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Bernt Danielsson
Steff

Aus dem Schwedischen

von Regine Elsässer

Saga

1
Kabadasch!

Normalerweise wurde er unter schnorchelndem Protest gezwungen, sich aus dem Schlaf zu graben. Das fühlte sich dann so an, als ob er sich in einem dunklen, engen Tunnel befände und jemand ihm mit einem Schwert hinterhergekrochen käme und drohte, ihm den Hintern in Stücke zu schneiden, wenn er nicht weitergraben würde. Das machte er dann – er grub immer weiter, geriet immer mehr in Panik und konnte nicht begreifen, warum er nur mit einem so lächerlichen Plastikspaten ausgerüstet war.

Nach 150 schweißtreibenden Kilometern gab die Erdwand endlich nach, und da plumpste er mit einem Platsch in ein dunkles stinkendes Gewässer, schluckte viel zu viel Wasser und schwamm verzweifelt zur Oberfläche, während der Sauerstoff im Gehirn zur Neige ging.

Wenn der Kopf dann durch die Wasseroberfläche stieß, prustete er und schnappte nach Luft, bis er schließlich widerwillig einsehen mußte, daß es wieder einmal Morgen und er leider aufgewacht war.

So war es also normalerweise.

Aber jetzt machte es nur Kabadasch!, und er lag auf dem Rücken und war sehr wach. Er konnte sich nicht erinnern, schon jemals so schrecklich wach gewesen zu sein. Die Augen starrten geradewegs nach oben zu dem, was einmal eine weiße Decke gewesen war und inzwischen eine schmutzigcremiggraustaubige Farbe angenommen hatte. Aber er sah die Decke deutlich, und das mußte heißen, daß es nicht mehr Nacht war.

Warum war er aufgewacht?

‚Ich muß etwas gehört haben.‘

Was denn?

‚Keine Ahnung, aber ich glaube nicht, daß es etwas Angenehmes war. Es kann mein Fahrrad gewesen sein, also muß es etwas Unangenehmes sein.‘

Er lag still und lauschte mit angespannten Nerven und Muskeln. Er hörte nichts, auf jeden Fall nichts Ungewöhnliches: Der Wecker auf dem Schreibtisch tickte müde, sein Herz schlug heftig, das Bett quietschte und knarrte (was darauf schließen ließ, daß gewisse Körperteile sich trotz Befehl nicht still verhielten), der Kühlschrank in der Küche brummte wie immer, die Kühltruhe räusperte sich und stimmte mit ein, der Morgenverkehr brauste abgelegen auf der Tranebergsbron (er hörte den Verkehr eigentlich nicht, aber er war überzeugt davon, daß man es merken würde, wenn es ihn nicht gäbe), ein Flugzeug brummte in ungewöhnlich niedriger Höhe über das Haus (und in seiner Erinnerung lief im Schnellvorlauf das Video von der langen Flugreise Tokio hin und zurück; vierundzwanzig Stunden in einer Blechkiste, die in 35000 Fuß Höhe über Sibirien hinweggeschaukelt war; schrecklich), im Badezimmer gluckste der Umschalter für die Dusche, der Kaltwasserhahn am Waschbecken tropfte fröhlich vor sich hin, und der kaputte Schwimmer in der Klospülung lärmte ständig, jemand stand vor der Haustür und rüttelte an der Klinke, die Vögel zwitscherten frühlingshaft, obwohl es Anfang November war, die Blätter, die in einer Frostnacht vor einer Woche steifgefroren waren, klirrten im leisen Wind und –

‚Steht jemand vor der Tür und rüttelt an der Klinke?!‘

Er setzte sich auf und blinzelte zum Wecker – halb neun.

‚Da kann es auf jeden Fall weder der Briefträger noch ein unangenehmer Behördenbürokrat sein‘, dachte er einigermaßen erleichtert. ‚Um die Zeit sitzen die beim Kaffee und reden dummes Zeug auf Kosten des Steuerzahlers.‘

Als dann heftig an die Haustür im Erdgeschoß gedonnert wurde, war er, gelinde gesagt, ein wenig beunruhigt, denn nach den Faustschlägen zu urteilen, mußten sie von einem bodygebuildeten, zwei Meter großen, schrankähnlichen Muskelpaket stammen.

‚Bestimmt so ein Verrückter, von denen es in amerikanischen Gefängnissen nur so wimmelt. Auf jeden Fall im Fernsehen. Oft sind es auch noch Schwarze, und dann haben sie meistens so eklige Tätowierungen auf ihren anabolika-mißgebildeten Oberarmen.‘

Er schauderte vor Unbehagen und zog zitternd die Unterhose an. Mit nervösen, fahrigen Bewegungen durchwühlte er einen halben Meter hohen Berg mit Kleidern auf einem Stuhl am Fenster und fand schließlich zuunterst eine schwarze, zerknitterte Baumwollhose. Während er sie anzog, hörte er, daß es vor dem Schlafzimmerfenster raschelte, schlurfte und prasselte. Es klang, als ob jemand direkt durch den verwachsenen Jasminbusch trampeln würde. Seit zehn Jahren schaute er ihn jeden Herbst an und dachte, daß man ihn vielleicht ein bißchen zurückschneiden könnte.

Dann klang es, als ob der Vandale mit schweren Militärstiefeln Größe 46 geradewegs in das Beet steigen und seinen mühsam gezogenen Thymianstrauch kurz und klein treten würde.

Er lief zum Fenster und zog vorsichtig die Gardine zur Seite, um in den Garten schauen und den psychopathischen Mörder einschätzen zu können – um dann zu entscheiden, was er machen sollte, entweder wütend werden und fluchen oder aus dem Küchenfenster springen.

Er sah aber nur dichten, milchigen Nebel, der wie eine große, wuschelig weiße Katze über dem Garten lag.

Er wollte gerade mit einem Ruck den Hosenstall zumachen, als der Hooligan wütend gegen das Fenster schlug.

‚Das gesunkene Ausbildungsniveau in diesem Lande kann einem allmählich Angst machen, es wird geradezu lebensgefährlich, wie soll das bloß enden, wenn die Leute nicht mal mehr Warnschilder lesen können?‘ Er holte tief Luft, machte den Hosenknopf zu, atmete aus und konnte förmlich hören, wie der schwarze Faden unter der Belastung stöhnte.

‚Vielleicht brauche ich ein größeres Schild? Mit deutlicheren Buchstaben? Ein einfach zu lesendes Schild. Mit klaren, kurzen Sätzen, das sogar ein halbblinder Schimpanse mit minimaler Begabung begreifen würde.

Aber vielleicht sieht man es nicht, wenn es so nebelig ist? Ich hätte mir so ein selbstleuchtendes Teil leisten sollen.‘

Er fand das T-Shirt ganz oben auf dem Bücherregal, es hatte sich über alle Bücherrücken zwischen den Buchstaben B und D drapiert. Er sprang hoch, erwischte es an einem Ärmel und zog es runter.

Eine neuerliche Faustattacke ließ die Scheiben unten im Wohnzimmer klirren.

Nachdem er eine Weile überlegt hatte, ob er seine neuen Timberland-Tractor-Schuhe anziehen sollte, um fixoflotto abhauen zu können (er bewahrte seine Schuhe immer im Schlafzimmerschrank im ersten Stock auf, um im Katastrophenfall schnell ausrücken zu können), entschied er sich doch für die Chinapantoffeln, die er in Japan gekauft hatte.

Er stürmte schweren Schrittes aus dem Schlafzimmer, hoffend, daß es ordentlich polterte und so den Eindruck erweckte, daß der Verursacher groß, um nicht zu sagen gigantisch war und außerdem undefinierbare Tätowierungen auf seinem muskulösen Bizeps hatte.

„Ja, ja, immer mit der Ruhe, verdammt!“ brüllte er und wollte eigentlich eine erschreckend tiefe Stimme hervorbringen, sie sollte durch den Flur dröhnen, schicksalsschwanger die Treppe hinabkollern und wie ein Donnerschlag in den Ohren des Eindringlings detonieren.

Es gelang leider nicht, was daher kam, daß seine Stimme noch nicht aufgewacht war – sie hatte normalerweise das beneidenswerte Privileg, noch eine Stunde länger schlafen zu dürfen, wenn alle anderen schon hatten aufstehen müssen.

Als sie jetzt überrumpelt wurde und plötzlich den Befehl bekam, unter Hochdruck zu arbeiten, war das Ergebnis eher ein krächzendpiepsiges Jaulen. Er fluchte in Gedanken vor sich hin, räusperte sich und versuchte es noch einmal.

„Wart einen Moment! Ich lege bloß noch die Hunde an die Kette und schalte den elektromagnetischen Stolperdraht aus!“ brüllte er und trampelte die Treppe runter.

Die Stimme klang zweifellos ein bißchen besser, aber er fragte sich doch, ob er nicht ein wenig übertrieben hatte, auf jeden Fall hörte das Klopfen auf. Er stürmte ins Wohnzimmer, starrte durch das Fenster und glaubte zu sehen, wie eine undeutliche Gestalt von den Gazebinden des Nebels verschluckt wurde.

‚Gazebinden des Nebels? War es nicht eben noch eine wuschelige Katze gewesen? Ja, ja, aber ist vielleicht auch egal.‘

Er gähnte mit so weit aufgerissenem Mund, daß es in den Ohren knackte und das Gehirn sprudelte wie eine Vitamintablette in einem Glas Wasser.

‚Der wahnsinnige Psychopath ist anscheinend wieder gegangen – wunderbar.‘

Seine immer noch halb schlafenden Gedanken schüttelten die Kissen auf, streckten sich und gähnten. Dann überredeten sie ihn, wieder hinaufzugehen und sich noch einmal hinzulegen.

Da klopfte es wieder an die Tür.

‚Es gibt doch Trollos, die nicht aufgeben.‘

Er machte die Innentür auf, fummelte die zwei Sicherheitsketten los, drückte die unsinnig kleinen Knöpfe des Kombinationsschlosses, drehte den Schlüssel im Sicherheitsschloß zweimal, schloß nacheinander das normale und das BKS-Schloß auf und machte dann die Tür mit einem Ruck auf.

Wenn es wirklich ein wahnsinniger Psychopath war, der da draußen im milchigen Nebel vor der Haustür stand, dann war es ein ausgesprochen kleiner, und außerdem hatte sie große, wunderschöne Augen, die in jeden Walt-Disney-Film gepaßt hätten.

‚Das ganze Mädchen hätte übrigens ...‘

Was?

‚... in jeden Disney-Film gepaßt. Wenn sie in Hollywood aufgewachsen wäre und die richtigen Eltern mit den richtigen Kontakten gehabt hätte, dann hätte sie mit vier ihre erste Filmrolle bekommen und wäre heute stinking rich und hätte unzählige Abtreibungen hinter sich, wäre unheilbar kokainsüchtig und würde übers Liften nachdenken.

Sie sieht aus wie dreiundzwanzig, ich schätze sie also auf neunzehn, aber es würde mich auch nicht wundern, wenn sie sechzehn wäre.‘

Sie hatte lange, dunkle Haare, lässig zusammengefaßt in einem schwanzähnlichen Ding, das ihr über die eine Schulter hing. Sie trug schwarze, enge Hosen und eine schwarze Jeansjacke, die viel zu groß aussah, die Ärmel waren ein paarmal hochgekrempelt, und trotzdem konnte man ihre Finger kaum sehen.

Er bemerkte, daß die Innenseite des Jackenkragens weiß war, was er ausgesprochen dumm fand, weil das die einzige Stelle an einer Jacke ist, die wirklich dreckig wird. ‚Wahrscheinlich ist die Absicht, daß man bald eine neue kaufen muß‘, dachte er. Unter der Jacke trug sie ein hellblaues Jeanshemd mit nietenähnlichen Metallknöpfen.

Er starrte sie mit offenem Mund an. Gleichzeitig kniff er mehrmals die Augen zusammen, weil er den vagen Verdacht hatte, immer noch zu schlafen und alles nur im Traum zu erleben.

Sie ihrerseits starrte ihn mit ihren großen Augen an. Ihr erster Gedanke war, auf dem Absatz kehrtzumachen und doch in die Schule zu gehen.

‚Was habe ich hier zu schaffen?‘ dachte sie. ‚Was für eine abgedrehte Idee. Und wahrscheinlich ist das Schild nur Bluff – er sieht nicht die Bohne zuverlässig aus.‘

Er war sehr groß – verglichen mit ihr jedenfalls. Die dunklen, lockigen, zerzausten Haare standen ab, das Kinn und das Stück zwischen Oberlippe und Nase war dunkel umschattet von Bartstoppeln, die Backen waren ‚naja, nicht direkt fett, aber irgendwie rundlich. Man kann wirklich nicht behaupten, daß er gut aussieht – schön ist er wirklich nicht, aber man kann auch nicht behaupten, daß er häßlich ist. Oder vielleicht doch?‘

Er hatte ein schrecklich zerknittertes, viel zu großes T-Shirt an, der Saum am Halsausschnitt war an mehreren Stellen aufgegangen, und es war auch nicht sonderlich sauber. Seine Arme waren dünn und weißlich bis zu den Ellbogen, die Unterarme hatten auf jeden Fall irgendwann einmal ein bißchen Sonne abgekriegt. Es würde sie nicht wundern, wenn er einen richtigen Bierbauch hätte, den er unter weiten Hemden und solchen flattrigen T-Shirts zu verstecken versuchte, genau wie ihr Vater.

Er sah überhaupt nicht so aus, wie sie es sich vorgestellt hatte, außerdem war der Hosenstall seiner schwarzen ausgebeulten Hose offen.

Als sie es bemerkt hatte, starrte sie wohl besonders in diese Richtung, denn er schaute auch hinunter, und seine linke Hand löste sich mit einem Ruck vom Türpfosten und schien auf den offenen Hosenstall zu zielen, änderte dann aber schnell die Richtung und zauste statt dessen in den Haaren.

Er schaute wieder hoch und verzog den Mund zu einem merkwürdigen Lächeln.

Er sah richtig dumm aus.

„Sind Sie – bist du der ...“, stotterte sie und war erstaunt, daß ihre Stimme so unnormal und verwirrt klang.

Das war die Stimme sonst nie, sie selbst übrigens auch nicht – oder auf jeden Fall sehr selten –, aber jetzt war sie es. Sie kam sich vor wie ein Baby, und außerdem wurde ihr auch noch heiß um die Wangen, kurz – sie wurde rot!

‚Was für eine Katastrophe. Warum werde ich rot? So was von lächerlich.‘

Sie senkte den Blick, um sich zu konzentrieren, aber da entdeckte sie seine schwarzen Chinapantoffeln. Sie hatten beide Löcher, ganz vorne am großen Zeh schaute das ehemals weiße Futter durch große, ausgefranste Löcher, und sie glaubte, die Nägel seiner großen Zehen zu sehen, was ihr merkwürdigerweise Übelkeit bereitete. Wirklich merkwürdig – ihr wurde sogar richtig schwindlig.

Um sich und ihre Augen zu trösten, warf sie einen schnellen Blick auf ihre neuen wildledernen Jodphur-Stiefeletten, und stellte ein weiteres Mal fest, daß sie wirklich sehr schön, supercool und jede einzelne Krone wert waren.

Sie holte tief Luft und schaute schnell hoch.

„Bist du, bist du T-Th-Theodor Bach?“ preßte sie hervor und spürte, wie eine saugende, spiralige Welle durch ihren Körper schwappte und alles schwarz wurde.

2
Ritsch!

Doch, es war wirklich Theodor Bach, der in der Tür stand und, gelinde gesagt, erstaunt war. Noch nie war jemand direkt vor seinen Augen ohnmächtig geworden, und er fand es ein wenig theatralisch.

‚Okay, ich seh morgens vielleicht nicht richtig taufrisch aus, aber deswegen ohnmächtig werden?‘ dachte er, als ihre Lider flatterten und die großen Pupillen verschwanden. ‚Oder vielleicht hat meine Erscheinung einen solchen Eindruck auf sie gemacht, daß ihre Gemütsbewegungen sie überwältigt haben?‘

Ihr Körper sank wie in einstudierter Zeitlupe zu Boden.

‚Vielleicht ist sie Schauspielerin.‘

Theodor wollte sie auffangen, wie er es schon so oft bei den Schönlingen auf den Videos gesehen hatte, aber die rechte Hand kam nicht vom Türgriff los, und die linke war immer noch intensiv damit beschäftigt, die Kopfhaut zu kratzen und über die peinliche Erinnerung an den Hosenstall hinwegzukommen. Die Folge war, daß ihr bewußtloser Körper direkt auf ihn zufiel, und obwohl sie als Ursache sehr klein war, gelang es ihr doch, eine große Wirkung zu entfalten.

Theodor Bach fiel nicht in Zeitlupe.

Er stürzte wie ein 500-Kilo-Elch an einem nebligen Herbstmorgen irgendwo in einem Sumpf droben in der norrländischen Wildnis und landete mit einem prachtvollen Donnern auf dem Holzboden der Eingangshalle. Gleichzeitig hatte er merkwürdigerweise das Gefühl, das Geräusch von zerbrechendem Glas zu hören – es klang ungefähr so, als ob jemand weit weg eine Glasschale auf den Boden fallen ließe. Aber die Gehörabteilung dachte nicht weiter darüber nach, weil Theodor nämlich in dem Moment einen seiner alten Holzschuhe in den Rücken bekam, direkt rechts oberhalb der Taille. Er war fest davon überzeugt, daß da eine von seinen Nieren saß, und sehr richtig, es tat weh. Der Gedanke, daß er sterben müßte, fing an, penetrant in seinem Gehirn zu blinken wie ein defektes Neonschild vor einem schäbigen Hotelzimmer.

‚Es gibt Schlimmeres‘, murmelten die Gedanken, als die Nase mit großem Einfühlungsvermögen berichtete, daß ihre Wangen wie ein friedlicher Sommermorgen am Meer dufteten. Ein Bündel Nervenenden und Sinnesfühler, das immer noch im Bademantel herumschlurfte, meldete, daß es, auch wenn sie schwerer war, als sie aussah, keineswegs ein unangenehmes Gewicht war, ‚ganz im Gegenteil, es ist ein weicher, durchtrainierter, perfekt proportionierter und warmer Körper, der auf uns liegt. Ausgesprochen angenehm, ja, um nicht zu sagen ...‘

‚Ihr verdammten Schweinigel.‘

Er versuchte, sich zu bewegen, und war sehr dankbar, daß der Sturz und die Kollision mit dem Holzschuh ihn nicht zum Invaliden gemacht hatten. Er holte die Hände hervor und versuchte, den weichen Körper beiseite zu schieben.

Das war gar nicht so leicht.

Er grunzte und fluchte, schwieg dann jedoch plötzlich, als er ihre rotschwarzschimmernden Haare ins Gesicht bekam, ein großer Teil blieb ihm an den Lippen kleben, und als er Luft holte, wurden sie in seinen halboffenen Mund gezogen, was ihn zum Spucken und Schnauben brachte (und jetzt klang er wirklich wie ein Elch).

Die Haare waren rot und schwarz, eigentlich vor allem schwarz, aber wenn das Licht auf eine ganz bestimmte Art drauffiel (und das tat es nun gerade), schimmerten sie in dunkelroten Schattierungen.

‚Das schmeckt ausgesprochen komisch. Schmeckt überhaupt nicht so gut, wie es riecht. Es schmeckt sogar ein bißchen so, wie heißer Essig riecht – metallisch und so scharf, daß einem fast die Luft wegbleibt und man meint, Asthma zu kriegen. Nicht, daß ich schon mal Asthma gehabt hätte, aber so stelle ich es mir auf jeden Fall vor –‘

Ja, ja. On with the show:

Theodor Bach lag auf dem Boden und hatte ein Teenie auf sich liegen. Und sein Hosenstall war immer noch offen.

‚Du meine Güte, stell dir vor, wenn so eine griesgrämige, moralinsaure Lehrerin vom Gymnasium drüben in Bromma uns so sehen würde?! Was das für Folgen hätte!‘

Er holte angsterfüllt Luft, schob den reglosen Körper beiseite. Dabei paßte er besonders gut auf, daß es ja nicht so aussah, als würde er sie begrapschen. Er stöhnte und stand auf. Als erstes versuchte er, den Hosenstall zuzumachen, aber der Reißverschluß hatte sich verklemmt. Als er versuchte, das winzige Ziehdingens loszukriegen, fiel sein Blick auf seine großen Zehen, die durch die Löcher in den Chinapantoffeln guckten.

‚Ich sollte mir öfter die Nägel schneiden‘, dachte er kummervoll. ‚Dann würden nämlich die Pantoffeln ein bißchen länger halten. Aber das gehört zu den Sachen, die man irgendwie vergißt. Geht es anderen Leuten auch so?‘

Er gab den Versuch, seinen Hosenstall zuzumachen, auf, ebenso die Überlegungen betreffs des Fußnägelschneidens. Er schaute zur Tür hinaus. Er konnte nicht mal die unterste Treppenstufe sehen. Es muß der schlimmste Nebel seit Lützen sein. Auch wenn die Lehrerinnenziege auf dem Dach der Schule gestanden hätte und mit einem Infrarot-Laser-Fernglas ausgerüstet gewesen wäre, hätte sie nicht in seinen Eingang schauen können.

‚Da war es also ganz unnötig – ich meine, da hätte ich doch ... Verflucht noch mal ...‘

Er machte die Tür zu und schaute auf ...

‚Das Mädchen? Den Teenie? Die junge Dame? Was sagt man denn? Es ist einfacher, wenn man weiß, wie jemand heißt. Alles wird dann viel einfacher.‘

Er ging mit einem Seufzer in die Hocke. Sie lag unbeweglich da und atmete ruhig und gleichmäßig. Es sah richtig gemütlich aus. Als ob sie schlafen würde.

‚Wenn man doch bloß den Mut hätte. Was kann sie bloß von mir wollen?‘ Er schaute sie eine ganze Weile an. ‚Sie sieht richtig gut aus. A real beauty, in fact. Sie ist bestimmt der Meinung, daß die fein modellierte und entschiedene Nase viel zu groß ist, aber ich würde Gott weiß was für so eine Nase geben; na, das wäre in ihren Augen bestimmt kein Kompliment.‘

Er beugte sich vor und studierte ihr Gesicht aus verschiedenen Blickwinkeln. ‚Hmm.‘ Er nickte zufrieden. ‚Auch nicht zu viel Make-up-Geschmiere. Genau richtig.‘ Immer noch in der Hocke, rutschte er wie ein Frosch um sie herum. ‚Und schau mal, was für tolle Schuhe. Oder Boots, so heißen die vielleicht. Sie haben Riemen um die Fesseln mit ganz kleinen Metallschnallen. Sieht sehr kompliziert aus. Kein Schuhe von der Sorte, in die man hineinsteigt, wenn man im Katastrophenfall schnell ausrücken muß. Ich glaube, solche Stiefel heißen Jodphurs. Keine Ahnung, warum. Komisches Wort. Ich muß es mal im Wörterbuch nachschlagen.‘ Er hob den einen Fuß und schaute auf die Sohle. ‚Fünfunddreißig! Ja verdammt. Sie hat sie noch nicht oft getragen, das steht fest. Sie sehen total neu aus und waren bestimmt scheißteuer.‘

Er lehnte sich ein wenig zurück und schaute sie blinzelnd an, mit der linken Hand formte er vor dem linken Auge eine Kameralinse (so wie es Regisseure manchmal im Fernsehen machen) und zoomte langsam ihr Gesicht heran. ‚Und die drei kleinen Pickel auf dem Kinn erkennt man nur bei einer Nahaufnahme, aber man sieht, daß sie versucht hat, sie auszudrücken. So ein Dummerchen, sie sollte doch wissen, daß sie davon nur schlimmer werden. Mhmm, wirklich ein richtig delikater kleiner Braten.‘

Was?

‚Ja, ja – ein richtig süßes Geschöpf, von mir aus.‘

Er bemerkte neben ihr auf dem Boden eine schwarze Ledertasche und versuchte, sie hochzuheben, aber zu seiner Überraschung hing sie fest.

‚Wieso sitzt die denn fest?‘

Wahrscheinlich weil es eine Schultertasche ist.

„Das erklärt überhaupt noch nicht, daß sie festsitzt!“ knurrte er ärgerlich und zog daran.

Der Schulterriemen liegt vielleicht immer noch über ihrer Schulter, und dann ist es ja kein Wunder, wenn sie so mit dem Arm daliegt.

‚Ähm ... naja, schon wahr. Genau. So wird es sein.‘ Mit überraschender Vorsicht hob er ihren rechten Arm. ‚Was für Handgelenke. Hast du das gesehen? So schmal! Guck mal, mein Zeigefinger reicht ja fast bis zur Daumenwurzel, wenn ich sie so halte. Daß die nicht abbrechen?‘

Er löste die dünnen Lederriemen von der Schulter, nahm die Tasche und setzte sich mit einem Ruck auf den Boden, ein Stück von ihr entfernt. Er versicherte sich mit einem raschen Blick in ihr Gesicht, daß sie immer noch ohnmächtig war, zog eine Grimasse, die deutlich ausdrückte, daß er die Luft anhielt in der Hoffnung, daß es nicht allzu viel Lärm machen würde, wenn er den Reißverschluß aufzog.

Es war eine ausgesprochen vorhersehbare Tasche. Es war in der Tat ein Klischee.

‚Ein Klischee?‘

Ja, wenn man sie aufgemacht hat, ist sie genau wie ein Klischee, das; -s, -s <franz.> 1. Druck-, Bildstock. 2. Abklatsch, abgegriffene Redensart.

‚Ja, sie ist ziemlich abgetragen. Sie muß sich mal eine neue kaufen. Die fällt schon fast auseinander, guck mal, das Leder ist an der Seite richtig abgeblättert, und die Nähte am Griff gehen auf.‘

Innen herrschte das totale Chaos: zerfledderte Schulbücher, zusammengeknüllte Papiertaschentücher, alte Kinokarten, Lippenstifte, ein sehr schmutziger Schreibblock DIN A5, kleine runde, flache Plastikdöschen, die sicher etwas mit Make-up zu tun hatten, abgebrochene Haarnadeln, viel durchsichtiges Zellophan, das von Zigarettenpäckchen zu stammen schien, ein paar Kaugummipäckchen mit jeweils einem oder zwei Kaugummis drin, ein Schlüsselbund, einige billige Tintenkulis, in denen schon seit Jahren keine Tinte mehr war, fünf weiße, fingerdicke, daumenlange, zylindrisch geformte Dinger, in Plastik eingepackt und mit einem knallroten Band in der Mitte (er verstand überhaupt nicht, was es war, tippte auf eine Süßigkeit, vielleicht auch Kaugummi, und nahm eins davon neugierig in die Hand, legte es dann aber sehr schnell mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck zurück), ein abgebrochenes Lineal, zwei Fläschchen Nagellack usw. usw.

Mit anderen Worten, es sah genau so aus, wie es immer in Mädchentaschen aussieht, wenn sie in Büchern, Filmen oder Comics vorkommen – die Tasche war also ein Klischee.

Mitten in dem Chaos bemerkte Theodor ein pfeilförmiges, kleines metallenes Etwas, das ihn so erstaunte, daß er es herausnahm und genau betrachtete. Er hatte so etwas noch nie gesehen, obwohl es ihn an etwas erinnerte. Es bestand aus zwei etwa fünf Zentimeter langen, sich verjüngenden Metallstangen, die an einem Ende miteinander verbunden und sanft gegeneinander gebogen waren, so daß sie sich am anderen Ende wieder berührten.

Auf dem einen war noch ein schmaleres, kleineres Metallding. Er machte es los und stellte fest, daß man es drehen konnte und daß dann die gebogene Seite in die andere Richtung zeigte (also nach oben) (oder nach unten), und da wußte er plötzlich, was es war – ein Nagelschneider, aber wirklich der kleinste Nagelschneider, den er je gesehen hatte.

‚Kann man vielleicht mal gebrauchen‘, dachte er und lehnte sich ein wenig zur Seite, damit er ihn in die Hosentasche stecken konnte.

Er fand noch eine Geldbörse und eine Buskarte in einem Innenfach, das mit einem Reißverschluß verschlossen war und auf dem ein Schildchen mit Name und Adresse klebte.

Stephanie Lecksell.

Na prima, jetzt haben wir wenigstens einen Namen für sie. Stephanie.

‚Mit ph wie in Alphorn ...‘

Aber es ist doch ein hübscher Name? Stephanie.

‚Vielleicht ein bißchen zu lang. Und schwer auszusprechen. Ich glaube, ich werde sie Steff nennen. Viel flotter und kürzer, paßt viel besser zu ihr.‘

Die Adresse sagte ihm nichts. Er schaute noch einmal die Buskarte an und fand unter dem Foto (sie sah sich ähnlich, obwohl sie auf dem Foto natürlich die Augen offen hatte) die Personennummer mit Geburtsdatum, aus dem hervorging, daß sie sechzehn war und in sechs Wochen siebzehn würde.

‚Hab ich es nicht gleich gesagt. Only sixteen. Ja verdammt. Sechzehn Jahre.‘

Er hielt die Buskarte vor ihr Gesicht und nahm sie wieder weg – er machte es immer wieder und immer schneller.

‚Guck mal, wenn man es ganz schnell macht und die Augen zukneift, dann sieht es fast so aus, als ob unser sechzehnjähriges Dornröschen blinzelt, als ob sie aufwachen würde. She’s only sixteen. Ja verdammt ... Aber man ist keinen Tag älter, als man sich fühlt, oder wie sagen die solariumgerösteten Weiber in ihren Jogginganzügen immer. Aber ich war mindestens fünfundvierzig als ich sechzehn war, denn damals fühlte ich mich richtig alt, das weiß ich noch genau. Ich hatte das Gefühl, alles ist sinnlos, und ich war felsenfest davon überzeugt, daß ich mir das Leben nehmen würde, wenn nicht ein Big Radical Change einträfe und das Leben in Schwung brächte. Also deshalb fühle ich mich jetzt auch irgendwie wie ein Sechzehnjähriger, gewissermaßen ...‘

Er legte die Buskarte beiseite, aber sein Blick ruhte immer noch auf der bewußtlosen Stephanie Lecksell.

‚Tatsache ist, daß ich nichts mehr mit einer Sechzehnjährigen zu tun hatte seit ... ja, seit ich siebzehn war. Ich weiß nicht einmal mehr, wie sie hieß, ich weiß nur noch, daß sie einem Mädchen sehr ähnlich sah, das ich viele Jahre später mal im Playboy gesehen habe – ich weiß allerdings immer noch, wie sie aussah –, die im Playboy, meine ich. Sie trug auf einem der Bilder einen Hut mit breiter Krempe. Mhmm ... ich war damals ziemlich scharf auf diese Sechzehnjährige, obwohl sie ziemlich anstrengend war und ständig „hard to get“ spielte. Ich mußte sie dauernd bedrängen, obwohl sie natürlich wollte. Ob die Sechzehnjährigen heute wohl immer noch so sind wie damals? Wenn ja, dann schläft sie hoffentlich noch lange.‘

Er machte die halbrunde lederne Geldbörse auf. Sie hatte auf einer Seite ein unglaublich kitschiges Reliefbild von einer zuckersüßen Alpenlandschaft. Es waren drin: ein Hunderter, ein paar einzelne Kronen und ein Kronkorken. Ein Kronkorken? Er holte ihn heraus. Doch, es war ein ganz normaler Coca-Cola-Flaschen-Kronkorken. Er zuckte mit den Schultern und ließ ihn wieder fallen.

‚Hundertvier Kronen und ein Kronkorken‘, dachte er enttäuscht. ‚Aber naja, für ein paar Bierchen würde es reichen ...‘

Nach einer intensiv und heftig geführten internen Diskussion über Moral und Ethik brachte er schließlich die Hände dazu, die Geldbörse wieder zuzumachen, und steckte sie zusammen mit der Buskarte wieder in das Seitenfach.

Sie kann ja wohl nicht ewig hier auf dem zugigen Holzboden liegen?

‚Nein, genau.‘

Er stand auf, stöhnte ein bißchen dabei, dachte daran, daß er vielleicht doch versuchen sollte, wieder mit The Gymnastics anzufangen. Er kam allmählich aus dem Training. Es war bestimmt vier Jahre her, daß er zehn Liegestütz gemacht hatte und zwei Runden durch den Garten gejoggt war, und das hatte ihn ziemlich angestrengt.

Er war völlig am Ende gewesen, um ehrlich zu sein – er hatte bestimmt einen Monat lang in Bauch und Oberschenkeln Muskelkater gehabt.

‚Oder vielleicht sollte ich einfach ein bißchen weniger essen und nicht so viel Bier trinken? Das funktioniert vielleicht genausogut. Es ist so verdammt öde, Liegestütz und Kniebeugen zu machen und draußen in der Natur herumzukeuchen wie ein Hirsch.‘

Hirsch? Elch, das schon eher.

‚Tss!‘ schnaubte er und beugte sich unter lautem Keuchen und Stöhnen hinunter.

Theodor wird in der nächsten Zeit unglaublich oft keuchen und stöhnen, das ist sicher. Wenn man es jedesmal festhalten und erwähnen wollte, würde das ein richtiger Ziegelstein von Buch werden.

Nach einigen tiefen Atemzügen und übertriebenem Gejammer von Seiten der Rückenpartie, gelang es ihm schließlich, Stephanie Lecksell hochzuheben und sie zu dem abgewetzten alten Ledersofa mitten im Wohnzimmer zu tragen.

Es war nicht sehr weit, aber trotzdem jaulten die Armmuskeln mehrmals, daß sie bis zum Bersten voll mit Milchsäure seien.

Und obwohl es keine zwei Minuten dauerte, sie über die Schwelle und zum Sofa zu tragen, konnten die Gedanken doch eine ganz erstaunliche Menge von Dingen denken: zum Beispiel, daß das Leben doch grausam war. Es hatte sich verdammt noch mal nie die Gelegenheit geboten, eine ohnmächtige sechzehnjährige Schönheit zu tragen, als er es dringend gebraucht hätte – vor zirka zwanzig Jahren; zum Beispiel, daß er seinen Hosenstall zumachen würde, sobald er sie hingelegt hatte; zum Beispiel, daß es vielleicht doch kein so schlechter Gedanke war, wieder mit Training und Joggen anzufangen; zum Beispiel, daß er mit Leichtigkeit selbst eine Tochter von sechzehn oder sogar noch älter haben könnte (‚Mein Gott! Stell dir mal vor, Vater von so etwas zu sein?! Was für eine Verantwortung! Und was das kosten würde!‘). Und was zum Teufel will Stephanie Lecksell von Theodor Bach?

Die Gedanken schafften es sogar noch, in die Erinnerungsabteilung hinunterzulaufen und in ein paar staubigen Kartons mit der Aufschrift The Teens herumzuwühlen. Theodors Gedanken waren total begeistert davon, englisch-amerikanische Ausdrücke zu verwenden, sie fanden, sie machten das Dasein irgendwie fetziger.

Nach einem kurzen Blick in The-Teens-Erinnerungen gaben die Gedanken allerdings zu, daß die englischen Ausdrücke in diesem Fall nichts auch nur ein bißchen fetziger machten. Sie verstauten die Kartons ganz schnell wieder, schlossen die Türen ab und wiederholten statt dessen die letzten Notizen, diesmal allerdings auf videoamerikanisch:

„What the fuck could fucking Stephanie Lecksell want fucking Theodor Bach?“

Er kannte niemanden, der Lecksell hieß, hatte auch nie jemanden gekannt, sie konnte also kaum die Tochter irgendeines dummdreisten Klassenkameraden sein. Und das war immerhin etwas, es hätte sonst ziemlich peinlich werden können. Oder – der Gedanke tauchte unerwartet und heftig auf, ungefähr wie eine blauschwarzglänzende Ölfontäne aus einem Bohrturm, den schon alle Ölscheichs aufgegeben hatten – könnte es sein, daß sie eine Lady in Distress war? Aber war sie nicht ein bißchen sehr jung dafür?

Aber, aber – die Zeiten hatten sich geändert, die Welt war kleiner geworden, und alles ging heute viel schneller als früher, schon von Geburt an wurden die Kinder mit Informationen überflutet und mit Geräuschen und Bildern, und vielleicht entwickelten sie sich auch schneller, das Sexdebut fand viel früher statt (isn’t it shocking?), Dreizehnjährige waren dreimal im Monat betrunken. Das haben sie jedenfalls neulich abends im Fernsehen mit vor Ernst zitternder Stimme gesagt, und er hatte vor ein paar Tagen in einer Zeitung die Meldung gelesen, ein Lehrer habe festgestellt, daß ein Fünfzehnjähriger heroinabhängig war. ‚What is the world coming to? Teenager sind mit anderen Worten nicht mehr so wie Teenager früher waren, nicht?‘ Deshalb war sie vielleicht doch A Young Lady in Distress.

Aber andererseits hatte sie bloß einen Hunderter in der Geldbörse, das reichte ja nicht mal für eine superkurze Beratung, es sei denn, er bekäme ihn schwarz ...

Er beugte sich über das Sofa, um sie sehr vorsichtig hinzulegen, aber plötzlich schlug sie die Lider auf und starrte ihm direkt in die Augen, und da bekam er solche Angst, daß seine Arme sie einfach fallen ließen, so schnell sie nur konnten.

Sie landete mit einem Plumps auf dem Sofa, schlug sich den Kopf an der Armlehne an und rutschte halb auf den Boden.

„Verdammt noch eins, hast du mich erschreckt!“ rief Theodor aus und blieb wie versteinert über sie gebeugt stehen.

Seine Arme waren immer noch ausgestreckt, und Stephanie fand, daß es so aussah, als ob er sie erwürgen wollte, wie Frankenstein ungefähr.

„Was zum Teufel machst du denn?!?!“ schrie sie, setzte sich schnell auf, starrte ihn mit aufgerissenen Augen an und versuchte gleichzeitig mit Hilfe der Hände, rückwärts über die Armlehne zu klettern.

Geschmeidig wie eine Katze glitt sie auf den Boden neben eine Wolldecke, die sie sah, ohne sie zu sehen – sie war sich jedenfalls nicht bewußt, daß sie sie sah, aber ein Trupp Zapfen, die sich The Yellow Taps nannten und am liebsten am Rande des Gelben Flecks im linken Auge arbeiteten, weil sie ausgesprochen gerne Dinge sahen, die die anderen Zapfen auf der Netzhaut oft gar nicht bemerkten, sahen sie sofort.

‚Guck mal, da liegt eine Wolldecke! Sieht aus wie eine richtig warme und kuschelige Wolldecke.‘ Aber die anderen Millionen Zapfen im innersten Kreis des Gelben Flecks schrien:

‚Wir haben jetzt keine Zeit für solche Einzelheiten, kommt lieber hierher und helft mit!‘ Sie stellten die Schärfe ein, um abzuschätzen, wie weit es wohin war und wie Stephanie am schnellsten davonlaufen konnte.

„Ich wollte dich doch nur hinlegen“, sagte Theodor Bach ärgerlich, zuckte mit den Schultern und ließ die Arme hängen.

„Und warum, wenn ich fragen darf?!“ fragte Stephanie, und es gelang ihr, die Stimme verächtlich, andeutungsvoll und scharf wie einen Peitschenhieb klingen zu lassen.

Sie war ziemlich zufrieden damit, aber dann fiel ihr ein, was passiert war: Sie war rot angelaufen, ihr war schwindelig geworden und – sie war ohnmächtig geworden. ‚Das kann doch wohl nicht wahr sein. Das ist mir ja noch nie passiert.‘

„Weil du ohnmächtig geworden bist, versteht sich. Als du – ähm, mich gesehen hast. Und ich ...“

„Wo ist meine Tasche?!“

„Draußen ...“

Ohne den Blick von ihm zu lassen, ging sie schnell hinaus in die Halle, hob die Tasche auf und schob mit einer gekonnten Bewegung den Schulterriemen über die rechte Schulter. Dann stellte sie sich in die Tür zum Wohnzimmer, lehnte sich an den Türpfosten und versuchte, cool auszusehen. Das war nicht so leicht, ging aber ein bißchen besser, nachdem sie einen Blick auf ihre neuen Wildleder-Jodphurs geworfen und festgestellt hatte, daß die auf jeden Fall supercool aussahen.

Theodor stand immer noch beim Sofa und folgte ihr mit dem Blick. Er kam allmählich über den Schock hinweg, der allerdings wurde durch eine gewisse Verärgerung ersetzt:

„Wenn du vielleicht die Güte haben könntest mir zu sagen, warum du verflucht noch mal versucht hast, hier einzubrechen!“ schrie er und blitzte sie an.

Stephanie fand es richtig anstrengend, wie er sie so anstarrte, und deshalb wandte sie ihren Blick ab und ließ ihn im Zimmer umherschweifen. Der stellte rasch fest, daß es groß und länglich war und ziemlich kahl aussah. Sie war einmal über das Wort „spartanisch“ gestolpert, und wenn sie es richtig verstanden hatte, dann wäre es der passende Ausdruck, um ein solches Zimmer zu beschreiben.

An der hinteren Schmalseite stand ein riesiger schwarzer Fernseher, so ein Großbildfernseher, wie sie ihn bisher nur in der Werbung und in Schaufenstern gesehen hatte.

Mitten im Zimmer auf dem teppichlosen Parkettfußboden stand ein Chesterfieldsofa neben einem kleinen runden Tisch. ‚Man hat zwar schon abgewetzte Sofas gesehen, aber das hier schießt den Vogel ab.‘ Groß war es außerdem, und an der einen Armlehne lag ein zusammengeknautschtes weißes Kissen. Die Wand zum Garten war mit vollgestopften Bücherregalen bedeckt, die beide Fenster einrahmten. Das war alles. Es war also ziemlich leer. Oder wenigstens spartanisch. Die anderen Wände waren weiß, und es hing kein Bild, kein Foto, nicht einmal ein Plakat daran.

„Einbruch? Pah!“ schnaubte sie. „Ich habe ganz oft geklingelt.“

„Die Türklingel ist kaputt“, sagte Theodor müde.

„Und wie soll ich das ahnen?“

„Natürlich kannst du das nicht wissen. Aber wenn niemand kommt und aufmacht, dann kannst du dir doch denken, daß niemand zu Hause ist, und später wiederkommen, anstatt zu versuchen, das Fenster einzuschlagen.“

„Ich habe ans Fenster geklopft. Und im übrigen warst du doch zu Hause, nicht wahr?“

„Widersprich mir nicht!“

„Und außerdem steht da, daß du von acht an aufhast, oder?“

„Ja, ja, man sagt viel im Leben, was man nicht so ernst meint.“

„Hast du einen Ausweis?“

„Ausweis?“ Theodor traute seinen Ohren nicht. ‚Lernen die denn in der Schule überhaupt nicht mehr, ein bißchen Respekt vor der Reife des Alters zu haben?‘ dachte er sauer. „Natürlich habe ich einen Ausweis, ich bin schließlich autorisiert. Das steht doch auf dem Schild, aber vielleicht ist es ja ein zu schwieriges Wort für dich.“

Sie schleuderte wütend die Haare über die Schulter nach hinten und warf so einen „Mein-Gott-bist-dublöd-Blick“ zur Decke und stellte fest, daß die Dekkenlampe wirklich nur eine Lampe an der Decke war – eine ganz normale Glühbirne, die einsam an einem schwarzen Kabel baumelte.

Theodor zog die Hand durch die Haare und versuchte sie zu glätten, aber sobald er die Hand wieder wegnahm, schnurrten die Locken wieder zusammen und standen nach allen Seiten ab. Stephanie mußte lächeln.

„Grins nicht so blöd! Was zum Teufel willst du eigentlich?“ schrie er und richtete sich mit einem Ruck auf.

Stephanie spürte, wie ein Stich von Angst sie durchfuhr, und machte einen Schritt rückwärts, holte dann aber tief Luft und versuchte, ganz ruhig zu sein, als sie sagte: „Ich bin hergekommen, weil ich Hilfe in einer Angelegenheit brauche und dachte, daß so jemand wie du vielleicht der Richtige sein könnte. Aber ich glaube, ich habe es mir anders überlegt. Und außerdem ist dein Hosenstall offen.“

Theodor warf einen langen Blick zum Fenster und zuckte mit den Schultern, zog beide Mundwinkel nach unten und verdrehte die Augen. Es sah aus, als ob er jemand anderem da draußen im Nebel Grimassen schneiden würde.

„Ja, ich weiß“, sagte er und schaute sie ganz ernst an. „Und wenn schon. Stört es dich etwa?“

Sie ließ wieder den Blick schweifen. ‚Mit diesem Knallkopp kann man ja kein Wort reden. Da kann ich genausogut in die Schule gehen.‘

Sie drehte sich um, ging zur Haustür, schaute verwirrt die vielen Schlösser an und wußte nicht, welches sie zuerst aufmachen sollte. Sie war schon wieder durcheinander und verwirrt. Das machte sie so wütend, daß sie die Tasche auf den Boden fallen ließ und sich wieder zum Zimmer umdrehte.

Theodor Bach stand immer noch neben dem Sofa und versuchte, den Hosenstall zuzumachen, hatte aber ganz offensichtlich Probleme damit. Er spürte ihren Blick und schaute hoch.

„Er will nicht“, seufzte er kummervoll.

„Was?!“

„Er läßt sich nicht betten und will nicht.“

Er konzentrierte sich stark, zog noch einmal, und da ging mit einem Ritsch! der Reißverschluß hoch.

„So!“ sagte er zufrieden. „It’s done.“

„Du spinnst ja“, sagte Stephanie und merkte zu ihrem Erstaunen, daß sie ihn anlächelte.

„Stimmt genau.“ Er nickte. „Hast du schon gefrühstückt?“

Sie zuckte mit den Schultern.

„Das weißt du nicht? Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe. Man muß doch verdammt noch mal wissen, ob man gefrühstückt hat oder nicht? Oder hast du so ein Black-out bekommen beim Down-coolen?“

„Frühstücke nie.“

„Kein Wunder, daß du so schwach auf der Brust bist. Ich habe Hunger wie ein Wolf. Du kannst den Kaffee machen.“

3
Tsss ...

In den folgenden Stunden wollte Stephanie mehrere Male ihre Tasche nehmen und gehen, Theodor Bach in der großen Küche im ersten Stock sitzenlassen und versuchen, den ganzen Vormittag und ihr peinlich dummes Vorhaben zu vergessen. Unzählige Male hatte sie sich gewünscht, das gelbe Schild unten am Tor nicht gesehen zu haben.

Vor ein paar Wochen war es ihr zum ersten Mal aufgefallen. An einem Dienstagmorgen, als es ihr richtig sauschlecht ging, hatte sie beschlossen, einen anderen Weg als sonst in die Schule zu gehen. Das hatte mehrere Gründe: erstens wollte sie versuchen, alles noch einmal durchzudenken, obwohl sie wußte, daß es keinen Sinn hatte, zweitens hatte sie überhaupt keine Lust, in die Schule zu gehen, und drittens mußte sie ihre Jodphurs einlaufen, die sie vor ein paar Tagen gekauft hatte, um sich zu trösten.

Es waren die schönsten Jodphurs, die sie je gesehen hatte, aus wahnsinnig tollem braun-khaki-sandigem Wildleder. Sie wußte es sofort, ging in das Geschäft und erfuhr, daß sie in Holland designt, aber in Mexiko hergestellt und rasend teuer waren. Aber andererseits war sie rasend deprimiert, und man konnte ja nie wissen – vielleicht halfen so ein Paar supergeile Jodphurs.

Auch sonst, wenn sie neue Schuhe kaufte, schaute sie immer auf sie hinunter und stellte sich die Schuhe und sich selbst in einer neuen, spannenden Umgebung vor, dachte sich aus, was sie sagen und tun würde in dieser Umgebung mit ihren neuen Schuhen. Und wenn sie nun erstens andere Straßen ging als sonst und zweitens und drittens die schönsten Wildleder-Jodphurs anhatte, die sie je gesehen hatte, dann könnte sie sich ja vielleicht auch ein bißchen woandershin phantasieren, wie früher.

So tun, als ob sie woanders wäre, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land, daß sie jemand anders wäre. Sie wäre furchtbar gerne jemand anders gewesen, aber wie sehr sie sich auch anstrengte, sie wurde es nicht. Wie sehr sie es auch versuchte, es klappte einfach nicht mehr, früher war es doch so einfach gewesen.

Zuerst dachte sie, sie sei herausgewachsen, denn sie hatte schon den starken Verdacht, daß es ziemlich kindisch war, durch die Welt zu laufen und Tagträumen nachzuhängen, und vermutlich kann man es nicht mehr, wenn man älter wird.

‚So ist es vielleicht‘, dachte sie, denn die ganzen letzten Wochen hatte sie kein bißchen phantasiert. Aber sie kam schnell zu dem Schluß, daß es daher kam, weil die letzten Wochen so abscheulich gewesen waren. Einfach unerträglich. Und wenn man die totale Depri hat, dann gibt es keinen Platz zum Phantasieren – obwohl man es gerade dann am nötigsten brauchen würde.

Wenn man drei Wochen lang jeden Tag Regelschmerzen hat, dann stimmt doch was nicht. Und wenn man es außerdem noch schafft, drei gigantische Pickel auf dem Kinn zu bekommen, gleichzeitig fett wie ein Schwein wird und jeden Abend beim Einschlafen heult, ja dann geht es einem doch wirklich nicht gut. Und genau so war es.

Es war tatsächlich so schlimm, daß sie die letzten Wochen das Gefühl hatte, in einer Art Nebel herumzulaufen. Oder in einem Glaskäfig. Ja genau, das war besser. Sie hatte das Gefühl, in einem Glaskäfig eingeschlossen zu sein, von der Umwelt abgeschlossen, hätte man sagen können. Und wenn sie sich bewegte, dann in Zeitlupe.

Es wurde immer schlimmer, und ausgerechnet an diesem Morgen war alles mega-super-saumäßig.

Da also ging sie zufällig an dem großen Haus vorbei, das man von der Straße aus fast nicht sehen konnte, teils wegen einer weißgekalkten Steinmauer, aber hauptsächlich weil der Garten so zugewachsen war.

Sie ging näher an das rostige Gartentor und schaute hinein. Da drinnen sah es aus wie in einem Dschungel, ein richtiger Urwald. Das einzige, was sie vom Haus sehen konnte, war ein viereckiger Turm mit einem runden Fenster, einem steilen, kirchenähnlichen Dach und einem Flaggenwimpel aus Metall, der über die nackten Zweige der Baumkronen, an denen nur noch vereinzelt Blätter hingen, ragte.

Der Turm verriet, daß es ein Holzhaus war, das einen Anstrich gebrauchen könnte – so wie es jetzt aussah, war nicht sicher, welche Farbe es beim letzten bekommen hatte (und das mußte ungefähr vierzig Jahre her sein). Die anderen Häuser in dieser alleeähnlichen Straße waren bestimmt zur gleichen Zeit gebaut worden, aber sie waren in der letzten Zeit mehrfach renoviert und umgebaut worden, und die Gärten waren ordentlich und gepflegt.

Als sie plötzlich das große, knallgelbe Schild entdeckte, das mit vier rostigen Schrauben an der Mauer befestigt war und zur Hälfte von wucherndem Efeu bedeckt wurde, hatte sie eine Idee.

‚Das ist vielleicht eine richtig gute Idee‘, dachte sie und war ausgesprochen erstaunt, denn die meisten Ideen, die sie in letzter Zeit gehabt hatte, waren durchgehend bescheuert gewesen. ‚Wie die mit den Schlaftabletten meiner Mutter, zum Beispiel. Peinlich, peinlich ...‘

Ganz oben auf dem Schild stand mit schwarzen Buchstaben

Autorisierter

Darunter stand

Privatdetektiv

mit knallroten Buchstaben, und darunter, mit den größten Buchstaben, die der Schildermaler hatte draufklemmen können,

Theodor bach

‚Was für ein Name‘, dachte sie mit einem Grinsen, zog ein paar Zweige beiseite und las den Rest:

Beschattung und Nachforschungen. Sensible Aufträge. 8.00 – 16.00

Privatdetektiv Theodor Bach?

‚Soll das ein Witz sein? Ist das ein Zehnjähriger, der zu viele Krimis gesehen hat? Gibt es in Wirklichkeit überhaupt Privatdetektive?‘

Es war kein handgeschriebenes Schild, es war auch nicht aus Pappe – sie tippte auf Email. Es sah profimäßig aus, auch wenn es besser zu einem Museum gepaßt hätte. ‚Vielleicht ist es alt? Theodor Bach ist vielleicht so ein Typ, der vor siebzig Jahren hier gewohnt hat?‘ Es sah allerdings neu aus, bloß die Schrauben waren rostig und schief eingedreht.

‚So ein Schild muß eine Menge kosten‘, dachte sie. ‚Im Gegensatz zu diesem grünen Plastikbriefkasten am Gartentor.‘ Auf dem Deckel war ein Zettel mit braunem Tesa festgeklebt, auf den hatte jemand mit Filzer in dicken, kantigen Buchstaben geschrieben: Nur reklame!

‚Und selbstverständlich kann man Bach heißen‘, dachte sie und schaute sich um, ob es noch einen Briefkasten gab, der für Post gedacht war (Den gab es nicht). ‚Bach hat schließlich Bach geheißen, wenn auch nicht Theodor, sondern Johann Sebastian, und das ist auch nicht viel besser.‘

Natürlich war die Idee, hineinzugehen und zu klingeln zunächst nicht sehr ernst gemeint gewesen, sondern eher ein verzweifelter Versuch, die Phantasie in Schwung zu bringen. Privatdetektiv Theodor Bach war schon am Nachmittag im Schwedischunterricht fast gänzlich aus ihrer Erinnerung verschwunden, aber je schlimmer es mit Ricky wurde (und es wurde schlimmer mit ihm, das stand fest), desto mehr dachte sie, vielleicht könnte Theodor Bach doch eine Hilfe sein.

Als Ricky sie dann eines Abends auf dem Schulhof zu Boden stieß und dann bloß höhnisch grinsend und betrunken mit seinen grölenden sogenannten Freunden davonging, wuchs die Idee in ihr und wurde zu einem ernsthaften Gedanken – er wurde so ernsthaft, daß sie nicht mehr jedes Mal bei dem Gedanken an „autorisierter Privatdetektiv Theodor Bach“ grinsen mußte, sondern darüber nachdachte, wie er aussah und wie er war.

‚Aber vermutlich ist es bloß kindisch und kostet einen Haufen Geld. Und wahrscheinlich gehen bloß im Kino Leute zu einem Privatdetektiv.‘

Aber es gab ja sonst niemanden, der ihr helfen konnte. Sie hatte mit einem total begriffsstutzigen und feisten Polizisten geredet, der alles nur abgewehrt und gesagt hatte, sie würden nun wirklich ihr Bestes tun, aber in diesem Fall müsse sie verstehen, daß

„Blabla - Blabla - wir - haben - wirklich - Wichtigeres - zu - tun-und-du-mußt-verstehen-blabla-[väterlicher Klaps auf den Kopf] - auf - Wiedersehen - du - wirst - schon - sehen - daß - sich - alles - aufklärt - und - im - schlimmsten - Fall - heilt - die - Zeit - alle - Wunden - und - hilft - einem - über-das-meiste-hinweg.“

„Die Zeit hat dir offenbar nicht geholfen, du blöder Knacker“ hatte sie zu ihm gesagt.

Aber erst später am Abend, als sie die Nachttischlampe ausgemacht hatte und sich in den Schlaf heulte.

Die Schulpsychologin hieß Sara, sah aus wie ein Witz und hatte den ganzen Tag einen Schlafanzug an. Bei ihr hätte Stephanie nicht einmal klopfen wollen. Ihre Mutter hatte an und für sich versucht, ihr zu helfen, aber natürlich auf ihre unbeholfene mamahafte Art, was ganz deutlich zeigte, daß sie auch von ihr nicht ernst genommen wurde.

Warum kapierte bloß niemand, daß es um Leben und Tod ging – und nicht um irgendein Leben und irgendeinen Tod, sondern ihr Leben und ihren Tod.

Und was war mit Freundinnen?

Freundinnen? Sie hatte noch nie viele gehabt, und die Frage war wohl, ob sie im Moment überhaupt welche hatte. Meistens machte ihr das nichts aus, auch wenn sie sich manchmal wünschte, wie Sofie zu sein, die Freundinnen sammelte wie andere Leute Ansichtskarten oder Briefmarken, die nie allein war, die abendelang mit all ihren Freundinnen telefonierte (behauptete sie jedenfalls) und die ständig damit angab, daß sie so viele hatte.

Und in der Klasse?

Sicher. Einen ganzen Haufen von Klassenkameradinnen, mit denen sie schon manchmal halbherzig redete, tratschte, faselte, kicherte, grinste und lachte. Aber mehr auch nicht. Sie hatte meistens das Gefühl, daß alles nur aufgesetzt und angestrengt war. Außerdem waren die so kindisch – oder wer weiß, vielleicht war sie kindisch. Sie traute sich nie zu sagen, was sie wirklich dachte und meinte, wenn sie mit ihnen zusammen war, denn sie war sicher, die würden denken, sie sei komisch und blöd.

Aber stell dir vor, alle sind wie du?

‚Wie?‘

Stell dir vor, alle Klassenkameradinnen sagen nie, was sie eigentlich denken und meinen, weil die auch Angst haben, daß die anderen denken, sie wären komisch und blöd?

‚Tsss ...‘ Das glaubte sie keine Sekunde. ‚Total lächerlich. Nein, die meisten sind wirklich richtige Hühnerfotzen‘, – um einen Ausdruck zu verwenden, den sie von einem von Rickys sogenannten Freunden aufgeschnappt hatte. Sie hatte noch nie so ein widerwärtiges Wort gehört, und deshalb sagte sie es, auch wenn es nicht leichtfiel.

Aber eine beste Freundin?

‚Beste Freundin?‘ Sie ging doch nicht mehr in den Kindergarten?

Nein, aber irgend einen guten Freund oder eine gute Freundin mußte sie doch haben.

‚Tja, das wäre dann wohl Anki‘, aber auch wenn sie viel miteinander redeten und sich ziemlich oft trafen, so gab es doch eine Menge Dinge, die sie nie erzählte, und das mit Ricky war so eine Sache. Anki würde bloß nervös werden und angestrengt kichern und über etwas anderes reden – über Kleider, zum Beispiel.

Niemand nahm sie ernst. So war es. Niemand hörte ihr zu.

Aber wenn man jemanden dafür bezahlen würde? Die Leute bezahlen ja auch Geld für ihre Psychologen und Therapeuten. ‚Es gibt vielleicht Leute, die meinen, ich würde auch eher so einen brauchen, aber das stimmt absolut nicht.‘

Sie hatte ein bißchen Geld auf ihrem Sparbuch, auch wenn es nicht sehr viel war. Und wenn sie bitten und betteln würde, dann könnte sie bestimmt auch ihrem Vater etwas aus der Tasche ziehen, das war nicht schwer.

Eine Woche später hatte sie sich überredet, und mit einem großen, nervösen auf- und abhüpfenden Kloß im Hals machte sie das rostige Gartentor auf, fiel fast in Ohnmacht vor Schreck, weil ein altes Fahrrad mit unglaublichem Krachen und Poltern auf den fast überwachsenen Schieferplattenweg fiel. Die rostige Klingel am Lenker hatte einen schrillen Ton, der lange nachhallte. Mit zittrigen Schritten kletterte sie über das rostige Fahrrad, das einen aufgeplatzten Sattel hatte und ursprünglich innen gegen das Gartentor gelehnt war.

‚Unglaublich bescheuerter Platz zum Fahrradabstellen. Kein Wunder, daß es verrostet ist‘, dachte sie und kämpfte sich durch das Gestrüpp zu Theodor Bachs baufälligem Haus durch.

Nur zwei Stunden später hatte sie ihr Vorhaben mehrmals zutiefst bereut.

4
Der große Seufzer

„Wenn ich [kau, schmatz, kau] dich recht verstehe, dann sieht es also so aus [der ganze Unterkiefer bewegt sich ruckartig seitwärts, und dabei wird jedes Mal ein Muskel entlang des Halses sichtbar; schmatzschlürfende Geräusche], korrigier mich, wenn ich [rülps, schmatz, schluck] was falsch verstanden habe [rülps]. Gott [stöhn], war das gut. Ahh!“

Theodor Bach reckte sich nach einem Keramikbecher, der so eingeschmutzt war mit braunem Kaffeemuster, das der Karte eines sehr komplizierten Flußdeltas glich – dem Nildelta zum Beispiel.

„Wart einen Moment, ich muß erst einen [hält mit dem Zeigefinger den Löffel beiseite] Schluck [trinkt; schluck, schluck – der Adamsapfel hüpft rauf und runter] – ahh. So.“

Stephanies Blick glitt weg und suchte das Fenster. Da draußen war der Morgennebel etwas lichter geworden und hatte die Sonne durchgelassen, die durch die ungewöhnlich vielen gelbgrün schimmernden Blätter leuchtete, die immer noch an den Zweigen von zwei großen Ahornbäumen hingen. Das bleiche Licht ließ die Beerentrauben einer Eberesche aussehen wie rotglitzernde Edelsteine. Auf der Rückseite des Hauses war der Garten nicht ganz so zugewachsen, und außer den Ahornbäumen gab es einen erstaunlich großen, schwarzen, protzigen, gußeisernen Brunnen, der ganz ähnlich aussah wie der im Kungsträdgården. Der Brunnen war abgedreht und stand auf einem moosgrünen Rasen, der mit bräunlichen Blättern bestreut war. Ein Kiesweg führte zu einem Sandkasten und einem rostigen Schaukelgestell mit zwei Schaukeln aus alten Autoreifen.

Von der Küche aus konnte man auch über die Mauer sehen, auf eine feuchtglänzende Straße und einen Briefträger. Er fuhr auf einem gelben Fahrrad mit langsamen, leicht schwankenden Bewegungen vor einer tief dunkelroten Hecke.

Es sah recht nett und friedlich aus, fand sie, erheblich angenehmer, als Theodor Bach anzuschauen, der ihr seit gut einer Stunde am Küchentisch gegenübersaß und sein sogenanntes Frühstück in sich hineinstopfte, während die Übelkeit in ihrem Bauch hin- und herschwappte. ‚Vielleicht ist es der Kaffee? Es schmeckt überhaupt nicht so, wie Kaffee sonst schmeckt.‘

„Ißt du immer so viel?“ fragte sie, ohne den Briefträger aus den Augen zu lassen.

„Nein, aber man soll nichts umkommen lassen. Und der Lammbraten war heute fast noch besser – unglaublich perfekt gewürzt, wenn ich [donnernder Rülpser] – ups, sorry – das sagen darf. Weißt du, molto perfettamente, der Rosmaringeschmack, den man gleichsam nur ahnt neben dem eigenhändig von mir gezogenen Thymian und etwas Worcestershiresauce. Ich hätte allerdings das Kartoffelgratin aufwärmen sollen. Ja, ja, es war sehr gut. Okay, um das Ganze zusammenzufassen: Der Vater deines Freundes ist verschwunden. Ganz einfach, oder nicht?“

„Ähm ... doch, an und für sich schon“, sagte sie und fand, daß es ziemlich jämmerlich und nach nicht viel klang.

Eine ganze Stunde lang hatte sie dagesessen und alles erzählt, direkt und von Anfang an. Warum? Sie konnte es nicht begreifen. Wie bitte, glaubte sie etwa, daß dieser bärtige, eklige Knacker ihr helfen könnte. War er überhaupt ein „Knacker“? Wie alt war er eigentlich? Manchmal hatte er frappierende Ähnlichkeit mit einem verwirrten Fünfzehnjährigen. Merkwürdigerweise war der Glaskäfig weg, der war wohl schon verschwunden, als sie ohnmächtig wurde. Sie hörte ihre Stimme wie immer und hatte auch nicht mehr das Gefühl, neben sich zu stehen. ‚Sehr merkwürdig, aber wunderbar.‘ Erzählte sie deshalb so viel? Weil es so angenehm war, die Stimme wieder normal zu hören? Oder kam es von was anderem? Daß sie Vertrauen für ihn empfand, das konnte es kaum sein. Oder doch?

Theodor Bach hatte geschmatzt und geschlungen und gegessen und genickt und kaum ein Wort gesagt. Außer einmal, als seine Augen plötzlich ihren Blick auffingen, der ansonsten immer Stellen zu finden versuchte, wo er nicht auf Theodor zu schauen brauchte, aber gerade da hatte sie ihn schnell angeschaut, weil ihre Ohren ihr mitgeteilt hatten, daß er doch tatsächlich gurgelte. Und sie hatten völlig recht – er hielt in der einen Hand ein Glas, es war etwas Weißes, Undurchsichtiges drin; er schaute zur Decke und tat genau, was ihre Ohren behaupteten: Er gurgelte. Bevor sie wegschauen konnte, hörte er auf, schluckte, starrte sie an und fragte:

„Nimmst du die Pille?“

„Was?“

„Ich habe gefragt, ob du die Pille nimmst.“

Und da wurde sie schon wieder rot. ‚Was ist denn bloß los mit mir?‘ dachte sie ärgerlich.

„Ja, ist doch klar“, sagte sie störrisch und schaute in ihren Kaffeebecher.

„Gut“, nickte er zufrieden, hob noch einmal das Glas zum Mund, gurgelte wieder ein Weilchen, schluckte und fragte:

„Willst du bestimmt nichts haben?“

Er zeigte auf das letzte Stück, das er von dem Lammbraten losgeschält hatte. Sie schüttelte nachdrücklich den Kopf.

„Selber schuld. Weiter, weiter“, sagte er und legte sich das letzte Stück auf seinen Teller.

Dann hatte er sich schmatzend die Finger abgeschleckt und war in sein Essen vertieft gewesen, während sie weitererzählte. Und nun faßte er also ihre sorgfältige Berichterstattung mit dem Satz ‚Der Vater von deinem Freund ist verschwunden‘ zusammen.

‚Irgendwie stimmt es ja auch – aber trotzdem‘, dachte sie und schaute zu, wie der Briefträger breit grinsend einige Postkarten las, ehe er sie in den Kasten fallen ließ. ‚Ganz so einfach ist es nicht.‘

Theodor Bach wußte natürlich auch, daß es nicht so einfach war. Er fand, daß alles fürchterlich kompliziert klang, und dachte darüber nach, wie er es ihr erklären sollte. Denn es war ja kein Geheimnis, daß das absolut nichts für einen autorisierten Privatdetektiv war. Schon nach einer Viertelstunde hatte er sie unterbrechen und es ihr direkt sagen wollen. Aber wie sollte er es ihr erklären – genau das war so kompliziert –, und würde sie verstehen, was er meinte?

‚Wieviel versteht man eigentlich, wenn man sechzehn ist?‘

Vermutlich mehr, als die meisten glauben – genau wie man viel weniger kapiert, wenn man fast fünfundzwanzig Jahre älter ist.

‚Ja, so ist es wohl.‘ Wie auch immer, sie hätte ja nicht dasitzen und eine geschlagene Stunde ihre Ausführungen herunterleiern brauchen, die sie außerdem nur mit Mühe herausbekam. Sie stotterte und stammelte, wußte nicht, wohin mit den Händen, ihr Blick flackerte fürchterlich, sie wurde ständig rot und schien alle brennenden Höllenqualen der Pubertät auf einmal zu durchleiden.

Es war natürlich ziemlich gemein, ihr nicht zu helfen, aber sie hatte so eine schöne Stimme, er hatte schon lange keine so schöne Stimme mehr gehört. ‚Sie singt bestimmt sehr schön‘, dachte er. ‚Vielleicht wartet da sogar eine Karriere auf sie.‘

Ihr so gegenüberzusitzen, während der Nebel sich lichtete und die Strahlen der Novembersonne mit dem Herbstlaub spielten und langsam über das verdreckte Küchenfenster glitten, den ausgezeichneten Lammbraten zu essen und dabei ihren umständlichen Ausführungen zuzuhören, kleine kristallglitzernde Schweißtropfen auf ihrer glatten Stirn hervortreten zu sehen, ihre daunenweichen Wangen anzuschauen, ihre gerade Nase die Farbe wechseln zu sehen wie eine falsch programmierte Verkehrsampel, zu hören, wie sie schluckte, Luft holte und sich gleichsam Mut erkämpfte, um mit ihrer Erzählung fortfahren zu können – ja, das war wirklich ziemlich angenehm.

‚Es tut weh, wenn die Knospen aufplatzen‘ dachte er und kicherte in Gedanken, ‚aber es klingt verdammt noch mal nicht schlecht. Und das Gleichnis mit der kaputten Ampel war auch gar nicht so übel. Nein, richtig gut, bisher eines der besten. Verglichen mit dem angestrengten Vergleich von der weißen Katze und dem an den Haaren herbeigezogenen Ölbohrturm ist es richtig spitzenmäßig.‘ Sie wechselte nämlich wirklich von Knallrot über eine Art Orange zu einem schwachen Grünschimmer (man konnte fast meinen, daß ihr übel war), während sie erklärte, wie alles zusammenhing.

So ungefähr hing also alles zusammen (wenn er es nicht falsch verstanden hatte):

Stephanie war mit einem Jungen zusammen (wie sie sagte), der Ricky Nilsson hieß und in die Parallelklasse der gleichen Schule wie sie ging. Sie gingen miteinander (wie sie es später nannte), schon seit Januar.

Bei ihr klang das so, als ob schon bald goldene Hochzeit gefeiert würde –, ‚und für eine Sechzehnjährige ist ein gutes halbes Jahr sehr lang‘, dachte er und wurde neidisch.

Es war offenbar ein schwieriges und zugleich stürmisches Verhältnis – nicht, daß sie viele Einzelheiten erzählt hätte, aber was sie errötend berichtete, schien unglaublich viel weiter gegangen zu sein, sowohl auf körperlicher wie auf seelischer Ebene, als alles, was er von seinen Verhältnissen (‚ja, Plural ist ganz richtig‘), als er sechzehn war, erinnern konnte.

Nach einem Monat des glitzernden Verliebtseins hatte es sich so zugespitzt, daß sie Schluß gemacht hatte, aber später im Frühjahr hatte es wieder gefunkt zwischen den beiden, und sie waren den ganzen Sommer über jeden Tag zusammengewesen.

Er konnte sie richtig vor sich sehen: Eng umschlungen schlendern sie über kahle Felsen irgendwo auf einer Insel draußen in den Schären, die Sonne glitzert in den Wellen und in den Metallbeschlägen des vertäuten Segelboots und allen unbegreiflichen Haken, Schrauben, Griffen und Muttern. Und dann, wenn die heißflimmernde Sonne allmählich hinter dem Horizont versinkt: täppische Zärtlichkeiten auf sonnenverbrannter Haut, die sich kräuselt, und ein junger Mensch mit Flaum auf der Oberlippe starrt erstaunt auf eine Brustwarze, die ...

Ja, ja.

Sie gingen immer noch miteinander, auch wenn es zur Zeit gerade etwas abgekühlt und problematisch war, der Grund dafür war, was sie so umständlich zu erklären versuchte: daß Rickys Vater verschwunden war.

Theodor fand, daß man die Sache eigentlich so nicht ausdrücken dürfe, wenn ein Mensch einen Abschiedsbrief geschrieben und deutlich erklärt hatte, daß er „an einen unbekannten Ort verreisen“ würde, er es wolle und müsse, nicht die Absicht habe zurückzukommen und sie absolut nicht nach ihm suchen sollten; er außerdem hoffe, daß Ricky eines Tages verstehen würde, warum, und ihm verzeihen könnte.

‚Der Typ hatte vermutlich von allem die Schnauze voll – von der Arbeit, seiner Ex-Frau, seinem Taugenichts von Sohn, der bestimmt fraß wie ein Wolf, wo doch das Essen jeden Tag teurer wurde, von dem Scheißfernsehprogramm – und war einfach abgehauen.

Ich kann ihn so gut verstehen.

Oder er hatte Selbstmord begangen – aber sie hatten offenbar noch keine Leiche gefunden, und das war immerhin ein gutes Zeichen.‘

Rickys Eltern hatten sich scheiden lassen, als er zehn war, und in den ersten Jahren hatte er bei seiner Mutter gewohnt. Aber als sie sich mit einem megawiderlichen Typ wieder verheiratet hatte, war er nach einem Haufen Ärger wieder zu seinem Vater gezogen. Und da hatte er seither gewohnt.

Stephanie zufolge verstanden sie sich prima (der Vater und Ricky also), und Ricky mochte ihn sehr gern, und er (der Vater) mochte Ricky sehr gern. Alles war also in Butter, der alleinerziehende Vater kümmerte sich um den Sohn und die Dreizimmerwohnung und das Kochen und seine Arbeit, alles ohne größere Mühe.

‚Genau das habe ich mir gedacht‘, dachte Theodor und schnaubte in Gedanken verächtlich über alle alleinerziehenden Mütter und Väter, die er im Fernsehen hatte jammern und klagen hören, daß es unmöglich sei, alles zu schaffen – Arbeit, Haushalt und Kind. ‚Verfluchte Querulanten. Wie man sich bettet, so liegt man.‘

Aber andererseits kann es nicht so kuschelmuschelwunderbar gewesen sein, denn sonst wäre das Folgende nicht geschehen:

Als Ricky eines Abends Anfang August nach Hause kommt, findet er den Abschiedsbrief seines Vaters und bricht zusammen. Die ziemlich hölzern geschriebenen Zeilen „schlagen seine ganze Welt in Scherben“ (der unglaublich begabte Journalist der Lokalzeitung ist für die Wortwahl verantwortlich, nicht Stephanie), und dann geht es mit unglaublicher Geschwindigkeit bergab – ja geradewegs zur Hölle. Ricky wird barsch und mürrisch und sauer und schlechtgelaunt und hoffnungslos und abweisend und störrisch und wütend und überhaupt furchtbar und gewalttätig und verärgert und trifft sich mit einer Bande shitheads (das war ihr Ausdruck, nicht Theodors), die bestimmt einen Haufen ekelerregender Sachen machen (das waren Theodors Worte, nicht Stephanies).

‚Das sind bestimmt die, die in umgedrehten Basketballmützen oder Mönchskutten herumlaufen‘, dachte Theodor, ‚und sie haben immer so noppige graue Hosen an mit Hängeärschen und ausgebeulten Taschen, in denen sie ihre gemeinen Waffen haben und ihre ekligen Süßigkeiten, die sie kauen, wenn sie mit ihren Armeestiefeln stampfen und nur so zum Spaß friedliche Alkis verprügeln und dabei selber mindestens drei-, wenn nicht viermal im Monat alles mögliche in sich hineinschütten, weil sie ja älter sind als diese Dreizehnjährigen, von denen im Fernsehen berichtet wurde. Ist wahrscheinlich egal, was sie in sich hineinlaufen lassen. Hauptsache, sie werden stockbesoffen und mutig genug, um den Blick von den Latschen zu heben. Und wenn sie zu fünfzehnt sind, dann trauen sie sich vielleicht, die 65jährige Tante vom Zeitungskiosk auszurauben. Sie sniffen bestimmt Klebstoff und Verdünner und testen am laufenden Band irgendwelche Drogen.‘

„Das kann passieren“, sagte Theodor und entließ einen Rülpser, der Stephanie genau im Gesicht traf, er stank nach abgestandenem Knoblauch und hatte außerdem einen scharfen, metallischen Geruch – es roch fast wie Essig, fand sie.

Wenn sie schon einmal eine frischgekochte Marinade auf der Basis von Weißweinessig gerochen hätte, dann hätte sie vielleicht sagen können, daß so Theodors Rülpser roch.

„Wie ‚Das kann passieren‘?“ fragte sie spitz.

„Tja, man könnte auch sagen: So ist das Leben oder c’est la vie oder that’s life oder ... Ähm, ich konnte es auch einmal auf griechisch, aber das habe ich vergessen ... Was ich damit sagen will, das ist zwar alles ziemlich traurig, aber wieso bist du auf die Idee gekommen, mich aufzusuchen?“

Sie zuckte mit den Schultern, legte die Unterarme auf die Tischkante und starrte ziellos einen braungelben Fleck auf dem blau-weiß-karierten Küchentuch an. Sie sagte nichts. Sie starrte ihn sehr lange an und war völlig stumm.

Theodor schaute sie erstaunt an und lehnte sich zurück.

„Japanischer Senf“, sagte er, mehr um etwas zu sagen, denn wenn sie nichts sagte, fühlte er sich tatsächlich etwas ‚ähm ... etwas komisch irgendwie, nicht direkt unbehaglich, aber vielleicht ein bißchen ...‘

Peinlich berührt?

‚Nein, verdammt, überhaupt nicht, aber es ...‘

„Was?!“ rief sie aus.

„Japanischer Senf. Karashi. Stark wie der Teufel, aber ...“

„Was redest du eigentlich?“

Ihre bisher so sanfte Stimme klang überhaupt nicht mehr unschuldig weich und honigzart. Und die großen Augen – ‚vielleicht sind sie doch blau‘ – sahen direkt gefährlich aus.

„Der F-f-fleck“, stotterte er. „Du hast auf den Fleck gestarrt, es ist ein Senffleck ...“

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum ich mich so angestrengt habe“, sagte sie und seufzte. Es war so ein richtig abgrundtiefer Seufzer, der alle Anwesenden in Theodors Seufzerabteilung vor Neid abgrundtief aufseufzen ließ.

Es war genau so ein Seufzer, den sie immer wieder hinzukriegen versuchten. Den Seufzer aller Seufzer, der ein für allemal das ausdrücken sollte, was ein Seufzer eben auszudrücken hat: Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit, Handlungsunfähigkeit, Verzweiflung und gleichzeitig eine Art grundsätzlicher Wut über den Zustand der Dinge, die Armseligkeit des Lebens, das unmenschliche Gesicht der Weltgeschichte, über die kurzsichtige Dummheit und Gleichgültigkeit der Menschen, über ihre unglaubliche Grausamkeit und Bosheit, über die rücksichtslose Profitgier, die die Natur verunreinigte, den Himmel vergiftete und das Leben für alle Tiere und Menschen verkürzte, und vor allem über all die unerträglichen, einfältigen Knallköppe, die einem das Leben verpesteten.

„Ich auch nicht!“ fauchte Theodor und stand auf.

„Was ‚Du auch nicht‘?“ fragte Stephanie, weil sie während der umständlichen Ausführungen seiner Seufzerabteilung vergessen hatte, was sie gesagt hatte.

„Ich weiß auch nicht, warum du dich so angestrengt hast und ...“

„Aber begreifst du denn nicht? Er muß wiederkommen, sonst geht es übel aus mit Ricky, ich muß etwas tun und ...“

„Das Beste, was du tun kannst, ist, ihn zu vergessen“, rief Theodor, aber sie hörte nicht, was er sagte, denn in dem Moment lief er mit dröhnenden Schritten die Treppe hinunter.

Nach einigen merkwürdig kratzenden Geräuschen kam er wieder hochgelaufen. Als er sich setzte, steckte er eine lange, schmale Zigarre zwischen die Lippen und klapperte mit einer Streichholzschachtel.

„Was hast du gesagt?“

„Ich habe gesagt: das beste [pult sehr konzentriert eines von drei Streichhölzern aus der Schachtel, und es gelingt ihm nach mehreren Versuchen, es an der abgenutzten Reibfläche anzuzünden], was du tun kannst [zündet die Zigarre an und zieht so übertrieben daran, daß die Backen hohl werden], ist [die Zigarre glüht, und Theodor bläst eine große, hellgraue Rauchwolke quer über den Tisch und trifft sie mitten im Gesicht], ihn zu vergessen. Und das ist ...“

„Ricky!?“ unterbrach sie ihn schockiert und wollte ihren Ohren nicht trauen.

„Ja, sicher. Und wenn du dann ...“

Sie starrte ihn voller Abscheu an und hoffte, ihre Augen würden ganz fürchterlich blitzen und sehr deutlich ausdrücken, daß sie fand, er sei das Ekligste und Widerlichste, was sie je getroffen hatte – und übrigens auch das Dümmste. Sie konnte wahrhaftig nicht mehr verstehen, warum sie gefunden hatte, daß es schön war, diesem Vollidioten alles erzählen zu können. Aber das hatte sie gefunden. Auch wenn es anstrengend war und schrecklich und alles, so hatte sie doch eine Art ... eine Art – sie konnte das richtige Wort nicht finden – empfunden.

Vielleicht suchte sie nach dem Wort „Vertrauen“, aber das wird ja heutzutage nicht mehr allzu oft verwendet, es ist also kein Wunder, daß sie es nicht fand.

Aber es spielte keine Rolle, daß sie das Wort nicht fand, im Moment haßte sie den Kerl ganz einfach, und das reichte. Als sie aufstand, schob sie den Stuhl so heftig wie nur möglich zurück.

„Vielen Dank“, unterbrach sie ihn wieder und versuchte, den Tonfall nachzuahmen, den Ricky immer den Lehrern gegenüber hatte.

„Nichts zu danken“, sagte Theodor und paffte eifrig seine Zigarre, zuckte mit den Schultern und schaute den großen Ahorn an. „Wenn du mich also nicht zu Ende reden lassen willst, sondern mich dauernd unterbrichst, dann mußt du dich eben hiermit zufriedengeben. Normalerweise nehme ich fünfhundert für eine Konsultation, aber weil du noch so jung bist und das Problem so einfach ist, gebe ich mich zufrieden, wenn ich den Hunderter und die vier Kronen bekomme, die du in der Tasche hast. Den Kronkorken kannst du behalten.“

„Glaubst du, daß ich auch nur eine ...“, fing sie an, kam dann aber völlig durcheinander.

Sie schaute ihn an und begriff überhaupt nichts mehr – die Gedanken blieben einfach stehen und torkelten in ihrem Kopf herum und fragten immer wieder, wo denn der Notausgang sei.

„Wie ...“,

sagte sie mit flüsternder Stimme, bewegte den Kopf, so daß ihre Haare, die wie ein schwarzer, schlanker Nerz auf ihrer Schulter gelegen hatten, mit einem Ruck gegen den Rücken der Jeansjacke geschleudert wurden (sie hatte sie nicht ausgezogen – sie fühlte sich sicherer, obwohl ihr warm geworden war und sie sogar ein bißchen geschwitzt hatte, was sie sonst nie tat). Die Bewegung war in gewisser Weise dazu gedacht gewesen, die Gedanken zu entwirren und zu klären und zu sammeln, aber das taten sie nicht – im Gegenteil, sie fielen dauernd wieder um.

Wie konnte er ...

„Wie kannst du ...“, versuchte sie noch einmal mit der gleichen verblüfft zischenden Stimme.

„Wie ich wissen kann, daß du hundertvier Reichstaler in deiner albernen Alpengeldbörse hast? Weil ich Detektiv bin, deshalb. Und die brillante Deduktion – das bedeutet Schlußfolgerung – ist ein Beispiel für meinen unglaublichen Tiefsinn, meine unübertreffliche Urteilsfähigkeit und mein beinahe magisches Investigationsvermögen, und das sollte mehr beweisen als eine lächerliche kleine Ausweiskarte aus Plastik, nach der du gefragt hast.“

„Ich verstehe überhaupt nicht, was du sabbelst.“

„Nee, das sieht man dir an. Du siehst unglaublich bescheuert aus, wenn ich ehrlich sein soll. Setz dich hin und laß mich zu Ende reden.“

„Du hast in meiner Handtasche geschnüffelt, als ich ohnmächtig war“, sagte sie ruhig.

„Könnteschonsein“, sagte er grinsend.

5
Alter Knacker!

„Eins muß ich dich noch fragen“, sagte Theodor Bach eine knappe Stunde später, als er nach längerer Zeit aus einem anderen Zimmer wieder in die Küche kam. Sie nahm an, daß es das Schlafzimmer war, denn er war plötzlich aufgestanden und hatte mit lauter Stimme gesagt, daß er sich umziehen würde (bei ihm klang das so, als wäre es ein historisches Ereignis), und war dann auf seinen schmatzenden Plastiksohlen davongelaufen.

Sie bewegte den Blick zum Sandkasten im Garten (wo einige besonders verspielte Sonnenstrahlen zu ihrer großen Überraschung eine rote Plastikschaufel und einen knallgelben Eimer gefunden hatten).

‚Ob er wohl Kinder hat?‘ dachte sie, ehe sie sagte:

„Was denn?“ und zu ihm aufschaute.

Jetzt, wo er etwas mehr Kleider am Leib hatte, sah er beinahe normal aus.

Ein bleigrauer, patentgestrickter Pullover ließ sowohl den Bierbauch (wenn er denn einen hatte, aber da war sie sich fast hundertprozentig sicher) als auch die spillrigen Oberarme verschwinden. Und die blaue Jeans sah tatsächlich so aus, als sei sie sauber. Mit großer Dankbarkeit notierte sie, daß er auch nicht mehr die peinlichen Chinapantoffeln anhatte, sondern ein paar erstaunlich schicke, sauber geputzte Timberland-Tractor-Schuhe mit groben Gummisohlen, obwohl sie natürlich nicht entfernt so geil waren wie ihre Jodphurs. ‚Warum hat er seine Schuhe nicht unten in der Eingangshalle, wie andere Leute auch?‘

Er hatte sich auch gekämmt, aber der Kamm hatte offenbar auf der rechten Seite passen müssen, da waren die Haare kraus und lockig und standen in alle Richtungen ab.

„Wieso bist du ausgerechnet auf mich gekommen?“ fragte er, versuchte, die Haare mit der Hand flachzustreichen, und setzte sich hin.

„Zufall“, sagte sie und schaute aus Versehen zum Spülbecken.

‚Liebe Zeit‘, dachte sie. ‚Hier steht wirklich unglaublich viel Geschirr. Ich habe bestimmt noch nie so viele Teller auf einmal gesehen.‘ Es waren zwei, mindestens einen halben Meter hohe Stapel, und sie hoffte aus ganzem Herzen, daß er die zuunterst stehenden wenigstens abgespült hatte. ‚Aber das hat er bestimmt nicht. Und es riecht doch auch ein bißchen komisch hier drinnen, nicht? Irgendwie muffig ...‘

Vor den wackeligen Tellertürmen standen jede Menge verdreckter Becher, die auch übereinandergestapelt waren, es sah aus wie eine Pyramide kurz vor dem Zusammenfall. ‚Wieviel Besteck wohl im Spülbecken liegt – oder heißt es Waschbecken?‘

Als sie dann den Blick auf den Boden fallen ließ, über den die Sonne gerade ihre unbarmherzigen Strahlen warf, bereute sie allmählich ihren Entschluß. ‚Warum bin ich hierhergekommen? Wie blöd darf man sein? Ich hätte vielleicht doch mein gespartes Geld abheben und zu einem Psychologen gehen sollen ...‘

„Aha!“ rief er aus, und in seinen Augen zeigte sich ein interessiertes, neugieriges Glitzern.

Aber das sah Stephanie nicht, weil sie mit steigender Unruhe zu identifizieren versuchte, was so alles in hellgrauen, wolligen Staub eingehüllt in den Ecken, entlang den Fußleisten und unten neben der Spüle lag. Es waren bestimmt bloß Brotkrümel – aber ganz sicher war sie nicht.

„Aber wie denn?“ fragte Theodor.

„Was ‚wie denn‘?“

„Ich meine – hast du gewürfelt oder hattest du ein anderes zufälliges Auswahlprinzip, nach dem du vorgegangen bist?“

Stephanie fragte sich, ob er sie wohl wieder auf den Arm nehmen wollte, sie riß also den Blick von etwas Gelbem, Kantigem los, das in der Spalte zwischen Herd und Spüle lag und von dem sie einen sehr unangenehmen Moment lang geglaubt hatte, daß es sich bewegte, aber es war wohl nur das flimmernde Sonnenlicht, das ihr einen Streich gespielt hatte.

Theodor schien sie überhaupt nicht veralbern zu wollen, er kippelte auf den Hinterbeinen des Stuhls und sah neugierig erwartungsvoll aus.

„Ich bin auf einem anderen Weg als sonst zur Schule gegangen und habe zufällig das Schild gesehen.“

„Ach so“, sagte er hörbar enttäuscht. Die beiden Vorderbeine des Stuhls knallten auf den Boden, er griff nach der Tischkante und stand auf. „Hast du diesen komischen Straßennamen aufgeschrieben?“

Stephanie nickte und zeigte auf den Block, den sie ganz an den Rand des Tisches gelegt hatte.

Theodor riß das oberste Blatt ab und stopfte es in die Jeanstasche.

„Es wäre wirklich besser und viel einfacher, wenn ich zuerst mit seiner Exfrau reden könnte, das heißt mit Rickys Mutter.“

„Geht nicht“, sagte sie und schüttelte den Kopf. „Weil Ricky es dann herausbekommt, sie ist nämlich eine richtige ...“

„Plaudertasche?“

„Genau“, sagte sie und lachte. „Es ist vielleicht blöd von mir, aber ich bin sicher, daß Ricky nicht ...“

„Ja, ja. I’m on the payroll, you’re the boss. Ist es kalt und scheußlich draußen?“ fragte er mißtrauisch und schaute aus dem Fenster.

Stephanie zuckte mit den Schultern und schaute zum Fenster hinauf. ‚Du liebe Zeit‘, dachte sie, ‚ob man die überhaupt sauberkriegen kann?‘

„Auf jeden Fall nördlicher Wind“, sagte er. „Pfui Teufel. Ich spüre richtig, daß das so ein Wolfswinter wird.“

„Hoffentlich“, sagte sie in einem träumerischen Tonfall und mit abwesendem Blick, der keineswegs zum Fenster hinausschaute, wie Bach glaubte, sondern der in weniger als einer Sekunde einen Film sah, der gesoftete Bilder von sonnenglitzernden, schneebedeckten Landschaften zeigte, Schlittschuhbahnen auf zugefrorenen Seen, eingerahmt von schneebedeckten Tannenhängen, knisterndes Feuer in einem Zimmer, das offenbar vom österreichischen Touristenbüro entworfen worden war und in dem Stephanie auf einem Berg von Kissen und Fellen lag und etwas dampfend Heißes aus einem Keramikbecher trank. Sie bekam nicht heraus, was sie da trank, weil Bach die Vorführung unterbrach.

„Was zum Teufel sagst du da?“

„Ich mag es, wenn es viel Schnee gibt und kalt ist“, sagte sie.

„Du spinnst ja“, sagte er und sah in ebenso kurzer Zeit erschreckende Nachrichtenbilder von Schneesturmkatastrophen, zugefrorenen Wasserleitungen und schweren Schneelasten, die große Tannen zu Fall brachten, die wiederum Stromleitungen herunterrissen und ganze Landstriche lahmlegten, zu Herzen gehende Bilder von erfrorenen Leichen in eingeschneiten Autos und verbrannte, schwarze, verkohlte Körper, die versucht hatten, sich mit Hilfe von lebensgefährlichen Öfen warmzuhalten, wobei die synthetischen Bettdecken Feuer gefangen hatten.

„Aber, aber“, fuhr er fort, „das kommt daher, daß du noch so jung bist. In deinem Alter war ich genauso verrückt. Na ja – es sieht auf jeden Fall kalt aus. Ich ziehe sicherheitshalber meinen Oliver-Strelli-Mantel an.“

„Deinen was?“

„Meinen Mantel. Er hat Oliver Strelli gehört. Nie von ihm gehört?“

Als sie den Kopf schüttelte, zuckte er resigniert mit den Schultern und sagte:

„Ja, ich sage es doch ...“

Er ging hinaus, drehte sich jedoch noch einmal um und schaute um den Türpfosten.

„Alles, was du brauchst, ist im Schrank hinter dir und unter der Spüle. Im Kühlschrank ist alles mögliche zu essen, und es gibt jede Menge interessante Konserven, also falls du Hunger kriegen solltest, meine ich. Irgendwann mußt du doch Hunger kriegen. Da auf der Ablage liegt ein Schlüssel für die Haustür, falls du im Garten Blätter zusammenharken willst, direkt um die Ecke neben der Haustür steht ein Rechen. Schlag die Tür einfach zu. Aber fummel bloß nicht am Kombinationsschloß herum! Bis dann!“

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er endlich aus dem Haus war. Sie blieb am Küchentisch sitzen und fragte sich, was er wohl da unten machte, kam aber nicht drauf. Sie nahm an, daß er diesen Oliver-Strelli-Mantel anzog, aber es klang umständlich und machte großen Lärm. Nicht einfach Lärm – es klapperte und polterte und schepperte und dröhnte. Genau so hatte es geklungen, wenn ihr Vater was am Auto reparierte, bevor er ausgezogen war.

„Ciao!“ schrie er schließlich. „Take care!“

Alle Schlösser klapperten noch einmal laut, und die Sicherheitskette klirrte noch lange, nachdem die Haustür mit einem Knall zugefallen war.

Stephanie ging in den Flur und machte eine Tür zur Linken auf. Sie schlich zum Fenster, das zum Garten ging, und schaute hinunter.

Theodor war am Gartentor und hatte auch schon das Fahrrad von der Erde aufgehoben. Er hatte einen langen, hellgrauen Mantel an, der warm und teuer aussah. Er saß perfekt, fast wie maßgeschneidert, aber er schien ihr nicht sehr praktisch, wenn man mit dem Fahrrad fahren wollte.

Aber was hatte er denn auf dem Kopf?

Sie grinste, als sie sah, wie sorgfältig er eine unglaublich häßliche Ledermütze zurechtschob. Er zog den großen Schirm schräg über die Stirn, machte dann das Gartentor auf und schob das Fahrrad hinaus. ‚Bei dem wundert mich gar nichts‘, dachte sie und fuhr zurück, als er zum Haus hochschaute. Als sie wieder hinausschaute, war er verschwunden.

Erst jetzt bemerkte sie, wie es im Zimmer aussah. Sie schaute sich vorsichtig um und meinte, daß man möglicherweise wieder das Wort spartanisch verwenden könnte, wenn man die Einrichtung beschreiben wollte, denn sie bestand aus zwei büroartigen Schreibtischen und einem Schreibtischsessel aus grünem Leder, einer Masse Nieten und dunklem Holz – das war alles.

Der Sessel war ein Modell aus der Serie „Old English“. Tatsächlich war er in Norwegen hergestellt, was Theodor zu seinem großen Verdruß bemerkt hatte, als er den ziemlich mangelhaft zusammengeschraubten, fünffüßigen Untersatz reparierte. Oder es zumindest versucht hatte.

Stephanie, die davon natürlich keine Ahnung hatte, fand, daß er krumm aussah, und das war er auch.

‚Aber er ist sehr bequem‘, dachte sie, als sie sich hineinsetzte.

Auf dem Schreibtisch vor dem Fenster stand ein Toshiba-PC-Terminal hinter einer IBM-Tastatur, flankiert von zwei Goldstar-Bildschirmen (‚Warum zwei?‘) und etwas, das wie ein kleiner Kopierer aussah. Sie vermutete jedoch, daß es ein Drucker war.

Und da vermutete sie völlig richtig, es war ein Mac-Orange LaserWriter IX PQ mit einer Unmenge von Finessen „und zweiundvierzig Fonts, sechshundert Punkt extra extremer Hochauflösung und einem Arbeitsspeicher von 45 K“, wie der junge Verkäufer mit einen überlegenen Grinsen betont hatte.

Ansonsten war die große Schreibtischfläche leer, wenn man von der dicken Staubschicht absah, die sie bedeckte. Aber Stephanie hatte in diesem Moment große Schwierigkeiten, davon abzusehen.

Sie stieß sich mit dem Fuß ab, drehte sich eine halbe Runde und schaute zum zweiten Schreibtisch hinüber. Da standen fünf, nein sechs alte schwarze Telefone sehr ordentlich nebeneinander. Sie sahen antik aus, waren nicht aus Plastik, sondern aus einem matten, schwarzen Material und hatten glänzende Wählscheiben aus Metall.

Sie beugte sich hinunter und schaute unter den Schreibtisch.

Doch, die sechs schwarzen Kabel führten zu sechs Telefonanschlüssen in der Wand, was bedeutete, daß er sechs verschiedene Nummern haben mußte. ‚Warum hat man sechs Telefone?‘

In dem Moment spielten die Vorführer in ihrer Gedächtnisabteilung ein Schnellrücklauf des Gesprächs, das sie mit Theodor geführt hatte, nicht etwa um die sechs Telefone zu erklären, sondern mehr um etwas zu tun zu haben. Sie spulten an einigen einleitenden, äußerst verwirrenden und für sie ausgesprochen peinlichen Repliken vorbei und begannen ein Stück weiter hinten, als Theodor sagte:

„Okay, du glaubst also, daß Ricky sich mit einem erstaunlich kleinen Klick in einen Engel verwandeln wird, wenn er nur seinen Papa wiedersieht?“

„Nicht direkt in einen Engel. Das ist Ricky nie gewesen, aber wenn er ihn nur treffen würde und er alles erklären könnte.“

„Wer wem oder wer wen?“

„Was?“

„Du hast einen äußerst erstaunlichen Satzbau verwendet mit sehr merkwürdigen Bezügen.“

„Bezügen?“

„Ja, grammatischen Bezügen. Hast du noch nie was von grammatischen Bezügen gehört? Irgendwas müßt ihr doch in eurer Schule lernen. Aber ich nehme an, du meinst, wenn Ricky seinen Vater treffen könnte und dieser Vater alles erklären würde, dann würde es Ricky wieder besser gehen.“

„Ja, das könnte schon sein. Das ist das einzige, was mir einfällt.“

„Aber der Alte hat doch schon alles erklärt.“

„Hat er nicht.“

„Aber hat er nicht in dem Brief geschrieben, daß er abhauen will?“

„Das ist doch wohl keine Erklärung.“

„Tja, kommt drauf an, wie man es sieht. Und wer weiß – vielleicht kann er sich nicht besser ausdrücken. Das ist gar nicht so ungewöhnlich, kann ich dir sagen, die Leute sind nicht alle so gescheit, vor allem dann nicht, wenn sie erklären müssen, warum sie so dumm sind, wie sie nun mal sind. Ich meine ...“

„Ja, aber kapierst du denn nicht?! Ricky muß wissen, wo sein Vater ist und warum er abgehauen ist, sonst wird er immer glauben, daß er schuld daran ist. Und deswegen ...“

„Was?“

„Deswegen – tja, rutscht er ab und versaut sich sein ganzes Leben.“

„Willst du Psychologin werden?“

„Mach dich nicht lächerlich.“

„Aber wieso bist du denn so sicher, daß es nicht so ist?“

„Was?“

„Seine Schuld, daß der Alte abgehauen ist.“

„Ich weiß es nicht, aber ich glaube es nicht.“

„Glaubst du oder weißt du nicht?“

„Ich weiß es.“

„Das klingt besser. Okay – du möchtest also, daß ich Rickys Vater aufspüre? Und dann?“

„Ich weiß nicht, aber wenn du ihn nur findest und mit ihm sprichst. Wenn du ihm erzählst, wie schlecht es Ricky geht und daß er ihn unbedingt treffen muß, dann wird vielleicht ... vielleicht ...“

„Dann sieht er vielleicht seinen Riesenfehler ein und bereut es fix und zieht wieder nach Hause, meinst du? Das glaube, wer will. Aber natürlich kann ich den Alten aufspüren.“

Danach hatte Stephanie stotternd erzählt, wieviel Geld sie auf der Bank hat, und wenn er sich vorstellen könnte, das als Vorschuß zu nehmen und sie dann in Raten bezahlen zu lassen, dann ...

„Vorschuß?!“ schnaubte er. „Das würde ich nicht mal Trinkgeld nennen. Und was heißt denn, in Raten bezahlen?“

„Na ja, daß ich sozusagen jeden Monat ein bißchen abzahle und ...“

„Ich bin Privatdetektiv und kein Kreditinstitut!“

‚Alter Knacker‘, dachte sie, und ihre Schultern sanken sehr illustrativ zusammen.

„Aber!“ rief Theodor Bach und blinzelte sie mit einem verknautschten, erwartungsvollen Lächeln an.

„Aber was?“ Sie fühlte sich ermuntert zurückzufragen und tat es auch.

„Geld ist ja nicht alles hier im Leben, und wir können die Angelegenheit auch anders regeln“, sagte er, und sein Lächeln verwandelte sich eher in ein Grinsen.

Da wurde Stephanie ziemlich nervös, weil sie oft genug mitbekommen hatte, daß sogenannte Männer (Kerle oder Knacker) nur an eine Sache auf einmal denken können. Ihre Gehirne waren in diesem Punkt eindeutig unterentwickelt. Und sobald sie in der Nähe war, schienen sie schrecklich beschäftigt mit einem ganz bestimmten Thema – und es ging dabei weder um Autos noch Fußball.

‚Von Altmännergeilheit hat man ja schon mal gehört, und von so 40jährigen Discotypen, die Teenies aufreißen. Und von 36jährigen, die komische Sachen ins Getränk schütten und 16jährige vergewaltigen.‘ Das hatte sie neulich in der Zeitung gelesen. ‚Und worum geht es denn wirklich in Rotkäppchen und der Wolf?‘

„Und wie?“ sagte sie und war bereit, ihm den Kaffee ins grinsende Gesicht zu schütten, ihm ihre Tasche über den Kopf zu hauen und zu fliehen – sie könnte eines der Fenster mit einem der Holzschuhe, die sie unten gesehen hatte, kaputtschlagen, dachte sie, als ein ängstlicher kleiner Gedanke sie an die ganzen merkwürdigen Schlösser an der Haustür erinnerte.

Sie befahl dem Gedächtnis, den Pausenknopf zu drükken und die Wiederholung zu stoppen, weil es schon wieder peinlich wurde. Das Gedächtnis brachte sie dazu, sich wie eine neunjährige Göre zu fühlen, und das gefiel ihr überhaupt nicht. Tatsächlich fühlte sie sich ziemlich oft kindisch und dumm, wenn sie daran dachte, was sie getan oder gesagt hatte, aber es kam auch vor, daß sie sich viel älter fühlte, als sie war. Es kam sogar vor, daß sie sich gleichzeitig kindisch und saumäßig erwachsen fühlte. Kann man gleichzeitig ein neunjähriges Mädchen und eine neunundzwanzigjährige Frau sein, wenn man in Wirklichkeit sechzehn ist?

Natürlich kann man das, aber davon hatte Stephanie keine Ahnung.

Sie drehte sich auf dem Old-English-Stuhl und schaute hinaus. Obwohl die Sonne schon auf der anderen Seite des Hauses angelangt war und die Fenster also nicht beschien, sah man deutlich, wie unglaublich verdreckt sie waren.

Und da seufzte sie, die Erinnerung drückte wieder auf die Play-Taste, und die Wiederholung lief weiter.

„Du kannst arbeiten.“

„Was?!“

„Arbeiten. Du hast vielleicht schon einmal davon gehört. Das müssen wir Erwachsenen machen, wenn wir die sogenannte Ausbildung abgeschlossen haben.“

„Aber was meinst du, was soll ich ...“

„Du kannst mit dem Geschirr anfangen“, sagte er und sah sehr zufrieden aus.

Er saß da und schwoll richtig an vor Selbstzufriedenheit, fand sie und versuchte herauszubekommen, ob er Witze machte oder nicht, kam aber zu dem Ergebnis, daß er leider keine machte.

„Und dann müßte die ganze Hütte geputzt werden, von der Garage bis zum Turm und wieder from top to bottom. Die Fenster würden auch nicht leiden, wenn sie mal geputzt würden und so weiter. Es gibt massenhaft Arbeit, das verspreche ich dir. Und wenn du damit fertig bist – so in zwei, drei Wochen –, dann kannst du meine Sekretärin werden. Ja, ich habe schon immer eine Sekretärin haben wollen!“

„Ja, aber ich gehe doch – ich meine, ich muß doch in die Schule und ...“

„Soll ich Rickys Vater nun finden oder nicht?!“ unterbrach er sie.

Sie nickte, ohne etwas zu sagen.

„Also.“

„Ja aber ...“

„Was sollen die ganzen Ja-abers. Is it a deal or isn’t it?“

Sie verspürte eine knisternde Unruhe, wußte aber nicht, warum. ‚Obwohl, wenn ...‘, dachte sie. ‚Aber wenn ... Könnte man nicht ... Oder vielleicht statt dessen ...‘

Eine ganzer Stapel von Einwänden reihte sich vor ihr auf und starrte das Geschirr an und den Boden und stellte sogar in Frage, daß sie wirklich alles für Ricky zu opfern bereit wäre – lohnte es sich eigentlich? Es war doch wohl nicht ihr Problem, wenn er sich danebenbenahm und die Schule schwänzte oder sogar mit Drogen anfing.

Obwohl es natürlich ihr Problem war. Es war alles ganz einfach, sie war verliebt in ihn.

‚Verliebt?‘

Verknallt, besser?

‚Verknallt? Liebe Zeit, was für bescheuerte Wörter.‘ Nein, sie war felsenfest davon überzeugt, daß sie und Ricky zusammengehörten, und wenn nur das mit seinem Vater wieder in Ordnung käme, würde alles wieder gut und sie würden das ganze Leben zusammenbleiben. So war es. Ganz einfach.

‚Und da verstehe ich nicht, warum ich so reagiere. Dafür, daß ich gerne mein Leben opfern würde für Ricky, ist es schon ein bißchen merkwürdig, daß ich mich vor dem bißchen Putzen drücken will.‘

Sie drehte sich nochmal auf dem Old-English-Stuhl und starrte auf den fleckigen, staubigen und an manchen Stellen auch klebrigen Fußboden. Es gefiel ihr überhaupt nicht, was sie da sah, und deshalb trösteten ihre Augen sich damit, auf den supercoolen Jodphurs zu verweilen.

‚Aber es ist wirklich fast so, daß ich mir wünsche, daß auch Bach nur eins im Kopf hätte‘, dachte sie. ‚Das wäre auf jeden Fall schneller gegangen.‘ Sie kicherte. Aber dann lief ihr doch der Schauer eines merkwürdigen Gefühls von Abscheu über den Rücken, und die Übelkeit war wieder da.

‚Warum wird mir übel?‘

Nachdem die Gedanken schon mal in der Sexabteilung gelandet waren, tauchte einer von ihnen auf mit einem Plakat, auf dem stand: „Bin ich vielleicht schwanger?“

‚So was albernes, ich habe keinen einzigen Abend die Pille vergessen.‘

‚Ähem‘, räusperte sich da eine ausgemergelte und unterernährte Delegation, die vom Magen geschickt worden war. ‚Wir sind ziemlich sicher, daß dir übel ist, weil du die letzten drei, vier Tage fast nichts gegessen hast.‘

‚Und überhaupt‘, dachte sie mit plötzlicher Intensität. ‚Woher weiß ich denn, daß Theodor Bach es ernst meint?! Er nützt mich vielleicht nur aus, läßt mich putzen und scheuern und spülen und schuften als Sekretärin, oder was er sich da ausgedacht hat – tss! Und inzwischen tut er vielleicht nur so, als ob er Rickys Vater aufspüren will.‘

Das Risiko mußt du eingehen.

Ja, und wirklich – so bescheuert es klingen mochte: Sie hatte trotz allem so etwas wie Vertrauen in ihn. Und daß der Glaskäfig ganz plötzlich verschwunden war, das war ja auch merkwürdig.

Es war, als ob ... als ob sie ihn kennen würde, ihn seit vielen Jahren kennen würde und sich auf ihn verlassen könnte. Eigentlich kannte sie ihn erst seit ein paar Stunden, und er war nicht einmal nett gewesen, aber Tatsache war, daß sie sich sogar geborgen fühlte in seiner Gegenwart – aber nur ein bißchen, denn manchmal hatte er doch einen sehr merkwürdigen Gesichtsausdruck und so einen unruhigen Blick gehabt und komische Sachen gemacht. Aber dann wieder hatte er den Ellbogen auf die Tischkante gestützt, den Kopf in die Handfläche gelegt und sie angeschaut auf eine Art, daß ihr ganz warm wurde, fast wäre sie wieder rot geworden.

Eigentlich dachte Stephanie überhaupt nicht so, sie war sich nicht so deutlich bewußt, daß das, was sie mit Worten dachte, sich in Gedanken verwandelte, aber alles gab es tief drinnen in ihr, irgendwo, mehr als unklare, fast primitive Gefühle, die Instinkten oder Reflexen ähnelten.

Und vielleicht denkt ja niemand so – der Inhalt der Gedanken ist einfach da, irgendwie in uns.

Aber wenn Stephanie all das, was sie manchmal im Bruchteil einer Sekunde fühlte, gedacht hätte, dann wären ihre Gedanken vermutlich ungefähr so ausgefallen.

An sich hatte sie sich eingebildet – tja, wie soll man das nennen? –, Geilheit? Einen Schimmer von Sex? Ein Glitzern von sexueller Erregung? in Theodors Blicken wahrzunehmen, aber das hatte sie merkwürdigerweise nicht gestört, weil seine Blicke irgendwie anders waren, und es war so viel mehr in ihnen, als sie sonst in ähnlichen Blicken bei anderen gesehen hatte, aber sie wußte nicht, was es war. Und vielleicht war es auch so, daß er tatsächlich überhaupt nicht an Sex gedacht hatte, vielleicht war ja sie sexfixiert.

Aber das stimmte auch nicht, weil Jungs und Männer sich immer aufplusterten wie die Pfaue, sobald sie nur in die Nähe kam, und sie wußte genau, was da oben in ihren verqualmten kleinen Kinos ablief, und sie verstand überhaupt nicht, warum die sich nicht normal und natürlich benehmen konnten. War sie etwa schuld?

Wie auch immer, sie fand es einfach bloß anstrengend.

Manchmal.

Manchmal machte es auch Spaß, war es geradezu wunderbar, fast wie ein Rausch, der im ganzen Körper vibrierte und sie sehnsüchtig machte, richtig sehnsüchtig.

Sie hatte noch nicht herausgefunden, wonach sie sich in dem Moment sehnte, bisher noch nicht. Vielleicht würde sie es erfahren, wenn sie älter war. (Das würde sie nicht, aber das wußte sie damals nicht.) Aber sie wußte, daß es so viel mehr war als bloß Sex.

Es war irgendwie alles, und Sex war nur ein ganz, ganz kleiner Teil in einem großen Ganzen. Bei Ricky hatte sie es gefunden, im letzten halben Jahr, auf jeden Fall den Anfang davon, und so viel verstand sie (ohne es eigentlich zu verstehen), daß es Zeit brauchte, um zu wachsen und das zu werden, wonach sie sich sehnte.

Was immer es war. Eine Art Glück vielleicht?

Was es auch war, es war etwas Wertvolles, irgendwie Großes. Es war gleichzeitig zerbrechlich wie Glas und fest wie Felsengrund. Aber jetzt, seit Rickys Vater verschwunden war und alles sich verheddert hatte, war es nicht mehr bei ihm und bei ihr auch nicht – jetzt ging es bloß noch um Sex. Jetzt war es bloß noch „Schwanz und Möse“, und das hört man ja, wie erbärmlich das klingt.

Ohne die leiseste Ahnung zu haben, warum, sagte sie laut:

„Schwanz und Möse.“

‚Oh, warum muß es denn so kompliziert sein. Wird das immer so bleiben? Ich weiß nicht, ob ich das aushalte.

Oder sind es bloß ein paar Jahre.

Oder vielleicht dauert es nur ein paar Jahre, solange ich irgendwie sowohl als auch bin. Solange ich weder ... ähm Frau noch Mädchen bin? Und was bin ich solange? Und werde ich irgendwann entweder oder sein? Oder ist man vielleicht immer sowohl als auch? Das ganze Leben? Jesses, das muß anstrengend sein. Was denke ich bloß für merkwürdige Gedanken.‘

‚Das kommt daher, daß du sie eigentlich nicht denkst und sie auch nicht aufschreibst‘, hörte sie eine Stimme sagen. Und es klang so, als ob sie ganz in der Nähe wäre.

„Nee, nee“, murmelte sie und schaute sich unruhig um. Oder vielleicht ja doch?

Die Stimme sagte nichts mehr. Und es war auch niemand im Zimmer, der etwas gesagt haben könnte.

„Sehr merkwürdig. Kriege ich schon Gehörhalluzinationen oder was? Ich fange am besten mal mit dem Putzen an, sonst bin ich bald völlig neben der Spur. Ich frage mich, ob ihm das auch eingefallen wäre, wenn ich ein Junge wäre. Hätte er mir dann auch gesagt, daß ich putzen soll?

Ich habe in den letzten Tagen wirklich nicht sehr viel gegessen – und wer weiß, möglicherweise hört man dann Stimmen. Vielleicht sollte ich doch mal nachschauen, was er im Kühlschrank und im Vorratsschrank hat.“

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