Читать книгу: «Lost & Dark Places Heidelberg und Mannheim»

Im Brunnenstollen der Bergfeste Dilsberg ist es dunkel und feucht.
Cornelia Lohs
Lost & Dark Places
MANNHEIM & HEIDELBERG
33 vergessene, verlassene und
unheimliche Orte


TOUR 12: Einst Prachtbau der Benediktiner: Michaelskloster auf dem Heiligenberg

TOUR 9: »Ewige Ruhe« im wahrsten Sinne – die Gräber sind für die Ewigkeit.

TOUR 19: Achtung Aussätzige: Der Leprosenstein markierte die Grenze zum Siechenhaus.
INHALT
Vorwort
Verhaltensregeln für Lost Places
33 LOST & DARK PLACES
1Mord am schottischen Schulmeister
Zur falschen Zeit am falschen Ort
2Die Freilichtbühne aus dunkler Zeit
Thingstätte Heidelberg
3Stätte der umgebetteten Gefallenen
Ehrenfriedhof
4Der Weg in den Vorhof zur Hölle
Das ehemalige Gleis 1a
5Die mysteriöse Macht des Heiligen
St. Nikolaus Bildstock
6Ein Schacht voller Rätsel
Das sagenumwobene Heidenloch
7Die Höhle des Einsiedlers
Klause im Dossenheimer Mühltal
8Das vergessene Attentat
RAF-Anschlag auf 4-Sterne-General am Karlstor
9Die verborgene Ruhestätte
Der alte jüdische Friedhof vor dem Klingentor
10Vom Blitz vernichtet
Die Obere Burg
11Die Bürgermeistermorde
Mordsteine im Stadtwald
12Mystischer Kraftort
Michaelskloster auf dem Heiligenberg
13Der eingemauerte Ritter
Handschuhsheimer Tiefburg
14Der unterirdische Gang
Brunnenstollen auf der Burgfeste Dilsberg
15Die grausame Geschichte eines Grabmals
Kirchhof der Peterskirche
16Die sagenumwobene Burgruine Reichenstein
Das Reich des Raubritters
17Der vergessene Brückenkopf
Überbleibsel der Schwarzen Brücke
18Ein vergessener Flecken
Spuren des Dreißigjährigen Krieges
19Zufluchtsort für die Aussätzigen
Gutleuthofkapelle im Stadtteil Schlierbach
20Das Grab des Ersten
Bergfriedhof Heidelberg
21Das unterirdische Mannheim
Tiefbunker im Quadrat E6
22Das vergessene Denkmal
Erinnerung an eine Fehde
23Die Gräber von Sand und Kotzebue
Hauptfriedhof Mannheim
24Mannheimer Hinrichtungen der Nazidiktatur
Lauersche Gärten
25Der vergessene Wasserturm der Gummifabrik
Überbleibsel der weltberühmten Schildkröt-Fabrik
26Die Angst vorm Atomschlag im Kalten Krieg
Atomschutzbunker unter dem Stadthaus N 1
27Der Grabraub
Die kurfürstliche Gruft unter der Schlosskirche
28Der Panzerwald
Verlassene Bunker und Schießanlagen der US-Armee
29Der einsame Pylon
Denkmal zur Einweihung des Mannheimer Industriehafens
30Der Hochbunker
Vom Blockbunker zum Museum
31Die mystische Maulbeerinsel
Urwald am Unteren Neckar
32Die Firmenruine
Opel Kannenberg
33Der Mauerrest
Die vergessene Burg Eichelsheim
Register
Impressum/Bildnachweis

TOUR 21: Manche Räume des Bunkers wirken ganz schön unheimlich.

TOUR 25: Letztes Überbleibsel der einst mächtigen Schildkröt-Fabrik
Ehrenfriedhof Heidelberg: Bei Nebel herrscht gespenstische Atmosphäre.
KAPITELÜBERBLICK
1Zur falschen Zeit am falschen Ort
2Thingstätte Heidelberg
3Ehrenfriedhof
4Das ehemalige Gleis 1a
5St. Nikolaus Bildstock
6Das sagenumwobene Heidenloch
7Klause im Dossenheimer Mühltal
8RAF-Anschlag auf 4-Sterne-General am Karlstor
9Der alte jüdische Friedhof vor dem Klingentor
10Die Obere Burg
11Mordsteine im Stadtwald
12Michaelskloster auf dem Heiligenberg
13Handschuhsheimer Tiefburg
14Brunnenstollen auf der Burgfeste Dilsberg
15Kirchhof der Peterskirche
16Das Reich des Raubritters
17Überbleibsel der Schwarzen Brücke
18Spuren des Dreißigjährigen Krieges
19Gutleuthofkapelle im Stadtteil Schlierbach
20Bergfriedhof Heidelberg
21Tiefbunker im Quadrat E6
22Erinnerung an eine Fehde
23Hauptfriedhof Mannheim
24Lauersche Gärten
25Überbleibsel der weltberühmten SchildkrötFabrik
26Atomschutzbunker unter dem Stadthaus N 1
27Die kurfürstliche Gruft unter der Schlosskirche
28Verlassene Bunker und Schießanlagen der US-Armee
29Denkmal zur Einweihung des Mannheimer Industriehafens
30Vom Blockbunker zum Museum
31Urwald am Unteren Neckar
32Opel Kannenberg
33Die vergessene Burg Eichelsheim
VORWORT
Lost & Dark Places in Heidelberg? Wo sollen die denn bitte sein? Schließlich ist Deutschlands älteste Universitätsstadt als Dienstleistungs- und Wissenschaftszentrum bekannt sowie für den weltberühmten Dreiklang von Altstadt, Fluss und Bergen – ganz zu schweigen von der schönsten Schlossruine der Welt. Industrieruinen und leer stehende, vor sich hin verfallende Gebäude findet man hier nicht. Oder kaum, denn ein Gebäude steht selten für längere Zeit leer, ohne dass es abgerissen wird, um Platz für Neues zu schaffen, wie die nicht sehr lange leer stehenden Gebäude der US Army. Der einzige tatsächliche Lost Place war und ist bisher noch das Anwesen Kümmelbacher Hof in Neckargemünd, das jedoch seit ein paar Monaten bewacht wird und nicht mehr betreten werden darf. Zugegeben, Heidelberg hat vielleicht nicht unbedingt Lost Places im klassischen Sinn zu bieten, aber ganz sicher Orte mit dunkler Geschichte wie historische Mordschauplätze, einen verlassenen Friedhof, der bei Nebel recht schaurig ist, einen Schacht, der Rätsel aufgibt, mysteriöse Bildstöcke und einen eingemauerten Ritter.
Auch in der benachbarten Rhein-Neckar-Metropole Mannheim, immerhin Industriestandort, gibt es kaum Industrieruinen. In der Stadt der kreativen Köpfe und Erfinder (Carl Benz, Karl Draiss, Julius Hatry) werden verlassene Gebäude schnell neu genutzt. Bis auf eines der wenigen, das Sie hier im Buch finden. Statt leerer Gebäude begegnen Ihnen verlassene Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, ein Atombunker aus der Zeit des Kalten Krieges, Munitionsbunker und andere Hinterlassenschaften der US Army im sogenannten Panzerwald, dazu vergessene Denkmäler, die keiner beachtet, grausame Hinrichtungen sowie historische Morde.
Vielleicht bieten die 33 Orte Ihnen Inspiration, Ihre Heimat auf eine völlig neue Weise kennenzulernen. Wenn Sie noch nie in Heidelberg waren, schauen Sie sich anstelle des weltberühmten Schlosses die Thingstätte an oder einen unterirdischen Gang auf dem Dilsberg. Und wenn Sie Mannheim besuchen, erkunden Sie es zur Abwechslung von unten anstatt von oben.
Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Entdecken der Orte und vielleicht auch beim Gruseln an diversen Stätten an nebligen Herbsttagen.

Zeitreise im Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg
VERHALTENSREGELN
FÜR LOST PLACES
1. Behandeln Sie die Orte mit Respekt

Jedes Bauwerk und jedes Gebäude erzählen eine Geschichte aus vergangenen Tagen Dies gilt es zu schützen. Und auch wenn es teilweise nicht so aussieht, aber jeder dieser Lost Places hat einen Eigentümer. Das sollte respektiert werden. Das beinhaltet vor allen Dingen, dass nichts zerstört oder gewaltsam geöffnet wird. Sind Fenster oder Türen verschlossen, sollte das auch so bleiben. Gehen Sie respektvoll mit dem Ort um.
2. Nehmen Sie nichts mit, lassen Sie nichts da

Wenn Sie etwas von einem Lost Place mitnehmen, und sei es noch so klein, ist es Diebstahl. Wie bereits in Punkt 1 gesagt, alle diese Orte haben einen Eigentümer. Daher gilt die Regel: Alles bleibt, wie es ist. Belassen Sie es bei den schönen Einblicken und Fotos, die Sie an dem Ort machen. Gleiches gilt auch umgekehrt: Lassen Sie nichts liegen. Keine Essensreste, keine Kaugummis, keine Kippenstummel.
3. Rauchen verboten

Das bringt uns zum nächsten Punkt: Rauchen verboten. Zollen Sie dem ehrwürdigen Ort Respekt und verzichten Sie für die Zeit, die Sie da sind, auf Rauchen. Kippenstummel brauchen nicht nur 15 Jahre zum Verrotten (sie sollten übrigens nirgends achtlos weggeworfen werden), sondern können schnell ein Feuer verursachen.
4. Keine Graffiti

Dass Sie nichts hinterlassen sollen, gilt auch für Kunstwerke an den Wänden. Man sprüht nicht auf fremdes Eigentum, sei es noch so schön. Lassen Sie die Wände wie Sie sind, sodass Menschen nach Ihnen den Ort so erleben können, wie er früher einmal war.
5. Seien Sie vorsichtig

Vorsicht ist besser als Nachsicht. Das gilt vor allem bei Lost Places. Marodes Holz, verrostete Geländer, einsturzgefährdete Decken, lockere Böden (teilweise befinden sich noch Kellergeschosse darunter), eingeschlagene Fenster – die Liste der Gefahren solcher Orte ist lang. Seien Sie daher immer wachsam. Begeben Sie sich niemals in Gefahr für das eine Foto. Das ist es nicht wert. Treppen und obere Etagen sind eine gängige Gefahrenquelle. Schauen Sie sich den Zustand der Treppe und der Decke genau an. Nehmen Sie auch eine Taschenlampe für dunkle Räume und Keller mit.
6. Gehen Sie nicht allein

Es ist ratsam, immer mindestens zu zweit, besser noch zu dritt, einen Lost Place zu besuchen. Da gilt die alte Regel: Ist eine Person verletzt, bleibt die zweite vor Ort und die dritte holt Hilfe. Zudem weiß man nie, wen man vor Ort trifft. Plünderer, Spinner und besoffene Jugendliche sind auch oft in Lost Places anzutreffen. Da ist es beruhigender, nicht allein unterwegs zu sein.
7. Erregen Sie kein Aufsehen

Da die Lost Places in Privatbesitz sind, gilt auch hier »Betreten verboten«. Auch, wenn das Tor angelweit aufsteht oder ein riesiges Loch im Zaun ist. Ebenso ist es ratsam, sein Auto nicht direkt vor dem Gelände zu parken. Schauen Sie beim Betreten des Geländes auch immer, dass Sie niemand sieht. So vermeiden Sie unerwünschte Begegnungen und mögliche Konfrontationen mit der Polizei.
Ausrüstung

Wir empfehlen Folgendes:
•Festes Schuhwerk, hohe Socken (Schutz vor Zecken)
•Reißfeste Kleidung, ggf. leichte Regenjacke
•Kamera inkl. Zusatzakku, Speicherkarten, Stativ
•Proviant und Getränke (nehmen Sie aber alles wieder mit)
•Kopf- oder Stirnlampe für freie Hände
•Taschenlampe mit weitem Winkel für Keller und dunkle Räume
•Taschenmesser
•Aufgeladenes Handy (ggf. Powerbank)
•Notizblock und Stift
•Pflaster und Taschentücher für Verletzungen
•Mücken- und Zeckenspray
HEIDELBERG

Dachlose Gedenkhalle auf dem Ehrenfriedhof
1
MORD AM SCHOTTISCHEN
SCHULMEISTER
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Auf dem idyllischen Fleckchen Erde zwischen Heiligenberg und Zollstock wurde am 30. Juli 1905 der Lehrer Thomas Read aus Paisley in den schottischen Lowlands mit einem Revolverschuss getötet und ausgeraubt.
Zollstock, Heiligenberg Ort 69121 Heidelberg GPS 49.4290752, 8.7151803 Anfahrt Auto: über die Handschuhsheimer Landstraße/B3, Mühltalstraße und Waldweg zum Wanderparkplatz Heiligenberg und dann zu Fuß weiter. Zu Fuß: über Schlangen- und Philosophenweg bis Heiligenberg

Garantiert passierte der Lehrer vor seinem Tod den keltischen Ringwall.
KEIN GEDENKSTEIN, KEIN KREUZ Nichts erinnert daran, dass hier im frühen 20. Jahrhundert ein Österreicher einen Schotten aus Habgier tötete. Beide waren Reisende und weilten nur kurz in Heidelberg. Dass der gerade 20 Jahre alt gewordene gebürtige Wiener Arnold Sippel an jenem heißen Sommertag zum Mörder werden würde, wusste er am Morgen, als er aufstand, selbst noch nicht. Auch Thomas Reid ahnte wohl kaum, dass dies sein letzter Tag auf Erden sein würde. Der 41-jährige Schotte war am 14. Juli 1905 mit dem Schiff von Leith nach Antwerpen und dann mit dem Fahrrad über Brüssel, Lüttich, Aachen, Köln nach Mainz gefahren und am 29. Juli in Heidelberg eingetroffen. Von hier aus plante er eine Radtour durch den Schwarzwald und wollte dazu am 31. Juli nach Baden-Baden reisen, wie er auf einer Postkarte aus Heidelberg an seinen Bruder in Schottland schrieb. Am Vormittag des 30. Juli verließ er sein Hotel in der Bergheimer Straße und ward danach nicht mehr gesehen. Als seine Geschwister nichts von ihm hörten, schrieb sein Bruder John an den Heidelberger Bürgermeister und bat ihn um Hilfe. Umgehend wurden polizeiliche Ermittlungen und die Suche nach dem Vermissten eingeleitet. Man fand heraus, dass er vom 29. auf den 30. Juli im damaligen Gasthof Rheingold übernachtet hatte und gegen 10 Uhr zu einer Wanderung aufgebrochen war. Wohin, wusste allerdings niemand. Reids Gepäck samt Fahrrad und Fahrradanzug sowie Briefe und Karten befanden sich noch im Gasthof. Warum der Inhaber den verschollenen Gast nicht sofort als vermisst gemeldet hatte, ist nicht bekannt. Die Polizei suchte die Hügel südlich und nördlich von Heidelberg sowie den Schlossgraben ab, jedoch ohne Erfolg. John Reids Familie setzte eine Belohnung von 5000 Mark aus, aber niemand konnte einen Hinweis auf den Verbleib des Lehrers geben.

War der Blick auf Heidelberg das letzte Bild, das Reid sah?
EIN HALBES JAHR VOLLER UNGEWISSHEIT Erst als am 16. Januar 1906 der arbeitslose Schriftsetzer Arnold Sippel in Nago (Trentino) wegen »Bettelns von Haus zu Haus« verhaftet wurde, lichtete sich das Dunkel. Als er im Gefängnis durchsucht wurde, fand man in seinen Taschen den Reisepass Thomas Reids, eine silberne Taschenuhr mit Kette, in dessen Deckel sich ein Zettel mit dem Namen des Uhrmachers in Paisley befand, eine Schifffahrkarte auf Reids Namen, ein englisch-deutsches Wörterbuch, Tagebuchblätter in englischer Sprache mit einer Beschreibung des Heiligenbergs vom 30. Juli 1905 sowie andere Dinge, die Reid gehörten. Sippel behauptete, die Sachen im August 1905 in Straßburg von einem Handwerksburschen erworben zu haben. Er gab zu, vom 24. Juli bis zum 5. August zusammen mit seiner Geliebten Zenzi Mika in Heidelberg gewesen zu sein und behauptete, dort beim Hazardspiel 500 Mark gewonnen zu haben. Dass im fernen Heidelberg ein gewisser Thomas Reid vermisst wurde, war den Österreichern nicht bekannt. Weil sie Sippel aber des Diebstahls an Reids Sachen bezichtigten, überstellten sie ihn ans Bezirksgericht Riva. Da einige der gestohlenen Dinge Reids auf Heidelberg hinwiesen, wandte man sich telegrafisch an die Staatsanwaltschaft Heidelberg, die daraufhin den Amtsanwalt Karl Hellinger zur Aufklärung der Sache nach Riva entsandte.
DIE SACHEN DES VERMISSTEN Mittlerweile hatte die Polizei in Sippels letzter bekannter Unterkunft in Bozen die dort zurückgelassenen Sachen beschlagnahmt. Darunter »Murray’s Diary« in englischer Sprache, Thomas Reids Kleidung, ein Geldtäschchen mit britischem Kleingeld sowie der Revolver, mit dem, wie sich später herausstellte, Reid erschossen worden war. Sippel blieb dabei, dass er alles auf legale Weise in Straßburg erworben hatte. Er wurde ans Kreisgericht Feldkirch überstellt, wo die Voruntersuchung wegen Raubmords eingeleitet wurde. Gleichzeitig leitete man am Badischen Landgericht Heidelberg eine Voruntersuchung gegen Zenzi Mika wegen Hehlerei ein.
DER MÖRDER UND SEINE MITWISSERIN Arnold Sippel, der in St. Pölten und Linz das Druckhandwerk erlernt hatte und danach in einer Druckerei in Linz beschäftigt war, lernte 1904 die dort ebenfalls beschäftigte Zenzi Mika kennen und begann ein Verhältnis mit ihr. Diese soll einen negativen Einfluss auf ihn ausgeübt haben, denn der früher stets tadellose und fleißige Sippel wurde wenig später wegen »Faulheit und frechen Benehmens« fristlos entlassen. Am 10. Juli 1905 fuhr Zenzi zu ihrer Ziehschwester nach Heidelberg, die damals als Kellnerin in der heute nicht mehr existierenden »Wirtschaft zur Philosophenhöhe« arbeitete.
Schon tags darauf machte sich auch Sippel auf den Weg nach Heidelberg und legte den größten Teil der Strecke zu Fuß zurück. Zum Schutz für unterwegs hatte er einen Revolver mitgenommen. Er kam am Abend des 24. Juli in der Neckarstadt an und mietete sich in der Wirtschaft zur Reichskrone ein. In den nächsten Tagen versuchte er Arbeit in einer Buchdruckerei zu finden, blieb aber erfolglos. In seiner Kleidung, die während der langen Reise gelitten hatte, machte er keinen guten Eindruck. Dann plötzlich, am 30. Juli mittags, trug er einen guten Anzug, hatte Geld und zeigte sich spendabel.
Wenige Tage später reiste er mit Zenzi in die Schweiz, wo die beiden 500 Mark, damals ein kleines Vermögen, verjubelten.

Wahrscheinlich wanderte Reid auf diesem Weg zum Zollstock.
DAS MORDGESTÄNDNIS Als kein Geld mehr übrig war, fuhr das Pärchen Anfang November über Bregenz nach Innsbruck, wo Zenzi eine Stelle in einer Buchdruckerei fand. Sippel zog weiter nach Bozen, Zenzi folgte ihm an Weihnachten, kehrte nach dessen Verhaftung im Januar allerdings nach Heidelberg zurück. Dort sagte sie am 14. Februar 1906 vor dem Untersuchungsrichter unter heftigem Weinen aus, dass Sippel ihr bereits am Abend des 30. Juli den Mord an Thomas Reid gestanden hätte. Als der Beschuldigte erfuhr, dass seine Mitwisserin verhaftet worden war, gestand er die Tat – noch bevor er wissen konnte, dass diese bereits gestanden hatte.
Arnold Sippel schilderte die Tat wie folgt: Am Vormittag des 30. Juli 1905 war er über den Schlangen- und Philosophenweg zum Heiligenberg hinaufgewandert und dort auf den Aussichtsturm gestiegen. Als er hinunterschaute, sah er den Schotten am Fuß des Turms auf einer Bank sitzen. Wenig später, beim »Gange zum Zollstock, dort, wo der Weg sich um die Ruine biegt, kam er hinter jenem, der im Baedeker auf einer Geröllhalde sitzend las, vorbei«, so der Bericht in den Innsbrucker Nachrichten. Mordabsichten hatte er da angeblich noch keine. Sippel hielt sich kurz in der Zollstockhütte auf und ging danach wieder Richtung Heiligenberg, wo er Reid erneut begegnete. Die Gegend war menschenleer.
DER TODESSCHUSS Sippel, der einen geladenen Revolver in der Jackentasche hatte, beschloss kurzerhand, den Schotten zu erschießen und ihn auszurauben. Er wartete, bis dieser an ihm vorbeigegangen war, drehte sich um und schoss ihm aus nächster Nähe in den Rücken. Reid »stieß einen Seufzer aus, setzte sich auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken an die Böschung«, so die Schilderung des Mörders, der sich nach dem Schuss im Gebüsch versteckte und sich vergewisserte, dass niemand in der Nähe war. Dann zog er den leblosen Reid in die Büsche, raubte ihn bis auf die Unterwäsche aus und schlüpfte in die Kleidung des Schotten. Den toten Körper bedeckte er anschließend mit Laub. Auf dem Weg hinunter in die Stadt zählte Sippel das geraubte Geld. Es waren »Elf Einpfundstücke, eine Note zu 5 Pfund Sterling, 2 Stück zu 20 Franken, eine Note zu 100 Mark und 10 bis 12 Mark in Silber, zusammen rund 550 Kronen«. Am nächsten Tag kehrte der Mörder an den Tatort zurück, um seine dort zurückgelassene Kleidung zu holen, und am dritten Tag nach dem Mord wollte er sich nochmals vergewissern, ob er auch tatsächlich alles vom Toten mitgenommen hatte, sodass nichts auf dessen Identität hinweisen würde. An welcher Stelle zwischen Zollstock und Heiligenberg der Mord geschah, lässt sich heute nicht mehr eruieren.

Standen ähnliche Wegweiser bereits an Ort und Stelle, als Reid zum Zollstock wanderte?
Alter Grenzstein zwischen den Stadtteilen Handschuhsheim und Neuenheim
DER FUND DES LEICHNAMS Die Heidelberger Polizei fand die Überreste Reids am 6. März 1906 an der Stelle, die Arnold Sippel beschrieben hatte. Laut Gutachten von zwei ärztlichen Sachverständigen hatte die Revolverkugel die Aorta getroffen, was zum sofortigen Tod des Schotten führte.
»Die Tat qualifiziert sich vor dem Gesetze zum Verbrechen des meuchlerischen Raubmordes, auf dem die Todesstrafe steht«, schrieben die Innsbrucker Nachrichten am 7. Juni 1906. Zwei Tage später wurde Arnold Sippel zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt.
Thomas Reids Überreste wurden am 8. März 1906 auf einem Heidelberger Friedhof beigesetzt – auf welchem, ist nicht bekannt.
Das besondere Erlebnis

Wanderung auf dem Keltenrundweg. Auf dem Heiligenberg befinden sich Reste von zwei keltischen Ringmauern, die vor mehreren tausend Jahren rings um die Bergkuppe angelegt wurden. Beide sind nur noch als Wälle erhalten. Der Weg, der durch zwei blaue konzentrische Kreise markiert ist, führt um den Heiligenberg herum und folgt dem Inneren Ringwall. Unterwegs sieht man immer wieder aufgestellte Steine, so zum Beispiel am Weg hinter dem Michaelskloster den Stein mit der Aufschrift »Tor innerer Ringwall«. Hier befand sich in keltischer Zeit ein Zugang zum Berg.
2
DIE FREILICHTBÜHNE AUS DUNKLER ZEIT
Thingstätte Heidelberg
Mit dem Bau der monumentalen Freilichtbühne auf dem Heiligenberg hatten die Nationalsozialisten große Pläne, aber das kulturelle Großvorhaben ging schief. Das Wort »Thing« wurde schon wenige Monate nach der Eröffnung mit einem Tabu belegt und auch sonst verlor man bald das Interesse.
Thingstätte Ort 69121 Heidelberg GPS 49.4239412, 8.7041934 Anfahrt Auto: über die Handschuhsheimer Landstraße/B3, Mühltalstraße und Waldweg zum Wanderparkplatz Heiligenberg und dann zu Fuß weiter. Zu Fuß: über Schlangen- und Philosophenweg
Vor über 80 Jahren Schauplatz von Propagandaveranstaltungen
KULTURERBE MIT DUNKLER VERGANGENHEIT An düsteren Herbsttagen, wenn dunkle Wolken über den Himmel jagen oder Novembernebel den Heiligenberg einhüllt, wirkt die gigantische Anlage mitten im Wald fast gespenstisch. Als Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sie am Abend des 22. Juni 1935 im Rahmen einer Sonnenwendfeier einweihte, sagte er: »In diesem monumentalen Bau haben wir unserem Stil und unserer Lebensauffassung einen lebendigen plastischen und monumentalen Ausdruck gegeben. (…) Diese Stätten sind in Wirklichkeit die Landtage unserer Zeit. (…) Es wird einmal der Tag kommen, wo das deutsche Volk zu diesen steinernen Stätten wandelt, um sich auf ihnen in kultischen Spielen zu seinem unvergänglichen neuen Leben zu bekennen.« Mehr als 20 000 Menschen waren zur Einweihungsfeier gekommen – die Thingstätte sollte danach nie wieder eine solche Menschenmasse an einem einzigen Tag erleben.
THINGBEWEGUNG Die Bewegung ging aus einer Laientheaterbewegung hervor, deren vier Hauptinitiatoren Wilhelm Karl Gerst, Architekt und Journalist, Hans Brandenburg, Schriftsteller, Hanns Niedecken-Gebhard, Regisseur und Carl Niessen, Theaterwissenschaftler, mit dem Nationalsozialismus ursprünglich nichts am Hut hatten. Ihr Ziel war es, das Freilichtspiel als Volkstheater wiederzubeleben. Niessen prägte den Begriff »Thingspiel« in Anlehnung an das Wort »Thing« – so nannten die Germanen ihre Volksversammlungen unter freiem Himmel. Gerst gründete Ende 1932 den »Reichsbund für deutsche Freilicht- und Volksschauspiele« und fand nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wenige Wochen später einflussreiche Förderer, allen voran Joseph Goebbels, der von der »Thing-Idee« so begeistert war, dass er reichsweit gleich 400 Thingstätten plante. Dabei dachte er weniger an Freilichtspiele als an gigantische Propagandaveranstaltungen. In Heidelberg, wo Goebbels 1922 zum Dr. phil. promoviert worden war, wählte man für den Bau am südlichen Hang des Heiligenbergs einen Platz, der als vermeintliche germanische Kultstätte galt. Einen Beweis dafür gab es nie. Tatsächlich soll sich dort einst eine keltische Großsiedlung befunden haben.
BAU DER STÄTTE Die Grundsteinlegung erfolgte am 30. Mai 1934. Die von Architekt Hermann Reinhard Alker in Form eines Amphitheaters gestaltete Anlage sollte in nur drei Monaten von 1200 Arbeitern des Reichsarbeiterdienstes aus dem Boden gestampft werden. Daraus wurde jedoch nichts. Zum einen kam es aufgrund des felsigen Untergrunds, der Sprengungen notwendig machte, zu Verzögerungen, zum anderen zum Streik der ebenfalls beim Bau beschäftigten Notstandsarbeiter, die sich weigerten, nachts ohne Mehrbezahlung zu arbeiten und 30 Prozent mehr Lohn forderten. Als die Anlage nach zwölfmonatiger Bauzeit stand, umfasste sie 56 schräg ansteigende Zuschauerreihen mit ca. 8000 Sitz- und 5000 Stehplätzen, breite Aufmarschrampen sowie zwei Flaggentürme für Beleuchtung und Ton. Seinerzeit galt die Ton- und Lichtanlage als technisches Wunderwerk und die Heidelberger Thingstätte als schönste und als Modell für weitere Anlagen im Reich. Der Propagandaminister nannte sie eine Stätte des »steingewordenen Nationalsozialismus«. Lange hielt seine Begeisterung allerdings nicht an.

Das verwitterte Gemäuer der Thingstätte

Eingangsbereich hinter der Bühne
Treppen flankieren die alte Bühne.
INSZENIERUNG DES FÜHRERKULTS Die Thingspiele, die aufgeführt wurden, dienten der Propaganda und hatten Titel wie »Das Oratorium der Arbeit« und »Der Weg ins Reich«. Es wurden »völkische Feierstunden« und Fahnenweihen der Hitlerjugend zelebriert, Sonnenwendfeste gefeiert, aber vor allem fanden Aufmärsche und Massenkundgebungen statt, die zur Umerziehung in einen »neuen deutschen Menschen« dienen sollten. Die Massen, die sich die Nationalsozialisten nach der monumentalen Eröffnungsfeier erhofft hatten, blieben aus. Einerseits konnten sich viele für die langatmigen und monotonen Thingspiele nicht begeistern, andererseits bot die Thingstätte keinen Schutz vor schlechtem Wetter und weit und breit gab es nichts, wohin man sich bei Regen, Donner und Blitz hätte flüchten können. Und dass der Weg hinauf ohne fahrbaren Untersatz mühsam war, mag auch eine Rolle gespielt haben. Im Oktober 1935 (in anderen Quellen 1936) belegte Goebbels den Begriff »Thing« in einem Geheimerlass mit einem Tabu und die Thingstätte wurde in »Feierstätte Heiligenberg« umbenannt. Die Thingbewegung fand ein jähes Ende – nach dem Warum traute sich keiner zu fragen und bis heute ist nicht klar, was zum Ende der Bewegung führte. Sonnenwendfeiern fanden bis Kriegsbeginn statt, 1941/42 wurde die Stätte als Flakstellung genutzt. Von den 400 geplanten Thingstätten sollen zwischen 60 und 70 gebaut worden sein, von denen heute nur noch wenige bestehen.
NACHKRIEGSZEIT Nach dem Krieg hatte die Stadt mit der Thingstätte nichts mehr am Hut, die in Heidelberg stationierten Amerikaner um so mehr. Sie veranstalteten auf der imposanten Anlage Jazzkonzerte, feierten Ostergottesdienste und Sonnenwendfeiern. Ab den 1970er-Jahren wurde die Thingstätte auch von den Heidelbergern wieder vermehrt für Konzerte und andere Veranstaltungen genutzt. So fand im August 1970 auf der Anlage ein Open-Air-Festival mit The Wedge und der Krautrockband Guru Guru statt, im Sommer 1987 erklang Beethovens Neunte und im Juni 1995 sang Montserrat Caballé Opernarien. Aufgrund der schwierigen Zufahrtswege und fehlenden sanitären Anlagen war den Konzerten jedoch keine Zukunft beschieden.
FATALE WALPURGISNACHT Seit den 1980er-Jahren zogen in der Walpurgisnacht zum 1. Mai jährlich bis zu 15 000 Menschen hinauf zur Thingstätte und feierten Feste, die von der Stadt zwar nicht genehmigt, aber auch nicht verboten waren. Als Beleuchtung dienten Holzfeuer, was letztendlich zum Verhängnis wurde. Während der Walpurgisfeier 2017 kam es zu einem Waldbrand, was einen Feuerwehreinsatz mit 12 Fahrzeugen und 50 Feuerwehrleuten notwendig machte. Zudem gab es einen Schwerverletzten – ein 25-Jähriger war auf dem Nachhauseweg am Bismarcksäulenweg einen Abhang hinuntergestürzt. Für die Rettungskräfte gestaltete sich die Bergung auf dem unbeleuchteten und unwegsamen Gelände schwierig. Die Stadt zog Konsequenzen, verbietet aufgrund unkalkulierbarer Risiken seitdem Walpurgisfeiern und zäunt die unter Denkmalschutz stehende Thingstätte zur Walpurgisnacht ein, Bewachung inklusive.
Das besondere Erlebnis

Einen Katzensprung von der Thingstätte entfernt liegen die Ruinen des Stephanklosters aus dem 11. Jahrhundert. Der Heiligenbergturm am Rande der Ruinen wurde 1895 aus den verbliebenen Steinen des Klosters gebaut. Von der Aussichtsplattform bietet sich ein herrlicher Blick auf das Schloss, den Königstuhl und ins Neckartal.

Das Eingangstor zu der monumentalen Freilichtbühne
3
STÄTTE DER UMGEBETTETEN GEFALLENEN
Ehrenfriedhof
Die Begräbnis- und Gedenkstätte mitten im Wald ist neben der Thingstätte das zweite monumentale Überbleibsel aus der Zeit des Nationalsozialismus in Heidelberg.
Ehrenfriedhof Ort Promenadenweg, 691117 Heidelberg. GPS 49.3937577, 8.6975733 Anfahrt Auto: über den Steigerweg. ÖPNV: Bus 39 ab Bismarckplatz bis Haltestelle Bierhelderhof, dann ca. 900 Meter zu Fuß

Die runde Gedenkhalle führt zum Waldfriedhof.
WOHIN MIT DEN GEBEINEN? Kaum hatte man im Neuenheimer Feld mit der Planung und Erschließung eines neuen Zentralfriedhofs begonnen, brach wenige Monate später der Erste Weltkrieg aus. So bestattete man auf dem halbfertigen Friedhof zunächst ausschließlich die in hiesigen Lazaretten verstorbenen Soldaten sowie Heidelberger, die an der Front gefallen waren und nun in ihre Heimatstadt überführt wurden. Bei Kriegsende zählte der Friedhof knapp 600 Soldatengräber, darunter auch Franzosen, Russen, Engländer und Italiener. Diese wurden, bis auf die Russen, später in ihre Heimatländer überführt. Nach dem Krieg wurden die Pläne für einen neuen Zentralfriedhof verworfen, denn das Gelände sollte anderweitig genutzt werden. Als in den 1920er-Jahren der Seitenkanal des Neckars sowie das Stauwehr Wieblingen und die Schleuse Schwabenheim entstanden, stieg der Grundwasserspiegel in den ufernahen Arealen in einem Maße, dass auf dem Friedhofsgelände keine Bestattungen mehr stattfinden konnten. Eine neue Ruhestätte musste her, in die man die sterblichen Überreste der Soldaten umbetten konnte. Möglichst eine, die was hermachte. Die Wahl fiel auf den Ameisenbuckel, einen vorgelagerten Hügel am Westhang des Königstuhls, hoch über dem Bergfriedhof. Auf dem ehemaligen Friedhofsgelände im Neuenheimer Feld wurde im November 1934 der Heidelberger Zoo eröffnet – Haupteingang und Tor des Friedhofs wurden bis heute beibehalten.
BAU DER MONUMENTALEN BEGRÄBNISSTÄTTE Geplant war ein neuer Soldatenfriedhof bereits 1925, aber bis man endlich einen geeigneten Standort gefunden hatte und sich einig war, waren in Deutschland politisch neue Zeiten angebrochen. So kam es, dass der Heidelberger Gemeinderat im Mai 1933 den Bau des ersten Ehrenfriedhofs im nationalsozialistischen Deutschland beschloss. Dazu wurde an der höchsten Stelle des dicht bewaldeten Ameisenbuckels eine breite, rechteckige Waldschneise geschlagen – allein die Rodungsarbeiten dauerten mehrere Monate. Für die Anlage des Friedhofs wurden 8500 Quadratmeter Rasenflächen angelegt und mehrere hundert Bäume gepflanzt. Die Grab- und Ehrenmäler, Mauern und Bodenplatten entstanden aus Buntsandstein, der vor Ort gewonnen und verarbeitet wurde. Die ca. 450 Meter lange, streng symmetrische Anlage, die als Aufmarschgelände konzipiert wurde, endet in einer apsisartig vorspringenden Aussichtsterrasse zum Tal, auf der ein monumentaler sarkophagähnlicher Steinblock steht. An dessen Front prangte seinerzeit ein Hakenkreuz, das nach dem Krieg entfernt und durch die Worte »Zum Gedenken an die Opfer von Kriegen, Gewalt und Unrecht in aller Welt« ersetzt wurde.

Gräber der umgebetteten Gefallenen
AUFMARSCH DER TOTEN Die Überführung der Gebeine von über 500 Gefallenen des Ersten Weltkriegs begann am 28. Oktober 1934, dem Sonntag vor Allerseelen. Bestattet wurden sie entlang der Anlage, die seitlich von je zehn großen Sandsteinblöcken begrenzt wird, auf denen sich die 2132 Namen der Heidelberger Opfer des Ersten Weltkriegs befinden. Die Gräber der umgebetteten Gefallenen liegen hinter den Steinblöcken in je vier Reihen und sind durch Sandsteinkreuze mit Namen, Dienstgrad, Alter und Todesdatum der Soldaten gekennzeichnet. »Wir grüßen die Toten des großen Krieges, wir grüßen die Toten des nationalsozialistischen Deutschlands. Ihre Leiber gehören der Mutter Erde, ihr Geist gehört unserem jungen nationalsozialistischen Deutschland«, so Gauleiter Robert Wagner bei der Einweihungsfeier.

In dem Sandsteinblock sind Namen gefallener Soldaten eingraviert.
1940 plante man eine Erweiterung des Friedhofs, die allerdings erst nach dem Krieg in Angriff genommen und im Waldgelände südwestlich der Anlage angelegt wurde. Der neue Teil des Ehrenfriedhofs, der über 800 umgebettete Soldaten beherbergt, wurde im August 1953 eingeweiht. Zum Waldfriedhof führt eine kreisrunde Gedenkhalle ohne Dach aus Sandstein mit einem Relief des Erzengels Michael, der mit einem Drachen kämpft. Die Stadt Heidelberg hielt jahrelang am Volkstrauertag auf dem Ehrenfriedhof eine Gedenkveranstaltung ab mit Vertretern der Bundeswehr, der US Army sowie dem Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer. Die Kranzniederlegungen zum Gedenken an die gefallenen Soldaten beider Weltkriege finden seit ein paar Jahren auf dem Bergfriedhof statt.
Das besondere Erlebnis

Schauen Sie sich auch den Bergfriedhof an, der unterhalb des Ehrenfriedhofs liegt. Der parkähnliche, 1844 eröffnete Friedhof in Hanglage und mit wunderschönem altem Baumbestand verfügt über ein Wegenetz von über 20 Kilometern Länge. Hier fanden zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte, so Friedrich Ebert, erster Reichspräsident der Weimarer Republik, Chemie-Nobelpreisträger Carl Bosch, der Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler, die Schriftstellerin Hilde Domin und viele andere.

Düster und unheimlich wirkt das Gräberfeld an nebeligen Herbsttagen.
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DER WEG IN DEN VORHOF ZUR HÖLLE
Das ehemalige Gleis 1a
An der heutigen Schwanenteichanlage befand sich bis 1955 der alte Heidelberger Hauptbahnhof. Von hier starteten vor über 80 Jahren Sonderzüge ins Internierungslager Gurs in Frankreich.
Kurfürsten-Anlage (an der Stadtbücherei) Ort 69115 Heidelberg GPS 49.4061913, 8.6886969 Anfahrt Auto: Parkhaus Poststraße. ÖPNV: mit Bus oder Straßenbahn bis Haltestelle Stadtbücherei
Der Klotz am Ende der Schiene symbolisiert die Endstation des Grauens.

DARK PLACE, DIESE IDYLLISCHE GRÜNANLAGE? Nicht auf den ersten Blick. Aber während der dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte begann an diesem Ort für 299 Frauen, Männer und Kinder die Reise in den Vorhof zur Hölle. Am Dienstag, dem 22. Oktober 1940, zwang die Gestapo sie in einen Sonderzug auf Gleis 1a des damaligen Hauptbahnhofs, der die Stadt Richtung Frankreich verließ. Dort, wo sich das besagte Gleis befand, steht heute ein Gedenkstein, vor dem sich Schienen und Gleisschotter befinden. Die exakte Lage von Gleis 1a konnte mithilfe des städtischen Vermessungsamts festgestellt werden.
DEPORTATION Im Rahmen der »Wagner-Bürckel-Aktion« wurden am 22. und 23. Oktober 1940 über 6500 Menschen jüdischen Glaubens aus Baden und der Saarpfalz in das französische Internierungslager Gurs deportiert. Mit Stiefelgetrampel und lautem Klopfen erschienen in den frühen Morgenstunden Gestapobeamte an den Haustüren jüdischer Bürger und forderten sie auf, das Nötigste zu packen und sich innerhalb einer halben Stunde zum Abtransport bereit zu machen. 50 Kilogramm Gepäck und 100 Reichsmark durfte jeder mitnehmen. Die Menschen wurden zur Sammelstelle auf dem Marktplatz gebracht, wo sie Wohnungsschlüssel aushändigen sowie Kontovollmachten und Verzichtserklärungen unterschreiben mussten. Die Wohnungen wurden von der Gestapo nach Wertgegenständen durchsucht und versiegelt. Was diese sich nicht selbst aneignete, wurde später öffentlich versteigert. Sieben Sonderzüge nach Frankreich starteten an diesem und am nächsten Tag in Baden, einer davon in Heidelberg auf Gleis 1a. Drei Tage lang rollten die Züge nach Oloron-Sainte-Marie am Fuß der Pyrenäen. An der dortigen Bahnstation wurden die Menschen auf Lastwagen verladen und ins Lager »Camp de Gurs« gebracht, das von den Franzosen im April 1939 zunächst zur provisorischen Unterbringung von spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen errichtet worden war. Zwischen April und Ende August 1939 waren mehr als 24 500 Spanier im Lager untergebracht, von denen die meisten nach Lateinamerika emigrierten. Ab Mai 1940 wurden französische Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschafter und »unerwünschte« Ausländer, darunter auch Hannah Arendt, in Gurs interniert.

Das Denkmal steht dort, wo früher Züge ratterten.
GURS – DER VORHOF ZUR HÖLLE Das Lager auf einem Hochplateau rund 50 Kilometer vor der spanischen Grenze bestand aus 400 schlichten Holzbaracken von 24 Metern Länge und 6 Metern Breite, die pro Unterkunft Platz für 60 Menschen boten. Möbel gab es keine, als Betten dienten Strohsäcke. Als die Deportierten aus Baden und der Saarpfalz im Oktober 1940 im Lager ankamen, goss es in Strömen. Das Areal glich einem riesigen Schlammloch, die Baracken waren unbeheizt, eiskalter Wind pfiff durch die Ritzen. Für die Menschen begann ein Martyrium. Zu essen gab es nur wenig, viele starben an Unterernährung. Für die meisten Deportierten war Gurs nur eine Zwischenstation – im August 1942 begannen die Transporte nach Auschwitz. Über ein Drittel der aus Heidelberg deportierten Juden fanden in Gurs oder in den Vernichtungslagern des Ostens den Tod, 54 gelang die Flucht aus Gurs, 15 Überlebende kehrten nach dem Krieg nach Heidelberg zurück.
Die nach den Gauleitern Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarpfalz) benannte Aktion war die erste große organisierte Deportation deutscher Juden im Dritten Reich. Wagner und Bürckel brüsteten sich damit, ihre »Territorien« als erste im Deutschen Reich für »judenfrei« erklärt zu haben. Das Mahnmal zum Gedenken an die Deportation der Heidelberger Juden nach Gurs wurde am 30. Juli 2014 eingeweiht.
Das besondere Erlebnis

In der Stadtbücherei gibt es eine kleine Dauerausstellung zur Geschichte der Juden in Heidelberg bis zu ihrer Deportation sowie über das Lager Gurs. Das Regal mit der Ausstellung befindet sich an der Information vorbei links. Dort ist auch »Das Lied von Gurs« ausgestellt. »… In den Basses-Pyrénéen gibt es einen Ort, wo Baracken nur stehen, kein Baum steht dort. Dort kommt nur der hinein, der kein Recht hat, auf der Welt zu sein. Und wer den Ort betrat, den trennt von der Welt dein Stacheldraht …«. Komponist des Liedes war der Österreicher Leonhard Märker, der nach Kriegsbeginn 1939 in Frankreich als feindlicher Ausländer in Gurs interniert wurde und drei Jahre später in die USA emigrierte.
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DIE MYSTERIÖSE MACHT DES HEILIGEN
St. Nikolaus Bildstock
Die vergitterte Statue erinnert daran, dass der Heilige Nikolaus an dieser Stelle im 18. Jahrhundert ein Wunder bewirkt haben soll – sich an anderer Stelle aber durchaus rachsüchtig zeigte.
Oberer Sankt Nikolausweg Ort 69117 Heidelberg. GPS 49.381629, 8.721588 Anfahrt Auto/ÖPNV: über Steigerweg zum Wanderparkplatz Drei Eichen oder Bus 39 ab Bismarckplatz. Dort zu Fuß in nordwestliche Richtung über den Gaiberger Weg zum Oberen Sankt Nikolausweg und zur Statue (ab Drei Eichen ca. 260 Meter)

Seit die Statue geköpft wurde, steht sie hinter Gittern.
DONNER UND BLITZ Wahrscheinlich war Sankt Nikolaus der einzige Heilige, der dem Heidelberger Forstmeister Leonardo Schreiber (1691–1772) in einer Unwetternacht im Wald auf die Schnelle einfiel, als heftiger Donner am Himmel grollte. Denn eigentlich ist der hl. Hubertus Schutzpatron der Jäger und Förster. In seiner Not rief der Forstmeister den bekannteren hl. Nikolaus an und flehte um dessen Beistand, sodass ihn kein Blitz treffen möge. Der Heilige schien ihn zu erhören, denn der Blitz schlug in den Baum unmittelbar neben ihm. Aus Dankbarkeit ließ er an besagtem Ort einen kapellenartigen Bildstock aus Sandstein errichten mit der Inschrift »O Heiliger Nicolaus bitt für uns. Auffgebauet von Leonardo Schreiber. Zu der Zeit Stattforstmeister im Jahr 1747«. Der über 2,60 Meter hohe Bildstock steht am Rand des Sankt Nikolauswegs, der damals noch nicht existierte und erst mehr als ein Jahrhundert später angelegt und nach dem Heiligen benannt wurde.
DIE KÖPFUNG DER STATUE Der Legende nach schlugen zwei Bauernburschen aus Gauangelloch eines Nachts aus Übermut und nicht mehr ganz nüchtern dem Heiligen den Kopf ab. Die Strafe von Sankt Nikolaus folgte im Jahr darauf am gleichen Tag und zur Stunde der Missetat. Der Bursche, der dem Heiligen den Kopf abgeschlagen hatte, fiel auf dem heimischen Hof von der Leiter in der Heuscheuer und brach sich das Genick. Vor lauter Angst, dass ihn eine ähnliche Strafe ereilen würde, beichtete sein Kumpan die Tat vom Jahr zuvor und nannte den Namen dessen, der die Statue geköpft hatte. Es ist nicht bekannt, ob er dafür bestraft wurde. In den folgenden Jahrzehnten soll der Bildstock immer wieder beschädigt worden sein.

Dank steinigem Wegweiser kann man die Statue nicht verfehlen.

Holzskulptur des vom Blitz verschonten Forstmeisters
DAS VERSPRECHEN 140 Jahre später geriet ein Heidelberger Soldat während des Zweiten Weltkriegs an der Ostfront mehrmals in Lebensgefahr. Er rief den hl. Nikolaus an und gelobte, die Statue im Stadtwald mit einem einen neuen Kopf versehen zu lassen, wenn er nur unversehrt wieder nach Hause käme. Das tat er und spendete Geld nicht nur für den Kopf, sondern für eine neue Statue. Diese wurde vom Wieslocher Bildhauer Helmut Waldherr aus einem Sandsteinblock geschaffen, der aus den Trümmern des zerbombten Mannheims stammte. Der neu geschaffene Bildstock wurde im Dezember 1950 von Oberbürgermeister Dr. Hugo Swart eingeweiht. Damit in Zukunft das Haupt des hl. Nikolaus auch tatsächlich dort bleibt, wo es ist, wurde die Nische, in der sich die Statue befindet, durch ein Gitter gesichert. Als im Februar 1990 Orkan Wiebke mit 200 Stundenkilometern durch den Stadtwald fegte und Bäume wie Streichhölzer umknickte, wurde auch der Bildstock unter Baumstämmen begraben. Wundersamerweise blieb er aber unversehrt.
DIE BLITZBANK Gegenüber des Bildstocks, auf der anderen Seite des Weges, steht eine Holzskulptur, welche die Szene der Unwetternacht des Jahres 1747 zeigt. Aus einem Baumstumpf geschnitzt sieht man den Forstmeister Schreiber, der sich verängstigt am Stumpf festhält, während ein hölzerner Blitz in einen niedrigeren Baumstumpf daneben fährt. Die Stümpfe sind durch ein Brett miteinander verbunden, das die Skulptur zu einer Sitzbank macht.
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