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Clara Viebig
Menschen und Strassen
Grossstadtnovellen
Saga
Die kleinen braunen Schuhe
An der Ecke der Strasse war ein Schuhwarenladen: Herrenstiefel, Damenstiefel, grosse und kleine, standen im Fenster, überall war der Preis verzeichnet.
Billig! Billig! Gelegenheitskauf!
In der Mitte, so dass abends das Licht der elektrischen Kugellampe sich voll darüber ergoss, und tags die Sonnenstrahlen ihren Goldflimmer darumwoben, standen ein Paar Kinderschuhe, winzige Schuhchen von braunem Leder mit weichen Söhlchen und weissen Steppverzierungen. Sie waren ausgestopft, kleine himmelblaue Strümpfe ragten aus ihnen hervor; man konnte glauben, trippelnde Kinderbeinchen steckten darin.
„Fünf Mark, schade, das ist so teuer“, sagte die junge, blasse Frau und zupfte ihren Mann am Ärmel. „Du, sieh ’mal! Wie entzückend! Ach, wenn unser Kind die hätte!“
„Eh’ es geboren ist?! Ne du, das muss man nicht, so lang vorher was kaufen! Darin bin ich abergläubisch!“
Sie lächelte.
„Ich hab’ schon oft hier gestanden, ich kann gar nicht vorbeigehen. Alle Tage fürcht’ ich, sie sind weg. Das wäre schrecklich!“
Ein Ausdruck von Angst kam in ihr schmales Gesicht. „Wenn er die verkaufte, eh’ unser Kind geboren ist!“
Sie wagte nicht zu sagen: Kauf du sie doch! Sie war sehr still, sehr schüchtern. Ihre Augen ruhten mit einem merkwürdig verträumten Blick auf den kleinen, braunen Schuhen; seufzend und zögernd nur wandte sie sich ab.
Kanzleisekretär Mauke war mit seiner jungen Frau auf dem Spaziergang ins Freie; das heisst, sie wanderten ihre entlegene Vorstadtstrasse zu Ende. Die Häuser standen hier nur noch vereinzelt, von kleinen Leuten bis unters Dach bewohnt. Ungehindert vom Wagenverkehr trieben Rudel von lärmenden Kindern ihr Wesen. Da waren noch leere Bauplätze mit Schutthaufen und Sandgruben, und weiterhin primitiv umzäunte Ackerstückchen mit Bretterlauben. Hochgeschossene Sonnenblumen nickten, und verblühte rote Bohnen machten schwache Kletterversuche. Weithin breitete sich die sandige Fläche, das Vorland der grossen Stadt, die Herbstsonne stand darüber wie ein roter Ball; langsam rutschte der Ball tiefer und tiefer am Horizont.
Sie schlenderten hinein in die Röte, das Gesicht der jungen Frau war wie verklärt; sie hatte Tränen in den Augen, heimlich flüsterte sie: „Die Schuh, die schönen Schuhchen!“
Nachts träumte sie von ihnen. Oben, vier Treppen hoch, in der kleinen Wohnung tanzten sie über die Dielen; immer vorm Bett hin und her. Ihr braunes Leder glänzte und knarrte leise, die weissen Steppnähte blinkten freundlich, — sie lachten einen ordentlich an — die weichen Söhlchen glitten dahin wie schmeichelnde Katzenpfötchen. Und statt der himmelblauen Strümpfe steckten rosige Beinchen in den Schuhen — hei! wie flink die waren!
„Mariechen, lieg ruhig!“ Der Kanzleisekretär beugte sich über seine Frau. „Ist dir was?“
Sie war noch ganz verschlafen; verwirrt hob sie den blonden Kopf vom Kissen. „Ich habe von den — ach, du weisst schon! — so wundervoll geträumt!“
„Na, so was!“ Er war einigermassen beunruhigt. Als er am anderen Morgen in seinem abgeschabten Überzieher zum Bureau rannte, stand er an der Ecke still.
Im vollsten Sonnenglanz präsentierten sich die braunen Schuhe hinter der grossen Scheibe; sie waren wie in Gold getaucht, — Goldkäferchen, — er sah sie hüpfen. So reizend! Sie taten’s ihm an. Bah, abergläubisch musste man nicht sein! Wenn er Mariechen die Dinger da plötzlich auf die Kommode stellte, wie würde sie sich freuen! Er hörte schon ihren entzückten Schrei.
Fünf Mark! — Sinnend stand er.
Ein Windstoss kam plötzlich um die Ecke und traf ihn empfindlich kühl; die Sonne verkroch sich, schwarz gähnte das Schaufenster, und die Goldkäferchen waren tot, ganz ohne Glanz.
Es lief ihm eisig über den Rücken; erschauernd knöpfte er den abgeschabten Paletot fest zu und schlug den Kragen im Genick hoch. Nein, er konnte sie nicht kaufen! Da waren so viel notwendige Ausgaben, und wie viele würden noch kommen! Vor allen Dingen musste Feuerung ins Haus — brrr, es war kalt!
Er wandte sich ab, und der Wind schnob hinter ihm drein.
Fröstelnd sass er im Bureau und schrieb seine Akten ab. Durch den Fensterspalt verirrten sich nur spärliche Sonnenstrahlen; unten war der Hof verbaut und feucht, und hoch oben der Himmel so abgezirkelt, wie ihn der Schornsteinfeger durch den Schlot sieht.
Nach Stunden erst fing Mauke an, wieder warm zu werden. Sein Kollege hatte einen roten Nelkenstengel zwischen den Zähnen und sprach viel von Radeln und fabelhafter Hitze; das wirkte.
Sonnenschein lag auf dem Pflaster, als der Sekretär nach Hause ging; die Bäumchen an der Strassenseite hatten noch Grün. Er ging mit offenem Paletot, und da er eilig lief, schwitzte er.
Nun kam die Ecke. Eine verdammt zugige Ecke! Er musste doch Mariechen warnen, denn wenn man da lange stehen blieb, konnte man sich wirklich was holen. Ein eiskalter Luftzug strömte vom Fenster her; wenn die Ladentür aufging, roch es nach Moder. Der Mann lüftete schlecht, pfui!
Mauke guckte durch die Türscheiben; er hatte noch nie hier gekauft. Der Laden war dunkel wie ein Grab, und der Besitzer sah so verhungert aus, nur Haut und Knochen; er stand hinterm Ladentisch und spähte mit tiefliegenden Augen nach Kunden aus. Als er Mauke draussen bemerkte, dienerte er. Was hatte der Kerl für ein fatales Lächeln!
Verstimmt kam der Sekretär heim. Er sah’s Mariechen an, sie war enttäuscht, sie hatte gehofft, er würde die Schuhchen mitbringen. Ihr Kuss schien ihm kühler als sonst; wie ein Hauch, in wehmütiger Entsagung, berührten ihre Lippen seine Stirn.
Die Schuhchen, die Schuhchen! Es war ihre fixe Idee. Sie ging heimlich und sah sie wieder und wieder an.
Es wurde herbstlicher, kalte Regengüsse kamen und peitschten die letzten Blätter von den Bäumchen. Durchfröstelt, zerzaust vom Wind, stand die junge Frau am Ladenfenster und träumte.
O, wenn es erst in den Schuhchen lief, das liebe, kleine Kind! Sie würde es an die Hand nehmen und führen, es sollte dem Vater entgegentrippeln. Wie die Füsschen sich beeilten! Dann würde der nicht mehr unwirsch sein, dann würde er sich auch freuen über die braunen Schuhchen.
‚Lauf, lauf! Fall nicht! O mein Kind, mein liebes Kind in deinen kleinen Schuhchen!‘ — — —
Sie schreckte zusammen, der Alte hatte die Ladentür geöffnet und sah sie scharf an.
„Wünschen Sie etwas, meine Dame?“
Rot werdend zog sie ihre Hand zurück, sie hatte mit den Fingern liebkosend am Glas des Schaufensters auf und ab gestrichen. „Ich, — ich, — was kosten die kleinen Schuhchen?“
„Ach, die Erstlingsschuhchen! Gefallen Ihnen wohl? Billig, enorm billig! Bitte, treten Sie näher!“
Sie folgte ihm hinein, wie magnetisch gezogen.
Er streckte seinen dünnen Arm aus und langte die Schuhchen aus dem Schaufenster; mit den mageren Zeigefingern spiesste er sie auf und hielt sie ihr vors Gesicht. „Eminenter Gelegenheitskauf! Nur noch dies einzige Paar da. Sie sollten sich das nicht entgehen lassen, werte Dame! Darf ich sie Ihnen einwickeln?“
„Ich danke,“ sagte sie hastig, „nein, nein, ich kann nicht, — ich danke!“
„Sie werden sie doch noch holen!“ Er sah sie böse an. Lange konnte sie seinen tückischen Blick aus den tiefen, dunklen Augenhöhlen nicht vergessen.
Mit nassen Füssen, mit verwehtem Haar, aufgelöst vom Kampf gegen Regen und Wind, durchfroren vom langen Stehen, kam sie heim.
Seit jenem Tage kränkelte sie, sie hatte sich erkältet. Als ihr Kind geboren wurde, war sie sehr schwach. Sie hustete und fieberte und konnte noch nach vier Wochen das Bett nicht verlassen. —
Es ging in die fünfte Woche. Mauke sass neben ihrem Bett und hielt ihre Hand. Es war ganz still im Zimmer; das Kleine schlief, sie hatte es neben sich liegen und presste es im linken Arm fest an die Brust. Wie Rosen glühten ihre Wangen. Die Augen hatte sie geschlossen, goldig bewimpert waren die Lider; auf der weissen, kindlichen Stirn zogen die Brauen zwei eigensinnige Bogen.
Draussen lag Schnee und dämpfte jeden Schall. Am Fenster duftete der Hyazinthentopf, lange, blasse Blüten, nur mit einem Hauch von Farbe. Es wollte dämmern.
Sie schien zu schlafen. Er beobachtete sie lange, sehr lange, und dann reckte er den Hals — so konnte er gerade zum Fenster hinaussehen. Draussen alles tot und weiss, in einem fahlen Licht. Und jetzt hob sich die Dämmerung wie ein Riesenschatten und reckte sich am Haus in die Höhe und wuchs und wuchs, höher und höher, bis hinauf zu dem Fenster im vierten Stock.
Die Kranke rührte sich und seufzte.
„Mariechen,“ fragte er sanft, „hast du geschlafen?“
„Ja, — und geträumt!“ Ihre Stimme klang erfreut. „So schön wie damals! Nun ist unser Kind da, nun kannst du mir doch auch“ — sie stockte — „sei nicht bös! Ich möchte wohl wissen, ob die kleinen, braunen Schuhchen schon verkauft sind?“
Als die alte Nachbarin, welche die Kranke pflegte, mit der Lampe kam, ging der Sekretär und kaufte die Schuhe. Sie waren noch zu haben; grinsend und dienernd wickelte der Alte sie in ein grünweiss gestreiftes Seidenpapier.
Mauke kam heim und legte sie Mariechen aufs Bett. Sie hatte wieder mit geschlossenen Lidern geruht, nun schlug sie die Augen gross auf, ein seltsames Glühen war in ihnen.
„Sieh mal!“ Er schob ihr das grünweisse Seidenpapier-Päckchen unter die Hände. „Da, wickel mal aus!“ Schmunzelnd sah er seiner Frau zu.
Ihre Blicke wurden erstaunt-froh, leuchtender und leuchtender; mit fiebrig zitternden Händen wickelte sie an dem Papier, es riss mitten durch. „O die Schuhchen, die —“
Sie kam nicht weiter. Das Kind an ihrer Seite stiess einen Schrei aus, lauter denn je einen zuvor, streckte die geballten Fäustchen in die Luft und bäumte sich wie im Krampf.
„Nanu?“ Der Vater beugte sich erschrocken übers Bett. „Was hat er? Aha, er freut sich über seine Schuhchen!“
Und er nahm das Kind von der Seite der Mutter, tänzelte in der Stube mit ihm auf und ab und erzählte ihm kosend von seinen schönen, brauen Schuhchen.
Die junge Mutter hörte ganz still zu, die Freude hatte sie erschöpft; sie stiess nur in Absätzen einen langen, zitternden Seufzer der Befriedigung aus. —
In der kommenden Nacht starb Marie Mauke. Die alte Nachbarin wand ihr unter Stöhnen und Schluchzen den einen kleinen Schuh aus der kalten, krampfhaft geschlossenen Hand. Die Arme hatte ihn am Abend nicht hergeben wollen, nun musste sie doch. Die Hyazinthen am Fenster dufteten berauschend. Die Alte holte weinend eine Schere, schnitt die fetten Stengel ab und schob sie der Toten zwischen die blassen Finger.
Wochen vergingen, Monate. Oben auf dem Schrank standen die kleinen, braunen Schuhe vergessen. Mauke mochte sie nicht ansehen, sie erinnerten ihn zu schmerzlich an seine Frau. Sie verstaubten. Mitunter stieg die Nachbarin auf einen Stuhl, langte sie herunter und pustete sie ab; es tat ihr jedesmal leid um die hübschen Dinger. Zuletzt, — der Junge brauchte Schuhe, — zog sie sie ihm an und gab einen Klaps unter jedes Söhlchen: „Da, jrossartig, sitzen jrossartig! So’n Staatsbengel!“
Als der Sekretär nach Hause kam, strampelte ihm sein Junge auf dem Arm der Alten entgegen.
Der Kleine konnte noch nicht laufen und sprechen, aber eitel war er schon auf seine kleinen Schuhe. Er weinte, wenn man sie ihm nicht anzog; er krähte vor Vergnügen, wenn er sie anhatte, er betrachtete sie mit grossen Augen und kratzte mit dem nadelscharfen Nagel des Zeigefingerchens an den weissen Steppverzierungen.
„Mein Junge“, nickte Mauke. Das Wasser quoll ihm in die Augen. „Wenn Mariechen sie sehen könnte!“
Weiter sagte er nichts, er war kein Mann von vielen Worten, er nahm alles resigniert, Gutes wie Böses; die Sonne hatte ihm nie voll auf den Kopf geschienen, immer nur hatte er sie durch einen Fensterspalt an einem winzigen Stück Himmel gesehen.
Nach und nach litten die Schuhchen, der Junge rutschte soviel auf den Dielen. Die weissen Steppnähte waren längst schmutzig, das Braun schabte sich ab, und eines Tages klafften die Spitzen.
Mauke trug sie zum Ausbessern, aber der Alte im Eckladen brummte: „Kinderschuhe lohnen das Reparieren nicht!“ Dann grinste er: „Weg damit!“ Und dann zeigte er Mauke andere Schuhe: „Gibt ja so viel neue, — enorm billig, — hehe!“ Das grinsende Lachen erstickte ihn fast, er hüstelte. „Kaufen Sie neue, — schrumm, ein anderes Bild, — hehe, — alles vergänglich!“ — — — — — —
„Ich weiss was“, sagte Mauke beim Nachhausekommen zu seiner Freundin, der alten Nachbarin.
„Na, was denn, Herr Sekretär? Schiessen Sie mal los!“ Sie wurde sehr neugierig, denn er lächelte so geheimnisvoll. „Man los!“
Aber es war nichts aus ihm herauszubringen, er wiederholte nur noch einmal, wichtig wie ein Kind: „Ich weiss was!“
Am nächsten Sonntag früh küsste er seinen Jungen; der war nun ein Jahr alt. Dann zog er seinen besten schwarzen Rock an, bürstete den Zylinder spiegelblank und ging aus. —
Das Vorland der grossen Stadt schimmerte wie ein riesiges, weisses Feld; die Trottoire vor den letzten Häusern waren wohl frei gefegt, aber auf dem Damm türmten sich grosse Schneehaufen. Ein rechtes Weihnachtswetter. Und Tannenduft in der Luft; an den Strassenecken, auf den Plätzen grüne Tannenpyramiden, in den Läden bunte Lichter und goldige Ketten, Leckereien und glänzend-geriebene Äpfel.
Hinter der grossen Scheibe des Eckladens standen die Stiefel aufgereiht zum Weihnachtsausverkauf, mit Tannenzweigen und Watteflocken war das Fenster garniert.
Mauke warf einen trüben Blick auf die Schuhausstellung, einen langen, sehnenden Blick auf das Trottoirfleckchen vorm Schaufenster — da hatte sie so oft gestanden!
Und dann ging er weiter durch alle die Menschen, an fröhlichen Kindern vorüber, vorbei an hastenden Käufern, an Tannenbäumen, an rollenden Pferdebahnen und schwer knarrenden Lastwagen, an prangenden Läden und beschneiten Vorgärten, — immer weiter, bis der Weg stiller wurde, zuletzt ganz still.
Da war der Kirchhof.
Vor ihm her stapften zwei Kinder, ihre kleinen Gestalten waren das einzig Bunte in der ganzen Umgebung und das einzig Lebende. Sonst alles tot und schweigsam. Jetzt hörte er ihre Stimmen; sie lachten, sie waren ganz vergnügt und trugen ein geputztes Bäumchen. Durch die lange Mittelreihe der Gräber folgte er ihnen; da hielten sie an einem schmalen Hügel, sie pflanzten wohl dem toten Brüderchen oder Schwesterchen den Tannenbaum aufs Grab.
Auch die Toten bekommen zu Weihnachten Geschenke.
Mauke ging weiter, nicht gemessenen Schrittes, wie man hier zu gehen pflegt, nein, er lief eilig, wie beschwingt, er rannte. An weissen Hügeln vorbei, an weissen Bäumen vorbei, ganz zum Ende des Gartens und dann rechtsum — da lag sie.
Atemlos hielt er an, rot und heiss.
Scheu sah er sich um: niemand in Sicht! Einsam waren die vielen Ruheplätze mit den Gittern, die Schneehauben trugen.
Kahle Rosenstämme, verschneite Zypressen, und der Himmel darüber weisslich-grau und schwer zum Niedersinken.
Mauke zog etwas aus der Tasche und legte es nieder aufs Grab mitten darauf:
„Da, Mariechen, da hast du sie!“
Der Kollege mit dem roten Nelkenstengel arbeitete nicht mehr im gleichen Bureau mit Sekretär Mauke, seit Dezember hatte er die Stellung gewechselt. Ein paar Wochen nach Weihnachten begegnete er aber dem früheren Amtsgenossen auf der Strasse.
„He, Mauke!“ Der Kollege hatte heute keinen Nelkenstengel zwischen den Zähnen, wohl aber ein Tannenreis; er nahm’s heraus, um besser sagen zu können, wie er sich freue. „Ne, alter Knabe, famos, dass wir uns mal treffen, was? Na, wie jeht’s denn?“
„Ich habe mein Kind verloren“, sagte Mauke eintönig.
„Wie, — was?! Ne, so was! Wann denn?“ Der Kollege kaute wieder an dem Tannenreis, er musste sich Fassung daran saugen. „Wie alt war’s doch gleich?“
„Es hatte die ersten Schuhchen vertragen. Ich brachte sie Mariechen ’raus aufs Grab. Nun hat sie“ — Mauke schluckte, und dann wandte er sich ab.
Der andere hörte ihn noch murmeln: „Nun hat sie — die kleinen, braunen Schuhe!“
Der Klingeljunge
Der Hof eng, düster. Kaum ein Stück Himmel sah herein, und auch das angegraut vom Rauch der Schornsteine. Das Pflaster unten war stets feucht; die spitzen Steine schwitzten eine klebrige, modrige Nässe aus, nie wurden sie von der Sonne getrocknet. Die glitt nur im Sommer um die Mittagszeit bis zur Hälfte der dunklen Mauer des einen turmhohen Seitenflügels.
Drinnen in der Kellerwohnung war es immer halb Nacht. Tappte man die fünf nasskalten Stufen herunter, so stiess man die Nase an die schmale Eingangstür; strengte man die Augen recht an, konnte man auf einem angenagelten Stückchen Pappe lesen:
Stibike, Schuhmachermeister.
Es war später Mittag. Die kleinen Leute auf dem Hof hatten alle gegessen, sämtliche Fenster der beiden Seitenflügel standen offen; man hörte Tellergeklapper und Kindergequarr, Gerüche von Kohlrüben, Knoblauchwurst und gebratener Zwiebel wehten aus und ein.
Jetzt stimmte eine schrille Weiberstimme in den höchsten Tönen irgendeinen abgelebten Gassenhauer an; es kam was drin vor von Sommer und Liebe und Seligkeit. Die Weiberstimme gellte, sie tat sich ein ordentliches Genüge, dazwischen brüllte ein Kind auf, und Geschirr rasselte zur Erde.
„Nanu, Sie olle Zeterliese, halten Se man jefälligst de Schnauze! Wenn jeder hier nu so jröhlen wollte — is det en verfluchter Radau!“ Eine grobe Stimme schrie über den Hof; ein Fenster wurde krachend zugeworfen, der Gesang verstummte.
Nun war alles still. Bis zur Hälfte der hohen Seitenwand fingerten Sonnenstrahlen auf und nieder, reckten sich ein Stückchen weiter empor und zogen sich wieder scheu zurück. Draussen auf der Strasse sollte Sommer sein, heisser sogar, Bäume sollten mit vollem grünen Laub rauschen; hier grünte kein Hälmchen. Nur eine verbrauchte, dicke Luft machte einen schwitzen, und dabei fröstelte es einen doch über den Rücken.
Die kleinen Leute auf dem Hof hielten alle einen kurzen Mittagsschlaf — eins, halb zwei, zwei ist die richtige Stunde dafür — da, halt! Ein Fenster öffnete sich noch, und jemand schleuderte etwas aufs Pflaster. Ein Knochen war’s. Da lag er, das beschattete Licht blinzelte drüber hin.
Die Hundeaugen, die dort mit glühendem Funkeln von der morschen Hundehütte aus jenem dunkelsten Winkel spähen, wurden grösser und grösser vor Gier. Geräuschlos, Pfote vor Pfote setzend, schlich das Tier zur Hütte heraus; der magere Leib streckte sich ganz lang, er wand sich förmlich über die Steine, der Hals zerrte sich, die Zunge lechzte — vergeblich, die Kette war zu kurz, der Knochen nicht zu erreichen! Mit einem kläglichen Winseln gab der Hund seine Anstrengungen auf.
Nun lag er platt vor der Hütte, den struppigen Kopf auf die Pfoten gedrückt, die Augen halb geschlossen und doch wachsam nach allen Seiten schielend. Die Fliegen surrten ihm um das zottige Fell, sie setzten sich auf das klebrige Nass, das ihm gleich zähen Tränen aus den Augen lief; mit dumpfem Knurren richtete er sich halb auf und schlug mit dem Schwanz die hohlen Flanken.
Der Knochen, der Knochen — wie er da mitten auf dem Pflaster lag! Die Fliegen schwirrten jetzt hinüber und setzten sich darauf. Ein wehmütiges Licht glomm in den sprechenden Hundeaugen auf; noch ein letzter Blick, dann stiess die plumpe Schnauze an den Trinknapf — der alte Scherben leer, nicht einmal Wasser!
Mit hängender Zunge legte sich das Tier wieder nieder; noch ein Schnuppern nach rechts und links, dann schien es zu schlafen.
Da, horch! Klappen der Hoftür, schleichende Tritte auf dem Pflaster!
Mit leisem Gewinsel sprang der Hund auf, und nun umschlangen ihn schon zwei Arme, eine Kindergestalt kauerte sich neben ihn auf den Boden: „Na, Pluto, mein Hundeken!“
Es war eine überaus zärtliche Begrüssung. Der Hund machte einen täppischen Sprung und stiess den dicken Kopf gegen die schmale Brust des Knaben, leckte ihm die Hände, das Gesicht; und dieser liess sich’s gefallen mit einer müden, traurigen Freude.
„Pluto, mein Hundeken, keen Wasser? Na, warte man!“
Der Junge erhob sich von den Knien und füllte den halbzerbrochenen irdenen Napf am Brunnen; dann, als ob er die Hundegedanken erriete, brachte er den Knochen herbei und sah ernsthaft zu, wie die starken Zähne des Tieres den zermalmten.
Mit wehmütigem Lächeln zeigte er nun die leeren Hände: „Nischt mehr, Pluto, reeneweg nischt mehr! Aber warte man, hab’ man Jeduld, wenn ik Jelder habe, denn sollste dir wundern, mein Hundeken, denn spendiere ik wat! Denn kriegste die dicke Leberwurscht, die drüben bein’. Schlächter hängt! Du kannst dir druf verlassen.“
Hans Stibike hatte gut versprechen, — wo sollte er wohl das Geld herbekommen, das die dicke Leberwurst drüben beim Schlächter kostete?! Einstweilen hatte er nichts für den Freund, als jeden Morgen und jeden Abend die Hälfte seiner Stulle, ab und zu ein paar abgenagte Knochen, und all die Liebe, die sein junges Herz empfand.
Hans Stibike war Klingeljunge in der grossen Molkerei draussen im Norden.
Der Mond stand oftmals noch blass am Himmel, wenn der Klingeljunge den elterlichen Hof verliess; seine magere, kleine Gestalt drückte sich durch die noch menschenleeren Strassen. Im Winter war es eisigkalt, trotz der Fäustlinge und des Shawls um die Ohren; im Sommer schlich er in der glühenden Mittagshitze heim, matt wie eine Fliege. Er war im Wachstum zurück, seine zwölf Jahre sah ihm keiner an: matte Augen, platte Nase, wachsbleiche Ohren; die niedrige Stirn zeigte schon fest eingegrabene Falten, und der Rücken hatte die Neigung, sich zu krümmen.
Wie er jetzt dem Hund einen letzten liebevollen Abschiedsklaps gab und mit schiefgetretenen Absätzen übers spitzige Pflaster der Kellerwohnung zuschlorrte, schien alles Licht von seiner Gestalt zurückzuweichen. Am Eingang des Seitenflügels stand er noch einmal still, zog die Mütze vom fahlblonden, verklebten Haar und warf einen stumpf-gleichgültigen Blick aufwärts zu dem Stückchen Himmel; nur aus Gewohnheit, im Grunde war es ja so gleich, ob es regnete oder die Sonne schien.
Langsam schlich er die Kellerstufen hinunter — da war die Tür mit dem Pappstück:
Stibike, Schuhmachermeister.
Drinnen erklang halblautes Gejohle, dann gähnte jemand unflätig. Es zog wie Angst über das Gesicht des Knaben — der Vater war zu Haus!
Zögernd stand Hans; endlich drückte er vorsichtig die Klinke nieder.
„Holla! Na, Mosjö, lässt de dir ooch mal wieder sehn? Na, Zeit is’t. Wo haste de dir denn so lange ’rumjedreht, Bummelfritze — wat? Da — du kommst mir jrade a propo — lauf man, hier haste de Pulle, un hole bei Kuleken ’nen Kümmel! Jeld — was, Jeld?! Nanu, mach’ nich so en schafsdämliches Jesichte, Bengel! Sag: morjen de Berappungsarie. Na, dali, dali!“
„Vater, er jiebt et nich ohne Bezahlung, jestern hat er mich de Flasche beinah an ’n Kopp jeschmissen. Ik trau mir nich“, sagte der Knabe kläglich.
„Schweinebande!“ Der grosse Mann, der auf dem Sofa lag, die starken Beine über die Seitenlehne hängend, das Hemd auf der haarigen Brust geöffnet, erhob sich halb und spuckte auf die Diele: „Schweinebande! ’nen ehrlichen Mann en Kümmel vorzuenthalten, bloss weil — nanu, verdammter Bengel, wat stehste noch un stierst mir an? Soll ick dir Beene machen? Marsch, Kümmel jeholt — eins, zwei, drei!“
„Stibike!“ Vom Herd in der Ecke kam die Mutter näher, ein Kind an der Brust, das andere, kaum ein Jahr ältere, am Rock. Sie stellte sich zwischen ihren Mann und den Knaben. „Lass ihm man, Stibike“, begütigte sie. „Lass ihm man erst en Bissen essen, denn kriegt er wieder mehr Kourasche! Nich wahr, Hanseken, denn holste ooch Vatern ’nen Kümmel?“
Der Knabe senkte den Kopf auf die Brust. „Ik trau mir nich, er haut mir“, murmelte er. „Un wenn Vater besoffen is, haut er mir ooch. Ik jehe nich nach ’n Kümmel, ik will nich jehn!“
„Pst, stille um Iotteswillen!“ Die Mutter legte ihm erschrocken die Hand auf den Mund und flüsterte: „Wenn Vater dir hört! Sei ’n juter Sohn, jeh nacher schonst, sonst jiebt et Mordskrach. Vater haut mir un haut dir!“
„Un so haut er mir alleene, meenste? Ne, Mutter, du kriegst ooch dein Teil!“ Der Junge sah ihr altklug ins Gesicht. „Entweder er knutscht dir erst ab, un denn haut er dir, oder er haut dir erst, un denn knutscht er dir ab. Det is immer so!“
Die Mutter seufzte, ein Zittern überflog ihren welken Körper und ein fahles Rot ihre abgehärmten Wangen.
Der Mann auf dem Sofa schlug derb mit der Faust auf den Tisch: „Nanu, wird’t bald? Wat jiebt et da zu tuscheln? Maul jehalten — Pulle her — Kümmel jeholt! Kannst nachher futtern, du Fresssack! Vorwärts, marsch!“ Er setzte einen der mächtigen Füsse zur Erde und stampfte kräftig auf: „Los!“ Er machte Miene aufzustehen.
Da griff der Junge nach der Flasche und drückte sich schleunigst zur Tür hinaus; das dröhnende Lachen des Vaters schallte hinter ihm drein.
Unter den Klingeljungen war grosse Aufregung; einer von ihnen hatte gestohlen, wie ein Lauffeuer hatte sich’s verbreitet.
Da ging er! Im blauen Kittel, die grünumrandete Mütze tief ins Gesicht gedrückt, schlich er eben aus der Bureautür. Sie hatten ihn drinnen vorgehabt.
In Gruppen standen die anderen Knaben und schauten ihm nach. Wer hätte das gedacht, der Hans Stibike, der nicht drei zählen konnte! Der sich nie zankte und davonschlich, sobald sich zwei prügelten! Fünfzig Pfennig hatte der gestohlen! Und so einfältig hatte er’s angefangen; der Kutscher, dem er das Geld, das er beim Abliefern der Milch in der Küche erhalten hatte, einhändigte, hatte es gleich gemerkt. Na, so dumm! —
Es war so, Hans Stibike war der Dieb. Geleugnet hatte er auch gar nicht. Bleich, mit tiefgesenktem Kopfe hatte er die Ohrfeigen des Kutschers über sich ergehen lassen, und als dieser ihn beim Inspektor anzeigte, stand er wieder da, blass bis in die Lippen, mit niedergeschlagenen Augen. Man hatte ihm die Kleider visitiert.
„Wo hast du die fünfzig Pfennig?“
Keine Antwort.
„Junge, wozu hast du denn die fünfzig Pfennig genommen? Hattest du Hunger, oder hast du sie vernascht?“
Wieder keine Antwort.
„Stibike, Antwort! Wo hast du die fünfzig Pfennig?“ Die kräftige Hand des Vorgesetzten legte sich schwer auf seine Schulter. „Weisst du nicht, dass Stehlen ’ne Sünde ist? Und du hast gestohlen! Pfui, schäme dich!“ Der Inspektor schob die Brille hinauf zur Stirn und sah unter den buschigen Augenbrauen den Sünder scharf an. „Weisst du, dass ich dich eigentlich wegjagen sollte, auf der Stelle? Diebe können wir hier nicht gebrauchen. Was — was sagst du?“
Ein Zittern überlief die magern Glieder des Knaben, er hob flehend die Hände und brach in krampfhaftes Schluchzen aus: „Jagen Se mir nich fort, Herr Inspekter! O Herr Inspekter!“ Die Zähne schlugen ihm aufeinander, während Tränen stromweis über seine Backen liefen. „Herr Inspekter, jagen Se mir nich fort, er haut mir tot — er — er — Herr Inspekter, ich tu’s nie mehr wieder, nie mehr wieder — jagen Se mir nur nich — Herr — Herr In — spek — ter!“
„Wozu hast du das Geld genommen?“
Hans stand wieder unbeweglich, mit eingeknickten Knien, die Lippen aufeinandergepresst.
„Ein ganz verstockter Bengel“, sagte der Inspektor zu einem der Umstehenden und zuckte die Achseln — und dann in barschem Ton: „Stibike, du kannst jetzt nach Hause gehen, dein Vater soll heut nachmittag mal herkommen, ich will mit ihm sprechen. So lass doch das Heulen! Ja, das hilft nu mal nichts! Voran, mach, dass du nach Haus kommst!“
Wie ein Schatten schlich der Knabe durch die Strassen. Die Sonne schien heiss und prallte auf den Asphalt, aber er merkte es nicht, ein eisiges Frösteln lief ihm über den Rücken. Je näher er der elterlichen Wohnung kam, desto langsamer wurde sein Schritt. Zuletzt kroch er fast. An jedem Schaufenster blieb er stehn. Nun lehnte er sich schwer gegen die Messingstange des Schlächterladens.
Hier, hier war’s gewesen! Gestern! — — — —
Wie heute, hatte er hier gelehnt und mit gierigen Augen die Leberwurst betrachtet, die im Fettdarm dort im Schaufenster baumelte. Nicht für sich wollte er die haben, obgleich ihm das Wasser im Munde zusammenlief, nein, für Pluto, der, geplagt von Fliegen und Ungeziefer, im Hofwinkel lag, die Zunge lang heraushängend, hungrig und durstig. Wer sollte ihn auch füttern? Sein Herr, der Lumpensammler Lehmann, dessen Karren er tagaus tagein durch die Strassen zog, war ein geiziger Mann, der sich selbst kaum was gönnte, geschweige denn seinem Hund. Und Hans Stibike hatte nicht viel, sein schmales Frühstücksbrot war ein einziger Happen für Plutos grosses Maul.
Da war Herr Lehmann mit seinem Karren die Strasse entlanggekommen. Vollgepackte Säcke waren hoch aufgetürmt, der Mann schlenderte hinterdrein. Der Hund konnte nicht weiter — die Strasse stieg hier etwas — er hielt an, blieb stehen.
„Wirste jehn, faule Kröte!“
Das Tier zog an, zerrte die magern Lenden zum Reissen, seine Hinterbeine stemmten sich — vergebens, die Karre rückte nicht.
„Willste ziehen, olles Biest!“ Der Herr gab dem Hunde einen Tritt in die Seite und stiess einen Fluch aus.
Pluto zuckte, er raffte alle Kräfte zusammen, er zog an, sein Hinterteil schleifte fast über die Erde — jetzt, die Karre rollte ein paar Schritt und jetzt — jetzt stand sie wieder. Keuchend, mit zitternden Flanken legte sich das Tier nieder.
„Vermaledeites —!“ Schäumend vor Wut hob der Mann den Stiefelabsatz, rechts, links stiess er gegen den Kopf des Tieres, ein leises Wehgeheul durchzitterte die Luft — da — ein Schrei antwortete.
Hans Stibike war blitzgeschwind vom Schaufenster aufgesprungen und hatte sich zwischen Herrn und Hund gedrängt, seine schwachen Hände hatten den Rock des Mannes gepackt: „Nich treten, Herr Lehmann! Iotte doch, Herr Lehmann, tun Se Pluton nischt!“
Die Hand des Lumpensammlers war dem Jungen derb um die Ohren geflogen: „Dummer Bengel, kümmre dir um deine Sachen!“ Noch ein Tritt, der Hund erhob sich schwankend, er zog an, langsam langsam wankte der Karren von dannen.
Mit brennenden Augen, in der Brust einen stechenden Schmerz, hatte der Knabe nachgestarrt, und dann war er zum Fenster des Schlächterladens zurückgeschlichen und hatte unverwandt die Wurst betrachtet. Sie tanzte vor seinen Augen, sie winkte, sie nickte, sie schaukelte hin und her. Wenn Pluto, der arme Pluto, die Wurst hätte! — — — — —
Und heute hatte Hans Stibike gestohlen. Die andern Jungen wiesen mit Fingern auf ihn, die Spatzen von den Dächern pfiffen’s: ‚Dieb, Dieb!‘ Der Inspektor würde es dem Vater sagen! Aber doch glomm ein triumphierendes Licht in den verweinten Augen des Knaben auf. Er sah sich scheu um, und dann fuhr er in den Mund und holte unter der Zunge ein Fünfzigpfennigstück hervor. Krampfhaft presste er’s in der Hand, dann huschte er in den Laden und kam nach wenig Augenblicken wieder heraus, ein Paketchen vorn im Kittel. Wie gejagt stürmte er fort.
Nun war er im Hof; mittäglich still, eng und düster war der, wie immer, dem Knaben schien er erhellt. Sein bleiches Gesicht glühte vor Aufregung, sein Herz klopfte, eine nie gefühlte Seligkeit liess ihn alles vergessen, was seiner harrte: Schimpfworte, Drohungen, Schläge. Mit unterdrücktem Lachen warf er sich im Winkel des Hofes auf die Knie und drückte den zottigen Kopf des Freundes an seine heftig atmende Brust.
„Pluto, mein Hundeken, ik habe wat vor dir!“ Die Tränen schossen ihm in die Augen, als er die Beulen am Kopf und die Striemen in dem zergerbten Fell fühlte. „Hat er dir jehaun, Pluto? Der —! Weene man nich, mein Hundeken, weene man nich! Hier haste de Wurscht! Pluto, freu’ dir, de Leberwurscht!“
Der Hund schnoberte, seine Augen funkelten, er riss den Rachen auf, und freudestrahlend schob Hans ein Stück Wurst nach dem andren hinein. Die Bissen wurden kleiner und kleiner, noch immer schnoberte das Tier verlangend.
„Alle. Nu is se alle, Pluto! Es jab ja man nur ’ne halbe for fufzig! Nu haste ihr intus. Nu kann er mir hauen.“
Und gehauen wurde Hans Stibike, als der Vater vom Inspektor nach Hause kam — unbarmherzig, grausam.
„Verfluchter Bengel, Dieb!“ Der Vater schmiss ihn zur Erde; der Arm war ihm vom Schlagen lahm geworden, nun trat er mit Füssen auf dem Kind herum, das sich, zusammengekrümmt, über die Diele wälzte. „Wo haste det Ield, wo sind die fufzig? Junge, ik haue dir tot!“
„Stibike, um Jottes Willen, Stibike!“ Zeternd hielt die Mutter dem Wütenden den Arm fest. „Du tust ihm ’nen Schaden, du machst ihm zum Krüppel, un wat denn? Stibike, Mann, um Jottes Willen!“ Sie heulte laut auf, und die kleinen Kinder stimmten mit ein.
„Ruhe, halt’s Maul! Jebt mir meinen ehrlichen Namen wieder! Meinen ehrlichen Namen! Habe ick dir darum den Willen jetan un den Bengel mit ufjenommen, als ick dir heiratete? Du Rumtreibern, du liederliches Mensch! Was jeht mir der Bengel an? Ick haue ihm dot, mausedot!“
„Stibike!“
„Ruhe!“
Ein Puff, ein Aufkreischen, das Weib flog zur Seite. Die Schürze vorm Gesicht, verkroch sie sich in den äussersten Winkel; da hockte sie und hielt sich die Ohren zu, sie konnte das Wimmern ihres Kindes nicht hören.
Endlich liess der Wütende ab, erschöpft warf er sich aufs Sofa. „Meinen ehrlichen Namen — so en Hallunke — un so dumm! Weess nischt zu sagen! Aber der Inspekter estimierte mir jleich. ‚Stibike,‘ sagte er, ‚ich sehe, Sie sind en ordentlicher Mann‘, sagte er. ‚Ihnen zu Liebe,‘ sagte er, ‚wer ich’s nochmal mit dem Jungen versuchen, kommt aber das jeringste vor, denn‘ — Bengel, ik sage dir, lässte dir noch eenmal ertappen, haue ik dir zu Mus! So was muss mir passieren — mir — Jottlieb Stibiken?! Mein — mein janzes Leben lang habe ik mir anständig jeführt — da is nischt zu sagen — man schind’t un plagt sich — un so ’n Bengel — durch und durch — ’n Ehrenmann!“
Das letzte sprach Herr Stibike nur noch undeutlich; er hatte sich zu dem Gang in die Molkerei gestärkt und auf dem Nachhauseweg wieder. Er schlief bald ein.
Die Sterne standen am Himmel; einer von ihnen blinkte gerade über den Hof, als Hans Stibike die Kellertreppe heraufschlich. Er konnte nicht gehn, die Glieder schmerzten ihn unsäglich; er kroch die Stufen aufwärts. Er tastete sich über den Hof; im Winkel beim Hund sank er weinend nieder. Leise knurrend leckte ihn Pluto und streckte sich dann auf seine Füsse.
So lagen sie beide — wund, müde, zerschlagen — und über ihnen stand ein goldener Stern. Sie sahen ihn nicht.
„Männeken, wo haste den Jroschen? Du hast doch nich etwa wieder lange Finger jemacht?“ Der Kutscher rüttelte ihn.
„Ik habe ihm nich, Se können mir jlooben, ik habe ihm nich jenommen, wahrhaftig nich! Jott, o Jott!“ Jammernd zeigte Hans Stibike die leeren Hände.
Sie standen neben dem Milchwagen auf der Strasse, ein kühler Herbstwind fegte bunte Blätter von den Bäumen, ihnen vor die Füsse.
Der Knabe zitterte und bebte im rauhen Hauch, selbst wie ein welkes Blatt. „Ik habe ihm nich, o lieber Herr Schulze, zeijen Se mir nich an! Ik habe ihm nich, ik habe ihm nich, ik habe ihm nich!“ Sinnlos wiederholte der Junge immer dieselben Worte.
„Det kann jeder behaupten“, sagte der Kutscher phlegmatisch. „Komm man nach ’n Hof, det wird jemeld’t!“ Und er packte den Jungen am Kragen.
Wo war der Groschen geblieben? Vielleicht zur Erde gerollt, vielleicht nicht richtig herausgegeben. Aber er war fort, und Hans Stibike, dem, der einmal gestohlen hatte, dem glaubte man nicht.
„Du bist entlassen, und zwar sofort“, sagte der Inspektor. „Deinem Vater werde ich Mitteilung machen.“
Schwankend, wie ein Trunkener, ging Hans durch die wohlbekannten Strassen. Sie glaubten ihm nicht, sie glaubten ihm nicht — was nun?! Eine sinnlose Angst bemächtigte sich seiner. Wieder fühlte er die Schläge, die damals im Sommer seinen schwachen Körper fast zerbrochen hatten; jetzt war es Herbst, aber die Schwielen waren kaum verharscht. Er hörte schon das Schimpfen des Vaters, er hörte das Jammern der Mutter, er hörte das eigene Ächzen. Kalter Schweiss trat ihm auf die Stirn und rieselte an seinen Schläfen herunter. Schwindelnd schloss er die Augen — wohin, wohin?! Sollte er sich im Grunewald verkriechen zwischen Kiefern und Wacholdergestrüpp? Sie würden ihn finden. Sollte er fortrennen draussen in die Haide, hinaus vor die Stadt? Sie würden ihn finden. Sollte er sich davon machen irgendwohin in die weite Welt? Sie würden ihn auch da finden.
Mit trostlosen Augen, totenblass kam er heim; er sagte nichts, sie erfuhren’s ja noch zeitig genug.
„Biste krank, Junge?“ fragte die Mutter und fuhr ihm mit der rauhen Hand übers Haar; sie mochte ihn doch leiden, sie traute sich nur nicht, heute jedoch war der Vater nicht zu Hause. „Biste krank?“
Er nickte stumm, und dann kroch er in das schmale Bett, das er nachts mit den kleinen Geschwistern teilte, und drehte den Kopf nach der Wand. So lag er regungslos, in Schweiss gebadet, die Hände unter der Decke krampfhaft gefaltet. Er konnte nicht beten, das war er nicht gewohnt — was auch? Die Angst, die Angst war zu gross.
Am Abend kam der Vater heim, schwer betrunken. „Wo is der Junge?“ lallte er.
Hans zog zitternd die Decke über seinen Kopf und wagte keinen Atemzug.
„Er is krank“, sagte die Mutter.
„Nanu? Morjen — morjen — der verdammte — Bengel!“ Der Vater warf sich aufs Bett; schon schnarchte er.
Morjen! Wusste er’s — wusste er’s nicht?!
Im Fieberfrost schüttelte sich der Körper des Knaben; mit weit aufgerissenen, glühenden Augen starrte er ins Dunkel. Er konnte nicht schlafen, eine brennende Sehnsucht war in ihm, noch grösser als die Angst; eine brennende Sehnsucht, sich irgendwo anzuschmiegen, Schutz zu suchen für den müden Kopf.
Pluto —! Der Knabe lächelte plötzlich. Ja, der war gut! Zu dem wollte er gehen, wenn der Morgen graute — zu Pluto — Pluto — — —
Seine Gedanken verwirrten sich, allerhand Bilder kamen und gingen, immer war Pluto dabei. Und dann schlief er ein, die dünnen Hände auf der Decke gefaltet, den Mund halb geöffnet. —
Es war sehr früh, als er aufwachte; er hatte sanft geschlafen. Noch schien bleicher Frühmond, kein Tageslicht. Leise stand er auf, er wusch und kämmte sich geräuschlos, aber mit mehr Sorgfalt als sonst.
Im blauen Kittel, die grünumrandete Mütze auf dem Kopf, schlich er durch die Stube ans Bett der Mutter; er guckte ein paar Augenblicke auf sie nieder, dann schlüpfte er zur Tür hinaus.
Herr Stibike schnarchte noch dröhnend, wie mitten in der Nacht, als Frau Stibike von einem gellenden Aufschrei erwachte. Das kam vom Hof!
„Stibike — Frau Stibike — Sti — bi — ke —!“
Was war denn los? Im Bett fingen die Kleinen an zu quarren. Schlaftrunken sprang die Frau auf, sie warf einen Rock über und tappte mit blossen Füssen zum Fenster. Da pochte es auch schon an die Scheiben.
„Stibike — Frau Stibike — Sti — bi — ke —!“
„Was ’s denn los?“ Die Frau bekam das Zittern, das Rufen klang so graulich.
„Kommen Se man raus — schnell, schnell — Ihr Junge — ’s was passiert!“
„Was passiert?“ Eine schreckenvolle Neugier durchrieselte Frau Stibikes Glieder, sie schrie ihren Mann an: „Stibike!“ Der drehte sich auf die andere Seite und schnarchte weiter.
Draussen das Rufen laut und lauter. Ein Stimmengemisch, ein wirres Durcheinandersprechen und dazwischen Hundegeheul, schauerlich dumpf und anhaltend. Zitternd fährt das Weib in die Kleider.
Nun ist sie draussen, ein allgemeiner Aufschrei empfängt sie.
Im Winkel bei der Hundehütte drängen sich alle, in einem dichten Haufen stehen sie.
„Was ’s denn los, was ’s denn los?!“
„En Unjlück — Stibiken, Ihr Junge — Jott in ’n Himmel!“
„Hans —?!“
Man weicht zurück, die Mutter drängt sich durch, und nun gellt ihr Entsetzensschrei, dass die Hofwände widerhallen.
Das Hundeheulen antwortet.
Über der Hundehütte ragt eine rostige Klammer aus der Mauer und daran baumelt, am schwarzen Ledergurt aufgehängt, der magere Körper eines Knaben im blauen Leinenkittel; die grünumrandete Mütze ist zu Boden gefallen, die Morgenflut spielt in den fahlblonden, verklebten Haaren. Der Mund steht offen, die Augen sind gebrochen.
Wie ein Rasender schnappt der Hund nach den hängenden Beinen — er kann sie nicht erreichen. Und dann duckt er sich nieder, hebt nur den Kopf und heult gen Himmel. Er lässt niemanden heran.
Auf der dunklen Bretterwand der Hundehütte steht leserlich in grossen Kinderbuchstaben, mit Kreide geschrieben:
‚Ich habe den Iroschen nich jestohlen seid jut zu Pluton
Hans Stibike Klingeljunge.‘
Das Los
Im Prenzlauer Viertel spielten viele kleine Leute. Man muss dem Glück die Hand bieten. Bis man’s mit dem Grünkramkeller oder der Mehl- und Vorkosthandlung oder der Stehbierhalle zum Rentier brachte, wurde man so alt und müde, dass man dann nichts mehr hatte vom Nichtstun.
Der Budiker an der Ecke der Prenzlauer- und Hirtenstrasse spielte meist ein Viertellos für sich allein; sonst teilten sich ihrer drei, vier, bisweilen zehn, zwölf und oft noch mehr in ein Viertel. So hoch war dann der Einsatz nicht, dass man ihn sich nicht hätte absparen können; wenn man auch jeden Groschen nötig hatte, die Hoffnung auf das Glück, die war doch besser noch als die paar Mark in der Tasche, die gingen ja sowieso drauf. Und wenn man bei der Ziehung nicht herauskam, nicht einmal mit dem Einsatz, so war das zwar sehr ärgerlich, und an dem Tag tranken die Männer beim Budiker einen extra, und die Frauen klagten noch mehr als sonst über schlechte Zeiten, aber wenn man einmal Pech hatte, musste man es darum das nächste Mal wieder haben? O nein, im Gegenteil; das Schicksal war einem ja sowieso Revanche schuldig für so manches und vieles. Und wenn der Buchbinder, der noch vor zehn Jahren hier in seinem winzigen Kramlädchen Schreibmaterialien und Gratulationskarten verkauft hatte, nicht immer und immer wieder gespielt hätte, obgleich seine Frau, seine Kinder so blass und dürr aussahen, als würden sie nie satt, er wäre nun und nimmer der reiche Mann geworden, der er jetzt war, draussen in Berlin W. Wie eine Sage ging’s von ihm durch das Prenzlauer Viertel.
Fräulein Alwine Fleder, die Hausdame von Rechtsanwalt Blumenfeld in der Prenzlauerstrasse, spielte auch. Schon seit Jahren.
Als sie heute in das Bureau des Lotterieeinnehmers trat, hatte sie ein erregtes Rot auf den Wangen, und die Hand, mit der sie das Geld auf das vom vielen Gebrauch splitterig und schwärzlich gewordene Holz des Zahltisches hinlegte, zitterte leicht.
„Nanu, Fräulein Fleder?“ Der Buchhalter, der sie schon lange kannte, sah sie durch seine Brille scharf an. Er war von seinem Stehpult weggetreten und beugte sich nun zu ihr über die Schranke des Zahltisches. „Was ’s denn mit Ihnen los? Nu, wollen Sie doch weiterspielen?“
Sie murmelte etwas. Er verstand sie nicht gut.
„Was? Und das janze Viertel wollen Sie spielen?“
„Ja“, sagte sie, und das Rot auf ihren Wangen verflog wieder.
„Na, das is recht!“ Herr Bleschke lachte. „Wenn Sie jewinnen, was sollen Sie denn erst mit’n andern teilen? Und dass Sie einmal jewinnen, da möchte ich jut for sagen; ich hab’s so in’n Jefühl!“
„Ich auch!“ Das Fräulein lächelte ein wenig. Aber dann kam wieder die unbestimmte Angst in ihren Blick, mit der sie schon hier eingetreten war, und die sie rot und blass gemacht hatte. „Wenn ich nicht fest dran glaubte, würde ich nicht das ganze Viertel riskieren, aber so —!“
Ein träumerisches Licht glomm in ihren Augen auf, tiefer Ernst zog ihr schmales, langes Gesicht noch mehr in die Länge, und sich näher zu dem Bekannten über die Schranke hinneigend, sagte sie fast feierlich: „Meine Mutter ist mir im Traum erschienen. Das bedeutet was. Ich hatte gerade am Abend so viel drüber nachgedacht, ob ich weiterspielen sollte oder nicht. Ich habe mich ordentlich gequält. Meine Bekannte, die Sekretär Maus, mit der ich sonst immer das Viertel spielte, will ja nu durchaus nicht mehr. Aber, man möchte nichts verpassen — und man möchte doch auch wieder nicht unnütz Geld ausgeben. Ach Gott, man ist zu schlecht dran, wenn man keine Menschenseele hat, mit der man sich mal aussprechen kann! Herr Rechtsanwalt sagt immer: ich soll nicht, und lacht: ich hätte zuviel Glück in der Liebe!“ Ein bitterer Zug zog ihre Mundwinkel abwärts. „Aber ich habe ja noch nie was gewonnen, nicht in der Liebe, nicht in der Lotterie. Nu wer’ ich’s doch noch einmal versuchen. Es ist mir so, als hätte mir Mutter ein Zeichen geben wollen!“ Sie seufzte, legte die Hand auf das pochende Herz und starrte ins Leere, als sähe sie in unbegrenzte Weiten.
Nebenan öffnete sich die Tür, der Chef selber trat aus seinem Privatkontor. Man sah ihm den früheren Offizier noch an.
Fräulein Fleder war zusammengefahren, sie hatte sich erschrocken; das Türknarren und der unvermutete Eintritt hatten sie herausgerissen aus einer langen, langen Kette von Gedanken.
Der Lotterieeinnehmer begrüsste sie freundlich. „Auch wieder da, Fräulein? Wollen wieder Ihr Glück versuchen? Na, wir wollen hoffen!“
Sie war verwirrt und empfahl sich bald.
„Hat die Person aber gealtert, seit ich sie das letztemal gesehen habe“, sagte der Chef zum Buchhalter. „War doch noch ein ganz ansehnliches Mädchen, wenn ich mich recht erinnere. Scheint sehr nervös zu sein!“
„Sie war aufjeregt; sie bildet sich fest ein, sie jewinnt diesmal!“ Der Buchhalter, der eben die Eintragung machte, blickte nur flüchtig auf. Aber dann schmunzelte er in sein Hauptbuch hinein: „Wird schon wieder frisch werden. Wenn die ordentlich was jewinnt, kriegt die auch noch ’nen Mann!“ —
Das alte Mädchen war aus dem Hause getreten. Es wendete noch einmal den Kopf im Fortgehen und sah zurück nach dort, wo das grosse Schild mit dem Adler im Wappen prangte:
Königlich Preussische
Lotterie-Einnahme.
Sie seufzte auf: ja, nun war sie doch wieder da eingetreten! Und sie hatte doch nicht mehr spielen wollen! Die Maus hatte ganz recht, dies Bureau mit der grossen Inschrift, die man von weither sah, ob man von rechts kam, ob man von links kam, die einen förmlich von der anderen Strassenseite herüberzog, war die reine Versuchung. Die Maus schimpfte und sagte: spielen wäre verboten, jede Spielhölle würde aufgehoben, und ob denn dieses Bureau was viel Besseres wäre?! Die arme Maus, sie hatte nun schon eine Menge verspielt! Ach ja, — Fräulein Fleder nickte — viele Mark hatte auch sie schon hierhergetragen in dieses Bureau, Geld, das sie sich sauer verdient hatte. Herr Rechtsanwalt war ja sehr gut und kümmerte sich eigentlich gar nicht darum, was sie tat oder nicht tat, wenn er nur nach der Sprechstunde sein Essen hatte und die Taschentücher rein in der Schublade fand und Knöpfe an seinen Hemden. Sie war wie die Frau, wie die Herrin vom Haus — ach, sie war ja d o ch keine Frau, und es war d o ch sauer verdientes Geld! Nur im Eignen ist es eine Freude, zu arbeiten; hier war es trotz allem und allem immer ein Muss. Möchte das Glück doch die Hand ergreifen, die sie ihm so zitternd, so flehentlich hinstreckte! — — Was wollte denn die Mutter, die ihr im Traum erschienen war, anderes, als des Kindes Glück?! Sie hatte die Tochter immer so lieb gehabt. Es war etwas Beunruhigendes, etwas Drängendes in ihren Mienen gewesen, sie hatte genickt: ja. Was sollte das anders heissen, was anderes bedeuten, als ein Ja auf die grübelnden Fragen, mit denen sich die Tochter am Abend herumgeschlagen hatte, schlaflos in ihrem Bette liegend?! Aber Träume sind Schäume, sagt man!
Ein Zweifel wollte wieder sich regen, eine Reue, leise, ganz verstohlen, in Fräulein Fleders Seele: fünfzig Mark waren viel Geld. Siebenundzwanzig Mark im Monat hatte sie nur bisher gehabt, seit dem letzten Neujahr erst hatte Herr Rechtsanwalt ihr etwas zugelegt — und man musste doch auch sparen auf die alten Tage, wenn man nicht mehr in Stellung sein konnte. Fünfhundert Mark hatte sie erst in der Sparkasse. Solange die Eltern lebten, hatte sie alles, aber auch alles nach Hause geschickt — die waren ja alt und konnten nichts mehr verdienen — und dann kamen die Beerdigungen, die kosteten viel; erst der Vater vor sieben Jahren, dann die Mutter vor fünf Jahren. Von da an hatte sie erst zurücklegen können. O Gott, wie konnte sie nur so leichtsinnig sein und ein ganzes Viertel für sich allein spielen?!
Nun sie es in der Tasche heimtrug, dünkte dieses leichte Blättchen Papier ihr schwer wie Blei. So viel, so viel Geld hinzugeben für eine einzige Hoffnung! Hätte es die Hälfte vom Viertel wie bisher nicht auch getan, wäre ein Zehntel nicht genug gewesen? Nein!
Entschlossen richtete sich Fräulein Fleder grade auf und ging mit eiligen Schritten die lange Strasse hinauf, der Zentralmarkthalle auf dem Alexanderplatz zu. Heute war Freitag, heute abend sollte Herr Rechtsanwalt Butterfische haben mit Klösschen in der Sauce — nein, jetzt galt es: entweder ein grosses Glück oder gar keins!
Diesen Abend schlief Fräulein Fleder ganz beruhigt ein, schnell und fest. Sie hatte das Gefühl, schon das Glück bei einem Zipfel erwischt zu haben. Herr Rechtsanwalt hatte sie geneckt beim Abendbrot: „Na, Flederchen, wer hat Ihnen denn heute ’nen Antrag gemacht? Sie haben ja eine Miene wie ’ne Siegesgöttin!“ Sonst hatte sie solche Neckerei schwer gekränkt, heute gab sie mit lachendem Mund die Antwort darauf: „Mir ist kein Antrag gemacht worden, Herr Rechtsanwalt, ich habe selber einen gemacht!“ Und sie lächelte geheimnisvoll.
Und als er weggegangen war zu seiner Freitag-Skatpartie bei den Verwandten, setzte sie sich ans Klavier. Sie hatte es lange nicht getan, die Finger standen ihr nicht mehr danach und auch nicht der Sinn. Damals, als es ihren Eltern noch gut ging und sie noch siebzehn Jahre war, da hatte sie guten Klavierunterricht genossen, den besten in Neustadt an der Dosse; sie hatte mal sehr hübsch gespielt.
Ihre Finger suchten und tippten auf den Tasten herum, alte Melodien, heitere Tänze schwirrten ihr durch den Kopf; sie mühte sich, sie zusammenzubringen. Auf die Spielende herunter blickte die verstorbene Frau Rechtsanwalt, ihr Porträt hing überm Klavier. Fräulein Fleder mit ihren entrückten Blicken sah hinauf und war gleich wieder in der Wirklichkeit: nein, nein, die Verstorbene brauchte nicht so streng auf sie herunter zu schauen und die roten Lippen mit dem blauen Flaum darüber so hochmütig zu wölben. Ach Gott nein, sie dachte ja gar nicht daran, hier den Platz der Frau einnehmen zu wollen, sie war sich wohl bewusst, dass sie nur Herrn Rechtsanwalts Haushälterin war; sie war nur so frei und spielte ein bisschen Klavier.
Ihre Finger stolperten, aus war’s mit der Kunst. Ein paar Takte noch, und dann brachte sie’s schon nicht mehr weiter. Ach!
Mit einem Seufzer liess sie die Hände in den Schoss sinken, ihre Augen umflorten sich. Es war eine Sehnsucht in ihr nach Freude und Glück, eine Sehnsucht, die sie vor sich selber nicht so benannte; eine Sehnsucht, wie sie sie wohl immer schon mit sich herumgetragen hatte in einsamer Seele, die ihr aber noch nie so zum Bewusstsein gekommen war, wie gerade heute. Man will doch auch einmal glücklich sein!
Die Tage gingen hin. Im steten Einerlei des Haushalts, bei der täglich sich wiederholenden Promenade zum Kaufmann, zum Schlächter und wenn nötig zur Markthalle, gingen sie sogar sehr rasch hin. Es war wenig Abwechselung in Fräulein Fleders Leben, denn Sonntags ging sie auch selten aus. Wohin sollte sie auch? Vergnügungen kosteten Geld, und allein, so ganz allein sind es ja auch nicht einmal Vergnügungen.
„Flederchen, Sie müssen doch Schätze sammeln?“ sagte Herr Blumenfeld, als er ihr das Gehalt auszahlte.
Schätze? Du liebe Zeit! Sie lächelte wehmütig. Der Gang bis zum Berliner Zimmer war so lang, und das ewige Hin und Her zwischen Küche und Vorderwohnung, das verbrauchte zum mindesten ein Paar Hausschuhe im Monat. Und was man sonst noch alles brauchte! Aber dann hob sie den gesenkten Kopf, in ihren Augen glänzte etwas auf: das war die Hoffnung.
Sie hätte es nicht sagen können, auf was sie hoffte. Auf das Los natürlich, aber dann war’s ihr doch mitunter, als sei das Geld, das man gewinnen könnte, nicht das Begehrenswerteste. Es gab doch noch andere Dinge, die begehrenswerter waren. Gesundheit zum Beispiel. Ach ja, ein bisschen gesünder möchte sie wohl sein! Das viele Stehen am Herd wurde ihr schwer, sehr schwer, oft musste sie sich seufzend auf den nächsten Stuhl setzen. Immer hatte sie eine Schwere in den Gliedern, ein schwaches, müdes Gefühl im Leibe; keine Schmerzen — nur zu Zeiten — aber dann hätte sie auch schreien mögen. Und das Kreuz war ihr oft wie zerbrochen. Sie sollte sich nicht recken, sich nicht anstrengen, nicht schwer heben, hatte ihr der junge Arzt gesagt. Recht hatte er gewiss, aber wie sollte sie das alles vermeiden? Sie konnte sich doch nicht jedesmal eine Trittleiter holen, nur um den Mörser oder einen Topf vom Küchenbort herunterzulangen? Und heben! Man kann doch nicht immer einen Pagen hinter sich haben, der alles hebt und trägt, was einem etwa zu schwer sein könnte. Wenn sie das nicht mehr konnte, dann konnte sie auch nicht mehr in Stellung sein — und was dann?!
Vor jener Zeit, da sie nicht wie jetzt die Hoffnung gehabt hatte, diese ganz bestimmte Hoffnung, waren oft Stunden einer düsteren Verzweiflung über Fräulein Fleder gekommen. Falten hatten sich in ihrem Antlitz eingezeichnet. Der Kassenarzt hatte sie zu einem Kollegen geschickt; sie hatte grosses Vertrauen zu dem jungen Doktor in der Lothringerstrasse — aber operieren?! O wie schrecklich! Nein, operieren liess sie sich nicht. Lieber zugrunde gehen, lieber bald sterben, als sich so unters Messer liefern, zudem noch sie, eine unverheiratete Person! Fest verschloss sie ihre Sorgen in sich; niemand durfte davon wissen. Sie schämte sich; wer weiss, am Ende wurde es auch so besser! Der Arzt hatte ja auch nicht gesagt, dass die Operation unumgänglich nötig sei, er hatte sie nur für wünschenswert gehalten. Nein, nein!
Mit beiden Händen, als wollte sie etwas Entsetzliches von sich stossen, wehrte die Furchtsame ab. Nein, eher sprang sie zum Fenster hinaus, vom dritten Stock hinab auf den Asphalt, als dass sie sich operieren liesse. Nie, niemals!
Es schien auch, als ob es jetzt so besser wurde. Fräulein Fleder ging nicht mehr zu ihrem Arzt — wozu auch? Sie fühlte sich ja ganz wohl. Sehr wohl.
Sie legte mehr Sorgfalt auf ihre Toilette. Als sie im hellen Sonnenschein eines Tages in den Spiegel sah, fand sie, dass sie sich doch zu solide, nein, mehr als das, zu bescheiden kleidete. Sie legte sich ein weisses Krägelchen zu und eine rote Schleife, die ihren matten Teint ein wenig hob; machte sich auch das Haar kleidsamer.
Die Aufwartefrau, die morgens kam und die grobe Arbeit verrichtete, war eitel Bewunderung: „Nee, aber Freileinchen, haben Sie sich heite niedlich jemacht!“ Diese Anerkennung bestärkte sie nur darin, etwas mehr auf ihre Verschönerung zu verwenden. Sie studierte bei ihren Besorgungswegen die Schaufenster; freilich, im Prenzlauer Viertel war die Mode nicht sehr elegant, aber wenn man bis zum Alexanderplatz ging oder bis zur Königsstrasse, konnte man so viel Schönes sehen wie in der Leipziger.
Wenn sie einer gefragt hätte, warum sie sich jetzt putzte, sie hätte die Antwort schuldig bleiben müssen. Sie fühlte nur unklar, dass, nimmt man eine gewisse Stellung ein — die Stellung, die das Vermögen einem gibt — man auch verpflichtet ist, sich nicht wie ein armes Dienstmädel zu kleiden. Und dann wollte sie auch gern gefallen. Wem?! Das wusste sie nicht. Aber es musste schön sein, wenn man einem gut gefiel, so gut, dass er sagte: „Fräulein, wollen Sie meine Frau werden?“ Es hatte sich ihr noch nie einer in zärtlicher Absicht genähert; zu Liebeleien war sie zu solide, zum Heiraten hatte sie nicht genug gehabt.
Wenn sie lange Abende ganz allein zu Hause verbrachte, stützte sie den Kopf in die Hand und beugte sich, als läge ein Geschick auf ihr. Das Bureau war geschlossen, Herr Rechtsanwalt nach dem Abendbrot ins Grüne gegangen, nichts regte sich in der Wohnung. Das Berlin war so gross, im Prenzlauer Viertel wohnten so viele Menschen, und doch war sie so allein!
Aber dann richtete sich die Einsame resolut auf und strich sich über die Stirn; sie lächelte sogar: wer weiss, wie noch alles kam!
Dass es Hochsommer geworden war, das merkte Fräulein Fleder nur daran, dass die Fliegen in der Küche surrten, und dass ein Mann auf dem Hofe schrie: „Fliejenstöcker, Fliejenstöcker!“ — — —
Die erste Ziehung war im Juli. Sie sah gar nicht nach in der Zeitung; wenn sie gewonnen hatte, würde man sie es schon wissen lassen. Herr Bleschke, der Buchhalter, kannte sie ja ganz gut. Als sie nichts vernahm, ging sie nur wieder hin, um ihr Viertel zu erneuern. Herr Bleschke war gerade nicht da, ein junger Kommis, der sie noch nicht kannte, fertigte sie ab, und stillschweigend ging sie wieder. Merkwürdig, wie ruhig sie jetzt war! Es regte sie gar nicht auf, dass sie in der ersten Klasse nicht herausgekommen war; sie hatte ja noch vier Klassen vor sich. —
Die zweite Ziehung war Mitte August. Dass sie wieder nicht unter den Gewinnern war, focht sie nicht an: auch ihre Zeit kam!
Die dritte Ziehung war im September. Da sah sie denn doch in der Zeitung nach — halt, beinah! Ihre Losnummer war 12 345 — und 54 321 hatte gewonnen: zehntausend Mark. Ganz schön. Aber doch lange nicht genug. Zehntausend Mark sind noch kein grosses Vermögen! Sie wurde unverschämt in ihrer Hoffnungssicherheit. —
Die vierte Ziehung war im Oktober. „Na, passen Sie auf, diesmal aber!“ hatte Herr Bleschke zu ihr gesagt. Es war wieder nichts.
Als sie zur fünften und letzten Klasse einzahlen ging, war sie sehr bleich, so bleich, dass der Lotterieeinnehmer, der selber zugegen war, zu ihr sagte: „Setzen Sie sich doch!“ Aber mit Energie überwand sie die Schwäche, sie setzte sich nicht; hochaufgerichtet blieb sie vor der Schranke stehen und nahm mit sicherer Hand ihr Los in Empfang. Sie gewann es sogar über sich, zu lächeln und, als der Herr Einnehmer sagte: „Sie spielen schon so lange, man muss den Mut nicht verlieren, einmal kommt’s doch!“ — ruhig zu sagen: „Es kommt!“ Erhobenen Hauptes ging sie aus der Tür; ihre zarte Gestalt war ordentlich grösser geworden, sie reckte sich wie zum Kampf.
Als sie diesen Abend in ihr Stübchen kam, öffnete sie das Fenster und sah zum Himmel auf. Alle Sterne blitzten, aber über dem dunklen Höfchen stand einer, der leuchtete heller als alle anderen, mit wunderbarem Licht — das war das Auge der Mutter, das blickte auf sie herab, und eine Stimme sprach von irgendwo her: „Du bist eine gute Tochter gewesen!“ Kam diese Stimme vom Himmel herab, stieg sie aus der eigenen Seele empor? ‚Ehre Vater und Mutter, auf dass es dir wohlgehe‘ — aus der längst vergessenen Predigerstunde schwebte das unklar noch in Fräulein Fleders Gedächtnis. O ja, ihr Gewissen war gut, sie hatte das Gebot treulich gehalten, nun gehörte auch die Verheissung ihr!
Die schaurige Herbstluft fächelte sie lind und angenehm an, wie mit liebevollen Händen strich es ihr um Wangen und Kinn. Noch als sie schon im Bette lag, fühlte sie dieses liebevolle Streicheln. —
Fräulein Fleder war gar nicht dumm, und abergläubisch war sie auch nicht, sonst wäre sie zu einer Kartenlegerin gegangen und hätte sich sagen lassen, ob ihr Los in der fünften Ziehung herauskäme oder nicht. Sie brauchte das nicht zu tun.
Lange war sie nicht in der Kirche gewesen, sie hatte es sich abgewöhnt in der grossen Stadt; jetzt ging sie. Und als den Sonntag darauf zu schlechtes Wetter war, schloss sie sich, während die Kirchenglocken durch das Brausen der Strassen und das Rauschen des Regens schwach zu ihr herübertönten, in ihre Stube ein und lauschte dem Läuten am geöffneten Fenster. Sie würde den Braten eben eine halbe Stunde später in die Röhre schieben; jetzt betete sie. Es war ein Angst- und Stossgebet. Nun war sie doch in Unruhe. O diese Qual des Wartens, diese gespannte Hoffnung! Die fing an, entsetzlich zu werden.
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