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Cathrin Sumfleth

12 fette Frauen

Eine Krimödie

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Ich glaube nicht an Dinge, die für immer halten

Die Kartoffeln der letzten Nacht

Leute wie ich können auch anders

Zwölf fette Frauen

Erste Ermittlungen

Fuckface

Eindeutig ein echter Mensch und keine Alien Invasion

"So eine Familie ist schon etwas Gutes"

Das Problem bin eigentlich ich

"Wir hätten einige Fragen an Sie ..."

Irgendwie total auf einer Wellenlänge

Veränderung ist die einzige Konstante

Übergewicht schweißt zusammen

Yono!

Ich verschwende mein Potenzial---

... eine von diesen komplizierten Frauen

Villa Clausen

Liebesbeziehung

Dans op de Deel

Knollnase

Schmetterlingsjunge

Grenzüberschreitungen

In Zeiten der Krise ist es zuhause immer am schönsten

Mitbewohnerin

Ich wollte keine Problemerweiterung

Dächer

Der schlimmste und schönste Tag meines Lebens

Familienkonstellationen

Die Invasion

So ein Kind macht nur Probleme

One-Way Ticket nach Hinterpommern

Impressum neobooks

Widmung

Für meine Brüder

Ich glaube nicht an Dinge, die für immer halten

Manchmal frage ich mich, warum man Kaffee nicht direkt kalt trinken kann. Es ist doch immer wieder aufs Neue sinnlos: Die Maschine lässt sich jeden Morgen gefühlt etwas mehr Zeit, ich schmachte und mein rechtes Augenlid zuckt regelmäßig aber unrhythmisch, während ich auf den Kaffee warte. Und auch wenn ich gerne zum Kaffee rauche, rauche ich schon, während der Kaffee kocht. Nur um etwas zu tun, während ich warte. Und dann, wenn die Zigarette zu Ende und der Kaffee fertig ist, ertränke ich ihn zur Hälfte in fettarmer Milch aus dem Kühlschrank und ruiniere sein natürliches Aroma mit drei Stückchen Würfelzucker. Ein Trauerspiel! Aber der Gedanke, dass man selbst für Eiskaffee den Kaffee abkühlen lassen muss, beruhigt mich. Eiswürfel reichen in so einem Fall nicht aus. Reichen sie eigentlich nie. Sie ergänzen eigentlich nur ein bereits kaltes Getränk. Im Stillen nicke ich mir selbst zu und setze mich raus auf den Balkon. Mit meinem halb kalten Kaffee, wobei es eigentlich auch nicht schlimm ist, wenn er komplett kalt wird.

Viele Menschen haben ein Problem mit kaltem Kaffee. Viele Menschen haben viele Probleme. Ich nicht: Als die Tasse halb leer ist, geht es meinem Auge besser und die zweite Zigarette glüht. Zigarette zum Kaffee, nackter Mann unter meiner Dusche, Sonnenschein, wohlgenährte singende Spatzen in den Bäumen, überhaupt Bäume vor dem Balkon in einer Großstadt wie Hamburg – perfekter könnte es nicht sein!

Also, mal abgesehen von meinem Outfit. Meine Mutter ist ein Fan von Nachhaltigkeit und damit meine ich nicht das Ablaufdatum von Lebensmitteln, das ist eher nicht ihr Metier. Sie kauft gern Dinge, die für immer halten. Ich persönlich glaube nicht an Dinge, die für immer halten. So wie sogar Dosenobst abläuft, das ich mir nur kaufe um selbst zu glauben, ich sei irgendwo doch ernährungsbewusst, wird alles irgendwann ungenießbar – sogar Basics. Auch wenn ich kein Fan von Basics bin. Ich kaufe permanent unkombinierbare Dinge. Aber gegen die alten Birkenstocklatschen, die meine Mutter mir vor zehn Jahren gekauft hat, kommt selbst mein Satin-negligee zur lila Jogginghose nicht an: sie sind die Steigerung von furchtbar. Aber wie es bei allem so ist, soll man ja Raum nach oben lassen. Ich beschließe, dass mein Outfit ein klassisches Beispiel dafür ist. Kleidung ist ein Gestaltungselement und das Packaging ist eben noch nicht perfekt ausgefeilt. Wobei man am Inhalt auch arbeiten könnte. Im Kopf höre ich noch meine gertenschlanke und vielfachgebärende Nachbarin sagen: „Und die Lotti, die ist jetzt schon einen Meter zehn groß!”, und ich sage: „Mensch, Mandy, toll, ja klasse!” und denke: „Scheiße, mein Hüftumfang ist ein kleiner Mensch!”

Im Badezimmer höre ich noch immer das Wasser laufen. Ich finde es prinzipiell eigentlich nicht so gut, wenn Männer länger duschen als ich selbst. Aber was soll’s, die Sache ist ja noch recht frisch und es ist doch besser, er duscht lange als gar nicht. Und ich habe gehört, dass bei manchen Paaren dieser Fall früh genug eintritt. Ich rieche instinktiv an meiner Achsel und beschließe, es auf das Satin zu schieben. Wieso finden Menschen Satin eigentlich sexy? Klar, es ist glatt und glänzend, aber das ist irgendwie auch schon alles. Wobei das Argument „glatt” mitunter eigentlich auch gegen Satin spricht. Wem ist es noch nicht passiert, dass die eigene Satinbettdecke nachts erst vom Körper und dann vom Bett gerutscht ist? Und wenn man Satinbettwäsche im Winter benutzt, dann wärmt sie nicht. Benutzt man sie im Sommer, tut sie nichts anderes, als den eigenen Schweiß darunter zu speichern. Beides unsexy. Genauso ist es mit diesem Negligee: das Einzige, was daran schön ist, ist der Ausschnitt. Und dass ich es in meiner Größe gefunden habe. Und dass es ein Sonderangebot war. Aber das ist das Problem, wenn man nicht für Nachhaltigkeit ist. Man kauft sich nicht eine qualitativ hochwertige Sache für viel Geld, sondern 20 Sachen, die im Prinzip billiger Schrott sind, nicht lange halten und meistens auch noch Handwäsche bedeuten. Das heißt im Klartext, dass meine Maschine sie nach dem dritten Mal auf 30 Grad Waschen ohnehin zerstört. Aber da ich ja nicht für Nachhaltigkeit bin, kaufe ich mir dann relativ unbeeindruckt eine neue Billigklamotte und trage sie circa dreimal – so habe ich genügend Abwechslung und muss mich wenigstens modisch nicht langweilen. Ich bin nämlich ziemlich schnell gelangweilt. Leider äußert sich das nie in Form von körperlicher Aktion. Ich bin mehr der Typ gelangweilter Sitzer.

Bei diesem Gedanken zünde ich mir eine weitere Zigarette an. Aber dann fällt mir auf, dass ich dringend mehr Kaffee brauche. Und Deo, für den Fall, dass ich noch mal Sex haben möchte. Und eventuell ein anderes Outfit. Zumindest sollte ich diese Latschen loswerden – sie unter dem Bett verstecken oder irgendwo vergraben. Ich möchte nämlich genaugenommen nicht mal, dass der Müllmann mich mit ihnen in Verbindung bringt. Und was sollen die Nachbarn sagen? Denn hier ist es anders als in der Provinz. Hier habe ich Nachbarn.

Während ich vor meinem geistigen Auge meiner Mutter wegen meiner Kritik an den Latschen und auch meines hohen Zigarettenkonsums mahnend den Kopf schütteln sehe, denke ich gleichzeitig an den nackten, gut gebauten Exoten unter meiner Dusche und grinse in mich hinein. Auf einmal klingelt mein Handy. Geistesabwesend flöte ich ein etwas zu sehr erotisch klingendes „Hallooo” in den Hörer.

Auf einmal, Stille. Dann eine weibliche Stimme, die ich nicht kenne. Die aufgeregt in einer Sprache spricht, die ich nicht kenne. Doch! Ich kenne sie! Das ist … das ist seine Sprache. Arabisch. Ich blicke auf mein Handy, das unangerührt auf dem Tisch liegt. Und realisiere, dass ich sein Handy am Ohr habe. Schnell lege ich auf.

Eine Frau. Seine Frau! Eine Stimme in meinem Kopf sagt: „Du bist jetzt ganz rational. Du bist eine intelligente Frau Mitte, na ja, Ende zwanzig, deine Synapsen schalten gut und schnell. In deinem Leben hat bis jetzt immer alles irgendwie geklappt, und es ist wirklich, also wirklich, sehr, also sehr, sehr wahrscheinlich, dass dieser marokkanische Mann aus einer großen Familie stammt. Und Schwestern hat. Die haben immer Schwestern. Mindestens drei. Oder es ist die Frau seines Bruders. Oder seine Nichte. Ganz bestimmt. Ihr habt zwar nie darüber gesprochen. Nicht ein Wort, aber wieso auch, er spricht kaum Deutsch, dein Französisch ist eher mittelmäßig und dein Arabisch nicht vorhanden. Aber wären Dinge erwähnenswert gewesen, dann hätte er sie erwähnt. Und man lernt sich ohnehin besser langsam kennen, man muss ja nichts überstürzen. Wenn er fertig geduscht hat, dann wirst du mit ihm reden. Rational. Ganz rational.”

Und während die Stimme weiter spricht, merke ich, dass ich nicht rational, sondern eher emotional anfange zu schwitzen. Ich schiebe es aufs Satin. Satin ist wirklich nicht sexy. Ich sollte mich umziehen. Fest entschlossen will ich aufstehen und greife stattdessen intuitiv zu meinem Handy. Ich rufe sie jetzt an, diese Nummer von dieser Verwandten. Ich erinnere mich an meine studentische Zeit im Callcenter, unterdrücke die Rufnummernübermittlung und verstelle meine Stimme. Tiefer, viel tiefer. Probesatz. Geglückt. Zug an einer weiteren Zigarette. Husten. Gut! Husten ist gut für eine tiefe Stimme. Wählen. Die Frau meldet sich. Mit seinem Nachnamen. Alles klar, geklärt, seine Schwester. Oder? Ich mache den Test.

„Schröööder hier, Kundenberaterin der deutschen Telekom, schönen guten Morgen Frau Akesbi!” - “Kkönne Zie bite aufhören immer mich anzurufe?” - “Frau Akesbi, es geht um Ihre Telefonverbindung, gern hätte ich dazu Ihren Mann gesprochen, Herrn Saïd Akesbi, ist der zufällig erreichbar?” - „Sssaïd nicht da, ist Montage. Lassen Zie mich in Ruhe jetzt, muss kummern um Kinder. Tschus.”

Schlecht gelaunt legt Frau Akesbi auf. Vielleicht weil Kundenberater der Telekom mitunter extrem lästig sind? Vielleicht aber auch, weil vor wenigen Minuten eine andere Frau an das Handy ihres Mannes gegangen war … Stolz auf mein Kundenberatergeschick hatten meine Synapsen doch eher langsam geschaltet: Frau Akesbi ist tatsächlich Frau Saïd Akesbi. Zigarette. Ziehen. Mehrfach. Atmen. Emotional schwitzen.

Die Dusche ist aus. Auf einmal – ein halbnackter Mann in meinem pinken Frotteehandtuch. Also, in meinem Haarhandtuch. Das ihm locker um die Hüften passt. Auf meinem Balkon. „Sschöne Frau”, sagt er auf miserabel ausgesprochenem, man könnte auch sagen, ausgesprochen miserabel ausgesprochenem Deutsch. Dann wechselt er zu Französisch: „Sollen wir nicht rübergehen ins Schlafzimmer, ein bisschen Liebe machen?”

Und ich höre mich sagen „Ja, mon amour.” …

Er hebt mich rum und wirbelt mich in die Küche, reißt mir fast zeitgleich die Sachen vom Leib und zieht sich das Handtuch von den Lenden. Ich denke, Abschiedssex wäre sicher nett, bevor ich ihn endgültig rauswerfe. Aber mein Stolz kommt mir dabei gerade ganz ungemein in die Quere. Ich, die Geliebte. Sie, die Frau. Die Kinder! Ich transpiriere, selbst ohne Satin. Und Tränen steigen mir in die Augen. Wir wissen ja alle, wie das ist: Vor der Trauer kommt die Wut – und nach dem Hochmut der Fall. Und so passiert es letztendlich, dass ich Saïds sexuelles Vorgehen ausbremse. Aber leider mit der Sensibilität einer Furie: Der auf einmal schmächtig wirkende Mann fliegt in einem recht rasanten Tempo rückwärts gegen meine Kaffeemaschine. Die Kaffeemaschine schwankt. Ich schreie ihn an: „Du bist verheiratet!”

Total überrumpelt schaut er mich aus seinen schwarzen Augen an, deren Ausdruck sich ziemlich schnell von erregt zu verängstigt wandelt und dann von verängstigt zu wütend. „Woher weißt du das?” Er läuft auf mich zu und packt mich bei den Schultern. „Von deiner verdammten Frau.” - „Verdamme nicht meine Frau!” - „Ich verdamme dich!” Ich stoße ihn weg, diesmal seitwärts gegen das Regal, auf dem mein Aquarium steht. Das war ein Fehler. Das Aquarium fällt – und zwar ziemlich tief. Es landet zuerst seitlich an Saïd und dann auf dem Boden. Auf den Holzdielen, um genau zu sein. Scherben, überall. Und Algen. Und mein Goldfisch Waldi.

„Du hättest es mir sagen müssen!”, schreie ich, vollkommen unbeeindruckt von den Scherben. Und Algen. Und Waldi. „Aber du fandest es doch schön?” - er schaut irritiert und verunsichert, so mitten im Chaos. „Schön?! Schön fand ich es, als ich dachte, du würdest mich lieben.” - „Aber ich liebe dich, Amour, dich und deine Kurven.” Hundeblick. Ich werde immer wütender. „Vielleicht kann man als schlechter Mann zwei Frauen lieben! Aber nicht so! Nicht mit mir!” - Jetzt schreit er auch: „Gut, dann gibt es eben keinen Sex mehr für dich.” - Und ich schreie zurück: „Es ging dir also nur um den scheiß Sex, ja? Jetzt sag ich dir was. Vorurteile beiseite, aber dafür, dass du Afrikaner bist, ist dein Penis ziemlich klein! Und jetzt raus hier!” Ich schubse ihn in Richtung Tür. Er tritt nicht in die Scherben, dafür auf Waldi. Waldi ist sofort tot. Saïd schafft es gerade noch, sich mein pinkes Frotteehandtuch zu greifen, bevor ich ihn komplett vor die Tür stoße habe. „Melde dich nie, nie mehr bei mir.”

Er rennt im Handtuch die Treppe hinunter.

Ich ziehe mein Negligee wieder an und werfe all seine Sachen aus dem Fenster. Und ich wohne im dritten Stock. Sie fliegen, fliegen herab auf den Mann im Frotteehandtuch, der zugegeben ziemlich niedergeschmettert vor meinem Haus auf der Straße steht.

Ich kehre die Scherben zusammen. „Zum Glück war es das Aquarium und nicht die Kaffeemaschine”, denke ich mir. Ich entsorge die Algen. Und Waldi. Zumindest lege ich ihn vorerst in die Spüle, bis ich weiß, wie ich mit einem toten Fisch verfahre. Er ist dick, vielleicht zu dick fürs Klo. Und in den Müll? Irgendwie auch entwürdigend und unpassend für einen Fisch wie ihn. Dazu muss ich ins Detail gehen:

Vor einigen Jahren hat meine kleine Schwester zu ihrem Geburtstag eben dieses Aquarium, das jetzt nicht mehr ist, bekommen. Darin schwammen zwei Welse und acht Goldfische. Den dicksten tauften wir Waldi. Er machte einen friedlichen Eindruck. Nach und nach verstarben alle anderen Fische um ihn herum. Aber da es sich um Goldfische handelte, zu denen weder meine Schwester noch ich je einen persönlichen Bezug herstellen konnten, machten wir uns keine Gedanken darum. Eines Tages aber beobachteten wir etwas Seltsames: Es handelte sich nicht um ein natürliches Sterben der Fische – es war Mord. Genau genommen eigentlich sogar Kannibalismus. Waldi hat im Laufe der Jahre all seine Freunde getötet und danach (teilweise) gefressen. Deswegen war er der einzige Goldfisch im Aquarium. Die Welse mochte er anscheinend geschmacklich nicht besonders, deswegen wurden sie geduldet. Aber seit vor ein paar Wochen der letzte Wels an Altersschwäche von uns gegangen war, war Waldi allein. So wie ich jetzt. Dick und allein. Und ohne jemanden, der für ihn putzt. Er tut mir schon ein wenig leid, so tot da in meiner Spüle. Zertrampelt von einem treulosen Marokkaner. Genau wie mein Ego.

„Wieso hat er ihn nicht gleich gegessen, meinen kannibalistischen Fisch? Das hätte wenigstens noch ein bisschen Stil gehabt”, denke ich. Und da kommt mir auch schon spontan eine wunderbare Idee: die Katzenfrau!

Komplett durcheinander, sowohl optisch als auch mental, laufe ich mit dem toten Waldi in den Händen ins Treppenhaus. Im Negligee und mit den hässlichen Latschen an den Füßen. Und während ich den obersten Stock erklimme, fällt mir auf, dass ich noch nie so weit oben war. Dass ich generell noch nie bei der Katzenfrau war. Ich kenne sie seit Jahren, manchmal klingelt sie an meiner Tür, mit einer Katze auf der Schulter und einem penetranten Geruch, der genauso an ihr haftet, und lässt sich von mir einen Kaffee servieren. Dann erzählt sie von übernatürlichen Dingen, die irgendwie spirituell und seltsam klingen, von verrückten Vorahnungen und vor allem von Katzen. Es ist ja nicht so, dass ich keine Katzen mag aber die Dimensionen ihrer Erzählungen sind einfach so unerträglich, dass ich die Treppen zu ihrer Wohnung tatsächlich noch nie zuvor hinaufgestiegen bin. Etwas läuft mir die Wangen hinunter und ich ärgere mich so lange über meine beschissene Kondition, bis ich merke, dass es Tränen sind. Ich weiß nicht so richtig, was mit mir los ist. Ich merke nur, dass ich mit der rechten Hand gegen die Tür der Katzenfrau hämmere, als hätte es nie Türklingeln gegeben.

Barfuß und komplett zerzaust öffnet sie mir die Tür. Um ihre nackten Füße scharwenzeln drei Katzen, im Hintergrund läuft keltische Musik und es riecht nach einer Mischung aus Räucherstäbchen, indischem Essen und Katzenpisse.

„Paula!“, sagt sie und blickt dabei auf den toten Goldfisch in meiner Hand. „Ich habe dich schon erwartet. Komm rein.“ Ich betrete den bunten, mit Batiktüchern tapezierten Flur und bin doppelt irritiert: Nie hätte ich bei dieser Frau eine Art Wohnstil vermutet – und warum erwartet sie mich? Das frage ich sie auch direkt, als wir uns auf runden, orientalischen Sitzkissen in der Küche niederlassen. Die Katzenfrau streicht der schwarzen Katze, die sonst auf ihrer Schulter sitzt, liebevoll über den Rücken und sagt: „Karl hat es mir ins Ohr geflüstert.“ Karl – so heißt ihr schwarzer Kater. Ich habe das Gefühl, dass er mich mit einem bestätigenden Blick ansieht, während sie das sagt, aber ich bin mir nicht sicher. Ich frage, ob sie Alkohol im Haus hat – Waldi immer noch in meiner Hand. Sie steht tatsächlich auf und kommt mit einer Flasche Ouzo und einem Glas zurück. „Trink, so viel du willst“, sagt sie. „Du brauchst es in so einer schweren Zeit.“ Ich trinke zwei Gläser auf ex. Dann sammle ich mich kurz und sage „Ulla, ich wollte dir eigentlich nur den Fisch bringen, für deine Katzen. Ich gehe auch gleich wieder.“

Mittlerweile schnuppert Karl sehr interessiert an Waldi und ich befürchte, er hat gerade eine mächtige kosmische Eingebung: Hunger. Ulla schüttelt den Kopf. „Liebes“, sagt sie, „Liebes, meine Katzen werden deinen Fisch nicht anrühren. So kann seine Seele nicht wandern, verstehst du. Er braucht eine Beisetzung.“

Der Alkohol ist mittlerweile in meinem Hirn angekommen und ich sage, was ich denke: „Ulla – er ist ein Goldfisch.“ Sie versteht den sarkastischen Unterton in meiner Stimme nicht und entgegnet nur: „Oh ja, und was für einer! Er wird dir sicher fehlen. Genau wie der Mann.“

„Der Mann?!“ Ich spucke einen Schluck Ouzo aus. „Waren wir … waren wir so laut?“

„Nein“, lächelt sie. „Ich wusste, dass es nicht halten würde. Er war nicht aufrichtig.“

Gut, denke ich, wir waren schon laut. „Aber er wird kommen, der richtige Mann“, spricht sie weiter. Sie schwebt kurz in ihrem grünen Gewand zur Küchenablage und macht sich einen Tee. „Weißt du, ich hatte neulich eine Vision.“

Ich kippe noch ein paar Schlucke Ouzo in mich hinein und frage mich, warum mein Leben so verkorkst ist. Wie konnte es nur soweit kommen? Ich hatte doch immer gute Noten in der Schule. Ich habe mir Mühe gegeben. Auch mit dem Studium. Mit den Männern. Und nun sitze ich bei einer Verrückten, weil ich will, dass ihre Katzen meinen Goldfisch fressen. Weil mein Goldfisch sterben musste. Weil mein Freund mich betrogen hat und zwar mit seiner eigenen Ehefrau. Anscheinend war er nicht mal mein Freund. Es ist ja auch immer alles Definitionssache heutzutage. Und ich hasse Definitionssachen. Definitionen von Gefühlen sind doch total unpassend. Man versucht etwas in ein Wort zu übersetzen, wofür es eigentlich gar kein Wort gibt. Und dann ist man in einer Beziehung, verlobt, verheiratet, geschieden und unglücklich. Oder man ist total glücklich und denkt, es wäre nicht nötig den Gefühlen einen Namen zu geben – und findet heraus, dass man an eine eigentlich total stupide Sexaffäre sein Herz verloren hat.

Ich spüre, wie Ulla mich in ihre esoterischen Arme nimmt und sagt: „Lass es einfach raus.“ Und ich schluchze wie ein Teenager nach der Trennung einer Boygroup. Nun wird nichts mehr sein wie es mal war.

Nach einer Weile habe ich mich in etwa wieder unter Kontrolle und nippe an einer Tasse von Ullas Tee. Ich bin mir nicht sicher, was genau ich überhaupt trinke, aber ziemlich sicher, dass es kein gewöhnlicher Tee ist. Ich bin allerdings zu geschafft um nachzufragen. Waldi liegt mittlerweile auf einer silbernen Platte auf der Küchenablage, als würde er zum Dinner serviert werden, und um ihn herum brennen mindestens zehn Kerzen. Ulla hat klassische Musik dazu aufgelegt, ich tippe auf einen russischen Komponisten. Aber auch das ist mir eigentlich relativ egal. Sie hat ihre Hände gefaltet und murmelt etwas vor sich hin. Es erinnert ein wenig an Beten, wirkt aber eher so, als beschwöre sie sämtliche Geister herauf. Die Katzen sitzen dabei wie in Trance um sie herum. „So,“ sagt sie abrupt und dreht sich zu mir um, „es ist soweit, die Beisetzung kann jetzt beginnen.“

Ich trage Waldi auf dem Silbertablett, Ulla die schwarze Katze auf der Schulter und in jeder Hand eine Kerze. In dieser merkwürdigen Konstellation (toter Fisch auf Platte, dicke verlassene Frau im Negligee, durchgeknallte Hellseherin, übernatürliche Katze mit Appetit auf Fisch) schreiten wir erst durchs Treppenhaus und dann in den Vorgarten. Überraschenderweise treffen wir dabei absolut niemanden. Als könne Ulla meine Gedanken hören, sagt sie zu mir: „Ich habe uns einen günstigen Zeitpunkt ausgesucht.“ Dann kniet sie sich hin, platziert eine Kerze links, eine rechts und beginnt genau in der Mitte ein Loch zu graben. Mit bloßen Händen. Ich stehe einfach nur da. Ungläubig. Verwirrt. Und irgendwie auch in tiefer Trauer. Ich blicke auf Waldi hinunter und muss weinen. Wir hatten schon schöne Momente. Er war ein guter Fisch. Nicht zu anderen Fischen, aber zu mir. Was mache ich nur mit all meinem auf Vorrat gekauften Fischfutter? Und mit dem ganzen Couscous? Und all diesen merkwürdigen arabischen Gewürzen? Warum nur habe ich so unglaublich viel Geld in Unterwäsche investiert, die ich nun vermutlich nie wieder tragen werde, weil sie mir selbst nicht mal gefällt? Wie geblendet ich war. Wie … verstrahlt. Ich knie mich nieder und berühre Waldis toten Fischkörper mit der Fingerspitze. Seine leeren Augen glubschen mich an, als wolle er mir sagen: „Selber schuld, ich hab’s kommen sehen. All die Jahre, die ich allein und glücklich in deinem Aquarium geschwommen bin, hast du alle möglichen Männer ausprobiert: groß, klein, dick, dünn, schlau, dumm, reich, arm, deutsch, marokkanisch. Und immer wieder waren wir am Ende zu zweit. Nur mit dem Unterschied, dass ich zufrieden war. Und du, du warst unglücklich. Jedes verdammte Mal. Und nun, nun bin ich tot. Wegen deines bescheuerten Optimismus. Nun bist du ganz allein. Allein, allein, allein.“

„Paula?“. Zum Glück befreit Ulla mich von einer Sekunde auf die andere aus meinem inneren Dialog mit einem toten Goldfisch. „Du kannst ihn nun niederlassen.“ Ich knie mich hin und versenke Waldi in dem von Ulla gegrabenen Loch im Vorgarten. Als die Beisetzung erfolgt und das Grab mit Erde versiegelt ist, sagt Ulla noch ein paar Worte, die meinen Fisch sehr ehren und gießt parallel mit Kerzenwachs ein mir unbekanntes Symbol auf die über ihm festgeklopfte Erde.

„Er wird dich nie vergessen.“, sagt sie. Und ich hoffe innerlich, dass ich vergessen kann. Aber erst mal brauche ich was zu essen.

Ulla bietet mir an, auf eine gute Portion Indisch mit hochzukommen, als hätte sie ebenfalls Kontakt zu meinem Magen aufgenommen. Ich lehne dankend ab, schließlich hatte ich heute bereits eine halbe Portion Marokkanisch und möchte mich erst mal von Länderküchen und Nationalitäten jeglicher Art distanzieren. Und ehrlich gesagt auch von Ulla.

Ich schließe die Tür und atme tief durch. Meine Küche sieht nach wie vor chaotisch aus: Scherben und Algen – nur ohne Waldi. Ich trample mit meinen uneleganten Latschen mittendurch und bin begeistert, dass sie mit ihren festen Sohlen wenigstens praktisch sind. Ich schiebe eine Tiefkühlpizza in den Ofen und schalte das Radio an: Nachrichten. Tote, vergewaltigte, in Klimakatastrophen umgekommene, politisch verfolgte Menschen mit Behinderung und ohne Obdach, die ihre eigenen Säuglinge ermorden. Wer nur, wer, frage ich in die Welt hinaus, – will das bitte wissen? Wer verliert seinen Lover, seinen Goldfisch, seinen Stolz bei einer Beisetzung im Vorgarten und kann all das auch noch ertragen? Ich stelle das Radio aus und gehe unter die Dusche. Kein Satin, kein Birkenstock. Nur das Geräusch von Wasser und Tränen – als Wasser getarnt. Ich wasche mir Schweiß und Gefühle herunter. Es wird schon gehen, irgendwann. Ich wünschte nur, es würde etwas Gutes passieren. Etwas fürs Ego, fürs Herz, für meinen verlorenen Stolz. Für die Kinder, die ich nicht habe, weil er sie schon hatte. Für den Job, den ich zum Glück behalten habe, weil er sowieso nie genügend verdient hätte. Für meine Eltern, die seit fast 30 Jahren verheiratet sind und nie streiten. Hier bin ich, Paula Groß, 29 Jahre alt und Single. Eigentlich bin ich schon längst wieder auf dem Markt, denn die Beziehung, die ich hatte, war nur eine billige Sexaffäre. Also, Universum, hab Mitleid und schicke mir ein Zeichen, aber bitte nicht auf spirituellem, sondern auf irdischem Wege.

Oh, „Can’t touch this, nänä nä nä”. Klingelt mein Handy? Ich sprinte unbekleidet und nass, so schnell man nass und unbekleidet eben sprinten kann, aus der Dusche in Richtung Handy. Wo ist es denn? Unelegant glitsche ich aus, fange mich aber schnell wieder. Auf dem Balkon! Es ist tatsächlich noch auf dem Tisch auf meinem verdammten Balkon. Ich muss an all den Scherben und Algen vorbei. Aber es hört glücklicherweise nicht auf zu klingeln. Jemand meint es ernst. Ich hoffe, dass es nicht meine Mutter ist. Autsch. Für diesen Gedanken trete ich direkt in eine Scherbe. „Der Liebe Gott bestraft die kleinen Sünden immer sofort”, höre ich die Stimme meiner Großmutter in meinem Kopf, während ich die Scherbe schnell rausziehe und meinen Weg fortsetze. Ich will dieses Zeichen des Universums entgegennehmen, verdammt! Mit dem Arm fische ich mein Handy seitlich vom Balkontisch und reiße dabei meine Kaffeetasse runter. Was soll’s, ich brauche sowieso eine Putzfrau oder eine neue Wohnung. „Ja?”, schnaufe ich in den Hörer.

Schluchzen, Schniefen, Schnaufen, auch auf der anderen Seite der Leitung. Saïd? Er weint ja wie eine Frau um mich, denke ich kurz und bin für eine Sekunde glücklich.

„Pauuuuuulaaaa-haa-aaah.” Schniefen. Okay, es ist tatsächlich eine Frau in der Leitung.

„Carmen? Carmen, was ist los?”

Carmen ist meine beste Freundin. Meine dickste, dicke Freundin. Und sie weint hemmungslos.

„Carmen?”

„Pauuula.”

„Was ist denn los?” Ich bringe mich schnell aus der unabsichtlichen Sichtweite anderer Mieter, indem ich den Vorhang zuziehe.

„Es ist … Mama”, schnieft Carmen.

„Was ist mit ihr?”, frage ich.

„Sie ist tot, Paula.”

Meine Gedanken überschlagen sich. Ich realisiere überhaupt nicht, was ich da höre. Ich kenne Carmens Mutter seit Jahren. Sie gehört quasi zur Familie.

„Bleib wo du bist, Carmen!”, schreie ich in den Hörer. „Ich komme zu dir!“ Moment.

„… Wo bist du?”

„In ihrer Wohnung.”

Also auf in die Plattensiedlung. Auf nach Steilshoop. Schlimmer geht’s immer war ohnehin das einzige Motto, an das ich je geglaubt habe. Ein Zeichen des Universums, wie konnte ich nur so naiv sein? Da war sicher etwas im Tee.

„Ich nehme ein Taxi, bin in etwa einer halben Stunde bei dir."

Die Kartoffeln der letzten Nacht

In der Wohnung von Carmens Mutter, die sich im 12. Stock eines Steilshooper Plattenbaus befindet, herrscht ein regelrechter Menschenauflauf. Während ich das denke, denke ich auch an meine Pizza im Backofen, die ich gerade noch rechtzeitig abgeschaltet habe. Mein Magen knurrt, aber ich schenke ihm keine Beachtung, sondern versuche Carmen in der Menge zu entdecken. Da ist sie. Mit Pandaaugen von der verschmierten Wimperntusche rennt sie mir entgegen, ihre sonst so gestylte Löwenmähne hängt schlapp herunter. Sie schluchzt „Paulaaaa" und drückt sich an mich. Ihr Freund Rami kommt ebenfalls auf mich zu, so blass, wie man als Halb-Inder nur sein kann. „Was ist denn nur passiert?", frage ich. Die anwesenden Polizisten debattieren laut mit einer Nachbarin, die in absolute Hysterie ausgebrochen ist, und irgendein trainierter Schnösel macht Fotos. Was genau fotografisch festgehalten wird, ist mir nicht klar. Denn eine Leiche sehe ich nicht. Genau das verwirrt mich. All der Lärm und keine Erklärung, kein Anhaltspunkt.

Carmen versucht sich zu fassen. „Sie ... sie hat sich vom Balkon gestürzt:"

„Wie bitte?!" - "Ja. Mama hat sich ... sie hat", Carmen muss eine Pause machen. „Sie hat sich das Leben genommen". Sie löst sich aus unserer Umarmung, um sich die Augen zu reiben. Rami streichelt ihr liebevoll über die Schulter. Er sieht total schockiert aus. Genau wie ich. „Aber Carmen, deine Mutter war der optimistischste Mensch der Welt! Und wir haben doch gerade am ... am Dienstag, genau, am Dienstag zusammen zu Abend gegessen! Und dann hat sie uns die Karten gelegt, wie sie es bei Astro TV gelernt hat. Und sie hat nur Gutes kommen sehen. Wie ... wie kann denn das sein?!" Ich verstehe es nicht. Carmen beginnt erneut zu weinen. Rami setzt sich für eine Weile mit ihr aufs Sofa. Der offene Wohnbereich lässt auf nichts Besonderes schließen. Es ist alles sauber und ordentlich. Auf dem Tisch stehen ein paar Kartoffelchips, die Schüssel ist fast halb voll. Eine Illustrierte liegt aufgeschlagen daneben. Klatschpresse. Irgendwas über den königlichen Spross von William und Kate. Das Leben der anderen hat Maria schon immer interessiert. Aber genau das ist es ja: vieles hat sie so sehr interessiert, dass sie sich niemals umgebracht hätte. Ich sehe keinen Abschiedsbrief. Keine Weinflasche, keine Pillen, nichts, was irgendwie auch nur in der leichtesten Form das Thema Selbstmord anskizzieren würde. Ich betrachte erneut den königlichen Spross. Gut, kleine Kinder sind, wie ich finde, nur selten ein ästhetischer Anblick. Bitte verzeih, William, ich reagiere da eher auf Hundewelpen. Aber auf keinen Fall ist der royale Nachwuchs so eine Gesichtsentgleisung, dass man sich aufgrund dieses Artikels vom Balkon stürzen müsste.

Ich bahne mir den Weg durch all die Menschen, von denen ich keinen einzigen kenne, bis hin zum Balkon. Ein dicker Mann und ich sind die einzigen hier. Gedankenverloren zieht er an seinem Zigarillo, die andere Hand tief vergraben in der Tasche seines Trenchcoats. Eine Halbglatze schmückt seinen dicklichen Kopf, die spärlichen Haarsträhnen wehen im Wind und er wirkt selbst beim Ausatmen konzentriert.

„Sie erfüllen aber auch jegliches Klischee eines Ermittlers!", höre ich mich sagen, ganz unbewusst. Er zieht eine Augenbraue hoch und lacht mit tiefer Stimme. Dann streckt er mir die Hand, die zuvor in der Tasche war, entgegen

„Clausen. Und Sie sind?"

„Paula Groß. Eine Freundin der Familie."

„Eine Freundin von Maria?"

„Ja. Und von Carmen. Und von Carmens Freund Rami."

„Aus mehr Leuten besteht die Familie nicht?"

„Nein." Ich schüttle den Kopf.

„Wo ist Carmens Vater?"

„Durchgebrannt, mit einer Jüngeren. Aber schon vor 20 Jahren. Warten Sie, es gibt noch einen Onkel. Jürgen, Marias älterer Bruder. Der lebt in St. Pauli. Er besitzt dort eine Kneipe, das Nachtlicht."

„Löblich, gut informiert." Herr Clausen schmunzelt zufrieden

„Vielleicht", sage ich. „Ein paar Dinge weiß ich nur ungefähr. Carmen hatte mal eine Schwester, Jennifer. Sie ist verschwunden, vor über 15 Jahren. Aber sprechen Sie das bloß nicht an.“

Clausen nickt. „Jede Familie hat so ihre Geheimnisse."

Als ich das Geländer des Balkons berühre, trifft es mich wie ein Schlag.

„Herr Clausen ...", ich beginne meinen Satz langsam, kann ihn aber eigentlich kaum zurück halten. „Sie wissen, Carmens Mutter war sehr dick."

„Ja?"

„Ja. Also, wirklich dick. Sie hat ganz bestimmt über 150 kg gewogen."

„So etwas vermuteten die Leute von der Gerichtsmedizin, also, nach dem Aufprall … "

Ich verziehe kurz das Gesicht, rede aber weiter. „Ich wiege auch einiges."

Er sieht mich prüfend an. „Wollen wir jetzt über die Tricks und Kniffe der Weight Watchers debattieren – oder warum sprechen Sie diese Thematik an?"

Trocken. Und ein bisschen verbittert. Herr Clausen gefällt mir. „Gern ein anderes Mal. Worauf eigentlich hinaus will: Sehen Sie das Geländer, an dem wir stehen? Ich bin etwa 1,70 m groß. Das Geländer geht mir bis über die Taille, fast bis zur Brust. Ich müsste mich sehr anstrengen, darüber zu klettern. Für einen spontanen Selbstmord ohne Aufputschmittel, Hocker, Komplizen ... sehe ich da anatomisch keine Chance. Es würde mir zumindest schwerfallen. Und Maria war nicht mal 1,60 m groß."

Clausen verschluckt sich am Rauch seines Zigarillos. Dann fasst er sich und sieht mich ernsten Blickes an: „Paula Groß. Bis vor zwei Sekunden war ich noch chronisch gelangweilt von allem. So chronisch gelangweilt, dass ich das Offensichtliche ... übersehen habe." Er schüttelt den Kopf. Seufzt. Schüttelt erneut den Kopf. Dann reicht er mir seinen Zigarillo: „Nehmen Sie einen Zug. Wir haben einen Mordfall zu lösen."

Spät am Abend in Bahrenfeld: Carmen, Rami, ich und meine kalt gewordene, halb fertige Pizza sitzen auf dem Sofa in der Wohnküche. Niemand redet, ich nippe an meinem vierten Weinglas. Vielleicht auch am fünften. Carmen trinkt mittlerweile aus der Flasche. Gut, dass ich immer einen Vorrat da habe. Das ist vermutlich das Einzige, das sich an meinem Leben seit der Studentenzeit grundlegend geändert hat. Alkoholhaltige Getränke sind immer im Haus. Alles andere lasse ich regelmäßig ausgehen, aber bei Wein verstehe ich keinen Spaß mehr, so kurz vor der 30. Vielleicht ist das auch nur ein Anzeichen der Ende-Zwanzig-Krise von der jetzt alle Welt spricht.

„Wusstet ihr, dass die meisten Deutschen so erbärmlich sind wie wir und nur billigen Wein trinken?" frage ich in die Runde. „Der Anteil der wirklichen Weinkenner in der Bevölkerung liegt bei unter fünf Prozent. Alle anderen kaufen, ich sag mal, preiswert. Billigwein eben. Ich dachte immer, mein Vier-Euro-Wein sei schon stark am Rande der Asozialität, aber ich habe mich geirrt", beende ich meinen Monolog und frage mich kurz, ob es das Wort Asozialität überhaupt gibt. Carmen, die zwischen Rami und mir sitzt, nimmt thematisch passend noch einen ordentlichen Schluck. „Warum weißt du so was?", fragt Rami. Angetrunken lache ich in mich hinein. „Also, Rami. Wie du weißt, ach, was sag ich, wie allgemein bekannt ist, habe ich in meinem Leben so unglaublich erfolglos Männer aller Nationalitäten gedated. Carmen, erinnerst du dich an den Italiener?" Carmen nickt. „Jedenfalls, der Italiener: Paulo, ein Mann der großen Worte und vor allem Freund blumiger Adjektive, hat mich bei unserem ersten Date eine Weinverkostung machen lassen. Und gezahlt hat er auch. Was mein Glück war. Er hat mir das erzählt. Der kannte sich aus, mit Wein zumindest. Und das Lustige ...", diese eigentlich so tragische Situation, der Wein und die Geschichte lassen mich unkontrolliert laut auflachen, „das Lustige ist, dass mein Lieblingswein bei der Verkostung ein italienischer Primitivo war. Ein italienischer Primitivo. Haha! Genau wie der Typ! Der war auch ein italienischer Primitivo! Alle Männer, an die ich gerate, sind Primitivos."

Jetzt muss Carmen auch lachen. Das erste Mal heute. Sie schüttelt sich.

Rami schaut irritiert und sagt nur: „Gut, dass Inder nicht für Wein bekannt sind, das hätte alles negativ auf mich zurückfallen können."

Carmen dreht sich zu ihm und lacht: „Gut, dass ihr Inder generell nichts habt, das euch irgendwie negativ anhaftet. Und jetzt fahr mich bitte schnell mit deiner Rikscha nach Hause, Schatz. Meine Mutter ist tot und ich bin betrunken und müde."

Carmen und Rami, oder kurz „Carmi" (die Bezeichnung hassen sie, zu Recht) schwanken aus meiner Wohnung Richtung Taxi. Wobei eigentlich nur Carmen schwankt – und meine Wahrnehmung von Rami. Der trinkt nämlich keinen Wein und erträgt fleißig alles, was uns mit Wein passiert. Aus dem Fenster sehe ich sie zum Taxistand laufen und probiere in meinem betrunkenen Gehirn, den Tag Revue passieren zu lassen. Aber irgendwie ist alles mächtig verschwommen. Mein Prachtgoldfisch. Mein Exfreund, der nie mein Freund war. Und wer sagt schon Ex-Liebhaber? Gibt es dieses Wort überhaupt im täglichen Sprachgebrauch? Und wievielen Menschen passiert so etwas täglich? Und was, wenn deine Mutter stirbt? Und es ist Mord! Hat Ulla die Schwingungen gespürt? Und hat der Clausen mal Punkte gezählt bei den Weight Watchers, aber am Ende nur sein Gewicht gehalten? Was stimmt denn nur nicht mit dem Universum? Was läuft denn nur schief? Ich leere mein Weinglas, mache noch kurz ein dümmliches Lachgeräusch wegen des italienischen Primitivos, falle in mein Bett und kurz darauf in einen tiefen Schlaf.

Mitten in der Nacht werde ich wach. Ein komischer Traum von einer der Erzieherinnen aus der Kita, in der ich meine erste Berufsausbildung gemacht habe, hat mich aus dem Schlaf gerissen. Beate. Beate war zwei Meter groß und zwei Meter breit. Beate war bei den Weight Watchers. Ich war nie ein Fan von Kartoffeln, aber Kartoffeln scheinen wenige WW Punkte zu haben. Beate aß sehr häufig Kartoffeln, das weiß ich noch. In meinem Traum sitzt sie am Tisch mit einer riesigen Schüssel voller Kartoffeln, die sie nur so in sich hinein schaufelt. 20 Kartoffeln, 21 Kartoffeln, 22 Kartoffeln. Essgeräusche, Kartoffelreste an ihrem Mund, einzelne Klumpen die beim Schlingen zurück in die Schüssel fallen. Ich bin schweißgebadet und mir ist etwas übel. Ich verfluche mein Unterbewusstsein, das den gestrigen Tag anscheinend nicht gut weggesteckt hat und hole mir ein Glas Wasser aus der Küche. Bei dem Blick auf die Uhr fällt mir auf, dass es schon sechs Uhr dreißig ist. Ich überlege kurz, wach zu bleiben, einen Kaffee zu trinken, einen Spaziergang zu machen, entspannt zu frühstücken und mit etwas Obst und Quark vital in die Woche zu starten.

Dann lege ich mich wieder hin.

Um 9 Uhr werde ich erneut wach. Ich habe wohl meinen Wecker nicht gehört – vielleicht habe ich ihn aber auch nie gestellt. Ich muss an Beate und die Kartoffeln der letzten Nacht denken und lachen. „Die Kartoffeln der letzten Nacht" wäre auch ein herrlicher Romantitel. Offenbar bin ich noch betrunken.

Ich komme viel zu spät in die Agentur, auch wenn ich mich heute mit allem sehr beeile. Ein Abdruck meines Kopfkissens ziert noch meine Wange, nicht mal Make-up konnte ihn kaschieren.

„Paula! Auch schon da?" Nico, der Geschäftsführer, kommt mir mit seiner üblichen aufgesetzt guten Laune entgegen, in seinem Blick erkennt man aber deutlich, dass er meine einstündige Verspätung nicht gerade charmant findet und auch generell verstimmt zu sein scheint.

„Kümmerst du dich bitte heute allein um die Pitch-Präsentation für die Fit Shake-Kampagne?", fängt er mich ab. „Es scheint ein Virus umzugehen. Ferdinand kümmert sich in der Beratung heute allein um das Tagesgeschäft und in der Kreation habe ich zwar noch nicht von allen Nachricht erhalten, aber bis jetzt bist du allein. Bianca hat letzte Woche schon einiges an Bildmaterial vorbereitet, ansonsten sind wir relativ schlecht aufgestellt, da das verantwortliche Team anscheinend schon am Wochenende krank war und einfach nicht gearbeitet hat ... Samstag und Sonntag war niemand hier, auch wenn wir es so besprochen hatten. Herrgott!", er schüttelt grantig den Kopf. „Das ist ein großer Kunde der uns viel Geld ins Haus bringen würde. Also gib dir bitte Mühe, wir brauchen dringend Neugeschäft. Ach, und schreib bitte auch die Texte der Powerpoint-Präsentation. Und ein paar Headlines fehlen auch. Vermutlich sogar alle. Vielleicht hat Ferdinand heute Abend Zeit, das Ganze einmal mit dir durchzugehen. Er wird nämlich morgen die Präsentation halten. Wir können es uns nicht leisten, dich als Arter vor diese Horde Fitness-Freaks zu stellen.", er mustert mich kritischen Blickes. „Du hast sicher ohnehin nicht das richtige Outfit parat und gehst mit dem USP nicht konform, da brauche ich Ferdi, um die Tonality zu treffen. Also, bereite alles bitte so vor, dass Ferdi und ich es morgen präsentieren können. Ich meine, ich werde der Präsentation beiwohnen, Ferdinand wird präsentieren, wenn du Fragen haben solltest ... dann frag auf keinen Fall mich, ich bin heute sehr beschäftigt, klärt das also bitte untereinander. Danke."

Und weg ist er. Bevor ich überhaupt ein Wort sagen konnte. „Du gehst mit dem USP nicht konform" – Wie bitte?! Seitdem Nico und ich nach einer Firmenfeierlichkeit gemeinsam auf der Reeperbahn versackt und später bei ihm erwacht sind, begegnet er mir immer häufiger mit total überspitzter Verachtung. Als hätte ich ihn betrunken gemacht und zum Akt gezwungen. Dabei war es eher andersherum – und eigentlich sogar fast ganz schön. Nachdem einige Mexikaner (die Schnäpse, nicht die Zentralamerikaner) den Stock in seinem Arsch und seine Lippen endgültig gelockert hatten, hat er mich mit Komplimenten zu meinen Kurven geradezu überhäuft. Aber vor allen Leuten zugeben, dass man auf eine Korpulente steht? Daran ist nicht zu denken, nicht für Nico jedenfalls. Das passt nicht zu seinem Image, seinem Sportwagen und seinem Penthouse. Auch wenn es zu ihm passen würde, zu seinem kleinen zart besaiteten Inneren, das niemand kennt. Schade eigentlich, mit Ende 30 noch so ein Versteckspiel spielen zu müssen. Aber das Ganze ist mittlerweile circa ein Jahr her, ich begegne ihm ganz normal (denke ich jedenfalls), eben auf professioneller Ebene. Aber er, als mein Chef, konnte es ganz offensichtlich nie komplett verwinden. Jetzt behandelt er mich wie eine Praktikantin, obwohl ich als Art Director eingestellt bin und sogar Führungsverantwortung habe. Wenn kein Virus umhergeht, jedenfalls. Ich mache mir und Ferdi einen Kaffee (Praktikanten-Style!) und gehe in die Beratung, wo er ganz allein im Tunnel der 1000 unbeantworteten E-Mails festhängt. Ferdi ist seit über einem Jahr Volontär bei NordMedia - übrigens eine inhabergeführte Werbeagentur, die mal als Medienagentur begonnen hat, nicht so hip wie die Hamburger Erstligisten, aber durch die kontinuierliche Ausbeutung ihrer Mitarbeiter dennoch sehr solide aufgestellt. Auch wenn Nico, Nicolas Nord (mein Chef heißt wie eine Ü-Ei-Figur), gern weitere Kunden begeistern würde. Natürlich gefiele ihm das, denn er verlässt nach all seinen mysteriösen Außer-Haus-Terminen (wir vermuten, er geht ins Fitnessstudio, macht seinen Motorbootführerschein, geht golfen, zum Barbier o.Ä.) ja auch um 18 Uhr das Büro und bekommt die geleisteten Überstunden der Belegschaft kaum mit. Jedenfalls, Ferdi, ehrgeiziges Kind aus reichem Hause, der auf eine Eliteuniversität ging und sein BWL-Studium mit eins abgeschlossen hat, ist ausgerechnet hier gelandet. In der Kundenberatung bei NordMedia und hat innerhalb von zwei Jahren gerade mal den Sprung vom Praktikanten zum Volontär geschafft, auch wenn er hier eigentlich das beste und wohl auch attraktivste Pferd im Stall ist. Wenn ich er wäre, dann würde ich den Job einfach schmeißen und mit Papas Yacht im Mittelmeer rumtreiben, Mädels aufreißen, Cocktails schlürfen, was man so macht als junge maskuline Elite.

Ich reiche ihm seinen Kaffee. „Paula!", erst jetzt bemerkt er mich. „Ich bin ja doch nicht allein hier." Er freut sich. „Danke für den Kaffee! Hat Nico dir schon von der Präse erzählt?"

Ich nicke. „Ja, das hat er."

„Sag mal, hast du eine Fahne?"

„Möglich."

Er lacht. „Ich könnte mir auch direkt wieder ein Bier aufmachen. Ich habe bestimmt schon zehn Telefonate geführt, die meisten in Vertretung. Alle Kunden wollen heute was, viele kommen sogar mit neuen Projekten an. Und wir können ohnehin keine einzige Deadline einhalten, denn die Kreation ist leer. Also, du bist die Kreation. Und dieser behämmerte Fit Shake hat Prio eins. Mal im Ernst – wer trinkt denn bitte so einen Scheiß? Wenn ich Proteine will, dann brate ich mir ein Stück Fleisch. Vielleicht ist so was maximal eine Ernährungsergänzung, okay. Aber nur noch Shakes trinken?" Er schüttelt den Kopf und seufzt. „Apropos trinken – haben wir Bier im Kühlschrank? Spätestens um 16 Uhr mach ich mir eins auf."

Ich grinse. „Da bin ich dabei. Gib mir ein Zeichen. Ich werde wahrscheinlich vor 16 Uhr meinen Blick nicht vom Monitor abwenden. Aber den Pegel konstant zu halten scheint mir sinnvoll."

Er nickt. Ich gehe in die Kreation, schalte meinen Rechner ein und bin der Fit Shake. Nur irgendwie besoffen und müde. Und etwas hasserfüllt auch. „Du gehst mit dem USP nicht konform.“ Ganz im Ernst, Nico: Wenn der USP ist, dass man von nun an aufs Essen verzichten kann, dann gehe ich damit auf keinen Fall konform. Ich gehe mit dem ganzen Produkt nicht konform. Ich verstehe Biancas Bildmotive nicht, auf denen ohnehin schon schlanke Menschen hysterisch lachen, während sie ihren Protein-Drink schlürfen. So viel Spaß hat man also mit Fit Shake. So viel Spaß hat man, wenn man das Essen einfach weg lässt. So viel Spaß und auch einfach ... so viel mehr Zeit. Man kann drei Minuten ohne Sauerstoff auskommen, drei Tage ohne Wasser und dreißig Tage ohne Nahrung. Wie wäre es aber, wenn man für immer auf Nahrung verzichten könnte? Nehmen wir an, wir ersetzen jede Mahlzeit kontinuierlich durch einen Shake. Essen dauert im Durchschnitt, wenn man bedacht kaut und so, zwanzig Minuten pro Mahlzeit. Einen Shake zu trinken dauert vielleicht drei. Das heißt, wir sparen drei mal siebzehn Minuten am Tag. Das sind 51 Minuten – runden wir also großzügig auf eine Stunde auf. Das ist also wie ... eine Stunde früher Feierabend. Eine Stunde mehr Zeit für die Familie. Für Hobbys und Interessen. Freiheit! Wir wären alle so frei, wenn wir endlich dieses lästige Essen weglassen würden. Wir hätten auch die komplette Mittagspause für uns und könnten endlich Dinge machen, die wirklich Spaß bringen. Ich überlege kurz, was ich in der Mittagspause lieber machen würde als, nun ja, zu Mittag essen. Mir fällt nichts ein. Ich schaue mir die Menschen an, die beim Fit Shake trinken total Spaß haben. Das sind dieselben Menschen, die man regelmäßig auf Plakaten oder in Zeitschriften über einem Salat lachen sieht. Als hätte der Salat einen total lustigen Witz erzählt. Keine gute Geschichte der Welt beginnt jemals mit einem Salat. Und mit einem Protein-Shake? Was machen diese Leute, wenn sie endlich nicht mehr essen müssen? Ich sehe sie manisch um die Alster joggen. Ins Fitnessstudio gehen, sechzig Minuten Rudermaschine, Beinpresse, Bauchpresse (gibt es das?) oder ... im Yoga-Kurs! Entspannung pur, die Auszeit vom Büroalltag. Man hat auch mehr Zeit für die Karriere: Kundenmeetings sind produktiver, die Ideenfindung ist umfangreicher. Aber natürlich ist der Freizeitausgleich ohne Nahrungsaufnahme der schönere Effekt. Zurück zum Yoga, Pilates, Yogates, ... man könnte auch eine neue Sportart für sich entdecken. Eine weitere Fremdsprache lernen und mit all der gewonnen Zeit eine Reise planen, ein Buch schreiben, ... aber energetische Tätigkeiten sind am besten. Eine Organisation oder ein Sozialprojekt unterstützen. Irgendwas founden, heute ist doch jeder Founder. Oder man wird zum Fashionblogger, jetzt sitzt ja auch alles besser, man hat ja abgenommen durch die Shakes. Man eröffnet einen Youtube-Kanal, dort kann man dann natürlich keine Kochtipps mehr geben, aber es gibt vermutlich auch andere Themen. Ich habe Hunger. Ich beschließe, dass mein Ansatz für die Präsentation ein provokanter Testimonial-Ansatz wird. Menschen, die davon berichten, was sich in ihrem Leben alles zum Positiven gewandelt hat, seit sie mit dem Essen aufgehört haben. So ähnlich wie eine Nichtraucher-Kampagne, nur absurder. Denn darum geht es Fit Shake ja: Niemand auf diesem Planeten muss mehr essen müssen! Wir werden soviel mehr Spaß haben. Soviel mehr Spaß habe ich auch, als ich laut lachend die Lines für die Testimonials verfasse. "Fit Shake hat mein Leben verändert! Seitdem ich nicht mehr essen muss, ..."

So eine gequirlte Scheiße. Ich bin so drin, dass ich manche Motive in der Präse sogar mit selbst eingesprochenen Audiospuren unterlege. Punkt 16 Uhr steht Ferdi neben mir, mit zwei kalten Flaschen Bier in der Hand. Für eine Sekunde kann ich mir tatsächlich vorstellen, am heutigen Tag nur noch zu trinken.

„Seitdem ich nicht mehr esse, habe ich soviel mehr Zeit für Bier. Ich habe zwar nichts abgenommen, dafür aber endlich meine Karriere beendet. Nachdem ich meine Wohnung verlor, fand ich unter einer Brücke neue Freunde mit ähnlichen Interessen. Wir haben sehr viel Zeit füreinander. Es ist wie das Paradies auf Erden, nur etwas kälter."

Ferdi und ich trinken unser Bier vor dem Gebäude, um etwas frische Luft zu schnappen. Ich rauche eine Zigarette und erzähle ihm dabei von meiner Fit Shake Idee. Er muss laut lachen. Dann sagt er: „Findest du es nicht etwas übertrieben?"

Ich nicke. „In der Tat, ja. Es ist fast schon bösartig. Nico wird es vermutlich hassen. Schaffst du es trotzdem, das Ganze ernsthaft zu präsentieren?"

„Klar", er ist überzeugt. Ich glaube ihm aufs Wort. Ferdinand, der Star am Powerpoint-Himmel. Ich kann ihn mir nur zu gut auf Feierlichkeiten der Eltern vorstellen, bei denen er ältlichen Ekeltanten die Hand küssen, trockene Dialoge über Weltgeschehen und Finanzen führen und dabei die ganze Zeit nett und professionell bleiben muss. Er hat dieses Lächeln, das eigentlich kein Lächeln ist. Es ist ein Reflex. Außerdem könnte er mit der richtigen Betonung die Gebrauchsanleitung eines Toasters vortragen und am Ende wäre einfach jeder vom Produkt überzeugt. Selbst wenn der Kunde sich eigentlich ein Waffeleisen gewünscht hätte. Um welche Kundenpräsentation es auch geht, Ferdi ist NordMedias Geheimwaffe. Und das als Volontär mit einem Bruttolohn von 1200 Euro.

Um 21.30 Uhr ist die 30-seitige Präsentation endlich fertig. Ich habe nicht nur eine Printkampagne, sondern auch ein Spotkonzept eingefügt. Außerdem habe ich mir noch ein paar Guerilla-Maßnahmen einfallen lassen, so on top. Kuriose Aktionen wie z.B. den „Shake Day" an dem sich alle Fit Shake-Anhänger an einem öffentlichen Platz (zum Beispiel auf dem Hamburger Rathausmarkt) treffen, wo Power-Plates bereitstehen und 51 Minuten (die Zeit, die man am Tag spart) kollektiv geshakt, also, gewackelt wird. Zuerst dachte ich an Tanzen, aber das war mir dann doch zu altmodisch. Außerdem soll es ein Gewinnspiel geben, bei dem jeder einreichen kann, was er mit einer zusätzlichen Stunde am Tag alles anfangen würde. Die Person mit der originellsten Antwort wird Fit Shake-Testimonial und somit Teil der Kampagne. Ansonsten werden Shakes, Sportkleidung und Fitnessstudio-Abos verlost.

Ich gehe alle Punkte mit Ferdi durch, er findet die Präsentation schlüssig, hält sich aber mit seiner inhaltlichen Meinung zurück. Gegen 23 Uhr schalten wir den Rechner aus. Ferdi fühlt sich gut vorbereitet für den Kundentermin, der schon um 8.30 Uhr stattfinden soll und ich bin unglaublich verwundert darüber, dass noch immer kein schlechtes Gewissen bei mir einsetzt. Nico wird außer sich sein, aber was setzt er auch jemanden an das Fit Shake-Projekt, der mit dem USP nicht konform geht?

Ich nehme mir noch ein Bier aus dem Agenturkühlschrank für den Heimweg mit und falle zuhause direkt ins Bett. „Essen! Keine Zeit für den Scheiß." Ich bin Single, fast 30, meine beste Freundin hat ihre Mutter verloren und ich, allem Anschein nach, meinen Verstand.

Leute wie ich können auch anders

Manchmal bewegt mich ein Lied so sehr, dass ich ganz unbewusst anfange, eine Performance dazu zu starten. Meistens passiert das, wenn ich mit Kopfhörern auf den Ohren in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Ich habe ein außerordentlich gutes Gedächtnis für Songtexte, also sind meine Lippenbewegungen immer synchron. Meine Tanzbewegungen hingegen sind vermutlich eher aus dem Takt, aber besonders dramatische Textstellen betone ich dafür zusätzlich mit Mimik und Gestik. Ich bin dann wirklich drin. Manchmal so sehr, dass ich vergesse, dass Menschen, die mir entgegen kommen, ja überhaupt nicht wissen, zu welchem Lied ich performe und meinen stummen Auftritt mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit merkwürdig finden. Deshalb versuche ich auch meistens, mich so gut es geht zusammenzureißen. Aber an Tagen wie heute, an denen ich schon mit guter Laune erwache, kann ich mich einfach nicht bremsen. Passend dazu, dass es noch recht früh ist, habe ich Bobby Darins „Early in the morning" laut aufgedreht und laufe zu Fuß zu Arbeit, in der Hand einen großen Coffee To Go und auf den Ohren Folgendes:

We-he-he-ll... You're gonna miss me Early in the morning One of these days Oh yeah!

Well, you're gonna want me Early in the morning When I'm awa-he-hey Don'cha know?

Yes, you'll be sorry (aaaah) For the times I cried (aaah) You'll be sorry (aaah) For the times you lied (aaah)

Well, you gonna miss me Early in the morning (Early in the morning) Während ich mich also quasi auf offener Straße in den Song hineinsteigere, hoffe ich einfach stark, dass mir niemand entgegen kommt. Als ich die Agentur erreiche, setze ich die Kopfhörer ab. Bianca steht schon vom Eingang und raucht. „Hiii, Paula! Bist du heute aber früh!", begrüßt sie mich. „Bianca! Hattest du auch diesen Virus, wie alle anderen? Geht es dir besser?", frage ich sie. „Ja", sagt sie, „geht schon wieder. Bist du mit meinen Motiven für Fit Shake zurecht gekommen? Ohje, Fit Shake. Das hatte ich ja komplett verdrängt. Genau genommen fühle ich mich heute, als wären meine Trennung, der Tod Carmens Mutter und das Erstellen dieser schlimmen Präsentation einfach nur ein Traum gewesen. Und heute, heute wäre ich einfach mit super Laune aufgewacht, denn mein Unterbewusstsein hatte mir nur des nachts einen Streich gespielt. Aber dem ist nicht so: das alles ist wirklich passiert. „Ja, äh, ja! Danke, Bianca. Die Motive waren super. Ich saß gestern noch bis 23 Uhr mit Ferdi an der Präsentation. Die sind jetzt sicher schon beim Kunden." „Ah, da wart ihr ja noch recht früh fertig, schön. Ja, genau, die sind schon los", sagt Bianca und kichert doof. Was will sie damit andeuten? Sie fährt sich ein bisschen nervös durch ihre blonden langen Haare. „Nico ist heute schon sehr früh raus", plaudert sie weiter. „Weißt du, also, wir ... wir sind jetzt so was wie ein Paar, aber pssst." Es trifft mich wie eine Ohrfeige, aber zum Glück nur eine leichte. Passt ja auch, denke ich. Mit Bianca kann man sich sehen lassen, so lange sie nicht den Mund aufmacht. Nico redet nicht gern. Perfect Match. „Ach was!", sage ich und versuche, nicht zu kritisch zu gucken. „Ja, also, äh, dann mal Glückwunsch!" Sie grinst, kichert wieder wie eine 16jährige und wirkt tatsächlich verliebt. „Arme Bianca", denke ich. Wir gehen hinein, ich schmeiße meinen Coffee To Go-Becher weg und mache mir in der Agenturküche einen weiteren Kaffee, um mit meinem wiedererlangten Bewusstsein weiterhin am Leben teilnehmen zu können. Dann setze ich mich an meinen Rechner und surfe im Internet. Mehr bringe ich gerade nicht zustande. Yes, you'll be sorry For the times I cried

You'll be sorry For the times you lied

Well, you gonna miss me Early in the morning Ob Saïd mich bis jetzt überhaupt eine Sekunde vermisst hat? Und wie es Carmen wohl geht? Nach und nach füllt sie die Kreation mit meinen Kollegen, die anscheinend wie durch ein Wunder von diesem Supervirus geheilt wurden, und ich überlege, ob ich heute vielleicht einfach früher gehe. Eventuell kann ich auch ein paar Tage Urlaub einreichen. Bestimmt brauchen Carmen und Rami Hilfe im Laden. Arme Carmen, in dem Zustand arbeiten zu müssen. Aber den Kiosk auch nur einen Tag lang zu schließen, macht sich finanziell ziemlich bemerkbar – und jetzt, durch die Gentrifizierung ... Ich überlege, ob ich den beiden nicht einfach anbiete, ihnen eine Weile lang auszuhelfen. Es gibt auch deutlich Schlimmeres, als im Klönschnack Altona Kippen, Bier und Schnäpse zu verkaufen. Gerade als ich den Plan in meinem Kopf besiegelt und mir selbst darauf ein emotionales High-Five gegeben habe, kommt Nico um die Ecke geschossen. Er ist ganz offensichtlich in Rage. „Paula!", schreit er. „Was bildest du dir eigentlich ein? Verdammt noch mal!" Er steht jetzt vor meinem Schreibtisch. Ich habe kaum eine Chance, meine Konzentrationskopfhörer abzunehmen und fühle mich für eine Sekunde wie der Typ aus der Deezer-Werbung, nur dass Nico so laut schreit, dass ich trotzdem jedes Wort verstehe. Hör, was du hören willst ist da nicht drin. Er macht gnadenlos weiter: „Es war mir klar, dass nur etwas Mittelmäßiges dabei rauskommen kann, wenn ich dich allein an dieses Projekt setze, ... das war mir ganz bewusst. Und ich bin das Risiko eingegangen. Ich Idiot! Ich habe dir vertraut, Paula. Vertraut habe ich dir! Und du wagst es, mich und die ganze Agentur, aber vor allem mich, so was von bloß zu stellen! Ich fasse es nicht - mir war klar, dass du mit dem USP nicht konform gehst, das sagte ich ja bereits. Aber dass Leute wie du sich niemals für die Thematik sensibilisieren können ... das hätte mir einfach klar sein müssen." Er schnappt nach Luft. Leute wie DU. Ich spüre, wie ich nicht nur aufstehe, sondern auch meine Stimme erhebe. Ich erhebe meine Stimme, gegen meinen Chef. Was ist nur los mit mir? „Leute wie ICH?!", schießt es aus mir hervor. „Es reicht, Nico! Es reicht endgültig. Ich arbeite hier für zwei Leute, genau genommen als Texter UND Arter – und das seit fast 4 Jahren. Überstunde um Überstunde sitze ich hier, nachts und am Wochenende, ich bekomme weder ein Danke dafür, noch ein angemessenes Gehalt, an manchen Tagen nicht mal ein Taxi oder ein Abendessen, obwohl auch Leute wie ich essen müssen, wenn sie bis in die Morgenstunden durchackern. Überraschung! Mir ist nämlich klar, dass du mit „Leute wie du" übergewichtige Leute meinst! Dicke Leute. Aber so dick ich auch sein mag und so unangenehm es dir jetzt ist, dass du trotzdem mit mir geschlafen hast, ein gottverdammter Fit Shake ist auf gar keinen Fall eine Alternative. Für NIEMANDEN!" Er sieht auf einmal blass aus. Vielleicht hätte ich nicht vor allen Kollegen in die Runde werfen, bzw. schreien sollen, dass er mit mir geschlafen hat. Das war unprofessionell. Aber eigentlich auch unprofessionell von ihm, mit Leuten wie mir zu schlafen. „Du bist gefeuert", sagt er ausdruckslos. „Das passt mir hervorragend in meinen Tagesplan", sage ich schnippisch, greife nach meiner Tasche und meinen Kopfhörern und gehe. Was das Vorgesetztenverhalten angeht, hätte ich auch in der Kita bleiben können, denke ich, als ich die Treppen hinunter steige. Ach, nicht mal nur das Vorgesetztenverhalten – die ganze Branche, so ein riesiger Kindergarten. Noch 3 Stockwerke bis in die Freiheit. Im ersten Stock höre ich eilige Absätze über mir im Treppenhaus, kurz vorm Ausgang haben sie mich eingeholt. Es ist Bianca. Sie hat Tränen in den Augen. Ich blende sie aus, zünde mir eine Zigarette an. „Du hast mit Nico geschlafen!", schreit sie mich an. Oh mein Gott. Auch das noch. Ich hab mich vom Chef demütigen und feuern lassen und nun muss ich mir auch noch die Eifersuchtsattacke einer Frau mit einem IQ von knapp über 85 gefallen lassen. „Warum hast du das gemahahaaacht?", schnauft sie. „Das ist echt lange her, Bianca.", sage ich. Anstatt sich zu beruhigen, steigert sie sich immer weiter rein. „Ich bin so verliehiehiebt in ihn und ich ... ihihiiich weiß nicht, warum er so etwas tun würde, mich zu betrügen mit ... mit ausgerechnet diiiir", sie schnappt unter all den Schluchzern nach Luft. Ich auch. 'Mit ausgerechnet dir'. Heute ist wirklich mehr als nur Tag es Arschlochs. Ich fasse den spontanen Entschluss, dass es einfach nichts bringt, ihr auf eine nette Art und Weise zu erklären, dass das mit Nico und mir längst vorbei ist. Ich werde heute keine Unverschämtheiten mehr runter schlucken, das Fass ist voll. Was schläft er auch ausgerechnet mit mir. Das wird Folgen haben – zumindest ab genau dieser Sekunde. Ich zupfe an meinem ohnehin unvorteilhaften Babydoll-Top, strecke meinen Bauch heraus und sage: "Acht Monate ist es her, Bianca. Zumindest fast acht Monate. Dein toller Nico ist nicht, was er vorgibt zu sein. Er hat mich betrunken gemacht und dann hat er mich geschwängert." Endlich ist mein Übergewicht zu etwas gut. Leute wie ich können auch anders. Ich lasse sie allein und sich vor Elend krümmend vor der Agentur stehen und stolziere von dannen. Zwar ohne Job und ohne tatsächliche Schwangerschaft, dafür aber mit einem unerwartet guten Gefühl. Ich mache einen längeren Spaziergang, bevor ich bei Carmen und Rami im Laden vorbeischaue. An der Elbe entlang, ein Stück über den Kiez und schließlich durch den Walter-Möller-Park. Hier setze ich mich kurz mit Musik auf den Ohren auf eine Bank und versuche, über die jüngsten Geschehnisse nachzudenken. Aber mein Kopf ist leer und ich fühle nichts. Das muss der Schock sein, denke ich, während ich in den Zweigen eines Baumes zwei Vögel beobachte, die sich mit den Schnäbeln zu einem merkwürdigen Klumpen verformt haben. Wenn das die Balz ist, dann tut es mir leid. Und irgendwie, und das tut mir auch leid, fällt mir dieser total beschissene Spruch ein: „Menschen sind Engel mit nur einem Flügel: um fliegen zu können, müssen sie sich umarmen." Schwachsinn, denke ich. Zwei Vögel haben gemeinsam sogar vier Flügel. Und sie können zusammen absolut gar nichts. Wenn ich mich jemals auf dem Boden der Tatsachen befunden habe, dann heute. Ich hätte es mir immer irgendwie schlimmer vorgestellt. Hätte mir jemand vor einer Woche erzählt, was passieren würde, dann hätte ich nicht für möglich gehalten, hier heute auf dieser Bank zu sitzen und eigentlich absolut gefasst zu sein. Irgendwie desillusioniert aber gleichzeitig so ... frei. Während mich Anas „Whiskey" musikalisch beschallt, setze ich meinen Weg fort. Dabei beschleicht mich das Gefühl, dass ich dringend einen Drink brauche.

Could it be that this is not my time And what I need is a place somewhere deep in my mind So I drink my dreams on the rocks Whiskey is my only friend, the only one who holds my hand

Ich bin nicht mal ein besonderer Fan von Whiskey, aber Carmen hat noch eine Flasche Jim Beam im Laden. Ohne überhaupt nach einem Grund zu fragen, schenkt sie uns zwei Coffee To Go-Becher voll. Pur, ungekühlt und ohne Eis. „Prost, Paula", sagt sie. „Auf meine Mutter! Sie war wundervoll!"

„Sie war wundervoll", wiederhole ich und trinke. Huste. Trinke.

Rami kommt mit einer Kiste Bier aus dem Lager um einen der Kühlschränke aufzufüllen.

„Was ist hier denn los?", fragt er.

„Whiskey", sagt Carmen.

„Seit wann trinkt ihr denn Whiskey?", fragt er. „Seit jetzt!", sagt Carmen und prostet ihm zu. Er befüllt achselzuckend und wenig überrascht den Kühlschrank, dann stellt er sich zu uns. „Wie geht es dir, Paula? Was machst du hier? Hast du frei?" „Mein Chef hat mich gefeuert." Carmen, die gerade einen weiteren Schluck Whiskey genommen hatte, verschluckt sich und prustet. „Wie bitte?!" „Ja.", ich nippe an meinem Becher. „Warum?!", Carmen ist aufgebracht. Aufgebrachter als ich. Dabei habe ich nur meinen Job verloren und sie ihre Mutter. Ich bin von mir selbst überrascht, einen Gedanken zu haben, der überhaupt in die Richtung „nur ein Job" geht. Ich glaube, ich bin besessen von meinem Job. War besessen. Bis gestern. Bis Fit Shake. Und auf einmal, keine Stunde nach meiner Kündigung, ist es nur ein Job. Komisch. Ich muss unter Schock stehen. Zu meiner eigenen Überraschung lache ich. „Ich habe eine Präsentation versaut. Es ging dabei um einen Protein-Shake der das Essen ersetzen soll, und zwar langfristig. Ich habe das wohl ... zu wörtlich genommen. Haha. Also, ich habe meine Kampagnen-Testimonials Dinge sagen lassen wie ‚Seitdem ich dank Fit Shake endlich mit dem Essen aufgehört habe, habe ich viel mehr Zeit für mich.' und ‚Jeden Tag eine Stunde mehr Zeit fürs Training – dank Fit Shake.' - und: ‚Beim Alsterlauf hänge ich nun all meine Freunde ab. Und durch die gewonnene Zeit kann ich nun eine ganze Runde mehr laufen.' und bei den Business-Motiven: ‚Essen? In meinem Job ist das verlorene Zeit!' und ‚Endlich kann ich meine Mittagspause effektiv nutzen! Dank Fit Shake'. Ich pruste noch immer und auch Rami lacht. „Phaha, Essen! So eine Zeitverschwendung! Wer macht denn so einen Scheiß? Haha." Carmen schaut mich einfach nur schockiert an. „Paula! Du liebst doch deinen Job!" „Es ist nur ein Job." „Ich meine ... wie kann er dich nur rausschmeißen? Okay, wenn er die Kampagne nicht mag, das kommt vor. Ich mein ... was hast du dir dabei gedacht?! Trotzdem. Das kommt vor. Aber wie kann er dich einfach direkt rausschmeißen? Du hast all dein Herzblut in diesen Laden gesteckt." „Mein Chef ist der größte Ficker auf der Welt!", brülle ich und bemerke, dass ich ganz schön lalle. „Isso!", Carmen hebt ihren Coffee To Go Becher. Ein Kunde möchte eine Packung Marlboro und ein Bier. Wir stoßen mit ihm an. Dienstag Mittag, 13.30 Uhr. Ich stehe arbeitslos in einem Kiosk mitten in Altona und bin stockbesoffen. Als ich nach Hause schwanken will, zieht Carmen mich noch einmal zu sich und sagt „Übrigenns, Paulaha. Ich hab dem Ermittler deine Nummer zugeschdeckt! Der wollte nochma mit dir schprechen!" „Der'mittler?", frage ich. „Vom Morddezernat!", sagt sie. „Morddezernat", wiederhole ich und freue mich, dass sich das Wort betrunken hervorragend sagen lässt. „Al's klar!" Ich verlasse den Klönschnack und nehme ein Taxi. Als ich voll bekleidet in meinem Bett angekommen bin, klingelt mein Handy. „Moin, Clausen hier! Sprech ich mit Frau Groß?"

Zwölf fette Frauen

Um 23.30 Uhr werde ich wach und fühle mich eigentlich relativ ausgeschlafen. Mir ist ein bisschen flau und ich habe das Gefühl, mich unter einer Glasglocke zu befinden. Alles, was heute passiert ist, ist ganz weit weg. Als ich mich gerade dazu entschieden habe, mir einen Tee zu machen, klopft es an der Tür. Als würde das zu dieser Uhrzeit ganz regelmäßig passieren, mache ich wie selbstverständlich auf.

Es ist Ulla. Sie streckt mir eine Tasse entgegen. „Es ist eine ganz besondere Kräutermischung", sagt sie. „Die wird dir nach diesem Tag guttun."

Ich hake einfach nicht weiter nach und trinke einen Schluck. „Komm rein, Ulla."

Sie gleitet an mir vorbei und platziert sich auf meinem Wohnzimmersofa.

„Hat er dich bereits kontaktiert?", fragt sie.

„Wer, er?"

„Na, der Mann im Trenchcoat!"

„Der Ermittler? Ja. Er hat vorhin angerufen, wir treffen uns morgen Mittag an den Landungsbrücken ... aber woher weißt du davon?"

„Ich sah ihn im Kaffeesatz. Er ist dein Schicksal, Paula."

Ich lache in meinen Tee. „Mein Schicksal", wiederhole ich. Ulla nickt. „Ulla, er ist bestimmt über 60 Jahre alt. Und wiegt bei einer Körpergröße von 1,79 m mindestens 130 Kilo. Und Haare hat er auch nur noch wenige, ich weiß nicht, ob ..." Sie fällt mir ins Wort: „Nicht im romantischen Sinne, du Dummerchen." „Hm", mache ich. Vielleicht im beruflichen, denke ich. Ich hätte ja nun Kapazitäten. „Das auch!", sagt sie. „Hä?", sage ich. „Mehr verrate ich nicht." Sie erhebt sich von meinem Sofa. „Trink deinen Tee, mein Schatz", sagt sie und tänzelt aus meinem Wohnzimmer in Richtung Wohnungstür. Jetzt erst bemerke ich die Katze, die im Türrahmen sitzt. Mauz! „Komm Karlchen, komm mit Mama", sagt Ulla zu der Katze. Diese macht ein lautes Schnurrgeräusch. „Wir sehen uns, Paula." Bevor ich mich überhaupt von ihr verabschieden kann, ist sie auch schon weg. Ich trinke weiter an meinem Tee und schaue auf mein Handy. 76 neue Nachrichten aus 7 Chats. Okay. Neben meiner Mutter (wieder so ein Kettenbrief; seitdem sie Whatsapp für sich entdeckt hat, bekomme ich jeden Tag mindestens drei davon), haben auch Carmen („Ih geh jetzz schlf! - schlafen! - Dein Chef is ein FICKER!!!11“), Ferdi („Paula, alles okay bei dir? - Paula, bitte sag doch was! - Ich mach mir Sorgen. - Paula!“) und Carmens Onkel Jürgen („Schätzelein, komm doch heut ins Nachtlicht! Rami hat mir von deiner Kündigung erzählt. Ich geb einen aus!!"). Da ich ja in Kleidung geschlafen habe, muss ich mir nur kurz die Haare kämmen und die Augen nach schminken. Fünf Minuten später bin ich auf dem Weg ins Nachtlicht. Als ich über die Reeperbahn laufe, bin ich etwas überrascht, dass hier sogar an einem Dienstag Abend so einiges los ist. Mein Blick bleibt an einem ziemlich gut gekleidetem Transvestiten hängen, als ein streitendes Pärchen mich rechts überholt. Genau genommen läuft er vor ihr weg und sie folgt ihm, laut schluchzend. „Schüüüüsch! Hau ab!", schreit er. „Neiiheiiiin", heult sie. „Aber es ist aus mit uns!", er dreht sich um und schaut sie wütend an. Kleinlaut fragt sie, immer noch weinend: „Aber wiesoo-hoo-hoo denn?" Er darauf: „Weil du dumm bist, Digger!", dreht sich um und verschwindet schnellen Schrittes um eine Ecke. Sie bleibt mit einem hysterischen Heulkrampf stehen. Ich höre sie noch immer weinen, als ich schon den Hans-Albers-Platz erreicht habe. Weil du dumm bist, Digger. Ich kann ihn verstehen, mangelnde Intelligenz ist zweifelsohne ein Trennungsgrund. Ein Grund, aus dem ich mich auch schon viel eher hätte trennen sollen. Fehlende Intelligenz wäre in der letzten Beziehung mein Hauptgrund gewesen – bis zu dem Punkt, an dem ich von der bestehenden Ehe erfahren habe, natürlich. Aber hinter einer rosa Brille lassen sich nicht einmal die wirklich relevanten Dinge erkennen. Jemanden zu finden, der so ist wie ich, habe ich mittlerweile aufgegeben. Leute wie mich gibt es anscheinend nicht. Das Nachtlicht befindet sich in einer kleinen Seitenstraße, unweit vom Hans-Albers-Platz. Jürgen ist tief in ein Tresengespräch mit Stammgast Kuddel verwickelt, als ich die Kneipe betrete. „Moin", grüße ich in die Runde. Kuddel nickt mir zu, Jürgen schenkt uns direkt einen Schnaps ein. „Für dich, meine Lütte", er klopft mir von der anderen Seite des Tresens aus auf die Schulter, nachdem ich neben Kuddel Platz genommen habe. „Da ist was los in der Welt, wa", er schüttelt den Kopf. „Das glaubt einem ja keiner!" Er hebt seinen Schnaps und prostet Kuddel und mir zu. „Auf Maria! Und darauf, dass es immer weiter geht!" „Auf Maria!", lallt Kuddel. Es ist nicht sein erster Schnaps heute. „Auf Maria!", sage ich. Wir stoßen an und trinken. Ich hasse Jägermeister eigentlich, aber aus gegebenem Anlass schmeckt er mir heute irgendwie besser als sonst. „So ... jetzt erzähl doch mal", Jürgen stützt seine Arme auf den Tresen und lehnt sich zu mir vor, „was war los auf deiner Arbeit?" „Mein Chef ist mit meiner Kollegin zusammen, nachdem er mit mir geschlafen hat!", ich wundere mich selbst, dass das der erste Satz ist, den ich dazu sage. „Dann habe ich eine Präsentation versaut, er hat mich vor all meinen Kollegen eine ‚dicke Frau' genannt, meine Arbeit kritisiert und mich erniedrigt. Und dann, dann habe ich deutlich gemacht, dass ich sein Verhalten nicht länger akzeptieren kann ... und dabei wohl versehentlich erwähnt, dass zwischen uns was lief. Also, nicht versehentlich erwähnt, sondern durch die Agentur geschrien. Dann hat er mich gefeuert. Und meine Kollegin, mit der er jetzt zusammen ist, ... tja, die ist mir dann hinterher gelaufen. Weil sie es natürlich nicht so töfte fand, zu hören, dass wir mal, nun ja. Und dann, dann ist mir wohl raus gerutscht, also, dass ich von ihm schwanger bin. Das stimmt natürlich gar nicht. Aber sie hat mich beleidigt und mir ist einfach der Kragen geplatzt. Ich konnte die ganze Scheiße in dem Laden nicht mehr ertragen, weißt du. Mein Freund ist nicht nur weg, sondern auch verheiratet. Maria ist tot. Und warum verdammt noch mal quäle ich mich jeden Tag aufs Neue in dieses Irrenhaus? Das kann es doch nicht sein. Jürgen, ich werde dieses Gefühl nicht los, dass etwas fehlt in meinem Leben. Dass es das noch nicht gewesen sein kann, weißt du." „Oh je", nach meinem emotionalen Ausbruch sammelt Jürgen sich kurz und füllt unsere Gläser auf. „Komm, wir trinken noch einen!", sagt er. „Ja, einen könn' wir noch!", ruft Kuddel. Ich schüttle mich vom Jägermeister, fühle mich aber zugleich irgendwie angenehm entspannt. Jürgen ist vermutlich der beste Zuhörer, den es gibt. „Weißt du, Paula", sagt er, „in meinem Leben habe ich mich nie so gefühlt, als würde etwas fehlen. Keinen einzigen Tag lang. Es war perfekt. Natürlich haben wir uns häufig gefragt, wo Jenny ist, aber ich war für Maria da und sie war für mich da. Als meine Frau mich verlassen hat, als ich nach der Scheidung das Haus verkaufen musste, in all der Zeit war Maria immer für mich da. Ich glaube, ich habe ihr nie gezeigt, dass sie das Beste war, in meinem Leben. Meine einzige Schwester. Ich war vier Jahre alt, als sie geboren wurde. Sie war mein Ein und Alles, vom ersten Tag an", er holt kurz Luft, ringt mit den Tränen, fasst sich schnell wieder. „Weißt du, Paula, wir können uns die Hand drauf reichen. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, wenn etwas fehlt." Wir trinken noch ein paar Jägermeister und beschließen ein Abkommen: So lange ich ohne Job bin, übernehme ich Carmens Schichten im Nachtlicht, immer Mittwoch und Freitag Abend. Und nach Absprache, falls Jürgen auch mal etwas mehr Zeit für sich braucht, springe ich auch für ihn ein. „Dir vertraue ich den Laden gern an!", sagt er beherzt und nimmt mich zum Abschied in den Arm. Um 4 Uhr liege ich im Bett und ärgere mich ein bisschen, Clausen vom Morddezernat schon in seiner Mittagspause zu treffen. Aber eigentlich darf ich mich nicht beschweren, denn wenn ich in den nächsten Tagen eine Sache übrig habe, dann ist es Zeit.

„Was werden Sie also mit all der Zeit anfangen?", fragt Clausen mich.

Wir hatten uns eine ganze Weile über Maria, Carmen, Rami und Jürgen unterhalten. Darüber, ob sich Maria in der letzten Zeit verändert habe, ob irgendwas Ungewöhnliches vorgefallen sei, von dem sie berichtet habe. Mir fiel nur der attraktive Zeuge Jehovas ein, der in den letzten Wochen vermehrt bei Maria vor der Tür stand. Carmen und ich hatten sie für die Geschichte ziemlich auf den Arm genommen, bis Maria irgendwann genervt sagte, dass er ohnehin viel zu jung sei und sie es sich zudem auch nicht vorstellen könne, Seite an Seite mit Tigern im Paradies zu leben. Mittlerweile geht unser Gespräch nach und nach über zu ganz normalem Smalltalk, wobei Clausen immer noch ein wenig klingt wie bei einer Zeugenbefragung. „Also, Paula, werden Sie die Zeit sinnvoll nutzen?" Er stochert mit seinem Piekser in den Pommes herum, bis er unter all der Mayo endlich einen erwischt hat. Wir stehen draußen vorm Imbiss Eck an den Landungsbrücken. Bis heute war ich mir sicher gewesen, dass hier nur Touristen nach einer Hafenrundfahrt einkehren. Clausen hatte das verneint und mit einem „hervorragenden Kartoffelsalat" begründet, dann aber doch Currywurst Pommes bestellt. Ich nippe an meiner Cola und denke nach. „Vielleicht schreibe ich ein Buch", sage ich. „Ein Buch?", er zieht eine Augenbraue hoch. „Ja, warum denn nicht?", ich sehe in kritisch an. Eine von wenigen Haarsträhnen weht im Wind, etwas Mayo hängt in seinem Mundwinkel. „Das stimmt", er lächelt fast freundlich, „Warum eigentlich nicht? Sie sind eine wortgewandte junge Frau mit einem scharfen Verstand. Haben Sie schon Genre und Titel im Kopf?" - „Hm! Ich dachte an 'DJ Dumpfbacke und die Alien-Invasion auf dem Damenklo'". Er schaut verwundert. „Wird das ein Sci-Fi-Roman?" - „Nein. Eine Liebesgeschichte." Jetzt müssen wir beide lachen. Der permanente Restalkohol in meinem Leben macht mich anscheinend albern. „Haben Sie mal über einen Kriminalroman nachgedacht?", fragt er ernst. „Nein, um ehrlich zu sein nicht", sage ich und schüttle vielleicht etwas zu energisch den Kopf. „Na, nun mal nicht so ablehnend, junge Dame!", sagt er. „Ich wollte Ihnen eben einen Vorschlag unterbreiten!" Ich runzle die Stirn. „Ja?" „Ja! Wie Sie wissen, gibt es einen Mordfall zu lösen. Es scheint, als kannte Maria all ihre Nachbarinnen. Auf jeder Etage mindestens eine." „Stimmt!", rufe ich, „die Kartenrunde!" „Die Kartenrunde?" „Ja", sage ich, „die haben sich jeden Sonntag getroffen und Rommé gespielt." „Waren alle Frauen der Kartenrunde aus dem selben Haus?" „Alle aus dem Haus, ja. Von jeder Etage eine! Sie haben immer Scherze drüber gemacht." „Also, 12 Frauen?" „Ganz genau, Clausen. In einem 12stöckigen Gebäude macht das 12 Frauen. Man merkt, dass Sie beim Morddezernat arbeiten!", antworte ich spitz: "12 fette Frauen, falls Sie es ganz genau wissen wollen." „12 fette Frauen, die sich zum Rommé getroffen haben?" „Ja. Zum Rommé, zum Quatschen ... zuletzt wollten Sie zusammen die Brigitte-Diät ausprobieren." „Herrgott. Die Brigitte-Diät", er schüttelt den Kopf. „Genießen Sie ruhig Ihre Currywurst", sage ich. Er lacht. „Wissen Sie, Frau Groß, wenn Sie Interesse haben ... begleiten Sie mich. Morgen werde ich die 11 verbleibenden Frauen vernehmen! Es wäre sicher eine gute Inspiration für Ihren ... nun ja, Sci-Fi-Krimi." „Okay.", sage ich. „Okay?", er sieht mich prüfend an. „Vielleicht findet sich irgendwo noch eine Lovestory, so am Rande. Im Roman würde ich Wert darauf legen, denn in meinem eigenen Leben sieht das eher mau aus." „Wem sagen Sie das!", seufzt Clausen und schmeißt seine Currywurst-Pappe in den Mülleimer. „Morgen um 13 Uhr vor dem Wohnkomplex, ja?" Ich nicke. „Seien Sie pünktlich. Bis dahin!", wir nicken einander zu und er stapft um die nächste Ecke. Ich stelle mich noch eine Weile an den Fähranleger, bis ich mich dazu entschließe, mit der Fährlinie 62 zum Elbstrand zu fahren. In Övelgönne laufe ich eine Weile mit Musik am Wasser entlang, performe ungestört zu theatralischen Lovesongs und überlege, ob ich Ferdi langsam antworten sollte. Irgendwie wird mir bei jedem Gedanken an die Arbeit ein wenig übel und ich möchte jeglichen Kontakt soweit hinauszögern wie möglich. Auf der anderen Seite scheint er wirklich besorgt zu sein – um mich und meine angebliche Schwangerschaft. Ich entscheide mich für ein kurzes „Läuft! Mach dir keinen Kopf, ich komm zurecht" und frage mich, ob ich wirklich zurecht komme. Nach einem langen Elbspaziergang steige ich in den Bus und fahre nach Altona, wo ich Carmen und Rami im Klönschnack einen kurzen Besuch abstatte. Carmen hat bereits von Jürgen erfahren, dass ich in den nächsten Wochen ihre Nachtlicht-Schichten übernehmen werde, die erste sogar schon heute Abend. Sie nimmt mich begeistert in die Arme. „Du bist die Beste, Paula!" „Ist schon okay", sage ich. „Du musst dir echt mal ein bisschen Zeit für dich nehmen." „Sag ich ja!", ruft Rami, der gerade nebenan noch ein paar Aufbackbrötchen aus dem Ofen holt. Das riecht man. Hmmm ... langsam kommt mein Appetit zurück. Normalerweise hätte ich mir ganz bestimmt auch eine Currywurst bestellt, aber durch meinen Kater und das dazugehörige Unwohlsein (verdammter Jägermeister), hat sich meine Nahrungsaufnahme heute bis jetzt nur auf eine Flasche Cola beschränkt. Da ich alles andere als ein Fit Shake-Testimonial bin, und garantiert keins werden will, verlange ich eins der Brötchen und berichte Carmen und Rami kauend von meiner kommenden Karriere beim Morddezernat. Sie staunen schon ein wenig. „Meinst du, er will dich angraben?", fragt Carmen und schaut angewidert drein. „Oh Gott, nein!", ich schüttle energisch den Kopf. „Auf keinen Fall!" „Natürlich will ich, dass der Fall gelöst wird. Aber eine Liaison zwischen dir und dem uralten Ermittler ... das wäre ja schon etwas dubios", fährt sie fort. „Was für eine merkwürdige Anmache von ihm", sagt Rami. „Nur, weil er ihr nicht gleich ein komplettes Bollywood-Musical vorgetanzt hat ... weißt du, Rami, für einen Deutschen Mann ist das ziemlich offensiv, Paula zu Zeugenbefragungen mitzunehmen , geradezu verwegen", Carmen zieht beide Brauen hoch, dann lachen Rami und sie. Es sind definitiv der gezielte Rassismus von beiden Seiten und ihr absurder Humor, der die beiden selbst jetzt eng zusammenhält. Und viel, fast abartig viel Zuneigung, die sich in jedem ihrer Blicke widerspiegelt. Manchmal beneide ich die beiden. Vielleicht ist das die Art von Liebesgeschichte, die ich in meinen Sci-Fi-Kriminalroman integrieren sollte. „Paula! Pau-la-ha! Komm zurück in unsere Welt!", Carmen steht neben mir und tippt mich an. „Tagträumer!" „Oh sorry", sage ich, „ich habe gerade überlegt, wie ich eure Beziehung kunstvoll in meinen neuen Sci-Fi-Love-Krimi einbauen kann." „Haha! Rami wird so ein kleines Alien, mit Turban und einem Indischen Dialekt." „Wenn überhaupt, dann Akzent", sagt Rami. „Bayrisch ist ein Dialekt!" „Bayrisch wäre auch lustig", entgegnet Carmen. „Ja, Servus! Un grüas Gott z'samme! Wo koann I a schönes Madl aas dem Ghetto treff'n? - Joa, da gens a moal nach Steiiilshoap! Da findens doann aane!" Sie prustet. Die beiden haben sich kennengelernt, als Rami, der aus Altona kommt, das erste Mal in seinem Leben Steilshoop betreten hat, um dort ein Keyboard abzuholen, welches er auf ebay gefunden hatte. Beim Einparken in einem Hinterhof hätte er beinahe eine kesse Blondine überfahren, die mit dem Fahrrad eine Abkürzung nehmen wollte und nun drauf und dran war, ihn zu verprügeln. Aber nur wenige abfällige Bemerkungen später wurde klar, dass diese Begegnung die Begegnung ihrer beider Leben sein sollte. Rami spielte ihr ein schlechtes BonJovi-Cover auf seinem neuen Keyboard vor, sie lachte sich darüber kaputt und drei Monate später zog Carmen zu ihm nach Altona, wo sie nur ein Jahr darauf, nach dessen Scheidung, den Kiosk ihres Onkels übernahm. Nach Abschluss seines VWL-Studiums stieg Rami mit ein. Ihre erste Begegnung ist jetzt fast zehn Jahre her. Ich seufze. „Paula", Carmen rüttelt dieses Mal an meinem Ärmel. „Ja?" „Lass uns doch bald mal wieder was unternehmen. Irgendwas ... Normales. Weißt du, ich brauche was Normales. Shoppen, Spazierengehen, Maniküre, ... vielleicht sogar Sport! Lass uns doch mal wieder ins Fitnessstudio gehen, weißt du noch! So wie in alten Zeiten!" Carmen und ich hatten uns beim Fitness für Mollige im SportSpaß kennengelernt. SportSpaß, das hielten wir beide schon immer für ein Paradoxon und wurden in der Sportgruppe schnell bekannt, als wir nach dem Kurs in der Umkleidekabine zwischen den anderen Pummelfeen Sachen sagten, wie „Verdammt, wer hat meinen Schokoriegel gegessen?" - „Die Dicke war's" und „Hach, jetzt erst mal zu McDonald's". Okay, vermutlich fanden die anderen es nicht mal witzig und lachten nur aus Beschämtheit, aber Carmen und ich fanden uns extrem lustig und blieben, auch außerhalb des Kurses, und schon bald nur noch außerhalb des Kurses, in Kontakt. „Hier auf der Ecke hat ein neues Studio aufgemacht", berichtet Carmen. „Einer der Trainer ist sehr nett. Er kommt manchmal nach Feierabend vorbei und kauft Bier." „Ha! Weil ihr auch keine Protein-Shakes im Angebot habt!", rutscht es mir raus. „Paula", zischt Carmen. „Er ist wirklich nett, nicht der klassische Pumper, bei dem dir direkt der Bizeps ins Gesicht springt. Und er hat Rami und mir ein Probetraining angeboten. Wir beide wissen ja, dass Rami keine Sportart außer Fußball näher an sich ran lässt – und das ohnehin nur passiv." Rami, der wieder nebenan im Lager ist, hat seinen Namen gehört. „Waaaas?", brüllt er. „Nichts, Schatz", brüllt Carmen zurück. „Also, bist du dabei?", sie sieht mich auffordernd an. „Pffft. Na gut", sage ich und bin wenig begeistert. Aber was tut man nicht alles. „Okay", sagt sie. „Morgen Abend! Die haben bis 22 Uhr auf. Also lass uns doch um 20 Uhr hier treffen und dann einfach hingehen." „Hmpf", mache ich. „Schön, dass du dich freust", lacht Carmen.

Bevor meine erste Schicht im Nachtlicht anfängt, haue ich mich noch für ein paar Stunden aufs Ohr. Im Halbschlaf höre ich noch mein Handy klingeln, blende es allerdings aus. Erst als jemand nicht aufhört, an der Tür Sturm zu klingeln, gebe ich mein Nickerchen auf und erhebe mich grantig. Es ist meine Nachbarin Mandy aus dem Erdgeschoss. „Oh, hast du geschlafen?", fragt sie, als sie meinen Gesichtsausdruck in der Kombination mit dem Abdruck meines Kissens im Gesicht bemerkt. „Hm." „Sorry! Kann ich ganz kurz Lotti bei dir lassen?" Sie schiebt den kleinen Menschen schon durch die Tür. „Es ist ein Notfall! Tilly ist noch bei der Tagesmutter und die hat eine Panne am Auto und jetzt kann sie ihn nicht vorbeibringen weil sie sich weigert, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Und ich will nicht im Feierabendverkehr mit zwei Kindern Bus fahren. Bitte Paula. Es dauert auch nur eine halbe Stunde, vielleicht 45 Minuten, aber bestimmt nicht länger." „Mandy, ich hab heute Nachtschicht auf dem Kiez und ich muss in einer Stunde los ..." „Auf dem Kiez? Okay, erzähl mir das später, ich beeil mich, danke Paula. Tschüsschen!" Und weg ist sie. Lotti steht vor mir und schaut mich verwirrt an. „Du hast doch gar keine Zeit für mich, Paula, wenn du gleich zur Arbeit musst. Können wir dann nichts spielen?" Sie ist dieses Jahr fünf geworden und schaltet schneller als ihre eigene Mutter. „Doch, Lotti, ein Puzzle können wir noch schaffen." Ich versuche sie anzulächeln und merke dabei, dass meine Gesichtszüge noch schlafen. Dann krame ich Mandys Notfallspielsachentasche aus einer Ecke, die tatsächlich regelmäßig zum Einsatz kommt und ziehe Lottis Minnie Mouse-Puzzle heraus. „So Lotti", sage ich. „Du fängst schon mal an und ich mache mich kurz schick für die Arbeit, okay?" „Okay", Lotti nickt tapfer und kippt die Puzzleteile auf meinem Schlafzimmerfußboden aus. Ich schließe fix meine Küchentür, weil ich nicht sicher bin, ob ich beim schnellen Durchkehren alle Teile des Aquariums erwischt habe und gehe ins Bad um mir ein neues Gesicht aufzumalen. Durch die offene Badezimmertür höre ich Lotti singen. Ich tippe auf Miley Cyrus' 'Wreckingball' und muss den Kopf schütteln. Mandy ist eben manchmal eine richtige Mandy. Während meine Schwester und ich mit fünf Rolf Zuckowski gehört haben und die schlimmsten musikalischen Fehltritte die Neue-Deutsche-Welle-Schallplatten meiner Mutter waren, wachsen Lotti und Tilly mit Miley Cyrus auf. ‚Hoffentlich haben sie das Musikvideo nie gesehen' , denke ich, als es schon wieder an der Tür klingelt. Ich werfe mir im Spiegel einen genervten Blick zu. Heute ist der zweite Tag meiner Arbeitslosigkeit und die erwartete und irgendwie auch erhoffte Langeweile scheint einfach nicht aufzukommen. „Hat Mama was vergessen?", ruft Lotti von nebenan. „Ich hoffe nicht", rufe ich zurück. Um ehrlich zu sein habe ich aber die selbe Vermutung. ‚Kluges Kind, dumme Mutter', denke ich, als ich den Summer drücke. Ich lasse einfach die Wohnungstür offen und tusche weiter meine Wimpern. „Hallooo?", ich höre eine Männerstimme in meinem Flur. Als ich mich irritiert nach links drehe, steht in meinem Flur, und auf Grund dessen nicht vorhandener Größe, fast neben mir, ein Fahrradkurier. "Hab isch hier Einschreiben für Frau Kloß!" „Frau Groß!" „Genau, mein isch das, ja. Müssen zie hier Autogramm." Aus meinem Schockmoment heraus unterschreibe ich blitzschnell. Dann sagt er noch: „Zie haben da was an Ihre Gezicht." Und schon ist er weg. Wie es aussieht, halte ich nun meine offizielle Kündigung in der Hand ... und habe einen Teil meiner Wange mit getuscht. Lotti steht vor mir, zeigt mit ihrem kleinen Zeigefinger auf mein Gesicht und lacht. „Du bist ein Indianer! Das sieht lustig aus! Haha!" Ich werfe den Umschlag in eine Ecke und zücke meinen Kajal. „Stimmt, Lotti. Du hast das gut erkannt. Was willst du sein? Auch ein Indianer? Oder eine Katze?" „Eine Katze! Eine Katze! Miaaau!", sie hüpft vor Begeisterung. ‚Okay', denke ich. ‚Ich bin eine dicke, arbeitslose Single-Frau an die 30 ... aber das entbindet mich ja nicht automatisch von meinem sozialen Gewissen.' Fertig angemalt spielen wir noch kurz eine Weile Katze und Indianer, wobei ich von Lotti lerne, dass Katzen Indianer fressen („Auch dicke Indianer, hihi") bis Mandy gerade rechtzeitig in der Tür steht. Leicht abgehetzt schaffe ich es noch pünktlich zum Nachtlicht, in dem heute meine Einarbeitung stattfindet. Kuddel steht schon vor der Tür und gemeinsam warten wir voller Vorfreude auf Jürgen. Insgeheim wollte ich schon immer Barfrau sein, vor allem in so einer herrlichen Ur-Hamburger Kaschemme. „Da kommt er!", ruft Kuddel, der Jürgen zuerst gesehen hat. „So Kinder!", Jürgen ist bester Laune. „Los geht das!"

Erste Ermittlungen

Gegen Ein Uhr morgens stehe ich allein im Nachtlicht. Kuddel ist heut früh nach Hause gegangen, weil er morgen Hochzeitstag hat. Hochzeitstag. Nichts an Kuddel kam mir je verheiratet vor, aber nun gut. Ich nippe an meiner Flasche Astra, schlendere dann rüber zur Jukebox und treffe eine neue Musikauswahl. Schon ein wenig besser, aber immer noch langweilig. Ich überlege, einfach auf den Tresen zu steigen und zu performen, schüttle dann allein wegen der Vorstellung den Kopf (es läuft Europe: Final Countdown, da sind auf jeden Fall große Gesten möglich) und setze mich wieder auf meinen Barhocker. Keine Nachricht von Saïd, dafür 12 Nachrichten von meiner Schwester („Paula, kannst du mir am Wochenende mit der Steuer helfen? - Ich koch dir auch was Schönes!! - Also, das wäre echt total nett von dir. Wir sind auch allein, Heiner ist mit den Jungs übers Wochenende weg. - Dann machen wir uns einen Mädelstag *gg* - Sag mal, wie's dir passt. - Alles ok, große Schwester? - Gibt auch Kuchen!! - Oder Torte, wenn du magst - Hallooo?!?! - Alles gut bei dir, Fräulein? - PAULA! Ich rede mit dir!" ... ), einen Kettenbrief von Mutti (im Stil von "Ein kleiner Engel wacht heute Nacht über dich ... wenn du diesen Kettenbrief unterbrichst, tötet er dich im Schlaf!!") und eine von Ferdi, der fragt, ob wir uns treffen können. Gesendet um 0:31h, also noch gar nicht so lange her. Ich schreibe ihm, dass er ins Nachtlicht kommen kann, falls er noch wach ist. Dann beantworte ich die panischen Nachrichten meiner Schwester, die natürlich um diese Uhrzeit schon schläft, tippe meiner Mutter einen kurzen Text, der meine Meinung zu Kettenbriefen relativ deutlich macht („Hör auf, mir so einen Scheiß zu schicken! Sonst organisier ich jemanden, der wirklich dafür sorgt, dass alle Blumen in deinem Garten eingehen und du sieben Tage lang unreine Haut bekommst!"). Als ich den Blick vom Handy abwende, betritt Ferdi den Laden. Als hätte er hinter der nächsten Ecke gestanden und nur auf mein Go gewartet. „Hi", er kommt mit einem besorgten Lächeln auf mich zu und versucht, mich über den Tresen hinweg zu umarmen. „Hey", sage ich, "willst du 'n Bier?" Er nickt, ich reiche ihm ein Astra und mache mir auch ein neues auf. Jürgen hat schließlich gesagt, Getränke sind im Lohn enthalten. Die Jukebox spielt nun „Dancing with myself" von Billy Idol. Der Song meines Lebens. „Darfst du jetzt überhaupt Bier trinken?", fragt Ferdi mit ernster Miene. Ich verschlucke mich und spucke einen Schluck Bier über den Tresen, ein anderer sprudelt mir aus der Nase. Ferdi klopft mir auf den Rücken. „Geht schon", sage ich. Dann atme ich einmal tief durch und fahre fort: „Ich bin gar nicht schwanger." „Was?!", Ferdi schaut mich verwirrt an. „Nur dick", sage ich etwas kleinlaut. „Aber Bianca hat ..." „Ja", unterbreche ich ihn „Bianca." „Sie hat es allen erzählt. Zwar hinter vorgehaltener Hand, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es jeder weiß." Er schüttelt den Kopf. „Warum denkt sie sich so etwas aus?", fragt er ungläubig. „Nein, also, so war es nicht.", verteidige ich mich und werde immer kleinlauter. In dem Moment hatte mir die Idee so gut gefallen. „Ich hab so getan als ob. Weil sie doch jetzt mit Nico liiert ist. Nachdem nun die ganze Agentur weiß, dass wir mal was hatten, war sie schrecklich wütend auf mich und hat mich beleidigt. Da wollte ich ihr einfach eins auswischen, verstehst du." „Hm", macht Ferdi. „Nicht wirklich. Aber gut. Meinst du echt, dass sie mit Nico zusammen ist? Ich glaube, das ist eher eine Liaison der Gattung Meine kleine blonde Matratze. Ich mein, eine enge Beziehung hat der doch nur zu sich selbst." „Hm", mache ich. „Meinst du, ich hab jetzt einfach all ihre Hoffnungen zerstört?" „Na, vor allem sein Image unter den Kollegen!" „Weil jetzt alle wissen, dass er mit einer dicken Frau geschlafen hat?" „Nein, so ein Quatsch", er sammelt sich kurz. „Weil er mit dir geschlafen hat, Paula. Und dich angeblich geschwängert hat, ohne sich um dich und das Kind zu sorgen. Das hat sein Image zerstört.“ Er verdreht die Augen und spricht weiter: „Doch nicht der Fakt, dass er mit dir geschlafen hat. Das macht ihn doch eher zu einem Glückspilz." „Ja, klar", sage ich etwas grantig. Ist ja nett von Ferdi, dass er mich verteidigt. Aber man muss dabei ja nicht gleich unrealistisch werden. Wir trinken schweigend unser Bier. "War es bei Fit Shake wirklich so schrecklich?", frage ich nach einer Weile. Er zuckt mit den Achseln. „Keine Ahnung. Die haben ein absolutes Pokerface aufgesetzt. An manchen Stellen hat die Frau aus dem Marketing gelacht, worauf ich sie dann einfach charmant angelächelt habe. Am Ende der Präse hab ich mich das erste Mal umgesehen und Nico war einfach verschwunden. Na ja, ich hab mich für die Aufmerksamkeit bedankt, alle Hände geschüttelt, in Ruhe mein Notebook abgebaut und mich von der Marketingfrau zum Mittagessen mitnehmen lassen. Die haben da eine Kantine und hey - es gab zwar Salate, aber auch Pizza und anderes richtiges Essen. Sie heißt Jaqueline, sieht aber zum Glück nicht so aus und hat ein Schnitzel bestellt. Allerdings hat sie zu unseren Ideen nichts mehr gesagt, das dürfe sie nicht, meinte sie. Sie haben sich an dem Tag noch zwei weitere Agenturen angesehen und gestern noch eine und die Entscheidung fällen sie spätestens Anfang nächster Woche. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir uns tatsächlich blamiert haben." Ich seufze. Manchmal ist der Kleine wirklich unglaublich naiv. „Weil sie dich angraben wollte", sage ich, „natürlich musste sie dir dafür ein gutes Gefühl geben." „Meinst du?", Ferdi grinst. „Schon, ja." „Jedenfalls ... als ich dann wieder in der Agentur war und nach dir gesucht habe, da hat Bianca mir erzählt, dass Nico dich gefeuert hat. Ihn habe ich übrigens auch seit der Präsentation nicht gesehen. Ganz merkwürdig." „Hm." „Ich bin froh, dass du nicht schwanger bist, Paula. Ein Kind von Nico ... das muss wirklich nicht sein." Ich habe Ferdi voher noch nie etwas sagen hören, das die Firma oder Nico selbst auch nur in irgendeiner Form anzweifelt. Er ist der loyalste Mensch der Welt. Und jetzt gibt es schon den zweiten negativen Kommentar von sich. Ich feiere einen kleinen inneren Reichsparteitag und schenke uns zwei Schnäpse ein. Um 3 Uhr mache ich den Laden zu. In Anbetracht meines konstant vorhandenen Pegels, fühle ich mich relativ nüchtern. Ferdi allerdings wirkt mächtig angetrunken. „Sollen wir noch zu dir gehen?", lallt er, „noch einen Schnaps nehmen?" „Neee", sage ich. „Oder Kaffee!", er hält mich am Arm fest. „Ne, lass mal. Du musst früh raus. Und ich hab eine Verabredung mit einem Ermittler vom Morddezernat." „Was hast du?!" „Erzähl ich dir wann anders mal in Ruhe." „Na gut!", er umarmt mich zum Abschied relativ lange, vermutlich, weil er sich selbst kaum auf den Beinen halten kann und wankt dann Richtung S-Bahn. Ich laufe zu Fuß nach Hause und performe unterwegs ein bisschen zu "MMMBop" von den Hansons und vermisse die 90er: da war die Welt noch voller unmöglicher Farbkombinationen, die aus unerklärlichen Gründen funktioniert haben. Und Leggings waren keine bequeme Kompromisslösung, sondern angebracht. Can you tell me who will still care? Mmmbop ba duba dop ba, du bop ba duba dop ba du - yeeeey, yeah!

Clausen geht bereits vor dem Gebäude auf und ab. Er zieht an seinem Zigarillo, während sein offener Trenchcoat im Hamburger Wind fast wie ein Superman-Cape hinter ihm her weht. Dem Betrachter wird somit ein guter Blick auf seine beeindruckende Plauze ermöglicht, welche sich unter einem dunkelblauen Wollpulli mehr als nur abzeichnet. Ich schüttle den Kopf über den romantischen Gedanken unserer Beziehung, den Carmen mir unterjubeln wollte. Als er mich sieht, bleibt er stehen und zeigt mahnend auf seine Uhr. „Sie sind spät dran!" „Entschuldigung. Ich unterschätze die Entfernungen innerhalb Hamburgs immer, wenn ich nicht zu Fuß gehen kann." Er nickt. „Ja, hier draußen fühlen wir West-Städter uns verloren. Das ist fast wie ein Aufenthalt südlich der Elbe. Kommen Sie." In seiner Hand hält er eine Liste, die aussieht, als hätte Carmen sie geschrieben. Es stehen Namen darauf: Vornamen, Spitznamen, meistens keine Nachnamen aber dafür die Stockwerke mit dem Vermerk „Tür ganz links" oder „Zweite Tür von rechts". „Ihre Freundin erinnert sich nicht an alle Namen, weiß aber tatsächlich von allen Frauen, wo im Haus wir sie finden", sagt Clausen. „Kein Wunder", sage ich, „sie hat ja selbst Jahre lang hier im Haus gewohnt." „Hm", macht Clausen. Ich frage mich, was er denkt. Dann stehen wir bereits bei Elfriede vor der Tür. „Diese Frau kenne ich", flüstere ich ihm zu und erinnere mich im selben Moment, dass mein Flüstern eigentlich Quatsch ist. „Sie hört sehr schlecht!" „Pauuula!", Elfriede fällt mir direkt um den Hals, beziehungsweise eigentlich eher um die Hüfte. Sie ist eine kleine, untersetzte Dame um die 80, mit langem grauem Haar, das sie immer zu einem hübschen Dutt zusammen steckt. In ihrer Wohnung duftet es nach Kuchen. Elfriede ist die Omi, die Carmen und ich uns immer gewünscht haben. Gelegentlich schauen wir bei ihr rein, um nach dem Rechten zu sehen. Nur die Gespräche mit ihr fallen einem zunehmend schwerer, denn eine Hörhilfe verweigert sie vehement. „Ist das dein Mann? Bist du jetzt verheiratet?", sie mustert Clausen kritischen Blickes, der sagt nur hilflos: „Ihr Kollege!" „Ja, ja! Alter Schwede!", sagt Elfriede. „Dass Sie wesentlich älter sind als meine Paula hier, das sehe ich. Ich bin vielleicht schwerhörig, aber nicht blind!". Dann wendet sie ihren Blick wieder mir zu: „Kommt rein, ihr Turteltäubchen! Der Apfelkuchen ist noch warm." Während wir in ihrer gemütlichen Küche Platz nehmen, beginnt Elfriede zum Glück von sich aus, über den Mordfall zu reden. „Es ist so eine furchtbare Geschichte, Paula. Die arme Maria! Sie war so ein guter Mensch. Als ich es letztes Jahr so im Kreuz hatte, weißt du noch? Da hat sie mir so viel im Haushalt geholfen. Ich kann einfach nicht verstehen, wie jemand so etwas tun kann". Sie stellt Clausen und mir zwei riesige Stücke gedeckten Apfelkuchen vor die Nase und setzt sich zu uns. „Haut rein, ihr Lieben!" Sie lächelt und spricht weiter: „Auch wenn ich sagen muss, ... wie heißen Sie eigentlich?", sie sieht Clausen prüfend an. Der kaut schnell zu Ende und streckt ihr die Hand entgegen. „Clausen!" - „Lauren? Was ist das denn für ein Name? Sind Sie etwa auch noch Franzose? Wir hatten hier auch mal einen Lauren im Haus, der war von ... genau, von Airbus gekommen! Aus Touluz!", sie spricht dabei Laurent und Toulouse betont deutsch aus. Clausen verzweifelt langsam, ich seh's in seinem Blick. „Nun ja, auch wenn Sie Franzose sind. Ich freue mich natürlich trotzdem! Die Paula, die hatte es ja auch immer nicht leicht mit den Männern. Genau wie die Maria. Nachdem ihr Mann weg war, da hat sie einfach nie wieder jemanden kennengelernt. Was wollte ich eigentlich sagen? Ach, war wohl nicht so wichtig. Aber die Maria, die hat das Beste daraus gemacht, wissen Sie. Hier wohnen so viele nette Leute im Haus und wir hatten ja einander," ihr Blick wird trüb, „Wir haben ja einander, das hat sie immer zu mir gesagt. Nachdem mein Willem gestorben ist, wissen Sie, Willem, das war mein Mann. Wir waren 55 Jahre verheiratet. Ich vermisse ihn an den meisten Tagen gar nicht so sehr, einfach nur, dass jemand da ist, das vermisse ich. Er war ein schwerfälliger Mann, ein richtiger Tunichtgut. Aber als dann auch noch Butschi gestorben ist, das war schlimm." „Butschi?", flüstert Clausen in meine Richtung. „Ihr Wellensittich", antworte ich. „Der Sittich, genau.", Elfriede hatte uns gehört. Komisch, als würde sie sich aussuchen können, was sie hört und was nicht. „Er konnte sprechen! Ein kluger Vogel war das. Und alt ist er geworden.", sie seufzt. „Elfriede, wir haben noch ein paar Fragen an dich", beginne ich vorsichtig. „Ja? Schieß los." „Wann hast du Maria das letzte Mal gesehen?" „Na, am Sonntag! Da haben wir Rommé gespielt. Dieses Mal waren wir bei Ayse und Hatice – die wohnen im fünften Stock. Du kennst doch Ayse?" Ich schüttle den Kopf. „Na, jedenfalls", fährt sie fort „Türkinnen, hört man ja am Namen, dass die nicht von hier sind. Aber ganz nett. Es gibt immer so klebriges Gebäck, wenn wir bei ihnen Karten spielen.", sie zieht die Augenbrauen hoch und wendet sich an Clausen. „Für mich persönlich ist das ja nichts, ich bleib lieber bei meinem Apfelkuchen." „Der ist auch wirklich gut", sagt Clausen. „Eben", sagt Elfriede, „da ist man besser auf der Hut! Man weiß ja nie genau, da hängen Teppiche an den Wänden – wer macht denn so etwas? Und der Vater spricht kein Wort Deutsch, das mach das Plaudern etwas schwierig. Aber am Sonntag waren nur die Mädchen da. Da haben wir es uns ganz gemütlich gemacht. Eine aus unserer Rommé-Gruppe probiert jetzt Low-Carb, das ist Englisch für wenig Kohlenhydrate. Aber ich bin zu alt für eine Diät. Jedenfalls, Maria wollte mitmachen, glaub ich. Aber du kennst, ich mein, du kanntest ja Maria, Paula. Und ihre Vorliebe für Kartoffelchips. Und Dinge, die man mit Käse überbacken konnte. Sie hat einmal gesagt, solange man auf dieser Welt noch Dinge mit Käse überbacken kann, wird sie den Glauben an das Gute nicht verlieren." „Na, das ist mal ein Wort", Clausen nickt. „Ja, genau! Es war Mord!", sagt Elfriede verschwörerisch. „Grausam! Ich hoffe, sie schnappen den Dreckskerl!" „Dreckskerl?", fragt Clausen. „Na, würde eine Frau so etwas Furchtbares tun? Alle hier im Haus haben Maria gemocht. Sie hatte nie mit irgendwem Streit. Nur einmal ... mit Nilüfer, aus dem Siebten. Aber ich weiß nicht mehr, worum es damals ging und die haben sich auch wieder vertragen. So, ihr Süßen, es ist langsam Zeit für mein Mittagsschläfchen. Schön, dass ihr mal reingeschaut habt!" Sie bringt uns zur Tür und umarmt uns zum Abschied. „Sag mir, wenn du hörst, wer das getan hat, ja Paula?", dann dreht sie sich zu Clausen. „Und Lauren! Kümmern Sie sich gut um meine Kleine!", Clausen nickt und wünscht Elfriede noch einen schönen Tag. „Ja, man sieht, dass Sie sie mögen", schmunzelt diese und schließt die Tür. Wir nehmen die Treppe in den ersten Stock. „Aber ein guter Apfelkuchen war das", sagt Clausen. „Schön, dass er Ihnen geschmeckt hat, Lauren". Clausen sieht mich grantig an, ich weiß aber, dass er insgeheim amüsiert ist. Man muss Elfriede einfach ins Herz schließen. Ob mein Leben wohl anders verlaufen wäre, wenn ich so eine Oma gehabt hätte? Vermutlich wäre ich einfach nur noch dicker geworden. Während ich so in Gedanken bin, stehen wir schon vor Gisela Bauers Tür. Sie scheint nicht Zuhause zu sein. Clausen seufzt. „Sollen wir nicht vielleicht lieber mit dem Aufzug in den 11. Stock fahren und dann die Treppe runter gehen? Das scheint mir unkomplizierter." Ich lache. „Wie Sie meinen." Für den 11. Stock steht "Cindy – zweite Tür von rechts" auf unserer Liste. Der liebliche Name „Krätzer-Wohlberg" ziert hier ein kitschiges Keramikschild, das an der Tür hängt. Unter dem Namen sind drei Enten abgebildet, Papa-Ente ist mit Edding verunstaltet. Clausen drückt auf den Klingelknopf. Eine Frau Mitte 40 in Bademantel, Schlappen und mit Papilotten im Haar öffnet uns die Tür, in ihrem Mundwinkel hängt eine Kippe. „Was is?", schnauzt sie uns an. „Clausen vom Morddezernat, Moin. Das ist Frau Groß. Sind Sie Cindy? Wir hätten einige Fragen im Mordfall Maria Kachowski." „Seh ich so aus oder wat?!", sie verdreht theatralisch die Augen, richtet ihren Kopf zur Seite und brüllt: „Cindy!" Als sich in der Wohnung nichts tut, probiert sie es erneut: „Cindy, los du kleine Tonne, roll rüber! Die Polizei is' da!" ... „CINDY, wird's bald?" Man hört nun, dass sich eine Tür öffnet. Ein moppeliger Teenager steht im Flur und starrt uns mit großen Augen an. „Hallo?" „Cindy, Clausen vom Morddezernat, hallo. Dürfen meine Kollegin Frau Groß und ich reinkommen?" "Phaha", macht Cindy und sieht mich an. "Frau Groß in Mode, oder wat? Von der Fit for Fun sind Sie beide jedenfalls nicht.“ „Cindy!", ihre Mutter haut ihr von hinten gegen den Kopf. „Wat, Mutti? Du heißt Krätzer, als wär das besser. Ja, okay, kommse rein." Cindy tippelt vorweg, wir gehen an ihrer Mutter vorbei, die noch immer den Kopf schüttelt, dabei murmelt sie etwas von wegen „Das Kind, einfach hoffnungslos, ganz der Vatter ...". Wir setzen uns zusammen mit Cindy ins Wohnzimmer, das auf den ersten Blick wirkt wie eine Abstellkammer. Zwischen Wäscheständern und irgendwelchen Kisten befindet sich ein Sofa. Auf dem Tisch stehen nur offene Bierdosen, Weinflaschen und Aschenbecher. „Rauchen 'se?", fragt Cindy und geht einen Aschenbecher ausleeren. „Wolln se 'n Bier?" „Danke Cindy, wir sind im Dienst", sagt Clausen, holt aber seine Zigarillos raus. Cindy hält mir ihre Zigaretten hin. Ich bediene mich, auch wenn ich das nach circa fünf Minuten mangels Atemluft bedaure. „Also Cindy, du kanntest Maria?", fragt Clausen. „Jo", sagt Cindy. „Hattest du sie gern?", hakt er nach. „Wat heißt, gern haben. Sie war nett.", sagt Cindy. „Ja?", bohrt Clausen weiter. „Ja. Sie hat mir immer mit den Hausaufgaben geholfen. Se ham ja meine Mutter gesehen. Deren Allgemeinbildung hört bei der dritten Klasse auf." Sie erzählt weiter: „Ich hab dank ihr meinen Erweiterten geschafft. Und ab nächsten Monat 'ne Lehrstelle." „Oh", sagt Clausen. „Ja, das hättn se jetzt nicht gedacht, wa", fährt Cindy ihn an. „Nein, ich meine, äh", er sucht nach den richtigen Worten. „Das ich toll", schreite ich ein. „Als was machst du die Ausbildung?" „Als Außenhandelskauffrau", sagt Cindy und sieht sich suchend um, leise spricht sie weiter, „dann kann ich endlich hier ausziehen." Wir nicken. Bei der letzten Rommé-Runde war Cindy nicht. Ihre Mutter hatte ihr Hausarrest gegeben, da das Altglas nicht weggebracht war. „Wenn se mich fragen, ist das nicht gerecht", sagt Cindy, „aber wat is schon gerecht im Leben, wa. Maria, die war echt in Ordnung. Und nun ist sie tot. Das Leben ist einfach kacke, so isses nämlich. Und alle, die mir mit diesem Fataloptimismus kommen, von wegen jede Hürde nehmen und so, dem spuck ich persönlich ins Gesicht." Sie drückt ihre Kippe aus. Fataloptimismus. Verdiente Mittlere Reife. Wir verabschieden uns von Cindy und wünschen ihr alles Gute. Ihre Mutter kriegen wir nicht mehr zu Gesicht. „Krass", sage ich, als wir auf dem Weg in den 10. Stock sind. „Tja", Clausen seufzt, „ein leichtes Leben hat in so einem Wohnkomplex vermutlich niemand. Aber immerhin versuchen einige, das Maximum rauszuholen. Und das zu sehen, ist doch eigentlich gut." Ich bin überrascht über seine fast einfühlsamen Worte, dann stehen wir auch schon vor der nächsten Tür. Latifa, die sofort öffnet, schätze ich auf Mitte 20. Sie ist unfassbar kurvig, dunkelhäutig und stark geschminkt. Als wir zu dritt in ihrer winzigen Küche sitzen, erzählt sie uns, dass sie als Zwölfjährige aus Südafrika nach Deutschland kam. Ihr Vater war dort Busfahrer und verstarb bei einem Unfall, ihre Mutter kratzte darauf ihre letzten Ersparnisse zusammen und fing mit Latifa in Hamburg ein neues Leben an. Etliche Putzjobs später traf ihre Mutter dann „die Kartoffel ihres Lebens", wie Latifa es verachtungsvoll aussprach. „Der hatte schon Kinder. Weiße, schlanke Kinder. Von da an war ich abgeschrieben." Sie schenkt uns ganz unaufgefordert ein Glas Limo ein und stellt etwas Knabberzeug auf den Tisch. „Bedient euch! Na, jedenfalls, als ich endlich diese bescheuerte Sprache gelernt hatte, war es auch schon zu spät für einen guten Schulabschluss. Jetzt geh ich zur Abendschule und putze ... wie meine Mutter. Ohne, dass wir überhaupt Kontakt haben", sie verdreht die Augen, „Sie wäre sicher stolz auf mich." „Abendschule ist doch super!", sage ich. „Super?", sie schaut mich irritiert an. „Hast du mal in Steilshoop eine Abendschule besucht? Die Leute können teilweise nicht mal ihren eigenen Namen schreiben." Clausen lacht, verschluckt sich fast an einer Erdnuss, lacht aber weiter. Latifa und ich sehen uns irritiert an. Das Thema ist gerade eigentlich viel zu Ernst und was sie da gesagt hat, war viel mehr die traurige Wahrheit als ein Witz. Aber in Anblick des prustenden, verschrobenen Ermittlers, der mittlerweile schon rot anläuft, kann sie nicht anders, als mit einzustimmen. Ich trinke einen Schluck Limo und grinse. „Die Menschen sind teilweise wirklich unfassbar dumm", fährt sie fort, als Clausen sich beruhigt hat. „Dafür brauchen sie nicht mal einen Migrationshintergrund, glauben Sie mir. Nach meinem Unterricht bin ich abends häufig noch zu Maria rauf gegangen und habe ihr davon berichtet. Sie hat meine Lage gut verstanden. Ihre Tochter, Carmen, ist damals heimlich aufs Gymnasium gegangen, wussten Sie das?" Ich schüttle den Kopf. „Dass sie aufs Gymnasium gegangen ist, das wusste ich. Aber heimlich, nein, davon hatte ich keine Ahnung." „Hier im Haus erzählt man das besser nicht zu laut. Die Leute denken dann nämlich, man würde sich für etwas Besseres halten. Maria hat damals allen erzählt, Carmen würde ein Praktikum in einem Nagelstudio machen. Das war nämlich ganz in der Nähe ihrer Schule", jetzt lacht Latifa von sich aus. "Offiziell war Carmen drei Jahre lang Praktikantin im Nagelstudio. Und damit sie nicht auffliegt, hat sie in den Schulferien und an manchen Nachmittagen unter der Woche wirklich dort ausgeholfen." Carmen hat mir tatsächlich schon oft die Nägel gemacht – ich hatte es aber nie hinterfragt. Jetzt schließt sich der Kreis. Ich bin beeindruckt von meiner Freundin und ihrer Mutter. Ich wusste schon immer, dass sie kluge Frauen sind. Aber dass Maria hier im Haus tatsächlich auf einer inoffiziellen Bildungsmission war, erfüllt mich urplötzlich mit so viel Stolz, dass ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen schießen. „Ich habe sie übrigens nicht ermordet, falls Sie deswegen hier sind", sagt Latifa. „Maria war meine Freundin. Bei manchen Nachbarn hier habe ich tatsächlich schon mal drüber nachgedacht, sie vom Balkon zu schubsen", sie friemelt an einer Haarsträhne herum, die sich an ihrem großen Ohrring verfangen hat. „Die wohnen immerhin in Steilshoop, sprechen selbst kein Deutsch, auch wenn es ihre Muttersprache ist, aber als Schwarze wirst du trotzdem immer angestarrt, egal wie sehr du versuchst, dich zu integrieren." Ich bin nur wenig von dem überrascht, was sie erzählt. Dummheit und Intoleranz gehen zu oft Hand in Hand. Das sage ich auch. Sie stimmt mir zu und lächelt. „Hatte Maria denn irgendwelche Feinde im Haus? Also, gab es irgendwen, der Maria nicht mochte?", frage ich. Sie schüttelt lange den Kopf. „Nein, niemand. Maria war beliebt, immer freundlich und wirkte so harmlos. Mir fällt wirklich niemand ein, der ihr so etwas antun würde." Schweigen. Dann hat Clausen noch eine Idee: „Haben bei Ihnen schon einmal die Zeugen Jehovas geklingelt?" Sie lacht. „Hier? Nein! Also ... Entschuldigung. Aber das sind doch auch meistens nette ältere Damen, die sich auf ein Käffchen mit ins Wohnzimmer setzen und über ihre Weltanschauung plaudern. Wäre ich eine kleine Omi und hätte gewisse Wertvorstellungen – ich würde zum Plaudern nicht in diese Gegend kommen. Vielleicht, wenn ich Drogen verkaufen wollen würde. Aber die Zeugen Jehovas, nein. Die waren nie hier. Zumindest nicht bei mir." Erst als Latifa sich dafür entschuldigt, dass sie sich jetzt für die Abendschule fertig machen muss, wird uns bewusst, dass es schon nach 18 Uhr ist. „Feierabend!", ruft Clausen fröhlich, schüttelt Latifa die Hand und wackelt euphorisch zur Tür. Ich bedanke mich bei ihr und sie gibt mir ihre Nummer, falls noch Fragen aufkommen sollten oder sie irgendwie helfen kann. Dann drückt sie mich herzlich. „Paula! Beeilen Sie sich!", ruft Clausen aus dem Hausflur. Gefühlte Sekunden später sitzen wir in seinem Dienstwagen. „Haben Sie noch etwas vor?", frage ich ihn. Er nickt. „Meine Frau kommt zum Essen vorbei." „Ihre Frau." „Ja. Da staunen Sie, oder? Ich bin verheiratet." „So erstaunlich finde ich das nicht.", ich mache eine Pause, „Na gut, ein bisschen schon." Er lacht. „Verheiratet, aber getrennt." „Oh", sage ich und will noch etwas Mitfühlendes ergänzen, aber da redet er schon weiter. „Ja. Und heute will sie mit mir über etwas Wichtiges sprechen. Ich schätze, sie ist endlich zur Vernunft gekommen." Voller Vorfreude trommelt er zu einem schrecklichen deutschen Schlager, der im Autoradio läuft, auf dem Lenkrad herum. Sie werden wirklich 10 und wachsen dann nur noch, denke ich. Clausen setzt mich an der Stresemannstraße ab und ich laufe das letzte Stück zu Fuß nach Hause. Glen Hansard schreit mir durch meine Kopfhörer „Didn't he ramble" in die Ohren und ich denke, ja, das ist Clausens Song. Und gleichzeitig bin ich fast sicher, dass seine Frau heute Abend nicht zu ihm zurück kommen wird. Es ist weder Eifersucht, noch irgendwie böse gemeint – es ist einfach nur so ein Gefühl.

Fuckface

In Sporthose und Sport-BH sitze ich im Schneidersitz auf meinem Küchensofa. Ich kann mich für kein T-Shirt entscheiden, also prokrastiniere ich, indem ich eine Zigarette nach der anderen rauche und immer mal wieder runter auf meinen unbedeckten Bauch schaue.

Manche Leute scheinen einfach dafür geboren zu sein: Sport. Sportkleidung. Und da sie dafür geboren sind, trainieren sie auch bauchfrei. Oder, als Mann, im Tanktop. Vor meinem geistigen Auge sehe ich Tanktop-Träger, die aussehen, als würden sie gleich aufgrund der bloßen Anwesenheit von Brustmuskeln explodieren. Mir ist mal eine Hose am Hintern gerissen, aber an zu viel Muskelmasse lag das ganz bestimmt nicht.

Ich seufze und ziehe mir ein schlichtes schwarzes Shirt ohne Ausschnitt an. Die Brust im Sport-BH nach hinten gedrückt, fast ganzkörper-bedeckt und asexuell wie selten zu vor, trotte ich unmotiviert in Richtung Klönschnack. Carmen sieht aus wie aus einem 90er-Jahre Aerobic-Video und strahlt voller Vorfreude. Ich frage sie, ob wir nicht lieber schmierige Nudeln beim Asia-Mann essen gehen wollen. Sie lacht nur und schubst mich. „Los, du alter Griesgram! Lass uns heut mal richtig die Eisen ballern!" „Hä?", mache ich. „Na", sagt sie, „Gewichte heben. Das sagt die Jugend von heute so. Also, auf geht's!" Ich brumme, beschwere mich darüber, dass ich ganz bestimmt nicht die Jugend von heute bin, folge ihr aber auf Schritt und Tritt, bis wir am Empfang des Fitnessstudios stehen. Als ich mich so umsehe, entdecke ich tatsächlich so ziemlich jeden Menschentypus, von Hausfrau bist Hulk. Ein ziemlich drahtiger Mensch in Uniformierung des Studios unterhält sich bereits mit Carmen, während ich meinen Blick noch schweifen lasse. Als sie mich in die Seite boxt, bemerke ich, dass er auch schon länger auf mich einzureden scheint. „Ich bin Alex, freut mich, dass ihr hier seid!", er streckt mir die Hand entgegen. „Paula", sage ich und bin genervt und etwas eingeschüchtert zugleich. Ich setze meinen Rundumblick fort und bleibe unbewusst am Hintern einer Blondine hängen, die gerade im offenen Bereich auf dem Laufband joggt. Alex Blick haftet immer noch auf mir. „Habt ihr euch bestimmte Ziele gesteckt?", fragt er. Carmen redet wie ein Wasserfall. Sie ist wirklich motiviert und hat viele Ideen für ihr Training. Die richtige Mischung aus Ausdauer-und Krafttraining - für Muskelaufbau und schlussendlich natürlich auch Gewichtsreduktion. Eventuell sogar eine Ernährungsumstellung, nur halt recht ungern am Wochenende, aber da müsse man halt mal sehen. Die Blondine hat einen tollen Po. Carmen schlägt mich erneut. „Und du?", fragt Sven, (oder wie hieß der jetzt?) mich. „Was auch immer sie macht", sage ich. Er lacht. „Gut, dann geht euch doch kurz umziehen und wir legen in 10 Minuten los." Carmen schießt raketenartig in Richtung Umkleidekabine. Ich trotte hinterher und zucke mit den Achseln. Der Trainer grinst mich amüsiert an. „Arme dicke Frau", denkt er sich bestimmt. Na ja, genau genommen denke ich ja das selbe. Also grinse ich zurück. In der Kabine bewundere ich die nackten Körper der anderen Frauen, während ich eigentlich nur meine Sportschuhe wechsle. Man bekommt hier Körperteile zu sehen, die man nie hatte sehen wollen. Es ist fast wie an einem FKK-Strand und ich frage mich, ob die Leute einfach generell so gern nackt sind oder es hier einen geheimen Codex gibt, der besagt „Präsentiere dich voller Stolz, egal ob du zurecht stolz bist oder nicht". Ein junges Mädel betrachtet die Cellulite an ihrem Po im Spiegel. Ihre Freundin wirft ebenfalls einen kritischen Blick darauf und sagt dann: „Ist echt schon viel besser geworden". „Ja, oder?", antwortet das Mädchen lächelnd. Sie freuen sich gemeinsam. Carmen steht schon bereit, ihr Handtuch lässig über die Schulter geworfen. Sie sieht aus, als wäre sie genau am richtigen Ort, als würde sie schon nach fünf Minuten dazugehören. Ich hingegen hatte sogar bei meiner Kündigung ein angenehmeres Gefühl. Aber mir bleibt keine Wahl: Ich greife nach Trinkflasche und Handtuch und schlurfe zur Tür in Richtung Weltuntergang. Äh, Cardiobereich, meine ich. Aber es riecht ein wenig nach Weltuntergang … und Schweiß. Sven wartet dort schon lächelnd auf uns. „Fuckface", denke ich. "Blödes, makelloses, Zahnpastalächeln-tragendes Fuckface. Drück noch einmal beim Winken deinen Bizeps so raus und ich werd richtig sauer." Er beachtet Carmen gar nicht, grinst mich so an, als würde er mich damit ganz gezielt verletzten wollen. Weil er mir ansieht, wie unsportlich ich bin. Weil er genau weiß, dass an seinem Körper kein Gramm Fett vorhanden ist und ich ihm das vermutlich noch einmal vor Augen führe. Also klopft er sich innerlich sicher gerade auf die Schulter und macht sich im Kopf schon den nächsten Eiweiß-Shake. „Komm Paula, ich hab dir den besten Crosstrainer freigehalten. Das ist ein ganz neues Modell. Hier Carmen, du gehst auf den genau daneben. Und dann macht ihr ein 15-minütiges Warm-Up, ganz entspannt, … Guck", er stellt den Crosstrainer auf eine niedrige Stufe ein, „das reicht vollkommen. So kann man dabei auch noch quatschen." Er macht die Einstellung auch bei Carmen. Dann lächelt er mich wieder an. „Ich hol euch dann gleich wieder ab, dann machen wir ein bisschen Krafttraining." Und weg ist er. „Er ist nett, oder?", grinst Carmen mich an. Nett, pft. „Hmmm!", mache ich. Dann erzählt Carmen ein paar neue Geschichten aus dem Klönschnack. Die Stammkundschaft dort ist einfach auf eine kuriose Art und Weise total entzückend. Neben den ganz klassischen Alkoholikern, Kettenrauchern und Kaffee-Junkies kommt zum Beispiel auch Isolde jeden Tag in den Kiosk. Sie ist Rentnerin, spaziert morgens mit ihrem Chihuahua Pfiffi durch Altona und erreicht immer um Punkt 9 Uhr den Klönschnack. Dann kauft sie eine Banane, eine Schrippe und eine MoPo. Jeden Tag. „Heute", erzählt Carmen, „war sie spät dran, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Und jetzt rate mal, was los ist?", „Was?", frage ich gespannt. „Pfiffi ist schwanger!", quietscht Carmen. „Wow", sage ich, „ich wusste bis jetzt nicht mal, das Pfiffi ein Mädchen ist!" „Ja! Und gefühlt ist Pfiffi auch schon 100 Jahre alt!", ergänzt Carmen. „Es ist nun mal nie zu spät für die Liebe", lache ich. „Wenn selbst Pfiffi das hinkriegt, gibt es auch für dich noch Hoffnung", johlt Carmen, "... immerhin siehst du nicht aus wie ein Chihuahua!" „Haha, zumindest ein Punkt, den ich für mich verbuchen kann", lache ich, „Chihuahuas sind wirklich die hässlichsten Hunde der Welt. Ich mein, sie können ja nichts dafür, aber selbst wenn ich mich auf diesem Fitnessgerät fühle wie ... na, wie dieser Sport-Hippo, den es früher bei Kinderüberraschung gab, weißt du noch? Also, trotzdem möchte ich mich auf keinen Fall mit Pfiffi vergleichen müssen." Carmen lacht. „Paula, du bist so oberflächlich! Sie hat sicher einen guten Charakter." „Aber ob der so gut ist, dass er fünf neue Chihuahuas auf diesem Planeten rechtfertigt?" „Haha, wenn du weiter so gehässig bist, dann schenke ich dir einen von Pfiffis Welpen zum Geburtstag!" „Carmen! Wenn du mir zu meinem dreißigsten Geburtstag einen Chihuahua schenkst, dann ..." „Igitt, Chihuahuas!", auf einmal steht Sven neben mir. „Hey Alex", ruft Carmen ihm entgegen. Ach, verdammt: er heißt Alex. „Man fragt sich immer, was die für eine Daseinsberechtigung haben, oder?", Sven, der eigentlich Alex heißt, lacht sein schönstes Zahnpasta-Lachen. Innerlich verdrehe ich die Augen und möchte auf einmal lautstark mit Chihuahuas sympathisieren. Nur, weil sie nicht so trainiert und adrett sind wie er ... „Gefällt dir der Crosstrainer, Paula?", möchte er wissen. „Joa", sage ich, „ich hatte schon bessere Momente in meinem Leben, ... aber auch schlechtere." „Okay", sagt er, „Das ist doch schon mal ein Anfang! Dann schauen wir jetzt mal, ob du vielleicht beim Krafttraining den Spaß deines Lebens haben wirst" und fügt lachend hinzu: „Ich werde mir jedenfalls Mühe geben, also kommt mal mit." Carmen hastet ihm hinterher. Ich klettere langsam vom Crosstrainer und blicke mich um: überall schwitzende Menschen. Kleine, Dicke, Dünne, Große, Trainierte – und ich, der Fitness-Hippo in der Mitte. Sven, der eigentlich Alex heißt, dreht sich zu mir um: „Alles okay, Paula?" „Ja, ja ... Bin ja schon unterwegs. Also, schon ist gut, aber ich bin unterwegs." „Alles gut", sagt er. „Ich bin auch immer so drömelig", und lächelt. Genau, denke ich, drömelig bei der dritten Runde um die Alster – oder was? Und ärgere mich kurz über mich selbst. Sven gibt sich wirklich Mühe. Ich tapse ihm und Carmen hinterher. Ihre blonde Löwenmähne hat sie zu einem Zopf gebunden, das bunte Sportoutfit steht ihr gut. Sie würde eine hübsche Tennisspielerin abgeben, aber auch auf der Beinpresse macht sie sich hervorragend. Mit ihrer freundlichen, offenen Art kompensiert sie einfach jedes Kilo, das sie zu viel hat. Als ich an der Reihe bin, entschwindet mir der Rest an Freundlichkeit, den ich für den heutigen Tag noch in petto hatte. Die Beinpresse ist mein Feind. Ich fühle mich, als hätten bei mir, ganz ohne Schwangerschaft, die Wehen an der falschen Körperstelle eingesetzt. Ich möchte einfach nur nach Hause. Nach dem Training klopft Sven mir auf die Schulter. „Richtig gut gemacht!" Dann zückt er, zur großen Überraschung, unsere brandneuen „Gymeinde Altona"–Mitgliedsausweise und wendet sich an Carmen: „Für all die netten Gespräche im Klönschnack geht eure Mitgliedschaft aufs Haus." „Whoa!", sie ist ganz außer sich vor Freude und fällt ihm um den Hals. „Danke Alex! Das ist ja klasse. Echt, vielen Dank!" " „Danke!", murmle ich und versuche zu lächeln. Gymeinde. Auch wenn es ein Wortspiel ist und ich die meisten Wortspiele, vor allem die schlechten, großartig finde, ruft dieses Gratis-Abo einfach nichts Positives in mir hervor. Es ist, als hätte ich versehentlich beim Fit Shake-Gewinnspiel mitgemacht und gewonnen. Es ist die Art von sozialer Verpflichtung, die ich nie wollte. Ich bin nun Teil der Gymeinde. Ein teures Fitness-Abo geschenkt zu bekommen und einfach nicht hinzugehen ist nämlich keine Option – Sven weiß das genau. Er lächelt selbstgefällig. Carmen jubiliert. Ich brauche einen Schnaps. Meine Beinmuskulatur brennt. Als ich endlich zu Hause angekommen bin, fällt mir das Schreiben meines Chefs wortwörtlich wieder in die Hände. Ich hatte es vor meiner Spätschicht im Nachtlicht einfach im Flur liegen lassen und reiße es versehentlich mit meiner Sporttasche von der Kommode. Seufzend hebe ich es auf und setze mich mit dem Umschlag und einer Flasche Jägermeister aus dem Klönschnack in der Küche aufs Sofa. Carmen wollte eigentlich noch mitkommen, aber dann musste sie doch spontan für Rami einspringen, dessen bester Freund gerade eine schlimme Trennung durchlebt und auf einmal weinend im Laden stand. Wie das im Leben immer so ist. Jetzt steht Carmen in Trainingskleidung im Klönschnack, der noch bis 23 Uhr geöffnet hat, und ich sitze mit Schnaps auf meinem Sofa. Ich bin mir nicht einig, ob ich das Schreiben öffnen soll. Ich will die verdammte Kündigung einfach nicht sehen. Vermutlich hat Naughty Nord einen total unverschämten Kündigungsgrund aufgeführt und ein absolut unmögliches Arbeitszeugnis beigefügt. Ich lehne mich zurück und nehme einen Schluck aus der Flasche. Innerlich rege ich mich immer noch über Sven auf. Seine überfreundliche Art und dann dieser gemeine Trick mit dem Abo. Als würde ich nicht wissen, dass etwas Sport mir guttun würde. Es ist einfach nur dieses falsche Lächeln, das in mir Aggressionen auslöst. Soll er doch einfach sagen: „Frau, du bist zu dick – tu was!". Das wäre wenigstens ehrlich. Er erinnert mich an meine ehemaligen Kita-Kolleginnen, die die Kinder selbst für ein großes Geschäft gelobt haben und dabei so authentisch waren, als würden sie sich wirklich freuen. Kein Applaus für Scheiße, denke ich und lache leise vor mich hin, weil der Gedanke ungewollt viel zu passend ist, nehme noch einen Schluck, lache über das Wort „Gymeinde" und frage mich, wer sich das wohl ausgedacht hat. Und ob er dabei besoffen war. Und ob er lachen musste. Ein bisschen Sekten-Charakter hat es ja schon. Vermutlich muss ich mir nun neue Sportsachen kaufen, ich kann ja wohl kaum in meinen alten Bandshirts trainieren gehen – und andere T-Shirts hab ich kaum. Ich bin eher der Blusen-Typ, da kann man auch mal den einen oder anderen Knopf offen lassen und Bauchspeck kompensieren. „Gymeinde". Ich will nicht an der Brust abnehmen. Ich seufze. Can't touch this! Na na na na. Carmen ruft an. „Paula, Rami und sein Kumpel trinken jetzt hier im Laden. Ich geh schnell heim, dusche und komme dann vorbei. Ich beeil mich. Okay?" „Lääääuft!", sage ich. „Trinkst du etwa schon?" Ich betrachte die Flasche in meiner Hand. „Neeeheee. Ich geh jetzt auch duschen. Bis gleich!" Keine 45 Minuten später klingelt Carmen an meiner Tür. „Wie macht sie das nur?", frage ich mich, als ich in Handtuch und Birkenstocks die Tür öffne. Top geschminkt und gestylt huscht sie an mir vorbei. „Ich habe Vinoooo dabei! Einen neuen Primitivo für dich! Haha." „Äh, danke", sage ich, "einer von vielen in meinem Leben – aber gleichzeitig auch mein Liebster. Schenk doch schon mal ein, ich zieh mir kurz was über." Da Carmen so gut vorgelegt hat, entscheide ich mich für ein schwarzes Kleid mit einer cremefarbenen Bluse – und nicht für Jogginghose und Hoodie, wie ursprünglich geplant. „Ist das deine Kündigung?", ruft sie von nebenan. „Ja", schreie ich zurück. „Du hast sie ja noch gar nicht aufgemacht!" Frisch bekleidet gehe ich rüber in die Küche, setze mich zu Carmen und nippe am Primitivo. Sie hält den Umschlag mit dem NordMedia-Adressstempel in den Händen. „Mach ruhig auf!", sage ich zu ihr. Das lässt sie sich tatsächlich nicht zwei mal sagen. Wie ein Kind an Weihnachten reißt sie den Briefumschlag auf und faltet hastig das Dokument auseinander. „Ah. Lies bitte erst mal leise", sage ich. „Wenn er nur mit obszönen Beleidigungen um sich geworfen hat, dann will ich es gar nicht wissen." Ich fühle mich nicht bereit dafür und blende Carmen und meine Kündigung für eine Sekunde aus. Sie versinkt in dem Text und ich trinke noch einen Schluck Wein und denke an die Krätzer-Wohlbergs. Und Latifa. Und an Elfriedes Apfelkuchen. Dann frage ich mich, ob Clausen seine Frau erneut von sich begeistern konnte und ob er ab morgen ein anderer Mensch sein wird. Jemand ohne Flecken in der Kleidung, der nach Weichspüler riecht, anstatt nach Zigarillo. Jemand mit allen Knöpfen am Trenchcoat. Jemand, der nicht am Stehtisch an den Landungsbrücken Fast Food isst, sondern zu Hause die gutbürgerliche Küche seiner Frau genießt. Ich stelle sie mir zu zweit in einer rustikalen Küche sitzend vor, wie sie einen edlen Wein schlürfen und sich gegenseitig von ihrem Tag erzählen, im Radio läuft Slow-Jazz. Ich muss schmunzeln. Da reißt Carmens schrille Stimme mich aus meinen Tagträumen: „Das ist gar keine Kündigung!" Liebe Paula, es tut mir leid, dass ich dich in einem emotionalen Moment einfach gefeuert habe. Ich habe mich gehen lassen, das war sehr unprofessionell von mir. Auch wenn wir Fit Shake wohl nicht für NordMedia begeistern konnten, hätte ich deine Expertise nicht vor allen in Frage stellen dürfen. Ich hätte überhaupt nicht in einem solchen Tonfall mit dir reden sollen. Du bist eine hervorragende Art Direktorin und dein Gespür für Text ist exzellent. Als Geschäftsführer von NordMedia wäre ich ein glücklicher Mann, dich in meinem Unternehmen halten zu können. Da ich dich lediglich verbal entlassen habe, ist die Kündigung ohnehin unwirksam. Nimm dir gern den Rest des Monats, um die Option deiner Rückkehr in Erwägung zu ziehen. Du wirst natürlich weiterhin bezahlt. Dein Gehalt können wir generell gern nachverhandeln, wenn du dich weiterhin für NordMedia entscheidest. Bitte melde dich, sobald du dieses Schreiben erhalten hast. In einer persönlichen Sache würde ich dich gern recht zeitnah sprechen, deine berufliche Entscheidung ist davon vollkommen unabhängig und hat Zeit. Nicolas Nord (Geschäftsführer) „Auf das Geschäftsführer hat er trotz allem nicht verzichten können! So ein PIMMEL!", rufe ich und bin überrascht von mir selbst. „Paula!", sagt Carmen mahnend, „dieser Text klingt fast so trüb, als hätte er geweint, als er ihn geschrieben hat." „Ach was, iwo! Weinen. Damit hat der nix am Hut", ich bin wütend. Und ich weiß nicht mal wieso. Ich würde gerade einfach lieber die Kündigung in meinen Händen halten. „War klar, dass die eigentlich nicht auf dich verzichten können", sagt Carmen. „Eben", sage ich. „Das ist auch schon der einzige Grund. Rein wirtschaftlich." „Hm", macht Carmen. „Und die persönliche Sache? Deine Schwangerschaft?", sie prustet ins Weinglas. „Wahrscheinlich." Ich trinke noch einen Schluck Jägermeister. Carmen reißt mir die Flasche aus der Hand. „Deine fachliche Expertise entbindet dich jetzt auch schon von der Verwendung von Schnapsgläsern, oder was? Ekelhaft!" Sie nimmt auch einen Schluck aus der Flasche. Dann schweigen wir eine Weile. „Eigentlich ist es gut", sagt sie. „Du wirst noch bezahlt. Fürs Nachdenken. Hinschmeißen kannst du Ende des Monats immer noch. Und den ganzen Amt-HickHack kannst du dir so auch erst mal sparen." „Hm", mache ich. Sie lehnt sich an meine Schulter. „Gehen wir morgen wieder zum Sport?" „Auf gar keinen Fall." Clausen holt mich am nächsten Tag um 14 Uhr mit dem Dienstwagen ab. Trotz Kater von Jägermeister und Primitivo habe ich heute Morgen schon die komplette Wohnung geputzt und fühle mich gut. Eventuell war es doch psychologisch wertvoll, gar nicht gefeuert worden zu sein. Meine Küche funkelt und glänzt und endlich kann man wieder guten Gewissens barfuß laufen. Ich werfe die Birkenstocks in die große Mülltonne vor dem Haus, bevor ich ins Auto steige. „Moinsen, Clausen!", trällere ich. „Was ist denn mit Ihnen los?", er guckt mich irritiert aus seinen kleinen Knopfaugen an, „Frisch verliebt oder was?" „Kein Stück!", sage ich, „Restalkohol vermutlich." „Oder es ist gerade das Nicht-Verliebtsein. Der Boden der Tatsachen ist ein schöner Ort." „Oha! Sind Sie heute etwa theatralisch unterwegs? Wie war's gestern?" „Der Grund für das Essen hatte gar nichts mit uns zu tun. Also, nicht im eigentlichen Sinne. Unser Sohn kommt bald zurück nach Hamburg ... und da sie bei sich eine verrückte Hippie-WG gegründet hat, wollte sie mich nur kurz darüber in Kenntnis setzen, dass er dann bei mir wohnen wird. Als wäre er 12. Verrückt ist sie, die Alte. Mein Sohn und ich haben schon vor Wochen abgesprochen, dass er zuerst bei mir wohnen und sich dann eine eigene Wohnung nehmen wird", er seufzt. „Stunden hat sie gebraucht, um mir diesen Sachverhalt zu erklären. Stunden. Das Telefonat zwischen meinem Sohn und mir hat 30 Sekunden gedauert." Er schüttelt den Kopf. „Entschuldigung, ich merke, wir Frauen sind mitunter offenbar wirklich etwas langsam ... Aber ich komme gerade nicht darüber hinweg, dass Sie einen Sohn haben." Er lacht. „Wollen Sie mir in einem knappen 3-stündigen Monolog verraten, was genau Sie daran verwundert?" „Ungefähr alles", lache ich. Er zieht eine Augenbraue hoch. „Okay, ich muss sagen, er ist nicht mein biologischer Sohn. Meine Frau war schon damals ... nicht ganz dicht. Also, liebenswert, aber ein Hippie eben. Sie war schwanger, als wir uns kennenlernten. Trotzdem: Ich war vom ersten Tag an sein Papa", er lächelt ein stolzes Lächeln. „Und die Ernährung, die hat er auch von mir, haha! Sie werden sehen", er lacht ein tiefes Lachen. Und das erste Mal merke ich ganz bewusst, dass er etwas unglaublich väterliches an sich hat. Clausens Sohn. Ich bin gespannt. „Also werde ich ihn kennenlernen?", frage ich. „Na, selbstredend! Er arbeitet zur Zeit in Berlin und lässt sich nach Hamburg versetzen – Morddezernat, auch wie der Papa. Mein Sohn wird also quasi ihr neuer Kollege. Ich gehe ja bald in den Ruhestand und ohne einen Clausen kann ich den Laden nicht zurücklassen." Er ist richtig redselig heute. „Sie werden sich mit ihm verstehen, wissen Sie, Sie erinnern mich ein bisschen an ihn, manchmal." „Oh! Clausen! Sie wollen mich doch nicht etwa mit Ihrem Sohn verkuppeln?" Ich verdrehe die Augen. Mit gespielter Empörung sagt er: „Ich bin nicht sicher, ob meine Familie für eine wie Sie bereit ist." „Pha!", mache ich. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich für Ihre Familie bereit bin." Er lacht. „Meine Frau erklärt Ihnen sicher gern in 200 kurzen Sätzen, warum es gut ist, sich manchmal einfach auf etwas einzulassen. Auch mit Raum-Karma kennt sie sich aus. Also falls wenn Sie da mal 95 simple Tricks brauchen ..." Er brummt noch immer vor lachen, als wir erneut den Wohnkomplex betreten. Ich stelle mir vor, wie seine Frau wohl so wohnt. Sicher in etwa so wie Ulla. Clausen stelle ich mir in einer Junggesellenbude vor, 2 Zimmer. Im Schlafzimmer ein großes Bett, im Wohnzimmer ein fetter Fernseher auf einem Hocker und ein durchgesessenes Sofa. In der Küche ein Tisch mit 2 Klappstühlen, Aschenbecher und Whiskeyflasche bereitgestellt. Ich nicke mir im Stillen zu, während wir den Fahrstuhl betreten. Wir setzen heute im 9. Stock an. Schon im Hausflur riecht es nach Nag Champa-Räucherstäbchen. „Hat Ihre Frau hier ihre WG?", frage ich. „Ha-ha!", sagt er nur und flüstert: „Ich hasse diese indischen Raumverpester!", was das Bild von seiner Wohnung in meinem Kopf nur bestätigt. Eine dicke kleine Frau mit langen grauen Haaren öffnet uns die Tür. Gudrun. Gudrun Möller-Ruth. Nach der allgemeinen Vorstellungsrunde bittet sie uns freundlich hinein. Clausen rümpft die Nase, ich muss über ihn lachen. Dann wundere ich mich kurz, dass er mich überhaupt weiterhin dabei haben will. Ich fühle mich heute wie die unseriöseste Ermittlerin der Welt. Albern, aufgekratzt, unorganisiert. Wir befragen nun die vierte von elf Frauen. Die Einrichtung in Gudruns Wohnzimmer ähnelt der von Ullas Wohnung, nur dass es keine Katzen gibt. Gudrun schenkt uns einen grünen Tee ein und beginnt selbst mit dem Verhör: „Maria war eine gute Seele. Das letzte Mal habe ich sie beim Rommé-Spielen gesehen. Bei Ayse und Hatice, im fünften Stock." „Wirkte Sie verändert auf Sie?", fragt Clausen. „Um ehrlich zu sein, ja ... etwas beschäftigte sie", sagt Gudrun, „irgendwas aus der Vergangenheit. Sie war so ... abwesend. Hat ihren Einsatz verpasst. Ist auch als Erste aus dem Spiel ausgestiegen." „Haben Sie eine Idee, was es war?" „Vielleicht ihre Tochter? Die ist doch vor Jahren verschwunden. Jedenfalls ... Maria hatte immer deren Kette um. Ein goldenes J für Jennifer. Sie hat am Sonntag die ganze Zeit daran rum gespielt. Na ja. Es kann auch etwas anderes gewesen sein. Aber sie hatte so eine Aura ..." Ich frage mich kurz, ob Gudrun Ulla kennt. Vielleicht sollten sie sich mal mit Clausens Frau zum Auren-Lesen verabreden. Clausen hakt noch ein wenig nach. Ich probiere derweil Gudruns selbstgebackenen Dinkelkekse, die hervorragend schmecken. Als wir uns auf den Weg in den 8. Stock machen, nehme ich mir noch einen mit. Gudrun reicht Clausen zum Abschied die Hand, mir streicht sie kurz über die Schulter und sagt: „Mädchen, manchmal sind nicht die anderen das Problem. Sie müssen tiefer graben. Wer weiß, vielleicht finden Sie dabei mehr als nur einen toten Goldfisch." Schon hat sie die Tür hinter sich geschlossen. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Woher weiß sie von Waldi? „Scheiß Hippies", sagt Clausen. „Kommen Sie jetzt. Und schmeißen Sie diesen verdammten Dinkelkeks weg. Da ist sicher Marihuana drin." „Der schmeckt aber gut", schmatze ich und folge ihm die Treppe hinunter. Im 8. Stock wohnt Olga Worobjow. „Nachname kommt von Vogel: Spatz", erklärt sie, als wir in ihrer Küche sitzen. Sie hat einen starken russischen Akzent und wirkt bestimmt, aber sehr freundlich. „Zuerst, als wir gekommen Deutschland, ich habe immer gesagt Spast statt Spatz. Jetzt, ich sage auch noch Spast, aber nur für meine dumme Ehemann", sie lacht. „Möchten Sie Kaffee haben?", wir nicken, sie schenkt ein. Dann zündet sie sich eine Zigarette an und platziert den sauberen Aschenbecher in der Mitte des Tisches. Clausen holt, wie zu erwarten, die Zigarillos raus. Ich nippe an meinem Kaffee. Olga erzählt weiter. „Mein Mann ist Pawel. Er ist gute Mann, aber denkt nicht besonders schnell und lässt die meiste Geld bei Spielautomat", sie verdreht die Augen. „Maria hat immer gesagt, soll ich Pawel verlassen. Aber hab ich nicht übers Herz gebracht. Er ist wie kleiner Hund: Weiß einfach nicht besser. Immer kein Geld ist scheiße, weiß ich das, aber weiß ich auch, ohne Mann ist noch mehr scheiße." Sie lacht. Kenn ich, denke ich. Clausen nickt. Olga erzählt, dass Maria die erste Person war, die sie hier im Haus kennengelernt hat. Damals hat sie noch kaum ein Wort Deutsch gesprochen, außer Schnaps, Wurst, Kaffee und Arschloch. Es waren außer einer Matratze noch keine Möbel in der Wohnung, Pawel musste arbeiten und sie hat voller Tatendrang allein einen Sessel gekauft, den sie dann mit den öffentlichen Verkehrsmitteln transportieren musste. „Leute haben geguckt als bin ich dumme Frau die bringt eigene Sitz mit in Bus." Vor dem Gebäudekomplex ist sie dann auf Maria gestoßen, die direkt mit angepackt hat. „2 dicke Frau und ein dicke Sitz, geht das besser." Um sich zu bedanken, hatte Olga am nächsten Tag mit einem traditionellen russischen Essen an Marias Tür geklingelt und über die Jahre war eine wirklich gute Nachbarschaft daraus geworden. „Von erste Tag hatte ich nichts von Sitz, weil immer Pawlowski seine dicke Po drauf gesetzt hat nach Arbeit. Aber hatte ich Maria. Sie war gute Frau. Und sie hatte immer in Zukunft geguckt mit Karten. Manchmal ich wundere, wo die gute Zukunft bleibt. Ich hatte auch bei ihr für gute Zukunft gehofft", sie schweigt und zündet sich noch eine Zigarette an. Die Zeugen Jehovas haben nie bei ihr geklingelt, auch wenn sie eigentlich immer zu Hause ist. Sie geht nicht gern raus, fühlt sich nicht wohl in Steilshoop. Meistens strickt sie Pullover und Socken für ihre Enkel in Russland, liest oder kocht. Die Karrierechancen hat sie sich besser vorgestellt, als sie nach Deutschland kam. Und das deutsche Essen auch. „Passt ihr gut auf euch auf, ja?", sagt sie zum Abschied und nickt uns zu. „Man weiß nie, was in Leben noch erwartet." Im Treppenhaus klingelt mein Handy. Es ist meine Schwester. „Paulaaa, na?", quietscht sie. „Hi, du, Marie, ich hab gerade keine Zeit." „Ich wollt nur kurz Bescheid geben, ... Mama kommt morgen auch." Das hatte ich ja fast vergessen - die Steuererklärung meiner Schwester. „Okay", sage ich knapp. „Guuuut, ich mein, dann weißt du Bescheid. Mama hat anscheinend irgendwas zu erzählen. Bestimmt hat Papa wieder irgendwas verbockt. Lol. Ich freu mich, dann bis morgen! Bussi!", und schon hat sie aufgelegt. Meine Schwester ist wirklich der einzige Mensch der Welt, der Dinge wie lol, *gg* und rofl laut ausspricht und es ernst meint. Seit der Anfangszeit des Internets lässt sie von Sternchensprache, sogar in gesprochener Form, nicht ab. Früher war das ja alles noch recht normal, heute ist es einfach eine Frage der Medienintelligenz. „Lol", murmle ich vor mich hin. „Was is?", fragt Clausen. „Nichts", sage ich schnell, „Meine kleine Schwester ..." „Ah ja", sagt er, "ich hab auch eine." „Clausen, Sie sind ein Mann mit einer unerwartet großen Familie", lache ich. „Ausgesucht hab ich mir das nicht", sagt er trocken. Verstehe ich. „Sie waren sicher immer der Held Ihrer kleinen Schwester." „War", sagt er, "das geht nie vorbei. An den meisten Tagen ist es furchtbar." Ich habe mir immer einen großen Bruder gewünscht. Eventuell hat sich aber nie ein großer Bruder mich gewünscht. Wie war das? Der Boden der Tatsachen: Hier bleibe ich heute. Im siebten Stock angekommen, hoffen wir darauf, Nilüfer anzutreffen. Angeblich hatte es ja, wie Elfriede erzählte, einen Streit zwischen Maria und ihr gegeben. Allerdings öffnet uns keiner. Clausen klingelt erneut. Dieses Mal habe ich das Gefühl, Stimmen im Flur zu hören. Aber es tut sich nichts. Clausen seufzt und drückt noch einmal auf die Klingel. Nichts. Er zieht die Schultern hoch. „Da Freitag ist, würde ich vorschlagen, wir fahren wieder." Er schaut auf die Uhr: „17 Uhr, ... reicht ja auch." „Mir egal", sage ich, „wie Sie wissen, bin ich ohnehin eine Untätige." Clausen lacht, „Genau genommen ist es schlimmer: Sie arbeiten unbezahlt während der Arbeitslosigkeit." Ich ziehe eine Augenbraue hoch: „Ganz genau genommen bin ich nicht mal arbeitslos, da meine Kündigung keine Kündigung war." Ich berichte Clausen vom Schreiben meines Chefs. Es amüsiert ihn sehr. „Wann erzählen Sie ihm, dass Sie gar nicht schwanger sind?", hakt er nach. Ich zucke mit den Achseln. „Keine Ahnung." „Nicht, dass er enttäuscht ist." „Enttäuscht? Der wird doch eher einen Luftsprung machen vor Freude", sage ich. „Den Gefallen will ich ihm gerade wirklich nicht tun. Der soll lieber noch ein paar Tage in sich gehen und über sein Leben nachdenken." „Pha!", macht Clausen. „Bestimmt ist er schon voller väterlicher Vorfreude auf seinen Spross. Glauben Sie mir, Paula! Jeder Mann auf dieser Erde will sich fortpflanzen, das ist reine Evolutionsbiologie!“ Ich verdrehe die Augen. „Sie spinnen, Clausen!" Wir stehen jetzt vor dem Gebäude, Clausen bietet mir einen Zigarillo an. „Auf ihre Nicht-Schwangerschaft!", lacht er. Ich grinse. „Irgendwie ist es tragisch. Tragisch-komisch. So wie mein Leben." „Was macht eigentlich DJ Dumpfbacke?", fragt Clausen. „Wer?" „Na, Ihr Roman!" „Ach ja, richtig! ... Na, das war eigentlich eher ein Scherz." „Sie sollten wirklich ein Buch schreiben, wissen Sie. Wer bekommt schon so viel Zeit geschenkt? Und falls Sie sich entscheiden, nicht in Ihren Job zurückzukehren, dann ... ja, dann haben Sie immerhin ein Buch geschrieben!" Er schmunzelt und scheint es ernst zu meinen. „Hm!", mache ich. Wir bewegen uns in Richtung Auto. „Wissen Sie", sagt Clausen, "als Sie so von diesem Roman gesprochen haben, also, da hatte ich direkt ein Bild von diesem DJ." „Ja?" „Ja!" „Was denn für ein Bild?" „Na, sagen wir, er ist jemand, ... der es einfach nur richtig machen will. Wie nannte man das früher? Eine Parabel. Oder? Wenn Dumpfbacke nur ein Sinnbild für uns alle ist, meine ich. Also, für die Menschen auf der Suche nach dem Glück, verstrickt und verwickelt in unser System. Und dann, dann passiert diese Alien Invasion auf dem Damenklo, wie dieser Mordfall jetzt, wissen Sie. Ein Ereignis, das alles verändern könnte. Als Leser merkt man das, nur die Hauptfigur, die merkt es nicht. Man will eigentlich die ganze Zeit einschreiten und alles besser und richtig machen. Aber Dumpfbacke, der steckt zu tief drin. Das macht es auch so humorig, in meinem Kopf. Und natürlich auch tiefsinnig, denn Parabeln sind lehrreich." Ich lache. „Lehrreich. Tiefsinnig ... das passt beides überhaupt gar nicht zu mir. Wissen Sie, die Frage nach dem tieferen Sinn, die habe ich mit 16 verworfen, damals, als mein Schwarm Hauke mir mit den Worten 'Ich date keine dicken Mädchen', einen Korb gegeben hat. Das war lehrreich. Wir sind oberflächliche Menschen in einer oberflächlichen Welt. Es gibt Fakten, und Taten, die am besten auf Fakten folgen. Sie merken, ich bin so tiefsinnig wie ein Toastbrot." Er lacht. „Ich glaube einfach, dass jedes Buch, das sie schreiben, ein gutes Buch werden könnte. Auch wenn Sie vielleicht selber den tieferen Sinn darin nicht vermuten würden." „Haha! Sie glauben, ich bin so gut, dass ich ein Buch schreibe, welches einen tieferen Sinn hat, den ich selbst nicht einmal bemerke? Das klingt ja schon stark nach Genie." „Sie haben wirklich nichts übrig für ernst gemeinte Komplimente, oder?", Clausen schüttelt frustriert den Kopf. Wir steigen in den Wagen. „Nein", überlege ich. „Nicht, wenn ich es besser weiß." „Papperlapapp", sagt er. „Fahren wir noch eine Currywurst essen? Sie sind doch sicher hungrig." Ich lache. „Da schätzen Sie mich ausnahmsweise richtig ein!"

Eindeutig ein echter Mensch und keine Alien Invasion

Ich habe mich bequatschen lassen. Natürlich habe ich mich bequatschen lassen. In meinem Rage Against The Machine-T-Shirt stehe ich wie ein Crossover-Alternative-Rock-Fitness-Hippo an der Rezeption der Gymeinde Altona und bin stimmungstechnisch nicht gerade die Verkörperung eines Bombtracks, also, zwar irgendwie explosiv aber nicht in Bombenstimmung. Carmen allerdings schon. Sie ist bereits auf dem Crosstrainer und winkt mir fröhlich aus der Ferne zu. Ich seufze. Sven, der eigentlich Alex heißt, kommt lächelnd um die Ecke gelaufen um mich einzuchecken. „Paula! Wie geht's, wie steht's?" „Joa", sage ich. „Hey, Rage Against The Machine! Gute Band. Hab ich mal live gesehen." Er reicht mir lächelnd einen Schlüssel für den Spind. „Echt?", frage ich und bin mir sicher, dass er RATM nur verwechselt. Vielleicht mit David Guetta oder den Black Eyed Peas, oder so. „Ja, ist ewig her ... '93. Mein Vater hat mich damals mitgenommen." „Du warst '93 schon geboren?", rutscht es mir raus. „Ich war 93 schon 13", lacht er. „Oha. Ihr trainierten Leute! Euch sieht man die Jahre einfach nicht an.", seufze ich. „Na komm", er zieht eine Augenbraue hoch. „Du bist doch selber kaum 25." „29." „Oh Hauer! Kurz vor 30. Genieße den Rest deines Lebens." „Du bist doch schon drüber und lebst auch noch." „Mehr schlecht als recht", er lacht. Angeber, denke ich. Mehr schlecht als recht. Sein unbekleideter Oberkörper ziert sicher diverse Fitness-Magazine. Mehr schlecht als recht. Morgens hüpft er vital wie ein junger Gott aus dem Bett, trinkt keinen Kaffee, dafür aber frisch gepressten O-Saft. Mehr schlecht als recht. Theramed hat auch schon für eine neue Kampagne angefragt. Mehr schlecht als recht. Die Frauen stehen bei ihm Schlange. Er hat eine Fan-Group auf Facebook und 13k Follower auf Instagram. Mehr schlecht als recht. „Paula?" „Äh ja. Sorry. Man hat's immer schwer im Leben." „Ja! Das Leben ist eins der härtesten." „Genau. Und lebend kommt man aus der Sache eh nicht raus." „Exakt!", er lacht. „Genieß dein Training, ... so lange noch Vialfunktitonen vorhanden sind." „Ha-ha." „Du lachst, junge Dame. Aber komm du erst mal in mein Alter - da ist das nicht mehr gegeben." Pfft, denke ich. „Ach komm, Sven, zieh den Trizeps aus dem Grab! Mit deinem geringen Körperfettanteil hast du dir echt kein Mitleid verdient." Oh mein Gott. Hab ich das wirklich gesagt? Er lacht einfach. „Alex heiß ich, übrigens. Okay, okay. Ich werde versuchen, nicht mehr zu jammern." „Ich bitte darum", sage ich. Dann gehe ich in die Umkleidekabine, wechsle die Schuhe, schaue mir dabei ungewollt Körperteile anderer Frauen an und bin irgendwie amüsiert. „Gute Laune?", fragt Carmen mich, als ich mich auf den Crosstrainer neben ihr schwinge. „Ne", sage ich, „Wieso?" „Ah, wirkte so", sagt sie und kichert. Was ist nur los mit den Menschen? „Clausen hat gesagt, ich soll ein Buch schreiben." „Mach doch, du hast ja Zeit." „Ja. Aber ein Buch? Da werden doch drei Wochen niemals ausreichen." „Schreib halt 'ne Kurzgeschichte." „Hm." Carmen erzählt, dass Rami und sie überlegen, eine Aushilfe einzustellen. „Irgendwie ist es doch einfach viel Arbeit", sagt sie. Seit Jahren rate ich Ihnen dazu. „Müssen ja nicht viele Stunden in der Woche sein", redet sie weiter.

Sag ich ja auch seit Jahren.

„Vielleicht einen Studenten. Die haben ja nix. Was meinst du dazu?", sie sieht mich fragend an.

„Finde ich gut", sage ich. Seit Jahren. „Hm. Dann machen wir das wohl. Na ja. Eventuell wollen wir auch mal in den Urlaub, irgendwann. Ich hatte seit Jahren keinen Urlaub. Oder zumindest mal für einen Tag an die Ostsee, weißt du. Das wär schon schön. Man vergisst sich selbst irgendwie immer. Arbeit kann ja nicht alles sein. Wir haben nun mal keine Garantie auf ein langes Leben", sie seufzt. Kurz befürchte ich, dass sie anfängt zu weinen, aber sie fasst sich sehr schnell wieder. „Jedenfalls ... wir werden das dann bald ausschreiben. Und falls dir jemand einfällt, also, so ein schnittiger junger Student, dann schick den zu uns. Haha." „Okay", sage ich. „Leider kenne ich wenige schnittige junge Männer. Eigentlich nur Ferdi. Und der hat einen Job, einen schlechten zwar, aber ... ach du Scheiße!" Ich habe meine Schicht im Nachtlicht vergessen. Carmen auch, eigentlich wäre es ja ihre Schicht gewesen. Zum Glück bin ich noch ganz gut in der Zeit. „Mach dein Training in Ruhe fertig", sage ich zu ihr. Sie verspricht, mich später auf ein Bier zu besuchen. Auf einmal steht Sven neben uns. „Was ist hier los? Sind deine Vitalfunktionen schon erschöpft?", er mustert mich kritisch. „Ach, so ein Quatsch ... ich muss in die Kneipe!", antworte ich hektisch. Er lacht und sagt: „Wie oft bin ich schon mit den Worten vom Crosstrainer gesprungen!" Um 21 Uhr stehe ich aufs Feinste herausgeputzt vorm Nachtlicht. Ich kann nicht mal genau sagen, warum ich so ein dringendes Bedürfnis dazu habe, gut auszusehen. Aber es ist immerhin Freitag Abend und ich stehe mitten auf dem Kiez vor der Kneipe, über die ich heute Abend regieren werde. Ich bin ein bisschen stolz und etwas aufgeregt. Ich war schon lange nicht mehr am Wochenende auf der Reeperbahn unterwegs, aber das letzte Mal, als ich Carmen an einem Freitag hier besucht habe, war es ziemlich voll. Ich auch, was natürlich meine Erinnerung rückwirkend getrübt haben könnte. Kuddel kommt ebenfalls schon um die Ecke getigert, heute in Begleitung einer etwas verbraucht wirkenden Dame. „Das ist Roswitha!", sagt er, „Meine Frau." Roswitha streckt mir die faltige, solariumgebräunte Hand entgegen. „Moin." „Moin", sage ich. „Du bist also die neue Bardame, ja?" „Ja, genau. Vorübergehend zumindest." „Ah jo!", Roswitha lächelt. Schöne Zähne hat sie, vielleicht ist es aber auch nur der hohe Kontrast zu ihrer Hautfarbe. Dann kommt auch Jürgen um die Ecke. „Hallo Kinder!", flötet er. Er umarmt Roswitha und mich zur Begrüßung, Kuddel klopft er auf die Schulter. „Seid ihr bereit für 'nen Schnaps?" Alle nicken begeistert. Jürgen schließt auf schenkt uns die erste Runde Jägermeister ein. Dann schaut er überall im Laden nach dem Rechten, stellt noch ein paar zusätzliche Biere kalt und setzt sich für eine Weile mit an den Tresen. „Roswitha, wie geht es dir? Was machen die Kinder?" „Ach, hör bloß auf, Jürgen! Auf die Nerven gehen die mir, jeden verdammten Tag. Steffen hat jetzt seine erste Freundin. Die ist ja ein süßes Mädel, aber wirklich nicht gerade die hellste, das sag ich dir. Und Janette, die hat einfach heimlich das Rauchen angefangen.", sie schüttelt den Kopf. „Dabei hab ich extra selbst damit aufgehört, um ihr ein besseres Vorbild zu sein. Aber kannste nix machen, die treffen ihre eigenen Entscheidungen." Kuddel nickt zustimmend. „Ihren eigenen Kopf haben die, ja ja." „Wenigstens ist sie gut in der Schule, was man von ihrem Bruder nicht behaupten kann. Wir hoffen, dass er dieses Jahr noch eine Lehrstelle findet. Eigentlich wollte er Abitur machen, ist jetzt in der 11. Klasse, aber mit den Noten ..." „Nee, nee", seufzt Kuddel. „So schlecht war nicht mal ich in der Schule." „Na", fährt Roswitha ihn an, „bis in die 11. Klasse hast du es nicht mal gebracht." „Ich hatte auch keine Wahl", sagt Kuddel, „ich musste nach der Realschule direkt an die Arbeit. Aber mein Abschluss, der war astrein! Astrein sag ich euch!" Jürgen nickt. „Ich hatte auch nie die Wahl, andere Zeiten waren das." „Ja, genau! Andere Zeiten", Kuddel stimmt zu. Er bestellt ein Bier für sich und ein Glas Prosecco für Roswitha. Ich wusste überhaupt nicht, dass es im Nachtlicht Prosecco gibt. Die Idee gefällt mir eigentlich gut und ich schenke mir selbst auch ein Glas ein. Jürgen und Kuddel stecken auf einmal in einer angeregten Diskussion über ihre offenbar gemeinsame Schulzeit fest, reden über ehemalige Lehrer, Klassenkameraden, Schulausflüge. Roswitha prostet mir zu. „Schätzelein, schön, dass Carmen jetzt auch mal bisschen mehr frei hat. Man muss der schon lassen, fleißig, das isse. Aber jetzt, wo Maria nicht mehr ist, da muss sie auch mal einen Gang runter fahren. Die ist ja auch noch so jung. Eine Schande ist das." Ich nicke. Roswitha redet weiter: „Ne gute Frau war das, die Maria. Hat sich immer engagiert, bei sich drüben in Steilshoop. Nachhilfe gegeben hat se. Und für die Nachbarn eingekauft. Und vor allem nie gejammert. Auch wenn das Leben nicht immer gut zu ihr war. Als sie damals nach der zweiten Schwangerschaft nicht zurück in den Job konnte, weil man sie schon ersetzt hatte, während ihrer Elternzeit, das war 'ne fiese Nummer. Ganz, ganz fies. Und dann ist ihr der Mann abgehauen. Und sie, allein mit 2 kleinen Mädchen. Da war an Arbeit nicht mehr zu denken. Die Jenny, die war auch nicht leicht. Ich weiß, keiner redet davon ... aber ich weiß noch, als die klein war. Die war ein echter Wildfang, hat sich immer mit den Jungs geprügelt in der Schule. Das war nicht leicht für Maria, nicht leicht ... " Sie trinkt noch einen Schluck Prosecco. „Ich hoffe jedenfalls, Carmen nimmt sich jetzt genügend Zeit für sich", schließt sie ihren Monolog ab. „Wir gehen jetzt zusammen zum Sport", erzähle ich. „Nicht, dass ich ein großer Sportfan bin, aber Carmen hat mich darum gebeten. Sie braucht etwas Abwechslung." „Sport, soso", sagt Roswitha. „Als ich jung war, da habe ich Hockey gespielt!" Ich bin nicht überrascht, tue aber so. Sie erzählt noch ein wenig von ihrer anscheinend sogar recht erfolgreichen Hockey-Karriere, die ganz abrupt endete, als sie sich das Knie verletzte. „Von da an war ich nur noch als Fan im Stadion. Und irgendwann, eines schönen Tages, Heimspiel, wir sind gerade ganz kurz davor, zu gewinnen, rempelt mich so ein besoffenes Arschloch von der Seite an und verschüttet sein Bier über mich. Dem hab ich erst mal eine reingehauen. Na, jedenfalls, ... so haben Kuddel und ich uns kennengelernt", sie streichelt liebevoll über seinen Arm. Romantisch, denke ich. „Seine Nase war gebrochen, ich bin dann mit ins Krankenhaus. Weil, das tat mir dann doch leid. Und ich hab ihn auf ein Bier eingeladen, später. Über 20 Jahre ist das jetzt her." Kuddel unterbricht sein Gespräch mit Jürgen. „Was sagst du, Sternchen?" „Dass ich dich und deine Krüppelnase jetzt schon über 20 Jahre kenne, das sach ich." „Ja, 18 Jahre Ehe", sagt Kuddel, „und ich habe sie noch nie geschlagen.", er lacht und nimmt sie in den Arm. Irgendwie finde ich das alles abstrus und entschließe mich, noch einen Schluck Prosecco zu trinken. Jürgen, Roswitha und Kuddel schwelgen jetzt zu dritt in gemeinsamen Erinnerungen (Roswitha scheint eine ehemalige Schulfreundin von Jürgens Exfrau zu sein) und das Nachtlicht füllt sich nach und nach. Ich bediene drei bärtige Männer, die sich rechts neben Jürgen und Co. an den Tresen gesetzt haben, Jürgen auch zu kennen scheinen, allen zuprosten und nach der ersten Runde Schnaps auch direkt die zweite bestellen, dicht gefolgt von der dritten. Ich kann kaum so schnell einschenken, wie sie trinken. Nach der fünften Runde steigen sie auf Bier um. Ich schreibe an, alles geht auf den schlaksigen bärtigen Mann in der Mitte, sein Name ist Jörg. Eine blonde, zierliche Frau ruft mir über den Tresen zu, dass sie dringend ein Bier braucht. Zwei grauhaarige Damen mit Kurzhaarschnitt, schätzungsweise um die 60, bestellen ein Leitungswasser und einen Cognac. Ich habe gut zu tun. Irgendwann quetscht sich aus dem Nichts Carmen an den Leuten vorbei und stellt sich zu mir hinter den Tresen. „Paulaaa, hier ist ja was los! Wahnsinn. Steht dir, so eine Bar", sie lacht. Jörg mit dem Bierdeckel will zahlen, die drei Bärtigen gehen. Auf einmal tauchen Sven, der eigentlich Alex heißt, mit zwei anderen Männern auf. Sie setzen sich auf die gerade frei gewordenen Plätze. „Hi, Paula!", sagt Alex. „Äh, hi! Was machst du denn hier?", blaffe ich ihn beinahe an. „Na, du hast doch gesagt, du gehst in die Kneipe! Und heute ist Freitag. Da dachte ich, also, da dachten wir ... wir lassen uns von Carmen mitnehmen. Weil, äh, sie hatte schon häufiger von der Kneipe ihres Onkels erzählt, und, na ja ..." „So kam eins zum anderen", fällt ihm Carmen ins Wort und lacht. „Wir haben schon im Klönschnack ein paar Schnäpse vor getrunken!" Innerlich verdrehe ich die Augen. Dass ich den jetzt auch noch außerhalb des Fitnessstudios sehen muss. „Eiweiß-Shakes führen wir leider nicht", sage ich. „Ah, Mist. Dann nehm ich 'n Bier!", sagt Sven. „Aber das hat doch überhaupt keine Proteine!", rutscht es mir raus. Er ignoriert mich und fragt seine Kumpels, was sie trinken wollen. Alle drei sitzen nebeneinander, Sven sitzt ganz links. Je länger ich seine beiden Mitbringsel ansehe, desto mehr habe ich das Gefühl, dass ... der eine nimmt die Hand des anderen. Sie sind schwul! Oh mein Gott, Sven ist schwul. Wie konnte ich es nicht merken, es war doch so naheliegend. Attraktiv, etwas zu gepflegt und etwas zu nett. Natürlich! Vielleicht spricht hier auch der Prosecco aus mir, aber auf einmal ist mein Herz voller Liebe für Sven. Und für seine Freunde sowieso. Sie bestellen zwei Astra und einen Prosecco für den, der ganze rechts sitzt. Hübsch ist er. Ich stoße mit ihm an. Wir plaudern ganz locker, Carmen unterhält sich mit Sven und dem in der Mitte und sie und ich bedienen abwechselnd die Gäste. Irgendwann verabschieden sich Jürgen, Kuddel und Roswitha, die mich zum Abschied umarmt und mir anbietet, sie von nun an Rosi zu nennen. Das passt eigentlich gar nicht zu ihr, aber ich freue mich trotzdem. Jürgen klopft mir auf die Schulter und lallt: „Super machsss du das! Ganz her-vor-ragen'd", küsst Carmen zum Abschied auf die Wange, sagt „Hab dich lieb, mein Sonn'schein!" und schwankt nach draußen. Wir werfen uns einen belustigten Blick zu, dann gibt Carmen eine Runde Jägermeister für uns und unsere neuen schwulen Freunde aus. Ich bin irgendwie erleichtert. Fast ein wenig glücklich. Jetzt kann ich Sven verzeihen, dass er so perfekt ist! Hätte er doch nur was gesagt. Wir hätten einfach direkt Freunde werden können, uns gemeinsam verschwören können, gegen die Gesellschaft. Nein, gegen den Rest der Welt! Er hat es sicher auch nicht leicht. Ich seufze leise und trinke dann meinen Schnaps. „Alles in Ordnung?", fragt Sven, der meinen kleinen Seufzer gehört haben muss. „Ja, alles super!", singe ich beinahe. „Schön!", Sven lächelt. „Hübsch siehst du aus heute Abend." „Oh, danke. Na, weißt du, Sportkleidung ist nicht bei jedem so schmeichelhaft." Er lacht, freut sich über das indirekte Kompliment. Ich hoffe, er findet auch so einen netten Freund wie sein Kumpel rechts von ihm. „Ich finde, du kannst dich auch sehen lassen in Sportklamotten", sagt Sven. Hat er gerade die Augenbrauen hochgezogen, oder bilde ich mir das nur ein? „Pfft!", mache ich. „Doch doch", sagt er. „Da kann man wirklich schon zwei mal hinschauen. Und die enge Sporthose, die du heute anhattest ..." Flirtet er mit mir? „... da musste ich schon kurz meine Vitalfunktionen überprüfen! Puh!" „Ja äh. In deinem Alter ist's schon besser, du kontrollierst die auch regelmäßig", sage ich und bin irritiert. Sven geht kurz auf die Toilette. Ich packe Carmen am Arm und ziehe sie kurz zur Seite: „Carmen, bitte sag mir, dass Sven schwul ist!", flüstere ich ihr ins Ohr. „Alex meinst du. Wieso?", antwortet sie viel zu laut. „Weil ... weil seine Freunde schwul sind und da dachte ich, ich dachte ... CARMEN! Er ist doch schwul?" Sie lacht laut auf. Ich schaue sie böse an. „Sorry", sagt sie und zuckt mit den Achseln, „aber davon ist er ganz weit entfernt." Ich merke, wie mir alles aus dem Gesicht fällt. „Bist du dir sicher ...?" "Paula, er kommt seit Jahren in den Klönschnack. Ich kenne die ganzen Geschichten von seiner Exfreundin." "Exfreundin?!" "Ja, wie sie ihn betrogen hat. Aber aufs Übelste." Carmen meint das ernst. Sie verzieht keine Miene. Erst als sie meinen Gesichtsausdruck bemerkt, fängt sie laut an zu lachen. Svens Freunde, die gerade sehr in ihr Gespräch vertieft waren, schrecken auf. „Du machst ein Gesicht wie ein Pferd, Paula. Hahaha. Oh Gott, sieht das lustig aus. Komm, komm! Du brauchst noch einen Schnaps." Sie tätschelt meine Schulter, als wäre ich tatsächlich ein Pferd. In dem Moment kommt Sven von der Toilette zurück. „Zeit für einen Schnaahaaaps!", trällert sein Kumpel ihm ins Ohr. Er nickt nur. Und als Carmen die Schnäpse eingeschenkt hat, schaut er mir beim Zuprosten tief in die Augen. Ich glaube, ich werde knallrot. Gut, dass das Licht hier so schlecht ist. Ich will, dass er wieder schwul ist. Es hätte so schön sein können. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn wieder nicht zu mögen. Auch wenn er offensichtlich so betrunken ist, dass er mich unermüdlich angräbt. Klar, denke ich, er hat ja auch keine andere Option, zumindest gerade, vor Ort jetzt. Carmen ist vergeben und Rami scheint er dann ja auch zu kennen, wenn er ein langjähriger Klönschnack-Kunde ist. Und es ist mittlerweile so spät, dass nicht mehr mit besonders vielen Gästen zu rechnen ist. Zwei Männer mittleren Alters stehen mit jeweils einer Flasche Bier an der Jukebox und spielen einen deutschen Schlager nach dem anderen an. Ansonsten ist das Nachtlicht leer – abgesehen von Carmen, den Jungs und mir. Ich bin in Gedanken, als einer von Svens Kumpels zu Carmen sagt: „Alles klar, dann lass uns los." Sie wollen sich zu dritt ein Taxi teilen, die beiden wohnen wie Carmen in Altona. Sven doch eigentlich auch? „Wo musst du hin?", frage ich ihn. „Na, zu dir!", sagt er. „Ähm. Nein?!", patze ich ihn an. Er lacht nur. Warum verdammt noch mal lacht er? „Tschüüüüss", Carmen und Svens Kumpels winken uns noch einmal zu. Nein, will ich schreien. Neiiiin, Carmen, lass mich nicht hier zurück, aber sie ist zu betrunken und viel zu schnell durch die Tür. Ich seufze. „Also, mal im Ernst ... wo musst du hin?", frage ich noch einmal. „Nach Bahrenfeld", sagt Sven. "Okay, ... ich auch. Also, wir nehmen gleich auch ein Taxi. Ich sag kurz den Herren Bescheid, dass wir schließen." Das mache ich auch, dann räume ich die letzten Flaschen weg und schmeiße die Schnapsgläser in die Spüle. Er grinst mich über den Tresen an und zieht eine Augenbraue hoch. „Was?!", frage ich ihn. „Ich wohne gar nicht in Bahrenfeld. Du aber schon, hihi." Ich stöhne laut. „Sven, ganz im Ernst: Wenn du meinst, du musst heute noch so dringend einen wegstecken, dann ruf doch eine von deinen Notfallkontakten an, hm. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du keine Anwärterinnen auf der Liste hast." Er wirkt kurz tatsächlich etwas vor den Kopf gestoßen. Die Wahrheit ist nun mal hart, denke ich. Dann sammelt er sich und sagt: „Notfallkontakte? Dein Ernst? Du denkst, ich bin so einer?" „Äh. Hast du mal in den Spiegel geguckt? Klar denke ich das." Unbeeindruckt spüle ich ein paar letzte Schnapsgläser. Er schüttelt den Kopf und sieht fast ein bisschen traurig aus, so aus dem Augenwinkel heraus. Ich schaue von der Spüle auf und merke, dass mein Puls auf einmal in die Höhe schießt. Was sage ich da eigentlich für gemeine Dinge zu ihm? Und wieso? Er lässt die Schultern hängen. „Entschuldige", sage ich und mein Herz pocht in meiner Brust. Die Rollen sind hier gerade komplett falsch verteilt. Der oberflächliche Mensch, der andere nach ihrem Äußeren beurteilt und sie dann in eine Schublade einsortiert, der bin auf einmal ich. Ich mache mit ihm genau das, was andere Leute mein Leben lang mit mir gemacht haben. Das sage ich ihm auch. „Es tut mir leid, Sven." „Alex", sagt er. „Es tut mir auch leid, dass ich deinen Namen nicht auf die Reihe kriege. Ich habe eigentlich gar kein schlechtes Namensgedächtnis." „Es sind also nur die Namen von Fitnesstrainern, die du dir nicht merken kannst?" „Hm, nein, nicht mal das. Ich kann mir nur deinen Namen nicht merken." Er grinst, ganz unerwartet. „Solange du mich Sven nennst und nicht ... Jochen oder so." „Oder Eberhard." „Oder Vitali." „Vitali würde auch zu dir passen." „Weil ich so vital bin?" „Genau!" Er lacht. „Ich trinke eigentlich auch gar keinen Schnaps." „Nein?" „Nein." „Und Bier?" „Nein." „Nein?!" „Nur Eiweiß-Shakes." „Pha!" „Okay, okay. Das war ein Scherz. Ich trinke Bier." „Gottseidank. Ich hatte schon kurz Angst, dass ich dich ins Krankenhaus bringen muss. Damit die deine Vitalfunktionen überprüfen." „Das sollten die eh." Er sieht mir etwas zu lange in die Augen und kommt immer näher. Ich drehe den Kopf weg. „Ich kann das nicht", sage ich. „Es liegt ... gar nicht an dir, also, wahrscheinlich nicht. Eher an meinem Ex, der gar nicht mein Ex war, meiner Kündigung, der angeblichen Schwangerschaft und an dem Mord an Carmens Mutter. Ein wenig sicher auch an Clausen und den 11 fetten Frauen, die wir zur Zeit verhören ... und ehrlich gesagt fühle ich mich ein bisschen wie DJ Dumpfbacke gerade." Er schaut mich erstaunt an. „Ooo-kay. Also, Paula, das ist zu viel Transferleistung für meinen Pegel. Vielleicht erzählst du mir das alles ganz in Ruhe?" „Jetzt?" „Klar." „Bei ... mir?" Er grinst doof. „Ich hab auch keine andere Wahl. In der Zwischenzeit hab ich 25 Notfallkontakte angeschrieben und keine von ihnen hat Zeit. Nötig hätt ich's jetzt aber schon." „Pha", mache ich. „Bekleidet natürlich!" „Natürlich, bekleidet. Komm!" Wir nehmen wirklich ein Taxi zu mir. Schon auf der Fahrt sprudeln die Worte nur so aus mir raus. Sven ist ein guter Zuhörer, vielleicht auch gerade, weil er insgesamt nicht so viel von sich preisgibt. Das fällt mir zwar auf, ich spreche es aber nicht an. Ich will ohnehin sowieso lieber selbst reden – und zwar ohne Punkt und Komma. Wir liegen in Klamotten auf meinem Bett und ich erzähle von Maria, meiner Jugend auf dem Land, meiner stets bevorzugten kleinen Schwester, meiner unvollendeten Karriere in der Kita, dem sinnbefreiten Kreativ-Studium, meinem egozentrischen Agentur-Chef, Said, meinem Goldfisch Waldi und dessen Beisetzung, von der Katzenfrau und schlussendlich von Clausen und seiner Vorstellung von einem guten Kartoffelsalat. „Dass man überhaupt Salat zu Kartoffeln in Mayo sagt. Das verstehe ich nicht. Aber ist es nun eine Beleidigung oder ein Kompliment? Salat ist ja nicht von sich aus besser, gesünder vielleicht, aber das muss ja nichts heißen." Dann schlafe ich ein. Als ich aufwache, ist Sven verschwunden. Ich seufze, bin irgendwie erleichtert und auch ein wenig traurig zugleich. Falls er wirklich an mir interessiert war, auf welcher Ebene auch immer, dann habe ich ihn spätestens mit meinem mehrstündigen Monolog abgeschreckt. Clausen hatte Recht: 30 Sekunden hätten vermutlich genügt. Und ich habe ihm mein Leben kurz und knapp in 30.000 wichtigen Fakten um die Ohren gehauen. Ich vergrabe meinen Kopf unter dem Kopfkissen. „Scheiße", murmle ich. „So eine Scheiße." Da höre ich eine Stimme. „Paula, du bist ja wach! Möchtest du auch einen frisch gepressten O-Saft?" „Nein, Kaffee", murmle ich und ziehe das Kopfkissen langsam von meinem Kopf. Da steht er tatsächlich in meiner Tür, strahlend wie eh und je mit einem Glas O-Saft in der Hand. „Vitali. Lass den Quatsch und mach mir Kaffee." Er lacht. „Probier halt wenigstens. Ich war extra beim Kiosk." Er stellt das Glas auf dem Nachttisch ab und hoppelt energetisch wieder in die Küche, wo ich nun die Kaffeemaschine höre. Ich schaue auf die Uhr. Erst 11 Uhr. Was stimmt nur nicht mit ihm? Wir waren doch mindestens bis 6 Uhr wach. Ich seufze, probiere den Orangensaft und verschlucke mich. „Vitaminschock?", er kommt mit einer Tasse Kaffee um dich Ecke, setzt sich zu mir aufs Bett und klopft mir auf den Rücken, bis ich mich beruhigt habe. „Hm, scheint so", brumme ich. „Gib mir lieber den Kaffee ... warum bist du eigentlich schon wach?" Er legt sich neben mich und streckt sich. „Ich muss um 12 Uhr arbeiten." „Igitt." „Ja, ich weiß." „Ich muss um 14 Uhr zu meiner Schwester. Ich glaube, ich sag ab." „Hm. Das klingt nach Luxus." „Kannst du nicht deine Schicht tauschen oder so was?" „Hab ich schon", sagt er kleinlaut. „Eigentlich hab ich am Wochenende immer die frühen Schichten." "Argh. Warum?", frage ich. "Na ja. Weil meine Angestellten die nicht unbedingt gern machen und ich mir Mühe gebe, ein guter Chef zu sein." "Du bist der Chef von dem Laden?" "Hätte ich euch sonst eine Gratis-Mitgliedschaft schenken können?" "Hm. Okay, macht Sinn." Ich bin schon ein bisschen beeindruckt, stelle den Kaffee ab und lege mich ebenfalls wieder hin. So als Untätige, die ihren Nachmittagstermin aus alkoholischen Gründen absagen wird, neben einem trainierten, hart-arbeitenden Founder-Typen zu liegen – irgendwie unangenehm. „Hast du gar keinen Kater?" frage ich ihn. Er dreht sein Gesicht zu mir, weil er merkt, dass ich ihn anstarre. Ich habe bei ihm ein paar kleine Lachfalten entdeckt, an denen ich mich aufhänge. Er hat Falten! Ha! „Doch, und wie." Seine Augen sind recht trüb, einige Äderchen sind geplatzt, er hat tatsächlich Augenringe und ... Poren. Eindeutig ein echter Mensch und keine Alien-Invasion, wie zuerst befürchtet. „Warum leidest du gar nicht?", frage ich ihn. „Hm?", macht er. „Na, du wirkst ganz zufrieden." „Bin ich auch ... also, mal abgesehen von den Kopfschmerzen." „Hast du auch so einen fiesen Schädel? Au ...", ich reibe mir eine Schläfe. „Ja. Verdammter Jägermeister. Aber weißt du, eine Frau hat mal zu mir gesagt, sie hätte kein Mitleid für Menschen mit geringem Körperfettanteil", er grinst. „Darum jammere ich lieber nicht." „Ha-ha", mache ich und bin zugegeben amüsiert. Verbal bewaffnet ist er ja – und auch ein bisschen charmant. „Ich hab übrigens nachgedacht", sagt er. Jetzt kommt's, denke ich, aber er spricht weiter: „Dieser Zeuge Jehovas, der bei Maria war. Der ist eigentlich eure beste Chance, also, euer einziger Verdächtiger! Und ihr müsst mit Nilüfer sprechen. Wobei ich irgendwie nicht glaube, dass jemand aus der Rommé-Runde Maria vom Balkon schubsen würde. Aber das ist natürlich nur so ein Gefühl." „Du weißt noch, was ich dir erzählt habe letzte Nacht?", ich ziehe ungläubig eine Augenbraue hoch. „Jedes Wort." „Es waren ziemlich viele Wort." „Das stimmt." „Willst du nicht ... vielleicht mal was über dich erzählen? Also, weil, ich fühl mich schon ein bisschen schuldig, dass ich dich einfach so zugetextet hab." „Nein. Alles gut." „Also, du kannst aber gern auch was über dich erzählen, ich höre gar nicht so schlecht zu, wie es rüber kommt", biete ich an. Er lächelt. „Danke, Paula. Vielleicht komm ich irgendwann darauf zurück." Wir liegen eine Weile schweigend nebeneinander. Dann streichelt er mir über den Arm und sagt: „So, ich muss jetzt zur Arbeit. Es wäre doch ganz nett von mir, ich würde vorher duschen und mir etwas anderes anziehen." Er riecht an seinem Pullover und verzieht das Gesicht. Das Nachtlicht ist eine Raucherkneipe. Ich lache. „Was sollen sonst die Leute in der Gymeinde denken? Du hast immerhin eine Vorbildfunktion!" Er schaut mich gewollt genervt an. „Du kannst dir vorstellen, mit wie wenig Spaß das meistens verbunden ist." „Ach komm! Heut gönnst du dir einen Eiweiß-Shake mit Geschmack - Erdbeere oder so. Und dann wird das schon!" Er schubst mich von sich weg, ich lache. Dann steht er auf und sagt: „Bis bald, Paula! Erhol dich noch gut.", und schon ist er durch die Tür. Ich sehe ihn vor meinem inneren Auge am Empfang der Gymeinde stehen, wie er schlecht gelaunt am Erdbeer-Eiweiß-Shake nippt und muss noch immer ein bisschen vor mich hin kichern. Sven, nein, Alex. Mein neuer Hetero-Kumpel. Ich nehme O-Saft und Kaffee mit und setze mich auf den Balkon, wo ich eine Zigarette nach der anderen rauche und dabei hin- und her überlege, ob ich meiner Schwester tatsächlich absagen soll. Dann rufe ich sie einfach mal an. Schlussendlich einigen wir uns darauf, dass sie Mutti einfach mit ins Auto lädt und mit ihr zu mir nach Hamburg fährt. „Soll doch Tante Lotte meine Steuer machen, die hat doch sowieso immer Langeweile", sagt meine Schwester. „Ich hab eine Torte gemacht. Und später können wir ja noch was zu Essen bestellen, das geht bei dir in der Stadt eh viel besser als bei uns hier auf dem Land." Essen, das ist das Lieblingsthema meiner Familie. „Okay", sage ich. „Aber dafür musst du mir auch alles von diesem Sven erzählen", fordert meine Schwester. Ich knurre in die Leitung. Ich brauchte einen Vorwand, um nicht aufs Land fahren zu müssen und habe von meiner kurzen alkoholhaltigen Nacht mit Mann erzählt. „Paula! Du weißt, dass ich schon so lange verheiratet bin, dass es von mir einfach keine neuen Männergeschichten gibt – außer die von Heiner. Und die sind meistens stinklangweilig, es sei denn, er hat gesoffen, rofl. Also tu mir doch bitte den Gefallen!" Ich seufze laut. Ich will meiner Schwester nicht von Sven erzählen. Auch nicht von Nico, nicht von Ferdi, und erst recht nicht von Said. „Okay, ich mach mich dann mal fertig. Bussi, bis später! Tschüsschen!", und schon hat sie aufgelegt. Meine Schwester. Rofl, denke ich. Jetzt sieht sie sicher schon, ganz in alter Dorfmanier, Sven und mich vorm Traualtar stehen. Dabei sind wir gerade erst seit fünf Minuten Freunde – und auch generell überhaupt nicht mehr als das. Etwas genervt und ziemlich verklatscht stelle ich mich unter die Dusche und hoffe, dass das kalte Wasser meinen Kater weg wäscht.

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9783742774965
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