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Christina Herrström
Wenn aus Prinzen Frösche werden
Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer

Lindhardt und Ringhof
Sapere aude
Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ohne die Leitung eines anderen
Immanuel Kant
1. Kapitel
»Sei selbstständig!«, sagt Ella.
»Werde nie abhängig!«, sagt Josefin.
Ella nickt. Josefin schreibt es schnell auf den Notizblock.
»Wage es, deine Meinung zu sagen!«
»Wage es, dem Druck zu widerstehen!«
Die Kerze auf dem kleinen Tisch flackert. Die Beine haben keinen Platz und es sitzt sich hart. Auf dem Boden liegen Sand und eine vergessene Schaufel. Die Dunkelheit um das kleine Spielhäuschen wird schwärzer, Balkontüren werden geschlossen und Kinderstimmen hinter Rollos verstummen. Die Fenster in den Hochhäusern hinter dem Park werden eins nach dem anderen hell, die Fernseher werden angeschaltet, die Spülmaschinen angestellt. Es ist Abend. Es ist niemand mehr draußen. Nur Ella und Josefin sind noch im Spielhäuschen. Und niemand findet sie hier.
»Stell Ziele auf!«
»Und setze sie durch!«
Sie haben glühende Gesichter, nicht nur wegen der Kerze, sondern weil sie etwas Großes und Wildes und Starkes und Wunderbares fühlen – innen drin!
»Warte nicht auf die Initiative von anderen!«
»Lass niemanden dich hindern!«, knurrt Ella zwischen den Zähnen hervor.
»Sei du selbst und steh dazu!«
Ella hört einen Moment auf zu schreiben, betrachtet Josefins hohe Stirn und die entschieden zusammengepressten Lippen.
»Wer sind wir ...?«, fragt sie.
Aber die Frage fällt in die große Leere zu den vielen anderen Fragen der gleichen Sorte.
»Man wird uns hören!«, fährt Josefin fort.
»Man wird uns sehen«, sagt Ella und denkt daran, dass sie, als sie noch klein war, immer ihre Stimme aus Protest erhob, obwohl sie es mit Riesen zu tun hatte, und jetzt, wo sie fast erwachsen ist, hat sie angefangen zu schweigen. Warum?
»Wir werden Platz einnehmen!«
»Uns nehmen, was uns zusteht!«
»Wir sind die neuen Frauen!!!«, jubelt Josefin.
»Die wissen, was sie wollen ...«, lächelt Ella siegessicher.
»Die niemand aufhalten kann ...«
»Die niemand ducken kann!!!«
Es kribbelt im Bauch, Unmengen von schäumender, rasender Kraft machen sich frei!
»Wir sind nämlich keine Idioten!«
»Keine blöden Tussis!«
»Die nichts sehen können vor lauter falschen Wimpern!«, blubbert Ella und sie müssen laut lachen beim Gedanken daran. Es gibt solche Frauen! Was sind das bloß für arme Schweine, die geglaubt haben, das Leben würde wunderbar! Ha, wurde es nicht, weil sie es vermurkst haben! Samstags verirren sie sich in den Gängen des Supermarkts, klimpern begeistert mit den falschen Wimpern über die Sonderangebote der Woche und glauben, das sei das Glück! Und ihre dicklichen Männer, deren Bäuche zwischen Hose und Pullover hervorquellen, trinken freitags abends Dosenbier und rülpsen! Und die netten kleinen Kinder in Volanthosen nennen sie blöde Alte! Mehr war nicht! Und das Leben war vorbei! Aber Ella und Josefin werden ihre Träume nicht aufgeben.
»Wage es zu lieben!«, ruft Josefin aus. »Leidenschaftlich! Wage es, das Leben ernst zu nehmen!«
»Freiheit! Selbstständigkeit! Frauenpower!«, flüstert Ella und die Worte scheinen auf einmal eine verborgene Kraft zu haben.
»Kombiniert mit der weiblichen Mystik ... der Schönheit!«, schnurrt Josefin. »Wir werden outstanding sein, Ella!«
Sie schauen sich schweigend an. Das Licht glitzert in ihren Augen.
»Wir werden es schaffen!«, flüstert Ella.
Sie haben sich vorbereitet. Mehr ist nicht nötig. Die niedergeschriebenen Worte, sie sind wie magische Formeln, werden sie beschützen. Josefin klappt den Block zu.
»Wie wollen wir es nennen? Unseren Arbeitsplan fürs Leben?«
»Unser Manifest«, entscheidet Ella. »Wir schreiben es auf rotes Papier!«
»Mit goldenen Buchstaben. Ellas und Josefins Manifest!«
Es soll schön sein. Und haltbar. Josefin nimmt die Kerze.
»Jetzt geht es los.«
Sie bläst die Kerze aus und einen Moment lang ist es ganz schwarz in dem kleinen Spielhaus. Und still. Man hört nur das Brausen der Stadt und ihren Atem. Dann entwirren Ella und Josefin ihre langen Beine und quetschen sich durch die kleine Türöffnung und laufen mit hoch erhobenen Händen über den leeren Spielplatz.
»Jetzt geht es los!!!«, ruft Ella und die Worte hallen zwischen den hohen Häusern, die nichts merken, prallen an den Wänden ab und werden vom erstbesten kalten Wind in die funkelnde Stadt unter ihnen mitgenommen. Sie laufen immer weiter und können nicht stehen bleiben. Es pocht in ihren Muskeln, ihrem Blut und ihren Gliedern, als ob sie Wildpferde wären. Sie laufen auf schlanken, starken Beinen, sie fliegen fast über den Boden in ihren weichen Turnschuhen, und als sie schließlich stehen bleiben müssen, fallen sie sich keuchend und erhitzt in die Arme.
Nichts – nichts – wird sie aufhalten.
2. Kapitel
Ella überlegt einen Moment. Sie lässt die Scheinwerfer in ihre blauen Augen fallen, während sie über eine Antwort nachdenkt. Das Publikum wartet, atemlos.
»... es ist schon so lange her«, sagt sie. »Diese Zeit ist wie weggeblasen. Nein wirklich, ich erinnere mich an keinen einzigen Menschen mehr ...«
Das Publikum lacht ehrerbietig. Sie verstehen sie. Ist doch klar, dass sie diesem Lebensabschnitt keine große Bedeutung beimisst. Das war doch nur die Startbahn! Seither ist so viel Phantastisches passiert, das war das richtige Leben. Aber vielleicht doch eine von all den Vergessenen aus der unwichtigen Zeit, eine Klassenkameradin, vielleicht Martina, ja, es ist Martina, sie hat gebeten grüßen zu dürfen. Ella weiß nicht mehr, wie sie aussah. Aber sie dankt höflich lächelnd.
»Das ist aber nett, das freut mich, Grüße zurück! Wissen Sie, ich bin zur Zeit nicht so oft zu Hause. Nicht einmal meine Mutter wohnt mehr hier ... sie wohnt jetzt in ... Kalifornien mit ihrem neuen ...«
Es gibt eine traurige Begebenheit in Ellas Leben. Ihr Vater starb, als sie klein war. Deshalb hat ihre Mutter jetzt einen neuen Mann. Sie sind sehr glücklich. Außerdem ist er reich. Und hat Humor. Sein Reichtum ist selbstverständlich nebensächlich.
»Aber ich habe immer gespürt, dass Papa bei mir ist ...«
Das Publikum hält den Atem an. Man muss sie einfach bewundern. Sie ist so heroisch. Der Moderator bringt das Gespräch wieder auf ihr jetziges Leben, das Publikum entspannt sich, sie heben die Gesichter in der Hoffnung, dass ein Funke von dem Wunderbaren, das sie umgibt, auch auf sie herabfallen wird, wie Wunderkerzensterne.
»Ja, in meinem Beruf trifft man so unglaublich interessante Menschen, man sieht so viel, und all die Reisen, und man erlebt so viele spannende Dinge ...!«
Jetzt unterbricht der Moderator mit einer Frage nach ihrer zweiten Karriere, von der man hier zu Hause nichts weiß, der Karriere als Top-Model.
»Ach, das war nur ein Zwischenabschnitt«, haucht sie so lässig, wie nur jemand sein kann, der erlebt hat, wovon alle anderen nur träumen.
»Das war vor allem in ausländischen Modemagazinen. Frankreich, Italien, Schweiz, England, Australien, Deutschland, Spanien, Amerika natürlich ...«
Jetzt wird Ella von der anderen Seite gezeigt. Sie macht sich sehr gut aus dieser Perspektive. Jetzt sieht sie intellektuell aus, obwohl sie über die Liebe spricht.
»Er war ein wunderbarer Mann und Filmpartner! Ja, das war mein letzter Film. Oh nein, wir sind nur Freunde!«
Das Publikum hält wieder die Luft an. Ist das wahr? Konnte er ihr wirklich widerstehen? Und wollte sie ihn nicht haben? Sie wird ein bisschen verlegen, verrät jedoch nichts. Der Moderator erwähnt, dass viele berühmte und begehrte Männer ihren Lebensweg gekreuzt haben.
»Ja, ich habe sie alle geliebt.«
Sie hat neben all ihren Männern gestrahlt und vor allem strahlten sie neben ihr. Und wenn sie sie verlassen hat und weiterschwebte, haben sie alle, völlig am Boden zerstört, beteuert, wie wahnsinnig sie sie geliebt haben.
Jetzt kommt plötzlich eine Archivaufnahme, wir sehen Ella, wie sie aus dem Flugzeug steigt, der Wind ihre langen Haare zerzaust, sie trägt eine Sonnenbrille und eine Menschenmenge ist versammelt. Die Leute jubeln und werfen Blumen.
»Danke, danke, es ist wonderful to be back auf schwedischem Boden und es ist so good to feel das Wohlwollen und die Sympathie der schwedischen Menschen, vor allem nach meinem skandalumwitterten ...«
Ella muss nachdenken. Dem skandalumwitterten was?
»Aufbruch.«
Jetzt sind wir wieder im Studio. Ella blinzelt in den Scheinwerfer, die Show ist zu Ende, jetzt ist der Moment für den wundervollen Blumenstrauß gekommen. Das Mädchen, das ihn hereinbringt, wird rot, der Moderator erhebt sich vom Sofa und den Menschen im Publikum stehen die Tränen in den Augen. Ella ist aufrichtig gerührt und wirft ihrem treuen, schwedischen Publikum Kusshändchen zu.
»I love you! I love you! Ich möchte nur noch ein paar Worte zum Abschluss sagen!«
Das Publikum hält erwartungsvoll die Luft an. Alle verstummen. »Man weiß nie, wohin das Leben einen führt. Wenn ich mich an meine Jugend erinnere, dann denke ich, dass das Leben sehr überraschende Wendungen nehmen kann. Ich möchte deshalb nur sagen ...«
Die Gesichter des Publikums sind wie Blumen, die sich der Sonne zuwenden, und Ella ist sich bewusst, dass sie jedes Wort auf die Goldwaage legen muss. Dann spricht sie. Aufrecht. Ernsthaft.
»Gebt nie die Hoffnung auf!«
Das Publikum steht auf und klatscht so laut und so lange, dass der Tontechniker sich sein ganzes Berufsleben lang an diesen Vorfall erinnern wird, die Scheinwerfer drehen sich, die Kameras tanzen um sie herum ... Da klingelt das Telefon.
»Ich geh dran!«
Ella reißt sich vom Spiegel los, das Publikum und der Jubel verschwinden, sie stürzt sich aufs Telefon und sagt mit ihrer sinnlichsten Stimme: »Ja, hier ist Ella ...!«
Aber es ruft kein Junge an.
»Man kann sie verbrennen!«, prustet Josefin. »Dann sterben sie! Das tut noch mehr weh!«
Josefin liegt in ihrem Himmelbett und blättert in einer Zeitschrift, die voller Tipps und guter Ratschläge für Mädchen aller Altersstufen ist.
»Es ist wahnsinnig teuer«, sagt Ella und betrachtet ihre flaumigen Beine.
»Das essen ist fertig!«, ruft Josefins Mutter Helen und klopft an Josefins Tür. Josefin schiebt die Himmelbettvorhänge zur Seite und geht mit ihrem schnurlosen Telefon am Ohr in die Küche. Rasmus und Julia, ihre beiden kleinen Geschwister, die ihre Eltern plötzlich haben wollten, als Josefin groß wurde, laufen an ihr vorbei, wie immer hungrig.
»Es gibt so ein propellerartiges Dingens, das die Haare mit der Wurzel herausdreht«, sagt Josefin. »Aber das tut noch mehr weh.«
Mama Helen, Rasmus, Julia und Papa Tomas sitzen schon bei Tisch, Josefin nickt ihnen im Vorbeigehen zu und setzt sich, immer noch mit dem Hörer am Ohr.
»Martina rasiert ihre«, sagt Ella und denkt an den Tag, als Martina in der Französischstunde ihre frisch rasierten Beine streichelte und von der Liebe träumte. Bis zu diesem Tag hatte Ella nicht über das Thema »unerwünschter Haarwuchs« nachgedacht.
»Das wird bloß piksig«, konstatiert Josefin trocken und pikst mit der Gabel in eine Kartoffel. »Meine sind ganz schwarz geworden! Das ist wegen der Pille! Und was hab ich davon? Nichts! Ich sterbe bald!«
»Bitte Josefin, wir essen!«, sagt Tomas.
»Leg auf!«, sagt Helen.
»Bekommt man schwarze Haare von der Pille?«, fragt Ella.
»Man kann auch Thrombosen bekommen. Oder Gelbsucht. Und man kann schlechte Laune bekommen«, sagt Josefin und gießt Julia Milch ein.
»Danke!«, brüllt Julia.
»Und man kann die Lust verlieren«, fährt Josefin fort. »Aber das war bei mir nicht so.«
»In der Schule gibt es überhaupt keinen einzigen«, seufzt Ella.
Da reißt Kajsa, Ellas Mutter, die Tür auf und guckt ärgerlich, als ob sie etwas wollte, das Ella nicht gemerkt hat.
»Das Essen ist fertig, habe ich gesagt«, faucht sie und verschwindet wieder.
»Sie haben keine Lebensart«, stellt Josefin fest.
»Sie sind voll kindisch«, stöhnt Ella und räumt das Allernotwendigste in die Schultasche: Spiegel, Lippenstift, Haarbürste. Sie hängt die Tasche über die Schulter und betrachtet sich skeptisch im Spiegel. Sie findet, dass sie blöd aussieht.
Josefin versucht mit zwischen Ohr und Schulter eingeklemmtem Hörer eine Kartoffel zu schälen.
»Ein bisschen Erfahrung ist immer gut«, sagt sie und merkt nicht, dass die Spannung am Esstisch zunimmt.
»Du wirst die Erste sein, du bist ja draußen in der großen Welt«, seufzt Ella.
»Nicht bei meiner Kundschaft«, jammert Josefin.
»Wir müssen am Wochenende ausgehen, aber überall haben sie Mindestalter einundzwanzig«, sagt Ella. »Wenn wir den Mund halten, können wir für einundzwanzig durchgehen. Geschminkt.«
Sie wirft sich im Spiegel einen reifen Blick zu.
»Meine Kartoffel. Die ist geflogen.«
Josefins Kartoffel rollt über den Esstisch und wird von Julia aufgefangen.
»Ist sie meine große Schwester oder was?«, beschwert Julia sich.
»Jetzt reicht es!«, mault Tomas. »Ihr könnt später weiterreden.«
Gleichzeitig schreit Ellas Mutter Kajsa aus der Küche: »Ella! komm jetzt! Es gibt essen, habe ich gesagt!!!«
»Hast du deinen Vater gefragt, ob er einen geschiedenen Mann für meine Mutter kennt?«, fährt Ella fort.
»Nein. Ich weiß nicht, wo meine Kartoffel abgeblieben ist.«
»Und warum machst du es nicht?«, fragt Ella beleidigt.
»Kann sie das denn nicht selber machen?«, fragt Josefin.
»One moment please«, sagt Ella und beschließt essen zu gehen.
Sie legt den Hörer auf und verlässt das Zimmer.
Plötzlich verstummt Josefin am Esstisch. Sie hört sogar auf ihre Kartoffel zu schälen. Die ganze Familie starrt sie an.
»Bist du jetzt fertig?«, fragt Rasmus.
Als Ella in der Küche auftaucht, hellt Kajsas Gesicht sich auf.
»Hallo! Gut! Hast du jetzt alles für morgen gerichtet?«, fragt sie.
Ella beantwortet Kajsas Frage nicht, sondern hebt den Hörer des Wandtelefons ab und setzt ihr Gespräch mit Josefin fort: »Oder die Tanten auf deiner Arbeit. Frag die!«
Kajsa schaut sie verblüfft an.
»Die haben absolut keine Ahnung von Männern«, schnaubt Josefin und schält wieder ihre Kartoffel.
»Denken sie an nichts anderes?«, brummt Tomas und schaut seine Frau vorwurfsvoll an, als ob es ihre Schuld wäre.
»Und wie sieht es mit einem geschiedenen Verwandten aus? Vielleicht mit Hund?«, schlägt Ella vor.
Jetzt fährt Rasmus hoch, reißt Josefin den Hörer aus der Hand und schreit: »Leg jetzt auf, du blöde Kuh!«
Ella verzieht das Gesicht wegen des plötzlichen Lärms und Kajsa lächelt: »Wie schön, dass es dir geschmeckt hat. Übrigens wollte ich dich fragen, was für einen Film wir fürs Wochenende ausleihen sollen.«
»Denkst du morgen an mich?«, fragt Ella.
»Vielleicht habt ihr einen neuen, gut aussehenden Lehrer«, sagt Josefin aufmunternd.
Tomas kaut verbissen sein Essen. Helen, Rasmus und Julia starren Josefin an, die weiter ins Telefon plappert, als ob die Familie nur Kulisse wäre!
Zu Hause bei Ella diskutiert Kajsa unverdrossen das Thema Freitagabend-Video und scheint nicht zu merken, dass Ella immer noch telefoniert.
»Josefin kann doch rüberkommen, dann können wir wieder zu dritt gucken! Das ist doch immer so gemütlich!«, schlägt sie vor. Viele Abende war es so. Kajsa, Ella und Josefin saßen auf dem Sofa, haben Popcorn und Süßigkeiten gegessen und sich bis spät in die Nacht Filme reingezogen.
»Ich könnte vielleicht einen Sessel kaufen!«, fährt Kajsa fort.
»Dann könnte ich im Sessel sitzen und ihr auf dem Sofa!«
»Sollen wir ins Kino gehen?«, fragt Josefin.
»Nein, selbstverständlich werde ich mich zurückziehen!«, fährt Kajsa fort.
»Da können wir doch nicht reden!«, protestiert Ella in den Hörer.
»Das macht nichts«, antwortet Kajsa großzügig. »Ich ziehe mich gerne zurück. Wir können ja irgendwann miteinander reden, du und ich!«
Ella greift sich die Zeitung und blättert zu den Veranstaltungsanzeigen.
»Wie wäre es denn damit? ›Krabbenabend in der Blauen Woge. Bis 22 Uhr Eintritt frei für alle schönen Damen‹. Steht keine Altersbegrenzung!«
»Was? Wollt ihr ausgehen?«, ruft Kajsa mit vollem Mund.
»Das ist für Gruftis«, stellt Josefin fest.
»Natürlich könnt ihr ausgehen, das meine ich nicht!«, beteuert Kajsa.
»Eigentlich sieht man schrecklich aus, wenn man kaut«, sagt Josefin und betrachtet ihre ärgerlich kauende Familie am Esstisch.
»Wie alt denn?«, fragt Ella niedergeschlagen, ohne Kajsa eines Blickes zu würdigen.
»Halbgruftis. Das wäre vielleicht was für deine Mutter?«
»Josefin!«, brüllen Josefins Eltern schockiert, was Julia und Rasmus in Lachen ausbrechen lässt.
»Nein, sie ist allergisch gegen Krabben«, antwortet Ella.
Da spitzt Kajsa die Ohren.
»Aber Liebes, du brauchst nicht an mich zu denken. Geht ihr nur!«, sagt Kajsa.
»Schau dir doch mal den Mund an, der auf und ab hopst! Sieht doch bescheuert aus!«
Josefin muss lachen, als sie ihren kauenden Vater anschaut. Zum ersten Mal schaut Ella Kajsa an. Josefin hat Recht. Man sieht bescheuert aus, wenn man kaut. Traurig, aber wahr. Muss man sich jetzt auch noch darüber Gedanken machen?
Jetzt reicht es Josefins Mutter. Sie knallt die Gabel auf den Tisch, steht auf und brüllt: »Ich habe mit viel Mühe etwas gekocht und versucht es ein bisschen nett ...!«
»Tschüss, bis dann!«
Josefin beendet schnell das Gespräch.
»Tschüss, bis dann!«, antwortet Ella und legt auf.
Plötzlich wird ihr bewusst, dass Kajsa mit ihr spricht. Sie scheint schon eine ganze Weile gesprochen zu haben. Sie schaut Ella freundlich an und sagt liebevoll: »Du brauchst dich nicht um mich zu kümmern. Wirklich nicht! Ich meine es ehrlich. Ich bin selbst erstaunt, aber es ist wahr!«
Kajsa lächelt und nickt aufmunternd. Ella weiß nicht, wovon sie spricht, schlägt entnervt die Zeitung zu und tut sich Essen auf.
Es ist Abend. Josefin liegt im großen Doppelbett der Geschwister und liest Julia und Rasmus etwas vor. Julia ist fünf, ein kleiner Mensch in der Welt, voller Spiele und Bewegungsdrang und Neugierde. Jetzt ist Schlafenszeit, das Nachthemd ist angezogen, die Zähne sind geputzt und in ihren kinderduftenden Haaren glitzert eine Prinzessinnenkrone.
Auf der anderen Seite liegt Rasmus. Er ist zwei Jahre älter als Julia und geht schon in die Schule. Da lernt er, wie die Welt tatsächlich funktioniert. Noch ist er klein, aber er wird größer werden als Josefin und Julia, größer als die Mutter. Vielleicht sogar größer als der Vater. Noch liegt er weich neben seinen Schwestern und hört dem Märchen Dornröschen zu.
Der Prinz hat sich mit seinem blanken Schwert durch die lebensgefährlichen Dornen gekämpft und steht vor Dornröschen, die ihren hundertjährigen Schlaf schläft. Sie ist so schön, dass er sich sofort verliebt, und er kann sich nicht zurückhalten und küsst ihre bleichen Lippen. Da geschieht ein Wunder. Sein Kuss bricht den Zauber und ihre Lippen bekommen Farbe. Dornröschen schlägt die Augen auf und lächelt ihren Erretter an. Endlich beginnt das Leben!
»Und Dornröschen wurde die schönste Braut, die man je gesehen hatte, und sie lebte glücklich mit ihrem Prinzen bis ans Ende ihrer Tage.«
Josefin schlägt das Buch zu und sagt den Kindern Gute Nacht.
Aber Julia kann nicht einschlafen.
»Josefin, ich möchte auch eine Prinzessin sein«, sagt sie.
»Das kannst du nie werden!«, sagt Rasmus altklug.
»Das kann ich wohl! Wenn ich einen Prinzen heirate!«, antwortet Julia schnell.
Aber Rasmus weiß, dass die Welt nicht voller Prinzen ist.
»Es gibt keine Prinzen«, triumphiert er trocken.
Julias Herz pocht aufgeregt in der Brust.
»Gibt es wohl!«, sagt sie eigensinnig.
Rasmus grinst.
»Und außerdem kann ich selber bestimmen, dass ich eine Prinzessin bin!«
»Kannst du nicht!«, schreit Rasmus wütend.
»Doch, weil ich über mich selbst bestimmen kann!«, antwortet Julia stolz.
»Auf jeden Fall bist du keine Prinzessin!!!«, konstatiert Rasmus auftrumpfend.
Das tut Julia weh. Warum behauptet er, dass sie keine Prinzessin sein kann? Warum denn nicht?
»Hört auf zu streiten«, bittet Josefin. »Es ist doch bloß ein Märchen! Ihr sollt jetzt schlafen.«
Sie liegen ein Weilchen still da und denken nach.
»Auch in ›Schneewittchen‹ regelt der Prinz am Ende alles«, sagt Rasmus schließlich zufrieden.
»So geht es eben im Märchen zu. Gute Nacht und schlaft gut«, sagt Josefin. Sie will, dass sie schlafen.
»Josefin ...«, sagt Julia leise. »Ich möchte eine Prinzessin sein, die einen Prinzen erweckt.«
Josefin streicht ihr lächelnd über die Wange, aber da fährt Rasmus hoch wie vom Blitz getroffen und brüllt, wütend über die Dummheit seiner Schwester: »Aber so läuft das überhaupt nicht!!!«
»Im Märchen kann es so laufen!!!«, brüllt Julia zurück.
»Gute nacht und schlaft jetzt gut!!!«, ruft Josefin und drückt sie ins Bett zurück.
Die Kinder kneifen die Augen zusammen, aufgeregt und wütend wegen der vielen Missverständnisse und Ungerechtigkeiten.
Aber irgendwann beruhigen sie sich und schlafen ein. Josefin genießt es, zwischen ihnen zu liegen, ihren ruhigen Atem zu hören, ihre weichen, warmen Körper zu spüren. Manchmal lachen sie im Schlaf. Besonders Julia. Ein leichtes, kullerndes Lachen, das über ihr Gesicht tanzt. Was sie wohl träumt, die kleine Schwester?
Josefin sieht ins Dunkel, das gegen das Fenster drückt. Irgendwo da draußen ist der, dem sie ihre Liebe geben darf. Sie darf dann sie selber sein, mit all den großen Gefühlen, die sie in sich trägt. In diesem Moment bewegt er sich, sein Herz schlägt, er atmet und vielleicht fragt er sich, wo sie wohl sein mag. Wer sie ist. Wann sie kommt.
Julias Prinzessinnenkrone ist verrutscht, ist über ihre kleine Nase gerutscht. Josefin macht sie vorsichtig los und setzt sie sich auf den Kopf.
3. Kapitel
Ella sitzt am ersten Tag nach den Ferien in der Schule.
Eine Art schläfriger Enttäuschung liegt über der Klasse. Noch ein Sommer ist vorüber. Und jetzt findet das Leben wieder nach den Vorgaben der Schule statt. Endlose Schulstunden in sauerstoffarmen Klassenzimmern, uninteressante Bücher, die voll geschrieben sind mit kleinlichen Buchstaben, die die Gedanken zu Boden zwingen wollen, und Pausen, in denen man versuchen muss seinen Status zu behaupten.
Urberg, der Klassenlehrer, ist der einzige männliche Lehrer mit Charisma. Er ist nicht jung, sieht auch kaum gut aus, aber um ihn herum ist ein Kraftfeld, es ist verbotenes Gelände, es gilt nicht ihnen, aber alle spüren es. Er läuft auf und ab, ist sich der Blicke der Schüler bewusst und er weiß, dass er sich Zeit lassen kann, ohne die Aufmerksamkeit zu verlieren. Manchmal bleibt er stehen, zwirbelt nachdenklich seinen Schnurrbart und lässt seinen Blick auf jemandem ruhen. Es ist spannend, seinem Blick standzuhalten, man spürt es deutlich, es ist ein Gefühl, das sich im ganzen Körper verbreitet, wenn man ihm direkt in die Augen schaut und er einem direkt in die eigenen. Man weiß nicht, was hinter der Grenze für normales Schauen passiert! Da gibt es einen solchen Sog, obwohl Urberg nur ein Lehrer ist, ein Mann in mittleren Jahren mit grauen Strähnen. Es gilt nicht ihm!
Als Ella am Morgen über den Schulhof kam, stand Martina mit ihrem Hofstaat da und schaute sie an. Zuerst freute sie sich und hatte das Gefühl willkommen geheißen zu werden, aber als sie näher kam, sah sie Martinas eiskalten Blick. Im nächsten Moment klingelte es und Martina drehte sich ohne zu grüßen auf dem Absatz um und verschwand mit ihrem Gefolge im Schulgebäude. Ella ging mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch hinterher. Sie versuchte es abzuschütteln und dachte, ich kümmere mich einfach nicht um sie. Aber es half nichts. Sie sind ihr egal und ihr ist auch egal, was sie denken! Sie sind die Stärkeren. Sie gehören zusammen. Sie wissen immer, wohin sie gehen wollen, sie werden nie allein in einer Ecke des Schulhofs stehen gelassen oder an einem Tisch in der Mensa. Das passiert Ella normalerweise auch nicht, sie ist eigentlich immer mit Josefin zusammen, aber jetzt, da Josefin angefangen hat zu arbeiten, fühlt Ella sich plötzlich allein gelassen.
Martina ist der selbstverständliche Star und Paula und Teres wachen eifersüchtig über ihre Position. Dann kommen Sofi und Camilla, und ganz unten auf der Rangliste kommen die, die akzeptiert werden, aber nicht frech werden dürfen. Die übrigen sind bloß Schatten.
Ella weiß, wie einfach es ist, jemanden auszuschließen. Man muss einfach nicht zuhören, wenn sie etwas sagt, sie konsequent nicht beachten, auch wenn sie neben einem steht, bis sie einsieht, dass sie nur den Platz bekommt, den man ihr zugesteht. Wenn eine versucht sich dem Revier der Macht zu nähern, wird sie niedergemacht und mit dem Absatz in den Asphalt gedrückt wie eine Zigarettenkippe.
Es ist einfach, sie dumm und primitiv zu finden. Ella meint, dass sie das findet. Trotzdem würde sie lieber zu ihnen gehören, und sei es in der Peripherie, als nirgends hinzugehören. Sie sehnt sich nach Josefin.
Und wie steht es mit den Jungen in der Klasse? Ist einer von denen etwa im Lauf des Sommers interessant geworden? Nein, sie sind nicht Fisch, nicht Fleisch! Sie sind keine Männer! Auch keine Jungen, irgendwie lang gezogene Körper. Manche haben noch nicht richtig gelernt mit dem Rasierapparat umzugehen, sie haben kleine Bartflecken auf den Wangen. Andere haben Pickel und schauen mit großen Augen um sich wie neu geschlüpfte Vogeljungen. Ein paar versuchen cool auszusehen, sind aber nur lächerlich. Sie strecken ihre Beine unter der Bank aus und ganz unten, am Ende der mageren Hosenbeine, sitzen unverhältnismäßig große Schuhe. Die Hände wirken schlaff wie leere Plastiktüten. Wer soll sich in so was verlieben können? Ella ist enttäuscht und ärgerlich. Muss sie wirklich hier sitzen, mit ihnen?
»Ihr seid aus freien Stücken hier«, sagt Urberg. »Niemand zwingt euch hierher zu kommen, ihr entscheidet selbst. Eure Wünsche, eure Vorstellungen über euer zukünftiges Leben sind entscheidend. Eure Lust etwas zu lernen!«
Urberg lässt seinen Blick auf Martina ruhen, die reflexartig ihre Brust herausdrückt und versucht seinem Blick länger als normal standzuhalten. Urberg fährt fort: »Wissen ist, wie ihr bereits wisst, eine Voraussetzung für Demokratie. Die Demokratie verlangt von uns, dass wir Verantwortung übernehmen. Aber das Wissen, das ihr bisher erworben habt, reicht nicht aus, damit ihr die Gesellschaft, in der ihr lebt, überblicken und analysieren und die richtigen Schlussfolgerungen ziehen könnt. Es reicht auch nicht, euch eine gute Arbeit zu geben, ein Leben mit Wahl- und Entwicklungschancen. Deshalb seid ihr jetzt hier. Weil ihr dazugehören wollt! Ihr wollt die Welt erobern!«
Ella schaut über den Schulhof und die tausend Blätter der sonnenwarmen Bäume. Da kommt Anette gelaufen, eine Klassenkameradin, für die Ella sich nicht interessiert, aber hinter ihr kommt jemand, der sehr wohl ihr Interesse weckt. Er geht in die dritte Klasse und bewegt sich wie ein Panther. Sie sieht unter dem schwarzen Jackett seine breiten Schultern und sie kann seine schmalen, wiegenden Hüften erahnen. Sie weiß, dass er süße Grübchen hat, wenn er lächelt. Er heißt Odin. Er hebt ein Papier auf, das Anette verloren hat, und ruft ihr nach. Ella sieht, wie Anette erstarrt, als sie sieht, dass er es ist. Sie strahlt wie ein Kind vorm Weihnachtsmann, als er sie einholt.
»Das gilt besonders für euch Mädchen!«
Urbergs Stimme ist schneidend und Ella hält erschrocken seinem Blick stand.
»Ihr seid an der Reihe. Verwaltet euer Pfund. Nehmt euer Leben ernst.«
Kurz darauf kommt Anette herein, atemlos und verschwitzt. Sie bewegt sich geduckt durchs Klassenzimmer, als glaube sie, sie würde so weniger stören. Sie geht direkt auf den leeren Platz neben Ella zu, während Ella sehr bewusst den Blick weggleiten lässt. Martina, Teres und Paula schielen Ella verächtlich an und kichern heimlich. Anettes Blödheit färbt auf Ella ab, indem sie sich neben sie setzt.
Ella tut so, als würde das überlegene Grinsen ihr nichts ausmachen. Sie versucht sich darauf zu konzentrieren, Urberg zuzuhören. Er schlägt ein Buch auf und beginnt zu lesen.
»›Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlusskraft und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.‹«
Er lässt seinen Blick über die geschminkten Gesichter der Mädchen gleiten und sie antworten sofort mit schmeichelnden Bewegungen und Lächeln, während die Jungen versuchen gescheit auszusehen, als ob sie etwas verstanden hätten.
Urberg dreht sich um, weil er etwas an die Tafel schreiben will, und die Gelegenheit nimmt Martina wahr, um seinen Hintern zu inspizieren. »Guck mal, was für’n Arsch!«, schreibt sie in ihr Heft und stößt Paula an. Sie stecken die Köpfe zusammen und kichern.
»Sapere aude«, schreibt Urberg. »Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen ohne die Leitung eines anderen.« Habe Mut! Die beiden Wörter erregen Ella. Habe Mut dich deines Verstandes zu bedienen. Ohne die Anleitung von anderen. Sie schreibt die Worte mit so plötzlicher Freude in ihr Heft, als seien sie allein an sie gerichtet.
Urberg schlägt das Buch mit einem Knall zu.
»Immanuel Kant. Ich bitte euch darüber nachzudenken und außerdem heiße ich euch zu einem neuen und spannenden Schuljahr willkommen.«
Da ist die Stunde auch schon zu Ende. Die mehrere hundert Jahre alten Worte klingeln in Ellas Ohren und all die unangenehmen Gefühle, die sie gerade in ihrer Gewalt hatten, sind wie weggeblasen! Sie fühlt sich munter und aufgeräumt, energisch und fröhlich. Sie hat nicht vor ängstlich zu sein! Sie wird sich nicht niederdrücken lassen! Habe Mut!
Der Pulk von Mädchen bewegt sich durch den Flur, mit Martina an der Spitze, flankiert von Paula und Teres. Hinter ihnen gehen Camilla und Sofi und ganz hinten Ella – und ganz am Schluss Anette.
»Aber er hat einen süßen Arsch!«, sagt Martina.
»Schöne Arme!«
»Und das weiß er!«
»Wer ihn wohl liebt?«, fragt Teres träumend.
»Ob er wohl gut liebt?«, kichert Paula.
»Bestimmt so gut, wie er labert«, piepst Sofi.
Sie brüllen vor Lachen.
»Nie im Leben mit ihm«, schnaubt Martina.
»Mit wem denn?«, fragt Teres neckisch.
»Das weißt du doch!«, antwortet Martina so geheimnisvoll, dass sich bei den anderen das große Meer der Sehnsucht auftut.
»Mit wem?«, fragt Paula eifrig.
»Mit einem Typ, den ich im Sommer in einem Café kennen gelernt habe!«, blökt Martina so laut, dass alle es hören können.
»Habe ich euch von dem erzählt, den ich in Frankreich kennen gelernt habe? Das war cool!«, quäkt Sofi genüsslich.
Sofi? Hat sie etwas mit einem Franzosen gehabt? Teres und Paula heben verärgert ihre gezupften Brauen.
»Der war vielleicht süß!«, fährt sie fort. »Einen Körper! Und dann war er so romantisch!«
»Was? Wie denn?«, zischt Teres. »War er so feurig?«, fährt sie fort, mit gespielter Gleichgültigkeit, als ob sie ihn mit etwas vergleichen könnte.
»Wie ein Präriefeuer!«, antwortet Sofi heiser und drückt sich an Teres und zischt mit schmalen Augen: »Wie ein Vulkanausbruch!« »Genau so sind sie!«, krächzt Teres schnell und schaut Sofi verächtlich an, als wolle sie damit sagen, dass sie vielleicht ein bisschen freizügig ist. Wer will schon Matratze sein?
»Und meiner erst! Er hat mir den geschenkt!«, blökt Martina und spreizt die Finger. Atemlos sehen alle, dass ein Ring an ihrem Finger glänzt.
»Ich habe einen kennen gelernt, der in einer Band spielt«, erklärt Paula überheblich.
»So eine Kellerband, oder wie?«, fragt Martina von oben herab und lässt Teres den Ring genauer ansehen.
»Sie gehen auf Tournee und spielen eine Platte ein. Er hat einige Stücke für mich geschrieben. Über mich.«
»Und du?«, fragt Martina in die Richtung von Teres.
»Ich habe mich im Sommer in mehrere verliebt«, antwortet sie.
»Ich auch! Erst in den einen, dann in den anderen!«, ruft Camilla.
»Und du, Ella, warst du im Sommer mit jemandem zusammen?«, fragt Martina.
»Oder hast zu Hause gesessen und dich vor Sehnsucht verzehrt?«, fragt Teres.
»Warst du verreist?«, fragt Sofi.
»Oder hast du gearbeitet?«, fragt Martina.
Ella ist darauf nicht vorbereitet. Sie zögert.
»Nein, ich ... ich habe ...«, antwortet sie suchend. »Da war ein Typ, der ... der ...«
»Der was?«, zischt Martina ungeduldig.
»Ich will vielleicht nicht alles erzählen!«
»War es was Schlimmes?!«, fragt Paula lüstern.
»Nein, aber manches will man doch für sich behalten.«
Die Mädchen lachen sich kaputt.
»Das sagt man immer, wenn man nichts erlebt hat!«
»Anette, hast du etwas erlebt?«, fährt Martina fort.
Anette strahlt, will so gerne von ihren Sommererlebnissen erzählen, aber niemand hört zu. Etwas anderes, viel besseres zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich. Vor ihnen, am Schrank, steht Odin. Er schaut auf und lächelt sie mit seinen wunderbaren Grübchen an. Alle lächeln wie im Chor zurück. Sein T-Shirt spannt über der Brust und dem muskulösen Bauch unter dem Jackett und das Licht tanzt auf seinen breiten Schultern. Er sieht so selbstverständlich aus, frei wie der Wind. Er macht die Andeutung eines Nickens, dreht sich auf dem Absatz und verschwindet.
»Man sollte vielleicht ein Fest veranstalten, wo man sich kennen lernen kann ...«, keucht Martina. »Open house. Für alle!«
»Alle?«, grinst Paula mit einem Seitenblick auf Anette.
»Auf jeden Fall alle in der Klasse«, sagt Martina großzügig. »Und für ihn!«
Martinas Augen glitzern. Sie scheint zu meinen, dass er selbstverständlich ihr zukommt.
»Er hat mir heute Morgen die Tür aufgehalten«, sagt Anette eifrig.
»Wirklich? Dann muss er sehr wohlerzogen sein«, schneidet Martina ihr sarkastisch das Wort ab.
Ella sieht, wie etwas Helles, Glückliches in Anette verlöscht. Und da flattern schnelle Worte durch sie hindurch, Worte, die sie zu Anettes Verteidigung sagen will. Das erstaunt sie. Sie sagt nichts, bleibt jedoch noch eine Sekunde länger bei Anette stehen und beantwortet ihren traurigen Blick, als die anderen grinsend weiter durch den Flur segeln.
4. Kapitel
Josefin arbeitet in der Porzellanabteilung in einem der großen Warenhäuser. Sie wäre lieber in der Herrenkonfektion oder wenigstens beim Sport. Die Kunden in der Porzellanabteilung bestehen zum größten Teil aus älteren Damen, die schweigend zwischen Vasen, Servicen und Glasnippes umhergleiten. Josefin hat die Hoffnung aufgegeben, dass jemals ein Mann dorthin kommen könnte, auf jeden Fall keiner im richtigen Alter. Ihre beiden älteren Kolleginnen, Agneta und Bodil, fühlen sich pudelwohl und Josefin betrachtet sie mit einem gewissen Schrecken, wenn sie so in ihren Warenhauskitteln umhertrippeln und es sich zwischen Kristallvasen gemütlich machen, mit zufriedenem Eifer die Vitrinen polieren und nach Kaffee riechen, wenn sie über die Unwichtigkeiten des Lebens plaudern. Josefin hört lieber Radio, die Ohrstöpsel werden von den Haaren bedeckt.
»Die beiden bitte!«
Josefin dreht sich um und zieht die Stöpsel raus. Wider Erwarten steht auf der anderen Seite des Tresens ein süßer Junge, der zwei Frühstücksbecher bezahlen will, aber an ihm hängt natürlich ein Mädchen, offensichtlich seines. Ihre Hände bewegen sich über seinen Körper, sie küsst ihn auf den Hals, leckt ihn am Ohr und er bewegt seine ebenso eifrigen Hände über ihren Körper. Um den Porzellantresen blüht es geradezu vor Verliebtheit und Geilheit! Josefin nimmt mit Abscheu die eklig romantischen Frühstückstassen entgegen, wickelt sie in Papier ein und versucht das wilde Geknutsche nicht zu sehen. Sie küssen sich mit offenen Mündern, es ist der längste Kuss der Welt, direkt vor ihren Augen!
»Hundertvierzig Kronen, bitte«, sagt Josefin kurz.
Er wacht auf und schaut Josefin mit erstauntem Gesicht an, als wisse er nicht mehr, wo er ist.
»Warte, wie bitte, noch mal!«
Jetzt beißt das Mädchen ihn in die Wange und flüstert: »Noch mal!«
»Hundertvierzig«, wiederholt Josefin kalt.
Der Typ sucht nach seiner Brieftasche, aber das Mädchen angelt sie aus seiner engen Hose. Sein Hemd steht jetzt offen und Josefin sieht, dass eine Strähne wolligen Haars aus der Jeans wächst, und die beiden versuchen zusammen, eklig schmusend, das Geld herauszuholen. Josefin nimmt das Geld entgegen und gibt ihm die Tüte mit den Tassen und dann verschwinden sie endlich, ineinander verschlungen, als ob sie jeden Moment anfangen würden zu ...
»Nein, waren die verliebt!«, ruft Agneta aus und schaut ihnen mit glänzenden Augen nach.
»Widerlich«, sagt Josefin und nimmt sich das Glasputzmittel, um von diesem liebesdunstigen Ort verschwinden zu können.
»Was man sich heutzutage alles erlauben kann!«, gurrt Bodil.
»Ausgerechnet hier. Und auch noch so!!!«, keift Josefin empört.
»Zu unserer Zeit durfte man sich in der Öffentlichkeit kaum an der Hand halten!«, sagt Bodil.
»Auf die Straße spucken, das durfte man, aber küssen ...!«, schnurrt Agneta.
»Widerlich!«
Josefin geht schnell zu den hübschen Kunstgläsern, hier wird sie bleiben und putzen und sprühen, damit sie keine knutschenden Paare mehr abkassieren muss. Sollen das doch die Tanten machen.
Sie reibt mit Feuereifer an den schönen Gläsern herum und denkt, ihr Schicksal wird es wohl sein eine alte Jungfer zu werden. Vor lauter Selbstmitleid kommen ihr fast die Tränen, als sie eine Männerstimme hinter sich hört.
»Entschuldigung, ich möchte etwas fragen.«
Das muss ein Rentner sein. Aber als sie sich umdreht, steht da ein attraktiver Mann, vielleicht Mitte dreißig. Zu alt für sie, aber seine Erscheinung macht sie dennoch ein bisschen nervös. Er ist elegant, aber nicht herausgeputzt, gut gekleidet, aber nicht snobbig. Er verströmt so viel weltgewandte Männlichkeit, dass sie verlegen wird. Er schaut sie mit neugierigen, dunklen Augen an.
»Guten Tag«, sagt sie.
Das war falsch. Ein überraschtes Lachen glitzert in seinen Augen.
»Oder soll ich vielleicht jemand anders fragen?«
Er tritt auf sie zu, ohne sie aus den Augen zu lassen. Wie können die Schritte eines fremden Mannes über den alten, wohl bekannten Fußboden des Warenhauses plötzlich in ihrem ganzen Körper zu spüren sein? Jetzt steht er vor ihr, ganz nah. Sein Trenchcoat ist offen, seine ganze Gestalt wirkt offen. Eilig steckt sie die Sprühflasche und den Lappen in die Tasche und schaut ihn so natürlich an, wie sie nur kann.
»Womit kann ich dienen?«
»Ich suche eine Sauciere.«
»Aha!«, ruft sie aus, viel zu schnell, denn im nächsten Moment muss sie fragen, was das ist.
»Ein Geschirr für Soße«, erklärt der Mann.
Josefin ist verlegen.
»Ja klar!«, rattert sie schnell.
Um zu verbergen, dass ihre mentale Konstruktion offenbar einen fundamentalen Fehler enthält, setzt sie einen eleganten Gesichtsausdruck auf und macht eine zielsichere Geste mit dem Arm, um ihm den Weg zu den Saucieren zu zeigen. Aber die Geste ist schlecht gezielt. Sie wischt mit dem Arm all die hübsch aufgestellten Kunstgläser und Vasen, die sie gerade geputzt hat, herunter, sie fallen splitternd und mit ohrenbetäubendem Krachen zu Boden.
In der Abteilung erstarrt jegliche Bewegung. Josefin versucht die sie anstarrenden Kunden anzulächeln, als ob sie alles unter Kontrolle hätte, obwohl ihr die Tränen in die Augen steigen. Auf dem Boden liegt ein halber Jahreslohn.
»Manchmal passieren große Dinge und man hat eigentlich keine Ahnung, wie es passiert ist«, sagt der Mann tröstend.
»Ja«, flüstert sie.
»Es ist wie Magie ...!«, sagt er. »Ich sage nichts«, flüstert er wie in heimlichem Einvernehmen. »Da lang?«
Sie schaut ihn an. Meint er es ernst? Er nickt ihr bestätigend zu. Sie holt Luft und klettert über die zerbrochenen Gläser, er folgt ihr zu den Vitrinen mit den Services. Sie versucht sich zu konzentrieren.
»Du arbeitest noch nicht sehr lange hier, nicht wahr?«, fragt er, während sie ihre Augen über das Porzellan flitzen lässt, auf der Jagd nach einer Sauciere.
»Nee. Wie wäre es mit dieser?«, fragt sie und versucht formell zu bleiben. Er scheint nicht mehr interessiert.
»Ich weiß nicht«, sagt er und hebt die Schultern. »Es ist für meine Schwester.«
Also nicht für deine Frau?, denkt Josefin.
Er lässt den Blick über die Soßenkännchen wandern, zwischendurch wandern seine Augen zu ihr. Sie spürt das. Und sie spürt, dass er gut riecht. Nicht nach altem Knacker, aber auch nicht nach einem Jungen, der zu viel geduscht hat aus lauter Angst vor dem eigenen Schweiß, sondern ... nach Mann?! Es ist ein Mann von Welt, höflich aber neugierig, amüsiert aber wohlerzogen zurückhaltend.
»Das ist nicht der richtige Job für dich, das hier«, sagt er.
»Aber ich bin sonst nicht so ungeschickt!«, verteidigt sie sich.
Seine Pupillen weiten sich, als er sagt: »Das habe ich auch nicht geglaubt.«
Zusammen mit seinem Blick bekommen seine Worte eine Doppeldeutigkeit, die Josefin wesentlich mehr locken, als es ihr lieb ist.
»Ich werde hier nicht bis ans Ende meines Lebens bleiben«, sagt sie und schaut schnell wieder auf die Porzellanservices.
»Das wäre auch schade«, sagt er zerstreut und die Doppeldeutigkeit ist weg.
Die Gedanken schießen durch sie hindurch wie Pfeile und sie denkt, wahrscheinlich überinterpretiert sie alles, so lächerlich sensibel wie sie für das kleinste männliche Signal ist.
»Und wie wäre es mit dieser?«, sagt sie professionell und hält eine Sauciere hoch. »Sie hat ein ganz süßes ...«
Sie streicht mit dem Finger über den Ausguss der Sauciere und er betrachtet sie gedankenverloren.
»... Schnäuzchen, oder wie es heißt«, sagt sie.
Sie errötet. Das war dumm. Verdammt dumm und albern!
»Es gibt nicht für alles Wörter«, sagt er einfach und ihre Blicke treffen sich ein wenig zu lange, aber als ihr Herz zu schlagen beginnt, sagt er: »Du, ich nehme die. Kannst du sie einpacken?«
Auf dem ganzen Weg zurück zur Kasse spürt sie seinen Blick im Rücken. Sie sehnt sich danach, hinter dem Tresen Schutz zu finden. Die Prozedur des Bezahlens läuft normal ab, Josefin gelingt es, die Ruhe wieder zu finden. Aber als sie die Sauciere einwickeln will, sind die Kartons nicht an ihrem Platz! Mit wilden Augen starrt sie auf das leere Regal. Dann sucht sie in einem anderen, wo nie Kartons sind, und da sind auch keine. Sie sucht auf noch einem Regal. Auch nichts. Der Schweiß bricht ihr aus. Er wartet.
»Es tut mir Leid, ich kenne mich hier nicht so gut aus«, sagt sie entschuldigend. »Haben Sie es eilig?«
»Nein, nein«, antwortet er. »Und ich bin auch nicht ›Sie‹.«
»Also du. Hast du es eilig?«
Er schüttelt den Kopf. Wieso fühlt es sich plötzlich so intim an, »du« zu sagen. Alle sagen doch »du« zueinander. Jetzt hat sie fast das Gefühl, als würde sie ihn mit dem kleinen Wort berühren. Plötzlich findet sie die Kartons, da wo sie hingehören. Sie nimmt einen und faltet ihn mit nervösen Händen zusammen. Es geht überhaupt nicht so glatt wie sonst!
»Manchmal habe ich alle Zeit der Welt«, sagt der Mann beruhigend und sie seufzt erleichtert, erstaunt darüber, was ihr Körper alles verrät, obwohl sie sich bemüht es zu verbergen. Sie wirft einen Blick auf ihn und reagiert gegen ihren Willen darauf, dass sein Hemd am Hals offen steht. Sie zieht schnell an der Rolle mit dem Geschenkpapier, die Rolle dreht sich von alleine und plötzlich steht sie mit mehreren Metern Geschenkpapier in der Hand da.
»Tut mir wirklich Leid«, stöhnt sie gestresst.
»Macht nichts. Nicht immer hat man an einem normalen Dienstag so viel Spaß.«
Ein Lächeln spielt in seinen Augen. Sie nimmt eine Schere und schneidet ein Stück Papier ab und will den Karton einschlagen.
Aber jetzt reicht das Papier nicht! Es bleibt ein Spalt! Sie ist jetzt an dem Punkt, dass sie schreien, heulen, treten will – egal, was!
»Das macht nichts«, sagt er beruhigend. »Nimm ein bisschen Tesa.«
Er hält mit dem Finger das Papier über dem Karton fest, sie sieht, dass er feine Hände hat, mit erhöhten Adern auf dem Handrücken und verstreuten dunklen Haaren, die aus dem Ärmel hervorkommen. Sie spannt das Tesa über den Spalt und ihr wird klar, dass sie seine Hände berühren muss, als sie sich mit dem Klebeband nähert. Sie wirft ihm einen Blick zu, er schaut jedoch nur auf das Paket. Seine Wimpern sind lang und gebogen. Ihre Hände berühren flüchtig die seinen, sie spürt die Haare auf seinem Handrücken. Wie kann die Haut nur so empfindsam sein?
»Danke«, sagt sie erleichtert, als es endlich fertig ist.
»Ich werde das hier nie vergessen«, sagt er beinahe scheu.
»Ich auch nicht«, antwortet Josefin, erstaunt über ihre Aufrichtigkeit.
»Schlägst du auch Porzellan kaputt, wenn du im Restaurant bist?«
»Nein?!«
»Darf ich dich mal anrufen? Wir könnten mal zusammen zu Mittag essen«, sagt er und gibt ihr eine Visitenkarte. Sie starrt ihn an. Er beugt sich zu ihr und sagt leise in ihre Haare: »Aber dann gehen wir woanders hin, nicht?«
Sie lächeln einander an, das Lächeln kommt so schnell und ist so strahlend, als ob beide es von Anfang an zurückgehalten hätten.
»Josefin! Was ist passiert?«
Agneta kommt aus der Kaffeepause und kurz darauf kommt auch Bodil mit der Hand auf der Brust und offenem Mund angelaufen, gemeinsam starren sie kaffeeriechend auf die zerbrochenen Gläser zu ihren Füßen.
»Es ... es war ein Unglück!«, stottert Josefin, wird jedoch von dem Mann unterbrochen, der sagt: »Ich habe alles gesehen. Er ist weggelaufen. Er schien völlig verrückt zu sein!«
Er lächelt Josefin schief an und sagt leise »tschüss« und verschwindet.
Sie liest seine Karte. Er heißt Carl Juxom. Er ist Anwalt und sein Büro liegt in einer der teuersten Straßen der Stadt.
Den restlichen Tag über verbringt Josefin damit, in ihrem Inneren zu wiederholen, was passiert ist, Wort für Wort, Bewegung für Bewegung. Was ist denn eigentlich passiert? Was wollte er? Wer ist er? Und die Erinnerung an seine Blicke und sein Lächeln schießt kleine Pfeile durch ihren Körper.
***
Ella sitzt im milden Schatten einer Akazie. Manchmal spiegelt sich das Licht vom Pool in ihren Augen. Hinter ihr das Meer, dekoriert mit verstreuten Yachten.
Ella ist trotz allem sehr natürlich. Sie ist nicht besonders aufgemacht, wie man es von der Frau, die sie ist, vermuten könnte. Nein, ungeschminkt und unfrisiert sitzt sie hier und lässt sich interviewen.
»Ich möchte so sagen ... eigentlich ist es ganz einfach. Gebrauche deinen Verstand. Sei mutig genug ihn zu gebrauchen! Wage es, einen eigenen Weg zu gehen! Das ist absolut nicht der einfachste Weg, aber auf Dauer der einzig richtige. Das ist das Geheimnis meines Erfolgs.«
Sie hört interessiert der Frage des Reporters zu und nickt bedauernd.
»Ja, genau, wenn ich an meine Schulkameraden von damals denke, so haben alle den klassischen Fehler gemacht das Leben nicht ernst zu nehmen! Was haben sie gemacht? Sich in Tagträumen verloren! Und was für Träumen! Du lieber Gott! Sie glaubten, sie würden entdeckt werden und damit wäre die Zukunft gesichert! Und womit haben sie sich beschäftigt, während sie auf das Wunder warteten? Mit ihrem Aussehen und den Jungen! Wie viele Stunden haben sie nicht vor dem Spiegel zugebracht? Unendlich viele. Das ist infantil!«
Ella empfindet aufrichtiges Mitleid mit ihren ehemaligen einfältigen Klassenkameradinnen, die jetzt ihre Höhepunkte beim Ausverkauf erleben, Martina und die anderen. Jetzt lauscht sie dem Journalisten mit fotogen schräg gelegtem Kopf und aufmerksamem, scharfem Blick. Natürlich ist sie wunderschön, aber sie ist auch gescheit!
»Ja, ich bin sehr stolz darauf, heute das Vorbild der Jugend zu sein!«, sagt sie, aber sie nimmt das nicht zum Anlass zu kokettieren, sie steht darüber. Sie will viel lieber die Gelegenheit nutzen etwas Wichtiges zu sagen. Sie schaut direkt in die Kamera, auf ihr bewunderndes Publikum.
»Ich möchte euch sagen, all euch jungen Mädchen, die ihr zuschaut: Hört mit euren Tagträumereien auf! Seid mutig genug euren Verstand zu gebrauchen! Niemand außer euch selbst kann ...«
Da klingelt das Telefon. Die Akazien, der Pool und die Yachten verschwinden zusammen mit dem Moderator im Spiegel und Ella wirft sich auf ihr Bett und antwortet mit ihrer allersinnlichsten Stimme: »Ja, Ella am Apparat ...!«
Es ist wie immer Josefin.
»Ich habe einen kennen gelernt.«
»Tschüss, bis dann!«, sagt Ella und legt auf.
Kurze Zeit später treffen sie sich im menschenleeren Spielpark.
»So hat er mich angeschaut!«
Josefin saugt sich mit ihren Augen in Ellas fest und die spürt genau, wie es gekribbelt haben muss. Josefin wiederholt jedes Wort, jede Färbung und Bewegung und manchmal müssen sie vor Aufregung schreiend herumhüpfen. Josefin legt ihre Wange an Ellas, ohne sie zu berühren, nur so nahe, dass man die Wärme der Haut der anderen spürt.
»Darf ich dich mal anrufen ...? Wir könnten mal zusammen ... zu Mittag essen ... Aber dann gehen wir woanders hin ...! Aber wenn er dann anruft, wie soll ich dann sein!? Jetzt glaubt er, dass ich so ein bisschen süß daneben bin, aber das kann ich vielleicht nicht wieder sein?! Und eigentlich will ich geheimnisvoll sein. Unerreichbar. Damit ich nicht so viel reden muss. Ich möchte nicht zu kindisch wirken.«
»So musst du aussehen!«
»Wie habe ich ausgesehen?«
»Du hattest einen ganz tollen Gesichtsausdruck. Nachdenklich! Irgendwie ›sie hat ein Geheimnis‹.«
»Wie habe ich ausgesehen?«
»Als du sagtest: Ich möchte nicht zu kindisch wirken.«
Josefin versucht sich zu erinnern, was sie gefühlt hat, als sie das sagte.
»Ich möchte nicht zu kindisch wirken«, übt sie, bis Ella sie anschnaubt.
»Meinst du, er hat vielleicht einen Freund, für mich? So etwa fünf Jahre älter. Das wäre gut«, sagt Ella.
»Fünf Jahre älter?«, fragt Josefin und verzieht das Gesicht.
»Du hast doch gesagt, er sei erwachsen?!«
Erwachsen ist man, wenn man über zwanzig ist, also ist er wohl zweiundzwanzig-dreiundzwanzig, gerade recht. Aber Josefin schaut verlegen drein.
»Ist er fünfundzwanzig?«, fragt Ella.
Josefin antwortet nicht. Wen hat sie eigentlich kennen gelernt? Ella hält die Schaukel an und fixiert sie ernsthaft: »Ist er fünfundzwanzig?«
Josefin schweigt.
»Ist er achtundzwanzig? Dreißig?«
»Naajein«, antwortet Josefin ausweichend und schaut zu Boden.
»Ist es ein alter Knacker???«
Die Enttäuschung hat sich in Ekel verwandelt. Josefin schweigt! Dann ist es ein alter Knacker! Mit faltigem Hals! Hängebauch! Schweinischen Händen! Gierigen Augen! Ella keucht, nicht nur aufgeregt, sondern völlig außer sich. Das hätte sie nie geglaubt! Das ist völlig hysterisch! Pathetisch! Tragisch! Widerwärtig ganz einfach. Es wird einem übel.
»Ist er fünfunddreißig?«
Jetzt muss Josefin fast lachen. Sie klatscht Ella auf den Arm und wirft den Kopf zurück und lacht aus vollem Hals, dass Ella so etwas Furchtbares glauben konnte!
»Sag, dass er nicht fünfunddreißig ist ...?«, bittet Ella.
»Vielleicht sechsunddreißig?«, schlägt Josefin vor.
Da ist es ja kein Wunder, dass er sie mit Saug-Blick anschaut und sie einlädt! Und Ella hat sich verzaubern lassen von Josefins Beschreibung von einem alten geilen Bock von sechsunddreißig Jahren!
»Es ist ein alter Knacker!!!«, jammert Ella und möchte spucken.
Josefin schaut sie entschuldigend an, aber in Wirklichkeit scheint es ihr überhaupt nichts auszumachen.
Es ist schrecklich.
Als Ella kurze Zeit später im Aufzug steht, versucht sie wenigstens vom Spiegel Zustimmung zu erlangen.
»Ich habe sie gewarnt!«, sagt sie. »Aber sie hat nicht auf mich gehört! Sie war so jung und dumm! Das Schlimmste ist, dass sie so alt und müde geworden ist! Ihr Leben ist zerstört! Sie muss ihn im Rollstuhl spazieren fahren. Er erkennt sie ja nicht einmal wieder. Geld?! Ha! Sie war doch nur seine Geliebte!« Sie drückt sich an den Spiegel und schluchzt: »Sie war so positiv und fröhlich, als sie jung war! Und jetzt ... eine gebrochene Frau! Ich habe es ihr gesagt. Pass auf, habe ich gesagt. Aber wenn das Blut in Wallung gerät ...!«
Der Aufzug ruckt. Sie macht die Tür auf, geht in die Wohnung, knallt die Tür zu und verschwindet in ihr Zimmer. Ein alter Knacker! Man könnte weinen!
5. Kapitel
Die ersten Regentropfen, die den Herbst verkünden, schlagen sich leise an Josefins Fenster nieder. Erst ist es so wenig, dass man es nicht merkt. Aber kurze Zeit später liegt ein dünner Schleier von Feuchtigkeit über der Scheibe, die Tropfen werden schwerer und trommeln gegen die Scheibe. Josefin öffnet die Augen. Es ist Abend geworden. Das Zimmer liegt im Dunkel.
Ein Mann, jung und stark, mit glänzender Haut, singt in ihren Ohren Liebeslieder. Er wimmert, er schreit. Seine Stimme und seine Worte streicheln sie, heben sie hoch, aber nur, um sie dann wieder in die Realität fallen zu lassen, die Leere und Stille.
Zu ihren Füßen im Himmelbett liegen Zeitschriften, die Antworten auf alle Fragen haben, den Schlüssel zu den Geheimtüren des Lebens, die Losungsworte zu den wunderbarsten Abenteuern. »Für schöne Augen«, »BH’s, die was herzeigen«, »Dein Äußeres verrät alles« und »In kurzer Zeit den Po formen«. Auf dem Boden, außerhalb der Himmelvorhänge, liegen ungeduldig gelesene Bücher und sorgfältig geschriebene Tagebücher und irgendwo in dem Durcheinander auch das rote Manifest, mit den Lebensregeln in Gold. Platz einnehmen. Zu den eigenen Meinungen stehen. Ziele aufstellen und sie durchsetzen. Das Leben ernst nehmen. Zu lieben wagen.
In ihr ist etwas Großes und Dunkles, das ihr unergründlich vorkommt. Als ob sie selbst daläge, rasend und wild, weil sie eingesperrt ist, nicht verströmt werden darf. Es wird täglich schlimmer.
Als sie noch klein war, konnte sie zu Mama auf den Schoß klettern, wo die Welt geschaukelt wurde. Sie konnte die Arme um ihren Hals legen und die Nase in ihr Haar stecken und Helen hielt sie ganz fest und flüsterte ihr tröstliche Dinge ins Ohr, bis der Sturm sich gelegt hatte und die Welt wieder offen und hell dalag, darauf wartete, dass sie wieder hineinlief und sie sich aneignete. Aber heute, womit sollte Helen sie heute trösten? Dass alles vorübergeht? Dass alles gut wird? Das weiß man nicht. Wie kann man wissen, ob das Leben gut wird, bevor man sich überhaupt ins Leben hinausgewagt hat? Wie soll man wissen, ob man jemanden treffen wird, den man lieben kann? Woher soll man wissen, dass alles gut wird, wenn man nicht weiß, was man machen soll, wohin man gehen soll, wer man sein soll?
Wenn sie nicht im Wohnzimmer an den Eltern vorbeigehen müsste, würde sie zu den kleinen Geschwistern gehen und sich zwischen sie in deren großes Doppelbett legen. Sie würde daliegen, ihrem ruhigen Atem lauschen, einen weichen Arm auf dem Bauch spüren und selbst allmählich einschlafen. Stattdessen steht sie aus dem Bett auf, schiebt die Himmelvorhänge beiseite, geht im Dunkel durch ihr wohlvertrautes Zimmer und lässt das Rollo herunter.
Auf der anderen Seite, im Haus gegenüber, liegt Ella in ihrem Bett und hört die gleiche Musik und sieht den gleichen Regen gegen das Fenster trommeln und in verschlungenen Bächen die Scheibe herablaufen. Vielleicht ist so das Leben, denkt sie, wie der Weg der kleinen Tropfen über die Glasscheibe.
Kajsa sitzt auf dem Sofa, sie hat die Beine hochgezogen und schaut fern. Ella spürt, dass ihre Mutter sich einsam fühlt.
Ungeduldig wünscht Ella sich, dass endlich etwas passiert. Sie muss hinaus! Hinaus ins Leben, in die Welt! Und sie muss sich gegen Kajsa stemmen, sie zurückhalten, um selbst weiterzukommen. Als sie noch klein war, konnte sie in den Augen ihrer Mutter Freudenlichter entzünden, aber jetzt, vielleicht weil sie in einem erwachsenen Körper ist, sieht sie eher Wehmut. Und Erstaunen, als ob es merkwürdig sei, dass sie groß geworden ist.
Ella muss eine Wand des Schweigens zwischen ihnen herunterlassen. Irgendetwas in ihr verlangt nach Abgeschiedenheit und Stille. Ruhe. Einer geschlossenen Tür. Kajsa nennt das den »Dornröschentraum«. Aber Ella will nicht von einem Kuss aufgeweckt werden, sie will von allein aufwachen.
Als Ella am nächsten Morgen in die Schule geht, regnet es immer noch. Kajsa jammert über den vielen Regen, aber Ella mag ihn. Der Regen macht sie ruhig. Er enthält keinerlei Erwartungen. Und wenn man durch den Regen geht, wird man fast ein Teil davon.
Sie geht in schnellem Tempo zur Schule, als plötzlich jemand zu ihr unter den Schirm schlüpft. Es ist Odin.
»Entschuldige, ich habe Angst, meine Frisur könnte Schaden nehmen«, sagt er und drückt sich an Ella, um unter dem Schirm Platz zu haben. Sie wünscht sich, ihr würde etwas Witziges einfallen, aber es kommt nichts. Er lächelt sie an und sieht munter aus.
»Ich bin ein bisschen zu groß. Störe ich?«
»Nein«, sagt Ella und er legt seine Hand direkt über ihre an den Griff und hebt den Schirm ein wenig. Er drückt sich noch enger an sie, kuschelt sich ein bisschen zusammen und sagt so schmusig, dass er kleine Fältchen auf der Nase bekommt: »Was haben wir es gemütlich!«
Ella lacht, aber im nächsten Moment fragt sie sich, ob er wohl zu allen Mädchen so süß ist, um zu testen, welche Wirkung er auf sie hat.
»Ich habe so ein Gefühl, als ob wir unterwegs wären«, sagt er dann in einem ganz anderen Tonfall. »Stell dir vor, wir würden einfach davongehen. Hinaus! Weg! Jetzt ...!«
Sie würde gern etwas sagen, etwas, womit sie verbergen könnte, dass sie berührt ist.
»Wie heißt du?«, fragt er im gleichen leichten Ton wie am Anfang.
»Ella«, antwortet sie.
»Odin.«
Sie tauschen einen Blick. Am Himmel entlädt sich ein gewaltiger Donner und der Regen schüttet herab.
»Komm, wir laufen!«, ruft er und läuft mit dem Schirm davon. Sie kommt nicht nach. Sie ärgert sich und wird patschnass. Er wartet unter dem Vordach der Schule auf sie und lächelt, dass die Grübchen in seinen Wangen spielen, als sie endlich tropfnass ankommt.
»Der Regen macht die Mädchen richtig hübsch!«, sagt er und reicht ihr den Schirm, und obwohl sie sich ärgert, freut sie sich. Aber sie kann immer noch nichts erwidern.
Sie schauen sich einen Moment an, dann läuft er in die Schule.
***
Heute haben alle Schüler das gleiche Ziel und Ella läuft Odin hinterher, aber sie verliert ihn im Gewimmel. Die Aula ist schon voller Schüler und Lehrer. Ein bekannter Referent, der Vorträge hält, ist eingeladen worden und soll den armen Kindern, die sich so leicht in der Welt verirren, etwas erzählen. Solche Veranstaltungen sind deshalb unterhaltend, weil das ganze Gymnasium versammelt ist und man sich gegenseitig in aller Ruhe inspizieren kann.
Martina und die anderen gehen hinein und setzen sich in eine Bankreihe, und wenn Ella ein bisschen fixer gewesen wäre, hätte sie es auch noch geschafft. Aber jetzt ist kein Platz mehr und sie muss sich in die Reihe dahinter setzen, und plötzlich kommt Anette und sorgt schnell dafür, dass sie neben Ella zu sitzen kommt. Sie scheint Ella als Verbindungsglied zum Zentrum ausersehen zu haben. Das stört Ella. Es besteht die Gefahr, dass Anette Ella aus dem Zentrum wegzieht.
Auf der Bühne sitzt der Referent, ein nicht mehr junger Mann mit kahler Stirn und dünnem Pferdeschwanz.
»Zu sein«, sagt er feierlich. »Im Jetzt zu sein. Zu sein. Jetzt. Jetzt ist jetzt, aber das Jetzt, das ich meine, ist schon da. Deshalb sage ich: Du sein! Jetzt! Miteinander in Kommunikation treten!«
Er streckt die Arme vor der Brust aus und zieht sie ein paar Mal an sich, vor Selbstgefälligkeit überschäumend. Anette rückt näher an Ella heran und fragt, ob sie zu Martinas Fest gehen wird. Ella nickt kurz und Anette sagt, dann würde sie auch kommen. Ella verzieht den Mund und rückt ein Stückchen ab.
»Du ...«, flüstert Anette. »Ich möchte ... ich wüsste gerne ...«
»Was denn?«, flüstert Ella gereizt zurück.
»Es ist eine heikle Sache.«
»Ich sage nichts«, antwortet Ella und sie fragt sich, warum sie Anette ermuntert, anstatt sie kalt abzuweisen, wie Martina es tun würde.
»Was mache ich für einen Eindruck?«, fragt Anette so leise, dass Ella es kaum versteht.
»Wie bitte?«
»Also, ich meine, ich ... ich bin nicht ... nicht so interessant. Bei mir passiert noch nicht so viel. Nicht wie bei euch.«
Ella hört zu. Nein, natürlich passiert nichts. Anette ist schließlich Anette. Ella antwortet beruhigend.
»Das ist bloßer Zufall. Dass man zur rechten Zeit am rechten Ort ist.«
»Meinst du?«
Ella nickt beruhigend und Anette rückt noch ein bisschen näher und flüstert: »Es hat also nichts mit mir zu tun?«
»Natürlich nicht!«
Anette streckt lächelnd den Rücken.
»Dann gehe ich auf das Fest!«
Der Referent bewegt sich langsam über die Bühne. Seine festen Schuhe knallen auf den Boden, er streckt das Bein lang vor sich und zieht dann den Körper hinterher. Es sieht aus, als wolle er jemanden nachmachen.
»Allein zu sein! Gesehen zu werden. Dass jemand zuhört. Deinen Gedanken zuhört.«
Er stellt sich breitbeinig auf die Bühne, die Hände in der Seite, und mustert sein Publikum.
»Du weißt, wie wichtig das ist. Alle Dus, die hier sitzen. Man wird jemand, indem man gesehen wird. Durch einen Blick geboren zu werden ... oder nie jemand zu werden.«
Anette flüstert Ella zu: »Aber wie soll ich denn sein? Auf dem Fest!«
»Sei du selbst!«, antwortet Ella gereizt. Was für eine Frage! Ist doch selbstverständlich!
Anette denkt einen Moment nach, dann sagt sie: »Aber wer ist das?«
Erstaunt trifft sich Ellas Blick mit ihrem und in ihren Augen leuchtet das Licht des Erkennens. Ja, wer ist das wohl? Dieses plötzliche Einverständnis macht sie kichern.
»Deswegen!«, sagt der Referent. »Dass! Jetzt! Du!«
Der Referent zeigt auf einen von Ellas Klassenkameraden, auf Finn. Er spielt versunken mit einem kleinen Magnetschach. Verlegen steckt er schnell das Spiel in seine Tasche und hofft, dass der Referent sonst nichts von ihm will, aber der bittet ihn auf die Bühne zu kommen. Das will er absolut nicht. Aber er kann sich nicht weigern. Das wäre feige. Sein Herz schlägt wild, er bekommt rote Wangen, und als er den Mann begrüßen will, sieht das ganze Auditorium die kleine Geste, mit der er die Hand am Hosenbein abwischt, bevor er sie vorstreckt. Vereinzeltes Kichern ist zu hören.
Der große Mann legt seine schweren Hände auf Finns schmale Schultern und dreht ihn so, dass alle ihn von vorne sehen können. Vor ihm breitet sich ein Meer von Gesichtern aus und Finn hat noch nie so deutlich die Blicke von Menschen gespürt. Und noch nie hat man so ungestört seinen mageren Körper und seinen ängstlichen Blick mustern können und das macht manchen richtig Spaß, vor allem Martina und ihrem Gefolge.
»Alle sehen dich. Wir wissen, dass es dich gibt. Reicht das? Nein!«, brüllt der Referent, sodass Finn zusammenzuckt. »Du musst etwas tun, damit wir reagieren können. Und was?«
Finn steht schweigend und unbeweglich da. Der Referent schaut ihn durchdringend an und Finn kann diesen Vorstoß des Fremden in sein Inneres nicht abwehren.
»Schweigen?!« Der Referent schüttelt seinen Stiernacken. »Nein. Zu schweigen heißt sichtbar zu sein, aber nicht gesehen zu werden. Was wirst du tun? Um Spuren zu hinterlassen? In unseren Augen ein Mensch zu werden?«
Finn ist wie gelähmt. Wenn er nur etwas sagen könnte, einen Scherz machen könnte, jemand sein, dann wäre es vorbei und er wäre frei. Aber aus ihm kommt nichts Scherzhaftes und Selbstverständliches. Es ist eine Grimasse und ein merkwürdig gurgelnder Laut aus der Tiefe des Halses. Anette und Ella sind peinlich berührt davon, diese Erniedrigung mit ansehen zu müssen, aber in der Bank vor ihnen ersticken Martina und die anderen ihr Lachen in den Händen.
Finn schweigt, zittert. Der Referent legt seine schwere Hand auf Finns Schulter.
»Du kannst dich wieder hinsetzen«, sagt er scharf und Finn muss gehen.
»Du bekommst Beifall«, befiehlt die Bestie auf der Bühne.
Finn schleicht unter mattem Beifall zu seinem Platz.
»Wie ihr versteht«, fährt der Referent fort. »Gesehen zu werden, wie unser Freund hier, ist nicht das Gleiche wie sichtbar zu sein. Alle sind sichtbar. Aber? Gesehen – zu – werden! Platz – einnehmen!«
Da hebt Odin die Hand.
»Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann geht es darum, Platz einzunehmen?«
Der große Mann nickt und antwortet väterlich: »Du hast mich richtig verstanden.«
»Dass jemand zuhört?«, fährt Odin fort. »Deinen Gedanken zuhört.«
»Ja«, nickt der Referent und sieht aus wie eine Zigarettenreklame.
»Ich habe gelesen, dass es eine Form von Sadismus gibt, die darin besteht, dass man seine Umgebung mit einem Haufen Gelaber zu beherrschen versucht«, fährt Odin fort. »Den Leuten die Zeit stiehlt.«
Die Schüler werden munter und vereinzeltes Lachen ist zu hören. Dem Referenten gelingt es nicht, eine Antwort zu formulieren, bevor Odin fortfährt: »Wie viel kostet das hier? Wie viel verlangst du?«
»Was? Nein, also ... also, sollen wir weitermachen oder persönlich werden?«, fragt der Referent.
»Persönlich werden«, antwortet Odin. »Ich stehe gerade mit dir in Kommunikation.« Odin ahmt die Armbewegungen des Referenten nach und das Kichern der Schüler geht in lautes Gelächter über.
»Wie viel verlangst du?«, fragt Odin.
»Du, du ... das, das ... ich, ich. Wenn man es auf jeden Einzelnen umlegt, inklusive dich, dann kann ich dir verraten, dass es sich um Peanuts handelt! Es ist meine Berufung, Land auf und Land ab zu reisen und mich heiser zu reden vor euch, die ihr im Begriff steht den Sprung in die Zukunft zu wagen ...«
Odin unterbricht ihn.
»Danke vielmals, aber ich glaube nicht, dass wir dich brauchen!« Er steht aus Protest auf und geht stolz durch den Mittelgang der Aula auf den Ausgang zu.
»Verdammter Abzocker!«
Die Schüler brüllen und pfeifen vor Begeisterung, trampeln und klatschen. Anettes Augen leuchten, als Odin an ihr vorübergeht. Er ist wunderbar! So wahrhaftig!
»Du liebe Zeit, ist der sexy!«, stöhnt Martina in der Bank davor.
»Was für ein Hintern!«, sabbelt Teres.
Die Tür schlägt zu und Odin ist draußen. Ein Rauschen geht durch den Raum. Die Lehrer versuchen die Schüler zu beruhigen, der Referent knetet seinen dünnen Pferdeschwanz, spannt die Brust und fährt fort.
»Wo war ich stehen geblieben? Ja. Du! Jetzt!«
6. Kapitel
Kajsa hört Ella kommen und beeilt sich, und als Ella im Flur die Schultasche fallen lässt, kann sie gerade noch das braune Packpapier hinter den Fernseher schieben und den Sessel perfekt ausrichten, bevor Ella ins Wohnzimmer kommt. Dann sagt sie:
»Ich habe einen Sessel gekauft!«
»Ich gehe heute auf ein Fest!«
Sie starren einander an, Kajsa denkt an die Chips und das Video, das sie ausgeliehen hat, und kann ihre Enttäuschung nicht verbergen.
»Wie nett!«, sagt sie und versucht fröhlich zu klingen. »Zu wem?«
»Martina.«
»Wie nett, Ella!«, sagt Kajsa und blinzelt Ella freundlich zu und sie denkt, sie muss sie nach dem Fest fragen, zum Beispiel, was Ella anziehen wird, oder wer alles kommt – egal was, damit Ella weiss, dass sie nicht an Chips und das Video und die Mama zu Hause denken muss.
»Sollen wir ihn behalten oder nicht?«, fragt sie, überrascht über ihre eigenen Worte, und Ella weiß genau, was das bedeutet. Das bedeutet nämlich »wirst du freitags mit Josefin auf dem Sofa sitzen und Filme gucken oder nicht?«
»Er ist schön«, antwortet Ella diplomatisch. »... sehr schön.«
Kajsa lässt sich in den Sessel fallen und hopst, aber sie hopst ein bisschen zu heftig und lächelt angestrengt.
»Man kann auch prima drin sitzen! Sollen wir ihn behalten, was meinst du?«, fragt sie und beißt sich in die Zunge.
Ella schaut sie an.
»Meinst du, wir werden ihn brauchen können?«, fährt Kajsa fort und merkt, dass sie jedes Mal, wenn sie den Mund aufmacht, immer weiter auf der Schiene fährt, die sie vermeiden wollte. Sie hopst heftiger in dem Sessel herum, um von dieser Tatsache abzulenken.
»Einen Sessel kann man wohl immer brauchen«, antwortet Ella höflich, aber gedämpft.
Sie will so schnell wie möglich in ihr Zimmer und sich fertig machen.
»Ich verstehe gar nicht, warum ich nicht schon lange einen gekauft habe«, sagt Kajsa weich und streichelt die Armlehne, als wolle sie alles glatt streichen.
Ella geht in ihr Zimmer und zerrt Kleider aus dem Schrank.
»Kannst du nicht ausgehen oder so was? Tanzen?!«, ruft sie.
»Nur weil ich einen Sessel gekauft habe?«, antwortet Kajsa. »Als ob ich nicht auch ohne dich einen Sessel haben könnte!? Ich habe schließlich Freunde. Die können drin sitzen! Du kannst machen, was du willst, habe ich gesagt! Ich könnte zum Beispiel Viveka anrufen, wir haben uns ewig nicht gesehen, das wird bestimmt nett! Ich habe mir immer einen Sessel gewünscht und jetzt ist er da! Es ist wie ein neues Zeitalter. ›Als wir den Sessel kauften!‹ Er muntert auf. Ich brauche keine Aufmunterung!«
Kajsa hopst im Sessel auf und ab und Ella wird vom Klingeln des Telefons errettet. Es ist Josefin.
»Er war wieder da! Wir werden nach der Arbeit ein Glas Wein zusammen trinken!«
»Der Knacker?«, ruft Ella und macht schnell die Tür zu. »Nach der Arbeit ein Glas Wein zusammen trinken!«, sagt Ella höhnisch.
»Hätte ich vielleicht sagen sollen: ›Nee, ich geh mit meiner besten Freundin in die Pizzeria. Wir wollen uns über einer Capricciosa pickelige Jungs angucken.‹ Ich habe mir ein Kleid gekauft. Mit Schlitz«, sagt Josefin.
Josefin sitzt auf dem Badewannenrand, sie hat den Hörer zwischen Wange und Schulter eingeklemmt und seift ihre Beine mit Rasierschaum ein.
»Worüber redet man denn mit so einem?«, fragt Ella skeptisch.
»Keine Ahnung«, antwortet Josefin und schleudert einen haarigen Batzen Rasierschaum in die Badewanne. »Ich werde mir ein paar Themen überlegen.«
Das mit den Haaren ist eklig. Es ist, als ob sie nicht zu ihr gehören würden, als ob es sie beleidigen würde, weil sie aus ihrer Haut herauswachsen. Sie spült den Batzen schnell weg, er löst sich auf und schwimmt herum und verschwindet dann im Abfluss.
»Willst du einen Spickzettel mitnehmen? Was ist deine Lieblingsfarbe?«, zieht Ella sie auf. »Wer ist dein Idol?«
»Hoffentlich kriege ich kein Black-out«, murmelt Josefin und zieht mit dem Rasierer eine Spur im Schaum auf ihrem Bein.
»Hast du Haustiere? Was sind deine Hobbys? Wie wird man Anwalt?«, fährt Ella fort und wird unsicher, ob sie sich lustig macht, weil sie neidisch ist oder weil sie klüger ist als Josefin.
»Was schaut ihr euch heute Abend für einen Film an, du und deine Mutter?«, fragt Josefin tröstend.
»Gar keinen. Ich gehe auf ein Fest«, sagt Ella und zupft ihre Augenbrauen. »Zu Martina.«
»Fest? Ohne mich? Kommen auch Jungs?«
»Vielleicht. Er muss schon ziemlich gebraucht sein, dieser Opa«, sagt Ella bedächtig.
»Bist du neidisch?«
»Nicht auf meine beste Freundin.«
Ella würde sich nie von einem Sechsunddreißigjährigen mit einem Rettungsring über dem Gürtel ausführen lassen! So verzweifelt ist sie noch nicht!
»Übrigens muss er ja gebraucht sein, wenn er Erfahrung haben soll«, knurrt Josefin und trocknet ihre Beine ab.
»Die Frage ist nur, wie gebraucht. Er ist vielleicht geschieden. Vielleicht deswegen.«
»Was heißt ›deswegen‹?«, faucht Josefin und verlässt das Badezimmer.
Aus der Küche kommt der Geruch von Würstchen. Ganz normaler Essensgeruch. Zu Hause ist alles so normal. Helen fragt durch das Brummen der Dunsthaube, ob Josefin wie immer zu Ella geht und Video guckt.
»Wir gehen auf ein Fest«, antwortet Josefin. »Zu Martina.«
»Hör auf! Du spinnst!«, zischt Ella.
»Ja, ja, ja, aber was hätte ich denn sonst sagen sollen?«
Josefin schlüpft in ihr Zimmer, öffnet ihre Schminktasche und verschafft sich einen Überblick über das Make-up. Der Erfolg im Leben hängt von der Verpackung ab. Es kommt auf die Farben an, die Linien, den Lidschatten, Lippenstift und den Eyeliner. Und natürlich die Haare. Vervollständigt durch das Mienenspiel. Und Körpersprache. Und sonst noch was. Wenn man nicht die Verantwortung dafür übernimmt, ist man selber schuld, wenn das Leben misslingt. Man hat die Schuldigkeit, das Beste aus den Gaben zu machen, die man bekommen hat.
»Wie soll ich denn sein? Kühl, elegant, leidenschaftlich? Mystisch?«
»Selbstständig, ist doch klar!«, sagt Ella und zwickt sich mit der Pinzette in die dünne Haut an der Augenbraue.
»Aber ist das attraktiv?«, grimassiert Josefin und drückt sich getönte Creme in die Hand.
»Er will schließlich keine dumme Gans haben, oder?«
»Das bin ich nicht.«
»Das glaubt er bestimmt.«
»Und warum?«, faucht Josefin.
»Weil du zugesagt hast!«
Josefin zwängt sich in die Schlangenhaut mit Schlitz. Sie bekommt das Kleid fast nicht über die Hüften und sie muss vorne am Schlitz ziehen, damit das Dunkel zwischen den Schenkeln nicht allzu deutlich wird.
»Du meinst also, ich könnte für ihn nicht interessant sein?«
»Natürlich kannst du das, die Frage ist nur, ob er das weiß.«
»Ich mache nicht alles mit. Ich bin eine moderne Frau! Wir werden uns nur ein wenig unterhalten!«
»Selbstständig und frei. Opas in diesem Alter haben bestimmt noch nie solche Frauen getroffen. Die glauben das nur«, sagt Ella und schaut sich siegesgewiss im Spiegel an und stellt fest, dass sie noch ein bisschen Mascara braucht.
»Was ist, wenn er es sich anders überlegt? Und feststellt, dass ich langweilig bin?«, stößt Josefin voller Entsetzen hervor.
Sie ist vielleicht langweilig? Dass Ella sie nett findet, bedeutet ja nicht, dass auch andere es finden! Und schon gar nicht ein erwachsener Mann!
»Ich werde ein bisschen lässig sein«, beschließt Ella und zerzaust sich das Haar, damit es nicht so aussieht, als hätte sie sich Mühe gegeben gut auszusehen. Und noch ein wenig Puder auf die Nase.
Josefin bekommt Gänsehaut, obwohl ihr heiß ist.
»Stell dir vor, ich weiß nicht mehr, wie er aussieht?!«
»Und stell dir vor, was für schreckliche Sachen passieren können!«, warnt Ella.
»Er ist schließlich Anwalt!«, bemerkt Josefin.
»Aber wenn man ein bisschen nervös ist und zu Abend isst und versucht charmant und verführerisch zu sein, während man kaut und nichts verkleckern will und gleichzeitig spricht, da kann es leicht passieren, dass man zu viel Luft schluckt, weil man solche Angst hat, und wenn er einem dann später in den Armen liegt und der Bauch im Weg ist, und drückt er sich gegen einen und ...« Ella hüpft mit geschürztem Mund durchs Zimmer, aufgekratzt von all den Peinlichkeiten, die passieren können, und normalerweise hätte Josefin gelacht und sich noch Schlimmeres einfallen lassen.
»So etwas passiert nicht«, sagt sie jetzt trocken.
»Man muss sich mental auf alle Eventualitäten vorbereiten. Und wenn nicht wir über solche Dinge reden können, mit wem sollen wir dann reden?«
»Ich habe keine Lust jetzt über so was nachzudenken«, protestiert Josefin und tuscht aufgeregt ihre Wimpern.
»Es kann einem auch schlecht werden und man muss sich übergeben!«, erinnert Ella und lächelt sich verführerisch im Spiegel an.
»Warum das denn?«, grimassiert Josefin.
»Lebensmittelvergiftung.«
»Nein!«, wimmert Josefin.
»Und dann hat man Popel in der Nase, wenn man den Kopf verführerisch zurücklegt, und man stinkt aus dem kleinen Rosenmund: ›Ich liebe dich!‹«
»Warum musst du so gemein sein?«, fragt Josefin.
»Hast du mal darüber nachgedacht, dass wir alle eigentlich wandelnde Kack- und Kotzpäckchen sind?«
»Du blöde Sozialrealistin!«, protestiert Josefin.
»Findest du, dass ich kindisch bin?«, fragt Ella.
»Vielleicht ein bisschen.«
»Ich möchte nur, dass wir aufhören uns zu sehnen«, seufzt Ella.
»Du erreichst nur, dass ich mich noch mehr sehne«, stellt Josefin fest und knallt ihre Tasche mit dem Ersatz-Make-up zu und verlässt das Zimmer.
Draußen in der Küche dröhnt der Dunstabzug über den Essensgerüchen und die kleinen Geschwister decken den Tisch für einen stinknormalen Freitagabend.
»Oho, oho«, sagt Helen und hebt den Bratenwender. »So möchte man aussehen! Und unsereins kriegt bloß Würstchen!«
Julia läuft Josefin in den Flur hinterher und umarmt ihre Beine. Sie schaut mit glänzenden Augen zu ihrer großen Schwester hoch.
»Du bist so schön!«, flüstert sie. »Du siehst aus wie eine Prinzessin!«
Josefin dreht und wendet sich vor dem Spiegel, selbst überrascht von dem Ergebnis ihrer Bemühungen. Es ist genau wie bei ›Machen Sie das Beste aus Ihrem Typ‹. Ein schickes Kleid, Schminke und ein wenig Frisur – was für ein Unterschied! Sie sieht aus wie eine Frau von Welt! Man sieht überhaupt nicht, dass es nicht stimmt!
»Ella, ich komm jetzt zu dir rüber!«, schreit Josefin ins Telefon, damit Helen es durch den Küchenlärm hört.
Jetzt ist es so weit, jetzt geht sie hinaus in die glitzernde Welt in ihrer neuen Verpackung. Sie holt tief Luft, um sich zu beruhigen. Sie muss selbstverständlich und entspannt wirken, sonst kann sie nicht reden. »Wie wird man Anwalt, was hast du für Hobbys, hast du in letzter Zeit ein gutes Buch gelesen?« Sie läuft mit kleinen Schritten zur Bushaltestelle. Sie ist es gewohnt, lautlos und schnell in Turnschuhen zu gehen, wie eine Katze, aber heute Abend schlagen ihre Absätze laut gegen den Asphalt. Hier komme ich, Josefin, denkt sie und streckt stolz den Hals.
***
Ella drückt auf den EG-Knopf, und sobald der Aufzug sich in Bewegung gesetzt hat, sagt sie laut zum Spiegel: »Hallooo! Natürlich komme ich auch! Aber ihr hättet doch nicht auf mich zu warten brauchen. Aber mein Gott! Hallo! Bist du auch hier?!«
Sie drückt sich dicht an den Spiegel, dass er angehaucht wird, und sagt dann vertraulich und schicksalsschwer: »Ich hatte keine Ahnung, dass es passieren würde. Ich bin hingegangen, weil ich sonst nichts zu tun hatte. Dann stand er vor mir und es wurde der glücklichste Abend meines Lebens. War es Zufall oder Schicksal?«
Sie ist nicht zufrieden. Sie muss eine andere Haltung ausprobieren. Cool wirft sie die Haare über die Schultern, schiebt die Hüften vor und verzieht den Mund schief nach unten.
»Hi! Und sonst? Cool ey! Ich war in meinem ganzen verdammten Leben noch nie so verdammt voll!«
Ella hört auf, als sie bemerkt, dass der Aufzug schon lange hält und eine ältere Dame, ihre eigene Nachbarin, vor dem Aufzug steht und sie anstarrt. Sie geht schnell hinaus.
»Schultheater! Ich bin total nervös!«
Sie läuft zur Haustür. Die Dame starrt ihr hinterher.
»Hauptrolle!«, ruft sie und verschwindet errötend auf die Straße.
Martina wohnt in einem Einfamilienhaus am Vallmovägen. Ihre Familie ist übers Wochenende verreist, sodass sie und ihre Gäste das ganze Haus für sich haben. Ella zupft das Kleid zurecht, räuspert sich und klingelt. Martina öffnet mit einem strahlenden Lächeln, aber in den Augen blitzt ein Schimmer von Enttäuschung, als sie sieht, dass es nur Ella ist. Sie bittet sie herein und schaut gleichzeitig mit einem Auge die Straße entlang, in der Hoffnung, dass Odin und seine Freunde endlich auftauchen mögen.
Martina gibt Ella eine Karte mit einem hässlichen Leguan und erklärt, dass sie, wenn sie sich zu Tisch setzen, nach einem Jungen Ausschau halten muss, der auch eine solche Karte hat. Das sei, damit alle sich kennen lernen und man nicht wieder neben seinen üblichen Freundinnen sitzt. Ella findet das gut, das gibt ihr eine Chance neben Odin zu landen.
Die ganze Klasse ist schon im Wohnzimmer versammelt. Sie stehen mit kleinen Plastikbechern an den Wänden entlang und schauen sich suchend um. Als Ella eintritt, haben sie die Gelegenheit für einen Moment ihre gekünstelten Gespräche zu unterbrechen, um sie anzuschauen. Die gedrückte Stimmung macht sie verlegen. Als sie Hallo sagt, bekommt sie nur vereinzelt heiser Antwort, als ob die Stimmen eingerostet wären.
Die einzigen der Gesellschaft, die sich wohl zu fühlen scheinen, sind Finn und Anette, die nebeneinander auf dem Sofa sitzen. Er erklärt Anette die faszinierenden Geheimnisse des Schachspiels und sie hört ihm mit glänzenden Augen zu. Ella nimmt sich Popcorn und gesellt sich zu ihnen.
»Macht noch Popcorn!«, kommandiert Martina.
»Nicht schon wieder ich! Ich werde so fettig!«, jammert Teres.
»Und die Bowle ist auch alle! Ihr müsst neue machen! Wir dürfen uns nicht zu Tisch setzen, bevor nicht alle Gäste gekommen sind!«, tönt Martina vom Fenster aus.
Paula greift sich die Popcorn-Schüssel und stöckelt auf sehr hohen Schuhen und in tief ausgeschnittenem Kleid davon und Teres folgt ihr mit dem Bowlenkrug, demonstrativ mit den falschen Wimpern klimpernd. Martina saust ins Wohnzimmer und zischt, dass ihre Augen blitzen: »Jetzt seid doch ein bisschen locker! Alle müssen was beitragen! Ich kann nicht allein für die Unterhaltung sorgen!«
Die Gäste schauen beschämt zu Boden und tun ihr Bestes, sich miteinander zu unterhalten und hin und wieder leichtes Lachen von sich zu geben, aber es wird nicht so lustig und ausgelassen, wie Jugendliche immer in Werbefilmen feiern. Als wieder Bowle und Popcorn auf dem Tisch stehen, steht Anette auf und holt sich etwas. Ella leistet ihr Gesellschaft.
»Ich habe ihn bezirzt«, flüstert Anette ausgelassen.
»Sieht so aus!«, lächelt Ella.
Die hungrigen Gäste versammeln sich um die Bowle und das Popcorn, und Finn, der Anette gefolgt ist, bemerkt plötzlich, dass er im Zentrum steht. Jetzt sollte der widerwärtige Referent ihn einmal sehen! Es gibt ihn! Er kann Platz einnehmen! Und zwar, weil er er selbst ist!
»Da fällt mir der kleine José ein! Habt ihr vom kleinen José gehört?«
»Neee!«, sagen alle außer Sofi, die mit heiserer Stimme antwortet:
»Doch, vom kleinen José haben wir schon gehört!«
Alle müssen über ihre Zweideutigkeit lachen und zum ersten Mal an diesem Abend lachen die Gäste. Es ist wunderbar endlich lachen zu können und am allermeisten lacht Anette. Sie lacht so sehr, dass die Bowle ihr aus dem Mund spritzt und den Tisch und ihr Kleid bekleckert. Da fängt auch Finn zu lachen an und die beiden lachen, wie Menschen, die zu lange ihr Lachen in sich getragen haben. Sie lachen zu viel über zu wenig und sie können nicht aufhören, obwohl sie knallrot und außer Atem sind, nur weil es so wunderbar ist, das ganze Wesen mit Lachen zu füllen.
Die anderen erheben nacheinander die Augenbrauen.
Anette beherrscht sich und wirft den anderen scheue Blicke zu, sie stehen da und glotzen schweigend, Finn lacht weiter, glücklich wie ein Vogel am Himmel. Aber als er die Eiseskälte bemerkt, die die Stille um ihn erschafft, beugt er sich schnell über sein Lachen und versteckt es keuchend hinter seinen Rippen.
7. Kapitel
Josefin sitzt unter einer gewölbten Decke mit Kristallkronleuchtern und versucht natürlich auszusehen. Dies ist keine gewöhnliche kleine Kneipe, in der man nach der Arbeit ein Glas Wein trinkt. Nein, hier klappert sie auf ihren hohen Absätzen über glänzende Marmorfußböden, schlanke Kellner in Seidenwesten gleiten mit Drinks vorüber und an den Tischen sitzen Menschen, die vor Selbstsicherheit strahlen, und unterhalten sich. Sie bemüht sich, sich ganz nebenbei aus der Erdnussschale zu bedienen und ihre neugierigen Blicke in Zaum zu halten.
Carl Juxom bestellt an der Bar zwei Gläser Weißwein und Josefin mustert heimlich die anderen Gäste. Sie wüsste gerne, worüber sie reden. Was sagen sie bloß für Dinge, dass die anderen so interessiert zuhören?
Jetzt hat Carl die beiden Gläser in der Hand und kommt zurück. Sie holt tief Luft und versucht ihren Körper wirken zu lassen. Carl setzt sich, stellt die beschlagenen Gläser auf den Tisch und schaut sie an. Er hat freundliche Augen. Dann spricht er. Was für ein Glück, dass er anfängt, denn was sollte sie zu ihm sagen? Sie will nicht sagen, was sie denkt: Ist das toll hier! – So viele Menschen! – Wie schön, hier sein zu dürfen! – Ich war noch nie in so einer Bar! – Wie schön, dass ich nicht in die Pizzeria musste ...
»Wie nett, dass du heute Abend für mich Zeit hast«, sagt er.
»Mhm«, antwortet sie und schlägt die Augen nieder, obwohl sie das eigentlich nicht vorhatte.
»Prost«, sagt er und sie nimmt das Glas mit einer nervösen Bewegung hoch, die elegant hätte sein sollen. Sie konzentriert sich aufs Trinken, damit sie sich nicht auch noch verschluckt.
»Ich könnte mir denken, dass du eine viel beschäftigte junge Dame bist«, sagt Carl, ohne Wein auf die Oberlippe zu bekommen.
Josefin wischt ihren Mund schnell mit dem Handrücken ab, räuspert sich und hofft, dass die Stimme normal klingt, und antwortet: »Es geht.«
»Du bist bestimmt viel beschäftigt ...«
Carl mustert sie, als würde er ihren Wert abschätzen. Es wird still. Eigentlich ist es nur einen ganz kleinen Augenblick still, aber Josefin will schnell etwas sagen, damit es nicht peinlich wird. Sie muss Konversation machen. Einfach. Natürlich.
»Was ... was ... wie ...? Wie find ... findest du ... du ... wenn?« Alle Möglichkeiten drehen sich in ihrem Kopf und schließlich kommt die einzige Frage, die sie nicht stellen wollte, sie drängt sich vor, rast durch das Gedrehe nach vorne und wird schließlich herausgelassen: »Bist du verheiratet?«
Carl zuckt zusammen, fast unmerklich, und antwortet fragend:
»Ja?«
Dann sagt er nichts mehr. Er schaut sie skeptisch an.
»Ich dachte bloß!«, sagt sie rasch.
»Nur zu, genier dich nicht! Frag nur! Ist es denn so wichtig für dich?«
»Nee!«, versichert sie ihm.
»Vielleicht nicht in dieser Situation?«, sagt er mit einer Grimasse.
»Nein!! Finde ich auch! Ich habe es nicht so gemeint!«
»Also, man kann doch wohl zusammen ein Glas Wein trinken gehen ...!«, fährt Carl mit einer Geste fort, die bedeutet, dass sie übertreibt.
»Ja! Nein! Ich dachte nur! Hat keine Bedeutung!«, versichert sie und spürt, wie ihre Handflächen feucht werden, sie legt sie schnell auf den Schoß.
»Und außerdem habe ich drei Kinder«, fährt Carl fort. »Aber die sind zu Hause«, sagt er abschließend und schaut sie amüsiert an. Josefin grinst blöd. Dann ist es still.
Ihm scheint das zu gefallen. Er zieht die Stille in die Länge und heftet seine Augen in ihre, saugt sich an ihren grünen Augen fest, zieht ihren Blick in seine dunklen, glänzenden Augen. Es ist im ganzen Körper zu spüren.
»Rauchst du?«, fragt er und bietet ihr eine Zigarette an.
Er beugt sich über den Tisch und zündet sie an. Sein Blick ist geradeheraus, er schaut in ihre Augen und bringt ihr Herz zum Klopfen! Es ist albern! Sie will das nicht so! Aber es hat sie noch nie jemand so angeschaut. Er lässt das Streichholz brennen, bis es ganz schwarz ist. Instinktiv bläst sie die Flamme aus, ehe sie ihn verbrennt, und da lächelt er.
»Man nimmt ein Haar von einer schönen Frau ...«
Er tut so, als reiße er ihr ein Haar an der Stirn aus. Dann wickelt er das imaginäre Haar bestimmt dreißigmal um die Spitze des Streichholzes und beobachtet dabei ihr Erstaunen.
»Einer sehr schönen Frau«, sagt er und bittet sie das eine Ende des unsichtbaren Haars festzuhalten, während er das andere hält. Sie ist viel hübscher, wenn sie sich entspannt, denkt er und beobachtet ihr belustigtes Gesicht.
»Jetzt ziehen wir! Eins, zwei, drei!«
Beide ziehen an dem Haar, das es nicht gibt, und zu Josefins großer Verblüffung fliegt die Spitze des Streichholzes weg! Sie lacht! Wie lustig er ist! Er lacht auch und sie sieht, wie nette Lachfältchen sich wie ein Fächer auf seinen Wangen ausbreiten. »Magie!«, sagt er und sie erinnert sich, dass er das auch sagte, als sie die Vasen im Warenhaus auf den Boden gefegt hatte. Sie hält lange seinem Blick stand und ist gut gelaunt. Sie mag ihn! Sie lächeln sich eine Weile an, aber da sieht sie plötzlich ein wohl bekanntes Gesicht an der Bar stehen. Ihren Vater! Er steht da und palavert mit Geschäftsfreunden und sie sitzt da im Geschlitzten und trinkt Wein mit einem fremden Mann und ist nicht das kleinste bisschen bei Martina auf dem Fest.
Sie schaut Carl mit plötzlicher Erregung an.
»Müssen wir hier bleiben?«, fragt sie leise und schaut ihm tief in die Augen. Das überrumpelt ihn.
»Schon?«, stottert er, von ihrer Intensität überrascht.
Es ist, als ob etwas sie plötzlich übermannt hätte, etwas, das sie heftig atmen lässt, ihre Wangen zum Erröten und ihre Augen zum Leuchten bringt. Es muss sofort etwas geschehen.
»Ich dachte, vielleicht könnten wir ...«, sie beugt sich zu ihm, er hört eifrig zu und atmet den Duft ihrer runden Schultern ein ...
»Woanders hingehen?!«
»Willst du das wirklich?«, fragt er, fasziniert von ihrer Direktheit.
»Absolut!«, antwortet Josefin. »Und zwar sofort!«
Sie schaut ihm in die Augen, er muss schlucken.
»Mein Büro?«
»Ganz egal!!!«, piepst Josefin ungeduldig, fast flehend.
Carl Juxom wird durchdrungen von dem wunderbaren Gefühl, unwiderstehlich zu sein, er läuft Josefin hinterher, die geschmeidig und geschwind in ihrem engen Kleid nach draußen schlüpft. Die heutigen Frauen wissen wirklich, was sie wollen, denkt er, das ist die Befreiung der Frau. Josefin ist das Ergebnis dieser Befreiung, stark und lebensbejahend, ohne einen Haufen von blödem Getue, durch das man sich hindurchbuchstabieren muss. Er kommt ihr auf die Straße hinterhergelaufen und durch seinen Kopf läuft ganz schnell eine Schlagzeile, die er einmal gesehen hat: »Die Sexträume der schwedischen Teenies«.
»Du bist wirklich eine Überraschung!«, ruft er ihr nach.
Es regnet in Strömen, der Regen lässt keinen Faden trocken, im Wasser, das über die Bürgersteige läuft, spiegeln sich Neonreklamen und Lichter, Gold scheint über die Straßen zu laufen.
»Komm, wir beeilen uns«, antwortet sie ungeduldig, sie springen in ein Taxi und plötzlich sitzen sie nebeneinander, sein Lächeln blitzt, als das Auto anfährt.
***
Martina steht am Fenster und schaut auf die regennasse Straße. Odin kommt nicht. Sie gibt die Hoffnung auf.
»Darf ich zu Tisch bitten«, sagt sie mit einem Stöhnen und die Gäste, die seit Stunden warten und denen schon ganz übel ist vor Hunger, stürzen sich an den Tisch und schaufeln gierig das Essen in sich hinein. Merkwürdigerweise haben alle, die ja rein zufällig gemischt werden sollten, jemanden neben sich, außer Martina, Paula und Teres. Neben ihnen die gähnende Leere von drei Stühlen. Niemand hat Zeit darüber irgendwelche Bemerkungen zu machen, das Einzige, was zählt, ist den Hunger zu stillen. Martina betrachtet missvergnügt ihre Klassenkameraden. Sie beugen sich schweigend über ihre Teller, stopfen sich die Münder voll, schütten Wein in sich hinein und stoßen hin und wieder Brummgeräusche aus. Was für ein Fest.
Aber Anette geht es gut. Sie ist froh, dass sie da ist, und glücklich, dass es so leicht ist, sie selbst zu sein. Nicht genug damit, dass Finn von ihr bezaubert ist und ihr ständig verliebte Blicke zuwirft, sie fühlt sich auch zum ersten Mal wohl in einer größeren Gesellschaft. Sie ahnt, dass dies der Beginn eines neuen Weges ist, der sie direkt in eine neue Zukunft führt. Sie trinkt einen Schluck Wein, lehnt sich zurück und schaut sich ihren Tischherrn Finn an, wie ein Künstler nach einem geglückten Arbeitstag sein Werk betrachtet.
»Ich wünsche mir, ich könnte auch in Wirklichkeit so nett sein.« Finn schaut sie kauend an. Sie beugt sich zu ihm und fragt:
»Meinst du, ich könnte auch jemand anders bezaubern?«
Sie beugt sich noch näher, so nah, dass er die Wärme ihres Atems spürt und den Duft ihrer Haut, sie schaut ihm direkt in die Augen, auf eine Art, wie ihn noch nie ein Mädchen angeschaut hatte, und fragt: »Bin ich genug?«
Er schaut sie mit offenem Mund an. Ihr Gesicht öffnet sich in ein Lächeln, denn ihr wird klar, dass sie ihn so bezaubert hat, dass er nichts sagen kann. Sie hat Lust ihn zu küssen, denn auch wenn es nur Finn ist, so ist er doch ein Repräsentant des männlichen Geschlechts. Sie berührt flüchtig seine Wange mit den Lippen und bringt so sein Herz ins Schlingern.
Martina lässt ihren Blick über die Gesellschaft gleiten. Sie ist eine Meisterin darin, ihre Umgebung mit offener Verachtung zu betrachten, und im Moment sind die Jungen am Tisch das Objekt ihrer Geringschätzung.
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass aus denen je Männer werden«, schnaubt sie.
»Dass irgendjemand sich in sie verlieben könnte!«, fügt Paula höhnisch hinzu.
»Liebhaber!«, bringt Teres mit unterdrücktem Kichern hervor.
Die pickeligen, flaumigen Jungen tun so, als würden sie nichts hören. Sie ducken sich ein wenig, widmen sich dem Essen und lassen sich schweigend erniedrigen. Schweigen legt sich über den Tisch. Martina seufzt. Ihr ist langweilig. Ihre Gäste sind langweilig. Sie könnten genauso gut nach Hause gehen, dann könnte sie ins Bett. Jetzt muss sie die ganze Nacht auf sie aufpassen, damit sie sich auf ihre Kosten amüsieren können. Sie schaut auf die Uhr.
»Ich könnte vielleicht einen Witz erzählen?!«, schlägt Anette vor, sie hat das Gefühl, dass ihre gute Laune die anderen anstecken könnte.
Die anderen Gäste schauen skeptisch von ihren Tellern hoch und blinzeln erstaunt, dass ausgerechnet Anette das Schweigen brechen will. Sie angelt fröhlich nach ihrer Tasche und wühlt darin herum.
»Wo ist er denn? Ich weiß, dass ich ihn mitgenommen habe!«
Teres und Paula wechseln einen höhnischen Blick. Vor gar nicht langer Zeit hatte Ella sich genau wie sie benommen – hatte mit leicht angehobenen Augenbrauen und schweigend ihrer Geringschätzung Ausdruck gegeben –, aber heute hat sie den Wunsch Anette zu bremsen, ehe sie sich lächerlich macht. Muss sie so dämlich überdreht sein, von dem klitzekleinen bisschen Aufmerksamkeit?
»Hier!«, ruft Anette fröhlich und beginnt zu lesen. »Es war einmal ein Mann, der machte im Stadtpark einen Spaziergang, aber plötzlich musste er ...«
Sie bricht ab und zeigt Finn den Zettel und beide fangen zu lachen an.
»Nee, der ist vielleicht doch nicht so passend bei Tisch!«, kichert Anette.
Martina sagt nichts, aber ihre Augen leuchten vor Ärger. Sie lässt Anette noch ein bisschen weitermachen, wie wenn die Katze die todgeweihte Maus noch einmal laufen lässt.
»Ich habe noch mehr! Einen ganzen Stapel! Hier ist einer! Es war einmal ein sehr alter Esel ...«
Alle schweigen und hören zu. Anette hat noch nie so im Zentrum gestanden und sie scheint die Gelegenheit zu nutzen und die Geschichte ein bisschen spannender zu machen.
»Es war einmal ein sehr alter Esel ... ein sehr alter Esel ...«
Jetzt ist der Moment gekommen, mit weit ausgefahrenen Krallen an der zartbepelzten Pfote zuzuschlagen.
»Pfui Teufel, macht die sich breit!«, zischt Martina.
Die anderen schweigen, unsicher, wie sie reagieren sollen. Anette wird für den Bruchteil einer Sekunde wütend, ihre Augen füllen sich mit Tränen, die Stimme bekommt einen heiseren und fremden Klang, als sei sie gebrochen.
»Das soll man! Man soll Platz einnehmen!«, schreit sie.
»Oho, oho!«, lacht Martina, gefolgt von Teres und Paula.
»Ich versuche die Gäste auf deinem verdammten Fest zu unterhalten!«, brüllt Anette. Sie zittert am ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen.
»Mein Gott, ist die empfindlich!«, ist Martinas Kommentar und dann lachen sie wieder.
»Sei nicht so affektiert«, blafft Teres.
»Seht ihr, wie sie mich verachten!«, schreit Anette mit ihrer fremden, gebrochenen Stimme.
Die übrigen Gäste ducken sich erschrocken unter ihrem Wutausbruch und schauen ängstlich hinüber zu Martina.
»Ihr tut immer so nett, aber ihr verachtet mich!!!«, schreit Anette all den Stummen am Tisch zu.
»Wir verachten dich überhaupt nicht, Anette«, antwortet Sofi.
»Warum sollten wir dich verachten, Anette?«, fragt Martina.
»Vielleicht verachtest du dich selber?!«, sagt Camilla abschließend.
Dann lehnen sie sich zurück, tauschen Blicke und lächeln einander zu, zufrieden über ihre rhetorische Leistung. Anette sinkt schluchzend auf ihren Stuhl, bricht in Tränen aus und verbirgt das Gesicht in den Händen.
Es wird ganz still. Man hört nur noch Anettes schluchzendes Weinen.
»Vielen Dank, Anette, dass du uns die Stimmung verdorben hast!«, zischt Martina.
Niemand traut sich auch nur zu atmen. Anette schnieft und schnäuzt, es blubbert in ihrer Nase. Sie hat das Gesicht in den Händen, die Schultern beben.
»Sie ist betrunken«, schnaubt Sofi.
»Entschuldige«, wimmert sie hinter ihren nassen Händen.
»Kümmert euch nicht um sie«, rät Teres.
»Entschuldige, Martina ... Bitte, liebe Martina, ich habe mich so gefreut, dass ich auf dein Fest kommen durfte ...!«
Vorsichtig nimmt sie die Hände vom Gesicht und streckt ihre Arme bittend Martina hin. Ihr Arm ist weiß, ganz weiß und empfindlich und ihre Hand ist so bittend. Martina schaut sie mit Abscheu an.
»Martina ... liebe, süße Martina ...! Verzeih mir!«
Aber Martina will noch mehr Unterwürfigkeit. Ihre hübschen Lippen sind vor Verachtung gekräuselt.
»Ich fühle mich so schlecht ... Martina, verzeih mir ...!«
»Okay«, sagt Martina abschließend und wendet sich ab, angewidert vom Anblick.
»Danke, liebe Martina! Danke ihr alle! Ich fühle mich so schlecht ...! Und ihr ... ihr seid so perfekt!«
»Alle sind gleich viel wert!«, sagt Paula altklug wie eine Lehrerin.
»Ich fühle mich so hässlich«, wimmert Anette.
»Es spielt keine Rolle, wie man aussieht!«, antwortet Teres und wedelt mit ihren falschen Wimpern.
»Schönheit kommt von innen!«, schmatzt Camilla selbstzufrieden.
»Du bist ja total aufs Aussehen fixiert!«, zischt Paula wie zu einem voreingenommenen Idioten.
»Es ist nur wichtig, wie man ist«, verkündet Martina.
Anette hört zu. Sie haben Recht.
»Ähm, dann bin nur ich komisch. Entschuldigt.«
Sie versucht die Tränen in ihrem rot geschwollenen, verweinten Gesicht abzuwischen. Alle schweigen.
»Entschuldigt, ihr alle«, sagt sie und einer nach dem anderen schlägt schamhaft die Augen nieder. Alle außer Ella. In ihr dröhnt es, aber sie sagt nichts. Sie hat nichts gesagt. Sie hat sich nicht getraut dagegen zu protestieren, wie sie Anette behandelt haben, sie hat geschwiegen, genau wie alle anderen. Und ihre Klassenkameraden, wer sind sie eigentlich? Was für eine Art von Menschen wird wohl aus ihnen? Und aus ihr selbst! Wenn sie dasitzt, einen lebendigen Vulkan in sich hat und schweigt und alles geschehen lässt.
Da klingelt es an der Tür. Martina schießt hoch wie eine Rakete und verschwindet im Flur, dicht gefolgt von Paula und Teres. Martina schafft es noch, einen Blick in den Spiegel zu werfen, ehe sie strahlend die Tür öffnet. Jetzt kommen sie endlich! Die Wunderbaren, heiß Ersehnten!
»Guten Abend, meine Schöne«, lacht Odin und torkelt herein. Hinter ihm stolpern Patrick und Niclas durch die Tür, sie kichern in einem fort. Paula und Teres nehmen sie sofort in Beschlag und verschwinden mit ihnen Richtung Esstisch.
»Entschuldige das Papier«, sagt Odin, »nur der Inhalt zählt!«
Er drückt Martina einen in Zeitungspapier eingeschlagenen Strauß in den Arm. Sie küsst ihn auf die Wange und macht mit Spannung das Papier auf. Enttäuscht hält sie einen abgerissenen Rhododendronzweig aus dem eigenen Garten in der Hand.
»Wild wie du«, flüstert Odin und legt seinen Arm um ihre schmale Taille, was sie sofort tröstet. Sie nimmt lächelnd seine Hand.
»Komm rein«, sagt sie zärtlich.
»Schon?«, fragt er sie mit schelmischem Grinsen.
Niclas und Patrick sitzen bereits am Tisch neben Teres und Paula und sind vollauf damit beschäftigt, das Essen in sich hineinzuschaufeln.
»Futter, Odin!«, ruft Patrick mit dem Mund voller Hähnchen. »Ich habe doch gesagt, hier gibt es Futter! Ihr hättet auf mich hören sollen!«
Odin schwankt an Martinas Seite herein und winkt den schweigenden Gästen am Tisch zu und grölt: »Hallo, hallo, hallo! Ich heiße Odin und wie heißt ihr? Nein, das will ich gar nicht wissen. Nehmt es mir nicht übel, no hard feelings, wo soll ich mich hinsetzen, sit down thank you please, ich bin hungrig wie ein Wolf!«
Martina zieht ihn auf den Stuhl neben sich und tut ihm liebevoll auf, während die anderen Gäste, besonders die Jungen, noch stiller als bisher sind, weil ihnen aufgeht, dass sie nur auf das Fest eingeladen wurden, um als Statisten aufzutreten. Odin wirft den Mädchen am Tisch feuchte Kusshändchen zu, ohne sich um Martinas eindeutiges Flirten zu scheren. Als er zu Anette kommt, hält er inne, blinzelt sie an und sagt: »Hallo! Die kenne ich!«
Anette strahlt ihn dankbar an. Sein lächelndes Gesicht reicht, um sie wieder froh zu machen. Zweimal hat er mit ihr gesprochen – auf dem Schulhof und jetzt. Der schöne, starke Odin, den alle lieben, hat ausgerechnet sie gesehen und bemerkt. Martina wirft Anette einen kalten Blick zu und versucht fieberhaft seine Aufmerksamkeit zu erlangen.
»Krabben, Hähnchen, Oliven ... was möchtest du?«, schnurrt sie und versucht seinen Blick zu fangen.
»Ich will alles, was du mir gibst«, brummelt er und davon ermutigt fragt sie ihn, ob sie ihn füttern solle, aber er beachtet sie gar nicht und schreit die verstummten Gäste an: »Hallo! Hallo, hallo, hallo, ihr alle! Hallo!«
Die Mädchen lächeln brav, aber die Jungen verziehen keine Miene.
»Die haben so einen Spaß, dass sie mich gar nicht bemerken«, ist Odins Kommentar, was zur Folge hat, dass Niclas und Patrick vor Lachen explodieren, das Essen fliegt über den ganzen Tisch, halb gekaute Stücke von Hähnchen und Oliven.
»Komm, ich helfe dir, Odin«, schmeichelt Martina, wild entschlossen ihn zu gewinnen. Sie befestigt die Serviette in seinem Ausschnitt, aber ohne auf ihre Annäherungsversuche einzugehen, erhebt er das Glas, sodass der Wein umherspritzt, und ruft den Versammelten zu: »Prost! Und hurra!«
Die Mädchen erheben lächelnd ihre Gläser, da hält er inne, wendet sich an Martina.
»Du hast doch hoffentlich nicht Geburtstag, Martina?«
»Nein.«
»Prima. Der ist zwar wild und schön, aber als Geburtstagsgeschenk hätte er nicht getaugt. Heißt es getaugt?? Getogen??«, fragt er sich erstaunt.
»Getaugt, es heißt getaugt«, antwortet sie gereizt.
»Getaugt!«, wiederholt Odin und bricht in ein richtiges Kleine-Jungens-Kichern aus.
Martina ist empört. Egal was sie tut, auch wenn sie ihm fast auf den Schoß klettert, sie bekommt keinen Kontakt. Er scheint sie nicht sehen zu wollen! Das alberne Kichern scheint aus der Tiefe seines Körpers zu kommen und hätte vermutlich schon vor langer Zeit gelacht werden müssen, hat sich jedoch angehäuft und ist unhantierbar geworden, und als es endlich freigelassen wird, gibt es kein Bremsen. Odin, Niclas und Patrick kichern und lachen, bis sie rot und schweißnass im Gesicht sind, die anderen starren sie schweigend an. Schließlich bringt Odin heraus: »Entschuldigt, aber es ist wirklich komisch hier!«
Die Jungen explodieren in ein noch schlimmeres Kichern, und je mehr sie kichern, desto alberner wird es. Als Odin die gelangweilten Gäste und die verärgerte Martina sieht, explodiert er aufs Neue, aber plötzlich konzentriert er sich und erklärt todernst: »Jetzt höre ich auf zu lachen. Es gibt überhaupt nichts zu lachen. Denk an die Welt. Die denken an die Welt. Jetzt höre ich auf zu lachen.«
Drei Sekunden lang ist es still. Aber dann explodiert er wieder, ebenso wie Niclas und Patrick. Prustend und keuchend und schniefend, wirft Odin schmatzende Kusshändchen um sich. Dann rutscht er vom Stuhl und verschwindet unter dem Tisch, wo er weitermacht. Martina leidet. Niclas und Patrick lachen, dass ihnen die Tränen kommen.
Die anderen Gäste schweigen erschrocken unter Martinas mörderischem Blick. Ella ist die Einzige, die lächelt. Und Anette.
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