ist. Vor zwei Jahren sei sie dank eines Schweizer Stipendiums und des Vertrauens, das ihr Lehrer in Nagasaki in sie gesetzt habe, der inzwischen auf dem Feld der Ehre gefallen sei, zum Klavierstudium nach Berkeley gekommen. Der Inspektor wundert sich:

«Welches Feld der Ehre?»

«Der Dienst an unserem Kaiser.»

«Wo?»

«Jetzt ist er im Paradies.»

Von der Ohrfeige, die sie ihm geben musste, damit er seine Hand von ihren Schenkeln nahm, erzählt ihm Fumika nicht. Stattdessen erklärt sie, jetzt, im Mai 1942, würde sie sich, wenn sie nicht in diesem Lager inhaftiert wäre, auf ihr für August geplantes Konzertdiplom vorbereiten. Danach wolle sie nach Hause, nach Japan, zurückkehren, trotz der Angebote des Direktors des Symphonieorchesters von Kalifornien, der ihr eine steile Karriere prophezeit habe.

Am nächsten Morgen ruft der Inspektor sie erneut zu sich, um mehr über ihre Kindheit, ihren Klavierlehrer, ihre Familie zu erfahren. Er interessiert sich für die von Seiner Majestät unserem Kaiser angeordneten patriotischen Übungen am Konservatorium von Nagasaki. Und sie muss alles aufzählen, was sie über den Arbeitsablauf in der Mitsubishi-Werft unten vor Tante Yus Terrasse weiß. Abends, bei Sonnenuntergang, sah man nicht selten einen Flugzeugträger mit Dutzenden an Deck aufgereihter Jagdflugzeuge vom Typ Zero aufs Meer hinausfahren. Während sie ihrem Onkel, der als Lehrer an einem technischen Gymnasium arbeitete, den Rücken massierte, zählte dieser laut die Rettungsboote. Seiner Meinung nach war das die beste Methode, um herauszufinden, wie viele Seeleute an Bord waren. Auf zwei Männer kommt je ein Platz im Rettungsboot. Ein japanisches Schiff sinkt nie, ohne die Hälfte seiner Besatzung mit in die Tiefe zu reißen.

Sie kehrt zum Pferdestall und zu den Kindern zurück, denen sie beibringt, wie man Papier zu kleinen Schönwetterwolken faltet. Da es kein Buntpapier gibt, benutzen sie Essensverpackungen. Zum Beispiel Kakaotüten. Aber für die Wolkenpfoten fehlen ihr Trinkhalme. Die erwachsenen Kalifornier benutzen nämlich zum Trinken von Obstsäften ein höchst raffiniertes Nuckelsystem. Ein Trinkhalm ist ein Röhrchen, das man ins Glas steckt und durch das man die Flüssigkeit einsaugt. Wenn am Boden des Glases oder des Bechers oder in der Flasche nichts mehr übrig ist, erzeugt das Saugen ein lautes Geräusch, das Kinder nicht in die Länge ziehen dürfen. Seitdem die langen Trinkhalme im Lager Mangelware sind, vermissen alle dieses Schlürfgeräusch.

In Friedenszeiten kamen die Wettliebhaber jeden Sonntag hierher zur Rennbahn, um auf die glänzenden, herausgeputzten Pferde zu setzen. Auf der großen Tafel stehen immer noch die Namen der letzten Wette. Was ist aus den Reichen geworden, die hier ihre Mätressen spazieren führten? Und aus den Armen, die ihre gesamten Wochenersparnisse auf ein einziges Pferd setzten? An den Giebeln der winzigen, hinter den Tribünen aufgereihten Häuschen stehen noch die Startzeiten des letzten Rennens, die Sitzplatzpreise und die Namen der Pferde: Artamis, Balthazar, Camellia. Wenn der Krieg vorbei ist, werden sie wiederkommen. Und da in den zu Schlafsälen umfunktionierten Boxen noch immer der Geruch nach Pferdeäpfeln hängt, werden die Stuten sich wohlfühlen.

Die Zeit vergeht sehr langsam, wenn man kein Klavier hat. Die Gedanken schweifen in alle Richtungen. Abends kann Fumika nicht einschlafen, wandert am Zaun entlang, vorsichtig, um nicht vom beweglichen Lichtstrahl erfasst zu werden, mit dem der Soldat herumspielt. Er richtet seinen Schweinwerfer auf die Erde, da er ja nicht die Sterne am Himmel anstrahlen kann. Auch der alte Japaner, der den Ersten Weltkrieg in belgischen Schützengräben erlebt hat, steht manchmal mitten in der Nacht auf. Bei der Pferdetränke gesellt sich Fumika zu ihm. Er erzählt ihr aus seinem Leben. Sie lässt ihn seine Geschichte wiederholen, ohne ihn zu unterbrechen, springt mit leisem «Ta-ta-tata!» aus dem Schützengraben. Er zielt auf sie und bedankt sich von ganzem Herzen.

Tagsüber revanchiert er sich, indem er ihr zeigt, wie man durch Himmelsbetrachtungen Langeweile vertreibt. Sie lernt, die Wolkenfamilien an ihrer Position und ihrer horizontalen Ausdehnung zu erkennen. Zum Schluss kann sie sie alle beim Namen nennen. Besten Dank, mein Herr.

Im Lager kann sich jeder zum Zeitvertreib eine Geschichte ausdenken. Fumika malt sich aus, sie wäre ein junges Mädchen aus Salzburg, vergisst ihre Insel, sieht sich als die Verlobte eines jungen Mannes mit deutschem Akzent. Das Haar mit einer Schleife im Nacken zusammengebunden, verbeugt er sich tief, nach altem Brauch. Sie reicht ihm die Hand. Eine geschmeidige Geste, wie bei einem Anfangsakkord. Und er, Wolfgang, gibt ihr mit einem strahlenden, spitzbübischen Lächeln auf dem Gesicht einen angedeuteten Handkuss. Abends setzt Mozart sich im Kerzenschein ans Cembalo und komponiert für sie allein eine Sonate in D-Dur.

Vier Monate vergehen, die Haft dauert an. Nach und nach leert sich das Sammelzentrum, die Insassen werden in weniger provisorische Lager verlegt. Manche machen, wenn sie auf der Liste erscheinen, am Abend vor ihrer Abreise eine Runde durchs Lager und verabschieden sich. Fumika spürt ihre Beklommenheit, als bedauerten sie plötzlich, dass man einander fremd geblieben ist, unfähig war, mehr als Höflichkeiten auszutauschen. Zuerst verschwinden die Zeltbewohner, dann die Stallbewohner. Jeden Morgen werden ganze Familien auf Armeelaster verfrachtet. Angeblich wurde in der Wüste von New Mexico ein festes Lager für sie errichtet.

Von Tag zu Tag wird der Herbsthimmel grauer, die Kälte schneidender. Federwolkenbänder, von den Höhenwinden in die Länge gezogen, treiben vom Ozean herüber, verweben sich immer dichter, bis sie eine milchige Decke bilden, die den Tag bis zum Abend in fahles Licht taucht. In den ungeheizten Ställen fehlt die Wärme der Pferde. Anfang Dezember entdeckt Fumika endlich ihren Namen auf der Liste der Abreisekandidaten des nächsten Tages. Zum letzten Mal wird sie ins Ermittlungsbüro gerufen, nimmt dort ihre Partituren entgegen, die wie Kriegsarchive aufbewahrt wurden. Auch den ersten Brief ihres Verlobten gibt man ihr. Und einen zweiten, der unterdessen eingetroffen ist.

4

Zweiter Brief

Nagasaki, den 2. Oktober 1942

Sehr verehrtes Fräulein Fumika,

meine liebe, teure Verlobte!

Ihre Mutter hat die meine davon unterrichtet, dass Ihnen das gleiche entsetzliche Schicksal widerfahren ist wie unseren 130 000 einstigen Landsleuten, die heute in den Vereinigten Staaten von Amerika leben. Ich habe Seine Majestät unseren Kaiser im Radio gegen diesen Affront protestieren hören. Dürfte ich meinen persönlichen Angelegenheiten, also Ihnen, mehr als nur eine halbe Stunde täglich widmen, würde ich mir gewiss größte Sorgen machen. Aber ich habe mit der Wartung unserer Flugzeuge solchen Ärger, dass sie mich zum Glück von morgens bis abends und teilweise auch nachts in Anspruch nimmt. Wegen des Pazifikkrieges herrscht Benzinmangel, weshalb wir eigene Treibstoffmischungen herstellen müssen, die leider nicht immer gelingen. Schlimm wird es, wenn nach einem Sturzflug, bei dem der Flugzeugmotor abgestellt wird, dieser nicht mehr anspringt. Kürzlich sind zwei meiner Kameraden nach dem Durchfliegen einer Wolke abgestürzt. Wegen einer verstopften Düse.

Solange ich nichts von Ihnen persönlich höre, wird mir Ihr Schicksal, sehr verehrtes Fräulein Fumika, weiterhin Sorgen bereiten. Angeblich hat man Sie und all unsere übrigen Landsleute in Stadien, auf Rennbahnen, in Pferdeställen und sogar in zu Gefängnissen umfunktionierten Badeanstalten interniert. Am besten wäre es, Sie fänden eine Möglichkeit, zu fliehen und abermals den Pazifik zu überqueren. Unser Ausbilder ist der Meinung, wir sollten die Vereinigten Staaten überfallen, um Sie zu befreien. Sollte ein solches Unternehmen beschlossen werden, so seien Sie versichert, dass ich mich freiwillig melden werde, um zurückzuerobern, was mir gehört. Manchmal male ich mir am Steuerknüppel meines Jagdfliegers Zero folgende Szene aus: Sie sind in einem Turm gefangen, in dem Sie Tag und Nacht Mozartsonaten spielen, und plötzlich hören Sie ein Flugzeug näher kommen und gehen ans Fenster. Wir erkennen einander, Sie springen neben mich, und ich bringe Sie zurück nach Nagasaki. Ich hoffe, Sie vertrauen darauf, dass Ihr zukünftiger Gatte Sie aus den Klauen dieser Ungeheuer befreien wird.

Ich verstehe sehr gut, dass Sie angesichts Ihrer Gefangenschaft noch nicht auf meinen ersten Brief antworten konnten. Doch ich kann mir auch vorstellen, dass Sie froh sind, bald einen Ehemann zu bekommen, den Ihre Familie zu einem guten Preis ausgewählt hat. Das Foto, das ich Ihnen geschickt habe, wird Ihnen helfen, sich an meine Gegenwart zu gewöhnen, so wie ich mich an die Ihre. Kürzlich habe ich mein Offizierspatent erworben, ich werde also ab Ende nächster Woche eine neue Uniform tragen. An der Hose ändert sich nichts, nur an Jacke und Mütze. Da unsere Ausgangszeiten gekürzt wurden, wird der Fotograf in die Kaserne kommen, um unseren Jahrgang abzulichten. Auf das Ergebnis müssen wir drei Wochen warten. Dann erhalten Sie ein Foto, mit dem das alte hinfällig wird. Es dürfte einen noch besseren Eindruck auf Sie machen. Die Offiziersuniform werde ich auch bei unserer Hochzeit im September tragen. Natürlich hoffe ich, dass Sie schon früher wieder in der Heimat sein werden.

Habe ich mich eigentlich klar genug ausgedrückt, als ich Ihnen bezüglich der Musik schrieb? Da Sie nach Ihrem Diplom für Orchesterreife das Musikstudium fortgesetzt haben, werden die Erziehung unserer Kinder und das Maschineschreiben etwas ganz Neues für Sie sein. Ich selbst habe damals, als ich meine Geige weglegte, geglaubt, nicht so leicht darauf verzichten zu können. Aber der Wille ist alles, die Gefühle müssen folgen. Fast hätten mich die von der Musik ausgelösten Emotionen daran gehindert, ein guter Soldat zu werden. Doch glücklicherweise hat die Kaserne statt eines Musikers einen Mann aus mir gemacht.

Wenn dieser Brief Sie erreicht, so antworten Sie mir doch bitte auch auf die beiden Fragen, die ich jetzt noch ansprechen möchte. Zum einen geht es um die Anwesenheit der Brüder Ihres Vaters bei unserer Hochzeit. Da Ihr Vater beim Erdbeben von 1923 ums Leben kam und Ihre Mutter nicht wieder geheiratet hat, findet meine Mutter, es gehöre sich, auch Ihre beiden Onkel mit deren Familien einzuladen. Das ist eine finanzielle Frage, zu der mich Ihre Meinung interessieren würde.

Die zweite Frage betrifft die musikalische Darbietung während des Empfangs, der vor der Trauung stattfinden soll. Es ist ausgeschlossen, dass ich selbst die Tartinisonaten spiele, wie es sich meine Großmutter väterlicherseits wünscht. Wären Sie damit einverstanden, wenn der Vater eines meiner Freunde, ein Bankdirektor aus Nagasaki, dies übernimmt? Es handelt sich um einen gewissen Herrn Hirota. Ich möchte Sie vorwarnen, er ist kein sehr guter Geiger, aber ein Mann mit einer durchaus vorteilhaften Position, die uns bei der Aufnahme des Darlehens, das wir für die Ausstattung meiner radiologischen Praxis benötigen werden, zugutekommen könnte.

Ich kann mich einer Vorfreude auf Ihre Antworten auf meine beiden Fragen kaum erwehren. Ich wünsche Ihnen, dass Sie trotz der schwierigen Lage, in der uns unsere Feinde meinen halten zu müssen, weder den Mut noch den Glauben daran verlieren, dass uns Seine Majestät unser Kaiser den Sieg bringen wird. Ich erflehe Seinen Segen für Sie, in der Gewissheit, dass meine patriotischen Gedanken ihren Weg zu Ihrem Herzen finden werden.

Ihr Verlobter, Tetsuo Tsutsui

5

Der Zug der Evakuierten

Die Soldaten postieren sich in einer Reihe entlang des Zugs, um zu verhindern, dass Gefangene ihr Gepäck auf dem Bahnsteig zurücklassen und fliehen. Fumika findet sie komisch mit ihren Helmen, die wie über den Kopf gestülpte Suppenschüsseln aussehen. Beim Anblick ihrer müden Arme und gemächlichen Bewegungen wird ihr klar: zu schwere Gewehre und viel zu viele Patronen.

Angeblich haben manche von ihnen Frauen, die auf der anderen Seite des Kontinents leben und auf Briefe warten, die nicht kommen. Wenn der Zug abgefahren ist, haben die Soldaten vielleicht den Rest des Tages frei. Dann können sie wenigstens eine Postkarte schreiben, können Grüße und einen Kuss an ihre Frauen oder ihre Töchter schicken. Die bekommen bestimmt gerne mal Post, während sie auf das Ende des Krieges warten.

Fumikas Blick fällt auf die Himmelsgebilde über dem Gefangenenzug. Mehrere Wolkenfamilien sind zur Abfahrt versammelt. Kleine runde Federwolken und etwas tiefer ein zusammenhängendes Band aus weißen Haufenwolken, die dem Blau nur hier und da ein bisschen Platz lassen. Die winzige senkrechte Wolke, die den Federwolken als Lokomotive dient, kann einem solchen Aufgebot an gigantischen Exemplaren nicht Paroli bieten.

Die Fahrt vom Sammelzentrum zum Internierungslager mit der Santa-Fe-Eisenbahn wird voraussichtlich nicht länger als achtundvierzig Stunden dauern. Fumika ist in einen Waggon Dritter Klasse eingesperrt, dessen Fenster außen mit Eisenstäben gesichert sind. Laut den Zahlenangaben auf einem Emailschild gibt es hier neunzehn Raucher- und siebenundzwanzig Nichtraucherplätze, also sechsundvierzig Sitzplätze insgesamt. Aber die Militärs haben sich nicht danach gerichtet. Oder sie können nicht zählen. Deshalb muss Fumika sich auf den Fußboden setzen und an die schmale Toilettentür lehnen. Andauernd steht sie auf, um den Durchgang freizumachen. Und hier riecht es noch übler als in den Ställen.

Wenn sie die Augen schließt, ist sie im Hafen von Nagasaki. Neben dem Fukusai-ji-Tempel ein am Kai vor Anker liegender Flugzeugträger, die Reihe der Giebeldächer, die verschiedenen Ebenen des Parks, in dem Tante Yu ihr die Namen der Bäume und der in bläulicher Ferne liegenden, verschwommenen Berge beigebracht hat. Sie hört das Plätschern der Wellen, in denen die in der Morgendämmerung heimgekehrten Fischerboote hin und her schaukeln. Die Luft riecht nach Gischt. Und auf der Zunge liegt der Geschmack von rohem Seeigel.

Das Knarren einer Bodenplanke im Waggon versetzt sie zurück nach Hause. Sie ist wieder in dem Zimmer in Nagasaki, in dem sie allabendlich ihre Tatami ausrollt. Die papierbespannten Schiebewände gleiten schabend durch ihre Führungsschienen. Jetzt taucht eine noch ältere Erinnerung auf, aus dem hübschen Haus in Osaka, in dem sie vor dem Erdbeben geboren wurde. Ihre Mutter singt ihr ein Wiegenlied. Ihr erschöpfter Vater schnarcht schon. Er ist für den großen Tempel verantwortlich und muss daher immer sehr früh aufstehen.

Der Zug hält oft, immer auf freiem Feld. Dann steht er lange, und die Passagiere bekommen Angst, dass man sie in der Wüste vergessen hat, dass sie verdursten werden. Hat die Lokomotive vielleicht eine Panne? Oder wurde sie abgehängt? Wenn der Zug sich wieder in Bewegung setzt, behaupten die, die eine Katastrophe kommen sahen, das sei nur eine Atempause vor der Hinrichtung gewesen.

Wenn ihre Mutter sie nur sehen könnte. Und ihre Cousins sie hören. Wenn Tante Yu nur hier wäre. Und ihr Klavierlehrer. Wenn nur, denkt sie. Aber sie weiß ja, dass die Menschen zu Hause alle Hände voll zu tun haben mit dem Krieg, dem Kochen und dem Fegen der Bürgersteige vor dem Haus. Ihr Vater ist seit fünfzehn Jahren tot, sein Leib schwebt über den Wolken.

Im Waggon wird die Frage, wer für diese Situation verantwortlich ist, immer heftiger diskutiert. Laut einem Japaner der ersten Generation sind die der zweiten Generation daran schuld, weil sie den amerikanischen Kontinent übervölkert haben. Im Gegenteil, meint ein weißhaariger Herr mit schriller Stimme, die Schuld liege ausschließlich beim Präsidenten der Vereinigten Staaten, der durch seine allzu nachgiebige Politik gegenüber China Seine Majestät unseren Kaiser in den Krieg getrieben habe.

Ein dicker, verschwitzter Koch führt andere Gründe an. Er glaubt zu wissen, dass Hitler mit den Sowjets vereinbart hat, Japan zu umzingeln. Man werde die Auslandsjapaner als menschliche Schutzschilde benutzen, um eine Invasion der Vereinigten Staaten von Amerika durch Japan zu verhindern. Jemand sagt:

«Glauben Sie wirklich, das interessiert uns?»

«Treiben Sie lieber irgendwo Wasser auf.»

«Oder Musik.»

«Legen Sie uns eine Platte von Wolfgang auf.»

«He, Kleine, du bist doch Musikerin.»

«Ich habe in Berkeley Klavier studiert.»

«Gegen den Krieg ist dein Mozart nicht der Rede wert.»

Fumika protestiert. Diese Leute haben ja keine Ahnung von ihrem Wolfgang. Es würde reichen, wenn jeder sich von einer Sonate für Pianoforte und Violine wiegen ließe. Die Ereignisse in der Welt würden zu bloßen Zwischenfällen schrumpfen. Die Essenz des Lebens liegt ganz und gar im mittleren Adagio. Der dicke Koch kichert albern. Fumika schweigt, sie weiß, dass sie recht hat.

Was sie an der Musik so liebt: Musik benötigt keine Worte, um Gefühle auszulösen. Man weint, ohne dass Mozart irgendwelche Geschichten von verlassenen Kindern zu erzählen bräuchte. Man lächelt, auch wenn es gar kein Happy End gibt. Alles geschieht jenseits von Worten und ihrer Bedeutung. Manchmal gibt der Komponist seinen Melodien einen Titel. Im Nachhinein, nur damit man darüber reden kann, nicht weil es da eine Geschichte gäbe, die man kennen müsste, um die Musik zu begreifen. Wenn er die Partitur mit Ah, vous dirai-je, maman überschreibt, kann Fumika sich auch Ah, vous dirai-je, papa vorstellen. Es funktioniert genauso, es tröstet einen. Noch mehr sogar. Der dicke Koch bittet um Stille im Namen derer, die sich ausruhen wollen. Als wäre einer der Evakuierten schuld an den quietschenden Bremsen.

Auf dem Waggonboden sitzend, streckt Fumika einen Finger nach dem anderen aus. Dann in der umgekehrten Reihenfolge. Die Fingerglieder lockern. Der Anschlag ist alles. Dann kommt der Rhythmus, im Dienst der Gefühle. Ihre Finger laufen über eingebildete Tasten. Eine Hand springt über die andere, erstürmt die hohen Töne, läuft über die weißen Tasten zurück, wirft sich auf zwei schwarze, schlägt einen Akkord an, hält gemeinsam mit der anderen Hand inne. So würde der zweite Satz enden, den das kleine Genie zum ersten Mal gespielt hat, als es sein Vater Leopold am Hof eines griesgrämigen Königs dem Publikum präsentierte. Sie stellt sich vor, wie der erste Wolfgang seine Darbietung mit einer Verbeugung abschließt, während hübsche Fürstinnen zu ihm eilen, um ihm über die Wangen zu streichen.

In einer Kurve fährt der Zug wieder an. Am immer blauer werdenden Himmel zieht sich, vom Fenster eingerahmt, der Dampf der Lokomotive in die Länge. Weil die Luft trocken ist, sagt der alte Herr. Es gibt für alles eine Erklärung, das Blau am Firmament ist kein Wunder. An der Brust einer Nachbarin hat ein Säugling seine Milch ausgespuckt. Fumika singt ihm leise ein Wiegenlied. In dem Alter verstehen Kinder noch kein Englisch.

Gegen Abend hält der Zug abermals mitten in der Wüste. Kein Lebenszeichen außer Telefonmasten, die wohl ein Wutausbruch des Himmels aus dem Boden gerissen hat. Soldaten mit Hunden, wie aus dem Nichts aufgetaucht, öffnen die Türen und brüllen: «Sanitätskontrolle!» Einer von ihnen steigt in den Waggon. Er trägt eine Stoffmaske vor Mund und Nase, fragt, ob es Notfälle gebe, Leute mit Fieber. Niemand meldet sich. Wäre jemand krank, müsste er in Kauf nehmen, von seiner Familie getrennt zu werden. Die alte Dame, die vorhin gejammert hat, sie werde sterben, hütet sich tunlichst, den Sanitäter auf sich aufmerksam zu machen. Die Tür wird von außen wieder verriegelt. In der von den vergitterten Fenstern in Scheiben geschnittenen Abendröte bellen die Hunde. «Abendrot, Gutwetterbot», hat Tante Yu immer gesagt.

Die ganze Nacht bleibt im Waggon das Licht an. Aber mehr noch raubt einem das plötzliche Ruckeln den Schlaf, der sich ständig ändernde Rhythmus. Ein Witzbold meint, Pearl Harbor liege nun schon ein Jahr zurück, und wie man höre, sei der Krieg jetzt pazifistisch, wegen besagtem Ozean. Niemand lacht, der Witz ist zu abgedroschen.

Der Zug rollt gen Westen, meidet die bewohnten Gegenden. Man könnte glauben, die Vereinigten Staaten seien nichts als eine weite, kakteenbewachsene und mit ausgeblichenen Skeletten einstiger Haustiere verzierte Steinwüste. Vielleicht werden sie bei ihrer Ankunft alle erschossen. Auch egal, Hauptsache, es ist vorbei, sagt eine junge Mutter, deren Kind pausenlos fragt: «Mama, wann kommen wir an?»

Der weißhaarige Herr mit der hohen Stimme erzählt, dass er 1917 in einer Kupfermine in Compton, Arizona, gearbeitet hat. Zu Tausenden hätten sie gestreikt. Man habe sie in Viehwaggons gepfercht und tausend Meilen weg von zu Hause gebracht. Es sollte ihnen eine Lehre sein. Jemand bittet ihn, zu schweigen und lieber etwas von seinem restlichen Wasser abzugeben.

Zwar haben alle die im Sammelzentrum ausgehängten Anweisungen befolgt und vorgesorgt, aber inzwischen sind sämtliche Getränkebehälter leer. Mit den Lebensmitteln sieht es kaum besser aus. Als der Zug hält, hört man lautes Klagen aus einem der Nachbarwaggons. Eine Frau scheint die Nerven zu verlieren. «Wasser, Wasser! Macht auf!», schreit sie. Niemand beruhigt sie, da sie im Namen aller klagt.

6

La Chaux-de-Fonds

Wolfgang Steinamhirsch wird am 1. März 1917 in La Chaux-de-Fonds geboren. Alljährlich feiern die Einwohner an diesem Tag ihren Aufstand gegen den preußischen König. Dann schließen die wenigen Aristokraten, die ihr Adelsprädikat behalten haben, zum Zeichen der Trauer ihre Fensterläden und gehen den ganzen Tag nicht aus dem Haus. Daher lässt auch der Arzt, ein gewisser de Rougemont, an diesem Tag Gebärende mit der Hebamme allein. An einem 1. März wird nicht entbunden, damit das klar ist.

Wolfgangs Vater ist der Besitzer der Buchhandlung Librairie du Progrès. Seine Mutter hat auf eine Karriere als Pianistin verzichtet, um vier Kinder zur Welt zu bringen. Erst Wolfgang, dann drei Mädchen, die nach dem Willen des Vaters Alpha, Beta und Gamma genannt werden. Die Mutter ist nur stolz auf ihren Ältesten, will einen Dirigenten aus ihm machen. Deshalb lernt er neben Latein, Griechisch und Englisch auch Geige. Das Konservatorium übernimmt es, sein musikalisches Talent zu fördern. Er lässt nicht gerne starke Gefühle zu. Sein Geigenlehrer regt sich auf: «Mehr Inbrunst, weniger Technik, lass dich mitreißen, Wolfgang, verflixt nochmal!»

Schon als Kind begeistert er sich für die Wissenschaft, liest keine Romane, weil darin erfundene Geschichten erzählt werden. Die Wahrheit steht in wissenschaftlichen Handbüchern.Physikbücher zum Beispiel erklären, warum Körper fallen. Wäre ein Roman je in der Lage, die Anziehungskraft des Kerns auf die Elektronen zu erforschen? Jedes Jahr zu Weihnachten dürfen die Kinder sich im väterlichen Geschäft ein Buch aussuchen. Die drei Mädchen begnügen sich mit Heidis Abenteuern in den Alpen. Ihr Bruder bevorzugt eine Logarithmentafel oder das Periodensystem der Elemente, zur Not eine Gelehrtenbiografie.

Eines Tages liest er ein Buch über das beispielhafte Leben von Edison, dem Vordenker, der die Menschheit mit Hilfe des Gesetzes des geringsten Widerstands um mehrere erhellende Erfindungen bereichert hat. Dem jungen Edison ist es gelungen, ohne die Wärme einer Henne Eier auszubrüten, Wolfgang macht es ihm nach. Bei einer Bäuerin, die jeden Montag auf dem Marktplatz steht, besorgt er sich zwei frische Eier. Er versteckt sie unter seiner Bettdecke und sorgt dafür, dass sie dort in gleich bleibender Wärme liegen. Tagsüber wickelt er jedes Ei in eine Socke und steckt sie sich in die Taschen. Seinen Berechnungen zufolge müssten die Küken am Sonntag schlüpfen. Er wird also ausgiebig Zeit haben, ihnen dabei zuzusehen. Leider besteht die Mutter am Samstag darauf, dass er kurze Hosen ohne Taschen trägt, sodass es den Eiern an Wärme fehlt. Den Mangel meint er ausgleichen zu können, indem er sie eine Zeit lang in heißes Wasser legt, im Glauben, die doppelte Temperatur in der halben Zeit führe zum gleichen Ergebnis. Resultat: Weder am Sonntag noch an den folgenden Tagen schlüpfen die Küken aus ihrer Schale. Wie hat Edison das bloß geschafft?

Wolfgang macht weitere Experimente zum Flug von Fledermäusen, die er tagsüber weckt, mit unsichtbarer Tinte, mit dem zweiten Hauptsatz der Wärmelehre. Er kommt zu vorhersehbaren Ergebnissen, zu Variationen über ein gegebenes Thema, macht jedoch keine Entdeckung. «Nichts Neues unter der Sonne», bestätigt seine Mutter. Worauf ihr Mann zu ergänzen wagt: «Außer dem Fortschritt, mein Schatz.» Trotz aller Bewunderung für seine Mutter weiß Wolfgang, dass sie kaum an die Erzeugung eines Kükens fern der Wärme einer Glucke glaubt. Er möchte für sie etwas Neues erfinden oder entdecken, dann würden sie gemeinsam den Nobelpreis in Stockholm abholen.

Seine erste Freundin lernt Wolfgang auf dem Jahresabschlussfest kennen. Heidi, die älteste Tochter des Pfarrers, trägt denselben Namen wie das kleine Waisenmädchen, das immer krank wird, wenn es seinen Großvater und die Alpenluft verlassen muss. Wie im Bilderbuch seiner Schwestern hat auch diese Heidi schöne blonde Zöpfe, aber wenig Talent zum Lernen. Einmal in der Woche verabredet Wolfgang sich nach seiner Geigenstunde mit ihr im Cafè Moreau an der Avenue Lèopold-Robert. Dort setzen sie sich nebeneinander, um die Passanten besser beobachten zu können, benoten deren Aussehen und dichten ihnen eine Biografie an. Aber es fehlt ihnen an Fantasie, außer bei Paaren, bei denen sie rasch einen möglichen Trennungsgrund ausmachen.

Wolfgang hat keinen Freund. Er hat das Gefühl, nur junge Mädchen könnten ihm eine angenehme Gesellschaft leisten, sie verstehen das Innere der Dinge. Will man wissen, um wie viel Uhr ein Zug abfährt, ist das Geschlecht des Auskunft Erteilenden ziemlich egal, geht es aber um Stimmungen, um Gefühle und vor allem um Unsagbares, wendet man sich lieber an eine Frau. Nur Frauen stellen sich dieselben Fragen wie er: Wo ende ich, und wo beginnt die Welt?

Bei Heidi weiß er nicht so recht weiter. Ausgerechnet über ein Thema kann er nicht mit ihr sprechen, nämlich: Sollte man seine Liebe gleich zu Beginn offenbaren? Oder macht man sich damit lächerlich? Und dann diese tausendmal gewälzte Frage: Wird die Liebe die Freundschaft töten?

Da er beides noch nie erlebt hat, sind seine Sorgen rein theoretischer Natur. Für den Fall, dass eines Tages die Wirklichkeit ins Spiel kommen sollte, macht er sich jetzt schon auf Schwierigkeiten gefasst. Seine Mutter ist ihm dabei keine Hilfe. Anfangs, als sie noch nicht weiß, dass ihr Sohn sich auf eine ernsthafte Beziehung vorbereitet, fragt sie ihn, ob er nicht ein wenig, wie soll man sagen, den Jungen zugeneigt sei. Wolfgang errötet, gerät ins Stottern und beflügelt den mütterlichen Verdacht nur umso mehr.

Sein erster Versuch ist also Heidi. Mit ihr will er vorbeugend sämtliche Regeln für Treue, Lüge und Eifersucht festlegen. Sie versteht all diese Fragen nicht, die, solange er ihr nicht seine Liebe gestanden hat, ohne Inhalt bleiben. Eine Sache, die ihn bei der Planung seines Liebeslebens ganz besonders bewegt, ereignet sich, als er mit Heidi zur Geburtstagsfeier eines Klassenkameraden verabredet ist. Er holt sie zu Hause ab.

«Gefalle ich dir so, Wolfgang?»

«Du hättest dir deine Zöpfe nicht abschneiden sollen.»

«Das wolltest du doch.»

«Und diese knallroten Lippen.»

«Das wolltest du doch.»

«So hohe Absätze.»

«Du wolltest es, Wolfgang.»

Das trifft ihn doppelt. Erstens, weil sie ihm ohne Zöpfe und ohne ihre blassen Lippen nicht mehr gefällt. Und zweitens, weil sie ihm einen unwiderlegbaren Beweis ihrer Liebe gibt. Er verkneift sich weitere Bemerkungen, schmollt jedoch den restlichen Abend, ohne sich zu trauen, ihr zu erklären, warum. Seine Schlussfolgerung: Niemals Liebesbeweise verlangen, sondern sich damit begnügen, welche zu bekommen.

Wenig später versucht er in einem von einem Freund überlassenen Dienstbotenzimmer, wo eine Matratze auf dem Boden die Umarmungen abfedert, Heidi zu seiner Geliebten zu machen. Am nächsten Tag schickt er ihr glühende Liebesschwüre. Da es in seinen Zeilen auch um Krieg und einen eifersüchtigen Ehemann geht, bittet Heidi um Aufklärung. Er ist so ehrlich, ihr ein Exemplar von Stürmische Jugend zu schenken, auf dessen Seiten er die Sätze unterstrichen hat, die er sich für seinen Brief entliehen hat.

Eines Tages wird Wolfgangs Mathematiklehrer Enoch Laplace auf seinen Schüler aufmerksam, als es zu beweisen gilt, dass jede beliebige Zahl den Wert eins annimmt, wenn man sie mit null potenziert. Wolfgang braucht zwei Minuten, um den Beweis zu formulieren. Eine Stunde später haben seine Klassenkameraden den Kniff immer noch nicht heraus. Enoch Laplace beglückwünscht ihn und nimmt ihn mit nach Zürich ins Büro des großen Kernphysikers Professor Scherrer. Der fragt Wolfgang, ob er glaube, die Physik werde alle Menschheitsprobleme lösen. Der Sechzehnjährige antwortete altklug: «Die Physik, jawohl, in Verbindung mit Intelligenz.» Professor Scherrer klopft ihm kräftig auf die Schulter: «Enoch, der Junge gefällt mir.»

Während der Bahnfahrt zurück nach La Chaux-de-Fonds lässt Enoch Laplace sich zu einigen Vertraulichkeiten hinreißen: Ach, wäre er doch noch einmal sechzehn, läge doch das Leben noch vor ihm, er würde es der theoretischen Physik widmen. Und wie zu sich selbst sagt er mehrmals: «Armer kleiner Enoch, armer kleiner Enoch.» Sein Schüler schließt daraus, dass ihm das dritte Bier im Zürcher Bahnhofbuffet zu Kopf gestiegen ist.

Nachdem Wolfgang einen Studienplatz an der ETH, der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich bekommen hat, verlässt er seine Heimatstadt mit Bedauern. La Chaux-de-Fonds ist nicht irgendeine Stadt. Ein ganzes Regalbrett reserviert die Librairie du Progrès den lokalen Berühmtheiten. Wolfgangs Mutter ist sich sicher, dass auch ihr Sohn dort eines Tages seinen Platz finden wird. Einstweilen stehen hier Monografien zum Maler Lèopold Robert und zum Rennfahrer Louis Chevrolet, der gleich hinter dem Haus der Steinamhirschs geboren ist.

In Zürich wohnt Wolfgang bei seiner Tante, der Schwester seines Vaters, die in einen Flieger verliebt ist, jeden Sonntag zur Kirche geht und nie verheiratet war. Sie ist auch seine Gotte und schenkt ihm jedes Jahr einen Silberlöffel zum Geburtstag. Zu seinem zwanzigsten bekommt er von ihr sogar einen Jungfernflug ab dem Flugplatz Dübendorf.

Nach seinem ersten Ball an der ETH gibt Wolfgang Heidi den Laufpass. Seine Kommilitonen finden die junge Frau zu provinziell und eines Ingenieurs nicht würdig. Außerdem hat sein ehemaliger Lehrer Enoch Laplace sich in sie verliebt. Sie träfen sich heimlich, erzählt sie Wolfgang. Der ist erst gekränkt, dann traurig und betrinkt sich mehrere Samstage hintereinander. Als Heidi ihm schließlich schreibt, sie habe alles nur getan, um ihn eifersüchtig zu machen, ist es zu spät, die Liebe ist verflogen.

Einmal im Monat bekommt Wolfgang Besuch von seiner Mutter. Da er nun keine Freundin mehr hat, hakt sie sich schon am Bahnhof bei ihm unter. Gemeinsam, wie ein Liebespaar, bewundern sie den See und die große Brücke. Wolfgangs Mutter ist eine sehr schöne Frau, die ihr Ehemann nicht verdient hat. Der verbringt seine Zeit damit, seine drei Töchter zu verhätscheln. Hätte seine Frau nicht nach der dritten aufgehört, hätte die vierte Delta geheißen. Der Buchhändler mag aus dem Deutschen übersetzte Bücher. Seiner Jüngsten, Gamma, die sich in der psychiatrischen Anstalt von Val-de-Ruz befindet, bringt er jeden Sonntag eines mit.

Nur samstags, wenn angesehene Kunden sich etwas zu lesen kaufen, hilft Frau Steinamhirsch gern in der Buchhandlung aus. Dann schiebt sie die Verkäuferin Fräulein Degoumois zur Seite, um mit strahlendem Lächeln den Herrn Doktor, den Herrn Pfarrer oder den Herrn Bürgermeister zu begrüßen. Sie kommentiert die letzte Abonnementvorstellung, welche die Herren doch sicherlich genossen haben. Dann klagt sie über das Wetter, sagt, La Chaux-de-Fonds, das seien sechs Monate Winter und sechs Monate Steuern, und lässt keine Gelegenheit aus, die brillante Karriere ihres Sohnes in Zürich zu schildern. Sie fesselt ihre Zuhörer und hält sie so lang wie möglich auf, um den Augenblick hinauszuzögern, in dem sie sich nach dem gewünschten Buch erkundigen. Hierfür müssen sie sich an Fräulein Degoumois wenden.

Wolfgang neckt seine Mutter gern deswegen, wenn er Arm in Arm mit ihr am See spazieren geht, vorne die Schwäne, in der Ferne die verschneiten Berge. Dann unterhalten sie sich über Wolfgangs neue Leidenschaft, die Physik des unendlich Kleinen. Tut seine Mutter nur so, als verstünde sie, was er ihr erzählt? Oder begreift sie wirklich den Unterschied zwischen negativ geladenen Elektronen und Neutronen?

Wenn Professor Scherrer den großen Physikhörsaal betritt, müssen die Studenten sich erheben und so lange stehen bleiben, bis er seine dicke schwarze Ledermappe krachend aufs Pult geworfen hat. Er schreibt eine Formel an die Tafel und zeigt mit dem Finger auf einen der Studenten, der die Ziffern- und Buchstabenabfolge erklären soll. Eines Tages gerät Wolfgang an eine Gleichung von Max Planck und merkt im letzten Moment, dass Professor Scherrer ihm eine Falle stellt. Die Formel wurde widerlegt. Zitternd demonstriert er in drei Schritten den Irrtum der alten und den Triumph der neuen Wahrheit. Professor Scherrer lobt seine Scharfsicht:

«Schlau wie immer, unser kleiner Steinamhirsch aus La Chaux-de-Fonds.»

Wie üblich zündet er sich eine dicke Zigarre an, bevor er die Vorlesung fortsetzt. Von Zeit zu Zeit macht er eine kurze Pause, um die Zigarre erneut anzuzünden. Dann herrscht jedes Mal eisige Stille auf den Rängen.

Im ersten Jahr vertieft Wolfgang seine Kenntnisse in Mathematik, anschließend in Chemie und Physik. Seine ersten Ferien verbringt er im Werkstofflabor, die nächsten mit dem Zusammenbauen von Hydraulikpumpen. Es zieht ihn zur theoretischen Physik, praktische Übungen reizen ihn wenig. In seiner Diplomarbeit befasst er sich mit der Heisenbergschen Unschärferelation, sperrt Schrödingers Katze ein und besiegelt das Schicksal der Transurane. Der hochzufriedene Professor Scherrer lädt ihn gemeinsam mit seinen Assistenten zu sich nach Hause ein, ein seltenes Privileg. Frau Scherrer, die schöne Ida, flüstert ihm auf Französisch zu:

«Mein Gatte setzt große Hoffnungen in Sie, mein Junge.»

Noch am selben Abend schreibt Wolfgang seiner Mutter, um ihr die gute Nachricht zu verkünden.

Von außen betrachtet, ist Wolfgang ein eher kühler, nicht besonders herzlicher junger Mann. Eine gewisse protestantische Strenge, gepaart mit Unbeholfenheit. Aber in seinem Innersten, jedenfalls so, wie er es begreift, sieht sich Wolfgang als eine empfindsame, leidenschaftliche, enthusiastische Person. Ständig ist er in irgendeine Frau verschossen. In eine Passantin, eine Studentin. Manchmal schwebt er gar in einem Zustand der Verliebtheit, ohne zu wissen, wem er seine Liebe erklären soll. Er verspürt ein Übermaß an Verlangen, das jedoch keinen Ort findet, um sich zu ergießen, fragt sich, wie er seinen Blick auf sich selbst mit einer anderen teilen kann. Nicht einmal Professor Scherrer vermag die philosophische Frage «Existiert die Welt außerhalb unserer selbst?» mit Sicherheit zu beantworten. Real ist vielleicht nur die Welt der Statistik und der Berechnungen. Die Sinnenwelt ist nichts als ein unfassbares Gebilde.

Und plötzlich zeigen sich wieder menschlichere Gefühle. Die Erinnerung an das erste Mal, als er Heidi geküsst hat, offenbart ihm erneut die Gewissheit, dass der andere existiert, doch jeder in seiner eigenen Welt. Schließlich findet er sich damit ab. Spät in der Nacht, während er an seiner Doktorarbeit schreibt, das Fenster vor dem Sternenhimmel geöffnet, beschließt er, diese ins Leere gehende Zärtlichkeit den Zustand der Einsamkeit zu nennen.

Ende 1938 eröffnet Professor Scherrer seinem Schützling, die nächste Station seiner Laufbahn sei Kalifornien. Er werde zu Professor Robert Oppenheimer nach Berkeley gehen. Zunächst aber schickt er ihn in einer Sondermission nach Stockholm.

An einem Novembermorgen in aller Frühe klopft seine Gotte an die Tür. Sofort malt Wolfgang sich das Schlimmste aus. In der Familie hat sich ein Unglücksfall ereignet, der ihm indes nicht wirklich nahegeht. Seine Schwester Gamma hat sich an ihrem sechzehnten Geburtstag das Leben genommen. Auf dem Friedhof von La Chaux-de-Fonds verabschiedet er sich von ihr und nutzt die Gelegenheit, um Familie und Heimatstadt Auf Wiedersehen zu sagen. Bald wird er im Zug sitzen und durch das Deutschland von Reichskanzler Hitler nach Schweden fahren. Die Avenue Lèopold-Robert versinkt schon im Schnee, das Cafè Moreau, Schauplatz seiner Rendezvous, kommt ihm recht armselig vor. Heidi Stähelin, die er bei der Beerdigung trifft, spricht ihm mit trauriger Miene ihr Beileid aus. Er nimmt es ohne innere Betroffenheit entgegen. Die Wege seiner beiden anderen Schwestern sind inzwischen vorgezeichnet. Alpha wird Lehrerin werden, Beta Krankenschwester. Sein Vater wird untröstlich bleiben und seine Mutter die Frau eines unglücklichen Provinzbuchhändlers, die sich ihren Sohn als Dirigenten oder notfalls als Physikprofessor an der Neuenburger Universität zurechtfantasiert.

Er kann ihr nur versprechen, oft zu schreiben und sich nie mehr mit Nazistudenten zu prügeln. In Zürich glaubte er, ein paar jungen Hitzköpfen erklären zu müssen, dass ihr Hitler ein Taugenichts sei, der nicht einmal die Universität besucht habe. Daraufhin kam es zu einer Schlägerei, von der Wolfgang Spuren zurückbehalten hat, die seiner Mutter gar nicht gefallen.

Am Bahnsteig lässt Frau Steinamhirsch den Tränen, die sie bei der Beerdigung zurückgehalten hat, freien Lauf, während ihr Sohn ihr hinter der beschlagenen Fensterscheibe liebevoll, aber verlegen winkt. Ihm wäre es lieber, diese Frau mit dem schwarzen Hutschleier würde weniger Gefühl und mehr wohlgesittete Zurückhaltung zeigen. Im letzten Moment schiebt er das Fenster herunter und wirft Mama mit den Fingerspitzen einen Kuss zu.

7

Stockholm

An Heiligabend des Jahres 1938 lernt Wolfgang in Stockholm im Haus eines ehemaligen Assistenten von Professor Scherrer Lise Meitner kennen. Ein Fest zu Ehren mehrerer im schwedischen Exil lebender Wissenschaftler. Die kleine weißhaarige Frau lächelt ihm zu, während sie ihr Glas auf das Wohl der Wissenschaft hebt. Sie kommt gerade aus Deutschland. Dort ist sie eine renommierte, bewunderte Forscherin. Wovon ihr das verschmitzte Lächeln geblieben ist. Er hätte sie gern zur Freundin.

Am späten Nachmittag begleitet er sie zurück in ihr Hotel. Da es schon dunkel ist, hakt sie sich bei ihm unter, um auf dem vereisten Bürgersteig nicht auszurutschen, und erkundigt sich unterwegs nach Professor Scherrers Arbeiten zum Beschuss von Atomen mit Neutronen. Dann schlägt sie vor, die Fortsetzung des Gesprächs auf den nächsten Tag zu verschieben.

Sie verabreden sich für den späten Vormittag zu einer Skiwanderung. Als Wolfgang sich mit Kusshand verabschiedet, fallen ihm Lises eiskalte Finger auf und mehrere braune Flecken auf ihrem Handrücken. Ein Laborunfall oder Alterszeichen?

Am nächsten Tag kommt sie ohne Skier und im dunklen Mantel, mit Kragen und Ohrschützern aus Hasenfell. Er in Golfhosen, eine wollene Pudelmütze auf dem Kopf. Sie verbirgt ihre Augen hinter einer großen schwarzen Brille. Eine kleine, agile Frau von fünfzig Kilo. Sie ist sechzig, Wolfgang einundzwanzig. Ein gemeinsamer Ausflug durch die weiße Landschaft eines Wintermorgens. Er gleitet auf seinen Skiern, sie geht zu Fuß neben ihm her, bewegt sich mit kleinen Schritten über den gefrorenen Schnee, der den riesigen Stadtpark überzieht. Djurgarden bedeutet Hirschgarten.

Er läuft wie ein Karibu, ein Elch, wie ein Hirsch, Steinamhirsch, den Kopf in die Höhe gereckt, die beiden Stöcke so gleichmäßig schwingend wie möglich. Er fürchtet, sich lächerlich zu machen. Lise kaum außer Atem, er schweißgebadet. Professor Scherrer möchte, dass sie an der ETH lehrt, Wolfgang soll sie dazu überreden. Statt zu antworten, stellt sie Fragen.

Eine kleine Atemwolke weht aus ihrem Mund und verwandelt sich sogleich in glitzernde Eiskristalle. Die Schatten ziehen sich etwa zehn Meter in die Länge. So sieht der mittägliche Sonneneinfall auf dem Schnee am Weihnachtstag aus.

Andere aus der Stadt kommende Paare gehen an ihnen vorbei. Verliebte Gespräche oder Familiendiskussionen. Man wirft ihnen belustigte Blicke zu. Eine verkehrte Welt. Das Gegenteil wäre besser zu verstehen: sie auf Skiern, er nebenher laufend.

Kurz vor dem Park sind sie an einem Kino vorbeigekommen, an dem ein Plakat verkündete: «Von einer Narbe entstellte Frau sinnt auf Rache.» Die Hauptdarstellerin heißt Ingrid Bergman. Wolfgang kennt sie nicht. Lise hat den Film gesehen: Die Frau mit der Narbe. War von der Geschichte ergriffen. Sie selbst hat Angst um ihre Augen, die sie mit einer riesigen schwarzen Brille schützt. Besonders beeindruckt sie die Jugendlichkeit der dreiundzwanzigjährigen Schauspielerin, die kurz vor dem Sprung nach Hollywood steht. Lise sagt:

«In Kalifornien treffen Sie sie vielleicht.»

Er bemüht sich, das Gleichgewicht zu halten, will auf seinen Skiern locker wirken, während Lise unbekümmert Fragen stellt, sich die Antworten anhört, kein bisschen angestrengt wirkt, sich auf ihre Gedankengänge konzentriert. Sie bittet ihn, eine Hypothese zu formulieren. Wohin entweicht seiner Meinung nach die Energie eines aufgebrochenen Atoms? Das sei eine fast philosophische Frage, antwortet er. «Nein, eine von Beweisen und bestimmten Berechnungen», sagt sie. Und da sie immer schneller geht, hat er Mühe, ihr zu folgen. Es ist fast, als befänden sie sich in einem Unterrichtsraum, als wären da weder das Weiß der Natur noch die weihnachtlichen Spaziergänger. Nur sie, er und die Wissenschaft.

Sie will eine Formel notieren und schlägt vor, an einem gefällten Baumstamm anzuhalten, von dem andere bereits den Schnee gewischt haben. Aus einer ihrer Manteltaschen zieht sie einen kleinen spitzen Bleistift und ein Blatt kariertes Papier hervor. Ohne die Sonnenbrille abzunehmen, schreibt sie die Gleichung mit den von ihr vermuteten Werten auf, während er, ganz außer Atem, bewundernd den Kopf schüttelt.

Bis zum Frühjahr war Lise Meitner Professorin in Berlin. Nach Hitlers Einmarsch in Österreich hatte sie gerade noch Zeit, nachts mit zehn Mark in der Tasche und der Hilfe einiger mutiger Kollegen, darunter Professor Scherrer, zu fliehen.

Sie und er im Schnee, über das karierte Blatt Papier gebeugt, beschäftigt mit einer sehr ernsten, für den wissenschaftlichen Fortschritt bedeutsamen Sache. Sie liest die Ziffern und Buchstaben noch einmal laut vor, dann zieht sie ihre Handschuhe wieder an. Bei dieser Kälte kann man unmöglich längere Zeit einen Stift halten. Sie erwähnt das Einsteins Theorie innewohnende Paradox, schlägt vor, weiterzugehen, um nicht auf der Stelle zu erfrieren. Und über die Frage nachzudenken: Wohin entweicht die Energie des aufgebrochenen Atoms?

Beim kleinsten Anstieg läuft er mit V-förmig gespreizten Skiern, wie ein Pinguin. Lise gewinnt an Vorsprung, wartet oben auf dem Hügel nicht auf ihn. Abwärts ist er schneller und holt sie wieder ein.

Eine vom Meer herüberwehende Brise lässt die Wipfel der Birken schaukeln. Bei minus fünfzehn Grad und ohne das kleinste Wölkchen am Himmel liegt der Djurgården wie eine weite weiße Ebene da. Das flach einfallende Licht lässt kleine Erhebungen hervortreten. Die Spuren der Wege haben sich verwischt. Kreuz und quer laufen die Spaziergänger über den harschen Schnee. In der Ferne deutet eine Baumreihe an, wo das Meer beginnt, wenn das Eis schmilzt.

Er wiederholt Professor Scherrers Angebot. In Zürich warte der Beschuss der Atome immer noch auf eine Erklärung. Statt zu antworten, beginnt sie, ihm den offiziellen Teil ihres Lebens zu erzählen, als müsse sie vor einer Zusage ihren Lebenslauf präsentieren. Sie spricht, ohne außer Atem zu geraten, in kurzen, klaren Sätzen, ohne Versprecher.

Geboren ist sie 1878 in Wien. Als das neue Jahrhundert begann, war sie so alt wie Wolfgang jetzt. Der Vater Rechtsanwalt, acht Kinder, alle musizierten. Sie hat Klavier gespielt und Mathematik gelernt. Wie all ihre Geschwister ließ sie sich schließlich taufen. Katholisch, jüdisch, protestantisch, was macht das schon? Anfang des 20. Jahrhunderts sahen viele Wiener Juden ihre Taufe nicht als Lossagung von ihrem Glauben, sondern als Schritt in die Moderne. Sie ist nicht gläubig, außer was die Wissenschaft betrifft. Aus Liebe zur Mathematik ging sie zur Universität. Junge Mädchen wurden nur mit Sondererlaubnis zum Studium zugelassen. Professor Boltzmann, einer der ersten Atomphysiker, ließ sich überzeugen. Er hatte einen sehr eigenwilligen Unterrichtsstil. Im Hörsaal sprach er mit ungewöhnlicher Überzeugungskraft über Physik, sagte, die Geheimnisse der Wechselwirkungen der Teilchen könne man nur mit größter Leidenschaft durchdringen, einer Leidenschaft, die jene zwischen zwei Menschen weit in den Schatten stelle. Seine Selbstmordversuche unternahm Boltzmann nicht aus Liebeskummer, sondern weil die Theorie sich ihm verweigerte. Die Positivisten machten sich über ihn lustig: «Haben Sie denn jemals ein Atom gesehen?» Die Entdeckung der Radioaktivität kam zu spät, um Boltzmann recht zu geben. 1906 setzte er seinem Leben ein Ende, kurz nachdem er Lise Meitner die Doktorwürde verliehen hatte.

Wolfgangs Augen folgen ihr voller Bewunderung. Sie stellt ihm Fragen zu seinen musikalischen Vorlieben, beglückwünscht ihn dazu, dass er immer noch Geige spielt. Die Schatten über dem Djurgården werden länger, als hätte die Sonne mit den nordischen Regionen abgeschlossen. Lises und Wolfgangs Gesichter, zwei Silhouetten, treffen sich nur am Horizont. Hinter den beiden ist der Himmel von einem nicht ganz so kräftigen Rosa wie jenem, das Wolfgangs Geburtsstadt an Winterabenden verschönert. Das behält er für sich, La Chaux-de-Fonds wird Lise wohl nicht kennen.

Ihrer beider Atem gefriert auf jedem noch so kleinen Härchen. Sogar Lises Augenbrauen über der schwarzen Brille, die einen Teil ihrer Backenknochen verbirgt, haben sich weiß verfärbt. Wolfgang zögert, seine Skier auszuziehen. Wäre es weniger lächerlich, sie auf der Schulter zu tragen und neben Lise herzulaufen? Sie will wissen, wie sehr er die Nazis ablehnt.

Er hasst Hitler, das haben die Zürcher Nazisympathisanten ganz richtig erkannt. Mit zwei abgebrochenen Zähnen ist er davongekommen, hat den Schaden noch nicht reparieren lassen. «In Ihrem Alter schließt sich eine solche Lücke noch, auch der Bart wächst nach», sagt Lise.

Seit seiner Ankunft in Stockholm vergangene Woche dreht er sich manchmal nach den großen Schwedinnen um, die entschlossenen Schrittes an ihm vorbeigehen. Sie sind in seinem Alter und vergnügt, mit ihren fast weißen Zöpfen und ihren Wollhandschuhen für Schneeballschlachten. Heidis im Riesenformat gewissermaßen. Genau das Gegenteil von Lise, dieser energischen und zugleich süßen Frau, die ihn durch die glitzernde Kälte hindurch anlächelt.

Auf einer etwas längeren Steigung kann er nicht mehr Schritt halten. Sie macht sich lustig über ihn. Schmunzelnd, ätherisch, auf halber Höhe auf ihn wartend. Ihr helles Lachen klingt noch leichter, als seine Skier sich verheddern. Der Pinguin fällt in den Schnee. Als Entschuldigung müssen die alten Bindungen mit ihren völlig morschen Lederriemen herhalten. Während Wolfgang seine Skier losmacht, lacht sie noch immer wie eine freche kleine Schwester und sagt, dafür gebe es keine Entschuldigung. Mit einundzwanzig habe man das Leben noch vor sich.

Sie reicht ihm die Hand und hilft ihm auf. Da überkommt ihn eine jähe Lust, die Professorin zu küssen, einfach so, damit sie ihm verzeiht. Natürlich traut er sich nicht. Sie hilft ihm, den Schnee von den Schultern zu klopfen, streicht sich eine Haarsträhne aus der Stirn, rät ihm, beim nächsten Mal ohne Skier zu kommen. «Machen Sie nicht zwei Dinge gleichzeitig, Wolfgang, schauen Sie auf das Gelände, nicht auf mich.»

Lise geht weiter, er hinterher. Während sie von den Anfängen des Nationalsozialismus am Berliner Institut erzählt, zieht ein riesiger Eisbrecher am Horizont entlang. Unheimliches Krachen des aufgeschlitzten Meeres. Lise bleibt stehen, um sich das Schauspiel anzusehen. Er nutzt die Gelegenheit, um wieder zu Atem zu kommen. Eine wahre Opernkulisse. Die bläuliche Masse eines überdimensionalen Schiffs, gefolgt von mehreren in seinem Kielwasser fahrenden Fischerbooten. Er fragt Lise, warum sie so lange in Deutschland geblieben sei.

Weil die Politik sie weniger interessiert habe, sagt sie, als die Radioaktivität. Unverhoffte Perspektiven hätten sich ihr eröffnet. Nach und nach seien ihre früheren Annahmen über die Existenz von Elementarteilchen gebröckelt. Ihrem Kollegen Otto Hahn schlägt sie vor, Uran mit Neutronen zu bombardieren, eine Eingebung, deren Resultat beide überrascht. Sie staunen über das, was sie ausgelöst haben, verirren sich in den Mäandern der Chemie, sogar der Alchemie. Der Anschluss Österreichs macht Lises Ausreise unumgänglich. Sie flieht erst nach Dänemark, dann nach Schweden. Dieses Land hat soeben fünfhundert jüdische Kinder aufgenommen, da wird es auch einer alten Dame Zuflucht gewähren. Aus der Ferne entwickelt sie weitere Hypothesen zu den durchgeführten Experimenten. Otto schreibt ihr lange Briefe, in denen er von den Aktivitäten im Labor berichtet, schildert die Ratlosigkeit der Forscher angesichts der neuen Ergebnisse. Der Beschuss von Uran setzt nicht nur Radioaktivität frei, sondern auch unvermutete Gase. Lise fragt sich, wo der Fehler liegen mag.

Täglich sucht sie nach einem Begriff, mit dem sich das Phänomen besser beschreiben ließe. In der Biologie bezeichne man so etwas als Spaltung, sagt sie und macht Wolfgang auf den Klang des Wortes aufmerksam. Mitten im Djurgården bleibt sie stehen und wiederholt:

«Spaltung.»

Wolfgang ermisst die Kraft ihrer Intuition: Der Beschuss des Kerns führt dazu, dass er zerbricht. So werden große Entdeckungen gemacht. Das spürt er, während Lise spricht. Im Bann dieser kleinen Frau, die ihm den Weg weist, folgt er ihr, wiederholt das Wort Spaltung. Als genügte es, das Phänomen zu benennen, um es zu beherrschen. Noch heute Abend werde sie an Otto Hahn schreiben, sagt sie, beschleunigt ihren Schritt, will den Djurgården verlassen.

Sie kehren zurück ins Hotel, lassen sich in der großen Eingangshalle, wo im Kamin ein Feuer brennt, in die Sessel sinken. Er macht ihr zaghaft den Hof. Lise lächelt, aber über die Eleganz der Wissenschaft. Er wagt es nicht, ihr zu sagen, was er empfindet. Mit den Frauen ist er nicht so geschickt wie mit den Atomen. Er findet Lise aufregender als all die großen Schwedinnen, die mit ihren wippenden hellblonden Zöpfen im Schnee spielen. Der kleine Schuss hochprozentigen Alkohols im Tee steigt ihm zu Kopf. Sie schaut ihn zärtlich an, nimmt ihre schwarze Brille ab, fragt ihn, wie er sich entscheiden würde zwischen Wissenschaft und Musik.

«Eindeutig für die Wissenschaft.»

Sie glaubt ihm nicht, sagt, er sei ein schlechter Lügner, nimmt ihn nicht besonders ernst. Einmal wirft sie den Kopf zurück.

«Sie sind entzückend, Wolfgang.»

Von diesem Augenblick an redet er sich ein, sie könnte seine zweite Freundin werden. Trotz des Alkohols aber hat er nicht den Mut, einer Frau, die älter ist als seine Mutter, eine Liebeserklärung zu machen. Behutsam ergreift er die Hand, die sie ihm reicht, verbeugt sich nach preußischer Manier. Lises Finger sind warm geworden und die Flecken verschwunden. Es steckte also kein Laborunfall dahinter. Auch nicht das Alter.

Sie verabschiedet sich mit wohlwollendem Lächeln. Trotz des Angebots aus Zürich wird sie Schweden nicht verlassen.

«Und Sie, Wolfgang, was für Pläne haben Sie?»

Da er nächste Woche nach Berkeley fahren wird, zu Oppenheimer, wünscht sie ihm viel Glück bei diesem brillanten Marxisten.

8

Berkeley

Februar 1939. Wolfgang überquert den Atlantik und den nordamerikanischen Kontinent. Professor Scherrer hat ihn vorbereitet: «Robert Oppenheimer ist ein toller Bursche, Sie werden sehen.» Und um ihn im Spektrum menschlicher Typen einzuordnen, hat er gesagt: «185 Zentimeter und 51 Kilo, 34 Jahre, Professor für theoretische Physik in Berkeley und am Caltech.»

Am Tag seiner Ankunft stellt Wolfgang sich bei Oppenheimers Sekretärin vor. Berkeleys Wiesen blühen in der Sonne, die Luft ist mild, die Mammutbäume sind riesig. Er spürt, dass er Kalifornien mögen wird. Die junge Frau, die sein Einführungsschreiben entgegennimmt, verschwindet im Nebenraum. Der Professor empfängt seinen Gast auf europäische Art mit einem kräftigen Händedruck und einer angedeuteten Umarmung. Als er Wolfgangs leichten Akzent hört, stellt er seine Fragen in perfektem Französisch. Er nimmt einen Stapel Papiere von einem Stuhl, bittet ihn, sich zu setzen, bleibt selbst aber stehen, unruhig. Er ist so mager, dass man das Gefühl hat, ihn im Profil zu sehen. Mit seinen unterschiedlich hohen Schultern wirkt er etwas schief gebaut. Sein Haar ist leicht gelockt, eher gewellt. Am stärksten aber fällt das intensive Blau seiner Augen auf und die in seinem Lächeln lauernde Ironie.

Sie unterhalten sich über Lise Meitner. Oppenheimer kennt Hahns Artikel über den Beschuss von Uran mit Neutronen.Wolfgang berichtet ihm von ihrem Gespräch in Stockholm. Es sei Lise Meitner gewesen, die den Begriff Spaltung erfunden und am Weihnachtsabend an Hahn geschrieben habe.

Oppenheimer zufolge hat ihr Briefpartner die Entdeckung umgehend veröffentlicht, und zwar unter seinem Namen. Meitner habe er nicht als Mitautorin des Artikels angeben können, da sie als Jüdin im Exil lebe. Seit einigen Tagen sei der Text sogar in Japan bekannt. In den Vereinigten Staaten habe er eine geradezu kopernikanische Revolution ausgelöst. Einstein soll dem Präsidenten der Vereinigten Staaten geschrieben und von einer neuen Möglichkeit berichtet haben, eine Bombe von unerhörter Sprengkraft zu bauen. Kernspaltung.

Zunächst habe er Zweifel an dieser Hypothese gehabt, sagt Oppenheimer, ja, Zweifel, wie Descartes, fruchtbare Zweifel. Doch nachdem er das Experiment in seinem Labor wiederholt habe, sei er zu einem glühenden Anhänger der Kernspaltung geworden. Voller Enthusiasmus wandert er in seinem Büro auf und ab. Auf jedem Tisch, jedem Stuhl stapeln sich Unterlagen, aufgeschlagene Bücher, offene Ordner. Auch an den über und über mit Blättern behängten Wänden ist kein Fleckchen mehr frei. In einem Regal entdeckt Wolfgang französische Romane, Aragon, Claudel, Martin du Gard. Auf Deutsch die dicken Bände von Marx’ Kapital. Auf Englisch John Steinbeck. An einer verschmierten Wandtafel stehen die abschließenden Berechnungen des Meisters über die Wirkung der Kernspaltung. Der Faktor zehn hoch sechs steht für das Verhältnis von Dynamit und Uran. Die Gleichung ist mit gelber Kreide doppelt unterstrichen. Ein Wert, der noch genauer zu berechnen wäre, nicht wahr? Für den Anfang wäre das eine interessante Sache, die er Wolfgang anvertrauen könnte.

«Was sagen Sie dazu, Steinamhirsch?»

Oppenheimer fügt der Aufgabe einige Arbeitsanweisungen hinzu. Er will nicht Herr Professor, sondern Oppie genannt werden. Jeden Freitag erwartet er ihn zum Mittagessen in seiner auf einem Hügel gelegenen Villa, zum Treffen der Professoren, Assistenten und Gastwissenschaftler. Man soll ihn ruhig so oft stören wie nötig, ohne Furcht vor seiner Sekretärin.

Wolfgang ist angetan von diesem neuen Arbeitsstil, der sich völlig von den preußischen Sitten an der Zürcher Hochschule unterscheidet. Auf väterliche und zugleich zwanglose Art nimmt Oppie ihn beim Arm, um ihn mit seinen anderen Assistenten bekannt zu machen. Jedem einzelnen stellt er ihn als den Mann vor, der kürzlich Lise Meitner begegnet ist. Und fügt hinzu: «Die Frau, der wir die Kernspaltung verdanken.»

Ein sympathisches Team. Alle bewundern Oppie und scheuen sich nicht, ihm zu widersprechen, wenn er sich bei Einzelheiten ihrer Biografie irrt. Unter einem Mammutbaum draußen im Park, neben dem Gebäude für theoretische Physik, schildert Oppie seinem neuen Assistenten nun auch seinen eigenen Lebenslauf.

Er stammt aus einer jüdischen Familie. Am Ende des 19. Jahrhunderts kam sein Vater aus Deutschland in die Vereinigten Staaten und machte mit dem Verkauf von Futtermaterial für Bekleidungen ein Vermögen. Oppie studiert in Harvard und Cambridge, schreibt anschließend in Göttingen seine Dissertation über die Quantentheorie kontinuierlicher Spektren. Er liebt Frankreich, hat Freunde in England, schwärmt von Korsika, spricht Holländisch, hat die spanischen Republikaner gegen die Faschisten unterstützt, reitet und erleidet von Zeit zu Zeit einen Nervenzusammenbruch. Will er Wolfgang schmeicheln, als er über die Schweiz sagt: «Nie in meinem ganzen Leben habe ich produktiver gearbeitet als in den wenigen Monaten in Zürich mit Pauli und Scherrer. Ich träume davon, Berkeley zu einem ähnlichen Ort wie eure ETH zu machen.»

Als Wolfgang abends das Buch liest, das Oppie ihm geliehen hat, L’Espoir von Malraux, notiert er sich daraus einen von einem früheren Leser unterstrichenen Satz: «Er sah aus wie ein junger Einstein und gleichzeitig wie ein zu groß gewachsener Chorknabe.»

Eine Woche nach seiner Ankunft in Berkeley schickt er seiner Mutter einen langen Brief, in dem er ihr seinen neuen Chef mit so überschwänglichen Worten beschreibt, dass sie sich in ihrer Antwort besorgt erkundigt, ob er neben dem so verherrlichten Gelehrten da drüben in Kalifornien vielleicht auch eine wie auch immer geartete Erfüllung seines Liebeslebens gefunden habe.

1939, 1940, 1941. Wolfgang ist hingerissen von der Bucht von San Francisco. Endlich Platz, große Weiten, die Unendlichkeit des Meeres statt der Schweizer Berge, die ihm den Blick auf den Horizont verstellten. Hier findet er, was er schätzt: ein geregeltes Leben, intelligente Kollegen, eine wissenschaftliche Herausforderung fern allen Säbelrasselns. Europa versinkt im Krieg, Wolfgang beginnt seine Tage mit zwei Stunden Geigenspiel.

Freitags freut er sich auf das Mittagessen bei Oppie. Dessen Haus in den Hügeln liegt an einem Hang mit Blick auf die Bucht. An den getäfelten Wänden Navajoteppiche, mexikanische Silberschmiedearbeiten. Eine herzliche Atmosphäre, in der jeder über den Stand seiner Forschungen berichtet. Die Gäste stellen sich selbst vor. Einige kommen von der Ostküste, andere aus Australien oder Großbritannien. Wolfgang hat den Eindruck, die theoretische Physik schreite mit großen Schritten voran. Man braucht ihr nur auf dem Fuß zu folgen.

Im Dezember 1941, nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten, ruft der Chef seine Mitarbeiter zusammen. Aus seiner kleinen Ansprache geht hervor, dass die Wissenschaftler in Friedenszeiten in ihren Forschungen frei gewesen seien, sich jedoch in Kriegszeiten in den Dienst der Demokratie stellen müssten. Da nun ein anderes Klima herrsche, würden Forschungsergebnisse nicht mehr in internationalen Zeitschriften publiziert, sondern unterlägen der militärischen Kontrolle.

Wolfgang bekommt einen Brief von seiner Mutter, die ihm erzählt, wie stolz sie sei, den Kunden in der Buchhandlung mitteilen zu können, dass ihr Sohn sich für die Befreiung Europas einsetzt. Auch klagt sie über die reichen deutschen Juden, die sich in La Chaux-de-Fonds niedergelassen haben. Sie vertrieben sich die Zeit damit, im Laden die Bücher zu zerlesen, statt sie zu kaufen. Mutters Schlussfolgerung: «Hoffen wir, dass sie bald wieder nach Hause können und du hier in meiner Nähe einen Lehrstuhl bekommst.»

Eines Abends auf dem Campus schaut Oppie im Labor vorbei, das in einem Kellergeschoss hinter dem Kampanile liegt. Die Ergebnisse weichen um den Faktor zwei von den Berechnungen ab. Wolfgang versteht diese Ungenauigkeit nicht, für den Professor aber bedeutet der klare Faktor zwei, dass es sich nicht um einen banalen Irrtum handeln kann. Um eine ganze Oktave habe man sich vertan, sagt er. Er fragt Wolfgang geradeheraus, ob er noch immer Geige spielt. Wolfgang bejaht, Diplom in einem Monat. Darauf stellt Oppie eine sonderbare Frage:

«Werden wir mit Ihrem Mozart den Krieg gewinnen?»

Im ersten Augenblick weiß Wolfgang nicht, was er erwidern soll. Oppie spricht sich nicht wirklich gegen Musik aus, aber sein kleiner Satz über Mozart lässt Zweifel aufkommen. Fortan achtet Wolfgang genau darauf, wie lange er Geige spielt, als raube er diese Stunden den Kriegsanstrengungen. Bei seiner Diplomprüfung lässt er sich von Fumika begleiten, einer bildhübschen japanischen Pianistin, der er nicht den Hof zu machen wagt. Als der Name Steinamhirsch auf der Liste der bestandenen Diplomprüfungen auftaucht, gratuliert ihm Oppie. Und doch liegt im Blick des Meisters ein Hauch von Missbilligung. Wolfgang bittet ihn nicht, seine Gedanken auszusprechen. Schließlich reitet Oppie doch täglich aus, genau wie Professor Scherrer. Ist angesichts der vordringlichen Bekämpfung des Nationalsozialismus nicht auch Reiten Zeitverschwendung? Da die Frage offen bleibt, sieht Wolfgang den schwarzen Kasten seiner Gagliano schief an. Am Tag nach dem Diplomkonzert, als er das Rosshaar seines Geigenbogens mit Kolophonium bestrichen hat, nimmt er den kleinen stumpfen Bleistift zur Hand, mit dem er die Bogenstriche notiert, und schreibt in Großbuchstaben auf den grünen Umschlag einer Köchelpartitur: «Werden wir mit Ihrem Mozart den Krieg gewinnen?»

Da ihm ein Nein auf einmal selbstverständlich erscheint, klappt er den Geigenkasten zu und beschließt, das weiße Seidentaschentuch, den Bogen und das schöne Instrument, das ihm seine Mutter geschenkt hat, nie wieder in die Hand zu nehmen … Nach der Niederlage der Nazis, wenn wieder Frieden in der Welt herrscht … Wenn ich nach Europa zurückkehre und eine Frau finde, wenn ich wieder französischen Wein trinke und die Schweizer Armee demobilisiert wird, erst dann wird die Musik wieder zu ihrem Recht kommen, erst dann werde ich den schwarzen Holzkasten wieder öffnen und auf meiner kostbaren Gagliano spielen. Sogar mehrere Stunden täglich.

Er traut sich nicht, seiner Mutter zu schreiben, dass er die Geige aufgibt und folglich nie Dirigent werden wird. Gewiss ahnt sie es bereits. Solange man sich beides erlauben konnte, hat er die Musik und die Erforschung der Materie mit ganzer Kraft betrieben, die Atomphysik zum Wohl der Menschheit, die Geige für sich selbst. Doch irgendwann bringen die Ereignisse jedermanns Privatleben durcheinander.

Auch Fumika sagt er nichts von seinem Entschluss. Was er für sie empfindet, geht sie nichts an, solange er ihr seine Liebe nicht gestanden hat. Sie wäre die dritte Frau in seinem Leben. Nach Heidi Stähelin und Lise Meitner.

Einige Zeit darauf bestellt ihn Oppie in sein Büro und schlägt ihm vor, in Enrico Fermis Labor in Chicago zu wechseln. Eine neue, diesmal von den Militärs kontrollierte Mission. Amerika erweist ihm eine große Ehre. Obwohl er Schweizer Staatsbürger ist, wird er an einem internationalen Projekt mitarbeiten, bei dem sich die Wissenschaft untermittelbar dem Kampf gegen den Nationalsozialismus zur Verfügung stellt.

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