Читать книгу: «Trauma und interkulturelle Gestalttherapie»
COLETTE JANSEN ESTERMANN
TRAUMA UND INTERKULTURELLE GESTALTTHERAPIE
IGW-Publikationen
Hg. Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg (IGW)
Institut für Integrative Gestalttherapie Wien (IGWien)
Institut für Integrative Gestalttherapie Schweiz (IGWSchweiz)
Die Reihe wird gemeinsam vom Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg (IGW) und dem Institut für Integrative Gestalttherapie Wien (IGWien) sowie dem Institut für Integrative Gestalttherapie Schweiz (IGWSchweiz) herausgegeben. Die Schwesterinstitute wollen damit im deutschen Sprachraum einen Beitrag leisten zum öffentlichen fachlichen Diskurs unter Gestalttherapeutinnen und Gestalttherapeuten sowie bei gegebenem Thema auch unter Personen, die andere Therapieansätze vertreten. Als Autorinnen und Autoren treten Lehrende und Graduierte der beiden Institute auf, aber auch andere Kolleginnen und Kollegen.
Verantwortlich für die Reihe sind:
Peter Schulthess, Zürich (IGW), und Heide Anger, Wien (IGWien)
Die Autorin
Colette Jansen Estermann, Dr. phil. in Psychologie; in den Niederlanden geboren, drei erwachsene Kinder; von 2004 bis 2012 als Gestalttherapeutin in eigener Praxis, Ausbildnerin und Professorin an verschiedenen Universitäten in La Paz/ Bolivien tätig. Sie ist Mitbegründerin der »Bolivianischen Stiftung für Gestalt-Psychotherapie« (FBPG), Autorin mehrerer Publikationen zu Gestalttherapie, Trauma-Arbeit und Interkulturalität; seit 2013 arbeitet sie als Psychotherapeutin ASP in Luzern / CH.
Colette Jansen Estermann
TRAUMA UND INTERKULTURELLE GESTALTTHERAPIE
Traumatischen Erfahrungen
mit eigenen Ressourcen begegnen
Mit einem Vorwort von Willi Butollo
– EHP 2014 –
© 2014 EHP – Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp-koeln.com
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.deabrufbar.
Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich
Umschlagentwurf: Uwe Giese
– unter Verwendung eines Bildes (Ausschnitt) von Susie Kate (›Melodie‹) –
Satz: MarktTransparenz Uwe Giese, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
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ISBN 978-3-89797-906-2 (Print)
ISBN 978-3-89797-572-9 (EPub)
ISBN 978-3-89797-573-6 (PDF)
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
INHALT
Vorwort des Herausgebers
Geleitwort von Willi Butollo
Ein Wort des Dankes
1. EINFÜHRUNG
1.1 Motivation
1.2 Die Geschichte Boliviens
1.3 Das Umfeld Boliviens
1.4 Interkulturalität
2. DATEN
2.1 Allgemeine Daten zu den Teilnehmern
2.2 Inventar traumatischer Ereignisse
2.3 Prävalenz des Einfachen Psychotraumatischen Belastungssyndroms
2.4 Das Bild von sich und den anderen
2.5 Prävalenz dissoziativer Momente
2.6 Inventar der Ressourcen
2.7 Vorhandene Copingstrategien
2.8 Inventar der Post-Traumatischen Reifung
2.9 Resultate der Varianzanalyse
3. LEBENSGESCHICHTEN
3.1 » Wenn man etwas geschenkt bekommt, soll man auch immer etwas zurückgeben.«
3.2 » Warum verschluckt die Erde mich nicht?«
3.3 » Ich habe mich immer gefragt, ob ich verrückt sei.«
3.4 » Soll dieses Gespräch vielleicht das Verborgene an die Oberfläche bringen?«
3.5 » Stabilität bedeutet für mich Sicherheit durch ausreichende Einkünfte.«
3.6 » Eines Tages möchte ich einen Beruf haben, damit niemand mich auslachen wird.«
3.7 » Als ich damals als Kind Hunger hatte, sagte meine Mutter zu mir: ›Bete‹, und nachher gab es Brot«
3.8 »Mein Vater, Großvater und meine Onkel sagten mir: ›Geh und schau vor dich und hinter dich und auf die Seite.««
3.9 »Alles was geschieht, geschieht aus irgendeinem Grund, sowohl das Gute wie das Schlechte.«
3.10 »Hoffentlich verzeiht meine Mutter eines Tages auch sich selbst.«
3.11 »Die schwierigen Momente haben einen besseren Menschen aus mir gemacht.«
3.12 »Nachher hat uns nichts mehr überraschen können.«
3.13 »In meinem Geist versuche ich zu fliehen, das mache ich oft und das hilft mir.«
3.14 »Ich war mir nicht bewusst, dass ich so viele traumatische Erfahrungen erlebt hatte.«
3.15 »Muss ein Trauma immer eine schlechte Erfahrung sein?«
3.16 »Ich musste mein Studium unterbrechen, was mir schwer fiel, aber mein Neffe brauchte mich und meine Liebe.«
4. THEORIEBILDUNG
4.1 Ein Klima struktureller Gewalt
4.2 Das psychotraumatische Belastungssyndrom
4.2.1 Die Wichtigkeit einer Selbstdiagnose
4.2.2 Das Einfache PTBS
4.2.3 Das Komplexe PTBS
4.2.4 Das Strukturelle PTBS
4.3 Gut Leben: ›Vivir Bien‹, ›Suma Qamaña‹, ›Allin Kawsay‹
4.3.1 Gesundheit versus Krankheit
4.3.2 Die Chance posttraumatischer Reifung
4.3.3 Fließende Kraftquellen
4.4 Eine therapeutische Antwort auf die bolivianische Situation
4.4.1 Transgenerationelle kollektive Traumatisierung
4.4.2 Die heilsame Wirkung gestalttherapeutischer Arbeit in Selbsterfahrungsgruppen
ANHANG
Landkarte Boliviens
Die Original-Fragebögen
Anmerkungen
Literatur
Den Vergessenen dieser Erde
gewidmet
Vorwort des Herausgebers
Bereits in einem früheren Band der IGW-Publikationen in der EHP hat Colette Jansen Estermann in eindrücklicher Weise über ihre gestalttherapeutische Arbeit in Bolivien berichtet (Anger/Schulthess 2008). Sie zeigte dort in einer Fallstudie auf, wie Armut die Quelle von Traumatisierung sein kann bzw. dass strukturelle Gewalt in einem Land zu Traumatisierung und traumatisierendem Gewaltverhalten führen kann. Die Bereitschaft, die Verbindung von gesellschaftlichen Verhältnissen und individuellem wie kollektivem psychischem Leiden zu reflektieren, beeindruckte mich schon damals und ist meines Erachtens genuin gestalttherapeutisch (vgl. Schulthess/Anger 2009). Wenn man Psychotherapie nicht bloß als Verfahren zur Symptomreduktion versteht, sondern als Verfahren, dass den Erkenntnisansatz verfolgt, dass psychisches Leiden nicht einfach anlagebedingt »aus den Genen« entsteht, sondern immer auch als ein Produkt sozialer Interaktion unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen zu verstehen ist, kommt man nicht umhin, die historische und aktuelle gesellschaftliche Situation in einer Kultur (auch der eigenen, nicht nur in fremden Kulturen) mitzureflektieren und zu beachten.
Die Autorin dieses Bandes geht diesen Weg sehr konsequent. Sie reflektiert die geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Fakten Boliviens, um als Therapeutin besser zu verstehen, was sie im Hier-und-Jetzt in diesem Land für psychische Leidenszustände antrifft. Als Gastdozent im Rahmen der im Aufbau begriffenen Gestalttherapieausbildungsprogramme in La Paz hatte ich die letzten drei Jahre zwei Mal Gelegenheit, mir selbst ein Bild über die gesellschaftliche Realität und die subjektiven Leiden, insbesondere auch der indigenen Bevölkerung, zu machen. Die Verbindung von Reisen und Lehren in Form von therapeutischer Arbeit erlaubte einen guten Einblick auch in das Thema dieses Buches. Es ist offensichtlich, dass viele Menschen durch Gewalt und Entbehrung traumatisiert sind. Als PsychotherapeutIn kommt man nicht umhin, sich mit den Entstehungsbedingungen zu befassen und die stützenden Ressourcen zu entdecken und weiter auszubauen, um in solchen Verhältnissen nicht zu verelenden, sondern die Kraft zum Wachsen und Reifen zu fördern, auch wenn »Heilen« in der Traumatherapie ein schwieriges Ziel ist.
Das Buch gliedert sich in vier Teile: Im ersten Kapitel erfolgt eine Einstimmung in die Geschichte und Kultur Boliviens. Im zweiten Teil wird eine wissenschaftliche Erhebung an Studierenden an vier Universitäten zur Verbreitung und Art der auffindbaren Traumatisierungen in übersichtlicher Form wiedergegeben. Im dritten Teil folgt eine Sammlung von Fallgeschichten, die das empirisch gefundene Datenmaterial anschaulich illustrieren. Im vierten Teil schließlich erfolgt eine theoretische Einbettung und Diskussion der vorangegangenen Teile, welche ihrerseits zu weiterer Theoriebildung anregt.
Es ist in der gestalttherapeutischen Literatur selten, dass empirische Forschungsmethoden angewendet werden, persönliche Falldarstellungen vermittelt sowie eine reflektierende Einbettung in die gestalttherapeutische Theorie und Praxis unter Einbezug des aktuellen Wissensstands der Traumatherapie sowie soziologischer und politischer Aspekte publiziert werden. Der Autorin ist diese Verbindung in ganz besonderer Form gelungen.
Im Sinne eines Beitrags zu einer interkulturellen Gestalttherapie zeigt sie auch, wie gestalttherapeutisches Herangehen, Verstehen und Handeln recht gut zur andinen Lebenshaltung und Erkenntnisweise passt. Dies ist eine Einschätzung, die ich aus meiner (noch bescheidenen) Lehrtätigkeit in dieser Kultur teilen kann. Oft haben europäische GestalttherapeutInnen wenig im Bewusstsein, wie sehr sich die Gestalttherapie gerade in Lateinamerika verbreitet hat und ein anerkanntes Therapieverfahren darstellt im Unterschied zu manchen europäischen Ländern. Das weist auf eine hohe Kompatibilität hin.
Dass Gestalttherapie sich so weit verbreiten konnte, nicht nur in den westlich geprägten Kontinenten wie Europa, Amerika und Australien, sondern auch und ganz besonders in Lateinamerika, Osteuropa und Asien, darf nicht einfach als neuer westlich-angelsächsisch geprägter Kolonialismus taxiert werden. Die Verbreitung hat wohl genuin mit der gestalttherapeutischen Haltung und ihrem wertschätzenden, phänomenologischen und beziehungsorientierten menschlichen Zugang zu anderen Kulturen zu tun. Die Autorin zeigt in diesem Band Parallelen zwischen gestalttherapeutischer Haltung und Erkenntnistheorie mit denjenigen der andinen Kultur auf. Als Reihenherausgeber, der zudem selbst in verschiedenen Kulturen lehrt, fühle ich mich, auch aufgrund der Erfahrungen so vieler in unterschiedlichen Kulturen lehrenden GestalttherapeutInnen (gerade an den drei Schwesterinstituten, die diese Reihe gemeinsam herausgeben), dazu angeregt, dieses Thema weiterzuführen – zum Beispiel in einem weiteren Band mit transkulturellen Überlegungen.
Peter Schulthess, Zürich im Winter 2013
Geleitwort
Ist die Gestaltpsychotherapie, die bekanntlich in abendländischen Kulturräumen (Europa, Südafrika, USA) entstanden ist, in der Lage, auch in anderen kulturellen Kontexten Fuß zu fassen und sich auf den Grundlagen der einheimischen Wissenstraditionen und Weisheiten weiterzuentwickeln? Dieser Frage, die in letzter Zeit auch hinsichtlich der ostasiatischen und osteuropäischen kulturellen Kontexte vertieft wird, geht die vorliegende Arbeit am Beispiel Boliviens nach. Die Autorin Colette Jansen Estermann, die selbst über sechzehn Jahre in den Anden gelebt hat und die andinen Weisheitstraditionen und Kulturformen aus nächster Nähe kennt, ist der festen Überzeugung, dass der Gestaltansatz gerade für die andine Kultur und deren philosophischen Hintergrund eine ausgezeichnete Form der Psychotherapie ist, da sie holistisch ausgerichtet und nicht logozentrisch verfasst ist.
In Trauma und interkulturelle Gestalttherapie versucht die Autorin auf der Grundlage eines breit angelegten Forschungsprojekts zu zeigen, dass nicht nur die Erfahrung und Art von Traumata, sondern auch deren Verarbeitung kulturell bedingt sind. Die vor allem im abendländischen Kulturraum der sogenannten »Ersten Welt« erarbeiteten Diagnostikverfahren und Symptomatiken vermögen einem völlig anderen kulturellen und sozialen Kontext, wie es der bolivianische eben ist, nicht gerecht zu werden. Deshalb braucht es der Autorin zufolge eine kreative interkulturelle Theoriebildung, wofür sie im vorliegenden Buch die ersten Grundlagen und Perspektiven aufzeigt.
Unter den wichtigsten Befunden zeigt die Autorin auf, dass in einem sogenannten »Entwicklungsland« nicht nur von individuellen und einmaligen traumatischen Erfahrungen die Rede ist, sondern von kollektiven und transgenerationalen Tiefenschichten, die sich aus der gewaltsamen Unterdrückungsgeschichte des Landes erklären lassen. Deshalb führt sie neben dem in der Standardliteratur anerkannten »Einfachen Psychotraumatischen Belastungssyndrom (PTBS)« das inzwischen auch schon viel diskutierte »Komplexe PTBS«, vor allem aber neu auch das »Strukturelle PTBS« ein, das sich beim Umgang mit traumatischen Erfahrungen in Kontexten von extremer Armut, Ungerechtigkeit und Unsicherheit als sehr hilfreich erwiesen hat.
Es ist zu beachten, dass die Autorin konsequent vom »Psychotraumatischem Belastungssyndrom« und nicht etwa von »Posttraumatischer Belastungsstörung« spricht, weil letzteres ein Werturteil beinhaltet, das in einem bestimmten Kulturraum beheimatet ist, und man zudem davon ausgeht, dass die traumatische Erfahrung selbst zu einem Abschluss gekommen ist. Dies ist aber in einem Kontext wie dem bolivianischen nicht der Fall. Außerdem betont sie – aufgrund der kollektiven Traumatisierung des bolivianischen Volkes – den Wert der Eigendiagnostik.
Als weitere kreative Neuerung gilt der Rückgriff auf den vor allem in den Sozialwissenschaften beheimateten Begriff der »strukturellen Gewalt«, der für den Umgang mit traumatisierten Menschen in Bolivien, wie auch in anderen Ländern der sogenannten »Dritten Welt«, von großem theoretischem und praktischem Nutzen ist. Daraus ergeben sich nicht nur interkulturelle, sondern auch sozio-politische Konsequenzen, da die Armut als Form der »strukturellen Gewalt« für kollektive und Generationen übergreifende Traumatisierung von Menschen verantwortlich ist. Zudem zeigt die Autorin auf, dass es einen Umgang mit den Ressourcen und Coping-Strategien gibt, der kulturspezifisch ist und deshalb in einem nicht-abendländischen Kontext einen anderen Stellenwert hat.
Die vorliegende Publikation, die auf der von Colette Jansen Estermann im Jahre 2009 eingereichten Dissertation basiert, ist ein Anstoß zur interkulturellen Sensibilisierung der Psychotherapie insgesamt, vor allem aber der Gestalttherapie und des Umgangs mit traumatischen Erfahrungen. Zudem gehört sie unbedingt zum Hintergrundwissen von EntwicklungshelferInnen und Einsatzleistenden, um die Menschen und deren Verhalten in einem Kontext von Armut und Mängeln besser verstehen zu können. Schließlich ist zu hoffen, dass mit diesem Buch auch im deutschsprachigen Raum eine Diskussion zur interkulturellen Transformation der Gestalttherapie in Gang kommt.
Prof. Dr. Willi Butollo, Ludwig-Maximilian-Universität München
Ein Wort des Dankes
An dieser Stelle denke ich mit Liebe und Dankbarkeit an meinen Mann Josef und meine Kinder Sarah, Rafael und Christian, die mir eine Kraftquelle sind.
Zudem gilt mein Dank meinen ehemaligen Studenten und Studentinnen, die zur ersten Generation von Gestalttherapeuten in Bolivien gehören, da ich nicht nur sehr viel von mir gegeben, sondern auch reichlich viel von ihnen bekommen habe: Ingrid, Jorge, Luis, Danny, Karen, Elías, Roberto, Shirley, Miguel Ángel, Lino, Gloria, Vicky, Jenny, Fabiola, Claudia, Daisy, Germán und Karina.
Schließlich möchte ich mich beim Institut für Integrative Gestalttherapie Würzburg, namentlich bei Werner Gill, für die akademische Unterstützung und bei allen Gestalt-Dozenten und Dozentinnen für ihre Intensivkurse in La Paz bedanken. Ganz besonders möchte ich Peter Schulthess erwähnen, der mein Manuskript gegengelesen hat.
Dieses Buch ist aus tiefer Verbundenheit mit dem bolivianischen Volk entstanden.
1. EINFÜHRUNG
1.1 Motivation
Das vorliegende Buch besteht aus einem Versuch, mitten im Prozess einen Moment anzuhalten, um aus einer gewissen Distanz zu beschreiben, was ich wahrnehme und spüre. Ich werde einzelne Bilder, Gefühle, Erlebnisse und Begegnungen aus meinem Erfahrungsschatz hervorholen, nochmals genau betrachten und dann wieder aufheben. Das Schreiben macht mir Spaß, es ist ein Stück Verarbeitung und meine Art, einer stellvertretenden Traumatisierung vorzubeugen. Zudem gehe ich davon aus, dass meine Befunde den Lesern und Leserinnen1 nützlich sein werden. Es ist mir wichtig, dass die Menschen in Bolivien von den Menschen am anderen Ende der Welt nicht vergessen und in ihrer Andersartigkeit verstanden werden. Dieses Buch ist einerseits das Ergebnis eines Forschungsprojektes zum Thema »Traumatische Erfahrungen und eigene Ressourcen jugendlicher Studierender in den Städten La Paz und El Alto in Bolivien«, das 2009 in eine Dissertation mündete und bereits auf Spanisch herausgegeben wurde (Jansen Estermann 2010). Andererseits beinhaltet es eine Zusammenfassung meiner persönlichen und beruflichen Erfahrungen als Gestaltpsychotherapeutin und Ausbildnerin während einer Zeitspanne von 15 Jahren in Lateinamerika.
Was mich damals bewegt hat, zuerst nach Peru und später nach Bolivien auszureisen, vermag ich nicht eindeutig zu erkennen. Im Nachhinein denke ich mir, dass der Stachel der Ungerechtigkeit und der Hang zum Abenteuer eine gewisse Triebfeder waren. Im Laufe der Zeit kam noch dazu, dass ich mich in Lateinamerika wie ein Fisch im Wasser fühle. Dies hat mit der zwischenmenschlichen Kommunikation zu tun, der Herzlichkeit und Körpernähe. Ich habe niemals erwartet, dass ich in La Paz ein Forschungsprojekt vorantreiben, den Doktor machen, einen Studiengang in ›Psicoterapia Gestáltica‹ aufbauen und eine Stiftung für Gestalttherapie gründen würde. Da kann ich nur staunen und es erfüllt mich eine große Dankbarkeit. Ich gehe davon aus, dass ich im richtigen Augenblick am richtigen Ort war – Kairos. Es waren aber die Menschen in La Paz, die positiv auf mein Angebot reagiert haben. Gemeinsam konnten wir in Übereinstimmung mit ihren Bedürfnissen dies alles erreichen. So haben sich die vereinzelten Puzzleteile des Lebens zu einem wunderbaren Netzgewebe gefügt. Dennoch möchte ich nicht verschweigen, dass die Entscheidung, trotz aller Fremdheit und Frustration über längere Zeit vor Ort weiterzumachen, auch sehr viel Kraft und Ausdauer gefordert hat.
Dieser langjährige Aufenthalt in einem fremden Kulturkreis hat mir aber die einmalige Chance gegeben, meinen unbewussten ›Introjekten‹ auf die Spur zu kommen. Mit diesem gestalttherapeutischen Begriff meine ich meine verschluckten, verinnerlichten Modelle oder anders gesagt, die Regeln, Normen, Vorgaben, geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze in unserer (europäischen) Umwelt (Hartmann-Kottek 2004: 266). Dieser allmähliche Bewusstwerdungsprozess, bei dem ich am eigenen Leibe erfahren musste, dass meine Selbstverständlichkeiten nur manchmal unter ganz bestimmten Umständen gegeben sind, war mühsam und schmerzhaft. So wird ›Freundschaft‹ oder ›Sicherheit‹ im bolivianischen Umfeld anders erlebt, als ich sie vorher gewohnt war. Das Lebensgefühl in Bolivien und die Bedeutung vieler Ausdrücke unterscheiden sich erheblich von denen in Deutschland, Holland oder der Schweiz. Die vorherrschenden Gewohnheiten in Bolivien sind nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders. Gleichzeitig hat die Relativierung und sogar Zerstörung meiner Introjekte sehr befreiend auf mich gewirkt und schließlich zu mehr bewusster Selbstbestimmung geführt.
Der horizontale Dialog nach dem Ich-Du-Prinzip von Martin Buber stellt für mich in diesem interkulturellen Kontext nach wie vor eine spannende Herausforderung dar. Denn erstens sind die Verhältnisse unvorstellbar schräg. Während ich z. B. zu jeder Zeit nach Europa zurückkehren könnte, kann mein Gegenüber höchstens ein Touristenvisum beantragen, vielleicht bekommt er jedoch nicht einmal das. Zweitens bin ich nicht nur in meiner Tätigkeit als Psychotherapeutin, sondern auch als weißhäutige ausländische Frau in Bolivien eine ständige Projektionsfläche. Ob es zutrifft oder nicht: Ich werde hier aufgrund des in den Fernsehserien vermittelten Bildes einer Gringa als reiche, gut geschulte und privilegierte, gleichzeitig naive und sexuell freizügige Person gesehen, die leicht übers Ohr zu hauen ist, zu einem gewissen Vorschussvertrauen oder zu beruflichem Neid Anlass gibt. Drittens passieren immer wieder kleine, ungewollte und gegenseitige Verletzungen im Kontakt. So war die Frage einer unbekannten Person bei einem Fest, wann ich denn wieder fortgehe, wahrscheinlich gar nicht verletzend gemeint, da es in La Paz wegen der zahlreichen Botschaften und NGOs (Non-governamental organizations) von ausländischem Personal wimmelt, das etwa alle drei Jahre ausgewechselt wird.
Obwohl Gestalttherapeuten als Kontaktspezialisten gelten, hinterfrage ich regelmäßig mich und meine berufliche Wirksamkeit in einer Umgebung, die mir wohl immer fremd bleiben wird. Es gibt solche eigenartigen Gewohnheiten und Ausdrücke, die ich auch nach anderthalb Jahrzehnten in Lateinamerika noch nicht ganz verstehe. Zudem gelingt es den Menschen hier ziemlich oft, mich zu überraschen. Folglich gehe ich möglichst offen auf sie ein, hake immer wieder bei einem Wort oder einer Geste nach und bin ständig darauf bedacht, sie nicht zu vereinnahmen. Im Grunde genommen habe ich gerade als europäische Gestalttherapeutin in Bolivien eine spezifische Rolle und Aufgabe. Indem ich nämlich den Menschen zuhöre, ohne mir ein Urteil anzumaßen, ihnen mit tiefem Respekt begegne und mich auf die gleiche Ebene stelle, gebe ich ihnen gleichsam zurück, was die Conquistadores ihnen – neben dem Gold und Silber – weggenommen haben: das Vertrauen in sich selbst, in die eigene Kraft und besondere Fähigkeiten.
1.2 Die Geschichte Boliviens
Das Leben in Bolivien sieht anders aus als das in Europa, es spielt sich unter anderen Bedingungen und Umständen ab. Mir scheint es notwendig, den Kontext gleich am Anfang dieses Buches zu schildern, weil eine Figur ohne klaren Hintergrund nicht deutlich wahrgenommen werden kann – eine Erkenntnis, die aus der Gestaltpsychologie stammt. Ein echtes Verständnis der Resultate des Forschungsprojektes und meiner persönlichen bzw. beruflichen Erfahrungen in Bolivien ist nur aufgrund eines Wissens um dessen Geschichte und aktuelle Gesellschaft möglich. Zahllose Gegebenheiten, heftige Emotionsausbrüche, extreme Meinungen und Konflikte in der Gegenwart,2 die in den Augen eines Außenstehenden völlig unverständlich und irrational erscheinen, lassen sich größtenteils aus der Vergangenheit und dem zeitgenössischen sozio-politischen und wirtschaftlichen Kontext erklären.
Interessanterweise haben die bolivianischen Schulkinder ein Pflichtfach, das inhaltlich unter anderem aus dem Studium der Französischen Revolution besteht, während die Kinder in Europa in der Schule doch eher selten etwas über die Zeit der Militärdiktatur in Bolivien erfahren. Die heutige Regierung hat sich erst neulich zum Ziel gesetzt, das Erziehungswesen und überhaupt die öffentlichen Einrichtungen zu »entkolonialisieren«, wie sie selbst diesen politischen Schritt bezeichnet. In diesem Sinne war ich erstaunt, als ein Mitglied der Forschungsequipe,3 das ich beauftragt hatte, die Geschichte und aktuelle Lage seines Landes zu resümieren, mir eine trockene Abhandlung aufeinander folgender Epochen überreichte. Aus irgendwelchen Gründen hatte er keine einzige der haarsträubenden geschichtlichen Ungerechtigkeiten erwähnt und keinen einzigen der unpatriotischen Präsidenten beim Namen genannt. Wollte er nach einer nicht existierenden Objektivität vorgehen, sich gegenüber den Herrschenden seiner Heimat loyal zeigen oder sich nicht emotional aufwühlen lassen? Hatte er eine Lücke in seinem Geschichtsverständnis oder ausgerechnet diese Fakten einfach ›vergessen‹?
Ich bin mir durchaus bewusst, dass die folgende Darstellung der Geschichte und aktuellen Lage Boliviens subjektiv ist. Selbstverständlich habe ich mich an die Fakten gehalten, wobei ich nicht auf alle Einzelheiten eingehen konnte, sondern besondere Geschehnisse und Sachverhalte herausgenommen habe. Bei dieser Schilderung des Hintergrundes geht es mir darum, in erster Linie einen kurzen historischen Überblick, in zweiter Linie aber auch die jeweilige kollektive Bedeutung und inhärente Gefühlsladung zu vermitteln.
Die Geschichte Boliviens ist von Jahrhunderten langer blutiger Gewalt gekennzeichnet: von der Eroberung durch die Inkas und der darauf folgenden Conquista durch die Spanier, dem kolonialen System, dem Unabhängigkeits- (1809-1825) und Bürgerkrieg (1899), der Revolution von 1952 mit anschließender Agrarreform und vielen Verstaatlichungen, den verschiedenen Militärdiktaturen zwischen 1964 und 1982 mit ihren Staatsstreichen und Massakern bis hin zur Wiederherstellung der Demokratie, den soziokulturellen Aufständen wegen einer unvorstellbaren Hyperinflation, den erzwungenen Umsiedlungen von Minenarbeitern und den rigorosen Privatisierungen mit großer Arbeitslosigkeit.
Die ursprüngliche Bevölkerung wurde seit 1535, der Ankunft von Diego de Almagro in Nuevo Toledo (dem heutigen Bolivien), mit den traumatischen Ereignissen der Conquista konfrontiert. Im Verlaufe der Zeit wurde sie dann in Indígenas (einheimische Urbevölkerung), Criollos (Spanier, die in der Kolonie geboren sind) und Mestizos (Mischlinge) aufgeteilt. In der Vergangenheit standen die Einheimischen immer wieder den Mischlingen und Weißen gegenüber; die Bauern, Minenarbeiter und Gewerkschafter immer wieder den Soldaten und Polizisten, die auf der Seite der herrschenden Klasse standen. Die Bevölkerung wurde andauernd fremdbestimmt, sie wurde missioniert, unterdrückt und ausgebeutet.
Ein Beispiel früher institutionalisierter Ausbeutung der Bevölkerung war die Mita, was auf Ketschua »Arbeitsschicht, Arbeitszeit, Jahreszeit« bedeutet. Sie wurde zur Inkazeit als System der Tributleistung durch Arbeit eingeführt. Die Mitayuq oder Fronarbeiter bekamen keinen Lohn, sondern wurden vom Inka-Staat lediglich verpflegt. Dieser öffentliche Frondienst wurde allerdings später von den Spaniern in verschärfter Form fortgeführt. Diese zwangen nämlich einen erheblichen Teil der indigenen Bevölkerung aus den Dörfern zur Mita. Obwohl das System formal streng reguliert war, beuteten die Spanier die Arbeitskräfte aufs Schärfste aus, insbesondere in den Bergwerken. Das goldene Zeitalter in Europa war nur durch den Raubbau der europäischen Mächte möglich, und die industrielle Revolution im Abendland wurde vor allem auf diese Weise finanziert.
Die Spanier schickten vor allem zahllose indigene Dorfbewohner nach Potosí, einem aufstrebenden Minendorf auf etwa 4.000 Metern Höhe, und zwar ins Innere des Cerro Rico (»Reicher Berg«), auf Ketschua Sumaq Urqu, mit den größten Silbervorkommen der spanischen Kolonialzeit. Die Stadt Potosí hatte damals (17. Jahrhundert) gleichviel Einwohner wie London und übertraf europäische Städte wie Madrid, Paris oder Berlin. Hunderttausende von Zwangsarbeitern, die vielfach nicht einmal aus dem andinen Hochland stammten und trotz der dünnen Luft zu Höchstleistungen unter riskanten Bedingungen angetrieben wurden, kamen dort ums Leben. Wie hoch die menschlichen Opfer tatsächlich waren, ist wissenschaftlich umstritten. Im Jahre 1719 raffte der Typhus allein in Potosí in zehn Monaten 22.000 Menschen dahin. Nach dem Forscher Dobyns starben in den ersten 130 Jahren nach der Ankunft Kolumbus’ etwa 95 Prozent der gesamten indigenen Bevölkerung Amerikas aufgrund des Genozids, unbekannter Seuchen und Erschöpfung (Dobyns 1983). Obwohl in Bolivien genaue Angaben fehlen, haben die Menschen dieses kollektive traumatische Geschehen in Form eines packenden Bildes in Erinnerung. Man erzählt sich hier nämlich, dass man mit dem gesamten Silber, das während der Kolonialzeit aus dem Cerro Rico zutage gefördert wurde, eine Brücke über den Atlantischen Ozean von Bolivien nach Spanien bzw. eine ebenso lange Brücke aus den Gebeinen der Toten, die in den Minen des Berges umgekommen sind, bauen könnte. Dieses Bild mag sehr dramatisch anmuten, dennoch trifft es annähernd die historischen Tatsachen.
In den Kriegen gegen Chile (1879-1883) und Paraguay (1932-1935) sowie in den Grenzverhandlungen mit Argentinien, Brasilien und Peru war Bolivien immer wieder der Verlierer.4 Innerhalb eines Jahrhunderts hat das Land über die Hälfte seines Grundgebietes – zum Teil reich an Salpeter, Kupfer und Kautschuk – an die umliegenden Staaten abtreten müssen. Zahlenmäßig verlor Bolivien seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1825 1.265.188 Quadratkilometer, sodass das nationale Territorium heute noch 1.098.581 Quadratkilometer beträgt. Der sogenannte Pazifikkrieg (1879) mit Chile ist im Bewusstsein der Menschen noch immer verankert, da den Kindern im Geschichtsunterricht beigebracht wird, Chile als Erzfeind zu betrachten und den verloren gegangenen Meereszugang von Chile zurückzufordern. Hinsichtlich des sogenannten Chacokrieges (1932-1936) erinnern sich viele Bolivianer daran, wie ihre Großväter oder Großonkel von dieser Hölle erzählt haben. Dieser für ganz Amerika größte und blutigste Krieg des 20. Jahrhunderts fand in einer Steppen- und Sumpflandschaft statt. Während der Grabenkämpfe kamen auf bolivianischer Seite etwa 55.000 und auf paraguayischer Seite 40.000 Soldaten durch Kugeln, Malaria oder Wassermangel ums Leben.5 Paraguay verdoppelte sein Staatsgebiet, aber die vermuteten Bodenschätze stellten sich als fiktiv heraus. Die Hoffnung Boliviens, via Río Paraguay einen Zugang zum Atlantik zu ergattern, nachdem es den Zugang zum Pazifik verloren hatte, erfüllte sich so nicht.
Zudem wurde die bolivianische Bevölkerung regelmäßig von der eigenen Regierung – das heißt von Vater Staat – verraten, weil diese den nationalen Interessen zuwider einen Kurs persönlicher Bereicherung und des Ausverkaufs der Bodenschätze fuhr. Bei den Grenzverhandlungen mit den Nachbarländern Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Peru zog Bolivien immer den Kürzeren; entweder aus Eigennutz der Verhandelnden, Inkompetenz oder Identifikation mit dem ausländischen Gewinner. Im Standardwerk der Geschichte Boliviens6 werden die Präsidenten Achá, Melgarejo, Morales und Daza, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Land regierten, als »jähzornig, griesgrämig und wenig vorbereitet« (Mesa 2003: 417) beschrieben. In Bezug auf Mariano Malgarejo (1820–1871) wird ein klares Urteil gefällt: »Aber in Wirklichkeit war die Akzeptanz dieser neuen Grenzlinie und die Aufteilung der Reichtümer, welche eine Übergabe der Gewinne aus Mejillones an Chile und an reiche ausländische Geschäftsleute bedeutete, ein unverzeihlicher Fehler der Regierung von Melgarejo.« (Mesa 2003: 431). Im Volksmund wird oft – ohne jeglichen erkennbaren Gefühlsausdruck – erzählt, wie dieser unpatriotische Präsident den enormen Landesteil Acre im Tausch gegen ein weißes Pferd Brasilien geschenkt hat.7
Wenn man sich in die Geschichte Boliviens vertieft, bekommt man leicht ein Gefühl der Unwirklichkeit. Mir persönlich fällt es jedenfalls schwer, die unglaubliche Ungerechtigkeit und Brutalität und die schroffen Gegensätze ernst zu nehmen. Es ist aber noch schwieriger, zu diesen Fakten Stellung zu nehmen, die Wut, Ohnmacht und Fassungslosigkeit auslösen. So gab es z. B. den Präsidenten Gualberto Villarroel López, der während seiner Amtszeit von 1943 bis 1946 einerseits gewisse Sympathien für den Nazi-Faschismus hegte und andererseits weitreichende Reformen durchführte, wie etwa die staatliche Anerkennung der Gewerkschaften. Im Jahre 1946 wurde er von regierungsfeindlichen Massen, die den Palacio Quemado (»Verbrannter Palast«, die Bezeichnung für das Regierungsgebäude in La Paz) stürmten, ermordet. Seine Leiche wurde von einem Balkon geworfen und an einem Laternenpfahl gegenüber des Palasts aufgehängt. Seitdem wird Villarroel als el presidente colgado (»der aufgehängte Präsident«) von der Mehrheit der bolivianischen Bevölkerung als Märtyrer und Held angesehen.
Eine andere historische Merkwürdigkeit ist die Existenz enormer Latifundien, mit anderen Worten Ländereien unbeschränkter Größe im Besitz einer einzigen Person. Der Großgrundbesitz wurde zwar mit der Agrarreform von 1953 offiziell abgeschafft; inoffiziell gibt es jedoch noch immer Besitztümer mit 50.000 bis 100.000 Hektar Land, vorwiegend im östlichen Tiefland Boliviens. Angesichts der etwa 650.000 Familien mit kleinsten Parzellen, die weniger als einen Dollar pro Tag einbringen,8 ist diese Situation innerhalb ein und desselben Landes kaum vorstellbar.
Die demokratische Staatsordnung ist in Bolivien verhältnismäßig jung. Die Zeit der Militärputsche und Diktaturen ist im Gedächtnis der über 30 Jahre alten Bolivianer noch immer in Form bestimmter Einzelheiten und Bilder anwesend. Die jüngere Generation weiß durch Hörensagen davon. Regelmäßig wird auch wieder der Ruf nach einer solch starken Hand laut. Die Generäle Barrientos, Torres, Bánzer, Natush Busch und García Meza kreierten durch systematische Verfolgungen und Verdächtigungen in den Sechziger- und Siebziger-Jahren des 20. Jahrhunderts ein Klima der Angst. Dabei ist zu bedenken, dass der von ihnen ausgelöste Terror nicht nur die politisch Inhaftierten, Gefolterten, Verschwundenen und Ermordeten selbst, sondern auch ihre Familien, Kumpanen und Nachkommen betraf. Während in Europa ausführlich über das Schicksal der Verschwundenen in Chile und Argentinien berichtet wurde, scheinen die Informationen über die Tragik der von der bolivianischen Diktatur Verfolgten irgendwie untergegangen zu sein.
René Barrientos Ortuño, der von 1964 bis 1969 das Land regierte, paktierte mit den Bauern und legte sich mit den Minenarbeitern an. Mithilfe der CIA wurde unter seinem Oberkommando Ernesto Che Guevara ermordet und der Guerilla eine vernichtende Niederlage zugefügt. Die Zahl der Opfer seiner Diktatur war besonders hoch; nach Amnesty International wurden nur allein zwischen 1966 und 1968 etwa 3.000 bis 8.000 Menschen durch die Todesschwadronen ermordet. Übrigens kam Barrientos selbst im Alter von 50 Jahren unter seltsamen Umständen bei einem Helikopterunfall ums Leben.
Hugo Bánzer Suárez, der einer deutschen Familie entstammte, war von 1971 bis 1978 der militärische Diktator Boliviens und von 1997 bis 2002 dessen (demokratisch gewählter) Präsident. Während der Militärdiktatur unterdrückte er jede Form von Opposition und verbot später sogar alle politischen Aktivitäten. Dieser Diktator scheute sich keineswegs, brutale Gewalt einzusetzen, wobei er vor allem gegen die politischen Parteien – sogar seine eigene – und Gewerkschaften vorging. Er bekam die Unterstützung der USA, und in Einklang mit deren Außenpolitik versuchte er, den Koka-Anbau in Bolivien9 auszumerzen, sodass vielen Kokabauern ihre Existenzgrundlage entzogen wurde.
Luis García Meza Tejada war ein weiterer berüchtigter Diktator der Republik Bolivien. 1980 putschte er sich mit Unterstützung des argentinischen Geheimdienstes an die Macht und errichtete ein grausames Schreckensregime. In den 13 Monaten seiner Herrschaft wurde die Bevölkerung massiv unterdrückt und mehrere Tausende von Menschen wurden von der bolivianischen Armee getötet. Das bekannteste Opfer war der prominente Abgeordnete Marcelo Quiroga Santa Cruz, welcher kurze Zeit nach dem Putsch auf nie geklärte Weise verschwand. Quiroga war Chefankläger und Initiator des Prozesses gegen den ehemaligen Diktator Bánzer wegen Verletzung der Menschenrechte und Misswirtschaft. Das Regime García Mezas war tief in den Drogenhandel verstrickt und wurde von den Drogenkartellen mitfinanziert. Zudem war es korrupt, unterschlug die Tagebücher des Che Guevara und andere Wertsachen, und verkaufte sie gegen einen guten Preis. 1981 trat Präsident García Meza unter starkem internationalem Druck – namentlich der Reagan-Administration – zurück. Nach seinem Rücktritt verließ er das Land und floh nach Brasilien, von wo er aber später ausgeliefert wurde. Wegen ernsthafter Verstöße gegen die Menschenrechte wurde er zu einer 30-jährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Diese Strafe sitzt er auch tatsächlich ab (eine löbliche Ausnahme im bolivianischen Kontext), obwohl er zurzeit in einem Krankenhaus liegt.
Die seit 1982 schnell wechselnden demokratischen Regierungen konnten die wirtschaftlichen Probleme – einerseits ein Erbe der Militärdiktaturen und andererseits wegen dringlicher Forderungen der internationalen Banken, die Zinsen der Auslandsschuld zu zahlen – nur mühsam meistern. In den ersten Monaten des Jahres 1985 wurde die höchste Inflationsrate weltweit erreicht, nämlich 27.000 Prozent. Für die Bevölkerung war diese Entwertung ihres (Spar-) Geldes ein Schock, den man sich in Europa wohl kaum vorzustellen vermag und die nur mit dem Crash von 1927 zu vergleichen ist. Zudem wurde mithilfe nordamerikanischer Truppen einmal mehr versucht, den Anbau von Koka und den Handel von Pasta Básica (Grundlage für Kokain) zu unterbinden, was auf großen Widerstand stieß und nur teilweise gelang.
1993 kam der Bergbauunternehmer Sánchez de Lozada an die Macht, während ein Aymara-Führer Vize-Präsident wurde. Im Vergleich zu den anderen schwer verschuldeten Ländern wurden in Bolivien die strengsten wirtschaftlichen Reformmaßnahmen überhaupt durchgeführt. Dieser neoliberale Kurs beinhaltete den Verkauf mehrerer Staatsbetriebe, eine rigorose Reduktion der Staatsausgaben im Erziehungswesen und Sozialbereich sowie die Schließung vieler Minen. Obwohl die Inflation auf 6,5 Prozent zurückgebracht werden konnte, musste die Bevölkerung große soziale Opfer bringen. Folglich wurde 1997 der Ex-Diktator General Bánzer zum Präsidenten gewählt. Während seiner Periode gab es verschiedene Regierungskrisen und einen Riesenskandal, weil die Korruption und Ineffizienz der Regierung an die Öffentlichkeit gelangte. Bánzer verhängte den Belagerungszustand, konnte aber den gewalttätigen Aufstand wegen der extremen Armut der indigenen Bauern nicht verhindern. Im Jahr 2000 machte das Land eine schwere soziale Krise durch; Streiks, Straßensperren und Zusammenstöße der Indígenas (Einheimischen), Gewerkschaften und Kokabauern mit den Streitkräften waren an der Tagesordnung.
2002 gewann »Goni«, wie Gonzalo Sánchez de Lozada genannt wird, in einer zweiten Runde gegen Evo Morales die Wahlen und wurde zum zweiten Mal Präsident Boliviens (nach 1993-1997). Folglich hatte Bolivien wiederum eine Figur als Präsidenten, der wegen seines jahrelangen Aufenthaltes in den USA besser Englisch als Spanisch sprach und das größte Privatunternehmen Boliviens zur Förderung und Kommerzialisierung von Mineralien des Altiplano (Andenhochland) errichtet hatte. Im Februar 2003 beschloss seine Regierung, eine Einkommenssteuer zu erheben, um das enorme Fiskaldefizit abzuarbeiten und den Forderungen des Internationalen Währungsfonds nachzukommen. Diese unbeliebte Maßnahme führte zu einem Generalstreik und einer Meuterei der Polizei, worauf die bewaffneten Streitkräfte in La Paz eingriffen, was zu mehr als 20 Toten führte. Im Oktober desselben Jahres gab es Gerüchte bezüglich eines Plans, bolivianisches Erdgas über chilenische Häfen in die USA, nach Mexiko und Chile zu exportieren. Aus Protest mobilisierten sich verschiedene soziale Bewegungen des Altiplano und El Alto. Die Regierung versuchte diesen Aufstand mithilfe des Militärs gewaltsam zu unterdrücken, dabei kamen 65 Menschen ums Leben und Hunderte wurden verwundet. Darauf gingen auch Sektoren der Mittelschicht von La Paz auf die Straße und forderten den Rücktritt von Goni. Dieser floh mit Milliardenbeträgen aus der Staatskasse in die USA, wo er noch immer als anerkannter »Flüchtling« lebt. Bolivien hat zwar ein Gesuch um seine Auslieferung gestellt, dieses wurde aber in mehreren Instanzen abgelehnt.
Sein Nachfolger war der Vize-Präsident Carlos Mesa, der ein Kabinett mit Politikern bildete, die keiner Partei angehörten, und der dem Volk ein Referendum hinsichtlich des Gasexportes und der Verstaatlichung der Erdgas- und Erdölvorkommen versprach. Er bekam aber nahezu keine politische Unterstützung, und unter dem Druck schwerer sozialer Unruhen trat er nach etwa zwei Jahren zurück. Das Präsidentenamt wurde dann völlig unerwartet dem Vorsitzenden des Höheren Gerichtshofes, Eduardo Rodríguez Veltze, übergeben. Dieser bildete lediglich eine Übergangsregierung unter Einberufung allgemeiner Präsidentschaftswahlen im Dezember 2005.
Seit Januar 2006 ist Evo Morales Ayma der erste Präsident indigener Abstammung eines Landes, dessen Bevölkerung zu 62 Prozent aus Indigenas besteht. Zudem ist er der zweite Präsident der Republik Bolivien, der mit einem absoluten Stimmenmehr von 54 Prozent im ersten Wahlgang gewählt wurde. Er ist auf dem Land aufgewachsen, vier seiner sechs Geschwister sind als Kind gestorben, seine Schulbildung ist sehr rudimentär. Er war lange Zeit Gewerkschaftsführer der Kokabauern. Einige volksnahe Maßnahmen während seiner bisherigen Amtszeit bestanden in der Herabsetzung des eigenen Gehaltes und anderer Regierungsfunktionäre, der jährliche Bonus für alle Kinder der Grundschule und ein monatlicher Bonus für schwangere Frauen und solche mit kleinen Kindern sowie eine Grundrente für Betagte. Außerdem gab es mithilfe von Venezuela und Kuba eine Alphabetisierungskampagne. Mit einem Dekret wurden die Erdöl- und Erdgasvorkommen verstaatlicht, während die internationalen Konzerne nun dem bolivianischen Staat etwa dreimal so viel Steuern wie vorher abtreten müssen, wobei diese allerdings in Bolivien nach wie vor ein rentables Geschäft machen.
Mit einem Referendum wurde am 25. Januar 2009 die neue Staatsverfassung, welche die demokratisch gewählte verfassungsgebende Versammlung (Asamblea Constituyente) während neun Monate inmitten großer Spannungen und Krawallen ausgearbeitet hatte, mit 61 Prozent der Stimmen angenommen. Außerdem wurde bei dieser Gelegenheit der maximal erlaubte Grundbesitz pro Person auf 5.000 Hektaren festgelegt. Dieses Gesetz hat jedoch keine rückwirkende Kraft. In der neuen Staatsverfassung sind neben dem Castellano (lateinamerikanisches Spanisch) 36 verschiedene einheimische Sprachen in dem Mehrvölkerstaat (Estado Plurinacional) offiziell anerkannt. Neuerdings gibt es eine autonome Verwaltung auf vier verschiedenen Ebenen: der Departemente, Regionen, Gemeinden und ursprünglichen Gemeinschaften der Indígena. Alle natürlichen Rohstoffvorkommen gehen in die Hände des Staates über; die Erdöl- und Erdgasvorräte sowie deren Gewinne werden vom Staat verwaltet. Die römisch katholische Kirche hat ihren privilegierten Status verloren, da bewusst die Trennung von Staat und Kirche eingeführt wurde (Säkularstaat). Aufgrund dieser neuen Staatsverfassung spricht Evo Morales von einer Refundación del País (Neugründung des Landes). Eine heftige Reaktion der Opposition seitens der Großgrundbesitzer aus Santa Cruz im Osten des Landes, der Unternehmer und anderer konservativer Kräfte, die um ihre Privilegien bangen, konnte wohl nicht ausbleiben. Da sie auch im Besitz der meisten Radio- und Fernsehsender und zudem fast aller Zeitungsverlage sind, ist die öffentlich zugängliche Information stark gefärbt und regierungskritisch. Gemäß der neuen Staatsverfassung hat es in Dezember 2009 (vorgezogene) Präsidentschaftswahlen gegeben, welche die Opposition aus Mangel eines fähigen Kandidaten auf später verschieben wollte. Wiederum hat Evo Morales Ayma mit einem bedeutendem Mehr an Stimmen gewonnen, sodass er als Präsident und der Soziologe und Mathematiker Álvaro García Linera als Vizepräsident nach wie vor mit ihrer Partei MAS (Movimiento al Socialismo) die heutige Regierung bilden und die Geschicke des Landes lenken.
Zurzeit, d. h. Ende 2013, sitzen Staatspräsident Evo Morales Ayma und sein Vize Álvaro García Linera fest im Sattel; sie bereiten sich sogar bereits auf die Neuwahlen im nächsten Jahr vor. Die Frage um Legitimität oder Verfassungswidrigkeit ihrer Kandidatur für eine weitere fünfjährige Amtsperiode hängt von einer – zwiespältigen – Interpretation der neuen Staatsverfassung ab und spaltet im Moment das Volk. Im Laufe der Zeit hat die Regierung es fertig gebracht, den Spieß umzudrehen und jede Kritik in den Medien zu unterdrücken, ganz nach dem Motto: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«. Die Widersprüche zwischen Theorie und Praxis, zwischen offiziellem Diskurs und konkreten Entscheiden treten immer klarer hervor. Dabei geht es vor allem um die Frage, wo man ansetzen soll, um die Entwicklung eines armen, abhängigen Landes mit vielen Rohstoffen aber ohne Eigenkapital anzukurbeln. So verspricht sich die Regierung sehr viel von dem durch Brasilien finanzierten Bau einer Straße mitten durch den Nationalpark Isiboro Securé (TIPNIS). Sie will das bisher kaum zugängliche Gebiet dem wirtschaftlichen Wachstum erschließen, in Tat und Wahrheit aber dem Anbau von Koka-Plantagen Tür und Tor öffnen. Nationale und internationale Umweltgruppierungen wehren sich heftig und versuchen, die dort vorkommende, vielfältige Pflanzen- und Tierwelt zu schützen. Die ansässige indigene Bevölkerung wird manipuliert und ist schlecht informiert, während die Entscheidungen weit weg in La Paz gefällt werden. Ein anderer Widerspruch betrifft den Diskurs über die Pachamama (Mutter Erde) einerseits und die Erdölbohrungen im Urwald des Madidi-Nationalparks andererseits. Schließlich gibt es noch ein weiteres Phänomen, das zu Beunruhigung Anlass gibt. Die zahlreichen neuen, bis zu 40-stöckigen Bauten in La Paz weisen auf Geldwäsche von Narcodolares (Geld aus dem Drogengeschäft) hin, obwohl niemand genau Bescheid weiß. Anscheinend floriert das Drogengeschäft, das wiederum die allgemeine Kriminalität fördert. Die meisten Menschen haben einmal mehr das Vertrauen verloren, die Regierung könne ihnen eine bessere Zukunft verschaffen, aber die Hoffnung auf ein besseres Leben bleibt lebendig.
1.3 Das Umfeld Boliviens
Nicht nur die Geschichte, sondern auch die Umweltbedingungen üben einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Menschen aus. In Bolivien lässt sich eine Parallele zwischen der Landschaft einerseits und dem Klima andererseits ziehen, denn beide Elemente weisen extreme Unterschiede auf. Die Landschaft Boliviens besteht aus über 6.000 Meter hohen Bergen, abgrundtiefen Schluchten, einer äußerst kargen Hochebene, trockener Wüste und enormen Salzseen, grünen Tälern, breiten Flüssen und tropischen Wäldern. Es fehlt dem Land nur das Meer, aber die bemerkenswerte Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren ist geblieben. Es gibt von April bis September eine trockene, kalte oder sogar eiskalte Jahreszeit und von Oktober bis März eine wärmere oder sehr heiße Regenzeit. Die großen Temperaturschwankungen – Unterschiede von bis zu 20 Grad Celsius innerhalb eines Tages – verursachen viele Krankheiten der Atemwege. Die vier Jahreszeiten, auf die man sich in Europa gut vorbereiten kann, durchlebt man hier ohne Zentralheizung an einem einzigen Tag. Jedes Jahr aufs Neue gibt es in bestimmten Landesteilen zu viel Regen, während es in anderen Teilen zu wenig regnet. Sowohl die regelmäßigen Dürreperioden als auch die Überschwemmungen sind fatal, sie fordern jährlich mehrere Menschenleben.10 Wird die Ernte dieser Regionen vernichtet, sterben außerdem Tausende von Kühen, Schafen oder Lamas, und die Preise der Nahrungsmittel schnellen prompt in die Höhe.
Im Grunde genommen hat Bolivien vor allem Eco-Touristen sehr viel zu bieten; dennoch läuft die Touristenindustrie wegen der schlecht ausgebauten Infrastruktur und der allgemeinen sozialen Unsicherheit nicht an. Obwohl dem Land die enormen Gold-, Silber- und Zinnvorräte geraubt worden sind, verfügt es noch immer über reiche Bodenschätze. Erst neulich ist das Interesse am Abbau von Eisenerz und Lithium erwacht. Das Land hat jedoch nicht die nötigen finanziellen Mittel, um zu investieren und diese Bodenschätze selbst zu verarbeiten. Es exportiert seine Rohstoffe für einen niedrigen Preis und muss die industrialisierten Produkte gegen einen hohen Preis importieren, sodass die Bilanz schlussendlich einen negativen Saldo aufweist. Folglich fehlt es der Staatskasse an Geld, um das mangelhafte Gesundheits- und Erziehungswesen zu verbessern, das bestehende Straßennetz auszubauen, die miserablen Gehälter11 zu erhöhen und eine einigermaßen humane Arbeitslosenunterstützung, Alters-12 und Krankenfürsorge einzuführen. Der Umstand, dass die Einkünfte trotz mehrerer Jobs und der Solidarität innerhalb der Großfamilie niedrig sind, die Ausgaben jedoch bei Krankheit oder Bildungsvorhaben unheimlich schnell anwachsen können, erklärt zu einem Teil die Korruption und Vetternwirtschaft sowie die Gefühle ständiger Sorge und Frustration. In diesem Umfeld sind Ferien oder Freizeitaktivitäten ein Luxus, den sich nur wenige Menschen leisten können.
Bolivien ist ein Land, wo einerseits alles kopiert wird – von CDs, DVDs, Markenartikeln, Büchern bis hin zu Abschlussarbeiten –, aber andererseits eine außerordentliche kreative Begabung zum Überleben an den Tag gelegt wird. Es beherbergt zahlreiche Gegensätze und Widersprüche, die kaum miteinander in Einklang zu bringen sind. Dabei scheinen die äußeren Extreme einer inneren Radikalität ausgesprochener Meinungen und angestrebter Ideale zu entsprechen. So führen die bestehenden Feindbilder bzgl. Rasse, sozialer Klasse und regionalen Zugehörigkeit immer wieder zu heftigen Konflikten. Diese heterogene Gesellschaft rollt von der einen Krise in die nächste und bewegt sich ständig am Rand des Abgrundes. Man hat sich daran gewöhnt. Periodisch wird von einem drohenden Bürgerkrieg oder Militärputsch geredet, es hängt eine latente Todesdrohung in der Luft. Dennoch werden die Jahrestage der Heiligen und die Hochzeiten groß gefeiert.
Nach dem CIA World Factbook hatte Bolivien am 31. Dezember 2007 eine Auslandsschuld von 3.800.000.000 US-Dollar. Die Tilgung dieser Auslandsschuld samt deren Zinsen stellt jedes Jahr den größten Ausgabeposten der Staatskasse dar. In einem Zeitungsartikel in El Deber vom 28. Januar 2007 enthüllte Präsident Evo Morales, dass jeder Bolivianer momentan dank des Schuldenerlasses nur noch 250 Dollar schulde. Diese ›Schuld‹ erzeugt ein Ausgeliefert-Sein und eine Abhängigkeit vom Ausland, den Großbanken und transnationalen Unternehmen und bildet damit sowohl ein ökonomisches wie auch psychologisches Problem. In dieser Situation sind es die ausländischen Regierungen, Institutionen und Konzerne, die schlussendlich über ein Projekt oder einen Kredit entscheiden, woran sie ganz bestimmte Bedingungen knüpfen. Obwohl man in der Theorie keinen Paternalismus oder Erpressung betreiben möchte, stößt man in der Praxis immer wieder auf solche Dynamiken. Schließlich wollen die ausländischen Mächte nicht nur ›gut‹ sein, sondern vertreten auch ihre eigenen Interessen und setzen diese durch. Dabei sitzen die Bolivianer am kürzeren Hebel: Sie müssen nehmen, was sie bekommen können und noch dazu »Danke« sagen.
In der bolivianischen Gesellschaft existiert eine starke Tendenz, die jeweilige Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder sozialen Gemeinschaft deutlich hervorzuheben und sich somit von den übrigen Gemeinschaften abzugrenzen. Im gleichen Sinne wird an jeder Schule und Universität das Gemeinschafts- und Identitätsgefühl der Studenten geweckt, z. B. mittels eigener Tanzgruppen, die an öffentlichen Anlässen teilnehmen, oder bestimmter Feindbilder in Bezug auf die anderen. Dieses segmentierte Gesellschaftssystem schafft zwar eine gewisse Ordnung im Chaos und somit eine gewisse Sicherheit, leistet aber auch den Vorurteilen und einem latenten Rassismus Vorschub. Diese Segmentierung scheint als Introjektion innerlich verankert zu sein. Wenn man z. B. arm ist, so meint man, lebenslang arm zu bleiben und bleiben zu müssen.
1.4 Interkulturalität
In Europa bekommt das Thema der Interkulturalität neuerdings große Aufmerksamkeit, was wahrscheinlich auf die Reisefreudigkeit und Migration unserer globalisierten Welt zurückzuführen ist. Hoffentlich ist sie jedoch mehr als eine Modeerscheinung. Vergleichsweise redet man in Bolivien, vor allem seit der Errichtung des ›plurinationalen‹ Staates, von dem Reichtum der Mannigfaltigkeit (la riqueza de la diversidad). Da es zahllose unterschiedliche Kulturen gibt, die ich nicht hierarchisch als mächtiger oder wichtiger aufgliedern möchte, ziehe ich den Begriff der ›Inter-Kulturalität‹ vor. Das bedeutet konkret, dass ich mich ›zwischen den Kulturen‹ sehe. Ich identifiziere mich mit meiner holländischen Herkunft, die in der westeuropäischen Kultur verwurzelt ist, und trete in einen respektvollen Dialog mit der lateinamerikanischen – insbesondere der bolivianischen, und noch genauer der andinen13 – Kultur. Wenn wir uns ernsthaft auf diesen horizontalen Dialog einlassen, beeinflussen wir uns gegenseitig und sind nach der Begegnung nicht mehr diejenigen, die wir vorher waren.
Das Führen eines solchen Dialoges ist aber keineswegs problemlos, erzeugt vielfach Missverständnisse, Frustrationen, Irritationen und Ohnmacht. Denn manchmal gelingt es trotz größter Anstrengung nicht, den interkulturellen Graben der Andersartigkeit zu überbrücken. Mir erscheint es wie ein Ausdruck der Arroganz zu meinen, nach einem Aufenthalt von sechs Monaten in dem Land kenne man seine Kultur und verstehe die Menschen. Vor allem in den Supervisionsstunden mit kürzlich eingereisten Fachpersonen aus Europa, die intensiv auf ihre Zeit in Bolivien vorbereitet wurden, sind die Anpassungsschwierigkeiten, die keineswegs unterschätzt werden dürfen, ein Thema. Es kommt mir oft vor, als hätten sie in den Vorbereitungskursen zwar von der Andersartigkeit ›gehört‹, sie aber trotzdem nicht ›verstanden‹, weil ihnen noch die Erfahrung gefehlt hat. Anscheinend muss Interkulturalität erlebt werden, um verstehen zu können, was ich meine. Es braucht ein großes Maß an Flexibilität und Vertrauen, um die verunsichernde Anfangszeit in einem fremden Land auszuhalten. Im Grunde genommen begegnet man in dieser schwierigen Etappe nicht nur den Anderen, sondern auch sich selbst. Anschließend braucht es viele Jahre, um einige Sachen verstehen zu lernen und in anderen Sachen fremd zu bleiben.
Viele interkulturelle Aktivitäten finden allerdings noch immer unter dem Diktat europäischer oder nordamerikanischer Vorstellungen statt, wobei es vorrangig um deren Interessen oder Kriterien geht. Deren weltweite Vorherrschaft ist nicht nur auf wirtschaftlichem, sondern auch auf wissenschaftlichem Gebiet bestimmend, obwohl China diese Machtverhältnisse allmählich ins Wanken bringt. Aufjeden Fall spielt ein sogenanntes Dritte-Welt-Land wie Bolivien keine ernst zu nehmende Rolle auf dem Marktplatz Welt. Bei dem Unterfangen, in Bolivien eine Dissertation zu schreiben, wobei ich selbstverständlich den geltenden wissenschaftlichen Normen genügen sollte, bin ich auf einen rigiden Europa- oder USA-Zentrismus gestoßen. Die Realisierung des Forschungsprojektes wurde von mehreren strukturellen Schwierigkeiten erschwert, die nicht beseitigt werden konnten, aber unentwegt im Auge behalten werden mussten.
So stellt ein Fachbuch oder eine Zeitschrift einen Luxus dar, den sich kaum jemand in La Paz oder El Alto leisten kann. Folglich gibt es in beiden Millionenstädten keine einzige Buchhandlung, die sich auf Fachliteratur spezialisiert hat. Nur zwei Personen der zehnköpfigen Forschungsequipe haben zu Hause einen Computer, aber niemand hat einen privaten Internetanschluss: sie gehen ab und zu in ein Internetcafé. Da sie eine staatliche Schule besucht haben, sind ihre Englischkenntnisse rudimentär, irgendwelche Deutschkenntnisse gar nicht vorhanden, sodass sie sowieso keinen ausländischen Wissenschaftsbericht lesen können. Während die Equipemitglieder die Studenten nach ihren traumatischen Erfahrungen fragten, waren sie selbst auch in einem bestimmten Maß sowohl direkt als indirekt14 von den potenziell traumatisierenden Ereignissen betroffen. Hinzu kam der Mangel an Sicherheit auf allen Ebenen, der eine genaue und detaillierte Planung unmöglich machte, während der Anspruch auf Effizienz und Zeitmanagement bloß heftige Gefühle der Frustration ausgelöst hätte. In der Zeitspanne von 2007 bis 2009 gab es wegen der soziokulturellen und politischen Umwälzungen große Unruhen unter der Bevölkerung und zahllose Konflikte im Land, wobei mehrere zu Tode fielen.
Zudem möchte ich darauf hinweisen, dass eine wissenschaftliche Arbeit nach dem aristotelischen Prinzip des ›Entweder-Oder‹ im andinen Raum ein Fremdkörper ist. Sie birgt die Gefahr in sich, gewisse Schlüsse am Lebensverständnis der Einheimischen vorbei zu ziehen. Denn die Menschen in La Paz und El Alto leben nach dem Empfinden des ›Sowohl-als-auch‹. Sie sagen selten gerade heraus ›Nein‹, denn dies wäre ein Affront. Sie möchten niemanden vor den Kopf stoßen, schließlich könnte es immer noch anders kommen. Diese Möglichkeit, man könnte irgendwann in der Zukunft aus irgendwelchen Gründen doch noch zustimmen, wird ständig offen gehalten. Dieses Lebensgefühl des ›Sowohl-als-auch‹ schlägt sich auch auf der psychologischen Ebene nieder, indem man dazu neigt, die Grenzen zwischen mir und den Anderen, zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken, zwischen Vergangenheit und Aktualität zu verwischen. Die Grenzen des Selbst oder der Realität sind keineswegs fest und klar, sondern äußerst flexibel und durchlässig.
»Zusammenfassend können wir festhalten, dass der bevorzugte Zugang des andinen Menschen zur ›Wirklichkeit‹ nicht der Intellekt ist. Vielmehr sind es eine Reihe von nicht-rationalen (die deshalb nicht etwa ›irrational‹ sind) Fähigkeiten, von den klassischen fünf Sinnen, von Gefühlen und Emotionen bis hin zu ›parapsychologischen‹ gnoseologischen Sinnen (Ahnung, psychosomatische Phänomene, ›telepathische Kommunikation‹). Das ›logische‹ Argument, dass eine Apfelsinen-Verkäuferin einen größeren Gewinn erlangen könnte, wenn sie gleich alles, was sie hat, verkaufen würde, entspricht nicht der ›Logik des Herzens‹, die besagt, dass man für alle Fälle immer etwas zurückbehalten soll.« (Estermann 1999: 116)
Eine interkulturelle Psychotherapie, welche sich der kulturellen Andersartigkeit vom Gegenüber verpflichtet fühlt und Recht tun will, steckt wahrscheinlich noch in den Kinderschuhen. Diesbezüglich ist die Tatsache, dass das allgemein angewandte Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders15 (DSM) sein Leserpublikum nicht einmal auf die Möglichkeit, geschweige denn Notwendigkeit einer soziokulturellen Kontextualisierung und Relativierung hinweist, vielsagend. Und auch der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD)16 fehlt es, trotz ihres Anspruchs auf weltweite Anwendbarkeit, an einer nuancierten interkulturellen Betrachtungsweise. Im Kreis angesehener Psychotherapeuten bemüht man sich anscheinend nach wie vor, die psychischen Störungen und diagnostischen Kriterien zu verallgemeinern, obwohl dieser Anspruch auf Universalität nicht ohne Weiteres geltend gemacht werden kann. Die Psyche des Menschen mag zwar weltweit den gleichen Gesetzen und derselben Dynamik unterliegen, die prägende Wirkung der jeweiligen Geschichte und Umgebung auf die Psyche führt aber zu beachtlichen Unterschieden. Leider wird der interkulturelle Ansatz auch in der Psychologie-Forschung nur selten als Bereicherung gesehen und dementsprechend verfolgt.
Allerdings gibt die Gestalt-Psychotherapie zu verstehen, prinzipiell offen für den interkulturellen Ansatz zu sein. Schließlich bietet ihre Grundhaltung eine dialogische, humanistische, kreative und kontextuelle Perspektive. Zudem weist ihr ›Sitz im Leben‹ auffallend viele Übereinkünfte mit dem ›bolivianischen‹ Lebensgefühl auf. Denn gerade die holistische Betrachtungsweise des Menschen als einer bio-psycho-sozialen Einheit, die Struktur des Organismus-Umwelt-Feld, die Verankerung im Hier-und-Jetzt, den prozesshaften Charakter, den Kontakt im Fluss des Lebens, die Orientierung am einmaligen Erlebnis, das Verständnis des ›Selbst‹17 und den hohen Stellenwert von Gruppenarbeit haben sie gemeinsam. An dieser Stelle möchte ich ebenfalls erwähnen, dass die Mehrheit der Gestalttherapeuten sich selbst mit ihrer Aversion, sich festlegen und folglich auch schriftlich festhalten zu wollen, ein Bein gestellt hat. Es gibt nämlich einen bedauerlichen Mangel an Theoriebildung, Diagnostik und Studien zu anderen wissenschaftlichen Themen, wie z. B. das der Dissoziation.
In einem Land wie Bolivien ist eine kontextualisierte Gestalttherapie gefragt, da die ursprüngliche Form aus dem Norden – namentlich Europa und den USA – stammt. Diese kann nur von den einheimischen Psychotherapeuten vor Ort entwickelt werden. In der Gestaltausbildung in La Paz gebe ich meinen Studenten diese schwierige Aufgabe als Herausforderung mit. So wird man als Gestalttherapeut in Bolivien mit spezifischen kulturellen Introjekten konfrontiert, die vielleicht in einem bestimmten Maß auch in Europa gelten, aber doch nicht (mehr) in dieser gewaltigen Intensität, z. B.: Du sollst deinem Vater ergeben sein, ihm nicht widersprechen oder direkt in die Augen schauen. Als junges Mädchen sollst du warten, bis du gefragt wirst; als Junge sollst du auf jedem Terrain die Initiative ergreifen. Eine andere Akzentuierung der therapeutischen Arbeit betrifft die Leitung einer Selbsterfahrungsgruppe als Paar, als Mann und Frau. Erstens arbeitet und ist man nicht gern allein, und zweitens hat sich diese Zusammensetzung sowohl für die Leitung als auch die Gruppe als außerordentlich fruchtbar herausgestellt. Zudem möchte ich die heilsame, horizontale Gesprächsebene hervorheben, wenn sich die Menschen in Bolivien gesehen und gehört fühlen. Wahrscheinlich hängt dieses Bedürfnis bzw. dessen befreiende Befriedigung mit der jahrhundertelangen kollektiven Unterdrückung während der kolonialen und diktatorischen Geschichte zusammen. Zum Schluss möchte ich ihre Freude an Körperarbeit, Spielsequenzen und Ritualen betonen. Wenn diese Elemente in den gestalttherapeutischen Prozess eingebracht werden, so erzielen sie meist eine äußerst positive Wirkung.
2. DATEN
2.1 Allgemeine Daten zu den Teilnehmern
Das Forschungsprojekt zu traumatischen Erfahrungen und vorhandenen Ressourcen unter der studentischen Bevölkerung von La Paz und El Alto war eine Vergleichsstudie zwischen drei Universitäten: der Öffentlichen Universität von El Alto (UPEA), der Bolivianischen Katholischen Universität »San Pablo« (UCB) und der Öffentlichen Universität »Mayor de San Andrés« (UMSA). Die Daten hinsichtlich einer Gruppe von europäischen Jugendlichen (Europa), die für eine Zeit lang in Bolivien lebten, wurden im Sinne einer Kontrollgruppe eingeführt und ausgewertet. Diese umfangreiche Studie wurde von 2007 bis 2009 von einem Forschungsteam unter meiner Leitung durchgeführt. Die zehn bolivianischen Psychologen,18 sechs Frauen und vier Männer, haben während drei bis vier Monate den therapeutischen Prozess in verschiedenen gestalttherapeutischen Selbsterfahrungsgruppen begleitet. Es war uns nämlich wichtig, die teilweise äußerst schmerzhaften und Angst erregenden Erinnerungen, die von den Fragen ausgelöst wurden, auffangen zu können. Die Erhebung der Daten mittels acht verschiedener Fragebögen19 fand etwa in der Mitte des jeweiligen Selbsterfahrungsprozesses statt. Bezüglich der europäischen Jugendlichen in Bolivien erfolgte sie jedoch außerhalb jeglicher therapeutischer Arbeit, weil sie nicht für die Teilnahme in einer solchen Gruppe zu motivieren waren.
Jede der drei befragten Gruppen repräsentiert nicht die gesamte Studentenschaft der betreffenden Universität, so wie die europäische Gruppe keineswegs die Bevölkerung Europas vertritt. Somit können die Auswertungen und Analysen jeder einzelnen Gruppe nicht ohne Weiteres auf die Situation der betreffenden Universität bzw. Europas übertragen werden. Immerhin ist jede Gruppe relativ klein und nicht durch reinen Zufall zustande gekommen. Dennoch waren wir an den drei größten und renommiertesten Universitäten von La Paz20 und El Alto tätig und konnten eine repräsentative Durchschnittsmenge der studentischen Bevölkerung im Westen Boliviens, d. h. im andinen Kulturraum, erfassen. Angesichts der enormen Heterogenität im Land, was Sprache, Kultur, Hautfarbe, finanzielle, geografische und klimatische Aspekte betrifft, erheben wir keineswegs den Anspruch, die von uns befragte Population repräsentiere die Bevölkerung Boliviens. Dennoch geben unsere Forschungsresultate erstmals einen Einblick in die Realität dieser Menschen bezüglich ihrer traumatischen Erfahrungen und eigenen Ressourcen, während die europäische Kontrollgruppe einen generellen Vergleich ermöglicht hat. Trotz aller Einschränkungen wage ich sogar zu behaupten, dass viele Resultate auch für die Bevölkerung in einem anderen lateinamerikanischen Land und sogenannten Dritte-Welt-Land auf dem afrikanischen Kontinent gelten. Denn die Umwelt dieser Menschen wird von einer ›Strukturellen Gewalt‹21 – von extremer Armut, Ausbeutung und Ausschluss – geprägt, und diese verursacht eben ganz bestimmte psychosoziale Konsequenzen. Gleichzeitig wird wohl klar sein, dass es dringend noch viel mehr Forschung und Vertiefung zu diesem Themenkreis bedarf.
Die folgenden drei Tabellen präsentieren einige Zahlen, die aus dem Fragebogen zur Erhebung allgemeiner Daten hervorgegangen sind.

Abb. 1.1: ABCD. Statistiken zum Alter der Teilnehmer
In Abb. 1.1 sieht man, dass sich mit 25 Jahren der höchste Altersdurchschnitt der Studenten an der UMSA und UPEA befindet. Der höchste Zentralwert der Verteilung liegt ebenfalls an der UPEA bei 24 Jahren. Die größte Streuung oder der am häufigsten wiederholte Wert befindet sich an der UMSA mit 23 Jahren. Das Mindestalter aus den vier Gruppen befindet sich an der UCB mit 17 Jahren und das Höchstalter an der UPEA mit 38 Jahren.
An der Universidad Católica Boliviana »San Pablo« (UCB: Katholische Bolivianische Universität ›Sankt Paul‹) bestand die ausgewählte Population aus Studenten verschiedener Studienrichtungen, die sich für das Fach ›Selbsterfahrung‹ entschieden hatten. Alle Studenten dieser Universität welcher Fachrichtung auch immer müssen obligatorisch drei Vorlesungen oder Seminare von je einem Semester – vier Monate – in ›Lebenskunde‹ (Religion, Ethik, Philosophie, Lebensbewältigung, soziales Engagement) besuchen, die sie allerdings unter rund zwanzig verschiedenen Angeboten frei auswählen können. Die UCB ist katholisch und bei Weitem die größte Privatuniversität von La Paz; im Jahr 2009 (erstes Semester) gab es 5.054 Immatrikulierte.22 Die Infrastruktur und die neue Bibliothek können sich am westlichen Standard messen. Die Studienkosten sind für bolivianische Verhältnisse sehr hoch und können nur von Personen aus der Mittel- und Oberschicht bestritten werden. Weil in Bolivien la plata viene y va (»das Geld kommt und geht«), sehen sich die Studenten dieser Universität oftmals gezwungen, ihr Studium einige Semester zu unterbrechen oder sogar definitiv abzubrechen. Die UCB hat eine 43-jährige Geschichte und genießt innerhalb Lateinamerikas großes Ansehen; schließlich gibt es praktisch in jedem süd- oder mittelamerikanischen Land eine solche Katholische Privatuniversität.
An der Universidad Pública de El Alto (UPEA: Öffentliche Universität von El Alto) haben wir einen unentgeltlichen gestalttherapeutischen Selbsterfahrungskurs ausgeschrieben und den Teilnehmern nach Ablauf der drei Monate ein Zertifikat23 überreicht. Es meldeten sich viel mehr Studenten, als wir erwartet hatten und aufnehmen konnten. Weil unsere Kontaktperson an der Universität Erziehungswissenschaften dozierte, stammten die meisten Teilnehmer aus dieser Studienrichtung. Das Studium an dieser öffentlichen, autonomen Universität ist kostenlos; dennoch müssen die Studenten die Kopien bestimmter Ausschnitte aus wichtigen Studienbüchern, den Zugang zu den Prüfungen und den Erhalt von Zeugnissen und Diplomen bezahlen, was für sie bereits eine beträchtliche Ausgabe darstellt. An der Universität mangelt es am Notwendigsten, wie Papier oder Kreide. Das Gebäude mit den kaputten Fenstern und der fehlenden Farbe ist äußerst hässlich und drinnen ist es eiskalt. Diese Universität wurde erst vor sechs Jahren von der Bevölkerung von El Alto erkämpft und gilt nun als Bollwerk des Volkes; sowohl die Leitung als auch die Studenten sind sehr politisiert. Die UPEA hatte im Jahr 2008 13.650 Immatrikulierte.
Auch an der Universidad Mayor de San Andrés (UMSA: Höhere Universität von Sankt Andreas) meldeten sich die Studenten freiwillig auf unser Angebot eines dreimonatigen unentgeltlichen gestalttherapeutischen Selbsterfahrungskurses mit Zertifikat. Die Mitglieder der Arbeitsequipe hatten alle an dieser Universität Psychologie studiert und sich nun innerhalb ihrer Fakultät für den Kurs geworben. Im Verlauf des Selbsterfahrungsprozesses zogen sich aber auffallend viele Teilnehmer vorzeitig zurück. Wahrscheinlich ist dieser Abbruch unter anderem darauf zurückzuführen, dass ein Prophet im eigenen Land kaum Anerkennung findet. An dieser alten und riesigen Staatsuniversität, deren Gebäude im Zentrum von La Paz verstreut liegen, gab es im Jahr 2008 81.324 Immatrikulierte. Auch an dieser Universität ist das Studium kostenlos, obwohl es beträchtliche Nebenkosten gibt. Um an dieser Staatsuniversität aufgenommen zu werden, müssen die Tausenden von Interessenten zuerst eine Aufnahmeprüfung bestehen, auf die sie an der allgemeinen Sekundarschule24 nicht ausreichend vorbereitet wurden, sodass sie nach dem bachillerato (mit dem Abitur vergleichbar) zuerst noch einen zusätzlichen Kurs besuchen müssen. Jedes Jahr wird nur ein kleiner Prozentsatz der Allerbesten an der Staatsuniversität akzeptiert, während die Mehrheit mit der Absage auch die Chance auf einen ordentlichen Beruf verpasst hat (wobei auch ein universitäres Studium keinerlei Garantie für einen Arbeitsplatz darstellt).
Hinsichtlich der Kontrollgruppe haben wir ausschließlich Europäer zwischen 18 und 30 Jahren eingeladen, die hier in Bolivien arbeiten oder ein Praktikum absolvieren. Allerdings mussten sie Spanisch sprechen, damit sie die Fragen verstehen und entsprechend beantworten konnten. Verschiedene Botschaften und internationale Austauschprogramme zeigten ihre Hilfsbereitschaft und vermittelten uns eine Liste möglicher Interessenten. Daraufhin trafen sich mehrere Interessierte an einem Wochenende zum Austausch über ihre Erfahrungen zwischen den Kulturen; die Datenerhebung war ein Bestandteil dieses kostenlosen Workshops. Allerdings waren nur wenige Europäer in Bolivien an diesem Workshop und schon gar nicht an einem Selbsterfahrungskurs interessiert. Folglich insistierten wir und legten mehreren Jugendlichen während eines einmaligen Treffens die Fragebogen individuell ohne Einführung oder Nachbetreuung vor. Da diese Gruppe von Ausländern aus besonderen Jugendlichen mit ganz bestimmten Vorlieben und Motivationen besteht, repräsentiert sie also keineswegs die europäische Jugendbevölkerung. Dennoch wird die Analyse der traumatischen Erfahrungen und eigenen Ressourcen in Bolivien durch die Kontrastierung der Daten dieser Gruppe mit jenen der bolivianischen Gruppen um eine wichtige Perspektive von außen erweitert.

Abb. 1.2: ABC. Teilnehmer der UPEA, UCB und UMSA, je nach Sprache, die sie sprechen
Aus Abb. 1.2 geht hervor, dass alle Studenten der drei Universitäten UPEA, UCB und UMSA ausnahmslos Spanisch sprechen. Ketschua wird übrigens seit jeher vor allem im Zentrum und Südwesten Boliviens gesprochen, um die Städte Cochabamba und Potosí herum. Interessant ist, dass zwar 44 Prozent der Teilnehmer der UCB, aber lediglich 10,5 Prozent der UMSA und sogar 0 Prozent der UPEA zusätzlich eine ausländische Sprache – höchstwahrscheinlich Englisch – sprechen.
Mehr als die Hälfte der Studenten der UPEA spricht noch immer Aymara, während nur ein ganz kleiner Teil der Studenten der UMSA und UCB diese einheimische Sprache beherrscht. Etwa zwei Drittel der Studenten der UPEA gaben zudem an, Aymara als Muttersprache zu haben. Dies heißt konkret, dass im Laufe der Zeit etwa 13 Prozent dieser Studenten ihre Muttersprache aufgegeben haben. Diese Daten scheinen auf einen gesellschaftlichen Prozess rasant verlaufender Angleichung an die globalen Wertvorstellungen auf Kosten kultureller Eigenheiten hinzuweisen. Nur ein ganz kleiner Prozentsatz scheint Aymara oder Ketschua später im Leben erlernt zu haben. Letzteres ist an und für sich nicht erstaunlich, da diese ungeschriebenen Sprachen mit zahlreichen Suffixen und differenzierter Aussprache äußerst schwierig zu erlernen sind.

Abb. 1.3: ABC. Kulturelle Identität der Teilnehmer der UPEA, UCB und UMSA
In Abb. 1.3 kann man beobachten, dass sich 41.5 Prozent der Teilnehmer der UPEA, 76 Prozent der UCB und 94,7 Prozent der UMSA im Sinne der kulturellen Identität als ›Mischlinge‹ bezeichnen. Kein einziger der Teilnehmer der UPEA und der UMSA hat eine ›weiße‹ kulturelle Identität, während 21,3 Prozent der UCB sich zur weißen Rasse zugehörig bezeichnen. 60,4 Prozent der Teilnehmer der UPEA, 2,7 Prozent der UCB und 5,3 Prozent der UMSA bezeichnen sich bezüglich kultureller Identität als ›Indigene‹.
Während etwa 25 Prozent der Teilnehmer aus Europa ihre kulturelle Identität als ›europäisch oder abendländisch‹ bezeichnen, geben etwa 20 Prozent gar keine Antwort auf diese Frage. Anscheinend ist die kulturelle Identität überhaupt kein Thema für diese Jugendlichen.
Einige interessante Ergebnisse in Bezug auf die allgemeinen Daten der Teilnehmer:
Das Interesse an einer Selbsterfahrungsgruppe ist bei Frauen weitaus größer als bei Männern. Im Durchschnitt ist das Verhältnis zwei Drittel Frauen zu einem Drittel Männer.
Während über 90 Prozent der Teilnehmer der UPEA unter extremen klimatischen Verhältnissen auf über 4.000 Metern Höhe in den Armenvierteln von El Alto lebt, residiert mehr als die Hälfte der Teilnehmer der UCB im wohlhabenden südlichen Teil von La Paz, mit einem angenehmen Klima auf 3.000 Metern Höhe. Kein einziger Student der UCB wohnt in El Alto und kein einziger Student der UPEA wohnt im südlichen Teil von La Paz. Hingegen sind die Studenten der UMSA gemischt.
Während fast ein Viertel der europäischen Jugendlichen in ihrer Heimat alleine lebt, tun dies im Durchschnitt höchstens 7 Prozent der Studenten in Bolivien. Meistens leben sie nur deshalb allein, weil sie von den ländlichen Gebieten oder aus anderen Städten Boliviens hergezogen sind.
Im Durchschnitt leben 75 Prozent der bolivianischen Studenten mit der Mutter und nur 61 Prozent mit dem Vater zusammen, während lediglich 51 Prozent der Teilnehmer aus Europa in der Heimat mit ihren Angehörigen zusammenleben.
Ein relativ hoher Prozentsatz der befragten Studenten der UPEA – nämlich 11 Prozent – sind alleinerziehende Eltern.
16 Prozent der Teilnehmer der UCB, 3 Prozent der UMSA und 0 Prozent der UPEA leben mit einer Hausangestellten zusammen. Diese weiblichen Angestellten wohnen meistens im Haus, werden manchmal als Sklaven, manchmal als Familienangehörige behandelt.
Die Mehrheit der erfassten Jugendlichen aus Europa bleibt ungefähr ein Jahr in Bolivien. Umgekehrt ist ein solcher Aufenthalt bolivianischer Jugendliche in Europa nur in wenigen Ausnahmefällen – als Austauschstudent oder illegal – realisierbar.
2.2 Inventar traumatischer Ereignisse
Der Fragebogen, um die erlebten potenziell traumatischen Ereignisse zu inventarisieren, wurde vom Forschungsteam erstellt und aufgrund von drei Pilotversuchen validiert. Er besteht aus 22 Arten verschiedener traumatischer Ereignisse.25 Die Teilnehmer haben diese traumatischen Ereignisse ›direkt‹, das heißt am eigenen Leib, und/oder ›indirekt‹ als Zeugen oder vom Hörensagen erlebt.
Im folgenden Kasten werden einige Vergleiche aufgelistet, wobei die Höchstwerte klar hervorgehoben sind. Zum richtigen Verständnis der Resultate muss vorausgeschickt werden, dass es sich hier um die Prävalenzen der verschiedenen Arten traumatischer Ereignisse handelt, die zeitlebens direkt erlebt wurden. Es wird nichts über eine mögliche Wiederholung einer besonderen Art von traumatischem Ereignis ausgesagt. Die Anzahl der Teilnehmer der UPEA beträgt 53, der UCB 75, der UMSA 38 und aus Europa 33.

Abb. 2.1: Zeitlebens direkt erlebte traumatische Ereignisse
Auffallend ist der ungefähr dreimal so hohe Prozentsatz an traumatischen Erfahrungen in den Bereichen sexuellen Missbrauchs, gewaltsamer Tötung und Geldprobleme der bolivianischen Studenten im Vergleich zu jenem der europäischen Teilnehmer.
Im Durchschnitt erlebten die bolivianischen Studenten zeitlebens mehr traumatische Ereignisse direkt (8) als indirekt (6 oder 7). Bei den europäischen Jugendlichen ist es gerade umgekehrt: sie erlebten zeitlebens im Durchschnitt mehr traumatische Ereignisse indirekt (9) als direkt (6).
Die befragten europäischen Jugendlichen scheinen sich einigermaßen vor direktem, aber nicht vor indirektem Erleben traumatischer Erfahrungen schützen zu können. Es ist faktisch unmöglich, dass sie mehr traumatische Erlebnisse indirekt erlebt haben, als die bolivianischen Studenten, die in einer Umgebung voller Gewalt aufgewachsen sind. Anscheinend reagieren die Jugendlichen aus Europa, die nicht so viele traumatische Ereignisse direkt erlebt haben, auf die eigenen traumatischen Erfahrungen sensibler, mit einer größeren Intensität, und auf die traumatischen Erfahrungen Anderer bewusster.

Abb. 2.2: ABCD. Häufigkeit im Auftreten eines Traumas, das in den letzten zwölf Monaten von Teilnehmern der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa ›mehrmals‹ oder ›oft‹ direkt erlebt wurde: die elf wichtigsten Ereignisse (in Prozentzahlen)
In Abb. 2.2 werden für die vier untersuchten Gruppen die elf wichtigsten traumatischen Ereignisse dargestellt, welche die Teilnehmer in den letzten zwölf Monaten direkt erlebt haben und die ›mehrmals‹ oder ›oft‹ vorgekommen sind.
In Bezug auf den ›Kontakt mit einer Person in einer unmenschlichen Situation‹ ergibt sich für Europa der höchste Prozentsatz mit 50 Prozent, während dieses Ereignis an der UMSA nicht einmal erwähnt wird. Anscheinend geht es bei der Wahrnehmung dieses Phänomens um eine Gewöhnungssache. Womöglich muss man vor allem hinsichtlich der ›leichteren‹ potenziell traumatischen Ereignisse zwischen deren subjektiven Wahrnehmung und deren realen Erleben unterscheiden.
In Bezug auf die Prävalenz von 11,8 Prozent in Sachen ›Naturkatastrophe‹ für die UPEA liegt es nahe, dass die betreffenden Teilnehmer im vergangenen Jahr wohl in der Stadt keine Dürre oder Überschwemmung erlebt haben. Aber wahrscheinlich haben sie noch immer eine starke Bindung zum Land, wo sie im letzten Jahr sogar mehrmals oder oft das Opfer einer solchen Naturkatastrophe wurden. Tatsächlich sind in Bolivien die extremen Dürren und Überschwemmungen regelmäßig wiederkehrende Phänomene.
Aufgrund der hohen Prävalenz der folgenden Ereignisse allein schon im letzten Jahr kann man sagen, dass diese für die Teilnehmer aus La Paz und El Alto praktisch zum Alltag gehören: ›Kontakt mit Person in unmenschlicher Situation‹, ›verbale Aggression außer Haus‹, ›Geldprobleme‹, ›körperliche Verwahrlosung‹, ›unfreiwillig grausamen Bildern ausgesetzt sein‹ und ›politische/soziale Konflikte‹. Obwohl ›sexueller Missbrauch‹, ›eine Naturkatastrophe‹, ›ein Verkehrsunfall‹, ›Überfall/Raub‹ und ›der gewaltsame Tod einer unbekannten Person‹ etwas weniger häufig auftreten, scheinen auch diese Ereignisse in La Paz und El Alto keine außergewöhnlichen, sondern durchaus ›normale‹ Phänomene darzustellen.
Die meisten traumatischen Erfahrungen sind von den Teilnehmern im Alter zwischen 15 und 21 Jahren gemacht worden. Dieses Alter scheint eine risikoreiche Lebensetappe darzustellen, in der die Jugendlichen sehr verletzlich sind. Es ist auffallend, dass die Teilnehmer relativ wenige traumatische Erfahrungen vor ihrem achten Lebensjahr angeben. Anscheinend sind fast nur die zuletzt gemachten traumatischen Erfahrungen in ihrem Gedächtnis präsent, während die traumatischen Ereignisse, die weit in der Zeit zurückliegen, verdeckt und verdrängt worden sind.
Das Alter, in dem die meisten Teilnehmer ›sexuellen Missbrauch‹ oder ›sexuelle Gewalt‹ erlebt haben, liegt in der Pubertät zwischen 10 und 16 Jahren, im Falle der Teilnehmer der UMSA allerdings auch bei 7 bzw. 23 Jahren.
In der nächsten Abb. 2.3 werden für die vier untersuchten Gruppen die elf wichtigsten traumatischen Ereignisse dargestellt, welche die Teilnehmer zeitlebens direkt erlebt haben und sie ›stark‹ oder ›extrem‹ betroffen haben. Die enorme Intensität, mit der die ›sexuelle Gewalt‹ – im Vergleich zu allen anderen traumatischen Erfahrungen – von den Teilnehmern erlebt wird, ist ohne Weiteres auffallend.
Die Intensität, mit der Äußerungen verbaler Aggression sowohl daheim als auch außer Haus aufgenommen werden, ist wider Erwarten hoch. Im Durchschnitt werden sie sogar stärker oder extremer als Äußerungen kör- perlicher Aggression empfunden, die relativ weniger Betroffenheit auslösen. Im therapeutischen Prozess ist immer wieder von tiefen Verletzungen die Rede, die ihnen in der Kindheit oder Pubertät von den Lehrern oder sogar eigenen Eltern zugefügt worden sind. Meistens sind sie vor allem wegen ihrer dunklen Haut (die Farbbezeichnung ›Kaffee‹ ist schlimmer als ›Schokolade‹ oder ›Milchkaffee‹) brutal diskriminiert und z. B. als ›negro de mierda‹ (Scheißschwarzer) ausgeschimpft worden.

Abb. 2.3: ABCD. Intensitätsgrad ›stark‹ und ›extrem‹ im direkten Erleben eines Traumas von Teilnehmern der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa: die elf wichtigsten Ereignisse (in Prozentzahlen)
Die Tatsache, dass sich die europäischen Teilnehmer im Vergleich zu den bolivianischen Studenten von mehreren traumatischen Ereignissen stärker oder extremer betroffen fühlen, bestätigt ihre bereits festgestellte Sensibilität. Andererseits lassen sie sich weniger von eventuellen ›Geldproblemen‹ berühren, während ein Aufenthalt im ›Gefängnis‹, ein ›Unfall‹, eine ›Naturkatastrophe‹ oder eine Einlieferung ins ›Krankenhaus‹ bei ihnen sogar gar keine Betroffenheit auslöst. Dieser Mangel an Sensibilität hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass solche Erfahrungen in Europa angesichts eines doch vorwiegend funktionierenden staatlichen Sozialsystems weniger einschneidend sind. Dagegen verursachen diese Erfahrungen in Bolivien wegen der ausbleibenden finanziellen Unterstützung seitens des Staates bei den Opfern und deren Familien einen enormen Stress.
Abgesehen von der sexuellen und häuslichen Gewalt lösen vor allem der ›gewaltsame Tod einer nahe stehenden Person‹, allerdings auch der ›natürliche Tod einer nahe stehenden Person‹, zudem der ›Beziehungsbruch mit dem Partner‹ und die ›Trennung der Eltern‹ eine starke oder extreme Betroffenheit aus.
Die Erfahrung von ›Geldproblemen‹ löst namentlich unter den Studenten der UPEA eine starke oder extreme Betroffenheit aus, gefolgt von den Teilnehmern der UMSA, UCB und schließlich denjenigen aus Europa. Höchstwahrscheinlich kennen auch die befragten Studenten der UPEA, die fast alle aus El Alto stammen, die größten und schlimmsten ökonomischen Probleme.
2.3 Prävalenz des Einfachen Psychotraumatischen Belastungssyndroms
Um einen ersten Einblick in die Symptome aufgrund der traumatischen Erfahrungen zu bekommen, haben wir uns in der Forschungsequipe für die bereits bestehende Impact of Event Scale – Revised (IES-R) entschieden.

Abb. 3.1: ABCD. Prävalenz der heftigsten traumatischen Ereignisse an der UPEA (n = 53), UCB (n=75), UMSA (n = 38) und in Europa (n = 33) (in Prozentzahlen)
Diese »Bereinigte Skala der heftigsten Ereignisse« wurde ursprünglich von Horowitz erarbeitet, von Weiss und Marmar (1997) überarbeitet, ins Spanische übersetzt und von uns an die Realität Boliviens angepasst. Als wir nämlich das ursprüngliche Instrument, das nach dem momentanen Leiden aufgrund eines traumatischen Ereignisses fragt, probeweise einsetzten, war den Studenten gar nicht klar, auf welches traumatische Ereignis sich die Fragen genau bezogen. Diese Ratlosigkeit war bereits vielsagend und zeigte auf, dass ihr aktuelles psychosoziales Leiden nicht auf ein einziges Ereignis, sondern auf mehrere traumatische Ereignisse zurückzuführen ist.
Folglich fügten wir zwei einleitende Fragen hinzu, damit die Teilnehmer sich auf das heftigste traumatische Ereignis überhaupt in ihrem Leben und das jeweilige Alter konzentrieren würden. Außerdem ersetzten wir die Frage nach den Beeinträchtigungen »in den letzten sieben Tagen« durch »im vergangenen Monat«. Die IES-R besteht übrigens aus 22 verschiedenen Symptomen, die sich in drei Kategorien unterteilen lassen. Die erste Kategorie ist die ›Intrusion‹, die zweite ist die ›Vermeidung und emotionale Taubheit‹ und die dritte Kategorie ist die ›Hyperaktivierung‹. An dieser Stelle möchte ich explizit erwähnen, dass diese Skala die vorhandenen Symptome des Einfachen und nicht des Komplexen Psychotraumatischen Belastungssymdroms26 (PTBS) erfasst. Schließlich wird das Komplexe PTBS, das namentlich Judith Herman ausführlich beschrieben hat, noch nicht offiziell als Diagnose anerkannt und steht erst für eine Aufnahme in die fünfte Ausgabe des DSM zur Debatte. Man hat auch noch kein Instrument entwickelt, um dieses – komplexe – Syndrom festzustellen, es sei denn anhand eines komplizierten und langwierigen Interviews.
In Abb. 3.1 werden die Resultate der vier untersuchten Gruppen dargestellt. Dabei ist zu beachten, dass es sich um eine offene Frage handelt. Das heftigste traumatische Ereignis in ihrem Leben bestand nach Angaben von 32,1 Prozent der Studenten der UPEA und 26,7 Prozent der UCB aus dem ›gewaltsamen Tod einer nahe stehenden Person‹, von 23,7 Prozent der Studenten der UMSA aus dem ›Tod eines Angehörigem, der nicht näher – ob natürlich oder gewaltsam – spezifiziert wurde. Dies bedeutet, dass ein relativ hoher Anteil der Studenten aus nächster Nähe einen gewaltsamen Tod miterlebt hat. Für 24,2 Prozent der Jugendlichen aus Europa war das heftigste traumatische Ereignis in ihrem Leben die ›Trennung der Eltern‹, für 18,2 Prozent der ›Tod eines Angehörigem.
Interessant sind zudem die konkreten Beschreibungen, die wir unter der Rubrik ›Andere‹ heftige traumatische Ereignisse zusammengefasst haben, weil die Teilnehmer z. B. die Nachricht, schwanger zu sein, einen eigenen Suizidversuch oder den einer anderen Person, die Nachricht, dass man eine Stiefschwester hat, ein Essproblem, Gelddiebstahl bei einem Verwandten, Scheidung eines Verwandten, Unfall eines Verwandten usw. angaben. Anscheinend wird ein Suizidversuch oder Essproblem von ihnen nicht als Symptom, sondern an und für sich als etwas Traumatisches empfunden. Außerdem scheinen sie sich sehr mit ihren Verwandten zu identifizieren, indem sie ›lediglich‹ als Zeugen diese Scheidung, den Diebstahl oder Unfall, aber dennoch außerordentlich intensiv miterlebt haben.

Abb. 3.2: ABCD. Grundsätzliche Altersstruktur zur Zeit des heftigsten traumatischen Ereignisses an der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa
Abb. 3.2 zeigt, dass im allgemeinen Durchschnitt im Alter von 18 Jahren das heftigste traumatische Ereignis erlebt wurde. Die Streuung, das am meisten sich wiederholende Alter, ist allerdings für die UCB 19 Jahre, UPEA 21, UMSA 23 und Europa 24 Jahre.

Abb. 3.3: ABCD. Prozentsatz der Teilnehmer der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa, die das Einfache PTBS aufweisen
Aus Abb. 3.3 gehen die Ausmaße des Einfachen Psychotraumatischen Belastungssyndroms hervor. Über die Hälfte der bolivianischen Studenten, rund 55 Prozent, aber bloß ein Viertel der europäischen Teilnehmer weisen bestimmte Symptome des Einfachen PTBS in einem besorgniserregenden Ausmaß auf. 34 Prozent der Studenten der UPEA, 23 Prozent der UCB und 21 Prozent der UMSA, jedoch nur sechs Prozent der Teilnehmer aus Europa weisen sogar gewisse Symptome in einem schwerwiegenden Ausmaß auf. Obwohl ich aufgrund meiner psychotherapeutischen Tätigkeit in La Paz derartige Resultate geahnt hatte, war ich doch schockiert, diese Zahlen Schwarz auf Weiß zu sehen.
In Abb. 3.4 wird ersichtlich, dass alle Teilnehmer vorwiegend Symptome der Kategorie ›Intrusion‹, und erst an zweiter bzw. dritter Stelle Symptome der Kategorien ›Vermeidung und emotionale Taubheit‹ und ›Hyperaktivierung‹ zeigen. Ein interessantes Detail, das jedoch nicht in dieser Figur erscheint, ist die Tatsache, dass sich eine gewisse extreme Ausprägung der Symptom-Kategorie ›Hyperaktivierung‹ an der UPEA, UCB und UMSA, der Symptom-Kategorien ›Intrusion‹ und ›Vermeidung und emotionale Taubheit‹ an der UCB und UMSA findet, während sich in der Teilnehmergruppe aus Europa überhaupt keine extreme Ausprägung zeigt.
Eine Analyse der 22 spezifischen Symptome weist darauf hin, dass im Durchschnitt 30 Prozent der Studenten der UMSA und UPEA, 24 Prozent der Studenten der UCB und sieben Prozent der Teilnehmer aus Europa trotz heftiger Gefühle nicht über ihre traumatische Erfahrung reden oder versuchen, nicht darüber zu reden. Das heißt konkret, dass ein Viertel bis ein Drittel der bolivianischen Studenten mit ihren schrecklichen Erfahrungen und Folgeerscheinungen alleine bleibt. Häufig sind sie der Meinung, dass sie gerade den Menschen, die ihnen am nächsten stehen, ihr Leid und ihren Schrecken nicht zumuten können. Vielfach sprechen sie dann nach mehreren Jahren des Schweigens zum ersten Mal in einer Selbsterfahrungsgruppe oder Einzeltherapie von ihrer traumatischen Erfahrung.

Abb. 3.4: ABCD. Prävalenz je nach Symptom-Kategorie für die UPEA (n = 53), UCB (n = 75), UMSA (n = 38) und Europa (n = 33) (in Prozentzahlen)
2.4 Das Bild von sich und den anderen
Jedes traumatische Erlebnis schlägt rücksichtslos wie eine Bombe ein. Es besteht aus einer Konfrontation mit dem Tod, wobei der Ausgang ungewiss ist. Es erschüttert die betroffene Person zutiefst, indem das Undenkbare und Unmögliche eintritt. Folglich stimmen die schön zurechtgelegten Vorstellungen über das Leben nicht mehr mit der Wirklichkeit überein. Das bisherige Selbst- und Weltverständnis, mit anderen Worten das kognitive Schema, fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In der Folge soll das Bild von sich und den anderen revidiert werden.
Aufgrund solcher Empfindungen und Überlegungen und meiner Erfahrungen in der therapeutischen Praxis haben wir den Teilnehmern am Forschungsprojekt auch die Skala von Vorstellungen, Trauma und Bindung oder kurz TABS28 vorgelegt. Diese Skala ist speziell für die psychotherapeutische Arbeit mit Überlebenden von traumatischen Situationen erarbeitet worden. Sie erlaubt es zu verstehen, wie Personen sich selbst und andere bzgl. ihrer verschiedenen Vorstellungen sehen. Die TABS besteht aus zehn Sub-Skalen oder Bedürfnisbereichen: ›Selbstsicherheit‹, ›Sicherheit bezüglich anderer‹, ›Selbstvertrauen‹, ›Vertrauen in andere‹, ›Wertschätzung seiner selbst‹, ›Wertschätzung der anderen‹, ›Nähe zu sich selbst‹, ›Nähe zu anderen‹, ›Selbstkontrolle‹ und ›Kontrolle anderer‹. Nach der Theorie der TABS ist gelegentlich eine gewisse ›Unterbrechung‹ in einem Bedürfnisbereich festzustellen, die auf eine Einschränkung der Vorstellungen im betreffenden Bereich deutet und negative – ungesunde – Auswirkungen auf die Beziehung zu sich selber und Anderen hat.
Diese Skala umfasst 84 Rubriken, die von der Forschungsequipe aus dem Englischen ins Spanische übertragen wurden. Gemäß der Interpretation der standardisierten Resultate bedeutet eine Punktzahl von ≤ 55,9 im Allgemeinen, dass diese Sub-Skala oder dieser Bedürfnisbereich eine persönliche Stärke darstellt. Trotzdem kann eine Punktzahl von ≤ 44,9 auf eine Scheu hinweisen, eine selbstenthüllende Antwort zu geben, oder auf ein begrenztes Bewusstsein hinsichtlich der Vorstellungen in diesem Bereich. Eine Punktzahl von ≥ 60 deutet auf eine sehr hohe oder sogar extrem hohe (substanzielle) Unterbrechung in dieser Sub-Skala oder diesem Bedürfnisbereich hin.

Abb. 4.1: ABCD. Allgemeines Profil29 der Skala von Vorstellungen, Trauma und Bindung an der UPEA (n = 53), UCB (n = 75), UMSA (n = 38) und aus Europa (n = 33)
Aus Abb. 4.1 geht klar hervor, dass die Vorstellungen bezüglich der fünf so genannten Bedürfnisbereiche Sicherheit, Vertrauen, Wertschätzung, Nähe und Kontrolle vor allem unter den Studenten der UPEA, gefolgt von denen der UCB und schließlich denen der UMSA, ziemlich verzerrt sind. In der Folge weisen diese Studenten gewisse Schwierigkeiten auf, eine gesunde Beziehung zu sich selbst und anderen Menschen zu pflegen. Im Alltag von La Paz und El Alto zeigen sich z. B. diese Probleme und Verzerrungen, indem außerhalb der extensiven Großfamilie nur selten intime emotionale Bindungen eingegangen werden; man bleibt auf sicherer Distanz. Wenn überhaupt enge Freundschaften entstehen, wird der Freund vorher genau geprüft, während Liebesbeziehungen erst von beiden Familien gut geheißen werden müssen. Außerdem illustrieren der häufige Bruch mit dem Vater bzw. der Mutter und der relativ leichte Bruch mit einem Studien- oder Arbeitskollegen den unverbindlichen Charakter der Beziehung.
Im Allgemeinen sind die Vorstellungen der Studenten der UPEA, UCB und UMSA in dem Bedürfnisbereich der ›Sicherheit bezüglich anderer‹ verzerrt. Folglich machen sie sich oft große Sorgen um die Sicherheit der für sie wichtigen Personen, um deren Wohlsein einerseits und anderseits um das eigene destruktive Potenzial. Aus Angst vor dem, was ihren Kindern alles passieren könnte, neigen Eltern dazu, diese übermäßig zu beschützen. Aus Angst vor dem Tod ihrer eigenen Eltern oder von ihnen verlassen zu werden und alleine zurück zu bleiben, kümmern sie sich meistens fürsorglich oder sogar aufopfernd um sie.
Im Allgemeinen sind die Vorstellungen der Studenten der UPEA in den beiden Bedürfnisbereichen ›Selbstsicherheit‹ und ›Nähe zu sich selbst‹ verzerrt. Sie machen sich oft Sorgen um ihre Sicherheit, um nicht wieder verletzt und Opfer zu werden oder sich selbst zu verletzen. Folglich wenden sie zahlreiche unterschiedliche psychische Strategien an, trotz allem ein Gefühl der Sicherheit zu bekommen. Außerdem orientieren sie sich in erster Linie an anderen Menschen, um die Wirkung eines möglichen Angriffes einzuschränken, und gehen einer Introspektion aus dem Weg. Dieser letzte Punkt widerspricht allerdings unserer Erfahrung an der UPEA, wo das Interesse an Selbsterfahrung wider Erwarten groß war. Womöglich bestand aber die Hemmung, sich zu öffnen, nicht nur aus dem Misstrauen anderen Menschen gegenüber, sondern auch aus der Angst vor sich selbst und den eigenen inneren Prozessen.

Abb. 4.2: ABCD. Durchschnittswerte (DW) und Standardabweichungen30 (SA) der Gesamtheit der TABS-Skala und der Sub-Skalen für die UPEA, UCB, UMSA und Europa
Im Allgemeinen sind die Vorstellungen aller Teilnehmer – sowohl der UPEA, UCB, UMSA als auch derjenigen aus Europa – im Bedürfnisbereich ›Selbstvertrauen‹ verzerrt. Zum Teil mag dies mit dem jugendlichen Alter und fehlender Lebenserfahrung zusammenhängen. Zum Teil tendieren die Studenten – vor allem in der vertikalen Gesellschaft Boliviens – dazu, eher ihren Eltern, Großeltern, Lehrern, Professoren, Ausländern und anderen Autoritäten als sich selbst zu vertrauen, die eigene Entscheidungsfähigkeit, eigenen Urteile und Wahrnehmungen in Zweifel zu ziehen. Viele von ihnen wurden von klein auf für ihre Geschwister oder andere Aufgaben verantwortlich gemacht, konnten jedoch die Mutter- bzw. Vaterrolle nur ansatzweise erfüllen, sodass sie das Gefühl des Scheiterns oder der Unfähigkeit bekamen. In der Folge schwanken sie zwischen beiden Extremen: Entweder über- oder unterschätzen sie sich völlig.
Die europäischen Teilnehmer weisen ausschließlich im Bedürfnisbereich ›Selbstvertrauen‹ eine sehr hohe und im Bereich ›Vertrauen in andere‹ eine durchschnittlich niedrige Unterbrechung auf. Das heißt konkret, dass sie hinsichtlich des ›Selbstvertrauens‹ gewisse verzerrte Vorstellungen hegen, während sie hinsichtlich des ›Vertrauens in andere‹ entweder über ein beschränktes Bewusstsein verfügen oder keine selbstoffenbarenden Antworten geben wollen. Angesichts ihrer besonderen Situation wäre es nicht verwunderlich, wenn die Vorstellungen in Bezug auf Vertrauen überhaupt bei ihnen Verwirrung auslösen würden. Wahrscheinlich hat der Aufenthalt in Bolivien diese jungen Menschen nicht unberührt gelassen. Denn die Umgangsregeln, Kommunikationsformen und Arbeitsverhältnisse sind in Bolivien ganz anders als in Europa. Wie kann man den eigenen Kriterien und den Menschen um sich herum vertrauen, wenn diese z. B. Ja sagen, aber dies nicht einhalten und sich obendrein öfters unverständlich benehmen. Die gewohnten kognitiven Schemata, namentlich in Bezug auf ›Selbstvertrauen‹ und ›Vertrauen in andere‹ werden in einer solchen soziokulturell fremden Umgebung grundsätzlich infrage gestellt.
Im Allgemeinen liegen die Stärken der verschiedenen Teilnehmer in den folgenden Bedürfnisbereichen:
| – | der UPEA: ›Wertschätzung seiner selbst‹ und ›Wertschätzung anderer‹ |
| – | der UCB: ›Vertrauen in andere‹, ›Wertschätzung seiner selbst‹, ›Nähe zu anderen‹, ›Selbstkontrolle‹ und ›Kontrolle anderer‹ |
| – | der UMSA: ›Vertrauen in andere‹, ›Wertschätzung seiner selbst‹, ›Wertschätzung anderer‹, ›Nähe zu anderen‹, ›Selbstkontrolle‹ und ›Kontrolle anderer‹ |
| – | aus Europa: ›Selbstsicherheit‹, ›Wertschätzung seiner selbst‹, ›Wertschätzung anderer‹, ›Nähe zu sich selbst‹, ›Nähe zu anderen‹, ›Selbstkontrolle‹ und ›Kontrolle anderer‹ |
Es ist auffallend, dass die maximale Gesamtpunktzahl der einzelnen Teilnehmer aus Europa für die TABS-Skala 67 beträgt, während diese an der UPEA, UCB und UMSA über 80 liegt. Solche hohen Punktzahlen, oder anders gesagt, derartig gravierende Verzerrungen der Vorstellungen, und somit Beziehungsschwierigkeiten, kommen unter den Jugendlichen aus Europa gar nicht vor.
Aufgrund der Interpretation der TABS gibt es 16 kritische von insgesamt 84 Rubriken. Im Falle, dass die Teilnehmer diese ausdrücklich bejahenoder verneinen, bedürfen sie besonderer Aufmerksamkeit und eines persönlichen Interviews zur Untersuchung ihrer Bedeutung. Diese besonderen Antworten geben nämlich zu gewisser Sorge Anlass, da sie auf eine potenzielle körperliche Gefahr dieser Teilnehmer und/oder anderer Personen hinweisen können.

Abb. 4.3: ABCD. Anzahl kritischer Rubriken, auf die durch die Teilnehmer eine besorgniserregende Antwort gegeben wurde
In Abb. 4.3 sieht man, dass 13 Prozent der Teilnehmer der UPEA, 5 Prozent der UCB, 5 Prozent der UMSA und 0 Prozent aus Europa auf mehr als 5 der insgesamt 16 kritischen Rubriken eine besorgniserregende Antwort gegeben haben. Diese Teilnehmer bilden womöglich eine körperliche Gefahr für sich selbst und/ oder andere Personen. 5,7 Prozent der Teilnehmer der UPEA, 8 Prozent der UCB, 15,8 Prozent der UMSA und 9,1 Prozent aus Europa haben auf keine der kritischen Rubriken eine besorgniserregende Antwort gegeben.
2.5 Prävalenz dissoziativer Momente
Wenn man die Menschen im bolivianischen Alltagsleben beobachtet, sticht geradezu ins Auge, wie oft sie dissoziieren. Häufig starren sie gedankenverloren auf einen Punkt in die Ferne und bekommen gar nicht mit, was um sie herum passiert. Oder sie wechseln blitzschnell und völlig unerwartet von einer Fröhlichkeit in tiefe Trauer, von Gelassenheit in Aggressivität, von Hilflosigkeit in Arroganz, wobei sich auf einmal auch ihre Stimme oder Körperhaltung verändert. Eher selten bringen sie zum Ausdruck, wie sehr sie sich vor einer dissoziativen Episode oder Bewusstseinsspaltung fürchten, in der sie sich selbst oder eine andere Person ungewollt Schaden zufügen könnten. Während das PTBS vor allem – z. B. vom DSM IV – als eine Angststörung betrachtet wird, tendiert man dennoch in letzter Zeit dazu, es als eine dissoziative Störung anzusehen. Im Forschungsteam waren wir folglich an die Resultate der Skala dissoziativer Erfahrungen oder DES II31 interessiert und haben den Teilnehmern auch diesen Fragebogen vorgelegt. Die Skala besteht aus 28 Rubriken.
Der Durchschnitt dissoziativer Erfahrungen der Teilnehmer der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa liegt mit einer Punktzahl von je 19, 20, 19 und 17 durchaus im Rahmen des Normalen. Schließlich werden nach verschiedenen Forschern, wie z. B. dem renommierten Ross Institut in den USA, erst Punktzahlen von über 30 Prozent als ›pathologisch‹ betrachtet. Weil die Skala dissoziativer Erfahrungen aufgrund der Praxis mit klinischen Patienten entwickelt wurde, gibt sie keinen Aufschluss über die feinen Unterschiede dissoziativer Erfahrungen in der allgemeinen Bevölkerung, z. B. inwieweit jeweils von einer Amnesie, Depersonalisation oder Derealisation die Rede ist.
Aus den Abbildungen 5.1 (A-D) geht hervor, dass 21 Prozent der Teilnehmer der UPEA, 18 Prozent der UMSA und aus Europa, und 14 Prozent der UCB mehr als 30 Prozent der Zeit auf pathologische Weise dissoziieren. Einige Studenten der UPEA – fast 4 Prozent – dissoziieren sogar sehr oft, nämlich über 60 Prozent der Zeit. Dennoch darf man dabei erstens nicht vergessen, dass junge Menschen im Alter von 18 bis 29 Jahren beim Ausfüllen der DES II relativ hohe Punktzahlen32 erzielen. Zweitens, dass viele Rubriken der DES II sich auf nicht-pathologische Dissoziationsphänomene, wie Tagträumerei, beziehen.
Bei einer näheren Betrachtung der einzelnen Rubriken und deren Punktzahlen stellt sich Folgendes heraus:
Viele Teilnehmer der UPEA dissoziieren zwar durchschnittlich mehr als 30 Prozent der Zeit; dabei handelt es sich aber um alltägliche Phänomene wie In-Anspruch-Genommen-Sein (absorption) oder eingebildetes Verwickelt-Sein (imaginative involvement).
Viele Teilnehmer der UCB dissoziieren oft, aber nicht-pathologisch.
Viele Teilnehmer der UMSA dissoziieren zwar durchschnittlich mehr als 30 Prozent der Zeit; dabei geht es allerdings teilweise um Amnesie und teilweise um Absorption.
Ebenfalls oft dissoziieren viele Teilnehmer aus Europa, aber nichtpathologisch.

Abb. 5.1: A. Durchschnitt der Zeit der Dissoziation der Teilnehmer der UPEA höher als 30 Prozent

Abb. 5.1: B. Durchschnitt der Zeit der Dissoziationder Teilnehmer der UCB höher als 30 Prozent

Abb. 5.1: C. Durchschnitt der Zeit der Dissoziation der Teilnehmer der UMSA höher als 30 Prozent

Abb. 5.1: D. Durchschnitt der Zeit der Dissoziation der Teilnehmer aus Europa höher als 30 Prozent
Die Prävalenz der Teilnehmer, die mehr als 30 Prozent der Zeit im Sinne von Amnesie Depersonalisation oder Derealisation – also eher auf pathologische Weise – dissoziieren (Bernstein und Putnam 1993), zeigt sich in Abb. 5.2, in der die höchsten Prozentzahlen besonders hervorgehoben sind:

Abb. 5.2: Dissoziative Erfahrungen (in Prozentzahlen)
2.6 Inventar der Ressourcen
Mit dem Begriff›Ressourcen‹ meinen wir die Merkmale, Personen, Dinge oder Gelegenheiten, die als Unterstützung dienen oder in Stresssituationen bei heftigen oder sehr bewegenden Ereignissen nützlich sind. Dank dieser Ressourcen gelingt es der betroffenen Person, dem potenziell traumatischen Ereignis zu entgegnen, den Alltag weiterhin zu leben und die schlimme Erfahrung zu überwinden. In der Traumatherapie orientiert man sich gemeinhin an den jeweiligen Ressourcen, legt sie frei und stärkt sie, damit die betroffene Person aus ihnen die nötige Kraft schöpfen kann. Kurz gesagt, in der Behandlung traumatisierter Menschen sind ihre Ressourcen von fundamentaler Bedeutung.
Das Inventar der Ressourcen wurde von dem Forschungsteam speziell für dieses Projekt erarbeitet.33 Es spiegelt besondere Elemente der bolivianischen Wirklichkeit und ist aus 134 potenziellen Ressourcen zusammengesetzt, die in drei Kategorien unterteilt sind. Die erste dieser Kategorien ist jene der ›internen Ressourcen‹, welche aus den Sub-Kategorien ›Gefühle‹, ›Leiblichkeit‹, ›Verhalten‹, ›Reflexionen‹ und ›Symptome‹ besteht. Die zweite Kategorie ist jene der ›externen Ressourcen‹, die sich aus den Sub-Kategorien ›Materialien‹, ›Beziehungen‹, ›professionelle Hilfe‹ und ›Aktivitäten der Erholung‹ zusammensetzt. Und dritte Kategorie ist jene der ›soziokulturellen Ressourcen‹, die die Sub-Kategorien ›Aktualität‹, ›Traditionen‹, ›Spiritualität‹ und ›Religion‹ enthält.
Obwohl die Gesamtheit an der UPEA 53 Studenten umfasst, liegen nur die Angaben von 50 Studenten vor, da die Fragebogen den Teilnehmern in einer späteren Gruppensession vorgelegt wurden, in der drei Studenten nicht anwesend waren. Im gleichen Sinne beträgt, aufgrund der Abwesenheit eines Studenten, die Gesamtheit der an der UCB 74 Studenten. Die Zahl der Studenten an der UMSA beläuft sich, bis auf eine einzelne Rubrik, auf 38 Teilnehmer, aus Europa nehmen (bis auf einzelne Rubriken, wo die Zahl 32 beträgt, 33 Studenten teil.34
Anhand der Abbildungen 6 (A-D) werden die Resultate für die UPEA, die UCB, die UMSA und für Europa dargestellt. Im unteren Teil der Grafik kann man jeweils die Ressourcen sehen, auf welche die Teilnehmer ›oft‹ oder ›immer‹ zurückgreifen. Im oberen Teil der Grafik sieht man die jeweiligen Ressourcen, welche die Teilnehmer ›nie‹ in Anspruch nehmen.
Die am häufigsten genutzten Ressourcen sind
| – | an der UPEA: Ziele im Leben, positives Denken, Optimismus, Studium. |
| – | an der UCB: Ziele im Leben, Mutter, Liebe, Entscheidung, positives Denken. |
| – | an der UMSA: Musik, über Stress Nachdenken, positives Denken, Schlafen. |
| – | aus Europa: Freunde, Liebe, Musik, Schlafen, positives Denken, Lesen. |

Abb. 6: A. Prävalenz der 20 wichtigsten und 10 unwichtigsten Ressourcen, auf welchedie Teilnehmer der UPEA zurückgreifen (n = 50) (in Prozentzahlen)
Die beiden wichtigsten Ressourcen sind somit positives Denken und Ziele im Leben.

Abb. 6: B. Prävalenz der 20 wichtigsten und 10 unwichtigsten Ressourcen, auf welche die Teilnehmer der UCB zurückgreifen (n = 74) (in Prozentzahlen)

Abb. 6: C. Prävalenz der 20 wichtigsten und 10 unwichtigsten Ressourcen, auf welche die Teilnehmer der UMSA zurückgreifen (n = 37) (in Prozentzahlen)

Abb. 6: D Prävalenz der 20 wichtigsten und 10 unwichtigsten Ressourcen, auf welche die Teilnehmer aus Europa zurückgreifen (n = 32) (in Prozentzahlen)
Wie die Auswertung der Ergebnisse zeigt, stehen hinsichtlich der internen Ressourcen bei den bolivianischen Studenten gewisse Reflexionen an erster und zweiter Stelle. Anscheinend haben sie eine starke Neigung, zu rationalisieren. Bei den europäischen Teilnehmern steht dagegen – nach der externen Ressource Freunde – das Gefühl der Liebe an erster Stelle, was ein wenig naiv und romantisch anmutet. Obwohl die Latinos allgemein eher als gefühlsbetont, die Abendländer dafür als vernünftig gelten, greifen die bolivianischen Studenten dennoch öfters als die europäischen Teilnehmer auf die Ressource der Rationalität zurück, während umgekehrt die europäischen Teilnehmer öfters als die bolivianischen Studenten auf die Ressource der Emotionalität zurückgreifen. Womöglich definieren die Teilnehmer die internen Ressourcen als innere Kraftquellen, die nicht aus irgendwelchen eigenen selbstverständlichen Charakteristiken bestehen, sondern ihnen eher fremd sind und erst – mühsam – erworben werden müssen. Es ist, als würden sie die Ressourcen als einen wesentlichen Gegenpol zu ihrer eigenen Persönlichkeit sehen, damit diese zu einer Ganzheit vervollständigt wird.
Die Teilnehmer der UCB machen viel öfters von ihren internen Ressourcen Gebrauch als jene der UMSA, UPEA oder aus Europa (im Verhältnis 14 Prozent zu 6 bzw. 4 und 0 Prozent). Es ist auffallend, dass die externen Ressourcen nur von den Teilnehmern der UCB, die soziokulturellen Ressourcen von keinen Teilnehmern ›oft‹ oder ›immer‹ in Anspruch genommen werden.
Eine besondere Ressource, die für alle Teilnehmer in Bolivien sehr wichtig ist, stellt der Glaube da. Ob es sich dabei um den Glauben an Gott, die Zukunft oder die Pachamama (»Mutter Erde«) handelt, wird allerdings nicht spezifiziert. Während etwa 40 Prozent der UPEA, 30 Prozent der UCB und 10 Prozent der UMSA ›immer‹ auf sie zurückgreifen, nutzen sie ein Viertel der UPEA, UCB und UMSA etwas weniger, aber immer noch ›oft‹. Dennoch ist der Kult als Ressource bei ihnen von geringerer Bedeutung; höchstens 2 Prozent gehen immer in den Gottesdienst oder die Messe. Andererseits werden das Beten und vor allem das Meditieren als wichtige Ressourcen betrachtet. Bei den Teilnehmern aus Europa hat der Glaube dagegen einen geringen Stellenwert: Nur etwa 12 Prozent greifen öfters auf diese Ressource und nur 3 Prozent auf das Meditieren, Beten oder den Kult zurück.
Bezüglich ideologischer Vorstellungen bekunden um die 20 Prozent aller befragten Studenten und Jugendlichen die Wichtigkeit eines sozialen Engagements. Für einen größeren Prozentsatz an der UPEA (30 Prozent) und kleineren Prozentsatz aus Europa (12 Prozent) ist die Sorge um die Umwelt wichtig. Vor allem unter den Teilnehmern der UCB und UMSA und etwas weniger unter jenen der UPEA scheint es eine starke Abneigung gegen ein politisches Engagement35 zu geben, da viele nie darauf zurückgreifen (je 84, 82 und 76 Prozent). Die feministischen Ideale als Ressource sind nur für einen kleinen Prozentsatz aus Europa (9 Prozent) von Bedeutung.
Während die Mutter als Bezugsperson eine wichtige Ressource darstellt, vor allem für die Studenten der UCB, ist der Vater als Ressource für alle Teilnehmer weit weniger wichtig. Allerdings bedeuten die Freunde für die Teilnehmer aus Europa – im Vergleich zu Vater oder Mutter – eine wichtigere Ressource. Hinsichtlich der externen Ressourcen scheinen die Beziehungen überhaupt wider Erwarten von geringer Bedeutung zu sein. Die Teilnehmer greifen viel mehr auf irgendwelche Materialien oder Aktivitäten der Erholung zurück. Wahrscheinlich deutet dieses Resultat darauf hin, dass die Teilnehmer im Falle einer Stresssituation dieser lieber allein entgegentreten wollen, als irgendjemanden damit zu belästigen.
Was professionelle Hilfe anbelangt, geben lediglich drei Prozent der Teilnehmer aus Europa an, diese ›oft‹ oder ›immer‹ in Anspruch zu nehmen, während der Prozentsatz in Bolivien 0 Prozent beträgt. Relativ viele Teilnehmer aus Europa, der UPEA, UCB und UMSA suchen ›niemals‹ einen Psychologen auf (79 beziehungsweise 72, 70 und 32 Prozent) oder nehmen ›nie‹ an einer Selbsthilfegruppe teil. Dabei ist zu beachten, dass fast alle Teilnehmer der UMSA Psychologie studieren. Was die Selbstverwirklichung betrifft, erwähnen zwischen 32 Prozent und 42 Prozent aller Teilnehmer, dass sie ›oft‹ auf diese Ressource zurückgreifen. Dass die Aussage der Bolivianer sich nur wenig von jener der Europäer unterscheidet, erstaunt, da die Möglichkeiten zur persönlichen Selbstverwirklichung in Bolivien wegen der beschränkten Ausbildungsmöglichkeiten und finanziellen Mittel, zudem der strengen Visumsbestimmungen im Allgemeinen äußerst begrenzt ist. Anscheinend geht es bei den bolivianischen Teilnehmern vorwiegend um das Gefühl und Wissen, dass man überhaupt studieren kann – der Begriff ›Selbstverwirklichung‹ hat also je nach Kulturkreis eine andere Bedeutung.
2.7 Vorhandene Copingstrategien
Neben den Ressourcen sind die jeweiligen Copingstrategien in der Trauma-Therapie von entscheidender Bedeutung. Dabei geht es um die Fähigkeit der betroffenen Person, sich der ständig verändernden Realität, den unterschiedlichen Umweltbedingungen und Forderungen anzupassen. Die konkreten Copingstrategien geben Aufschluss über die Art und Weise, wie sie sich einer schwierigen Situation stellt, oder anders gesagt, wie sie sich mit einer traumatischen Erfahrung auseinandersetzt.
Zur Erfassung der vorhandenen Copingstrategien entschied sich die Forschungsequipe für eine Übersetzung und Modifizierung der Skala der Copingstrategien durch ein kolumbianisches Team,36 weil diese Version dem bolivianischen Kontext ähnlich ist. Diese Skala wurde ursprünglich von Charot und Sandín (1993) erarbeitet, die das Ways of Coping Instrument oder WCI von Lazarus und Folkman weiterentwickelt haben. Trotzdem nahmen wir auch unsererseits einige Änderungen in der kolumbianischen Skala vor, z. B. den Faktor ›Humor‹, und fügten verschiedene besondere soziokulturelle Rubriken hinzu. Schlussendlich bestand die von uns verwendete, modifizierte Skala der Copingstrategien aus 75 Rubriken und 13 Faktoren, nämlich den folgenden: ›Problemlösung‹, ›Suche sozialer Unterstützung‹, ›Abwarten‹, ›Spiritualität‹, ›emotionale Vermeidung‹, ›Suche professioneller Hilfe‹, ›aggressive Reaktion‹, ›offener emotionaler Ausdruck‹, ›kognitive Vermeidung‹, ›positive Wiederauswertung‹, ›Ausdruck der Schwierigkeit der Konfrontation‹, ›Leugnung‹ und ›Humor‹. Die Skala misst die Angewohnheit, diese Strategien in stressigen oder traumatischen Situationen einzusetzen. Mit anderen Worten, die Skala versucht, die bevorzugten Strategien der Teilnehmer, wie sie mit solchen Situationen umgehen, zu identifizieren.
In den Abbildungen 7.1 werden die 10 meistgenutzten Strategien von den insgesamt 75 Rubriken der Copingstrategien dargestellt. Dabei sind alle Teilnehmer der UPEA, UCB, UMSA und Europa einbezogen worden, die auf diese Strategien mit einer Häufigkeit von ›fast immer‹ oder ›immer‹ zurückgreifen.

Abb. 7.1: A. Prävalenz der am meisten benutzten Copingstrategien im Sinne von ›fast immer‹ oder ›immer‹ an der UPEA (n = 50)

Abb. 7.1: B. Prävalenz der am meisten benutzten Copingstrategien im Sinne von ›fast immer‹ oder ›immer‹ an der UCB (n = 74)

Abb. 7.1: C. Prävalenz der am meisten benutzten Copingstrategien, im Sinne von ›fast immer‹ oder ›immer‹ an der UMSA (n = 38)

Abb. 7.1: D. Prävalenz der am meisten benutzten Copingstrategien, im Sinne von ›fast immer‹ oder ›immer‹ in Europa (n = 33)
In der Abb. 7.2 wird der Durchschnitt für jeden Faktor dargestellt, wobei die jeweiligen Höchstwerte hervorgehoben sind. Die Punktzahlen des Durchschnitts verweisen auf die folgenden Häufigkeitswerte:
| 1,00 - 1,50 nie | 1,51 - 2,50 fast nie | 2,51 - 3,50 manchmal |
| 3,51 - 4,51 oft | 4,51 - 5,50 fast immer | 5,51 - 6,00 immer |

Abb. 7.2: ABCD. Durchschnitt der Copingstrategien nach Faktor und Häufigkeit an der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa
Während die Teilnehmer aus Europa in stressigen oder traumatischen Situationen oft ›soziale Unterstützung‹ – ihre bevorzugte Copingstrategie – suchen, um ermuntert zu werden, ein mitfühlendes Gehör oder weise Ratschläge zu bekommen, versuchen vor allem die Studenten der UMSA und UPEA, ihre Gefühle für sich zu behalten.
Die bevorzugte Copingstrategie in stressigen oder traumatischen Situationen sowohl der Studenten der UPEA als auch der UCB und UMSA ist die ›positive Wiederauswertung‹, welche übrigens auch bei den Teilnehmern aus Europa sehr beliebt ist.
Hinsichtlich der Bedeutung ›professioneller Hilfe‹ sind die Resultate – wie bereits im Kapitel über die Ressourcen erwähnt wurde – ernüchternd: 75 bis 90 Prozent der Teilnehmer der UPEA, UCB, UMSA und aus Europa greifen ›nie‹ oder ›fast nie‹ auf diese Copingstrategie zurück. Immerhin wird sie von 3 Prozent der Teilnehmer aus Europa ›immer‹ angewendet.
Eine Erklärung wäre, dass einerseits das Angebot an professioneller Hilfe im Sinne von Psychotherapie in La Paz und El Alto äußerst beschränkt ist. Andererseits fehlt es den meisten Studenten an den nötigen finanziellen Mitteln, an Ruhe und Sicherheit, um eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Die höchste Zahl von Interessenten findet sich an der UMSA, wo die große Mehrheit der Teilnehmer aus Psychologiestudenten besteht, von denen einige ein klinisches Praktikum in der universitären Praxis machen.
Auch die Bedeutung der ›Kirche‹ scheint in manchen Kreisen übertrieben stark hervorgehoben zu werden, denn rund 75 Prozent der bolivianischen Studenten und 90 Prozent der europäischen Teilnehmer greifen ›nie‹ oder ›fast nie‹ auf diese religiöse Institution als Copingstrategie zurück. Während die Teilnehmer aus Europa im Durchschnitt ›nie‹ auf die ›Spiritualität‹ als Copingstrategie nutzen, tun dies jene der UMSA und UCB immerhin ›fast nie‹, und jene der UPEA doch ›manchmal‹.
Im Gesamtdurchschnitt wenden alle Teilnehmer sowohl in Bolivien als aus Europa ›manchmal‹ bestimmte Copingstrategien an. Obwohl es in Bezug auf die Häufigkeit nur minimale Differenzen gibt, ist die Auswahl der Copingstrategien nach Faktoren sehr unterschiedlich.
Der ›Humor‹ stellt sich eindeutig als eine wichtige Copingstrategie in stressigen oder traumatischen Situationen heraus, auf den die Teilnehmer der UCB im Durchschnitt ›oft‹, und jene der UPEA, der UMSA und aus Europa ›manchmal‹ zurückgreifen. Es ist interessant, dass diese besondere Copingstrategie weder von Charot und Sandín, noch vom zitierten kolumbianischen Team in ihren Fragebogen aufgenommen, sondern vollständig übersehen worden ist.
Das Forschungsteam hatte zusätzlich acht soziokulturelle Copingstrategien formuliert und in den Fragenkatalog eingeschlossen, weil es dem besonderen Kontext Boliviens, La Paz und El Alto, gerecht werden wollte. Wider Erwarten ging jedoch aus den Resultaten eindeutig hervor, dass es die Relevanz dieser soziokulturellen Rubriken schwer überschätzt hatte. Die anfängliche Arbeitshypothese, den Menschen in Bolivien stehe ein differenziertes Spektrum an individuellen, soziokulturellen Kraftquellen zur Verfügung, die den Europäern zum Teil fremd seien, erwies sich als falsch. Die Resultate sowohl in Bezug auf die Copingstrategien als auch auf die Ressourcen geben zu erkennen, dass den bolivianischen und europäischen Teilnehmern nahezu das gleiche Spektrum an Kraftquellen zur Verfügung steht. Anscheinend bevorzugen und entscheiden sie sich aber aus gewissen soziokulturellen Gründen für unterschiedliche Copingstrategien bzw. Ressourcen.
In Bezug auf die zwei hinzugefügten soziokulturellen Copingstrategien »Ich versuche, die Situation mit guter Laune zu bewältigen« und »Ich mache Anekdoten oder Witze über das potenziell traumatische Ereignis«, wurde festgestellt, dass diese Strategien sowohl von den bolivianischen als auch europäischen Teilnehmern geschätzt werden. Allerdings scheint fast ein Drittel der Teilnehmer der UPEA, gefolgt von der UMSA, UCB und schließlich Europa, zu viel Respekt vor dem Ereignis zu haben, um darüber lachen zu können.
Was die beiden traditionellen einheimischen Handlungsweisen – »Ich befolge die Empfehlungen der Älteren« und »Wir solidarisieren uns in meiner Familie oder Gemeinschaft« – betrifft, so sind diese anscheinend noch immer unter einem Drittel der Studenten der UPEA lebendig, während sie an der UCB und UMSA größtenteils an Bedeutung verloren haben. Für die Jugendlichen aus Europa scheinen diese beiden Copingstrategien der Achtung vor dem Alter und der Familiensolidarität keinen besonderen Wert zu haben.
2.8 Inventar der Post-Traumatischen Reifung
Im Grunde genommen besteht die persönliche Reifung aus einem Entwicklungs- und Transformationsprozess, indem die ständig neuen Erfahrungen irgendwie in die eigene Persönlichkeit integriert werden. Diese Reifung ist normal und üblich im Verlauf des Lebens. Daneben existiert aber auch eine ganz besondere Reifung, die aufgrund einer traumatischen Erfahrung erfolgt. Es gibt Menschen, die an ›ihrem Unglück‹ trotz unglaublicher Schmerzen und Ängsten persönlich wachsen.
Das Inventar der Post-Traumatischen Reifung oder PTGI (Post Traumatic Growth Inventory) erforscht sowohl die Art als auch den Grad dieser besonderen persönlichen Reifung. Das PTGI wurde von Tedeschi und Calhoun (1996) erarbeitet und von Weiss und Berger vom Englischen ins Spanische übersetzt. Diese Version wurde wiederum von der Forschungsequipe dem bolivianischen Kontext angepasst, indem – genauso wie bei der IES-R – zwei einführende Fragen bezüglich des heftigsten Ereignisses überhaupt und des entsprechenden Alters eingefügt wurden. Das PTGI ist aus 21 Rubriken zusammengesetzt, die sich in fünf Bereiche der Ver- änderung oder Reifung unterteilen: eine intensivere Wertschätzung des Lebens, intensivere zwischenmenschliche Beziehungen, ein Bewusstwerden der eigenen Kraft, die Entdeckung neuer Möglichkeiten im Leben und ein intensiveres spirituelles Bewusstsein.
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