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IBERISCHES PANORAMA


Die Publikation wurde gefördert durch das Übersetzungsprogramm des Instituts Ramon Llull
Blai Bonet
DAS MEER
Roman
Aus dem Katalanischen
von Frank Henseleit
Mit einem Nachwort
von Xavier Pla

DAS MEER
| 1 | MANUEL TUR |
| 2 | ANDREU RAMALLO |
| 3 | SHWESTER FRANCISCA LUNA |
| 4 | MANUEL TUR |
| 5 | GABRIEL CALDENTEY |
| 6 | ANDREU RAMALLO |
| 7 | MANUEL TUR |
| 8 | ANDREU RAMALLO |
| 9 | MANUEL TUR |
| 10 | ANDREU RAMALLO |
| 11 | GABRIEL CALDENTEY |
| 12 | ANDREU RAMALLO |
| 13 | MANUEL TUR |
| 14 | ANDREU RAMALLO |
| 15 | ANDREU RAMALLO |
| 16 | MANUEL TUR |
| 17 | ANDREU RAMALLO |
| 18 | MANUEL TUR |
| 19 | ANDREU RAMALLO |
| 20 | MANUEL TUR |
| 21 | ANDREU RAMALLO |
| 22 | ANDREU RAMALLO |
| 23 | MANUEL TUR |
| 24 | HWESTER FRANCISCA LUNA |
| 25 | ANDREU RAMALLO |
| 26 | ANDREU RAMALLO |
| 27 | MANUEL TUR |
| 28 | GABRIEL CALDENTEY |
| 29 | MANUEL TUR |
| 30 | HWESTER FRANCISCA LUNA |
| 31 | MANUEL TUR |
| 32 | GABRIEL CALDENTEY |
| Nachgetragenes Kapitel | SCHWESTER FRANCISCA LUNA |
| Nachwort | Xavier Pla – Blai Bonet und die Kinder des Bürgerkriegs |
Der Mensch ist wie das Meer:
Er dringt ein und wird durchdrungen, er denkt selbstständig und ist von seinem ätherischen Leben beeinflusst. Mit dem Menschen erhellt Gott die Schöpfung wie der Mond die Erde.
Blai Bonet
| 1 | MANUEL TUR |
Inmitten von Pinien- und Steineichenwäldern die flimmernde Landstraße, gesäumt von Olivenhainen und grauen Felsen zwischen grünen und schattigen Flecken. Das Olivgrün der Eichen, ein stumpfes, stilles Grün trockenen Laubs wie das Kaki der Uniformen der Soldaten. Neben dem Eichenwald ein langer, schmaler Sonnenstreifen, der farbige Kleckse über die Baumkronen tupft. Auf der anderen Seite, am Hang ein Wald, schwarz, ein einziger ungeteilter Schatten, davor ein Weg. Die Eichen, ein sparsames monochromes Grün, das wie eine Prozession den Berg hinabklettert und vor dem Grau des dicht zusammengerückten Ortes haltmacht, aus dem – ein weißer Fleck im Zentrum – die Kathedrale übergroß herausragt.
Die Landschaft, eben, rein, süßlich, bedächtig daliegend. Längliche, tiefschwarze Schatten einer Baumart, die ich nicht kenne, queren hier und dort die Äcker. Die Szenerie, sanft und wogend, wie das Meer.
Im Wechsel mit drückend heißer Luft verfinstern mal graue, mal weiße Wolken die Landschaft und das Blattwerk der Eichen. Im Westen mal diesiger Himmel, mal das Zartblau einer geöffneten Schwertmuschel am umspülten Strand. Dahinter tiefbleierner Nebel, wie aufgewirbelte Asche, wie Glasstaub, wie ätzende Flechte, wie rauer Sand, wie verkokelte Felsen.
Vor der Brüstung der Veranda – eine Galerie – wiegen grüne und bläulichgraue Schilfhalme ihre Ähren in anmutiger, unnützer Freiheit. Der Fensterrahmen, ein wie gemaltes Wogen der Schilfhalme, mit vorbeiziehenden Wolken über schwarzen, dichten, bergab prozessierenden Eichenwäldern.
Eine Hand liegt auf der Stirn, ich spüre, wie der übermäßige Schweiß an den Fingern klebt. Ich betrachte die glänzende, feuchte Hand. Dicke, sich sammelnde Tropfen, die auf die roten Ziegel der Fensterbank platschen.
„Adéu!“
Andreu Ramallo. Mit seinen ausgelaugten Gesichtszügen, der hervorstehenden Unterlippe und den tiefdunklen Augenhöhlen grüßt er, die Hand hebend.
„Manuel Tur.“
„Schwester.“
„Ein Brief.“
„Danke.“
„Ein Brief von zu Hause.“
Schwester Francisca Luna tritt bleich und scheu auf die Galerie hinaus, wo sie die Briefe verteilt, die Namen aufruft. Nervös und eilig, wie man Telegramme aufreißt, öffne ich den Umschlag. Das Papier raschelt.
5. März 1942
Lieber Bruder,
Wir haben deine beiden Briefe erhalten und du musst entschuldigen, dass wir dir nicht früher geantwortet haben. Es ist nicht so, dass wir nicht an dich denken, aber die Zeit rennt, der kleine Julian war krank, ein ständiges Hin und Her, weil er immerzu weint. Du wirst schon verstanden haben, dass dich Mutter diesen Donnerstag nicht im Sanatorium besuchen kann, weil sie mit Mateo Clar auf dem Feld arbeiten geht und man sie für die letzte Woche nicht bezahlt hat und die Fahrt zum Sanatorium fünfzig Peseten kostet. Sie sagt, du sollst dich nicht grämen, weil sie kommen wird, sobald sie kann. Wir wären gerne am Sonntag gekommen, weil wir es dir versprochen hatten, aber wir sind wegen des lieben Geldes zu Hause geblieben. Mittags aßen wir Mehl-Kroketten und Spinat und abends eine Orange und Pepe stritt sich mit Mutter, weil im Recreativo El Puente de Vaterló gezeigt wurde und er hinwollte und wir kein Geld hatten und seine Freunde kamen und fragten, warum er nicht mitkomme, und er nicht antwortete und sie dann abzogen.
Die neuen Stühle haben wir immer noch nicht, weil es nicht geht. Sie sollen 10 Duros kosten, das Stück, und das schaffen wir nicht, weil, du weißt schon, seit sie Vater im Krieg getötet haben, stecken wir in der Misere. Wenn sie wegen des Stroms kommen, beginnt Mutter zu weinen, weil sie nicht bezahlen kann und aussprechen muss, dass sie kein bisschen Geld besitzt, und der Einnehmer schreit sie dann an und Mutter bekommt dann du weißt schon was.
Gestern zerbrach der Verlobte von Magdalena noch einen Stuhl, als er sich draufsetzte, und wir schämten uns, sie sind so was von kaputt, sie halten nichts mehr aus.
Pepe nimmt jetzt Tricalcin und ist noch blasser und bockiger, weil ihm das Maisbrot nicht schmeckt, er wächst trotzdem und Don Onofre sagt, wenn er ins Sanatorium kommt, wird es ihm besser gehen, weil das Landleben sehr gut dafür ist.
Mama sagt, falls dir Brot übrig ist, dass du es nicht fortwirfst, sondern aufbewahrst und sie es nach Hause mitnimmt, auch wenn es trocken ist, sie legt es in Wasser und es wird weich und sie steckt es in den Ofen und es ist dann essbar.
Ich schreibe nicht weiter, weil Juanito schreit und im Bett liegt, er möchte nur, dass jemand vorbeikommt. Er beginnt schon alleine zu laufen und sagt Papa und Mama und ist schon ein Männlein, das schönste Kind der Welt. Wer sagte das nochmal?
Deine Mutter und Geschwister umarmen dich.
Apolonia Tur
Regungslos liege ich da, mit dem Papier in der Hand, und betrachte meine durch das transparente Leinen durchscheinenden Beine. Das helle Licht, das durch die geöffneten Fenster auf den Stoff fällt, lässt mich an den Kalk denken, auf den man die Toten legt, damit sie nicht aufquellen. Ich weiß nicht, warum mich das helle Licht an Kalk denken lässt. Eine seltsame Vorstellung. Dass wir alle hier halluziniert, entfleischt sind, als lägen wir alle auf Kalk und redeten und dächten und liebten ohne Unterschied, als ein einziger Mensch, der als ewig Todgeweihter teuflisches Zeug redet. Im Sanatorium zieht das Leben dahin, als rauchten wir Opium, ich am begierigsten, weil mich die brüchigen Stühle meiner Mutter nicht einschlafen lassen.
Es regnet heftig. Der Vorhang aus Regen – sein Geruch über der trockenen Erde – verdeckt das breite Feld und peitscht die Maulbeerbäume bei der Promenade. Das Schilf ist hinter dem Regen nicht mehr zu sehen. Im Spiegel über dem Waschbecken der zurückgeworfene Regen und die weißen Säulen der Veranda. Wie an jenem Abend, als Andreu Ramallo laut redend eine Sünde erfand und ich mir die Zunge blutig biss, um ihn nicht zu hören, der, nur weil er meinte, allein zu sein, mit schmutzigen Worten sündigte.
Jordi Mercader betritt mein Zimmer – sein Gesicht ist breit, hell, frei –, mit einer militärischen Geste stellt er sich stramm hin.
„Zu Ihren Diensten, Hauptmann!“
Jordis Augen strahlen gutherzig.
„Zweiter Offizier des Zerstörers Alhucemas zu Ihren Diensten.“
Jordi Mercader legt sich aufs Bett – wenn der kein Riese ist!
Meine Stimme:
„Aha, das Zweite …“
„Gefielen dir die Geheimnisse Kolumbiens, sag?“
„Ja …“
„Zugabe?“
„Okay. Zugabe.“
„Das zweite schmerzhafte Geheimnis offenbarte sich, als man Bonitico vierzig Peitschenhiebe verpasste und ihn von Kaschemme zu Kaschemme trug, als wäre er ein elender Pichler.“
| 2 | ANDREU RAMALLO |
Gestern, so um elf Uhr nachts, war ich zum ersten Mal im Leben Zeuge eines Todeskampfes. Ich rede von Justo Pastor, diesem klein gewachsenen, beschwerten Jungen aus Albacete mit seinem gelben Teint, den schwarzen Augen, aus deren violetter Tiefe die Ahnung, zu sterben, hervorschien.
Morgens ging ich in den Behandlungssaal. Die Stationsschwester unseres Pavillons spritzte mir Triom. Sie fand keine Vene und setzte mehrmals an. Ich spürte, wie sie mehrfach versuchte, die Nadel einzuführen. Sie schaute mich an, mit jenem zarten und ruhigen Ausdruck, den Frauen haben, wenn sie einem Neuzehnjährigen Schmerzen zufügen. Ich beobachtete die Zehnzentimeterkanüle, in der sich die Flüssigkeit rot färbte, weil ein Tropfen Blut eingesaugt wurde.
Nachdem mir die Schwester das Triom injiziert hatte, verließ sie den Raum, ich lief schnell zum Tisch, auf dem die Karteikarten lagen. Zittrig und mit aufgerissenen Augen blätterte ich: Antoni Gamundí, Jordi Planells, Manuel Tur, Jaume Galindo, Pedro Márquez, Andreu Ramallo: Blutsenkung, 85. Blutdruck, 8. Hämatiten, 2.500.500. Leukozyten, 1.200.000. Analyse des Auswurfs, drei rote Kreuze.
Mit Händen in den Taschen, melodielos pfeifend, wie ich das immer tue, wenn ich nervös bin, ging ich zur 5 rein. Das war Jordi Pastors Zimmer, es strömte diesen strengen, hier alltäglichen Geruch aus, den ich zuvor nie gekannt hatte, den Geruch des Todes, vermutlich.
Justo Pastor hatte auch drei rote Kreuze, eine zwecklose Monaldi, beidseitiger Lungenausfall mit Dauerhusten, der schon nicht mehr auf das Diosan ansprach.
„Wie geht’s, Justo?“
„Du siehst doch, ich halte den Jungen am Leben.“
„Du spielst mit dem Leben, pass auf!“
„Ja …“
„Was macht der Husten?“
„Schlimm. Diese Nacht bin ich zerplatzt.“
Er legte sich die Hand auf die Brust:
„Da wächst was.“
„Mist.“
„Ja, Mist. Sag mal, wie alt bist du?“
„Neunzehn. Und du?“
„Siebzehn. Ich habe noch nicht gehört, wie dein zweiter Nachname ist.“
„Meiner, Díez. Und deiner?“
„Alcàntara.“
„Seit einem Jahr bist du hier …“
„Das Problem ist …“
„Sprich es aus, welches Problem?“
„Noch ein kleiner Anfall und …“
„Denke nicht daran, hörst du.“
„Und der macht’s dann. Das ist die Wahrheit.“
„Lass es. Willst du es etwa?“
„Dann merkt man, dass man stirbt.“
„Lass das! Oder willst du es etwa?“
„In meinem Dorf fesselten sie einem schwindsüchtigen Irren die Hände.“
„Hör jetzt auf damit, klar!“
„Hast du Haare auf der Brust?“
„Einige.“
„Bei mir kommen sie auch.“
„Das müssen wir feiern.“
„Ich habe solche Ereignisse immer gefeiert. Das erste Mal, als es mir passierte, da war ich zwölf. Ich rannte zum Eiswagen. Um mir ein Eis zu kaufen. Zu zwei Peseten. Um das zu feiern. Du wirst das noch verstehen. Um es zu feiern.“
Justos Herz klopfte. Auf seinem olivgrünen Gesicht zeigte sich ein kreisrunder roter Fleck. Mit den glänzenden und harten Augen eines Tiers am Nachmittag schaute er mich an. Dann setzte ich mich zu ihm auf das Bett. Mit seiner heiseren Stimme sprach er weiter. Nur er. Als wolle er beichten, er, der nie im Bett beichten wollte und es im Salon tat, in einem Sessel sitzend, er auf der einen Seite der Jalousie und Pater Gabriel auf der anderen.
„Ramallo, ich werde verrückt, wenn ich weiter hier lebe. Manchmal gehe ich ins Bad und stehe lange nackt da, um mich im Spiegel anzuschauen, aber in Schuhen, als sagte ich Adéu zu mir, zu mir, hörst du. Du kannst dir nicht vorstellen, was es für mich bedeutet, mich im Spiegel zu sehen, in Schuhen. Ich glaube, ich muss sehr krank sein, wenn ich mich von außen so selbstverliebt anschaue. Als ich jünger war, ging ich mit einem Mädchen in einen Hühnerstall, sie war neun Jahre alt und hieß Magdalena. Eine steinerne Bank stand im Verschlag, dort, wo die Hühner ihre Eier legten. Ich hob das Mädchen auf die Bank. Auf ihren Rock legte ich eine große Margerite, eine von jenen wilden, die in den Opuntien wachsen. Du wirst mir nicht glauben. Aber ich sah dieses Bild mit verliebten Augen an. Und sie sprach meinen Namen aus. Ohne ein Lächeln. Und mir blieb nichts mehr als die Qual eines Jungen, der begreift, dass er nie wieder so unbesorgt wie früher spielen wird.“
Nachts weckte mich ein heftiges Läuten. Ein unaufhörliches Husten drang zu meinen Ohren. Ich sprang aus dem Bett, lief über den Flur, zog mir die Hosen auf dem Weg an. Ich schaute auf die automatische Anzeige. Es war die 5. Drinnen schien Licht. Ich öffnete die Tür. Bevor ich Justo sah, entdeckte ich sein Blut auf den Fliesen.
„Die Schwester kommt sofort, Justo. Bleib ruhig, Justo!“
Ich schaute von der Tür in den Flur, der fröstelnd in seinem grellgrauen Neonlicht dalag. Schwester Ester eilte durch die Stille der Galerie herbei.
„Justo hat blutigen Auswurf. Sehr stark.“
Ich trat wieder in die 5 ein. Blut schwappte aus Justo Pastors Spuckschüssel.
„Sei nicht nervös, Justo.“
Plötzlich griff Justo nach der Decke und dem Laken. Er schleuderte sie über den Spiegel am Waschbecken. Er trug keine Unterhose. Er stieß einen Schrei hervor – aus den Ohren und den Augen strömte Blut. Etwas davon traf mein Gesicht. Sein Kopf fiel zur Seite.
Agustí Alcàntara, seine Frau (Carmen Onaindia) und Jordi Agustí kamen herein. Sie wischten das Blut auf. Armer Justo! Sie wickelten ihn in eine Decke. Sie legten ihn auf die Rollbare, die für die Todkranken bestimmt war, wenn sie ihren ersten schwindsüchtigen Tag hatten. Die Plötzlichkeit und die Routine dieses Spektakels, unvergesslich, der lange Flur mit den Heizkörpern, die Begonie, das grelle Licht der Neonlampen und ich – in der Mitte dieses Flurs stehend, der Bare hinterher schauend, die sich leise entfernte. Und die übermenschliche Qual, als ich ihn nicht mehr sah und noch die Räder hörte, solche großen Reifen wie von Fahrrädern, sie waren schlecht gefettet («jetzt fährt er durch den Flur am Speisesaal, jetzt am Aushang mit dem Menü von morgen vorbei, hinaus, bis zur Leichenhalle, die neben den Beeten mit den Ranunkeln liegt»).
Am nächsten Tag ging ich in den Salon, um meiner Mutter einen Brief zu schreiben. Ein Bücherregal war auf den Schreibtisch montiert. Die Büglerinnen legten die Wäsche der Todkranken in die Regalböden, um sie später von dort einzusammeln. Solange ich mit dem Brief beschäftigt war, saß ich vor einem braunen, ausgeblichenen und viel zu gestärkten Hemd mit den Initialen J.P.A.
Während ich mich vom Tisch erhob, glitt ich mit einer Hand in das Hemd – Wie mag es Justo gehen? – und hielt es eine Weile fest.
„Hast du schon Haare auf der Brust?“
„Einige.“
„Ich auch.“
| 3 | SCHWESTER FRANCISCA LUNA |
Der Plätter des Bügeleisens auf dem quadratischen Tisch glänzt. Mein elektrisches Bügeleisen ist in die Jahre gekommen. Das Kabel ist ausgefranst. Es müsste ersetzt werden. Der Verwalter muss sich um all diese Dinge kümmern, wie zum Beispiel um die Heizungskessel.
Der Bezirksdirektor der Sanitat wird niemals an all das denken. Einmal im Monat kommt er hergefahren, in seinem Cadillac. Nicht einmal jeden Monat. Wenn der Bezirksdirektor kommt, zeigen sie ihm die Beete mit den Zinnien, mit den Rosen, die seltsam klingende Namen haben, den neuen Apparat für die Sektion von Adhäsionen. Alles, was einen schönen Schein hat. Alles, was weder an Schmerz noch an Blut erinnert.
Wenn sich der Bezirksdirektor ankündigt, schmeckt die Milch für die Kranken nach wirklicher Milch. Ist der Bezirksdirektor nicht angekündigt, wird die Milch für die Kranken und die für die unteren Angestellten – für Julià Puigserver, für Jordi Agustí und für Agustí Alcàntara – im selben Kessel abgekocht, in dem nachts die Sardinen frittiert werden. Die Milch, die für sie bestimmt ist, hat mehr Fisch- als Direktorengeschmack.
Alle Überkleider, die wir zu Gesicht bekommen, sind weiß, löchrig und verschlissen. Den ganzen Tag lang weiße Kleidung, wie jene, die Schwester Teresa Crous und ich auf dem Tisch vor uns haben. Seit einer Stunde beugen wir uns über den Tisch, eine Hand am Bügeleisen, die andere an der Wäsche, und reden kein Wort. Seit einer Stunde beugen wir uns über den Tisch. Nach einer Stunde des Schweigens sage ich:
„Seit einem Jahr ist Andreu Ramallo hier. In diesem ganzen Jahr hat er nicht mehr als zwei Hemden getragen. Die zwei Hemden von diesem Andreu Ramallo sind ein Elend. Seine Familie kommt ihn nicht besuchen. Anfangs besuchte ihn Don Eugeni Morell, der Geschäftsmann, und fuhr mit ihm in den Pinienwald. Später schloss sich Andreu Ramallo an den Besuchstagen im Klosett ein, weil er den Geschäftsmann aus seinem Dorf nicht mehr sehen wollte. Don Eugeni kam nicht mehr. Andreu Ramallo ist ein Verlassener, ein Junge, den es schmerzt, ein Gesicht wie ein Messer zu haben.“
Die Uhr – ticktack, ticktack – zieht die Stille im Bügelzimmer in die Länge. Ohne den Blick zu heben, stippt Teresa Crous die Finger in den Teller mit Wasser, der in der Mitte des Tisches steht. Sie befeuchtet die Wäsche. Ohne den Blick zu heben. Das Bügeleisen gleitet über die Ärmel des Hemdes und über der Wäsche stößt ein weißer Dampf empor, abrupt, wie das Schnauben der Pferde, im Winter, wenn der Tag anbricht.
Das Schweigen erzeugt einen fahlen Geschmack im Mund, als kaute ich hartes Brot. Ich sage:
„Die Tage vergehen und keine von uns bemerkt die Zeit. Zwei Jahre sind wir schon hier. Wir sind am selben Tag angekommen, mit demselben Zug. Ein Zug voll von singenden Soldaten.“
Die Wasserschale ist gelb. Mit ein paar schwungvollen grünen Pinselstrichen. Die Glasur der Schale ist gerissen.
„Teresa, du hattest die Hände auf den Knien gefaltet. Und hattest den Blick gesenkt, ich sah, wie sich deine Lippen bewegten, leise, wie die Lippen der Priester, wenn sie die Monstranz vor sich hertragen, bei den Dorfprozessionen.“
In einem steinernen Topf in der Ecke öffnet sich eine wohlriechende Malvenblüte.
„Als schautest du in dich hinein, als hättest du zuvor in dein Herz gesehen, hörte ich dich sagen: «Der Gedanke, dass das Zimmer, in dem ich leben werde, eine Zelle ist, lässt mich erschaudern.» Die Soldaten sangen Märsche und Kriegslieder, mit heiserer Stimme vom vielen Wein. Nach einigen Kriegsliedern hast du gesagt: «Für uns ist die Auferstehung des Fleisches eine entschiedene Sache, etwas Baldiges. Wir sind bloß Werkzeuge des Gebets. Das Leben unseres Fleisches da draußen ist jenen gewidmet, die nicht beten können. Unsere Buße ist nichts anderes, als mit dem Leib zu beten.» Danach hast du gelächelt. Als schämtest du dich, so voll des Mutes zu sein.“
Das Licht dringt gedämpft durch die geschlossene Fensterklappe und umschmeichelt die Wände, wo die Reinlichkeit wie leuchtender Kalk pulsiert.
„In den ersten Tagen gingen wir abends, nachdem die Arbeit im Krankenpavillon beendet war zurück in unseren Trakt, wie wir es heute tun werden. Du erinnerst dich an solche Dinge. Still schlüpften wir aus den Schürzen und weißen Roben, als ein Chor nahmen wir in unserem Herzen wieder die Natürlichkeit des Gebets an. Du sagtest: «Siehst du, nicht das Beten gibt Kraft, es ist die Kraft selbst.» Später, als wir das Abendessen beendet hatten und uns ausruhten, begannst du die Unterhaltung, mit solch warmer Stimme, so einzigartig, wie sie eine von uns immer nach dem Gebet hat. Du sagtest: «Wir müssen im Gebet vor Gott zur völligen Vergessenheit unserer selbst gelangen. Ich würde behaupten, dass diese Vergessenheit die perfekte Demut ist.»“
Teresa Crous hat schmale Lippen. Ihr Gesicht ist starr und gleicht einem gelben Stein. In ihrem schweigsamen Innern weint sie bitterlich.
„Die Oberin sprach zu mir, in ihrer Stimme, die von Alter und Verständnis zeugt, in jener bescheidenen Gewissheit, die Frauen besitzen, die vom Land kommen: «Sie müssen lange einkehren, Schwester Teresa, ich sage lange, weil ich täglich meine, denn für uns, die wir in ein Regelwerk eingeschlossen sind, ist die Beherrschung wichtiger als das Auflodern. Wir sind nicht hierhergekommen, um etwas zu tun, wir sind hergekommen, um geformt zu werden. So wie der Krug vom Töpfer geformt wird. Perfekt zu sein ist für uns nahezu unerreichbar. Die abgeschlossenen Klöster, die sich der Aufgabe verschrieben haben, die Einsamkeit des Menschen in der Einsamkeit einer Zelle zu besiegen, folgen einem ganz einfachen Weg der Perfektion: Das eigene Ich zu zerstören und über das Gebet in das Herz und die Arterien des mystischen Körpers der Kirche zu konvertieren. Nach dieser Pflicht kommt auf uns eine neue Aufgabe zu, unsere einzige Aufgabe: Im Namen Christi zu dienen. Aber niemals werden wir in seinem Namen Speisen und Getränke vollkommen genug austeilen, wenn wir nicht zuvor jene tiefe Demut angenommen haben, einfache Werkzeuge zu sein, die Speisen und Getränke austeilen. Wenn ihr nach dieser extremen Demut trachtet, werdet ihr niemals schwanken, schwanken werden lediglich eure Taten.» Du warst sprachlos, ohne menschliche Regung, in dich gekehrt, wie du immer bist, wenn du sagst, dass du das Holz für die Gemeinde zerkleinern willst und man dich des Gehorsams Willen zum Altar schickt, um die Lilien zu tauschen.“
Die Uhr – ticktack, ticktack – zerstört die Stille, diese umfassende Stille, die ich gerne beendet hätte mit der unendlichen Zärtlichkeit, mit der ich das Hemd von Justo Pasto faltete, der starb, als sich seine Kleidung im Bügelzimmer befand.
| 4 | MANUEL TUR |
Diese Huldigung des Blutes Christi, der Passion, Satans, dieses hastige Reden, als ob ich mich angesteckt hätte, dieser Zustand, wie eine lebende Leiche auszusehen, begann damals, es war in einem August.
Dies sind die Worte, die ich an Gott richte:
Herrgott, angefangen hat es im August. Der Himmel war wolkenverhangen. Der Wind wirbelte den Staub durch die Straßen. Es sah aus, als braute sich ein Sommersturm zusammen. Vater, der vom Dorf zurückkam, ging ins Haus und schloss wütend die Fenster. Die Fensterscheiben zitterten – und wir auch –, das ist die Wahrheit, denn Vater war sehr aufbrausend, er schrie Mutter ständig an, bis sie zu weinen begann. Danach ging er in die Taverne. Als es bei seiner Rückkehr im Haus mucksmäuschenstill war, fragte er, ob irgendwas vorgefallen sei. Mein Vater war ein bisschen so, wie Sommerstürme sind. Er ging in die Küche. Er sagte:
„Maria.“
„Ja?“
„Packe die wichtigste Wäsche. Nur den kleinen Koffer. Falls ihr fliehen müsst. Du und die Jungen. In die Stadt.“
„Was ist passiert?“
„Es ist Krieg. Sie bereiten sich vor, an Land zu gehen. Hier. Bei unserem Dorf. Fünf Dampfer sind es. Sie liegen vor der Küste. Man sieht sie. Vom Turm des Rathauses. Die Fliegerstaffel, die einen Beobachtungsposten auf dem Turm hat, gab gerade die Warnung raus. Im Dorf gibt es fast keine Munition.“
Vater, Mutter und ich standen in der Küche, ohne zu reden. Als warteten wir. Mein Vater nestelte an der Schirmmütze, die er vor sich hielt. Wir schauten ihn an und sahen, dass er Angst hatte.
Ich ging an das Fenster zur Straße, der Himmel war dunkel und die Straße grau wie das Meer bei Eintritt der Nacht. Männer in Hemdärmeln standen grüppchenweise in den Hauseingängen und tuschelten, die Hände in den Taschen. Ahnungslos wie immer hörten ihnen die Frauen zu, ungekämmt, entrückt und mit offenen Dekolletés, die ihre raue Unterwäsche erkennen ließen. Meine Hand ruhte auf dem Fenstergriff, noch unentschlossen, denn für mich glich die Straße dem Krieg, einer Kampfzone, wo mich – Peng! – eine Kugel zu Boden gehen lassen konnte, Arme und Beine auf grausige Weise von mir gestreckt. Ich trat hinaus auf die Straße. Vorsichtig. Wie ein Soldat. Als würde ich aus einem Schützengraben herauskriechen, für eine Mission auf Leben und Tod. Weit ging ich nicht. Bis zum Haus von Pau Inglada, einem Jungen meines Alters, der der Anführer unseres Camps war, das wir in einer Höhle außerhalb des Dorfes aufgeschlagen hatten.
Pau Inglada saß allein im Hof und hielt sich die Hände vors Gesicht. Er schluchzte leise, wie Menschen, die sich zum Weinen in eine Ecke zurückziehen. Ich sagte nichts, denn ich wusste nicht recht, was man sagt, wenn sich ein Junge, der im Camp der Anführer ist, in einer Ecke versteckt, um zu weinen. Ich streichelte ihn, am Hals. Wortlos. Als ob ich wüsste, weshalb er weinte. Für Jungen im Alter von neun Jahren gibt es nur Tränen und den Tod, unverfälscht und sachlich, wie ein Messer oder ein Baum. Neunjährige Jungen wissen nichts von weitreichenden, tiefen und rastlosen Gedanken.
Pau Inglada schaute zu mir hinauf. Erstmals begriff ich, dass ein weinender Junge einem Mann gleicht.
„Mein Vater ist fortgegangen, gestern Abend bei Sonnenuntergang. Er ist noch nicht zurück, ich beobachtete, wie … ich sah … ich sah, dass er sich die Pistole in die Hose steckte, die Astra in die Hosentasche steckte.“
Als Pau Inglada «die Astra» sagte, schaute er mich an, denn er hatte sie seinem Vater einmal entwendet und mit zum Camp gebracht und auf die Brust von Julià Ballester gerichtet, damit dieser ihm ein Artillerieabzeichen aushändige, das er in seiner Tasche hatte, denn Pau Inglada war der Anführer und besaß keine Orden und musste den Verschluss einer Gaseosa-Limonade tragen, den er an sein Hemd geklipst hatte.
Schon den ganzen Tag patrouillierte die Guardia Civil auf der Straße: Wagen wurden angehalten, Nummernschilder notiert. Ein seltenes Schauspiel für Pau Inglada und mich war das. Mir kam es so vor, ungelogen, als blockierten Don Silvestre, Don Casimiro, Don Matías und Don Pascual, die allesamt Freunde meines Vaters waren, die Straße, in der ich wohnte.
Die Männer auf den Schiffen landeten nicht an, nicht am Küstenstreifen vor meinem Dorf.
Gegen Abend, als Mutter das Holz, das Wasser und das Gemüse schon ins Haus getragen und Vater das Pferd getränkt hatte, überbrachten sie die Nachricht. Man hatte den Vater von Pau Inglada gefunden, tot, auf einem Haufen, mit zwei Kugeln im Genick und einer im Rücken. Die Nachricht wurde von zwei Freunden von Pau Ingladas Vater überbracht. Er hieß Mateu und war ein sanfter, ein heiterer Mensch, bis er starb. Als die Nacht am tiefsten war, brachten sie den Leichnam auf einer Bahre und von einer Decke verhüllt durch eine Hintertür ins Haus. Die Schweigsamkeit der Träger jagte mir genauso viel Angst ein wie der schwere Kopf, der unter dem Tuch hin und her wackelte. Pau Ingladas Mutter hatte ihr Taschentuch zu einem Ball geknüllt und biss hinein.
Die Träger stellten die Bahre auf dem Boden ab, enthüllten den Leichnam und schleuderten die Decke in die Ecke. Pau Ingladas Vater trug alte, blaugestreifte Hosen und ein kakifarbenes Hemd. Er war blass und seine Zähne waren zu erkennen. Die Träger knieten nieder und entkleideten den Leichnam. Pau Ingladas Vater war wenig behaart. Als sie ihm die Hosen auszogen, diese zunächst aufknöpften und am Fußende zogen, lernte ich die Macht des Todes kennen, denn ich sah, wie Pau Ingladas Vater sich nicht mit der Hand die Scham verhüllte, als man ihm die Hosen runterzog.
Die blutgetränkte Kleidung wurde in einen Verschlag am anderen Ende des Hofes abgelegt. Mein Vater, der bleich im Gesicht wie der Kalk an den Wänden gewesen war, trug sie später weiter.
Man schickte Pau Inglada und mich zusammen ins Bett, er weinte die ganze Nacht. Als wir morgens aufstanden, schien er mir schmaler, wie alle Jungen, nachdem sie verstanden haben, wie Kinder auf die Welt kommen.
Nach diesen Ereignissen hockten wir an den Sommerabenden in der Küche oder im Pferch, eingesperrt wie Verurteilte, als ob wir etwas auf unser Gewissen geladen hätten. Da uns niemand hat morden oder rauben sehen oder den guten Ruf anderer in den Schmutz ziehen, erhebe der sein Wort, der zu sagen wüsste, wessen wir uns zu schämen hätten.
Vater wollte nicht, dass wir hinausgehen und mit den Männern und Frauen unserer Straße gemeinsam die Frische der Nacht genießen. Wir standen mit allen gut. Die Frauen kamen zu uns, mittags wie spät abends, um sich einen Strauß Petersilie, ein Blatt Sellerie, eine Handvoll Salz zu borgen; die Männer kamen ständig, um meinen Vater nach Feuersteinen zu fragen, der ihnen antwortete – womit er recht hatte –, dass sie, wenn sie nur ein Fünkchen Verstand besäßen, soviel wie eine Erbse, zum Tabakhändler gingen, bei dem man zehn Feuersteine für zwei Pesten erhielt. Wie die Schweine schwitzten wir, verurteilt, die ganze Nacht im Pferch zu hocken, um bloß die Leute nicht zu sehen, die mit gefesselten Händen vor dem Bauch die Straße hinuntergetrieben wurden, wie sündige Priester. Man brachte sie vor das Dorf. Auf einen Weg zwischen zwei Feldern, der von hohen Mauern gesäumt war und wo überall diese großen stacheligen Pflanzen standen, die große gelbe, runde Blüten haben, die man Teufelsbälle nennt. In dieser Gasse zwang man die Männer, Rizinusöl zu trinken. Einen Liter oder anderthalb. Danach band man ihnen die Hosenbeine am unteren Ende zu und trieb sie mit patriotischen Liedern durch den Ort; sie aber hatten die Stimme verloren und weinten wie Weiber und konnten nicht laufen, weil sie in ihre Hosen gemacht hatten.
Nachdem ich diese Grausamkeit sah, diese Erniedrigung, bekam ich meine Krankheit.
Es passierte in einer Oktobernacht. Pau Inglada und ich hatten Wind davon bekommen, dass Männer vor der Mauer des Friedhofs erschossen werden sollten. Ein hagerer, junger Typ, der mit Strohdächern und Sandsäcken und mit Beuteln, die mit Johannisbrot und Grünzeug gefüllt waren, Unterstände gegen Bombenangriffe errichtete, hatte das erzählt. Die Nächte verbrachte meine Mutter im Haus von Pau Inglada, um der Witwe beizustehen, die verrückt zu werden drohte und irreredete. Mein Vater, der der Miliz angehörte, patrouillierte mit einer Mauser, die ihm der Sergeant der Guardia Civil gegeben hatte, an der Küste, und ich müsste ganz falsch liegen, wenn mein Vater wirklich gewusst hätte, was er mit einer Mauser anzustellen hätte, falls zwei Meter entfernt von ihm einer hinterm Busch hervorgesprungen wäre. Mein Vater war ein durch und durch unbeschriebenes Blatt und stand allen nur im Weg. Pau Inglada und ich schliefen zusammengekauert, es gefiel uns, dass man uns wie Erwachsene allein schlafen ließ. Er rauchte im Bett. Ich mochte Tabak nicht, aber ich rauchte, damit er nicht sagte, ich hätte nichts in der Hose.
In jener Nacht schlichen wir uns aus dem Haus. Wir sprangen über die Mauer auf die Straße. Als wir an der Scheune vorbeikamen, bemerkten wir das unruhige Pferd. Die Straße lag einsam da. Der Asphalt glänzte unter dem Licht der Sterne. Die Luft war still, die Bäume bewegungslos. Einzig der Duft der roten Erde, jener besondere Duft vertrockneten, staubigen Grases, das neben den Mauern verdorrt war, stieg empor. Wortlos durchquerten wir den Ort. Die Straßen waren menschenleer. Als wir den Ausgang des Dorfes und das Wegekreuz erreichten, das von Oleandern und krüppligen, staubbedeckten Kiefern überwuchert war, schauten wir uns lächelnd und ängstlich zugleich an, denn nun begann der Weg hinauf zum Friedhof, vor dem wir uns fürchteten.
Wir verließen die Straße, stapften direkt über die lehmigen Felder und verletzten uns an den harten Stoppeln. Der Duft der eng beieinanderstehenden Oleaster überlud uns mit Furcht, einer heimlichen Feigheit und Wortlosigkeit. Es war mühselig, über die rote und von der Sonne aufgebrochene Erde voranzukommen, wir wanderten hinter den Mauern, an den Brombeeren vorbei und über austreibenden, übelriechenden Spargel. Dieser seltsame Gestank der Felder war uns neu.
Der Friedhof lag neben der Straße und war etwa fünfzig Schritte von unserem Pfad entfernt. Die Strecke bis zur Friedhofsmauer war steinig und übersät von Affodill und Gestrüpp. Wir blieben auf der anderen Seite des Weges … und liefen durch einen kleinen Hain aus Steineichen mit dicken, alten Waldmeistersträuchern. Ein gutes Versteck. Wir krochen in einen der Sträucher. Er war dreimal höher als wir. Durch die Äste hindurch sahen wir die mondbeschienene Mauer und die schwarzen Zypressen, die sie etwa einen halben Meter überragten. Ebenfalls zu erkennen war der kleine Glockenturm der weiß gekalkten Kapelle.
„Pau.“
„Ja?“
„Wo bist du?“
„Hier.“
„Ich sehe dich nicht.“
„Die Nacht ist dunkel.“
„Sehr dunkel.“
„Es muss spät sein.“
„Ja.“
„Hast du Tabak dabei?“
„Ich habe vergessen, ihn einzustecken.“
„Du bist ein, eine Hure.“
Das Warten zog sich hin, wir verhielten uns still. Es wurde kein einziges Wort gewechselt. Bloß manchmal legten wir uns die Hand auf die Schulter. Nach einer Weile hörten wir den Motor eines Lastwagens. Als hätte man uns einen Stromschlag verabreicht, hielten wir uns die Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Pau Ingladas Hand streifte meinen Hals, ich weiß nicht, an was er beim Geräusch des Motors gedacht hatte, aber er gab mir einen schnellen Kuss auf die Stirn. Weil er sich nicht allein fühlte. Seine Hand war kalt und zitterte.
„Jetzt werden sie meinen Vater ein zweites Mal umbringen.“
Der Lastwagen hielt neben der Straße. Dass der Motor verstummte, war furchteinflößend. Die Stille war zum Zerreißen; wie ein gespanntes Seil. Das ganze Feld. Die Wagentür – Bam! – flog zu. Schritte, ihr Rascheln im Gras, Schuhe, die gegen Steine stießen. Im nächsten Moment gefror uns das Blut in den Adern. In einer Reihe liefen die Männer zur Mauer, heulend wie Esel, wie jaulende, rufende Esel. Zwei Uniformierte mit Gewehren über den Schultern hielten Laternen in der Hand, die für mäßiges Licht sorgten. Der Lastwagen gegenüber der Mauer schaltete die Scheinwerfer ein und tauchte die Mauer in grelles Licht. Man konnte die grünen Passionsblumen erkennen, die über die Mauer hingen. Die Uniformierten stellten die Laternen auf den Boden; sie nahmen den Männern die Fesseln ab. Die Männer streckten ihnen mit gebeugten Knien die Arme entgegen, als fielen sie zu Boden; sie plärrten, riefen durcheinander die Namen von Frauen und Männern. Jene männlichen Namen riefen sie anders, jaulender, wie Namen kleiner Jungen. Mit dem Kolben ihrer Gewehre stießen die Uniformierten sie näher auf die Wand zu. Dicht an dicht und mit dem Gesicht zur Wand stellten sich die Männer in einer Reihe auf und heulten wie Esel. Die Milizionäre feuerten mit ihren Maschinengewehren aus zwei Metern Entfernung. Die Erschossenen fielen auf den Rücken und blieben wie Puppen daliegen, mit ausgestreckten Armen. Dann waren kraftlose, stöhnende Laute zu hören. Ein Mann ging auf sie zu – Peng! Peng! Peng! –, woraufhin sich eine Totenstille über die Landschaft legte. Die Scheinwerfer des Lastwagens gingen aus und die Wand verschwand in der nachtschwarzen Dunkelheit, nur ein fahler Mondschein lag auf den Felsen. Ein Vogel sang in den Eichen. Und die duftenden Pinien bewegten sich, leicht hörbar und grün unter den Sternen.
„Manuel …“
Pau Inglada streckte mir die Hand entgegen, als wäre er mir gerade, mitten in der Nacht und nach langer Zeit erneut begegnet. Wir kehrten zum Dorf zurück, bedrückt vom Wissen, dass jener, der die Männer mit Schüssen niedergestreckt hatte, Julià Ballesters Vater war, Julià, den Pau Inglada mit der Astra seines Vaters bedroht hatte, damit dieser ihm das Artillerieabzeichen gab.
Dann, Herrgott, kam der Nachmittag des nächsten Tags – ein feiner, helllichter Nachmittag. Ein Nachmittag im Oktober. Nach der Schule brachte jeder seinen Ranzen nach Hause, um eiligst zur Höhle zu laufen, wo wir unser Camp hatten. Pau Inglada hatte die Astra seines Vaters dabei. Er hielt einen Luftballon mit einer Werbeaufschrift in der Hand, den seine Mutter in einem Textilgeschäft bekommen hatte, sowie ein Paket mit Sulfat und eine Literflasche, die mit Wasser gefüllt war. Auf halbem Wege drückte mir Pau Inglada alles in die Hand, was er trug, und rannte zurück. Als er etwa hundert Meter gerannt war, drehte er sich um und reckte die Hand in die Luft:
„Das Artillerieabzeichen. Ich hab’s vergessen.“
„Ah!“
Ich ging so langsam wie möglich, damit er mich einholen konnte. Er kam zurück, gehetzt, außer Atem. Die Hand auf seiner Brust sagte er:
„Puh! Ich kann nicht mehr. Ich hatte es vergessen.“
Und er deutete auf die abgewetzte Plakette voller Grünspan, das Artillerieabzeichen, das er sich links an die Brust geheftet hatte.
Die Höhle bestand aus einem großen, tiefen Gewölbe, das geräumiger als ein Haus war. In der Decke gab es eine Öffnung, durch die wie durch ein Bullauge Licht eindrang. Der Zugang zur Höhle war niedrig und nicht gerade weit, sodass der Einstieg nicht leicht war. Wir kletterten hinab und stützten uns an den schwarzen, riesigen und feuchten Felsen. In einer Ecke wuchs ein junger, grüner Feigenbaum mit großen Blättern. Wasser floss lautlos an den Felsen herab und da es – plopp, plopp, plopp – an einem Felsvorsprung tropfte, spürte man die etwas kühlere Luft im Innern der Höhle.
Auf dem Boden sitzend befüllten wir die Flasche mit dem Sulfat und schüttelten sie, zuerst ich, dann Pau Inglada. Bis das Sulfat aufgelöst war. Ich befestigte den Luftballon an einem Stein, der ein Loch hatte. Der Luftballon stieg auf, senkrecht wie eine große Blume.
Wir warteten auf Julià Ballester. Jeden Nachmittag, wenn er die Kühe zur öffentlichen Tränke brachte, kam er hierher. Julià Ballester, der gerade einmal zehn Jahre alt war, lief ihnen mit einem grünen Ast in der Hand, den er von einem Oleaster abgebrochen hatte, voraus. Die anderen Jungen lachten ihn aus, denn er rief: «Hierher, Clapada, oooouu, Pintora, eeeeh!» Und weil er die langen Hosen seines Bruders auftrug. Wenn er die Tiere zur Tränke führte, grüßte er die Passanten mit wedelnder Hand.
Als wir seine Schritte hörten, er duckte sich, um in die Höhle zu gelangen, wussten wir anhand des Lichtes, das durch die Öffnung fiel, dass bis zum Sonnenuntergang nicht mehr viel Zeit war.
„Ku-ku!“
Julià Ballester stieg die Felsen Stufe für Stufe hinab – seine dunkle Figur zeichnete sich gegen das helle Licht des Zugangs ab. Er stützte sich mit beiden Händen, links und rechts, auf die großen Felsbrocken. Mit ausgestreckten Armen kam er dann näher und suchte uns, nach uns ausschauend und rufend.
„Manuel?“
„Hui.“
„Pau?“
Das Wasser – plopp, plopp, plopp – tröpfelte im Sekundentakt von den Wänden auf die Felsen.
„Pau.“
Der junge und grüne Feigenbaum im Innern der Höhle war wie der Ursprung der frischen Luft.
„Wenn du nicht antworten willst, antworte nicht, Pau.“
Das Licht, das durch das Bullauge in die Höhle fiel, verbarg uns im Trugbild der Felsen und des saftigen Grüns, das von den feuchten Felsen herabhing.
Julià Ballester legte die Hand auf Pau Ingladas Schulter.
„Was ist mit dir?“
„Nimm deine Hand von mir, du Stück Scheiße!“
Es dauerte nur eine halbe Sekunde, kürzer als ein Flackern der Laterne, und Julià Ballester stürzte sich auf Pau Ingladas Hals. Pau Inglada hob einen Fuß und trat Julià Ballester mit dem Absatz seines Stiefels hart in die Leiste. Julià Ballester fiel auf den Rücken. Flink wie eine Katze warf sich Pau Inglada auf ihn, presste ein Knie gegen seinen Magen und würgte mit beiden Händen seinen Hals.
„Wo war dein Vater gestern Nacht?“
„Ich weiß es nicht. Was geht es dich an, wo mein Vater war? Mein Vater ist nicht wie deiner, den sie umbrachten, weil …“
Pau Inglada würgte mit aller Kraft und stemmte das Knie in Julià Ballesters Magen; er klammerte die Finger fest um seinen Hals und näherte sich seinem Gesicht.
„Ich werde dich umbringen. Hier in der Höhle.“
Julià Ballester war von kleiner Statur, aber mutig und weinte nicht. Sein Kopf war klein und er war flink wie eine Ratte. Mit zusammengebissenen Zähnen widerstand er der Umklammerung Pau Ingladas, wehrte sich mit Händen und Füßen und drehte seinen Kopf energisch von einer Seite zur anderen. Julià Ballesters Kopf war blauviolett angelaufen. Es sah aus, als wollten seine Augen herausschießen und an der Wand gegenüber zerplatzen. Als Pau Inglada nur kurz den Druck seines Knies und seiner Finger nachgab, wandte sich Julià Ballester flink wie eine Katze aus der Umklammerung und krallte seine Finger in Pau Ingladas Wangen. Julià Ballester spuckte einen Mundvoll Blut. Mit übermenschlicher Anstrengung befreite er sich und wälzte sich zur Seite. Das gab Pau Inglada die Gelegenheit, in seine Jacke zu greifen und die Pistole hervorzuziehen, um sie auf Julià Ballesters Brust zu drücken.
„Wie einen Hund! Wie einen Hund werde ich dich töten!“
Pau Ingladas Gesicht, Hände und Hemd waren blutverschmiert. Er sprach mit einer verzerrten Stimme, als hätte er einen Stein im Mund.
„Wie einen Hund.“
„Du tötest doch nur mit Worten. Dein Schwanz ist so winzig wie eine Dattel. Du bist wie die Hühner, rennst vor jedem Lärm, dem kleinsten Ping, davon.“
„Du trinkst jetzt das hier …“
Mit dem Kopf deutete er auf die Flasche mit dem Sulfat.
„Tollwütig wie ein Köter wirst du platzen. Weil dein Vater, gestern, fünf Männer abgeschlachtet hat. An der Mauer vom Friedhof. Mein Vater wird vom Himmel herunter deine Mutter umbringen. Schimmlig gelb wird er sie werden lassen. Er wird ihr das Gesicht abziehen, wie die Schlachter, die mit dem Messer die Knochen abschaben. Euer ganzes Haus wird verrotten, weil deine Mutter nicht mehr da sein wird. Und dein Vater wird verlassen sterben, in einer Ecke liegend, wie die Katzen, die liegengelassen auf den Feldern verenden.“
Pau Inglada griff nach der Flasche. Er legte die Astra auf den Boden. Langsam.
„Trink das. Alles. Ohne abzusetzen.“
Er drückte Julià Ballester den Flaschenhals an den Mund, sodass dieser mit zusammengebissenen Zähnen ein wenig schluckte. Dann geschah etwas Unerwartetes: Julià Ballester, der den Ausdruck eines Besiegten im Gesicht hatte, stieß mit dem Kopf in Pau Ingladas Bauch und griff nach seinem Kiefer. Mit aller Brutalität stieß er nach oben, als wollte er ihm den Kiefer brechen. Dann krallte er die Finger in Pau Ingladas Brust, in seine linke Brustwarze. Man hörte das Fleisch reißen, als zöge man mit einer Zange daran. Pau Inglada brüllte wie ein Schlachtvieh. Während er wie am Spieß schrie, sah ich, wie er verzweifelt versuchte, in seine Hosentasche zu greifen.
„Pau, neeein!“
Pau Inglada rammte Julià Ballester das Messer in den Hals, bis zum Griff.
In der Höhle spürte man einen kühlen Luftzug. Das Wasser – plopp, plopp, plopp – tröpfelte im Sekundentakt von den Wänden.
Ich rannte fort, zum Ausgang der Höhle. Die Sonne war längst untergegangen. Bevor ich in die kühle Abendluft hinaustrat, drehte ich mich um. Pau Inglada hatte die Hand auf die Haare des toten Julià Ballester gelegt und küsste seine Stirn. Kurz. Als schäme er sich. Die Landschaft war beinahe dunkel.
Ich rannte ins Dorf, ohne Halt zu machen. Nahe dem Tor, als ich die ersten Häuser erkannte, in denen schon das Licht eingeschaltet war, brach ich in Tränen aus.
Man trug Julià Ballester in sein Haus. Er war in ein Tuch gewickelt und lag auf dem Karren seines Vaters. Das ganze Dorf stand vor der Tür, leise redend und wartend, dass die Männer den Toten bringen. Die zwei in der Nacht zu den Feldern ausgeschickten Männer von der Guardia Civil fanden Pau Inglada nicht. Ganze Brigaden suchten ihn acht Tage lang und, obwohl sie jeden Meter und jeden Busch absuchten, fanden sie ihn nicht. Bis in die Nacht hinein waren Leute und Hunde auf den Feldern. Nach einer Woche entdeckten sie neben dem Brunnen von Jeroni Crous Fußspuren von Pau Inglada. Gleich neben seinen kleinen Fußabdrücken im Staub waren Spuren von Perlhühnern und Wachteln, die zum Trinken an die Schale unter der Pumpe kamen, zu sehen.
Die lange Leiter des Elektrizitätswerks wurde in den Brunnen hinabgelassen. Ein Mann aus Pau Ingladas Straße brachte ihn nach oben. Er trug ihn unter dem Arm.
Man legte den Leichnam auf einen Sack, den man auf die Erde geworfen hatte, die Sonne brannte. Man wartete auf den Staatsanwalt, die Guardia Civil, zwei weitere Polizisten aus dem Ort – alles für ihn, der noch ein Kind war … Eine Aasfliege kreiste um seine Augen. Sie zerstörte die bleierne Stille der Menschen, die sich beim Brunnen versammelt hatten und ihre Mützen in den Händen rotieren ließen. Der Pritschenwagen des Bestatters kam heran, ohne jeglichen Flor, staubbedeckt, wie er in der städtischen Garage gestanden hatte. Man steckte den Leichnam in einen langen Nitrat-Sack. Der Kopf schaute am oberen Ende heraus. Ein weiterer Sack, aus Leinen, wurde vom Kopf zu den Füßen darübergestülpt. Das Bündel wurde mit einem dünnen Strick vertäut und auf die Pritsche gelegt. Langsam nässte das Sackleinen durch. Es sah aus, als sei Pau Inglada noch nicht endgültig tot. Mit Äxten hauten einige Männer frische Äste aus den Büschen und warfen sie auf den Wagen, um den Sack zu verbergen. Es war mitten am Tag. Die Straße flimmerte unter der Sonne. Mit maximaler Geschwindigkeit raste das Auto durch den Ort, während tief in den Häusern die Löffel laut in die Teller stießen und die Leute des Dorfes sich gegenseitig anstarrten und aßen …
So, lieber Herrgott, begann mein Leben. Dies war mein erstes Land, dies waren meine ersten Wurzeln, dies wurde meine erste Bewusstheit. Erspart mir, Herr, Euer niederschmetterndes Urteil. Erinnert Euch, dass ich ein Kind des Krieges bin. Das eines Tages …
| 5 | GABRIEL CALDENTEY |
Ich trachtete nicht nach eigenem Wohlergehen, als ich mich für das Sanatorium und gegen eine Gemeinde entschied. Es wäre ehrlicher, zu sagen, dass ich mein Wohl zuletzt auch nicht fand. Eine anonyme Gemeinde, eine Gemeinde wie alle anderen, besitzt jene geschmierte, unzerbrechliche Routine einer Herde Viecher. Der Mensch der ländlichen Gemeinde ist iterativ und anhänglich wie Raben oder Fliegen. Es macht den Anschein, als sei er unbeweglich. Nur die Kirchenglocken zerren an ihm – wie jene einzige und kaputte Glocke, die wir im ersten Jahr meines Amtes so beherzt läuteten, dass sie uns fast zum Weinen brachte.
Nicht weil ich mich mit einem Priester aus einem Buch von Bernanos identifiziere, vermag ich über die Eintönigkeit des Alltags einer ländlichen Gemeinde zu reden, dessen Monotonie nicht einmal das tägliche Blut Christi zu verscheuchen weiß.
Während ich beim Kamin meines ersten Pfarrhauses saß und den Winter hinter den Fensterscheiben betrachtete, durchdachte ich die absolute Notwendigkeit der körperlichen Buße – selbstverständlich hat sich ein Diener Gottes die Haut mit einer Kette aufzureißen, sodass er sein Amt mit der angemessenen Inbrunst ausüben kann und die Gnade auf die abscheulichste Weise erhält. Danach schmerzte es mich, während der Messe die Arme auszubreiten, so sehr, dass mich der Schmerz an meine Mutter denken ließ und ich erkannte, dass die Monotonie nur durch Blut und Gebet überwunden werden kann.
In meinem ersten Pfarrhaus begriff ich endlich, dass Priesterschaft allein keine Karriere ist, für die Ausführung des Amtes sind Studien zwingend erforderlich. Ich besaß so viel priesterliche Erfahrung und wusste, dass die Monotonie der Gemeinde einer Nacht wie der in Getsemani schon sehr glich, samt den besten Gefährten, die eingeschlafen sind, dem reichlichen Blut auf der Bühne und dem allumfassenden und entsetzlichen Schweigen Gottes.
Im Seminar hätte man uns einen anderen Charakter einschärfen müssen, einen gewarnten und militanten, der uns das Amt hätte richtig annehmen lassen, nachdem wir so oft mit der Härte der Wirklichkeit Christi zusammengestoßen waren und uns vor dem grausamen Dilemma befunden hatten, zwischen der Gnade und der Hierarchie entscheiden zu müssen. Wo Gnade ist, ist Kirche.
Wir hätten diesen Charakter auf eine gewinnende Weise annehmen können, wenn die Studien der Kirchenfächer darin bestanden hätten, die Wahrheit, die in drögen Büchern niedergeschrieben wurde, zu leben und innerlich zu erfahren. Theologie zu studieren, ohne sie als lebendige Wirklichkeit auszuprobieren, ist absurd. Diese Absurdität ist die Quelle der Eintönigkeit in den ländlichen Gemeinden und ihrer Pfarrer.
Das Sanatorium ist der Gegenentwurf zur Eintönigkeit. Hier sündigt man auf die feine Weise, man sündigt und man redet über die Sünde, wie seinerzeit in der gehobenen Gesellschaft. In diesem Sanatorium sündigt man ausgeklügelt, nicht im Verborgenen, wie auf dem Lande. Die Insassen dieses Internats stammen aus bescheidenen Häusern. Der Komfort, die ganze Annehmlichkeit des Komplexes, die modernen Geräte, das uniformierte Personal vermitteln ihnen ein unbekanntes Gefühl des gehobenen Lebens. Sie sündigen mit Frivolität, mit dem Naturell dekadenter Menschen. Auf dem Brett in meiner Kabine sitzend lausche ich der Monotonie ihrer Sünden, die eilig und ruchlos ausgesprochen werden wollen, als ob das Wohlwollen Gottes und sein Tun von ihrer Schuld abhängen würde. Ich fordere sie nicht auf, nicht zu sündigen. Das wäre zu viel verlangt angesichts dieser tiefen Wurzeln des Bösen. Ich ersuche sie, gewahr zu werden, dass sie sündigen. Ihr Schweigen hinter dem Gitterfenster des Beichtstuhls, wenn ich auf sie einrede und sie bedränge, alles auszusprechen, zeigt mir, wie versteinert ihre Gleichgültigkeit ist. Allerdings spüre ich im Halbdunkel des Beichtstuhls, wenn ich den Stoff sehe, den ich über die löchrige Blechdose gezogen habe, in die sie ihre Sünden hineinsprechen, die Gewissensbisse meiner eigenen Angst, die Sünde in meiner Vorsicht. Meine Feigheit vor einer möglichen Ansteckung ist der Vorsehung Gottes unwürdig. Ich bin ungeeignet als sein Diener.
Sie kommen zu mir, erfüllt von Verachtung und getränkt mit Vernunft wie mustergültige Zöglinge des Französischen Gymnasiums.
Heute hatte ich kein Glück, als ich für Jaume Galindo eine Metapher erdachte, eine miserable Metapher. Ich sagte ihm, die Welt sei ein Fußballstadion und Christus der Ball (Ich bin ein miserabler Priester!), und dass die Menschen ihn sich auf skandalöse Weise, mit der Spitze ihrer Stiefel, zuspielten und nur der Torwart der perfekte Christ wäre, der ihn mit der Hand finge.
Jaume Galindo antwortete, dass der Torwart den Ball auffange, um ihn zurück ins Feld zu schießen, mit der Picke seines Stiefels.
In ihren Augen bleibt mir nichts anderes als für sie betend zu sterben und mein Gebet ihren zunehmenden Läsionen der Lunge anzugleichen. Ich beginne fast zu weinen, wenn ich die reine, duftende Nacht vor mir sehe, aufgespannt wie die Flügel eines Vogels in der Luft. Diese neue, seiende, wie Bäume im Frühling so durchlässige Nacht.
Kurz bevor sich die Dunkelheit der Nacht auf alles legt, flackert im Fenster der Schlussstein der Landstraße wie eine winzige Nacht, wie Kalk auf einer Wand auf. Mit dem Erzbischof in der Mitte, der die Hand auf seine Brust gelegt hat, sind wir vierzehn. Neben dem bischöflichen Thron – und neben mir – hat Ramon Duch die Hand auf die Kreuzblume des erzbischöflichen Stuhls gelegt. Ramon Duch, mein Gefährte im Patio und bei den Exkursionen, hat das Gesicht eines unverbrauchten, aseptischen, blassen Knabens, das Gesicht eines verbannten Engels. Auf dem Foto erkennt man, dass Ramon Duch prädestiniert war, die seidene Soutane zu tragen. Ramon Duch war weniger ein Mensch. Er verstand weder die Seele noch das Fleisch und schon gar nicht das Blut. Mehr als mit der Stille des Blutes Christi war Ramon Duch mit dem Kanonischen Recht und den synodalen Dekreten gewappnet. Er sagte nicht mehr Hosentaschen, sondern meinte die Tasche in der Soutane, jene Tasche in seiner tadellos sitzenden Soutane, die zusammen mit seinen Händen die Synthese zweier Jahrtausende Zivilisation war. Ich kann mich an das eine Mal erinnern, als ich ihn lachen sah; er wälzte sich zuckend auf dem Boden meiner Zelle. Das war während des ersten Theologiekurses und nachdem er sich das erste Mal seinen Schnauzbart rasiert hatte. Wir feierten das Ereignis auf meinem Zimmer, saßen auf dem Boden, auf der Truhe, auf dem Bett. Wir schenkten ihm einen Gilette-Rasierer, einen Pinsel und ein Stück Rasierseife. Später imitierte ich die Flötenstimme des Unterrichtspräfekten und erfand eine Lektion: «Die Dekadenz des Eselhaars in der Ästhetik des 20. Jahrhunderts.» Ich erinnere mich an die Soutane Ramon Duchs – die ganz staubig war von den Fliesen, die nicht sehr gut gereinigt waren. Nun, da ich mich in meine Kindheitstage zurücksehne – als meine Mutter mit einer Schale dampfender Milch in mein Zimmer trat –, knie ich nieder. Ich stütze meine Ellbogen auf das Bett und weine und spüre die leisen Tränen auf der Haut, denn mein Leben und das Blut Christi sind Verlorene in der Wüste … weil ich für die Dinge, die mir aufgetragen wurden, ungeeignet bin … weil ich keinen Impuls spüre, die unerhörte Kraft der Sünder zu hassen.
Was mir geblieben ist, ich darf den schwarzen, wärmenden Schal spüren, den ich um meinen Hals gelegt habe, ich darf in die Nacht des Pavillons und dieser Berge schauen, auf das Foto vom Ende des Studiums, auf das Kästlein auf dem Tisch, die sorgfältig gebügelten Taschentücher obenauf, mit der kleinen Spitze und dem Digital darin, falls die Krise beginnt, jene Krise, die ich erwarte.
| 6 | ANDREU RAMALLO |
Joan Mercader und ich verließen die Lungenstation. Mit aufgeknöpftem Kittel und Händen in den Hosentaschen durchquerte Joan Mercader pfeifend und hart mit den Absätzen auftretend den Saal. Er ist jemand, der selbstsicher geht. Wie ein Korporal des Pionierregiments. Er hat etwas von einem Soldaten, der Ausgang erhalten hat. Wie er den Saal der Lungenstation verlässt, den Gürtel offen (den Bauchnabel fast kindlich zur Schau gestellt), wie er sich nicht zur Wand dreht, wenn er seine Hose herunterlässt, um das Hemd einzustecken. Jordi Mercader, der kein Unterhemd trägt, wie er mit dem Gesicht zu uns, als stünde er allein auf einem Feld, sich sein Hemd überzieht, sich im Kreuz streckend das Hemd vorne in die Hose stopft und kurz seinen gelbhäutigen Bauch zeigt. Danach bindet er seinen Gürtel zu und ordnet geistesabwesend und souverän mit zwei sanften Griffen seinen Schritt – wie das ordnende Herumfuchteln eines Matadors nach acht einfachen pases.
Beim Öffnen der Aufzugstür wandte er sich zu mir.
„Du hast feuchte Augen, beinahe wärst du in Tränen ausgebrochen, als dich der Direktor fragte, welchen Beruf du hast.“
Ich antwortete:
„Weil ich noch nie gearbeitet habe, darum. In meinem Dorf – Du hast keine Ahnung, wie die Leute in einem Dorf ticken! – würden die Leute Mitleid mit mir haben, wenn sie mich in einer Schreinerei arbeiten sähen oder im Steinbruch, wenn sie sähen, wie ich eine Schubkarre durch den Ort placke, mit Zement oder mit Kalk bis oben hin, wenn sie mich als Gepäckjungen auf dem Bahnsteig sähen oder bei Joan Martí, dem Barbier – du hast keine Ahnung, wie Spott auf dem Lande klingt. Einer wie ich dürfte nur in der Verwaltung arbeiten oder in einer Bank. Aber weder im Rathaus noch in der Bank hätte man mich gewollt, weil ich nichts besaß und mir Eugeni, der Kaufmann, manchmal etwas gab und mich in seinem Auto ins Theater in der Stadt mitnahm und ihn die Leute wegen mir schon «La Verònica» nannten.“
Joan Mercader sagte:
„Wenn du aus dem Sanatorium rauskommst, wirst du wie wir alle irgendwo schaffen. Der Direktor hat gesagt, dass du bereits gesund genug bist für Arbeit. Wenn du nicht arbeitest, wirst du wie vorher den ganzen Tag die Hände in die Hosen stecken. Man muss immer was in den Händen haben, ob Holz, Steine, Kalk oder Brot. Aber wenn du den lieben langen Tag die Wärme deiner Hosentaschen suchst, kommst du erst mittags aus den Federn. Du wirst sehen, wie du wieder fett wirst und dann traurig. Irgendwann reißen deine Arterien, und das Blut wird so heftig aus dir herausschießen, dass es den Spiegel vollspritzt, wenn du einen Spiegel in deinem Zimmer zu Hause hast. Du wirst wie Justo enden, der das Betttuch über den Spiegel am Waschbecken warf, damit er sein Blut nicht sehen musste. Du musst einen Ausweg finden, Ramallo. Einen Ausweg, hast du gehört …“
„Ich habe die Lösung. Sie ist mir gestern eingefallen. Im Bett.“
Und während er die Hand auf meine Schulter legt und mich mit seinen hellen Augen anschaut:
„Verzeih, was ich dir gesagt habe, Ramallo.“
„Sei ruhig, du hast ja recht, Mann.“
| 7 | MANUEL TUR |
Was ich denke: Es ist kalt auf dem Klosett.
Was ich spüre: Wenig Lust, Wasser zu lassen, eine Nervosität, so etwas wie den Vorwand, das Bett zu verlassen.
Ich setze mich auf und stütze mich kräftig links und rechts mit beiden Händen auf die Matratze.
Ich schaue auf das gelbe Mosaik der Galerie, auf die weißen Säulen, die grüne Landschaft, mit den Zehen suche ich nach den Pantoffeln unter dem Bett.
Auf den Füßen stehend. Ich. Der Kopf dreht sich mir und ich suche das Gleichgewicht, während die Augen schwindelig kreisen.
Warum gehe ich zum Spiegel? Ich weiß es nicht … natürlich, weil er sauber ist und ich mich in der Reinlichkeit des Spiegels begrüßen möchte.
„Hallo!“
Die grüne Dose Profidén-Zahnpasta auf dem weißen Waschbecken liefert mir den Anlass, hinzugehen. Meine Lippen sind voll und rot, meine Ohren groß und weit abstehend. Ich habe einen kurzen Hals und meine Augen waren schon immer glasig und wässrig. Schon immer. Es ist drei Uhr. Wie immer. Ich höre das Röcheln meiner Luftröhre. Das Röcheln der Luftröhre spiegelt sich nicht im Glas. Weil der Spiegel wie das Glück ist: Er wirft nur das Bild zurück, nie die Wirklichkeit. Wie der wunderbare Lichtstrahl eines Leuchtturms, der niemals das Petroleum mitsendet, niemals den Docht, der weder die Augen des Leuchtturmwärters noch dessen Frau mitsendet.
Der Rand des Waschbeckens reicht mir bis zur Hüfte. Ich lege meine Traurigkeit auf das Waschbecken, das weiß ist und aus Stein. Eine Traurigkeit wie aus jenen Tagen in meiner Kindheit, als draußen Sommer war und ich daheimblieb, allein, und die Tür schloss, um Vaters Rasierer hervorzuholen und mir in der Küche den Schnauzbart zu rasieren, heimlich, und mich freute, den feinen Geruch der Rasierseife in der Nase zu haben. Danach stellte ich mich im Schlafzimmer meiner Eltern vor den großen, gefasten Spiegel und freute mich zu sehen, dass ich ein Mann wie die anderen bin, die sich zur Wand drehen, wenn sie sich entkleiden.
Ich stelle mich an die Tür zum Korridor. Mein Kopf – er fühlt sich schwer an – drückt auf die Schultern.
Hinter der geschlossenen Jalousie stehen die grünen Eukalyptusbäume, sie wiegen sich in der kühlen Morgenluft. Die Bergkette ist nicht zu sehen, aber man spürt ihre Nähe, so wie Rheumakranke das Wetter fühlen.
Die Urinale sind weiß und abgetrennt, durch kleine marmorne Trennwände, die so grau sind wie das Gesicht Ramon Duchs, des Priesters und früheren Mitschülers von Pater Gabriel. Er starb in der 15. Alle gingen hin, um ihn zu sehen, bevor ihn Agustí Alcàntara in die Leichenhalle brachte. Sein Gesicht war wie mit Asche bestreut, die überweit aufgerissenen Augen waren grün, und wo sich sonst Tränen sammeln, war ein schwarzer Faden seines Blutes. Wer in der 15 stirbt, hat meist ein gefrorenes starkes Grinsen im Gesicht. Seines war ein rundes Lachen, als sei es ihm nach einem Witz ins Gesicht gesprungen. Als hätte ihm der Witz des Lebens gefallen, als hätte er, der aus der 15, den Witz des Lebens verstanden, als stünden das Lachen und die blutige Träne für die Weisheit und die Scham der 15.
Ein langer Pfiff gellt in mein Ohr. Wie das Pfeifen eines Zuges. Ich lege die linke Hand oben auf die Trennwand, die Augen schielen in die Tiefe, als hätten Sie keine Lust zu sehen. Der Kopf reckt sich über den aufsteigenden Dunst, mit dem Gesicht zur Wand. Ich uriniere, Tropfen für Tropfen, als weinte ich.
Wenn ich die Hand von der Trennwand nähme, würde ich zusammenklappen. Wie ein Toter. Wie jemand, der umfällt und stirbt. Mich mit den Händen an der Wand abstützend könnte ich zurück bis zum Korridor gelangen. Die paar offenen Meter vom Waschraum rüber zu meiner Tür werde ich nicht schaffen. Ich stütze mich von Trennwand zu Trennwand und gelange an das Waschbecken der Wand gegenüber, der entferntesten Wand. Ich beuge meinen Kopf unter den kalten Wasserstrahl. Ich werde reagieren. Reagieren. Ich werde reagieren. Ich glaube an Gott. Ich glaube an Gott. Ich glaube an Gott. Eine Hand stütze ich auf das Waschbecken, denn trotz aller Vorsicht ist mir gerade eine Vene gerissen. Blut spritzt heraus. Heftig. Es spritzt gegen die gekalkte Wand. Es glänzt. Wie die Farbe auf den Werbetafeln, die nachts neben den Landstraßen aufleuchtet. Es schießt wieder hervor, diesmal ins Waschbecken. Ich kann nicht fort von hier, weil mich das Bluten hier festhält. Mit brutaler Kraft schießt es heraus. Wäre ich zu Hause, der Eimer wäre längst randvoll. Das Gesicht ist schweißnass und ich spüre – schon spüre ich – die Haut im Gesicht, wie sie sich strafft, wie ich austrockne, als wäre ich aushärtender Gips in einer Schale. Ich weine los, wie ein kleiner Junge, der sich verlaufen hat. Dann öffne ich die Augen. Der Stöpsel war im Ausguss und das Blut reicht im Waschbecken bis zur Hälfte. Ich ziehe an dem Kettchen, jetzt schließe ich die Augen – gluck, gluck, gluck –, als lauschte ich, wie einer meiner Freunde sein Leben aushaucht, ließe ihn kraft der Erinnerung nicht sterben und holte ihn mit all meinem Blut zurück.
Ich versuche zu schreien, aber ich öffne den Mund nur einen Spalt, wie Hühner, die in ihren Pferchen an der Sommerhitze ersticken.
Während ich mich mit der linken Hand am weißen, steinernen Waschbecken festkralle, schlage ich einige Male gegen die Wand, mit der Faust, mit den Knöcheln, gegen die Wand, mit dem Unterarm, gegen die Wand. Nach einer Weile begreife ich, dass die Wand die Wand des Waschraums ist, dass der Waschraum leer ist, dass es in diesem Waschraum nichts gibt außer dem sauberen, verständnisvollen, an der Wand hängenden Spiegel, während ich die Niederlage des Schuldlosen fühle.
Mutter, die du im Dorf geblieben bist, als du von der Fabrik heimgekehrt bist, abends, die Bluse und das Skapulier verschwitzt, hast du mich mit eingesunkenen, schwarzen Augen und mit ausgelaugtem, blassem Gesicht vorgefunden. Und während du mit der Hand durch mein Haar gefahren bist, hast du mich gefragt, was ich angestellt hätte, dass ich so totengleich aussehe. Ich habe auf die Fliesen des Patios gestarrt, mein Kopf von deinem Schatten verdeckt, und nicht bedacht, dass meine blutige Pubertät von dir abfließe wie jener bittere Schweiß, der aus deinen Achseln strömt. Für all das Salz, dass du auf unser Brot gestreut hast und für seine mit dem Kreuz gezeichnete Rinde, für all die Nachmittage, als wir am Ortsausgang Ausschau gehalten haben, weil wir in den Tagen nach dem Krieg kein Brot zum Kauen hatten, für die Brotscheiben, die es nicht gab, die du mir geschnitten hättest, für die zwei Brotscheiben, die so groß gewesen wären, wie Vaters Schuhe, flehe ich dich an, dass mir nicht wie Justo Pastor die Arterie platzt, denn dann brauchst du die gebügelte Wäsche nicht holen zu kommen, die nach meinem Leben hier liegen wird.
| 8 | ANDREU RAMALLO |
Heute Morgen bin ich nach dem Signal, das die Bettzeit beendet – der vorbeifahrende Zug ist das Signal –, auf die 38 gegangen.
Die 38 ist ein Zimmer für sechs: Esteve Padrón, Mateu Sureda, Jordi Rotger, Andreu Coll, Antoni Rosell und Jaume Galindo. Im Zimmer herrscht ein dicker, beißender Gestank. Die Luft stinkt nach schwefeligem Triom, reinem Alkohol, Schweiß und Kölnisch Wasser. Jaume Galindo lungert allein herum, seinen Kopf hat er auf die rechte Schulter gelegt. Die anderen sind auf der Galerie, halbnackt, nur den Kittel über den Pyjama geworfen. Mit rasierklingenscharfen Messern basteln sie wie Gefangene in einer Strafanstalt an filigranen Tabakdosen. Jaume Galindo, der seitlich auf dem Bett liegt, hat einen kleine Waschschüssel vor sich, eine grüne, saubere und mit Wasser gefüllte Schüssel.
„Wie geht’s, Galindo?“
„Hm … Du siehst doch.“
„War der Arzt schon da?“
„Ja.“
„Was hat er gesagt?“
„Dass sie mir, sobald es möglich ist, eine Thorakoplastik über neun Rippen verpassen müssen. Sobald es möglich ist.“
„Verdammt!“
„Dass ich es meiner Familie erklären soll, wenn sie mich besuchen kommt. Ich weiß schon nicht mehr, wie ich es ihnen beibringen soll.“
„Eine Plastik ist heute kein Problem mehr. Schau dir den Laborda an, den Martí, den Segú, die sind die Gesündesten des ganzen Pavillons. Ihre Tests waren negativ. Sie alle haben drei rote Kreuze … Sie hatten drei Kreuze schon vor mehr als einem Jahr.
„Die meisten von uns …“
„Ja?“
„Bei den meisten wird die Kaverne der Lunge vergrößert. Bei uns auch. Wir wissen, dass es uns umbringt und haben doch keine Wahl. Das ist wie eine Ekstase.“
„Weißt du, was mir aufgefallen ist?
„Was?“
„Wenn ich in die Kirche gehe, die heilige Kommunion empfangen, passiert mir genau das. Ich fühle mich wie ein neuer Mensch, als hätte ich eine Nacht lang durchschlafen können.“
„Mir hat ein Priester gesagt, dass man die Sünden des Fleisches mit dem Leben abbezahlt, solange man auf der Erde lebt. Das hat mich beeindruckt.“
„Das hat er gesagt?“
„Aber ja. Ich lag im Bett. Sechs Monate ist das her. Um Ostern herum. Die österliche Pflicht. Ich musste im Bett beichten.“
„Boah!“
„Eine Stunde etwas Horror. Nichts Außergewöhnliches eigentlich, aber er kommt in deinen Schlafraum; man küsst ihm die Hand; man müht sich, mehr oder weniger sympathisch rüberzukommen, weil man unbesorgt scheinen will, aber das schafft man nicht. Man fühlt, dass man es nicht schafft.“
„Ich könnte nicht im Bett beichten, was glaubst du?“
„Die ganze Schmach fällt auf die Familie zurück. Du weißt nicht, wie du es erklären sollst, aber … Die Familie geht hinaus, weil du beichtest. Man sieht hinterher, wie sie die Tür schließen. Sie warten im Eingang, schweigend, vermutlich mit überkreuzten Armen, und signalisieren den Frauen, die gerade vorbeikommen, mit Handzeichen durch die Fenster, dass ich hier hinten gerade beichte. Nachdem der Priester das Haus verlassen hat, herrscht zwischen einem und der Familie eine gewisse Anspannung. Jemand zieht den Stuhl, der beim Bett stand, etwas zur Seite, etwas langsamer als sonst … Man könnte sich daran gewöhnen, aber nicht, wenn die Familie zuschaut.“
„So was passiert mir auch, du. Vor allem mit meiner Mutter. Manchmal tritt sie in mein Zimmer, ohne zu wissen, dass ich dort bin und mich umziehe. Und wenn ich daran denke, dass sie mich nackt gesehen hat, meine staksigen Beine, hindert mich das den ganzen Tag daran, ihr in die Augen zu sehen. Weil man denkt – ohne zu wissen warum –, das letzte Mal, dass sie uns nackt sahen, war, als wir etwa acht gewesen sein dürften, und jetzt, wenn sie uns so hochgeschossen sehen, werden sie an all das Schlechte denken, das wir angestellt haben, seit sie uns das letzte Mal halfen, die Hose anzuziehen.“
Jaume Galindo hatte ein Säckchen mit Sand auf seiner linken Seite ruhen, gleich beim Schlüsselbein. Der Stoff dieses Säckchens war verschmutzt; siebenhundert Patienten dürften es für die Autokoagulation schon benutzt haben. Er hob es für einen Moment an («Dieser Sand beginnt doch schwer zu werden, du!») und legte es auf das Kissen. Ohne das Säckchen auf seinem Schlüsselbein sah Jaume Galindo nicht mehr so krank aus, er wirkte normaler, sympathischer, wie Militärs, wenn sie sich locker kleiden.
„Galindo.“
„Ja?“
„Hast du eine Verlobte in deinem Dorf?“
„Nein. Ich bin jetzt fünfundzwanzig und mit siebzehn war ich schon krank. Mädchen kamen mich besuchen. An Nachmittagen, im Sommer. Sie brachten mir Romane mit. Ich lieh ihnen meine Bücher. Nie hatte ich eine Verlobte. Ich bin immer allein ins Kino gegangen. Seit ich mich erinnern kann, vermisse ich solche Dinge.“
„Klingt nicht gut, du.“
Jaume Galindo legte sich das Säckchen wieder auf das Schlüsselbein. Er hatte roséfarbene Wangen, seine Ohren waren durchsichtig, die Lippen blass, die Haut darauf löste sich und er zog sie mit den Fingern ab. Wie beiläufig griff er mit einer Hand nach der Schale und legte die andere auf den Mund.
Die Hilfsschwester Carmen Onaindia kam, um die Schale zu leeren, dreimal bereits. Es war karmesinrotes, schimmerndes, warmes Blut, seines. Die Hilfsschwester leerte die Schale ins Waschbecken.
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