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Claus Bork
Das abenteuerliche Karaganda
Saga
Das abenteuerliche KaragandaÜbersetzt vonSusanne Richter Originaltitel Det eventyrlige KaragandaCopyright © 2015, 2019 Claus Bork and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711800010
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Meinen beiden Söhnen Sebastian und Jesper -
und meiner Frau Lisbeth gewidmet.
Und einen Dank an Marianne Henriksen,
die mir ein guter Freund und Manuskriptkritiker
während der Entstehung dieses Buches war.
Vorwort
Die Raubtiere unter uns - zu denen ich in gewissem Maße selbst gehöre, werden weiter jagen und die Schwachen ausbeuten, bis zu dem Tag, an dem die Schwachen die Verhaltensmuster und das Böse in all diesem sehen und nicht mehr akzeptieren, in der Rolle der Beute zu leben.
1. Kapitel
Es war eine gewalttätige Welt gewesen, bis sie die große Veränderung durchlief. Es gab nur wenige, die fähig waren, sich an die Zeit vor der Gemeinschaft zu erinnern. Die einzelnen Individuen der mannigfaltigen Populationen der Gemeinschaft nahmen die Tage wie sie kamen. Sie lebten jetzt in Hektik, die sie vom Gott Zarg zugeteilt bekommen hatten - ein mühsames Leben vom Ende eines Winters bis zum Beginn des Nächsten. Sie zählten Millionen, jeder mit seinen Wünschen und Ansprüchen - entsprungen aus ihrem begrenzten Bewußtsein.
Aber es gab in diesem komplizierten Reich auch Weisheit. Sie wurde durch Generationen Ehrwürdiger Mütter vererbt. Sie trugen alle Erfahrungen ihrer Art in ihrer Erinnerung. Man sagte von zweien von ihnen, daß sie durch die Kraft ihrer Seelen reisen konnten, hinaus hinter die Grenzen der physischen Existenz, und die eierlegenden Riesenkörper verlassen konnten, die für ihre Lebensdauer dazu verurteilt waren, an derselben Stelle zu verbleiben. Diese zwei Mütter waren die Mutter der Wespen in der Behausung Akorn und die Mutter der großen Kriegerameisen in der Behausung Grünn. Aber es gab auch andere mächtige Individuen in dem, was an der Oberfläche ein Reich der Ordnung und des Friedens war.
Es sollte nie Zweifel daran herrschen, daß Königin Sols Eingebungen gut und reell waren, da sie aus eigenem Willen begründete, was sich mit der Zeit zu der Gemeinschaft entwickelte. Die Libelle Ganj wurde ihre physische Stärke - und ihr Gegenpol in der Balance, die sie zwischen den sanften, milden und verzeihenden Kräften - und der zornigen Stärke zu schaffen versuchte, die in den Schatten von Ganjs Seele herrschte.
Schließlich soll erwähnt werden, daß so, wie es Licht und Dunkelheit gibt, es auch hier die sanfte, erschaffende Kraft von Königin Sol - und die brutale, gnadenlose Seite der Kraft des Gottes Zarg gab, in der Gestalt des Skolopenders, der " Das Blanke Ding" bewachte.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Ganj saß auf der morschen Fläche des Eichenstumpfes und betrachtete das Land, das sich meilenweit nach allen Seiten ausbreitete.
Er war eine Libelle.
Die großen, blanken Augen näherten sich einander in ihrer Krümmung, mitten über dem hervorgeschobenen Kopf, und gaben ihm ein unermessliches Blickfeld.
Er streckte seine vier Flügel vom Körper und ließ sie von den ersten, sanften Strahlen der Morgensonne wärmen.
So saß er jeden Morgen - hinausblickend über das Reich, das er als das Seine betrachtete. Er genoß, es erwachen zu sehen, zu sehen, wie die Sonne die erstarrten Seelen auftaute, sie aus ihren Träumen in den Höhlen unter der Erde und der Rinde zurückholte und den Funken entzündete, der das Leben weitergehen ließ.
Er fühlte seine Macht, als etwas fast mit den Händen greifbares - fühlte sie ruhig einen Augenblick, um sie dann zu ignorieren. Er hatte sich an sie gewöhnt und dachte seltener und seltener über sie nach.
Garm, der Nashornkäfer ärgerte ihn oft damit. Es sei eine Alterserscheinung, behauptete Garm - das mit dem resignieren und bloßen genießen. " Das Leben ist ein ständiger Kampf..." Ganj wiederholte in sich den Klang seiner Stimme. " Die Jungen stehen auf dem Sprung, um Anteil an den Privilegien der Alten zu bekommen."
Ganj schob den Gedanken an Garm von sich und sah suchend zur Behausung am Waldrand.
Es schmerzte in seinem alternden Körper und er bewegte den Kiefer auf und ab, um die Blutzirkulation in Gang zu bringen.
Die ersten Ameisen zeigten sich in den Löchern der Behausung. Sie entfernten eifrig die Zweige und Halme, die die Eingänge die ganze Nacht bedeckt hatten. Ihre krummen Kiefer streckten sich aus der Dunkelheit wie blauschwarze, glänzende Zangen.
Ganj wurde auf seinen eigenen zunehmenden Hunger aufmerksam und beschloß, sich zurück nach Eichberg zu begeben, um die erste Mahlzeit des Tages einzunehmen. Aber bevor er sich ganz umgedreht hatte, hielt er inne und lauschte. Ein Geräusch war an seine Ohren gedrungen.
Eine Wespe landete vor ihm, schüttelte den Staub von den Fühlern und legte die Flügel auf dem Rücken zusammen. Erst danach wandte sie sich ihm zu, direkt und ohne Umschweife,so wie immer.
" Guten Morgen, Hochwohlgeboren." Sie hatte eine schneidende Stimme. " Ich dachte mir, heute frühzeitig zu starten. Die Ameisen behaupten, daß es regnen wird."
" Guten Morgen, Kapitän Zip," polterte Ganj.
Kapitän Zip von der Wespenflotte wartete schweigend, halb bedeckt vom dunklen Schatten der Libelle.
Ganj ließ den Blick am ganzen Horizont entlanglaufen, ohne den Kopf drehen zu müssen. Dann richtete er endllich seine Aufmerksamkeit auf die Wespe und fragte: " Warum dieser Eifer? Ist etwas im Gange - etwas, wovon ich wissen sollte?"
Kapitän Zip schüttelte den Kopf, sodaß der Chitinpanzer in seinem Nacken knackte. " Nein, aber ich möchte alles gerne schaffen, bevor der Regen einsetzt. Ich bin nicht gern gezwungen in einer Baumspitze Schutz zu suchen - und dort vielleicht eine ganze Nacht hindurch gefangen zu sein." Zips Stimme bebte ganz leicht. " Man muß sich ja nicht Zargs Zorn aussetzen..."
Ganj murmelte bekräftigend. Er hatte die Flügel über seinen breiten Rücken gelegt. " Wir müssen alle Zargs Gesetze einhalten..." sagte er zustimmend, worauf er sich bereitmachte, weiter zu krabbeln.
" Laß mich dich nicht aufhalten, mein junger Freund." Ganj drehte den Kopf ein wenig und sah auf die Wespe herab. Kapitän Zip war erstarrt, stand da und betrachtete sein eigenes Spiegelbild in der gewaltigen Augenkrümmung der Libelle.
" Aber eines sollst du wissen," setzte Ganj fort. " Es hängt viel von dir und deiner Wespenflotte ab. Viel mehr, als ich im Stande bin,
aufzudecken.
Die Wespe stand angespannt da und horchte.
" Enttäusch mich nicht..." flüsterte Ganj scharf.
" Zarg möge verbieten, daß es jemals geschehen wird!" rief die Wespe aus.
" Scht," brachte Ganj ihn zum Schweigen. " Natürlich nicht, mein Freund - natürlich nicht." Er beobachtete die Wespe als sie abhob und durch die Baumkronen davonjagte, getragen vom Summen ihrer eiligen Flügel.
Ganj bewegte sich behäbig über Eichberg hinweg, dem einzigen Eichenstumpf in Karaganda - und die Heimat der obersten Macht in Königin Sols wohlgeordnetem Reich.
Hinter dem massiven Äußeren des Eichenstumpfs war er durchkreuzt von einer Unzahl von Gängen und Spalten, die sich bis ganz zu den unterirdischen Sälen zwischen den Wurzeln erstreckten. Dies repräsentierte das Zentrum der Welt in ihrem Bewußtsein, von hier gingen alle Gesetze und Verordnungen aus, die alles in einem festen Griff hielten - und von hier breitete sich das Netz von Fäden aus, das seine Wurzeln in des Erschaffers, Zargs, Gedanken hatte. Zarg, den niemand von ihnen jemals gesehen hatte - Zarg, der die Kraft selbst war, die in den Ehrwürdigen Müttern lebte, einem der Grundelemente von Karagandas Macht.
Ganj näherte sich einem der dunklen Eingänge. Die Kreuzspinne studierte ihn aus der Dunkelheit. Sie war immer auf der Hut, so wie alle Kreuzspinnen es in allen Eingängen zum Eichberg waren. Ganj brummte einen Gruß, während er sie passierte, aber die Spinne antwortete ihm nicht.
Ganj hatte nur Verachtung für Spinnen übrig, aber er bemühte sich, dies nicht zu zeigen. Er wußte aus überlieferten Berichten, daß viele seiner eigenen Vorväter in den klebrigen Fäden der Kreuzspinnennetze gefangen worden waren und ihr Leben hatten lassen müssen, auf traurige und schändliche Weise. Er trug diese Berichte tief in seiner Seele versteckt - und sprach nie mit jemandem darüber.
Er hielt inne und vertiefte sich in Gedanken. Einmal, vor langer Zeit, bevor Sol nach Karaganda kam, war er selbst in Orcas Spinnennetz gefangen worden. Er mußte sich anstrengen, um sich an Einzelheiten zu erinnern. Es war ihm fast geglückt, es zu verdrängen.
Von allen Spinnennetzen der Welt hatte es gerade Orcas Netz sein müssen, Ganj schauderte bei der Erinnerung. Er erinnerte sich schwach an das Gefühl von festgeklebten Flügeln und seine eigene, gewaltige Wut - bevor das Sausen der Spinnenfäden vor seinem inneren Ohr auftauchte. Es hatte seinen eigenen Gesang, so ein Spinngewebe. Eine grausame Hymne, die wie eine Fanfare des Todes für den war, der sich in den Fäden verfangen hatte. Wenn man diesen Gesang hörte, wußte man instinktiv, daß es die Schritte des Todes über die Fäden waren - man wußte es, ohne es jemals vorher gehört zu haben.
Es war ihm geglückt, sich fast freizuzerren, genug, daß Orca ihm nicht nahe kommen konnte. Er hatte die Fäden zerbissen und ihr mit seinem gewaltigen Kiefer gedroht. Orca, die fette, glänzende Spinne hatte ihn durch ihre tausend Augen beobachtet. Er hatte seinen eigenen Tod sich in diesen Augen abspielen sehen. Dann war die Spinnwebe geborsten. Orca hatte ihn angezischt, als er auf die Erde wirbelte.
In den Zeiten, die folgten, hatte Ganj Orca unter Beobachtung gehalten. Sie hatte ihm Ehrfurcht eingejagt - ein Gefühl, dessen Existenz er nur widerwillig erkannte - und wenn, dann nur vor sich selbst. Sie hatte ein Spinnennetz quer über den Bach gebaut.
Es war nie vorher geschehen, und Ganj wußte es, wie alle anderen es auch wußten, daß dies eine ganz beispiellose Tat war.
Je mehr Ehrfurcht sie säte, je mehr haßte er sie. Er sah sie in Träumen vor sich, zerteilt, zerrissen und tot. Aber morgens saß sie immer noch da, fett und glänzend in ihrem riesigen Netz, mitten über dem Bach. Zuletzt fühlte Ganj, daß gerade diese, ihre Existenz, ein Hohn war, der gegen ihn gerichtet war. Aber erst später, viel später hatte er seine Rache bekommen.
Gewaltig waren die Berichte, die Ganj den Respekt seiner Untertanen sicherten, und viele waren es, die behaupteten, bei seinem Kampf gegen Orca dabei gewesen zu sein. Nur er selbst kannte die Wahrheit - und er behielt sie für sich.
Er erwachte aus seiner träumenden Trance und begab sich weiter durch Eichbergs verschnörkelte Gänge. Die Silhouette der Kreuzspinne zeichnete sich gegen den hellen, blauen Himmel in der Öffnung ab. Sie stand wie auf dem Sprung da, unbeweglich und versteinert, während seine Schritte sich zu einem schwachen Echo verliefen.
2. Kapitel
Es war vielleicht der tiefsitzende Lebenswille, der sich in seiner Kriegerseele versteckte; samt der Tatsache, daß er bis zur Vollkommenheit loyal gegenüber allem war, an was er glaubte, was Kapitän Zip von der Wespenflotte zu dem machte, was er war. Was er nie verstehen lernte war, daß diese Rechtgläubigkeit in sich selbst den Keim zur Feindschaft von seiner Umgebung barg. Aber sie schaffte als Gegenstück die Grundlage für eine wahre Freundschaft mit den ehrwürdigen Müttern und den Schutz, der darin begründet lag.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Kapitän Zip jagte wie der Wind durch die kühlen Schatten des Waldes. Die Flügel waren wie er, schnell und hastig. Er fühlte es, als würde er von seinem eigenen, schnarrenden Summen getragen. Genau, das war er.
Und gerade dahinein setzte er seine Ehre. Er hatte keine Ambitionen Karagandas oberster Führer zu werden - darin lag seine Stärke, und seine Freiheit. Er genoß großen Respekt, weil keiner, oder nur ganz wenige, Zweifel an seinen Motiven hegten.
Ein Duft in der Luft brachte ihn dazu, umzukehren und zu suchen. Ahornsaft war das Beste, was er kannte. Er folgte der Duftspur zwischen die Bäume, bis er einen Sonnenstrahl in einem Tropfen glänzen sah.
Die Rinde war oben am Stamm etwas gerissen. Er mußte seinen Fund den Ameisen berichten. Aber erst wollte er ihn selbst schmecken. Er setzte sich auf den Stamm und trank vorsichtig von dem Tropfen.
Als er soviel er konnte getrunken hatte, schwang er sich hinaus in die Luft und kreiste summend zwischen den Bäumen herum, bis er sich die genaue Lage des Baumes gemerkt hatte. Daraufhin flog er weiter.
Er landete auf dem Flugfeld, gerade als der erste Sonnenstrahl es erreichte. Es war eine wahre Freude des Lebens in diesem Teil des Waldes.
" Akorn," seufzte Zip behaglich. Er kam fast jeden Morgen hierher, und jeden Morgen war seine Freude, nach Hause zu kommen, dieselbe. Ein Tag ist eine lange Zeit im Leben einer Wespe.
Hier in Akorn, der größten Behausung des Waldes, war er als Ei gelegt worden. Hier hatten selbstaufopfernde Arbeiterwespen ihn als Larve gepflegt - hatten aufgepaßt, daß ihm nicht zu warm und nicht zu kalt wurde. Und sie hatten Feinde ferngehalten, während er wuchs und wuchs. Sobald er die Wände seiner Zellle niedergebrochen hatte, hatte ihn jemand angesehen und gesagt, daß aus ihm etwas Großes werden würde. Und weil er eine Jungwespe mit Lebenslust war, hatte er das geglaubt.
Er schlief jede Nacht in Eichberg, weil er unter den wenigen Auserwählten war, die über Königin Sols Leben wachten. Wie alle Wespen hatte er einen starken, ererbten Instinkt, der ihm gebot, den Ort zu verteidigen, wo er als Larve ausgebrütet worden war, aber andere hatten bestimmt, daß das für ihn nicht gelten sollte.
Die Wespenwache betastete ihn mit den Fühlern und rief ein wohlbekanntes Kommando. Die Wespen im Hauptgang standen stramm, bevor er sie passierte.
" Willlkommen in Akorn," rief der Wachkommandeur mit scharfer Stimme.
" Danke," murmelte Zip und wollte hineinkrabbeln.
" Ich bin gebeten worden, ein Ersuchen zu überbringen," setzte der Wachkommandeur fort. Zip blieb stehen und betrachtete ihn.
" Die Ehrwürdige Mutter wünscht Sie zu sehen," sagte die Wache.
Zip fühlte, wie das Blut schneller in seinem Körper pulsierte. Die Ehrwürdige Mutter, dachte er, ohne zu antworten.
Da war nur eine Mutter. Sie war Mutter von ihnen allen. Allen vierhunderttausend. Er konnte sie nicht warten lassen. Er verließ das Flugfeld und hastete hinein in den hektischen Lebensnerv, der Akorns Hauptgang ausmachte.
Sie waren unzählbar, die vielen Verzweigungen und Seitengänge, die Akorns Verkehrsadern bildeten. Aus allen Seitengängen wimmelten eifrige Wespen heraus, stießen miteinander im Hauptgeng zusammen, und setzten wie ein lebender Mahlstrom aus Beinen und Flügeln ihren Weg zum Zentrum fort. Es war ein wahres Summen von Flüchen und Verbannungen, Beschuldigungen und Entschuldigungen. Aber es gab nur wenige Kämpfe und noch weniger Tötungen. Hunderte von Duftströmen trieben vorbei, während man nach und nach vorankam. Düfte aus Vorratskammern und Düfte von Exkrementen, für die manche ausersehen waren, sie aus dem Weg zu schaffen.
Zip nahm eine besondere Stellung als Chef der Wespenflotte ein. Überall befühlten sie ihn mit den Fühlern und murmelten Grüße durch die summenden Duftströme.
In den äußersten Quadranten bauten sie wieder. Neue Kammern wurden für kommende Generationen von Larven errichtet. Akorn wuchs jeden Tag in die Baumkrone, und Skeptiker meinten, daß es schon zu schwer war, und daß ein Sturm das Wachstum der Behausung dazu bringen könnte, in einer Katastrophe zu enden. Aber noch hatte kein Sturm Akorn verschlingen können, und der unaufhörliche Strom von Eiern der Ehrwürdigen Mutter wurde hinunter getragen und eingemauert in neue Zellen, die mit Nahrung gefüllt waren.
Es machte ihm ein kribbliges Gefühl, dieses Schaffen. Er würde über ihr Recht, sich zu entfalten, wachen, mit allem, was er zu geben hatte.
Zip blieb in der breiten Nische nahe Akorns Zentrum stehen.Obwohl sie von dem wimmelnden Leben im Hauptgang abgeschnitten war, war es, als ob dort eine unsichtbare Linie zwischen ihnen gezogen war. Hier, in die Vorkammer zum Zentrum, setzte keiner seinen Fuß ohne einen ganz besonderen Grund, und ohne sicher zu sein, daß die Wachen es gutheißen würden.
Im Innern der Nische verengte sie sich zu einer schmalen Passage. Vor ihr standen die Wächter der Ehrwürdigen Mutter. Sie waren besonders ausgewählt, und bildeten den stärksten und abgehärtesten Kern von ihnen allen. Zip kannte jeden einzelnen von ihnen, denn sie waren am gleichen Tag ausgebrütet worden wie er.
Er ließ sich von ihren Fühlern betasten, und um ihnen seinen Respekt zu zeigen, befühlte er sie. Das war ein wichtiges Element im Leben der Wespen, das Betasten. Es diente auch dazu, ihnen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit zu geben, von Zusammenhalt.
"Es ist etwas anderes," dachte Zip, " von einer Wespe befühlt zu werden, als sich von einem Rüsselkäfer betasten zu lassen."
" Wie geht es Ihr heute?" flüsterte Zip.
" Die Ehrwürdige Mutter schenkt der Welt neues Leben," antwortete die Wache. " Aber es ist eine besondere Unruhe dort drinnen, und ohne daß ich weiß warum, weckt es in mir einen unwiderstehlichen Drang zu töten."
Zip betrachtete mit allen Sinnen angespannt den Wächter. Er erkannte ihn leicht von den übrigen, weil sein Kiefer deformiert war und einen Überbiß verursachte.
" Sie hat gewünscht, mich zu sehen," sagte Zip scharf und presste sich an ihm vorbei. Sie machten ihm Platz, gerade genug, daß er sich hineinzwängen konnte.
3. Kapitel
Es gab Umstände, wo es die volle Übereinstimmung zwischen den Wünschen der machtvollen Mütter und den Gesetzen von Königin Sol nicht gab. Aber solange Königin Sol es schweigend akzeptierte, gab es keine Probleme. Schließlich waren es ja die wenigsten, die von all diesen Dingen wußten.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Sie war ein prächtiger Anblick, die Ehrwürdige Mutter.
So groß und schön war sie, daß die Drohnen, die um ihren Körper herumkrabbelten, ihn an Ameisen auf einem Baumstumpf erinnerten. Zip krabbelte ganz bis vor sie hin und wartete mit andächtigem Schweigen. Sie war seine Mutter, wie sie die Mutter aller war - aller in Akorn.
Es dauerte lange bevor sie sprach, aber er war sicher, daß sie die ganze Zeit ihre Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet hatte. Sie ließ ihn mit seinen eigenen Gedanken dasitzen, bis er sich an die Geräusche in Akorn gewöhnt hatte. Hier in ihrem Saal waren sie wie ein gedämpftes Echo von einer fernen Quelle, aber er war verblüfft darüber, wie viel man hören konnte. Sie wußte über alles Bescheid - ohne daß er verstand, wie man dieses Pulsieren in Akorns Lebensnerven wahrnehmen konnte, hier im Saal der Ehrwürdigen Mutter.
Plötzlich hörte er ein neues Geräusch. Ein Geräusch, das er nie vorher gehört hatte. Er hob den Kopf und wandte sich in die Richtung des Lautes. Und gerade da wandte sich die Ehrwürdige Mutter das erste Mal an ihn.
" Man wird so froh zu leben, daß man mit allen Mitteln dem Tod entgehen will," sagte sie. Sie hatte eine scharfe, piepende Stimme.
Ihr Körper schaukelte hin und her in wellenartigen Bewegungen. Sie legte die schleimigen Eier ab, in einem endlosen Strom. Die Drohnen warteten um sie herum und trugen eifrig die Eier fort, sobald sie herauskamen.
" Ich habe auf jedes Bein ein Auge," versprach Zip. " Nichts entgeht meiner Aufmerksamkeit."
" Was das Auge nicht sieht, enthüllt das Ohr," piepte seine Mutter.
Wieder erreichte das scharfe Geräusch sein Ohr. Es war ein Rufen, ein lockendes, aufstachelndes Rufen von einer Stelle in der Nähe.Es erregte ihn ganz gewaltig, dieses Rufen. Er begann seine Fühler zu putzen, um es nicht zu zeigen.
" Es ist der Ruf des Todes, den du hörst." Sie hatte die Stimme zu einem Flüstern gesenkt. " Aber wessen?"
Zip sah auf ihren gewaltigen Körper. Die Eier wurden weiter herausgepumpt, selbst während sie sprach.
" Du sollst etwas für mich tun," setzte sie fort.
" Wenn es überhaupt etwas gibt, womit ich Ihnen dienen kann, ist es mir eine..."
Sie seufzte und unterbrach ihn. " Du sollst soviele sammeln lassen, wie du brauchst. Du kannst es machen wie du willst. Aber tu es bald - am Besten sofort. Denn jeder Augenblick, den du wartest, wird Leben aufs Spiel gesetzt."
" Wessen Leben?" fragte Zip verständnislos.
" Meins!" sagte sie scharf.
Er ahnte einen Keim von Furcht in ihrem Tonfall. Ein leichtes Zittern, das einen Zipfel des Schleiers ihrer innersten Gedanken hob.
" Du sollst dem Geräusch nachgehen, dem lockenden Rufen. In der Kammer, von wo es kommt, wird das gefunden, das mein Tod werden kann. Du sollst die Wände niederreißen und das töten, was du darin findest. Du darfst keinen einzigen vergessen, nicht einen - verstehst du das?"
Zip befühlte sie mit den Fühlern, um sie zu beruhigen. Sie seufzte schwach.
" Nicht alle wollen mir Böses," redete sie weiter. " Aber einer von ihnen will es, ich weiß bloß nicht wer." Sie holte schwer Luft. " Darum müssen sie alle sterben!"
Das ferne Rufen erreichte seine Gedanken, und drohte ihm die Konzentration zu rauben.
" Wer sind sie?" fragte er.
" Königinnen wie ich!" flüsterte sie. " Ehrwürdige Mütter!"
Das lähmte ihn. Es war ein fürchterlicher Gedanke. Und doch begriff er nun, daß er es die ganze Zeit gewußt hatte. Erregung, Furcht und Eifer zur selben Zeit. Er versuchte, seine Gedanken zu sammeln.
Sie beobachtete ihn aus den kleinen Augen in dem enormen, sich wiegenden Körper.
" Wir könnten noch eine Behausung im Wald gebrauchen," begann er vorsichtig. " So wie es jetzt ist, steht und fällt alles mit Akorn."
Sie antwortete ihm nicht. Es war für ihn fast schlimmer, als wenn sie Unzufriedenheit mit seiner Meinung Ausdruck gegeben hätte.
" Ich werde mein Bestes tun," flüsterte er endlich und zog sich zurück.
Er wählte sein Gefolge unter den Wachen aus.
Die lockende Stimme rief immer noch. Zip lauschte, und es fiel ihm auf, daß es nun zwei waren. Während er diese neue Situation überlegte, begann eine dritte Stimme, ihn zu sich zu rufen.
Sie suchten die Königinnenkammern auf - eine nach der anderen.
Ihre Stimmen konnten überall in dem großen Komplex gehört werden, den Akorn ausmachte. Überall erzeugte ihr Rufen eine Stimmung von Angespanntheit und Erwartung. Als ob die Stimmen unsichtbare Fäden durch die Gänge schickten - Fäden, die ihren Weg in die hintersten Winkel der Seelen aller Wespen fanden.
Zip entdeckte, daß eine große Anzahl Wespen sich auf eine Reise vorbereitete. Es war etwas ganz besonderes an ihrer Erregung, etwas, das ihm sagte, das sie bereit waren fortzuziehen. Aber er zögerte noch, denn er war noch nie vorher in einer ähnlichen Situation gewesen.
Er redete zwei Wespen an, die Seite an Seite im Gang Aufstellung genommen hatten. Sie bewegten die Hinterteile in rythmischen Bewegungen auf und ab. Jedesmal wenn eine lockende Stimme in den Korridoren widerhallte, nickten sie gereizt im Takt mit den Köpfen.
" Was geht da vor?" fragte Zip.
" Das weiß ich nicht," antwortete die eine Wespe kurzatmig.
" Aber warum steht ihr so da?"
" Das ist die Stimme," antworteten sie im Chor. Zip bemerkte, daß auch er selbst dastand und den Körper wiegte.
Die Wespenkrieger hatten in den Gängen Aufstellung genommen. Sie standen in Front zur Kammer und erwarteten sein Signal. Auch sie standen da und bewegten die Hinterteile in rythmischen Bewegungen auf und ab - und hatten es deutlich schwer, sich zu konzentrieren.
Er betrachtete die Schatten und Wölbungen der Kiefer. Er bekämpfte das berauschende Gefühl, das drohte, ihn zu übermannen, und wartete auf den Augenblick, an dem er wieder klar denken konnte.
" Reißt die Wände nieder!" kommandierte er.
Sie schnitten die Wände mit ihren Mahlkiefern herunter. Während sie damit herumpolterten, war es einen Augenblick still in der Kammer. Dann begann die klare Stimme, sie wieder zu sich zu locken. Sie war jetzt viel deutlicher, wo die Wände durchbrochen waren.
Sie betrachteten sie durch das Loch. Die junge Königin füllte fast den ganzen Raum aus, der ihre Zelle war. Sie war kleiner als die Ehrwürdige Mutter - aber sie war jung und schön. Sie glänzte immer noch wie eine Larve. Ihr lautes Rufen war verstummt.
Zip zwängte sich halb durch die Öffnung und betastete sie mit den Fühlern. Die Krieger blieben draußen im Gang stehen, unentschlossen.
Sie wiegte in aufstachelnden Bewegungen vor und zurück.
" Wer bist du?" fragte Zip mit Spannung, die durch seinen Körper rieselte.
" Ich bin die Ehrwürdige Mutter," seufzte sie . Er wußte, das es stimmte.
" Aber wir haben schon eine Ehrwürdige Mutter," protestierte er.
" Führ mich zu ihr," lockte sie. " Dann werden wir sehen..."
Zip zog sich in den Gang zurück. Die Wachen waren aufgeregt. " Wenn sie sich begegnen, werden sie bis zum Tod kämpfen," rief er. " Wenn sie beide sterben, wird Akorn sterben. Tötet sie!"
Sie wimmelten an ihm vorbei. Sie rasten voran wie in einem Rausch und zerrissen und zerschnitten sie. Er blieb im Gang stehen und sah sie ihren Kopf vom Körper trennen. Es wirkte fast, als hätte sie darauf gewartet, daß es geschehen würde. Es war kein Klagen in ihrer Stimme - kein Flehen um Gnade. Aber wenn sie es gewußt hatte, warum hatte sie sie dann zu sich gerufen?
Er war schon damit beschäftigt, die Richtung zur nächsten anzupeilen. Es waren jetzt mehr Stimmen, allzu viele, als daß er sie überschauen konnte.
Er versuchte, sie von einander zu unterscheiden, um sie zu zählen. Er war sich nicht sicher, ob es sieben oder acht waren.
Sie machten weiter, wie es begonnen hatte. Sie töteten die ersten fünf, ohne auf Probleme zu stoßen. Aber es gab ein Problem - die Zeit. Die jungen Königinnen waren nicht größer, als daß sie sich mit Mühe in Akorns Gängen bewegen konnten. Erst wenn sie begannen Eier zu legen, würden sie größer und schwerer werden.
Als sie die sechste Kammer erreichten, entdeckten sie, daß die Wand zur Kammer von innen aufgebrochen war. Die schleimige Spur auf dem Boden zeigte ihnen, daß sie schon auf dem Weg zu Akorns Zentrum war.
" Sie ist auf dem Weg zur Ehrwürdigen Mutter!" rief einer.
" Die eine wird wohl genauso gut wie die andere sein," antwortete ein anderer.
" Haltet sie auf!" kommandierte Zip und eilte voran. Die übrigen folgten ihm so schnell ihre sechs Beine sie tragen konnten.
Sie holten sie in den tiefen Gängen nahe des Zentrums ein. Sie schafften es gerade noch ihr den Weg vor der Passage zum Saal der Ehrwürdigen Mutter zu versperren.
Zip legte den Kopf zurück und drohte ihr mit seinen Mahlkiefern. Sie blieb stehen und betrachtete ihn. " Das ist ja wohl keine Art und Weise, eine Ehrwürdige Mutter zu behandeln?" sagte sie vorwurfsvoll.
" Wo willst du hin?" fragte Zip.
" Ich muß ausfliegen," sagte sie überzeugend. " Ich muß hinaus in die Sonne, die ich noch nie gesehen habe, zwischen den Bäumen schweben, die ich auch noch nie gesehen habe, um eine neue Behausung zu gründen, die wachsen - und mit den Generationen viel größer als dieses Akorn werden wird!"
" Dann gehen Sie den falschen Weg," sagte er und erinnnerte sich, daß sie eine Königin war.
" Ich will nur der Ehrwürdigen Mutter einen letzten Respekt erweisen," sagte sie entschuldigend. " Ich will ihr von meinen Plänen erzählen und ihrem weisen Rat lauschen - ich habe ihr so viel zu verdanken."
" Das haben wir alle," antwortete Zip unsicher.
Eine andere Stimme drang zu ihm. Es war ein Flüstern, so leise wie nur ein Gedanke, und nur er konnte es hören.
" Laß es nicht geschehen. Laß sie nicht zu mir kommen. Sie ist es, die ich fürchtete, sie ist die falscheste von allen."
" Wenn du mich vorbei läßt, mache ich dich zum Kapitän der Wespenflotte," lockte sie.
" Aber das bin ich schon," murmelte Zip verwirrt. Ein Keim von Unruhe wuchs in seiner Seele.
" Eine werde ich ausfliegen lassen," flüsterte die Stimme aus dem großen Saal. " Aber erst mußt du diese töten, die jetzt vor dir steht - sie ist die von ihnen, die bleiben will."
" Führ mich zu meiner Mutter," bat die junge Königin. " Laß sie mich ein letztes Mal sehen."
Er tötete sie dort im Gang - nur eine Puppenlänge von der Passage zum heiligen Saal. Die Ehrwürdige Mutter lag in dem halbdunklen Saal und hörte es. Sie enthüllte nicht, was sie dachte, aber etwas Eindruck muß es auf sie gemacht haben, denn während sie mit der jungen Königin kämpften, legte die Mutter kein Ei.
Sie durchbrachen die Wand zur letzten.
Ganz Akorn wußte was geschah - und was schon geschehen war. Das Gerücht ging wie ein Lauffeuer durch die ganze Behausung. Fast bevor ein Ereignis eingetroffen war, wußten alle Wespen in hunderten von Gängen Bescheid. Es war überall eine fieberhafte Stimmung. Eine Stimulation der Freude ohne Grenzen.
Als die Wand einstürzte hörte ihr Rufen auf.
" Was gedenkst du zu tun?" fragte Zip.
" Das ist ja wohl keine Art, mit einer Ehrwürdigen Mutter zu sprechen," tadelte sie ihn.
" Hier in Akorn gibt es schon eine Ehrwürdige Mutter," antwortete Zip. Er war um eine Erfahrung reicher.
Sie dachte kurz nach. " Ich will ausfliegen," sagte sie dann.
" Wann?" fragte er.
Sie bemerkte seinen zweifelnden Tonfall und antwortete dementsprechend, denn auch sie war aus dem Schaden der anderen klug geworden.
" Sofort."
" Wir werden dich zum Flugfeld führen," sagte Zip. " Viele warten schon in der Luft über Akorn, um mit dir zu ziehen. In deiner neuen Welt wirst du eine Ehrwürdige Mutter werden. Wenn ich dich dort besuche, werde ich so zu dir sprechen, wie es sich gehört, mit einer Ehrwürdigen Mutter zu reden."
" Das hört sich vernünftig an," antwortete sie erleichtert.
" Du wirst Arbeiter und Krieger mitbekommen. Genug, um die Existenz der Behausung zu sichern." Er studierte sie und dachte nach. Sie war sehr schön. Etwas an ihr sagte ihm, daß sie sehr fruchtbar war.
" Ein letztes noch."
" Ja?" flüsterte sie einschmeichelnd.
" Du wirst nie unsere Ehrwürdige Mutter zu sehen bekommen!"
" Selbstverständlich nicht," antwortete sie. " Aber überbring ihr meine Grüße mit dem Dank für das Leben, das sie mir schenkte. Ich werde es gut zu führen wissen und den Bestand der Art sichern."
Sie waren sich einig. Es breitete sich ein Seufzen der Erleichterung durch die Gänge. Sie eskortierten sie durch Akorns Wirrwarr von Gassen und Straßen.Überall erweckte sie ein beträchtliches Aufsehen. Die, die ausersehen waren, mit ihr zu ziehen, warteten bereits in der Luft über dem Flugfeld. Als sie sich draußen an die Kante stellte, versperrten die Wachen Akorns Eingang hinter ihr. Es gab für sie keinen Weg zurück.
Bevor sie abhob drehte sie sich um und sah Zip forschend an.
" Danke für alles. Du wirst für immer mein Freund sein, so, wie ich hoffe, deiner zu sein."
Er berührte sie leicht mit den Fühlern und fühlte eine schwache Erregung dabei. Einen Augenblick wurde er von einem gewaltigen Verlangen übermannt, mit ihr zu ziehen und sein Leben ihr zu weihen. Sie war so jung und schön und hatte eine stark anziehende Wirkung auf alles in ihrer Umgebung. Sie beobachtete ihn genau, ohne etwas zu sagen. Er bekämpfte das Treiben seiner Gedanken und schob sie von sich.
" Ich werde über deine Behausung wachen und sie mit allem was ich zu geben habe verteidigen," flüsterte er kurzatmig.
Sie wirkte froh und sicher.
Aber sie hatte auch nicht die bitteren, teuer erkauften Erfahrungen des Alters. Mit einem Summen setzte sie ab und stieg mitten zwischen den zehntausenden, reisefertigen Wespen auf. Sie schlugen einen Kreis um sie, bildeten ein lebendes Schutzschild um sie herum, während sie durch den Wald schwärmten. Einen Augenblick später waren sie verschwunden. Nur ihr erregtes Summen konnte man noch lange danach in der Ferne hören.
Zip wartete, bis das letzte hitzige Gebrumm verstummt war und der Wald in Frieden atmete. Dann zog er sich in Akorns Inneres zurück, um von den Strapazen des Morgens auszuruhen.
Später suchte er die Ehrwürdige Mutter auf. Er hatte dafür seine Gründe. Er wollte das Spiel verstehen, von dem er ein Teil war. Sie nahm ihn mit Wärme und Respekt auf, denn er hatte es gut gemacht.
" Da ist etwas, das ich nicht verstehe," sagte er vorsichtig, während er die arbeitenden Drohnen beobachtete.
" Red weiter," antwortete sie. " Ich werde dir nach besten Kräften antworten."
" Wie konnten Sie wissen, was geschehen würde?"
Sie war eine Weile still. Sie legte dreißig Eier, während sie über ihre Antwort nachdachte.
" Bevor ich eine Ehrwürdige Mutter wurde," sagte sie, " war ich selbst eine junge Königin. Ich lernte viel von dem Augenblick, an dem ich selbst ein Teil der Welt wurde."
" Das war, ehe Sie in die Welt ausflogen, um Akorn zu gründen?" versuchte er.
Diesmal legte sie hundert Eier, bevor sie antwortete.
" Akorn ist eine alte Behausung," begann sie. " So alt, daß keiner das genaue Jahr seiner Gründung weiß. Hier gab es seit diesen Zeiten viele Ehrwürdige Mütter. Ich bin nur eine aus ihrer Reihe."
Zip fühlte sich schwindlig. Es war als ob etwas ganz langsam die Sicherheit und den Glauben unter seinen Beinen wegzog. Aber noch konnte er nicht mal so viel, wie den Zusammenhang ahnen.
" Als ich Königin wurde, war keiner da, der meine Wand durchbrach. Die alte Mutter legte nicht viele Eier - keiner verteidigte sie. Ich rief wie alle anderen, wohl wissend, daß ich meine eigene Vernichtung herbeirief. So ist es nun einmal - keiner kann sagen, warum. Wir waren fünf, die zur selben Zeit ausbrachen."
Sie verfiel in tiefe Gedanken.
" Aber..." stieß Zip hervor und schwieg. Er begann den Grundplan zu ahnen.
" Die anderen flogen aus - ich blieb!" Ihre Stimme war hart und unversöhnlich. Es lag ein schimmerndes, hartes Strahlen in ihren Augen, als sie ihn betrachtete.
Zip schauderte. Er hatte sie immer als etwas Höheres betrachtet, eine, die er zu jeder Zeit verteidigen würde. Sie repräsentierte die Fruchtbarkeit, ja sogar das Leben für ihn. Er hatte nie gewußt, daß etwas eine Ehrwürdige Mutter töten konnte.
" Was war mit..." flüsterte er heiser.
" Ich tötete sie," unterbrach sie ihn kalt. " Sie legte nicht viele Eier. Sie war eine Bedrohung für Akorns Existenz geworden. Ich kam gerade zur rechten Zeit. Keiner verteidigte sie, es war einfach Zeit für eine Neue."
Zip versuchte seinen Speichel hinunterzuschlucken.
" Eines Tages, in der Zukunft, werde ich dich wieder brauchen," sagte sie. Ihr Tonfall hatte sich geändert. Der harte Glanz in ihren Augen war verschwunden. " Zu der Zeit werde ich dich bitten, genau so schnell zu kommen, wie du heute gekommen bist."
Er studierte sie eingehend. Er gab es auf, ihre Eier, die aus ihrem Hinterteil hervorquollen, zu zählen, glänzend und weiß.
" Ich werde deine Treue belohnen, indem ich viele Eier lege," flüsterte sie. Er horchte auf und hörte sie ganz deutlich. Ihre Furcht vor dem Tag an dem sie nicht mehr zu dem fähig war, was sie jetzt noch konnte. Aber das konnte lange dauern. Vielleicht bis meine Zeit vorbei ist, dachte Zip.
" Ich werde auf Ihre Botschaft hin kommen, Ehrwürdige Mutter," antwortete er. Sie seufzte erleichtert. Sie hatte sich eine Frist erkauft, das wußten sie beide.
4. Kapitel
Am Anfang glaubte selbst ich, daß der Zustand der Dinge sich fortsetzen würde, mit der Ernennung des jungen und unerfahrenen Zip. Aber als die Zeit verging, wurde klar, daß Akorns Ehrwürdige Mutter Einfluß zu nehmen wünschte - gerade dadurch, daß sie ihn gewählt hatte.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Das erstemal, daß er den Boden unter Eichbergs Massiv betreten hatte, war bei seiner Ernennung gewesen. Zip - Kapitän der Wespenflotte, von Gott Zargs und Königin Sols Gnaden. Eine Hornisse war er, die größte und wildeste unter den Wespen. Ausgewählt unter zehntausend anderen von Akorns Ehrwürdiger Mutter, um der Libelle Ganj zu dienen, dem Chef von Karagandas bewaffneten Stärken.
Eichbergs Größe hatte ihn verblüfft. Er kannte Akorn, wo er als Larve und später gelebt hatte, bis zu dem Zeitpunkt als ausgewachsene Wespe. Als Akorns Ehrwürdige Mutter ihn zu sich gerufen hatte, hatte sie ihn darauf vorbereitet, was er sehen sollte. Aber er erkannte in diesem Augenblick, das er nicht fähig gewesen war, sich etwas wie dieses vorzustellen. Seine Mutter hatte ihn damit betraut, der Auserwählte zu sein - der eine unter tausenden in den sie ihr Vertrauen setzte. Und doch warnte sie ihn davor, daß es eine machtvolle Welt war, die ihn erwartete und forderte ihn auf, Vorsicht walten zu lassen. Und schließlich bat sie ihn, den Frühjahrstanz der Wespen zu Ehren von Königin Sol zu tanzen, als eine Geste der Ehrwürdigen Mutter in Akorn.
Die Ventilationsfliegen saßen an der Decke über seinem Kopf in der Unendlichkeit aller Gänge. Wenn sie die Flügel bewegten änderte sich die Luft in Eichberg ganz langsam. Er kannte dies von Akorn. Er blieb stehen und beobachtete eine der Fliegen. Sie arbeitete weiter, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Er überlegte, ob sie schlief, als die Wache ihn berührte und ihn bat, sich ihm anzuschließen.
Sie tasteten sich vorwärts, indem sie die Fühler benutzten. Die Ameisenwächter dufteten ganz schwach und unbehaglich, aber er gewöhnte sich allmählich daran.
Es war still im Thronsaal gewesen, als die Wachen ihn hineinführten. Alle Anwesenden hatten ihre Aufmerksamkeit auf den Tunnel gerichtet, durch den er seinen Einzug nahm. Zip, der bis dahin eine ganz gewöhnliche Wespe gewesen war, mit einem für solche Wespen mühevollen und harten Leben, war diese überwältigende Aufmerksamkeit nicht gewohnt. Er war unmittelbar innerhalb der Tunnelmündung stehengeblieben, zu ratlos, um einen einzigen Schritt weiter zu gehen. Aber die Jagdspinnen, die die heiligen Säle beschützten, hatten ihn hineingeschubst, so daß alle ihn sehen und einschätzen konnten.
Es war kühl unter den gewölbten Dächern. Der schwache Zug wendete um, als die Fliegen ihre Arbeit taten.
Feuerfliegen saßen in langen Reihen unter der Decke. Sie glühten schwach pulsierend, und bedeckten Königin Sols Saal mit einem gedämpften, goldenen Schein. Auf einer Erhöhung mitten im Saal hatte sie gesessen, der weiße Schmetterling mit den gelbgesprenkelten Sonnen auf seinen ausgebreiteten Flügeln. Sie war so weiß wie die Wolken, die er am ersten Tag seines Lebens gesehen hatte. Er hatte versucht, zu ihnen hinaufzukommen - viele Male.
Sie hatte ihn mit ihren blanken, roten Augen betrachtet. Als sie sprach, war ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Wie der Wind, hatte Zip gedacht - wie der Wind in den Kronen der Buchen.
Es war so still wie in einer Geisterwelt. Sie waren wie Gespenster, die starren Gestalten um ihn herum. Er starrte sie ergriffen an, denn sie war ein Gegensatz zu all dem Anderen um ihn herum. All diese machtvollen Wesen aus seiner Welt, die bei ihrem fast unhörbaren Flüstern verblaßten. " Du bist durch ein Gebot deiner Ehrwürdigen Mutter hierhergeholt worden," flüsterte sie." Du bist unter tausenden deiner Art sorgfältig ausgewählt worden." Sie schwieg einen Augenblick und studierte die junge Wespe unten vor der Erhöhung." Du mußt wissen, daß es eine Ehre ist, der Auserwählte zu sein."
Zip trippelte nervös auf der Stelle. Er wollte gerne etwas zu ihr sagen, aber die Worte blieben in seiner Kehle und wollten nicht hervorkommen.
" Du hast Anspruch auf unseren größten Respekt," sagte sie und nickte ruhig zu ihm hinunter.
Zip nahm allen Mut zusammen. Er schaffte es, hervorzustammeln, daß er wünsche einen Gruß von der Ehrwürdigen Mutter in Akorn zu überbringen. Als sie nicht protestierte, tanzte er vor ihr den Frühjahrstanz der Wespen. Sie sahen zu, alle Schatten im Kreis um ihn herum, aber er bemerkte sie kaum. Er tanzte für sie und ihr zu Ehren.
" Das war eine schöne Geste," sagte sie freundlich, als er schließlich fertig war. " Wir haben gerade dich aus mehreren, verschiedenen Gründen auserwählt. Der wesentlichste ist, daß du ergeben bist. Als solcher hast du viel Respekt um dich verbreitet und die Aufmerksamkeit der führenden Kräfte dieses Reiches auf dich gezogen. Wir haben eine Aufgabe für dich, die wir dich eindringlich bitten, anzunehmen, zum gemeinsamen Nutzen von uns allen."
Als sie schwieg und ihn fragend ansah, fühlte er, daß er etwas bekräftigendes sagen mußte. Seine schnarrende Wespenstimme bebte vor Stolz, als er sagte: " Natürlich, Euer Gnaden. Kein Wunsch steht höher in meinem Herzen, als Ihnen und der Gemeinschaft zu dienen."
" Also," flüsterte sie. " So sei es denn." Ein dunkler Schatten bewegte sich über den Boden hinter ihm, in Richtung auf die Erhöhung.
" Aber, was ist es, das ich tun soll?" dachte Zip verwirrt.
" Wenn ich die Erlaubnis bekommen könnte," brach eine grobe Stimme ein. Die Verzauberung war gebrochen. Sie waren nicht mehr allein, die Wespe und Königin Sol.
Die Libelle Ganj türmte sich vor ihm auf. Er nickte ehrerbietig zu ihr hinauf, woraufhin er sich an die übrigen Anwesenden mit den Worten wandte:" Wir haben beschlossen, Zip, von Akorns und der Ehrwürdigen Mutters Gnaden, zum Kapitän der Wespenflotte zu ernennen. Er wird den Rang eines Kapitäns tragen. Er wird mir direkt Bericht erstatten, da ich der Oberbefehlshaber aller bewaffneten Stärken bin." Es entstand eine kurze Pause. Zip fühlte eine ganz schwache Unruhe um sich.
" Derjenige, welcher etwas gegen diese Ernennung einzuwenden hat, kann es jetzt vorbringen, in Bezug auf die demokratischen Gesetze der Gemeinschaft."
Es herrschte Stille. Eine Stille wie in Akorn im Winter.
" Mir scheint, es ist ein kluger und weitsichtiger Beschluß," sagte der Maikäfer Oldan und trat in die Mitte des Kreises. " Darf ich Euer Gnaden für diese vorzügliche Wahl rühmen." Oldan nickte gemessen zur Bühne hinauf.
Die Führerin der Spinnen, Ogan, stand da und trippelte auf der Stelle. Sie wirkte, als wäre sie außer sich, aber als Ganj ihr einen Blick zuwarf wurde sie ruhig. Alle bemerkten es, aber keiner gab seinen Kommentar dazu ab - es war eine wohlgeordnete Welt.
" Ich werde mein Bestes tun," sagte Zip mit belegter Stimme.
" Das wissen wir, Kapitän Zip," sagte Ganj trocken. " Das wissen wir..."
" Es gehen in diesem Reich viele Gerüchte um," sagte Ganj. Seine Stimme dröhnte hohl unter den Gewölben. Er sprach jetzt gedämpft, obwohl sie allein waren.
" Ich höre nie hin..." begann Zip.
" Unterbrich mich nicht," sagte Ganj hart. " Du sollst mir in allem und jedem treu sein. Alles, was du hörst, sollst du mir berichten - nie anderen, verstehst du das?"
Zip nickte.
" Nur so können wir diese freie Welt schützen."
Zip nickte wieder.
" Ich weiß über alles wesentliche in diesem Reich Bescheid, und deine Treue werde ich zu belohnen wissen." Er studierte die Wespe einen Augenblick. " Aber erst mußt du zeigen, was du wert bist."
" Ich werde Sie nicht enttäuschen!" antwortete Zip prompt.
" Königin Sol ist eine weise und gute Königin. Du sollst dein Leben ihrem Schutz weihen," setzte Ganj fort. " Vor bösen Gerüchten sollst du sie schonen, denn sie ist genauso zerbrechlich, wie sie weise ist. Darum darfst du nie zu ihr gehen, bevor du dich nicht mit mir beratschlagt hast. Verstehst du das?" " Ja," flüsterte Zip, " das verstehe ich alles."
Ganj sah ihn einen Augenblick nachdenklich an. " Du wirst ein guter Führer der Wespenflotte werden," sagte er zum Schluß. " Es wird dir nicht wie deinem Vorgänger ergehen..."
" Was geschah mit ihm?" schoß es aus Zips Mund.
" Ihm geschah ein Unglück, ach ja," flüsterte Ganj. " Aber er war jung und eifrig und ganz verirrt, und einfach nicht im Besitz deiner Besonnenheit und Vernunft." Er sprach langsam und schleppend.
" Ich werde mein Bestes tun," sagte Zip wieder.
Ganj blieb allein mitten unter den Gewölben zurück, und sah der Wespe nach, die auf den Tunnel zukrabbelte. " Er war eine gute Wahl," dachte er bei sich selbst. " Eine ganz kluge Wahl, wenn ich es selbst sagen soll. Ich darf nicht vergessen, meinen Dank der Ehrwürdigen Mutter von Akorn zu überbringen."
5. Kapitel
Kapitän Zip war nicht blind dafür,daß die Aktionen hinter den Grenzen zu Orsk und Erzürüm das Kampfbataillion der Wespenflotte im Training hielten. Und solange die Notwendigkeit dieser Aktionen einleuchtend waren, drückte er keinen Zweifel an den Befehlen aus, die er bekam.
Auszug aus Spys Erinnerungen aus der Zeit der Gemeinschaft.
" Wir können auf diese Weise nicht weitermachen," summte die Biene erregt. " Wir schuften und rackern uns für die Gemeinschaft ab, aber wenn wir um Hilfe bitten, geschieht nicht das mindeste. Es ist nicht das erste Mal, daß wir uns hierhinwenden - und was ist dabei herausgekommen?"
" Öh..." murmelte Zip.
" Das werde ich dir sagen," rief die Biene. " Nichts! Überhaupt gar nichts!"
" Ich bin neu hier," erklärte Zip. " Ich habe keine Ahnung..."
" Du hast keine Ahnung, du hast keine Ahnung... Jetzt werde ich dir etwas sagen. Wenn man wünscht, daß wir weitermachen sollen, muß die Sorge für unseren Teil des Vorrates für den Winter jetzt beginnen, brauchen wir Schutz. Sonst werden die Vorräte nicht reichen, und dann werden viele sterben!"
" Soll man das als Drohung auffassen?" Es war Ganjs Stimme, die ihnen aus dem Schatten unter einem Blatt entgegenpolterte. Die Libelle krabbelte beschwerlich ans Licht.
" Es ist auf jeden Fall die Wahrheit," sagte die Biene in sanfterem Tonfall. " Unsere Mutter bat uns zu grüßen und zu sagen, daß sie und ihre Individuen Anspruch auf Hilfe und Unterstützung haben. Und sie sagt, daß nach den Gesetzen der Gemeinschaft..."
" Ich kenne die Gesetze der Gemeinschaft gut!" unterbrach Ganj. Sie betrachteten einander einen Augenblick. " Du kannst deiner Mutter mitteilen, daß Kapitän Zip von Wespenflottens Gnaden umgehend Schritte unternehmen wird um diese Herausforderung zu lösen. Erzähl ihr, daß es keine Probleme für die bewaffneten Stärken der Gemeinschaft gibt - es gibt höchstens Herausforderungen."
" Das werde ich überbringen..." seufzte die Biene widerwillig.
" Und jetzt verschwinde!" keifte Ganj.
Sie starrten der Biene nach, die sich ungeschickt über die Büsche hob und verschwand. Ganj drehte sich um und beobachtete die Wespe an seiner Seite.
" Du sollst über nichts anderes nachdenken, als diese Aufgabe zu lösen," bestand er. " Wenn es erledigt ist, legst du Bericht bei mir ab."
" Warum gibt es keinen, der..."
" Denk nicht mehr daran," winkte Ganj ab. " Dein Vorgänger verwaltete nicht die Interessen der Gemeinschaft, nur seine eigenen - möge Zarg mit Gnade auf ihn herabsehen. Er meinte, wir würden Zargs dunkle Kräfte herausfordern, wenn wir uns auf dieses Treiben einlassen, hinter unseren Grenzen."
" Wir können ja nichts anderes tun," protestierte Zip.
" Es freut mich, daß wir uns einig sind," sagte Ganj.
Sie kreuzten die Grenze am Bach und setzten ihren Weg über die Wiese nach Westen fort. Er hatte eine größere Einheit als notwendig eingesetzt, weil er ein Exempel statuieren wollte in dieser, seiner ersten Operation. Hätten sie den Morgen für ihre Mission gewählt, wäre vieles leichter gewesen. Dann hätten die Tauperlen die Spinnennetze aufspürbar gemacht. Jetzt mußten sie sich vorantasten, und das beinhaltete immer ein gewisses Risiko. Aber stark, das waren sie. Nur die wenigsten Spinnennetze konnten eine Hornisse halten.
Es wäre eine Aufgabe für die Kriegerameisen gewesen, wenn sie den Bach hätten überqueren können. Nichts auf der Welt konnte sich mit ihnen messen. Nichts, was er kannte, wenigstens...
Es brauchte Zeit. Sie brauchten die meiste Zeit, um die Spinnen zu finden und zu töten. Er hatte sich noch nie etwas aus Spinnen gemacht. Er hielt sie für beschränkt. Selbst die größten Spinnen duckten sich vor dem Gift in ihrem Stachel. Aber es gab viele, zu viele, verbreitet über den Blumengarten auf der Wiese.
Als der Tau fiel, waren sie gezwungen, sich zurückzuziehen. Bevor sie den Ort verließen, zählten sie die Männer durch. Und zu seiner Verwunderung fehlten zwei. Keiner hatte etwas gesehen oder gehört. In der ersten Dämmerung gaben sie die Suche auf und hielten Kurs auf Akorn.
Erst unmittelbar vor Einbruch der Dunkelheit landete er auf Eichbergs Plateau und hastete auf den Eingang zu. Die Kreuzspinnen hatten schon die Fäden an den Kanten der Öffnung befestigt. Kaum war er drinnen, verspannen sie den Eingang für die Nacht.
Er erstattete Ganj Bericht. Als er von den fehlenden Kriegern erzählte, entstand einen Augenblick eine Pause. Ganj hatte etwas vor sich hin gemurmelt, etwas über Zargs Zorn. Was er damit meinte, verlor sich im Ungewissen.
Es war nicht ohne ein Gefühl des Stolzes, als er sich diese Nacht zur Ruhe begab. Die Nachricht würde seine Mutter lange vor ihm erreichen. Er erwartete, daß sie ihn zu sich rufen und ihre Zufriedenheit mit dieser, seiner ersten Tat, ausdrücken würde.
Von da an waren es viele Taten gewesen. Und er war immer noch am Leben.
6. Kapitel
Es gab seit der Bildung der Gemeinschaft mannigfaltige Mythen um das, was man die Gunst und den Zorn der Götter nannte, im Verhältnis der Handlungen der Individuen und Arten untereinander. Am Anfang war es Ganj selbst, der - außer der drückenden Furcht vor ihm, ungezwungen seine Worte und Meinungen vertrat - sich wärmstens für Königin Sol und alles , für das sie stand ,einsetzte. In ihrem Namen setzte er die Einführung der Satzung durch, die für immer das friedliche Miteinander der Arten sichern sollte.
Später - als er nicht mehr so warm in ihrem Namen sprach, wurde der Fund des " Blanken Dinges" bekannt. Und damit entstand der Mythos um den Gott der Dunkelheit, Zarg - und die Skolopender, die Zargs schwarzes Universum im Innern des " Blanken Dinges" bewachten.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Die Kreuzspinne stand wie auf dem Sprung. Sie war groß, selbst für eine Kreuzspinne. Die langen behaarten Beine waren unter ihr gespannt, als ob sie es das sicherste fand, auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Aber die Augen, die kalt die übrigen Anwesenden maßen, ließen keine Nervosität erkennen.
" Wir meinen es ernst," polterte Ganj.
" Wer ist `wir`?" spottete Ogan. Ganj ignorierte sie.
Die Feuerfliegen betrachteten sie schweigend von den Dachwölbungen.
" Hast du etwas einzuwenden, dann mußt du es jetzt tun. Von jetzt ab wird es kein Pardon mehr geben." Ganj sah Ogan mit einem fragenden Blick an.
Sie stand da , als wäre sie mitten im Sprung erstarrt. " Ich weiß nichts davon, daß jemand meiner Art Gesetze gebrochen hat," sagte die Spinne Ogan rauh. " Im übrigen könnt ihr mich..."
" Du bist ein schlechter Repräsentant deiner Art," sagte Ganj. " Du warst deiner Aufgabe nie gewachsen, darum gibt es diese ewigen Probleme."
" Ich weiß das eine oder andere von dir," rief Ogan mit schriller Stimme.
" Ich weiß das eine und andere, was alles anders aussehen lassen könnte. Du kannst mich..."
" Vielleicht sollten wir zusammen deinen Nachfolger finden," schlug Ganj vor.
" Nachfolger?"
" Früher oder später," erklärte die Libelle, " wird dir ein Unglück geschehen. Natürlich wirst du in angemessener Erinnerung bleiben, kurze Zeit danach. Darum müssen wir deinen Nachfolger finden."
" Was soll das für ein Unglück sein?" fragte die Spinne. Die erste Ahnung von Furcht hatte sich in ihre Stimme geschlichen.
" Du hast einen mächtigen Zorn zum Leben erweckt," sagte Ganj. Er ließ sich Zeit und redete langsam. " Wenn es notwendig wäre, würde ich dich selbst töten - aber es ist nicht notwendig."
Ogan setzte ihren fetten Körper in Bewegung, auf den Gang zu. " Es ist unnatürlich, von Bienennektar zu leben," schnaufte sie aufgebracht. " Es ist natürlich für Spinnen, zu töten und zu fressen wie..."
" Du begreifst es also?" unterbrach Ganj.
" Ich begreife überhaupt gar nichts!" schrie Ogan.
Sie maßen einander einen Augenblick. Ogans Stimme hallte durch die Gänge von Eichberg fort. Ihre eigene Einsamkeit schien sie von hier fortzurufen.
" Die Zeit ist gekommen," polterte Ganj, " daß du diesen Ort verläßt." " Ich verlange, zu Königin Sol vorgelassen zu werden!" sagte Ogan mit zitternder Stimme. " Ich habe das Recht. Es gibt gewisse Dinge in deinem Auftreten, die sollte sie..."
" Du hast keine Rechte mehr!" stellte Ganj fest. " Tu dir selbst den Gefallen und verschwinde jetzt, bevor ich dich rausschmeißen lasse. Es wäre ein peinlicher Fleck auf deinem Nachruf!"
Ogan schleppte ihr Hinterteil über den Boden. In der Tunnelöffnung blieb sie stehen und machte einen letzten Angriff.
" Ich werde mich rächen, ich werde einen Aufstand gegen dich erheben, das wirst du erleben..."
" Für mich gibt es dich nicht mehr, Ogan. Für mich bist du nur ein Blatt in einem Wald von Erinnerungen." Ihr Spiegelbild in den blanken Kuppelaugen der Libelle war schmal und oval. Dann verschwand es und wurde von der Dunkelheit der Gänge verschluckt.
Ganj blieb allein zurück. Im Schein der Feuerfliegen warf er einen länglichen, matten Schatten auf den Boden. Er fühlte sich alt. Er haßte dieses Gefühl, denn er erkannte trotz allem, daß die Kraft zur Jugend gehörte. Aber er hatte die Erfahrung eines langen Lebens für sich - und er war ein Meister darin, Mythen um sich selbst neue Nahrung zu geben. Wenn nur alle an die Existenz seiner Stärke glaubten, war es nicht mehr notwendig, sie zu demonstrieren. Statt dessen verlangte er nach einem Nachtschwärmer.
Die Kreuzspinne beim Eingang zu Eichberg warnte Ogan, als sie den Eichstumpf verließ und in Richtung auf den Wald fortkrabbelte.
Ein Nachtschwärmer hatte kurz vorher Eichberg verlassen.
Ogan beobachtete die Wolken, die ohne ein Geräusch über den Nachthimmel trieben. Wenn sie den Mond bedeckten, wußte sie, daß sie schwer zu finden sein würde. Sie kannte die Gerüchte, obwohl sie sich das nicht anmerken ließ. Aber in ihrem Innern nagte die Furcht.
Nach einer Weile kroch sie in den Schutz eines Grasbüschels und lauschte. Wenn sie einen Nachtschwärmer aussandten, in einer Nacht wie dieser, war die Absicht deutlich genug.
" Zarg hat sie!" zischte sie vor sich hin.
Sie war die Mutter vieler Spinnen. Sie hatte dafür gekämpft, denselben Status, wie er allen Individuen bekannt war und von ihnen respektiert wurde, zu erreichen, aber es war nicht gelungen. Spinnen könnten keine Ehrwürdigen Mütter werden, hatten sie gesagt. Im Innersten erkannte sie widerwillig, daß sie nicht war, wie sie, die Mütter in Akorn und Grünn.
Im nächsten Augenblick teilte sich das Gras vor ihr. Ein langer, kräftiger, gegliederter Körper warf sich mit gewaltiger Stärke gegen sie. In einem einzigen erstarrten Blitzen ätzte sich der Anblick des glänzenden, aufgeblähten Rückenpanzers in ihr Bewußtsein, während sie gelähmt fühlte, wie ihr Körper von der Erde gehoben wurde. Es brannte wie Feuer in ihrem Blut, als die Kiefer sich durch ihr weiches, verwundbares Hinterteil quetschten und das Gift sie lähmte.
7. Kapitel
Ich stieß nie auf jemanden oder etwas, von dem man sagen konnte, daß es in sich nicht Grenzen hatte, die man nicht überschreiten sollte. Der, bei dem ich mir am sichersten war, war Kapitän Zip von der Wespenflotte. Ich lernte verhältnismäßig schnell seine Grenzen kennen, und sorgte dafür, daß ich weit weg von ihm war, wenn sein Zorn ausbrach.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Zip saß auf einem Buchenzweig am Waldrand, im äußersten Laub mit Aussicht über den Bach. Die Wiese, mit dem sich neigenden Gras und den Büscheln von Wiesenschalmei erstreckte sich meilenweit vor seinem Blick. Es war selten, daß er sich selbst eine Pause gönnte. Er schloß die Augen einen Augenblick und ließ die Gedanken in der Zeit zurückwandern.
Er hatte Spy auf so eine eigenartige Weise getroffen. Er lachte ein wenig über sich selbst, immer noch mit geschlossenen Augen. Er war in den dunklen Gängen Eichbergs über ihn gestolpert. Und das merkwürdige war, daß da, wo jeder andere laut seinem Unbehagen Ausdruck verliehen hätte, mit Flüchen und Verbannungen, die Fliege nicht das kleinste Geräusch von sich gegeben hatte, sondern ganz im Gegenteil versucht hatte, in der Dunkelheit und dem Gewimmel zu verschwinden. Zip, der wie alle Wespen bei jeder Überraschung wütend wurde, hatte ihn mit dem Kiefer in festem Griff gehalten. Die Fliege hatte weder protestiert, noch um Gnade gefleht, sondern sich nur still und ruhig verhalten.
Das war der Anfang von dem, was Zip als enge Freunschaft betrachtete. Einer klugen Freundschaft für sie beide.
Spy war ein Spion. Ein wahrer Meister im sich unsichtbar machen und entkommen, wenn alle Hoffnungen zu schwinden schienen. Am Anfang, hatte Spy später erzählt, hatte er Zip nur als noch einen Führer betrachtet. Aber etwas in Zips Wesen hatte bewirkt, daß Spy der Versuchung nicht widerstehen konnte, ihm Informationen zukommen zu lassen.
Er lebte ein gefährliches Leben, dieser Spy. Aber er wußte es und ergriff seine Maßnahmen. Zip behielt sein Wissen für sich, aber ließ sich immer von den unverhohlenen Sticheleien der Fliege ärgern.
" Zip, der Ergebene," nannte sie ihn. " Zip, der Naive..."
Und gerade naiv, das war er ja wohl - am Anfang.
8. Kapitel
Es gab mehrere Arten von Feinden. Da waren die vereinzelten Episoden, in die einzelne Individuen verwickelt waren - und es gab den mächtigen Feind, von dem die Gerüchte flüsternd sprachen, von dem aber keiner auch nur eine Andeutung gesehen hatte.Ich fühlte, daß es noch einen Feind gab: die Angst, der wir erlaubten, Einfluß auf unsere Beschlüsse zu nehmen, die aber im großen und ganzen gesehen in Motiven wurzelte, die sich im Nebel verloren, den ein Individuum wie ich nicht fähig war, zu durchschauen.Doch ich fühlte,ohne es beweisen zu können, daß sie ihren Ursprung irgendwo in Eichbergs dunklem und kühlen Gewirr von Gängen hatte.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Garm, der Nashornkäfer, krabbelte in den Schutz unter ein Buchenblatt. Sein krummes Horn kratzte gegen das Blatt, als er sich zum Licht wühlte und die Landschaft in Augenschein nahm.Die Kriegerameisen, die sich vor ihm an der Böschung versteckt hatten, waren nicht zu sehen. Nach Westen, die Richtung, in die er jetzt spähte, lag der Birkenwald - das Land Ezürüm. Von dort kamen sie, die großen Skolopender, die Schrecken unter den Spinnen in Karaganda verbreiteten.
Garm war verantwortlich für ihren Schutz. Obwohl er sich, wie so viele andere, nicht besonders für Spinnen begeisterte, war es seine Aufgabe, ihre Existenz zu sichern. Ihre, und die vieler anderer.
Alles schien ruhig.
Er blieb lange stehen, während er überlegte, wie man in Erzürüm lebte. Mit den Skolopendern war nicht zu spaßen. Das Schlimmste an ihnen war ihre Geschwindigkeit, mit welcher sie selbst große Strecken zurücklegen konnten. Sie hatten bei mehreren Gelegenheiten einzelnen von ihnen beim Rückzug über die Grenze den Weg abgeschnitten. Auge um Auge, Kiefer um Kiefer, so war das Gesetz an der Grenze. Am Anfang hatten sie Erlaubnis in Eichberg einzuholen, aber das war unhaltbar gewesen. Nun töteten sie sie nur, mit Ganjs Segen.
Eine Kriegerameise quetschte sich unter das Blatt und stellte sich neben ihn.
" Hier ist es todlangweilig heute," stellte sie trocken fest.
Garm antwortete ihr zunächst nicht. Der Anblick des Birkenwaldes unter den regenschweren Wolken gab ihm das sonderbare Gefühl, daß etwas im Gange war, etwas, daß seinen Körper in Unruhe versetzte. Er war so alt wie Ganj es war.
" Keine Aktivitäten sind gute Neuigkeiten," bemerkte er.
" Weiß ich nicht so ganz," murmelte die Ameise. " Vielleicht sollten wir eines Tages Ernst machen und die Grenze überqueren. Dann könnten wir herausfinden wer und was dort..."
" Das ist ausgeschlossen!" sagte Garm hart. " Wir sollen nur sichern, daß wir selbst in Frieden leben können. Wir wollen nichts anderes provozieren, als das."
" Man kann darüber diskutieren, wer `wir`ist," sagte die Ameise, ohne den Blick abzuwenden. " Ganj läßt einen meinen, daß ein Krieg bevorsteht. Wenn wir sie jetzt verprügeln, können wir vielleicht vermeiden, daß sich mehr als das entwickelt." Als sie wieder keine Antwort bekam, fügte sie hinzu: " Ich bin sicher, daß Ganj uns zustimmen würde, wenn wir uns über die Grenze beeilen und ihnen was auf die Fühler geben!"
Garm zog sich beleidigt zurück und bewegte sich durch das Gras nach Hause. " Wir ziehen uns zurück, es ist spät und wir haben einen langen Heimweg."
Die Ameise hastete die Böschung hinunter, um die übrigen zu holen.
Der Skolopender lag ein Stück entfernt von dort, versteckt im Birkenpollen, der den Waldboden auf der anderen Seite der Grenze bedeckte. Wenn Sonnenstrahlen durch die Blätter drangen, glänzten seine vielen Glieder wie aus edlem Metall. Die Beine, die in langen Reihen an dem gegliederten Körper saßen, waren wie zum Sprung gespannt.
Er betrachtete die Kieferzangen der Ameisen, als sie sich durchs Gras arbeiteten. Als sie weg waren, schlich er sich lautlos weiter aus den Schatten hinaus und hinein nach Karaganda.
9. Kapitel
Ohne den Wunsch zu nähren, für mehr als das, zu dem mein Einsatz berechtigt, Ehre zu erhalten, wegen dessen, was in den Zeiten der Gemeinschaft geschah, überlege ich oft, wie alles gekommen wäre, wenn ich nicht meinen Einfluß geltend gemacht hätte. Hiermit meine ich den indirekten Einfluß, den ich erreichte, indem ich Kapitän Zip von Handlung zu Handlung führte. Ich denke oft daran, ob er dieselben Prüfungen durchgehen hätte müssen, wenn er keinen gehabt hätte, der ihm andeuten konnte, welchen Weg er nehmen und wo er seine Kräfte einsetzen sollte.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
" Ich hoffe, es ist wichtig genug, mich zu diesem Treffen hier herzuholen," sagte Zip, nachdem er auf dem Ampferblatt gelandet war.
Spy, der bei weitem die schnellste und klügste Fliege in ganz Karaganda war, beobachtete die Wespe über seinen langen Rüssel hinweg.
" Es ist wichtig," flüsterte er.
" Warum flüsterst du immer, Spy?"
" Es ist meine Natur, zu flüstern," flüsterte Spy. Er sah sich unruhig um, bevor er weitersprach. " Hätte ich alles, was ich weiß, laut und deutlich gesagt, hätte es wohl kaum einen einzigen gegeben, der den Wunsch gehabt hätte, mich am Leben zu lassen."
Zip dachte nach. " Was weißt du von mir?"
" Ich weiß viel und vieles über alles, was es wert ist zu wissen," flüsterte Spy ausweichend.
" Ja, aber über mich?" sagte Zip ungeduldig.
" Du hast viele Freunde, Kapitän Zip von Wespenflottens Gnaden."
" Das klingt ja gut," seufzte Zip zufrieden.
" Und du hast Feinde, Kapitän Zip, der Naive und Ergebene."
Zip stutzte. " Habe ich Feinde?"
" Du hast mächtige Feinde. Mehr kann ich dir nicht sagen."
" Mehr willst du mir nicht sagen, du kleiner..."
" Weder kann, noch will ich," unterbrach ihn Spy. " Ich habe meine Befehle, und denen folge ich - meistens."
" Was willst du von mir?" fragte Zip und versuchte seine Verärgerung zu verbergen.
" Es ist nur ein Gerücht, darüber mußt du dir klar sein."
" Erzähl," sagte Zip.
" Das ist eine lange Geschichte," flüsterte Spy, " aber ich werde versuchen, es kurz zu machen. Wieviel weißt du von Zarg?"
Zip dachte nach. " Alles, was ich erzählt bekommen habe - und das ist eine ganze Menge. Aber ich habe nie..."
" Es ist eine Sache, zu glauben, eine andere, zu wissen," flüsterte Spy.
" Was meinst du damit?"
" Denk darüber nach - und genug damit. Das, was ich dir sagen muß, habe ich von einem, der selbst nicht so schnell zu dir kommen konnte, wie ich. Es gibt jemanden, den du besuchen sollst."
" Ja?"
" Du mußt zur Behausung der großen Kriegerameisen fliegen. Dort ist einer, der darauf wartet, mit dir zu sprechen. Aber derjenige, der weiß, was zu wissen wert ist, wird nichts enthüllen, es sei denn, du tust so, als ob du schon etwas weißt."
" Du sprichst in Rätseln," sagte Zip und begann etwas irritiert zu werden.
" Das ist eine Art zurechtzukommen," sagte Spy schnell. " Wenn einer dasteht und über meine Rätsel nachdenkt, bemerkt er nicht, wie ich genauso still verschwinde."
" Du bist schlau, Spy," lachte Zip.
" Ja," flüsterte Spy. " Ich bin unglaublich schlau."
10. Kapitel
Bei einzelnen Gelegenheiten brachte ich in aller Heimlichkeit Botschaften von Königin Sol in Eichberg zur Ehrwürdigen Mutter der Kriegerameisen in der Behausung von Grünn. Von all den grauenerweckenden Ereignissen, von denen ich entweder ein Teil oder Zeuge war, ist das, das mich am meisten mit einer Mischung von Erfurcht und Erleichterung erfüllt, solche Erfahrungen gemacht - und überlebt zu haben. Die Mutter in Grünn war in Wahrheit ein Wesen, deren Macht weite Grenzen hatte. Glücklicherweise für mich war sie weise und sich ihrer Stärke bewußt.
Auszug aus Spys Erinnerungen an die Zeit der Gemeinschaft.
Das heftige Schnarren der Wespenflügel umschloß ihn, während er mit großer Eile durch den Sonnenschein flog. Die Buchenkronen stiegen und fielen wie Bergformationen um ihn herum, und die Blumen auf dem Waldboden sandten Duftströme zu ihm hinauf, die drohten, ihm die volle Kontrollle über seine Gedanken zu rauben und ihn in einen sinnlichen Genuß zu versetzen, ohne ein anderes Ziel, als nur das einfache Dasein.
Das Frühjahr ist eine gefährliche Zeit, dachte Zip und konzentrierte sich frohen Mutes.
Von hier oben war es schwer, sich vorzustellen, daß die Welt auch eine dunkle Seite hatte, die Seite, die mit Zarg zu tun hatte. Aber nur diesen Gedanken zu denken, machte ihm Schuldgefühle und eine ganz schwache Furcht.
Zip kreiste einen Augenblick über dem Brombeerland, das auf einer Rodung im Wald lag. Er liebte diesen Ort, es gab nichts aufregenderes, als zu dieser Zeit des Jahres durch den Brombeerduft zu fliegen. Er bekämpfte seine Lust, zu landen und an einem Saftstengel zu knabbern, und flog weiter.
Kurz danach hatte er die große Behausung Grünn der Kriegerameisen in Sicht. Sie lag, halb eingegraben in einem lehmigen Abhang, teils von einem knorrigen Buchenstamm versteckt, den der Sturm einmal vor langer Zeit gefällt hatte. Unzählige Ameisenpfade waren in die weiche Böschung getrampelt und weiter durch das Gras, das die Rodung bedeckte.
Die Kriegerameisen an der Böschung hoben die Köpfe mit den tödlichen Kiefern und schauten nach oben, als sie das Geräusch seiner Flügel hörten. Und, vielleicht aus alter Gewohnheit, verschanzten die Wachen sich im Eingang zu Grünn, als Zip zur Landung ansetzte.
Zip hatte, wie alle anderen, einen tiefen Respekt vor den Kriegerameisen. Das gründete sich nicht auf die Fähigkeit der Ameisen, in friedlicher Gemeinschaft mit den übrigen Arten zu leben, oder ihrem Sinn für die schönen und wohlriechenden Elemente im Leben; um die Wahrheit zu sagen, waren die Ameisen nicht unter den sanftesten und umgänglichsten von Karagandas Einwohnern zu finden. Aber es war gut, sie zu kennen, für alle die Schutz brauchten - und das waren die meisten.
Die Kriegerameisen hatten sich Sklaven gehalten, als die Welt noch nicht wohlgeordnet war. Sie hatten die Behausungen anderer Ameisen überfallen und ihre Eier geraubt, um danach die Fremden zu Hause in Grünn auszubrüten und sie zu Sklaven aufzuziehen. Zip dachte dies, während er landete. Ihnen fehlte etwas wesentliches, den blauschwarzen Kriegern. Ihnen fehlte etwas in ihrem Speichel, etwas, das ihr Futter in Nahrung umwandeln konnte. So konnten sie ohne Sklaven fressen und fressen und trotzdem vor Hunger sterben. Die Sklaven hatten diesen Stoff in ihrem Speichel. Darum war die Existens der Kriegerameisen und der Sklaven eng miteinander verbunden - und darum hatten die Kriegerameisen ihre Sklaven im freien und demokratischen Karaganda behalten.
Im Innersten dachte er, daß es ohne sie wohl nicht lange ein solches Karaganda geben würde. Man konnte die Ideale weit stecken, wenn eine Begründung da war.
Zip landete auf der nackten, abgenagten Erde, die tausende von Ameisen durch die Zeiten so hart wie Stein getreten hatten.
Ant, der Führer der Kriegerameisen, kam ihm entgegen. Er war groß, von gleicher Größe wie Zip, und immer sehr direkt in seiner Art.
" Du wirst erwartet," sagte Ant und kratzte mit dem Kiefer auf der Erde zur Begrüßung. Zip betastete ihn mit den Fühlern, um ihn bei Laune zu halten.
" Ich bekam darüber Bescheid," sagte Zip entgegenkommend.
" Der kleine Stepke," murmelte Ant. " Wenn man am Besten mit ihm steht und redet, fängt er an, in Rätseln zu sprechen, und bevor man es ahnt, ist er weg."
Sie begaben sich über die Rodung und die Böschung hinauf auf den Eingang zu. Bevor sie hineingingen, blieb Ant stehen. " Bist du hier schon einmal gewesen?" " Nur hier," antwortete Zip. " Nicht drinnen. Es muß etwas wichtiges sein, wenn ich heute dazu die Erlaubnis habe." " Ja, es ist wichtig. Aber einen Rat sollst du noch haben." Ant dachte kurz nach. " Egal, was du denkst oder fühlst, mußt du dich ruhig verhalten, wenn wir erst drinnen sind. Wir Ameisen nehmen es nicht so genau. Aber vergiß nicht: eine aufgeregte Wespe in den Gängen von Grünn ist eine tote Wespe!" " Ich werde mich an deinen Rat erinnern," flüsterte Zip. " Gut, und wenn du von den Sklaven angegriffen wirst, mußt du einfach mir die Paragraphen überlassen."
" Abgemacht," flüsterte Zip mit bangen Ahnungen.
Sie passierten die Wachen, die sie betasteten, bevor sie die Erlaubnis bekamen zu passieren.
Sie hatte etwas eigenes, die Behausung Grünn. Wie alle anderen Behausungen der Welt hatte sie ihren eigenen charakteristischen Geruch und ihre eigene Vielfalt von Geräuschen. Die Gänge waren sehr groß gegraben. Das zeigte, daß Grünn eine alte Behausung war. Denn in vergangenen Zeiten hatten die Kriegerameisen viele große Insekten erlegt, die sie zu den Vorratskammern in der lehmigen Böschung geschleppt hatten. So war es nicht mehr, aber Grünn war immer noch dasselbe. Die Kriegerameisen benutzten keine Feuerfliegen an den Decken, wie man es am Hof von Eichberg tat. Sie brauchten kein Licht, um sich zurechtzufinden.
" Oh, dieser unangenehme Geruch," klagte Zip. " Ich kann die Ameisensäure nicht mehr lange aushalten."
" Das sind die Sklaven," antwortete Ant. " Das ist etwas, an das man sich gewöhnt."
" Daran gewöhne ich mich nie," keuchte Zip.
" Du bist ein gefühlvolles Wesen, kleiner Zip," seufzte Ant und versuchte, verständnisvoll zu klingen. " Aber tu als wäre nichts, sonst geht es dir wie der Spinne, die sich neulich hier drin verlaufen hat."
" Was habt ihr mit ihr gemacht?"
" Wir haben ihr ein paar Beine abgebissen und sie rausgeschmissen," sagte Ant. " Was hättest du getan?"
" Versprich mir, den Mund darüber zu halten," sagte Zip. " Es ist schon Ärger genug da, so wie es ist."
Ant betastete Zip mit den Fühlern, um ihn zu beruhigen. " Das ist in Ordnung, es ist nur etwas an Spinnen, das mich wahnsinnig wütend macht!"
Zip seufzte und krabbelte weiter.
Sie passierten einen großen Saal, der aus der Wurzel der gefällten Buche an der Böschung genagt war. Etwas Licht mußte an irgendeiner Stelle einfallen, denn der Saal war teilweise von einem matten, kalten Schein erleuchtet.
Sie bewegten sich auf einem schmalen Absatz unter dem Dach. Als Zip hinunter schaute, sah er die Kriegerameisen, die in langen Reihen auf dem bloßen zertrampelten Boden saßen. Und er sah die Sklavenameisen, die die Reihen auf und ab wimmelten und sie fütterten.
" Keinen herablassenden Kommentar jetzt," flüsterte Ant ganz leise. " Es ist nicht gerade der Zeitpunkt dafür."
Zip gab keinen Laut von sich.
Nachdem sie noch einen hohen Tunnel passiert hatten, waren sie am Ende des Weges. Die Wachen in der Öffnung zu dem großen Saal sahen barsch und entschlossen aus. Ant erklärte ihnen die Situation, bevor er Zip bat, näherzutreten. Nachdem das Betasten überstanden war, bekamen sie endlich Zugang.
Zip hatte sich an den Gestank der Ameisensäure gewöhnt, während seiner Reise durch Grünns leicht schräge Gänge, und schenkte ihr keinen Gedanken mehr. Er hatte ein sonderbares Gefühl, als sie in den großen Saal zur Ehrwürdigen Mutter der Kriegerameisen krabbelten. Eine sonderbare, kitzelnde Spannung, die er von seinem Besuch bei der Ehrwürdigen Mutter der Wespen in Akorn kannte. Es war, als ob diese Mütter umgeben von einer Aura aus Urkraft waren, die sich wie ein unsichtbares Kraftfeld beschützend um sie spannte und ihnen eine Größe und Würde gab, desgleichen es an keinem anderen Ort gab. Aber er passte auf, seine Spannung und seinen Eifer zu verstecken, denn nichts konnte die Mutter der Kriegerameisen irgendeiner Form von Herausforderung aussetzen - und überleben.
Auch hier in ihren Saal fiel das wenige Licht, das sein mußte, um sie in einen schwachen, matten Schein zu hüllen.
Sie lag auf einer weichen Erhöhung aus schleimigen, verwelkten Blättern. Auch von ihr trugen Drohnen die Eier fort, so schnell sie vermochte, sie zu legen.
Sie beobachtete sie genau, während sie sich hineinschlichen. Ant wies ihn vor sie hin, damit sie ihn besser sehen konnte. Ihr Körper hatte dasselbe blauschwarze Glühen wie Ants. Sie warteten ehrerbietig bis sie gesprochen hatte.
" Willkommen in Grünn," flüsterte sie rauh.
" Danke," antwortete Zip und tanzte den Frühjahrstanz der Wespen, ihr zu Ehren. Als der Tanz zu Ende war, sprach sie wieder.
" Ich hatte auch einmal Flügel." Sie seufzte. " Einmal vor langer Zeit." Sie lag kurz da und dachte nach, und sie unterbrachen sie nicht.
Dann sagte sie, an Zip gewandt: " Ich rief dich hierher, um mein Herz zu erleichtern. Es ist so lange her, daß ich eine Erscheinung hatte, daß ich glaubte, es würde nie wieder geschehen. Aber neulich geschah es doch."
" Eine Erscheinung, Hohe Mutter?"
" Ich reise," sagte sie, " In die Welt der Träume. Ich bekam die Kraft dazu durch einen Zufall. Ich beherrsche sie nicht, so wie eine gewisse andere. Aber eines weiß ich mit Gewißheit..." Sie sah auf die Wespe hinab, auf dem Boden unter der Erhöhung aus Blättern.
" Du mußt sie aufsuchen und fragen, was sie gesehen hat."
" Ich gebe mir Mühe, das zu verstehen," flüsterte Zip.
Die Königinmutter sprach weiter. " Sie baute ein Spinnennetz über der Krone einer merkwürdigen Blume. Dort lebte sie lange. Als es Herbst wurde verwelkte die Blume und fing an zu verrotten. Sie stand in einer Spalte eines Steines, einem Ort, wo die Strahlen der Sonne nie hingelangten. Und der Saft der Pflanze brauchte lange, um zu verdampfen." Sie dachte kurz nach. " So weit ich weiß, ist sie immer noch nicht ganz weg."
Zip machte eine entschuldigende Bewegung mit den Fühlern.
Sie hatte eine rauhe, lispelnde Stimme, die Mutter der Kriegerameisen.
" Sie sandte mir ein Geschenk. Wir befreiten sie von einem
Skolopender, der über die Grenze von Ezürüm gedrungen war. Er hatte sie ausgesucht und wollte sie töten, gerade als eine Patroullie aus Grünn vorbeikam. Als Dank für ihr Leben, schenkte sie mir diese kostbare Fähigkeit."
" Was für eine Fähigkeit?" fragte Zip und vergaß ganz die Etikette.
" Die Fähigkeit, in die Vergangenheit sehen zu können," antwortete die Mutter der Ameisen. " Oder richtiger - am Anfang war es nur die Vergangenheit. Aber hier, vor gar nicht langer Zeit, als ich den letzten Tropfen ihres Geschenkes trank, hatte ich eine Erscheinung - von der Zukunft!" Ihre Stimme bebte ganz leicht, und die Wachen strömten aus dem Tunnel herein und beobachteten sie. Als sie sich vergewissert hatten, daß alles ruhig war, zogen sie sich zurück.
" Ich sah ein fürchterliches Unwetter," setzte sie fort, " mit Donner und Regen. Und ich sah einen umgestürzten Baum, der über den Bach lag und Karaganda mit Orsk verband. Aber das, was sich für immer in mein Bewußtsein brannte..." Ihre Stimme brach und sie schwieg. Zip wollte etwas sagen und sie zum weiterreden anspornen, damit sie ihren Bericht vollenden konnte, aber der Mut verließ ihn. Das, was er an ihr sah, war das letzte, was er an einer Ehrwürdigen Mutter der Kriegerameisen zu sehen erwartet hatte. Es war eine so intensive Furcht, daß sie sich durch die Gänge bis in die fernsten Winkel von Grünn ausbreitete - und überall hielten die großen Krieger in ihrer Geschäftigkeit inne und hoben die Kiefer zur Decke und horchten.
Sie hatte ihre Würde wiedergefunden. Ihre Stimme war immer noch rauh, aber kalt. Sie war zornig.
" Ich sah ein Wesen," sprach sie langsam weiter. " Das ging aufrecht auf nur zwei Beinen und hatte Klauen statt Beine am Kopf. Es kam mir im Traum entgegen - als hätte es keine Furcht um sein Leben..."
" Nichts kann der Ehrwürdigen Mutter der großen Kriegerameisen drohen," sagte Zip.
Die Wachen hoben die Kiefer gegen die Decke und drohten dem Wesen aus ihrem Traum.
" Komm," flüsterte Ant. " Unsere Mutter ist müde." Er schubste Zip unsanft, um ihn hinauszutreiben.
Die Mutter hatte ihren Kopf auf der Erhöhung zur Ruhe gelegt. Sie legte keine Eier mehr.
" Aber..." rief Zip und stemmte die Beine gegen den Boden. " Wo finde ich sie? Und wer ist sie?"
Die Mutter hob den Kopf von ihrem Lager. Alle drehten sich zu ihr herum und schwiegen.
" Du findest sie beim Stein am See, im Windschutz der alten Eiche. Aber hüte dich vor ihr. Sie spinnt immer noch ihre klebrigen Netze, wie sie es immer getan hat und immer tun wird. Sie ist zu alt, um ihre Gewohnheiten zu ändern und zu eigenwillig, um sich auf die neuen Zeiten der Gemeinschaft einzustellen."
" Wer ist sie?" flüsterte Zip ängstlich.
Die Mutter der Kriegerameisen hatte die Augen geschlossen. Aber sie antwortete mit einem kaum hörbaren Wispern. " Sie ist eine Kreuzspinne und sie ist weise. Sie ist so alt wie ich und sehr erfahren. Du kannst sie `Tod`nennen, das ist, wie sie sie nannten - die, die ihr begegnet sind!"
Als sie wieder auf dem Weg nach oben waren, war Zip so beschäftigt, alles zu durchdenken, daß er mehrere Male fast Ant verloren hätte. Er atmete erleichtert auf, als sie durch den Eingang und hinaus ins Sonnenlicht krabbelten, wo er den Staub von Körper und Flügeln putzte.
Ant studierte ihn, während er sich reinigte. " Was gedenkst du zu tun?" fragte er dann.
Zip rieb die Fühler gegeneinander, um Zeit zu gewinnen. " Ich sollte vielleicht Ganj aufsuchen, und es ihm berichten."
" Vielleicht..." murmelte Ant.
" Oder ich könnte zum See im Wald fliegen, sie finden und sie fragen, was sie in ihren Träumen gesehen hat."
" Es ist wohl besser, Ganj aufzusuchen," meinte Ant. " Eine fliegende Kellerassel wie du hat nicht viele Chancen ein Treffen mit `Tod` zu überleben - schon gar nicht, wenn ich nicht in der Nähe bin."
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