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Daimon Legion

In die grüne Tiefe hinab

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Zitat

Prolog

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Epilog

Blubber …

Impressum neobooks

Zitat

In manchem kühlen See

steckt ein ganzes Labyrinth.

In ihm fliegen keine Vöglein,

in ihm weht kein Sommerwind.

In ihm strecken sich die Toten

nach dem Ausgang, nach dem Licht,

das weit oben an der Grenze

zur Vergangenheit zerbricht.

Samsas Traum

„Stirb, Kindlein, stirb“

Prolog

Zuletzt

Da war diese Kälte. Überall um sie herum. Sie griff durch ihre Kleider, durch ihr Haar, unter ihre Haut. Diese elende, eisige Kälte. Sie fuhr in alle Glieder und lähmte ihren Körper. Wie ein Stein sank sie. Tiefer und tiefer, hinab ins Dunkel. Hinab in ein kaltes, nasses Grab.

Am nachtschwarzen Himmel glänzten die Sterne. Der Mond war beinahe voll.

Hilfe! Bitte …

Ich will nicht gehen! Bitte helft mir doch!

Irgendjemand …

Bitte …

Das weiße Leuchten traf auf die Wellen über ihr. Es funkelte wie Diamanten in den winzigen Luftblasen, welche lautlos an der Oberfläche platzten. Kleine Lebenszeichen, die von ihr aufstiegen.

Warum?

Die letzten Bläschen verließen ihre Lungen. Modriges Wasser drang in sie ein.

Nein. Ich will nicht.

Ihre Hand streckte sich nach oben aus. Dem Mondlicht entgegen.

Schwach. Zu schwach.

Ich will nicht sterben.

Es war so kalt.

So dunkel.

Still …

… kalt …

…

1

Was einst war

Es heißt ja, im Augenblick des Todes sieht der Mensch sein Leben an sich vorüberziehen. Ob nun aus göttlicher Gefühlsduselei oder wegen bestimmter Enzyme im Gehirn, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es so ist. Und dass es bei mir kein ellenlanger Roman wird. Wenn ich so zurückschaue, muss ich zugeben, dass ich die meiste Zeit meines Lebens ziemlich verschwendet habe. Jetzt – am Schluss – fällt mir auf, dass ich mehr hätte tun können. Nicht nur für mich, auch für die Menschen, die mir hätten wichtig sein sollen.

Ich hätte manches auch einfach lassen können. Mal meinen Verstand gebrauchen müssen! Dann wäre ich noch da. Aber für Reue ist es zu spät.

Hallo, mein Name ist Una und ich bin sechzehn Jahre alt.

Das ist nicht viel, ich weiß. Leute, die achtzig oder neunzig geworden sind, haben mehr zu erzählen als ich. Dennoch war es mein Leben. Ich habe gelebt. Mein Leben geliebt. Mit jedem Auf und Ab, mit jedem Streit, mit jeder Träne und aller Dummheit. Es war nichts Besonderes – sicherlich das normal-chaotische Leben eines jeden x-beliebigen Teenagers – aber es war meins.

Und ich will davon erzählen, bevor ich ganz verschwinde.

Meinen Namen hatte ich von meinem Vater bekommen. Sein Name war Marco und er arbeitete als Hausmeister bei der städtischen Wohngesellschaft. Ich fand, er war ein toller Vater – zwar nicht der beste der Welt, aber auch nicht der schlechteste. Ich konnte mich jedenfalls nicht über ihn beschweren. Er war ein riesiger Irland-Fan und mochte die Geistergeschichten von dort, weswegen für mich kein anderer Name infrage kam als ein irischer.

Meiner Mutter hatte ich es zu verdanken, dass ich mich nie mit einer dieser schrägen Schreibweisen auseinandersetzen musste. Sie hieß Christine, war Bürokauffrau und immer die Überkorrekte in der Familie. Manchmal hatte mich das ganz schön genervt, aber zumindest brauchte ich ihretwegen den Leuten nicht ständig erklären, wie sie meinen Namen richtig auszusprechen hatten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, die etwas gegen ihre komischen Namen hatten, fand ich meinen schön. In unserer kleinen Stadt war er einmalig. Es gab ja überall zig Leonies, Marias oder Annas. Aber bloß eine Una.

Als Kleinkind war ich total niedlich. Mein Haar war so dunkelbraun, dass es fast schwarz wirkte. Mit meiner blassen Haut und den blauen Augen, die mit der Zeit grünlicher werden sollten, war ich für die alten Damen im Wohnblock gern das Schneewittchen. Das hatte mir viele Extra-Süßigkeiten eingebracht und ich musste nie lange betteln, um zu bekommen, was ich wollte.

Vielleicht hat mich das etwas verwöhnt. Okay, ganz sicher hat es das!

Das verzogene Einzelkind. Niemand konnte mir lange böse sein, egal, was ich anstellte. Ich hielt es für selbstverständlich. Doch das war es nie.

Nichts ist je selbstverständlich.

Mit fünf bekam ich einen Bruder und alle nannten mich bald „ die große Schwester “ , was mich zunächst sehr stolz machte. Wie alle Kinder wollte ich schnell erwachsen werden und da kam diese Verantwortung wie gerufen. Ich dachte, es wäre witzig, kleine Geschwister zu haben … Bis die Windeln zum Himmel stanken und Kieran – wieder so ein außergewöhnlicher Name dank Papa – das halbe Haus zusammenschrie. Die ersten Monate fragte ich mich, warum ich mit diesem sabbernden Quälgeist bestraft wurde? Ich war es nicht gewohnt, plötzlich auf jemanden Rücksicht zu nehmen, der nur heulen, quietschen und kreischen konnte. Teilen wollte ich auch nicht und ich hasste es, wenn Kieran meine Spielsachen anknabberte oder sonst wie kaputtmachte.

Doch irgendwann war seine Schreiphase vorbei. Nachdem er zu sprechen begann und ich ihn verstehen konnte, hielten mein kleiner Bruder und ich eigentlich zusammen wie Pech und Schwefel.

Unser Familienleben konnte man harmonisch nennen. Ab und an gab es den üblichen Krach, allerdings war der auch bald wieder begraben. Mein Vater brach sich mal auf der Arbeit das Bein. Meine Mutter hatte einmal einen Auffahrunfall. Ich prügelte mich mit einem Jungen aus der Nachbarschaft. Kieran beschmierte im Kindergarten die Wände mit … na ja. Kleinigkeiten halt. Wir waren eine normale Familie. Relativ große Mietwohnung, alles Nötige in der Nähe, genug Geld – weder zu viel noch zu wenig. Ich wüsste nicht, dass es uns an etwas gemangelt hätte.

Fast schon langweilig, oder?

Ich kam mit sieben in die Grundschule. Sie machte mir zuerst Spaß. Ich konnte dem Unterricht folgen, hatte gute Noten und fand Freunde. Ich war nicht übermäßig beliebt, aber auch kein Außenseiter. Manchmal hatte ich Probleme mit den Jungs. Sie zogen die Mädchen gern an den Haaren oder Kleidern, und wenn mir das passierte, schubste ich zurück. Ich ließ mir nichts gefallen. „Auffällig“, nannten mich die Lehrer. „Wildfang“, sagte mein Vater und lächelte.

Ich habe nie verstanden, warum sich Jungs und Mädchen am Anfang immer streiten müssen, wenn sie doch später zusammenfinden sollten. Belastet so was nicht eine Beziehung? „Ich weiß noch, was du für eine Kratzbürste warst …“ Klingt irgendwie dämlich. Woran merken wir Mädchen, dass Jungs nicht bloß blöde Hunde sind? Und wann merkten die, dass nicht alle Mädchen dumme Ziegen waren? Vielleicht könnte mal jemand etwas daran ändern.

In der Mittelschule sah mein Enthusiasmus fürs Lernen schon sehr viel anders aus. Auch, weil Streber noch nie besonders gern gesehen waren. Warum hatte ich nur solchen Wert darauf gelegt, was andere von mir halten? Hatte ich es so nötig, mich nach anderen zu richten? Was war aus dem kleinen Wildfang geworden? Ein Fisch, der mit dem Strom schwamm, um nicht aufzufallen …

Den Bildungsweg über das Gymnasium schlug ich aus, weil sich bei mir die Langeweile breitmachte. Ich tat das Nötigste für meinen Zensurspiegel, um keine Versetzung zu riskieren, aber das war auch schon alles. Nach dem Unterricht erledigte ich meine Hausaufgaben schnell und unsauber, um kurz darauf auf dem Bett zu liegen, Chips und Schokolade zu futtern und die „geilen“ neuen Videos auf meinem Smartphone zu checken. Klatsch im Internet – wenn du ihn nicht kanntest, warst du unten durch. Auch zog ich mit den damaligen Freundinnen um die Häuser; wir sprachen über Mode und süße Schauspieler und zockten per App mit Leuten, von denen wir niemanden wirklich kannten.

Irgendwie ist die ganze Technik eine absolute Verschwendung von Zeit, oder? Ich dachte damals, es wäre spaßig. Cool, richtig stark und so erwachsen. Alle machten schließlich mit. Dabei hätte ich mehr auf Kieran achten müssen.

Als ich dreizehn war, bekam ich meinen ersten Kuss. Von einem siebzehnjährigen Jungen. Wenn meine Eltern das je erfahren hätten, wären sie vielleicht strenger mit mir gewesen. Mama sah es lustigerweise nicht so eng, wenn junge Mädchen ihre heimlichen Erfahrungen machten. Vielleicht hatte auch sie geheime Dinge getan, von denen Papa nichts wusste. Er wäre wohl nicht so ruhig geblieben.

Dieses Geheimnis wird meins bleiben. Nach zwei Wochen Geknutsche war eh Schluss. Teenagerliebe hält ja nie lang vor. Sie ist nur oberflächlich und leicht zu zerbrechen. Ich konnte mir zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen, wie es wäre, jahrelang ein und denselben Partner zu haben. Was ist die Liebe überhaupt? Ich denke nicht, dass ich den Jungen sehr mochte …

Leider werde ich nie alt genug sein, um von „ Jugendsünden “ s prechen zu können. Oder um die Liebe mit dem einen Mann gefunden zu haben.

Mit vierzehn wurde ich echt ätzend und war ja so überzeugt davon, dass ich hübsch aussah. Trotz allem Süßkram war ich nicht aufgequollen wie ein Hefeteig und kein dürres Klappergerippe wie die Models in den TV-Shows. „ Kurvig“ , hatte mich ein Verehrer genannt und ich fühlte mich gut dabei, ohne mehr darüber nachzudenken, was das bedeutete.

Es war mir sehr wichtig geworden. Das Aussehen für andere. Das Ansehen bei anderen. Gerade bei den richtig coolen Jungs. Ich zählte laut einem Highscore zu den schönsten Mädchen der Schule und hatte fast täglich einen ungeschickten Liebesbrief unter meinem Schreibtisch. Meine Beliebtheit gab meinem Wort auch mehr Gewicht. Wenn ich etwas zu sagen hatte, hörte man mir zu; egal, ob es klug oder dumm war. Ich hatte mehr Beachtung als der öde Streber oder der freakige Nerd, auch wenn die mehr vom Fach verstanden als ich. Aber wer cool war, hörte nicht zu.

Warum habe ich nie etwas für sie getan? Warum habe ich nie etwas gesagt, wenn die anderen sie mobbten? Ich sah nur weg. Ich wollte nicht, dass die anderen dachten, ich gäbe mich mit diesen komischen Typen ab. Ich hatte einen Status zu verlieren.

Wovor hatte ich Angst?

Scheinbar vor dem Alleinsein.

Die Außenseiter sind viel mutiger als ich.

Eines Tages kam Florian in unsere Klasse. Er war vom Gymnasium abgegangen und alle Mädchen begannen gleich auf ihn zu fliegen. Groß, schlank, sportlich gebaut, denn er ging zum Schwimmen und machte außerdem Kampfsport. Intelligent, witzig, charmant. Und er schaute voll süß aus. Hellbraune Haare, erste Bartstoppeln und sanfte braune Augen wie ein Reh. Sogar eine eingebildete Kuh wie ich war hin und weg, als wir das erste Mal begegneten.

Er war damals leider auch der Grund für einen wahren Zickenkrieg, der die ganze Schule erfasste. Die Mädchen glaubten, in jeder anderen eine Konkurrenz zu sehen. Ich musste mit manchem Getratsche zurechtkommen. Zerstritt mich mit Freundinnen, verlor Bindungen. Es war die tägliche Hölle. Alle krempelten sich um.

Florian war das nicht entgangen.

Nach der Schule kam er einmal auf mich zu.

„ Irgendwie herrscht bei euch ein ganz schöner Stunk, wie?“, versuchte er ein lockeres Gespräch.

„ In letzter Zeit schon . Bei einigen kochen gerade die Hormone über … “ , scherzte ich gespielt leichthin.

„ Bei dir aber nicht, oder? “

Als ob er meinen schnellen Herzschlag spüren könnte. Meine feuchten Hände. Mein nervöses Blinzeln. Zum ersten Mal spürte ich diese wirren Schmetterlinge im Bauch, von denen die Verliebten sprachen. Er stand nah bei mir. Ich roch seinen Duft. Es war angenehm.

War das die Liebe?

„ Ich denke, das Theater ist bald vorbei “ , lächelte ich schüchtern.

Er nickte ernst. „Hoffentlich . Die sollten mal erwachsen werden. “

Erwachsen. In meinem Kopf wurde endlich mal eine nützliche Lampe eingeschaltet! Florian mochte dieses kindische, gestellte Getue nicht. Er war so anziehend, weil er anders war als andere. Seinen eigenen Weg ging. Sich nicht verbiegen ließ. Das war erwachsen.

Noch am selben Abend bat ich meine Mutter, mir die langen, mädchenhaften Haare abzuschneiden, hin zu einer modischeren, fraulicheren Frisur. Sie war sehr überrascht und lachte, ob ich denn verliebt wäre. Seitdem trug ich eine Art stacheligen Pagenschnitt und war begeistert, als man mich beim Einkaufen an der Kasse auf über achtzehn schätzte.

Die Lästerschwestern hatten natürlich nichts dafür übrig. Ich sah für sie aus wie ein Vogelnest und so …

Mir war das egal. Ich nahm mir vor, mich nicht mehr nach anderen zu richten. Und Florian grüßte mich mit einem Lächeln im Flur.

Mein letztes Jahr. Unser letztes Jahr.

Wir bereiteten uns alle auf die Abschlussprüfung vor. Der Leistungsdruck wurde durch die Reibereien untereinander natürlich nicht besser. Einige standen stark auf Kippe. Ich schlug mich so durch. Verbrachte mehr Zeit allein auf meinem Bett beim Lernen, denn nun wollte niemand mehr um die Häuser ziehen. Freunde kommen und gehen im langen, langen Leben …

Kieran kam oft zu mir ins Zimmer und wir redeten viel. Er war lieber bei mir als bei unseren Eltern. Die waren von ihm ziemlich enttäuscht, weil er an einer Tankstelle Kaugummis und einen Energydrink geklaut hatte. Sein Glück, dass er minderjährig war. Hausverbot bei der Tanke und Stubenarrest gab es trotzdem. Er war froh, dass ich ihm nicht auch noch sauer war. Dummheiten machte schließlich jeder. Bei ihm sammelten die sich allerdings schon an.

„Lern doch mal draus“ , hatte ich ihm gesagt.

„ Ist doch eh bloß scheiße mit der ganzen Lernerei! “ , schimpfte er.

Wann war aus meinem süßen kleinen Bruder dieser nörgelnde, fluchende, spuckende Freizeitdieb geworden? Ich hatte es nicht bemerkt. War ja mit mir genug beschäftigt. Ich hätte auf ihn aufpassen müssen. Ich war eine schreckliche, dumme Schwester gewesen.

Bevor es wirklich ernst mit der Prüfung wurde, gönnte uns die Schulleitung noch ein letztes Mal Urlaub. Unsere Klassenfahrt sollte geplant werden und als Termin wurde uns eine Woche Anfang März genannt. Ich hatte von vornherein wenig Lust darauf, mit unserer zerstrittenen Gruppe ganze fünf Tage zu verbringen.

Fünf Tage mit Florian zusammen erschienen mir dagegen sehr gelegen.

Früher waren wir uns außerdem alle einig, wo es hingehen sollte. Heute hatte jeder einen anderen Vorschlag. Die einen wollten aufs Land, die anderen ans Meer, wieder andere in die Berge und noch mal andere hatten keinen Bock auf Natur. Sie wollten raus aus der Kleinstadt, hinein in die Metropole. Sie lockten die Mitschüler mit Events, Technik, Mode – halt alles, was cool, neu, angesagt war. Weil andere sagten, dass es cool, neu und angesagt war. Viele Menschen, viele Geschäfte, ein Haufen zu erleben.

Nach wenigen Tagen Bedenkzeit hatten sie ihr Ziel erreicht. Wir würden eine Jugendherberge in der Großstadt beziehen, nah am Zentrum, dem Puls der Zeit. Und kaum, dass alles in die Wege geleitet war, fingen die, die diesen Vorschlag überhaupt erst gemacht hatten, an zu meckern. Zu teuer, zu leise, nicht die richtige angesagte Gegend …

Hier konnte man es niemanden mehr recht machen. Ich war echt genervt von diesen Idioten.

Wäre es fair, ihnen die Schuld an meinem Tod zu geben? An einem anderen Ort zu einer anderen Zeit wäre mir vielleicht nichts passiert. Aber jetzt ist es eh egal, wer Schuld hat.

Am Abend vor der Abreise kam Kieran wieder in mein Zimmer. Ich packte gerade meinen Reisekoffer. Lud ihn voll mit den besten Klamotten, die ich besaß. Wollte ich zur Klassenfahrt oder auf den Laufsteg?

„ Viel Spaß die Tage “ , sagte er mit einem gepressten Ausdruck in der Stimme und drückte mich kurz. Kieran hatte mit dem Knuddeln aufgehört, seit er in die Schule kam. Ich war total überrascht.

„ Was ist los? “ , wollte ich wissen.

Er zuckte die Schultern. „ Du bist lang weg. “

„ Und ich fehle dir jetzt schon? “

Wieder Schulterzucken. „ Wird scheiße ohne dich. “

„ Ach, Quatsch “, sagte ich und zerzauste ihm das Haar, „ das wird schon. Mom und Dad können dir ja nicht ewig sauer sein, oder? Das ist bald vergessen, lass den Kopf nicht hängen. “

Er sah nicht sehr überzeugt aus.

„ Mach ihnen eine Freude, dann vergessen sie schneller “ , lächelte ich unbesorgt.

„ Und was zum Beispiel? “

„ Zeitung austragen, ehrenamtliche Arbeit, klasse Noten … Es würde auch schon reichen, wenn du dich von diesem Luca fernhältst. Der macht dir nur Schwierigkeiten, wenn er dich zum Klauen überredet. “

Der letzte Satz traf ihn hart. Er schämte sich.

„ Hör mal “ , sagte ich und zog ihn zu mir auf das Bett, „ du kennst doch die alte Frau Weißbach … “

Kieran schaute wieder skeptisch. „ Diese alte Hexe? Die ist doch fast hundert! “

„ Aber sie ist freundlich und hat einen süßen Hund. Du könntest ihr deine Hilfe beim Gassigehen anbieten. Oder ihr mit den Einkäufen helfen. Ich hab gehört, sie würde dafür auch bezahlen. Zeig Mom und Dad, dass du Verantwortung übernehmen kannst und nicht nur Mist baust. Dann wird alles wieder gut. “

Er seufzte. Nickte. „ Ich kann es ja mal versuchen. “

„ Eben. Überrasche mich, wenn ich zurückkomme. “

„ Okay “ , sagte Kieran und drückte mich erneut. Diesmal war es ihm ernst.

Tut mir leid, Brüderchen. Doch ich komme nicht zurück.

Die Großstadt fanden schließlich doch alle aufregend. Die Menschenmassen, die vielen Autos, Straßenbahnen, U-Bahnen, Leuchtreklamen. Straßenkünstler an jeder Ecke. Und Bettler. Musik schien aus jedem Fenster zu tönen. Und Krach. Überfüllte Gehwege mit Fremden aller Art und Nation. Jeder hinterließ seine Spuren.

Ich wusste nicht, ob ich diese Stadt hässlich oder schön nennen sollte. Ekel und Bewunderung auf beiden Seiten. Es gab so viel zu sehen. Genauso wie ich vieles nicht sehen wollte. Stress, Kreativität, Hektik, Humanität, Umweltaktionen, Schmutz, Gestank, Lärm, Gewimmel, Vogelgezwitscher.

Auf einem großen Platz mit Wasserbecken und vielen wasserspeienden Pferden aus Kupfer machten wir eine Pause. Wir kauften Eis, Hotdogs, Burger und Döner. Weil die Papierkörbe überfüllt waren und Krähen zusätzlich den Müll verteilten, ließen viele Schüler ihren Dreck in der Gegend liegen.

„ Das machen alle so in der Großstadt! “ , behauptete Jonas.

Die Lehrerin erzählte unterdessen den wenigen zuhörenden Mitschülern die Geschichte des Brunnens. Welcher Architekt gewirkt hatte; wie viel Geld in den Bau eingeflossen war; wie der Platz früher aussah; wie die Stadt im späten Mittelalter als Zusammenschluss vieler kleiner Siedlungen gegründet wurde …

Mir fiel die Vorstellung schwer, dass einst Wiesen und Hügel die Landschaft geprägt haben sollten, wo jetzt bloß noch Stahl, Beton und Teer das Bild beherrschten.

Unweit von mir besah sich ein Obdachloser den liegen gelassenen Abfall.

Großstadt. Große Träume. Doch für einige gingen sie niemals in Erfüllung, bis sie die Reste anderer aßen. Ein kalter Schauer erfasste mich beim Anblick dieses Mannes. Sein Gesicht war so schmutzig, dass ich es kaum erkennen konnte. Er musste versucht haben, sich im Brunnen zu waschen, er war tropfnass …

„ Hier hast du was, Alter! “ , rief Sven und warf unerwartet seinen abgebissenen Burger dem Mann auf den gebeugten Rücken. Sofort keifte ihn die Lehrerin an. Sie drängte eilig zum Weitergehen – wohl, weil es ihr peinlich war, dass einer ihrer Schüler sich derart daneben benahm. An den Bettler richtete sie kein Wort der Entschuldigung. Sie schaute ihn nicht einmal an. Für sie war er kein Mensch, bei dem man sich entschuldigen müsste.

Der Obdachlose sagte ebenfalls nichts. Er rührte sich nicht und sah nur zu, wie das Essen im Brunnen versank. Er machte ein trauriges Gesicht. Bestimmt hatte er Hunger. Da ich noch etwas von meinem Mittag übrig hatte, legte ich es beiseite, damit er es sich nehmen konnte. Zwar spürte ich, wie er mich anglotzte, doch ich traute mich nicht, den Blick zu erwidern und ging schnell meiner Klasse hinterher.

Ob er mir leidtat? Jedenfalls hätte ich Sven gern eine dafür gelangt. Ich wünsche mir, dass er eines Tages genauso endet. Verspottet, verzweifelt und allein.

Die Herberge war spartanisch eingerichtet. Die anderen Mädchen fanden die Betten zu grässlich oder zu hart, als dass sie sich je vorstellen konnten, darin zu schlafen.

Es ist nur für vier Nächte, das wird ja wohl gehen, dachte ich mir.

Florian sprach meinen Gedanken aus und setzt noch hinzu, dass keine von den Mädels die Prinzessin auf der Erbse war und daher niemand hofiert werden müsste.

Die schnappten total ein!

Ich musste lachen.

Er war wirklich cool. Und geradeheraus. Ich hoffe, er wird es auch in Zukunft bleiben.

Die nächsten zwei Tage waren wir in der Stadt unterwegs. Museen und Veranstaltungen wurden besucht, Denkmäler besichtigt, der Stadtpark mit seinen verschiedenen Freizeitangeboten und dem Stadion erkundet. Eine Führung über Brückenbau zeigte uns den breiten Fluss, der die Stadt zweiteilte. Ich sah einen bunten Schwan. Jemand hielt es für witzig, ihn mit Farbe zu besprühen. Er konnte noch so sehr untertauchen und sich waschen, der Lack ging nicht ab.

Zum Ärger der anderen Schülerinnen, war Florian oft in meiner Nähe und wir sprachen über Belanglosigkeiten. Über die Familie, die Schule, die Prüfung. Er bot mir an, gemeinsam mit ihm zu lernen. Ich war sehr glücklich darüber.

Am Donnerstag hatten wir nach dem Mittagessen Freizeit. Florian und ich gingen in der Nähe der Herberge spazieren. Wir hielten nicht Händchen oder so. Wir quatschten nur. Sahen uns die Grundstücke der Kleingartengemeinde an, die wie grüne Flecken in der Stadt wuchsen. Viele Sparten waren verwaist. In ihnen wucherte es dafür wild und gerade das gefiel Florian.

„ Ist doch witzig “ , sagte er, „ selbst i n so einer Betonstadt wächst die Natur ungebunden und frei. Wenn wir Menschen mal nicht mehr sind, wird das alles hier mit Grün überzogen werden. Die Erde wird uns überleben. “

Florian besaß kein Handy oder Smartphone. Er war ein Naturmensch und hasste Konsum und Werbung. Diese Klassenfahrt in die Stadt war für ihn der blanke Horror. Ich vergaß mein Smartphone immer häufiger auf meinem Zimmer und bemerkte endlich mal, wie entspannend es war, nicht ständig online zu sein. Wir belächelten die Menschen, die uns entgegenkamen und am Bildschirm klebten.

So wie ich früher.

„ Die sehen nicht mal, was sie vor der Nase haben “ , spottete Florian.

Hinter den Kleingärten gab es einen versteckten Sandpfad. Neugierig folgten wir ihm und waren erstaunt, dass er uns zu einem See führte. Ein grüner See inmitten der Großstadt, umzingelt von Hochbauten. Sogar ein kleiner Wald schloss sich fast ringförmig um das Ufer.

„Das muss mal ein angelegter Badestrand gewesen sein“, meinte Florian und zeigte auf ein Schild, auf dem verwittert, kaum noch lesbar stand: Baden verboten! Lebensgefahr!

Bestimmte Schilder sollte man beachten.

Er setzte sich in den mit Grasbüscheln bewachsenen Sand und schaute auf das Wasser hinaus. Ich hätte mich fast in eine Glasscherbe gesetzt.

Überall lag vergessener Müll herum. Bei einer Feuerstelle war es besonders schlimm mit Zigarettenstummeln, Plastikflaschen, Dosen und leeren Verpackungen. Graffitis zierten Steine und Sitzbänke.

„ Sicher war das hier mal ein sehr schöner Ort “ , maulte Florian leise, „bevor all diese Trottel kamen. Auf alten Bildern sehen die Strände gepflegter aus. Da wurde der Schutzmann sauer, wenn du die Kippe einfach so fallen gelassen hast. “

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich konnte schlecht alle Menschen als Trottel abstempeln, oder? War ich denn besser?

Florian zog einen Schuh aus und ging zum Ufer. Das Wasser berührte seine nackten Zehen und er schüttelte sich.

„ Schweinekalt! “ , zischte er durch die Zähne.

Ich lächelte. „ Natürlich. Ist noch Winter. “

Er brummte etwas Unverständliches, zog den zweiten Schuh aus und krempelte die Hosenbeine hoch. Dann stieg er mutig ins Wasser. Bis zu den Knien stand er in der Kälte und konzentrierte sich darauf, keine Miene zu verziehen. Doch schlussendlich war es zu viel und er hüpfte regelrecht zurück aufs Trockene. Fluchend rieb er seine rot angelaufenen Füße.

„ Was sollte das denn? “ , fragte ich verwirrt.

„ Ich wollte mal sehen, wie verweichlicht ich bin. Einige Leute gehen im Eis baden. Und ich komm gerade mal so weit …“

Er schien zornig auf sich selbst zu sein.

Ich fand das albern. Aber er war cool, er durfte das.

„ Hey! “ , kreischte eine Stimme über den See. Wir zuckten zusammen.

Ein alter Mann im braunen Anzug stand hinter uns. Er ging mit seinem Rauhaardackel spazieren.

„I hr jungen Leute könnt wirklich keine Schilder mehr lesen, wie?! Baden ist hier nicht gestattet! “ , schimpfte der Alte streng.

„ Er war nur kurz mit den Füßen drin! “ , erklärte ich.

„ Trotzdem “ , wetterte der Alte weiter, „ sind schon genug Leute abgesoffen, die nicht hören wollten. Ist kein Spielplatz. Und barfuß gehen ist hier auch nicht gut. Schneidest dich bloß, Junge. “

„ Danke für die Sorge “ , gab sich Florian gelassen.

Wir warteten, bis seine Füße etwas trockener für die Socken waren. Dann gingen wir zur Herberge zurück, bevor wir uns erkälteten.

Mich kümmerte bald nicht mehr die Mahnung des Mannes. Immerhin verließen wir morgen die Stadt.

Florian dagegen redete noch oft vom grünen See.

In dieser letzten Nacht konnte ich nicht richtig schlafen. Ständig wachte ich auf. Mir war, als hörte ich immer wieder ein Rufen. Nicht meinen Namen, aber ein Rufen. Und doch war niemand außer meinen Mitschülerinnen im Zimmer. Sie schliefen alle, als ich aufstand, um auf die Toilette zu gehen.

Draußen war es stockdunkle Nacht. Na ja, wobei in der Großstadt die Lichter nie ausgingen.

Als ich fertig war, wollte ich eigentlich zurück ins Bett. Da hörte ich es wieder.

„ Hey. “

Leise, fast geflüstert. Zu deutlich aber für eine Einbildung.

Ich drehte mich um. Im Halbdunkel glaubte ich, am Ende des Flurs jemanden stehen zu sehen.

„ Hey. “

„ Florian? “ , fragte ich nach.

„ Ja. “

Ich wollte näher treten, doch sagte er: „ Leise. Sonst hört man uns. “

Ich blieb stehen.

„ Was ist denn? “ , wollte ich endlich wissen. Sein heimliches Getue war merkwürdig.

„ Erinnerst du dich an den See? “

Was für eine Frage. Wir waren doch erst dort gewesen. Was wollte er bloß mit dem See?

„ Klar?! “

„ Wir treffen uns dort. Ich will mit dir den Mond ansehen. “

„ Den Mond? “

Ich sah nach draußen. Tatsächlich war der Mond beinahe voll. Vor lauter Lichtabfall hatte ich ihn erst gar nicht gesehen.

„ Warum können wir ihn nicht hier - “ , doch er unterbrach mich.

„ Er ist viel schöner am See. Viel heller. Zieh dich an. Wir sehen uns dort. “

Was soll das werden?

„ Die Herberge ist abgeschlossen, und wenn die Lehrerin spitzkriegt - “ , versuchte ich den Unsinn seiner Bitte zu erklären, trotzdem schüttelte er widerspenstig den Kopf.

„ Ich habe für alles gesorgt. Ich erwarte dich dann. “

Er trat tiefer ins Dunkel.

„ Florian? “

Hatte ich geträumt? Er war verschwunden.

Was sollte ich also tun? Zurück ins Bett? Ihm folgen? Er stand doch wirklich hier, nicht?

Ich schlich mich zurück ins Zimmer. Alles schlief. Schnell zog ich mir meine Jeans über die kurze Schlafanzughose und einen blauen Pullover über das Shirt. Dann folgten noch Anorak und Turnschuhe. Ich musste verrückt geworden sein, um auf eine derartige Verabredung einzugehen.

Vielleicht … wieso sagte er so etwas? Wofür hatte er gesorgt? Was hatte er am See geplant?

Mir ging vieles durch den Kopf. Ein Kuss? Der Kuss eines Jungen, in den man richtig verliebt war, musste etwas Besonderes sein. Heiß und süß dachte ich ihn mir aus und mir wurde schwindlig.

Ach was! Die Haustür wird eh abgeriegelt sein …

Aber sie war es nicht. Sie stand offen. Hatte es geregnet? Auf dem Boden glänzten Wasserpfützen.

Zögerlich verließ ich die Herberge, unsicher auf den Beinen. Mein Herz schlug vor Aufregung. Geradewegs rannte ich zum See. Die Nacht war kühl, der Frost biss mir in die Wangen. Ich hörte die nächtlichen Geräusche der Stadt, die heulenden Sirenen von Polizei und Krankenwagen, das Rufen der umtriebigen Menschen, das Knallen eines Feuerwerkskörpers. Die Laute wurden weniger, je näher ich meinem Ziel kam. Wo wir am Ufer gesessen hatten, war nichts zu sehen. Außer den alten Spuren unzähliger Füße im Sand. Der Mond schien hell und beleuchtete das stille Wasser.

„ Hey! “ , vernahm ich wieder Florians Rufen. Es kam vom Wald her. Vom schwarzen, dunklen Wald. Langsam bekam ich Angst. Das Rauschen in den Bäumen war unheimlich. Der Wind blies wirklich kalt. Es war ja noch immer Winter.

Mein Smartphone … lag vergessen im Zimmer. Ich hatte kein Licht.

„ Hey! “ , rief es abermals leise aus dem Astwerk der Bäume.

Ich ging einen schmalen Trampelpfad am Ufer entlang. Vorsichtig, denn er war steil. Ich wollte nicht fallen und wie ein begossener Pudel enden. Der Rückweg zur Herberge würde dann noch peinlicher als so schon werden.

Sollte ich ihm wütend sein, dass er mich nach draußen gelockt hatte, obwohl ich jetzt im warmen Bett weiterschlafen könnte? Was hatte er vor? Wenn es eine gute Überraschung war, wollte ich ihm verzeihen können. Eine böse … stand nicht zur Debatte.

Oder war das eine Falle von Chantal? Die hatte mich gestern wütend angesehen. Wollte mir das Miststück etwa eins reinwürgen?

„ Florian? “ , wisperte ich in den Wind.

Die dünne Eisschicht auf dem See knisterte.

„ Hey. “

Die Stimme klang mit einmal sehr nah.

Als hätte mir jemand ins Ohr geflüstert!

Ich schreckte auf. Wirbelte herum. Niemand war zu sehen.

Mein Atem ging rasch. Mein Herz bebte. Gehetzt blickte ich mich um, Rücken zum Wasser. Versuchte im Dunkeln zu sehen. Ein Gesicht zwischen den Bäumen zu erkennen. War das wirklich Florian? Warum wollte er mir solche Angst machen?

Mir war kalt. Und ich war müde. Ich musste umkehren. Ich sollte dringend -

Ein Knacken. Ein Glucksen. Im Wasser. Aber dort konnte er sich nicht verstecken! Es war viel zu kalt!

Im Wasser war es zu kalt für -

„ Komm zu mir. “

Jemand umfasste mich von hinten. Zog mich tief unter Eis und Wasser.

Mit aller Kraft drängte ich die glitschigen Arme von mir fort. Der Griff löste sich.

Ich wollte nach oben, Luft schnappen, raus, an Land!

Eine starke Hand packte mich am Bein. Zog mich hinab in die Dunkelheit. Ließ mich nicht aufsteigen.

Ich trat aus. Die Hand ließ los.

Doch die Kälte nicht.

2

Erwachen im grünen See

„…!“

„…an. Wi…“

„Sieh… … Wass…“

„Das gibt’s nicht.“

„Wieso noch eine?“

„Die arme Kleine …“

„Selber schuld.“

„Ich tippe auf unerwiderte Liebe.“

„Kommt häufig vor.“

„Dabei ist sie so jung.“

„Danach fragt keiner.“

„Ist nicht mein Problem.“

„Du Ignorant.“

Una hörte die Stimmen sprechen. Erst undeutlich, dann klarer. Es waren drei verschiedene. Die einer Frau und zwei Männer, ein älterer, ein jüngerer. Sie konnte sie verstehen. Demnach konnte sie nicht tot sein. Tote können nicht hören. Tote können nicht denken.

Gerettet, kam es ihr sofort hoffnungsvoll in den getrübten Sinn. Sie war gerettet worden vor dem Ertrinken. Sie war nicht gestorben. Jemand hatte sie aus dem See gefischt und in ein Krankenhaus gebracht, wo man sich um sie kümmerte. Sie hatte überlebt. War der Kälte entkommen. Sie lebte.

Sind diese drei meine Ärzte?

„Ah, sie kommt zu sich!“

„Das ist ihr gutes Recht.“

„Ist es nicht. Ihm wird das gar nicht passen. Sie sollte besser gehen.“

„Wohin denn?“

„Keine Ahnung. Woanders hin halt.“

„Er muss sich doch an die Regeln von Mutter Natur halten. Sie ist jetzt nun mal hier.“

„Trotzdem. Wir kennen ihn doch. Er wird niemanden neben sich akzeptieren.“

„Stimmt, er teilt nicht.“

„So, wie es aussieht, muss er das fürs Erste aber.“

Was reden die da? Una verstand den Sinn ihrer Worte nicht. Ärzte redeten anders.

Schwer bekam sie ein Gefühl für ihren Körper. Er fühlte sich so steif an, fast wie fremd. Als wäre sie in einem Kokon eingesponnen, gleich einem Schmetterling kurz vor der fertigen Metamorphose, der nicht begreifen konnte, warum er keine Raupe mehr war und wozu Flügel gut sein sollten. Es war ein seltsam verlorenes, hilfloses Gefühl. Doch immerhin ein Gefühl. Denn Gefühle sagten, dass sie tatsächlich lebte.

Noch war sie müde vom langen Schlaf. Ihre Augen wollten die Lider nicht heben.

„Was für ein hübsches junges Ding. Genau das richtige Alter.“

„Wovon sprichst du?“

„Na, meint ihr nicht, dass sie ihm vielleicht gefallen wird?“

„Ha! Wenn sich das derart entwickelt, lass ich mich freiwillig fressen!“

„Überschätze ihn nicht. Du bist eine Traumtänzerin.“

„Ich denke, das könnte passen.“

„Nie und nimmer.“

Sie reden von mir. Und wem noch?

Langsam streckte Una ihre Glieder. Zäh kämpfte sie gegen die Müdigkeit an. Sie sog Luft in ihre Lungen – doch hereinströmte nur etwas Kaltes, Sumpfiges … Sie atmete rasch aus, würgte es heraus, um einen neuen Atemzug zu tun. Aber wieder atmete sie bloß brackig schmeckendes Wasser.

„Angewohnheit von oben“, feixte jemand hämisch.

„Verliert sich mit der Zeit.“

Schlagartig öffnete sie ihre Augen. Hier war kein weißes Krankenzimmer. Sie lag in keinem weichen Bett. Nichts schien ihr vertraut. Nur Dunkelheit.

Nein, Düsterkeit. Trübe, grünschwarze Düsterkeit.

Sie blickte hinab auf einen schlammigen, nach Torf riechenden schwarzen Boden, auf unzählige, mit glitschigem Moos bewachsene Steine. Verlaufene Spuren von hellem Sand. Feine Gräser, die wie Haare im Wind wogen. Jedoch spürte sie keinen Wind auf ihrer Haut. Hörte ihn nicht. Alles schien komplett lautlos zu sein.

Sie selbst lag nicht. Stand nicht. Schwebte schwerelos über dem fremdartigen Boden.

Schwebte im Wasser. Unter Wasser.

Una bekam Angst. Furchtbare Angst. So groß, dass ihr Herz laut in der Brust schlagen, sich gar zerreißen musste. Doch in ihr war es still. Ihr Herz schlug nicht. Es stand still.

Ihr Körper drehte sich im Wasser. Sie sah grünbraune Algen wuchern. Eine Wiese aus treibender Wasserpest, einen ganzen Wasserpflanzenwald! Die Blätter schwangen in einer unterirdischen Strömung. Manches Grün war dicht wie Gebüsch, anderes weitverzweigt zu Netzen. Undurchdringliche Mauern aus braunen Laichkräutern, abgestorbenen Stielen und schwarzen Wurzeln von Seerosen.

Kleine Schwärme von schillernden Fischen flogen wie Vögel über die Vegetation hinweg. Überall schwammen winzige wie große Krebstierchen und Insektenlarven umher. Eine Fülle von Leben. Unterwasserleben.

Obwohl ihr Herz weiterhin schmerzte vor Panik, hörte sie keinen Ton. Immer noch war alles still. Eine triste, kalte, unwirkliche Welt ohne Geräusche.

Flehend hob Una ihre Hände vor das Gesicht. Ihre Bewegungen waren durch das Wasser verzerrt langsam wie die eines Astronauten im Weltall. Bleich waren ihre Finger, die Nägel blau gefroren. Blutleer wie die Hände eines Toten.

Ich bin im Wasser.

Ihr Blick wanderte nach oben. Weit nach oben. Dort glänzte etwas hell. Durchbrach die Düsternis mit einem grünen Schein. Ein mattes Licht. Der fahle Mond, welcher sich auf der Oberfläche des Sees spiegelte.

Der Himmel. Fern von ihr.

Das träge Morgengrauen kroch herauf.

Lag sie die ganze Nacht im Wasser?

Unter Wasser.

Ich bin unter Wasser.

Sie wollte schreien, dass einem Hörer das Trommelfell geplatzt wäre, doch ihre Stimme wurde vom Wasser verschluckt. Nur dumpf klang der Laut durch den See.

Una fasste sich an die Brust, suchte ihr Herz, das eigentlich klopfen müsste – und fand doch nichts. In ihrer Angst ruderte sie unkontrolliert durch die Schwerelosigkeit, bis ihre Beine, die weiterhin in Jeans und Turnschuhen stecken, sich in den Schlingpflanzen verhedderten. Sie musste alle Kraft aufbringen, ihre tauben Glieder loszureißen. Sich befreien, wie von der Hand, die sie gepackt hatte.

Jemand hatte sie gepackt.

Jemand hatte sie unters Wasser gezogen.

Jemand hatte sie ertränkt.

Die Erinnerung kam gleißend wie ein Blitz über sie herein. Sie griff sich ins Haar, welches wirr von ihrem Kopf abstand und waberte wie diese fasrigen, einem Schlangenknäul ähnlichen Algen.

Die Stimme in der Nacht. Florian, der mich zum See gelockt hat.

Florian?

Er kann es nicht gewesen sein. Er hätte nie so etwas getan! Wer ist es gewesen? Wer war dieser Mann?

Er hat mich getötet!

Ich bin tot! Ich bin tot? Warum bin ich tot? Und warum bin ich eben nicht so tot?

„Na, wunderbar. Sie dreht durch!“, war da wieder die hämische, junge Männerstimme.

„Ach was, sie hat nur Angst“, sagte die Frauenstimme beschwichtigend. „Jeder hat am Anfang Angst.“

„Ich kann gut nachvollziehen, was sie gerade durchmacht. Sie ist halt gedanklich noch beim Menschsein, auch wenn sie jetzt tot ist“, sprach die Altmännerstimme gelassen.

Tot! Ich bin tot!

Una wurde schwindlig. Alles Wangenkneifen und Schlagen brachte ihr nichts. Es war schreckliche Gewissheit und kein Traum.

Es ist ein Albtraum!

„Tut mir ja leid für dich, Kleines“, sprach die mitfühlende Frauenstimme sie direkt an, „aber so sieht es nun mal aus.“

„Wer ist da?“, fragte Una, doch ihre Stimme war durch das Wasser kaum zu hören.

„Wir sind hier.“

„Wo?“

Una verstand nicht, wer im Wasser mit ihr sprechen konnte. Mit Sicherheit keine Ärzte.

„Ist die blind?“, spottete der junge Mann.

Sie versuchte, genauer durch die Dunkelheit zu sehen, aber was sie erkannte, waren nur Algen. Algen. Algen. Noch mehr Algen. Steine.

„Du solltest vielleicht nicht nach Menschen suchen“, gab ihr der ältere Mann den klugen Rat, „denn die wirst du hier unten nicht finden.“

Bestürzt musste Una dem zustimmen. Denn Tatsache hatte sie nach etwas Menschenähnlichem Ausschau gehalten. Wahrscheinlich, weil es ihr ein vertrauter Anblick gewesen wäre. Doch was für Menschen lebten schon am Grunde eines Sees? Hier unten gab es für gewöhnlich …

Auf einem Felsen im Algenmeer erkannte sie drei zierliche Figuren. Es waren eine schwarz-graue Karausche, eine braune Teichmuschel und ein grüner Wasserfrosch. Sofern sie Augen hatten, wurde Una von ihnen neugierig betrachtet.

Welche Tiere können reden wie Menschen?

„Na also!“, jubilierte der Fisch mit heiterer Frauenstimme und schwamm aufgeregt ein paar Kreise um sich selbst. Bläschen sprudelten.

„Herzlichen Glückwunsch!“, gratulierte die Muschel mit der gelassenen Stimme des Alten, auch wenn sie keinen Mund im üblichen Sinne besaß. Stattdessen klapperte sie – besser er – mit den Kalkdeckeln.

„Übertreibt’s mal nicht, Leute!“, höhnte schließlich der Frosch in jung. „Bei der steht sicher keine Feier an. Immerhin ist sie abgekratzt.“

„Nun, das gibt sich“, war die Karausche zuversichtlich, „sie brauch nur eine greifbare Erklärung.“

Durchaus. Una war sehr gespannt, wie die aussehen sollte.

Der kleine karpfenähnliche Fisch zischte mit raschem Flossenschlag auf sie zu und begann aus dem blubbernden Fischmaul zu palavern: „Guten Morgen, meine Liebe. Bestimmt bist du ziemlich verwirrt und schockiert von alldem hier, doch du brauchst keine Angst zu haben, alles wird gut.

Zunächst mal sollte dir aber klar sein, dass du ertrunken bist. Ich weiß nicht, was dich dazu bewegt hat -“

Bewegt?

„- aber das musst du mir nicht erklären.

Du bist hier am Grund des Sees. Ich bin Penina. Der Frosch dort ist Lorin, die Muschel heißt Arnold. Wie du dir vielleicht denken kannst, sind wir keine gewöhnlichen Tiere. Doch das soll dich fürs Erste nicht kümmern. Sieh uns als dein Empfangskomitee. Wir haben gesehen, wie du ertrunken bist und haben ordnungsgemäß den Morgen deines Erwachens abgewartet. Die Rückentwicklung dauert schließlich seine Zeit.

Normalerweise werden Körper und Seele eines Ertrunkenen beim Tod getrennt. Die Seele gilt als Gefangene dieses Reiches, der Körper ist vergänglich und nur Fleisch und Nahrung. Jedoch bist du ein weit anderer Fall. Das werden wir auch dem Herrn vom See berichten. Menschen, die freundlicherweise von selbst kommen, verdienen eine Sonderbehandlung.“

„Menschen, die von selbst kommen?“, wiederholte Una die Worte. Sie verstand nicht.

Penina drehte eine Runde interessiert um Unas Kopf, bevor sie sich erklärte: „Nun ja, natürlich. Du hast dich doch selbst ertränkt, oder?“

„Was?“

Una war fassungslos. Ein irrwitziger Fisch nannte sie eine Selbstmörderin? Sie sollte ihr irdisches Dasein selbst in dieser Nacht beendet haben? Gut, sie war davongeschlichen, ja. Allein zum See gelaufen, ja. Aber sie hatte sich nicht freiwillig in diesen eiskalten See gestürzt!

Nein, völlig ausgeschlossen! Nie im Leben und erst recht nicht im Tod!

Offenbar fiel Penina auf, dass die Sache doch nicht derart leicht abgetan werden konnte. Die Reaktion des Mädchens verlief ganz anders als erwartet. Unsicher fragte sie daher: „Willst du uns etwa sagen, dass du dich gar nicht selbst getötet hast? Unser Herr kann es aber nicht gewesen sein. Und wie ein Gewaltopfer siehst du auch nicht aus. Keine blauen Flecken, keine Wunden … Du bist sogar noch unberührt.“

Wie geschlagen wich Una zurück. Es war ihr mehr als peinlich, dieses doch sehr private Thema anzusprechen. Erst recht mit einem fremden Fischwesen. Freilich hatte auch sie schon an etwas Derartiges gedacht – die Zeitungen waren ja immer voll von solchen bedrückenden Geschichten. Irgendwie wollte sie zwar behaupten, zum Glück, dass sie kein solches Gewaltopfer geworden war, dennoch schien ihr Schicksal nicht wirklich besser zu sein. Tot war nun mal tot.

„M-mich hat jemand ins Wasser gezogen!“, beteuerte sie den dreien aufgelöst. „Ich hatte vor, mich mit jemandem treffen, da wurde ich plötzlich hinuntergezogen! Er hat mich am Bein gepackt!“ Sie wies auf ihren Knöchel. An besagter Stelle war die Jeans aufgerissen.

Frosch, Fisch und Muschel schauten sich fragend an.

Una versuchte, sich an mehr Details zu erinnern und verhaspelte sich in aller Hektik mehrmals mit der Zunge. „Er hat mich zum See gelockt. Mit der Stimme meines … eines Freundes. Aber er war es nicht! Das war … die Haut … Seine Haut war ganz glitschig … Er hat mich gepackt … ganz kalt … Was war das für ein Wesen? Das war doch kein Mensch!“

„Das klingt schon nach …“, beendete Penina ihren Satz nicht. Ihre Freunde verstanden trotzdem.

„Erzähl keinen Mist!“, blieb Frosch Lorin ungläubig.

„Ein Menschenopfer, also ein von Menschen Ertränkter“, dachte Muschel Arnold für alle laut nach, „wird eigentlich wie jedes Opfer des Sees behandelt. Der Körper vergeht und der Herr erhält die Seele als Gewinn, ohne etwas dafür getan zu haben. Je mehr Seelen ein Herr vom See besitzt, umso stärker ist seine eigene Lebenskraft. Und dem See kommt das auch zugute.

Wenn diese Dame aber sagt, sie wurde vom Herrn ertränkt … Obwohl wir wissen, dass das nicht sein kann … dann liegt hier irgendwo der Hund begraben.“

„Was du nicht sagst, großer Lehrer!“ Lorin rollte die Glupschaugen. „Der Herr wird kaum in einem Anflug von Schlafwandel auf die Jagd nach Mädchen gegangen sein, oder?“

„Das ist noch nie passiert“, meinte die Muschel entschlossen, „und wenn doch, wäre sie in dem Fall gewiss nicht in diesem Zustand.“

„Es ist ja auch ein völlig absurder Gedanke!“, ereiferte sich Lorin. „Möglicherweise ist ihre Erinnerung durch das Sterben verwischt. Sie schützt sich selbst durch diese Ich-wurde-ertränkt-Theorie, um nicht mit ihren Schuldgefühlen konfrontiert zu werden. Sie hat sich ertränkt und nun hat der Herr sie als Mitesser an der Backe.“

„Oh, hier spricht unser großer Psychologe!“, ironisierte Penina seinen strengen Verdacht. „Lorin, für Unterstellungen ist jetzt nicht die Zeit! Wir haben nur gesehen, wie das Mädchen gestorben ist, über weitere Umstände können wir nicht urteilen. Vielleicht ist es ein Trauma, vielleicht hat sie aber auch recht und wurde von einem ertränkt, wir wissen es nicht. Wenn wir sie eher gefunden hätte, ja, dann …“

„Aber der Herr kann nicht -“, wollte Arnold diskutieren, jedoch schnitt ihm Penina das Wort ab.

„Ich weiß, dass er es nicht gewesen sein kann! Ich verurteile ihn nicht. Doch was auch immer in dieser Nacht im See geschehen ist, er sollte so schnell wie möglich davon erfahren. Wenn jemand in seinem Gebiet wildert, wird er das nicht durchgehen lassen. Meint ihr nicht?“

Arnold seufzte nachgiebig. „Schon. Doch das wird ein böser Start ins neue Jahr.“

„Egal, es ist wichtig!“, sagte Penina ernst. Sie schwamm wieder vor Unas Gesicht. Das Mädchen war kreidebleich vor Verwirrung und Tod. Sie hielt sich selbst mit den Armen fest umschlungen und wäre sie nicht bereits vom Wasser umgeben, hätte sie Tränen geweint, groß wie Kastanien.

„Oh, du Arme“, sprach Penina tröstend. „Ich kann durchaus verstehen, wie dir zumute ist. Das erscheint dir bestimmt alles wie ein böser Scherz. Doch du träumst nicht. Bitte hör mir zu.“

Una schniefte und biss sich auf die Unterlippe. Wie sollte ein Fisch schon ihre Gefühle und das Chaos in ihr verstehen? Dennoch versuchte sie zaghaft, sich zusammenzureißen. Nach ein paar Versuchen schaffte sie es, sich etwas zu beruhigen und die Dinge sachlich zu sehen. Sie war tot, doch nicht verschwunden. Sie war ermordet worden, aber würde unter Umständen bald Hilfe bekommen. Es war mit ihr noch nicht ganz vorbei.

Gefasst blickte sie den Fisch aufmerksam an.

Penina lächelte, so weit sie das konnte, und sagte unter laufendem Nicken: „Gut so. Es ist alles gar nicht so schlimm. Zunächst einmal, wie ist dein Name?“

„I-ich bin Una.“

„Das ist ein sehr schöner Name“, gab Arnold dazu sanft ein Kommentar. Lorin schnaufte nur.

„Una“, setzte Penina ihre Rede fort, „du bist tot, aber nicht so, wie du dir das vielleicht denken magst. Du bist in einem zweiten Leben, bloß nicht als Mensch. Derzeit magst du noch so aussehen, doch mit der Zeit wird aus dir ein Wassergeist werden. Du bist lebendig, keine Gefangene dieses Sees, aus Gründen, die wir nicht ganz verstehen.

Darum halte ich es für das Klügste, wenn wir dich zum Herrn des Sees bringen. Er ist ein vollwertiger Wassergeist, sehr alt und mächtig. Er wird wissen, was zu tun ist. Und er kann dir sicherlich helfen.“

Una nickte ebenfalls, lediglich zögerlicher. Da war jemand, der hier das Sagen hatte. Ein …

„W-was genau meinst … du mit Wassergeist?“

Lorin lachte hohl auf. „Das weißt du nicht? Noch nie etwas vom Nöck gehört? Oder dem Nicchus? Dem Hakemann oder Ichthyozentauren?“

„Nein, nein“, verbesserte ihn Arnold rasch, „ich sage, er gehört zu den Vodyanoy. Unterart Utoplec.“

„Ihr erzählt beide Stuss, und das wisst ihr!“, rügte Penina ihre Kameraden und wandte sich dann erneut Una zu, um langsam zu erklären: „Ein Wassergeist ist ein Naturwesen. Dichter und Romantiker haben viele Namen für Nixen, Undinen und Wassernymphen gefunden. Kann ja sein, dass du mal ein paar Geschichten gehört hast. Zum Beispiel Andersens kleine Meerjungfrau oder die Lorelei. Und es gibt sie nicht nur in weiblicher, sondern auch in männlicher Form.

Ich kannte die Wassergeister einst aus der griechischen Mythologie als Najaden. Stell dir vor, alles in der Natur besäße eine Seele, dann wäre die Seele eines Baumes eine Dryade. Die Seele eines Berges hieße Oreade. Und die Seele eines Weihers, eines Flusses oder eben eines Sees hieße dann Najade.“

Una überlegte kurz und schlussfolgerte daraus: „Ich bin jetzt also auch … eine Wasserseele – äh, ein Geist?“

Penina schüttelte den Kopf.

„Nein, noch nicht ganz jedenfalls. Bei dir gibt es da ein Problem.

Normalerweise entspringt der Wassergeist einer neu erschlossenen Quelle. Oder eine Quelle entspringt aus einem Geist, beides ist möglich. Jedenfalls wird dieser Geist dann Herr seines Gewässers, hegt und pflegt es, sammelt Seelen für seine Kraft. Aber wie ein Baum nur eine Dryade beherbergt, so hat ein stilles Gewässer bloß eine Najade. Eine zweite im gleichen See wird nur auf Wohlwollen des Herrschers toleriert.

Wenn also unser Herr damit einverstanden ist, dass du in seinem See leben kannst, dann wirst du nach und nach eine Najade werden.“

„Und wenn nicht?“, bekam Una wieder aufsteigende Panik.

„Dann wirst du dir wohl oder übel eine neue Heimat suchen müssen“, ulkte Lorin gemein. „Vielleicht eine Pfütze, einen Tümpel oder die Rohre einer Wasserleitung. Wir sind hier mitten in der Stadt – klare Quellen sind Mangelware. Sieh zu, wo du bleibst.“

Penina zog ihm eins mit der Flosse über.

„Gib nichts auf diesen Schwätzer, Una!“, zürnte ihm die Karausche. „Der Herr mag ja seine Ecken und Kanten haben, dennoch ist er weitaus intelligenter und charmanter als ein dummer Frosch.“

„Charmant? Er? Pah! Gib nichts auf diese Träumerin!“, argumentierte Lorin gegen. „Wenn es denn nach ihr ginge, würdest du bald die Hochzeitsglocken läuten hören. Ich jedoch sage, der Herr wird keinesfalls begeistert sein, dass du zu ihm kommst, hübsches Mädchen hin oder her. Das ist kein Märchen hier!“

„Realistisch betrachtet geht der Punkt an ihn“, schlug sich Arnold auf Lorins Seite.

„Was soll das heißen?“, wollte Una wissen und sah auffordernd Penina an.

Diese atmete durch und berichtete: „Es ist nur eine Legende, eigentlich. Ob sie sich bewahrheitet, wird sich zeigen.

Es heißt in vielen Geschichten und Sagen, dass eine Jungfrau, die den Tod freiwillig im Wasser sucht, zur Braut des Wassermannes wird. Und vielleicht ist es ja so, dass der Herr dich leiden kann oder könnte. Es wäre wirklich zu schön! Dann müsstest du dir keine Sorgen mehr machen, ob er dich aus reiner Gnade im See duldet, oder weil er dich mag.

Ich weiß, dass für die Liebe immer zwei dazugehören, doch warum nicht?“

„Weil es romantisches Gewäsch ist“, winkte Lorin strikt ab. „Der Herr hat sich noch nie nach einer Menschenfrau umgesehen. Vor hundert Jahren schon nicht und heute auch nicht.“

Una griff sich an die Stirn, als wollte sie Fieber prüfen, doch ihr fiel gleich wieder ein, dass sie tot und kalt war. Das waren eindeutig zu viele schlechte Neuheiten für ihren Geschmack. An ihrem ungewollten Sterben hatte sie genug zu knabbern. Nun hieß es, sie könnte die Frau eines Geisterwesens werden. Eines König Tritons wahrscheinlich, greis und mit Fischschwanz, der ihr, seiner jungen Braut, gierig nachstellen konnte. Bis zu dem Tag, an dem ihr selbst Schuppen und Flossen wuchsen.

Der Tag, an dem sie kein Mensch mehr sein würde.

Ihr wurde schlecht. Dieses zweite Leben schien sich zu keinem besseren zu entwickeln. Sie vermisste ihr altes Selbst, ihr altes Dasein. Sie vermisste ihre Eltern, sie vermisste Kieran. Und Florian. Ja, vermisste gar die Schule und die zickigen Weiber aus ihrer Klasse.

Wann sie wohl als vermisst gelten würde? Waren die Mitschüler schon auf und hatten ihr Fehlen bemerkt? Wer würde sie suchen? Würde sie jemand in diesem See vermuten? Würde die Polizei Taucher aussenden, um sie zu finden? Würden sie den Grund des Sees nach ihr absuchen und sie vielleicht mit diesen drei Tieren antreffen, sprechend und untot? Am Ende fänden sie möglicherweise diesen Wassermann …

Es schmerzte sie, wenn sie an ihre Eltern dachte. Die würden einen Anruf bekommen, ihre Tochter sei verschwunden, vermutlich tot. Wie sie weinen würden. Es würde sehr still werden im Haus und Kierans Vergehen wären bedingungslos vergessen, jetzt, da er ihr einziges Kind war.

Unas Zimmer würde eine Zeit lang bestehen … Irgendwann aber würden ihre Sachen in Kartons verschwinden, in den Keller gebracht werden. Und eines Tages würde man sie vergessen haben. Nur noch ein Foto, ohne Stimme und Charakter. Eine klägliche Erinnerung.

Während sie im See lebte.

„Wer hat mich umgebracht?“, flüsterte sie leise und ihre Worte drangen kaum durch das Wasser. „Wer hat mich getötet und mich meiner Familie, meinen Freunden weggenommen?

Ich hatte mein Leben doch noch vor mir …“

Kalte, glitschige Finger hatten sie davongerissen. Hatten sie ins Grab gezogen.

„Wer ist es gewesen?“ Langsam stieg die Wut in ihr auf. Ihre Angst rückte mehr und mehr in den Hintergrund und Una kochte vor Zorn auf dieses falsche Locken, welches ihr zum Verhängnis geworden war. Zauber, ja. Sie war von einem mystischen Wesen verzaubert worden! Einem trügerischen Geschöpf, fern vom Angesicht eines Menschen.

„Hat er mich ertränkt? Euer Herr vom See?“, rief sie laut, dass die drei Tiere zurückschreckten. „Ist er es gewesen? Ein Wassergeist? Hat er sich verwandelt und mir vorgespielt, ein Freund zu sein? Hat er mich getötet?“ Mit jeder Frage bebte Una stärker vor Hass. Ihren ganzen Frust wollte sie durch den See schreien! Sollte er sie hören und ihre Wut spüren! Dieser alte Stockfisch konnte was erleben!

„Komm runter!“, befahl ihr Lorin. „Hast du uns nicht zugehört? Unser Herr hat dir nichts getan! Das wissen wir, hieb- und stichfest!“

„Und wieso seid ihr euch so sicher?“, fragte Una erbost. „Ich denke, es gibt nur einen Wassermann im See! Wer, wenn nicht er?“

„Das wissen wir nicht“, versuchte Penina, sie zu besänftigen, „doch er war es nicht. Unser Herr schläft den Winter über. Erst gegen Ende des Monats, Anfang April, wenn es wärmer wird, wird er aufwachen. Er wird hungrig sein, aber er hätte dich niemals angegriffen, ohne dich zu töten und deine Seele zu nehmen! Verstehst du? Er hätte nie zugelassen, dass du zurückkommen kannst!“

„Meine Seele hätte er genommen?“, war Una sofort entsetzt.

„Ja, für den See. Als Kraftquelle, wie gesagt“, war Arnold bei der Aussage pragmatisch. „Dein Körper dient ihm allein zur Nahrung. Auch ein Indiz dafür, dass er kein Verschulden an deinem Zustand hat, sonst wärst du nur noch Knochen.“

„Er hätte mich gefressen?“

„Natürlich.“

„Er isst Menschenfleisch?“

„Nichts ist so weich und saftig wie eine Wasserleiche“, lachte Lorin.

Una wurde abermals schlecht, allerdings mehr vor Ekel.

„Das ist barbarisch!“, war sie überzeugt.

„Was denn?“, blieb die Muschel ungerührt. „Hast du nie Forelle gegessen? Oder Hummer? Bestimmt gehen ganze Schweine- und Rinderherden auf dein Konto. Frag mal ein Huhn, ob das nicht barbarisch ist. Menschen bilden sich ganz schön was auf sich ein.“

Er hatte recht, das konnte sie nicht abstreiten. Sie gab einer sprechenden Muschel trotz aller Unlogik recht. Selbst eine noch so lange Diskussion über Veganismus hätte sie sicherlich verloren.

Erschöpft verbarg Una ihr Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. Im Reich eines verschlafenen, alten, Menschenfleisch fressenden Wassermannes lebend, mit Muscheln und Fröschen redend, vergessen von der Welt außerhalb der Wasseroberfläche – es war einfach zu viel. Am liebsten hätte sie sich hingelegt und wäre eingeschlafen, in der geringen Hoffnung, doch noch aus einem Traum zu erwachen.

Ohne es zu merken, sank sie tiefer auf den mit Algen bewachsenen Grund und schluchzte kurz auf.

„Ich kann mir denken, dass das alles ziemlich viel ist für einen Neuanfang“, sagte Penina in ihrer bemutternden Art und schwamm zu ihr hinab. „Nicht ist am Anfang leicht. Aber du wirst dich an das alles hier schon noch gewöhnen. Du hast viel verloren, Liebes, doch dieser See kann dein neues Zuhause werden. Und unser Herr ist kein so schlechter Kerl, wie er dir noch erscheinen mag. Mit der Zeit wirst du ihn sicherlich etwas mögen.

Sein Name ist übrigens Sharik.“

Una ließ die Hände sinken und murmelte: „Das klingt wie ein Hundename.“

„Der Meinung war ich auch mal“, hörte sie Lorin wieder lästern. Diesmal war es Arnold, der nach ihm schnappte.

„Lass dich nicht hängen, Una“, ermunterte Penina sie sanft. „Komm. Lass uns zu Sharik gehen. Er kann dich zwar nicht wieder lebendig machen und dir dein altes Leben zurückgeben, aber er hat genug Kraft, um dir beizustehen.

Er wird dir helfen.

Und er wird diesen Eindringling fassen.“

3

Der Wassermann

Mit langsamen Bewegungen folgte Una ihren drei Wegbereitern durch die grüne Unterwelt. Ab und an schwamm sie ein paar Züge, schließlich war sie ja im Wasser. Ansonsten blieb sie weitestgehend zurückhaltend und überließ den anderen die Führung. Sie hätte sowieso nicht gewusst, wo dieser Herr vom See sich aufhielt.

Sharik.

Klang slawisch. Als Kind hatte sie einen russischen Märchenfilm gesehen, indem es um eine traurige Nixe ging. Die Handlung war ihr aber entfallen …

Wie er wohl war? Wie sollte sie ihm begegnen? Reichte er ihr die schuppige Hand, äh, Flosse? Grüßte er sie höflich, majestätisch? Oder würde er sie angreifen, feindlich verjagen aus seinem Gebiet? Sollte sie fliehen? Wohin hätte sie gehen sollen? Und zurückschlagen? Hatte sie die Kraft, sich einem jahrhundertealten Geist entgegenzustellen?

In ihrem lahmen Zustand hätte sie nicht mal ihre Oma aufhalten können. Selbst ein Wegrennen war aussichtslos, vor einem Wesen, das halb Fisch war. Sie konnte es nur geschehen lassen, wie es geschehen würde. Dennoch hatte sie entschieden, im Falle eines Angriffs, mit aller Kraft zu kämpfen. Sie war bereits tot – was sollte ihr noch passieren?

Jedoch waren das alles Fantasien. Una konnte jetzt überheblich denken, wie und was sie tun würde. Was wirklich wäre, stand auf einem anderen Blatt. Sie hatte keinen Plan von nichts. Nicht einmal die Größe des Sees hatte sie richtig eingeschätzt.

Unter ihren schwebenden Füßen waberten die ausgedehnten Algenfelder. Ab und an nahm sie die Bewegungen einiger Fische und Krebstiere wahr. Auf schwarzen, von Zeit und Strömung abgerundeten Felsen tummelten sich Schnecken und Würmer, die sich wiederum im Hornblatt verbargen, kaum dass sie die Neugier des Mädchens bemerkten.

Auch säumten verfallene Ruinen den Weg der Gruppe. Mehrere Grundmauern ragten aus dem Dickicht hervor und durch die leeren Fenster huschten Bitterlinge und Moderlieschen. Ein Dorf musste überflutet worden sein, als der See sich ausgedehnt hatte. Vor wie vielen Zeiten war das?

Una blickte durch den kahlen Türbogen in das Innere einer Behausung. Spuren von Menschen gab es schon lange nicht mehr. Dafür krabbelten unzählige Kleintiere vor ihr davon, hinein in die schützende Wasserpflanze, die hoch wie ein Baum wuchs. So manches Grün besaß hier unten gigantisch wirkende Ausmaße.

Neben den gewöhnlichen Seebewohnern begegnete die Gemeinschaft weiteren sprechenden Gestalten. Ein Sonnenbarsch grüßte sie salopp, Lorin klatschte sich mit einem Molch ab und eine Elritze beäugte Una überaus interessiert. Penina musste hartnäckig auf sie einreden, um sie davon abzuhalten, der Partie zu folgen. Um gaffendes Publikum hatte auch Una nicht gebeten.

Was für seltsame Viecher, dachte sie und versuchte, das rege Treiben im Unterwasserwald auszublenden.

Nach einer Weile ließen sie den lebhaften Teil des Sees hinter sich. Die Landschaft verödete, wurde karg und rau wie ein verwaistes Gebirge. Der Boden wurde immer abschüssiger und führte noch tiefer in das Seeinnere. Nur wenige Stängel und Algen wuchsen und gerade mal ein paar bleiche Krebse krochen vor ihnen her. Das aufkommende Licht des Tages wurde in der Tiefe immer schwächer.

Und unvermutet erschien in der trüben Dunkelheit ein Graben. Gleich einem Schlund tat er sich auf und gähnte breit mit seiner scharfkantigen Kluft. Wie weit musste es hier nach unten gehen, wenn kein Sonnenstrahl den wahren Grund des Sees je erreichte? Von außen hatte das Wasser so friedlich gewirkt. Bestimmt wusste kein Mensch in der Großstadt, dass dieser unscheinbare alte Badesee derart abwärts führte. Hätten sie es gewusst, wäre mit Sicherheit niemand auf den Gedanken gekommen, auch nur den kleinen Zeh ins Wasser zu tauchen.

Vorsichtig lugte Una über den Rand der Erdspalte und verspürte dasselbe Unbehagen wie vor der Begegnung mit dem Wassergeist. „Lasset alle Hoffnung fahren“, beschrieb das Gefühl am besten.

„Dort unten lebt er?“, war sie ungläubig.

„Ja, derzeit“, bestätigte Arnold. „Zumindest solange er im Winter schläft. Dort unten ist das Zentrum des Sees, also die Quelle. Der Herr ist der Einzige, der weiß, wie es da aussieht. Uns ist es verboten, bis in die endgültige Tiefe vorzudringen. Manchmal kommt es aber vor, dass wir ihn wecken müssen.“

„So wie heute“, erinnerte Penina alle und schwamm voraus. „Ich werde gehen. Oder will einer von euch?“

Arnold und Lorin, der vorgab zu pfeifen, wirkten nicht sehr begierig auf das Unternehmen.

„Hasenfüße“, bemerkte die Karausche abfällig.

„Diese Schlucht ist echt gruselig“, sagte Una mit einem zweiten Blick ins Dunkel. „Ich kann verstehen, warum sie keine Lust haben.“

„Der Graben ist nicht das Ding“, verteidigte sich der Frosch erstaunlich ernst, „doch Sharik hat stets schlechte Laune, wenn man ihn so früh im Jahr weckt. Ich würde mir das dreimal überlegen, Nina.“

„Seine Laune wird auch nicht besser sein, wenn wir ihm die Nachricht vorenthalten“, meinte Penina. Mit einem gewitzten Schlenker zischte sie hinab in die Finsternis. Nach wenigen Zügen war ihre Schwanzflosse verschwunden.

„Ha!“, lachte Lorin freudlos auf. „Die sind wir los.“

Una hoffte, dass es bloß sein üblicher Zynismus war. Wenn dieser Wassermann wirklich ein brutales, stumpfsinniges Monster sein sollte, wollte sie lieber freiwillig den See verlassen und ins Unbekannte aufbrechen, als auch nur einen Moment mit ihm zu erleben. Von Peninas so sehnlich gewünschten Intimitäten ganz zu schweigen. Sie könnte niemals ein solches Ungeheuer lieben.

Was soll das hier werden?, dachte sie. Die Schöne und das Biest in Wasserversion?

Bevor der Ekel sie bezwang, versuchte sie ihn zu verspotten.

„Herr?“

Von unten, aus dem Dunkel, hörten die drei Penina rufen.

„Herr? Mein Herr!“

Die Erdspalte musste wirklich sehr tief sein. Ihre Stimme brach sich an nackten Felswänden und nach oben drang bloß ihr von Zeit verzerrtes, blechern klingendes Echo.

Angestrengt lauschte Una auf einer Reaktion. Erneut rief Penina, nannte ihn laut beim Namen – „Sharik!“ – und nach einer scheinbar langen Pause hörte sie ihn endlich sprechen.

„Wer stört?“

Eine kalte Stimme.

Nun, zumindest nicht die eines morschen Opas, musste sie zugeben. Im Gegensatz zu ihrer eigenen, klang diese klar verständlich, nur leise, fast heiser, und wirkte äußerst verschlafen. Dazu gereizt. Una lauschte einem langen, knurrenden Gähnen und Luftblasen stiegen etwas später auf.

„Ich bin es, Penina.“

Er ließ abermals mit einer Antwort auf sich warten.

„Ach ja … Die blöde Schickse, die meinte, in meinen See zu pissen …“

Diesmal zeigte er sich deutlich verärgert. Noch mehr aber wunderte Una das Gesagte. Es schien beinahe so, als sei die Fischfrau ein Mensch gewesen. War das möglich?

„Ich kann nicht oft genug sagen, wie leid mir das tut“, sagte Penina halblaut. Sie schämte sich.

Sharik streckte sich vermutlich. Jedenfalls hörte Una so eine Art Stöhnen von ihm, bevor er redete: „Das macht es auch nicht besser. Du solltest dich glücklich schätzen, dass ich dich nicht zum Strudelwurm degradiert habe.

Warum weckst du mich? Es ist noch Winter. Ich bin müde, lass mich schlafen.“

„Ich bedaure, doch es ist dringend!“, erklärte sie gewissenhaft. „Es geschah in der Nacht, am nordwestlichen Ufer. Ich war dort mit Lorin und Arnold, als plötzlich, wie aus dem Nichts -“

„Spar dir langes Umschweifen“, unterbrach der Wassermann sie barsch.

„Ein Mädchen ist im See ertrunken, Herr! Erst dachten wir, sie wäre von selbst durch das Eis ins Wasser gegangen, aber dann sagte sie uns -“

Scharf fuhr er ihr ins Wort: „Sie sagte? Sie ist zurückgekommen?“ Er wirkte mit einem Schlag hellwach.

„Aber ja. Oder habt Ihr sie ertränkt? Das Mädchen ist jedenfalls überzeugt -“

Penina kam nochmals nicht zum Ausreden.

Ein Rauschen drang von unten herauf.

Lorin brüllte ein hastiges: „Weg hier!“, auch wenn Una nicht wie gewollt wegkam. Sie trudelte im Gehen abseits, das Wasser verlangsamte ihre Bewegungen, bevor sie sich wieder auf das Schwimmen besann und so mit einem etwas unkoordinierten Paddeln rascher fortkam von dem Graben, aus dem, versetzt mit unzähligen Luftblasen, ein starker Strom schoss. Ein fremdartiges Geschöpf wurde mit dem Katarakt aus dem Spalt gespien, das sie prompt mit grimmigen Augen erfasste. So schnell, wie es erschienen war, schwamm es gleich einem Torpedo auf das Mädchen zu.

Vor Schreck fiel Una rücklings auf den Boden.

Dieses Wesen bewegte sich ruckartig und flach über den schroffen Felsgrund, ähnlich einer jagenden Spinne. Langgliedrige Hände mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern griffen fest in Stein und Schlamm. Der Wassermann drückte sie nieder, über sie gebeugt, weiter zurückdrängend, auch wenn Una nicht mehr weichen konnte. Und bei allem, was ihr heilig war – wenn sie hätte flüchten können, hätte sie es getan.

Was hatte sie sich vorgestellt? Erwartete sie einen echten König Triton? Einen väterlichen Greis, einen alten Krieger, halb Mensch, halb mit Fischschwanzflosse? Eine Kreatur, die ihr aus den Märchenbüchern und Filmen vertraut wäre?

Doch er, Sharik, war gerade mal vom Körperbau einem Menschen halbwegs ähnlich. Ein Kopf, Schultern, seitlich zwei sehnige Arme, ein männlicher, drahtiger Oberkörper … aber er besaß keine rosafarbene Haut, er war mit Schuppen bedeckt. Feine weiße Fischschuppen zierten das hagere, haarlose Gesicht, seinen Hals, Brust, Bauch und die Arminnenseiten. Sie gingen in gröbere, grün schimmernde Schuppen über. Muster zeichneten sich dunkler ab. Sein Haupthaar war lang und grünlich. Wie Algen schwang es wild mit dem Wassersog. Flach war die reptilienähnliche Nase mit den schmalen Nüstern. Winzige Bläschen drangen mit jedem Atemzug aus den roten Kiemen, die sich unter Schuppenplatten auf beiden Seiten des Halses befanden, nah hinter seinen Ohren.

Una blickte direkt in die goldgelben Augen. Erst erschienen sie ihr lidlos und unbeweglich, fest auf die Beute fixiert. Doch endlich blinzelte er und sie funkelten lebendig. Allein seine Augen waren wirklich alt. Sie hatten viel gesehen. Viel erlebt. Und getötet. In seinem bohrenden Blick erkannte das Mädchen, was er war.

Ein Jäger. Ein großer, starker, gefährlicher Raubfisch.

Ein Ungeheuer, gegen das ein schwacher Mensch nie eine Chance hätte. Sie fühlte sich verloren. Ihm ausgeliefert. Er würde sie fressen oder gar Schlimmeres mit ihr anstellen und würde dabei noch nicht einmal Skrupel verspüren. Typisch für einen Dämon.

Ein Grollen entwich seiner Kehle und Una sah hinter den schmalen, blutleeren Lippen nadelspitze Zähne blitzen. Fischzähne. Ein Mann gewordener Fisch.

„Was machst du in meinem See?“, fauchte er sie wütend an. Das „meinem“ betonte er extrem deutlich.

Sie schlotterte, doch nicht vor Kälte. Sein Körper lag auf ihrem und Una fühlte sein Gewicht. Fühlte den glatten, glitschigen, muskulösen Fischleib, in den sein humanoides Selbst nahtlos überging. Ein kryptozoologisches Wunder, der wirren Fantasie eines Kindes entsprungen.

„Mach dein Maul auf!“, brauste er lauter auf und Una zuckte zusammen.

„I-i-ich“, bekam sie schwer vor Angst die Worte heraus, „wollte nicht. J-jemand hat mich nach unten gezogen und ich bin er-ertrunken. Ich wollte nicht sterben!“ Ihre Stimme wurde recht weinerlich, an der Furcht erstickend, und Una begann sich zu schämen, dass sie es nicht verhindern konnte. „Ich wollte leben!“

„Das sagen sie alle“, knurrte Sharik herzlos. „Jeder Wurm, den ich ertränkt habe, hat mir die Ohren vollgejammert, wie sehr er doch am Leben hing. Doch das kümmert mich nicht.

In meinem See dulde ich niemanden neben mir.

Du erzählst mir keine Lügen. Wenn du dich schon töten musstest, warum konntest du dir keine Kugel durch den Schädel jagen und an Land verrecken? Dann wärst du kein Problem für mich geworden!“

„Ich lüge nicht! Ehrlich, ich bin nicht schuld daran!“, lag es jetzt an Una mit aller Kraft zu schreien, nur wesentlich verzweifelter und noch immer gedämpft vom Wasser. „Jemand hat mich nachts mit falschen Versprechen weggelockt! Zu deinem See! Und noch mal, er hat mich gepackt, hinuntergezerrt und erst wieder losgelassen, als ich am Ertrinken war! Ich hatte nicht vor, dir deinen Platz wegzunehmen! Und ich will auch gar nicht bleiben! Ich will wieder leben! Ich will zurück nach Hause!“

„Leider ist das jetzt unmöglich“, sagte Sharik ungerührt und seine blauen Lippen verzogen sich zu einem boshaften Lächeln, „auch wenn es sehr in meinem Interesse läge, dich zurückzuschicken, glaub mir …“

Er nahm eine nachdenkliche Haltung ihr gegenüber ein.

Verlegen war er nicht. Seine Arme lagen verschränkt auf Unas Brust, sodass sie sich noch immer nicht erheben konnte.

Hat der Kerl nie etwas von Abstand gehört?, dachte sie ärgerlich.

„Doch nehme ich mal an“, begann er für sich laut nachzudenken, „du sagst die Wahrheit … Wer hätte dich töten sollen und wieso?

Es ist zu früh im Jahr, die meisten Wassergeister schlafen noch. Die wenigen, die jetzt schon wach sind, leben weit ab von meinem See, außerhalb der Stadt. Und was hätten sie für einen Grund, mir eine jammernde, nutzlose Göre wie dich aufzuhalsen? Das ergibt keinen Sinn und ist den Aufwand nicht wert.

Kann dich wirklich kein Mensch getötet haben?“

„Er hätte einen Neoprenanzug tragen müssen. Und eine Sauerstoffflasche. Außerdem, welcher Mensch würde unter Wasser warten, bis ich vorbeikomme? Das ist Blödsinn!“, sprach Una überzeugend.

Sharik schnalzte mit einer schwarzen Zunge und hob die nicht vorhandenen Brauen. „Das stimmt. Darauf hat keiner Lust. Noch dazu habe ich zig Taucher ertränkt. Genauso wie andere Schwimmer, Kinder wie Greise. Die Menschen der Stadt müssten eigentlich kapiert haben, dass besser niemand meinen See betreten sollte. Es sei denn, dieser Mensch will sterben.

Und dann kommst du und wagst es, mein Territorium zu beschmutzen.“

„Weil ich gelockt wurde – wie oft denn noch?!“, verlor Una die Geduld.

„Wie wurdest du denn gelockt?“, fragte er, wenn auch nicht ehrlich an einer Antwort interessiert. An der Krallenhand stützte der Herr vom See sein Kinn auf.

„Er hat mich in der Nacht gerufen. Und die Gestalt eines Freundes angenommen. Es war dunkel, ich konnte ihn nicht richtig sehen. Er sagte, ich sollte zum See kommen, er würde mich dort erwarten. Sein Rufen lockte mich näher ans Ufer. Dort griff er mich vom Wasser aus an.“

Schweigend betrachtete er ihr Gesicht, als ob er nach einem Anzeichen der Lüge suchte. Ein Muskel im blassen Kiefer zuckte.

Penina schwamm beiden zur Seite und richtete ihr Wort vorsichtig an Sharik: „Herr, bei allem Respekt. Ihre Schilderung klingt für mich überzeugend danach, dass es ein echter Wassergeist gewesen ist. Ich vermute fast, ein Fremder hat sich hier aufgehalten, während Ihr geschlafen habt.“

„Ein Wilderer“, verstand der Herr es ebenso. Seine Augen funkelten gefährlich. Obwohl er innerlich zornig sein musste, blieb er nach außen ganz ruhig. „In dieser Gegend bin ich der mächtigste meiner Art. Mir gebührt Respekt. Wer sollte sich also eine solche Dreistigkeit erlauben? Und warum sollte er sie ertränken, wenn er sie nicht fängt?“

„Vielleicht als Entschuldigung?“, war Peninas bescheidene Vermutung. „Möglich, dass es nur ein Unfall war? Vielleicht dachte er auch, Ihr würdet Euch einsam fühlen und sucht eine Partnerin -“

Ein entschiedenes Fauchen ließ die Karausche eilig die Flucht ergreifen.

Dann wandte Sharik sich wieder Una zu.

„Solltest du das Opfer eines anderen geworden sein“, zischte er bissig, „werde ich diesen Wassergeist zerreißen. Ich werde meinen See nicht mit einer Nymphe teilen. Du kannst dann gern sein Gewässer übernehmen, aber du bleibst auf keinen Fall für immer hier!“

Mit einem starken Ruck, der ihr glatt die Rippen hätte brechen können, stieß er sich von ihr fort und ließ sie aufstehen.

Keuchend setzte sich die junge Frau auf und rieb sich das Brustbein. Ob sie das als Erfolg verbuchen konnte? Es klang für sie jedenfalls so, als wollte Sharik ihr helfen, ihren Mörder ausfindig zu machen. Und sei es nur aus Rache für eine unwillkommene Störung seines Friedens.

Una betrachte ihn, wie er einige Schritte von ihr entfernt schwamm, abfällig über die grüne Schulter blickend. Ihm gefiel seine Nachgiebigkeit wohl wenig. Gutherzig wollte sie ihn nicht nennen, dazu erschien er ihr zu selbstgefällig.

Sein langer Fischleib wand sich geschmeidig im Wasser. Schwarz geschuppte Streifen gingen von seinem Rückgrat aus, verliefen mit dem Dunkelgrün an seinen Seiten, bis sie heller wurden und im Weiß der Unterseite verschwanden. Fast blaugrüne Seiten- und Schwanzflossen machten ihn überaus wendig. Sein Körper war der eines Hechts. Ein gut zwei Meter langer Hecht.

„Gaffe nicht!“, knurrte er sie mürrisch an und drehte sich von ihr weg.

„Darf ich nicht?“, zickte das Mädchen zurück. „Ich habe hier unten so viele schräge Dinge gesehen. Da ist es doch mal erlaubt, dreimal hinzusehen.“

Abfällig schnaufte Sharik über ihre Äußerung und zeigte ihr den gemusterten Rücken.

„Du lässt mich also bleiben, bis wir meinen Mörder gefunden haben?“, wollte Una ihren Deal sicherheitshalber noch mal bestätigt wissen.

„Muss ich ja“, grollte er ihr. „Du solltest mir besser dankbar sein, dass ich mich deiner erbarme. Andere hätten einen Schmarotzer wie dich davongejagt.“

Über diese abwertende Beleidigung rümpfte sie die Nase, hatte allerdings auch keine Lust, sich mit ihm über das Verhältnis Mensch und Monster zu streiten.

„Heißt das, ich werde jetzt wie du?“, fragte Una, auch wenn sie so wenig wie möglich mit diesem störrischen Fischmann in Kontakt treten wollte. Aber wer sollte ihr sonst Antworten geben?

Sharik verschränkte die Arme vor der Brust und wich weiterhin ihrem neugierigen Blick aus.

„Vielleicht. Mehr oder weniger“, war seine ungenaue Schilderung.

„Geht es auch deutlicher?“

Seine Raubfischaugen erfasste sie endlich und er zeigte seine spitzen Zähne beim Sprechen: „Vielleicht wirst du eine Plötze. Oder eine Rotfeder. Irgendetwas, das ich zum Spaß durch den See jagen kann. Keine Ahnung, wann das passiert. Liegt ganz an dir.“

„Wieso an mir?“

„Je nachdem, ob und wann du bereit bist, dein Menschsein hinter dir zu lassen. Zurzeit aber siehst du aus wie ein Mensch und stinkst für mich auch so. Doch du bist kein Mensch mehr, also vergiss es!

Lass dein altes Leben los und beeil dich damit! Denn solange du noch unerfahren und unvollkommen bist, kannst du keine Herrin eines Gewässers werden! Stattdessen wirst du mich nerven!“

Nicht nur er war gereizt. Seine autoritäre Art ging Una gleichermaßen an die Substanz. Hätte sie eine andere Wahl, würde sie ihn links liegen lassen und einen anderen um Rat fragen, als diesen verbohrten, übellaunigen, feindseligen -

„Ach, was soll’s“, seufzte er schwer, „ich werde dich sicherlich nicht vor Sommeranfang los sein. Die Frösche müssen erst mal wach werden, und wenn die Libellen fliegen, kann ich mich besser bei der Nachbarschaft umhören.

Bis dahin wirst du bleiben müssen. Mach dich also nützlich und lerne.“

Una stutzte.

„Frösche und Libellen?“

„Schlangen tun es auch. Am besten sind flinke Tiere, die im Wasser und an Land gleichermaßen zurechtkommen. Ich begebe mich nicht für eventuelle Wahrscheinlichkeiten nach oben. Dafür habe ich diese Boten.“

Sie verstand es so, wie andere Brieftauben aussendeten. Offenbar wollte er auf diesem amphibischen Weg Informationen zum Verbleib oder Verdacht ihres Mörders finden. Doch …

„Wieso so lange warten?“, wollte sie wissen. „Lorin ist ein Frosch. Ihn kannst du bereits jetzt losschicken und wir verlieren keine unnötige Zeit! Ich will auch, dass wir Fremde bleiben.“

Una bemerkte, wie Lorin bekümmert den Kopf einzog. Hatte sie etwas Falsches gesagt?

„Das Ganze ist nicht dermaßen einfach“, belehrte sie der Wassergeist stolz. „Lorin kann das Wasser nicht verlassen. Er ist kein normaler Frosch. Die schlafen noch im Schlamm des Sees, warten darauf, dass das Wasser wärmer wird.

Ist es dir nicht seltsam vorgekommen, dass er schon wach ist? Er ist nicht nur vorschnell. Lorin, Penina und diese Muschel da … Es sind Seelen, die ich gefangen habe und an diesen See binde, um mir zu dienen. Seelen von Menschen, die ich getötet und gefressen habe. Darum sind sie jetzt hier, in einer Gestalt, die ich als angenehmer empfinde als die der Menschen.

Und sie bleiben hier. Sie werden meine Grenzen nie wieder verlassen.“

„Du hältst sie gefangen“, verstand Una mit Schrecken. „All die sprechenden Seebewohner waren Menschen und du lässt sie nicht gehen?“

„Ich bin der Herr vom See.“

Ein grausamer Herr, dachte sie. Und sie sollte auch eine so grausame Kreatur werden. Resigniert verlor sich Unas Starrsinn. Sie saß mit den anderen Seelen in diesem Gewässer fest.

„Wie du siehst, müssen wir beide warten“, war er genauso wenig erfreut.

Sharik schwamm ein paar kräftige Züge in Richtung Graben.

Ob er sich wieder schlafen legen will?

Doch sie lag anscheinend falsch, denn er erteilte den drei verlorenen Seelen direkte Befehle: „Sucht ihr einen Platz, wo sie mir nicht in die Quere kommt. Ich sehe noch kurz nach der Quelle, dann werde ich oben bleiben. Fangt schon mal mit den Arbeiten an. Trommelt alle zusammen. Es gibt immer viel zu tun.

Die Göre soll mitmachen, solange sie hier gastiert. Vielleicht verliert sie dadurch ihre hässliche Menschengestalt.“

„Wird gemacht, Herr“, sagte die Muschel.

„Wer warst du gleich noch mal?“

„Ich bin Arnold.“

„Ah ja“, meinte Sharik gedehnt, „hatte dich vorhin vergessen.“

„Hab ich gemerkt, Herr.“

Eine Entschuldigung kam dem Wassermann nicht in den absolutistischen Sinn. Jählings verschwand er wieder in der Tiefe seines Lochs.

Una atmete erleichtert durch.

„Bist du in Ordnung?“, fragte Penina, die mit ihren Freunden auf sie zu schwamm.

Es war seltsam, die drei Geschöpfe anzusehen und sich vorzustellen, dass sie eigentlich einmal menschlich gewesen waren. Sie und alle anderen sprechenden Tiere. Männer und Frauen. Er machte auch vor Kindern nicht Halt. Sie alle waren Sharik zum Opfer gefallen und musste ihm nun dienen. Als Blutegel und Wasserfloh.

„Ich sagte ja, das wird keine große Romanze“, stichelte Lorin den Fisch. „Er ist nicht der Typ für solche Gefühlsgeschichten.“

Da gab Una ihm voll und ganz recht. Sharik war keineswegs ein normal fühlendes Wesen. Natürlich nicht. Wie sollte etwas, das kein Mensch war, jemals wie einer fühlen? Sein Herz musste kalt und tot sein, wie das jeder Leiche in diesem verfluchten See.

Er war eine Bestie.

Seine Krallen strichen über den Schädel. Schwarz war dieser, von Torf gefärbt. Wie der Rest des Skelettes. Trotz der Finsternis fasste er zielsicher jede Rippe. Jeden Wirbel. Jeden gewaltsam gebrochenen Knochen.

„Menschen“, knurrte Sharik hasserfüllt.

4

Ein neues Zuhause

„Was zum Geier ist sein Problem?“

Una war außer sich.

Zwar hatte sie bereits mit ihren Begleitern das Gebiet des Grabens verlassen und war wieder in den belebten Algenwald, ins Licht, eingetaucht, dennoch kam sie noch immer nicht von Shariks permanenten Beleidigungen los. Wenn ein Junge – ein ganz normaler Junge – sie so angegangen wäre, hätte der sein blaues Wunder erlebt.

Zu blöd, dass er ein Monster ist …

„Was hab ich ihm getan? Der nörgelt in einer Tour! Und wenn er nicht nörgelt, ist er ein arrogantes, egoistisches, aufgeblasenes Ar-“

„Na ja, er ist nur mürrisch nach dem Winterschlaf …“, versuchte Penina ihren Zorn zu schlichten. „Niemand wird gern von schlechten Nachrichten geweckt. Erst recht nicht, wenn es sich dabei um Einbruch handelt.

Du hast ihn heute auf einem schlechten Stand erwischt. An und für sich ist er -“

„Er kann schon ein Mistkerl sein“, sprach Lorin es aus, jedoch ohne Hintergedanken. „Bei ihm hilft kein Schönreden, Nina. In erster Linie hasst er Menschen und ihre Gesellschaft. Gesellschaft im Allgemeinen. Und in zweiter Linie hasst er alles, was nicht nach seinem Kopf geht.“

„Er ist halt eben schon lang allein mit sich“, stimmte Arnold zu, „da wird jeder etwas … schrullig.“

„Warum nehmt ihr ihn in Schutz?“, fragte Una patzig.

„Tun wir doch gar nicht!“, antworteten die drei wie aus einem Mund.

„Und ob!“, pfefferte sie zurück. „Ihr verteidigt ihn, obwohl er ein bösartiger Killer ist! Er hat euch alle getötet, oder? Ihr seid Menschen gewesen und er hat euch ertränkt! Warum? Mit Einsamkeit hat das bestimmt nichts zu tun. Dieser See ist voller Leben und doch bringt der reihenweise Leute um! Er hat eure Seelen versklavt! Lasst ihr euch das gefallen?“

„Du kannst es natürlich so schwarz-weiß sehen“, meinte Arnold gelassen und blubberte wie ein kleines Geschoss an einer der Ruinen vorbei.

Vielleicht waren alle Menschen, die einst hier gelebt hatten, in Tiere verwandelt worden. Zig gefangene Seelen, die ihrem eigensinnigen Schlächter selbst nach dem Tod noch gnadenlos ausgeliefert waren. Una wollte nicht verstehen, weshalb sich ein intelligentes Wesen wie der freie Mensch dermaßen aufgeben konnte.

„Zu Beginn waren wir alle traurig und wütend auf den Herrn“, gestand ihr Penina ehrlich, „wie du. Er hatte uns aus dem Leben gerissen, klar! Wir mussten auch Freunde und Familie zurücklassen und dabei zusehen, wie unsere Körper von ihm zerrissen und verschlungen wurden …“

„Das war echt kein Anblick, Unalein“, lockerte Lorin das Thema vergeblich auf.

„Das ist widerlich!“, schüttelte sich das Mädchen.

Die Karausche seufzte. „Letztlich ist es aber so, dass wir uns damit abgefunden haben.

Was sollten wir auch anderes tun? Unsere Menschenkörper waren nun mal nur Fleisch und als Fische und Frösche können wir schlecht unsere Verwandten wiedersehen. Die würden unsere Worte gar nicht verstehen.“

„Abgesehen davon sind viele von denen selber schon tot“, gab Arnold ihr zu verstehen. „Nimm mich zum Beispiel.

Mich hat der Herr vor gut hundertzwanzig Jahren ertränkt, als ich zu nah am Ufer fischte. Damals war ich ein vierfacher Familienvater, aber heute sind meine Frau und Kinder längst verstorben. Von irgendwelchen Enkeln oder Urenkeln weiß ich nichts und die wissen sicher auch nichts von mir. Maximal bin ich noch als Name im Ahnenbuch verzeichnet.

Mein Leben außerhalb des Wassers ist vorbei, aber ich lebe jetzt in diesem wunderbaren See, habe hier neue Freunde gefunden und mich eingelebt. Ich bin als Geist so lange lebendig wie der See selbst, und wenn alles gut geht, lebt jeder von uns noch hundert Jahre weiter. Oder mehr.“

„Als Muschel“, spottete Una enttäuscht. „Ist das die Erfüllung deines Lebens? Hättest du nicht lieber deine Enkel aufwachsen sehen wollen? Mit deiner Frau alt werden?“

„Versteh mich nicht falsch, ich liebte meine Frau“, gestand ihr Arnold aufrichtig. „Und gern wäre ich mit ihr alt geworden. Aber es sollte nicht sein.“

„So sparst du dir das Altenheim und Enkel, die dich bloß besuchen kommen, um Knete abzustauben“, tätschelte Lorin ihm die Außenschale.

„Aber er hat euch umgebracht!“, versuchte es Una nochmals, obwohl ihr langsam die Argumente fehlten. „Euch alles genommen und von den Menschen weggerissen.“

Des Frosches Miene wurde ernst und er lachte bitter auf. „Pah, Menschen! Du bewertest das Menschsein noch ganz schön über. Daran ist echt nichts Ehrenwertes, ganz im Gegenteil.

Ich bin Sharik gar nicht sauer, weil er mich von den Menschen weggeholt hat. Ich bin als Tier zehnmal glücklicher.

Wer ich war? Vor dreißig Jahren einer dieser Versager am Rande der Gesellschaft. Einer, der besoffen seinen Frust an Schwächeren ausließ. Als Mensch konnte ich mir einbilden, über allen Dingen zu stehen und die Krone der Schöpfung zu sein. Aber eigentlich vernichtete ich nur alles, was mich umgab. Ich warf meine Zigaretten brennend in die Wildbahn, habe Zweige aus Spaß gebrochen, Pflanzen herausgerissen, Tiere mit Steinen beworfen, Autoreifen abgefackelt – weil ich mir keine Gedanken machte, was mein Handeln für Schaden anrichten könnte.

Heute sehe ich meine Fehler ein. Ohne Sharik hätte ich meine eigene Dummheit nie erkannt. Ich schäme mich für das besitzergreifende, selbstsüchtige Ich, das ich als Mensch war.“

Una konnte ihm nicht wirklich folgen. Gut, manche Menschen waren nun nicht gerade mit Umsicht gesegnet, aber das hieß nicht, dass alle schlecht waren. Ansonsten wäre die Amphibie Lorin nicht besser als die überhebliche Menschheit.

Oder verstand sie da etwas falsch?

„Du hast dich gebessert, weil du als Frosch keinen Schnaps mehr trinken kannst“, zog Penina Lorin frech auf. „Betrunken bist du damals in den See gesprungen und der Herr brauchte dich nur noch unten zu halten, bis die Luft aus war.“

„Ähnlich wie bei dir, Miss Pipi“, gab der Frosch es ihr zurück und beide streckten ihre Zungen heraus.

„Na toll“, schnaufte Una missmutig, „schön, wenn ihr euer Ableben so locker seht. Ich würde Sharik nicht in einer Millionen Jahren verzeihen, wenn er es denn gewesen wäre. Dieser andere hat also keine besseren Chancen.

Umso schlimmer finde ich es ja, die Zeit bis zum Sommer mit Warten zu vertrödeln. Das ist noch lange hin und der Platz hier drinnen ist zu begrenzt, als dass ich ihm ewig aus dem Weg gehen könnte.“

„Er hat dir doch erklärt, wieso“, sagte Arnold.

„Und bis dahin ist der Typ über alle Berge – oder Flüsse!“, echauffierte sie sich.

„Bestimmt nicht. Er muss in sein Heimatgewässer zurückkehren, sonst stirbt der Wassergeist. Und das Gewässer ebenso“, verkündete Penina. „Er kann gar nicht flüchten. Du könntest zwar sagen, dass wir Gefangene sind, aber auch die Naturgeister sind letztlich nur an einen Ort gebunden.

Gerade ein Seewassergeist ist wenig flexibel. Ihm gehört nur der Raum seines Wassers, der See, der Weiher, der Tümpel, das Moor. Er kann das Gebiet nur wechseln, wenn er das Reich eines verstorbenen Geistes übernimmt – quasi als Ersatz dienen, bevor das Biotop eingeht. Und selbst dann ist nicht hundertprozentig gewährleistet, ob die Chemie zwischen Geist und Wasser stimmt.

Flussgeister sind ebenso von ihrem Domizil abhängig, aber ein Fluss kann weit fließen. Von der Quelle bis zur Mündung ins Meer können sie reisen und ein Fluss bietet zudem mehreren Geistern ein Zuhause. Sie sind keine verschrobenen Einzelgänger wie die Herren von einem See.

Und die Meergeister leben – wie der Name sagt – im Meer, in Gruppen oder Einzeln. Wegen dem hohen Salzgehalt meiden sie die Flüsse, bis auf wenige Ausnahmen, welche Brackwasser betreten können.

Für alle gilt dasselbe: nie ihr Heim im Stich lassen.“

„Du meinst also, ein Geist kann sterben, wenn er es doch tut?“, war das Mädchen verwundert.

„Selbstverständlich. Alle Existenz hat irgendwann ein Ende, es gibt keine vollkommene Unsterblichkeit.“

„Das heißt“, überlegte Una ernsthaft, „ein Wassermann stirbt … auch wenn er ungewollt irgendwie von seinem Wasser ferngehalten wird … Das wäre das Ende des Sees. Was würde mit euch passieren?“

Die drei blickten sich traurig an.

„Wenn sich nicht bald darauf ein neuer Herr oder eine Herrin finden würde“, wagte Arnold eine Theorie, „und das Gewässer verloren geht, lägen wir alle auf dem Trockenen. Wir würden wohl erneut sterben. Wer weiß, wohin unsere Seelen dann gehen?“

Schweigen stand zwischen ihnen. Wäre es unter Wasser nicht so still, hätte man den Wind in den Baumkronen rauschen hören können.

„Ihr seid wirklich zufrieden mit eurem Leben hier?“, fragte Una nach.

„Natürlich!“, antworteten ihre neuen Freunde überzeugt.

„Und ihr seid überhaupt nicht nachtragend?“

„Nein.“

Seufzend musste sie dies akzeptieren.

Die Wasseroberfläche wellte sich in einer leichten Brise über Unas Kopf hinweg. Wenn sie die Hand ausgestreckt hätte, wäre sie durchgebrochen, wieder an Land und Luft, unter den Lebenden. Jetzt musste es gen Mittag sein. Die Zeit verstrich unaufhörlich. Ihre Schulklasse war bestimmt schon auf dem Nachhauseweg …

Konnte sie es wagen, das Wasser zu verlassen, wenn auch nur teilweise? Oder würde ihr die Haut abfaulen – so als wandelnde Leiche?

Bevor sie es versuchen konnte, hielt sie Lorins Stöhnen von ab.

„Na toll. Hier sieht’s ja aus wie bei Karl-Heinz!“

Was auch immer er damit meinte, Una musste zugeben, dass sie noch nie so viel Abfall auf einmal gesehen hatte.

Das flache Südufer des Sees glich einer Müllhalde. Im Schlamm lagen Glas- und Plastikflaschen, Benzinkanister, Tonnen aus Kunststoff und Metall, Töpfe, Pfannen, Fahrräder, Teller aus Porzellan und durchweichtem Papier, Pappbecher, eine ausrangierte Waschmaschine, Müllsäcke, Einweggrille, Tetrapaks, Zeitungen, Dosen, Autoteile, Bestecke, Kronkorken, Spielbälle und Verpackungen aller Art.

Gab es den Dreck bereits, als Una mit Florian hier gewesen war? Er konnte wirklich von Glück reden, in keine Scherbe getreten zu sein. Bei so viel Schrott war eine Blutvergiftung ja vorprogrammiert.

„Gesammelte Werke, wie?“, versuchte sie einen trockenen Kommentar. „Seit wie vielen Jahren gammelt das Zeug jetzt schon vor sich hin?“

Man warf ihr einen verdrießlichen Blick zu.

„Das, Schätzchen“, begann Lorin, „liegt erst über den Winter. Ansonsten sind wir Geister echt hinterher mit dem Saubermachen. Aber die Menschen produzieren täglich so viel Müll, dass es uns über die Köpfe wächst. Der See ist groß und wir können nicht überall sein.“

Das Mädchen war baff. In nicht mal einem Jahr entsorgten die Leute illegal dermaßen viel Unrat?

„Noch dazu“, klagte Penina und schwamm zu der Waschmaschine, „sind manche Gegenstände zu groß, als dass wir Kleinen sie von der Stelle bewegen könnten. Wir brauchen hierfür Shariks Hilfe. Oder gegebenenfalls deine.“

„Wohin wollt ihr das Zeug denn verlegen?“, fragte Una interessiert.

„Zurück an Land!“, antwortete der Fisch verärgert. „Wenn die Menschen meinen, uns ihren Schund aufbürden zu können, um ihn aus den Augen und Sinn zu haben, schicken wir ihnen das Gelumpe postwendend zurück. Was an Land verrottet, soll nicht unser Problem sein, aber wir dienen denen da oben bestimmt nicht als Müllschlucker!“

Ihre Verärgerung konnte Una freilich nachvollziehen. Es wäre dasselbe, wenn ein fremder Wagen plötzlich im eigenen Vorgarten parken und den grünen Rasen plattmachen würde. Wer würde sich schon darüber freuen?

Aber, wie Lorin schon sagte, es gab Menschen, die sich um solche Belange einfach nicht kümmerten. Hauptsache fort mit der leeren Flasche, dem Eisstiel, der Zigarettenkippe. Danach die Sintflut.

Una schüttelte den Kopf über die Dummheit und versprach: „Ich helfe euch natürlich, das Zeug beiseitezuschaffen.

Doch kann ich eigentlich an Land gehen, um den Müll abzuladen? Ich denke, ich bin tot, oder?“

Wieder unterhielten sich die Freunde schweigend mit Blicken.

„Ja, dein Menschenkörper ist tot“, bestätigte Arnold sachlich, „jedoch bist du kein Mensch mehr, sondern ein werdender Wassergeist. Solange du wieder in das Wasser zurückkommst, in dem du zu Hause bist, kannst du dich auch etwas an Land bewegen. Selbst der Herr unternimmt ab und an Spaziergänge am Ufer.

Es sollte jedoch nicht zur Gewohnheit werden. Wie gesagt, du stirbst, wenn du zu lange fernbleibst.“

Das hatte sie schon verstanden. Trotzdem fand sie, dass sich die Muschel etwas nebulös ausdrückte. Allerdings erhellte ein neuer Gedanke sie gleich wieder: Ich kann an Land leben. Oder besser überleben. Sie war kein erstickender Fisch und kein verfaulter Zombieleichnam.

Ich kann an Land.

„Also dann“, war sie froh gestimmt, entgegen der anfallenden Arbeit, „legen wir mal los.“

„Nicht so hastig“, unterbrach Penina ihren Tatendrang, „da gibt es noch einiges zu bereden.

Lorin, geh du schon mal los und trommle ein paar Freunde zusammen. Wir brauchen hier mehr Flossen und Zangen, um vorwärtszukommen.“

Ohne Murren machte der sich auf den Weg.

„Was gibt es denn noch?“, wollte Una wissen, nachdem der Frosch fort war.

„Nun, wir haben dir zwar gesagt, dass du an Land kannst“, sprach Arnold, „doch das heißt nicht, dass du gehen solltest. Du bist noch nicht bereit dafür.“

„Grob gesagt, es hadert daran, dass du noch nicht gelernt hast, deine Gestalt zu verändern“, vollendete Penina seine Rede. „Noch gröber gesagt: Du kannst nicht zaubern.“

Was sollte sie daraufhin erwidern?

„Du sagtest uns, der Wassergeist, der dich getötet hat, hätte die Gestalt eines Freundes angenommen, um dich zu täuschen“, erinnerte sie die Freundin. „Das ist eine alte Taktik der Geisterwesen. Sie sind nicht von fester Gestalt wie ein Menschenkörper, sondern können Zauber wirken, die sie für andere verändert zeigen.

Kannst du mir folgen?“

„Du meinst, das, was ich sah, war nicht echt“, verstand Una selbstredend. Ganz dumm war sie ja nicht.

„Genau, aber der Wassergeist war da. Er hätte sich für das Menschenauge auch unsichtbar machen können. Oder die Gestalt eines Tieres oder einer Lehrerin annehmen können. Irgendwen, irgendetwas, um von seiner wahren Gestalt abzulenken. Doch du kannst das noch nicht. Du musst es erst lernen, sonst bringst du dich in große Schwierigkeiten.“

„Was für Schwierigkeiten?“, stand gleich die Frage im wässrigen Raum.

Arnold antwortete: „Du kannst dir sicher denken, dass die Leute etwas geschockt wären, wenn sie eine Person sehen würden, die Müll aus dem Wasser an Land schiebt, ohne zu ertrinken? Oder stell dir vor, wie sie auf den Herrn reagieren würden, wenn er sich ihnen in seiner Gestalt als Hecht zeigen würde.

Das ist nicht gut. Man könnte dir auflauern, dich verletzen, gefangen nehmen, an einen Zirkus verkaufen …“

„Es klingt abgedroschen, aber die Menschen sind nicht bereit dafür, andere intelligente Lebewesen neben sich zu akzeptieren“, schloss Penina ab. „Das artet nur in Anfeindung und Kampf aus. Menschen gegen Monster, denn das bist du letztlich für sie.“

„Ich bin doch noch -“, wollte Una erwidern, jedoch war es einleuchtend.

„Als du vorhin den Herrn gesehen hast“, sagte Arnold, „war dein erster Gedanke zu ihm sicher auch, er sei ein Monster, oder? Etwas Nichtmenschliches. Wir sind sprechende Tiere. Das erweckt in Menschen ebenfalls Ekel. Ihr haltet es für unnatürlich, krankhaft. Dabei sind die Elementargeister das Natürlichste der Welt.

Ironisch, nicht?“

Wahrscheinlich.

Una bekam leichte Kopfschmerzen. Es war wirklich ein ermüdender Tag.

„Also kann ich euch gar nicht helfen, diesen Müll aus dem See zu schaffen? Die Menschen könnten mich dabei sehen“, schlussfolgerte sie. Ihre frisch gewonnene Euphorie verpuffte.

Penina nickte, jedoch gab sie auch Hoffnung: „Solange du unterhalb der Oberfläche bleibst, kannst du die Dinge an Land werfen. So müssen wir es auch handhaben, weil wir nicht aus dem Wasser kommen. Alles Weitere werden wir Sharik überlassen müssen. Er wird sich unsichtbar für die Menschen machen. Und in der Dämmerstunde ist auch meist niemand mehr am Ufer, um neugierig zu werden, wieso der Abfall von selbst wieder aus dem Wasser kommt. Kleinigkeiten sind ja unauffällig, aber die großen -“

„Hallo Nina! Hi Arni!“, rief plötzlich ein kleiner Flusskrebs, der des Weges kam. Er winkte ihnen mit der Schere und fasste kurz darauf eine treibende Plastiktüte, um sie mit anderem Gerümpel zu füllen. Dem Krebs folgten andere Tiere nach; Wasserkäfer, Schnecken, Muscheln, aber auch Fische aller Art, vom zierlichen Stichling bis zum großen Karpfen. Lorin zog eine Meute von Molchen und Fröschen mit sich. Man unterhielt sich lebhaft und bald war das Wasser erfüllt vom Klang der unterschiedlichsten Stimmen.

So viele Seelen, die halfen, ihr Zuhause zu säubern.

„Jetzt können wir beginnen“, verkündete Penina und zwinkerte Una verschmitzt zu.

Una half, so gut sie konnte. Zuerst hatte sie Probleme, genug Schwung durch das Wasser zu bekommen, um den ganzen Dreck durch die Oberfläche an den Strand werfen zu können, doch mit etwas Übung gelang es ihr mit dem ganzen Pfannen- und Topfkram fertig zu werden. Messer und Gabeln waren dagegen schon einfach.

Als sie das Fahrrad packte, es schleuderte und nach draußen warf, stieß sie selbst etwas durch die Grenze nach oben. Wind legte sich auf ihre Haut und ihre Ohren hörten das Vogelgezwitscher der Amseln.

Es waren bloß wenige Sekunden, denn sie tauchte sofort ab, aus Angst, von jemandem entdeckt zu werden, der unbedacht vorbeikam. Zufällig ein Polizist, der nach einer Vermissten suchte. Zufällig Florian, der an sie dachte. Vielleicht auch nur der alte Mann mit seinem Dackel, der sagen konnte: „Moment, war da gerade ein Mädchen im Wasser? Das ist doch verboten!“

Offenbar hatte niemand sie gesehen. Keiner näherte sich dem Ufer oder schlug Alarm.

Es wurde dunkel. Die grüne Tiefe wurde schwärzlich. Die rote Dämmerung der Abendsonne schimmerte durch die klaren Wellen, als Una einen letzten Teller nach draußen warf. Dumpf glaubte sie, ihn an Land zerschellen zu hören.

Die Tiere zogen sich vom Ufer zurück. Alle wünschten ihr eine gute Nacht und gaben Dank für ihre Hilfe. Sie meinten, Una habe gut gearbeitet und sollte sich nun wohlfühlen im See. Una verabschiedete sich von einer Krebsdame namens Valerie und einem Blei, der auf Rüdiger hörte.

Lorin gähnte.

„Für uns war es das erst mal. Morgen gibt es sicher neuen Dreck, das Wochenende steht an“, prophezeite Arnold.

„Und den Rest schafft Sharik allein?“, fragte Una und wies mit den Daumen auf die Waschmaschine und die Fässer. Ein alter Teppich war auch dabei. Zwar hatte sie sich selbst daran versucht, doch die Aufgabe als zu schwer empfunden.

„Er ist stärker, als er aussieht“, lachte Penina. „Das kriegt er locker hin.“

„Und was mach ich jetzt?“, war ihre nächste Frage.

„Du kannst dir einen schönen Ort suchen, an dem du die Nacht über schlafen kannst“, schlug ihr Arnold vor. „Du kannst dir ein Bett aus Algen machen. Oder vielleicht finden wir eines Tages eine weggeworfene Matratze, wenn dir das lieber ist. Wenn du manches Weggeworfene gebrauchen kannst, müssen wir es nicht aus dem See schaffen. Du behältst es. Sogar der Herr sammelt die ein oder andere Kleinigkeit.“

Das machte für Una schon Sinn. Sie hatte auch bereits etwas im Blick, als ihr Magen sie plötzlich schmerzlich an etwas sehr Wichtiges erinnerte.

„Ich hab langsam Hunger“, sagte sie. „Und … gibt es hier so was wie eine Toilette?“

Die drei schienen leicht belustigt.

„Ich frag mal den Herrn, ob er noch etwas in Reserve hat“, schmunzelte die Muschel und trieb davon.

Auch Lorin feixte Una zu. „Du weiß aber schon, was du dann isst?“

Ihr kam ein grausiger Verdacht.

„Menschen … -fleisch?“

„Eben!“

Das Mädchen überlegte ernsthaft, ob sie das hinter sich bringen konnte, ohne zu kotzen. Aufgedunsenes Fleisch von irgendeinem armen Ertrunkenen aus dem letzten Herbst. Es war zu widerlich.

„Und was die Toilette betrifft“, fügte Penina hinzu, „nun, halte es, wie in der Natur üblich. Such dir eine Ecke und lass fallen.“

„Darin hat sie Übung“, spottete Lorin und lag mit dem Fisch gleich wieder im Streit.

Möglicherweise war Una verwöhnt von der Zivilisation der modernen Menschen. Selbst in Indien wären die Hygienebedingungen mancherorts für sie eine Zumutung gewesen. Was der grüne See ihr bot, war das Leben eines Wassertiers, ohne Bad und WC, ohne Bett, ohne Fernseher, ohne Smartphone.

Sie atmete tief durch.

„War ein langer Tag für dich“, verstand Penina und sanft streiften ihre Flossen Unas Nasenspitze. „Du bist sicher müde und erschöpft von all den verrückten Dingen, die heute passiert sind. Such dir ein weiches Lager und mach es dir bequem. Wenn du etwas brauchst, kannst du jeden von uns fragen.

Ich werde mich jetzt auch hinlegen. Ich habe da ein hübsches Schlammloch, das ich mein Eigen nenne.“

„Ich hab mir ein Nest aus Wurzeln zu einer Hängematte zusammengebunden“, erwähnte Lorin und gähnte erneut ausgiebig. „War ein aufregender Tag und jetzt ruft die Falle. Bis morgen, Unilein. Nina“, grüßte er knapp und paddelte von dannen.

„Er tut nur so müde“, raunte ihr die Karausche zu. „Er trifft sich abends noch mit einem Moorfrosch und einer Unke, um zu quaken.“

Aha.

Eine der Ruinen sollte es sein, in die Una einziehen wollte. Eine halbwegs menschliche Behausung – ein schlichtes Bauernhaus – wenn auch schon kein Dach mehr vorhanden war und die meisten Mauern Schutthügeln glichen.

Sie fragte Penina, bevor diese aufbrach, ob sie Moose oder Algen nehmen könnte, um eine steinerne Liege damit zu polstern. Die Freundin riet zu Moos, beauftragte einen Krebs für die Arbeit des Abtragens und kurz darauf hatte das Mädchen eine relativ weiche Schlafstätte. Das war aber auch alles.

Es würde Tage oder gar Wochen dauern, bis sie sich eingelebt hatte und noch länger, bis sie sich geborgen fühlte.

Ob sie morgen früh ein paar Pflanzenranken so richten konnte, dass ein Baldachin über der offenen Zimmerdecke entstand? Zwar wäre es auf die Art noch dunkler im Raum, aber sie hätte dann eigene vier Wände. Was könnte sie sammeln, um ihr Reich zu schmücken? Um sich an früher zu erinnern? An das Leben oben … an zu Hause …

Keine Bilder. Keine Fotos.

Irgendwann würde sie vergessen, wer sie war. Wie sie aussah.

Sie dachte an einen Spiegel. Das würde gehen. Aber wollte sie wirklich in das reflektierende Glas sehen, während sie mehr und mehr ein vollwertiger Wassergeist wurde? Ein grässliches, spitzzahniges Ungeheuer mit Fischleib? Wie -

„Brichst du immer noch in Tränen aus?“

Seine unfreundliche Stimme ließ sie zusammenfahren.

Sharik lehnte im leeren Türbogen, die Arme vor der Brust verschränkt. In der nächtlichen Schwärze war er nur schwer auszumachen. Sein plötzliches Auftauchen überraschte Una. Weder hatte sie ihn erwartet, geschweige denn gehört. Sie kam sich vor wie eine Jagdbeute, die sich nicht gegen den lautlosen Räuber der Tiefe wehren konnte.

„Arnold sagte, du hast gut mitgemacht“, sprach er gedehnt. Es klang aus seinem Mund nicht nach einem Lob.

„Ich habe getan, was ich konnte“, entgegnete sie ihm kühl.

Er brummte kurz etwas Unverständliches und kam in den Raum hinein. Una wich vor ihm zurück.

Ihr Bett nahm er kritisch in Augenschein, sagte jedoch nichts dazu.

Dann betrachtete er sie von oben bis unten. Es war ihr sehr unangenehm.

„Du hast dich nicht verändert“, stellte er mit Verachtung fest. Seine langen Finger strichen über den Stoff ihrer Jacke. Die Nägel kratzen darauf. „Und du trägst immer noch dieses Menschenzeugs.“

„Mir ist halt kalt.“

„Blödsinn“, knirschte er mit seinen spitzen Fischzähnen und seine Krallen rissen mit einem blitzschnellen Ruck die Nähte des Anoraks auseinander. Ängstlich zuckte Una weiter vor ihm zurück, bis sie die morsche Mauer im Rücken hatte.

„Einem echten Wassergeist ist nie kalt!“, fauchte er sie an. Sein Tonfall klang vor Wut ganz heiser. Die Nüstern seiner flachen Nase blähten sich, goldene Augen glänzten boshaft im Dunkeln. „Menschen tragen Kleider, weil sie schwach sind gegenüber den Elementen. Sie tragen sie zum Schutz.

Ich muss mich nicht schützen. Und du solltest es auch nicht.“

Ihr furchtsames Herz hätte auf Hochtouren in ihrer Brust schlagen müssen, als sie mit bebender Stimme erwiderte: „Ich bin nicht wie du. Du bist ein Monster.“

Sie hörte den kalten Zorn in seiner Kehle grollen.

„Du hast keine Ahnung, wer das Monster ist“, flüsterte er gepresst.

Augenblicklich wandte Sharik sich von ihr ab, schwamm zum Ausgang. Dünnes Mondlicht beschien seinen grün gefleckten Rücken. Una sackte erleichtert zusammen, froh, nicht mehr seine einnehmende Nähe ertragen zu müssen.

„Arnold sagte auch, du hast Hunger“, bemerkte er, bemüht, eine stoische Ruhe zu bewahren.

„Ich würde ihn eher ertragen, als Menschenfleisch zu essen“, zürnte sie ihm.

„Es wird allgemein dauern, bis ich etwas erjagen kann. So lange hast du Zeit, deine Meinung zu überdenken. Wir haben nicht viele Alternativen“, betonte er eindringlich ihre Zugehörigkeit zu seiner Art, „und ich habe keine Probleme damit, das zu töten, was mich bedroht.

Mach, was du für richtig hältst, aber heule nicht rum“, gab Sharik ihr eine schroffe Abfuhr, bevor er mit einem kräftigen Flossenschlag davonschwamm.

Una ließ sich auf das Bett sinken. Sie fühlte sich hundeelend. Steif zog sie die kaputte Jacke aus, die ihre Mutter ihr vor einem Jahr erst gekauft hatte. Violett mit schwarzen Verzierungen an den Säumen. Sie erinnerte sich an den Laden und wie sie sich gefreut hatte, als ihr Vater sagte, wie schön sie damit aussah …

Und dieser Kerl riss sie auseinander.

Sie würde die Jacke dennoch behalten. Aufbewahren als Erinnerung an ein verlorenes Leben. Der erste Gegenstand in ihrer neuen Wohnung.

Una legte sich hin. Benutzte den Stoff als Kissen.

Es war wirklich nicht kalt.

Trotzdem würde sie nicht so schnell einschlafen können, wie in ihrem richtigen Zuhause.

5

Im Wandel

Es war eine fürchterliche Nacht.

Sie träumte konfuses Zeug zusammen. Eine weiße Riesenschlange hatte sie verfolgt und verschlungen. In ihrem Hals fiel sie wie in einen bodenlosen Schacht. Endlich am Grund angelangt, erwartete sie eine mit Speichel benetzte, fleischrote Grube, gespickt mit Fangzähnen. Die Wände wurden schwarz und goldgelbe Augen öffneten sich in einem schwebenden Schädel, welche sie hasserfüllt ansahen. Ein kalter Schwall Wasser schwemmte das Mädchen davon, eine Gischt aus blanken Knochen, und dann hörte sie die traurigen Stimmen ihrer Eltern, die aus einem grellen Licht heraus Unas Namen riefen.

Als sie erwachte, fühlte sie sich wie gerädert. Ihre Liege war halt nur eine Steinbank. Mit etwas Moos gepolstert.

Hoffentlich entsorgt bald wirklich jemand eine Matratze, dachte sie müde und rieb sich die Augen.

Die Dunkelheit war am Schwinden. Demnach schien oben die Sonne.

Una betrachtete ihre Behausung bei klarerem Licht.

Kein Wunder, dass sie so schlecht geschlafen hatte. Was sie für ein Wohnzimmer gehalten hatte, erinnerte jetzt mehr an einen alten Schweinestall. Am Ende war die karge Liege hier die blutige Schlachtbank. Vielleicht wäre ein Ortswechsel angebracht. Sie sollte den frühen Morgen nutzen, um etwas Angenehmeres zu finden.

Ob Sharik wusste, worauf sie sich gebettet hatte? Wenn ja, hätte er ruhig etwas sagen können. Oder hatte er mit Absicht geschwiegen, um ihr eins auszuwischen?

So ein unsensibler Klotz …

Una packte ihre alte Jacke sowie die Moosdecke und verließ das Schlachthaus.

Im Algenwald war es still. Fische und Lurche schliefen wohl noch und zwischen den Ruinen huschte nichts umher, das sie nach einer gemütlicheren Unterkunft hätte fragen können. Hypnotisierend wanden sich die Pflanzenstängel in der leichten Strömung. Wasserpest versperrte ihr meterhoch die Sicht.

Doch sie erinnerte sich, dass in diese Unterwasserwelt niemand der Schwerkraft gehorchen musste. Somit sprang sie wie ein Frosch auf eine bröckelnde Hausmauer und stieg höher, um sich einen Überblick zu verschaffen. Wie leicht ihr das fiel. An Land hätte sie diese Akrobatik vergessen können. Es fühlte sich wirklich wie ein Spaziergang auf dem Mond an.

Auf dem höchsten Punkt der Mauer angekommen, wagte sie einen weiteren Absprung, quer rüber zu einem anderen Gebäude. Oder das, was davon übrig war. Eine nächste Strecke schwamm sie, weit über dem Boden. Ihr Pullover, der darunter sitzende Schlafanzug und die Jeans blähten und verschoben sich durch die Wassermassen. Ein Badeanzug wäre praktischer gewesen.

Über zehn verfallene Häuser konnte sie zwischen dem wuchernden Grünzeug noch einigermaßen ausmachen. Sie fand sogar eine gusseiserne Glocke wie von einer kleinen Dorfkirche. Treppenstufen, letzte Überbleibsel von gepflasterten Wegen, ein alter Brunnen, alles von Moos und Kraut überwuchert und von Jahrzehnten abgetragen. Oder gar Jahrhunderten …

Im Westen ein Dorf. Und nordöstlich lag Shariks Graben. Ob er dort unten wieder schlief?

War er glücklich, so viel Leid über diese bedauernswerten Menschen gebracht zu haben? Was hatten die Dorfbewohner ihm getan, dass sie seinen Zorn auf sich zogen? Oder hatte er das Dorf aus einer gemeinen Laune heraus vernichtet? Zuzutrauen wäre es ihm. Die Moral „Leben und Leben lassen“ kümmerte ihn nicht.

„Guten Morgen, Una!“, rief plötzlich Penina und die Karausche kam hurtig auf sie zugeschossen.

„Guten Morgen!“, grüßte Una zurück und erschrak sogleich. Ihre Stimme! Sie klang nicht mehr dumpf! Sie war klar und verständlich, wie die der Fische, Frösche, wie die des Wassermanns. Wieso?

„Oh, was seh ich?“, fragte Penina schelmisch und zwinkerte ihr zu.

„Was?“

Wollte sie das echt wissen?

„Du hast dich verändert“, sagte die Freundin, „fühl mal deinen Hals.“

Vorsichtig fasste sich Una an die Kehle. Diese fühlte sich nicht anders an als sonst. Aber Penina würde nichts sagen, wenn alles normal wäre. Sie griff sich an die Seiten, knapp unterhalb der Ohren, wo bei Sharik die Kie-

Oh Gott!

Ihr blieb der Schrei im Hals stecken. Sie hatte es gar nicht bemerkt. Hatte ganz selbstverständlich geatmet, wie immer, ohne zu bemerken, dass ihr über Nacht neue Organe gewachsen waren. Ein schuppiger Kiemendeckel am Hals, dahinter die roten Fasern, eben wie bei Sharik. Wasser strömte in sie ein, Sauerstoff wurde gefiltert. Es geschah ganz von allein, als hätte sie nie eine Lunge besessen.

Hektisch geworden betrachtete sie ihren Körper noch mal genauer – nicht, dass ihr weitere Veränderungen entgangen waren! Hatte sie irgendwo noch mehr Schuppen? Waren ihre Zähne spitz? Hatte sie Schwimmhäute zwischen den Fingern? Algen in den Haaren?

„Was bist du so nervös?“, lachte die Fischfrau ungläubig. „Ist doch völlig legitim, dass dein Körper sich seinem neuen Zuhause anpasst. Das muss dir doch keine Angst machen.“

„Ach nein?“, wurde Una fast hysterisch und ihre Kiemen arbeiteten heftig. „Warst du nicht auch etwas verwirrt, als du plötzlich ein Fisch warst? Aber immerhin warst du es gleich und musstest nicht zusehen, wie du langsam immer menschenunähnlicher wurdest! Es ist ein Unterschied, ob du ins kalte Wasser geschmissen wirst, oder Stück für Stück vorwärtsgehst! Letzteres ist ziemlich quälend!“

„Nun, so hast du aber auch Zeit, dich daran zu gewöhnen“, nahm Penina ihr den Ausbruch nicht krumm.

Diese Geister sind echt durch nichts zu erschüttern, seufzte Una für sich und kam etwas zur Ruhe. Alle Aufregung würde ja nichts bringen. Sie würde eine Nixe werden, daran bestand kein Zweifel. Und die Natur fragte sie auch nicht, ob sie das wollte. Es würde einfach passieren.

„Wie geht es dir denn sonst so an diesem herrlichen Morgen?“, fragte die Karausche fröhlich gestimmt. „Ich glaube ja, heute wird schon ein richtig warmer Frühlingstag.“

Vergisst man alle Sorgen, wenn man schon einmal gestorben ist?

Una atmete erneut durch, hörte auf an ihre Kiemen zu denken und sagte: „Ich suche noch einen guten Platz zum Schlafen.“

„Was ist denn mit dem Haus gestern?“

„Ich bekomme Albträume in Schweineställen“, war ihre knappe Antwort.

Penina zuckte kurz mit der Rückenflosse. „Na ja, okay, verständlich. Aber was schwebt dir denn so vor?“

Eigentlich wollte sie es nicht wissen. Denn wenn sie ihn offenbar nicht kümmerte, wieso sollte sie sich mehr um ihn einen Kopf machen? Dennoch fragte sie: „Wie ist es denn bei Sharik?“

„Im Winter schläft er ja bekanntlich im Graben“, gab Penina ihr freiweg Auskunft, „nah bei seiner Quelle und unbehelligt von jeglicher Art Störung. Ab Frühling haust er auf einem kleinen Hang über dem Graben. Er ist von hohem Laichkraut abgeschirmt und mit Wassermoos gepolstert. Sharik ist halt alt und bereits erfahren in Sachen Bequemlichkeit.“

„Wie alt genau?“

Jetzt schien der Fisch ernsthaft zu überlegen und atmete schließlich durch. „An die … ich glaube, er geht auf die fünfhundert Jahre zu …“

Una pustete kräftig aus.

„Er zählt ja nur die Jahre, er altert doch nicht!“, war Penina gleich alarmiert. Sie befürchtete anscheinend, dass ihre Offenheit den Herrn vom See in ein schlechtes Licht rücken und ihre Meinung über ihn negativ beeinflussen könnte. Zu spät, dafür sorgte er schon selbst.

„Bitte, er sieht ja nicht so aus!“

„Nein, aber er benimmt sich wie ein störrischer alter Knochen“, bemerkte Una unverblümt.

„An seinem Benehmen kann ich nichts ändern“, gab ihr Gegenüber zu, „jedoch, wenn du besser schlafen möchtest, solltest du seinem Beispiel in mancher Hinsicht vielleicht folgen. Du kannst bloß von ihm lernen.“

„Aha. Und wer hat ihm Unterricht gegeben?“

Penina zuckte wieder die Flosse. „Niemand. Ich denke, er hat sich alles selber beigebracht.“

„Auch, wie er Menschen tötet?“, fragte Una ernst.

„Das bestimmt auch.“

„Wie viele hat er auf dem Gewissen?“

„Ich bin mir nicht sicher, ob er da ein Gewissen hat. Hast du eins für jede Kuh, die du gegessen hast?“

Una stöhnte auf. „Du weißt, wie ich das meine! Wie viele Menschen hat er umgebracht?“

„Schwer zu sagen. Rechne mit fünf oder sechs pro Jahr.“

„Na klasse“, schnaufte das Mädchen verdrießlich und betrachtete ihre Jacke. Wie durch weiche Butter waren die Klauen durch den Stoff gegangen. Derart leicht mussten sie auch Knochen und Muskeln zerteilen. So viele Menschen, die gestorben waren … Fast hätte sie gefragt, ob mehr Seelentiere als echte in diesem Gewässer umherschwammen, aber sie wollte das Thema abschließen. Sie wollte nicht mehr von diesem monströsen Massenmörder sprechen …

„Ach ja! War Sharik gestern noch mal bei dir, von wegen Essen?“, ließ leider Penina nicht locker. Irgendwie klang es aus ihrer Richtung so, als hätte der Wassermann sie zu einem romantischen Dinner eingeladen.

Una brummte ein abschätziges: „Ja, war er. Allerdings hat er selber nichts mehr und ich verzichte auch gern darauf, am verfaulten Arm eines Ertrunkenen zu knabbern.“

„Vegan ist für einen Elementargeist aber auch nicht gut. Selbst Dryaden essen das Fleisch von Insekten durch die Wurzeln und Zweige ihrer Bäume. Oreaden essen alles, was in der Erde liegt, die sie umgibt, Mensch wie Tier. Alles, was halt so vergeht.“

„Ich will aber keine Menschen essen!“

„Dann wirst du irgendwann eingehen und sterben“, prophezeite die Karausche ihr das Ende. „Nicht gleich sofort, aber du würdest so keine Hundert werden. Sharik wäre das ziemlich recht. Sein Motto ist dabei ‘Selber essen macht fett.’“

„Ich habe auch nicht um sein Mitleid gebeten. Ich bezweifle, dass er überhaupt welches besitzt“, reagierte Una zornig. Sie hatte keine Lust mehr, mit Penina über ihn zu diskutieren. Dieser naive Fisch würde trotz aller Widrigkeiten immer zu Sharik und seinen Fehlern stehen. Es war, wie wenn man einen eingefleischten Fan davon überzeugen wollte, dass seine Lieblingsmannschaft die letzten Verlierer waren, der aber dennoch drauf bestand, dass sie nur des Pechs wegen am Tabellenende standen.

Ein hoffnungsloser Fall.

Der Tag fing gerade an und Una hatte jetzt schon genug.

Sie schwamm zurück ans Südufer, wo sie gestern mit dem Müll geholfen hatte. Es würde sie abreagieren, noch etwas Dreck aus dem See zu schmeißen. Wenn es dabei irgendwem am Kopf traf, umso besser.

Allerdings war die Uferzone sauber. Da waren keine Maschinenteile und ausgediente Teppiche mehr. Noch nicht mal eine schnöde Bierflasche.

„Toll“, murmelte sie leise.

Eigentlich war es ja wirklich toll. Natürlich musste Sharik den letzten Rest die Nacht fortgeschafft haben. Nachdem er sie angefahren hatte, wollte er wohl selber Dampf ablassen.

Irgendwie hätte sie ihm gern bei der Arbeit zugesehen – nur, um zu lernen, wie ein Elementargeist die Gestalt verändert. Das war aber auch alles. Sie sollte doch von ihm lernen, oder?

Würde er es ihr beibringen, damit sie an Land gehen konnte? Taugte dieser egoistische Kerl denn als Lehrer? Oder musste sie sich selber erziehen? Beobachten und ausprobieren. Fehler machen …

Frustriert setzte sie sich auf einen Stein im Ufersand. Ihr Haar schwebte knapp unterhalb der Wasseroberfläche und Bienen zogen summend auf der anderen Seite über sie hinweg. Sie suchten sicher eifrig die Frühblüher ab.

Una hatte es immer gemocht, die bunten Farbkleckse nach dem langen, grauen Winter wiederzusehen. Es war alle Jahre ein wunderschöner Anblick gewesen. Der Frühling kam. Der Sommer. Ferien.

Könnte sie doch an Land gehen. Könnte sie die Blumen sehen. Die warme Brise spüren. Das Leben hören.

Konnte sie gleich die ganze Stadt verlassen? Schnell mit dem nächsten Zug oder Bus fahren? Zurück nach Hause und nach ihrer Familie sehen? Würde sie sprechen können, dass die Menschen sie verstanden? Konnte sie – jetzt, mit ihren neuen Kiemen – noch ohne Wasser an Land überleben? Hieß es nicht, Sharik ginge auch an Land spazieren?

Wie stellte er es an? Wie sollte sie ihre Gestalt verändern können? Etwa durch reines Wunschdenken? Ich denke, also bin ich? Wie sollte sie etwas anderes sein als ein Mensch? Sie konnte sich in keiner anderen Gestalt vorstellen. Sie würde immer Una sein, selbst wenn sie sich noch so sehr in die Form eines Mannes, eines Kindes oder einer Greisin zwängen würde. Ihr Trugbild könnte dadurch verschwimmen, könnte die Täuschung nicht aufrecht halten.

Und dann wäre sie geliefert.

Sharik würde sie auslachen.

„So eine Anfängerin!“, oder ähnlich würde er sie verspotten.

Ach, was kümmerte sie sein Sarkasmus? Was dieser Wassermann zustande brachte, würde sie auch noch erlernen können. Zeit hatte sie ja genug. Gut, es war ihr vielleicht nicht so in die Wiege gelegt wie ihm, doch würde sie sich nicht so leicht geschlagen geben.

Ihr Magen knurrte.

Sollte sie Algen essen?

Plötzlich sprang etwas durch die Wasseroberfläche. Vier mit Krallen bestückte Pfoten hätten ihr beinahe das Gesicht zerkratzt, als der Hund seinem Gummiball nachrannte. Sein Herrchen pfiff vom Strand aus nach ihm.

Erschrocken wich Una tiefer in den See zurück. Nicht, dass der Mann sie im seichten Wasser sitzen sah. Wie hätte er reagiert, ein Najadenmädchen zu erblicken? Obwohl er scheinbar nur auf sein Haustier achtete, wollte sie kein Risiko eingehen, solange sie sich nicht unsichtbar machen konnte.

„Worauf wartest du?“

Abermals schrak sie auf, als sie mit dem Rücken gegen Shariks Brust stieß. Wie lautlos er sich bewegte … seit wann hatte er sie beobachtet?

Seine goldenen Raubfischaugen richteten sich glänzend auf den Labrador, der im Nass ausgiebig spielte.

„Was -“, flüsterte Una und verstand schließlich rasch.

„Willst du dich üben? Oder soll ich ihn jagen?“

Wieder klangen seine Fragen nicht nach Fragen.

„Fass ihn, bevor ich es tue!“, das hörte Una.

Er will den Hund fressen?

„Alles“, knurrte er in die Richtung seiner potenziellen Beute, „was von außerhalb in meinen See geht, gehört mir. Jedes Leben, das meinen See betritt, ist mein. Und ich urteile über dieses Leben.“

Sharik schwamm in die Uferzone, flach am Boden, sich mit seinen Krallen über die Steine ziehend, lauernd, auf den Labrador zu. Dieser ahnte nichts von der drohenden Gefahr, schnappte vergnügt nach dem Wasser, den Wellen, nach seinem Ball. Tobte ganz unbeschwert. Er tat noch nicht einmal etwas, was den Wassergeist hätte verärgern können. Sein einziges Vergehen war es, Beute zu sein.

Una erkannte, dass der Mensch Sharik ebenfalls nicht kommen sah. Hatte er sich erneut unsichtbar gemacht? Schaute er von außen bloß wie ein gewöhnlicher Fisch aus? Wann hatte er einen Zauber gewirkt?

Der Hund schien nun doch etwas zu wittern. Er stoppte sein Spiel und auch Sharik hielt unter Wasser an. Das Tier wimmerte ängstlich, zog den Schwanz ein und trat rückwärts, raus aus dem Nass, zurück an den Strand, wo sein Herr auf ihn wartete.

„Was hast du?“, fragte der Mensch gleich besorgt und untersuchte das Tier auf etwaige Verletzungen.

Sharik lag regungslos im flachen Wasser. Beobachtete gespannt.

Una konnte sich vorstellen, dass er wütend war. Immerhin war eine ausgemachte Mahlzeit vor ihm geflüchtet. Trotz seiner Launenhaftigkeit nahm sie ihren Mut zusammen und kroch in ähnlichen Bewegungen zu ihm hin. Sie sah, wie der Mensch seinen Hund an die Leine nahm und mit ihm den Trampelpfad zu den Kleingärten ging. Der Mann lachte, ob den treuen Freund ein Fisch gebissen hätte, weil er so eilig aus dem Wasser kam.

Das Mädchen legte sich in den Sand, gut mehr als eine Armlänge von Sharik entfernt.

Er hatte das Kinn auf die Hände gestützt und entgegen aller Annahme, schien er recht gefasst zu sein.

„Hunde sind schwierig zu fangen, auch für mich“, gab er ihr einen Tipp. „Sie haben viel bessere Sinne als Menschen und spüren die Gegenwart anderer Räuber. Wenn du Hunde jagen kannst, schaffst du einen Menschen mit Leichtigkeit.“

„Ich will aber keine Menschen jagen“, sagte sie entschlossen.

„Ich füttere dich auch nicht ewig durch. Nur so lange, bis dieser Eindringling gefunden wird. Dann ist es mir egal, was mit dir passiert.“

„Ist es dir das nicht jetzt schon?“

Sharik schloss die Augen. Seine Kiemenklappen öffneten sich zu einem beruhigenden Atemzug. Luftblasen stiegen an die nahe Wasseroberfläche.

„Du bist die einzige Zeugin“, sprach er leise und sehr beherrscht. „Ich werde dich im Auge behalten. Ich achte auf dein Leben, weil du in meinem See schwimmst. Und ich werde dich beschützen, bis ich nicht mehr für dich die Verantwortung tragen muss. Noch bist du mir keineswegs egal. Das heißt aber sicher nicht, dass ich dich begriffsstutzige Göre in irgendeiner Form akzeptiere.“

Darauf wusste Una nichts zu erwidern. Irgendwie war sie froh, einen Verbündeten zu haben. Andererseits half er ihr bloß aus Eigennutz, nicht ihretwegen. Wie ein Söldner, den sie bezahlte, der sie jedoch verriet, wenn ein anderer mehr bieten sollte.

Na und? Mir ist er auch egal …

Ihr Magen meldete sich in dieser peinlichen Stille zurück.

„Du wirst essen müssen, oder du wirst schwächer. Und du bist jetzt schon schwach. Im Notfall werde ich dich dazu zwingen“, gab er ihr deutlich zu verstehen und machte kurzerhand kehrt ins tiefere Wasser.

Eine Sekunde überlegte Una, was sie tun sollte, dann entschloss sie sich, ihm zu folgen.

Gewiss hätte er ihr davonschwimmen können, doch er tat es nicht. Auch wenn er sie keines Blickes würdigte, ließ er es zu, dass sie in seinem Schatten schwamm.

„Ich fühl mich gar nicht so schwach, wie du sagst, Sharik“, teilte sie ihm mit. „Über Nacht sind mir sogar Kiemen gewachsen wie bei dir. Ich werde also wie du.“

„Ein Monster?“, klang er leicht belustigt.

„Gut, ich werde nicht ganz wie du. Immerhin war ich ein Mensch. Ich werde nicht plötzlich zum Kannibalen.“

„Jetzt bist du keiner mehr“, sagte Sharik gelangweilt, „also ist dein Mitleid für die Menschen umsonst.“

„Sagen wir, ich begegne meiner potenziellen Nahrung mit Respekt“, erklärte sich Una. „Als Mensch habe ich ab und an auch der Tiere gedacht, die für mein Steak oder die Wurst starben. Ich bin auch sehr tierlieb gewesen und vertrat die artgerechte Haltung von Nutztieren. Bio, wenn dir das was sagt.“

„Dann münze das auf die Menschen um“, knurrte er und schaute sie erstmals über die Schulter direkt an. „Die Menschen leben in ihrer gewählten Weise artgerecht und deshalb sollte es dich nicht allzu sehr kümmern, wenn wir für unser Überleben den ein oder anderen essen. Wenn es dir bei Menschen nicht so leichtfällt wie bei Tieren, zeigt mir das nur, dass du die Arroganz besitzt, Tiere niedriger als Menschen einzustufen.

Gott erhob den Menschen über das Tier? Schwachsinn. Ich beweise den Umkehrschluss und stutze die Menschheit für ihre Anmaßung gegenüber der Natur zurecht. Alle Lebewesen sind gleich, nur sind manche Jäger und andere Futter.“

„Oh“, konnte sich Una den Sarkasmus nicht verkneifen, „bist du jetzt die Rache Gottes?“

„Nein, ich folge meiner Natur, Dummkopf.“

„Penina sagte, du tötest bis zu sechs Menschen im Jahr.“

„Mehr oder weniger. Solange du bei mir bist, wohl Ersteres.“

„Sie sagte auch, dass du fast fünfhundert Jahre alt bist“, setzte sie fort, „folglich hast du um die dreitausend Menschenleben auf dem Gewissen. Hunde und andere Tiere nicht mitgezählt. Stört dich das nicht?“

„Nein.“

Er schlug einen Haken. Una kam kaum nach. Im trüben Wasser erkannte sie etwas später, dass, wenn sie weiter geradeaus geschwommen, gegen die steile Uferwand geprallt wäre. Shariks Augen mussten hervorragend an die dünnen Lichtverhältnisse angepasst sein.

Werde ich auch irgendwann so gut sehen können?, fragte sich Una.

„Hör zu“, befahl Sharik resolut. „Ich hasse die Menschen und habe gute Gründe dafür. Du wirst mich nicht dazu bringen können, Reue für meine Taten zu empfinden oder diese rückgratlosen Kreaturen im Wert zu steigern. Dir selbst machst du es bloß unnötig schwer, wenn du noch an ihnen hängst.

Ich schätze, du vermisst deine Familie. Menschen essen wäre so, als würdest du deine Eltern essen. Doch in den Toten solltest du nicht mehr sehen als in einem Schweinebraten. Oder einem Grillhähnchen.“

„Du bist herzlos!“, sprach sie empört. „So was kann nur einer sagen, der keine Familie hat!“

„Findest du?“ Er lächelte wieder boshaft. „Obwohl ich ein Wesen der Anderswelt bin, denke ich realistischer als ein ehemaliger Mensch. Witzig, nicht?“

Schnell vollführte er eine totale Wendung, packte Una fest an den Handgelenken und zog sie nah an sich heran, dass das Mädchen mit überraschtem Blick in sein wie aus weißem Stein gemeißeltes Gesicht starrte.

„Ich lasse mich nicht von einem Unwissenden belehren. Du wirst mich nicht umstimmen“, raunte Sharik ihr bissig ins Ohr. „Täglich beobachte ich das Ufer. Bisher ist es mir nicht gelungen, doch irgendwann wird jemand in mein Gebiet seinen Fuß setzen. Ich hoffe, es ist ein Mensch. Eine Frau. Ein Kind. Ich werde diesen Menschen ertränken, seine Knochen brechen, ihm die Gedärme rausfetzen. Und du wirst sein Fleisch essen.

Keine Diskussion. Keine Widerworte. Mein Reich, meine Regeln.

Verstanden?“

Una wollte sich gegen ihn wehren, doch sein Griff war zu stark. Sie wollte mit den Füßen nach ihn treten, aber seine Schuppen waren wie ein Panzer. Sie wurde zur Furie, wollte kratzen und beißen – jedoch richtete sie gegen ihn nicht das Geringste aus.

„Du schwaches, kleines Ding“, lachte er dunkel und zeigte ihr die scharfen Fischzähne. „Du bist nichts gegen mich. Hilflos. Also tu, was ich sage, wenn du nicht sterben willst.

Ich kann dich beschützen. Doch nicht vor mir.“

Sein Griff an den Handgelenken wurde so mächtig, dass Una endgültig einsackte. Ihm nachgab. Schluchzend ließ sie den Kopf hängen und flehte gepresst: „Es tut mir leid! Entschuldige! Ich tue, was du sagst! Bitte lass mich gehen! Du tust mir weh!“

„Ich bin der Herr dieses Sees. Vergiss das nie.“

Endlich ließ Sharik sie los und kehrte sich von ihr ab, wie ein Pfeil schwimmend, unmöglich zu verfolgen.

Ihre wunden Gelenke gegen die Brust gedrückt, sank Una hinab, in eine grün bewachsene Mulde aus Sand und Schlamm. Die Pflanzen umschlossen sie wie ein Schutzwall und ihre Tränen vermischten sich ungesehen mit Wasser. Wie in ein Vogelnest gebettet, wollte sie sich zusammenrollen und weinen.

Unerträglicher wurde die Sehnsucht nach der Oberwelt, je mehr sie an diesen Mann dachte. Dieses Ungeheuer. Ihr Wächter. Ihn, dem sie nicht entkommen konnte, ohne nochmals den Tod zu erleben.

Wie sollte dieser Albtraum nur ausgehen, wenn sie nicht erwachen konnte?

„Herr?“

„Nerv nicht!“

Sharik wollte mit niemandem reden. Oder über jemanden.

Aber natürlich würde es Gerede geben, und es war ihm völlig klar, um wem es sich dabei drehte. Das Mädchen hatte sich schnell Freunde gemacht – wie auch immer sie das geschafft hatte – und diese Freunde gingen ihm nun auf den unsterblichen Geist!

All die Jahre war es so schön ruhig gewesen. Niemand hatte ihn gestört, niemand hatte ihn belästigt oder sein Handeln infrage gestellt. Keiner begehrte gegen ihn auf, keiner war der Meinung, dass er Schlechtes tat und nie pfuschte ihm jemand in irgendeiner Weise ins Handwerk. Alles hatte auf ihn gehört. Ohne Widerrede.

Und jetzt war da die Göre, die nicht mitzog. Die ihm die Ohren volljammerte, wie tragisch es doch um ihr Leben war, wie schrecklich, dass sie ein Fisch wurde, wie grausam es sei, Menschen zu töten …

Bla, bla, bla.

Jetzt fing nicht nur die an zu meckern, sondern sein ganzer in Ewigkeit verdammter Staat! … Wenn auch nicht so penetrant.

Sollte sich dieses Verhalten weiter verschlechtern, würde er jedoch einige Seelen zur Strafe in Strudelwürmer und Polypen verwandeln. Zum Beispiel diese lästige Karausche …

„Herr“, versuchte es Penina im Ruhigen, „warum seid Ihr so gemein zu der Kleinen?“

Gemein, ha!, dachte er und drehte dem Minikarpfen den Rücken zu, um die karge Felswand anzustarren. Er sollte ihr mal zeigen, wie gemein er wirklich werden konnte, wenn ihm jemand zu nah auf die Schuppen rückte und noch dazu mit unsinnigen Anliegen ihn der Ruhe seiner Liegestatt beraubte!

„Ihr wisst doch genau, wie durcheinander und traurig sie ist“, textete ihn der unwillkommene Besuch leiernd zu, „denn es ist schwer, sich von der Oberwelt zu trennen. Ich selbst vermisse so vieles und sie hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Es ist fürchterlich, dass sie so jung gestorben ist.“

„Was du nicht sagst“, knurrte er bissig.

„Verzeihung“, bereute Penina ihre Wortwahl, „ich weiß natürlich, dass -“

„Soll ich sie verhätscheln und ihr zitterndes Händchen halten?“, blaffte er sie wütend an. „Das macht es nicht besser! Ich weiß, dass es ihr schwerfällt! Sie ist nicht wie ich! Ihr haben die oben etwas bedeutet!

Ich kann solche Gefühle nicht nachvollziehen!

Entweder packt sie es oder sie stirbt! Entweder isst sie oder verhungert! Entweder – oder! Das sollte sie langsam mal einsehen! Es ist ihr Leben, nicht meins, also kümmert sie sich drum!“

„Sie ist noch fast ein Kind.“

„Wie alt war sie? Sechzehn, oder? Zu meiner Zeit haben die meisten Weiber in dem Alter schon gekalbt! Red dich nicht raus, sie ist alt genug, um was vom Leben zu verstehen! Dass es nicht einfach ist, weiß jeder und wer seinen Platz nicht behaupten kann, kratzt ab!“, blieb er stur.

Penina schwamm um seinen Rücken herum, um ihm wieder ins Gesicht zu sehen. Gerade das hatte er nicht gewollt. Wahrscheinlich verrieten bereits seine Augen zu viel. Abermals drehte er sich von ihr fort und vergrub sich im Dickicht der Wasserpflanzen.

„Hat sie etwas gesagt, dass Euch verletzt hat?“, hörte er sie trotzdem sanft fragen.

Er hasste es, wenn sie in dieser Form redete. Voller Sorge. Und Mitleid. Hatte er das nötig?

„Sharik“, sagte Penina in einem so widerlich-süßen Ton, dass ihm schlecht wurde. Früher hatte er sich jemanden gewünscht, der ihn auf diese Weise ansprach. Liebevoll wie … – Widerlich! Heute hatte er kein Verlangen mehr nach dieser Rührseligkeit.

Wozu auch? Gefühle machen nur Probleme.

Mit seinen Krallen fuhr er sich über den eigenen Unterarm. Diese Klauen, die Fleisch mühelos in Stücke reißen konnten, kratzten bloß leicht die harten Schuppen, welche seinen grünen Fischleib zierten. Doch das lockere Schaben reichte, um die Erinnerung abzuschütteln.

„Sie sagt viel dummes Zeug, weil sie keine Ahnung hat“, gab er ihr zu verstehen.

„Was daran liegt, dass Ihr Euch niemandem anvertraut“, meinte Penina. „Wenn Ihr es tätet – und sei es auch nur uns gegenüber, so könnten wir immerhin ihr erklären, warum Ihr so … schroff seid. Wie soll sie Euch verstehen, wenn Ihr ihr nur Bosheit entgegenbringt?“

„Dann“, wollte er laut werden, doch stoppte. Sollte er diesen Schritt wagen? Wieso sollte er es wollen? Wegen der Göre? Die konnte ihm doch egal sein. Sobald er den Eindringling hatte, konnte sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Was brachte ihm ihr Verständnis?

„Herr?“

Wieso wollte er, dass sie -?

„Sag ihr“, murmelte er heiser, „dass ein Monster wie ich nur Bosheit versteht. Ich …“ Seine Stimme erstickte einen Moment vor Scham. Ihm fielen diese Worte schwer. Sie wollten kaum aus ihm heraus.

„Ich kenne keine Liebe. Ich habe sie nie gekannt.“

„Oh“, seufzte die Fischfrau traurig und rieb sich an seiner Schulter. „Das tut mir -“

„Lass das!“, fauchte er böse, mehr aus Entsetzen über ihre Zuneigung, und stieß sie daher ruppig fort. Verbarg sich tiefer im Grünen, um aus dessen Schutz zu brüllen: „Verschwinde endlich! Ich hab Hunger, und wenn du nicht bald gehst, fress ich dich!“

Prompt folgte Penina dem Befehl.

Endlich allein. Wie immer. Er war es gewohnt, allein zu sein. Gesellschaft machte ihm mehr Angst. Machte ihn unsicher, nervös. Angreifbar und verletzlich. Die Liebe war ein Stachel in seinem Fleisch, ein schmerzender Dorn, den er loswerden wollte. Jede Empfindung sollte im Keim erstickt werden. Sharik führte das Leben eines jahrhundertealten Dämons. Sein Wesen sollte kalt wie das Wasser sein.

Wieso kam diese lästige Geisel jetzt wieder?

Lasst mich allein.

Seine Hand fuhr durch das grüne Haar. Dort, wo eine Narbe hätte sein müssen.

Vergiss es niemals, ermahnte er sich selbst in seinem alten Hass. Sie tragen alle die Schuld daran. Keine Ausnahme. Keine Vergebung.

Voller Abscheu flüsterte er dieses ekelhafte Wort: „Menschen.“

Una war überrascht, dass Sharik ihr eine Nachricht zukommen ließ.

Den ganzen Vormittag hatte sie in ihrer neuen Zuflucht südlich des schwarzen Grabens verbracht und bitterlich geweint, bis Lorin, Penina und Arnold sie fanden. Die Karausche nahm ihre gequetschten Handgelenke in Augenschein und versprach, mit Sharik zu sprechen. Frosch und Muschel trösteten sie mit alten Kamellen über ihren Kummer hinweg.

So erzählte Arnold, wie einst eine Baufirma der Stadt versucht hatte, den See aufzufüllen, um Baugrund zu schaffen. Allerdings hatten sie die Rechnung ohne den Herrn gemacht, der Arbeiter in die Tiefe zog, Baumaschinen sabotierte und Zauber wirkte, bis die Pläne auf Eis lagen und stattdessen ein Badestrand auf dem Gebiet entstand – was nicht wirklich besser war, aber immerhin ein Teilerfolg.

Lorin trommelte ein paar Frösche zusammen, um Una ein Konzert zu geben. Zumal er zu Arnolds Geschichte die witzigeren Anekdoten lieferte.

Ob diese Heldensage wieder ein Versuch war, Sharik besser dastehen zu lassen, war Una fürs Erste gleich. Sie war froh, von ihren traurigen Gedanken an Zuhause wegzukommen und somit hätten die beiden Totengeister Loblieder noch und nöcher ausgraben können.

Was allerdings Penina bei ihrer Rückkehr berichtete, war mehr als erstaunlich – und das nicht mal für die junge Frau.

„Kocht meine Beine in Suppe! Dass ich so was zu hören kriege!“, entfuhr es Lorin vor Überraschung.

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340 стр. 1 иллюстрация
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9783752902563
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