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Claus Bork
Die Tore nach Rana
Saga
Die Tore nach RanaÜbersetzt vonSusanne Richter Originaltitel Portene til RanaCopyright © 2015, 2019 Claus Bork and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800065
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Personen
Angicore
Der Jaranakaiser von Dynadan, der einzig wahre Herrscher.
Miran
Die Gemahlin des Kaisers.
Gaya
Der Baum des Lebens im Wispernden Park.
Skillion
Erzzauberer von Dynadan.
Die Maruder
Die kaiserliche Leibgarde.
Leso
Kardinal am kaiserlichen Hof.
Nafimo
Kaiserlicher Zauberer.
Skeletore
Der Diener des Todes.
Tarman
Ein Maruder.
Jinzo Yol
Ein Maruder.
Unter den Ereignissen, die sich in der Zeit nach Djin abspielten, war besonders eines, das in der Erinnerung blieb.
Es wurde von einer Generation der Jaranakaiser an die nächste überliefert, bis es schließlich niedergeschrieben und in die Familiengeschichte dieser Herrscher, in der kaiserlichen Bibliothek in Krilanta, aufgenommen wurde.
Dieses Ereignis, der ausmergelnde und einsame Kampf Kaiser Angicores I. gegen den Diener des Todes, Skeletore -wurde vom Volk Dynadans als Beweis dafür betrachtet, daß der Jaranakaiser mit Recht und für immer, den Titel "Der einzig wahre Herrscher" trug und tragen sollte.
In den Familienaufzeichnungen gibt es verblüffend wenige Aufzeichnungen über die einzelnen wahren Herrscher. Das deutet darauf hin, daß die Haltung, die der Erziehung der frühen Jaranaherrscher zu Grunde lag, den Nährboden für eine fast krankhafte Eifersucht bildete, die sich unter anderem darin äußerte, daß die einzelnen Kaiser Dokumentationen über groß artige Taten früherer Kaiser entfernten und vernichteten.
Der Sprung von dieser Schilderung zur Schilderung von Dizjan - "Dem Maruder" - übergeht also auch die Lebensbeschreibungen mehrerer Generationen von Jaranakaisern, die für alle Zeiten in Vergessenheit geraten sind.
Auszug aus Prinzessin Aylias Erinnerungen an den Erzzauberer Skillion.
Der Kaiser
Er stand auf dem Balkon und schaute über die Stadt.
Die Morgensonne fiel auf die roten, glasierten Dächer; sie spielte glänzend auf den farbigen Flächen, so, wie sie auch auf den Wellen auf dem smaragdgrünen Spiegel des Meeres weiter draußen spielte.
Die Masten, ein Wald aus schwarzen Stangen gegen das grüne Meer, schaukelten im Takt leicht hin und her.
Er lehnte sich schwerfällig auf die Brüstung des Balkons und fühlte sein Gewicht auf den Ellbogen. Zufrieden seufzte er und betrachtete seine sehnigen Hände. Diese Hände waren es, mit denen er die Welt aufgebaut hatte, über die er jetzt schaute. Diese beiden Hände hatten dies alles geschaffen.
Er blinzelte mit den Augen gegen das scharfe Sonnenlicht.
Die Falten um seine Augen und das etwas markige Gesicht enthüllten, daß er nicht mehr ganz jung war. Nur die lebhaften, blauen Augen zeugten davon, daß er immer noch jugendliche Stärke und Glut besaß.
Die Ledersandale knatschte etwas, als er sein Gewicht vom einen Bein auf das andere verlagerte.
Er legte den Kopf zurück, schloß die Augen und holte tief Luft. Er war glücklich, fühlte das Glück wie einen rieselnden Strom der Freude in seinem Innern. Er hatte es so gut gemacht, wie er konnte; er wußte, daß es wahr war. Keiner würde mehr verlangen können...
Er war Angicore, der Jaranakaiser. Herrscher von Dynadan und Protektor von Ergol - und Illemed, dem Land auf der anderen Seite des Meeres.
Eine Biene kam summend durch die Morgenhitze, setzte sich auf seinen Arm, und machte sich daran, mit ihren Vorderbeinen die Fühler zu putzen.
Er betrachtete sie eingehend und verfiel in Gedanken. Er verweilte lange in Erinnerungen. Selbst als die Biene abgehoben hatte, und über den Hof des Palastes weitergeflogen war, auf die verlockende Blumenfülle des Parks zu, stand er da, und versuchte, sich sein Gesicht in die Erinnerung zurückzurufen.
Er dachte, wie schon so oft vorher, an Skillion.
Es waren viele Jahre vergangen. Unendlich war die Zahl der Wellen, die seitdem an die Strände Dynadans gespült worden waren. Es waren zwanzig Jahre vergangen, und die Welt hatte sich verändert.
Dann, wie nach einer plötzlichen Eingebung, drehte er sich auf den Hacken um und ging durch die Säle hinein. Seine Schritte lärmten hart in der Stille, und die Maruderwächter an den zweiflügeligen Türen richteten sich auf und starrten leer in den Raum. Er fühlte, wie sie ihm mit den Augen folgten, aber ließ sich nichts anmerken.
Er lief weiter durch die Türen, und den Gang zu den kaiserlichen Gemächern entlang.
Die Maruder schloßen lautlos die Türen hinter ihm.
Am Ende des Ganges stand noch einer. Sie bewachten ihn, so pflichteifrig wie Ameisen über ihre Königin wachen. Und obwohl er das nicht für notwendig hielt, akzeptierte er es. Er hatte die Welt sich verändern gesehen, damals, vor langer Zeit.
Er wußte, daß es wieder geschehen konnte.
Er lief weiter durch die nächsten, endlosen Gänge unter den weißen Gewölben. Die Maruder waren nicht zu sehen, aber er wußte, daß sie irgendwo in den Schatten standen und seinen Bewegungen folgten.
Wieder hatte er diesen leichten Stich im Herz. Er dachte an die Biene, die auf seinem Arm gelandet war. Sie war frei, und konnte hinfliegen wohin ihr Wille es befahl, schweben wie ein kleiner, unbewachter Planet mitten im Himmelsraum über Dynadan, ohne daß wachsame Blicke jede einzelne ihrer Bewegungen überwachten.
Vor einer Nische in der Mauer blieb er stehen. Ganz schwach fühlte er das Blinken der Augen des Maruders in der Dunkelheit.
Angicore starrte hinein. Nur die klaren, blitzenden Augen und der vergoldete Schaft des Säbels waren zu sehen.
"Guten Morgen, Soldat," sagte er, an seinen schweigenden Bewacher gewandt.
Der Schatten bewegte sich nicht. Er wartete wie eine gespannte Stahlfeder in der Dunkelheit, wartete darauf, daß etwas geschah. Höchstwahrscheinlich würde es nie geschehen, aber er würde warten...
"Guten Morgen, Euer Gnaden." Die Stimme des Maruderfechters war metallisch und tief.
Angicore betrachtete den Schatten mit den blitzenden, harten Augen lange. Dann ging er weiter.
Die Säulen, die dies gewaltigste Dach der Welt trugen, waren behauen wie die Bäume im Wald beim Ebenholzfelsen. Zweige und Blätter breiteten sich über das Deckengewölbe, so naturgetreu wiedergegeben, daß das menschliche Auge nur schwer diese meisterhafte Nachahmung des Künstlers der Natur erkennen konnte.
Endlich sah er die Tür, schritt auf sie zu, und blieb dann stehen.
Er stand und horchte, aber es kamen keine Geräusche von drinnen. Der Türgriff quietschte ganz leise, als er ihn herunterdrückte, wie das Wispern der Schlangen in den Tempelkellern Ergols, das war alles.
Darauf schlich er hinein, schloß die Tür hinter sich und ging so lautlos er konnte zu dem Bett hinüber.
Der Junge lag mit dem Kopf auf dem Kissen und schlief. Er seufzte wieder, der Jaranakaiser, während sich ein kleines Lächeln über sein Gesicht breitete, von den Mundwinkeln bis zu den Falten um die warmen, blauen Augen.
Er warf einen hastigen Blick in den Raum. Über die Wände, die Möbel, zur Balkontür, wo das Sonnenlicht spielte und versuchte, durch die schweren, dunklen Gardinen zu dringen.
Er ahnte schwach die Kontur eines Maruderfechters auf dem Balkon. Der Maruder dort draußen stand so still da, als wäre er tot, obgleich er so lebendig und todbringend war, wie nur etwas auf dieser Welt.
Er lauschte den regelmäßigen Atemzügen des Jungen, prägte sich, wie schon so oft vorher, jedes einzelne Detail seiner Züge ein. Die weichen, schwach roten Lippen, die langen Wimpern und die Hände mit den schlanken Fingern, die auf dem Kissen an seiner Wange lagen. Und dann die blauen Augen, die jetzt unter den weichen Augenlidern versteckt waren. Sie waren warm und schön, wie die seiner Mutter.
Angicore drehte sich um und schlich zur Tür hinüber, glitt lautlos in den Säulengang und lief weiter.
Die Decke war geschnitzt wie die Säulen, an denen er vorbeiging. Es waren Laub, Blätter und Ranken zu sehen, die sich von den behauenen Stämmen über ihm ausbreiteten. Sie waren so gut geschnitzt, daß, wenn man es nicht besser wußte, man glauben konnte, daß dies alles lebendig war.
Er liebte es, früh auszustehen und die Welt, über die er herrschte, aus dem Schlaf der Nacht erwachen zu sehen. Und er liebte es genauso, lange, einsame Spaziergänge in den Wäldern und Bergen zu machen; ab und zu von dem Jungen begleitet.
Angicore blieb stehen und legte die Hände auf das Geländer.
Während er langsam den Blick über den Rasen hinunter zu den Schwänen auf dem See im Wispernden Park schweifen ließ, dachte er dasselbe wie schon so oft vorher: daß der Junge das Kostbarste war, was er hatte, und daß ihm nichts Böses zustoßen durfte.
Das wäre sein, Angicores, Tod.
Er seufzte leise und schüttelte die düsteren Gedanken ab. Alles war friedlich und der Junge schlief - er hatte ihn gerade eben gesehen.
Er erreichte die gewundene Treppe und begab sich die Stufen hinauf. Sie war ein wenig ausgetreten, von den Schritten vieler Generationen der Jaranakaiser. Während er ging, dachte er zurück.
Er rief sich die Erinnerung an Zarafir ins Gedächtnis. Er erinnerte sich an den Gizal, der ihn auf der Treppe zurückgedrängt hatte. Er verdankte Duncan Yol sein Leben, dem besten Fechter, den ein Kaiser je in seiner Garde gehabt hatte. Und trotz all der Jahre, die vergangen waren, konnte er immer noch das Gelächter des Gizals auf der gewundenen Spirale der Treppe hören. Es war nur Einbildung, das wußte er, aber sie machte ihm eine Gänsehaut - diese Erinnerung.
Oben auf der Treppe blieb er einen Augenblick stehen und sah sich um. Es gab nur die nackten, rauhen Wände, beleuchtet von den kleinen Fenstern mit den Spitzbögen. Dann trat er an die Tür und bewegte die Klinke.
Obwohl sie all diese Jahre nicht geöffnet worden war, glitt die Tür mit verblüffender Leichtigkeit auf. Sie knarrte etwas in den Angeln, dann war sie offen.
Angicore ging ein paar Schritte vor und blieb stehen. Er erkannte den Geruch von Zarafirs Kräutern wieder, nur war er stärker und ranziger als damals. Sie hingen immer noch in dicken Gebinden vom Balken an der Decke, bedeckt von einer dicken Lage Staub.
Er ließ den Blick im Raum herum wandern, nahm sich viel Zeit, alles zu beobachten, bevor er etwas anrührte. Es war das erste Mal, daß er diesen Ort betrat, seit er ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte.
Das Bett war leer.
Als er das letzte Mal dastand, wo er jetzt stand, hatte Zarafir in dem Bett gelegen - ein sterbender, alter Mann, dessen mächtige, magische Kräfte nicht länger im Stande waren, weder sich selbst, noch ihn, seinen Kaiser, zu schützen. Nun stand er hier wieder, und fand alles so vor wie damals, nur das Bett war leer.
Als er über den Fußboden weiterging, wirbelte der Staub in kleinen Wolken um seine Füße. Er schaute aus dem Fenster hinaus, über das Meer, nach Illemed.
Wie nach einer plötzlichen Eingebung, drehte er sich um, langsam.
In der entferntesten Ecke, im Schatten der Tür, die immer noch halb offen stand, stand ein sehr alter Mann und betrachtete ihn.
Seine grauen Augen waren wie ein gewaltiger Abgrund in seinem faltigen Gesicht. Er stand mit den Händen über dem Bart, der ihm bis zum Leib reichte, gefaltet da. Der Bart war grau, wie mattgeschliffenes Eisen, derselben Farbe, die auch seine Augen hatten. Er sagte nichts, stand nur da und schaute quer über den staubigen Boden.
Angicore, der Jaranakaiser, trat einen Schritt vor und streckte ihm die Hand entgegen.
"Ich sah dich schon einmal," flüsterte er.
Der Alte nickte langsam, ohne den Blick von ihm abzuwenden.
"Du bist Zeit..."
Der Greis nickte wieder.
"Sahst du die Dinge geschehen und wie es seitdem gekommen ist?" Das war mehr eine Feststellung als eine Frage, aber der Alte nickte immer noch.
"Gibt es etwas, was ich hätte anders machen sollen?" fragte Angicore. Der erste Keim von Unruhe wuchs in seiner Seele.
"Das, was geschehen ist, ist geschehen," antwortete Zeit ruhig. "Nichts davon, läßt sich mehr ändern."
Angicore befeuchtete die Lippen mit der Zunge und ließ den Blick durch das Turmzimmer wandern. In all den Jahren, die vergangen waren, hatte er Zeit nicht ein einziges Mal gesehen.
Und das, obwohl er öfter nach ihm Ausschau gehalten hatte.
Nun stand er vor ihm, keine drei Schritte weg...
"Warum kommst du hierher?" fragte Angicore.
"Ich bin dort zu finden, wo es etwas zu erinnern gibt," antwortete Zeit ruhig. "Hier werden Dinge geschehen, die es wert sind, daß man sich an sie erinnert."
Angicore sah sich verwirrt um.
"Hier?"
Zeit schüttelte den Kopf und betrachtete ihn mit seinem unergründlichen Blick.
"Hier, in diesem Land, in diesem Palast."
"Was wird passieren?" flüsterte Angicore mit bebender Stimme.
"Das kann ich dir nicht erzählen," antwortete Zeit, "das weißt du. Du weißt auch, wo du die Antwort bekommen kannst."
Angicore nickte und holte tief Luft.
"Du hast einen Zipfel von Skillions gewaltiger Kraft gefunden," sagte Zeit leise. "Du hast etwas von dem gefunden, was alle im Laufe ihres Lebens zu finden wünschen. Du hast selbst gewaltige Kräfte in dir, Angicore von Dynadan!"
Der Blick des Kaisers flackerte über die Wände, zum Fenster und dem Anblick der schaumbedeckten Wellen, tief unten vor den weißen Mauern.
Zeit räusperte sich heiser. "Du suchtest und fandest einen Teil der Wahrheit, die versteckt in dem liegt, was sie Budjidjin nennen. Ich folgte Keram Bar, einmal, vor langer Zeit. Keram Bar und Skillion. Später folgte ich dem, der dein Freund werden sollte, Duncan Yol. Nach seinem Tod folgte ich dir, Angicore -Kaiser der Menschen!"
"Ich habe dich nie vorher gesehen, bis jetzt," seufzte Angicore.
"Man sieht mich nicht - ich lasse mich sehen!" antwortete Zeit spitz.
Angicore nickte, er wußte, daß es die Wahrheit war.
"Du wirst deine gewaltigen Kräfte brauchen, wenn du dich gegen das, was auf dem Weg ist, schützen willst. Ich habe es kommen sehen, nun warte ich hier, zusammen mit dir."
Es war kein Mitgefühl in Zeits klangloser Stimme, auch nicht in dem abgrundtiefen Blick.
"Jemand will mich meiner kaiserlichen Macht berauben?" versuchte Angicore.
Zeit schüttelte langsam den Kopf.
"Jemand will meine Schätze stehlen?"
Allein der Gedanke war absurd. Die Schätze aller Jaranakaiser waren zu allen Zeiten in den Kellern unter dem Palast versteckt gewesen. Es würde ein Heer brauchen, sich Zugang zu ihnen zu verschaffen. Und wenn Fremde endlich durchstießen, in die kaiserlichen Schatzkammern, würde die letzte Schlacht in den Kellern stattfinden. Und in den Kellern würden die Maruderfechter warten. Die Frage war sinnlos, aber die einzige, die ihm gerade einfiel.
Zeit lächelte kalt und es knirschte in seinem steifen Gewand.
Noch einmal schüttelte er den Kopf.
"Du würdest es mir nie sagen, selbst, wenn ich es erraten würde?" murmelte Angicore.
"Nein," seufzte Zeit.
"Warum bist du hergekommen? Was hast du erwartet, zu finden?"
Der uralte Mann breitete die Arme aus.
"Hier gibt es nur verstaubte Bücher und Kräuter, die schon lange ihre heilende Kraft verloren haben."
"Ich kam, um nach dem Rest zu suchen..."
Angicore rieb sich am Kinn und sah sich um. "Ich weiß alles über die Sachen von Zarafir, die an anderen Stellen als hier aufbewahrt werden. Nun bekam ich Lust, hierher zurückzukehren und nachzusehen, was dieser Turm versteckt."
"Ich habe schon lange auf dich gewartet," unterbrach Zeit ihn.
"Dann hast du deine Zeit verschwendet," sagte Angicore.
"Nein," antwortete Zeit und lachte gedämpft vor sich hin, "ich verschwende meine Zeit nie." Er zeigte mit einem krummen Finger auf die Kräuterbündel unter dem Deckenbalken. "Ich habe diese Kräuter all diese Jahre von der Decke herabrieseln sehen. Aber du verschwendest deine Zeit, Angicore von Dynadan. Du hast nicht viel Zeit - und doch verschwendest du die, die du hast, hier zusammen mit mir."
Der Kaiser richtete sich auf und horchte. Er hörte die Schritte des Maruders auf den steinernen Stufen draußen. Der Säbel, der sich langsam auf dem Weg aus der Scheide befand, warf ein gedämpftes Pfeifen die Spirale der Treppe hinunter.
Angicore drehte sich auf den Hacken um und öffnete die Tür.
Er sah ein letztes Mal zu dem alten Mann, und nickte ihm zum Abschied zu.
"Danke," flüsterte er, "daß du mir diese Warnung hast zukommen lassen. Nun muß ich die Bedrohung suchen und finden, bevor sie zu groß wird."
"Suche nahe bei dir selbst..." sagte Zeit tonlos.
Der Keim der Furcht
Der Maruder folgte ihm die Treppe hinunter, wie ein Schatten in dem gewundenen Schacht aus Stein. Jedes Mal, wenn der Kaiser stehenblieb, um nachzudenken, blieb der Maruder hinter ihm auch stehen.
"Suche nahe bei dir selbst!" Er überlegte wie rasend, was das bedeuten konnte, aber keine der Antworten, die ihm einfielen, ergab einen Sinn.
Er verließ den Turm und ging zu den Ställen.
Der Maruder folgte ihm mit drei Schritten Abstand.
Noch war die Sonne nicht weit über das Gewölbe des Himmels gelangt, und die Schatten bargen noch die letzte Kälte der Nacht in sich.
Der feuchte Dampf der fünftausend Pferde in den Ställen lag wie ein leichter Dunst über den langen, geraden Reihen der Stallgebäude. Als er endlich dorthin gelangte, wo sein eigenes Pferd stand, war es gesattelt und reitfertig.
Er wechselte die Kleidung in einem Raum hinter dem Stall, und ließ sie das Pferd hinausführen.
Kurze Zeit später war er auf dem Weg.
Er ritt auf seinem schwarzen Trakehner, durch die Tore an der Nordseite der Stadtmauer und weiter hinaus, auf dem staubigen Weg.
Der letzte Tau hing wie ein grauer Schleier über den Äckern und wurde von den Strahlen der steigenden Sonne verdunstet.
Im passenden Abstand hinter ihm folgten zwei Maruder im vollen Galopp. Sie hatten schnelle Pferde, fast so schnell, wie seines.
Er ritt weiter in den Wald hinein, folgte dem Pfad nach Westen, als der sich teilte, und ritt am Waldrand weiter, in die Dünen, und blieb erst stehen, als die Wellen den Sand von den Hufen des Trakehners wuschen. Hier, an der Grenze des Meeres, setzte er sich im Sattel zurück, und hob die Hand schützend gegen die blendende Sonne vor die Augen. Und dann spähte er über das unendliche, Eis grüne Fläche des Wassers, dem entgegen, von dem er glaubte, daß es kommen müßte, dorthin, von wo er glaubte, daß es kommen würde.
Aber während er so dasaß, in der Morgensonne, die die Meeresfläche mit einem glitzernden, flimmernden Dunst belegte, verging die Zeit. Die Zeit, von der er nur wenig hatte.
Die Maruder saßen wie zwei unerschütterliche Statuen in den Sätteln. Ihre Augen verweilten nur selten bei ihm. Sie suchten die Umgebung nach allem ab, was wie eine Drohung gegen ihn, den einzig wahren Herrscher, gedeutet werden konnte.
Er legte den Kopf schräg und lauschte den Wellen, die in einem langsamen, schwerfälligen Rhythmus an den Strand spülten. Er lauschte der Stimme des Meeres, hörte alles, was sie denen erzählte, die ihre Sprache verstanden.
Er lauschte der Welt, so wie Skillion es getan hatte, einmal, vor langer Zeit. Aber die Stimme erzählte ihm nichts von dem, was er gerne wissen wollte. Vielleicht, weil er sie nicht ganz so gut verstand wie Skillion.
Hinter sich fühlte er die Anwesenheit der Maruderfechter, den schweigenden...
Er breitete die Arme aus und rief mit lauter Stimme: "Gib mir eine Antwort..."
Aber es kam keine Antwort. Das Meer trotzte dem Kaiser der Menschen und erzählte von anderen Dingen.
Schließlich gab er auf, drehte das Pferd um und ritt zwischen den Dünen zurück in den Wald, von den Marudern gefolgt.
Den ganzen Tag beriet er sich mit seinen Ratgebern, hörte sich alles an, was ihn und sein Reich betraf und befahl, daß alle, die nach Krilanta gereist kamen, sich am Hofe einfinden und Bericht darüber ablegen sollten, wohin sie reisen wollten und was das Ziel ihres Besuches war.
Aber auch das brachte kein Ergebnis.
Am Abend faßte er darum den Beschluß, allein durch das vergoldete Tor zu gehen und den Klee im Wispernden Park zu betreten.
Der Baum
Er verließ die leuchtenden, mondbeschienenen Stufen der meterbreiten Marmortreppe und ging mit langsamen Schritten über den Kies im Palastgarten. Es knirschte trocken unter den harten Sohlen, ein Geräusch, das man weithin hören konnte -denn es war das einzige Geräusch, das es gab.
Während er ging, betrachtete er die Sterne. Sie waren von unendlicher Zahl, wie die Körner in dem Kies, den seine Stiefel betraten. Er stellte sich vor, daß er auf so einem Korn lief, der allmächtige Jaranakaiser, und fühlte sich auf einmal völlig unbedeutend.
Sein Blick wanderte vom Himmel weg und fiel stattdessen auf die goldenen Tore, die sich vor ihm auftürmten.
Auf jeder Seite der Tore stand ein Maruder Wache.
Sie standen mit gespreizten Beinen da und rührten sich nicht sofort. Erst, als er näher kam, und sie sehen konnten, wer er war, richteten sie sich auf und schlugen die Hacken zusammen. Es dröhnte im Hof, bis der Lärm, den sie hervorgebracht hatten, seinen Weg über die Dächer fand und verhallte.
Einer von ihnen machte Anstalten, für ihn das Tor zu öffnen, aber er gebot ihm mit einer Handbewegung, es sein zu lassen.
Er wollte es selbst tun.
Er zog das Tor hinter sich zu. Es war schwer und forderte für einen Augenblick seine ganze Kraft.
Dann lief er weiter in die Dunkelheit und die Schatten, über die großen Rasenflächen, die in weich geschwungenen Hügeln zum Fluß und zum See abfielen.
Das Wasser gluckerte über die Steine und floß träge an ihm vorbei, auf die unterirdische Grotte an der Mauer zu. Von dort floß es weiter in einem unterirdischen Tunnel zum Meer.
Er wanderte im Schatten der Gayabäume, in der Dunkelheit unter den gewaltigen Kronen. Ihre Ranken und Blätter hingen wie ein Schleier über ihm, am Ufer entlang.
Mitten im Wispernden Park ging er auf eine Brücke, überquerte den Fluß und betrat das Ufer auf der entgegengesetzten Seite.
Es war eine besondere Brücke, diese, seine Brücke. Gehauen aus einem einzigen Gayastamm und doch imstande, den breiten Abgrund, den der Fluß bildete, zu überspannen.
Er lauschte seinen eigenen Schritten und fühlte sich beobachtet.
Er, Angicore herrschte hier, so lange es Tag war. Er herrschte hier, bis die Sonne hinter den Bergen im Westen unterging. Aber nachts herrschte ein anderer als er im Wispernden Park.
Er lief weiter zwischen den Zwillingssteinen hindurch und ging langsamer. Der Baum stand vor ihm, der Baum Gaya. Er war so groß, daß kein Turm seines weißen Palastes über seine Krone ragte. Seine Millionen von Blättern hingen wie kleine glänzende Silbermünzen im Mondschein, und lange, bevor er ihn erreichte, war er schon in seinem Schatten gewandert.
Er blieb stehen und betrachtete den knorrigen Stamm. Er war so dick, wie Zarafirs Turm und so alt wie das Land Dynadan. So mächtig war sie, die Kraft des Baumes, daß sie diesem Ort ihren Namen gegeben hatte. Er stand da und wartete im Staub, dort wo die knorrigen Wurzeln sich in die Tiefe der Erde bohrten.
Ein sachter Wind flüsterte in den Zweigen über seinem Kopf.
Er fühlte die Anwesenheit des Gedankens, der diesen Ort schützte. Hier, zwischen den Zwillingssteinen, war noch nie Blut vergossen worden. Es würde auch in Zukunft nie geschehen.
Er wußte das. Selbst, als Han O`Lan über das Meer zog, geschickt von Djihba aus Illemed, war hier nicht gekämpft worden. Keiner konnte hinterher erklären, weswegen. Aber er wußte, warum.
Die Ranken des Gayabaumes senkten sich über ihm hinunter, so langsam, wie der Mond über das Himmelsgewölbe zieht, und genauso leise.
Er blieb stehen und ließ es geschehen.
Die Zweige knackten leicht, während die Blätter an ihm vorbeizogen und die Sterne verschwinden ließen. Schließlich stand er in vollkommener Dunkelheit, mit geschlossenen Augen und hektisch klopfendem Herzen.
Dann geschah es.
"Willkommen, Angicore von Dynadan."
Die flüsternde Stimme war rauh und doch sanft, so alt wie die Welt selbst und doch voller Lebenskraft. Der Baum sprach zu ihm, wie er einmal vor langer Zeit zu Skillion gesprochen hatte.
"Danke," flüsterte er und wartete.
"Wir wissen, warum du gekommen bist, oh Angicore von Dynadan. Wir wissen, warum..." Sie holperte ihm entgegen, Gayas gleichzeitig heisere und weiche Stimme.
"Ich traf Zeit..." begann der Kaiser.
"Wir wissen Bescheid," flüsterte Gaya.
Die Zweige schaukelten leicht im Wind und die Ranken schabten gegen seinen Mantel, befühlten ihn vorsichtig, ohne ihm Schaden oder Schmerz zufügen zu wollen.
"Jemand will mir Böses antun," sagte Angicore. "Ich möchte wissen, wer, damit ich meine Maßnahmen treffen kann. Ich möchte nicht, daß noch einmal dasselbe eintrifft wie damals, als das Böse über das Meer kam, aus Illemed."
"Das wird nicht geschehen, vorläufig," flüsterte der Baum. "Dazu bist du zu weise, Angicore, dazu bist du zu weise. Denn du hast verstanden, was nur so wenige Herrscher verstehen: daß Menschen, die gut leben, den Frieden möchten."
"Ich tu es, so gut ich es vermag," antwortete der Kaiser.
"Wir wissen Bescheid..." holperte Gaya. Die Blätter um ihn raschelten.
Angicore wartete, daß Gaya weitersprach, aber die Stimme war verstummt. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, fragte er: "Was ist es, das geschehen wird? Was kann so gefährlich für mich sein, daß ich nicht im Stande bin, mich dagegen zu schützen? Ich gebiete doch über das stärkste Heer der Welt!"
"Wir wissen von allem, über das du gebietest, Angicore. Wir wissen alles, denn Wir stehen hier auf dem Hügel und sehen jeden einzelnen Tag über die Welt hinaus. Wir sehen, was wert ist, gesehen zu werden."
Die Stimme sprach langsam zu ihm, um sicherzugehen, daß er es verstand.
"Aber auch Wir haben gesehen, was geschieht. Und trotz unserer gewaltigen Kraft, sind Wir nicht in der Lage, zu helfen, denn es ist etwas, das nur die Menschen betrifft. In einer solchen Sache können nicht einmal Wir, Gaya, eingreifen. Aber du sollst wissen, daß Wir, Gaya, mit dir leiden!"
Gayas Worte waren für ihn eine Bestätigung der Existenz einer grauenhaften Wahrheit, die er noch nicht kannte. Die Gewißheit dieser unbekannten Bedrohung ließ ein eiskaltes Gefühl durch ihn fahren.
"Was habe ich falsch gemacht?" fragte der Kaiser verwirrt.
"Nichts!" seufzte Gaya. "Aber Sorgen treffen nicht nur die, die sich an der Welt vergangen haben. Wir wissen, daß es so ist!"
"Erzähl mir, was geschehen wird," bat Angicore.
"Dann mußt du Uns etwas versprechen," flüsterte der Baum. "Du mußt Uns ein Versprechen dafür geben. Einen Preis, würden einige sagen..."
"Nenne deinen Preis. Ich bin ein reicher Mann, Gaya!"
Einen Augenblick folgte ein Schweigen.
Angicore versuchte, auszurechnen, was das für ein Preis sein könnte. Als Gaya wieder seine Stimme hören ließ, wußte er, daß er es nicht richtig eingeschätzt hatte.
"Wir brauchen kein Gold oder edle Steine der Menschen," polterte die Stimme. "Wir werden um etwas anderes bitten. Ein Versprechen, das nur du, Angicore, wirst geben können."
"Nenn es und es wird dir gegeben..."
"Oh, Angicore, Du sprichst, als hättest du noch nicht den Ernst dessen, was geschieht, verstanden. Aber hier ist unser Wunsch: Daß du, Angicore, Kaiser über Dynadan, der Mächtigste unter den Menschen, dies nie Miran erzählst, deiner kaiserlichen Gemahlin."
Er versuchte unwillkürlich, einen Schritt zurück zu machen, aber die Zweige preßten sich gegen seinen Rücken und brachten ihn dazu, stehenzubleiben.
"Warum?" flüsterte Angicore heiser. Er fühlte den Schweiß, der ihm in Tropfen über seinen Hals lief.
Es folgte eine kleine Pause, bevor Gaya wieder seine Stimme ertönen ließ.
"Weil, Angicore - alles im Leben seinen Preis hat, auch ein Rat von Gaya, dem Weisen..."
Die Stimme kam zu ihm wie ein Zischen zwischen den Blättern. So machtvoll war diese Stimme, daß sie nicht über die Welt hinaus gerufen werden mußte, damit der Mächtigste unter den Menschen sie hören konnte. Alles, was sie zu tun brauchte, war zu flüstern. Und Angicore hörte sie.
"Das kann ich nicht versprechen!" rief Angicore laut.
"Du wirst mir das Versprechen geben, bevor die Nacht um ist," flüsterte Gaya.
"Nie!" sagte Angicore hart. "Laß mich nun gehen, ich werde nie wieder um deinen Rat bitten, Weiser Gaya..." Er vermochte nicht den Zorn in seiner Stimme zu verstecken, und er wußte, daß Gaya ihn bemerkte.
"Irgendwo auf der Welt ist die Sorge auf dem Weg, einen Platz in deinem Leben einzunehmen, Angicore. Aber eine kleine Hilfe werden Wir dir geben, denn Wir, Gaya, wollen uns nicht den Zorn des Mächtigsten unter den Menschen zuziehen."
Angicore hielt den Atem an und wartete. Er verstand nicht, warum ihm die Antwort nicht einfach gegeben werden konnte, aber so war es. Es gab immer noch viel, was er nicht verstand.
Er dachte an Skillion; der hätte es verstanden.
"Such nahe bei dir selbst!" flüsterte Gaya.
"Das ist, was Zeit gesagt hat," seufzte er müde.
"Wir wissen Bescheid..." holperte Gaya sanft.
Er fühlte den Zorn in seinem Innern aufschäumen. Er ballte die Fäuste und legte trotzig den Kopf zurück. Dann öffnete er die Augen und starrte hinauf in die Dunkelheit der herunterhängenden Zweige. Er beobachtete den Stamm zwischen den schwarzen Schatten der Blätter, der wie eine mächtige, knorrige Säule, gebadet in einem schwachen, violetten Schein, erschien. Er fühlte in seinem eigenen Körper und seiner eigenen Seele die Kraft, die er ausstrahlte. Aber der Zorn hatte sich fast seines ganzen Bewußtseins bemächtigt, und seine Ehrfurcht gedämpft.
"Ich könnte dich fällen lassen!"
Die Worte fanden den Weg über seine Lippen, aber schon während er sie aussprach, bedauerte er es.
"Oh, Angicore, Menschenkaiser..." Die Stimme bebte ganz leicht. "Wir wissen Bescheid über den unbezähmbaren Zorn der Menschen, denn Wir haben ihn die Welt schon vor Djin verwüsten sehen!"
Er seufzte laut und fühlte sich beschämt. Gerade er war es gewesen, Angicore, der Djin zum Leben erweckt hatte. Er hatte das nie vergessen, aber versucht, es seitdem wieder gutzumachen, in seiner Eigenschaft als Kaiser über die Menschen.
"Ich könnte dich nie fällen lassen..." sagte er beschämt.
"Wir wissen Bescheid," sagte Gaya sanft. "Wir sind ewig!"
Stille senkte sich über den Baum, in dessen Schatten er stand.
Er dachte über den Ausspruch: "Wir sind ewig!" nach, und fühlte, daß er es verstand.
"Aber ich kann nicht auf meine Liebe verzichten." sagte er, und versuchte Gayas Verständnis zu gewinnen. "Meine Liebe zu Miran ist für mich das Wichtigste. Habe ich nicht ihr Vertrauen, und sie meines, wird unsere Liebe sterben. Es ist das Wichtigste, daß..."
"Die Menschen haben ganz besondere Kennzeichen. Eines davon ist diese verblüffende Fähigkeit, Dinge zu übersehen, die einfach einleuchtend sind durch ihre Nähe. Du übersiehst das Wichtigste!" unterbrach ihn Gaya.
Er hielt inne in seinem Redeschwall und starrte durch das violette Licht nach oben. Der Stamm betrachtete ihn ohne Augen.
"Das Wichtigste?"
"Eine Liebe, so groß..." flüsterte die Stimme. "Suche nahe bei dir selbst!"
Der Gedanke schlug in ihn ein, wie ein schneidender, weißer Blitz über einem dichten, schwarzen Nachthimmel. Er hielt unwillkürlich die Hand vor den Mund, um das Geräusch seiner eigenen Stimme daran zu hindern, die Stille zu zerreißen.
"Ich kann es nicht ertragen, ihn zu verlieren..." flüsterte er. "Das wäre mein Tod!"
"Wir - Gaya, haben Menschen schwere Bürden tragen sehen. Wir - Gaya, haben diesen Menschen überleben sehen!"
"Aber ich könnte nie..."
"Oh, Angicore..." seufzte der Baum. "Gegen das Schicksal kämpfen selbst Kaiser vergeblich!"
"Ich werde ihn beschützen!" zischte er.
"Wir wissen, daß du ihn beschützen wirst. Wir sehen alles bereits vor Unserem inneren Auge. Wir sehen eine Welt, in der ein Blinder den Fuß des Sehenden führt."
"Was soll ich dann?" fragte er mit einer Stimme, die um einen Rat bettelte.
"Laß das geschehen, was geschehen muß..." Gaya sprach mit Sanftmut zu ihm, versuchte ihn dazu zu bringen, einzusehen, daß das Leben einem Wunden beibringen konnte, die sich nicht heilen ließen, aber Gaya erkannte, daß er vergeblich sprach.
"Nie!" rief der Jaranakaiser. "Ich werde all meine Macht anwenden, all meine Stärke, um zu verhindern, daß es geschieht."
Er ballte die Fäuste und hielt sie wie Hammer vor sich. "Ich bin mächtig. Ich könnte die ganze Welt in Schutt und Asche legen, wenn es mir beliebt. Ich könnte..."
Mitten im Satz hörte er auf, zu sprechen, holte tief Luft und seufzte vor sich hin. Er war der Kaiser, dieser Gedanke streifte ihn und verwelkte zu einem Nichts. Es war alles, was er nicht war, welches ihm plötzlich einen nagenden Schmerz beibrachte.
Er fühlte sich schwindlig und sank auf die Knie in der Dunkelheit unter der Krone des Gayabaumes.
"Gegen den Tod bist du wie ein Tautropfen unter der Sonne, Oh, Angicore..." Die Stimme sprach vorsichtig zu ihm, denn sie wollte nicht seinen Zorn erwecken.
Angicore hatte sich erholt, und der gewaltige Zorn in seiner Seele war von einem mehr gedämpften Willen zur Verteidigung abgelöst worden.
"Ich werde ihn verteidigen, ihn Tag und Nacht bewachen lassen, die mächtigsten Zauberer meines ganzen Reiches herbeirufen und sie mit all ihrer Magie über ihn wachen lassen, die die Welt aufzuweisen hat. Ich werde der Welt zeigen, daß es Dinge gibt, mit denen ich mich nicht abfinde, und die..."
"Oh, Angicore..." seufzte die Stimme müde.
Er schwieg und starrte auf die Erde. Dann schloß er die Augen und fühlte die Tränen, die über seine Wangen liefen. Sie liefen in seine Mundwinkel, bis er den salzigen Geschmack auf seiner Zunge bemerkte.
Und so saß er da, der Jaranakaiser, im Schatten des Gayabaumes und weinte, während die Zweige sich langsam hoben, bis die Sterne wieder ihren bleichen, matten Schein über all das Lebendige und die Stille im Wispernden Park warfen.
Später ging er zurück über die Brücke und über die sanft auf-und absteigenden, hügeligen Kleewiesen zum vergoldeten Tor.
Gaya blieb zurück und betrachtete ihn. Er sah, was geschehen würde und seufzte leise. Er betrachtete die Erde, wo Angicore gestanden hatte.
Dort, wo seine Tränen hingefallen waren, wuchsen die zerbrechlichsten, blauen Blumen. Blau und von so einer klaren Farbe, wie die Augen des Jungen.
Des Kaisers Wille
Als die Sonne über den Rand des Meeres stieg, hinter dem Land Illemed, und ihr erstes, warmes Licht über Dynadan warf, war er schon lange wach.
Nachdem er stundenlang dagestanden und lange bevor der Tag begonnen hatte rastlos über das Meer geschaut hatte, fasste er seinen Entschluß. Und es dauerte nicht lange, bis er ihn ausführen ließ.
Er war ein Mensch der Tat, und die Zeit war knapp.
Noch bevor die Sonne am Himmelsgewölbe stieg, ritten die ersten Horden der Maruderfechter durch die Stadttore von Krilanta.
Die Säbel, die sie trugen waren scharf wie Rasiermesser, und die Klingen glänzten im letzten, matten Licht der Sterne.
Sie hatten alle den gleichen entschlossenen Zug um den Mund, und alle den gleichen kriegerischen, suchenden Blick in den Augen. Sie ritten für den Jaranakaiser, sie wußten, daß sie hinausritten, um etwas zu finden, das die Existenz des ganzen Reiches bedrohte, nur wußten sie nicht, was es war. Aber sie waren, so wie es zu erwarten war, fest entschlossen, es zu finden.
Sie donnerten hinaus auf die Steppen von Ergol zu; an den Stränden entlang, wo die Wellen um die Hufe der Pferde spülten, oder in die Berge zum Ebenholzfelsen, wo er - Djin -vor vielen Jahren aus dem kalten Stein geboren worden war.
In den Schmieden heulten die großen, runden Schleifsteine, während die Esel sie im Kreis herum zogen. Die kräftigen Halterungen knirschten, während die Schmiede die Klingen von Säbeln und Speeren wetzten.
Das Heer wurde verstärkt, und alle jungen Männer, die Waffen führen konnten, wurden im Namen des Vaterlandes eingezogen.
Im Hafen wurde das größte Kampfschiff des Kaisers, die Windreiter, für die Reise ausgerüstet.
Der Kapitän stand auf der Brücke und überwachte die letzten Ladungen von Versorgungsgütern.
Alles, was mit dieser Aufrüstung der Truppen des Landes verknüpft war, trug Züge der Ratlosigkeit und des unsicheren Zorns, der sich der höchsten Führung des Landes bemächtigt hatte.
Kardinal Leso, der gerade das Schiff verließ, schritt den Landgang hinunter und stieg in einen von Pferden gezogenen Wagen, worauf er in Richtung des Palastes verschwand.
Dann wurden die Trossen geworfen, die Segel wurden knarrend hochgezogen und füllten sich langsam mit der Luft der letzten Nachtbrise. Die Windreiter stampfte aus dem Hafenbecken und weiter hinaus aufs Meer, auf der Suche nach etwas, von dem man wußte, daß es kommen würde, von dem aber niemand wußte, was es war.
Tausende wachsamer Augen forschten nach Schatten, wenn die Wolken über den Himmel schwebten. Sie hatten wie alle anderen, die hinausgeschickt worden waren, den Befehl, die Bedrohung ausfindig zu machen und zu vernichten.
Und für sie alle galt, daß sie, sobald sie auf das trafen, was der Kaiser genug fürchtete, um all dies in Gang zu setzen, und sobald sie sicher waren, daß es das richtige war, sie eine Botschaft zurück nach Krilanta senden sollten.
Der Jaranakaiser saß auf seinem Thron und schaute über die Versammelten. Vor ihm, auf dem Gayrog Fell vor seinen Füßen, lagen zwei Wolfshunde und dösten, so wie es auch zu seines Vaters Zeiten Brauch gewesen war, und vorher zu dessen Vaters Zeiten.
In den hohen Sälen hallte es wieder von hunderten von gedämpften Stimmen. Sie bewachten ihn, all diese vielen Augen, beobachteten ihn aus vielen verschiedenen Gründen.
Sie hatten sich versammelt, all die einflußreichsten Männer des Reiches, die so kurzfristig herbeigerufen werden konnten.
Der Feldmarschall von Ergol, des Kaisers Stellvertreter im Steppenland im Norden, stand etwas abseits mit seinem Jagdfalken auf der Schulter. Um ihn herum schwärmten Offiziere von niedrigerem Rang und warben um seine Gunst.
Der Feldmarschall ignorierte sie.
Er betrachtete den Jaranakaiser mit einem selbstsicheren, harten Zug um den Mund. Er hatte etwas früher an diesem Tag beteuert, daß, wenn es eine solche Bedrohung gäbe, er sie aufspüren und vernichten würde. Nichts, was den Kaiser bedrohen würde, würde von seiner Hand und seiner Klinge verschont bleiben.
Der Schrei der Möwen drang vom Hafen herein und vermischte sich mit dem gedämpften Summen der Stimmen.
Ein älterer Mann wurde gerade durch die zweiflügelige Tür hinausgeführt, nachdem er verhört worden war.
Viele waren im Laufe des Vormittags auf demselben Weg hinausgeführt worden. Alle hatten sie gemeinsam, daß sie nicht das waren - oder nichts darüber wußten, was der Kaiser suchte.
Nun saß er zurückgelehnt da, die Handflächen gegeneinander und die gespreizten Finger unter dem Kinn. Seine ganze Gestalt strahlte die Erschöpfung aus, die sich schwer auf seine Seele gelegt hatte.
Die dunklen Ränder der Müdigkeit um seine Augen verstärkten diesen Eindruck, den viele der Anwesenden gerade jetzt von ihm hatten; daß nur der Wunsch da zu sein, wenn Meldungen von den Ausgesandten kämen, ihn wach hielte.
So groß war das Vertrauen gerade zu den Marudern, daß der Kaiser nichts besonders viel von all den Aktivitäten, die im Palast stattfanden, erwartete.
Er erwartete, daß sie es waren, die die Bedrohung finden würden, und daß sie es waren, die sie überwinden würden. Er wartete rastlos auf die Meldung, daß es geschehen sei. Aber noch hatte er nichts gehört.
Der Junge, Erbe des Thrones, auf dem er saß, und sein einziges Kind, war in sicherer Verwahrung. Der ganze Flügel, indem sich seine Gemächer befanden, war zur verbotenen Zone erklärt worden. Nur die, die er persönlich ausgewählt hatte, hatten dorthin Zugang.
Die Maruderfechter schwärmten um den Jungen wie Ameisen, und hatten den ausdrücklichen Befehl, das Schwert gegenüber jedem sprechen zu lassen, der sich Zugang ohne seine Erlaubnis erzwang.
Nun wartete er dort auf dem Thron, der von zwei riesigen Löwen aus Basalt getragen wurde, wissend, daß die Zeit verging, ohne daß etwas geschah, und daß gerade dies sein Alptraum werden würde.
Schließlich erhob er sich. Alle im Saal schwiegen und drehten sich zu ihm um.
Er warf einen müden Blick um sich herum, sah die angespannten Gesichter und wohlmeinenden Kopfbewegungen der Herumstehenden, und verließ daraufhin die Versammlung mit eiligen Schritten.
Als die Türen sich hinter ihm geschlossen hatten, blieb er einen Augenblick mit den Händen auf das Geländer gestützt stehen, und ließ den Blick über die Weinranken gleiten.
Die Sonne näherte sich dem gezackten Rand der Berge weit weg im Westen, und die Schatten im Innenhof des Palastes waren lang.
Das Geräusch der Schmiede hatte aufgehört. Sie waren bereit, bereit zum Krieg, bereit zum Kampf, bereit zu was auch immer, um das Leben des Jungen zu retten.
Dann drehte er sich auf den Hacken um und ging durch die Bogengänge fort.
Während er davoneilte, wurde er wieder aufmerksam auf das Gefühl, das in ihm Platz gefunden hatte. Das Gefühl eines keimenden Zorns, einer ungehemmten, unbezähmbaren Wut, der er einstmals vor langer Zeit in Djin begegnet war. Er redete leise und beruhigend mit sich selbst, während er weiterlief.
Er wollte sich selbst steuern, und nicht von dem Zorn und dem Haß gesteuert werden, wie Djin.
Als er etwas später durch die Tür in die kaiserlichen Gemächer trat, atmete er erleichtert auf.
Die Klingen der Säbel glänzten scharf im flackernden Licht der Fackeln. Der Junge lag auf dem Bett und schlief.
Der Zauberer des Hofes, Nafimo, saß auf der Bettkante unter dem Seidenhimmel und studierte das Gesicht des Kindes. Er sah auf, als der Kaiser eintrat, und beeilte sich, sich zu erheben.
"Bleib sitzen," sagte Angicore zu ihm gewandt.
Der Zauberer betrachtete ihn eingehend. Einen Augenblick maßen sie einander, dann sagte der Kaiser:
"Was hast du gefunden?"
Der andere schüttelte langsam den Kopf. Sein Gesichtsausdruck bewies, daß er nicht gerne sagte, was er gezwungen war, zuzugeben.
"Nichts, Euer Gnaden."
Der Kaiser blieb mitten auf dem Fußboden stehen und breitete die Arme aus.
"Aber es muß doch eine Lösung für dies alles geben. Zarafir konnte mit Hilfe von Zauberei Dinge ausrichten, die kein gewöhnlicher Mensch im Stande war zu tun."
"Ich bin nicht Zarafir, Euer Gnaden." Die Worte kamen nur vage und entschuldigend über seine Lippen. Er sah auf den Jungen hinunter, während er sprach. Dann drehte er sein Gesicht zu Angicore und sah ihn starr an.
"Diese Art Zauberkunst starb mit ihm, Euer Gnaden."
"Nein!" sagte Angicore hart. "Nach Zarafir gab es Skillion. Er war mächtiger als selbst Zarafir."
"Ich habe Skillion nie gekannt, Euer Gnaden." Nafimo rieb sich die Hände, mit einer Nervosität, die aus seinem Gesicht leuchtete.
"Ich kannte Skillion," sagte Angicore. "Ich habe Befehl gegeben, daß sie ihn finden und zu mir bringen sollen."
"Wenn er lebt, Euer Gnaden."
"Wenn er lebt," flüsterte Angicore.
"Soll ich heute Nacht hierbleiben, Euer Gnaden, oder kann ich mich zurückziehen?" Nafimo sah ihn fragend an.
"Du kannst gehen, Nafimo. Aber bleib in der Nähe für den Fall, daß wir deine Zauberei brauchen."
Nafimo nickte und erhob sich.
Angicore ließ sich auf das Bett sinken und starrte zur Tür, die sich hinter dem alten Zauberer schloß.
"Er kann nichts," dachte er müde. "Er ist der erbärmlichste aller Zauberer, und doch gibt es keinen besseren als ihn."
Die Maruder standen wie aus Stein gehauene Säulen da, mit den Händen an den Säbelschäften. Ihre ausdruckslosen Augen studierten den Kaiser, der auf dem Bett des Jungen saß. Sie warteten seine Befehle ab.
Er blieb lange mit der kleinen Hand des Jungen in der seinen sitzen. Er fühlte, wie er lebte und wuchs, ohne etwas von der Gefahr zu ahnen, die seiner Existenz drohte. Als der Jaranakaiser sich vom Lager des Jungen erhob, waren seine Augen voller Tränen.
Er sah den Maruder an der Tür wütend an und sagte: "Bewache sein Leben mit deinem. Stirbt er - so stirbst du..."
Wieder flammte er auf, der unbezähmbare Zorn, der in seinem Innern raste.
Der Maruder trat von der Wand vor, zog mit einer blitzschnellen Bewegung seinen Säbel aus der Scheide und kniete sich vor ihn hin. Mit der einen Hand flach auf die Klinge gedrückt, beugte er sich vor, berührte die Klinge mit seinen Lippen und sagte: "Das soll mein Schicksal sein, Euer Gnaden."
Angicore warf einen letzten Blick in den Raum und verließ ihn.
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