Читать книгу: «Seewölfe Paket 23»

Impressum
© 1976/2018 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-95439-782-2
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 441
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 442
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 443
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 444
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 445
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 446
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 447
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 448
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 449
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 450
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 451
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 452
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 453
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 454
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 455
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 456
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 457
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 458
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 459
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 460
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8

1.
Luis Carrero war ein an Leib und Seele gebrochener Mann. Wie lange hockte er jetzt schon in der scheußlichen, stinkenden Vorpiek dieses gräßlichen Schiffes, der „Estrella de Málaga“? Wie viele Tage? Er wußte es nicht mehr. Mit dem Zählen hatte er aufgehört. Er schrie und fluchte nicht mehr, begehrte nicht mehr gegen seine Gegner auf. Er sprach auch nicht mehr, sondern blickte nur starr auf die düsteren Planken und das Schott, das ihm die Freiheit verwehrte.
Das Bilgewasser schwappte unter der Gräting. Jedesmal, wenn es hochschwappte, stieg Carrero der abscheuliche Gestank in die Nase. Schon oft war er kurz davor gewesen, sich zu übergeben. Immer wieder mußte er gegen die Übelkeit ankämpfen. Es fiel ihm schwer, furchtbar schwer.
Hundeelend war ihm zumute. Einmal war er bereits drauf und dran gewesen, sich zu dem schwarzhaarigen Bastard führen zu lassen und ihn um Gnade zu bitten. Aber der letzte Rest Stolz, den er noch in sich verspürte, hatte ihn daran gehindert.
Sehr stolz war er einst gewesen – der stolzeste und härteste Mann von Potosi. Nicht einmal Don Ramón de Cubillo, der Provinzgouverneur, hatte ihm Respekt eingeflößt. Mit dem hatte er geredet, wie es ihm paßte. Als Oberaufseher in den Silberminen des Cerro Rico war er ein geachteter und gefürchteter Mann gewesen, und wenn er mit seinen Hunden durch die Stadt zog, buckelten und dienerten die Bewohner vor ihm.
Aber der Schwarzhaarige – dieser elende Bastard – hatte alles zerstört. Gefangengenommen hatte er ihn, Luis Carrero, denn er brauchte eine Geisel und einen Führer, der ihn nach Potosi brachte. Unter den Namen de Castellano hatte er sich vorgestellt, dieser Halunke, aber sie nannten ihn den Seewolf. Mit seinem richtigen Namen hieß er Killigrew. Ein Engländer also. Und er hatte eine Crew von Hurensöhnen um sich geschart, zu der sogar ein Neger und eine Indianerin gehörten. Wie konnte es geschehen, daß ein verdammter Engländer, der sich, mit solchem Pack einließ, einen stolzen Spanier entwürdigte?
Nun, Carrero hatte versucht, sich gegen diese Teufelsmeute aufzulehnen. Es hatte keinen Zweck gehabt. Immer wieder war er gescheitert. Von dem gräßlichen Narbenkerl, dem Profos, hatte er sogar eine Tracht Prügel bezogen.
Dafür sollte der Hund büßen – und auch der Bastard Killigrew und die anderen Kerle mußten über die Klinge springen. Aber wie sollte er es schaffen, sich zu befreien, sich eine Waffe zu besorgen und gegen sie zu kämpfen?
Unmöglich. Er hatte alles versucht, was in seinen Kräften stand. Jetzt gab es nur noch eine Chance – die letzte. Er sollte dieses Drecksgesindel also durch die Berge führen, nach Potosi. Das würde er auch tun. Aber der Marsch war lang, er nahm mehrere Wochen Zeit in Anspruch. In einer der kalten Nächte, die dort oben herrschten, würde er, Luis Carrero, es schon verstehen, seine Bewacher zu überrumpeln und sich abzusetzen. Dann brauchte er nur noch den Provinzgouverneur zu alarmieren, und sich ein paar Soldaten aus Potosi zu holen – und das große Aufräumen begann.
Davon träumte Luis Carrero in seinem grimmigen, verdrossenen Schweigen. Aber er wartete vergebens darauf, daß sie ihn holten. Hatten die Schiffe – die „Estrella de Málaga“ und die „San Lorenzo“ – denn nicht längst die Küste nahe Arica erreicht? Was war los? Bootsbewegungen glaubte Carrero registriert zu haben, es schien sich etwas zu tun. Doch ihn schien man vergessen zu haben. Brauchten ihn die Hunde nicht mehr?
Eine dumpfe Ahnung bohrte in ihm. Wollten sie ihn etwa doch aufknüpfen, an der Nock der Großrah, wie sie es ihm schon mehrfach angedroht hatten? Erhoben sie sich zu Richtern über sein Leben? Wagten sie das wirklich?
Er spürte, wie ihm wieder einmal der Schweiß ausbrach. Nein, sie hatten kein Erbarmen mit ihm. Er war ihr Feind, wie auch sie seine erklärten Todfeinde waren. Hatte nicht die spanische Krone ein Kopfgeld für die Ergreifung dieses Killigrew ausgesetzt? Ja, Don Ramón de Cubillo hatte einmal – so konnte er sich jetzt wieder entsinnen – erwähnt, für welche englischen Hurensöhne man eine Prämie kassieren könnte, wenn man sie tötete und ihren Kopf Seiner Allerkatholischsten Majestät, Philipp II., überbrachte. Der Name Killigrew war dabeigewesen.
Wenn es ihm gelang, auszubrechen und Killigrew als Geisel zu nehmen, war alles gewonnen. Nein, unmöglich. Er gab sich nur falschen Hoffnungen hin. Hier, aus dem stinkenden Loch, dem Eingang der Hölle, gelangte er nicht mehr heraus. Nur zum Luftholen. Aber dann sperrten sie ihn gleich wieder ein. Er hatte jede Chance, die es möglicherweise noch für ihn gegeben hätte, verspielt.
Doch wo befand man sich in der Zwischenzeit? Wo ankerten die beiden Schiffe? Und was hatte der Betrieb zu bedeuten, der in Abständen an Oberdeck herrschte? Von dem, was sie sprachen, verstand Carrero kein Wort, denn er war des Englischen nicht mächtig, während sie Spanisch sehr gut beherrschten. Was hatte dieses Piratenpack vor? Wieder eine dieser Teufeleien? Schier Unglaubliches hatte Carrero erlebt, seit er ihr Gefangener war, und die Schreckensserie schien nicht mehr abzureißen. Was heckten sie jetzt wieder aus?
Er konnte es nicht ergründen. Es hatte auch keinen Sinn, daß er sich bei dem Kerl, der gerade vor dem Schott der Vorpiek Wache schob, danach erkundigte. Wie üblich würde er keine richtige Auskunft, sondern nur dumme Antworten erhalten.
Luis Carrero schwieg auch weiterhin. Er hatte die Beine an den Leib gezogen und starrte auf die düstere Schiffswand. Irgendwann hat alles ein Ende, dachte er – alles.
Carrero sollte nicht den Trupp von Männern führen, die nach Potosi aufbrachen – so hatte der Seewolf entschieden. Ursprünglich hatte der Oberaufseher der Silberminen tatsächlich als „Lotse“ dienen sollen, jetzt aber hatte Hasard die Pläne geändert.
Pater Aloysius hatte die Rolle des Bergführers übernommen, oben, im Tal von Tacna, wo die Männer der „Estrella de Málaga“ und der „San Lorenzo“ die Dominikanermönche unter Pater Franciscus und die dort ansässigen Indios vor dem Zugriff der Spanier bewahrt hatten – und vor dem Schicksal, als Sklaven in den Minen des Cerro Rico zu enden.
Mithin konnte der Potosi-Trupp auf Carrero verzichten. Mit Pater Aloysius hatten sie einen guten Mann auf ihrer Seite, einen, der in den Bergen zu Hause war, der Potosi kannte und außerdem auf der Seite der Indios stand. Dieser Mann, so hatte Hasard von Anfang an richtig erkannt, war mehr als Gold für das Unternehmen wert.
Smoky hatte den Potosi-Trupp bis auf Hasard selbst, Carberry, Dan O’Flynn und Karl von Hutten, die bereits oben in Tacna gewesen waren, zum Tal hinaufgebracht, und inzwischen rüsteten die Männer dort zum Aufbruch: Hasard, Pater David, Pater Aloysius, Jean Ribault, Karl von Hutten, Carberry, Dan O’Flynn, Matt Davies, Gary Andrews, Stenmark, Mel Ferrow und Fred Finley. In den nächsten Tagen und Wochen würden die Männer an Bord der Schiffe nichts mehr von ihren Kameraden hören. Eine lange Wartezeit begann.
Ben Brighton hatte von Hasard das Kommando über die „Estrella de Málaga“ übernommen. Auf der „San Lorenzo“ war es Jan Ranse, der Jean Ribault als stellvertretender Kapitän ersetzte.
Smoky hatte über diesen Beschluß Hasards berichtet, als er zur Ankerbucht der Schiffe zurückgekehrt war. Weiter hatte er erzählt, daß der Seewolf mit von Hutten, Carberry, Dan und Pater Aloysius am Vortag die drei Hängebrücken zwischen Arica und dem Tal von Tacna zerstört und einen weiteren spanischen Trupp, der ihnen ins Gehege geraten war, vernichtet hatten. Am Vormittag dieses neuen Tages – man schrieb den 27. November 1594 – pullte Smoky mit der Jolle, mit der man nur den Unterteil des Rio Tacna befahren konnte, zur „Estrella de Málaga“. Er ging längsseits, legte an der Bordwand an und enterte an der Jakobsleiter auf.
Als Ben Brighton sich nach Hasards vorerst letzten Befehlen erkundigte, erwiderte Smoky: „Die Order lautet, daß wir auch weiterhin den Gefangenen scharf bewachen sollen. So lange, bis der Trupp aus Potosi zurückgekehrt ist.“
„Und was geschieht dann mit Carrero?“ wollte Ferris Tucker wissen. „Hasard will ihn doch wohl hoffentlich nicht laufen lassen.“
Smoky hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Das weiß ich nicht. Hasard hat es noch nicht entschieden. Er hat nur etwas angedeutet.“
„Raus damit“, sagte Shane schroff. „Du willst es doch wohl nicht für dich behalten.“
„Er will ihn vielleicht auf einer Insel aussetzen.“
„Was, den Carrero?“ sagte Roger Brighton ziemlich aufgebracht. „Das fehlte noch. So ein Dreckskerl ist eine Gefahr für die Menschheit, wo immer er sich auch aufhält.“
„Er muß verschwinden“, sagte Shane. „Für immer.“
„Also töten wir ihn?“ fragte Ben.
„Wir sollten über ihn richten“, entgegnete Ferris Tucker. „Was anderes als den Tod hat so ein Kerl ja wohl nicht verdient.“
„Darüber sind wir uns einig“, sagte Ben. „Aber die Entscheidung liegt bei Hasard. Wenn ein Bordgericht zusammentritt, wird er den Vorsitz haben, das wißt ihr genau.“
„Klar“, sagte Will Thorne, der Segelmacher, von der Kuhl aus. „Und deshalb lohnt es sich auch nicht, über diesen Punkt weiter herumzudiskutieren. Morgen bricht der Potosi-Trupp auf, und wir halten hier Wache und passen auf, daß Carrero uns nicht entwischt.“
„Es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn ihm das gelingen sollte“, murmelte Sam Roskill.
„Aber jetzt mal weiter“, meinte Shane zu Smoky. „Du hast noch nicht zu Ende berichtet. Was hat Hasard noch alles gesagt?“
Smoky grinste. „Nichts Besonderes. Nur, daß er uns alle herzlich grüßen läßt und auf ein gemeinsames gesundes und glückliches Wiedersehen hofft.“
Sie alle standen beieinander und lauschten Smokys Worten. Die Zwillinge schnitten allerdings etwas mürrische Mienen. Sie waren enttäuscht, daß sie bei dem Potosi-Unternehmen nicht dabeisein konnten. Aber wer war das nicht? Araua ging es ebenso, und auch Jan Ranse und die Männer der „San Lorenzo“ waren alles andere als begeistert, daß sie nun so lange warten mußten.
Ja – etwas traurig waren sie schon, denn die Kameraden fehlten ihnen. Dann mußten sie aber doch grinsen. Der Anlaß dafür war Smokys Äußerung.
„Übrigens, von Ed soll ich auch was ausrichten“, sagte er und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Was denn?“ fragte Ferris sofort. „Was kann der uns schon wünschen?“
„Einen herzlichen Gruß zunächst mal“, sagte Smoky fröhlich. „Und dann hat er sogar was für uns gedichtet, unser guter alter Profos. Ist das nicht rührend?“
Big Old Shanes Augen verengten sich ein wenig. „Was denn? Ein Gedicht? Für uns? Was hat das jetzt wieder zu bedeuten?“
„Du traust dem Braten nicht, was?“ fragte Ben und mußte lachen.
„Ich hab’ meine Gründe“, brummte Shane.
„Also“, sagte Roger aufmunternd zu Smoky. „Nun mal los. Wie lautet denn das Verslein?“
Smoky räusperte sich, dann legte er los: „Lebt wohl, ihr alten Affenärsche, ihr Rübenschweine und ihr Hirsche! Wir zieh’n jetzt los nach Potosi, vergeßt nicht euren Carberry!“
„He!“ rief Batuti von der Kuhl zum Achterdeck. „Habe ich das richtig verstanden? Affenürsche?“
„Ja“, erwiderte Smoky, und er grinste immer noch.
„Das haut dem Faß den Boden aus“, sagte Shane. Was anderes fiel ihm nicht ein.
„Affenürsche ist ein starkes Stück“, sagte nun auch Ben.
„Und Potosi“, sagte Ferris. „Das heißt doch gar nicht so. Das heißt Potosi.“
„Er hat aber Potosi gesagt“, erklärte Smoky.
„Potosi – wieso?“ fragte Bob Grey. „Das kapier’ ich nicht.“
„Das hat was mit Pott zu tun“, sagte Al Conroy.
„Quatsch“, entgegnete Luke Morgan. „Hör doch auf. Ich glaube, Carberry ist es ganz egal, ob er Potosi oder Potosi sagt.“
„Paddy scheint anders darüber zu denken“, meinte Sam Roskill. „Seht mal, er ist schwer beschäftigt.“
Verstohlen blickten sie zu Paddy Rogers, bei dem der Groschen bekanntlich nicht ganz so schnell fiel wie bei den anderen. Manchmal fiel er überhaupt nicht, der Groschen. So wie jetzt – und nicht einmal Jack Finnegan, sein bester Freund, konnte Paddy auf die Sprünge helfen.
Jack war selbst einigermaßen erstaunt und sann darüber nach, was es mit dem Profosspruch auf sich haben könnte.
„Affenürsche!“ stieß Paddy plötzlich etwas heiser hervor. Auf seiner Stirn hatten sich schwere Denkfalten gebildet. „Was ist das denn?“
Die Männer lachten. Smoky schaute zu Paddy und sagte: „Na, dann will ich dich aufklären. Das muß sich doch auf Hirsche reimen, klar?“
„Was denn?“
„Na, das mit den Ürschen.“
„Den Affenürschen?“
„Richtig“, erwiderte Smoky „Leuchtet dir das nicht ein?“
„Nein.“
„Paß mal auf“, erklärte Jack. „Sag mal Hirsche und Ürsche, dann fällt dir doch sicher was auf.“
„Ich sage Hirsche und Ärsche, das ist das gleiche“, sagte Paddy störrisch. „Das ist sogar richtig, oder?“
„Nicht, was den Reim betrifft“, versuchte Smoky ihm auseinanderzusetzen. „Ärsche reimt sich höchstens auf Bärsche.“
„Stimmt nicht“, sagte Jeff Bowie. „Es heißt Barsche und nicht Bärsche.“
„Was? Hab’ ich doch auch gesagt!“ stieß Smoky hervor.
„Nein! Und Barsche hat mit Ärsche nichts gemeinsam“, sagte der Kutscher, der sich nun ebenfalls zu ihnen gesellt hatte.
Paddy kratzte sich verzweifelt am Kopf, er war jetzt völlig verstört.
„Das mit den Affenürschen“, sagte er. „Das kann er doch nicht einfach machen.“
„Wer?“ rief Pete Ballie aufgebracht.
„Na, der Profos“, sagte Paddy bestürzt.
„Der macht, was er will!“ brüllte Pete. „Und ich hab’ keine Lust, mich mit Ürschen und Hirschen ’rumzuschlagen!“
„Paddy“, sagte der Kutscher und legte ihm dabei sogar mitfühlend die Hand auf die Schulter. „Nun hör mal gut zu. Man nennt das dichterische Freiheit. Ein Dichter darf auch zu einer Rah Baum sagen, wenn die Verse es so erfordern.“
„Was? Nein!“
„Es ist aber so, und man muß es ihm nun mal durchgehen lassen.“
„Wem?“ brüllte Pete. „Dem Profos? Unerhört!“
Blacky trat zu dem Rudergänger und sagte: „Nun halt aber mal die Luft an, Mister Ballie. Du brauchst dich hier nicht gleich aufzuregen, wenn es um solche Kleinigkeiten geht, nicht wahr?“
Pete sah ihn verdutzt an. „Wer regt sich denn auf?“
„Eins ist jedenfalls sicher“, sagte der Kutscher zusammenfassend. „Unser verehrter Profos ist ein großer Dichter und Poet. Vielleicht wird er mal berühmt.“
„Jetzt versteh’ ich die Welt nicht mehr“, sagte Paddy und zog dabei ein Gesicht, als wolle er mit Mac Pellew, der mit der Miene eines Totengräbers neben ihn getreten war, in Tränen ausbrechen. „Plötzlich sind die Affenärsche zu Affenürschen geworden – das geht doch nicht!“
„Alles Unsinn!“ rief Bob Grey plötzlich. „Ürsche reimt sich höchstens auf Hürsche, hat das noch keiner bemerkt?“
„Ich hab’s gleich begriffen“, erwiderte Hasard junior grinsend.
„Und Potosi reimt sich auch nicht auf Carberry“, fügte Philip junior hinzu.
„Das ist dichterische Freiheit!“ brüllte Pete Ballie.
„Hört jetzt endlich auf!“ schrie Blacky. „Ich habe die Schnauze voll. Merkt ihr nicht, daß ihr spinnt?“
Batuti blickte ihn an und entblößte seine perlweißen Zähne. „Du spinnst wohl nicht, was? Wenn wir schon spinnen, dann spinnen wir alle zusammen.“
„Soll ich den Spruch noch mal wiederholen?“ fragte Smoky mit treuherziger Miene.
„Nein!“ schrie Luke Morgan. „Schluß! Das hält keiner mehr aus!“
Auch auf dem Achterdeck herrschte Frohsinn.
„Sieh mal an“, sagte Ben lachend. „Ed ist wirklich ein Mann, den man so leicht nicht vergißt. Er sorgt auch dann noch für Heiterkeit, wenn er nicht an Bord ist und ihn alle vermissen.“
„Wer vermißt ihn denn?“ fragte Shane.
„Ohne ihn wird’s langweilig“, sagte Ferris. „Warte mal ab.“
„Wir haben aber noch zu tun“, sagte Ben. „Wir werden hier nicht nur rumstehen und Däumchen drehen. Wir haben noch eine Aufgabe, oder habt ihr das schon vergessen?“
2.
Es fiel den Männern jetzt, nachdem genügend über Carberrys „Gedicht“ gelacht und diskutiert worden war, wieder ein: Ein weiterer Vorschlag von Hasard mit einer entsprechenden Empfehlung an Ben Brighton lautete, er möge doch in Erwägung ziehen, den Padres oben im Tal von Tacna bei den Aufbauarbeiten ihrer ziemlich zerstörten Anlagen zu helfen.
Ben Brighton sprach diesen Plan noch einmal mit den Männern durch. „Wir sollten gleich einen Trupp einteilen, der mit der Jolle nach Tacna aufbricht“, erklärte er. „Hasard hat ja auch gesagt, wir könnten unsererseits von dort Proviant beziehen, nicht wahr?“
„So ist es“, bestätigte Smoky. „So vervollkommnen wir unseren Speisezettel, nicht wahr?“
„Hat jemand was an der Kombüse auszusetzen?“ fragte der Kutscher mit ziemlich lauter Stimme.
„Niemand“, erwiderte Ben lachend. „Aber es bietet sich hier eine Gelegenheit, ein wenig Abwechslung zu schaffen.“
„Wir können nicht immer nur Eier essen, und die Hühner legen im Moment auch ziemlich schlecht“, sagte Blacky.
Mac Pellew sah ihn giftig an. „Setzen wir euch etwa nur Eier vor, du Prielwurm?“
„In letzter Zeit nicht, weil die Hühner schlecht legen“, erwiderte Blacky grinsend.
„Los, keine Sprüche mehr klopfen“, sagte Sam Roskill. „Geht’s endlich los? Gut!“ Er spuckte in die Hände. „Es wird Zeit, daß es wieder was zu tun gibt!“
„Sehr richtig!“ rief Ferris. „Ganz abgesehen davon, daß die Wartezeit dann nicht so eintönig ist!“
„Das hab’ ich ja gemeint“, brummte Sam.
„Ein guter Vorschlag“, sagte Big Old Shane. „Ich glaube, die Männer begrüßen ihn auch alle, Ben.“
„Ja.“ Ben ließ seinen Blick über die Gesichter der Männer wandern. „Wer meldet sich freiwillig?“
„Ich als erster!“ rief Sam.
„Alle!“ brüllte Pete Ballie, und schon flogen die Arme hoch.
„Ferris“, sagte Ben. „Du übernimmst die Leitung des Trupps. Stell ihn beliebig zusammen.“
„He!“ schrie Jan Ranse von Bord der „San Lorenzo“ zu ihnen herüber. „Wir haben alles gehört! Nehmt wenigstens ein paar von uns mit! Wir sterben sonst vor Langeweile!“
„Einverstanden!“ rief Ben.
„Wann bricht der Trupp auf?“ wollte Smoky wissen.
„Morgen“, erwiderte Ben. „Heute bleiben wir noch an Bord. Ihr könnt euch also Zeit lassen.“
Ferris stellte in aller Ruhe den Trupp zusammen.
„Smoky“, sagte er. „Du bist auf jeden Fall mit dabei. Schließlich kennst du die Route bereits.“
„He, Ferris“, sagte Sam Roskill. „Vergiß mich nicht. Schließlich habe ich mich als erster gemeldet.“
Der rothaarige Riese grinste. „Gut, einverstanden. Weiter hätte ich gern Roger Brighton und den Kutscher dabei – und Bill.“
„Uns hättest du aber auch gern mitnehmen können“, sagte Philip junior, und sein Bruder Hasard pflichtete ihm mit grimmigem Nicken bei.
„Hier wird nicht debattiert“, sagte Ferris. „Wen ich brauchen kann und wen nicht, das bestimme ich, klar?“
„Aye, Sir“, antworteten sie wie aus einem Mund.
„Kerls, beruhigt euch“, sagte Ferris einlenkend. „Wir lösen uns natürlich ab, und zwar im Drei-Tage-Turnus. Bei der nächsten Schicht seid ihr mit dran.“
Die Mienen der Zwillinge hellten sich wieder auf, und auch die anderen Mitglieder der Crew blickten wieder etwas zuversichtlicher drein. Nichts setzte ihnen mehr zu als die Aussicht, auf unabsehbare Zeit dem absoluten Nichtstun ausgeliefert zu sein.
Sie waren daran gewohnt, zu handeln, und jedes zu lösende Problem gingen sie am liebsten frontal an. Potosi hingegen war ein besonderer Fall. Das hatten sie schon gewußt, als Jean Ribault auf der Schlangen-Insel das Unternehmen zur Sprache gebracht und sie darüber abgestimmt hatten.
Nicht die kompletten Crews der Schiffe konnten sich auf den ziemlich langen Marsch begeben, der durch unwirtliches Bergland führte, es durfte nur ein kleiner Trupp sein, nicht stärker als ein Dutzend Mann. Dafür gab es mehrere Gründe.
Erstens durften die „Estrella“ und die „San Lorenzo“ nicht unzureichend bewacht in der Bucht zurückbleiben. Die Erfahrung hatte bewiesen, daß immer wieder völlig unversehens die Spanier auftauchen konnten. Deshalb mußten die Männer der Karavelle und der Galeone stets auf ein Gefecht vorbereitet sein.
In Potosi wiederum durfte Hasard nicht mit zu vielen Männern auftauchen, sonst erregte er sofort Aufsehen. Selbst als Spanier getarnt, mußten sie stets höllisch aufpassen, auch das hatten sie in den vergangenen Wochen immer wieder feststellen müssen. Und ein Kerl wie der Provinzgouverneur Don Ramón de Cubillo, der in Potosi hockte und auf Nachschub an Sklaven für die Minen wartete, war mit Sicherheit auch nicht zu unterschätzen.
Richtig war daher die Entscheidung, mit einer kleinen Gruppe zum Cerro Rico aufzubrechen. Der Rest der beiden Crews war zum Nichtstun verdonnert, aber man mußte das Beste aus jeder Situation machen.
Ferris Tucker wählte von den Männern der „San Lorenzo“ Mulligan, Grand Couteau und Roger Lutz aus – Kerle, die zupacken konnten.
Mulligan lachte, als er vernahm, daß er mit zum ersten „Aufräumtrupp“ gehörte.
„Das ist mal was“, sagte er. „Die Padres werden sich wundern, wie schnell wir ihnen wieder alles herrichten. Hoffentlich haben sie auch einen guten Schnaps.“
„Entschuldige mal“, sagte Albert, der von Montbars der „Gelegenheitsbucklige“ genannt wurde, mit süffisantem Grinsen. „Wieso sollen denn ausgerechnet diese frommen Ordensbrüder so ein Zeug brauen?“
„Ich habe gehört, daß die den besten Kräuterschnaps herstellen“, sagte Mulligan. „Aber davon hast du offenbar keine Ahnung.“
„Hugenotten haben mit Mönchen nicht viel im Sinn“, sagte Albert kichernd.
„Du bist gar kein Hugenotte“, sagte Mulligan mit wildem Grinsen. „Du bist bestenfalls Hugo, der Sohn einer N…“
„Halt“, sagte Le Testu beschwichtigend. „Das geht wirklich zu weit. Mit dem Dichten nimmt es überhand, und nicht jeder ist dazu geboren. Mulligan, ich mach’ dir einen Vorschlag. Du fragst diese Franciscus-Brüder, oder wie sie heißen, frei heraus, ob sie Schnaps haben. Wenn ja, bringst du welchen mit.“
„Und du säufst die Flasche aus und erzählst mir, wie das Zeug geschmeckt hat, ja?“
„So ungefähr habe ich mir das vorgestellt“, erwiderte Le Testu lachend. „Und beim nächsten Turnus bin ich mit von der Partie und bringe dir eine Pulle mit.“
„Ihr seid ganz schön bescheuert“, sagte Mulligan und meinte die „französische Landsmannschaft“ an Bord der „San Lorenzo“, die ja recht stark vertreten war. Ehe die „Franzmänner“ jedoch Protest erheben konnten, erschien Jan Ranse bei ihnen und sprach mit ihnen durch, wie er sich die Einteilung der nächsten Arbeitsgruppen vorstellte. Ferris hatte ihm dabei völlig freie Hand gelassen.
So hatten alle Männer die Gelegenheit, das Tal von Tacna kennenzulernen und sich bei den Dominikanermönchen nützlich zu machen. Sie spuckten schon jetzt in die Hände und nahmen eine kräftige Abendmahlzeit ein, um sich für den nächsten Tag zu stärken. An Bord der „Estrella de Málaga“ beriet Ben Brighton unterdessen noch einmal mit seinen Männern auf dem Achterdeck, wie das „Programm“ für die nächsten Tage aussehen sollte.
„Eins dürfen wir nicht vergessen“, sagte er. „Wir wollen auch Arica erkunden. Das war schon vorher so mit Hasard geplant.“
„Aber sicher doch“, sagte Big Old Shane. „Da werden wir mal kräftig zuschlagen, bevor wir uns von dieser Küste wieder empfehlen.“
„Wir wollen doch dafür sorgen, daß die Dons uns so schnell nicht wieder vergessen“, sagte Smoky. „Und wie kann man das erreichen? Am besten durch zündende Beispiele.“
„Dann muß Ferris aber noch entsprechend viele Höllenflaschen herstellen“, warf Roger Brighton ein.
„Das wird er auch tun“, sagte Ferris grimmig. „Ich hätte mich ohnehin um Nachschub gekümmert. Es ist ja meistens so, daß man die Dingerchen dann am dringendsten braucht, wenn man es am wenigsten vermutet.“
„Also gut“, sagte Ben. „Dann wollen wir also Einsatz zeigen. Sollten uns in der Zwischenzeit irgendwelche vorwitzigen Dons aufstöbern, erteilen wir ihnen eine Lektion. Wir werden mit beiden Schiffen fast immer in Gefechtsbereitschaft sein.“
„Recht so“, sagte Big Old Shane. „Und ich schätze, daß Batuti und ich morgen wieder einen Vorrat an Brand- und Pulverpfeilen schaffen. Die können wir schließlich irgendwann auch noch gut gebrauchen, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte Smoky. „Aber trotz allem befinden wir uns in einer miesen Situation.“
„Fang jetzt nicht wieder damit an“, sagte Ferris drohend. „Ich weiß selber, daß es Mist ist, von Hasard und dem Trupp nichts mehr zu erfahren. Sie sind sich selbst überlassen, wir können nichts für sie tun. Aber das ist nun mal so. Wenn du von Falmouth querfeldein nach London marschieren würdest, wüßte ich von dir auch nicht, was dir passiert.“
„London ist von Falmouth nicht so weit weg wie Potosi von dieser Bucht“, sagte Smoky.
„Da würde ich mal nicht so sicher sein“, sagte Ben.
Ferris lachte. „Außerdem gibt es in Potosi mehr zu holen als in London, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“
„Amen“, sagte Smoky. „Du weißt immer alles besser, wie? Aber die ganze Sache scheint mir unter einem Unstern zu stehen. Weißt du, was ein Unstern ist? Er ist fast so schlimm wie ’ne Wasserleiche.“
„Aufhören“, sagte Shane grollend. „Spar dir die Sprüche für die Schlangen-Insel auf, da hast du einen besseren Zuhörer für deine dummen Sprüche, nämlich Donegal.“
„Wenigstens einer, der Ahnung hat“, sagte Smoky.
„Ich glaube, daß Hasard und der Trupp gute Chancen haben, unbehelligt nach Potosi zu gelangen“, sagte Ben Brighton. „Pater Aloysius ist sicherlich ein besserer Führer als Carrero, bei dem man ständig mit einem Fluchtversuch hätte rechnen müssen.“
„Oder er hätte versucht, unsere Leute in die Irre zu führen“, sagte sein Bruder. „Bestimmt hätte er sie am liebsten in eine Schlucht geleitet.“
„Der ist giftiger als hundert Schlangen“, sagte Ferris. „Aber er kriegt sein Fett auch noch, verlaßt euch drauf.“ Seine Vorhersage sollte sich bewahrheiten, aber ganz anders, als sie alle es sich vorstellten.
Am nächsten Tag brach Ferris Tuckers Arbeitstrupp mit einer der Jollen nach Tacna auf. Eine andere Jolle war ständig bereit, den Posten – in diesem Fall Mac Pellew – ablösen zu lassen, den Ben an der Küste hatte aufziehen lassen.
Mac – und die Männer, die ihn bei den nächsten Wachschichten ablösen würden – hatte die Aufgabe, die Bucht von der Seeseite her so abzuschirmen, daß man gegen unliebsame Überraschungen gewappnet war. Zumindest war auf diese Weise gewährleistet, daß jedes Auftauchen fremder Segler rechtzeitig gemeldet wurde.
Mac befand sich auf der Südseite des Mündungstrichters des Rio Tacna, und zwar auf einer überhöhten Felsnase, die fast unmittelbar bis in die See reichte. Er hatte einige Zeit hier zuzubringen, denn es war seine Aufgabe, im Sechs-Stunden-Törn rund um die Uhr hier Ausguck zu halten. Nach ihm würde Blacky an der Reihe sein, dann Pete Ballie, dann Philip junior und danach Hasard junior. So ging es weiter, der Turnus war von sechs Uhr früh beginnend eingerichtet, nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens gab es zweimal eine Drei-Stunden-Wache.
Der jeweils neue Posten segelte mit der Jolle zur Felsnase, der andere abgelöste Posten kehrte zur „Estrella de Málaga“ zurück. Bei Alarmmeldung oder Gefahr im Verzug mußte der Wachtposten durch die Felsen zurück zur Bucht klettern – ein etwas unbequemer Weg. Darum hatten die Männer die Jolle als Transportmittel vorgezogen. Andererseits aber wäre sie zu auffällig gewesen, wenn sie bei der Annäherung eines Schiffes flußaufwärts zur Bucht gesegelt wären, um die Kameraden zu alarmieren.
Das felsige, buschbestandene Gelände bis zur Bucht hin bot genügend Deckung. Das bedeutete also: Die normalen Wachwechsel wurden mit der Jolle vollzogen, aber bei dem geringsten Anzeichen von Gefahr begab sich der jeweilige Aufpasser zu Fuß auf den Weg und arbeitete sich auf dem „Kriechpfad“ bis zum Ufer der Bucht vor.
An Bord beider Schiffe herrschte wieder völlige Ruhe, nachdem Ferris mit seinem Trupp verschwunden und Mac als erster Wachtposten zu der Felsnase übergesetzt war. Ben Brighton überprüfte noch einmal den Plan für die Wachschichten, dann ließ er Luis Carrero an Deck holen, der wie üblich zumindest eine Stunde Luft schnappen durfte.
Carrero erschien, bewacht von Batuti und Bob Grey. Er sprach kein Wort und hielt den Kopf gesenkt. Vor dem Vordecksschott blieb er stehen, als warte er auf einen Befehl.
„Nun geh schon“, sagte Bob. „Vertritt dir ein bißchen die Füße.“
Carrero setzte sich etwas wankend in Bewegung. Rein äußerlich war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Aber wie sah es in seinem Inneren, in seiner unauslotbaren Seele aus? Das fragten sich die Männer, während sie ihn beobachteten. Aber sie waren sich darüber einig, daß es keinem von ihnen gelingen würde, jemals ganz zu erforschen, was in diesem Kerl vor sich ging.
Carrero verhielt sich wie ein folgsames Hündchen. Er zeigte sich nicht mehr renitent, stellte keine Fragen und vermied alles, was seine Bewacher in irgendeiner Weise reizen konnte. Die Abreibungen, die Carberry ihm verpaßt hatte, sowie das Wahnsinnsabenteuer mit dem Kranken hatten ihn wirklich mächtig mitgenommen. Er schlurfte über das Hauptdeck, und an seinem Gebaren war kaum etwas Gespieltes, Vorgetäuschtes.
„Der ist wirklich am Ende“, sagte Philip junior leise zu seinem Bruder und zu Araua, die mit ihm auf der Back standen.
„Laßt euch nichts vorgaukeln“, sagte Araua. „Er hat immer noch Kraft und Haß genug, um etwas Böses auszuhecken.“
Plymmie schien ihrer Meinung zu sein, sie duckte sich etwas und fletschte die Zähne. Leise begann sie zu knurren.
„Sei still“, sagte Hasard junior. „Wir wissen ja, daß du ihn nicht ausstehen kannst.“
Er mußte die Wolfshündin aber doch unter Deck bringen, denn sie wollte keine Ruhe geben. Kurz darauf enterten die Zwillinge in eine Jolle ab, die schon an der Bordwand der „Estrella“ bereitlag. Auch sie hatten ihr „Programm“ für diesen Vormittag: Fischen. In der Bucht gab es ihrer Überzeugung nach einiges zu holen – und sie sollten sich nicht täuschen, wie sich noch herausstellte.
Ben Brighton hatte Luis Carrero die Ketten abnehmen lassen. Dennoch blieb der Mann gefesselt, aber er hatte immerhin nicht mehr an der Last der Eisen zu schleppen. Er konnte sich ganz gut bewegen. Nur an Flucht brauchte er nicht zu denken. Wenn er über Bord sprang und ans Ufer zu schwimmen versuchte, ertrank er jämmerlich.
Das hielt er sich noch einmal vor Augen, während er sich müde über die Planken bewegte. Überhaupt: Sie paßten scharf auf und verfolgten jede seiner Bewegungen mit ihren Blicken. Der schwarze Riese schaute drein, als warte er nur auf eine Gelegenheit, ihn packen und würgen zu können. Nein – Carrero brauchte sich auch weiterhin nicht den geringsten Illusionen hinzugeben.
Wo er sich befand, wußte Luis Carrero nicht. Hatte er diese Bucht jemals gesehen? Vorsichtig blickte er sich um. Nein, er konnte sich dessen nicht entsinnen. Er hatte keine Ahnung, wo sie ankerten. Fragen wollte er nicht, die Kerle teilten es ihm aus freien Stücken sowieso nicht mit.
Allerdings war da ein Punkt, der ihm jetzt wieder einfiel. Der schwarzhaarige Bastard Killigrew, dieser Teufel aller Teufel, hatte sich kürzlich bei ihm nach Tacna erkundigt. War das eine Möglichkeit? Konnte es sein, daß sie sich in einer Bucht unterhalb des Tals von Tacna befanden?
Carrero unterdrückte ein schwaches Grinsen. Möglich war es – sehr wahrscheinlich sogar. Somit war er schon einen Schritt weiter. Er ahnte wenigstens, wo er war und das war eine Menge wert.
Noch etwas fiel ihm jetzt auf. Der Bastard Killigrew zeigte sich nicht an Deck. Dabei war er sonst immer anwesend, wenn er, Carrero, seine Runde drehte. Was hatte das zu bedeuten?
Und wo war dieser Profos – das Ungeheuer? Er schien ebenfalls verschwunden zu sein. Seltsam war das. Waren sie überhaupt nicht mehr an Bord? Auch eine Jolle war verschwunden, ebenso einer der beiden Hakenmänner, den sie Matt Davies nannten.
Carrero schaute sich etwas aufmerksamer um. Da fehlten noch mehr Leute: Die beiden Hellblonden beispielsweise, die, wenn er sich nicht irrte, Gary und Sten gerufen wurden. Und dieser andere hellhaarige Kerl, der mit der Navigation zu tun hatte – Dan! Auch er war spurlos verschwunden.
Die Zwillinge hatten unterdessen mit der Jolle ungefähr das Zentrum der Bucht erreicht. Sie warfen ihre Angeln aus. Philip junior stieß seinen Bruder jedoch plötzlich mit dem Ellenbogen an. „He, sieh mal!“
„Was? Wo?“ stieß Hasard junior etwas verblüfft aus.
„Da drüben! Da wimmelt’s!“
„Von Fischen!“ rief Hasard junior. „Mann, das sieht ja aus, als ob das Wasser kocht!“
Keine zehn Yards von ihrem jetzigen Standort entfernt zappelte und zuckte es unmittelbar unter der Wasseroberfläche. Sie packten die Angeln weg, griffen wieder nach den Riemen und pullten auf die Stelle zu.
„Den Haken kannst du dir sparen“, sagte Philip schwer atmend. „Bruder, gib mal den Kescher her.“
Blacky hatte Mac Pellew auf der Felsnase abgelöst. Mac war wieder an Bord und verfolgte mit gemischten Gefühlen, wie die Zwillinge die Kescher ins Wasser tauchten und hüpfende, zappelnde Fische in die Jolle luden.
„Sind die auch eßbar?“ rief er ihnen zu.
„Klar!“ rief Philip junior zurück. „Die sehen aus wie Heringe!“
Carrero registrierte, daß die Männer von diesem Geschehen mehr und mehr abgelenkt wurden. Auch der schwarze Affe, wie er ihn insgeheim nannte, und der andere Aufpasser, dieser Grey, warfen jetzt immer öfter Blicke auf die fischenden Zwillinge.
Langsam schritt Carrero weiter und rückte der Nagelbank des Großmastes näher. Gab es denn nirgends eine Waffe, die er an sich reißen konnte? An Flucht war nicht zu denken, aber er konnte sich zumindest ein Hilfsmittel besorgen, wenn sie gerade nicht auf ihn achteten.
Der Zeitpunkt schien günstig zu sein. Von der Vorpiek aus hatte er gehört, daß mehrere Male in eine Jolle abgeentert worden war, die dann auch ablegte. Und richtig – an diesem Vormittag schienen viel weniger Leute als sonst an Bord zu sein. Das war sehr merkwürdig, für ihn aber möglicherweise von großem Vorteil. Es kam eigentlich nur darauf an, wie er das nutzte.
Er schritt auf und ab und tat so, als sei er mit sich selbst beschäftigt. Hin und wieder blickte er aus den Augenwinkeln zu den fischenden Jungen. Es war wirklich erstaunlich, was sie da an Bord der Jolle hievten. Ihr Tun fand mittlerweile das ungeteilte Interesse der kompletten Crew.
„Silbrige Fische“, sagte Nils Larsen mit Kennermiene. „Die sehen wirklich aus wie richtige Heringe.“
„Hast du schon mal falsche Heringe gesehen?“ fragte Mac Pellew knurrig.
„Ja, und zwar als Heringe verkleidete Dorsche“, erwiderte Nils schlagfertig. „Wie findest du das?“
„Ziemlich dusselig.“
„Fangt nicht an zu zanken!“ rief Bob Grey ihnen lachend zu. „Denkt lieber an die schöne Mittagsmahlzeit, die wir jetzt kriegen!“
„Denk mal an die Auswirkungen“, sagte Nils.
„An die was?“ fragte Batuti. „Spinnst du? Fisch ist gut für ’n Geist und für die Muskeln, das weiß doch jeder.“
Nils musterte ihn. „Nicht nur dafür. Kannst du dich nicht erinnern? Heringe bewirken so allerlei.“
„Ich krieg’ zuviel“, sagte Al Conroy stöhnend. „Geht das jetzt wieder mit der Manneskraft los? Hör bloß auf!“
Mac rollte plötzlich mit den Augen.
„Her mit den Fischen!“ rief er den Zwillingen zu. „Ich will sie braten, verdammt noch mal!“
3.
„Was ist denn in Mac gefahren?“ fragte Ben Brighton überrascht.
„Er kriegt sich nicht mehr ein“, erwiderte Shane, der die Fäuste in die Seiten gestemmt und eine grimmige Miene aufgesetzt hatte. „Wegen der Heringe.“
„Das sind keine Heringe“, sagte Ben. „Das sind allenfalls Anchovetas.“
„Was für Dinger?“
„Eine Fischart, die in Massen vor dieser Küste auftritt“, erklärte Ben. „Sie ist wohl mit den Heringen verwandt, aber eben doch anders, auch vom Geschmack des Fleisches her. Die Anchovetas können unterarmlang werden.“
„He!“ brüllte Mac zur Jolle hinüber. „Ihr habt den Kahn doch voll! Gleich sauft ihr ab! Kommt her! Pullt an, Jungs!“
Carrero war stehengeblieben und tat so, als genieße er die Sonne, die sein Gesicht und seine Gestalt wärmte. Dabei versuchte er, die Windrichtung festzustellen und sich zu orientieren. Wo war Norden, wo Süden? Er atmete tief durch, überlegte und spähte aus schmalen Augen nach allen Seiten. Allmählich gelang es ihm, sich zurechtzufinden.
Pete Ballie war inzwischen zu Mac Pellew getreten und legte ihm die rechte Pranke auf die Schulter. „Mac, hör mal zu. Was soll das Geschrei?“
„Wird Zeit, daß wir was zu beißen zwischen die Zähne kriegen“, entgegnete Mac hastig. „Ist doch Mittag, oder?“
„Die Suppe ist schon gar, oder täusche ich mich?“
„Wir hauen ein paar ordentliche Kaventsmänner mit in die Suppe rein, äh – Fische, meine ich.“
„Es sind Anchovetas“, sagte Bob Grey, der nähergetreten war. Er hatte vernommen, was Ben und Shane gesprochen hatten.
„Das ist egal“, sagte Mac. „Wir wollen Fisch futtern, gebraten und gekocht. Jawohl, und einlegen kann man die Biester auch, dann hat man immer einen Vorrat.“
Pete packt auch Nils am Arm und zog ihn langsam zu sich heran.
„Ich habe nichts gegen Fisch“, sagte er. „Aber mir stinkt euer Gequatsche.“
„Halt die Luft an, Pete“, sagte Jeff Bowie. „Das ist doch eine feine Sache, das mit der Manneskraft.“
„Laß dich nicht anstecken“, sagte Pete drohend. „Ich habe noch von seinerzeit, von der Ostsee vor Bornholm, die Nase voll, als Mac das große Spinnen anfing.“
„Ich und spinnen?“ Mac wurde wütend. „Glaub bloß nicht, daß ich mich von dir beleidigen lasse!“
„Wo willst du mit deiner Manneskraft hin, wenn keine Frauen da sind?“ fragte Pete. „Wir können schließlich nicht nach Arica segeln, du Walroß. Wie stellst du dir das vor?“
Mac kratzte sich am Kopf. „Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“
„Außerdem sind es Anchovetas und keine richtigen Heringe“, stellte Bob noch einmal fest. „Damit hat sich wohl der Fall.“
Batuti blickte ins Wasser. „Im klaren Wasser kann man ganze Schwärme sehen“, brummte er. „Wie in Gambia. Man kann sie mit Pfeilen schießen.“
„Die Mühe brauchst du dir nicht zu machen“, sagte Jack Finnegan. „Unsere Kerlchen haben genug gefangen und kehren zu uns zurück.“
Die Zwillinge pullten zur „Estrella de Málaga“ zurück. Von der „San Lorenzo“ legte nun auch eine Jolle ab – Eric Winlow, Tom Coogan und Jonny erschienen, um sich ihren „Anteil“ zu holen, den Philip und Hasard Jan Ranse großzügig versprochen hatten.
„Ihr könnt die Viecher euch selber keschen!“ rief Mac Pellew ihnen zu.
„Ha, ha!“ rief Winlow und deutete auf die Jolle der Zwillinge, die vor lauter Fisch wahrhaftig auf Tiefe zu gehen schien. „Das reicht doch für alle, und wir haben noch was dabei übrig!“
„Faulpelze“, sagte Mac. Dann aber suchte er die Kombüse auf, um mit den Vorbereitungen für das Ausnehmen der Anchovetas zu beginnen.
Luis Carrero hatte die Gelegenheit genutzt. In dem Augenblick, in dem wegen der Fische Aufregung entstanden war, hatte er sich auf die Nagelbank des Großmastes zubewegt und einen der Belegnägel an sich gebracht.
Seine Hände waren ihm auf den Rücken gefesselt, aber er stellte sich vor die Nagelbank, packte zu und schob sich den Belegnagel hinten unter das Hemd. Immer wieder blickte er sich dabei nach allen Seiten um. Doch niemand hatte sein Handeln bemerkt – nicht einmal Ben Brighton, der in diesem Moment ebenfalls durch die Ankunft der „Fisch-Jolle“ abgelenkt war.
Luis Carrero nahm seinen Gang über das Hauptdeck wieder auf. Die Begebenheit mit den Anchovetas schien er nicht verfolgt zu haben, sein Benehmen war – nach außen hin – apathisch und stumpf. Innerlich aber begann er wieder Hoffnung zu schöpfen. Er hatte eine Schlagwaffe! Das war besser als gar nichts, und er würde sie zu nutzen wissen.
An diesem Mittag setzte auf beiden Schiffen das große Fischbraten ein. Die Männer der „San Lorenzo“ waren von den Arwenacks gewissermaßen angesteckt worden: Aus der Kombüse der Galeone stiegen mächtige Qualmwolken auf. Tom Coogan und Jonny gingen Eric Winlow kräftig zur Hand. Le Testu hatte sich freiwillig gemeldet – er würzte die Fische.
Winlow drehte und wendete sie auf dem Eisenrost über dem offenen Holzkohlenfeuer. Donald Swift holte immer eine „Fuhre“ ab, wenn sie gar war, und teilte die Fische auf der Kuhl an die Männer aus, die sofort zulangten und mit begeisterten Gesichtern zu essen begannen.
„Die schmecken wirklich gut“, sagte George Baxter. „Aber ich könnte sie mir auch eingelegt vorstellen.“
„In Öl, mit Lorbeer, Thymian und Pfeffer“, schwärmte Montbars.
„Was sagst du da?“ fuhr Gordon McLinn ihn an. „Pfui, Teufel! Man muß die Biester räuchern und in Essig einlegen, dann sind sie erst richtig gut!“
Jan Ranse trat zu ihnen, er hatte selbst gerade einen Anchoveta verspeist.
„Nun streitet euch nicht“, sagte er. „Jeder hat seinen Geschmack und seine Gewohnheiten.“
„Stimmt“, sagte Baxter. „Aber was ist das drüben bei den Arwenacks für ein Gerede von den Ostseeheringen? Die schwärmen ja in allen Tönen.“
„Nun ja“, sagte Jan grinsend. „Mac meinte damals, die geräucherten Fische verhelfen einem Kerl zu mächtiger Manneskraft.“
„So ist das“, sagte Baxter, dann lachte er dröhnend. „Na, wer’s glaubt, wird selig!“
„Wenn schon, dann muß man die Dinger richtig würzen“, meinte Albert mit listiger Miene.
„Wie denn?“ fragte McLinn. „Etwa mit Knoblauch? O Hölle!“
„Ihr Engländer lernt es nie“, sagte Albert giftig. „Für euch ist das Essen eine Notwendigkeit. Für uns ist es eine Kunst und eines der höchsten Vergnügen.“
„Es kommt gleich nach dem anderen“, erklärte Pierre Puchan. „Und damit wären wir wieder beim Thema Nummer eins. He, Montbars, willst du die Pulle Wein ganz allein aussaufen? Her mit dem Zeug!“
Die Flaschen machten die Runde. Auch an Bord der „Estrella de Málaga“ sorgte Ben Brighton für die entsprechende Stimmung, indem er sogar eine Extrarunde Brandy spendierte. Es wurde gelacht und geredet, und wieder gingen die haarsträubendsten Gerüchte über die Bornholm-Heringe im allgemeinen und die Arica-Anchovetas im besonderen um.
„Ich finde, die lieben Tierchen sind noch besser als Heringe“, sagte Shane, nachdem er die letzten Gräten seiner Ration abgelutscht hatte. „Wie viele davon können wir mitnehmen, Ben?“
„Ich würde gern die Proviantkammer füllen“, erwiderte Ben. „Aber frischer Fisch wird natürlich schnell schlecht.“
„Wir können ihn einsalzen.“
„Oder einlegen“, sagte Ben. „Besser noch wäre es, ihn zu räuchern. Wir sollten an Land eine Räucherei einrichten.“
„Meinst du das im Ernst?“
„Ja. Auch das wäre eine willkommene Abwechslung.“
„Im Trott des Wartens, ja“, brummte der graubärtige Riese. „Keine schlechte Idee.“
Sie aßen weiter, tranken dazu Wein und Brandy und legten die Details zurecht: wo die Räucherei gebaut werden sollte, welches Material man sich besorgen würde und wer als „Räuchermeister“ in Aktion treten sollte. Mac Pellew wäre der richtige Mann gewesen, aber da der Kutscher nicht an Bord war, war er eigentlich in der Kombüse unentbehrlich.
„Wie wär’s mit Blacky?“ fragte Shane.
„Der läßt die Fische verräuchern“, sagte Ben.
Araua, die sich inzwischen zu ihnen gesellt hatte, lachte. „Das ist ja wirklich ein Problem. Ich melde mich freiwillig. Ich kann Fische backen, braten und räuchern.“
„Aber du verräucherst dir dein schönes Haar“, sagte Ben. „Nein, das ist nichts für dich.“
„Baxter ist der richtige Mann“, sagte Shane. „Der hat keine Haare und kann sich nichts versengen oder verräuchern.“
Sie lachten zusammen. Die Stimmung war prächtig und hätte besser nicht sein können. An und für sich hatten sie nicht gedacht, daß der erste Tag nach der „Abreise“ des Potosi-Trupps so gut verlaufen würde. Die Stunden verstrichen recht schnell, allmählich wurde es dunkel. Was aber die Nacht für sie bereithielt, ahnte keiner von ihnen.
Luis Carrero hockte wieder in seinem Verlies. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand und atmete erst einmal tief durch. Dann tastete er mit den Fingern nach dem Belegnagel, der hinten unter seinem Hemd steckte, und grinste. Soweit hatte er es geschafft. Jetzt folgte der zweite Teil des Unternehmens.
Irgendwie mußte es ihm gelingen, sich der Handfesseln zu entledigen. Daß er keine Ketten mehr trug, war bereits ein erheblicher Vorteil. Sie hatten ihn derart behindert, daß er nicht einmal durch die Vorpiek hatte kriechen können. Jetzt änderte sich einiges an seiner Lage – und sein Trübsinn und seine Niedergeschlagenheit waren wie weggewischt.
Die Hoffnung auf Flucht war wieder da. Es gab eine Rettung – und er würde nicht sterben, wie diese Bastarde ihm prophezeit hatten. Nein, er würde nicht an der Rah baumeln, und sie würden seinen leblosen Leib auch nicht wild lachend in die See werfen.
All die Schreckensvisionen von seinem eigenen Ende, die ihm die Angst und die Verzweiflung in Alpträumen und Trugbildern vorgegaukelt hatten, verblaßten. Er schöpfte wieder Mut und Selbstvertrauen.
Nicht sie würden triumphieren – diese elenden Bastarde –, sondern er würde der stolze Sieger sein, stolz wie ehemals, als er mit seinen Bluthunden durch Potosi zog und jedermann Furcht einflößte und Respekt abverlangte.
Er, Luis Carrero, allein gegen diese Horde von Schlagetots und Galgenstricken! Ja, er traute sich das zu. Der schwarzhaarige Hurensohn Killigrew war nicht an Bord, der Profos und ungefähr ein Dutzend der Bande schienen allein auf der „Estrella de Málaga“ zu fehlen.
Drüben, auf der „San Lorenzo“, war die Crew ebenfalls nicht mehr vollständig, soviel hatte Carrero bei seinem kurzen Decksaufenthalt erkennen können. Zum Beispiel hatte er diesen dreisten Franzosen nicht gesehen, der sich Ribault nannte.
Für das Fehlen dieser Kerle gab es nur eine Erklärung. Sie hatten sich auf den Marsch nach Potosi begeben. Warum sie ihren Gefangenen nicht mitgenommen hatten, wie es geplant gewesen war? Carrero machte sich keine Gedanken mehr darüber. Es war ihm gleichgültig. Er würde dieses Teufelsschiff verlassen, nach Potosi zurückkehren – dabei vielleicht einen Umweg über Arica einlegen – und Alarm schlagen.
Dann würde er mit de Cubillos Hilfe eine Streitmacht auf die Beine stellen und die Engländer jagen – quer durch das Gebirge und bis an die See, und wenn es sein mußte, über das Meer bis nach Panama hinauf.
Er würde sie fassen und sich an ihnen rächen. Ihr Ende waren die Minen des Cerro Rico, dort würden sie mit den Indios zusammen schuften. Dort hatte Carrero noch jeden aufsässigen Hundesohn weichgeklopft. Es gab keinen, der standgehalten hatte.
Alle diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er nun das tat, was ihm vorher wegen der Ketten versagt gewesen war. Er ließ sich auf den Knien nieder, schob sich durch die Vorpiek und begann, sie Stück für Stück zu untersuchen, so gut es ging. Natürlich waren die Voraussetzungen immer noch ungünstig, aber er gab sich alle Mühe, das Beste daraus zu machen.
Es war stockdunkel, und er konnte nur herumtasten. Zweimal stieß er sich den Kopf, und es gab dabei dumpfe Geräusche. Er verharrte und lauschte. Hatte der Posten, der vor dem Schott stand, etwas gehört? Ahnte er etwas? Nein. Nichts rührte sich. Der Mann schien keinen Verdacht zu schöpfen. Warum sollte er es auch tun?
Er wußte ja nicht, daß Carrero einen Koffeynagel an sich gebracht hatte. Und wenn der Spanier durch sein Gefängnis kroch, war das im Grunde nur allzu verständlich. Wer schon einmal in der Vorpiek gesessen hatte, wußte, wie eng und stickig es dort war.
Carrero setzte sein Werk fort. Seine Füße waren nicht gefesselt, er konnte die Beine also gut bewegen. Aber das nutzte ihm im Grunde nicht viel. Für die Inspektion brauchte er seine Finger – und da ihm die Hände auf den Rücken gebunden waren, war es eine schweißtreibende Arbeit, alles abzutasten.
Schließlich fand er, was er suchte: einen Nagel in einem Spant. Der Nagel befand sich sogar in Hüfthöhe. Besser hätte es gar nicht sein können. Carrero grinste triumphierend. Am liebsten hätte er einen Schrei ausgestoßen.
Egal, aus welchen Gründen die einstige Besatzung der „Estrella de Málaga“ diesen Nagel in den Spant getrieben hatte. Vielleicht war einmal irgend etwas daran befestigt gewesen. Was kümmerte es ihn, Carrero? Der Nagel diente ihm nur zu dem einen Zweck – die Handfesseln aufzuscheuern. Alles andere interessierte ihn nicht.
Er grinste immer noch. Er ließ sich wieder nieder und lehnte sich gegen die Schiffswand. Das Öffnen der Fesseln verlegte er aus Sicherheitsgründen auf die Nacht. Es war jetzt Abend geworden. Die Kerle würden ihm seine Mahlzeit bringen, und die mußte er zu sich nehmen, ohne daß sie etwas von dem, was er plante, ahnten. Mit anderen Worten: Er mußte sie in Sicherheit wiegen. Sie sollten nach wie vor davon überzeugt sein, daß er ein erschöpfter, erledigter Mann sei. Es paßte hervorragend zu seinem einfachen, aber – wenn alles klappte, wie er sich das vorstellte – genialen Plan.
Hunde, dachte er, ihr werdet euch noch wundern! Eine Welle der Genugtuung und des Siegesgefühls durchlief ihn. Er mußte handeln, solange die Stärke der Mannschaften reduziert war. Hier lag seine Chance, und die würde er ausnutzen.
4.
Bevor das Schott der Vorpiek geöffnet wurde, sorgte Luis Carrero dafür, den Belegnagel zu verstecken. Es gelang ihm, die Gräting ein wenig zu lockern und ihn darunterzuschieben. Jetzt mußte es schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie ihn entdeckten.
Schritte näherten sich.
„Batuti, mach mal auf“, sagte eine Stimme. Sie gehörte diesem anderen Hakenmann, der offenbar auf den Namen Bowie hörte. „Ich habe gebratenen Fisch und Wasser für unseren Don Luis.“
„Na, dann los“, brummte der Gambia-Mann. Eigentlich hätte er lieber mit Shane Pulver- und Brandpfeile angefertigt, als hier Posten zu gehen. Aber er fügte sich in sein Schicksal.
Batuti schob den Riegel des Schotts zur Seite und öffnete. Jeff Bowie setzte den Essensnapf und den Wasserkrug auf den Planken ab und hängte die Öllampe, die er mitgebracht hatte, an einen Haken an einem der Deckenbalken. Die Lampe schwankte ein bißchen hin und her und verbreitete rötlich-dämmriges Licht.
Jeff bückte sich und trat zu dem Gefangenen, Batuti zog seine Pistole und spannte den Hahn. Es knackte, aber Carrero wandte nicht den Kopf. Er schien ins Leere zu blicken, völlig apathisch und entrückt.
„Carrero“, sagte Jeff. „Ich nehme dir jetzt die Fesseln ab, damit du essen kannst.“
„Ja“, sagte Carrero. „Ja.“
„Sei hübsch brav und versuche keine Dummheiten.“
„Keine Dummheiten.“
Jeff löste die Handfesseln, kehrte zu Batuti zurück und schob dem Spanier den Essensnapf und den Wasserkrug zu. Er stellte sich neben den Gambia-Mann, und sie unterhielten sich leise miteinander.
Carrero griff mit seltsam eckigen, beinah linkisch wirkenden Bewegungen nach dem Fisch und aß ein wenig davon. Dann trank er Wasser in großen, gierigen Schlucken.
Jeff wartete noch eine Weile, aber Carrero ließ die Hälfte der Anchovetas unberührt im Napf liegen. Jeff zuckte mit den Schultern, legte dem Mann die Fesseln wieder an und trug das Geschirr aus der Vorpiek. Er übergab es Batuti, nachdem dieser das Schott geschlossen und zugeriegelt hatte, und der Gambia-Mann schob grinsend damit, ab.
„Danke für die Ablösung“, sagte er.
„Gern geschehen“, sagte Jeff und lehnte sich gegen die Wand. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Bis Mitternacht war er mit der Wache an der Reihe, dann löste ihn Luke Morgan ab. Bis dahin hieß es, sich in Geduld zu fassen – es gab keinen langweiligeren Posten als diesen. Da hatten es sogar die Männer besser, die drüben, auf der Felsnase, ihren Dienst versahen. Die hatten wenigstens die frische Luft und konnten dem leisen Rauschen des Wassers lauschen.
Carrero überlegte unterdessen, ob er richtig gehandelt hatte. Eigentlich hatte er einen Bärenhunger, und der Magen knurrte ihm immer noch. Aber er hatte absichtlich so getan, als habe er keinen Appetit. Er spielte den Leidenden, Entmutigten. Er hatte kaum noch die Kraft, die Hand an den Mund zu heben. Bei dieser Rolle mußte er bleiben.
Aber später, auf der Flucht, würde ihm der Hunger zusetzen. Wann erhielt er wieder etwas zu essen? Er wußte es nicht. Aber das mußte er auf sich nehmen. Wenn es ganz schlimm war, würde er Wurzeln essen. Oder Dreck. Lieber das, als noch weiter diesen Höllenhunden ausgeliefert zu sein.
Am Mittag, bei seinem Spaziergang auf das Hauptdeck, hatte er die Himmelsrichtung einigermaßen genau festgestellt. Er würde sich nach Süden absetzen, dorthin, wo Arica liegen mußte. Dies hatte er sich inzwischen in den Kopf gesetzt, denn es war besser, zunächst nach Arica zu laufen, als sich auf den langen Marsch nach Potosi zu begeben.
Im übrigen hatte er festgestellt, daß draußen – vor der Bucht – ein Fluß verlief. Fast war er sich sicher, daß es sich um den Rio Tacna handeln mußte. Folglich lag Arica südlich.
Dies war Luis Carreros Plan: Um Mitternacht, beim neuerlichen Wachwechsel, würden die beiden Posten, der abgelöste und der neue, seine Fesseln gemeinsam überprüfen. Danach hatte er wieder Ruhe bis vier Uhr morgens, wenn wiederum die gleiche Prozedur begann. Er hatte beschlossen, nach der Prüfung um Mitternacht die Fesseln zu lösen, den Posten in die Vorpiek zu locken, ihn niederzuschlagen und zu fliehen.
Er wollte sich mit der Jolle absetzen, die längsseits vertäut war. Das mußte zu schaffen sein. Bis zum Ufer war es nicht weit, und vielleicht waren die Ankerwachen der Schiffe nicht so scharf, weil sie mit keiner Bedrohung von außen zu rechnen hatten. Wenn er viel Glück hatte, schliefen sie sogar. Das wagte er nicht zu hoffen, aber er rechnete sich einige Chancen aus, das Ufer ungehindert zu erreichen.
Er entspannte sich und schloß die Augen. Bis Mitternacht mußte er Energien schöpfen – danach begann die Arbeit. Er atmete tief durch und versuchte zu schlafen. Es gelang ihm tatsächlich. Es war mehr ein Dahindämmern, jedes Geräusch riß ihn wieder hoch. Aber er ruhte sich doch aus. Allein darauf kam es ihm jetzt an.
Mitternacht nahte, und wieder ertönten Schritte, die vor dem Schott verharrten. Der neue Posten war da. Es war Luke Morgan. Er wechselte ein paar Worte mit Jeff, dann öffneten sie das Schott der Vorpiek und befaßten sich mit ihrem Gefangenen. Jeff hielt die Öllampe hoch, Luke überprüfte die Handfesseln des Mannes.
„Alles in Ordnung“, sagte Luke.
„Ich habe auch nichts anderes erwartet“, sagte Jeff. „Gibt es an der Küste was Neues?“
„Nichts.“
„Nicht die Spur?“
„Bist du so versessen darauf, daß was passiert?“ fragte Luke.
„Das bin ich nicht“, entgegnete Jeff. „Nur finde ich, daß es hier allzu ruhig ist.“
„Mal nicht den Teufel an die Wand. Wir können uns nicht beklagen. Wenn alles so bleibt, wie es ist, schieben wir hier einen wirklich ruhigen Lenz, bis Hasard und der Trupp aus Potosi zurück sind.“
„Ich wäre lieber nach Potosi gegangen, wenn du mich fragst.“
„Das wären wir alle“, sagte Luke. „Aber darüber haben wir schon genug diskutiert.“
„Mann, ich will mich doch nur mit dir unterhalten.“
„Hau dich aufs Ohr“, sagte Luke grinsend. „Und denk an die Anchovetas. Morgen wird wieder geangelt – gefischt, meine ich.“
„Die Kinderarbeit können wir den Zwillingen überlassen“, brummte Jeff. „Mann, ich melde mich lieber bei Ferris und helfe ihm bei den Höllenflaschen.“
„Wie du willst. Ben hat sicher nichts dagegen.“
„Also dann – viel Spaß, Luke“, sagte Jeff.
„Ich werde die Zeit schon ’rumkriegen“, sagte Luke.
Das Schott der Vorpiek krachte zu, der Riegel wurde vorgeschoben. Luis Carrero grinste, aber am liebsten hätte er vor Freude geschrien. Ihr Narren, dachte er, ihr wißt ja nicht, was euch blüht.
Carrero begann sofort zu arbeiten. Lautlos bewegte er sich durch die Vorpiek, verharrte wieder, lauschte und setzte dann, als er sicher war, daß der Mann vorm Schott nichts bemerkte, seinen Weg fort. Er erreichte den Nagel, setzte sich hin und drehte sich so, daß er die gefesselten Hände an den Nagel bringen konnte.
Dann begann er, seine Hände reibend zu bewegen. Das Tauwerk glitt über den Nagel. Aber es war solide – und es dauerte einige Zeit, bis sich die ersten Fasern zu lösen begannen.
An der erforderlichen Geduld, Zähigkeit und Ausdauer mangelte es dem Spanier nicht. Lange genug hatte er tatenlos in dem engen, stickigen Verschlag brüten müssen. Und wenn er Stunden an den Fesseln herumsäbeln mußte, bis sie nachgaben – er würde nicht kapitulieren.
Etwa nach einer Viertelstunde hielt er für kurze Zeit inne und fing an, Schnarchgeräusche zu imitieren, nicht zu laut, aber für den vor dem Schott stehenden Luke Morgan deutlich zu vernehmen. Carrero nahm seine Tätigkeit wieder auf, schnarchte aber noch einige Zeit weiter. Das Tauwerk schabte über den Nagel, hin und her, und er hatte den Eindruck, daß es etwas rissig geworden war. Seine Haut wurde inzwischen auch in Mitleidenschaft gezogen. Er spürte, wie sie zu brennen und zu schmerzen begann.
Weiter, dachte er, nicht aufhören. Und wenn die Haut in Fetzen geht – weiter!
In unregelmäßigen Zeitabständen wiederholte er die Schnarchgeräusche. Nach ungefähr einer Stunde intensiver Arbeit hatte er die Hände endlich frei. Er ließ die Arme herunterbaumeln, lehnte sich gegen die Wand und atmete tief durch. Dann massierte er vorsichtig die Handgelenke. Sie taten immer noch weh. Er hatte sie blutig geschrammt, wie ihm schien – aber was bedeutete das schon?
Er wartete ab. Jetzt nicht zu hastig vorgehen, prägte er sich immer wieder ein, Geduld haben. Noch ein wenig Zeit verstreichen lassen.
Carrero schnarchte wieder ein bißchen und stieß auch hin und wieder einen Seufzer aus wie ein Mann, der von nicht gerade angenehmen Träumen geplagt wird. Dann verstummte er wieder – und wartete weiterhin ab.
Als es nach seiner Schätzung auf zwei Uhr zuging, begann er erneut zu schnarchen, diesmal jedoch stärker als zuvor. Das gehörte zu seiner Taktik.
Er hatte inzwischen den Belegnägel aus dem Versteck zum Vorschein geholt und bewegte ihn prüfend in der Hand. Hartes Holz, dachte er, vielleicht Steineiche. Für spanische Schiffe wie die „Estrella de Málaga“ wurden nur die besten Hölzer verwendet: Eiche, Steineiche, Edelkastanie, Nußbaum und Pinie. Es waren allesamt knochentrockene und harte Materialien, mit denen man einem Mann gut und gern den Schädel einschlagen konnte.
Carrero grinste jetzt. Er schnarchte immer lauter, nahm den Belegnagel in die rechte Hand und klopfte damit an die äußere Bordwand. Das gab dumpfe, pochende Laute.
Luke Morgan horchte auf. Was war das? Er war ein bißchen dösig geworden. Für kurze Zeit wäre er um ein Haar eingeschlafen, hatte sich aber immer wieder einen Ruck verliehen. Die Augen durften ihm nicht zufallen.
Wenn der Spanier auch keine Chance hatte, aus seinem Verlies zu entwischen – es war eine Schande für einen Arwenack, auf Wache einzupennen. Und die Blamage war noch größer, wenn man ihn dabei ertappte. Nein, das durfte sich keiner erlauben. Notfalls gab man sich lieber selbst eine Ohrfeige, als den Dienst zu vernachlässigen, was immer auch geschah.
Es hämmerte dumpf im Schiffsbauch, und der Kerl in der Vorpiek schnarchte wie ein Besessener. Aber was hatte das eine mit dem anderen zu tun? Luke war ein wenig verwirrt.
Luis Carrero lag inzwischen in Schlafstellung auf der Gräting der Vorpiek, die Hände auf dem Rücken, leicht zusammengekrümmt und die Front dem Schott zugewandt. Er stellte das Schnarchen kurz ein – und fing im nächsten Moment wieder damit an, noch lauter diesmal. Zwei- bis dreimal klopfte er wieder mit dem Koffeynagel gegen die äußere Wand, dann hörte er auf, schnarchte aber weiter.
Komm schon, du Ratte, dachte er. Wie lange brauchst du, um mißtrauisch zu werden? Stunden? Hölle das dauert mir zu lange. Warum, zum Teufel, kommst du nicht?
War der Bastard von einem Engländer am Ende eingeschlafen? Carrero wagte nicht, daran zu denken. Wenn der Posten ihn nicht hörte, war sein ganzer Plan, den er sich zurechtgelegt hatte, hinfällig. Dann konnte er auch nichts Neues ersinnen, denn es gab keine Alternative. Alles hing davon ab, daß der Mann dort draußen versuchte, dem Klopfen auf den Grund zu gehen.
Carrero setzte mit dem Schnarchen aus. Er hämmerte den Belegnagel gegen die Beplankung – viermal in kurzen Abständen. Wenn jetzt nichts passiert, ist alles verloren, dachte er.
Luke Morgan lauschte dem Schnarchen und dem Pochen. Verdammt, dachte er, was hat das zu bedeuten? Das Schnarchen beunruhigte ihn nicht, wohl aber das Klopfen. Es klang so, als klopfe von draußen jemand an die Bordwand, nicht laut, aber doch gut hörbar.
Was das wohl war? Wieder trat Stille ein. Dann ertönte wieder das Schnarchen aus der Vorpiek – und plötzlich war erneut das Pochen da, dumpf und unheimlich.
Luke nahm die Öllampe vom Haken, trat auf das Schott zu und schob den Riegel zur Seite. Er zog das Schott auf. Es knarrte ein wenig in seinen Angeln. Luke bückte sich und hielt die Lampe etwas tiefer. Der Lichtschein fiel etwas flackernd ins Innere und erhellte die Gestalt des Spaniers.
Carrero schnarchte wieder, jetzt verhalten. Das Klopfen hatte aufgehört. Luke betrachtete den Mann eine Weile, dann schien er überzeugt zu sein.
Der schläft, dachte er.
Ganz sicher war er aber doch noch nicht. Er wollte es genau wissen. Schlief der Kerl oder hielt er ihn nur zum Narren? Und wenn das Pochen von ihm herrührte, was bezweckte er damit?
Carrero schnarchte friedlich vor sich hin. Luke beugte sich über ihn.
„He!“ zischte er.
Carrero antwortete nicht.
Lukes Mißtrauen war immer noch nicht gewichen. Hier stimmt was nicht, sagte er sich – und dann stellte er die Öllampe auf einen Decksbalken. Er hatte vor, sich etwas gründlicher in der Vorpiek umzuschauen.
Als er sich jedoch halb von Carrero abwandte, wurde dieser plötzlich sehr lebendig. Er zog die Beine an den Leib, gab sich einen Ruck und sprang auf.
Luke hörte ein Geräusch und registrierte auch die Bewegung des Kerls. Er reagierte, fuhr zu ihm herum und wollte zur Pistole greifen. Aber er hatte die Bewegung noch nicht halb vollführt, da krachte etwas auf seinen Kopf – der Koffeynagel. Er hatte das Gefühl, sein Schädel platze auseinander. Stöhnend sackte er in die Knie.
Carrero wollte noch einmal zuschlagen, stellte aber fest, daß es nicht mehr nötig war. Der Engländer brach vor ihm zusammen und streckte sich auf den Planken aus.
Sehr gut, dachte der Spanier, das geschieht dir recht, du Mistkerl.
Er überlegte, ob er ihn töten sollte. Aber dazu war keine Zeit, er mußte sich jetzt höllisch beeilen. In Windeseile zog er sich die Stiefel aus. Die Langschäfter aus weichem Leder – auf sie mußte er jetzt verzichten, denn wenn die Flucht gelingen sollte, mußte er sich absolut lautlos durch das Schiff bewegen.
Er legte die Stiefel auf die Gräting und steckte den Belegnagel in den Hosengurt. Dann begann er, den ohnmächtigen Luke zu untersuchen. Wieder war er versucht, ihn umzubringen. Eine Welle des Hasses durchlief ihn. Hier war die Gelegenheit, sich für alles zu rächen, was sie ihm angetan hatten.
Aber wie denn? An einem einzelnen, unbedeutenden Decksmann sollte er sich rächen? Das konnte alles andere in Frage stellen, und ihm kam es doch viel mehr darauf an, zu fliehen und dafür zu sorgen, daß der schwarzhaarige Hurensohn Killigrew und dessen Kumpane gepackt und nach Potosi in die Minen verschleppt wurden.
Prioritäten setzen, lachte Carrero. Das war jetzt wichtig für ihn. Und er brauchte Waffen. Was hatte dieser Bastard bei sich? Etwa nur die Pistole?
5.
Nein, er hatte auch ein Entermesser. Carrero zog es vorsichtig aus der Scheide und prüfte die Schärfe der Klinge mit dem Daumen. Ausgezeichnet! Die Klinge war spiegelblank und frisch gewetzt, man konnte damit einem Kerl den Kopf abschlagen.
Carrero steckte sich auch die Pistole Luke Morgans zu, dann nahm er ihm das Pulverhorn und die Kugelbüchse ab. Den Belegnagel behielt er natürlich auch. Den konnte er noch gut gebrauchen, wenn es galt, einen jäh auftauchenden Gegner auszuschalten.
Er verließ die Vorpiek und pirschte den schmalen Schiffsgang entlang. Wo befanden sich die Kerle? Lagen sie alle im Logis und schliefen? Sollten sie weiterschlafen – er würde sie nicht weiter behelligen, obwohl er den Drang verspürte, ein volles Faß Pulver in ihren Raum zu rollen und zur Explosion zu bringen.
Aber auch damit gewann er nichts, er riskierte nur sein eigenes Leben. Er hielt sich das Endziel vor Augen: die totale Ausrottung der Bande um Killigrew. So schlich er weiter und befaßte sich in seinen Gedanken mit dem, was ihn an Oberdeck erwartete.
Wie viele Posten versahen dort die Ankerwache? Nur einer? Oder mehrere? Er hatte keine Gelegenheit gehabt, das zu ergründen. Er mußte es eben darauf ankommen lassen. Wenn er Pech hatte, mußte er mehrere Kerle abservieren.
Behutsam stieg er einen Niedergang hinauf. Es war jetzt wieder stockdunkel, der Lichtschein der Öllampe in der offenen Vorpiek reichte nur bis auf wenige Yards in den Gang. Carrero mußte sich vorantasten und höllisch aufpassen, daß er kein Geräusch verursachte.
Wenn ihm beispielsweise etwas im Weg lag, würde er mit Sicherheit darüber stolpern. Angenommen, die Kerle ließen irgendwo Kübel herumstehen. Stieß er dagegen, gab es einen Mordsradau, und sofort war das gesamte Schiff hellwach. Dann stürzten sie sich auf ihn und überwältigten ihn, und er hatte auch mit den erbeuteten Waffen nicht die geringste Chance.
Aber nein, die Bastarde waren ordentlich und gründlich. Hier wurde nicht geschlampt, sie hielten den Kahn gut in Schuß. Na bitte, dachte Carrero, und er näherte sich dem Logis und dem Schott zur Galion. Wenigstens zu etwas taugen sie. Sie würden auch in den Minen eifrig schuften, wenn sie mit der Peitsche dazu angetrieben werden.
Überhaupt, warum nahm er nicht den Kerl, den Killigrew als Kapitän vertrat, als Geisel und beherrschte auf diese Weise das ganze Schiff? Er ließ sich nach Arica segeln, lief als Sieger in den Hafen ein und ließ erst einmal einen der Hunde hängen, weil es ihm so gefiel – und als Abschreckung für alle anderen.
Nein, es ging nicht. Er durfte das andere Schiff nicht vergessen, die „San Lorenzo“. Wenn die Kerle drüben verrückt spielten und die „Estrella“ mit Beschuß belegten, hatte er verspielt. Er wußte ja nicht, ob sie bereit waren, für ihre Kameraden alles zu opfern. Außerdem waren es immer noch zu viele – eine Übermacht von Gegnern. Die Wolfshündin, die ihm jederzeit an die Gurgel springen konnte, durfte er auch nicht unterschätzen.
Der ursprüngliche Plan war richtig. Er mußte fliehen. Erst mal an Land und in die Felsen, wo er sich besser auskannte als dieses Piratenpack. Alles andere ergab sich von selbst, denn er würde in Arica alles mobilisieren, um diese Galgenstricke zu fassen.
Schnarchlaute ertönten aus dem Logis. Carrero schob sich daran vorbei und grinste wieder. Gern hätte er sie mit dem Entermesser durchbohrt oder in Stücke gehackt. Aber auch hier war die Gefahr zu groß, es mit einem Gegner aufzunehmen und dann von den anderen überrumpelt zu werden.
Und wenn er Feuer legte? Ein Brand an Bord – das lenkte sie ab. Oder es weckte sie erst richtig, und sie nahmen an Land die Verfolgung auf. Nein, das alles nutzte nichts, es waren Ideen, die er sich aus dem Kopf schlagen konnte.
Einen Augenblick verharrte er im Dunkel des Vorschiffs. Was war, wenn er die Galionsplattform betrat und sich von dort ins Wasser gleiten ließ? Kein Wachtposten würde ihn hören oder sehen. Völlig unbemerkt würde sein Verschwinden von Bord der „Estrella de Málaga“ vonstatten gehen. Aber er mußte schwimmen, und die Waffen, auf die er nicht verzichten wollte, würden ihn erheblich behindern.
Vorsichtig, nach allen Seiten spähend und unter Einhaltung seiner instinktiven Alarmbereitschaft, bewegte sich Carrero auf das Vordecksschott der Steuerbordseite zu. Er brauchte die Jolle, sein Weg führte deshalb zwangsläufig über die Kuhl.
Er gelangte an das Schott, duckte sich und lauschte. Waren draußen Stimmen zu vernehmen? Nein. Alles war ruhig, und auch aus dem Schiffsinneren ertönten außer, dem verhaltenen Schnarchen der Schläfer keine Laute. Aber die Tatsache, daß an Oberdeck nicht gesprochen wurde, war noch lange kein Beweis dafür, daß sich nur ein Posten dort befand. Es konnten auch mehrere sein, die sich entweder gegenseitig anödeten oder umschichtig schliefen. Möglich war alles.
Carrero wagte es, das Schott einen Spaltbreit zu öffnen. Erfreulicherweise waren die Angeln gut geölt, so daß es nicht das leiseste Quietschen erzeugte. Jedes noch so feine Geräusch wurde in der Nacht verstärkt und hörte sich doppelt so laut an. Eine falsche Bewegung, ein winziges Scharren oder Schaben, und Carrero war geliefert und befand sich wie auf einem Präsentierteller für ihre Pistolen und Musketen.
Fahles Mondlicht erhellte die Nacht. Carrero sah durch den Spalt die Gestalt eines hochgewachsenen, schlanken Mannes. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, um welchen von den „Bastarden“ es sich handelte, aber auch das spielte keine Rolle. Viel wichtiger war, daß sich dieser Mann praktisch auf ihn zu bewegte. Er schien seine Runde über Deck zu gehen – und in der näheren Umgebung war kein anderer Posten zu entdecken.
Allerdings war Carreros Sichtbereich begrenzt. Aber er vertraute auf sein Glück, das ihm in den letzten Stunden wieder hold zu sein schien, während es ihn in den vergangenen Tagen verlassen hatte.
Langsam zog er den Belegnagel aus dem Hosenbund. Sollte der Wachtposten unmittelbar vor das Schott treten, würde er ihn zu fällen versuchen wie den anderen Hundesohn. Natürlich hätte er sich gern des erbeuteten Entermessers bedient, aber er wollte nicht riskieren, dadurch doch noch alles zum Platzen zu bringen. Traf er mit der Blankwaffe nur um Haaresbreite daneben, ging die Aktion nicht mehr geräuschlos ab. Der Kerl würde zu brüllen beginnen wie am Spieß. Da war der Schmetterschlag mit dem Belegnagel eben doch sicherer.
Was die Wucht des Schlages betraf, da übte Luis Carrero auch dieses Mal keine Zurückhaltung. Er umklammerte den Belegnagel mit beiden Händen, kauerte sich so dicht an das Schott, daß er es mit der Schulter berührte, und harrte aus. Aus schmalen Augen verfolgte er, wie der Mann sich näherte und an dem Schott vorbeiging – ahnungslos.
Carreros Lippen verzogen sich zu einem breiten, triumphierenden Grinsen. Jetzt, dachte er.
Jack Finnegan versah den Dienst der Ankerwache und unternahm seine gewohnte Kontrollrunde. Alles war ruhig, nur das Plätschern des Seewassers an den Bordwänden und das leise Knarren der Rahen waren zu vernehmen. Hin und wieder glaubte Jack das Schnarchen der Männer im Logis zu hören.
Auch die „San Lorenzo“ bot ein Bild des Friedens, und von der Küste gab es auch nichts Neues zu vermelden, sonst wäre der Posten längst aufgetaucht Sven Nyberg war es, der zur Zeit dort drüben stand und die Augen offenhielt. Sicherlich langweilte er sich genauso wie Luke und Montbars, der an Bord der Galeone die Ankerwache hatte.
So jedenfalls dachte Jack Finnegan, während er sich mit bedächtigen Schritten dem Steuerbordschott des Vordecks näherte.
In dem Moment, in dem er an dem Schott vorbeiging und sich der Backbordseite des Schiffes zuwandte, waren seine Gedanken bei Ferris und dem Tacna-Trupp. Wie weit mochten sie inzwischen mit den Arbeiten sein? Kamen sie gut voran? Nun, bald würde man es erfahren, und Jack hoffte, bei dem nächsten Trupp, der in das Tal aufstieg, mit dabeizusein.
Er nahm nicht wahr, wie sich hinter seinem Rücken das Schott ganz öffnete. Er glaubte aber plötzlich, eine Regung hinter sich zu bemerken. Verdutzt wollte er sich umdrehen, aber es war bereits zu spät. Der Koffeynagel sauste auf seinen Kopf und traf ihn mit voller Wucht. Jack stöhnte, krümmte sich, preßte noch beide Hände an den Schädel und sank dann zusammen.
Nummer zwei – erledigt, dachte Carrero. Er bückte sich, tastete den Bewußtlosen rasch ab und nahm auch seine Waffen an sich: Pistole, Muskete und Entermesser.
Er steckte sie sich zu, dann huschte er geduckt über die Kuhl und hielt auf die Jakobsleiter zu, die, wie er mühelos erkennen konnte, an der der „San Lorenzo“ abgewandten Schiffsseite ausgebracht war.
Und dort unten, direkt an der Jakobsleiter, lag auch die Jolle vertäut, wie er mit einem schnellen Blick übers Schanzkleid feststellte.
Er grinste gleichsam diabolisch. Besser hätte es gar nicht sein können. Der einzige Wachtposten der „Estrella“ war außer Gefecht gesetzt. Der Kerl, der drüben auf der Galeone Wache schob, würde ihn überhaupt nicht bemerken. Ausgezeichnet, dachte Carrero.
Er war jetzt wirklich froh, daß er sich seiner Langschäfter noch in der Vorpiek entledigt hatte. Das war eine gute Idee gewesen. Anderenfalls hätte er sich nicht derart leise bewegen können, ohne ein einziges Geräusch zu verursachen.
Daß es dennoch ein Fehler war, die Stiefel an Bord zurückzulassen, leuchtete ihm nicht ein. Er vergaß sie und enterte an der Jakobsleiter in die Jolle ab. Er grinste immer noch. Fast gelassen stand er im Boot und stieß es sachte von der Bordwand ab. Er legte die Riemen ein und begann zu pullen. Leise tauchten die Blätter ein und hoben sich wieder aus dem Wasser.
Carrero steuerte auf den Ausgang der Bucht zu. Aber ganz bis dorthin schaffte er es doch nicht. Dafür sorgte Luke Morgan, der inzwischen allmählich ins Bewußtsein zurückkehrte.
Durch kräftige Hiebe auf den Kopf eines Mannes, womöglich mit einem brettharten Gegenstand geführt, konnte man diesen in extremen Fällen durchaus töten. Im allgemeinen gab es Platzwunden und eine Menge Blut, und nicht selten wurde so ein Kopf angeknackst. Auf jeden Fall war ein Mann, der mit einem Belegnagel gefällt wurde, eine halbe Stunde bewußtlos – wenn nicht länger.
Luke mußte einen besonders harten Schädel haben – Männer wie Carberry hätten dies mit Überzeugung bestätigt. Die Rübe dieses Luke Morgan sei so hart – hatte der Profos einmal erklärt –, daß man damit eine Schiffswand einrammen könne. Daher könne man Mister Morgan ruhig hin und wieder als Rammklotz benutzen.
Es konnte aber auch daran liegen, daß Carrero doch nicht ganz so hart zugeschlagen hatte, wie er gemeint hatte. Möglicherweise wäre er besser beraten gewesen, wenn er noch ein zweites Mal zugehauen hätte. Aber er hatte nicht ahnen können, daß ein Kerl wie Luke gleich wieder auf die Beine kam.
Natürlich verspürte Luke rasende Kopfschmerzen, als er das Bewußtsein wiedererlangte. Aber seine Wut war größer. Sofort war ihm wieder klar, was geschehen war. Er richtete sich auf, trat gegen Carreros Langschäfter, daß sie quer durch die Vorpiek flogen, und brüllte: „Verdammte Scheiße!“
Dann stellte er fest, daß er keine Waffen mehr hatte, und begann noch wilder zu fluchen. Am liebsten hätte er alles kurz und klein geschlagen, aus Zorn darüber, daß er sich von diesem Spanier hatte übertölpeln lassen. Wo steckte der Kerl?
„Du Schwein!“ brüllte Luke. „Wenn ich dich erwische!“
Im Logis wachte Al Conroy als erster auf und stieß sich um ein Haar den Kopf.
„He“, sagte er. „Wer brüllt da wie ein Irrer? Bist du das, Batuti?“
„Ich doch nicht“, brummte der schwarze Herkules. „Seh’ ich vielleicht so aus?“
„Das kommt aus der Vorpiek“, sagte Bob Grey.
„Da ist was passiert!“ stieß Blacky aus und rutschte von der Koje. „Hölle und Teufel, es ist was mit Carrero!“
Lukes Gebrüll erreichte auch das Achterkastell der „Estrella de Málaga“ und somit die Ohren von Ben Brighton, Shane und Araua, die in den Kammern schliefen. Aber es drang auch bis zur „San Lorenzo“ hinüber und ließ Montbars, den Korsen, hellhörig werden.
Mit wenigen Sätzen war Montbars am Schanzkleid und versuchte, zu erkennen, was auf der „Estrella“ los war. Nichts rührte sich. Nach wie vor schien alles ruhig und friedlich zu sein. Aber da waren das Geschrei und das Toben. Es klang, als wolle jemand das komplette Schiff auseinandernehmen.
Plötzlich sah Montbars die Jolle. Sie schob sich hinter dem Bug der „Estrella de Málaga“ hervor – nein, sie schoß hervor! Der Kerl, der auf der Ducht saß, pullte wie ein Verrückter. Segeln konnte er nicht, denn der vorherrschende Südwestwind war in dem Felsenkessel nur schwach.
Montbars’ Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Der Kerl in der Jolle – das konnte nur der verdammte Schönling und Sklavenschinder von Potosi sein. Irgendwie mußte es ihm gelungen sein, die Männer der „Estrella“ zu überlisten. Wie? Egal. Luke Morgans Gebrüll reichte aus – der Hund hatte den Arwenacks offenbar übel mitgespielt.
Montbars stieß einen wüsten Fluch aus, nicht auf französisch, sondern in seiner Muttersprache, dem korsischen Dialekt. Dann hob er die Muskete, preßte den Kolben an die Schulter, spannte den Hahn des Steinschlosses und zielte auf den Mann auf der Bootsducht.
Er zögerte nicht lange. Das silbrige Licht des Mondes reichte zum Zielen aus. Montbars hielt ein wenig tiefer – vielleicht war es besser, den Kerl nicht zu töten. Er drückte ab, und es krachte. Der Kolben stieß im Rückstoß gegen eine Schulter, und fauchend fuhr die Ladung aus dem Lauf.
Die Kugel traf das Boot und schlug ein Loch in die Wasserlinie. Luis Carrero fluchte lauthals.
„Ihr verdammten Bastarde!“ zischte er. Er pullte weiter wie besessen, spürte aber, wie ihn Panik ergriff.
Das Wasser drang in die Jolle ein. Er konnte es sprudeln und rauschen hören. Er pullte und pullte, und ihm brach der Schweiß aus. Er spürte die Angst wie eine Faust im Nacken, denn er rechnete sich aus, daß die nächste Kugel ihn treffen würde. Aber er durfte nicht aufhören, sonst war er ihnen völlig ausgeliefert. Jeden Augenblick konnten die Kerle an den Schanzkleidern beider Schiffe auftauchen und ein Salvenfeuer auf ihn eröffnen.
Der nächste Schuß krachte, wieder von Montbars abgegeben. Wieder schlug die Kugel in die Wasserlinie des Bootes, und das Wasser schoß noch schneller herein.
Montbars grinste wölfisch. Er stand an einer Stelle des Schanzkleides der Kuhl, wo neben einem der Geschütze ein halbes Dutzend Musketen schußbereit lagen. Auch dies gehörte zu den allgemeinen Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen, die die Männer für den Fall ergriffen hatten, daß ein Gegner unvermittelt vor der Bucht auftauchte und möglicherweise sogar bis in den Felsenkessel vordrang.
Mit raschem Griff packte der Korse die nächste geladene Muskete. Er hob sie, zögerte aber, den Zeigefinger um den Abzug zu krümmen.
Carrero zerrte und ruckste an den Riemen, der Schweiß lief ihm in Bächen über das Gesicht und den Körper. Die Jolle war schwer wie ein Stein geworden und schien sich kaum noch vom Fleck zu rühren. Das Wasser gurgelte durch die Schußlöcher in der Bordwand, es reichte ihm bereits bis über die Fußknöchel und näßte seine Waden.
Montbars konnte das erkennen – die Jolle ging mehr und mehr auf Tiefe. Wie zu erwarten war, sank sie innerhalb der nächsten Minuten ganz, und der Hundesohn von einem Spanier hatte keine Chance mehr, das Ufer zu erreichen. Schwimmend würde er es nicht schaffen. Sie fischten ihn aus dem Wasser, brachten ihn zurück an Bord der „Estrella“ und urteilten ihn ab. Denn das blühte ihm jetzt, das hatte er verdient: Keine Gnade mehr für einen Don, der mit Gewalt aus der Vorpiek ausgebrochen war.
Eben deshalb gab der Korse keinen dritten Schuß mehr ab. Er hätte Carrero töten können, wenn er es gewollt hätte. Aber er wollte ihn lebend, und er wollte ihn an der Rah zappeln sehen, an die er gehörte.
An Bord der „Estrella“ wurde es zunehmend lebendig. Luke Morgan fluchte immer noch und rannte durch den engen Schiffsgang zum Niedergang, stürmte ihn hoch und hastete weiter. Er prallte mit Al Conroy zusammen, und sie stießen gemeinsam die übelsten Verwünschungen aus. Die anderen Männer hatten nun auch das Oberdeck erreicht und stürzten zum Schanzkleid, wo auch Ben, Shane und Araua erschienen.
„Bist du verrückt?“ brüllte Luke Al an.
„He, ich wollte doch nur sehen, was mit dir los ist!“
„Nichts ist los!“
„Wo ist Carrero?“
„Abgehauen!“ brüllte Luke, und zusammen rasten sie zum Niedergang.
Paddy Rogers stolperte derweil über den reglosen Körper seines besten Freundes Jack Finnegan. Wie vom Donner gerührt verharrte er, bückte sich und ließ sich neben dem wie tot daliegenden Jack nieder.
„Mann, mach keinen Scheiß“, sagte er erschüttert. „Jack – he! Komm zu dir!“
Montbars hatte eine schlechte Entscheidung getroffen, wie sich jetzt herausstellte. Zwar drang immer mehr Wasser in die Jolle, aber der Spanier schaffte es doch – wider Erwarten und allen Berechnungen zum Trotz –, sie an das westliche Ufer der Bucht zu pullen, bevor sie auf Tiefe ging.
Knirschend schob sich der Bug auf den schmalen Sandstreifen. Carrero raffte die erbeuteten Waffen zusammen, sprang an Land und begann zu laufen. Er malte sich aus, daß sie wieder mit Musketen auf ihn feuern würden, doch er irrte sich. Kein Schuß peitschte.
Er befand sich außerhalb der Reichweite der Handfeuerwaffen. Zwar war es an Bord der „Estrella de Málaga“ Al Conroy, der mit einem gebrüllten Fluch an eine der Drehbassen sprang, doch bevor er das Schwenkgeschütz justiert hatte und Hasard junior ein Becken mit glühender Holzkohle zum Entfachen der Lunte brachte, war Luis Carrero verschwunden.
Er tauchte zwischen den Steilfelsen unter und war nicht mehr zu sehen. Seine Augen waren zusammengekniffen, er gab sich Mühe, alle Unebenheiten des Geländes zu erkennen, um nicht zu stürzen. Keuchend begann er mit dem Aufstieg.
Er schwitzte immer noch, aber es kümmerte ihn nicht. Seine Atemzüge gingen immer heftiger, die Steigung setzte ihm zu. Aber auch das war nebensächlich. Die Hauptsache war, daß er diesem Pack entgangen war, wie er geplant hatte. Er kletterte höher und blickte sich nicht um. Jede Sekunde war kostbar. Je mehr Distanz er zwischen sich und die Bastarde legte, desto größer wurde auch die Aussicht, etwaigen Verfolgern zu entgehen.
Carrero triumphierte schon jetzt. Er hatte schließlich die Waffen. Wenn es diesen Hunden wirklich einfiel, ihn zu verfolgen, konnte er sie aus dem Hinterhalt niederknallen.
Es würde genügen, ein oder zwei von ihnen abzuservieren, dann zogen die anderen sich zurück. Sie spielten sich auf die Kerle, die vor nichts zurückschreckten, aber wenn es ihnen wirklich an den Kragen ging – so dachte er –, steckten sie sehr schnell zurück und entpuppten sich als Feiglinge.
Diesen einen Punkt überdachte er nicht richtig, und seine Wertung war völlig falsch. Aber in seiner Siegeseuphorie konnte er nicht anders denken. Er arbeitete sich in den Felsen hoch, einem Labyrinth, in dem er schwerlich wiederzufinden war.
6.
An Bord der „Estrella de Málaga“ und der „San Lorenzo“ war inzwischen der Teufel los. Ben Brighton kochte vor Zorn über, trotz seiner sonst so ruhigen und beherrschten Art. Er hatte allen Grund zu toben. Wenn es Luis Carrero gelingen sollte, sich nach Arica durchzuschlagen, dann war Hasards Trupp mit Sicherheit verloren. Die Spanier in Arica würden unverzüglich Potosi alarmieren, durch berittene Boten oder vielleicht auch durch Fuß-Melder, das spielte keine Rolle. Es gab nicht den geringsten Zweifel daran, daß Potosi daraufhin hermetisch abgeriegelt werden würde.
Die zwölf Mann des Trupps, Pater Aloysius mitgerechnet, hatten dann überhaupt keine Chance. Sie ahnten von nichts und liefen in die Falle, die sich für sie öffnete. Man würde sie festnehmen und keine Gnade kennen. Sie konnten noch von Glück sagen, wenn man sie zur Zwangsarbeit in die Minen steckte und in Eisen legte. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach würde der Provinzgouverneur sie auf Carreros Drängen hin hängen oder durch ein Peloton erschießen lassen.
Das waren die Aussichten – all die bitteren Aussichten, die sich aus Carreros Flucht ergaben. Ben hatte das Gefühl, das Blut würde ihm in den Adern gefrieren.
Luke Morgan torkelte auf der Kuhl herum. Erst jetzt sahen Al Conroy und die anderen, daß sein Kopf blutüberströmt war.
„O Hölle“, stieß Luke immer wieder hervor. „Wo ist der Kerl? Ich breche ihm sämtliche Knochen, wenn ich ihn erwische!“
Araua eilte zu ihm. „Sei still, Luke. Setz dich erst mal hin“, drängte sie. „Sei vernünftig.“
„Wo ist der Dreckskerl!“
„Zum Ufer entkommen.“
„Wir müssen ihn schnappen, wieder einfangen!“
„Ja, natürlich.“
„Daß dieser Hund mich so ’reingelegt hat! Auf diese Tour!“ Luke stöhnte und hielt sich an einer Kanone fest. „Mann Gottes. Aber das zahle ich ihm heim, verlaß dich drauf.“
Jack Finnegan lag nach wie vor regungslos auf den Planken. Mac Pellew war zur Stelle und kümmerte sich um ihn.
Und Paddy Rogers stammelte immer wieder: „Hölle, was ist denn bloß los? Was ist mit ihm, Mac?“
„Reg dich nicht auf“, brummte Mac. „Er lebt noch.“
„Wie lange noch?“
„Eine Ewigkeit. So schnell stirbt man nicht.“
Das Fatale an der Situation war, daß die Männer der „Estrella“ zur Zeit kein Boot zur Verfügung hatten. Sie konnten also nicht die Verfolgung des Spaniers aufnehmen. Ben ballte die Hände in ohnmächtiger Wut zu Fäusten. Ihm waren die Hände gebunden, er konnte nichts unternehmen. Was nützte es schon, mit den Kanonen zwischen die Felsen zu feuern? Nichts – er vergeudete nur Munition. Und er wußte auch, daß er nicht in Hasards Sinn gehandelt hätte.
Jan Ranse hatte drüben, an Bord der „San Lorenzo“, von Montbars erfahren, was sich zugetragen hatte. Alle Mann waren an Deck versammelt, und der Korse stieß einen saftigen Fluch aus.
„Dreck!“ brüllte er. „Ich dachte, er säuft mit der Jolle ab, verflucht noch mal!“
„Wir müssen sofort an Land!“ schrie Baxter. „Dem Hurensohn nach! Wir können ihn noch erwischen!“
„Abentern!“ rief Jan. „Drei Mann mit mir! Piet, George und Montbars! Los! Wir müssen erst zur ‚Estrella‘ rüber und uns mit Ben abstimmen!“
In Windeseile enterten sie in die Jolle ab, die längsseits lag, und griffen zu den Riemen. Jan stieß das Boot von der Bordwand ab, die Männer begannen wie die Irrsinnigen zu pullen.
Rasch glitt die Jolle zur „Estrella“ hinüber und überbrückte die Distanz in kürzester Zeit. Jan stand breitbeinig vor der achteren Ducht und rief den Männern der Karavelle zu: „Ich stelle euch meine Jolle zur Verfügung, Ben!“
„Ja! Danke! Habt ihr gesehen, an welcher Stelle Carrero zwischen den Felsen verschwunden ist?“
„Montbars hat ihn am Westufer landen sehen!“
„Ich auch!“ schrie Al Conroy. „Aber wo genau?“
„Ich weiß, wo die Stelle ist!“ rief Montbars. „Ich finde sie wieder!“
„Shane!“ stieß Ben hervor. „Du kommst mit! Al, Batuti und Blacky, ihr seid auch mit dabei! Los, Beeilung!“
„Sir“, sagte Hasard junior, der mit seinem Bruder herandrängte. „Wir sollten auch Plymmie mitnehmen. Du weißt doch, was für einen guten Spürsinn sie hat. Sie findet ihn bestimmt – besser als wir.“
„Das ist eine gute Idee“, sagte Ben Brighton sofort. „Los, holt Plymmie!“
„Sie ist schon hier“, meldete Araua. Sie hielt Plymmie an der Leine fest. Die Hündin schien zu spüren, was geschehen war, sie knurrte und zerrte an der Leine.
„Herrgott, warum hat sie nicht schon eher was bemerkt?“ fragte Bob Grey. „Dann wäre diese Schweinerei nicht passiert.“
„Sie hat auch geschlafen“, verteidigte Philip Plymmie. „Und sie kann schließlich nicht alles wittern. Carrero hat sich wohl auch sehr leise bewegt.“
„Das stimmt“, sagte Jack Finnegan, der eben wieder zu sich gekommen war und mit verzerrtem Gesicht den Hinterkopf betastete. „Er hatte bestimmt keine Stiefel an.“
„Dann müssen die noch in der Vorpiek sein“, sagte Ben. „Jeff, sieh mal nach!“
„Die Stiefel sind unten“, sagte Luke. „Ich habe sie selbst gesehen, zur Hölle noch mal!“
Jeff Bowie eilte nach unten. Ben gab unterdessen weitere Anweisungen.
„Von deiner Crew nehmen wir Montbars, Piet Straaten und George Baxter mit“, sagte er zu Jan Ranse, der von der Jolle zu ihm aufblickte. „Damit ist der Trupp komplett.“
„Aye, Sir“, sagten die Männer.
„Und jetzt hört gut zu. Wir müssen verhindern, daß Carrero Arica erreicht. Um jeden Preis.“
„Koste es, was es wolle!“ rief Shane. „Und wenn er doch Arica erreicht, schlagen wir ihn dort in den Gassen tot!“
Mac Pellew stieß plötzlich einen dumpfen Laut aus. Paddy Rogers stöhnte entsetzt auf. Jack Finnegan hatte die Augen verdreht und sank wieder in sich zusammen.
„Ben“, sagte Mac. „Beim Henker, was machen wir jetzt?“
„Tu doch was, Mac“, drängte ihn Paddy.
Ben lief zu ihnen und beugte sich ebenfalls über den Besinnungslosen. Jack war von dem Belegnagel mindestens genauso hart getroffen worden wie Luke, vielleicht hatte es ihn noch ein bißchen unglücklicher erwischt. Aber – konnte ein Mann von einem einzigen Knüppelhieb sterben?
Ben wußte, daß es möglich war. „Rück mal das Licht näher ran“, sagte er rauh zu Mac Pellew.
Mac bewegte die Öllampe, die sie auf die Planken gestellt hatten, näher auf Jack zu. Ben untersuchte vorsichtig die Platzwunde, die Jack am Hinterkopf hatte, und betrachtete das viele Blut, das ihm übers Gesicht gelaufen war. Schlimm sah das aus.
Luke Morgan hatte sich ebenfalls zu ihnen gesellt.
„So ein verdammter Mist“, sagte er immer wieder. „Das ist alles meine Schuld. So ein Mist.“
„Sei still“, sagte Ben, „und hör auf, solchen Quatsch daherzureden.“
Jeff Bowie hatte sich unterdessen in der Vorpiek umgesehen und griff nach den Stiefeln. Er eilte zurück zum Niedergang und kehrte mit polternden Schritten an Oberdeck zurück.
„Hier sind die Dinger!“ rief er.
„Aha“, sagte Shane. „Der Kerl ist also gewissermaßen barfuß. Dann können wir noch hoffen. Bei dem scharfen Felsgestein wird er sich die Füße blutig laufen.“
„Das wünsche ich ihm“, sagte Bob grimmig.
Die Zwillinge führten Plymmie heran und ließen sie an den Stiefeln riechen. Die Hündin senkte den Kopf und schnupperte. Sofort sträubten sich ihre Nackenhaare, und sie begann laut zu knurren und fletschte die Zähne.
„Es wirkt“, sagte Philip junior. „Sie hat die Witterung aufgenommen.“
Plymmie zerrte an ihrer Leine und wollte zum Schanzkleid. Sie zog Philip und Hasard, die jetzt beide zupackten, hinter sich her und schien immense Kräfte zu entwickeln. Sie strebte genau auf die Stelle zu, an der die Jakobsleiter hing – und Luis Carrero von Bord verschwunden war.
„Los geht’s“, sagte Big Old Shane, aber er wandte sich noch einmal Ben und den anderen zu, die bei dem ohnmächtigen Jack Finnegan knieten. „Ben, du bleibst am besten hier.“
Ben tauschte einen Blick mit ihm und nickte. „Einverstanden. Aber denk daran: Ihr müßt Carrero erwischen.“
„Ich denke an nichts anderes.“
„Du weißt, welche Konsequenzen sich ergeben, wenn er es bis nach Arica schafft.“
„Ja. Dann sind Hasard und die Männer des Trupps verloren.“
„Schießt den Spanier von mir aus nieder wie einen tollen Hund“, sagte Ben. „Sonst sehen wir Hasard und unsere Männer nie wieder.“
Al Conroy, Batuti, Blacky und die Zwillinge enterten in die Jolle ab. Batuti hatte sich Plymmie über die Schulter gepackt und hangelte mit ihr nach unten. Shane folgte ihnen und rutschte fast an der Jakobsleiter nach unten, so eilig hatte er es.
„Kommst du mit?“ fragte er Jan Ranse. „Oder sollen wir dich zum Schiff übersetzen?“
„Um noch mehr Zeit zu verlieren?“ Jan schüttelte den Kopf. „Ich bleibe hier. Mal sehen, ob ich irgendwie was für euren Jack Finnegan tun kann. Und für Luke Morgan.“ Mit diesen Worten schwang er sich bereits auf die Sprossen der Jakobsleiter.
Die Jolle legte ab, und die Männer pullten, als säßen ihnen sämtliche Teufel der Hölle im Nacken.
Das Bild, das sich Jan Ranse an Bord der „Estrella de Málaga“ bot, war schockierend. Luke Morgan taumelte blutüberströmt herum, Jack Finnegan lag – ebenfalls blutend – mit halb geöffnetem Mund wie tot auf den Planken der Kuhl. Ben, Mac und Paddy knieten bei Jack, und auch die anderen Männer näherten sich jetzt und bildeten einen Kreis um sie.
Jan kratzte sich am Kinn. Er wußte nicht, was er tun sollte. Ben war selbst ratlos. Er wünschte sich den Kutscher herbei, aber der war oben im Tacna-Tal und damit für ihn unerreichbar. Was konnten sie unternehmen, um Jack zu retten?
Wo war Araua? Jan Ranse blickte sich nach ihr um, konnte sie aber nirgends entdecken. Plötzlich erschien sie im offenen Schott des Achterkastells. Sie hielt etwas in den Händen – nasse Tücher. Damit eilte sie zu den Männern und verlangte mit leiser Stimme danach, durchgelassen zu werden.
Sie traten zur Seite, und Araua kniete sich neben Ben, Mac und Paddy.
Mac sah die Tücher und sagte: „Nutzt das was? Ich hab’ ihm doch schon ein paarmal das Blut abgewischt und Kampferpulver auf die Wunde gestreut. Was soll ich sonst noch tun?“
Araua antwortete nicht. Sie legte Jack ein nasses Tuch auf die Stirn und schob ihm ein zweites unter den Nacken.
„Nur abwarten“, sagte sie dann mit gedämpfter Stimme. „Und er darf nicht bewegt werden.“
Mac fühlte immer wieder den Puls des bewußtlosen Mannes. „Schwach, aber normal“, sagte er.
„Also stirbt er nicht, oder?“ fragte Paddy.
„Halt den Mund“, sagte Ben ungewohnt grob. „Das wissen wir noch nicht. Klar?“
„Aye, Sir“, murmelte Paddy betroffen.
Jan war nähergetreten. „Wie wär’s, wenn wir ihm was zu trinken geben würden? Brandy zum Beispiel.“
Araua sah nicht zu ihm auf, sagte aber: „Das wäre völlig falsch. Wir müssen nur warten.“ Ihre Lippen bewegten sich auch weiterhin, aber keiner verstand, was sie murmelte. Es waren Wörter ihrer Muttersprache, ein leises Gebet, an den Schlangengott gerichtet.
Jan Ranse mußte etwas unternehmen, er konnte nicht einfach nur so dastehen. Er packte Luke Morgan beim Arm und führte ihn zum Backbordniedergang, der die Kuhl mit der Back verband.
„So, setz dich da erst mal hin“, sagte er. „Du bist wohl verrückt, hier so rumzulaufen.“
„Ich bin verrückt, Jan.“
„Du verschlimmerst deinen Zustand nur noch, wenn du …“
„Es ist alles meine Schuld, kapierst du das?“ Lukes Gesicht hatte die Farbe alten, abgestandenen Talges. „Ich habe mich auf die ganz blöde Tour von diesem Hund ’reinlegen lassen.“
„Das kann jedem passieren.“
„Nein.“
„Wie hat er denn seine Fesseln überhaupt aufgekriegt?“ fragte Jan.
„Das weiß ich nicht.“
„Und womit hat er zugeschlagen?“
„Mit ’nem Koffeynagel, glaube ich“, entgegnete Luke. „Der Teufel weiß, woher er sich den besorgt hat.“
Jan blickte im matten Schein der Öllampen zur Nagelbank des Großmastes.
„Da fehlt einer“, sagte er ganz sachlich. „Siehst du das?“
„Ja!“ entfuhr es Luke. „Und – Mann, daß das keiner bemerkt hat.“
„Du hast also nicht allein die Schuld.“
„Du willst es mir ausreden.“
„Ich will nur, daß du wieder Vernunft annimmst“, sagte Jan.
„Wenn Jack tot ist, schieß’ ich mir eine Kugel in den Kopf.“
„Weißt du, was ich glaube? Du hast wirklich einen Dachschaden.“
„Denk, was du willst“, sagte Luke finster.
Unterdessen hatte sich Jack Finnegan wieder ein bißchen bewegt. Er brummelte irgend etwas, was keiner verstand, dann schlug er plötzlich die Augen auf.
„Kreuzdonnerwetternochmal“, murmelte er. „Wo bin ich hier?“
„An Bord der ‚Estrella de Málaga‘, Sir“, antwortete Mac mit dem Versuch eines Grinsens. Leider wirkte es so, als wolle er jeden Augenblick losheulen.
„Und wieso glotzt ihr mich so an?“
„Ach, nur so“, erwiderte Will Thorne. „Wir hatten gerade nichts Besseres zu tun, da dachten wir, na, schauen wir uns den Jack mal an.“
Jack hob die Hand und tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. „Total verrückt. Habt ihr den Don schon wieder eingefangen?“
„Nein“, antwortete Ben. „Aber Shane und ein Trupp sind mit der Jolle unterwegs.“
„Ich will mit“, sagte Jack und traf Anstalten, sich von den Planken zu erheben.
Ben drückte ihn sanft, aber bestimmt, zurück. „Du bleibst liegen, mein Freund. Weißt du eigentlich, daß du ein Loch im Kopf hast?“
„Klar, tut auch lausig weh.“
„Ist dir schlecht?“ fragte Araua.
„Nein. Ich habe nur Durst. Auf einen Brandy. Von mir aus kann’s auch Whisky sein.“
„He, sieh mal einer an“, sagte Mac überrascht. „Das Blut sickert nicht mehr so schnell raus.“
„Sicher“, sagte Jack mit dünnem Grinsen. „Denkst du vielleicht, ich laß mein ganzes Blut aus meinem feinen Kopf ’rauslaufen? Ich bin doch nicht bescheuert.“
Araua nickte Ben zu. Er entnahm ihrer Gebärde, daß keine Lebensgefahr für Jack bestand. Bald konnte er wieder auf den Beinen sein.
„Paß auf“, sagte Ben. „Du legst dich jetzt vorsichtig in deine Koje. Will und Bob, ihr begleitet ihn nach unten. Ganz langsam, klar?“
„Aye, Sir“, murmelten sie und hoben Jack, von Mac und Araua unterstützt, behutsam von den Planken auf.
Ben stand auf und blickte zu Jan Ranse und Luke Morgan. „Mac, komm her“, sagte er. „Kümmre dich jetzt um Luke.“
„Ich bin schon wieder in Ordnung“, sagte Luke rauh. „Ich brauche keine Hilfe.“
Ben trat auf ihn zu. „Du sollst keinen Quatsch reden, das habe ich dir eben schon mal gesagt. Das ist ein Befehl, Mister Morgan. Hast du das vergessen?“
„Nein, Sir. Ich nehme auch die Konsequenzen auf mich. Meinetwegen kannst du mich auspeitschen lassen. Oder kielholen, das wäre noch besser.“
„Ich glaube, er hat so eine Art temporären Gedächtnisschwund, oder wie das heißt“, sagte Mac.
„Sein Gedächtnis ist in Ordnung“, sagte Ben. „Luke, erzählt mal genau, wie sich das zugetragen hat. Wie konnte sich Carrero von den Handfesseln befreien? Ihr habt sie doch um Mitternacht überprüft.“
„Es ist mir ein Rätsel“, entgegnete Luke. „Vielleicht sollten wir die Vorpiek noch mal untersuchen.“
Das taten sie etwas später – und fanden den Nagel, der aus dem Spant ragte. So klärte sich das Rätsel auf. Luis Carrero hatte sie alle überrumpelt, nicht nur Luke und Jack.
Die Jolle hatte in der Zwischenzeit das westliche Ufer der Bucht erreicht. Plymmie sprang als erste an Land, blieb stehen, duckte sich und knurrte, daß es ihnen fast eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Die Zwillinge stiegen aus, sie hatten beide je einen Stiefel des Spaniers in der Hand. Wieder schnupperte Plymmie daran, und ihre weißen Zähne blinkten im Mondlicht. Wie ein richtiger Wolf sah sie jetzt aus, furchterregend und wild.
„Sie hat schon immer einen Pik auf den Kerl gehabt“, sagte Shane, der zu ihnen trat. „Am liebsten hätte sie ihn ja gleich zerfetzt, als er an Bord kam.“
Das traf zu. Hasard hatte Carreros Bluthund Philipp nicht an Bord gelassen, als dieser in der Bucht des Indio-Dorfes zu ihnen übergesetzt war. Carrero hatte vor Wut fast geschäumt, sich aber fügen müssen. Dann hatte er Plymmie gesehen – und er hatte dem Seewolf vorgeschlagen, Philipp und Plymmie zu einem Kampf antreten zu lassen. Er hatte eine großartige Wette abschließen wollen, aber als er Plymmies haßfunkelnde Lichter und ihre gefletschten Zähne gesehen hatte, war ihm doch eine Gänsehaut über den Rücken gelaufen.
Plymmie nahm am Ufer sofort die Spur des Spaniers auf. Die Männer und die Jungen – allesamt schwer bewaffnet – folgten ihr und kletterten in die Felsen.
Die beschädigte Jolle der „Estrella de Málaga“ ließen sie am Ufer neben dem Boot der „San Lorenzo“ zurück. Sie würden sie später reparieren. Das lief ihnen nicht weg. Carrero hingegen entfernte sich immer weiter von ihnen, und mit jedem Schritt, den er zurücklegte, sank die Chance, ihn wieder zu erwischen – trotz Plymmie.
7.
Sven Nyberg, der um Mitternacht den Seeausguck an der Küste bezogen hatte, richtete sich gegen zwei Uhr plötzlich kerzengerade auf. Er vernahm deutlich die beiden Musketenschüsse, die in relativ kurzen Zeitabständen abgegeben wurden. Die kamen von der Bucht, daran gab es keinen Zweifel. Auf welchem Schiff waren sie abgefeuert worden? Egal. Tatsache war, daß es Verdruß gab.
Die See war leer, soweit er sie überblicken konnte. Die ganze Zeit über hatte er sie aufmerksam beobachtet. Es war ausgeschlossen, daß sich jemand mit einem Schiff oder auch nur mit einem Boot in die Bucht gepirscht hatte. Er hätte es bemerken müssen.
Folglich mußten diese beiden Schüsse mit Luis Carrero zusammenhängen. Einen anderen Grund konnte Sven sich nicht vorstellen. Hatte Carrero einen Fluchtversuch unternommen? Kaum vorstellbar, aber der Kerl war gerissen und gefährlich wie ein Sack voll Schlangen. Theoretisch konnte er aus der Vorpiek der Karavelle nicht entweichen. Aber vielleicht hatte er es fertiggebracht, den Posten zu überrumpeln.
Sven ließ seinen Blick erneut über die See wandern. Nichts – keine Bewegung. Es konnte also nicht sein, daß Spanier, Küstenhaie oder Eingeborene in die Bucht eingedrungen waren. Außerdem wären dann wahrscheinlich nicht nur zwei Schüsse gefallen.
Diese Schüsse – was hatten sie zu bedeuten? War Carrero auf der Flucht erschossen worden? Oder war er entwischt. Sven entschloß sich, zur Bucht zurückzukehren, um sich Gewißheit zu verschaffen.
Der Weg über die Felsen und durch das Gestrüpp war beschwerlich genug, aber Sven kümmerte sich nicht um die Kratzer, die er sich wegholte, als er sich ein wenig zu hastig durch ein Dornengesträuch zwängte. Es kam ihm jetzt auf Schnelligkeit an. Er mußte wissen, was da los war. Vielleicht konnte er, wenn Carrero tatsächlich auf der Flucht sein sollte, sogar etwas unternehmen, um den Mann zu stoppen.
Gut eine Viertelstunde mochte verstrichen sein, vielleicht auch eine halbe Stunde – da registrierte Sven rechts vor sich eine Bewegung. Sofort duckte er sich.
Das Gelände, das sich vor ihm erstreckte, war ziemlich unübersichtlich – wegen der vielen zerklüfteten und bizarren Gesteinsformationen und auch wegen des Gestrüpps, das allen Regeln der Natur zum Trotz direkt aus dem Fels zu wachsen schien. Dennoch: Sven erkannte im fahlen Mondlicht die Gestalt eines Mannes, die südwärts auf die Küste zuhastete. Der Mann schien Waffen bei sich zu tragen, eine Muskete war in seinen Fäusten zu sehen.
Sven erkannte, daß es sich um Luis Carrero handelte, und die Gewißheit durchzuckte und alarmierte ihn. Also doch – der Hund hatte es geschafft!
Sven legte mit der Muskete auf ihn an und schrie: „Carrero!“
Luis Carrero zuckte zusammen, als habe man mit einer Peitsche auf ihn eingeschlagen. Er wirbelte herum, riß die Muskete hoch und schoß, dann warf er sich in Deckung.
Irgendwie rechnete Sven nicht damit, daß Carrero ihn in der Dunkelheit wirklich treffen würde. Er hatte sich aufgerichtet, um richtig auf den Kerl zielen zu können, und dabei gab er sich zwangsläufig eine Blöße. Er wollte ebenfalls abdrücken, sah den Mündungsblitz von Carreros Waffe und dachte: Schieß genau hinein!
Aber etwas sprang ihn aus dem Dunkel an und grub sich siedendheiß in seine linke Schulter. Die Kugel! dachte er entsetzt – dann wurde er von der Wucht des Anpralls umgestoßen. Er stöhnte auf und biß die Zähne zusammen. Der Schmerz fraß sich von der Schulter durch seinen Oberkörper und schien ihn zu lähmen.
Carrero grinste triumphierend. Der Kerl, der ihn angerufen hatte, war zwischen den Felsen zusammengebrochen. War er tot – oder nur verletzt? Carrero rappelte sich wieder auf. Es spielte keine Rolle. Wichtig war nur, daß ihm der Mann nicht mehr gefährlich werden konnte.
Nichts rührte sich. Gut so, dachte Carrero. Er hatte keine Zeit, sich um den Gegner zu kümmern, sonst hätte er ihn mit einem zweiten Schuß in den Kopf endgültig niedergestreckt. Er durfte sich jetzt nicht aufhalten lassen. Wenn das Engländer-Pack ihm auf den Fersen war, dann hatte es den Schuß natürlich gehört und wußte, in welche Richtung es sich zu wenden hatte.
Carrero lief weiter. Die Muskete lud er nicht nach. Keine Zeit, dachte er, das erledige ich später. Er rannte durch die Dunkelheit und dachte an das, was er unternehmen würde, wenn er Arica erreichte. Boten mußten unverzüglich nach Potosi aufbrechen, damit der Provinzgouverneur Don Ramón de Cubillo gewarnt wurde.
Ein Landtrupp Soldaten sollte sich zu der Felsenbucht in Bewegung setzen, und alle verfügbaren Schiffe mußten auslaufen und Kurs auf den Rio Tacna nehmen. So wurde den Bastarden jede Fluchtmöglichkeit abgeschnitten. In einer kurzen Schlacht würde er, Carrero, sie vernichten.
Sven Nyberg gab sich keinen Illusionen hin. Er hatte zuviel Erfahrung und wußte genau, daß ihn die Kugel aus Carreros Muskete nicht nur gestreift hatte. Sie hatte, wie er vermutete, seine Schulter glatt durchschlagen. Wenn es so war, konnte er noch von Glück reden, daß keiner der Knochen verletzt war oder die Kugel im Fleisch steckte.
Aber die Schmerzen waren höllisch. Unendlich langsam richtete er sich halb wieder auf. Es flirrte vor seinen Augen. Eine Welle von Übelkeit stieg in ihm auf und setzte ihm zu. Er mußte sich übergeben. Ihm war hundeelend zumute. Alles drehte sich um ihn herum, und das zunehmende Schwindelgefühl drohte ihn umzureißen und erneut zu Boden zu werfen.
Aber er kämpfte dagegen an. Er bezwang die Übelkeit und biß die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Er hob die Muskete, die ihm aus den Fingern zu gleiten drohte, drückte den Kolben gegen die Schulter und zielte noch einmal auf den Spanier, der sich über die Felsen entfernte.
Sven brach der kalte Schweiß aus. Du mußt es schaffen, hämmerte er sich ein, gib nicht auf. Wankend stand er auf den Beinen. Aber er vermochte sich zu halten.
Sein rechter Zeigefinger schien gelähmt zu sein. Warum gelang es ihm nicht, ihn zu krümmen? Schließlich klappte es doch. Aber Luis Carrero war schon weit entfernt, seine Gestalt schrumpfte im Licht des Mondes allmählich zusammen. Er drohte zwischen den Felsen zu verschwinden.
Sven taumelte, seine Hände und Arme zitterten. Er bebte am ganzen Körper, und die Kälte legte sich wie ein eisiger Panzer um ihn. Schwindelgefühle, Schmerzen, Schwäche und Übelkeit drohten ihn zu übermannen. Er stieß einen leisen Fluch aus und betätigte den Abzug der Muskete.
Es krachte dumpf, eine weiße Wolke Pulverqualm puffte hoch. Der Rückstoß fuhr hart in Svens Schulter. Er torkelte zurück, konnte sich aber doch noch fangen.
Carreros Lachen drang an seine Ohren. Wirkungslos war die Musketenkugel in der Nacht verpufft. Fehlschuß, dachte Sven, und er war sich seiner Ohnmacht bewußt.
Der Bastard lief weiter und tauchte unter. Die Nacht war sein Verbündeter. Gleich war er ganz weg – keine Aussicht mehr, ihn zu stellen.
Sven dachte an Hasard und die Kameraden, die nach Potosi unterwegs waren. Nein – ihr Unternehmen durfte nicht scheitern! Nicht durch Carrero. Carrero wollte nach Arica, das lag auf der Hand. Dort fand er alle Hilfe und Unterstützung, die er brauchte. Von dort aus organisierte er einen Gegenschlag – der sich vernichtend auswirken würde, denn damit saßen der Seewolf und sein Trupp in einer höllischen Falle.
Diese Gedanken trieben Sven voran. Wie durch ein Wunder hielt er sich noch auf den Beinen. Er stolperte, drohte in den Knien einzuknicken, raffte sich wieder auf und wankte weiter.
Die leergeschossene Muskete ließ er einfach fallen. Sie war ihm eine Last, und er konnte sie im Laufen nicht nachladen. Er griff zur Pistole. Die Pistole hatte nicht die Reichweite der Muskete, er mußte näher an Carrero heran, um ihn zu erwischen. Dieser Schuß durfte nicht fehlgehen!
Carrero warf einen Blick über die Schulter zurück und fragte sich, ob er dem Verfolger zwischen den Felsen auflauern sollte. Aber nein – der Hund torkelte wie ein Betrunkener. Er war angeschossen und konnte sich nicht mehr lange auf den Beinen halten.
Grinsend lief der Spanier weiter. Nicht mehr lange, und der andere würde zusammenbrechen. Wieder hatte er es einem von ihnen gegeben und etwas von dem heimgezahlt, was sie ihm angetan hatten. Vielleicht konnte er noch ein paar von ihnen abschießen. Sie würden auch den Verletzten finden und durch ihn aufgehalten werden.
Sein Vorsprung wuchs, dessen war er sicher. Seine Füße taten ein bißchen weh, aber das nahm er in Kauf. In Arica würde er sich neue Stiefel besorgen – handgearbeitete, weiche Langschäfter. Das war kein Problem. Er mußte nur den Hafen erreichen, dann fand alles seine Lösung.
Hart und scharf waren die Felsen, und jeder Schritt begann zur Plage zu werden. Aber das war ein Preis, den Carrero gern zahlte. Er hätte auch noch mehr Opfer gebracht. Nur fort – fort aus der Gefangenschaft, die den sicheren Tod für ihn bedeutete. Sie warteten nur darauf, ihn an der Rah hochzuziehen, sie bereiteten sich einen Spaß daraus, ihn zu quälen. Aber jetzt hatte er ihnen alles verdorben!
Sven tat noch ein paar Schritte, dann blieb er stehen.
„O mein Gott“, murmelte er.
Die Pistole entglitt seinen schlaff werdenden Fingern. Alles drehte sich, schneller als vorher. Die Schmerzen waren glühende Zangen, die in seine linke Schulter bissen.
Er tat noch einen einzigen Schritt, dann wurde es ihm schwarz vor Augen. Er stürzte auf die Felsen, aber den Aufprall spürte er schon nicht mehr, denn er war bewußtlos, als sein Körper den Boden berührte.
8.
Big Old Shane blieb wie vom Donner gerührt stehen, als die beiden Musketenschüsse durch die Nacht peitschten.
„Hölle und Teufel“, sagte er. „Das kommt vom Wasser.“
„Sven“, sagte Blacky. „Er hat natürlich die Schüsse gehört, die Montbars abgegeben hat. Er hat sich auf den Weg zu uns gemacht, schätze ich, und dabei ist er Carrero begegnet.“
„Hoffentlich hat er ihn erwischt“, sagte Baxter. „Damit wäre der Fall erledigt.“
Shane setzte sich wieder in Bewegung und begann zu rennen.
„Glaub bloß nicht an Wunder!“ stieß er hervor. „Los, Beeilung!“
Hasard junior, der Plymmie an der Leine festhielt, war dicht hinter ihm. Die Hündin zerrte wie verrückt daran und legte jetzt ein geradezu unwahrscheinliches Tempo vor.
Die anderen Männer und Philip junior hasteten hinter ihnen her. Hatte Sven wirklich geschossen? Diese Frage beschäftigte sie, bis sie mitten zwischen den Felsen auf eine reglose Gestalt stießen.
„Sven!“ sagte Shane wild. Er stoppte und beugte sich über ihn.
Sven Nyberg rührte sich nicht. Er gab auch keinen Laut von sich. Er lag in etwa so da wie Jack Finnegan, der mehr tot als lebendig gewirkt hatte. Die klaffende Wunde in seiner linken Schulter konnten sie im Mondlicht deutlich genug erkennen.
„Dieses Schwein hat ihn angeschossen“, sagte Blacky. „Das wird er uns büßen.“
„Sei still!“ zischte Shane. „Nicht so laut! Vielleicht lauert er hier irgendwo in der Nähe und wartet nur darauf, uns der Reihe nach abzuknallen!“
„So viele Kugeln hat er nicht“, raunte Montbars.
„Kugeln vielleicht“, stellte Al richtig. „Aber er kann nicht schnell genug nachladen. Er hat eine Muskete und zwei Pistolen, das ist alles. Die Muskete ist bereits leergeschossen.“
Shane hatte Svens Muskete untersucht.
„Sven hat auch gefeuert“, sagte er. „So erklären sich die beiden Schüsse.“
„Carrero kann die Muskete auf seiner Flucht nicht nachladen“, sagte Baxter. „Er hat also nur noch die beiden Pistolen.“ Er blickte sich sichernd nach allen Seiten um. „Shane, du irrst dich. Hier ist er nicht. Sonst hätte er sich längst bemerkbar gemacht.“
Plymmie zerrte wieder wie von Sinnen an der Leine und schien davonrasen zu wollen.
„Verdammt!“ stieß Hasard junior hervor. „Ich kann sie nicht mehr halten!“
Philip junior eilte ihm zu Hilfe. Gemeinsam trachteten sie, die Hündin zurückzuhalten. Sie legte sich jedoch knurrend immer stärker ins Zeug und schien sich am eigenen Halsband erwürgen zu wollen.
„Wir müssen weiter“, sagte Shane. „Blacky, du bleibst hier und kümmerst dich um Sven. Versuche wenigstens festzustellen, was die Kugel angerichtet hat.“
„In Ordnung“, sagte Blacky. „Aber wenn ihr mich braucht, ruft ihr, klar?“
„Oder wir geben einen Warnschuß in die Luft ab“, entgegnete Shane. „Daß Plymmie auf der richtigen Spur ist, hat sie uns schon bewiesen. Jetzt legen wir noch einen Zahn zu, und ich schwöre euch, wir kriegen den Bastard.“
Blacky kauerte sich neben Sven. Die anderen hetzten weiter. Binnen weniger Augenblicke hatte die Nacht ihre Gestalten verschluckt. Blacky sah sich um und versuchte, mehr von der Umgebung zu erkennen. Da waren die Felsen, die wie stumme, drohende Wesen in die Dunkelheit aufragten, und da waren die Büsche, struppige, stachlige Gebilde. Versuchte Carrero vielleicht doch, ihnen ein Schnippchen zu schlagen? Lag er in Deckung, während der Trupp weiterlief und ihn suchte? Nein – Plymmie konnte sich nicht irren.
Dennoch beschloß Blacky, sich umzuschauen und sich wenigstens zu vergewissern, daß im Umkreis von fünfzig Yards keine Gefahr lauerte. Er wollte sich erheben und davonhuschen, da erlangte Sven das Bewußtsein wieder.
„He“, flüsterte er. „Blacky, bist du das?“
„Ja. Wie fühlst du dich?“
„Einfach prächtig. Habt ihr ihn?“
„Noch nicht, aber die anderen sind ihm auf den Fersen“, erwiderte Blacky.
„Wer alles?“
„Shane, Al, Batuti, die Zwillinge, Montbars, Piet und Baxter – und Plymmie. Plymmie hat mal kurz an Carreros Stiefeln geschnuppert, die er in der Vorpiek zurückgelassen hat, und jetzt hat sie seine Witterung aufgenommen.“
„Das ist gut. Sie findet ihn.“
„Hör mal“, raunte Blacky. „Was ist, wenn der Don noch hier in der Nähe steckt?“
„Er ist weg“, murmelte Sven. „Ich habe ihn selbst türmen sehen. Dann wurde alles schwarz um mich rum, und ich bin wohl umgekippt.“
„Tut die Schulter sehr weh?“
„Ach wo.“
„Glaubst du, daß die Kugel steckt?“
„Sie ist glatt hindurchgegangen“, erwiderte der Däne. „Wie durch ein Stück Butter. Ist das nicht witzig?“
„Ja, sehr. Urkomisch. Mir kommen gleich die Tränen. Vor Lachen, meine ich.“
„Viel ist da nicht zu machen. Das heilt schon wieder aus.“
„Ich lege dir einen provisorischen Verband an“, sagte Blacky. „Dann wird das Bluten schon aufhören. Du stützt dich auf mich, und wir kehren zur Bucht zurück.“
„Verdammt, ich will Carrero schnappen!“
„Du spinnst wohl! In deinem Zustand?“
„Wie ist das überhaupt passiert?“ erkundigte sich Sven. „Wie konnte der Hund aus der Vorpiek entkommen?“
„Beim Fischen der Anchovetas müssen wir unaufmerksam gewesen sein. Er durfte sich gerade die Füße an Deck vertreten, erinnerst du dich?“
„Ja.“
„Nun, dabei hat er sich einen Koffeynagel aus der Nagelbank des Großmastes geholt – als wir gerade nicht aufgepaßt haben.“
„Und die Fesseln? Wie hat er die gelöst?“
„Noch wissen wir es nicht“, erwiderte Blacky. „Aber er muß sie irgendwo aufgescheuert haben.“
„Vielleicht an einem Nagel, der ein Stück aus ’ner Planke ’rausragt“, meinte Sven. „Möglich wäre es. O Teufel, hätten wir ihm doch nie die Ketten abgenommen.“
„Ben hat es bereut, das kannst du mir glauben.“
„Und was ist weiter vorgefallen?“
„Carrero hat Luke, der gerade Wache vor dem Schott hatte, mit einem Trick hereingelockt. Er hat mit dem Belegnagel herumgehämmert, glaube ich. Luke wollte nach dem Rechten sehen, da hat Carrero ihm was über den Kopf gegeben. Vorher hat er sich natürlich schlafend gestellt.“
„Dieser Scheißkerl“, sagte Sven. „Wenn Hasard das erfährt, macht er uns alle zur Schnecke.“
„Carrero hat an Deck auch noch Jack Finnegan umgehauen – mit dem Belegnagel. Der hat eine saubere Handschrift, kann ich dir sagen.“
„Sind die beiden schwer verletzt?“
„Ihre Köpfe sind hart genug, sie werden es überstehen“, erwiderte Blacky. „Und wir haben ja schon Schlimmeres einstecken müssen, nicht wahr?“
„Ja, klar. Der dickste Hund ist, daß Carrero weg ist. Mann, so eine Schande.“
„Plymmie erwischt ihn“, sagte Blacky. „Ich bin davon überzeugt. Sie wird ihm sicherlich einiges mehr als den Hosenboden aufreißen. Was für einen Haß sie auf ihn hat, weißt du ja.“
„Ja.“ Sven stöhnte und verzog das Gesicht.
„Hör jetzt auf zu reden“, sagte Blacky. „Du hast schon genug Blut verloren. So gut wie der Kutscher bin ich nicht, aber vielleicht mindestens so gut wie Mac, was das Behandeln von Blessuren betrifft. Hältst du still – oder soll ich dir den Arm gleich amputieren?“
„Du machst vielleicht Witze!“
Blacky grinste, zog sich das Hemd aus und riß es in Streifen. Im Nu hatte er jeweils zwei Fetzen zusammengeknotet und legte Sven einen behelfsmäßigen Verband an. Lange würde diese Maßnahme nicht vorhalten, das wußten sie beide. Vor allen Dingen mußte Sven so schnell wie möglich an Bord der „Estrella de Málaga“, damit die Wunde ausgewaschen und mit sauberen Tüchern verbunden werden konnte.
Eine Weile hockten sie aber noch da und lauschten in die Nacht. War da nicht ein Knurren zu vernehmen? Plymmie – oder bildeten sie sich das nur ein? Wie weit hatte Carrero sich entfernen können, seit er auf Sven Nyberg gefeuert hatte? Sehr weit konnte er nicht gelangt sein.
Aber was war, wenn er die Hündin niederschoß? Gelang es ihm dann, sich wiederum abzusetzen, fanden Shane und seine Begleiter ihn in der Dunkelheit sicher nicht mehr wieder.
Plymmie riß und zerrte an ihrer Leine, und jedesmal, wenn das Halsband tief in ihr Fell schnitt, gab sie einen keuchenden Laut von sich.
„Laßt sie los!“ stieß Shane hervor. „Sie ist schneller als wir!“
Hasard junior biß die Zähne zusammen. Philip schnitt ebenfalls eine Grimasse. Hasard befreite Plymmie von der Leine – und sie raste davon.
Den Zwillingen war nicht wohl in ihrer Haut. Big Old Shanes Befehl war durchaus richtig, aber es gab auch noch einen anderen Aspekt, den man bedenken mußte: Sie mußten damit rechnen, daß Luis Carrero Plymmie kaltblütig tötete.
Allerdings war es genausogut möglich, daß Plymmie den Spanier niederwarf und schaffte. Und – nicht zu vergessen – es ging um Hasard und die Männer, die mit ihm nach Potosi unterwegs waren. Selbst wenn Plymmie geopfert werden mußte, war Shanes Entscheidung nur richtig: Das Leben der Männer war mehr wert als das eines Tieres.
Hasard junior und auch sein Bruder erkannten, wie schwer es war, solche Entscheidungen zu treffen, bei denen es um Leben oder Tod des einen oder anderen ging.
„Faß ihn!“ gellte Hasard juniors Stimme hinter Plymmie her – und sie schien ihr Tempo noch zu verdoppeln.
Sie jagte durch die Nacht – ein langgestreckter grauer Schatten. Die Männer und die beiden Jungen liefen hinter ihr her, hatten sie aber bald schon aus den Augen verloren.
Lautlos huschte Plymmie durch die Nacht, sie schien über den felsigen Untergrund zu fliegen. Sie verlor die Witterung des Spaniers nicht, hatte sie deutlich in der Nase. Die Flecken waren in der Dunkelheit nicht zu sehen, doch die Hündin roch sie: Blutstropfen hafteten an dem Gestein. Carreros Blut. Er hatte sich die Fußsohlen aufgescheuert und aufgeritzt.
Dieser Umstand erleichterte Plymmie die Suche. Sie wußte, welche Richtung sie einzuschlagen hatte.
Sie raste dahin und hetzte die Beute. Sie war jetzt die Wölfin, die sich ihrem Opfer näherte und ihm bald im Nacken sitzen würde. Eine gnadenlose Jagd – grausam, wie die Natur nun einmal war. Und doch lag eine gewisse Art der Fairneß darin. Das Opfer hatte eine Chance. Es konnte, wenn es gerissen genug war, noch auf die eine oder andere Art entwischen.
Wenn Carrero ins Wasser lief, verlor sich seine Spur. Aber er konnte sich nicht in die See stürzen. Welcher Sinn lag darin? Draußen war er verloren, und eine andere Art von Schicksal ereilte ihn.
Seine Hoffnung würde darin bestehen, an einen Bachlauf zu gelangen. Aber fand er ihn rechtzeitig genug? Noch ahnte er nicht, daß ihm die Hündin auf den Fersen saß.
9.
Luis Carreros Atem ging hastig und stoßweise. Er verfluchte sich, weil er die Langschäfter in der Vorpiek zurückgelassen hatte. Aber dieser Fehler war nicht wiedergutzumachen.
So schlimm, wie es jetzt war, hatte er sich das Ganze doch nicht vorgestellt. Das Gestein erwies sich als mörderisch. Seine Füße brannten wie Feuer. Er lief mit seltsam staksenden Bewegungen. Bei jedem Schritt hätte er am liebsten aufgeschrien.
Er verspürte den Drang, sich einfach hinzusetzen und abzuwarten – aber er mußte weiter. Nicht stehenbleiben jetzt, hämmerte er sich immer wieder ein, nicht schlappmachen.
In einem Anflug blinder Wut schleuderte er die Muskete von sich, die er Jack Finnegang abgenommen und auf Sven Nyberg abgefeuert hatte. Er hatte ohnehin keine Zeit zum Nachladen. Die Waffe behinderte ihn jetzt nur beim Laufen.
Sie flog ein Stück zurück und landete klappernd zwischen den Felsen. Carrero fluchte leise und hastete weiter.
Er wandte sich jetzt zur Küste. Da war zum Teil harter Sand, der nicht die Fußsohlen zerfetzte wie dieses scharfkantige Gestein. Die Aussicht auf einen besseren Boden beruhigte ihn wieder. Er ertrug die Schmerzen ein wenig besser. Immer wieder trieb er sich zu schnellerem Tempo an. Manchmal warf er einen Blick über die Schulter zurück.
Es schien ihm jedoch niemand zu folgen. Somit war die Flucht geglückt. Doch es war ein Fehler, jetzt zu verharren. Erst später, wenn Meilen zwischen ihm und den Verfolgern lagen, durfte er sich eine kurze Verschnaufpause gönnen. Dann ging es weiter, und er rechnete damit, Arica noch während der Nacht zu erreichen.
Dort durfte er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen – nur für kurze Zeit, denn anschließend galt es, über die englischen Galgenstricke herzufallen und ihnen den Garaus zu bereiten. Aber aufatmen würde er, und er würde gleich wieder der alte Luis Carrero sein: selbstbewußt, stolz und überlegen.
Wenn er erst wieder in Potosi war – das gab ein Fest! Er würde sich an den Engländern rächen, würde sie schikanieren und foltern. Dann gab es eine große Orgie mit vielen Weibern, und sicherlich würde es auch Don Ramón de Cubillo einen Riesenspaß bereiten, den Sieg über die Bande von Schnapphähnen zu feiern.
Als Krönung der Feier sollte man, so fand Carrero, den Kopf des schwarzhaarigen Bastards Killigrew auf einem silbernen Tablett hereintragen. Ja, das war nach seinem Geschmack!
Seine Allerkatholischste Majestät wollte ja ohnehin nur den Kopf dieses Satans. Er wollte ihn nicht lebend. Welchen Wert hatte es, wenn Killigrew nach Spanien überführt wurde? Nicht den geringsten. Er, Luis Carrero, würde die Belohnung kassieren. Und der Ruhm und der Dank der Nation waren ihm sicher.
Diese Gedanken hielten ihn aufrecht und trieben ihn voran. Wieder verspürte er heftige Schmerzen. Er versuchte, sie zu ignorieren, aber so einfach war das nicht.
Er humpelte. Sein Herz hämmerte in der Brust, und in den Lungen spürte er schon seit geraumer Zeit ein scharfes Stechen. Dennoch hielt Carrero nicht inne. Weiter, weiter, dachte er, bleib nicht stehen!
Er erreichte den schmalen Uferstreifen und schlug die südliche Richtung ein. Ja, im Sand ging es besser. Die Schmerzen ließen jetzt nach. Er hatte den Eindruck, auch wieder schneller voranzukommen.
Noch einmal blickte er über die Schulter zurück. Nichts. Keine Gestalt näherte sich. Hatten die Bastarde von den Schiffen die Verfolgung überhaupt nicht aufgenommen, weil sie meinten, daß es aussichtslos sei?
Möglich war aber auch, daß sie ihren angeschossenen Kumpanen zwischen den Felsen entdeckt hatten und sich in diesem Augenblick um ihn kümmerten. Das verschaffte ihm einen größeren Vorsprung. Alles war zu seinem Vorteil. Es war letztlich auch nicht schlecht gewesen, daß dieser Hundesohn von einem Wachtposten versucht hatte, ihn zu stellen. Er hatte sein Fett empfangen, und die anderen konnten zusehen, wie sie ihn verarzteten.
Noch einmal schaute Carrero sich um. Plötzlich war er irritiert. War da nicht etwas? Links hinter ihm? Nein – er irrte sich bestimmt.
Er blickte wieder voraus und konzentrierte sich auf das Laufen. Wie lange konnte er so durchhalten? Die Fußsohlen brannten nicht mehr so schlimm. Sein Herz schlug noch heftig, aber wieder etwas regelmäßiger. Die Seitenstiche hielten sich in Grenzen. Er rechnete sich aus, daß er noch gut eine Stunde so weiterlaufen konnte.
Da – war da nicht ein Geräusch hinter ihm? Wieder wandte er den Kopf. Diesmal sah er den grauen Schatten, der wie ein Schemen über den Strand huschte.
Das Mark schien ihm in den Knochen zu gefrieren. Ein Hund, dachte er entsetzt. Die Bestie!
Sofort hatte er wieder das Bild vor sich, wie Plymmie ihn an Bord der „Estrella de Málaga“ angeknurrt hatte. Jetzt hatten sie das Vieh auf ihn losgelassen, kein Zweifel. Herrgott, warum hatte er nicht gleich daran gedacht? Und die Stiefel – sie hatte ja nur daran zu riechen brauchen. Und das Blut, das er garantiert auf den Felsen hinterlassen hatte, als er sich die Fußsohlen zerfetzt hatte?
Er wußte Bescheid. Er hatte selbst Hunde gehabt und war ein Fachmann auf dem Gebiet. Was für ein Narr war er doch! Diese Bastarde hatten den einfachsten und sichersten Weg gewählt, ihn zu fassen. Sie hetzten die Hündin hinter ihm her!
So hatte er es getan, wenn einmal Sklaven aus dem Lager am Cerro Rico von Potosi geflohen waren. Auch kurz vor seinem Aufbruch nach Arica, von wo aus seine Expedition in See gegangen war, hatte er einen dieser Indio-Affen, wie er sie nannte, „erlegt“. Der Kerl hatte sich eingebildet, ungesehen und ungehört aus dem Lager zu entwischen.
Aber er hatte einen Fehler begangen: Er hatte versucht, ihn, Carrero, umzubringen, und zwar mit einem Hartholzmesser. Carrero war dem Anschlag auf sein Leben dank seiner Geistesgegenwart entgangen – und dann hatte er seine Bluthunde auf den Mann gehetzt.
Ja, sie hatten ihn zerrissen. Carrero hatte sich das Werk selbst angesehen. Viel war von dem Kerl nicht übriggeblieben. Hatte er es anders verdient? Kein Indio durfte sich in den Kopf setzen, einen Luis Carrero überlisten zu können.
Außerdem waren sie allesamt dumm und dreist, diese Indio-Affen. Waren sie nicht von Gott bestimmt, als Sklaven für die Spanier zu arbeiten? Na also – es gab nichts Besseres und Richtigeres für sie. Statt sich zu beugen und dankbar zu sein, rebellierten sie jedoch. Dagegen gab es nur ein Mittel. Man mußte Exempel statuieren, um die anderen an der Kandare zu halten.
Carrero hatte immer nach dieser Devise gehandelt, unterstützt von Don Ramón de Cubillo, der alles guthieß, was sein Oberaufseher tat. Carreros Erfolge zählten: Er herrschte wie ein Despot, und auch die Aufseher kuschten vor ihm wie die Bluthunde.
Carrero war überall und hielt seine Augen und Ohren offen. Nichts konnte ihm entgehen. Und wenn neue Sklaven beschafft werden mußten, weil einige von den Indios die Frechheit hatten, einfach zu sterben, war Carrero immer sehr schnell mit „Nachschub“ bei der Hand.
Jawohl, er war ein angesehener Mann in Potosi. Und so würde es auch wieder sein, obwohl der Provinzgouverneur inzwischen allen Grund dazu hatte, sich zu sorgen. Keine Nachrichten von Carrero und dem Expeditionstrupp, obwohl diese schon längst hätten zurück sein müssen! Das gab selbst einem behäbigen Mann wie de Cubillo allmählich zu denken.
Warte auf mich, Don Ramón, dachte Carrero, ich komme!
Dann wandte er noch einmal den Kopf und stellte fest, daß der graue Schatten noch nähergerückt war. Das war die Realität – er konnte sich ihr nicht entziehen!
Es war genau die Situation, die er Hunderten von Sklaven mit seinen Bluthunden bereitet hatte. Jetzt war es umgekehrt – er war der Gejagte. Und er hatte Angst vor dieser wölfischen Bestie. Das Grauen, das ihn packte, konnte er nicht abschütteln.
„Nein!“ stieß er hervor.
Er glaubte, ein Hecheln und Knurren zu vernehmen. Der Abstand zwischen ihnen schrumpfte zusammen. Gleich war die Hündin heran. Carrero spürte, wie ihm der kalte Schweiß ausbrach. Sein Atem ging jagend, sein Herz schlug wie wahnsinnig. Die Seitenstiche nahmen wieder zu.
Aufhören! schrie es in ihm. Ich werde verrückt!
Schon einmal hatte ihn dieses Wolfsvieh umgerissen – entsetzlich! Das Hecheln war dicht hinter ihm. Das Knurren, das in unregelmäßigen Zeitabständen ertönte, holte ihn ein und versetzte ihn in Panik.
„Nein!“ schrie er. „Ich will nicht sterben!“
Carrero riß die eine der beiden erbeuteten Pistolen heraus – es war die von Luke Morgan. Er drehte sich halb um, spannte den Hahn, legte auf die Hündin an und drückte mit wutverzerrtem Gesicht ab.
Die Wölfin schien den Schuß geahnt zu haben. Sie schnellte zur Seite. Carrero feuerte auf den huschenden Schatten, der aber plötzlich hinter einem Uferfelsen verschwand.
Es schien sie nie gegeben zu haben, diese teuflische Wolfshündin. Es wirkte, als habe sie sich in Luft aufgelöst wie ein Spuk. Der Schuß donnerte in die Nacht – und ging fehl. Irgendwo prallte die Kugel von den Felsen ab und jaulte als Querschläger davon.
Carrero stöhnte auf. Das hatte ihm noch gefehlt.
Wieder hörte er das Knurren. Wie von Sinnen schleuderte er die leergeschossene Pistole aus dem Gurt. Sie gehörte Jack Finnegan, und es handelte sich um ein solides, nicht sonderlich aufwendig gearbeitetes, aber sehr präzises Radschloß-Modell.
Carreros Gesicht war eine Fratze der Angst und des Hasses. Er wollte den Hahn spannen, griff aber mit dem Daumen daneben. Er stolperte und drohte zu stürzen, fing sich wieder, fluchte und hantierte mit beiden Händen an der Waffe herum.
Endlich gelang es ihm, den Hahn zu spannen. Da sah er, wie der Schatten des Tieres wieder hinter dem Felsen hervorsprang.
„Nein!“ schrie er.
Plymmie raste auf ihn zu, ein zähnefletschendes Ungeheuer in der Nacht. Das Knurren nahm zu, das Hecheln wurde zu einem Dröhnen. Ihr Atem verwandelte sich in Dampf. In dieser Vision sah Carrero sie plötzlich, und er schrie noch einmal.
Er war halb irrsinnig vor Angst und Entsetzen, vor allem deshalb, weil er wußte, was solche Hunde mit Menschen anrichten konnten. Brüllend richtete er die Radschloßpistole auf Plymmie.
„Du Vieh! Ich bring’ dich um!“ schrie er.
Ihr Schatten flog an ihm vorbei. Er feuerte im Laufen, und ein Donnerhall rollte über den Strand. Der Mündungsblitz stach auf die Wolfshündin zu, doch wieder war sie schneller. Schon war sie vorbei, und die Kugel raste ins Leere.
Carrero brüllte auf und schleuderte die Pistole nach ihr. Er traf auch dieses Mal nicht. Die Pistole landete im Sand.
Plötzlich war Plymmie wieder verschwunden. Carrero taumelte. Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. War dieses Vieh vielleicht wirklich verhext? Stand es mit dem Teufel im Bund? Er konnte es nicht fassen. Er war ein guter Schütze, und er hatte schließlich auch den Kerl nicht verfehlt, der ihn angerufen und bedroht hatte. Warum gelang es ihm nicht, dieses Höllenbiest zu töten?
Er hatte nur noch das Entermesser als Waffe. Er zog es aus dem Gurt, nahm es in beide Hände, blieb stehen, blickte gehetzt nach allen Seiten und sagte: „Komm her! Wo bist du?“
Seine Stimme klang schrill und verzerrt. Er erkannte sie selbst kaum wieder. Wütend hackte er mit dem Entermesser durch die Luft.
„Du dreckiges Biest!“ brüllte er. „Wo steckst du?“
Er sah das Tier nicht, so sehr er seine Augen auch anstrengte. Keuchend, mit pumpenden Lungen, stand er da. Er duckte sich und schaute sich wieder nach allen Seiten um.
Da! Da war etwas! Oder nicht? Carrero war sicher, eine Bewegung bemerkt zu haben. Er schleuderte das Entermesser. Es huschte durch die Luft. Und dieses Mal traf er. Es gab ein hartes Geräusch, und er vernahm auch einen Ton, den Laut eines Tiers im Sterben, wehklagend und hell. Dann riß es ab.
Carrero trat auf sein Opfer zu. Er bückte sich – und dann begriff er. Es war nicht die Hündin, die er mit dem Messer getroffen hatte. Es handelte sich um einen Strandhasen, der jählings aufgetaucht war. Er hatte ihn glatt geköpft.
Carrero begann, wie ein Irrer zu lachen. Er konnte sich nicht mehr beruhigen und ließ das Entermesser zu Boden fallen. Nutzte es ihm noch? Nein. Das Vieh war fort. Verschwunden! Er konnte wieder laufen – Arica entgegen.
Er lief und lief, lachte und lachte. Er vernahm kaum das leise Knurren, das plötzlich wieder hinter ihm war. Und welche Bedeutung hatte es jetzt noch? Er hatte den Köter abgehängt, in die Flucht geschlagen – jawohl!
Die Wölfin war heran, setzte Carrero in letzten, langen Sprüngen nach und hob vom Boden ab. Sie flog von hinten auf ihn zu, saß ihm im Nacken und riß ihn mit sich nieder.
„Nein!“ schrie Carrero.
Aber sein gellender Schrei verröchelte. Es nutzte ihm nichts mehr, daß er mit den Fäusten nach ihr schlug und wie verrückt mit den Beinen stieß. Die Wölfin war ihm überlegen. Ihre kräftigen Zähne schnappten nach seiner Kehle. Carrero sah sie aufblitzen. Sie waren wie die Zähne eines Haies, dolchspitze Waffen, gnadenlos und tödlich.
Sein letzter Laut erstickte, als sie ihm die Kehle durchbiß. Sein Körper sank schlaff auf den Sand, dann regte er sich nicht mehr.
Die Wölfin ließ von ihm ab, trottete ins Wasser und schnappte nach den Wellen, als müsse sie sich das Maul spülen. Sie kehrte auf den Strand zurück, hob den Kopf und legte ihn in den Nacken. Sie schien den Mond anzublicken, öffnete ein wenig das Maul und gab ein verhaltenes Heulen von sich.
Dann begab sie sich wieder zu Luis Carrero, beschnupperte ihn und ließ sich schließlich in seiner Nähe auf dem Sand nieder. Sie schloß die Augen und öffnete sie wieder. Sie atmete jetzt ganz ruhig, von der Hetzjagd war ihr nichts mehr anzumerken. Überhaupt – es schien nichts geschehen zu sein. Ruhe war jetzt wieder eingetreten, unterbrochen nur von dem leisen Rauschen der Brandung.
Nichts konnte Sven Nyberg mehr halten. Als die Schüsse aufpeitschten, mußte er sich aufrappeln.
„Wir sehen nach, was da los ist“, sagte er zu Blacky. „Nein, keine Widerrede. Wenn du nicht willst, daß ich dem Trupp nachlaufe, ist das deine Sache.“
„Na los, ich stütze dich“, sagte Blacky.
„Mann, meine Schulter ist durchlöchert, nicht mein Bein!“
„Kannst du laufen?“
„Klar kann ich das!“ stieß Sven hervor, dann lief er los und hängte den verblüfften Blacky fast ab, als sie durch die Felsen zum Ufer eilten.
Shane, Al und die anderen hatten unterdessen das Wasser fast erreicht. Die Stille wirkte unheimlich. Was war geschehen?
„Plymmie!“ rief Hasard junior. „Plymiiiee!“
Ein helles Bellen ertönte hinter den Felsen. Philip junior und sein Bruder lachten auf.
„Sie ist am Leben!“ rief Philip.
„Hast du vielleicht was anderes erwartet?“ fragte Hasard.
„Ich schon, du vielleicht nicht?“
„Lassen wir das, es ist ja egal“, sagte Hasard junior.
Ziemlich außer Atem gelangten sie an den schmalen Uferstreifen, als erster Shane, dann die Zwillinge, und dicht hinter ihnen Al, Batuti, Montbars, Piet und Baxter.
Plymmies Ohren spielten. Als sie die Stimmen ihrer Leute hörte, bellte sie kurz, erhob sich und trottete ihnen entgegen.
Big Old Shane blieb stehen, streichelte sie und blickte zu der reglosen Gestalt, die in der Nähe der Brandung lag.
„Gut gemacht, Plymmie“, sagte er. „Der Frauenschänder und hundertfache Mörder hat sein gerechtes Ende gefunden.“
Batuti und Al liefen zu dem Toten.
„Hölle, die hat es ihm aber besorgt!“ stieß der Gambia-Mann in einer Mischung aus Verblüffung und Betroffenheit hervor.
Die Hündin strich um ihre Beine herum. Sie ließ jetzt die Zunge heraushängen und benahm sich wie ein junger Hund, der Lust zum Spielen hat. Es war kaum zu glauben, daß sie soeben einen Menschen getötet hatte.
„Achtung!“ stieß Montbars plötzlich hervor. „Da ist jemand!“
Sie fuhren herum und griffen zu den Waffen. Zwischen den Felsen waren leise Geräusche. Stimmen waren zu vernehmen. Dann erschienen Blacky und Sven Nyberg, und die Männer atmeten wieder auf.
„He!“ rief Big Old Shane. „Ihr habt uns vielleicht einen Schrecken eingejagt! Gebt euch das nächste Mal gefälligst zu erkennen!“
„Das habe ich glatt vergessen“, sagte Blacky.
„Ich dachte, ihr wüßtet, daß wir hinter euch sind“, sagte Sven.
„Du spinnst wohl“, sagte Shane. „Und überhaupt, was hast du hier zu suchen?“
„Ich will wissen, was mit Carrero ist“, sagte Sven.
„Er ist tot“, erwiderte Shane. „Plymmie hat ihn zur Strecke gebracht.“
„Das genügt mir“, sagte Sven grimmig. „Geschieht ihm recht.“
„Wir müssen Ben und die anderen benachrichtigen“, sagte Blacky.
„Du übernimmst das“, sagte Shane. „Und du nimmst Mister Nyberg gleich mit, der soll sich von Mac behandeln lassen.“
„Um Gottes willen“, stöhnte Sven. „Von dem?“
„Einen besseren Feldscher haben wir zur Zeit nicht“, sagte Shane grob. „Außerdem war ja nicht damit zu rechnen, daß es reihenweise Schulterdurchschüsse und Brummschädel gibt, nicht wahr?“
Darauf wußte keiner etwas zu erwidern. Blacky und Sven zogen sich zurück. Sie marschierten zur Bucht und setzten mit der intakten Jolle zur „Estrella de Málaga“ und zur „San Lorenzo“ über, um den voll Spannung wartenden Kameraden zu berichten, was sich zugetragen hatte.
Shane und die anderen bestatteten unterdessen den Toten.
„Er hat es nicht verdient“, sagte der graubärtige Riese. „Aber irgendwie ist es unsere Pflicht, verdammt noch mal. Wir können ihn schließlich nicht hier liegenlassen.“
„Wir könnten es doch“, sagte Batuti.
„Hör auf. Er ist tot, das genügt uns.“
Sie begruben ihn unter Steinen. Keiner sprach ein Gebet für Luis Carrero, kein Wort fiel. Sie wandten sich ab und schritten davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Carrero hatte empfangen, was er verdient hatte. Der Potosi-Trupp würde in keine Falle laufen …
ENDE

1.
28. November 1594 – Tacna.
Das „Unternehmen Potosi“ begann um neun Uhr morgens, denn jetzt war die zwölf Mann starke Truppe komplett. Als Führer, der die Bergwelt der Kordilleren genau kannte, hatte man den Dominikanerpater Aloysius gewonnen.
Dieser Pater Aloysius entsprach überhaupt nicht der Vorstellung von einem ehrbaren Mönchlein oder gar Betbruder. Er war ein kraftvoller, sehniger Typ mit kühn geschnittenem Gesicht, sehr scharfblickenden Augen, breiten Schultern und schmalen Hüften. Er sah eher wie ein Bilderbuchpirat aus, und er verstand es meisterhaft, seine Fäuste einzusetzen, wenn ihm das der Herr im Himmel befahl. Und da Pater Aloysius einen guten Kontakt zum Herrn unterhielt, befahl der Herr das offenbar recht oft.
Die Männer waren abmarschbereit. Auch die acht Maultiere, die sie von den Spaniern erbeutet hatten, als sie das Tacna-Tal überfielen, um Sklaven für Potosi zusammenzutreiben, waren bepackt und beladen.
Da mangelte es an nichts mehr, es war an alles gedacht worden, denn in den eisigen Bergregionen der Kordilleren warteten Strapazen auf sie, die vorerst noch unvorstellbar für die meisten waren. Noch keiner von ihnen war in derartige Höhen aufgestiegen.
Die Maultiere trugen Proviant, Trinkwasser, Wein in Schläuchen, Waffen, Decken, Zeltplanen, Pickel, Seile und Kleidung.
Im Tal hing leichter Nebeldunst, den die Sonne langsam vertrieb. Die Mulis scharrten bereits ungeduldig mit den Hufen, als könnten sie den Aufbruch kaum noch erwarten.
Hasard hatte eine allerletzte Kontrolle angeordnet, damit auch wirklich nichts vergessen wurde. Nein, da fehlte nichts, auch nicht die Kiste, die der Kutscher Smoky mitgegeben hatte, damit die Männer unterwegs auf ein „heilsames Wässerchen“ nicht verzichten mußten. In den eisigen Höhen konnte man es gut gebrauchen.
Die Kiste hatte der Profos Edwin Carberry an seinem Maultier verstaut. Mit diesem Maultier hatte es ebenfalls eine besondere Bewandtnis, denn das war kein normales Halbeselchen, sondern schon mehr eine Art Kuriosum. Es hatte seine ganz besonderen Vorstellungen und ließ sich nicht einfach kommandieren. Es entwickelte sozusagen Eigeninitiative, mal biestig, mal tückisch, dann wieder lammfromm. Und dann hatte dieses merkwürdige Vieh noch ein „gewisses dämliches Grinsen“ drauf, wie der Profos das ausdrückte. Es schob die Lefzen so hoch, bis alle Zähne zu sehen waren, und es schien wirklich, als würde sich das Maultier mitunter köstlich amüsieren.
Es hatte ganz besonders den Profos auf dem Kieker, der zusammen mit Smoky schon einen Höllentanz mit diesem Biest hinter sich gebracht hatte. Alle beide waren dabei ganz erheblich ins Schwitzen geraten.
Carberry hatte auch schon einen Namen für den Maulesel gefunden. Der hieß schlicht und einfach Diego, im Gedenken an den Wirt der „Schildkröte“ auf Tortuga. Der Profos behauptete allen Ernstes, der seltsame Maulesel stehe Diego an Schlitzohrigkeit und Durchtriebenheit in nichts nach.
Seit der letzten Attacke, bei der Smoky in einem Baum gelandet und der Profos gegen den Stamm geschleudert war – das Halbeselchen hatte kräftig zugelangt –, verhielt es sich lammfromm und friedlich.
Nur das hinterhältige und boshafte Grinsen störte und irritierte Edwin Carberry noch ein wenig.
Aber er hatte sich ausbedungen, diesen Maulesel beim Marsch nach Potosi zu führen und zu betreuen, denn es war ihm doch mächtig gegen den Strich gegangen, daß Dan O’Flynn fast spielerisch mit dem störrischen Vieh fertig geworden war.
Jetzt aber verhielt sich Diego friedlich und hatte sich vom Profos geduldig alles aufpacken lassen.
Aus den Hütten waren die Indios erschienen, um die Männer, deren Mission ihnen bekannt war, zu verabschieden. Auch die Mönche des Klosters standen wartend da, denn Pater Franciscus wollte jeden einzelnen des Potosi-Trupps noch segnen.
„Unsere guten Wünsche begleiten euch“, sagte Pater Franciscus. „Kehrt gesund zurück, wenn ihr eure Mission abgeschlossen habt. Gott sei mit euch.“
Der Pater schritt die Front ab und segnete jeden Mann mit dem Kreuzzeichen.
Aloysius, der kein Freund großer Abschiedszeremonien war, begann langsam ungeduldig zu werden.
„Auf geht’s“, verkündete er unternehmungslustig.
Doch der Abschied verzögerte sich noch einmal. Grund war ein gewisser Diego, der immer so dämlich grinste und jetzt wieder mal seine eigenen Vorstellungen entwickelte. Dem Maultier schien das alles zu lange zu dauern, oder es wurde ganz einfach ungeduldig. Es schor aus der Reihe und trabte seelenruhig zum Rio de Tacna hinüber.
„Mistvieh“, fluchte der Profos unterdrückt. „Geht der Affenzirkus schon wieder los!“
Carberry rannte dem eigensinnigen Maultier nach und hängte sich fluchend an die linke Seite. Dann wollte er es aufhalten, doch zu seinem allergrößten Erstaunen schien das Vieh die Kraft von ein paar Ochsen zu haben. Es zog unerbittlich weiter.
„Aber doch nicht mit mir, du Furzesel“, knurrte der Profos. Er setzte alle Kräfte ein, um das Vieh zu bremsen. Doch noch einmal erlebte der Profos staunend eine Überraschung. Er hatte wahrhaftig Kräfte wie ein Ochse, aber das Maultier hatte eben doch ein paar Kräfte mehr, wie er verblüfft feststellte. Das Vieh zog und zog, und ließ sich durch nichts aufhalten, um an den Rio de Tacna zu gelangen. Der Profos wurde mitgezogen, ob er wollte oder nicht.
Vielleicht will Diego aber auch nur noch einmal Wasser saufen, dachte Ed, obwohl das Biest gerade vor kurzer Zeit unglaubliche Mengen Wasser gesoffen hatte.
Noch einmal versuchte es Carberry mit roher Kraft und zerrte an dem eigensinnigen Maultier. Es half nichts, der Bock zog stur und unbeirrbar weiter zum Fluß hin.
Kurz vor dem Fluß sah der Profos einmal über die Schulter zurück. Natürlich lachten die Kerle wieder, auch der Pater Pancrazius, der dicke Mönch mit den rosigen Wangen, grinste bis zu den Ohren.
Der Profos lief knallrot an, teils aus Wut, teils aus Ärger, weil er dieses Vieh nicht bremsen konnte und das Maultier ihn damit der Lächerlichkeit preisgab. Er fluchte erbittert und beleidigte das Halbeselchen mit den unflätigsten Ausdrücken.
Dann war es endlich am Fluß und hielt an.
Ed atmete erleichtert auf. Wenn er dem Vieh jetzt gut zuredete, würde es vielleicht wieder gütigst umkehren. Aber in Diego steckte der Teufel, oder der alte O’Flynn hatte es wieder verhext, wie Smoky schon einmal behauptet hatte. Vielleicht hexte er wieder von der Schlangen-Insel aus, um den Profos ein bißchen zu ärgern.
Diego schwenkte fast elegant, aber sehr schnell, das Hinterteil vor, und wich gleichzeitig nach rechts aus.
Für den Profos erfolgte der Schlag unerwartet und viel zu schnell. Er konnte auch nicht mehr ausweichen. Diegos Hinterteil traf ihn mit der Wucht einer Ramme.
Carberry stieß vor Überraschung einen erstickten Schrei aus. Dann flog er mit ausgebreiteten Armen durch die Luft und landete im Wasser des Rio de Tacna.
Für die anderen Männer sah das so aus, als hüpfe ein riesiger Frosch ins Wasser.
Carberry landete mit einem lauten Aufklatschen im Fluß und ging unter. Er schluckte auch Wasser, tauchte prustend auf und stieß einen Fluch aus, der durch das ganze Tal hallte.
Was ihn dabei noch zusätzlich ärgerte, war das Benehmen des dreimal verdammten Maultieres. Das stand am Ufer, hob wieder die Lefzen, bleckte die Zähne und stieß ein schauriges Gemisch aus lautem Meckern, Lachen und Wiehern aus. Dazu nickte es boshaft mit dem Schädel.
Dann drehte es sich um und trabte seelenruhig zurück. Kurz darauf stand es wieder auf seinem alten Platz in der Reihe.
Die Männer des Potosi-Trupps lachten Tränen, die Padres krümmten sich vor Lachen, und die Indios hielten sich die Bäuche. Sie lachten am lautesten.
„Mann, ist das ein Bild“, sagte Stenmark unter Tränen. „Das vergesse ich so schnell nicht.“
„Er sah aus wie ein Riesenfrosch“, behauptete Gary Andrews, „der gerade zum Sprung ansetzt.“
Mel Ferrow, Fred Finley, Matt Davies und die anderen konnten sich immer noch nicht beruhigen.
Der Profos entstieg wie ein schnaubender Rachegott den Fluten des Rio de Tacna. Triefnaß, das Rammkinn wie einen Galeerensporn vorgeschoben und mit rollenden Augen kroch er ans Ufer. Er sah aus, als wolle er die ganze Welt ausrotten. Dazu klang ihm noch das laute Gelächter der Kerle entgegen, und er sah, wie Diego wieder die Lefzen hochzog und so dämlich grinste. So in Braß wie jetzt war der Profos schon lange nicht mehr gewesen.
„Dem zieh ich die Haut in Streifen von seinem Eselsarsch!“ brüllte er. Er walzte heran, der Profos, geladen bis zum Bersten, triefend wie ein narbiger Meergott, der jetzt seine Rache nahm. Das Halbeselchen hörte vor Schreck auf, „so dämlich zu grinsen“, und es nickte auch nicht mehr, als der Koloß stocksauer heranwalzte. Der kriegte es fertig und würde das Muli durchwalken.
Hasard trat zwei Schritte vor und blieb dicht vor Carberry stehen. Auf seinem Gesicht lag noch die Andeutung eines Lächelns. Die anderen grinsten immer noch ganz offen, besonders Matt Davies, der sich mit der Hakenprothese dauernd auf die Schenkel hieb.
„Um den Abmarsch nicht noch länger zu verzögern“, sagte Hasard sanft, „schlage ich vor, daß du dir erst einmal trockene Klamotten anziehst. Du kannst dir die Plünnen ja schließlich nicht am Leib trocknen lassen. Vielleicht ist es auch ganz ratsam, wenn Dan das Maultier wieder übernimmt, der hat es ja gut im Griff.“
„Im Griff?“ schrie der Profos. „Gar nichts hat der im Griff! Das fasse ich als Degradierung auf, Sir, und es würde auch verdammt an meiner Ehre kratzen. Nein, nein, das Maultier behalte ich. Mein kleines Diegolein mag mich, das hat es schon oft bewiesen.“
„Ja, gerade jetzt eben“, sagte Hasard ironisch. „Da hat es dir vor lauter Liebe ein Bad verordnet. Also gut, du behältst dein Diegolein, wenn es dich so mag.“
Hasard steckte zurück, weil mit dem Profos über Tiere nicht zu reden war. Er kannte das ja von Sir John her. Wenn einer über das schimpfende und krakeelende Biest meckerte, dann reagierte der Profos meist sehr empfindsam.
„Danke, Sir.“
Matt Davies, der immer noch grinste, konnte es allerdings nicht lassen, und spielte auf den redseligen Papagei Sir John an.
„Sei nur froh, daß Maultiere keine Papageien sind. Dein Diegolein würde sonst auch noch den ganzen Tag quatschen.“
„Fängst du schrägkarierte Fockmastwanze jetzt auch noch an?“ knurrte Ed. „Dich häng ich ins …“
Der Profos verstummte, denn Diego reckte den Schädel hoch und stieß wieder dieses eigenartige Meckern aus, das an Gelächter erinnerte. Dann zuckten die Männer verstört zusammen, als eine donnernde Blähung erfolgte. Auch das war so eine Angewohnheit von dem Maultier Diego.
Diesmal grinste der Profos etwas von oben herab. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und sagte trocken: „Diego hat nur über den blöden Witz von Mister Davies gelacht und gleichzeitig ausgedrückt, daß das der reinste Scheiß sei.“
„Aber ein Maultier von ganz besonderer Art ist das schon“, meinte Karl von Hutten. „Es paßt zum Profos wie die Faust aufs Auge.“
„Nun zieh dir endlich trockene Klamotten an“, sagte Hasard etwas ungeduldig. „Sonst stehen wir hier morgen noch herum. Im übrigen ist ein Kloster nicht der rechte Ort, um ellenlange Flüche abzuladen.“
Während der Profos mit Padre Pancrazius im Kloster verschwand, um seine Sachen zu wechseln, holte Aloysius eine Handskizze hervor und überflog sie noch einmal. Gestern hatte er sie angefertigt und gab noch einmal für die Männer Erklärungen ab.
„Wir werden schon sehr bald den Klimaumschwung spüren. Im Tiefland der Leanos herrscht bis in etwa tausend Yards Höhe noch ein volltropisches Klima. Deshalb nennt man diese Zone Tierra caliente, was soviel wie heißes Land bedeutet. In den Yungas dagegen herrscht bis etwa zweieinhalbtausend Yards Höhe noch subtropisches Klima. Diese Zone wird von den Dons Tierra templada genannt, ist also mäßig warm. Das nächste Hochland, das bis viertausend Yards reicht, ist die Tierra ria. Sie hat kühles Klima mit geringen Jahres-, aber sehr starken Tagesschwankungen. Wir stoßen bis weit über die Schneegrenze vor, in Regionen, die mehr als eisigkalt sind, das ist die frostige und eisige Zone der Tierra helada. Das ständig schneebedeckte Land noch darüber nennt man die Tierra nevada.“
Hasard hatte sehr aufmerksam zugehört und nickte jetzt.
„Zunächst ziehen wir also ostwärts am Rio de Tacna entlang. Dann steigen wir zum Tacora-Paß auf?“
„Sehr richtig. Da haben wir schon eine Höhe von über viertausend Yards erreicht. Den Pico Tacora lassen wir links, also nördlich, liegen und bewegen uns weiter zwischen dem Sajama-Berg und dem Lago de Chungara auf den Altiplano zu. Dann liegt vor uns die Puna – eine öde, baumlose Ebene zwischen West- und Ostkordillere. Man sagt, daß es dort früher mal zwei ausgedehnte Binnenmeere gegeben habe, von denen heute nur noch der Titicacasee und der Poopósee übriggeblieben sind.“
„Merkwürdige Namen“, sagte Stenmark. „Wenn das der Profos hört, dann grinst er wieder bis über beide Ohren.“
„Die Namen stammen aus der Inka-Zeit“, sagte Aloysius lächelnd. „Sie klingen nur für unsere Ohren ungewohnt. Aber euer Profos wird ganz sicher bald eine Verballhornisierung dafür finden.“
„Was für ’n Ding?“ fragte Matt Davies.
„Eine Art Verschlimmbesserung“, sagte der Padre. „Das ist abgeleitet von dem Lübecker Buchdrucker Johan Balhorn, dem man das wohl zu Unrecht unterschoben hat.“
Dieser Padre mit dem kühnen Piratengesicht weiß gut Bescheid und kennt sich in allen Dingen aus, dachte Hasard. Er würde sie sicher durch die tückische Bergwelt der Kordilleren führen.
Er und der Seewolf besprachen noch ein paar weitere Einzelheiten.
„Den Altiplano werden wir in südöstlicher Richtung mit Zielpunkt südliche Spitze Poopósee überqueren“, sagte der Padre gerade, als der Profos zurückkehrte. Er trug trockene Sachen und hatte die nassen Klamotten als Bündel zusammengeschnürt. Er hörte gerade noch die letzten Worte des Padre, und schon grinste er wieder.
„Wenn der See so aussieht, wie er heißt“, meinte er trocken, „dann hätte man ihn gleich Achtersteven-Teich nennen können.“
„Na, was sagte ich“, meinte Aloysius lachend. „Bruder Edwin hat schon wieder einen Namen gefunden. Bist du schon gesegnet worden, Bruder?“
„Ja“, sagte Ed, „gerade vorhin. Aber viel geholfen hat es nicht. Diego hat mich trotzdem in den Fluß geschubst.“
Die Männer verkniffen sich nur mühsam das Lachen. Selbst Pater Franciscus lächelte nachsichtig.
Dem Abmarsch stand jetzt nichts mehr im Wege. Diego verhielt sich lammfromm und setzte sich gehorsam in Bewegung.
Indios und Padres winkten dem zwölf Mann starken Trupp noch lange nach, bis sie sie aus den Augen verloren.
Der Aufstieg in die Berge begann.
2.
Von Tacna bis zum Tacora-Paß war die Strecke etwa vierzig Meilen lang – vorausgesetzt, sie hätten geradeaus marschieren können. Aber auf diesem Weg mußte ein gewaltiger Höhenunterschied bewältigt werden, der etwa dreitausendsiebenhundert Yards betrug.
Die Mulis trotteten dahin. Anfangs unterhielten sich die Männer noch miteinander, doch je höher sie aufstiegen, desto schweigsamer wurden sie. Nur hin und wieder wurden noch ein paar Worte gewechselt.
Auch das Klima hatte es in sich. Schien die Sonne, dann brannte sie heiß vom Himmel, daß ihnen der Schweiß über die Gesichter lief. Verschwand die Sonne, wurde es fast übergangslos eiskalt.
Die Berge wuchsen immer höher in den Himmel. Es sah so aus, als würden sie ins Unermeßliche wachsen. Um sie herum wurde die Stille fast greifbar. Da war nur das leise Scharren der Hufe und das Atmen der Männer zu hören.
Carberry beobachtete die anderen Mulis. Die Tiere hatten die Köpfe gesenkt und trabten dahin. Diego schien es überhaupt nicht zu belasten, daß die Wege immer steiler wurden. Vollgepackt und beladen trottete er mit nickendem Schädel weiter, nur hin und wieder bleckte er sein Gesicht, um „dämlich zu grinsen“.
Der erste Tag ließ sich noch ganz gut an, auch der nächste verging ohne nennenswerte Ereignisse, obwohl die Luft spürbar dünner wurde.
Am übernächsten Tag, es war der dreißigste November, sah Pater Aloysius die Männer unauffällig an, musterte sie aber trotzdem sehr genau, denn er hatte längst bemerkt, daß einige Mühe hatten.
Jean Ribault, der Franzose, war es, bei dem es zuerst begann.
Er atmete heftiger und schnappte gierig nach Luft. Vor seinen Augen begann die Bergwelt zu flimmern. Er fühlte sein Herz überlaut und schnell in der Brust schlagen. Dazu plagte ihn ein ständiger Kopfschmerz, und er hatte jeden Augenblick das Gefühl, als würde er stürzen.
Sie waren jetzt fast zweitausendachthundert Yards hoch. Jetzt setzte zum ersten Mal die berüchtigte „Soroche“ ein. Pater Aloysius kannte diese Erscheinungen, die bei Ribault begannen.
Der Franzose begann von einer Seite zur anderen zu taumeln. Ständig verschwamm vor seinen Blicken alles. Sein Herz klopfte noch rasender. Er griff nach dem Zügel des Maultieres, griff aber daran vorbei, weil er es nur undeutlich sah.
„Halt!“ rief Aloysius. „Der ganze Trupp halt!“
Männer und Mulis blieben stehen.
„Es hat Ribault erwischt“, sagte Karl von Hutten zu Hasard. „Offenbar ist ihm schlecht geworden.“
Mel Ferrow, Fred Finley und der Profos waren schon bei ihm, um ihn zu stützen.
„Mir ist verdammt schlecht“, sagte Ribault. „Ich sehe euch alle doppelt und dreifach.“
Aloysius nahm eine Decke, breitete sie auf dem Boden aus und ließ Ribault darauf sitzen.
„Ihr habt lange durchgehalten“, sagte der Padre, „ich hatte schon früher mit der Soroche gerechnet.“
„Aber Jean ist ein harter Kerl“, meinte der Profos, „den wirft doch sonst nichts um.“
„Das hat damit nichts zu tun. Auch die Stärksten sind dieser Erscheinung nicht gewachsen. Man kann sich auch nicht übergangslos an dünnere Luft gewöhnen. Dazu braucht man eine Weile.“
„Vielleicht hilft ein Schnaps dagegen – oder zwei“, sagte der Profos, der gern alles mit Schnaps kurierte und gleich vorbeugend einen zur Brust nehmen wollte.
Doch der Padre schüttelte den Kopf! „Nein, der hilft nicht. Wir sind jetzt fast dreitausend Yards hoch, es fehlen nur noch ein paar Yards. Und in dieser Höhe reicht der Sauerstoff nicht mehr zur Versorgung des Körpers aus. Da fehlt der Druck. Und das macht sich eben in Mattigkeit, Schwindelgefühl, Herzklopfen und Übelkeit bemerkbar.“
„Wie können wir ihm denn helfen, Padre?“ fragte der Seewolf.
„Nur die Zeit kann ihm helfen – und den anderen auch. Ich schlage vor, wir errichten weiter oben ein Biwak. Dort ist ein kleines Plateau, auf das dieser Bergpfad mündet. Wenn wir da ein oder zwei Tage bleiben, habt ihr euch alle besser eingewöhnt, und unserem Bruder Ribault wird es wieder besser gehen.“
„Der Körper stellt sich also um?“ fragte Dan O’Flynn.
„Ja, er stellt sich um und gewöhnt sich daran. Ich litt auch mal unter dieser Bergkrankheit, als ich zu rasch in große Höhen aufstieg. Aber seither habe ich keine Probleme mehr.“
„Einverstanden“, sagte Hasard, „dann biwakieren wir auf diesem Plateau. Für die anderen wird es wohl auch besser sein.“
„Ganz sicher. Es ist nicht mehr weit bis dorthin. Wir werden unseren Bruder stützen, damit er nicht taumelt oder fällt. Wie geht es dir jetzt?“ erkundigte er sich.
„Ich – ich hätte das nicht geglaubt“, sagte Jean. „Mir ist, als sei ich geistig weggetreten. Aber mir ist immer noch übel.“
Nach jedem noch so kleinen Satz mußte er eine Pause einlegen, weil ihm das Sprechen schwerfiel und er wieder an Kurzatmigkeit litt. Vor seinen Augen drehte sich immer noch alles.
„Das wird sich bald ändern.“
„Wie sieht es bei den anderen aus?“ fragte Hasard.
Pater David verspürte überhaupt nichts, auch der Profos, von Hutten und Dan O’Flynn nicht. Aber Stenmark und Gary Andrews hatten einen leichten Druck im Schädel, ein wenig Kopfschmerzen, wie sie sagten.
Sie warteten noch eine Viertelstunde. Dann wurde Ribault von Finley und Mel Ferrow gestützt, und es ging weiter – dem Plateau entgegen, wo sie eine längere Rast einlegen wollten.
Der Bergpfad wurde schmaler. Sie mußten jetzt hintereinander gehen. Ringsum ragten die Felsen steil auf. Sie waren mit moosartigem Überzug bedeckt. Auf manchen fristeten Flechten oder kleine Krüppelpflanzen ihr kärgliches Dasein.
Ein scharfer Wind blies ihnen in die Gesichter. Das Lüftchen wehte so ganz anders als in der Karibik, wie sie es gewohnt waren. Aber dafür knallte ihnen die Sonne heiß in die Gesichter.
Die Landschaft um sie herum wurde immer urwüchsiger und gewaltiger. Die Bergwelt begann zu „drücken“, wie Stenmark sagte.
„Ja, das erscheint anfangs so“, gab der Padre zu, „aber auch das ändert sich bald. Diese Region ist noch relativ harmlos. In den Punas wird es dann etwas ungemütlicher.“
Aus der Terra caliente waren sie über die Yungas aufgestiegen und befanden sich jetzt schon oberhalb der Tierra templada. Aber ein sehr weiter Weg lag noch vor ihnen.
Etwas später erreichten sie das Plateau.
Über der einsamen Bergwelt kreiste in großer Höhe ein Kondor, der Herrscher der Lüfte, der ruhig und ohne Flügelschlagen seine Kreise am Himmel zog.
„Den juckt das Klima nicht“, sagte Ed, „und beim Aufstieg hat er auch keine Mühe. Flattert einfach los und hebt ab. Der ist direkt zu beneiden.“
Auf dem Plateau ragten zwei Felswände wie große Nasen hervor. Pater Aloysius deutete auf die Stelle.
„Dort werden wir die Zelte aufschlagen, der Platz ist einigermaßen geschützt. Wenn ihr den Mulis die Lasten abnehmt, vergeßt nicht, die Tiere in die groben Decken zu hüllen.“
Das Abladen begann augenblicklich. Diego grinste wieder so dämlich, als der Profos ihn von seiner Last befreite.
„Fang mir hier oben ja keinen Ärger an, du Trompeter“, mahnte der Profos. „Hier hört nämlich der Spaß auf, wenn man in einer Schlucht landet.“
Diego nickte, als hätte er jedes Wort verstanden. Der Profos wurde das Gefühl nicht los, als sei dieser Halbesel irgendwann einmal im Zirkus aufgetreten, denn er benahm sich ganz anders als die anderen Maultiere. Vielleicht hatte ihn sein Vorbesitzer auch abgerichtet, möglich war das ja durchaus.
Auf dem Plateau wuchs polsterartiges Grün, das sich jedoch als ziemlich dürr und trocken erwies. Überall war der Boden mit diesen Büscheln bedeckt. Die genügsamen Mulis fraßen auch das Zeug oder knabberten an Moosen und verkrüppelten Sträuchern herum.
„Die Buckel am Felsboden sind Llareta-Polster“, erläuterte der Padre.
„Es gibt sie auch noch in Massen am Altiplano. Die Polster eignen sich hervorragend zum Feuer entzünden und dienen den Indios als Brennmaterial.“
Während abgeladen und die Zelte aufgeschlagen wurden, ging Hasard zu Jean Ribault hinüber, der auf einer Decke am Felsen saß.
„Geht es besser?“ fragte er mitfühlend.
„Nicht besonders, aber das Schwindelgefühl scheint sich langsam zu bessern. Daß ich einmal unter Höhenkrankheit leide, hätte ich mir nie vorgestellt.“
„Das gibt sich schon bald wieder, Jean.“ Hasard klopfte seinem alten Kampfgefährten aufmunternd auf die Schulter.
Pater Aloysius kramte in einer Kiste und brachte einen irdenen Topf zum Vorschein. Er nahm den Holzdeckel ab und sah hinein. Der Topf war bis obenhin mit grauweißer Salbe gefüllt.
„Hm, das riecht aber fein“, sagte Stenmark naserümpfend, „so nach Affenfett mit Schmierseife.“
„Dann darfst du auch den Anfang machen“, sagte der Pater lächelnd. „Nimm etwas von der Salbe auf die Finger und reibe dir damit das Gesicht ein.“
„Und wozu ist das gut?“ erkundigte sich Stenmark mißtrauisch.
Auch die anderen umstanden den Padre jetzt und hörten zu.
„Das ist eine fettige Salbe, die die Gesichter vor Sonnenverbrennungen schützt.“
Ein paar Männer lachten leise. Matt Davies schüttelte den Kopf.
„Das haben wir doch nicht nötig, Padre. Uns scheint die Sonne jahrelang ins Gesicht. Sie kann uns nichts mehr anhaben.“
„Oh, doch, sie kann und wird. Die Sonnenstrahlen, die aufs Meer fallen, sind nicht mit denen der Berge zu vergleichen. Ich kann euch nicht sagen, weshalb das so ist, aber es ist eine alte Erfahrung.“
„Hört auf den Padre“, riet Hasard, „und motzt nicht herum. Er weiß es mit Sicherheit besser als wir alle zusammen. Oder war einer der Gentlemen schon einmal in derartigen Regionen?“
Das mußten sie alle kleinlaut verneinen. Aber der Pater empfahl keine nutzlosen Sachen. Also gehorchten sie und fetteten sich nacheinander die Gesichter ein. Das Zeug roch auch nur am Anfang so merkwürdig. Nach ein paar Augenblicken spürte man den Geruch nicht mehr.
Pater David und Fred Finley rupften unterdessen etwas von dem polsterartigen Zeug aus und trugen es auf einen Haufen. Darüber wurde Holzkohle gestreut. Später, wenn es kälter wurde, sollte das Feuer entzündet und gleichzeitig das Essen gekocht werden.
Die Sonne wanderte weiter und verschwand kurz darauf hinter einer Felsengruppe. Sie war noch nicht richtig verschwunden, als es fast übergangslos auch schon unangenehm kalt zu werden begann.
Carberry zog fröstelnd die Schultern hoch.
„Verdammt lausig kalt“, sagte er. „Da können wir heilfroh sein, daß unser guter alter Will die pelzgefütterten Segeltuchjacken mit den Kapuzen genäht hat. Auf unseren Will sollten wir einen kleinen Schluck trinken. Oder was tut man in den Bergen gegen die Kälte, Bruder?“ wandte er sich fragend an Aloysius.
„Man trinkt einen“, sagte der Padre trocken, „oder auch zwei. Mehr sollte man jedoch tunlichst vermeiden.“
„Ha, da haben wir doch noch ein Wässerchen vom Kutscher. Wollen doch gleich mal sehen, ob das Zeug noch gut ist.“
„Jetzt einen – und einen, wenn es dunkel wird“, sagte Hasard. „Das wärmt dann noch einmal die Knochen auf.“
Sie tranken einen auf Will Thorne, die gute Seele der Mannschaft, der an alles gedacht hatte. Später wurden zwei Laternen entzündet, die mit ihrem Flackerschein das Plateau gespenstisch erhellten. Es war still und ruhig, bis auf das ständige Heulen des Windes, der unermüdlich um die Felsen strich.
Die Mulis waren dicht zusammengerückt und wärmten sich gegenseitig.
Der Wind wurde eisiger, beißender und noch kälter. Und er orgelte und pfiff jetzt um die Felsen herum.
Nach dem Abendessen gab es kein langes Palaver mehr. Jeder trank noch einen Schnaps und suchte dann eins der beiden Zelte auf.
Die Zeltplanen knatterten wie killende Segel, wenn der Wind böartig in sie hineinfuhr. Den Untergrund auf dem harten Gestein hatten sie mit Decken gepolstert, und mit den Felljacken deckten sie sich zu.
„Richtig gemütlich“, sagte Dan O’Flynn, „wenn es draußen lausig kalt ist und der Wind pfeift.“
Aber er erhielt keine Antwort mehr. Der Marsch hatte sie doch alle sehr mitgenommen. Sie waren solche Höhen nicht gewöhnt. Der einzige, der noch wach war und an dem alles anscheinend spurlos vorübergegangen war, war Pater Aloysius. Um Mitternacht stand er noch einmal auf und sah nach den Mulis.
Bis auf das Orgeln des Windes herrschte eine fast majestätische Stille hier oben. Pater Aloysius sah sich um. Über den fast schwarzen Linien der Berge leuchteten nur wenige Sterne. Die Nacht war kalt und klar.
Zwischen zwei Bergen, tiefer zum Horizont hin, stand als tröstliches Zeichen das helle Kreuz des Südens.
Da es auf eine Stunde mehr oder weniger nicht ankam, ließ Hasard die Männer ausschlafen, damit sie frisch und ausgeruht waren.
Aloysius und Pater David waren schon seit längerer Zeit wach und hatten ein Feuer entzündet.
Die Sonne war gerade aufgegangen, aber noch nicht zu sehen. Dafür leuchteten die Berge in unwahrscheinlichen Farben. Da gleißte es kupferfarben oder grellgelb, da blitzten kleine silbrige Kronen auf, deren strahlender Glanz fast unerträglich für die Augen wurde. Die Bergwelt hüllte sich in ein Kaleidoskop aus prächtigen Farben.
„Herrlich, so ein Sonnenaufgang“, sagte Pater David zu Hasard. „Unserem Freund geht es schon etwas besser. Er behauptet, seinetwegen könnten wir ruhig wieder weiterziehen. Aber Bruder Aloysius hat da noch Bedenken.“
„Dann bleiben wir noch einen weiteren Tag“, sagte Hasard. „Mir ist es lieber, wenn alle Männer frisch, ausgeruht und gesund sind.“
Aloysius hatte wieder dieses rätselhafte schnelle Lächeln drauf, das mitunter jedoch schlagartig aus seinem Gesicht verschwand.
„Darum geht es nicht allein. Wir könnten ernsthafte Schwierigkeiten kriegen, wenn wir den Weg fortsetzen. Kurz nach der Mittagszeit dürfte es in den Bergen ein Höllenspektakel geben.“
Hasard sah den Padre fragend an, denn er begriff nicht, was der mit dem Höllenspektakel meinte.
„Ein Gewitter“, erklärte Aloysius, „ein Berggewitter. Ich fühle das, ich kann es fast riechen. Die Luft ist heute anders.“
Hasard sah in den mattblauen Himmel, blickte auf die umliegenden Berge und sah nichts weiter als eine gigantische lautlose Explosion von Farben, die man nur sehr selten zu sehen bekam. Die Bergwelt schien zu brennen und in hellen Flammen zu stehen.
„Ein Gewitter?“ fragte er ungläubig.
Die ersten Männer waren erwacht und betraten das Plateau. Als sie die höhersteigende Sonne sahen, schwiegen sie beeindruckt. Das Farbenspiel war noch gewaltiger als auf dem Meer. Da glitzerten in weiter Ferne weiße Schneehänge wie Kristall in allen Farben. Wie der Schein funkelnder Diamanten gleißte es herüber.
„Ja, ein Gewitter. Es ist besser, wir bleiben auf dem Plateau, zumindest solange, bis es vorüber ist. Wenn es uns auf den schmalen Wegen bei den Abgründen erwischt, kann es sehr gefährlich werden. Die Mulis keilen dann aus und spielen verrückt. Sie könnten in ihrer Angst Männer vom Pfad reißen.“
Hasard konnte sich bei diesem Sonnenaufgang zwar immer noch kein Gewitter vorstellen, aber Aloysius schien ein Gespür dafür zu haben. Wenn sie auf See waren, konnten sie auch meist vorhersagen, ob der Wind drehen würde, oder ob es Sturm gab. So ähnlich mußte es auch der Padre in den Bergen spüren.
Als die Sonne noch höher stieg und die ersten Strahlen auf das Plateau fielen, wurde es unvermittelt warm. Eine halbe Stunde später war es schon heiß und kaum noch zum Aushalten.
„Das schafft den letzten Ochsen“, sagte Carberry. „Tagsüber diese Bullenhitze wie in der Karibik, und nachts friert einem glatt das Gehirn ein, wenn man nicht aufpaßt.“
„Du mußt eben mehr denken“, sagte Dan, „dann bleibt da drin alles beweglich.“
„Wie soll ich denn denken, wenn ich schlafe, was, wie?“
„Indem du jede halbe Stunde aufstehst und scharf nachdenkst.“
„So ’n Stuß! Das ist genau wie mit dem Gewitter. Wenn es heute mittag ein Gewitter gibt, dann rupfe ich die Berge mitsamt den Wurzeln aus dem Boden.“
„Die haben aber verdammt lange Wurzeln“, meinte Stenmark. „Da wirst du ganz schön rupfen müssen.“
Gegen Mittag wurden die Mulis unruhig. Carberry ging zu seinem Diego hinüber und sah ihn an. Das Tier scharrte unruhig mit den Hufen.
„Na? Heute ist dir wohl dein dämliches Grinsen vergangen?“ fragte der Profos grinsend. Er streckte die Hand aus und kraulte Diego beruhigend den Hals.
Das war auch so eine Sache, über die der Profos und die anderen sich jedes Mal köstlich amüsierten. Wenn der seltsame Zossen am Hals gekrault wurde, dann stieß er laute Schnarchtöne aus, die ganz offensichtlich sein Wohlbehagen ausdrückten. Zog der Profos die Hand weg, dann hörte Diego mit dem Schnarchen auf und stieß Carberry auffordernd mit dem Maul an.
Nochmals eine Stunde später hatte sich das Bild der Bergwelt gewandelt, und zwar erstaunlich schnell. Die Männer sahen sich an und grinsten versteckt, denn es sah ganz so aus, als würde sich Pater Aloysius’ Voraussage bewahrheiten.
Wie aus dem Nichts erschienen dicke, finstere Wolken, die rasch heranzogen und sich zusammenballten. Die Sonne schien noch, jedoch von heller eigenartiger Farbe. Es begann schwül zu werden.
„Dann kannst du ja gleich anfangen und die Berge mitsamt den Wurzeln ausrupfen“, lästerte Matt Davies. „Es sieht tatsächlich nach einem Gewitter aus.“
„Pah, was ist schon ein kleines Gewitter! Wenn es noch ein richtiges Seegewitter wäre, aber hier …“
Der Profos winkte verächtlich ab, als sei das eine Bagatelle.
„Dann kann dein Diego ja mit dem Gewitter um die Wette ballern“, meinte Fred Finley.
Aloysius sagte gar nichts. Er hörte nur zu. Die meisten schienen das auf die leichte Schulter zu nehmen. Nun – sie würden sich sicher noch wundern, wenn es erst einmal krachte.
Die immer dunkler werdenden Wolken zogen so dicht über sie hin, daß man sie fast mit den Händen greifen konnte. Dabei wurde es zusehends dunkler und finsterer.
Die Mulis drängten sich wieder zwischen den Felsnasen zusammen. Alle hatten die Köpfe gesenkt und warteten ergeben.
Dann erfolgte unvermittelt der erste Schlag. Heiß und grell stach es aus den finsteren Wolken. Ein wildzuckender gleißender Blitz, der in den Augen weh tat, verschwand hinter einem Berg. Wie ein glühendes Schwert zuckte er aus dem Himmel. Drei, vier Lidschläge lang blieb es geisterhaft still.
„Sag bloß nicht, mein Vater hockt jetzt wieder auf der Schlangen-Insel und hext“, murmelte Dan, „der …“
Ein so gewaltiges Krachen erfolgte, daß Dans weitere Worte hoffnungslos untergingen. Es klang, als würden die Felsen und Berge rings um sie her bersten und splittern.
Selbst der Profos zuckte zusammen, als hätte ihn ein Hammer getroffen. Aber mit diesem einen gewaltigen Schlag war es noch längst nicht getan. Das Krachen verstärkte sich überlaut in den Bergen und kehrte als vielfältiges Echo von allen Seiten zurück. Es rollte und rumpelte, die Berge zitterten, und die Felsen schienen gefährlich zu wackeln.
Das wilde Rollen war noch nicht verklungen, da hatte der Profos das Gefühl, als fliege in seiner unmittelbaren Nähe ein Pulvermagazin in die Luft. Diesmal duckte er sich schluckend. Geräusche drangen an seine Ohren, als hocke er selbst mitten in dem hochgehenden Pulvermagazin.
Fred Finley und Stenmark flitzten ins Zelt, als ein paar dicke Regentropfen klatschend herabfielen.
Matt Davies deutete auf seinen Haken und brüllte, er müsse ebenfalls im Zelt verschwinden, sonst würde der Blitz in seine eiserne Hakenprothese fahren und ihn rösten.
Das war der Auftakt zu einem kleinen Inferno, das der Profos als Bagatelle abgetan hatte. Jetzt wurde er eines Besseren belehrt und zuckte immer wieder verstört zusammen.
Nur diesen Bruder Aloysius, dachte er, den kann nichts erschüttern. Der hockte seelenruhig an der Felswand und zählte die Blitze, die da pausenlos herniederfuhren. Das tosende Krachen schien ihn nicht im geringsten zu stören.
Die Männer erlebten ihr erstes ausgewachsenes Berggewitter, das sie kolossal beeindruckte.
Immer wieder schien sich die Welt in heller Glut zu verzehren. Ein wildes grelles Aufblitzen, dann ein ekelhaft anzuhörendes Zischen, ein Flammenschwert zerhieb die Wolken, und dann gab es ein Spektakel, als fliege alles auseinander.
Was war dagegen eine Breitseite oder ein explodierendes Pulverfaß?
Hier feuerte der Himmel seine Breitseiten ab, und die waren so gewaltig, daß sie alles sprengten, zerfetzten oder zersplitterten, auch wenn es aus gewachsenem Fels war.
Im wilden Aufleuchten eines langen gezackten Blitzes sahen sie, wie ein hoher Felsen gespalten wurde. Das glühende Schwert spaltete ihn in zwei Teile. Die eine Hälfte blieb unbeweglich stehen. Die andere kippte zur Seite, brach ab und polterte als eine pausenlos dröhnende Lawine über Hänge und Plateaus bis in die Schluchten hinunter.
Zu diesem Zeitpunkt waren sie alle im Zelt und sahen dem eindrucksvollen Schauspiel durch einen schmalen Spalt zu.
Hin und wieder klatschten ein paar große Tropfen herab, sonst blieb es trocken.
Der Profos setzte immer wieder zum Sprechen an, doch niemand verstand auch nur ein Wort. Die Umgebung war erfüllt von berstenden Geräuschen, von Explosionen, die immer lauter wurden, und in denen es keine Pause gab.
Das ging länger als eine Stunde so. Dann erst schwächte sich das wilde Tosen allmählich ab. Das Gewitter zog vorüber. Das Rollen in den Bergen blieb noch lange zu hören.
Aloysius sah der gewaltigen finsteren Wolke nach, aus der der Herr im Zorn gesprochen hatte, und lächelte, als der Profos sich ihm näherte.
Carberry wollte gerade sagen, wie sehr ihn das beeindruckt hätte, und daß es doch ein verdammter Unterschied zwischen einem Gewitter auf See oder einem in den Bergen wäre. Der Profos war sichtlich erschüttert und aufgewühlt.
„Zum Glück war es nur ein kleines Gewitterchen“, sagte Aloysius, „nicht einmal der Rede wert.“
„Ja, was ein Glück“, murmelte Ed erschüttert. „Wie steht es denn bei einem großen Gewitter, Bruder?“
„Oh, da muß man sich vorsehen, es kann tagelang dauern, und dann glaubst du, die Welt ginge unter. Ein Seegewitter ist da wohl wesentlich schlimmer, nicht wahr?“
„Jaja – äh – natürlich, wesentlich schlimmer“, stammelte Ed, der immer noch schlecht hören konnte. „Hier ist man ja in den Bergen geschützt“, setzte er schlitzohrig hinzu, „während man sich auf See – äh – sozusagen nicht verstecken kann und den Kräften sinnlos ausgesetzt ist.“
„Sinnlos?“
„Ich – ich meinte hilflos“, murmelte der Profos, der sich sehr anstrengen mußte, um Bruder Aloysius zu verstehen.
„Na, dann geh mal wieder ins Zelt, Bruder Edwin. Das Gewitter kehrt nämlich gleich wieder zurück.“
Völlig perplex starrte Ed den Padre an. Dann sah er der finsteren Wolke nach, aber die zog nicht mehr weiter. Sie war „stehengeblieben“, wie der Profos erstaunt feststellte. Tatsächlich kehrte sie gleich darauf zurück und verteilte sich wieder.
Sehr seltsame Winde scheinen da im Spiel zu sein, überlegte Carberry.
Nach ein paar Minuten ging das Getöse erneut und mit infernalischer Wucht los. Es krachte und donnerte, und die Blitze zuckten jetzt so oft über den Himmel, daß alles taghell erleuchtet wurde.
Ganz in der Nähe schlug es zweimal hintereinander unter ohrenbetäubendem Krachen ein. Die Hammerschläge, die den Blitzen folgten, erschütterten wieder die Felsen.
In den Felsen rollte und tobte es. In pausenloser Reihenfolge schienen Pulverfässer in die Luft zu fliegen.
Erst nach zwei weiteren Stunden verabschiedete sich das Gewitter mit einem Rollen und Donnern das an entfernten Kanonendonner auf See erinnerte.
Als es endlich vorbei war, ging es Jean Ribault erstaunlicherweise viel besser. Seine Kopfschmerzen wären verschwunden, er litt nicht mehr unter Schwindelanfällen und konnte wieder frei atmen.
„Es hat jetzt keinen Zweck mehr, noch aufzubrechen“, sagte Aloysius, „in ein paar Stunden wird es dunkel und kalt. Ich schlage deshalb vor, daß wir heute nacht auf dem Plateau bleiben. Morgen steht uns ohnehin ein beschwerlicher Marsch bevor, denn es geht immer höher hinauf.“
„Ja, wir bleiben hier“, stimmte Hasard zu. „Unnötige Risiken sollten wir nicht eingehen.“
Kurze Zeit darauf erfolgte wieder der überraschende und unangenehme Wechsel von heiß auf kalt. Kaum war die Sonne verschwunden, zog eisige Kälte über das Plateau.
Die Männer beeilten sich, ihre pelzgefütterten Jacken wieder anzuziehen und lobten im stillen ihren Will Thorne. Am Abend tranken sie nochmals ein Schnäpschen auf ihn.
Wenn der alte Segelmacher gewußt hätte, wie oft auf ihn schon getrunken worden war, dann würde er jetzt drei Tage lang total abgefüllt unter der nächsten Bank liegen. So jedenfalls behauptete das der Profos, und der mußte es ja wissen.
Am anderen Morgen – es war der dritte Dezember – setzte sich der Trupp wieder in Marsch. Die Maultiere waren bepackt. Über die Grate und Schroffen der Bergwelt tastete sich das mörderische Sonnenlicht, das ihnen kurz darauf brennend heiß in die Gesichter schien. Trotz der Salbe spannte sich bereits die Haut.
Ohne die fettige Salbe hätten sie jetzt schon die Gesichter von Mumien gehabt, sagte der Pater.
Der Tag verlief ereignislos. Sie kletterten, marschierten, hielten Rast und bewegten sich unermüdlich weiter auf den Tacora-Paß zu, vor dem sie am fünften Dezember standen.
Die Bergwelt hatte sich verändert. In der Ferne waren schneebedeckte Gipfel zu sehen. Die Luft war noch dünner geworden, aber mittlerweile hatten sich die meisten daran gewöhnt. Hin und wieder litt einer unter Kopfschmerzen – normale Anzeichen in den ungewohnten Höhen.
Über viertausend Yards waren sie jetzt hoch, winzige Punkte in einer unwirtlichen Bergwelt, die sich langsam bewegten.
Eine gewaltige Landschaft türmte sich vor ihnen auf. Im dunkelblauen Himmel glühten ostwärts Schneefelder und bläuliche Eiskämme in der grellen Sonne. Die Einsamkeit ringsum war total.
Matt Davies behauptete, man könne die ganze Welt atmen hören. Hier wuchsen noch niedere Sträucher, harte Grasbüschel und hin und wieder ein völlig verkrüppelter und verwitterter Baum. Sehr tief unter ihnen gab es hin und wieder ein Rinnsal oder ein Bächlein, deren Ufer geschützter und nicht den eisigen Winden ausgesetzt waren. Dort wuchs dann etwas spärliches Grün.
Hoch über ihnen, ebenfalls ostwärts, kreiste wieder ein mächtiger Kondor. Einmal sahen sie einen Schwarm hungriger Geier, die nach Raub ausspähten.
Die Luft war glasig und dämpfte die Laute der Schritte oder das Trappeln der Hufe.
Jetzt folgte dem breiteren Geröllweg ein schmaler Bergpfad. Links ragten gigantische Steilfelsen in den Himmel. Rechts ging es senkrecht steil ab in Tiefen, die kaum auszuloten waren. Man mußte schon gute Nerven haben, um an diesem zerklüfteten Abgrund über einen äußerst schmalen Pfad zu marschieren.
Die Männer hatten diese Nerven, sonst hätten sie das Unternehmen Potosi gar nicht erst in Angriff genommen. Sie waren schwindelfrei, wie man das von einem Seemann erwarten durfte, der einen Teil seines Lebens in luftigen Höhen und auf schwankenden Rahen verbrachte.
Dennoch war das hier ein gewaltiger Unterschied, denn ein einziger Fehltritt brachte den sicheren Tod. Wer einmal abrutschte, der konnte sich an den Felswänden nicht mehr halten, der sauste unweigerlich in die furchtbare Tiefe, wo er zerschmettert wurde.
An diesem Tag bewies Diego, daß er auch noch ganz andere Qualitäten hatte, als dämlich in die Welt zu grinsen.
Sie mußten einer hinter dem anderen auf dem schmalen Pfad gehen.
Vor Edwin Carberry ging Pater David. Er schritt ruhig und gelassen aus und konzentrierte sich auf den schmalen Pfad. Dem Profos folgte Stenmark, die Spitze hielt Pater Aloysius. Der Profos ging rechts von seinem Maultier, was ihm schon einmal einen mißbilligenden Blick des Paters eingebracht hatte, als der sich einmal umdrehte.
Diego benahm sich lammfromm, als wüßte er genau, daß dieser Pfad lebensgefährlich wäre. Er schnaubte nur hin und wieder leise oder schlenkerte seinen Kopf, wie er das oft tat.
Carberry war fast andächtig in den Anblick der himmelstürmenden Bergwelt versunken und blickte auf einen weit voraus liegenden Berggrat, der wie pures Gold im Sonnenlicht funkelte.
Als er den Blick abwandte und sich wieder auf den Pfad konzentrierte, verschwamm für einen Augenblick alles vor seinen Augen. Das gleißende Licht hatte ihn doch etwas geblendet.
Dieser kurze Augenblick genügte, um ihn straucheln zu lassen. Sein Oberkörper drehte sich zur Seite, und dann kippte der Profos ab in die unermeßliche Tiefe. Er war so geschockt, daß er nicht einmal mehr einen Schrei ausstoßen konnte.
In diesem Augenblick wurden aus einem Lidschlag Ewigkeiten. Die Zeit schien still zu stehen.
Noch im Abkippen und im Sturz sah er das fassungslose Gesicht von Stenmark, vernahm einen leisen unterdrückten Schrei und sauste weiter in die Tiefe.
Dem eisenharten Profos gefror das Blut in den Adern. Er sah sich fallen, fallen und immer tiefer fallen, und er glaubte auch schon den Einschlag seines schweren Körpers zu spüren.
Für den Profos, aus dessen eigener Sicht es keine Rettung mehr gab, änderten sich alle Bezugs- und Zeitabläufe. In diesem Augenblick des unausbleiblichen Todes befand er sich in einer anderen Welt. Bilder aus ferner Vergangenheit stiegen vor seinen Augen auf. Sie rasten in einem unwahrscheinlichen Tempo vorbei.
Er sah den alten Carberry in seiner Schmiede am Amboß stehen. Dann befand er sich übergangslos auf der „Golden Hind“ unter Francis Drake. Er sah sich als Profos, wie er Doughty durch das Schwert richten mußte, und er sah, wie dessen abgeschlagener Kopf auf die Kuhl rollte. Rasend schnell zogen die Eindrücke vorbei. England, Weltumsegelung, Karibik, Tortuga – alle Stationen seines Lebens schien er noch einmal zu durchlaufen.
Sein letzter Eindruck war ein Tampen, der offenbar von einer Rah herabbaumelte und sich ganz dicht vor ihm befand.
Wenn er diesen Tampen nicht ergriff, das wußte er mit absoluter Sicherheit, dann würde etwas Schreckliches passieren. Der Tampen war groß und gewaltig und schwang hin und her. Er streckte die Hände aus, aber der Tampen schwang wieder zurück. Es war wie ein fürchterlicher Alptraum. Unendlich langsam kehrte der Tampen wieder zurück, und er griff vorsichtig mit beiden Händen danach.
Für die anderen sah das alles wieder ganz anders aus. Außerdem ging es so blitzschnell, daß keiner es genau sah.
Carberry stürzte, und noch während sein Körper zur Seite fiel, packten seine mächtigen Hände zu. Sie verkrallten sich um die Leine, die dem Maultier Diego von einer Art Sattelhorn hing. Das eine Ende hing frei vom Sattel herunter, während das andere Ende mit dem Auge um das Sattelhorn lag wie um einen Poller.
Die paar Yards Leine gaben nach und rauschten unter dem Gewicht des Profos in die Tiefe. Der Ruck war so hart, daß er das Maultier schlagartig von den Beinen und mit in die Tiefe gerissen hätte.
Aber das schlaue Halbeselchen schien wieder mal etwas zu ahnen – oder es hatte den sechsten Sinn wie der alte O’Flynn. Es reagierte jedenfalls ebenso schnell wie der entsetzte Profos.
Kaum verspürte Diego den Ruck am Seil, da neigte er sich etwas nach hinten und stemmte die Beine fest auf den Pfad. Er zitterte unter dem gewaltigen plötzlichen Ruck, stand aber wie eine Eins und unerschütterlich fest. Nur seine Augen quollen ihm vor Anstrengung etwas aus dem Schädel.
Wie gesagt, das alles lief so rasend schnell ab, daß noch niemand reagierte und alle wie gelähmt in die Tiefe starrten.
Diego schnaufte empört und nickte wieder. Dann glotzte er mit großen Augen in die Tiefe, als wollte er sagen: Paß doch besser auf, du Blödmann!
Carberry riß dieser plötzliche harte Ruck fast die Arme aus den Gelenken. Aber ein Spruch des Profos’ lautete: Was man einmal in den Pranken hält, das läßt man nicht mehr los.
An den Spruch brauchte er sich erst gar nicht zu erinnern. Die Angst, in diesen gähnenden Abgrund zu stürzen, verkrampfte ohnehin seinen Körper, und so hielt er das Seil eisern fest.
Er blickte nach unten und schloß entsetzt die Augen. Jeder Blutstropfen war ihm aus dem Gesicht gewichen. Wenn er da hinuntersah, dann wurde ihm übel, denn er glaubte jeden Augenblick, das Seil würde nachgeben.
Er schwang hin und her und hing wie ein riesiger Köder an der Angelleine.
Der Profos hatte gute Nerven, und die brauchte er jetzt auch. Er öffnete die Augen wieder und starrte an die Felswand, an der er hin und herpendelte. Dann riskierte er einen weiteren schnellen Blick in die grauenhafte Tiefe. Seine Fäuste hatten sich so um das Seil verkrampft, daß sie schneeweiß waren.
Er konnte im Augenblick einfach noch nicht klar denken. Ihn bewog nur eins: Hoffentlich läßt mich der lausige Furztrompeter nicht in die Tiefe sausen. Nein, korrigierte er sich, nicht der lausige Furztrompeter – mein liebes gutes Diegoleinchen.
Hoch über ihm stand das liebe Diegoleinchen immer noch wie eine Eins. Aber es zitterte am ganzen Leib, und seine Flanken bedeckten sich mit Schweiß.
Das war der Zeitpunkt, an dem die anderen reagierten. Sie hätten gar nicht früher reagieren können, denn im Grunde genommen, war so gut wie keine Zeit vergangen. Vielleicht hätten die Augenlider ein paarmal gezuckt, wenn die Augen nicht vor Entsetzen so weit aufgerissen gewesen wären.
Stenmark, der sich dicht hinter Carberry und Diego befand, sprang hinzu, griff nach dem Seil und begann daran zu zerren, um den schweren Profos nach oben zu hieven.
Pater David drehte sich um und packte ebenfalls mit an. Unter ihnen pendelte der Profos immer noch wild hin und her.
Pater David hatte erstaunliche Kräfte, und was der Schwede Stenmark einmal packte, das hielt er ebenfalls fest.
„Halt dich gut fest!“ brüllte Sten über den Abgrund.
Klar, das war überflüssig, aber er mußte sich Luft verschaffen, und prompt erfolgte auch die Antwort des Profos’, der sich jetzt gefangen hatte und wieder Hoffnung schöpfte, als sie an dem Seil zerrten.
„Wenn ihr unbedingt darauf besteht – aber gern!“
Er war eben doch unverwüstlich, obgleich es ihn jetzt fast den Hals gekostet hätte.
Sie hievten ihn nach oben. Als er über der Kante erschien, packte der Pater hart zu und rollte ihn auf den Pfad.
Der Profos hatte zwar schon wieder zu trockenen Worten gefunden, aber er rang noch immer nach Luft und war weiß im Gesicht. Und den Tampen hielt er immer noch mit beiden Fäusten fest, als er längst in Sicherheit war. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich seine gewaltigen Fäuste entkrampften. Gerade als er die Leine losließ, reagierte auch wieder das Maultier.
Die Anstrengung preßte dem Halbesel die Luft aus dem Körper, aber die ging bei Diego offenbar nach achtern raus. Es donnerte laut, als wollte Diego dem geretteten Profos in seiner Rührung einen deftigen Salut schießen.
Diego war erleichtert – in des Wortes doppelter Bedeutung –, und die Männer waren es auch, als Carberry wieder auf den Beinen stand. Diego trompetete wieder und grinste dann. Aber diesmal war das kein „dämliches Grinsen“ wie der Profos ausdrücklich betonte, sondern ein liebevolles.
„Das Kreuz hat also doch geholfen“, sagte Aloysius trocken. „Vor dem Fluß hat es dich nicht bewahrt, aber vor dem Abgrund. Davor hat dein Trompeter dich bewahrt.“
Carberry war tief gerührt, aber er konnte doch hier dem Eselchen nicht vor allen Kerlen um den Hals fallen. Die hätten sonst vielleicht „dämlich gegrinst“.
„Diego liebt mich eben“, verkündete er strahlend. „Ich wußte ja am Fluß schon, daß er Kräfte wie drei Ochsen hat. Da wollte er mir bloß beweisen, wie stark er ist. Ich konnte also ruhig in den Abgrund fallen, solange er da ist.“
„Na, wenn das nicht unbedingt logisch klingt“, meinte Dan O’Flynn, „dann ist nichts mehr logisch.“
Sie alle lobten das Eselchen und klopften ihrem Profos auf das breite Kreuz. Himmel, das war noch einmal gutgegangen. Keiner vermochte sich vorzustellen, was gewesen wäre, wenn … Aber darüber mochten sie nicht einmal sprechen.
Carberry streckte die noch etwas zitternde Hand aus und kraulte Diego wieder die Stelle unter dem Hals, die den „Schnarch-Effekt“ auslöste. Diego begann auch prompt zu grunzen oder zu schnarchen, oder wie immer man das nennen wollte. Jedenfalls hörte es sich sehr merkwürdig an.
„Er schnarcht so ähnlich wie Matt“, erläuterte der Profos, „wenn der in der Koje liegt und einen gezwitschert hat.“ Dann setzte er treuherzig hinzu: „Wenn ich jetzt abgestürzt wäre, hätte Bruder Aloysius des heiligen Vaters Öl wieder zurückschleppen müssen.“
Der so indirekt animierte Pater seufzte ergeben und kramte nach der Kruke mit dem scharfen Kräuterschnaps.
„Du bist wie eine biblische Plage, Bruder“, sagte er, „immer wieder auftretend und durch nichts auszurotten. Hier nimm, und bedanke dich wenigstens für die wundersame Rettung bei deinem Herrn.“
„Glaube mir, Bruder, das habe ich bereits getan, als ich wieder auf dem Pfad lag. Mir fehlten da zwar noch die Worte, aber die Gedanken waren da.“
„Der Herr hört auch die stummen Gebete, Bruder. Hier, nimm noch einen, du weißt ja, daß einer allein nicht hilft.“
„Und versprich uns, nicht wieder in den Abgrund zu fallen“, sagte Pater David, „sonst reicht der Schnaps nicht mal bis Potosi.“
„Ich werde mich bemühen – ich meine, nicht wieder in den Abgrund zu stürzen. Zwei Schnäpse ist das sowieso nicht wert.“
„Auf dem linken Ohr höre ich überhaupt nichts“, sagte Aloysius.
Sie alle aber beglückwünschten ihren Profos noch, bevor sie den Weg fortsetzten, auch wenn es bei den zwei Schnäpsen blieb.
„Der findet doch immer einen Weg, um dem Pater einen Schnaps aus dem Kreuz zu leiern“, sagte Matt zu Stenmark, „oder ist ein kleines Witzchen darüber nicht angebracht?“
„Ed hat schwarzen Humor, das kannst du ruhig laut sagen.“
Der Profos hatte das gehört und drehte sich um. Sie sahen ihn grinsen, aber so strahlend, als fühle er sich wie neugeboren. Und genau so ging es ihm auch. Er war so erleichtert wie schon lange nicht mehr in seinem Leben.
Es ging immer höher hinauf. Vor ihnen der ansteigende schmale Pfad, links die himmelhochragenden Felsen, rechts der gähnende Abgrund.
Schon bald stellten sich erneut bei einigen Kopfschmerzen ein. Jean Ribault litt wieder darunter, aber auch Fred Finley und Dan O’Flynn.
Pater Aloysius behielt sie alle scharf im Auge. Solange es bei den Kopfschmerzen blieb, ging es ja noch, wenn sich aber wieder Schwindelgefühle einstellten, konnte es gefährlich werden. Verlor einer das Gleichgewicht, dann stürzte er unweigerlich ab – wie der Profos. Es war nur fraglich, ob er dann auch das Glück hatte, nach einem Tampen greifen zu können.
Aloysius teilte dem Seewolf seine Bedenken mit.
„Ganz wohl fühle ich mich auch nicht“, gab Hasard zu. „Ich verspüre ständig einen leichten Druck im Schädel. Man kann sich wohl doch nur langsam an den Höhenunterschied gewöhnen. Was schlägst du also vor, Padre?“
„Ein erneutes Biwak. Wir erreichen bald wieder ein kleines Plateau, das noch geschützter liegt als das vorherige. Dort werden wir rasten und das Biwak errichten.“
Hasard nickte zustimmend. „Spürst du keine Veränderungen, Padre?“
„Nein, nicht die geringsten. Ich bin es gewohnt, in die Berge zu steigen. Schließlich stamme ich ja aus den Bergen und konnte früh genug damit beginnen.“
Ein wahrhaft erstaunlicher Mann, dachte Hasard. Der war hart wie englische Eiche und schien über unerschöpfliche Kraftreserven zu verfügen. Für ihn war das anscheinend nicht mehr als ein ausgedehnter Spaziergang, während die anderen vor Anstrengung keuchten. Selbst der eisenharte Profos tat sich schwer in diesen Höhen.
Zwei Stunden vergingen, dann erreichten sie das Plateau, luden den Maultieren die Lasten ab und schlugen die beiden Zelte auf.
Greifbar nahe vor ihnen lag der Tacora-Paß, und doch war er noch weit entfernt, denn in der dünnen glasigen Luft ließen sich die Entfernungen nur schwer abschätzen. Auch daran mußte man sich erst gewöhnen. Aber sie sahen ihn vor sich und waren ihrem Ziel wieder ein Stück nähergerückt.
„Wenn wir am achten Dezember morgens aufbrechen, können wir einen Tag später den Paß überschreiten“, sagte der Pater. „Das Bergmassiv, das ihr da drüben liegen seht, ist übrigens der Pico Tacora, der über sechstausend Yards hoch ist.“
Sie blickten in die angegebene nördliche Richtung, wo sich der schneebedeckte riesige Berg einsam und majestätisch erhob.
Pater Aloysius’ Hand wanderte weiter und zeigte auf eine noch höhere Spitze, die alles überragte.
„Das ist der Sajama, ein schneebedeckter Vulkan.“
„Müssen wir etwa dort hinauf?“ fragte Matt Davies entsetzt. „Da friert mir glatt die Hakenprothese ab.“
„Nein, zum Glück nicht. Wir steigen zwar sehr hoch, gehen aber auch wieder ein Stück hinunter, zum Beispiel, wenn wir die Puna erreichen. Unser Weg führt uns zwischen dem Vulkanberg und dem Lago de Chungara hindurch in Richtung auf den Altiplano.“
Immer erdrückender, immer stiller und immer beeindruckender wurde diese Welt der Berge. Es gab nichts als Berge, Pässe, dazwischen Täler, steile Abgründe oder riesige schneebedeckte Flächen.
Dazu pfiff der Wind ein monotones eisiges Lied, eine Melodie der Einsamkeit und des Todes.
Aus Krüppelholz und Llareta-Büscheln wurde an einer geschützten Felsnische ein Feuer entzündet, über das Fred Finley etwas Holzkohle häufte.
Gegen Abend blies der eisige Wind immer heftiger. Er orgelte und toste um die Felsen herum, fuhr über die Zelte und heulte den Männern um die Ohren.
Nachts, als alle schliefen, ging Pater Aloysius noch einmal hinaus und sah in den Himmel. Es riecht nach Schnee, dachte er, aber er konnte sich auch täuschen. Es roch hier oben oft nach Schnee.
Am achten Dezember brachen sie wieder auf und überquerten am nächsten Morgen den Paß. Seit ihrem Aufbruch aus dem lieblichen Tacna-Tal waren bereits zwölf Tage vergangen. Eine lange Zeit in der einsamen Bergwelt.
3.
Die Strapazen steigerten sich. Die Männer wurden bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit geprüft.
Als sie den Tacora-Paß endlich überquert hatten, war es Nachmittag.
Der Himmel war von grauweißer Farbe, der Wind blies so eisig, daß sie die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen hatten. Jeder trug unter der Kapuze noch eine Wollmütze. Ihre Hände steckten in den dicken Handschuhen, die sie vom Tacna-Kloster hatten. Die gefütterten Pelzjacken hielten die eisige Kälte ab, und im stillen schickte jeder der Männer einen Gruß an den alten Will Thorne. So eisigkalt und frostig hatten sie sich diese Regionen doch nicht vorgestellt.
Pater Aloysius fand, daß es immer noch nach Schnee roch, nach einem Schneesturm vielleicht, obwohl die hier relativ selten waren. Aber er hatte ein Gespür dafür entwickelt.
Selbst die Männer, die diese Regionen nicht gewöhnt waren, spürten, daß etwas in der Luft lag. Der Himmel hatte sich verändert. Aus dem Grauweiß war eine undefinierbare Farbe geworden, die an kalten Haferbrei erinnerte.
Nicht lange danach tanzten ein paar feine Schneeflocken durch die Luft. Der orgelnde Wind packte sie und trieb sie waagerecht auf den Trupp zu. Es wurden immer mehr Flocken, schließlich betrug die Sicht bestenfalls noch fünfzig, sechzig Yards. Wie scharfe Eiskristalle fegten die Schneeflocken heran.
Genau das hatte Pater Aloysius befürchtet. Wenn es hier einen Schneesturm gab, würde er die umliegende Bergwelt in eine brüllende Hölle verwandeln.
Er überlegte, ob sie zurück aufs Plateau sollten, aber der Weg erschien ihm zu weit. Es war besser, wenn sie sich beeilten, denn weiter vorn gab es ein paar Höhlen in einem Felszug. Außerdem befand sich bei den Höhlen eine Pukara, eine noch ganz gut erhaltene Festungshütte der alten Inka.
Als er diesmal sprach, hörten die Männer den besorgten Unterton deutlich heraus. Der kalte Wind wehte ihm fast die Worte von den Lippen, und er mußte laut brüllen.
„Es wird noch schlimmer werden, Männer! Schneestürme sind hier zwar selten, aber wir haben eben das Pech. Seilt euch jetzt hintereinander an und überprüft die Seilhalterungen, damit keiner verloren geht. Und dann Beeilung! Weiter voraus gibt es ein paar Felshöhlen. Die müssen wir erreichen, bevor die Schneeverwehungen den Pfad total versperren und unpassierbar werden lassen.“
Hasard begann schon mit dem Anseilen. Der Pfad war hier zwar etwas breiter, aber rechts von ihnen befand sich immer noch eine tiefe Schlucht, die jetzt kaum zu sehen war, als der Schnee immer dichter heranfegte.
Wenn das noch stärker wird, überlegte er, dann wird der Pfad schon allein durch die immer höher werdende Schneedecke unpassierbar. Der Pater hatte recht, wenn er jetzt zur Eile antrieb.
Aloysius schob sich an den Männern vorbei, um die Spitze zu übernehmen.
Inzwischen seilten sich auch die anderen jeweils am Vordermann an.
Das Heulen und Tosen wurde stärker. Es jaulte in schrillen Tönen, pfiff und orgelte, daß die Männer fast umgeblasen wurden. Eine Verständigung war nur noch laut schreiend möglich.
Der Schnee fiel jetzt so dicht und wurde so scharf herangeblasen, daß die Sicht nicht mal mehr auf den Vordermann reichte. Schritt um Schritt bewegten sie sich neben den Maultieren vorwärts. Pater Aloysius legte ein Tempo vor, daß selbst den abgebrühtesten Männern angst und bange wurde.
Wirbelnder, eisiger Schnee, scharf wie Millionen spitzer Dolche bohrte sich in die Kleidung, fand seinen Weg durch die kleinsten Schlitze in der Kleidung und drang schmerzhaft in die Haut. Schon bald waren die Augenbrauen weißverkrustet, die Wimpern fast gefroren und die Bärte voller Schnee.
Sie tappten mehr, als sie gingen, blindlings ins Ungewisse, jeden Augenblick daran denkend, daß ein Fehltritt den sicheren Tod bedeuten konnte. Die Schneebrillen konnten sie jetzt nicht aufsetzen, denn sonst sahen sie gar nichts mehr. Stenmark versuchte es einmal, doch er gab es gleich wieder auf, als sich der Schnee darauf festsetzte.
Aus den Kapuzen sahen nur noch schmale Schlitze hervor. Die Augen dahinter waren zu einem winzigen Spalt verkniffen. Trotz der warmen Kleidung begann die Kälte durchzudringen und sich festzusetzen.
Unter ihren Stiefeln knirschte und krachte der Schnee, als würden sie ständig über zersplittertes Glas laufen. Der Wind heulte noch stärker und trieb ihnen Unmengen Schnee entgegen.
Hasard folgte dem Pater wie blind. Es war ihm schleierhaft und unbegreiflich, wie dieser Mann zielstrebig durch die weiße Hölle aus Eis, Schnee und brüllendem Sturm den Weg fand. Zudem zog der Padre wie ein Ackergaul an dem Seil und riß die anderen mit. Hasard gab vor sich selbst zu, daß er längst die Orientierung verloren hatte. Er sah nichts mehr, nicht einmal mehr den Pfad, auf dem die Schneedecke immer höher wurde. Und doch rannte der Mann vor ihm fast. Dabei ging er elastisch, leicht federnd und doch so zielsicher, als liege heller Sonnenschein auf dem Weg und als gäbe es nicht die geringste Sichtbehinderung.
Die Schneedecke wurde höher. Sie wuchs beängstigend schnell. Dazu war der Schnee trocken wie Schießpulver. Sie marschierten durch ein brüllendes, tosendes Inferno und mußten sich nach vorn beugen, um nicht umgeweht zu werden.
Hin und wieder sah Hasard dicht vor sich einen Schatten, der auf und niederschwebte wie ein unwirklicher grauer Schemen. Der Schatten hatte es immer eiliger. Er kannte keine Müdigkeit, keine Erschöpfung. Er zog und zog, als hätte er den ganzen Trupp im Schlepp.
Sie selbst waren gegen diesen bergerfahrenen harten Tiroler Mönch bestenfalls „Flachland-Tiroler“, die das Tempo kaum mithalten konnten.
Der Schatten brüllte etwas, das Hasard nicht verstand. Aber es klang so ähnlich, daß sie es bis zum Abend vermutlich geschafft haben würden, falls sie das Tempo beibehielten.
Bis zum Abend! Schon jetzt war es fast dunkel. Der beißende Höllensturm war wie eine Wand, gegen die sie immer wieder anrannten und die nur mit Mühe und Kraft zu durchdringen war.
Hinter Hasard ging Pater David, der riesenhafte Mann, der selbst den Seewolf und Carberry noch überragte. Auch er hatte zu kämpfen und war schon außer Puste. Dem Profos erging es nicht anders.
Verdammt, dachte er, wenn dieser mistige Pfad wenigstens eben wäre, aber es ging immer noch bergauf, als wollten sie den Himmel stürmen.
Und ein Ende dieser eisigen Tortur war vorerst noch nicht abzusehen. Jetzt konnte man schon die Männer auf der „Estrella de Málaga“ und die der „San Lorenzo“ beneiden. Die hockten geschützt an Bord, tranken kühles Bier und klönten. In diesen Höhen wäre ihnen das Bier sicher schnell gefroren. Hier half ein „Wässerchen“ wesentlich mehr und wirkte wahre Wunder.
Carberry wäre gern einmal stehengeblieben, um an jeden Mann einen wärmenden Schluck zu verteilen. Doch an der Spitze schien ein ausgewachsener Elefant zu traben, der mühelos alles hinter sich herzog und ein Tempo vorlegte, daß einem die Luft wegblieb.
Der Profos fluchte verhalten, doch der fauchende und brüllende Schneesturm riß ihm die Worte von den Lippen. Nicht mal der Hintermann verstand andeutungsweise, daß er fluchte. Die Luft wurde immer knapper, der Wind noch eisiger, und der brüllende Schneesturm nahm noch an Heftigkeit zu.
Zu sehen war nichts mehr, absolut nichts. Nicht mal die eigene Hand sah man mehr vor den Augen. Der peitschende Schnee hüllte alles ein, deckte alles zu, webte ein riesiges Leichentuch über die Berge und Pfade und ließ es vereisen.
Da schmerzten die Beine, stachen die Lungen, jagte das Herz, da drohte der Schädel zu zerspringen, und da war die eisige Kälte, die sich immer tiefer in die Knochen fraß. Hinzu kam das heftige Prickeln der Schnee- und Eispartikel, die immer wie nadelspitze Dolche heranfegten und alles durchbohrten.
Diese brüllende und eisige Hölle schien nie mehr ein Ende zu nehmen. Mechanisch setzten sie Fuß vor Fuß und folgten dem jeweiligen Vordermann, mit dem sie durch das Seil verbunden waren. Ohne dieses Seil passierte es, daß ein Mann strauchelte. Sobald es dann einen Ruck gab, stemmten die anderen die Beine fest in den Schnee.
Jeder fragte sich beklommen, ob es diesen fürchterlichen Abgrund neben ihnen noch gab, der jetzt durch das Schneetreiben nicht mehr zu sehen war. Befanden sie sich noch auf dem Pfad, oder war der längst breiter geworden?
Außer Aloysius konnte keiner diese Frage beantworten. Sie folgten ihm blind und mußten sich auf ihn verlassen. Um die Führung beneidete ihn niemand. Die konnte nur ein Mann halten, der diese kalten Regionen der Tierra helada wie seine Hosentasche kannte. Aloysius schien selbst durch dicke Schneewände noch sehen zu können.
Der Profos streckte einmal die Hand nach links aus. Sie stieß an harten Fels. Dann bückte er sich im Gehen und tastete weiter nach rechts hinüber.
Da war nichts, wie er entsetzt feststellte. Also befanden sie sich noch auf diesem lebensgefährlichen Ziegenpfad, den er beinahe für immer verlassen hätte.
Von vorn erklang lautes Brüllen. Aloysius ließ das Seil etwas durchhängen, damit Hasard merkte, daß er anhielt, und er nicht auf ihn aufprallte. Das hätte den ganzen Trupp ins Schleudern gebracht. So blieb einer nach dem anderen stehen.
Der Pater drehte sich um und legte die Hände trichterförmig an die Lippen: „Der Steilpfad ist hier zu Ende! Wir bewegen uns jetzt gleich über ein riesiges Hochplateau! Dort erreichen wir einen Felszug und damit die Höhlen in den Bergen! Bitte weitersagen!“
Hasard brüllte die eben gehörten Worte weiter nach achtern. Der letzte Mann verstand immer noch nichts, und so gingen die Worte wie ein Lauffeuer von Mann zu Mann, bis sie endlich auch den letzten erreichten.
Die zweite Anordnung lautete, daß jeder am Seil bleiben und keiner es lösen sollte, weil das Hochplateau ebenfalls seine ganz besonderen Tücken hätte.
„Mich kann nichts mehr erschüttern!“ brüllte der Profos. „Viel mehr Tücken als dieser Mistpfad kann es auch nicht haben!“
Niemand verstand, was er sagte, aber mehr oder weniger dachten doch alle das gleiche. Sie brauchten nicht mehr so dicht am Abgrund zu gehen, und das war schon eine Erleichterung.
Das Plateau erwies sich jedoch ebenfalls als recht tückisch. Über die gewaltige Hochfläche pfiff der Wind noch stärker. Hier konnte er ungebrochen seine volle Kraft entfalten, und das tat er auch mit einer geradezu bestialischen Wut. Er pfiff, röhrte und orgelte wie auf hoher See, wenn ein wilder Orkan losbrach. Ganze Schneewände trieb ihnen der Wind gegen die erschöpften Körper. Dazu ging es wieder leicht bergan auf einem tückischen Untergrund, der stark vereist war.
Hier mußten sie sich regelrecht vorwärtskämpfen, mit aller Kraft, die sie noch hatten. Sie krochen fast über den Boden, sonst hätte der wildjaulende Sturm sie umgeblasen.
Es mußte jetzt gegen Abend sein, wie sie vermuteten. Zu sehen war immer noch nichts. Sie hatten nicht einmal eine ungefähre Vorstellung von der Fläche, über die sie sich bewegten. Ihre Dimensionen blieben vorerst unbekannt. Sie hatten nur gehört, daß es ein gewaltiges Hochplateau wäre. Aber hier war alles gewaltig, hier war alles Superlativ, gigantisch, unermeßlich hoch oder unauslotbar tief.
Einmal schlug Dan O’Flynn der Länge nach hin. Er rutschte auf der glatten Fläche ein Stück zur Seite, bis ihn die anderen abfingen. Dann glitt Gary Andrews fluchend aus, etwas später erging es dem Seewolf und Ribault ebenso.
Und immer noch pfiff und heulte der Sturm sein nicht endenwollendes eisiges Lied. Mit Urgewalten orgelte er heran, hob die Schneemassen hoch und schleuderte sie ihnen entgegen.
Die eisigen Regionen prüften die Eindringlinge auf Herz und Nieren, und wer ihnen nicht standhielt, den brachten sie gnadenlos um oder warfen ihn in klaffende Abgründe und ließen ihn einfach liegen. Der eisige Schnee wob sein Laken darum.
Man konnte sehr schnell aufgeben in dieser gnadenlosen Bergwelt der eisigen Tausender. Wer einmal vom Weg abkam, war verloren, er würde im peitschenden Schneesturm nicht lange überleben.
Das wußten sie alle, sie erfuhren es mit jedem Augenblick, daß die Berggiganten kein Erbarmen kannten, und so kämpften sie sich mit letzter Kraft weiter.
Ewigkeiten vergingen im Geheul des Sturmes, Minuten zogen sich endlos in die Länge und wurden zur körperlichen Qual.
Dann ließ der heftige Sturm unvermittelt etwas nach. Auch das Schneetreiben war nicht mehr so dicht.
Pater Aloysius blieb stehen. Die Umrisse seines Körpers waren wieder einigermaßen erkennbar.
„Wir sind gleich da!“ rief er. „Links von uns befindet sich der Felszug mit den Höhlen! Nur ein paar Minuten noch!“
Den Männern klang es wie liebliche Musik in den Ohren. Sie waren total ausgelaugt, erschöpft, erledigt, durchgefroren und kaum in der Lage, ein Bein vor das andere zu setzen. Den Rest der Strecke stolperten sie mehr, als sie gingen.
Aber sie bewunderten insgeheim den Padre, dem man nichts von den Strapazen ansah. Der kletterte immer noch leichtfüßig wie eine Gemse bergan und schien frisch und munter zu sein.
Der Schnee wehte jetzt in größerer Höhe über sie hinweg. Hoch über ihren Köpfen heulte und jaulte es in schrecklichen Tönen.
Dann tauchte der im Windschatten liegende Bergzug vor ihnen auf.
Carberry zuckte zusammen, als sein Diego unvermittelt einen trompetenähnlichen Ton ausstieß.
„Klar, du freust dich auch auf die Höhlen“, sagte er, aber er kannte seinen Diego offenbar doch noch nicht richtig, denn der drückte keineswegs seine Freude aus. Es war nur ein Schrei der Angst, und ein Schrei, der die anderen warnen sollte.
Noch ehe jemand richtig begriff, was geschah, schoß aus einer der kleineren Höhlen im Fels ein langgestreckter grauer Schatten. Der blitzschnell durch die Luft jagende Schemen stieß ein wildes Fauchen aus und brüllte laut auf.
Dann sprang der Schatten eins der erbärmlich schreienden Maultiere an und riß es mit einem Satz zu Boden.
Ein Puma! Und er schien sehr hungrig zu sein, so hungrig, daß er sich an den Männern nicht störte.
Hasard und seine Männer reagierten nicht einmal halb so schnell wie Pater Aloysius. Sie begriffen im ersten Augenblick auch gar nicht, was hier passierte. Sie sahen nur den langgestreckten Schatten, der das Maultier umgerissen hatte und jetzt fauchend und brüllend nach dem Tier hieb.
Pater Aloysius fuhr blitzschnell herum. Noch während er den fauchenden und brüllenden Puma fixierte, riß er einen scharfgeschliffenen Dolch aus dem Gürtel, eine Art Hirschfänger, der jedoch ganz spitz zulief.
Der Puma schlug mit der Pranke nach dem Muli, das am Boden lag und wild mit den Hufen um sich keilte. Die anderen Mulis waren verängstigt ein paar Schritte auf die Höhle zugelaufen. Ihre Flanken zitterten vor Angst.
Da war der Padre mit ein paar mächtigen Sätzen heran. Er rannte direkt auf die sich wie wild gebärdende Raubkatze zu, in der Rechten das lange Messer, die Linke abwehrend von sich gestreckt.
Der Puma fuhr fauchend herum, als er den Mann sah. Aber er wollte auch seine Beute nicht loslassen. Die rechte Pranke fuhr rasend schnell durch die Luft, als wolle sie den Mann hinwegfegen.
Pater Aloysius warf sich auf die fauchende Bestie. Mensch und Tier bildeten für Augenblicke ein wildes Knäuel.
Ein Prankenhieb streifte den Padre an der linken Schulter. Die Raubkatze versuchte zu beißen, doch Aloysius schob den Arm wie eine gewaltige Ramme vor und stach mit aller Kraft zu. Sofort danach stach er noch einmal zu.
Ein wildes heiseres Fauchen erklang. Der Puma bäumte sich auf, fiel auf den Rücken und schlug mit den Pranken um sich. Dann begannen die Pranken wild zu zucken. Die Muskeln erschlafften, das Tier rollte auf die Seite, zuckte noch einmal und lag dann still.
Das Muli erhob sich und rannte wie verrückt in die große Höhle.
„Dort geht es hinein“, sagte Aloysius und zeigte auf den dunklen Eingang der Höhle. „Dort sind wir vorerst in Sicherheit. Den Puma werde ich später aus dem Fell schlagen.“
Die Männer starrten ihn an wie einen Geist. Der Pater schien über nie versiegende Kraftreserven zu verfügen. So ganz nebenbei erledigte er auch noch eine fauchende und hungrige Wildkatze.
„Alle Achtung“, sagte Hasard erschöpft. „So schnell hätte von uns keiner mehr reagiert.“
„Man gewöhnt sich an alles“, erwiderte Aloysius trocken. „Ich konnte doch nicht zulassen, daß er das Maultier niederreißt. Schließlich haben wir ja nur diese acht.“
Vier Höhlen gab es insgesamt, und weiter oben befand sich eine Pukara, direkt an den Hang gebaut. Aber in die ehemalige Festungshütte der Inkas wehte der Schnee. Außerdem war sie teilweise verfallen.
In einer der kleinen Höhlen hatte der Puma gelauert Aloysius verspürte noch jetzt deutlich den Geruch der Raubkatze, als er die Höhle vorsichtig untersuchte und ableuchtete. Es war ja möglich, daß der Puma nicht allein war. Es gab jedoch keine weiteren Raubtiere in den Höhlen.
Die Maultiere wurden „gelöscht“, wie Carberry sagte. Er lud seinem braven Diego die Klamotten ab und packte sie auf den Boden. Die große Höhle war so geräumig, daß im angrenzenden Teil alle Mulis bequem Platz hatten.
Dann wollte er Diego den Hals kraulen, aber das Maultier war diesmal nicht sehr begeistert darüber. Der Schreck über den Puma steckte ihm noch in den Knochen. Und das andere Maultier, das der Puma fast gerissen hätte, stand verloren und verstört ganz im Hintergrund und scharrte mit den Hufen.
Hoch über ihnen orgelte der Schneesturm. Er stürmte aus voller Kraft, aber sie befanden sich gewissermaßen in Lee, denn diese Stelle konnte der brüllende Sturm nicht erreichen. Die Felsen boten hervorragenden Schutz.
Der Profos tastete sich mit einer Fackel hinaus und suchte im Windschatten der Felswände nach Krüppelholz, das der Wind zusammengeblasen hatte. Auch von dem trockenen Gras fand sich eine ganze Menge. Etwas später half ihm Matt dabei. Sie sammelten eine Menge zusammen, breiteten Decken aus und entzündeten in der Nähe des Eingangs ein Feuer. Dann wärmten sie sich erst einmal die erstarrten Hände.
Carberry kramte die Kiste hervor und brachte „Wässerchen“ zum Aufwärmen. Die wärmten von innen und taten es noch schneller als das Feuer. Sie explodierten fast im Magen. Wohlige Wärme breitete sich aus.
Auch die beiden Padres hielten mit.
„Nachher gibt’s noch was Feines“, verkündete Dan O’Flynn. „Wir bereiten heißen Wein und gießen ein Schnäpschen hinein. Das vertreibt dann endgültig die Kälte aus den Knochen.“
Zunächst aber wurden zwei Kessel über das Feuer gehängt. Es gab Bohnen mit Speck und indianisches Maisbrot. Die Männer, immer noch ausgelaugt und müde, langten kräftig zu.
„Jetzt ist es richtig gemütlich hier“, sagte von Hutten. „Da draußen hätte ich es keine zwei Stunden mehr ausgehalten. Das gebe ich ganz ehrlich zu. Es ist eine einzige Strapaze.“
„So ein Schneesturm kann mitunter ganz unangenehm sein“, sagte auch Aloysius. Er hatte auf einer Decke Platz genommen und sah so aus, als sei er frisch und ausgeruht. Seine gefütterte Jacke hatte er ausgezogen. Jetzt langte er kräftig in die Bohnen mit Speck.
Auch die Mulis waren inzwischen versorgt worden. Die Männer hatten den einen Kessel mit Schnee gefüllt und ihn über dem Feuer geschmolzen. Das Wasser, das die Mulis dann soffen, war lauwarm. Sie schlürften es mit sichtlichem Behagen und fraßen Mais dazu.
Als Dan O’Flynn sein heißes Weingebräu ansetzte, sah er, daß Fred Finley, Gary Andrews und Mel Ferrow schon schliefen. Sie hatten sich an die Felswand gelehnt, die Decken ins Kreuz gesteckt und pennten einen weg.
Kein Wunder, auch die anderen waren hundemüde, aber auf das heiße Gesöff wollten sie dennoch nicht verzichten.
Inzwischen ging Aloysius hinaus und kehrte kurz darauf mit dem erlegten Puma zurück, den er einfach hinter sich herzog.
„Bist du nicht müde, Padre?“ fragte Hasard erstaunt.
„Nun, ich möchte mir das duftende Gebräu auch nicht entgehen lassen, und ehe ich herumsitze und die Hände in den Schoß lege, kann ich ja den Puma aus dem Fell schlagen. Es ist ein herrliches Fell.“
Draußen kreischte, tobte und heulte es, als stünde der Weltuntergang unmittelbar bevor. Hier drin war es richtig anheimelnd. Da brannte das Feuer, da blubberte der heiße würzige Wein in dem Kessel, und da hockte Aloysius am Boden und zog der Katze das Fell über die Ohren. Den Kadaver warf er nach draußen in den Schnee, denn das Fleisch der Raubkatzen schmeckte nicht, wie er sagte.
Der Profos lehnte an der Wand und grinste vor sich hin, während er vorsichtig an dem heißen Wein nippte. Jetzt müßte Paddy Rogers hier sein, dachte er, der hätte sich um das Fell des Pumas den Teufel gekümmert, aber nicht um das Fleisch. Der hätte vermutlich die ganze Raubkatze über dem Feuer geröstet und auch allein gefressen, so hungrig wie er immer war.
„So ähnlich verfahre ich auch immer“, sagte er schläfrig. „Aber bei mir ist das schwieriger.“
„Wovon redest du, Bruder?“
„Davon, daß ich hin und wieder manchen Rübenschweinen die Haut in Streifen von ihren Affenärschen abziehe. Bei einem Puma habe ich das noch nicht versucht.“
Der Padre lachte verhalten, dann drehte er sich zu Ed um. Aber der lehnte bereits an der Wand und schlief. Auch die anderen nickten schnell ein. Selbst der Seewolf vermochte kaum noch die Augen offen zu halten.
Pater Aloysius hatte dafür volles Verständnis. Diese Höhen schafften selbst die härtesten Kerle. Er ging zu jedem einzelnen Mann hinüber, nahm eine Decke und hüllte ihn darin ein. Er selbst legte sich erst dann schlafen, als er das Pumafell restlos gesäubert hatte.
Sie schliefen den Schlaf der Erschöpfung bis weit in den Morgen hinein.
„Wir werden heute noch hier bleiben müssen“, sagte der Pater. „Der Schneesturm hat sich zwar gelegt, aber es weht immer noch Schnee heran. Es ist auch besser, wenn sich alle noch einmal gründlich ausruhen. Man gewöhnt sich dann besser an die Höhenunterschiede.“
Hasard sah das natürlich ein, denn immer noch waren einige von ihnen von Kopfschmerzen geplagt.
„Wie du meinst, Padre. Dann brechen wir morgen auf. Das wäre dann der elfte Dezember, wenn ich richtig gerechnet habe.“
„Richtig. Morgen ziehen wir dann weiter.“
„Wenn ich hier ständig leben müßte“, sagte Hasard, „dann wäre ich nur noch ein halber Mensch. Wie halten die Indios das eigentlich aus?“
„Sie sind der dünnen Luft angepaßt, genau wie auch die Tierwelt. Die Quechua-Indianer haben beispielsweise einen sehr breiten Brustkorb. Ihr Herz ist wesentlich größer als das unsere und pumpt dementsprechend auch mehr Blut durch den Körper als ein normales Herz. Wir haben in der Puna einmal ein totes Vicuña gefunden. Das Tier ist ganz besonders flink und schnell, und so haben wir es aus Neugier aufgeschnitten. Wir fanden ein übergroßes Herz und eine ungewöhnlich große Lunge in seinem Körper, viel größer als die der normalen Tiere. Der Herr da oben hat das wunderbar durchdacht.“
„Ja, das hat er.“
Carberry linste zu dem Pater hinüber und grinste schief.
„Eins hat der Herr aber vergessen“, sagte er.
„Fang aber nicht wieder mit dem Öl des heiligen Vaters an“, warnte Aloysius.
Der Profos schüttelte den Kopf und strich über seinen Bart. Sie alle hatten tagealte Bärte und ließen sie wachsen.
„Man müßte sich mal gründlich waschen können“, sagte Ed. „Ich fühle mich bereits wie ein Rübenschwein, ein ungewaschenes. Da hätte der Herr doch schon mal in der Nähe ein Bächlein fließen lassen können, damit sich seine Schäfchen den Dreck abspülen können.“
Aloysius verschränkte die Arme über der breiten Brust. Sein Lächeln war diesmal unergründlich.
„Vielleicht läßt er eins fließen, Bruder. Du weißt ja, der Herr hat ein Ohr für alle Wünsche.“
„Und du hast einen besonders guten Kontakt zum Herrn, Bruder. Vielleicht kannst du ihn daraufhin mal ansprechen.“
„Mal sehen“, erwiderte Aloysius trocken. „In einer stillen Stunde werde ich mit ihm reden.“ Er lächelte immer noch so unergründlich. Ed musterte ihn, aber er konnte das Lächeln nicht deuten. Fast erschien es ihm etwas schlitzohrig. Aber er wollte dem guten Padre um Himmelswillen nichts unterstellen.
Den Tag verbrachten sie in oder vor der Höhle. Der Sturm heulte immer noch und trieb den Schnee über die Berghänge. Das Schlimmste war jedoch vorüber.
4.
Am elften Dezember zogen sie weiter. Von den zurückliegenden Strapazen hatten sie sich gut erholt. Die zwei Tage der Ruhe und Entspannung hatten sich bestens ausgewirkt.
Unermüdlich wurde nun marschiert, bis die Dunkelheit hereinbrach. Dann wurden die Zelte aufgeschlagen, das Biwak errichtet und ein Feuer entzündet.
Inzwischen wucherten ihre Bärte weiter. Die Gesichter waren von der intensiven Sonneneinstrahlung tiefbraun geworden.
Am sechzehnten befanden sie sich zwischen dem Sajama Berg, dem riesigen schneebedeckten Vulkan der Westkordillere und dem Lago de Chungara.
Hier mußten sie eine steil bergan führende Eisfläche überwinden. Der Wind stieß wieder hart und eisig in ihre Gesichter. Wenn sie diese Eisfläche hinter sich hatten, erstreckte sich vor ihnen der gewaltige Altiplano, das bolivianische Hochland zwischen den Ketten der Anden. Dort begann auch die Puna, jene rauhe und sturmgepeitschte Landschaft, in der die Nächte bitterkalt waren und neun Monate im Jahr kein Regen fiel.
Aber noch war es nicht soweit. Zuerst mußte diese eisige steile Fläche in Angriff genommen werden.
Diese Fläche war tückisch. Der eisige Wind hatte Schneewehen dahin getragen. An vielen Stellen war der Schnee gefroren und bildete eine harte Kruste. Hin und wieder aber war er noch pulverig. Die eisglatte Fläche darunter war nicht zu sehen.
Sie arbeiteten sich mit Eispickeln und Haken immer weiter hinauf, bis sie fast die Hälfte erreicht hatten.
Da rutschte plötzlich Fred Finley aus. Unter dem knochentrockenen Pulverschnee war spiegelglattes Eis. Er wollte sich an dem Eispickel festhalten, doch der rutschte ab und sauste über den glatten Hang nach unten.
Matt Davies, der auf Eispickel verzichten konnte – er hieb immer seine Hakenprothese in den Untergrund –, versuchte noch nach Fred zu greifen, doch er griff ins Leere.
Auch Pater David konnte Finleys Sturz nicht mehr bremsen. Es ging alles viel zu schnell.
Finley sauste ab, wie aus einer Kanone geschossen. Der Länge nach raste er mit ausgebreiteten Armen über das Eis, suchte immer wieder krampfhaft nach Halt und fand keinen. Seine sausende Talfahrt wurde immer rasender, immer schneller.
Sie alle hatten bemerkt, was passiert war, doch sie mußten hilflos mit ansehen, wie Finley unaufhaltsam über die Eisfläche sauste.
Zum Glück gab es da unten keine Schlucht, in die er hätte stürzen können. Aber es gab dicke Wülste im Eis und am Fuß des Hanges nochmals eine Eisbarriere.
In die sauste Fred Finley hinein, mit den Füßen voran. Sein Sturz wurde jäh gebremst, und er blieb stöhnend liegen.
„Verdammt noch mal“, sagte Hasard. Er sah, daß Fred Finley bewegungslos liegenblieb, und schluckte schwer.
Jean Ribault preßte die Lippen zusammen. „Hoffentlich ist ihm nichts passiert“, murmelte er betroffen.
„Wir gehen vorsichtig nach unten“, sagte Aloysius. „Vielleicht ist er nur bewußtlos.“
Hasard, Ribault und Aloysius begannen unverzüglich mit dem Abstieg auf der glatten Fläche. Die anderen Männer standen wie erstarrt da und blickten hinunter.
Als Pater David ihnen folgen wollte, winkte Hasard ab.
„Drei Mann genügen, David“, sagte er. „Die anderen sollen vorsichtig nach oben steigen. Wir erledigen das schon.“
„Oben gibt es eine Felsenhöhle!“ rief Aloysius. „Geht dort hinein und bereitet ein Lager in der Nische neben der Höhle!“
Pater David nickte beklommen. Vorsichtig arbeiteten sie sich weiter nach oben, während die drei anderen Männer weiter nach unten stiegen, bis sie die Eisbarriere erreichten.
Hasard drehte Fred Finley behutsam auf den Rücken und sah in ein vor Schmerzen grau verzerrtes Gesicht. Finley stöhnte leise.
Unendlich erleichtert ging Jean Ribault in die Knie und beugte sich über Finley. Gott sei Dank, er lebte, aber er schien unerträgliche Schmerzen zu haben.
„Kannst du aufstehen?“ fragte Ribault.
„Nein, ich kann nicht. Irgend etwas ist mit meinem rechten Bein. Der Schmerz zieht mir bis in den Schädel.“
„Ihn hier zu untersuchen, hat keinen Zweck“, sagte Aloysius. „Vermutlich hat er sich was gebrochen oder verstaucht. Wir ziehen ihn nach oben und bringen ihn in die Felsnische. Dort können wir in aller Ruhe nachsehen.“
Zwei Seile wurden zusammengeknotet und Fred Finley unter die Achseln geschoben.
Hasard und Jean zogen ihn vorsichtig nach oben. Aloysius stieg dicht hinter Fred auf, um ihn abzufangen, falls einer der beiden Männer abrutschen sollte.
Es war eine mühsame Plackerei, bis sie ihn endlich oben hatten. Dort warteten schon die anderen, um ihn in Empfang zu nehmen.
„So ein Mist“, sagte Finley, „mir ist was ins linke Auge geflogen, und dann war ich plötzlich blind. Leider habe ich nur das eine.“
Das rechte Auge bedeckte eine schwarze Klappe. Finley hatte es in einem Jahre zurückliegenden Kampf gegen Piraten verloren.
„Nur ruhig“, sagte Hasard. „Reden kannst du später. Wir werden erst einmal sehen, was dir fehlt.“
Vorsichtig trugen sie ihn zu der Felsnische hinüber, die direkt an eine mittelgroße Höhle in den Felsen anschloß. Die Männer hatten bereits Decken ausgebreitet und einen weichen Untergrund geschaffen. Sie alle sahen besorgt auf Finley, dessen Gesicht immer noch vor Schmerzen verzerrt war.
„Hoffentlich hat er sich nichts gebrochen“, murmelte Ribault. „Das wäre nicht auszudenken.“
„Es scheint aber doch so, Jean“, meinte Karl von Hutten. „Allein der Gesichtsausdruck sagt alles.“
Pater David und Pater Aloysius, die sich am besten auf ärztliche Kunst verstanden, nahmen sich Fred Finley vor. Als sie ihm den rechten Stiefel auszogen, bäumte sich Fred hart auf und fiel stöhnend auf die Decken zurück.
Die beiden Padres warfen sich einen besorgten Blick zu, sagten aber vorerst kein Wort.
Besorgt standen die anderen herum. Sie wußten nicht, was sie tun sollten, und starrten auf die beiden Padres, als würden die die Erlösung bringen.
„Er hat sich den rechten Knöchel gebrochen“, sagte Aloysius in die Stille hinein, nachdem er das Bein abgetastet hatte.
Der Riese David bestätigte das.
„Ja, ein Knöchelbruch, kein Zweifel. Er ist sehr hart in die Eisbarriere geprallt.“
„Kann es nicht doch eine Verstauchung sein?“ fragte Jean Ribault hoffnungsvoll.
„Leider nein.“
„Knöchelbruch“, sagte Hasard tonlos, „auch das noch. Weiter hat uns auch nichts gefehlt.“
„Es hätte schlimmer ausgehen können“, sagte Aloysius. „Er hätte auch mit dem Schädel aufs Eis prallen und sich einen Schädelbruch zuziehen können. Alles in allem kann man noch von einem Glücksfall sprechen.“
Beklommenes Schweigen folgte seinen Worten.
Fred Finley richtete den Oberkörper ein wenig auf, doch der Padre drückte ihn sofort auf das provisorische Lager zurück.
„Laßt mich hier liegen“, flüsterte er, „ich bin euch auf dem Marsch nur hinderlich. Wenn ihr mir etwas Verpflegung da laßt und etwas zu trinken, halte ich es hier wochenlang aus. Ich will nicht, daß der Trupp meinetwegen behindert wird.“
Carberry schwoll bei diesen Worten sogleich der Kamm. Er schob das Rammkinn vor, das jetzt mit dem Bart noch wilder und gröber wirkte, und donnerte los: „Glaubst denn du krummbeiniger Zitteraal, daß wir dich hier einfach liegen lassen, was, wie? Für was hältst du uns, du Rahenschwenker? Liegen lassen? Pah!
Damit dich der nächste hungrige Puma frißt oder dir Eisblumen aus den Ohren wachsen? So was will ich nicht noch einmal hören, sonst hast du links auch gleich noch einen Knöchelbruch und kannst auf dem Bauch nach Potosi rutschen.“
Die Spannung löste sich unter leisem Gelächter, weil der Profos wieder mal so liebliche und freundliche Vergleiche zur Hand hatte.
Fred Finley lächelte schwach und wollte etwas sagen. Da geschah etwas, was die Männer total verblüffte und selbst den Profos zusammenzucken ließ.
Die rechte Faust von Pater Aloysius zuckte kurz und hart vor. Sie kam so schnell, daß die Bewegung kaum zu sehen war. Er hatte nicht lange gefackelt und zugeschlagen, noch bevor Fred Finley begriff, was überhaupt geschah.
Aloysius schlug „eine mächtige Kelle“, wie das auch der Profos respektvoll ausdrückte, und hinter seinem Schlag saß die Kraft eines ausgewachsenen Ochsen. Diese Kelle traf Fred Finley wie eine lautlose Explosion an der Schläfe.
Finleys Gesichtsausdruck verklärte sich, als hätten soeben die Englein für ihn gesungen. Schlaff und entspannt fiel er auf das Lager zurück und rührte sich nicht mehr.
Im Gesicht des Profos zuckte es. Dann räusperte er sich einmal und strich wieder über seinen stoppeligen Bart.
„Das mußte sein“, sagte Aloysius trocken. „Ich mußte ihn betäuben, damit wir den Fuß richten und schienen können. In wachem Zustand hätte er sich die Kehle heiser gebrüllt. Gerade bei einem Knöchelbruch sind die Schmerzen unerträglich.“
Jetzt konnten sie in aller Ruhe an die Arbeit gehen. Alle beide Padres verstanden sich hervorragend darauf. Aloysius tastete noch einmal alles ab.
„Glück im Unglück“, sagte er lakonisch, „der Knöchel ist nicht so gebrochen, daß Splitter die Haut durchstoßen haben. Es ist ein glatter, sauberer Bruch, und daher auch nicht weiter kompliziert. Er kann eben nur eine Zeitlang nicht mehr auftreten.“
Sie richteten das Bein aus und schienten es mit kleinen harten Brettern, die sich in Aloysius Arznei-Kiste befanden. Beide arbeiteten flink und geschickt. Sie standen dem Kutscher in nichts nach.
„Fertig“, sagte David. „Das wird glatt und sauber verheilen, braucht aber leider seine Zeit. Unter Umständen können das Wochen sein.“
„Und was wird jetzt?“ fragte Hasard. „Wir müssen ihn tragen.“
Das Lächeln des Paters war recht sparsam.
„Ja, aber nicht lange. Wir befinden uns vor der Puna. In zwei Tagesmärschen, dicht am Rande der Puna, lebt eine Indio-Familie, die ich gut kenne. Sie sind sehr hilfsbereit und werden ihn aufnehmen, bis wir aus Potosi zurückgekehrt sind.“
Der Profos schüttelte staunend den Kopf.
„Bei allem heiligen Respekt, Bruder, aber du hast immer zur rechten Zeit etwas auf der Pfanne“, sagte er anerkennend.
„Das sind meine bescheidenen Kontakte zum Herrn, dessen Wege unerforschlich sind“, sagte Aloysius lächelnd.
Die anderen grinsten bis über die Ohren, als sie das hörten. Aloysius war so ganz nach ihrem Geschmack. Ohne ihn hätten sie sich in der Bergwelt nicht mehr zurechtgefunden, und Probleme wie die mit Fred Finley wären nur schlecht zu bewältigen gewesen.
„Bei dieser Indio-Familie sehe ich die einzige Möglichkeit“, sagte der Pater. „Es ist die beste und vernünftigste Lösung, denn wir können ihn nicht nach Potosi mitnehmen. Es gibt allerdings auch noch eine andere, aber das muß Sir Hasard entscheiden. Zwei Männer könnten Finley auf einer Tragbahre über Stock und Stein nach Tacna zurückschleppen. Was ist dir lieber, Sir?“
Hasard brauchte wahrhaftig nicht lange zu überlegen. Diese Möglichkeit schied von vornherein aus.
„Damit wäre der Potosi-Trupp um drei Mann geschwächt. Drei Männer würden ausfallen, die wir vielleicht dringend brauchen. Nein, Pater Aloysius, die Lösung mit der Indio-Familie ist wirklich die beste. Es bleibt dabei. Wir müssen nur noch eine Tragbahre zusammenbauen, und das wird ein kleines Problem.“
Aber Aloysius hatte auch da eine Lösung, zumindest hatte er für alle Fälle weitblickend vorgesorgt. Er ging zu dem einen Maultier hinüber und nahm aus der Packtasche eine längliche derbe Plane heraus, die er Hasard zeigte.
„Das Problem ist schon gelöst, weil man mit derartigen Unfällen in den Bergen immer rechnen muß. Ich habe sie selbst angefertigt. An den Längsseiten sind die Nähte so groß, daß man bequem links und rechts zwei Zeltstangen hindurchschieben kann, und schon ist die Tragbahre fertig. Wenn man sie nicht mehr braucht, dann faltet man sie einfach zusammen.“
Hasard sah den Pater nachdenklich an. Dann lachte er leise.
„Hast du nicht Lust, auf meinem Schiff zu segeln, Padre?“
Der Padre grinste jetzt auch ein wenig.
„Schon, schon, wirklich. Aber ich kann meine Brüder in Tacna nicht im Stich lassen. Außerdem würde mir auf den hohen Rahen immer schwindlig werden.“
„Das glaube ich unbesehen“, sagte Ed. „Ihm wurde ja auch hier dauernd übel, sobald es bergan ging, was, wie, Bruder?“
„So ist es.“
Fred Finley kam wieder zu sich und sah sich verständnislos um.
„Was ist passiert?“ fragte er erstaunt und blickte auf sein rechtes Bein, das jetzt geschient war. „Ich war ganz plötzlich weg. Muß wohl ohnmächtig geworden sein.“
„Das war mehr eine himmlische Ohnmacht“, sagte der Profos. „Bruder Aloysius hat dir eine geplättet.“
„Geplättet?“ fragte Fred verständnislos.
„Mann, das war ein Hammer der besten Sorte. Da konnte man direkt neidisch werden. Das ging zack zack, und schon warst du weg. Wegen der Schmerzen, verstehst du?“
„Verstehe“, murmelte Fred. „Meinen herzlichsten Dank, Padre.“
„Schon erledigt. Tut mir leid, wenn ich zuschlagen mußte, aber es war besser so.“
„Selig sind, die da hart zuschlagen“, dozierte der Profos, „denn sie vollbringen wahre Wunder. So ähnlich steht’s in der Bibel.“
„Na, die Stelle mußt du mir unbedingt mal zeigen“, sagte der Pater trocken, „die habe ich anscheinend übersehen.“
„Ja, ich auch“, meinte Pater David lächelnd. „Aber du mußt zugeben, daß der Profos eine sehr poetische Ader hat, Bruder.“
„Und eine sehr blumige Ausdrucksweise. Er greift da in einen schier unerschöpflichen Quell hinein. Das hat auch schon Bruder Franciscus anklingen lassen.“
Die Tragbahre war fertig. Ein paar Handgriffe hatten dazu genügt.
„Gary und ich tragen die erste Strecke“, sagte Ed. „Und dann tragen wir umschichtig weiter. Wir müssen unser Freddylein nur noch schön in warme Decken hüllen, damit er sich nichts abfriert.“
„Wie kann ich das nur wieder gutmachen?“ fragte Fred. „Jetzt müßt ihr euch auch noch abschleppen.“
„Indem du dein Maul hältst“, sagte der Profos grob. „Im übrigen kannst du dich ganz wie ein Sänften-Bubi fühlen. Sei froh, daß wir dich Spillerhering tragen. Wenn ich auf dem Ding liegen würde, hättest du mit dem Schleppen nicht viel Freude.“
„Das ist allerdings wahr“, murmelte Finley.
Der Marsch ging weiter. Fred Finley lag auf der Tragbahre und blickte ergeben zum jetzt wieder blauen Himmel. Einmal sagte er leise: „In Potosi werde ich für euch ein großes Hindernis sein.“
Ed ließ vor Verblüffung fast die Holme fallen.
„Ach – du weißt ja noch gar nicht, daß deine Reise zu Ende ist, Mann. Warst da ja noch bewußtlos. Glaubst du etwa, wir schleppen dich bis nach Potosi und stellen dich da an der Piazza ab? Das würde die Dons doch recht nachdenklich stimmen. Dein Potosi-Unternehmen ist übermorgen zu Ende. Da erreichen wir nämlich einen Indiohof, wo sie kleine bolivianische Rübenschweine züchten. Denen wirst du so lange Gesellschaft leisten, bis wir wieder zurück sind. Inzwischen ist deine Steuerbordgräte verheilt, und wir nehmen dich wieder mit. Alles klar, Mister?“
„Alles klar“, murmelte Fred verblüfft. „Das habe ich nicht gewußt. So ein Zufall, daß da Indios sind.“
„Das ist kein Zufall. Das haben wir den guten Kontakten des Herrn – äh – des Herrn Paters, ach verdammt, des Paters zum Herrn zu verdanken.“
Zwei Tage später erreichten sie die Puna.
Die eigentliche Kernlandschaft Boliviens, der bis über viertausend Yards hohe Altiplano, lag vor ihnen. Das war der westlichste Teil des Punablocks. Dieses achthundert Meilen lange und zweihundertfünfzig Meilen breite abflußlose Hochland ist eine Auffüllungssenke. Nord-südlich verlaufende Gebirgszüge zergliedern das Hochland in einzelne Beckenlandschaften.
In der Puna ist es am Tage in der Sonne warm, aber der Boden im Schatten bleibt meist gefroren. Die Umwelt wirkt auf den ersten Blick äußerst lebensfeindlich, und doch gibt es gerade hier Leben, wenn auch nicht in allzu vielfältigen Formen.
Immerhin leben hier Echsen, Nager und Vögel. Hier weiden das flinke Vicuña und die Guanakos. Aber in den Hochweiden der Anden finden sich auch noch Andenhirsche, verschiedene Fuchsarten, Chinchillas und Viscachas. Von Zeit zu Zeit stellen sich im öden Hochland sogar Kolibris ein, dann nämlich, wenn der stachelige Puyas blüht, der Riese unter den Pflanzen der Puna, der über hundert Jahre alt werden kann. Dann erst, mit rund hundert Jahren, blüht der Puyas und entfaltet eine unvorstellbare Pracht.
Über all dem aber schwebt der mächtigste Vogel der Anden, der majestätisch dahingleitende Kondor, von dem die Indios behaupten, er schlafe auch im Fluge.
Diese Landschaft lag jetzt vor dem Potosi-Trupp.
„Endlich hat die Kraxelei ein Ende“, sagte Matt Davies. „Jetzt geht es wenigstens mal geradeaus.“
„Vorerst noch“, sagte Hasard einschränkend. „Durch die Puna liegen noch rund hundertfünfzig Meilen Fußmarsch vor uns. Dann geht’s wieder in die Berge, denn wir müssen, wenn wir nach Potosi wollen, noch die Cordillera de los Frailes überqueren.“
„Eine verdammt lange Strecke.“
„Du sagst es, Matt. Aber verglichen mit der bisherigen Etappe wird der Marsch jetzt leichter werden.“
„Was heißt Frailes?“ fragte Matt neugierig.
„Bezeichnenderweise Mönche“, sagte Aloysius lächelnd. „Aber nach mir ist es nicht benannt worden, obwohl ich schon ein paarmal drüben war.“
Fred Finley wurde diesmal von Stenmark und Mel Ferrow getragen. Später lösten sich Ribault und Karl von Hutten ab, dann Dan O’Flynn und Pater David. So kam jeder immer umschichtig an die Reihe, und dann begann es von neuem.
Noch am Vormittag sahen sie einen geschützt liegenden Hof vor sich. Es gab ein paar Adobehütten, Behausungen aus luftgetrockneten ungebrannten Ziegeln. Die Dächer waren strohgedeckt. Um den Hof herum wurde Landwirtschaft betrieben.
Sie hatten gerade einen Blick auf den Indiohof geworfen, als auch schon zwei Männer, zwei Frauen und ein paar Kinder erschienen und dem Trupp neugierig entgegensahen.
Drei Hunde rannten ihnen kläffend entgegen.
„Das ist die Familie, von der ich sprach“, sagte Aloysius. „Unser Freund ist hier in den besten Händen.“
„Und wie verklaren wir den Leuten, was wir wollen?“ fragte Ed. „Ich kann kein Wort Indonesisch, oder wie das heißt.“
„Das sind Quechua. Ich beherrsche ihre Sprache ganz gut. Es wird nicht die geringsten Schwierigkeiten geben.“
„Was kannst du eigentlich nicht, Bruder?“ stöhnte Ed. „Spricht auch noch Kwetschba oder so. Dagegen sind meine Kontakte direkt miserabel, Bruder.“
„Du bist ja auch noch nicht lange hier.“
Die drei Hunde sprangen an ihnen hoch und winselten und jaulten, als wollten sie Männer und Mulis begrüßen. Der einzige, der sich daneben benahm, war wieder mal Diego, denn der donnerte einen in den Wind, daß die Hunde verstört die Schwänze einkniffen.
„Das ist die Begrüßung“, sagte Ed. „Diego hat wenigstens Anstand.“
Zwei Männer standen noch unschlüssig herum, als wüßten sie nicht, wie sie den Trupp einzuordnen hätten. Sie schienen mißtrauisch zu sein und dachten wohl an Spanier, aber dann hatten sie offenbar Pater Aloysius erkannt, denn jetzt löste sich ihre Starre, und sie gingen dem Trupp entgegen.
Hasard stellte erstaunt fest, daß es eine recht herzliche Begrüßung zwischen dem Padre und den Indios gab. Sie schnatterten auf ihn ein, lachten und zeigten dann auf die Tragbahre, auf der Fred Finley lag und freundlich grinste.
Außer Aloysius verstand niemand die Sprache. Der Pater unterhielt sich jedoch fließend und übersetzte auch gleich, damit die anderen wußten, wovon gesprochen wurde.
„Wir hatten einen kleinen Unfall“, sagte Aloysius zu den Indios mit den ledergegerbten Gesichter. Viele Falten waren in diesen Gesichtern, und sie sahen älter aus, als sie waren.
Die Indios bedeuteten ihnen, auf den Hof zu folgen. Dort schnatterten sie wieder auf den Padre ein. Die Kinder blickten aus großen dunklen Augen auf die fremden Männer. Auch von den Frauen wurden sie gemustert.
„Sie haben uns eingeladen. Wir sollen hier übernachten“, übersetzte der Padre. „Die Frauen bereiten gleich etwas zu essen.“
Hasard bedankte sich. Die Frauen musterten ihn verstohlen von der Seite. Auch auf Karl von Hutten blieb ihr Blick eine ganze Weile hängen.
Beim Anblick des freundlich grinsenden Profos’ schienen sie jedoch etwas Furcht zu empfinden. Der sah jetzt mit seinem wilden Bart noch schlimmer aus, wenn auch die Narben größtenteils verdeckt waren.
„Diese Männer sind Engländer“, sagte Aloysius.
Darunter konnten die Indios sich jedoch nichts vorstellen, und der Pater versuchte es zu erklären. Aber England war für sie trotzdem so unbekannt wie der Mond.
Der Trupp wurde genötigt, in einer der Hütten Platz zu nehmen. Eine der Frauen schleppte einen großen Krug herbei und stellte Schalen auf den Tisch.
„Seit langer Zeit haben wir wieder mal ein Dach über dem Kopf“, meinte Ribault. „Das ist wirklich fast ein unbekanntes Gefühl.“
Die Männer schenkten sich von dem Getränk ein. Als der Profos den ersten Schluck nahm, verklärte sich sein Blick.
„Bier“, sagte er fassungslos, „echtes, richtiges Bier, und nicht so dünn wie das normale Bier. Woher wußten die, daß ich hier aufkreuze?“
„Sie bauen Hirse, Kartoffeln und Gerste an“, erklärte der Padre. „Und aus Gerste braut man bekanntlich Bier. In der anderen Kruke ist Fruchtsaft drin, Bruder.“
„Fein“, sagte Ed sofort, „dann haben die anderen ja wenigstens auch etwas zu trinken.“
Während die Frauen wieder verschwanden, blieben die beiden Männer bei dem Potosi-Trupp und schwatzten mit Aloysius. Die Kinder standen verschämt an der Tür und musterten die Männer.
„Was ist mit dem Mann passiert?“ wollte der eine Indio wissen.
„Er ist einen Abhang hinuntergerutscht und hat sich den Knöchel gebrochen. Er muß liegen und braucht Ruhe, damit der Bruch verheilen kann. Ich wollte euch bitten, ob ihr ihn hierbehalten könnt, bis wir wieder zurück sind.“
Für die Indios war das ganz selbstverständlich. Sie nickten sofort, als der Pater seine Bitte vortrug.
„Wohin führt euch der Weg, Padre?“
„Wir wollen nach Potosi.“
Als der Name fiel, zuckten die beiden Männer zusammen und sahen sich unbehaglich an. Potosi war gleichbedeutend mit Sklaverei, Elend, Hunger und Tod.
„Nach Potosi?“
„Ja, wir haben vor, den Spaniern ans Leder zu gehen, damit die Sklaverei endlich ein Ende hat. Diese Männer sind gut gerüstet, um den Spaniern eine Schlappe beizubringen.“
Jetzt war die Verblüffung groß, aber auch die Freude, denn die Dons wurden von den Indios wie die Pest gehaßt – aus gutem Grund.
„Wir wollen versuchen, die gefangenen Indios zu befreien, um die Silberminen am Cerro Rico lahmzulegen.“
Diese paar Worte rissen die Indios hoch. Sie erzählten es sogleich ihren Frauen, dann den Kindern. Gleich darauf begannen sie vor Freude zu hüpfen.
„Sie waren schon ein paarmal hier“, erzählte der eine. „Wir konnten jedoch immer rechtzeitig in die Berge flüchten, sonst wären wir heute auch in den Minen von Potosi.“
Eine der Frauen sagte, sie hätte eine Schlafstätte für den Verletzten bereitet, und man möge ihn hinübertragen. Sie würden für ihn sorgen und ihn pflegen. Es sei ihnen sogar eine Ehre, diesen Mann im Haus zu haben. Fred Finley war also in den besten Händen.
Hasard stand auf und ging hinaus. Als er zurückkam, überreichte er den Indios eine Axt und ein Entermesser, was unbeschreibliche Freude auslöste.
Dann trugen sie Fred in einen Raum, in dem Felle und Matten auf dem Boden lagen.
„Du hast es gut“, sagte Stenmark. „Wirst gehätschelt und gepflegt und kannst schon jetzt den Helden spielen. Die Leute freuen sich wie verrückt, daß sie dich hierbehalten können.“
„Ich bin auch heilfroh, daß diese Leute so nett und hilfsbereit sind. Gar nicht auszudenken, wenn es diese Familie nicht gäbe.“
Etwas später trugen die Frauen Essen auf. Da die Schüsseln und Kummen für das Dutzend Männer nicht ausreichten, holten sie das eigene Geschirr. Die Sitzgelegenheiten reichten ebenfalls nicht aus. Ein Teil von ihnen hockte sich auf den Boden.
Es gab große dampfende Kartoffeln mit scharfer Soße. In einem anderen Topf befanden sich Picantes, ein stark gepfeffertes Gericht aus kleinen Schoten mit Huhn.
Alle Mann langten zu, als hätten sie tagelang nichts mehr gegessen. Das war mal etwas anderes als das schnelle Abkochen beim Biwak.
Inzwischen unterhielt sich Aloysius mit den Indios. Der eine hielt liebevoll die Axt im Arm, der andere konnte sich nicht mehr von dem Entermesser trennen und betrachtete es immer wieder mit verzückten Blicken.
„Sie möchten, daß wir noch ein paar Tage bleiben“, sagte Aloysius, „aber ich habe ihnen gesagt, daß jeder Tag ein verlorener Tag wäre, denn inzwischen müßten sich ihre Landsleute zu Tode schuften.“
„Haben sie es eingesehen?“
„Ja, natürlich. Aber die Leute sind überaus gastfreundlich. Sie werden Finley verwöhnen, daß der gar nicht mehr zurück will. Nehmen wir wenigstens das Angebot an, über Nacht zu bleiben? Drüben steht eine Hütte, in der Stroh liegt. Dort könnten wir schlafen.“
„Das nehmen wir dankend an“, sagte Hasard.
Aloysius besprach noch etwas mit den Indios. Hasard sah, daß die Männer lachten und sich amüsierten. Aloysius drehte sich um und sah den Profos an, der gerade eine große Kartoffel mampfte und sich die scharfen Schoten genüßlich in den Rachen schob.
„Ist was?“ fragte er kauend.
„Sagtest du nicht vor ein paar Tagen, der Herr hätte etwas vergessen? Da war doch die Rede von einem ungewaschenen Rübenschwein, für das der Herr schon mal ein Bächlein hätte fließen lassen dürfen, damit sich gewisse Schäfchen den Dreck abspülen können.“
„Stimmt, das sagte ich.“
Aloysius lächelte hintergründig.
„Der Herr hat ein Ohr für alle Wünsche, Bruder Edwin. Ich habe gesagt, daß er vielleicht eins fließen läßt.“
Carberry entsann sich und auch daran, daß der Padre so unergründlich dabei gelächelt hatte. Er hatte noch auf seine Kontakte zum Herrn angespielt, worauf der Pater versprochen hatte, er würde mal in einer stillen Stunde mit ihm reden.
„Heißt das, hier gibt es ein Bächlein, Bruder? Nun, wenn es hier eins gibt, dürfte das Wasser aber lausig kalt sein.“
„Steh auf, Bruder, dann werde ich dir etwas zeigen, natürlich auch den anderen.“
Zwischen den Hütten rannten Hühner umher. Auf einer Wiese, die zum Erstaunen der Männer ziemlich grün war, weideten Schafe. Die drei Hunde folgten ihnen kläffend.
Aloysius ging zielstrebig auf eine der letzten Hütten zu. Davor lagen Adobeziegel. Offenbar sollte noch eine weitere Hütte errichtet werden.
Etwa dreihundert Yards hinter der letzten Hütte befand sich eine Bodensenke, aus der leichter Dunst aufstieg. Wie Nebel sah das aus.
Der Profos blieb schluckend stehen. Auch die anderen sahen verblüfft in die Senke, wo alle paar Lidschläge ein Wasserstrahl aus dem Boden schoß. Ein kleiner See war dort, der einen unsichtbaren Abfluß hatte.
Aus dem Wasser schoß immer wieder ein breiter Strahl zischend und gluckernd in die Höhe und ergoß sich wie eine Riesenbrause in den kleinen See.
„Das hat der Herr hier fließen lassen“, sagte der Pater genüßlich, „damit sich die Schäfchen den Dreck abspülen können. Das ist ein Geysir, Bruder, mit herrlich warmen Wasser. Du siehst, der Herr hat nichts vergessen und an alles gedacht.“
„Ja, er denkt wirklich an alles“, sagte Ed schluckend, als hätte er einen dicken Kloß im Hals stecken.
„Man hat den Hof ganz bewußt in der Nähe dieses Geysirs gebaut. Das ist äußerst praktisch. So kann man selbst in der kältesten Jahreszeit baden und hat immer warmes Wasser. Deshalb wächst an dieser Stelle auch alles so prachtvoll.“
„Oh, Bruder, deine Kontakte zum Herrn sind wirklich von himmlischer Qualität. Wenn ich dieses Wässerchen sehe, gelüstet es mich nach einem Bad. Ob unsere Indiofreunde das wohl gestatten?“
„Selbstverständlich, sie haben es ja gleich angeboten. Sie können sich durchaus sehr gut in unsere Lage nach dem langen Marsch versetzen.“
Der Profos grinste fast lüstern, trat einen Schritt vor und tauchte die Hand ins Wasser. Dabei verdrehte er entzückt die Augen. Stenmark und Matt Davies taten es ihm nach. Matt Davies war so perplex, daß er seinen Eisenhaken ins Wasser tauchte und es erst merkte, als der Profos ihn anranzte.
„Doch nicht den Haken, du aufgegeiter Wanzenfänger! Die Hand mußt du nehmen.“
„Ich spür das auch mit dem Haken“, versicherte Matt. Dann tauchte er aber doch die linke Hand ins Wasser und stöhnte wohlig.
„Herrlich warm ist das“, schwärmte Stenmark. „Das ist ja wie ein Geschenk des Himmels, ist das.“
„Ist es auch“, sagte der Padre still.
„Hm, da könnte man sich gleich die Stoppelchen aus dem Gesicht kratzen“, erklärte der Profos. „Die wachsen bis Potosi ja doch wieder nach. Ist überhaupt ungewohnt, mit so einer Matte herumzulaufen.“
Jetzt erschienen auch die anderen mit dem zweiten Indio, der sie freudestrahlend heranführte und stolz auf den sprudelnden Geysir zeigte.
In den Gesichtern malte sich Verblüffung, ausgerechnet hier auf einen sprudelnden Geysir zu treffen.
„Das ist gar nicht so ungewöhnlich“, sagte Aloysius. „Die Puna ist im Osten und Westen von mächtigen Massiven gesäumt, die meist vulkanischen Ursprungs sind. Das hier ist auch nicht der einzige Geysir, es gibt weit verstreut noch ein paar kleine.“
Die Männer empfanden Dankbarkeit, daß sie endlich einmal aus den Klamotten kamen und sich waschen konnten. Und dann auch noch unter einer warmen Brause! Das war wirklich wie ein Geschenk.
Eine knappe halbe Stunde später grunzte der Profos vor Wohlbehagen wie ein Büffel und tummelte sich mit Dan O’Flynn, Stenmark, Matt und Gary Andrews in dem hüfthohen Wasser. Die anderen wollten anschließend baden.
Immer wieder tauchten sie prustend unter und konnten ihr Glück gar nicht fassen. Auf dem langen Marsch waren sie bescheiden geworden, und jetzt erfüllte sie ein warmes Bad mit unbeschreiblicher Freude.
Als die anderen den Tümpel wieder verlassen hatten, sprang der Profos immer noch auf und nieder. Dabei stieß er Töne aus, die an das Röhren eines Hirsches erinnerten.
Die meisten rasierten sich und nahmen die Bärte ab. Danach fühlten sie sich wie neugeboren.
Die Indios versorgten auch die Maultiere und führten sie auf die Weide, wo die Schafe grasten. Dabei sahen die Männer, daß die Familie auch Weizen, Mais und Bohnen anbaute. Hier, in der Nähe des kleinen Geysirs war die Erde wärmer und der Boden auch im Winter nicht gefroren.
Am Abend gab es wieder Kartoffeln und stark gewürzte Anticuchos, die mit Zwiebeln und Pfefferschoten gereicht wurden. Die Anticuchos waren kleine Hammelfleischstücke, die auf einen langen Spieß gesteckt wurden. Als die Indios herausgefunden hatten, daß die Männer gern Bier tranken, schenkten sie unermüdlich ein. Sie wurden schon wie Helden gefeiert, als hätten sie die Silberminen von Potosi längst lahmgelegt.
Nach dem Essen unterhielten die Indios sie mit Musik von einer Art, wie noch keiner der Männer sie gehört hatte. Es waren fremde, aber wohlklingende Töne, meist etwas schwermütig.
Der eine blies auf der Panflöte Sicus, die aus einem Dutzend Pfeifen bestand, die unten geschlossen und in Reihen miteinander verbunden waren. Der andere blies auf der blockflötenartigen Kena, die aus sieben Grifflöchern bestand und das Lieblingsinstrument der bolivianischen Indios war. Später wechselte er das Instrument gegen ein Bajón aus, ein Mundstückinstrument aus Baumrinde und gebranntem Ton.
Aus der Musik klang die Einsamkeit der Puna, das harte und entbehrungsreiche Leben der Indios.
Die Töne waren harmonisch, ein bißchen wehmütig und fast elegisch. Einer der Indios sang später mit heller klarer Stimme, während der andere ihn auf der Sicus begleitete.
„Sie besingen die Puna, die Berge und den Kondor“, erklärte der Pater.
Inzwischen war es längst dunkel geworden. Über der Puna blies der kühle Wind sein monotones Lied.
Nach diesem Tag hatten die Seewölfe ein ganz anderes Bild von den Indios mit ihrer alten Kultur. Stolz waren sie, aber ihr Stolz wurde von den Spaniern gebrochen. Sie wurden verschleppt, gefoltert, mit Bluthunden gejagt und versklavt. Und ihre Frauen wurden vergewaltigt.
„Wenn ich noch einmal von einem lausigen Don höre“, sagte Ed grimmig, „daß er von Indioaffen spricht, dann breche ich ihm das Genick, so wahr ich Edwin Carberry heiße. Wird höllisch Zeit, daß wir den Dons in die Silberminen spucken. Ich kann es kaum noch erwarten.“
„Ja, sie behandeln diese Leute wie Vieh“, sagte Hasard. „Aber wir werden bald Gelegenheit haben, unseren Plan durchzuführen. Wir brechen morgen gleich nach Sonnenaufgang auf.“
In dieser Nacht schliefen sie auf Stroh und brauchten keine Zelte aufzuschlagen. Hier gab es auch keinen Wind, der ihnen eisigkalt in die Knochen fuhr. Sie schliefen so gut wie schon lange nicht mehr.
5.
Am nächsten Morgen brachen sie auf und sahen noch einmal nach Fred Finley, der lebhaft bedauerte an dem Unternehmen nicht teilhaben zu können.
„Auf dem Rückweg holen wir dich wieder ab“, versprach Ribault. „Bis dahin ist dein Knöchel sicher geheilt. Und keine Sorge, Fred: Die Leute hier werden sich fürsorglich um dich kümmern.“
„Mast- und Schotbruch“, murmelte Finley gerührt. „Und bestellt den Dons einen Gruß von mir, aber einen kräftigen.“
Das versprachen sie alle grinsend. Dann beluden sie ihre Maultiere und verabschiedeten sich von der Indiofamilie. Alle guten Wünsche begleiteten sie.
Aloysius bedankte sich und erklärte noch einmal, daß das Bein von Finley in Ruhestellung bleiben müsse, so wie es jetzt geschient war, damit es heile. Aber darauf verstanden sich die Indios selbst.
Etwas später brach der Trupp auf. Die drei Hunde begleiteten sie noch ein Stück, dann kehrten sie um.
Vor ihnen lag die trostlose Weite der Puna. Einhundertfünfzig Meilen Fußmarsch. Aber jetzt würde der Marsch leichter sein als vorher.
Immer öfter war jetzt der Andenkondor zu sehen, wenn er in unglaublich großen Höhen seine einsamen Kreise zog. Es sah aus, als begleite er die Männer auf ihrem langen Marsch. Immer wieder sahen sie gebannt zu. Der Anblick des großen Vogels war faszinierend.
Die Tage in der Puna waren wieder heiß. In den Nächten dagegen wurde es bitterkalt. Sie kamen jedoch gut voran und konnten stramm ausschreiten. Das Land war rauh, vom Sturm gebeutelt. Nur ganz selten mal gab es einen Baum. Auch Großtiere fehlten. Es gab zwar den Puma, den Berglöwen, und das Huemul, einen geweihtragenden Hirsch, aber sie bekamen in den ersten beiden Tagen keines dieser Tiere zu sehen. Einmal sahen sie ein Vicuña, aber das kniff bei ihrem Anblick in langen Sätzen aus und verschwand hinter einer Mulde.
Auch die Vegetation war karg und dürftig. Meist gab es nur verschiedene Gräser, die von den Indios mit dem Sammelnamen „Ichu“ bezeichnet wurden. Die Halme der Ichugräser waren nadelartig und boten der trockenen Luft kaum eine Angriffsfläche. So hielt sich ihr Wasserverlust in geringen Grenzen.
Dann gab es ein flaches distelähnliches Gewächs. Die anderen Mulis verschmähten es, aber Diego blieb jedesmal stehen und fraß es bis zum Boden ab.
„Du bist vielleicht ein komisches Vieh“, sagte Ed. „Nachher hast du das ganze Maul voller Stacheln.“
Diego nickte und mampfte ungerührt weiter.
Am späten Nachmittag des ersten Tages deutete Dan O’Flynn voraus.
„Was ist denn das für ein Gebilde?“ fragte er. „Das sieht aus wie ein Baumstamm, der in der Mitte eine stachelige Perücke trägt.“
„Vielleicht erleben wir das Wunder der Puna“, sagte Aloysius. „Ich habe es bisher nur einmal gesehen, aber es ist überwältigend.“
„Ein Baumstamm mit Perücke soll überwältigend sein“, meinte Ed. „Das ist höchstens merkwürdig.“
„Laß dich überraschen, Bruder.“
„Sind ja nur noch zwei, drei Meilen“, schätzte Gary Andrews.
„Mindestens acht bis neun“, sagte der Padre. „In der Entfernung kann man sich gewaltig verschätzen, denn hier ist die Luft absolut staubfrei, und was man glaubt, mit Händen greifen zu können, ist noch sehr weit weg.“
Er hatte recht. Es dauerte noch eine Ewigkeit, bis sie das eigenartige Gebilde erreichten. Dann aber waren sie tatsächlich überwältigt und staunten nur noch, daß es in dieser Einöde so etwas gab.
Das Gewächs stand etwas geschützt an einem sanft ansteigenden Hang.
Niemand sprach ein Wort, alle starrten das Ding an. Es war etwa acht bis neun Yards hoch und von faszinierender Schönheit. Unten trug es ein dicker Stamm, dem die „Perücke“ folgte. Darüber hinaus wuchs ein riesiger, einem Maiskolben ähnlicher Stamm, der aus Tausenden von Blüten bestand. Und um diese Blüten schwirrten aufgeregt winzige Kolibris, die ihre langen Schnäbel immer wieder in die Blüten tauchten, um den Nektar herauszusaugen.
„Ich werd’ glatt verrückt“, sagte Ribault. „Hier, in dieser Einöde, wächst so eine phantastische Pflanze? Und dann gibt es hier auch noch Tropenvögel? Was ist das überhaupt, Bruder?“
Aloysius stand andächtig davor.
„Das ist die Puya, die allen Gesetzen des Absterbens trotzt. Man sagt, sie wuchs schon hier, als dieses Land noch flach und sumpfig war. Offenbar hat sie sich bei der Entstehung des Gebirges angepaßt und an immer größeren Höhen gewöhnt. Diese Puya ist etwa hundert Jahre alt, erst dann bildet sie ihre Blüten aus. Es ist mit Sicherheit die einzige, die wir sehen werden, wenn sie in voller Blüte steht. Leider stirbt sie nach dem Blühen ab, aber vorher tut sie noch einmal alles, um ihre Art zu erhalten und zu verbreiten. Die Kolibris fliegen von tief unten aus den Yungas herauf, wenn die Puya blüht, und laben sich an dem süßen Saft der Blüten. Ist sie nicht ein Wunder?“
Das wurde ausnahmslos und staunend bestätigt. Selbst in der öden Puna gab es immer noch etwas zu entdecken, und eine Überraschung folgte der anderen.
In dieser Nacht kampierten sie in einer geschützten Mulde in ihren Zelten und hüllten sich dick in die Decken ein, denn die Nacht war wieder eisigkalt, und der Wind pfiff scharf heran.
Gleich in der Frühe des anderen Morgens gab es die nächste Überraschung, und sie erhielten ungewöhnlichen „Besuch“.
Die Mulis waren bepackt, und die Truppe setzte sich in Bewegung, als Dan O’Flynn aufgeregt nach oben zeigte.
„Ein Kondor“, sagte er. Aber das schreckte die anderen längst nicht mehr auf. Sie wären den Anblick der Riesenvögel bereits gewohnt.
Aber dieser Kondor war offenbar sehr neugierig, denn er ging immer tiefer hinunter, in der eindeutigen Absicht, genau auf die Männer zuzufliegen.
Verblüfft starrten sie nach oben.
„Der Geier wird doch uns nicht holen wollen“, murmelte Gary, „der scheint keine Angst zu haben.“
Selbst der Padre hatte Ähnliches wohl noch nie erlebt, denn er blickte ebenfalls fassungslos auf den Vogel, der immer größer und immer gewaltiger wurde. Jetzt war er bestenfalls noch fünfzig Yards hoch und sehr deutlich zu erkennen.
Fast schwerelos schwebte er heran, immer noch auf die erstaunten Männer zu, denen es langsam mulmig wurde.
Da waren weitausladende mächtige Schwingen, die jetzt einmal kraftvoll und rauschend durch die Luft schlugen. Der riesige Kondor verdeckte mit seinen Flügeln fast den Himmel.
Aus der Nähe betrachtet, wirkte er längst nicht mehr so elegant und majestätisch. Jetzt schwebte er mit mächtigem Flügelschlag höchstens noch zehn Yards hoch über den Männern. Deutlich war der Wind zu spüren, den seine riesigen Schwingen verursachten.
Der Kondor war hager, seine Nähe beunruhigend und erschreckend. Er hatte einen abstoßenden Kopf mit nackten Kehllappen, einen furchterregenden riesigen Schnabel und großen Hautfalten um die Augen.
Diese Augen sahen kalt und berechnend auf die Männer, als handele es sich um leichte Beute. Der Glanz der Augen war böse und wirkte einschüchternd. Der Vogel schien unheimlich gut sehen zu können.
Immer noch schlug er wild mit den Schwingen auf und ab. Dann umkreiste er die Gruppe.
Als der Profos hochsprang und dabei in die Hände klatschte, traf ihn ein eiskalter Blick, der ihm durch und durch ging. Das Geklatsche störte den Riesenvogel nicht im geringsten.
Er flog eine weite Schleife, stieg dann höher hinauf und ließ sich von dem Wind in die Höhe tragen. Als er genau über den Männern stand, unternahm er den zweiten Anflug und stürzte nochmals bis auf sechs, sieben Yards hinunter.
Alle duckten sich instinktiv. Dieser Neuweltgeier war zwar ein Aasfresser, aber vielleicht hatte er heute seinen hungrigen Tag.
Er schien jeden einzelnen der Gruppe genau zu mustern, legte den Kopf schief und sah von einem zum anderen.
Erst dann strich er mit wildem Flügelschlag ab. Er ging in Schräglage, nutzte den Aufwind aus und schwebte zu den fernen Bergen hinüber. Dort schraubte er sich langsam in die Höhe, und nach einer Weile sah er wieder elegant und majestätisch aus.
„Das habe ich auch noch nicht erlebt“, sagte Aloysius. „Der hat sich sehr ausgiebig für uns interessiert.“
„Er musterte jeden einzelnen von uns“, sagte Hasard. „Dabei interessiert er sich doch nur für Aas.“
„Vor ein paar Tagen hätte ich das ja noch verstanden“, sagte der Profos, „da haben wir noch wie die Schweinchen gestunken. Aber jetzt sind wir frisch gebadet.“ Dann legte er den Zeigefinger an die Nasenspitze und fügte hinzu: „Vielleicht war’s doch Old O’Flynn, der nur mal sehen wollte, wie es uns so geht. Der hatte genau den gleichen Blick wie dein Alter drauf, Dan, wenn er jemanden mustert. Dann stiert er auch immer so scharfäugig.“
„Himmel, redest du wieder einen Stuß“, sagte Dan. „Das mit meinem Alten ist dir wohl nicht auszutreiben, was? Glaubst du Riesenhirsch denn etwa, der kann sich in einen Kondor verwandeln? Der hat so ein Vieh ja noch nie gesehen.“
„Old O’Flynn kann fast alles“, erklärte Ed, und dann verstieg er sich gleich zu einer weiteren Behauptung, die bei den anderen Kopf schütteln auslöste.
„Irgend etwas stimmte mit dem Geier jedenfalls nicht. So benimmt sich kein Kondor.“
„Woher weißt du denn, wie sich ein Kondor benimmt?“
„Vielleicht war’s ein spanischer Spion, den sie von Potosi geschickt haben, um hier die Gegend zu überwachen. Sie können ihn ja dressiert haben, so wie man das mit Albatrossen macht – oder wir mit den Brieftauben auf der Schlangen-Insel.“
Der Seewolf griff sich verzweifelt an den Kopf.
„Laß das bloß keinen hören. Ed. Ein Kondor als spanischer Spion! Und der fliegt jetzt zurück und verklart den Dons, daß ein Dutzend Engländer unterwegs ist, um Potosi anzugreifen.“
„Warum nicht“, sagte Ed ungerührt. „Das ist eben meine Theorie.“
„Und du glaubst, er spricht Spanisch mit den Dons?“ fragte Dan höhnisch.
Die Antwort haute ihn fast um.
„Ich hab noch keinen Kondor quatschen hören. Aber sie können ihm ja beigebracht haben, daß er beispielsweise so und so oft mit den Flügeln schlägt. Ein Stummer quasselt ja auch nicht, sondern drückt sich durch Gesten aus.“
Hasard lachte verhalten. Mitunter entwickelte der Profos Theorien, die himmelschreiend waren.
„Erst war’s der alte O’Flynn“, sagte er lachend, „und als das nicht zog, wurde ein spanischer Spion daraus, der sich durch Flügelschlagen verständigt.“
„Lacht nur“, maulte Ed beleidigt. „Ein normaler Kondor war das jedenfalls nicht, sonst hätte er nicht so geglotzt.“
Darin mußten sie ihm allerdings recht geben. Das Verhalten des Vogels war recht ungewöhnlich gewesen.
„Vielleicht war’s Sir John“, sagte Matt grinsend, „der Kreischgeier hat sich in einen Kondor verwandelt und wollte mal sehen, wie’s dem lieben Herrn und Meister so geht. Deswegen hat er dich auch besonders genau gemustert.“
„Meinst du?“ fragte Ed zweifelnd.
„Davon bin ich überzeugt.“
Pater Aloysius amüsierte sich köstlich. Die Kerle führten so erbauliche Dialoge, daß keine Langeweile aufkam. Er fühlte sich in ihrer Gesellschaft ausgesprochen wohl.
In dieser Nacht kampierten sie wieder in einer der zahlreichen Mulden, die etwas vor dem beißenden Wind geschützt waren. Dann begann der dritte Tag ihres Marsches durch die Puna.
Hasard hatte grob gerechnet, daß sie pro Tag etwa dreißig Meilen zurücklegten. Es gab keine Hindernisse mehr und so konnten sie stramm und zügig marschieren.
Am Vormittag wurde Dan O’Flynn auf ein paar winzige Punkte aufmerksam, die die anderen noch nicht bemerkt hatten. Sie waren auch noch sehr klein und kaum zu bemerken.
„Da bewegt sich etwas“, sagte Dan.
Er ging zu dem Maultier hinüber und nahm ein Spektiv aus der Satteltasche. Langsam zog er es auseinander und blickte gespannt hindurch.
„Eine langgezogene Kolonne“, murmelte er. „Sie bewegt sich in östlicher Richtung.“
„Soldaten?“ fragte Hasard.
„Ja, Soldaten, Maultiere und gebeugte Gestalten. Offenbar Gefangene – Indios.“
„Sklaven für Potosi“, sagte Hasard hart. „Das ist eine logische Schlußfolgerung. Die Trupps aus Arica sind mal wieder am Werk gewesen, um menschliches Arbeitsvieh zu beschaffen. Da steigt mir die Galle hoch. Das sind jene Trupps, die auch die Padres von Tacna vereinnahmen wollten.“
„Wenn ihr nicht eingegriffen hättet, wären wir jetzt sicher auch schon in Potosi“, sagte Aloysius grimmig.
Hasard deutete auf die kaum sichtbaren Punkte und wandte sich fragend an den Padre.
„Ist das die Route Arica-Potosi?“
„Ja, das ist sie“, bestätigte Aloysius. „Sie verläuft vom Westen her.“
„Was tun wir, Sir?“ fragte Ed kampflustig. „Den Dons eins auf die Ohren hauen?“
„Zuerst gehen wir in jener Mulde dort in Deckung, damit wir nicht gesehen werden. Dann beratschlagen wir.“
Er warf auch noch einen Blick durchs Spektiv und nickte grimmig.
„Ja, kein Zweifel, es sind Gefangene.“
Die Mulde bot guten Sichtschutz. In aller Eile verbargen sie sich mit den Maultieren darin.
„Ich bin dafür, daß wir die Gefangenen befreien“, sagte Hasard. „Ist jemand anderer Meinung?“
„Ich ganz bestimmt nicht“, versicherte Ed. „Diesen Menschenschindern gehört ordentlich was aufs Maul.“
Die beiden streitbaren Padres waren ebenfalls dafür, und auch die anderen stimmten sofort zu.
„Gut, dann pflocken wir jetzt die Maultiere an und überprüfen unsere Waffen“, sagte der Seewolf. „Einer muß bei den Tieren zurückbleiben. Wer übernimmt das?“
Keiner meldete sich. Der Profos blickte in eine andere Richtung, als könne er mit der Frage niemals gemeint sein.
„Hm, dann lassen wir das Los entscheiden.“
Das Los fiel schließlich auf Gary Andrews, der in der Mulde bei den Tieren zurückbleiben mußte. Die Mulis wurden angepflockt, dann überprüften sie ihre Pistolen und steckten auch die Entermesser ein.
„Wir bleiben immer in Deckung der Mulden“, sagte Hasard. „Also in südöstlicher Richtung. Dort werden wir die Kolonne abfangen.“
Gary Andrews blickte ihnen nach, als sie von Deckung zu Deckung eilten. Er wäre gern mit dabei gewesen, aber das Los hatte nun mal anders entschieden.
6.
Kurz nach Mittag näherte sich der traurige Zug.
Hasard hatte mit seinen Männern zwei Hügel besetzt, zwischen denen der Trampelpfad nach Potosi sichtbar war.
Was sich jetzt da näherte, war ein Zug des Elends, der Angst und der Verzweiflung. Er biß sich auf die Lippen, als er das sah.
Zwölf Soldaten unter einem Teniente begleiteten den traurigen Zug. Sie waren mit Peitschen ausgerüstet, die sie wahllos und äußerst brutal einsetzten. Schon jetzt war das Schreien und Stöhnen Verzweifelter zu hören, die sich unter den unbarmherzigen Schlägen ihrer Peiniger angstvoll duckten.
Hasard zählte zu seinem Entsetzen genau sechzig Indios. Je sechs waren an einen Baumstamm gefesselt, den sie zwischen sich mitschleppen mußten.
Er knirschte mit den Zähnen, als er das sah. Neben ihm schob Carberry sein Rammkinn vor.
„Schweinehunde“, flüsterte er. „Sieh dir nur diese armen Teufel an, Sir. Sie schleppen völlig nutzlos zehn Baumstämme von Arica nach Potosi und werden dafür auch noch geprügelt.“
„Ja, eine raffinierte und höllische Methode der Dons. Damit sind sie sicher, daß keiner der Indios entwischen kann.“
Sie lagen zu fünft auf dem Hügel. Fünf andere Männer befanden sich auf dem gegenüberliegenden Hügel. Die Kolonne mußte genau zwischen den beiden Hügeln hindurch.
Hasard sah verzweifelte, verängstigte Gesichter und dachte an die stolze Familie, deren Obhut sie Fred Finley anvertraut hatten. Es hätten auch die Männer vom Hof dabei sein können.
Er dachte an die Kunstwerke, die die Vorfahren dieser Indios geschaffen hatten, an die alte Kultur, die von Pizarro unbarmherzig und für immer ausgelöscht worden war. Und er dachte an die Frauen und Kinder, die hilflos zurückblieben und zusehen mußten, wie sie mit dem Leben fertig wurden.
Und das alles geschah im Namen Seiner Allerkatholischsten Majestät, damit die Schatullen gefüllt wurden und die Dons weiter Kriege führen konnten, um noch mehr Menschen zu unterjochen und auszubeuten.
Verdammte Bluthunde, dachte er angewidert. Diese gefangenen Indios konnten mit ihrem Leben abschließen. Sie würden auf immer in den Silberminen verschwinden, gepeinigt, geschlagen und entwürdigt.
Der Teniente, der den traurigen Zug führte, schien ein ganz besonderes Früchtchen zu sein, oder er hatte einfach seinen Spaß daran, die wehrlosen Indios zu schlagen.
Die Gefangenen schleppten an ihren schweren Baumstämmen und konnten sich unter der schweren Last nicht schneller bewegen, aber dem Kerl ging das offenbar alles zu langsam. Er ließ die Peitsche durch die Finger gleiten und holte grinsend aus.
Als er zuschlug, wand sich einer der Indios schreiend unter dem wilden Schlag. Seine Haut platzte auf, und er fiel wimmernd auf die Knie. Dabei riß er zwangsläufig die anderen an den Baumstamm gefesselten Männer mit sich.
Jetzt traten die zwölf Soldaten in Aktion. Wie die Irren schwangen sie die Peitschen und schlugen wahllos auf die am Boden liegenden Männer ein, die der Baumstamm fast unter sich begrub.
Ihre Schreie klangen entsetzlich laut und waren in der klaren Luft meilenweit zu hören.
Mit aller Gewalt wurden sie hochgepeitscht, bis ihr Schreien in Wimmern erstickte. Und dann schlich dieser Hund von Teniente an einen Mann heran und zog ihm von hinten eins mit der Peitsche über.
Hasard konnte es kaum noch erwarten, bis der Zug heran war. Diese prügelnden Kerle hatten keine Gnade zu erwarten. Wer andere so erniedrigte, schindete und halbtot schlug, hatte die Konsequenzen zu tragen.
Die Indios waren wieder auf den Beinen, unbarmherzig weitergetrieben mit klatschenden Peitschenhieben.
Das Gesicht des Seewolfs war hart und kalt. In seinen blauen Augen stand der Frost. Der Profos dicht neben ihm sah zum Fürchten aus. Alle Männer hatten die Hähne ihrer Pistolen gespannt. Die sollten zuerst eingesetzt werden, dann die Entermesser.
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die Bewacher prügelten weiter auf die gebeugten und geschundenen Kreaturen ein.
Dicht vor den Hügeln kriegte der Teniente wieder einen Tobsuchtsanfall. Er schlug immer von hinten und genoß sichtlich das wilde Aufschreien und Zusammenzucken der Männer, wenn die Peitsche sie unvorbereitet traf.
Der Mann brach wieder schreiend zusammen und hielt sich die linke Hand vor das Gesicht. Die Peitsche hatte ihn von hinten über den Kopf ins Gesicht getroffen. Durch das Zusammenbrechen geriet der Zug ins Stocken und hielt an.
Als sich der Teniente über den zusammengebrochenen Mann beugte und zuschlagen wollte, fiel Hasards Schuß. In der Stille klang er entsetzlich laut.
Der Teniente ließ die Peitsche fallen und griff sich an den Hals. Dann kippte er lautlos zur Seite und blieb liegen.
Die Indios starrten furchtsam auf ihren Peiniger, als sei der vom Blitz getroffen worden. Die Soldaten griffen zu ihren Waffen.
Von den beiden Hügeln stiegen Pulverwölkchen auf. Die Luft war von peitschenden Schüssen erfüllt. Immer wieder blitzte es auf.
Ein Soldat nach dem anderen fiel unter den Schüssen. Die erste Salve fegte neun Spanier von den Beinen.
Hasard zog sein Entermesser und stürmte in langen Sätzen den Hügel hinunter, gefolgt von den anderen.
Es waren nur noch drei Dons übrig. Den einen sprang Carberry an, mit einer solchen Wildheit, daß der Spanier schreiend zurückwich. Er war schon tot, noch bevor er den rasenden Kerl richtig erkennen konnte.
Der zweite Don wehrte sich gegen Matt Davies, der auf ein Entermesser verzichtete und sich ganz auf seine eiserne Hakenprothese verließ. Unter einem wilden Hieb fiel gleich darauf auch der zweite Don.
Nur einer war noch übrig, den Ribault mit dem Entermesser anging. Dann war auch das vorbei. Auf dem kühlen Boden der Puna lagen dreizehn tote Spanier.
Die gefesselten Indios waren anfangs erschrocken, als es knallte und ein Don nach dem anderen umfiel. Sechzig aufgerissene Augenpaare starrten die Männer verstört an.
„Befreit sie von diesen verdammten Fesseln!“ rief Hasard. Mit dem Entermesser in der Faust zerschnitt er die ersten Fesseln. Die Baumstämme polterten einer nach dem anderen zu Boden.
Pater David und Pater Aloysius kümmerten sich um die armen Kerle, die vor Dankbarkeit auf die Knie fielen, als sie endlich von den Marterwerkzeugen befreit waren. Sie konnten immer noch nicht so richtig fassen, was hier vorgefallen war.
Viele der Indios waren von den Peitschenhieben verwundet, blutüberkrustet und zerschunden. Die Männer waren halbverhungert und hatten auch Durst leiden müssen. Den Dons war es egal, in welchem Zustand sie die Sklaven ablieferten. Früher oder später würden sie ohnehin sterben müssen. Die Hauptsache für sie war, daß überhaupt Sklaven nach Potosi kamen – Nachschub, wie sie es nannten, menschliches Arbeitsvieh oder Indioaffen.
„Seht bei den Maultieren nach“, sagte Hasard, „sie sind mit Proviant, Wasser und allem Nötigen beladen. Verteilt den Proviant an die Männer und gebt ihnen zu trinken.“
Vierzehn Mulis waren es, die der Trupp mit sich geführt hatte. Die Tiere standen verstört herum, offenbar durch die Schüsse erschreckt.
Dann wurde der Proviant gesichtet, und den Tieren Wein- und Wasserschläuche abgenommen.
Das alles wurde unter den sechzig Indios verteilt.
„Was tun wir mit den Maultieren?“ fragte Aloysius, der gerade einen besonders schlimm gezeichneten Mann verarztete.
„Sag ihnen, Padre, sie können die Mulis behalten und unter sich aufteilen, auch den Rest an Proviant und was alles dazugehört. Sie sollen auch die Waffen der Spanier mitnehmen, damit sie besser gerüstet sind, wenn die Sklaventreiber wieder auftauchen.“
„In Ordnung, Sir.“
Der Pater übersetzte das, und wieder fielen die Indios vor Dankbarkeit auf die Knie. Diese Männer hatten sie vor einem entsetzlichen Tod bewahrt, und so kannte ihre Dankbarkeit keine Grenzen mehr.
Als alle Indios versorgt waren, ihren Hunger und Durst gestillt hatten, schickte Hasard Matt Davies los, um Gary Andrews mit den Maultieren zu holen.
„Die Leute sind alle versorgt“, sagte Hasard. „Sie werden sich freuen, so schnell wie möglich zu ihren Familien zurückkehren zu können. Wir sollten sie daher auch nicht länger aufhalten, sonst bedanken sie sich noch den ganzen Tag, und das ist mir peinlich. Sie können also beruhigt losziehen.“
Als der Padre das verklarte, leuchtete es in den Augen der Männer auf. Sie waren wieder frei und im allerletzten Augenblick der Sklaverei entgangen.
Sie zogen mit den Mulis westwärts, aber sie drehten sich alle Augenblicke um und winkten, bis sie als winzige Punkte am Horizont verschwanden.
„Sechzig Sklaven weniger“, sagte Hasard. „Immerhin ist das ein Erfolg. Diese sechzig Männer fehlen Old Philipp von Spanien in den Silberminen.“
„Und dreizehn Dons fehlen ihm ebenfalls“, setzte der Profos trocken hinzu. „Die können keine Sklaven mehr zusammentreiben.“
Inzwischen waren Gary Andrews und Matt Davies mit den eigenen Maultieren erschienen. Gary staunte nur, als er das sah. Er hatte auch den Trupp Indios abziehen sehen.
„Wir müssen alle Spuren verwischen“, sagte Hasard, „denn auf dieser Route kreuzen sehr oft die Dons auf. Das ist der berüchtigte Trampelpfad nach Potosi. Wenn die Dons etwas merken, ist das ganze Unternehmen gefährdet.“
Von Hutten nickte. „Das heißt, wir müssen die Spanier beerdigen, damit keine Spuren zurückbleiben.“
„Ja, das müssen wir tun. Aber nicht nur das. Die Baumstämme sind ebenfalls verräterisch. Auch sie müssen verschwinden, sonst weiß jeder Spanier, daß hier Indios geflohen sind. Sind aber alle Spuren verwischt, so können sie lange rätseln, wo der Trupp geblieben ist. Er hat sich einfach in Luft aufgelöst.“
„Wir spalten die Baumstämme und stecken sie in Brand“, schlug Gary Andrews vor.
„Das geht nicht. Das Holz ist zu feucht.“
„Dann müssen wir sie wohl oder übel unter dem Boden in einer der Senken verscharren. Vielleicht da drüben, weil dieser Pfad ja oft gegangen wird.“
„Dann fangen wir an. Spaten und Hacken haben wir im Gepäck.“
Sie fackelten nicht lange und gingen sofort an die Arbeit. Pater David schnappte sich einen Spaten und ging zu der anderen Senke hinüber, wo er sich suchend umsah. Hier kam niemand hin, das war jedenfalls nicht anzunehmen. Und wenn, dann fand er nichts mehr.
Die toten Spanier wurden zu der Mulde gebracht. Pater Aloysius vergewisserte sich bei jedem einzelnen, daß er auch wirklich tot war und sie nicht einen Schwerverletzten begruben. Aber es lebte niemand mehr.
Eine breite Grube wurde ausgehoben. Als sie fertig war, stand den Männern der Schweiß auf der Stirn.
„In diesen Höhen fällt sogar eine leichte Arbeit schwer“, sagte Stenmark. „Wie kann man da noch in Silberminen schuften! Das hält ja nicht mal ein Ochse aus.“
„Die armen Kerle müssen es aushalten“, sagte Hasard, „aber irgendwann brechen sie zusammen.“
Selbst dem hünenhaften Pater David stand der Schweiß auf der Stirn, als die Grube ausgehoben war. Er schnaufte, genau wie der Profos, der überrascht war, daß er bei einer leichten Arbeit schon kurzatmig wurde.
Einer nach dem anderen wurde in die Grube gelegt. Dann wurde Erde darüber geschüttet und die restliche Erde im Umkreis so verteilt, daß keine Spuren mehr zu erkennen waren.
„Jetzt noch zehn Baumstämme“, stöhnte der Profos, „das wird nochmal eine üble Plackerei.“
„Das geht aber nicht anders, Ed. Wenn die Stämme hier liegenbleiben, ist das genauso verräterisch, als hätten wir die Dons hier liegen lassen.“
„Stimmt, Sir. Also ran an die Arbeit. Wohin mit den Dingern?“
„Zur anderen Seite in die kleine Senke.“
Als sie die Baumstämme zu der kleinen Mulde schleppten, schüttelte der Profos den Kopf.
„Die sind für sechs Mann fast zu schwer. Stell dir vor, Dan, wir wären an die Dinger gefesselt und müßten sie von Arica bis nach Potosi schleppen. Da bricht man ja unterwegs schon zusammen.“
„Und dann kriegst du noch ständig die Peitsche ins Kreuz“, sagte Dan grimmig. „Das mußt du dir noch dazu vorstellen, dann weißt du, wie einem Indio zumute ist.“
„Und nach dieser Plackerei ist dein Leben so gut wie zu Ende, denn dann landest du in den Minen, ausgelaugt und halbtot. Und dort prügeln sie weiter auf dich ein.“
Diese Vorstellung darf man gar nicht zu Ende denken, überlegte Dan, sonst kann einem übel werden.
Wieder wurde eine breite, aber nicht sehr tiefe Grube ausgehoben.
Die beiden Padres standen vor dem Grab der Soldaten und sprachen ein kurzes Gebet.
„Möge der Herr im Himmel euch armen Sünder die Schandtaten verzeihen, die ihr hier auf Erden angerichtet habt“, sagte Pater Aloysius mit seiner tiefen Stimme.
„Amen“, fügte Pater David hinzu.
Als auch die Baumstämme unter der Erde verschwunden waren, war es bereits Nachmittag.
Sie überzeugten sich noch einmal gründlich davon, daß alle Spuren verwischt waren. Es gab nichts Auffälliges mehr zu sehen.
„Dann ziehen wir weiter“, sagte Hasard. „Es besteht jetzt natürlich die Möglichkeit, daß wir wieder auf Spanier stoßen! Wir müssen also immer gut aufpassen.“
Carberry vergewisserte sich inzwischen, ob sein „Diegolein“ auch gut bepackt war, damit die Lasten nicht an seinem Kreuz scheuerten. Er fand alles in Ordnung – bis auf das dämliche Grinsen, das der Halbesel wieder drauf hatte. Er grinste Carberry regelrecht an und nickte dazu ständig. Aber er hatte sich in den letzten Tagen lammfromm verhalten und war auch nicht mehr so tückisch.
„So, jetzt geht’s weiter, du Furztrompeter“, sagte Carberry. „Benimm dich auch in Zukunft anständig.“
Diego nickte immer noch, dann erfolgte wieder das sattsam bekannte Donnern, das die Männer zusammenzucken ließ. Ein recht merkwürdiges Vieh war das schon, das konnte niemand abstreiten.
Es ging weiter über die „Straße“ nach Potosi, ein kaum erkennbarer Pfad, der im harten Untergrund kaum sichtbar war.
Einmal sahen sie an diesem Tag drei junge Vicuñas, die in einer Mulde standen und ästen. Die Tiere waren völlig überrascht worden, aber jetzt jagten sie los, die Hälse vorgestreckt, die Ohren ganz zurückgelegt. Feingliedrige, graziöse Tiere waren das, die aus der Ferne wie kleine Kamele aussahen. Sie rasten meilenweit in einem höllischen Tempo und verschwanden schließlich hinter einer Senke. Als sie wieder auftauchten, waren sie mindestens drei bis vier Meilen entfernt.
„So müßte man rennen können“, sagte Stenmark, „dann wären wir gleich in Potosi. Wie lange wird das noch dauern?“ fragte er dann Pater Aloysius.
„Fünf bis sechs Tage ganz sicher noch.“
„Und über die Berge müssen wir auch noch einmal?“
„Ja, über die Cordillera de los Frailes. Wenn wir in dem Tempo weitermarschieren, dürften wir sie übermorgen erreichen.“
Stenmark legte die Stirn in Falten und dachte nach.
„Übermorgen – ist das nicht ein besonderer Tag?“
„Weihnachten“, sagte der Padre andächtig. „Der Tag der Geburt des Gottessohnes, ein ganz besonderer Tag.“
„Na, Wein zum Feiern haben wir ja“, sagte Sten.
„Und ein Schlückchen vom Öl des heiligen Vaters“, setzte Carberry hinzu. „Ich hoffe, du wirst da etwas großzügiger sein, Bruder. In letzter Zeit hast du arg damit geknausert.“
„Es ist auch nicht mehr viel da, deshalb.“
„Und übermorgen?“
„Das ist etwas anderes.“
„Hoffentlich ist bald übermorgen“, murmelte Ed. „Ich kann es kaum noch erwarten.“
„Wir werden heute eine Stunde länger marschieren“, sagte Hasard. „Dann haben wir die Puna auch bald hinter uns. Oder hat einer etwas dagegen?“
Keiner hatte Einwände. Sie alle brannten darauf, bald in Potosi zu sein.
An diesem Tag marschierten sie bis in die Dunkelheit hinein. Über der Puna stand als fahler Ballon der Mond. Er schien in trüben Dunst eingehüllt zu sein.
„Wird wieder lausig kalt werden, heute nacht“, sagte Aloysius. „Immer wenn der Mond diese sonderbare Färbung annimmt, wird es in der Nacht bitterkalt.“
„Man spürt es jetzt schon in allen Knochen“, meinte Dan. „Wir werden uns eine besonders tiefe Senke suchen.“
Eine Stunde später fanden sie einen geeigneten Platz. Der Wind strich scharf und kalt über die Einöde.
„Hier bleiben wir“, sagte Hasard, „hier sind auch die Mulis gut vor dem Wind geschützt.“
Wieder begann das lang eingeübte Ritual des Abladens. Gefressen hatten die Mulis schon unterwegs, und an einem winzigen Rinnsal hatten sie ihren Durst gestillt.
Jetzt wurden ihnen wieder wärmende Decken über die Körper gelegt.
Die anderen schlugen inzwischen die beiden Zelte auf und sicherten sie gegen den immer stärker wehenden Wind. Er war eisigkalt und brachte Frost mit.
Als alles fertig war, hatten sie trotz der Handschuhe klamme Finger, und die Kälte fraß sich bis in die Knochen.
Die Maultiere standen dicht zusammengedrängt und schützten sich gegenseitig mit ihren Körpern. Carberry legte ihnen noch weitere Decken auf, damit sie nicht froren.
Über die Puna jaulte der Wind in grellen disharmonischen Tönen. In dieser Mulde war es noch einigermaßen geschützt, aber trotzdem verspürten sie die beißende Kälte.
7.
Den Tag über marschierten sie. Sie hatten sich an das Tempo und die tagelangen Fußmärsche gut gewöhnt. Auch von der Höhenkrankheit war nichts mehr zu spüren. Niemand hatte Kopfschmerzen oder litt an Übelkeit und Schwindel.
Der Bergzug, den sie zu überqueren hatten, die Cordillera de los Frailes, war klar und deutlich zu erkennen. Er lag fast greifbar nahe vor ihnen, und doch war er noch einen guten Tagesmarsch entfernt. Sie würden ihn erst am Heiligen Abend erreichen, wie Pater Aloysius schon gesagt hatte.
Diesmal marschierten sie wieder länger in die Nacht hinein, und kampierten erst dann, als der Mond schon längst am Himmel stand.
„Die letzte Etappe liegt vor uns“, sagte Hasard am 24. Dezember. „In ein paar Stunden beginnt der Aufstieg, und die Puna liegt achteraus. Wie sieht es da oben mit Höhlen aus, Padre?“
„Wenn wir fleißig aufsteigen, haben wir bis zum Abend eine Höhle erreicht. Wir müssen aus einer Schlucht aufsteigen und befinden uns dann unterhalb eines Felsenkammes, wo es eine gute Höhle gibt.“
„Dann nichts wie los.“
Etwas später begann der Aufstieg in die Berge. Wieder waren Pfade, eisige Höhen und gefährliche Wege zu überwinden.
Dieser Tag stimmte sie friedlich, erwartungsvoll, obwohl es nicht mehr zu erwarten gab als eine kalte Nacht. Aber trotzdem war heute alles anders – feierlicher, wie der Profos sagte.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit, sie stiegen jetzt gerade aus der Schlucht auf, zeigte Pater Aloysius nach oben.
„Links neben dem Felskamm ist die Höhle.“
„Dann sind wir noch früher da, als wir gedacht haben.“
„Es wird gerade dunkel werden, bis wir oben sind.“
Sie stiegen jetzt etwas schneller auf. Ribault wunderte sich, daß ihn keine Kopfschmerzen mehr plagten. Er fühlte sich himmlisch wohl, wie er sagte.
Diesmal stand der Mond so hinter den Bergen, daß er nur einen schwachen Abglanz auf die Umgebung warf.
„Da ist die Höhle.“ Aloysius zeigte auf ein gähnend schwarzes Loch in der dunklen Felswand. „Ich werde aber erst einmal nachsehen, ob sich auch kein unliebsamer Besuch darin niedergelassen hat – wie vor ein paar Tagen.“
Carberry folgte ihm in die Höhle. Sie hatten inzwischen eine Fackel entzündet und leuchteten vorsichtig hinein.
Ed blickte noch einmal zu Diego, aber der stand ganz ruhig da und rührte sich kaum. Bisher hatte er immer rechtzeitig gewarnt, wenn etwas in der Nähe war.
Die Höhle war leer und verlassen. Sie sah aus, als wäre seit Jahrtausenden niemand hier gewesen.
„Dann bereiten wir uns einen gemütlichen Abend“, sagte der Padre, nachdem sie alles abgesucht hatten.
„Mit einem heiligen Wässerchen“, setzte Ed prompt hinzu.
Das Ritual nahm seinen Anfang. Die Höhle war so geräumig, daß auch die Mulis wieder Platz darin hatten und nicht im eisigen Zug des Windes stehen mußten.
Dann wurde eingeräumt, Decken ausgebreitet und gekocht.
Aloysius hatte einen feierlichen Blick drauf. Auch Pater David wirkte heute ganz anders als sonst. Die Männer waren gelöster, entspannter.
Nach dem Essen setzten sie sich in die Runde und genossen den lieblichen Duft des heißen Weines, der aus dem Kessel drang und die Höhle bis in den letzten Winkel erfüllte.
Aloysius verteilte ein paar Zinnbecher, nahm die Schöpfkelle und goß die Becher voll. Dann reichte er jedem das heiße Getränk.
Behaglich schlürfend hockten sie auf den weichen Unterlagen. Sie hoben die Becher und tranken sich zu.
„Friede sei mit euch“, sagte Pater David. „Wenn ihr mögt, dann zitiere ich die Weihnachtsgeschichte.“
„Natürlich wollen wir“, sagte der Profos. Er wirkte heute so friedfertig wie nur selten. Sein Gesicht war entspannt, und obwohl er seit ein paar Tagen nicht mehr rasiert war, schienen sich auch seine Bartstoppeln friedlich geglättet zu haben.
„Erzähle die Geschichte, Pater“, wurde er von allen Seiten ermuntert.
Hasard lehnte sich entspannt zurück und beobachtete seine Männer.
Eigenartig ist dieser Weihnachtszauber, dachte er. Die Kerle sehen alle so friedfertig und entspannt aus, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Und der Profos, der andächtig und mit leuchtenden Augen dahockt, sieht aus wie ein Kind, obwohl er doch wirklich und wahrhaftig ein Rabauke und Poltermann ist.
Aber sie alle dachten in diesem feierlichen Augenblick auch an ihre Kameraden und fragten sich, was die jetzt wohl tun mochten. Auch an Fred Finley dachten sie, der mit gebrochenem Fuß bei den Indios in der Hütte lag.
Der Pater begann mit dem Erzählen der Weihnachtsgeschichte.
„Es begab sich also zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde.“
Bis auf seine Stimme war alles ruhig. Die Männer hörten gebannt zu, als der Pater mit seiner tiefen Stimme sprach. Sie kannten die Weihnachtsgeschichte alle, und doch war sie jedes Mal wieder neu und schlug sie in ihren Bann.
Eine ganze Weile ging das so. Da war der Pater an der Stelle angelangt, an der der Engel sprach: „Fürchtet euch nicht …“
Aus dem hinteren Teil der Höhle war ein leises Schnauben zu vernehmen, dann scharten Hufe, und dann folgte der unausbleibliche donnernde Knall, der den Männern durch Mark und Bein fuhr. Diego hatte wieder seine Drehbasse abgefeuert.
„Jetzt muß dieses Stinktier schon wieder anfangen“, sagte der Profos unwillig. „Dem verdammten Furzaffenarsch ist aber auch gar nichts heilig.“
„Er kennt die Geschichte eben noch nicht“, sagte der Pater trocken.
Das Halbeselchen, der verdammte „Furzaffenarsch“, wie Carberry ihn tituliert hatte, benahm sich aber auch weiterhin mehr als ungebührlich.
Er schnaubte empört, scharrte wütend mit den Vorderhufen und drängte sich an den Männern vorbei, als wolle er ins Freie. Dort donnerte er wieder weiter, wobei er den Achtersteven aus der Höhle streckte.
„Wenigstens hat er Anstand“, sagte Stenmark lachend.
„Da gibt es gar nichts zu grinsen“, knurrte der Profos. „Der Pater hat so schön vom Christuskind erzählt, und da muß dieser Trompeter ihn dauernd unterbrechen.“
„Laß ihn doch schnarchen“, schlug Dan vor. „Du kraulst ihn ein wenig unter dem Kinn, und schon pennt er ein. Dann haben wir wenigstens Ruhe.“
„Ein guter Vorschlag.“
Der Profos war jetzt echt sauer, aber Dan hatte recht. Wenn er Diego kraulte, dann gab das Biest vielleicht Ruhe.
Unwirsch stand er auf und verließ seinen Platz. Diego scharrte immer noch am Eingang mit den Vorderhufen, hob und senkte blitzschnell den Schädel und bleckte die Zähne, als Ed heran war.
„Laß bloß dein dämliches Grinsen, du Affenarsch“, sagte Ed. „Das paßt heute überhaupt nicht hierher.“
Er streckte die Hand aus, um Diego zu kraulen, doch der liebe Diego erwies sich als recht kratzbürstig und eigensinnig. Er drängte noch weiter in die kalte Nacht hinaus.
„Dir werde ich es schon zeigen.“
Carberry ging hinaus und packte den Zügel. Als er Diego zurückziehen wollte, warf er mehr zufällig einen Blick in östliche Richtung.
Da war leichter Flackerschein zu erkennen, der zweifellos von einem Feuer stammte.
Verblüfft stellte er fest, daß sie in der Einsamkeit der Berge nicht mehr allein waren. Der Profos stierte sich die Augen aus, konnte aber in der Ferne nur das leise Flackern sehen. Es schien auf und nieder zu hüpfen wie ein Elmsfeuer.
„Und das hast du bemerkt?“ fragte er ungläubig den Halbesel. Der nickte wieder – wie zur Bestätigung.
Sehr nachdenklich kehrte der Profos zurück. Pater David wollte gerade weiter zitieren, als Ed ihn unterbrach.
„Tut mir leid, Leute, aber da draußen ist etwas. Im Osten scheint ein Feuer zu flackern. Oder gibt’s Elmsfeuer auch in den Bergen?“
Hasard sprang auf die Beine, Dan O’Flynn ebenfalls. Auch die anderen standen auf.
„Elmsfeuer in den Bergen habe ich noch nicht gesehen“, sagte der Seewolf.
Der Profos lauschte wieder. Durch die klare Luft waren Töne zu hören, sehr dünn zwar, aber es klang wie Gesang.
„Da singen welche“, sagte er fassungslos. „Aber das hört sich nicht nach weihnachtlichem Gesang an, wie er dem heutigen Abend angemessen wäre. Nein, da grölen ein paar Kerle.“
Jetzt gingen sie alle zum Ausgang und blickten in die von Ed angegebene Richtung.
„Tatsächlich“, sagte Dan. „Da flackert ein Feuer. Aber man sieht nur den Widerschein an einer Felswand. Offenbar befindet sich dicht davor eine Mulde.“
Dann lauschten sie mit angehaltenem Atem in die Finsternis.
Ja, das war Grölen, aber kein Gesang. Ein paar Kerle sangen wüst durcheinander, ohne auf die Harmonie zu achten.
„Das muß ich mir ansehen“, sagte Hasard. „Du gehst mit, Ed, und Pater Aloysius auch, wenn er möchte.“
„Aber sicher doch. Ich hatte schon immer eine Schwäche für grölende Musikanten.“
Hasard, Carberry und der Pater pirschten los. Der Pater übernahm fast automatisch die Führung. Jetzt waren sie doch neugierig geworden und wollten sich das ansehen, was Diego als erster gewittert hatte.
Carberry klopfte seinem Maultier noch schnell den Hals.
„Braves Diegoleinchen“, sagte er anerkennend.
Etwa dreihundert Yards weit pirschten sie sich vorwärts. Dann blieben sie unter einer Felsennase stehen und sahen in eine tiefere Felsmulde.
Dort flackerte ein Feuer, dessen Schein von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Auf und nieder hüpfte es, und verzerrte die Gestalten um das Feuer immer wieder ins Riesenhafte.
„Ich krieg mich nicht mehr ein“, flüsterte Ed, „das sind ja wieder mal liebe Dons. Und stockbesoffen sind sie auch noch.“
Es waren acht Soldaten, die um ein Feuer hockten. Sieben Maultiere hatten sie dabei, die nahe an einer Felswand standen.
„Sogar ein Capitán ist dabei“, sagte Hasard erstaunt.
„Und der säuft am meisten“, sagte Ed fast neidisch.
Die acht Spanier waren stark angetrunken. Sie reichten sich gegenseitig Weinflaschen zu und soffen, was das Zeug hielt. Wenn sie die Buddeln absetzten, fingen sie an zu grölen. Dem Text nach handelte es sich um reichlich zotige und unanständige Lieder, die sie da in die Nacht brüllten.
Neben den Maultieren standen längliche Holzkisten, die der Profos mit einem leisen Schauern musterte.
„Die haben Särge dabei“, sagte er leise, „da, neben den Mulis stehen sie an der Wand. Richtig unheimlich ist das.“
„Särge? Was sollten die hier wohl mit Särgen?“
„Weiß ich nicht. Vielleicht pennen sie darin, wegen der Kälte und so. Die Dons kriegen das fertig.“
Aloysius lächelte sparsam und schüttelte den Kopf.
„Das sind keine Särge. Ich kenne diese typischen Holzkisten und weiß, was sie enthalten. Silberbarren aus Potosi befinden sich darin, die Ausbeute aus dem Cerro Rico, unterwegs nach Arica. Empfänger, so der Herr im Himmel will, ein gewisser geldgieriger Philipp, seines Zeichens König von Spanien.“
„Damit ist der Himmel ganz bestimmt nicht einverstanden, sonst hätte er uns nicht geschickt“, sagte Hasard grimmig. „Der liebe Philipp wird wohl auf diese Ladung verzichten müssen.“
„Recht so“, knurrte Ed, „soll es ihn schmerzen. Diese Silberladung kriegt er nicht. Was meinst du, Bruder?“
Aloysius sagte nichts. Er stand nur da, beobachtete die saufenden Spanier und grinste über sein scharfes Piratengesicht.
„Zurück“, erklärte Hasard. „Sagen wir es den anderen. Und du bist ganz sicher, Padre, daß in den Kisten Silber ist?“
„Natürlich, ich weiß es genau. Sie haben immer einen Capitán dabei, weil die Ladung so wichtig ist.“
„Das werden wir ihnen versalzen.“
Sie warfen noch einen Blick in die Mulde. Der Capitán tönte groß herum und fing dann wieder an zu grölen. Die Weinflaschen gingen von einem zum anderen, die Kerle soffen weiter und sangen ihre unanständigen Lieder.
„Die werden bald nüchtern werden“, brummte Ed, „nämlich dann, wenn der Heilige Geist über sie kommt.“
In der Höhle wurden sie sofort von den anderen umringt. Hasard erzählte, was sie angetroffen hatten.
„Spanier“, sagte Dan andächtig, „und sie leiten einen Silbertransport. Ist doch herrlich.“
„Nehmt eure Entermesser“, sagte Hasard. „Die beiden Padres und Sten können in der Höhle bleiben. Dann steht es acht gegen acht.“
„Ich soll zurückbleiben?“ fragte Aloysius.
„Es ist besser so, Padre, glaube mir. Du sollst an einem Tag wie heute nicht dein Gewissen belasten müssen. Außerdem wären wir dann in der Überzahl, was unfair wäre.“
„Davon steht aber nichts in der Bibel“, knurrte Aloysius. Doch dann fügte er sich.
Als Hasard sah, daß alle Männer bewaffnet waren, nickte er ihnen kurz zu.
„Leise anpirschen, bis wir dicht vor der Mulde sind. Dann nichts wie mitten zwischen die Dons. Wir werden ihnen erklären, daß die Silberkisten beschlagnahmt seien.“
„Das wird sie aber mächtig jucken“, meinte Ed.
„Sie werden sich wehren, und dann geht es zur Sache.“
Sie verließen die Höhle und schlichen sich wieder an, bis sie die Mulde erreichten.
Die acht Dons soffen immer noch. Wenn eine Flasche leer war, feuerten sie sie unter lautem Gelächter gegen die Felswände oder warfen sie die Schlucht hinunter, die dreihundert Yards steil in die Tiefe führte.
„Vorwärts“, sagte Hasard.
Mit ein paar Sätzen sprangen sie in die Mulde, die Entermesser in den Fäusten.
Die Dons rissen fassungslos die Mäuler auf und starrten sie an, als seien sie soeben vom Himmel gefallen.
„Buschräuber“, lallte der Capitán, „Buschräuber mitten in den Bergen.“ Er konnte es nicht fassen und stierte immer noch.
Na ja, dachte Hasard, ein bißchen nach Buschräubern mochten sie ja aussehen mit den Bartstoppeln im Gesicht und der tiefbraunen Hautfarbe, dazu noch die Entermesser in den Fäusten.
„Die Silberkisten sind beschlagnahmt“, erklärte er kühl. „Oder haben die ehrenwerten Señores etwas dagegen? Wenn ja, dann müssen Sie schon etwas dafür tun, wie es sich für die Wächter eines so wertvollen Transportes gehört.“
Die Spanier glotzten immer noch verblüfft und fassungslos. Der Capitán stierte Hasard perplex an.
„Das Silber wollt ihr?“ schrie er dann.
„Genau das“, erklärte Hasard kalt.
„Hier habt ihr euer Silber, ihr Buschräuber!“
Der Capitán sprang auf und riß seinen Degen hervor. Die sieben Soldaten folgten seinem Beispiel. Zischend fuhr der Degen durch die Luft.
Hasard sprang zurück, um die Kerle aus der Mulde zu locken. Sie stürmten auch sofort brüllend hinterher.
Da langte Carberry schon zu. Ein wilder Hieb fegte einen Don von den Beinen, der sich zweimal überschlug und mit lautem Geschrei in dem tiefen Abgrund verschwand.
Inzwischen hatte Hasard den Capitán so weit vor sich her getrieben, daß er auch dicht vor dem Abgrund stand. Der Kerl fuchtelte wild mit dem Degen und stach immer wieder zu. Aber er kämpfte gegen einen Schatten, der immer wieder auswich.
Dann stürmte der Schatten vor. Im schwachen Mondlicht blitzte einmal der Stahl auf. Der Capitán fiel zurück und verschwand in dem finsteren Abgrund.
Die anderen räumten inzwischen ebenfalls auf. Ribault hatte seinen Gegner erledigt, von Hutten trieb einen anderen Don mit blanken Fäusten in die Finsternis, und dem nächsten fuhr Dans Messer ins Herz. Mel Ferrow, Gary Andrews und Matt Davies kämpften noch, aber dieser Kampf war schon bald entschieden.
Neben der Mulde lagen drei tote Spanier, die fünf anderen hatte die unergründliche Finsternis der Schlucht geschluckt.
„Werft sie in die Schlucht.“
Die Toten wurden in die Schlucht geworfen. Es dauerte lange, bis man das Aufschlagen ihrer Körper hörte. Dreihundert Yards ging es hier in die Tiefe.
„Was tun wir mit dem Silber?“ fragte Dan, „das sind immerhin vierzehn Kisten. Wollen wir die etwa nach Potosi schleppen, oder lassen wir sie hier zurück bis zu unserer Rückkehr?“
„Weder das eine noch das andere. Es geht mir nicht um das Silber“, sagte Hasard. „Es geht mir nur darum, daß die Dons sich nicht daran bereichern, um noch mächtiger zu werden. Für dieses Silber sind vielleicht eine Menge Indios gestorben. Werft den ganzen Krempel mitsamt den Kisten hinterher. Dort mag es bis zum Jüngsten Tag liegen bleiben. Es wird nie wieder einer nach oben holen.“
„Klar, was sollen wir auch damit“, sagte Ed. „Aber da sind noch die sieben Mulis.“
„Die nehmen wir selbstverständlich mit und auch alles das, was sie noch bei sich haben.“
„Hopp auf“, sagte der Profos, „hinunter mit den Särgen.“
Die erste Silberkiste wurde hochgehoben und in die Schlucht geworfen.
Als sie aufprallte, gab es einen berstenden Knall, ein Splittern und Krachen. Die Kiste flog auseinander und verstreute ihren kostbaren Inhalt nach allen Seiten.
Die nächsten Kisten folgten, krachend, zerberstend, laut polternd, als würden ganze Bergzüge einstürzen. Das Echo warf die Geräusche tausendfältig zurück.
Dann war die letzte Kiste an der Reihe. Ein unvorstellbares Vermögen donnerte in die Schlucht und ergoß sich über die toten Spanier.
Die Männer kehrten zurück und nickten den anderen zu. Die sieben Maultiere hatten sie mitgebracht.
„Ich glaube, wir können jetzt doch noch die Weihnachtsgeschichte hören“, sagte Hasard. „Jetzt herrscht hier wieder Ruhe.“
„Und vergiß des heiligen Vaters Öl nicht, Bruder“, sagte Ed. „Du hast es schließlich versprochen.“
„Ich werde daran denken.“
In dieser Nacht saßen sie noch lange beisammen, tranken den würzigen heißen Wein und genossen des heiligen Vaters Öl, das der Pater großzügig spendierte.
Am Morgen brachen sie kurz nach Tagesanbruch auf und warfen einen Blick in die Schlucht. Dort funkelte und gleißte es. Geprägtes und ungeprägtes Silber war nach allen Richtungen verstreut. Es bedeckte die Körper der Männer, die da unten lagen und vermutlich ewig dort unten liegen würden.
Am 27. Dezember war ihr Zielort erreicht. Da stand die Truppe vor Potosi und kampierte in einem verlassenen Stollen auf der Südseite des Cerro Rico.
Die Stadt war von hier aus noch nicht einzusehen, aber sie hatten den Berg erreicht, in dem Blut und Tränen flossen und das Wimmern und Stöhnen der Sklaven zum Alltag gehörte …
ENDE

1.
Potosi, 28. Dezember 1594.
An die dreizehntausend Fuß hoch liegt die Stadt, an deren Südrand der „Cerro Rico“ aufragt, der reiche Berg, der Silberberg, der „Sumack Orcko“, wie ihn die Inkas genannt hatten. Über den Dächern der Stadt erhebt er sich wie ein Kegel – noch einmal an die über zweitausend Fuß hoch.
Die Sage berichtet, daß die Inkas den „Sumack Orcko“ unberührt gelassen hätten. Eine Stimme aus dem Berg soll ihnen befohlen haben, seinen Reichtum nicht anzurühren, das Silber sei für andere Besitzer bestimmt.
Die Sage berichtet viel – so von dem Indio aus Porco, südwestlich von Potosi, der bereits zur Zeit der Spanier in eine Höhle des Berges gekrochen wäre, um sich dort vor der Kälte der Nacht zu schützen. Die Hitze seiner Fackel, die er in den Felsen gesteckt hatte, um Licht und Wärme zu haben, hätte das Silber im Fels zum Schmelzen gebracht. Und Tage später hätte dieser Indio seinem spanischen Patrón in Porco von seinem erstaunlichen Fund berichtet.
Eine andere Sage wiederum erzählt, im Jahre 1545 hätte ein indianischer Hirte ein Lama am Hang des Berges verfolgt und sich beim Aufsteigen an dem niedrigen Gestrüpp festgehalten. Das aber wäre aus dem Erdreich gerissen worden, und an den Wurzeln hätten helle Kügelchen gehaftet – Silber!
Ob nun der Indio aus Porco oder der Hirte – beide zu den Ärmsten der Armen zählend – die Entdecker waren, spielte keine Rolle mehr. Das Geheimnis sickerte durch, und die Geier waren zur Stelle, menschliche Geier, in diesem Falle jene, die diesen Teil der Neuen Welt für sich beanspruchten und ausbeuteten oder – um im Bilde zu bleiben – bis auf die Knochen abnagten.
Später sagte man vom Cerro Rico, er sei der Berg mit den dreißigtausend Löchern. Man hätte aber auch sagen können, er sei der Berg Tausender an Hunger, Durst oder Erschöpfung krepierter Indios – so sie nicht von zusammenbrechenden Stollen verschüttet oder von ihren Aufsehern wegen „Faulheit“ erschlagen wurden. Die Geschichte berichtet, die Zahl dieser Toten sei mit Sicherheit fünfstellig.
Die Geschichte berichtet auch, Philipps II. Vater – Karl V. – hätte die 1546 gegründete Stadt Potosi bereits 1547 zur „Villa Imperial“, zur kaiserlichen Stadt, erhoben. Kein Wunder, denn vom Zeitpunkt der Gründung an begann aus dem Berg das Silber zu fließen – natürlich nach Spanien, falls nicht Schnapphähne zupackten und den Silberstrom ein bißchen unterbrachen.
Und die Stadt florierte. Sie mästete sich – es blieb ja genug Silber in der Stadt an klebrigen Fingern hängen. Innerhalb kürzester Zeit entstand am Fuß des mörderischen Berges eine Stadt, in der Pomp, Prunk und Verschwendung beispiellos waren. Kirchen, Klöster, Paläste und Villen wurden gebaut, Wasser wurde meilenweit herangeleitet, man badete in Thermalquellen, und die Chronik berichtet, sogar das Nachtgeschirr der Spanier sei aus Silber getrieben gewesen.
Die Stadt fühlte sich sicher. Die Küste im Westen war über dreihundert Meilen entfernt. Wer von dort nach Potosi aufbrechen wollte, mußte sich darüber klar sein, auf was er sich einließ. Vielleicht nahm er Maultiere mit, um sich weite Strecken tragen zu lassen. Er brauchte sie auf jeden Fall, um nicht selbst sein Gepäck, Proviant und Ausrüstung schleppen zu müssen. Er würde schwindelerregende Pässe und Gletscher übersteigen, sich über schmale Felspfade bewegen oder in eiskalte Schluchten hinunterklettern. Er mußte reißende Bergbäche durchqueren oder sich über schaukelnde Hängebrücken tasten.
Er würde in den menschenfeindlichen Höhen frieren und zugleich von der Sonne erbarmungslos verbrannt werden, wenn er nicht Kopf, Gesicht und Hände schützte. Er würde die Sonne tagsüber verfluchen und in den eisigen Nächten herbeiwünschen. Und er würde, je höher er stieg, einen unsichtbaren Feind haben, die berüchtigte Soroche, die Höhenkrankheit, die ihn mit Kopfschmerzen, Übelkeit, fliegendem Puls und Atemnot quälen würde.
Nein, für Buschklepper und Galgenvögel war Potosi kein Ziel. Sie wollten es bequemer haben und ihre Fußsohlen schonen. Potosi lag für sie auf einem anderen Stern. Wer nach dorthin aufbrach, mußte verrückt sein, ganz abgesehen davon, daß man ja auch zurückkehren wollte – mit Beute beladen. Nein, das war alles viel zu mühsam, zu gefahrvoll und zu unsicher.
Kein Provinzgouverneur, kein Bürgermeister, kein Polizeipräfekt, kein Bürger von Potosi rechnete jemals damit, jemand könne so wahnwitzig sein und über die „Villa Imperial“ herfallen.
Und doch war es so.
Elf verwegene Männer hatten nach einem mörderischen Marsch die Stadt erreicht und waren entschlossen, hier die Kuh fliegen zu lassen.
Anfang Oktober waren die Arwenacks und die Le Vengeurs von der Schlangen-Insel in der östlichen Karibik aufgebrochen, und jetzt, Ende Dezember, hatten von den einundfünfzig Teilnehmern an diesem einzigartigen Unternehmen elf Männer das Ziel erreicht, ein ausgesuchter Trupp unter Führung Philip Hasard Killigrews.
Es waren Jean Ribault, Karl von Hutten, Pater David, Pater Aloysius, Dan O’Flynn, Edwin Carberry, Matt Davies, Gary Andrews, Stenmark und Mel Ferrow. Fred Finley war nicht dabei – er lag mit gebrochenem Fußknöchel bei einer Indiofamilie am Westrand der Puna.
Die Nacht vom 27. auf den 28. Dezember hatten die Männer in einem verlassenen Stollen auf der Südseite des Silberberges verbracht und dort biwakiert. Es war ein feiner Platz: er lag geschützt und bot Wärme. Sie hatten gewissermaßen ein Dach über dem Kopf – ein Silberdach.
Ein bißchen verrückt war das schon, wenn man das so betrachtete und das Spinnen anfing. Carberry zum Beispiel hatte gesagt, so ein teures Dach hätte er noch nie über dem Kopf gehabt, und wenn er das seinen Enkeln erzählte, würden die ihn auslachen oder glattweg erklären, der Opa Edwin sei ein ganz fürchterlicher Aufschneider.
In dieser Nacht nun hatte er davon geträumt, ganz in Silber gebettet zu sein. Gegen Morgen hatte ihn der Traum in ein Bad entführt, dem er versilbert entstiegen war.
Matt Davies konnte das nicht wissen, als er dem Profos den Ellbogen in die Rippen stieß, weil der so entsetzlich schnaufte und röchelte.
Matt Davies wiederum war aufgewacht – als erster übrigens –, weil ihn nicht Carberrys Schnaufen und Röcheln beunruhigt hatten, sondern weil etwas anderes an seine Ohren gedrungen war – Geräusche, die er nicht zu deuten wußte. Sie kamen nicht von draußen, sondern aus dem Berg: ein dumpfes Schlagen oder Pochen, eine Art Scharren, auch ein Knistern und Rumpeln. Unheimlich war das anzuhören. Und darum hatte er den Profos geweckt, der neben ihm lag.
Carberry grunzte, dann fuhr er hoch und stierte Matt Davies aus verdwarsten Augen an.
„Horch mal“, sagte Matt Davies.
„Wie?“ Carberry war noch nicht ganz da. Eben hatte er ja noch in Silber gebadet.
„Hörst du nichts?“ fragte Matt Davies.
Carberry wurde unwirsch. „Was soll ich denn hören?“
„Die Geräusche.“
„Was für Geräusche?“
„Aus dem Berg, Mann! Bist du taub oder was?“ knurrte Matt Davies.
Nun hätte sich normalerweise der Profos bei einer Frage nach der Schärfe seines Gehörs ganz erheblich aufgepumpt und dem Frager alles mögliche angedroht, denn nur Idioten können daran zweifeln, ob ein Profos schwerhörig sei – ein Profos, der dazu verpflichtet ist, die Kakerlaken an Bord husten zu hören.
Nichts da.
Der Profos wendete etwas den massigen Schädel – und lauschte. Und er vernahm das Scharren und Rumpeln, das Schlagen und Pochen, das Knistern und auch ein Knacken. Und er zog diesen massigen Schädel etwas unbehaglich ein, während er ihn wieder zu Matt Davies drehte und sich gleichzeitig rechts am Hals kratzte.
„Klingt nicht gut“, sagte er. „Klingt ganz so, als lebe dieser Berg aus Silber …“
Er hatte noch etwas anfügen wollen, aber da war ein neues Geräusch in ihrer unmittelbaren Nähe. Sie starrten beide ruckartig dorthin – links von ihrem Schlafplatz. Dort rieselte etwas aus den Ritzen zwischen den Stollenwänden, die mit Brettern verschalt waren, mit sehr grauen und zum Teil schon recht morschen Brettern. Schutt war das, was da in den Stollengang rieselte und unten auf dem Boden ein kleines Hügelchen bildete. Es glitzerte ein bißchen zwischen diesem Schutt.
Dann hörte das Rieseln auf – die Geräusche aus dem Berg blieben. Sie blickten sich beide stumm an – zwei Männer, die den größten Teil ihres Lebens auf See verbracht und dem Teufel samt seiner Großmutter alle Ohren abgesegelt hatten. Den Schwanz auch, wenn der Teufel einen hatte, was man aber nicht so genau wußte.
Aber hier?
„Das ist vielleicht ein Scheißberg“, sagte Carberry. „Stell dir mal vor, der ganze Mistkram bricht zusammen, und wir sitzen da mitten drin – mit tausend Schiffsladungen Silber im Genick. Und was meinst du, wie schwer Silber ist?“
Matt Davies wurde unruhig, wobei ihn die Frage nach dem Gewicht von Silber nicht so sehr bedrückte wie der Gedanke, wann „der ganze Mistkram“ denn zusammenbrechen würde.
„Wir sollten Hasard wecken“, sagte er hastig. „Hier sind wir unseres Lebens nicht mehr sicher.“
Hasard war längst wach und hatte dem ersprießlichen Dialog seiner beiden Kerle interessiert gelauscht. Sieh an, dachte er, in Gefechten sind sie unerschütterlich und auch dann, wenn ihnen das Wasser bis zu den Nasenlöchern steht und die Ratten bereits von Bord verschwunden sind, aber vor dem Berg haben sie einen unheimlichen Respekt. Man mochte fast glauben, mehr Respekt als vor Stürmen, Seebeben, Flutwellen und Riesenkraken.
Ein vierter Mann war auch bereits wach – Pater Aloysius, der scharfgesichtige Kerl aus dem Land Tirol, der sie mit nahezu traumwandlerischer Sicherheit aus dem Tacna-Tal über Berge und Pässe nach Potosi geführt hatte. Er war ein Mann aus den Bergen – und man konnte Berge auf ihn bauen.
Er grinste durch das Halbdunkel des Stollens zu Carberry und Matt Davies hinüber, nachdem er sich aufgerichtet hatte, und sagte belustigt: „Die Indios haben mit ihrer Arbeit angefangen – drüben, auf der anderen Seite des Berges. Und das hört ihr jetzt. Hier bricht nichts ein – eher drüben. Außerdem sind wir hier nicht tief im Berg, sondern mehr oder weniger an seinem Rand. Wenn was zusammenkracht, sind wir Manns genug, uns nach draußen zu schaufeln.“
„Aha“, sagte Carberry. „Und was da zwischen den Brettern rausrieselt, ist harmlos, wie?“
„Irgendwann nicht mehr“, erwiderte Pater Aloysius gelassen, „aber da sind wir nicht mehr hier. Jeder Berg arbeitet oder anders ausgedrückt, er verändert sich, weil vieles auf ihn einwirkt, zum Beispiel von außen Schnee, Regen, Wind, Hitze und Kälte. Kein Stein, und mag er noch so hart sein, hält das auf die Dauer aus. Sogar die Wurzeln von Pflanzen können einen Stein sprengen – nicht von heute auf morgen, aber im Laufe von Jahren. Wenn sich an der Oberfläche etwas verändert, muß zwangsläufig auch im Inneren des Steins eine Wandlung stattfinden. In diesem Berg kommt hinzu, daß ihn die Menschen anbohren und Stollen hineintreiben. Sie durchlöchern ihn. Da fragt sich, wie lange er das hinnimmt, dieser Berg. Und wenn er sich wehrt, dann werden es die geschundenen Indios sein, die von ihm erschlagen werden.“ Die Stimme von Pater Aloysius wurde grimmig: „Und hoffentlich erschlägt der Berg dann auch ein paar Aufseher.“
Das also war Pater Aloysius, und er nahm nie ein Blatt vor den Mund, dieser streitbare Gottesmann aus einem Land, wo auch die Berge in den Himmel ragten, Mahnmale für die Winzigkeit der Menschen, die sich dennoch anmaßten, sie erobern und ausbeuten zu können.
So begann also dieser 28. Dezember, ein klarer, kalter Tag in diesen Höhen, in denen die Luft so dünn war, daß man mit dem Atmen Mühe hatte. Aber sie hatten bei ihrem Aufstieg in diese Regionen Pausen eingelegt, verordnet von Pater Aloysius. Und so hatten sie sich allmählich an die dünnere Luft gewöhnt. Ihre Gesichter waren tiefbraun und bärtig geworden.
Hasards Augen hatten jetzt die Farbe von bläulichem Gletschereis.
Er nickte nur, als Stenmark den Stollen betrat und meldete, im südlichen Bereich des Cerro Rico sei „kein Schwanz“ zu sehen. Er meinte das wörtlich, denn auf diese Seite des Berges verirrte sich nicht einmal ein Hund. Was sollte er hier! Die Abfälle in der Stadt waren so reichlich, daß er sich eine Wampe anfressen konnte. Den Hunden in der Stadt ging es besser als den Indios im Berg.
Stenmark war die Morgenwache gegangen. Seine Meldung bestätigte, was Pater Aloysius bereits am Vortag gesagt hatte, als sie in den verlassenen Stollen eingedrungen waren. So merkwürdig das klingen mochte: hier auf der Südseite des Silberberges waren sie absolut sicher.
Hier hatte man zwar anfangs vor vierzig oder fünfzig Jahren Stollen in den Berg getrieben und oberflächlich Silber abgebaut, aber dann war man auf die Nordseite umgewechselt, wo sich die Stadt ausgebreitet hatte. Von dort war es bequemer, das abgebaute Silber in die Stadt zur Münze zu bringen.
Eine erste Erkundung des Stollens hatte ergeben, daß noch ein paar Nebenstollen angelegt worden waren, ziemlich verzweigt, so daß die Männer tatsächlich ein ideales Standquartier gefunden hatten. Denn diese Nebenstollen waren ideale Verstecke. Wer hier eindrang, konnte blitzschnell und lautlos überrumpelt werden. Im übrigen hatten sie in einem dieser Nebenstollen ihre Maultiere untergebracht, jetzt fünfzehn an der Zahl, von denen sieben in ihre Hände gefallen waren, als sie in der Weihnachtsnacht den Silbertransport überfallen hatten.
Stenmark wurde von Mel Ferrow, dem Haifischkämpfer, abgelöst. Auch tagsüber verzichtete Hasard nicht auf einen Wachposten am Eingang zum Stollen. Vorsicht war immer geboten. Sie war ein Gesetz, das hier genauso seine Gültigkeit hatte wie auf See.
Die Männer versorgten die Maultiere, dann frühstückten sie – äußerlich gelassen, aber innerlich gespannt. Es gab noch keinen Plan, wie sie vorgehen wollten, und der Seewolf hatte – was das betraf – bisher geschwiegen.
Aber ihm entging keineswegs, daß die Kerle eine gewisse Nervosität zeigten. Matt Davies zum Beispiel putzte unentwegt seine Eisenhakenprothese, obwohl die wie stets geradezu silbern schimmerte. Bei Matt war das immer ein Zeichen, daß ihn das Fell juckte.
Und der Klotz von Profos zerrte an seinem dunkelblonden Rauschebart, der sein Rammkinn um etliches verlängerte. Jean Ribault saß auf einer Kiste, schien aber Hummeln im Hintern zu haben.
Ein verstecktes Lächeln kerbte sich in Hasards Mundwinkel. Er sagte: „Wenn ihr gefuttert habt, könnt ihr euch wieder aufs Ohr hauen, Leute.“
„Was? Wie?“ Carberry ließ die Hand sinken und starrte Hasard ungläubig an. „Ich hab’ aber die ganze Nacht durchgepennt, Sir. Ich bin so ausgeruht, daß ich mindestens drei Tage lang am Ruder stehen könnte.“
„Ich auch“, erklärte Matt Davies.
Die Männer nickten, und Jean Ribault sagte: „Raus mit der Sprache, Mister Killigrew, Sir! Du hast doch noch was auf der Pfanne, wie ich dich kenne, und ich kenne dich jetzt seit genau sechzehn Jahren.“
„Mit Unterbrechungen, mein Freund“, korrigierte Hasard, „aber sonst stimmt es. Was das andere betrifft, muß ich dich enttäuschen. Ich habe nichts auf der Pfanne. Ihr braucht wirklich ein bißchen Ruhe. Bis auf unseren guten Pater Aloysius seid ihr nämlich alle ziemlich angeschlagen …“
„Du wohl nicht, wie?“ schnappte Jean Ribault.
„Oh, ich bin noch ganz gut beieinander“, sagte Hasard gelassen, „jedenfalls so gut, daß ich mit Pater Aloysius einen kleinen Spaziergang nach Potosi unternehmen kann, um ein wenig herumzuschnüffeln und dann darüber nachzudenken, was ich auf die Pfanne zaubere, von der du sprachst.“
„Und wir sollen hier inzwischen pennen!“ sagte Jean Ribault erbittert.
„So ist es, mein Guter“, sagte Hasard sanft, „denn ich halte nichts davon, daß wir mit alle Mann hoch durch die Stadt ziehen und vermutlich dabei so auffallen wie buntkarierte Rübenschweine.“ Er blickte zu Carberry hinüber, der schnell wegschaute. Ihm war das immer furchtbar peinlich, wenn sein Kapitän gewisse Ausdrücke benutzte, die aus dem Provos-Vokabularium stammten und dazu dienten, den Arwenacks den Marsch zu blasen. Hasard lächelte und fügte hinzu: „Zwei Mann genügen zur Erkundung. Pater Aloysius kennt die Stadt und fällt als Dominikaner nicht weiter auf. Und ich bin dabei, weil ich meine, daß ich als euer Kapitän dazu ein Recht habe. Oder ist jemand anderer Ansicht?“
Gott bewahre! Sie schüttelten alle energisch die Köpfe. Und Jean Ribault sagte hastig: „So hatte ich das nicht gemeint, Sir. Ich meinte nur, daß wir alle voller Tatendrang sind und …“
Hasard winkte ab. „Weiß ich, weiß ich, vor allem wenn ich sehe, wie du auf deiner Kiste rumrutschst. Aber ihr werdet euren Tatendrang schon noch einsetzen können, verlaßt euch drauf! Und dann werdet ihr froh sein, ein paar Stunden Ruhe gehabt zu haben. Wenn wir hier loslegen, möchte ich keine Müdemänner sehen, die nicht mehr reagieren können, weil sie bereits im Stehen schlafen. Ist das klar?“
Das war klar, nur der Profos brummelte: „Könntest du nicht doch erwägen, mich mitzunehmen, Sir? Ich meine, damit du jemanden hast, der aufpaßt, daß dir keiner ins Kreuz springt oder so. Vielleicht haben die Dons hier einen Steckbrief von dir, nicht?“
„Genau!“ sagte Dan O’Flynn.
Hasard seufzte. „Ich trage einen Bart, Leute. Ihr braucht euch nur selbst im Spiegel zu betrachten und werdet euch kaum wiedererkennen. Für die Dons bin ich ein bärtiger Fremder an der Seite eines Gottesmannes, nicht mehr und nicht weniger. Es bleibt dabei: wir ziehen zu zweit los. Schon drei sind zuviel.“
„Wenn das nur gutgeht“, murmelte der Profos.
„Keine Sorge, Bruder Edwin“, sagte Pater Aloysius. „Der Herr wacht über euren Kapitän und mich und paßt auf, daß uns nichts geschieht.“
„Schon, schon“, sagte der Profos, „aber vielleicht schaut der Herr mal woanders hin, weil er dort mehr aufpassen muß. Er muß überhaupt eine Menge Augen haben, der Herr da oben. Und wenn nun das Auge, mit dem er auf Potosi schaut, müde ist? Hast du das bedacht, Bruder?“
„Es ist nicht müde, Bruder Edwin.“
Carberry grinste schlitzohrig. „Er geht Wache, Tag und Nacht, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Ob er sich nicht mal ablösen läßt?“
Pater Aloysius schüttelte den Kopf. „Du mußt glauben, Bruder Edwin. Ließ der Herr dich fallen, als du am Seil über dem Abgrund hingst?“
„Da hat mein Diegolein mich gehalten“, sagte Carberry.
„Und wer befahl deinem Diegolein, sich gegen das Seil zu stemmen?“
Carberry kratzte sich hinter dem rechten Ohr und brummte: „Weißt du, Bruder, du hast eine ganz verdammte Art, mich auf himmlische Pfade zu locken. Da werde ich immer mißtrauisch. Wie war das denn, als mich mein lieber Diego an den Tacna zerrte und mit einem hinterfotzigen Stoß ins Wasser beförderte, he? Hat der Herr da nicht aufgepaßt?“
„Nahmst du Schaden, Bruder Edwin? Nein, du wurdest gebadet, und deine Seele wurde geläutert, auch wenn du voller Zorn warst. Du mußt diese Zeichen des Herrn verstehen. Es sind Zeichen! Der Herr ist auch in einem Maulesel, der stark genug war, dich einer Reinigung im Wasser zu unterziehen, aber auch stark genug, dich vor dem tödlichen Sturz in die Tiefe zu bewahren. Der Herr straft, und der Herr vergibt und beschützt. Du mußt mehr Vertrauen haben – und glauben.“
Carberry kratzte sich wieder hinter dem Ohr, jetzt dem linken.
„Mal sehen“, murmelte er ein bißchen unglücklich.
Die Männer grinsten in sich hinein.
2.
Pater Aloysius und Hasard umgingen den Cerro Rico und betraten die Stadt von Westen her. Niemand hielt sie auf oder kümmerte sich um die beiden Männer. Der Pater hatte seine Bergkleidung abgelegt und trug jetzt seine Kutte.
Es war doch erstaunlich, wie die Leute, denen sie begegneten, auf den Gottesmann reagierten. Man neigte den Kopf oder trat zur Seite, um dem Kuttenmann seine Reverenz zu erweisen. Pater Aloysius nickte gelassen oder hob leicht die rechte Hand.
„Es gibt auch weiße Schafe unter den Spaniern“, sagte er leise zu Hasard, „und es sind nicht eben wenige.“
„Ich weiß“, sagte Hasard ebenso leise, „dennoch bleibt unverständlich, warum sich die vielen weißen Schafe immer wieder von den paar schwarzen Schafen auf der Nase herumtanzen lassen.“
„Damit müssen wir leben“, sagte Pater Aloysius.
„Ja, leider“, murmelte Hasard und schaute sich um. „Ich wundere mich, daß die Stadtzugänge nicht bewacht werden, und hatte gedacht, wir müßten uns heimlich einschleichen.“
Pater Aloysius schüttelte den Kopf. „Sie fühlen sich absolut sicher. Von den Indios droht keine Gefahr – im Umkreis bis zu achtzig oder hundert Meilen gibt es kaum noch welche und wenn, dann leben sie versteckt und zurückgezogen oder haben sich Ausweichmöglichkeiten geschaffen wie unsere Leute im Tacna-Tal. Und die hier versklavten Indios führen ein viel zu erbärmliches Dasein, um noch die Kraft zum Rebellieren zu haben. Außerdem stehen sie Tag und Nacht unter Bewachung. Und Räuberbanden haben sich hier noch nicht blicken lassen. Potosi liegt zu weit von der Küste oder anderen großen Städten entfernt. Du weißt selbst, Bruder Hasard, wir haben fast einen Monat für unseren Marsch hierher gebraucht.“
Hasard nickte. Jetzt hielt er doch etwas den Atem an, denn diese Stadt in dreizehntausend Fuß Höhe inmitten einer einsamen Bergwelt war schlichtweg überwältigend. Sie erschlug einen. Die Städte, die er kannte, waren dagegen armselige Schatten. Das Wort „Potosi“ war gleichbedeutend mit Reichtum, Prunk und Luxus. So etwas hatte er noch nicht gesehen.
Ja, draußen vor der Stadt hatten ein paar armselige Hütten gestanden – als seien sie aussätzig. Hier jedoch herrschten die Steinbauten vor, versehen mit ornamentalen Fassaden, mit Nischen, Bögen, Simsen und Säulen, mit kunstvoll geschmiedeten Portalen, mit vorkragenden hölzernen Erkern und Balkons, deren Balkenwerk mit Schnitzereien von Meisterhand verziert war.
Hier mußten Kunstschmiede, Holzschnitzer und begabte Steinmetze am Werk gewesen sein. Ein Gebäude war prächtiger als das andere, ob es nun ein Bürgerhaus oder ein Kirchenbau war. Da war ein Haus aus rosa getöntem Gestein errichtet, ein anderes wiederum bestand aus geschliffenen Granitblöcken, die wie Zinn schimmerten. Für ein drittes Haus war grünlicher Marmor verwandt worden.
Dort öffnete sich ein zierliches Portal, eine schwarzhaarige Schönheit tippelte die Marmorstufen hinunter, schaute nach rechts und links, streifte die beiden Männer mit einem hochfahrenden Blick, rümpfte das gepuderte Näschen, schwenkte die Hüften und schritt stadtwärts. Alles an diesem Wesen schien zu glitzern – von den Diademen im Haar über die Ohrringe, die Halsketten, die Ringe an den Fingern, die Perlknöpfe an der Mantilla bis zu den Schuhen mit den silbernen Spangen.
Hasard starrte.
Pater Aloysius stieß ihn sanft an und räusperte sich.
„Nur eine Hure, Bruder Hasard“, sagte er. „Sie tragen Kleider aus Damast und Seide, golden und silbern bestickt. Die Gewebe stammen aus Granada, Flandern und Kalabrien, die Hüte aus Paris und London, die Diamanten aus Ceylon, die Edelsteine aus Indien, die Perlen aus Panama, die Strümpfe aus Neapel, die Parfüms aus Arabien. In den Häusern haben sie Teppiche aus Persien, Gläser aus Venedig und Porzellan aus China. Die Señores, denen sie diesen Aufwand zu verdanken haben, tragen die besten bestickten Tuche aus Holland, ihre Prunkdegen beziehen sie aus Toledo, Sattelwerk und Steigbügel ihrer Pferde sind aus reinstem Silber.“
„Mein Gott“, murmelte Hasard.
Pater Aloysius lächelte still.
„Was hattest du erwartet, Bruder?“ sagte er. „Dachtest du, hier Bettler zu sehen? Die gibt es nicht. Es gibt nur Reiche und Arme – die letzteren sind die Indios, vor allem jene, die im Berg schuften, damit sich jene Hure dort in Samt und Seide kleiden und mit dem Schmuck dieser Welt behängen kann. Sicher, bei den Reichen, wie ich sie nannte, sind Unterschiede anzumerken, aber die entsprechen mehr dem jeweiligen Stand. Unter ihnen sind Feldkapitäne und Soldaten, Mönche und Asketen, Abenteurer und Spieler, Huren wie jene und Edeldamen, Kaufleute und Beamte. Nur – sie hungern nicht, sie vegetieren nicht, sie arbeiten nicht bis zum körperlichen Zusammenbruch. Sicher auch gibt es hier das, was man als den Pöbel bezeichnet. Aber dann ist es der reichste Pöbel dieser Welt, weil er vom Tisch der Reichsten schmarotzt wie die Made im Speck. Das Silber aus dem Berg fließt durch Hunderte von offenen Händen, die alle schmutzig sind.“
„Und wo sind die weißen Schafe?“ fragte Hasard.
„Überall“, erwiderte Pater Aloysius ruhig. „Sie haben sich nur verblenden lassen. Eines Tages werden sie aufwachen.“
Sie schritten durch die Calle Ayacucho, die nach Osten verlief. Pater Aloysius deutete nach links voraus.
„Dort vorn siehst du die Moneda, Bruder, die Münze“, sagte er. „Dorthin wird das Silber aus dem Berg transportiert und zu Münzen geschlagen oder in Barren gegossen. Schau sie dir genau an, diese Silberwerkstatt. Von dort nimmt alles seinen Lauf – bis hinüber nach Spanien in die Alte Welt, in der dieses Silber seine mächtige und verderbliche Rolle spielt.“
Sie waren stehengeblieben, und Hasard schaute in die Richtung, in die Pater Aloysius gewiesen hatte. Auf Anhieb wirkte das Gebäude der Münze düster und drohend und so ganz anders als die benachbarten Bauten. Wie eine Festung, dachte Hasard.
Ein riesiger Torbogen bildete den Zugang ins Innere – einen Innenhof von der Größe einer kleinen Plaza, in deren Mitte ein fast orientalischer Brunnen aufragte. Das schmiedeeiserne Gitter in dem Torbogen war geöffnet. Links und rechts des Gitters stand je ein Posten. Ja, dieses Heiligtum wurde bewacht, wenn auch nur von zwei Soldaten.
Es tat sich etwas, denn die beiden Soldaten hatten das Kreuz durchgereckt und waren zu Standbildern erstarrt. Die Leute rechts der Straße hingegen begannen, sich wie Marionetten zu verbeugen.
Rechts? Was war denn da?
„Die Plaza“, raunte Pater Aloysius. „Dort befindet sich auch das Rathaus.“
Sie gingen ein Stück weiter in Richtung der Münze. Dann blieben sie wieder stehen – jetzt ebenfalls Marionetten in einem unbekannten Spiel, in welchem sich die so vornehm und aufwendig gekleideten Spanier – auch die Damen – plötzlich tief verneigten, als wehe der Mantel des Herrn an ihnen vorbei.
Von der Plaza wurde eine Sänfte zur Münze getragen – von sechs Indios, die an diese Sänfte gekettet waren wie Pferde oder Maultiere an eine Kutsche. Es war eine prächtige Sänfte, vergoldet, verziert, funkelnd, spiegelnd. Prächtig waren auch die Soldaten, die diese Sänfte eskortierten – wippende Federbüsche zierten ihre Eisenhelme. Oder waren die gar aus Silber?
Gar nicht prächtig sah der Mensch aus, den man durch die blitzenden Fenster im Inneren der Sänfte erkennen konnte. Er blickte starr vor sich hin und nahm keine Notiz von den ehrenwerten Señores, Señoras und Señoritas, die ihm mit Verbeugungen, Knicksen und Kopfneigen tiefsten Respekt bekundeten.
„Don Ramón de Cubillo, der Provinzgouverneur“, flüsterte Pater Aloysius und fügte respektlos und fast etwas lauter hinzu: „Das größte Arschloch südlich von Lima!“
Hasard zuckte direkt zusammen. Dieser Pater war immer so geradeheraus. Aber es stimmte, auch wenn Hasard diesen Menschen anders beschreiben würde.
Ein fetter Kerl mit einem Froschgesicht saß in der Sänfte. Und mit diesem Froschgesicht stierte er trüb und grämlich vor sich hin, das breite Froschmaul nach unten gebogen, als sei die Jagd nach dicken Fliegen und Brummern ergebnislos gewesen. Auf seiner Stirn perlte sogar Schweiß.
Hatte er Sorgen, der Ärmste? Ein dürrer, aber dennoch sehr fein herausgeputzter Teniente stelzte hinter der Sänfte her wie ein unterernährter Gockel hinter dem Rest seiner ansonsten davongelaufenen Hennen. Er meinte wohl, etwas für den Frosch in der Sänfte tun zu müssen.
Er reckte den dünnen Hals und krähte: „Es lebe der Gouverneur!“
Deswegen liefen die sechs Indios auch nicht schneller. Die soldatische Eskorte hingegen, die Señores, Señoras und Señoritas wiederholten den Gockelruf, aber Hasard hatte den Eindruck, daß die Stimmen der Señores keineswegs schmetternde Trompeten waren – und den Damen hüpfte auch kein Busen aus der Garnitur, als sie ihren Gouverneur „leben“ ließen.
Sehr müde war das alles.
Und sehr müde, wenn auch jovial, winkte Don Ramón nach links und nach rechts. Seine Patschhand war mit funkelnden Ringen besteckt. Vielleicht war deren Gewicht zu schwer, um freudig zu winken. Aber da saß kein Schwung dahinter, nicht ums Verrecken. Und er starrte auch weiter aus Froschaugen trübe vor sich hin.
Der Teniente blieb ruckartig stehen – vor Pater Aloysius.
„Ich habe gesehen“, schnarrte er, „daß Sie dem verehrten Gouverneur nicht gehuldigt haben!“
Pater Aloysius lächelte den Teniente milde an und sagte: „Ich huldige dem Herrn, Bruder Teniente, und unseren verehrten Gouverneur schließe ich in mein Gebet ein, das da lautet: Gebet, so wird euch vergeben! Und der Bruder Lukas, der dies sagte, fügte hinzu: Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, da ihr mit messet, wird man euch wieder messen.“
„Äh!“ sagte der Teniente und noch einmal: „Ah!“ Er konnte mit dem, was der Bruder Lukas verkündet hatte, wohl nicht viel anfangen. Dafür musterte er jetzt Hasard, zog die Augenbrauen hoch und schnarrte: „Und wer sind Sie?“
„Ein Pilger, Señor Teniente“, sagte Hasard freundlich. „Der Pater und ich befinden sich auf dem Weg nach Jerusalem.“
„Was – was? Wie?“ Der Gockel hatte Schluckbeschwerden und ruckte mit dem Kopf, als picke er nach einem Wurm. „Jerusalem? Das liegt doch woanders – äh – in Palästina!“
„Wir haben, um den Herrn zu erfreuen, den weitesten Weg genommen“, erläuterte Pater Aloysius.
„Verrückt!“ schnappte der Teniente, zuckte herum und stelzte mit eiligen Schritten hinter der Sänfte her.
Hasard und der Pater wechselten einen schnellen Blick und hatten Mühe, nicht ein donnerndes Gelächter anzustimmen. Aber das wäre fehl am Platze gewesen.
Die Sänfte verschwand im Innenhof der Münze. Die beiden Standsoldaten erwachten wieder zum Leben und verschlossen das schmiedeeiserne Tor.
„Der Bastard ist zu vollgefressen und zu faul, vom Rathaus zur Münze zu Fuß zu gehen“, sagte Pater Aloysius. Dann zog ein Grinsen über sein scharfkantiges Gesicht. „Hast du seine grämliche Miene gesehen, Bruder Hasard? Sie stimmt mich heiter. Ihn zwicken und zwacken die Sorgen, das ist es. Denn es hapert mit dem Nachschub für die Mine – keine Arbeitskräfte, kein Silber. So einfach ist das. Und er muß befürchten, daß ihm der Vizekönig in Lima aufs Dach steigt, wenn die Silberlieferungen immer spärlicher werden.“
Hasard nickte. Ein noch vager Plan ging ihm durch den Kopf.
Sie überquerten die Calle Lanza, die nach Süden auf den Silberberg zuführte, und stießen auf die Plaza, wo zur Zeit ein Markt abgehalten wurde. Nördlich der Plaza ragte die Kathedrale auf, ein imposanter Bau, der die anderen Prachtbauten noch in den Schatten stellte. Ja, natürlich, auch die Kirche hatte Geld und konnte es mit vollen Händen ausgeben.
Pater Aloysius steuerte auf die Kathedrale zu.
„Nanu!“ sagte Hasard etwas verwundert. „Willst du Zwiesprache mit dem Herrn halten, Bruder?“
Der Pater lächelte. „Das nicht – und dazu ist mir das Gotteshaus dort zu pompös. Nein, wir werden Pater Augustin aufsuchen, einen Bruder meines Ordens. Er hat das Ohr am Puls der Stadt. Im übrigen ist er ein erbitterter Gegner der ‚Encomienda‘. Du weißt, was das ist?“
„Nur ungefähr.“
Pater Aloysius sagte: „Es ist ein System, das den Spaniern in der Neuen Welt aufgrund eines königlichen Dekrets das Recht verleiht, Indianer als Zwangsarbeiter zu rekrutieren, ohne daß diese für ihre Arbeitsleistungen entlohnt zu werden brauchen. Praktisch hat das zur Ausbeutung der Indianer geführt – und zu ihrer Ausrottung.“
„Und was tut dieser Pater Augustin gegen das System?“ fragte Hasard.
Pater Aloysius seufzte. „Er kann nicht viel tun. Er hat Kontakte zu den Indios im Berg – frag mich nicht, auf welche Weise. Ich weiß es nicht, und es ist auch gefährlich, etwas zu wissen. Aber er schmuggelt heimlich Lebensmittel in den Berg und hat ein paarmal flüchtige Indios verstecken können, die ausgebrochen waren. Er versucht, die Situation der Ärmsten im Berg zu verbessern. Nun, es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber besser, als die Hände in den Schoß zu legen.“
Hasard schwieg. Er dachte nur, daß es zu wenige waren, die sich gegen dieses mörderische menschenverachtende System stemmten.
Sie fanden den Pater in einem Nebenraum der Kathedrale, wo er an einem Stehpult stand, einen Folianten vor sich, in den er mit einem Schreibkiel etwas eintrug.
Er war ein schwerer, kräftiger Mann mit einem starken Nacken, einem kantigen Gesicht und einem harten Kinn. Aber in seinen braunen Augen schimmerte Wärme. Und jetzt leuchteten sie auf, als er Pater Aloysius erkannte.
„Bruder Aloysius!“ rief er aus. „Was für eine Freude!“
Sie umarmten sich und klopften sich auf die Schultern. Dann deutete Pater Aloysius auf Hasard und sagte nur: „Ein Freund unserer Brüder im Tacna-Tal, wo er verhinderte, daß Pater Franciscus zu Tode gemartert wurde.“
Das Gesicht Pater Augustins wurde hart, und er trat einen Schritt zurück.
„Was sagst du da, Bruder?“ fragte er.
Pater Aloysius erwiderte: „Ein Trupp Soldaten aus Arica erschien im Tacna-Tal. Unsere Indios, meine Brüder und ich verschwanden in unseren Verstecken. Pater Franciscus trat ihnen entgegen. Ein Teniente erklärte ihn für verhaftet – die Gründe waren an den Haaren herbeigezogen. Es war eindeutig eine gezielte Aktion – höre gut zu, Bruder –, eine gezielte Aktion zur Beschaffung von Arbeitskräften für euren Berg. Sie scheuen sich nicht, sich jetzt auch an uns zu vergreifen, zumal wir ihnen ja als Freunde der Indios bekannt sind. Sie verwüsteten unsere Felder, zerschlugen unsere Werkstätten, Schuppen und Scheunen, demolierten unsere Unterkünfte und brachen in unsere Kapelle ein, wo sie uns vermuteten. Die Kapelle wurde geschändet. Weil sie uns nicht fanden, begannen sie, Pater Franciscus zu foltern, um von ihm zu erpressen, wo wir seien. Das war der Zeitpunkt, an dem unser Freund hier eingriff.“
Pater Augustin starrte Hasard an. „Sie allein, Fremder?“
Hasard schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: „Ich tötete nur den Teniente in einem Duell mit Blankwaffen. Meine Männer nahmen sich die Soldatenhorde vor. Aus bestimmten Gründen durfte es keine Überlebenden geben. Wir haben später auch die drei Hängebrücken zwischen dem Tacna-Tal und Arica zerstört und dabei einen zweiten Trupp vernichtet, der ebenfalls nach Tacna unterwegs war, um Zwangsrekrutierungen durchzuführen. Verzeihen Sie, wenn ich mich nicht vorstelle. Es ist besser, Sie kennen meinen Namen nicht. Aber ich bin Kapitän und habe etwas dagegen, daß Menschen versklavt werden und sich ein Land das Recht herausnimmt, diesen Teil der Welt auszuplündern. Genügt das?“
„Ich verstehe.“ Der Pater blickte in die eisblauen Augen dieses schwarzhaarigen, bärtigen Riesen und dachte: Mein Gott, er kämpft – und wir beten nur.
In seine Gedanken hinein sagte Hasard: „Noch etwas sollen Sie erfahren, Pater Augustin. Ein gewisser Luis Carrero befindet sich als Gefangener an Bord meines Schiffes. Wir erwischten ihn, als er an der peruanischen Küste Indios rekrutierte – auf die übliche üble Art. Insofern bin ich orientiert über das, was sich hier abspielt.“ Hasard lächelte sanft in das verblüffte Gesicht des Paters. „Vielleicht hat mich Bruder Aloysius aus gewissen und verschiedenen Gründen in diese Stadt geführt.“
„Sie – Sie haben dieses Schwein von Oberaufseher in Ihrer Gewalt?“ fragte der Pater, und es war ihm anzumerken, daß er dem Herrn im Himmel ein herzliches Dankeschön für die frohe Botschaft zusandte.
Hasard nickte und erwiderte grimmig: „Was wir mit ihm anstellen werden, weiß ich noch nicht. Aber eins kann ich Ihnen versichern: nach Potosi wird er nicht zurückkehren.“
„Das ist eine gute Nachricht“, sagte Pater Augustin, „und sie wiegt das Betrübliche auf, das Bruder Aloysius berichtete.“ Er runzelte die breite Stirn, die von tiefen Falten gekerbt war. „Jetzt wird vieles verständlich. Ja, wir wissen, daß der Provinzgouverneur neue Rekrutierungsmaßnahmen getroffen hat. In der ganzen Stadt wird davon gesprochen. Der Silberabbau hat sich rapide vermindert – weil es an Arbeitskräften mangelt. Wir haben Don Ramón empfohlen, die Indios menschlicher zu behandeln und dafür zu sorgen, daß sie nicht wie bisher durch Unterernährung, barbarische Züchtigungen, Krankheiten oder maßlos überhöhte Sollerfüllungen wegsterben.“
„Und?“ fragte Pater Aloysius knapp.
„Wir stießen auf taube Ohren“, sagte Pater Augustin erbittert. „Ja, er reagierte geradezu entrüstet, als hätten wir ihn persönlich beleidigt.“ Er kniff die Augen zusammen. „Jetzt bekommt alles Gewicht: er drohte uns! Wir sollten uns nicht um Dinge kümmern, die uns nichts angingen. Sonst sähe er sich gezwungen, andere Saiten aufzuziehen und dafür zu sorgen, uns einer nützlichen Beschäftigung zuzuführen.“
„Klar“, sagte Pater Aloysius fast grob, „im Silberberg, wo denn sonst? Habt ihr das nicht kapiert?“
„Nein.“ Das klang gepreßt. „Wir haben nie für möglich gehalten, daß er soweit gehen würde.“ Und fast trotzig fügte Pater Augustin hinzu: „Alle Macht geht vom König aus, aber auch die Kirche ist eine Macht.“
„Ah ja“, sagte Pater Aloysius höhnisch. „Und wo ist sie, diese Macht unserer Kirche? Ich finde sie nirgends. Kannst du sie mir mal zeigen, Bruder? Aber die Macht des Königs sorgte dafür, daß der Altar unserer Kapelle im Tacna-Tal zerstört wurde. Das Kruzifix wurde zertrümmert. Ohne das Eingreifen unseres Freundes hätten wir einen neuen Märtyrer gehabt – Pater Franciscus. Er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als zu verraten, wo wir uns versteckt hatten.“
„Du bist erregt, Bruder“, sagte Pater Augustin.
„Erregt?“ schnappte Pater Aloysius. „Zornig bin ich, weil diese Teufel tun, was ihnen paßt, und niemand stellt sich ihnen entgegen. Du sagtest eben selbst, er habe euch gedroht, dieser Fettwanst, der sich Gouverneur nennt. Habt ihr diese Drohungen zurückgewiesen? Habt ihr ihn mit dem Kirchenbann belegt? Darf er diese Kirche noch betreten? Habt ihr seine Drohungen von der Kanzel herab angeprangert?“
„Du weißt, daß nur der Bischof in Lima solche Strafen verhängen kann, Bruder“, sagte Pater Augustin verbissen. „Und Lima ist weit.“
„Es wird noch weiter von euch weg sein“, sagte Pater Aloysius, „wenn auch ihr im Berg gelandet seid, um ‚einer nützlichen Beschäftigung‘ nachzugehen.“
Hasard räusperte sich, und er sagte zu Pater Aloysius: „Vorwürfe führen jetzt zu nichts, Bruder. Du verlangst eine kämpferische Kirche, was im Widerspruch zu ihrem Auftrag steht, überall Frieden zu verkünden. Wir wollen das hier nicht erörtern. Mich interessiert etwas anderes.“ Er blickte zu Pater Augustin. „Hat Don Ramón, der Provinzgouverneur, hier in Potosi irgendwelche Feinde, die nur darauf lauern, ihn ausbooten zu können, um selbst Machtpositionen zu besetzen?“
Pater Augustin schüttelte den Kopf. „Er sitzt fest im Sattel. Es gibt niemanden, der ihn aus seinem Amt als Provinzgouverneur verdrängen könnte. Nur der König beziehungsweise der Vizekönig in Lima ernennt ihn oder setzt ihn ab. Es ist ein Amt von des Königs Gnaden.“
„Das ist mir schon klar“, sagte Hasard. „Ich dachte nur bei meiner Frage an etwas anderes.“
„Und das wäre?“ fragte Pater Augustin.
Hasard sagte geradeheraus: „Was geschieht zum Beispiel, wenn jemand den Provinzgouverneur ausschaltet, indem er ihn als Geisel gefangensetzt? Gilt dann seine Befehlsgewalt immer noch, oder geht sie möglicherweise auf einen Vertreter über, der auf sein Leben keine Rücksicht zu nehmen braucht und daher auch seine Befehle ignorieren kann?“
Pater Augustin starrte Hasard an, als habe der den Verstand verloren. Pater Aloysius indessen hatte bereits begriffen und begann breit zu grinsen.
In den letzten Wochen hatte er mit diesem Kanonensohn und seinen harten Kerlen ja schon allerlei erlebt. Die kamen zur Sache, ohne lange zu fackeln. Was der schwarzhaarige Riese mit den eisblauen Augen jetzt jedoch plante, das war an Verwegenheit kaum zu überbieten – und müßte Erfolg haben, vorausgesetzt, die Señores der Exekutive wie Stadtkommandant, Offiziere, Polizeipräfekt oder Bürgermeister zitterten um das Leben des ehrenwerten Don Ramón und unternahmen nichts, um es zu gefährden.
Weil der Bruder Aloysius so infam grinste, begann es bei Pater Augustin zu dämmern. Heilige Mutter Gottes! Sollte es dieser bärtige Riese mit dem verwegenen und doch so sympathischen Gesicht wagen, das auszuführen, was er eben angedeutet hatte?
„Ungeheuerlich“, murmelte Pater Augustin, „unvorstellbar.“ Er blickte zu dem grinsenden Pater Aloysius und dann wieder zu dem Riesen, der eine undurchdringliche Miene aufgesetzt hatte, aber ihn aufmerksam musterte. Pater Augustin hüstelte. „Entschuldigung, ich bin etwas verwirrt. Eine – eine Geiselnahme dieser – äh – Person ist so unvorstellbar, daß man sie hier nie ins Kalkül gezogen hat, um sich mögliche Gegenreaktionen auszudenken. Insofern lautet meine Antwort auf Ihre Frage, daß niemand in Potosi wagen wird, das kostbare Leben dieser Person in Gefahr zu bringen.“
„Er wird als Geisel weiter befehlen können?“ fragte Hasard.
„Das wird er.“ Pater Augustin nickte. „Davon bin ich überzeugt. Aber was bezwecken Sie mit einer solchen Geiselnahme, Señor? Entschuldigen Sie, wenn ich das frage.“
„Oh, ich verfolge dabei mehrere Ziele, die aber alle darauf hinauslaufen, den Silberabbau in der Mine zumindest für einige Zeit außer Betrieb zu setzen.“
In den braunen Augen Pater Augustins blitzte es auf. „Das höre ich gern. Aber es wird sehr sehr schwer, ja, nahezu unmöglich sein, diese Person gefangenzunehmen, Sie wird ständig von einer Leibwache begleitet, und das sind harte Burschen, die ohne viel zu fragen sofort schießen oder zuschlagen, sollte ihr Schützling in irgendeiner Weise bedrängt werden. Sie erhalten dafür einen Privatsold aus der Schatulle des hohen Herrn und stehen sich damit besser als ein Capitán der spanischen Armee.“
„Wie stark ist diese Leibwache?“ fragte Hasard.
„Vier Soldaten unter der Führung eines Teniente“, erwiderte Pater Augustin.
Nicht sehr aufregend, dachte Hasard und fragte: „Dieser Teniente – ist das ein dürrer Mensch mit einem Ziegenbart?“
„Ja, das ist er“, sagte der Pater, „Teniente Manuel de Olivella, ein dummer Laffe, der sich als Kommandant der Leibwache des hohen Herrn für den Nabel der Welt hält und eben wegen seiner Dummheit gefährlich ist.“
„Das haben wir schon gemerkt“, sagte Hasard lächelnd und dachte an den dürren Gockel, dem sie erklärt hatten, sie befänden sich auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem. Als „hart“ mochte er diesen Burschen nicht einschätzen. Aber Dummheit – da hatte der Pater recht – war etwas Gefährliches. Hasard verneigte sich leicht. „Vielen Dank für die Informationen, Pater Augustin. Wenn alles so klappt, wie ich mir das vorstelle, wird die absolute Herrschaft der Person, von der wir sprechen, einen erheblichen Stoß erhalten.“
„Gott möge Ihnen beistehen“, sagte Pater Augustin.
Sie verabschiedeten sich und kehrten auf Umwegen zur Südseite des Silberberges zurück.
3.
Hasard berichtete in dem Stollen von ihrem Stadtbesuch und was er von Pater Augustin erfahren hatte. Zum Schluß sagte er: „Ich habe die Absicht, den ehrenwerten Don Ramón zu schnappen und als Geisel zu benutzen. Meiner Meinung nach ist er ein feiger Mann, das heißt, er wird tun, was ich ihm befehle. Mit den vier Leibwächtern und dem Teniente sollten wir fertig werden – fragt sich nur, wo und wann wir zuschlagen.“
„Kein Problem“, sagte Pater Aloysius voller Heiterkeit. „Nordwestlich von Potosi liegen die warmen Quellen von Miraflores. Dort hat sich der Fettwanst an einem Thermalbad ein luxuriöses Landhaus errichten lassen, das er täglich aufsucht. Teilweise verbringt er dort auch seine Nächte – mit hübschen Indiomädchen, die er für Liebesdienste mißbraucht. In diesem Landhaus könnten wir ihn festsetzen.“
„Wie weit ist es von Potosi entfernt?“ fragte Hasard.
„An die zwölf Meilen, Bruder Hasard.“
Hasard schüttelte den Kopf. „Das ist zu weit weg von der Stadt, denn sie wird es sein, der ich Forderungen stellen werde – über Don Ramón als Sprachrohr. In dem Landhaus sind wir zu weit ab vom Schuß. Aber wir können über ihn herfallen, wenn er in seiner Sänfte zu diesem Landhaus gebracht wird. Dann schleppen wir ihn hierher und zwiebeln ihn ein bißchen, um ihn als unser Sprachrohr auf seine Rolle einzustimmen …“
„Schlage mich als Einstimmer vor, Sir“, sagte Carberry sofort. „Du weißt, daß ich auch den Hundesohn Luis Carrero bestens eingestimmt habe, nicht wahr? Wenn er mich sah, wurde er immer grün in seiner schönen Visage, so grün wie – wie …“
„… Kuhkacke“, ergänzte Dan O’Flynn. Und die Männer einschließlich des Paters Aloysius grinsten.
„Mister O’Flynn“, sagte der Profos mit Würde. „Das sind nicht meine Worte. Ich meinte, so grün wie Gras.“
„Ist ja auch Gras, was die Kuh verdaut“, entgegnete Dan.
„Das ist durchaus richtig, Mister O’Flynn“, erklärte der Profos. „Es muß also heißen, der Hundesohn Luis Carrero wurde so grün wie das von der Kuh verdaute Gras.“
„Kuhkacke klingt besser“, sagte Dan ungerührt. „Das mußt du zugeben, Mister Carberry.“
Der Profos schnaufte verächtlich. „Das ist Vulgärsprache, Mister O’Flynn. Sie ziemt sich nicht …“
Carberry wurde wieder unterbrochen. Aus dem Nebenstollen, wo die Maultiere standen, ertönte ein eindeutiges Geräusch – donnernd und kurz darauf auch riechend.
„Dein Diegolein“, sagte Dan O’Flynn, „in der Vulgärsprache, die sich nicht ziemt. Manchmal frage ich mich wirklich, wie merkwürdig es ist, daß es immer deine Tiere sind, die sich so unflätig äußern.“
„Deine Tiere?“ Der Profos hatte den Kopf vorgeschoben und lauerte. „Was soll das denn heißen?“
„Ich denke da an Sir John, mein lieber Mister Carberry“, erwiderte Dan O’Flynn.
Edwin Carberry, Profos der Arwenack-Crew, schwoll an und pumpte sich voll Luft wie eine Schweinsblase.
„Ich …“, begann er.
Hasard sagte sanft: „Ed, unser Thema hatten wir auf die Gefangennahme des Don Ramón abgesteckt, und ich habe nichts dagegen, daß du ihn auf deine bewährte Art ein bißchen einstimmst, aber nicht mit den Fäusten …“
„Völlig richtig, Sir“, unterbrach ihn Carberry, „völlig richtig. Ich werde dem feisten Rübenschwein nur erzählen, wie ich mit dem Hundesohn unsere Decks aufgewischt habe und daß unsere liebe Plymmie nach seiner Kehle gelechzt hätte. Wäre das was?“
„Etwa so“, erwiderte Hasard lächelnd.
„Alles klar, Sir“, sagte Carberry und schoß einen wilden Blick auf Dan O’Flynn ab. „Und du Kuhkacker wirst nie ein Gentleman!“
„Hab ja auch noch Zeit“, sagte Dan O’Flynn freundlich.
Hasard sagte gelassen: „Ich habe nichts dagegen, daß ihr euer Thema weiterspinnt, wenn wir anderen aufgebrochen sind, um den Dicken zu schnappen. Oder wolltet ihr mit dabeisein?“
„Natürlich muß ich dabeisein“, brummte der Profos.
„Ich auch“, erklärte Dan O’Flynn.
„Das freut mich“, sagte Hasard. „Also weiter. Frage an Pater Aloysius: Du kennst den Weg zu den Thermalquellen – ist das Gelände für einen Überfall geeignet?“
„Es könnte besser nicht sein“, sagte Pater Aloysius. „Und du hast recht, Bruder Hasard. Miraflores liegt für unsere Zwecke zu weit entfernt von Potosi, ganz abgesehen davon, daß das Landhaus Diener, Lakaien und weitere Bewacher beherbergt, die unter Kontrolle gebracht werden müßten. Nein, da ist es richtiger, den Kerl auf dem Weg zum Landhaus zu packen, zumal er da nur von den vier Soldaten und dem Teniente bewacht wird.“
„Gut“, sagte Hasard, „dann schlage ich vor, daß wir sofort aufbrechen. Allerdings brauchen wir einen Freiwilligen, der hierbleibt, um auf unsere Maultiere aufzupassen. Sie müssen ja auch versorgt werden.“ Hasard blickte in die Runde der Männer, die um ihn herumsaß. „Gibt’s einen Freiwilligen?“
Pater David hob den rechten Arm, grinste ein bißchen und sagte: „Wenn Mister Carberry nichts dagegen hat, daß ich auch seinen Diego versorge.“
„Genehmigt, Bruder David“, sagte Carberry sehr großzügig. „Aber du weißt, daß er seine Launen hat, was, wie?“
„Haben wir Menschen die nicht auch?“ fragte der Pater zurück.
„Hm-hm“, brummte der Profos und warf Dan O’Flynn einen schiefen Blick zu. „Du sagst es, Bruder David, und ich bemühe mich ständig, sanft wie ein Reh zu sein und die Vulgärsprache zu vermeiden, die manche Affenärsche als übellaunig auffassen. Dabei ist es nur der Herr, der in mich fährt und mir befiehlt, gewisse Kuhkacker in die Schranken zu weisen.“
„Du lieber Gott“, murmelte Dan O’Flynn und blickte zur Stollendecke hoch.
„In Ordnung“, sagte Hasard energisch, bevor der Profos und Dan O’Flynn erneut das Thema der Vulgärsprache zu erörtern begannen. „Pater David sei gedankt, daß er freiwillig hierbleibt. Nehmt etwas Proviant mit, Männer, und eure Waffen.“ Er grinste zu Jean Ribault hinüber. „Du siehst, Jean, mit der Ruhe ist es bereits vorbei.“
„Hab’s begriffen, Sir“, erwiderte der schlanke Franzose und grinste ebenfalls. „Du hattest wohl doch was auf der Pfanne.“
„Noch mehr, mein Freund“, sagte Hasard. „Wir werden uns über Langeweile nicht zu beklagen haben.“
Der Kontrast zwischen Potosi und der Bergwelt ringsum war nahezu greifbar – hier quirlendes, lautes Leben, dort schweigende Einsamkeit; hier einmalige Prunkbauten, von Menschenhand geschaffen, dort karge Felsen, zum Teil von bizarren Formen, entstanden in einer Zeit, die man die Schöpfungsgeschichte nennt.
Der Trupp unter Führung von Pater Aloysius bezog am frühen Nachmittag eine Lauerstellung in einer kleinen Schlucht, durch die der Weg nach Miraflores zu den Thermalbädern verlief. Sie waren in einem Bogen – Potosi östlich lassend – nach Nordwesten marschiert. Niemand war ihnen begegnet. Man hätte meinen können, es gäbe kein Potosi.
Die Schlucht verlief von Südosten nach Nordwesten. Felsen vulkanischen Ursprungs begrenzten die beiden Seiten, etwa hundert Fuß hoch, zum Teil nackt oder von Flechten und Moosen bewachsen. Es war ein sonniger Tag, aber ein kalter Wind strich von Süden her über das rauhe Bergland und erzeugte zwischen den Felsen einen singenden Ton, flötenähnlich und von eigentümlicher Wehmütigkeit.
Am Fuß der beiden Schluchtseiten lagen Geröllbrocken, zum Teil groß genug, um dahinter Deckung nehmen zu können. Der Platz war ideal für einen Überfall.
Dan O’Flynn war am Schluchtanfang im Südosten auf einen Felsturm geklettert, von dem aus er den ganzen südlichen Bereich einschließlich der Route nach Miraflores überblicken konnte. Am Nachmittag meldete er das Herannahmen der Sänfte, die wieder von sechs Indios getragen wurde. Eine weichgefederte Prunkkarosse mit prächtigen Pferden wäre dem Dicken mit dem Froschgesicht wahrscheinlich lieber gewesen – weil schneller und aufwendiger –, aber die Route zwischen Potosi und Miraflores war nichts weiter als ein Trampelpfad und völlig ungeeignet für ein Gefährt auf Rädern.
„Keine Knallerei, Leute!“ sagte Hasard noch einmal. „Setzt die Pistolengriffe ein, das genügt. Außerdem sind wir in der Überzahl.“
Die Männer nickten und verschwanden hinter den Steinbrocken – fünf auf der einen und fünf auf der anderen Seite.
Die Sänfte wurde von der vierköpfigen Leibwache und dem Teniente eskortiert. Die Tätigkeit des Teniente bestand darin, die sechs Indios anzutreiben. Er benutzte dazu eine Reitgerte mit einem sehr fein ziselierten silbernen Griffstück. Von dem, was das Ding gekostet hatte, wären vermutlich ein paar Indiofamilien für einige Wochen satt geworden.
„Vorwärts, ihr faulen Hunde!“ krähte der Gockel-Teniente. „Hier wird nicht geschlafen! Schneller, schneller!“ Die Reitgerte pfiff durch die Luft und fetzte über einen Indiorücken, einen aufquellenden Striemen hinterlassend.
Im Vergleich zum Tampen war diese Reitgerte eine höllisch scharfe Sache, dem schnappenden Zubiß einer Schlange nicht unähnlich. Der Indio war zusammengezuckt und hatte einen kurzen Schmerzlaut ausgestoßen.
„Hier wird nicht gejammert!“ schrie der Gockel-Teniente. „Das beleidigt die Ohren unseres Gouverneurs, du Mißgeburt eines Affen!“ Und er schlug noch einmal zu – auf dieselbe Stelle. Es schien ihn zu entzücken, daß die Haut jetzt aufplatzte, denn er stieß ein meckerndes Lachen aus. Dieser Manuel de Olivella war nicht nur ein dummer Laffe, wie ihn Pater Augustin bezeichnet hatte, sondern auch ein Sadist. Ob sein meckerndes Lachen die Ohren des Gouverneurs „beleidigte“, war nicht festzustellen.
Den sechs Indios lief der Schweiß über die ausgemergelten Gesichter. Zu der Last der Sänfte mit dem dicken Gouverneur schleppten sie auch noch das Gewicht ihrer jeweiligen Kette, mit der sie an die Sänfte gefesselt waren. Drei waren vorn „vorgespannt“, drei hinten. Jeder von ihnen umklammerte einen Holm. Zusätzlich verlief ein breiter Ledergurt quer über ihre Schultern hinunter zu den sechs Holmen.
Der hohe Herr wurde also „sechsspännig“ getragen – zu wenig für den schweren Prunkkasten. Die sechs Indios schufteten sich die Seele aus dem Leib und die Lunge aus dem Hals.
„Schneller, schneller!“ gellte die Stimme des Schinders. „Eins-zwei! Eins-zwei! Wollt ihr wohl laufen, ihr dreckiges Pack?“
Sie keuchten, und die Ketten klirrten.
Die Sänfte erreichte die Mitte der Schlucht.
„Ihr kriegt nichts zu fressen, ihr verlausten Affen!“ schrie der Schinder. „Ich werde …“
Eine helle Stimme unterbrach ihn. Sie klang wie ein Trompetenstoß.
„Drauf, Männer!“
Zehn Gestalten schnellten links und rechts der Schlucht hinter Felsen hervor wie rasende Teufel, überbrückten die kurze Distanz bis zur Sänfte mit zwei, drei langen Sätzen und fielen über die Eskorte her.
Dumpf dröhnten Pistolengriffe auf Helme und trieben sie tief über Gesichter, deren Glotzaugen verständnislos aufgerissen waren. Musketen polterten auf den felsigen Boden, die Kerle sackten in sich zusammen, ohne überhaupt reagiert zu haben. Der blitzschnelle Überfall hatte sie total überrumpelt.
Innerhalb von einer halben Minute waren sie mit Lederriemen gefesselt.
Die sechs Indios hatten die Sänfte mit einem Ruck abgesetzt. Sie blickten sich scheu um.
Aus der Sänfte erklang die zeternde Stimme des dicken Gouverneurs.
Carberry riß die Tür auf.
„Aussteigen!“ bellte er. „Hopphopp, du Froscharsch! Die Reise ist zu Ende! Fallen Anker, klar?“
„Gehen Sie weg, Sie Unhold!“ kreischte der Dicke. „Ich bin der Gouverneur! Teniente! Verhaften Sie diesen Menschen!“
Carberry langte in die Sänfte und knurrte: „Dir werd’ ich helfen – von wegen Unhold, du vollgefressener Speckkloß!“
Don Ramón sah die behaarte Riesenpranke, die ihn vorn an der Brust packte, und begann zu quieken wie ein angestochenes Ferkel. Gleichzeitig strampelte und zappelte er, als ihn eine unheimliche Kraft nach draußen zog. Er fiel aufs Gesicht, quiekte in noch höheren Tönen, wurde hochgezerrt und empfing von der Riesenpranke eine Maulschelle, die ihm schier den Kopf abriß.
Die Maulschelle beendete das Quieken. Dafür folgte ein Schluchzen, und dann heulte Don Ramón de Cubillo, seines Zeichens Provinzgouverneur und damit unumschränkter Herrscher über Tausende versklavter Indios, los wie ein kleines Mädchen, das von einem bösen Buben an den Zöpfen gezogen worden war.
Er plärrte also, und Carberry war fassungslos.
Der Profos faßte sich erst wieder, als ihn der Dicke angreinte: „Sie haben mir weh getan, Sie Schlimmer!“
Da grinste der Profos und säuselte: „Ei-ei-ei, hat der böse Onkel dem Dickerchen was aufs Bäckchen geklopft, ja, ei der Daus! Soll ich das Doktorchen holen, um das Wehwehchen zu heilen?“ Und dann röhrte der Profos: „Du fängst gleich noch eine, du aufgeschwemmte Pißnelke …“
„Na, na, na, Mister Carberry“, mahnte Dan O’Flynn grinsend. „Denk an die Vulgärsprache …“
„Der Zorn des Herrn ist in mir“, sagte Carberry aufgebracht und fuhr den Dicken an: „Hör auf zu jammern, du Heulphilipp, sonst muß ich aus deinem Hintern Speckwürfel schneiden und sie dir ins Froschmaul stopfen!“
Der Dicke stierte zu ihm hoch, seine Augen quollen beängstigend aus den Höhlen, sein Mund bewegte sich schnappend wie ein Fischmaul, dann verdrehte er plötzlich die Augen – und fiel um.
„Du hast ihn verschreckt“, sagte Dan O’Flynn, „und darum ist er weggetreten. Vergiß nicht, ihm sein Säbelchen abzunehmen. Am besten, wir durchsuchen ihn gleich von oben bis unten.“
Carberry nickte, und sie beugten sich über den Dicken.
Inzwischen hatten Pater Aloysius und Karl von Hutten bereits die Indios beruhigt, die erst allmählich begriffen, daß für sie die Stunde der Freiheit geschlagen hatte. Hasard filzte den Teniente und fand einen Schlüssel, der in die Kettenschlösser paßte. Im Nu waren die Indios befreit. Pater Aloysius empfahl ihnen, das Weite zu suchen und Begegnungen mit Spaniern zu vermeiden. Das ließen sie sich nicht zweimal sagen. Mit glücklichen Gesichtern überkletterten sie den Westhang der Schlucht, winkten oben noch einmal und verschwanden.
Jean Ribault starrte auf die Sänfte und kratzte sich hinter dem Ohr.
„Die sollten wir verschwinden lassen, wie?“ sagte er zu Hasard.
Hasard nickte. „Aber durchsucht sie erst – hinten scheint eine Art Reisetruhe eingebaut zu sein.“ Und zu Stenmark sagte er: „Lauf mal voraus, Sten! Da vorn links ist ein Einschnitt, vielleicht eine Nebenschlucht, wo wir die Sänfte verstecken können.“
„Aye, Sir.“ Stenmark trabte ab, um nachzusehen.
Matt Davies hatte bereits mit seiner eisernen Hakenprothese die Reisekiste aufgeknackt und schaute mit Jean Ribault und Gary Andrews hinein. Jean Ribault drehte sich grinsend zu Hasard um.
„Ledersäcke, Sir!“ sagte er. „Du hast eine gute Nase.“
Hasard zuckte mit den Schultern, lächelte dann und sagte: „Laß mich raten! Ich tippe auf Silbermünzen mit der Potosi-Prägung.“ Dann wurde er wütend und knurrte: „Diesen Silberscheiß müssen die Indios also auch noch schleppen, wenn sie den Fettsack durch die Gegend tragen.“
Jean Ribault hob den rechten Zeigefinger und drohte. „Silberscheiß ist Vulgärsprache, Sir! Laß das nicht Mister Carberry hören!“
Hasard hob fluchend die Reitgerte des Teniente de Olivella auf und ließ sie durch die Luft pfeifen.
„Ich glaube“, sagte er grimmig, „über diesen ganzen Mist hier kann man sich nur noch vulgär äußern.“ Er holte Luft. „Also, was befindet sich in den Säcken?“
„Silbermünzen mit Potosi-Prägung!“ meldete Matt Davies und fügte hinzu: „Möchte nicht wissen, was der Dicke alles in seinem Landhaus gestapelt hat, wenn er sich täglich dorthin tragen läßt. Die Talerchen hat er doch abgestaubt, der Bastard!“
„Kein Widerspruch“, knurrte Hasard. „Nehmt mit, was ihr tragen könnt. Den Rest werfen wir weg.“
Stenmark kehrte zurück und meldete: „Nebenschlucht mündet an einem Abhang, der ziemlich steil ist. An seinem Fuß liegt ein Tümpel.“
„Also hinein mit der Sänfte“, sagte Hasard. „Packt an, Männer! Dan bleibt als Wache hier.“
Sie holten sechs Ledersäcke aus der Reisekiste, die eine Schatzschatulle war, verteilten sich an den Holmen, lüfteten die Sänfte an und trugen sie an den Abhang der Nebenschlucht. Von dort wurde sie nach unten gestoßen. In der Reisekiste befanden sich noch weitere sechs Ledersäcke. Die Sänfte klatschte in den Tümpel und ging blubbernd auf Tiefe.
„Der Schatz im Silbersee“, brummte Carberry und blickte sinnig auf die fast schwarze Wasserfläche, die sich wieder beruhigte. „Wer ihn findet, möge auf uns einen Rum trinken – wenn’s kein Don ist. Und wenn’s ein Don ist, möge er später in der Hölle braten.“
„Amen“, sagte Matt Davies. „Verdammt schwer war diese Sänfte, was?“
„Das erzähl mal dem dicken Froscharsch“, sagte Carberry.
Sie kehrten zu ihren fünf Gefangenen zurück.
„So allmählich wachen sie auf“, sagte Dan O’Flynn, „und sind überhaupt nicht fröhlich, daß ihr Wachdienst beendet ist. Und unser Dicker ist nur am Bibbern.“
Hasard nickte nur. Er hatte immer noch die Reitgerte bei sich und blieb vor dem Teniente stehen, der zu ihm hochstarrte und verwirrt sagte: „Sie – Sie sind doch der Pilger!“
Hasard ignorierte die Frage, musterte die vier anderen Soldaten, den dicken Gouverneur und schließlich den Teniente.
Kühl sagte er: „Sie haben sich als Gefangene zu betrachten, Señores. Ihre Überlebenschance hängt von Ihrem Verhalten ab. Sollten Sie sich renitent zeigen oder versuchen zu fliehen, dann haben Sie keine Rücksichtnahme zu erwarten – so wenig Rücksicht, wie Sie das gegenüber den Indios tun, die Ihr Teniente als faule Hunde, dreckiges Pack und verlauste Affen bezeichnete, wobei er sich dieser Reitgerte bediente. Hören Sie genau zu: Für meine Männer und mich sind sie der letzte Dreck. Die Indios stehen weit über Ihnen …“
„Unverschämtheit!“ schrie der Gockel-Teniente und bäumte sich auf. „Was erlauben Sie sich, Sie Pilger-Strolch? Ich lasse mich nicht beleidigen! Ich bin Offizier und Edelmann und nicht mit einem Wilden zu vergleichen. Ich verlange Genugtuung! Sofort! Auf der Stelle!“
„Das können Sie haben“, sagte Hasard akzentuiert und eiskalt. Er nickte Carberry zu. „Lös seine Fesseln, Ed, und gib ihm seinen Degen.“
Carberry nickte schweigend, löste die Fesseln und warf dem Teniente den Degen vor die Füße.
Die Männer wichen zurück.
Hasard nahm die Reitgerte in die linke Hand, zog mit der Rechten das Entermesser und trat ein paar Schritte zurück, belauert von dem Teniente. Der griff nach dem Degen und sprang auf. Und sofort stürmte er auf Hasard los.
Hasard wich zur Seite, leicht und geschmeidig und locker. Aber als der Teniente an ihm vorbeistürmte, zog er ihm die Reitgerte über die Schulter. Es war ein peitschender Schlag, und der Teniente brüllte auf.
„Hier wird nicht gejammert!“ rief Hasard höhnisch. „Das beleidigt die Ohren des Gouverneurs, du Mißgeburt eines Affen!“
Es waren genau die gleichen Worte, die der Teniente benutzt hatte – gegenüber dem mißhandelten Indio.
Mit einem Wutschrei griff der Teniente erneut an. Hasard hatte Reitgerte und Entermesser gewechselt. Jetzt befand sich die Reitgerte in seiner Rechten. Und er glitt wieder zur Seite, fetzte dem Teniente jedoch dieses Mal die Gerte quer übers Gesicht. Wie bei dem Indio quoll ein Striemen auf.
Der Teniente schrie gellend und wischte sich übers Gesicht.
„Nicht jammern – kämpfen!“ höhnte Hasard. „Sie fühlten sich doch beleidigt, Sie Affe! Was ist? Geben Sie schon auf, nur weil Sie zweimal von Ihrer eigenen Gerte getroffen wurden, mit der Sie auf wehrlose Indios eingedroschen haben, die Ihren verdammten Gouverneur tragen mußten? Wie schmeckt denn die Gerte? Gut, nicht wahr? Keine Sorge, ich werde Ihren Appetit stillen, Olivella! Ich, der Pilgerstrolch, Sie mieser Edelmann!“
Die Soldaten glotzten.
Das Gesicht des Dicken hatte die Farbe von Spinat angenommen. Er schnatterte mit den Zähnen, seine Halswampe zitterte wie Pudding, über das grüne Gesicht perlte Schweiß.
Hasard sprang vor, und wieder schlug er mit der Reitgerte zu. Jetzt schrie auch der Dicke auf – unisono mit seinem Teniente, der sich für den Nabel der Welt hielt und dabei ein Sadist war. Carberry hielt dem Dicken die rechte Faust unter die Nase, und da verstummte er.
Der Teniente hüpfte herum und preßte beide Hände vors Gesicht. Den Degen hatte er fallen lassen. Hasard beförderte die Waffe mit einem Fußtritt zu ihm hin. Angewidert warf er die Reitgerte weg. Das Entermesser wechselte in seine Rechte.
„Vorwärts, Señor Affe!“ knurrte er. „Bringen wir’s zu Ende, bevor ich das Kotzen vor Ihrer Großmäuligkeit kriege!“
Undeutlich brabbelte der Teniente: „Und Sie stoßen mich nieder, wenn ich meinen Degen aufhebe!“
„Ich heiß ja nicht Olivella“, sagte Hasard eisig und trat mehrere Schritte zurück.
Der Teniente bückte sich rasch, griff nach dem Degen und attackierte. Mit Gebrüll, versteht sich. Vielleicht hatte man ihm auf der Fechtschule in Toledo gesagt, das Gebrüll wirke auf den Gegner demoralisierend, und er bekäme das große Zittern.
Im Falle dieses Gegners traf das nicht zu. Was indessen zitterte, war dessen Entermesser, das schwirrende, silbrige Reflexe durch die Luft zeichnete. Und dann war da plötzlich dieser tiefe Schmerz in der Brust. Die Sonne gleißte auf einer Klinge. Sie blendete, und der Teniente schloß die Augen vor dem grellen Licht. Der Schmerz wurde scharf, riß ab, und es wurde dunkel.
Der Teniente sank zu Boden. Den Himmel über sich sah er nicht mehr. Wenn er eine Seele gehabt hatte, dann wanderte sie jetzt auf dem schmalen Grat dorthin, wo sich die Guten und die Bösen trennten. Die einen gingen ins Helle, die anderen versanken im Dunkel. Die Helligkeit war nicht für den Teniente geschaffen.
Hasard starrte schweigend auf ihn hinunter. Er hatte den Kopf gesenkt und dachte an den Indio, den die Reitgerte zweimal an derselben Stelle getroffen hatte, an den Indio, der gedemütigt und verhöhnt worden war, an den Indio, über dessen blutigen Rücken der Teniente meckernd gelacht hatte. Und er dachte an die Indios im Berg, an die Geschundenen und Gemordeten.
Der Wind strich wehklagend durch die Schlucht.
Hasard hob den Kopf, verstaute sein Entermesser, beugte sich zu dem Teniente, drehte ihn etwas und packte ihn am Genick. Carberry wollte ihm helfen, aber Hasard winkte ab.
„Das ist meine Sache, Ed“, sagte er leise. „Klart hier inzwischen auf. Nichts darf darauf hindeuten, was in der Schlucht passiert ist.“
„Aye, Sir“, murmelte der Profos.
Hasard schleppte den Teniente in die Nebenschlucht, legte ihn in eine Felsspalte, sammelte Steine und häufte sie über den Toten. Dann trat er noch einmal an den Steilhang und schaute zu dem Tümpel hinunter. Von der Sänfte war nichts zu sehen.
Die Männer waren abmarschbereit, als er zurückkehrte.
„Was – was geschieht jetzt?“ fragte der Dicke ängstlich.
„Wir marschieren zu unserem Standquartier, das wir im Cerro Rico aufgeschlagen haben“, erwiderte Hasard kühl.
„Ich auch?“ fragte der Dicke entsetzt.
„Natürlich. Oder bilden Sie sich ein, wir tragen Sie?“
„Ich – ich kann nicht laufen“, jammerte der Dicke. „Ich bin gehbehindert. Der Arzt hat mir Schonung verordnet. Ich habe ein schwaches Herz und leide unter Kurzatmigkeit.“
„Was meinen Sie wohl, was mich das interessiert“, sagte Hasard eisig. „Es interessiert mich so wenig, wie es Sie interessiert, ob die Indios in Ihrem verfluchten Berg qualvoll krepieren. Ein Schlächter und Schinder wie Sie hat kein Mitleid verdient, ganz abgesehen davon, daß Sie nur simulieren, weil Sie zu faul sind, ein paar Schritte zu laufen.“ Hasard schaute zum Profos. „Ist die Reitgerte noch da, Ed?“
„Hier, Sir!“ Carberry zog die Gerte mit dem schönen silbernen Griffstück aus dem Leibgurt und ließ sie genußvoll durch die Luft pfeifen, so daß der Dicke zusammenzuckte.
„Wenn er nicht laufen will“, sagte Hasard langsam und deutlich, „dann habe ich nichts dagegen, daß er einmal selbst spürt, wie es ist, wenn die Gerte über seinen Rücken tanzt. Was den Indios recht zu sein hatte, sollte ihm billig sein.“
„Das – das ist barbarisch!“ sagte der Dicke ächzend.
„Da stimme ich Ihnen zu, Señor“, sagte Hasard. „Und ich beglückwünsche Sie zu dieser Erkenntnis, auch wenn sie reichlich spät erfolgt und offenbar für die Indios keine Gültigkeit hatte. Vorwärts, Männer!“
Für Don Ramón de Cubillo wurde der Marsch zu einem Alptraum. Die Soldaten verhielten sich fügsam. Sollten sie tatsächlich „harte Burschen“ sein, wie Pater Augustin gesagt hatte, dann war ihnen wohl inzwischen klargeworden, daß diese zehn Männer noch härter waren – gewissermaßen aus Eisen.
4.
Es dunkelte bereits, als sie zu ihrem Standquartier auf der Südseite des Silberberges zurückkehrten. Wieder war ihnen niemand begegnet. Die Einsamkeit und Verlassenheit der Bergwelt außerhalb von Potosi waren total.
Die vier Soldaten – weiterhin gefesselt – wurden in einem Nebenstollen untergebracht. Sie waren gründlich durchsucht worden. Sogar ihre Stiefel hatten sie ausziehen müssen – mit Erfolg, denn in den Stulpen hatten Messer gesteckt.
Pater David meldete keine Vorkommnisse, was die Abgeschiedenheit der Südseite des Berges bestätigte.
Die Gefangenen erhielten zu essen und zu trinken.
Dann nahm sich Hasard den dicken Gouverneur vor, diese wabbelige Masse Fett in einem verweichlichten, von Ausschweifungen und Wohlleben geschwächten Körper. Tatsächlich wirkte dieser Mann jetzt wie eine glitschige Qualle, die eine Welle auf den Strand getragen hat, von wo sie sich aus eigener Kraft nicht mehr fortbewegen kann.
Er war fertig, der Señor Gouverneur, der offenbar zum ersten Male in seinem Leben mehr als zehn Meilen auf seinen Watschelfüßen zurückgelegt hatte. Er ächzte, stöhnte und winselte.
Als, Carberry ihm mit einem freundlichen Grinsen die Reitgerte zeigte, verstummte er und schluckte nur noch.
Hasard fragte: „Wann werden Sie in Potosi zurückerwartet, Cubillo?“
„Morgen“, erwiderte der Dicke weinerlich und schielte zu der Reitgerte. „Denn da habe ich eine Ratsversammlung anberaumt.“
„Ah, eine Ratsversammlung!“ Hasard strich sich nachdenklich über das bärtige Gesicht. „Was soll denn da beraten werden?“
Der Dicke preßte das Froschmaul zusammen. Dann wurde er trotzig und sagte böse: „Das geht Sie gar nichts an!“
Hasard zog die Augenbrauen hoch. „Vorsichtig, Freundchen. Hier bestimme ich, was mich etwas angeht. Falls Sie das noch nicht begriffen haben, können wir dem sehr schnell abhelfen.“ Er nickte Carberry zu.
Carberry übergab die Reitgerte Matt Davies, zog ein Messer und wetzte es über einem Stein.
Er sagte: „Sir, ich schlage vor, ich tätowiere ihm ein Symbol auf den dicken Arsch. Was hältst du davon?“
„Hm, gar nicht schlecht. An was für ein Symbol hattest du gedacht?“
Carberry wetzte mit Eifer. „An ein Herz, Sir – äh –, auf die linke Backe ein Herz und auf die rechte Backe eine Blume. Oder soll ich auf beide Backen einen Totenkopf tätowieren? Das ist auch ein schönes Motiv und sehr beliebt.“ Er prüfte die Schärfe der Klinge und nickte zufrieden.
„Ich bin für den Totenkopf“, sagte Hasard entschieden.
„Nein …“, flüsterte der Dicke und hatte wieder das Spinatgesicht.
„Also? Über was soll beraten werden?“ fragte Hasard.
„Über – über Maßnahmen, wie dem Mangel an Arbeitskräften für den Silberabbau abgeholfen werden kann“, sagte der Dicke mit schwacher Stimme.
„Soso! Und wie soll dem Mangel abgeholfen werden? Sie haben doch sicherlich schon eine Idee, nicht wahr?“
Der Dicke druckste herum. Als Carberry mit dem Messer hantierte, sagte er hastig: „Ich – ich habe geplant, in Potosi Zwangsrekrutierungen vornehmen zu lassen.“
„Wer sollte rekrutiert werden?“ fragte Hasard hart.
„Ah – Soldaten, Handwerker, niedere Bürger, Stadtstreicher und so weiter.“
„Und Padres, nicht wahr?“ Das fragte Pater Aloysius mit scharfer Stimme.
Der Dicke zuckte zusammen und jammerte: „Was soll ich denn tun? Wenn der Silberabbau zum Erliegen kommt, bin ich geliefert. Man wird mich vor ein königliches Gericht zerren und Rechenschaft verlangen.“
„Vor ein Gericht gehören Sie allerdings“, sagte Hasard grimmig, „aber nicht, weil der Silberabbau stockt, sondern weil Sie Ihren König beklauen und sich selbst die Taschen vollstopfen. Ich schätze, in Ihrem Landhaus befinden sich Silberschätze, über die Ihr Philipp in Entzücken geraten würde.“
„Woher wissen Sie das?“ schrie der Dicke kreidebleich und kassierte umgehend eine Maulschelle wegen „ungebührlichen Verhaltens und lauten Schreiens“, wie sich Carberry ausdrückte.
„Sie scheinen Ihre Silbersäcke vergessen zu haben, die Sie in der Sänfte mitführten“, sagte Hasard verächtlich. „Von daher ist nicht schwer zu erraten, daß Sie im Laufe der Zeit Unmengen an Silber gehortet haben müssen. Sie haben es gescheffelt, Sie Gauner. Und Sie zittern nicht, weil in der Silberschatulle Ihres Königs eine Ebbe bevorsteht, sondern weil der Silberstrom nicht mehr durch Ihre Taschen fließen konnte. Sogar jetzt, in dieser Situation des Mangels an Arbeitssklaven, schaffen Sie noch Silber beiseite! Das muß man sich mal vorstellen!“
Die Qualle sackte noch mehr in sich zusammen – Beweis dafür, wie sehr Hasard recht hatte.
„Mann! Wir sollten dieses Landhaus auseinandernehmen!“ stieß Jean Ribault hervor.
Hasard winkte ab. „Wir haben hier Wichtigeres zu tun. Bringt ihn in einen anderen Nebenstollen und verpaßt ihm einen Knebel, damit wir das Gejammere nicht mehr zu hören brauchen.“
„Ich bin ruiniert!“ röchelte der Dicke.
Der Profos grunzte befriedigt. „Wie mich das freut, Fettmops! Noch fröhlicher wäre ich natürlich gestimmt, wenn ich dir deinen Speckhals umdrehen dürfte. Na, vielleicht erlaubt mir das mein Admiral, wenn hier alles vorbei ist.“
„Er ist Admiral?“ fragte der Dicke bibbernd.
„Natürlich. Dachtest du, er sei Sargtischler oder Lampenputzer? O nein! Er ist Großadmiral aller vereinigten chinesischen, babylonischen und alemannischen Flotten, die unter dem Großkreuz des Ordens der schrägen Isabella segeln und erst kürzlich ihr Banner auf der Rückseite des Mondes aufpflanzten. Klar?“
„N-nein“, flüsterte der Dicke mit schreckgeweiteten Glubschaugen. Es war ja auch sehr verwirrend, in wessen Hände er da gefallen war. „Schrä-schräge Isabella – wer ist das?“ stotterte er.
„Die Nichte der Hure von Babylon“, sagte Carberry mit dumpfer Stimme und rollte entsetzlich mit den Augen.
Die Männer mußten sich umdrehen, um ihr Grinsen zu verbergen. Es war ja auch mal wieder starkes Profosgeschütz, was der gute Carberry auffuhr.
„Ed!“ mahnte Hasard sanft. „Verfrachte ihn in einen Nebenstollen.“
„Jawohl, Großmeister!“ Und schon fuhr Carberry den Dicken an: „Hoch mit dir, du Schmalzfaß! Oder muß ich erst böse werden?“
Der Dicke quälte sich hoch, wurde von Carberry in einen Nebenstollen dirigiert, durfte sich hinlegen und wurde geknebelt.
Als der Profos zu den Männern zurückkehrte, rieb er sich die Pranken und sagte: „Der ist eingestimmt, darauf könnt ihr euch verlassen. Oder was meinst du, Sir? Soll ich noch mehr aufdrehen?“
„Ich glaube nicht, Ed“, sagte Hasard lächelnd. „Schätze, das genügt. Danke, daß du mich zum Großadmiral ernannt hast.“
„Hab’ ich gern getan, Sir“, sagte der Profos treuherzig. „Also, jetzt haben wir den Dicken vereinnahmt. Und wie geht’s weiter?“
„Darüber wollte ich mit euch sprechen“, erwiderte Hasard. „Was mir wichtig war, habe ich erfahren: Don Ramón wird erst morgen in Potosi zurückerwartet, die Suche nach ihm wird frühestens losgehen, wenn diese Ratsversammlung beginnt. Bis dahin wird ihn niemand vermissen, denn ich schätze, er hat sich verbeten, in seinem Landhaus gestört zu werden. Was ich plane, ist folgendes: Er wird morgen seine Ratsversammlung abhalten, jedoch in unserer Begleitung. Ich werde ihm diktieren, was er seinen Señores zu sagen hat. Damit diese Señores aber ‚eingestimmt‘ sind und wissen, daß hier ein kompromißloser und harter Gegner am Werk ist, werden wir heute nacht den Pulverturm sprengen. Das hat auch den Nebeneffekt, daß wir sie im gewissen Sinne entwaffnen, denn wo kein Pulver ist, kann nicht mehr geschossen werden. Ferner wird ihnen für längere Zeit das Pulver fehlen, das sie brauchen, um sich ihre Stollen in den Berg zu sprengen. Wir selbst allerdings werden uns mit Pulver eindecken, und zwar für unseren Rückzug aus Potosi. Da könnte man beispielsweise mit einer Sprengung einen Bergpfad zum Einsturz bringen.“ Hasards Blick wanderte über die Männer. „Hat jemand Bedenken, Einwände oder einen anderen, besseren Vorschlag?“
Die Männer starrten ihn stumm an – und grinsten.
Dann jedoch sagte Dan O’Flynn: „Ist das nicht riskant, den Kerl zur Ratsversammlung zu begleiten?“
Hasard schüttelte den Kopf. „Pater Augustin, mit dem wir die Geiselnahme erörterten, meinte, auch als Geisel habe Don Ramón Befehlsgewalt, und man werde ihm gehorchen. Im übrigen soll ja gerade die Sprengung des Pulverturms die Señores einschüchtern. Ich werde ihnen dazu ein paar freundliche Worte sagen und erklären, die Sprengung sei ein Werk meiner Truppen gewesen, die zu diesem Zeitpunkt auch die Stadt umstellt hätten.“
„Phantastisch!“ sagte Jean Ribault begeistert. „Ich gestehe, daß mir Dans Bedenken auch kurz durch den Kopf gingen, aber der Bluff mit den Truppen sticht. Grandios!“
Dieser Meinung waren die anderen Männer auch.
Hasard bestimmte Jean Ribault, Karl von Hutten, Pater Aloysius, Dan O’Flynn, Carberry und Matt Davies zum Unternehmen Pulverturm. Sie nahmen vier Maultiere mit.
Der Pulverturm – ein Gemäuer aus schweren, roh behauenen Felsbrocken – stand am südöstlichen Stadtrand zwischen Potosi und Cerro Rico. Das hatte seinen guten Grund, denn ein Pulverturm inmitten einer Stadt war Teufelswerk. Kein spanischer Baumeister würde so verrückt sein, diesen Bau in einer Stadt zu errichten. Stets befand er sich am äußeren Rand der Stadt, aber natürlich innerhalb der Stadtmauer.
Nur – im Falle der Stadt Potosi hatten die Baumeister auf eine Mauer verzichtet. Die Legende berichtet, daß einer dieser Señores lachend gesagt hätte: Eine Mauer, Leute? Die könnt ihr euch sparen! Eure Mauern sind die Felsgrate auf Hunderte von Meilen rings um eure Stadt! Und dazwischen liegen Stadtgräben, nämlich Schluchten und tiefe, unbegehbare Täler, die unüberbrückbarer sind als das Wasser eines Stadt- oder Burggrabens!
Sicher, der Señor Baumeister hatte recht gehabt, dachten sie doch alle mit Schaudern an die „Straße“ nach Lima oder Arica, die über höllische Pässe, schwingende Hängebrücken über tosenden Wildbächen oder mörderischen Wüsten führte. Sie hatten ja alle von Lima oder Arica aus über diese „Straße“ reisen müssen, um die gelobte Silberstadt Potosi zu erreichen.
Einer der Stadtgründer hatte sogar stolz erklärt: Wir bauen die erste Stadt dieser Welt ohne Mauern! Denn nie wird ein Feind wagen, zu unserer Stadt vorzudringen!
Wenn wir uns nicht täuschen, werden die anderen Señores damals, als sie mit ihren ersten Prunkbauten beschäftigt waren, zu diesem markigen Spruch beifällig genickt und gemurmelt haben: recht hat er, wahr gesprochen!
Und der Verlauf der letzten Jahrzehnte seit der Stadtgründung hatte die These von der Unangreifbarkeit der Stadt ohne Mauer bestätigt. Nie war ein Feind zur Stadt vorgedrungen. Nie!
Aber Cartagena war überfallen worden, Panama, Havanna, Porto Bello, Vera Cruz – Küstenstädte, befestigt mit Mauern und dennoch dem wilden Zugriff von Piraten preisgegeben.
Aber Potosi lag am Ende der Welt.
Sie würden sich noch wundern, diese reichen, satten und selbstzufriedenen Bürger der Stadt.
Da lag also dieser Pulverturm abseits der Stadt – aus Sicherheitsgründen, die jedem Bürger verständlich waren. Es wäre ja auch ungemütlich gewesen, auf einem Pulverfaß zu sitzen. Völlig klar.
Nur war – hatte daran niemand gedacht? – diese abseitige Lage des Turms auch geradezu ideal für Bösewichter, welche die Absicht hatten, die Bergwelt mit einem Knall zu erschüttern. In der Stadt hätten sie keine Chance gehabt, sich dem Pulverturm auch nur bis auf zehn Schritte zu nähern – in der Dunkelheit der Nacht, versteht sich.
Draußen verhielt sich das anders. Immerhin, zwei Posten bewachten den Pulverturm. Aber wo seit Jahrzehnten nichts passiert ist, da werden solche Posten zu einer reinen Farce. Da witzelt man sogar darüber, weil solche Posten zu Einrichtungen geworden sind, deren Zweckmäßigkeit kein Mensch mehr versteht. Genausogut kann man jahrzehntelang eine Schatztruhe bewachen, deren Inhalt aus Luft besteht. Es ist dann eine „symbolische“ Wache um des Wachegehens willen.
So empfanden das auch die beiden Soldaten, die jetzt, gegen zehn Uhr nachts, die Hälfte ihrer Wache Pulverturm herum hatten, abwechselnd gähnten, fluchten, sich anödeten oder stadtwärts stierten, ob da vielleicht ein Sargento auftauchte, um sie zu kontrollieren.
Einer lümmelte an der Tür zum Pulverturm, der andere hatte sich einfach hingehockt, die Muskete zwischen den Knien. Beide befanden sich im Schlagschatten der Türnische. Diese Nische war der gesegnete Platz der Pulverturm-Posten, weil er Schutz vor den kalten Winden bot. Und man selbst beschützte ja auch etwas: den unmittelbaren Zugang ins Innere des Turms.
Sicher, da gab es auch Posten, die von einer penetranten Dienstauffassung besessen waren. Die stiefelten alle fünf Minuten um den Turm, um nachzusehen, wer sich angeschlichen hatte. Aber seit Jahrzehnten hatte sich niemand angeschlichen, und solche Posten, die nur die Mäuse mit ihrer Hektik aufscheuchten, waren komplette Idioten. Die beiden Posten zu dieser Stunde gehörten nicht in diese Kategorie der Pflichtbesessenen.
Da es den Posten zu blöd oder zu unsinnig erschien, Kontrollgänge um den Turm zu unternehmen, konnten sich die sieben Männer bequem und ungesehen von Osten her an den Turm heranschleichen. Es war geradezu läppisch.
Was Hasard jedoch stutzen ließ, das war das Gejaule und Gewinsel, das vom Fuß des Berges, wo die Hütten und Baracken der Aufseher standen, an seine Ohren drang und veranlagte, seinen Männern durch ein Winkzeichen zu befehlen, Deckung zu nehmen. Er selbst packte sich bäuchlings hinter ein Krüppelgewächs. Neben ihm landete Pater Aloysius.
Der Pater flüsterte: „Das sind die Bluthunde in ihrem Zwinger.“
Hasard biß sich auf die Lippen. Verdammt noch mal, an diese höllischen Biester hatte er nicht mehr gedacht – ein Fehler, der ihm nicht hätte passieren dürfen. Vielleicht waren sie ausschließlich auf den eigenen Geruch der Indios abgerichtet, durchaus möglich. Aber dieses „Vielleicht“ war keine Garantie.
Wenn sie jetzt den Turm sprengten und die Hunde danach auf Spuren angesetzt wurden, dann konnte es passieren, daß sie den Stollen fanden. In diesem Fall konnten sie ihr Unternehmen als gescheitert betrachten.
Die Hunde mußten weg, bevor der Turm in die Luft gejagt wurde!
Carberry robbte heran. Hasard drehte sich zu ihm um.
„Erst die Posten am Wachturm“, flüsterte er, „dann sind die Köter dran. Gib es an die anderen weiter, Ed!“
Der Profos zeigte klar und robbte zurück.
Sie hatten den Turm bereits längere Zeit beobachtet und festgestellt, daß er von zwei Posten bewacht wurde, die sich in die Nische der Tür drückten und offenbar zu faul waren, Rundgänge zu unternehmen.
Carberry landete wieder neben Hasard.
„Alles klar, Sir“, flüsterte er. „Wir können weiter. Matt und von Hutten sichern zum Zwinger hin.“
Hasard nickte, hob den Arm und winkte in Richtung des Turms. Sie standen lautlos auf und schlichen geduckt auf den großen Klotz zu, jederzeit bereit, sich wieder hinzuwerfen und Deckung zu nehmen.
Nichts passierte. Nur das träge Gemurmel der beiden Posten drang an ihre Ohren – und das Gejaule und Gewinsel der Bluthunde, das geeignet war, Leuten mit schwachen Nerven das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.
Hatten die Biester schon etwas gewittert?
Waren sie immer so unruhig?
Eine scharfe Stimme klang auf aus der Richtung des Zwingers. Zu sehen war nichts – bis auf die dunklen Umrisse der Baracken und Hütten.
„Maul halten, ihr Mistviecher!“ schrie die Stimme. „Oder ich besorg’s euch mit der Peitsche!“
Eine andere Stimme rief dazwischen: „Laß sie, Pablo! Das ist Mila, die verdammte Hexe, die ist mal wieder läufig und braucht einen Liebhaber!“
Der Mann, der Pablo hieß, grollte: „Soll sich doch ’ne andere Zeit aussuchen, diese Hundehure!“
Der andere lachte, sagte noch etwas Unanständiges, dann kehrte wieder Ruhe ein. Eine Tür schlug krachend zu. Das Gejaule war verstummt.
Ein breiter Schatten tauchte vor den beiden Posten in der Türnische auf.
„Na, ihr beiden?“ brummte er. „Alles klar bei euch?“
Der Kerl, der am Boden hockte, rappelte sich auf. Der andere glotzte.
Sekunden später fuhren zwei Riesenarme auf sie zu, zwei Pranken legten sich außen um ihre Köpfe – es war gut, daß sie ihre Helme abgesetzt hatten –, und schon krachten ihre Schädel gegeneinander. Der eine rutschte gleich weg, der andere pfiff noch ein bißchen, bevor er umkippte.
Carberry nickte zufrieden und verpaßte beiden aus Sicherheitsgründen noch je einen Jagdhieb an die Schläfen. Pater Aloysius führte die vier Maultiere heran. Gefesselt und geknebelt wurden die beiden Kerle über zwei Maultiere gepackt.
Matt Davies und von Hutten kehrten zurück. Carberry hatte in den Taschen des einen Soldaten einen großen Schlüssel gefunden. Er paßte in das Schloß der Tür zum Pulverturm. Sie drangen ein. Dan O’Flynn blieb draußen und sicherte.
Eine Viertelstunde später zogen Carberry und Matt Davies mit den vier Maultieren ab – beladen mit den beiden Soldaten und kleinen Pulverfässern.
Pater Aloysius übernahm draußen die Wache, während Hasard, Jean Ribault, Karl von Hutten und Dan O’Flynn im Pulverturm fieberhaft an der Arbeit waren. Sie hatten die Tür angelehnt und eine Öllampe entzündet, um Licht zu haben.
Im Turm lagerten Pulverfässer verschiedener Größen, Kartuschen, Lunten sowie Kugeln und gehacktes Blei.
Sie nahmen sich die kleinsten Pulverfässer vor, entleerten sie zum Teil, füllten Musketenkugeln und gehacktes Blei nach, führten Lunten ein und verdammten sie.
Hasard verlegte eine genau bemessene Zündschnur in den Keller, wo die größten Pulverfässer gelagert waren.
Inzwischen kehrten Carberry und Matt Davies wieder mit den vier Maultieren zurück und brachten Stenmark und Mel Ferrow als Verstärkung mit. Die Maultiere wurden wieder mit Pulverfässern beladen.
Es ging auf Mitternacht zu – Zeit zur Ablösung der beiden Posten. Die beiden neuen Posten trotteten über den Weg zum Pulverturm heran. Carberry und Matt Davies standen in der Türnische – bereit zum freundlichen Empfang. Sie hatten sich die beiden Helme der vereinnahmten Posten aufgesetzt. Der Helm Carberrys wackelte mal wieder, was den Profos in Braß brachte. Für seinen massigen Schädel würden die Dons irgendwann einmal eine Sonderanfertigung herstellen müssen.
Die beiden neuen Posten näherten sich.
Carberry gähnte laut, hielt den Helm mit der linken Hand fest und blaffte die beiden Kerle an: „Jetzt wird’s aber Zeit, ihr Pennbrüder! Wir haben nämlich noch was anderes zu tun, als auf euch zu warten.“
„Wie?“ fragte der eine dümmlich.
Und der andere fragte: „Wer bist ’n du?“
Neugierig traten sie noch näher. Es war nicht zu fassen, und doch stimmte hier die Weisheit, daß der beste Soldat zum harmlosen Trottel wird, wenn seine kämpferischen Instinkte in einer langen Zeit des unkriegerischen Müßiggangs verkümmert sind. Im übertragenen Sinne trifft das auch für die Waffen zu: Ein Schwert, das zu lange in der Scheide bleibt, rostet und wird unbrauchbar.
„Was? Du kennst mich nicht?“ fragte Carberry entrüstet.
Zugleich mit Matt Davies sprang er vor. Matt schlug dem Kerl links die Rundung seines Eisenhakens auf die Hurratüte, Carberry versorgte den Kerl rechts auf die gleiche Weise. Bei ihm war es die mächtige Faust, der sogenannte Profos-Hammer. Bei Matt schepperte es etwas, bei Carberry klang es dumpfer.
Fesseln und Knebeln wurden schon zur Routine. Hasard steckte den Kopf aus der Tür.
„Alles klar?“
„Alles klar, Sir“, erwiderte Carberry. „Ist jetzt der Zwinger dran, oder sollen wir erst die beiden Kerle und das Pulver mit den Maultieren zurückbringen?“
„Letzteres zuerst. Wir warten, bis ihr zurück seid. Die Maultiere könnt ihr im Stollen lassen, wir brauchen sie nicht mehr, wenn wir uns den Zwinger vornehmen.“
„Aye, Sir.“
Die beiden Kerle wurden auf zwei Maultiere verfrachtet, verzurrt, und schon ging die Fuhre ab.
Hasard wickelte die Zündschnur zur Sprengung des Turms ab und verlegte sie auf die Ostseite. Die Männer brachten die präparierten Pulverfäßchen nach draußen und stellten sie ab. Acht Stück waren es – hergestellt nach dem Prinzip der Höllenflaschen, die Ferris Tucker entwickelt hatte. Die waren zwar handlicher und konnten ziemlich weit geschleudert werden, aber in diesem Fall brauchten sie die Fäßchen nur über den Zaun zu stoßen. Mit etwas Kraft dahinter rollten sie weiter in den Zwinger.
Über der Stadt lag der gelbliche Lichtschein der Straßenlampen. Da und dort schimmerte Licht aus den Fenstern.
Hasard instruierte leise seine Männer, die zusammen unter der Führung Jean Ribaults das Unternehmen gegen den Zwinger durchführen würden. Die Sprengung des Pulverturms behielt sich Hasard vor.
„Ich warte eure Aktion ab“, sagte er leise. „Wer von euch sein Faß in den Zwinger befördert hat, nimmt die Beine in die Hand und verschwindet im Eiltempo zum Stollen. Ich zähle bei den Explosionen mit. Nach der achten zünde ich die Lunte zum Keller. Ich habe sie so bemessen, daß sie nach etwa sechs Minuten das Faß im Keller brennend erreicht, und dann kracht’s! Zu diesem Zeitpunkt sollten sich die ersten von euch bereits im Stollen befinden. Der Rest muß Deckung in den Stollen vor unserem gefunden haben. Denn da wird einiges vom Himmel fallen. Sobald das Schlimmste vorbei ist, setzt sich dieser Rest ebenfalls zu unserem Stollen ab.“
„Und du?“ fragte Jean Ribault.
Hasard grinste hart. „Ich bin der letzte, mein Freund.“
„Und wenn dir ein Stein auf den Kopf fällt?“
„Wenn’s regnet, wird man naß“, sagte Hasard trocken.
Jean Ribault knirschte mit den Zähnen. „Ist gut – ich bring dir dann einen Regenschirm.“ Er wußte: Es war völlig zwecklos, diesem eisenharten Dickschädel auszureden, daß auch ein anderer diesen Part am Pulverturm spielen könne, der weiß Gott gefährlich genug war. Denn Hasard hatte den längsten Weg zurück zum Stollen. Und wenn die Lunte bereits nach fünf Minuten zündete – dann Halleluja!
In diese Gedanken hinein sagte Hasard: „Euer Part ist viel gefährlicher, mein Alter. Denn ihr müßt damit rechnen, daß nach den ersten Explosionen die Aufseher aus ihren Baracken stürzen. Hast du daran gedacht? Wer also von euch bereits die Hände frei hat, sollte dann Pistole oder Muskete einsetzen, um die anderen zu decken. Das muß ineinandergreifen, versteht ihr? Es sei denn, ihr schafft es alle, eure Fässer fast gleichzeitig zu zünden und zu werfen. Vielleicht wäre das empfehlenswert. Habt ihr alle Feuerstein und Lunte?“
Hatten sie alle.
Jean Ribault schüttelte den Kopf. „Das haut nicht hin, Hasard. Wenn wir alle acht gleichzeitig mit Lunte und Feuerstein herumfummeln, gibt das so viel Unruhe, daß die Hunde aufmerksam werden. Ich dachte an eine verdeckte Öllampe, mit der wir nacheinander zünden – natürlich so schnell, wie’s nur irgend geht.“
„Schon richtig“, sagte Hasard, „aber ihr verlängert damit eure Zeit am Zwinger. Bitte bedenke, daß ihr nach jedem einzelnen Wurf in Deckung gehen und warten müßt, bis die Ladung explodiert ist. Ihr wollt euch ja nicht selbst umbringen, nicht wahr? So zieht sich das also hin und ergibt eine Zeit, die ausreicht, um die Aufseher auf den Plan zu rufen. Klar?“
Jetzt nickte Jean Ribault.
Hasard sagte: „Jeder von euch muß zusehen, daß er eine Deckung hat, wenn er die Lunte zum Fäßchen zündet. Laßt die Hunde getrost unruhig werden. Kümmert euch nicht darum. Ich schätze, ihr werdet geschickt genug sein, auf ein Zeichen von Jean hin fast gleichzeitig zu zünden. Die weitere Abfolge ist klar und dürfte nahezu synchron ablaufen. Beim Knistern der Lunte springt ihr aus eurer Deckung an den Zaun, stoßt die Fässer hinüber und haut ab. Peilt dabei mit einem Auge zu den Baracken. Sollten sich da schon Aufseher zeigen, dann feuert – egal, ob ihr trefft.“
„So müßte es gehen“, sagte Jean Ribault.
Von der Glocke der Kathedrale in Potosi dröhnte ein einzelner Schlag über die Stadt und verkündete die erste Stunde des neuen Tages. Es war der 29. Dezember, zwei Tage vor Jahreswechsel, der in Potosi nach junger Tradition – die Stadt war jetzt achtundvierzig Jahre jung oder alt – besonders üppig und wild gefeiert wurde.
Zumindest war es so, daß die Soldaten der Garnison in der Nacht zum Jahreswechsel endlich einmal ihre Musketen und Pistolen abfeuern konnten, bis die Läufe heiß waren. Mangels kriegerischer Verwendung durfte in diesem besonderen Fall mit dem Pulver geaast werden. Es gab keine Beschränkungen. Ballern war schön, und in der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar pflegte man die Luft über Potosi mit Löchern zu durchsieben. Was für ein Jux!
Sollte der Coup von ganzen elf ziemlich verrückten, aber harten Männern gelingen, dann würde dieser Jahreswechsel von 1594 auf 1595 alles andere als ein Jux werden.
Wir werden sehen.
Der Profos Edwin Carberry und der Eisenhakenmann Matt Davies waren zum Pulverturm zurückgekehrt und gehörten nunmehr zu Jean Ribaults Trupp, der zu dieser ersten Stunde des neuen Tages in die unmittelbare Nähe des Zwingers gepirscht und dort in Deckung gegangen war – jeder mit einem Pulverfäßchen versehen.
Der Zwinger hatte die Form eines Rechtecks. Die beiden Schmalseiten waren in Nordsüdrichtung angelegt, die beiden Längsseiten in Ostwestrichtung. Die schmale Westseite grenzte an den Bereich der Hütten und Baracken der Aufseher. Dort auch befand sich eine Gattertür – Aus- oder Eingang, wenn man die Hunde holte oder zurückbrachte.
Das Zwingerrechteck wurde von einem Lattenzaun umfaßt und begrenzt – hoch genug, um Sprünge darüber zu verhindern. Die Viecher waren es eh gewohnt, den Zwinger durch die Tür zu verlassen. Auf der Südseite und auf der Westseite – also rechtwinklig – standen niedrige Hundehütten. Davor befanden sich Futtertröge und flache Wassertonnen.
Seit Philipp, das Hätschelvieh des Luis Carrero, fehlte, waren bei den Rüden dieser Meute von Bluthunden Machtkämpfe ausgebrochen. Philipp war unumschränkter Pascha gewesen – auch mit dem Vorrecht, für den Nachwuchs zuständig zu sein. Er war da unermüdlich gewesen.
Jetzt war er nicht mehr anwesend und hatte damit einiges durcheinandergebracht – nicht zuletzt jene Hündin Mila, die der Aufseher Pablo als „Hundehure“ bezeichnet hatte. Sie wartete auf Philipp und biß die anderen Bewerber weg. Vielleicht hielt sie die Anwärter auf den Paschathron auch für glatte Versager, die sich zwar stark aufführten, aber Spiegelfechter waren.
Diese Mila war es, die das Unternehmen des Jean-Ribault-Trupps fast zum Platzen brachte. Sie erschien genau zu dem Zeitpunkt, als Jean Ribault das Zeichen zum Zünden der Lunten geben wollte, mitten im Zwinger, setzte sich auf die Hinterläufe, reckte den Kopf und heulte den Mond an. Und Jean Ribault ließ den rechten Arm wieder sinken.
Mila heulte zum Gotterbarmen.
Das waren jene Töne, bei denen Menschen Zahnschmerzen bekommen können, Töne, die Nerven zum Kreischen bringen und Mordgelüste hervorrufen.
Jean Ribault fluchte lautlos. Er dachte in diesem Augenblick an Batuti und Big Old Shane. Ein unhörbarer Pfeil von ihnen hätte präzise das Jaulen ausgelöscht.
Bei den Baracken prallte eine Tür auf. Ein Kerl schoß hinaus und raste zum Zwinger. Ein zweiter folgte.
Der erste Kerl brüllte: „Das halte ich nicht aus! Dieses Scheißvieh! Das bring ich um!“
Recht so, dachte Jean Ribault grimmig.
Noch mehr passierte: Hundeschatten krochen aus den Hütten – und auf die jaulende Hündin zu. Sie knurrten, dann warf sich einer dieser Schatten herum und fuhr einem anderen an die Kehle.
„Eine Muskete!“ brüllte der erste Kerl.
Der zweite Kerl raste in die Baracke zurück.
Im Zwinger spielte sich etwas ab, was der Seemann mit Wuhling bezeichnet. Denn während die Hündin weiter den Mond anheulte, waren die Rüden entfesselt. Die Töne in dem Zwinger waren unbeschreiblich.
Jetzt! dachte Jean Ribault und stieß den Arm hoch.
Trotz allem: Sein Einsatz war richtig, der Zeitpunkt gut gewählt, denn Hunde und Aufseher waren abgelenkt, ganz abgesehen von dem infernalischen Krach im Zwinger, in dem offenbar so eine Art Raserei ausgebrochen war.
Der Aufseher schoß zu diesem Zeitpunkt mit der Muskete auf die Hündin – zweifelsohne, um sie zu töten. Aber die Kugel versengte der jaulenden Mila nur die Nackenhaare und klatschte auf der Ostseite des Zwingers in den Lattenzaun. Dieses scharfe, heiße Ziepen durch die Nackenhaare ließ die Hündin geradezu toll werden. Sie schnellte herum, flog als langgestreckter Schatten auf den westlichen Lattenzaun zu und prallte wie ein Rammbock dagegen. Der Zaun wackelte. Die beiden Aufseher wichen entsetzt zurück – und gaben Fersengeld.
Genau in diesem Augenblick sprangen die acht Männer aus ihren Deckungen, stürmten zum Zaun und warfen ihre Pulverfässer mit den brennenden Lunten in den Zwinger zwischen die rasenden Bluthunde.
Sekunden später verschwanden sie als huschende Schemen in der Dunkelheit. Sie nahmen „die Beine in die Hand“, wie Hasard ihnen empfohlen hatte.
So sahen sie auch nicht, was sich jetzt im Zwinger abspielte. Die Hundemeute stürzte sich über die Pulverfäßchen, diese rollenden Dinger mit den funkensprühenden, stinkenden und qualmenden „Schwänzen“. Ein paar bissen hinein und jaulten auf. Aber ihre Wut steigerte sich.
Und dann barst das erste Faß in einer grellen Explosion auseinander. Drei, vier Hundeleiber flogen zuckend durch die Luft und klatschten wie Mehlsäcke zu Boden. Bruchteile von Sekunden später schien es, als sei im Zwinger ein Vulkan ausgebrochen. Fast alle sieben Fässer explodierten beinahe gleichzeitig – mit verheerender Wirkung. Kugeln und gehacktes Blei rasten nach allen Seiten durch den Zwinger, als sei dort eine einzige, riesige Kartätsche eingeschlagen und auseinandergeflogen. In den schmetternden Detonationen gingen alle Laute der Hunde unter.
Die Stille danach war gespenstisch. Die Sense des Todes hatte nichts am Leben gelassen.
Hasard huschte hinter den Turm und entzündete die Lunte. Als sie zu sprühen begann, wartete er einen Moment und blickte aus schmalen Augen auf die sich weiterfressende Glut. Ja, sie brannte. Nichts würde ihren Weg aufhalten.
Dann zuckte er zusammen und hatte auch schon die Pistole in der Faust. Ein Schatten flog heran.
Carberry!
„Ich soll auf dich aufpassen!“ keuchte er. „Hat Jean Ribault befohlen.“
„Quatsch!“ knurrte Hasard, mußte dann aber doch lachen. „Los, weg hier!“
Sie starteten im Eiltempo und setzten sich von dem Pulverturm ab. Bei den Baracken wurde herumgebrüllt. Aber das galt nicht ihnen. Man war von den Explosionen aufgeschreckt und suchte nach der Ursache. Fackeln wurden entzündet.
Hasard und Carberry sahen es noch, dann verbarg die Ostflanke des Silberbergs jede weitere Sicht. Als Hasard kurz darauf einen Blick über die Schulter warf, konnte er auch den Pulverturm nicht mehr sehen.
„Hopp hopp, Ed!“ rief Hasard seinem Profos zu. Er war eindeutig schneller als Carberry.
„Mann, was ich heute schon gelaufen bin!“ stieß Carberry keuchend hervor. Aber er setzte dennoch elegant über einen Steinbrocken. „Muß bald krachen, wie?“
Hasard spähte voraus, entlang an der Südseite des Berges.
„Etwa achtzig Yards vor uns sind zwei dunkle Höhlen im Berg!“ rief er. „Die schaffen wir noch!“
Sie legten an Tempo zu, erreichten die vordere Höhle, zu der sie etwas ansteigen mußten, und drangen ein.
„Ich bin hier!“ rief eine Stimme aus der anderen Höhle.
Es war Dan O’Flynn. Sie wechselten hinüber.
„Hättest dich auch früher melden können!“ ranzte der Profos und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Gleich wieder meckern, wie? Das hab’ ich gern.“ Dan O’Flynn grinste breit.
„Ist die Bude hier auch einsturzsicher?“ fragte der Profos mißtrauisch und schnüffelte. „Riecht ziemlich muffig …“
Das Thema konnte nicht weiter erörtert werden.
Die Welt ging unter.
Über die felsige Halde auf der Südseite des Berges stach ein grellweißer Blitz, der meilenweit zu reichen schien und für Bruchteile von Sekunden aus der Dunkelheit die Konturen einer bizarren Mondlandschaft erscheinen ließ.
Gleichzeitig zerriß ein berstender Donnerschlag die Nachtstille. Der Berg schien zu wanken, eine Druckwelle raste an der Höhle fauchend vorbei, obwohl sie mit der Südseite des Cerro Rico gewissermaßen in Lee lag.
Aus der Höhlendecke lösten sich Steinbrocken, und sie zogen die Köpfe ein. Draußen prasselte ein Trümmerhagel nieder, Steine zerplatzten beim Auftreffen auf felsigen Grund. Es klang, als würden Musketen abgefeuert.
„Meine Fresse!“ sagte der Profos andächtig. „Wetten, daß es den Pulverturm zerblasen hat?“
„Scheißwette!“ sagte Dan O’Flynn. „Ist doch klar, daß der nur noch aus Steinpuder besteht.“
Der Profos räusperte sich. „Sagtest du Scheißwette?“
„Das sagte ich.“
Der Profos räusperte sich ein zweites Mal. „In letzter Zeit drückst du dich ziemlich vulgär aus, Mister O’Flynn.“
Da waren sie also wieder beim Thema.
„Morgen schäm’ ich mich mal“, sagte Dan O’Flynn, sprang plötzlich vor und stieß Carberry zum Höhlenausgang.
Hinter ihnen krachte Sekunden später ein Teil der Höhlendecke ein. Staub wallte nach draußen.
Carberry wedelte mit der Hand und hustete.
„Danke“, sagte er undeutlich.
„Gern geschehen“, erwiderte Dan O’Flynn.
Draußen hagelte es immer noch, aber schon weniger.
„Woher – woher wußtest du, daß der Kram einstürzen würde?“ fragte der Profos.
„Bin Hellseher.“
Der Profos furchte die Stirn – und schwieg. Dieser Mister O’Flynn schien gewisse Gaben seines Vaters geerbt zu haben. Etwas eigenartig war das schon. Da war’s auch besser, man rührte nicht daran.
Dan O’Flynn grinste wieder. „Natürlich bin ich kein Hellseher, Ed. Ich hörte über uns ein Knacken. Das ist alles.“
„Kein Hellseher?“ Carberry schien direkt enttäuscht zu sein. „Dann sag das doch gleich, du Affenarsch!“
Hasard drehte sich lächelnd zu ihnen um. „Tut mir leid, euch unterbrechen zu müssen. Wir können weiter.“
Sie waren die drei letzten des Trupps, die den Stollen erreichten.
5.
Die Ratsversammlung, von der der Dicke gesprochen hatte, war in seiner Residenz an der Plaza für elf Uhr vormittags anberaumt worden.
Am frühen Morgen hatte Pater Aloysius, wieder in seine Kutte gekleidet, einen unauffälligen Rundgang durch die Stadt unternommen, um zu erkunden, was sich dort tat und wie die Sprengung des Pulverturms gewirkt hatte.
Er kehrte gegen neun Uhr zurück und berichtete mit funkelnden Augen: „In der Stadt totale Konfusion …“
„Hä?“ fragte der Profos.
„Verwirrung, Mister Carberry“, erklärte Dan O’Flynn.
Pater Aloysius lächelte versteckt. „Richtig, totale Verwirrung. Die Bürger sind ziemlich kopflos. Es gibt keine Erklärung für das Explodieren des Pulverturms – bis auf die Vermutung, daß es sich um einen Wahnsinnsakt der vier Posten handeln könnte, die vermißt werden. Die Bluthunde sind alle tot – man spricht von einem Massaker. Was in dem Zwinger passiert ist, gibt den Bürgern ein weiteres Rätsel auf. Übrigens – wo der Pulverturm stand, gähnt ein riesiger Trichter. Der Explosionsdruck hat die Hütten und Baracken der Aufseher davongeblasen, einige sollen ziemlich verletzt sein.“
„Suchaktionen?“ fragte Hasard knapp.
„Offenbar noch nicht.“ Pater Aloysius grinste. „Man wartet auf die Rückkehr des Provinzgouverneurs, weil’s auch so schön bequem ist, ihm die Verantwortung für alles Weitere zuzuschieben. Ein gutes Zeichen, finde ich. Es beweist, wie sehr sie alle Befehlsempfänger sind, die sich scheuen, selbst initiativ zu werden. Also: bei den Stadtoberen und Bürgern Verwirrung, Unsicherheit, ängstliches Abwarten, Rätselraten.“
Hasard rieb sich die rechte Bartseite. „Klingt nicht schlecht, Bruder. Klingt wirklich nicht schlecht. So, dann wollen wir mal den Dicken einstimmen auf das, was ihm bevorsteht. Holst du ihn, Ed?“
„Mit Vergnügen, Sir. Soll ich freundlich zu ihm sein oder den Wüterich spielen?“
Bevor Hasard antworten konnte, sagte Dan O’Flynn: „Beides ist bei dir gleich schrecklich, Mister Carberry. Also brauchst du dich überhaupt nicht anzustrengen oder zu verstellen.“
Der Profos stemmte die Pranken in die Hüften und holte Luft.
Hasard seufzte und sagte mit leichtem Tadel: „Mister O’Flynn! Nicht du wurdest von Mister Carberry befragt, sondern ich, und ich brauche keinen Vorsprecher. Müßt ihr eigentlich immer wie Hund und Katze sein?“
„Ed und ich?“ fragte Dan O’Flynn erstaunt zurück. „Aber wir sind doch nicht wie Hund und Katze, Sir. Wir sind Freunde! Nicht, Ed?“
„Jawohl!“ dröhnte der Profos. „Dan und ich sind die dicksten Freunde, Sir. Du brauchst dich nur daran zu erinnern, daß mich mein Freund Dan vor ein paar Stunden davor bewahrte, vom Berg erschlagen zu werden. Mutig vergriff er sich an mir und stieß mich aus dem tödlichen Bereich der einstürzenden Decke. So handelt nur ein echter Freund, so wahr ich Edwin Carberry heiße. Das mußt du bedenken, Sir, wenn du sagst, wir seien wie Hund und Katze. Ich wüßte auch gar nicht, wer von uns der Hund und wer die Katze sein sollte. Mein Freund Dan ist allenfalls ein Kater, wenn ich der Hund bin – oder umgekehrt, was, wie?“
Hasard seufzte ein zweites Mal. „Ich korrigiere mich – ihr seid beide die größten Schlitzohren der ‚Isabella‘-Crew! Und jetzt hol den Dicken, Ed!“
„Aye, Sir, freundlich oder als Wüterich?“
„Beides!“
„Geht klar, Sir.“ Carberry feixte zu Dan hinüber, und der feixte zurück. Sie sahen beide aus, als hätten sie gerade der Großmutter des Teufels mit feurigen Kohlen eine Wärmflasche unter den Hintern gepackt – diese Spitzbuben!
Es war eine gute Stimmung, besser konnte sie nicht sein. War nicht alles bisher glatt verlaufen? Und der Pulverturm existierte nicht mehr. Die Bluthunde des Luis Carrero würden nie mehr einen flüchtenden Indio verfolgen, stellen und zerfleischen. Allein das hatte den mörderischen Aufstieg nach Potosi gelohnt. Und ihren Trumpf hatten sie noch gar nicht ausgespielt: Don Ramón de Cubillo.
Carberry hatte ihn wie ein abgeschossenes Karnickel hinten am Kragen und hievte ihn in die Mitte der versammelten Runde, wo der Dicke in sich zusammensackte.
„Jetzt wirst du geschlachtet, Don Ramón!“ sagte Carberry mit dumpfer Stimme. „Die schräge Isabella hat mit uns Zwiesprache gehalten und ihr Orakel verkündet. Vernimm es wie ein Mann, auch wenn du ein Haufen Scheiße bist!“
Hasard räusperte sich – es bezog sich auf die „Vulgärsprache“. Vielleicht sollte er wirklich mal – na ja, ein Donnerwetter konnte nicht schaden. Später, wenn sie wieder auf See waren. Wenn überhaupt. Das Schwerste stand ja noch bevor.
Hasard musterte den Dicken, der wie ein Buddha in ihrer Mitte saß, allerdings wie ein sehr verunglückter Buddha, mit dem er nur rein äußerlich etwas gemeinsam hatte – die Dicklichkeit. Und wenn die Buddhafiguren stets ein friedvoll lächelndes Gesicht zeigen, das ihre Erhabenheit über das weltliche Jammertal ausdrückt, so war bei dem Dicken nichts davon zu bemerken. Bei ihm war alles nach unten gebogen.
Aus trüben Augen starrte er stumpf vor sich hin. Die Nachtruhe hatte wenig zu seiner Erholung beigetragen. Natürlich war er von dem Donnerschlag des in die Luft geflogenen Pulverturms wach geworden und hatte gedacht, der Himmel wäre auf die Erde gestürzt. Daß er überhaupt noch lebte, erschien ihm wie ein Wunder.
Genau in diese Überlegung hinein – als könne er Gedanken lesen – sagte Hasard: „Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden, Cubillo, an einem verdammt dünnen Faden, an einem Fädchen. Sie wissen das, nicht wahr?“
„Ja“, flüsterte der Dicke. Er schielte zu Hasard hoch, der an der Stollenwand lehnte, die Arme über der Brust verschränkt. In den Augen des Dicken flackerte nichts anderes als hündische Angst.
Hasard sagte: „Bevor ich Ihnen einen Vorschlag unterbreite oder anbiete, wie Sie eine Chance zum Überleben haben, möchte ich Sie darüber informieren, daß sich Ihr Oberaufseher Luis Carrero seit etwa Mitte November in unserer Gewalt befindet, daß wir bereits mehrere Transporte zwangsrekrutierter Indios abgefangen und sie befreit haben, daß wir ferner in dieser Nacht den Pulverturm von Potosi gesprengt und auch die Bluthunde des Carrero getötet haben. Im übrigen ist Potosi in dieser Nacht von meinen Truppen umstellt worden. Können Sie mir folgen?“
„Uaah“, ächzte der Dicke. Sein qualliges Gesicht sah so ungenießbar aus wie ein alter Käse, in dem die Maden herumturnen und in den Löchern Kriegen spielen.
Hasard dachte, hoffentlich kippt mir der Kerl nicht aus den Stiefeln. Er sagte scharf: „Haben Sie mich verstanden, Cubillo?“
Der Dicke nickte schwach und flüsterte: „Jawohl, Señor Großadmiral!“
Wie gut, daß er nur zu Hasard schielte. Denn die Kerle grinsten wie Honigkuchenpferde.
„Dann hören Sie jetzt gut zu, Verehrtester“, sagte Hasard mit metallischer Stimme. „Ein paar meiner Generäle und ich werden Sie gegen elf Uhr zur Ratsversammlung in Ihre Residenz begleiten, wo Sie gemäß meinen Instruktionen bestimmte Befehle erteilen werden. Sollten Sie sich weigern, dann reißt das dünne Fädchen, das Sie noch mit dem Leben verbindet. Das ist ein Versprechen. Bleiben Sie jedoch fügsam und sind zur positiven Mitarbeit bereit, dann ist das Ihre Chance, zu überleben. Auch das ist ein Versprechen, und ich gehöre zu jenen Männern, die ihr Versprechen halten.“
Natürlich, der Dicke grapschte nach jedem rettenden Strohhalm, der ihm gereicht wurde. Das Risiko für Hasard bestand in der Ungewißheit, ob diesem Bastard zu trauen war. Männer, die es – wenn auch durch die Gnade ihres Königs – bis zum Gouverneur oder gar Vizekönig gebracht hatten, waren keineswegs als Trottel einzustufen. O nein, sie brauchten für ihr Amt schon eine gehörige Portion an Verstand, diplomatischem Geschick, Durchsetzungsvermögen und Härte. Das waren durchaus positive Eigenschaften, die sich allerdings bei Typen wie Don Ramón de Cubillo oder Don Antonio de Quintanilla, dem Gouverneur von Kuba, noch mit höchst unerfreulichen Anlagen mischten, deren übelste die Gier nach Gold und Silber war.
Kurz, die Frage lautete, ob der Dicke einen harten Kern hatte, aus dem heraus er es fertigbrachte, sie zu überlisten.
Im Moment jedoch schimmerte nichts als Hoffnung in den Augen des Don Ramón.
„Ich tue alles, was Sie anordnen, Señor Großadmiral“, sagte er, und seine Stimme hatte einen festeren Klang als bisher. „Das verspreche ich Ihnen, und ich halte auch meine Versprechen.“
„Das wird sich herausstellen“, sagte Hasard. „Vergessen Sie in keiner Sekunde, daß immer eine Pistole auf Sie gerichtet ist, und meine Generäle und Männer sind Scharfschützen.“
„Von hinten durch die Brust ins Auge – oder umgekehrt: von vorn durchs Auge in die Brust“, sagte Carberry mit seiner dumpfen Stimme.
Der Dicke schaute scheu zu ihm hin. Sicher war dieses Ungetüm der Scharfrichter und Henker dieser fürchterlichen Männer, die unter dem Großkreuz des Ordens der schrägen Isabella segelten. Und Don Ramón begann wieder zu zittern.
„Wenn du jetzt losheulst, kriegst du eine geschmiert!“ drohte Carberry – und grinste freundlich. Das heißt, seine Bartlandschaft verzog sich unregelmäßig, und er zeigte sein tadelloses Gebiß, in dem vorn nur eine einzige Lücke klaffte – Erinnerung an die erste wüste Begegnung mit Philip Hasard Killigrew im Jahre des Herrn 1576.
Hasard hüstelte verhalten und warf seinem Profos einen Blick zu, der besagte, jetzt die Rolle des Wüterichs etwas zu zähmen. Dann instruierte er den Dicken, der ergeben lauschte und sich dabei in einem Schwitzbad befand. Der Schweiß, der über sein teigiges Froschgesicht perlte, zeigte es. Er mußte viel wischen.
Hinterher examinierte ihn Hasard, und da stellte sich heraus, daß der Dicke doch ein recht gutes Gedächtnis hatte.
„Sie können sich auf mich verlassen, Señor Großadmiral“, sagte er tapfer.
Dafür empfing er von Pater Aloysius ein kräftiges Schlückchen vom heiligen Wässerchen des Herrn, das der Mann aus Tirol aus verschiedenen Kräutern gebraut hatte, und auf das der Profos so scharf war. Er meinte zwar, da würden „bei dem Speckfaß“ Perlen vor die Säue geworfen, aber er konnte nicht leugnen, daß der Dicke von dem Wässerchen etwas aufgemöbelt wurde und seiner bevorstehenden „Mission“ durchaus männlich ins Auge blickte – auch wenn er einen Schluckauf hatte.
Etwa zwanzig Minuten vor Beginn der Ratsversammlung brachen Hasard, Jean Ribault, Karl von Hutten und Carberry auf und begleiteten den ehrenwerten Gouverneur zu seiner Residenz. Pater Aloysius und Pater David, beide in ihren Kutten als Dominikaner erkenntlich, flankierten den Dicken, ihn freundlich stützend, um ihm den schweren Gang zu erleichtern. Jedoch hielt sich der Dicke erstaunlich wacker. Zweifellos war dies eine Wirkung des „heiligen Wässerchens“.
Wie am Vortag Hasard und Pater Aloysius, so betrat auch jetzt die Gruppe von Westen her die Stadt und marschierte über die Calle Ayacucho in Richtung der Plaza. Schon die erste Begegnung mit Bürgern verlief günstig, denn der Señor Gouverneur scheuchte sie weg wie lästige Fliegen.
Dennoch sprach es sich wie ein Lauffeuer herum, der Erlauchte kehre aus Miraflores zurück, merkwürdigerweise ohne Sänfte und daher zu Fuß, begleitet von zwei Dominikanern und vier bärtigen Männern. Und recht angegriffen sehe er aus und sei auch recht ungehalten.
Vor der Plaza tauchte eine Streife Stadtgardisten auf und versperrte der Gruppe den Weg. Hasard biß die Zähne zusammen und brachte die Rechte in die Nähe seiner Pistole. Wie würde sich der Dicke verhalten? Das war jetzt die Generalprobe.
Prächtig verhielt sich der Señor Gouverneur, ganz prächtig.
Er ranzte die Stadtgardisten an, gefälligst seinen Weg zur Residenz abzuschirmen und dafür zu sorgen, daß er nicht dauernd mit dummen Fragen belästigt werde.
Das wirkte. Die Stadtgardisten spritzten auseinander und übten sich in Begleitschutz. Sehr schön war das, und sie setzten auch ihre Schlagstöcke ein, um dem Señor Gouverneur zu zeigen, wie ernst sie ihren „Ehrendienst“ für die Sicherheit des Erlauchten nahmen.
„Platz für den Señor Gouverneur!“ brüllten sie. „Weg da, Leute! Fort mit euch!“
Nein, sie ahnten nichts, überhaupt nichts. Hauptsache, der Gouverneur war wieder da, wenn auch zu Fuß und in ungewohnter Begleitung, aber allein die beiden Padres bürgten dafür, daß alles seine Ordnung hatte.
Am Portal der Kathedrale stand Pater Augustin und vergaß den Rosenkranz in den Händen. Nur seine Finger drehten unabhängig von seinen Gedanken an den Kügelchen – indessen nicht zum Abzählen der Gebete, sondern als Ausdruck seiner inneren Erregung.
Mein Gott, dachte er, sie haben das Unmögliche geschafft, diese fremden Männer. Sie haben den Teufel in ihrer Gewalt – als Geisel, wie es der schwarzhaarige, bärtige Riese mit den eisblauen Augen geplant hatte. Es war nicht zu fassen. Und natürlich: sie mußten es gewesen sein, die in der Nacht den Pulverturm gesprengt und auch die widerlichen Bestien getötet hatten.
„Herr, es ist gut, daß du ihnen beigestanden hast“, murmelte Pater Augustin.
Neben Pater Augustin stand der Prior, ein dicklicher Mensch mit einem weißen Haarkranz und rosigen Wangen. Er blickte den Pater indigniert an. „Was sagst du da, Bruder? Wem hat der Herr beigestanden?“
„Den Gerechten“, erwiderte Pater Augustin hintergründig.
„Du sprichst in Rätseln, Bruder“, rügte der Prior.
Er erhielt keine Antwort, denn Pater Augustin eilte zur Plaza, um sich um einen Hund zu kümmern, der gewagt hatte, den Weg des erlauchten Gouverneurs zu kreuzen. Für diese unerhörte Respektlosigkeit war er von einem Stadtgardisten mit einem Fußtritt bestraft worden, der ihn böse getroffen haben mußte, denn er lag schmerzjaulend neben dem Plaza-Brunnen.
Elf Glockenschläge vom Turm der Kathedrale hallten über die Stadt. Die Gruppe betrat über die breiten Treppen die Residenz, an den Türen dienerten Lakaien, ein zickiges Männchen eilte ihnen entgegen, sehr elegant nach letzter spanischer Hofmode gekleidet, sehr bleich und sehr erregt.
Für einen kurzen Moment stoppte die Gruppe.
„Mein Zeremonienmeister“, sagte der Dicke unwillig. Er hatte sich zu Hasard umgedreht.
„Wird heute nicht gebraucht“, entschied Hasard.
Der Dicke nickte, Wandte sich wieder um, schnickte mit den Fingern und befahl: „Verschwinde!“
„Der – der Pulverturm ist heute nacht …“
„Verschwinde!“ schrie der Dicke das Männchen an. „Hinaus, du Schlüssellochgucker!“
Das Männchen zuckte zusammen und entfleuchte. Hasard grinste unwillkürlich. Um durch Schlüssellöcher zu spähen, mußte sich das Männchen schon auf die Zehenspitzen stellen oder auf einen Hocker steigen.
Sie marschierten in einen Prunksaal. Um einen auf Hochglanz polierten länglichen Tisch mit vergoldeter Zierleiste und gedrechselten Beinen, die unten in Tatzen mündeten und oben mit goldenen Löwenköpfen geschmückt waren, saß die ehrenwerte Runde der Stadtväter und Ratsmitglieder: der Bürgermeister mit seinem Gefolge, der Stadtkommandant, der Polizeipräfekt, der Bergwerksdirektor, der Stadtkämmerer, der Vorsteher der Münze und die verschiedenen Ratsherren.
Nun ja, sie saßen da wie ihre eigenen Denkmäler, und es waren sehr dumme Denkmäler, weil sie offene Münder hatten und ihre Augen beängstigend groß geworden waren, noch größer als das Gelbe im Spiegelei.
Was sich indessen bewegte, das waren ihre perückenbestückten Köpfe, die den Weg des Erlauchten zum Gouverneursthron begleiteten, als würden sie an einer Schnur gezogen.
Der Thron, ein Prunkstück spanischer Handwerkskunst, stand an der einen Schmalseite des großen Tisches, auf dem zehn Paare getrost einen Reigen hätten tanzen können, ohne befürchten zu müssen, hinunterzufallen.
Der Dicke sank auf seinen Thron, die beiden Padres traten zurück, ihren Platz nahmen zwei der bärtigen Fremden ein. Der eine war ein schwarzhaariger Riese mit Augen, die wie bläuliches Gletschereis schimmerten, der andere ein schlanker Mann mit breiten Schultern und einem verwegenen Gesicht.
Gelassen zogen sie ihre Pistolen und richteten sie wie von ungefähr auf den Señor Gouverneur.
Ein Ungeheuer von Mann mit einem Rammkinn schmetterte die Tür zum Saal zu, baute sich davor auf und spielte mit einem Entermesser.
Dieses Ungetüm wirbelte jedoch plötzlich herum, riß die Tür mit einem Ruck wieder auf – und herein stolperte das Männchen Zeremonienmeister, den Kopf noch vorgereckt, als klebe er am Schlüsselloch.
„Buh!“ machte das Ungeheuer, knallte die Tür wieder zu und wischte das Männchen von den Füßen. Es sauste über den hübschen Mosaikboden, zwischen den gegrätschten Beinen eines Lakaien hindurch, der nicht wußte, wie ihm geschah, und auf eine Marmorsäule zu, die oben mit der Alabasterbüste Seiner Allerkatholischsten Majestät, des Königs von Spanien bestückt war. Sehr bleich, fast melancholisch schaute Philipp II. in den Saal – zum letztenmal.
Denn das Männchen wickelte sich um die Marmorsäule und riß sie um. Die Säule zerbrach. Philipps Kopf rollte holterdiepolter durch den Saal zu dem Ungeheuer namens Carberry, und der nahm die Gelegenheit wahr, Seine Majestät mit einem kräftigen Fußtritt zu beehren. Aber dessen Nase war schon beim Sturz zu Bruch gegangen. Der Alabasterkopf landete scheppernd im Kamin und gelangte dort zur Ruhe. Ein Feuerchen war noch nicht entzündet worden.
Die Señores saßen steif und stumm und entsetzt.
6.
„Señores“, sagte Hasard freundlich und mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit, „es besteht kein Grund zur Panik, und ich schätze – ja, ich bin sogar davon überzeugt, daß wir sehr gut miteinander auskommen werden, wenn Sie die Befehle Ihres ehrenwerten Señor Gouverneur so befolgen, wie Sie das immer getan haben. Allerdings“, und hier lächelte Hasard so richtig von Herzen, „kann ich für sein Leben nicht garantieren, wenn Sie seinen Befehlen zuwiderhandeln oder sie zu sabotieren versuchen.“
Die Señores lauschten wie Buben, die zum ersten Male in ihrem Leben von einem Lehrer oder Schulmeister angesprochen werden, der die Absicht hat, sie in die Kunst des Schreibens und Lesens einzuweisen.
Da waren keine Rebellen oder Feuerköpfe, denen die Tat wichtiger erschien als die Folgen. Hasards Blick musterte jeden einzelnen Mann, und jeder senkte den Blick, als könne er diese aufmerksamen scharfen Augen nicht ertragen. Sie waren auch sehr verwirrt, diese ehrenwerten Señores, die hier in Potosi bisher ein so schönes, geruhsames, gefahrloses und vor allen Dingen einträgliches Leben geführt hatten – einträglich, was den Griff nach dem Silber betraf.
Natürlich war die Ausbeute je nach Stand verschieden und nicht an dem zu messen, was der Señor Gouverneur in seinem Landhaus gehortet hatte. Aber es war nicht übertrieben, wenn man die ehrenwerten Señores als Millionäre bezeichnete. Der Vorsteher der Münze hatte die dreckigsten Pfoten. Dafür war er jetzt so weiß wie ein Leichentuch – und er schwitzte.
Das alles registrierte Hasard, und er verriet nicht den Ekel, der in ihm aufstieg.
Im lässigen Plauderton fuhr er fort: „Meine Truppen, Señores, haben die Stadt umstellt, jedoch die Straße nach Sucre offengelassen. Es würde sich also nicht lohnen, gegen uns hier Gewalt anzuwenden, die sie dann alle zu büßen hätten. Im übrigen haben meine Einsatzkommandos heute nacht den Pulverturm gesprengt – vorsorglich natürlich, um Sie nicht in Versuchung zu führen, ein Massaker anzurichten, dem ja doch immer nur die Unschuldigen zum Opfer fallen. Da wir ferner etwas gegen Bluthunde haben, die auf Menschen gehetzt werden, haben wir uns erlaubt, auch diese Bestien zu beseitigen.“
Die Stadt umstellt? Den Pulverturm gesprengt? Die Bluthunde beseitigt? Die Señores zogen die Köpfe ein und krochen in sich zusammen. Am liebsten wären sie in Mauselöchern verschwunden.
Nicht einmal der winzigste Funke eines Gedankens tauchte in ihren Köpfen auf, hier einem riesigen Bluff aufzusitzen. Das mochte allerdings auch an der Persönlichkeit des schwarzhaarigen Riesen liegen, der einen bezwingenden Charme ausstrahlte und gleichzeitig von einer granitenen Härte war. Nein, einem solchen Mann waren sie noch nicht begegnet, einem Mann, der es im Handumdrehen fertigbrachte, ihnen seinen Willen aufzuzwingen.
Hasard nickte dem Dicken ermunternd zu, wiederum freundlich lächelnd.
„Jetzt sind Sie dran, Señor Gouverneur“, sagte er. „Die Señores warten auf Ihre Befehle.“
Der Dicke richtete seinen Blick auf den Stadtkommandanten, einen knebelbärtigen, hageren Menschen, und sagte: „Don Alfonso! Ich befehle, daß die gesamte Truppe der Potosi-Garnison einschließlich der Polizeikräfte und Stadtgardisten innerhalb einer halben Stunde auf der Plaza anzutreten hat, bereit zum Abmarsch nach Sucre, wo weitere Weisungen von mir abzuwarten sind. Schuß-, Hieb- und Stichwaffen bleiben in der Garnison. Sie, Don Alfonso, bürgen mir für die exakte Ausführung meines Befehls und werden auch die Truppe nach Sucre begleiten. Die Straße dorthin ist frei. Sollten Sie jedoch die Straße verlassen – entgegen meiner Order –, dann haben Sie damit zu rechnen, daß Sie unter Feuer genommen werden. Ist das klar?“
„Jawohl, Señor Gouverneur“, erwiderte der Stadtkommandant und wiederholte brav den Befehl des Dicken.
Dann verließ er die Runde und marschierte auf die Tür zu, wo der Profos stand und ihm aus grauen Augen grimmig entgegensah.
„Waffen ablegen!“ knurrte er.
„Jawohl“, sagte der Knebelbärtige gehorsam und entledigte sich seines Wehrgehänges samt einer prächtigen Pistole.
Carberry nahm es in Empfang und betrachtete die Pistole, deren Griff aus Nußbaumholz mit Silber eingelegt war. Kopfschüttelnd schaute er sich die Einlegearbeit an. Auf beide Griffseiten war je ein nacktes Liebespaar eingearbeitet, das sich umarmte. Es war eine erotische Szene, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrigließ. Vielleicht brauchte der ehrenwerte Don Alfonso solche Bildchen zur Aufmunterung, bevor er den Liebespfad beschritt.
„Ihr seid vielleicht Ferkel“, sagte der Profos ein bißchen erschüttert, obwohl ihm im Grunde nichts fremd war. Aber so etwas Obszönes öffentlich mit sich herumzuschleppen, das fand er nicht sehr geschmackvoll.
„Jawohl“, sagte Don Alfonso und schaffte es, rote Ohren zu haben.
„Hinaus!“ grollte Carberry und fletschte die Zähne. „Du alter Lustmolch!“
Der „Lustmolch“ mit dem Knebelbart entschwand. Die Tür krachte wieder zu.
Der Dicke stach den Zeigefinger auf den Vorsteher der Münze zu, den Schwitzemann mit dem teigigen Gesicht.
„Sie, Don José“, sagte er, „sorgen dafür, daß sofort sämtliche Silbermünzen aus der königlichen Schatzkammer und der Münze sack- und kistenweise in den Hof der Residenz gebracht werden, da ich die Absicht habe, die Münzen einem guten Zweck zuzuführen. Haben Sie verstanden?“
„Oje-oje!“ jammerte der Schwitzemann. „Alle Münzen?“
„Ich sagte es!“ donnerte Don Ramón. „Haben Sie Dreck in den Ohren? Und ich bitte mir aus, daß nicht eine einzige Münze beim Transport in den Hof verschwindet!“
„Jawohl, Señor Gouverneur.“ Der Schwitzemann erhob sich und wankte zur Tür. Weit gelangte er nicht, weil das Männchen Zeremonienmeister wieder bei Bewußtsein war und ihm wie ein schnüffelndes Hundchen vierbeinig in den Weg kroch. Das Männchen wußte wohl noch nicht so recht, wo es sich befand.
„Wau-wau!“ bellte Carberry von der Tür her.
Das Männchen sprang mit einem schrillen Schrei auf, prallte auf den Schwitzemann mit dem teigigen Gesicht und umarmte ihn. Jetzt wankten sie beide und hielten sich gegenseitig fest, als müßten sie sich trösten.
Don Ramón trommelte mit seinen Wurstfingern auf der Tischplatte und war gereizt.
„Hinaus!“ schrie er. „Und vergessen Sie meinen Befehl nicht, Don José, sonst soll Sie der Teufel holen! Es geht um mein Leben, falls Sie das noch nicht begriffen haben!“
Erschrocken trennten sich die beiden und eilten zur Tür, wo Carberry sie hungrig anstarrte, als habe er die Absicht, sie roh zu verspeisen.
Langsam öffnete er die Tür, fixierte das Männchen und sagte dumpf: „Du hast den Philipp vom Sockel gestoßen, du Wüstling! Das wird noch Folgen haben, denn das ist eine Beleidigung Seiner Majestät!“
„Er-erbarmen“, stotterte das Männchen mit flatternden Augen und käsigem Gesicht, dessen linke Seite von der Pranke Carberrys erheblich geschwollen und gezeichnet war.
„Das wird Seine Majestät entscheiden“, sagte Carberry grollend, „und ich weiß sehr genau, daß er Sockelumstoßern, wie du einer bist, die Ohren abbeißt und die Haare ausreißt! Und wenn du hier noch mal am Schlüsselloch hängst, du Schnüffler, dann ziehe ich dir den Hals lang und knüpf ihn dir um die Beine!“
Das Männchen schoß davon, als sei es von Carberry mit einer Nadel in das Hinterteil gepiekt worden. Der Schwitzemann war schon auf und davon. Wieder knallte die Tür zu.
Jetzt war der Bürgermeister dran, ein Mann mit einem dicken Schmerbauch, Doppelkinn und einer Warze auf der rechten Wange. Die schwarze Lockenperücke verjüngte ihn zwar, aber mit den Tränensäcken unter den Augen und dem aufgedunsenen Gesicht sah er reichlich verlebt aus. Wie Don Ramón war er das, was man die Made im Speck nennt.
Hasard hatte für solche Typen einen sicheren Blick. Ganz abgesehen davon sah der Kerl verschlagen aus. Aber zur Zeit überwog die Angst, das war nicht zu verkennen. Er blickte immer wieder zu Carberry, der als grimmiger Wächter an der Tür stand, ein wüster Koloß mit der Kraft von ein paar Ochsen. Keine Frage, der Profos verschreckte die ehrenwerten Señores, insbesondere den dickbäuchigen Bürgermeister.
Don Ramón wandte sich dem Mann zu und sagte: „Sie, Don Carlos, sorgen dafür, daß im Hof der Residenz Tische aufgestellt werden – und natürlich Stühle. Die Tische sind reichlich zu decken – mit allen verfügbaren Lebensmitteln: Obst, Brot, Braten, Käse, Wurst und so weiter. Der Señor Küchenmeister, den ich zu Ihrer Verfügung befehle, möge eine kräftige Hühnersuppe kochen und im Hof bereitstellen, dazu das notwendige Geschirr und Besteck …“
„Ah, die Señores wünschen im Hof zu speisen, nicht wahr?“ unterbrach ihn der Bürgermeister und schmatzte mit den dicken Lippen.
„Irrtum“, sagte Don Ramón frostig. „Nicht die Señores werden dort speisen, sondern die Indios aus dem Berg.“
„Äh!“ Der Bürgermeister wirkte, als habe ihm jemand einen Scheuerlappen um die Ohren gehauen. „Die – die Indios?“
„Die Indios!“ brüllte der Dicke und regte sich fürchterlich auf. „Ist das so absonderlich? Sie sollen sich satt essen, bevor sie entlassen werden. Und es muß genug da sein, daß sie auch noch Lebensmittel mitnehmen können.“
Der Bürgermeister schien kurz vor einem Schlaganfall zu stehen, auch die Señores des Stadtrates wurden unruhig und begannen zu tuscheln.
Carberry rückte wuchtig ein paar Schritte vor, in seiner Rechten schlenkerte das Entermesser. Sein wilder Blick streifte die ehrenwerten Señores.
Er sagte – und seine Stimme war fast leise und zufrieden: „Ist hier einer, dem das nicht paßt? Das würde mich freuen, denn dann könnte ich einmal ausprobieren, ob dieses Messerchen scharf genug für eine Rasur ist. Ich habe es heute morgen extra für diesen Zweck noch einmal geschliffen. Aber ich werde die Rasur an der Kehle ansetzen – hier!“ Und er setzte das Messer an seine bärtige Gurgel, zog es scharf nach unten und rasierte sich mit einem einzigen sauberen Schnitt den Hals frei. Wie abgehackt sah die Stelle aus, wo er das Messer angesetzt hatte. Wenn er ein bißchen geblutet hätte, wäre die Demonstration noch fürchterlicher gewesen.
Aber sie reichte auch so. Da waren nicht wenige Señores, deren Gesichter die gewisse grünliche Verfärbung angenommen hatten. Einige hatten unwillkürlich an ihre Hälse gegriffen, als müßten sie sich überzeugen, ob die noch heil und ohne Schnitt waren. Der Bürgermeister röchelte und preßte die Hand aufs Herz.
Hasard beobachtete scharf. Carberrys Spiel mit dem Entermesser war hervorragend. Schon im Ansatz hatte er mit seiner Darstellung und Redeweise das erstickt, was wie der schwache Versuch einer Entrüstung ausgesehen hatte. Die Señores kuschten. Ein Schnitt durch den Hals – die Vorstellung davon – erstickte jegliches Aufbegehren.
Und Don Ramón? Hätte er die Situation nicht nutzen können?
Don Ramón fixierte den würgenden Bürgermeister aus kalten Augen und sagte höhnisch: „Wenn Ihnen etwas fehlt, Don Carlos, dann ist es mir nur recht, auf Ihre Mitarbeit zu verzichten und unserem Zweiten Bürgermeister Ihre Aufgaben zu übertragen.“ Er ruckte mit dem Kopf nach links, wo der Zweite Bürgermeister saß, ein Mann mit einem knochigen Gesicht, das zwar mürrisch wirkte, jetzt jedoch eine freudige Erwartung auszudrücken schien.
„Señor Gouverneur?“ fragte er ein bißchen ölig.
„Sind Sie“, sagte Don Ramón, „bereit, das Amt des offenbar kranken Bürgermeisters zu übernehmen und meine Befehle auszuführen?“
„Es ist mir eine Ehre, Señor Gouverneur“, sagte der Zweite Bürgermeister und verbeugte sich im Sitzen.
Er war kaum wieder mit dem Kopf hoch, da sprang Don Carlos, der erste, auf und schrie: „Nein! Ich bin nicht krank! Ich war schon immer dafür, die – äh – Indios im Berg besser zu verköstigen, um ihnen die schwere Arbeit zu erleichtern. Nur …“
„… nur zweigten Sie von den königlich festgesetzten Rationen ganze drei Viertel ab, kassierten sie für Ihre eigene Haushaltsführung oder verteilten sie an Ihre Günstlinge“, ergänzte Don Ramón mit einem niederträchtigen Grinsen.
Siehe da! dachte Hasard. Hier wird jetzt schmutzige Wäsche gewaschen! Und der Dicke scheint dem Bürgermeister spinnefeind zu sein. Sicher, ein Bürgermeister kann zum Provinzgouverneur aufrücken, und vielleicht hatte dieser Don Carlos das begehrte und einträgliche Amt schon lange angepeilt – zum Mißbehagen des Don Ramón.
Warf der Bürgermeister jetzt dem Dicken vor, daß dieser ihm – was die Bereicherung betraf – immer ein gutes Vorbild gewesen sei?
Nein, er zog den Schwanz ein, bangend darum, vom zweiten Bürgermeister ersetzt zu werden, und sagte mit bebender Stimme: „Ich führe Ihre Befehle selbstverständlich aus, Señor Gouverneur. Das ist mir eine Ehrenpflicht, denn ich stehe loyal zu Ihnen und zu unserer verehrten Majestät dem König!“ Und sein Kopf bewegte sich ruckartig zu der Stelle, wo er gewohnt war, den Allerkatholischsten zu sehen, der aus Alabaster melancholisch seit über zehn Jahren in den Saal blickte. Nur war dessen Büste jetzt ja weg, und der Alabasterkopf hatte einen Platz im Kamin gefunden.
„Äh!“ sagte der Bürgermeister irritiert.
Don Ramón nickte ihm zu und wedelte mit der rechten Hand.
„Dann sputen Sie sich, Don Carlos“, sagte er kalt, „und seien Sie versichert, daß ich geheime Dossiers über Sie habe, die Ihnen das Genick brechen werden, sollten Sie es wagen, meinen Befehlen zuwiderzuhandeln.“
Auch dieser Mensch wankte zur Tür, verfolgt von den Blicken der Runde. Über das Froschgesicht des Don Ramón geisterte ein verstecktes triumphierendes Grinsen.
Don Carlos’ Schritte wurden langsamer, je näher er Carberry rückte.
Der ruckelte mit dem rechten Zeigefinger und sagte: „Hol mal die Pistole raus, die du unter deinem Bauch versteckt hast, mein Dickerchen!“
Don Carlos fischte mit spitzen Fingern nach der Waffe, die vom über den Bauch hängenden Wams fast verdeckt wurde, und reichte sie mit dem Griff voran Carberry.
„Bitte sehr, Señor“, sagte er mit schon fast ersterbender Stimme. „Wirklich, ich hätte nie gewagt, damit zu schießen – äh –, und ich verabscheue auch den lauten Knall.“
„Soso“, sagte Carberry und besichtigte den Pistolengriff von beiden Seiten.
Hier war wohl derselbe Silberschmied am Werk gewesen – nur auf andere Weise, denn auf den beiden Griffschalen verlustierten sich lediglich weibliche Wesen, und dies wiederum sehr eindeutig.
Carberry blickte auf und ließ die Pistole achtlos fallen. Als sie auf den Mosaikboden klirrte, versetzte er der Waffe einen Tritt, und sie schepperte in Richtung des Kamins.
In seinen grauen Augen glitzerte Wut, als er quer durch den Saal hinüber zu Hasard schaute.
„Großmeister“, sagte er wild, „diese Ferkel und Säue kotzen mich allmählich an. Die lassen sich silberne Schweinereien in ihre Pistölchen einarbeiten, und dafür müssen die armen Kerle im Berg verrecken, sich schinden, peitschen oder von Bestien zerfleischen lassen. Das mußt du dir mal vorstellen! Dieses perverse Vieh hier sollte aufgehängt werden – oben an die Kirchturmspitze, damit es alle sehen!“
Carberry hatte die englische Sprache benutzt, und in derselben Sprache erwiderte Hasard: „Dreh jetzt nicht durch, Ed! Sie sind alle einander wert, der eine wie der andere. Aber wir sind hier wegen der Indios, nicht um Selbstjustiz zu üben. Wir sind nicht deren Richter.“
„Verstanden“, sagte Carberry mühsam und brüllte den Bürgermeister an: „Hau ab, du Strolch!“ Gleichzeitig riß er die Tür auf.
Don Carlos entfloh – gewissermaßen auf qualmenden Socken. Carberry stand in der Tür und starrte hinter ihm her. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und zuckten etwas.
Dir hätte ich das Genick umdrehen können, Bürgermeister, dachte er, aber nicht nur dir!
Er trat zurück und verschloß die Tür.
Die Befehlsausgabe war noch nicht beendet. Don Ramón richtete das Wort an den Polizeipräfekten und sagte: „Ihre Aufgabe ist es, sofort zu veranlassen, daß sich die Bürger in ihre Häuser zurückzuziehen haben. Türen und Fensterläden sind zu verschließen – bis diese Verfügung von mir aufgehoben wird. Ich betone: ich wünsche keinen Bürger auf den Straßen zu sehen! Wer es wagen sollte, aus einem Fenster zu schauen, wird erschossen.“
„Habe Order verstanden“, schnarrte der Polizeipräfekt, stand auf, verbeugte sich und marschierte zur Tür.
„Die Waffe!“ fuhr ihn Carberry an.
Sie wurde ihm überreicht – eine doppelläufige Pistole. Carberry nahm sie entgegen und betrachtete die Griffstücke. Sie waren „nur“ mit silbernen Girlanden eingelegt. Fast hätte Carberry dem Polizeipräfekten die Waffe zurückgegeben.
Der starrte ihm in die Augen und schnarrte: „Habe auch was gegen – äh – Schweinereien auf Waffen! Kolossale Schweinerei! Entehrt die Waffe – ähem! Skandalös! Wenn das der König wüßte!“
„Na ja“, sagte der Profos lahm und ein bißchen erschüttert.
Der Polizeipräfekt zirkelte einen eckigen Gruß, Handfläche ausgestreckt, an seine Perücke, auf der jetzt ein Helm hätte sitzen müssen. Aber so ging’s auch.
„Bitte mich verabschieden zu dürfen!“ schnarrte er.
„Genehmigt!“ rasselte Carberry und salutierte mit der Präfektenpistole wie mit einem Marschallstab.
Der Polizeipräfekt knickte vor, schlug gleichzeitig die Hacken zusammen und verbeugte sich.
Carberry runzelte die Stirn, öffnete die Tür und winkte jovial mit der Pistole, die den Marschallstab ersetzte.
„Es war mir eine Ehre, Señor Polizeipräfekt“, sagte er.
Der Polizeipräfekt marschierte hinaus, das Kinn an den Kragen gedrückt, den Blick geradeausgerichtet, ein sehr zackiger Mann, eifrig, pflichtbewußt und kantig. Nur diente er eben in einer lausigen Stadt – und einem System, das genauso lausig war.
Hier gibt’s Sachen, die gibt’s gar nicht, dachte Carberry und steckte sich nachdenklich die Pistole des Präfekten in den Gurt. Diesem Nußknacker hätte er zum Beispiel nicht das Genick umgedreht. Merkwürdig war das schon.
Was hatte er gesagt? Wenn das der König wüßte! Ha! Und wenn er’s wüßte? Würde das was ändern? Überhaupt nichts! Carberry schloß die Tür und schüttelte den Kopf.
Die letzte Befehlsausgabe: sie würde den Lebensnerv der Stadt treffen – das Silber. Der Bergwerksdirektor war dran, ein Mann, der über alles das herrschte und waltete, was den Cerro Rico betraf. Er machte sich nicht die Hände schmutzig, o nein! Er mordete vom Schreibtisch aus.
Er verfügte: soundso viele hundert Sklaven – oder Indio-Affen – zum Abbau des Silbers in den Stollen XYZ, soundso viele in den Stollen daneben, darunter oder darüber.
Aber der Stollen darunter ist bereits einsturzgefährdet, Señor Direktor!
Spielt keine Rolle!
Jawohl, er verwaltete den Tod, dargestellt in Strichlisten mit Zehnergruppen – zehn Striche gleich zehn Sklaven. Durchgestrichen wurde mit dem Lineal. Es bedeutete, daß wieder zehn Strichmännchen weniger für das Silber arbeiteten. In letzter Zeit war das Lineal immer häufiger benutzt worden.
Unerhört, wie diese Affen einfach wegstarben!
Wegstarben? Na ja, über die Art ihres Todes wurde nicht Buch geführt.
Bitte sehr, Señor, es ist doch völlig gleichgültig, an was diese Dingsda – äh – diese Wilden krepieren. Weil sie faul sind, müssen sie gezüchtigt werden. Hunger? Die fressen sowieso zuviel! Krankheiten? Mit denen müssen wir auch rechnen. Was sagten Sie – man müsse die Stollen besser absichern? Aber ich bitte Sie! Wir sind knapp an Holz! Das wäre reinste Verschwendung!
Der Señor Bergwerksdirektor setzte die täglichen Fördermengen fest, prüfte die Qualität des abgebauten Silbers, brütete über schematische Darstellungen des Berges, der kreuz und quer von Gängen zerfressen wurde, beutete die fetten Adern aus – und mochten sie auch noch so tief in den Berg führen oder gefährdet sein, trieb die Aufseher an, verlangte Sollerfüllung, drohte mit drakonischen Strafen, Verhängte für die Indios Trinkwasserentzug, kürzte Rationen, verweigerte ärztliche Hilfe bei Krankheiten oder Verletzungen – und sah selbst zu, sich die Taschen zu füllen.
Er war ein Mann mit einem spitzen Kinn, einem messerscharfen Mund, einer Geiernase und bösen kalten Augen. Jetzt waren diese Augen unstet und unruhig. Er ahnte wohl, daß noch einiges auf ihn zukam.
„Señor Jimeno“, sagte Don Ramón zu dem Geiernasigen, „Sie erhalten den Befehl, sämtliche Indios aus dem Berg holen und mit den Aufsehern hier in den Hof der Residenz bringen zu lassen.“
Der Geiernasige stand steif auf, zögerte und sagte dann: „Das – das bedeutet das Ende des Silberabbaus, Señor Gouverneur. Ich – ich bin verpflichtet, der Krone halbjährlich die festgesetzte Menge Silber zu liefern …“
„Geht es hier um die Einhaltung von Terminen – oder um mein Leben?“ fauchte der Dicke aufgebracht.
„Dieser Mann bleibt hier“, sagte Hasard scharf. „Er ist der unmittelbare Vorgesetzte des Luis Carrero, nicht wahr?“
„Ja“, erwiderte der Dicke.
„Legen Sie Ihre Waffen ab, Señor“, sagte Hasard kühl und richtete die Pistole auf den Geiernasigen.
Der Geiernasige zischte: „Und wenn ich mich weigere?“
Hasard zuckte mit den Schultern und sagte ironisch: „Das wäre dumm von Ihnen, denn Sie würden mich zwingen, Ihr Leben mit einer Kugel zu beenden. Ich könnte nicht behaupten, daß mir der Tod eines Massenmörders besonders nahegehen würde.“
„Ich bin kein Massenmörder!“ schrie der Geiernasige. „Das ist ja geradezu absurd!“
Carberry war fängst herangeschlichen und stand jetzt hinter dem Buchhalter des Todes. Er tippte ihm auf die Schulter. Der Geiernasige ruckte herum.
„Hier wird nicht geschrien“, sagte Carberry, griff zu, zog den Geiernasigen aus der Stuhlreihe, drückte ihn einarmig hoch in die Luft – und ließ ihn fallen, einfach so.
Der Geiernasige stauchte sich das Kreuz auf dem Mosaikboden, denn er prallte mit dem verlängerten Rückgrat auf, sein Gesicht verzerrte sich vor Wut, er sprang auf, seine Rechte zuckte zum Degen und riß ihn heraus.
Carberry sagte sanft: „Ich warne dich, Freundchen. Laß deinen Piekser fallen und sei friedlich. Du hast hier keinen wehrlosen Indio vor dir …“
Der Geiernasige stürmte auf Carberry zu. Der Profos glitt zur Seite und stellte den Fuß vor. Als der Fuß hakte, riß er ihn hoch. Im Schrägsturz landete der Kerl mit dem Kopf voran auf dem steinernen Boden, schrammte über ihn weg und sauste gewissermaßen auf seiner Geiernase und dem Spitzkinn über die spiegelnde Fläche, die nur von den Mörtelfugen unterbrochen war.
Diese Fugen waren es, die ihm die Haut auf Spitzkinn und Geiernase wegraspelten.
Spiegel, an der richtigen Stelle angebracht, haben die Eigenschaft, einen Raum zu vergrößern. Das hatte der Innenausstatter dieses Residenzsaales wohl auch im Auge gehabt, als er links und rechts der hübschen Kassettentür je einen Wandspiegel hatte aufstellen lassen, die bis zum Boden reichten. Zwei gleiche Spiegel standen gegenüber an der anderen Saalfront und noch je zwei an den beiden anderen Saalseiten.
Diese Spiegelorgie zwang die beleibten Señores bei Empfängen oder Lustbarkeiten, die hier des öfteren stattfanden, die Bäuche einzuziehen, während die Señoras und Señoritas von den Spiegeln verlockt wurden, ihre Oberweiten prangen zu lassen.
In den Spiegel links der Tür krachte der Geiernasige, durchbrach ihn und blieb stecken. Es regnete Spiegelscherben, die lustig funkelten und glitzerten – wie Silber.
„Der schöne Spiegel“, murmelte Carberry kopfschüttelnd. „Alles müssen diese Affenärsche kaputtmachen – erst die teure Marmorsäule mit der Büste unserer verehrten Majestät und jetzt dies! Man muß meinen, unter die Barbaren geraten zu sein. Und ich habe diesen Kerl noch gewarnt!“
Er zog den Geiernasigen an den Stiefeln aus dem zerborstenen Spiegel. Pater David umwickelte den Kopf des Kerls mit einer langen weißen Binde, bis er wie eine Mumie aussah, wie Carberry mißbilligend feststellte. Seit ihrer Nilreise hatte er etwas gegen Mumien. Die Mumie durfte weiter den Fußboden abhorchen.
„Ich schlage vor“, sagte Hasard zu Don Ramón, „Sie delegieren diese letzte Aufgabe an den Zweiten Bürgermeister, der mir dafür geeigneter erscheint als dieser Señor Jimeno.“
Der Zweite Bürgermeister sprang sofort auf, verbeugte sich vor Hasard und sagte: „Es wird mir eine Ehre sein, diese Order zu übernehmen.“
„Ich habe nichts dagegen“, sagte Don Ramón und nickte dem Zweiten zu. „Aber beeilen Sie sich.“
„Sehr wohl, Señor Gouverneur.“ Der Zweite Bürgermeister eilte hinaus.
Hasard winkte den wie Salzsäulen dastehenden Lakaien zu und sagte freundlich: „Ich habe nichts dagegen, wenn Sie den ehrenwerten Señores dieser Ratsversammlung ein Gläschen Wein einschenken, zumal ich die Absicht habe, auf Ihrer aller Wohl zu trinken!“
Die Lakaien flitzten und spielten Mundschenk. Das leise Klingen von Gläsern tönte durch den Saal und stimmte friedlich. Es gluckerte aus Kristallkaraffen, roter Wein floß in die funkelnden Gläser.
Als alle versorgt waren, hob Hasard sein Glas und sagte: „Señores, der elfte Vers im zweiundsechzigsten Psalm lautet: ‚Verlasset euch nicht auf Unrecht und Frevel, haltet euch nicht zu solchem, das eitel ist; fällt euch Reichtum zu, so hänget das Herz nicht dran.‘ Über diese Worte sollten Sie nachdenken. Ich trinke auf Ihr Wohl!“
Hasard trank, und sie taten ihm Bescheid. Pater David und Pater Aloysius lächelten versteckt. Die ehrenwerten Señores waren sehr verwirrt, betroffen oder gar nachdenklich.
Es wurde geklopft, und Carberry öffnete.
Der Stadtkommandant erschien, salutierte und meldete: „Truppe wie befohlen abmarschbereit auf der Plaza angetreten.“
„Danke, Don Alfonso“, sagte Don Ramón zu dem knebelbärtigen Mann. Er drehte sich zu Hasard. „Möchten Sie eine Musterung vornehmen, Señor Großadmiral?“
„Genau das“, erwiderte Hasard. „Die Señores der Ratsversammlung mögen sich nach Hause verfügen und ruhig verhalten. Der Señor Jimeno wird bei uns bleiben.“
Damit war die Ratsversammlung aufgelöst.
7.
Jean Ribault, Karl von Hutten und die beiden Padres blieben bei dem Dicken und der „Mumie“ auf der Treppe vor der Residenz. Es tat sich schon allerlei – Büttel zogen Karren, beladen mit Säcken und Kisten, von der Münze zur Residenz und in den Innenhof. Andere Bedienstete schleppten Lebensmittel heran. Sonst hatten sich die Straßen bereits deutlich geleert. Die Läden vor den Fenstern waren geschlossen worden. Eine ungewohnte Stille lag über der Stadt.
Die Truppe – an die hundert Mann oder mehr – stand mit Front zur Residenztreppe.
Hasard ging mit Carberry und dem Stadtkommandanten langsam an der Front entlang und musterte die Männer aus harten Augen.
Vor einem Teniente blieb er stehen und blickte ihn scharf an.
„Name?“ fragte er.
„Alvaro Gomez.“
Hasard trat etwas zurück und legte die Hände auf den Rücken.
„Der Stadtkommandant hat Sie über die Order des Gouverneurs informiert?“ fragte er.
„Ja, wir sollen nach Sucre marschieren und dort auf weitere Order warten.“
„Richtig, was noch?“ Hasard wippte auf den Ballen.
„Äh – Schuß-, Hieb- und Stichwaffen sollten in der Garnison bleiben“, sagte der Teniente.
„Und? Haben Sie noch Waffen bei sich?“
„Ich? Nein, ich habe keine Waffen bei mir. Ich pflege Befehle zu befolgen.“
Es war die alte Weisheit: Menschen mit unruhigen Augen, die dem festen Blick des anderen ausweichen, haben etwas zu verbergen, ein schlechtes Gewissen oder führen etwas im Schilde.
Hasard nickte Carberry zu und sagte in der englischen Sprache: „Durchsuch ihn, Ed. Und wenn du etwas findest, dann kannst du mit ihm Schlitten fahren. Ich wette, daß er mich belogen hat.“
„Mal sehen“, knurrte der Profos, trat auf den Teniente zu und begann ihn von oben abzutasten.
Plötzlich fuhr seine Hand in den Koller. Als er sie zurückzog, hatte er eine kleine Pistole in der Hand. Er warf die Waffe hinter sich, geradezu lässig und gleichgültig.
„Einer, der Befehle zu befolgen pflegt, eh?“ sagte er verächtlich. „Ein Sprücheklopfer und ein Lügenmaul, wie?“
Der Teniente schwoll rot an. „Wie sprechen Sie denn mit mir, Sie – Sie ungehobelter Flegel? Ich bin Offizier!“
„Ach ja? Ist das was Besonderes oder wie?“ höhnte Carberry.
„Wenn ich meinen Degen hätte, würden Sie tanzen, Kerl!“ schnarrte der Teniente.
„Wie wär’s denn mit den Fäusten – Offizier Lügenmaul?“ Carberry trat etwas zurück. „Komm her, zeig’s mir mal, damit deine Leute sehen, was du für ein tapferes Kerlchen bist. Schau mal, sie grinsen schon! Sie lachen über ihren aufgeblasenen Offiziersgockel!“
Der Teniente, blind vor Wut, sprang vor und landete Vierkant im berühmten „Profos-Hammer“, der von unten gegen sein Kinn krachte, so daß er vom Boden abhob, die Flugbahn einer trägen Rakete beschrieb und wieder zur Landung auf dem Pflaster der Plaza ansetzte.
Der Aufprall schüttelte den Teniente durch und war recht unsanft. Carberry beachtete ihn nicht weiter. Er hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt, stand breitbeinig da und musterte aus schmalen Augen die Soldaten. Denen verging das Grinsen ziemlich schnell.
„Freut euch nicht zu früh, ihr Rübenschweine“, warnte er. „Ihr seid auch noch dran!“
Da und dort zwischen den Reihen klirrte plötzlich etwas zu Boden.
„Halt!“ zischte Carberry scharf.
Die Soldaten erstarrten.
Hasard musterte aus eisigen Augen den Stadtkommandanten, der zusehends einschrumpfte, und fragte: „Ist es bei Ihren Offizieren üblich, die Befehle des Gouverneurs zu umgehen oder zu mißachten, Don Alfonso?“
„Der – der Teniente Gomez war – war bestimmt eine Ausnahme“, stotterte der Stadtkommandant bleich, und die Spitzen seines Knebelbarts zitterten wie Espenlaub im Wind. „Ich – ich werde den Teniente für seine Insubordination bestrafen.“
„Eine Ausnahme, wie?“ fragte Hasard spöttisch. „Wollen Sie mich für dumm verkaufen?“ Er zog die Pistole und richtete sie auf den Stadtkommandanten. Sein eisiger Blick flog über die Soldaten. „Vortreten, wer noch eine Waffe hat! Oder es knallt, und Sie können Ihren Stadtkommandanten zu Grabe tragen!“
Es waren zwanzig Soldaten, die mit bleichen Gesichtern vortraten.
„Waffen heraus und fallen lassen!“ befahl Hasard.
Sie gehorchten. Wieder klirrte es. Zum größten Teil waren es Messer, darunter aber auch drei Pistolen.
Der Teniente hatte sich aufgerappelt und irrte quer über die Plaza, als habe er die Richtung verloren. Carberry sah, daß er schielte. Er holte ihn sich, packte ihn hinten am Kragen und schleppte ihn zum Brunnen. Dort nahm der Teniente ein Bad. Carberry tunkte ihn kräftig hinein, bis der Teniente nicht mehr schielte, dafür aber zitterte und schlotterte.
„Wollen wir noch ein bißchen boxen, Offizier?“ fragte Carberry grimmig.
„N-n-n-nein!“ schnatterte der Teniente.
„Dann steig aus und marsch zur Truppe – dorthin, wo die anderen Betrüger vor der Front stehen!“
„J-j-jawohl!“
Der Teniente war das, was man einen begossenen Pudel nennt. Das Wasser war eiskalt. Sein Kinn schwoll trotzdem mächtig an. Bibbernd baute er sich am rechten Flügel der „Betrüger“ auf und ließ die Zähne klappern.
„Die Kerle und der Teniente bleiben hier“, entschied Hasard. „Wegen Mißachtung eines Befehls des Gouverneurs werden sie sich vor einem Kriegsgericht zu verantworten haben.“ Er drehte sich zu der Residenztreppe um, wo inzwischen der Polizeipräfekt erschienen war und Meldung erstattet hatte, daß er den Befehl des Gouverneurs ausgeführt hätte. „Der Präfekt zu mir!“ rief Hasard – und auf englisch: „Karl, du bitte auch! Bring den Señor Jimeno mit!“
Karl von Hutten zeigte klar und dirigierte die beiden Männer auf die Plaza zu Hasard.
Hasard wandte sich an den Präfekten: „Das Gefängnis, Señor?“
„Dort drüben, Señor Großadmiral!“ rasselte der Polizeipräfekt und zeigte quer über die Plaza.
„Sehr gut“, sagte Hasard. „Sie haben die Ehre, die zwanzig Mann, den Teniente und den Señor Jimeno dort einzusperren, Señor Polizeipräfekt.“
„Ihr gehorsamster Diener, Señor Großadmiral!“ schnarrte der Präfekt.
Hasard seufzte. „Leider kann ich es Ihnen nicht ersparen, dort auch Aufenthalt zu nehmen, aber es wird nicht allzu lange dauern. Sie waren ein guter Mitarbeiter.“
„Befehle“, schnarrte der Polizeipräfekt, „sind dazu da, daß man ihnen gehorcht – äh – Pflichterfüllung!“
„So ist es“, sagte Hasard und salutierte eckig und mit ernstem Gesicht. Innerlich sah’s bei ihm anders aus. Es war die größte Komödie, die er je erlebt hatte. Er hätte vor Lachen bersten können.
Der Nußknacker salutierte ebenfalls. Weiß Gott, er konnte es noch besser als Philipp Hasard Killigrew, aber der war ja auch keine Marionette in diesem Theater merkwürdiger Figuren.
„Mir nach!“ befahl der Nußknacker, setzte sich an die Spitze und marschierte zum Gefängnis. Carberry und Karl von Hutten begleiteten den Trupp.
Hasard nickte dem Stadtkommandanten zu. „Sie können sich in Marsch setzen, Don Alfonso. Aber ich warne Sie, die Straße nach Sucre zu verlassen. Sie wissen ja, meine Leute haben Befehl, in einem solchen Fall sofort zu schießen. Trotzdem möchte ich unnötiges Blutvergießen vermeiden. Warten Sie in Sucre die weiteren Befehle des Gouverneurs ab. Verstanden?“
„Verstanden, Señor Großadmiral!“ Don Alfonso salutierte, angesteckt vom Präfekten.
Hasard dankte gemessen.
Die Truppe rückte ab, an der Kathedrale vorbei nach Nordosten. Hasard schaute ihr hinterher und atmete durch. Auch das hatte also geklappt. Wenn er die Situation richtig einschätzte, dann würde Don Alfonso, der Stadtkommandant, eine ziemlich lange Zeit brauchen, bis er begriff, daß er auf einen Bluff hereingefallen war. Mit dem Abzug der Garnisonstruppe und der Stadtgardisten war die Stadt im gewissen Sinne entwaffnet. Die Bürger? Das waren keine Kämpfer, dazu hatten sie auch viel zu lange im Wohlstand gelebt.
Unsere Sache steht nicht schlecht, dachte Hasard, gestand sich jedoch ein, daß sie bisher mächtiges Glück gehabt hatten, ein geradezu unverschämtes Glück, zu dem allerdings beigetragen hatte, daß der dicke Gouverneur nicht aus der Rolle gefallen war. Er hatte prächtig mitgespielt. Dieser Señor Jimeno, der Bergwerksdirektor, hätte gefährlich werden können. Gut, daß der jetzt auf Nummer Sicher saß, der hätte mit seinen Aufseher-Rabauken zu einem Gegenschlag ausholen können.
Der Zweite Bürgermeister war keine Gefahr. Der war froh, einmal aus dem Schatten des Ersten Bürgermeisters heraustreten zu können. Und Don Carlos, der Erste Bürgermeister? Der hatte kein Rückgrat, und ein Held war er ebenfalls nicht.
Carberry und Karl von Hutten verließen das Gefängnis und steuerten über die Plaza auf Hasard zu – über eine vereinsamte Plaza, auf der die drei Männer jetzt fast verloren wirkten.
Carberry grinste und schlenkerte einen Bund mit vielen Schlüsseln.
„Habe alle bestens untergebracht, Sir“, meldete er, „und mich zum Gefängnisdirektor ernannt. Feiner Bau, Sir.“ Er hob den Schlüsselbund. „Ohne diese Dingerchen sind die Gittertüren kaum zu knacken. Da müssen schon ein paar Schmiede mit Hämmern und Brechstangen wuchten, um sie aufzubrechen.“
„Wäre Pech, wenn es Zweitschlüssel gibt“, sagte Hasard.
Carberry schüttelte den Kopf. „Gibt’s nicht, Sir. Der Polizeipräfekt hat mir versichert, es gäbe nur diese hier. Und das glaube ich ihm – der lügt nicht.“
„In Ordnung. Sind denn noch genug Zellen für weitere Besucher frei?“
„Allemal, Sir“, versicherte Carberry. „Du denkst an die Aufseher, wie?“
„An die, dann an die acht Soldaten, die wir im Stollen haben, und an die beiden Bürgermeister.“
„Da ist noch genügend Platz“, sagte jetzt Karl von Hutten.
„Gut.“ Hasard nickte. „Dann schlage ich vor, daß jetzt einer zum Stollen zurückkehrt und unsere Männer, die acht gefangenen Soldaten und unsere Maultiere holt.“
„Das übernehme ich“, sagte Karl von Hutten sofort und lächelte. „Ed hat ja Pflichten als Gefängnisdirektor.“ Er wurde wieder ernst. „Paßt mit den Aufsehern auf. Es war richtig, daß du diesen verdammten Jimeno sofort kaltgestellt hast.“
„Das ging mir vorhin gerade auch durch den Kopf“, sagte Hasard. „Der Bursche ist aus dem schlechten Holz eines Luis Carrero geschnitzt – oder umgekehrt. Also gut, ihr trefft uns im Hof der Residenz. Seid vorsichtig – auch du –, wenn ihr durch die Straßen geht. Wir wissen nie, ob nicht doch jemand schießwütig wird oder den Braten riecht. Falls so etwas passieren sollte, wäre Zimperlichkeit fehl am Platze und könnte für uns alle sogar tödlich sein. Wir bewegen uns auf einem sehr schmalen Grat, vergeßt das nicht!“
„Du kannst dich auf uns verlassen“, sagte Karl von Hutten. Er hob leicht die Hand und wandte sich westwärts.
Hasard und Carberry gingen zur Treppe der Residenz.
Etwa zwanzig Minuten später – Carberry hatte inzwischen auch den Ersten Bürgermeister in eine Zelle gesperrt – rückte die Spitze eines Zuges an, der durch die ganze Calle Lanza bis hin zum Silberberg reichte und kein Ende zu nehmen schien.
In Zweierreihen schleppten sie sich heran – Elendsgestalten, die aus einer anderen Welt zu stammen schienen, Maulwürfe aus einem Berg, der diese andere Welt darstellte.
Sie blinzelten oder kniffen die Augen zusammen, denn das Sonnenlicht war ihnen fremd geworden in der Dunkelheit der Stollen, in denen nur trübe Funzeln gebrannt hatten. Sie verdeckten auch ihre Augen mit den Händen, aber es waren magere Hände mit dünnen Fingern, und sie boten nur wenig Schutz vor der Sonne.
Sie gingen gekrümmt und mit schlurfenden Schritten, als laste das ganze Silber des verfluchten Berges auf ihren Schultern, die ohne Fleisch waren, knochig und dünn wie die mageren Finger, die Arme und Beine. Und zwischen den zerfetzten, zerrissenen und schmutzigen Lumpen, die um ihre Körper hingen, konnte man ihre Rippen sehen – Skelette.
Sie hatten die Gesichter von Greisen. Gelbliche Haut spannte sich über spitzen Wangenknochen und Jochbögen. Die Lippen waren farblos, die Wangen eingefallen, die Hälse faltig. Da war kaum einer ohne schwärende Wunden.
Und ihre Rücken waren gezeichnet – von den Peitschen der Aufseher.
Ja, das waren sie – die Geschundenen, die Mißhandelten, die Gedemütigten, die Versklavten: Menschen, die aus dem Totenreich kamen.
Die Aufseher? Sie waren ein Schlag ins Gesicht. Sie strotzten vor Kraft und Gesundheit. Ihre Füße waren nicht mit Lumpen umhüllt, sie trugen hochschäftige Stiefel aus weichem Leder. Und sie waren gekleidet wie die Noblen in Spanien. Silberne Halsketten mit Medaillons hatten sie umgehangen, an ihren Fingern blitzten Ringe, ihre Gürtelschnallen waren aus gehämmertem Silber.
Den Befehl des Gouverneurs hielten sie wohl für einen Witz – oder eine Laune. Und darum lachten sie, diese vollgefressenen Sklavenschinder, die links und rechts den Elendszug begleiteten.
Der Zug stoppte, denn die Spitze hatte die Residenz erreicht, und der Zweite Bürgermeister meldete dem Gouverneur die Ausführung des Befehls.
Der Dicke nickte schwach und senkte den Kopf.
„Mein Gott“, sagte Hasard, und zum ersten Male konnte er seine Erschütterung nicht verbergen.
Langsam ging er die Stufen hinunter, Carberry und Pater Aloysius folgten ihm. Jean Ribault blieb hinter dem Dicken und drückte ihm die Pistole ins Kreuz. Pater David wartete ab – er hatte sich zwischendurch um alles gekümmert, was im Hof stattfinden sollte. Dort auch warteten die Padres sowie Pater Augustin, die Pater Aloysius aus der Kathedrale geholt hatte – in weiser Voraussicht, denn sie würden sich um die Indios kümmern müssen, auch wenn sie das – mit Ausnahme Pater Augustins – bisher nicht getan hatten. Jetzt hatten sie die Pflicht, die Rolle des barmherzigen Samariters zu übernehmen.
„Geht’s nicht weiter?“ brüllte einer der Aufseher ziemlich frech. „Was soll der ganze Quatsch?“
Carberry und Hasard drehten sich ihm zu.
In unmittelbarer Nähe dieses Aufsehers taumelte ein Indio plötzlich aus der Reihe und brach zusammen. Der Aufseher, ein Kerl mit einem Stiernacken und einer wüsten Visage, wirbelte herum und schwang die Peitsche.
„Steh auf, du dreckiges Schwein!“ brüllte er.
Carberry war heran und entriß ihm die Peitsche, Sekunden später fetzte er sie dem Kerl durch die Visage, links-rechts, links-rechts. Der Kerl brüllte wie ein Stier, riß die Arme schützend vors Gesicht und wich zurück. Carberry setzte nach. Die Peitsche pfiff über die Hände des Aufsehers.
Ein anderer sprang heran – ein Messer in der Faust, um es Carberry in den Rücken zu stoßen.
„Ed!“ schrie Hasard.
Gleichzeitig hatte er die Pistole in der Faust und schoß. Der Messerstecher bäumte sich auf, nur noch einen Schritt hinter Carberry, der herumgezuckt war. Dann tänzelte der Kerl seitwärts, drehte sich einmal um seine Achse und schlug hin wie ein gefällter Baum. Das Messer entglitt seiner Hand.
Pater David, riesig und kantig, tauchte neben Hasard auf, in beiden Fäusten eine Pistole.
Die Aufseher lauerten, geduckt, unentschlossen, aber doch gefährlich. Immerhin, keiner wollte der nächste Tote sein.
Der erste Aufseher taumelte herum und konnte nichts sehen. Carberrys Schläge waren auch über seine Augen gefetzt.
„Ich bin blind!“ heulte er.
„Das ist jeder, der Wasser in den Augen hat, du Schwachkopf!“ röhrte Carberry und fällte den Kerl mit seinem Profos-Hammer. Dann zog er sein Entermesser, wartete ab.
Die Indios standen und starrten. Sie faßten es nicht.
Pater Aloysius ging gelassen zu dem Indio, der zusammengebrochen war, beugte sich über ihn, unterfing ihn, richtete sich wieder auf und trug ihn an der Residenztreppe vorbei durch das Portal in den Innenhof.
Hasards klirrende Stimme sagte: „Die Aufseher! Lassen Sie Ihre Messer und Peitschen fallen. Ich gebe Ihnen fünf Sekunden Zeit, dann schieße ich!“ Er hatte seine zweite Pistole gezogen, ebenfalls eine doppelläufige.
„Auch in meinen Pistolen steckt Blei!“ rief Pater David donnernd.
„Bei mir gibt’s durchschnittene Hälse!“ röhrte Carberry und glitt bereits auf den Aufseher zu, der ihm am nächsten stand.
Der reagierte auch als erster und ließ seine Peitsche fallen, Lidschläge später, sehr hastig, folgte das Messer.
Das war’s.
Drei Männer bezwangen an die zwanzig, dreißig Kerle und kauften ihnen den Schneid ab, den sie aber wohl nur wehrlosen, entkräfteten Indios gegenüber gehabt hatten. Im übrigen befanden sich an die zehn Kerle im Spital – verletzt von der Sprengung des Pulverturms.
Messer und Peitschen klirrten und fielen zu Boden.
„Vor mir antreten!“ befahl Carberry scharf. „Und das ein bißchen plötzlich, oder ich schneid euch die Ohren ab, ihr Strolche!“
„Wir – wir haben nichts getan!“ jammerte der Kerl, der als erster Messer und Peitsche weggeworfen hatte.
Carberry funkelte ihn an. „Nichts getan?“ Er deutete mit dem Entermesser zu den Indios. „Wer hat diesen armen Kerlen denn den Rücken zerdroschen, eh? Und wer hat denn eben seine Peitsche fallen lassen? Ihr doch! Oder etwa nicht?“
„Das durften wir, das war erlaubt! Das sind doch nur dumme Affen, zu faul, um ordentliche Arbeit zu leisten!“ stieß der Aufseher hervor.
„Ich zeig dir mal, was ich darf“, sagte Carberry fast freundlich – und explodierte wie ein Pulverfaß.
Der Aufseher, der Indios für dumme und faule Affen hielt, flog davon, als habe ihn eine Culverine ausgespien. Er durchbrach ein Kellerfenster der Calle Lanza, Scherben klirrten, die Stiefel verschwanden, ein dumpfer Aufprall war zu hören, dann splitterte und krachte Holz. Darauf war Ruhe.
Sie dauerte keine Minute.
Eine Frauenstimme keifte: „Raus, du Scheißkerl! Verschwinde, du Hurenbock! Oder ich hole die Polizei, weil du eine ehrsame Witwe vergewaltigen wolltest!“
Carberry lauschte mit vorgeschobenem Kopf. Wo war der Kerl bloß gelandet? Etwa in einem Bett?
Der Kerl wankte aus der Haustür. Um seinen Hals hing ein geschnitzter Holzrahmen – die Vorder- oder Rückseite einer Bettstelle, jetzt allerdings durchbrochen und zersplittert.
Du meine Güte, dachte Carberry.
In der Tür tauchte die Gestalt einer Frau auf. Sie trug ein Nachthäubchen, obwohl es später Mittag war. Aber vielleicht hatte sie sich gerade zur Nachmittagsruhe hingelegt und fühlte sich mit Nachthäubchen wohler.
Sie schwang eine Nudelrolle und drosch sie dem Kerl von hinten über den Schädel. Und schon krachte die Tür zu.
Der Kerl kippte samt Holzrahmen vornüber und rasselte die fünf Stufen hinunter. Dort blieb er liegen.
Carberry faßte sich und befahl: „Aufsammeln den Kerl – den anderen da hinten auch! Abmarsch zum Gefängnis!“
Zwei oder drei sprangen hinzu und schleiften den „Vergewaltiger“ mit. Das gleiche geschah mit dem ersten Aufseher, der angeblich nichts mehr sehen konnte. Pater David begleitete Carberry ins Gefängnis, um ihm den Rücken zu decken. Aber die so starken Kerle waren nichts weiter als Waschlappen.
Pater Aloysius kehrte zu Hasard zurück.
„War ein Schwächeanfall“, sagte er leise. „Die Padres kriegen ihn wieder hin.“
Hasard nickte. „Sag ihnen, daß wir gekommen sind, um sie zu befreien. Sie brauchen keine Angst mehr zu haben. Sie sollen Ruhe bewahren und nicht ungeduldig werden. Im Hof erhielten sie Essen und Trinken, Silbergeld, Kleidung, Decken und Wegzehrung. Wer Wunden habe, solle sich von den Padres verbinden lassen.“
Pater Aloysius reckte sich auf, und seine Stimme hatte den klaren Klang einer Glocke. Die Indios lauschten. Sie begriffen es nicht. Oder doch?
Hasard schluckte.
Die Männer dort vorn an der Spitze – sie hörten den Pater am deutlichsten – wischten sich über die Gesichter. Sie weinten, mein Gott, sie konnten noch weinen. Es schüttelte sie durch, aber ihre Beherrschung verloren sie nicht.
Was wärst du jetzt an ihrer Stelle für ein Mensch, dachte Hasard, der hören würde, daß die Hölle zu Ende sei?
Würdest du jubeln?
Würdest du schreien?
Würdest du Rache wollen?
Würdest du wahnsinnig werden?
Er wußte es nicht. Nur eins wußte er: Menschen, die aus einer solchen Hölle zurückkehrten, mußten anders geworden sein – an Leib und Seele. Hier sah er es ja! Er sah keine straffen, jugendlichen, lachenden Menschen. Er sah nur Schatten dieser früheren Menschen. Schatten, Schatten.
In ihm sammelte sich berstende Wut – und er würgte sie herunter.
Was du tun konntest, hast du getan, sagte der eine Philip Hasard Killigrew. Du hättest die Schinder aufhängen sollen, sagte der andere Philip Hasard Killigrew.
Da war noch ein Killigrew, der sagte: „Bist du Richter?“
„Nein, bin ich nicht“, murmelte Hasard – die Stimme von Pater Aloysius war verklungen.
Er schaute den Mann an, der bei ihm stand, aufrecht, aber das Gesicht verkantet. Sanft fragte Pater Aloysius: „Was bist du nicht, Bruder?“
Hasards Erstarrung löste sich.
„Es ist nichts“, sagte er, und sein Kopf ruckte hoch: „Es ist noch einiges zu tun.“
Pater Aloysius lächelte mit den Augen. „Da hast du recht, Bruder Hasard. Dann laß es uns anpacken.“
Und sie geleiteten die Spitze der Elenden in den Hof der Residenz. Dort stand auch der Prior der Kathedrale. Er murmelte Worte aus dem heiligen Buch. Und er segnete. Er segnete unaufhörlich, seine Kreuze in der Luft reihten sich aneinander wie die Kugeln seiner Gebetskette, die beide aus schwerem Silber waren, über seinen Bauch hingen und im Sonnenlicht blitzten.
Er sagte: „Sie sprachen: Wir haben hie nichts denn fünf Brote und zween Fische. Und er sprach: Bringet sie mir her. Und er hieß das Volk sich lagern im Gras, und nahm die fünf Brote und die zween Fische, sah auf gen Himmel, und dankte, und brach’s, und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. Und sie aßen alle, und wurden satt …“
Hasards scharfe Stimme schnitt in die Segnungen und das Gebet: „Sie sind ein Heuchler, Kirchenmann! Was beteten Sie denn, als diese Menschen im Berg schufteten, hungerten, zusammengeschlagen wurden und für Sie das Silber holten, das jetzt um Ihren Hals und über Ihrem fetten Bauch hängt? Waren Sie da der Sohn Gottes, der fünf Brote und zween Fische brach, um den Hunger zu stillen?“
Der Prior starrte ihn an. Seine rosigen Wangen – und auch sein Gesicht – hatten einen purpurnen Ton angenommen.
„Du bist ein Ketzer, Fremder!“ zischte er. „Du versündigst dich! Der Herr wird seinen Bannstrahl über dich ausschütten!“
Hasard schaute hinauf in den Himmel, der von einer fast überirdischen Bläue war.
„Ob der Herr das wohl tun wird, Kirchenmann?“ fragte er, und sein Blick flammte den Prior an. „Bisher hat er’s nicht getan, und ich glaube fest, daß er mir recht gibt, wenn ich sage, daß Sie ein Heuchler sind!“
Der Prior zerrte das Kreuz hervor, hielt es Hasard entgegen und rief beschwörend: „Ketzer! Der Bannstrahl des Herrn trifft dich! Sinke dahin und sei verflucht!“
Es war so: Totenstille lag über dem Hof. Die Padres aus der Kathedrale starrten und stierten. Die Indios standen vor den Tischen, die unter der Last dessen, was diese Hungernden kaum noch kannten, fast zusammenbrachen. Hasards Männer hatten schmale Augen. Don Ramón saß auf einem Klappstuhl und atmete heftig. Der Zweite Bürgermeister stand neben ihm mit hölzernem Gesicht.
Hasard hatte die Arme über der Brust verschränkt und schaute auf das Kreuz, das ihm der Prior entgegenhielt. Er schaute, bis dieses Kreuz zu zittern begann, und dann sank das Kreuz nach unten.
„Kirchenmann“, sagte er ruhig. „Ich weiß nicht, was Sie unter einem Ketzer verstehen. Es ist mir auch gleichgültig. Nun gut, ich bin nicht dahingesunken, und niemand hat mich verflucht. Der Bannstrahl des Herrn ist – bisher jedenfalls – auch ausgeblieben. Lassen Sie mich also meine Arbeit tun, die ich mir vorgenommen hatte: diese versklavten Menschen zu befreien und ihnen die Möglichkeit zu geben, zu ihren Familien zurückzukehren, von denen sie mit Gewalt und Totschlag getrennt wurden. Ich schätze, das ist im Sinne Gottes, wie ich ihn verstehe. Sie können gehen. Wir brauchen Sie nicht – mit Verlaub gesagt: Sie kotzen mich an!“
„Sie rebellieren gegen Seine Majestät den König!“ empörte sich der dickliche Prior.
„Ihr König ist ein Popanz!“ sagte Hasard grob. „Ein Silberschlucker, der nicht satt wird, ein Größenwahnsinniger, der Menschen anderer Hautfarbe ausrotten läßt. Aber lassen wir das – Sie begreifen es nicht. Sie leiern Ihre Gebete, schlagen Ihre Kreuze, fressen sich einen dicken Bauch an, behängen sich mit Silber, und es kümmert Sie einen Dreck, ob ein paar hundert Schritte von Ihnen entfernt in diesem verfluchten Berg Menschen verrecken!“ Und sehr langsam wiederholte Hasard: „Es – hat – Sie – nicht – gekümmert! Und darum passen Sie nicht hierher, wenn ‚fünf Brote und zween Fische‘ verteilt werden, was ja nur noch als Witz aufgefaßt werden kann, als Beweihräucherung des eigenen Versagens. Sie sind hier so fehl am Platz wie der Teufel vor dem Altar des Herrn!“
„Un-unverschämtheit!“ keuchte der dickliche Prior und umklammerte das große schwere Kreuz aus purem Silber, das zudem mit Diamanten und Edelsteinen besetzt war.
„Ed“, sagte Hasard sanft, „bitte geleite diesen Menschen, der mit seiner Dummheit schon genug bestraft ist, in eine Zelle mit Gittern. Dort möge er nachdenken – oder es bleiben lassen.“ Sein Blick wanderte über die Padres. „Sie können hierbleiben und helfen, wie’s beliebt. Aber ich hindere niemanden, wenn er seinem Prior folgen möchte. Es ist Ihre Entscheidung, nicht meine.“
„Mir nach, Brüder!“ befahl der dickliche Prior triumphierend. „Wir sind Märtyrer für unseren Herrn und für unseren König! Wir nehmen das Los der Kerkerzelle auf uns, wie es Märtyrern geziemt – aufrechten Hauptes und ungebrochenen Bekennermutes.“
„Amen!“ sagte Pater Aloysius trocken.
„Amen“, sagte auch der Profos, der vor einigen Minuten zurückgekehrt war und still zugehört hatte. Innerlich war ihm die Galle hochgestiegen.
Nun hatte der Prior seinen Padres zwar „Mir nach!“ befohlen, aber keiner traf Anstalten, sich von der Stelle zu rühren. Sie hatten die Köpfe gesenkt und begutachteten ihre Füße, an denen sie teils Sandalen, teils Schuhwerk trugen.
Sie schwiegen.
„Mir nach!“ schrie der Prior noch einmal, schrill jetzt, und es fehlte auch das gesalbte Öl in seiner Stimme, jenes gesalbte Öl, mit dem er den Indios, verkündet hatte, daß Gottes Sohn das Volk, das im Gras lagerte, mit „fünf Broten und zween Fischen“ gesättigt habe.
Sie schwiegen weiter, diese Padres, und ihre Köpfe blieben gesenkt.
Und die Indios warteten geduldig, die Augen auf die Tische gerichtet. Die ganze lange Schlange der Geschundenen bis hin zum Silberberg wartete.
Hasard war es satt. Und er hatte keine Zeit zu verlieren.
„Ab mit dem Kerl, Ed!“ sagte er fast wild. „Soll er in der Zelle sein Märtyrertum besingen! Die Padres haben schweigend gegen ihn abgestimmt – also: was soll’s!“
„Recht so – was soll’s!“ sagte der Profos und nickte dem Prior zu, wobei er gleichzeitig zum Portal deutete. „Wenn ich bitten darf!“
„Ich weiche der rohen Gewalt!“ rief der Prior mit Flammenblick, als sei er einer der Erzengel.
„Dann tu’s endlich, du Clown“, sagte Carberry respektlos, „du klaust uns hier nur die Zeit!“
Der dickliche Prior warf den Kopf hoch – sehr theatralisch machte er das –, raffte sein Gewand und wich „der rohen Gewalt“, von der ihn nicht mal ein Hauch angeweht hatte.
Als er vor Carberry durchs Portal verschwand, schien es, als atmeten die Padres auf, zumindest hatten sie plötzlich sehr fröhliche Gesichter.
So geriet das Ganze wieder in Bewegung. Die Indios rückten vor und passierten einer nach dem anderen den ersten Tisch, wo Pater David stand und die Silbermünzen austeilte. Er schöpfte gewissermaßen aus dem vollen. Am nächsten Tisch empfingen die Indios eine Kumme mit dampfender Hühnersuppe, in der die dicken Fleischbrocken schwammen. An den nächsten Tischen ließen sie sich nieder, umsorgt von den Padres. Nach den ersten Stärkungen wurden ihre Wunden versorgt, Kleidung wurde verteilt.
Und es ging von Mund zu Mund, welches unerhörte Wunder hier im Hof geschah.
Das größte, unfaßbare Wunder war jedoch, daß sie frei sein sollten, endlich frei, entronnen der Hölle des Berges und den Knuten der Schinder. Es hatte den Anschein, als kehre ihr Wille zum Leben zurück, sie verloren ihre gebeugte Haltung, ihre Augen, noch etwas scheu, streiften die Fremden, die das Wunder vollbracht hatten. Dankbarkeit schimmerte auf, Bewunderung, Vertrauen, Freude.
Und es geschah, daß plötzlich drei Indios der geduldig aufrückenden Männer aus der Reihe brachen und lachend auf Pater Aloysius zustürzten, ihn umarmten und fast erdrückten.
„Toparca!“ rief Pater Aloysius überrascht und zugleich tief erschüttert. „Chupa! Atitla! Ihr lebt?“
Ja, sie lebten, sie hatten überlebt – drei Männer aus dem Tacna-Tal. Drei! Von wie vielen?
„Einhundertfünfzig Männer aus unserem Tal haben sie weggeholt“, sagte Pater Aloysius zu Hasard. Dem harten Mann aus der Bergwelt des Tiroler Landes liefen Tränen über das tiefbraune Gesicht mit den tiefen, wie eingeschnitzten Furchen und Falten. Er schämte sich dieser Tränen nicht.
Hasard wandte sich still ab, die Zähne zusammengebissen, die Wangenmuskeln sprangen wie Knoten hervor. Er wußte: die Bilder hier würde er nie vergessen, sie brannten sich ihm ein mit schmerzhafter Deutlichkeit, schneidend scharf und unverwischbar.
Karl von Hutten traf ein mit Dan O’Flynn, Matt Davies, Gary Andrews, Stenmark, Mel Ferrow, den acht gefangenen Soldaten und den fünfzehn Mauleseln.
„Alles ruhig in der Stadt“, meldete er. „Sie haben sich in ihre Häuser verkrochen.“
„Das wollte ich ihnen auch geraten haben, bei Gott!“ sagte Hasard grimmig. „Ich glaube, ich wäre fähig, diese verdammte Stadt in Schutt und Asche zu legen.“
„Warum tun wir’s nicht?“ fragte Karl von Hutten düster. Seine dunklen Augen standen im merkwürdigen Kontrast zu seinen blonden Haaren. Ein Mann zwischen zwei Träumen war er – Sohn einer indianischen Häuptlingstochter und des Deutschen Philipp von Hutten. Seine Eltern waren von den Spaniern umgebracht worden.
Hasard starrte ihm in die dunklen Augen und schüttelte stumm den Kopf.
Karl von Hutten lächelte hart. „Zu weich, wie?“
„Kümmere dich mit Jean Ribault um die Münze!“ fuhr ihn Hasard an. „Zerstört dort alles, was zum Schmelzen, Gießen und Prägen der Münzen und Barren dient. Beeilt euch, aber leistet trotzdem ganze Arbeit. Sie sollen eine Weile brauchen, bis sie die Münze wieder in Betrieb nehmen können.“
„Aye, Sir“, sagte Karl von Hutten und fügte etwas leiser hinzu: „Entschuldige bitte, ich hatte das eben nicht so gemeint. Aber mir dreht sich der Magen um, wenn ich das hier sehe.“
„Meinst du, ich bin aus Stein?“ fauchte Hasard.
Matt Davies übernahm die Bewachung Don Ramóns, der schlapp auf dem Klappstuhl saß und den Kopf gesenkt hatte. Karl von Hutten und Jean Ribault marschierten zur Münze.
Carberry kehrte zurück und übernahm die acht Soldaten. Hasard schickte den Zweiten Bürgermeister mit. Stenmark und Gary Andrews begleiteten den Profos und die Gefangenen. Als die Kerle eingeschlossen waren, spuckte Carberry in die Hände.
„Unten im Keller habe ich Ketten und Schlösser entdeckt“, sagte er. „Wir holen alles rauf und sichern die Gittertüren doppelt und dreifach mit dem Zeug.“
Stenmark und Gary Andrews grinsten. Der Profos baute vor – wer auch immer Soldaten, Aufseher sowie die Señores vom Stadtrat befreien wollte, er würde ziemlich lange beschäftigt sein. Und das war gut so, denn wenn sie sich aus der Stadt absetzten, würde jede gewonnene Meile mehr Sicherheit bedeuten.
Die ersten Indios verließen die Stadt, ausgerüstet mit Decken, Proviant – und Waffen. Hasard hatte auch das Zeughaus an der Plaza aufbrechen lassen. Die Indios sollten nicht mehr wehrlos sein, wenn sie auf Spanier stießen.
Dan O’Flynn „requirierte“ fünf weitere Maulesel, so daß sie jetzt über zwanzig Tragtiere verfügten. Zehn von ihnen wurden mit Silberbarren beladen.
Gegen Abend waren die letzten Indios versorgt und verschwanden aus der Stadt, die zur Geisterstadt geworden war.
Als es dunkelte, brach auch Hasard mit seinem Trupp auf, darunter die drei Indios aus dem Tacna-Tal – und der dicke Gouverneur. Sie waren frisch mit Proviant versorgt und hatten die Pulverfässer dabei, die noch aus dem Pulverturm stammten.
Im Silberberg herrschte zum ersten Male seit Jahrzehnten friedliche Stille …
ENDE

1.
Salimbene, El Moreno und Rubirosa – so hießen die drei Kerle, die am späten Abend des 29. Dezember 1594 in Potosi als erste wieder ihre Nasen ins Freie steckten. Es war ein in jeder Hinsicht denkwürdiger Tag gewesen. Aber er war noch nicht zu Ende. Das Beste, so fand das Trio, sollte erst noch geschehen.
Wer hätte jemals damit gerechnet, daß diese Stadt, die größte in der Neuen Welt und ein Prunkstück spanischer Baukunst und Macht, in ihren Grundfesten erschüttert werden würde? Niemand. Schon gar nicht die Bewohner. Wurde doch Potosi von Männern wie Don Ramón de Cubillo und seinen Günstlingen regiert, die die Zügel fest in der Hand hielten und jeden unnachgiebig bestraften, der gegen sie vorzugehen wagte.
Männer wie Salimbene, El Moreno und Rubirosa waren stets darauf bedacht gewesen, mit den Oberen der Stadt nicht anzuecken. Sie lebten im Halbdunkel und galten als übles Gelichter, fielen aber nie auf. Sie vegetierten in den Spielhöllen und den Kellern der Stadt dahin, immer am Rand des Existenzminimums.
Sie arbeiteten nicht, tranken viel Wein und bewegten sich auf dem winzigen, scharfen Grat, der das Gaunertum vom Verbrechen und offener Gewalt trennt. Sie schwammen mit auf der Welle von Wohlstand und Laster, ohne richtig daran teilzuhaben. An diesem Abend aber, zwei Tage vor dem Jahresende, schlug ihre große Stunde.
Es war etwas ins Wanken geraten – im ganzen großen spanisch-portugiesischen Königsreich. Wie sonst konnte es geschehen, daß eine Stadt wie Potosi überfallen und ihres Reichtums beraubt wurde? Und wer waren diese Kerle – nur eine Handvoll –, die die einmalige Unverfrorenheit aufgebracht hatten, den Provinzgouverneur Don Ramón de Cubillo gefangenzunehmen und zu verschleppen? Gehörte nicht mehr als Kühnheit dazu, einen solchen Schlag zu landen? Waren sie – Sendboten des Teufels?
Nein. Sie waren ganz normale Menschen, aus Fleisch und Blut. Man mußte schon sehr abergläubisch sein, um an einen derartigen Unsinn und Mummenschanz zu glauben. Nein. Sie waren zwar Teufelskerle, aber sie waren nicht den Schlünden der Hölle und Finsternis entstiegen, sondern kamen von einem Schiff, das irgendwo an der Küste ankerte. Anders konnte es nicht sein. Sie hatten einen langen Marsch auf sich genommen, aber sie hatten einen immensen Erfolg zu verzeichnen. Es hatte sich gelohnt. Jetzt kehrten sie zu ihrem Schiff zurück.
So jedenfalls dachte Salimbene, ein kräftig gebauter Kerl mit grob geschnittenem Gesicht und kurzen grauen Haaren.
El Moreno – so genannt, weil er pechschwarze Haare und einen ebenso pechschwarzen Bart hatte – pflichtete ihm voll bei.
Und auch Rubirosa, ein flinkes, gewandtes Kerlchen, das durch größte Fingerfertigkeit bestach, war nicht geneigt, die Dinge anders zu betrachten.
Ja, in gewisser Weise imponierten die Fremden dem Trio sogar. Hatten sie nicht eine große Tat vollbracht? Potosi war wie gelähmt. Nichts rührte sich. Die Angst ging um. Wer keine Furcht hatte, konnte sich ungestört bewegen und jeden Platz und jedes Haus aufsuchen, ohne befürchten zu müssen, kontrolliert zu werden.
Dieser Umstand kam Männern wie Salimbene, El Moreno und Rubirosa sehr gelegen. Konnte man nicht beispielsweise einen Abstecher zur Münze unternehmen – oder zur Gouverneursresidenz? Warum nicht? Wer hinderte einen daran?
Salimbene stand an der halb geöffneten Tür des verfallenen Hauses, in dem sie Unterschlupf gefunden hatten. Es stand etwas erhöht am südlichen Stadtrand. Man hatte von hier aus einen recht guten Ausblick.
„Ich glaube, sie sind fort“, murmelte er.
„Sicher sind sie fort“, meinte El Moreno, der dicht hinter ihm war. „Und sie haben jede Menge Silber mitgenommen.“
„Und wo sind jene, welche die Stadt umstellt hatten?“ wollte Rubirosa wissen.
„Die haben nie existiert“, erwiderte Salimbene. „Alles nur ein Bluff.“
„Aber alle haben gesagt, daß ein Heer von Feinden Potosi umzingelt hätte“, sagte Rubirosa.
„Hast du sie gesehen?“ zischte El Moreno.
„Nein.“
„Ich glaube nur, was ich sehe“, sagte El Moreno.
„Ich auch“, sagte Salimbene, dann schlüpfte er ins Freie.
Es war totenstill. Ein paar Lichter funkelten und flackerten noch in der Stadt, das war alles. Keine Stimme ertönte. Kein Tier ließ auch nur einen Laut vernehmen. Kein Hund bellte, die Bluthunde des Luis Carrero waren tot, beseitigt von einer kräftigen Pulverladung.
Ein leichter Windhauch strich vom Altiplano ins Tal. Es war kalt. Ein Eispanzer schien sich über Potosi zu senken, Geister streckten ihre kalten Klauen aus. Salimbene hüllte sich in seine lumpige Kleidung und begann mit dem Abstieg. El Moreno und Rubirosa folgten ihm.
Und Rubirosa dachte daran, daß das erste, was er klauen würde, ein Paar Stiefel sein würde. Davon träumte er schon seit langem. Es war nicht sehr angenehm, barfuß über die kahlen Felsen stolpern zu müssen, obwohl die Fußsohlen schon eine beachtliche Hornhaut hatten.
„Da tut sich nichts“, murmelte Salimbene. „Die hocken alle in ihren Häusern und schlottern vor Angst.“
„Auch die Soldaten?“ fragte Rubirosa.
„Auch die Soldaten“, entgegnete El Moreno gedämpft. „So, und jetzt halt’s Maul! Oder willst du, daß sie uns hören?“
Schweigend drangen sie in die Gassen ein. Ihre schemenhaften Gestalten bewegten sich huschend von Haus zu Haus. Aber sie waren nicht die einzigen. Weitere Schatten waren in den Gassen und Gängen und am Rande der Plazas zu beobachten. Salimbene bemerkte sie als erster, und er wußte sofort Bescheid.
„Die anderen sind auch schon unterwegs“, raunte er seinen beiden Kumpanen zu. „Wir müssen uns beeilen.“
„Sonst bleibt für uns nichts übrig“, murmelte El Moreno. „Wir sollten uns als erstes die Münze vornehmen!“
Sie beschleunigten ihre Schritte. Sie dachten nur an das eine: Silber, Reichtum, eine günstige Gelegenheit, sich zu bereichern, eine Chance, die sich in dieser Form nie wieder bieten würde. Potosi gehörte dem lichtscheuen Gesindel, den Dieben, Marodeuren und Galgenstricken.
Die drei Kerle irrten sich nicht: Der Feind hatte Potosi verlassen. Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, und sein Trupp hatten der Stadt noch an diesem Abend den Rücken gekehrt und zogen westwärts. Sie befanden sich auf der Route – eine Art Straße, wenn man sie so nennen wollte –, die durch das Gebirge von Potosi nach Arica führte.
Hasard musterte nicht ohne Stolz seine Begleiter. Sie hatten sich großartig geschlagen. Jetzt hatte er die Gewißheit, daß er den kleinen Trupp richtig zusammengestellt hatte. Bei ihm waren Jean Ribault, Karl von Hutten, Pater David, Pater Aloysius – als Bergführer und „Lotse“ –, Dan O’Flynn, Carberry, Matt Davies, Gary Andrews, Stenmark und Mel Ferrow.
Fred Finley hatte den Marsch unterbrechen müssen, weil er sich den Fußknöchel gebrochen hatte. Er befand sich bei einer Indio-Familie, die ihn pflegte. Dort würden sie ihn auch wieder abholen.
Mit von der Partie waren auch drei Indios aus dem Tacna-Tal, die vor Zwei Jahren nach Potosi verschleppt worden waren. Sie hießen Toparca, Chupa und Atitla. Hasard und seine Männer hatten sie wie die anderen Sklaven aus der Gefangenschaft befreit. Endlich konnten sie in ihre Heimat und zu ihren Angehörigen zurückkehren.
Hasard konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er zu dem dicken Don Ramón de Cubillo blickte. Der sehr ehrenwerte und hochwohlgeborene Señor Provinzgouverneur von Potosi schien am Ende seiner Kräfte zu sein. Nur schnaufend bewegte er sich voran. Geschieht dir recht, dachte der Seewolf, und es ist noch die geringste Strafe.
Im übrigen schien der Señor Furcht vor den zwanzig Maultieren zu haben, besonders aber vor Diego, Carberrys besonderem Liebling, der bei den unmöglichsten Anlässen Trompetensignale loszulassen pflegte.
Die Animosität war aber nicht einseitig. Diego beäugte den Dicken hin und wieder, als verspüre er Lust, ihm mit seinen Hinterhufen kräftig gegen den Bauch zu trampeln.
Zehn von den Maultieren waren mit Silberbarrenkisten beladen. Auf die zehn anderen Maultiere – darunter auch Diego – hatten die Männer ihr Gepäck verladen. Zum Beispiel die Waffen: In Potosi hatten sie sich endlich auch wieder Musketen und Blunderbusses besorgt, auf die sie während des langen Marsches zu ihrem Ziel aus praktischen Gründen verzichtet hatten. Sie hatten sie sich aus dem Zeughaus von Potosi geholt. Ebenso hatten sie sich reichlich Pulver in handlichen kleinen Fässern beschafft, die sie aus dem danach gesprengten Pulverturm hatten „mitgehen“ lassen.
Auch ihren Proviant hatten sie in Potosi entsprechend ergänzt, damit kein Mangel an Nahrung bestand. Trinkwasser und Wein waren auch ausreichend vorhanden – und Kleidung. Zelte und Decken gehörten mit zu der Ausrüstung. Pater Aloysius hatte sie nicht oft genug darauf hingewiesen, wie wichtig gerade sie für die Expedition waren.
Bewußt hatte der Seewolf die Aricaroute gewählt.
„Wir bleiben zunächst auf dieser Strecke“, sagte er zu Ribault und den anderen, als sie eine erste kurze Rast einlegten.
„Du bist dir also nach wie vor sicher, daß man uns folgen wird?“ fragte Karl von Hutten.
„Ganz sicher sogar“, entgegnete Hasard. „Sobald die Leute in Potosi den Schock der plötzlichen Ereignisse überwunden haben, wird sich dort einiges ändern.“
„Früher oder später begreifen sie, daß sie vor ganzen elf Männern kapituliert haben“, sagte Ribault grinsend. „Ich schätze, dann verspüren sie große Lust, sich selbst in den Hintern zu beißen.“
Hasard lachte leise. „Eins steht jedenfalls fest: Die Dons werden Monate brauchen, um wieder Silber abbauen zu können.“
„Ganz abgesehen davon, daß die Silbermühlen und sämtliche Gerätschaften zur Silbergewinnung einschließlich der Vorrichtungen zum Schmelzen, Gießen und Prägen zerstört sind“, sagte Dan. „Das braucht schon seine Zeit. Vielleicht ein ganzes Jahr.“
„Von mir aus auch mehr, verdammt noch mal“, sagte der Profos. „Und wenn sie alles wieder in Ordnung haben, besuchen wir sie noch mal. Was?“
Er blickte drohend zu Don Ramón, und dieser verschluckte sich und begann zu husten. Als er registrierte, daß auch die drei Indios ihn mit unverhohlener Mordlust musterten, brach ihm der Schweiß aus.
„Das nennt man Tabula rasa“, sagte Pater David. „Reiner Tisch ist gemacht worden – was die gesamte Silberausbeute betrifft, vom Abbau bis zur Münze oder zum Barren.“
„Ein feines Stück Arbeit“, sagte Pater Aloysius grimmig. „So ganz nach meinem Geschmack. Freunde, ich werde ewig den Tag loben, an dem ihr nach Tacna gekommen seid. Das allerschönste aber ist, daß sich im Cerro Rico kein einziger Sklave mehr befindet.“
„Gut finde ich auch, daß wir die Silbermünzen, die eigentlich für den König von Spanien bestimmt waren, an die befreiten Indios verteilt haben“, sagte Matt Davies. „Das muß den Dons ganz hübsch in die Knochen gefahren sein.“
„Das denke ich auch“, sagte der Seewolf. „Aber es könnte einige Konsequenzen nach sich ziehen, habt ihr darüber schon nachgedacht?“
„Sie verlassen alle Mann Potosi?“ fragte Carberry. „Meinst du das?“
„Nicht ganz.“
„Laß mich mal raten“, sagte Ribault. Er grinste wieder. „Ich könnte mir ganz gut vorstellen, daß die Señores jetzt keine Rücksicht mehr auf das wertvolle Leben ihres Provinzgouverneurs nehmen, der als Geisel von uns Banditen mitgeschleppt worden ist. Liege ich richtig?“
„Goldrichtig“, erwiderte Hasard. „Was du sagst und was auch ich mir überlegt habe, gilt insbesondere für die Soldaten und Offiziere der Garnison in Potosi, die mit dem Stadtkommandanten auf Befehl des Gouverneurs nach Sucre in Marsch gesetzt worden sind.“
„Das war ein Befehl“, sagte Mel Ferrow. „Ha, so habe ich mich selten amüsiert!“
Don Ramón de Cubillo verstand kein Wort von dem, was sie sprachen, aber natürlich begriff er, daß sie auch über ihn redeten und sogar lachten. Zu der Schmach und Niederlage kam also auch noch diese Schande. Am liebsten wäre er im Erdboden versunken. Er hörte nicht auf zu schwitzen. Es wurde immer schlimmer. Er war klitschnaß, am’ ganzen Leib.
„Also, diese feinen Soldaten mit ihrem Rübenschwein von Kommandanten kriegen allmählich spitz, daß wir sie geleimt haben, meint ihr?“ Carberry grinste noch ein bißchen mehr als Ribault und die anderen.
Don Ramón stöhnte auf, als er diese Fratze im Mondlicht sah. Nie zuvor in seinem durchlauchten Leben war er einem ähnlich gräßlichen Ungeheuer begegnet, dessen war er sicher.
„So ist es“, erwiderte Dan. „Du hast es mal wieder erfaßt, Ed. Denen muß inzwischen aufgegangen sein, daß es keine fremden Truppen gibt, die angeblich Potosi umstellt haben, wie wir es ihnen vorgegaukelt haben.“
„Wir haben sie bald am Hals“, sagte der Seewolf. „Deshalb sollten wir zusehen, daß wir weiterkommen.“
Sie nahmen ihren Marsch wieder auf, und Hasard trieb den Trupp entsprechend an. Silvester wollte er einen strategisch richtigen Platz erreicht haben. Dort konnten sie sich besser schlagen, falls es erforderlich wurde. Wie sich die Dinge zweifellos entwickelten, war es besser, Vorsorge zu treffen.
Der „Platz“ war die Cordillera de los Frailes – ein wildes, zerklüftetes Berggebiet, in dem man sich gut vor einem Verfolger verbergen konnte und wo dieser es entsprechend schwer hatte, seinen Gegner zu finden.
Don Ramón de Cubillo jedoch schien jeden Augenblick seinen Geist aufgeben zu wollen. Er erhob sich nicht, er blieb auf dem Felsen sitzen, auf den er sich hatte sinken lassen.
„Ich kann nicht mehr“, jammerte er, als Carberry auf ihn zutrat.
Carberry packte den Dicken an dessen verschmutztem Hemd und zog ihn mühelos hoch.
„Du kannst“, sagte er. „Und wie du kannst! Soll ich dir mal beweisen, wie sehr du laufen kannst, du Schmalzfaß?“
Ganz von allein setzte sich Don Ramón wieder in Bewegung. Aber seine Ausdauer war nicht groß. Bald stolperte er wieder, keuchte und ächzte. Er fiel hin, rappelte sich wieder auf und stöhnte. Immer wieder mußte ihm der Profos auf die Sprünge helfen. Der Dicke, so stellte sich heraus, war eher eine Last für sie, und ob sie ihn als eine Art Faustpfand würden einsetzen können, war alles andere als sicher.
Salimbene, El Moreno und Rubirosa drangen in die jetzt offene und unbewachte Casa de la Moneda an der Nordseite der Calle Ayacucho ein. Aufmerksam und lauernd zugleich blickten sie sich nach allen Seiten um.
„Hier ist noch keiner“, raunte Salimbene. „Wir sind die ersten. Los, schnell!“
Sie durchsuchten den ersten Raum, und Rubirosa stolperte fast über einen Silberbarren, der auf dem Boden lag. Dann bückte er sich danach und kicherte. Dafür, dachte er, kann ich mir mehr als nur ein Paar schöner Stiefel kaufen.
„Achtung!“ zischte Rubirosa plötzlich. „Da ist jemand!“
„Ja, ich höre auch Schritte“, brummte Salimbene. „He, wie wär’s, wenn du mal nachsiehst?“
„Immer ich?“ Rubirosas Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Wollten die beiden anderen ihn etwa hereinlegen? Nein, sie konnten es nicht tun. Noch waren sie auf ihn angewiesen. Zu dritt waren sie gut aufeinander eingespielt und fühlten sich stark. Wenn einer von ihnen ausfiel, sah das schon anders aus.
Rubirosa huschte zurück zur halboffenen Tür und lauerte. Die Schritte näherten sich – kaum wahrnehmbar. Sie knirschten auf Kies und tappten über Steinplatten, dann waren sie ganz heran. Eine Gestalt schob sich ins Innere des Gebäudes. Ein Kerl, viel größer als Rubirosa, aber wohl nicht ganz so gewitzt.
„He!“ sagte Rubirosa. „Bist du’s, Palmiro?“
„Ja“, brummte Palmiro überrascht. Er war nicht der schnellste Denker und konnte absolut nicht begreifen, wieso ein Bürschchen wie Rubirosa vor ihm hier war.
„Hau bloß wieder ab“, sagte Rubirosa. „Hier gibt’s für dich nichts zu holen.“
„Das mußt du mir gerade sagen“, Palmiro drehte sich halb um und versuchte, den kleinen Mann zu packen. Aber Rubirosa war flink wie ein Wiesel. „Verschwinde du doch“, sagte Palmiro. „Und laß mich in Ruhe, verstanden?“
Rubirosa hatte blitzschnell sein Messer gezückt, sprang auf den großen, wuchtig gebauten Kerl zu und beförderte ihn auf die Tür zu. Bevor Palmiro reagieren konnte, hatte er ihn ins Freie gestoßen und rammte die Tür zu.
Palmiro krümmte sich und griff sich entsetzt mit beiden Händen an den Leib. Brennende Schmerzen durchzuckten ihn. Er hob die eine Hand vor die Augen und sah, daß sie blutig war.
„Santa Madre“, stammelte er. „Er – er hat mich gestochen.“
Gestalten huschten aus dem Dunkel heran und steuerten auf die Casa de la Moneda zu. Ein Kerl mit einem wilden Bartgestrüpp erreichte als erster Palmiro.
„Was ist los mit dir?“ fragte er.
„Er hat mich gestochen“, sagte Palmiro betroffen und erschrocken zugleich.
„Wer?“
„Rubirosa – das Schwein! Sieh mal – hier!“
Der Bärtige untersuchte die Wunde und richtete sich wieder auf.
„Das sitzt nicht sehr tief“, brummte er. „Ist nur ein Kratzer. Hört bald auf zu bluten. Los, komm mit, wir heben den Schuppen aus. Nachher kannst du dich immer noch verbinden.“
Zu fünft rückten sie auf die Tür zu. Sie mußten sie aufbrechen – Rubirosa hatte inzwischen von innen den Riegel vorgeschoben. Die Zeit, die sie für dieses Werk brauchten, genügte Salimbene, El Moreno und Rubirosa, die Silberbarren, die sie hier und dort fanden, nach hinten zu schaffen und auf dem Hof der Casa in einen zweirädrigen Karren zu verfrachten. Sie deckten einen Fetzen Stoff darüber. Dann griffen sie – in Ermangelung von Maultieren – nach der Deichsel und zogen den Karren vom Hof.
Die andere Gruppe von Plünderern hatte unterdessen die Tür aufgebrochen und durchsuchte die Räume. Sie waren gähnend leer. Alle Silberbarren, die hier noch gestapelt gewesen waren und von den Fremden nicht mitgenommen worden waren, befanden sich auf dem Karren des Trios.
Die fünf Kerle fluchten erbittert. Dann forschten sie aber doch weiter und stießen in Schränken auf Münzen, die das Trio nicht gefunden hatte. Lachend und kichernd warfen sie die Münzen, auf einen Tisch und verteilten sie untereinander. Palmiro vergaß vor lauter Entzücken sogar die Messerwunde und die Schmerzen.
Salimbene, El Moreno und Rubirosa zogen mit ihrem Karren durch die Stadt, die wie verlassen vor ihnen lag. Ihr zweites Ziel war die Residenz des Gouverneurs. Immer wieder schauten sie sich nach allen Seiten um. Manchmal erblickten sie Gestalten, die durch die Gassen huschten und darauf bedacht waren, sich nicht zu zeigen.
Die drei grinsten sich zu. Soldaten waren noch nicht zu entdecken, und so gab es immer noch die Möglichkeit, etwas zu erbeuten. Sie hatten die Plaza, an der sich der Palast des Gouverneurs befand, fast erreicht. Plötzlich aber sahen sie zwei Männer, die aus einer Toreinfahrt auf die Straße traten. Daß die nicht zu den Plünderern und Beutelschneidern gehörten, erkannten sie auf Anhieb.
„Verdammt“, zischte El Moreno. „Soldaten!“
„Es sind keine Soldaten“, flüsterte Rubirosa. „Siehst du nicht, daß sie keine Helme tragen?“
„Sie könnten sie abgenommen haben“, sagte Salimbene. „Nein, sie tragen normale Kleidung. Es sind Bürger.“
Er täuschte sich nicht. Die beiden Bürger – es waren die ersten, die sich wieder auf die Straße wagten – hießen Romano Casablanca und Lopez Garcia Marquez. Die Furcht steckte ihnen noch in den Knochen, aber Casablanca gab sich einen innerlichen Ruck, als sie den Karren und die drei Männer erblickten, trat mitten auf die Straße und hob die Hände, um sie zum Anhalten zu bewegen.
Salimbene, El Moreno und Rubirosa stoppten. Dieses Mal hatte nicht nur der Kleine die Hand am Heft des Messers. Auch die beiden anderen griffen nach ihren Waffen. Wenn es erforderlich wurde, würden sie sich den Weg freikämpfen.
2.
Als die Fremden das Kommando in Potosi übernommen hatten, waren die Bürger in ihre Häuser „verfügt“ worden. Dennoch hatten eben diese Bürger verfolgen können, was sich weiter zugetragen hatte. Der Trupp der Fremden – soweit war das durch die Bleiglasfenster der Häuser zu beobachten gewesen – war bei beginnender Dunkelheit mit zwanzig Maultieren nach Westen abgezogen.
Männer wie Casablanca, Garcia Marquez und deren Familien hatten sich einige Gedanken darüber gemacht, welcher Herkunft diese Fremden wohl sein mochten. Sie waren tief braun gebrannt gewesen und hatten zum Teil wilde Bärte gehabt. Einer hatte eine Eisenhakenprothese. Ein anderer sah wie ein wüstes Ungeheuer aus, ein Monstrum mit lauter Narben im Gesicht und einem gewaltigen Rammkinn. Blonde waren auch dabeigewesen.
Wer sie aber waren, wußte niemand. Piraten? Seit wann wagten die sich derart weit ins Landesinnere vor? Nein, das konnte nicht sein. Piraten brachten Schiffe auf und kaperten sie, sie raubten, brandschatzten und plünderten an den Küsten, aber nie im Inneren des Landes. Das wagten sie nicht, und sie fühlten sich hier sozusagen wie Fische auf dem Trockenen. Niemals hätten sie es fertiggebracht, einen tolldreisten Bubenstreich wie diesen durchzuführen.
Sie mußten schon einer ganz besonderen Kategorie angehören, diese Männer. Spanier schienen sie nicht zu sein, obwohl sie die spanische Sprache hervorragend beherrschten. Woher kamen sie dann? Aus einem nördlichen Land der Alten Welt – Frankreich, Holland oder England? Oder gar aus einem anderen Kontinent, aus Cathay beispielsweise?
Niemand erriet es. Es gab weiterhin großes Kopfzerbrechen und Grübeln über diesen Punkt, und die Bürger waren immer noch sehr verstört.
Casablanca und Garcia Marquez hatten sich erboten, gewissermaßen als „Vorhut“ nach dem Rechten zu schauen und die Lage zu erkunden. Was tat sich in Potosi? Man konnte meinen, in eine Geisterstadt geraten zu sein. Totenstille herrschte, der Wind, der vom Altiplano herüberfächelte, schien ein höhnisches Lied zu wispern.
Aber da war der heranpolternde Karren – und da waren die drei Kerle, die zum übelsten Gesindel von Potosi zu zählen schienen.
Casablanca musterte sie und fragte, als sie verharrten: „Wer seid ihr? Was treibt ihr hier?“
Salimbene war geistesgegenwärtig genug, nicht sofort auf die Frage einzugehen.
„Ach, wir kennen uns doch“, sagte er fröhlich grinsend. „Irre ich mich, oder sind wir uns gelegentlich mal im Hurenhaus der roten Dolores begegnet?“
Casablanca hatte die Hände sinken lassen.
„Daran kann ich mich nicht erinnern“, sagte er frostig.
Salimbene ließ die Deichsel los und rieb sich die Hände. „Ich schon. Das waren noch Zeiten, was? Aber das alles ist vorbei. Potosi ist ’ne tote und kaputte Stadt geworden, Señor, hier wird keiner mehr sein Vergnügen haben. Was uns betrifft, mich und meine Kameraden hier, wir hauen ab. Wir haben die Nase voll. Wir haben unsere Siebensachen auf den Karren hier gepackt und ziehen davon. Klar?“
„Sehr gut“, erwiderte Casablanca und gab den Weg wieder frei. „Das kann ich euch auch nur empfehlen.“
Salimbene trat dicht vor ihn hin. „Behalte deine klugen Sprüche für dich, Kerl. Empfehlungen brauchen wir nicht. Verstanden?“
Casablanca wich vor ihm zu Garcia Marquez zurück. Salimbene, El Moreno und Rubirosa zerrten den Karren weiter, ihre Gestalten und die Umrisse des Karrens verschmolzen wieder mit der Dunkelheit.
Andere Bürger waren aufgetaucht, nach und nach wagten sich immer mehr hinaus. Sie wollten wissen, was geschah. Lopez Garcia Marquez war es, der durch seine Worte die Volksseele erst richtig zum Kochen brachte.
„Keiner kann mir erzählen, daß diese Lumpen nur ihr Gerümpel auf dem Karren haben“, sagte er. „Sie besitzen doch überhaupt nichts. Sie pennen mal hier und mal da und haben nichts als die Fetzen, die sie auf dem Leib tragen. Und der Karren – den kenne ich. Der gehört zur Casa dela Moneda!“
Casablanca war ziemlich unwohl zumute. Denn wenn seine Frau davon erfuhr, daß er im Hurenhaus zu Gast gewesen war, dann hatte er verspielt. Er war aber auch froh, daß Garcia Marquez die Initiative übernahm. Allmählich zog er sich zurück und lief ins Haus, setzte sich auf einen Stuhl und atmete erst einmal tief durch.
„Was ist los?“ fragte ihn seine Frau, und seine Kinder scharten sich mit bangen Mienen um sie.
„Das Gesindel ist unterwegs“, sagte Casablanca. „Überall wird geplündert, wie es scheint. Dieses Pack stiehlt alles, was ihm in die Finger fällt, und keine Frau ist vor ihnen sicher. Geht ja nicht auf die Straße.“
Er erhob sich wieder und begann, die Fensterläden zuzurammen. Es war wirklich besser, sich vorläufig nicht hinauszuwagen. Erst am Morgen durfte man seinen Fuß wieder über die Schwelle der Haustor setzen, wenn die Galgenstricke und Gauner das Licht scheuten und verschwanden.
Männer wie Garcia Marquez dachten in diesem Punkt jedoch anders. Viele Bürger hatten sich inzwischen auf den Straßen eingefunden und lauschten dem, was Garcia Marquez ihnen mitzuteilen hatte.
„Diese Lumpenhunde“, sagte er. „Sie haben viel schneller als wir gespitzt, was die Glocke geschlagen hat. Sie haben getan, was keiner von uns sich jemals getraut hätte – sie haben die Münze ausgehoben!“
Empörte Stimmen wurden laut, die Männer murrten und fluchten.
„Nach Abzug der Feinde sind diese Banditen in die jetzt unbewachte Casa gehuscht und haben kräftig zugelangt!“ rief Garcia Marquez. „Sie haben die Silberbarren, die von den Fremden nicht entwendet wurden!“
„Andere sind zur Residenz des Gouverneurs unterwegs!“ schrie ein Mann.
„Sie sacken alles ein, was irgendwie von Wert ist!“ rief Garcia Marquez.
Wieder gab es einen Zwischenruf. „Das müssen wir verhindern!“
„Diese Elemente nutzen die Gunst der Stunde und plündern alles aus“, sagte Garcia Marquez aufgebracht. „Dieser Aderlaß ist noch gewaltiger als das, was die Fremden angerichtet haben. Wir müssen etwas dagegen unternehmen!“
„Dann los!“ schrie ein junger Mann. „Packen wir diese Hunde! Bewaffnet euch mit Knüppeln! Schlagt sie tot!“
Die Bürger setzten sich in Bewegung. Inzwischen gab es keinen mehr, der nicht wußte, was sich abspielte. Der Pöbel hielt sich schadlos – das mußte unterbunden werden! Ein Teil der Bürger – wie Casablanca – zog es vor, in den Häusern zu bleiben. Aber die Zahl derer, die zornig gegen den Pöbel ins Feld zogen, war größer. Es herrschte plötzlich Aufruhr in den Straßen und Gassen von Potosi. Gruppen von Bürgern liefen zur Casa de la Moneda, andere hielten auf die Residenz des Gouverneurs zu.
Salimbene, El Moreno und Rubirosa waren in der Residenz und hasteten auf der Suche nach Wertvollem durch die Räume. Sie hörten aber auch den Lärm, der sich draußen entwickelte.
„Es gibt Krawall“, sagte Salimbene. „Das hab’ ich mir gleich gedacht. Rubirosa, geh du raus und paß auf den Karren auf.“
Der Karren mit den Silberbarren stand in einer Gasse unmittelbar neben der Residenz. Sie hatten ohnehin ein ungutes Gefühl gehabt, ihn ohne Aufsicht zurückzulassen. Rubirosa kehrte in die Gasse zurück und hielt Wache – und er sah die Gestalten, die sich mit Knüppeln über die Plaza bewegten.
„Hunde, elende“, murmelte er. „Glaubt ihr, ihr könnt uns aufhalten? Da habt ihr euch aber getäuscht.“
Noch hatten sie ihn und den Karren nicht entdeckt. Aber er hielt das Messer bereit. Den ersten, der mich anfaßt, steche ich ab wie ein Schwein, dachte er grimmig.
Die anderen Bürger hatten inzwischen die Casa de la Moneda erreicht und drangen durch die Tür, die nur angelehnt war, ins Innere ein. Sie erwischten die Plünderer, die gerade die letzten Barren verteilten, und stürzten sich wutentbrannt auf sie.
Palmiro wurde von einem Knüppelhieb getroffen und stürzte schwer auf den Fußboden. Er stöhnte auf. Jemand trat ihm in die Seite. Er sah rot, warf sich herum, packte den ersten Knüppel, den er erwischen konnte, und riß seinen Besitzer um. Dann stieß er diesem das Knüppelende in den Bauch, rappelte sich wieder auf und drosch wild um sich.
Der Kampf tobte durch alle Räume. Die Bürger waren in der Überzahl, aber die Galgenstricke hatten Messer, die sie jetzt einsetzten. Ein Bürger sank getroffen zu Boden, ein anderer sank über einem Tisch zusammen. Schreie gellten, Flüche ertönten.
Salimbene und El Moreno waren in der Residenz des Gouverneurs noch ungestört, aber sie gaben sich keinen Illusionen hin. Die Bürger rückten an und würden über sie herfallen, wenn sie ihnen nicht wie durch ein Wunder entgingen.
Lopez Garcia Marquez führte seinen Trupp von wütenden, knüppelschwingenden Männern über die Plaza. Noch mehr Männer hatten sich zu ihnen gesellt, und alle wollten den Plünderern an den Kragen. Die einen handelten aus Neid, die anderen aus Empörung, daß sich diese Strolche am königlichen Eigentum vergriffen.
El Moreno entdeckte in einem der vielen Räume einen reich verzierten Schrank. Er öffnete ihn – und prallte zurück. In dem Schrank hielt sich ein Mensch verborgen: ein Indiomädchen, nur spärlich bekleidet.
Er grinste. „Hallo, so eine Überraschung! Was treibst du denn hier?“
„Tu mir nichts“, sagte sie, und er sah, daß sie zitterte.
Salimbene trat ein. „Was ist los, Moreno?“
„Sieh mal, was wir hier haben.“ El Moreno musterte das Mädchen ungeniert von oben bis unten. Sie war sehr jung, sehr zart und sehr hübsch.
Salimbene war neben ihm und schaute sich das Mädchen ebenfalls an.
„Warum bist du nicht abgehauen?“ fragte er. „Alle Sklaven sind freigelassen worden.“
„Ich – habe Angst gehabt“, stammelte sie. „Angst. Vielleicht ist alles nur ein Spiel. Ein Trick. Don Ramón hat sich immer neue Spiele einfallen lassen.“
„So ein perverses Schwein, dieser Don Ramón“, sagte El Moreno. Er grinste immer noch und schien das Mädchen mit seinem Blick auf der Stelle festnageln zu wollen.
„Verstehe schon“, brummte Salimbene. „Aber nein, es ist kein Trick. Lauf jetzt weg. Keiner wird dich aufhalten.“
„Wir könnten sie aber auch mitnehmen“, schlug El Moreno vor.
„Schlag dir das aus dem Kopf.“
„Als Kurzweil für unterwegs, meine ich.“
„Ich weiß schon, was du meinst“, sagte Salimbene zu seinem Kumpan. „Aber daraus wird nichts. Klar?“ Er ließ das Indiomädchen aus dem Schrank klettern und wollte ihr den Weg zeigen, wie sie am besten aus dem Palast entkam. Aber sie kannte sich besser aus und schlüpfte durch eine Hintertür ins Freie – während von vorn die lärmenden, fluchenden Bürger hereinstürmten.
Salimbene und El Moreno hatten inzwischen festgestellt, daß sie nicht die einzigen waren, die sich in der Residenz umsahen. Eine andere Gruppe von Dieben war hier – acht Kerle, die im oberen Stockwerk plünderten.
„Haut ab!“ zischte ihr Anführer Salimbene zu, als er diesen auftauchen sah. „Zeigt die Hacken! Ihr habt hier nichts verloren!“
„Halt mal die Luft an“, sagte Salimbene und wies nach unten. „Da kommen die Bürger. Wenn wir uns nicht gegen sie zusammentun, sind wir geliefert.“
Das sah der Anführer der Bande ein. Gemeinsam stürmten sie über die breite Treppe nach unten und warfen sich den Angreifern entgegen. El Moreno lieferte sich mit einigen Bürgern bereits ein hitziges Knüppel-Messer-Gefecht. Es endete damit, daß zwei der Bürger tot zu Boden sanken. Und dann ging der Kampf erst richtig los.
Rubirosa sah, wie einer der Bürger – er schien sich offenbar verirrt zu haben – plötzlich vor dem Eingang der Gasse auftauchte. Rubirosa drückte den Zeigefinger gegen die Lippen und zischte: „Pst!“
Aber das nutzte herzlich wenig. Der Bürger stieß einen Schrei aus.
„Hier ist einer!“ brüllte er.
Rubirosas Messer flog, wie durch Zauberei gelenkt, durch die Luft und traf den Mann mitten in die Brust. Der Mann fiel auf den Rücken und rührte sich nicht mehr.
Rubirosa trat zu ihm, nahm das Messer wieder an sich, spuckte neben ihm aus und brummte: „Verfluchter Narr.“
Der Schrei des Mannes hatte jedoch andere Bürger angelockt. Sie stürzten heran. Rubirosa packte die Deichsel des Karrens und zerrte ihn durch die Gasse davon. Sie hetzten hinter ihm her und holten rasch auf. Er begann zu laufen und wollte um eine Ecke lenken, aber der Karren kippte um, und die Silberbarren verteilten sich auf dem Katzenkopf-Pflaster.
„Auf ihn!“ brüllte ein Bürger. „Das ist einer der Silberdiebe!“
Mit dicken Knüppeln warfen sie sich auf Rubirosa, doch sie hatten nicht mit seiner Schnelligkeit gerechnet. Ehe sie richtig auf ihn einhauen konnten, hatte er zwei von ihnen bereits mit seinem Messer verletzt. Sie prallten gegen die Mauern der Häuser und krümmten sich vor Schmerzen. Die anderen schienen irritiert zu sein. Es waren sechs oder sieben, wie Rubirosa mit einem Blick feststellte.
Er stürzte sich auf sie, sein Messer tanzte wie ein Irrlicht. Ganz allein warf er sie zurück, und schließlich flüchteten jene, die noch nicht getroffen waren, zur Plaza.
Aber auch Rubirosa hatte einige kräftige Hiebe einstecken müssen. Er stöhnte, bückte sich und versuchte, den Karren wieder aufzurichten. Es war kein leichtes Stück Arbeit. Der Karren war schwerer, als er gedacht hatte.
Völlig unverhofft stießen jetzt jedoch Salimbene und El Moreno zu ihm. Sie halfen ihm, den Karren auf die Räder zu stellen und erneut zu beladen.
„Hier ist der Teufel los“, sagte Salimbene. „Wir sollten das Durcheinander ausnutzen und erst mal mit dem Karren verschwinden.“
Sie hatten einen günstigen Moment genutzt und sich aus der Residenz – wo es ohnehin nicht mehr viel zu holen gab – zurückgezogen. Während der Kampf weiterging, entfernte sich das Trio nun mit dem Karren zum südlichen Ausgang der Stadt.
So entwickelte sich in Potosi eine geradezu chaotische Situation – zumal die Polizeikräfte der Stadt mit der an die hundert Mann starken Garnisonstruppe nach Sucre abmarschiert waren. Die Spitzbuben, Langfinger und Gauner indessen ließen sich noch lange nicht ins Bockshorn jagen – wohl wissend, daß es zur Zeit keine Ordnungsgewalt, keine Büttel und keine Obrigkeit gab.
Sie zeigten den Bürgern die Zähne, und da Gewalt ihr Metier war und sie keinerlei Hemmungen hatten, schlugen sie auch weiterhin brutal zu und bedienten sich ihrer Messer. In dieser Nacht vom 29. auf den 30. Dezember regierte der Mob die Stadt. Es gab fast ein Dutzend Tote und mehr als doppelt so viele Verletzte – darunter auch Lopez Garcia Marquez, der geglaubt hatte, mit seinem Trupp die Gouverneursresidenz „reinigen und leerfegen“ zu können.
Garcia Marquez mußte kapitulieren und mit seinen Männern flüchten. Blutend und hinkend kehrte er in sein Haus zurück. Er war am linken Oberschenkel verletzt. Er hatte sich zum Anführer der Bürger von Potosi erhoben, mußte aber einsehen, daß er sich verkalkuliert hatte. Keiner konnte diesem Pöbel trotzen.
So sollten es Männer wie Romano Casablanca sein, die in ihrer Furcht instinktiv doch den richtigeren Weg gewählt hatten. Sie blieben unversehrt, während die „heldenhaften“ Kämpfer angeschlagen in ihre Häuser flohen und Türen und Fenster verrammelten.
Salimbene, El Moreno, Rubirosa und all die anderen Galgenstricke, die weiterhin durch die Stadt strolchten, brachten ihre Beute in Sicherheit. Selbst Palmiro, der schwerfälligste von allen, hatte etwas erbeutet und zählte in einem sicheren Versteck noch einmal die Silbermünzen, die er gefunden hatte.
Im Gefängnis tobten derweil die Eingeschlossenen – an die dreißig Aufseher der Silbermine, achtundzwanzig Soldaten, die von dem Seewolf und dessen Männern gefangengesetzt worden waren, ein Teniente sowie die Señores vom Stadtrat einschließlich des Bürgermeisters und des Polizeipräfekten.
Alvaro Gomez – so hieß der Teniente – hatte nicht vergessen, wie übel der Gegner ihm mitgespielt hatte. Wütend rüttelte er an den Eisenstäben der Gittertür. Daß es keinen Sinn hatte und zu keinerlei Ergebnis führte, wußte er selbst. Aber er mußte etwas unternehmen – um seinen Zorn abzureagieren.
Keuchend fuhr er herum und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Gitter. Er lauschte dem Krawall und sagte: „Hören Sie das, Señores? Da draußen scheinen alle verrückt geworden zu sein.“
„Das Gesindel holt sich das letzte Silber“, sagte der Polizeipräfekt. „Es wird nichts übrigbleiben.“
„Wir müssen etwas unternehmen!“ schrie der Teniente.
„Was?“ brüllte der Bürgermeister ihn an. „Wie kommen wir hier raus?“
„Wir müssen jemanden rufen“, erwiderte Gomez. „Jemanden, der den Schmied holt. Verflucht, warum denkt denn keiner an uns?“
„Zur Hölle mit diesen verdammten Gittern!“ wetterte der Polizeipräfekt, dann sprang er auf und eilte an eins der winzigen Fenster. Nie hätte er sich träumen lassen, daß er die soliden Eisengitter der Zellen und Kerkerräume, die von den fremden Bastarden sogar noch zusätzlich mit Ketten abgesichert worden waren, eines Tages verfluchen würde. Er klammerte sich am Fenstergitter fest, spähte zu den vorbeihuschenden Gestalten und brüllte: „Heda! Hört mich keiner? Bürger – hierher!“
Auch der Bürgermeister und die Señores des Stadtrates beteiligten sich an dem Geschrei. Doch es sollte sich als ebenso sinnlos wie Gomez’ Rütteln an der Tür herausstellen. Keiner der Bürger, der wutentbrannt gegen das Lumpenpack und Gesindel vorging, verfiel auf den Gedanken, die ehrenwerten Señores von ihrem Schicksal zu erlösen, zumal der Teniente, die Soldaten und die Aufseher zweifellos mehr Talent gehabt hätten, die Diebe und Plünderer zu verjagen.
Es lief eben alles fehl. Alles schien verhext zu sein, die Welt hing schief in ihren Angeln. Alvaro Gomez ballte die Hände zu Fäusten und hämmerte damit gegen die Gitter. Er fluchte und stöhnte, aber all das war nutzlos, er vergeudete nur seine Energien.
Was niemals hätte eintreten dürfen, war geschehen: Das blühende, reiche Potosi war dem Pöbel freigegeben. Und er, Gomez, hatte dabei die größte Schande erlitten, als er sich von dem Riesen mit dem entsetzlichen Narbengesicht hatte niederschlagen lassen. Der Hund hatte ihn in den Plaza-Brunnen geworfen und ihn anschließend in das Gefängnis gesteckt – und das alles nur, weil er die kleine Pistole bei ihm gefunden hatte.
Dennoch, er würde sich an diesem Monstrum rächen, furchtbar rächen. Noch wußte er nicht, wie es geschehen würde, aber er spürte, daß es noch eine Chance für ihn gab, spätestens beim Heraufziehen des neuen Tages, wenn das große Plündern vorbei war. Dies war die einzige Hoffnung, an die Alvaro Gomez sich noch klammerte, und er betete zum Himmel, daß sein Wunsch in Erfüllung gehen möge.
3.
Als in Potosi der Morgen graute, vollzog sich die erwartete Wandlung. Die Ratten, die wie toll gehaust hatten, huschten in ihre Löcher zurück. Sie wollten nicht erkannt und entlarvt werden, außerdem hatten sie sich alles geholt, was es zu holen gab.
Salimbene, El Moreno, Rubirosa und auch die anderen hatten sich die Taschen gefüllt. Die Zukunft sah silbern aus, die Vorsehung hatte es gut gemeint mit ihnen.
Alles in allem fanden sie es gar nicht so schlecht, daß diese tolldreisten Fremden in die Stadt eingedrungen waren. Und geschah es den durchlauchten und eingebildeten Señores nicht ganz recht, daß sie im Stadtgefängnis schmorten? So lernten sie das Leben mal von einer anderen, weniger bequemen Seite kennen.
„Recht so“, sagte Salimbene und nagte an dem Schenkel eines gebratenen Hühnchens, das sie aus einem der Häuser hatten mitgehen lassen. „Was weiter passiert, geht uns nichts an.“
„Sie werden uns suchen“, entgegnete Rubirosa.
„Die haben was anderes zu tun“, sagte Salimbene. „Wir bleiben erst mal hier, in unserem Versteck. Hier vermuten sie uns am allerwenigsten.“
El Moreno lachte leise und trank einen tüchtigen Schluck Rotwein. Sie hatten ein Faß aufgetrieben und es zu den Silberbarren auf den Karren gepackt.
„Es war eine gute Idee von dir, hierher zurückzukehren“, sagte er, nachdem er sich mit dem Handrücken den Mund abgewischt hatte. „Hier sind wir sicher. Ob wir noch ganz abhauen oder nicht, können wir ja in den nächsten Tagen entscheiden.“
„Ja“, sagte Salimbene mit bedächtigem Nicken. „Erst mal ruhen wir uns aus. Das haben wir wohl verdient.“
Romano Casablanca trat zum selben Zeitpunkt in das milchige Licht des jungen Morgens und überlegte sich, was zu tun sei. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß niemand mehr in den Gassen lauerte, vor dem man Angst haben mußte, begab er sich zum Haus des Schmiedes.
Er klopfte an die Tür und sagte zu der Frau des Schmiedes, die mit vor Schreck geweiteten Augen aus dem Fenster blickte: „Wir brauchen Ihren Mann, Señora. Es befinden sich noch Señores im Kerker, die befreit werden müssen.“
„Mein Mann – ist verletzt“, stotterte sie. Doch dann erschien der Schmied selbst. Sein Gesicht war verschrammt und von Beulen und blauen Flecken gezeichnet, seine Schulter verbunden. Geringschätzig musterte er den Besucher.
„Ich habe heute nacht gegen das Gesindel gekämpft“, sagte er mit dunkler, drohender Stimme. „Wo waren Sie, Señor Casablanca?“
„Ich habe meine Familie beschützt.“
„Hinter verschlossenen Türen und Fenstern?“
„Das geht Sie nichts an.“
„Was wollen Sie?“
„Die Männer im Stadtgefängnis – der Bürgermeister, der Rat, der Präfekt, die Soldaten und Aufseher. Wir haben sie vergessen“, entgegnete Casablanca.
Der Schmied schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. „Das ist wahr! Aber wer kriegt sie dort wieder raus?“
„Nur Sie können es schaffen“, sagte Casablanca, dann schritt er davon.
Kurze Zeit darauf suchte der Schmied mit einigen Helfern die Plaza auf, an der das Gefängnisgebäude stand. Dann begann ein hartes Stück Arbeit: Zunächst mußte das Portal aufgebrochen werden, das von dem „Monstrum“ sorgsam verschlossen worden war. Carberry hatte wirklich für alles gesorgt, und so schnell sollten die ehrenwerten Señores, die von den winzigen Fenstern aus die Bemühungen der Männer verfolgten, die ersehnte Freiheit nicht wiedererlangen.
Was jetzt geschah, war eine schweißtreibende Schufterei für den Schmied und seine vier Gesellen, die mit schweren Hämmern die Schlösser der Ketten und dann der Gittertüren zertrümmern mußten. Stunden dauerte das – und manch einer der Señores vom Rat glaubte bereits, daß es nicht mehr gelingen würde.
„Wir sitzen hier ewig fest“, jammerte einer von ihnen.
„Hier kommen wir nicht mehr raus“, sagte ein anderer und verdrehte die Augen.
„Wir verhungern“, sagte ein dritter. „Oder die Ratten fallen über uns her. Wir verrecken elend. Und das alles haben wir nur Don Ramón de Cubillo zu verdanken.“
„Ja, das stimmt“, pflichtete der Präfekt ihm bei. „Wenn er sich den Forderungen dieser Kerle nicht so bereitwillig gebeugt hätte, wäre das alles nicht passiert.“
Schließlich zerbrachen aber auch die letzten Schlösser, und die Ketten rasselten zu Boden. Die Gittertüren wurden aufgerissen, und sofort eilten die Señores des Stadtrates ins Rathaus, um entsprechende und der Situation angemessene Entschlüsse zu fassen.
„Es ist alles die Schuld des Provinzgouverneurs!“ rief wieder der Mann, der schon vorher Don Ramón de Cubillo belastet hatte.
„Nein!“ widersprach der Bürgermeister. „Schuld haben wir alle!“
„Sie ganz besonders, Señor!“ entgegnete ein Ratsmitglied.
„Das ist eine infame Lüge!“ brüllte der Bürgermeister ihn an. „Nehmen Sie das sofort zurück, Señor!“
„Den Teufel werde ich tun!“
„Ruhe!“ schrie der Präfekt. „Nehmen Sie endlich Vernunft an! So kommen wir nicht weiter!“
Aber es ging auch weiterhin bissig und hitzig zu, weil einer dem anderen die Schuld zuschob. Schließlich war es jedoch der Bürgermeister, der einen heroischen Entschluß faßte.
„Señores“, sagte er, als wieder etwas Ruhe eintrat. „Sie sehen in mir nunmehr den Stellvertreter des Provinzgouverneurs, da dieser nicht mehr zugegen ist. Ich ersuche Sie in aller Form, die Ruhe zu bewahren und auf mein Wort zu hören.“
„Sehr richtig“, sagte der Präfekt. „Alles hört auf den Señor Bürgermeister!“
„Vielleicht können wir die Feinde der Krone doch noch packen“, sagte der Bürgermeister. „Zumindest können wir einiges unternehmen, um wenigstens Arica zu warnen. Folgendes also: Ein Bote begibt sich sofort nach Sucre und holt unseren Stadtkommandanten und die Truppe zurück.“
„Jawohl!“ rief ein Ratsherr.
„Gut so!“ fügte ein anderer hinzu.
„Ich verbitte mir jeden Zwischenruf“, sagte der Bürgermeister. Er fühlte sich in seinem Amt bestätigt, das Selbstvertrauen kehrte in ihn zurück. „Weitere zwei Boten setzen sich unverzüglich nach Arica in Marsch, um den dortigen Bürgermeister und Stadtkommandanten erstens zu warnen und zweitens, um sie um Unterstützung zu bitten.“
„Das halte auch ich für das allerbeste“, sagte der Präfekt, verstummte aber sofort wieder, als der Bürgermeister weitersprach.
Der Bürgermeister warf sich ein wenig in die Brust und hob das Kinn. Erst blickte er die Versammlung an, dann fuhr er fort: „Arica muß versuchen, die fremden Banditen, die Don Ramón entführt haben, aufzugreifen und festzusetzen, denn es ist so gut wie sicher, daß sie sich nach Arica gewandt haben, von wo aus sie aller Wahrscheinlichkeit nach mit Schiffen verschwinden werden.“
Die Ratsmitglieder klatschten Beifall. Der Bürgermeister sah dies als den besten Beweis dafür an, daß man ihm wieder den erforderlichen Respekt zollte. Und es war ja auch nicht seine Schuld, daß sich alles derart fatal entwickelt hatte. Wenn jemand die Schuld daran trug, daß die Banditen Potosi überhaupt hatten überfallen können, dann war es Don Ramón de Cubillo, dem es aus diesem Grund eigentlich recht geschah, daß er sich in der Gewalt der Übeltäter befand.
Und wenn er niemals nach Potosi zurückkehrte? Nun – dann gab es eben bereits einen Nachfolger für ihn.
Die Boten, die sich von Potosi auf den Weg nach Arica begeben sollten, würden mit vier Maultieren reisen, um schneller voranzukommen. Sie würden den Banditentrupp überholen müssen – unbemerkt natürlich, das verstand sich von selbst. Eine knifflige Aufgabe, die nicht leicht zu bewältigen war. Man mußte die richtigen Männer dafür aussuchen, sie durften auf keinen Fall Hasenfüße sein. Entscheidend war nur, daß sie um jeden Preis vor dem Banditengesindel in Arica eintrafen.
Der Bürgermeister von Potosi setzte für seinen Amtskollegen in Arica ein entsprechendes Schreiben auf, in dem er auch ausführte, wie viele Banditen es waren, wie sie aussahen und daß sie sich in Begleitung von zwei Padres befanden, die aber genausogut auch ganz gewöhnliche Galgenstricke sein mochten. Gott allein wußte, wo sie die Kutten entwendet hatten, die sie trugen.
Der Polizeipräfekt suchte von den dreißig Aufsehern die beiden härtesten Burschen heraus. Sie hießen Delon und Ventura und standen an Brutalität und Rücksichtslosigkeit dem inzwischen spurlos verschwundenen und vermißten Luis Carrero in nichts nach.
„Ihr erhaltet jeder eine angemessene Belohnung“, sagte der Präfekt. „Vorausgesetzt, ihr erreicht vor den Hundesöhnen Arica.“
„Wir schaffen das“, versicherte ihm Delon. „Ganz sicher sogar. Wieviel erhalten wir?“
„Jeder fünfzig Dukaten.“
„Sehr gut“, sagte Ventura. „Aber wir brauchen eine gute Ausrüstung. Vor allem auch Waffen, falls wir mit diesem Dreckspack zusammenstoßen sollten.“
„Es ist bereits für alles gesorgt“, sagte der Präfekt.
Und so wurden die beiden Männer über alles informiert, was sie für ihren Auftrag wissen mußten. Sie erhielten das Schreiben, wurden ausgerüstet und zogen noch am Vormittag des 30. Dezember westwärts.
Als sie mit den vier Maultieren eine Anhöhe erreicht hatten, blieben sie stehen und drehten sich noch einmal um.
„Bald kehren wir zurück und bauen hier etwas auf“, sagte Delon. „Ich bin die längste Zeit Aufseher gewesen. Entweder eröffne ich eine Spielhölle oder ein Hurenhaus.“
„Ich bin mit dabei.“
„Und wenn wir es nicht schaffen?“
„Wir schaffen es“, sagte Ventura. „Und wir kassieren unsere Belohnung, das schwöre ich dir.“
Sie gingen weiter, Potosi blieb hinter ihnen zurück. Sie rechneten sich aus, daß sie den Banditentrupp auf dem Altiplano überholen konnten, was dann nachts geschehen mußte, wenn die „Bastarde“ und „Hurensöhne“ irgendwo campierten.
Auch der Bote nach Sucre war unterdessen mit zwei Maultieren aufgebrochen. Die Soldaten sollten so schnell wie möglich die Verfolgung der Flüchtigen aufnehmen.
Der Bürgermeister von Potosi war der festen Meinung, mit dem Trupp, der sich aus Arica in Bewegung setzen würde, und den Soldaten aus Potosi könne man die Bande von Fremden gewissermaßen von zwei Seiten packen. Der Trupp aus Potosi würde sie dem Trupp von Arica praktisch vor die Musketen treiben.
Aber es wurde auch noch ein dritter Bote in Marsch gesetzt. Er trug ebenfalls ein Schreiben bei sich, wieder vom Bürgermeister verfaßt. Es war an den Vizekönig in Lima gerichtet.
In diesem Schreiben, das von dem gesamten Stadtrat aufgesetzt worden war, wuschen die Señores ihre Hände in reiner Unschuld. Die Schuld für das, was in Potosi passiert war, schoben sie dem hochwohlgeborenen Señor Provinzgouverneur in die Schuhe, der ja nun leider entführt worden war.
Die Señores mußten zwar bekennen, daß der gesamte Minenbetrieb im Cerro Rico auf unabsehbare Zeit lahmgelegt war, zogen sich aber aus der Affäre, indem sie in dem Schreiben erklärten, sie hätten sich den Befehlen des Provinzgouverneurs Don Ramón de Cubillo beugen müssen. Im übrigen sei das Leben aller bedroht gewesen, denn die Banditen seien mit unerhörter Brutalität vorgegangen.
Natürlich mußte der Vizekönig in Lima entscheiden, was im Fall Potosi zu tun war. Don Ramón de Cubillo hatte man somit bereits abgeschrieben. Es mußte ein neuer Provinzgouverneur ernannt und eingesetzt werden, denn Don Ramón hatte eindeutig versagt. Vielleicht würde es der jetzige Bürgermeister sein? Der Bürgermeister hegte in dieser Beziehung einige Zuversicht. Schließlich war er derjenige, der im entscheidenden Moment wieder einen klaren Kopf gezeigt und die richtigen Beschlüsse gefaßt hatte.
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